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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Die große Stille - -Author: Heinrich Lilienfein - -Release Date: October 15, 2016 [EBook #53283] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROßE STILLE *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - +------------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Fettschrift als | - | $fett$ und Schrift in Antiqua als ~antiqua~. | - | | - | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. | - +------------------------------------------------------------------+ - - - - - Die große Stille - - - - - Die große Stille - - Roman - - von - - Heinrich Lilienfein. - - 9.-11. Auflage - - [Illustration] - - Stuttgart und Berlin 1919 - J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger - - - Alle Rechte, - insbesondere das Übersetzungsrecht vorbehalten - - Für die Vereinigten Staaten von Amerika: - Copyright, 1912, by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger - Stuttgart und Berlin - - - Dem Andenken meiner Hanna - - - - -1 - - -Da klingelte es schon wieder. - -Käthe hatte ihren Posten auf der obersten Treppenstufe gleich gar nicht -verlassen. Elli stürmte mit lachender Neugier aus der Stube und bog -sich so weit über das Geländer, daß die ältere, bedächtigere Schwester -sie leise schalt und zupfte, einmal, weil es leichtsinnig war und man -gesehen werden konnte, dann aber, weil sie selbst, obwohl die größere -von beiden, so nicht auf ihre Kosten kam. Und der neue Ankömmling für -Papas Sprechstunde mußte doch ganz genau gemustert werden. Das war -so Brauch, so oft ein neues Semester begann und die Hörer einer nach -dem andern anrückten, um sich den Namen des Geheimrats ins Kollegbuch -schreiben zu lassen. - -Marga war allein in dem gemütlichen Zimmer zurückgeblieben, das ihr -und Ellis Mädchenreich war. Aber auch in ihren Fingern ruhte für einen -Augenblick die feine Knüpfarbeit. Mit vorgebeugtem Kopf lauschte sie -hinaus nach dem Treppenhaus. In der erwartungsvollen Stille war jedes -Geräusch zu hören. - -Im Erdgeschoß wurden Schritte laut. Es war Therese, die mit Brummen an -die Glastür schlürfte und öffnete. Elli polterte in der Spannung einige -Stufen hinunter. Ein zürnendes „Bst!” von Käthe wies sie zurecht. - -Über Margas Gesicht huschte ein Lächeln. Ihre Blicke suchten die Tür. -Sie ließ sich von der Spannung anstecken, als könnten die lichtlosen -blauen Augen das unerbittliche Dunkel durchdringen, das sie inmitten -der sonnigen Stube einhüllte. - -Jetzt mußte der Ankömmling sichtbar sein. - -Mit einem unverhohlenen „Oh!” der Enttäuschung fuhr Elli zurück und -glitt von der Treppe ins Zimmer. „Nu mach' ich nicht mehr mit!” ließ -sie sich halb traurig, halb zornig vernehmen, während sie sich in dem -roten Plüschsofa, Margas Korbsessel gegenüber, schmollend zurückwarf. - -„Wer war's denn?” forschte die Blinde. - -„Ach was! Nicht der Mühe wert! Einfach lächerlich!” lautete die unklare -Antwort, die ein tiefer Seufzer begleitete. - -„Trabner, der alte Oberlehrer,” erklärte Käthe, die jetzt, gleichfalls -enttäuscht, zurückkam. - -„Ach der!” nickte Marga und nahm die auf den Knien liegende Handarbeit -wieder auf. - -„Der Flanellstorch!” ergänzte Elli, die ihren Unwillen an irgendwem -auslassen mußte. „Mit der Glatze und der Stahlbrille, den -Gummimanschetten und dem famosen Trikot-Stehumlegekragen. Ich glaube, -er hört Papa seit fünfzig Jahren, der -- der --” - -„Ein sehr netter, vernünftiger Mensch,” meinte Käthe strafend. „Papa -schätzt ihn sehr.” Als Älteste hielt sie es stets für ihre Pflicht, -gerecht zu sein und Ellis vorlauten Urteilen die Spitze abzubrechen. - -Aber Elli war heute gar nicht in der Laune, sich schulmeistern zu -lassen. „Sieh mal an!” Sie bog ihren lichtblonden Lockenkopf zur -Seite. „Du schwärmst wohl gar für den guten Flanellstorch?” - -„Das ist ehrlich dumm, Kleinchen! Ich kann nur nicht leiden, daß man -jemand in Bausch und Bogen ablehnt. Das weißt du.” Käthe setzte sich -an den kleinen Schreibtisch am Fenster. Sie wollte fortfahren, in ihr -Tagebuch zu schreiben. - -„Vergiß das ja nicht gleich mit aufzuschreiben,” neckte Elli weiter. -„Unter ‚Gedankensplitter‛.” - -Käthe drehte sich empört nach der Spötterin um. „Das verbitt' ich mir, -hörst du?” Ihre dunklen Augen zürnten, und sie strich sich die Haare -aus der Stirn, zurück nach den schwarzen, wohlgeordneten Flechten. „Ich -kann nicht dafür, daß dein Herr Wilkens ausbleibt,” setzte sie mit -spitzem Vorwurf hinzu. - -„Oho!” brauste Elli auf. „Ich kümmere mich wohl um Wilkens? Nicht so -viel! Nicht so viel!” Die Röte, die ihr in die Wangen schoß, ärgerte -sie noch mehr. „Nicht so viel!” erklärte sie zum drittenmal mit vor -Erregung zitternder Stimme. - -„Aber Kinder! Ihr seid ja garstig miteinander,” mahnte jetzt Margas -weiche, ruhige Stimme. Ihre Hand tastete über den Tisch weg nach Elli, -als wollte sie ihren Liebling beruhigen. „Er kann ja noch kommen,” -flüsterte sie der jüngeren Schwester zu. - -Elli entzog sich ihrer Liebkosung. Trotz und Schmerz kämpften in ihren -hübschen Zügen und preßten ihr Tränen in die Augen. Sie war in dem -seligen siebzehnjährigen Alter, wo Freude und Leid durcheinanderjagen -wie Regen und Sonne an einem Apriltag. Sie kam sich unsagbar verkannt -vor, nicht weil sie sich um den besagten Wilkens „nicht so viel” -kümmerte, sondern gerade weil sie auf ihn gewartet hatte. Ihr kleines -Geheimnis, über das sie mit den Schwestern sonst ganz gern einmal -tuschelte, war nach ihrem Empfinden von Käthe furchtbar verletzt und -entweiht. - -Marga erriet diese Stimmung. Sie stand auf, legte die Arbeit auf -den Tisch und setzte sich neben Elli aufs Sofa. Sie nahm sie in den -Arm. Während Käthe mit großen steilen Schriftzügen ein neues Blatt -des Tagebuchs füllte, redete sie in ihrer verständigen, zarten Weise -halblaut dem Kleinchen zu, das nach einigem Widerstreben nicht nur -den Trost in sein wundes Herz aufnahm, sondern auch dieses Herz -auszuschütten begann. - -Das Schnarren von Käthes Feder, das Flüstern der beiden auf dem -Sofa waren die einzigen Geräusche, die das Zimmer, ja das ganze in -nachmittägliche Stille versunkene Haus belebten. Kein Ton drang vom -unteren Stockwerk, wo Geheimrat Richthoff arbeitete, herauf in die -Mansardenstube. Der Flanellstorch mußte längst wieder seines Wegs -gezogen sein, ohne daß sein Gehen auch nur ein winziges Teilchen des -Interesses gefunden hätte, das seine Ankunft wachgerufen. Die kräftige, -leuchtende Maisonne kam, zu mattem Gold gedämpft, durch die zugezogenen -gelben Vorhänge an den Fenstern und tauchte die altmodischen Möbel, die -erinnerungsreichen, behaglichen Kleinigkeiten in den Ecken und an den -Wänden in ein wohliges Halbdunkel. Nichts schien mehr den dämmerigen -Frieden dieser Ruhestunde stören zu wollen, die die Schwestern wie -gewöhnlich zwischen Mittag und der Kaffeestunde da oben unter dem Dach -verträumten und verplauderten. - -Der Zeiger rückte auf drei Uhr los. Noch zwei Minuten, und der heisere -Kuckuck mußte den Kopf dreimal zur Tür herausstrecken und sie wieder -energisch hinter sich zuklappen. Damit war dann Papas Sprechstunde und -alle Spannung für heute zu Ende. - -Ein neues schrilles Klingeln an der Haustür kam dem Kuckuck zuvor. -Marga und Elli hielten in ihrem Flüstern ein. Käthe blickte halb von -ihrem Tagebuch auf. - -„Sicher nichts Überwältigendes,” erklärte Elli mit einer -Gleichgültigkeit, der die Neugier aus allen Fugen sah. „Ich stehe schon -gar nicht mehr auf.” - -„I wo, Kleinchen! Flugs auf deinen Posten!” ermunterte sie Marga. - -Eine ziemlich tiefe, etwas hastige Stimme klang von unten aus dem -Hausflur. - -Elli rückte auf ihrem Sitz hin und her. Sie wollte nicht mehr, und -doch wollte sie brennend gern. Käthe hatte die Feder weggelegt. Auch -sie überlegte. Schon stand Elli auf und huschte nach der Tür. Käthe -folgte langsam. Mit vereinten Kräften beugten sie sich draußen über das -Geländer und spähten den heraufsteigenden Schritten entgegen. Marga -lauschte wie zuvor. Es war wieder das alte lustige Spiel, das sie nicht -lassen konnten, heute zum zehntenmal nicht. Die kleine Zänkerei war -längst vergessen. Die Treppen, das Nußbaumgeländer knackten unter der -Last der beiden vornübergebeugten Mädchenkörper verräterischer denn je. - -Die Musterung des ahnungslosen Besuchers dauerte lange. Für Marga in -ihrem Alleinsein schienen die Schwestern eine Ewigkeit auszubleiben. -Endlich klappte im ersten Stock die Tür zum Zimmer des Geheimrats ins -Schloß. Käthe und Elli stürmten gleichzeitig zurück ins Zimmer. „Etwas -schrecklich Interessantes!” rief Elli aufgeregt schon von weitem. - -„Ein Neuer! Hat noch nie bei Papa gehört!” berichtete auch Käthe mit -ungewohnter Lebhaftigkeit, während sie vorsichtig die Tür nach dem Flur -zuzog. - -„Alt? Jung? Groß? Klein? So erzählt doch nur!” forschte Marga mit jener -Neugier, die sie mitunter leidenschaftlich überkam, wenn ihr junger -Sinn sich aufbäumte, als fürchtete sie, die Schwestern möchten ihr ein -Stück Leben vorenthalten, nach dem sie sich in ihrer Dunkelheit nicht -minder sehnte als die anderen mit ihren hellen Augen. - -Alle drei rückten an dem runden Tisch ganz nahe zusammen. Fast stießen -sie mit den eifrig aufgestützten Ellbogen aneinander. Käthe und Elli -überstürzten und ergänzten sich in ihren Mitteilungen. Die ganze -ausgelassene Lust der „Bande”, wie Papa Richthoff seine Mädels nannte, -machte sich in dieser halb spaßhaften, halb ernsten Kritik Luft. - -„Sehr straffe männliche Erscheinung,” beschrieb Käthe. - -„Groß, schlank!” unterbrach Elli. „Schick gekleidet! Jackettanzug -- -Pfeffer und Salz! Braune Stiefel!” - -„Weißt du, Marga, ähnlich wie der eine Assistent von Professor Lepart,” -erklärte Käthe. - -„Doktor Zerweck? Das Gigerl? Ich danke!” ereiferte sich Elli. „Nicht -die Spur, Marga. Viel natürlicher, gar nicht geckenhaft!” - -„Nicht wie ein Philologe, weißt du,” nahm Käthe den Bericht wieder auf. -„Mehr weltmännisch.” - -„O, das will ich nicht sagen,” widersprach Elli. „Es gibt sehr feine -Philologen.” Sie verstummte plötzlich und wurde wieder rot. Wilkens -war nämlich Philologe, derselbe Wilkens, der vorhin an der kleinen -Tränenszene schuldig geworden war. - -Jetzt mußten sie alle drei über Ellis Naivität lachen, sie selber nicht -zum wenigsten. - -„Aber wie sieht er denn nun eigentlich aus?” fragte Marga ganz -unglücklich. „So erzählt doch mal ordentlich!” - -Käthe und Elli fingen wieder von vorn an. Schwatzend und lachend -lieferten sie eine Charakteristik, so wirr und widerspruchsvoll, daß -Marga sich nach noch so vielen Beschreibungen so klug vorkam wie zuvor. -Was sie mit einiger Bestimmtheit erfuhr, war nur, daß er einen braunen -Vollbart trage und sehr ausdrucksvolle dunkle Augen habe. Über diese -Augen, die keine der beiden Schwestern länger als eine Sekunde in -beträchtlicher Ferne gesehen, drohte es zu neuem Streit zu kommen. Elli -fand sie feurig, Käthe schmelzend. - -Marga legte sich ins Mittel. „Wir müssen mal Papa fragen, wer es war,” -sagte sie einfach und entschieden. - -Käthe und Elli waren einen Moment sprachlos über diesen verblüffend -klaren und offenen Rat. Dann fielen sie vereint mit ihren Bedenken über -Marga her. Als ob das so einfach wäre, Papa zu fragen! Man würde ja -verraten, daß man Posten gestanden! Papa würde Gott weiß was denken! -Und wenn er erst merkte, daß man gern etwas von ihm wissen wollte, -konnte man sicher sein, daß er schwieg wie ein Löwe. Das mußte fein -eingefädelt werden. Da mußte ein richtiger Feldzugsplan gemacht werden. -Wieder steckten sich die drei Mädchenköpfe wie die Häupter einer -Verschwörung über dem Tisch zusammen. Sie fuhren erst erschrocken -auseinander, als ziemlich laut an die Tür gepocht wurde. - -Therese streckte den Kopf herein. „Der Kaffee steht unten,” meldete -ihre mürrische Stimme. „Er wird kalt. Und der Herr Geheimrat hat nach -dem seinen schon gerufen.” - -Wie im Nu ging es aus der Stube und die Treppe hinunter. Elli voran, -denn an ihr war die Reihe, Papa den Nachmittagskaffee zu bringen. Das -war eine wöchentlich abwechselnde Ehre. - -Käthe und Marga folgten Arm in Arm. Sie hatten am Nachmittag eine -Besorgung zu machen und verabredeten den Stadtbummel. Bis zum Abendbrot -galt es schon zu warten, ehe man gemütlich mit Papa plaudern konnte. -Dann mußte man -- man mußte erfahren, wer der „Neue” war. - - * * * * * - -Der Geheimrat hatte allerdings nicht die leiseste Ahnung von dem, was -seine Mädels zu seinen Häupten trieben und planten. Wenn er nach dem -Essen seinen Verdauungsgang im Garten gemacht hatte, wobei er mit der -gewissenhaften Liebe von Jahrzehnten die Fortschritte seiner Bäume und -Spaliere feststellte, die Schnecken von den Weinstöcken ablas, das -allzu vordringliche Unkraut mit der Stockspitze aus den Wegen bohrte -und nachbarwärts schleuderte -- dann bildete die Sprechstunde den -Übergang von der beschaulichen Ruhe zur eifrigen Arbeit. Wie ihm seine -Besucher gefielen oder seine Laune es ihm eingab, fertigte er seine -Hörer bald kurz und ohne viele Worte ab, bald verwickelte er sie in ein -Gespräch und stellte -- das war der Schrecken der jungen Semester, -die zum erstenmal sich bei ihm anmeldeten -- ein kleines historisches -Examen an, sein Opfer unvermittelt an einem Rockknopf fassend und -sich an seiner Verwirrung innerlich belustigend. War dann der letzte -glücklich expediert und die Tür endgültig für weitere Besucher -geschlossen, so schlüpfte er in den befreienden grauen Schlafrock, der -schon bedenklich viele Jahre erlebt hatte, aber für unersetzlich galt, -und steckte sich eine Zigarre an. Er verschwand hinter dem gewaltigen -Zylinderbureau aus Nußbaumholz, das vom einen Fenster aus quer in die -Stube stand und mit den mächtigen bändereichen Regalen im Rücken ein -kleines Zimmer im Zimmer bildete. Eine Flut von Zetteln und Zettelchen, -alle beschrieben mit seiner winzigen, mikroskopisch feinen Handschrift, -breitete sich vor ihm und um ihn aus. Es war ein besonderes Kunststück, -das nicht immer gleich gut gelang, den Nachmittagskaffee geräuschlos -hereinzubringen und auf dem blätterbesäten Schreibtisch ein Eckchen zu -erspähen, wo er hingesetzt werden konnte, ohne daß der alte Herr einen -grollenden Sturm losbrechen ließ, weil man ihm alles durcheinanderwerfe -und die peinliche Ordnung seiner Manuskripte, die für jeden andern -einer peinlichen Unordnung zum Verwechseln ähnlich sah, gewissen- -und verständnislos zerstöre. Nur Marga genoß das Vorrecht, daß ihren -suchenden Fingern Nachsicht, sogar etwas Hilfe gewährt wurde. Das war -aber eine Zartheit, die als geheimes und stillschweigendes Abkommen -zwischen Vater und Tochter verborgen blieb. - -Heute, wo Elli an der Reihe war, hatte es grimmiges Murren gegeben, -so daß sie den Schwestern verstört berichtete, Papa sei grauenhaft -aufgelegt und müsse wie ein schalloses Ei behandelt werden. Dabei -war der alte Herr bei sich selber ganz zufrieden. Mit Bedacht und -Vorliebe spielte er den Pascha, der unberechenbar seine Gnaden und -Ungnaden verteilt. Nach seiner wohlgemeinten Ansicht gab es kein -besseres Mittel, um die „Bande” einigermaßen in Zaum und Zucht zu -halten. Nachdem ihm seine um fünfzehn Jahre jüngere Frau gestorben, -ehe Elli und Marga auch nur aus den Kinderschuhen waren, hatte er -eine Erzieherin ins Haus genommen. Eine Zeitlang war es auch mit -einer Hausdame versucht worden. Aber aus alledem waren so viel -Unbequemlichkeiten und Mißhelligkeiten entstanden, die seine ihm -notwendige Gelehrtenruhe störten, daß er, als die beiden jüngsten -leidlich herangewachsen waren, das Hauswesen mit seinen drei Töchtern -allein zu führen unternahm. Etliche Kollegen, unterschiedliche -Tanten und Basen hatten erklecklich dazu den Kopf geschüttelt. Eine -Musterwirtschaft war's ja auch nicht gerade geworden. Aber er war -zufrieden, wie es war; er und die drei Mädchen fühlten sich glücklich -in dem alten wohnlichen Haus am Wenzelsberg. - -An den Tagen, an denen nicht eine Kolleg- oder Seminarstunde ihn -abrief, saß Geheimrat Richthoff vom Nachmittag bis zum Abend in -seiner Schreibtischecke. Im qualmenden Nebel der Zigarren, die er -eine an der andern ansteckte, verschwand für ihn die Außenwelt. An -ihre Stelle traten die geistigen Gestalten seiner römischen Kaiser, -mit denen er leibhaftig und wie mit seinesgleichen umging. Aus der -Unzahl kleiner Züge, die er mit unermüdlichem Fleiß Tausenden von -Inschriften, spärlichen, unverläßlichen Geschichtschreibern, all den -zwar unermeßlichen, aber noch so unverarbeiteten Quellen abzwang, -formte er mit feiner, geistreicher Kunst seine Kaisergeschichte. Die -Studien eines ganzen Lebens trug er, an der Schwelle des Alters, in -einem darstellenden Werke großen Stils zusammen. Mit eiserner Energie -hatte er von Jahr zu Jahr den Wunsch, das Erforschte und Gesammelte -zum Kunstwerk umzuschaffen, niedergehalten. Jetzt endlich, seit -Jahresfrist, hatte er sich der Haft der Kleinarbeit entlassen. Mit -dem Ungestüm eines Jungen begann er zu gestalten. In der Seligkeit, -das kritisch Erklügelte endlich künstlerisch erleben zu dürfen, -erfüllte sich ihm der Traum seines Daseins. Alle Freuden und Leiden -des Schaffenden erlebte er in der drangvoll-fürchterlichen Enge seines -Schreibtisches. Verzweiflung und Resignation wechselten mit feurigem -Entzücken. Er haderte mit seinen Kaisern; er knirschte, brummte, -schalt vernehmlich und drohte, wenn sie sich spröde zeigten und ihre -glatten, scharfen Cäsarenköpfe in den Schleier der Undurchdringlichkeit -hüllten. Das waren die Tage, wo die Arbeit um zwei, drei Zeilen -vorrückte, von denen die eine wieder gestrichen werden mußte. Dann -wurde er unzugänglich, griesgrämig, unwirsch und konnte mit seinem -Unmut das ganze Haus durcheinanderwerfen. Ein andermal war alles eine -Herrlichkeit: die Kaiser hielten ihm stand; sie traten hervor wie aus -Marmor gemeißelt, klar, formgebietend, lebenheischend; dann verklärte -ein heimliches Lächeln sein Gesicht, heimlich, denn es saß tief drinnen -zwischen dem weißen dichten Vollbart und schoß höchstens einmal wie -ein neckender Blitz unter den scharfen Brillengläsern hervor. Flüssig -und leicht und selbstverständlich sprangen die Worte, die Sätze aus -der Feder, und Blatt um Blatt bedeckte sich mit der minutiösen, schwer -leserlichen Schrift. An solchen Tagen war Vater Richthoff umgänglich, -zu einem Scherz bereit, innerlich von einer kindlichen Heiterkeit. Da -hielt der barsche Pascha nicht vor. Er drückte ein Auge zu, ließ sich -Wünsche und Bitten vortragen, gab Lob und Zustimmung, kurz: Papa hatte -seinen guten Tag und die Bande mit ihm. - -Einen guten Tag hatte der alte Herr auch heute hinter sich, als er sich -endlich entschloß, die Feder wegzulegen und den Rest der soundsovielten -Zigarre dem Aschenbecher zu opfern. Er rieb sich befriedigt die -Hände und schob die kleine schwarze Samtkappe, die -- ein würdiges -Seitenstück des betagten Schlafrocks -- den dünnbehaarten, massigen -Schädel schützte, über die Stirn zurück. Dann stand er auf und -öffnete ein Fenster. Vom Vorgarten, der Haus und Straße gleich einer -erhöhten Terrasse trennte, atmeten die in voller Blüte stehenden zwei -Kastanienbäume ihren milden, süßen Duft. Die untergehende Sonne warf -rote Lichtbündel auf den Kiesplatz und sprenkelte die Gartenmöbel, -die um den steinernen Tisch standen. Dort saß Marga, die Hände im -Schoß, den Kopf mit dem schlichten, aschblonden Knoten weit gegen den -Baumstamm zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Vom Kamin eines -Hauses gegenüber schmetterte eine Amsel ihre Triller in die auffallend -weiche, stille Luft des Maiabends. Marga schien angespannt zu lauschen. -Ein Ausdruck, von Wonne und Weh seltsam gemischt, lag auf dem zarten -Gesicht, das im Dämmerschatten des Baumes blasser aussah, als es war. - -Der Geheimrat sah ihr einen Augenblick ruhig zu, ehe er sich entschloß, -ihre Träumerei zu unterbrechen. Bei ihr, die sein Sorgenkind war, -bekämpfte er mit einer Strenge, die ihm nicht leicht wurde, den für -ihre zwanzig Jahre und ihre Blindheit begreiflichen Hang, sich in einer -schwärmenden Gemütsstimmung einseitig zu verlieren. Gerade sie, der -das Schicksal ein kärgeres Los zugemessen als den andern, wollte er -davor behüten, ihre Kraft in einem überschwenglichen Gefühlsleben zu -verzehren. Er vergaß darüber, daß die Unendlichkeit ihrer Träume sie -auch wieder mit der verdunkelten Endlichkeit und Beschränkung ihres -Daseins versöhnte. - -„Na, Marga, du scheinst nicht so hungrig zu sein wie ich,” klang es -jetzt mit neckendem Vorwurf zu ihr hinunter. - -Ein leises Zittern lief über Margas Körper. Sie schrak zusammen, als -kehrte sie plötzlich aus weiter, luftiger Ferne zurück, und die Augen -irrten in die Höhe. - -„Wir haben mit dem Abendbrot nur auf dich gewartet. Es ist alles -fertig,” gab sie in leichter Verwirrung zurück; sie stand auf und -eilte mit geübter Sicherheit der Glastür zu, die vom Erdgeschoß in den -Vorgarten führte. - -„Langsam, langsam!” mahnte der Geheimrat, während er sich vom Fenster -zurückzog. Fast tat es ihm leid, sie aus ihrem verlorenen Sinnen -geweckt zu haben. Er warf noch einen halb schmeichelnden, halb -wehmütigen Abschiedsblick auf das Wirrsal seiner Manuskriptblätter, ehe -er sein Zimmer verließ und die Treppe hinunterstieg. - -Im Eßzimmer war alles seines Erscheinens gewärtig. Die Mädels kamen -ihm entgegen und führten ihn wie im Ehrengeleit zu seinem bequemen -Sessel. Käthe goß ihm den Tee ein. Marga strich seine gerösteten -Butterschnitten. Elli schob ihm noch ein Kissen in den Rücken. Er ließ -sich gern ein bißchen verwöhnen. Doch die Behendigkeit, mit der er -heute bedient wurde, erschien ihm fast verdächtig. - -Therese erschien mit den Schüsseln. Unauffällig stellte Käthe eine -Platte mit jungen Spargeln als Sondergericht vor den väterlichen Teller. - -Der Geheimrat stutzte. „Kinder, ich habe wohl heute Geburtstag, was? -Frische Spargel! Anfang Mai! Wie komm' ich zu solchen Leckereien?” Er -sah sich fragend im Kreise um. Sein eines Auge zwinkerte unmerklich. - -„Marga und ich kamen auf der Hauptstraße bei Testers vorbei,” erklärte -Käthe harmlos. „Wir sahen zufällig, daß er im Schaufenster die ersten -Schwetzinger Spargel ausgestellt hatte, und weil du sie so gern magst ---” - -„So wollten sie dir eben eine Freude machen,” schloß Elli mit -wohlgemeinter, aber verlegener Hast. - -„Hm! Etwas unverantwortlich, aber nett von euch.” Es war jetzt für den -alten Herrn ausgemacht, daß die Bande etwas von ihm wollte. Entweder -mußten sie neue Frühjahrskleider haben oder sie wollten eine Einladung -annehmen oder weiß Gott was. Es galt also, auf der Hut zu sein. - -Käthe und Elli sahen sich mit verzweifelten Blicken an. Sie gaben das -Treffen schon so gut wie verloren. Der etwas spöttische Ton verriet -ihnen, daß Vater Richthoff die Absicht, ihn durch einen Leckerbissen in -seiner guten Laune zu unterstützen, durchschaut habe. - -Es entstand ein längeres Schweigen. Marga, der von Natur alle -Diplomatie fremd war, empfand die kritische Situation am -unbehaglichsten. Nur aus schwesterlicher Solidarität hatte sie sich -mit dem Plan befreundet, das Geheimnis des „Neuen”, das zu ergründen -man sich nun einmal in unschuldiger Kinderei verschworen hatte, auf -raffinierten Umwegen herauszulocken. Ihr schien es geraten, jetzt -geradezu aufs Ziel loszugehen. - -„Hast du schon viele neue Hörer fürs Sommersemester, Papa?” fragte sie -unbefangen. Und ohne sich durch einen Ellbogenstoß Ellis irremachen zu -lassen, fuhr sie fort: „Bitte, erzähl' uns mal, wer heute alles bei dir -war.” - -Käthe und Elli blieb der Bissen im Halse stecken. Diese Kühnheit -war unerhört. Noch ein ungeschicktes Wort, und Papa erriet, daß sie -seine Sprechstunde belauert hatten. Im vorigen Jahr, als Wilkens sich -einschreiben ließ, hatte er Elli einmal auf der Treppe erwischt: es -hatte eine erschreckliche Strafpredigt über Anstand und Manieren -abgesetzt. Und jetzt ...! Käthe trat Marga unter dem Tisch auf den -Fuß. Es war einfach haarsträubend gefährlich, was sie da mit ihrer -unverbesserlichen Offenheit anrichtete. - -Der alte Herr liebte allerdings nichts weniger, als wenn man sich in -seine „Amtsangelegenheiten” mischte. Wenn er etwas davon mitzuteilen -für gut fand, war das eine seltene Huld und geschah aus freien Stücken. -Wäre er weniger befriedigt von seinen römischen Kaisern gekommen, eine -barsch ablehnende Antwort hätte nicht ausbleiben können. Aber guter -Dinge, wie er war, begnügte er sich mit der mildesten Form, die er -hatte, wenn es galt, unerwünschte Fragen abzuweisen: er überhörte sie -und blieb eifrig in seine Mahlzeit vertieft. - -Die drei Mädels kannten ihn zu genau, um nicht diesen stummen Bescheid -zu verstehen. - -Elli und Käthe verständigten sich durch einen Blick: ~Lasciate ogni -speranza!~ - -Marga hatte aufgehört zu essen. Sie hatte den Kopf gesenkt. Die -Finger der rechten Hand strichen langsam das Tischtuch. Trauer und -Beschämung prägten sich in ihrem Gesicht aus. Bei ihrer gesteigerten -Empfindungsfähigkeit ging dieser stumme Tadel tiefer als eine -entschiedene Zurückweisung. Sie fühlte sich überdies vor den Schwestern -gedemütigt. - -Dem alten Herrn entging ihre Stimmung nicht. Er wollte heute fröhliche -Gesichter um sich sehen. „Sag mal, Marga,” begann er, nachdem er die -zweite Tasse Tee in einem Zug geleert hatte, mit gravitätischem Ernst, -„ich höre, du hast heimliche Herrenbekanntschaften!” - -Käthe und Elli starrten erst Papa, dann die Schwester mit aufgerissenen -Augen an. - -„Ich -- heimliche Herrenbekanntschaften?!” stammelte Marga. - -„Na ja!” fuhr der Geheimrat im selben Ton fort, während er sich wie -ein Großinquisitor im Sessel zurücklehnte. „Kennst du vielleicht einen -gewissen Doktor Perthes? Ich glaube -- ja doch -- Max Perthes?” - -„Perthes?” wiederholte Marga ungläubig und schüttelte den Kopf. - -„Der Herr behauptet aber, dich zu kennen.” - -„Davon weiß ich nichts,” beteuerte sie ernsthaft. Eine leichte Röte -belebte ihre matten Farben. Sie erinnerte sich des Namens nicht. Sie -kannte nur _die_ Herren, die als Hörer des Geheimrats ein- oder zweimal -im Jahr zur Abfütterung kamen, und auch diese nur flüchtig, denn solche -offiziellen Gesellschaften pflegten für sie fast immer eine Qual zu -sein, die sie nur auf Papas ausdrücklichen Wunsch ertrug. - -„Was ist er denn?” platzte Elli hervor, die ihre Neugier nicht mehr -bemeistern konnte. „Philolog oder Jurist oder --” - -„Immer fein geduldig, Kleinchen! Bring mir meine Zigarren!” - -Elli beeilte sich, die Kiste vor ihn hinzustellen. Erwartungsvoll blieb -sie neben ihm stehen. - -„Wo will er denn Marga kennen gelernt haben?” konnte nun auch die -besonnene Käthe sich nicht enthalten zu fragen. Daß Marga einen Herrn -kennen sollte, den sie und Elli nicht kannten, das war etwas zu -Außergewöhnliches. - -„Du hältst mich zum besten, Papa,” erklärte Marga bestimmt. - -„Oho! Objektive, geschichtliche Tatsache! Quelle unanfechtbar!” Der -alte Herr hatte sich die lange Holländerin angesteckt und blies den -Rauch von sich. Er weidete sich an der Neugier seiner Mädels und gefiel -sich darin, sie noch höher zu spannen. „Übrigens ein schrecklicher -Modejüngling,” setzte er nach einer Pause seine Mitteilungen fort. - -„Ein Modejüngling -- und Marga!” rief Elli lachend. Käthe lachte mit, -und auch Marga schüttelte mit leisem Lächeln von neuem den Kopf. - -„Er ist, glaube ich, Mediziner.” - -„Mediziner?” klang es dreifach noch ungläubiger zurück. - -„Trägt er vielleicht ein Pfeffer-und-Salz-Jackett?” entfuhr es Elli. -„Und --” Sie verstummte jäh, über sich selber erschrocken. In ihrer -übersprudelnden Lebhaftigkeit hatte sie alle Vorsicht vergessen. - -Käthe war außer sich über diese Dummheit. Sie stand auf, Marga folgte -ihr. Alle drei umstanden sie den kurulischen Sessel des Geheimrats, -der Gott sei Dank keine Ahnung von so modischen Fachausdrücken wie -„Pfeffer-und-Salz-Jackett” hatte und von seinen Besuchern alles andere -eher denn Einzelheiten ihrer Kleidung im Gedächtnis behielt. - -„Pfeffer-und-Salz-Jackett?” wiederholte er kopfschüttelnd. „Woher -kennst denn du ihn, Kleinchen?” - -„Nein, nein! Ich meinte nur so; ich kenne ihn so wenig wie irgendwer,” -versicherte Elli krampfhaft. - -„Also, kurz und gut,” resümierte der alte Herr, „er behauptet, -Volontärarzt in Hemsbach gewesen zu sein.” - -„Volontärarzt? In Hemsbach?” Marga besann sich. Sie war dort einen -Sommer über -- es war vier, fünf Jahre her -- in einer Blindenanstalt -gewesen, um sich in ihren Fertigkeiten zu vervollkommnen. Aus ihrer -Erinnerung an diese schwere Zeit löste sich jetzt eine entfernte -Gestalt. Damals war neben dem Direktor ein jüngerer Arzt dort, der sich -gern mit ihr unterhielt und mit ihr lernte. Jetzt kam ihr auch der Name -zurück. „Ach, der!” setzte sie plötzlich gedankenvoll hinzu. - -„Jawohl -- der!” schmunzelte der Geheimrat. „Habe ich nun recht, wenn -ich sage, Marga hat heimliche Herrenbekanntschaften?” - -„Natürlich hast du recht!” rief Elli lustig. „Das sind ja nette Sachen, -die man von dir hört, Margakind!” Sie schlang den Arm um Margas Hals -und zupfte sie neckend am Ohr. - -„Und gar nie ein Sterbenswörtchen davon zu erzählen!” sagte Käthe ganz -vorwurfsvoll. - -„Aber das war ja nur eine ganz flüchtige Bekanntschaft,” verteidigte -sich Marga. Sie war ordentlich bestürzt. Ihre Augen gingen ratlos auf -die Suche. Sie war rührend in ihrer leichten Erregung und verschämten -Hilflosigkeit. Dazu regte sich etwas wie Stolz in ihr. Daß der Besuch -des „Neuen”, der die Gemüter so beschäftigt hatte und nun unerwartet, -kampflos aus seinem Inkognito hervorgetreten war, gerade mit ihr -zusammenhing, war ein für ihre abgeschlossene Welt ungewöhnliches -Ereignis. „Doktor Perthes war übrigens gar kein solcher Laffe,” -erklärte sie nach einigem Besinnen mit ernsthaftem Nachdruck und unter -allgemeiner Heiterkeit. - -Der alte Herr erhob sich jetzt gleichfalls von seinem Sessel und -klopfte ihr auf die Schulter. „Jedenfalls hast du ihn mir auf den Hals -gehetzt, Kind. Er behauptet steif und fest, du hättest ihn eingeladen, -uns zu besuchen, wenn er je einmal hierherkäme. Zugegeben?” - -„Das weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß er damals freundlich zu mir -war und --” - -„Närrchen! Natürlich kam er nicht nur deshalb und deinetwegen. Er -hatte an mich eine Empfehlung von meinem Freunde Schlutius in Bonn, -der irgendwie mit ihm verwandt ist. Das genügt! Käthe, setz ihn auf -die Liste. Er wird gelegentlich mal eingeladen. Und damit hat der -Schnack ein Ende.” Er gab Marga einen leichten Backenstreich. Das war -ein Zeichen seiner höchsten Gunst. Dann nahm er seine Abendzeitung vor -und ging durch Wohnzimmer und Salon nach der verglasten Veranda auf -der Vorderseite des Hauses. Dort brannte schon die Lampe, unter deren -Schein er lesend eine halbe Stunde auf und ab ging, ehe er wieder zu -seinen Kaisern hinaufstieg. - -Für die drei Mädels aber hatte der Schnack noch kein Ende. Kaum war -Vater Richthoff außer Hörweite, so wurde Marga von Elli und Käthe mit -Fragen über und über bestürmt. Sie wußte nicht halb soviel, als sie -hätte wissen müssen. Elli, die ihren siebzehnjährigen Übermut austoben -mußte, wo immer eine Gelegenheit sich bot, faßte Marga als Herr um die -Taille. Marga mußte jetzt unbedingt tanzen lernen. „Was soll _dein_ -Doktor sonst von dir denken? _Dein_ Doktor kann das von dir verlangen. -_Dein_ Doktor wird entsetzt sein, wenn du solche Schritte machst.” So -ging der lose Mund atemlos immerzu, während sie Marga unerbittlich -im Kreise drehte, ob diese wollte oder nicht. Käthe schrieb indessen -feierlich „Doktor Max Perthes” auf die Liste der Einzuladenden, die zu -führen Papa ihr anvertraut hatte, und hielt, unbekümmert, ob sie gehört -wurde oder nicht, sehr weise Reden darüber, daß sie den „Neuen” gleich -für einen Mediziner gehalten hätte; daß Mediziner _immer_ so und so -aussehen und _immer_ solche und solche Menschen seien. - -Zum Glück für Marga fiel es den Schwestern plötzlich ein, daß ja -heute der „Akademische Gesangverein” Probe hatte. Wollte man nicht -zu spät kommen und von Professor Külz ein Nasenrümpfen beziehen, -so war es höchste Zeit zum Aufbruch. Im Nu stürmte Elli davon, um -sich fertigzumachen. Ihr feines Stimmchen trällerte die zu probende -Bachkantate durchs Haus. Käthe folgte ihr, nachdem sie Therese zum -Abräumen des Tisches gerufen. - -Marga blieb im Eßzimmer zurück. Sie war wie betäubt von der letzten -Viertelstunde. Von Papas neckender Enthüllung und dem Umtrieb, den -Elli mit ihr angestellt hatte. Sie ordnete das zerzauste Haar, dessen -Strähnen von dem unfreiwilligen Tanz sich an den Schläfen und im Nacken -gelöst hatten. Während Therese abzuräumen begann, ging sie auf den -kleinen Hof hinaus, der in gleicher Höhe mit dem ersten Stock hinter -dem Hause lag, und von dem ein steiler Weg bergwärts in den Garten -oder, wie er allgemein hieß, den „Weinberg” führte. - -Es war schon kühl geworden. Eine reine, würzige Luft strich vom -Weinberg herunter. Die Dämmerung, deren dunkles Wachsen Marga um -sich fühlte, tat ihr wohl. Sie kreuzte die Arme hinter dem Rücken -und verschränkte die Hände. Das war ihre liebste Haltung, wenn ein -Ungewohntes in ihrem Innern wirkte. So schritt sie langsam im Hof auf -und nieder. So überdachte und verarbeitete sie das Kleinste und das -Größte, bis es in die große und einfache Stille ihrer Seele aufgegangen -war, die nichts Unfertiges und Unklares in sich duldete. Eine um die -andere ging sie ihre Empfindungen durch. Erst war sie erschrocken, als -Papa sie so gravitätisch vornahm und zur Rede stellte. Dann hatte sie -den Scherz herausgemerkt. Freude und Stolz hatte sie gefühlt, daß ein -Mann sich ihrer erinnerte, nach ihr sich erkundigte und ihretwegen -Besuch machte. Jedes andere junge Mädchen hätte an ihrer Stelle -ähnliches empfunden. Für sie war es nur neuer, verwirrender, weil das -Leben da draußen, das Leben der Weltmenschen, wie sie es nannte, sich -immer nur um die beiden Schwestern zu kümmern pflegte, nicht um sie. -Sie wollte ihre heimliche Freude in der Lustigkeit der Schwestern -aufgehen lassen. Willig ließ sie sich ausfragen, sich necken, mit -sich tollen. Aber unvermutet stieg ein anderes Gefühl in ihr auf, ein -bitteres, schmerzliches: hinter der Fröhlichkeit der anderen steckte -etwas, das sie verletzte, ohne daß sie es wußten oder wollten. Daß es -gerade sie war, Marga, die Blinde, die Ausgeschlossene; sie, bei der -die Bekanntschaft mit einem Mann so gar nichts zu bedeuten hatte -- -das machte die Sache so besonders spaßhaft. Es war so komisch, weil -es so ganz ungefährlich war. Und im selben Sinne hatte es auch Papa -aufgenommen: „Damit hat der Schnack ein Ende!” -- hinter diesem Wort -fand ihr Grübeln die gleiche Grenze, jenseits deren es für sie keine -Wünsche, keine Hoffnungen, darum auch keinen Ernst geben konnte. - -Und an jene Grenze stieß auch jetzt sie selbst, während sie so sicher -und still in dem ihr vertrauten Hofraum auf und ab schritt. Sie hatten -ja recht. Es war in Wirklichkeit so. Dies Jenseits war ihr genommen, -seit in ihrem vierzehnten Jahr, zwei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter, -eine Netzhautablösung ihre ohnehin schon schwachen Augen für immer -gelöscht hatte. Damals hatte sie nur halb begriffen, was sie verloren. -Erst mit den Jahren wuchs auch das Verständnis ihres Verlustes. Die -Schwestern und alle, mit denen sie umging, sprachen nie davon. Aus -ihrem Mitleid erriet sie es. Immer besser, immer bestimmter wußte sie, -daß das höchste Glück, das einem Menschenkind nach irdischem Denken -und Fühlen aufbehalten war, nicht das ihre sein konnte. Sie fühlte -Kraft genug in sich, um zu entsagen. Sie kämpfte, sie rang, sie ruhte -nicht, bis ihre Stille ihr gab, was sie brauchte; bis sie mit sich -allein zufrieden sein und nur in sich selber ihr Glück suchen wollte. -Ihr Stolz kam ihr zu Hilfe; ihr Stolz hielt sie aufrecht, wenn sie zu -verzagen und schwach zu werden drohte. - -Und dennoch -- dennoch! Es war noch eine andere Kraft in ihr, die -sich mitunter gegen ihre stille Ergebenheit aufbäumte. Ihre Jugend -ließ und ließ sich nicht auf einmal und für immer niederzwingen. Die -fühlte sie auch jetzt sich auflehnen. Die stürmte in ihr auf, daß sie -die Hände an die heißen, pochenden Schläfen legen mußte. War nicht -dieser Doktor Perthes doch vielleicht um ihretwillen gekommen? Er -konnte ja die Empfehlung, von der Papa sprach, sich haben nur darum -geben lassen, weil er sie wiedersehen wollte. Es brauchte nicht nur -der Wunsch zu sein, Verkehr zu haben oder höflich zu sein oder ihr -seine mitleidsvolle Achtung auszudrücken -- -- Aber das war ja Unsinn! -Sie schwärmte ja! Sie täuschte sich vor, ihn näher zu kennen, als sie -ihn je gekannt. Das Bild, das ihr die Erinnerung gab, bestand kaum -aus ein paar spärlichen Zügen: er hatte manchmal mit ihr geplaudert, -sie belehrt, war auf die Gedanken und Gefühle eines halberwachsenen -Mädchens nachsichtig eingegangen. Sie machte jetzt ihre Erinnerung -mit Gewalt ärmer, als sie war. Sie wollte nicht schwächlich, weich -gegen sich sein, sondern tapfer. Und klar, wie sie es immer von sich -verlangte. Rücksichtslos klar. - -Jetzt war sie schon so weit, daß sie lächeln konnte. Lächeln über den -winzigen, eingebildeten Sturm, der ihr Gleichgewicht hatte stören -wollen. - -Langsam stieg sie vom Hof in den Weinberg hinauf. - -Der Nachtwind rüttelte leise und friedlich in den Büschen und -Baumkronen. Von dem Fliederstrauch bei der ersten Laube nahm er eine -Wolke blühenden Duftes und hauchte sie über Marga aus. Hoch und höher -stieg sie; kaum daß sie an einen Stein anstieß, so vertraut war ihr die -Steige. Bis zu ihrer Pappel, die hinter der zweiten Laube stand, klomm -sie empor. - -Dort lehnte sie sich gegen den rissigen Stamm. - -Die Nacht war ihre Freundin. Sie wuchs von unten herauf, aus der -Ebene, wo die Stadt einschlummerte; wo draußen ferne Tannensäume -starrten und der Fluß zwischen jungen Feldern sich verlor, in Margas -Träumen so schön wie in keiner Wirklichkeit. Sie senkte sich auf sie -herab, aus der unendlichen Höhe und Tiefe des Himmels, wo die Sterne -blitzen mußten, nein blitzten -- ein einziges, ewiges, königliches -Gewirk von leuchtendem Gold und seliger Bläue. Weit, weit breitete sie -die Arme aus, als könnte sie die Nacht, die friedliche, an sich raffen. -Aus der Ferne und Nähe, von unten, von oben. Und dann schlang sie die -Hände beglückt über ihrem Kopf ineinander; so frei fühlte sie sich, so -klar, so in sich selber und in der Nacht geborgen. - - - - -2 - - -Am Sonnabend war es üblich, das Institut früher als sonst zu verlassen. -Professor Hammann, der Chef, war den ganzen Tag nicht erschienen. Er -war über Sonnabend und Sonntag wieder einmal weggefahren. Nach dem -Rhein. Er pflegte dann Freitagabends seinen beiden Assistenten ~en -passant~ seine „Dienstreise” anzukündigen. - -Junggeselle, reich, durch glänzende akademische Beziehungen in seiner -Laufbahn gesichert, ohne Ehrgeiz und ohne tiefere Neigung zu seiner -Wissenschaft, trieb er seine Bakteriologie bestenfalls wie einen -Sport unter den andern. Denn der Sport war seine Lebensaufgabe, er -war die Grundlage seiner Lebensanschauung. Man konnte sicher sein, -daß die „Dienstreise” einem Rennen, einer Regatta, einem Tennis- oder -Hockeymatch galt, bei dem er nicht fehlen durfte. Du lieber Gott! -Die Bazillen nahmen ihm das nicht weiter übel. Mit den zweien, die -er selber früher entdeckt, war das bißchen Gelehrtenruf hergestellt: -die „Jahrbuchunsterblichkeit”, wie er mit unverhohlener Selbstironie -im vertrauten Kreise zu sagen pflegte. Das Weitere besorgten die -Assistenten unter seinem Namen. - -Doktor Markwaldt, der erste Assistent, hatte schon gleich nach fünf -Schluß gemacht. Er saß rittlings auf seinem Stuhl und las seine -Berliner Zeitung. Bisweilen schielte er über das Blatt weg nach seinem -Kollegen, der noch immer mikroskopierte, und stellte psychologische -Zwischenbetrachtungen an. - -Dieser Perthes war doch ein merkwürdiger Bursche! Markwaldt bildete -sich ein, Menschenkenner von Beruf zu sein -- er beurteilte seine -Fähigkeit nach der Fixigkeit seines Urteils --, aber dieser Junge, -dieser Perthes, trotzte nun bald seit fünf Monaten, seit er überhaupt -zweiter Assistent war, den Markwaldtschen Erfahrungsgrundsätzen. Drei -Wochen lang arbeitete er wie ein Büffel; er verbiß sich in irgendeine -Sache und schien darüber Himmel und Erde zu vergessen. Der Junge war -ein Streber, ein ganz gewöhnlicher Streber. Das stand fest. So lange, -bis die drei nächsten Wochen anfingen. Wie mit einem Schlage war -derselbe Perthes wie ausgewechselt. Er erschien fast nur gastweise im -Institut; er sprach von seiner Wissenschaft in den geringschätzigsten -Ausdrücken, spielte sich als Naturmensch und Krafthuber auf, der in -Wald und Feld herumtobte, wie ein Besessener ruderte und zeitweise -überhaupt vom Erdboden verschluckt zu sein schien. Keine Frage: der -Junge war ein ausgepichter Faulenzer, der es nie zu etwas bringen -konnte. Alles Laune, Tollheit, Verschrobenheit. Bis das Wetter von -neuem umschlug und der Arbeitsteufel wieder über ihn kam. Aus diesem -Chamäleon mochte ein anderer klug werden! - -Inzwischen hatte Perthes mit einem kurzen Entschluß den weißen -Arbeitsmantel in den Kasten gehängt und mit dem schon bekannten -Pfeffer-und-Salz-Jackett vertauscht. „Gehen wir?” fragte er mit knappem -Ton, schon halb in der Tür. - -„Höchste Zeit!” Markwaldt sprang auf und steckte die Zeitung in die -Tasche. - -Nach einer kurzen Weisung an den Institutsdiener, der aus seiner Stube -im Erdgeschoß getrommelt wurde, verließen die beiden Assistenten das -Haus und schlenderten, die langweilige Enzisheimer Straße vermeidend, -durch die Allee am Fluß aus dem klinischen Viertel stadtwärts. - -Es war ein ungleiches Paar. Perthes, hochgewachsen, schlank, brünett, -überragte den rundlichen, weißblonden Markwaldt um fast zwei -Haupteslängen. Auch wenn er, wie jetzt, langsam ging, war er mindestens -um einen Schritt dem anderen voraus. Er hatte den blaubebänderten -Panamahut abgenommen oder vielmehr noch gar nicht aufgesetzt. Lässig -schlenkerte er ihn in der Linken. Den Kopf mit dem dichten, dunklen, -verworrenen Haar, den buschigen Brauen, dem kräftigen braunen Vollbart -neigte er leicht nach rechts zu seinem Gefährten herunter, als hörte er -dessen Reden zu. Doch waren die leicht zugekniffenen Augen geradeaus -ins Weite gerichtet und verrieten das Gegenteil. - -Markwaldt erzählte von einem Gartenfest, das Hupfeld, das „große -Tier” der Fakultät, die weitberühmte chirurgische Exzellenz, im -vorigen Sommer gegeben hatte. „Sie müssen dort Besuch machen, -Kollege! Unbedingt. Das einzige Haus großen Stils in unserem -gottbegnadeten Jammerdorf. Tipptopp! Nicht diese ollen, langweiligen -Geheimratsfressereien, wo man sich mit zehn, zwanzig höheren Töchtern -tothupsen muß. Und dann -- Alli! Pardon, Alice!” Er schnalzte statt -aller Charakteristik mit der Zunge. „Na, die kennen Sie ja schon -- -Fräulein Exzellenz, was?” - -Perthes schüttelte gleichgültig den Kopf. „Keine Ahnung,” antwortete er -zerstreut. - -„Nicht die Möglichkeit! Sie sollten unter die Sterngucker gehen, -Perthes. Wahrhaftig!” Markwaldt blieb stehen und klopfte empört mit -dem Stock auf den Boden, daß seine kuglige Figur, die so prall in dem -blauen Anzug mit der buntgestickten Weste steckte, in Erschütterung -geriet. Dann stützte er beide Hände auf den achatenen Stockknopf und -stellte eins seiner kurzen Beine graziös hinter das andere. Er zwang so -Perthes, stehenzubleiben und sich zu ihm umzuwenden. „So was übersieht -man doch nicht -- die einzige schicke Erscheinung im ganzen Nest! -Wetten, daß das Teufelsmädel Sie schon kennt?” - -Perthes zuckte ungeduldig die Achseln. Markwaldt langweilte ihn. Er -wollte weiter, aber sein Partner blieb unerbittlich stehen, wo er -stand, und redete drauflos. - -„So werden Sie's zu nichts bringen, Verehrtester! Zu gar nichts. Und -Sie wollen akademisch werden?! Die Mädels sind ja doch die Hauptsache, -sag' ich Ihnen. Den ganzen Professorenklumpatsch können Sie, wie -Gott-Vater, in die eine Wagschale legen, Ihre Bakteriologie und was -Sie sonst wissen dazu. In die andere Schale muß das richtige Mädel, -und wuppdich -- sie senkt sich, daß die Professorenperücken und Ihre -Wissenschaft an die Decke fliegen. So liegt die Chose!” - -Jetzt mußte Perthes -- unter der Wucht solcher Anschaulichkeit -- wohl -oder übel lachen. Seine starken weißen Zähne leuchteten aus dem dunklen -Barthaar. „Das ist doch wohl die alte Schule, Kollege Markwaldt,” -meinte er leichthin. - -„Alte Schule?” ereiferte sich Markwaldt. „Alte Schule? Sie, o Sie -- -verzeihen Sie! -- Sie unglaublicher Embryo! Die _ewige_ Schule ist -das!” Er mußte sich jetzt entschließen, dem weiterschreitenden Perthes -zu folgen. „Werden ja sehen. Übrigens, Besuch machen müssen Sie bei -Hupfeld doch. Das ist einfach so Brauch von alters her. Fragen Sie den -Chef!” - -„Ich besuche, wen ich will,” gab Perthes mit beinahe unfreundlicher -Bestimmtheit zurück. Ein Angriff auf seine Freiheit bewirkte bei ihm -alles andere eher als Nachgiebigkeit. - -„Verdrehtes Huhn!” knirschte Markwaldt in sich hinein, doch immerhin so -vorsichtig, daß sein Gefährte die Schmeichelei nur ahnen konnte. Ihm -konnte es ja schließlich egal sein, wie Perthes die Sache angriff. So -harmlos er sonst war, so sagte ihm doch jetzt der Ärger: Je verkehrter, -desto besser. Seine Verstimmung dauerte indes nicht lange. Schon -strich er wieder mit der Selbstgefälligkeit des guten Jungen, der er -war, den kurzgeschnittenen dürftigen Schnurrbart und pfiff durch die -roten Lippen. An der Brücke, die hinüber nach der Neustadt führte, -verabschiedete er sich. - -„Kommen doch zum Klinikerabend heute, was?” fragte Markwaldt. - -„Vielleicht,” lautete die ausweichende Antwort. - -„Na, denn -- auf Wiedersehen!” Markwaldt schritt seinem Stammcafé zu, -wo er die Zeit bis zum Abendessen mit Billardspielen totschlagen wollte. - -Perthes ging auf der Altstadtseite am Fluß weiter. Die Allee wurde -dort belebter. Alte Leute saßen auf den Bänken in der Sonne, die in -ihrem sachten Niedergang seitwärts in die Allee hereinblinkte. Kinder -häufelten Sand und liefen den Fußgängern zwischen die Beine. Auf dem -Fluß schoß ein langes, schmales Ruderboot pfeilschnell dahin. Die -Ruderer mit ihren roten Mützen und weißen Trikotanzügen hoben sich -grell ab von dem dunkelgrünen Wasser. Ihre nackten Arme warfen sie -nach dem lauten, mechanischen Kommando des Steuermanns im Gleichtakt -vor und zurück. Auf dem Graspfad unten an der Uferböschung lief der -Leiter des Klubs, ein jugendfroher Gymnasialprofessor, mit einer -mächtigen Schalltube. Er begleitete das Boot und rief seine Kritik -durch den Trichter dröhnend über das Wasser hin. Zuzeiten selbst ein -leidenschaftlicher Ruderer, sah Perthes dem Boot mit Interesse nach. -Dann ging er über die Straße nach seiner nahen Wohnung und stieg lässig -die Treppe hinauf. - -Ein geräumiges Giebelzimmer mit dem freien Blick auf den Fluß und die -gegenüberliegenden Waldberge war sein Quartier. Ein kleiner Alkoven -stieß daran. Eine Veranda, luftig und keck wie ein Vogelnest, war unter -den Dachsparren vorgebaut. Einfach, aber freundlich und sauber war -alles eingerichtet. Es war gut hausen da oben. - -Als Perthes eintrat, sah er sich um. Auf dem Tisch lag eine Drucksache. -Er riß sie auf und warf sie beiseite. Ein medizinischer Katalog, weiter -nichts. - -Eine Weile stand er unter der offenen Verandatür und starrte hinüber -nach dem anderen Ufer. Unter den Landhäusern in der Neustadt drüben -schien er ein bestimmtes zu fixieren. Dann drehte er sich schroff -zurück ins Zimmer. Er trat vor seine Bibliothek, die auf einem Regal -neben dem Schreibtisch an der Wand stand. Eine seltsame literarische -Auslese, die sich da beisammen fand. Kochs „Reiseberichte über Rinder- -und Bubonenpest in Indien” neben Richard Wagners Werken; einige Bände -der „Medizinischen Wochenschrift” neben Schopenhauer, Haeckel, Zola; -ein Band Kant, Sophokles, Pasteur, Goethe, Czernys Krebsforschungen -nachbarlich beieinander. Nichts aus der bunten Reihe lockte ihn. Mit -leeren Händen setzte er sich in den rohrgeflochtenen Schaukelstuhl. - -Ganz so unbegreiflich und kompliziert, wie Doktor Markwaldt sich seinen -Kollegen Max Perthes dachte, war er wahrhaftig nicht. Er gehörte -nur zu den Naturen, die länger und mühevoller als andere nach einem -Ausgleich ihrer inneren Widersprüche suchen, weil diese Widersprüche -tiefer sind und ein unbändiges Temperament sie eher verschärft als -mildert. Väterlicherseits aus einem endlosen Geschlecht wackerer, -nüchterner Landärzte in der Pfalz stammend, mütterlicherseits der -Abkömmling einer einst hochangesehenen Gelehrtenfamilie am Niederrhein, -hatte er sich, früh verwaist, nach seinem Abiturium mit einem beinahe -fanatischen Wirklichkeitsdurst auf die Naturwissenschaften gestürzt. -Auf Chemie und Physik, auf Botanik, Zoologie und Physiologie hatte er -sich wahllos neben- und nacheinander geworfen. Spielend bemächtigte -sich sein beweglicher Geist des Stoffes und wußte ihn zu durchdringen. -Dann trat jäh und heftig die Übersättigung ein. Es war, als trete sein -Herz beiseite und lehne sich auf gegen die trockene und einseitige -Arbeit des Kopfes, die es noch eben freudig zu teilen schien. Mit -einem herzhaften Entschluß ging er zur Medizin über. Die Verbindung -von Wissen und Praxis mußte seinen ursprünglichen und seinen ererbten -Anlagen mehr entsprechen, als die bloß beschreibende Erforschung der -Natur. Mit fünfundzwanzig Jahren machte er sein Examen und baute bald -darauf seinen Doktor in Chirurgie. Mit der Befriedigung war es auch -schon zu Ende. Dieselbe Jagd, in der ein unstetes Herz den Kopf von -einem Gegenstand zum anderen riß, begann von neuem. Von der Chirurgie -ging er zur inneren Medizin, von dort zur Augenheilkunde über. Die -praktische Tätigkeit war so eng, so gleichförmig, so unfruchtbar. -Ein kleines Vermögen, über das er unabhängig verfügen konnte, zehrte -sich in diesem Hin und Wider der Neigungen langsam auf. Er fühlte den -moralischen und wirtschaftlichen Zwang, sich Halt zu gebieten. In der -unwiderruflichen Absicht, sich in einem Fachgebiet festzufahren, hatte -er die Assistentenstelle am Bakteriologischen Institut übernommen. Hier -wollte er aushalten und sich durchsetzen, eine Lebensstellung gründen -um jeden Preis. Wenn er seinem Vorsatz treu blieb und seine Arbeiten -nur einigermaßen von Erfolg begleitet waren, reichten seine Mittel aus, -um sich zu einer Professur durchzuschlagen. - -Wenn, ja wenn ... Perthes legte die langen, nervigen Hände mit den -Fingern ineinander und spannte sie vor der Stirn, daß sie in den -Gelenken knackten. So viel Kraft in sich zu fühlen und so wenig Herr -über seinen Willen werden zu können! Seit Wochen fühlte er das -Bohren und Quälen in sich, das einer neuen Krisis vorauszugehen -pflegte. Mit Händen und Füßen wehrte er sich gegen diese Erkenntnis. -Wo hinaus wollte er? Wo gab es noch eine geistige Aufgabe, die er -an sich reißen konnte, um sie wieder von sich zu stoßen? In ihm -wuchsen und wiederholten sich immer häufiger die Stimmungen, die -ihn in allen Wissenschaften nichts mehr sehen ließen, als eine -einzige unselige Verbildung. Er hatte schon früh in der Pflege und -Ausbildung seiner körperlichen Kräfte ein Gegengewicht gegen die -innere Unausgeglichenheit gesucht. Neuerdings übertrieb er, wie er -alles übertrieb, diese physische Abmüdung in jenen oft wochenlangen -Anfällen, in denen er für Markwaldt statt eines Strebers ein -ausbündiger Faulenzer war. Auf die Dauer verfingen solche Radikalkuren -immer weniger. Seine Entwicklung drängte ziemlich spät, aber unfehlbar -auf eine Entscheidung, die nicht in der Wissenschaft, sondern nur im -wirklichen Leben ausgefochten werden konnte. Nicht mehr darauf kam -es für ihn an, ob er für seinen Kopf eine erträglich befriedigende -Lösung für tausend und ein Welträtsel fand; ein unterdrücktes, -vernachlässigtes und verleugnetes Gemütsleben verlangte sein Recht -gegen die nüchterne, materialistische Kultur des Verstandes. Er stand, -ohne sich darüber mehr als ahnungsweise klar zu sein, vor dem Kampfe, -der über den vollen Menschen, seinen Charakter und sein Schicksal -entschied. Es bedurfte nur eines geringen Anlasses von außen, und er -mußte zum Ausbruch kommen. - -Perthes' Gedanken nahmen jetzt ihre Richtung wieder nach dem Landhaus -aus rotem Sandstein, jenseits des Flusses, das er zuvor fixiert hatte. -Eigentlich hatte er die Sache vergessen wollen. Vor zehn oder vierzehn -Tagen -- oder war es so lange noch nicht? -- war er am Abend, als er -nicht wußte, was er tun sollte, in den Stadtgarten gegangen, um etwas -Musik zu hören und Menschen zu sehen. Es war Sonntag und sommerlich -warm. Zwei-, dreimal schritt er den Rundweg ab, den boshafte Menschen -das „Heiratskarussell” getauft hatten. Endlos wälzte sich da im -Schein der hellen Bogenlampen ein Strom von geputzten jungen Mädchen -aus der Bürgerschaft und von buntbemützten Studenten im Kreise mit- -und gegeneinander. Die Pärchen suchten und fanden sich in einem -Kreuzfeuer von Blicken. Erst wurde die Angebetete mit feierlich-ernstem -Kappenschwenken begrüßt, dann angesprochen und flirtend begleitet. - -Anfangs hatte ihm das Treiben Spaß gemacht. Bald langweilte es ihn, -und er setzte sich vor den Musikpavillon, wo die Stadtkapelle, ein -leidlich braves Orchester, in Ouvertüren, Sinfoniesätzen und Tänzen -sich und anderen gütlich tat. Während er den Tönen nachträumte und -dabei gedankenverloren in das drehende Gewühl der Menschen starrte, -traf sich sein Blick zufällig mit dem eines jungen Mädchens, das im -Gespräch mit einem Burschenschafter, einem kecken, welterobernden -Frankonenfuchs, vorüberging. Die großen vergißmeinnichtblauen Augen -ruhten halb ernst, halb schelmisch eine Sekunde in den seinen. Ohne daß -er sich etwas dabei dachte, wiederholte sich dies flüchtige Blickspiel -ein zweites und drittes Mal. In ihrem duftigen Rosakleidchen mit dem -offenen, auf die Schultern herabfallenden Blondhaar war die Kleine, -halb erwachsen, halb Kind, eine Erscheinung von zartem, poetischem -Reiz. Er hätte sie vergessen, wenn sie ihm nicht am Vormittag darauf, -mit dem Marktkorb unter dem Arm, begegnet wäre, als er zum Institut -ging. Sie trug die Haare aufgesteckt und schritt sehr gesetzt und -geradeausblickend an ihm vorüber. Am Nachmittag des folgenden Tages -sah er sie mit der Musikmappe in der Hauptstraße. Einer scherzhaften -Anwandlung nachgebend, folgte er ihr über die Neue Brücke und entdeckte -ihre Wohnung. An einem der nächsten Abende ging er -- es war dies einer -seiner regelmäßigen Spaziergänge -- am jenseitigen Ufer spazieren. -Sie saß handarbeitend auf dem Balkon. Perthes liebte es, die Sonne -über dem Fluß untergehen zu sehen. Er hatte keinen Grund, von einer -angenehmen Gewohnheit abzuweichen, und tat es jetzt nur insoweit, -als er regelmäßig im Vorbeigehen hinaufsah, während sie heruntersah. -Gestern war sie ihm wieder mit dem Marktkorb begegnet. Sehr würdig und -ernst. Kaum daß ihn die großen, glanzvollen Augen streiften. Aber sie -verlor zufällig ihren Handschuh. Perthes hob ihn auf. Er sprach sie -an. Es ergab sich von selbst, daß er sie ein paar Schritte begleitete. -Mit reizendem Widerstreben ließ sie es geschehen. Einige belanglose -Redensarten wurden ausgetauscht. Sie sprach mit einer allerliebsten -Mischung von Altklugheit und Kindlichkeit. Während der Arbeit im -Institut dachte er bisweilen an sie. Wie man an eine liebenswürdige -Landschaft denkt. Man ruht sich in ihrer Erinnerung aus und mochte -sie wiedersehen. Heute, am frühen Morgen, als er zwischen Veranda und -Zimmer unter der Tür seinen Kaffee hinunterjagte, ertappte er sich zum -erstenmal dabei, wie er das bewußte Sandsteinhaus zwischen den alten -und neuen Giebeln jenseits des Flusses suchte und fand. Jetzt kam er -sich albern vor. Um es nicht noch mehr zu werden, beschloß er, von nun -an die Sonne vom diesseitigen Ufer untergehen zu sehen. - -Während er sich noch immer im Schaukelstuhl wiegte, schien ihm der -heldenhafte Entschluß, auf eine freundliche Gewohnheit zu verzichten, -noch lächerlicher als die ganze Geschichte. Das Weibliche hatte in -seinem Leben stets nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Was er von -Frauen kannte, verdiente kaum diesen Namen. Der beliebte medizinische -Zynismus diente ihm als Schild wie gegen alle Empfindsamkeit so gegen -eine seelische Überschätzung des Weibes. So wollte er es wenigstens. -Warum sollte er es nicht auch, wie andere, mit einer harmlosen -Spielerei versuchen, der er in jedem Augenblick ein Ende machen konnte --- morgen, übermorgen so gut wie heute? War er nicht schon schwerlebig -genug? Das fehlte noch, daß er spröde mit sich tat wie eine alte -Jungfer! - -Mit einem entschiedenen Ruck sprang er von seinem Rohrsessel auf, -setzte den Hut auf und war wieder auf der Straße. - -Es war später als sonst, als er auf die Brücke kam. - -Die Dampfstraßenbahn, die nach den Dörfern in der Ebene fuhr, rollte -lärmend an ihm vorbei. Heimkehrende Spaziergänger, verspätete Arbeiter, -Kinderwagen, eine auswärtige Knabenschulklasse, die zum Bahnhof eilte, -drängten an ihm vorbei. - -Perthes war froh, als er die Treppe hinuntersteigen konnte, die nach -der stilleren Uferstraße führte. - -Die Platanenallee, die er hinaufschritt, führte zwischen Rasenanlagen -hindurch, am Bootshaus des Ruderklubs vorbei. Es war schon geschlossen. -Die Wiese zwischen der Allee und dem Fluß war sonst gegen Abend der -Tummelplatz eines Fußballklubs. Auch sie war heute schon verödet. -Keine Menschenseele begegnete ihm. Die Villen zur Rechten schienen wie -ausgestorben. - -Jetzt war er dicht bei dem bewußten Hause. Zwischen den Bäumen -durch konnte er auf Erker und Balkon des Landhauses sehen. Sein -„Ufermädchen”, wie er sie hieß, saß nicht da, nicht dort. - -Enttäuscht schlenderte er weiter, ans Ende der Allee, wo die Anlagen -und die Villenstraße aufhörten und die Obstgärten anfingen. Er bog nach -der Wiese hin ab und näherte sich dem Wasser. - -Über blühende Schlehenbüsche weg blickte er hinaus auf den Fluß, der -seine Wellen in die Ebene wälzte. Die Sonne stand, eine feurige Kugel, -darüber, umglüht von violettem, purpurnem und silberweißem Gewölk. - -Das Schauspiel, das er liebte, machte ihn heute melancholisch. Er -fühlte eine Leere in sich und kam sich einsamer vor als sonst. Kein -Zweifel: es war, weil er Hilde König, das kleine Mädel mit den losen -Haaren und den lockenden blauen Augen nicht in seiner Nähe wußte. Wie -läppisch das war! Und doch konnte er nicht dagegen an. - -Verdrießlich trat er den Rückweg an. - -In einem Vorgarten wurde mit Wasser gesprengt. Die Luft war voll von -dem frischen Geruch des genetzten Grases. Die Stadt, die jetzt rechts -vor ihm lag, schmiegte sich im matten, rötlichen Licht der versagenden -Sonnenstrahlen mit ihren zackigen Dächern und steilen Türmen friedlich -gegen die verschwimmenden Berge. Von einer der Kirchen klang die -Abendglocke herüber. - -Der Balkon, nach dem Perthes von neuem spähte, blieb leer. - -In der Ferne sah er jetzt zwei jugendliche Gestalten die Allee -herunterkommen. Sie gingen Arm in Arm. Er meinte in der einen von -ihnen Hilde König zu erkennen. Es war eine Täuschung. Unweit von ihm, -bei einer Bank, trennten sie sich. Das größere der beiden Mädchen -eilte mit lebhaftem Schritt nach dem nächstgelegenen Landhaus; das -zurückbleibende setzte sich, offenbar um zu warten, auf die Bank. -Sie trug unter dem leichten, offenen Mantel eine beigefarbene Bluse -zum dunklen Rock und über dem hellen Haar einen einfachen englischen -Strohhut mit schwarzem Band. - -Gleichgültig ging Perthes vorüber. Kaum mit einem flüchtigen Blick -streifte er das Gesicht der Wartenden. - -Ein paar Schritte weiter blieb er stehen. Es durchzuckte ihn plötzlich, -als wäre er diesen zarten und doch festen, ausdrucksvollen Zügen schon -irgendwo und irgendwann begegnet. Wie zufällig wandte er sich um. Das -junge Mädchen hatte jetzt einen Arm mit dem Ellbogen aufs Knie und -den vorgeneigten Kopf mit dem Kinn auf den Handrücken gestützt. Die -Augen, erst zur Erde gesenkt, sahen auf, als hätte sie gehört, daß sein -Schritt innehielt, und suchten die Stelle, wo er stand. Das unsichere -Irren des Blickes verriet ihm ihre Blindheit. Er erkannte jetzt -das mattfarbene Gesicht mit den etwas knochigen Wangen, die runde, -ebenmäßige Stirn, über die das Haar, unter dem Hut vorquellend, mit -einer aschblonden Welle niederfiel. Er konnte sich nicht täuschen, es -mußte Marga Richthoff sein. - -Sie schien zu fühlen, daß sie beobachtet wurde. Unruhig wandte sie -den Kopf weg und zurück, in der Richtung des Hauses, in dem ihre -Begleiterin verschwunden war. - -Perthes folgte einer impulsiven Regung und ging gerade auf sie zu. - -Sie fuhr unwillkürlich etwas zurück. - -„Erschrecken Sie nicht, Fräulein Richthoff --” - -„Ich weiß ja gar nicht, wer Sie sind,” kam es zurückhaltend, aber -furchtlos von ihren Lippen. - -„Doktor Perthes,” sagte er einfach. „Ich habe Ihrem Herrn Vater dieser -Tage meine Aufwartung gemacht. Als alter Bekannter von Hemsbach her -kann ich nicht so grußlos an Ihnen vorübergehen.” - -Marga, obwohl zuerst verdutzt, fand sich schnell zurecht. „Das ist nett -von Ihnen,” erklärte sie offen. Eine sichtliche Freude belebte ihr -Gesicht. Wie einem alten Kameraden bot sie ihm die Hand. „Papa hat von -Ihrem Besuch erzählt. Ich war ganz erstaunt, daß Sie Ihr Versprechen -nicht vergessen hatten.” - -„Sie scheinen ja meinem Gedächtnis wenig Gutes zuzutrauen.” Perthes -fühlte sich fast beschämt. Daß er sich an die Empfehlung, die ihm sein -Onkel Schlutius, der Germanist in Bonn, für Richthoff mitgegeben, -erinnert hatte, war ein Zufall und die Ausführung des Besuchs eine -Laune gewesen. - -„Es wäre noch nichts Böses gewesen, wenn Sie den dummen, eigensinnigen -Backfisch von damals aus dem Gedächtnis verloren hätten,” meinte Marga. - -„Na, na -- so schlimm war die Sache mit Ihnen nicht.” - -„O ja!” versetzte sie ernsthaft. „Ich dachte gerade in diesen Tagen -daran, wie trotzig und unleidlich ich damals war. Wissen Sie noch -- -der Direktor hatte mich schon halb und halb aufgegeben, nur Sie ließen -sich nicht abschrecken und ruhten nicht, bis ich die Buchstaben doch -noch tasten lernte. -- Ich war damals zu unglücklich, um vernünftiger -und gelehriger zu sein,” setzte sie nachdrücklich hinzu. - -„Und jetzt? Wie steht's mit dem Lesen und Punktieren?” forschte Perthes. - -„Ganz ordentlich. Wenn Sie einmal zu uns kommen --” Marga stockte einen -Moment. Es fiel ihr ein, sie möchte zu vertraulich sein. Ihrer Natur -nach gab sie sich harmlos oder gar nicht. Aber sie wurde oft von den -Schwestern und sogar von Papa deshalb getadelt. - -„Natürlich komme ich einmal. Wenn man mich haben will,” meinte er -munter. „Und dann halte ich eine Prüfung ab. Vollschrift, Kurzschrift! -Lesen und Schreiben!” - -„O weh! Da muß ich mich ja vorher richtig vorbereiten. Sonst blamiere -ich mich unbarmherzig,” erwiderte Marga mit leisem Lachen. - -„Wir werden ja sehen.” Er hörte Schritte jenseits der Allee. „Ihre -Freundin kommt zurück.” - -„Meine Schwester.” - -„Also -- auf Wiedersehen!” Er ergriff Margas Hand und schüttelte sie -herzhaft. - -Ehe sie seinen Gruß erwidern konnte, setzte Perthes, freundlich den -Hut schwenkend, seinen Weg fort. Die unerwartete, so ungezwungen -freundschaftliche Begegnung hatte ihm wohlgetan. Seine Verstimmung war -gewichen. Mit großen Schritten ging er nach der Brücke und heimwärts. -Er dachte sogar daran, nach dem Abendessen an den Klinikertisch zu -gehen. -- - -Ganz aufgeregt kam Käthe auf Marga zu. „Wer war denn das?” fragte sie -neugierig und vorwurfsvoll zugleich, während sie dem Davonschreitenden -erstaunt nachblickte. - -„Doktor Perthes hat mich begrüßt,” erklärte Marga freimütig. Mit -anschmiegender Zärtlichkeit, in der ihre innere Erregung nachklang, -hängte sie sich an den Arm der Schwester. „Er war reizend. Ganz der -alte.” - -„Hat er dich so mir nichts, dir nichts einfach angesprochen?” - -„Natürlich! Warum auch nicht?” - -Sie gingen langsam die Allee hinunter. - -„Aber das tut man doch nicht,” fuhr Käthe kopfschüttelnd fort. „Eine -Dame -- auf offener Straße --” - -„Ich hätte es viel unnatürlicher gefunden, wenn er stocksteif -vorbeigegangen wäre,” versicherte Marga überzeugt. Sie war -beglückt von ihrem bescheidenen Erlebnis und wollte sich nicht auf -solche gesellschaftliche Haarspaltereien einlassen, die ihr ein -unverständlicher Greuel waren. - -Käthe schwieg. Das war ein Zeichen, daß ihr gesittetes Gewissen Margas -leichtere Auffassung nicht guthieß. - -Als sie auf der Brücke anlangten, begann es leise zu dämmern. Die roten -Wolken über dem Fluß verblaßten, und der Ostwind blies aus den Bergen -nach der Ebene. Wenn sie nicht zu spät zum Abendbrot kommen wollten, -mußten sie ihre Schritte beschleunigen. - -Marga war es zufrieden und fröhlich ums Herz. Mit ihren leichten, -glücklichen Schritten konnte Käthe fast nicht mitkommen. Sie fühlte -sich unwillkürlich und unbewußt gereizt. Ob sie wollte oder nicht: -sie mußte ein wenig Wasser in Margas fröhlichen Wein gießen. „Weißt -du,” begann sie bedächtig, „Lizzie hat mir erzählt,” -- Lizzie war die -Freundin, bei der sie in der Uferstraße für eine Minute eingeschaut -hatte, um Noten zurückzubringen -- „daß dein Doktor Perthes Abend für -Abend dort herumspaziert.” - -„Es wird ihm dort gefallen. Er wird sich an den Sonnenuntergängen über -dem Wasser freuen,” meinte Marga lebhaft. - -„Er soll nicht bloß deshalb kommen, sondern --” - -„Sondern?” fragte Marga harmlos neugierig. - -„Er macht Hilde König den Hof,” entfuhr es Käthe. „Er soll sie öfters -mal ans Haus begleitet haben. Das spricht nicht gerade für seinen -Geschmack. Denn das unschuldige Kind läßt sich ja von jedem jüngsten -Studenten die Cour schneiden.” Es war, ohne daß sie es wollte, ein Ton -von selbstgerechter Schärfe in ihre Worte gekommen. - -Marga verlangsamte ihre Schritte. Wenn Käthe sie in diesem Moment -angesehen hätte, hätte sie bemerkt, daß ihre Wangen und ihre Lippen -sich leise verfärbten. Der kleine, mehr weibliche als schwesterliche -Pfeil traf mitten in Margas unschuldige Heiterkeit. Sie schüttelte -betroffen den Kopf. Sie konnte das nicht glauben. Gerade dieses -oberflächliche kleine Mädel, das alle Welt für sein weites Herz kannte, -das sollte ... - -„Das ist seine Sache,” sagte sie nach einer Weile ruhig und mit -möglichster Gelassenheit. Sie hatte ihren Arm in dem der Schwester -gelockert, als könnte das Pochen ihres Herzens Käthe verraten, daß ihr -diese Nachricht wehe tat. Aber warum auch? Sie schämte sich schon der -törichten Anwandlung und hakte wieder fester unter. Fast im Laufschritt -ging es jetzt über den Bahndamm weg, die Straße am Wenzelsberg hinauf -und dem väterlichen Hause zu. - - - - -3 - - -Anfangs hatte sich der Geheimrat mächtig gesträubt. In diesem Sommer -wollte er von einer größeren Einladung bestimmt nichts hören. Einmal -drängte es nicht, dann war es überhaupt ganz überflüssig. - -Käthe, die es wagte, Anfang Juni direkt in die Höhle des Löwen zu gehen -und ihm ein Gartenfest vorzuschlagen, wurde beinahe hinausgeworfen. -Elli, die mitunter Andeutungen in die Unterhaltung warf -- über das -unerwartet schöne Wetter, über die wundervollen warmen Abende, über -die Vorzüge, die es hätte, gerade jetzt, wo noch nicht alle Welt einem -zuvorgekommen, gewisse Verpflichtungen zu erfüllen --, fand taube Ohren -und bekam schließlich eine grimmige Bemerkung über die Vergnügungssucht -junger Mädchen von heute an den Kopf. Marga dachte wohl manchmal daran, -daß sie gern mit Doktor Perthes plaudern möchte. Aber sie schwieg. Es -wäre zu ungewöhnlich gewesen, wenn sie, die stets widerstrebend an -den häuslichen Gesellschaften teilgenommen, die Schwestern plötzlich -unterstützt hätte. - -Mitte Juni erklärte Vater Richthoff eines Morgens beim Frühstück, es -sei doch merkwürdig, daß er an alles denken müsse. Warum man denn heuer -die üblichen Einladungen nicht ergehen lasse? Da man ja doch in den -sauren Apfel beißen müßte, wäre es das Netteste, die Jugend mal in den -Garten einzuladen. Seine Mädels wären Schlafmützen. - -Die Gescholtenen horchten hoch auf. Natürlich wagte niemand auch nur -mit einer Silbe daran zu erinnern, daß man je selber an so was gedacht -habe. - -Elli, der das Herz im Leibe lachte, wandte ein Übermaß von -Selbstbeherrschung auf, um nicht vom Stuhl aufzufahren. Es war -nicht verwunderlich, daß sie Margas halbvolle Tasse umstieß. Käthe, -praktisch wie sie war, wußte, daß eine solche Gelegenheit väterlicher -Herablassung nicht wiederkehrte, und holte ihre Liste. Sie hub an, die -Namen zu verlesen, und über die Morgenzeitung weg brummte der alte Herr -zu den Vorgeschlagenen seine Zustimmung. Jetzt nannte sie Erich Wilkens. - -„Hört in diesem Semester nicht bei mir,” erklärte ablehnend der -Geheimrat. - -„Aber er hat Besuch gemacht, Papa! Vorigen Sonntag!” fuhr es Elli -heraus. - -„Hat er?” gab der alte Herr gutmütig-spöttisch zurück und traf Elli mit -einem scharfen Blick über die Brillengläser weg. - -Elli ward rot bis über die Ohren. Sie mußte ihr Schuhband festknüpfen, -um Verlegenheit und Enttäuschung zu verbergen. Marga strich leise -beruhigend ihren Arm. - -„Also nicht?” fragte Käthe mitleidig zögernd. - -„Meinetwegen,” lautete der erlösende Bescheid. - -Elli mußte vor Freude Margas Hand so überkräftig drücken, daß diese um -ein Haar aufgeschrien hätte. - -Doktor Perthes kam als letzter. Der Geheimrat hatte keine Ahnung mehr. -Marga zuckte nicht mit den Wimpern, als Käthe ihm den Hemsbacher Arzt -ins Gedächtnis brachte. „Ach der!” meinte er gedehnt. „Na ja -- wenn -Marga es nicht anders tut.” - -„Du hast ja selbst gesagt, er soll auf die Liste kommen,” erklärte Elli -kühn, um der Schwester zu Hilfe zu kommen. - -Marga rührte sich nicht. Sie schien die Fransen an der Kaffeedecke zu -zählen. - -„Aber dann Schluß! Die Mädels dazu wählt gefälligst selber aus. Und -mich laßt mit allem Drum und Dran aus dem Spiel. Kosten darf die Sache -nichts, und stören darf sie mich auch nicht.” - -Der Geheimrat erhob sich. Er war jetzt wieder ganz der gestrenge und -unwirsche Herr und Gebieter, der sich nicht länger um solche Läppereien -kümmerte. Fast schien ihm die Sache wieder leid zu tun. - -„Nur noch den Tag, Papa!” bat Käthe. „Wir müssen doch wissen, wann -dir's am besten paßt.” - -Der Geheimrat war schon aus der Tür und stieg in sein Zimmer hinauf. -Er hatte gestern in seiner Kaisergeschichte den segensvollen Titus -porträtiert. Jetzt kam er zu dem unsympathischen und grausamen -Domitian. Mit der Gnade und Milde war es zu Ende. - -Doch zum Glück für das Haus ergaben Richthoffs erneute Forschungen, -daß der böse Flavier unter seiner Großmannssucht und rohen Härte die -besseren Anlagen seines Hauses wenigstens in seinen Anfängen nicht ganz -verleugnete. So wurde es möglich, daß man dem Geheimrat doch auch noch -den Termin für das geplante Gartenfest ablocken konnte. - -Was gab es dann aber auch alles am Wenzelsberg zu tun! Die Einladungen -mußten geschrieben werden. Es galt, den Lohndiener und die Kochfrau -zu bestellen. Dann kam das Menü. Das las der alte Herr zwei Tage lang -nicht, obwohl Käthe es ihm mit aller Liebe und Sorgfalt bei jeder -Mahlzeit neben die Serviette legte. Am dritten Tage steckte er es in -die Tasche und schickte es am fünften als völlig unbrauchbar zurück. -Nur mit List konnte er schließlich gezwungen werden, Gegenvorschläge -zu machen. Mit der Bemerkung, daß die Weibsleute nicht einmal von der -Küche etwas verständen, ergriff er selbst das Kochbuch und verlangte -die unmöglichsten Gerichte. Das Ungeheuerlichste war, daß er allen -Einwendungen zum Trotz auf einer Suppe bestand, einer für eine Abend- -und Gartengesellschaft allem Herkommen hohnsprechenden Ouvertüre. -Er wollte in Italien eine Wildsuppe gegessen haben, die unbedingt -ausprobiert werden mußte, ein unheimliches, höchst apartes Gemächte, -von dem er sich für sich und seine Gäste Wunder versprach. Käthe konnte -nicht mehr erreichen als ein Kompromiß: dafür, daß er die übrigen Gänge -genehmigte, mußte ihm die abenteuerliche Suppe zugestanden werden. - -Langsam kamen die Zu- und Absagen. - -Je größer die Spannung war, mit der seine Mädels die Post erwarteten, -um so weniger eilig hatte es der Geheimrat mit dem Öffnen der -Briefschaften. Für Elli gab es Folteraugenblicke am Frühstückstisch. -Sie hatte schon die Hoffnung aufgegeben, daß Wilkens käme. -Endlich schrieb er zu. Doktor Perthes machte zwar eine korrekte -sonntägliche Aufwartung, bei der er seine Karte abgab, aber zusagende -Antwort schickte er erst am Abend vorher. Er entschuldigte seine -Vergeßlichkeit, wollte aber gern kommen. Käthe konnte es nicht -unterlassen, zu bemerken, daß Mediziner das „immer” so machten. - -Marga blieb ihr eine Antwort schuldig. Es waren widersprechende -Gefühle, mit denen sie an Perthes dachte. Sie verschloß das Hin und Her -ihrer Empfindungen nicht nur vor anderen, sondern auch vor sich selbst. -Es lag in ihrer Art, daß sie das Unklare und Unfertige von sich -schob, weil es sie lähmte und schwächte. Ihre Seele brauchte in ihrer -Einsamkeit ungeteilte Kraft, um gesund zu bleiben. Sie hatte ihn seit -jener flüchtigen Begegnung am Fluß nicht mehr gesehen. Fast regelmäßig -machte sie mit einer der Schwestern, meist mit Elli, gegen Abend einen -Bummel. Früher waren sie oft die Uferstraße entlang gegangen. Marga -ließ sich dann die Sonnenuntergänge bis ins einzelne schildern und -genoß Farbe und Stimmung in ihrer lebendigen Phantasie. Jetzt mied sie -diesen Gang. Die Zurückhaltung kostete sie mehr, als ihrem stillen -Wesen anzumerken war. Es gab Augenblicke, in denen sie sich dabei -überraschte, ein sicheres Bild von ihm zu gewinnen. Die Frage peinigte -sie, ob er nur aus gewöhnlichem Mitleid, aus Zufall oder Laune sich -ihrer erinnert hätte. Oder ob er ein gewisses Verständnis für ihr Wesen -hätte, eine teilnehmende Freundschaft für sie empfände. Und derselbe -Mensch sollte an einem leichtmütigen Geschöpf wie Hilde König Gefallen -finden? Spielte er nur mit seinen Gefühlen? War er von Natur ernst und -gehaltvoll? Oder war er oberflächlich und leer? Ihre Erfahrung gab ihr -keine Auskunft. Und sie wollte keine. Sobald sie sich über unnötigen -Grübeleien ertappte, dachte sie gewaltsam an anderes. - -Je näher der große Abend des Gartenfestes kam, um so weniger fehlte -es an Umtrieb und lustiger Geschwätzigkeit. Die Toiletten mußten -zwanzigmal besprochen werden. Es wurde auf Leben und Tod genäht. Die -Tischordnung gab eine Fülle von Stoff zu immer neuen Diskussionen. Bis -endlich auch dieses Ereignis zur Wirklichkeit wurde. - -Man hatte an kleinen Tischen im Hof gedeckt. - -Das Haus mit seiner Rückwand von Reblaub und Glyzinen auf der -einen, der blumenreiche, sommergrüne Weinberg auf der anderen Seite -stimmten festlich zu den weißen Tafeltüchern. Den Tafelschmuck hatte -Marga ausgedacht. Das war eine besondere Stärke von ihr. Sie gab -ganz bestimmte Weisungen, wie sie jeden Tisch innerlich vor sich -sah, und Elli führte sie unter lautem Beifall aus. Bald war es ein -Gerank von Rosen, das den silbernen Aufsatz umschloß und in duftigen -Ketten zwischen die Teller fiel, bald waren es zierliche Kränze von -Stiefmütterchen, die die Gedecke besäumten, Sträuße von Margueriten -oder blauem Akelei, die in den Servietten steckten. Leuchter mit -winzigen bunten Lichtschirmen standen munter dazwischen, und -Papierlaternen in gekreuzten Zügen überspannten den Hof von einer Ecke -zur anderen. Der Geheimrat, der zufällig einmal während der Anordnung -herunterschneite und den Kopf in den Hof streckte, brummte etwas von -einer „Blumentrödelbude”, klopfte aber dabei Marga so kräftig auf den -Arm, daß sie mit seiner Anerkennung zufrieden sein konnte. - -Es war sechs Uhr geworden. - -Die Zeit reichte gerade knapp hin, um sich anzuziehen, und die Mädels -flogen nach ihrem Dachstock. - -Fünf Minuten vor sieben standen sie fix und fertig im Salon. Marga und -Elli trugen weiße Tüllkleider. Käthe als älteste prangte in leichter -erdbeerfarbener Seide. Das beste war der frische, unschuldige Reiz der -Jugend, der wie ein leichtes, helles Lachen von ihnen ausging, wie sie -so am Flügel beieinanderstanden. Aus Ellis Augen blitzte der Schalk; -in dem ungebärdigen Gewirr ihrer lichten Haare, mit ihrem schlanken, -zierlichen Figürchen sah sie wie der Frühling selber aus. Käthe, ein -Gewinde von Silberfiligran, ein Erbstück der Mutter, über den dunklen -Flechten, gab sich etwas gemessener und selbstbewußter: sie fühlte sich -halb und halb als Dame des Hauses. Zwischen beiden stand Marga: von der -bezaubernden Leichtigkeit Ellis und der etwas herben Sicherheit Käthes -war sie gleichweit entfernt: die weiche Lässigkeit ihrer Bewegungen und -der versonnene Ernst ihrer Züge waren nicht dazu angetan, zu bestechen -oder zu erobern. Sie wirkte wie ein Bild, das man übersehen zu haben -glaubt, um nachher zu finden, daß es kraft eines unbestimmbaren inneren -Reizes lebendiger als alle anderen im Gedächtnis haftet. - -Noch immer kam Vater Richthoff nicht. Er hatte sich, natürlich zu spät, -an seine Festtoilette gemacht. Dann war ihm mitten im Anziehen ein -Gedanke gekommen, den er dringend für seine Kaisergeschichte notieren -mußte. In einem mehr antiken als modernen Kostüm eilte er in das an -sein Schlafzimmer anstoßende Arbeitszimmer und setzte sich an den -Schreibtisch. - -Die Klingel meldete den ersten Gast. Die Mädels im Salon waren in -heller Bestürzung. Elli wagte es: sie schoß die Treppe hinauf und -pochte an die Tür des alten Herrn. - -„Bitte, bitte, Papa! Eil dich! Die Gäste kommen!” rief sie eindringlich -und flehend. - -Ein dumpfes Murren antwortete aus dem Arbeitszimmer. - -„Es hat schon der erste geklingelt!” setzte Elli beschwörend hinzu. - -„Wollt ihr wohl das verwünschte Gehetze lassen. Ich komme ja!” dröhnte -es zürnend zurück. - -Elli glitt wieder die Treppe hinunter. - -Zum Glück war nur etwas für die Küche abgegeben worden. - -Die Gäste ließen auf sich warten. - -Als der Geheimrat einige Minuten später in den Salon trat -- im -flatternden Gehrock, die lange goldene Uhrkette auf der von Käthe zu -Weihnachten und Ostern gestickten Weste, die dünnen weißen Haare über -dem Scheitel und an den Schläfen festgestrichen --, erklärte er ganz -empört: „Wo sind denn nun eure Gäste? Natürlich komme ich eine halbe -Ewigkeit zu früh!” - -Die halbe Ewigkeit dauerte kurz. - -Schon öffnete sich die Tür, um sich nicht so bald wieder zu schließen. -Im Handumdrehen füllte sich der geräumige Salon. Begrüßungen, -Vorstellungen, Freundschaftsbezeugungen schwirrten durcheinander. - -Da kam Papa Wilmanns, ein kleiner, lauter, lustiger, hinkender -Altphilologe, und seine Gattin, ein stilles, ewig lächelndes, über -ihren Mann verwundertes Frauchen. Hinter ihnen drei Töchter, alle -flachsgelb von Haar, fast gleich in der Größe, gleich in den Augen und -gleich in den lila- und weißgemusterten Kleidchen. Es ging die Sage, -daß sogar ihre Eltern sie bisweilen verwechselten. - -Der nächste war Trabner, der Flanellstorch, wie Elli der neben ihr -stehenden Marga kichernd ins Ohr meldete. Er trug heute übrigens -einwandfreie weiße Wäsche und einen Rock, der ihn nach oben und unten -in die Unendlichkeit verlängerte. Sein pockennarbiges Vogelgesicht mit -den paar Kinnstoppeln zuckte unaufhörlich, man wußte nicht, ob aus -Ehrerbietung oder Nervosität. Der zwerghafte Papa Wilmanns sah staunend -und beneidend an ihm hinauf. Als Trabner vor dem Geheimrat seinen jähen -und tiefen Bückling machte, trat der gute Wilmanns unwillkürlich mit -offenem Mund einen Schritt näher und streckte die Arme vor, als gelte -es, einen Einsturz aufzuhalten. - -Zwei Studenten, blauweiße Bänder um die Brust, blaue Mützen in der -Hand, drängten sich nebeneinander zur Tür herein. Sie gehörten der -Verbindung Corvinia an, die böse Zungen das „Betkränzchen” nannten -und in Verruf brachten, Zuckerwasser statt Bier zu trinken. Elli -verbarg sich hinter Margas Rücken und steckte das Taschentuch in -den Mund, um nicht loszuplatzen. Inzwischen schritten die beiden -in feierlich-plumpem Gleichtritt auf Vater Richthoff zu. Ihre -forciert-couleurmäßige Haltung stand in so köstlichem Gegensatz zu -ihrem ungehobelten Bauerntum, daß auch Käthe sich auf die Lippen biß. - -Ein dicker, jovialer Burschenschafter, der mit seinem Leibfuchs, einem -geckenhaften und schmächtigen Bengelchen, zufällig hinter den Corvinen -ankam, zog über sein ganzes Gesicht, so rot und zerhauen, wie es -war, eine Grimasse, als die Betkränzler beiseite traten. Mit freier, -dröhnender Bierstimme begrüßte er Richthoff, der selber „alter Herr” -bei einer Marburger Burschenschaft war. - -Es trat eine kurze Pause ein. Noch waren nicht alle Geladenen zur -Stelle. Aber der Zufluß zum Salon stockte einen Augenblick. - -Es bildeten sich Gruppen. Der Flanellstorch verwickelte pflichtmäßig -Käthe in ein Gespräch. - -Elli und Marga plauderten mit den drei Wilmannstöchtern. Die zwei -Burschenschafter traten kühn dazu und erzählten von ihrer nächsten -Damenkneipe. Die zuckerwassersüchtigen Corvinen umstreberten Professor -Wilmanns und den Geheimrat, während Frau Wilmanns sich selbstgenügsam -in ein Familienalbum vertiefte, das auf dem Tisch lag. - -Schon tat sich die Tür wieder auf. - -Ein derber, struppiger Kopf ward sichtbar, und ein paar runde, graue -Augen rollten zwischen unbändigen Büscheln gelblichweißen Haares heraus -über das menschenvolle Zimmer. - -„Sieh da -- Borngräber!” begrüßte Richthoff mit vergnügtem Ruf den -Ankömmling. - -In komischer Verzweiflung stürmte Professor Borngräber, ein alter -Hausfreund, Junggeselle und Indolog, auf den Geheimrat los. - -„Aber um Gottes willen! Ihr habt ja richtige Gesellschaft! Ich -denke, wir sind drei, vier Personen!” rief er mit hoher, klagender -Fistelstimme, während er dem alten Herrn die Hand schüttelte. „Ich -bin ja gar nicht feierlich angetan!” Er wies auf seinen moosgrünen, -verknitterten Bratenrock, der ihn nicht gerade Lügen strafte. - -„Macht ja nichts, alter Freund! So feierlich wird die Sache gar nicht,” -versicherte Richthoff beruhigend. - -„Ich drücke mich! Hörst du? Ich zieh' mich um!” - -„Dageblieben!” Richthoff hielt lachend seine Hand fest. - -„Sie haben ja gar keine andere Toga,” schmunzelte Papa Wilmanns boshaft. - -Borngräber überhörte ihn entrüstet. Er schlug die Hand vor den Kopf, -beteuerte seine Unschuld und widerstrebte nicht mehr. Er kam immer so -wie heute. War immer außer sich und wollte fort. Und blieb immer, wenn -man ihm gut zuredete. - -Jetzt reckte Elli den Kopf. Sie stellte sich auf die Zehen. - -Drüben unter der Tür reckte sich ein anderer Kopf ihr entgegen. Blond -und kraus wie der ihre. Ein lachendes, verschmitztes Gesicht. Zwei -strahlende, siegesgewisse Augen, die in die ihren tauchten. Das war -Wilkens. - -Kaum war diese stillschweigende Begrüßung erfolgt, so tuschelte Elli -mit Marga. - -„Doktor Perthes! Dein Doktor von Hemsbach!” verkündete sie, noch -aufgeregt von dem Glück, Wilkens gesehen zu haben. - -In der Tat zeigte sich Perthes' hochgewachsene Gestalt gleich hinter -Wilkens in der Tür. Sein brauner, bärtiger Kopf ragte über die anderen -hinaus. Nur der Flanellstorch konnte sich mit ihm messen. Mit dem -suchenden Lächeln des Fremdlings überschaute er das Gedränge. Er hatte -sich schnell orientiert. Nach Wilkens trat er auf den Geheimrat zu und -begrüßte ihn mit unbefangener Höflichkeit. - -Der alte Herr sah ihn einen Moment fragend an. Dann besann er sich -und schüttelte Perthes die Hand. „Marga erinnert sich Ihrer. Nett, -daß Sie kommen. -- Kleinchen!” Er erwischte die eben vorbeihuschende -Elli an einem Zipfel ihres Ärmels, ehe sie zu dem ersehnten Wilkens -durchschlüpfen konnte. „Herr Doktor Perthes -- meine Jüngste,” stellte -er vor, während er ihr den Arm um die Schulter legte. „Führ' ihn mal -zu Marga!” Er deutete aufgeräumt nach der Seite, wo sie stand. Dann -mußte er neue Gäste begrüßen: Frau Geheimrat Achenbach, die Witwe -eines Kollegen, eine stattliche alte Dame mit gütigen Augen unter -schneeweißen Scheiteln, auf einen Krückstock sich stützend; weiterhin -einen ehemaligen Schüler und jetzigen Privatdozenten, Bertelsdorf -mit Namen, der es kaum erwarten konnte, bis er mit blinzelnder, -katzbuckelnder Höflichkeit an die Reihe kam, seinen Gruß anzubringen. - -Inzwischen drängelte sich Elli, gewandt wie ein Wiesel, durch die -einzelnen Gruppen, Perthes mit übermütigen Gebärden hinter sich her -winkend. - -Marga stand an der Tür zum Wohnzimmer. Sie hatte sich dorthin -zurückgezogen, weil sie sich in dem Geschwirre der Menschen überflüssig -vorkam. Es fiel niemand auf, daß sie beiseite trat. Die drei -Wilmannsmädchen lachten auch ohne sie über die Aufschneidereien der -beiden Burschenschafter. Einsam, mit einem halben, verlorenen Lächeln -lehnte sie im Rahmen der Tür. - -„Da bring' ich dir Herrn Doktor Perthes, Margakind!” rief ihr Elli -schon von weitem entgegen. - -Marga richtete sich auf. - -„Guten Abend, Fräulein Marga!” begrüßte sie Perthes kameradschaftlich. -„Wir haben uns ja furchtbar lange nicht gesehen. Ich dachte immer, ich -würde Ihnen mal wieder begegnen. In der Stadt, am Ufer oder sonstwo --” - -„Wir sind früher oft dort gegangen,” sprudelte Elli naseweis hervor. -„Aber neuerdings -- ich glaube, seit Marga Sie dort getroffen hat, will -sie partout nicht mehr hin.” - -„Aber Elli!” wehrte sich Marga. Doch die Missetäterin war schon lachend -davongewischt, um endlich zu ihrem Wilkens zu kommen. - -„So, so, Fräulein Marga -- Sie weichen mir also aus!” neckte Perthes. -„Und warum denn, wenn ich fragen darf?” - -„Aber das Kleinchen hat Sie ja angeschwindelt,” erklärte sie ernsthaft. - -„Und ich komme Ihretwegen in eine richtige Gesellschaft. Obwohl ich mir -vorgenommen hatte, hier gar nichts mitzumachen.” - -„Das ist immer noch etwas anderes, als wenn ich Ihretwegen an den -Fluß käme,” erwiderte Marga. Ihr Ton war abweisender, als sie wollte. -Sie fand sich nicht in eine tändelnde Unterhaltung. Aller Scherz -nahm nur schwer den Weg zu ihrer Seele; er machte sie eher scheu und -verschlossen als zutraulich. Sie hatte sich wieder an den Türpfosten -gelehnt und blickte zu Boden. Ihre ruhige Stirn kräuselte sich einen -Moment: ihr offenes Gesicht war nicht darin geübt, ihre Gedanken zu -verbergen. - -„Was dachten Sie jetzt eben?” forschte Perthes. „Sicherlich nichts -Gutes über mich.” - -„Sie sind aber eingebildet, Herr Doktor!” - -„Ich -- wieso?” - -„Als ob es nichts anderes zu denken gäbe als --” Marga vollendete den -Satz nicht; sie erschrak über ihre eigenen Worte. Sie kamen ungerufen -aus ihr hervor. Warum war sie so unfreundlich zu ihm? War sie denn -kleinlich? Er hatte von diesem Ufergang gesprochen, von dem sie wußte, -daß er einer anderen galt. Es waren nur liebenswürdige Redensarten, -wenn er _sie_ damit in Verbindung brachte. Weshalb seine Spielerei? Und -doch -- als er nun schwieg -- tat ihr ihre Äußerung leid. Ohne ihn zu -sehen, fühlte sie, daß er sich von ihr weggewandt hatte. - -Er schaute in der Tat abgekehrt, mit gekreuzten Armen, auf die vielen -schwatzenden Menschen im Salon. - -„Sie sind mir doch nicht böse, Doktor Perthes?” fragte Marga mit -veränderter, bittender Stimme. - -„Warum denn? Ich wundere mich nur, daß Sie heute gar nicht nett zu mir -sind.” - -„Bin ich das wirklich nicht?” - -„Wirklich nicht!” wiederholte er überzeugt. - -„Wenn ich Ihnen gesagt hätte, was ich dachte, würden Sie noch -unzufriedener mit mir gewesen sein.” - -„Oho! Also war's doch was Schlechtes.” Lachend wandte sich Perthes -wieder zu ihr. - -Margas Züge drückten Unruhe und Verwirrung aus. Die erloschenen -Augen mit ihrem sanften blauen Glanz schienen gewaltsam das Dunkel -durchdringen zu wollen, um den Ausweg aus diesem unglücklichen Gespräch -leichter zu finden. Dann nahm sie die Zuflucht zu ihrer natürlichen -Offenheit. „Ich dachte, daß Sie in der Uferstraße jemand anders suchten -als mich. Das war alles,” sagte sie kurz und einfach. - -Perthes sah sie erstaunt an. Sie wußte also auch bereits, was Markwaldt -und alle seine Bekannten wußten -- daß er Hilde König nachstieg. Und -er durfte ihr nicht einmal böse sein, daß sie es ihm sagte. Er hatte -ihr ja ihre Gedanken abgezwungen. Wie peinlich und unbequem diese -Mitwisserschaft war! Gerade _hier_. Er griff sich mit der gebräunten, -sehnigen Hand heftig in den Bart. Die Falten auf der Stirn zuckten -nervös zwischen den dichten Brauen. - -Zum Glück gab jetzt der Geheimrat das Zeichen zu Tisch, indem er Frau -Wilmanns den Arm bot. - -„Darf ich Sie zu Tisch führen?” fragte Perthes Marga mit einer kurzen -Verbeugung. - -Sie nickte. Schweigend legte sie ihren Arm in den seinen. Sie wußte -nicht, sollte sie sich freuen, daß er sie führte, oder nicht. Sie -bereute, daß sie sich hatte verleiten lassen, die Wahrheit zu sagen. -Warum hatte er sie gezwungen, und sie sich zwingen lassen? - -Plaudernd bewegte sich der Zug der Paare durch das Wohnzimmer und die -Eßstube. - -An Richthoff und Frau Wilmanns schlossen sich Professor Borngräber -und Frau Achenbach, ein sehr ungleiches Paar: sie majestätisch und -gemessen, er voll Unbeholfenheit immer einen Schritt voraus oder -zurück. Als langjährige Bekannte waren sie trotzdem beide sehr -zufrieden miteinander. - -Papa Wilmanns bat sich ein für allemal, wohin er kam, ein junges -Mädchen zu Tisch aus. Heute, wo man, um der Gemütlichkeit keine -Vorschriften zu machen, von einer festgesetzten Tischordnung abgesehen -hatte, waren die Jungen schneller gewesen als er und hatten sich schon -alle zusammengefunden. Er sah sich verurteilt, Fräulein Grasvogel, -eine dürre, etwas spinöse Cousine des Richthoffschen Hauses, die -man aus Gutmütigkeit bei keiner Einladung überging, für sich zu -erobern. Der kleine lustige Mann, der außerhalb seines Lehramts stets -voller Schnurrpfeifereien steckte, schritt mit weltschmerzlicher -Biedermannsmiene am Arm der Cousine. In dem beweglichen Gesicht, -das sonst so behaglich mit der Hakennase, den Augen einer listigen -Spitzmaus und den rosigen Wangen zwischen dem fröhlichen Backenbart -saß, lag eine so vorwurfsvolle Anklage, daß Elli, die mit Wilkens -hinter ihm kam, nur mühsam ihren Ernst behaupten konnte. Sie nahm -sich nur zusammen, weil Käthe mit dem überhöflichen Privatdozenten -Doktor Bertelsdorf zur Rechten und dem Flanellstorch zur Linken ihr -auf dem Fuße folgte. Käthe war schon durch die in letzter Minute -erfolgte Absage Lizzies, ihrer Musikfreundin, betrübt. Elli wollte -sie nicht noch durch eine Neckerei erzürnen, die sie auf das seltsame -Doppelgestirn ihrer Tischherren beziehen konnte. Der Privatdozent hatte -nämlich Käthe dem Flanellstorch vor der Nase weg engagiert; darüber war -dieser so fassungslos, daß er sich, kurz entschlossen, rechts von ihr -postierte und mit seinem Partner über Käthes Kopf hinweg einen Disput -vom Zaun brach -- über eine neue Textausgabe von Dio Cassius! - -Marga mit Doktor Perthes, die Schwestern Wilmanns mit den -Burschenschaftern und Corvinen, einige damen- und couleurlose -Philologen im ersten und zweiten Semester beschlossen die Reihe. - -Es war noch taghell im Hof, und man hatte deshalb die Kerzen noch nicht -angebrannt. - -Die Heiterkeit der blumengedeckten Tische steckte an. Man stürmte die -Plätze. - -Die älteren Herrschaften, die in ihrer engen Auslese als nächste -Hausfreunde der Jugend nur zur Folie dienen sollten, hatten ihren Tisch -für sich gewählt. Eine Ausnahme machte nur Papa Wilmanns, der die -Cousine Grasvogel mitten unter die Jungen hineinschleppte. - -Elli mit Wilkens winkte Marga und Doktor Perthes zu sich heran, denen -sie an ihrem Tisch heldenhaft zwei Stühle verteidigte. Perthes hatte -Marga auf der einen, Elli auf der anderen Seite. Außer Wilkens saßen -noch der dicke Burschenschafter mit Heddy, der jüngsten der drei -Wilmannstöchter, und Wilmanns selbst mit Fräulein Grasvogel am gleichen -Tisch. - -Käthe und ihr Privatdozent machten einen entschlossenen Versuch, den -Flanellstorch loszuwerden. Sie gerieten dafür mit den Corvinen an eine -Tafel. - -Es dauerte eine gute Weile, bis die ganze Gesellschaft ihre Plätze -innehatte. - -Endlich war es so weit, daß der Lohndiener unter Beistand einer -Aufwartefrau mit dem Servieren der Speisen beginnen konnte. - -Die Wildsuppe, auf der Vater Richthoff so ehern bestanden hatte, -dämpfte mit ihrer grausamen Würze für einen Augenblick die allgemeine -Fröhlichkeit. Jedermann würgte sie zwar tapfer hinunter, aber man sah -doch unterschiedliche Spuren einer gewaltsamen Selbstüberwindung. -Nur der Flanellstorch, der aller Vorsehung zum Trotz einen Stuhl -neben Käthe gezwängt hatte, erklärte mit der Stimme eines Domküsters, -flüsternd und doch allhörbar, er habe nie so etwas Köstliches gegessen. - -„Finden Sie das auch?” fragte Elli blinzelnd ihren Nachbar Wilkens. -„Papa hat sie befohlen!” - -Wilkens drehte statt der Antwort die Augen gen Himmel und legte die -Hand auf den Magen. - -Papa Wilmanns dagegen konnte die lose Zunge nicht im Zaum halten. So -vernehmlich wie der Flanellstorch und mit einer Überzeugungskraft, -die fürs erste alle täuschte, durchschnitt er die schweigende -Beklommenheit. „Kollege Richthoff, ich denke, Sie werden meiner Frau -das Rezept für diese klassische Suppe nicht vorenthalten. Sie kann nur -von der Blutsuppe der Spartaner übertroffen werden!” - -Die Verdutztheit auf allen Gesichtern löste sich in einem, von -unterdrücktem Kichern zu lautem und lauterem Gelächter anschwellenden -Heiterkeitsausbruch, dem sich niemand, selbst nicht das entsetzte -Fräulein Grasvogel, entziehen konnte. - -„Aber Rudolf!” erklang tadelnd die Stimme von Frau Wilmanns über den -Hof zu ihrem Gatten, der sich, als wüßte er von nichts, in seine -Vatermörder zurückgeduckt hatte. - -Geheimrat Richthoff beruhigte seine Tischnachbarin mit einer -gravitätischen Gebärde, erhob sich, strich den weißen Bart, tippte hell -ans Glas und verschaffte sich Gehör. - -„Verehrte Gäste und Freunde!” hub er mit grollendem Ton an. „Der -gehässige Vorstoß, den mein Kollege Wilmanns soeben gegen meine Suppe -unternommen hat, zwingt mich zu einer wissenschaftlichen Entgegnung. -Mein Freund Wilmanns” -- er fixierte den Professor durchbohrend -- -„ist, wie Sie alle wissen, der Mann der lateinischen und griechischen -Syntax, also der grauesten, leblosesten Grammatik. Daraus entschuldigt -sich seine völlige Unberührtheit in Dingen der Geschichte und des -feineren Lebensgenusses. Nur ihm konnte es passieren, meine feurige -südländische Wildsuppe mit der Blutsuppe der Spartaner in einem Atem -zu nennen. Seine Spartanersuppe ist, wie jetzt männiglich außer ihm -weiß, erstens eine Legende und zweitens eine geschmacklose Wurzel- -und Kräutersuppe. Also genau das Gegenteil von meiner Suppe. Doch -diese historische und kulinarische Zurechtweisung nur nebenher. -Überzeugender als der Angriff des Kollegen Wilmanns ist das Urteil, -das ich Ihnen allen, meine Herrschaften, von den Zügen ablese: es -bedeutet rückhaltlose Anerkennung meiner Suppe! Es schlägt auch den -frevelhaften Widerspruch meiner Töchter zu Boden, die, ihres Vaters -kochkünstlerische Autorität verkennend, die Wahl jeder und erst recht -dieser Suppe verhindern wollten. Um so dankbarer bin ich meinen Gästen -für ihre gerechte und sachliche Würdigung. Stoßen Sie mit mir an auf -das Wohl meiner Gäste!” - -Lachender Beifallsruf und lautes Gläserklingen antwortete dem alten -Herrn von allen Tischen. Sein grollender Humor, seine behagliche -Selbstironie hatten die gute Stimmung nicht nur wiederhergestellt, -sondern erhöht. Die Unterhaltung an allen Tischen kam in lauten, -fröhlichen Gang. - -Ellis frische Laune war unerschöpflich. Sie und Papa Wilmanns, der sich -über Richthoffs Suppenrede königlich gefreut hatte, waren an ihrem -Tisch abwechselnd die Wortführer. Wilmanns gab ergötzliche Abenteuer -von seiner letzten griechischen Reise zum besten. Er und Borngräber -waren zusammen gereist. Sie lagen sich alle Tage morgens über eine -Fachfrage in den Haaren und abends bei begeisterndem Hellenenwein in -den Armen. Als Wilmanns gerade erzählte, wie sein Gefährte beinahe von -einem griechischen Schergen festgenommen worden wäre, weil er durchaus -auf der Akropolis eine Nacht zubringen wollte, flüsterte Elli Doktor -Perthes zu: „Ich glaube, die ganze griechische Reise hat er nur auf der -Landkarte gemacht.” - -„Das wollen wir nicht hoffen!” meinte Perthes lächelnd. - -„O, Sie kennen die Philologen nicht! Die flunkern alle!” erklärte -sie überzeugt. „Wenn ich denke, was nur Wilkens” -- sie warf einen -vielsagenden Seitenblick auf ihren Tischherrn --, „was der mich schon -angeführt hat! Schon zehnmal hat er behauptet: ‚Diesmal steig' ich -ins Examen! Diesmal bau' ich bombensicher meinen Doktor!‛ Und zehnmal -war's Schwindel!” Ein ganz leiser Seufzer begleitete unwillkürlich den -zehnfachen Schwindel. - -„Und das geht Ihnen so zu Herzen?” fragte Perthes. - -„Mir? Zu Herzen? Wie kommen Sie darauf? Mir geht überhaupt nichts zu -Herzen!” verteidigte sich Elli empört. „Von mir aus kann Herr Wilkens -zehnmal durch sein Examen fallen. Nicht wahr, Herr Wilkens?” - -Der Angeredete schmunzelte nur und drehte sich herausfordernd zu Heddy -Wilmanns. - -„O, und die anderen Fakultäten,” fuhr Elli zu Perthes fort, „die haben -andere Fehler! Die Mediziner zum Beispiel -- die sind boshaft, wie Sie! -Und schrecklich roh und materialistisch!” - -„Hören Sie, wie ich beschimpft werde, Fräulein Marga?” wandte sich -Perthes nach rechts, wo Marga geduldig, im Verein mit Cousine -Grasvogel, noch immer Wilmanns' griechische Reise miterlebte. - -„Wehren Sie sich nur tüchtig!” gab sie zurück. - -„Also Sie verteidigen mich nicht einmal? Sie geben am Ende gar Ihrer -Fräulein Schwester recht?” - -„Um Sie zu verteidigen, müßte ich Sie erst besser kennen!” erwiderte -Marga freundlich, aber bestimmt. - -„Wie mißtrauisch Sie sind!” - -„Mißtrauisch? Marga?” ereiferte sich Elli. „Na, Herr Doktor Perthes, da -gratuliere ich Ihnen zu Ihrer Menschenkenntnis! Die ist die Offenste -von uns allen! Aber sie flunkert _auch_! Die schlechte Nachbarschaft ---” Sie zwinkerte nach Wilkens und zu Professor Wilmanns hinüber. - -„Ich glaube, du bist beschwipst, Elli!” warf Marga vorwurfsvoll ein. - -„Noch nicht! Aber wenn du sagst, Margakind, du kennst Herrn Perthes -nicht, flunkerst du. Sie kennt nämlich die Menschen in- und auswendig, -wenn sie noch nicht zwei Worte mit ihnen gewechselt hat!” - -„Fräulein Marga! Wenn das stimmt, sind Sie mir Genugtuung schuldig. -Ich möchte schon immer gern wissen, wer ich bin.” Perthes legte etwas -Spöttisches in seine Rede, das ebensogut Marga als ihm selbst gelten -konnte. - -Marga schüttelte leise den Kopf. „Nein, nein -- Sie müssen sich selber -am besten kennen.” - -„_Muß_ ich das?” erwiderte er im selben Ton wie zuvor. - -„Dafür sind Sie doch ein Mann,” war Margas halblaute, entschiedene -Antwort. Sie zerkrümelte ihr Brot. Ihr Mund war fest geschlossen. Nur -das Zittern ihrer Nasenflügel verriet etwas von innerer Erregung. -Warum quälte er sie mit so merkwürdigen Fragen? Was konnte ihm daran -liegen, wie sie ihn beurteilte? Warum drängte er sich hartnäckig -und eigensinnig in ihr Sinnen und Empfinden, um sich und sie zu -ergründen? Gewiß, er dachte sich dabei nichts. Er mochte sich in dieser -spielerischen Unterhaltung gefallen. Aber sie, Marga, war sich dafür -zu gut! In der Furcht, sich und ihr Innenleben unnötig auszugeben, -verkroch sie sich in sich selbst, wie eine Schnecke in ihr Gehäus. - -Perthes schwieg. Er beobachtete Marga länger und ernsthafter als -sonst. „Dafür sind Sie doch ein Mann” -- was hieß das? War das ein -Zweifel an seiner Reife? Oder war es eine Anerkennung? Dieses so -stille und so klare Wesen der Blinden, für die er eine flüchtige, -aus Interesse des Arztes und aus mitleidsvoller Teilnahme gemischte -Sympathie empfand, begann ihn zu fesseln, weil es ihn reizte. Der -Widerspruch zwischen seiner eigenen Zerrissenheit und ihrer ruhigen -Geschlossenheit brachte bei ihm eine zwiespältige Wirkung hervor. Das -Peinliche überwog das Anziehende. Bah -- er würde sich wohl von einem -jungen Mädchen imponieren lassen! Was war rätselhaft an ihr? Höchstens, -was er aus seiner eigenen Phantasie hinzutat. Sie war wie andere -Frauen: nur durch ihren Zustand ein wenig empfindsamer. Es erklärte -sich physiologisch wie alles Weibliche. - -Elli hatte es inzwischen für zeitgemäß gehalten, ihren Wilkens, der -um die Wette mit den Burschenschaftern Heddy Wilmanns den Hof machte, -entrüstet zur Rede zu stellen. Wilkens erklärte mit seiner heiteren -Unverwüstlichkeit, da er nach ihrer wohlwollenden Ansicht schon einmal -ein Flunkerer sei, sei es doch völlig gleichgültig, ob er nach rechts -flunkere oder nach links. Elli schmollte eine ganze Minute lang. Dann -fand sie sich mit Wilkens in einem versöhnend-heftigen Händedruck -unter dem Tisch. Nach dem Friedensschluß wandte sie sich wieder zu -Perthes. „Was treiben Sie denn eigentlich hier?” fragte sie in ihrer -übergangslosen, zufahrenden Art, als sie bemerkte, daß das Gespräch -zwischen ihm und Marga bedenklich im Stocken war. - -„Wo? Wie? Hier -- wie meinen Sie das?” Perthes richtete sich zerstreut -aus seinen Gedanken auf. - -„Na, in Ihrem Laboratorium oder Institut oder wie das Ding heißt!” -erläuterte Elli ihre unbestimmte Frage. - -„Wenn Sie das interessiert, müssen Sie mich mal besuchen. Ich habe -einen ganzen Stall Kaninchen und Meerschweinchen. Mitunter auch Mäuse -und Ratten.” - -„Wozu denn das?” forschte Elli mit gruseliger, ungläubiger Neugier. - -„Ich experimentiere mit ihnen.” - -„Hörst du, Marga? Er experimentiert mit Tieren! Was hab' ich gesagt! -Mediziner sind entsetzlich roh und gefühllos! -- Was machen Sie denn -mit den armen Tierchen?” - -Für Perthes konnte in seiner gegenwärtigen Stimmung keine Frage -gelegener kommen. Es war ihm eine Genugtuung, sich nüchterner und -gefühlloser zu zeigen, als er war. Auf die Gefahr hin, den Geschmack zu -verletzen, gab er sich als den kühlen, überlegenen Wissenschaftler und -beschrieb rücksichtslos seine Versuche an lebenden Tieren: wie er ihnen -die verschiedenen Gifte einimpfte, Gegengifte erprobte, die Wirkungen -von Stunde zu Stunde beobachtete. - -Elli war außer sich vor Mitleid und Empörung. „Sie sind ja ein -gräßlicher Tierquäler! Und so was machen Sie mit ruhigem Blut? Was -müssen Sie für ein Mensch sein!” Ganz erschrocken blickten ihn ihre -strahlenden jungen Augen an. - -„Das gehört bei uns zum Handwerk!” versicherte Perthes mit -Achselzucken. „Wir können ja leider nicht mit Menschen unsere -Experimente machen.” - -„Leider!” Elli fuhr von ihrem Sitz in die Höhe. „Leider, sagen Sie? -Aber das ist ja abscheulich! Dafür könnte ich Sie --” Sie machte -eine drastische Bewegung und hielt inne. Sie mußte selbst über ihre -Entrüstung lachen. „Und wir sollen Sie besuchen? Ihre Schändlichkeiten -mit ansehen? Was sagst du zu dieser Einladung, Margakind?!” - -Marga sagte nichts. Sie fühlte, daß Perthes sich mit Absicht schlecht -machte. Er übertrieb. Er wollte sein objektives Medizinertum -hervorkehren. Er tat sich und anderen mit Bewußtsein wehe. Die -Erkenntnis dieser Zwiespältigkeit, dieser unfertigen Halbheit schmerzte -sie mehr als seine harten Ausdrücke, seine rohen Schilderungen. Mit -unwiderstehlicher Macht überkam sie das Gefühl ihrer Einsamkeit -inmitten all der fremden, geräuschvollen Menschen, die in einer Welt -lebten, die nicht die ihre war. Sie fror. Wie in einen schützenden -Mantel hüllte sie sich in ihre schwere und doch so viel reichere -Einsamkeit. Teilnahmlos lehnte sie sich in ihren Stuhl zurück und -richtete die Augen in die Ferne. - -Elli, die einzige, die mit schwesterlicher Liebe Margas Wesen wenn auch -nicht ganz erfaßte, so doch kannte und achtete, drang nicht weiter in -sie. - -Auch Perthes verstummte. - -„Ihr Wohl, Herr Kollege!” prostete der Burschenschafter mit tadellosem -Komment und unverkennbarer Hochachtung zu ihm herüber. Er hatte -mit halbem Ohr die Unterhaltung gehört und wollte als jüngeres -medizinisches Semester dem älteren seine bewundernde Zustimmung zu dem -Ideal fachmännischer Gesinnungstüchtigkeit ausdrücken. - -Perthes dankte. Er stürzte sein Glas Wein in einem Zug hinunter. Seine -Stirn hatte sich verfinstert. Er war verärgert. Er haderte mit sich, -weil er sich hatte fortreißen lassen. - -Es war eine Erlösung, daß jetzt gleichzeitig zwei Messer an zwei -verschiedenen Tischen an die Gläser klangen. - -Die beiden Redner, die sich zu Wort meldeten, erhoben sich miteinander -und maßen sich mit erstaunten Blicken: es waren Professor Borngräber -und Professor Wilmanns, die in einem und demselben Augenblick um die -oratorische Palme rangen. - -Papa Wilmanns war sonst nicht auf den Mund gefallen. Aber gerade -seinen vielverleumdeten griechischen Reisefreund konnte er nicht ohne -Verblüffung als Rivalen auftauchen sehen. Und seine Frau warf ihm -überdies aus der Ferne einen so flehenden Blick zu. - -„Dann werd' ich die Herrschaften eben nach Freund Jakobus langweilen!” -murmelte er mit trockener Gutmütigkeit und setzte sich wieder. - -Borngräber begann mit seiner hohen, beharrlichen Stimme. Er zitierte -einen indischen Spruch über die Freuden der Häuslichkeit. Man durfte -hoffen, er würde von dort aus in Kürze und ohne Fährlichkeiten auf das -Haus Richthoff kommen. Aber es war anders verhängt. Jakobus Borngräber -war nicht der Mann der geraden Fahrstraßen. Bei einem neuen östlichen -Sprichwort, das mit dem Ziel seines Toastes schon wesentlich loser -zusammenhing, fiel ihm ein, daß er über die Übersetzung gerade dieses -Textes mit einem französischen Kollegen in Kontroverse geraten war. -Das Unheil war da: er vergaß völlig seine ursprüngliche Absicht, -entwickelte mit einer zähen Leidenschaftlichkeit, die im umgekehrten -Verhältnis zu seinen Stimmitteln stand, das Für und Wider beider -Auffassungen und geriet in eine Vorlesung über vergleichende -Textkritik. - -Die Gäste sahen sich verwundert an. Da und dort wurde nervös -geräuspert. Ein unterdrücktes Lachen wurde gehört. Einzelne fingen -an, sich leise, dann lauter zu unterhalten. Dies Beispiel fand -jähe, fast allgemeine Nachfolge. Während der Tisch der Alten eine -achtungsvolle Ruhe behauptete, hörten von der Jugend bald nur noch -der Flanellstorch aus Pietät gegen alles Akademische und die beiden -Corvinen aus zuckerwässeriger Wohlerzogenheit dem Redner zu. Sogar -Bertelsdorf, dem Privatdozenten, der für die Ordinarien seiner Fakultät -einen unbegrenzten Fonds von Ehrfurcht besaß, schien der Wein eine -charaktervolle Unabhängigkeit zu geben; er plauderte ungeniert mit -Käthe. Wilmanns unterhielt seinen Tisch damit, daß er unter seinen -Fingern eine Menagerie aus Brot gekneteter Wundertiere hervorgehen -ließ. Wilkens unterstützte den Professor mit ebenbürtigen Kunststücken: -er balancierte Zahnstocher auf der Nasenspitze und ließ Brotstückchen, -die er über die Fingerspitzen legte, durch einen geschickten Schlag auf -seinen Unterarm in den Mund schnellen. - -Die Dämmerung hatte begonnen. Die Lichter auf den Tischen und die -farbigen Lampions, die in Ketten über den Hof gespannt waren, waren -schon seit geraumer Weile angezündet. Die weißen Tafeltücher, auf denen -jetzt Kuchen und Früchte vorherrschten, die roten Leuchterschirmchen, -die helldunklen Gesichter setzten sich warm und farbenvoll ab gegen das -wachsende Dunkel im Weinberg und in den benachbarten Gärten. Darüberhin -taumelten ein paar verspätete Käfer. Der Himmel strahlte in einem -zarten, milchigen Blau. An dünnen Wolkenstreifen glomm noch ein später -Schimmer der gesunkenen Sonne. - -Endlich hielt Jakobus Borngräber plötzlich im Strom seiner Rede inne. -Die immer ohrenfälligere Unaufmerksamkeit seiner Zuhörer machte ihm nun -doch seine Abirrung mit jähem Schreck klar. - -Die majestätische Frau Achenbach, seine Tischdame, hatte Gleichmut und -Humor genug, um ihm beizuspringen. „In diesem Sinne --” soufflierte sie -ihm. - -„In diesem Sinne --” stotterte Borngräber und schwang sich mit -einem verzweifelten Überschlag seiner Stimme aus dem Wirrsal seiner -textkritischen Betrachtungen auf die dargebotene, allumfassende -Redewendung: „In diesem Sinne bitte ich Sie, sich zu erheben und zu -rufen: Unser verehrter lieber Richthoff und sein gastliches Haus, sie -leben hoch!” - -Ein schallendes dreifaches Hoch und ein allgemeines Gläserklirren -verschlangen Redner und Rede. -- - -Nach so langer Geduldsprobe wollte sich der frühere Tafelzwang nicht -wiederherstellen lassen. Der Tisch der Alten erkannte die Situation -richtig, und ehe Papa Wilmanns seine unterdrückte Rede auch noch -loslassen konnte, erhoben sich die Herrschaften. - -„Ich wünsche gesegnete Mahlzeit!” klang die kräftige Stimme des -Geheimrats über den Hof hin. - -Zwanglos verteilten sich die Gruppen. - -Die Jugend stieg in ihrer Mehrzahl den Weinberg hinan, dessen Wege weit -hinauf mit Papierlaternen beleuchtet waren. - -Die Alten zogen sich in die Zimmer zurück, bis im Hof die Tische -geräumt waren. Die zwei Corvinen und der Flanellstorch hielten jetzt -den Zeitpunkt für gekommen, um bei Vater Richthoffs Zigarren ihre -Professoren zu poussieren. - -Marga war mit im Weinberg emporgestiegen. Perthes hatte sich artig -angeboten, sie zu führen. Sie dankte. Darauf gesellte er sich dem -ausgelassenen Schwarm zu, den Elli und Wilkens anführten. Dazu gehörten -die drei Wilmannstöchter, die Burschenschafter und auch Käthe mit -Bertelsdorf. - -Auf der Graswiese, wo hinter dem Blumengarten das Obstgelände begann, -war es noch heller als in den tieferen Partien des Weinbergs. Elli -schlug ein Spiel vor. Sie fand laute Zustimmung. „Hasch, hasch!” -wurde nach kurzer Überlegung gewählt, und die Paare traten lachend -in die Reihe. Perthes holte sich Heddy Wilmanns. Das Tollen begann, -und leuchtend stoben die hellen, fliegenden Mädchenkleider durch die -Dämmerung. - -Marga stand abseits. Einen Augenblick hatte sie gedacht, es würde -jemand zu ihr treten, um sie zu unterhalten. Aber niemand kam. Wie -es meist ging, wurde sie und ihre Blindheit jetzt in der allgemeinen -Lustigkeit vergessen. Im Grunde war es ihr recht. - -Die Geselligkeit solcher Abende ermüdete sie mehr und schneller als -andere. Und ihre innere Einsamkeit hatte sich nach der äußeren gesehnt. - -Tastend orientierte sie sich an den Johannisbeersträuchern längs des -Weges. Dann stieg sie sicher bergan. - -Hinter dem Obstplan kam eine Mauer, die das steile Erdreich stützte. -Eine Treppe aus Steinen führte an ihr empor. Darüber standen die -Weinstöcke, die Sorgenkinder des alten Herrn. Jahr für Jahr gaben sie -hartnäckig nur wenige Pfund saurer Trauben, aber es blieb trotzdem -ausgemacht, daß hier ~anno Domini~ der großartigste Wein in der ganzen -Umgegend wachsen mußte. Ein zweites Mauerwerk schloß nach oben ab. Auf -seiner Höhe lief eine langgestreckte Laube über die ganze Breite des -Richthoffschen Besitzes. Der Laubengang hieß der Philosophenweg; er lag -schon hoch über der Stadt in der freien, ziehenden Abendluft. - -Dort schritt Marga, die Hände auf dem Rücken, langsam auf und ab. - -Das Lärmen und Lachen der Spielenden klang nur gedämpft zu ihr -herauf. In vollen Zügen trank sie die Ruhe des späten Abends. Nichts -Weichmütiges durfte in ihr aufkommen. Sie ordnete ihre Gedanken und -ihre Gefühle zu dem mutigen Gleichklang, in dem sie daheim war. -Ihrem festen Willen zum Trotz drängte sich immer noch ein herber Ton -vor. Konnte sie es nicht lassen, auf andere Menschen zu bauen, statt -nur auf sich? Es war ja doch stets dasselbe: ein Suchen, das müde -machte, und ein Finden, das die Enttäuschung war. Zwiespältig und -halb und haltlos waren alle, bei denen sie sich die Mühe machte, in -sie hineinzulauschen. So wie Perthes. Wie die Mücken tanzten sie um -die Sonne, zu schwach, um in sie hineinzufliegen, zu schwach, um sie -zu entbehren. Vertraute sie, Marga, denn nicht genug auf sich allein? -Was horchte sie überhaupt noch nach Gefährten? Ihre Schwingen reichten -aus. Auch wenn sie nur ein Weib war. Sie -- sie wollte und konnte in -die Sonne des inneren Erlebnisses fliegen, wo die Schönheit war, das -Unbedingte und das Unendliche ... - -Zwischen den zuhöchst gelegenen Pappeln, wo Margas Lieblingsplatz war, -und dem Philosophenweg lag ein Wiesenhang unter alten Kirschbäumen. - -Dort streckte sie sich aus. - -Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Augen geschlossen, überließ -sie sich ihrem Schauen. Aus dem Schoß ihrer immerwährenden Nacht quoll -ihr Bild auf Bild entgegen. Nicht verschwommene, sondern scharfe und -klare Gesichte, die ihre Phantasie sich schuf, und in denen ihre reiche -Seele sich auslebte und ausruhte. Da war ein fernes, schimmerndes -Tal, über und über von rotblühenden jungen Pfirsichbäumen voll. Ein -tausendfältiger Schwarm von weißen, samtflügeligen Faltern gaukelte -darüber: ein flatterndes Gewölk, das wie eitel Silber gegen den -tiefblauen Himmel stand. -- Ein verschlafener See blitzte auf, inmitten -dunkel wuchtender Tannenberge. Das fahle, magische Licht drang aus -gelben Wolkenstreifen über die Landschaft. Der Wind hob leise die -Wellen, daß die Seerosen schwankten, und ein schwarzer Schwan zog -sanft am Schilf entlang. -- Die Berge rückten auseinander. Der See -verschwand. Lachende, unabsehbar weite Blumenwiesen taten sich auf: -gelbe Königskerzen und weiße Schafgarben und blauer Rittersporn wirrten -sich leuchtend durcheinander, so weit der Blick reichte. Darüber, am -Horizont, erhoben sich kristallene Sommerwolken, überirdische Berge, -himmlische Paläste, in denen die Sonne selbst zu wohnen schien. -- - -Marga war so entrückt, so selig im Schauen versunken, daß sie nicht -hörte, wie ein behender Schritt die Stufen nach dem Laubengang -heraufkam. Erst als ihr Name gerufen wurde, zuckte sie auf und richtete -sich aus dem Gras empor. - -„Fräulein Richthoff!” ertönte es von neuem. - -Sie erkannte Perthes' Stimme und gab keine Antwort. Noch war sie nur -halb aus ihrer Traumwelt erwacht, und kein Fremder sollte sie stören. -Sie duckte sich wieder tiefer ins Gras. - -Aber seine Augen hatten ihr helles Kleid in der dunklen Wiese erspäht. -„Wo in aller Welt stecken Sie denn? Sie haben sich ja richtig -versteckt!” - -„Bei mir selber,” gab sie einsilbig zurück. - -„Drunten wird eine Bowle gebraut! Ich soll Sie holen.” Perthes war -vollends zu ihr heraufgeklettert. „Darf ich mich einen Augenblick neben -Sie setzen?” Ohne ihre Zustimmung abzuwarten, streckte er sich neben -ihr im Gras aus. - -Marga strich die Haare aus dem Gesicht und setzte sich, ihren -Haarknoten zurechtsteckend, aufrecht. - -Vom tieferen Garten und vom Hof herauf kam der matte Widerschein der -Papierlaternen und gab im Verein mit dem sternklaren Himmel gerade -Licht genug, um Perthes ihre stillen verschlossenen Züge sehen zu -lassen. Nach dem ausgelassenen Spiel mit seiner lauten, übermütigen -Lustigkeit, die er eben verlassen, berührte ihn ihre ruhevolle -Erscheinung hier oben im Garten seltsam. - -„Warum sind Sie denn so mir nichts dir nichts ausgerückt, Fräulein -Marga?” fragte er nach einer Weile. - -„Was hätte ich denn sonst machen sollen?” entgegnete sie ohne Vorwurf. - -Er schwieg. Seine Frage war unbedacht und töricht. Wie konnte sie in -dem abschüssigen Garten „Hasch, hasch!” und derlei Dummheiten spielen! -Er hatte sie ja überdies mit einer gewissen Absichtlichkeit sich selbst -überlassen. - -„Sie haben nicht viel versäumt,” fuhr er fort. „Ich alter Esel habe -mich wie ein alberner Junge herumhetzen lassen.” Er trocknete sein -Gesicht mit dem Taschentuch; er ärgerte sich wirklich, daß er sich -wie der krasseste Fuchs in solche Kindereien gestürzt hatte. „Hier -oben ist's schöner!” Er schaute hinaus in die Ebene, die nächtlich -verschattet sich dehnte. - -Marga antwortete nicht. Sie legte ihren Rock zurecht und glättete ihre -zerknitterten Ärmel. - -„Ich darf ja nicht mehr fragen, was Sie denken,” begann er von neuem, -„sonst würde ich's schon wieder tun, weil Sie ja doch von sich aus mir -nichts erzählen.” - -„Ich denke, warum Sie bei Tisch all die häßlichen Dinge sagten.” - -Perthes besann sich. „Ach -- Sie meinen über meine Tätigkeit? Die -Geschichte mit den Tierexperimenten, und daß man leider nicht mit -Menschen experimentieren könne? Aber das ist ja wahr!” - -„Vor Ihrem Verstande vielleicht, ja, aber nicht nach Ihrem Gefühl.” - -„Und woher wollen Sie das wissen? Du lieber Gott! In der Medizin hört -man auf, ein Gemütsmensch zu sein -- woher wollen Sie wissen, daß das -nicht meine volle Meinung ist?” - -„Das will ich Ihnen ehrlich sagen: weil Sie vor uns dummen, -gefühlsduseligen Mädels renommieren wollten. Sie hatten ein Bedürfnis, -sich schlechter zu machen, als Sie sind.” - -Perthes horchte verwundert auf. Er hatte sich auf den Boden gelegt und -den Kopf auf die Hände gestützt. Marga saß links hinter ihm. Er sah -forschend zu ihr hinüber. „Sie beurteilen mich sehr schmeichelhaft, -Fräulein Marga.” Er lachte gezwungen. „Ich glaube, Sie irren.” - -„Wenn ich irre, um so schlimmer für Sie!” erklärte Marga mit jener Ruhe -und Geradheit, in der sie sich selbst wiederfand. „Dann müssen Sie -sich selber sehr niedrig einschätzen und Ihre Mitmenschen auch. -- Und -besonders uns Frauen!” setzte sie nach einer Weile gedankenvoll hinzu. - -„Warum gerade die Frauen?” - -„Weil Sie meinen, ihnen im Ernst mit so rohen Dingen zu imponieren.” - -Wieder trat eine Pause zwischen beiden ein. - -Vom Hof herauf drangen einzelne abgerissene Worte, denen lustiges -Gelächter antwortete. Papa Wilmanns hielt bei der Bowle seine -aufgeschobene Rede auf die Damen. - -„Ich glaube, wir müssen hinunter,” bemerkte Marga kurz. - -Perthes rührte sich nicht. Er trommelte mit der rechten Faust erst -langsam, dann immer leidenschaftlicher auf den Grasboden. - -„Was machen Sie denn?” fragte Marga aufhorchend. - -„Ich ärgere mich!” gab er knurrend zurück, ohne in seinem Trommeln -aufzuhören. - -„Worüber?” - -„Über Sie --” - -„Über mich?” - -„Und noch mehr über mich!” - -„Und warum denn?” - -„Weil -- weil --” Er führte einen letzten grimmigen Hieb gegen den -unschuldigen Boden. „Weil Sie verwünscht recht haben!” stieß er -knirschend hervor. - -Marga mußte unwillkürlich lächeln über das unerwartete, heftige -Bekenntnis, das sich so widerwillig von ihm losrang. - -Perthes bemerkte es nicht. Ihm war zumute, als wäre jählings etwas -geborsten, ein Hemmnis, ein Stauwehr, das den Strom seiner Gedanken und -Gefühle aufgehalten. Die offene, stillkräftige Art Margas lockte aus -ihm hervor, was er nie einem anderen mitgeteilt hätte. Der Widerspruch -seines Herzens, das bald in Sehnsucht nach vertiefter Empfindung, nach -einer überlegenen Weltbetrachtung voll Gleichklang und Schönheit sich -verzehrte, bald in Verachtung jeder seelischen Regung zur Oberfläche -trieb, wo es nichts gab, als die nackte Wirklichkeit, und alles -Unbegreifliche unterging in der tristen Biologie des Tiermenschen, -wo nur der Genuß des Alltags Sinn und Berechtigung hatte -- dieser -Widerspruch tat sich in einer Flut von Selbstanklagen auf, die er -rückhaltlos in die dunkle, friedvolle Nacht hinausschleuderte. Heute -war er weich, mitfühlend, empfindsam und wehleidig wie ein Kind; morgen -hart, schroff, roh wie ein zynischer Zweifler, der sich in Kraßheiten -überbot. Sein unseliger Hang zum Extremen -- war er nicht sogar jetzt -lebendig, in dieser Beichte, die er ohne Grund vortrug? die so schamlos -war wie die ganze Komödie, die er mit sich und aller Welt aufführte? -Er war zur Halbheit, zur Maßlosigkeit, zum Unfrieden verdammt. Wertlos -war der ganze Kerl. „Sie irren, Fräulein Marga -- Sie irren, sage ich -Ihnen! Der bessere Kern, den Sie da in mir vermuten, Gemüt oder Seele -oder was es derart geben könnte, der ist bei mir nicht vorhanden! -Schale, nichts als Schale -- im Rechten und im Schlechten!” - -Marga war längst ernst geworden. Sie erschrak über die so wilde, alle -Schranken vergessende Entladung, die mit Unreife und Mißklang in -ihre eben noch so köstliche Einsamkeit und Harmonie einbrach. Seine -Bekenntniswut verletzte sie und tat ihr wohl in einem Atem. Nie hatte -ein Mensch, nie zumal ein Mann ihr so sein Innerstes gezeigt. Sollte -sie stolz auf dies Vertrauen sein? War sie nur der zufällige Anlaß, -die zufällige Zeugin dieser selbstvernichtenden Offenheit? Durfte sie -auf ihr Herz hören, das trösten und helfen wollte? Auf ihr Gefühl, -das beinahe mütterlich in ihr aufwallte: Gib von deiner Klarheit -seiner Unklarheit! Schenke von deiner Kraft! Schenke, schenke mit -vollen Händen! -- Lohnte es sich denn? Verlangte er überhaupt danach? -Verschwende dich nicht! warnte es in ihr. Verschwende dich nicht! - -Perthes war verstummt. Er warf sich herum und starrte, von ihr -abgewandt, hinaus in die Ebene, aus der schüchtern der Fluß im Licht -des gestirnten Himmels aufleuchtete. - -Marga fand noch immer kein Wort. - -Jenes Schweigen herrschte zwischen beiden, das zwei Menschen -beschleicht, wenn der eine sich schrankenlos ausgegeben hat und der -andere noch nicht weiß, was er dagegen geben soll. Ein Schweigen, das -zum Anfang oder Ende des Verstehens wird. - -Marga zitterte in ihrer Unschlüssigkeit. - -Wenn sie ihn jetzt hätte sehen können! Einmal ihm ins Gesicht schauen, -daß dies Gesicht ihr rate, was sie tun oder lassen müsse! Sie strengte -alle Kräfte ihrer Seele an, um den Mangel ihrer Sinne zu ersetzen. -Wie durch einen geheimen Rapport fühlte sie, daß er sich innerlich -langsam von ihr entfernte. Er räusperte sich; er begann sich über seine -Preisgabe zu schämen, zu erzürnen. Ihr Zaudern wich. Sie durfte nicht -in seiner Schuld bleiben. Eben war er im Begriff aufzuspringen und sie -zum Abstieg aufzufordern, als sie die Sprache fand. „Ich glaube doch -an den Kern, den Sie sich absprechen, Doktor Perthes,” sagte sie mit -leiser Bestimmtheit. - -„Doch? Immer noch?” erwiderte er nach einer Weile ausdruckslos. „Da -sind Sie eine beneidenswerte Optimistin.” Der spöttische Ton, den er -annehmen wollte, verlor sich in einer bitteren Niedergeschlagenheit. - -„All das Leidenschaftliche,” fuhr sie uneingeschüchtert fort, „was -Sie vorhin sagten, sagten Sie ja nur deshalb, und deshalb nur so -leidenschaftlich, weil Sie selber gern an einen solchen Kern glauben -möchten und es nicht immer können.” - -Perthes erwiderte nichts. Er hatte das bärtige Kinn auf die Faust -gestützt und sah Marga an. Ihre sanfte, klare Stimme wirkte auf ihn -wie eine Kinderweise, die sich beruhigend ins Ohr schmeichelt. Sein -Verstand sträubte sich gegen die einfache Wahrheit ihrer Worte; das -Herz sog sie dankbar in sich. - -„Ich kann natürlich nicht wissenschaftlich mit Ihnen streiten,” hub -Marga nach einer gedankenvollen Pause noch sicherer wieder an. „Ich -habe in allen Dingen nur die Gewißheit meines Gefühls, und die sagt -mir, daß es gar nicht zuerst auf die Meinungen ankommt, die man sich -von der Welt und dem Leben und den Menschen so im allgemeinen macht, -sondern auf das, was man aus sich selbst macht.” - -„Meinen Sie? Aber wenn man bald so ist, bald so? Wenn man nach zwei -Seiten gezerrt wird? Wenn man, um recht trivial, aber anschaulich zu -reden, die bekannten ‚zwei Seelen‛ in der Brust hat?” - -„Dann kommt es eben darauf an, durch welche von beiden man glücklicher, -man mehr ‚man selber‛ ist!” erwiderte Marga überzeugt. „Wenn man das -erst weiß, braucht man nur zu wollen.” - -„Und dafür sind Sie doch ein Mann! Sagen Sie das ruhig wieder dazu! -Ich kann es ganz gut noch einmal hören!” Es war keine Bitterkeit und -kein Spott mehr in seiner Stimme, sondern nur eine schwermütige, dumpfe -Verzagtheit. Als sein Blick aus verlorener Weite zurückkam, suchte er -Marga. - -Ihre Augen hatten einen warmen Glanz angenommen, der sie von innen zu -erleuchten schien und ihre Blindheit vergessen ließ. Sie hatte sich -höher aufgerichtet. Ihre Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß; die Haare -über ihrer runden, ebenmäßigen Stirn bewegten sich sacht im Winde, der -über den Berg fuhr. Von ihrem geschlossenen, in sich einigen Wesen -ging eine stille, fast heitere Gewißheit aus, die Perthes mit Achtung -erfüllte, einer Achtung, die er zuvor nicht empfunden hatte. - -„Und wenn ich's auf eine Probe ankommen ließe, ob Sie recht haben, -Fräulein Marga?” meinte Perthes zögernd. „Wollten Sie mir ein klein -wenig dazu helfen?” - -Sie überlegte. Nur einen Augenblick. „Das wollte ich!” sagte sie kurz -und herzlich. - -Perthes stand auf, er reckte seine Arme und streckte die hohe, sehnige -Gestalt. „Also auf gute Kameradschaft!” Es klang eine so ehrliche Wärme -aus seinen Worten, wie er sie den ganzen Abend noch nicht gefunden -hatte. - -Margas Gesicht wandte sich arglos und voll Güte zu ihm. Sie bot ihm die -Hand. - -Er ergriff sie und, einer ungekünstelten Bewegung folgend, drückte er -einen Kuß darauf. - -„Jetzt ist es aber höchste Zeit, daß wir hinuntergehen!” Auch sie war -aufgestanden. Ihre Stimme zitterte von innerer Seligkeit, von frohem -Stolz über diesen Beweis der Achtung. - -Sie wagte diesmal nicht, seinen Arm auszuschlagen, sondern ließ sich -von ihm führen. - -Schweigend stiegen sie den Weinberg hinunter ... - -Von einer Bank im Blumengarten hörten sie lachendes Streiten. Es -waren Elli und Wilkens. Sie waren also nicht die einzigen, die auf -sich warten ließen. Weiter unten stießen sie auf Heddy Wilmanns und -den dicken Burschenschafter. Mit diesen zusammen traten sie in den -Hof, wo Jugend und Alter bei einer unerschöpflichen Erdbeerbowle -durcheinandersaß. Papa Wilmanns hatte den Flanellstorch und die zwei -Corvinen vorgenommen, denen er in der richtigen Bowlenlaune eine -Philippika über die Streberei hielt. Sie hörten ihm mit stumpfsinniger -Andacht zu, ohne sich getroffen zu fühlen. Der Geheimrat saß mit Frau -Achenbach und Professor Borngräber in einer anderen Ecke und plauderte -bei seiner sechsten oder achten Zigarre über Sommerferienpläne. - -Marga und Perthes setzten sich zu Käthe und Bertelsdorf, die, -unterstützt von den beiden älteren Wilmannstöchtern, die gesamte -Universität Spießruten laufen ließen. - -Es war lange nach Mitternacht, ehe das Gartenfest mit einem fröhlichen, -von Papa Wilmanns inaugurierten und kommandierten Rundgesang sein Ende -fand. - - - - -4 - - -Der Alltag war wieder in seine Rechte getreten. - -Der heitere Sommerabend im Haus am Wenzelsberg war für alle Beteiligten -eine liebenswürdige Erinnerung geworden. Nur für Marga und Doktor -Perthes spann sich ein Stück Wirklichkeit daran. Die Freundschaft, -zu der sie sich zusammengefunden hatten, gewann an ungezwungener und -vertrauensvoller Herzlichkeit. - -Als Perthes vierzehn Tage nach dem Gartenfest am Hause vorbeigekommen -war, hatte er Marga unter den Kastanien im Vorgarten sitzen sehen. Er -war ohne Zaudern hinaufgegangen, um sie zu begrüßen. Sie plauderten wie -zwei gute Kameraden miteinander. Ihm tat es wohl, sich auszusprechen; -Einfälle, Stimmungen, Empfindungen mitzuteilen, die ihn gerade -beschäftigten. Und sie verstand dankbar und still zuzuhören. Nur ab und -zu warf sie ein Wort dazwischen, offen und einfach, wie sie es fühlte -und dachte. - -Perthes wiederholte seinen Besuch. - -Bald am Vormittag, bald am Nachmittag kam er auf einen Sprung -vorbei, und meist traf er Marga, die an den Ausgängen und Besuchen -der Schwestern in der Stadt selten teilnahm, an ihrem Steintisch im -Vorgarten, handarbeitend oder lesend. - -Gleich bei einem der ersten Male fügte es der Zufall, daß der -Geheimrat, von einer Fakultätssitzung heimkehrend, die beiden beisammen -fand. Perthes hatte Marga ein paar Sätze diktiert, die sie punktierte, -und sie waren eben bei der Korrektur der Blindenschrift; sie bemerkten -den alten Herrn nicht eher, als bis er dicht hinter ihnen stand. - -Unter dem breitrandigen Schlapphut hervor schoß er bedrohliche Blicke. - -„Was wird denn da getrieben?” Richthoff stützte sich mit der einen Hand -auf den Krückstock, mit der andern hatte er sich in den weißen Bart -gefaßt. - -„Wir repetieren unser Pensum von Hemsbach, Herr Geheimrat!” Perthes -erhob sich grüßend; sein Auge begegnete ruhig dem scharfen Blick des -alten Herrn. - -„Wenn du nichts dagegen hast, will mir Herr Doktor Perthes ein wenig -meine Kenntnisse auffrischen helfen,” setzte Marga aufrichtig hinzu. - -„Hm!” brummte Papa Richthoff unentschieden. Er überlegte, daß von -Rechts wegen ein junger Mann und ein junges Mädchen sich keinen -Unterricht tete-a-tete zu geben hätten. Aber schon im nächsten Moment -sagte er sich auch, daß er Marga, die so viel entbehren müsse, nicht -um eine im Grund unschuldige, bei ihr doppelt harmlose Zerstreuung -bringen dürfe. „Sie hat wohl glücklich alles wieder verschwitzt, was -sie konnte?” wandte er sich, dem Tisch näher tretend, an Perthes. - -„O -- es geht noch ganz leidlich!” meinte der Doktor. - -Der alte Herr ergriff das Blatt mit den vielen kleinen Punkten, die -nach Zahl und Stellung dem Getast ihren Buchstabensinn vermitteln. -Es entwickelte sich eine Unterhaltung über die Schrift, über -Blindenbibliotheken und ihren Bücherschatz. Perthes, der, was er wußte, -recht wußte, gab allerhand Auskünfte, die den Geheimrat interessierten. - -Das Ende war, daß Vater Richthoff Marga huldvoll am Ohr zupfte. „Das -bitte ich mir aber aus, daß in vierzehn Tagen der Prolog zum Faust -fließend gelesen und geschrieben werden kann, hörst du!” Mit einem -jovialen Kopfschütteln verabschiedete er sich und verschwand im Haus. - -Seither konnten Perthes und Marga ihre Kameradschaft ungestört pflegen. -Elli und Käthe neckten wohl manchmal die Schwester; aber da sie selber -Perthes nicht ungern sahen, hatten sie gegen Margas unschuldige -Eroberung nichts einzuwenden. Man gewöhnte sich daran, den Doktor als -Freund des Hauses das eine oder andere Mal am Wenzelsberg zu begrüßen. - -Über tausend Dinge unterhielten sich Marga und Perthes. Über Großes und -Kleines mit derselben Wichtigkeit der Jugend. Er brachte ein buntes -Allerlei von Eindrücken mit, wie sie sich ihm an Menschen, in der -Natur, bei seinen Arbeiten boten, und Marga sog diese Wirklichkeiten -aus einer ihr nur durch die Phantasie erreichbaren Welt eifrig und -dankbar ein. Was sie von den Schwestern, aus Büchern, durch sich selbst -wußte, bekam Fülle und Zusammenhang. Sein vielseitiges Wissen nährte -das ihre. Daß sie nichts Fremdes und Schiefes in sich aufnahm, dafür -sorgte ihre durch die Blindheit geschärfte Spürkraft, ihr klarer, -gesunder Sinn, der nichts annahm, was er nicht gebrauchen konnte. Die -Ruhe und innere Freiheit, die durch frühes Entsagen, durch Einsamkeit -und Leiden in ihr gereift, war die Gegengabe ihrer Freundschaft. Sie -erkannte seine Natur, die ein Ganzes und Einfaches werden wollte und -doch immer wieder durch entgegengesetzte Neigungen auseinanderstrebte, -sich selber komplizierte und zerriß. Perthes seinerseits fühlte die -Überlegenheit, die in der Stille und Bestimmtheit ihrer Seele lag. -Aber sein Verstand sträubte sich mit zahllosen Gründen dagegen, diesem -Gefühl nachzugeben. Daß sie, zehn Jahre jünger als er, ein Weib, -eine Blinde, ihm durch ihre größere Ruhe Achtung abnötigen sollte, -konnte ihm oft plötzlich lächerlich erscheinen, ihn empören, seinen -verbissensten Widerstand erwecken. Dann riß er irgendeine schwierige -Frage herbei, eine von den großen Fragen über den Wert des Daseins, und -zersetzte alle „Schwindsüchteleien”, wie er es nannte, unter vollem -Aufgebot seines Wissens und seiner Klugheit. Je lauter er wurde, um so -stiller wurde sie; je mehr er sich erhitzte, um so gelassener hörte sie -ihm zu. - -So bewies er gleich an einem der ersten Tage ihrer jungen Freundschaft, -daß es nichts Vernünftiges gebe, als das tierische Werden und Vergehen; -alle vermeintlich „höheren” Gedanken seien nichts als ebensoviele -Illusionen, um über diese nüchterne Wahrheit zu täuschen. „Damit wir -hübsch im Tretrad bleiben und nicht etwa herausspringen, weil uns die -Sache zu albern wird!” - -Marga hörte ihm aufmerksam zu. Als er geendigt hatte, bemerkte er ein -leichtes, heiteres Lächeln in ihren Zügen. - -„Sie -- Sie wissen das natürlich viel besser!” rief er empört. - -„O, gar nicht! Wissen werden _Sie_ es schon besser. Aber ich _fühle_ es -anders.” - -„Fühlen! Fühlen! Mit Ihrem ewigen Fühlen! Das Gefühl ist gar nichts. -Jeder Hund und jede Katze sind uns darin ebenbürtig. Gefühle sind für -Kinder, sind Verschwommenheiten, Torheiten, Halbheiten, die Gedanken -werden möchten und nicht können! Wollen Sie das nicht endlich einsehen?” - -„Nein. Ich _will_ es eben nicht einsehen,” meinte Marga ruhig. „Es -gibt Gefühle, die weniger sind als Gedanken, und es gibt Gefühle, die -mehr sind --” - -„Und mit welchem Recht?” - -„Mit meinem Recht. Ich will, daß das Leben den Sinn hat, dessen -Wahrheit ich fühle -- ob Sie sie beweisen können oder nicht.” - -Perthes schüttelte den Kopf. Sein widerspenstiger Verstand war nicht -überzeugt. Trotzdem beugte sich eben das Gefühl, das er so gering -bewertete, vor dem ihrigen. Es war töricht, aber es war so. Und blieb -so, ein Waffenstillstand bis zum nächsten Gefecht. -- - -Ein Thema gab es, das sie im Gespräch nie berührten: Hilde König. - -Aus Äußerungen ihrer Schwestern, aus dem Klatsch, der in einer kleinen -Stadt auch nur entfernt bekannte Menschen mehr oder minder verbindet, -wußte Marga, daß ihr Freund seine Verehrung für die kleine Uferschöne -mit den Taubenaugen und den losen blonden Haaren ganz und gar nicht -aufgegeben hatte. Man sah ihn häufiger denn je die Uferstraße entlang -pilgern, sei es allein, um sie auf ihrem Balkon zu sehen, oder mit ihr -zusammen, wenn er ihr mehr oder minder absichtlich begegnet war und sie -heimbegleitete. Auch im Stadtgarten tauchte er auf. Man sah ihn nicht -selten im „Heiratskarussell”, das ihm anfangs so lächerlich vorgekommen -war, an Hilde Königs Seite. - -Marga hatte sich vorgenommen, von sich aus nie wieder auf diese -Angelegenheit zurückzukommen, aber je vertrauter sie und Perthes -miteinander verkehrten, desto schwerer wurde ihr diese Zurückhaltung. -Sie kannte ihn jetzt genügend, um zu erraten, daß der augenfällige, -liebliche Zauber der koketten Unschuld, die so geschickt zwischen -Ernst und Kindlichkeit balancierte, seinen empfänglichen Sinn anziehen -mußte. Vielleicht blieb es bei einer Spielerei. Vielleicht aber -- -und das machte ihr sein leidenschaftliches Wesen wahrscheinlicher -- -verfing er sich ernsthaft in diesem Spiel. So oder so: sie, Marga, -durfte sich nicht einmischen. Zartgefühl und Stolz geboten ihr dies als -ein Selbstverständliches. So oft ihre Gedanken und Gefühle über die -ihnen gesetzte Grenze schweifen wollten, rief sie sie schroff zurück. -Freilich nicht, ohne daß sie einen leisen Schmerz dabei empfand. Er kam -von der Unklarheit, die zwischen ihnen beiden über dies eine bestehen -bleiben mußte; von einer Sorge um ihn; einem bangen Gefühl, das in ihr -keimte, ohne daß sie es noch fassen und zur Rechenschaft ziehen konnte. --- - -Ein recht unbedeutendes Erlebnis sollte sie über ihn und sich aufklären. - -Marga hatte es nach wie vor vermieden, sich wieder in der Abendstunde -am Ufer spazieren führen zu lassen. Bis der Zufall es wollte, daß -der Geheimrat eines Abends Elli mit dem Auftrag, sich ein bestimmtes -Buch auszubitten, zu Professor Borngräber schickte, der in einem -verwachsenen, kleinen Häuschen in der äußersten Uferstraße sein -Junggesellenleben führte. Marga hatte ihre Schwester schon ein großes -Stück Wegs begleitet, ehe diese mit dem Ziel ihres Ganges herausrückte. -Als sie nun Einwände erhob, fiel die necklustige Elli mit all ihren -Kobolden über sie her. Es blieb Marga nichts anderes übrig, als gute -Miene zum bösen Spiel zu machen. - -Es war ein trüber, bedeckter Abend. Der Regen hatte kaum erst -aufgehört. In der Allee am Fluß war es einsam. Die Sonne lag hinter -dem grauen Gewölk, und der Fluß wälzte sich träg und schmutzig zwischen -seinen Ufern hin. - -Elli und Marga beeilten sich, Borngräbers Haus zu erreichen, und -entledigten sich schnell ihres Auftrags. Der Himmel sah nach neuen -Regengüssen aus, denen sie lieber entgehen wollten. Aber sie hatten -die Allee noch nicht zur Hälfte hinter sich, als die Tropfen -niederklatschten. Eng duckten sie sich unter den gemeinsamen Schirm. - -Kurz vor dem Aufgang zur Brücke, am Ende der Allee, kam ihnen ein Paar -entgegen, das sich gleichfalls in einen Schirm teilte. - -Elli mit ihrem hellen, flinken Blick hatte die beiden schon erkannt. -„Perthes mit Hilde König!” flüsterte sie hastig Marga zu. - -„Wo denn?” Marga nahm sich zusammen, aber ihr Arm zuckte unwillkürlich -in dem der Schwester. - -„Gerade vor uns! Er scheint sie mit seinem Schirm heimzubringen!” -tuschelte Elli. - -Im gleichen Augenblick hörte Marga ihre Stimmen. Seine rauhe, hastige; -ihre leichte, etwas gezierte und hüpfende. Dann verstummten beide. Sie -hörte, wie die Schritte an Elli und ihr vorüberknirschten. - -„Das ist aber stark! Er hat nicht einmal gegrüßt! Er tut, als kennte -er uns nicht, und dabei schwöre ich, daß er uns erkannte!” Elli -war ganz erregt. Sie ereiferte sich, ohne auf Marga zu achten. So -ein Drückeberger! Einfach beiseitezusehen! Und seine Bekannten zu -verleugnen wegen diesem dummen, aufgeputzten Gör! Das sollte er von ihr -zu hören bekommen! - -„Meinst du, daß er uns wirklich nicht sehen wollte?” forschte Marga -nach einer Weile zögernd. Sie mußte alle Kraft aufbieten, um einer -Erregung, die sie selbst bestürzt machte, Herr zu bleiben. - -„Schwören will ich darauf!” beteuerte Elli, und sie schilderte sein -Benehmen mit erneuter Lebendigkeit. - -„Ich werde ihn fragen, warum er das tat,” erklärte Marga gepreßt. - -Der Regen floß jetzt in solchen Strömen, daß sie in der nächsten besten -Haustür Schutz suchen mußten. Elli, die nie zu lange beim gleichen -Thema blieb, erzählte vom bevorstehenden akademischen Ausflug. Marga -hörte ihr krampfhaft zu, auch auf dem weiteren Nachhauseweg. Sie -wollte, was sie bewegte, überdenken, wenn sie erst wieder allein mit -sich war ... - -Da Vater Richthoff heute seinen Kegelabend hatte, wurde schneller als -sonst Abendbrot gegessen. - -Nachher übten Käthe und Elli am Flügel im Wohnzimmer ein Duett. - -Marga konnte unbemerkt in ihr Zimmer im Dachstock hinaufsteigen. - -Oben holte sie ihre Geige hervor. Sie hatte lange nicht gespielt. Sie -war keine Künstlerin. Ihr Spiel war technisch nicht weit über das -hinausgekommen, was sie, noch ein halbes Kind, vor ihrer Erblindung -gelernt hatte. Aber es war Musik in ihr, und diese brachte sie gerade -durch die einfachen Mittel zu ergreifendem Ausdruck. - -Mit einer Hast, die ihr sonst fremd war, griff sie heute nach ihrem -Instrument und stimmte es. Eine scheue Hast war es: sie wollte ihr -übervolles Gemüt in Tönen erlösen und hatte doch zugleich eine Scheu -vor dem Unbekannten, das die Töne ihr aus der Seele locken wollten. - -Ihr blonder, blasser Kopf war tief über die Saiten gebeugt, und die -Hand führte zagend den Bogen. Die Augen hatte sie geschlossen, den -Mund zusammengepreßt. Rauhe, gebrochene Klänge holte sie aus der -Tiefe herauf. Sie verbanden sich zu einer ungefügen, schluchzenden -Weise, gegen die sich nur langsam aus der Höhe die Töne eines weichen, -unendlichen Verlangens hervorwagten. Aus der Tiefe war es der Schmerz -ihres Lebens, das so tapfer niedergehaltene Weh, jung zu sein und -entsagen zu müssen; aus der Höhe war es die Sehnsucht, die laut und -lauter mit ihrer hellen Stimme nach Ziel und Erfüllung rief. Und je -lauter dieser Ruf ward, je ungestümer er sich vordrängte und die -Entsagung überbot, um so mehr erbebte und erschrak Margas Seele. Das -Unbekannte, das sie gefürchtet hatte -- da war es! Da brach es hervor, -nicht mehr zu unterdrücken, nicht mehr zu verkennen und zu mißdeuten: -sie liebte! ... Wie ein Schauer, jubelnd und entsetzt zugleich, wogte -es über die Saiten. Einen Augenblick verlor sie sich dabei. Ein zartes, -fast heiteres Entzücken wollte sich regen. Dann riß sie mit einem -grellen Strich über alle Saiten ihr Spiel ab. Sie ließ die Geige hart -auf den Tisch fallen und warf den Bogen daneben. Sie drückte sich in -die Ecke des Sofas: das Gesicht mit den Händen verdeckend, duckte -sie sich und zog sich zusammen, als wollte sie sich in sich selber -verbergen. - -Nach einer Weile warf sie die Hände hinter sich und spannte sie um die -Lehne des Sofas. Als sähe sie die Gewißheit ihrer Empfindung außer -sich, richtete sie mit allem Mut, den sie in sich fand, die Augen voll -und fest auf einen fernen, brennenden Punkt. Und dieser Punkt dehnte -sich aus, gewann Form und Ausdruck und Leben: es waren Max Perthes' -Züge, die sie nie gesehen, die sie nur aus flüchtiger Beschreibung -kannte, und die doch ihr inneres Gesicht so bestimmt gestaltete. -Sie schaute und schaute. Die Augen gingen ihr über vor dem offenen, -klaren Ja, das da _außer_ ihr stand. Aber sie ließ nicht nach und -rang nach neuer Kraft: ebenso klar und unerbittlich mußte das Nein -_in_ ihr werden. Sie klammerte sich an ihren Stolz. Perthes liebte -sie nicht. Er fühlte sich von einem Mädchen gefesselt, das in allen -Stücken ihr Gegenbild war; für das er sie verleugnete. Und sie sollte -ihre heiligsten Empfindungen wecken, ihre tiefste Seele, ihr Bestes -wegwerfen, nachwerfen? Niemals! Und hätte ihr Stolz es ihr erlaubt, so -hätte die Vernunft es verboten. Für sie gab es keine Liebe. Sie, die -Blinde, durfte von keinem Manne, auch wenn er es wirklich ihr geboten, -das Opfer seines Lebens annehmen. Die Entsagung hatte recht, nicht die -Sehnsucht. Wollte sie sich lächerlich und verächtlich machen? Wollte -sie gewissenlos sein? - -Marga preßte ihre Hände ineinander und rang sie in ihrem Schoß. - -Sie zwang mit dem Nein ihres Willens das Ja ihrer Liebe. Es war, als -müßte sie es erwürgen, und weil es ein Lebendiges war, sträubte es sich -gegen den Tod und klagte und schrie, und ihre Hände taten ihrem Herzen -weh, über alles Sagen und Denken weh. - -Unaufhaltsam, wider ihren Willen, löste sich Träne auf Träne aus ihren -Augen. - -Dann war es mit einem Mal vorbei. - -Sie liebte ihn nicht. Es gab keine Liebe für sie, und es gab -keine Liebe ohne Gegenliebe. Vielleicht gab es nicht einmal mehr -Freundschaft zwischen ihr und ihm. Nachdem er sich so benommen wie -heute am Abend. - -Marga stand auf und griff wieder nach ihrer Geige. - -Aber spielen, sich vollends freispielen -- das konnte sie noch nicht. -Sie schloß die Geige in den Kasten und stellte sie beiseite. Dann ging -sie zu den Schwestern hinunter, die jetzt zu singen aufgehört hatten -und bei der Handarbeit im Wohnzimmer saßen. Sie plauderte mit, so gut -es ging. Und es ging besser, als sie dachte ... - -Schon am nächsten Vormittag kam Perthes vorbei. - -Es war noch immer regnerisch. Er fand Marga nicht im Vorgarten. Als er -im Haus nach ihr fragte, wies ihn Therese in den Salon. - -Er mußte eine gute Weile warten, ehe sie kam. Wie sonst wollte er ihr -die Hand schütteln, doch sie reichte sie ihm nicht zum Gruß. Sie war -durchaus nicht steif und unfreundlich, aber von einer Gemessenheit, die -Zurückhaltung auferlegte. - -Perthes hatte ihre äußere Erscheinung meist nur obenhin betrachtet. -Heute fiel ihm die besondere Weiblichkeit ihres Wesens auf, die Züge -und Gebärden beherrschte: eine natürliche, anmutige Würde, die durch -einen Schatten von Trauer noch gehoben wurde. - -Sie hatte ihn mit ein paar Worten in die Glasveranda gebeten, die dem -Salon vorgebaut war. - -Auf einem Rundtisch von schwarzem Ebenholz mit bunt eingelegter Platte -lag ihre feine Häkelarbeit. Sie setzte sich und ließ ihn gegenüber -Platz nehmen. - -Ein Scherz über den feierlichen Empfang schwebte Perthes auf der Zunge. -Er brachte ihn nicht hervor. Ihre schweigsame Ruhe war ihm unbehaglich. - -„Warum erzählen Sie mir nichts?” fragte Marga, nachdem sie einige Zeit -gearbeitet hatte. - -„Ich dachte, _Sie_ würden mir erzählen. Mein Kopf ist heute schon -ganz dumm vom Mikroskopieren. Ich wollte eine bestimmte Geschichte -herausbekommen -- die Struktur eines Muskelgewebes, in dem -- doch das -kann Sie nicht interessieren! Ich habe mich herumgequält und nichts -gefunden. Um mir wieder guten Mut zu holen, bin ich zu Ihnen gekommen. -Was haben Sie in den letzten Tagen getrieben?” Er sprach hastig und -zerstreut. Seine Finger spielten nervös auf der Tischkante. - -„Da werden Sie nichts Interessantes zu hören bekommen! Vorgestern sind -die Schwestern und ich über die Berge gegangen. Das Wetter war zu -schön. Man konnte nicht denken, daß es so wie heute kommen würde. Wir -waren auf dem Schweikhartshof, hin und zurück zu Fuß. Gestern” -- sie -stockte -- „gestern war ein Tag wie alle.” - -„Das tut nichts! Erzählen Sie doch! Vom Morgen bis zum Abend! Gerade, -wie Sie so einen Alltag verbringen, will ich wissen!” Es klang etwas -Herrisches in seinen Worten, das Marga aufblicken machte. „Das möchte -ich gern wissen,” verbesserte er sich. - -Sie gehorchte. Langsam berichtete sie die Tagesereignisse. „Und gegen -Abend --” Hier stockte sie wieder. - -„Was war gegen Abend?” - -„Gegen Abend gingen Elli und ich spazieren. Das heißt, Papa schickte -uns zu einem Kollegen, und wir kamen tüchtig in den Regen.” - -„Wo denn?” forschte er hartnäckig. - -Jetzt hob Marga ihren Kopf mit eigentümlicher Bestimmtheit auf. -Sie antwortete nicht. Mit einem unwilligen Ruck stand Perthes auf. -Beinahe hätte er den Tisch umgeworfen. Er trat an die Scheiben und -blickte hinunter in den Vorgarten, wo der Regen von den Bäumen -tropfte. Ungestüm strich er den krausen schwarzen Bart und blies einen -pfeifenden Laut durch die Lippen. Dann brach er los. „Sie wollen -wissen, warum ich Sie und Fräulein Elli nicht grüßte?” stieß er wütend -hervor. - -Marga fuhr emsig in ihrer Arbeit fort. - -„So fragen Sie mich doch!” knirschte er gequält. - -Als Marga keine Anstalt machte, ihm zu Hilfe zu kommen, ergriff er den -Stuhl, auf dem er gesessen, mit beiden Händen so heftig an der Lehne, -daß er in den Fugen knackte. „Ich weiß ganz genau, daß das so nicht -geht. Ich war einfach dumm und feig. So ungefähr wie der Vogel Strauß, -der den Kopf in den Sand steckt, damit man ihn nicht sieht. Und so feig -wie ein Mensch, der seine Freunde verleugnet, weil ...” Er vollendete -den Satz nicht und ließ sich auf den Stuhl fallen. „Sie sind in vollem -Recht, wenn Sie mir dafür den Laufpaß geben!” - -Marga hielt in ihrer Häkelei inne. Ihre Züge hatten sich aufgehellt. -„Da Sie so ehrlich sind, braucht es das nicht!” sagte sie einfach. - -„Ehrlich! Ehrlich! Ich hätte viel früher ehrlich sein sollen! Ist das -Freundschaft, wenn einer dem anderen das Wichtigste verbirgt, was mit -ihm vorgeht? Ich bin in das Mädchen, mit dem ich Ihnen gestern abend -begegnete, verliebt. Wußten Sie das?” - -Marga nickte kaum merklich. Sie wußte es. Und doch meinte sie, es erst -seit diesem Augenblick zu wissen -- so schnitt ihr sein Bekenntnis -in die Seele. Sie sah voraus, daß er ihr jetzt sein ganzes Herz -ausschütten würde, genau wie damals, als sie am Gartenfest auf dem -Weinberg beisammensaßen und er seine Zerrissenheit vor ihr aufdeckte. -Das Weib in ihr, dessen Liebe sie niedergezwungen, wehrte sich gegen -die Qual dieses Mitwissens. Die Freundin, der sein Vertrauen galt, -mußte geduldig zuhören. Der Faden verwirrte sich unter ihren zitternden -Fingern. Sie beugte sich tiefer und tiefer über das Gewirr und schien -ganz damit beschäftigt, es zu lösen. - -Und Perthes, der von dem, was in ihr vorging, nichts ahnte, begann in -abgerissenen Sätzen, nur von sich und seinen Gefühlen erfüllt, seine -Beichte. Er schilderte, wie das hübsche Ufermädchen ihn gefangen -genommen. Allmählich, ohne daß er es wußte und wollte. Fester und -immer fester. Wie er sie zuerst sah, im Stadtgarten; wie sie ihm mit -der Musikmappe begegnete; wie er ihr Haus am Ufer entdeckte und immer -wieder dort vorbeiging; wie er sie angesprochen, sie begleitet -- -alles schilderte er mit der mitleidlosen Genauigkeit eines Menschen, -dem es wohltut, das, was er bisher in sich verschlossen, herausgeben -zu dürfen. Leidenschaftlich zeichnete er den Eindruck von Hilde -Königs äußerer Erscheinung. Ihre leichte, frische Kindlichkeit; ihre -mädchenhafte Zurückhaltung neben ihrer selbstsicheren Freiheit. Erst -als er von ihrem inneren Wert zu sprechen anfing, wurde er ungewisser. -Seine Unklarheit über diesen Punkt, seine Zweifel verrieten sich -in allgemeinen Behauptungen. „Sie ist nicht abgründig tief, nicht -problematisch! Sie hat sicher nicht mehr Verstand als tausend Frauen. -Oh -- Schwersinnigkeit und Schwerlebigkeit, damit kann ich selber -aufwarten! Was ich brauche, was ich bei den Frauen liebe, ist -das Leichte, Duftige, Sonnige! Was über die eigenen unzufriedenen -Grübeleien fortträgt! Was das Leben, statt zu Ekel und Last, zum -schönen Spiel macht! Es taugt nichts, wenn zwei schwere Naturen sich -zusammentun: sie reiben sich wund. Ein Falter muß es sein, der zu einem -Kriechtier, wie ich es bin, paßt. Glauben Sie das nicht auch, Fräulein -Marga? Hab' ich nicht recht? Sie wissen, wie ich bin. Sie als Freundin --- Sie müssen mir raten! Sie kennen ja mich und meine Unrast und -Verschrobenheit.” - -Eine unbeabsichtigte, nervöse Selbstironie klang durch seine mit -Bildern überladene Sprache. - -Marga hatte es aufgegeben, den Faden ihrer Häkelarbeit zu entwirren. -Sie hatte die Arbeit auf ihren Schoß sinken lassen. Bewegungslos -empfing sie das Geständnis seiner Gefühle für eine andere. Zwei bittere -Falten verlängerten die Winkel ihres schmalen, zusammengepreßten -Mundes. Ihre Farbe war so durchsichtig, daß man das Blut an den -Schläfen auf- und niedersteigen sah. - -Daß er seine Neigung für diese andere so leidenschaftlich aussprach; -daß er das Mädchen mit überschwenglichen Farben malte und gerade vor -ihr, Marga, die lockende, leichte Äußerlichkeit im Gegensatz zur -Innerlichkeit, der sie zugehörte und als Blinde doppelt zugehörte, als -sein weibliches Ideal in den Himmel hob -- das war es nicht, was sie -am schwersten traf. Was ihr für den Augenblick alle Fassung rauben -wollte und was über ihre Kraft ging, war die Gewißheit, daß er sich -täuschte. Er täuschte sich über sich selbst, denn er war der Mann -nicht, der an einem Schmetterling dauerndes Genügen fand. Er brauchte -nicht eine Seele, die die seine über die Schwere der eigenen Natur -und den Ernst des Daseins fortgaukelte, sondern eine, die sich mit ihm -zusammen durchkämpfte und darüber emporhob. Er täuschte sich aber auch -über Hilde König. Wenn Marga das nicht schon vorher gewußt hätte: seine -Schilderung konnte ihr keinen Zweifel darüber lassen. Das Mädchen war -nicht das unschuldige Kind, das er in ihr sah. Das Kind war vielmehr -er, den seine praktische Unkenntnis weiblichen Wesens irreführte. Die -Einfachheit, die er hinter ihrer schimmernden Jugendlichkeit vermutete, -war Leere, und die selbstsichere Freiheit wurzelte in einem kühlen, -berechnenden Herzen. Und er mußte seine Täuschung behalten. Sie, die -Freundin, durfte nicht reden. Dazu hatte sie kein Recht, weder vor -ihm noch vor dem Mädchen, das er liebte. Das war es, was Marga vor -Schmerz und Bitterkeit erstarren machte; sie noch immer schweigen und -bewegungslos dasitzen ließ, als er längst geendigt hatte. - -„Sie sagen ja gar nichts! Reden Sie doch! Ich will wissen, wie Sie -darüber denken!” drang Perthes vorwurfsvoll in sie. „Kennen Sie Hilde -König?” - -„Nein, ich kenne sie nicht,” kam es leise von Margas Lippen. Sie sagte -nicht die volle Wahrheit, aber sie konnte nicht anders. - -„Ich habe sie Ihnen geschildert. Sie können sich gewiß ein Bild von ihr -machen, Fräulein Marga.” - -„Auch das nicht!” gab sie noch leiser zurück. Sie war fest -entschlossen, sich kein Urteil von ihm abzwingen zu lassen. Der -Gedanke, daß sie dem Mädchen unrecht tun und die entfernteste -Eifersucht ihre Meinung trüben könnte, bestärkte sie nur in ihrem -Vorsatz. - -„Aber raten können Sie mir doch! Sie kennen mich! Sie müssen -beurteilen können, ob ein Geschöpf, wie ich es Ihnen schilderte, das -ist, was ich brauche. Ob Sie glauben, daß ich auf der rechten Fährte -bin und mein Glück finden kann. Sie predigen mir ja immer, ich soll -mich mehr auf mein Gefühl verlassen als auf meinen Verstand!” - -Marga hätte ihm antworten können, was sie ihm kürzlich geantwortet -hatte: daß es Gefühle gäbe, die unter den Gedanken, und andere, die -über ihnen stünden; aber sie wollte nicht. „Wenn Sie Ihres Gefühls -so sicher sind, brauchen Sie meinen Rat ja gar nicht,” sagte sie -ausweichend. - -„Und das heißen Sie Freundschaft? Verzeihen Sie, Fräulein Marga, aber -jetzt sind wir quitt. Sie verleugnen mich innerlich genau so, wie ich -es gestern äußerlich tat!” In unwillkürlicher Erregung schlug er mit -dem Absatz mechanisch auf den Fußboden. Seine großen, braunen Augen -schossen zornige Blitze auf ihr Antlitz, in das die verborgene Qual -dieser Stunde trotz aller Beherrschung mehr und mehr ihre Zeichen -grub. Wäre er weniger nur mit sich beschäftigt gewesen, so hätte ihm -ihre Veränderung nicht entgehen können. So wiederholte er nur noch -ingrimmiger: „Und das heißen Sie Freundschaft?!” - -Marga straffte sich in ihren Stuhl zurück. Die Härte seines Vorwurfs -gab ihr einen Teil ihrer Kraft wieder. Doch ehe sie antworten konnte, -fuhr er aufgeregt fort: „Ich, der Freund, habe Ihnen mit einer -Offenheit, wie ich sie sonst keinem Menschen zeige, gesagt, wie es um -mich steht, und Sie, die Freundin --” - -„Ich, die Freundin,” unterbrach ihn Marga mit bebender Stimme, „bin -so offen wie Sie. Deshalb sage ich Ihnen: Was Sie von mir fordern, -geht über die Freundschaft. Und wenn Sie mir dafür Ihre Freundschaft -aufsagen wollen, Doktor Perthes! Was Sie von mir verlangen, kann keine -Frau einem Mann erfüllen. Über Ihre Liebe müssen Sie selber mit sich -einig werden. So wenig ich Ihr Leben für Sie leben kann, ebensowenig -kann ich mich für diese Liebe verantwortlich machen. Aus Klugheit kann -ich das nicht. Aus Selbstachtung nicht. Und aus Achtung vor Ihnen -nicht!” - -Perthes sah sie mit aufgerissenen Augen verwundert an. Die Gegenwehr, -zu der sich ihr gemartertes Herz aufgerafft, um sich von dem -Unmöglichen zu befreien, mit dem er sie peinigte, gab ihren Worten -einen Ton von so leidenschaftlicher, bitterer Entschlossenheit, daß er -sie kaum mehr erkannte. Eine stürmische Blutwelle hatte ihr Gesicht mit -jäher Röte übergossen. Ihr Mund, ihre Stirn zuckte von schmerzlichen -Falten. In ihren Augen glomm es wie ein Funke des Sehens. Dann sank sie -erschöpft in ihre frühere Regungslosigkeit zurück. - -Ein so schlechter Beobachter Perthes bis jetzt gewesen: für einen -Moment war es ihm, als risse der Blitz eine meilenferne, ungeahnte -Landschaft in sein Gesichtsfeld. Ob diese Blinde mehr für dich -empfindet, als du ahnst? Ob sie dich liebt? -- Eine Sekunde nur, und -die Vermutung, die ihm unsinnig dünkte, war ausgelöscht. Nur der -Respekt vor ihrem unbeugsamen Willen erfüllte ihn und dämpfte seinen -Ärger. Seine Verstimmung kehrte sich gegen ihn selbst. - -„Lassen wir's gut sein! Ich überspanne die Pflicht der Freundschaft, -wie ich alles überspanne. Ich werde ein andermal anspruchsloser sein, -Fräulein Marga.” Er hatte sich erhoben und verabschiedete sich. - -Der Druck seiner Hand kam Marga kühl und abwesend vor. Sie hätte ihn -gern wie sonst nach der Tür begleitet. Aber ihre Kraft reichte nicht -aus. - -Als er längst gegangen war, saß sie noch immer reglos und ohne die -Arbeit wieder aufzunehmen an dem eingelegten Ebenholztisch in der -Glasveranda. Der Regen schlug dumpf gegen die Scheiben. Eine starre -Gleichgültigkeit und Öde lähmte ihre Sinne und Gedanken. Mochte die -Freundschaft zu Ende sein -- was lag ihr noch daran! Sie hatte nicht -anders gekonnt ... - -Es sah allerdings danach aus, als sei es nach dieser grundsätzlichen -Auseinandersetzung mit der erst vor einigen Wochen geschlossenen -Freundschaft tatsächlich zu Ende. Tag um Tag verging, ohne daß Perthes -sich wieder im Haus am Wenzelsberg sehen ließ. Für Marga war es eine -Zeit voll Sorgen und Selbstanklagen. Das quälerische Auf und Ab und -Hin und Wider ihres Herzens ermüdete sie so, daß sie bisweilen am -hellen Tag von einem kurzen, erquickungslosen Schlaf befallen wurde. -Hundertmal wiederholte sie sich, was sie an jenem kritischen Vormittag -gesprochen und wie sie sich voneinander getrennt hatten. Jedes seiner -Worte, jedes der ihren wog sie ab und wandte es nach beiden Seiten. -War sie zu schroff gewesen? Hatte sie nicht doch mit ihrer strengen -Scheidung von mein und dein die Pflicht der Freundschaft verletzt? -Sie mußte ihm lieblos und egoistisch vorgekommen sein. Er konnte die -Beharrlichkeit nicht verstanden haben, mit der sie ihm ihren Rat -verweigerte. Warum sagte sie nicht ehrlich: Sie irren sich über das, -was Sie brauchen! Sie täuschen sich über sich selbst und über das -Mädchen, das Sie zu lieben meinen. Ihre Tiefe braucht nicht Oberfläche, -sondern wieder Tiefe. Sie brauchen ... Margas Gedanken stockten. Es -überfiel sie wie Scham; als hätte sie gesprochen, was sie nicht durfte, -das Geheimnis ihrer Liebe preisgegeben, ihm zugerufen: Mich, mich -brauchst du! Ich verstehe dich besser, als du dich selbst verstehst! -Ich kann dir aus meiner Stille und Klarheit die deine finden helfen -- --- Wie? Sie hätte sich angeboten? Sie, Marga, die Stolze, Verschlossene -und Einsame! Schande, Schande, es nur zu denken! Nicht ein Wort durfte -ihn auf den Gedanken ihrer Liebe bringen. Sie hatte schweigen müssen. -Die Pflicht, die sie vor sich selbst hatte, war und blieb die höhere, -und wenn sie daran verbluten sollte ... - -Wenn sich Marga so immer wieder zum selben Ergebnis durchkämpfte -- die -Sorge um Perthes konnte sie damit nicht verbannen. Sie wuchs mit jedem -weiteren Tag, den er fernblieb. Das untrügliche Ferngefühl, das ihre -Seele wie einen Ersatz für die erloschenen Augen in ihr ausgebildet -hatte, war seltsam wach in ihr: die Enttäuschung über Hilde König -mußte unaufhaltsam über ihn kommen. Vielleicht war sie schon da, -und Perthes war unter den Trümmern seiner hochgestimmten Hoffnungen -niedergebrochen. Maßlos, wie er war, mußte die Ernüchterung alles in -ihm umstürzen. Wohin ihn dann seine Leidenschaftlichkeit trieb -- wer -konnte es ausdenken? Marga sah sich von einer grausamen Furcht gepackt. -Sie forschte nach allen Seiten, um unauffällig eine Nachricht über ihn -zu erhaschen. - -Es war wenig und widersprechend genug, was sie erfuhr. - -Elli und Käthe lebten und webten in den Vergnügungen des -Sommersemesters. Bald war es eine Damenkneipe, zu der die Erlaubnis -dem alten Herrn abgelistet werden mußte, bald ein Stiftungsfest mit -Ausfahrt oder ein verspäteter musikalischer Tee -- eine Neuerung im -gesellschaftlichen Leben, die Vater Richthoff grimmig verabscheute. -Begreiflich, daß die beiden jungen Mädchen dabei von ihren Gedanken -und Empfindungen, von „ihren” Herren zu erfüllt waren, als daß sie -auf Doktor Perthes, den man ja doch nirgends traf, geachtet hätten. -Elli wollte ihn in einem weißen Tennisanzug gesehen haben: vielleicht -gehörte er neuerdings zu dem Sportklub, in dessen Mittelpunkt -Fräulein Exzellenz, Alice Hupfeld, stand. Es war dies ein Kreis, der -dem Richthoffschen so fern stand, daß er ihn trotz der akademischen -Beziehungen kaum berührte. Ein andermal berichtete Käthe, Perthes hätte -seine Spaziergänge in der Uferstraße so gut wie ganz aufgegeben. Das -hatte sie von ihrer Freundin Lizzie gehört, die ja dort wohnte. Endlich -war er mit Hilde König eines Abends im Stadtgarten gesichtet worden. -Lauter Nachrichten, die Marga nur hin und her rissen, zu Vermutungen -brachten, die sich nicht zusammenreimen ließen, sondern sie nur noch -unruhiger und trauriger machten. - -Die dritte Woche war angebrochen. - -Perthes kam so wenig wie in den beiden vorigen. - -Nun fiel sein Ausbleiben auch den Schwestern auf. Käthe bemerkte -gelegentlich zu Marga, die Mediziner wären eben doch „immer” -unzuverlässig. Elli, die aus ihrer Neigung für Wilkens heraus etwas von -Margas Kummer witterte, erklärte, von der altklugen Weisheit Käthes -angesteckt, ein Mann, der sie wegen eines anderen Mädchens nicht -grüßte, wäre ihr so viel wert: sie blies höchst geringschätzig über -ihren Handrücken. Dann schloß sie unvermittelt Marga in die Arme, küßte -sie und versicherte: „Ich, Margakind, ich bin eben doch dein einziger, -getreuester Liebhaber! Das merk dir und verrate mich nicht für solche -Bazillengucker!” Der Spaß war harmlos und ehrlich gemeint. Daß er dabei -so herzhaft weh tat, ahnte Elli nicht von ferne. - -Und zu guter Letzt ließ sich bei einem Mittagessen sogar der Geheimrat -vernehmen: „Was macht denn dein -- dein -- na, wie heißt er denn? Der -Sparafantel aus Hemsbach, der dich unterrichten wollte?” - -Marga zuckte die Achseln. Ehe sie antworten mußte, fiel dem alten Herrn -glücklicherweise eine Briefschuld an Schlutius in Bonn aufs Herz. -Darüber vergaß er völlig, seine Frage zu erneuern. -- - -Gegen den ihr sonst so lieben Platz im Vorgarten hatte Marga eine -merkwürdige Abneigung bekommen. Als Tag um Tag verstrich, ohne daß -Perthes mit seinem eiligen Schritt die Treppe heraufkam, um sich -neben sie unter die Kastanien zu setzen, wurde ihr der Ort, der Zeuge -freundlicher Stunden gewesen war und jetzt ihre Erwartung immer aufs -neue trog, unerträglich. Sie zog es vor, die Zeit, in der sie sich -selbst überlassen blieb, in der Geißblattlaube zuzubringen, am Ende des -Blumengartens, dort, wo die ersten Stufen zu den Obstbäumen führten. - -Es war ein besonders warmer, fast schwüler Vormittag, als sie dort, wie -gewöhnlich, saß. Sie hatte eins ihrer Blindenbücher mitgenommen, von -denen sie eine kleine Bibliothek besaß, die zu Weihnachten oder zum -Geburtstag ihre stetige Ergänzung erfuhr. Der große, beleibte Band -- -Storms „Schimmelreiter” -- nahm aufgeschlagen beinahe die Hälfte des -Tisches ein. Ihre Finger tasteten von Punkt zu Punkt, und ihre Lippen -lasen leise mit. - -Im Schatten der dichtgewachsenen Blätter, die das Sonnenlicht zu einer -goldgrünen Dämmerung dämpften, saß es sich gut. Die schwermütige -Versonnenheit der Erzählung wirkte beruhigend auf Margas wunde Seele. -Sie war so in ihr Lesen vertieft, daß sie überhörte, wie jemand vom -Hof heraufkam. Elli kehrte von der Stadt zurück. Den rosenumrankten -Strohhut, der schief und keck über dem krausen blonden Haar saß, hatte -sie in den Nacken zurückgeschoben, und das erhitzte Gesicht fächelte -sie mit dem Taschentuch. - -„Uff! ich sag' dir, Margakind, das ist eine Hitze --” - -Marga sah auf und schob ihr Buch zurück. - -„Unausstehlich!” fuhr Elli fort, während sie sich neben sie auf die -Bank setzte. „Du hast's gut hier im Schatten.” - -„Wo warst du denn?” fragte Marga. - -„Im Bad. Köstlich! Ich schwimme jetzt wie ein Fisch. Am liebsten hätt' -ich gleich den ganzen Fluß ausgetrunken.” - -„Und dann hast du dich so heiß gerannt? Das ist aber töricht, -Kleinchen!” meinte Marga, während sie Ellis Wangen berührte. „Du glühst -ja wie ein Backofen!” - -„Ach was, dafür bring' ich dir auch eine Neuigkeit mit! Rate mal, was!” - -Marga konnte nichts erraten. - -„Es hat sich jemand verlobt,” half Elli. „Schon vor drei Tagen hat es -in der Zeitung gestanden, und wir haben's übersehen. Rate, wer!” - -Marga schüttelte den Kopf. „Kenn' ich den ‚Jemand‛ überhaupt?” - -„O -- ich glaube wohl!” - -„Ist es eine von deinen oder von Käthes Freundinnen?” - -„Nein, durchaus nicht. Auch keine von deinen.” - -„Wo wohnt sie denn?” - -„Am Fluß. In der Uferstraße. Jetzt mußt du doch dahinterkommen!” - -Marga schrak unwillkürlich zusammen und erbleichte. „Hilde König?” -fragte sie tonlos. - -„Erraten!” rief Elli. „Aber mit wem? Das errätst du noch viel weniger. -Das --” Elli hielt in ihrem lustigen Bericht inne. - -Marga hatte alle Farbe verloren. Ihre Hände zitterten, und ihr Kopf bog -sich zurück, bis er an der Wand der Laube, zwischen den Blättern einen -Halt fand. Die Augen waren geschlossen, und die Lippen rangen nach Luft. - -Elli war aufgesprungen. Bestürzt schob sie ihr die Arme um die -Schultern. - -„Aber Margakind! Was hast du denn? Was machst du denn? So sei doch -verständig!” - -Plötzlich schoß ihr die Erklärung durch den Sinn. Sie erriet, welchen -Namen Marga zu hören fürchtete, und begriff das ganze, ängstlich -behütete, schwere Geheimnis der Schwester. - -„Aber nein! nein! nein!” rief Elli und umschlang sie noch fester. -„Nicht mit dem! Nicht mit Doktor Perthes! Ganz gewiß nicht! Mit einem -Gymnasiallehrer, den du gar nicht kennst! Du kannst mir's glauben, -Margakind! Ich wollte nur einen Scherz machen! Ich hatte ja keine -Ahnung, daß --” Sie bedeckte sie mit Küssen. Sie war unglücklich, den -Tränen nahe, empört über sich und ihre Plumpheit und verwirrt durch -das Neue, Unerwartete, das ihr die Erschütterung der Schwester zu -verstehen gab. - -Marga schlug langsam die Augen wieder auf. Sie zitterte noch immer. -Aber sie versuchte zu lächeln. „Wie dumm ich bin!” flüsterte sie. -„So -- schwach zu sein!” Sie richtete sich auf und löste sanft Ellis -Arme von ihrem Nacken. Eine rührende Mischung von Verlegenheit und -Hilflosigkeit malte sich in ihrem Gesicht. - -Elli zog sie aus der Laube. „Komm! Komm! Im Hof ist's jetzt wundervoll -kühl. Da gehen wir auf und ab!” Sie nahm Margas Arm und legte ihn -sich um die Hüfte. Ihr ganzes überströmendes Herz war erwacht. Sie -drängte sich, zutraulich wie ein kleiner Vogel, an Marga und suchte ihr -teilnehmendes Verstehen durch verdoppelte Zärtlichkeit auszudrücken. -Obwohl ihr tausend Fragen auf den Lippen schwebten, die zu unterdrücken -für ihre Quecksilbernatur kein leichtes war, wartete sie eine gute -Weile und schritt, Seite an Seite mit Marga, schweigend im schattigen -Hof auf und ab. Dann drückte sie ihr den Arm. „Ich versteh' dich ganz, -Marga! Du brauchst mir, wenn du nicht willst, kein Wort zu sagen. -Ich versteh' dich und achte dich. Und was wir da in der Laube sagten -und fühlten, gehört nur uns beiden allein! Ich denke mir nichts und -erinnere dich nie daran. Husch -- ist es fort. Ich weiß nichts mehr -davon!” - -Marga schüttelte den Kopf. „Nein, nein, Elli!” meinte sie ernsthaft. -„Wenn ich mich schon verraten mußte, war's bei dir am besten. Denn zu -dir hab' ich das meiste Vertrauen.” Es war ihr eine Erleichterung, zu -reden. Die Qual der letzten Wochen, die ihr Inneres um und um gewühlt -hatte, verlangte danach, sich auszuströmen. Erst scheu und zaudernd, -dann tapfer und rückhaltlos enthüllte sie das Geheimnis ihrer Liebe; -wie sie sie entdeckt und niedergekämpft hatte; wie sie sie für immer in -sich verbergen und niederhalten wollte und mußte. Ihr Stolz und ihre -Besonnenheit kräftigten sich wieder, während sie erzählte. - -Elli hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Sie war glücklich darüber, -Margas Vertraute zu werden. Ihre Liebe zu Wilkens, die ja doch auch, -freilich mit einem größeren Recht auf Wirklichkeit, in eine noch recht -ferne Zukunft baute, wollte die hoffnungslose Entsagung für niemanden -gelten lassen. Wenn man bisher stillschweigend immer nur angenommen -hatte, Marga müsse ihren Weg durchs Leben allein gehen, so war das -schließlich noch kein unumstößlicher Beweis, daß das Leben es doch -nicht anders wollte. Und als Marga ihr Geständnis beendigt hatte, da -ließ Elli ihrem fröhlichen Optimismus voll die Zügel schießen: nicht -nur aus Mitgefühl, sondern in der ehrlichen Überzeugung und in dem -heißen Wunsch, auch die Schwester, gerade sie in ihrer Dunkelheit, -könne und müsse lieben dürfen und geliebt werden. Ihre jugendliche -Phantasie ersann einen ganzen Roman, den sie glaubte und glauben machen -wollte. Und Marga, auch wenn sie ungläubig blieb, hielt sich doch mit -geheimem Entzücken an diesen Zuspruch. Ist ja doch kein Menschenherz, -und zumal kein junges, so untröstlich düster, daß es nicht in seinem -verborgensten Winkel mit einem Stäubchen Hoffnung spielte! Mehr und -mehr erschloß sie sich dem Vertrauen, das sich ihr bot. Auch ihre Angst -um Perthes, ihre Sorge, er möchte sich, wenn er nun die Verlobung Hilde -Königs erfuhr, in seiner Verzweiflung verlieren, teilte sie mit Elli. - -Und das Kleinchen riet kühn und praktisch, was Marga selbst sich nicht -zu raten wagte. „Weißt du was? Du mußt ihm einfach schreiben!” platzte -sie siegesgewiß heraus. - -„Aber das geht ja nicht!” wandte Marga zaghaft ein. - -„Das geht nicht? Warum? Ich -- ich, ja weißt du, ich schreibe natürlich -nie an Wilkens.” Elli wurde ein bißchen rot, weil ihr einfiel, daß sie -doch schon geschrieben. „Aber das ist ja ganz was anderes! Unsereiner -soll nun mal nicht an Herren schreiben. Dafür sehen und sprechen wir -uns öfter. Und du -- bei dir ist das überhaupt ein Ausnahmefall! Du -bist ein ganz anderer Mensch als wir. Du kannst dir ruhig das Recht -nehmen. Auch als Freundin! Er kann's sogar beinahe von dir erwarten. Du -mußt schreiben, Margakind! Glaub mir, du mußt!” - -Vom Eßzimmer klang Händeklatschen. Käthe erschien in der Tür. „Aber wo -steckt ihr denn? Es ist ja Essenszeit! Schnell! Schnell!” - -Und Papa Richthoffs Stimme schallte paschahaft-unwirsch hinterdrein: -„Was ist das für 'ne Wirtschaft! Ich soll wohl die Damen zu Tisch -bitten?” - -Marga und Elli eilten, was sie konnten, ins Haus und zu Tisch. - -Während des Essens hatte Marga Zeit, sich Ellis Rat zu überlegen. Sie -sah auch den Ausweg, zu schreiben, als den besten an. Die Bedenken, die -ihr Gewissen nicht wegräumen konnte, beschwichtigte Ellis überzeugende -Rabulistik. Überdies streichelte und zupfte das Kleinchen sie heimlich -mehr als einmal unter dem Tisch und tuschelte ihr zu: „Es bleibt dabei. -Du mußt! Gleich nachher!” - -Bis der alte Herr, der in seiner Kaisergeschichte gerade bei der -Verschwörung des Parthenius und Stephanus gegen Domitian war, -energisch brummte: „Keine Verschwörungen bei Tisch! Das lieb' ich -nicht, Mamsell Plappertasche!” - -Kaum war die Mahlzeit vorbei, so verwickelten sich Elli und Käthe über -eine selbst zu schneidernde Bluse in die dringendste Unterredung, der -eine weitläufige Anprobe folgen mußte. - -Der alte Herr ging in den Weinberg, um die gewohnte Besichtigung auf -Unkraut und Schnecken vorzunehmen, ehe die Sprechstunde begann. Eine -Sprechstunde, die jetzt, mitten im Semester, meist in eine Ruhestunde -überging, wovon jedoch niemand etwas wissen durfte. - -Marga hatte also Zeit und Gelegenheit, in der Dachstube oben den großen -Schritt zu wagen. - -Eine Weile saß sie unschlüssig vor ihrem Briefbogen. Allerhand -Formbedenken wollten in ihr aufsteigen. Es war doch immerhin furchtbar -schwer und ungewöhnlich, daß sie an einen Herrn schreiben sollte. Dann -überwand ihr natürlicher und gesunder Wille diese Kleinlichkeiten. Was -hatte auch all das neben dem Ernst ihres Gefühls und der peinigenden -Ungewißheit über des Freundes Zustand zu bedeuten! Sie setzte Punkt an -Punkt und schrieb, wie es das Herz ihr eingab: - - „Lieber Herr Perthes! - -Sie kommen nicht mehr zu mir. Also komme ich mit einigen Zeilen zu -Ihnen. Ihre Freundin ist in Sorge um Sie. Wenn Sie ihr noch böse sind, -weil sie Ihnen neulich nicht raten wollte, so geben Sie ihr jetzt -Gelegenheit, ihre Widerspenstigkeit gutzumachen und mit Ihnen zu reden. -Mir ist, als könnte ich Ihnen ein ganz klein wenig helfen, wie es die -Freundschaft soll und muß. - - Marga Richthoff.” - -Kaum war Marga fertig, so erschien Elli. Sie übernahm es, die Adresse -zu schreiben. - -Dann wirbelte sie wie der Wind davon und steckte mit dem Hochgefühl, -bei einer Großtat mitgeholfen zu haben, den Brief an der nächsten Ecke -in den Kasten. - - - - -5 - - -Fräulein Rosa Eschborn, Doktor Perthes' Mietswirtin, war an allerhand -Logiergäste gewöhnt. - -In den fünfzehn oder zwanzig Jahren, in denen sie das schmale, -dreistöckige Haus auf der Altstadtseite des Flusses besaß, hatte -sie es längst aufgegeben, an ihre Mieter andere als sehr allgemeine -Anforderungen zu stellen. Sie mußten leidlich pünktlich bezahlen. Sie -durften ihre Möbel nicht kurz und klein schlagen. Sie mußten ihre -Liebschaften vor der Tür lassen. Das waren die goldenen Grundregeln -des langen, dürren Fräuleins mit dem wachsgelben Gesicht unter den -plattgeklebten, grauschwarzen Haarsträhnen und dem Spitzenhäubchen, mit -den leidenschaftslosen Augen und der ewigen, erdbeerfarbenen Matinee, -von der man sich, so sauber sie war, niemals denken konnte, daß sie -neu gewesen. Was über die Grundregeln ging, mochten die Herren mit -sich selber ausmachen. Sie zuckte mit keiner Miene, wenn Herr Müller -bis Mittag hinter seiner Tür schnarchte; wenn Herr von Maier, ein -Korpsfuchs, bisweilen aus Versehen oder in alkoholischer Benommenheit -auf der Treppe schlief; wenn Herr Schmidt die Beine zum Fenster -hinausbaumeln ließ, die Zigarettenstummel auf den Boden warf, Kleider -und Wäsche wie Kraut und Rüben im Zimmer durcheinanderstreute. All das -ertrug und ordnete sie mit ergebenem Gleichmut. Ihre stille Genugtuung, -ihr sittlicher Halt war das eine, daß sie nicht so, daß sie besser war. -Nicht nur als ihre Mieter, sondern als die gesamte Welt. Um dessen -ihren Herrgott zu versichern, war sie von einer gewissen stereotypen -Frömmigkeit, die keine Predigt und keine Betstunde versäumte. - -Es mußte mit einem ihrer Mieter schon seine ganz besondere Bewandtnis -haben, wenn Fräulein Eschborn sich zu wundern oder gar zu beunruhigen -anfing. - -Dieser Sonderfall war nun aber mit dem Herrn auf Nummer eins -- so hieß -die luftige Stube im dritten Stock mit der wie ein Vogelnest unters -Dach geduckten Veranda -- eingetreten. Er war nämlich seit drei Tagen -nicht zurückgekehrt. - -Am ersten Tag hatte das Fräulein gedacht, er schliefe. Es gab welche, -die schliefen vom Abend bis zum Abend und die folgende Nacht durch. -Solche Exemplare kamen vor. Wenn sie kein Frühstück und sonst nichts -begehrten, so war das ihre Sache. Am zweiten Tag gegen Mittag klopfte -die Eschborn an die Tür. Dreimal hintereinander. Als kein „Herein!” -ertönte, überwand sie ihre jungfräuliche Scheu, klinkte, fand die Tür -offen und steckte den Kopf mit dem Spitzenhäubchen schnüffelnd in die -Stube. Da sie nichts wahrnahm, was sie aufklärte, drang sie gegen den -Alkoven vor. Das Bett stand unberührt. Fräulein Eschborn schüttelte den -Kopf. Am dritten Tag wiederholte sie dasselbe Manöver mit demselben -Erfolg. Diesmal hielt sie ein kleines Selbstgespräch, öffnete ein -Fenster und sah ziemlich verdutzt auf den Fluß hinunter. Ihr Gleichmut -wankte. Sie ging den Schatz ihrer Erfahrungen durch, aber er ließ -sie im Stich. Anno 1903 war einer gewesen, der auf zwei Tage zu -Verwandten gereist war, ohne sie zu benachrichtigen. 1899 hatte einer, -ein russischer Chemiker, vom Laboratorium weg plötzlich in die Klinik -gemußt, um sich operieren zu lassen. Der hatte nach anderthalb Tagen -nach Wäsche geschickt. Soweit sie die Lebensgewohnheiten ihres Mieters -von Nummer eins überhaupt kannte, war er nicht der Regelmäßigste. -Trotzdem -- das ging über alles Dagewesene -- drei Tage spurlos -verschwunden! Fräulein Eschborn stellte vertiefte Betrachtungen an. -Sie ging im Geist ihre Grundregeln durch. Keine war verletzt. Aber die -erste vom Bezahlen schien jetzt in gewisser Gefahr. Konnte der Doktor -sich französisch verabschiedet haben? Dagegen sprach, daß er sein Hab -und Gut, sogar Mantel, Stock, die nötigsten Dinge, zurückgelassen -hatte. Doch -- mochte es sein, wie es wollte -- sie entschloß sich, an -Aufklärung zu denken. - -Sie ging nach dem Bakteriologischen Institut, denn sie entsann sich, -daß Perthes von dort einmal den Diener gesandt hatte. - -Niemand, weder der Hauswart, noch der erste Assistent, noch Professor -Hammann, wußte etwas von seinem Verbleib. Markwaldt hatte nur die -tröstliche Auskunft: „Das verdrehte Huhn wird wieder mal seinen -Laufkoller gekriegt haben!” - -Fräulein Eschborn war nicht befriedigt. Sie ging auf dem Rückweg ins -Café Wagner, wo ihr Mieter zu essen pflegte. Der Doktor war dort seit -vier Tagen nicht gesehen worden. - -Die Angelegenheit komplizierte sich. - -Gegen ihre Gewohnheit konferierte das Fräulein mit Perthes' -Zimmernachbar, einem Referendar am Amtsgericht. Der gab ihr auf Grund -seiner juristischen Kenntnisse den Rat, auf die Polizei zu gehen. -Diesen äußersten Schritt verschob die Eschborn auf den kommenden -Morgen. Ihr zwar erschütterter, aber noch immer achtungswerter -Gleichmut sträubte sich gegen solche Exzentrizitäten. Auch hielt sie -die Polizei für die natürliche Feindin aller anständigen Menschen. - -Und ihr Gleichmut behielt recht. - -Am folgenden Morgen, als sie in der Küche die nötigen Liter Wasser mit -einem Aufguß von Kaffeebohnen und reichlicher Zichorie versetzte, wurde -die Tür aufgestoßen, und Doktor Perthes erschien in einem Aufzug, der -mehr als abgerissen war, auf der Schwelle. Der Lodenhut saß wie ein -Fetzen über den zerzausten Haaren, und das Gesicht starrte blaß und -übernächtig aus dem wirren Bart. Die weißen Sportschuhe waren über -und über mit einer Kruste von Schmutz bedeckt. Der weiße, leichte -Tennisanzug hatte sich grau und braun meliert. - -Fräulein Eschborn prallte erschrocken zurück. Sie wollte eben -versichern, daß sie im Lokalwohltätigkeitsverein sei und keinen Pfennig -gebe, als der Doktor rauh und herrisch nach Kaffee verlangte. - -Sie faßte sich. Ohne eine Frage zu wagen, goß sie ihm eine Tasse ein. - -Perthes trank sie in einem Zuge leer. Ebenso eine zweite. Mit einem -barschen „Bin für nichts und niemand zu sprechen!” machte er kehrt und -stieg die Treppe hinauf. - -Fräulein Eschborn dachte einen Augenblick betroffen über die -Erscheinung nach. Sie schüttelte auch noch ein letztes Mal den Kopf. -Dann war sie froh, daß keine Grundregel mehr in Gefahr war, zog sich -in ihre jungfräuliche Selbstgerechtigkeit zurück und legte den Fall zu -den Akten ihrer Erfahrung. - -Oben in seinem Zimmer warf sich Perthes, nachdem er die Schuhe in eine -Ecke geschleudert, wie er war, auf sein Bett. Völlig erschöpft fiel er -in einen bleischweren Schlaf. - -Erst gegen Abend weckte ihn ein tiefer, langhallender Donnerschlag. -Er richtete sich auf und rieb sich die Augen. Draußen schoß der Regen -in langen, glitzrigen Fäden hernieder. Fahle Wolken schoben sich -träge über und an den Bergen entlang. Ein Hauch feuchter Luft quoll -erquickend durchs offene Fenster herein. - -Langsam kehrte in Perthes die Erinnerung an die letzten Tage zurück. -Er setzte die Geschehnisse, eines ums andere, in seinem Gedächtnis -zusammen. Wie ein wunderseltener, tausendstrahliger Kristall, der -mit jeder Stunde an Wert und Schönheit wuchs und sein Verlangen -steigerte -- so war die Liebe zu Hilde König, der kindlichen, -poetischen Ufernixe, in seiner Phantasie groß geworden. Alles -außer ihr war vergessen und versunken. Seine sich übersteigernde -Lust, diesen Kristall zu besitzen, trieb ihn nah und näher an das -schimmernde Gebilde. Er streckte die Hände danach aus: da war es eine -buntschillernde Seifenblase, die in eitel Dunst zerplatzte und zerfuhr. - -Als Perthes an jenem Vormittag, an dem er Marga seine Liebe zu Hilde -König anvertraut, keinen Rat erhalten hatte und ganz auf sich selbst -verwiesen worden war, hatte er einen letzten Versuch gemacht, die -Leidenschaft, die ihn verzehrte, von sich abzuschütteln. Er zerpflückte -seine Empfindungen und wollte sich klarmachen, daß er sich in einen -Wahn hineingefühlt und hineingeredet hatte. Diese Liebe existierte so -wenig, noch weniger als die Freundschaft, die eben erst so jämmerlich -versagt hatte. - -Er ging nicht mehr am Ufer entlang, wie er sonst Abend für Abend getan. -Er wich Hilde König aus, wenn er ihr begegnete. - -Um die törichte Liebelei vollends ganz aus sich zu verbannen, gab er -sogar dem bisher erfolglosen Drängen Markwaldts nach und ließ sich in -den akademischen Tennisklub einführen. Der freie, flotte Ton, der da -herrschte -- so recht modern im Gegensatz zu der mehr altmodischen -Innerlichkeit und Behaglichkeit des Richthoffschen Kreises -- -bestrickte ihn. Im Mittelpunkt stand Alice Hupfeld. Mit ihrer biegsamen -Gestalt, ihrem kecken Gamingesicht, das herausfordernd aus einem -leuchtenden Gewirr rotblonder Haare sprang, behexte sie die Herren -und begeisterte die jungen Damen als Ideal eines schicken Mädels. -Perthes war von ihrer launenhaften Art bald belustigt, bald geärgert. -Er spielte mit Fräulein Exzellenz, wie sie mit ihm und mit aller Welt -spielte. Nichts zu ernst nehmen, war ihre Devise, und diese Devise -schien ihm wie gemacht für seine eigene erzwungene Stimmung ... - -Dann kam plötzlich der Rückschlag. - -Er hatte sich eingebildet, mit dem albernen Märchen am Flußufer -fertig zu sein. Um sich dies vor sich selber zu beglaubigen, hatte -er eines Abends wieder den gewohnten Gang gemacht. Hilde König war -nicht auf ihrem Balkon. Sie plauderte mit einem der Herren des -Ruderklubs unter der Haustür. Bei näherem Zusehen erkannte Perthes den -Gymnasialprofessor, der die Boote von der Uferböschung aus mit der -Schalltube zu kommandieren pflegte. Aller Vernunft zum Trotz wurde er -von plötzlicher toller Eifersucht gepackt. Binnen wenigen Stunden war -seine Leidenschaft heller und greller als je entfacht. Daheim, zwischen -seinen vier Wänden, tobte er mit erregten Schritten auf und nieder. -Er wollte ein Ende machen, eine Entscheidung herbeiführen um jeden -Preis. Dies Hundeleben von Zweifeln und Kämpfen durfte nicht von vorn -anfangen. Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einen Brief -von vielen Seiten. Seine nervösen, unverbundenen Buchstaben flogen über -das Papier wie ein Schwarm aufgescheuchter Krähen. Sich selbst, seine -Natur mit ihren Fehlern und Vorzügen, seine Lebensauffassung, seine -Gedanken über die Frau und über die Ehe, seine Aussichten im Beruf -legte er in einem gewichtigen Referat nieder, wie es ein Beamter in -ernstester Sache an seinen Ressortchef schreibt. Seine Gefühle faßte -er volltönend zusammen: es gab nur einen Menschen, der ihn ganz zu dem -machen konnte, was er sein wollte -- Hilde König. Daß er sie verehrte -und liebte, mußte sie längst erraten haben; daß er ihr nicht völlig -gleichgültig wäre, glaubte er jenem Blick und diesem Wort entnehmen -zu dürfen. In einem kurzen Schlußsatz bat er deshalb allen Rechtens -um ihre Hand. Wenn sie einverstanden war, wollte er mit ihren Eltern -sprechen ... - -Als Perthes diesen Brief abgeschickt hatte, war er wie erlöst. - -Einen halben Tag lang kannte er sich nicht vor seliger -Selbstzufriedenheit. Dann kam die Qual des Wartens von Post zu Post, -des Hangens und Bangens von Morgen zu Abend und von Abend zu Morgen. - -Erst nach vier Tagen brachte der Briefbote ein zierliches Briefchen -von lila Farbe, das Monogramm H. K. auf dem Rücken. - -Er riß es ungestüm auf. - -Die Antwort auf seine vielen Seiten bestand in vier oder fünf mit -Kinderhand geschriebenen Zeilen: das bezaubernde kleine Ufermädchen -schrieb, es sei über seinen Antrag außerordentlich betroffen und -erschrocken; es hätte nie an so etwas gedacht und könne, jung wie es -sei, auch heute noch nicht ernstlich daran denken ... - -Perthes war starr vor Überraschung. - -Er drehte die lilafarbene Briefkarte hin und her, als müßte er die -eigentliche Antwort auf seinen kapitalen Brief erst noch finden. Daß er -die ganze Erwiderung auf sein mit der Gründlichkeit eines Psychologen, -dem Ernst eines gewissenhaften Mannes, der fieberhaften Wärme eines -Liebenden geschriebenes Schriftstück in Händen halten sollte, begriff -er erst im Verlauf von Stunden. Als er nicht mehr zweifeln konnte, -zerriß er das Billettchen mechanisch in hundert Schnitzel und ließ sie -aus dem Fenster flattern. - -Im Zustand öder Empfindungslosigkeit verbrachte er eine Woche oder mehr. - -Dann, eines Mittags, als er bei Tisch im Café Wagner den städtischen -Anzeiger durchblätterte, fiel ihm eine liebevoll umzackte, -schöngesetzte Anzeige in die Augen: Hilde König und Professor Enderlein -empfahlen sich als Verlobte. - -Er las die Nachricht ein halbes dutzendmal. Bei der siebenten Lesung -lachte er so laut und schallend, daß die Leute an den Nachbartischen -ihn mißtrauisch anschielten, als hätten sie es mit einem Ausbruch -plötzlicher Verrücktheit zu tun. Er hatte die Situation zu -begreifen begonnen: der ernsthaftere und gediegenere Antrag des -Gymnasialprofessors mit der Schalltube war geahnt worden, aber noch -nicht eingetroffen, als der seine eintraf. Das kindliche Lilabriefchen -verfolgte seine sehr klugen, dilatorischen Zwecke. Und als ... - -Perthes zog es vor, das Café zu verlassen, um nicht noch einmal der -Gegenstand bedauernd-ängstlicher Blicke zu werden. - -Auf der Straße lachte er von neuem. Es klang dumpfer, härter, -verbissener. - -Er schwänzte am Nachmittag das Institut. Gegen fünf warf er sich -in sein Tenniskostüm und schlenderte den Fluß entlang, nach den -Spielplätzen. Noch war er nicht an der Brücke vorbei, als seine -künstliche Haltung zusammenbrach. Ein Sturm von Ekel, Verachtung, -Schmerz und Wut ergriff ihn. Eine Weltverzweiflung ohnegleichen, -ein Haß gegen sich und gegen die Menschheit insgesamt, gegen das -ganze jämmerliche Erdendasein drohte ihn zu ersticken. Statt nach -den Tennisplätzen lief er bis zum nächsten Dorf in der Ebene. Dann -wieder bergwärts. In irgendeinem Wirtshaus an der Straße nächtigte er. -In einem lichten Moment vertauschte er sein Tennisrakett leihweise -mit einem Knotenstock. Drei Tage trieb er sich besinnungslos in den -Bergen umher. Durch maßlose Anstrengungen suchte er den Aufruhr in -seinem Innern abzumüden. Sein überreizter Kopf spielte mehr als einmal -mit Selbstmordgedanken. Aber die Lilabriefkarte fiel ihm ein, die -schöngezackte Verlobungsanzeige. Das Lächerliche, Niedrig-Komische, das -in dieser Lösung einer von ihm bis in den Himmel gesteigerten Liebelei -lag, bewahrte ihn vor der äußersten Torheit. Der „Laufkoller”, wie -Doktor Markwaldt jenen Trieb getauft hatte, mit dem Perthes einer -seelischen Unmäßigkeit durch eine körperliche Herr zu werden strebte, -tat seine Schuldigkeit. Bis auf den Tod erschöpft, apathisch, innerlich -und äußerlich abgerissen, kam er in Fräulein Eschborns Mietshaus zurück -... - -Jetzt hatte er seine böse Wanderschaft ausgeschlafen wie einen Rausch. -Was nachkam, war auch die grenzenlose Ernüchterung des Rausches. - -Perthes sprang vom Bett auf und trat ans Fenster. - -Das Gewitter vergrollte in der Ferne, dort, wo der Fluß zwischen -einsamen Pappeln sich in der Ebene verlor. Die Sonne rang sich mit -dunkelgoldenem Glanz aus dem abziehenden Gewölk, glitzerte sanft auf -den Wellen und leckte die Dächer trocken. Die abendliche Luft in ihrer -wiedergewonnenen Reinheit wehte kräftig gegen ihn. - -Mit Ungeduld entledigte er sich der beschmutzten Kleider. Als gelte -es, mit dem körperlichen Menschen auch den seelischen reinzuscheuern, -überschwemmte er sich und die halbe Stube mit Wasser. Erst als er sich -von Kopf bis zu Fuß umgezogen hatte, gab er Ruhe und setzte sich in den -rohrgeflochtenen Schaukelstuhl. Mit seltener, kühler Klarheit hielt er -Kritik über sich und sein Dasein in den letzten Jahren. Wenn er alles -Drum und Dran an aufgeputzten Gedanken und verstiegenen Gefühlen abtat, -erschien er sich wie ein großer, unreifer Junge, der mit den Gliedern -seines Leibes so wenig anzufangen wußte wie mit den Fähigkeiten seines -Geistes und darum beide mißbrauchte. Er war kein Mann. Mochte er sich -vormachen, was er wollte: dem bißchen Leben, das da auf ihn zugekommen -war, um ihn zu prüfen -- dieser Verliebtheit und ihrer Enttäuschung -hatte er seinen Mann nicht gestellt. Wie ein Junge -- jawohl, wie ein -Junge hatte er in ohnmächtiger Wut den Boden gestampft, geschrien, -geheult und war ausgerissen! Nicht mehr Zorn und Verzweiflung -erfaßte ihn jetzt, sondern eine tiefe Traurigkeit, eine zerknirschte -Beschämung, ein hoffnungsloses Gefühl des Verlassenseins. Er wie kein -anderer gehörte zu den Männern, deren Schicksal sich an den Frauen -entscheidet. Sein Charakter konnte nur in der Liebe Klärung, Halt, -sich selber finden. All sein Suchen von Wissenschaft zu Wissenschaft -galt doch nur der Leibhaftigkeit des Lebens und nicht dem Wissen. Er -konnte nicht allein sein, weil er allein nicht mit sich fertig wurde. -An einen Menschen außer sich mußte er sich klammern können, um seiner -eigenen Kraft teilhaftig zu werden. Er mußte weiter suchen und würde -doch nur immer irren. Sein zufassendes Temperament, das stets zuerst -das Ziel begehrte, ermattete vor der trostlosen Ziellosigkeit einer -ewigen Irrfahrt. Die Erschlaffung des Herzens löste die des Körpers -ab. So allein wie er war niemand. So zur Einsamkeit verdammt und zur -Zweisamkeit geschaffen. Diese Erkenntnis hatte er gewonnen, und im -gleichen Augenblick, wo sie sich ihm gab, drückte sie ihn zu Boden. - -Es hatte an die Tür seines Zimmers gepocht, ohne daß er darauf geachtet. - -Das Klopfen wurde wiederholt, und Perthes rührte sich nicht. Er hatte -ja gesagt, daß er nicht gestört sein wollte. Vergeblich drückte der -Einlaßbegehrende die Klinke nieder. Die Tür war verschlossen. Ein -unwilliges Brummen ließ sich von draußen hören. Dann erfolgte ein -Rascheln auf der Schwelle, und durch die Spalte unter der Tür schob -sich ein Brief. - -Der Briefbote stapfte laut die Treppe wieder hinunter. - -Bei dem raschelnden Geräusch hatte Perthes unwillkürlich den Kopf nach -der Tür gewandt. Er sah den eingeklemmten Brief. - -Der konnte warten. - -Schließlich erhob er sich doch und nahm ihn auf. - -Die Adresse war in einer kecken, schnörkellustigen Damenhandschrift -hingeworfen, die er nicht kannte. Nachlässig öffnete er das Kuvert. Ein -Bogen mit Blindenschrift fiel ihm entgegen. - -Marga Richthoff stand mit Bleistift, schief, aber in sicheren Zügen -unter den Punkten. - -Halb neugierig, halb mißtrauisch las er die Zeilen. - -Er legte das Blatt auf den Tisch, stützte die Arme auf und beugte sich, -den Kopf zwischen die Hände fassend, darüber. - -Da gab es also doch jemand, der sich um ihn kümmerte. - -Seltsam! - -Seine Mundwinkel zuckten bitter. Er überlegte. In den letzten -Wochen hatte er blutwenig an Marga gedacht. Wenn sie einmal vor ihm -auftauchte, drängte er sie in dem Mißbehagen über die unerfreuliche -letzte Begegnung beiseite. Vollends in den Tagen seines unsinnigen -Umhertreibens war sie für ihn wie ausgelöscht gewesen. - -Und jetzt ging von ihren paar Zeilen, die so einfach und gerade waren, -ein eigentümlich beruhigendes, warmes Gefühl auf ihn über. Er verglich -diese Zeilen im Geist mit dem nichtssagenden Billett von Hilde König, -das seine Krisis eingeleitet hatte, und Margas Gesicht tauchte vor ihm -auf: das weiche, verlittene und doch von einer inneren Sonne verklärte -Gesicht der Blinden, ihre ruhigen Bewegungen, ihre sanfte Bestimmtheit -in Wort und Ton. Er meinte die blicklosen, tiefen Augen mit ihrem -anspruchslosen zarten Blau dringend und bittend sich zugewandt zu -sehen. Wie mit einer geheimen Fernkraft, die in dem Stückchen Papier, -den paar Punkten und den paar Buchstaben des Namenszuges ihre Leitung -gefunden, wirkte ihr Wesen auf ihn. Noch nie war ihm die große, reife -Stille dieses Wesens so lebendig nahegetreten. Warum hatte er sie nicht -früher so klar erkannt wie jetzt? Warum hatte er ihr nicht fester -vertraut? Warum hatte er sich so schnell abkühlen lassen und war -nicht zu ihr gegangen, statt sich närrisch und kindisch auszutoben? -„Ihre Freundin ist in Sorge um Sie” -- das waren die Worte, die er -sich wiederholte und immer wiederholte. Sie wollte ihm helfen; sie -hatte nicht wissen können, wie schwach er war, als sie ihn auf sich -selber verwies. Jetzt, durch ihre Zeilen hatte sie ihm geholfen! Ein -Hauch des Friedens, nach dem er sich sehnte, streifte ihn. Er war -nicht ganz allein. Der Druck der Einsamkeit wich, und dafür wuchs eine -leise Freude in ihm auf. Eine Dankbarkeit, die durch das Bewußtsein, -Marga unrecht getan, sie verkannt, sie noch nie in ihrem vollen Wert -geschätzt zu haben, zu einer Schuld wurde, die er abtragen wollte. Er -mußte ihr etwas Gutes erweisen. Ihr seine Achtung, seine Verehrung, -seinen Dank bezeugen. Und wie er nun einmal war, mußte er es gleich -tun, gleich -- es duldete keinen Aufschub! Er hatte sie lange genug -vernachlässigt! - -Eine Minute später stürmte Perthes die Treppe hinunter, die er am -Morgen erschöpft heraufgekrochen war. Im Hausflur hätte er um ein Haar -Fräulein Eschborn umgestoßen, die ihren Augen nicht traute, als der -Doktor mit freundlichem Kopfnicken, vergnügt und tadellos gekleidet, -an ihr vorbeischoß. Kein Zweifel -- der Mieter von Nummer eins gehörte -einer Spezies zu, die ihr doch noch nicht vorgekommen war. - -Perthes lief, nur seiner Eingebung folgend, dem nächsten besten -Blumengärtner in den Laden. Er wollte Rosen haben. Rote? Nein. Rote -paßten nicht. Weiße? Die hatten etwas Trauriges. Rote und Weiße, so -ungefähr einen Armvoll. - -Mit dieser Bürde eilte er nach der Straße am Wenzelsberg. - -Er sah weder rechts noch links. Er bemerkte deshalb nicht, daß -unterschiedliche Spaziergänger, die ihm begegneten, über sein blindes -Rennen und über seinen Arm voll Rosen die Köpfe schüttelten. Er sah -auch Alice Hupfeld nicht, die, vom Sportplatz zurückkehrend, wo man der -Nässe wegen doch nicht hatte spielen können, mit Markwaldt an einer -Ecke plauderte und bei Perthes' Anblick eine vieldeutige Grimasse -schnitt. Erst in der Nähe des Richthoffschen Hauses verlangsamte er -seinen Lauf. - -Er sah auf die Uhr. Es war gleich halb acht. Soviel er sich entsinnen -konnte, also die Zeit, wo bei Richthoffs Abendbrot gegessen wurde. Dann -blickte er auf seine Rosen. Eigentlich -- genau genommen -- das, was er -wollte, hatte seine Bedenken. Wenn ihm der alte Herr entgegenkam? Wenn --- und wenn ... Ein Wenn ums andere verzögerte seinen Schritt. - -Er war dicht am Haus. Dort war der Vorgarten, über der Mauer, hinter -der geflochtenen Eisenbalustrade. Er ging auf die andere Seite der -Straße. Da saß richtig jemand unter den Kastanien. Es war Marga. Sie -hatte sich eine Decke auf die Bank gelegt. Die Abendsonne hatte den -Kiesboden leidlich getrocknet, und sie genoß die regenfrische Luft. Als -er sie gewahrte, sank ihm erst recht der Mut. Die Scheu, nach dem, was -er eben erst hinter sich hatte, unvermittelt vor sie hinzutreten, hielt -ihn unschlüssig zurück. Sollte er umkehren? Bis morgen warten? - -Ratlos wandte er den Blick hinter sich, die Straße hinunter. - -Leicht und schnell kam ein junges Mädchen um die Ecke der nächsten -Seitenstraße, in einer duftigen weißen Bluse. - -Es war Elli. - -Mit ein paar Schritten war Perthes bei ihr. Er grüßte: „Wollen Sie mir -einen großen Gefallen tun, Fräulein Richthoff?” fragte er hastig und -ohne Umschweife. - -Elli sah ihn aus schalkhaften Augen verwundert, ein klein wenig -spöttisch an. - -„Bitte, geben Sie das Fräulein Marga!” Er reichte ihr seinen Bund von -weißen und roten Rosen. - -„Aber, sie sitzt ja dort!” lachte Elli. „Bringen Sie ihr's doch selbst!” - -„Das geht nicht! Nein, nein --” wehrte Perthes und drängte ihr den -Strauß in die Hände. - -„Und was soll ich bestellen?” - -„Gar nichts, oder doch --” Er überlegte. „Doch, sagen Sie -- sagen -Sie, dem Freund sei geholfen! Er danke der Freundin!” Und als fürchte -er irgendwelche Einwände, schwenkte er seinen Hut und machte sich -schnurstracks davon. - -Elli besann sich nicht lange. Das Haustor erreichen, die Stufen -hinaufspringen und auf Marga zueilen, war eins. - -„Da, Margakind, da!” Sie schob den duftenden Strauß der Schwester so -heftig entgegen, daß diese betroffen zurückfuhr. - -„Aber was ist denn nur?” stammelte Marga. - -„Von Doktor Perthes!” erklärte Elli außer Atem und triumphierend. Dann -wiederholte sie getreu seine Worte: Dem Freund sei geholfen. Er danke -der Freundin! - -Und Marga ergriff das lockere volle Gebinde mit zitternden Händen. Sie -vergrub ihr Gesicht tief, tief in die roten und weißen Rosen ... - - - - -6 - - -Es war erst Anfang Juli und noch vier Wochen bis Semesterschluß. -Trotzdem hatte Vater Richthoff, unerwartet und überraschend, -beschlossen, zu reisen. Er brach seine Vorlesungen und Seminarübungen -ab. Als ausgemachte Sache verkündigte er seinen Mädels, daß er nach -Kissingen fahre. Käthe solle ihn begleiten. Es war Mittwoch. Bis -spätestens Montag müsse man fahren können. - -Kein Wunder, daß dieser allerhöchste Ukas das Haus am Wenzelsberg von -oben bis unten umkehrte. Die Mädels hatten, zum mindesten in der Idee, -so viel zu tun, daß sie gar nicht wußten, wo anfangen. Es galt nicht -nur tausend Dinge zu besorgen, sondern, was noch viel zeitraubender -war, zu bereden. Nach den Gründen zu forschen, die den jähen Aufbruch -des alten Herrn veranlaßten, getrauten sie sich nicht. - -Diese Gründe würde der alte Herr auch keinesfalls verraten haben. Sie -waren ihm selbst erst zwei Tage vor dem Entschluß einleuchtend gemacht -worden. Und zwar vom Arzt. Seine „Bande” brauchte von der fatalen -Vorgeschichte nichts zu wissen. - -Am Montag war, wie alle vierzehn Tage, Kegelabend gewesen. Da pflegten -sich der Geheimrat, Wilmanns, Borngräber und einige Freunde von -verschiedenen Fakultäten gemütlich in einer bejahrten Schenke am -Haspelgraben zu treffen und ihrer wissenschaftlichen Übersättigung -im Kegelschieben Luft zu machen. Außerdem wurde auch das Neueste -vom Neuen aus akademischen Kreisen kolportiert und glossiert. Nur -so nebenbei, aber mit vernichtendem Witz. Jede Fakultät hatte dafür -ihren Spezialisten. Den Klatsch der philosophischen bearbeitete Papa -Wilmanns; den juristischen gab Geheimrat Roller, ein Epikureer mit -ehrwürdigem Faungesicht, sehr pikant zum besten. Der theologische -troff süß und lieblich aus dem sanften Mund des Professors Hegewald, -eines beliebten Damenpredigers von weicher, hoher Christusgestalt; -den naturwissenschaftlich-mathematischen brachte Krausewetter, ein -dicker, sehr cholerischer Herr, der alle Entdeckungen anderer schon -lange vorher gemacht und nur, da sie ihm nebensächlich erschienen -waren, verschwiegen hatte. Dem medizinischen endlich widmete sich mit -trockenem, sachlichem Spott Geheimrat Geismar, in seiner nüchternen, -bescheidenen Zurückhaltung der wandelnde Gegensatz seines Kollegen -Hupfeld, der vielbesprochenen chirurgischen Exzellenz, die, erhaben -über das kegelnde Banausentum, ihre eigene, nicht minder einflußreiche -Sphäre hatte. Man tat niemand weh in der Kegelbahn am Haspelgraben. -Dafür sorgten gutmütige Brummgeister wie Richthoff und naive -Kindergemüter wie Jakobus Borngräber. Aber man verschonte auch niemand. -Auch sich selber nicht. - -Hier ereignete es sich nun, daß Vater Richthoff mitten im Spiel von -einer Unpäßlichkeit befallen wurde. Professor Kreth, der liebenswürdige -Direktor der Universitätsbibliothek, hatte gerade den klassischen -Ausspruch eines norddeutschen Bibliothekars zitiert: Die Bibliotheken -wären herrliche Institute, wenn nur das verdammte Publikum nicht wäre! -Die Heiterkeit war allgemein. Richthoff trat als nächster Spieler -an. Ehe er noch die Kugel abschieben konnte, wurde er von Schwindel -befallen, schwankte und mußte von den besorgten Freunden geführt und -niedergesetzt werden. - -Geismar sprang sofort bei. - -Etwas Äther, ein Glas Kognak genügte, um den alten Herrn wieder zu -ermuntern. Er schlug die Augen auf. Als er sich dann von lauter -verdutzten Gesichtern umgeben sah, lächelte er. „Na, mein lieber -Hegewald,” scherzte er dem Theologieprofessor zu, „mit der schönen -Grabrede ist es diesmal noch nichts!” - -„Ein Racheakt, Kollege Richthoff!” erklärte der gleich wieder spaßende -Wilmanns. „Ein ganz infamer Racheakt Ihrer römischen Kaiser, sage ich -Ihnen!” - -„Ohne Zweifel,” meinte Geismar ernsthafter, während er Richthoff -forschend beobachtete, „Sie müssen in den letzten Wochen des Guten -zuviel getan haben.” - -Borngräber, der mit seinen kugelrunden Augen verwundert aus dem -krausbärtigen Gesicht sah, rezitierte tiefsinnig aus dem Arabischen: -„Keine Krankheit ist schlimmer als Unverstand.” - -„Ach was! Diese verwünschten Prätorianer werden mich noch lange nicht -kleinkriegen. Noch weniger als der brave Nerva!” Vater Richthoff -stand auf, reckte sich, zog die buschigen Augenbrauen in die Höhe, -zum Zeichen, daß er sich pudelwohl fühle, und kommandierte: „An die -Gewehre!” - -Mit voller Kraft schob er seine Kugel. - -Der Zwischenfall war erledigt. - -In bester Laune spielte man wie sonst, bis nach elf Uhr, und ging nach -einem letzten Schoppen und einer vorletzten Zigarre angeregt heimwärts. - -Geismar, der in der Neustadt wohnte, schloß sich auf dem Nachhauseweg -Richthoff an und begleitete ihn bis vors Haus. Um sich noch -auszulüften, wie er vorgab. „Haben Sie schon öfter mal solche kleinen -Klapse gehabt, Kollege?” forschte er beiläufig vor dem Abschied. - -„Nicht daß ich wüßte!” erwiderte der alte Herr. „Hat ja wohl auch -nichts Großes zu bedeuten?” warf er nach einer Weile im Ton der Frage -hin. - -„Glaube kaum,” meinte Geismar. „Aber für alle Fälle, lieber Richthoff, -machen Sie mir mal morgen das Vergnügen und kommen Sie zu mir.” - -„Womöglich gleich in die Klinik?” scherzte Richthoff abwehrend. - -„Nur in die Privatwohnung. Zwischen vier und fünf Uhr. Auf einen -Sprung.” - -Der alte Herr wollte nichts davon wissen. - -Aber Geismar redete ihm mit so freundschaftlicher Bestimmtheit zu, daß -er, der vorgerückten Stunde wegen, versprach, die Sache in wohlwollende -Erwägung zu ziehen. - -Der alte Herr dachte ursprünglich durchaus nicht daran, Geismars -Einladung nachzukommen. Aber er schlief schlecht, und gegen Morgen -stellten sich erneute Beklemmungen ein. Da sagte ihm seine Vernunft, -bei seinen Jahren und angesichts der großen Arbeit, die noch vor ihm -lag, möchte es doch ratsam sein, mit sich hauszuhalten. Er stellte sich -also am Nachmittag bei Geismar ein. Was dieser schon bei dem gestrigen -Anfall vermutet hatte, ergab auch die Untersuchung: eine ziemlich -vorgeschrittene Arterienverkalkung. Doch sagte er davon Richthoff -nichts, sondern empfahl ihm nur für die Zukunft ein bißchen Diät: -weniger rauchen, wenig Alkohol und dergleichen. Vor allem aber und -sofort eine mehrwöchige Ausspannung. Womöglich mit einer leichten Kur -in Kissingen. Später Schweiz oder Bayern. Ohne Bergsteigen natürlich! - -Vater Richthoff gehörte zu den Naturen, die sich unangenehme -Aufklärungen, wenn sie ihnen nicht gerade aufgezwungen werden, gern -ersparen. Deshalb interessierte es ihn nicht weiter, auf was Geismar -diagnostiziert hatte. Er gab sich damit zufrieden, daß er, wie alle -älteren Leute, sein Herz nicht zu sehr strapazieren dürfte. Der -erste Halbband der Kaisergeschichte war druckfertig. Er fühlte sich -auch geistig etwas erfrischungsbedürftig, zumal da er die ersehnte -Italienreise in diesem Frühjahr sich immer noch nicht vergönnt hatte. -Trotzdem wetterte er über die Ratschläge seines ärztlichen Kollegen. -Doch der war Menschenkenner genug, um hinter den Ausfällen des alten -Herrn eine halbe Bereitwilligkeit zu entdecken und sie durch kluges -Zureden in eine ganze zu verwandeln. - -Der Erfolg blieb nicht aus. - -Am Mittwoch früh, nachdem der Geheimrat die Sache noch einmal -beschlafen, erfolgte der bekannte Frühstückserlaß: „Will am Montag mit -Käthe für ein paar Wochen nach Kissingen. Später vielleicht Schweiz. -Das Erforderliche vorbereiten!” -- - -Käthe war erfüllt von der Auszeichnung, die ihr zuteil wurde. Der -alte Herr pflegte sonst seine Reisen meist allein zu machen. Es waren -vorzugsweise Studienreisen gewesen, aber auch wenn er auf Erholung -reiste, legte er nachdrücklichen Wert darauf, die „Weiberwirtschaft” -los zu sein. Wohl einer Anregung des Arztes folgend, hatte er diesmal -anders entschieden, und Käthe kam denn auch ihrer Aufgabe, „das -Erforderliche vorzubereiten”, mit all dem peinlichen Eifer und der -geschäftigen Wichtigkeit nach, die einen wesentlichen Zug ihres -Charakters ausmachten. - -Für Elli und Marga, die sie rechtschaffen herumkommandierte, war es -gar nicht so leicht, diese schwesterliche, etwas herbe Überlegenheit -zu ertragen. Marga, glücklich in dem wiedergewonnenen Besitz ihrer -Freundschaft mit Perthes, der wie in früheren Tagen ungezwungen im -Hause aus und ein ging, fügte sich geduldig. Aber zwischen Elli und -Käthe kam es ein paarmal zu harten Auseinandersetzungen und hochroten -Köpfen. - -Das Ergebnis solcher kleinen Reibungen war, daß die beiden Jüngeren, -die durch Margas Geheimnis noch besonders verbunden waren, sich um -so enger zusammenschlossen. Sie bauten ihre eigenen, hoffnungsfrohen -Sommerpläne, denn etwas mußte ihnen Papa doch auch zugestehen! Wenn -Käthe eine so „erwachsene” Reise mit ihm machen durfte, erst ins Bad -und dann womöglich noch in die Schweiz, so durften sie nicht ganz -leer ausgehen. Das sah der alte Herr auch ein. Sie sollten ihre -Sommerfrische haben. Sie mußte aber möglichst nahe sein, denn Haus und -Garten mußten überwacht werden können. Und sie sollte so bescheiden und -billig sein, als sie sich nur finden ließ. Das verstand sich von selbst. - -Nach längeren parlamentarischen Verhandlungen wurde das von Marga und -Elli ausgearbeitete und höchsten Orts vorgelegte Projekt genehmigt: die -beiden sollten Mitte des Monats für einige Wochen in der „Sägemühle” -Quartier nehmen. So hieß ein bekanntes kleines Gasthaus, eine Stunde -flußaufwärts von der Stadt -- „an Wald und Wasser lieblich gelegen”, -wie es in den Prospekten hieß. Daß sie, vertrauensvoll sich selber -überlassen, keine Dummheiten machen durften, das wollte Vater Richthoff -sich ausgebeten haben! Dafür waren sie seine Töchter und alt genug, -um zu wissen, was sie tun und lassen mußten. Im übrigen wurden für -alle Fälle die Eltern Wilmanns mit einer feierlichen Vizevormundschaft -betraut. - -Bis Sonntag hatte Käthe mit Hilfe der Schwestern alle Vorbereitungen -getroffen. - -Die kleinen Zänkereien waren vergessen, die drei Mädchen befanden -sich in einer friedfertigen, durch den Abschied und die lockenden -Sommerpläne teils wehmütig, teils heiter erregten Stimmung: sie -gingen Arm in Arm durchs Haus oder auf den Weinberg. Es war ein -warmer, sonnenheller Tag, und der Feierklang der Kirchenglocken -flutete vom Tal die grünen Berghänge hinauf. Nachmittags -- die -Koffer waren gepackt, und nur im Arbeitszimmer des Geheimrats stand -noch eine Riesenhandtasche, die jederzeit in ihren offenen Schlund -wahllos die unglaublichsten Zettel und Broschüren von dringendster -Unentbehrlichkeit aufnehmen konnte -- nachmittags gab es noch einen -lustigen Familienkaffee, den Vater Richthoff mit seiner Anwesenheit -auszeichnete. Er war so aufgekratzt wie selten, voll kindlicher Freude -auf die bevorstehende Reise. Sogar ein Bocciaspiel im Hof schlug er -ganz von sich aus vor und beteiligte sich mit jugendlicher Munterkeit -am Werfen und Treffen der bunten Holzkugeln, die er vor Jahren aus -Italien mitgebracht hatte. Elli und Marga ließen sich von seiner -Fröhlichkeit anstecken. Zumal wenn Marga, die ja mehr oder minder aufs -Geratewohl die Kugeln schleudern mußte, einen Treffer machte, gab es -ein lautes Hallo des Beifalls. - -Käthe spielte mit zerstreutem Ernst. Sie wälzte in ihrem gründlichen -Köpfchen, unter der dunkelbeschatteten, herrisch-aufrechten Stirn seit -einigen Stunden eine Aufgabe, die sie auf den letzten Tag verschoben -hatte, weil sie immer nicht recht Zeit oder Mut oder Stimmung gefunden -hatte, sie auszuführen. - -Sie mußte nämlich noch mit Marga reden. Aus einem ganz bestimmten -Grund. Es galt, der Schwester gegenüber eine Pflicht zu erfüllen, die -ihr auf dem Gewissen lastete. Sie war ja sozusagen das Gewissen des -Hauses. Sie fühlte sich für alles und jeden verantwortlich. Und für -Marga noch im besonderen. - -Eine Aussprache -- Käthe war eine Meisterin in „Aussprachen” -- war -unvermeidlich. Sie faßte sich indessen erst nach dem Abendbrot ein Herz. - -Während Elli für Vater Richthoff dies und das, was ihm jetzt erst als -Neuestes und Wichtigstes einfiel, herbeiholte, nahm sie Margas Arm und -lud sie zu einem Gang auf den Weinberg ein. - -Einträchtig stiegen sie aufwärts, da und dort an den Stachelbeerbüschen -und Johannisbeersträuchern im Vorbeigehen naschend. - -Käthe schmiegte sich mit einer Zärtlichkeit an Marga, wie sie ihrer -herberen Art sonst nicht eigen war. - -Marga ahnte nichts. In ihrer Seele war, zumal jetzt, wo die Trennung -ihre Empfindungen mit einer zarten Melancholie begleitete, kein Platz -für Argwohn oder Mißtrauen. Noch nie war sie so sicher im Gefühl ihrer -inneren Unendlichkeit und ihrer äußeren Begrenztheit gewesen wie -in diesen Tagen, die ihr die Freundschaft mit Perthes vertieft und -bereichert wiedergeschenkt hatten. Noch nie hatte aber auch ein Mensch, -geschweige ein Mann, sie so in ihrem eigensten Wesen geachtet, wie er -es jetzt tat und in jedem Wort, jeder Handlung ausdrückte. Das gab ihr -eine zufriedene Heiterkeit, die sie wärmte und von innen nach außen -verklärte. - -Sie waren jetzt auf dem Philosophenweg angelangt. Atemholend nach der -Steigung, schritten sie langsam in dem Laubengang von einem Ende zum -anderen. Die Sonne lugte noch golden durchs wilde Reblaub. Von weiter -unten im Garten, wo es unmerklich dämmerte, hörte man vorlaute Grillen -zirpen und wieder verstummen. - -Käthe fand den Moment gekommen, um ihr Anliegen vorzubringen. Die -Überlegung hatte ihr feinliniges Gesicht etwas verschärft, die Erregung -es leicht gerötet. Sie strich sich über die Stirn und das wohlgeordnete -dunkle Haar. Dann legte sie die freie Hand in die Hüfte, als wollte -sie sich auch äußerlich einen gewissen feierlichen Halt geben. - -„Setzen wir uns ein wenig, Margakind.” Sie brauchte diesen -Schmeichelnamen, der von Elli stammte, fast nie; heute drängte er sich -ihr unwillkürlich auf die Lippen. „Ich möchte noch etwas mit dir reden. -Etwas sehr Ernstes, Zartes, was außer uns niemand hören darf.” Sie -führte Marga zu der Bank, die am nächsten Ende des Ganges stand. - -Dort ließen sie sich nieder, und Käthe nahm Margas rechte Hand in die -ihrige. - -Marga wußte nicht, was diese Vorbereitungen bedeuten sollten. Sie gab -sich geduldig darein und horchte mit einem halb neugierigen, halb -verwunderten Lächeln. - -„Du darfst mir aber ja nicht böse sein, hörst du?” hob Käthe lebhafter -wieder an. „Ich meine es nur gut mit dir, und wenn ich mich irgendwie -täusche, so nimm's nicht übel. Es geschieht nur aus Liebe!” - -„Aber was gibt's denn nur, Käthe?” fragte Marga mit zunehmendem -Staunen. „So sprich doch geradezu! Was willst du mir sagen?” - -„Weißt du, Margakind, so einfach, wie du dir's denkst, ist das nicht. -Ich hab' mir's lange überlegt. Oftmals dacht' ich, ich wollte mich gar -nicht hineinmischen. Aber schließlich sagte ich mir immer wieder: Ich -bin die Ältere! Elli, der du vielleicht mehr Vertrauen schenkst als -mir, ist so jung, manchmal so toll und unvernünftig. Sie meint es gewiß -immer sehr gut. Aber raten, besonnen und fest raten kann dir doch das -Kleinchen nicht!” - -Marga wurde mit jedem Wort betroffener. Ein kaltes, enges Gefühl -beschlich sie. Diese Andeutungen drückten sie. Sie spürte, daß jemand -die Tür zum Allerheiligsten ihres Herzens aufmachen wollte, und sperrte -sich dagegen. Unwillkürlich hatte sie ihre Hand der Schwester entzogen -und steckte sie hinter ihren Rücken. „Was willst du mir denn raten?” -fragte sie mit einem eigentümlich dunklen, schweren Ton. - -„Du sollst nicht meinen, Marga, daß ich mich in dein Vertrauen -eindrängen will,” versicherte Käthe. - -Aber du tust es ja doch! schwebte es Marga auf der Zunge. Doch hielt -sie die Worte zurück. - -„Ich tue nur, was ich für meine Pflicht halte. Und ich erwarte ja auch -gar nicht, daß du mir dankbar dafür bist. Das kannst du jetzt noch -nicht. Später wirst du mir's einmal danken, das weiß ich!” Käthe hatte -ganz ihre altkluge, mütterliche Würde gefunden, wie sie sie brauchte. -Die anfänglich erregte Hast ging mehr und mehr in eine gutgemeinte, -aber etwas lehrhafte Nüchternheit über. „Warum so viel Umschweife -machen? Du hast recht. Ich möchte einmal frei und ehrlich mit dir über -deine Freundschaft mit Doktor Perthes reden, Marga. Glaub' mir, ich -hab' viel darüber nachgedacht. Über die Freundschaft von Mann und Frau -überhaupt. Du darfst mir schon ein Urteil zutrauen. Ich kann im Leben -draußen so viel mehr sehen und erfahren als du. Ich glaube nicht, daß -es diese Freundschaft gibt. Und wenn sie's gibt, ist sie immer nur ein -Übergang. Und der, der zuerst hinübergeht zu etwas anderem -- verstehst -du mich, Margakind? -- der kann sehr, sehr unglücklich werden, wenn -der andere nicht nachfolgt. -- Jetzt ist's heraus. Das wollte ich dir -sagen!” - -Käthe umschlang die Schwester, als wollte sie sie tröstend an sich -ziehen. - -Marga erwiderte die Umarmung nicht. - -Schlaff ließ sie ihre Hände niederhängen und bog ihren Kopf zurück, um -sich Käthes Liebkosung zu entziehen. Das Herz war ihr wie zugefroren -bei diesen besonnenen Worten, und die Kälte teilte sich ihrem Körper, -ihrem Antlitz mit. Und doch stieg es sommerwarm auf vom Gras und von -den Blumen. Der Wind fächelte mild von der Ebene nach den Bergen -herüber, und die Grillen zirpten ringsum in der wachsenden Dämmerung. - -Käthe in ihrem Eifer nahm Margas Schweigen für ein Bekenntnis. Sie -wurde noch beredter und eindringlicher. Vielleicht, ja gewiß wußte -Marga selber nicht, was in ihr sich vorbereitete. Sie sollte sich -nicht täuschen lassen durch Perthes' Liebenswürdigkeit. Die Männer, -und zumal solche Männer, die sie, Käthe, durch und durch kannte, -dachten sich nichts bei einem temperamentvollen Wort, einem Handkuß, -einem Strauß Rosen, den sie in einer Laune ihren Freundinnen in den -Schoß legten. Sie wollte ja Marga nur warnen. Gerade jetzt, wo sie -und Elli allein blieben. Sie sollte sich bewachen; lieber zu schroff -als zu entgegenkommend sein; sich doch ja kein Gefühl einreden, das -nicht Wahrheit werden konnte. Käthe gab sich ganz nach; sie ließ -sich fortreißen von jener liebevollen Lieblosigkeit, der nur Frauen, -und die nur untereinander fähig sind, jenem Gemisch von Güte, Neid, -Hingebung, falscher Mütterlichkeit -- der ganzen Weiblichkeit, wie -sie natürlichste Natur ist -- schön und häßlich in einem. Ihre -Redeflut, die selbstgewiß und selbstgefällig in den weichen Sommerabend -hinausfloß, endigte in einem Appell an Margas Charakter: sie war stark -genug, um zu entsagen. Wozu brauchte sie die Liebe eines Mannes, die -ihr nun einmal vorenthalten sein mußte? Sie hatte ja Kraft und Liebe -genug in sich und um sich. „Glaub' mir, Margakind, und wenn du's heute -nicht glauben kannst, glaubst du's morgen. Goethe hat recht, wenn er -sagt ...” - -Marga hörte nicht, wie recht Goethe hatte. Sie hörte überhaupt längst -nicht mehr, was Käthe sprach. Sie fühlte nur, daß ein Unberufener -nun doch mitleidslos sich eingedrängt hatte in das zarte Geheimnis -ihres Herzens. Sie hätte aufschreien mögen: Hände weg von meiner -Seele! -- aber dann war es schon zu spät. Diese Hände tappten und -tasteten, suchten und fanden, und legten sich grausam auf die Wunde, -die sie ängstlich behütet, fürsorglich verbunden und verborgen hatte. -Nun brach sie auf und blutete. Es weinte in Marga vor Schmerz. Und -gleichzeitig empörte es sich in ihr gegen die Entweihung. Wer war -die, die es wagen durfte, so mit ihr zu reden? Woher nahm sie das -Recht, ihr Vorschriften zu machen? Ihr, die längst all das in sich -beraten und durchgekämpft? Die sich nichts, aber auch gar nichts von -dem erlassen und geschenkt hatte, was ihr jetzt mit fast übermütiger -Selbstzufriedenheit vorgehalten wurde? Was kaum je bei ihr geschah: sie -verlor ihre Beherrschung. Ihre Besinnung wurde übertäubt von dem einen -leidenschaftlichen Wunsche: Fort! Nichts mehr hören! Nichts antworten! -Laufen -- weit, weit! Bis ans Ende der Welt, um allein zu sein, allein -mit sich, seinem Leid, seiner Bürde, seinem Geheimnis hoffnungsloser -Liebe! - -Mit einem jähen, heftigen Ruck, der Käthes Hände unsanft von ihr löste, -war sie aufgestanden. „Ich danke dir, Käthe!” rang es sich fremd aus -ihrem Mund. „Überlaß das nur mir. Ich bin immer allein mit mir fertig -geworden. Ich brauche niemandes Hilfe, um zu wissen, was ich vom Leben -erwarten und annehmen darf, was nicht!” - -Verdutzt blickte Käthe an ihr empor. So hatte sie Marga, die Sanfte, -Verträgliche, Geduldige, noch nicht sprechen hören. „Aber Marga, du --” - -„Wenn ich einsam sein soll, so achte auch du meine Einsamkeit. Mehr -kann ich dir nicht antworten.” - -Käthe schwieg. Wie Marga jetzt vor ihr stand, im Schatten der Dämmerung -gegen den verblassenden Abendhimmel sich hoch und stolz abzeichnend, -die Lippen aufeinandergepreßt, die Augen streng und abweisend in die -Ferne gerichtet, fühlte sie, die Ältere, die Erfahrenere und Sehende, -sich einen Augenblick klein, unbedeutend mit all ihrer Altklugheit -- -gegen die Blinde, die so sicher und stark auf ihren Weg hinaussah. - -Nur einen Augenblick. - -Dann erhob sie sich aus dieser verstohlenen Demütigung doppelt -gekränkt, verkannt und erbittert. - -Aber ehe sie dafür den rechten Ausdruck fand, hatte sich Marga am -Geländer der Laube entlang getastet. Sie eilte die Steinstufen hinab -und lief den Zickzackweg hinunter -- ohne Hilfe, behend wie ein -Sehender, sicher geleitet von jenem fast übernatürlichen Instinkt, den -die Erregung noch schärfte. - -Käthe wollte ihr nach. Sie rief ihren Namen. Es war Marga verboten, -allein die steile Gartensteige abwärts zu gehen. - -Doch sie stieß ja jede Hilfe von sich! Mochte sie auf eigene Gefahr -sich zurechtfinden! - -Bei Käthe siegte die Erbitterung über die Besorgnis, die sie sonst -nie für die Blinde außer acht ließ. Sie war zu tief verletzt. Warum -hatte sie nicht geschwiegen? Hatte sie nicht vorausgewußt, daß sie -keinen Dank ernten würde? Nun war sie abgewiesen worden mit all ihrem -guten Willen, ihrer ehrlichen Meinung! Sie würde ihre Hilfe nicht mehr -aufdrängen. Gewiß nicht! Nie mehr! Über den Schläfen strich sie ihr -Haar zurück und prüfte die schweren Flechten, obwohl es Nacht geworden -war und keine Strähne in dem glatten Scheitel oder am Knoten sich -gelockert hatte. Ordnung war nun einmal ihr Element. Maß und Ordnung. -Mochten andere das Ungeordnete, Regellose vorziehen. Sie hatte auch nur -bei Marga Ordnung machen wollen. Wenn die es nicht brauchte, nicht litt -... - -Mit dem zugleich gemessenen und tänzelnden Schritt, der sich nichts -vergab und doch auch die Gleichgültigkeit gegen das, was vorgefallen -war, zur Schau tragen mußte, machte sich Käthe auf den Weg und kam eine -Viertelstunde nach Marga, leise vor sich hinsummend, ins Haus. - -Elli und Marga waren schon auf ihr Zimmer gegangen. - -Der Geheimrat wirtschaftete noch geräuschvoll in seinem Arbeitszimmer. -Man hörte ihn oben deutlich ab und zu gehen. Die Riesenhandtasche nahm -neue Unentbehrlichkeiten in sich auf. - -Käthe ging noch einmal gewissenhaft ihre Zurüstungen für den Reisetag -durch. Dann machte sie gemeinsam mit der schläfrig schlurfenden Therese -den üblichen Rundgang im Erdgeschoß, um den Verschluß von Läden und -Türen zu beaufsichtigen. - -Am anderen Morgen, in ziemlicher Frühe, nach einem hastigen Kaffee, -erfolgte der Abschied. - -Der alte Herr hatte sich alle Sentimentalitäten, besonders aber die -Begleitung auf den Bahnhof, streng verbeten. - -In letzter Minute konnte er doch nicht anders: er küßte Marga und Elli -barsch auf die Stirn. - -„Seid hübsch artig, Mädels; verstanden? Adieu!” Damit eilte er fort, -dem Wagen zu, der vor dem Haus wartete. Therese folgte keuchend mit der -zu unheimlichen Dimensionen angeschwollenen Handtasche, die noch eine -halbe Bibliothek verschlungen haben mußte. Der Hauptkoffer war schon -aufgeladen. - -Käthe und Elli umarmten sich. Mit Marga gab es nur einen Händedruck. - -Vom Vorgarten, unter den Kastanien hervor, winkten die beiden -Zurückbleibenden dem Wagen nach. Vater Richthoff salutierte. Käthe -nickte noch einmal und winkte mit dem Taschentuch. - -Die Fahrt ging um die Ecke nach dem Bahnhof. -- -- - -Dort, wo der Fluß, dem Zug der Waldberge folgend, zum letztenmal -eine mutwillige Schwenkung machte, um sich dann, des spielerischen -Geschlängels überdrüssig, geradeaus und kräftig in die weite Ebene -hinauszuwerfen, stand die „Sägemühle”. Dem Zweck, den ihr Name -andeutete, diente sie längst nicht mehr. Seit vielen Jahren war sie -nur noch ein einfaches, freundliches Gasthaus, rückwärts gegen den -Buchenwald gelehnt, vor sich einen schattigen Wirtsgarten, den nur -ein schmaler Weg von der Uferböschung und dem hurtigen Fluß trennte. -Da die Sägemühle kaum eine Stunde von der Stadt entfernt lag, war sie -ein beliebter Ausflugsort: an Sonntagen und schönen Sommernachmittagen -wurde sie von Bürgern und Professoren, von Kaffeeschwestern und -Studenten zu Fuß, zu Wagen und mit dem Boot viel besucht. In der -besten Zeit des Jahres fanden auch die paar sauberen Fremdenzimmer -ihre Liebhaber; wer anspruchslos an Buchenwald und Wasser, an guter -Verpflegung, an dem belebten Wechsel ländlicher Einsamkeit und -städtischer Ausflüglerfröhlichkeit sein Gefallen hatte, konnte sich bei -den willigen Wirtsleuten einige Wochen zufrieden fühlen. Spaziergänge -gab's in Hülle und Fülle: auf den Bergen durch die stundenweiten -Laub- und Nadelforste; im Tal zwischen wogendem Getreide, oder den -blumenüberwachsenen Uferpfad entlang nach kleinen Dörfern und alten -Städtchen, wo verfallene Raubritterburgen emporragten und sich im Fluß -spiegelten. - -So war Margas und Ellis Sommerheim beschaffen, in das sie vierzehn Tage -nach Vater Richthoffs und Käthes Abreise übersiedeln sollten. - -Stille, fröhliche Tage im Hause am Wenzelsberg gingen vorher. - -Zuerst hatte Marga noch unter der Aussprache mit Käthe gelitten. -Aber Elli mit ihrer frischen, glücklichen Wirbelwindnatur hatte -ihr den Kopf und das Herz lachend reingefegt. Jeden Tag wußte sie -etwas Neues vorzuschlagen, um Unterhaltung zu schaffen. Man sollte -zwar, nach der Mahnung des alten Herrn, keine „Dummheiten” machen. -Aber -- du lieber Gott! Das war ein weiter Begriff! Immer gescheit -und sittsam sein, war abscheulich langweilig. Daran war nicht zu -denken. Man war tüchtig spazierengelaufen, hatte sich auf den Straßen -umhergetrieben und die Menschen beobachtet, voran die Fremden, die -um diese Jahreszeit besonders aus Old-England und von jenseits des -großen Teichs reichlich zuströmten. Dann mußte man baden, Besuche -machen und empfangen, die Wohnung ein paarmal umräumen, mit Therese den -Küchenzettel besprechen, auf dem Weinberg dem Gärtner beim Pflücken -der Stachelbeeren und Johannisbeeren helfen, unerlaubte Bücher lesen, -im Vorgarten handarbeiten und die vorübergehenden Leute glossieren. -Und Elli duldete nicht, daß sich Marga von irgend etwas ausschloß. Die -Schwester einmal so recht „mitleben” zu lassen, sie, deren Geheimnis -sie innig teilte, von Herzensgrund schadlos zu halten -- das war Ellis -„Prinzip” für diesen Sommer. Sie stand sonst mit den „Prinzipien” nicht -auf dem besten Fuß. Das waren nach ihrer Ansicht Dinge für alte Tanten, -Backfische, Philosophieprofessoren und Spießer jeder Art, die sich -das Leben partout verekeln wollten. Aber Prinzipien, die zugleich dem -Herzen wohltaten und unterhaltend waren, mit denen konnte es gewagt -werden. Daß dabei Wilkens nicht zu kurz kommen durfte, verstand sich -von selbst. Er guckte öfters mal ein, wie Perthes auch. Man traf sich -zufällig auf einem Spaziergang. Zweimal sogar -- doch das setzte einen -harten Kampf mit Marga -- abends bei der Musik im Stadtgarten. Das war -so stilwidrig-unakademisch, daß man der Versuchung nicht widerstehen -konnte. Bei allem hielt Elli peinlich darauf, daß Marga „ihrem” Doktor -genau so gerecht wurde wie sie „ihrem” Erich. Die möglichste Gleichheit -beruhigte sie selbst und sollte Marga Freude machen. Wenn sich Marga -auch sträubte -- sie war nach der Auseinandersetzung mit Käthe mit -doppelter Vorsicht darauf bedacht, ihr Verhältnis zu Perthes und damit -ihr eigenes Gefühl in strengen Grenzen zu halten --, Elli wußte immer -mit der hinreißenden Dialektik ihrer siebzehnjährigen Verliebtheit und -Lebenslust jedes Bedenken fortzuplappern. Und kam sie nicht damit zum -Ziel, so sang und lachte sie es weg. Gegen ihr Lachen war Marga so -ohnmächtig wie gegen ihre losesitzenden Tränen. Es tat ihr im Grund der -Seele zu wohl, einmal jung mit den Jungen sein zu dürfen. - -Dann kam der Umzug nach der Sägemühle und dabei eine -Meinungsverschiedenheit, die Stoff zu schwerwiegenden Diskussionen bot. - -Elli hatte Wilkens längst und beizeiten verständigt, daß und wohin -man gehen würde. Marga dagegen bewahrte gegen Perthes Stillschweigen -und verbot auch der Schwester, Andeutungen zu machen. Die wachsende -Vertraulichkeit, in die sie sich durch die Gunst der Umstände und -durch Ellis fanatischen Gleichheitsdrang hineingezogen sah, begann sie -zu ängstigen. Sie war öfter und ungestörter mit Perthes zusammen als -sonst. Er pflegte die Freundschaft mit einer Achtung und Zartheit, die -sie beseligte. Nichts, was mit ihm vorging, unterschlug er ihr: seine -ernstesten Gedanken so gut wie seine alltäglichen Beobachtungen, seine -Stimmungen, die schweren wie die leichten, lud er vertrauensvoll bei -ihr ab. Sie fühlte instinktiv, wie diese schöne Vertraulichkeit, so -viel sie gab, doch auch an der Kraft zehrte, mit der sie ihre wahre -Gesinnung für ihn niederhielt. Wenn sie so stark bleiben wollte, wie -sie mußte, war eine längere Trennung das beste Mittel. Sie wollte -weggehen, ohne daß er wußte, wohin, und ohne daß er den Tag ihres -Aufbruchs kannte. Natürlich würde er sie leicht finden können. Es -gab außer dem Zufall, daß er nach der Sägemühle einen Ausflug -machte, Möglichkeiten genug für ihn, ihren Aufenthaltsort schnell -zu erforschen. Aber er sollte nicht aufgemuntert sein. Vielleicht -zürnte er über ihr Verschwinden. Doch ihr Gefühl ließ sie nicht -anders handeln. Es war freilich kein so klares, einfaches Gefühl wie -die, denen sie sonst folgte. Ihre Neigung hatte trotz aller Vorsicht -allerlei uneingestandene Heimlichkeiten miteingesponnen. Die Liebe -macht nun einmal, mit oder ohne Willen, auch die Starken schwächer, -als sie sind. Nein, Perthes sollte nicht aufgemuntert werden. Wenn er -kommen wollte, mußte er es schon ganz von sich aus tun. Von sich aus ... - -So ereiferte sich denn Elli diesmal vergebens. Sie stellte Marga vor, -wie grausam, rücksichtslos, unfreundschaftlich, ja geradezu unanständig -es sei, so zu handeln. Aber Marga blieb fest. Elli mußte sich fügen. -- - -An einem Montagnachmittag, nachdem die Möbel verdeckt, die Teppiche -und Gardinen eingekampfert, alle Rouleaus herabgelassen waren, so daß -Therese nur noch abzuschließen brauchte, setzten sich Marga und Elli -mit ihrem Handgepäck in den Lokalzug und fuhren flußaufwärts, zwei -Haltestellen weit. Dann holte sie die Fähre über nach der Sägemühle. - -Der große Koffer, eine sehenswürdige Häßlichkeit aus Vater Richthoffs -Junggesellenzeit, stand schon in dem blanken, behaglichen Zimmerchen -mit den weißen Tüllvorhängen und dem braungestrichenen Boden, zu dessen -offenen Fenstern der Buchenwald beinahe seine Zweige hereinstreckte. - -Noch am Abend mußten das Haus, der Garten und die nähere Umgebung -besichtigt werden, obwohl sie, längst bekannt, viele Überraschungen -nicht bieten konnten. Elli beschrieb Marga all die Herrlichkeiten -haarklein -- bis auf die Enten und Gänse, über die man stolperte. - -Das Abendbrot in einer Laube am Fluß schmeckte königlich. - -Die paar Ausflügler, die noch verstreut im Wirtsgarten saßen, reckten -verwundert die Hälse, so laut und ansteckend lustig klang das Lachen zu -ihnen herüber. - -Am anderen Morgen begann das Faulenzerleben der Sommerfrische, in -seinen Einzelheiten entworfen und geleitet von Elli. Erst anderthalb -Stunden Frühstück mit Massenvertilgung von Butter und Honig. Nicht -zu spät, aber auch ja nicht zu früh. Dann mit der Hängematte in den -Wald bis Mittag. Nach dem Essen in der Halle, einem luftigen Holzbau -mit großen, zum Teil bunten Glasfenstern und einem Orchestrion, wurde -geschlafen. Die anstrengende Untätigkeit des Vormittags forderte das. - -Zum Kaffee setzte man sich in den Garten, an einen versteckten Platz, -zwischen hohe Haselbüsche. Von dort ließen sich die Menschen, die -von der Stadt kamen, trefflich mustern. Elli versah sie einzeln mit -Etiketten, um sie Marga anschaulich zu machen. - -Als etwa anderthalb Stunden so vergangen waren, verstummte das Gespräch -eine Weile. - -„Weißt du,” legte dann Elli los, „ich hatte bestimmt erwartet, daß -Wilkens käme. Er hat mir's nämlich versprochen.” - -„Heute schon? Gleich am zweiten Tag?” fragte Marga, etwas erstaunt. - -„Sei du mal ganz ruhig, Margakind! Ich weiß jemand, dem es schon -greulich leid ist, daß er einen gewissen anderen Jemand nicht doch, wie -sich's gehörte, benachrichtigt hat!” - -„Da irrst du dich, Kleinchen!” versicherte Marga ernsthaft. - -„Na, wenn ich dein Doktor wäre, ich würde mich für so eine Freundschaft -bedanken. Gott, wenn ich denke” -- Elli fädelte eine neue Farbe für -ihre Stickerei ein und sah die Schwester dabei halb kritisch, halb -schelmisch von unten herauf an -- „du müßtest eine schrecklich biedere -und gestrenge Hausfrau abgeben, Marga!” - -„Schwatz' doch keinen Unsinn, Kind!” wehrte Marga, leicht errötend. - -„Oh, Gedanken sind zollfrei!” fuhr Elli unbeirrt fort. „Freilich, wenn -du immer so spröde und tugendsam mit deinen Verehrern bist wie in -letzter Zeit mit Perthes, hat's damit gute Weile.” - -„So sprich doch nicht so laut!” mahnte Marga. „Und nenne wenigstens -keine Namen! -- Ich bin doch zu ihm wie immer,” setzte sie nach einer -Weile zögernd, fast fragend hinzu. Hatte sie sich in jüngster Zeit -weniger frei und natürlich gegeben, dann war nur der Stachel daran -schuld, der von der Aussprache mit Käthe in ihr zurückgeblieben war ... - -Elli erriet ihre Gedanken. „Von Käthe hätte ich mich nun schon gar -nicht ins Bockshorn jagen lassen,” sagte sie überzeugt. „Abgesehen -davon, daß ihr Benehmen gegen dich haarsträubend taktlos war, hat sie -so altertümliche und hausbackene Ansichten, daß --” Elli stockte. Sie -bog einige Zweige des Gebüsches auseinander. Dann fuhr sie geräuschvoll -in ihrem Stuhl zurück. „Da haben wir die Bescherung!” rief sie mit -halblautem, aufgeregtem Kichern. - -Ehe sich Marga nach dem Wesen dieser Bescherung erkundigen konnte, -klang ein kräftiges „Guten Abend, die Damen!” zu dem versteckten Tisch. - -Im nächsten Augenblick schwenkten sich mit zeremoniellem Gruß zwei Hüte. - -Perthes und Wilkens, in traulichem Verein, standen im Bereich der -Haselbüsche. - -Elli tat riesig überrascht. „Nein, so was! Denk' mal, Marga, Doktor -Perthes und ein Herr Wilkens überrumpeln uns hier gleich zu zweien! -- -Sie kommen natürlich ganz zufällig?” - -„Natürlich -- ganz zufällig!” schmunzelte Wilkens, während man sich die -Hände schüttelte. - -„Und daß wir ‚gleich zu zweien‛ kommen, Fräulein Elli, wie Sie -liebenswürdig hervorheben, ist erst recht zufällig,” erklärte Perthes. -„Wir kommen auch in sehr verschiedener Sendung. Herr Doktor Wilkens --” - -„Pardon! Immer noch Wilkens!” warf Elli mit einem vernichtenden Blick -auf den fälschlich Promovierten dazwischen. - -„Ehe ich mich weiter insultieren lasse, bitte ich Platz nehmen zu -dürfen!” parierte Wilkens mit fröhlichem Gleichmut und nahm sich, -ohne die Erlaubnis abzuwarten, einen Stuhl. „Ich rate Ihnen dasselbe, -Herr Doktor Perthes, denn Sie wissen nicht, was die Damen noch für -Liebenswürdigkeiten bereithalten. Ich habe die Erfahrung gemacht --” - -„Ums Himmels willen!” unterbrach ihn Elli, sich die Ohren zuhaltend. -„Was der Mensch redet! Und dabei ist man zur Erholung hier!” - -„Das Schweigen ist oft viel bedenklicher als das Reden,” nahm Perthes -das Wort, indem er sich Marga gegenübersetzte. „Ich meine nämlich das -Schweigen von Fräulein Marga.” - -„Sie haben mich ja noch gar nicht zu Wort kommen lassen!” verteidigte -sich Marga. - -„Das hat noch gute Weile. Erst redet der Ankläger, dann der Angeklagte.” - -„Sie sind wohl inzwischen zur Juristerei übergegangen?” fragte Elli -naseweis. - -„Wollen wir uns nicht vorher ein Glas Bier kommen lassen?” meinte -Wilkens gemütlich zu seinem Nachbar. - -„Das können _Sie_! Denn Sie sind hier gewissermaßen eingeladen,” gab -Perthes zurück. - -„Eingeladen?” Elli schüttelte entrüstet ihren Blondkopf. „Das muß ich -mir schönstens verbitten. Herr Wilkens hat von mir allerdings erfahren, -wohin ich gehe. Aber eingeladen habe ich ihn nicht! Davor werd' ich -mich hüten!” - -„Weil er sowieso kommt,” ergänzte Wilkens, während er dem in der Ferne -vorbeistreifenden Kellner seine Bierwünsche durch Zeichensprache -deutlich machte. - -„Das tut Herr Doktor Perthes auch!” entfuhr es Elli übermütig. - -„Oho! Dagegen lege ich Verwahrung ein!” protestierte Perthes und schlug -lebhaft mit der großen Hand, die schon so sommersonnengebräunt war -wie das räuberbärtige Gesicht unter dem weißen Panama, auf den Tisch. -„Also, Fräulein Marga! Ich bin nur hier, um Rechenschaft zu fordern. -Wenn mir nicht Ihre Therese begegnet wäre, die auf dem Weg zum Bahnhof -grüßend an mir vorbeischnob, wüßte ich überhaupt nicht, wo Sie sind. -Herr Wilkens ist mein Zeuge, mit dem ich mich eine halbe Stunde später -auf der Landstraße traf. Man hat mich böswillig hintergangen! Man hat -mir kein Sterbenswörtchen von dieser Sommerfrischenidee gesagt. Ist das -freundschaftlich?” - -Marga suchte vergeblich nach dem rechten Ton, um auf den -scherzhaft-temperamentvollen Angriff einzugehen. - -„Sagte ich es nicht? Dieses Schweigen ist Schuldbewußtsein!” -triumphierte Perthes. „Wenn Sie sich wenigstens auf einen Spaß -hinausreden wollten!” - -„Einen Spaß?” kam es jetzt ehrlich, aber leise von Margas Lippen. „Da -müßte ich Sie geradezu anschwindeln, Herr Perthes!” - -„Sie wollen mir also einfach zeigen, daß ich durchaus nicht -unentbehrlich bin, Fräulein Marga,” sagte Perthes nach einer kleinen -Pause, aus dem heiteren Ton der Philippika zu gedämpftem Ernst -übergehend. - -„Vielleicht,” stammelte Marga zaghaft. Es kostete sie eine schmerzliche -Überwindung, dieses vor der Vernunft wahre, vor ihrem Herzen unwahre -Wort hervorzubringen. - -„Sie vergaßen dabei zu überlegen, ob Sie Ihrem Freunde ebenso -unentbehrlich sind,” erwiderte Perthes knapp und mit einem Anflug von -enttäuschter Bitterkeit. - -Die Unterhaltung stockte. - -Elli ergriff die Gelegenheit, um Wilkens einen Gang nach der -„Menagerie” vorzuschlagen. Die Wirtsleute der Sägemühle hatten im -Wirtschaftshof ein paar Kaninchen, einen Fuchs, allerhand Geflügel und -vor allem ein junges Rehzicklein, das Ellis besondere Gunst genoß und -Wilkens gezeigt werden mußte. Sie hatte nebenher den Gedanken, die -beiden, Marga und Perthes, würden sich allein schneller und besser -„zusammenzanken”. So pflegte das wenigstens immer bei ihr und Wilkens -zu sein. - -Diesmal irrte sie sich. - -Perthes verstand Margas Verhalten, das ihm plötzlich und willkürlich -verändert erscheinen mußte, nicht. In den letzten Wochen nach dem Bruch -mit Hilde König und der stürmischen Freundschaftskrisis mit Marga hatte -er sich stetig gesünder gefühlt. Dies ungezwungene, vertrauensvolle -Beisammensein gab ihm Ruhe und Gleichgewicht. Es stärkte in ihm den -Glauben an einen gewissen Wert seiner Persönlichkeit. Lebenslust -und Frohsinn kehrten ihm zurück. Er gab sich im einzelnen keine -Rechenschaft über die Fortschritte seiner Genesung. Nur daß er seine -Dankbarkeit ohne Rückhalt zur Schau trug. Ohne es zu wollen und zu -beachten, übertrug er etwas von der Leidenschaftlichkeit, die er in -seine phantastische Neigung für die kleine Ufernixe gelegt hatte, auf -seine Freundschaft. Ein halber Mensch, wie er selbst sich so gern -schalt, mußte er doch immer seine ganze, ungeteilte Person einsetzen, -wenn er, was freilich selten genug geschah, sich einem anderen über -das Maß alltäglichen Bekanntseins näherte. Und er war dann im Fordern -ebenso rücksichtslos, als er im Geben unbedacht war. - -Wenn er gewußt hätte, wie seine letzten, verbittert hervorgestoßenen -Worte auf Marga wirken mußten! Welchen Aufruhr sie in ihre Seele warfen! - -Was wollte er damit sagen? Wie tief ging dieser Vorwurf ihm selbst? Ob -er, unbewußt, doch angefangen hatte, mehr für sie zu empfinden, als die -Freundschaft schuldig war? - -Diese Gedanken wälzten sich quälend in Marga. Sie weckten eben die -Gefühle, die sie so tapfer niederhalten wollte und mußte. Sie -zehrten von neuem, stärker und gefährlicher als je, an der Kraft, -die zu bewahren -- freilich mit halben Mitteln -- sie eine Trennung -herbeizuführen gesucht hatte. - -Eine dumpfe, wehvolle Angst arbeitete in ihr. - -Sie durfte ihn nicht zurückstoßen. Und durfte doch auch seine -zunehmende Annäherung nicht dulden! Wo war die Grenze? Woher nahm -sie Kraft, immer neue Kraft, zu wollen, was sie nicht wollte; nicht -zu wollen, was sie wollte? Ihr Herz hatte auch sein Gesetz, auch -Kraft wider Kraft und bäumte sich auf gegen die Zügel, die sie ihm -anlegte. Das trübte die klare Stille ihres Wesens. Das nahm ihr ihre -Unbefangenheit. Sie erschien kälter, gleichgültiger und verschlossener -als sonst. Ihr Schweigen und seine Verstimmung nährten sich gegenseitig -und machten dies erste Alleinsein auf der Sägemühle für beide höchst -unerquicklich. - -Perthes war nahe daran, sich zu verabschieden. Da kamen Wilkens und -Elli zurück und brachten den Vorschlag, im Garten gemütlich Abendbrot -zu essen. - -Man war da jetzt ganz unter sich. Die letzten Gäste vom Nachmittag -waren im Aufbruch begriffen, und Elli wartete gar nicht erst eine lange -Erklärung von Marga oder Doktor Perthes ab, sondern wählte einen Tisch -weiter vorn im Garten, freier und näher dem Fluß, wo sie für vier -Personen decken ließ. - -Sie fand ihren Einfall riesig lustig und kommandierte Wilkens und -den Doktor abwechselnd für ihre Dienste. Perthes wollte nicht -zurückbleiben. Im Gegenteil, er überbot die anderen und sprang von -seiner Verstimmung über zu lauter Ausgelassenheit. - -Marga beteiligte sich an diesem Treiben nur widerstrebend, um niemand -die Freude zu verderben. Sie erriet, was in Perthes vorging. Mit einer -gewissen Absichtlichkeit wollte er ihr zeigen, daß er sich aus dem -Vorhergegangenen nichts mache. - -Dabei konnte er es nicht lassen, sie wieder und wieder zu necken. - -„Obwohl Fräulein Marga mich so schlecht behandelt!” -- „Trotzdem -Fräulein Marga gar keinen Wert auf meine Gesellschaft legt!” Solche -und ähnliche Wendungen ließ er ständig mit einfließen. Ohne Bedacht, -nur seiner inneren Gereiztheit nachgebend, trieb er das Spiel -jener Koketterie, deren auch Männer fähig sind. Er wollte Marga zu -irgendeiner Äußerung verlocken, mit der sie sich ins Unrecht setzte und -ihre Freude, daß er doch gekommen war, verriet. Sie sollte sich für das -„Verbrechen an der Freundschaft”, das er ihr vorwarf, entschuldigen und -damit seiner Eigenliebe schmeicheln. - -Er erreichte von Marga nur ein Lächeln, das matt und traurig aussah, -weil sein Benehmen ihn vor ihr verkleinerte und ihr an der Seele riß, -wo sie am empfindlichsten war. - -Es war um diese Stunde köstlich im Garten am Fluß. Er lag verträumt im -dämmerigen Schatten der mächtigen Linden und Ahornbäume. - -Draußen zog still, vom Schein des roten Abendhimmels überhaucht, Welle -an Welle. - -Am jenseitigen Ufer, auf den Wiesenhängen, wurde noch geheut. Der süße -Duft der Mahd flog über den Fluß. Die feinen Ränder der Waldberge -tauchten mit tausend und abertausend scharfen Tannenspitzen in den -letzten Sonnenglanz. - -Die wundersame Ruhe des Abends rang groß und beharrlich gegen die -lärmende Lustigkeit des jugendlichen Tisches im Garten. - -Ellis jubelndes Lachen, Wilkens' Jodler, die laute, hastige Stimme von -Perthes hielten vergebens dagegen. Die ländliche Mahlzeit, bestehend -aus zwei großen hochgebräunten Eierkuchen, frisch gepflücktem Salat, -Schwarzbrot und Butter, war mit gewaltigem Beifall begrüßt worden. Noch -war sie nicht vertilgt, noch hatten Perthes und Wilkens kaum um neue -„Metkrüge” geklappert, geläutet und gerufen, als schon das feierliche -Schweigen über das Laute seinen Sieg davontrug. Still und stiller, wie -draußen über dem Fluß und Wald, wurde es auch drinnen im Garten. Und -die kleinen, sanften Geräusche des Abends, die nur ebensoviele Lockrufe -der sieghaften Stille sind, machten das Gespräch vollends verstummen: -der späte, hell anhebende und kurz abbrechende Triller einer Lerche -im Feld; das Plätschern eines Fischerkahns im Wasser, der flußabwärts -glitt; ein fernes, gedämpftes Hundegebell aus dem nächsten Dorf. - -Elli war schnell für das Lyrische gewonnen. - -Als Wilkens wieder an sein geleertes Glas klimperte, flog ihm ein -„Prosaischer Radaumacher!” an den runden, wollig-blonden Kopf. Er wurde -ganz klein und verdrehte sentimental die so gar nicht melancholischen -Augen. - -Perthes hatte zu rauchen begonnen. Er stieß ein paar Wolken von sich, -blies Ringel von zartem Dunst und warf die Zigarre hinaus auf den Fluß. - -Marga saß in sich gekehrt neben ihm. Sie suchte sich aus der Stille des -Abends zur eigenen zurückzufinden. - -„Wir, Marga und ich, machen jetzt unseren Spaziergang über die -Wiesen, nicht wahr, Margakind?” erklärte Elli plötzlich und stand -auf. Marga nickte. Unbekümmert um Perthes und Wilkens, Arm in Arm -aneinandergeschmiegt, traten sie aus dem Garten. - -„Wir sind jetzt wohl beurlaubt?” fragte Perthes den mit ihm -zurückbleibenden Wilkens. - -Wilkens schüttelte den Kopf. „Nee, so lass' ich mich nicht in den Sand -setzen!” meinte er gleichmütig. „Im übrigen -- Fräulein Marga kenne -ich so genau nicht, aber Elli ist felsenfest überzeugt, daß wir zwei -hinterdreinschlendern. Wetten, daß --?” Er blinzelte den Doktor mit der -listigen Miene des erfahreneren Liebespraktikus an. - -„Da mache ich nicht mit!” versetzte Perthes bestimmt. - -„Meinen Sie, ich?” warf sich Wilkens in die Brust. „Es dauert keine -fünf Minuten, und die Mädels sind zurück; sowie sie merken, daß wir -streiken.” - -Es dauerte aber zehn Minuten und länger. - -Wilkens wurde unruhig. Er stand auf und ging ein paarmal halb verlegen -zum nächsten Tisch und wieder zurück. Dann sah er verstohlen über den -niedrigen Lattenzaun des Gartens weg, den Weg hinunter. - -„Schlendern wir 'n bißchen auf eigene Faust?” fragte er schon bedeutend -kleinlauter zu Perthes zurück, der sitzen geblieben war. - -Widerstrebend erhob sich dieser. Er war jetzt mit seiner Geduld zu Ende. - -Die Rücksichtslosigkeit, mit der er von Marga behandelt wurde, empörte -ihn. Am liebsten wäre er ohne Abschied heimgegangen. Er war zum ersten- -und letztenmal auf der Sägemühle. Das war eine ausgemachte Sache. Aber -er wollte es ihr offen sagen. Sie hielt ja so viel von der Offenheit -in der Freundschaft, wenn sie auch mit ihrem heutigen Verhalten das -Gegenteil bewies. - -Deshalb blieb er. Deshalb schlenderte er, unlustig genug, mit Wilkens -aus dem Garten in die angrenzenden Wiesen, am Fluß entlang. Er hatte -den Hut vom Kopf gerissen. Sein Gesicht hatte sich verfinstert. Der -Unmut, gleich wieder leidenschaftlich wie sein ganzes Temperament, lag -in tiefen Falten auf seiner Stirn und blickte ihm aus den Augen. Er -fuhr sich einmal ums andere durch den schwarzen Haarbusch oder strich -über den krausen Vollbart. - -Und dabei lag die Dämmerung so mild und verträglich ringsum. - -Das hohe Gras mit seinem Labkraut, seinen Schafgarben und -Kuckucksblumen überwucherte den schmalen Weg, den „Leinpfad”, auf -dem früher die Pferde an strammer Leine die Lastkähne stromaufwärts -geschleppt hatten. Das Wasser in seinem tiefen, stählernen Grau -rauschte und gluckste heimlich, als wollte es den sachten Abendwind, -den tuschelnden Geheimniskrämer, noch an bedeutsamer Wissenschaft -übertreffen. Und drüben, über den Heuhocken, den silberreifen -Kornäckern, dem Berg mit seinem schweren, düsteren Tannenmantel, lag -es wie feiner, rieselnder Taudunst. Auf all das achtete Perthes nicht. -Nicht einmal auf das gefühlvolle Summen von Wilkens, mit dem dieser -seinen zärtlichen Gefühlen Ausdruck verlieh. Nur die eigene Verstimmung -schien ihm der Aufmerksamkeit wert. - -Und dann, als der Leinpfad, dem Flußlauf folgend, sich bog und von ein -paar knorrigen Krüppelweiden eingefangen wurde, waren plötzlich Marga -und Elli dicht vor ihnen. Sie kamen langsam und stumm den Weg zurück. - -„Ist das auch eine Art, seine Damen ohne Schutz in die Nacht -hinauslaufen zu lassen?” rief Elli, die so ungewohnt lange auf ihren -Wilkens hatte warten müssen, den beiden zürnend entgegen. - -„Bitte sehr!” entgegnete Wilkens, „die Damen sagten uns ja gar nicht --” - -„Daß sie Wert auf unsere Begleitung legten!” ergänzte Perthes mit -Schärfe. - -Elli hing sich statt jeder weiteren Antwort an Wilkens' Arm. - -„Na, also!” schmunzelte Wilkens und führte sie wieder flußaufwärts -weiter. - -Marga stand vor Perthes. - -Unschlüssig blieben sie sich einen Augenblick gegenüber. - -Um keinen Preis hätte Perthes das erste Wort gesprochen. - -„Wollen Sie mir Ihren Arm geben?” fragte endlich Marga zaghaft. Ihre -Stimme klang weich, bittend, wie er sie den ganzen Nachmittag nicht -gehört hatte. - -Perthes tat sofort, wie sie ihn gebeten. Sie gingen in der, Elli und -Wilkens entgegengesetzten Richtung nach der Sägemühle zu. Er hatte sie -mit heftigen Vorwürfen empfangen wollen. Aber jetzt, wie sie so an -seiner Seite schritt, fühlte er sich ruhiger werden. Es war ein und -dieselbe Wirkung ihres Wesens, die sich ihm immer mitteilte, ob er -wollte oder nicht. - -„Ich war drauf und dran, heimzugehen, ohne Sie noch einmal gesprochen -zu haben,” begann er mehr traurig als zornig. - -Marga sagte nichts. Ihr Kopf war tief vornübergebeugt, als sähe sie auf -den Weg. - -Elli hatte mit ihr geredet und ihr ihr Betragen vorgeworfen. Sie wollte -liebenswürdiger sein. Aber es war schwer, so schwer! Irregemacht -an ihrer Zurückhaltung, die ihn kränkte, und doch sich bewußt, daß -jeder Schritt, den sie ihm weiter entgegenkam, sie schwächer und -unglücklicher machte, suchte sie umsonst den immer schmäler werdenden -Weg zwischen ihrem Stolz und ihrer Pflicht auf der einen, ihrer Liebe -auf der anderen Seite. - -Perthes fühlte, wie ihre Hand, die zufällig die seine streifte, kalt -war und zitterte. Was war das? Er schaute sie prüfend an. Weinte sie -denn? Es ging eine leise, schütternde Bewegung durch ihren Körper, -die ihm nicht entgehen konnte; aber er sah keine Träne in ihren -blicklosen Augen, als er sich vorbeugte. Und doch hatten ihre Züge den -Ausdruck des Weinens, einen seltsamen, rührenden, ergreifenden Ausdruck -verborgenen, inneren Weinens. - -„Was ist Ihnen denn, Fräulein Marga? Warum verstehen wir uns denn -heute nicht? Warum sind Sie so anders als sonst zu mir? Was haben Sie -nur? Habe ich irgend etwas verbrochen? Mißfällt Ihnen etwas an mir? So -reden Sie doch nur! Sagen Sie, was es ist!” Besorgt, dringend, beinahe -verzweifelt stieß er seine Fragen hervor. Es war keine Spur von Ärger -oder Bitterkeit mehr in seinen Worten. - -„Ich habe nichts gegen Sie. Gar nichts!” Marga schüttelte energisch -und abwehrend den Kopf. „Nur --” setzte sie flüsternd hinzu, „nur --” -wiederholte sie noch einmal kaum hörbar. Unfähig, sich auszusprechen, -kehrte sie ihr Gesicht von ihm ab. - -„Nur?” Er ließ sie los und stellte sich vor ihr auf den Weg. Er zwang -sie, zu ihm aufzusehen. - -Ihre leeren Augensterne hasteten scheu an ihm vorbei, hinaus in die -Weite. Als suchte sie die Nacht, die jetzt immer dichter heranzog, um -sich in ihr zu verstecken. - -Perthes nahm wieder ihren Arm. Willig ließ sie sich weiterführen. - -Er war ratlos. Er verstand sie nicht. Wieder und wieder betrachtete -er sie von der Seite. Nichts Trotziges, Eigensinniges war an ihr zu -entdecken. Aber ihrem Antlitz fehlte auch die Festigkeit, die Ruhe -und Klarheit, die sie sonst erfüllte. Eher war es Angst, Schwäche, -Hingebung -- eine scheue, hilflose Mädchenhaftigkeit, wie er sie so -nie bei ihr wahrgenommen hatte. Das warme, mitleidsvolle Gefühl, ihr -helfen, sie schützen zu wollen, regte sich in ihm. Er hätte sie an -seine Brust ziehen mögen. Nicht leidenschaftlich, sondern wie ein -Bruder die Schwester. Ihre Schulter streifte die seine. Noch einmal, -länger. Sie schien sich an ihn zu lehnen. Er war nahe daran, seiner -zärtlichen Empfindung nachzugeben, aber im selben Augenblick ließ Marga -ihn los. - -Sie riß sich zusammen, als ahnte sie die Bewegung, die er machen -wollte. Sie blieb stehen und warf die Arme hinter sich. Der Wind -ließ das Haar um ihre Schläfen flattern. Gewaltsam trat ein herber, -entschlossener Zug in ihr sonst weiches Gesicht. „Ich will Ihnen sagen, -was es ist,” preßte sie hervor. „Es gibt Zeiten, in denen ich einsam -sein muß. Ganz einsam. Ich brauche dann all meine Kraft nur für mich -allein. Und bin ungesellig und unfreundlich wie jetzt. Vielleicht -- -vielleicht --” Sie stockte. Dann kam es mit äußerster Anstrengung: -„Vielleicht wäre es besser, Sie besuchten mich -- in diesen Wochen -hier draußen -- gar nicht. Deshalb habe ich Ihnen auch nichts von der -Sägemühle gesagt.” - -Perthes sah sie mit bestürzten Augen an. Er wußte nichts zu erwidern -auf dies seltsame, unerwartete Geständnis. Auch keinen Zorn empfand -er gegen sie, daß sie ihn so gewissermaßen vor die Tür setzte. Nichts -von Enttäuschung, von Zweifel an ihrer Freundschaft. Dazu hatte er sie -zu sehr achten gelernt. Und er achtete sie gerade jetzt mehr als je, -obwohl er ihr Reden weniger begriff als ihr Schweigen am Nachmittag. Es -ging eine Traurigkeit von ihr aus, die auch ihn ergriff. Über die ganze -Landschaft schien sie sich auszubreiten -- über die dunklen Wiesen, -den schwarzen Fluß, die finster starrenden Waldberge. Und in dieser -Traurigkeit schritten sie nebeneinander weiter, ohne sich zu führen, -er links, sie rechts am Weg. Er hatte vergessen, daß sie blind war und -er sie führen sollte. Und sie wollte fern von ihm sein, so fern als -möglich, und nicht geführt sein. So allein, wie sie es ihr ganzes Leben -hätte sein sollen ... - -Ehe sie den Garten der Mühle erreicht hatten, wurden sie von Elli und -Wilkens eingeholt. - -Auch die waren stumm. Aber es war die Stummheit des Glücks: die glänzte -aus Ellis Augen und glänzte als ein sattes, seliges Lächeln auf -Wilkens' vollen Lippen. - -An der Böschung vor dem Garten lag noch ein Kahn. Der Schiffer, dem er -gehörte, lungerte am Zaun. Er hatte gehört, daß noch Fremde aus der -Stadt da seien, und bot nun hutrückend seine Dienste an. „Der Mond -kommt!” setzte er verheißungsvoll hinzu und deutete hinauf nach den -Bergen. Über einer Waldkuppe im Osten war es hell von weißem Licht. - -Wilkens wandte sich fragend zu Perthes. - -Der nickte zerstreut. - -Es gab einen schnellen Abschied von wenigen Worten. Dann stiegen die -beiden die Böschung hinunter und in den Nachen. - -Marga und Elli traten hinaus auf die Landstraße. Sie folgten eine -Weile dem Boot, das sich flußabwärts in die Mitte des Flusses -hinüberarbeitete. Die Ruderschläge hallten dumpf und gleichmäßig zu -ihnen zurück. Der Kahn und seine Insassen waren in tiefem Schatten. - -Dann stieg der Mond über den Berg. Draußen, stadtwärts, flimmerte der -Fluß in mattem, märchenhaftem Silber auf. Langsam breitete sich das -Licht über das schlafende Tal. - -Das Boot war jetzt in der Strömung. Schneller schoß es davon und -strebte aus dem Schatten, den die nahen Berge warfen, ins rieselnde -Silber da draußen. Elli winkte mit dem Taschentuch. Marga setzte sich -auf einen der Prellsteine, die die Landstraße säumten. - -Erst als sie schon weit von der Mühle waren, schaute Perthes zum -erstenmal zurück. - -Jetzt lag auch die Straße weiß im Schein des steigenden Mondes. - -Und er meinte Marga zu erkennen, wie sie da saß, die Hände im Schoß -gefaltet, das Gesicht mit den irrenden, suchenden Augen hinaus nach dem -Wasser gerichtet. - -Und mit einem Mal zuckte es von der hellen, fernen Gestalt herüber -in seine Seele, geheimnisergründend und rätsellösend, klar wie das -weiß flirrende Mondlicht: sie liebte ihn. Jetzt verstand er sie. Marga -liebte ihn ... - - - - -7 - - -„Dieser Perthes hat doch ein Schwein, nicht zu glauben! Finden Sie -nicht auch, Herr Professor?” - -„Na ja -- wie man's nimmt. Exzellenz scheint ihm sehr gewogen zu sein.” - -„Und dabei hat dieser sonderbare Heilige akkurat immer das Gegenteil -von dem getan, was ihn bei Hupfeld in gute Meinung bringen konnte! -Ich sagte ihm seinerzeit: ‚Wenn Sie hier was erreichen wollen, müssen -Sie Exzellenz Ihre Aufwartung machen.‛ Was gibt er zur Antwort? ‚Ich -besuche, wen ich will.‛ Ich führe ihn in unseren Sportklub ein. Alice -Hupfeld sagt ihm: ‚Sie müssen uns mal besuchen, Doktor! Papa hat von -Ihnen durch Rehbach in Bonn gehört. Er interessiert sich für Sie.‛ -Perthes nickt mit dem Kopf und -- bleibt weg. Denkt nicht daran, zu -Hupfelds zu gehen. Was geschieht? Drei Wochen später läßt ihn der -Geheime Rat höflich zu einer Besprechung in die Chirurgische bitten! -Mir steht der Verstand still.” - -„Warten wir ab! Perthes ist begabt. Ohne Zweifel. Hat auch Glück. Aber -ein unsicherer Kantonist. Er hat keinen Ehrgeiz, so wenig wie ich. Doch --- ~chi lo sa~? Vielleicht ist er Heiratspolitiker!” - -Diese freimütige Unterhaltung wurde im Bakteriologischen Institut -zwischen Professor Hammann, dem Chef, und dem ersten Assistenten -Doktor Markwaldt während der Frühstückspause geführt. - -Hammann saß mit übergeschlagenen Beinen in einem für ein Laboratorium -reichlich behaglichen Ruhesessel. Die paar Kaviarbrötchen, die ihm der -Diener mit einem Glas Sherry jeden Vormittag um elf Uhr präsentierte, -waren verzehrt. Er hatte den goldenen Kneifer abgenommen, wischte -sich apathisch die kurzsichtig-blöden Augen und rieb den Kopf mit dem -millimeterkurz geschorenen, grauschwarzen Haar am Sesselrücken. - -Markwaldt lehnte an einem der Tische und kaute an seiner Butterstulle. -Nach dem bedeutungsvollen Wort „Heiratspolitiker” hielt er es für -geraten, die Unterhaltung vorsichtiger zu führen. Der Chef schien -da auf Fräulein Exzellenz anzuspielen. Das war eine heikle Sache, -denn man munkelte, daß zwischen ihm selbst und Alice vor einigen -Jahren irgend ein zartes Verhältnis bestanden haben sollte. Genaues -wußte niemand. War es nur eine flüchtige Courmacherei gewesen, wie -die einen behaupteten, oder war es, wie andere mutmaßten, bis zu -einer Art Verlobung gekommen -- etwas hatte gespielt, so viel war -gewiß. Dabei standen die beiden nach wie vor im Sportklub auf dem -freundschaftlichsten Fuße. Daran erinnerte sich Markwaldt, während er -seine Stulle mit bemerkenswertem Appetit zerkaute. Ob sich mal ohne -Gefahr auf den Zahn fühlen ließ? - -„Heiratspolitiker?” wiederholte Markwaldt nach einer Weile -nachdenklich. „Das traue ich Perthes erst recht nicht zu. Erstlich -ist er, wie ich ihn kenne, überhaupt kein Politiker. Und zweitens -wüßte ich auch nicht, wem die Politik gelten sollte,” ergänzte er sich -unschuldig. - -„Na -- Sie sagen doch selbst, daß Fräulein Exzellenz ihn zum -Besuchmachen aufgefordert habe,” ließ sich Hammann gähnend vernehmen. - -„Ach, deswegen! Sie glauben doch nicht --” - -„Glauben? -- Ich glaube gar nichts, das heißt -- von den Frauen glaube -ich alles und gar nichts!” Hammann beschäftigte sich jetzt damit, mit -den Fingerspitzen die paar Brosamen von den tadellosen, hellgrauen -Beinkleidern wegzuschnellen. - -„Nein, nein! Da kann ich Sie vollkommen beruhigen, Herr Professor!” - -„Mich beruhigen? Was heißt das?” fragte Hammann etwas lebhafter, -während er sich im Sessel halb aufrichtete, den Kneifer auf die Nase -drückte und nun seinerseits den Sprecher mit einigem Mißtrauen ansah. - -Markwaldt merkte, daß er -- freilich nicht ganz zufällig -- eine -unvorsichtige Wendung gebraucht hatte, und beeilte sich, kein -Mißverständnis aufkommen zu lassen. „Wie ich höre,” erklärte er -mit geheimnisvoller Wichtigkeit, „soll Perthes einer von den -Richthoffstöchtern den Hof machen.” - -„Richthoff? Richthoff -- wer ist das?” Hammann besah sich gelangweilt -seine eleganten Fingernägel. Er kannte kaum die Professoren seiner -eigenen Fakultät, geschweige denn die der anderen. - -„Richthoff ist, soviel ich weiß, Ordinarius für alte Geschichte oder -einen ähnlichen Klumpatsch,” erläuterte Markwaldt. - -„Ach sooo ...” - -„Es sind, glaube ich, drei oder vier Mädels. So die richtigen -philosophischen Putchen --” - -„Na -- denn man zu!” Hammann erhob sich. Die Sache interessierte ihn -nicht länger. Er reckte seine schlanke, muskulöse Figur, die Figur des -wohltrainierten Vierzigers, die im Gegensatz zu Markwaldts dicker, -praller Stutzererscheinung weltmännisch-elegant im Sportjackett saß. Er -ging nach seinem Arbeitskabinett nebenan. „Hörten Sie übrigens schon -etwas von den Badener Rennen? Wann -- wie -- was?” fragte er unter der -Tür, den Kopf zurückwendend. - -„Noch nicht eine Silbe!” versicherte Markwaldt diensteifrig, während er -vom Tisch mit plumper Grazie auf den Boden hüpfte. - -Professor Hammann zog die farblosen Brauen über den grauen Augen in -die Höhe, tippte den ebenso farblosen, kurzen Schnurrbart mit den -Fingerspitzen und verschwand. Er zog die Tür hinter sich zu, um völlig -ungestört sein Berliner Sportblatt zu lesen. So lange konnte die Arbeit -ruhig noch warten. - -Markwaldt, sich selbst überlassen, machte sich pomadig an sein Präparat. - -Mit Neugier erwartete er die Rückkehr seines Kollegen Perthes. Es -dauerte bis gegen zwölf, ehe der Erwartete kam und nach kurzem Gruß, -als wäre nichts vorgefallen, an sein Mikroskop ging. - -„Wie hat Ihnen denn das große Tier gefallen? Erzählen Sie!” konnte sich -Markwaldt nicht enthalten, ihn aufzumuntern. - -„Sehr liebenswürdig,” erwiderte Perthes einsilbig. Er schien nicht die -mindeste Lust zu irgendwelchen Mitteilungen zu haben. - -„Was hat er denn von Ihnen gewollt?” - -„Allerhand.” - -Markwaldt ließ sich durch die zugeknöpfte Art von Perthes nicht -abschrecken. Und sollte er so viele Fragen tun müssen, als draußen vor -dem Fenster an den langweiligen Hornsträuchern Blätter waren. „Will er -Sie vielleicht zu seinem Assistenten machen?” forschte er unentwegt, -mit einer boshaften Betonung, die der ausweichenden Geheimnistuerei -seines Kollegen galt. - -„Und wenn er das wollte?” gab Perthes gleichgültig zurück. - -Markwaldt hielt mit der Arbeit ein und stemmte die kurzen, massigen -Arme in die Hüften. „Anzukohlen brauchen Sie mich aber nicht gerade, -Perthes!” sagte er ganz entrüstet. Er hatte die Frage nur aus Ulk -gestellt, und der Gedanke, daß davon auch nur ein Wort wahr sein -könnte, verursachte ihm Kongestionen. - -„Fällt mir nicht ein, Sie anzukohlen, Doktor Markwaldt. Hupfeld hat -mir in der Tat eine Assistentenstelle an der Chirurgischen Klinik -angeboten.” - -„Ja -- aber -- nu -- nu -- nu, sagen Sie mal!” Markwaldt kam aufgeregt -zu ihm heran und fuchtelte mit den Händen. „Das ist ja Mumpitz! Das -verbitte ich mir! Sie sind ja Bakteriologe! Sie --” - -„Wenn Sie's durchaus wissen wollen, wie die Sache kam -- nichts ist -einfacher!” erklärte Perthes, ohne von seinem Mikroskop aufzusehen. -„Vor einigen Wochen hatte ich die Bazillenschnüffelei so satt, daß ich -in einem Anfall von Mißmut an Professor Rehbach in Bonn schrieb, ich -hätte Lust, wieder zur Chirurgie zurückzukehren. Ob er etwas für mich -wüßte. Irgendeine Assistentenstelle. Ich hatte bei ihm doktoriert, und -wir verstanden uns immer leidlich. Inzwischen hatte ich die Geschichte -wieder so gut wie vergessen. Heute sagte mir auf einmal Hupfeld, sein -Schüler Rehbach, bei dem er wegen eines Assistenten angefragt, hätte -mich empfohlen. Ob ich Lust hätte. -- Fertig ist die Laube, würden Sie -sagen! Das ist alles.” - -„Menschenskind! Alles! Alles, sagen Sie! Als könnte es was -Selbstverständlicheres nicht geben!” zeterte Markwaldt. „Sie sind der -blasierteste Fasan oder das neugeborenste Lamm, das mir je vorgekommen -ist!” Er drehte sich auf dem Absatz rund herum und klatschte sich auf -den Schenkel. „Wissen Sie denn nicht, daß Hupfelds Assistenten, wenn -sie nicht geradezu Hornochsen sind, gemachte Leute sind?” - -„Sie sind sehr freigebig mit Ihren zoologischen Kenntnissen, Kollege!” -Perthes streifte ihn über sein Instrument weg mit einem spöttischen -Blick. - -„Sind Sie denn der Exzellenz nicht schlankweg um den Hals gefallen? -Oder haben ihr die berühmte Hand vor Rührung abgequetscht? Oder --” - -„Sieht mir das ähnlich?” - -„Nee, nee, ähnlich sieht Ihnen das freilich nicht. Ähnlich sieht Ihnen, -daß Sie sagten: ‚Sehr nett von Ihnen, Herr Hupfeld! Ich hab' das -nicht anders erwartet!‛ Vielleicht haben Sie dem alten Herrn auch auf -die Schulter geklopft, was? Und dann erklärten Sie wohlwollend oder -zimperlich, so wie 'ne höhere Tochter, die mit Mama'n sprechen muß: -‚Ich werde mir's mal überlegen‛! -- Hab' ich recht?” - -Jetzt mußte Perthes wider Willen lachen. Die bissige und doch zugleich -gutmütige Aufregung Markwaldts belustigte ihn. „Ganz so war's ja -nicht. Aber Bedenkzeit mußte ich mir allerdings ausbitten.” - -„Wußt' ich 's doch! Ihnen müssen die Tauben nicht bloß gebraten, -sondern auch gleich hübsch tranchiert in den Mund fliegen! Ich sage -Ihnen, ich” -- Markwaldt stellte sich breitbeinig in Positur und -klopfte sich auf die Brust --: „Wenn Sie Glückspilz da nicht mit beiden -Händen zugreifen, sind Sie -- nee, die Zoologie ist dafür zu gut! -- -sind Sie reif für 'ne andere Klinik! Für die da drüben -- am Wasser, -wissen Sie -- für die psychiatrische. Aber nicht als Assistent, sondern -in die Isolierzelle! ~Dixi!~” Damit schritt er heftig zurück an seinen -Platz und präparierte seine Mauslungen. - -Perthes dachte nicht ganz so gleichgültig von Exzellenz Hupfelds -Anerbieten, wie es den Anschein hatte. Wenn er auch bei dem häufigen -Wechsel, zu dem ihn seine innere Unrast innerhalb der Wissenschaft -schon getrieben hatte, einer neuen Wendung skeptischer gegenüberstand -als ein anderer und ihm Fragen des äußeren Erfolgs unbedeutender -erschienen als die jener inneren Befriedigung, nach der er sich bisher -umsonst abgehastet, so bedeutete doch der Vorschlag des berühmten -Hupfeld, in seinen Assistentenstab zu treten, einen Fortschritt, so -verlockend und aussichtsreich, wie er sich nur wünschen ließ. Er war -weder der blasierteste Fasan noch das neugeborenste Lamm, zwischen -denen ihm Markwaldt die Wahl ließ. Kam es darauf an, so konnte er sich -freuen, so gut wie irgendeiner. Vielleicht toller als irgendeiner. Nur -durften dann nicht so widerspruchsvolle Gedanken und Empfindungen sein -Inneres beschäftigen wie gerade in den letzten Tagen. - -Seit sich ihm Margas Geheimnis auf der nächtlichen, mondbeschienenen -Heimfahrt von der Sägemühle enthüllt hatte, hatte er keine -ruhige Minute mehr. Es war nicht wie vor einigen Wochen jenes -leidenschaftliche Toben und Sichverlieren, das ihn in allen Höllen und -Himmeln umherwarf. Im Gegenteil, er war besonnener als je und hatte -sich zur mitleidslosesten Objektivität gezwungen, deren er fähig war. -Am Tag nach jener letzten Begegnung räsonierte er einfach und nüchtern: -Sie liebt dich. Liebst du sie? Was er bei strenger Untersuchung in -sich fand, war: unbegrenzte Achtung, ein warmes, wohltemperiertes -Freundschaftsgefühl, wie er es nie für einen Menschen empfunden, und -tiefes Mitleid. Aber Liebe? Erdbewegende, himmelstürmende Liebe, -wie er sie sich vorstellte und ersehnte, fand er nicht. Keine -Beschleunigung seines Pulses, kein heißer, wirbliger Kopf, der nur -einen Gegenstand denken und fassen konnte, keine Sehnsucht seiner -Sinne, diesen Gegenstand im Arm zu halten, zu besitzen. Er liebte also -Marga nicht. Folglich gab es für ihn als Mann von Ehre und Takt nur -eine Möglichkeit: er mußte sie meiden, wie sie ihn ja selbst gebeten -hatte. Strengste Zurückhaltung mußte er sich auferlegen, um sie nicht -durch ein weiteres Entgegenkommen noch unglücklicher zu machen. Er -hatte schon gerade genug gesündigt. Nun, da er von ihrer Liebe wußte, -erklärte sich ihm so vieles: ihr Versagen, als er sie wegen seiner -Liebelei mit Hilde König um Rat fragte; ihr Schweigen über den Umzug -nach der Mühle; ihr ganzes Verhalten bei seinem Besuch da draußen, von -dem ängstlichen, abweisenden Empfang bis zu der gewaltsamen Bitte, -sie dort allein zu lassen. Wie mußte er sie gequält haben! Wenn es -sein mußte, wollte er diese Freundschaft lieber opfern, als ein -zweideutiges Spiel treiben, das mit Margas Verzweiflung endigen mußte. - -Am Tag danach räsonierte Perthes nicht minder eindringlich. - -Er stellte von neuem Achtung, Herzlichkeit, Mitleid bei sich fest, -aber keine Liebe. Was war eigentlich Liebe? Gab es denn die Liebe, -die er sich zusammenidealisierte? Er wollte sehr gründlich zu Werk -gehen. War diese „Liebe” nicht ein sehr unklares Gemenge, das zwei -sehr verschiedene Bestandteile zu verbinden strebte? Wenn er dies -Phantasieprodukt recht unter die Lupe nahm, fiel es auseinander in -Leidenschaft und in eine seelische Unbekannte, die er einstweilen mit -~x~ bezeichnete. Weiter kam er für diesmal nicht. Dagegen ertappte er -sich des öftern, wie er in Gedanken Ausflüge nach der Sägemühle machte -und sich ausmalte, was Marga jetzt tun und denken mochte. Ob und wie -sehr sie unter seinem Ausbleiben litt. Vielleicht war es doch nicht -richtig, ihr nicht wenigstens eine Zeile zu schicken, die ihr darlegte, -wie er die Sache ansehe. - -Der nächste Tag -- es war der gestrige -- ließ ihn mit dem Gefühl einer -großen, schmerzlichen Leere aufwachen. - -Kein Wunder, daß er als gewissenhafter Selbstschauer über diese Leere -Rechenschaft verlangte. Was fehlte ihm? Was oder wen vermißte er? Ohne -Zweifel den Umgang mit Marga. Oder Marga selbst. Er entbehrte eine -angenehme Gewohnheit. Seine Gefühle für Marga waren dieselben wie -vorher. Oder doch nicht ganz? Wo war er doch stehen geblieben? Liebe = -Leidenschaft + ~x~. Besser: ~x~ + Leidenschaft. Die Leidenschaft war -sicher das Nebensächliche, das Zweite, das Untergeordnete. Aber ~x~? -War die große Unbekannte vielleicht Achtung + Herzlichkeit + Mitleid, -eben jene Summe, in der sich die Freundschaft darstellte? Perthes -mißtraute dieser Gleichsetzung. Sie befriedigte ihn nicht. Gewiß nicht. -Nicht annähernd. Sie mußte falsch sein. Mit Gewalt hielt er sich jeden -Gedanken an die Mühle und Marga fern. - -Und heute? - -Es war Freitag. War er mit dem linken Fuß aus dem Bett gestiegen? Er -war unzufrieden mit seiner ganzen bisherigen, so peinlichen Analyse, -mit der Methode überhaupt. - -Was wollte er eigentlich? Das Unmögliche! Das lag so in seiner -verhängnisvollen Natur; er wollte, was er nicht brauchen konnte, und -wollte nicht, was er brauchte. Es genügte ihm offenbar nicht, daß -er sich mit seiner albernen Schwärmerei für Hilde König und deren -kläglichen Nachkrämpfen vor sich selber unsterblich blamiert hatte! Wo -hinaus wollte er mit dem öden Spintisieren der letzten Tage? Es war -doch vollkommen gleichgültig, was „Liebe an sich” war. Es handelte -sich um das, was er als Liebe brauchte. Für sein Glück. Sein Wille -hatte da das entscheidende Wort zu sagen. Hatte er sich je reicher, -harmonischer, mehr als er selbst empfunden als in dieser Freundschaft? -Er mußte an ein Gespräch denken, das er einst mit Marga gehabt. Sie -hatte davon gesprochen, daß es viel weniger auf die Meinungen ankomme, -die man sich von den Dingen im allgemeinen mache, als auf das, was -man aus sich selber mache. Er hatte ihr entgegengehalten: „Was aber -dann, wenn man bald so ist, bald so? Wenn man die bekannten ‚zwei -Seelen‛ in der Brust hat?” -- „Dann kommt es eben darauf an, durch -welche von beiden man glücklicher, man mehr ‚man selber‛ ist. Wenn -man das erst weiß, braucht man bloß zu wollen!” Begriff er jetzt, -was er damals nicht begreifen konnte? Wollte er begreifen? Er war am -Wendepunkt seines Lebens. Es galt, sich zu entscheiden. Vor ihm lag -eine Wirklichkeit: nicht freilich die Vollkommenheit, das Unmögliche -und Überschwengliche, wohl aber Schönheit, Harmonie, die große Stille, -die er ersehnte. Wenn er ein Mann war, brauchte er nur zu wollen. Die -Wirklichkeit zu ergreifen und sich zuzurufen: Das ist die Liebe! Meine -Liebe! Ich setze sie gleich der Unbekannten, und damit ist sie's! So -will ich's! ... - -So weit war Perthes' Überlegung gediehen, als er am Morgen ins Institut -kam. - -Dann rief ihn ein Diener von der Chirurgischen Klinik zu der -unerwarteten Konferenz mit Hupfeld. - -Unter dem ersten Eindruck des lockenden Antrags hatte er von dort den -Weg nach der Straße am Wenzelsberg eingeschlagen. Er war so gewohnt, -alles mit Marga zu besprechen, daß er für den Augenblick ihr Fernsein -völlig vergessen hatte. Erst unterwegs fiel es ihm ein. - -Ganz niedergeschlagen machte er kehrt und ging ins Bakteriologische -Institut zurück. - -Aber es wollte mit der Arbeit heute nicht vorwärts. - -Er hatte in den letzten Tagen zu viel Seelenmikroskopie getrieben, um -an der prosaischeren der Gewebezellen Geschmack zu finden. Es litt ihn -nicht am Untersuchungstisch, und ehe Markwaldt das ihm unerträgliche -Schweigen des Kollegen durch einen neuen Ausfall brechen konnte, war -dieser davongelaufen. - -Er bummelte nach der Stadt. - -Nach all der vorsichtigen und gewissenhaften Überlegung, mit der er -seine Gefühle zu zerfasern begonnen hatte, war er jetzt auf dem Punkt -angelangt, wo sein Temperament sein Recht verlangte. Der Anstoß, den -Hupfelds Anerbieten ihm gab, genügte gerade, um ihn den Sprung tun -zu lassen, auf den die vermeintlich so objektiven Grübeleien der -letzten Tage ihn unaufhaltsam zudrängten. Und es war ein Sprung. Vor -ein paar Wochen war er für Hilde König Feuer und Flamme gewesen, -für die leichte, poetische Äußerlichkeit, den „Falter”, den er, das -schwerfällige „Kriechtier”, brauchte um jeden Preis! Und jetzt war -es die tiefe, versonnene Innerlichkeit, die von allem Äußerlichen -abgekehrte, schlichte, anspruchslos-ernste Marga, die ihm unentbehrlich -war wie keine andere! In der kürzesten Spanne Zeit hatte sich seine -Natur von einem Extrem ins andere geworfen. Aber so sah er, Perthes, -das, was sich vorbereitete, nicht an. Er sah, im Schein seiner -ehrlichen Selbstprüfung, eine gründliche, sein ganzes Wesen wandelnde -Entwicklung. Und als er sich jetzt einen Ruck gab und entschlossen auf -das Postgebäude zuging, wunderte er sich über die Ewigkeit, die es -gedauert, ehe sein Entschluß gereift war. Er trat ein und ließ sich am -Schalter einen Kartenbrief geben. Mit fliegender Schrift warf er die -Zeilen darauf: - -Bitte dringend um eine Unterredung. Komme gegen fünf auf die Sägemühle. - - Herzlich Ihr - - Max Perthes. - -Als er fertig war, fiel ihm ein, daß der Brief sie nicht rechtzeitig -erreichen könnte. Nicht einmal als Eilbrief. Sollte er telegraphieren? -Marga konnte erschrecken. Er lief von der Post nach dem Bahnhof. Dort -ergatterte er einen grünen Radler. Der mußte die Botschaft geradeswegs -und so schnell wie möglich nach der Mühle bringen. Perthes war nicht -eher beruhigt, als bis der junge Mann mit seinem grünen Käppi um die -nächste Ecke geflitzt war. Es war schon viel zu viel Zeit versäumt, -viel zu viel. - -Sich die Stunden bis zur eigenen Fahrt nach der Mühle zu vertreiben, -kostete ihn eine unglaubliche Anstrengung. - -Er nahm sich vor, sein Mittagessen im Café Wagner länger auszudehnen -als sonst. Die Folge war, daß er eine Viertelstunde eher fertig war, -als gewöhnlich. Dann wollte er in seiner Behausung mindestens eine -Stunde schlafen. Noch keine halbe Stunde war vergangen, so sprang -er von seinem Schaukelstuhl auf und streckte den Kopf zum Fenster -hinaus. Es war ein bedeckter, aber angenehmer Sommertag. Es lohnte -sich immerhin, zu Fuß nach der Mühle zu gehen. Nein! Das dehnte sich -so widerlich lang. Also mit dem Lokalzug. Aber da mußte er noch -anderthalb Stunden warten. Genau so war's mit dem Vergnügungsdampfer. -Und der blieb überdies mit Vorliebe in der starken Strömung hinter -der Brücke, dem sogenannten „Teufelswirbel”, stecken. An einen Nachen -war erst recht nicht zu denken. Das Rudern dauerte gegen den Strom -eine halbe Ewigkeit. Blieb -- das Rad. Das war nicht mehr recht fair, -aber praktisch. Er entsann sich eines medizinischen Kollegen von der -Augenklinik, der ihm ein Fahrrad pumpen konnte. Obwohl es noch nicht -drei Uhr war, machte er sich zu diesem Bekannten auf den Weg. Natürlich -war der noch bei Tisch. Aber das Rad war da, und nach einer Bestellung -seines Namens durch die Hauswirtin konnte er riskieren, es zu nehmen. -Jedenfalls nahm er es. Daß er so von allen ihm zu Gebote stehenden -Fuhrwerken -- Autodroschken ungerechnet -- das geschwindeste gewählt, -war der reine Zufall. Wenn er zufuhr, konnte er in zwanzig Minuten auf -der Sägemühle sein. Und er fuhr zu. - -Er sah nicht rechts noch links. Er wäre um halb vier Uhr an Ort und -Stelle gewesen, wenn er nicht ganz unerwartet von einer Stimme hinter -sich angerufen worden wäre. - -„Holla, Doktor! Sie sind wohl Rennfahrer, was?” klang es ihm boshaft -nach. - -Verdutzt drehte er sich um. Er hatte gar nicht bemerkt, daß er an einer -gleichfalls radelnden jungen Dame vorbeigesaust war. - -An der Stimme hatte er Fräulein Hupfeld erkannt. - -Wenn er nicht schon zurückgeschaut, und wenn es sich nicht um die -Tochter seines präsumtiven Chefs gehandelt hätte -- er wäre schlankweg -weitergefahren. So machte er eine Volte und wartete, bis Fräulein -Exzellenz in sehr gehaltenem Tempo sich näherte. Sie sah schick -aus in dem leichten, lichtbraunen Kostüm mit der gleichfarbenen -Mütze, die ein heller, bauschiger Autoschal mit flotter Schleife -unter dem Kinn festhielt. Die kecke Stupsnase und ein paar seltsam -flackernde, graubraune, intensive Augen blickten aus dem flatternden -Musselin hervor. Frei und ungezwungen, nur die eine Hand am Griff der -Lenkstange, saß sie auf dem Rad. Die länglichen, schmalen Füße in -braunen Lackhalbschuhen regierten spielend die Pedale. - -„Sie sind also auch noch so stillos, zu radeln?” - -„Ich bin immer mein eigener Stil,” gab Perthes mit hochtrabender Kürze -zurück. - -„Hübsch. Das könnte beinahe ~ich~ gesagt haben!” Alice war jetzt neben -ihm. „Wissen Sie, das wievielte Mal es ist, daß Sie mich nicht grüßen, -Doktor Perthes?” - -„Nein, gnädiges Fräulein. Jedenfalls bedaure ich --” - -„Das erstemal vor einigen Wochen. Da rannten Sie mit einem Armvoll -Rosen an mir vorbei, als hätten Sie mich noch nie gekannt.” Sie reichte -ihm mit handkußheischender, ungezwungener Bewegung die Hand von Rad zu -Rad, während sie ihn mit einem herausfordernden Blick von Kopf zu Fuß -oder vielmehr, wie dies ihre Gewohnheit war, von Fuß zu Kopf musterte. - -Perthes begnügte sich mit einem flüchtigen Händedruck. Nichts kam ihm -ungelegener als dies Zusammentreffen, und er gab sich keine Mühe, sein -Mißbehagen zu verbergen. - -Alice, die seinen Widerstand sofort heraus hatte, fuhr noch langsamer -und zwang ihn, mit ihr gleiches Tempo zu halten. - -„Das zweitemal, wo Sie mich schnitten,” fuhr sie mit gemächlicher -Harmlosigkeit fort, „gingen Sie mit einem blonden Herrn, der ungemein -jovial und lustig aussah, im Geschwindschritt über die Brücke nach der -Altstadt. Papa und ich fuhren im Automobil an Ihnen vorbei. Das war vor -fünf, sechs Tagen.” - -„Aber Sie führen ja geradezu Buch über meine Unterlassungssünden!” - -„Das drittemal heute, Doktor. Ist das etwa Absicht -- Herr Perthes?” -Sie sah ihn nicht an, aber rundete auf eine maliziöse Art ihre -spitzbübischen Lippen. - -„Gnädiges Fräulein,” wehrte sich Perthes, „ich bitte tausendmal um -Vergebung! Ich bin völlig unschuldig! Denn --” - -„Na -- ob Sie so sehr unschuldig sind,” bemerkte Alice mit einem -vieldeutigen Seitenblick, „ist 'ne Frage für sich! Wo wollen Sie denn -eigentlich hin?” - -„Ich fahre spazieren,” erwiderte Perthes hastig. - -„Spazieren?” wiederholte sie ungläubig-gedehnt. „Das trifft sich ja -famos. Ich fahre nach dem Stift. Wir wohnen jetzt ein paar Wochen -draußen. So ab und zu wohnt sich's ganz nett in dem alten Rumpelkasten. -Sie kennen doch Stift Nieburg?” - -„Vom Vorbeigehen -- natürlich.” Das Stift lag einige hundert Schritte -von der Sägemühle entfernt auf halber Bergeshöhe; ein schloßartiges -Gebäude aus dem achtzehnten Jahrhundert mit einer hochgetürmten -Kapelle, mitten in altem Park, das Flußtal beherrschend. Exzellenz -Hupfeld hatte sich diesen prächtigen Sitz, ein früheres adliges -Fräuleinstift, als Sommerresidenz gekauft. „Es muß sich dort nicht -schlecht hausen lassen. Das denke ich mir,” setzte Perthes hinzu, um -das Gespräch nicht unhöflich stocken zu lassen. - -„Gott, Papa hat nu mal die schnurrige Vorliebe für olle Kamellen! -Ich mach' mir nicht viel draus. Das Romantische ist nicht mein Fall. -Aber Sie, Doktor -- Sie sehen so'n bißchen nach Räuberromantik aus. -Die Kapelle ist ganz niedlich. Und im Saal hängen über wurmstichigen -Möbeln, die wertvoll sein sollen, greulich öde Ahnenbilder. Wenn -Sie Lust haben, kommen Sie 'n bißchen mit rauf! Ich bin bis Abend -mutterseelenallein. Schloßbesichtigung gratis!” Sie zwinkerte halb -listig, halb spöttisch mit ihren Augen, die ihre Farbe wechseln zu -können schienen, indem sie bald grünlich, bald golden aufschimmerten -oder ihr undurchdringliches Graubraun bewahrten. - -„Sehr liebenswürdig! Aber zu meinem Bedauern -- heute geht's nicht. -Wirklich nicht! Ich muß nachher noch arbeiten!” Perthes war nicht für -Ausrede und Verstellung gemacht. Man sah ihm an, daß er flunkerte. Er -errötete sogar ein wenig. Ihr sagen, wohin er wollte, konnte er nicht. -In ihrer Gegenwart von Marga oder auch nur von etwas zu reden, das mit -ihr im Zusammenhang stand, widerstrebte ihm. Er wäre ihrer Einladung -auch nicht gefolgt, wenn er gekonnt hätte. Alice Hupfelds freie und -saloppe Art, die immer der Gipfel des Modernen sein sollte, entsprach -seinem Geschmack heute weniger denn je. Vielleicht daß sie ihn auch -verwirrte. Ihre spottsüchtige Koketterie zwang ihn zu einer ständigen -Kriegsbereitschaft, die ihm heute besonders beschwerlich wurde. - -Sie dachte nicht daran, ihn zu entlassen. Je deutlicher seine Ungeduld -wurde, um so weniger. Dieses schwarzbärtige Mannkind, das sie in -Perthes sah, reizte sie, je spröder er sich gab, nur um so stärker. -Seine Gewandtheit, sein Temperament und seine Kraft, die sie vom -Sportplatz kannte, imponierten ihr. Sein Aussehen, das dunkelgebräunte -Gesicht mit den ungebärdig über die Stirn fallenden, buschigen Haaren, -den großen, oft unvermittelt aufglühenden Augen, hatte für sie etwas -Exotisches, das sie anzog, während seine innere Unberührtheit und -Ungelenkigkeit, die mit der äußeren Geschicklichkeit kontrastierte, sie -lächerte und zu spöttischer Überlegenheit herausforderte. - -„Ich glaube, Sie sind ein wenig prüde, Doktor Perthes,” sagte sie nach -einer Weile wie in Gedanken vor sich hin. - -„Ich? Wieso? Wie meinen Sie das?” fragte Perthes zerstreut. - -„Ich denke mir's eben. Vielleicht steckt hinter Ihnen ein ganz -ehrsamer, biederer Philister -- wie?” Ihre Augen begegneten mit voller -Angriffslust den seinen, und ihr Mund verzog sich, als unterdrücke sie -ein boshaftes Lachen. - -„Schon möglich!” gab Perthes achselzuckend zurück. Seine -Unbehaglichkeit wuchs mit jeder Umdrehung des mühsam zurückgehaltenen -Rades. Welche Tücke hatte ihm gerade jetzt dieses verteufelte Mädel -zuführen müssen, das sichtlich sein Vergnügen daran fand, eine Stimmung -auszunutzen, die ihn wehrlos machte? - -„Mit wem verkehren Sie denn hier in der Hauptsache?” forschte sie -unvermittelt weiter. Es war eine Liebhaberei von ihr, Fragen scheinbar -zusammenhangslos aneinanderzureihen, die sie dann plötzlich zu einer -unvermuteten Schlinge zusammenzog. - -„Ich habe sehr wenig Verkehr, Fräulein Hupfeld. Vorzugsweise bin ich in -Gesellschaft meiner Bazillen,” scherzte er grimmig. - -„Da haben Sie ja ausgesuchte Gesellschaft!” lachte Alice. - -Es war ein helles, kurzes, aufreizendes Lachen, bei dem er nervös die -Hände um die Lenkstange preßte, als wollte er sie zerbiegen. Wußte sie, -daß er bei Richthoffs aus und ein ging? Wollte sie ihn aushorchen? -Spottete sie über seinen Verkehr? - -Zum Glück trennten sich jetzt die Wege. Der zum Stift Nieburg führte -seitwärts bergan. Die Landstraße lief nach der Sägemühle geradeaus -weiter. - -Alice sprang leichtfüßig vom Rad. - -Perthes tat dasselbe, um sich zu verabschieden. - -„Werden Sie denn bei Papa als Assistent eintreten?” warf sie nüchtern -hin. - -„Wohl möglich!” - -„Na -- dann werd' ich Sie mal ein bißchen in Erziehung nehmen, Doktor -Perthes!” - -„Scheint Ihnen das nötig?” - -„Oh -- dringend! Ich werde Sie zum Beispiel lehren, daß man junge Damen -seiner Bekanntschaft nicht übersieht. Dann werd' ich Ihnen beibringen, -daß man einer jungen Dame, die ihr Rad bergan schieben muß,” -- sie -deutete auf den etwas steilen Weg, der zum Stiftstor führte -- „seine -Dienste anbietet!” - -„Da scheint die Assistenz bei Ihrem Herrn Vater mit gewissen -Nebendiensten verbunden zu sein!” entfuhr es Perthes wütend. Sein Unmut -darüber, daß er aufgehalten und absichtlich mißhandelt wurde, riß ihn -zu dieser groben, patzigen Unhöflichkeit fort. - -Er hatte sich Alice gegenüber nur eine Blöße gegeben. Sie warf den -schleierumbauschten Kopf in den Nacken zurück. Eine Strähne ihres -rötlichen, ungebärdigen Haares schlüpfte unter der Mütze hervor. -Ihre Lippen spitzten sich und bebten leise, während die kecken, -spitzbübisch-kecken Augen ihn wie zuerst von Fuß zu Kopf musterten und -sich dann ohne Scheu in die seinen hefteten. - -„Ich wollte sagen --” verbesserte sich Perthes mit einer -Unbeholfenheit, die nichts verbesserte. - -„Nicht nötig!” schnitt sie ihm das Wort ab. „Ich werde mich für Ihre -Grobheiten schon schadlos halten, Doktor!” Sie gab ihm die Hand, als -wäre nichts geschehen. Und er wagte diesmal nicht, diese schmale, -schmiegsame Hand ohne einen flüchtigen Handkuß zu lassen. - -Ihre Augen zuckten triumphierend. Sie nickte ihm zu, als wollte sie -sagen: Ich fange schon an, mich schadlos zu halten! Und ohne ihn weiter -zu beachten, stieg sie, das Rad neben sich herschiebend, zum Stift -hinauf. -- - -Perthes schwang sich wieder auf den Sitz. Er fuhr in schnellem Tempo -der Mühle zu, deren Dach unweit zwischen den hohen Gartenbäumen -durchschimmerte. Seine Uhr zeigte vier. Es war also noch immer -reichlich viel früher, als er sich angemeldet hatte. Aber er hätte -ohne dieses Zusammentreffen auf offener Straße eine halbe Stunde -eher da sein können. Warum hatte sich dieses tolle Mädel wie ein -fratzenschneidender Kobold in seine ernste, zielsichere Stimmung -gedrängt? Er wütete innerlich gegen sie und ihre forschen Allüren, ihre -spottlüsterne, herausfordernde Überlegenheit. Diese ganze gelenkige -Mischung von Harmlosigkeit und Bosheit war ihm verhaßt. Ohne Zweifel! -Und um ihr pfiffiges Schelmengesicht zu vertreiben, rief er sich Marga -ins Gedächtnis. Es hielt schwerer, als er gedacht. Fräulein Exzellenz -war hartnäckig, auch noch in seiner Vorstellung. - -Perthes war froh, als er die Sägemühle erreichte, die heute wie -verschlafen hinter ihrem sonnenlosen Garten lag. Ein Pfauenschrei vom -Geflügelhof war der einzige Laut, der ihn bei der Einfahrt empfing. - -Er sprang ab und schob sein Rad in den Gitterstand, der für diesen -Zweck links vom Tor angebracht war. Er war trotz des Schattens heiß -geworden und trocknete sich die Stirn. Ein Blick in den Garten -überzeugte ihn, daß da die Gesuchten nicht zu finden waren. Er trat ins -Haus und fragte die Wirtsfrau, die neben dem Büfett döste, nach den -jungen Damen. Sie glaubte, die beiden Fräuleins hätten einen Ausflug -gemacht. Ja, natürlich; jetzt, während sie sich die Augen rieb, fiel es -ihr „für gewiß” ein: sie waren schon am Vormittag weg und wollten erst -zum Abend zurückkommen. - -Damit hatte Perthes auch nicht einen Augenblick gerechnet. - -Wahrhaftig! Als er sich im öden, plakatreichen Gastzimmer umblickte, wo -nur die Fuhrleute oder die Bauern aus der Umgebung ihr Glas Bier oder -ihren Schnaps zu trinken pflegten, sah er seinen eiligen Kartenbrief -friedvoll am Spiegel stecken. Marga hatte ihn also nicht einmal mehr -erhalten. Trotz des grünen Radlers! Heute, ausgemacht heute mußten die -beiden eine Tour machen! Wo das Wetter nicht einmal danach war! Ganz -verzweifelt knickte er auf einer der rohgezimmerten Bänke zusammen. -Wohin die Damen gegangen wären, forschte er kleinlaut. Das wußte -die gute Wirtsfrau auch nicht. Vielleicht hatten sie's ihrem Mann -gesagt, aber der war in der Stadt. Also ihnen entgegenfahren konnte -Perthes auch nicht. Es blieb gar nichts anderes übrig: wenn er nicht -unverrichteter Dinge heimkehren wollte, mußte er bis gegen Abend -warten. Eine Geduldsprobe, die zweite schon an diesem Nachmittag, die -wie Rauhreif auf sein Ungestüm fiel ... - -Er bestellte sich Kaffee. Trostlos ging er in den Garten und setzte -sich an den Tisch im Haselgebüsch, wo sein erster mißlungener Besuch -auf der Mühle angefangen hatte. - -Kein Spaziergänger ließ sich heute ringsum blicken. - -Es gab so Tage, erklärte die Wirtin, als sie ihm selber den Kaffee -brachte, da blieben sie wie auf Verabredung alle weg. Dabei war es doch -nicht einmal übles Wetter. Im Gegenteil. Sehr angenehm zum Gehen. An -Regentagen kamen sie manchmal in hellen Haufen. Es war sogar möglich, -daß heute, mit dem Lokalzug um fünf Uhr, noch so viele kämen, daß man -nicht Hände genug hatte, sie zu bedienen. - -So philosophierte die junge, jetzt munter gewordene Frau, und Perthes -hörte gottergeben zu. - -Oder er hörte vielmehr nicht zu, sondern sah unglücklich zwischen den -Büschen durch, in den Garten. Wie trübselig der aussah mit seinen -leeren, buntgedeckten Tischen! Wie jämmerlich der dumme Springbrunnen -in der Mitte, den er noch nie beachtet, in sein dürftiges Bassin -plätscherte! Und draußen kroch der Fluß in grauer Greisenhaftigkeit; -drüben, am anderen Ufer, schwammen Feld und Wald langweilig ineinander. - -Das war ja, um selber trübselig zu werden! Und das sollte womöglich -stundenlang dauern? Wie gemacht für ihn, um sich zu vergrübeln! - -Stand er vielleicht im Begriff, eine Dummheit zu machen? Die Dummheit -seines Lebens, die alle früheren übertraf? Oder -- wie? -- wenn Marga -ihn nicht anhörte? Wenn, ja wenn -- das war das Tollste, darauf war er -noch gar nicht gekommen, und das war so unmöglich gar nicht! -- wenn -er sich nur eingebildet hatte, daß sie ihn liebe? Wenn sie überrascht -war von dem, was er ihr sagen wollte? Und ihn abwies? Aber das war ja -verrückt! - -Gepeinigt stand er auf und ging mit langen Schritten in dem leeren -Garten zwischen den Tischen auf und ab, um den blödsinnig plätschernden -Springbrunnen herum und noch einmal herum. Gewiß, das war unsinnig! -Und doch plagte ihn diese jüngste Ausgeburt seiner Phantasie mit allen -Teufeleien, deren sie fähig war. Wie ein dummer Junge stand er jetzt da -und starrte kleinmütig über den Lattenzaun des Gartens weg in den Fluß. -Warum sollte sie auch die Sache nur in Erwägung ziehen? Was konnte er -ihr überhaupt bieten? Wie sollte er sich verständlich machen und die -Geschichte anfassen? Am Ende hatte es gar keinen Zweck ... Im Nu war -Max Perthes aus dem Gleise geworfen, wenn sich etwas nicht so gerade -und einfach anließ, wie er es vor sich sah. Es blieb dabei: er konnte -immer noch erst springen, aber nicht gehen ... - -Der Lokalzug brachte diesmal nicht den von der kundigen Wirtin als -möglich prophezeiten Andrang. Der Garten blieb leer. Zwei, drei -Einspänner, alte Herren mit Perücken, mit Mänteln mitten im Sommer und -Stöcken mit Elfenbeinkrücken, tranken, weil sie nun einmal täglich -kamen, ihre Tasse Kaffee und lasen ihre Zeitung. Das war alles. - -Und doch hellte sich der Himmel gegen Abend auf. Die Sonne drängte -sich, etwas blaß und schüchtern freilich, durch die weißgrauen Wolken. -Und den Fluß herunter kam ein Boot mit rotbemützten Studenten gezogen, -deren Gesang halb wehmütig, halb heiter übers Wasser klang. Sie sangen -von der Saale im Tale und den Burgen auf den Bergen. Erinnerungen an -seine eigene Studentenzeit am fröhlichen Rhein erwachten in Perthes. -Sie und der verhallende Gesang und das zage Sonnenlicht erzeugten eine -ruhigere Stimmung in ihm. Die zerfahrenen, unmännlichen Zweifel wichen -allmählich einer tapferen, fast heiteren Zuversicht. Das Unmögliche -und Unerreichbare einer Liebe, die es nirgends, für ihn jedenfalls -nirgends, gab, lag hinter ihm mit der Unreife und Halbheit, der -rastlosen Jagd von Extrem zu Extrem; das Wirkliche und Faßbare war vor -ihm. Das wollte er als Mann ergreifen und festhalten. So konnte er -Marga entgegentreten, mit ihr sprechen. - -Drüben, am anderen Ufer, stieß jetzt das Fährboot ab. - -Perthes sah zu, wie es erst gegen die Strömung arbeitete und sich dann -in der Mitte des Flusses von den Wellen aufnehmen ließ. Der breite -Rücken des Schiffers hatte ihm die Insassen verdeckt. Jetzt erkannte -er sie und richtete sich auf. Er ging aus dem Garten und stieg die -Böschung hinunter, nach dem Steg ... - -„Du, ich glaube -- wahrhaftig! -- Doktor Perthes erwartet uns drüben!” -konstatierte Elli mit halblauter Überraschung. - -Marga, die die Hand ins Wasser getaucht hatte, um die frische, ziehende -Kühle zu spüren, hob sie langsam heraus. Sie war selbst verwundert, -_wie_ langsam. Und war auch verwundert, wie wenig verwundert sie war. -All die letzten Tage war sie so tieftraurig, so in sich zerrissen, -so bitter-wortkarg gewesen. Elli hatte sich gar nicht mehr mit ihr -zu helfen gewußt und schließlich, aus reiner Verzweiflung, einen -Tagesausflug vorgeschlagen -- trotz des mäßigen Wetters. Weit über -die Berge waren sie durch die einsamen Wälder nach einer Schloßruine -über dem Flußtal gewandert. Marga blieb bis über Mittag so trüb und -verschlossen, als sie nur je gewesen. Erst am Nachmittag kam plötzlich, -ihr selbst unerwartet und unverständlich, eine Fröhlichkeit über -sie, wie lange nicht. Grundlos, gegenstandslos -- eine von jenen -unbegreiflichen Offenbarungen des Gefühls, die sinnlos erscheinen und -doch mit geheimnisvoller Ahnung mitten im Unglück eine glücklichere -Zukunft vorauszukünden scheinen. Und diese frohe Aufwallung, die Elli -jubelnd begrüßte und miterlebte, hielt vor. Auf dem Hinweg hatte -Elli vergebens versucht, der Schwester die Herrlichkeit der alten -Buchen, der aus der Ferne ins Walddüster lachenden Kornfelder, des -in der Tiefe zwischen Felsen aufschäumenden Flusses nahezubringen; -auf dem Heimweg war es Marga, die beschrieb. Eins von den Bildern, -die ihr inneres Gesicht sah: es war ihr, als schritten sie unter -goldwolkigem Sommerhimmel talab über einen unabsehbaren Hang von -blauen Glockenblumen, die im Winde wunderbar läuteten, mit zarten, -dünnen, verheißungsvollen Stimmchen. Und wie sie an den Fluß kamen und -übersetzten, hörte sie noch immer auf das seltsame, lockende, feine -Klingen im Winde. Wie natürlich war es, daß er da drüben stand am Ufer, -jenseit des Blumenhanges und des Wassers, das ihn silbern besäumte! -Sein gemessen-ernster Gruß, der jetzt ihr Ohr traf, erschreckte sie -nicht. Sie lächelte, als müßte es so sein. Die eine Hand gab sie -Elli; die andere ergriff er und half ihr aussteigen, während Elli dem -Fährmann seinen Groschen gab. - -„Sie sind ja gar nicht ein bißchen erstaunt und ungehalten, mich hier -zu treffen!” meinte Perthes. - -Marga erwiderte nichts. Wie sie von ihm sich die Böschung hinaufführen -ließ, klangen ihr die Glockenblumen von drüben nach; ihre zarten, -dünnen Stimmen wuchsen, und ihr Geläute schwoll so mächtig, daß es sie -betäubte. - -Erst als sie im Garten standen, verstummte das Getön, und sie ließ -seinen Arm los. - -„Sie müssen nicht denken, ich hätte Ihr Verbot, zur Mühle zu kommen, -leichtsinnig vergessen, Fräulein Marga!” begann Perthes wieder. „Der -Brief, mit dem ich mich anmeldete und um eine Unterredung bat, steckt -in der Wirtsstube drinnen seit Stunden am Spiegel. Es hängt auch jetzt -noch ganz von Ihnen ab, ob Sie mich einen Augenblick hören wollen!” Er -sah Marga forschend an. „Unter vier Augen,” setzte er hinzu und sah -hinter sich. - -Aber Elli war verschwunden. Wie von der Erde verschluckt. Sie -versicherte später, sie habe stets einen „feinen Merks” für gewisse -Situationen gehabt. Einen sehr feinen sogar ... - -Marga antwortete nicht auf Perthes' Frage. Ihr war zumute, als spänne -das Bild ihrer Phantasie sich selbsttätig weiter; als sei all das -Traum und nicht Wirklichkeit. Sie ließ sich von ihm an den Tisch im -Haselgesträuch leiten und setzte sich zu ihm, wie er es wollte. - -„Vor ein paar Wochen,” hob Perthes, durch ihr Schweigen befangen, an, -„hatte ich daran gedacht, von hier für immer fortzugehen. Wissen Sie: -damals, als ich die törichte Geschichte mit Hilde König ausgeschwärmt -hatte. Und als Sie, Fräulein Marga, mich vorigen Dienstag auf Wochen -hinaus fortschickten, dachte ich wieder, es würde wohl das Beste -sein. Ich hatte Lust, wie ich Ihnen schon früher einmal erzählte, -die Bakteriologie wieder an den Nagel zu hängen und zur Chirurgie -zurückzukehren. Erinnern Sie sich noch, Fräulein Marga?” - -Sie nickte mechanisch mit dem Kopf. Sie verstand nur halb, was er sagte. - -„Nun erhielt ich heute ein unerwartetes Anerbieten, hier bei Geheimrat -Hupfeld als Assistent einzutreten,” fuhr er mutiger fort. „Ehe ich -mich entscheide, möchte ich hören, was Sie darüber denken.” - -„Aber davon versteh' ich ja gar nichts!” erwiderte Marga leise. Sie -nahm zerstreut ihren weißen englischen Strohhut ab und legte ihn neben -sich auf den Stuhl. Verträumt strich sie das Haar über ihrer Schläfe -zurecht. - -„Zu verstehen brauchen Sie da weiter nichts, Fräulein Marga. Sie sollen -mir nur sagen, ob Sie wünschen, daß -- daß ich -- nun, daß ich eben -hierbleibe. Das hängt nämlich von Ihnen ab. Nur von Ihnen,” wiederholte -er gepreßt. - -„Von -- mir?” stammelte Marga. Sie hatte bisher die Augen blicklos ins -Weite gerichtet. Jetzt suchten sie ihn mit einem unbeschreiblichen -Ausdruck von Besorgnis und Verwirrung, als könnten sie ergründen, wohin -er mit diesem vieldeutigen Wort zielte. Ob er scherzte; ob er sie -quälen wollte, mit ihr spielen, oder ob ... - -„Ich rede in vollem Ernst, Fräulein Marga!” beteuerte Perthes, der -ihren Blick richtig deutete. „Ich habe mich die letzten Tage, während -ich fernblieb, gründlich vorgenommen. Ich wäre nicht wieder zu Ihnen -gekommen, wahrhaftig nicht, wenn ich mir nicht ein Recht dafür hätte -zusprechen können. Ich nehme die Stellung nur an, wenn Sie, Fräulein -Marga, mir erlauben, wie bisher zu Ihnen zu kommen. Auch auf die -Sägemühle. Und ich muß sogar noch weitergehende Bedingungen machen: -wenn Sie versuchen, mehr für mich zu sein als eine Freundin! Wenn Sie ---” Die Erregung nahm ihm die Stimme, und er faßte nach ihren Händen, -die vor ihm auf dem Tisch lagen. „Wenn Sie --” - -Marga zog sie mit einem leisen Aufschrei zurück. Sie warf sich gegen -die Lehne ihres Stuhles. Bei seiner Berührung war sie plötzlich aus -ihrer traumhaften Betäubung erwacht. Eine jähe Röte schoß in ihre -Wangen und wechselte augenblicklich mit tiefer Blässe. - -„Nein, nein, nein!” stieß sie entsetzt hervor. Sie krampfte ihre Hände -vor der Brust ineinander. Das sollte Wirklichkeit sein? Das durfte ja -nicht Wirklichkeit sein. Niemals! „Nein! Nein! Nein!” wiederholte sie -noch einmal mit äußerster Anstrengung und hob die Hände gegen ihn, -als wollte sie so das Unmögliche und Unerlaubte von sich wegzwingen. -Ihre Augen hatten einen beinahe irren Ausdruck angenommen. Sie wollte -aufspringen. Sie wollte fortlaufen, ihm entfliehen -- aber ihre Kraft -versagte. Die Arme fielen ihr erschöpft nieder, und die Augen schlossen -sich, wie von einem übermenschlichen Schmerz zugedrückt. - -Perthes war gleichfalls erblaßt. Schweigend starrte er sie an. „Sie -wollen also nicht,” sagte er dann tonlos und bitter. - -„Ich -- ich darf nicht!” stammelte Marga mit zuckenden Lippen. - -„Sie dürfen nicht?” fragte er dumpf. „Und warum nicht? Weil Sie nicht -können? Weil Sie mir nicht mehr geben können als Freundschaft? Darum?” - -Marga schüttelte gequält den bleichen, blonden Kopf. - -„Oh, Sie trauen mir nicht! Sie können nicht glauben, daß ich weiß, was -ich will! Was ich tue! Ich habe Ihnen keine hohen Liebesbeteuerungen -vordeklamiert! Ich will nicht, daß Sie auch nur eine unwahre Silbe von -mir hören! Nur versuchen sollten Sie's mit mir! Ehrlich versuchen, bis -Sie sich überzeugt haben, daß ich's ehrlich meine!” Seine Worte brachen -jetzt ungestüm und drängend aus ihm hervor. Er verkannte sich nicht. -Er wußte, wie er an Reife hinter ihr zurückstand. Aber er wußte auch, -daß er sie und nur sie brauchte! Und er wiederholte ihr mit seiner -leidenschaftlichen Beredsamkeit alles, was in diesen Tagen in ihm -vorgegangen war, mit rückhaltloser, nichts verbergender Offenheit. - -Während er noch sprach, sank Margas Kopf vornüber auf den Tisch, auf -ihre Arme. Und mit einem Mal schüttelte das Schluchzen wie ein Schauer -ihren Leib. - -Erschrocken hielt Perthes inne. - -„Ich darf ja nicht! Ich bin ja blind! Ich darf ja nicht!” ging es -wie der Schrei eines auf den Tod Getroffenen durch den abendlichen, -einsamen Garten. - -Jetzt hatte Perthes verstanden. - -Er reckte sich. Auch über ihn lief es wie ein Zittern. Es war sein -Herz, das groß und übermächtig und warm in ihm aufpochte, als wollte es -die kräftige Brust sprengen. Es war _gut_, was er wollte! Und es war -_Schönheit_, die seine Seele weitete! Mochte das Gefühl nun Mitleid -sein, unsägliches Mitleid oder brüderliche Freundschaft oder Liebe: er -mußte ihre Hände ergreifen, stark und zwingend. Er mußte sie an sich -ziehen -- - -Und Margas Kraft war zu Ende. Willenlos fiel ihr Kopf an seine Brust, -und ihr tränenüberströmtes Gesicht verbarg sich dort. Um schwach zu -sein, einen Augenblick schwach wie ein Weib, das liebt -- und kostete -ihre Schwäche sie ihre Seligkeit ... - -Als Elli mit dem „feinen Merks” eine halbe Stunde später vernehmlich -„Pardon!” rief, ehe sie an den Tisch hinter den Haselbüschen trat, -fand sie die beiden Hand in Hand, und Marga lehnte an Perthes' -Schulter. Elli war natürlich furchtbar überrascht. Aber genau genommen -hatte sie gewußt, daß es so kommen würde. Fast hätte sie „immer” -dazugesetzt, wie Schwester Käthe. - - - - -8 - - - Kissingen, den .. Juli 19.. - - Meine liebe kleine Elli! - -Nur durch eine Ansichtskarte habt Ihr uns bisher Eure Übersiedlung nach -der Sägemühle gemeldet. Papa ist schon ganz ungehalten, daß er keinen -Brief bekommen hat, und ich habe große Mühe, Euch gegen seine empörten -Ausfälle, wie undankbare, mißratene Kinder er habe, in Schutz zu -nehmen. Also schreibt ihm nur gleich nach Empfang meines Briefes, sonst -wird er ernstlich böse. - -Es ist hier im lieblichen Frankenlande wunderbar schön. Die Natur -bietet viel. Aber noch mehr das großartige, wirklich internationale -Badeleben. Wenn man den rechten Blick für Menschen hat, kann man hier -seine Studien machen. Es ist doch kein bloßes Vorurteil, das Wort: -Reisen bildet! Ich habe hier, in den paar Wochen, mehr beobachtet und -gelernt als zu Hause in einem halben Jahr. Die „große Welt”, die uns -auf Schritt und Tritt umgibt, ist zuerst verwirrend und blendend; aber -allmählich gewöhnt man sich daran. Toiletten sieht man -- im Bad, -am Brunnen, bei den Konzerten --, Du kannst Dir keine Vorstellung -machen, Kleinchen, _wie_ tipp-topp! Man will sich ganz klein vorkommen, -aber dann sagt man sich: Wahre Bildung ist doch vornehmer als dieser -hohle Luxus! Und man sucht in dem Gewühl von Menschen nach solchen, -die wirklich fein -- ich meine, geistig und seelisch bedeutend -sind. Wie schnell kommt da die Erfahrung, daß solche Menschen recht -nahe beisammen sind und gar nicht aussehen wie diese prunkenden -Weltmenschen. Ich schreibe regelmäßig und viel in mein Tagebuch und -wundre mich oft selbst, natürlich ohne Hochmut, wie reif und mit mir -selber fertig ich in den letzten Jahren geworden bin. Wenn Du artig -bist, Kleinchen, sollst Du im Herbst -- versteht sich mit Auswahl -- -daraus vorgelesen bekommen. - -Was treibt Ihr denn auf der Mühle? - -Gewiß macht Ihr schöne Ausflüge über die Berge, handarbeitet im Garten, -liegt in der Hängematte im Wald und lest viel. Meine Gedanken sind -oft und in schwesterlicher Liebe bei Euch. Lest nur, bitte, bitte, ja -keine Bücher, die noch nichts für Euch sind! Das kann so viel Unheil -anrichten. Denkt Euch: Lizzie, die doch älter ist als Ihr, hat kürzlich -ein Buch von Zola (!) gelesen, das sie ganz krank und verzweifelt -gemacht hat. Ich habe ihr kräftig den Kopf zurecht gesetzt, sie -will mir das Buch einmal schicken, und ich werde mich, ihr zuliebe, -gründlich mit ihm auseinandersetzen, um ihr zu helfen, denn allein -findet sie ja doch nicht heraus. Ich bin ganz traurig über sie. - -Sage, bitte, Marga, ich hätte hier noch einmal unser letztes Gespräch -auf dem Weinberg durchgedacht und wäre zum gleichen Resultat gekommen -wie damals. Vielleicht hat sie inzwischen mich auch besser verstanden -und eingesehen, wie gut ich's mit ihr meine. Ich bin ihr gar nicht -böse, daß sie's nicht gleich konnte! - -Papa kam eben in mein Zimmer und wetterte über die „vermaledeite -Briefschreiberei”. Ich will also schließen. Es ist gar nicht immer -so leicht mit ihm, weil er in beständigem Krieg mit dem Badearzt und -allen Verordnungen lebt. Doch wenn man ihn zu nehmen weiß, läßt er sich -meistens zu seinem Besten überzeugen. In acht bis vierzehn Tagen soll's -nach Tirol oder nach Bayern gehen. Wie ich mich darauf freue, könnt Ihr -euch denken! - -Mit herzlichen Grüßen, auch für Marga, und einem Kuß für Dich, liebe -Elli, bin ich - - Deine getreue Schwester - - Käthe Richthoff. - -~P. S.~ Denkt Euch, morgen will Doktor Bertelsdorf hierherkommen. -Er muß Papas Rat für eine wissenschaftliche Publikation haben. Der -Flanellstorch hat sich auch bei Papa „für einen Sprung” angemeldet, -wurde aber abgewiesen. - - K. R. - -~P. S.~ 2. Erwarte Brief binnen zwei Tagen. Verweigere sonst weiteres -Kostgeld. Tatsachenbericht, keine Gefühlsduseleien. Gruß. - - Papa. - -Mit sehr gemischten Gefühlen und sehr kritischen Glossen hatte Elli am -Sonntagmorgen diesen Brief von Schwester Käthe vorgelesen. Das war ja -Käthe, wie sie leibte und lebte. Nach Ellis Ansicht mußte man ihr für -diese „infam-gütige” Epistel mal kräftig die Meinung geigen. - -„Wenn sie so fortmacht, platzt sie ja eines Tags vor lauter -Menschenkenntnis und Lebenserfahrung!” legte Elli zum Schluß los. „Und -das, was sie über dein Verhältnis zu Perthes schreibt, Margakind -- die -Andeutung, mein' ich, über ihre verdrehte Abschiedspredigt --, das ist -jetzt einfach lächerlich geworden! Das gönn' ich ihr!” - -„Laß gut sein, Elli!” mahnte Marga versöhnlich. - -„Jawohl! Ich finde, wir sind ihr einen Strahl kalten Wassers auf -diesen Schreibebrief einfach schuldig! Wir sind doch schließlich keine -Wickelbabys mehr! Von mir will ich noch nicht mal reden, aber du -- du -bist doch jetzt so gut wie Braut, Marga --” - -„Sag' so was nicht, Elli!” wehrte Marga ernsthaft. „So weit sind -Perthes und ich noch nicht! Du weißt, wir haben uns streng versprochen, -es nur erst miteinander zu versuchen.” - -„I -- was! ‚Ein Versuch führt zu dauernder Kundschaft‛, heißt's im -Reklamestil!” erklärte Elli mit überzeugtem und überzeugendem Lachen. -„So ähnlich war es mit mir und Wilkens auch; man verspricht sich -zuerst, haarsträubend brav und zurückhaltend und vernünftig zu sein, -und nachher --” - -„Schwatz' doch keinen Unsinn, Kleinchen -- ich bitt' dich!” - -„Kleinchen! Kleinchen! Das mag ich schon gar nicht mehr hören! Und daß -es geschrieben wird, verbitt' ich mir endgültig. Das werd' ich Käthe -schreiben. Und --” - -„Ich glaube, du schreibst besser an Papa, und nachher diktiere ich dir -einen Brief für Käthe.” - -Elli legte Marga ihre beiden Hände auf die Schultern, sah so wehmütig -drein, als es ihre lachenden Augen tun wollten, und wiegte den lockigen -Kopf mitleidig von einer Schulter zur anderen: „Marga, Marga, mit dir -geht's bergab! Seit Freitagabend überfließt du von lauter Zuckerwasser! -Hätt' ich das gewußt, wär' ich eher in den Garten gekommen! Da hättet -ihr euch die Umarmung malen können! Und die ganze Verlob--” - -„Elli!” rief Marga aufgebracht und hielt der Schwester den Mund zu. - -„Stell' dich nur recht tugendsam!” neckte das Kleinchen weiter. „Ich -kenne dich jetzt! Ich werde deinem Max erzählen --” - -Marga faßte jetzt die plappernde Elli so kräftig und bedeckte ihr den -Mund so nachhaltig, daß sie nicht mehr weiter schmälen konnte. Dafür -lachte sie um so übermütiger, und Marga mußte mitlachen. - -Dann wurde der Frühstückstisch in der Halle geräumt. Sie setzten sich -in den Garten, und Elli schrieb an Vater Richthoff vier enge Seiten. -Zwar keine „Gefühlsduseleien”, aber erst recht keinen Tatsachenbericht, -sondern lauter tolles Zeug. Nachher diktierte ihr Marga das -„Zuckerwasser” für Käthe. - -Draußen im Gras funkelte die Sonne auf den Tauperlen. Das erste -sonntägliche Vergnügungsschiff mit bunten Wimpeln und voller lustiger -Menschen keuchte stromaufwärts. Vom nächsten Dorf trug ein launischer -Frühwind den Klang der Kirchenglocken unter die Bäume im Garten ... - -Es war Margas voller Ernst, wenn sie gesagt hatte, Perthes und sie -wären so weit noch nicht und wollten es erst miteinander versuchen. -Als Perthes am Morgen nach jenem Abend seligen Selbstvergessens wieder -auf der Mühle erschienen war, hatte ihn Marga ganz anders empfangen, -als er erwartete. „Geradezu frostig und lieblos,” meinte er entrüstet. -Aber Margas Gewissen hatte sie schon in der Nacht, die sie schlaflos -verbrachte, mit Vorwürfen und Anklagen gepeinigt, die die erste Freude -dämpften. Sie sah, was geschehen war, im Licht unverantwortlicher -Schwachheit. Mit hundert Gründen bewies sie Perthes, wie unbesonnen -und unrecht es wäre, sein Schicksal und das ihrige zu verbinden, und -was sie sagte, kam wahrhaftig nicht aus dem Bedürfnis unschuldiger -Koketterie, die das Gegenteil hören wollte. Sie zwang sich zu dieser -schmerzhaften Klarheit, weil ihre Natur es so verlangte. Wußte er -denn, was es hieß, mit einer blinden Frau durchs Leben zu gehen? Hatte -er eine Ahnung von den Entbehrungen und Enttäuschungen, die ihm, dem -Sehenden, bevorstanden, wenn er, Seite an Seite mit ihr, ins Leben -trat, in die Welt, die ihr ewig fremd und verschlossen bleiben mußte, -unter Menschen, die ihn einen kurzsichtigen Schwärmer schelten und über -eine Verlobung mit ihr oder gar eine Ehe die Achseln zucken würden? Was -half es, wenn sie, Marga, kraft ihrer Liebe jede Demütigung gern auf -sich nahm -- ihn, den Sehenden, den Stolzen, den leidenschaftlichen -Mann mußte eine Wirklichkeit, wie sie ihr Instinkt angstvoll -vorausfühlte, wundreiben und unglücklich machen mit ihren tausend -unvorhergesehenen, wehtuenden, stechenden Kleinigkeiten. Mitleidlos -gegen sich und ihn ersparte sie ihm keine von den Wahrheiten, die sie -in den langen Stunden der Nacht gesammelt hatte. - -Freilich -- die Wirkung auf Perthes war dieselbe, als wenn sie -ebensoviel zu ihren Gunsten vorgebracht hätte. Je mehr Hindernisse und -Beschwerlichkeiten sie ihm zeigte, um so beredter und temperamentvoller -verfocht er seinen Entschluß. War er nicht Manns genug, um zu wissen, -was er tat? Scheute er vielleicht das läppische Gerede und Gehabe -anderer? Hatte er nicht immer für seinen eigenen Kopf seinen eigenen -Weg gefunden? Und nun, wo er durch Marga erst recht und ganz er selbst -wurde, sollte er gegen die kleinen Läppereien des Alltags, die sie da -in der Nacht ausgeklügelt und zu Schrecknissen vergrößert hatte, nicht -stark genug sein? Das war ja ein nettes Zeugnis von Vertrauen, das sie -ihm ausstellte! - -Trotz seiner heftigen Gegenwehr gab Marga sich nicht zufrieden. Er -mußte Schritt für Schritt erobern, was er an einem Abend im Sturm -und für immer gewonnen zu haben glaubte. Er brachte es einstweilen -nur zu einem feierlichen Pakt: er sollte kommen und gehen dürfen wie -bisher in der Stadt, am Wenzelsberg; aber nicht öfter und keinesfalls -täglich. Auch wegen des Geredes der Leute nicht. Sie wollten sich -einer dem anderen so offen und natürlich geben, als sie nur konnten, -um sich immer besser kennen zu lernen. Für das Maß der gegenseitigen -Vertraulichkeiten hatte Marga, obwohl sie weder prüde noch doktrinär -veranlagt war, einen ganzen Kodex ausgearbeitet: das zärtliche „Du”, -das im Glück des ersten Verstehens eingerissen war, wurde verpönt. Sie -wollten sich „Sie” und mit dem Vornamen nennen, und auch das nur unter -vier Augen. Von anderen Liebkosungen als von einem etwas herzlicheren -Handkuß durfte nicht die Rede sein. - -Gegen diese letzte Verordnung wehrte sich Perthes am entschiedensten. - -Um sie von vornherein zu entkräften, wollte er sogar Marga sofort -herzhaft in seine Arme ziehen. Aber sie geriet in eine so hilflose -Erregung, bat ihn so inständig, ja flehentlich, ihr zu folgen, daß er -nachgab. - -„Das versteh' ich nicht!” eiferte er. „Für Kasteiungen hab' ich gar -kein Talent, Marga. Ich weiß auch, trotz all der schönen Reden, nicht, -zu was sie gut sein sollen.” - -„Das soll dafür gut sein, daß uns, wenn unser Versuch mißlingt und wir -nicht zusammenbleiben können, das Auseinandergehen nicht zu schwer -wird.” - -Perthes wollte sie auslachen, aber sie legte so viel ernste, beinahe -schwermütige Überzeugung in ihre Worte, daß er es nicht fertigbrachte. -Er dachte nicht daran, ihre pessimistische Auffassung gelten zu lassen. -Aber die ängstliche Vorsicht, die an das Glück nicht glauben konnte, -die mädchenhafte Scheu, die der eigenen Liebe zum Trotz sich so streng -und haushälterisch gab, rührte ihn und nötigte ihm Achtung ab. Wenn er -auch bei sich dachte, dies drakonische Hausgesetz bleibe ein Unding, -weil es einen neutralen Zwischenzustand zu schaffen suche zwischen -Liebe und Freundschaft, den es nie und nirgends gebe, so begriff er -doch, daß so und nicht anders Margas empfindliches Gewissen sich mit -dem Neuen abfinden konnte. - -Unter solchen Umständen hatte er seufzend dem „Gesetz zur Verhinderung -der Liebe”, wie er es nannte, seine Sanktion erteilt. - -Es kam trotzdem, wie es kommen muß, wenn zwei Menschenkinder jung -und aus Fleisch und Blut sind. Es wäre zwischen Marga und Perthes -auch so gekommen, wenn Elli nicht von vornherein erklärt hätte, -diese zimperliche Schöntuerei sei Hokuspokus, und zusammen mit ihrem -Wilkens, vor dem das Geheimnis nicht gewahrt bleiben konnte, nicht jede -Gelegenheit benutzt hätte, um diesem „faden Platonismus” mit Scherz und -Spott auf den Leib zu rücken. - -Acht ganze Tage bestand das „GzVdL.”, wie es abgekürzt getauft wurde, -leidlich voll zu Recht. - -Dann gewahrte Marga mit Schrecken, wie Stück um Stück von ihrem -wohlgemeinten, aber doch nur in der Theorie möglichen Zwischensystem -abbröckelte. Da wurden zunächst die Pausen zwischen Perthes' einzelnen -Besuchen auf der Sägemühle immer kleiner, und bald war es ganz -selbstverständlich geworden, daß er jeden Tag kam, manchmal sogar -zweimal, und an einem Sonntag blieb er vom Morgen bis zum späten Abend. -Das nächste Bollwerk brachten Elli und Wilkens durch ein förmliches -Komplott zu Fall. Das steife „Sie” zwischen Marga und Perthes war ihnen -schon lange ein Dorn im Auge. Aber alle Sticheleien verfingen nicht. -Marga blieb fest und stellte sich taub für die dicksten Anspielungen; -und Perthes wollte sie an der Illusion, die sie beruhigte, nicht -irremachen. - -Elli, ewig auf Schelmereien bedacht, nahm ihre Zuflucht zu einem -abgefeimten Trick. - -Eines Abends, als Wilkens und Perthes, wie dies jetzt so selten -nicht mehr war, zum Abendbrot auf der Mühle blieben, ließ sie ihrer -Ausgelassenheit alle Zügel schießen und riß jeden, auch Marga, in ihre -übersprudelnde Laune hinein. Schließlich erhob sie ihr Glas, ließ -die Augen lustig zu Perthes hinüberspringen und warf den zerzausten -Kopf keck zur Seite. „Doktor Perthes, ich schlage vor, daß wir zwei -Schmollis machen!” - -Perthes, so aufgeräumt er selber, so sympathisch ihm Fräulein Sausewind -war, wurde doch von diesem freundschaftlichen Anerbieten überrumpelt. -„Mit Vergnügen!” erklärte er. „Aber ich muß da höheren Orts erst -anfragen.” - -Elli zwinkerte ihm zu. Er verstand und wandte sich an Marga. „Marga, -Sie haben wohl nichts dagegen? Da es Ihre leibliche Schwester ist, die -mit mir schmollieren will.” - -Marga war fassungslos überrascht und sah ganz verdutzt drein. „Elli ist -wohl 'n bißchen beschwipst?” meinte sie ausweichend. - -„Bitte schönstens!” verteidigte sich die Verdächtigte entrüstet. „Das -ist eine häßliche, grundlose Verleumdung!” - -„Die ich mir auch in meinem Namen verbitten muß, Fräulein Marga!” -brummte Wilkens höchst unwirsch. - -„Wenn Sie mich noch lange warten lassen, Herr Doktor Perthes,” -- Elli -betonte die Anrede mit spitzer Breite -- „sind Sie der unhöflichste -Mensch, der mir je vorgekommen ist! Marga hat da überhaupt gar nicht -mitzureden!” - -„Aber Herrn Wilkens muß ich doch wenigstens um Erlaubnis fragen?” sagte -Perthes, der nun ganz mit im Spiel war, zuvorkommend. - -„Nun, Herr Wilkens?” fragte Elli. „Man überschätzt zwar Ihre Autorität, -aber --” - -„Ich denke durchaus fortgeschritten in solchen Dingen,” ließ sich -Wilkens mit liberaler Großartigkeit vernehmen. - -„Na also! Du siehst, Marga -- drei gegen eine!” triumphierte Elli. - -Marga wußte nicht aus noch ein. Sie war nicht ohne Humor. Aber der -Mangel an äußerem Erleben hatte diese letzte und reifste Kraft nur erst -spärlich in ihr entwickelt. Sie fand auch jetzt kein Scherzwort, um -sich, ihre Schwere überwindend, aus der Klemme zu helfen. Sie versuchte -zu lächeln. Doch der Ausdruck ihrer Augen strafte das Lächeln Lügen, -und ihre Mundwinkel zuckten verdächtig. - -Elli lenkte ein. „Gott, Margakind, ich will dich ja schließlich -nicht benachteiligen!” erklärte sie großmütig. „Ich trete von meinem -Schmollis zurück unter einer Bedingung: wenn du es Doktor Perthes -anbietest statt meiner! Ich tue es blutenden Herzens und werde an -Herrn Perthes nicht so bald wieder mit einem so verlockenden Vorschlag -herantreten.” - -Jetzt konnte auch Marga sich nicht des Lachens erwehren. Sie wollte -nicht Spielverderberin sein und erhob bedächtig ihr Glas. Es kam ihr -schwer, überschwer vor. Im Grunde waren ihr die Tränen näher als -das Lachen. Aber Perthes ließ sein Glas kräftig dagegenklingen. Sie -drückten sich die Hand, was Elli ausnehmend prosaisch fand. - -„Es wird dir ja den Kopf nicht kosten, Marga!” meinte Perthes -beruhigend. - -Und das Du klang Marga so lieb und vertraut, daß sie noch einmal seine -Hand fest und dankbar ergriff. Es kam ja doch alles, wie es wollte. Er -sollte sie nicht für kühl und zimperlich halten. Ihr Blick leuchtete -von Liebe, und zugleich seufzte sie. So mußte wohl das Glück sein, ihr -Glück: ein Kranz, strahlend und schwer in einem ... - -Es war gut, daß das Sommersemester in den ersten Augusttagen zu Ende -ging. - -Von den vielen Bekannten in der Stadt, die ja doch auch den beliebten -Spaziergang nach der Sägemühle sich nicht nehmen ließen, drohten -allerhand Fährlichkeiten. Lose Zungen und spitze, scharfe Augen gab -es hier wie überall. Daß die Richthoffschen Mädels da draußen „immer -mit Herren gingen”, konnte sich auf tausenderlei Weise herumreden, und -wehe, wenn die Kunde, womöglich übertrieben und entstellt, zu Vater -Richthoff und Käthe sich verirrte! - -Elli nahm die Sache nicht weiter tragisch. Aber Marga mahnte immer -wieder zur Vorsicht. - -Und mit Recht. Da war zum Beispiel Cousine Grasvogel, die mit -irgendeinem Kränzchen von älteren jungen Damen mindestens einmal die -Woche auf der Sägemühle erschien und, während sie die „lieben, lieben -Mädels” ostentativ umarmte, ihre gutmütige, aber neugierige Nase -rundum wittern ließ. Richtig trat dann gerade während einer dieser -zärtlichen Begrüßungen Wilkens in den Garten. Kaum hatte er jedoch die -Schwierigkeit der Lage erkannt, so ging er wie der älteste Bekannte -auf Fräulein Grasvogel zu, die er auf dem Gartenfest am Wenzelsberg -nicht eines Blickes gewürdigt hatte, begrüßte die gute Cousine mit -einer Vertraulichkeit und ehrfürchtigen Wärme, als schätze man sich -seit Jahren, und sagte: es sei reizend, daß sie mit den beiden Fräulein -Richthoff einen Ausflug auf die Mühle gemacht habe. Er ließ sich von -ihr umständlich erklären, die „lieben, lieben Mädels” seien nicht -mit ihr gekommen, sondern wohnten hier außen für einige Wochen, und -war über die Neuigkeit aufs angenehmste verwundert. Elli biß sich -die Lippen blutig, um ernst zu bleiben. Marga gab recht unsichere -und zerstreute Auskünfte über die Verpflegung auf der Mühle und die -Zimmerverhältnisse. Dann verabschiedete sich Wilkens sehr korrekt von -allen dreien und tauchte erst wieder auf, als die Luft rein war. - -Schlimmer war es schon, daß Frau Geheimrat Achenbach einmal mit -dem Wagen die Landstraße entlang fuhr, als man, dem mäßigen Wetter -vertrauend, paarweise dort lustwandelte. Das Schlimmste aber ließ -ein Besuch von Käthes Freundin Lizzie befürchten, die an einem -Sonntagvormittag, als man im Buchenwald hinter dem Gehöft zu vieren -picknickte, aus heiterem Himmel herunterschneite. Elli erfand eine -ganze Räubergeschichte. Aber ob Lizzie, die sich sehr reserviert benahm -und eine undurchdringliche Miene aufsetzte, daran glaubte, war mehr -als fraglich. Gott sei Dank fand Perthes in ihrer ans Pathologische -streifenden Musikleidenschaft ein Thema, das die Unterhaltung leidlich -in Gang hielt. - -Unschädlich war nur Professor Borngräber, der gar nicht selten -im Vorbeigehen der Sägemühle einen Besuch abstattete. Es fiel -ihm bisweilen abends ein, daß er nach ärztlichem Ratschluß neben -seinen geistigen auch seine körperlichen Funktionen nicht völlig -vernachlässigen sollte, und dann arbeitete er mit zerstreuter Hast -die Landstraße ab bis zum Mühlengarten. Meistens las er dann, unter -Verachtung aller Lichtverhältnisse, ein dickes Buch zu seinen -Spiegeleiern mit Schinken, ließ aus Vergeßlichkeit das Bier so -abstehen, daß es in der Wärme des Sommerabends bald zu kochen anfing, -und hatte von der Umwelt keine Ahnung. Oder aber, wenn er die Töchter -seines Freundes Richthoff dann doch aus reinem Zufall entdeckte, war -er so erfreut, sie zu sehen, daß er niemand sah als nur sie. Sein -unschuldiges Junggesellenherz war ohne jedes Arg, und sein Sinn blieb, -trotz aller Herzlichkeit, zur einen Hälfte doch immer an den Ufern der -heiligen Ganga. - -Unverantwortlich lässig hatte sich bisher der von Vater Richthoff -selbst eingesetzte Vizevormund, Professor Wilmanns, benommen. Marga und -Elli hatten pflichtmäßig vor ihrer Übersiedlung bei ihm vorgesprochen, -und der bewegliche kleine Herr hatte laut verkündet, er werde bald -mal auf der Mühle „Generalrevision” halten. Er hatte zur Bekräftigung -seine eine Hand würdevoll auf die lahme Hüfte gelegt, die andere in die -Brust gesteckt und die Brauen so hoch gezogen, daß man fürchten mußte, -Augen und Stirn könnten nie wieder in ihre normale Lage zurückkehren. -Doch die bedrohliche Ankündigung blieb ohne Folgen. Nur die drei -Wilmannstöchter kamen einmal zum Kaffee auf die Sägemühle, nachdem -sie sich vorher artig durch eine Postkarte angemeldet hatten. Sie -entschuldigten ihre Eltern; Papa hatte vollauf mit seinem Wörterbuch -zu tun, einer Sisyphusarbeit, an der er seit bald einem Jahrzehnt sich -mühte; die bescheidene, aufopfernde Mama half dabei täglich ihre fünf -bis sechs Stunden. Danach konnten Elli und Marga überzeugt sein, daß -von dieser Seite nichts mehr zu befürchten sei, zumal die ganze Familie -Wilmanns mit Beginn der Ferien nach Thüringen reisen wollte. - -Aber die Generalrevision kam doch! Anfang August, genau einen Tag vor -Semesterschluß. - -Am Nachmittag hatte es Bindfaden geregnet. Es wurde Abend, ehe der -Himmel sich leidlich aufhellte. Keine Seele aus der Stadt hatte sich -auf der Mühle blicken lassen. Perthes war trotz des Unwetters um fünf -Uhr gekommen. Sein Lodenmantel und sein Hut mußten am Herdfeuer in -der Küche aufgehängt werden. Wilkens stellte sich zum Essen ein, für -das man, da der Boden zu feucht war und die Bäume tropften, in einer -Laube hatte decken lassen. Elli rekognoszierte für alle Fälle auf -Margas Wunsch nochmals das Terrain, obgleich Wirtsleute und Kellner -übereinstimmend berichteten, es sei kein menschliches Lebewesen im -Garten. Sie kam mit der Meldung zurück, in einer abgelegenen Ecke -sitze, aller Nässe von unten und oben zum Trotz, Professor Borngräber -und kritzle unheimliche Schriftzüge in ein Notizbuch. Das klang zwar -abenteuerlich, war aber anderseits auch so beruhigend, daß jedes -Bedenken schwand. Es war so gut, als gehörte einem der ganze Garten -allein. Guter Dinge voll, zog man von der Halle in die Laube und setzte -sich zu Tisch. - -Man hatte noch kaum mit dem Abendbrot begonnen, als Elli scharf und -unruhig über den Fluß äugte, hinüber auf das Fährboot. Das füllte -sich plötzlich mit einer ansehnlichen Gesellschaft, aus der weiße -Mädchenkleider herüberleuchteten. - -Wilkens war auch aufmerksam geworden. „Ich zähle drei Wilmannstöchter, -Papa, Mama und studentischen Anhang,” konstatierte er mit seiner -unerschütterlichen Gelassenheit. - -„Wahrhaftig! Ich auch!” rief Elli mit lachender Bestürzung. - -Perthes hatte sich erhoben. Er mußte die Nachricht bestätigen. „Mit -sicherem Kurs auf die Sägemühle!” setzte er tröstlich hinzu. - -Verblüffung und Schrecken waren groß. Die Ratlosigkeit noch größer. -Jeder schlug einen Ausweg vor, der nichts taugte. Und dabei näherte -sich das Boot mit zunehmender Eile. - -„Wenn man Professor Borngräber bäte, sich an unseren Tisch zu setzen?” -ließ sich Marga bedächtig vernehmen, als keiner von den anderen mehr -Rat wußte. - -„Sieh mal einer -- das Margakind!” rief Elli begeistert. „Die Liebe -- -ich sag' es ja schon immer -- geradezu genial macht sie die Liebe!” - -„Man könnte auch sagen, durchtrieben!” kommentierte Perthes, indem er -Marga strafend und anerkennend auf die Finger klopfte. - -Es war keine Zeit zu verlieren. - -Elli sprang schnell entschlossen durch den Garten. Man hörte sie -gleich darauf, wie sie den ahnungslosen Jakobus Borngräber mit einer -Sturmflut von liebenswürdigen Worten überfiel und betäubte. Es dauerte -noch nicht zwei Minuten, so hatte sie ihn herumbekommen. Er erschien -an ihrer Seite, den Hut, ein Monstrum von einem schokoladefarbigen -Hut, schief übergestülpt; ein dickleibiges Buch mit einem Notizbuch -darauf wie eine Bundeslade vor sich hertragend. Mantel, Schirm und -Bierglas hatte Elli übernommen. Mit dem unmöglichen, aufgedunsenen -Baumwollschirm wies sie ihm den Tisch, während sie immer weiter -plapperte: sie würden sich so riesig freuen, wenn er sich zu ihnen -setzte, und es wäre zu nett von ihm, daß er das täte, und sie würden -an Papa eine Ansichtskarte schreiben, daß er sie besucht hätte. Der -gute Borngräber nahm jetzt Buch und Notizbuch unter den Arm. Rund -und verwundert rollten seine Augen beim Eintritt in die Laube, so -verwundert, wie sie das immer taten, wenn sie sich mit der Welt der -Erscheinungen auseinandersetzen sollten. Daß da außer Marga, die er -Fräulein Käthe nannte, und Elli, die er mit Marga verwechselte, noch -zwei Herren saßen, die sofort aufsprangen und sehr bekannt und erfreut -taten, war ihm nicht befremdlicher als anderes. Seine goldgelben Zähne -lachten verlegen und freundlich aus dem silberstruppigen Gesicht. Er -verteilte Händedrücke, wobei sein Buch auf die Erde fiel; Perthes hob -es hilfsbereit auf, während Wilkens ihn selbst nach dem Stuhl an der -Spitze des Tisches drängte und ein Gespräch über neue indische Funde -vom Zaun brach, von denen er irgendwo gelesen haben wollte. - -Eben hatte sich die aberwitzige Brut knapp unter die schützenden Flügel -des sich seiner Rolle durchaus unbewußten Professors geflüchtet, als -vor dem Garten Papa Wilmanns' breite, behagliche Stimme erschallte. - -„Wollen sehen, ob wir die Vögel im Nest treffen. Geh mal vor, Heddy -- -daß sie nicht zu sehr erschrecken!” - -Doch diese zarte Vorsichtsmaßregel erwies sich schon im nächsten -Augenblick als überflüssig. Papa Wilmanns' scharfe, spitzmäusige Augen -hatten über den Zaun weg bereits die entscheidende Entdeckung gemacht. - -„Kiek mal eener!” Stürmisch drang er in den Garten und stand im -Handumdrehen am Eingang der Laube. „Kiek mal eener! Hat man je so was -gehört oder gesehen!? Mein Freund Borngräber, dieser Tugendheuchler, -sitzt hier schamlos vor aller Welt und macht jungen Mädchen den Hof!” - -Frau Wilmanns und ihre Töchter mit dem Gefolge von einigen Studenten, -die Wilmanns für ihre selbstlose Mithilfe am Wörterbuch ab und zu durch -eine Einladung entschädigen mußte, kamen auf seinen Ruf hinterdrein. -Es gab vor und in der Laube eine herzliche Begrüßung mit ausgiebigem -Händeschütteln, wobei die Wilmannsmädchen Perthes und Wilkens mit etwas -erstaunten Blicken maßen, und auch Mutter Wilmanns sie schüchtern -fragend besah. Aber ihr Gatte hielt eine so fulminante Abrechnung mit -Borngräber, daß Elli und Marga sich eine bessere Abwehr der Neugier gar -nicht wünschen konnten. Wobei nicht gesagt sein soll, daß der schlaue -Generalrevisor die Situation verkannt hätte. Aber er war nun einmal -immer schwach gegen junge Leute ... - -„Meine Herrschaften!” polterte er los. „Ich habe Ihnen schon wiederholt -von unserer griechischen Reise erzählt. Oder noch nicht?” - -„Doch, doch!” ließen sich beschwörende Stimmen hören. - -„Gut! Sie können sich jetzt vorstellen, was ich mit meinem Kollegen -Borngräber ~in puncto puncti~, das ist in betreff der Griechinnen, -auszustehen hatte. Dieses harmlose Gesicht, das sich auch jetzt wieder -den Anschein vollendeter und rührender Kindlichkeit gibt --” - -„Wollen wir uns nicht setzen, Papa?” wagte Frau Wilmanns vorsichtig -einzuwerfen. - -„Diese Maske verträumter Wissenschaftlichkeit wird niemand länger -täuschen!” fuhr Wilmanns unter allgemeiner Fröhlichkeit fort. „Ich -könnte --” - -„Wilmanns, ich warne Sie!” Borngräber schüttelte seine Befangenheit ab -und fuchtelte mit seinem Bierglas, das er aus unerklärlichem Grund bei -der Begrüßung mit sich erhoben hatte. „Ich warne Sie! Ich werde von -Kalypso erzählen, einem gewissen thrakischen Mädchen im Hotel --” - -„Schweigen Sie!” rief Wilmanns empört. „Sie haben gar nichts zu -erzählen! Ich stehe hier in verantwortlicher Stellung,” -- schon fuhr -die Hand gravitätisch in den Busen, und das hinkende Bein drehte sich -dramatisch nach außen -- „ich komme, um als Vizevormund im Namen des -arglosen Richthoff bei meinen Pflegekindern Revision zu halten, und -finde als Wolf in Schafskleidern -- Sie!” - -„Kalypso, Frau Professor Wilmanns,” schrillte mit verdoppeltem Feuer -Borngräbers Fistelstimme, „Kalypso war ein auffallend hübsches Mädchen ---” - -„Genug von Ihren Ausschweifungen!” donnerte Wilmanns, dem die Kalypso -gefährlich zu werden schien. „Genug, sage ich! Wir werden uns bei -einer Bowle weitersprechen! Aufgeschoben ist nicht ausgehoben! Helfen -Sie mir, meine Herren, das Symposion vorzubereiten, statt sich -bucklig zu lachen, wenn zwei ehrsame Professoren ihrer Alma mater sich -rein sachlich aussprechen! Ich denke, wir haben in der Laube alle -Platz. Schieben wir einen Tisch an!” Er legte selbst Hand an eine -Tischkante. Wilkens, Perthes, die Wörterbuchvolontäre sprangen bei -und faßten wacker mit an. Im Nu war der Tisch in der geräumigen Laube -zu einer Tafel erweitert. Weinflaschen, eine halbe Sekt darunter, -frische Walderdbeeren ließen nicht zu lange auf sich warten, und -Borngräber vereinigte sich mit seinem feindlichen Freunde zu einem -Waffenstillstand, um die Bowle zu brauen, eine praktische Tätigkeit, in -der er merkwürdigerweise brauchbare Erfahrungen hatte. Papa Richthoff -in Kissingen mochte sich ja die Vormundschaft über seine gewissenlosen -Töchter etwas anders vorgestellt haben -- aber für alle Teile war -die Wilmannssche Auffassung von einer Generalrevision die denkbar -sympathischste, nicht zuletzt für Marga und Elli, denen man zu diesem -festlichen Gelage nicht zuzureden brauchte. - -Die Abkühlung des regnerischen Tages wirkte nach. - -Als die Sonne untergegangen war, verlegte man mit Rücksicht auf die -älteren Herrschaften den zweiten Teil der Bowle in die geschützte Halle. - -Wilmanns schloß einen Akkord mit den Wirtsleuten, um das mehr -rhythmisch als im strengen Sinne musikalisch beanlagte Orchestrion in -den Dauerbetrieb zu versetzen. Während er nach Kissingen eine Postkarte -losließ: „Ihre Töchter, lieber Kollege, treffe ich bei meiner sehr -gewissenhaften vormundschaftlichen Inspektion durchaus artig und -munter. Gefahr droht ihnen nur von dem Indologen Borngräber, der sie -zu heimlichen Banketten einlädt” -- während dieses der Wahrheit nicht -zu nahe tretenden Berichts eröffnete Elli mit Wilkens den Tanz. Die -Wilmannstöchter und ihre jugendlichen Begleiter ließen ihr Beispiel -nicht lange ohne Nachahmung. - -Bei der zunehmenden Ungezwungenheit und Lustigkeit fiel es nicht weiter -auf, daß Marga und Perthes sich absonderten. - -Sie standen bei der Tür und plauderten. Er, angeregt von der Bowle, -der allgemeinen Fröhlichkeit und den lockenden Weisen der „Rosen aus -dem Süden”, folgte mit blitzenden Augen dem Tanz der jungen Mädchen in -ihren hellen, fliegenden Sommerkleidchen. - -„Na -- wagen wir es nicht auch, Margakind?” flüsterte er nach einer -Weile lebhaft. - -„Nein, ich kann ja nicht tanzen!” gab Marga zurück. - -„Aber Elli hat mir verraten, daß du mit ihr tanzt. Und zwar recht gut! -Komm -- tu nicht zimperlich!” - -„Es geht nicht!” wiederholte sie ängstlich. „Sicher nicht! Du würdest -dich mit mir nur lächerlich machen!” - -„Aber Kind, das ist ja kleinlich! Ich möchte gern tanzen!” - -Sie fühlte seinen heißen Atem an ihrer Wange. Die Hand, die nach der -ihren faßte, verriet die Erregtheit seines warmblütigen Temperaments. - -Marga entzog sich ihm. Ehe er es verhindern konnte, war sie in den -dunklen Garten hinausgeglitten. Eine plötzliche, wehe Traurigkeit -hatte sie befallen: er, entzündlich und lebensdurstig, wie er war, -verlangte in die Welt, die ihr verschlossen war, und sie hatte nichts -von alledem, was andere ihm geben konnten -- keine Leichtigkeit, keine -tanzende, lachende Lustigkeit! Nichts, gar nichts -- so schien es -ihr in diesem Augenblick -- als ihre schwere Seele und ihre trostlose -Blindheit! Und so würde es immer sein! - -Perthes folgte ihr schnell. - -Er war ärgerlich über sie. Über ihre übertriebene Schwerfälligkeit. -Über ihre Empfindlichkeit und die Unvorsichtigkeit, so davonzulaufen. - -Sie hatte schon einen Vorsprung gewonnen. Erst am anderen Ende des -Gartens holte er sie ein. - -Sie lehnte mit dem Rücken an einem Baumstamm. Die Hände hatte sie -hinter dem Kopf ineinandergepreßt, und die Augen starrten verängstigt -in die Höhe, während ihre Brust sich schwer atmend hob und senkte. - -„Aber Marga, wie kannst du nur so sein! So -- verzeih! -- so überspannt -empfindlich!” Wort und Ton konnten seine Verstimmung nicht verbergen. - -„Ich kann nicht tanzen! Gewiß nicht. Bitte, bitte, tanze doch du! Mit -Elli und den anderen!” stieß sie flehend hervor. - -Einen Augenblick durchfuhr es Perthes bitter, ohne daß er wußte, wie es -kam. Drinnen lockte die Musik mit ihrer sinnenfrohen Lebenslust. Das -war nichts für sie! Also auch nichts für ihn. Er stieß zum erstenmal --- oder war es nicht das erstemal? -- an die Grenze seines Glücks. -Aber er wollte nicht. Wie läppisch von ihm, durchaus tanzen zu wollen! -Er war alt genug, um darauf und auf anderes ohne Ärger verzichten zu -können. Wie unrecht von ihnen beiden, daß sie um einer so kleinlichen, -erbärmlichen Sache willen, wie es diese schlechte Musik war und das -bißchen improvisierter Tanz, sich verstimmen wollten! Er redete auf -Marga ein, herzlich, leidenschaftlich, und überredete sich selber -dabei. Warum sprach sie überhaupt immer davon, daß dies oder jenes -nicht für sie sei? Wollte sie die Wirklichkeit fliehen? Brauchte sie -denn das? Er wollte sie ja mitten hineintragen! Erst recht und gerade -sie! Und er wollte ihr von da draußen alles bringen -- Licht, Lust, -Wonne, Kleines wie Großes -- was sie begehrte! Hell und heller als um -jede andere sollte es um sie werden! - -Und Marga hörte zu. Er hatte noch nie mit so viel Feuer von seiner -Liebe zu ihr gesprochen. Sie kostete seine tröstenden Worte wie einen -heilenden Trank. Ungläubig erst, zaghaft -- dann mit vollen Zügen. -Und sie war es, die den Arm um seinen Nacken legte. Die ihn küßte. -Was hatte er, wenn sie spröde tat? War es nicht wenig genug auch so? -Und sie schuldete so viel Dank! Und sie war jung! Sie liebte ihn -wie nichts auf der Welt! Mochte vollends fallen, was ihre Angst und -Vorsicht zwischen ihm und ihr hatte aufrichten wollen. Sie küßte ihn -wieder und ließ sich küssen. Dann gingen sie, eins vom Arm des anderen -umschlungen, noch eine Weile durch den Garten. Ihre Liebe dünkte ihnen -reich und groß und heilig wie nie. Sie wollten ihre Unendlichkeit -fühlen -- heute, da sie zuerst an ihre Endlichkeit gestoßen waren. - - - - -9 - - -Die neue Assistentenstelle in der Chirurgischen Klinik, die Perthes -nunmehr endgültig angenommen hatte, sollte er vertragsmäßig zum ersten -September antreten. Er hatte sich am Bakteriologischen Institut zum -fünfzehnten August freimachen wollen. Vierzehn Tage dachte er für -seine Ausspannung herausschlagen zu können. Um nicht zu weit von -Marga entfernt zu sein, wollte er sich in einem einsamen Hof in den -Bergen einquartieren, den er von seinen Wanderungen kannte und der -etwa zwei Wegstunden von der Sägemühle ablag. Seine Ferien wollte -er, außer zum Zusammensein mit ihr, zu häufigen Fußmärschen in dem -abwechslungsreichen Waldgebirge benutzen. - -Alles war verabredet und festgesetzt, als Professor Kronheim, Hupfelds -erster Assistent, unerwartet erkrankte. - -Der Geheime Rat, der seine eigenen Sommerferien nicht verkürzen wollte, -wandte sich an Perthes und bat in schmeichelhafter Weise, ihm aus -der Verlegenheit zu helfen. Was war zu tun? Perthes mußte, fluchend -freilich, bis auf weiteres seinen eigenen Erholungsplänen entsagen und -Mitte des Monats, Hals über Kopf, aus seinem Institut in die Klinik -überspringen. - -Die neue Tätigkeit war wesentlich anstrengender und unfreier als die -frühere. Das sollte auch Marga draußen auf ihrer Mühle bald fühlbar -werden. Es gab in der Klinik regelmäßigen Tag- und Nachtdienst. Um -die täglichen Besuche war es mit einem Mal geschehen. Es vergingen -zwei, drei Tage, ehe Perthes sich auf der Sägemühle blicken lassen -konnte. Und da stellte es sich heraus, daß dieselben Pausen, die -Marga erst hatte zur Bedingung machen wollen, ihr jetzt recht lang -und schwer erschienen. Sie suchte freilich sich und Elli einzureden, -es wäre viel besser so: die stete Sorge, durch Cousine Grasvogel und -andere gute Freunde ins Gerede zu kommen, wurde geringer; die Freude -des Wiedersehens wurde durch die längere Trennung nur verstärkt. -Jetzt, wo die Schranken der Vorsicht und Zurückhaltung durch seine -und ihre Schuld gefallen waren, wuchs die so lange unterdrückte und -verleugnete Liebe Margas mit jedem Tag. Ihre schwere Natur, einmal -entzündet, drängte zu jener Reife, die das Weib in der Liebe erst ganz -zu dem macht, was es sein soll. Tapfer hatte sie ihr Leiden getragen; -aber so sehr es sie gefördert, es hatte doch auch ihre Entwicklung -gehemmt und so manches verkümmern lassen: nun streifte ihr Ernst sein -Zuviel an Schwere und Herbheit ab und verband sich dafür mit weicher -Hingebung und einer zarten Leidenschaftlichkeit, die ihn schöner und -voller kleidete. Konnte früher ihre Beherrschung dem oberflächlichen -Blick temperamentlos und apathisch vorkommen, so zeugte jetzt auch ihre -äußere Erscheinung gegen ein solches Vorurteil: ihr Gang war freier und -leichter, ihre Bewegungen wurden sicherer und ausgeglichener; der Kopf -mit seinem schlichtgeknoteten, aschblonden Haar senkte sich nicht mehr -so oft und so müd-ergeben; durch ein warmes, zuversichtliches Leuchten -ersetzten die Augen ihre Blicklosigkeit; die Wangen bekamen mehr Farbe -und die ganze Gestalt Frische und Fülle. Es war noch immer die große -Stille, die ihr Wesen trug und umfloß, aber ein bräutlicher Schimmer -verklärte sie. Und bräutlich fühlte sich Marga selbst in den Stunden, -in denen ihr Glück ohne Angst und Bedenken sie ausfüllte, bräutlich -in der sehnsüchtigen Erwartung, in der träumenden Versonnenheit, im -süßen, berechtigten Stolz. Wenn dann Perthes kam, war sie es, die im -ersten Augenblick des Alleinseins ihm die Arme um den Hals legte, sein -Gesicht, seine Haare, seine Hände liebkosend betastete und küßte. Sie -begann in ihm und durch ihn die Wirklichkeit in Besitz zu nehmen. - -Perthes entging die Wandlung nicht, die sich mit Marga vollzog. - -Es wäre unnatürlich gewesen, wenn sie ihn nicht erfreut hätte. Aber -es mischte sich etwas Neues und Fremdes in diese Freude. Solange es -gegolten hatte, Margas Liebe aus ihrer ängstlichen Verhüllung von -Scheu und Vorsicht zu lösen, hatte dies Spiel von Gefühl und Vernunft -ihn in fortwährender, froher Spannung gehalten, und sein Empfinden -für sie schien mit jedem Sieg, den er ihr abgewann, an Innigkeit zu -wachsen. Es kamen Augenblicke, wo er sich verliebt vorkam, so verliebt, -wie er es vor Wochen, als er sich zum Entschluß drängte, noch nicht -für möglich gehalten hätte. Aber nun, da Margas Liebe entfaltet war -und naturgemäß in ihr mit der Zärtlichkeit der Seele auch die der -Sinne erwachte, erschrak er bisweilen mitten unter ihren Liebkosungen -über sich selbst. Er hatte aus der Liebe, die er sich verordnete, -seinerzeit die Leidenschaft wegräsoniert. Jetzt zitterte sie ihm, nicht -aufdringlich freilich und maßlos, aber doch blutwarm und lebendig aus -Margas Zärtlichkeit entgegen. Was hatte er ihr dagegen zu geben? Wo -blieb bei ihm die Leidenschaft, die die ihre beantwortete? Freilich -erwiderte er stürmisch ihre Umarmung und gab ihr ihre Küsse verdoppelt -zurück, aber zwang er sich nicht dazu? War in seinem Ungestüm nicht die -Furcht, hinter ihr zurückzubleiben, und war diese Furcht nicht schon -der Beweis, daß seine Liebe der ihren nachstand? - -Er verwünschte solche Gedanken. Das allzu häufige, untätige -Beisammensein war doch unvernünftig gewesen und hatte ihn durch -Übersättigung überkritisch gemacht. Von dieser Seite sah er in seiner -klinischen Tätigkeit keine unwillkommene Gelegenheit, mit seiner und -Margas Liebe mehr hauszuhalten. Seine Stellung mit ihren gesteigerten -Ansprüchen befriedigte ihn. Mit dem ganzen Feuereifer, dessen er fähig -war, gab er sich ihr hin. Dem Zureden Margas und der eigenen Einsicht -folgend, entzog er sich auch dem Verkehr mit seinen Kollegen nicht -mehr so völlig wie bisher. Er dachte sogar daran, sich einmal wieder -im Tennisklub sehen zu lassen. Aber die Aussicht, mit Alice Hupfeld -zusammenzutreffen, hielt ihn ab. Nach der gemeinsamen Radfahrt auf der -Landstraße hatte er danach kein Verlangen. Es war möglich, daß sie -verreist war. Der Geheime Rat war auf Stift Nieburg. Das wußte er. -Alice war nirgend zu sehen. Doch das wollte nichts Sicheres besagen. Es -war jedenfalls geratener, ihr aus dem Wege zu gehen ... - -Da überraschte ihn vor Ende August Exzellenz Hupfeld mit einer -Einladung aufs Stift. Zum einfachen Mittagessen. Fast gleichzeitig -erfuhr er zufällig aus dem Gespräch mit einem Kollegen, daß Fräulein -Exzellenz von einer vierzehntägigen Hochgebirgstour zurückgekehrt sei. - -Seine Lust an der Einladung nach Nieburg, von vornherein nicht groß, -wurde durch diese Nachricht sehr herabgemindert. Er trug sich mit dem -Gedanken, abzulehnen, und suchte nach einem plausiblen Grund. Seltsam: -der Widerwille, mit Alice zusammen zu sein, nahm in dem Maße zu, als -das Essen auf dem Stift sich näherte. Er sprach auch mit Marga darüber. -Es war ihm ein Bedürfnis, so oft er Alice Hupfeld einmal erwähnen -mußte, seine Antipathie gegen sie beinahe überscharf zum Ausdruck zu -bringen. Marga hatte nur ein unvollkommenes, nicht sehr anziehendes -Bild von Alice wie von dem ganzen Kreis, dem sie zugehörte. Sie war -keine von jenen kleinen Naturen, die aus Mangel an eigenem Urteil um -jeden Preis „gerecht” sein wollen. Gleichwohl hielt sie seine Härte -für übertrieben und riet ihm, der Einladung nach Nieburg zu folgen. - -Letzten Endes blieb auch Perthes, wenn er sich die Gnade seines neuen -Chefs nicht von vornherein verscherzen wollte, gar nichts anderes -übrig, als anzunehmen. - -An dem Tag, der ihn zu Hupfelds führen sollte, blieb er so lange auf -der Klinik, daß er knapp noch Zeit hatte, sich umzukleiden. Er mußte -einen Wagen nehmen, um überhaupt noch zu rechter Zeit nach Stift -Nieburg zu kommen. - -Als der Kutscher von der heißen Landstraße abbog, sah Perthes -sehnsüchtig nach der Mühle, die schattig und beschaulich wie immer mit -ihren Ziegeln aus den Bäumen hervorlugte. Am liebsten hätte er noch -jetzt die Fahrt dorthin kommandiert. Er schalt sich selbst über seine -Torheit. Dies lächerliche Mißbehagen stand in keinem Verhältnis zur -Unbedeutendheit der Sache. Er war doch wohl nachgerade alt und Manns -genug, um sich in unbequemer Gesellschaft ein paar Stunden mit Anstand -herumzulangweilen! - -Das große eiserne Gittertor war verschlossen. Nur die ins Mauerwerk -gebrochene Nebenpforte stand offen. Man erwartete also nicht so viele -Besucher, wie Perthes hinter der Einladung zum einfachen Mittagessen -geargwöhnt hatte. Er stieg aus, entlohnte den Kutscher und trat -in den Garten: mit seinen kurzgeschorenen Rasenflächen, seinen -üppigen Palmengruppen und farbensatten Blumenbeeten lag er still in -der sengenden Augustsonne. Still und wie erstarrt in weißer Hitze -stand auch weiter zurück das lange, schloßartige Gebäude mit dem -efeubewachsenen Untergeschoß, den hohen, hellgrünen Fensterläden, die -zum Teil geschlossen waren, und dem mächtigen Giebeldach. Die Bäume des -Parks gaben einen Hintergrund, der sich mit massigem Düster gegen das -grelle Licht abhob. - -Auf einem der gelben Kieswege, die zwischen wohlgepflegten Taxushecken -abseits vom Fahrweg sanft emporstiegen, kam Perthes ans Haus. Nach der -Hitze draußen atmete ihm das alte, weiträumige Bauwerk schon bei der -Eingangstür mit ihren geschnitzten Flügeln und glänzenden Messingringen -wohltuende Kühle entgegen. Der Diener, der ihn in Empfang genommen, -führte ihn durch lange, etwas nüchterne Gänge über ein breites, an den -Wänden mit Nachbildungen antiker Reliefs geschmücktes Treppenhaus in -den ersten Stock. - -Das Zimmer, das er betrat, war auf den ersten Blick erstaunlich tot und -drückend. - -Große, in den Farben gedämpfte Gobelins verkleideten die Wände ringsum. -Zwei Bänke mit ledergepolsterten Sitzen und Lehnen, ein runder Tisch -mit schwerer, goldbrokatener Decke, die einst einen Altar geziert haben -mochte, und einer riesigen Fayencevase in der Mitte, hochrückige, -steife Lehnstühle -- lauter in den Holzteilen tiefdunkle Möbelstücke --- waren mehr stilvoll als einladend. Durch eine Tür, deren schmale -Portiere zurückgerafft war, sah man ins anstoßende Zimmer: es war -- -fast schien es, in bewußtem Gegensatz zu dem Vorraum, in dem Perthes -stand -- in helles Licht getaucht. Man sah einen ziemlich einfachen -Schreibtisch, der mit schmuckloser Platte auf zarten, ausgebauchten -Beinen stand. Der altertümliche Globus auf der Ecke, das kristallene -Tintenfaß, noch mehr aber der Polsterstuhl mit seinem Bezug von -grünem, geriefeltem Samt brachte Raffinement in die Einfachheit dieses -Arbeitszimmers. - -So weit war Perthes in seinen Betrachtungen gekommen, als von dort ein -leises Räuspern und teppichgedämpfte Schritte hörbar wurden. Gleich -darauf wurde Hupfeld in der Tür sichtbar. - -„Sehr liebenswürdig, daß Sie uns das Vergnügen machen,” ließ sich seine -volle, getragene Stimme vernehmen. Er überschritt die Schwelle nicht, -sondern lud den Doktor mit einer kurzen Bewegung ein, näherzutreten. -Freundlich, fast vertraulich bot er ihm die Hand -- eine Hand, so -weich und lässig, daß Perthes sich versucht fühlte, sie zwischen -seinen muskulösen Fingern durch einen heftigen Druck auf ihre Knochen -zu prüfen. Und doch war diese Hand mit ihrem fabelhaften Geschick die -Begründerin von Exzellenz' europäischem Ruf. Die hochgewachsene Gestalt -überragte noch die seines Assistenten. Auf den breiten Schultern saß -ein verhältnismäßig kleiner Kopf, dem bartlose, glatte, mit dem Alter -etwas verfettete Züge und weißes, dichtstehendes, aufrechtes Haar die -Schönheit eines bejahrten Heldenvaters gaben. - -Ein zweiter von jenen Winken, deren herrische Kürze mit der -auffallenden Loyalität des Geheimen Rats kontrastierte, forderte -Perthes auf, es sich in einem roten Saffiansessel bequem zu machen, -der gegenüber dem Schreibtisch, neben einem von Photographien -und künstlerischen Reproduktionen bedeckten Tisch stand und ein -bücherreiches Regal im Rücken hatte. - -Exzellenz setzte sich in den grünen Polsterstuhl. „Und wie fühlen Sie -sich in unserer Klinik, mein lieber Doktor?” - -„Danke, Exzellenz! Soweit ich mir schon ein Urteil erlauben kann, -sehr wohl,” erwiderte Perthes, in den Saffiansessel mit Widerstreben -versinkend. - -Hupfeld lächelte befriedigt. Er war ein Meister jenes diskreten -Lächelns, das die angenehmste wie die ärgerlichste Stimmung gleich -gut verhüllt. „Wie ich Ihnen schon sagte, haben Sie mir durch Ihren -früheren Eintritt einen großen Dienst geleistet,” fuhr er, jedes, auch -das unbedeutendste Wort prononcierend, fort. Während er mit gemessener -Wärme des erkrankten Professors Kronheim gedachte, beharrte er -regungslos in der für sein Gesicht so vorteilhaften Profilstellung. Das -gelbliche, durch die dünnen Vorhänge getönte Licht vom Fenster umfloß -schmeichelnd seine majestätischen Umrisse und den grünen Polsterstuhl. -Bisweilen traf ein knapper Blick den Doktor. Wenn die Augen von -Exzellenz ihre graue Starrheit einen Moment aufgaben, nahmen sie einen -stechenden Glanz an und erinnerten Perthes durch ihren spöttischen -Ausdruck an die von Alice. - -Mit der Freiheit des großen Mannes liebte es Hupfeld, die Themen -des Gesprächs unvermittelt zu wechseln. Er gefiel sich in einer -klassischen Vielseitigkeit. Im Hinblick auf Perthes' mannigfaltigen -Studiengang sprach er davon, daß er selbst eigentlich hätte Botaniker -werden sollen und wollen. Dabei gab er seinem Talent zur Rede nach -und setzte die Worte mit der sinnlichen Selbstgefälligkeit eines -Juweliers, der die Perlen seines Geschmeides einzeln durch die Finger -gleiten läßt. „Ich habe mir, wie Sie sich vielleicht schon überzeugten, -die Vorliebe für die Pflanzenwelt gewahrt.” Er deutete mit einer -Bewegung der molluskenhaften Hand in der Richtung des Gartens. „Wenn -es Sie interessiert, werde ich Ihnen nachher im Gewächshaus meine -bescheidene, aber ich darf wohl sagen erlesene Sammlung von Orchideen -zeigen. -- Wissen Sie denn übrigens, daß Sie hier in Nieburg auf -klassisch geweihtem Boden weilen?” - -Perthes schüttelte verneinend den Kopf. - -„Es ist verbürgte Tatsache,” erklärte Hupfeld, indem er sich noch -hoheitsvoller in seinem grünen Polsterstuhl zur Schau setzte und die -berühmte Hand mit leichten Bewegungen seine Worte begleiten ließ, -„daß in diesen Räumen Goethe im Jahre 1793, auf der Rückreise von der -Belagerung von Mainz verweilte. Sein erlauchter Geist trifft sich mit -meinem bescheideneren in der Liebe für die Pflanzen und für die Kunst -des Mittelalters. Das macht mir den Aufenthalt hier besonders lieb und -bedeutungsvoll. Auch die Gebrüder Boisserée sind hier öfters zu Gast -gewesen. Wenn der gute Wille genügte, etwas von der Universalität jener -Zeiten und jener Geister sich zu eigen zu machen, und wenn man Zeit -hätte --” Der Geheime Rat vollendete seinen vielsagenden Satz nicht, -sondern ließ ihn in einem tiefsinnigen Schweigen stecken. Vielleicht, -um Perthes Gelegenheit zu geben, ein naheliegendes Kompliment -einzuflechten; vielleicht auch nur, um den versteckten Vergleich mit -Goethe in dem Zuhörer -- oder vielmehr in dem Zuschauer -- äußerlich -nachwirken zu lassen. - -Perthes besaß leider gar keinen Sinn weder für Schmeicheleien noch für -klassische Vergleiche. Es bereitete ihm im Gegenteil ein heimliches -Vergnügen, Exzellenz zu enttäuschen. Nachdem er sich ungefähr so viel -Zeit gelassen hatte, als nötig war, um die Bartlocken der gewaltigen -Büste des Zeus von Otricoli zu zählen, die auf einem Postament -in der Ecke hinter dem Schreibtisch stand -- also nach einer sehr -respektvollen Pause --, hub er plötzlich an, von einem klinischen Fall -zu sprechen. „Haben Exzellenz gehört, daß die Operation von Miß Read -- -es handelte sich um ~Ileus strang~...” - -„Ja -- ja! Natürlich!” fuhr Hupfeld aus seinem Nachsinnen zerstreut -auf. „Die Sache ist sehr interessant! Sehr interessant! Wir sprechen -nachher noch davon. Für jetzt darf ich Sie nicht länger unseren -Damen vorenthalten.” Er erhob sich etwas jäh. „Bitte!” Er deutete -wieder in seiner befehlenden Art nach der rückwärtigen Tür. Mit der -Zuvorkommenheit eines Fürsten ließ er seinen Gast voranschreiten. -Sie durchschritten zuerst die eigentliche Bibliothek, einen sehr -stimmungsvollen Raum mit Tausenden von Bänden auf hohen, geschnitzten -Regalen. - -„Ich habe meine paar belletristischen und kunsthistorischen Bücher von -den fachwissenschaftlichen getrennt und hier untergebracht,” erläuterte -der Geheime Rat im Vorbeigehen. - -Von da traten sie in das Speisezimmer. - -Wenn Perthes Muße gehabt hätte, den „Saal” genau in Augenschein zu -nehmen, würde er ihm seine Anerkennung nicht versagt haben. Die -kolossalen Brabanter Schränke, die gegen eine Tapete von blaßroter -Seide standen, das wundervolle Barockgestühl, die gravitätischen -Ahnenbilder an den Wänden im Verein mit Teppichen, Truhen und kostbaren -Behängen zeugten von Geschmack. So aber mußte er sich vor allen Dingen -in einer der tiefen Fensternischen der Dame des Hauses vorstellen -lassen. - -„Mein neuer Assistent, Herr Doktor Perthes,” führte ihn Hupfeld -wohlwollend ein. - -Die weibliche Exzellenz, eine kleine, lebhafte Dame von rosiger -Gesichtsfarbe und einem kindlichen Ausdruck von Daseinsfreudigkeit -auf den wulstigen Lippen und in den schwimmenden Äugelchen, reckte -ihre etwas schwerfällige Figur freundlich im Stuhl in die Höhe, nickte -dreimal mit dem Kopf und gab Perthes die Hand. „Es ist schwül. Glauben -Sie, daß wir ein Unwetter bekommen werden? Ich frage heute jedermann, -ob wir heute ein Gewitter bekommen werden. Ich bin nämlich sehr -ängstlich. Sehr, sehr ängstlich!” Sie bekräftigte ihre Gewitterfurcht -mit einem hohen, kindlichen Lachen. „Wie meinen Sie?” fragte sie dann -dringend, die Hand an ihr schwerhöriges Ohr haltend. - -Perthes, etwas betroffen von diesem Willkommgruß, der in seiner -Naivität peinlich war, faßte sich so schnell wie möglich. „Ich glaube -nicht, daß wir ein Gewitter haben werden,” antwortete er höflich. - -„Hörst du, Moritz,” wandte sich Frau Hupfeld triumphierend an den -hinter ihrem Sessel stehenden, blutjungen Leutnant, „Doktor Pätel -- -hieß er nicht so, Papa?” - -„Doktor Perthes,” korrigierte der Geheime Rat mit einer Deutlichkeit, -die zugleich zuvorkommend und entschuldigend klang. - -„Na ja -- Doktor Pätel glaubt auch nicht an ein Gewitter, Moritz!” - -Der Leutnant, ein zierlicher, hübscher Junge mit harmlosem, frischem -Kindergesicht, zuckte die Achseln. „Willst du mich, bitte, vorstellen, -Papa?” bat er den Geheimen Rat. - -„Natürlich -- ich bitte um Verzeihung! Mein Sohn, Leutnant Moritz -Hupfeld. Und hier --” Er winkte nach dem Fenster, wo ein junges -Mädchen ohne Teilnahme für das, was vorging, hinausschaute. „Komm mal -her, Hilla! -- Die Tochter meines Bruders, des Obersten Hupfeld in -Straßburg,” erläuterte Exzellenz. - -Das junge Mädchen fand es nicht der Mühe wert, näherzutreten. Sie -erwiderte, sich langsam umwendend, Perthes' Verbeugung mit einem halben -Blick und ziemlich schnippischem Kopfnicken. „Weißt du, Onkel, ihr -müßtet in den ollen, langweiligen Garten da mal 'ne Fontäne oder so was -'reinsetzen,” schloß sie ihre viel wichtigeren Fensterstudien. - -„Nein! Um Gottes willen! Wo denkst du hin, Kind? Eine Fontäne?” -jammerte Frau Hupfeld erschrocken. „Das ewige Plätschern kann einen ja -schwermütig machen!” - -„Sei ohne Sorge,” legte sich Hupfeld ins Mittel, „ich liebe keine -Wasserkünste!” Er bewahrte inmitten dieser reichlich albernen -Unterhaltung die herablassende Würde seiner Größe. - -„Cousine Hilla hat nu mal eine Vorliebe für große silberne Glaskugeln, -Goldfische und Terrakottazwerge, die unter Pilzen sitzen,” hänselte -der Leutnant, während er mit Perthes einen Blick gegenseitigen -Wohlgefallens wechselte. - -„Pfui, Moritz!” wehrte sich Hilla entrüstet und geruhte dabei, sich -zu nähern und ihre nichtssagend hübsche Larve mit schmachtendem -Tadel ihrem Vetter zuzuwenden. „Sind Sie der Doktor, der so gut -Tennis spielt?” wandte sie sich dann plötzlich mit der vorlauten -Selbstverständlichkeit eines verzogenen Backfisches an Perthes. - -„Woher wissen Sie das, gnädiges Fräulein?” fragte Perthes trocken -zurück, während er auf das schmale Persönchen kühl heruntersah. - -„Von Alice natürlich!” - -„Alice!” nahm Hupfeld das Wort. „Wo steckt denn Alli? Wir werden uns -ohne sie zu Tisch setzen. Entschuldigen Sie, mein lieber Doktor! Meine -Tochter lebt in einem beständigen Krieg mit unserer Hausordnung,” -ergänzte er halb stolz, halb tadelnd, während er seiner Frau artig den -Arm bot. - -„Dem armen Kinde wird doch nichts zugestoßen sein?” meinte Frau Hupfeld -ängstlich. - -„I wo, Mama!” lachte der Leutnant. „Das wäre das erstemal. So was -verdirbt nicht!” - -„Ich sah sie vor einer Viertelstunde von meinem Zimmer aus in den Park -laufen,” bemerkte Cousine Hilla. Sie hängte sich dabei an den Arm -ihres Vetters, der sie höflich dem Gast hatte überlassen wollen. Mit -Zivilisten ging sie nur in Ermangelung wirklicher Menschen zu Tisch. - -Perthes, dem offenbar ursprünglich Alice als Tischnachbarin zugedacht -war, mußte sich seinen Platz allein suchen. - -Er ergab sich in sein Los. Kam er sich doch unter diesen fremden -Menschen so gelangweilt und unbehaglich vor, daß er froh war, sitzen -und essen zu dürfen. - -Exzellenz hielt bei der Suppe einen kleinen Vortrag über altes -Porzellan, von dem er eine Sammlung anzulegen beabsichtigte. Es -genügte, verständnisvoll zu lächeln, was übrigens nur Perthes tat. Frau -Hupfeld teilte einstweilen ihre ganze Aufmerksamkeit zwischen einem -harmlos-fröhlichen Appetit und der erneuten Sorge um das Wetter, das -zu beobachten sie dem aufwartenden Diener in geheimnisvollem Ton sehr -dringlich einschärfte. Hilla machte ihrem Vetter Leutnant ungeniert den -Hof, ohne der Weisheit ihres großen Onkels die geringste Beachtung zu -schenken. - -Der weißbehandschuhte Diener hatte schon den zweiten Gang serviert und -einen Flüsterwein eingegossen, als die Tür zum Saal aufgerissen wurde -und Alice hereinstürmte. - -„Denkt euch, Kinder --” - -„Meine Nerven! Meine Nerven!” klagte erschrocken die Geheime Rätin. - -„Der Gärtner hat in der Raubtierfalle einen richtigen Iltis gefangen! -Ich hab' ihn mir angesehen! Eine Mama, die Junge erwartet!” - -Alice reichte dem Doktor während ihres zoologischen Berichts sehr -obenhin die Hand und setzte sich zwischen ihn und ihren Bruder. - -„Wie schrecklich!” ließ sich Frau Hupfeld, ihre Nerven vergessend, -neugierig vernehmen. „Was hat er gefangen? einen Tiflis?” Umfassende -Bildung gehörte nicht zu Mama Hupfelds Vorzügen. Sie stammte aus -einfachen Verhältnissen -- aus Hupfelds weniger berühmter Zeit -- und -ihre Impromptus waren das Entsetzen von Exzellenz. - -„Einen Iltis!” kicherte Alice. „Und zwar --” wollte sie mit überlauter -Deutlichkeit fortfahren. - -„Mein Liebling,” unterbrach sie der Geheime Rat mit einer -Entschiedenheit, die zugleich bestimmt war, Iltis und Tiflis zu -bedecken, „ich schätze die Natürlichkeit. Das weißt du. Aber sie darf -nicht degoutant sein.” - -„Auch meine Meinung. Besonders bei Damen!” bekräftigte Leutnant Moritz -die väterlichen Worte. - -„Da hab' ich mich ja wieder mal nett in die Nesseln eurer Prüderie -gesetzt!” Alice sah mit verschmitztem Lachen von einem zum anderen. - -„Wohin hat sie sich gesetzt?” fragte mit unerschüttertem Wissensdrang -Frau Hupfeld. - -„Mich mußt du ausnehmen, Alli,” erklärte voll schwärmender Bewunderung -Cousine Hilla. „Ich finde deine Natürlichkeit furchtbar schick! Ich -wollte, ich wäre auch so vorurteilslos.” - -„Das fehlte noch!” brummte der Leutnant. - -„Steht nur Ihr Urteil aus, Herr Doktor Perthes!” wandte sich Alice -mit einer Verbeugung an ihren Nachbar. „Dann kann über mich richtig -abgestimmt werden!” - -Perthes, obwohl nichts weniger als entzückt von dieser Aufforderung, -begegnete dem spitzbübischen Zwinkern ihrer Augen mit einem ruhigen -Blick. „Wenn Sie darauf Wert legen, gnädiges Fräulein --” - -„Und ob!” - -„Ich schätze Natürlichkeit. Bei Damen sogar besonders. Sie wird da nur -leicht Manier. Und hebt sich so wieder selbst auf.” - -„Sehr gut!” nickte zustimmend der Geheime Rat. „Sehr gut, lieber -Perthes!” wiederholte er noch einmal, nachdem er mit vorgeschobenen -Kennerlippen an seinem Weinglase genippt hatte. - -„Das heiß' ich 'ne schlanke Abfuhr -- wie, Allichen?” schmunzelte der -Leutnant vergnügt. - -„Mir ist das zu hoch!” meinte mit patziger Geringschätzung Cousine -Hilla. - -Alli selbst kniff die Augen zusammen wie beim Tennisspiel, wenn sie -berechnen wollte, wie sie den Ball am besten zurückschlüge. Es lag in -dem halboffenen Blick etwas Lauerndes, das die Freude an gefangenem -Raubzeug, wie einem Iltis, erklärlich machte. Im nächsten Augenblick -lachte sie. Es war dieses helle, kurze, aufreizende Lachen, das Perthes -kannte. - -Der Diener hatte eben begonnen, neue Schüsseln zu reichen. Den Schleien -folgten römische Poularden. Alice hatte den Kopf mit dem rötlichen -Haargewirr über die Lehne zurückgeworfen. Die gelenkige Gestalt in -dem eng anliegenden, blauen Foulardkleid schüttelte sich leicht, als -gelte es, ein paar Tropfen von der milchweißen Haut des Halses und der -Arme absprühen zu lassen. Dann bog sie sich blitzschnell ganz nahe an -Perthes heran. „Es ist doch so, daß hinter dem Räubergesicht ein ganz -ehrsamer Philister sitzt, nicht?” tuschelte sie ihm mit boshafter Hast -zu. - -Er wollte ihr erwidern. Aber ebenso geschwind hatte sie sich von ihm -weggewandt und drehte ihm halb den Rücken. Sie sprach mit Hilla und -ihrem Bruder. Während des Restes der Mahlzeit behandelte sie ihn als -Luft. Ein Verfahren, das ihn, wie er sich selber vorsagte, höchst kalt -ließ, aber seine Behaglichkeit im Hause Hupfeld nicht erhöhte. Er -wünschte sich über alle Berge. Oder doch zum mindesten einen halben -Kilometer talwärts in die Sägemühle. Die ungewohnte Atmosphäre, die -ihn umgab, bedrückte ihn: dieser „große Mann” mit seiner preziösen -Redeweise und seiner hohlen, posierten Majestät; diese vielleicht -gutmütige und natürliche, aber immer nur mit sich selbst beschäftigte, -rosig-dicke Frau Exzellenz; Fräulein Hilla, die ihre Dummheit durch -die doppelte Portion Hochmut und Dreistigkeit wettzumachen suchte, -und Alice -- wie ihm das alles zuwider war! Samt dem altertümlichen, -schwerfälligen, überstilvollen Luxus! Samt dem tadellosen Diner auf -Wedgwoodporzellan und den Flüsterweinen und dem schleichenden Lakaien -mit den weißen Handschuhen! Er war kein Feind von Reichtum und Geist -und Geschmack; aber er hätte gern einmal laut fluchen oder eins der -hohen Fenster aufreißen und einen Strom noch so heißer Sommerluft -hereinströmen lassen mögen -- um sich selber wiederzuerkennen und -freizumachen! - -Man näherte sich dem Dessert. - -Der Leutnant brachte, Gott sei Dank, etwas Zug in die Unterhaltung. Er -erzählte von Ballonfahrten, die er von Freiburg aus, wo er in Garnison -stand, unternommen. Besonders von einem Ausflug nach Straßburg, wo sie -kurz vor dem Ziel, in Kehl, die Reißleine ziehen mußten und um ein Haar -im Rhein gelandet wären. - -„Wo war das, Moritz?” fragte Frau Hupfeld, die die Hand am Ohr mit -allen Zeichen des Gruselns der halsbrecherischen Schilderung zu folgen -versuchte. - -„In Kehl, Mama,” lautete der bereitwillige Bescheid. - -„In Kiel?” wiederholte die alte Dame mit Staunen. „Ich wußte gar nicht, -daß Kiel so nahe bei Straßburg liegt. Ich dachte immer --” - -Diesmal brach die Heiterkeit über Mama Hupfelds durch keine -Sachkenntnis getrübte Geographie so elementar und laut hervor, daß der -Geheime Rat sie nicht durch eine ableitende Bemerkung aufhalten konnte. -Seine kleine, dicke Frau schloß sich der Fröhlichkeit so unbefangen -an, wie wenn sie nichts anderes beabsichtigt hätte, als ein Bonmot -zum besten zu geben. Zu allem Unheil pflanzte sich eben jetzt der -Diener in steifer Positur hinter ihrem Stuhl auf, offenbar um ihr eine -unaufschiebbare Meldung zu machen. - -„Was gibt's, Karl?” fragte sie besorgt, als der Beifall, den sie -unfreiwillig entfesselt hatte, sich legte. - -„Exzellenz, im Süden zieht ein Gewitter herauf!” meldete der Diener mit -der Feierlichkeit eines spanischen Granden. - -„Allmächtiger!” entfuhr es dem Leutnant in komischer Verzweiflung. - -Frau Hupfeld schnellte mit allen Zeichen der Angst von ihrem Sitz in -die Höhe. „Oh -- was Sie sagen, Karl!” stammelte sie. Sie sah wirklich -bemitleidenswert aus. - -Cousine Hilla biß auf ihre Serviette, um nicht von neuem -herauszulachen. Alice schnitt eine Grimasse. Perthes fixierte standhaft -den zierlichen Rand seines Tellers, denn wenn er bis jetzt als Gast -des Hauses seinen Lachmuskeln eine peinliche Reserve auferlegt hatte, -diese im Ton einer antiken Schicksalsverkündigung vorgetragene -Gewittermeldung drohte seine Kraft zu übersteigen. - -Der Geheime Rat blieb ernst. „Es wird ja so schlimm nicht sein!” redete -er begütigend seiner Frau zu. - -Aber für Frau Hupfeld gab es, nachdem sie sich vom ersten Entsetzen -erholt, kein Halten. „Herr Doktor Pätel -- Sie müssen mich -entschuldigen -- ich kann nun mal nichts dafür!” erklärte sie -mit hastiger Verlegenheit. „Nein -- und ich wollte noch von der -wundervollen Ananas essen! Stellen Sie sie für mich zurück, Karl! Und -Annette soll auf mein Zimmer kommen. Sie muß mir die Laden schließen. -Johann auch!” - -Schon war sie, ihre beleibte kleine Person mit erstaunlicher -Elastizität vorwärtsschiebend, aus dem Saal geflohen, um in ihrem -Schlafzimmer unter Beihilfe der verfügbaren Dienstboten die nötigen -verdunkelnden Vorbereitungen zu treffen. - -Das Gleichgewicht der Tafel war gestört. - -Exzellenz -- seine Verstimmung in eine gesteigerte, über die -Kleinigkeiten des Tages erhabene Hoheit hüllend -- hielt es für -angebracht, die Mahlzeit nicht mehr über Gebühr zu verlängern. - -Er stand denn auch bald auf und gab so das Zeichen der Befreiung vom -Tischzwang. Die Herren begaben sich in die Bibliothek. Während der -Leutnant den mit Silber eingelegten Zigarrenschrank herbeiholte und -Perthes mit den unterschiedlichen Vorzügen der Importen bekannt machte, -zog Hupfeld sich stillschweigend zu einer kleinen Mittagsruhe zurück. - -Alice und Hilla traten unter die Tür der Bibliothek. - -„Hilla will mal meine Iltismama besehen. Kommst du mit, Säbelmännchen?” -Alice richtete ihre Aufforderung absichtlich nur an ihren Bruder, als -existierte Perthes gar nicht. - -„Das hängt von Herrn Doktor Perthes ab,” erwiderte der Leutnant, den -Zug seiner Zigarre prüfend. - -„Bah -- es fragt sich sehr, ob wir Herrn Perthes nach der famosen -‚Abfuhr‛ an Alli überhaupt noch dazu einladen!” erklärte Fräulein Hilla -mit schnippischer Promptheit. - -„Dann müßt ihr auf meine Gesellschaft auch verzichten, Hillchen!” gab -Leutnant Moritz ritterlich zurück. - -Alice maß Perthes über ihre Schulter weg mit dem ihr eigenen Blick vom -Fuß zum Kopf. - -„Bitte sehr, sich durch mich nicht bestimmen zu lassen. Unser Tierpark -im Bakteriologischen Institut war so reichhaltig, und ich bin so froh, -ihn los zu sein, daß ich auf Iltismütter keinen besonderen Wert lege.” -Perthes sprach mit aller ihm zu Gebot stehenden Gelassenheit, ohne -Alices Blick zu vermeiden. Dabei mußte er allerdings die zartgewickelte -Zigarre beinahe zwischen seinen Fingern zerdrücken, so sehr reizte ihn -Alices Benehmen. - -„Stolz lieb' ich den Spanier!” bemerkte sie leichthin; aber ihre -Mundwinkel zuckten mehr nervös als spöttisch, und ihre Absätze klappten -stärker auf den Boden, als nötig war. Seine Sprödigkeit machte sie -kampflüstern. Sie wäre jetzt am liebsten dageblieben, um es gleich -darauf ankommen zu lassen, wer Sieger blieb. Doch Hilla zog sie -energisch aus der Tür. - -„Hat dein Papa immer so verdrehte Assistenten?” fragte die Cousine laut -genug, daß man es noch in der Bibliothek hören konnte. - -„Schweig! Das verstehst du nicht!” herrschte Alice sie an. - -Hilla sah ihr ganz betroffen in die funkelnden Augen. - -„Er ist ein feiner Junge, sag' ich dir!” Alice wollte hinzusetzen: -Gerade, weil er so widerhaarig tut! Aber sie behielt diesen Nachsatz -für sich und pfiff dafür auf dem Weg zum Park leise vor sich hin -- so -bedeutungsvoll, wie nur junge Damen pfeifen können ... - -Nach einigen Minuten gingen Perthes und Leutnant Hupfeld auf eigene -Faust ins Freie. - -Sie hatten beide Gefallen aneinander gefunden. Der aufgeweckte junge -Offizier, der nach den besten Eigenschaften seiner Mutter geraten zu -sein schien, traf sich mit Perthes im Interesse für den Luftsport. Der -Leutnant hatte in Berlin und auch in Paris Flugversuche gesehen, von -denen er sehr anschaulich zu plaudern wußte. Nachher erzählte er von -Freiburg und von winterlichen Skitouren im Schwarzwald. -- - -Sei es, daß die Iltismama an Reiz eingebüßt hatte, sei es, daß Cousine -Hilla Sehnsucht nach Vetter Moritz bekam -- die jungen Damen kehrten -auffallend schnell von ihrer Raubtierbesichtigung zurück. - -Man setzte sich in den Schatten unter eine breitästige Eiche. - -Der Diener kam mit einem Klapptisch, mit Mokka und einer Batterie von -Likören aus dem Hause. - -Alice hatte sich, wie die beiden Herren, einen Curaçao eingießen -lassen. Sie näherte sich Perthes mit der Miene einer frommen Helene. -„Wollen wir uns wieder vertragen, Doktor?” Sie hielt ihm den kleinen -Finger hin, um mit ihm anzustoßen. - -„Ich bin mir nicht bewußt, daß --” - -„Nun machen Sie gefälligst nicht wieder Geschichten! Wollen Sie -- oder -wollen Sie nicht?” - -Perthes gab sich zufrieden, tippte an ihren Finger, und sie tranken -sich zu. - -Während Hilla den Leutnant mit Beschlag belegte und entführte, setzte -sich Alice neben Perthes auf die Bank unter der Eiche. Sie stemmte -sich mit den Händen rechts und links gegen den Sitz und ließ die Füße -mit den hübschen, bronzefarbenen Schnallenschuhen und den blauseidenen -durchbrochenen Strümpfen übereinandergleiten. - -„Warum sagten Sie das mit der ‚manierierten Natürlichkeit‛, Doktor -Perthes?” fragte sie nach einiger Zeit in nachdenklichem Ton, in die -Betrachtung ihrer Schuhspitzen scheinbar versunken. - -„Weil es meine Meinung war und Sie mich darum fragten,” entgegnete er. - -„Ich glaube, Sie haben greulich viel an mir auszusetzen!” fuhr sie in -derselben Weise fort. - -„Das beruht wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit!” Er lehnte den Kopf -gegen den Stamm der Eiche und blies den Rauch seiner Zigarre in -nervösen Zügen über sich. Er vermied es, sie anzusehen. - -„Man muß wohl hausbackener sein, um Ihnen zu gefallen?” Sie -streifte ihn mit einem halben Blick. Der gutsitzende, elegante -Gesellschaftsanzug stand in anziehendem Gegensatz zu der naturhaft -gebräunten Farbe seines Gesichts und seiner Hände. - -„Ich dachte, wir hätten auf Versöhnung angestoßen,” meinte er. „Aber -Sie --” - -„Natürlich, das schließt doch nicht aus, daß ich mich mit Ihnen ein -bißchen kabble. Ich kabble mich immer mit Menschen, die mir gefallen!” -Sie sah ihn jetzt mit dem Schalksgesicht voll an. Ihre Augen flirrten -keck unter der weißen Stirn und dem rötlichen, vorgebauschten Haar, -während die Zungenspitze über die Lippen spielte. - -Perthes warf seine Zigarre fort und streckte sich unbehaglich. „Davon -halt' ich nicht viel. Vom Kabbeln nämlich. Ich bin nicht sonderlich -geschickt dazu und gerate leicht vom Hänseln ins Hauen!” Seine Hand, -die er mit dem Rücken vor die Stirn geschoben, schloß und öffnete sich -instinktiv. Ohne daß er sich dessen bewußt war, gab diese Bewegung -seine geteilte Empfindung für Alice wieder, die sich durch dies -Tete-a-tete steigerte: er hätte sie gleichzeitig leidenschaftlich an -sich reißen und von sich stoßen mögen. - -„Oho! Das klingt ja ordentlich gefährlich!” lachte sie belustigt. -„Sie überschätzen am Ende doch Ihr Temperament, Doktor!” setzte sie -mit herausforderndem Spott hinzu. Sie hatte gar nicht im Sinn, ihre -„kabbelnde” Taktik ihm gegenüber einzustellen. Im Gegenteil, es machte -ihr Vergnügen, die spröde Zurückhaltung, die er zur Schau trug, den -Philister, wie sie es nannte, mit seiner Reizbarkeit in Widerstreit -zu bringen. Sie tat das ohne Berechnung. Dafür war sie viel zu sehr -ein Geschöpf der Laune. Es war vielmehr die Neugierde: es lockte sie, -herauszubekommen, ob die Reibung zwischen seiner Sprödigkeit und seinem -Temperament kein Feuer geben könnte. - -Das Gewitter aus Süden, das Frau Hupfeld von der Tafel aufgeschreckt -hatte, war recht zögernd aufgezogen. Erst jetzt holten seine Wolken die -Sonne ein. Ein greller, silberner Rand schied das Blau und das Grau -des Himmels. Das Licht auf dem langgestreckten, eintönigen Rücken des -Hauses schwand. Die Schatten unter der Eiche wurden beinahe finster. -Der Donner murrte dumpf und nah. - -„Das scheint ja doch noch ernst zu werden,” lenkte Perthes das Gespräch -ab. - -„Sie sind doch nicht auch gewitterscheu wie Mama?” - -„Das müssen Sie mir ja ansehen, gnädiges Fräulein!” - -„Wenn Sie wünschen, zeige ich Ihnen mal die Kapelle. Papa würde es -Ihnen nicht verzeihen, wenn Sie nicht dort gewesen wären!” Alice war -aufgestanden. Sie schlang die Hände hinter ihrem Kopf ineinander und -dehnte sich. „Wollen Sie? Wenn Ihnen die Besichtigung mit mir allein zu -langweilig ist, können wir noch Moritz und Hilla rufen.” - -„Ihre Gesellschaft genügt mir.” - -„Danke! Ich nehme das für ein mißratenes Kompliment.” Sie neigte -übertrieben-höflich den Kopf und ging dann voraus. - -Alice nahm sich Zeit und führte Perthes auf einem Umweg quer durch den -Park. Sie lief, und er blieb trotz seiner großen Schritte immer hinter -ihr. - -„Sie haben Bergtouren gemacht?” begann er von sich aus die Unterhaltung -wieder. - -„Ach -- es war recht mäßig dieses Jahr!” gab sie gleichgültig zurück. -„Das Wetter war zu unbeständig.” - -„Mit wem waren Sie denn zusammen?” - -„Mit mir und mit dem Führer!” - -„Nur mit dem Führer?” - -„Warum denn nicht?” Sie drehte sich flüchtig nach ihm zurück. „Ich -finde das viel aparter und origineller, als wenn Moritz oder sonstwer -mich immer als Dame schont und bemuttert!” - -Perthes wollte Genaueres von ihren Touren hören, aber sie schien dazu -heute nicht aufgelegt. Seine Augen ruhten auf ihrer leichten, schlanken -Gestalt. Durch ständiges Trainieren, Gymnastik und Sport hielt sie ihre -Formen in gefälliger, sehniger Schmalheit. Die Schultern, die Arme und -Hüften waren, für sich betrachtet, überschlank; aber ihre Art, sich zu -bewegen, fest und geschmeidig zugleich, gab dem Körper eine reizvolle -Harmonie, die nichts Eckiges oder Spitzes aufkommen ließ. Beim Gehen -schien sie nie mit dem Absatz den Boden zu berühren. Dabei war ihr Gang -weder schwebend noch geziert, sondern von jener kecken Freiheit, die zu -dem spöttelnden Leichtsinn ihres ganzen Wesens paßte. Es war ein und -dasselbe sinnliche Geheimnis in ihrer Erscheinung, in ihrem Lachen, in -ihrem boshaften Geplauder; ein Geheimnis, gegen das seine Vernunft und -Geradheit sich wehrten, und das doch, ohne daß er es sich gestand, ihn -nicht losließ. - -Sie zeigte ihm mit flüchtigen Bemerkungen, die sie über die Schulter -warf, die Sehenswürdigkeiten des Parks. Da war ein Gedenkstein vom -Ende des achtzehnten Jahrhunderts, eine girlandenumwundene, mit einer -Opferschale gekrönte Säule, moosig bezogen und mit einer Inschrift -versehen, die kein Mensch lesen konnte. Der Geheime Rat behauptete fest -und steif, es sei eine Erinnerung an Goethes Besuch auf dem Stift. -Dann brüchiges, efeuüberwuchertes Gemäuer, verfallene Stufen, die in -die Tiefe führten, wo eine Quelle rieselte. Weiterhin ein halber Turm -aus verwittertem Sandstein, den Exzellenz, allerdings selbst mit einer -gewissen Skepsis, für den Rest eines Burgfrieds aus Raubritterzeiten -erklärt hatte. Ein verträumter Teich, über und über mit Wasserlinsen -bedeckt; eine romantische Grotte, die zur Schatzgräberei ermutigte, ein -... Doch da klatschte es schon derb auf das hohe Blätterdach der Bäume -und fuhr mit scharfen, silbernen Fäden durch die Zweige. Der Regen -brach los. - -„Wer zuerst an der Kapelle ist!” rief Alice mit ausgelassenem -Gelächter. - -Sie raffte leicht ihr Kleid und stürmte vorwärts, ohne den Weg -einzuhalten, quer durch Gras und Gebüsch. - -Perthes, weniger durch diese Aufforderung als durch den niederfahrenden -Regen bestimmt, setzte ihr nach. Kurz vor der niederen Bogentür -der Kapelle, die fast märchenhaft hinter den tiefhängenden Ästen -auftauchte, überholte er sie. Alice schoß in vollem Lauf hinterdrein -und prallte mit dem Gewicht ihres Körpers gegen ihn. Die alte morsche -Tür hielt der doppelten Last nicht stand, sondern knarrte aus dem -Schloß. Eins am andern Halt suchend, gelangten sie mehr im Fall als -im Schritt in den dämmrigen Raum. Ihre erhitzten Gesichter sahen sich -verdutzt und lachend an. - -Die hohen bunten Glasfenster waren mit Sonnenvorhängen gedeckt, so daß -es beinahe finster in der Kapelle war. Sie war möglichst als Gotteshaus -erhalten. Ein Hochaltar aus der Kölner Schule -- die süßliche Madonna -in der Mitte, rechts und links auf den Flügeln die knienden Stifter --, -Sanktuarium, Lesepult und Kerzen davor, traten, von einem Streiflicht -getroffen, aus dem Dunkel der kleinen Apsis. Alice zog einen der -Vorhänge auseinander. Man erkannte jetzt leidlich die geschnitzten -Chorstühle an den Wänden, Bilder der Stationen Christi, die blanken -Pfeifen einer kleinen Orgel auf der rückwärtigen Empore. Das halbe -Gewitterlicht von draußen gab eine fahle, wunderliche Stimmung. - -Geschmackvolle Schränke zwischen den Chorstühlen und glasüberbaute -Tische, die an Stelle der Bänke das Kapellenschiff füllten, enthielten -die Sammlung des Geheimen Rats: Meßgewänder und Schmuckstücke aus dem -späten Mittelalter, Gemmen und Münzen aus der Antike, Handschriften -aus dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert. - -Auch wenn sie besser zu sehen gewesen wären -- Perthes hätte jetzt kaum -zu einer näheren Besichtigung Lust gehabt. Er lehnte schweigend an -einem der Pfeiler und begnügte sich, die ruhige Gesamtheit der kleinen -Kirche und ihre Kühle auf sich wirken zu lassen. Der Regen prasselte an -die Scheiben, und der Sturm brauste draußen in den mächtigen Bäumen. - -Alices unfromme Stimme weckte ihn schnell. „Als Säulenheiliger sehen -Sie wirklich nicht gut aus, Doktor!” klang es von der Höhe der -Orgelempore hallend zu ihm herunter. „Kommen Sie lieber zu mir herauf -und helfen Sie mir!” - -Perthes entdeckte nicht ohne Mühe die schmale Stiege, die sie -emporgeklettert war, und folgte ihr. Sie krachte bedenklich unter -seinen Tritten. - -Alice stand hinter der verstaubten Orgel und wirtschaftete an einer -hohen Leiter. - -„Wobei soll ich Ihnen helfen?” fragte er mit leisem Argwohn. - -Sie deutete über sich. - -Man sah über die Dachsparren durch in den engen Turm, in dem zu oberst -ein oder zwei Balken querliefen, die wohl früher eine Glocke getragen -hatten. - -„Ich möchte mir von da oben mal das Unwetter ansehen!” - -„Aber das ist ja Unsinn!” entfuhr es Perthes. „Da kommen wir nicht -hinauf. Oben an der Leiter fehlen Sprossen, und weiter hinauf sehe ich -überhaupt keine Möglichkeit, hochzukommen. Überdies wackelt das ganze -Ding hier!” Er schüttelte mit seinen Händen die gar nicht einladende -Leiter. - -„Das hätte ich mir denken können, daß Sie für so was nicht zu haben -sind! Aber ich will da hinauf, hören Sie! Wenn ich mir den Hals breche, -sind Sie schuld, der Sie mir nicht behilflich sein wollen!” Sie stieg -entschlossen auf die erste Sprosse. „Ich brauche Sie gar nicht!” - -„Das erlaub' ich nicht!” Perthes faßte zornig und besorgt ihre Hand. - -„Wollen Sie mich loslassen. Mit Ihrem Bärengriff! Erlauben! Was haben -Sie zu erlauben!?” - -„Seien sie nicht so eigensinnig, Fräulein Alice.” Zum erstenmal -brauchte er in der Erregung ihren Vornamen. - -„Jetzt erst recht! Ich bin nicht so ängstlich um mein bißchen Leben -besorgt wie Sie um Ihren schönen Gehrock, Doktor -- der --” - -Mit einem Satz war Perthes neben ihr und drängte sie knirschend -beiseite. - -„Sie Barbar!” - -Er klomm behend aufwärts und sie mit leisem, befriedigtem Lachen hinter -ihm drein. Sie hatte seinen Mut und seine Entschlossenheit in Frage -gezogen, und er war unbesonnen genug, sich das nicht zweimal sagen zu -lassen. Wie ein großer, bravoursüchtiger Junge kletterte er hoch und -höher. Wo die Sprossen fehlten, streckte er ihr ohne ein Wort befehlend -Hand und Arm zu, um ihr zu helfen, und sie zog sich geschickt an ihm -empor. - -Es war eine waghalsige Torheit, wie er richtig vorhergesagt hatte. - -Über der Leiter waren eiserne Krampen ins Fachwerk geschlagen, die zur -Not als Stufen dienen konnten. - -Er hatte es aufgegeben, noch einmal gegen Alices Wagemut vorstellig -zu werden. Er wußte, daß er sie damit nur um so trotziger machen -würde. Ganz nur mit dem gefährlichen Aufstieg beschäftigt, vergaß er -jede Bedenklichkeit: er schlug seinen Arm hinter ihren Rücken; halb -zog, halb hob er sie weiter, und ihr geschmeidiger, leichter Körper -schmiegte sich ohne Scheu an den seinen. - -Dort, wo der Turm, ein richtiger Dachreiter, sich gegen das Dach -absetzte, war eine schmale Galerie, in der sie, gegen die Wand gelehnt, -einen Augenblick Seite an Seite veratmen konnten. Wenn er sich auf die -Fußspitzen erhob, streifte er mit den Händen an das Glockengerüst. -Er suchte es auf seine Festigkeit zu prüfen. Es war stark genug, um -zwei Menschen zu tragen, und saß fest im Gemäuer. Die Balken, einer -etwas höher als der andere, aber in gleicher Richtung, bildeten eine -notdürftige Bank. - -Perthes schwang sich hinauf. Mit dem einen Arm hielt er sich, mit dem -anderen half er Alice und setzte sie mit einer letzten, ruckhaften -Anstrengung neben sich -- fast leidenschaftlich-heftig, wie ein -unartiges Kind, das in Teufels Namen seinen Willen haben muß. - -„Wenn Sie nicht so grob zufaßten, würden Sie einen ganz guten -Bergführer abgeben!” stieß sie aufatmend hervor. - -„Chirurgen haben bekanntlich immer harte Hände,” spottete er ingrimmig. -„Fassen Sie die Planke da gefälligst fester,” kommandierte er, „sonst -segeln wir in die Tiefe.” - -„Sie sind ja ein netter Tyrann!” Alice sah ihn mit einer Mischung -von Schelmerei und fast zärtlicher Bewunderung an. Sie saßen eng -aneinandergedrängt; die Arme hatten sie sich wechselseitig hinter den -Rücken legen müssen, um sicher zu sitzen. Ihre in der Anstrengung des -Aufstiegs erglühten Gesichter berührten sich beinahe. Er spürte die -losen Strähnen ihres zerzausten Haares auf seiner Wange. - -„Wollen Sie nicht lieber, statt mich zu schelten, sich die Aussicht -ansehen?” meinte er erregt. - -Es war in der Tat schön da oben. - -Durch die spinnwebverzierten Gucklöcher des Turmes übersah man -flußaufwärts das Tal. Die Wolken hingen schwer und schwarz über -den Tannenkuppen. Blitz auf Blitz zuckte daraus hervor und riß die -verdunkelte Landschaft in grelles, phantastisches Licht. Der Donner -rollte ferner. Aber der Wind wühlte noch immer in den Baumwipfeln, auf -die man heruntersah, und der Regen fuhr in langen, glitzrigen Strichen -nieder. - -Das tosende Bild des Unwetters war nicht dazu angetan, Perthes ruhiger -zu machen. Während er mit vom Staube brennenden Augen hinausstarrte, -fühlte er, wie die warme Nähe von Alices biegsamem Körper seine -Sinne gefangennahm und seine Widerstandskraft lähmte. Er vermied es -krampfhaft, sie anzublicken. Sein herrisches, scharfes Wesen war die -letzte Schanze, die er zwischen sich und ihr aufwarf und verteidigte. - -„War das etwa nicht der Mühe wert, hier heraufzuklettern?” fragte -sie nach einer Weile vorwurfsvoll. „Tun Sie nicht Abbitte, Doktor -Perthes?” Sie beugte ihren Kopf vor, um ihm in das beharrlich geradeaus -gerichtete, finstere Antlitz zu schauen. Die rotblonden Haare -schienen wie kleine, zackige Blitze ihr Gesicht zu umzucken, und die -flackernden, boshaften Augen suchten die seinen. - -„Sie werden fallen! Halten Sie sich ruhig!” knirschte er. Mit der -äußersten Anspannung seines Willens wich er ihrem Blick aus. Er -wußte, daß er sie an sich reißen und küssen mußte, wenn sich seine -Augen mit den ihrigen trafen -- küssen wie ein Rasender. Ob sie dabei -beide in Gefahr kamen, in die Tiefe zu stürzen, war ja dann vollends -gleichgültig ... - -„Ah -- ich glaube, Sie fixieren da drüben die Sägemühle!” Ärgerlich -glaubte Alice das Ziel seines starren Blicks entdeckt zu haben. - -Perthes hatte bisher das rote Ziegeldach an der Krümmung des Flusses, -zwischen windgepeitschten Baumkronen, noch gar nicht beachtet. Jetzt -erkannte er es. Der Bann war gebrochen. - -Der Gedanke an Marga stürmte schmerzlich, anklagend, bitter auf ihn ein -und kühlte sein Blut ab. - -„Steigen wir ab, gnädiges Fräulein. Es wird lange genug dauern. Halten -Sie sich eine Sekunde fest. Mit beiden Händen. Hier und hier.” Er -bedeutete ihr die beiden Stellen am höheren Glockenbalken. Dann ließ er -sich am anderen auf die Galerie nieder und half ihr folgen. - -Er hatte seine nüchterne Überlegung wieder. - -Wo der Dachreiter auf dem Dache der Kapelle aufsaß, war eine gähnende -Luke. Sie konnte auf den Dachboden führen. Vielleicht bot sich dort -ein minder halsbrecherischer Weg. Ohne auf Alices Einwände zu hören, -leitete er sie von der Galerie bis an die Luke. Dort kletterte er -voraus und inspizierte das Terrain. Nach wenigen Augenblicken kam er -zurück und hob sie zu sich auf den Boden. Sie tappten Hand in Hand, -vorsichtig und stumm durch den dunklen Raum, wo sie eine Fledermaus -aufscheuchten und Spinngewebe zerrissen. Eine im Vergleich mit der -Leiter, an der sie hochgeklommen, bequeme Holztreppe führte vollends -in die Tiefe. Der Abstieg war ein Kinderspiel gegenüber dem unsinnigen -Aufstieg. In einer engen, völlig kahlen Kammer, die wohl als Sakristei -zwischen Apsis und Schiff der Kapelle eingeklemmt war, gelangten sie -auf ebener Erde an. Durch eine offene Tür kam man von dort hinter den -Hochaltar und zurück in die Kapelle. - -„Der Weg wäre einfacher gewesen!” bemerkte Perthes, nicht ohne Vorwurf. - -„Ich wußte nicht, daß man vom Boden in den Turm steigen kann,” gab -Alice frostig und einsilbig zurück. - -Als sie unter das Tor der Kapelle traten, sah er auf die Uhr. Es -war spät geworden. Beinahe sieben. „Höchste Zeit, daß ich mich -verabschiede!” murmelte er heftig. - -Sie schritten wortlos durch den Garten nach dem Haus. Der Regen hatte -aufgehört. Es tropfte nur noch schwer und laut von den glänzenden -Zweigen. - -Im Flur klingelte Alice nach dem Diener. „Vielleicht wünschen Sie sich -etwas ausbürsten zu lassen, Herr Doktor!” Sie musterte sein verstaubtes -Äußere vom Fuß zum Kopf mit einem halben Lächeln, das er mit einem -Blick auf ihr ziemlich mitgenommenes blaues Foulardkleid erwiderte. -Dann ließ sie ihn stehen und ging die Treppe hinauf. - -„Bitte, sagen Sie mir noch, gnädiges Fräulein, wo ich mich von Ihren -Eltern verabschieden kann,” rief ihr Perthes nach. - -„Seine Exzellenz, der Herr Geheime Rat, wurden in die Stadt gerufen. -Ihre Exzellenz, die gnädige Frau, sind zu Bett gegangen,” meldete der -hinzukommende Diener. - -Alice war auf dem Treppenabsatz stehen geblieben. „Na, denn adieu!” Sie -nickte ihm zu und streckte die Hand lässig über das Geländer. - -Perthes berührte sie leise und verbeugte sich. „Sie haben wohl die -Güte, mich den Herrschaften dankend zu empfehlen. Auch Ihrem Herrn -Bruder und Ihrer Fräulein Cousine.” - -Fräulein Exzellenz war schon verschwunden ... - -Perthes ließ sich von dem Diener, so gut es ging, den Anzug reinigen. - -Zwei Minuten später trat er aus dem Haus. Er atmete auf und ging mit -schnellen Schritten durch den Garten dem Tor zu. Als es zufiel und -Stift Nieburg hinter ihm lag, war es ihm, als wäre eine Ewigkeit -vergangen, seit er dort eingetreten war. Und doch waren nur wenige -Stunden vergangen, seit er an derselben Stelle aus der Droschke -gestiegen. Wie um einen gefährlichen Spuk, der kein Anrecht auf -Wirklichkeit hatte, schleunig loszuwerden, lief er zur Landstraße -hinunter. Flußaufwärts über den Bergen verzog sich das Gewitter mit -aschgrauen und nachtschwarzen Wolken. Flußabwärts, der Ebene zu, blaute -der Himmel wieder, und die Sonne zerriß das dünne, schleierhafte -Gewölk. Ihre Strahlen drangen mutig vor und erreichten die Straße. -Bis hinauf zur Mühle wagten sie sich, bewarfen das Ziegeldach und -blitzten auf den nassen Blättern des Wirtsgartens. Die Rinnsale in den -Wagenfurchen auf dem Fahrdamm, noch eben trostlos braun und schmutzig, -sprühten blendend auf und wetteiferten mit dem goldgekräuselten Schein -der Wellen im Fluß. Ein breiter Regenbogen spannte sich vom jenseitigen -Ufer über das Tal und berührte mit seinem Scheitel diesseits den -Bergwald. - -Wo der Stiftsweg die Chaussee erreichte, hatte Perthes haltgemacht. Er -sah nicht zurück; aber er sah auch nichts von dem milden Zauber des -aufgeklärten Sommerabends vor sich. Ursprünglich hatte er geradeswegs -nach der Sägemühle gewollt. Marga erwartete ihn dort -- das wußte er. -Nach dem widerwärtigen Besuch auf Nieburg wollte er -- so hatte er -versprochen -- sich und sie entschädigen und wieder einmal über das -Abendbrot bleiben, was er in letzter Zeit selten genug hatte tun können. - -Nun schien es ihm plötzlich schwer, ja unmöglich, Wort zu halten. - -Vor ein paar Stunden wollte er an ein und derselben Wegscheide den -Wagen lieber zur Mühle als zum Stift fahren heißen. Jetzt schrak er vor -dem Gang, die Landstraße abwärts, zurück, als läge ein unüberwindliches -Hindernis zwischen ihm und dem roten Ziegeldach, dem vertrauten Garten. -Er hatte den Hut vom Kopf gerissen und preßte die Hand gegen die Stirn. -Was war eigentlich geschehen, das ihn so mutlos machte? Er hatte sich -nichts vorzuwerfen, nicht das geringste. Keine Handlung und kein Wort, -noch so leis und flüchtig, konnte ihn anklagen. Und doch lag es wie ein -dunkles, erstickendes Gefühl von Unrecht, ja von Schuld auf ihm. - -Drunten, zwischen den Bäumen des Mühlengartens, schimmerten zwei helle, -sommerliche Kleider. Arm in Arm traten zwei Mädchengestalten auf die -Landstraße. Er hätte Marga und Elli erkannt, auch wenn die sinkende -Sonne sie weniger scharf beleuchtet hätte. Elli hielt die Hand vor die -Augen und spähte die Straße entlang. - -Unwillkürlich trat Perthes einen Schritt zurück, um hinter einer -Schlehenhecke am Wegrand verdeckt zu sein. Im nächsten Augenblick, als -er sich dieser Bewegung bewußt wurde, mit der er sich verleugnete, -wurde ihm auch seine Gemütsverfassung erschreckend klar. - -Was da oben auf Stift Nieburg in ihm wach geworden, war das andere! -War das, was er für Marga nicht empfand und nie empfinden würde! Die -Leidenschaft, die zu den Sinnen sprach; die das Blut aufreizte und die -Vernunft auslöschte. Wenn er es auch vermied, sich umzublicken, zurück -nach Nieburg und hinauf nach dem Kapellenturm -- Alices spitzbübisches -Gesicht mit der kecken Stupsnase, den graugrünen, boshaft flackernden -Augen, dem lüsternen Mund, mit dem weißen Teint und der Wolke von -rötlichem, blitzwirrem Haar blickte ihm über die Schulter; ihre -biegsamen Glieder drängten sich an die seinen und hielten ihn fest. -Und er begehrte sie. Seine Arme verlangten, sie an sich zu raffen. -Sein Mund suchte den ihrigen. Er hatte geglaubt, er brauche die -Leidenschaft nicht! Er hatte sich überredet, daß sie zu seinem Glück -nicht passe. Ausgestrichen hatte er sie, niedergehalten -- war über -sie weggesprungen. Wenn sie sich rächen wollte!? Und sie rächte sich -ja schon! Sie wollte nicht übersprungen sein. Gewiß -- seine Ansicht -hatte dem Willen diesen Sprung aufgezwungen. Aber der Feind, den -er unterschätzte, erhob sich in seinem Rücken. Das Gewaltsame des -Entschlusses, mit dem er sich Marga zu eigen gegeben, war ihm mit einem -Mal deutlich. Wie ein Schwimmer hatte er sich mit einem heftigen, -entscheidenden Stoß ans feste Land geworfen -- und nun kam die Woge, -die er überwältigt meinte, mit erneuter Kraft und wollte ihn wegspülen. -Er sollte nicht ans Land. Er gehörte nicht der großen Stille, sondern -dem Sturm -- - -Ohne sich über die Richtung Rechenschaft zu geben, hatte Perthes mit -aufgeregten Schritten den Weg nach der Stadt und nicht nach der Mühle -eingeschlagen. - -Aber das durfte er ja nicht. Er wurde erwartet! Ließ er sich schon -fortspülen? - -Ein paar Schritte von der Chaussee stand eine Aussichtsbank in der -Uferböschung. Linkshin sah man nach dem Tal, rechtshin nach der im -Dunst verschwimmenden Stadt, die mit ihren Häusern und Kirchtürmen -unmittelbar aus dem Fluß aufzusteigen schien. - -Dort setzte er sich. - -Der Kettendampfer mit einer endlosen Reihe von bewimpelten, -schwerbefrachteten Lastkähnen schnaubte und rasselte den Fluß herunter, -an ihm vorbei. Hinter ihm auf der Landstraße zogen grölende Arbeiter -vorüber; ein Automobil fauchte und tutete -- dann klirrte ein Fahrrad --- er sah und hörte nichts. Er brauchte seine ganze Besinnung und -seine volle Stärke, um sich festzustemmen und der Woge zu wehren, -die ihn vom Land reißen wollte. Sie trug menschliche Züge. Darum war -es so schwer, sie wegzuschieben, sie fortzustoßen, ihren gelenkigen, -verführerischen Widerstand zu brechen. Wie schwer, das Land im Auge zu -behalten, Marga zu sehen, die blinde, anspruchslose, in der Dämmerung -verblassende Marga! Ein wildes, unstetes Ringen war es, und als er sich -durchgekämpft zu haben glaubte, lohnte kein freies, heiteres Gefühl. -Ein bitteres „Muß” stand mit krausen, harten Falten auf seiner Stirn, -lag drückend auf seinem Rücken und schien ihm die Glieder zerbrochen zu -haben. - -Langsam und mechanisch schritt er den Weg zurück, den er gekommen war. -Flußaufwärts nach der Sägemühle. Er wiederholte sich standhaft ein und -denselben Schluß und klammerte sich an ihm fest. Wenn die Liebe nicht -stark genug war, mußte die Pflicht das ihre dazutun ... - - * * * * * - -Es dunkelte schon, als Perthes nach der Mühle kam. - -Marga und Elli hatten es aufgegeben, ihn zu erwarten. Sie saßen in -der Halle bei einer Lampe. Elli erzählte aus der Stadt, von wo sie um -sechs Uhr zurückgekommen war: sie hatte einige Besorgungen gemacht und -nach dem Haus am Wenzelsberg gesehen. In wenigen Tagen sollten die -Sommerferien für sie zu Ende sein, sollte nach der Stadt zurückgekehrt -werden. - -Ein froher Ausruf Ellis, mit dem sie sich unterbrach, verkündete doch -noch die Ankunft von Perthes. - -Überrascht und beglückt leuchtete es in Margas Augen. Sie stand auf, -um ihm entgegenzugehen. „Wußt' ich's doch, daß du Wort halten würdest, -wenn's irgend ginge!” rief sie heiter. - -„Wort halten? Warum soll ich nicht Wort halten?” erwiderte Perthes mit -der Reizbarkeit eines schlechten Gewissens. Er schob Margas Arme, die -sich mit zärtlicher Vertrautheit um seinen Nacken schlingen wollten, -beiseite. - -Erschrocken weiteten sich ihre blicklosen, von Liebe strahlenden Augen. -„Verzeih!” stammelte sie verwirrt und ließ die Arme sinken. „Bist du -verstimmt von deinem Besuch?” - -„War es denn so schlimm? Erzählen Sie mal ordentlich! Wir sind -schrecklich neugierig,” bat Elli, unbekümmert um seine zweifelhafte -Laune. „Der Grandseigneur, wie ihn Papa immer nennt, soll ja sehr -exzellent sein. Er sieht auch so aus. Und Alice Hupfeld --” - -„Ob ich noch etwas zu essen bekomme?” Perthes ließ sich auf einen Stuhl -fallen. „Verstimmt oder nicht, ich bin hungrig!” Er wunderte sich -selbst über seinen rauhen, unfreundlichen Ton, unter dem sich seine -innere Unfreiheit verbarg. „Bitte, Fräulein Elli, sorgen Sie mal für -mich!” setzte er artiger hinzu. - -„Das lassen Sie sich gut sein, daß Sie schön darum bitten!” Elli stand -auf. Sie drohte mit dem Finger. „Sonst hätten Sie lange warten können. -Sie scheinen ja hübsch geladen zu sein!” Bereitwillig ging sie in die -Wirtsstube. - -Marga hatte sich verschüchtert neben Perthes gesetzt. Es bedurfte -nicht viel, um sie scheu und ängstlich zu machen. Sie nahm ihm seine -Barschheit nicht übel. Aber mit der feinen Witterung, mit der die Natur -sie für ihre Blindheit entschädigt hatte, erriet sie ein Fremdes, Neues -hinter seinem Wesen. Um nicht empfindlich zu scheinen, suchte sie noch -einmal seine Hand zu erreichen. - -„Komm, sprich dich aus! Erzähl' mir!” drängte sie sanft. „War's denn -gar nicht ein bißchen nett auf dem Stift?” - -„Es ging so. Ich mußte noch einmal in die Stadt, ehe ich herkam. Darum -wurde es so spät.” Er hatte ihr seine Hand einen Moment überlassen. Sie -streichelte sie begütigend. Gleich darauf zog er sie wieder zurück. Es -sträubte sich etwas in ihm, ihre Liebkosung anzunehmen. Er ärgerte -sich auch, daß er log. Warum das? Das war abscheulich! Sie hatte ihn -gar nicht aufgefordert, sein Spätkommen zu entschuldigen. Er sprach -nur, um zu sprechen. - -Marga schob schweigend ihre Finger ineinander, wie um sie von jeder -neuen Vertraulichkeit abzuhalten. Sie schlüpfte gleichsam in sich -hinein und grübelte beklommen. - -Elli kam zurück. Sie hatte bestellt, was noch zu bekommen war. Eine -Studentengesellschaft, die gegen Abend eingefallen war, hatte unter den -Vorräten tüchtig aufgeräumt. Die Wirtsfrau erschien bald und brachte, -was sie hatte. - -Perthes aß ein paar Bissen. Aber sein Hunger war nur Täuschung gewesen. - -Marga und Elli saßen einsilbig dabei. Seine Mißlaune wollte keine -Unterhaltung aufkommen lassen. Das Schweigen, an dem er selber schuld -war, nahm ihm vollends die Lust am Essen. Nach einigen Minuten schob er -den Teller beiseite. - -Elli drückte sich. Sie wickelte sich in ihren Schal und lief trällernd -in den Garten. - -Darauf schien Perthes nur gewartet zu haben. „Ich möchte was Wichtiges -mit dir bereden, Marga. Hör' mich mal geduldig an!” - -Sie horchte auf. Warum sie geduldig sein sollte, erriet sie nicht, denn -sie war sich keiner Ungeduld bewußt. Aber schon daß Perthes wieder -sprach, und zwar ruhiger, freundlicher als zuvor, tat ihr wohl. - -Langsam, umständlicher und ungeschickter, als es sonst seine Art war, -entwickelte er seinen Plan. Dies halbe Verhältnis zwischen ihm und ihr -schien ihm auf die Dauer unhaltbar. Um ihret- und um seinetwillen. -Es legte ihrem Verkehr eine Heimlichkeit auf, die schon hier, auf der -Mühle, oft peinlich gewesen war. In der Stadt mußte das noch viel -unbequemer werden. Und erst wenn Vater Richthoff zurückkäme! Wie sollte -sich da das Versteckspiel weiterführen lassen? Es kam ihm unerträglich -für sie beide vor. Unerträglich und unwürdig. Darum war es das beste, -sie faßten sich ein Herz und veröffentlichten ihre Verlobung. Das hob -alle Zweideutigkeit auf. Das war auch jetzt, wo er eine aussichtsreiche -Stellung innehatte, nur natürlich. In einigen Jahren, wenn dies und -jenes, auf das er hoffen, ja sogar bestimmt rechnen konnte, sich -erfüllte, war er gewiß so weit, daß sie heiraten konnten. - -Ohne ihn zu unterbrechen, hörte Marga zu. Was er sagte, kam ihr -überraschend. Daß die Geheimhaltung ihrer Liebe sich mehr und mehr -erschweren würde, darüber hatte sie bei sich auch schon nachgedacht. An -die Lösung freilich, die er heute vorschlug, hatte sie sich so schnell -nicht getraut. Und doch -- es war nicht der unerwartete Vorschlag, der -sie beirrte. Auf was sie mehr horchte als auf seine Gründe, war die -Art, in der er sein Anliegen vorbrachte. Der Ton, der unter den Worten -mitschwang. Sie hätte nicht auf den Begriff bringen können, was sie -befremdete. Sie fühlte nur eine Veränderung, die vorgegangen war -- -deutlicher und tiefer, als das verstimmte Gebaren bei seiner Ankunft -ihr davon eine Ahnung gegeben. Er schien gar nicht mit ihr zu reden, -sondern mit sich: mit den Mitteln kühler Überlegtheit verteidigte er -sich gegen einen Gegner, den er sich offenbar voll Leidenschaft und -Unbesonnenheit vorstellte. Nur durch eine Täuschung übertrug er diese -Gegnerschaft auf sie und gab sich die Rolle des Vernünftigeren. - -Als er geendet hatte, spielte er nervös mit den Fingern auf dem Tisch, -als könnte er Margas Antwort nicht abwarten. Sie hatte noch nicht Zeit -gehabt, sich zu sammeln, als er beinahe ungehalten aufsprang. - -„Wie denkst du darüber? Sprich! Hab' ich nicht recht? Oder bist du -anderer Ansicht?” - -Marga schüttelte leise den Kopf. „Es kommt mir nur unerwartet. Ich muß -mich erst in das Neue hineindenken.” - -„Ich meine, du müßtest dich freuen, daß ich dieser Heimlichtuerei und -Halbheit ein Ende machen will!” Er ging mit lauten Schritten in der -Halle auf und ab. Sie konnte nicht sehen, wie unmutig sein Gesicht war. -Er biß sich auf die Unterlippe und fuhr sich einmal ums andere über -die krausgezogene Stirn in sein buschiges, schwarzes Haar. Sie hörte, -was sie nicht sah, aus dem Klang seiner Stimme, aus der fahrigen Härte -seiner Tritte. - -„Ich will mich gewiß freuen, Max. Laß mir nur ein bißchen Zeit. Wir -können uns doch alles in Ruhe zurechtlegen.” - -„Das klingt aber gar nicht nach Freude. Eher nach dem Gegenteil!” stieß -er vorwurfsvoll hervor. - -Margas Augen erweiterten sich wieder ängstlich. Sie suchten nach ihm, -bittend, besänftigend. „So was darfst du nicht sagen, du! Das hört sich -ja an, als hätte ich dich nicht lieb genug. Wenn es aber auf meine -Liebe ankäme -- das weißt du -- dann --” - -„Auf was soll es denn ankommen? Zweifelst du etwa daran, daß ich in -zwei, drei Jahren mich so weit bringe, daß wir unser Heim gründen -können? Sehr großartig wird's freilich fürs erste nicht sein. Eine -erste Assistentenstelle an einer kleineren, auswärtigen Klinik -vielleicht. Später eine außerordentliche Professur und so weiter. Das -trau' ich mir zu. Oder ist es dir zu lang, einige Jahre öffentlich -verlobt zu sein? Es ist doch besser, denk' ich, als heimlich so lange -herumzulavieren. Auch angenehmer für dich. Oder meinst du, daß dein -Vater --” Er sah zu Marga hinüber und hielt inne. - -Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Dieses herrische, gereizte -Drängen, dieser Stolz, der nur von sich sprach, seine fast feindselige -Heftigkeit verletzten sie. Sie mußte unwillkürlich seiner ersten -Werbung gedenken, die so anders geklungen, so voll Zartheit und -Achtung. Das brachte sie, gegen ihren Willen, aus der Fassung. - -Perthes sah seinen Fehler ein. Er näherte sich ihr und legte die Hand -auf ihre Schulter. „Lieber Gott, Kind, ich will dich ja zu nichts -zwingen! Vielleicht bin ich auch heute nicht in der besten Stimmung, um -die Worte recht zu wählen. Aber du sollst auch nicht zu schwerfällig -sein! Nicht zu weich, Marga! Nicht so überernst! Es sind nun einmal -Realitäten, die da zu besprechen sind, und die wollen real angefaßt -sein! Das ist alles!” - -Perthes wußte nicht, wie schlecht sein Trost war. Auch jetzt noch, wo -er ein Unrecht wieder gutmachen wollte, sagte er Dinge, die Marga in -die empfindliche und zarte Seele schneiden mußten. Zu schwerfällig, -zu ernst, zu weich -- vielleicht war sie das, aber er hatte noch nie -solche Ausstellungen an ihr gemacht. Sie mußte all ihre Tapferkeit -aufbieten, um ihre Tränen zurückzudrängen. Wenn er sie jetzt an sich -gezogen, sie in seine Arme genommen hätte! Gewiß hätte sie das rechte -Wort gefunden! Aber er war schon wieder beiseite getreten. Ihre Lippen -waren ihr wie versiegelt. Ganz in sich hineingescheucht war sie jetzt, -wie in ihren einsamsten, unverstandensten Mädchentagen. - -Seine reizbare Laune war nur zu willig, ihr Schweigen als Trotz oder -wenigstens als Eigensinn zu nehmen. „Ich bin müde. Und wir kommen heute -doch nicht zueinander!” Er nahm seinen Hut. „Überleg' dir, was ich -sagte, bis zum nächstenmal!” - -„Du willst doch nicht schon gehen?” rang es sich von ihren Lippen. - -„Doch. Ich habe morgen einen schweren Tag auf der Klinik und muß -ausschlafen. Grüße Elli von mir. Adieu, Marga!” Er drückte ihr die -Hand. „Wann fahrt ihr denn nach der Stadt?” - -„Übermorgen, denk' ich,” gab sie tonlos zur Antwort. - -Marga hörte, wie seine Schritte sich hastig nach der Wirtsstube -entfernten. Er wechselte mit der Wirtin beim Bezahlen seiner Zeche ein -paar Worte. Dann knarrte die Tür, die von dort in den Garten führte. - -Warum sprang sie nicht auf? Warum rief sie ihn nicht? Warum lief sie -nicht hinter ihm drein? - -Sie saß wie gebannt. - -Nicht einmal geküßt hatte er sie zum Abschied. Heute zum erstenmal -nicht. Heute, wo sie davon gesprochen hatten, ihre Verlobung zu -veröffentlichen; wo zum erstenmal von Hochzeit und Ehe nah und greifbar -die Rede gewesen war! - -Marga nahm den Kopf zwischen ihre beiden Hände. - -Am Nachmittag war ihr so froh und leicht zu Mut gewesen. Sie hatte -sich in ihrer Einsamkeit -- während Elli in der Stadt, er auf dem -Stift war -- so glücklich gefühlt, so bräutlich stolz. Als dann Elli -zurückgekehrt war, wollte sie nur von ihm mit ihr sprechen. Immer nur -von ihm. Sie erwartete, sie ersehnte ihn mit klopfendem Herzen. Als -er nicht kam und nicht kam, meinte sie vergehen zu müssen vor seliger -Ungeduld. Wie niedergeschlagen war sie, als er ausblieb! Wie jubelte es -in ihr, als er doch, doch noch kam! - -Und jetzt? - -Er hatte vom Schönsten und Höchsten gesprochen; von dem, was bisher -nur wie ein ferner Traum, ein leuchtendes, kaum faßbares Bild im -Schimmer der Zukunft gelegen! Wo blieb ihre Freude? Sie wollte sich -freuen! Gewiß -- sie hatte ihn gekränkt. Sie tat ihm unrecht. Sie war -schlecht und kleinlich gewesen. Warum kam ihre Freude nicht jetzt? -Woher die Bangigkeit, die drückende, quälende Angst, die sie statt -ihrer empfand? Sie fühlte die weite Halle wie eine schmerzhafte Leere -um sich, und aus der Leere kroch ihr ein Schrecknis entgegen. Ungestalt -und unbegreiflich. Und doch war es da und stellte sich zwischen ihn und -sie. Es war der Zweifel, den sie verabscheute; für den sie sich schalt; -den sie nicht verscheuchen konnte. Konnte die Liebe so sprechen, wie -er es getan? Wenn seine Liebe nicht war, für was sie und er sie hielt? -Wenn es Mitleid war und wenn -- doch das war ja nicht auszudenken, -das war ja frevelhaft von ihr! -- und wenn er auf ein öffentliches -Verlöbnis nur drang, um -- ja, um jede Brücke zur Umkehr hinter sich -abzubrechen?! - -Marga schauerte zusammen. Sie tastete nach ihrem Schal und fand ihn -nicht. - -Woher kamen ihr so grausame Gedanken? Woher nahm sie das Recht zu -diesem häßlichen Verdacht? Es half nichts, daß sie so fragte. Angst -und Zweifel ließen sie darum nicht los. Sie hatte ja nichts mehr als -diese Liebe! Schranke um Schranke, die die Vorsicht zum Selbstschutz -errichtet, war in diesen Sommerwochen mit all ihrem unverhofften Glück, -ihrem reichen Erleben geschwunden und gefallen. Sie war wehrlos, wenn -das Entsetzliche sich erfüllte, daß -- daß ... - -Elli kam zurück. Sie hatte Perthes noch gesprochen. Auf der Landstraße, -auf der sie ein Stück stadtwärts gewandert war. Einen Gruß hatte er ihr -noch für Marga aufgetragen. Und einen Kuß. - -Sie warf sich fröhlich an Margas Hals und bestellte ihn zehnfach. - -Marga weinte und lachte zugleich. Die Angst, die zehrende Herzensangst -schwand vor neuer Hoffnung. Sie erzählte Elli von Perthes' Plänen. Sie -schöpfte Mut aus der jubelnden Zustimmung der Schwester. Selber schalt -sie sich schwerfällig, weich, überernst. Elli belegte sie noch mit viel -schlimmeren Schimpfnamen. - -Und sie stellten sich Käthes maßloses Erstaunen vor, malten sich Vater -Richthoffs Meinung in hundert Vermutungen aus, plauderten und bauten -Luftschlösser, bis das Öl in der Hängelampe zu Häupten ihres Tisches -zur Neige ging, die Flamme bläulich zuckte und die Halle dunkel und -dunkler wurde. - -Dann führte Elli die „erklärte” Braut mit feierlichem Übermut nach oben. - - - - -10 - - -Ehe der alte Herr und Käthe von der Sommerreise heimkehrten, mußte im -Haus am Wenzelsberg das große Herbstreinmachen erledigt sein. - -Kaum waren Elli und Marga von der Sägemühle, war Therese aus ihrem -Heimatdorf zurückgekommen, so wurde mit Hilfe der Scheuerfrau das -Unterste zu oberst gekehrt. Das Gröbste taten natürlich die dienstbaren -Geister. Aber daneben gab es noch genug zu tun, woran die beiden -Schwestern ihre erholten Kräfte üben konnten. Elli zumal warf sich -ungestüm wie ein junges Füllen ins Joch. Sie wollte überall dabei sein. -Marga hatte ihre liebe Not, sie vom Teppichklopfen und Treppenscheuern -abzuhalten. Wenn sie sie dann zu einer angemesseneren Hantierung -zurückholte, zur Ordnung in Schränken und Kommoden und im Silberkasten, -schmollte Elli über ihre gezügelte Tatkraft, ja, sie schimpfte wie ein -Rohrspatz. - -„Du hast's wahrhaftig nötig, Margakind, mir gute Lehren zu geben! -Lernen solltest du von mir, statt mich von aller tüchtigen Arbeit -fernzuhalten! Du wirst 'ne nette Hausfrau abgeben! Die nur so wie -der Geist Gottes über den Wassern schwebt, statt selber was Rechtes -anzufassen! Perthes kann einem leid tun!” - -Ihr höchstes Vergnügen war, wenn Marga auf solche Vorhaltungen -„einschnappte”, wenn sie sich ernsthaft verteidigte und erklärte, es -genüge gewiß, die Aufsicht zu führen. Da legte Elli verdoppelt los: -sie würde sich nicht wundern, wenn es bei Marga mal drunter und drüber -ginge. Sie dächte wohl, Perthes werde ihr so fünf bis sechs Dienstboten -halten! Und sie, Marga, könne dann dasitzen, auf einem goldenen -Thrönchen, die Hände im Schoß und ihre hohen Befehle lispeln! Elli -ruhte nicht und entwarf die grimmigsten Zerrbilder von dieser künftigen -Tatarenwirtschaft im Haus Perthes. Sie trieb es so lang und so toll, -bis Marga wirklich ganz kleinlaut wurde. - -„Du kannst ja schon recht haben,” erklärte sie schließlich traurig und -verlegen. „Was andere können, kann ich natürlich nicht. Das hab' ich -ihm auch schon oft genug gesagt.” - -„Ja, ja,” stimmte Elli tiefsinnig zu, während sie sich vor Vergnügen -auf die Lippen biß. - -„Er kann und will sich nicht denken, wie schwer es mit mir sein wird. -Und großartig werden wir's wahrhaftig nicht haben. Im Anfang mal sicher -nicht. Wenn es schon im Haus nicht so wird, wie er's erwartet -- unter -den Menschen, in der Geselligkeit, bin ich erst recht zu nichts nütze.” -Marga legte tatsächlich die Hände in den Schoß, aber nicht, um „hohe -Befehle” zu erteilen, sondern um verzagt vor sich hinzugrübeln. - -Jetzt schlug Elli um wie das Wetter im April. Sie lachte sie aus, daß -beinahe die Leute auf der Straße zusammenliefen. - -Wie konnte Marga so närrisch sein, das dumme Geschwätz für bare Münze -zu nehmen! Im Handumdrehen machte sie aus dem Haus Perthes eine -Musterwirtschaft. Großartig würde das werden! Keine so herkömmliche, -peinliche Spießerei, sondern frei und schön, wie es sein sollte! Marga -mit ihren geschickten Händen, ihrem guten Geschmack, ihrem klaren Kopf -würde eine bessere Hausfrau werden als zehn andere mit zwanzig und mehr -Augen! Und dann wäre auch sie noch da -- die Schwägerin Elli! Ihr würde -man doch wohl nicht das Haus verbieten. Sie wollte die Geschichte schon -im Schwung halten, wenn Marga mit den zwölf Kindern nicht immer aus und -ein wüßte. Eine Tante würde sie abgeben wie -- - -Marga verbot ihr zürnend den Mund. Aber sie mußte doch lachen. Und -während sie ihre Arbeit des Silberputzens wieder aufnahm, ließ sie sich -gern überzeugen, daß es famos gehen würde! Trotz ihrer Prüderie und -Schwarzseherei! Das war ja ihres eigenen Herzens sehnsüchtiger Wunsch -und Wille ... - -Perthes hatte den Schwestern zur Rückkehr in die Stadt Blumen -geschickt. Für Marga hatte ein kurzer Brief beigelegen, in dem er -sie für seine schlechte Stimmung am letzten Abend auf der Mühle um -Verzeihung bat. Die Frage, wie sie sich zur Bekanntgabe der Verlobung -stellte, erneuerte er nicht. Sie war ihm dankbar, daß er nicht in sie -drang. Dafür kam sie selber beim ersten Besuch, den er am Wenzelsberg -machte, darauf zurück. Als hätte sie sich durch die unheimlichen -Gedanken, die sie an jenem Abend peinigten, an ihrer Liebe versündigt -und müßte ihren Wankelmut durch doppeltes Vertrauen wieder gutmachen, -stimmte sie freudig zu und legte alles in seine Hände. Sein Vorwurf -der Schwerfälligkeit hatte lang und nachhaltig in ihr gearbeitet. Sie -drängte ihre Einwände und Bedenken energisch zurück und kämpfte jeden -Schatten eines Zweifels, jede Regung mißtrauischer Sorge um ihr Glück -tapfer nieder. - -Und er? In einem Übermaß von Arbeit auf der Klinik enthielt er sich -kritischer Überlegungen. In Erinnerung an den Gewitternachmittag auf -Nieburg vermied er jedes Zusammentreffen mit Alice, ja, er schob auch -alles beiseite, was ihn nur in Gedanken zu ihr führen konnte. Er hatte -sich vorgenommen, nicht rechts noch links zu sehen: für ihn galt nur -Marga; das Wort, das er ihr gegeben; der Entschluß, den er für sie -beide gefaßt. Über eins war er sich klar geworden: er erfüllte damit -nicht nur eine Pflicht gegen sie; was er tat oder ließ, entschied -über ihn, seinen Wert und seine Persönlichkeit. Bei Marga war die -Reife und Vollendung, nach der er innerlich strebte. Eine Vollendung -mit Schmerzen, wie alle Vollendung im Leben. Wenn er aber zu ihr -nicht hinaufreichte, in Marga die große Stille nicht begreifen und -sich zu eigen machen konnte, gab es für ihn überhaupt kein Aufwärts, -sondern nur ein Abwärts, in die Mittelmäßigkeit und Halbheit, ins -Gelebtwerden statt ins Leben aus eigenem Willen. Darum biß er die Zähne -aufeinander. Darum ging er geradeaus und vorwärts mit der Ehrlichkeit -der Verzweiflung: er stritt um sich selber, indem er um Marga stritt ... - -Es wurde Mitte September. - -Das Richthoffsche Haus war längst so blitzblank und einladend, als es -nur sein konnte. Auch das schwerste Stück Arbeit, Vater Richthoffs -Studierzimmer instand zu setzen, ohne daß ein Buch von der Stelle -gerückt, eine aufgeschlagene Zeitschrift umgeblättert, ein Zettel -verschoben wurde, war mit strenger Gewissenhaftigkeit bewältigt. Man -erwartete nun mit Spannung von Tag zu Tag die Nachricht aus Bayern, die -die Ankunft meldete. - -Käthes letzter Brief war aus Tegernsee gekommen. „In wenigen Tagen sind -wir bei euch!” hatte es verheißungsvoll geklungen. „Papa depeschiert -Tag und Stunde.” - -Aber statt der Depesche kam eine Karte: man hatte sich -unerwarteterweise mit Hofrat Geismar getroffen, der in Kreuth seine -Ferien zubrachte. Der hatte es verstanden, den alten Herrn noch für -eine Woche zu sich zu locken. - -Marga, die der Heimkehr der Reisenden im Hinblick auf die schwierigen -Eröffnungen, die sie zu machen hatte, und auf Perthes' Werbebesuch mit -ebensoviel Bangen wie Freude entgegensah, gab sich geduldig in die -Zögerung. Elli grollte ganze zwei Stunden lang. Nachher traf sie sich, -zufällig natürlich, mit Wilkens in der Stadt und fand das Leben so -rosig und „wonnig” -- das war ihre Lieblingsbezeichnung -- wie je. - -Und die acht Tage vergingen auch. - -Ehe sie zur Bahn zogen, umarmten sich Elli und Marga noch einmal: sie -schworen sich treue Waffenbrüderschaft für ihre Liebesgeheimnisse. Sie -kamen gerade recht zum Zug. - -Käthe ließ grüßend das Taschentuch flattern. Kurz darauf war sie auch -schon auf dem Perron, blühend, gebräunt, ordentlich rundlich in dem -funkelnagelneuen, hellgrauen Kostüm, das Papa unterwegs spendiert -hatte. Küsse und Umarmungen folgten in stürmischer Abwechslung. - -Der alte Herr brauchte geraume Zeit, ehe er sich zeigte. Er war nämlich -gerührt. Und das paßte ihm nicht. Deshalb wirtschaftete er eine -beträchtliche Weile im Abteil mit dem Handgepäck und dem Dienstmann, -der es herausbeförderte. Dann erst kam er zum Vorschein, mit einer -Miene, die sehr würdig und zurückschreckend aussehen sollte, -- -den neuen Strohhut mit grünem Band verwegen wie Garibaldi über dem -weißbärtigen Gesicht. Die Mädels waren trotzdem so respektlos, ihn „auf -offener Straße”, wie er abwehrend schalt, zu umhalsen und zu küssen. -„Ruhig im Glied!” befahl er mit sehr rauher Stimme. „Seid wohl, hoff' -ich? Und habt euch reputierlich geführt? Werden ja sehen!” - -Im Wagen -- „um sich das Schlaraffenleben abzugewöhnen” -- ging es -lachend und plaudernd an den Wenzelsberg. - -Der alte Herr war die Milde und Gemütlichkeit selbst -- auch nur „zum -Abgewöhnen” natürlich. Und auch die drei Schwestern waren voneinander -hoch befriedigt. -- - -Zwei, drei Tage nachher hatte das Leben am Wenzelsberg sein gewohntes -Aussehen. - -Der Geheimrat hatte sein Heimweh nach den römischen Kaisern trotz -Kissingen und den bayrischen Bergen mächtig in sich wachsen gefühlt. -Eine so lange, faule Ausspannung war unerhört. Sein Gewissen fand nur -darin Beruhigung, daß die Post jetzt einen Stoß von Korrekturen für die -erste Abteilung des ersten Bandes der „Kaisergeschichte” brachte. Da -gab es doch gleich alle Hände voll zu tun. - -Das Arbeitszimmer im ersten Stock füllte sich mit dem alten, mächtigen -Qualm. - -Ein Schmerz war nur, daß er sich von Geismar zu „Nikotinlosen” hatte -beschwatzen lassen. Das ausgemachte Stroh war das! Aber die römischen -Gewaltherren zeigten sich wenigstens nicht weiter beleidigt von -dem schlechten Zigarrenrauch. Sie standen aus Winkeln und Ecken, -aus Zetteln und Zettelchen gehorsam auf, mit scharfen Profilen und -tatenfrohen, hoheitsvollen Gebärden. Und sie sollten die paar Wochen -vor Semesteranfang bei Gott nicht rasten dürfen, sondern tüchtig Modell -stehen. Dafür wollte der alte Herr sorgen! - -Er ahnte nicht, daß ihm eine überraschende Störung sehr nahe bevorstand. - -An einem der ersten Vormittage nach ihrer Ankunft hatte Käthe ihre -Freundin Lizzie in der Uferstraße besucht. Lizzie besaß neben ihrer -verzehrenden Leidenschaft für Musik, die sich kein Konzert und keine -Opernaufführung entgehen ließ, nur noch einen einzigen hervorstechenden -Wesenszug: die fast ebenso ungemessene Vorliebe für Klatschereien jeder -Art. So ließ sie es denn auch bei Käthes Besuch an Andeutungen über -Herrenbesuche auf der Sägemühle und daran sich knüpfenden verfänglichen -Redereien nicht fehlen. Käthe war empört. Papa Richthoff die Freude an -der ganzen Reise nachträglich zu verderben, lag ihr natürlich fern. -Er sollte im Gegenteil von diesen Dummheiten der Mädels so wenig wie -möglich erfahren. Um so gewisser war es, daß Marga und Elli etwas zu -hören bekommen sollten! - -Nach Käthes Erfahrungen war es leichter, Elli den Kopf zurechtzusetzen. -Deshalb sollte sie zuerst dran glauben, und zwar noch am selben Tag. - -Aber die Sache fiel merkwürdig fruchtlos aus. Elli war einfach nicht -kleinzukriegen. Alle Vorhaltungen der älteren Schwester beantwortete -sie mit einem fröhlichen, höchst despektierlichen Lachen. - -„Laß nur gut sein, Gouvernantchen!” erklärte Elli fidel. „Wir, Marga -und ich, haben uns inzwischen unbedingt mündig gemacht. Bei mir hast -du gar keine Aussicht auf Reue und Besserung. Mich haben die Wochen -auf der Sägemühle einfach in Grund und Boden verdorben. Versuch's mal -mit Marga! Uff! Da könntest du dich aber bös blamieren! Ich weiß, was -ich weiß, und ich warne dich! Heißa juchhei!” Elli schlug klatschend -die Hände über dem Kopf zusammen und vollführte einen in Käthes Augen -außerordentlich unangebrachten Tanz. Das ganze sah aus, als hätte sie -und nicht die Schwester in den bayrischen Alpen schuhplatteln sehen. - -Käthe entzog sich einstweilen weiteren Auseinandersetzungen durch -eine stolze Flucht. Am Abend schrieb sie in ihr Tagebuch: „Ernst -sein können ist alles. Wie sind Menschen zu bedauern, die von diesem -großen Geheimnis, das allein das Leben lebenswert macht, keine Ahnung -haben oder doch nichts wissen wollen! Es ist seltsam, daß in einer -und derselben Familie, unter Geschwistern die Anlagen zu Ernst und -Leichtsinn so ungleich verteilt sein können!” - -Damit war aber die von Käthe für nötig gehaltene Aussprache nur -vertagt, nicht aufgehoben. Das durften sich „die Kleinen” nicht -einbilden, daß sie ihnen ihr ärgerniserregendes Benehmen so hingehen -ließ! - -Sie bildeten sich's auch nicht ein, die Kleinen! Elli verständigte -vielmehr Marga von dem, was drohte. Und Marga, die nicht so kampflustig -wie Elli war, sah ein, daß es nun das beste wäre, nicht länger zu -zaudern, sondern Vater Richthoff ein offenes, ehrliches Geständnis -abzulegen, ehe ihm, von welcher Seite immer, mißverständliche Dinge -zugetragen wurden. - -Von Perthes hatte sie in den letzten Tagen nichts gesehen und nichts -gehört. Es galt, zuerst seine Meinung noch einmal einzuholen. Elli -beförderte ihre Zeilen, die ja die letzten heimlichen sein sollten. Sie -fing auch die Antwort ab. Marga fand sie recht knapp und flüchtig. Aber -sie sagte sich, daß sie bei seiner angespannten Tätigkeit nicht mehr -von ihm erwarten durfte. Hupfeld war verreist, und es ruhte auf den -Assistenten die doppelte Arbeitslast, zumal Kronheim noch immer krank -war. Die Hauptsache blieb. Perthes war einverstanden; sie sollte ihren -Vater auf seinen Besuch vorbereiten, für den Tag und Stunde unter ihnen -festgesetzt war. - -Es war Nachmittag. Der alte Herr hatte wie gewöhnlich seinen Gang auf -den Weinberg gemacht, auf Schnecken gefahndet, die drei Trauben, die -es gab, kolossal gefunden, sich über die zeitige, hohe Röte des wilden -Reblaubes am Philosophenweg gewundert und war dann, seines Kaffees -gewärtig, nach oben ins Arbeitszimmer und an seinen Schreibtisch -gegangen. - -Da trat Marga mit klopfendem Herzen bei ihm ein. - -Er warf schon Notizen mit seiner kritzeligen Handschrift auf die -flatternden Zettel. Erst als Tasse und Löffel auf dem in seine Nähe -geschobenen Tablett lauter als sonst klirrten, sah er auf. Er wußte, -daß in dieser Woche die Reihe an Elli war, ihm den Nachmittagskaffee -zu bringen. Er war aber nicht weiter erstaunt, als er sie durch Marga -vertreten fand, sondern kam ihr zu Hilfe und setzte selber die Tasse -dorthin, wo sie seine Ordnung am wenigsten beeinträchtigen konnte. - -„Wo steckt denn das Kleinchen?” fragte er ganz nebenbei, sich wieder -ans Schreiben machend. - -„Ich bat sie, ihr heute den Gang zu dir abnehmen zu dürfen,” -erwiderte Marga mit einer gewissen Förmlichkeit, in der ihre Erregung -durchzitterte. - -„So --” sagte der alte Herr zerstreut. Er hatte nur halb hingehört. -Schon besaßen ihn wieder die Zettel und ihre Geister. - -„Dürft' ich einen Augenblick mit dir reden, Papa?” ließ sich Marga nach -einer Weile schüchtern von neuem vernehmen. - -„Ach so -- du bist noch hier?” Er rückte ganz erstaunt an seiner -Brille. „Mit mir reden? Aber doch jetzt nicht! Ich hab' unbändig zu -tun, Mädel!” - -„Ich weiß nicht, wann ich es sonst tun könnte. Ich möchte allein mit -dir sein, und es ist etwas Wichtiges,” fuhr sie fester und lauter fort. - -Der Geheimrat blickte sie ungläubig und ziemlich ungnädig an. „Na denn! -Aber kurz!” - -„So kurz ich kann!” - -Dem alten Herrn fiel jetzt die Aufregung auf, die sie in ihren Zügen -und Gebärden vergeblich zu bemeistern suchte. „Setz' dich mal! -Hierher!” Er schob ihr den Stuhl neben seinem Schreibtisch zu. „Und nun -vorwärts -- wenn's so wichtig ist!” - -Marga tastete sich am Stuhl hin und setzte sich, wie geheißen. Mit -schlichten Worten, wie ihr sie das Gefühl eingab, erzählte sie, was -zwischen ihr und Perthes vorgegangen war. Die Liebe gab ihr den Mut, -herzlicher und vertraulicher zu werden, als sie es sonst ihrem Vater -gegenüber wagte. - -Der alte Herr hörte zuerst nur sehr im allgemeinen zu. Er spielte mit -seinem Gänsekiel und sah ab und zu in seine Blättchen. Allmählich -änderte sich das. Seine Augen vergrößerten sich hinter den -Brillengläsern. Er schob sein Käppchen von der einen Schläfe nach der -anderen, warf den Gänsekiel beiseite und strich sich mit einer barschen -Regelmäßigkeit seinen weißen, kräftigen Bart. - -Er traute seinen Ohren nicht. Da saß eins seiner Mädels am hellichten -Nachmittag neben ihm und gab, mitten hinein in seine römische -Kaisergeschichte, eine handgreifliche Liebesaffäre zum besten. Wäre es -Elli gewesen, auch Käthe -- er hätte sie einfach hinausgeworfen. Aber -Marga! Marga, bei der er an so etwas nie gedacht hatte! Die ihm viel -zu besonnen und abgeschlossen geschienen, als daß sie sich bei ihrem -Leiden auf solche Dinge einlassen sollte! - -Den alten Herrn überlief es bald heiß, bald kalt. Einmal war er nahe -daran, zornig aufzubrausen: Also zu derlei kapitalem Unfug habt ihr -eure Sommerferien benutzt! Dann war er drauf und dran, ihr zuzurufen: -Das sind ja Märchen, Kind! Du träumst! Oder du hast dich täuschen -lassen! Aber er tat nichts dergleichen. Der Ernst, mit dem Marga sich -ihm mitteilte, das tiefe Glücksgefühl, das hinter ihren Worten warm -und stolz aufleuchtete, entwaffnete ihn, so oft er im Begriff war, sie -stürmisch zu unterbrechen. Er, der sich wahrhaftig besser auf geistige -als auf sinnenfällige Beobachtungen verstand, sogar er bemerkte jetzt, -wie ihre äußere Erscheinung, die ihm bisher nur als „wohl” aufgefallen -war, in diesen Sommerwochen an Haltung und Ausdruck gewonnen hatte; wie -die blicklosen Augen über den frischeren, farbenvolleren Wangen die -Sonne von innen nach außen trugen. Sein Zorn und sein Unglaube gingen -in fassungslose Bestürzung über. Hier handelte es sich also nicht um -eine backfischhafte Kinderei; nicht um eine von den nebensächlichen -Kleinigkeiten, mit denen die „Bande” immer zur Unzeit daherkam. Da war -vielmehr eine schlimme Sorge und Verantwortung, die nicht den grimmigen -Pascha, sondern den Vater in seiner ganzen Verantwortlichkeit aufrief -und verlangte. Er hatte da drüben in Bayern gemurrt, weil der Arzt ihm -die Berge zu besteigen verboten. Nun hatte er seinen Berg vor sich, zu -Hause! Den höchsten, den er seit dem Tod seiner jungen Frau sich hatte -auftürmen sehen. Den hätte er sich gern verbieten lassen; aber der, -gerade der mußte erstiegen sein! - -Marga hatte ihr Bekenntnis beendigt. In tapferem Schweigen, die Hände -im Schoß verschränkt und die Augen erwartungsvoll gesenkt, harrte -sie auf Antwort. Es war so still in dem verqualmten, bücherumhegten -Zimmer -- man konnte den Holzwurm hören, der in den goldbraunen, -altfränkischen Möbeln aus Vater Richthoffs Junggesellenzeit bohrte und -tickte. - -„Das -- das ist also -- so gewissermaßen -- mein Reisepräsent!” -stöhnte der alte Herr nach geraumer Weile, viel eher schmerzlich als -vorwurfsvoll. „Was soll denn da geschehen? Was soll denn ich nun dazu -tun?” Ratlos und hilflos richtete er die Frage mehr an sich als an -Marga und stöberte dabei, was seit Menschengedenken unerhört war, -selber seine Zettel und Manuskriptblätter durcheinander. - -„Du sollst uns nur die Erlaubnis geben, glücklich zu werden,” meinte -sie leise und überzeugt. - -„Erlaubnis? Glücklich werden! Als ob das mit zwei Worten abzumachen -wäre! Ich -- ich, der ich diesen jungen Menschen da, diesen, diesen -- -deinen Max oder wie du ihn immer nennst, so gut wie gar nicht kenne! -Der ich -- bei dir -- mit solchen, solchen Alfanzereien gar nicht -gerechnet habe! Meiner Lebtage nicht! Du, die du doch --” Er stand -vor ihr und fuchtelte mit den Händen. Er hatte sagen wollen: Die du -blind bist! Die du nicht heiraten sollst und kannst! Aber der traurige -Schatten, der über Margas zuversichtliche, klare Stirn flog, ließ -ihn abbrechen. Alle seine gebieterische Würde, seine pflichtmäßige -Entrüstung vergessend, nahm er ihren Kopf zwischen seine Hände: „Kind! -Kind! Was habt ihr denn da angerichtet! Mußte das denn sein? Sag doch -selber, daß es ungereimtes Zeug ist! Und daß --” - -„Gewiß ist es nicht ungereimt, Papa. Nicht so ungereimt, wie es dir -jetzt vorkommen will! Und er -- Doktor Perthes -- möchte mit dir reden, -um dir's noch besser zu sagen, als ich's kann!” - -Der alte Herr ließ die Hände sinken. „Mit mir reden!” wiederholte er -verzweifelt. Also so weit war die Geschichte schon. Die Präliminarien -waren alle schon überwunden. Womöglich mit einem richtigen, auswendig -gelernten, feierlichen Heiratsantrag wollte der junge Mann ihm das Haus -stürmen. - -„Wenn dir's recht ist, so kommt er morgen nachmittag,” ergänzte sich -Marga bittend. - -„Morgen nachmittag!? Mir recht!? Aber das ist ja das reinste Komplott! -Das verbitt' ich mir! Das --” Der Geheimrat suchte vergeblich seinen -handfesten Grimm wiederzufinden, der ihm sonst noch in allen Lagen -wider die Angriffe seiner Bande geholfen hatte. „Überlegen werd' ich -mir doch die Sache noch dürfen!” stieß er mit klagender Rauheit hervor. - -„Ich bitte dich drum,” gab Marga herzlich und mit Vertrauen zurück. -„Sicherlich wirst du --” - -„Nein! Nein!” wehrte sich der alte Herr. „Nichts werd' ich sicherlich! -Gar nichts: sicherlich!” Er suchte sich eine gebieterische Haltung zu -geben. „Laß mich jetzt zufrieden! Ich muß arbeiten! Allein sein!” - -Marga stand auf. Sie wollte nichts mehr sagen. Aber ihre Arme, ihre -Hände suchten nach ihm. Durch eine Liebkosung wollte sie ihn um -Vergebung, um Hoffnung bitten. - -Vater Richthoff war heute nicht widerstandsfähig genug, um einer -„Gruppenbildung”, wie er das sonst so verabscheuend nannte, -auszuweichen. Er strich ihr ein-, zweimal über die fahlblonden, weichen -Scheitelhaare, ungeschickt wie ein verschämter Liebhaber. Reden wollte -er um keinen Preis. Sich zu nichts, zu gar nichts verpflichten. - -Und für Marga war schon seine flüchtige Zärtlichkeit trostreich und -hoffnungsvoll. Wenn sie erst gesehen hätte, daß seine Brillengläser -sich sehr verdächtig beschlugen! Er schob sie von sich, ehe sie seine -Hand erhaschen und küssen konnte. - -Gehorsam ging sie nach der Tür und aus dem Zimmer. - -Wenn der alte Herr geglaubt hatte, er werde bei der Arbeit sein -Gleichgewicht wiederfinden und die Entscheidung, die ihm da plötzlich -aufgebürdet wurde, irgendwie vertagen können -- etwa wie eine -inopportune Quellenfrage zweiten Ranges --, hatte er sich über seine -eigentliche Gemütsverfassung getäuscht. Nach einem vergeblichen -Anlauf, den er nahm, um in die ersten Regierungsjahre des Trajan -zurückzukehren, sprang er gleich wieder auf. Es begann ein rastloses -Auf- und Niederschreiten, das von leisen und lauten, schmerzlichen und -zornigen Erwägungen begleitet war. - -Daß die Mädels einmal würden heiraten wollen -- „Männer daherschleppen -könnten”, hieß er es bei sich --, hatte er mitunter im Bereich der -Möglichkeit gesehen. Aber fern, so fern, daß es beinahe wieder ins -Reich der Unmöglichkeit gehörte. Bei Marga war es für ihn immer eine -stillschweigende Gewißheit gewesen, an die er nicht rührte: Sie wird -nicht heiraten. Sie ist auch selber zu besonnen, um daran zu denken. -Mitunter, wenn sie ihm träumerisch und gefühlsweich zu werden schien, -hatte er sie etwas derb angefaßt: nicht aus weitblickender Überlegung, -sondern aus einer mehr instinktiven Gedankenregung. So wie es einmal -mit ihr hatte kommen müssen, sollte sie dem Leben lieber zu hart als -zu weich gegenüberstehen. Ein Erziehungssystem hatte er nie besessen. -Für keins seiner Mädels. Dafür hatte er weder Talent noch Zeit. Und sie -waren ja auch so ganz leidlich geworden. Wenigstens hatte es ihm bisher -so geschienen. - -Nun brachten ihn die jähen Enthüllungen des heutigen Nachmittags -aus dem Konzept. Wie wenn ihm einer nach einem fertigen Kapitel der -Kaisergeschichte eine neue Schrift vorgelegt hätte, die er nicht -kannte und die seine ganze Auffassung über den Haufen warf. Er wurde -irre an sich. Er hatte doch wohl nicht genug getan? Die Tanten und -Tunten hatten am Ende recht, die vor Jahren gemeint, er könne mit den -drei Mädels so allein nicht zuwege kommen. Die bloße Paschastrenge -tat es nicht. Er hätte sich mehr mit ihnen abgeben müssen. Mit jeder -von ihnen. Aber wie denn? Er konnte nicht bei ihnen sitzen, mit ihnen -ausgehen, ihr Tun und Lassen überwachen, die Kindsmagd spielen -- -das lag ja so weit, so himmelweit ab von seinem Beruf, der geistigen -Lebensaufgabe, die das erste hatte sein müssen! Es half ja auch gar -nichts, wenn er sich jetzt vordeklamierte, wie er alles hätte anders, -hätte besser machen können. Damit konnte er die Tatsache nicht -wegbuchstabieren, daß Marga, seine Marga, sein Sorgenkind sich von -einem wildfremden Menschen liebhaben ließ. - -Er durfte nur ja oder nein sagen. - -Nein sagen mußte er natürlich. - -So weltfremd er im Grunde war: seine Vernunft sträubte sich dagegen, in -eine solche Ehe zu willigen. Marga war blind. Sie konnte niemals einem -Mann, und wenn er ein Held an Selbstüberwindung war, das sein, was er -von einer Lebensgefährtin fordern mußte. Eine solche Liebe, sie mochte -noch so groß und überschwenglich sein, mußte sich wund und mürb reiben -an den Forderungen der Wirklichkeit. Das konnten zwei törichte junge -Leute bestreiten, aber es blieb darum nicht minder wahr und mußte jedes -Glück zerstören. Also mußte er nein sagen. - -Kaum aber stand dieses harte Nein da, vor ihm, so lehnte sich auch -schon sein Herz mit voller Macht gegen das grausame Verdikt auf. - -Seine Erinnerung kehrte zu den schweren Tagen zurück, in denen Marga, -ein Kind, an den Folgen einer Netzhautablösung das helle, frohe -Licht ihrer klaren Augen verlor. Es war etwa ein Jahr nach dem Tod -seiner Frau. Und dieser zweite Schlag traf ihn nicht leichter als der -erste. Das Hoffen und Bangen schwankender Wochen, das Verzweifeln -und Aufbäumen gegen das Unabänderliche, alles, was er mit dem Kind -blutenden Herzens durchlitt und durchkämpfte, bis es in frühzeitiger, -innerer Reife über sein Los emporwuchs, erwachte vor ihm. War es nicht -genug, daß das Schicksal sie von tausend Freuden des Tages ausschloß -und in immerwährende Nacht bannte? Blind sein -- hieß es für sie nicht, -mit einem Teil ihres Wesens schon gestorben sein, ehe sie gelebt hatte? -Wo stand geschrieben, daß Marga mit der Kraft, zu sehen, auch das Recht -und die Kraft, zu lieben, verwirkt hatte? Woher nahm er die Macht, zu -entscheiden: Das ist dein Glück, und das ist dein Unglück? Die Liebe --- konnte sie sie nicht entschädigen wollen für das, was ihr an Licht -und Lust genommen war? Und er hatte den Mut, es grausamer mit ihr zu -meinen, als ihr Schicksal? Der Idealist in ihm bekämpfte die nüchterne -Besonnenheit, die er seinem guten Herzen aufzwingen wollte. Er kannte -den Mann nicht -- kaum von Angesicht -- der ihr die Hand bieten wollte. -War es ausgemacht, daß er nicht wußte, was er wollte und tat? War es -wirklich so über allen Verstand, daß ein Mann diese ruhige, offene, -klare Marga liebte, so liebte, daß er ihre Blindheit über ihrem inneren -Wert vergaß? Der Stolz des Vaters setzte die Gesundheit und Fülle ihrer -Seele gegen das Gebrechen ihres Körpers. Fast war es, als hielten unter -solchem Gewicht das Für und Wider sich die Wage ... - -Richthoff achtete nicht darauf, wie unter dem Sinnen und Sorgen die -Stunden vergingen. - -Es wurde Abend. - -Die Septembersonne mit ihrem vollen, ruhigen Schein huschte zwischen -den Zweigen im Vorgarten hindurch auf seinen Schreibtisch: sie fand ihn -nicht wie sonst auf seinem Platz, den weißbärtigen Kopf über Bücher -und Manuskriptblätter gebeugt. Verwundert glitt sie allmählich aus der -Stube und ließ der Dämmerung das Feld. - -Vater Richthoff stand vor einer rundbauchigen, altmodischen Kommode, -deren goldbraunes Holz metallene Ranken verzierten. Auf der Kommode -stand eine Photographie, in die er sich vertieft hatte. Es war das -Bild seiner verstorbenen Frau, bei dem er Rat suchte; als könnte ihr -jugendlich-zartes, lebensfrohes Gesicht aus der Ferne vieler Jahre -Trost und Klärung in seine Wirrnis bringen. - -Als es an die Tür klopfte, fuhr er erschreckt zusammen. - -Mit einem gepreßten „Ich komme ja schon!” winkte er Käthe, die fragend -hereinschaute, aus der Tür. - -Es dauerte noch eine gute Weile, ehe er kam. Und dann saß er zerstreut -und wortlos beim Essen. Kaum daß er die Speisen berührte. Nach einer -Viertelstunde verschwand er wieder. - -Käthe, die nicht wußte, was vorgefallen war, erging sich in besorgten -Mutmaßungen über seine Gesundheit. Sie ließ durchblicken, daß Hofrat -Geismar ihr in Kreuth einige gar nicht unbedenkliche Andeutungen -gemacht habe, wie wichtig es sei, daß sich Papa schone. Sie fand nur -wenig Gehör bei den Schwestern und verstummte wie sie. - -Elli drückte Marga heimlich ermunternd die Hand. Sie hatte sich alle -Mühe gegeben, in Vater Richthoffs Mienen Gutes zu lesen. Doch als Marga -sie später im Garten befragte, wie er ausgesehen, vermochte sogar ihr -Optimismus das Barometer höchstens auf „Veränderlich” zu deuten. - -Eine beklemmende, schwüle Nacht senkte sich auf das Haus am Wenzelsberg. - -Die Lampe im Studierzimmer des Geheimrats überdauerte mit ihrem Schein -die spätesten Wanderer. Als der alte Herr sie endlich löschte, hatten -die Geister der römischen Cäsaren Gelegenheit, sich über wunderliche -Dinge, die sie gehört und gesehen, die erlauchten Köpfe zu zerbrechen. - -Am nächsten Vormittag hatte er eine lange Unterredung mit Marga. - -Noch nie hatten sie sich so verstanden, waren die Herzen von Vater -und Tochter sich so nahe gekommen wie in dieser Stunde. Der Geheimrat -sprach weder das Ja noch das Nein, das zu erwirken seine Vernunft und -sein Herz sich so heiß befehdet hatten. Aber er erklärte sich bereit, -den Doktor, diesen Eindringling und Ruhestörer, zu empfangen. „Um ihm -den Kopf zu waschen!” wie er meinte. Und er ließ sich zwar nicht von -Marga küssen, aber er gab ihr selbst eine Art unwirschen Kuß auf die -Stirn und brummte etwas von „Vertrauen haben” in den Bart. Und Margas -Augen schimmerten von Dankbarkeit. -- - -Käthe hatte sich für den Nachmittag mit Lizzie zu einem Besorgungsgang -in die Stadt verabredet. Bald nach Tisch ging sie aus dem Haus. - -„Die wird Augen machen, wenn sie am Abend heimkommt!” frohlockte Elli, -als sie mit Marga allein zurückblieb. - -„Ich hätte ihr gern eine Andeutung gemacht,” meinte Marga nachdenklich. -„Sie wird es nicht schwesterlich finden, daß ich sie so gar nicht -vorbereitete.” - -„Ach was,” beruhigte Elli, „die Überraschung ist ja gerade das -Netteste! -- Was machen wir jetzt? Es dauert noch anderthalb Stunden, -ehe das große Ereignis beginnt. Ich glaube, ich bin aufgeregter als -du, Margakind! Faß mal an!” Sie legte die Hand der Schwester an ihre -glühheiße Wange. „Hast du kalte Hände -- puh! Dir scheint's ja auch -tüchtig schummerig zu sein. Wir müssen was vornehmen! Du hättest mal -sehen sollen, wie Papa aussah bei Tisch! Richtig feierlich wie ein -Brautvater. Und manchmal bewegte er die Lippen, wie wenn er eine -kleine Ansprache hielte -- an den künftigen Schwiegersohn natürlich!” -Sie kicherte erregt und sah zum Fenster der Eßstube hinaus auf den -Weinberg. „Wahrhaftig! Papa kommt schon zurück! Keine zehn Minuten -war er heut' bei seinen Schnecken. Du hast die Hausordnung schön auf -den Kopf gestellt, Margakind! -- Komm, wir gehen nach oben! In unsere -Stube. Da wird's noch am ehesten auszuhalten sein.” - -Marga ließ sich willenlos von Elli hinaufführen. Nun, da die -Entscheidung mit jeder Minute näher auf sie zukam, wurde es ihr doch -schwer und schwerer ums Herz. Um nicht verzagt zu werden, mußte sie -sich immer bei sich wiederholen: Es ist ja doch das Glück, das vor der -Tür steht! Papa wird sicher alles gutmachen! Und Max -- - -Aber Elli ließ sie nicht erst lange grübeln. Sie drückte sie in die -Sofaecke, setzte sich neben sie, ganz nahe, und schwatzte -- schwatzte -das Blaue vom Himmel herunter. „Natürlich wird ihn Papa nachher -dabehalten. Er muß bei uns Abendbrot essen. Denk' dir, als dein -offizieller Bräutigam! -- Kannst du dir eigentlich Papa vorstellen --- als Schwiegervater? Wenn er mit deinem Max sich so richtig was -erzählt? -- Eigentlich ist's doch zu schnurrig, daß du die erste von -uns dreien bist. Lizzie, Cousine Grasvogel, die Wilmannsmädels -- die -Gesichter möcht' ich sehen! -- Wer wohl die nächste nach dir ist? Wenn -doch Wilkens endlich wenigstens seinen Doktor machen wollte! Er hat -mir geschworen, er werde nach Neujahr ins Examen steigen. Aber seine -Meineide sind gar nicht mehr zu zählen!” Traurig und seufzend ließ Elli -die Stimme sinken. - -„Diesmal wird er bestimmt Wort halten,” tröstete Marga. - -„Meinst du? Vielleicht nimmt er sich ein gutes Beispiel. -- Ach, du, -Margakind, waren das Tage auf der Sägemühle! So schön wird's im ganzen -Leben nicht wieder!” - -Jetzt war der rechte Gesprächsstoff gefunden. - -Sie gingen miteinander den Sommer durch, beinahe Tag um Tag. Wie -Perthes und Wilkens zum erstenmal miteinander draußen auftauchten. -So unerwartet und doch erwartet. Wie Marga ihm das Wiederkommen -verbot. Wie sie und Elli jenen Ausflug über die Berge machten. Erst -in so niedergeschlagener, trüber Stimmung und dann auf dem Heimweg -so glücksfroh -- über den endlosen Hang von läutenden Glockenblumen, -den Marga erträumte. Als sie über den Fluß setzten, stand er drüben -am Ufer. Ihre Herzen fanden sich. Und dann die lustigen Mahlzeiten -zu vieren! Der tolle Besuch von Papa Wilmanns, wo Borngräber den -Sündenbock machen mußte und die „Generalrevision” in Bowle und Tanz -sich auflöste. Elli jubelte noch in der Erinnerung, und Marga, von -ihrer Lustigkeit angesteckt, vergaß für Augenblicke, wie ihr Herz -klopfte. - -Die Kuckucksuhr meldete dreiviertel vier. Die Zeit war im Fluge -vergangen. Sie horchten betroffen auf, als sie schlug, und wurden beide -still und ernst. - -„Ich möchte Max so gern einen Moment sprechen, ehe er zu Papa -hineingeht,” brach Marga zuerst wieder das Schweigen. „Ihm wenigstens -die Hand drücken oder doch zuwinken,” meinte sie beklommen. - -„Natürlich sollst du das! Ich leg' mich auf die Lauer. Laß mich -nur machen!” Schon war Elli aufgesprungen. Sie öffnete die Tür und -schlüpfte nach dem Flur, um die Wache anzutreten, so wie sie und Käthe -es zu machen pflegten, wenn das Semester anfing und die Hörer von -Papa sich in der Sprechstunde anmeldeten. „Weißt du noch,” flüsterte -sie, sich auf der Schwelle nach Marga umdrehend, „wie wir ihn zuerst -sichteten? Damals -- mit dem Pfeffer-und-Salz-Jackett?” - -Ob Marga das noch wußte! Es litt sie nicht länger auf ihrem Platz. - -„Bleib doch!” mahnte Elli. „Wenn es klingelt und ich sehe, daß -er's ist, ruf' ich dich!” Sie beugte sich herunterspähend über das -Treppengeländer, obwohl noch nichts zu hören und zu sehen war. - -Der Kuckuck holte zu seinen vier Rufen aus. Gleichzeitig wurde an der -Hausklingel geläutet. Lange und schrill tönte es durchs Haus. - -Marga ließ es sich nicht nehmen: ehe Elli es verhindern konnte, eilte -sie die Treppe hinunter. - -Sie war noch nicht im Erdgeschoß angelangt, als Therese schon geöffnet -hatte. Eine fremde Stimme traf ihr Ohr. Enttäuscht blieb sie stehen. - -„Da wird ein Brief für Sie abgegeben, Fräulein Marga.” Therese kam ihr -entgegen und schob ihr ein Kuvert in die Hand. - -Marga erschrak unwillkürlich. Was war das? Doch nicht -- Perthes würde -doch nicht etwa abgehalten sein, zu kommen? Sie fühlte, wie ihr alles -Blut aus dem Herzen strömte. Zitternd öffnete sie den Umschlag. Die -Zeilen waren in Punktschrift geschrieben. Sie konnten also nur von ihm -sein. - -Es dauerte eine Ewigkeit, ehe ihre Finger sich zurechtfanden. - -„Was ist denn los!” raunte Elli neugierig von oben. So weit sie sich -vorbeugte, sie konnte nicht sehen, was vorging. - -Marga achtete nicht auf ihre Frage. Während ihre Fingerspitzen das -Papier abtasteten, bewegten ihre Lippen sich lautlos. Sie las: - - „Liebe Marga! - -Was gäbe ich drum, wenn ich diese Zeilen nicht schreiben müßte! Du -wirst mich verachten, wenn Du sie liest, wie ich mich verachte. Ich -kann nicht kommen. Ich kann mein Wort nicht einlösen -- --” - -Weiter kam Marga nicht. Ihre Knie zitterten. Sie zerknitterte den -Briefbogen zwischen ihren Fingern und preßte die Hand gegen ihr Herz. -Ein gedämpfter, kurzer, klagender Aufschrei, wie der Schrei eines -Sterbenden, rang sich von ihren Lippen. Instinktiv suchte sie die -Treppen zu erklimmen. Sie stolperte wie eine Trunkene. Im ersten Stock -taumelte sie gegen Vater Richthoffs Tür. Das ewige Dunkel um sie her -schien ihr in eine Wolke roten Bluts verwandelt. Sie konnte nicht -rufen. Ihre Sinne schwanden, und sie meinte, ihr Leben schwinde mit -ihnen --: Er kam nicht! Er würde nie kommen! Alles war zu Ende ... - -Der alte Herr öffnete seine Tür, erstaunt über das Geräusch, das sie -erschütterte. Zur rechten Zeit, um Marga in seinen Armen aufzufangen. - - - - -11 - - -Exzellenz Hupfeld hatte den Rundgang durch die chirurgische Klinik -beendigt. Der Geheime Rat hatte eine mehrwöchige Nordlandreise hinter -sich und war heute zum erstenmal wieder in der Klinik erschienen. -Seine Assistenten in ihren weißen Mänteln begleiteten ihn bis unter das -Portal, wo der Chauffeur mit dem Automobil wartete. Er pflegte dann bis -zuletzt Fragen zu beantworten und Weisungen zu erteilen. - -Der zweite Assistent, Doktor Brunner, ein sehr gewissenhafter, etwas -pedantischer und schwerfälliger Mensch, dessen Haltung den ehemaligen -Militärarzt verriet, folgte mit Perthes, dem im Range dritten, bis -an den Wagenschlag, während einige jüngere Volontärärzte unter der -Einfahrt stehen blieben. - -Exzellenz gefiel sich in diesem feierlichen, beinahe fürstlichen Bild -seiner An- und Abfahrten. Das Gefolge seines Stabes, vervollständigt -durch den in Positur stehenden, die Mütze senkenden Chauffeur und den -dienstbereiten Oberwärter, stand gut zu seiner überragenden Gestalt -im hellgrauen Staubmantel mit der eleganten Schirmmütze. Er hatte es -deshalb nicht sonderlich eilig mit dem Einsteigen. „Sie haben also -keine guten Nachrichten von Professor Kronheim?” fragte er mit seiner -lauten, getragenen Stimme den rechts von ihm stehenden Brunner. - -„Leider nein, Exzellenz,” lautete die Antwort. „Ich fürchte, Kollege -Kronheim wird seinen Urlaub noch um weitere vier bis sechs Wochen -verlängern müssen.” - -„Ist denn die Lungenaffektion fortgeschritten?” - -„Fortgeschritten nicht gerade,” berichtete Brunner korrekt weiter, -„aber es fehlen auch die Anzeichen für eine Besserung. Er denkt an -einen Aufenthalt im Süden.” - -„Daran hätte der arme Kerl eher denken sollen. Fatal. Höchst fatal!” -Hupfeld strich sich gedankenvoll über das runde, volle Kinn. „Sie -sagen, vier bis sechs Wochen. Ich fürchte -- ich fürchte, die Sache -wird sich über den ganzen Winter hinziehen. Und wir haben in vierzehn -Tagen Semesteranfang!” Er hatte den einen Fuß auf den Wagentritt -gesetzt. - -Chauffeur und Wärter beugten sich hilfsbereit vor, um ihn zu -unterstützen. - -Aber Exzellenz beharrte in tiefsinniger Stellung. „So wird die -Geschichte nicht gehen. Wir müssen auf irgendeinen Ausweg denken,” -überlegte er. „Ich sage das nicht,” wandte er sich lebhafter an seine -beiden Assistenten, „um ihnen, meine Herren, den leisesten Vorwurf -zu machen. Im Gegenteil, Sie tun das Menschenmögliche. Ich bin -außerordentlich zufrieden.” Ein anerkennender Blick der blaßgrauen -Augen schweifte von Brunner zu Perthes, auf dem er ruhen blieb. „Sie -müssen entlastet werden, meine Herren! Sie reiben sich auf. Besonders -Ihr Aussehen, mein lieber Perthes, gefällt mir ganz und gar nicht. Sie -überarbeiten sich!” - -„Exzellenz sind sehr gütig. Aber ich fühle mich ausgezeichnet!” -versicherte Perthes. Die gelbliche Farbe seines Gesichts, die tiefen -Furchen unter den verschleierten Augen schienen ihn freilich Lügen zu -strafen. - -„Nein, nein, mein Lieber,” erwiderte mit einem huldvollen Hochziehen -der dünnen, falben Augenbrauen der Geheime Rat, „ich kenne das. Sie -sind ein Gewaltmensch. Sie werden nicht ruhen, bis Sie eines Tags -zusammenklappen. Daraus wird nichts. Dazu sind Sie zu gut. Ich habe -andere Pläne mit Ihnen!” Er nickte dem Doktor mit bedeutungsvollem -Wohlwollen zu und schwang sich in den Kraftwagen, so gewandt und -sicher, daß der Chauffeur nur den Schlag schließen und der Oberwärter -nur einen respektvollen Bückling anbringen konnte. „Lassen Sie sich -bald mal wieder bei uns sehen, Doktor Perthes. Sie, Kollege Brunner, -lädt man ja doch umsonst ein. Der Herbst ist so schön draußen auf dem -Stift!” Hupfeld lüftete jetzt höflich die Mütze. „Los!” - -Das Automobil fauchte einen Augenblick. Dann fuhr es unter hellem -Signal leicht und glatt davon. - -„Sie werden sehen, er macht diesen Perthes zu seinem ersten -Assistenten!” tuschelte einer der Volontärärzte den Kollegen zu, -während sie ins Haus zurücktraten. - -Perthes, der ihnen mit Brunner folgte, konnte die halb bewundernde, -halb neidische Bemerkung hören. Er zog ärgerlich die Stirn in Falten. -Es war ihm unangenehm, daß womöglich auch Brunner, der der nächste nach -Kronheim war, solche Mutmaßungen auffangen konnte. Im übrigen waren -ihm die Gerüchte, die über ihn im Umlauf waren, nicht neu. Er galt für -den erklärten Günstling von Exzellenz. Ebenso ausgemacht war es unter -den Kollegen, daß er Hupfelds Schwiegersohn werden würde. Daß ihn der -Geheime Rat bevorzugte, darüber konnte er sich ebensowenig täuschen wie -die anderen. Was aber seine vermeintlich bevorstehende Verbindung mit -Alice Hupfeld anging, so hatte er noch vor acht Tagen, am Vorabend der -geplanten Verlobung mit Marga, eine dahin zielende Fopperei Markwaldts, -seines früheren Institutsgenossen, auf dem Klinikerabend mit fast -beleidigender Schärfe zurückgewiesen. Würde Markwaldt, diese gutmütige -Klatschbase, die es sich nun einmal zur Aufgabe gemacht hatte, den -wahren Charakter des mysteriösen Perthes „auszuwickeln”, seine -Anzapfung heute zu wiederholen gewagt haben -- er hätte bestenfalls ein -Achselzucken oder ein spöttisches Zucken der Mundwinkel zur Antwort -bekommen. Die Verachtung würde nicht einmal nur dem Frager gegolten -haben; der Gefragte hätte sie auch auf sich selbst bezogen. - -Ja, Max Perthes hatte begonnen, „umzuschalten” ... - -Seine schroffe Abfertigung Markwaldts, so kurz vor dem beabsichtigten -Besuch bei dem alten Herrn am Wenzelsberg, war ein letztes, -ohnmächtiges Aufflackern gewesen. Damals war in ihm die Täuschung, -er könnte wie ein Nachtwandler, nicht rechts, nicht links blickend, -sich zu dem festen Ziel einer öffentlichen Verlobung mit Marga -Richthoff durchzwingen, schon geschwunden. Mit jedem Schritt, den -er der Entscheidung entgegentat, hatte er seine Kraft sich mindern -gefühlt. Dafür trat ein, woran sein selbstherrlicher Stolz sich immer -zu glauben geweigert hatte: seine Gedanken waren unermüdlich tätig, -ihm die Äußerlichkeiten des Lebens herbeizuschleppen und vor ihm -aufzutürmen, die aus dem Bund mit Marga sich ergeben mußten. Jene -Kleinlichkeiten und Erbärmlichkeiten des Alltags, vor denen sie selbst -in ihrem reiferen, weiblichen Feingefühl ihn gewarnt, und die er für -jetzt und alle Zukunft gering geachtet hatte, gewannen eine unheimliche -Gewalt über ihn. Was würden die Kollegen zu seiner Verlobung sagen? Was -würde Alice für ein Gesicht ziehen? Wie mußte Exzellenz Hupfeld sie -aufnehmen? Die Sticheleien, der Spott und Ärger, die Geringschätzung -und Zurücksetzung, die kommen würden -- wie winzige bösartige Insekten -wimmelten sie herbei, quälten seine Einbildung, unterfraßen und -untergruben seinen ohnehin schon krampfhaften Entschluß. Nichts, gar -nichts war geschehen, wenn er seine Verlobung mit Marga durchgesetzt -hatte! Dann begann ja erst der Kampf! Ein Kampf, der seinem Stolz, -seiner Stellung als Mensch und Gelehrter Wunde um Wunde schlagen, ihn -vielleicht für immer aus seiner Laufbahn drängen würde! - -Und er, der sich der Meinung anderer gegenüber für so gleichgültig -und unempfindlich hielt, bebte schon vor den Gebilden zurück, mit -denen seine Phantasie auf ihn eindrang. Vergebens wiederholte er sich -gegenüber dieser kläglichen Schwachheit, daß bei Marga das Höhere, -Schönheit und Frieden, die Selbstreife und die Erfüllung seiner inneren -Sehnsucht sein würde -- ein Königreich gegenüber allem, was er an -äußerlicher Wirklichkeit drangab. Das Königreich war nicht für ihn. -Er hatte sich überschätzt. Er reichte da nicht hinauf! Und die Liebe, -die ihn hätte emporheben müssen -- sie war nur ersprungen, nicht -erschritten und erlebt. - -Der Schiffbruch, dessen Schrecken er am Abend nach dem unseligen -Diner auf Nieburg geahnt -- jetzt war er da. Die Welle, die ihn vom -Strand, wo Marga ihn erwartete, zurückgerissen, trieb ihn vollends ab, -rettungslos, unwiderstehlich, stromab in die Mittelmäßigkeit ... - -Perthes litt unsäglich in den Stunden, die dem Absagebrief an Marga -vorausgingen. Die Verachtung, der Ekel, den er gegen sich selber -empfand, brachten ihn an den Rand der Verzweiflung. Wenn er es -doch versuchte? Wenn er es darauf ankommen ließ, ob er, durch ein -öffentliches Wort gebunden, nicht doch stärker war, als er meinte? Er -ermaß, wie furchtbar er Marga treffen mußte. Ein Leid bis auf den Tod -wollte er ihr antun, ihr, deren zartes, hingebendes Gemüt er kannte; -ihr, die er sich gewissenlos, über ihre ängstlichen Bedenken weg, zu -eigen gemacht! Aber war es gewissenhafter, sie noch enger an sich zu -ketten, um sie noch schlimmer zu enttäuschen und zu trügen? Wollte -er nicht einmal so ehrenhaft sein, sie zu retten, solange noch ein -Schimmer von Hoffnung war, es zu können? - -Und er schrieb den Absagebrief. - -Es war die zweite Niederlage, die Perthes innerhalb ein und desselben -Jahres erlitt. Aber was war seine Kinderkrankheit der Liebe, die er im -Frühjahr durchgemacht hatte, gegen das, was er jetzt erlebte? Damals -fiel er bei der jugendlich unerfahrenen Jagd nach einer Sonnenwolke -eines Tags aus seinen sieben Himmeln auf die nüchterne Erde. Die -Verzweiflung, die jenem Sturz folgte, war heiß und zornig gewesen, -eine echte Weltverzweiflung, wie sie mehr oder minder keinem Menschen -von Temperament erspart bleibt. Die Verzweiflung aber, die jetzt sich -seiner bemächtigte, diese grausame Selbstverzweiflung war kalt und -verächtlich. Damals hatte er mit dem Gedanken an einen freiwilligen -Tod gespielt; jetzt, männlicher geworden, trotz aller Unfertigkeit, -war er der selbstzerstörenden Tat in Gedanken ferner, in Wirklichkeit -näher. Doch der Rest von Lebensenergie, der in ihm war, gönnte ihm -die Flucht aus dem Dasein nicht. Gerade in der Selbstverachtung -fand er einen Stachel, der die Kraft weckte, weiterzuirren, um sich -weiterzuentwickeln. - -Warum sollte er der berechnende Streber nicht sein, wie ihn die -Kollegen hinter den Erfolgen argwöhnten, die ihm bisher ohne sein -Hinzutun in den Schoß gefallen waren? War es ihm versagt, das zu -werden, was sein höheres Ich gewollt, so schob ihm dafür das Leben -die Leiter der Karriere, diese goldene Himmelsleiter, so bequem wie -möglich zurecht. Er brauchte nur seinen Fuß auf die Sprosse zu setzen. -Die Leiter in der Kapelle auf Nieburg war vielleicht so gewissermaßen -ihr Symbol gewesen. Und so anstrengend brauchte die Strebeleiter nicht -zu sein, und war sie auch nicht. Er brauchte nur der Dutzendbruder, zu -dem Natur und Geschick ihn bestimmten, mit Absicht und gutem Willen zu -sein, so konnte es ihm nicht fehlen! Es lag ein dämonischer Reiz in der -Abkehr von der Höhe zum Durchschnitt. - -Was Perthes auch in seinem Aussehen so sehr herunterbrachte, waren viel -mehr seine inneren Kämpfe als -- wie Exzellenz Hupfeld vermutete -- -die klinische Überbürdung. Und er war töricht oder gleichgültig genug, -die paar Freistunden, die ihm blieben, nicht zur Erholung zu benutzen. -Spiel und Sport, die er im Sommer vernachlässigt hatte, wollte er -systematisch forcieren. Er trat in den Ruderklub ein. Er interessierte -sich mit Hilfe Markwaldts und Professor Hammanns, seines früheren -Chefs, für Pferderennen und fuhr einen freien Sonntag mit ihnen nach -Baden-Baden. Er zeigte sich, wann es nur irgend ging, bei Tennis und -Hockey und erneuerte seinen Ruf als ausgezeichneter Spieler. Dort war -es auch, wo er, anfänglich langsam und mit Überwindung, dann mit allem -Nachdruck aus seiner Reserve gegen Alice Hupfeld heraustrat. - -Mit Staunen sah Alice, die ihn nach dem Abenteuer im Kapellenturm -kühl und schnippisch behandelte, wie seine Zurückhaltung in höfliche, -später in eifrige Dienstbeflissenheit überging. Er konnte also doch -Feuer fangen, dieser seltsame Mischling von Biedermann und Bandit, -als den ihre nach pikanten Eroberungen lüsterne Phantasie ihn ansah. -Sie triumphierte bei sich. Ihr Benehmen wurde in dem Grade spröder -und süffisanter, als er sich um sie bemühte. Sie gefiel sich in immer -neuen, launischen Einfällen, die seine Geduld auf die Probe stellen -sollten. Das Radfahren hatte sie als unzeitgemäß und altmodisch -endgültig aufgegeben. Seit vierzehn Tagen war sie passionierte -Reiterin. Geschickt, wie sie in allen leiblichen Übungen war, -lernte sie schnell und saß bald tadellos im Sattel. Sie arrangierte -in der Universitätsreitbahn eine Quadrille. Professor Hammann und -Cousine Hilla, die schon wieder zu Besuch da war, um bei Alice einen -Bewunderungskursus durchzumachen, Perthes und sie gaben die Paare. Dann -kamen Ausritte in die Ebene oder talaufwärts und in die Berge, bei -denen ihre Verwegenheit die Partner zu Tollheiten jeder Art verleitete. - -Perthes ließ sich weder durch ihre Launen noch durch ihre Spöttereien -abschrecken. Mit höhnischer Verachtung unterdrückte er in sich jeden -Ruf seiner Seele, der sich gegen dies gefährliche Spiel warnend erheben -wollte. Es fehlte nicht an Anwandlungen von Schwermut. Mitten in der -Nacht -- er wußte nicht wie und warum -- fand er sich einmal vor dem -Haus am Wenzelsberg, wo er, des scharfen Oktoberwindes ungeachtet, -nach einem Lichtschein in der Mansarde starrte. Waren es Marga und -Elli, die da noch wachten? Wie hatte Marga den schweren Schlag, den -er ihr versetzt, ertragen? Litt sie um ihn? War sie vielleicht krank? -Der schneidende Wind beizte ihm die Augen feucht. Oder war es die -Qual seines Herzens? Ein andermal war er, von einer jähen Regung -überfallen, auf der Sägemühle abgestiegen und hatte sich in den -herbstlich-öden Garten gesetzt. Als die Wirtsfrau kam und nach seinen -Wünschen fragte, murmelte er unverständliche Worte und sprang auf und -davon. Mit Geißelhieben jagte er sich und seine Sentimentalitäten -heim. Und er überließ sich nach solchen Entgleisungen mit einer wahren -Wildheit dem verführerischen Reiz, den Alice auf ihn ausübte. Bei ihr --- ohne Zweifel bei ihr war das Rätsel, das er suchte, das sich ihm -jeden Tag von neuem aufgab; das Ewig-Weibliche, wie es zu ihm paßte --- ein Irrlicht, das aufglomm und erlosch und in der Ferne von neuem -aufglomm, um ihn durch ein Leben des Erfolgs, der Äußerlichkeit und -Mittelmäßigkeit hindurchzugaukeln ... - -Es war Mitte November geworden. - -Das Wintersemester hatte sogar für die medizinische Fakultät wieder -begonnen, die doch allerorts eine Ehre dareinsetzt, das maliziöse -Wort, die Vorlesungen seien eine unangenehme Unterbrechung der -Universitätsferien, nicht Lügen zu strafen. - -Exzellenz Hupfeld konnte sich noch nicht entschließen, Stift Nieburg -mit seiner Stadtwohnung zu vertauschen. Der köstliche Spätherbst des -Jahres war da draußen ob dem Flußtal, inmitten der laubbraunen und -tannengrünen Bergzüge, zu schön. Zweimal täglich und öfter mußte das -Automobil den Weg nach der Chirurgischen Klinik hin und zurück machen. - -Professor Kronheim, der erste Assistent der Klinik und vertretende -Chef, hatte seine Tätigkeit noch immer nicht wieder aufnehmen können. -Die Nachrichten von der Riviera, wo er Genesung suchte, lauteten wenig -hoffnungsvoll. Brunner und Perthes mit den Volontärärzten versahen -nach wie vor die ganze Arbeit. Der Geheime Rat war auf die von ihm -angedeutete Reorganisation nicht wieder zurückgekommen. - -Eines Sonntags, als Perthes, der am Nachmittag freihatte, gegen drei -Uhr in seine Wohnung hinaufsteigen wollte, trat ihm die an Sonntagen -meist unsichtbare Hauswirtin, Fräulein Eschborn, mit einer Visitenkarte -entgegen, die sie mit seltener Feierlichkeit zwischen ihren beiden -Händen balancierte. - -Gleichgültig nahm Perthes die Karte entgegen und ging, ohne einen Blick -daraufzuwerfen, nach oben. Erst vor seiner Tür las er den Namen. Es -stand da mit schöngeschnittenen Buchstaben groß und einfach: „Benno -Hupfeld Wirklicher Geheimer Rat.” - -Kein Zweifel: Exzellenz mußte ihm einen offiziellen Besuch zugedacht -haben. Da die Ordinarien der Fakultät mit herkömmlicher Bequemlichkeit -höchstens ihren verheirateten Assistenten die Aufwartung zu erwidern -pflegten und ein Mann wie Hupfeld sich sogar unter seinen unmittelbaren -Amtsgenossen so banaler Verpflichtungen mit einer liebenswürdigen -Entschuldigung entheben durfte, zeugte diese Karte von einer -außergewöhnlichen Artigkeit. Gleichwohl warf sie Perthes beim Eintritt -in sein Zimmer aufs Geratewohl beiseite. - -Nach einer kleinen Weile besann er sich eines Besseren. - -Was war er doch noch immer für ein unvollkommener Schüler der -Strebekunst! - -Mit einer Feierlichkeit, die die von Fräulein Eschborn übertraf, nahm -er die hohe Visitenkarte von dem Stuhl, auf den sie geflogen, und trug -sie zwischen den beiden Mittelfingern nach seinem Schreibtisch. In -der Mitte der Unterlage von rotem Löschpapier legte er sie mit einer -Verbeugung nieder. Sie war ja doch, richtig gewürdigt, das erste nicht -zu unterschätzende Dokument des Fortschritts, das seine neue Methode -des bewußten Hochkletterns gezeitigt hatte. Von Rechts wegen hätte sie -auf ihrem Ehrenplatz mit Lorbeer umrahmt werden müssen. Schade, daß er -den nicht zur Hand hatte! - -Am Montag, als Exzellenz Hupfeld sich zur üblichen pompösen Abfahrt -aus der Klinik anschickte, trat Perthes mit vollendeter Höflichkeit -an den Geheimen Rat heran. „Exzellenz hatten die außerordentliche -Liebenswürdigkeit --” - -„Ach ja. Ich wollte Sie gestern besuchen. Schade, daß ich Sie nicht -antraf!” - -„Das Bedauern ist ganz auf meiner Seite --” - -„Ich wollte mit Ihnen eine Angelegenheit besprechen, die --” Hupfeld -überlegte lächelnd. „Im übrigen, ich möchte das nicht aufschieben. -Sie können sich mit mir ins Auto setzen. Es läßt sich da ungestört -plaudern. Wollen Sie?” Die Frage wurde von einer jener herrischen -Gebärden begleitet, die Hupfelds Liebenswürdigkeit eigentümlich machten. - -Perthes erschrak unwillkürlich über den neuen Beweis von Wohlwollen. -Die Volontärärzte auf der Treppe des Vestibüls machten lange Hälse. -Doktor Brunner war diskret und höflich, aber mit ersichtlich langem -Gesicht zurückgetreten. - -„Sie brauchen nicht zu befürchten, daß ich Sie zu lange in Anspruch -nehme,” fuhr Hupfeld, der dies Schwanken schmeichelhaft beurteilte, -beruhigend fort. „Ich lasse Sie mit meinem Wagen zurückführen.” - -Nun gab es keine Widerrede. Perthes faßte sich schnell. „Wenn -Exzellenz einen Moment warten wollen?” Er deutete auf seinen -Operationsmantel. - -Der Geheime Rat nickte gütig. - -Perthes lief nach dem Hause. Ein saurer Gang in der Sonne öffentlicher -Gnade. Er kniff die Lippen zusammen und heftete die Augen geradeaus ins -Leere, als er an den beiseitetretenden Volontären vorbeieilte. Im Nu -kam er zurück, in Jackett und Hut. An den ironischen Mienen der jungen -Kollegen las er ab, was sie von dieser Autounterredung hielten. Als er -wieder ins Freie trat, meinte er hinter sich etwas flüstern zu hören -wie: „Exzellenz Schwiegerpapa!” Die Wut trieb ihm das Blut in den Kopf. -Doch schon schritt er an Brunner vorüber, der unglücklich dreinsah und -an seinem militärischen Schnauzbart zu kauen schien. - -Der Krankenwärter half ihm ins Automobil, in dem Exzellenz schon Platz -genommen hatte. Er machte dabei einen Bückling, für den Perthes ihm ins -Genick hätte hauen mögen. - -Doch schon fuhren sie tutend davon. - -Hupfeld zögerte nicht, seinem Fahrgast seine Absichten -auseinanderzusetzen. Fürs erste freilich, solange sie noch innerhalb -der Stadt fuhren, sah er sich durch häufige Grüße unterbrochen. Er -pflegte alle mit ausgesuchter Höflichkeit zu erwidern, ob es sich um -einen Universitätsdiener handelte oder um einen Geheimrat. Erst hinter -der Brücke, am Ausgang der Neustadt, wo die Villenstraße allmählich -in die Landstraße überging, kam er ~in medias res~. Nachdem er die -Aussichtslosigkeit betont, die das Befinden des armen Kronheim biete -- -er hatte neuerdings selbst sehr trübe Nachrichten aus Rapallo erhalten ---, sprach er von der Notwendigkeit, die erste Assistentenstelle -seiner Klinik einstweilen neu zu besetzen. - -„Die Angelegenheit ist durch die Persönlichkeit des guten Brunner, der -eigentlich der nächste Anwärter ist, kompliziert,” erklärte der Geheime -Rat fortfahrend. „Um es von vornherein zu sagen: er ist nicht der Mann, -den ich brauche.” - -„Ich habe ihn als einen sehr gediegenen, pflichteifrigen Kollegen -schätzen gelernt,” schob Perthes ein, wobei er sich selbst über die -neugewonnene Fähigkeit wunderte, sich durch billige Komplimente für -andere ins beste Licht zu setzen. Perfid war er also auch schon. - -„Zugegeben, lieber Perthes!” stimmte Hupfeld in das wohlfeile Lob ein. -„Zugegeben! Aber es fehlt ihm jeder Zug ins Große. Er kann nichts -selber in die Hand nehmen, wenn ich einmal nicht zur Stelle bin. Der -leitende Arzt, der mich vertreten soll, muß etwas vom Herrscher an sich -haben. Weitblick, eigene Gesichtspunkte, Vielseitigkeit!” Exzellenz gab -jedes dieser ihn selbst verherrlichenden Prädikate mit monumentaler -Rhetorik von sich. „Und dann -- was die Hauptsache ist --, er muß das -Zeug zu einem erstklassigen Operateur haben. Das hat der gute Brunner -bei aller Gewissenhaftigkeit und relativen Geschicklichkeit nicht. Das -haben -- ~senza complimenti~ -- Sie, mein lieber junger Kollege!” - -Perthes wollte mit einer Schmeichelei für die Ganzgroßen abwehren. Aber -dazu reichte seine Gewandtheit noch nicht. Die Worte blieben ihm im -Hals stecken. Er mußte sie durch Gebärden ersetzen. - -„Doch, doch!” versicherte huldvoll der Geheimrat, der ihn auch so -verstand. „Machen wir uns nichts vor. In so einschneidenden Fragen -pflege ich mit rücksichtsloser Objektivität vorzugehen. Bleiben wir -also bei sicheren Tatsachen. Die kurze Zeit, in der Sie bei mir -arbeiten, hat mich von Ihrer außerordentlichen Befähigung überzeugt. -Sie wären mein Mann! Sie werden es sein --” - -„Aber, Exzellenz, ich bitte --” - -„Hören Sie mir ruhig zu, lieber Freund!” Hupfeld legte die überweiche, -berühmte Hand auf Perthes' Arm. „Ich habe alles erwogen. Sie sind -sehr jung. Brunner darf nicht vor den Kopf gestoßen werden. Es heißt -diplomatisch zu Werke gehen.” Ein schlaues, geistreiches Lächeln -kräuselte seinen vieldeutigen, glatten Mund. Er entwickelte mit -rednerischer Selbstgefälligkeit sein Projekt. Er wollte es übernehmen, -Brunner von seinen guten Absichten zu überzeugen. Erstlich sollte -dieser als der ältere durch seine Fürsprache im Ministerium -- es -genügte da ein Wink nach der Residenz -- schon in den nächsten -Wochen den Professorentitel erhalten. Ferner wollte ihm Hupfeld die -bestimmte Aussicht machen, daß er binnen Jahresfrist einen Ruf als -Außerordentlicher oder Leiter eines städtischen Krankenhauses nach -auswärts erhielte. Dafür konnte Hupfeld bei seinen Verbindungen -garantieren. Demgegenüber mußte Brunner einsehen, daß Exzellenz sich -den jüngeren Perthes für die Stellung eines ersten Assistenten ganz -speziell heranbilden wollte, und mußte ihm schon jetzt die nominelle -Vertretung dieses Postens überlassen. - -So weit war der Geheime Rat in seinen Ausführungen gekommen, als das -Automobil sein sausendes Tempo verlangsamte und zum Stift hinauffuhr. - -Die Unterredung konnte an dem Punkt, an dem sie angelangt war, nicht -abgebrochen werden. Es blieb Perthes nichts anderes übrig, als die -Einladung anzunehmen, mit Hupfeld zu frühstücken. Er griff sich an den -Kopf, als er die Räume wieder betrat, die er vor einigen Wochen mit -so großem Widerwillen kennen gelernt hatte. Die erste Viertelstunde, -während er neben seinem Chef in dem weiträumigen Saal mit den -gewaltigen Schränken, den seriösen Ahnenbildern, der neu angelegten, -kostbar-bunten Porzellansammlung saß, meinte er einen schweren Traum -zu wiederholen. Dann zwang er sein bedrücktes Herz mit eisiger -Schroffheit zur Ruhe. Es ging vortrefflich. Bei einer Flasche Mosel -und ausgesucht zarten Zwergbeefsteaks stellte Hupfeld die Bedingungen -auf, unter denen er seinen künftigen ersten Assistenten verpflichten -wollte. Perthes sollte sich innerhalb der nächsten vier Jahre nicht -habilitieren dürfen, um ganz zu seiner, Hupfelds, Verfügung zu sein; -sich auch dann noch ohne seine Zustimmung weder nach außerhalb bewerben -noch einen etwaigen Ruf annehmen dürfen. Die Anstellung sollte erst -nach einiger Zeit definitiv werden. Wann und mit welchem Gehalt, blieb -späterer Bestimmung vorbehalten. Der Geheime Rat verschwieg, daß er bei -dieser Gelegenheit einige dem Minister genehme, ihm zum Lob gereichende -Ersparnisse zu machen gedachte. Dagegen ließ er Perthes nicht im -Zweifel, daß er ihm die zukünftige Karriere innerhalb der hiesigen -Universität gewährleisten wollte. - -Perthes sah durch diese glänzenden Anerbietungen jede Erwartung weit -übertroffen. Gleichwohl zwang er sich dazu, seiner Befriedigung keinen -allzu begeisterten Ausdruck zu geben. Der Dämon, von dem er sich in -seiner Selbstverachtung beherrschen ließ, riet ihm, sich zu sparen und -seine streberischen Pläne womöglich als Ganzes zur Reife zu bringen. -Es lockte ihn, seine Fähigkeit, emporzukommen, gleich durch ein -Meisterstück zu erproben. - -„Exzellenz sehen mich gegenüber solchen Beweisen des Vertrauens -verwirrt --” - -„Es sollte mich freuen,” versicherte Hupfeld mit großartiger Loyalität, -„wenn es mir mit meinen Vorschlägen gelungen wäre, Ihre Wünsche mit den -meinen in Einklang zu bringen.” - -„Meine Wünsche wagten sich so hoch nicht, Exzellenz. Gleichwohl werden -Sie es billigen, wenn ich mir angesichts so weitausschauender Pläne -einige Tage erbitte, um sie durchzudenken.” - -Hupfeld sah den Doktor ziemlich erstaunt, beinahe mißtrauisch an. -Diesmal war ihm ein Zaudern unverständlich. „Nun ja --” meinte er -gedehnt. „Ich gebe Ihnen natürlich Bedenkzeit. Nur --” - -„Exzellenz dürfen überzeugt sein, daß ich dies Zugeständnis nicht -mißbrauche. In wenigen Tagen, vielleicht schon morgen --” - -„Bringen Sie mir eine zustimmende Antwort,” vollendete der Geheime Rat -mit leichter Schärfe. Er hatte sich erhoben und bot Perthes verbindlich -die Hand zum Abschied. Als er allein war, schüttelte er den Kopf: „Bei -alledem -- ein merkwürdiger junger Mann!” - -Er sollte diese Merkwürdigkeit bald besser verstehen, als er ahnte. -- - -Nach milden, sonnigen Tagen brachte der November seine gewohnten -brausenden, kühlenden Stürme, die im Wirbel das rote und braune Laub -aus den Baumkronen rissen. - -Gerade das unstete, tosende Wetter lockte die Abenteuerlust von -Fräulein Exzellenz. Sie schlug für einen der nächsten Nachmittage den -Teilnehmern der Reitquadrille einen Fernritt, und zwar einen tüchtigen -Fernritt vor. Bei trügerischem Sonnenschein brach man auf. Perthes -hatte sich mit Mühe freigemacht. Er sprengte mit Alice voran. Sie -sah im langen, schwarzen Reitkleid gut aus. Es ließ ihre biegsamen -Formen zu herausfordernder Geltung kommen. Der flache, ebenrandige Hut -saß keck über den rotblonden Haaren. Professor Hammann und Cousine -Hilla folgten in mäßigem Tempo und unter bedenklichen Protesten. -Man hatte auch noch kaum die Sägemühle hinter sich, als der Wind -grimmig einsetzte, den Himmel voller Wolken fegte und den Reitern -brausenden Widerpart hielt. Als Perthes und seine Begleiterin bei -einer Wegbiegung, am Eingang in ein leidlich windstilles Gehölz, sich -umblickten, war von Hammann und Fräulein Hilla keine Spur mehr zu sehen. - -„Wollen wir auch das Hasenpanier ergreifen?” fragte Alice mit einem -spöttischen Blitzen der grünlich schimmernden Augen, während sie die -losgerissenen Haarsträhnen aus den Wangen strich. - -Statt der Antwort gab Perthes seinem Pferd die Sporen. - -Mit klingendem Lachen jagte Alice ihm nach, bis sie wieder an seiner -Seite war. Sie versetzte ihm zur Strafe einen leichten Hieb mit der -Gerte auf die Hand, die die Zügel führte. - -Hinter dem Wald ging es mit aufeinandergepreßten Lippen und -zugekniffenen Augen gegen den Sturm. Kurz vor dem ersten Dorf schnob -ein feiner, dichter Regenschauer aus den Wolken und durchnäßte Reiter -und Roß. - -Nun mußte man doch wohl oder übel im Wirtshaus haltmachen. - -Alice fand es apart und reizend, in dem sauberen Herrschaftszimmerchen, -in dem ein Ofenfeuer grüßend leuchtete, Tete-a-tete zu „mahlzeiten”. -Man sah durchs Fenster hinaus auf den windgepeitschten Fluß, die -regenwolkenverhangenen Berge. Fast wie auf der Sägemühle, dachte -Perthes, als er zufällig hinausblickte. Um so besser, setzte er -höhnisch hinzu. Er überließ sich dem willkommenen Reiz der Situation. -Die nassen Kleider erfüllten unter der behaglichen Wärme die Stube mit -ihrem Dunst. Es war ziemlich dunkel. Aus der Ofenecke, wo Alice sich -eingerichtet hatte, sah man nur ihre Augen mit seltsamer Intensität -aufglänzen. - -Nachher, am Tisch, gab sie sich allerliebst. Sie war etwas aufgeregt -und suchte diesen Zustand, der ihr kleinlich schien, durch die -ausgelassene Freiheit ihres Benehmens zu verdecken. Sie gab sich die -Rolle der Demimondaine, die sie augenwerfend und trällernd trefflich zu -mimen verstand. Perthes sollte dazu den Galantuomo spielen. - -Er ging bereitwillig darauf ein. Aber in einem Moment leidenschaftlich -vorgetragener Liebeserklärungen, die sie mit koketter Kälte über sich -ergehen ließ, vergaß er das Spiel. Er riß Alice in seine Arme und -bedeckte sie mit Küssen. - -Als er sie wieder freigab, war sie ernüchtert und erschrocken. „Was -fällt Ihnen ein!” stammelte sie verlegen. - -„Was mir schon längst hätte einfallen müssen!” gab er siegesgewiß -zurück. - -Schmollend und zürnend trat sie von ihm weg. Sie stellte sich ans -Fenster und stand dort geraume Zeit, von ihm abgekehrt. - -Er setzte sich mit scheinbarer Gelassenheit in die Ecke am Ofen und -stocherte mit der Zange im Feuer. - -Plötzlich wandte sie sich um. Mit ihrem drolligsten Spitzbubengesicht, -halb spöttisch, halb ärgerlich, sah sie ihn an. „Nu -- werden wir uns -wohl verloben müssen. Wie abgeschmackt Sie sind!” meinte sie halblaut. - -Er war mit zwei Schritten an ihrer Seite. Sie musterten sich mit einem -tiefen, brennenden Blick. Dann küßten sie sich in einer neuen, wilden -Umarmung. Und verlobten sich, trotz aller Abgeschmacktheit ... - -Als Perthes sich am folgenden Tag in der Hupfeldschen Stadtwohnung -einstellte, um Exzellenz Hupfeld seine Zusage für die erste -Assistentenstelle zu bringen, empfing ihn der Geheime Rat sehr gemessen. - -„Sie haben ja Ihre Bedenkzeit sehr eigenartig benutzt, Herr Doktor! Nun -darf _ich_ wohl um Bedenkzeit bitten?” lautete die strenge Einleitung. - -Aber der hohe Herr konnte sich nicht lange auf so eisiger Höhe halten. -Er wurde väterlich gerührt. Und lächelte bald wie ein gütiger Schöpfer -über die kleinen Unarten und Torheiten seiner Geschöpfe. - -Im Salon warteten Frau Hupfeld mit Alice und Cousine Hilla. Bei der Tür -stand der Diener Karl. Diesmal nicht, um Gewittermeldungen vorzutragen, -sondern um auf einen Wink die Sektkelche zu reichen. Schade, daß -Leutnant Moritz fehlte. - -Man feierte Verlobung im Familienkreise. Vorverlobung. - -Es war stilvoller und großartiger, als es je im Haus am Wenzelsberg -hätte werden können ... - - - - -12 - - -Schon seit über vierzehn Tagen hatte Vater Richthoff seine Vorlesungen -wieder aufgenommen. Zwischen drei und vier Uhr des Nachmittags schallte -wieder häufig und hell die Klingel durchs Haus: nacheinander kamen -und gingen die Hörer, junge Semester mit bunten Mützen, Bier- und -Milchgesichter, alte Semester wie Oberlehrer Trabner mit der Glatze und -der Stahlbrille, den Gummimanschetten und dem Trikot-Stehumlegekragen, -„Flanellstorch” genannt. - -Aber die „Bande” war nicht wie sonst auf dem Posten über der Treppe, -um die Alten zu registrieren und die Neuen zu etikettieren. Höchstens -daß Elli mal neugierig über das Geländer lugte. Dann war es nur, weil -Wilkens, der Faulpelz, sich noch immer nicht hatte einschreiben lassen. -Kurz vor Semesteranfang hatte er, um sich, wußte der Himmel von was, -zu „erholen”, noch eine verheiratete Schwester in Magdeburg besuchen -müssen und war noch nicht wieder zurückgekehrt. Nur Ansichtskarten -meldeten der entrüsteten Elli, daß es ihm wohl ergehe. - -Das grausame Leid, das Marga mitten in ihren frohen, bräutlichen -Träumen heimgesucht hatte, lastete auf allem und allen. Nicht zuletzt -auf dem alten Herrn. So fromm und artig und märchenhaft still war -es in zwanzig Jahren um ihn her nicht zugegangen. Wenn er hinter -dem Schreibtisch saß und kritzelte, konnte er sicher sein, daß kein -störender Laut seine römischen Kaiser in ihrer Würde bedrohen, ihn -aus der vornehmen Vertraulichkeit ihrer geisterhaften Gegenwart -aufscheuchen würde. Aber trotzdem -- oder gerade deshalb? -- warteten -diese oft vergeblich auf die Zwiesprache mit dem Meister, der sie -rief. Kein zürnendes Murren, keine feurige Apostrophe drang aus -dem verqualmten Winkel. Statt dessen hatte der alte Herr mehr als -einmal den Gänsekiel nicht mehr in der Hand, sondern den grauen, -krausbärtigen Kopf vergrämt aufgestützt, und lauschte hinaus in die -unheimliche Ruhe seines Hauses. Wenn doch mal eine Tür unversehens ins -Schloß geknallt wäre! Wenn doch ein nicht mehr zu bändigendes, junges -Mädchenlachen aus der Dachstube herunter- oder vom Erdgeschoß, aus den -Wohnzimmern heraufgekollert wäre, daß er empört hätte dazwischenfahren -können! Wieviel besser wäre das seinen Cäsaren bekommen. Der erste -Halbband der Kaisergeschichte war vor vierzehn Tagen erschienen. -Schon kamen begeisterte Briefe von entfernten Hochschulkollegen und -früheren Schülern. Vater Richthoff lächelte höchstens über die guten -Vorzeichen. Jetzt, wo er den gerechtfertigten und verdienten Lohn einer -Lebensarbeit einheimsen sollte, blieb die rechte Freude aus. - -Richthoffs Freunde: Wilmanns, Borngräber, die Kegelbrüder und die -Fakultätsgenossen -- alle waren bestürzt und schlugen die Hände -zusammen über das müde, verdrossene, teilnahmlose Wesen des alten -Herrn. Er war ja nicht mehr zu kennen! Hofrat Geismar zerbrach sich -vergeblich den Kopf, wie es möglich war, daß nach dem frischen, -verheißungsvollen Abschied in Bad Kreuth jede Nachkur daheim ausblieb. -Wilmanns, der mit seiner Familie Thüringen unsicher gemacht hatte, -schimpfte vergeblich auf das teure Schwarzburg, wo ihm die lärmende -Holzindustrie das Leben verbittert hatte; lobte umsonst das liebliche -Ilmenau mit Engelszungen und erzählte die kühnsten Abenteuer mit lauter -Beredsamkeit. Borngräber, der „Mädchenjäger”, wie ihn Papa Wilmanns -hartnäckig benamste, rollte ohne Erfolg die verwundert-treuherzigen -Augen und jammerte, daß ihm der Wind drei Hüte in die Ostsee geführt -habe, statt, was doch sein Versöhnliches gehabt hätte, in ein -klassisches oder orientalisches Meer. Richthoff hörte nur mit halbem -Ohr zu und schob seine Kugel so flau, als wollte er ja den Kegeln nicht -zu nahetreten. - -Und Marga? Sie, von der der Kummer ausgegangen war, der das Haus am -Wenzelsberg drückte und freudlos machte? - -Es gibt einen Schmerz, der, ohne laut und heftig zu sein, sich doch -wenigstens in Zeichen des inneren Kampfes verrät: nicht Tränen, aber -ihre Spuren, nicht das harte Aufbäumen, aber das wehe, zitternde -Zurückweichen und Wegwenden zeugen dafür, daß ein Lebendiges, wenn auch -noch so schwach und versteckt, sich wehrt gegen das Tötende, auch im -Unterliegen den Widerstand wahrt und in der Gegenbewegung sich erhält. -Wenn Marga diesen Schmerz gezeigt hätte! Man hätte ihn, so leise er -sich regte und rührte, zu lindern und zu heilen suchen können. Aber -in ihrem Schmerz war kein Kampf, kein Widerstand, keine Bewegung. Von -dem Augenblick an, wo sie aus ihrer tiefen Ohnmacht aufgewacht war, -schien jeder Wille in ihr gebrochen zu sein. Sie konnte nicht weinen. -Ihre Züge blieben leblos: mitunter hatten sie den Ausdruck einer leeren -Maske, die in unbewußter Angst und Hilflosigkeit erstarrt ist. Ihre -Seele schien nicht mit aufgewacht zu sein aus der Ohnmacht des Körpers. -Ihr Geist war klar, beinahe nüchtern klar; sie wußte, was vorgefallen -war, und sprach selbst mit matter, klangloser Stimme davon. Sie hörte -auch zu, wenn der alte Herr, alle Barschheit und Zurückhaltung in -Liebe und Mitgefühl vergessend, weich und ernst mit ihr redete; wenn -Elli, Tränen in den sonst strahlenden Augen, sie ermutigen wollte -und Käthe herzliche, ungezierte Worte des Verstehens fand. Aber sie -blieb empfindungslos. Das Gefühl, das man ihr entgegenbrachte, klang -nicht zurück. Alle die reichen und tiefen Kräfte des Gemüts waren wie -ausgelöscht. So ausgelöscht, daß man zuweilen hätte glauben können, -sie litte nicht einmal. Und doch -- oder gerade deshalb -- strömte -eine Traurigkeit von ihr aus, so unsagbar, so über alles Trösten und -Mitleiden, daß sie jeden ergriff und niederdrückte und das Haus mit -einer stummen Klage erfüllte. Wie ein reifes Kornfeld, das unter einem -Hagelschauer sich in eine tote Wüste verwandelt hat, so war Margas -große Stille zur großen Leere geworden. - -Die erste Sorge galt natürlich ihrer Gesundheit. Der Geheimrat wollte -den Arzt rufen lassen. Auch Käthe drang darauf. Elli wurde beauftragt, -Marga selbst zu fragen, um sie nicht zu erschrecken. Sie zeigte sich -völlig gleichgültig und meinte nur, sie wüßte nicht, was sie einem Arzt -zu sagen hätte. Die Ohnmacht schien auch keine weiteren körperlichen -Folgen zu haben. Ihr Aussehen veränderte sich kaum. Sie klagte über -nichts. Man war übereingekommen, daß das Leid, das sie getroffen, unter -keinen Umständen auch nur andeutungsweise nach außen dringen und zu -irgendwelchen Gerüchten Anlaß geben dürfe. Diese Schonung, die einzige, -der auch die äußeren Umstände ihres Unglücks entgegenkamen, mußte um -jeden Preis gewahrt werden. Das war der Grund, weshalb man es vorläufig -doch unterließ, den Arzt zuzuziehen. - -Wochen vergingen, ohne daß Margas Zustand sich veränderte. Nach wie vor -war sie äußerlich gesund, nach wie vor dämmerte ihre Seele pflanzenhaft -dahin. - -Der alte Herr sah mit Besorgnis, wie diese schleichende Qual die -Stimmung im Haus mehr und mehr verdüsterte. Sie zehrte an ihm und -seiner Arbeitskraft, an Käthes und Ellis Frische und Frohmut. Wie -schwüle Sommertage, die grau und lastend ohne die reinigende Entladung -eines Gewitters sich ablösen, schlichen die Tage einer um den anderen -hin, und die Menschen im Haus schlichen mit ihnen. So konnte es nicht -fortgehen! Es mußte etwas geschehen. Ein Entschluß mußte gefaßt werden, -der irgendwie wieder Luft und Licht in die stickige Atmosphäre brachte. - -Ohne Wissen der Mädels ging der Geheimrat vor. - -Er hatte in Pommern, weit droben an der Küste, einen Stiefbruder. Man -schrieb sich alle Jubeljahr, sah sich noch seltener. Für Käthe, Marga -und Elli spielte der Onkel Gutsbesitzer fast eine mystische Rolle. -Vor Jahr und Tag war er einmal an ihrem Kinderhimmel aufgetaucht: ein -jovialer, untersetzter Mann mit ein paar seelenguten Augen in seinem -wetterharten, braunroten Gesicht. Keine entfernte Ähnlichkeit mit Vater -Richthoff. Seine Frau oder gar die Cousinen -- es konnten sechs oder -mehr sein, denn Onkel Thiele schickte, wenn nichts anderes, so doch -Jahre hindurch regelmäßig eine fröhliche Geburtsanzeige -- waren völlig -sagenhaft. - -Dorthin richtete der alte Herr, einer plötzlichen Eingebung folgend, -seine Hoffnungen und bald darauf ein Schreiben, so brüderlich und -leserlich, als es ihm nur möglich war. Zum Schluß fragte er unumwunden -an, ob man seine zwei Jüngsten für ein paar Wochen auf Güstow brauchen -könnte. Der Geheimrat mußte keine acht Tage warten, bis die Antwort -kam, geschrieben von einer guten, ehrlichen preußischen Landwirtsklaue. -Es wäre zwar im Sommer schöner in Güstow. Dafür hätte man aber jetzt, -nach guter Ernte, mehr Zeit und mehr Geld. Auch versprächen die Jagden -allerhand Gutes. Kurz: die beiden Jüngsten wären willkommen. Seine Frau -und seine Döchtings wären schon jetzt „doll vor Vergnügen” über den -Besuch der Richthoffschen Vettern. Das war ein kleines Mißverständnis: -Onkel Thiele hatte sich im Lauf der Zeit eingebildet, sein Stiefbruder -müsse naturnotwendig ebenso viele Jungens haben, wie er Mädels hatte. -Doch das ließ sich aufklären. Die Hauptsache war: Marga und Elli wurden -erwartet. - -Der Geheimrat atmete auf. Er erhielt Onkel Thieles Brief zum Frühstück. -Als er ihn zu Ende gelesen, sah er seine Mädels der Reihe nach an. Zum -erstenmal brachte er es fertig, ihren trübseligen Mienen mit einer -halbwegs heiteren Verschmitztheit zu begegnen. „Wißt ihr, wer Onkel -Bernhard ist?” forschte er in der Runde. - -„Onkel Bernhard?” Elli schüttelte den Kopf. - -„Meinst du Onkel Thiele in Pommern?” fragte Käthe nach bedächtigem -Schweigen. - -„Allerdings,” nickte Vater Richthoff, „Onkel Bernhard Thiele, -Gutsbesitzer auf Güstow, Kreis Regenwalde in Pommern.” - -„Ach, der! Dein Stiefbruder! Was ist's mit ihm?” Elli war -glücklich, daß das öde Einerlei der Mahlzeiten durch einen neuen -Unterhaltungsstoff sich für einen Augenblick aufhellte. Das leidlich -muntere, väterliche Gesicht entzündete leise ihre alte, ausgelassene -Laune. „Hat er wieder Familienzuwachs bekommen?” - -„Das gerade nicht, Naseweis!” erwiderte der Geheimrat. „Aber er lädt -euch ein.” - -„Lädt uns ein? Nach Pommern? Auf sein Gut? Wen -- uns? Für wann?” Es -war so verlockend für Elli, einmal wieder drei, vier Fragen auf einmal -losfeuern zu können. - -„Onkel Thiele lädt dich und Marga ein, ihn jetzt für einige Wochen auf -Güstow zu besuchen!” erklärte der alte Herr klar und bündig. - -Elli blieb der Bissen im Hals stecken. Käthe riß die braunen Augen -ungläubig auf. Sie wollte schon den Mund öffnen, als ein Blick Vater -Richthoffs ihr die richtige Fährte gab. Sie nickte verständnisvoll. -Auch Elli begriff schnell, daß hier etwas Gutes im Werk sei. Marga -selbst saß teilnahmlos dabei, als hätte sie nichts gehört und -verstanden. - -„Lest mal selbst!” Richthoff reichte Onkel Thieles Brief Käthe über -den Kaffeetisch. Elli beugte sich voll Neugier mit darüber. Zu zweien -entzifferten sie die massiven Zeilen. - -„Na, mein Mädchen, wie denkst du über die Einladung?” wandte sich der -Geheimrat inzwischen an Marga, seine Hand zärtlich auf die ihre legend. - -Margas Augen kehrten aus der leeren Weite, in der sie erstarrt waren, -langsam und fragend zurück. „Über die Einladung?” wiederholte sie. „Ach -so -- ihr sprecht von Thieles in Pommern. Wen hat er denn eingeladen?” - -„Aufmerksamkeit schlecht!” scherzte der alte Herr. Er erklärte ihr -nochmals ausführlich, um was es sich handelte. „Ich möchte, daß ihr, -du und Elli, den Thieles die Freude macht!” setzte er aufmunternd hinzu. - -„Denk' mal an, Margakind! Nein, das ist zum Totschießen!” Elli lachte -so laut und herzlich, wie es seit Wochen im Haus am Wenzelsberg nicht -erhört war. „Die halten uns für zwei Jungens! Für zwei Vettern!” - -„Ja -- den Irrtum muß ich Onkel Bernhard noch nehmen. Die Enttäuschung -könnte zu groß sein,” bemerkte Vater Richthoff vergnügt. - -„Aber nein! Gerade nicht! Das darfst du keinesfalls, Papa!” rief Elli. -„Malt euch mal aus -- paß auf, Margakind! -- Die stehen auf ihrem -Bahnhof, so ihre zehn Köpfe hoch: Onkel, Tante, acht, neun Mädels -- -alle blond wie Hafer und dick und rot wie Rosenäpfel! Der Zug, so'n -rechtes Bimmelbähnchen -- Blumenpflücken während der Fahrt verboten! ---, braust heran. Sie recken ihre Hälse. Sie suchen die Wagen ab. Wo -zum Kuckuck sind die Richthoffschen Jungens?! Und der Zug fährt wieder -ab. Auf dem Bahnsteig stehen nur zwei Mädels. Marga und ich! Und -empfehlen sich zur geneigten Ansicht! Denkt euch, die Gesichter!” Elli -schüttelte sich vor Wonne. Auch der alte Herr schmunzelte, und Käthe -lächelte über Ellis blühende Phantasie. Nur Marga rührte sich nicht. -Ellis Lustigkeit reichte nicht an ihre verschollene Seele. - -„Und wann sollten wir denn dorthin kommen?” fragte sie schleppend, ohne -daß ihre Stimme ein näheres Interesse verriet. - -„Sobald ihr wollt!” erklärte Richthoff. „Die Jahreszeit ist ja nicht -die rechte. Ihr müßt euch für den norddeutschen Winter einrichten. -Da oben ist's kalt. Gerade gut, um sich mal tüchtig auszulüften. Das -wird dir guttun, Marga! Andere Menschen, anderes Leben. Ein bißchen -Zerstreuung -- verstehst du, Kind?” Er beugte sich zu ihr vor. Nur -behutsam wollte er an die Absicht rühren, die er mit dieser Reise für -sie verband. Das übrige setzte die Vertraulichkeit hinzu, mit der -er ihr auf den Arm klopfte. „Also ausgemacht! Ihr reist je eher, je -lieber!” Er erhob sich erleichtert und ging mit seiner Zeitung nach -oben. Ein Wink verständigte Käthe und Elli, Marga zuzureden und etwaige -Bedenken zu zerstreuen. - -Zu jeder anderen Zeit hätte die unerwartete Reiseaussicht in weite -Ferne, die verblüffende Großmut des sonst so gestrengen und ~in -pecuniis~ genauen Papa Richthoff unter der Bande wie eine Bombe -eingeschlagen. Dermalen war die Freude natürlich gedämpft, die -Verwunderung zurückgedrängt. Aber es war doch, als hätte man in dem -verdumpften Haus irgendwo ein Fenster aufgerissen: ein frischer -Luftzug, ein schräger, dünner Sonnenstrahl schlüpfte herein. - -Käthe fand etwas von ihrer altklugen Weisheit wieder. Was sie über -Margas von ihr vorausgesagtes Unglück empfand, eine wenn auch -schmerzliche Genugtuung, hatte sie taktvoll nur ihrem Tagebuch -anvertraut. Dafür erging sie sich jetzt in trefflichen Aussprüchen -über die Wunder, die eine Ortsveränderung an einem beschwerten -Menschenherzen immer tue, und sorgte nebenher mütterlich für die beiden -Kleinen, denen sie die Reise nach Norden ehrlich gönnte. - -Elli aber regte und tummelte sich in dem lang entbehrten, schmächtigen -Sonnenschein wie ein Kätzchen, das sich auf gut Wetter putzt. In einem -allmählichen Crescendo, das ihrem Temperament nicht ganz leicht wurde, -aber Margas Zustand berücksichtigte, ließ sie ihrem Optimismus die -Zügel schießen. Ihre umtriebige Natur sah sich jetzt wieder einer -handgreiflichen Aufgabe gegenüber: sie konnte nun mal Marga in ihre -alleinige Behandlung nehmen. Eine richtige Kur hatte sie mit ihr vor. -Wie man dürres, vertrocknetes Land fürs erste tüchtig unter Wasser -setzt, so wollte sie Marga unter Freude setzen. Sollte es nötig sein: -sie wollte nicht nur das Rittergut Güstow mit Onkel und Tante Thiele -samt den unzählbaren Cousinen, sondern ganz Preußisch-Pommern auf -den Kopf stellen. Mit den Vorbereitungen zu diesen Großtaten begann -sie sachte schon jetzt. Sie ließ Marga keinen Augenblick allein. -Unausgesetzt umflatterte sie sie, unterhaltsam und wachsam zugleich. -Ihre Plappermaschine, durch die Kümmernisse der letzten Wochen dem -Verrosten nahe, kam neugeölt in neuen Gang. Außer dem Gutsleben, das -ihre Phantasie mit Jagdabenteuern, Segelfahrten an der nahen Küste, -Überlandpartien in Kutsche und Schlitten zu märchenhaften Tanzbällen -ausschmückte, war es besonders Berlin, die Reichshauptstadt, die -sie vor Marga in feenhafter Glorie aufsteigen ließ. Sie mußten -nämlich in Berlin Station machen. An einem Tag war Gut Güstow nicht -zu gewinnen. Papa hatte an einen befreundeten Kollegen geschrieben, -wo sie einquartiert werden konnten. Aus dem einen Rasttag ließ Elli -drei bis vier werden. Man konnte doch so 'ne Gelegenheit, mal was -Rechtes zu sehen, nicht ungenutzt vorbeilassen. Das mußte auch Papa -einsehen. Nicht schon jetzt, aber im geeigneten Moment, wenn man ihm -eine entzückte Karte schrieb, die alles erklärte. Und nach Güstow -depeschierte man -- Elli depeschierte in der Einbildung öfter als -alle europäischen Kabinette -- und bat um Frist. Dann -- oh, es war -unbeschreiblich, in welchen Strudel von Genüssen man sich dann stürzte! -Stürzte mit der grausigen Andacht, die die Weltstadt dem jungen, -unverdorbenen Mädchengemüt Ellis einflößte -- schon aus der Ferne. -Theatervorstellungen, philharmonische Konzerte, Zoologischer Garten, -Kaiser sehen, Warenhausbummel, Unter den Linden, Friedrichstraße, -Potsdam, Sanssouci, Hochbahn und Untergrundbahn, das drehte sich und -prasselte wie ebenso viele Feuerräder durch die Luft. - -Mit den Erfolgen ihrer Lustkur mußte sich Elli allerdings einstweilen -sehr bescheiden. Im Anfang verhielt sich Marga vollständig -gleichgültig. Wie eine blasse Wand, auf die man die buntesten Bilder -der Wunderlaterne geworfen hat, war sie nachher so stumm und leblos wie -vorher. Sie half, soweit es in ihren Kräften stand, beim Einpacken. -Mechanisch erwiderte sie die Fragen, deren Antworten man ihr in -den Mund legte. Sie war mit keinem Gefühl bei dieser Reise. Es war -nicht einmal sicher, ob sie hörte, was Elli unermüdlich deklamierte. -Trotzdem stellte diese mit der Zeit winzige Triumphe ihrer Methode -fest. Wenn es nur ein Kopfschütteln oder Kopfnicken war, das sie -erzielte, verzeichnete sie schon einen Fortschritt. Und als es ihr gar -gelang, den Tag vor der Abreise durch eine bis dahin nicht dagewesene -Brillantvorführung von Berliner Genüssen Marga ein Lächeln -- nicht zu -entlocken, sondern schon mehr zu entreißen, lief sie erst in die Küche, -wo gerade Käthe eine süße Speise bereitete, und dann stürmte sie, alles -Herkommen außer acht lassend, in Vater Richthoffs Arbeitszimmer, so -blitzgewaltig, daß der alte Herr entsetzt von seiner Kaisergeschichte -in die Höhe fuhr. - -„Marga hat gelächelt! Marga hat richtig gelächelt! Beinahe gelacht!” -verkündete sie schallend. - -Ehe der Geheimrat sich fassen und sie ausschelten konnte, war sie wie -die Windsbraut wieder draußen. Er schüttelte verwirrt den Kopf. Das -Ereignis stand in keiner Beziehung und keinem Größenverhältnis zu -den Germanenkämpfen, die das römische Weltreich erschütterten. Aber -bemerkenswert war es schließlich doch. Sehr sogar. Und der alte Herr -lächelte hinterdrein auch. - -Am Nachmittag desselben letzten Tages vor der Berlin-Güstower -Novemberreise trat eine kurze Ebbe ein. Es war gepackt. Die -allernötigsten Besprechungen konnten noch beim Abendbrot erfolgen. -Zwischendrin mußte nach Ellis Ansicht noch etwas unternommen werden. -Damit einem die Zeit nicht zu lang wurde. Sie schlug Marga einen -Stadtbummel vor. So zum Abschied von dem guten, alten Nest, das einem -schon jetzt furchtbar klein und provinzmäßig vorkam. - -Marga war meist schwer zum Spazierengehen zu bewegen. Sie fühlte sich, -wenn sie sich überhaupt wohl fühlte, zu Hause noch am besten. Diesmal -willigte sie überraschenderweise sofort ein, und Elli verzeichnete den -zweiten kolossalen Fortschritt des Tages. - -Es war ein kühler, selten klarer Spätherbsttag. Die Sonne schien -rotgolden und wehmütig aus dem halb klaren, halb federwolkigen Himmel. -Der Wind pfiff scharf um die Straßenecken. Fest und schützend drückte -sich Elli an Marga. Auf der Brücke blies es ganz toll aus Osten. Fast -flogen die Hüte mit auf. Der Fluß schäumte ungebärdig. Eben rasselte -ein Kettendampfer unter der Brücke durch. Die Pfeife schrie mürrisch in -den Wind hinein, und dann legte er sein Dampfrohr nieder, um durch den -Brückenbogen zu kommen. Die bewimpelten Lastkähne, mit rotem Sandstein -befrachtet, schaukelten in endloser Reihe hinter ihm drein. - -Die Leute blieben trotz des Windes einen Augenblick stehen und warfen -einen Blick über das Geländer. Auch Elli hielt eine Sekunde an und -schaute hinunter. - -„Was gibt's denn?” fragte Marga. Fern wie sie war, wußte sie sich -Stillstand und Geräusch nicht gleich zu erklären. - -„Bloß der Kettendampfer. Komm!” Schon ging Elli weiter. - -„Wo kommt er denn her?” fragte sie mit einer ungewöhnlichen Bewegung -der sonst so eintönigen Stimme. - -„Wer? Ach so, der Dampfer! Vom Tal herunter.” - -Sie gingen weiter. Margas Schritt war schleppend geworden. - -Elli schaute ihr ins Gesicht. Mit Staunen sah sie, wie in ihren Zügen -eine außerordentliche Erregung arbeitete. Der kleine, unbedeutende -Vorgang -- der alltäglichste fast, der sich denken ließ -- schien ein -Zittern in ihre erstorbene Seele zu bringen. Eine Erinnerung schaffte -in ihr. Auf der Sägemühle hatten sie so manchmal vom Garten aus den -Lastschiffen zugeschaut. Vielmehr Marga hatte hinausgehorcht auf das -Rasseln und Plätschern, und Elli mußte ihr die Kähne zählen. - -Elli erriet nur unklar, was sie beschäftigte. Instinktiv lenkte sie -jedoch das Gespräch ab. Sie erzählte ihr von neuen Villen in der -Vorstadt. Zu ihrer Beruhigung war die Erregung in Margas Antlitz bald -wieder geschwunden. - -Drüben über der Brücke -- sie wollten gerade noch ein paar Schritte die -Neustädter Hauptstraße hinaufschlendern -- liefen die Schwestern durch -einen Zufall Cousine Grasvogel in die Hände. Natürlich wußte sie schon -von der Reise der lieben Kinder. Es gab einen unausweichlichen Schwatz, -einen Regen von Fragen, die Elli beantworten mußte. Die Grasvogels -waren nämlich mit den Thieles auf Güstow, und zwar doppelt, verwandt. -Die Richthoffs und die Thieles, der Geheimrat und der Gutsbesitzer -waren die gesellschaftlichen Leuchten, in deren Glanz sich Cousine -Grasvogels armes Altjungfernherz vor der Mitwelt und sich selber -sonnte. Es gab da Grüße und Gott weiß was zu bestellen. - -„Wie habt ihr's gut, daß ihr noch einmal in die Nachsommerfrische -dürft!” meinte sie begeistert. - -Nachsommerfrische war eine Wendung, die Elli um Margas willen unliebsam -drohend fand. „Ja, Papa ist sehr gut. Entschuldige übrigens! Wir haben -noch schrecklich viel zu tun und zu besorgen!” Mit geschäftiger Hast -suchte sie sich von Fräulein Grasvogel loszuringen. - -Doch die witterte mit dem sicheren Sinn der gereiften Weiblichkeit -schon länger zwischen Sommerfrische und Nachsommerfrische interessante -Zwischenfälle oder Übergänge. Ellis Hand ließ sie los, aber dafür hielt -sie die Margas um so fester. „Die Sägemühle ist euch aber auch gut -bekommen, nicht wahr, Marga?” flötete sie weiter. - -Elli gewahrte mit Sorge, daß das Wort Sägemühle, das daheim verpönt -war, in Margas Mienen dieselbe Unruhe hervorbrachte wie zuvor auf der -Brücke der harmlose Kettendampfer. - -„Ausgezeichnet!” antwortete sie, lauter als nötig, an Margas Stelle. -„Entschuldige nur, wir müssen --” - -„Natürlich, ihr habt's eilig!” versicherte Cousine Grasvogel durchaus -verständnisvoll, aber ohne locker zu lassen. „Was mir gerade einfällt --- ihr werdet gewiß verwundert --” - -„Gar nicht! Gar nicht!” rief Elli. Sie wußte nicht warum, aber sie -ahnte, daß die gute Cousine noch mehr Unheil anrichten wollte, und -strebte, Marga am Arm zerrend, entschieden davon. - -„Ach -- ihr wißt's am Ende schon lange! Nicht? Ich meine, daß der -liebenswürdige, nette Doktor -- wie heißt er doch? -- Doktor Perthes -- -er war doch mal bei euch auf der Sägemühle, nicht? oder öfter -- und -auf dem reizenden Gartenfest im Juni, nicht? -- daß er sich mit Alice -Hupfeld verlobt hat? Vorgestern erfuhr ich's von --” - -Elli hatte Marga mit Gewalt fortreißen wollen. Aber seit der Name -Perthes gefallen war, stand sie steif, schwer, unbeweglich. Und als -die für beide niederschmetternde Neuigkeit heraus war, stand auch Elli -einen Moment, wie vom Schlag gerührt, kreidebleich. - -Cousine Grasvogel, die es nicht bös meinte, stockte in ihrem Redefluß, -selber bestürzt und sprachlos über die Wirkung ihrer Mitteilung. - -In der nächsten Minute riß Elli Marga mit einem halb wütenden, halb -schmerzlichen Aufschrei herum und lief mit ihr, so schnell sie konnte, -heimwärts davon. - -Marga selbst folgte willig und wortlos. Der Zufall wollte, daß sie fast -an derselben Stelle, wo ihr einst Käthe über Perthes' Liebelei mit -Hilde König eine erste Andeutung gemacht, diesen tiefen, über alles -Verstehen schmerzhaften Streich empfing. Das dumpfe, erregte Arbeiten -in ihren Zügen war in ein fast konvulsivisches Zucken übergegangen. -Ihre erstorbene Seele erwachte aus der bleiernen Erstarrung von Wochen. -Das Blut stieg und fiel in ihren Wangen mit heißen, beklemmenden Wellen. - -„Ich glaube, wir sollten besser mit der Elektrischen fahren!” stieß -sie, nach Atem ringend, plötzlich hervor. - -„Natürlich, Margakind!” Elli hatte die nächste Haltestelle erspäht. -Sie half Marga in den Wagen und schmiegte sich drinnen dicht an sie. -Sprechen konnte sie nicht. - -Von der Station hinter dem Bahnhof erreichten sie schnell das Haus am -Wenzelsberg. Noch zu rechter Zeit. - -Ein furchtbarer, herzbrechender, den Körper schüttelnder Weinkrampf -kam über Marga. Wehrlos mußte sie sich dem Schmerz überlassen, und ihr -lautes Schluchzen erfüllte vom Flur das Haus. Therese, Käthe, der alte -Herr stürzten herbei. - -Noch nicht eine halbe Stunde später lag Marga mit hohem Fieber zu Bett. - -In der Nacht wurde sie bewußtlos und redete irre. Alice, Perthes, die -Sägemühle, der rasselnde Schleppdampfer zermarterten in wirrer, grauser -Jagd ihr Hirn. - -Geismar wurde gerufen. Er konnte noch kein bündiges Urteil geben, -äußerte sich aber sehr besorgt. - -Am Morgen konstatierte er ein Nervenfieber. - -Marga reiste statt zu Thieles auf Güstow weiter, viel weiter. Bis an -die Grenze zwischen Leben und Tod ... - - - - -13 - - -Als Doktor Markwaldt, der ehemalige Kollege am Bakteriologischen -Institut, die Kunde von Perthes' Verlobung mit Fräulein Exzellenz -erhielt, da meinte er zu dem Überbringer, einem der Volontärärzte der -Chirurgischen Klinik: „Da haben wir's ja! Genau, wie ich's voraussah!” -Im Grunde seines Herzens aber war er verblüfft. Noch verblüffter aber -war er, als er statt einer gedruckten Anzeige folgende Zeilen erhielt: - - Lieber Markwaldt! - - Sie haben, wie Sie mir gelegentlich gestanden, immer geschwankt, ob - ich ein Faulpelz oder ein Streber sei. Ich habe mich mit Fräulein - Alice Hupfeld verlobt. Ich denke, das wird Ihrem Schwanken ein Ende - machen. - - Gruß Ihr Perthes. - -Zum mindesten eine originelle Art, sich selber zu denunzieren, dachte -Markwaldt kopfschüttelnd. Als er seinerzeit am Klinikerabend, auf -dunkle Gerüchte hin, Perthes aufgezogen und sich eine so erregte Abfuhr -geholt hatte, war er nur aggressiv gewesen, um dem „Unergründlichen” -einmal auf den Zahn zu fühlen. Er wußte, daß Perthes zum Richthoffschen -Hause in naher Beziehung stand, und glaubte nicht im Ernst an eine -Verbindung mit Hupfelds. Jetzt, wo sie doch plötzlich Wahrheit geworden -war, schien ihm die Sache nicht ganz behaglich, und er räsonierte, -menschenfreundlich wie er war: „Wenn sich der Junge nur nicht in die -Nesseln gesetzt hat! Er bleibt ein verdrehtes Huhn!” Aber er bewunderte -doch den Tiefblick Professor Hammanns, seines Chefs. Der hatte zuerst -über Perthes das ahnungsvolle Wort „Heiratspolitiker” fallen lassen. -Nur so ~en passant~ und als Vermutung. In Markwaldts Augen war er -durch diese Probe weltmännischer Menschenkenntnis hoch in der Achtung -gestiegen, und der Assistent benutzte die nächste Gelegenheit, vor ihm -seine Bewunderung auszudrücken. - -Seltsamerweise nahm Professor Hammann dieses Kompliment mit mehr als -oberflächlichem Dank auf. Der gutmütig-klatschsüchtige Markwaldt, der -sich selber so findig vorkam und doch immer an der rechten Fährte -vorbeilief, konnte nicht wissen, daß er seinem Chef mit seiner -Anerkennung nur eine gemischte Freude bereitete. - -Denn Ludolf Hammann, um es vorweg zu sagen, trug sich seit einiger Zeit -selbst mit heiratspolitischen Absichten. Daß er, der freiheitliebende -Junggeselle, dessen Herz für den Sport, dann für sich und erst in -letzter Linie für die Frauen schlug, dabei mehr der Not als der Neigung -gehorchte, lag nahe. Für Alice Hupfeld hatte er vor Jahren mal so etwas -wie eine Neigung zu empfinden geglaubt. Bei näherer Bekanntschaft -mit ihren gegenseitigen Charakteren mußten sie sich beide „für den -Ernst der Ehe ungeeignet” finden. Sie lachten sich also auseinander -und blieben gute Freunde. Wenn der patente, wissenschaftliche Amateur -und Zufallsgelehrte, der er war, jetzt ernstlich daran dachte, seine -Unabhängigkeit dranzugeben, so mußte sie von anderer Seite bedroht -sein. Seine Vermögensverhältnisse hatten denn auch -- was außer ihm -niemand wußte -- in aller Stille einen schweren Stoß erlitten. Das -Kapital, das ihn unabhängig machte, steckte zum größten Teil in der -Bank eines für unbedingt sicher geltenden Onkels in den Rheinlanden. -Diese Bank kämpfte mit der Liquidation. Hammann sah sich mit einem -Schlag vor sehr beträchtlichen Verlusten und damit vor der Gefahr, -seine wohlige Lebensweise in unerhörtem Maß einschränken zu müssen. -Kein Wunder, daß er auf einen Ausweg sann, der das geringere Übel -bedeutete, und -- ~horribile dictu~ -- sich nach einer reichen Partie -umsah. - -Die akademischen Kreise der kleinen Universitätsstadt zerfielen, -von Hammann aus gesehen, in der Hauptsache in ein modernes und ein -rückständiges Lager. - -Das rückständige Lager kam für ihn nicht in Betracht. Rückständig -waren die Professoren, denen die Gelehrsamkeit wie in alten Tagen -ein vornehmer Selbstzweck blieb. Es waren die Leute, die er meist -nicht einmal mit ihrem richtigen Namen kannte, alte Herren wie Vater -Richthoff, Wilmanns und Borngräber. Jedoch nicht nur Philosophen, -sondern auch vereinzelte Juristen, Mediziner, wie Geheimrat Geismar, -und Theologen, von denen gar nicht zu reden war. Daß unter allerhand -Schrullen in dieser, wie es schien, aussterbenden Kategorie von -Hochschullehrern der beste Kern von Gediegenheit und berechtigtem -Gelehrtenstolz steckte, war für Hammann uninteressant und nebensächlich. - -Wichtiger, allein wichtig war für ihn die zweite Gruppe, die neben -der ersten allmählich als neue und moderne akademische Gesellschaft -herangewachsen war. Zuerst und vornehmlich rekrutierte sich diese aus -den Fakultäten, die wie die naturwissenschaftliche und medizinische dem -praktischen Leben der Gegenwart näher standen als ihre selbstloseren -Kollegen. Den Akademikern dieses Schlages war ein großzügiger Hang -zum Kapitalismus eigen. Sie hielten die Legende vom Selbstzweck der -Wissenschaft um des guten Scheines willen aufrecht, aber verstanden -sie zeitgemäßer, also kaufmännischer. Der typische Repräsentant der -neuen Gattung war Exzellenz Hupfeld. Leute wie Hammann, zahlreiche -Kollegen aus den übrigen Fakultäten stellten den Chorus. Man wollte -nicht mehr nur forschen und lehren, sondern im weitesten Sinne des -Wortes auch leben. Alte Häuser, wie das am Wenzelsberg, mit steilen -Weinbergen und Schnecken darin, verwunschene Butiken wie Borngräbers -efeuumranktes Landhäuschen paßten nicht zu solchen Anschauungen. -Gelehrsamkeit war etwas sehr Schönes, aber eine pompöse Villa im -Villenviertel, ein altes Damenstift im Tal, kostspielige Liebhabereien, -ein Automobil, Dienerschaft -- kurzum, Luxus war mindestens ebenso -schön. Mit so vorgeschrittener Auffassung war aber auch die -Exklusivität des Akademikers, die ihn bisher nicht nur aus Dünkel, -sondern aus geistigem Unabhängigkeits- und Selbsterhaltungstrieb von -anderen Ständen sonderte, im alten Sinne nicht aufrechtzuerhalten. -Die moderne Hochschulgesellschaft erschloß sich denn auch naturgemäß -Elementen, die man früher hatte abseits stehen lassen. Um sich nichts -zu vergeben, erweiterte man die Grenze nicht nach unten, sondern nach -oben. Nach oben freilich im wirtschaftlichen und altständischen Sinne, -nicht im geistigen, wo ein soziales Oben und Unten nicht zu finden war. - -Auf dieser Verschiebung der gesellschaftlichen Grenze nach oben beruhte -seit einiger Zeit im Kreise derer um Hupfeld der Einfluß des Grafen -oder besser der Gräfin Hüningen. - -Der Graf, in sehr naher, aber nicht ganz legitimer Beziehung zu einem -regierenden Hause stehend, hatte sein Domizil seit etwa anderthalb -Jahren in einem kleinen Palais der Altstadt, wo im Anfang des vorigen -Jahrhunderts eine Prinzessin ihre Witwenjahre vertrauert hatte. Nach -reichlich bewegtem Leben als Gardeoffizier und späterer Attaché in -Konstantinopel und anderwärts waren jetzt seine Interessen in einer -ausschließlichen Liebe für Wappenkunst nahezu erstarrt. Man sah -ihn fast nie, und dann nur mit der gewichtigen Miene eines von der -Arbeit gebeugten Forschers, dem das Monokel und der Schleppschritt -als Überbleibsel vergangener Tage seltsam unharmonisch anhafteten. -Die Gräfin dagegen, aus der steinreichen Familie eines ostdeutschen -Großindustriellen stammend, von mütterlicher Seite Amerikanerin, war -trotz ihrer fünfundvierzig oder mehr Jahre noch immer eine beinahe -jugendliche Erscheinung. Stattlich, sehr gewählt in ihrem Geschmack, -gewandt und geistreich in ihrem Auftreten, hatte sie sich überraschend -schnell in der vorgeschrittenen akademischen Gesellschaft zu einer -tonangebenden Stellung emporgeschwungen, die ihr allerdings die -„Rückständigen” nicht eingeräumt hätten. Mehr und mehr bildete sie mit -Exzellenz eine Doppelsonne, und Hupfeld, dessen Frau zur Repräsentation -wenig geschaffen war, ließ sich die Teilung seiner Gewalt gefallen, -da die Gräfin es verstand, dem großen Manne zu schmeicheln. In ihrem -Geleit, man konnte auch sagen, in ihrem Schatten, trat ihre Tochter -Edith in die Gesellschaft. Sie hatte von der Mutter ein sehr hübsches -Gesicht, vom Vater eine Indolenz und geistige Armut geerbt, die der -Beweglichkeit der Mutter als Folie diente. In sachlicher Würdigung -aller Umstände widmete sich Professor Hammann als ziemlich einziger -Verehrer der gutmütig-beschränkten Komtesse Edith. - -Während Hammann mit seinen heiratspolitischen Absichten sich in -einer durchaus vertrauten Sphäre bewegen konnte, mußte Perthes, der -mit beiden Füßen von einem Lager ins andere gesprungen war, aus der -einfachen Behaglichkeit des Richthoffschen Hauses in die üppige, große -Welt der Hupfeld und Hüningen, sich an die neue Umgebung erst gewöhnen. -Doch das ging fürs erste überraschend gut und leicht. Dem glücklichen -Bräutigam zeigte sich das veränderte Dasein einstweilen nur von der -angenehmsten Seite. Nach der Bekanntmachung der Verlobung begann -ein wahrhaft verteufelter Reigen von Besuchen und Einladungen, von -liebenswürdigen Familienfesten, Aussteuerkäufen und Zukunftsberatungen. -Es gab Tage, an denen er und Alice kaum einen Moment erhaschten, um -hinter irgendeiner Flügeltür der weiten, überladenen Zwölfzimmeretage, -die Hupfelds im Winter in der Stadt bewohnten, sich die Lippen wund -zu küssen. Aber gerade die seltene Möglichkeit, sich allein zu haben, -die Atemlosigkeit eines immerwährenden Taumels, der sie auseinanderriß -und nur eben zwischen Tür und Angel den Vorgeschmack einer tollen -Verliebtheit kosten ließ, erhöhte für ihn und Alice den Reiz. Diese -vergnügliche Jagd war wie geschaffen, um sie ihm immer neu, immer -lockend als das verführerische Irrlicht zu zeigen, das er begehrte, und -auch ihr die Freude an ihrem „Räuberhauptmann”, wie sie ihn endgültig -getauft hatte, in der rechten Spannung zu erhalten. Die Bewußtheit, -mit der Perthes sich in den Wahn auch dieses so ganz anders gearteten -Glückes hineingepeitscht hatte, schien schneller, als er erwartet, in -die Illusion völliger Befriedigung überzugehen. Er konnte tagelang -vergessen, mit welcher dämonischen, ja zynischen Gewaltsamkeit er die -Verlobung mit Alice angestrebt und herbeigeführt hatte. Wohl konnte ihm -in einem Moment der Selbstbesinnung einmal die Frage auftauchen, ob -es mit rechten Dingen zuging, daß er mit solcher Geschwindigkeit zum -Oberflächlichen und Mittelmäßigen „genas”. Aber derartige Momente waren -selten, und er tat, was er vermochte, um sie noch seltener zu machen. - -Die Hochzeit war auf Mitte Januar festgesetzt. - -Ein einziges Mal, in den geräuschvollen Bräutigamswochen vor -Weihnachten, wurde Perthes von einem ernstlichen Rückfall bedroht. Es -war an einem Sonntagmittag. Das intime Familiendiner bei Hupfelds war -um ein paar Gedecke erweitert worden. Unter anderem war ein früherer -Schulfreund von Leutnant Moritz, ein junger Assistenzarzt der Inneren -Klinik, zu Tisch geladen. Perthes unterhielt sich gerade mit Alice über -die unmittelbar bevorstehende Verlobung von Professor Hammann und Edith -Hüningen. Da machte ihn eine Äußerung des gegenübersitzenden Kollegen -aufhorchen. Dieser sprach mit seiner Tischnachbarin, einer Studentin -der Medizin, zwei Worte über einen schweren Fall von Nervenfieber in -seiner Klinik und nannte zufällig den Namen eines Fräulein Richthoff. -Perthes erblaßte und ließ seine Gabel ziemlich laut auf den Teller -klirren. Er hatte sich jeder Erkundigung nach Marga, so schwer es ihm -bisweilen wurde, streng enthalten. Der neue Kreis, in dem er jetzt -ausschließlich verkehrte, berührte sich kaum mit dem früheren, so daß -ihm keine Nachrichten von drüben zukamen. Nun traf ihn diese Kunde, -die er instinktiv auf Marga bezog, mit voller Wucht. Er mußte sich -beherrschen, um bei Tisch bleiben zu können. - -Alice war die einzige, die seiner Bewegung Beachtung geschenkt hatte. -Neugierig sah sie in sein durch die Aufregung verändertes Gesicht. -Sie hatte den Namen Richthoff so gut gehört wie er. Sie wußte, daß -zwischen ihm und den Richthoffschen Mädchen irgend ein Zusammenhang -bestanden hatte, war aber, wie es so geht, immer wieder von einer Frage -abgedrängt worden. Jetzt hätte sie gern ihre Neugierde befriedigt. -Doch die Gelegenheit war nicht günstig dafür. Sie beschloß ihn nachher -auszufragen. - -Gleich nach Aushebung der Tafel verschwand Perthes mit einer flüchtigen -Entschuldigung. - -Ohne Überlegung, nur seinem Gefühl folgend, eilte er auf dem nächsten -Weg zur Inneren Klinik. - -Dort ließ er durch den Pförtner den Kollegen bitten, der den -Sonntagnachmittagsdienst hatte. Es war ein stiller, argloser, nur -seinem Beruf ergebener Mensch. Perthes brauchte keine Umschweife zu -machen. Er fragte also nach Marga Richthoff. Der Assistenzarzt wußte -sofort Bescheid. Mit einer Teilnahme, die verriet, daß er der jungen, -blinden Patientin etwas mehr als das übliche Berufsmitgefühl zugewandt -hatte, erzählte er, daß am Tag vorher die Krisis eingetreten sei. Aller -Voraussicht nach sei das Fieber gebrochen und die Gefahr überwunden. -Perthes stellte noch einige fachmännische Fragen über den Verlauf der -Krankheit, bedankte sich und ging davon. - -An der Befreiung, die er nach günstigem Bescheid empfand, merkte er, -daß er eine Wunde besaß, die nicht aufbrechen durfte. Er gestand es -sich nicht, aber er wußte, daß die entgegengesetzte Nachricht ihn -vernichtet hätte. - -Eine halbe Stunde nachher war er wieder bei Alice. - -Sie stellte ihn zur Rede, wo er gewesen, und wollte, als er auswich, -auch auf die Frage zurückkommen, die sie bei Tisch unterdrückt hatte. -Er schloß ihr den Mund mit Küssen und lenkte hartnäckig ab. Er hatte -diesen Rückfall abgetan und wollte an nichts mehr erinnert sein. - -In den wenigen Tagen, die noch bis Weihnachten übrig blieben, -beschäftigten die hundert Fragen von Einrichtung und Wohnung das -Brautpaar und die Eltern Hupfeld. Über die Wohnung gab es eine kleine -Meinungsverschiedenheit. Exzellenz war der Ansicht, daß sein künftiger -Schwiegersohn sich eine der niedlichen Villen kaufen müsse, die in der -Neustadt täglich wie Pilze aus der Erde schossen. Alice hatte das von -Anfang an nicht anders erwartet. Dagegen hatte Perthes seine Bedenken. -Sein eigenes kleines Vermögen -- daraus hatte er nie ein Hehl gemacht --- war im Lauf seiner Studien und im häufigen Wechsel der Stellungen, -die sein wiederholtes Umsatteln mit sich brachte, so gut wie -aufgezehrt. Das Gehalt eines ersten Assistenten an der Chirurgischen -Klinik, wenn es auch nicht schlecht bemessen war, reichte noch nicht -einmal für ein einigermaßen angenehmes Leben zu zweien, wie es Fräulein -Exzellenz gewöhnt war. Dazu mußte die stattliche Rente mithelfen, die -sie als Mitgift bekommen sollte: um diese Abhängigkeit konnte Perthes, -so sehr sich sein Selbstgefühl dagegen sträubte, nicht herumkommen. -Desto fester war er entschlossen, sich dem Geheimen Rat nicht noch mehr -zu verpflichten. Wovon sollte er aber aus eigener Kraft eine Villa -kaufen? - -Hupfeld ließ schon einen Agenten kommen. In Gegenwart der ganzen -Familie wurden Pläne von entzückenden Landhäusern besichtigt. Eins, das -in einer nagelneuen Bergstraße fix und fertig stand, fand allgemeinen -Beifall. Nach weitläufigen, fröhlichen Beratungen über die Verteilung -der Zimmer, Gartenanlagen, Wahl der Tapeten und so weiter zogen die -Damen sich zurück. Der Agent machte den Herren seine geschäftlichen -Vorschläge. Die Gesellschaft, die er vertrat, bot glänzende Bedingungen -bei einer verschwindenden Anzahlung. Auf diese Weise wurden im -Handumdrehen fast alle Akademiker zu Hausbesitzern gemacht. Perthes -benahm sich gegenüber der Verlockung sehr kühl und widerstrebend. -Exzellenz begriff erst nach und nach den Grund. Man verabschiedete -den Agenten, ohne sich gebunden zu haben, und sprach sich offen -aus. Hupfeld erklärte mit dem feinen Lächeln des wohlwollenden -Grandseigneurs die Bedenken von Perthes für sehr ehrenwert, aber nicht -stichhaltig. Diese paar tausend Mark Anzahlung waren eine Lappalie. -Er wollte sie dem jungen Paar mit Vergnügen zum Geschenk machen. Als -Perthes sich dagegen mit dankbarer Entschiedenheit wehrte, wurde der -Geheime Rat ungeduldig, beinahe ungnädig. Von einer Mietvilla, wie -Perthes sie vorschlug, wollte er nichts hören. Seine Alli hatte ja nun -auch gerade an diesem Häuschen besonderen Gefallen. Er nannte Perthes, -der in ein Geschenk durchaus nicht willigen wollte, einen Starrkopf und -erbot sich, die Summe nur vorzuschießen. Damit mußte Perthes, wenn auch -ungern, sich schließlich zufrieden geben. - -Weihnachten war da. Die Festtage zu Hause zu feiern, war seit einigen -Jahren nicht mehr fair. Hupfelds gingen gewöhnlich für sechs bis acht -Tage nach St. Moritz. Da indessen die Hochzeit vor der Tür stand und -der Leutnant seine ledige Alli auch noch mal genießen wollte, wie -er aus Freiburg schrieb, wählte man diesmal den näheren Feldberg. -Im Schwarzwald war viel Schnee gefallen Der Wintersport versprach -köstliche Feiertage ... - -Am Tag vor dem heiligen Abend fuhren die Eltern Hupfeld mit Alice. Am -ersten Feiertag kam Perthes nach. Er fuhr im selben Zug mit der Gräfin -Hüningen, mit Hammann und dessen Braut, Komtesse Edith. Aus einem -Coupéfenster dritter Klasse winkte Markwaldt, der in seinem Sporthabit -wie ein Salontiroler aussah. - -Auf dem Feldberg waren Rodelsport und Skilauf in vollem Gange. Im Hotel -drängte sich eine internationale Gesellschaft, in der auch Offiziere, -Korpsstudenten, Professoren nicht fehlten. Ein Staatssekretär aus -Berlin, ein siamesischer Prinz, ein amerikanischer Boxcalfmillionär -bildeten die Zentralgestirne. Alice, die außer Cousine Hilla neuerdings -Edith Hüningen unter ihre Fittiche genommen hatte -- um Hammann bei -seinen „Pygmalionsversuchen” zu helfen, wie sie boshaft erklärte ---, war ganz in ihrem Element. Während Papa Hupfeld sich mit dem -Staatssekretär auf der Basis gemeinsamer Exzellenz vorzüglich verstand, -ließ sie sich von der schlitzäugigen Siamesenschönheit Schmeicheleien -sagen und neckte den Boxcalfmann bis aufs Blut. - -Perthes, der mitten aus schwerer Arbeit kam, wurde es weniger leicht, -sich in diesem eigentümlichen Weihnachtstrubel wohl zu fühlen. Alice -erklärte, ihr Räuberhauptmann sei und bleibe zwar der netteste und -famoseste Junge in dieser internationalen Raritätensammlung, aber er -müsse eifersüchtig gemacht werden. Mit ihren Manieren eines Gamin, -ihren drolligen Bosheiten und Unarten machte sie sich Sklaven und -Anbeter. Aber Perthes hütete sich, eifersüchtig zu sein. Zum mindesten -es zu scheinen. Wenn er sie dann glücklich vor sich im Davoser -Schlitten hatte, mit ihrer engen, weißen Jacke und der schiefen -Eismütze, preßte er sie mit jener zornigen Leidenschaftlichkeit an -sich, die sie so oft in ihm weckte, und sie sausten mit Hojo an den -verschneiten Tannen vorbei zu Tal ... - -Nach Neujahr kam im Eilschritt die Hochzeit. Ein prunkvoller Festtag -rauschte vorbei: rührend in der Kirche -- denn man hielt auf religiösen -Anstand --, lärmend, luxuriös auf dem in blühenden Sommer verwandelten -Stift Nieburg. Am Abend ein und desselben Tages, an dem Marga, in -Tücher und Decken gehüllt, von Elli gestützt, von Vater Richthoff -und Käthe beaufsichtigt, ihren ersten, minutenlangen Gang durch den -besonnten Hof am Wenzelsberg unternahm, brachte das Automobil Doktor -Perthes und Frau Alice, geborene Hupfeld, nach der Bahn. - -In Südfrankreich, später in Neapel flogen dem jungen Ehepaar die -Wochen der Reise in zeitloser Wonne vorbei. Trunken vom Glück einer -entzügelten, unerschöpflich scheinenden Verliebtheit sahen sie einer -den anderen im zauberhaften Licht immer neuer Reize. Sie dünkten -sich andere Menschen geworden zu sein mit nie geahnten, unbegrenzten -Möglichkeiten ihrer selbst und allen Daseins. - -Im Februar kamen sie zurück. - -Der Geheime Rat holte sie ab und führte sie im Triumph in das -entzückende, über Erwarten bequem und elegant ausgestattete Heim, wo -Mama Hupfeld mit unwandelbarer, dicker Kindlichkeit sie empfing. - -Nachher jagten sie sich wie die Jungens durch ihre Zimmer. - -Auf der Rückreise waren sie etwas schlaff geworden. Ein klein -wenig Katerstimmung hatte sich einschleichen wollen -- nun die -Alltäglichkeit vor ihnen, das Außergewöhnliche hinter ihnen lag. - -Jetzt, beim ersten Schmaus zu zweien, im eigenen Nest, verkündete -Perthes, daß es für ihre Liebe überhaupt keinen Alltag gäbe, und Alli -bekräftigte diese Devise mit ihrem hellen, kurzen, aufreizenden Lachen, -das sich stärker erwiesen hatte als alle seine gemütvollen Torheiten -aus längst vergangener Zeit. - - - - -14 - - -Der frische Luftzug, der dünne, schräge Sonnenstrahl, den Vater -Richthoff durch den gutgemeinten pommerschen Reiseplan hatte in sein -Haus locken können -- wie flüchtig und trügerisch war er gewesen! Wie -schnell sollte die Hoffnung, die ihn aufatmen und Elli eine ganze Kur -ersinnen ließ, um Marga „unter Freude zu setzen”, von verdoppeltem -Kummer, vervielfachter Sorge verschlungen werden! Schicksal und Natur -hatten es mit Marga anders vor als väterliche Güte und schwesterlicher -Feuereifer ... - -Trotz aller Weisheit unserer heutigen Medizinmänner ist ein seelisches -Prinzip der Träger des Lebens. Wenn das Leid an seine Wurzel trifft, -gilt kein Flicken und Kleistern mehr. Allenfalls gibt es ein müdes, -seelenloses Vegetieren, das der Körper mechanisch fristet, aber kein -Gesunden zu neuem Menschentum. Die abgestorbene Wurzel treibt nicht -mehr. Vielleicht birgt das Erdreich, dem sie entsprang, eine zweite -Lebensmöglichkeit. Aber dann müßte die verkümmerte Wurzel schwinden; -es müßte ein frischer, jungfräulicher Boden zurückbleiben können. Die -Natur, die immer nur Bedingung ist und nicht Grund, kann diesen Boden -bereiten. Sie liebt die toten Wurzelstrünke nicht. Wenn sie beginnen, -den Organismus zu schädigen, hebt der Kampf um Sein oder Nichtsein -an, und die größte Gefahr birgt die größte Hoffnung. Nach schwerem -Ringen entscheidet sich der Sieg des Körpers über die feindliche und -doch freundliche Krankheit. Die erstorbene Wurzel ist vernichtet, die -alte Seele dem Erdboden gleich gemacht, dem neuen, keimempfänglichen, -lockerscholligen Ackerland. Wird ein junger Keim sprießen? Wird aus dem -Schoß des Unendlichen ein neuer Trieb hervorbrechen? Das weiß nur das -Schicksal allein. Denn das Schicksal bestellt die Saat, wie die Natur -den Boden bereitet ... - -Den schwülen Wochen folgten die Wochen des Unwetters. Aber der -verdoppelte Kummer, die vervielfachte Sorge waren nicht grausamer als -das traurige, schleichende Harren ohne Hoffnung. Man stand ehrlich -Feind gegen Feind. Es war ein harter, wehvoller Streit, und die ihn mit -Marga stritten, hatten die Befriedigung, wenigstens ihre Tapferkeit -erweisen zu dürfen. Der alte Herr trug mutig seine Fahne. Die römischen -Cäsaren brauchten sich ihres Meisters nicht zu schämen. Er war, wie -alle guten Meister, auch ein guter Schüler in seiner eigenen Schule. -Und Käthe und Elli schlossen sich an ihn in festerer Liebe denn je. -Erst daheim und dann, als die Gefahr den Gipfel erstieg, draußen -in der Klinik war all ihr Denken und Fühlen bei der Kranken. Wenn -es sein Beruf und die häuslichen Arbeiten irgend erlaubten, ging -Richthoff am Morgen und Abend selber nach dem klinischen Viertel und -holte bei Geismar, bei einem Assistenten, bei den Krankenschwestern -den Bericht der Stunden. Dazwischen kamen und gingen Käthe und Elli -in friedlichem Wetteifer. Nach langem Warten oft nur ein Wort zu -erhaschen, war schon eine Belohnung. Wenn der Geheimrat und Käthe -nicht gewesen wären: Elli hätte das Krankenzimmer Margas aller Gefahr -und jedem Widerstand der Ärzte zum Trotz einfach gestürmt. Ihre Liebe -war in der Sorge so ungestüm wie in der Freude. Man kannte sie in -der Klinik vom Pförtner bis hinauf zum Direktor, und wenn sie kam, -wappnete sich jeder gegen ihre impulsive Liebenswürdigkeit, ihre -nie entmutigte Überredungskunst. Und dann, als das Fieber sank, die -Ansteckungsgefahr gewichen war, als erquickender, stärkender Schlaf -Marga umfing, war Elli die erste, die sie sehen mußte: an der Tür -stehend, auf den Fußspitzen, mit den strahlenden, tränenschimmernden -Augen, vom Arzt und der Krankenschwester im Schach gehalten, damit sie -nicht auf ihr blasses, abgemagertes, verzehrtes Margakind losstürzte -und das „Häuflein Mensch”, das da so still und verfallen der Genesung -entgegenschlummerte, in ihren Armen zerdrückte. - -Langsam, ganz langsam ging es bergauf. Jede Station nach oben wurde mit -dankbarem Jubel begrüßt. Zehn Tage nach Neujahr erlaubte Geismar die -Überführung Margas nach dem Wenzelsberg. - -Trotz der eisigen Winterluft stand der alte Herr, leichtsinnig wie -ein Junger, nur durch den aufgestülpten Rockkragen und das übliche -Samtkäppchen sich schirmend, im Vorgarten auf Posten. Als er den -Wagen aus der Querstraße heraufbiegen sah, ging er vorsichtshalber -ins Haus. Er wußte, daß er diesmal seine überzeugte Abneigung gegen -„Gruppenbildungen” unmöglich würde aufrecht erhalten können. Sie -mochten sich aber dann wenigstens nicht vor unberufenen Augen -vollziehen. - -Lieber Gott, wie lange die Mädels brauchten! Er wartete ja schon ewig -auf dem ersten Treppenabsatz, wohin er sich zurückgezogen hatte, um in -jedem Fall über der Situation zu bleiben. Therese stand schon längst -unter der Glastür und wischte sich zum zwanzigstenmal die Hände an der -Schürze ab, um Fräulein Marga zu begrüßen. - -Und dann brachten sie sie. Halb getragen, halb geschoben kam sie durch -die Tür. Auf dem blassen Gesicht, in den zielverlorenen Augen glänzte -ein Widerschein von all der wärmenden Liebe, die sie umhüllte. Therese -sagte ihr „Grüß Gott!” Marga erwiderte mit ihrer sanften, herzlichen -Stimme. - -Bei diesem Ton fiel dem alten Herrn plötzlich ein, wie es gewesen wäre, -wenn er die Stimme dieses seines blinden Sorgenkindes nicht wieder im -Haus am Wenzelsberg gehört hätte. Und da hielt er sich nicht über der -Situation. Er stieg hinunter von seinem Treppenabsatz, und es gab eine -richtige Gruppenbildung, an der er selber mit zwei Küssen auf Margas -Wangen sehr gravierend beteiligt war. - -„Nicht wieder solche Geschichten machen. Ja nicht! Herzlich willkommen. -Sich setzen! Sich stärken! Ausruhen!” Einmal ums andere strich er -die Haare über Margas Schläfen zurecht, die wenigen zarten, die die -Krankheit ihr gelassen. Er selber führte sie ins Eßzimmer und setzte -sie in den Lehnstuhl, der sein Privileg war. Elli erklärte feierlich, -es sei einfach unmöglich, daß andere Menschen sich so freuen könnten -wie die Richthoffs. Und Käthe vollendete in stummer Beglücktheit einen -schönen, tiefgründigen Satz für ihr Tagebuch, der verdient hätte, -gedruckt zu werden ... - -Das erste Viertel des neuen Jahres brachte Schritt für Schritt den -alten guten Geist in das Haus am Wenzelsberg. Nun war Vater Richthoffs -„Bande” wieder beisammen. Nun trat er seine Paschawürde wieder an. -Während der zweite Teil der ersten Abteilung der „Kaisergeschichte” -seinem Ende entgegengedieh, erlebte er es, daß die Türen wieder -unerlaubt ins Schloß knallten und Ellis Lachen aus der Dachstube oder -vom unteren Flur in seine Zettelwirtschaft und sein Miniaturgekritzel -hineinschmetterte. Er schmunzelte, wurde bös, stand auf, schob das -Käppchen von einem Ohr aufs andere und donnerte, Ruhe gebietend, durch -den Türspalt. Die Cäsarengeister spitzten ihre Ohren wie kampfmutige -Rosse beim vertrauten Schlachtruf und stritten sich hinterdrein um die -Ehre, vom Gänsekiel des alten Herrn gelobt oder getadelt zu werden. - -Erst der Frühling, der im Weinberg schüchterne Krokus und naseweise -Maiglocken an die Sonne trieb, gab Marga ein wenig Rot in die Wangen -und kräftigte ihre schmächtig gewordenen Glieder. Was in ihr wurde und -wuchs, hervor aus neuem, unberührtem Boden, verriet sich kaum. Das -Vergangene, das herbe Leid des Herbstes, schien wie in fernem Dunst -zerflossen zu sein. Die Krankheit hatte ihre Erinnerung geschwächt. -Weite Strecken des Gewesenen schienen wie ausgelöscht oder dämmerten -ohne ernsten Zusammenhang. Erst allmählich traten die Geschehnisse -in matterem, verändertem Licht wieder in ihr Bewußtsein. Sie sprach -nie davon, und Vater Richthoff und die Geschwister hüteten sich in -begreiflicher Scheu, daran zu rühren. Die Traurigkeit der großen Leere --- war von ihr gewichen. Dankbar empfanden es die, die sie umgaben. -Laut und allzu lebhaft war sie auch in den Tagen ihres höchsten Glücks -nicht gewesen. Man war es deshalb schon zufrieden, daß sie nun wieder -sanft und leise ihren Platz unter den Schwestern innehatte. Das Klare, -Tapfere, Offene ihres Wesens, der Reichtum und die Reife inneren -Schauens und Erlebens -- all das regte sich noch kaum in ihr. Es war -schattenhaft und rissig wie ihre Erinnerung. Aber sie war dem Tode zu -nahe gewesen, als daß das wiedergewonnene Leben mit dem erwachenden -Frühling seine zaghafte Lust hätte zurückhalten können. Sie wollte -wieder. Und wenn es nur war, daß man sie in die Sonne führte, mit ihr -plauderte, ihr Blumen pflückte und vorlas. Einmal, als sie mit Elli -sich zum erstenmal emporwagte bis zum Philosophenweg im Weinberg, wo -hinten auf dem Wiesenhang die Pfirsichbäumchen zu blühen anfingen -und im junggrünen Schlinggewächs die Finken ihre Triller probierten, -breiteten sich ihre Arme wieder weit, so weit, und ihr Kopf warf sich -zurück, als wollte sie die Sonne suchen, die sie umrieselte. Sie wollte -wieder leben. Sie wollte vom Schicksal wieder ihr Teil empfangen: eine -neue Saat für eine neue Seele ... - -Noch vor Semesterschluß brachte der erste Frühling eine Überraschung. - -Als sollte ein frohes Ereignis bezeugen, daß es das neue Jahr im Ernst -besser meine als das verstrichene. Bei Käthe zeigten sich seit einiger -Zeit Symptome einer größeren Nachdenklichkeit, Verschlossenheit und -Weltklugheit als sonst. Irgend ein sehr wichtiges Problem schien sie -und ihr Tagebuch zu erfüllen. Nach Weihnachten hatte Richthoffs -Schüler, der Privatdozent Bertelsdorf, dessen Tenor im akademischen -Gesangverein eine Rolle spielte, eine seltene Beharrlichkeit darin -gezeigt, Käthe nach den Proben heimzubegleiten. Käthe hatte sich bei -Bertelsdorfs Aufmerksamkeiten bisher nie viel gedacht. Sie kannte seine -Schwäche, sich bei den Professoren durch einen recht biegsamen Rücken -lieb Kind zu machen. So erklärte sie sich auch die Häufigkeit, mit der -er, im Wetteifer mit dem Flanellstorch, bei geselligen Veranstaltungen -sie zur Tischdame begehrte; so auch, freilich nicht mehr ganz -zweifellos, sein Auftauchen in Kissingen. Im übrigen konnte man sich -mit ihm sehr gescheit unterhalten. Sie war empfänglich für allerlei -wissenschaftliche Belehrungen, die er zu geben wußte; er war ein -geduldiger Zuhörer für Käthes Lebenserfahrung und Weltweisheit -- das -wog bei ihr seine Liebedienerei beinahe auf. Er hatte die Fähigkeit, -sich ihr unterzuordnen, was für ihre Beurteilung von Menschen und deren -Wert gar keine nebensächliche Rolle spielte. Als er jedoch eines Abends -auf dem Heimweg von der Messiasprobe einen regelrechten Antrag mit ~a~, -~b~ und ~c~ entwickelte, überraschte er sie doch. Sie sagte zuerst -rund heraus nein. Als sie aber ans Richthoffsche Vorgartentor gekommen -waren und Bertelsdorf, beharrlich wie er war, seine Werbung noch einmal -zur Diskussion stellte, versprach sie wenigstens, sich die Sache zu -überlegen. - -Zunächst nur aus Artigkeit. Dann aber ging sie mit sich zu Rat -- in -all der Rechtschaffenheit, die ihr eigen war. Einige Wochen dauerte es. -Nun hatte zwar ihr Nein sich durchaus noch in kein Ja verwandelt, aber -die Wage stand annähernd im Gleichgewicht. Und da machte Bertelsdorf -einen Vorstoß auf eigene Faust: er hielt in einem sehr detaillierten -Brief, der auch philologisch bemerkenswert war, bei Geheimrat Richthoff -in aller Form um seine älteste Tochter an. - -Vater Richthoff hatte nach seinen jüngsten Erfahrungen einen Horror -vor Brautwerbungen. Anderseits war ihm der Gedanke, daß seine Töchter -dem üblichen Los anderer junger Mädchen nicht für immer ausweichen -könnten, wenigstens nicht mehr vollkommen neu. Es schien nun einmal in -den Sternen zu stehen, daß er in die Ära hochzeitlicher Bedrängnisse -eingetreten war. Bei Käthe fielen die Bedenken fort, die den Entschluß, -als es Marga galt, so erschwert hatten. Bertelsdorf war ihm als Schüler -wert, wenn er auch an ihm als Menschen manches auszusetzen hatte. -Mehrere möglichst geheime Konferenzen mit Käthe folgten. Das Ergebnis -war, daß der Privatdozent der letzten beiwohnen durfte. In aller -Stille, ohne zu große Aufregung, verlobten sich die jungen Leute, und -der alte Herr gab seinen Segen. - -Es war Käthes eigener taktvoller Wunsch, daß Marga so schonend wie -möglich von diesem Ereignis unterrichtet werden sollte. Elli wurde -zur Mittelsperson ausersehen und zuerst von Käthe eingeweiht. Ihr -fröhliches Herz, zur Mitfreude so geschaffen, machte sich in vielen -Umarmungen der Braut Luft. Sie versprach, ihr Bestes zu tun. - -Es sind oft nicht die schlechtesten Diplomaten, die von Diplomatie -keine Ahnung haben. Elli behandelte Marga zwei Tage hindurch mit sehr -durchsichtigen Vermutungen und Andeutungen, bis dieser gar nichts -anderes übrig blieb, als das Vorgefallene zu erraten. Sie erbleichte -wohl; ihre Lippen zitterten, und ihre Augen senkten sich in einer -schmerzhaften, traurigen Anwandlung. Aber das Vergangene hatte keine -Gewalt mehr über ihren neuen, jungen Willen, zu leben. Im Gegenteil: -die Nachricht fiel wie ein erstes Saatkorn auf den fruchtwilligen -Boden. Es regte sich in ihr etwas von ihrer früheren Tapferkeit. Sie -ließ sich von Elli geradeswegs zu Käthe führen und brachte ihr mit -warmen, ungekünstelten Worten ihren Glückwunsch. Käthe war gerührt. Und -der Geheimrat, der gerade dazukam, war bei sich auf sein Sorgenkind -noch stolzer als auf die Braut, die er nun doch ins Haus bekommen hatte. - -Die Ostertage, mild und sonnenreich, voll Verheißung des jungen -Frühlings für die alte Erde, ließen das Haus am Wenzelsberg nach innen -und außen so recht im gewohnten Schimmer seiner guten, warmherzigen -Behaglichkeit aufleuchten. Kaum war die Verlobungsneuigkeit in die -Stadt geflattert, so kamen in langen Zügen die Freunde des Hauses. -Papa Wilmanns rückte mit Frau und Töchtern an und schalt laut durch -alle Zimmer, sein Kollege Richthoff sei ein Heimtücker und Duckmäuser, -genau wie Borngräber. Auch ein Komödiant. Nun sehe man, was er den -Winter über ausgeheckt habe, als er so unleidlich gewesen. Borngräber -erschien natürlich auch. Er hatte sich eine sinnige kleine Ansprache -ausgedacht, aber als er glücklich so weit war, hatte er vergessen, -um was es sich genauer handelte, und sprach in dunklen Worten von -einem frohen Ereignis. Man hätte ebensogut meinen können, er käme, -um Richthoff zur Großvaterschaft zu gratulieren. Weiter kam Frau -Geheimrat Achenbach mit ihren hoheitsvollen, weißen Scheiteln und dem -Krückstock; Cousine Grasvogel, ein bißchen kleinlaut nach ihren letzten -unglücklichen Leistungen, aber voll ehrlicher Rührung; Fräulein Lizzie -aus der Uferstraße; der Flanellstorch, sehr geknickt und nervös, und -viele andere: eine ganze Defiliercour, die der alte Herr an der Seite -des Brautpaars voll Würde abnahm. Elli und Marga standen abseits in -der Glasveranda vor dem Salon, die die Gratulanten in ein blumenbuntes -Gewächshaus verwandelten. Auch sie bekamen viel Freundliches zu hören. -Elli wünschte man Glück, so oft man sie sah, „einfach, weil so was -existierte”, wie Frau Achenbach scherzend meinte, und Marga, weil alle -sich freuten, sie wieder gesund zu sehen ... - -Niemand ahnte, wie bald sich die hellen, traulichen Räume am -Wenzelsberg den gleichen, aber so ganz anders gestimmten Gästen öffnen -sollten ... - -Geheimrat Richthoff hatte gleich nach Ostern, ehe die Vorlesungen des -neuen Semesters wieder begannen, eine langersehnte, für die Forschungen -der Kaisergeschichte notwendige Italienfahrt geplant. Nach den -mancherlei seelischen Aufregungen des Winters versprach er sich von -den paar Wochen im Süden auch für seine Erfrischung das beste. Alle -Vorkehrungen waren getroffen. Der alte Herr fühlte seine jugendliche, -unerschöpfliche Begeisterung erwachen, wie sie ihn immer überkam, wenn -er nach Jahren wieder klassischen Boden unter die Füße bekommen sollte. - -Hofrat Geismar machte ihm einen dicken und harten Strich durch seine -frohe Rechnung. Als er sich ihm vorsichtshalber vor der Reise noch -einmal stellte, mehr besuchs- als konsultierenderweise, riet ihm -der ärztliche Freund kurzerhand von der Italienfahrt ab. Wie seine -Herztätigkeit dermalen beschaffen sei, wäre Gleichmäßigkeit der -Lebensweise gebotener als Veränderung. - -Richthoff beschimpfte Geismar und die ganze Sippe der Ärzte als -Kurpfuscher und Freudenverderber aufs ehrenrührigste. Lange trug er -sich mit der Absicht, trotzdem zu reisen. Aber dann kapitulierte er -doch vor der „Quacksalberei”. Für seine Mädels, die sich über seinen -jähen Planwechsel verwundern mußten, erfand er eine Geschichte in -grimmigen Bruchstücken: eine unerwartete Arbeit sei in die Quere -gekommen. Und er blieb. Den anderen Rat Geismars, sich auch zu Hause -in den Ferien etwas Ruhe und Ausspannung zu gönnen, befolgte er nicht. -Unter keinen Umständen sollten ihn diese tyrannischen Menschenschinder -zum weichlichen Sybariten machen. Als echter Protestler rauchte er -zwischen seinen erbärmlichen, nikotinfreien Strohstengeln eine halbe -Kiste anständiger Havannazigarren, Importen, die ihm ein Verehrer in -Bremen mit launigen Versen dediziert hatte. - -Das Semester begann. - -Die Sprechstundenbesucher kamen. Unter den ersten befand sich eine -junge, hochgewachsene, brunhildenhafte Livländerin. Sie hatte dem -Geheimrat, der bisher keine Damen zugelassen hatte, die Erlaubnis schon -im Wintersemester halb abgetrutzt, halb abgeschmeichelt. Das heißt, der -alte Herr machte bei ihr nur insofern eine Ausnahme, als er nicht, wie -er das sonst gelegentlich getan, im Kolleg auf die Dame zuschritt und -ihr mit grimmiger Galanterie den Arm bot, um sie hinauszugeleiten. Er -duldete sie. Nicht weil er von seinem Grundsatz abgehen wollte, sondern -um sich eine liebenswürdige Schwäche zu verstatten. Als Ausnahme, die -die Regel bestätigt ... - -Die junge Livländerin rechnete auf ihre sonnigen, ostseeblauen Augen. -Auch für den Sommer. Sie verehrte den alten Herrn. Es mußte ihr -gelingen, von der geduldeten zur offiziellen Hörerin vorzurücken. -Zur Verblüffung Thereses kam sie mit einem Strauß von köstlichen, -rosablühenden Rosen. - -Auf der Treppe begegnete ihr Elli. Diese kannte „die” Hörerin des -Vaters von einer Gesellschaft bei Wilmanns und tauschte mit ihr einen -lächelnden Gruß. - -Dann trat das junge Mädchen bei Vater Richthoff ein, ihren Strauß wie -einen Schild vor sich hertragend. - -Der Geheimrat saß am Schreibtisch und schlürfte den Kaffee, den ihm -Elli eben gebracht. Höflich stand er auf. Mit der Zuvorkommenheit, -die er Damen gegenüber nie vergaß, ging er ihr entgegen. Ihr Lächeln -erwiderte er mit einer Verschmitztheit, die sagen wollte: Diesmal wirst -du mich nicht kleinkriegen. Er war noch nicht bei ihr, um ihr die Hand -zu geben und sie zum Sitzen einzuladen, als er, offenbar durch einen -Fehltritt, zur Seite kippte. Mit beiden Händen suchte er am nahen Tisch -Halt. Die junge Dame wollte ihm beispringen. Aber er war schon mit -einer seltsamen Schwerfälligkeit in einen Sessel gesunken. - -Sie legte die Rosen vor ihn hin. Mit Befremden nahm sie wahr, wie sein -Mund sich bewegte, ohne das dankende Wort hervorbringen zu können. -Eine krampfhafte Verzerrung arbeitete in seinem bärtigen Antlitz. Das -Sammetkäppchen schob sich ihm in die Stirn. Seine Hand, die emporgriff, -um es hinauszurücken, fiel schwer zwischen die Rosen auf den Tisch. Der -Körper sank gegen die Lehne. - -„Was ist Ihnen, Herr Geheimrat?” stammelte das junge Mädchen mit -zunehmendem Schreck. - -Seine Augen starrten sie durch die Brille irr und ratlos an. - -Sie lief nach der Tür und rief die Treppe hinunter, laute, -hilfeheischende Worte. - -Elli kam von unten, Käthe von oben, beide mit fragenden, verwunderten -Mienen. - -„Ihrem Herrn Vater ist unwohl geworden!” - -Die Schwestern eilten mit der Fremden bestürzt ins Arbeitszimmer. Der -Anblick raubte ihnen einen Moment die Sprache. Dann schrien sie auf vor -Schreck. - -Der Leib des alten Herrn war vornüber gesunken. Sein kahler Kopf, von -dem das Käppchen herabgeglitten war, ruhte mit den wenigen weißen -Strähnen auf dem Strauß von duftenden Rosen. - -„Papa -- was ist dir?” Elli hatte sich neben ihm auf die Knie geworfen -und griff nach den schlaffen Händen. - -Käthe rief nach Therese, nach dem Arzt. Sie rannte aus dem Zimmer. Elli -mit demselben Ruf besinnungslos hinter ihr drein. Von dem gleichen -Gedanken beseelt, stürzten sie aus dem Haus. Käthe nach dem nächsten -Fernsprecher, Elli zu Geismar. - -Therese stand verständnislos und kopfschüttelnd unter der Küchentür, -sah die beiden Fräulein vorbeirasen, ohne ihre Worte zu verstehen, und -die fremde Dame, die sich unheimlich und überflüssig fühlte, ihnen -fluchtartig folgen ... - -Marga war bei dem entsetzten Aufschrei der Schwestern aus der Tür ihres -Zimmers im Dachstock getreten, das Käthe vor ihr verlassen. Sie wußte -von nichts. Aber das Rufen, Laufen und Türenschlagen erfüllte sie mit -einer erschreckenden Ahnung, die ihr scharfer Instinkt schnell in die -klarste Gewißheit verwandelte. - -Da unten, einen Stock tiefer, war der Tod eingekehrt. Sie meinte seine -eisige Kälte gegen ihre Wangen, ihre Stirn andringen zu fühlen. - -Und mit der Gewißheit kam eine wunderbare, mechanische, gebietende -Sicherheit über sie. Mit einer langsamen Ruhe, über die sie sich selber -wunderte, stieg sie die Treppe hinunter und trat durch die offene Tür -in das Arbeitszimmer ihres Vaters. - -Sie flüsterte seinen Namen. Keine Antwort kam zurück. Sie wußte, daß -es nicht sein konnte. Sie atmete den Duft von Rosen. Trotz ihrer Ruhe -bebte sie zurück vor der kalten Stille und wagte sich nicht weiter. Sie -tastete um sich und setzte sich auf den ersten Sessel am Tisch. Ihr -inneres Gesicht war erwacht. Wahr, aber schöner als alle Wirklichkeit. -Sie sah das büchervolle, verqualmte Zimmer; sie sah den Tod, eine -anmutige Mädchengestalt mit einem Büschel Frühlingsblumen in lachenden -Farben, die auf den alten Herrn mit dem grimmig-gütigen Gesicht -scherzend zutrat; sie sah, wie sein Haupt mit einem verständnisvollen -Lächeln sich über den Duft und die Blüten neigte und tief, immer -tiefer darin versank. Und stumm, andächtig, ein Bild im Bilde, saß sie -dabei und hielt Wache, während die Tränen sich leis und schwer aus den -blinden Augen lösten und über ihre gefalteten Hände tropften ... - -Später kamen die Schwestern. Nach ihnen der Arzt, Hofrat Geismar. Er -konnte nur den durch eine Herzlähmung herbeigeführten Tod des Freundes -konstatieren. - -Und dann kam es weiter wie ein wirrer, böser Traum, Stunde um Stunde, -vom Tag zur Nacht, von der Nacht zum Tag, hinter dem Tod sein trübes, -düsteres Geleit. - -Elli und Käthe waren wie gelähmt von Schmerz. Nur Marga behauptete -inmitten des Gedränges der kleinen, harten Notwendigkeiten ihr -Gleichgewicht. Mit ihr allein konnte Professor Wilmanns, der als erster -am Platz erschien und als treuer Hausfreund im Verein mit Geismar -und Bertelsdorf die Leitung aller Angelegenheiten übernahm, sich -beraten und bereden. Das Schicksal hatte gesät. Rauh und herb. Aber -gerade dieser tiefe, große Schmerz ließ die neue Kraft ihrer Seele -emporwachsen: die Klarheit, ihre Tapferkeit, ihre reife Stärke zu -leiden und zu lieben. - -Die Schar der Freunde, noch vor wenigen Wochen so froh und festlich -gestimmt, zog trauernd durch das verwaiste Haus am Wenzelsberg. -Verwandtschaftliche und offizielle Beileidsbezeugungen von auswärtigen -Universitäten, vom Ministerium, von der Berliner und Münchner Akademie, -von seiner Burschenschaft; die würdige Feier in der Aula, bei der -Borngräber die knappste und ergreifendste Rede seines Lebens hielt, das -machtvolle Feiergepränge des akademischen Leichenzuges wogte daher und -wogte vorüber. Noch ein Druck von unzähligen, wohlmeinenden Händen am -Grab, und dann führte die letzte Kutsche die drei schwarzgekleideten -Richthoffmädels zurück ins einsame väterliche Haus ... - -In der Nacht, nachdem sie den alten Herrn hinausgetragen hatten, -kam sich das alte Haus am Wenzelsberg schlecht und wurmstichig und -älter vor denn je. Es knackte in seinen Dielen, es streckte sich -im Gebälk und in den Wandfugen. Dann horchte es in sich hinein: es -war ein eigentümliches Knistern und Raunen im öden Arbeitszimmer -von Vater Richthoff. Die Geister zogen, die hohen, erzgemeißelten, -ehrfurchtgebietenden Cäsaren -- sie zogen aus Zetteln und Blättern, aus -Winkeln und Ecken durch die mondhelle Stube hinaus in die Mainacht. Sie -hatten begriffen, auch sie, daß es zu Ende war. - - - - -15 - - -Beim Weihnachtswiedersehen auf dem Feldberg hatte Leutnant Hupfeld -gelegentlich ausgerufen: „Ich kann mir nicht helfen, Kinder! Aber Alli -mir als junge Frau zu denken, ist mir schlankweg unmöglich!” - -Der frische, natürliche Junge hatte da ein Wort gesprochen, wahrer und -prophetischer, als er selber wußte. - -Frau Alice Perthes war nicht zu Würde und Ehrsamkeit, oder, wie -sie es nannte, zur biederen, deutschen Hausfrau geschaffen. Ihre -Sucht, modern, chic, vorurteilslos zu sein, war nicht gemacht und -angelernt; sie ergab sich durchaus natürlich und folgerichtig aus -ihrem wurzellosen Wesen, ihrem prickelnden, sensationsdurstigen -Temperament, ihrer spottlustigen, spitzbübischen Wechselnatur, wie -sie im beweglichen Spiel ihrer Mienen, ihrem graziös-leichtfertigen -Gang, ihrem gelenkigen, biegsamen Körper sich ausdrückte. Sie war -auch gar nicht gesonnen, in der Ehe eine andere Haut anzuziehen. Das -flotte Mädel zu sein und zu bleiben, das sie Gott sei Dank war, blieb -Alices Wahlspruch auch für die Ehe. Und Perthes, den eben diese -herausfordernde Mädelsmanier so leidenschaftlich angezogen hatte, -wiederholte ihr immer wieder: „Gerade wie du bist, Irrwisch, brauch' -ich dich und will ich dich haben!” - -Die neue gesellschaftliche Atmosphäre, in die sich Perthes versetzt -hatte, war ihm nach wie vor nur in ihren Annehmlichkeiten fühlbar -geworden. Ein elegantes, großzügiges häusliches Leben, Geselligkeit -im eigenen Heim, Geselligkeit draußen, der angenehme Nervenreiz -beständiger Abwechselung: das waren lauter Dinge, die ihm fürs erste -imponierten. Soweit es seine beschränkte Zeit irgend erlaubte und die -Rücksicht auf die sichere Hand, die sein chirurgischer Beruf verlangte, -es zuließ, machte er mit. Den großen Rout im Palais Hüningen, die -üppigen, offiziellen Semesterdiners bei den Schwiegereltern, kleine -und große Schmausereien bei Hammanns und anderen Bekannten -- ließ -er sich nicht entgehen, auch wenn er sich mal ein bißchen kaput und -ermüdet fühlte. Worin er sich bescheiden mußte, das war der Sport, -dem seine Frau nach wie vor huldigte. Das Neueste, was die Gräfin -Hüningen einzubürgern suchte, war Polo, und Alice war Feuer und -Flamme für das Pferdeballspiel. Dazu fehlte ihm die Zeit. Und sein -Leben konnte dann mitunter ein wenig junggesellenhaft werden. Wenn er -zur Hauptmahlzeit zwischen sechs und sieben „mordshungrig” von der -Klinik kam, mußte er sich öfter allein servieren lassen, weil sein -Irrwisch noch „herumstrolchte”. Aber das Grundgesetz ihrer Ehe, das er -stillschweigend sanktioniert hatte, war die Freiheit hüben und drüben. -Sie mußte geachtet werden. - -Mitte Mai -- er war eben am Schluß eines solchen Junggesellenmahls -angelangt -- kam Alice aus der Stadt heim. Gewöhnlich brachte sie einen -Sack voll Tagesneuigkeiten mit, die sie als Nachtisch zur gefälligen -Auswahl ihrem Räuberhauptmann auf den Tisch schüttete. Im Vorbeigehen -hatte sie bei den Eltern ein Butterbrot gegessen und setzte sich dann -noch zur Unterhaltung neben ihn. - -„Denk' mal an -- ich komme durch die Hauptstraße -- sehe an einem -Bücherladen ein Telegramm des Tageblättchens angeschlagen und denke -Wunder was passiert ist. Nachher steht weiter nichts drin, als daß -irgend ein oller Professor am Herzschlag gestorben ist!” - -„Wer denn? Von hier jemand?” fragte Perthes ziemlich gleichgültig, -während er sein Glas mit gemischtem Rotwein an den Mund setzte. - -„Ach, ein Philologe glaub' ich. Richter oder so was.” - -„Doch nicht Richthoff?” Perthes setzte sein Glas ab. Er war -unwillkürlich betroffen. - -„Doch -- Richthoff. Natürlich! So hieß er!” Alice, die die -enttäuschende Neuigkeit in der Tat nur obenhin und gedankenlos gelesen -und auch jetzt so vorplapperte, erinnerte sich nun des rechten Namens -und gleichzeitig einer Beziehung ihres Mannes dazu, die sie noch immer -nicht recht herausbekommen hatte. „Hast du nicht dort früher verkehrt, -Männi?” setzte sie harmlos hinzu. - -Perthes war sehr ernst geworden. So ernst, wie sie ihn lange nicht -gesehen. Er hatte mit der Vergangenheit gründlich und dauernd -abgeschlossen. Aber diese Todesnachricht beschwor doch, ob er wollte -oder nicht, Erinnerungen herauf. - -„Gott, Räuberhauptmann, du machst ja ein gräßlich düsteres Gesicht. Was -ist denn los?” - -„Schließlich handelt es sich ja auch um eine ernste Sache”, meinte er -zerstreut. - -„Nu ja! Hast du denn den guten Mann so nahe gekannt?” - -Perthes schwieg. Er dachte an den braven alten Herrn und sann darüber, -was aus seiner „Bande” werden mochte. - -„Du, das mußt du mir mal erzählen,” fuhr Alice unbekümmert fort. „Ich -weiß nämlich genau, wie es stand. Von Markwaldt. Du mußt einer von -den Töchtern mächtig den Hof gemacht haben! Nu mal heraus mit der -Sprache!” Sie rückte zutunlich näher, wie um eine amüsante Geschichte -zu hören. Beglückt, nun endlich den rechten Faden gefunden zu haben, -den ihre Neugier immer wieder verloren, sah sie ihm mit einem übermütig -flackernden Blick in die Augen. - -Perthes hatte keine Lust zu Bekenntnissen. Zu dem war ihm die Art, wie -sie ihn dazu drängen wollte, peinlich. - -„Weißt du was?” sagte sie lebhaft. „Wir schließen einen richtigen -Handel! Du erzählst mir dein Abenteuer mit den Richthoffs. Ich erzähle -dir dafür, wie ich mich um ein Haar mit Hammann verlobt hätte, willst -du?” Sie legte ihm den Arm um den Hals und kraulte schmeichelnd seinen -dichten, schwarzen Bart. - -Er ließ es eine Weile geschehen. Dann löste er sich aus ihrer -Liebkosung. Den Handelsvorschlag hatte er nur mit halbem Ohr gehört. -Er war erfüllt, bedrückt von dem, was die Kunde vom Tode Richthoffs -in ihm lebendig gemacht hatte. Der Gedanke, sich durch eine solche -Beichte, so zuwider sie ihm an sich war, von diesem Druck zu befreien, -war vielleicht so schlecht nicht. Wenigstens jetzt nicht, wo er -seiner Stimmung entgegenkam. Und dann erwachte die Lust in ihm, diese -dämonische Lust, mit der er sich zu Alices Lebensgefährten gemacht -und sich von einer erträumten Höhe heruntergeholt hatte: er wollte -versuchen, die alberne Bürde vergangenen Schwersinns mit einem Ruck -vollends abzuwerfen. - -So gab er nach. Mehr sich als ihr. - -In einem von Sarkasmus und verschämtem Ernst gemischten Ton begann -er seine idealistische Epoche zu schildern. Aber es gelang ihm -nur im Anfang, gegenüber den Menschen und Dingen von einst die -leidenschaftslose Überlegung festzuhalten. In dem Maße, als er sich -dem Mittelpunkt seiner Erinnerungen näherte, fühlte er, daß er seine -Kraft überschätzt hatte. Er wurde warm. Eine schwermütige Verbissenheit -zerhackte seine Sätze. Das Gedächtnis Margas sträubte sich gegen jede -Entweihung. Er konnte über dieses Mädchen und diese Liebe nicht mit -dem Achselzucken der großen Welt hinwegkommen, das er seiner Umgebung -für so manches andere abgelernt hatte. Warum hatte er sich verführen -lassen, den Schleier von diesem Erlebnis zu ziehen? Und doch konnte er -nicht abbrechen, dem wortreichen Eifer, in den er geriet, nicht Einhalt -gebieten. Als müßte er sich für die Taktlosigkeit seiner Enthüllungen -bestrafen, suchte er mit nervös hervorgeschleuderten Worten und -Sätzen ein gerechtes Bild von Margas innerem Wert, von seiner eigenen -Mittelmäßigkeit zu geben, die nicht zu ihr hinaufreichte. Es war eine -Sisyphusarbeit, der er erliegen mußte. Er hatte sich verrannt und fand -keinen Ausweg, bis ihn ein Blick auf Alice ernüchterte. - -Sie saß zusammengekauert auf ihrem Stuhl und sah ihn mit verwunderten, -belustigten Augen unentwegt an, wie er, gleich einem fremden, spaßigen -Tier im Speisezimmer auf- und abschritt, da einen geschnitzten Hocker -wegstoßend, dort an einem der türkischen Kelims zerrend oder eine der -Kristallkaraffen auf dem Büffet vom Platz rückend. - -Er stand still und schwieg. - -„Aber Maxi”, kicherte sie leise. „Daß du so ein sentimentaler Junge -warst, noch vor nicht einem Jahr, das hätt' ich mir denn doch nicht -träumen lassen! Geahnt hab' ich ja den Spießer immer 'n bißchen --” - -„Nicht wahr? Unglaublich!” stieß er hervor. Es klang gar nicht spießig, -sondern eher wild und zornig. - -„Und noch heute sprichst du von deiner Angebeteten wie von einem -Wunder! Und blind war sie auch? Einfach romantisch, Männi! Bürgerlich -und romantisch! Gibt's nicht ein Lustspiel, das so heißt? Und dabei bin -ich überzeugt, sie war auch nur ein biederes, sentimentales --” - -„Lassen wir's!” schnitt er ihr das Wort ab. „Dummheiten, du hast -recht!” Er lachte gezwungen. - -Sie war aufgestanden und hatte sich ihm genähert. Sie ließ ihr Lachen, -das kurze, helle, aufreizende, in das seine klingen. - -Er stand ihr gegenüber. Das Blut ging wie eine Welle durch seinen -Körper und flirrte vor seinen Augen. Er erzitterte und ballte die -Faust. Dann ergriff er sie und riß ihre Arme auseinander, als wollte er -sie zerbrechen. - -Sie stieß einen Wehruf aus. - -Er bog ihren Kopf beinahe brutal zurück, nahm ihn zwischen seine -starken, großen Hände und senkte seinen Blick in die schillernden, -boshaft-schillernden Augen. Wer war denn das, der über ihn, über sein -prostituierendes Geständnis, über alles, auch das Ernsthafteste, was er -einst besessen und hochgehalten, lachen, so lachen durfte? Wo war das -Geheimnis hinter diesen Augen? Wie war sie beschaffen, diese Seele oder -was es war, dieses ewig Kichernde und Spottende? Wo war der Grund in -diesem Ungrund? - -Sie wand sich los. Dieser wühlende, dringende Blick war ihr ungemütlich. - -„Wahrhaftig, ich glaub', du fängst an, bei mir noch Gemütsstudien zu -machen? Auf deine Räuber- und Bärenmanier! Das laß mal besser sein!” -schalt sie. „Da verschieb' ich mein Geständnis lieber. Wir müssen -sowieso fort. Zu Hammanns. Sie erwarten uns um neun. Ich mach' mich -zurecht!” Sie glitt aus dem Zimmer. - -Perthes stand einen Augenblick unschlüssig, mißgelaunt. Er hatte keine -Lust, heute unter fremde Menschen zu gehen. Also Vater Richthoff war -gestorben. Und er hatte, ausgemacht heute, seine Erinnerung mit diesem -Bekenntnisse -- -- Warum nicht? Das war der echte Perthes! Gewiß! Und -der echte Perthes ging in sein Ankleidekabinett, um sich für Hammanns -umzukleiden ... - -Die Bedingungen, die Exzellenz Hupfeld seinerzeit Perthes als -Gegenleistung für seine Ernennung zum ersten Assistenten auferlegt -hatte, konnte er als Schwiegervater nicht in ihrer vollen Strenge -durchsetzen. So erklärte er sich denn auch damit einverstanden, daß -Perthes sich habilitieren sollte. Die wissenschaftlichen Arbeiten, -die dem Eintritt in den Lehrkörper der ~Alma mater~ notwendig -vorausgehen mußten, nahmen im Lauf des Frühjahrs mehr und mehr auch -seine kurze Freiheit in Anspruch. Er mußte sich zunächst aus dem -gesellschaftlichen Strudel etwas zurückziehen. Für seine Person wurde -ihm dies dadurch erleichtert, daß er sich von dem ewigen Hin und Her -nachgerade ein wenig ermüdet und übersättigt fühlte. Und dann machten -ihm die unverhältnismäßig hohen Ausgaben, die dies anspruchsvolle -Leben verursachte, neuerdings manchmal Sorgen, und er ergriff gern die -Gelegenheit, sie durch seinen unauffälligen Rückzug möglicherweise -einzuschränken. - -Er hatte sich vorgenommen, Alice von solchen Sorgen nichts mitzuteilen. - -Bei sich dachte er, wenn er selber den allzuhohen Anforderungen der -Geselligkeit auszuweichen begänne -- seine wissenschaftlichen Gründe -dafür schien sie zu würdigen --, würde auch sie allmählich ganz -naturgemäß nicht mehr soviel ausgehen wollen. - -Doch darin hatte er sich getäuscht. - -Alice fand es riesig nett, sich auf eigene Faust zu amüsieren. Sie -dachte nie daran, von ihren Passionen und Unterhaltungen, von all den -Ansprüchen ihres verwöhnten Mädchenlebens in der Ehe auch nur das -Geringste entbehren zu sollen. Im Gegenteil. Jetzt, wo sie nach der -Verheiratung ihr eigener Herr war, wollte sie ihre Ungebundenheit -erst recht genießen. In ihrem Elternhaus hatte es kaum einen Wunsch -gegeben, den sie sich zu versagen brauchte. Davon konnte auch jetzt -keine Rede sein. Was aber den Reiz gegen früher erhöhte, war, daß -jetzt neue Bedürfnisse ihrem Belieben unterstellt waren. Eine Hausfrau -im gewöhnlichen Sinn zu sein, dazu fehlte ihr Lust und Talent. Aber -Aufträge zu geben, ins Blaue hinein zu verfügen und zu befehlen, -besonders aber zu kaufen, machte ihr einen Hauptspaß. Ihre Ausstattung -an Gegenständen der Einrichtung, der Wirtschaft, an Toiletten und -Kleidungsstücken jeder Art war mehr als reichlich. Und doch nicht -reichlich genug, um vor den unerschöpflichen Einfällen ihrer Laune zu -bestehen. - -Unter dem Patronat der Gräfin Hüningen vollzog sich im Kreis der -modernen akademischen Gesellschaft jener stoßweise Wandel von -Liebhabereien und Modetorheiten, der jedem Monat seinen neuen Heiligen -gab. Mitunter handelte es sich um harmlose Dinge: man bekam für einige -Wochen den musikalischen Koller, der kein Konzert vorüberließ, die -Tees, die Soireen, die ganze Unterhaltung musikalisch verseuchte. Dann -mußte man plötzlich Vorlesungen besuchen: es war einfach Anstandssache, -Kunstgeschichte, diese Erbdomäne aller Dilettanten, zu treiben oder -Literatur bei einem plötzlich zum Stern erster Ordnung erklärten jungen -Professor zu hören. - -Doch bei solchen geistigen Anfällen, die Alice nur aus Mode und nicht -aus irgendwelchem Interesse mitmachte, blieb es nicht. Man schwärmte -serienweise für bestimmte kostspielige Stoffe, für echte Spitzen, für -Kopenhagener Porzellan, für eigenartige Intarsien, für Seltenheiten -und Reformen jeder Art in Toilette und Haus, die die Kauflust wie ein -Fieber erregten. - -Perthes, den eine gute Weile seine Verliebtheit blind machte, drückte -auch späterhin, solang' es irgend ging, seine Augen standhaft zu. Da -Alice mit ihrer Rente den Haushalt zu einem guten Teil mitbestritt, -war seine Situation heikel. Wenigstens empfand er sie so, mit der -Zartheit eines vornehm denkenden Menschen. Er redete sich auch ein oder -glaubte wirklich, diese Kaufwut werde sich abschwächen und von selber -eindämmen. Aber als die Rechnungen sich mehrten und es sich nicht mehr -um Summen handelte, die sich nebenbei begleichen ließen, ohne daß -man die Posten besah, aus denen sie sich zusammensetzten, wurde er -aufmerksamer und kritischer. Mit dem Schrecken des Mannes, der sich -nie viel um Geld gekümmert, aber durch seine Herkunft und Erziehung, -ohne sich dessen genau bewußt zu sein, gewisse solide Maßstäbe ererbt -hat, gewahrte er Zahlen, die sein Verständnis überstiegen. Es war ihm -unverständlich, wie ein paar Schuhe vierzig Mark, ein Hut neunzig -Mark, ein spitzenbesetztes Hemd sechzig Mark sollte kosten müssen -und können. Naiv, wie seine Erfahrung war, meinte er, es müßten da -Mißverständnisse, Irrtümer, Beutelschneidereien mitunterlaufen, denen -seine kleine Frau unschuldig zum Opfer fiel. - -Er wagte bei der nächsten Gelegenheit -- es handelte sich um einen für -seine Begriffe unerhört teuren Abendmantel --, Alice zu befragen. - -„Aber Männi -- davon verstehst du nichts! Ich finde den Mantel -billig!” erklärte sie achselzuckend. Sie hatte, wie sie erzählte, sich -sogar einen besseren „verkniffen” und war ordentlich stolz auf diese -Einschränkung. - -Perthes verstummte. Er war verblüfft. Hartnäckig bewahrte er noch -einige Monate den guten Glauben, daß da etwas nicht mit rechten Dingen -zugehe. Er hätte sich gern bei irgendeiner Dame Aufklärung geholt, -ob das so sein müsse, aber er fürchtete, sich lächerlich zu machen. -Schließlich war er gezwungen, sich über die Folgen, die eine solche -Lebenshaltung haben mußte, doch ernstlich zu besinnen. Er rechnete die -steigenden Ausgaben gegen die Einnahmen und kam zu einem vernichtenden -Resultat. - -Nun blieb nichts anderes übrig: er mußte mit seiner Frau sich -aussprechen. - -Die Sache wurde durch einen besonderen Umstand noch schwerer, als -er sie schon an sich nahm. Alice sah für den Herbst einem frohen -Ereignis entgegen. Als sie ihm ziemlich spät und ziemlich beiläufig -davon Kenntnis gab, hatte ihn die Nachricht ergriffen. Sie selbst war -so wenig feierlich gestimmt, steckte so in ihrem täglichen Trubel, -daß sie für seine gefühlvolle Auffassung nicht Zeit hatte. Gleichwohl -behandelte er sie von da an mit doppelter Rücksicht. Deshalb kam ihm -diese Auseinandersetzung über Geldfragen so ungelegen wie möglich. Er -nahm sich vor, sie aufs schonendste einzuleiten. - -Noch im Lauf des Sommers, kurz vor den großen Ferien, kam ihm die -Gelegenheit entgegen. - -Von der Klinik zurückkehrend, betrat er ihr Zimmer, das neben dem -Speisezimmer mit allem erdenklichen Geschmack und Komfort ein kleines, -von Mama Hupfeld ausgestattetes Reich für sich bildete. Er wollte Alice -begrüßen, die er dort vermutete. Unter der Portiere blieb er verdutzt -stehen. Es war da in dem zierlichen Raum eine wahre Ausstellung -eröffnet. Die verschiedensten Handarbeiten, als da waren Knüpfteppiche, -Sofakissen, Tischläufer, Decken und Deckchen mit Mustern jeden Stils -und auf Stoffen jeder Art, bedeckten den Diwan, die Stühle, den Tisch. -Ein halboffener Riesenpacken mit verwandtem Inhalt lag auf dem Boden. -Daneben saß Alice, mit dem Aufschnüren eines zweiten, kleineren Pakets -beschäftigt. Das heißt, sie suchte die Schnur aufzureißen. Als das -nicht ging, probierte sie es mit den Zähnen. Und in dem Moment, als -Perthes sich bemerkbar machte, hatte sie eben wohl oder übel aufstehen -wollen, um die Schere zu holen. - -„Du denkst wohl, ich will hier einen Kramladen aufmachen?” lachte sie -belustigt. - -„Es sieht beinahe so aus,” erwiderte er mit einem verwunderten Blick -auf dies Warenlager. - -„Ach gib mir mal die Schere.” Sie deutete nach ihrem Schreibtisch. -„Alles für den Bazar im November,” erklärte sie, während er ihr die -Schere reichte. - -„Für welchen Bazar?” - -„Na -- ich erzählte dir doch schon immerzu davon. Wir machen ein -Wohltätigkeitsfest. Ich glaube für Säuglinge oder Seemänner oder so -was. Eine feudale Sache jedenfalls. Ich bin mit im Komitee. Die Gräfin -ist Vorsitzende. Ich habe mich entschlossen, eine Handarbeitsbude zu -übernehmen. Dafür kauf' ich eben ein!” - -„Aber Kind, du willst doch die Arbeiten nicht alle kaufen, wie sie hier -sind?” - -„So ziemlich!” - -„Und dann willst du sie selber --” - -„Du -- das ist ja eben der Trick! -- Ich mache an jedem ein paar -Stiche. Wenigstens an manchen. Das Übrige gebe ich fort. Nachher mach' -ich aller Welt weiß, jedes Stück und jeder Stich sei von mir. Die Leute -werden's nicht glauben, aber sie werden sich drum reißen! Ach -- und -dann, du glaubst nicht, was wir für Überraschungen vorhaben. Das wird -keine so abgeleierte, gewöhnliche Wohltätigkeitsschnurrerei! Werden -uns hüten!” Und nun entwickelte sie, immer auf dem Boden sitzend, den -Festplan in der skizzenhaften, schnoddrigen Form, in der sie stets -ihre längeren Erklärungen abgab, überall dort, wo ihr nicht gleich das -Wort einfiel, sich mit „so'n Dingsda!” behelfend. Perthes hätte ein -Zeichendeuter sein müssen, wenn er diese Kette von „Dingsda” sich hätte -auslegen können. - -Doch darauf verzichtete er von vornherein. Er nahm seine Geduld -zusammen und hörte scheinbar aufmerksam zu. - -„Du vergißt, Alli”, begann er dann vorsichtig, „daß dein Zustand dir -vielleicht, ja wahrscheinlich gar nicht erlaubt --” - -„Na, höre! Ich werde doch nicht jetzt schon anfangen, mich zu -kasteien.” warf sie dazwischen. - -„Das will ich nicht sagen. Aber dem Umtrieb der Vorbereitungen wirst du -nachher nicht gewachsen sein. Und überdies: wer weiß, ob du im November -schon wieder dabei sein kannst?” - -„Das fehlte gerade!” sie sah mißmutig zu ihm auf. „Weißt du, dann -pfeif' ich aber auf das ganze Kindervergnügen, wenn --” Sie vollendete -den Satz nicht. Perthes hatte unwillig die Stirn gerunzelt. „Das -fehlte gerade!” setzte sie nochmals wegwerfend hinzu. Sie war außer -sich bei dem Gedanken, durch diese dumme Störung könnte ihr Vergnügen -beeinträchtigt werden. - -Perthes kannte Alice zur Genüge, um ihre Gefühle an ihren Grimassen -abzusehen. Ihre Frivolität verletzte ihn. Sie bestimmte ihn, den -Augenblick nicht vorbeigehen zu lassen, ohne die immer wieder -verschobene Aussprache herbeizuführen. Er machte sich einen Stuhl frei -und zog ihn in ihre Nähe. - -„Ich möchte gern mal ein ernstes Wort mit dir sprechen, Kind!” - -„Noch ernster?” Es zuckte sehr wenig ernst um ihren Mund. - -„So leid es mir tut -- sei mir nicht böse und mißversteh' mich nicht -- -ich muß dir das aber sagen: du solltest deine Kauflust ein klein wenig -einschränken!” - -„Ich -- meine Kauflust? Und wieso?” - -„Wir müssen mehr haushalten, Liebling. Ich habe gerechnet und --” - -„Um Gottes willen tu nur das nicht! Rechnen!” stieß sie mit einem -komischen, aber ganz ehrlichen Schaudern hervor. - -„Ich verlange es ja nicht von dir,” meinte er mit gutmütigem Lächeln. -„Aber ich muß das wohl. Schulden machen ist nicht mein Fall. Und so, -wie der Hase jetzt läuft, kann er nicht weiter.” Er bemühte sich nun, -ihr so ruhig und klar wie nur möglich, so schonend, als er nur konnte, -einen Begriff von den Mißverhältnissen ihrer Einnahmen und Ausgaben -zu geben. Ohne alle überflüssigen Einzelheiten. Sehr sachlich und -überzeugend. - -Anfangs hörte sie zu. Nachher nahm sie neue Muster aus den Paketen -und ließ sie durch ihre Finger gleiten. Als er fertig war, sagte sie -außerordentlich gelassen, ohne auch nur aufzusehen: „Männi -- weißt du --- eigentlich brauchtest du damit doch mich nicht behelligen!” - -„Aber wen denn sonst?” gab er, sich beherrschend, zurück. - -„Sprich doch einfach mit Papa. Der ist für so was da. Der soll seinen -großen Beutel 'n bißchen weiter aufmachen. ~Voilà tout!~” Sie sagte das -so kühl und sicher, als gäbe es keine selbstverständlichere Sache. - -Perthes war von seinem Stuhl aufgesprungen. Er fühlte, wie ihm das -Blut zu Kopf stieg. Um ruhig zu bleiben, machte er ein paar Schritte. -Beim Fenster drehte er sich um. - -„Davon kann keine Rede sein. Eben das will ich um jeden Preis -vermeiden. Nicht einen Pfennig weiter nehme ich von deinem Vater an!” -Seine Worte lauteten sehr bestimmt. Es klang eine unbeabsichtigte -Schärfe durch. Um sie gut zu machen, meinte er: „Das mußt du übrigens -selbst einsehen!” - -Alice schwieg eine Weile. Sie legte ihre Muster langsam beiseite. Dann -schob sie ihre feinen, schmalen Hände im Schoß ineinander und blickte -ihn von unten nach oben, mit dem malitiösen Blick ihrer Mädchentage an. - -„Das versteh' ich nicht. Verzeih -- aber das wäre ja unglaublich -philiströs gedacht!” - -„Philiströs, beste Alli,” -- er reckte sich nervös -- „philiströs ist -ein Wort, mit dem eine gewisse junge Dame etwas vorsichtiger sein -sollte! Es ist sehr bequem, all das philiströs zu nennen, was einem -nicht in den Kram paßt!” - -„Oho, Männi!” - -„Mein Standpunkt ist ehrenhaft, weiter nichts. Ich erwarte, daß du ihn -würdigst. Und ich bitte dich --” er suchte von neuem seinen schroffen -Ton, der sich ihm ungewollt gab, zu mildern und steckte die Hände, die -zu lebhaften Bewegungen ausgeholt hatten, krampfhaft in die Taschen -seines Jacketts. „Ich bitte dich, dich danach einzurichten. Ich -verlange von dir nichts Außergewöhnliches. Nur ein bißchen Mäßigung und -Beschränkung. Du wirst das mir zu lieb tun!” - -Sie antwortete nichts. Sie legte den Kopf im Nacken zurück und -tätschelte ihre krausen, rotblonden Haare. Dann verschlang sie die -Hände hinter sich und dehnte sich. Sie unterdrückte ein Gähnen. - -Perthes war empört über ihr Gebahren. Er fühlte, wie die Kraft, sich zu -beherrschen, ihn verließ. Um nicht loszubrechen, ging er aus dem Zimmer. - -Alice sah ihm verwundert nach. Sie pfiff leise vor sich hin, während -sie in der Auswahl ihres Musterlagers fortfuhr. Die Geschichte an -sich imponierte ihr gar nicht. Sie hatte sie auch schon wieder halb -vergessen. Aber sie glaubte heute eine leidige Entdeckung erneuert zu -haben: der Philister in ihm -- den sie als Mädchen schon gewittert, -aber nun gebannt glaubte -- dieser Philister hatte hinter ihm -hervorgelugt! Das war häßlich! Das degoutierte sie! Dafür würde sie -sich bedanken! - -Und ihre spitze, feine Zunge züngelte ganz zufällig zwischen den Lippen -hervor und streckte sich einen Augenblick wegwerfend in einer nicht zu -mißdeutenden Richtung ... - - - - -16 - - -Die Katastrophe, die zweite, die innerhalb weniger Wochen das Haus am -Wenzelsberg überfallen hatte, war so plötzlich hereingebrochen, so -ohne alles Vorwissen und Vorbereitetsein, daß das Leid der Schwestern -mit jedem Tag, da sie sich seiner Größe und seines Umfanges bewußter -wurden, immer weiter zu wachsen schien. Wie ein Orkan war der Tod mit -seinem Gefolge von Anstrengungen und Aufregungen über sie hingefahren -und hatte sie betäubt; jetzt meinten sie, die Wucht der Erkenntnis -müsse sie mit der doppelten Wucht des Schmerzes ganz zerbrechen. - -Es verging keine Stunde, ohne daß der alte Herr, so gut in seinem -Grimm, so männlich in seiner rauhen Selbstwehr eines feinempfindenden -Herzens, so humorvoll in seiner gestrengen Paschawürde, für jeden -und jedes fehlte. Wie hatte sich's unter der Hut seines geraden, -freien Geistes so sicher gelebt! Wie hatte seine Bedeutung als -hervorragender Gelehrter auch durch die kleinen Schrullen des Alltags -unter scheinbaren Schwächen und Willkürlichkeiten durchgeschimmert. -Seine Allgegenwart hatte das Haus erfüllt und gewärmt, auch wenn er -abseits im zettelreichen, bücherverbauten Schreibtischwinkel saß und -nur für seine römischen Kaiser zu sprechen war. Was hätte Elli darum -gegeben, wenn er sie zur Antwort auf eine vorwitzige Frage, mit der sie -bei ihm eindrang, aus seiner Stube hätte werfen können! Wie gern hätte -Marga sich hart anfassen lassen, wenn er meinte, ihr Gemüt stählen zu -müssen -- er, der der Gütigste und Besorgteste war, so oft das Leben -sie hart anfaßte! Und Käthe, wie willkommen wäre es ihr gewesen, ein -plötzliches „Blaustrumpf!” an den Kopf zu bekommen! All das -- und sein -Schneckenmordgang im Weinberg, die Sprechstundenwacht auf der obersten -Treppe, der gefährliche Kaffeeturnus am Nachmittag, all das und tausend -anderes war vorbei. Vorbei mit jenem „nie wieder!” dahinter, das so -grausam und unerbittlich nur der Tod sprechen kann. - -Elli, die sonst so schnell ihre Tränen weglachen konnte, war die -Verzweifeltste. Die Härte des Lebens war diesmal zu nah und unmittelbar -an ihre frohe Kindlichkeit herangetreten. Auch Käthe, die besonnene -Käthe, erholte sich nur mühsam. Marga und Bertelsdorf, die die Not -zu einer seltsamen und nicht sehr innerlichen Trostgenossenschaft -zusammenführte, mußten im Verein mit dem unermüdlichen Wilmanns alles -aufbieten, um die beiden aufzurütteln und aufzurichten. - -Die Wirklichkeit, wie sie nun einmal war, verlangte nur zu bald ein -lebenstüchtiges Wollen und Entschließen. - -Vater Richthoff war ein trefflicher Mensch und Forscher, aber kein -großer Haushalter gewesen. Ein Vermögen hatte er nicht hinterlassen -können. Das Haus war mit Hypotheken belastet. Eine kleine -Lebensversicherung gab höchstens die Mittel für die nächste Zeit. - -Schonend legte Wilmanns nach Ordnung des geschäftlichen Nachlasses den -Geschwistern ihre Lage dar. Für Käthe war gesorgt. Bertelsdorf war -wohlhabend. Obwohl er seine Verbindung mit Käthe nicht zuletzt auch -nach akademischen Vorteilen berechnet hatte, war er doch zu anständig, -um nicht seinen Mann zu stellen: die Hochzeit sollte, sobald es irgend -anging, in aller Stille erfolgen. - -Aber Marga und Elli? - -Wilkens, der sich auch in diesen schweren Tagen brav wie immer -benahm, stand tatsächlich vor seinem Staatsexamen. Den Doktor hatte -er glücklich hinter sich. Aber auf Jahre hinaus konnte er noch nicht -daran denken, ein Heim zu gründen. Für Marga stand fest, daß Elli und -sie sich, womöglich Seite an Seite, eine wenn auch noch so bescheidene -Existenz schaffen müßten. Sie, die Blinde, deren Zukunft den Freunden -am trübsten und aussichtslosesten vor den sorgenden Augen gestanden, -war von vornherein fest entschlossen, niemand im Weg zu sein, sondern -mit der alten Tapferkeit und Klarheit das Leben anzugreifen und ihm ein -Stückchen Unabhängigkeit abzugewinnen. An ihrem Mut rankte sich auch -Elli empor. - -Es war nicht leicht, ja es schien beinahe unmöglich, etwas zu -entdecken, das den beiden eine auskömmliche Zuflucht bot. - -Hundert Pläne wurden ausgedacht und wieder verworfen. Immer scheiterte -die Möglichkeit der Ausführung an einem neuen Hindernis: sei es, daß -die Ausbildung zu einem bestimmten Beruf unumgänglich nötig war, daß -andere materielle Vorbedingungen sich nicht erfüllen ließen oder daß -wohl die eine, aber nicht die andere Schwester ihre Unterkunft finden -konnte. - -Eines Abends vor dem Schlafengehen -- es waren schon Wochen vergangen, -Käthes Hochzeit und die Trennung von ihr standen dicht bevor, das Haus -war zum Verkauf ausgeschrieben -- erklärte Elli mit einem komischen -Stoßseufzer, der die Rückkehr ihres Frohsinns ankündigte: „Nächstens -werden wir für uns eine ‚Kleinkinderbewahranstalt‛ suchen müssen!” - -„Warum für uns?” meinte Marga ernsthaft. „Wir könnten ja --” sie -stockte und überlegte. - -„Was könnten wir?” forschte Elli. - -„Nun, ich dachte -- aber es wird auch nicht gehen -- wenn wir einen -Kindergarten gründeten!” Sie mußte selber über diese Idee lachen, -und Elli stimmte ein. Sie spannen das Unmögliche weiter, und es sah -auf einmal gar nicht so unmöglich aus. Elli fing Feuer. Noch vor -Mitternacht hatte ihr Optimismus ein fertiges Projekt. Vielleicht war -ihm kein besseres Los beschieden als vielen anderen. Wahrscheinlich -würde es im Frühlicht des nächsten Tages schon nichtig erscheinen. Aber -für jetzt konnte man neuen Mut daraus schöpfen. Und es schlief sich so -gut darüber ein ... - -Es stellte sich heraus, daß das Kindergartenprojekt sich bei Tag immer -noch sehen lassen konnte. Wenn auch von der Idee zur Wirklichkeit -der Weg weit war, Marga und Elli beschlossen doch, diesen ihnen vom -Zufall geschenkten Plan weiter zu verfolgen. Da ergab es sich freilich -schnell, daß sie allein nicht zum Ziel kommen konnten. Obwohl einfach -und häuslich erzogen oder besser durch gesunde Anlagen geworden, -waren sie doch als zwei Geheimratstöchter nicht vorbereitet, sich mit -unmittelbaren und harten Notwendigkeiten praktisch auseinanderzusetzen. -Zum Glück war unter den Freunden des Vaters eine Dame, die nicht -nur mit dem guten Ton der Gesellschaft, sondern auch mit sozialen -Verhältnissen Bescheid wußte. Nicht aus Sport, wie die Gräfin Hüningen, -aber aus dem Bedürfnis eines liebevollen Herzens und eines geraden -Sinnes. Auch nicht aus irgendeiner wohlfeilen sozialen Theorie heraus, -sondern weil für sie das Soziale sich ebenso von selbst verstand, wie -es das Moralische soll. Es war dies die majestätische Frau Geheimrat -Achenbach mit ihren silberweißen Scheiteln und dem Krückstock, die -besondere Freundin Borngräbers. Professor Wilmanns erzählte ihr -gelegentlich ziemlich skeptisch von dem Gedanken seiner Schützlinge. -Sie lud Marga und Elli zu sich ein. Zuerst nahm sie den beiden alle -Illusionen und machte sie rechtschaffen kleinmütig. Weil man nun -einmal, wie sie überzeugt war, ein Haus nicht von oben herunter aus -der Idee, sondern von unten herauf aus der Praxis bauen mußte. Dann -aber, als die Schwestern dachten, sie würden also auch auf diesen -Plan verzichten müssen, weil keine die nötigen Vorkenntnisse, die -Ausbildung, keine die Erfahrung und Umsicht besaß, deren es bedurfte, -versprach Frau Achenbach, sich der Sache anzunehmen. - -Und sie hielt Wort. - -Freilich sollte es fast ein Jahr dauern, ehe man zum Plan die feste -Gestalt sah. - -Da gab es zunächst für Ellis Ungestüm eine harte Probe. Durch -Vermittlung von Frau Achenbach fand sich für sie in einer benachbarten -kleinen Stadt ein Unterschlupf als Volontärin in einem großen -Erziehungsheim, dem ein Kindergarten angegliedert war. Zu ihrem und -Margas Schmerz mußten sie sich für eine bis dahin unerhörte Zeit -trennen. Was sollte so lange aus Marga werden? - -Das Haus, das alte Haus am Wenzelsberg, war verkauft worden. Ein -kleiner Überschuß, zusammen mit der mageren Versicherungssumme, auf -deren eines Drittel Käthe zugunsten der Schwestern verzichtete, konnte -für zwei bis drei Jahre zum Unterhalt ausreichen. Bertelsdorf hatte -das Glück, einen Ruf als Extraordinarius an eine technische Hochschule -in Mitteldeutschland zu erhalten. Er zog mit seiner Frau -- die -stille Hochzeit wurde im Juni gefeiert -- nach herzlichem Abschied -noch im Lauf des Sommers davon. Elli sollte ihre Volontärstelle als -Kindergärtnerin demnächst antreten. Marga mußte für sich einen Ausweg -finden und fand ihn: Onkel Thiele auf Güstow in Pommern hatte zwar -nicht zur Beerdigung seines Stiefbruders kommen können, aber brieflich -jede Hilfe angeboten, zu der sein Herz und sein Geldbeutel, die in -ihrer Weite zueinander im umgekehrten Verhältnis standen, fähig wäre. -Marga nahm die Hilfe für sich an. Elli brachte sie nach Pommern. - -Die Reise wurde zwar ganz anders, als sie einst vor Ellis blühender -Phantasie gestanden hatte. Aber schön war sie doch. Unterwegs -begrüßte man Wilkens, der in einem sächsischen Nest eine erste -Hilfslehrerstelle gefunden und angenommen hatte. Schwermütig war er -noch immer nicht geworden. Dagegen gab ihm der Stolz, sein Examen -gemacht zu haben, eine gewisse breite Manneswürde. In Berlin gab es -zwar keinen ungemessenen Vergnügungstaumel, wie Ellis Feuerwerk ihn -einst vorgezaubert. Aber bei dem schon früher in Anspruch genommenen -Kollegen Richthoffs war man einige Tage gut aufgehoben und sah von -der „Weltstadt” genug, um die schaudernde Andacht nicht nur nicht -enttäuscht, sondern erhöht zu sehen. Und der Empfang in Güstow war -einfach urgemütlich: die sechs bis acht haferblonden, quicken Cousinen, -die brave, beleibte Mama Thiele, der Onkel mit seinem verwitterten, -jovialen, rostbraunen Landmannsgesicht unter dem grünen Hut mit der -Spielhahnfeder, alle waren an der Bimmelbahn, freuten sich „doll” und -führten Elli und Marga im besten Wagen nach Gut Güstow. Sie taten dort, -was in ihren Kräften stand, um die beiden schnell bei sich heimisch zu -machen. Als Elli sich nach zehn Tagen verabschiedete, war es mit einem -weinenden und einem lachenden Auge. Ganz ernst konnte man von Thieles -nicht fortfahren, sogar wenn es Marga zu verlassen galt. - -Und Margas mutiger, klarer Sinn fand sich in der neuen Umgebung bald -zurecht. Die schlichten Menschen in dem altväterischen Herrenhaus mit -ihrer unverwüstlichen Jugend, ihrer unermüdlichen Lust an der Arbeit -und am harmlosesten Vergnügen, der Gutshof mit seinem mannigfaltigen -Wirtschaftsbetrieb, die weiten, kornduftenden Felder, der schattige -Garten und der einsame Kiefernwald -- das war eine in sich ruhende, -natürliche Welt, die ihr wohltuend entgegenkam. Ihre Seele tat das -ihre, um sie, wo und wie es nur immer ihr Zustand erlaubte, in sich -aufzunehmen. Neue Eindrücke und neue Empfindungen legten sich schützend -und klärend zwischen sie und ihr früheres Leben im Haus am Wenzelsberg. - -Sie wollte aber nicht nur feiern und sich pflegen. Unter den Cousinen -Nummer sechs bis acht waren zwei gerade im rechten Alter, daß Margas -Kinderfreude an ihnen sich üben und ausbilden konnte. Aus sich heraus -schuf sie sich eine praktische Methode und praktische Kenntnisse, die -berufsmäßig zu lernen ihr versagt war. Die Bilder, die ihr inneres -Schauen mit seltenem Reichtum und frischer Anschaulichkeit ihr gab, -hatte sie früher ängstlich fast nur sich vorbehalten. Jetzt im Umgang -mit Stöffy und Illi Thiele überwand sie alle Scheu. Die Kinder gaben -ihr wie von selbst die Fähigkeit, sich mitzuteilen, das Geschaute in -eine faßliche Form hinüberzuleiten, zu erzählen und zu fabulieren. -Sie mußte ein Stück ihrer inneren Schwere opfern. Aber sie empfing -dafür nicht nur eine größere Beweglichkeit des Gemüts, sondern ein -echtes und gerechtes Gegengeschenk. Langsam und unmerklich fast. -Der Humor, der sich früher, trotz Ellis Beispiel und trotz Vater -Richthoffs grimmkräftigen Anlagen dazu, bei ihr nur spärlich hatte sein -Recht verschaffen können -- jetzt entwickelte er sich und streifte -ab, was die früheren Mädchenjahre unter der Wirkung ihres Leidens -an Überernst und zu tiefer Empfindsamkeit angesetzt hatten. Das war -die Überraschung, die die neue Seele in sich trug. Und nicht nur ein -Nebenbei, eine zufällige Mitgabe war das: es wurde, wenn sie es recht -verstand, die beste Bedingung für ihr neues Leben. Waffe, Würze und -Kraft, nicht nur wieder zu werden, was sie gewesen, sondern mehr. -Marga verstand es recht. Sie ließ das Lachen aus Kindermund, bald das -lautschallende, bald das leis verträumte, hinüberklingen in sich. Es -war wieder die große Stille, die in ihr anhub, ihr Wesen durchdrang und -durchleuchtete. Aber um einen Grundton reicher, reifer, lebenstüchtiger --- um einen hellen, leichten, lachenden Ton. - -Erst um Weihnachten, später als beide gedacht, sahen sich Marga und -Elli in Käthes jungem Heim wieder. - -Voll weher Erinnerungen, aber auch voll froher Zuversicht ging's ins -neue Jahr hinüber. - -Als die beiden in ihre Universitätsstadt zurückkehrten und bei Cousine -Grasvogel Gastfreundschaft annehmen mußten, fanden sie zu ihrer Freude, -daß Frau Geheimrat Achenbach nicht müßig gewesen war. Sie hatte in -einer Gartenstraße -- dort, wo die Altstadt in der Ebene verlief, nicht -zu fern vom Mittelpunkt, aber in freier, gesunder Lage, ein nicht mehr -neues, aber sauberes Häuschen ermittelt, das zur Miete ausgeschrieben -war. Ein Vorgarten mit Rosensträuchern davor, ein Grasgarten mit ein -paar Obstbäumen dahinter, im Erdgeschoß drei große Zimmer und die -Küche, oben unterm Giebel ein luftiger Schlafraum -- alles nicht -großartig, aber zweckentsprechend und freundlich. Besonders wenn erst -das Frühjahr Blätter und Blüten darumrankte. - -Mit dankbarer Geschwindigkeit griffen Marga und Elli zu. Der Rest -ihres Kapitals sicherte ihnen für die nächsten zwei Jahre die Miete; -er ermöglichte auch die nötigen Anschaffungen für die „Schulstube”, -die Frau Achenbach schon ins Auge gefaßt hatte. Die Wohnräume, das -Empfangs- und Wohnzimmer neben der „Klasse” und das Schlafzimmer -ließen sich mit den Möbeln, die sie aus der Einrichtung des väterlichen -Hauses zurückbehalten, so vollstopfen, „daß sie vor Gemütlichkeit -platzten”, wie Elli sich ausdrückte. - -Dann kam der erste selige Tag hinter den eigenen Scheiben. In den -Zimmern, im Vorgarten, im Grasgarten mußte man zwei dutzendmal aus- -und einlaufen, bis man vor Müdigkeit fast umfiel. Hinterdrein ging das -Annoncieren los und das Besuchemachen. Es gab Enttäuschungen. Und gab -eine närrische Freude, als -- auf einen Tag, wie es das Glück immer -macht -- drei kleine Leute auf einmal angemeldet wurden. Mit den von -Frau Achenbach schon Angeworbenen halte man jetzt acht, drei Jungens, -fünf Mädels, und konnte anfangen. - -Das war ein Montag, als das Häuflein Grundstock angezettelt kam. - -Erst ein strammer Bengel von fünf Jahren. Allein, mit einem roten -Russenkittel, blauen Hosen, einer Botanisiertrommel und dem Finger in -der Nase. Zwei flachsblonde Prinzeßchen, Hand in Hand, die mit ihrer -Mama furchtbar tapfer die Straße daherzogen und, als besagte Mama sie -in der Schulstube zurückließ, plötzlich mörderisch zu brüllen anfingen. -Weiter ein winziger, fast zu junger Mann von vier Jahren, der sehr -artig mit der Schwester ankam, aber nur blieb, wenn er bis auf weiteres -sein Steckenpferd bei sich behalten konnte. - -Marga und Elli wollte es angst und bange werden vor all den großen, -fragenden Augen und den offenen Mäulchen, die bereit waren, zu lachen -und zu weinen -- in ein und demselben Atemzug. - -Aber es ging viel besser, als es zuerst aussah. - -„Tante” Elli wußte mit ihren strahlenden Augen Spiele und Späße, daß -der Mann mit dem Gäulchen sein Steckenroß vertrauensvoll beiseite legte -und sich vor Vergnügen schüttelte. Sie lehrte die kleinen Mädchen -Papier flechten, ganz allmählich, beinahe heimtückisch, so daß sie an -kein Fortgehen mehr dachten, und die Jungens, die älter waren als der -Steckenpferdmann, die Sache auch probieren wollten, selbst wenn man -dabei auf der Bank sitzen bleiben mußte. Und „Tante” Marga, die so -merkwürdige Augen hatte, daß es einem erst ein bißchen unheimlich wurde -und man nachher sie gerade deshalb streicheln mußte -- die erzählte -Geschichten mit ihrer warmen Stimme: die Augen mußte man aufreißen, -als gelte es geradewegs in den Himmel zu schauen, und den Mund konnte -man nicht mehr zusammenbringen, ehe sie zu Ende war. Man sang und -sprang, man purzelte und tanzte Ringelreihen im Grasgarten, daß nach -sechs Wochen ein junger Herr erklärte, es sei einfach verrückt, daß man -nicht immer da sei, und zwei junge Damen, die erst nicht hatten bleiben -wollen, in Tränen schwammen, weil sie zum Mittag fortgeholt wurden. - -Der Reigen wurde größer. Die Freunde, auch außer Frau Achenbach, -machten mächtige Propaganda. Professor Wilmanns war untröstlich, -daß er sein Enkelbübchen -- den Jungen Heddis, die vor einem Jahr -geheiratet hatte -- nicht schlankweg aus der Wochenstube zu den -Richthoffs bringen konnte. Dafür bearbeitete er seine jüngeren Kollegen -mit einer fanatischen Beharrlichkeit, bis sie nachgaben und ihren -Nachwuchs schickten, oder, weil sie es mit der Furcht bekamen, in -einem stattlichen Bogen um ihn herumgingen. Borngräber verbreitete -an einem Kegelabend die verleumderische Nachricht, Papa Wilmanns -hätte in einer Vorlesung über Homer, an Hektors Kinder anknüpfend, -von dem Segen gesprochen, den eine Kleinkinderschule in Troja hätte -stiften können. Der erboste Wilmanns rächte sich. Er brandmarkte -seinen lügnerischen Kollegen, indem er ihm späte Heiratsabsichten -andichtete, die auch keinen anderen Beweggrund hätten, als eine Frau -unglücklich zu machen, und ihm, Wilmanns, bei seinen Schutzbefohlenen -in der Bergfelderstraße mit Zwillingen den Rang streitig zu machen. -Das war nun auch nicht wahr. Die Wahrheit war nur, daß der Indologe -Jakobus Borngräber sich schämte, für die Mädels des guten Richthoff -immer nur seinen guten Willen zu haben. Der Weg von seiner ostöstlichen -Wissenschaft zu einem modernen Kindergarten war gar zu weit, und so -ging er wenigstens mitunter den näheren von seinem verwunschenen Haus -in der Uferstraße nach der Bergfelderstraße und schaute um eine Ecke in -den Grasgarten. Wenn er nicht gerade das gesuchte Haus verwechselte, -sondern sich zurechtfand, rollte er die verwunderten Augen, heuchelte, -stehenbleibend, ehrliche Kinderliebe und schwenkte, wenn Elli ihn -zufällig entdeckte und ihm zunickte, verlegen den Hut. - -Natürlich blieben für Marga und Elli auch jetzt die Sorgen und -Enttäuschungen nicht aus. Sie mußten es sich oft rechtschaffen sauer -werden lassen, und der alte Herr hatte sich wohl auch für die Zukunft -seiner „Bande”, sofern er sie je genau erwogen, etwas Besseres -gewünscht. Und doch: sie selbst fühlten sich zufrieden bei ihrem Beruf. -Wenn sie am Abend im Wohnzimmer, das tatsächlich „vor Gemütlichkeit -platzte”, ihren Tee brauten, konnte man Marga singen und Elli lachen -hören. Es kam vor, daß nicht nur Elli Marga, sondern Marga Elli einen -Bären aufband. Sie entwickelte aus ihrer Erinnerung an Güstow in -Pommern unheimliche Geschichten von halsbrecherischen Segelfahrten, -schönen polnischen Schnittern und Schnitterinnen, Jagdabenteuern, die -Onkel Thiele bestanden -- ganze Romane, die Elli mit gläubiger Neugier -aufnahm, bis sie mit Entrüstung hinter den Trug kam. Sie blieb bei -nächster Gelegenheit mit rächendem Schabernack nicht dahinten. Der -Strom von Jugend und Fröhlichkeit, der zwischen ihren Herzen und denen -der Kinder kreiste, nahm immer wieder auch das Harte und Schwere mit -sich oder löste es zur Harmonie. Elli schwor, wenn sie auf Wilkens -warten müßte, bis sie alt und grau würde, wollte sie nicht verlernen, -Feuerräder durch die Luft surren und leuchten zu lassen. Und Marga, die -schwere Marga, lachte dazu und breitete am Feierabend die Arme aus, -der Sonne zu, als wollte sie den Tag an sich raffen, das Licht aus der -Ferne und Nähe, von oben und unten. Sie schlang die Hände beglückt über -ihrem Kopf ineinander, so frei fühlte sie sich, so still, so in sich -selber und im Licht geborgen. - - - - -17 - - -Der erste „verheiratete Sommer” hatte sich für Max Perthes ziemlich -einsam angelassen. Seine Schwiegereltern waren seit dem Mai fast -ununterbrochen wieder auf Stift Nieburg. Auch Alice brachte dort viele -Tage zu. Er selber kam nur bisweilen an einem Sonntag für ein paar -Stunden hinaus. - -Die Einsamkeit bekam seinen wissenschaftlichen Arbeiten sehr gut. Er -fand eine eigentümliche neue Befriedigung in einer Tätigkeit, die -seine praktische in der Klinik nach der geistigen Seite ergänzte. Die -Sehnsucht nach Stille, die er so ganz verbannt und überwunden zu haben -glaubte, suchte, ohne daß er es zugestanden hätte, einen schüchternen -Ausweg und entdeckte ihn in dieser gelehrten Neigung, die er sich -früher nicht zugetraut hatte. Für seine Person verzichtete er nach der -Reise im Januar nicht ungern auf den Sommerurlaub. Er verständigte -sich mit seinen Schwiegereltern dahin, daß Alice die Hochsommerwochen -unter ihrer Obhut in St. Blasien verbringen sollte. Sie selber murrte -anfangs über den notwendigen Verzicht auf die ihr so teure Bergfexerei. -Zum Glück fand Perthes diesmal bei Exzellenz Hupfeld eine nachhaltige -Unterstützung im Kampf gegen jede Unbesonnenheit. Exzellenz träumte von -goetheschen Enkelfreuden und wollte seine „wilde Hummel” schon im Zaum -halten. - -So blieb Perthes allein und verteilte sein gleichförmiges Leben -zwischen der Klinik und dem behaglichen Herrenzimmer seines Landhauses, -wo er oft bis Mitternacht und länger bei der Schreibtischlampe saß. Nur -selten ging er spazieren. Gegen das Flußtal aufwärts von Nieburg hatte -er seit dem Sommer des vergangenen Jahres eine scheue Abneigung. Weiter -hinein in die Berge oder hinaus in die Ebene reichte die Zeit nicht. -In die Stadt kam er, außer auf dem Weg zur Klinik, so gut wie nie; und -diesen einzigen Stadtweg legte er meist in der Straßenbahn zurück. - -Wie ein Fremdling kam er sich schon vor, als er eines Abends -gelegentlich einen Gang durch die Hauptstraße machte. Der Postbote -hatte ihm am Morgen das Honorar für einen nebenbei geschriebenen -Aufsatz in der „Medizinischen Wochenschrift” gebracht. Er wollte es -dazu verwenden, um in aller Stille eine der großen Rechnungen des -letzten Vierteljahrs zu begleichen. - -In dem Modeladen, dem sein Gang galt -- es war das erste Sport- und -Toilettengeschäft der Stadt -- erfuhr er mit Befremden, daß der Betrag -schon beglichen sei. Er wollte es nicht glauben und forschte weiter. -Der Besitzer, ein sehr höflicher, geschniegelter Herr, ließ ihn das -Kontobuch einsehen. Es stellte sich heraus, daß die Rechnung für -Exzellenz überschrieben und vor ein paar Wochen bezahlt war. Perthes -zuckte die Achseln und murmelte etwas von einem unverständlichen -Irrtum. Kaum konnte er vor dem Inhaber, der ihn dienstfertig bis an die -Tür begleitete, Beschämung und Zorn verbergen. - -Der Gedanke, daß ihm Alice hinterrücks diese Demütigung zugefügt, -schien ihm unfaßbar. Sein Stolz, den er einst gezwungen, sich der -bewußten Streberei zu unterwerfen, hatte sich in die letzte Festung -einer peinlichen pekuniären Empfindlichkeit geworfen und machte -einen entrüsteten Ausfall. Er war drauf und dran, an Hupfeld einen -erbitterten Brief zu schreiben, um solche Liebenswürdigkeiten ein für -allemal abzulehnen, und die Summe mitzuschicken. Nur die Rücksicht -auf den Zustand seiner Frau ließ ihn dann doch davon absehen. Soviel -stand ihm indessen fest: es mußte hier eine reinliche, prinzipielle -Klärung erfolgen. Aber er wollte warten, bis er keine Gefahr mehr -lief, ihr zu schaden. In seinem ganzen Leben hatte er nicht so -viel Selbstüberwindung lernen und üben müssen, als es ihn kostete, -seine Entdeckung in sich hineinzuwürgen. Die Arbeit wurde ihm für -mehrere Tage verdorben, und es blieb auch nachher ein Stachel -zurück, der immer wieder in ihm bohrte. Er sah Alice vor sich mit -ihren irrlichthaften Augen, der ewig herausfordernden Miene eines -Gassenjungen, den tollen Sprüngen des tollen Mädels von einst. Hatte -sie denn gar keinen Sinn für den Stolz des Mannes, der sich in ihm -auflehnte gegen eine unwürdige und maßlose Abhängigkeit? Verstand sie -nichts von der Erniedrigung, der sie ihn vor ihren Eltern aussetzte? -Die Frage tauchte wieder auf, die er seit dem Frühjahr, seit jener -Todesnachricht von Richthoff und seiner freiwillig-unfreiwilligen -Beichte über Marga, mehr als einmal hatte in sich zurückdrängen müssen: -was wohnte hinter den grünschimmernden, flackernden Augen, hinter -diesem alles zerspottenden Mund, hinter der kühlen Stirn unter den -rötlich-krausen Haarwolken? Doch das war ja Unsinn! Was suchte er denn? -Das Rätsel war ja eben der Reiz des Rätsels. Die Verliebtheit, noch -immer mächtig über ihn, lehnte sich auf und stritt gegen das sinnlose -Fragen. Gewaltsam wie früher meinte er über seine Skrupel Herr werden -zu sollen. Er vergönnte sich einen dummen Streich: über den nächsten -Sonntag fuhr er nach St. Blasien. - -Es gab eine lustige Überraschung, als er bei Hupfelds im Kurhotel -einbrach. Zwei Tage glücklicher Trunkenheit folgten: er war Alices -alter Räuberhauptmann und sie sein entzückender Irrwisch. - -Nachher, zu Hause, fand er, daß er trotzdem mit dem Streit in sich -so fertig nicht war, wie er gehofft. Die Erinnerung an die zwei -Taumeltage schwand. Die Erinnerung an seine Demütigung blieb. Er mußte -ein Kompromiß schließen, um den Streit loszuwerden. Das Kind war es -fortan -- aber natürlich war es so -- nur das Kind, das Alice ganz zu -dem machen sollte und mußte, was sie noch nicht war. Er verlangte ja -gar nicht viel. Nur ein Gran Verständigkeit, ein halbes Lot Ernst. -Der mußte kommen! Die Mutter mußte in ihr erwachen und sie auf die -natürlichste Weise dazu führen, seinen Stolz zu verstehen, mit ihm über -diese wirtschaftlichen Dinge einer Meinung und damit häuslicher zu -werden! - -Perthes baute eine völlig wolkenlose Zukunft auf das Kind ihrer Liebe -... - -Der Herbst war da. Alice flog ihm wieder in die Arme. So frisch und -ungebärdig und fast so schlank wie immer. Perthes selbst war mit -seinem Schwager, Leutnant Moritz, doch noch acht Tage in den Vogesen -gewandert. Auch er fühlte sich gestärkt und von Grillen befreit, voll -Zuversicht und Arbeitslust. - -Mit Semesteranfang begann das alte gesellschaftliche Treiben. - -Die Gräfin Hüningen hatte aus Berlin, wo sie auf der Hin- und Rückfahrt -nach Borkum einen Monat haltgemacht, neue Pläne, neue Kaprizen -mitgebracht. Aber wie Perthes vorausgesehen, mußte Alice sich einige -Zurückhaltung auferlegen. Ihre Beweglichkeit wurde eingeschränkt, ob -sie wollte oder nicht. Bei sich triumphierte er, es würde alles so -werden, wie er voraussah. Wenn sie bisweilen über die Stränge schlug, -wenn sie aufbrauste, weil er sie im Zügel hielt, und ihn offen einen -„ekligen, ollen Philister” schalt und die dumme Plackerei ihres -Zustandes verwünschte, so war er von einer unerschütterlichen Geduld -und Rücksichtnahme. Er sagte sich, daß das ganz in der Ordnung war. Bei -ihr wie bei allen Frauen; nur eben ihrer Eigenart entsprechend. Und er -übte sich in einer Zartheit, einer Beherrschung seines Temperaments, -die ihm niemand, am wenigsten er selbst sich zugetraut hätte. - -Gleich nach Mitte Oktober kam der große Tag. - -Exzellenz Hupfelds Automobil hielt fast vom Morgen bis zum Abend -vor der Villa. Perthes hatte sich frei gemacht. Der Ordinarius für -Gynäkologie, ein Freund des Geheimen Rats, war zugegen. Mama Hupfeld -erhielt durch ihren Diener halbstündigen Wetterbericht, denn ihre -furchtsame Erregbarkeit war für Wochenstuben nicht gemacht. - -Um sechs Uhr abends erblickte ein schreihälsiger junger Perthes das -Licht der Welt. - -Hupfeld, der Großvater, und Perthes, der Vater, schüttelten sich mit -gerührter Freude die Hände. Alice war schwach, aber außer jeder Gefahr. -Als Perthes bei ihr eintrat, mit Blumen und lachend besorgter Miene, -betrachtete sie eben verwundert das kleine Menschenbündel, das ihr die -Wärterin hinhielt. Sie lächelte bei seinem Kommen. - -Er setzte sich neben sie und ergriff ihre rechte Hand, um sie zu küssen. - -Nach einer Weile murmelte sie ein paar Worte. - -„Wie meinst du, Liebling?” Er beugte sich vor, denn er hatte nicht -verstanden. „Hast du einen Wunsch?” - -Sie wiederholte ihre Worte. Er meinte sich zu verhören, und ließ sie -sich zum drittenmal, noch näher ihrem Mund, wiederholen. - -„Nu hab' ich mir aber meinen Basar verdient! Ehrlich!” kam es klar und -überzeugt hervor. - -Perthes gab keine Antwort. Er legte ihre Hand zurück auf die Decke. -Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Er hatte mit ihr ein dankbares Wort -über den tüchtigen Burschen reden wollen, den sie ihm geschenkt. Es -blieb ihm in der Kehle stecken. Er lächelte ihr noch einmal zu und ging -auf den Fußspitzen aus der Stube. - -Während Exzellenz nach ihr sah, stand er lange im Speisezimmer am -Fenster, ohne hinauszusehen in das Herbstdunkel mit den trägen -Bergmassen, dem düsteren Fluß, dem gestirnten Himmel. - -Das war also alles, was Alice empfand! - -Sie hatte ihre Arbeit geleistet und erwartete ihre Belohnung. Kein Wort -für das Kind, kein Wort für ihn. - -Eine grausame Erbitterung stieg in ihm auf. Sie wurde von einer -Traurigkeit abgelöst, wie er sie lange nicht gefühlt. Wie aus dem -Nichts, ungerufen, aber voll und deutlich tauchte Marga vor ihm empor. -Marga als Mutter -- eine Welt von Innerlichkeit, von Gemüt, von -Schönheit und Liebe. Er preßte die Fäuste gegen die Schläfen; seine -ganze Energie spannte er an, um diese tödliche Vision abzuhalten, -fortzudrängen, zu vernichten. Es gelang ihm. Aber eine unerklärliche, -zornige Angst und Beklemmung blieb in ihm zurück. Es waren wieder -Alices Schalksaugen vor ihm, hinter die er zu dringen suchte. Und er -bebte vor dem, was er zu ergründen meinte. Er wies die Ahnung zurück. -Mit dem Rest seines dämonischen Nichtwollens warf er seine erwachende -Seele nieder ... - -Alice genas schnell und normal. Auch der Junge machte die besten -Fortschritte. Sie behandelte ihn sehr unterschiedlich: bisweilen -überhäufte sie ihn mit Zärtlichkeiten; ein andermal vergaß sie ihn -völlig. Beharrlich war sie dagegen in dem Wunsch, keinesfalls dem -Basar fernbleiben zu müssen. Die „Handarbeitsbude” hatte sie wieder -aufgegeben, die Musterauswahl zurückgeschickt, bald nach jener -Aussprache mit ihrem Mann: nicht etwa, weil er sie überzeugt hatte, -sondern weil sich ihr die Sache als zu mühselig erwies und nicht den -rechten Spaß machte. Ihre neuen Pläne hielt sie geheim: sie hatte -nur, schon während ihres Wochenbettes, regelmäßige Konferenzen mit -Edith Hammann. Gesundheitlich war gegen ihre Teilnahme kaum etwas -einzuwenden. Sie gedieh vorzüglich in ihrer koketten Krankenstube. Die -Taufe wurde für Anfang Januar festgesetzt. Der Junge sollte nach seinem -berühmten Großvater den Vornamen Benno erhalten. - -Seltsamerweise waren auch Perthes' Gedanken mehr bei dem unnützen -Basar als bei seinem Kind. Sie kristallisierten sich auf diesen -Punkt mit der Hartnäckigkeit einer fixen Idee. Mit dem verzweifelten -Eigensinn eines Mannes, der in seinem Glauben erschüttert ist, aber -sich nichts davon eingestehen möchte, beschloß er, Alices Liebe eine -Kraftprobe aufzuerlegen. Das Wohltätigkeitsfest war, unvorhergesehener -Schwierigkeiten halber, auf die zweite Hälfte des Januar verschoben -worden. Unter dem Weihnachtsbaum -- er hatte Alice überreich und -zartsinnig beschenkt -- erbat sich Perthes ihren Verzicht auf diese -kostspielige Veranstaltung, geradezu als Beweis der Liebe. Sie wollte -nichts davon hören, aber allmählich trug seine Beredsamkeit, die so -feurig sein konnte, den Sieg davon. In einem Wirbel von Liebkosungen -erstickte ihr Widerstand. Sie versprach, den Basar aufzugeben. - -Perthes war selig. Sein Glück schien ihm noch einmal bis in die Wolken -zu reichen ... - -Bennos Taufe wurde von den Schwiegereltern zu einem prunkenden -Familienfest ausgestaltet, das die niedliche Villa Perthes von oben bis -unten mit Gästen füllte. Außer den Eltern Hupfeld waren Leutnant Moritz -und Cousine Hilla da, Graf und Gräfin Hüningen, Professor Hammann und -Frau und viele andere. -- - -Perthes' Habilitationsschrift war vor Weihnachten fertig geworden -und eingereicht. Er arbeitete jetzt an seiner Antrittsvorlesung, die -wohl Anfang Februar folgen konnte. Er mußte sich tüchtig dranhalten, -um fertig zu werden. Alice, die die „schreckliche Paukerei” sehr -abgeschmackt fand, war wohlauf und verbrachte wieder, wie zuvor, die -meisten Stunden des Tages außer dem Hause. Perthes war seit ihrem -Weihnachtsversprechen völlig beruhigt und nachsichtiger denn je. -Sie waren beide zärtlich und einträchtig miteinander, so oft eine -halbe Stunde sie zusammenführte. Fragte er zufällig einmal, was sie -triebe, so lautete die regelmäßige Auskunft, daß sie mit Bubi bei den -Großeltern gewesen sei. Er fand das riesig nett für sie und die alten -Herrschaften und bedauerte nur, daß er selber seinen Jungen höchstens -einmal zwischen Tag und Dunkel in den Armen halten konnte. - -An einem der letzten Januarabende, als er mit einer Zigarre von der -Klinik die Allee am Fluß entlangschritt -- gemütlicher als sonst, denn -die Ausarbeitung seiner Antrittsvorlesung war in diesen Tagen fertig -geworden --, begegnete ihm Doktor Markwaldt. Er hatte den ehemaligen -Arbeitsgenossen vom Bakteriologischen Institut seit langem nicht -gesehen, denn in der klinischen Gesellschaft zeigte er sich, seit -er verheiratet war und an seinen wissenschaftlichen Nebenarbeiten -übergenug zu tun hatte, so gut wie gar nicht mehr. Die Begrüßung -war von Perthes' Seite sehr freundlich, von seiten Markwaldts noch -überdies sehr respektvoll, mit einer kleinen Dosis nicht schlecht -gemeinten, sondern eher bewundernden Spottes für den famosen Streber, -der seine klatschbeflissene Nußknackerei so lange zum Narren gehalten -hatte. Sie unterhielten sich eine Strecke Wegs. Vor der neuen Brücke, -wo sie sich, wie in alten Tagen, trennten, fühlte sich Markwaldt noch -zu einem Kompliment gedrungen. - -„Im übrigen, Herr Kollege, der indische Verkaufsstand Ihrer Frau -Gemahlin auf dem Basar -- einfach tadellos!” Er schnalzte voll -Anerkennung mit der Zunge. - -Perthes, der schon Markwaldts gepolsterte kleine Hand losgelassen, -blieb erstaunt stehen. - -„Sie wollen mir wohl zum Abschied eine Ihrer berüchtigten Neuigkeiten -aufschwatzen?” erklärte er ruhig und lachend. „Meine Frau ist ja gar -nicht dort.” - -„Na, da hört sich aber die totale Weltgeschichte auf! Wenn jemand -flunkert, sind -- verzeihen Sie mir -- Sie das! Vor noch nicht zwei -Stunden war ich in der Festhalle, um mir den Klimbim mal anzusehen und -habe von Ihrer Frau Gemahlin einen mächtigen indischen Topfscherben -- -vermutlich aus Berlin ~SO~ -- für unglaubliches Geld erstanden. Von der -Gräfin Hüningen --” - -Perthes war erdfahl geworden. - -Markwaldt, nichts ahnend, hielt inne und sah ihn dumm-verdutzt an. - -Doch schon im nächsten Moment hatte Perthes eine vorbeifahrende -Droschke angerufen. Mit einem hastigen „Entschuldigen Sie!” -verabschiedete er sich von dem fassungslosen Bakteriologen und saß im -Wagen. - -„Nach der Festhalle!” befahl er dem Kutscher. - -In fünf Minuten hielt der Wagen vor dem Portal. Wie er war, stürmte -Perthes die Treppe hinauf. Ohne Rücksicht auf das Geflüster der -festlich geschmückten jungen Mädchen, die im Vorraum die Köpfe -zusammensteckten, um dann, wie aus der Pistole geschossen, mit ihren -Programmbüchern, Konfitüren und Losen auf ihn zuzuschießen; ohne rechts -oder links einen der zahlreichen Bekannten zu begrüßen, ja ohne auch -nur, trotz des hellen Rufes der Kassiererin, eine Karte zu lösen, eilte -er in den Trubel des Saales und drängte sich beinahe barsch durch die -lachende, schwatzende Menschenmenge. Sein blasser, schwarzbärtiger -Kopf, in diesem Moment wirklich räuberhaft, überragte die meisten -Besucher. - -Bei einer der girlandenumwundenen Säulen, nahe der Komiteeloge mit -ihren Fahnen und Blumengewinden, blieb er stehen. Er hatte den -indischen Stand entdeckt. Inmitten eines Schwarmes von Käufern -- -Offizieren, Studenten, Akademikern -- sah er seine Frau. - -In einer glanzvollen Phantasierobe, lachend und schwatzend, verhandelte -sie eben über eine bronzene Vase mit dem schlitzäugigen Prinzen von -Siam, den er vom Feldberg kannte, und der gegenwärtig die byzantinisch -angebetete Zierde derer um Hupfeld war ... - -Der Schweiß trat ihm kalt auf die Stirn. Seine Augen schweiften, wie -Halt suchend, über das Gewirr der Menschen, an den Buden längs der -Wände hin. In einem Verkaufsstand glaubte er einen Augenblick neben -Frau Geheimrat Achenbach Marga und Elli Richthoff zu erkennen. Es war -nur eine Fiktion. Seine Zähne knirschten. Er drehte sich gewaltsam -um. Er spürte, wie seine Leidenschaftlichkeit in ihm aufwallte. Seine -Liebe für Alice war immer ein eigenartiges Gemisch widerstrebender -Empfindungen gewesen. Heute brach die Wut, unstreitig die Wut aus ihm -hervor. Er hätte auf Alice zustürzen, er hätte sie zu Boden schlagen -können. Der Haß des Edeltieres Mann gegen das Ewigweibliche im Sinn des -Ewigtierischen verdunkelte seinen Sinn. Mit dem letzten Aufwand seiner -Energie rannte er aus dem Saal, wie er gekommen war. Er erreichte sein -Haus, ohne zu wissen wie ... - -Frau Perthes, die von seinem unerwarteten Auftauchen Kunde erhalten, -zog es vor, bei ihren Eltern zu übernachten. Sie war überzeugt, daß -sein Groll bis zum Morgen verraucht sein würde. So ein Pech! Sie hatte -sich so sicher geglaubt! Wie war er, der sich um nichts dergleichen -mehr gekümmert, nur auf den Einfall gekommen, in die Festhalle zu -gehen! Gott -- erfahren hätte er es wohl auch so. Bestenfalls konnte er -jetzt etwas länger grollen ... - -Perthes ließ sich am anderen Morgen auf der Klinik „verhindert” melden. -Er wartete auf Alice. - -Seine heiße Wut hatte einer kälteren, bestimmteren Platz gemacht. - -Vergnügt, gleichgültig, spitzbübisch, als wäre nichts geschehen, kam -sie gegen Mittag heim. - -Er stellte sie mit dürren Worten zur Rede. Sie blieb höchst gelassen. -Du lieber Himmel, sie hatte das dumme, überspönige Versprechen von -Weihnachten nicht so ernst genommen! Sie hatte ihn ja weiter gar nicht -mehr belästigt. Was wollte er denn überhaupt? Die ganze Ausstattung der -indischen Bude hatte sie sich von Papa schenken lassen! Damit war doch -die Sache erledigt ... - -Perthes war angesichts ihrer vollendeten Skrupellosigkeit, dieser -moralischen Stumpfheit einer unschuldigen kleinen Wilden, eines -verbildeten, unartigen Kindes sprachlos. Er wollte aufbrausen. Aber -sein Zorn fiel in sich zusammen. Seine Stimme versagte. Was er da vor -sich hatte: das war ja die immer gesuchte, immer wieder vertuschte und -verschobene Lösung des Rätsels. Hinter den lockenden Irrlichtaugen, den -Gamingrimassen, den tollen Gassensprüngen -- die Leere! die vollendete -Hohlheit! Er hatte seinen Irrwisch in der Hand: es war ein kleines, -schwarzes, unscheinbares Nichts, von dem niemand begriff, wie es zu -seinem Leuchten kam ... - -Er schickte Alice weg. - -Hier war nichts mehr zu ändern. Hier gab es nur eines: handeln. Die -Umgebung, vielleicht war es nur die Umgebung, die sie ruinierte. Aus -ihr mußte sie heraus. Mit ihm. Mit dem Kind, ehe sie auch dieses -vernachlässigte oder gar mit ihrer Oberflächlichkeit ansteckte! - -Mit der Heftigkeit seines Temperaments drang er vom Entschluß zur Tat. - -Am Nachmittag ging er zu Hupfelds. - -Exzellenz war gerade von einer Reise zurückgekommen, von einer -auswärtigen Konsultation, die ihn sehr abgespannt hatte. Eigentlich -empfing er niemand. Ziemlich widerwillig machte er mit seinem -Schwiegersohn eine Ausnahme. - -Als Perthes eintrat, lag er auf seinem Diwan ausgestreckt. Mit -überlegener, etwas nervöser Ruhe hörte er den Sachverhalt an. Er konnte -die Aufregung des „lieben Jungen” verstehen. Er verstand ja alles. Er -sagte ihm das, fügte aber hinzu, man müßte gerecht sein. Das „arme -Kind” brauchte nun mal seine Extravaganzen. Im übrigen würde die Ehe -das Ihrige tun, um sie noch mehr zu zähmen, seine Hummel. Mein Gott, -das waren so die kleinen Evolutionen, die jede Ehe durchmachte! Nur sie -nicht als Revolution betrachten! Dadurch machte man sie erst dazu! - -Perthes hörte ehrerbietig zu. Aber er opponierte. Er glaubte aus den -und den Gründen, daß die Sache ernsthaft sei. Er hatte noch immer -nicht begriffen, daß „Ernst” im Hause Hupfeld nur eine höchst relative -Größe war. Und er rückte geradeswegs mit seinem Wunsch heraus: Der -Geheime Rat solle einwilligen, daß er mit Alice nach auswärts ginge, -wenn es nur für ein paar Jahre wäre. Eine andere Assistenz oder eine -Anstaltsleitung ließe sich gewiß für ihn finden. - -Hupfeld sah seinen Schwiegersohn groß an. So, wie man jemand ansieht, -an dessen normalem Befinden man zweifelt. - -„Lieber Junge,” begann er dann herablassend und mild, „du bist -überreizt. Das sind -- verzeih -- das sind Ausgeburten eben einer -überreizten Phantasie. Du hast dir das auch nicht ernstlich überlegt. -Erstens kann ich es als Vater nicht zulassen. Wir wollen Alli nicht -entbehren. Zweitens brauch' ich meinen Assistenten. Drittens würde -damit deine ganze Laufbahn in Frage gestellt. Was du selbst einsehen -mußt.” - -Perthes sah nichts ein. Hartnäckig blieb er bei seinem Wunsch. Er -brachte ihn mit Nachdruck, beinahe heftig, von neuem vor. Er wollte und -mußte weg von hier, um Alices, des Kindes und um seinetwillen. - -Exzellenz richtete sich halb vom Diwan auf. In den blassen Augen -schimmerte ein grüner, zorniger Blitz. Die hohe, leere Stirn faltete -sich und die sonst so getragene Stimme wurde unangenehm scharf, fast -bösartig. - -„Niemals!” erklärte er mit der abschneidenden Gebärde des großen -Mannes. „Davon wünsche ich nichts mehr zu hören! Niemals!” Und mit -einer Bonhomie, die verletzender war als dieser herrische Zorn, weil -sie Perthes kraß seine Stellung gegenüber dem Mann zeigte, der ihn -„gemacht” hatte, setzte Exzellenz nach einer Pause hinzu: „So haben wir -nicht gewettet, mein lieber Junge! Merk dir das gefälligst! Und laß -mich jetzt ausruhen! Ich bin halb tot! Adieu!” Er reichte Perthes die -berühmte, molluskenweiche Hand, die dieser frostig berührte. - -Die Audienz war beendet. - -Als Perthes wieder auf der Straße war, war er versucht, seine Arme -zu heben, zu schütteln. Mußte man nicht die Ketten klirren hören, -die er sich selber geschmiedet? In denen er sich selber gefangen? -Er -- der Streber mit Willen! Gefangen, zusammengekettet mit einem -leuchtenden Nichts! Er mit seinem verwundeten, niedergetretenen Stolz! -Mit seiner Seele, die er sich abgeschafft und die sich doch nicht -abschaffen ließ, sondern klagte, forderte, rief und schrie! ... Seine -Leidenschaftlichkeit half ihm nichts mehr. Die dämonische Lust half -nicht mehr. Es gab kein Springen mehr. Er mußte schreiten. Was er sein -ganzes Leben nicht gekonnt: jetzt mußte er es können! Und er lernte -es. Jahraus, jahrein besser -- und für ein ganzes Leben, wenn es sein -sollte. - -Noch im Spätherbst, nach der Habilitation, verschaffte ihm sein -Schwiegervater ein Douceur. Für die rauhe Weigerung gewissermaßen ein -liebenswürdiges Heilpflaster. Er erhielt den Titel außerordentlicher -Professor. Schon anderthalb Jahre später wurde er etatmäßig. - -Doktor Max Perthes, etatmäßiger außerordentlicher Professor an der -Universität ..., erster Assistent an der Chirurgischen Klinik und -stellvertretender Leiter. Wie hübsch das klang! Er hatte Karriere -gemacht ... - - - - -18 - - -Der Kindergarten in der Bergfelderstraße gedieh. - -Im ersten Jahr mußte man noch vom Kapital zusetzen. Im zweiten -verdiente man und hätte mehr verdient, wenn nicht eine Scharlachepidemie -die Kleinen ferngehalten hätte. Im dritten hatten, einer ernsthaften -Konkurrenz zum Trotz, Marga und Elli Richthoff „den” Kindergarten für -die Herrchen und Dämchen der besseren Gesellschaft. Das bescheidene, -aber für sie so wichtige Werk war gelungen. - -Nicht zuletzt war es nach wie vor der feste und treue Rückhalt an -den Freunden des einstigen Hauses am Wenzelsberg, der den Schwestern -ihre Stellung auch äußerlich erleichterte. Sie bewegten sich frei und -gleichberechtigt im alten gesellschaftlichen Kreis, und die Achtung, -die sie dort genossen, wirkte auch bei Fernerstehenden nach. Jene -kleinen, oft schmerzhaften Schikanen und Zurücksetzungen, mit denen -die Gesellschaft noch manchmal die Frauen bedenkt, die sich mutig auf -ihre eigenen Füße stellen, blieben ihnen so gut wie ganz erspart. -Die Jahre gaben ihnen in dem Häuschen an der Bergfelderstraße ein -richtiges, behagliches Heimgefühl, und sie konnten sich ihr Leben ohne -die erfrischende Tätigkeit, ohne die Freiheit innen und außen kaum mehr -denken. - -Marga war jetzt längst stark und klar genug, um auch die Erinnerung an -die Vergangenheit nicht mehr zu scheuen. Sie gedachte ihrer Liebe und -ihres Leids ohne Bitterkeit. Elli hatte es lange vermieden, von sich -aus an jene Geschehnisse zu rühren. Als ihr dann zufällig einmal ein -Wort entschlüpfte, das auf den Sommer in der Mühle Bezug hatte, wollte -sie darüber forteilen. Aber Marga knüpfte selbst an ihre Bemerkung -an, und seither sprachen sie mehr als einmal darüber, und je mehr -die Zeit sie davon entfernte, um so geklärter und gelassener. Nicht -nur ihre eigenen Gefühle, sondern auch den Mann, der sie ihr gegeben -und genommen, sah sie in gerechtem und versöhnendem Licht. Sie hatte -begriffen, daß jene Liebe -- die Wonne, die sie ihr geschenkt, und das -Weh, das sie ihr bereitet -- für sie ein Stück notwendiger Entwicklung -hatte sein sollen: sie wollte keines von beiden missen. Mußte es für -ihn nicht dasselbe gewesen sein? Wenn Elli Perthes' Charakterlosigkeit, -seinen treulosen Verrat, seine Unaufrichtigkeit und unverantwortliche -Schuld mit den ihr eigenen Kraftausdrücken belegte, ließ es Marga nicht -gelten. Ihr gereiftes Urteil verstand gerade das Herbste, das, was -Elli am entschiedensten verdammte: seine jähe Wendung von ihr zu einer -so anders gearteten Frau, einer der Richthoffschen so unähnlichen und -entgegengesetzten Welt. Sie verstand sie aus den tiefen Gegensätzen -seiner damals nur scheinbar, nur mit Gewaltsamkeit ausgeglichenen -Natur. Sie ahnte, was er schon in seinem Abschiedsbrief angedeutet: -Perthes hatte Seite an Seite mit ihr zu einem höheren, innerlicheren -Menschentum emporgestrebt. Aber er hatte sich über seine Kraft -getäuscht, als er den Zwiespalt in sich niederhalten wollte. Er konnte -sein Naturell nicht zum Gleichschritt mit ihr, und darum auch überhaupt -nicht in ihre Bahn zwingen. Als er das eingesehen, war er mit einem -verzweifelten Entschluß in ein anderes Geleise gesprungen, das ihn nach -der entgegengesetzten Seite führte. - -Ob Perthes dort gedieh? Ob er die ihm angemessene Bahn gefunden? Ob ihn -diese Bahn abwärts mitnahm oder auf einem schweren Umweg auch zu einer -Höhe, zu seiner Höhe führte? Vor solchen Fragen machte Marga halt. Sie -wollte nur das Notwendige auch für ihn als Notwendiges anerkennen und -achten. Weiter durfte sie nicht denken. Das verbot ihr ihr Stolz. - -Sie forschte nie nach ihm. Das Äußerliche seines Lebens trug ihr ab und -zu ein Gespräch oder eine Bemerkung anderer zu. Dafür war die Stadt zu -klein, die akademische Gesellschaft, trotz ihrer verschiedenen, sich -gegeneinander abschließenden Sphären zu eng, als daß es hätte anders -sein können. Daß er verheiratet war, daß er ein oder zwei Kinder hatte, -das er sich habilitiert hatte und jetzt Professor war, das waren Dinge, -die sie hörte wie eine Fremde von einem Fremden. Gleichgültige Dinge, -die nicht bis in ihre große Stille drangen. -- - -Bei einem kleinen Zwischenfall sollte Marga nach Jahren beweisen, -daß ihr inneres Gleichgewicht kein gemachtes, sondern ein echtes und -dauerndes war. - -Es war an einem Vormittag im späten Frühling. Die Kleinen waren -eben aus ihrer fröhlichen Schule abgezogen. Elli und Marga saßen in -behaglichen Liegestühlen im Grasgarten unter den Bäumen, die ihre -letzten Blüten auf die dichten Grasbüschel streuten, und plauderten. -Da meldete das Dienstmädchen, das sie sich jetzt zur ständigen Hilfe -leisten konnten, eine Dame mit ihrem Jungen. - -Elli, die die Anmeldungsgeschäfte gewöhnlich erledigte, stand auf und -ging nach vorn. - -Das Zimmer zwischen Wohnzimmer und Schulstube diente zum Empfang. Dort -erwartete die Dame sie und erhob sich bei ihrem Eintritt vom Sofa, -während ein Junge, ein kräftiges Bürschchen mit großen schwarzen Augen, -einer kecken Stupsnase und zottigen, schwarzen Haaren, sehr resolut auf -seinem Stuhl sitzen blieb. Elli glaubte sie nicht zu kennen. - -„Frau Alice Perthes!” stellte sie sich mit leichtem Nicken vor. „Ich -komme, um Ihnen meinen Jungen vorzuführen,” fuhr sie in kühlem, etwas -herablassendem Ton fort. „Der kleine Kerl soll etwas Räson lernen -- er -wird meinem Mann und mir zu wild.” Das „meinem Mann” erfand sie. Denn -Perthes wußte nichts von diesem Schritt seiner Frau. Sie folgte da nur -ihrer Laune und dem Bedürfnis, durch das Kind nicht belästigt zu sein. - -Elli war zuerst betreten. Sie erinnerte sich jetzt sofort dieses -beweglichen Gesichts mit seinen glimmenden Augen, der gestülpten -Nase, dem spottsüchtigen Mund, das ihr ja vom Sehen bekannt war. Es -war für sie eine ausgemachte Sache, daß sie diese Frau Perthes mit -ihrem Sprößling abwimmeln würde. Mit der Sicherheit, mit der Frauen, -besonders solche, die keinen Grund haben, sich wohlgesinnt zu sein, -einander durchschauen, erriet sie, daß von Alices Seite auch eine -frivole Neugierde mit im Spiel war. Sie wollte sich bei der Gelegenheit -so ~en passant~ mal diese Richthoffs, von denen die eine ihres -Mannes Flamme gewesen, etwas näher ansehen. Das prickelte in den -umherschweifenden Augen ... - -„Sie kommen leider zu keiner ganz glücklichen Zeit, gnädige Frau,” -erklärte Elli korrekt, aber rund heraus, nachdem sie ihr gegenüber -Platz genommen. - -„Wieso?” fragte Alice. - -„Wir haben für das laufende Halbjahr schon so viele Kinder angenommen, -daß es beim besten Willen nicht gehen wird.” - -„Sie werden mich doch nicht abweisen wollen, Fräulein?” Alice lächelte -und sah Elli malitiös und ungläubig an. Sie hatte heraus, daß es -sich um eine Ausrede handelte und war jetzt erst recht entschlossen, -beharrlich zu sein. Sie versuchte sich noch entschiedener in der -gönnerhaften Selbstgewißheit der großen Dame. Man hatte ihr den -Richthoffschen Kindergarten empfohlen. Sie ließ die Namen von Exzellenz -Papa, den gräflichen Herrschaften von Hüningen beiläufig einfließen -und wollte Elli offenbar klar machen, daß die beiden Fräuleins sich -nur geschmeichelt fühlen dürften, wenn sie ihren Jungen brächte. Sie -stellte die Protektion gewisser erster Kreise in verlockende Aussicht. - -Das hieß bei Elli gerade Öl ins Feuer gießen. Sie wäre am liebsten grob -geworden. Die hochtrabende Manier, die Alice sich gegen die Töchter -eines Kollegen ihres Vaters herausnahm, reizte sie. Doch sie besann -sich. Sie ließ Alice ausreden. Der Schalk in ihr siegte über den Unmut, -den sie empfand. - -„Aber das hilft ja alles nichts,” sagte sie dann vergnügt. „Und wenn -Sie uns einen leibhaftigen Prinzen brächten, gnädige Frau, wir haben -uns mal vorgenommen, mehr Kinder einstweilen nicht aufzunehmen. Es -wird nicht gehen!” Sie wechselte mit Frau Perthes einen Blick, der -diese nicht im Zweifel lassen konnte, daß ihr die Exzellenzen und -Grafen ganz und gar nicht imponierten. - -Der Junge, der aufmerksam zugehört hatte, kletterte von seinem Stuhl -herunter. Ihm schien die Sache jetzt reif für seine persönliche -Einmischung. Er erklärte auf eigene Faust, sehr flott und selbstbewußt: -„Denn nicht! Komm, Mama! Ich will fort!” - -Das „Denn nicht” hatte er jedenfalls von seiner Mama gelernt. Alice -selbst, die über die Entscheidung ihres Jungen boshaft lächelte, hätte -am liebsten auch mit einem geringschätzigen „Denn nicht” das Feld -geräumt. Aber ihre ursprüngliche Absicht, den Jungen, der im Haus -lästig wurde, los zu werden, war ihr nun doch zu wichtig. Gewandt -wie sie war, unterdrückte sie ihren Ärger. Sie gab dem Kleinen einen -leichten Klaps für seine Ungezogenheit und verlegte sich aufs Bitten. -Sie wurde beinahe zutraulich. Allerhand Reisen standen ihr bevor. Sie -war gesellschaftlich sehr in Anspruch genommen. Sein Vater hatte wenig -oder gar keine Zeit für den Jungen. Das Kinderfräulein würde nicht -immer mit ihm fertig. Kurz: sie wünschte, daß er einige Stunden am Tag -unter guter Aufsicht war und etwas Sitzleder bekam. - -„Ich denke, Sie werden ihn trotz der Überfüllung nehmen!” schloß sie, -bedeutend liebenswürdiger und zuvorkommender, als sie begonnen. - -Elli blieb gleichwohl fest. Sie wollte nicht. - -Für sich und noch mehr für Marga sträubte sich ihr Gefühl gegen die -Aufnahme gerade dieses Perthesschen Jungen, die überdies nur dem -eigensüchtigsten Wunsch der Mutter dienen sollte. Sie machte kein Hehl -daraus, daß ihre Schule den Kindern nicht das Heim ersetzen könne noch -wolle. Zudem schien ihr der Junge -- so aufgeweckt und kräftig er war, -mochte er noch nicht vier Jahre zählen -- entschieden zu jung. Sie -nahmen grundsätzlich keine zu kleinen Kinder mehr. Und dann führte sie -noch einen ganzen Wall von anderen Gründen auf, um nur unter keinen -Umständen nachgeben zu müssen. - -Alice Perthes war im Begriff, mit einer unartigen Wendung nun doch die -Verhandlung abzubrechen und ihrerseits zu danken, als sie nebenan, in -der Klasse, zu der die Tür angelehnt war, Schritte hörte. - -„Elli,” ertönte es von dort mit gedämpfter, fragender Stimme. - -Es war Marga, die sich das lange Ausbleiben Ellis nicht erklären konnte -und sie an einen Besuch bei Wilmanns, den sie beide vor Tisch noch zu -machen hatten, erinnern wollte. - -Elli und Alice erhoben sich gleichzeitig. - -Elli hatte keinen anderen Gedanken, als dies Zusammentreffen zu -verhindern. - -Aber Alice war die Besonnenere und Entschlossenere. - -„Ihre Fräulein Schwester wird vielleicht nicht ganz so hartnäckig -sein!” meinte sie lächelnd. - -Auf die Gefahr hin, unfreundlich zu werden, wollte Elli dazwischen -treten. Aber Frau Perthes hatte schon die angelehnte Tür geöffnet. -Und da stand Marga, ihr gegenüber, nichts ahnend, ruhig, nur nach dem -Geräusch der Stimmen und Bewegungen in ihr Dunkel lauschend. - -Wie um sie zu schirmen, flog Elli an dem verhaßten Eindringling vorbei -auf die Schwester zu. Sie war bleich vor ohnmächtiger Wut. - -„Marga, ich sagte der Dame schon, daß wir unmöglich, so leid es uns -tut, noch ein Kind annehmen können,” stieß sie erregt hervor. Sie hatte -ihren Arm von rückwärts auf Margas Schulter gelegt und suchte ihr durch -den Druck ihrer Hand irgend ein Zeichen zu geben. - -Der kleine Junge, der erst neugierig vorgetreten war, zog sich vor den -fremden, blicklosen Augen Margas mit der allen Kindern eigenen Scheu -vor dem Ungewohnten hinter seine Mutter zurück. - -Alice, die die Blinde mit einem Gemisch von Interesse und Befriedigung -durch ihren bekannten Blick von unten nach oben gemessen, ließ sich -durch nichts beirren. - -„Sie vergessen Ihrer Fräulein Schwester zu sagen, wer ich bin,” -bemerkte sie halb höflich, halb spöttisch zu Elli. Sie war -nicht bösartig. Aber in diesem Moment verfiel sie dem kleinen, -niederträchtigen Weibsteufel, dem Frauen unter sich und zumal unter -ähnlichen Umständen kaum wehren können. „Alice Perthes”, sagte sie -mit eigentümlich klangvoller Betonung, die sonst ihrer hastigen, -schnoddrigen Redeweise durchaus fremd war. - -Das Geschoß war abgeschnellt. - -Elli ließ trostlos, empört die Arme sinken. Sie hatte es nicht hindern -können. Unruhig und ängstlich wanderten ihre Blicke zwischen Alice und -der Schwester hin und her. - -Der kleine Benno stand jetzt mit seinen großen, schwarzen Augen mutig -neben seiner Mutter, fuchtelte mit seinem Spazierstöckchen und setzte -dann eigenmächtig den breitrandigen Strohhut auf, den er vorher in der -Hand gehalten. - -Marga hatte die Farbe gewechselt. Ihre Augen hatten sich auf den Boden -geheftet. Sie fühlte auf sich den herausfordernden Blick dieser Frau, -die sie nicht kannte und die ihr das Glück ihres Lebens zerstört hatte. -Alte Gefühle des Schmerzes und der Bitterkeit drangen in einer heißen -Welle zu ihrem Herzen und zerkrampften es, als wollten sie ihren Mut, -ihre Haltung vernichten. Aber die Welle brach sich an ihrem Willen. - -Einige Sekunden hatte das unbehagliche Schweigen gedauert. - -„Ich glaube, wir könnten den kleinen Mann doch noch aufnehmen, Elli,” -sagte Marga dann gelassen und fest. Nur ihr bewegterer Atem ließ eine -vorausgegangene Erschütterung erraten. „Meine Schwester hat wohl -vergessen, daß heute morgen ein Mädchen abgemeldet wurde. Es wird -gehen, nicht wahr, Elli? Wenn Sie uns den Jungen anvertrauen wollen, -bitte ich darum, gnädige Frau!” Sie sprach jetzt so klar und korrekt, -als gelte es eine abgemachte, rein geschäftliche Sache höflich zu -beendigen. - -Alice war nicht leicht zu verblüffen. Aber diese Ruhe und sanfte -Bestimmtheit, wo sie eine pikante, demütigende Verwirrung erwartet -hatte, war so sehr der Gegensatz ihres eigenen zerfahrenen Wesens, daß -sie eine gewisse Verlegenheit nicht unterdrücken konnte. - -Mit einem höflichen „Ich danke Ihnen, ich werde meinen Jungen morgen -schicken,” verbeugte sie sich und nahm den Kleinen bei der Hand. - -Vor der Tür drehte sie sich noch einmal um. - -„Um wieviel Uhr doch gleich?” fragte sie mit einer halben Wendung -des Gesichts, mit dem wiedergewonnenen Ausdruck ihrer unzerstörbaren -Nonchalance, der zeigte, daß ihre Gedanken über dies Intermezzo schon -hinwegeilten. - -„Im Sommer um neun Uhr,” gab Marga zurück. - -Als sich die Tür hinter Alice Perthes geschlossen, stürzte Elli außer -sich an Margas Hals. - -„Aber Margakind! Was hast du da gemacht?! Wie konntest du diese -abscheuliche Person, die ich glücklich abgewimmelt hatte, diesen -verzogenen, ungebärdigen Bengel von einem Jungen -- ich versteh' dich -nicht! Ich mache nicht mit! Ich will nicht! Wie konntest du nur?” Sie -zitterte vor Aufregung und Empörung. - -Marga zog sie mit einem verlorenen Lächeln noch enger an sich. - -„Verstehst du das wirklich nicht, Kleinchen?” fragte sie leis. - -Und Elli sah zu ihr auf, in ihre Augen, die mit der Sicherheit eines -Sehenden eine weite unendliche Ferne faßten, mit der ihre Stille eins -war. - -Und sie verstand Marga ... - -Am anderen Morgen kam der kleine Perthes mit seinem Kinderfräulein. - -Er war wild, jähzornig, eigenwillig. Aber er war nicht der erste seiner -Art und nicht der letzte. Zwei, drei Wochen konnte das vielleicht -dauern. Dann saß er da und lauschte, sprang und sang, jubelte und -spielte, ein harmloses Kind wie die anderen. Was bedeutete da noch sein -Name? - - - - -19 - - -Der Geheime Rat hatte seinen Schwiegersohn im Automobil an die Bahn -gebracht. - -Perthes war zu einer Konsultation nach Konstanz berufen worden. Da -Hupfeld in diesen Tagen seinen Sommerurlaub antreten und zunächst -auf Nieburg, späterhin irgendwo in der Schweiz oder Tirol möglichst -ungeschoren sein wollte, gab es zwischen beiden noch allerhand zu -besprechen. - -Seite an Seite schritten sie auf dem Bahndamm auf und ab, ganz in ein -berufliches Gespräch vertieft. - -Hupfelds hohe Gestalt, mit den Jahren etwas vornübergebeugt, aber -immer noch sehr repräsentativ mit dem glatten, ebenmäßigen Gesicht, -den gebietenden Gebärden, dem verjüngenden blauen Jackettanzug, machte -Aufsehen wie immer. Der nicht ganz so große Professor Perthes in seinem -Reisehabit aus grauem Loden wirkte nicht so distinguiert und hatte -nichts von der weltmännischen Liberalität der Exzellenz. Die frühere -gesunde Bräune seines Teints hatte einen bleiernen Ton bekommen. -Der Ausdruck der Züge hatte die einstige jugendlich-unbekümmerte -Brigantenhaftigkeit verloren. Ein starrer Ernst gab ihm auf dem ersten -Blick einen abweisenden, fast hochmütigen Anschein. Doch dagegen zeugte -das tiefe Auge, das noch immer, wenn auch selten und mit Beherrschung, -in dunklem Feuer aufleuchten konnte. Wenn er mit wiederholter, hastiger -Gebärde die Mütze lüftete und sich über die dichten, schwarzen Haare -fuhr, las man auf der Stirn aus starren, rissigen Falten ebenso viel -rastlose geistige Arbeit wie in sich verschlossene Bitternis. Der Mund -hätte die gleiche Sprache gesprochen, wäre er nicht in dem krausen -Bart zurückgetreten, dem sich da und dort frühgraue Fäden eingesponnen -hatten. - -Es wurde zum Einsteigen abgerufen. - -Hupfeld und Perthes verabschiedeten sich mit einem Händedruck, -der mehr korrekt als herzlich war. Während der ~D~-Zug aus der -Halle rollte, schritt der Geheime Rat den Bahnsteig zurück nach -seinem Automobil. Auf der Fahrt zur letzten Fakultätssitzung des -Sommersemesters saß er nachdenklich in seiner Ecke. Ohne einen Gruß -zu versäumen, dachte er an seinen Schwiegersohn. Nach dem Ausdruck -seiner Mienen waren es nicht ausschließlich freundliche Gedanken, -die ihn beschäftigten. Diese Konsultationen nach auswärts, die durch -den steigenden Ruf des Jüngeren sich mehrten, begannen ihm lästig zu -werden. Seine Eitelkeit, die wahrhaftig in einem Leben voll glänzender -Erfolge auf ihre Kosten gekommen war, witterte längst in Perthes den -Kommenden, der ihn, den Gehenden, vielleicht abzulösen berufen war. -Er hatte die Fähigkeiten des um mehr als eine Generation jüngeren -Mannes „entdeckt”, wie er sich schmeichelte. Er hatte ihn „gemacht”. -Vielleicht würde er gegenüber seinem Schwiegersohn Regungen der -Mißgunst doch unterdrückt haben; vielleicht hätte er sich sogar mit -den Jahren direkt überwinden und seinen Nachfolger selbst auf den -Schild heben können. Aber die Ehe seiner Tochter -- das konnte auch -ihm, dem Optimisten, längst kein Geheimnis mehr sein -- war nicht, was -er sich und Alli gewünscht hatte. Der junge Mann, den er „gemacht” -hatte, entwickelte einen Charakter, dem nach seiner Auffassung die -Weite und Freiheit weltmännischen Denkens abging. Als ewig nachgiebiger -Vater stand er durchaus auf seiten seines Kindes. Alices skrupellose -Lebenslust war ein Zug seines eigenen Wesens, wenn er auch in ihm sich -stilisiert hatte. Ihre spitzbübische, spottsüchtige, wechsellüsterne -Art zeugte von Humor, Gesundheit des Geistes, jugendlicher Frische. -Dagegen sah er bei Perthes eine Rechtschaffenheit, ja trockene -Ledernheit -- besonders in wirtschaftlichen Fragen, die ihm kleinlich -vorkam. Er traf sich mit Alli durchaus in einer Auffassung, die in -jeder konsequenten Folgerichtigkeit und Festigkeit nur Pedanterie und -Spießertum belächelte. Wie oft beklagte er in seinen Gesprächen mit der -körperlich immer schwerfälligeren Mama Hupfeld das „arme Kind”. Bei -dieser Klage war er auch in seinen Reflexionen angelangt, als sein Auto -vor der Universität hielt. Er versäumte trotzdem nicht, dem strammen -Pedellen, der mit gezogener Mütze in Front stand, huldvoll zuzunicken, -während er ausstieg. Durch die Gruppen grüßender und starrender -Studenten schritt er fürstlich nach dem Fakultätszimmer, wo die Korona -der Kollegen das große Tier noch eben durchgehechelt hatte, nun aber -mit übertriebener Ehrerbietung empfing. -- - -Perthes fuhr inzwischen in seinem ~D~-Zug südwärts. - -Er saß allein in seinem Abteil. Reichlich mit wissenschaftlichem -Lesestoff versehen, kümmerte er sich nicht um die sommerlich-frohe -Natur vor den Fenstern. Er war ja früher ein leidenschaftlicher -Naturliebhaber gewesen. Wie oft hatte er auf einer Fußwanderung, wie -oft rudernd und sportbeflissen sich seinen seelischen Gleichmut wieder -herzustellen gesucht. Er hatte sich diese Naturschwärmerei abgewöhnt. -Wie er sich im Lauf der Jahre auch die seelischen Aufregungen -abgewöhnt hatte. Nicht von heute auf morgen; auch nicht mühelos und -leicht. Es hatte Kämpfe gekostet. Sein explosives Temperament gab -sich nach den ersten Enttäuschungen seiner Ehe nicht zufrieden: -Perioden der Gleichgültigkeit wechselten mit solchen lauter, zorniger -Auflehnung; Perioden blinder Verliebtheit mit anderen, in denen -er Alice durch Güte, Vernunft, eiserne Strenge erziehen wollte. -Vorübergehend meinte er die Quelle alles Übels in der Umgebung zu -sehen, die ihn selbst zuerst bestochen hatte. In sich hatte er längst -die Freude an all dem blendenden, geselligen Treiben ausgerottet. -Dabei half ihm die wachsende Arbeit. Aber es kostete ihn doch mehr, -als er sich je gestand. Er hatte von Natur nichts weniger als die -Anlage zur Einseitigkeit. Eine gewisse Besonderheit hatte er immer -geliebt. Doch sie war himmelweit entfernt von jenem Philistertum, -das man mit Recht so nannte. Um Alices willen stritt er gegen dies -Milieu mit seiner öden Oberflächlichkeit, seinem Taumel der Mode und -Sensation, seiner erlogenen Freiheit und Götzendienerei des Geldes, -der Grafenkronen, der Flottheit und Zeitgemäßheit um jeden Preis. Doch -sie -- sie dachte nicht daran, sich ihrem Element abspenstig machen -zu lassen. Mit ihrer Geschmeidigkeit, ihrer mehr als vorurteilslosen -Bosheit, ihrem girrenden Lachen widerstand sie allen Versuchen, -sie zu ändern. Sie wollte so sein, wie sie war, weil sie gar nicht -anders konnte. Sie entwand sich ihm und schnitt eine Grimasse gegen -seine besten Absichten. Die Erkennung, die dauernde und absolute, -vollendete sich. Der Räuberhauptmann war ihr ein gräulicher Philister, -ein lebensfeindlicher Grämling geworden. Hinter dem Irrlicht sah -er, nüchtern und für immer, das seelenlose Nichts. Noch eine Spanne -argwöhnischen Belauerns -- und eines ging kühl und fremd neben dem -anderen, überließ es seiner Torheit, lebte nur noch für sich und in -sich selbst. - -Alice war nicht zu entwickeln und entwickelte sich nicht. Aber er, -Perthes, vollzog mit sich eine langsame, qualvolle Wandlung. Die -Gebundenheit, unerbittlich wie die öde ziehenden Jahre, zwang ihn -zu einer strengen Beherrschung, die sich im Anfang von Stunde zu -Stunde üben mußte. Er lernte mit Schmerzen den Schritt, er, dessen -gegensatzvolle Natur nur immer den Sprung gekannt hatte. Ohne seinen -Beruf, ohne die peinlich gepflegte, später natürliche und echte -Liebe zur Wissenschaft hätte er diese aufreibende Wandlung nicht -durchgehalten. Er wäre verzweifelt und verkommen. So war ihm die -Umbildung gelungen. Er ging in seinem nur geistigen Dasein, seiner -einseitigen Starre eines Gelehrten wie in einer Rüstung. Freilich war -sie schwer; sie litt kein Rechts und Links, keine heftige Bewegung -nach außen und innen. Seine Sinne hatten zu schlafen und erst recht -seine Seele. Da gab es keine Vergangenheit. Da gab es keine Natur, wie -die, die sonnig mit tannenschwarzen Tälern, mit bunten Wiesen, mit -goldgelben Kornhängen am Fenster des Zuges vorbeiflog. Er war blind. -Viel blinder als jemand, den er gekannt -- vor langer, langer Zeit ... - -In Konstanz hatte Perthes noch am Abend die Konsultation, zu der man -ihn gerufen. - -Am anderen Morgen rettete er dank seiner richtigen Diagnose und der -Kraft seiner Hand das Leben eines zwanzigjährigen jungen Menschen. -Mit dem gutmütigen Lächeln, das seine starken weißen Zähne unter dem -Bart vorblinken ließ, diesem Lächeln, das er so selten und nur noch im -Beruf, in einem Moment selbstvergessener Zufriedenheit fand, konnte er -dem geängstigten Vater im Vestibül der Klinik die nach menschlichem -Ermessen geglückte Rettung mitteilen. - -Er entzog sich den lebhaften Danksagungen. Aber sie klangen mit der -Freude über die gelungene Operation doch noch in ihm nach, als er -später durch die alten, ehrwürdigen Straßen von Konstanz schlenderte. -Er mußte einen Abendzug abwarten. Was er sich sonst kaum vergönnen -wollte und konnte, ein paar müßige Stunden, sie wurden ihm hier -aufgedrängt. Er hatte es seit langem aufgegeben, seinen Stimmungen -nachzuhängen. Aber auf der Terrasse des Inselhotels und nachher am -Hafen, beim Blick auf die sanfte, klare Wasserfläche, überraschte -ihn, den Entwöhnten, ein weiches, versöhnliches Gefühl. Einer jener -Augenblicke, in denen ein Hauch der Ewigkeit alle Bitterkeit von -Menschen und Verhältnissen wegzuspülen scheint. Er überließ sich halb -schmerzlichen, halb süßen Träumereien. Gab es keine, auch nicht eine -Möglichkeit des Glücks, in der er und die Frau, die er nun einmal zur -Gefährtin seines Lebens gemacht, sich zusammen finden konnten? Es fiel -ihm ein -- woran er bis jetzt nicht gedacht --, daß Alice nach ihren -letzten Nachrichten vielleicht kaum einige Stunden entfernt war. Sie -wollte, wie sie geschrieben, acht Tage einer Einladung der Gräfin -Hüningen folgen, die auf der Schweizerseite des Bodensees ein Landhaus -besaß. Er rechnete die Tage nach. Seine Frau, die in Straßburg bei dem -Bruder ihres Vaters, dem Obersten Hupfeld und Cousine Hilla zu Besuch -war, mußte jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach drüben, jenseits des -Sees, bei den Hüningens sein. - -Eine fiebrige Unruhe gesellte sich zu seiner Stimmung. - -Wenn er, so wie jetzt mit sich, mit ihr spräche? Wenn sie beide es -doch noch einmal, in Ruhe und Vernünftigkeit, wie zwei Leute, die -sich kennen und keine Illusionen mehr haben, versuchten, zu einer -erträglichen Einigung zu kommen? Zu einem kühlen, sachlichen Frieden, -aber doch zu einem Frieden! Schon um des Jungen willen. Für den er -keine Zeit hatte, und den er doch zärtlich liebte. Der zwischen ihnen -verkümmern und verderben mußte ... - -Seiner aufwallenden Stimmung folgend, saß Perthes eine Stunde später -auf dem Verdeck eines Dampfers. Er wußte, daß er nicht „klug” handelte, -sondern sich nur von einer jähen, unklaren Regung bestimmen ließ. -Vielleicht würde er Alice gar nicht treffen; oder sie würde seinen -Besuch, seine Vorschläge mit Achselzucken als Sentimentalitäten -beiseite schieben, gar in seinem Überfall eine mißtrauische Absicht -sehen. Aber die abendliche Fahrt auf dem sanftbewegten, blauen See -mit dem Blick auf ferne Alpengipfel hielt einen Schimmer jugendlicher -Vertrauensseligkeit in ihm wach. - -In Rorschach stieg er aus. - -Zu Fuß ging er, nach den nötigen Erkundigungen, aus der Stadt am Strand -entlang. - -Als er die Villa des Grafen Hüningen gefunden, zögerte er beim Anblick -der herabgelassenen Jalousien, die dem Haus hinter dem hübschen, -herrschaftlichen Garten ein verlassenes Aussehen gaben. - -Er zog an der Torklingel. - -Der Gärtner öffnete. Er berichtete, die Herrschaften wären gestern -abgereist. - -Perthes war niedergeschlagen und ernüchtert. Er nannte seinen -Namen und erkundigte sich, ob seine Frau dagewesen sei. Die Frau -des Gärtners, die dazukam, wußte Bescheid. Die Dame, die bei den -gräflichen Herrschaften zu Besuch gewesen, war einen Tag früher als -die Herrschaften selbst abgereist. Wohin wußte sie nicht. Aber -richtig! Daß sie das nicht vergaß! Das traf sich ja gut: eine Depesche -wäre für die Dame heute morgen noch abgegeben worden. Da sie keine -Adresse gehabt, hätte sie sie einstweilen liegen lassen müssen. Die -Gärtnersfrau holte sie. Perthes nahm sie gleichgültig an sich, grüßte -und ging mechanisch zurück nach der Stadt. - -Die Stimmung, die ihn hergebracht, war mit der Enttäuschung verflogen. -Wahrscheinlich war Alice wieder nach Straßburg zurückgekehrt. Doch er -wußte nichts Genaueres über ihre Pläne. Er öffnete die Depesche, die -ihm vielleicht darüber Aufschluß gab. Sie lautete in lakonischer Kürze: -„Bin morgen Baden-Baden. Ballonfahrt Dienstag.” Der Ort der Aufgabe -hatte französischen Klang. Die Nachricht kam wohl aus der Westschweiz. -Eine Unterschrift fehlte. - -Wenn das Wort Ballonfahrt nicht gewesen wäre, hätte Perthes das -Telegramm so gleichgültig wieder zu sich gesteckt, wie er es -mitgenommen und gelesen. So öffnete, las und schloß er es zu -wiederholten Malen. Er kümmerte sich so gut wie nicht mehr um das, was -Alice tat oder ließ. Aber zwei Dinge hatte er ihr, als sich danach ihre -Gelüste regten, ein für allemal verboten. Rennen und Ballonfahrten. -Er hatte erfahren, daß sie im Frühjahr in Iffezheim am Totalisator -gespielt hatte. Wie er sie kannte, gab es für sie keine gefährlichere -Verlockung als das Spiel, und da die Ausgaben das einzige waren, -über das er wachte, verbot er ihr den Besuch von Pferderennen aufs -entschiedenste. Ebenso wußte er, daß sie sich längst sehnlich wünschte, -an einer Ballonfahrt teilzunehmen. Diesen Wunsch verweigerte er ihr, -nicht nur weil der Ballonsport ihm zu kostspielig war, sondern weil -er die Mutter seines Kindes nicht leichtsinnig der Gefahr ausgesetzt -wissen wollte. Die Depesche, die ihm jetzt in die Hände geraten war, -verriet ihm, daß sie hinter seinem Rücken nicht daran dachte, seinen -Willen zu respektieren. - -Gern hätte sich Perthes auf der Rückfahrt mit dem Dampfer nach -Friedrichshafen, und von da mit dem Nachtschnellzug heimwärts, wieder -nichts sehend und nichts hörend, in seine gelehrte Fühllosigkeit, -seinen dichten, schweren Panzer gehüllt. Doch immer wieder tauchte -diese Depesche vor ihm auf. So gewiß, als sie unbekümmert um sein -Verbot, sich zu einer Ballonfahrt verabredete, würde sie auch -sicherlich an den Rennen teilnehmen und spielen, so oft sie wollte. -Wenn er erst dahinter kam, daß ihre Ausgaben wieder ins Ungemessene -gingen, gab es Mittel und Wege, ihr seinen Willen deutlich zu machen. -Möglich auch, daß sie sich nach wie vor von ihren Eltern manches -bestreiten ließ: er hatte die beschämende Kontrolle darüber längst -aufgegeben. Nur mit seinem Willen durfte das nicht sein. Es war auch -vollends einerlei, ob sie Ballon fuhr oder nicht! Und doch -- jetzt --- wo er sie durch einen Zufall ertappte, gerade bei einem Sport, -den er ihr streng versagt hatte -- schaffte die törichte Nachricht -in ihm. Wenn Alice alles tat, was sie wollte, warum er nicht? Noch -vor einigen Tagen hatte er den Brief einer auswärtigen medizinischen -Fakultät erhalten, der ihn -- einstweilen als Extraordinarius, aber -mit der sicheren Aussicht auf das Ordinariat -- an eine norddeutsche -Universität berief. Er hatte sich die Angelegenheit noch kaum überlegt. -Wollte sie auch nicht weiter überlegen, denn er mußte, wollte er nicht -mit seinem Schwiegervater, mit Alice einen Sturm bestehen, doch -ablehnen. Aber mußte er denn wirklich? Wenn seine Frau handelte, wie es -ihr beliebte -- brauchte er sich seinen Weg durch Rücksichten verlegen -zu lassen? In dem brausenden, hämmernden Nachtzug, im Gedanken an diese -malitiöse Depesche, erwachte doch noch einmal sein Widerstand gegen -die ewige Unfreiheit, der er verschrieben sein sollte. Er hatte heute -nachmittag, in einer schwächlichen Stimmung, von einem kleinstmöglichen -Glück geträumt. Mit Träumen war da nichts ausgerichtet! Wenn er -handelte?! Wenn er, allen Widerständen zum Trotz, seine Frau nun doch -noch aus ihrer unseligen Umgebung herausriß und verpflanzte? Wenn nicht -mehr zu seinem und ihrem Heil, so zu dem des Jungen! Darüber brütete er -... - -Daheim, nach einigen Stunden Schlafs, wurde sein Entschluß fest. Er -wollte die Gärung, die mit der Unterbrechung seines mechanischen -Arbeits- und Lebensganges in ihm erregt worden war, benutzen. Er -knüpfte Verhandlungen mit der auswärtigen Fakultät an, die ihn rief. -Als er den nötigen Brief abgesandt, ging er elastischer als sonst in -seine Klinik. - -Merkwürdig -- die belanglose Depesche, die er vom Bodensee mitgebracht, -verfolgte ihn weiter. Schließlich konnte es ihm gleichgültig sein, mit -wem sich Alice in Baden-Baden traf. Mit den Hupfelds aus Straßburg, -mit ihrem Bruder oder mit anderen Bekannten. Nichtsdestoweniger -beschäftigte ihn die Frage. - -Auf dem Nachhauseweg traf er gegen Abend den Grafen Hüningen. Er sprach -fast nie mit dem wappennärrischen Gardeüberrest, der so geschäftig und -gelehrt tat. Heute fragte er ihn höflich nach dem Befinden der Gräfin. -Sie war wohlbehalten mit Edith Hammann zurückgekehrt. Der Graf selber -war den Seinigen entgegengefahren und hatte sie in Friedrichshafen -abgeholt. Er sprach auch von dem Besuch Alices in Rorschach. Perthes -schämte sich fast zu fragen, wohin seine Frau gereist sei. Er murmelte -eine unverständliche Ausrede und tat es doch. Alice hatte auf -Nachrichten aus Freiburg gewartet, wie der Graf sich entsann. Als sie -nicht eintrafen, war sie aufs Geratewohl zu ihrem Bruder gereist. - -Nun wußte Perthes, daß sie sich höchstwahrscheinlich mit dem Leutnant -nach Baden-Baden verabredet hatte. Von ihm mochte die Depesche sein. - -Zu seiner Verwunderung erhielt er noch am selben Abend eine -Ansichtskarte von seinem Schwager Moritz aus dem Engadin, von einer -Hochgebirgstour. Also konnte der es doch nicht sein, mit dem sie -zusammentreffen wollte. War sie gar nicht nach Freiburg gereist? -Sondern direkt nach Baden-Baden gefahren oder ... Er sträubte sich -gegen seine alberne Grübelei. Aber so töricht er sich vorkam, er hatte -keine Ruhe. - -Sehr gegen seine Gewohnheit ging er am nächsten Nachmittag mit seinem -Jungen um die Teestunde nach Stift Nieburg. Man nahm ihn freundlich -auf. Besonders der Kleine war stets willkommen und wurde stets mit -Kuchen vollgestopft. Wo Alice gerade war, wußten Hupfelds nicht. Sie -hatten zuletzt eine Karte vom Bodensee gehabt. Die Gräfin Hüningen kam -zum Tee. Sie brachte Grüße von Alice und erzählte Wunder von ihrem -famosen Aussehen. - -Dann sprach man von unzähligen Dingen, die Perthes nicht -interessierten, die er aber aus Artigkeit mit anhörte. - -Der Geheime Rat fragte die Gräfin beiläufig nach Professor Hammann, -ihrem Schwiegersohn. Sie wußte nicht viel von ihm. „Überarbeitet” wie -er gewesen, hatte er einige Wochen vor Semesterschluß seine Vorlesungen -und Studien abgebrochen und Touren in der französischen Schweiz -gemacht. Auf dem Genfer See hatte ihn eine Regatta gelockt. Der Sport -war nun einmal sein Steckenpferd. Und auf der Rückreise wollte er, -so viel sie wußte, noch ein oder zwei Ballonfahrten in Baden-Baden -mitmachen. -- Edith, seine Frau, war, da sie einem freudigen Ereignis -entgegensah, mit den Hüningen am Bodensee gewesen und jetzt daheim -- -indolent und schön wie immer, wie die Gräfin selbst lachend hinzusetzte. - -Es war an sich nichts Besonderes, was Perthes auf Nieburg hörte. Und -doch versetzte es ihn in gesteigerte Unruhe. Daß die Depesche an Alice -aus der französischen Schweiz kam, konnte der reine Zufall sein. Daß -sie und Hammann sich eventuell mit dritten Bekannten in Baden-Baden -zu einer Ballonfahrt trafen, war möglich, aber für ihn jedenfalls -uninteressant. - -Und doch konnte er es auf dem ganzen Heimweg von Stift Nieburg nicht -unterlassen, seine einmal entfesselte Spürkraft weiter zu üben. -Er spottete über sich und seinen spielerischen Eigensinn und kam -gleichwohl nicht davon ab. - -Der kleine Benno, den er an der Hand hatte, war sehr ungehalten, daß -sein Papa ihm oft gar keine oder ganz unzureichende Antworten auf -seine zahlreichen, höchst wichtigen Fragen gab. Er rief gebieterisch. -Wenn Perthes dann aufschrak aus seinem Sinnen, war er wütend über den -Jungen und über sich. Was ging denn mit ihm vor? Wollte er sich zum -Detektiv ausbilden? Wollte er einen neuen Giftstoff in seine ohnehin -vergifteten Beziehungen zu Alice hineinpraktizieren? Entdeckte er in -sich ein Talent zur Eifersucht? Jetzt noch, wo ... Verächtlich biß er -sich auf die Lippen. Es fiel ihm die Geschichte ein, die ihm seine -Frau seinerzeit als Tauschobjekt für seine mißlungene und abscheuliche -Beichte über sich und Marga Richthoff angeboten und später auch -wirklich erzählt hatte. Wahrscheinlich kam er darauf, weil Benno, -jetzt schon zum dritten Mal eine ihm sehr bedeutend scheinende, -Perthes sehr ungelegene Erzählung aus dem Richthoffschen Kindergarten -mit wachsender Bestimmtheit vortrug. Er hörte daneben deutlich das -saloppe Tauschgeständnis, das Alice damals abgelegt: wie sie mit -diesem kleinen, patenten Hammann, dem gut gepflegten Sportsmann und -Auchbakteriologen, geflirtet hatte; wie sie sich beide ganz nett -hätten leiden können, aber eines Tages bei dem Gedanken an Verlobung -und Heirat „auseinandergelacht” hätten. Ob es für Alice ein größeres -Vergnügen hätte geben können, als zu wissen, daß er sich in solchem -Zusammenhang an ihre Geschichte erinnerte? Daß er sich nun auch noch -auf die abgegriffene Spezialität der Eifersüchtelei verlegen wollte? -Das Vergnügen wollte er ihr denn doch nicht gönnen! -- - -Daheim ließ Perthes den Jungen zu Bett bringen und warf sich -entschlossen auf seine Arbeit. - -Keine Minute länger durfte diesem müßigen und kläglichen Spintisieren -gehören. - -Er arbeitete bis tief in die Nacht. Erfüllt von wissenschaftlichen -Ideen, völlig abgezogen von den Torheiten der letzten Tage, legte er -sich zu Bett. - -Er schlief sofort ein, mit der bleiernen Schwere, die der erschöpfte -Kopf gab ... - -Nach wenigen Stunden fuhr er beklommen in die Höhe. Ein Traum, ein -hämischer, raffinierter Traum hatte ihn aufgeschreckt. Alle Klügeleien, -seine eingestandenen und verborgenen Verdächtigungen hatte dieser Traum -mit folgerichtiger Teufelei zu einem höhnischen Bild vereinigt, das -ihn mit seiner alpdrückenden Gewißheit aufjagte. Er rang nach Atem, -nach Beruhigung. Er suchte seine Beklemmung abzuschütteln. Aber sie -wich nicht. Seine Phantasie arbeitete fort, ob er wollte oder nicht. -Er wußte gar nicht, ob er überhaupt wach geworden war, oder ob er -weiterträumte. Bestimmte Einzelheiten, Äußerungen, die er vergessen, -mit halbem Ohr gehört, Szenen des Zusammenseins mit den Hammanns bei -seinen Schwiegereltern, bei jenen selbst, hier im eigenen Haus -- sie -standen in einem neuen, verfänglichen Licht vor ihm. Besonders war es -ein Wort Alices, das sie bei einer Schmauserei mit ihrem göttlichen -Leichtsinn in die Unterhaltung geworfen und das jetzt mit beinahe -physischer Leuchtkraft vor ihm brannte. „Edith, wie wär's, wenn wir uns -heute mal so richtig übers Kreuz amüsierten, du mit meinem, ich mit -deinem Kreuzritter?!” Hatte es dabei nicht boshafter und tückischer -denn je in ihren Augen geflackert? Und sie hatten alle vier darüber -gelacht. Er sah und hörte dies Lachen. Er lachte aus Höflichkeit, Edith -Hammann belustigt in ihrer stumpfen, so gar nicht abenteuerlustigen -Art, Alice kurz und aufreizend, wie sie es gern tat, und Hammann mit -verlegener Lautheit ... - -Perthes war aufgesprungen. - -Mit behender Hast, immer unter dem Zwang dieser Wahnvorstellungen, -halb träumend, halb wach, warf er sich in seine Kleider. Es dämmerte -noch kaum, und er zündete ein Licht an. Er war sich keiner bestimmten -Absicht bewußt und handelte doch von Sekunde zu Sekunde mit der exakten -Konsequenz eines Nachtwandlers. - -Er stieg die Treppe hinunter. - -Dann betrat er das Zimmer seiner Frau neben dem Speisezimmer. Vor ihrem -Schreibtisch machte er halt und setzte seine Kerze nieder. - -Für einen Augenblick lichtete sich sein Bewußtsein. Wollte er eine -Schlechtigkeit tun? War er wahnsinnig geworden? Wo war er? Was trieb er? - -Doch schon faßte ihn wieder der Zwang. Gewißheit um jeden Preis mußte -er haben! - -Er riß an der verschlossenen Schublade des Schreibtisches. Der -Widerstand entfachte nur seine Wut. Mit seiner ganzen, in der -Anspannung gewaltigen Körperkraft erbrach er sie. Alice hätte in diesem -Moment erfahren können, daß der Räuberhauptmann in ihm noch nicht vom -Philister völlig verschlungen war! - -Er wühlte in dem wahllosen Durcheinander von Rechnungen, Briefpapier, -Einladungen. - -Schließlich, ganz zu hinterst, aber gar nicht etwa versteckt, fand er -Briefe mit Hammanns unpersönlicher Schrift. Einen, zwei, die nichts -von Belang, nichts Überzeugendes enthielten. Dann eine Briefkarte, mit -Bleistift geschrieben -- sechs, acht Zeilen -- die ihn auf den Stuhl -vor dem Schreibtisch taumeln ließen. - -Das war die Gewißheit, die er gesucht hatte. Alice hatte ihn mit Ludolf -Hammann betrogen ... - -Mit der Gewißheit kam für Perthes das Erwachen aus dem dämmerhaften, -halbwachen Zwang, der ihn zu einer häßlichen Gewaltsamkeit fortgerissen -hatte ... - -Wie lange er so gesessen, wußte er nicht. Die Wahrheit, grausam, -hämisch, konsequent, wie der Traum, der ihn gepeinigt -- erst tobte sie -in ihm mit Gefühlen der Verachtung, des Schmerzes, des entwürdigten -Stolzes, die in seinem Innern stritten und die Vorherrschaft vor -seinem Verstand begehrten; dann gab sie ihm einen kalten, nüchternen -Entschluß, mit dem er sich erhob. - -Er nahm die Briefe an sich, ging zurück in sein Schlafzimmer und machte -sich fertig. - -Früh am Morgen, viel früher als sonst, schallte seine Stimme mit -ungewohnter Schärfe durch das Haus. Er überschüttete die Dienstboten, -das Kinderfräulein mit einer Flut von Befehlen, so daß sie in heller -Bestürzung umeinander liefen. - -Das dauerte etwa eine Stunde. - -Dann verließ er mit seinem Jungen die Villa. Nicht einen Tag länger -konnte er unter diesem Dach bleiben. Die Lüge seiner Ehe, eines -trugvollen, jahrelangen Scheinlebens war zu Ende und sollte es auch -äußerlich sein. - -Erst wollte er sich mit seinem Kind in einem Hotel einquartieren. Doch -die Besonnenheit riet ihm von diesem zu auffallenden Schritt ab. Er -erinnerte sich an sein Junggesellenquartier bei Fräulein Eschborn. -Dorthin schleppte er seinen verstörten, heulenden Jungen. Dort fand -er -- da das Semester vorbei war und die Studenten fehlten -- ein -Notquartier. Im ersten Stock: ein Arbeitszimmer und ein Schlafkabinett -für ihn, eine Stube für Benno und das Kinderfräulein, das nachkommen -sollte -- war alles, was er einstweilen brauchte. In weniger als einem -halben Tag war der Auszug vollendet ... - - * * * * * - -Die Wochen des Kriegs begannen. - -Es waren entsetzliche Wochen, in denen das Herz aus allen Wunden -blutete und der Kopf doch Meister bleiben mußte. - -Die erste kategorische Fehdeanzeige fiel nach Nieburg wie eine Bombe. -Mama Hupfeld legte sich, wie immer bei aufregenden Gewittern, sofort zu -Bett. Exzellenz, von der Unschuld seiner Tochter überzeugt, schäumte. -Er schrieb an Perthes, den Mann, den er „gemacht” hatte, einen Brief -voll hochfahrenden Zorns, in dem er seinem aufgespeicherten Groll gegen -das Geschöpf seiner Gutmütigkeit ohne jede klassische Bezähmung freien -Lauf ließ. Er wollte seinen Schwiegersohn demütigen und zur Räson -bringen. Als Antwort schickte dieser die Abschrift der belastenden -Briefkarte von Hammann. Der Geheime Rat stutzte. Er wurde vorsichtig, -denn er witterte Skandal, und den mußte er um jeden Preis vermeiden. -Noch hoffte er, daß die Rückkehr Alices, die stündlich bevorstand, eine -andere Erklärung geben und das Beweismaterial ihres Mannes erschüttern -würde. Alice kam. Sie war ein bißchen erstaunt. Ein bißchen bestürzt. -Ein bißchen empört. Im Grund fand sie die erbrochene Schublade das -beste, was ihr Mann nach Jahren einmal wieder geleistet hatte. Was für -Exzellenz das Schlimmste war: sie tat ihm nicht den Gefallen, ihre -Beziehungen zu Hammann zu beschönigen. Sie leugnete nichts. Zerknirscht -war sie auch nicht. Das Abenteuer mit Hammann war eine Laune gewesen, -die sie, gelangweilt von ihrem Mann und von aller Regelmäßigkeit, -früher oder später kosten mußte. Skrupel empfand sie dabei nicht. -Das Unangenehme, das daraus entstand, wurde durch das Neue, das es -brachte, aufgewogen. Spaßhaft hätte sie es gefunden, wenn sich Perthes -und Hammann um ihretwillen geschossen hätten. Darauf wartete sie auch. -Vielleicht war es doch etwas Galgenhumor, was sie zur Schau trug, -jedenfalls ein Galgenhumor, der diesmal sogar ihren Vater fast zu -zorniger Verzweiflung brachte ... - -Perthes hatte in der Tat daran gedacht, Hammann zur Verantwortung -zu ziehen. Eine Zeitlang begehrte sein Blut diese knallende Lösung. -Aber dann übermannte ihn der Ekel. Sollte er sich für ein Chimäre -schlagen? Die Ehre von Alice war längst nicht mehr die seine. Mochten -Splitterrichter des Duellkomments, dem er für einen würdigeren Fall -die Berechtigung nicht versagte, ihn verdammen. -- Den Eklat eines -Prozesses scheute er nicht. Doch dagegen kämpfte der Geheime Rat mit -allen Mitteln. Sogar denen einer höflichen, bittenden Überredungskunst. -Diese war es nicht, die bei Perthes verfing. Aber die ruhigere Erwägung -sagte ihm, daß er selbst durch einen grellen Skandal mehr verlieren -als gewinnen konnte. Auch noch seine wissenschaftliche Laufbahn zu -opfern -- dazu fühlte er sich nicht bemüßigt und, im Hinblick auf sein -Kind, nicht berechtigt. Bis zum Herbst dauerte das Hinüber und Herüber -der feindlichen Lager. Dann brachte der Vorschlag des Hupfeldschen -Rechtsanwalts die Lösung, die beide Parteien -- mit Einverständnis -der sehr degoutierten Gräfin Hüningen, des kleinlauten Professor -Hammann und der verstörten, so gar nicht nachtragenden Edith -- -annehmen konnten und mußten. Perthes, der den Ruf nach Norddeutschland -endgültig angenommen hatte, würde dorthin mit Benno übersiedeln. Alice -sollte sich weigern, den neuen Wohnsitz mit ihm zu teilen. Seine -wiederholte Aufforderung, ihr Widerstand erzielten dann innerhalb der -gesetzlichen Frist den Scheidungsgrund, der ihm das Kind ließ und vor -der Öffentlichkeit den Skandal annähernd verschleierte. - -Mit einer Komödie sollte symbolisch die Ehe von Max und Alice Perthes -ihren Abschluß finden. - - - - -20 - - -Es war Oktober geworden. - -Ein warmer, milder Herbst lag über dem Land. Sanft bräunten und röteten -sich die Laubwälder an den Hängen und auf den Kämmen der Berge. -Wehmütig hängte sich die dunkelgoldene Sonne an die erstarrende Erde. -Sie spielte melancholisch mit den Wellen im Fluß, die unerwärmt unter -ihrem liebkosenden Schein davonliefen. Es war wieder die große, stille -Zeit des Abschiednehmens gekommen, in der so viel Reife und Tiefe der -Stimmung liegt. Es ist im eisknirschenden Winter, im knospensprengenden -Frühling, im kornknisternden Sommer nicht so viel Musik als im Herbst: -aber es ist die Musik der Heimlichen und Reifen; die Musik derer, die -vom Sterben die Kraft nehmen und die Lust zum Leben; es ist die Musik -der großen Stille ... - -Das luftige Giebelzimmer über der Stadt und dem Fluß, in dem Perthes -als Junggeselle gewohnt hatte, war frei geworden. Trotz der -Gegenvorstellungen von Fräulein Eschborn, die das Quartier für ihn -nicht mehr standesgemäß finden mochte, war er in den letzten Wochen -aus dem ersten Stock dort hinaufgezogen. In einer Zeit, wo alles um -ihn wankte und niederbrach, empfand er das hartnäckige Bedürfnis, -sich an diese Giebelstube von einst zu klammern. Er hatte dabei nicht -erst seine Gefühle und Erinnerungen umständlich befragt: daß er nicht -stimmungsselig da oben würde, dafür sorgten die Aufregungen dieser -Zeit des Kampfes, des Abschlusses seiner klinischen und akademischen -Pflichten, die zahlreichen Schreibereien und Abmachungen, die die -Übersiedlung an einen neuen Ort der Tätigkeit, in andere Bedingungen -des Lebens notwendig machten. - -Erst in der zweiten Woche des Oktobers trat eine kurze Pause und -unfreiwillige Ruhe für ihn ein. Er hatte sich auf der Klinik -verabschiedet. Der Kampf um die Scheidung von Alice, so aufreibend und -nervenzehrend, war abgeebbt. Seine neue Stellung war in allen Teilen -gesichert. Nur die kleinen Geschäfte, die mechanisch und nichtssagend -sind, Formalitäten verschiedener Art hielten seinen Fortzug noch um -einige Tage auf. In der Entspannung, die jetzt unmerklich während -dieser gezwungenen Mußezeit seinen Geist und sein Herz überkam, -beschlich es ihn doch manchmal eigen in seinem Junggesellenzimmer, -und wenn er sich über die Brüstung des Fensters lehnte, hörte auch er -vom Fluß herauf, über die sonnenglänzenden Dächer weg, herunter von -den tannenbescheitelten und laubwaldumkränzten Bergen die heimliche, -tiefe Musik des Herbstes. Erst vernahm er nur ihre ersterbende -Wehmut: allein, mit leerem Herzen, gebrochen, ärmer als er einst -eingezogen, zog er jetzt durch dieselbe Tür wieder davon. Er wehrte den -Erinnerungen, aber sie gaben ihn nicht frei: seine jungenhaft-törichte -Schwärmerei für Hilde König; sein unfähig-gewaltsames Ringen nach der -Höhe, wo Marga gestanden und sein schwacher, schuldvoller Absturz; -seine tolle, trügerische Taumel- und Leidensgeschichte mit Alice -- -Erlebnisse dieser Jahre hatten leer- und totgefegt, was in ihm war. -Aber dann hörte er heller, deutlicher. Hörte hinter die Töne der -Wehmut: aus der traurigen Weise des Sterbens löste sich leise, aber -fest eine andere. War er nicht doch reicher geworden bei all der Armut? -Da war seine Liebe zur Wissenschaft, eine dauerhafte, echte Liebe, -die nichts mit dem haltlosen Hin und Her früherer Neigungen gemein -hatte. Da war sein Junge, Fleisch von seinem Fleisch, ein Ziel und eine -Hoffnung, auch wenn er Blut von ihrem Blut hatte. Und da war er selbst, -ein Mann, ein Wollender, einer der sich kannte und beherrschte, der -nicht sprang, sondern schritt -- vielleicht doch empor -- nicht mehr zu -der Höhe, die Marga gehörte, aber doch zu einem, zu seinem Gipfel: zu -der Persönlichkeit, die er werden konnte. Er hörte etwas, auch er, von -der Musik der Heimlichen und Reifen, derer, die vom Sterben die Kraft -nahmen und die Lust zum Leben ... - -In solchem Lauschen war er eines Morgens versunken, als das -Kinderfräulein mit Benno bei ihm eintrat. Sie hatte den Kleinen vor -kaum einer halben Stunde in den Kindergarten gebracht. Fragend wandte -sich Perthes nach den beiden um. - -Der Junge machte ein verschlossenes, eigensinnig-finsteres Gesicht -und zerrte sein Fräulein am Rock, als wollte er sie hindern, zu reden. -Das junge Mädchen sah verlegen und unschlüssig aus, als traute es sich -nicht zu sprechen und auch nicht zu schweigen. - -Perthes, der seinem Jungen mehr Aufmerksamkeit schenken konnte als -sonst, musterte ihn und das Fräulein. - -„Was gibt's?” fragte er mit knapper Stimme. „Die Schule ist doch noch -nicht zu Ende?” - -„Nein, Herr Professor, aber --” - -„Laß mal das Fräulein los! Setz dich artig auf einen Stuhl! -- Nun, -aber?” - -„Die Damen sagten -- Fräulein Richthoff sagte -- er solle nicht -wiederkommen!” stammelte das Mädchen ratlos. - -„Was heißt das?” Perthes runzelte die Stirn. „Ich versteh' das -nicht. Ist etwas vorgefallen? Reden Sie doch!” Er näherte sich dem -Fräulein und warf gleichzeitig einen besorgten Blick auf den Kleinen, -der zwischen Trotz und Tränen auf seinem Stuhl schwankte. Er hatte -seinerzeit erst nachträglich von Alice erfahren, daß sie den Jungen -in den Richthoffschen Kindergarten gebracht. Es war ihm peinlich -gewesen, aber er hatte es nicht mehr ändern können. Wenn Benno von dort -erzählte, beschränkte er sich meist auf das Zuhören und lenkte ihn bald -ab. Auch das jetzige Thema kam ihm ungelegen, und er hätte es gern so -schnell wie möglich abgetan. - -Das Kinderfräulein rückte schüchtern mit vielen Wenn und Aber heraus. -Benno wäre gestern unartig gewesen; er hätte die Damen erzürnt; die -Jüngere hätte heute entschieden erklärt, er dürfe nicht mehr kommen. - -Perthes horchte betreten auf. - -Er schickte das Fräulein aus dem Zimmer. Dann nahm er seinen Jungen -vor. Eine harte Arbeit. Der kleine, schwarzköpfige Wicht mit seinen -brennenden Augen war verstockt. Aus dem dunklen Blick leuchtete -die Heftigkeit des Vaters, und um den kindlichen, tiefroten Mund -spielte etwas von Alices launischer Selbstwilligkeit. Erst gab es ein -verlegen-hartnäckiges Schweigen. Dann ein lautes, zorniges Geheul. -Endlich ein aufgelöstes, schluchzendes Gestammel, dem Perthes nur -allmählich Sinn abgewinnen konnte. Zwei Namen wechselten in der -jammervollen Beichte am deutlichsten ab. Tante Elli und Tante Marga. -Der kleine Bursche wußte nicht, wie hart und unselig gerade diese -beiden von ihm endlos wiederholten Namen in die Ohren seines Vaters -klangen. Und was nachkam, traf Perthes noch schlimmer. Aus all dem -Gestammel und Geschrei wickelte sich heraus, daß er, offenbar in einem -Anfall von Jähzorn, die eine Tante geschlagen hatte -- Marga. „Ein -ganz klein wenig nur,” wie er mit erneutem Aufschluchzen versicherte. -Er erwartete offenbar von diesem Schluß- und Hauptstück seines -Geständnisses das äußerste, denn er duckte sich in sich zusammen und -würgte noch zweimal „ein ganz klein wenig nur” hervor. Aber er mußte -mit Staunen die Wahrnehmung machen, daß sein Vater ganz still und stumm -blieb. Er sah schüchtern zu ihm hin. Aus Perthes' Gesicht war alles -Blut gewichen. Eine erschreckende Verzweiflung und Traurigkeit, wie -sie der Missetäter im Matrosenkittelchen noch nie an einem Menschen -gesehen, malte sich in seinem Antlitz. Bewegungslos, mit herabhängenden -Armen und geschlossenen Augen saß er vor dem Kleinen, und dem wurde -dies Starren und Schweigen unheimlich, viel unheimlicher als das -heftigste Schelten. Er brach von neuem in Tränen aus. - -Perthes stand auf. - -Er rief das Kinderfräulein und ließ den Jungen, ohne ein Wort an ihn zu -richten, in die andere Stube führen. - -Als er allein war, setzte er sich vor seinen Schreibtisch. Er nahm -seinen Kopf zwischen seine beiden Hände und preßte ihn, als wollte er -ihn zerdrücken ... - -Das Schwerste und Trübste, was in seiner Seele geschlummert, woran -er auch in seinen wehmütigsten Abschiedsgedanken nur aus ängstlicher -Ferne vorbeigestreift war, wie an einem kranken, schmerzhaften Glied --- das hatte sein eigener Junge mit seiner kindlichen Untat grell und -rücksichtslos aus ihm heraufgezerrt. Die kleine Hand, die sich da im -Jähzorn erhoben, was hatte sie im Grund anderes verübt, als was er, -der Vater, vor einigen Jahren so viel brutaler, härter, grausamer -getan: Marga geschlagen! -- Wie das traf! Wie es schmerzte! Wie es von -der verstecktesten Wunde seines Lebens, der größten, mitleidslos den -Notverband riß und das Blut quellen und quellen ließ. Die Erinnerung -an Marga, Stunde um Stunde fast des Vergangenen, umtoste ihn. Aus -gespenstiger Weite, aus der Verbannung von Jahren war ihr Bild nahe -gerückt, so nahe, daß es ihn mit seiner Deutlichkeit betäubte. Es war -ihm wie gestern, daß er sie verloren, verlassen und preisgegeben hatte! -An jener Wegscheide, zwischen Stift Nieburg und der Sägemühle im Tal, -war er fehlgegangen. Weit und weiter in die Irre ... - -Doch das war ja nur der Schrei _seiner_ Seele, auf den er horchte. Ein -Schwelgen in nutzloser Sehnsucht nach Verscherztem und Verlorenem. O -- -er hatte immer nur an sich gedacht! Was Marga gelitten, hatte er es je -in seinem vollem Umfang ausgemessen? Hatte er seine Schuld -- ja, einen -Teil davon hatte er abgetragen! In sich selbst! Aber vor ihr und an -ihr war er so schuldig wie damals. Er hatte ja gewartet, bis die Hand -seines Jungen sich kindisch an ihr verging, als sollte sich das Wehetun -vererben vom Vater auf den Sohn. Wie schmerzhaft er geschlagen, davon -wußte der Kleine nichts. Dafür trug sein Vater die Verantwortung. - -Ruhelos gefoltert, die Stunden vergessend, schritt Perthes in seinem -Zimmer auf und nieder. - -Genugtuung konnte er Marga keine geben. Für das, was geschehen war -zwischen ihr und ihm, gab es keine Genugtuung. Konnte er trotzdem -nichts, gar nichts tun? - -Natürlich mußte er für den Jungen um Entschuldigung bitten. Er warf -ein paar Zeilen aufs Papier. Am Nachmittag legte er sie beiseite und -schrieb einen Brief, der mehr, der ein Bekenntnis seines ganzen Lebens -wurde. Daraus machte er von neuem -- jedes Pathos und jede Floskel -verachtend -- ein knappes Billet, das nichts besagte. So ging es nicht! -Er zerriß alles, was er geschrieben. Wenn er etwas tun wollte, mußte es -etwas anderes sein. - -War er denn feig? Zu feig um das zu versuchen, was einfach anständig -war? - -Er, er selbst mußte gehen, er mußte seinen Jungen zu ihr führen. - -Als ob er das nicht längst gewußt hätte?! Nicht immer wieder -fortgeschoben und umgangen hätte?! - -Vielleicht ließ sie ihn abweisen, vielleicht -- doch das war es nicht, -was ihn bestimmen durfte. Es gab nur diesen Weg. Keinen sonst. Den -mußte er gehen. Als Mann von Ehre und Gewissen. -- - -Am nächsten Morgen war er mit sich fertig. - -Mit seinem Kleinen hatte er nicht wieder gesprochen. Nicht einmal „Gute -Nacht” hatte er ihm gesagt. Jetzt teilte er ihm in kurzen Worten mit, -was geschehen sollte. Sie beide würden um elf, ehe die Schule zu Ende -war, zu Tante Marga gehen. Und Benno würde vor den Kindern sie laut und -deutlich um Verzeihung bitten. Jedes Sträuben war ausgeschlossen. - -Der Junge machte ein langes Gesicht. Fast eine Grimasse wie seine -Mutter. Aber er war zu zerknirscht. Er hatte zu viel geweint und -fürchtete die traurig-entschlossenen Augen seines Vaters zu sehr, um -ein Wort des Widerwillens oder auch nur eine Gebärde dagegen zu finden. - -Dann gingen sie zur festgesetzten Stunde in die Stadt. - -Perthes hatte sich den Weg beschreiben lassen. Trotzdem ging er in -unbekannten Straßen fehl. Auf den Jungen war kein Verlaß. Er war ebenso -stumpf und ängstlich, wie sein Vater erregt war. - -Sie irrten an dem Haus am Wenzelsberg vorbei, das frisch gestrichen, -fremd und abweisend in der Straße stand. - -Es schlug elf Uhr, ehe sie sich zurechtgefunden hatten. - -Der lachende und schwatzende Kinderschwarm quoll aus der Tür des -Vorgartens, bevor sie das kleine Haus in der Bergfelderstraße -erreichten. - -Perthes stand unschlüssig vor dem Zaun, hinter dem die buntblütigen -Astern in freundlichen Beeten leuchteten. - -Sollte er umkehren? Sollte er den Gang auf den Nachmittag verschieben? - -Das widerstrebte ihm. Er trat ein. - -Das Dienstmädchen, das ihm die Glastür öffnete, sah ihn und den Kleinen -verdutzt an. - -Sie wies ihn ins Schulzimmer und wollte die Damen rufen. - -Inmitten der kleinen Bänke blieb er harrend stehen. Er atmete schwer -und hielt den Jungen mit einem harten Griff an seiner Seite. Es -hämmerte in seinen Schläfen und zuckte vor seinen Augen, so daß er -nichts um sich sah. - -Nach geraumer Weile öffnete sich die Tür. Es war Elli. - -Das Mädchen, das den kleinen Perthes kannte, hatte sie benachrichtigt. -Perthes hatte versäumt, sich mit Namen zu nennen, aber sie war keinen -Augenblick im Zweifel, daß er selbst es war. Mit klopfendem Herzen, -nicht wissend, was sie tun oder lassen sollte, war sie herbeigeeilt. -Ohne Marga zu verständigen, die im Garten auf und ab ging. Nun -stand Elli sprachlos dem Mann gegenüber, der ihr vor Jahren ein -vertrauter Bekannter gewesen. Ihre sonst so frische, nicht leicht -einzuschüchternde Art versagte bei diesem unerwartetem Wiedersehen. Sie -konnte ihn nur durch eine Bewegung bitten, seine Wünsche zu äußern. - -Auch Perthes war einen Moment betroffen und stumm dagestanden. Jetzt -erklärte er sich mit fester Stimme. - -„Fräulein Richthoff, mein Junge und ich sind gekommen, um Ihr Fräulein -Schwester um Verzeihung zu bitten. Ich hörte mit Entrüstung, was für -eine große Unart sich der Kleine geleistet hat!” - -„Meine Schwester -- Sie wollen meine Schwester selbst -- sprechen?” -stammelte Elli. - -„Ich bitte darum,” erwiderte er mit einem leisen Vibrieren des Tones. - -„Ich fürchte, daß --” Elli suchte nach einer Ausrede, um Marga dies -Wiedersehen zu ersparen, aber Perthes hatte seinen Blick mit einer so -zwingenden Bitte auf sie gerichtet, daß sie verstummte. Ein hastiges, -bebendes „Ich will nachsehen!” und sie huschte aus dem Zimmer. - -Es dauerte wieder eine geraume Zeit. - -Perthes dünkten die Minuten Ewigkeiten zu werden. Er ließ den Kleinen -los und lehnte sich gegen das Kreuz des nächsten Fensters. - -Er hörte im Flur Schritte, die sich näherten. Auf seine Sinne legte es -sich wie Nebel. Die Dinge rückten vor seinen Augen in eine dunstige -Ferne. Das Kind trat mechanisch von einem Fuß auf den andern. Weit -ab sah er jetzt eine Tür sich öffnen. Er erkannte eine Gestalt, nur -in Umrissen, während eine zweite sich abseits, an einem Schrank zu -schaffen machte. Die erste, die stillstand, mußte Marga sein. Er löste -sich von dem Fensterkreuz und trat einige Schritte vor. Seine Stimme -klang ihm fremd wie die eines anderen. - -„Sie wissen schon, weshalb wir hier sind. Ich danke Ihnen, daß Sie uns -hören wollen. Eigentlich wollte ich, daß der Junge vor seinen Kameraden -ihnen Abbitte tun sollte. Er hat sich abscheulich vergangen!” Perthes -stockte. Die stoßweise vorgebrachten Sätze preßten seinen Atem. „Benno, -tu wie ich dich geheißen!” Er tappte neben sich nach der Schulter des -Kleinen und schob ihn vorwärts. „Geh, und bitte Fräulein Richthoff um -Verzeihung!” - -Der Junge setzte sich zögernd in Gang. - -Marga stand blaß und ernst bei der Tür. Sie mußte hinter sich, am -Türrahmen, Halt suchen. Ihr Kopf hatte sich auf die Brust geneigt, ihre -Augen sich geschlossen. Sie wollte dem Kleinen entgegengehen, um die -peinliche Szene so schnell wie möglich zu beendigen. Aber sie konnte -nicht. - -Der Junge blieb auf halbem Weg wie angewurzelt stehen. Trotz und Angst -ließen ihn schwanken. - -„Benno!” mahnte Perthes mit Anstrengung. - -Das Kind rührte sich nicht. Die Hände auf dem Rücken verschlungen -haltend, wich es nicht von der Stelle. - -Perthes griff sich an den Kopf. Dann ging er mit schleppenden -Schritten, ohne den Boden unter sich zu fühlen, vorwärts, dorthin, wo -die in Nebel verlorene Gestalt stand. - -„Also werde ich für dich um Verzeihung bitten!” Er nahm alle Energie -zusammen. „Der Junge ist verwildert. Seine Mutter -- kurz er hat keine -Mutter mehr. Und ich kann mich zu wenig um ihn kümmern. Ich bitte Sie, -ihm zu verzeihen!” - -Perthes stand jetzt kaum zwei Schritte von Marga entfernt. Er wollte -sagen, daß das Kind selbstverständlich nicht mehr in die Richthoffsche -Schule kommen dürfe; er wollte in einer kurzen, verbindlichen Form all -das vorbringen, was er sich zurecht gelegt. Aber die Worte blieben ihm -aus. Er hatte seine Kraft überschätzt und konnte nicht weiter. Er stand -so steif und unbeweglich wie sein Kind. - -„Ich verzeihe ihm gern,” kam es leise von Margas Lippen. Die ganze, -weiche Fülle ihres Wesens klang zitternd mit. Es war der alte, warme, -stille, einfache Ton, der über Jahre hinweg an Perthes Ohr drang. Der -Dunst vor seinen Augen zerstob. Er sah sie. Nahe wie sie ihm war. Die -blauen, tastenden Augen, das erblaßte, schlichte Gesicht mit seinen -sanften, weichen Zügen unter dem fahlen, gescheitelten Haar. - -Und mit einem Mal schüttelte es seinen großen, starken Körper wie -ein Sturm. Seine Hände öffneten und schlossen sich wie im Krampf. Er -schwankte zur Seite, ergriff eine der kleinen Kinderbänke, die da -standen und ließ sich mit einem dumpfen Laut niederfallen. - -Der Junge, von Angst und Schreck erfaßt, lief strauchelnd auf Marga zu: -„Verzeihen! Verzeihen!” würgte er unter einer Flut von Tränen hervor, -während er sich an sie drängte, die Hände emporstreckend, Schutz und -Hilfe suchend vor einem Unbegreiflichen, das um ihn vorging, und das -sein Herz und sein Verstand nicht faßten. - -Marga beugte sich über ihn und streichelte das dichte, zottige Haar. - -Elli war an ihrer Seite und hob ihn empor. Instinktiv trug sie ihn in -das anstoßende Zimmer ... - -Perthes und Marga blieben allein in der großen, fröhlichen Stube, die -die gedämpfte Herbstsonne mehr und mehr in ihr sattes Mittagslicht -tauchte. - -Eine Weile war nichts hörbar als der schwere, keuchende Atem des -Mannes, der mit verzweifelter, schamvoller Kraft gegen die Gefühle -rang, die ihn überwältigen wollten. Und dann erlag er doch, dem -unsagbaren und grausamen Leid seiner Seele. Das ganze Weh seines -Lebens, die mit unnatürlicher Anspannung zurückgehaltenen Schmerzen -der letzten Monate, Bitterkeit, Reue und Verzweiflung befreiten sich -in jenem harten, dumpfen Schluchzen, das den Zusammenbruch des Mannes -grausam, erschreckend und erschütternd macht, wie ein Ereignis der -Natur ... - -Leise, wie ein Schatten, löste sich Marga von der Wand, an der sie noch -immer stand. - -Sie ging nach dem Stuhl, auf dem sie sonst vor ihren Kindern saß; -von dem aus sie vor den glänzenden Augen der andächtigen Kleinen -ihre Märchen erzählte. Dort setzte sie sich und faltete die Hände im -Schoß. Zuerst war es auch ihr, als müßte ihr zuckendes Herz in Tränen -sich befreien. Aber dann senkte es sich über sie wie eine machtvolle, -alle menschliche Klage versöhnende Feierlichkeit. Ihr inneres Gesicht -verklärte sie: sie sah sich wie einst an einem Nachmittag, nach -bangem Morgen, über einen Hang schreiten, über einen unabsehbaren -Hang von blauen Glockenblumen. Sanft neigten sie sich im Sommerwind -und begannen zu läuten mit ihren zarten, dünnen, verheißungsvollen -Stimmchen. Je weiter sie schritt, um so lauter war das Geläut. Ein -Jubeln, ein Jauchzen wurde daraus, in das ihre Seele einstimmte. Und -wieder war da ein Fluß. Breiter, tiefer, strömender als der von einst. -Über den mußte sie setzen. Sie wußte, daß er drüben stand, am Ufer. -Daß er sie erwartete. Es mußte so sein. Und das Geläute mußte sie auf -seinen Schwingen tragen, hinüber über das Vergangene, hinüber über das -Gegenwärtige, bis sie an seiner Seite stand ... - -Seine Stimme erweckte sie. Er hatte sich mit einer gewaltsamen -Aufraffung gesammelt. - -„Was werden Sie von mir denken, Fräulein -- Fräulein Marga!” Er konnte -sie nicht anders nennen. „Was werden Sie von mir tränenseligem, -erbärmlichem Weichling denken!” stieß er rauh hervor. „Ich wollte Ihnen -nur sagen, daß Sie mir -- mir unendlich viel mehr zu verzeihen haben -als meinem dummen, trotzigen Kleinen. Das war es.” - -Marga schüttelte den Kopf. - -„Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Und wenn es noch etwas gewesen -wäre, so hätten Sie es in dieser Stunde für immer gutgemacht!” - -Perthes war aufgestanden. Auch Marga hatte sich erhoben. - -Sie bot ihm ihre Hand. Er beugte sich tief darüber mit seinem dunklen -Kopf und küßte sie stumm. -- - -Er rief nach seinem Jungen. - -Elli brachte ihn getröstet herbei. Sie wußte nur durch ihr Gefühl, was -vorgegangen war. - -„Benno will am Nachmittag wieder in die Schule kommen,” meinte sie mit -einem strahlenden, liebkosenden Blick auf den Kleinen. - -„Und immer wieder will ich kommen!” erklärte überzeugt der kleine Mann. - -„Wenn die Damen es erlauben -- solange du noch hier bist,” sagte -Perthes, dankbar auf Elli schauend. Dann ließ er ihn sich von Marga -verabschieden, nahm ihn bei der Hand und verließ mit einem ernsthaften -Gruß das Zimmer ... - -Elli warf sich in Margas Arme. Während draußen die Gittertür knarrte -und die Schritte des kleinen und des großen Perthes straßabwärts -verhallten, standen sie schweigend beisammen. Elli wagte nicht, -Marga zu stören, deren Augen verloren ins Weite schweiften und eine -schimmernde Ferne faßten. Es war die große Stille, die über Zeit und -Raum dort hinüberfloß. Und es war wieder die Freude in ihr und das -Läuten der blauen Glocken von Stille zu Stille. Das Wie wußte sie nicht -und nicht das Wann. Aber sie wußte, daß sie und er sich wiedersehen -würden, um sich nicht mehr zu trennen. Denn sie waren wieder Gefährten -eines Wegs und eines Willens ... - -Und beide rangen sie mit dem Leben, bis daß es sie segnete. - -[Illustration] - - - - - Im _Cotta'schen Verlage_ - erschien von - - Heinrich Lilienfein: - - - Gebunden - - $Ideale des Teufels$ - Eine boshafte Kulturfahrt. 2. Aufl. M. 5.50 - - $Von den Frauen und einer Frau$ - Erzählungen und Geschichten. 2. Aufl. M. 5.-- - - $Die große Stille$ - Roman. 9.-11. Auflage M. 8.50 - - $Der versunkene Stern$ - Roman. 4. und 5. Auflage M. 9.-- - - $Ein Spiel im Wind$ - Roman. 4. und 5. Auflage M. 8.-- - - $Die feurige Wolke$ - Roman. 1.-5. Auflage M. 9.50 - - * * * * * - - $Der Herrgottswarter$ - Ein Drama in drei Aufzügen M. 4 -- - - $Die Herzogin von Palliano$ - Ein Drama in drei Akten M. 4.50 - - $Der Kampf mit dem Schatten$ - Drei Akte eines Vorspiels zum Leben M. 4.-- - - $Der schwarze Kavalier$ - Ein deutsches Spiel in drei Akten - - $Olympias.$ Ein griechisches Spiel - in drei Akten - - Beide Dramen in einem Band M. 5.-- - - $Der Stier von Olivera$ - Ein Schauspiel in drei Akten. 2. Aufl. M. 4.50 - - $Der große Tag$ - Ein Schauspiel in fünf Akten M. 4.-- - - $Der Tyrann$ - Ein Drama in vier Akten M. 4.50 - - $Hildebrand$ - Ein Drama in drei Akten und einem - Vorspiel. 2. Auflage M. 4.-- - - $Das Gericht der Schatten$ - _Vier Einakter_: Die Botschaft -- - Das Fest der entblößten Seelen -- - Die mondhelle Stunde -- Die - Fessellosen M. 4.-- - - Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart - - - - - +--------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | - | gebräuchlich waren, wie: | - | | - | Abwechselung -- Abwechslung | - | anderen -- andern | - | Billet -- Billett | - | Büfett -- Büffet | - | dämmerigen -- dämmrigen | - | Ewig-Weibliche -- Ewigweibliche | - | frei gemacht -- freigemacht | - | geradeswegs -- geradewegs | - | jenseit -- jenseits | - | leis -- leise | - | malitiöse -- maliziöse | - | mitleidlos -- mitleidslos | - | Sammetkäppchen -- Samtkäppchen | - | Tete-a-tete -- tete-a-tete | - | Tipptopp -- tipp-topp | - | wundere -- wundre | - | | - | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | - | | - | S. 17 „minuziösen” in „minutiösen” geändert. | - | S. 20 „unverantworlich” in „unverantwortlich” geändert. | - | S. 86 „g worden” (Leiche?) in „geworden” geändert. | - | S. 86 „handarbeit nd” (Leiche?) in „handarbeitend” geändert. | - | S. 86 „Fakultätsitzung” in „Fakultätssitzung” geändert. | - | S. 96 „heut am Abend” in „heute am Abend” geändert. | - | S. 139 „daß weiß ich” in „das weiß ich” geändert. | - | S. 167 „erkläre” in „erklärte” geändert. | - | S. 175 „Überschwängliche” in „Überschwengliche” geändert. | - | S. 181 „hatte für Sie” in „hatte für sie” geändert. | - | S. 184 „Sägmühle” in „Sägemühle” geändert. | - | S. 191 „Stohhut” in „Strohhut” geändert. | - | S. 213 „tanzst” in „tanzt” geändert. | - | S. 225 „Jleus” in „Ileus” geändert. | - | S. 267 „werkwürdig” in „merkwürdig” geändert. | - | S. 280 „ eingefügt. | - | S. 303 „Trabener” in „Trabner” geändert. | - | S. 346, 351 „garnicht” in „gar nicht” geändert. | - | S. 362 „Verzweifelste” in „Verzweifeltste” geändert. | - | S. 362, 363, 366 „Bertelsdorff” in „Bertelsdorf” geändert. | - | S. 397 „ungeberdigen” in „ungebärdigen” geändert. | - | S. 408 „voll gestopft” in „vollgestopft” geändert. | - | S. 424 „ihre Fräulein Schwester” in „Ihr Fräulein Schwester” | - | geändert. | - | S. 425 „Clli” in „Elli” geändert. | - | | - +--------------------------------------------------------------+ - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die große Stille, by Heinrich Lilienfein - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROßE STILLE *** - -***** This file should be named 53283-0.txt or 53283-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/2/8/53283/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Die groe Stille - -Author: Heinrich Lilienfein - -Release Date: October 15, 2016 [EBook #53283] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROE STILLE *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - - - - -<p class="center big200 halftitle">Die groe Stille</p> - - - - -<h1 class="pagebreak">Die groe Stille</h1> - -<p class="center">Roman</p> - -<p class="center">von</p> - -<p class="center big200">Heinrich Lilienfein.</p> - -<p class="center b6">9.-11. Auflage</p> - -<div class="figcenter" style="width: 120px;"> -<img src="images/title_logo.png" width="120" height="128" alt="" /> -</div> - -<p class="center">Stuttgart und Berlin 1919<br /> -J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger -</p> - - - -<p class="pagebreak center p6">Alle Rechte,<br /> -insbesondere das bersetzungsrecht vorbehalten</p> - -<p class="center"><small>Fr die Vereinigten Staaten von Amerika:<br /> -Copyright, 1912, by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger<br /> -Stuttgart und Berlin</small> -</p> - - - -<p class="pagebreak center halftitle big200">Dem Andenken meiner Hanna</p> - - - - - -<h2 class="pagebreak"><a name="c1" id="c1">1</a></h2> - - -<p>Da klingelte es schon wieder.</p> - -<p>Kthe hatte ihren Posten auf der obersten Treppenstufe -gleich gar nicht verlassen. Elli strmte mit lachender -Neugier aus der Stube und bog sich so weit ber das -Gelnder, da die ltere, bedchtigere Schwester sie leise -schalt und zupfte, einmal, weil es leichtsinnig war und -man gesehen werden konnte, dann aber, weil sie selbst, -obwohl die grere von beiden, so nicht auf ihre Kosten -kam. Und der neue Ankmmling fr Papas Sprechstunde -mute doch ganz genau gemustert werden. Das -war so Brauch, so oft ein neues Semester begann und -die Hrer einer nach dem andern anrckten, um sich -den Namen des Geheimrats ins Kollegbuch schreiben zu -lassen.</p> - -<p>Marga war allein in dem gemtlichen Zimmer zurckgeblieben, -das ihr und Ellis Mdchenreich war. Aber auch -in ihren Fingern ruhte fr einen Augenblick die feine -Knpfarbeit. Mit vorgebeugtem Kopf lauschte sie hinaus -nach dem Treppenhaus. In der erwartungsvollen -Stille war jedes Gerusch zu hren.</p> - -<p>Im Erdgescho wurden Schritte laut. Es war Therese, -die mit Brummen an die Glastr schlrfte und ffnete. -Elli polterte in der Spannung einige Stufen hinunter. -Ein zrnendes „Bst!” von Kthe wies sie zurecht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[S. 8]</a></span></p> - -<p>ber Margas Gesicht huschte ein Lcheln. Ihre Blicke -suchten die Tr. Sie lie sich von der Spannung anstecken, -als knnten die lichtlosen blauen Augen das unerbittliche -Dunkel durchdringen, das sie inmitten der sonnigen Stube -einhllte.</p> - -<p>Jetzt mute der Ankmmling sichtbar sein.</p> - -<p>Mit einem unverhohlenen „Oh!” der Enttuschung -fuhr Elli zurck und glitt von der Treppe ins Zimmer. -„Nu mach' ich nicht mehr mit!” lie sie sich halb traurig, -halb zornig vernehmen, whrend sie sich in dem roten -Plschsofa, Margas Korbsessel gegenber, schmollend -zurckwarf.</p> - -<p>„Wer war's denn?” forschte die Blinde.</p> - -<p>„Ach was! Nicht der Mhe wert! Einfach lcherlich!” -lautete die unklare Antwort, die ein tiefer Seufzer begleitete.</p> - -<p>„Trabner, der alte Oberlehrer,” erklrte Kthe, die -jetzt, gleichfalls enttuscht, zurckkam.</p> - -<p>„Ach der!” nickte Marga und nahm die auf den Knien -liegende Handarbeit wieder auf.</p> - -<p>„Der Flanellstorch!” ergnzte Elli, die ihren Unwillen -an irgendwem auslassen mute. „Mit der Glatze und der -Stahlbrille, den Gummimanschetten und dem famosen -Trikot-Stehumlegekragen. Ich glaube, er hrt Papa seit -fnfzig Jahren, der — der —”</p> - -<p>„Ein sehr netter, vernnftiger Mensch,” meinte Kthe -strafend. „Papa schtzt ihn sehr.” Als lteste hielt sie -es stets fr ihre Pflicht, gerecht zu sein und Ellis vorlauten -Urteilen die Spitze abzubrechen.</p> - -<p>Aber Elli war heute gar nicht in der Laune, sich schulmeistern -zu lassen. „Sieh mal an!” Sie bog ihren lichtblonden<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[S. 9]</a></span> -Lockenkopf zur Seite. „Du schwrmst wohl gar -fr den guten Flanellstorch?”</p> - -<p>„Das ist ehrlich dumm, Kleinchen! Ich kann nur nicht -leiden, da man jemand in Bausch und Bogen ablehnt. -Das weit du.” Kthe setzte sich an den kleinen Schreibtisch -am Fenster. Sie wollte fortfahren, in ihr Tagebuch -zu schreiben.</p> - -<p>„Vergi das ja nicht gleich mit aufzuschreiben,” neckte -Elli weiter. „Unter ‚Gedankensplitter‛.”</p> - -<p>Kthe drehte sich emprt nach der Sptterin um. „Das -verbitt' ich mir, hrst du?” Ihre dunklen Augen zrnten, -und sie strich sich die Haare aus der Stirn, zurck nach -den schwarzen, wohlgeordneten Flechten. „Ich kann nicht -dafr, da dein Herr Wilkens ausbleibt,” setzte sie mit -spitzem Vorwurf hinzu.</p> - -<p>„Oho!” brauste Elli auf. „Ich kmmere mich wohl -um Wilkens? Nicht so viel! Nicht so viel!” Die Rte, -die ihr in die Wangen scho, rgerte sie noch mehr. „Nicht -so viel!” erklrte sie zum drittenmal mit vor Erregung -zitternder Stimme.</p> - -<p>„Aber Kinder! Ihr seid ja garstig miteinander,” mahnte -jetzt Margas weiche, ruhige Stimme. Ihre Hand tastete -ber den Tisch weg nach Elli, als wollte sie ihren Liebling -beruhigen. „Er kann ja noch kommen,” flsterte sie der -jngeren Schwester zu.</p> - -<p>Elli entzog sich ihrer Liebkosung. Trotz und Schmerz -kmpften in ihren hbschen Zgen und preten ihr Trnen -in die Augen. Sie war in dem seligen siebzehnjhrigen -Alter, wo Freude und Leid durcheinanderjagen wie Regen -und Sonne an einem Apriltag. Sie kam sich unsagbar -verkannt vor, nicht weil sie sich um den besagten Wilkens<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[S. 10]</a></span> -„nicht so viel” kmmerte, sondern gerade weil sie auf ihn -gewartet hatte. Ihr kleines Geheimnis, ber das sie mit -den Schwestern sonst ganz gern einmal tuschelte, war nach -ihrem Empfinden von Kthe furchtbar verletzt und entweiht.</p> - -<p>Marga erriet diese Stimmung. Sie stand auf, legte -die Arbeit auf den Tisch und setzte sich neben Elli aufs -Sofa. Sie nahm sie in den Arm. Whrend Kthe mit -groen steilen Schriftzgen ein neues Blatt des Tagebuchs -fllte, redete sie in ihrer verstndigen, zarten Weise -halblaut dem Kleinchen zu, das nach einigem Widerstreben -nicht nur den Trost in sein wundes Herz aufnahm, sondern -auch dieses Herz auszuschtten begann.</p> - -<p>Das Schnarren von Kthes Feder, das Flstern der -beiden auf dem Sofa waren die einzigen Gerusche, die -das Zimmer, ja das ganze in nachmittgliche Stille versunkene -Haus belebten. Kein Ton drang vom unteren -Stockwerk, wo Geheimrat Richthoff arbeitete, herauf in -die Mansardenstube. Der Flanellstorch mute lngst -wieder seines Wegs gezogen sein, ohne da sein Gehen -auch nur ein winziges Teilchen des Interesses gefunden -htte, das seine Ankunft wachgerufen. Die krftige, leuchtende -Maisonne kam, zu mattem Gold gedmpft, durch -die zugezogenen gelben Vorhnge an den Fenstern und -tauchte die altmodischen Mbel, die erinnerungsreichen, -behaglichen Kleinigkeiten in den Ecken und an den Wnden -in ein wohliges Halbdunkel. Nichts schien mehr den -dmmerigen Frieden dieser Ruhestunde stren zu wollen, -die die Schwestern wie gewhnlich zwischen Mittag und -der Kaffeestunde da oben unter dem Dach vertrumten -und verplauderten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[S. 11]</a></span> - -Der Zeiger rckte auf drei Uhr los. Noch zwei Minuten, -und der heisere Kuckuck mute den Kopf dreimal -zur Tr herausstrecken und sie wieder energisch hinter sich -zuklappen. Damit war dann Papas Sprechstunde und -alle Spannung fr heute zu Ende.</p> - -<p>Ein neues schrilles Klingeln an der Haustr kam dem -Kuckuck zuvor. Marga und Elli hielten in ihrem Flstern -ein. Kthe blickte halb von ihrem Tagebuch auf.</p> - -<p>„Sicher nichts berwltigendes,” erklrte Elli mit einer -Gleichgltigkeit, der die Neugier aus allen Fugen sah. -„Ich stehe schon gar nicht mehr auf.”</p> - -<p>„I wo, Kleinchen! Flugs auf deinen Posten!” ermunterte -sie Marga.</p> - -<p>Eine ziemlich tiefe, etwas hastige Stimme klang von -unten aus dem Hausflur.</p> - -<p>Elli rckte auf ihrem Sitz hin und her. Sie wollte -nicht mehr, und doch wollte sie brennend gern. Kthe hatte -die Feder weggelegt. Auch sie berlegte. Schon stand -Elli auf und huschte nach der Tr. Kthe folgte langsam. -Mit vereinten Krften beugten sie sich drauen ber das -Gelnder und sphten den heraufsteigenden Schritten entgegen. -Marga lauschte wie zuvor. Es war wieder das -alte lustige Spiel, das sie nicht lassen konnten, heute zum -zehntenmal nicht. Die kleine Znkerei war lngst vergessen. -Die Treppen, das Nubaumgelnder knackten -unter der Last der beiden vornbergebeugten Mdchenkrper -verrterischer denn je.</p> - -<p>Die Musterung des ahnungslosen Besuchers dauerte -lange. Fr Marga in ihrem Alleinsein schienen die Schwestern -eine Ewigkeit auszubleiben. Endlich klappte im ersten -Stock die Tr zum Zimmer des Geheimrats ins Schlo.<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[S. 12]</a></span> -Kthe und Elli strmten gleichzeitig zurck ins Zimmer. -„Etwas schrecklich Interessantes!” rief Elli aufgeregt schon -von weitem.</p> - -<p>„Ein Neuer! Hat noch nie bei Papa gehrt!” berichtete -auch Kthe mit ungewohnter Lebhaftigkeit, whrend sie -vorsichtig die Tr nach dem Flur zuzog.</p> - -<p>„Alt? Jung? Gro? Klein? So erzhlt doch nur!” -forschte Marga mit jener Neugier, die sie mitunter leidenschaftlich -berkam, wenn ihr junger Sinn sich aufbumte, -als frchtete sie, die Schwestern mchten ihr ein Stck -Leben vorenthalten, nach dem sie sich in ihrer Dunkelheit -nicht minder sehnte als die anderen mit ihren hellen Augen.</p> - -<p>Alle drei rckten an dem runden Tisch ganz nahe zusammen. -Fast stieen sie mit den eifrig aufgesttzten -Ellbogen aneinander. Kthe und Elli berstrzten und -ergnzten sich in ihren Mitteilungen. Die ganze ausgelassene -Lust der „Bande”, wie Papa Richthoff seine -Mdels nannte, machte sich in dieser halb spahaften, halb -ernsten Kritik Luft.</p> - -<p>„Sehr straffe mnnliche Erscheinung,” beschrieb Kthe.</p> - -<p>„Gro, schlank!” unterbrach Elli. „Schick gekleidet! -Jackettanzug — Pfeffer und Salz! Braune Stiefel!”</p> - -<p>„Weit du, Marga, hnlich wie der eine Assistent von -Professor Lepart,” erklrte Kthe.</p> - -<p>„Doktor Zerweck? Das Gigerl? Ich danke!” ereiferte -sich Elli. „Nicht die Spur, Marga. Viel natrlicher, gar -nicht geckenhaft!”</p> - -<p>„Nicht wie ein Philologe, weit du,” nahm Kthe -den Bericht wieder auf. „Mehr weltmnnisch.”</p> - -<p>„O, das will ich nicht sagen,” widersprach Elli. „Es -gibt sehr feine Philologen.” Sie verstummte pltzlich und<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[S. 13]</a></span> -wurde wieder rot. Wilkens war nmlich Philologe, derselbe -Wilkens, der vorhin an der kleinen Trnenszene -schuldig geworden war.</p> - -<p>Jetzt muten sie alle drei ber Ellis Naivitt lachen, -sie selber nicht zum wenigsten.</p> - -<p>„Aber wie sieht er denn nun eigentlich aus?” fragte -Marga ganz unglcklich. „So erzhlt doch mal ordentlich!”</p> - -<p>Kthe und Elli fingen wieder von vorn an. Schwatzend -und lachend lieferten sie eine Charakteristik, so wirr und -widerspruchsvoll, da Marga sich nach noch so vielen Beschreibungen -so klug vorkam wie zuvor. Was sie mit einiger -Bestimmtheit erfuhr, war nur, da er einen braunen -Vollbart trage und sehr ausdrucksvolle dunkle Augen habe. -ber diese Augen, die keine der beiden Schwestern lnger -als eine Sekunde in betrchtlicher Ferne gesehen, drohte -es zu neuem Streit zu kommen. Elli fand sie feurig, -Kthe schmelzend.</p> - -<p>Marga legte sich ins Mittel. „Wir mssen mal Papa -fragen, wer es war,” sagte sie einfach und entschieden.</p> - -<p>Kthe und Elli waren einen Moment sprachlos ber -diesen verblffend klaren und offenen Rat. Dann fielen -sie vereint mit ihren Bedenken ber Marga her. Als ob -das so einfach wre, Papa zu fragen! Man wrde ja -verraten, da man Posten gestanden! Papa wrde Gott -wei was denken! Und wenn er erst merkte, da man -gern etwas von ihm wissen wollte, konnte man sicher sein, -da er schwieg wie ein Lwe. Das mute fein eingefdelt -werden. Da mute ein richtiger Feldzugsplan gemacht -werden. Wieder steckten sich die drei Mdchenkpfe wie -die Hupter einer Verschwrung ber dem Tisch zusammen.<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[S. 14]</a></span> -Sie fuhren erst erschrocken auseinander, als ziemlich -laut an die Tr gepocht wurde.</p> - -<p>Therese streckte den Kopf herein. „Der Kaffee steht -unten,” meldete ihre mrrische Stimme. „Er wird kalt. -Und der Herr Geheimrat hat nach dem seinen schon gerufen.”</p> - -<p>Wie im Nu ging es aus der Stube und die Treppe -hinunter. Elli voran, denn an ihr war die Reihe, Papa -den Nachmittagskaffee zu bringen. Das war eine wchentlich -abwechselnde Ehre.</p> - -<p>Kthe und Marga folgten Arm in Arm. Sie hatten -am Nachmittag eine Besorgung zu machen und verabredeten -den Stadtbummel. Bis zum Abendbrot galt es -schon zu warten, ehe man gemtlich mit Papa plaudern -konnte. Dann mute man — man mute erfahren, wer -der „Neue” war.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Geheimrat hatte allerdings nicht die leiseste Ahnung -von dem, was seine Mdels zu seinen Hupten trieben -und planten. Wenn er nach dem Essen seinen Verdauungsgang -im Garten gemacht hatte, wobei er mit der gewissenhaften -Liebe von Jahrzehnten die Fortschritte seiner Bume -und Spaliere feststellte, die Schnecken von den Weinstcken -ablas, das allzu vordringliche Unkraut mit der Stockspitze -aus den Wegen bohrte und nachbarwrts schleuderte -— dann bildete die Sprechstunde den bergang von der -beschaulichen Ruhe zur eifrigen Arbeit. Wie ihm seine -Besucher gefielen oder seine Laune es ihm eingab, fertigte -er seine Hrer bald kurz und ohne viele Worte ab, bald -verwickelte er sie in ein Gesprch und stellte — das war<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[S. 15]</a></span> -der Schrecken der jungen Semester, die zum erstenmal sich -bei ihm anmeldeten — ein kleines historisches Examen an, -sein Opfer unvermittelt an einem Rockknopf fassend und -sich an seiner Verwirrung innerlich belustigend. War dann -der letzte glcklich expediert und die Tr endgltig fr -weitere Besucher geschlossen, so schlpfte er in den befreienden -grauen Schlafrock, der schon bedenklich viele -Jahre erlebt hatte, aber fr unersetzlich galt, und steckte -sich eine Zigarre an. Er verschwand hinter dem gewaltigen -Zylinderbureau aus Nubaumholz, das vom einen Fenster -aus quer in die Stube stand und mit den mchtigen bndereichen -Regalen im Rcken ein kleines Zimmer im Zimmer -bildete. Eine Flut von Zetteln und Zettelchen, alle beschrieben -mit seiner winzigen, mikroskopisch feinen Handschrift, -breitete sich vor ihm und um ihn aus. Es war ein -besonderes Kunststck, das nicht immer gleich gut gelang, -den Nachmittagskaffee geruschlos hereinzubringen und auf -dem bltterbesten Schreibtisch ein Eckchen zu ersphen, wo -er hingesetzt werden konnte, ohne da der alte Herr einen -grollenden Sturm losbrechen lie, weil man ihm alles -durcheinanderwerfe und die peinliche Ordnung seiner -Manuskripte, die fr jeden andern einer peinlichen Unordnung -zum Verwechseln hnlich sah, gewissen- und verstndnislos -zerstre. Nur Marga geno das Vorrecht, da -ihren suchenden Fingern Nachsicht, sogar etwas Hilfe gewhrt -wurde. Das war aber eine Zartheit, die als geheimes -und stillschweigendes Abkommen zwischen Vater -und Tochter verborgen blieb.</p> - -<p>Heute, wo Elli an der Reihe war, hatte es grimmiges -Murren gegeben, so da sie den Schwestern verstrt berichtete, -Papa sei grauenhaft aufgelegt und msse wie<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[S. 16]</a></span> -ein schalloses Ei behandelt werden. Dabei war der alte -Herr bei sich selber ganz zufrieden. Mit Bedacht und Vorliebe -spielte er den Pascha, der unberechenbar seine Gnaden -und Ungnaden verteilt. Nach seiner wohlgemeinten Ansicht -gab es kein besseres Mittel, um die „Bande” einigermaen -in Zaum und Zucht zu halten. Nachdem ihm seine -um fnfzehn Jahre jngere Frau gestorben, ehe Elli -und Marga auch nur aus den Kinderschuhen waren, -hatte er eine Erzieherin ins Haus genommen. Eine Zeitlang -war es auch mit einer Hausdame versucht worden. -Aber aus alledem waren so viel Unbequemlichkeiten und -Mihelligkeiten entstanden, die seine ihm notwendige Gelehrtenruhe -strten, da er, als die beiden jngsten leidlich -herangewachsen waren, das Hauswesen mit seinen drei -Tchtern allein zu fhren unternahm. Etliche Kollegen, -unterschiedliche Tanten und Basen hatten erklecklich dazu -den Kopf geschttelt. Eine Musterwirtschaft war's ja auch -nicht gerade geworden. Aber er war zufrieden, wie es -war; er und die drei Mdchen fhlten sich glcklich in -dem alten wohnlichen Haus am Wenzelsberg.</p> - -<p>An den Tagen, an denen nicht eine Kolleg- oder -Seminarstunde ihn abrief, sa Geheimrat Richthoff vom -Nachmittag bis zum Abend in seiner Schreibtischecke. Im -qualmenden Nebel der Zigarren, die er eine an der andern -ansteckte, verschwand fr ihn die Auenwelt. An -ihre Stelle traten die geistigen Gestalten seiner rmischen -Kaiser, mit denen er leibhaftig und wie mit seinesgleichen -umging. Aus der Unzahl kleiner Zge, die er mit unermdlichem -Flei Tausenden von Inschriften, sprlichen, -unverllichen Geschichtschreibern, all den zwar unermelichen, -aber noch so unverarbeiteten Quellen abzwang,<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[S. 17]</a></span> -formte er mit feiner, geistreicher Kunst seine Kaisergeschichte. -Die Studien eines ganzen Lebens trug er, an der Schwelle -des Alters, in einem darstellenden Werke groen Stils -zusammen. Mit eiserner Energie hatte er von Jahr zu -Jahr den Wunsch, das Erforschte und Gesammelte zum -Kunstwerk umzuschaffen, niedergehalten. Jetzt endlich, -seit Jahresfrist, hatte er sich der Haft der Kleinarbeit entlassen. -Mit dem Ungestm eines Jungen begann er zu -gestalten. In der Seligkeit, das kritisch Erklgelte endlich -knstlerisch erleben zu drfen, erfllte sich ihm der Traum -seines Daseins. Alle Freuden und Leiden des Schaffenden -erlebte er in der drangvoll-frchterlichen Enge seines -Schreibtisches. Verzweiflung und Resignation wechselten -mit feurigem Entzcken. Er haderte mit seinen Kaisern; -er knirschte, brummte, schalt vernehmlich und drohte, wenn -sie sich sprde zeigten und ihre glatten, scharfen Csarenkpfe -in den Schleier der Undurchdringlichkeit hllten. -Das waren die Tage, wo die Arbeit um zwei, drei Zeilen -vorrckte, von denen die eine wieder gestrichen werden -mute. Dann wurde er unzugnglich, griesgrmig, unwirsch -und konnte mit seinem Unmut das ganze Haus -durcheinanderwerfen. Ein andermal war alles eine Herrlichkeit: -die Kaiser hielten ihm stand; sie traten hervor -wie aus Marmor gemeielt, klar, formgebietend, lebenheischend; -dann verklrte ein heimliches Lcheln sein Gesicht, -heimlich, denn es sa tief drinnen zwischen dem -weien dichten Vollbart und scho hchstens einmal wie -ein neckender Blitz unter den scharfen Brillenglsern hervor. -Flssig und leicht und selbstverstndlich sprangen die -Worte, die Stze aus der Feder, und Blatt um Blatt -bedeckte sich mit der minutisen, schwer leserlichen Schrift.<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[S. 18]</a></span> -An solchen Tagen war Vater Richthoff umgnglich, zu -einem Scherz bereit, innerlich von einer kindlichen Heiterkeit. -Da hielt der barsche Pascha nicht vor. Er drckte -ein Auge zu, lie sich Wnsche und Bitten vortragen, gab -Lob und Zustimmung, kurz: Papa hatte seinen guten Tag -und die Bande mit ihm.</p> - -<p>Einen guten Tag hatte der alte Herr auch heute hinter -sich, als er sich endlich entschlo, die Feder wegzulegen -und den Rest der soundsovielten Zigarre dem Aschenbecher -zu opfern. Er rieb sich befriedigt die Hnde und schob -die kleine schwarze Samtkappe, die — ein wrdiges Seitenstck -des betagten Schlafrocks — den dnnbehaarten, -massigen Schdel schtzte, ber die Stirn zurck. Dann -stand er auf und ffnete ein Fenster. Vom Vorgarten, -der Haus und Strae gleich einer erhhten Terrasse trennte, -atmeten die in voller Blte stehenden zwei Kastanienbume -ihren milden, sen Duft. Die untergehende Sonne -warf rote Lichtbndel auf den Kiesplatz und sprenkelte -die Gartenmbel, die um den steinernen Tisch standen. -Dort sa Marga, die Hnde im Scho, den Kopf mit dem -schlichten, aschblonden Knoten weit gegen den Baumstamm -zurckgelehnt und die Augen geschlossen. Vom Kamin -eines Hauses gegenber schmetterte eine Amsel ihre Triller -in die auffallend weiche, stille Luft des Maiabends. Marga -schien angespannt zu lauschen. Ein Ausdruck, von Wonne -und Weh seltsam gemischt, lag auf dem zarten Gesicht, -das im Dmmerschatten des Baumes blasser aussah, als -es war.</p> - -<p>Der Geheimrat sah ihr einen Augenblick ruhig zu, ehe -er sich entschlo, ihre Trumerei zu unterbrechen. Bei -ihr, die sein Sorgenkind war, bekmpfte er mit einer<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[S. 19]</a></span> -Strenge, die ihm nicht leicht wurde, den fr ihre zwanzig -Jahre und ihre Blindheit begreiflichen Hang, sich in einer -schwrmenden Gemtsstimmung einseitig zu verlieren. -Gerade sie, der das Schicksal ein krgeres Los zugemessen -als den andern, wollte er davor behten, ihre Kraft in -einem berschwenglichen Gefhlsleben zu verzehren. Er -verga darber, da die Unendlichkeit ihrer Trume sie -auch wieder mit der verdunkelten Endlichkeit und Beschrnkung -ihres Daseins vershnte.</p> - -<p>„Na, Marga, du scheinst nicht so hungrig zu sein wie -ich,” klang es jetzt mit neckendem Vorwurf zu ihr hinunter.</p> - -<p>Ein leises Zittern lief ber Margas Krper. Sie schrak -zusammen, als kehrte sie pltzlich aus weiter, luftiger Ferne -zurck, und die Augen irrten in die Hhe.</p> - -<p>„Wir haben mit dem Abendbrot nur auf dich gewartet. -Es ist alles fertig,” gab sie in leichter Verwirrung zurck; -sie stand auf und eilte mit gebter Sicherheit der Glastr -zu, die vom Erdgescho in den Vorgarten fhrte.</p> - -<p>„Langsam, langsam!” mahnte der Geheimrat, whrend -er sich vom Fenster zurckzog. Fast tat es ihm leid, -sie aus ihrem verlorenen Sinnen geweckt zu haben. Er -warf noch einen halb schmeichelnden, halb wehmtigen -Abschiedsblick auf das Wirrsal seiner Manuskriptbltter, -ehe er sein Zimmer verlie und die Treppe hinunterstieg.</p> - -<p>Im Ezimmer war alles seines Erscheinens gewrtig. -Die Mdels kamen ihm entgegen und fhrten ihn wie im -Ehrengeleit zu seinem bequemen Sessel. Kthe go ihm -den Tee ein. Marga strich seine gersteten Butterschnitten. -Elli schob ihm noch ein Kissen in den Rcken. Er lie sich -gern ein bichen verwhnen. Doch die Behendigkeit, mit -der er heute bedient wurde, erschien ihm fast verdchtig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[S. 20]</a></span></p> - -<p>Therese erschien mit den Schsseln. Unauffllig stellte -Kthe eine Platte mit jungen Spargeln als Sondergericht -vor den vterlichen Teller.</p> - -<p>Der Geheimrat stutzte. „Kinder, ich habe wohl heute -Geburtstag, was? Frische Spargel! Anfang Mai! Wie -komm' ich zu solchen Leckereien?” Er sah sich fragend im -Kreise um. Sein eines Auge zwinkerte unmerklich.</p> - -<p>„Marga und ich kamen auf der Hauptstrae bei -Testers vorbei,” erklrte Kthe harmlos. „Wir sahen -zufllig, da er im Schaufenster die ersten Schwetzinger -Spargel ausgestellt hatte, und weil du sie so gern -magst —”</p> - -<p>„So wollten sie dir eben eine Freude machen,” schlo -Elli mit wohlgemeinter, aber verlegener Hast.</p> - -<p>„Hm! Etwas unverantwortlich, aber nett von euch.” -Es war jetzt fr den alten Herrn ausgemacht, da die Bande -etwas von ihm wollte. Entweder muten sie neue Frhjahrskleider -haben oder sie wollten eine Einladung annehmen -oder wei Gott was. Es galt also, auf der Hut -zu sein.</p> - -<p>Kthe und Elli sahen sich mit verzweifelten Blicken -an. Sie gaben das Treffen schon so gut wie verloren. -Der etwas spttische Ton verriet ihnen, da Vater Richthoff -die Absicht, ihn durch einen Leckerbissen in seiner guten -Laune zu untersttzen, durchschaut habe.</p> - -<p>Es entstand ein lngeres Schweigen. Marga, der von -Natur alle Diplomatie fremd war, empfand die kritische -Situation am unbehaglichsten. Nur aus schwesterlicher -Solidaritt hatte sie sich mit dem Plan befreundet, das -Geheimnis des „Neuen”, das zu ergrnden man sich nun -einmal in unschuldiger Kinderei verschworen hatte, auf<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[S. 21]</a></span> -raffinierten Umwegen herauszulocken. Ihr schien es geraten, -jetzt geradezu aufs Ziel loszugehen.</p> - -<p>„Hast du schon viele neue Hrer frs Sommersemester, -Papa?” fragte sie unbefangen. Und ohne sich durch einen -Ellbogensto Ellis irremachen zu lassen, fuhr sie fort: -„Bitte, erzhl' uns mal, wer heute alles bei dir war.”</p> - -<p>Kthe und Elli blieb der Bissen im Halse stecken. Diese -Khnheit war unerhrt. Noch ein ungeschicktes Wort, und -Papa erriet, da sie seine Sprechstunde belauert hatten. -Im vorigen Jahr, als Wilkens sich einschreiben lie, hatte -er Elli einmal auf der Treppe erwischt: es hatte eine -erschreckliche Strafpredigt ber Anstand und Manieren -abgesetzt. Und jetzt ...! Kthe trat Marga unter dem -Tisch auf den Fu. Es war einfach haarstrubend gefhrlich, -was sie da mit ihrer unverbesserlichen Offenheit anrichtete.</p> - -<p>Der alte Herr liebte allerdings nichts weniger, als -wenn man sich in seine „Amtsangelegenheiten” mischte. -Wenn er etwas davon mitzuteilen fr gut fand, war das -eine seltene Huld und geschah aus freien Stcken. Wre -er weniger befriedigt von seinen rmischen Kaisern gekommen, -eine barsch ablehnende Antwort htte nicht ausbleiben -knnen. Aber guter Dinge, wie er war, begngte -er sich mit der mildesten Form, die er hatte, wenn es galt, -unerwnschte Fragen abzuweisen: er berhrte sie und -blieb eifrig in seine Mahlzeit vertieft.</p> - -<p>Die drei Mdels kannten ihn zu genau, um nicht -diesen stummen Bescheid zu verstehen.</p> - -<p>Elli und Kthe verstndigten sich durch einen Blick: -<span class="antiqua">Lasciate ogni speranza!</span></p> - -<p>Marga hatte aufgehrt zu essen. Sie hatte den Kopf<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[S. 22]</a></span> -gesenkt. Die Finger der rechten Hand strichen langsam -das Tischtuch. Trauer und Beschmung prgten sich in -ihrem Gesicht aus. Bei ihrer gesteigerten Empfindungsfhigkeit -ging dieser stumme Tadel tiefer als eine entschiedene -Zurckweisung. Sie fhlte sich berdies vor -den Schwestern gedemtigt.</p> - -<p>Dem alten Herrn entging ihre Stimmung nicht. -Er wollte heute frhliche Gesichter um sich sehen. „Sag -mal, Marga,” begann er, nachdem er die zweite Tasse Tee -in einem Zug geleert hatte, mit gravittischem Ernst, -„ich hre, du hast heimliche Herrenbekanntschaften!”</p> - -<p>Kthe und Elli starrten erst Papa, dann die Schwester -mit aufgerissenen Augen an.</p> - -<p>„Ich — heimliche Herrenbekanntschaften?!” stammelte -Marga.</p> - -<p>„Na ja!” fuhr der Geheimrat im selben Ton fort, -whrend er sich wie ein Groinquisitor im Sessel zurcklehnte. -„Kennst du vielleicht einen gewissen Doktor Perthes? -Ich glaube — ja doch — Max Perthes?”</p> - -<p>„Perthes?” wiederholte Marga unglubig und schttelte -den Kopf.</p> - -<p>„Der Herr behauptet aber, dich zu kennen.”</p> - -<p>„Davon wei ich nichts,” beteuerte sie ernsthaft. Eine -leichte Rte belebte ihre matten Farben. Sie erinnerte -sich des Namens nicht. Sie kannte nur <em class="gesperrt">die</em> Herren, die -als Hrer des Geheimrats ein- oder zweimal im Jahr zur -Abftterung kamen, und auch diese nur flchtig, denn -solche offiziellen Gesellschaften pflegten fr sie fast immer -eine Qual zu sein, die sie nur auf Papas ausdrcklichen -Wunsch ertrug.</p> - -<p>„Was ist er denn?” platzte Elli hervor, die ihre Neugier<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[S. 23]</a></span> -nicht mehr bemeistern konnte. „Philolog oder Jurist -oder —”</p> - -<p>„Immer fein geduldig, Kleinchen! Bring mir meine -Zigarren!”</p> - -<p>Elli beeilte sich, die Kiste vor ihn hinzustellen. Erwartungsvoll -blieb sie neben ihm stehen.</p> - -<p>„Wo will er denn Marga kennen gelernt haben?” konnte -nun auch die besonnene Kthe sich nicht enthalten zu -fragen. Da Marga einen Herrn kennen sollte, den sie -und Elli nicht kannten, das war etwas zu Auergewhnliches.</p> - -<p>„Du hltst mich zum besten, Papa,” erklrte Marga -bestimmt.</p> - -<p>„Oho! Objektive, geschichtliche Tatsache! Quelle unanfechtbar!” -Der alte Herr hatte sich die lange Hollnderin -angesteckt und blies den Rauch von sich. Er weidete sich -an der Neugier seiner Mdels und gefiel sich darin, sie noch -hher zu spannen. „brigens ein schrecklicher Modejngling,” -setzte er nach einer Pause seine Mitteilungen fort.</p> - -<p>„Ein Modejngling — und Marga!” rief Elli lachend. -Kthe lachte mit, und auch Marga schttelte mit leisem -Lcheln von neuem den Kopf.</p> - -<p>„Er ist, glaube ich, Mediziner.”</p> - -<p>„Mediziner?” klang es dreifach noch unglubiger zurck.</p> - -<p>„Trgt er vielleicht ein Pfeffer-und-Salz-Jackett?” entfuhr -es Elli. „Und —” Sie verstummte jh, ber sich -selber erschrocken. In ihrer bersprudelnden Lebhaftigkeit -hatte sie alle Vorsicht vergessen.</p> - -<p>Kthe war auer sich ber diese Dummheit. Sie stand -auf, Marga folgte ihr. Alle drei umstanden sie den kurulischen -Sessel des Geheimrats, der Gott sei Dank keine<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[S. 24]</a></span> -Ahnung von so modischen Fachausdrcken wie „Pfeffer-und-Salz-Jackett” -hatte und von seinen Besuchern alles -andere eher denn Einzelheiten ihrer Kleidung im Gedchtnis -behielt.</p> - -<p>„Pfeffer-und-Salz-Jackett?” wiederholte er kopfschttelnd. -„Woher kennst denn du ihn, Kleinchen?”</p> - -<p>„Nein, nein! Ich meinte nur so; ich kenne ihn so -wenig wie irgendwer,” versicherte Elli krampfhaft.</p> - -<p>„Also, kurz und gut,” resmierte der alte Herr, „er -behauptet, Volontrarzt in Hemsbach gewesen zu sein.”</p> - -<p>„Volontrarzt? In Hemsbach?” Marga besann sich. -Sie war dort einen Sommer ber — es war vier, fnf -Jahre her — in einer Blindenanstalt gewesen, um sich in -ihren Fertigkeiten zu vervollkommnen. Aus ihrer Erinnerung -an diese schwere Zeit lste sich jetzt eine entfernte -Gestalt. Damals war neben dem Direktor ein jngerer -Arzt dort, der sich gern mit ihr unterhielt und mit ihr -lernte. Jetzt kam ihr auch der Name zurck. „Ach, der!” -setzte sie pltzlich gedankenvoll hinzu.</p> - -<p>„Jawohl — der!” schmunzelte der Geheimrat. „Habe -ich nun recht, wenn ich sage, Marga hat heimliche Herrenbekanntschaften?”</p> - -<p>„Natrlich hast du recht!” rief Elli lustig. „Das sind -ja nette Sachen, die man von dir hrt, Margakind!” Sie -schlang den Arm um Margas Hals und zupfte sie neckend -am Ohr.</p> - -<p>„Und gar nie ein Sterbenswrtchen davon zu erzhlen!” -sagte Kthe ganz vorwurfsvoll.</p> - -<p>„Aber das war ja nur eine ganz flchtige Bekanntschaft,” -verteidigte sich Marga. Sie war ordentlich bestrzt. -Ihre Augen gingen ratlos auf die Suche. Sie<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[S. 25]</a></span> -war rhrend in ihrer leichten Erregung und verschmten -Hilflosigkeit. Dazu regte sich etwas wie Stolz in ihr. -Da der Besuch des „Neuen”, der die Gemter so beschftigt -hatte und nun unerwartet, kampflos aus seinem -Inkognito hervorgetreten war, gerade mit ihr zusammenhing, -war ein fr ihre abgeschlossene Welt ungewhnliches -Ereignis. „Doktor Perthes war brigens gar kein solcher -Laffe,” erklrte sie nach einigem Besinnen mit ernsthaftem -Nachdruck und unter allgemeiner Heiterkeit.</p> - -<p>Der alte Herr erhob sich jetzt gleichfalls von seinem -Sessel und klopfte ihr auf die Schulter. „Jedenfalls hast -du ihn mir auf den Hals gehetzt, Kind. Er behauptet steif -und fest, du httest ihn eingeladen, uns zu besuchen, wenn -er je einmal hierherkme. Zugegeben?”</p> - -<p>„Das wei ich nicht mehr. Ich wei nur, da er damals -freundlich zu mir war und —”</p> - -<p>„Nrrchen! Natrlich kam er nicht nur deshalb und -deinetwegen. Er hatte an mich eine Empfehlung von -meinem Freunde Schlutius in Bonn, der irgendwie mit -ihm verwandt ist. Das gengt! Kthe, setz ihn auf die -Liste. Er wird gelegentlich mal eingeladen. Und damit -hat der Schnack ein Ende.” Er gab Marga einen leichten -Backenstreich. Das war ein Zeichen seiner hchsten Gunst. -Dann nahm er seine Abendzeitung vor und ging durch -Wohnzimmer und Salon nach der verglasten Veranda auf -der Vorderseite des Hauses. Dort brannte schon die Lampe, -unter deren Schein er lesend eine halbe Stunde auf und -ab ging, ehe er wieder zu seinen Kaisern hinaufstieg.</p> - -<p>Fr die drei Mdels aber hatte der Schnack noch kein -Ende. Kaum war Vater Richthoff auer Hrweite, so -wurde Marga von Elli und Kthe mit Fragen ber und<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[S. 26]</a></span> -ber bestrmt. Sie wute nicht halb soviel, als sie htte -wissen mssen. Elli, die ihren siebzehnjhrigen bermut -austoben mute, wo immer eine Gelegenheit sich bot, -fate Marga als Herr um die Taille. Marga mute jetzt -unbedingt tanzen lernen. „Was soll <em class="gesperrt">dein</em> Doktor sonst -von dir denken? <em class="gesperrt">Dein</em> Doktor kann das von dir verlangen. -<em class="gesperrt">Dein</em> Doktor wird entsetzt sein, wenn du solche -Schritte machst.” So ging der lose Mund atemlos immerzu, -whrend sie Marga unerbittlich im Kreise drehte, ob diese -wollte oder nicht. Kthe schrieb indessen feierlich „Doktor -Max Perthes” auf die Liste der Einzuladenden, die zu -fhren Papa ihr anvertraut hatte, und hielt, unbekmmert, -ob sie gehrt wurde oder nicht, sehr weise Reden -darber, da sie den „Neuen” gleich fr einen Mediziner -gehalten htte; da Mediziner <em class="gesperrt">immer</em> so und so aussehen -und <em class="gesperrt">immer</em> solche und solche Menschen seien.</p> - -<p>Zum Glck fr Marga fiel es den Schwestern pltzlich -ein, da ja heute der „Akademische Gesangverein” Probe -hatte. Wollte man nicht zu spt kommen und von Professor -Klz ein Nasenrmpfen beziehen, so war es hchste -Zeit zum Aufbruch. Im Nu strmte Elli davon, um sich -fertigzumachen. Ihr feines Stimmchen trllerte die zu -probende Bachkantate durchs Haus. Kthe folgte ihr, -nachdem sie Therese zum Abrumen des Tisches gerufen.</p> - -<p>Marga blieb im Ezimmer zurck. Sie war wie betubt -von der letzten Viertelstunde. Von Papas neckender -Enthllung und dem Umtrieb, den Elli mit ihr angestellt -hatte. Sie ordnete das zerzauste Haar, dessen Strhnen -von dem unfreiwilligen Tanz sich an den Schlfen und -im Nacken gelst hatten. Whrend Therese abzurumen -begann, ging sie auf den kleinen Hof hinaus, der in gleicher<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[S. 27]</a></span> -Hhe mit dem ersten Stock hinter dem Hause lag, und -von dem ein steiler Weg bergwrts in den Garten oder, -wie er allgemein hie, den „Weinberg” fhrte.</p> - -<p>Es war schon khl geworden. Eine reine, wrzige -Luft strich vom Weinberg herunter. Die Dmmerung, -deren dunkles Wachsen Marga um sich fhlte, tat ihr wohl. -Sie kreuzte die Arme hinter dem Rcken und verschrnkte -die Hnde. Das war ihre liebste Haltung, wenn ein Ungewohntes -in ihrem Innern wirkte. So schritt sie langsam -im Hof auf und nieder. So berdachte und verarbeitete -sie das Kleinste und das Grte, bis es in die groe und -einfache Stille ihrer Seele aufgegangen war, die nichts -Unfertiges und Unklares in sich duldete. Eine um die -andere ging sie ihre Empfindungen durch. Erst war sie -erschrocken, als Papa sie so gravittisch vornahm und zur -Rede stellte. Dann hatte sie den Scherz herausgemerkt. -Freude und Stolz hatte sie gefhlt, da ein Mann sich -ihrer erinnerte, nach ihr sich erkundigte und ihretwegen -Besuch machte. Jedes andere junge Mdchen htte an -ihrer Stelle hnliches empfunden. Fr sie war es nur -neuer, verwirrender, weil das Leben da drauen, das -Leben der Weltmenschen, wie sie es nannte, sich immer -nur um die beiden Schwestern zu kmmern pflegte, nicht -um sie. Sie wollte ihre heimliche Freude in der Lustigkeit -der Schwestern aufgehen lassen. Willig lie sie sich ausfragen, -sich necken, mit sich tollen. Aber unvermutet stieg -ein anderes Gefhl in ihr auf, ein bitteres, schmerzliches: -hinter der Frhlichkeit der anderen steckte etwas, das sie -verletzte, ohne da sie es wuten oder wollten. Da es -gerade sie war, Marga, die Blinde, die Ausgeschlossene; -sie, bei der die Bekanntschaft mit einem Mann so gar<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[S. 28]</a></span> -nichts zu bedeuten hatte — das machte die Sache so besonders -spahaft. Es war so komisch, weil es so ganz ungefhrlich -war. Und im selben Sinne hatte es auch Papa -aufgenommen: „Damit hat der Schnack ein Ende!” — -hinter diesem Wort fand ihr Grbeln die gleiche Grenze, -jenseits deren es fr sie keine Wnsche, keine Hoffnungen, -darum auch keinen Ernst geben konnte.</p> - -<p>Und an jene Grenze stie auch jetzt sie selbst, whrend -sie so sicher und still in dem ihr vertrauten Hofraum auf -und ab schritt. Sie hatten ja recht. Es war in Wirklichkeit -so. Dies Jenseits war ihr genommen, seit in ihrem -vierzehnten Jahr, zwei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter, -eine Netzhautablsung ihre ohnehin schon schwachen Augen -fr immer gelscht hatte. Damals hatte sie nur halb -begriffen, was sie verloren. Erst mit den Jahren wuchs -auch das Verstndnis ihres Verlustes. Die Schwestern -und alle, mit denen sie umging, sprachen nie davon. Aus -ihrem Mitleid erriet sie es. Immer besser, immer bestimmter -wute sie, da das hchste Glck, das einem -Menschenkind nach irdischem Denken und Fhlen aufbehalten -war, nicht das ihre sein konnte. Sie fhlte Kraft -genug in sich, um zu entsagen. Sie kmpfte, sie rang, -sie ruhte nicht, bis ihre Stille ihr gab, was sie brauchte; -bis sie mit sich allein zufrieden sein und nur in sich selber -ihr Glck suchen wollte. Ihr Stolz kam ihr zu Hilfe; ihr -Stolz hielt sie aufrecht, wenn sie zu verzagen und schwach -zu werden drohte.</p> - -<p>Und dennoch — dennoch! Es war noch eine andere -Kraft in ihr, die sich mitunter gegen ihre stille Ergebenheit -aufbumte. Ihre Jugend lie und lie sich nicht auf -einmal und fr immer niederzwingen. Die fhlte sie auch<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[S. 29]</a></span> -jetzt sich auflehnen. Die strmte in ihr auf, da sie die -Hnde an die heien, pochenden Schlfen legen mute. -War nicht dieser Doktor Perthes doch vielleicht um ihretwillen -gekommen? Er konnte ja die Empfehlung, von -der Papa sprach, sich haben nur darum geben lassen, weil -er sie wiedersehen wollte. Es brauchte nicht nur der -Wunsch zu sein, Verkehr zu haben oder hflich zu sein -oder ihr seine mitleidsvolle Achtung auszudrcken — — -Aber das war ja Unsinn! Sie schwrmte ja! Sie tuschte -sich vor, ihn nher zu kennen, als sie ihn je gekannt. Das -Bild, das ihr die Erinnerung gab, bestand kaum aus ein -paar sprlichen Zgen: er hatte manchmal mit ihr geplaudert, -sie belehrt, war auf die Gedanken und Gefhle -eines halberwachsenen Mdchens nachsichtig eingegangen. -Sie machte jetzt ihre Erinnerung mit Gewalt -rmer, als sie war. Sie wollte nicht schwchlich, weich -gegen sich sein, sondern tapfer. Und klar, wie sie es immer -von sich verlangte. Rcksichtslos klar.</p> - -<p>Jetzt war sie schon so weit, da sie lcheln konnte. -Lcheln ber den winzigen, eingebildeten Sturm, der ihr -Gleichgewicht hatte stren wollen.</p> - -<p>Langsam stieg sie vom Hof in den Weinberg hinauf.</p> - -<p>Der Nachtwind rttelte leise und friedlich in den Bschen -und Baumkronen. Von dem Fliederstrauch bei der ersten -Laube nahm er eine Wolke blhenden Duftes und hauchte -sie ber Marga aus. Hoch und hher stieg sie; kaum da -sie an einen Stein anstie, so vertraut war ihr die Steige. -Bis zu ihrer Pappel, die hinter der zweiten Laube stand, -klomm sie empor.</p> - -<p>Dort lehnte sie sich gegen den rissigen Stamm.</p> - -<p>Die Nacht war ihre Freundin. Sie wuchs von unten<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[S. 30]</a></span> -herauf, aus der Ebene, wo die Stadt einschlummerte; wo -drauen ferne Tannensume starrten und der Flu zwischen -jungen Feldern sich verlor, in Margas Trumen so schn -wie in keiner Wirklichkeit. Sie senkte sich auf sie herab, -aus der unendlichen Hhe und Tiefe des Himmels, wo -die Sterne blitzen muten, nein blitzten — ein einziges, -ewiges, knigliches Gewirk von leuchtendem Gold und -seliger Blue. Weit, weit breitete sie die Arme aus, als -knnte sie die Nacht, die friedliche, an sich raffen. Aus -der Ferne und Nhe, von unten, von oben. Und dann -schlang sie die Hnde beglckt ber ihrem Kopf ineinander; -so frei fhlte sie sich, so klar, so in sich selber und in der -Nacht geborgen.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c2" id="c2">2</a></h2> - - -<p>Am Sonnabend war es blich, das Institut frher als -sonst zu verlassen. Professor Hammann, der Chef, war -den ganzen Tag nicht erschienen. Er war ber Sonnabend -und Sonntag wieder einmal weggefahren. Nach dem -Rhein. Er pflegte dann Freitagabends seinen beiden -Assistenten <span class="antiqua">en passant</span> seine „Dienstreise” anzukndigen.</p> - -<p>Junggeselle, reich, durch glnzende akademische Beziehungen -in seiner Laufbahn gesichert, ohne Ehrgeiz und -ohne tiefere Neigung zu seiner Wissenschaft, trieb er seine -Bakteriologie bestenfalls wie einen Sport unter den andern. -Denn der Sport war seine Lebensaufgabe, er war -die Grundlage seiner Lebensanschauung. Man konnte -sicher sein, da die „Dienstreise” einem Rennen, einer -Regatta, einem Tennis- oder Hockeymatch galt, bei dem -er nicht fehlen durfte. Du lieber Gott! Die Bazillen -nahmen ihm das nicht weiter bel. Mit den zweien, die<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[S. 31]</a></span> -er selber frher entdeckt, war das bichen Gelehrtenruf -hergestellt: die „Jahrbuchunsterblichkeit”, wie er mit unverhohlener -Selbstironie im vertrauten Kreise zu sagen -pflegte. Das Weitere besorgten die Assistenten unter seinem -Namen.</p> - -<p>Doktor Markwaldt, der erste Assistent, hatte schon gleich -nach fnf Schlu gemacht. Er sa rittlings auf seinem -Stuhl und las seine Berliner Zeitung. Bisweilen schielte -er ber das Blatt weg nach seinem Kollegen, der noch -immer mikroskopierte, und stellte psychologische Zwischenbetrachtungen -an.</p> - -<p>Dieser Perthes war doch ein merkwrdiger Bursche! -Markwaldt bildete sich ein, Menschenkenner von Beruf zu -sein — er beurteilte seine Fhigkeit nach der Fixigkeit -seines Urteils —, aber dieser Junge, dieser Perthes, trotzte -nun bald seit fnf Monaten, seit er berhaupt zweiter -Assistent war, den Markwaldtschen Erfahrungsgrundstzen. -Drei Wochen lang arbeitete er wie ein Bffel; er verbi -sich in irgendeine Sache und schien darber Himmel und -Erde zu vergessen. Der Junge war ein Streber, ein ganz -gewhnlicher Streber. Das stand fest. So lange, bis die -drei nchsten Wochen anfingen. Wie mit einem Schlage -war derselbe Perthes wie ausgewechselt. Er erschien fast -nur gastweise im Institut; er sprach von seiner Wissenschaft -in den geringschtzigsten Ausdrcken, spielte sich als -Naturmensch und Krafthuber auf, der in Wald und Feld -herumtobte, wie ein Besessener ruderte und zeitweise berhaupt -vom Erdboden verschluckt zu sein schien. Keine Frage: -der Junge war ein ausgepichter Faulenzer, der es nie zu -etwas bringen konnte. Alles Laune, Tollheit, Verschrobenheit. -Bis das Wetter von neuem umschlug und der<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[S. 32]</a></span> -Arbeitsteufel wieder ber ihn kam. Aus diesem Chamleon -mochte ein anderer klug werden!</p> - -<p>Inzwischen hatte Perthes mit einem kurzen Entschlu -den weien Arbeitsmantel in den Kasten gehngt und mit -dem schon bekannten Pfeffer-und-Salz-Jackett vertauscht. -„Gehen wir?” fragte er mit knappem Ton, schon halb in -der Tr.</p> - -<p>„Hchste Zeit!” Markwaldt sprang auf und steckte die -Zeitung in die Tasche.</p> - -<p>Nach einer kurzen Weisung an den Institutsdiener, -der aus seiner Stube im Erdgescho getrommelt wurde, -verlieen die beiden Assistenten das Haus und schlenderten, -die langweilige Enzisheimer Strae vermeidend, durch die -Allee am Flu aus dem klinischen Viertel stadtwrts.</p> - -<p>Es war ein ungleiches Paar. Perthes, hochgewachsen, -schlank, brnett, berragte den rundlichen, weiblonden -Markwaldt um fast zwei Haupteslngen. Auch wenn er, -wie jetzt, langsam ging, war er mindestens um einen Schritt -dem anderen voraus. Er hatte den blaubebnderten -Panamahut abgenommen oder vielmehr noch gar nicht -aufgesetzt. Lssig schlenkerte er ihn in der Linken. Den -Kopf mit dem dichten, dunklen, verworrenen Haar, den -buschigen Brauen, dem krftigen braunen Vollbart neigte -er leicht nach rechts zu seinem Gefhrten herunter, als -hrte er dessen Reden zu. Doch waren die leicht zugekniffenen -Augen geradeaus ins Weite gerichtet und verrieten -das Gegenteil.</p> - -<p>Markwaldt erzhlte von einem Gartenfest, das Hupfeld, -das „groe Tier” der Fakultt, die weitberhmte -chirurgische Exzellenz, im vorigen Sommer gegeben hatte. -„Sie mssen dort Besuch machen, Kollege! Unbedingt.<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[S. 33]</a></span> -Das einzige Haus groen Stils in unserem gottbegnadeten -Jammerdorf. Tipptopp! Nicht diese ollen, langweiligen -Geheimratsfressereien, wo man sich mit zehn, zwanzig -hheren Tchtern tothupsen mu. Und dann — Alli! -Pardon, Alice!” Er schnalzte statt aller Charakteristik mit -der Zunge. „Na, die kennen Sie ja schon — Frulein -Exzellenz, was?”</p> - -<p>Perthes schttelte gleichgltig den Kopf. „Keine -Ahnung,” antwortete er zerstreut.</p> - -<p>„Nicht die Mglichkeit! Sie sollten unter die Sterngucker -gehen, Perthes. Wahrhaftig!” Markwaldt blieb -stehen und klopfte emprt mit dem Stock auf den Boden, -da seine kuglige Figur, die so prall in dem blauen Anzug -mit der buntgestickten Weste steckte, in Erschtterung geriet. -Dann sttzte er beide Hnde auf den achatenen Stockknopf -und stellte eins seiner kurzen Beine grazis hinter -das andere. Er zwang so Perthes, stehenzubleiben -und sich zu ihm umzuwenden. „So was bersieht -man doch nicht — die einzige schicke Erscheinung im -ganzen Nest! Wetten, da das Teufelsmdel Sie schon -kennt?”</p> - -<p>Perthes zuckte ungeduldig die Achseln. Markwaldt -langweilte ihn. Er wollte weiter, aber sein Partner blieb -unerbittlich stehen, wo er stand, und redete drauflos.</p> - -<p>„So werden Sie's zu nichts bringen, Verehrtester! -Zu gar nichts. Und Sie wollen akademisch werden?! -Die Mdels sind ja doch die Hauptsache, sag' ich Ihnen. -Den ganzen Professorenklumpatsch knnen Sie, wie Gott-Vater, -in die eine Wagschale legen, Ihre Bakteriologie und -was Sie sonst wissen dazu. In die andere Schale mu -das richtige Mdel, und wuppdich — sie senkt sich, da<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[S. 34]</a></span> -die Professorenpercken und Ihre Wissenschaft an die Decke -fliegen. So liegt die Chose!”</p> - -<p>Jetzt mute Perthes — unter der Wucht solcher Anschaulichkeit -— wohl oder bel lachen. Seine starken weien -Zhne leuchteten aus dem dunklen Barthaar. „Das ist -doch wohl die alte Schule, Kollege Markwaldt,” meinte -er leichthin.</p> - -<p>„Alte Schule?” ereiferte sich Markwaldt. „Alte Schule? -Sie, o Sie — verzeihen Sie! — Sie unglaublicher Embryo! -Die <em class="gesperrt">ewige</em> Schule ist das!” Er mute sich jetzt entschlieen, -dem weiterschreitenden Perthes zu folgen. -„Werden ja sehen. brigens, Besuch machen mssen Sie -bei Hupfeld doch. Das ist einfach so Brauch von alters -her. Fragen Sie den Chef!”</p> - -<p>„Ich besuche, wen ich will,” gab Perthes mit beinahe -unfreundlicher Bestimmtheit zurck. Ein Angriff auf seine -Freiheit bewirkte bei ihm alles andere eher als Nachgiebigkeit.</p> - -<p>„Verdrehtes Huhn!” knirschte Markwaldt in sich hinein, -doch immerhin so vorsichtig, da sein Gefhrte die Schmeichelei -nur ahnen konnte. Ihm konnte es ja schlielich egal -sein, wie Perthes die Sache angriff. So harmlos er sonst -war, so sagte ihm doch jetzt der rger: Je verkehrter, desto -besser. Seine Verstimmung dauerte indes nicht lange. -Schon strich er wieder mit der Selbstgeflligkeit des guten -Jungen, der er war, den kurzgeschnittenen drftigen -Schnurrbart und pfiff durch die roten Lippen. An der -Brcke, die hinber nach der Neustadt fhrte, verabschiedete -er sich.</p> - -<p>„Kommen doch zum Klinikerabend heute, was?” fragte -Markwaldt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[S. 35]</a></span> - -„Vielleicht,” lautete die ausweichende Antwort.</p> - -<p>„Na, denn — auf Wiedersehen!” Markwaldt schritt -seinem Stammcaf zu, wo er die Zeit bis zum Abendessen -mit Billardspielen totschlagen wollte.</p> - -<p>Perthes ging auf der Altstadtseite am Flu weiter. -Die Allee wurde dort belebter. Alte Leute saen auf den -Bnken in der Sonne, die in ihrem sachten Niedergang -seitwrts in die Allee hereinblinkte. Kinder hufelten Sand -und liefen den Fugngern zwischen die Beine. Auf dem -Flu scho ein langes, schmales Ruderboot pfeilschnell -dahin. Die Ruderer mit ihren roten Mtzen und weien -Trikotanzgen hoben sich grell ab von dem dunkelgrnen -Wasser. Ihre nackten Arme warfen sie nach dem lauten, -mechanischen Kommando des Steuermanns im Gleichtakt -vor und zurck. Auf dem Graspfad unten an der Uferbschung -lief der Leiter des Klubs, ein jugendfroher -Gymnasialprofessor, mit einer mchtigen Schalltube. Er -begleitete das Boot und rief seine Kritik durch den Trichter -drhnend ber das Wasser hin. Zuzeiten selbst ein leidenschaftlicher -Ruderer, sah Perthes dem Boot mit Interesse -nach. Dann ging er ber die Strae nach seiner nahen -Wohnung und stieg lssig die Treppe hinauf.</p> - -<p>Ein gerumiges Giebelzimmer mit dem freien Blick -auf den Flu und die gegenberliegenden Waldberge war -sein Quartier. Ein kleiner Alkoven stie daran. Eine -Veranda, luftig und keck wie ein Vogelnest, war unter -den Dachsparren vorgebaut. Einfach, aber freundlich und -sauber war alles eingerichtet. Es war gut hausen da oben.</p> - -<p>Als Perthes eintrat, sah er sich um. Auf dem Tisch -lag eine Drucksache. Er ri sie auf und warf sie beiseite. -Ein medizinischer Katalog, weiter nichts.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[S. 36]</a></span> - -Eine Weile stand er unter der offenen Verandatr und -starrte hinber nach dem anderen Ufer. Unter den Landhusern -in der Neustadt drben schien er ein bestimmtes -zu fixieren. Dann drehte er sich schroff zurck ins Zimmer. -Er trat vor seine Bibliothek, die auf einem Regal neben -dem Schreibtisch an der Wand stand. Eine seltsame literarische -Auslese, die sich da beisammen fand. Kochs „Reiseberichte -ber Rinder- und Bubonenpest in Indien” neben -Richard Wagners Werken; einige Bnde der „Medizinischen -Wochenschrift” neben Schopenhauer, Haeckel, Zola; -ein Band Kant, Sophokles, Pasteur, Goethe, Czernys -Krebsforschungen nachbarlich beieinander. Nichts aus der -bunten Reihe lockte ihn. Mit leeren Hnden setzte er sich -in den rohrgeflochtenen Schaukelstuhl.</p> - -<p>Ganz so unbegreiflich und kompliziert, wie Doktor -Markwaldt sich seinen Kollegen Max Perthes dachte, war -er wahrhaftig nicht. Er gehrte nur zu den Naturen, die -lnger und mhevoller als andere nach einem Ausgleich -ihrer inneren Widersprche suchen, weil diese Widersprche -tiefer sind und ein unbndiges Temperament sie eher -verschrft als mildert. Vterlicherseits aus einem endlosen -Geschlecht wackerer, nchterner Landrzte in der -Pfalz stammend, mtterlicherseits der Abkmmling einer -einst hochangesehenen Gelehrtenfamilie am Niederrhein, -hatte er sich, frh verwaist, nach seinem Abiturium mit -einem beinahe fanatischen Wirklichkeitsdurst auf die Naturwissenschaften -gestrzt. Auf Chemie und Physik, auf Botanik, -Zoologie und Physiologie hatte er sich wahllos neben- -und nacheinander geworfen. Spielend bemchtigte sich -sein beweglicher Geist des Stoffes und wute ihn zu -durchdringen. Dann trat jh und heftig die bersttigung<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[S. 37]</a></span> -ein. Es war, als trete sein Herz beiseite und lehne sich -auf gegen die trockene und einseitige Arbeit des Kopfes, -die es noch eben freudig zu teilen schien. Mit einem herzhaften -Entschlu ging er zur Medizin ber. Die Verbindung -von Wissen und Praxis mute seinen ursprnglichen -und seinen ererbten Anlagen mehr entsprechen, als -die blo beschreibende Erforschung der Natur. Mit fnfundzwanzig -Jahren machte er sein Examen und baute -bald darauf seinen Doktor in Chirurgie. Mit der Befriedigung -war es auch schon zu Ende. Dieselbe Jagd, -in der ein unstetes Herz den Kopf von einem Gegenstand -zum anderen ri, begann von neuem. Von der Chirurgie -ging er zur inneren Medizin, von dort zur Augenheilkunde -ber. Die praktische Ttigkeit war so eng, so gleichfrmig, -so unfruchtbar. Ein kleines Vermgen, ber das er unabhngig -verfgen konnte, zehrte sich in diesem Hin und -Wider der Neigungen langsam auf. Er fhlte den moralischen -und wirtschaftlichen Zwang, sich Halt zu gebieten. -In der unwiderruflichen Absicht, sich in einem Fachgebiet -festzufahren, hatte er die Assistentenstelle am Bakteriologischen -Institut bernommen. Hier wollte er aushalten -und sich durchsetzen, eine Lebensstellung grnden um jeden -Preis. Wenn er seinem Vorsatz treu blieb und seine -Arbeiten nur einigermaen von Erfolg begleitet waren, -reichten seine Mittel aus, um sich zu einer Professur durchzuschlagen.</p> - -<p>Wenn, ja wenn ... Perthes legte die langen, nervigen -Hnde mit den Fingern ineinander und spannte sie vor -der Stirn, da sie in den Gelenken knackten. So viel -Kraft in sich zu fhlen und so wenig Herr ber seinen -Willen werden zu knnen! Seit Wochen fhlte er das<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[S. 38]</a></span> -Bohren und Qulen in sich, das einer neuen Krisis vorauszugehen -pflegte. Mit Hnden und Fen wehrte er -sich gegen diese Erkenntnis. Wo hinaus wollte er? Wo -gab es noch eine geistige Aufgabe, die er an sich reien -konnte, um sie wieder von sich zu stoen? In ihm wuchsen -und wiederholten sich immer hufiger die Stimmungen, -die ihn in allen Wissenschaften nichts mehr sehen lieen, -als eine einzige unselige Verbildung. Er hatte schon frh -in der Pflege und Ausbildung seiner krperlichen Krfte -ein Gegengewicht gegen die innere Unausgeglichenheit -gesucht. Neuerdings bertrieb er, wie er alles bertrieb, -diese physische Abmdung in jenen oft wochenlangen Anfllen, -in denen er fr Markwaldt statt eines Strebers ein -ausbndiger Faulenzer war. Auf die Dauer verfingen -solche Radikalkuren immer weniger. Seine Entwicklung -drngte ziemlich spt, aber unfehlbar auf eine Entscheidung, -die nicht in der Wissenschaft, sondern nur im wirklichen -Leben ausgefochten werden konnte. Nicht mehr darauf -kam es fr ihn an, ob er fr seinen Kopf eine ertrglich -befriedigende Lsung fr tausend und ein Weltrtsel fand; -ein unterdrcktes, vernachlssigtes und verleugnetes Gemtsleben -verlangte sein Recht gegen die nchterne, -materialistische Kultur des Verstandes. Er stand, ohne -sich darber mehr als ahnungsweise klar zu sein, vor dem -Kampfe, der ber den vollen Menschen, seinen Charakter -und sein Schicksal entschied. Es bedurfte nur eines geringen -Anlasses von auen, und er mute zum Ausbruch kommen.</p> - -<p>Perthes' Gedanken nahmen jetzt ihre Richtung wieder -nach dem Landhaus aus rotem Sandstein, jenseits des -Flusses, das er zuvor fixiert hatte. Eigentlich hatte er die -Sache vergessen wollen. Vor zehn oder vierzehn Tagen<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[S. 39]</a></span> -— oder war es so lange noch nicht? — war er am Abend, -als er nicht wute, was er tun sollte, in den Stadtgarten -gegangen, um etwas Musik zu hren und Menschen zu -sehen. Es war Sonntag und sommerlich warm. Zwei-, -dreimal schritt er den Rundweg ab, den boshafte Menschen -das „Heiratskarussell” getauft hatten. Endlos wlzte sich -da im Schein der hellen Bogenlampen ein Strom von -geputzten jungen Mdchen aus der Brgerschaft und von -buntbemtzten Studenten im Kreise mit- und gegeneinander. -Die Prchen suchten und fanden sich in einem -Kreuzfeuer von Blicken. Erst wurde die Angebetete mit -feierlich-ernstem Kappenschwenken begrt, dann angesprochen -und flirtend begleitet.</p> - -<p>Anfangs hatte ihm das Treiben Spa gemacht. Bald -langweilte es ihn, und er setzte sich vor den Musikpavillon, -wo die Stadtkapelle, ein leidlich braves Orchester, in -Ouvertren, Sinfoniestzen und Tnzen sich und anderen -gtlich tat. Whrend er den Tnen nachtrumte und -dabei gedankenverloren in das drehende Gewhl der Menschen -starrte, traf sich sein Blick zufllig mit dem eines -jungen Mdchens, das im Gesprch mit einem Burschenschafter, -einem kecken, welterobernden Frankonenfuchs, -vorberging. Die groen vergimeinnichtblauen Augen -ruhten halb ernst, halb schelmisch eine Sekunde in den -seinen. Ohne da er sich etwas dabei dachte, wiederholte -sich dies flchtige Blickspiel ein zweites und drittes Mal. -In ihrem duftigen Rosakleidchen mit dem offenen, auf -die Schultern herabfallenden Blondhaar war die Kleine, -halb erwachsen, halb Kind, eine Erscheinung von zartem, -poetischem Reiz. Er htte sie vergessen, wenn sie ihm -nicht am Vormittag darauf, mit dem Marktkorb unter dem<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[S. 40]</a></span> -Arm, begegnet wre, als er zum Institut ging. Sie trug -die Haare aufgesteckt und schritt sehr gesetzt und geradeausblickend -an ihm vorber. Am Nachmittag des folgenden -Tages sah er sie mit der Musikmappe in der Hauptstrae. -Einer scherzhaften Anwandlung nachgebend, folgte -er ihr ber die Neue Brcke und entdeckte ihre Wohnung. -An einem der nchsten Abende ging er — es war dies -einer seiner regelmigen Spaziergnge — am jenseitigen -Ufer spazieren. Sie sa handarbeitend auf dem Balkon. -Perthes liebte es, die Sonne ber dem Flu untergehen -zu sehen. Er hatte keinen Grund, von einer angenehmen -Gewohnheit abzuweichen, und tat es jetzt nur insoweit, -als er regelmig im Vorbeigehen hinaufsah, whrend sie -heruntersah. Gestern war sie ihm wieder mit dem Marktkorb -begegnet. Sehr wrdig und ernst. Kaum da ihn -die groen, glanzvollen Augen streiften. Aber sie verlor -zufllig ihren Handschuh. Perthes hob ihn auf. Er sprach -sie an. Es ergab sich von selbst, da er sie ein paar Schritte -begleitete. Mit reizendem Widerstreben lie sie es geschehen. -Einige belanglose Redensarten wurden ausgetauscht. -Sie sprach mit einer allerliebsten Mischung von -Altklugheit und Kindlichkeit. Whrend der Arbeit im -Institut dachte er bisweilen an sie. Wie man an eine -liebenswrdige Landschaft denkt. Man ruht sich in ihrer -Erinnerung aus und mochte sie wiedersehen. Heute, am -frhen Morgen, als er zwischen Veranda und Zimmer -unter der Tr seinen Kaffee hinunterjagte, ertappte er -sich zum erstenmal dabei, wie er das bewute Sandsteinhaus -zwischen den alten und neuen Giebeln jenseits des -Flusses suchte und fand. Jetzt kam er sich albern vor. -Um es nicht noch mehr zu werden, beschlo er, von<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[S. 41]</a></span> -nun an die Sonne vom diesseitigen Ufer untergehen -zu sehen.</p> - -<p>Whrend er sich noch immer im Schaukelstuhl wiegte, -schien ihm der heldenhafte Entschlu, auf eine freundliche -Gewohnheit zu verzichten, noch lcherlicher als die ganze -Geschichte. Das Weibliche hatte in seinem Leben stets -nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Was er von Frauen -kannte, verdiente kaum diesen Namen. Der beliebte medizinische -Zynismus diente ihm als Schild wie gegen alle -Empfindsamkeit so gegen eine seelische berschtzung des -Weibes. So wollte er es wenigstens. Warum sollte er -es nicht auch, wie andere, mit einer harmlosen Spielerei -versuchen, der er in jedem Augenblick ein Ende machen -konnte — morgen, bermorgen so gut wie heute? War -er nicht schon schwerlebig genug? Das fehlte noch, da -er sprde mit sich tat wie eine alte Jungfer!</p> - -<p>Mit einem entschiedenen Ruck sprang er von seinem -Rohrsessel auf, setzte den Hut auf und war wieder auf -der Strae.</p> - -<p>Es war spter als sonst, als er auf die Brcke kam.</p> - -<p>Die Dampfstraenbahn, die nach den Drfern in der -Ebene fuhr, rollte lrmend an ihm vorbei. Heimkehrende -Spaziergnger, versptete Arbeiter, Kinderwagen, eine -auswrtige Knabenschulklasse, die zum Bahnhof eilte, -drngten an ihm vorbei.</p> - -<p>Perthes war froh, als er die Treppe hinuntersteigen -konnte, die nach der stilleren Uferstrae fhrte.</p> - -<p>Die Platanenallee, die er hinaufschritt, fhrte zwischen -Rasenanlagen hindurch, am Bootshaus des Ruderklubs -vorbei. Es war schon geschlossen. Die Wiese zwischen -der Allee und dem Flu war sonst gegen Abend der<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[S. 42]</a></span> -Tummelplatz eines Fuballklubs. Auch sie war heute -schon verdet. Keine Menschenseele begegnete ihm. Die -Villen zur Rechten schienen wie ausgestorben.</p> - -<p>Jetzt war er dicht bei dem bewuten Hause. Zwischen -den Bumen durch konnte er auf Erker und Balkon des -Landhauses sehen. Sein „Ufermdchen”, wie er sie hie, -sa nicht da, nicht dort.</p> - -<p>Enttuscht schlenderte er weiter, ans Ende der Allee, -wo die Anlagen und die Villenstrae aufhrten und die -Obstgrten anfingen. Er bog nach der Wiese hin ab und -nherte sich dem Wasser.</p> - -<p>ber blhende Schlehenbsche weg blickte er hinaus -auf den Flu, der seine Wellen in die Ebene wlzte. Die -Sonne stand, eine feurige Kugel, darber, umglht von -violettem, purpurnem und silberweiem Gewlk.</p> - -<p>Das Schauspiel, das er liebte, machte ihn heute melancholisch. -Er fhlte eine Leere in sich und kam sich einsamer -vor als sonst. Kein Zweifel: es war, weil er Hilde Knig, -das kleine Mdel mit den losen Haaren und den lockenden -blauen Augen nicht in seiner Nhe wute. Wie lppisch -das war! Und doch konnte er nicht dagegen an.</p> - -<p>Verdrielich trat er den Rckweg an.</p> - -<p>In einem Vorgarten wurde mit Wasser gesprengt. -Die Luft war voll von dem frischen Geruch des genetzten -Grases. Die Stadt, die jetzt rechts vor ihm lag, schmiegte -sich im matten, rtlichen Licht der versagenden Sonnenstrahlen -mit ihren zackigen Dchern und steilen Trmen -friedlich gegen die verschwimmenden Berge. Von einer -der Kirchen klang die Abendglocke herber.</p> - -<p>Der Balkon, nach dem Perthes von neuem sphte, -blieb leer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[S. 43]</a></span> - -In der Ferne sah er jetzt zwei jugendliche Gestalten -die Allee herunterkommen. Sie gingen Arm in Arm. -Er meinte in der einen von ihnen Hilde Knig zu erkennen. -Es war eine Tuschung. Unweit von ihm, bei -einer Bank, trennten sie sich. Das grere der beiden -Mdchen eilte mit lebhaftem Schritt nach dem nchstgelegenen -Landhaus; das zurckbleibende setzte sich, offenbar -um zu warten, auf die Bank. Sie trug unter dem -leichten, offenen Mantel eine beigefarbene Bluse zum -dunklen Rock und ber dem hellen Haar einen einfachen -englischen Strohhut mit schwarzem Band.</p> - -<p>Gleichgltig ging Perthes vorber. Kaum mit einem -flchtigen Blick streifte er das Gesicht der Wartenden.</p> - -<p>Ein paar Schritte weiter blieb er stehen. Es durchzuckte -ihn pltzlich, als wre er diesen zarten und doch -festen, ausdrucksvollen Zgen schon irgendwo und irgendwann -begegnet. Wie zufllig wandte er sich um. Das -junge Mdchen hatte jetzt einen Arm mit dem Ellbogen -aufs Knie und den vorgeneigten Kopf mit dem Kinn auf -den Handrcken gesttzt. Die Augen, erst zur Erde gesenkt, -sahen auf, als htte sie gehrt, da sein Schritt -innehielt, und suchten die Stelle, wo er stand. Das unsichere -Irren des Blickes verriet ihm ihre Blindheit. Er -erkannte jetzt das mattfarbene Gesicht mit den etwas -knochigen Wangen, die runde, ebenmige Stirn, ber -die das Haar, unter dem Hut vorquellend, mit einer -aschblonden Welle niederfiel. Er konnte sich nicht tuschen, -es mute Marga Richthoff sein.</p> - -<p>Sie schien zu fhlen, da sie beobachtet wurde. Unruhig -wandte sie den Kopf weg und zurck, in der Richtung -des Hauses, in dem ihre Begleiterin verschwunden war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[S. 44]</a></span> - -Perthes folgte einer impulsiven Regung und ging -gerade auf sie zu.</p> - -<p>Sie fuhr unwillkrlich etwas zurck.</p> - -<p>„Erschrecken Sie nicht, Frulein Richthoff —”</p> - -<p>„Ich wei ja gar nicht, wer Sie sind,” kam es zurckhaltend, -aber furchtlos von ihren Lippen.</p> - -<p>„Doktor Perthes,” sagte er einfach. „Ich habe Ihrem -Herrn Vater dieser Tage meine Aufwartung gemacht. -Als alter Bekannter von Hemsbach her kann ich nicht so -grulos an Ihnen vorbergehen.”</p> - -<p>Marga, obwohl zuerst verdutzt, fand sich schnell zurecht. -„Das ist nett von Ihnen,” erklrte sie offen. Eine sichtliche -Freude belebte ihr Gesicht. Wie einem alten Kameraden -bot sie ihm die Hand. „Papa hat von Ihrem -Besuch erzhlt. Ich war ganz erstaunt, da Sie Ihr -Versprechen nicht vergessen hatten.”</p> - -<p>„Sie scheinen ja meinem Gedchtnis wenig Gutes -zuzutrauen.” Perthes fhlte sich fast beschmt. Da er -sich an die Empfehlung, die ihm sein Onkel Schlutius, -der Germanist in Bonn, fr Richthoff mitgegeben, erinnert -hatte, war ein Zufall und die Ausfhrung des Besuchs -eine Laune gewesen.</p> - -<p>„Es wre noch nichts Bses gewesen, wenn Sie den -dummen, eigensinnigen Backfisch von damals aus dem -Gedchtnis verloren htten,” meinte Marga.</p> - -<p>„Na, na — so schlimm war die Sache mit Ihnen nicht.”</p> - -<p>„O ja!” versetzte sie ernsthaft. „Ich dachte gerade in -diesen Tagen daran, wie trotzig und unleidlich ich damals -war. Wissen Sie noch — der Direktor hatte mich schon -halb und halb aufgegeben, nur Sie lieen sich nicht abschrecken -und ruhten nicht, bis ich die Buchstaben doch<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[S. 45]</a></span> -noch tasten lernte. — Ich war damals zu unglcklich, um -vernnftiger und gelehriger zu sein,” setzte sie nachdrcklich -hinzu.</p> - -<p>„Und jetzt? Wie steht's mit dem Lesen und Punktieren?” -forschte Perthes.</p> - -<p>„Ganz ordentlich. Wenn Sie einmal zu uns kommen -—” Marga stockte einen Moment. Es fiel ihr ein, -sie mchte zu vertraulich sein. Ihrer Natur nach gab sie -sich harmlos oder gar nicht. Aber sie wurde oft von den -Schwestern und sogar von Papa deshalb getadelt.</p> - -<p>„Natrlich komme ich einmal. Wenn man mich haben -will,” meinte er munter. „Und dann halte ich eine Prfung -ab. Vollschrift, Kurzschrift! Lesen und Schreiben!”</p> - -<p>„O weh! Da mu ich mich ja vorher richtig vorbereiten. -Sonst blamiere ich mich unbarmherzig,” erwiderte Marga -mit leisem Lachen.</p> - -<p>„Wir werden ja sehen.” Er hrte Schritte jenseits der -Allee. „Ihre Freundin kommt zurck.”</p> - -<p>„Meine Schwester.”</p> - -<p>„Also — auf Wiedersehen!” Er ergriff Margas Hand -und schttelte sie herzhaft.</p> - -<p>Ehe sie seinen Gru erwidern konnte, setzte Perthes, -freundlich den Hut schwenkend, seinen Weg fort. Die -unerwartete, so ungezwungen freundschaftliche Begegnung -hatte ihm wohlgetan. Seine Verstimmung war gewichen. -Mit groen Schritten ging er nach der Brcke und heimwrts. -Er dachte sogar daran, nach dem Abendessen an -den Klinikertisch zu gehen. —</p> - -<p>Ganz aufgeregt kam Kthe auf Marga zu. „Wer war -denn das?” fragte sie neugierig und vorwurfsvoll zugleich, -whrend sie dem Davonschreitenden erstaunt nachblickte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[S. 46]</a></span> - -„Doktor Perthes hat mich begrt,” erklrte Marga -freimtig. Mit anschmiegender Zrtlichkeit, in der ihre -innere Erregung nachklang, hngte sie sich an den Arm der -Schwester. „Er war reizend. Ganz der alte.”</p> - -<p>„Hat er dich so mir nichts, dir nichts einfach angesprochen?”</p> - -<p>„Natrlich! Warum auch nicht?”</p> - -<p>Sie gingen langsam die Allee hinunter.</p> - -<p>„Aber das tut man doch nicht,” fuhr Kthe kopfschttelnd -fort. „Eine Dame — auf offener Strae —”</p> - -<p>„Ich htte es viel unnatrlicher gefunden, wenn er -stocksteif vorbeigegangen wre,” versicherte Marga berzeugt. -Sie war beglckt von ihrem bescheidenen Erlebnis -und wollte sich nicht auf solche gesellschaftliche Haarspaltereien -einlassen, die ihr ein unverstndlicher Greuel -waren.</p> - -<p>Kthe schwieg. Das war ein Zeichen, da ihr gesittetes -Gewissen Margas leichtere Auffassung nicht guthie.</p> - -<p>Als sie auf der Brcke anlangten, begann es leise zu -dmmern. Die roten Wolken ber dem Flu verblaten, -und der Ostwind blies aus den Bergen nach der Ebene. -Wenn sie nicht zu spt zum Abendbrot kommen wollten, -muten sie ihre Schritte beschleunigen.</p> - -<p>Marga war es zufrieden und frhlich ums Herz. Mit -ihren leichten, glcklichen Schritten konnte Kthe fast nicht -mitkommen. Sie fhlte sich unwillkrlich und unbewut -gereizt. Ob sie wollte oder nicht: sie mute ein wenig -Wasser in Margas frhlichen Wein gieen. „Weit du,” -begann sie bedchtig, „Lizzie hat mir erzhlt,” — Lizzie -war die Freundin, bei der sie in der Uferstrae fr eine -Minute eingeschaut hatte, um Noten zurckzubringen —<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[S. 47]</a></span> -„da dein Doktor Perthes Abend fr Abend dort herumspaziert.”</p> - -<p>„Es wird ihm dort gefallen. Er wird sich an den -Sonnenuntergngen ber dem Wasser freuen,” meinte -Marga lebhaft.</p> - -<p>„Er soll nicht blo deshalb kommen, sondern —”</p> - -<p>„Sondern?” fragte Marga harmlos neugierig.</p> - -<p>„Er macht Hilde Knig den Hof,” entfuhr es Kthe. -„Er soll sie fters mal ans Haus begleitet haben. Das -spricht nicht gerade fr seinen Geschmack. Denn das unschuldige -Kind lt sich ja von jedem jngsten Studenten -die Cour schneiden.” Es war, ohne da sie es wollte, -ein Ton von selbstgerechter Schrfe in ihre Worte gekommen.</p> - -<p>Marga verlangsamte ihre Schritte. Wenn Kthe sie -in diesem Moment angesehen htte, htte sie bemerkt, -da ihre Wangen und ihre Lippen sich leise verfrbten. -Der kleine, mehr weibliche als schwesterliche Pfeil traf -mitten in Margas unschuldige Heiterkeit. Sie schttelte -betroffen den Kopf. Sie konnte das nicht glauben. Gerade -dieses oberflchliche kleine Mdel, das alle Welt fr sein -weites Herz kannte, das sollte ...</p> - -<p>„Das ist seine Sache,” sagte sie nach einer Weile ruhig -und mit mglichster Gelassenheit. Sie hatte ihren Arm -in dem der Schwester gelockert, als knnte das Pochen -ihres Herzens Kthe verraten, da ihr diese Nachricht -wehe tat. Aber warum auch? Sie schmte sich schon der -trichten Anwandlung und hakte wieder fester unter. Fast -im Laufschritt ging es jetzt ber den Bahndamm weg, -die Strae am Wenzelsberg hinauf und dem vterlichen -Hause zu.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Page_48" id="Page_48">[S. 48]</a></span><a name="c3" id="c3">3</a></h2> - - -<p>Anfangs hatte sich der Geheimrat mchtig gestrubt. -In diesem Sommer wollte er von einer greren Einladung -bestimmt nichts hren. Einmal drngte es nicht, -dann war es berhaupt ganz berflssig.</p> - -<p>Kthe, die es wagte, Anfang Juni direkt in die Hhle -des Lwen zu gehen und ihm ein Gartenfest vorzuschlagen, -wurde beinahe hinausgeworfen. Elli, die mitunter Andeutungen -in die Unterhaltung warf — ber das unerwartet -schne Wetter, ber die wundervollen warmen -Abende, ber die Vorzge, die es htte, gerade jetzt, wo -noch nicht alle Welt einem zuvorgekommen, gewisse Verpflichtungen -zu erfllen —, fand taube Ohren und bekam -schlielich eine grimmige Bemerkung ber die Vergngungssucht -junger Mdchen von heute an den Kopf. Marga -dachte wohl manchmal daran, da sie gern mit Doktor -Perthes plaudern mchte. Aber sie schwieg. Es wre zu -ungewhnlich gewesen, wenn sie, die stets widerstrebend -an den huslichen Gesellschaften teilgenommen, die -Schwestern pltzlich untersttzt htte.</p> - -<p>Mitte Juni erklrte Vater Richthoff eines Morgens -beim Frhstck, es sei doch merkwrdig, da er an alles -denken msse. Warum man denn heuer die blichen Einladungen -nicht ergehen lasse? Da man ja doch in den -sauren Apfel beien mte, wre es das Netteste, die -Jugend mal in den Garten einzuladen. Seine Mdels -wren Schlafmtzen.</p> - -<p>Die Gescholtenen horchten hoch auf. Natrlich wagte -niemand auch nur mit einer Silbe daran zu erinnern, da -man je selber an so was gedacht habe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[S. 49]</a></span> - -Elli, der das Herz im Leibe lachte, wandte ein berma -von Selbstbeherrschung auf, um nicht vom Stuhl -aufzufahren. Es war nicht verwunderlich, da sie Margas -halbvolle Tasse umstie. Kthe, praktisch wie sie war, -wute, da eine solche Gelegenheit vterlicher Herablassung -nicht wiederkehrte, und holte ihre Liste. Sie hub an, die -Namen zu verlesen, und ber die Morgenzeitung weg -brummte der alte Herr zu den Vorgeschlagenen seine Zustimmung. -Jetzt nannte sie Erich Wilkens.</p> - -<p>„Hrt in diesem Semester nicht bei mir,” erklrte ablehnend -der Geheimrat.</p> - -<p>„Aber er hat Besuch gemacht, Papa! Vorigen Sonntag!” -fuhr es Elli heraus.</p> - -<p>„Hat er?” gab der alte Herr gutmtig-spttisch zurck -und traf Elli mit einem scharfen Blick ber die Brillenglser -weg.</p> - -<p>Elli ward rot bis ber die Ohren. Sie mute ihr -Schuhband festknpfen, um Verlegenheit und Enttuschung -zu verbergen. Marga strich leise beruhigend ihren Arm.</p> - -<p>„Also nicht?” fragte Kthe mitleidig zgernd.</p> - -<p>„Meinetwegen,” lautete der erlsende Bescheid.</p> - -<p>Elli mute vor Freude Margas Hand so berkrftig -drcken, da diese um ein Haar aufgeschrien htte.</p> - -<p>Doktor Perthes kam als letzter. Der Geheimrat hatte -keine Ahnung mehr. Marga zuckte nicht mit den Wimpern, -als Kthe ihm den Hemsbacher Arzt ins Gedchtnis brachte. -„Ach der!” meinte er gedehnt. „Na ja — wenn Marga -es nicht anders tut.”</p> - -<p>„Du hast ja selbst gesagt, er soll auf die Liste kommen,” -erklrte Elli khn, um der Schwester zu Hilfe zu -kommen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[S. 50]</a></span> - -Marga rhrte sich nicht. Sie schien die Fransen an -der Kaffeedecke zu zhlen.</p> - -<p>„Aber dann Schlu! Die Mdels dazu whlt geflligst -selber aus. Und mich lat mit allem Drum und Dran aus -dem Spiel. Kosten darf die Sache nichts, und stren darf -sie mich auch nicht.”</p> - -<p>Der Geheimrat erhob sich. Er war jetzt wieder ganz -der gestrenge und unwirsche Herr und Gebieter, der sich -nicht lnger um solche Lppereien kmmerte. Fast schien -ihm die Sache wieder leid zu tun.</p> - -<p>„Nur noch den Tag, Papa!” bat Kthe. „Wir mssen -doch wissen, wann dir's am besten pat.”</p> - -<p>Der Geheimrat war schon aus der Tr und stieg in -sein Zimmer hinauf. Er hatte gestern in seiner Kaisergeschichte -den segensvollen Titus portrtiert. Jetzt kam -er zu dem unsympathischen und grausamen Domitian. -Mit der Gnade und Milde war es zu Ende.</p> - -<p>Doch zum Glck fr das Haus ergaben Richthoffs erneute -Forschungen, da der bse Flavier unter seiner -Gromannssucht und rohen Hrte die besseren Anlagen -seines Hauses wenigstens in seinen Anfngen nicht ganz -verleugnete. So wurde es mglich, da man dem Geheimrat -doch auch noch den Termin fr das geplante -Gartenfest ablocken konnte.</p> - -<p>Was gab es dann aber auch alles am Wenzelsberg -zu tun! Die Einladungen muten geschrieben werden. -Es galt, den Lohndiener und die Kochfrau zu bestellen. -Dann kam das Men. Das las der alte Herr zwei Tage -lang nicht, obwohl Kthe es ihm mit aller Liebe und -Sorgfalt bei jeder Mahlzeit neben die Serviette legte. -Am dritten Tage steckte er es in die Tasche und schickte<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[S. 51]</a></span> -es am fnften als vllig unbrauchbar zurck. Nur mit -List konnte er schlielich gezwungen werden, Gegenvorschlge -zu machen. Mit der Bemerkung, da die Weibsleute -nicht einmal von der Kche etwas verstnden, ergriff -er selbst das Kochbuch und verlangte die unmglichsten -Gerichte. Das Ungeheuerlichste war, da er allen Einwendungen -zum Trotz auf einer Suppe bestand, einer -fr eine Abend- und Gartengesellschaft allem Herkommen -hohnsprechenden Ouvertre. Er wollte in Italien eine -Wildsuppe gegessen haben, die unbedingt ausprobiert -werden mute, ein unheimliches, hchst apartes Gemchte, -von dem er sich fr sich und seine Gste Wunder versprach. -Kthe konnte nicht mehr erreichen als ein Kompromi: -dafr, da er die brigen Gnge genehmigte, mute ihm -die abenteuerliche Suppe zugestanden werden.</p> - -<p>Langsam kamen die Zu- und Absagen.</p> - -<p>Je grer die Spannung war, mit der seine Mdels -die Post erwarteten, um so weniger eilig hatte es der -Geheimrat mit dem ffnen der Briefschaften. Fr Elli -gab es Folteraugenblicke am Frhstckstisch. Sie hatte -schon die Hoffnung aufgegeben, da Wilkens kme. Endlich -schrieb er zu. Doktor Perthes machte zwar eine korrekte -sonntgliche Aufwartung, bei der er seine Karte abgab, -aber zusagende Antwort schickte er erst am Abend vorher. -Er entschuldigte seine Vergelichkeit, wollte aber gern -kommen. Kthe konnte es nicht unterlassen, zu bemerken, -da Mediziner das „immer” so machten.</p> - -<p>Marga blieb ihr eine Antwort schuldig. Es waren -widersprechende Gefhle, mit denen sie an Perthes -dachte. Sie verschlo das Hin und Her ihrer Empfindungen -nicht nur vor anderen, sondern auch vor sich selbst. Es<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[S. 52]</a></span> -lag in ihrer Art, da sie das Unklare und Unfertige von -sich schob, weil es sie lhmte und schwchte. Ihre Seele -brauchte in ihrer Einsamkeit ungeteilte Kraft, um gesund -zu bleiben. Sie hatte ihn seit jener flchtigen Begegnung -am Flu nicht mehr gesehen. Fast regelmig machte -sie mit einer der Schwestern, meist mit Elli, gegen Abend -einen Bummel. Frher waren sie oft die Uferstrae entlang -gegangen. Marga lie sich dann die Sonnenuntergnge -bis ins einzelne schildern und geno Farbe und -Stimmung in ihrer lebendigen Phantasie. Jetzt mied sie -diesen Gang. Die Zurckhaltung kostete sie mehr, als ihrem -stillen Wesen anzumerken war. Es gab Augenblicke, in -denen sie sich dabei berraschte, ein sicheres Bild von ihm -zu gewinnen. Die Frage peinigte sie, ob er nur aus -gewhnlichem Mitleid, aus Zufall oder Laune sich ihrer -erinnert htte. Oder ob er ein gewisses Verstndnis fr -ihr Wesen htte, eine teilnehmende Freundschaft fr sie -empfnde. Und derselbe Mensch sollte an einem leichtmtigen -Geschpf wie Hilde Knig Gefallen finden? -Spielte er nur mit seinen Gefhlen? War er von Natur -ernst und gehaltvoll? Oder war er oberflchlich und leer? -Ihre Erfahrung gab ihr keine Auskunft. Und sie wollte -keine. Sobald sie sich ber unntigen Grbeleien ertappte, -dachte sie gewaltsam an anderes.</p> - -<p>Je nher der groe Abend des Gartenfestes kam, um -so weniger fehlte es an Umtrieb und lustiger Geschwtzigkeit. -Die Toiletten muten zwanzigmal besprochen -werden. Es wurde auf Leben und Tod genht. Die Tischordnung -gab eine Flle von Stoff zu immer neuen Diskussionen. -Bis endlich auch dieses Ereignis zur Wirklichkeit -wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[S. 53]</a></span> - -Man hatte an kleinen Tischen im Hof gedeckt.</p> - -<p>Das Haus mit seiner Rckwand von Reblaub und -Glyzinen auf der einen, der blumenreiche, sommergrne -Weinberg auf der anderen Seite stimmten festlich zu den -weien Tafeltchern. Den Tafelschmuck hatte Marga ausgedacht. -Das war eine besondere Strke von ihr. Sie -gab ganz bestimmte Weisungen, wie sie jeden Tisch innerlich -vor sich sah, und Elli fhrte sie unter lautem Beifall -aus. Bald war es ein Gerank von Rosen, das den silbernen -Aufsatz umschlo und in duftigen Ketten zwischen die -Teller fiel, bald waren es zierliche Krnze von Stiefmtterchen, -die die Gedecke besumten, Strue von Margueriten -oder blauem Akelei, die in den Servietten steckten. -Leuchter mit winzigen bunten Lichtschirmen standen munter -dazwischen, und Papierlaternen in gekreuzten Zgen berspannten -den Hof von einer Ecke zur anderen. Der Geheimrat, -der zufllig einmal whrend der Anordnung -herunterschneite und den Kopf in den Hof streckte, brummte -etwas von einer „Blumentrdelbude”, klopfte aber dabei -Marga so krftig auf den Arm, da sie mit seiner Anerkennung -zufrieden sein konnte.</p> - -<p>Es war sechs Uhr geworden.</p> - -<p>Die Zeit reichte gerade knapp hin, um sich anzuziehen, -und die Mdels flogen nach ihrem Dachstock.</p> - -<p>Fnf Minuten vor sieben standen sie fix und fertig -im Salon. Marga und Elli trugen weie Tllkleider. -Kthe als lteste prangte in leichter erdbeerfarbener Seide. -Das beste war der frische, unschuldige Reiz der Jugend, -der wie ein leichtes, helles Lachen von ihnen ausging, -wie sie so am Flgel beieinanderstanden. Aus Ellis Augen -blitzte der Schalk; in dem ungebrdigen Gewirr ihrer<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[S. 54]</a></span> -lichten Haare, mit ihrem schlanken, zierlichen Figrchen -sah sie wie der Frhling selber aus. Kthe, ein Gewinde -von Silberfiligran, ein Erbstck der Mutter, ber den -dunklen Flechten, gab sich etwas gemessener und selbstbewuter: -sie fhlte sich halb und halb als Dame des -Hauses. Zwischen beiden stand Marga: von der bezaubernden -Leichtigkeit Ellis und der etwas herben Sicherheit -Kthes war sie gleichweit entfernt: die weiche Lssigkeit -ihrer Bewegungen und der versonnene Ernst ihrer Zge -waren nicht dazu angetan, zu bestechen oder zu erobern. -Sie wirkte wie ein Bild, das man bersehen zu haben -glaubt, um nachher zu finden, da es kraft eines unbestimmbaren -inneren Reizes lebendiger als alle anderen -im Gedchtnis haftet.</p> - -<p>Noch immer kam Vater Richthoff nicht. Er hatte sich, -natrlich zu spt, an seine Festtoilette gemacht. Dann -war ihm mitten im Anziehen ein Gedanke gekommen, -den er dringend fr seine Kaisergeschichte notieren mute. -In einem mehr antiken als modernen Kostm eilte er in -das an sein Schlafzimmer anstoende Arbeitszimmer und -setzte sich an den Schreibtisch.</p> - -<p>Die Klingel meldete den ersten Gast. Die Mdels im -Salon waren in heller Bestrzung. Elli wagte es: sie -scho die Treppe hinauf und pochte an die Tr des alten -Herrn.</p> - -<p>„Bitte, bitte, Papa! Eil dich! Die Gste kommen!” -rief sie eindringlich und flehend.</p> - -<p>Ein dumpfes Murren antwortete aus dem Arbeitszimmer.</p> - -<p>„Es hat schon der erste geklingelt!” setzte Elli beschwrend -hinzu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[S. 55]</a></span> - -„Wollt ihr wohl das verwnschte Gehetze lassen. Ich -komme ja!” drhnte es zrnend zurck.</p> - -<p>Elli glitt wieder die Treppe hinunter.</p> - -<p>Zum Glck war nur etwas fr die Kche abgegeben -worden.</p> - -<p>Die Gste lieen auf sich warten.</p> - -<p>Als der Geheimrat einige Minuten spter in den Salon -trat — im flatternden Gehrock, die lange goldene Uhrkette -auf der von Kthe zu Weihnachten und Ostern gestickten -Weste, die dnnen weien Haare ber dem Scheitel -und an den Schlfen festgestrichen —, erklrte er ganz -emprt: „Wo sind denn nun eure Gste? Natrlich komme -ich eine halbe Ewigkeit zu frh!”</p> - -<p>Die halbe Ewigkeit dauerte kurz.</p> - -<p>Schon ffnete sich die Tr, um sich nicht so bald wieder -zu schlieen. Im Handumdrehen fllte sich der gerumige -Salon. Begrungen, Vorstellungen, Freundschaftsbezeugungen -schwirrten durcheinander.</p> - -<p>Da kam Papa Wilmanns, ein kleiner, lauter, lustiger, -hinkender Altphilologe, und seine Gattin, ein stilles, ewig -lchelndes, ber ihren Mann verwundertes Frauchen. -Hinter ihnen drei Tchter, alle flachsgelb von Haar, fast -gleich in der Gre, gleich in den Augen und gleich in -den lila- und weigemusterten Kleidchen. Es ging die -Sage, da sogar ihre Eltern sie bisweilen verwechselten.</p> - -<p>Der nchste war Trabner, der Flanellstorch, wie Elli -der neben ihr stehenden Marga kichernd ins Ohr meldete. -Er trug heute brigens einwandfreie weie Wsche und -einen Rock, der ihn nach oben und unten in die Unendlichkeit -verlngerte. Sein pockennarbiges Vogelgesicht mit -den paar Kinnstoppeln zuckte unaufhrlich, man wute<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[S. 56]</a></span> -nicht, ob aus Ehrerbietung oder Nervositt. Der zwerghafte -Papa Wilmanns sah staunend und beneidend an -ihm hinauf. Als Trabner vor dem Geheimrat seinen -jhen und tiefen Bckling machte, trat der gute Wilmanns -unwillkrlich mit offenem Mund einen Schritt nher und -streckte die Arme vor, als gelte es, einen Einsturz aufzuhalten.</p> - -<p>Zwei Studenten, blauweie Bnder um die Brust, -blaue Mtzen in der Hand, drngten sich nebeneinander -zur Tr herein. Sie gehrten der Verbindung Corvinia -an, die bse Zungen das „Betkrnzchen” nannten und in -Verruf brachten, Zuckerwasser statt Bier zu trinken. Elli -verbarg sich hinter Margas Rcken und steckte das Taschentuch -in den Mund, um nicht loszuplatzen. Inzwischen -schritten die beiden in feierlich-plumpem Gleichtritt auf -Vater Richthoff zu. Ihre forciert-couleurmige Haltung -stand in so kstlichem Gegensatz zu ihrem ungehobelten -Bauerntum, da auch Kthe sich auf die Lippen bi.</p> - -<p>Ein dicker, jovialer Burschenschafter, der mit seinem -Leibfuchs, einem geckenhaften und schmchtigen Bengelchen, -zufllig hinter den Corvinen ankam, zog ber sein -ganzes Gesicht, so rot und zerhauen, wie es war, eine -Grimasse, als die Betkrnzler beiseite traten. Mit freier, -drhnender Bierstimme begrte er Richthoff, der selber -„alter Herr” bei einer Marburger Burschenschaft war.</p> - -<p>Es trat eine kurze Pause ein. Noch waren nicht alle -Geladenen zur Stelle. Aber der Zuflu zum Salon stockte -einen Augenblick.</p> - -<p>Es bildeten sich Gruppen. Der Flanellstorch verwickelte -pflichtmig Kthe in ein Gesprch.</p> - -<p>Elli und Marga plauderten mit den drei Wilmannstchtern.<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[S. 57]</a></span> -Die zwei Burschenschafter traten khn dazu und -erzhlten von ihrer nchsten Damenkneipe. Die zuckerwasserschtigen -Corvinen umstreberten Professor Wilmanns -und den Geheimrat, whrend Frau Wilmanns sich selbstgengsam -in ein Familienalbum vertiefte, das auf dem -Tisch lag.</p> - -<p>Schon tat sich die Tr wieder auf.</p> - -<p>Ein derber, struppiger Kopf ward sichtbar, und ein -paar runde, graue Augen rollten zwischen unbndigen -Bscheln gelblichweien Haares heraus ber das menschenvolle -Zimmer.</p> - -<p>„Sieh da — Borngrber!” begrte Richthoff mit vergngtem -Ruf den Ankmmling.</p> - -<p>In komischer Verzweiflung strmte Professor Borngrber, -ein alter Hausfreund, Junggeselle und Indolog, -auf den Geheimrat los.</p> - -<p>„Aber um Gottes willen! Ihr habt ja richtige Gesellschaft! -Ich denke, wir sind drei, vier Personen!” rief er -mit hoher, klagender Fistelstimme, whrend er dem alten -Herrn die Hand schttelte. „Ich bin ja gar nicht feierlich -angetan!” Er wies auf seinen moosgrnen, verknitterten -Bratenrock, der ihn nicht gerade Lgen strafte.</p> - -<p>„Macht ja nichts, alter Freund! So feierlich wird die -Sache gar nicht,” versicherte Richthoff beruhigend.</p> - -<p>„Ich drcke mich! Hrst du? Ich zieh' mich um!”</p> - -<p>„Dageblieben!” Richthoff hielt lachend seine Hand fest.</p> - -<p>„Sie haben ja gar keine andere Toga,” schmunzelte -Papa Wilmanns boshaft.</p> - -<p>Borngrber berhrte ihn entrstet. Er schlug die Hand -vor den Kopf, beteuerte seine Unschuld und widerstrebte -nicht mehr. Er kam immer so wie heute. War immer<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[S. 58]</a></span> -auer sich und wollte fort. Und blieb immer, wenn man -ihm gut zuredete.</p> - -<p>Jetzt reckte Elli den Kopf. Sie stellte sich auf die Zehen.</p> - -<p>Drben unter der Tr reckte sich ein anderer Kopf -ihr entgegen. Blond und kraus wie der ihre. Ein lachendes, -verschmitztes Gesicht. Zwei strahlende, siegesgewisse -Augen, die in die ihren tauchten. Das war Wilkens.</p> - -<p>Kaum war diese stillschweigende Begrung erfolgt, -so tuschelte Elli mit Marga.</p> - -<p>„Doktor Perthes! Dein Doktor von Hemsbach!” verkndete -sie, noch aufgeregt von dem Glck, Wilkens gesehen -zu haben.</p> - -<p>In der Tat zeigte sich Perthes' hochgewachsene Gestalt -gleich hinter Wilkens in der Tr. Sein brauner, -brtiger Kopf ragte ber die anderen hinaus. Nur der -Flanellstorch konnte sich mit ihm messen. Mit dem suchenden -Lcheln des Fremdlings berschaute er das Gedrnge. -Er hatte sich schnell orientiert. Nach Wilkens trat er auf -den Geheimrat zu und begrte ihn mit unbefangener -Hflichkeit.</p> - -<p>Der alte Herr sah ihn einen Moment fragend an. -Dann besann er sich und schttelte Perthes die Hand. -„Marga erinnert sich Ihrer. Nett, da Sie kommen. — -Kleinchen!” Er erwischte die eben vorbeihuschende Elli -an einem Zipfel ihres rmels, ehe sie zu dem ersehnten -Wilkens durchschlpfen konnte. „Herr Doktor Perthes — -meine Jngste,” stellte er vor, whrend er ihr den Arm -um die Schulter legte. „Fhr' ihn mal zu Marga!” Er -deutete aufgerumt nach der Seite, wo sie stand. Dann -mute er neue Gste begren: Frau Geheimrat Achenbach, -die Witwe eines Kollegen, eine stattliche alte Dame<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[S. 59]</a></span> -mit gtigen Augen unter schneeweien Scheiteln, auf einen -Krckstock sich sttzend; weiterhin einen ehemaligen Schler -und jetzigen Privatdozenten, Bertelsdorf mit Namen, der -es kaum erwarten konnte, bis er mit blinzelnder, katzbuckelnder -Hflichkeit an die Reihe kam, seinen Gru anzubringen.</p> - -<p>Inzwischen drngelte sich Elli, gewandt wie ein Wiesel, -durch die einzelnen Gruppen, Perthes mit bermtigen -Gebrden hinter sich her winkend.</p> - -<p>Marga stand an der Tr zum Wohnzimmer. Sie -hatte sich dorthin zurckgezogen, weil sie sich in dem Geschwirre -der Menschen berflssig vorkam. Es fiel niemand -auf, da sie beiseite trat. Die drei Wilmannsmdchen -lachten auch ohne sie ber die Aufschneidereien -der beiden Burschenschafter. Einsam, mit einem halben, -verlorenen Lcheln lehnte sie im Rahmen der Tr.</p> - -<p>„Da bring' ich dir Herrn Doktor Perthes, Margakind!” -rief ihr Elli schon von weitem entgegen.</p> - -<p>Marga richtete sich auf.</p> - -<p>„Guten Abend, Frulein Marga!” begrte sie Perthes -kameradschaftlich. „Wir haben uns ja furchtbar lange nicht -gesehen. Ich dachte immer, ich wrde Ihnen mal wieder -begegnen. In der Stadt, am Ufer oder sonstwo —”</p> - -<p>„Wir sind frher oft dort gegangen,” sprudelte Elli -naseweis hervor. „Aber neuerdings — ich glaube, seit -Marga Sie dort getroffen hat, will sie partout nicht mehr -hin.”</p> - -<p>„Aber Elli!” wehrte sich Marga. Doch die Missetterin -war schon lachend davongewischt, um endlich zu ihrem -Wilkens zu kommen.</p> - -<p>„So, so, Frulein Marga — Sie weichen mir also<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[S. 60]</a></span> -aus!” neckte Perthes. „Und warum denn, wenn ich fragen -darf?”</p> - -<p>„Aber das Kleinchen hat Sie ja angeschwindelt,” erklrte -sie ernsthaft.</p> - -<p>„Und ich komme Ihretwegen in eine richtige Gesellschaft. -Obwohl ich mir vorgenommen hatte, hier gar -nichts mitzumachen.”</p> - -<p>„Das ist immer noch etwas anderes, als wenn ich -Ihretwegen an den Flu kme,” erwiderte Marga. Ihr -Ton war abweisender, als sie wollte. Sie fand sich nicht -in eine tndelnde Unterhaltung. Aller Scherz nahm nur -schwer den Weg zu ihrer Seele; er machte sie eher scheu -und verschlossen als zutraulich. Sie hatte sich wieder an -den Trpfosten gelehnt und blickte zu Boden. Ihre ruhige -Stirn kruselte sich einen Moment: ihr offenes Gesicht -war nicht darin gebt, ihre Gedanken zu verbergen.</p> - -<p>„Was dachten Sie jetzt eben?” forschte Perthes. -„Sicherlich nichts Gutes ber mich.”</p> - -<p>„Sie sind aber eingebildet, Herr Doktor!”</p> - -<p>„Ich — wieso?”</p> - -<p>„Als ob es nichts anderes zu denken gbe als —” -Marga vollendete den Satz nicht; sie erschrak ber ihre -eigenen Worte. Sie kamen ungerufen aus ihr hervor. -Warum war sie so unfreundlich zu ihm? War sie denn -kleinlich? Er hatte von diesem Ufergang gesprochen, von -dem sie wute, da er einer anderen galt. Es waren nur -liebenswrdige Redensarten, wenn er <em class="gesperrt">sie</em> damit in Verbindung -brachte. Weshalb seine Spielerei? Und doch — -als er nun schwieg — tat ihr ihre uerung leid. Ohne -ihn zu sehen, fhlte sie, da er sich von ihr weggewandt -hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[S. 61]</a></span> - -Er schaute in der Tat abgekehrt, mit gekreuzten Armen, -auf die vielen schwatzenden Menschen im Salon.</p> - -<p>„Sie sind mir doch nicht bse, Doktor Perthes?” fragte -Marga mit vernderter, bittender Stimme.</p> - -<p>„Warum denn? Ich wundere mich nur, da Sie heute -gar nicht nett zu mir sind.”</p> - -<p>„Bin ich das wirklich nicht?”</p> - -<p>„Wirklich nicht!” wiederholte er berzeugt.</p> - -<p>„Wenn ich Ihnen gesagt htte, was ich dachte, wrden -Sie noch unzufriedener mit mir gewesen sein.”</p> - -<p>„Oho! Also war's doch was Schlechtes.” Lachend -wandte sich Perthes wieder zu ihr.</p> - -<p>Margas Zge drckten Unruhe und Verwirrung aus. -Die erloschenen Augen mit ihrem sanften blauen Glanz -schienen gewaltsam das Dunkel durchdringen zu wollen, -um den Ausweg aus diesem unglcklichen Gesprch leichter -zu finden. Dann nahm sie die Zuflucht zu ihrer natrlichen -Offenheit. „Ich dachte, da Sie in der Uferstrae -jemand anders suchten als mich. Das war alles,” sagte -sie kurz und einfach.</p> - -<p>Perthes sah sie erstaunt an. Sie wute also auch bereits, -was Markwaldt und alle seine Bekannten wuten -— da er Hilde Knig nachstieg. Und er durfte ihr nicht -einmal bse sein, da sie es ihm sagte. Er hatte ihr ja ihre -Gedanken abgezwungen. Wie peinlich und unbequem -diese Mitwisserschaft war! Gerade <em class="gesperrt">hier</em>. Er griff sich -mit der gebrunten, sehnigen Hand heftig in den Bart. -Die Falten auf der Stirn zuckten nervs zwischen den -dichten Brauen.</p> - -<p>Zum Glck gab jetzt der Geheimrat das Zeichen zu -Tisch, indem er Frau Wilmanns den Arm bot.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[S. 62]</a></span> - -„Darf ich Sie zu Tisch fhren?” fragte Perthes Marga -mit einer kurzen Verbeugung.</p> - -<p>Sie nickte. Schweigend legte sie ihren Arm in den -seinen. Sie wute nicht, sollte sie sich freuen, da er sie -fhrte, oder nicht. Sie bereute, da sie sich hatte verleiten -lassen, die Wahrheit zu sagen. Warum hatte er sie -gezwungen, und sie sich zwingen lassen?</p> - -<p>Plaudernd bewegte sich der Zug der Paare durch das -Wohnzimmer und die Estube.</p> - -<p>An Richthoff und Frau Wilmanns schlossen sich Professor -Borngrber und Frau Achenbach, ein sehr ungleiches -Paar: sie majesttisch und gemessen, er voll Unbeholfenheit -immer einen Schritt voraus oder zurck. Als langjhrige -Bekannte waren sie trotzdem beide sehr zufrieden -miteinander.</p> - -<p>Papa Wilmanns bat sich ein fr allemal, wohin er -kam, ein junges Mdchen zu Tisch aus. Heute, wo man, -um der Gemtlichkeit keine Vorschriften zu machen, von -einer festgesetzten Tischordnung abgesehen hatte, waren -die Jungen schneller gewesen als er und hatten sich schon -alle zusammengefunden. Er sah sich verurteilt, Frulein -Grasvogel, eine drre, etwas spinse Cousine des Richthoffschen -Hauses, die man aus Gutmtigkeit bei keiner -Einladung berging, fr sich zu erobern. Der kleine lustige -Mann, der auerhalb seines Lehramts stets voller Schnurrpfeifereien -steckte, schritt mit weltschmerzlicher Biedermannsmiene -am Arm der Cousine. In dem beweglichen -Gesicht, das sonst so behaglich mit der Hakennase, den Augen -einer listigen Spitzmaus und den rosigen Wangen zwischen -dem frhlichen Backenbart sa, lag eine so vorwurfsvolle -Anklage, da Elli, die mit Wilkens hinter ihm kam, nur<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[S. 63]</a></span> -mhsam ihren Ernst behaupten konnte. Sie nahm sich -nur zusammen, weil Kthe mit dem berhflichen Privatdozenten -Doktor Bertelsdorf zur Rechten und dem Flanellstorch -zur Linken ihr auf dem Fue folgte. Kthe war -schon durch die in letzter Minute erfolgte Absage Lizzies, -ihrer Musikfreundin, betrbt. Elli wollte sie nicht noch -durch eine Neckerei erzrnen, die sie auf das seltsame -Doppelgestirn ihrer Tischherren beziehen konnte. Der -Privatdozent hatte nmlich Kthe dem Flanellstorch vor -der Nase weg engagiert; darber war dieser so fassungslos, -da er sich, kurz entschlossen, rechts von ihr postierte -und mit seinem Partner ber Kthes Kopf hinweg einen -Disput vom Zaun brach — ber eine neue Textausgabe -von Dio Cassius!</p> - -<p>Marga mit Doktor Perthes, die Schwestern Wilmanns -mit den Burschenschaftern und Corvinen, einige damen- -und couleurlose Philologen im ersten und zweiten Semester -beschlossen die Reihe.</p> - -<p>Es war noch taghell im Hof, und man hatte deshalb -die Kerzen noch nicht angebrannt.</p> - -<p>Die Heiterkeit der blumengedeckten Tische steckte an. -Man strmte die Pltze.</p> - -<p>Die lteren Herrschaften, die in ihrer engen Auslese -als nchste Hausfreunde der Jugend nur zur Folie -dienen sollten, hatten ihren Tisch fr sich gewhlt. Eine -Ausnahme machte nur Papa Wilmanns, der die Cousine -Grasvogel mitten unter die Jungen hineinschleppte.</p> - -<p>Elli mit Wilkens winkte Marga und Doktor Perthes -zu sich heran, denen sie an ihrem Tisch heldenhaft zwei -Sthle verteidigte. Perthes hatte Marga auf der einen, -Elli auf der anderen Seite. Auer Wilkens saen noch<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[S. 64]</a></span> -der dicke Burschenschafter mit Heddy, der jngsten der drei -Wilmannstchter, und Wilmanns selbst mit Frulein Grasvogel -am gleichen Tisch.</p> - -<p>Kthe und ihr Privatdozent machten einen entschlossenen -Versuch, den Flanellstorch loszuwerden. Sie gerieten -dafr mit den Corvinen an eine Tafel.</p> - -<p>Es dauerte eine gute Weile, bis die ganze Gesellschaft -ihre Pltze innehatte.</p> - -<p>Endlich war es so weit, da der Lohndiener unter Beistand -einer Aufwartefrau mit dem Servieren der Speisen -beginnen konnte.</p> - -<p>Die Wildsuppe, auf der Vater Richthoff so ehern bestanden -hatte, dmpfte mit ihrer grausamen Wrze fr -einen Augenblick die allgemeine Frhlichkeit. Jedermann -wrgte sie zwar tapfer hinunter, aber man sah -doch unterschiedliche Spuren einer gewaltsamen Selbstberwindung. -Nur der Flanellstorch, der aller Vorsehung -zum Trotz einen Stuhl neben Kthe gezwngt -hatte, erklrte mit der Stimme eines Domksters, -flsternd und doch allhrbar, er habe nie so etwas Kstliches -gegessen.</p> - -<p>„Finden Sie das auch?” fragte Elli blinzelnd ihren -Nachbar Wilkens. „Papa hat sie befohlen!”</p> - -<p>Wilkens drehte statt der Antwort die Augen gen -Himmel und legte die Hand auf den Magen.</p> - -<p>Papa Wilmanns dagegen konnte die lose Zunge nicht -im Zaum halten. So vernehmlich wie der Flanellstorch -und mit einer berzeugungskraft, die frs erste alle -tuschte, durchschnitt er die schweigende Beklommenheit. -„Kollege Richthoff, ich denke, Sie werden meiner Frau -das Rezept fr diese klassische Suppe nicht vorenthalten.<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[S. 65]</a></span> -Sie kann nur von der Blutsuppe der Spartaner bertroffen -werden!”</p> - -<p>Die Verdutztheit auf allen Gesichtern lste sich in einem, -von unterdrcktem Kichern zu lautem und lauterem Gelchter -anschwellenden Heiterkeitsausbruch, dem sich niemand, -selbst nicht das entsetzte Frulein Grasvogel, entziehen -konnte.</p> - -<p>„Aber Rudolf!” erklang tadelnd die Stimme von Frau -Wilmanns ber den Hof zu ihrem Gatten, der sich, als -wte er von nichts, in seine Vatermrder zurckgeduckt -hatte.</p> - -<p>Geheimrat Richthoff beruhigte seine Tischnachbarin mit -einer gravittischen Gebrde, erhob sich, strich den weien -Bart, tippte hell ans Glas und verschaffte sich Gehr.</p> - -<p>„Verehrte Gste und Freunde!” hub er mit grollendem -Ton an. „Der gehssige Vorsto, den mein Kollege Wilmanns -soeben gegen meine Suppe unternommen hat, -zwingt mich zu einer wissenschaftlichen Entgegnung. Mein -Freund Wilmanns” — er fixierte den Professor durchbohrend -— „ist, wie Sie alle wissen, der Mann der lateinischen -und griechischen Syntax, also der grauesten, leblosesten -Grammatik. Daraus entschuldigt sich seine vllige -Unberhrtheit in Dingen der Geschichte und des feineren -Lebensgenusses. Nur ihm konnte es passieren, meine -feurige sdlndische Wildsuppe mit der Blutsuppe der -Spartaner in einem Atem zu nennen. Seine Spartanersuppe -ist, wie jetzt mnniglich auer ihm wei, erstens eine -Legende und zweitens eine geschmacklose Wurzel- und -Krutersuppe. Also genau das Gegenteil von meiner -Suppe. Doch diese historische und kulinarische Zurechtweisung -nur nebenher. berzeugender als der Angriff<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[S. 66]</a></span> -des Kollegen Wilmanns ist das Urteil, das ich Ihnen -allen, meine Herrschaften, von den Zgen ablese: es bedeutet -rckhaltlose Anerkennung meiner Suppe! Es schlgt -auch den frevelhaften Widerspruch meiner Tchter zu -Boden, die, ihres Vaters kochknstlerische Autoritt verkennend, -die Wahl jeder und erst recht dieser Suppe verhindern -wollten. Um so dankbarer bin ich meinen Gsten -fr ihre gerechte und sachliche Wrdigung. Stoen Sie -mit mir an auf das Wohl meiner Gste!”</p> - -<p>Lachender Beifallsruf und lautes Glserklingen antwortete -dem alten Herrn von allen Tischen. Sein grollender -Humor, seine behagliche Selbstironie hatten die gute -Stimmung nicht nur wiederhergestellt, sondern erhht. -Die Unterhaltung an allen Tischen kam in lauten, frhlichen -Gang.</p> - -<p>Ellis frische Laune war unerschpflich. Sie und Papa -Wilmanns, der sich ber Richthoffs Suppenrede kniglich -gefreut hatte, waren an ihrem Tisch abwechselnd die Wortfhrer. -Wilmanns gab ergtzliche Abenteuer von seiner -letzten griechischen Reise zum besten. Er und Borngrber -waren zusammen gereist. Sie lagen sich alle Tage morgens -ber eine Fachfrage in den Haaren und abends bei -begeisterndem Hellenenwein in den Armen. Als Wilmanns -gerade erzhlte, wie sein Gefhrte beinahe von -einem griechischen Schergen festgenommen worden wre, -weil er durchaus auf der Akropolis eine Nacht zubringen -wollte, flsterte Elli Doktor Perthes zu: „Ich glaube, -die ganze griechische Reise hat er nur auf der Landkarte -gemacht.”</p> - -<p>„Das wollen wir nicht hoffen!” meinte Perthes lchelnd.</p> - -<p>„O, Sie kennen die Philologen nicht! Die flunkern<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[S. 67]</a></span> -alle!” erklrte sie berzeugt. „Wenn ich denke, was nur -Wilkens” — sie warf einen vielsagenden Seitenblick auf -ihren Tischherrn —, „was der mich schon angefhrt hat! -Schon zehnmal hat er behauptet: ‚Diesmal steig' ich ins -Examen! Diesmal bau' ich bombensicher meinen Doktor!‛ -Und zehnmal war's Schwindel!” Ein ganz leiser Seufzer -begleitete unwillkrlich den zehnfachen Schwindel.</p> - -<p>„Und das geht Ihnen so zu Herzen?” fragte Perthes.</p> - -<p>„Mir? Zu Herzen? Wie kommen Sie darauf? Mir -geht berhaupt nichts zu Herzen!” verteidigte sich Elli -emprt. „Von mir aus kann Herr Wilkens zehnmal durch -sein Examen fallen. Nicht wahr, Herr Wilkens?”</p> - -<p>Der Angeredete schmunzelte nur und drehte sich herausfordernd -zu Heddy Wilmanns.</p> - -<p>„O, und die anderen Fakultten,” fuhr Elli zu Perthes -fort, „die haben andere Fehler! Die Mediziner zum Beispiel -— die sind boshaft, wie Sie! Und schrecklich roh -und materialistisch!”</p> - -<p>„Hren Sie, wie ich beschimpft werde, Frulein -Marga?” wandte sich Perthes nach rechts, wo Marga -geduldig, im Verein mit Cousine Grasvogel, noch immer -Wilmanns' griechische Reise miterlebte.</p> - -<p>„Wehren Sie sich nur tchtig!” gab sie zurck.</p> - -<p>„Also Sie verteidigen mich nicht einmal? Sie geben -am Ende gar Ihrer Frulein Schwester recht?”</p> - -<p>„Um Sie zu verteidigen, mte ich Sie erst besser -kennen!” erwiderte Marga freundlich, aber bestimmt.</p> - -<p>„Wie mitrauisch Sie sind!”</p> - -<p>„Mitrauisch? Marga?” ereiferte sich Elli. „Na, Herr -Doktor Perthes, da gratuliere ich Ihnen zu Ihrer Menschenkenntnis! -Die ist die Offenste von uns allen! Aber<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[S. 68]</a></span> -sie flunkert <em class="gesperrt">auch</em>! Die schlechte Nachbarschaft —” Sie -zwinkerte nach Wilkens und zu Professor Wilmanns hinber.</p> - -<p>„Ich glaube, du bist beschwipst, Elli!” warf Marga -vorwurfsvoll ein.</p> - -<p>„Noch nicht! Aber wenn du sagst, Margakind, du -kennst Herrn Perthes nicht, flunkerst du. Sie kennt nmlich -die Menschen in- und auswendig, wenn sie noch nicht -zwei Worte mit ihnen gewechselt hat!”</p> - -<p>„Frulein Marga! Wenn das stimmt, sind Sie mir -Genugtuung schuldig. Ich mchte schon immer gern wissen, -wer ich bin.” Perthes legte etwas Spttisches in seine -Rede, das ebensogut Marga als ihm selbst gelten konnte.</p> - -<p>Marga schttelte leise den Kopf. „Nein, nein — Sie -mssen sich selber am besten kennen.”</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Mu</em> ich das?” erwiderte er im selben Ton wie -zuvor.</p> - -<p>„Dafr sind Sie doch ein Mann,” war Margas halblaute, -entschiedene Antwort. Sie zerkrmelte ihr Brot. -Ihr Mund war fest geschlossen. Nur das Zittern ihrer -Nasenflgel verriet etwas von innerer Erregung. Warum -qulte er sie mit so merkwrdigen Fragen? Was konnte -ihm daran liegen, wie sie ihn beurteilte? Warum drngte -er sich hartnckig und eigensinnig in ihr Sinnen und Empfinden, -um sich und sie zu ergrnden? Gewi, er dachte -sich dabei nichts. Er mochte sich in dieser spielerischen -Unterhaltung gefallen. Aber sie, Marga, war sich dafr -zu gut! In der Furcht, sich und ihr Innenleben unntig -auszugeben, verkroch sie sich in sich selbst, wie eine Schnecke -in ihr Gehus.</p> - -<p>Perthes schwieg. Er beobachtete Marga lnger und<span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[S. 69]</a></span> -ernsthafter als sonst. „Dafr sind Sie doch ein Mann” -— was hie das? War das ein Zweifel an seiner Reife? -Oder war es eine Anerkennung? Dieses so stille und so -klare Wesen der Blinden, fr die er eine flchtige, aus -Interesse des Arztes und aus mitleidsvoller Teilnahme -gemischte Sympathie empfand, begann ihn zu fesseln, weil -es ihn reizte. Der Widerspruch zwischen seiner eigenen -Zerrissenheit und ihrer ruhigen Geschlossenheit brachte bei -ihm eine zwiespltige Wirkung hervor. Das Peinliche -berwog das Anziehende. Bah — er wrde sich wohl -von einem jungen Mdchen imponieren lassen! Was war -rtselhaft an ihr? Hchstens, was er aus seiner eigenen -Phantasie hinzutat. Sie war wie andere Frauen: nur -durch ihren Zustand ein wenig empfindsamer. Es erklrte -sich physiologisch wie alles Weibliche.</p> - -<p>Elli hatte es inzwischen fr zeitgem gehalten, ihren -Wilkens, der um die Wette mit den Burschenschaftern Heddy -Wilmanns den Hof machte, entrstet zur Rede zu stellen. -Wilkens erklrte mit seiner heiteren Unverwstlichkeit, da -er nach ihrer wohlwollenden Ansicht schon einmal ein -Flunkerer sei, sei es doch vllig gleichgltig, ob er nach -rechts flunkere oder nach links. Elli schmollte eine ganze -Minute lang. Dann fand sie sich mit Wilkens in einem -vershnend-heftigen Hndedruck unter dem Tisch. Nach -dem Friedensschlu wandte sie sich wieder zu Perthes. -„Was treiben Sie denn eigentlich hier?” fragte sie in ihrer -bergangslosen, zufahrenden Art, als sie bemerkte, da -das Gesprch zwischen ihm und Marga bedenklich im -Stocken war.</p> - -<p>„Wo? Wie? Hier — wie meinen Sie das?” Perthes -richtete sich zerstreut aus seinen Gedanken auf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[S. 70]</a></span> - -„Na, in Ihrem Laboratorium oder Institut oder wie -das Ding heit!” erluterte Elli ihre unbestimmte Frage.</p> - -<p>„Wenn Sie das interessiert, mssen Sie mich mal -besuchen. Ich habe einen ganzen Stall Kaninchen und -Meerschweinchen. Mitunter auch Muse und Ratten.”</p> - -<p>„Wozu denn das?” forschte Elli mit gruseliger, unglubiger -Neugier.</p> - -<p>„Ich experimentiere mit ihnen.”</p> - -<p>„Hrst du, Marga? Er experimentiert mit Tieren! -Was hab' ich gesagt! Mediziner sind entsetzlich roh und -gefhllos! — Was machen Sie denn mit den armen -Tierchen?”</p> - -<p>Fr Perthes konnte in seiner gegenwrtigen Stimmung -keine Frage gelegener kommen. Es war ihm eine -Genugtuung, sich nchterner und gefhlloser zu zeigen, -als er war. Auf die Gefahr hin, den Geschmack zu verletzen, -gab er sich als den khlen, berlegenen Wissenschaftler -und beschrieb rcksichtslos seine Versuche an lebenden -Tieren: wie er ihnen die verschiedenen Gifte einimpfte, -Gegengifte erprobte, die Wirkungen von Stunde -zu Stunde beobachtete.</p> - -<p>Elli war auer sich vor Mitleid und Emprung. „Sie -sind ja ein grlicher Tierquler! Und so was machen -Sie mit ruhigem Blut? Was mssen Sie fr ein Mensch -sein!” Ganz erschrocken blickten ihn ihre strahlenden jungen -Augen an.</p> - -<p>„Das gehrt bei uns zum Handwerk!” versicherte -Perthes mit Achselzucken. „Wir knnen ja leider nicht -mit Menschen unsere Experimente machen.”</p> - -<p>„Leider!” Elli fuhr von ihrem Sitz in die Hhe. -„Leider, sagen Sie? Aber das ist ja abscheulich! Dafr<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[S. 71]</a></span> -knnte ich Sie —” Sie machte eine drastische Bewegung -und hielt inne. Sie mute selbst ber ihre Entrstung -lachen. „Und wir sollen Sie besuchen? Ihre Schndlichkeiten -mit ansehen? Was sagst du zu dieser Einladung, -Margakind?!”</p> - -<p>Marga sagte nichts. Sie fhlte, da Perthes sich mit -Absicht schlecht machte. Er bertrieb. Er wollte sein -objektives Medizinertum hervorkehren. Er tat sich und -anderen mit Bewutsein wehe. Die Erkenntnis dieser -Zwiespltigkeit, dieser unfertigen Halbheit schmerzte sie -mehr als seine harten Ausdrcke, seine rohen Schilderungen. -Mit unwiderstehlicher Macht berkam sie das -Gefhl ihrer Einsamkeit inmitten all der fremden, geruschvollen -Menschen, die in einer Welt lebten, die nicht die -ihre war. Sie fror. Wie in einen schtzenden Mantel -hllte sie sich in ihre schwere und doch so viel reichere -Einsamkeit. Teilnahmlos lehnte sie sich in ihren Stuhl -zurck und richtete die Augen in die Ferne.</p> - -<p>Elli, die einzige, die mit schwesterlicher Liebe Margas -Wesen wenn auch nicht ganz erfate, so doch kannte und -achtete, drang nicht weiter in sie.</p> - -<p>Auch Perthes verstummte.</p> - -<p>„Ihr Wohl, Herr Kollege!” prostete der Burschenschafter -mit tadellosem Komment und unverkennbarer -Hochachtung zu ihm herber. Er hatte mit halbem Ohr -die Unterhaltung gehrt und wollte als jngeres medizinisches -Semester dem lteren seine bewundernde Zustimmung -zu dem Ideal fachmnnischer Gesinnungstchtigkeit -ausdrcken.</p> - -<p>Perthes dankte. Er strzte sein Glas Wein in einem -Zug hinunter. Seine Stirn hatte sich verfinstert. Er<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[S. 72]</a></span> -war verrgert. Er haderte mit sich, weil er sich hatte fortreien -lassen.</p> - -<p>Es war eine Erlsung, da jetzt gleichzeitig zwei Messer -an zwei verschiedenen Tischen an die Glser klangen.</p> - -<p>Die beiden Redner, die sich zu Wort meldeten, erhoben -sich miteinander und maen sich mit erstaunten -Blicken: es waren Professor Borngrber und Professor -Wilmanns, die in einem und demselben Augenblick um -die oratorische Palme rangen.</p> - -<p>Papa Wilmanns war sonst nicht auf den Mund gefallen. -Aber gerade seinen vielverleumdeten griechischen -Reisefreund konnte er nicht ohne Verblffung als Rivalen -auftauchen sehen. Und seine Frau warf ihm berdies aus -der Ferne einen so flehenden Blick zu.</p> - -<p>„Dann werd' ich die Herrschaften eben nach Freund -Jakobus langweilen!” murmelte er mit trockener Gutmtigkeit -und setzte sich wieder.</p> - -<p>Borngrber begann mit seiner hohen, beharrlichen -Stimme. Er zitierte einen indischen Spruch ber die -Freuden der Huslichkeit. Man durfte hoffen, er wrde -von dort aus in Krze und ohne Fhrlichkeiten auf das -Haus Richthoff kommen. Aber es war anders verhngt. -Jakobus Borngrber war nicht der Mann der geraden -Fahrstraen. Bei einem neuen stlichen Sprichwort, das -mit dem Ziel seines Toastes schon wesentlich loser zusammenhing, -fiel ihm ein, da er ber die bersetzung gerade -dieses Textes mit einem franzsischen Kollegen in Kontroverse -geraten war. Das Unheil war da: er verga vllig -seine ursprngliche Absicht, entwickelte mit einer zhen -Leidenschaftlichkeit, die im umgekehrten Verhltnis zu -seinen Stimmitteln stand, das Fr und Wider beider Auffassungen<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[S. 73]</a></span> -und geriet in eine Vorlesung ber vergleichende -Textkritik.</p> - -<p>Die Gste sahen sich verwundert an. Da und dort -wurde nervs geruspert. Ein unterdrcktes Lachen wurde -gehrt. Einzelne fingen an, sich leise, dann lauter zu -unterhalten. Dies Beispiel fand jhe, fast allgemeine -Nachfolge. Whrend der Tisch der Alten eine achtungsvolle -Ruhe behauptete, hrten von der Jugend bald nur -noch der Flanellstorch aus Piett gegen alles Akademische -und die beiden Corvinen aus zuckerwsseriger Wohlerzogenheit -dem Redner zu. Sogar Bertelsdorf, dem Privatdozenten, -der fr die Ordinarien seiner Fakultt einen -unbegrenzten Fonds von Ehrfurcht besa, schien der Wein -eine charaktervolle Unabhngigkeit zu geben; er plauderte -ungeniert mit Kthe. Wilmanns unterhielt seinen Tisch -damit, da er unter seinen Fingern eine Menagerie aus -Brot gekneteter Wundertiere hervorgehen lie. Wilkens -untersttzte den Professor mit ebenbrtigen Kunststcken: -er balancierte Zahnstocher auf der Nasenspitze und lie -Brotstckchen, die er ber die Fingerspitzen legte, durch -einen geschickten Schlag auf seinen Unterarm in den Mund -schnellen.</p> - -<p>Die Dmmerung hatte begonnen. Die Lichter auf -den Tischen und die farbigen Lampions, die in Ketten -ber den Hof gespannt waren, waren schon seit geraumer -Weile angezndet. Die weien Tafeltcher, auf denen -jetzt Kuchen und Frchte vorherrschten, die roten Leuchterschirmchen, -die helldunklen Gesichter setzten sich warm und -farbenvoll ab gegen das wachsende Dunkel im Weinberg -und in den benachbarten Grten. Darberhin taumelten -ein paar versptete Kfer. Der Himmel strahlte in einem<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[S. 74]</a></span> -zarten, milchigen Blau. An dnnen Wolkenstreifen glomm -noch ein spter Schimmer der gesunkenen Sonne.</p> - -<p>Endlich hielt Jakobus Borngrber pltzlich im Strom -seiner Rede inne. Die immer ohrenflligere Unaufmerksamkeit -seiner Zuhrer machte ihm nun doch seine Abirrung -mit jhem Schreck klar.</p> - -<p>Die majesttische Frau Achenbach, seine Tischdame, -hatte Gleichmut und Humor genug, um ihm beizuspringen. -„In diesem Sinne —” soufflierte sie ihm.</p> - -<p>„In diesem Sinne —” stotterte Borngrber und -schwang sich mit einem verzweifelten berschlag seiner -Stimme aus dem Wirrsal seiner textkritischen Betrachtungen -auf die dargebotene, allumfassende Redewendung: -„In diesem Sinne bitte ich Sie, sich zu erheben und zu -rufen: Unser verehrter lieber Richthoff und sein gastliches -Haus, sie leben hoch!”</p> - -<p>Ein schallendes dreifaches Hoch und ein allgemeines -Glserklirren verschlangen Redner und Rede. —</p> - -<p>Nach so langer Geduldsprobe wollte sich der frhere -Tafelzwang nicht wiederherstellen lassen. Der Tisch der -Alten erkannte die Situation richtig, und ehe Papa Wilmanns -seine unterdrckte Rede auch noch loslassen konnte, -erhoben sich die Herrschaften.</p> - -<p>„Ich wnsche gesegnete Mahlzeit!” klang die krftige -Stimme des Geheimrats ber den Hof hin.</p> - -<p>Zwanglos verteilten sich die Gruppen.</p> - -<p>Die Jugend stieg in ihrer Mehrzahl den Weinberg -hinan, dessen Wege weit hinauf mit Papierlaternen beleuchtet -waren.</p> - -<p>Die Alten zogen sich in die Zimmer zurck, bis im Hof -die Tische gerumt waren. Die zwei Corvinen und der<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[S. 75]</a></span> -Flanellstorch hielten jetzt den Zeitpunkt fr gekommen, -um bei Vater Richthoffs Zigarren ihre Professoren zu -poussieren.</p> - -<p>Marga war mit im Weinberg emporgestiegen. Perthes -hatte sich artig angeboten, sie zu fhren. Sie dankte. -Darauf gesellte er sich dem ausgelassenen Schwarm zu, -den Elli und Wilkens anfhrten. Dazu gehrten die drei -Wilmannstchter, die Burschenschafter und auch Kthe -mit Bertelsdorf.</p> - -<p>Auf der Graswiese, wo hinter dem Blumengarten das -Obstgelnde begann, war es noch heller als in den tieferen -Partien des Weinbergs. Elli schlug ein Spiel vor. Sie -fand laute Zustimmung. „Hasch, hasch!” wurde nach -kurzer berlegung gewhlt, und die Paare traten lachend -in die Reihe. Perthes holte sich Heddy Wilmanns. Das -Tollen begann, und leuchtend stoben die hellen, fliegenden -Mdchenkleider durch die Dmmerung.</p> - -<p>Marga stand abseits. Einen Augenblick hatte sie gedacht, -es wrde jemand zu ihr treten, um sie zu unterhalten. -Aber niemand kam. Wie es meist ging, wurde sie und -ihre Blindheit jetzt in der allgemeinen Lustigkeit vergessen. -Im Grunde war es ihr recht.</p> - -<p>Die Geselligkeit solcher Abende ermdete sie mehr und -schneller als andere. Und ihre innere Einsamkeit hatte -sich nach der ueren gesehnt.</p> - -<p>Tastend orientierte sie sich an den Johannisbeerstruchern -lngs des Weges. Dann stieg sie sicher bergan.</p> - -<p>Hinter dem Obstplan kam eine Mauer, die das steile -Erdreich sttzte. Eine Treppe aus Steinen fhrte an ihr -empor. Darber standen die Weinstcke, die Sorgenkinder -des alten Herrn. Jahr fr Jahr gaben sie hartnckig nur<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[S. 76]</a></span> -wenige Pfund saurer Trauben, aber es blieb trotzdem -ausgemacht, da hier <span class="antiqua">anno Domini</span> der groartigste Wein -in der ganzen Umgegend wachsen mute. Ein zweites -Mauerwerk schlo nach oben ab. Auf seiner Hhe lief -eine langgestreckte Laube ber die ganze Breite des Richthoffschen -Besitzes. Der Laubengang hie der Philosophenweg; -er lag schon hoch ber der Stadt in der freien, ziehenden -Abendluft.</p> - -<p>Dort schritt Marga, die Hnde auf dem Rcken, langsam -auf und ab.</p> - -<p>Das Lrmen und Lachen der Spielenden klang nur -gedmpft zu ihr herauf. In vollen Zgen trank sie die -Ruhe des spten Abends. Nichts Weichmtiges durfte in -ihr aufkommen. Sie ordnete ihre Gedanken und ihre -Gefhle zu dem mutigen Gleichklang, in dem sie daheim -war. Ihrem festen Willen zum Trotz drngte sich immer -noch ein herber Ton vor. Konnte sie es nicht lassen, auf -andere Menschen zu bauen, statt nur auf sich? Es war -ja doch stets dasselbe: ein Suchen, das mde machte, und -ein Finden, das die Enttuschung war. Zwiespltig und -halb und haltlos waren alle, bei denen sie sich die Mhe -machte, in sie hineinzulauschen. So wie Perthes. Wie -die Mcken tanzten sie um die Sonne, zu schwach, um -in sie hineinzufliegen, zu schwach, um sie zu entbehren. -Vertraute sie, Marga, denn nicht genug auf sich allein? -Was horchte sie berhaupt noch nach Gefhrten? Ihre -Schwingen reichten aus. Auch wenn sie nur ein Weib -war. Sie — sie wollte und konnte in die Sonne des inneren -Erlebnisses fliegen, wo die Schnheit war, das Unbedingte -und das Unendliche ...</p> - -<p>Zwischen den zuhchst gelegenen Pappeln, wo Margas<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[S. 77]</a></span> -Lieblingsplatz war, und dem Philosophenweg lag ein -Wiesenhang unter alten Kirschbumen.</p> - -<p>Dort streckte sie sich aus.</p> - -<p>Die Hnde hinter dem Kopf verschrnkt, die Augen -geschlossen, berlie sie sich ihrem Schauen. Aus dem -Scho ihrer immerwhrenden Nacht quoll ihr Bild auf -Bild entgegen. Nicht verschwommene, sondern scharfe -und klare Gesichte, die ihre Phantasie sich schuf, und in -denen ihre reiche Seele sich auslebte und ausruhte. Da -war ein fernes, schimmerndes Tal, ber und ber von -rotblhenden jungen Pfirsichbumen voll. Ein tausendfltiger -Schwarm von weien, samtflgeligen Faltern -gaukelte darber: ein flatterndes Gewlk, das wie eitel -Silber gegen den tiefblauen Himmel stand. — Ein verschlafener -See blitzte auf, inmitten dunkel wuchtender -Tannenberge. Das fahle, magische Licht drang aus gelben -Wolkenstreifen ber die Landschaft. Der Wind hob leise -die Wellen, da die Seerosen schwankten, und ein schwarzer -Schwan zog sanft am Schilf entlang. — Die Berge rckten -auseinander. Der See verschwand. Lachende, unabsehbar -weite Blumenwiesen taten sich auf: gelbe Knigskerzen -und weie Schafgarben und blauer Rittersporn -wirrten sich leuchtend durcheinander, so weit der Blick -reichte. Darber, am Horizont, erhoben sich kristallene -Sommerwolken, berirdische Berge, himmlische Palste, -in denen die Sonne selbst zu wohnen schien. —</p> - -<p>Marga war so entrckt, so selig im Schauen versunken, -da sie nicht hrte, wie ein behender Schritt die Stufen -nach dem Laubengang heraufkam. Erst als ihr Name -gerufen wurde, zuckte sie auf und richtete sich aus dem -Gras empor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[S. 78]</a></span> - -„Frulein Richthoff!” ertnte es von neuem.</p> - -<p>Sie erkannte Perthes' Stimme und gab keine Antwort. -Noch war sie nur halb aus ihrer Traumwelt erwacht, -und kein Fremder sollte sie stren. Sie duckte sich -wieder tiefer ins Gras.</p> - -<p>Aber seine Augen hatten ihr helles Kleid in der dunklen -Wiese erspht. „Wo in aller Welt stecken Sie denn? Sie -haben sich ja richtig versteckt!”</p> - -<p>„Bei mir selber,” gab sie einsilbig zurck.</p> - -<p>„Drunten wird eine Bowle gebraut! Ich soll Sie -holen.” Perthes war vollends zu ihr heraufgeklettert. -„Darf ich mich einen Augenblick neben Sie setzen?” Ohne -ihre Zustimmung abzuwarten, streckte er sich neben ihr im -Gras aus.</p> - -<p>Marga strich die Haare aus dem Gesicht und setzte sich, -ihren Haarknoten zurechtsteckend, aufrecht.</p> - -<p>Vom tieferen Garten und vom Hof herauf kam der -matte Widerschein der Papierlaternen und gab im Verein -mit dem sternklaren Himmel gerade Licht genug, um -Perthes ihre stillen verschlossenen Zge sehen zu lassen. -Nach dem ausgelassenen Spiel mit seiner lauten, bermtigen -Lustigkeit, die er eben verlassen, berhrte ihn ihre -ruhevolle Erscheinung hier oben im Garten seltsam.</p> - -<p>„Warum sind Sie denn so mir nichts dir nichts ausgerckt, -Frulein Marga?” fragte er nach einer Weile.</p> - -<p>„Was htte ich denn sonst machen sollen?” entgegnete -sie ohne Vorwurf.</p> - -<p>Er schwieg. Seine Frage war unbedacht und tricht. -Wie konnte sie in dem abschssigen Garten „Hasch, hasch!” -und derlei Dummheiten spielen! Er hatte sie ja berdies -mit einer gewissen Absichtlichkeit sich selbst berlassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[S. 79]</a></span> - -„Sie haben nicht viel versumt,” fuhr er fort. „Ich -alter Esel habe mich wie ein alberner Junge herumhetzen -lassen.” Er trocknete sein Gesicht mit dem Taschentuch; -er rgerte sich wirklich, da er sich wie der krasseste Fuchs -in solche Kindereien gestrzt hatte. „Hier oben ist's -schner!” Er schaute hinaus in die Ebene, die nchtlich -verschattet sich dehnte.</p> - -<p>Marga antwortete nicht. Sie legte ihren Rock zurecht -und glttete ihre zerknitterten rmel.</p> - -<p>„Ich darf ja nicht mehr fragen, was Sie denken,” begann -er von neuem, „sonst wrde ich's schon wieder tun, -weil Sie ja doch von sich aus mir nichts erzhlen.”</p> - -<p>„Ich denke, warum Sie bei Tisch all die hlichen -Dinge sagten.”</p> - -<p>Perthes besann sich. „Ach — Sie meinen ber meine -Ttigkeit? Die Geschichte mit den Tierexperimenten, und -da man leider nicht mit Menschen experimentieren knne? -Aber das ist ja wahr!”</p> - -<p>„Vor Ihrem Verstande vielleicht, ja, aber nicht nach -Ihrem Gefhl.”</p> - -<p>„Und woher wollen Sie das wissen? Du lieber Gott! -In der Medizin hrt man auf, ein Gemtsmensch zu sein -— woher wollen Sie wissen, da das nicht meine volle -Meinung ist?”</p> - -<p>„Das will ich Ihnen ehrlich sagen: weil Sie vor uns -dummen, gefhlsduseligen Mdels renommieren wollten. -Sie hatten ein Bedrfnis, sich schlechter zu machen, als -Sie sind.”</p> - -<p>Perthes horchte verwundert auf. Er hatte sich auf -den Boden gelegt und den Kopf auf die Hnde gesttzt. -Marga sa links hinter ihm. Er sah forschend zu ihr hinber.<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[S. 80]</a></span> -„Sie beurteilen mich sehr schmeichelhaft, Frulein -Marga.” Er lachte gezwungen. „Ich glaube, Sie irren.”</p> - -<p>„Wenn ich irre, um so schlimmer fr Sie!” erklrte -Marga mit jener Ruhe und Geradheit, in der sie sich selbst -wiederfand. „Dann mssen Sie sich selber sehr niedrig -einschtzen und Ihre Mitmenschen auch. — Und besonders -uns Frauen!” setzte sie nach einer Weile gedankenvoll -hinzu.</p> - -<p>„Warum gerade die Frauen?”</p> - -<p>„Weil Sie meinen, ihnen im Ernst mit so rohen Dingen -zu imponieren.”</p> - -<p>Wieder trat eine Pause zwischen beiden ein.</p> - -<p>Vom Hof herauf drangen einzelne abgerissene Worte, -denen lustiges Gelchter antwortete. Papa Wilmanns -hielt bei der Bowle seine aufgeschobene Rede auf die -Damen.</p> - -<p>„Ich glaube, wir mssen hinunter,” bemerkte Marga kurz.</p> - -<p>Perthes rhrte sich nicht. Er trommelte mit der rechten -Faust erst langsam, dann immer leidenschaftlicher auf den -Grasboden.</p> - -<p>„Was machen Sie denn?” fragte Marga aufhorchend.</p> - -<p>„Ich rgere mich!” gab er knurrend zurck, ohne in -seinem Trommeln aufzuhren.</p> - -<p>„Worber?”</p> - -<p>„ber Sie —”</p> - -<p>„ber mich?”</p> - -<p>„Und noch mehr ber mich!”</p> - -<p>„Und warum denn?”</p> - -<p>„Weil — weil —” Er fhrte einen letzten grimmigen -Hieb gegen den unschuldigen Boden. „Weil Sie verwnscht -recht haben!” stie er knirschend hervor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[S. 81]</a></span> - -Marga mute unwillkrlich lcheln ber das unerwartete, -heftige Bekenntnis, das sich so widerwillig von -ihm losrang.</p> - -<p>Perthes bemerkte es nicht. Ihm war zumute, als wre -jhlings etwas geborsten, ein Hemmnis, ein Stauwehr, -das den Strom seiner Gedanken und Gefhle aufgehalten. -Die offene, stillkrftige Art Margas lockte aus ihm hervor, -was er nie einem anderen mitgeteilt htte. Der Widerspruch -seines Herzens, das bald in Sehnsucht nach vertiefter -Empfindung, nach einer berlegenen Weltbetrachtung -voll Gleichklang und Schnheit sich verzehrte, bald -in Verachtung jeder seelischen Regung zur Oberflche trieb, -wo es nichts gab, als die nackte Wirklichkeit, und alles Unbegreifliche -unterging in der tristen Biologie des Tiermenschen, -wo nur der Genu des Alltags Sinn und Berechtigung -hatte — dieser Widerspruch tat sich in einer -Flut von Selbstanklagen auf, die er rckhaltlos in die dunkle, -friedvolle Nacht hinausschleuderte. Heute war er weich, -mitfhlend, empfindsam und wehleidig wie ein Kind; -morgen hart, schroff, roh wie ein zynischer Zweifler, der -sich in Kraheiten berbot. Sein unseliger Hang zum -Extremen — war er nicht sogar jetzt lebendig, in dieser -Beichte, die er ohne Grund vortrug? die so schamlos war -wie die ganze Komdie, die er mit sich und aller Welt -auffhrte? Er war zur Halbheit, zur Malosigkeit, zum -Unfrieden verdammt. Wertlos war der ganze Kerl. „Sie -irren, Frulein Marga — Sie irren, sage ich Ihnen! Der -bessere Kern, den Sie da in mir vermuten, Gemt oder -Seele oder was es derart geben knnte, der ist bei mir -nicht vorhanden! Schale, nichts als Schale — im Rechten -und im Schlechten!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[S. 82]</a></span> - -Marga war lngst ernst geworden. Sie erschrak ber -die so wilde, alle Schranken vergessende Entladung, die -mit Unreife und Miklang in ihre eben noch so kstliche -Einsamkeit und Harmonie einbrach. Seine Bekenntniswut -verletzte sie und tat ihr wohl in einem Atem. -Nie hatte ein Mensch, nie zumal ein Mann ihr so sein -Innerstes gezeigt. Sollte sie stolz auf dies Vertrauen -sein? War sie nur der zufllige Anla, die zufllige -Zeugin dieser selbstvernichtenden Offenheit? Durfte -sie auf ihr Herz hren, das trsten und helfen wollte? -Auf ihr Gefhl, das beinahe mtterlich in ihr aufwallte: -Gib von deiner Klarheit seiner Unklarheit! Schenke von -deiner Kraft! Schenke, schenke mit vollen Hnden! — -Lohnte es sich denn? Verlangte er berhaupt danach? -Verschwende dich nicht! warnte es in ihr. Verschwende -dich nicht!</p> - -<p>Perthes war verstummt. Er warf sich herum und -starrte, von ihr abgewandt, hinaus in die Ebene, aus der -schchtern der Flu im Licht des gestirnten Himmels -aufleuchtete.</p> - -<p>Marga fand noch immer kein Wort.</p> - -<p>Jenes Schweigen herrschte zwischen beiden, das zwei -Menschen beschleicht, wenn der eine sich schrankenlos ausgegeben -hat und der andere noch nicht wei, was er dagegen -geben soll. Ein Schweigen, das zum Anfang oder -Ende des Verstehens wird.</p> - -<p>Marga zitterte in ihrer Unschlssigkeit.</p> - -<p>Wenn sie ihn jetzt htte sehen knnen! Einmal ihm ins -Gesicht schauen, da dies Gesicht ihr rate, was sie tun oder -lassen msse! Sie strengte alle Krfte ihrer Seele an, -um den Mangel ihrer Sinne zu ersetzen. Wie durch einen<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[S. 83]</a></span> -geheimen Rapport fhlte sie, da er sich innerlich langsam -von ihr entfernte. Er rusperte sich; er begann sich ber -seine Preisgabe zu schmen, zu erzrnen. Ihr Zaudern -wich. Sie durfte nicht in seiner Schuld bleiben. Eben -war er im Begriff aufzuspringen und sie zum Abstieg -aufzufordern, als sie die Sprache fand. „Ich glaube doch -an den Kern, den Sie sich absprechen, Doktor Perthes,” -sagte sie mit leiser Bestimmtheit.</p> - -<p>„Doch? Immer noch?” erwiderte er nach einer Weile -ausdruckslos. „Da sind Sie eine beneidenswerte Optimistin.” -Der spttische Ton, den er annehmen wollte, -verlor sich in einer bitteren Niedergeschlagenheit.</p> - -<p>„All das Leidenschaftliche,” fuhr sie uneingeschchtert -fort, „was Sie vorhin sagten, sagten Sie ja nur deshalb, und -deshalb nur so leidenschaftlich, weil Sie selber gern an einen -solchen Kern glauben mchten und es nicht immer knnen.”</p> - -<p>Perthes erwiderte nichts. Er hatte das brtige Kinn -auf die Faust gesttzt und sah Marga an. Ihre sanfte, -klare Stimme wirkte auf ihn wie eine Kinderweise, die -sich beruhigend ins Ohr schmeichelt. Sein Verstand strubte -sich gegen die einfache Wahrheit ihrer Worte; das Herz -sog sie dankbar in sich.</p> - -<p>„Ich kann natrlich nicht wissenschaftlich mit Ihnen -streiten,” hub Marga nach einer gedankenvollen Pause -noch sicherer wieder an. „Ich habe in allen Dingen nur -die Gewiheit meines Gefhls, und die sagt mir, da es -gar nicht zuerst auf die Meinungen ankommt, die man -sich von der Welt und dem Leben und den Menschen so -im allgemeinen macht, sondern auf das, was man aus -sich selbst macht.”</p> - -<p>„Meinen Sie? Aber wenn man bald so ist, bald so?<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[S. 84]</a></span> -Wenn man nach zwei Seiten gezerrt wird? Wenn man, -um recht trivial, aber anschaulich zu reden, die bekannten -‚zwei Seelen‛ in der Brust hat?”</p> - -<p>„Dann kommt es eben darauf an, durch welche von -beiden man glcklicher, man mehr ‚man selber‛ ist!” erwiderte -Marga berzeugt. „Wenn man das erst wei, -braucht man nur zu wollen.”</p> - -<p>„Und dafr sind Sie doch ein Mann! Sagen Sie das -ruhig wieder dazu! Ich kann es ganz gut noch einmal -hren!” Es war keine Bitterkeit und kein Spott mehr -in seiner Stimme, sondern nur eine schwermtige, dumpfe -Verzagtheit. Als sein Blick aus verlorener Weite zurckkam, -suchte er Marga.</p> - -<p>Ihre Augen hatten einen warmen Glanz angenommen, -der sie von innen zu erleuchten schien und ihre Blindheit -vergessen lie. Sie hatte sich hher aufgerichtet. Ihre -Hnde lagen gefaltet in ihrem Scho; die Haare ber -ihrer runden, ebenmigen Stirn bewegten sich sacht im -Winde, der ber den Berg fuhr. Von ihrem geschlossenen, -in sich einigen Wesen ging eine stille, fast heitere Gewiheit -aus, die Perthes mit Achtung erfllte, einer -Achtung, die er zuvor nicht empfunden hatte.</p> - -<p>„Und wenn ich's auf eine Probe ankommen liee, ob -Sie recht haben, Frulein Marga?” meinte Perthes zgernd. -„Wollten Sie mir ein klein wenig dazu helfen?”</p> - -<p>Sie berlegte. Nur einen Augenblick. „Das wollte -ich!” sagte sie kurz und herzlich.</p> - -<p>Perthes stand auf, er reckte seine Arme und streckte -die hohe, sehnige Gestalt. „Also auf gute Kameradschaft!” -Es klang eine so ehrliche Wrme aus seinen Worten, wie -er sie den ganzen Abend noch nicht gefunden hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[S. 85]</a></span> - -Margas Gesicht wandte sich arglos und voll Gte zu -ihm. Sie bot ihm die Hand.</p> - -<p>Er ergriff sie und, einer ungeknstelten Bewegung -folgend, drckte er einen Ku darauf.</p> - -<p>„Jetzt ist es aber hchste Zeit, da wir hinuntergehen!” -Auch sie war aufgestanden. Ihre Stimme zitterte von -innerer Seligkeit, von frohem Stolz ber diesen Beweis -der Achtung.</p> - -<p>Sie wagte diesmal nicht, seinen Arm auszuschlagen, -sondern lie sich von ihm fhren.</p> - -<p>Schweigend stiegen sie den Weinberg hinunter ...</p> - -<p>Von einer Bank im Blumengarten hrten sie lachendes -Streiten. Es waren Elli und Wilkens. Sie waren also -nicht die einzigen, die auf sich warten lieen. Weiter unten -stieen sie auf Heddy Wilmanns und den dicken Burschenschafter. -Mit diesen zusammen traten sie in den Hof, wo -Jugend und Alter bei einer unerschpflichen Erdbeerbowle -durcheinandersa. Papa Wilmanns hatte den Flanellstorch -und die zwei Corvinen vorgenommen, denen er in der richtigen -Bowlenlaune eine Philippika ber die Streberei hielt. -Sie hrten ihm mit stumpfsinniger Andacht zu, ohne sich -getroffen zu fhlen. Der Geheimrat sa mit Frau Achenbach -und Professor Borngrber in einer anderen Ecke und -plauderte bei seiner sechsten oder achten Zigarre ber -Sommerferienplne.</p> - -<p>Marga und Perthes setzten sich zu Kthe und Bertelsdorf, -die, untersttzt von den beiden lteren Wilmannstchtern, -die gesamte Universitt Spieruten laufen lieen.</p> - -<p>Es war lange nach Mitternacht, ehe das Gartenfest -mit einem frhlichen, von Papa Wilmanns inaugurierten -und kommandierten Rundgesang sein Ende fand.</p> - -<hr class="chap" /> - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Page_86" id="Page_86">[S. 86]</a></span><a name="c4" id="c4">4</a></h2> - - -<p>Der Alltag war wieder in seine Rechte getreten.</p> - -<p>Der heitere Sommerabend im Haus am Wenzelsberg -war fr alle Beteiligten eine liebenswrdige Erinnerung -geworden. Nur fr Marga und Doktor Perthes spann -sich ein Stck Wirklichkeit daran. Die Freundschaft, zu -der sie sich zusammengefunden hatten, gewann an ungezwungener -und vertrauensvoller Herzlichkeit.</p> - -<p>Als Perthes vierzehn Tage nach dem Gartenfest am -Hause vorbeigekommen war, hatte er Marga unter den -Kastanien im Vorgarten sitzen sehen. Er war ohne Zaudern -hinaufgegangen, um sie zu begren. Sie plauderten -wie zwei gute Kameraden miteinander. Ihm tat es wohl, -sich auszusprechen; Einflle, Stimmungen, Empfindungen -mitzuteilen, die ihn gerade beschftigten. Und sie verstand -dankbar und still zuzuhren. Nur ab und zu warf sie ein -Wort dazwischen, offen und einfach, wie sie es fhlte -und dachte.</p> - -<p>Perthes wiederholte seinen Besuch.</p> - -<p>Bald am Vormittag, bald am Nachmittag kam er auf -einen Sprung vorbei, und meist traf er Marga, die an -den Ausgngen und Besuchen der Schwestern in der Stadt -selten teilnahm, an ihrem Steintisch im Vorgarten, handarbeitend -oder lesend.</p> - -<p>Gleich bei einem der ersten Male fgte es der Zufall, -da der Geheimrat, von einer Fakulttssitzung heimkehrend, -die beiden beisammen fand. Perthes hatte Marga ein -paar Stze diktiert, die sie punktierte, und sie waren eben -bei der Korrektur der Blindenschrift; sie bemerkten den -alten Herrn nicht eher, als bis er dicht hinter ihnen stand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[S. 87]</a></span> - -Unter dem breitrandigen Schlapphut hervor scho er -bedrohliche Blicke.</p> - -<p>„Was wird denn da getrieben?” Richthoff sttzte sich -mit der einen Hand auf den Krckstock, mit der andern -hatte er sich in den weien Bart gefat.</p> - -<p>„Wir repetieren unser Pensum von Hemsbach, Herr -Geheimrat!” Perthes erhob sich grend; sein Auge begegnete -ruhig dem scharfen Blick des alten Herrn.</p> - -<p>„Wenn du nichts dagegen hast, will mir Herr Doktor -Perthes ein wenig meine Kenntnisse auffrischen helfen,” -setzte Marga aufrichtig hinzu.</p> - -<p>„Hm!” brummte Papa Richthoff unentschieden. Er -berlegte, da von Rechts wegen ein junger Mann und -ein junges Mdchen sich keinen Unterricht tete-a-tete zu -geben htten. Aber schon im nchsten Moment sagte er -sich auch, da er Marga, die so viel entbehren msse, nicht -um eine im Grund unschuldige, bei ihr doppelt harmlose -Zerstreuung bringen drfe. „Sie hat wohl glcklich alles -wieder verschwitzt, was sie konnte?” wandte er sich, dem -Tisch nher tretend, an Perthes.</p> - -<p>„O — es geht noch ganz leidlich!” meinte der Doktor.</p> - -<p>Der alte Herr ergriff das Blatt mit den vielen kleinen -Punkten, die nach Zahl und Stellung dem Getast ihren -Buchstabensinn vermitteln. Es entwickelte sich eine Unterhaltung -ber die Schrift, ber Blindenbibliotheken und -ihren Bcherschatz. Perthes, der, was er wute, recht -wute, gab allerhand Ausknfte, die den Geheimrat interessierten.</p> - -<p>Das Ende war, da Vater Richthoff Marga huldvoll -am Ohr zupfte. „Das bitte ich mir aber aus, da in vierzehn -Tagen der Prolog zum Faust flieend gelesen und<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[S. 88]</a></span> -geschrieben werden kann, hrst du!” Mit einem jovialen -Kopfschtteln verabschiedete er sich und verschwand im -Haus.</p> - -<p>Seither konnten Perthes und Marga ihre Kameradschaft -ungestrt pflegen. Elli und Kthe neckten wohl -manchmal die Schwester; aber da sie selber Perthes nicht -ungern sahen, hatten sie gegen Margas unschuldige Eroberung -nichts einzuwenden. Man gewhnte sich daran, -den Doktor als Freund des Hauses das eine oder andere -Mal am Wenzelsberg zu begren.</p> - -<p>ber tausend Dinge unterhielten sich Marga und Perthes. -ber Groes und Kleines mit derselben Wichtigkeit -der Jugend. Er brachte ein buntes Allerlei von Eindrcken -mit, wie sie sich ihm an Menschen, in der Natur, bei seinen -Arbeiten boten, und Marga sog diese Wirklichkeiten aus -einer ihr nur durch die Phantasie erreichbaren Welt eifrig -und dankbar ein. Was sie von den Schwestern, aus Bchern, -durch sich selbst wute, bekam Flle und Zusammenhang. -Sein vielseitiges Wissen nhrte das ihre. Da sie nichts -Fremdes und Schiefes in sich aufnahm, dafr sorgte ihre -durch die Blindheit geschrfte Sprkraft, ihr klarer, gesunder -Sinn, der nichts annahm, was er nicht gebrauchen konnte. -Die Ruhe und innere Freiheit, die durch frhes Entsagen, -durch Einsamkeit und Leiden in ihr gereift, war die Gegengabe -ihrer Freundschaft. Sie erkannte seine Natur, die -ein Ganzes und Einfaches werden wollte und doch immer -wieder durch entgegengesetzte Neigungen auseinanderstrebte, -sich selber komplizierte und zerri. Perthes seinerseits -fhlte die berlegenheit, die in der Stille und Bestimmtheit -ihrer Seele lag. Aber sein Verstand strubte -sich mit zahllosen Grnden dagegen, diesem Gefhl nachzugeben.<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[S. 89]</a></span> -Da sie, zehn Jahre jnger als er, ein Weib, -eine Blinde, ihm durch ihre grere Ruhe Achtung abntigen -sollte, konnte ihm oft pltzlich lcherlich erscheinen, -ihn empren, seinen verbissensten Widerstand erwecken. -Dann ri er irgendeine schwierige Frage herbei, eine von -den groen Fragen ber den Wert des Daseins, und zersetzte -alle „Schwindschteleien”, wie er es nannte, unter -vollem Aufgebot seines Wissens und seiner Klugheit. Je -lauter er wurde, um so stiller wurde sie; je mehr er sich -erhitzte, um so gelassener hrte sie ihm zu.</p> - -<p>So bewies er gleich an einem der ersten Tage ihrer -jungen Freundschaft, da es nichts Vernnftiges gebe, -als das tierische Werden und Vergehen; alle vermeintlich -„hheren” Gedanken seien nichts als ebensoviele -Illusionen, um ber diese nchterne Wahrheit -zu tuschen. „Damit wir hbsch im Tretrad bleiben -und nicht etwa herausspringen, weil uns die Sache zu -albern wird!”</p> - -<p>Marga hrte ihm aufmerksam zu. Als er geendigt hatte, -bemerkte er ein leichtes, heiteres Lcheln in ihren Zgen.</p> - -<p>„Sie — Sie wissen das natrlich viel besser!” rief er -emprt.</p> - -<p>„O, gar nicht! Wissen werden <em class="gesperrt">Sie</em> es schon besser. -Aber ich <em class="gesperrt">fhle</em> es anders.”</p> - -<p>„Fhlen! Fhlen! Mit Ihrem ewigen Fhlen! Das -Gefhl ist gar nichts. Jeder Hund und jede Katze sind -uns darin ebenbrtig. Gefhle sind fr Kinder, sind Verschwommenheiten, -Torheiten, Halbheiten, die Gedanken -werden mchten und nicht knnen! Wollen Sie das nicht -endlich einsehen?”</p> - -<p>„Nein. Ich <em class="gesperrt">will</em> es eben nicht einsehen,” meinte<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[S. 90]</a></span> -Marga ruhig. „Es gibt Gefhle, die weniger sind als -Gedanken, und es gibt Gefhle, die mehr sind —”</p> - -<p>„Und mit welchem Recht?”</p> - -<p>„Mit meinem Recht. Ich will, da das Leben den -Sinn hat, dessen Wahrheit ich fhle — ob Sie sie beweisen -knnen oder nicht.”</p> - -<p>Perthes schttelte den Kopf. Sein widerspenstiger -Verstand war nicht berzeugt. Trotzdem beugte sich eben -das Gefhl, das er so gering bewertete, vor dem ihrigen. -Es war tricht, aber es war so. Und blieb so, ein Waffenstillstand -bis zum nchsten Gefecht. —</p> - -<p>Ein Thema gab es, das sie im Gesprch nie berhrten: -Hilde Knig.</p> - -<p>Aus uerungen ihrer Schwestern, aus dem Klatsch, -der in einer kleinen Stadt auch nur entfernt bekannte -Menschen mehr oder minder verbindet, wute Marga, da -ihr Freund seine Verehrung fr die kleine Uferschne mit -den Taubenaugen und den losen blonden Haaren ganz -und gar nicht aufgegeben hatte. Man sah ihn hufiger -denn je die Uferstrae entlang pilgern, sei es allein, um -sie auf ihrem Balkon zu sehen, oder mit ihr zusammen, -wenn er ihr mehr oder minder absichtlich begegnet war -und sie heimbegleitete. Auch im Stadtgarten tauchte er -auf. Man sah ihn nicht selten im „Heiratskarussell”, das -ihm anfangs so lcherlich vorgekommen war, an Hilde -Knigs Seite.</p> - -<p>Marga hatte sich vorgenommen, von sich aus nie wieder -auf diese Angelegenheit zurckzukommen, aber je vertrauter -sie und Perthes miteinander verkehrten, desto schwerer -wurde ihr diese Zurckhaltung. Sie kannte ihn jetzt gengend, -um zu erraten, da der augenfllige, liebliche<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[S. 91]</a></span> -Zauber der koketten Unschuld, die so geschickt zwischen Ernst -und Kindlichkeit balancierte, seinen empfnglichen Sinn -anziehen mute. Vielleicht blieb es bei einer Spielerei. -Vielleicht aber — und das machte ihr sein leidenschaftliches -Wesen wahrscheinlicher — verfing er sich ernsthaft in diesem -Spiel. So oder so: sie, Marga, durfte sich nicht einmischen. -Zartgefhl und Stolz geboten ihr dies als ein Selbstverstndliches. -So oft ihre Gedanken und Gefhle ber -die ihnen gesetzte Grenze schweifen wollten, rief sie sie -schroff zurck. Freilich nicht, ohne da sie einen leisen -Schmerz dabei empfand. Er kam von der Unklarheit, die -zwischen ihnen beiden ber dies eine bestehen bleiben -mute; von einer Sorge um ihn; einem bangen Gefhl, -das in ihr keimte, ohne da sie es noch fassen und zur -Rechenschaft ziehen konnte. —</p> - -<p>Ein recht unbedeutendes Erlebnis sollte sie ber ihn -und sich aufklren.</p> - -<p>Marga hatte es nach wie vor vermieden, sich wieder -in der Abendstunde am Ufer spazieren fhren zu lassen. -Bis der Zufall es wollte, da der Geheimrat eines Abends -Elli mit dem Auftrag, sich ein bestimmtes Buch auszubitten, -zu Professor Borngrber schickte, der in einem -verwachsenen, kleinen Huschen in der uersten Uferstrae -sein Junggesellenleben fhrte. Marga hatte ihre -Schwester schon ein groes Stck Wegs begleitet, ehe diese -mit dem Ziel ihres Ganges herausrckte. Als sie nun -Einwnde erhob, fiel die necklustige Elli mit all ihren -Kobolden ber sie her. Es blieb Marga nichts anderes -brig, als gute Miene zum bsen Spiel zu machen.</p> - -<p>Es war ein trber, bedeckter Abend. Der Regen hatte -kaum erst aufgehrt. In der Allee am Flu war es einsam.<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[S. 92]</a></span> -Die Sonne lag hinter dem grauen Gewlk, und -der Flu wlzte sich trg und schmutzig zwischen seinen -Ufern hin.</p> - -<p>Elli und Marga beeilten sich, Borngrbers Haus zu -erreichen, und entledigten sich schnell ihres Auftrags. Der -Himmel sah nach neuen Regengssen aus, denen sie lieber -entgehen wollten. Aber sie hatten die Allee noch nicht -zur Hlfte hinter sich, als die Tropfen niederklatschten. -Eng duckten sie sich unter den gemeinsamen Schirm.</p> - -<p>Kurz vor dem Aufgang zur Brcke, am Ende der Allee, -kam ihnen ein Paar entgegen, das sich gleichfalls in einen -Schirm teilte.</p> - -<p>Elli mit ihrem hellen, flinken Blick hatte die beiden -schon erkannt. „Perthes mit Hilde Knig!” flsterte sie -hastig Marga zu.</p> - -<p>„Wo denn?” Marga nahm sich zusammen, aber ihr -Arm zuckte unwillkrlich in dem der Schwester.</p> - -<p>„Gerade vor uns! Er scheint sie mit seinem Schirm -heimzubringen!” tuschelte Elli.</p> - -<p>Im gleichen Augenblick hrte Marga ihre Stimmen. -Seine rauhe, hastige; ihre leichte, etwas gezierte und -hpfende. Dann verstummten beide. Sie hrte, wie die -Schritte an Elli und ihr vorberknirschten.</p> - -<p>„Das ist aber stark! Er hat nicht einmal gegrt! Er -tut, als kennte er uns nicht, und dabei schwre ich, da -er uns erkannte!” Elli war ganz erregt. Sie ereiferte sich, -ohne auf Marga zu achten. So ein Drckeberger! Einfach -beiseitezusehen! Und seine Bekannten zu verleugnen -wegen diesem dummen, aufgeputzten Gr! Das sollte er -von ihr zu hren bekommen!</p> - -<p>„Meinst du, da er uns wirklich nicht sehen wollte?”<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[S. 93]</a></span> -forschte Marga nach einer Weile zgernd. Sie mute -alle Kraft aufbieten, um einer Erregung, die sie selbst -bestrzt machte, Herr zu bleiben.</p> - -<p>„Schwren will ich darauf!” beteuerte Elli, und sie -schilderte sein Benehmen mit erneuter Lebendigkeit.</p> - -<p>„Ich werde ihn fragen, warum er das tat,” erklrte -Marga gepret.</p> - -<p>Der Regen flo jetzt in solchen Strmen, da sie in -der nchsten besten Haustr Schutz suchen muten. Elli, -die nie zu lange beim gleichen Thema blieb, erzhlte vom -bevorstehenden akademischen Ausflug. Marga hrte ihr -krampfhaft zu, auch auf dem weiteren Nachhauseweg. -Sie wollte, was sie bewegte, berdenken, wenn sie erst -wieder allein mit sich war ...</p> - -<p>Da Vater Richthoff heute seinen Kegelabend hatte, -wurde schneller als sonst Abendbrot gegessen.</p> - -<p>Nachher bten Kthe und Elli am Flgel im Wohnzimmer -ein Duett.</p> - -<p>Marga konnte unbemerkt in ihr Zimmer im Dachstock -hinaufsteigen.</p> - -<p>Oben holte sie ihre Geige hervor. Sie hatte lange -nicht gespielt. Sie war keine Knstlerin. Ihr Spiel war -technisch nicht weit ber das hinausgekommen, was sie, -noch ein halbes Kind, vor ihrer Erblindung gelernt hatte. -Aber es war Musik in ihr, und diese brachte sie gerade durch -die einfachen Mittel zu ergreifendem Ausdruck.</p> - -<p>Mit einer Hast, die ihr sonst fremd war, griff sie heute -nach ihrem Instrument und stimmte es. Eine scheue Hast -war es: sie wollte ihr bervolles Gemt in Tnen erlsen -und hatte doch zugleich eine Scheu vor dem Unbekannten, -das die Tne ihr aus der Seele locken wollten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[S. 94]</a></span> - -Ihr blonder, blasser Kopf war tief ber die Saiten gebeugt, -und die Hand fhrte zagend den Bogen. Die -Augen hatte sie geschlossen, den Mund zusammengepret. -Rauhe, gebrochene Klnge holte sie aus der Tiefe herauf. -Sie verbanden sich zu einer ungefgen, schluchzenden -Weise, gegen die sich nur langsam aus der Hhe die Tne -eines weichen, unendlichen Verlangens hervorwagten. Aus -der Tiefe war es der Schmerz ihres Lebens, das so tapfer -niedergehaltene Weh, jung zu sein und entsagen zu mssen; -aus der Hhe war es die Sehnsucht, die laut und lauter -mit ihrer hellen Stimme nach Ziel und Erfllung rief. -Und je lauter dieser Ruf ward, je ungestmer er sich vordrngte -und die Entsagung berbot, um so mehr erbebte -und erschrak Margas Seele. Das Unbekannte, das sie -gefrchtet hatte — da war es! Da brach es hervor, nicht -mehr zu unterdrcken, nicht mehr zu verkennen und zu -mideuten: sie liebte! ... Wie ein Schauer, jubelnd und -entsetzt zugleich, wogte es ber die Saiten. Einen Augenblick -verlor sie sich dabei. Ein zartes, fast heiteres Entzcken -wollte sich regen. Dann ri sie mit einem grellen -Strich ber alle Saiten ihr Spiel ab. Sie lie die Geige -hart auf den Tisch fallen und warf den Bogen daneben. -Sie drckte sich in die Ecke des Sofas: das -Gesicht mit den Hnden verdeckend, duckte sie sich und -zog sich zusammen, als wollte sie sich in sich selber verbergen.</p> - -<p>Nach einer Weile warf sie die Hnde hinter sich und -spannte sie um die Lehne des Sofas. Als she sie die Gewiheit -ihrer Empfindung auer sich, richtete sie mit allem -Mut, den sie in sich fand, die Augen voll und fest auf -einen fernen, brennenden Punkt. Und dieser Punkt dehnte<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[S. 95]</a></span> -sich aus, gewann Form und Ausdruck und Leben: es waren -Max Perthes' Zge, die sie nie gesehen, die sie nur aus -flchtiger Beschreibung kannte, und die doch ihr inneres -Gesicht so bestimmt gestaltete. Sie schaute und schaute. -Die Augen gingen ihr ber vor dem offenen, klaren Ja, -das da <em class="gesperrt">auer</em> ihr stand. Aber sie lie nicht nach und -rang nach neuer Kraft: ebenso klar und unerbittlich mute -das Nein <em class="gesperrt">in</em> ihr werden. Sie klammerte sich an ihren -Stolz. Perthes liebte sie nicht. Er fhlte sich von einem -Mdchen gefesselt, das in allen Stcken ihr Gegenbild war; -fr das er sie verleugnete. Und sie sollte ihre heiligsten -Empfindungen wecken, ihre tiefste Seele, ihr Bestes wegwerfen, -nachwerfen? Niemals! Und htte ihr Stolz es -ihr erlaubt, so htte die Vernunft es verboten. Fr sie -gab es keine Liebe. Sie, die Blinde, durfte von keinem -Manne, auch wenn er es wirklich ihr geboten, das Opfer -seines Lebens annehmen. Die Entsagung hatte recht, nicht -die Sehnsucht. Wollte sie sich lcherlich und verchtlich -machen? Wollte sie gewissenlos sein?</p> - -<p>Marga prete ihre Hnde ineinander und rang sie in -ihrem Scho.</p> - -<p>Sie zwang mit dem Nein ihres Willens das Ja ihrer -Liebe. Es war, als mte sie es erwrgen, und weil es -ein Lebendiges war, strubte es sich gegen den Tod und -klagte und schrie, und ihre Hnde taten ihrem Herzen weh, -ber alles Sagen und Denken weh.</p> - -<p>Unaufhaltsam, wider ihren Willen, lste sich Trne auf -Trne aus ihren Augen.</p> - -<p>Dann war es mit einem Mal vorbei.</p> - -<p>Sie liebte ihn nicht. Es gab keine Liebe fr sie, und -es gab keine Liebe ohne Gegenliebe. Vielleicht gab es<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[S. 96]</a></span> -nicht einmal mehr Freundschaft zwischen ihr und ihm. -Nachdem er sich so benommen wie heute am Abend.</p> - -<p>Marga stand auf und griff wieder nach ihrer Geige.</p> - -<p>Aber spielen, sich vollends freispielen — das konnte -sie noch nicht. Sie schlo die Geige in den Kasten und -stellte sie beiseite. Dann ging sie zu den Schwestern hinunter, -die jetzt zu singen aufgehrt hatten und bei der -Handarbeit im Wohnzimmer saen. Sie plauderte mit, -so gut es ging. Und es ging besser, als sie dachte ...</p> - -<p>Schon am nchsten Vormittag kam Perthes vorbei.</p> - -<p>Es war noch immer regnerisch. Er fand Marga nicht -im Vorgarten. Als er im Haus nach ihr fragte, wies -ihn Therese in den Salon.</p> - -<p>Er mute eine gute Weile warten, ehe sie kam. Wie -sonst wollte er ihr die Hand schtteln, doch sie reichte sie -ihm nicht zum Gru. Sie war durchaus nicht steif und -unfreundlich, aber von einer Gemessenheit, die Zurckhaltung -auferlegte.</p> - -<p>Perthes hatte ihre uere Erscheinung meist nur obenhin -betrachtet. Heute fiel ihm die besondere Weiblichkeit -ihres Wesens auf, die Zge und Gebrden beherrschte: -eine natrliche, anmutige Wrde, die durch einen Schatten -von Trauer noch gehoben wurde.</p> - -<p>Sie hatte ihn mit ein paar Worten in die Glasveranda -gebeten, die dem Salon vorgebaut war.</p> - -<p>Auf einem Rundtisch von schwarzem Ebenholz mit bunt -eingelegter Platte lag ihre feine Hkelarbeit. Sie setzte -sich und lie ihn gegenber Platz nehmen.</p> - -<p>Ein Scherz ber den feierlichen Empfang schwebte -Perthes auf der Zunge. Er brachte ihn nicht hervor. -Ihre schweigsame Ruhe war ihm unbehaglich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[S. 97]</a></span> - -„Warum erzhlen Sie mir nichts?” fragte Marga, -nachdem sie einige Zeit gearbeitet hatte.</p> - -<p>„Ich dachte, <em class="gesperrt">Sie</em> wrden mir erzhlen. Mein Kopf -ist heute schon ganz dumm vom Mikroskopieren. Ich wollte -eine bestimmte Geschichte herausbekommen — die Struktur -eines Muskelgewebes, in dem — doch das kann Sie nicht -interessieren! Ich habe mich herumgeqult und nichts -gefunden. Um mir wieder guten Mut zu holen, bin ich -zu Ihnen gekommen. Was haben Sie in den letzten -Tagen getrieben?” Er sprach hastig und zerstreut. Seine -Finger spielten nervs auf der Tischkante.</p> - -<p>„Da werden Sie nichts Interessantes zu hren bekommen! -Vorgestern sind die Schwestern und ich ber -die Berge gegangen. Das Wetter war zu schn. Man -konnte nicht denken, da es so wie heute kommen wrde. -Wir waren auf dem Schweikhartshof, hin und zurck zu -Fu. Gestern” — sie stockte — „gestern war ein Tag -wie alle.”</p> - -<p>„Das tut nichts! Erzhlen Sie doch! Vom Morgen -bis zum Abend! Gerade, wie Sie so einen Alltag verbringen, -will ich wissen!” Es klang etwas Herrisches in -seinen Worten, das Marga aufblicken machte. „Das mchte -ich gern wissen,” verbesserte er sich.</p> - -<p>Sie gehorchte. Langsam berichtete sie die Tagesereignisse. -„Und gegen Abend —” Hier stockte sie wieder.</p> - -<p>„Was war gegen Abend?”</p> - -<p>„Gegen Abend gingen Elli und ich spazieren. Das -heit, Papa schickte uns zu einem Kollegen, und wir kamen -tchtig in den Regen.”</p> - -<p>„Wo denn?” forschte er hartnckig.</p> - -<p>Jetzt hob Marga ihren Kopf mit eigentmlicher<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[S. 98]</a></span> -Bestimmtheit auf. Sie antwortete nicht. Mit einem -unwilligen Ruck stand Perthes auf. Beinahe htte er -den Tisch umgeworfen. Er trat an die Scheiben und -blickte hinunter in den Vorgarten, wo der Regen von -den Bumen tropfte. Ungestm strich er den krausen -schwarzen Bart und blies einen pfeifenden Laut durch -die Lippen. Dann brach er los. „Sie wollen wissen, -warum ich Sie und Frulein Elli nicht grte?” stie -er wtend hervor.</p> - -<p>Marga fuhr emsig in ihrer Arbeit fort.</p> - -<p>„So fragen Sie mich doch!” knirschte er geqult.</p> - -<p>Als Marga keine Anstalt machte, ihm zu Hilfe zu -kommen, ergriff er den Stuhl, auf dem er gesessen, mit -beiden Hnden so heftig an der Lehne, da er in den -Fugen knackte. „Ich wei ganz genau, da das so nicht -geht. Ich war einfach dumm und feig. So ungefhr wie -der Vogel Strau, der den Kopf in den Sand steckt, damit -man ihn nicht sieht. Und so feig wie ein Mensch, der seine -Freunde verleugnet, weil ...” Er vollendete den Satz -nicht und lie sich auf den Stuhl fallen. „Sie sind in vollem -Recht, wenn Sie mir dafr den Laufpa geben!”</p> - -<p>Marga hielt in ihrer Hkelei inne. Ihre Zge hatten -sich aufgehellt. „Da Sie so ehrlich sind, braucht es das -nicht!” sagte sie einfach.</p> - -<p>„Ehrlich! Ehrlich! Ich htte viel frher ehrlich sein -sollen! Ist das Freundschaft, wenn einer dem anderen -das Wichtigste verbirgt, was mit ihm vorgeht? Ich bin -in das Mdchen, mit dem ich Ihnen gestern abend begegnete, -verliebt. Wuten Sie das?”</p> - -<p>Marga nickte kaum merklich. Sie wute es. Und doch -meinte sie, es erst seit diesem Augenblick zu wissen — so<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[S. 99]</a></span> -schnitt ihr sein Bekenntnis in die Seele. Sie sah voraus, -da er ihr jetzt sein ganzes Herz ausschtten wrde, genau -wie damals, als sie am Gartenfest auf dem Weinberg -beisammensaen und er seine Zerrissenheit vor ihr aufdeckte. -Das Weib in ihr, dessen Liebe sie niedergezwungen, -wehrte sich gegen die Qual dieses Mitwissens. Die Freundin, -der sein Vertrauen galt, mute geduldig zuhren. -Der Faden verwirrte sich unter ihren zitternden Fingern. -Sie beugte sich tiefer und tiefer ber das Gewirr und -schien ganz damit beschftigt, es zu lsen.</p> - -<p>Und Perthes, der von dem, was in ihr vorging, nichts -ahnte, begann in abgerissenen Stzen, nur von sich und -seinen Gefhlen erfllt, seine Beichte. Er schilderte, wie -das hbsche Ufermdchen ihn gefangen genommen. Allmhlich, -ohne da er es wute und wollte. Fester und -immer fester. Wie er sie zuerst sah, im Stadtgarten; wie -sie ihm mit der Musikmappe begegnete; wie er ihr Haus -am Ufer entdeckte und immer wieder dort vorbeiging; wie -er sie angesprochen, sie begleitet — alles schilderte er mit -der mitleidlosen Genauigkeit eines Menschen, dem es -wohltut, das, was er bisher in sich verschlossen, herausgeben -zu drfen. Leidenschaftlich zeichnete er den Eindruck -von Hilde Knigs uerer Erscheinung. Ihre leichte, -frische Kindlichkeit; ihre mdchenhafte Zurckhaltung neben -ihrer selbstsicheren Freiheit. Erst als er von ihrem inneren -Wert zu sprechen anfing, wurde er ungewisser. Seine -Unklarheit ber diesen Punkt, seine Zweifel verrieten sich -in allgemeinen Behauptungen. „Sie ist nicht abgrndig -tief, nicht problematisch! Sie hat sicher nicht mehr Verstand -als tausend Frauen. Oh — Schwersinnigkeit und -Schwerlebigkeit, damit kann ich selber aufwarten! Was<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[S. 100]</a></span> -ich brauche, was ich bei den Frauen liebe, ist das Leichte, -Duftige, Sonnige! Was ber die eigenen unzufriedenen -Grbeleien forttrgt! Was das Leben, statt zu Ekel und -Last, zum schnen Spiel macht! Es taugt nichts, wenn -zwei schwere Naturen sich zusammentun: sie reiben sich -wund. Ein Falter mu es sein, der zu einem Kriechtier, -wie ich es bin, pat. Glauben Sie das nicht auch, Frulein -Marga? Hab' ich nicht recht? Sie wissen, wie ich -bin. Sie als Freundin — Sie mssen mir raten! Sie -kennen ja mich und meine Unrast und Verschrobenheit.”</p> - -<p>Eine unbeabsichtigte, nervse Selbstironie klang durch -seine mit Bildern berladene Sprache.</p> - -<p>Marga hatte es aufgegeben, den Faden ihrer Hkelarbeit -zu entwirren. Sie hatte die Arbeit auf ihren Scho -sinken lassen. Bewegungslos empfing sie das Gestndnis -seiner Gefhle fr eine andere. Zwei bittere Falten verlngerten -die Winkel ihres schmalen, zusammengepreten -Mundes. Ihre Farbe war so durchsichtig, da man das -Blut an den Schlfen auf- und niedersteigen sah.</p> - -<p>Da er seine Neigung fr diese andere so leidenschaftlich -aussprach; da er das Mdchen mit berschwenglichen -Farben malte und gerade vor ihr, Marga, die lockende, -leichte uerlichkeit im Gegensatz zur Innerlichkeit, der -sie zugehrte und als Blinde doppelt zugehrte, als sein -weibliches Ideal in den Himmel hob — das war es nicht, -was sie am schwersten traf. Was ihr fr den Augenblick -alle Fassung rauben wollte und was ber ihre Kraft ging, -war die Gewiheit, da er sich tuschte. Er tuschte sich -ber sich selbst, denn er war der Mann nicht, der an einem -Schmetterling dauerndes Gengen fand. Er brauchte nicht -eine Seele, die die seine ber die Schwere der eigenen<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[S. 101]</a></span> -Natur und den Ernst des Daseins fortgaukelte, sondern -eine, die sich mit ihm zusammen durchkmpfte und darber -emporhob. Er tuschte sich aber auch ber Hilde -Knig. Wenn Marga das nicht schon vorher gewut htte: -seine Schilderung konnte ihr keinen Zweifel darber lassen. -Das Mdchen war nicht das unschuldige Kind, das er in -ihr sah. Das Kind war vielmehr er, den seine praktische -Unkenntnis weiblichen Wesens irrefhrte. Die Einfachheit, -die er hinter ihrer schimmernden Jugendlichkeit vermutete, -war Leere, und die selbstsichere Freiheit wurzelte -in einem khlen, berechnenden Herzen. Und er mute -seine Tuschung behalten. Sie, die Freundin, durfte -nicht reden. Dazu hatte sie kein Recht, weder vor -ihm noch vor dem Mdchen, das er liebte. Das war es, -was Marga vor Schmerz und Bitterkeit erstarren machte; -sie noch immer schweigen und bewegungslos dasitzen lie, -als er lngst geendigt hatte.</p> - -<p>„Sie sagen ja gar nichts! Reden Sie doch! Ich will -wissen, wie Sie darber denken!” drang Perthes vorwurfsvoll -in sie. „Kennen Sie Hilde Knig?”</p> - -<p>„Nein, ich kenne sie nicht,” kam es leise von Margas -Lippen. Sie sagte nicht die volle Wahrheit, aber sie konnte -nicht anders.</p> - -<p>„Ich habe sie Ihnen geschildert. Sie knnen sich gewi -ein Bild von ihr machen, Frulein Marga.”</p> - -<p>„Auch das nicht!” gab sie noch leiser zurck. Sie war -fest entschlossen, sich kein Urteil von ihm abzwingen zu -lassen. Der Gedanke, da sie dem Mdchen unrecht tun -und die entfernteste Eifersucht ihre Meinung trben knnte, -bestrkte sie nur in ihrem Vorsatz.</p> - -<p>„Aber raten knnen Sie mir doch! Sie kennen mich!<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[S. 102]</a></span> -Sie mssen beurteilen knnen, ob ein Geschpf, wie ich -es Ihnen schilderte, das ist, was ich brauche. Ob Sie -glauben, da ich auf der rechten Fhrte bin und mein -Glck finden kann. Sie predigen mir ja immer, ich soll -mich mehr auf mein Gefhl verlassen als auf meinen -Verstand!”</p> - -<p>Marga htte ihm antworten knnen, was sie ihm krzlich -geantwortet hatte: da es Gefhle gbe, die unter -den Gedanken, und andere, die ber ihnen stnden; aber -sie wollte nicht. „Wenn Sie Ihres Gefhls so sicher sind, -brauchen Sie meinen Rat ja gar nicht,” sagte sie ausweichend.</p> - -<p>„Und das heien Sie Freundschaft? Verzeihen Sie, -Frulein Marga, aber jetzt sind wir quitt. Sie verleugnen -mich innerlich genau so, wie ich es gestern uerlich tat!” -In unwillkrlicher Erregung schlug er mit dem Absatz -mechanisch auf den Fuboden. Seine groen, braunen -Augen schossen zornige Blitze auf ihr Antlitz, in das die -verborgene Qual dieser Stunde trotz aller Beherrschung -mehr und mehr ihre Zeichen grub. Wre er weniger -nur mit sich beschftigt gewesen, so htte ihm ihre -Vernderung nicht entgehen knnen. So wiederholte -er nur noch ingrimmiger: „Und das heien Sie Freundschaft?!”</p> - -<p>Marga straffte sich in ihren Stuhl zurck. Die Hrte -seines Vorwurfs gab ihr einen Teil ihrer Kraft wieder. -Doch ehe sie antworten konnte, fuhr er aufgeregt fort: -„Ich, der Freund, habe Ihnen mit einer Offenheit, wie -ich sie sonst keinem Menschen zeige, gesagt, wie es um -mich steht, und Sie, die Freundin —”</p> - -<p>„Ich, die Freundin,” unterbrach ihn Marga mit bebender<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[S. 103]</a></span> -Stimme, „bin so offen wie Sie. Deshalb sage ich -Ihnen: Was Sie von mir fordern, geht ber die Freundschaft. -Und wenn Sie mir dafr Ihre Freundschaft aufsagen -wollen, Doktor Perthes! Was Sie von mir verlangen, -kann keine Frau einem Mann erfllen. ber -Ihre Liebe mssen Sie selber mit sich einig werden. So -wenig ich Ihr Leben fr Sie leben kann, ebensowenig -kann ich mich fr diese Liebe verantwortlich machen. Aus -Klugheit kann ich das nicht. Aus Selbstachtung nicht. -Und aus Achtung vor Ihnen nicht!”</p> - -<p>Perthes sah sie mit aufgerissenen Augen verwundert -an. Die Gegenwehr, zu der sich ihr gemartertes Herz -aufgerafft, um sich von dem Unmglichen zu befreien, mit -dem er sie peinigte, gab ihren Worten einen Ton von so -leidenschaftlicher, bitterer Entschlossenheit, da er sie kaum -mehr erkannte. Eine strmische Blutwelle hatte ihr Gesicht -mit jher Rte bergossen. Ihr Mund, ihre Stirn -zuckte von schmerzlichen Falten. In ihren Augen glomm -es wie ein Funke des Sehens. Dann sank sie erschpft -in ihre frhere Regungslosigkeit zurck.</p> - -<p>Ein so schlechter Beobachter Perthes bis jetzt gewesen: -fr einen Moment war es ihm, als risse der Blitz eine -meilenferne, ungeahnte Landschaft in sein Gesichtsfeld. -Ob diese Blinde mehr fr dich empfindet, als du ahnst? -Ob sie dich liebt? — Eine Sekunde nur, und die Vermutung, -die ihm unsinnig dnkte, war ausgelscht. Nur -der Respekt vor ihrem unbeugsamen Willen erfllte ihn -und dmpfte seinen rger. Seine Verstimmung kehrte -sich gegen ihn selbst.</p> - -<p>„Lassen wir's gut sein! Ich berspanne die Pflicht -der Freundschaft, wie ich alles berspanne. Ich werde<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[S. 104]</a></span> -ein andermal anspruchsloser sein, Frulein Marga.” Er -hatte sich erhoben und verabschiedete sich.</p> - -<p>Der Druck seiner Hand kam Marga khl und abwesend -vor. Sie htte ihn gern wie sonst nach der Tr begleitet. -Aber ihre Kraft reichte nicht aus.</p> - -<p>Als er lngst gegangen war, sa sie noch immer reglos -und ohne die Arbeit wieder aufzunehmen an dem eingelegten -Ebenholztisch in der Glasveranda. Der Regen -schlug dumpf gegen die Scheiben. Eine starre Gleichgltigkeit -und de lhmte ihre Sinne und Gedanken. Mochte -die Freundschaft zu Ende sein — was lag ihr noch daran! -Sie hatte nicht anders gekonnt ...</p> - -<p>Es sah allerdings danach aus, als sei es nach dieser -grundstzlichen Auseinandersetzung mit der erst vor einigen -Wochen geschlossenen Freundschaft tatschlich zu Ende. -Tag um Tag verging, ohne da Perthes sich wieder im -Haus am Wenzelsberg sehen lie. Fr Marga war es -eine Zeit voll Sorgen und Selbstanklagen. Das qulerische -Auf und Ab und Hin und Wider ihres Herzens ermdete -sie so, da sie bisweilen am hellen Tag von einem -kurzen, erquickungslosen Schlaf befallen wurde. Hundertmal -wiederholte sie sich, was sie an jenem kritischen Vormittag -gesprochen und wie sie sich voneinander getrennt -hatten. Jedes seiner Worte, jedes der ihren wog sie ab -und wandte es nach beiden Seiten. War sie zu schroff -gewesen? Hatte sie nicht doch mit ihrer strengen Scheidung -von mein und dein die Pflicht der Freundschaft -verletzt? Sie mute ihm lieblos und egoistisch vorgekommen -sein. Er konnte die Beharrlichkeit nicht verstanden haben, -mit der sie ihm ihren Rat verweigerte. Warum sagte sie -nicht ehrlich: Sie irren sich ber das, was Sie brauchen!<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[S. 105]</a></span> -Sie tuschen sich ber sich selbst und ber das Mdchen, -das Sie zu lieben meinen. Ihre Tiefe braucht nicht Oberflche, -sondern wieder Tiefe. Sie brauchen ... Margas -Gedanken stockten. Es berfiel sie wie Scham; als htte -sie gesprochen, was sie nicht durfte, das Geheimnis ihrer -Liebe preisgegeben, ihm zugerufen: Mich, mich brauchst -du! Ich verstehe dich besser, als du dich selbst verstehst! -Ich kann dir aus meiner Stille und Klarheit die deine -finden helfen — — Wie? Sie htte sich angeboten? -Sie, Marga, die Stolze, Verschlossene und Einsame! -Schande, Schande, es nur zu denken! Nicht ein Wort -durfte ihn auf den Gedanken ihrer Liebe bringen. Sie -hatte schweigen mssen. Die Pflicht, die sie vor sich selbst -hatte, war und blieb die hhere, und wenn sie daran -verbluten sollte ...</p> - -<p>Wenn sich Marga so immer wieder zum selben Ergebnis -durchkmpfte — die Sorge um Perthes konnte -sie damit nicht verbannen. Sie wuchs mit jedem weiteren -Tag, den er fernblieb. Das untrgliche Ferngefhl, das -ihre Seele wie einen Ersatz fr die erloschenen Augen in -ihr ausgebildet hatte, war seltsam wach in ihr: die Enttuschung -ber Hilde Knig mute unaufhaltsam ber ihn -kommen. Vielleicht war sie schon da, und Perthes war -unter den Trmmern seiner hochgestimmten Hoffnungen -niedergebrochen. Malos, wie er war, mute die Ernchterung -alles in ihm umstrzen. Wohin ihn dann seine -Leidenschaftlichkeit trieb — wer konnte es ausdenken? -Marga sah sich von einer grausamen Furcht gepackt. Sie -forschte nach allen Seiten, um unauffllig eine Nachricht -ber ihn zu erhaschen.</p> - -<p>Es war wenig und widersprechend genug, was sie erfuhr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[S. 106]</a></span> - -Elli und Kthe lebten und webten in den Vergngungen -des Sommersemesters. Bald war es eine Damenkneipe, -zu der die Erlaubnis dem alten Herrn abgelistet werden -mute, bald ein Stiftungsfest mit Ausfahrt oder ein verspteter -musikalischer Tee — eine Neuerung im gesellschaftlichen -Leben, die Vater Richthoff grimmig verabscheute. -Begreiflich, da die beiden jungen Mdchen dabei -von ihren Gedanken und Empfindungen, von „ihren” -Herren zu erfllt waren, als da sie auf Doktor Perthes, -den man ja doch nirgends traf, geachtet htten. Elli wollte -ihn in einem weien Tennisanzug gesehen haben: vielleicht -gehrte er neuerdings zu dem Sportklub, in dessen -Mittelpunkt Frulein Exzellenz, Alice Hupfeld, stand. Es -war dies ein Kreis, der dem Richthoffschen so fern stand, -da er ihn trotz der akademischen Beziehungen kaum berhrte. -Ein andermal berichtete Kthe, Perthes htte -seine Spaziergnge in der Uferstrae so gut wie ganz aufgegeben. -Das hatte sie von ihrer Freundin Lizzie gehrt, -die ja dort wohnte. Endlich war er mit Hilde Knig -eines Abends im Stadtgarten gesichtet worden. Lauter -Nachrichten, die Marga nur hin und her rissen, zu Vermutungen -brachten, die sich nicht zusammenreimen lieen, -sondern sie nur noch unruhiger und trauriger machten.</p> - -<p>Die dritte Woche war angebrochen.</p> - -<p>Perthes kam so wenig wie in den beiden vorigen.</p> - -<p>Nun fiel sein Ausbleiben auch den Schwestern auf. -Kthe bemerkte gelegentlich zu Marga, die Mediziner -wren eben doch „immer” unzuverlssig. Elli, die aus ihrer -Neigung fr Wilkens heraus etwas von Margas Kummer -witterte, erklrte, von der altklugen Weisheit Kthes angesteckt, -ein Mann, der sie wegen eines anderen Mdchens<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[S. 107]</a></span> -nicht grte, wre ihr so viel wert: sie blies hchst geringschtzig -ber ihren Handrcken. Dann schlo sie unvermittelt -Marga in die Arme, kte sie und versicherte: „Ich, -Margakind, ich bin eben doch dein einziger, getreuester -Liebhaber! Das merk dir und verrate mich nicht fr -solche Bazillengucker!” Der Spa war harmlos und ehrlich -gemeint. Da er dabei so herzhaft weh tat, ahnte -Elli nicht von ferne.</p> - -<p>Und zu guter Letzt lie sich bei einem Mittagessen -sogar der Geheimrat vernehmen: „Was macht denn dein -— dein — na, wie heit er denn? Der Sparafantel aus -Hemsbach, der dich unterrichten wollte?”</p> - -<p>Marga zuckte die Achseln. Ehe sie antworten mute, -fiel dem alten Herrn glcklicherweise eine Briefschuld an -Schlutius in Bonn aufs Herz. Darber verga er vllig, -seine Frage zu erneuern. —</p> - -<p>Gegen den ihr sonst so lieben Platz im Vorgarten hatte -Marga eine merkwrdige Abneigung bekommen. Als Tag -um Tag verstrich, ohne da Perthes mit seinem eiligen -Schritt die Treppe heraufkam, um sich neben sie unter -die Kastanien zu setzen, wurde ihr der Ort, der Zeuge -freundlicher Stunden gewesen war und jetzt ihre Erwartung -immer aufs neue trog, unertrglich. Sie zog es vor, -die Zeit, in der sie sich selbst berlassen blieb, in der Geiblattlaube -zuzubringen, am Ende des Blumengartens, -dort, wo die ersten Stufen zu den Obstbumen fhrten.</p> - -<p>Es war ein besonders warmer, fast schwler Vormittag, -als sie dort, wie gewhnlich, sa. Sie hatte eins ihrer -Blindenbcher mitgenommen, von denen sie eine kleine -Bibliothek besa, die zu Weihnachten oder zum Geburtstag -ihre stetige Ergnzung erfuhr. Der groe, beleibte<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[S. 108]</a></span> -Band — Storms „Schimmelreiter” — nahm aufgeschlagen -beinahe die Hlfte des Tisches ein. Ihre Finger tasteten -von Punkt zu Punkt, und ihre Lippen lasen leise mit.</p> - -<p>Im Schatten der dichtgewachsenen Bltter, die das -Sonnenlicht zu einer goldgrnen Dmmerung dmpften, -sa es sich gut. Die schwermtige Versonnenheit der -Erzhlung wirkte beruhigend auf Margas wunde Seele. -Sie war so in ihr Lesen vertieft, da sie berhrte, wie -jemand vom Hof heraufkam. Elli kehrte von der Stadt -zurck. Den rosenumrankten Strohhut, der schief und keck -ber dem krausen blonden Haar sa, hatte sie in den -Nacken zurckgeschoben, und das erhitzte Gesicht fchelte -sie mit dem Taschentuch.</p> - -<p>„Uff! ich sag' dir, Margakind, das ist eine Hitze —”</p> - -<p>Marga sah auf und schob ihr Buch zurck.</p> - -<p>„Unausstehlich!” fuhr Elli fort, whrend sie sich neben -sie auf die Bank setzte. „Du hast's gut hier im Schatten.”</p> - -<p>„Wo warst du denn?” fragte Marga.</p> - -<p>„Im Bad. Kstlich! Ich schwimme jetzt wie ein Fisch. -Am liebsten htt' ich gleich den ganzen Flu ausgetrunken.”</p> - -<p>„Und dann hast du dich so hei gerannt? Das ist aber -tricht, Kleinchen!” meinte Marga, whrend sie Ellis -Wangen berhrte. „Du glhst ja wie ein Backofen!”</p> - -<p>„Ach was, dafr bring' ich dir auch eine Neuigkeit mit! -Rate mal, was!”</p> - -<p>Marga konnte nichts erraten.</p> - -<p>„Es hat sich jemand verlobt,” half Elli. „Schon vor -drei Tagen hat es in der Zeitung gestanden, und wir -haben's bersehen. Rate, wer!”</p> - -<p>Marga schttelte den Kopf. „Kenn' ich den ‚Jemand‛ -berhaupt?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[S. 109]</a></span> - -„O — ich glaube wohl!”</p> - -<p>„Ist es eine von deinen oder von Kthes Freundinnen?”</p> - -<p>„Nein, durchaus nicht. Auch keine von deinen.”</p> - -<p>„Wo wohnt sie denn?”</p> - -<p>„Am Flu. In der Uferstrae. Jetzt mut du doch -dahinterkommen!”</p> - -<p>Marga schrak unwillkrlich zusammen und erbleichte. -„Hilde Knig?” fragte sie tonlos.</p> - -<p>„Erraten!” rief Elli. „Aber mit wem? Das errtst -du noch viel weniger. Das —” Elli hielt in ihrem lustigen -Bericht inne.</p> - -<p>Marga hatte alle Farbe verloren. Ihre Hnde zitterten, -und ihr Kopf bog sich zurck, bis er an der Wand der Laube, -zwischen den Blttern einen Halt fand. Die Augen waren -geschlossen, und die Lippen rangen nach Luft.</p> - -<p>Elli war aufgesprungen. Bestrzt schob sie ihr die -Arme um die Schultern.</p> - -<p>„Aber Margakind! Was hast du denn? Was machst -du denn? So sei doch verstndig!”</p> - -<p>Pltzlich scho ihr die Erklrung durch den Sinn. Sie -erriet, welchen Namen Marga zu hren frchtete, und -begriff das ganze, ngstlich behtete, schwere Geheimnis -der Schwester.</p> - -<p>„Aber nein! nein! nein!” rief Elli und umschlang sie -noch fester. „Nicht mit dem! Nicht mit Doktor Perthes! -Ganz gewi nicht! Mit einem Gymnasiallehrer, den du -gar nicht kennst! Du kannst mir's glauben, Margakind! -Ich wollte nur einen Scherz machen! Ich hatte ja keine -Ahnung, da —” Sie bedeckte sie mit Kssen. Sie war -unglcklich, den Trnen nahe, emprt ber sich und -ihre Plumpheit und verwirrt durch das Neue, Unerwartete,<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[S. 110]</a></span> -das ihr die Erschtterung der Schwester zu -verstehen gab.</p> - -<p>Marga schlug langsam die Augen wieder auf. Sie -zitterte noch immer. Aber sie versuchte zu lcheln. „Wie -dumm ich bin!” flsterte sie. „So — schwach zu sein!” -Sie richtete sich auf und lste sanft Ellis Arme von ihrem -Nacken. Eine rhrende Mischung von Verlegenheit und -Hilflosigkeit malte sich in ihrem Gesicht.</p> - -<p>Elli zog sie aus der Laube. „Komm! Komm! Im -Hof ist's jetzt wundervoll khl. Da gehen wir auf und -ab!” Sie nahm Margas Arm und legte ihn sich um die -Hfte. Ihr ganzes berstrmendes Herz war erwacht. -Sie drngte sich, zutraulich wie ein kleiner Vogel, an -Marga und suchte ihr teilnehmendes Verstehen durch verdoppelte -Zrtlichkeit auszudrcken. Obwohl ihr tausend -Fragen auf den Lippen schwebten, die zu unterdrcken -fr ihre Quecksilbernatur kein leichtes war, wartete sie -eine gute Weile und schritt, Seite an Seite mit Marga, -schweigend im schattigen Hof auf und ab. Dann drckte -sie ihr den Arm. „Ich versteh' dich ganz, Marga! Du -brauchst mir, wenn du nicht willst, kein Wort zu sagen. -Ich versteh' dich und achte dich. Und was wir da in der -Laube sagten und fhlten, gehrt nur uns beiden allein! -Ich denke mir nichts und erinnere dich nie daran. Husch -— ist es fort. Ich wei nichts mehr davon!”</p> - -<p>Marga schttelte den Kopf. „Nein, nein, Elli!” meinte -sie ernsthaft. „Wenn ich mich schon verraten mute, war's -bei dir am besten. Denn zu dir hab' ich das meiste Vertrauen.” -Es war ihr eine Erleichterung, zu reden. Die -Qual der letzten Wochen, die ihr Inneres um und um -gewhlt hatte, verlangte danach, sich auszustrmen. Erst<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[S. 111]</a></span> -scheu und zaudernd, dann tapfer und rckhaltlos enthllte -sie das Geheimnis ihrer Liebe; wie sie sie entdeckt und -niedergekmpft hatte; wie sie sie fr immer in sich verbergen -und niederhalten wollte und mute. Ihr Stolz -und ihre Besonnenheit krftigten sich wieder, whrend sie -erzhlte.</p> - -<p>Elli hrte zu, ohne sie zu unterbrechen. Sie war glcklich -darber, Margas Vertraute zu werden. Ihre Liebe -zu Wilkens, die ja doch auch, freilich mit einem greren -Recht auf Wirklichkeit, in eine noch recht ferne Zukunft -baute, wollte die hoffnungslose Entsagung fr niemanden -gelten lassen. Wenn man bisher stillschweigend immer -nur angenommen hatte, Marga msse ihren Weg durchs -Leben allein gehen, so war das schlielich noch kein unumstlicher -Beweis, da das Leben es doch nicht anders -wollte. Und als Marga ihr Gestndnis beendigt hatte, -da lie Elli ihrem frhlichen Optimismus voll die Zgel -schieen: nicht nur aus Mitgefhl, sondern in der ehrlichen -berzeugung und in dem heien Wunsch, auch die -Schwester, gerade sie in ihrer Dunkelheit, knne und msse -lieben drfen und geliebt werden. Ihre jugendliche Phantasie -ersann einen ganzen Roman, den sie glaubte und -glauben machen wollte. Und Marga, auch wenn sie unglubig -blieb, hielt sich doch mit geheimem Entzcken an -diesen Zuspruch. Ist ja doch kein Menschenherz, und zumal -kein junges, so untrstlich dster, da es nicht in seinem -verborgensten Winkel mit einem Stubchen Hoffnung -spielte! Mehr und mehr erschlo sie sich dem Vertrauen, -das sich ihr bot. Auch ihre Angst um Perthes, ihre Sorge, -er mchte sich, wenn er nun die Verlobung Hilde Knigs -erfuhr, in seiner Verzweiflung verlieren, teilte sie mit Elli.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[S. 112]</a></span> - -Und das Kleinchen riet khn und praktisch, was Marga -selbst sich nicht zu raten wagte. „Weit du was? Du -mut ihm einfach schreiben!” platzte sie siegesgewi heraus.</p> - -<p>„Aber das geht ja nicht!” wandte Marga zaghaft ein.</p> - -<p>„Das geht nicht? Warum? Ich — ich, ja weit du, -ich schreibe natrlich nie an Wilkens.” Elli wurde ein -bichen rot, weil ihr einfiel, da sie doch schon geschrieben. -„Aber das ist ja ganz was anderes! Unsereiner soll nun -mal nicht an Herren schreiben. Dafr sehen und sprechen -wir uns fter. Und du — bei dir ist das berhaupt ein -Ausnahmefall! Du bist ein ganz anderer Mensch als wir. -Du kannst dir ruhig das Recht nehmen. Auch als Freundin! -Er kann's sogar beinahe von dir erwarten. Du mut -schreiben, Margakind! Glaub mir, du mut!”</p> - -<p>Vom Ezimmer klang Hndeklatschen. Kthe erschien -in der Tr. „Aber wo steckt ihr denn? Es ist ja Essenszeit! -Schnell! Schnell!”</p> - -<p>Und Papa Richthoffs Stimme schallte paschahaft-unwirsch -hinterdrein: „Was ist das fr 'ne Wirtschaft! Ich -soll wohl die Damen zu Tisch bitten?”</p> - -<p>Marga und Elli eilten, was sie konnten, ins Haus und -zu Tisch.</p> - -<p>Whrend des Essens hatte Marga Zeit, sich Ellis Rat -zu berlegen. Sie sah auch den Ausweg, zu schreiben, als -den besten an. Die Bedenken, die ihr Gewissen nicht -wegrumen konnte, beschwichtigte Ellis berzeugende -Rabulistik. berdies streichelte und zupfte das Kleinchen -sie heimlich mehr als einmal unter dem Tisch und tuschelte -ihr zu: „Es bleibt dabei. Du mut! Gleich nachher!”</p> - -<p>Bis der alte Herr, der in seiner Kaisergeschichte gerade -bei der Verschwrung des Parthenius und Stephanus gegen<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[S. 113]</a></span> -Domitian war, energisch brummte: „Keine Verschwrungen -bei Tisch! Das lieb' ich nicht, Mamsell Plappertasche!”</p> - -<p>Kaum war die Mahlzeit vorbei, so verwickelten sich -Elli und Kthe ber eine selbst zu schneidernde Bluse in -die dringendste Unterredung, der eine weitlufige Anprobe -folgen mute.</p> - -<p>Der alte Herr ging in den Weinberg, um die gewohnte -Besichtigung auf Unkraut und Schnecken vorzunehmen, -ehe die Sprechstunde begann. Eine Sprechstunde, die -jetzt, mitten im Semester, meist in eine Ruhestunde berging, -wovon jedoch niemand etwas wissen durfte.</p> - -<p>Marga hatte also Zeit und Gelegenheit, in der Dachstube -oben den groen Schritt zu wagen.</p> - -<p>Eine Weile sa sie unschlssig vor ihrem Briefbogen. -Allerhand Formbedenken wollten in ihr aufsteigen. Es -war doch immerhin furchtbar schwer und ungewhnlich, -da sie an einen Herrn schreiben sollte. Dann berwand -ihr natrlicher und gesunder Wille diese Kleinlichkeiten. -Was hatte auch all das neben dem Ernst ihres Gefhls -und der peinigenden Ungewiheit ber des Freundes Zustand -zu bedeuten! Sie setzte Punkt an Punkt und schrieb, -wie es das Herz ihr eingab:</p> - -<p> -„Lieber Herr Perthes!<br /> -</p> - -<p>Sie kommen nicht mehr zu mir. Also komme ich mit -einigen Zeilen zu Ihnen. Ihre Freundin ist in Sorge -um Sie. Wenn Sie ihr noch bse sind, weil sie Ihnen -neulich nicht raten wollte, so geben Sie ihr jetzt Gelegenheit, -ihre Widerspenstigkeit gutzumachen und mit Ihnen -zu reden. Mir ist, als knnte ich Ihnen ein ganz klein -wenig helfen, wie es die Freundschaft soll und mu.</p> - -<p> -Marga Richthoff.”<br /> -</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[S. 114]</a></span> - -Kaum war Marga fertig, so erschien Elli. Sie bernahm -es, die Adresse zu schreiben.</p> - -<p>Dann wirbelte sie wie der Wind davon und steckte -mit dem Hochgefhl, bei einer Grotat mitgeholfen zu -haben, den Brief an der nchsten Ecke in den Kasten.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c5" id="c5">5</a></h2> - - -<p>Frulein Rosa Eschborn, Doktor Perthes' Mietswirtin, -war an allerhand Logiergste gewhnt.</p> - -<p>In den fnfzehn oder zwanzig Jahren, in denen sie -das schmale, dreistckige Haus auf der Altstadtseite des -Flusses besa, hatte sie es lngst aufgegeben, an ihre -Mieter andere als sehr allgemeine Anforderungen zu -stellen. Sie muten leidlich pnktlich bezahlen. Sie -durften ihre Mbel nicht kurz und klein schlagen. Sie -muten ihre Liebschaften vor der Tr lassen. Das waren -die goldenen Grundregeln des langen, drren Fruleins -mit dem wachsgelben Gesicht unter den plattgeklebten, -grauschwarzen Haarstrhnen und dem Spitzenhubchen, -mit den leidenschaftslosen Augen und der ewigen, erdbeerfarbenen -Matinee, von der man sich, so sauber sie war, -niemals denken konnte, da sie neu gewesen. Was ber -die Grundregeln ging, mochten die Herren mit sich selber -ausmachen. Sie zuckte mit keiner Miene, wenn Herr -Mller bis Mittag hinter seiner Tr schnarchte; wenn Herr -von Maier, ein Korpsfuchs, bisweilen aus Versehen oder -in alkoholischer Benommenheit auf der Treppe schlief; -wenn Herr Schmidt die Beine zum Fenster hinausbaumeln -lie, die Zigarettenstummel auf den Boden warf, Kleider -und Wsche wie Kraut und Rben im Zimmer durcheinanderstreute.<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[S. 115]</a></span> -All das ertrug und ordnete sie mit ergebenem -Gleichmut. Ihre stille Genugtuung, ihr sittlicher Halt war -das eine, da sie nicht so, da sie besser war. Nicht nur -als ihre Mieter, sondern als die gesamte Welt. Um dessen -ihren Herrgott zu versichern, war sie von einer gewissen -stereotypen Frmmigkeit, die keine Predigt und keine Betstunde -versumte.</p> - -<p>Es mute mit einem ihrer Mieter schon seine ganz -besondere Bewandtnis haben, wenn Frulein Eschborn -sich zu wundern oder gar zu beunruhigen anfing.</p> - -<p>Dieser Sonderfall war nun aber mit dem Herrn auf -Nummer eins — so hie die luftige Stube im dritten -Stock mit der wie ein Vogelnest unters Dach geduckten -Veranda — eingetreten. Er war nmlich seit drei Tagen -nicht zurckgekehrt.</p> - -<p>Am ersten Tag hatte das Frulein gedacht, er schliefe. -Es gab welche, die schliefen vom Abend bis zum Abend -und die folgende Nacht durch. Solche Exemplare kamen -vor. Wenn sie kein Frhstck und sonst nichts begehrten, -so war das ihre Sache. Am zweiten Tag gegen Mittag -klopfte die Eschborn an die Tr. Dreimal hintereinander. -Als kein „Herein!” ertnte, berwand sie ihre jungfruliche -Scheu, klinkte, fand die Tr offen und steckte den -Kopf mit dem Spitzenhubchen schnffelnd in die Stube. -Da sie nichts wahrnahm, was sie aufklrte, drang sie gegen -den Alkoven vor. Das Bett stand unberhrt. Frulein -Eschborn schttelte den Kopf. Am dritten Tag wiederholte -sie dasselbe Manver mit demselben Erfolg. Diesmal -hielt sie ein kleines Selbstgesprch, ffnete ein Fenster -und sah ziemlich verdutzt auf den Flu hinunter. Ihr -Gleichmut wankte. Sie ging den Schatz ihrer Erfahrungen<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[S. 116]</a></span> -durch, aber er lie sie im Stich. Anno 1903 war einer -gewesen, der auf zwei Tage zu Verwandten gereist war, -ohne sie zu benachrichtigen. 1899 hatte einer, ein russischer -Chemiker, vom Laboratorium weg pltzlich in die Klinik -gemut, um sich operieren zu lassen. Der hatte nach anderthalb -Tagen nach Wsche geschickt. Soweit sie die Lebensgewohnheiten -ihres Mieters von Nummer eins berhaupt -kannte, war er nicht der Regelmigste. Trotzdem — das -ging ber alles Dagewesene — drei Tage spurlos verschwunden! -Frulein Eschborn stellte vertiefte Betrachtungen -an. Sie ging im Geist ihre Grundregeln durch. -Keine war verletzt. Aber die erste vom Bezahlen schien -jetzt in gewisser Gefahr. Konnte der Doktor sich franzsisch -verabschiedet haben? Dagegen sprach, da er sein Hab -und Gut, sogar Mantel, Stock, die ntigsten Dinge, zurckgelassen -hatte. Doch — mochte es sein, wie es wollte — -sie entschlo sich, an Aufklrung zu denken.</p> - -<p>Sie ging nach dem Bakteriologischen Institut, denn -sie entsann sich, da Perthes von dort einmal den Diener -gesandt hatte.</p> - -<p>Niemand, weder der Hauswart, noch der erste Assistent, -noch Professor Hammann, wute etwas von seinem Verbleib. -Markwaldt hatte nur die trstliche Auskunft: „Das -verdrehte Huhn wird wieder mal seinen Laufkoller gekriegt -haben!”</p> - -<p>Frulein Eschborn war nicht befriedigt. Sie ging auf -dem Rckweg ins Caf Wagner, wo ihr Mieter zu essen -pflegte. Der Doktor war dort seit vier Tagen nicht gesehen -worden.</p> - -<p>Die Angelegenheit komplizierte sich.</p> - -<p>Gegen ihre Gewohnheit konferierte das Frulein mit<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[S. 117]</a></span> -Perthes' Zimmernachbar, einem Referendar am Amtsgericht. -Der gab ihr auf Grund seiner juristischen Kenntnisse -den Rat, auf die Polizei zu gehen. Diesen uersten -Schritt verschob die Eschborn auf den kommenden Morgen. -Ihr zwar erschtterter, aber noch immer achtungswerter -Gleichmut strubte sich gegen solche Exzentrizitten. Auch -hielt sie die Polizei fr die natrliche Feindin aller anstndigen -Menschen.</p> - -<p>Und ihr Gleichmut behielt recht.</p> - -<p>Am folgenden Morgen, als sie in der Kche die ntigen -Liter Wasser mit einem Aufgu von Kaffeebohnen und -reichlicher Zichorie versetzte, wurde die Tr aufgestoen, -und Doktor Perthes erschien in einem Aufzug, der mehr -als abgerissen war, auf der Schwelle. Der Lodenhut sa -wie ein Fetzen ber den zerzausten Haaren, und das Gesicht -starrte bla und bernchtig aus dem wirren Bart. -Die weien Sportschuhe waren ber und ber mit einer -Kruste von Schmutz bedeckt. Der weie, leichte Tennisanzug -hatte sich grau und braun meliert.</p> - -<p>Frulein Eschborn prallte erschrocken zurck. Sie wollte -eben versichern, da sie im Lokalwohlttigkeitsverein sei -und keinen Pfennig gebe, als der Doktor rauh und herrisch -nach Kaffee verlangte.</p> - -<p>Sie fate sich. Ohne eine Frage zu wagen, go sie -ihm eine Tasse ein.</p> - -<p>Perthes trank sie in einem Zuge leer. Ebenso eine -zweite. Mit einem barschen „Bin fr nichts und niemand -zu sprechen!” machte er kehrt und stieg die Treppe hinauf.</p> - -<p>Frulein Eschborn dachte einen Augenblick betroffen -ber die Erscheinung nach. Sie schttelte auch noch ein -letztes Mal den Kopf. Dann war sie froh, da keine<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[S. 118]</a></span> -Grundregel mehr in Gefahr war, zog sich in ihre jungfruliche -Selbstgerechtigkeit zurck und legte den Fall zu -den Akten ihrer Erfahrung.</p> - -<p>Oben in seinem Zimmer warf sich Perthes, nachdem -er die Schuhe in eine Ecke geschleudert, wie er war, auf -sein Bett. Vllig erschpft fiel er in einen bleischweren -Schlaf.</p> - -<p>Erst gegen Abend weckte ihn ein tiefer, langhallender -Donnerschlag. Er richtete sich auf und rieb sich die Augen. -Drauen scho der Regen in langen, glitzrigen Fden hernieder. -Fahle Wolken schoben sich trge ber und an den -Bergen entlang. Ein Hauch feuchter Luft quoll erquickend -durchs offene Fenster herein.</p> - -<p>Langsam kehrte in Perthes die Erinnerung an die -letzten Tage zurck. Er setzte die Geschehnisse, eines ums -andere, in seinem Gedchtnis zusammen. Wie ein wunderseltener, -tausendstrahliger Kristall, der mit jeder Stunde -an Wert und Schnheit wuchs und sein Verlangen steigerte -— so war die Liebe zu Hilde Knig, der kindlichen, -poetischen Ufernixe, in seiner Phantasie gro geworden. -Alles auer ihr war vergessen und versunken. Seine sich -bersteigernde Lust, diesen Kristall zu besitzen, trieb ihn -nah und nher an das schimmernde Gebilde. Er streckte -die Hnde danach aus: da war es eine buntschillernde -Seifenblase, die in eitel Dunst zerplatzte und zerfuhr.</p> - -<p>Als Perthes an jenem Vormittag, an dem er Marga -seine Liebe zu Hilde Knig anvertraut, keinen Rat erhalten -hatte und ganz auf sich selbst verwiesen worden war, -hatte er einen letzten Versuch gemacht, die Leidenschaft, -die ihn verzehrte, von sich abzuschtteln. Er zerpflckte -seine Empfindungen und wollte sich klarmachen, da er<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[S. 119]</a></span> -sich in einen Wahn hineingefhlt und hineingeredet hatte. -Diese Liebe existierte so wenig, noch weniger als die -Freundschaft, die eben erst so jmmerlich versagt hatte.</p> - -<p>Er ging nicht mehr am Ufer entlang, wie er sonst -Abend fr Abend getan. Er wich Hilde Knig aus, wenn -er ihr begegnete.</p> - -<p>Um die trichte Liebelei vollends ganz aus sich zu verbannen, -gab er sogar dem bisher erfolglosen Drngen Markwaldts -nach und lie sich in den akademischen Tennisklub -einfhren. Der freie, flotte Ton, der da herrschte — so -recht modern im Gegensatz zu der mehr altmodischen -Innerlichkeit und Behaglichkeit des Richthoffschen Kreises -— bestrickte ihn. Im Mittelpunkt stand Alice Hupfeld. -Mit ihrer biegsamen Gestalt, ihrem kecken Gamingesicht, -das herausfordernd aus einem leuchtenden Gewirr rotblonder -Haare sprang, behexte sie die Herren und begeisterte -die jungen Damen als Ideal eines schicken Mdels. -Perthes war von ihrer launenhaften Art bald belustigt, -bald gergert. Er spielte mit Frulein Exzellenz, wie sie -mit ihm und mit aller Welt spielte. Nichts zu ernst -nehmen, war ihre Devise, und diese Devise schien ihm wie -gemacht fr seine eigene erzwungene Stimmung ...</p> - -<p>Dann kam pltzlich der Rckschlag.</p> - -<p>Er hatte sich eingebildet, mit dem albernen Mrchen -am Fluufer fertig zu sein. Um sich dies vor sich selber zu -beglaubigen, hatte er eines Abends wieder den gewohnten -Gang gemacht. Hilde Knig war nicht auf ihrem Balkon. -Sie plauderte mit einem der Herren des Ruderklubs unter -der Haustr. Bei nherem Zusehen erkannte Perthes -den Gymnasialprofessor, der die Boote von der Uferbschung -aus mit der Schalltube zu kommandieren pflegte.<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[S. 120]</a></span> -Aller Vernunft zum Trotz wurde er von pltzlicher toller -Eifersucht gepackt. Binnen wenigen Stunden war seine -Leidenschaft heller und greller als je entfacht. Daheim, -zwischen seinen vier Wnden, tobte er mit erregten Schritten -auf und nieder. Er wollte ein Ende machen, eine Entscheidung -herbeifhren um jeden Preis. Dies Hundeleben -von Zweifeln und Kmpfen durfte nicht von vorn anfangen. -Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einen -Brief von vielen Seiten. Seine nervsen, unverbundenen -Buchstaben flogen ber das Papier wie ein Schwarm -aufgescheuchter Krhen. Sich selbst, seine Natur mit ihren -Fehlern und Vorzgen, seine Lebensauffassung, seine Gedanken -ber die Frau und ber die Ehe, seine Aussichten -im Beruf legte er in einem gewichtigen Referat nieder, -wie es ein Beamter in ernstester Sache an seinen Ressortchef -schreibt. Seine Gefhle fate er volltnend zusammen: -es gab nur einen Menschen, der ihn ganz zu dem machen -konnte, was er sein wollte — Hilde Knig. Da er sie -verehrte und liebte, mute sie lngst erraten haben; da -er ihr nicht vllig gleichgltig wre, glaubte er jenem Blick -und diesem Wort entnehmen zu drfen. In einem kurzen -Schlusatz bat er deshalb allen Rechtens um ihre Hand. -Wenn sie einverstanden war, wollte er mit ihren Eltern -sprechen ...</p> - -<p>Als Perthes diesen Brief abgeschickt hatte, war er wie -erlst.</p> - -<p>Einen halben Tag lang kannte er sich nicht vor seliger -Selbstzufriedenheit. Dann kam die Qual des Wartens -von Post zu Post, des Hangens und Bangens von Morgen -zu Abend und von Abend zu Morgen.</p> - -<p>Erst nach vier Tagen brachte der Briefbote ein zierliches<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[S. 121]</a></span> -Briefchen von lila Farbe, das Monogramm H. K. -auf dem Rcken.</p> - -<p>Er ri es ungestm auf.</p> - -<p>Die Antwort auf seine vielen Seiten bestand in vier -oder fnf mit Kinderhand geschriebenen Zeilen: das bezaubernde -kleine Ufermdchen schrieb, es sei ber seinen -Antrag auerordentlich betroffen und erschrocken; es htte -nie an so etwas gedacht und knne, jung wie es sei, auch -heute noch nicht ernstlich daran denken ...</p> - -<p>Perthes war starr vor berraschung.</p> - -<p>Er drehte die lilafarbene Briefkarte hin und her, als -mte er die eigentliche Antwort auf seinen kapitalen Brief -erst noch finden. Da er die ganze Erwiderung auf sein -mit der Grndlichkeit eines Psychologen, dem Ernst eines -gewissenhaften Mannes, der fieberhaften Wrme eines -Liebenden geschriebenes Schriftstck in Hnden halten -sollte, begriff er erst im Verlauf von Stunden. Als er -nicht mehr zweifeln konnte, zerri er das Billettchen mechanisch -in hundert Schnitzel und lie sie aus dem Fenster -flattern.</p> - -<p>Im Zustand der Empfindungslosigkeit verbrachte er -eine Woche oder mehr.</p> - -<p>Dann, eines Mittags, als er bei Tisch im Caf Wagner -den stdtischen Anzeiger durchbltterte, fiel ihm eine liebevoll -umzackte, schngesetzte Anzeige in die Augen: Hilde -Knig und Professor Enderlein empfahlen sich als Verlobte.</p> - -<p>Er las die Nachricht ein halbes dutzendmal. Bei der -siebenten Lesung lachte er so laut und schallend, da die -Leute an den Nachbartischen ihn mitrauisch anschielten, -als htten sie es mit einem Ausbruch pltzlicher Verrcktheit -zu tun. Er hatte die Situation zu begreifen begonnen:<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[S. 122]</a></span> -der ernsthaftere und gediegenere Antrag des Gymnasialprofessors -mit der Schalltube war geahnt worden, aber -noch nicht eingetroffen, als der seine eintraf. Das kindliche -Lilabriefchen verfolgte seine sehr klugen, dilatorischen -Zwecke. Und als ...</p> - -<p>Perthes zog es vor, das Caf zu verlassen, um nicht -noch einmal der Gegenstand bedauernd-ngstlicher Blicke -zu werden.</p> - -<p>Auf der Strae lachte er von neuem. Es klang dumpfer, -hrter, verbissener.</p> - -<p>Er schwnzte am Nachmittag das Institut. Gegen fnf -warf er sich in sein Tenniskostm und schlenderte den Flu -entlang, nach den Spielpltzen. Noch war er nicht an -der Brcke vorbei, als seine knstliche Haltung zusammenbrach. -Ein Sturm von Ekel, Verachtung, Schmerz und -Wut ergriff ihn. Eine Weltverzweiflung ohnegleichen, -ein Ha gegen sich und gegen die Menschheit insgesamt, -gegen das ganze jmmerliche Erdendasein drohte ihn zu -ersticken. Statt nach den Tennispltzen lief er bis zum -nchsten Dorf in der Ebene. Dann wieder bergwrts. -In irgendeinem Wirtshaus an der Strae nchtigte er. -In einem lichten Moment vertauschte er sein Tennisrakett -leihweise mit einem Knotenstock. Drei Tage trieb er sich -besinnungslos in den Bergen umher. Durch malose Anstrengungen -suchte er den Aufruhr in seinem Innern abzumden. -Sein berreizter Kopf spielte mehr als einmal -mit Selbstmordgedanken. Aber die Lilabriefkarte fiel ihm -ein, die schngezackte Verlobungsanzeige. Das Lcherliche, -Niedrig-Komische, das in dieser Lsung einer von ihm bis -in den Himmel gesteigerten Liebelei lag, bewahrte ihn -vor der uersten Torheit. Der „Laufkoller”, wie Doktor<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[S. 123]</a></span> -Markwaldt jenen Trieb getauft hatte, mit dem Perthes -einer seelischen Unmigkeit durch eine krperliche Herr -zu werden strebte, tat seine Schuldigkeit. Bis auf den -Tod erschpft, apathisch, innerlich und uerlich abgerissen, -kam er in Frulein Eschborns Mietshaus zurck ...</p> - -<p>Jetzt hatte er seine bse Wanderschaft ausgeschlafen -wie einen Rausch. Was nachkam, war auch die grenzenlose -Ernchterung des Rausches.</p> - -<p>Perthes sprang vom Bett auf und trat ans Fenster.</p> - -<p>Das Gewitter vergrollte in der Ferne, dort, wo der -Flu zwischen einsamen Pappeln sich in der Ebene verlor. -Die Sonne rang sich mit dunkelgoldenem Glanz aus -dem abziehenden Gewlk, glitzerte sanft auf den Wellen -und leckte die Dcher trocken. Die abendliche Luft in ihrer -wiedergewonnenen Reinheit wehte krftig gegen ihn.</p> - -<p>Mit Ungeduld entledigte er sich der beschmutzten Kleider. -Als gelte es, mit dem krperlichen Menschen auch den -seelischen reinzuscheuern, berschwemmte er sich und die -halbe Stube mit Wasser. Erst als er sich von Kopf bis -zu Fu umgezogen hatte, gab er Ruhe und setzte sich in -den rohrgeflochtenen Schaukelstuhl. Mit seltener, khler -Klarheit hielt er Kritik ber sich und sein Dasein in den -letzten Jahren. Wenn er alles Drum und Dran an aufgeputzten -Gedanken und verstiegenen Gefhlen abtat, erschien -er sich wie ein groer, unreifer Junge, der mit den -Gliedern seines Leibes so wenig anzufangen wute wie -mit den Fhigkeiten seines Geistes und darum beide mibrauchte. -Er war kein Mann. Mochte er sich vormachen, -was er wollte: dem bichen Leben, das da auf ihn zugekommen -war, um ihn zu prfen — dieser Verliebtheit -und ihrer Enttuschung hatte er seinen Mann nicht gestellt.<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[S. 124]</a></span> -Wie ein Junge — jawohl, wie ein Junge hatte er -in ohnmchtiger Wut den Boden gestampft, geschrien, -geheult und war ausgerissen! Nicht mehr Zorn und Verzweiflung -erfate ihn jetzt, sondern eine tiefe Traurigkeit, -eine zerknirschte Beschmung, ein hoffnungsloses Gefhl -des Verlassenseins. Er wie kein anderer gehrte zu den -Mnnern, deren Schicksal sich an den Frauen entscheidet. -Sein Charakter konnte nur in der Liebe Klrung, Halt, -sich selber finden. All sein Suchen von Wissenschaft zu -Wissenschaft galt doch nur der Leibhaftigkeit des Lebens -und nicht dem Wissen. Er konnte nicht allein sein, weil -er allein nicht mit sich fertig wurde. An einen Menschen -auer sich mute er sich klammern knnen, um seiner -eigenen Kraft teilhaftig zu werden. Er mute weiter -suchen und wrde doch nur immer irren. Sein zufassendes -Temperament, das stets zuerst das Ziel begehrte, ermattete -vor der trostlosen Ziellosigkeit einer ewigen Irrfahrt. Die -Erschlaffung des Herzens lste die des Krpers ab. So -allein wie er war niemand. So zur Einsamkeit verdammt -und zur Zweisamkeit geschaffen. Diese Erkenntnis hatte -er gewonnen, und im gleichen Augenblick, wo sie sich ihm -gab, drckte sie ihn zu Boden.</p> - -<p>Es hatte an die Tr seines Zimmers gepocht, ohne -da er darauf geachtet.</p> - -<p>Das Klopfen wurde wiederholt, und Perthes rhrte -sich nicht. Er hatte ja gesagt, da er nicht gestrt sein -wollte. Vergeblich drckte der Einlabegehrende die Klinke -nieder. Die Tr war verschlossen. Ein unwilliges -Brummen lie sich von drauen hren. Dann erfolgte -ein Rascheln auf der Schwelle, und durch die Spalte -unter der Tr schob sich ein Brief.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[S. 125]</a></span> - -Der Briefbote stapfte laut die Treppe wieder hinunter.</p> - -<p>Bei dem raschelnden Gerusch hatte Perthes unwillkrlich -den Kopf nach der Tr gewandt. Er sah den eingeklemmten -Brief.</p> - -<p>Der konnte warten.</p> - -<p>Schlielich erhob er sich doch und nahm ihn auf.</p> - -<p>Die Adresse war in einer kecken, schnrkellustigen Damenhandschrift -hingeworfen, die er nicht kannte. Nachlssig -ffnete er das Kuvert. Ein Bogen mit Blindenschrift fiel -ihm entgegen.</p> - -<p>Marga Richthoff stand mit Bleistift, schief, aber in -sicheren Zgen unter den Punkten.</p> - -<p>Halb neugierig, halb mitrauisch las er die Zeilen.</p> - -<p>Er legte das Blatt auf den Tisch, sttzte die Arme auf -und beugte sich, den Kopf zwischen die Hnde fassend, -darber.</p> - -<p>Da gab es also doch jemand, der sich um ihn kmmerte.</p> - -<p>Seltsam!</p> - -<p>Seine Mundwinkel zuckten bitter. Er berlegte. In -den letzten Wochen hatte er blutwenig an Marga gedacht. -Wenn sie einmal vor ihm auftauchte, drngte er sie in dem -Mibehagen ber die unerfreuliche letzte Begegnung beiseite. -Vollends in den Tagen seines unsinnigen Umhertreibens -war sie fr ihn wie ausgelscht gewesen.</p> - -<p>Und jetzt ging von ihren paar Zeilen, die so einfach -und gerade waren, ein eigentmlich beruhigendes, warmes -Gefhl auf ihn ber. Er verglich diese Zeilen im Geist -mit dem nichtssagenden Billett von Hilde Knig, das seine -Krisis eingeleitet hatte, und Margas Gesicht tauchte vor -ihm auf: das weiche, verlittene und doch von einer inneren<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[S. 126]</a></span> -Sonne verklrte Gesicht der Blinden, ihre ruhigen Bewegungen, -ihre sanfte Bestimmtheit in Wort und Ton. -Er meinte die blicklosen, tiefen Augen mit ihrem anspruchslosen -zarten Blau dringend und bittend sich zugewandt -zu sehen. Wie mit einer geheimen Fernkraft, die in dem -Stckchen Papier, den paar Punkten und den paar Buchstaben -des Namenszuges ihre Leitung gefunden, wirkte -ihr Wesen auf ihn. Noch nie war ihm die groe, reife -Stille dieses Wesens so lebendig nahegetreten. Warum -hatte er sie nicht frher so klar erkannt wie jetzt? Warum -hatte er ihr nicht fester vertraut? Warum hatte er sich -so schnell abkhlen lassen und war nicht zu ihr gegangen, -statt sich nrrisch und kindisch auszutoben? „Ihre Freundin -ist in Sorge um Sie” — das waren die Worte, die er sich -wiederholte und immer wiederholte. Sie wollte ihm -helfen; sie hatte nicht wissen knnen, wie schwach er war, -als sie ihn auf sich selber verwies. Jetzt, durch ihre Zeilen -hatte sie ihm geholfen! Ein Hauch des Friedens, nach -dem er sich sehnte, streifte ihn. Er war nicht ganz allein. -Der Druck der Einsamkeit wich, und dafr wuchs eine -leise Freude in ihm auf. Eine Dankbarkeit, die durch -das Bewutsein, Marga unrecht getan, sie verkannt, sie -noch nie in ihrem vollen Wert geschtzt zu haben, zu einer -Schuld wurde, die er abtragen wollte. Er mute ihr etwas -Gutes erweisen. Ihr seine Achtung, seine Verehrung, -seinen Dank bezeugen. Und wie er nun einmal war, -mute er es gleich tun, gleich — es duldete keinen Aufschub! -Er hatte sie lange genug vernachlssigt!</p> - -<p>Eine Minute spter strmte Perthes die Treppe hinunter, -die er am Morgen erschpft heraufgekrochen war. -Im Hausflur htte er um ein Haar Frulein Eschborn<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[S. 127]</a></span> -umgestoen, die ihren Augen nicht traute, als der Doktor -mit freundlichem Kopfnicken, vergngt und tadellos gekleidet, -an ihr vorbeischo. Kein Zweifel — der Mieter -von Nummer eins gehrte einer Spezies zu, die ihr doch -noch nicht vorgekommen war.</p> - -<p>Perthes lief, nur seiner Eingebung folgend, dem nchsten -besten Blumengrtner in den Laden. Er wollte Rosen -haben. Rote? Nein. Rote paten nicht. Weie? Die -hatten etwas Trauriges. Rote und Weie, so ungefhr -einen Armvoll.</p> - -<p>Mit dieser Brde eilte er nach der Strae am Wenzelsberg.</p> - -<p>Er sah weder rechts noch links. Er bemerkte deshalb -nicht, da unterschiedliche Spaziergnger, die ihm begegneten, -ber sein blindes Rennen und ber seinen Arm -voll Rosen die Kpfe schttelten. Er sah auch Alice Hupfeld -nicht, die, vom Sportplatz zurckkehrend, wo man der -Nsse wegen doch nicht hatte spielen knnen, mit Markwaldt -an einer Ecke plauderte und bei Perthes' Anblick -eine vieldeutige Grimasse schnitt. Erst in der Nhe des -Richthoffschen Hauses verlangsamte er seinen Lauf.</p> - -<p>Er sah auf die Uhr. Es war gleich halb acht. Soviel -er sich entsinnen konnte, also die Zeit, wo bei Richthoffs -Abendbrot gegessen wurde. Dann blickte er auf seine -Rosen. Eigentlich — genau genommen — das, was er -wollte, hatte seine Bedenken. Wenn ihm der alte Herr -entgegenkam? Wenn — und wenn ... Ein Wenn ums -andere verzgerte seinen Schritt.</p> - -<p>Er war dicht am Haus. Dort war der Vorgarten, -ber der Mauer, hinter der geflochtenen Eisenbalustrade. -Er ging auf die andere Seite der Strae. Da sa richtig<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[S. 128]</a></span> -jemand unter den Kastanien. Es war Marga. Sie hatte -sich eine Decke auf die Bank gelegt. Die Abendsonne hatte -den Kiesboden leidlich getrocknet, und sie geno die regenfrische -Luft. Als er sie gewahrte, sank ihm erst recht der -Mut. Die Scheu, nach dem, was er eben erst hinter sich -hatte, unvermittelt vor sie hinzutreten, hielt ihn unschlssig -zurck. Sollte er umkehren? Bis morgen warten?</p> - -<p>Ratlos wandte er den Blick hinter sich, die Strae -hinunter.</p> - -<p>Leicht und schnell kam ein junges Mdchen um die -Ecke der nchsten Seitenstrae, in einer duftigen weien -Bluse.</p> - -<p>Es war Elli.</p> - -<p>Mit ein paar Schritten war Perthes bei ihr. Er grte: -„Wollen Sie mir einen groen Gefallen tun, Frulein -Richthoff?” fragte er hastig und ohne Umschweife.</p> - -<p>Elli sah ihn aus schalkhaften Augen verwundert, ein -klein wenig spttisch an.</p> - -<p>„Bitte, geben Sie das Frulein Marga!” Er reichte -ihr seinen Bund von weien und roten Rosen.</p> - -<p>„Aber, sie sitzt ja dort!” lachte Elli. „Bringen Sie -ihr's doch selbst!”</p> - -<p>„Das geht nicht! Nein, nein —” wehrte Perthes und -drngte ihr den Strau in die Hnde.</p> - -<p>„Und was soll ich bestellen?”</p> - -<p>„Gar nichts, oder doch —” Er berlegte. „Doch, -sagen Sie — sagen Sie, dem Freund sei geholfen! Er -danke der Freundin!” Und als frchte er irgendwelche -Einwnde, schwenkte er seinen Hut und machte sich schnurstracks -davon.</p> - -<p>Elli besann sich nicht lange. Das Haustor erreichen,<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[S. 129]</a></span> -die Stufen hinaufspringen und auf Marga zueilen, war -eins.</p> - -<p>„Da, Margakind, da!” Sie schob den duftenden Strau -der Schwester so heftig entgegen, da diese betroffen -zurckfuhr.</p> - -<p>„Aber was ist denn nur?” stammelte Marga.</p> - -<p>„Von Doktor Perthes!” erklrte Elli auer Atem und -triumphierend. Dann wiederholte sie getreu seine Worte: -Dem Freund sei geholfen. Er danke der Freundin!</p> - -<p>Und Marga ergriff das lockere volle Gebinde mit -zitternden Hnden. Sie vergrub ihr Gesicht tief, tief in -die roten und weien Rosen ...</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c6" id="c6">6</a></h2> - - -<p>Es war erst Anfang Juli und noch vier Wochen bis -Semesterschlu. Trotzdem hatte Vater Richthoff, unerwartet -und berraschend, beschlossen, zu reisen. Er brach -seine Vorlesungen und Seminarbungen ab. Als ausgemachte -Sache verkndigte er seinen Mdels, da er nach -Kissingen fahre. Kthe solle ihn begleiten. Es war Mittwoch. -Bis sptestens Montag msse man fahren knnen.</p> - -<p>Kein Wunder, da dieser allerhchste Ukas das Haus -am Wenzelsberg von oben bis unten umkehrte. Die Mdels -hatten, zum mindesten in der Idee, so viel zu tun, da sie -gar nicht wuten, wo anfangen. Es galt nicht nur tausend -Dinge zu besorgen, sondern, was noch viel zeitraubender -war, zu bereden. Nach den Grnden zu forschen, die den -jhen Aufbruch des alten Herrn veranlaten, getrauten -sie sich nicht.</p> - -<p>Diese Grnde wrde der alte Herr auch keinesfalls<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[S. 130]</a></span> -verraten haben. Sie waren ihm selbst erst zwei Tage vor -dem Entschlu einleuchtend gemacht worden. Und zwar -vom Arzt. Seine „Bande” brauchte von der fatalen Vorgeschichte -nichts zu wissen.</p> - -<p>Am Montag war, wie alle vierzehn Tage, Kegelabend -gewesen. Da pflegten sich der Geheimrat, Wilmanns, -Borngrber und einige Freunde von verschiedenen Fakultten -gemtlich in einer bejahrten Schenke am Haspelgraben -zu treffen und ihrer wissenschaftlichen bersttigung -im Kegelschieben Luft zu machen. Auerdem wurde auch -das Neueste vom Neuen aus akademischen Kreisen kolportiert -und glossiert. Nur so nebenbei, aber mit vernichtendem -Witz. Jede Fakultt hatte dafr ihren Spezialisten. -Den Klatsch der philosophischen bearbeitete -Papa Wilmanns; den juristischen gab Geheimrat Roller, -ein Epikureer mit ehrwrdigem Faungesicht, sehr pikant -zum besten. Der theologische troff s und lieblich aus -dem sanften Mund des Professors Hegewald, eines beliebten -Damenpredigers von weicher, hoher Christusgestalt; -den naturwissenschaftlich-mathematischen brachte -Krausewetter, ein dicker, sehr cholerischer Herr, der alle -Entdeckungen anderer schon lange vorher gemacht und -nur, da sie ihm nebenschlich erschienen waren, verschwiegen -hatte. Dem medizinischen endlich widmete sich mit trockenem, -sachlichem Spott Geheimrat Geismar, in seiner nchternen, -bescheidenen Zurckhaltung der wandelnde Gegensatz -seines Kollegen Hupfeld, der vielbesprochenen chirurgischen -Exzellenz, die, erhaben ber das kegelnde Banausentum, -ihre eigene, nicht minder einflureiche Sphre -hatte. Man tat niemand weh in der Kegelbahn am Haspelgraben. -Dafr sorgten gutmtige Brummgeister wie<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[S. 131]</a></span> -Richthoff und naive Kindergemter wie Jakobus Borngrber. -Aber man verschonte auch niemand. Auch sich -selber nicht.</p> - -<p>Hier ereignete es sich nun, da Vater Richthoff mitten -im Spiel von einer Unplichkeit befallen wurde. Professor -Kreth, der liebenswrdige Direktor der Universittsbibliothek, -hatte gerade den klassischen Ausspruch eines -norddeutschen Bibliothekars zitiert: Die Bibliotheken -wren herrliche Institute, wenn nur das verdammte -Publikum nicht wre! Die Heiterkeit war allgemein. -Richthoff trat als nchster Spieler an. Ehe er noch die -Kugel abschieben konnte, wurde er von Schwindel befallen, -schwankte und mute von den besorgten Freunden -gefhrt und niedergesetzt werden.</p> - -<p>Geismar sprang sofort bei.</p> - -<p>Etwas ther, ein Glas Kognak gengte, um den alten -Herrn wieder zu ermuntern. Er schlug die Augen auf. -Als er sich dann von lauter verdutzten Gesichtern umgeben -sah, lchelte er. „Na, mein lieber Hegewald,” -scherzte er dem Theologieprofessor zu, „mit der schnen -Grabrede ist es diesmal noch nichts!”</p> - -<p>„Ein Racheakt, Kollege Richthoff!” erklrte der gleich -wieder spaende Wilmanns. „Ein ganz infamer Racheakt -Ihrer rmischen Kaiser, sage ich Ihnen!”</p> - -<p>„Ohne Zweifel,” meinte Geismar ernsthafter, whrend -er Richthoff forschend beobachtete, „Sie mssen in den -letzten Wochen des Guten zuviel getan haben.”</p> - -<p>Borngrber, der mit seinen kugelrunden Augen verwundert -aus dem krausbrtigen Gesicht sah, rezitierte -tiefsinnig aus dem Arabischen: „Keine Krankheit ist -schlimmer als Unverstand.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[S. 132]</a></span> - -„Ach was! Diese verwnschten Prtorianer werden -mich noch lange nicht kleinkriegen. Noch weniger als der -brave Nerva!” Vater Richthoff stand auf, reckte sich, -zog die buschigen Augenbrauen in die Hhe, zum Zeichen, -da er sich pudelwohl fhle, und kommandierte: „An die -Gewehre!”</p> - -<p>Mit voller Kraft schob er seine Kugel.</p> - -<p>Der Zwischenfall war erledigt.</p> - -<p>In bester Laune spielte man wie sonst, bis nach elf -Uhr, und ging nach einem letzten Schoppen und einer -vorletzten Zigarre angeregt heimwrts.</p> - -<p>Geismar, der in der Neustadt wohnte, schlo sich auf -dem Nachhauseweg Richthoff an und begleitete ihn bis -vors Haus. Um sich noch auszulften, wie er vorgab. -„Haben Sie schon fter mal solche kleinen Klapse gehabt, -Kollege?” forschte er beilufig vor dem Abschied.</p> - -<p>„Nicht da ich wte!” erwiderte der alte Herr. „Hat -ja wohl auch nichts Groes zu bedeuten?” warf er nach -einer Weile im Ton der Frage hin.</p> - -<p>„Glaube kaum,” meinte Geismar. „Aber fr alle -Flle, lieber Richthoff, machen Sie mir mal morgen -das Vergngen und kommen Sie zu mir.”</p> - -<p>„Womglich gleich in die Klinik?” scherzte Richthoff -abwehrend.</p> - -<p>„Nur in die Privatwohnung. Zwischen vier und fnf -Uhr. Auf einen Sprung.”</p> - -<p>Der alte Herr wollte nichts davon wissen.</p> - -<p>Aber Geismar redete ihm mit so freundschaftlicher -Bestimmtheit zu, da er, der vorgerckten Stunde wegen, -versprach, die Sache in wohlwollende Erwgung zu ziehen.</p> - -<p>Der alte Herr dachte ursprnglich durchaus nicht<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[S. 133]</a></span> -daran, Geismars Einladung nachzukommen. Aber er -schlief schlecht, und gegen Morgen stellten sich erneute -Beklemmungen ein. Da sagte ihm seine Vernunft, bei -seinen Jahren und angesichts der groen Arbeit, die noch -vor ihm lag, mchte es doch ratsam sein, mit sich hauszuhalten. -Er stellte sich also am Nachmittag bei Geismar -ein. Was dieser schon bei dem gestrigen Anfall vermutet -hatte, ergab auch die Untersuchung: eine ziemlich vorgeschrittene -Arterienverkalkung. Doch sagte er davon Richthoff -nichts, sondern empfahl ihm nur fr die Zukunft ein -bichen Dit: weniger rauchen, wenig Alkohol und dergleichen. -Vor allem aber und sofort eine mehrwchige -Ausspannung. Womglich mit einer leichten Kur in -Kissingen. Spter Schweiz oder Bayern. Ohne Bergsteigen -natrlich!</p> - -<p>Vater Richthoff gehrte zu den Naturen, die sich unangenehme -Aufklrungen, wenn sie ihnen nicht gerade -aufgezwungen werden, gern ersparen. Deshalb interessierte -es ihn nicht weiter, auf was Geismar diagnostiziert -hatte. Er gab sich damit zufrieden, da er, wie alle -lteren Leute, sein Herz nicht zu sehr strapazieren drfte. -Der erste Halbband der Kaisergeschichte war druckfertig. -Er fhlte sich auch geistig etwas erfrischungsbedrftig, -zumal da er die ersehnte Italienreise in diesem Frhjahr -sich immer noch nicht vergnnt hatte. Trotzdem wetterte -er ber die Ratschlge seines rztlichen Kollegen. Doch -der war Menschenkenner genug, um hinter den Ausfllen -des alten Herrn eine halbe Bereitwilligkeit zu entdecken -und sie durch kluges Zureden in eine ganze zu verwandeln.</p> - -<p>Der Erfolg blieb nicht aus.</p> - -<p>Am Mittwoch frh, nachdem der Geheimrat die Sache<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[S. 134]</a></span> -noch einmal beschlafen, erfolgte der bekannte Frhstckserla: -„Will am Montag mit Kthe fr ein paar Wochen -nach Kissingen. Spter vielleicht Schweiz. Das Erforderliche -vorbereiten!” —</p> - -<p>Kthe war erfllt von der Auszeichnung, die ihr zuteil -wurde. Der alte Herr pflegte sonst seine Reisen meist -allein zu machen. Es waren vorzugsweise Studienreisen -gewesen, aber auch wenn er auf Erholung reiste, legte er -nachdrcklichen Wert darauf, die „Weiberwirtschaft” los -zu sein. Wohl einer Anregung des Arztes folgend, hatte -er diesmal anders entschieden, und Kthe kam denn auch -ihrer Aufgabe, „das Erforderliche vorzubereiten”, mit -all dem peinlichen Eifer und der geschftigen Wichtigkeit -nach, die einen wesentlichen Zug ihres Charakters ausmachten.</p> - -<p>Fr Elli und Marga, die sie rechtschaffen herumkommandierte, -war es gar nicht so leicht, diese schwesterliche, -etwas herbe berlegenheit zu ertragen. Marga, -glcklich in dem wiedergewonnenen Besitz ihrer Freundschaft -mit Perthes, der wie in frheren Tagen ungezwungen -im Hause aus und ein ging, fgte sich geduldig. Aber zwischen -Elli und Kthe kam es ein paarmal zu harten Auseinandersetzungen -und hochroten Kpfen.</p> - -<p>Das Ergebnis solcher kleinen Reibungen war, da die -beiden Jngeren, die durch Margas Geheimnis noch besonders -verbunden waren, sich um so enger zusammenschlossen. -Sie bauten ihre eigenen, hoffnungsfrohen -Sommerplne, denn etwas mute ihnen Papa doch auch -zugestehen! Wenn Kthe eine so „erwachsene” Reise mit -ihm machen durfte, erst ins Bad und dann womglich -noch in die Schweiz, so durften sie nicht ganz leer ausgehen.<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[S. 135]</a></span> -Das sah der alte Herr auch ein. Sie sollten ihre -Sommerfrische haben. Sie mute aber mglichst nahe -sein, denn Haus und Garten muten berwacht werden -knnen. Und sie sollte so bescheiden und billig sein, als sie -sich nur finden lie. Das verstand sich von selbst.</p> - -<p>Nach lngeren parlamentarischen Verhandlungen wurde -das von Marga und Elli ausgearbeitete und hchsten Orts -vorgelegte Projekt genehmigt: die beiden sollten Mitte -des Monats fr einige Wochen in der „Sgemhle” -Quartier nehmen. So hie ein bekanntes kleines Gasthaus, -eine Stunde fluaufwrts von der Stadt — „an -Wald und Wasser lieblich gelegen”, wie es in den Prospekten -hie. Da sie, vertrauensvoll sich selber berlassen, -keine Dummheiten machen durften, das wollte -Vater Richthoff sich ausgebeten haben! Dafr waren sie -seine Tchter und alt genug, um zu wissen, was sie tun -und lassen muten. Im brigen wurden fr alle Flle -die Eltern Wilmanns mit einer feierlichen Vizevormundschaft -betraut.</p> - -<p>Bis Sonntag hatte Kthe mit Hilfe der Schwestern -alle Vorbereitungen getroffen.</p> - -<p>Die kleinen Znkereien waren vergessen, die drei -Mdchen befanden sich in einer friedfertigen, durch den -Abschied und die lockenden Sommerplne teils wehmtig, -teils heiter erregten Stimmung: sie gingen Arm in Arm -durchs Haus oder auf den Weinberg. Es war ein warmer, -sonnenheller Tag, und der Feierklang der Kirchenglocken -flutete vom Tal die grnen Berghnge hinauf. Nachmittags -— die Koffer waren gepackt, und nur im Arbeitszimmer -des Geheimrats stand noch eine Riesenhandtasche, -die jederzeit in ihren offenen Schlund wahllos die<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[S. 136]</a></span> -unglaublichsten Zettel und Broschren von dringendster -Unentbehrlichkeit aufnehmen konnte — nachmittags gab -es noch einen lustigen Familienkaffee, den Vater Richthoff -mit seiner Anwesenheit auszeichnete. Er war so aufgekratzt -wie selten, voll kindlicher Freude auf die bevorstehende -Reise. Sogar ein Bocciaspiel im Hof schlug er -ganz von sich aus vor und beteiligte sich mit jugendlicher -Munterkeit am Werfen und Treffen der bunten -Holzkugeln, die er vor Jahren aus Italien mitgebracht -hatte. Elli und Marga lieen sich von seiner Frhlichkeit -anstecken. Zumal wenn Marga, die ja mehr -oder minder aufs Geratewohl die Kugeln schleudern -mute, einen Treffer machte, gab es ein lautes Hallo -des Beifalls.</p> - -<p>Kthe spielte mit zerstreutem Ernst. Sie wlzte in -ihrem grndlichen Kpfchen, unter der dunkelbeschatteten, -herrisch-aufrechten Stirn seit einigen Stunden eine Aufgabe, -die sie auf den letzten Tag verschoben hatte, weil -sie immer nicht recht Zeit oder Mut oder Stimmung gefunden -hatte, sie auszufhren.</p> - -<p>Sie mute nmlich noch mit Marga reden. Aus einem -ganz bestimmten Grund. Es galt, der Schwester gegenber -eine Pflicht zu erfllen, die ihr auf dem Gewissen -lastete. Sie war ja sozusagen das Gewissen des Hauses. -Sie fhlte sich fr alles und jeden verantwortlich. Und -fr Marga noch im besonderen.</p> - -<p>Eine Aussprache — Kthe war eine Meisterin in -„Aussprachen” — war unvermeidlich. Sie fate sich indessen -erst nach dem Abendbrot ein Herz.</p> - -<p>Whrend Elli fr Vater Richthoff dies und das, was -ihm jetzt erst als Neuestes und Wichtigstes einfiel, herbeiholte,<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[S. 137]</a></span> -nahm sie Margas Arm und lud sie zu einem Gang -auf den Weinberg ein.</p> - -<p>Eintrchtig stiegen sie aufwrts, da und dort an den -Stachelbeerbschen und Johannisbeerstruchern im Vorbeigehen -naschend.</p> - -<p>Kthe schmiegte sich mit einer Zrtlichkeit an Marga, -wie sie ihrer herberen Art sonst nicht eigen war.</p> - -<p>Marga ahnte nichts. In ihrer Seele war, zumal jetzt, -wo die Trennung ihre Empfindungen mit einer zarten -Melancholie begleitete, kein Platz fr Argwohn oder Mitrauen. -Noch nie war sie so sicher im Gefhl ihrer inneren -Unendlichkeit und ihrer ueren Begrenztheit gewesen -wie in diesen Tagen, die ihr die Freundschaft mit Perthes -vertieft und bereichert wiedergeschenkt hatten. Noch nie -hatte aber auch ein Mensch, geschweige ein Mann, sie so -in ihrem eigensten Wesen geachtet, wie er es jetzt tat -und in jedem Wort, jeder Handlung ausdrckte. Das -gab ihr eine zufriedene Heiterkeit, die sie wrmte und -von innen nach auen verklrte.</p> - -<p>Sie waren jetzt auf dem Philosophenweg angelangt. -Atemholend nach der Steigung, schritten sie langsam in -dem Laubengang von einem Ende zum anderen. Die -Sonne lugte noch golden durchs wilde Reblaub. Von -weiter unten im Garten, wo es unmerklich dmmerte, -hrte man vorlaute Grillen zirpen und wieder verstummen.</p> - -<p>Kthe fand den Moment gekommen, um ihr Anliegen -vorzubringen. Die berlegung hatte ihr feinliniges -Gesicht etwas verschrft, die Erregung es leicht -gertet. Sie strich sich ber die Stirn und das wohlgeordnete -dunkle Haar. Dann legte sie die freie Hand in die<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[S. 138]</a></span> -Hfte, als wollte sie sich auch uerlich einen gewissen -feierlichen Halt geben.</p> - -<p>„Setzen wir uns ein wenig, Margakind.” Sie brauchte -diesen Schmeichelnamen, der von Elli stammte, fast nie; -heute drngte er sich ihr unwillkrlich auf die Lippen. -„Ich mchte noch etwas mit dir reden. Etwas sehr Ernstes, -Zartes, was auer uns niemand hren darf.” Sie fhrte -Marga zu der Bank, die am nchsten Ende des Ganges -stand.</p> - -<p>Dort lieen sie sich nieder, und Kthe nahm Margas -rechte Hand in die ihrige.</p> - -<p>Marga wute nicht, was diese Vorbereitungen bedeuten -sollten. Sie gab sich geduldig darein und horchte mit einem -halb neugierigen, halb verwunderten Lcheln.</p> - -<p>„Du darfst mir aber ja nicht bse sein, hrst du?” hob -Kthe lebhafter wieder an. „Ich meine es nur gut mit -dir, und wenn ich mich irgendwie tusche, so nimm's -nicht bel. Es geschieht nur aus Liebe!”</p> - -<p>„Aber was gibt's denn nur, Kthe?” fragte Marga -mit zunehmendem Staunen. „So sprich doch geradezu! -Was willst du mir sagen?”</p> - -<p>„Weit du, Margakind, so einfach, wie du dir's denkst, -ist das nicht. Ich hab' mir's lange berlegt. Oftmals -dacht' ich, ich wollte mich gar nicht hineinmischen. Aber -schlielich sagte ich mir immer wieder: Ich bin die ltere! -Elli, der du vielleicht mehr Vertrauen schenkst als mir, -ist so jung, manchmal so toll und unvernnftig. Sie meint -es gewi immer sehr gut. Aber raten, besonnen und fest -raten kann dir doch das Kleinchen nicht!”</p> - -<p>Marga wurde mit jedem Wort betroffener. Ein kaltes, -enges Gefhl beschlich sie. Diese Andeutungen drckten<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[S. 139]</a></span> -sie. Sie sprte, da jemand die Tr zum Allerheiligsten -ihres Herzens aufmachen wollte, und sperrte sich dagegen. -Unwillkrlich hatte sie ihre Hand der Schwester entzogen -und steckte sie hinter ihren Rcken. „Was willst du mir -denn raten?” fragte sie mit einem eigentmlich dunklen, -schweren Ton.</p> - -<p>„Du sollst nicht meinen, Marga, da ich mich in dein -Vertrauen eindrngen will,” versicherte Kthe.</p> - -<p>Aber du tust es ja doch! schwebte es Marga auf der -Zunge. Doch hielt sie die Worte zurck.</p> - -<p>„Ich tue nur, was ich fr meine Pflicht halte. Und ich -erwarte ja auch gar nicht, da du mir dankbar dafr bist. -Das kannst du jetzt noch nicht. Spter wirst du mir's -einmal danken, das wei ich!” Kthe hatte ganz ihre altkluge, -mtterliche Wrde gefunden, wie sie sie brauchte. -Die anfnglich erregte Hast ging mehr und mehr in eine -gutgemeinte, aber etwas lehrhafte Nchternheit ber. -„Warum so viel Umschweife machen? Du hast recht. -Ich mchte einmal frei und ehrlich mit dir ber deine -Freundschaft mit Doktor Perthes reden, Marga. Glaub' -mir, ich hab' viel darber nachgedacht. ber die Freundschaft -von Mann und Frau berhaupt. Du darfst mir -schon ein Urteil zutrauen. Ich kann im Leben drauen so -viel mehr sehen und erfahren als du. Ich glaube nicht, -da es diese Freundschaft gibt. Und wenn sie's gibt, ist sie -immer nur ein bergang. Und der, der zuerst hinbergeht -zu etwas anderem — verstehst du mich, Margakind? — der -kann sehr, sehr unglcklich werden, wenn der andere nicht -nachfolgt. — Jetzt ist's heraus. Das wollte ich dir sagen!”</p> - -<p>Kthe umschlang die Schwester, als wollte sie sie trstend -an sich ziehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[S. 140]</a></span> - -Marga erwiderte die Umarmung nicht.</p> - -<p>Schlaff lie sie ihre Hnde niederhngen und bog ihren -Kopf zurck, um sich Kthes Liebkosung zu entziehen. -Das Herz war ihr wie zugefroren bei diesen besonnenen -Worten, und die Klte teilte sich ihrem Krper, ihrem -Antlitz mit. Und doch stieg es sommerwarm auf vom Gras -und von den Blumen. Der Wind fchelte mild von der -Ebene nach den Bergen herber, und die Grillen zirpten -ringsum in der wachsenden Dmmerung.</p> - -<p>Kthe in ihrem Eifer nahm Margas Schweigen fr -ein Bekenntnis. Sie wurde noch beredter und eindringlicher. -Vielleicht, ja gewi wute Marga selber nicht, -was in ihr sich vorbereitete. Sie sollte sich nicht tuschen -lassen durch Perthes' Liebenswrdigkeit. Die Mnner, -und zumal solche Mnner, die sie, Kthe, durch und durch -kannte, dachten sich nichts bei einem temperamentvollen -Wort, einem Handku, einem Strau Rosen, den sie in -einer Laune ihren Freundinnen in den Scho legten. -Sie wollte ja Marga nur warnen. Gerade jetzt, wo sie -und Elli allein blieben. Sie sollte sich bewachen; lieber -zu schroff als zu entgegenkommend sein; sich doch ja kein -Gefhl einreden, das nicht Wahrheit werden konnte. -Kthe gab sich ganz nach; sie lie sich fortreien von jener -liebevollen Lieblosigkeit, der nur Frauen, und die nur -untereinander fhig sind, jenem Gemisch von Gte, Neid, -Hingebung, falscher Mtterlichkeit — der ganzen Weiblichkeit, -wie sie natrlichste Natur ist — schn und hlich in -einem. Ihre Redeflut, die selbstgewi und selbstgefllig -in den weichen Sommerabend hinausflo, endigte in -einem Appell an Margas Charakter: sie war stark genug, -um zu entsagen. Wozu brauchte sie die Liebe eines Mannes,<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[S. 141]</a></span> -die ihr nun einmal vorenthalten sein mute? Sie hatte -ja Kraft und Liebe genug in sich und um sich. „Glaub' -mir, Margakind, und wenn du's heute nicht glauben kannst, -glaubst du's morgen. Goethe hat recht, wenn er sagt ...”</p> - -<p>Marga hrte nicht, wie recht Goethe hatte. Sie hrte -berhaupt lngst nicht mehr, was Kthe sprach. Sie -fhlte nur, da ein Unberufener nun doch mitleidslos -sich eingedrngt hatte in das zarte Geheimnis ihres Herzens. -Sie htte aufschreien mgen: Hnde weg von meiner -Seele! — aber dann war es schon zu spt. Diese Hnde -tappten und tasteten, suchten und fanden, und legten sich -grausam auf die Wunde, die sie ngstlich behtet, frsorglich -verbunden und verborgen hatte. Nun brach sie -auf und blutete. Es weinte in Marga vor Schmerz. Und -gleichzeitig emprte es sich in ihr gegen die Entweihung. -Wer war die, die es wagen durfte, so mit ihr zu reden? -Woher nahm sie das Recht, ihr Vorschriften zu machen? -Ihr, die lngst all das in sich beraten und durchgekmpft? -Die sich nichts, aber auch gar nichts von dem erlassen und -geschenkt hatte, was ihr jetzt mit fast bermtiger Selbstzufriedenheit -vorgehalten wurde? Was kaum je bei ihr -geschah: sie verlor ihre Beherrschung. Ihre Besinnung -wurde bertubt von dem einen leidenschaftlichen Wunsche: -Fort! Nichts mehr hren! Nichts antworten! Laufen — -weit, weit! Bis ans Ende der Welt, um allein zu sein, -allein mit sich, seinem Leid, seiner Brde, seinem Geheimnis -hoffnungsloser Liebe!</p> - -<p>Mit einem jhen, heftigen Ruck, der Kthes Hnde unsanft -von ihr lste, war sie aufgestanden. „Ich danke dir, -Kthe!” rang es sich fremd aus ihrem Mund. „berla -das nur mir. Ich bin immer allein mit mir fertig geworden.<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[S. 142]</a></span> -Ich brauche niemandes Hilfe, um zu wissen, was ich vom -Leben erwarten und annehmen darf, was nicht!”</p> - -<p>Verdutzt blickte Kthe an ihr empor. So hatte sie Marga, -die Sanfte, Vertrgliche, Geduldige, noch nicht sprechen -hren. „Aber Marga, du —”</p> - -<p>„Wenn ich einsam sein soll, so achte auch du meine Einsamkeit. -Mehr kann ich dir nicht antworten.”</p> - -<p>Kthe schwieg. Wie Marga jetzt vor ihr stand, im -Schatten der Dmmerung gegen den verblassenden -Abendhimmel sich hoch und stolz abzeichnend, die Lippen -aufeinandergepret, die Augen streng und abweisend in -die Ferne gerichtet, fhlte sie, die ltere, die Erfahrenere -und Sehende, sich einen Augenblick klein, unbedeutend mit -all ihrer Altklugheit — gegen die Blinde, die so sicher -und stark auf ihren Weg hinaussah.</p> - -<p>Nur einen Augenblick.</p> - -<p>Dann erhob sie sich aus dieser verstohlenen Demtigung -doppelt gekrnkt, verkannt und erbittert.</p> - -<p>Aber ehe sie dafr den rechten Ausdruck fand, hatte -sich Marga am Gelnder der Laube entlang getastet. -Sie eilte die Steinstufen hinab und lief den Zickzackweg -hinunter — ohne Hilfe, behend wie ein Sehender, sicher -geleitet von jenem fast bernatrlichen Instinkt, den die -Erregung noch schrfte.</p> - -<p>Kthe wollte ihr nach. Sie rief ihren Namen. Es war -Marga verboten, allein die steile Gartensteige abwrts -zu gehen.</p> - -<p>Doch sie stie ja jede Hilfe von sich! Mochte sie auf -eigene Gefahr sich zurechtfinden!</p> - -<p>Bei Kthe siegte die Erbitterung ber die Besorgnis, -die sie sonst nie fr die Blinde auer acht lie. Sie war<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[S. 143]</a></span> -zu tief verletzt. Warum hatte sie nicht geschwiegen? Hatte -sie nicht vorausgewut, da sie keinen Dank ernten wrde? -Nun war sie abgewiesen worden mit all ihrem guten -Willen, ihrer ehrlichen Meinung! Sie wrde ihre Hilfe -nicht mehr aufdrngen. Gewi nicht! Nie mehr! ber -den Schlfen strich sie ihr Haar zurck und prfte die -schweren Flechten, obwohl es Nacht geworden war und -keine Strhne in dem glatten Scheitel oder am Knoten -sich gelockert hatte. Ordnung war nun einmal ihr Element. -Ma und Ordnung. Mochten andere das Ungeordnete, -Regellose vorziehen. Sie hatte auch nur bei -Marga Ordnung machen wollen. Wenn die es nicht -brauchte, nicht litt ...</p> - -<p>Mit dem zugleich gemessenen und tnzelnden Schritt, -der sich nichts vergab und doch auch die Gleichgltigkeit -gegen das, was vorgefallen war, zur Schau tragen mute, -machte sich Kthe auf den Weg und kam eine Viertelstunde -nach Marga, leise vor sich hinsummend, ins Haus.</p> - -<p>Elli und Marga waren schon auf ihr Zimmer gegangen.</p> - -<p>Der Geheimrat wirtschaftete noch geruschvoll in -seinem Arbeitszimmer. Man hrte ihn oben deutlich ab -und zu gehen. Die Riesenhandtasche nahm neue Unentbehrlichkeiten -in sich auf.</p> - -<p>Kthe ging noch einmal gewissenhaft ihre Zurstungen -fr den Reisetag durch. Dann machte sie gemeinsam mit -der schlfrig schlurfenden Therese den blichen Rundgang -im Erdgescho, um den Verschlu von Lden und -Tren zu beaufsichtigen.</p> - -<p>Am anderen Morgen, in ziemlicher Frhe, nach einem -hastigen Kaffee, erfolgte der Abschied.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[S. 144]</a></span> - -Der alte Herr hatte sich alle Sentimentalitten, besonders -aber die Begleitung auf den Bahnhof, streng -verbeten.</p> - -<p>In letzter Minute konnte er doch nicht anders: er kte -Marga und Elli barsch auf die Stirn.</p> - -<p>„Seid hbsch artig, Mdels; verstanden? Adieu!” -Damit eilte er fort, dem Wagen zu, der vor dem Haus -wartete. Therese folgte keuchend mit der zu unheimlichen -Dimensionen angeschwollenen Handtasche, die noch eine -halbe Bibliothek verschlungen haben mute. Der Hauptkoffer -war schon aufgeladen.</p> - -<p>Kthe und Elli umarmten sich. Mit Marga gab es -nur einen Hndedruck.</p> - -<p>Vom Vorgarten, unter den Kastanien hervor, winkten -die beiden Zurckbleibenden dem Wagen nach. Vater -Richthoff salutierte. Kthe nickte noch einmal und winkte -mit dem Taschentuch.</p> - -<p>Die Fahrt ging um die Ecke nach dem Bahnhof. — —</p> - -<p>Dort, wo der Flu, dem Zug der Waldberge folgend, -zum letztenmal eine mutwillige Schwenkung machte, -um sich dann, des spielerischen Geschlngels berdrssig, -geradeaus und krftig in die weite Ebene hinauszuwerfen, -stand die „Sgemhle”. Dem Zweck, den ihr Name andeutete, -diente sie lngst nicht mehr. Seit vielen Jahren -war sie nur noch ein einfaches, freundliches Gasthaus, -rckwrts gegen den Buchenwald gelehnt, vor sich einen -schattigen Wirtsgarten, den nur ein schmaler Weg von der -Uferbschung und dem hurtigen Flu trennte. Da die -Sgemhle kaum eine Stunde von der Stadt entfernt -lag, war sie ein beliebter Ausflugsort: an Sonntagen und -schnen Sommernachmittagen wurde sie von Brgern<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[S. 145]</a></span> -und Professoren, von Kaffeeschwestern und Studenten -zu Fu, zu Wagen und mit dem Boot viel besucht. In -der besten Zeit des Jahres fanden auch die paar sauberen -Fremdenzimmer ihre Liebhaber; wer anspruchslos an -Buchenwald und Wasser, an guter Verpflegung, an dem -belebten Wechsel lndlicher Einsamkeit und stdtischer -Ausflglerfrhlichkeit sein Gefallen hatte, konnte sich bei -den willigen Wirtsleuten einige Wochen zufrieden fhlen. -Spaziergnge gab's in Hlle und Flle: auf den Bergen -durch die stundenweiten Laub- und Nadelforste; im Tal -zwischen wogendem Getreide, oder den blumenberwachsenen -Uferpfad entlang nach kleinen Drfern und -alten Stdtchen, wo verfallene Raubritterburgen emporragten -und sich im Flu spiegelten.</p> - -<p>So war Margas und Ellis Sommerheim beschaffen, -in das sie vierzehn Tage nach Vater Richthoffs und Kthes -Abreise bersiedeln sollten.</p> - -<p>Stille, frhliche Tage im Hause am Wenzelsberg -gingen vorher.</p> - -<p>Zuerst hatte Marga noch unter der Aussprache mit -Kthe gelitten. Aber Elli mit ihrer frischen, glcklichen -Wirbelwindnatur hatte ihr den Kopf und das Herz lachend -reingefegt. Jeden Tag wute sie etwas Neues vorzuschlagen, -um Unterhaltung zu schaffen. Man sollte zwar, -nach der Mahnung des alten Herrn, keine „Dummheiten” -machen. Aber — du lieber Gott! Das war ein weiter Begriff! -Immer gescheit und sittsam sein, war abscheulich -langweilig. Daran war nicht zu denken. Man war tchtig -spazierengelaufen, hatte sich auf den Straen umhergetrieben -und die Menschen beobachtet, voran die Fremden, -die um diese Jahreszeit besonders aus Old-England und<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[S. 146]</a></span> -von jenseits des groen Teichs reichlich zustrmten. Dann -mute man baden, Besuche machen und empfangen, die -Wohnung ein paarmal umrumen, mit Therese den -Kchenzettel besprechen, auf dem Weinberg dem Grtner -beim Pflcken der Stachelbeeren und Johannisbeeren -helfen, unerlaubte Bcher lesen, im Vorgarten handarbeiten -und die vorbergehenden Leute glossieren. Und -Elli duldete nicht, da sich Marga von irgend etwas ausschlo. -Die Schwester einmal so recht „mitleben” zu -lassen, sie, deren Geheimnis sie innig teilte, von Herzensgrund -schadlos zu halten — das war Ellis „Prinzip” fr -diesen Sommer. Sie stand sonst mit den „Prinzipien” -nicht auf dem besten Fu. Das waren nach ihrer Ansicht -Dinge fr alte Tanten, Backfische, Philosophieprofessoren -und Spieer jeder Art, die sich das Leben partout verekeln -wollten. Aber Prinzipien, die zugleich dem Herzen -wohltaten und unterhaltend waren, mit denen konnte es -gewagt werden. Da dabei Wilkens nicht zu kurz kommen -durfte, verstand sich von selbst. Er guckte fters mal ein, -wie Perthes auch. Man traf sich zufllig auf einem Spaziergang. -Zweimal sogar — doch das setzte einen harten Kampf -mit Marga — abends bei der Musik im Stadtgarten. -Das war so stilwidrig-unakademisch, da man der Versuchung -nicht widerstehen konnte. Bei allem hielt Elli -peinlich darauf, da Marga „ihrem” Doktor genau so gerecht -wurde wie sie „ihrem” Erich. Die mglichste Gleichheit -beruhigte sie selbst und sollte Marga Freude machen. -Wenn sich Marga auch strubte — sie war nach der Auseinandersetzung -mit Kthe mit doppelter Vorsicht darauf -bedacht, ihr Verhltnis zu Perthes und damit ihr eigenes -Gefhl in strengen Grenzen zu halten —, Elli wute<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[S. 147]</a></span> -immer mit der hinreienden Dialektik ihrer siebzehnjhrigen -Verliebtheit und Lebenslust jedes Bedenken -fortzuplappern. Und kam sie nicht damit zum Ziel, so -sang und lachte sie es weg. Gegen ihr Lachen war Marga -so ohnmchtig wie gegen ihre losesitzenden Trnen. Es -tat ihr im Grund der Seele zu wohl, einmal jung mit den -Jungen sein zu drfen.</p> - -<p>Dann kam der Umzug nach der Sgemhle und dabei -eine Meinungsverschiedenheit, die Stoff zu schwerwiegenden -Diskussionen bot.</p> - -<p>Elli hatte Wilkens lngst und beizeiten verstndigt, da -und wohin man gehen wrde. Marga dagegen bewahrte -gegen Perthes Stillschweigen und verbot auch der Schwester, -Andeutungen zu machen. Die wachsende Vertraulichkeit, -in die sie sich durch die Gunst der Umstnde und -durch Ellis fanatischen Gleichheitsdrang hineingezogen sah, -begann sie zu ngstigen. Sie war fter und ungestrter -mit Perthes zusammen als sonst. Er pflegte die Freundschaft -mit einer Achtung und Zartheit, die sie beseligte. -Nichts, was mit ihm vorging, unterschlug er ihr: seine -ernstesten Gedanken so gut wie seine alltglichen Beobachtungen, -seine Stimmungen, die schweren wie die -leichten, lud er vertrauensvoll bei ihr ab. Sie fhlte instinktiv, -wie diese schne Vertraulichkeit, so viel sie gab, -doch auch an der Kraft zehrte, mit der sie ihre wahre Gesinnung -fr ihn niederhielt. Wenn sie so stark bleiben -wollte, wie sie mute, war eine lngere Trennung das -beste Mittel. Sie wollte weggehen, ohne da er wute, -wohin, und ohne da er den Tag ihres Aufbruchs kannte. -Natrlich wrde er sie leicht finden knnen. Es gab auer -dem Zufall, da er nach der Sgemhle einen Ausflug<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[S. 148]</a></span> -machte, Mglichkeiten genug fr ihn, ihren Aufenthaltsort -schnell zu erforschen. Aber er sollte nicht aufgemuntert -sein. Vielleicht zrnte er ber ihr Verschwinden. Doch -ihr Gefhl lie sie nicht anders handeln. Es war freilich -kein so klares, einfaches Gefhl wie die, denen sie sonst -folgte. Ihre Neigung hatte trotz aller Vorsicht allerlei -uneingestandene Heimlichkeiten miteingesponnen. Die -Liebe macht nun einmal, mit oder ohne Willen, auch die -Starken schwcher, als sie sind. Nein, Perthes sollte nicht -aufgemuntert werden. Wenn er kommen wollte, mute -er es schon ganz von sich aus tun. Von sich aus ...</p> - -<p>So ereiferte sich denn Elli diesmal vergebens. Sie -stellte Marga vor, wie grausam, rcksichtslos, unfreundschaftlich, -ja geradezu unanstndig es sei, so zu handeln. -Aber Marga blieb fest. Elli mute sich fgen. —</p> - -<p>An einem Montagnachmittag, nachdem die Mbel -verdeckt, die Teppiche und Gardinen eingekampfert, alle -Rouleaus herabgelassen waren, so da Therese nur noch -abzuschlieen brauchte, setzten sich Marga und Elli mit -ihrem Handgepck in den Lokalzug und fuhren fluaufwrts, -zwei Haltestellen weit. Dann holte sie die Fhre -ber nach der Sgemhle.</p> - -<p>Der groe Koffer, eine sehenswrdige Hlichkeit -aus Vater Richthoffs Junggesellenzeit, stand schon in dem -blanken, behaglichen Zimmerchen mit den weien Tllvorhngen -und dem braungestrichenen Boden, zu dessen -offenen Fenstern der Buchenwald beinahe seine Zweige -hereinstreckte.</p> - -<p>Noch am Abend muten das Haus, der Garten und die -nhere Umgebung besichtigt werden, obwohl sie, lngst -bekannt, viele berraschungen nicht bieten konnten. Elli<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[S. 149]</a></span> -beschrieb Marga all die Herrlichkeiten haarklein — bis auf -die Enten und Gnse, ber die man stolperte.</p> - -<p>Das Abendbrot in einer Laube am Flu schmeckte -kniglich.</p> - -<p>Die paar Ausflgler, die noch verstreut im Wirtsgarten -saen, reckten verwundert die Hlse, so laut und -ansteckend lustig klang das Lachen zu ihnen herber.</p> - -<p>Am anderen Morgen begann das Faulenzerleben der -Sommerfrische, in seinen Einzelheiten entworfen und geleitet -von Elli. Erst anderthalb Stunden Frhstck mit -Massenvertilgung von Butter und Honig. Nicht zu spt, -aber auch ja nicht zu frh. Dann mit der Hngematte in -den Wald bis Mittag. Nach dem Essen in der Halle, einem -luftigen Holzbau mit groen, zum Teil bunten Glasfenstern -und einem Orchestrion, wurde geschlafen. Die anstrengende -Unttigkeit des Vormittags forderte das.</p> - -<p>Zum Kaffee setzte man sich in den Garten, an einen -versteckten Platz, zwischen hohe Haselbsche. Von dort -lieen sich die Menschen, die von der Stadt kamen, trefflich -mustern. Elli versah sie einzeln mit Etiketten, um sie -Marga anschaulich zu machen.</p> - -<p>Als etwa anderthalb Stunden so vergangen waren, -verstummte das Gesprch eine Weile.</p> - -<p>„Weit du,” legte dann Elli los, „ich hatte bestimmt erwartet, -da Wilkens kme. Er hat mir's nmlich versprochen.”</p> - -<p>„Heute schon? Gleich am zweiten Tag?” fragte -Marga, etwas erstaunt.</p> - -<p>„Sei du mal ganz ruhig, Margakind! Ich wei jemand, -dem es schon greulich leid ist, da er einen gewissen anderen -Jemand nicht doch, wie sich's gehrte, benachrichtigt hat!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[S. 150]</a></span> - -„Da irrst du dich, Kleinchen!” versicherte Marga -ernsthaft.</p> - -<p>„Na, wenn ich dein Doktor wre, ich wrde mich fr -so eine Freundschaft bedanken. Gott, wenn ich denke” — -Elli fdelte eine neue Farbe fr ihre Stickerei ein und sah -die Schwester dabei halb kritisch, halb schelmisch von -unten herauf an — „du mtest eine schrecklich biedere und -gestrenge Hausfrau abgeben, Marga!”</p> - -<p>„Schwatz' doch keinen Unsinn, Kind!” wehrte Marga, -leicht errtend.</p> - -<p>„Oh, Gedanken sind zollfrei!” fuhr Elli unbeirrt fort. -„Freilich, wenn du immer so sprde und tugendsam mit -deinen Verehrern bist wie in letzter Zeit mit Perthes, -hat's damit gute Weile.”</p> - -<p>„So sprich doch nicht so laut!” mahnte Marga. „Und -nenne wenigstens keine Namen! — Ich bin doch zu ihm -wie immer,” setzte sie nach einer Weile zgernd, fast -fragend hinzu. Hatte sie sich in jngster Zeit weniger frei -und natrlich gegeben, dann war nur der Stachel daran -schuld, der von der Aussprache mit Kthe in ihr zurckgeblieben -war ...</p> - -<p>Elli erriet ihre Gedanken. „Von Kthe htte ich mich -nun schon gar nicht ins Bockshorn jagen lassen,” sagte sie -berzeugt. „Abgesehen davon, da ihr Benehmen gegen -dich haarstrubend taktlos war, hat sie so altertmliche -und hausbackene Ansichten, da —” Elli stockte. Sie bog -einige Zweige des Gebsches auseinander. Dann fuhr -sie geruschvoll in ihrem Stuhl zurck. „Da haben wir -die Bescherung!” rief sie mit halblautem, aufgeregtem -Kichern.</p> - -<p>Ehe sich Marga nach dem Wesen dieser Bescherung<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[S. 151]</a></span> -erkundigen konnte, klang ein krftiges „Guten Abend, -die Damen!” zu dem versteckten Tisch.</p> - -<p>Im nchsten Augenblick schwenkten sich mit zeremoniellem -Gru zwei Hte.</p> - -<p>Perthes und Wilkens, in traulichem Verein, standen -im Bereich der Haselbsche.</p> - -<p>Elli tat riesig berrascht. „Nein, so was! Denk' mal, -Marga, Doktor Perthes und ein Herr Wilkens berrumpeln -uns hier gleich zu zweien! — Sie kommen natrlich -ganz zufllig?”</p> - -<p>„Natrlich — ganz zufllig!” schmunzelte Wilkens, -whrend man sich die Hnde schttelte.</p> - -<p>„Und da wir ‚gleich zu zweien‛ kommen, Frulein -Elli, wie Sie liebenswrdig hervorheben, ist erst recht zufllig,” -erklrte Perthes. „Wir kommen auch in sehr verschiedener -Sendung. Herr Doktor Wilkens —”</p> - -<p>„Pardon! Immer noch Wilkens!” warf Elli mit einem -vernichtenden Blick auf den flschlich Promovierten dazwischen.</p> - -<p>„Ehe ich mich weiter insultieren lasse, bitte ich Platz -nehmen zu drfen!” parierte Wilkens mit frhlichem -Gleichmut und nahm sich, ohne die Erlaubnis abzuwarten, -einen Stuhl. „Ich rate Ihnen dasselbe, Herr Doktor -Perthes, denn Sie wissen nicht, was die Damen noch fr -Liebenswrdigkeiten bereithalten. Ich habe die Erfahrung -gemacht —”</p> - -<p>„Ums Himmels willen!” unterbrach ihn Elli, sich die -Ohren zuhaltend. „Was der Mensch redet! Und dabei -ist man zur Erholung hier!”</p> - -<p>„Das Schweigen ist oft viel bedenklicher als das -Reden,” nahm Perthes das Wort, indem er sich Marga<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[S. 152]</a></span> -gegenbersetzte. „Ich meine nmlich das Schweigen -von Frulein Marga.”</p> - -<p>„Sie haben mich ja noch gar nicht zu Wort kommen -lassen!” verteidigte sich Marga.</p> - -<p>„Das hat noch gute Weile. Erst redet der Anklger, -dann der Angeklagte.”</p> - -<p>„Sie sind wohl inzwischen zur Juristerei bergegangen?” -fragte Elli naseweis.</p> - -<p>„Wollen wir uns nicht vorher ein Glas Bier kommen -lassen?” meinte Wilkens gemtlich zu seinem Nachbar.</p> - -<p>„Das knnen <em class="gesperrt">Sie</em>! Denn Sie sind hier gewissermaen -eingeladen,” gab Perthes zurck.</p> - -<p>„Eingeladen?” Elli schttelte entrstet ihren Blondkopf. -„Das mu ich mir schnstens verbitten. Herr Wilkens -hat von mir allerdings erfahren, wohin ich gehe. -Aber eingeladen habe ich ihn nicht! Davor werd' ich mich -hten!”</p> - -<p>„Weil er sowieso kommt,” ergnzte Wilkens, whrend -er dem in der Ferne vorbeistreifenden Kellner seine Bierwnsche -durch Zeichensprache deutlich machte.</p> - -<p>„Das tut Herr Doktor Perthes auch!” entfuhr es Elli -bermtig.</p> - -<p>„Oho! Dagegen lege ich Verwahrung ein!” protestierte -Perthes und schlug lebhaft mit der groen Hand, -die schon so sommersonnengebrunt war wie das ruberbrtige -Gesicht unter dem weien Panama, auf den Tisch. -„Also, Frulein Marga! Ich bin nur hier, um Rechenschaft -zu fordern. Wenn mir nicht Ihre Therese begegnet -wre, die auf dem Weg zum Bahnhof grend an mir -vorbeischnob, wte ich berhaupt nicht, wo Sie sind. -Herr Wilkens ist mein Zeuge, mit dem ich mich eine halbe<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[S. 153]</a></span> -Stunde spter auf der Landstrae traf. Man hat mich -bswillig hintergangen! Man hat mir kein Sterbenswrtchen -von dieser Sommerfrischenidee gesagt. Ist das -freundschaftlich?”</p> - -<p>Marga suchte vergeblich nach dem rechten Ton, um -auf den scherzhaft-temperamentvollen Angriff einzugehen.</p> - -<p>„Sagte ich es nicht? Dieses Schweigen ist Schuldbewutsein!” -triumphierte Perthes. „Wenn Sie sich -wenigstens auf einen Spa hinausreden wollten!”</p> - -<p>„Einen Spa?” kam es jetzt ehrlich, aber leise von -Margas Lippen. „Da mte ich Sie geradezu anschwindeln, -Herr Perthes!”</p> - -<p>„Sie wollen mir also einfach zeigen, da ich durchaus -nicht unentbehrlich bin, Frulein Marga,” sagte Perthes -nach einer kleinen Pause, aus dem heiteren Ton der -Philippika zu gedmpftem Ernst bergehend.</p> - -<p>„Vielleicht,” stammelte Marga zaghaft. Es kostete sie -eine schmerzliche berwindung, dieses vor der Vernunft -wahre, vor ihrem Herzen unwahre Wort hervorzubringen.</p> - -<p>„Sie vergaen dabei zu berlegen, ob Sie Ihrem -Freunde ebenso unentbehrlich sind,” erwiderte Perthes -knapp und mit einem Anflug von enttuschter Bitterkeit.</p> - -<p>Die Unterhaltung stockte.</p> - -<p>Elli ergriff die Gelegenheit, um Wilkens einen Gang -nach der „Menagerie” vorzuschlagen. Die Wirtsleute der -Sgemhle hatten im Wirtschaftshof ein paar Kaninchen, -einen Fuchs, allerhand Geflgel und vor allem ein -junges Rehzicklein, das Ellis besondere Gunst geno -und Wilkens gezeigt werden mute. Sie hatte nebenher -den Gedanken, die beiden, Marga und Perthes, wrden -sich allein schneller und besser „zusammenzanken”. So<span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[S. 154]</a></span> -pflegte das wenigstens immer bei ihr und Wilkens -zu sein.</p> - -<p>Diesmal irrte sie sich.</p> - -<p>Perthes verstand Margas Verhalten, das ihm pltzlich -und willkrlich verndert erscheinen mute, nicht. In den -letzten Wochen nach dem Bruch mit Hilde Knig und der -strmischen Freundschaftskrisis mit Marga hatte er sich -stetig gesnder gefhlt. Dies ungezwungene, vertrauensvolle -Beisammensein gab ihm Ruhe und Gleichgewicht. -Es strkte in ihm den Glauben an einen gewissen Wert -seiner Persnlichkeit. Lebenslust und Frohsinn kehrten -ihm zurck. Er gab sich im einzelnen keine Rechenschaft -ber die Fortschritte seiner Genesung. Nur da er seine -Dankbarkeit ohne Rckhalt zur Schau trug. Ohne es zu -wollen und zu beachten, bertrug er etwas von der Leidenschaftlichkeit, -die er in seine phantastische Neigung fr die -kleine Ufernixe gelegt hatte, auf seine Freundschaft. Ein -halber Mensch, wie er selbst sich so gern schalt, mute er -doch immer seine ganze, ungeteilte Person einsetzen, wenn -er, was freilich selten genug geschah, sich einem anderen -ber das Ma alltglichen Bekanntseins nherte. Und er -war dann im Fordern ebenso rcksichtslos, als er im Geben -unbedacht war.</p> - -<p>Wenn er gewut htte, wie seine letzten, verbittert -hervorgestoenen Worte auf Marga wirken muten! -Welchen Aufruhr sie in ihre Seele warfen!</p> - -<p>Was wollte er damit sagen? Wie tief ging dieser Vorwurf -ihm selbst? Ob er, unbewut, doch angefangen hatte, mehr -fr sie zu empfinden, als die Freundschaft schuldig war?</p> - -<p>Diese Gedanken wlzten sich qulend in Marga. Sie -weckten eben die Gefhle, die sie so tapfer niederhalten<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[S. 155]</a></span> -wollte und mute. Sie zehrten von neuem, strker und -gefhrlicher als je, an der Kraft, die zu bewahren — freilich -mit halben Mitteln — sie eine Trennung herbeizufhren -gesucht hatte.</p> - -<p>Eine dumpfe, wehvolle Angst arbeitete in ihr.</p> - -<p>Sie durfte ihn nicht zurckstoen. Und durfte doch -auch seine zunehmende Annherung nicht dulden! Wo -war die Grenze? Woher nahm sie Kraft, immer neue -Kraft, zu wollen, was sie nicht wollte; nicht zu wollen, -was sie wollte? Ihr Herz hatte auch sein Gesetz, auch Kraft -wider Kraft und bumte sich auf gegen die Zgel, die sie -ihm anlegte. Das trbte die klare Stille ihres Wesens. -Das nahm ihr ihre Unbefangenheit. Sie erschien klter, -gleichgltiger und verschlossener als sonst. Ihr Schweigen -und seine Verstimmung nhrten sich gegenseitig und machten -dies erste Alleinsein auf der Sgemhle fr beide hchst -unerquicklich.</p> - -<p>Perthes war nahe daran, sich zu verabschieden. Da -kamen Wilkens und Elli zurck und brachten den Vorschlag, -im Garten gemtlich Abendbrot zu essen.</p> - -<p>Man war da jetzt ganz unter sich. Die letzten Gste -vom Nachmittag waren im Aufbruch begriffen, und Elli -wartete gar nicht erst eine lange Erklrung von Marga -oder Doktor Perthes ab, sondern whlte einen Tisch -weiter vorn im Garten, freier und nher dem Flu, wo -sie fr vier Personen decken lie.</p> - -<p>Sie fand ihren Einfall riesig lustig und kommandierte -Wilkens und den Doktor abwechselnd fr ihre Dienste. -Perthes wollte nicht zurckbleiben. Im Gegenteil, er -berbot die anderen und sprang von seiner Verstimmung -ber zu lauter Ausgelassenheit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[S. 156]</a></span> - -Marga beteiligte sich an diesem Treiben nur widerstrebend, -um niemand die Freude zu verderben. Sie erriet, -was in Perthes vorging. Mit einer gewissen Absichtlichkeit -wollte er ihr zeigen, da er sich aus dem Vorhergegangenen -nichts mache.</p> - -<p>Dabei konnte er es nicht lassen, sie wieder und wieder -zu necken.</p> - -<p>„Obwohl Frulein Marga mich so schlecht behandelt!” -— „Trotzdem Frulein Marga gar keinen Wert auf meine -Gesellschaft legt!” Solche und hnliche Wendungen lie -er stndig mit einflieen. Ohne Bedacht, nur seiner inneren -Gereiztheit nachgebend, trieb er das Spiel jener Koketterie, -deren auch Mnner fhig sind. Er wollte Marga -zu irgendeiner uerung verlocken, mit der sie sich ins -Unrecht setzte und ihre Freude, da er doch gekommen -war, verriet. Sie sollte sich fr das „Verbrechen an der -Freundschaft”, das er ihr vorwarf, entschuldigen und -damit seiner Eigenliebe schmeicheln.</p> - -<p>Er erreichte von Marga nur ein Lcheln, das matt und -traurig aussah, weil sein Benehmen ihn vor ihr verkleinerte -und ihr an der Seele ri, wo sie am empfindlichsten war.</p> - -<p>Es war um diese Stunde kstlich im Garten am Flu. -Er lag vertrumt im dmmerigen Schatten der mchtigen -Linden und Ahornbume.</p> - -<p>Drauen zog still, vom Schein des roten Abendhimmels -berhaucht, Welle an Welle.</p> - -<p>Am jenseitigen Ufer, auf den Wiesenhngen, wurde -noch geheut. Der se Duft der Mahd flog ber den Flu. -Die feinen Rnder der Waldberge tauchten mit tausend -und abertausend scharfen Tannenspitzen in den letzten -Sonnenglanz.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[S. 157]</a></span> - -Die wundersame Ruhe des Abends rang gro und -beharrlich gegen die lrmende Lustigkeit des jugendlichen -Tisches im Garten.</p> - -<p>Ellis jubelndes Lachen, Wilkens' Jodler, die laute, -hastige Stimme von Perthes hielten vergebens dagegen. -Die lndliche Mahlzeit, bestehend aus zwei groen hochgebrunten -Eierkuchen, frisch gepflcktem Salat, Schwarzbrot -und Butter, war mit gewaltigem Beifall begrt -worden. Noch war sie nicht vertilgt, noch hatten Perthes -und Wilkens kaum um neue „Metkrge” geklappert, gelutet -und gerufen, als schon das feierliche Schweigen -ber das Laute seinen Sieg davontrug. Still und stiller, -wie drauen ber dem Flu und Wald, wurde es auch -drinnen im Garten. Und die kleinen, sanften Gerusche -des Abends, die nur ebensoviele Lockrufe der sieghaften -Stille sind, machten das Gesprch vollends verstummen: -der spte, hell anhebende und kurz abbrechende Triller -einer Lerche im Feld; das Pltschern eines Fischerkahns -im Wasser, der fluabwrts glitt; ein fernes, gedmpftes -Hundegebell aus dem nchsten Dorf.</p> - -<p>Elli war schnell fr das Lyrische gewonnen.</p> - -<p>Als Wilkens wieder an sein geleertes Glas klimperte, -flog ihm ein „Prosaischer Radaumacher!” an den runden, -wollig-blonden Kopf. Er wurde ganz klein und verdrehte -sentimental die so gar nicht melancholischen Augen.</p> - -<p>Perthes hatte zu rauchen begonnen. Er stie ein paar -Wolken von sich, blies Ringel von zartem Dunst und warf -die Zigarre hinaus auf den Flu.</p> - -<p>Marga sa in sich gekehrt neben ihm. Sie suchte sich -aus der Stille des Abends zur eigenen zurckzufinden.</p> - -<p>„Wir, Marga und ich, machen jetzt unseren Spaziergang<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[S. 158]</a></span> -ber die Wiesen, nicht wahr, Margakind?” erklrte -Elli pltzlich und stand auf. Marga nickte. Unbekmmert -um Perthes und Wilkens, Arm in Arm aneinandergeschmiegt, -traten sie aus dem Garten.</p> - -<p>„Wir sind jetzt wohl beurlaubt?” fragte Perthes den -mit ihm zurckbleibenden Wilkens.</p> - -<p>Wilkens schttelte den Kopf. „Nee, so lass' ich mich -nicht in den Sand setzen!” meinte er gleichmtig. „Im -brigen — Frulein Marga kenne ich so genau nicht, -aber Elli ist felsenfest berzeugt, da wir zwei hinterdreinschlendern. -Wetten, da —?” Er blinzelte den Doktor -mit der listigen Miene des erfahreneren Liebespraktikus an.</p> - -<p>„Da mache ich nicht mit!” versetzte Perthes bestimmt.</p> - -<p>„Meinen Sie, ich?” warf sich Wilkens in die Brust. -„Es dauert keine fnf Minuten, und die Mdels sind zurck; -sowie sie merken, da wir streiken.”</p> - -<p>Es dauerte aber zehn Minuten und lnger.</p> - -<p>Wilkens wurde unruhig. Er stand auf und ging ein -paarmal halb verlegen zum nchsten Tisch und wieder -zurck. Dann sah er verstohlen ber den niedrigen Lattenzaun -des Gartens weg, den Weg hinunter.</p> - -<p>„Schlendern wir 'n bichen auf eigene Faust?” fragte -er schon bedeutend kleinlauter zu Perthes zurck, der -sitzen geblieben war.</p> - -<p>Widerstrebend erhob sich dieser. Er war jetzt mit seiner -Geduld zu Ende.</p> - -<p>Die Rcksichtslosigkeit, mit der er von Marga behandelt -wurde, emprte ihn. Am liebsten wre er ohne Abschied -heimgegangen. Er war zum ersten- und letztenmal auf -der Sgemhle. Das war eine ausgemachte Sache. -Aber er wollte es ihr offen sagen. Sie hielt ja so viel von<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[S. 159]</a></span> -der Offenheit in der Freundschaft, wenn sie auch mit -ihrem heutigen Verhalten das Gegenteil bewies.</p> - -<p>Deshalb blieb er. Deshalb schlenderte er, unlustig genug, -mit Wilkens aus dem Garten in die angrenzenden -Wiesen, am Flu entlang. Er hatte den Hut vom Kopf -gerissen. Sein Gesicht hatte sich verfinstert. Der Unmut, -gleich wieder leidenschaftlich wie sein ganzes Temperament, -lag in tiefen Falten auf seiner Stirn und blickte -ihm aus den Augen. Er fuhr sich einmal ums andere durch -den schwarzen Haarbusch oder strich ber den krausen -Vollbart.</p> - -<p>Und dabei lag die Dmmerung so mild und vertrglich -ringsum.</p> - -<p>Das hohe Gras mit seinem Labkraut, seinen Schafgarben -und Kuckucksblumen berwucherte den schmalen -Weg, den „Leinpfad”, auf dem frher die Pferde an -strammer Leine die Lastkhne stromaufwrts geschleppt -hatten. Das Wasser in seinem tiefen, sthlernen Grau -rauschte und gluckste heimlich, als wollte es den sachten -Abendwind, den tuschelnden Geheimniskrmer, noch an -bedeutsamer Wissenschaft bertreffen. Und drben, -ber den Heuhocken, den silberreifen Kornckern, dem -Berg mit seinem schweren, dsteren Tannenmantel, lag -es wie feiner, rieselnder Taudunst. Auf all das achtete -Perthes nicht. Nicht einmal auf das gefhlvolle Summen -von Wilkens, mit dem dieser seinen zrtlichen Gefhlen -Ausdruck verlieh. Nur die eigene Verstimmung schien -ihm der Aufmerksamkeit wert.</p> - -<p>Und dann, als der Leinpfad, dem Flulauf folgend, -sich bog und von ein paar knorrigen Krppelweiden eingefangen -wurde, waren pltzlich Marga und Elli dicht<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[S. 160]</a></span> -vor ihnen. Sie kamen langsam und stumm den Weg -zurck.</p> - -<p>„Ist das auch eine Art, seine Damen ohne Schutz -in die Nacht hinauslaufen zu lassen?” rief Elli, die so ungewohnt -lange auf ihren Wilkens hatte warten mssen, -den beiden zrnend entgegen.</p> - -<p>„Bitte sehr!” entgegnete Wilkens, „die Damen sagten -uns ja gar nicht —”</p> - -<p>„Da sie Wert auf unsere Begleitung legten!” ergnzte -Perthes mit Schrfe.</p> - -<p>Elli hing sich statt jeder weiteren Antwort an Wilkens' -Arm.</p> - -<p>„Na, also!” schmunzelte Wilkens und fhrte sie wieder -fluaufwrts weiter.</p> - -<p>Marga stand vor Perthes.</p> - -<p>Unschlssig blieben sie sich einen Augenblick gegenber.</p> - -<p>Um keinen Preis htte Perthes das erste Wort gesprochen.</p> - -<p>„Wollen Sie mir Ihren Arm geben?” fragte endlich -Marga zaghaft. Ihre Stimme klang weich, bittend, wie -er sie den ganzen Nachmittag nicht gehrt hatte.</p> - -<p>Perthes tat sofort, wie sie ihn gebeten. Sie gingen -in der, Elli und Wilkens entgegengesetzten Richtung -nach der Sgemhle zu. Er hatte sie mit heftigen Vorwrfen -empfangen wollen. Aber jetzt, wie sie so an seiner -Seite schritt, fhlte er sich ruhiger werden. Es war ein -und dieselbe Wirkung ihres Wesens, die sich ihm immer -mitteilte, ob er wollte oder nicht.</p> - -<p>„Ich war drauf und dran, heimzugehen, ohne Sie noch -einmal gesprochen zu haben,” begann er mehr traurig -als zornig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[S. 161]</a></span> - -Marga sagte nichts. Ihr Kopf war tief vornbergebeugt, -als she sie auf den Weg.</p> - -<p>Elli hatte mit ihr geredet und ihr ihr Betragen vorgeworfen. -Sie wollte liebenswrdiger sein. Aber es war -schwer, so schwer! Irregemacht an ihrer Zurckhaltung, -die ihn krnkte, und doch sich bewut, da jeder Schritt, -den sie ihm weiter entgegenkam, sie schwcher und unglcklicher -machte, suchte sie umsonst den immer schmler werdenden -Weg zwischen ihrem Stolz und ihrer Pflicht auf -der einen, ihrer Liebe auf der anderen Seite.</p> - -<p>Perthes fhlte, wie ihre Hand, die zufllig die seine -streifte, kalt war und zitterte. Was war das? Er schaute -sie prfend an. Weinte sie denn? Es ging eine leise, -schtternde Bewegung durch ihren Krper, die ihm nicht -entgehen konnte; aber er sah keine Trne in ihren blicklosen -Augen, als er sich vorbeugte. Und doch hatten ihre -Zge den Ausdruck des Weinens, einen seltsamen, rhrenden, -ergreifenden Ausdruck verborgenen, inneren Weinens.</p> - -<p>„Was ist Ihnen denn, Frulein Marga? Warum -verstehen wir uns denn heute nicht? Warum sind Sie -so anders als sonst zu mir? Was haben Sie nur? Habe -ich irgend etwas verbrochen? Mifllt Ihnen etwas an -mir? So reden Sie doch nur! Sagen Sie, was es ist!” -Besorgt, dringend, beinahe verzweifelt stie er seine -Fragen hervor. Es war keine Spur von rger oder Bitterkeit -mehr in seinen Worten.</p> - -<p>„Ich habe nichts gegen Sie. Gar nichts!” Marga -schttelte energisch und abwehrend den Kopf. „Nur —” -setzte sie flsternd hinzu, „nur —” wiederholte sie noch einmal -kaum hrbar. Unfhig, sich auszusprechen, kehrte sie -ihr Gesicht von ihm ab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[S. 162]</a></span> - -„Nur?” Er lie sie los und stellte sich vor ihr auf den -Weg. Er zwang sie, zu ihm aufzusehen.</p> - -<p>Ihre leeren Augensterne hasteten scheu an ihm vorbei, -hinaus in die Weite. Als suchte sie die Nacht, die jetzt -immer dichter heranzog, um sich in ihr zu verstecken.</p> - -<p>Perthes nahm wieder ihren Arm. Willig lie sie sich -weiterfhren.</p> - -<p>Er war ratlos. Er verstand sie nicht. Wieder und -wieder betrachtete er sie von der Seite. Nichts Trotziges, -Eigensinniges war an ihr zu entdecken. Aber ihrem Antlitz -fehlte auch die Festigkeit, die Ruhe und Klarheit, die -sie sonst erfllte. Eher war es Angst, Schwche, Hingebung -— eine scheue, hilflose Mdchenhaftigkeit, wie er -sie so nie bei ihr wahrgenommen hatte. Das warme, mitleidsvolle -Gefhl, ihr helfen, sie schtzen zu wollen, regte -sich in ihm. Er htte sie an seine Brust ziehen mgen. -Nicht leidenschaftlich, sondern wie ein Bruder die Schwester. -Ihre Schulter streifte die seine. Noch einmal, lnger. -Sie schien sich an ihn zu lehnen. Er war nahe daran, -seiner zrtlichen Empfindung nachzugeben, aber im selben -Augenblick lie Marga ihn los.</p> - -<p>Sie ri sich zusammen, als ahnte sie die Bewegung, -die er machen wollte. Sie blieb stehen und warf die Arme -hinter sich. Der Wind lie das Haar um ihre Schlfen -flattern. Gewaltsam trat ein herber, entschlossener Zug -in ihr sonst weiches Gesicht. „Ich will Ihnen sagen, was -es ist,” prete sie hervor. „Es gibt Zeiten, in denen ich -einsam sein mu. Ganz einsam. Ich brauche dann all -meine Kraft nur fr mich allein. Und bin ungesellig und -unfreundlich wie jetzt. Vielleicht — vielleicht —” Sie -stockte. Dann kam es mit uerster Anstrengung: „Vielleicht<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[S. 163]</a></span> -wre es besser, Sie besuchten mich — in diesen Wochen -hier drauen — gar nicht. Deshalb habe ich Ihnen auch -nichts von der Sgemhle gesagt.”</p> - -<p>Perthes sah sie mit bestrzten Augen an. Er wute -nichts zu erwidern auf dies seltsame, unerwartete Gestndnis. -Auch keinen Zorn empfand er gegen sie, da sie -ihn so gewissermaen vor die Tr setzte. Nichts von Enttuschung, -von Zweifel an ihrer Freundschaft. Dazu -hatte er sie zu sehr achten gelernt. Und er achtete sie gerade -jetzt mehr als je, obwohl er ihr Reden weniger begriff als -ihr Schweigen am Nachmittag. Es ging eine Traurigkeit -von ihr aus, die auch ihn ergriff. ber die ganze Landschaft -schien sie sich auszubreiten — ber die dunklen -Wiesen, den schwarzen Flu, die finster starrenden Waldberge. -Und in dieser Traurigkeit schritten sie nebeneinander -weiter, ohne sich zu fhren, er links, sie rechts am -Weg. Er hatte vergessen, da sie blind war und er sie -fhren sollte. Und sie wollte fern von ihm sein, so fern -als mglich, und nicht gefhrt sein. So allein, wie sie es -ihr ganzes Leben htte sein sollen ...</p> - -<p>Ehe sie den Garten der Mhle erreicht hatten, wurden -sie von Elli und Wilkens eingeholt.</p> - -<p>Auch die waren stumm. Aber es war die Stummheit -des Glcks: die glnzte aus Ellis Augen und -glnzte als ein sattes, seliges Lcheln auf Wilkens' vollen -Lippen.</p> - -<p>An der Bschung vor dem Garten lag noch ein Kahn. -Der Schiffer, dem er gehrte, lungerte am Zaun. Er hatte -gehrt, da noch Fremde aus der Stadt da seien, und bot -nun hutrckend seine Dienste an. „Der Mond kommt!” -setzte er verheiungsvoll hinzu und deutete hinauf nach<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[S. 164]</a></span> -den Bergen. ber einer Waldkuppe im Osten war es hell -von weiem Licht.</p> - -<p>Wilkens wandte sich fragend zu Perthes.</p> - -<p>Der nickte zerstreut.</p> - -<p>Es gab einen schnellen Abschied von wenigen Worten. -Dann stiegen die beiden die Bschung hinunter und in -den Nachen.</p> - -<p>Marga und Elli traten hinaus auf die Landstrae. -Sie folgten eine Weile dem Boot, das sich fluabwrts -in die Mitte des Flusses hinberarbeitete. Die -Ruderschlge hallten dumpf und gleichmig zu ihnen -zurck. Der Kahn und seine Insassen waren in tiefem -Schatten.</p> - -<p>Dann stieg der Mond ber den Berg. Drauen, stadtwrts, -flimmerte der Flu in mattem, mrchenhaftem -Silber auf. Langsam breitete sich das Licht ber das -schlafende Tal.</p> - -<p>Das Boot war jetzt in der Strmung. Schneller scho -es davon und strebte aus dem Schatten, den die nahen -Berge warfen, ins rieselnde Silber da drauen. Elli -winkte mit dem Taschentuch. Marga setzte sich auf einen -der Prellsteine, die die Landstrae sumten.</p> - -<p>Erst als sie schon weit von der Mhle waren, schaute -Perthes zum erstenmal zurck.</p> - -<p>Jetzt lag auch die Strae wei im Schein des steigenden -Mondes.</p> - -<p>Und er meinte Marga zu erkennen, wie sie da sa, -die Hnde im Scho gefaltet, das Gesicht mit den -irrenden, suchenden Augen hinaus nach dem Wasser gerichtet.</p> - -<p>Und mit einem Mal zuckte es von der hellen, fernen<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[S. 165]</a></span> -Gestalt herber in seine Seele, geheimnisergrndend und -rtsellsend, klar wie das wei flirrende Mondlicht: sie -liebte ihn. Jetzt verstand er sie. Marga liebte ihn ...</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c7" id="c7">7</a></h2> - - -<p>„Dieser Perthes hat doch ein Schwein, nicht zu glauben! -Finden Sie nicht auch, Herr Professor?”</p> - -<p>„Na ja — wie man's nimmt. Exzellenz scheint ihm -sehr gewogen zu sein.”</p> - -<p>„Und dabei hat dieser sonderbare Heilige akkurat -immer das Gegenteil von dem getan, was ihn bei Hupfeld -in gute Meinung bringen konnte! Ich sagte ihm seinerzeit: -‚Wenn Sie hier was erreichen wollen, mssen Sie -Exzellenz Ihre Aufwartung machen.‛ Was gibt er zur -Antwort? ‚Ich besuche, wen ich will.‛ Ich fhre ihn in -unseren Sportklub ein. Alice Hupfeld sagt ihm: ‚Sie -mssen uns mal besuchen, Doktor! Papa hat von Ihnen -durch Rehbach in Bonn gehrt. Er interessiert sich fr -Sie.‛ Perthes nickt mit dem Kopf und — bleibt weg. -Denkt nicht daran, zu Hupfelds zu gehen. Was geschieht? -Drei Wochen spter lt ihn der Geheime Rat hflich -zu einer Besprechung in die Chirurgische bitten! Mir -steht der Verstand still.”</p> - -<p>„Warten wir ab! Perthes ist begabt. Ohne Zweifel. -Hat auch Glck. Aber ein unsicherer Kantonist. Er hat -keinen Ehrgeiz, so wenig wie ich. Doch — <span class="antiqua">chi lo sa</span>? Vielleicht -ist er Heiratspolitiker!”</p> - -<p>Diese freimtige Unterhaltung wurde im Bakteriologischen -Institut zwischen Professor Hammann, dem<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[S. 166]</a></span> -Chef, und dem ersten Assistenten Doktor Markwaldt whrend -der Frhstckspause gefhrt.</p> - -<p>Hammann sa mit bergeschlagenen Beinen in einem -fr ein Laboratorium reichlich behaglichen Ruhesessel. -Die paar Kaviarbrtchen, die ihm der Diener mit einem -Glas Sherry jeden Vormittag um elf Uhr prsentierte, -waren verzehrt. Er hatte den goldenen Kneifer abgenommen, -wischte sich apathisch die kurzsichtig-blden -Augen und rieb den Kopf mit dem millimeterkurz geschorenen, -grauschwarzen Haar am Sesselrcken.</p> - -<p>Markwaldt lehnte an einem der Tische und kaute an -seiner Butterstulle. Nach dem bedeutungsvollen Wort -„Heiratspolitiker” hielt er es fr geraten, die Unterhaltung -vorsichtiger zu fhren. Der Chef schien da auf Frulein -Exzellenz anzuspielen. Das war eine heikle Sache, denn -man munkelte, da zwischen ihm selbst und Alice vor einigen -Jahren irgend ein zartes Verhltnis bestanden haben -sollte. Genaues wute niemand. War es nur eine flchtige -Courmacherei gewesen, wie die einen behaupteten, oder -war es, wie andere mutmaten, bis zu einer Art Verlobung -gekommen — etwas hatte gespielt, so viel war -gewi. Dabei standen die beiden nach wie vor im Sportklub -auf dem freundschaftlichsten Fue. Daran erinnerte -sich Markwaldt, whrend er seine Stulle mit bemerkenswertem -Appetit zerkaute. Ob sich mal ohne Gefahr auf -den Zahn fhlen lie?</p> - -<p>„Heiratspolitiker?” wiederholte Markwaldt nach einer -Weile nachdenklich. „Das traue ich Perthes erst recht nicht -zu. Erstlich ist er, wie ich ihn kenne, berhaupt kein Politiker. -Und zweitens wte ich auch nicht, wem die Politik -gelten sollte,” ergnzte er sich unschuldig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[S. 167]</a></span> - -„Na — Sie sagen doch selbst, da Frulein Exzellenz -ihn zum Besuchmachen aufgefordert habe,” lie sich -Hammann ghnend vernehmen.</p> - -<p>„Ach, deswegen! Sie glauben doch nicht —”</p> - -<p>„Glauben? — Ich glaube gar nichts, das heit — -von den Frauen glaube ich alles und gar nichts!” Hammann -beschftigte sich jetzt damit, mit den Fingerspitzen -die paar Brosamen von den tadellosen, hellgrauen Beinkleidern -wegzuschnellen.</p> - -<p>„Nein, nein! Da kann ich Sie vollkommen beruhigen, -Herr Professor!”</p> - -<p>„Mich beruhigen? Was heit das?” fragte Hammann -etwas lebhafter, whrend er sich im Sessel halb aufrichtete, -den Kneifer auf die Nase drckte und nun seinerseits den -Sprecher mit einigem Mitrauen ansah.</p> - -<p>Markwaldt merkte, da er — freilich nicht ganz zufllig -— eine unvorsichtige Wendung gebraucht hatte, -und beeilte sich, kein Miverstndnis aufkommen zu lassen. -„Wie ich hre,” erklrte er mit geheimnisvoller Wichtigkeit, -„soll Perthes einer von den Richthoffstchtern den Hof -machen.”</p> - -<p>„Richthoff? Richthoff — wer ist das?” Hammann -besah sich gelangweilt seine eleganten Fingerngel. Er -kannte kaum die Professoren seiner eigenen Fakultt, -geschweige denn die der anderen.</p> - -<p>„Richthoff ist, soviel ich wei, Ordinarius fr alte Geschichte -oder einen hnlichen Klumpatsch,” erluterte -Markwaldt.</p> - -<p>„Ach sooo ...”</p> - -<p>„Es sind, glaube ich, drei oder vier Mdels. So die -richtigen philosophischen Putchen —”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[S. 168]</a></span> - -„Na — denn man zu!” Hammann erhob sich. Die -Sache interessierte ihn nicht lnger. Er reckte seine schlanke, -muskulse Figur, die Figur des wohltrainierten Vierzigers, -die im Gegensatz zu Markwaldts dicker, praller Stutzererscheinung -weltmnnisch-elegant im Sportjackett sa. -Er ging nach seinem Arbeitskabinett nebenan. „Hrten -Sie brigens schon etwas von den Badener Rennen? -Wann — wie — was?” fragte er unter der Tr, den Kopf -zurckwendend.</p> - -<p>„Noch nicht eine Silbe!” versicherte Markwaldt diensteifrig, -whrend er vom Tisch mit plumper Grazie auf den -Boden hpfte.</p> - -<p>Professor Hammann zog die farblosen Brauen ber -den grauen Augen in die Hhe, tippte den ebenso farblosen, -kurzen Schnurrbart mit den Fingerspitzen und verschwand. -Er zog die Tr hinter sich zu, um vllig ungestrt sein -Berliner Sportblatt zu lesen. So lange konnte die Arbeit -ruhig noch warten.</p> - -<p>Markwaldt, sich selbst berlassen, machte sich pomadig -an sein Prparat.</p> - -<p>Mit Neugier erwartete er die Rckkehr seines Kollegen -Perthes. Es dauerte bis gegen zwlf, ehe der Erwartete -kam und nach kurzem Gru, als wre nichts vorgefallen, -an sein Mikroskop ging.</p> - -<p>„Wie hat Ihnen denn das groe Tier gefallen? Erzhlen -Sie!” konnte sich Markwaldt nicht enthalten, ihn -aufzumuntern.</p> - -<p>„Sehr liebenswrdig,” erwiderte Perthes einsilbig. -Er schien nicht die mindeste Lust zu irgendwelchen Mitteilungen -zu haben.</p> - -<p>„Was hat er denn von Ihnen gewollt?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[S. 169]</a></span> - -„Allerhand.”</p> - -<p>Markwaldt lie sich durch die zugeknpfte Art von -Perthes nicht abschrecken. Und sollte er so viele Fragen -tun mssen, als drauen vor dem Fenster an den langweiligen -Hornstruchern Bltter waren. „Will er Sie -vielleicht zu seinem Assistenten machen?” forschte er unentwegt, -mit einer boshaften Betonung, die der ausweichenden -Geheimnistuerei seines Kollegen galt.</p> - -<p>„Und wenn er das wollte?” gab Perthes gleichgltig -zurck.</p> - -<p>Markwaldt hielt mit der Arbeit ein und stemmte die -kurzen, massigen Arme in die Hften. „Anzukohlen brauchen -Sie mich aber nicht gerade, Perthes!” sagte er ganz entrstet. -Er hatte die Frage nur aus Ulk gestellt, und der Gedanke, -da davon auch nur ein Wort wahr sein knnte, -verursachte ihm Kongestionen.</p> - -<p>„Fllt mir nicht ein, Sie anzukohlen, Doktor Markwaldt. -Hupfeld hat mir in der Tat eine Assistentenstelle -an der Chirurgischen Klinik angeboten.”</p> - -<p>„Ja — aber — nu — nu — nu, sagen Sie mal!” -Markwaldt kam aufgeregt zu ihm heran und fuchtelte mit -den Hnden. „Das ist ja Mumpitz! Das verbitte ich mir! -Sie sind ja Bakteriologe! Sie —”</p> - -<p>„Wenn Sie's durchaus wissen wollen, wie die Sache -kam — nichts ist einfacher!” erklrte Perthes, ohne von -seinem Mikroskop aufzusehen. „Vor einigen Wochen -hatte ich die Bazillenschnffelei so satt, da ich in einem -Anfall von Mimut an Professor Rehbach in Bonn schrieb, -ich htte Lust, wieder zur Chirurgie zurckzukehren. Ob -er etwas fr mich wte. Irgendeine Assistentenstelle. -Ich hatte bei ihm doktoriert, und wir verstanden uns<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[S. 170]</a></span> -immer leidlich. Inzwischen hatte ich die Geschichte wieder -so gut wie vergessen. Heute sagte mir auf einmal Hupfeld, -sein Schler Rehbach, bei dem er wegen eines Assistenten -angefragt, htte mich empfohlen. Ob ich Lust -htte. — Fertig ist die Laube, wrden Sie sagen! Das ist -alles.”</p> - -<p>„Menschenskind! Alles! Alles, sagen Sie! Als knnte -es was Selbstverstndlicheres nicht geben!” zeterte Markwaldt. -„Sie sind der blasierteste Fasan oder das neugeborenste -Lamm, das mir je vorgekommen ist!” Er drehte -sich auf dem Absatz rund herum und klatschte sich auf den -Schenkel. „Wissen Sie denn nicht, da Hupfelds Assistenten, -wenn sie nicht geradezu Hornochsen sind, gemachte -Leute sind?”</p> - -<p>„Sie sind sehr freigebig mit Ihren zoologischen Kenntnissen, -Kollege!” Perthes streifte ihn ber sein Instrument -weg mit einem spttischen Blick.</p> - -<p>„Sind Sie denn der Exzellenz nicht schlankweg um den -Hals gefallen? Oder haben ihr die berhmte Hand vor -Rhrung abgequetscht? Oder —”</p> - -<p>„Sieht mir das hnlich?”</p> - -<p>„Nee, nee, hnlich sieht Ihnen das freilich nicht. hnlich -sieht Ihnen, da Sie sagten: ‚Sehr nett von Ihnen, -Herr Hupfeld! Ich hab' das nicht anders erwartet!‛ -Vielleicht haben Sie dem alten Herrn auch auf die Schulter -geklopft, was? Und dann erklrten Sie wohlwollend oder -zimperlich, so wie 'ne hhere Tochter, die mit Mama'n -sprechen mu: ‚Ich werde mir's mal berlegen‛! — Hab' -ich recht?”</p> - -<p>Jetzt mute Perthes wider Willen lachen. Die bissige -und doch zugleich gutmtige Aufregung Markwaldts<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[S. 171]</a></span> -belustigte ihn. „Ganz so war's ja nicht. Aber Bedenkzeit -mute ich mir allerdings ausbitten.”</p> - -<p>„Wut' ich 's doch! Ihnen mssen die Tauben nicht -blo gebraten, sondern auch gleich hbsch tranchiert in den -Mund fliegen! Ich sage Ihnen, ich” — Markwaldt stellte -sich breitbeinig in Positur und klopfte sich auf die Brust —: -„Wenn Sie Glckspilz da nicht mit beiden Hnden zugreifen, -sind Sie — nee, die Zoologie ist dafr zu gut! -— sind Sie reif fr 'ne andere Klinik! Fr die da drben -— am Wasser, wissen Sie — fr die psychiatrische. Aber -nicht als Assistent, sondern in die Isolierzelle! <span class="antiqua">Dixi!</span>” -Damit schritt er heftig zurck an seinen Platz und prparierte -seine Mauslungen.</p> - -<p>Perthes dachte nicht ganz so gleichgltig von Exzellenz -Hupfelds Anerbieten, wie es den Anschein hatte. Wenn er -auch bei dem hufigen Wechsel, zu dem ihn seine innere -Unrast innerhalb der Wissenschaft schon getrieben hatte, -einer neuen Wendung skeptischer gegenberstand als ein -anderer und ihm Fragen des ueren Erfolgs unbedeutender -erschienen als die jener inneren Befriedigung, -nach der er sich bisher umsonst abgehastet, so bedeutete -doch der Vorschlag des berhmten Hupfeld, in seinen Assistentenstab -zu treten, einen Fortschritt, so verlockend und -aussichtsreich, wie er sich nur wnschen lie. Er war weder -der blasierteste Fasan noch das neugeborenste Lamm, -zwischen denen ihm Markwaldt die Wahl lie. Kam es -darauf an, so konnte er sich freuen, so gut wie irgendeiner. -Vielleicht toller als irgendeiner. Nur durften dann nicht -so widerspruchsvolle Gedanken und Empfindungen sein -Inneres beschftigen wie gerade in den letzten Tagen.</p> - -<p>Seit sich ihm Margas Geheimnis auf der nchtlichen,<span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[S. 172]</a></span> -mondbeschienenen Heimfahrt von der Sgemhle enthllt -hatte, hatte er keine ruhige Minute mehr. Es war nicht -wie vor einigen Wochen jenes leidenschaftliche Toben und -Sichverlieren, das ihn in allen Hllen und Himmeln umherwarf. -Im Gegenteil, er war besonnener als je und hatte -sich zur mitleidslosesten Objektivitt gezwungen, deren er -fhig war. Am Tag nach jener letzten Begegnung rsonierte -er einfach und nchtern: Sie liebt dich. Liebst du -sie? Was er bei strenger Untersuchung in sich fand, war: -unbegrenzte Achtung, ein warmes, wohltemperiertes -Freundschaftsgefhl, wie er es nie fr einen Menschen -empfunden, und tiefes Mitleid. Aber Liebe? Erdbewegende, -himmelstrmende Liebe, wie er sie sich vorstellte -und ersehnte, fand er nicht. Keine Beschleunigung seines -Pulses, kein heier, wirbliger Kopf, der nur einen Gegenstand -denken und fassen konnte, keine Sehnsucht seiner -Sinne, diesen Gegenstand im Arm zu halten, zu besitzen. -Er liebte also Marga nicht. Folglich gab es fr ihn als -Mann von Ehre und Takt nur eine Mglichkeit: er mute -sie meiden, wie sie ihn ja selbst gebeten hatte. Strengste -Zurckhaltung mute er sich auferlegen, um sie nicht -durch ein weiteres Entgegenkommen noch unglcklicher -zu machen. Er hatte schon gerade genug gesndigt. Nun, -da er von ihrer Liebe wute, erklrte sich ihm so vieles: -ihr Versagen, als er sie wegen seiner Liebelei mit Hilde -Knig um Rat fragte; ihr Schweigen ber den Umzug -nach der Mhle; ihr ganzes Verhalten bei seinem Besuch -da drauen, von dem ngstlichen, abweisenden Empfang -bis zu der gewaltsamen Bitte, sie dort allein zu lassen. -Wie mute er sie geqult haben! Wenn es sein mute, -wollte er diese Freundschaft lieber opfern, als ein zweideutiges<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[S. 173]</a></span> -Spiel treiben, das mit Margas Verzweiflung -endigen mute.</p> - -<p>Am Tag danach rsonierte Perthes nicht minder eindringlich.</p> - -<p>Er stellte von neuem Achtung, Herzlichkeit, Mitleid -bei sich fest, aber keine Liebe. Was war eigentlich Liebe? -Gab es denn die Liebe, die er sich zusammenidealisierte? -Er wollte sehr grndlich zu Werk gehen. War diese -„Liebe” nicht ein sehr unklares Gemenge, das zwei sehr -verschiedene Bestandteile zu verbinden strebte? Wenn er -dies Phantasieprodukt recht unter die Lupe nahm, fiel es -auseinander in Leidenschaft und in eine seelische Unbekannte, -die er einstweilen mit <span class="antiqua">x</span> bezeichnete. Weiter kam -er fr diesmal nicht. Dagegen ertappte er sich des ftern, -wie er in Gedanken Ausflge nach der Sgemhle machte -und sich ausmalte, was Marga jetzt tun und denken mochte. -Ob und wie sehr sie unter seinem Ausbleiben litt. Vielleicht -war es doch nicht richtig, ihr nicht wenigstens eine -Zeile zu schicken, die ihr darlegte, wie er die Sache ansehe.</p> - -<p>Der nchste Tag — es war der gestrige — lie ihn mit -dem Gefhl einer groen, schmerzlichen Leere aufwachen.</p> - -<p>Kein Wunder, da er als gewissenhafter Selbstschauer -ber diese Leere Rechenschaft verlangte. Was fehlte ihm? -Was oder wen vermite er? Ohne Zweifel den Umgang -mit Marga. Oder Marga selbst. Er entbehrte eine angenehme -Gewohnheit. Seine Gefhle fr Marga waren -dieselben wie vorher. Oder doch nicht ganz? Wo war -er doch stehen geblieben? Liebe = Leidenschaft + <span class="antiqua">x</span>. -Besser: <span class="antiqua">x</span> + Leidenschaft. Die Leidenschaft war sicher das -Nebenschliche, das Zweite, das Untergeordnete. Aber <span class="antiqua">x</span>? -War die groe Unbekannte vielleicht Achtung + Herzlichkeit<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[S. 174]</a></span> -+ Mitleid, eben jene Summe, in der sich die Freundschaft -darstellte? Perthes mitraute dieser Gleichsetzung. -Sie befriedigte ihn nicht. Gewi nicht. Nicht annhernd. -Sie mute falsch sein. Mit Gewalt hielt er sich jeden Gedanken -an die Mhle und Marga fern.</p> - -<p>Und heute?</p> - -<p>Es war Freitag. War er mit dem linken Fu aus dem -Bett gestiegen? Er war unzufrieden mit seiner ganzen -bisherigen, so peinlichen Analyse, mit der Methode berhaupt.</p> - -<p>Was wollte er eigentlich? Das Unmgliche! Das lag -so in seiner verhngnisvollen Natur; er wollte, was er -nicht brauchen konnte, und wollte nicht, was er brauchte. -Es gengte ihm offenbar nicht, da er sich mit seiner -albernen Schwrmerei fr Hilde Knig und deren klglichen -Nachkrmpfen vor sich selber unsterblich blamiert -hatte! Wo hinaus wollte er mit dem den Spintisieren -der letzten Tage? Es war doch vollkommen gleichgltig, -was „Liebe an sich” war. Es handelte sich um das, was er als -Liebe brauchte. Fr sein Glck. Sein Wille hatte da das -entscheidende Wort zu sagen. Hatte er sich je reicher, harmonischer, -mehr als er selbst empfunden als in dieser -Freundschaft? Er mute an ein Gesprch denken, das er -einst mit Marga gehabt. Sie hatte davon gesprochen, -da es viel weniger auf die Meinungen ankomme, die -man sich von den Dingen im allgemeinen mache, als auf -das, was man aus sich selber mache. Er hatte ihr entgegengehalten: -„Was aber dann, wenn man bald so ist, -bald so? Wenn man die bekannten ‚zwei Seelen‛ in der -Brust hat?” — „Dann kommt es eben darauf an, durch -welche von beiden man glcklicher, man mehr ‚man selber‛<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[S. 175]</a></span> -ist. Wenn man das erst wei, braucht man blo zu wollen!” -Begriff er jetzt, was er damals nicht begreifen konnte? -Wollte er begreifen? Er war am Wendepunkt seines -Lebens. Es galt, sich zu entscheiden. Vor ihm lag eine -Wirklichkeit: nicht freilich die Vollkommenheit, das Unmgliche -und berschwengliche, wohl aber Schnheit, -Harmonie, die groe Stille, die er ersehnte. Wenn er ein -Mann war, brauchte er nur zu wollen. Die Wirklichkeit -zu ergreifen und sich zuzurufen: Das ist die Liebe! Meine -Liebe! Ich setze sie gleich der Unbekannten, und damit -ist sie's! So will ich's! ...</p> - -<p>So weit war Perthes' berlegung gediehen, als er -am Morgen ins Institut kam.</p> - -<p>Dann rief ihn ein Diener von der Chirurgischen Klinik -zu der unerwarteten Konferenz mit Hupfeld.</p> - -<p>Unter dem ersten Eindruck des lockenden Antrags -hatte er von dort den Weg nach der Strae am Wenzelsberg -eingeschlagen. Er war so gewohnt, alles mit Marga -zu besprechen, da er fr den Augenblick ihr Fernsein -vllig vergessen hatte. Erst unterwegs fiel es ihm ein.</p> - -<p>Ganz niedergeschlagen machte er kehrt und ging ins -Bakteriologische Institut zurck.</p> - -<p>Aber es wollte mit der Arbeit heute nicht vorwrts.</p> - -<p>Er hatte in den letzten Tagen zu viel Seelenmikroskopie -getrieben, um an der prosaischeren der Gewebezellen Geschmack -zu finden. Es litt ihn nicht am Untersuchungstisch, -und ehe Markwaldt das ihm unertrgliche Schweigen -des Kollegen durch einen neuen Ausfall brechen konnte, -war dieser davongelaufen.</p> - -<p>Er bummelte nach der Stadt.</p> - -<p>Nach all der vorsichtigen und gewissenhaften berlegung,<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[S. 176]</a></span> -mit der er seine Gefhle zu zerfasern begonnen -hatte, war er jetzt auf dem Punkt angelangt, wo sein -Temperament sein Recht verlangte. Der Ansto, den Hupfelds -Anerbieten ihm gab, gengte gerade, um ihn den -Sprung tun zu lassen, auf den die vermeintlich so objektiven -Grbeleien der letzten Tage ihn unaufhaltsam -zudrngten. Und es war ein Sprung. Vor ein paar -Wochen war er fr Hilde Knig Feuer und Flamme gewesen, -fr die leichte, poetische uerlichkeit, den „Falter”, -den er, das schwerfllige „Kriechtier”, brauchte um jeden -Preis! Und jetzt war es die tiefe, versonnene Innerlichkeit, -die von allem uerlichen abgekehrte, schlichte, anspruchslos-ernste -Marga, die ihm unentbehrlich war wie keine -andere! In der krzesten Spanne Zeit hatte sich seine -Natur von einem Extrem ins andere geworfen. Aber -so sah er, Perthes, das, was sich vorbereitete, nicht an. -Er sah, im Schein seiner ehrlichen Selbstprfung, eine -grndliche, sein ganzes Wesen wandelnde Entwicklung. -Und als er sich jetzt einen Ruck gab und entschlossen auf -das Postgebude zuging, wunderte er sich ber die Ewigkeit, -die es gedauert, ehe sein Entschlu gereift war. Er trat -ein und lie sich am Schalter einen Kartenbrief geben. -Mit fliegender Schrift warf er die Zeilen darauf:</p> - -<p>Bitte dringend um eine Unterredung. Komme gegen -fnf auf die Sgemhle.</p> - -<p class="center"> -Herzlich Ihr</p> - -<p class="right">Max Perthes. -</p> - -<p>Als er fertig war, fiel ihm ein, da der Brief sie -nicht rechtzeitig erreichen knnte. Nicht einmal als Eilbrief. -Sollte er telegraphieren? Marga konnte erschrecken.<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[S. 177]</a></span> -Er lief von der Post nach dem Bahnhof. Dort ergatterte -er einen grnen Radler. Der mute die Botschaft geradeswegs -und so schnell wie mglich nach der Mhle bringen. -Perthes war nicht eher beruhigt, als bis der junge Mann -mit seinem grnen Kppi um die nchste Ecke geflitzt war. -Es war schon viel zu viel Zeit versumt, viel zu viel.</p> - -<p>Sich die Stunden bis zur eigenen Fahrt nach der -Mhle zu vertreiben, kostete ihn eine unglaubliche Anstrengung.</p> - -<p>Er nahm sich vor, sein Mittagessen im Caf Wagner -lnger auszudehnen als sonst. Die Folge war, da er eine -Viertelstunde eher fertig war, als gewhnlich. Dann -wollte er in seiner Behausung mindestens eine Stunde -schlafen. Noch keine halbe Stunde war vergangen, so -sprang er von seinem Schaukelstuhl auf und streckte den -Kopf zum Fenster hinaus. Es war ein bedeckter, aber angenehmer -Sommertag. Es lohnte sich immerhin, zu Fu -nach der Mhle zu gehen. Nein! Das dehnte sich so widerlich -lang. Also mit dem Lokalzug. Aber da mute er noch -anderthalb Stunden warten. Genau so war's mit dem -Vergngungsdampfer. Und der blieb berdies mit Vorliebe -in der starken Strmung hinter der Brcke, dem sogenannten -„Teufelswirbel”, stecken. An einen Nachen -war erst recht nicht zu denken. Das Rudern dauerte gegen -den Strom eine halbe Ewigkeit. Blieb — das Rad. Das -war nicht mehr recht fair, aber praktisch. Er entsann sich -eines medizinischen Kollegen von der Augenklinik, der ihm -ein Fahrrad pumpen konnte. Obwohl es noch nicht drei -Uhr war, machte er sich zu diesem Bekannten auf den Weg. -Natrlich war der noch bei Tisch. Aber das Rad war da, -und nach einer Bestellung seines Namens durch die Hauswirtin<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[S. 178]</a></span> -konnte er riskieren, es zu nehmen. Jedenfalls nahm -er es. Da er so von allen ihm zu Gebote stehenden Fuhrwerken -— Autodroschken ungerechnet — das geschwindeste -gewhlt, war der reine Zufall. Wenn er zufuhr, konnte er -in zwanzig Minuten auf der Sgemhle sein. Und er -fuhr zu.</p> - -<p>Er sah nicht rechts noch links. Er wre um halb vier -Uhr an Ort und Stelle gewesen, wenn er nicht ganz unerwartet -von einer Stimme hinter sich angerufen worden -wre.</p> - -<p>„Holla, Doktor! Sie sind wohl Rennfahrer, was?” -klang es ihm boshaft nach.</p> - -<p>Verdutzt drehte er sich um. Er hatte gar nicht bemerkt, -da er an einer gleichfalls radelnden jungen Dame vorbeigesaust -war.</p> - -<p>An der Stimme hatte er Frulein Hupfeld erkannt.</p> - -<p>Wenn er nicht schon zurckgeschaut, und wenn es sich -nicht um die Tochter seines prsumtiven Chefs gehandelt -htte — er wre schlankweg weitergefahren. So machte -er eine Volte und wartete, bis Frulein Exzellenz in sehr -gehaltenem Tempo sich nherte. Sie sah schick aus in dem -leichten, lichtbraunen Kostm mit der gleichfarbenen Mtze, -die ein heller, bauschiger Autoschal mit flotter Schleife -unter dem Kinn festhielt. Die kecke Stupsnase und ein -paar seltsam flackernde, graubraune, intensive Augen -blickten aus dem flatternden Musselin hervor. Frei und -ungezwungen, nur die eine Hand am Griff der Lenkstange, -sa sie auf dem Rad. Die lnglichen, schmalen -Fe in braunen Lackhalbschuhen regierten spielend die -Pedale.</p> - -<p>„Sie sind also auch noch so stillos, zu radeln?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[S. 179]</a></span> - -„Ich bin immer mein eigener Stil,” gab Perthes mit -hochtrabender Krze zurck.</p> - -<p>„Hbsch. Das knnte beinahe <span class="antiqua">ich</span> gesagt haben!” -Alice war jetzt neben ihm. „Wissen Sie, das wievielte Mal -es ist, da Sie mich nicht gren, Doktor Perthes?”</p> - -<p>„Nein, gndiges Frulein. Jedenfalls bedaure ich —”</p> - -<p>„Das erstemal vor einigen Wochen. Da rannten Sie -mit einem Armvoll Rosen an mir vorbei, als htten Sie -mich noch nie gekannt.” Sie reichte ihm mit handkuheischender, -ungezwungener Bewegung die Hand von -Rad zu Rad, whrend sie ihn mit einem herausfordernden -Blick von Kopf zu Fu oder vielmehr, wie dies ihre Gewohnheit -war, von Fu zu Kopf musterte.</p> - -<p>Perthes begngte sich mit einem flchtigen Hndedruck. -Nichts kam ihm ungelegener als dies Zusammentreffen, -und er gab sich keine Mhe, sein Mibehagen zu verbergen.</p> - -<p>Alice, die seinen Widerstand sofort heraus hatte, fuhr -noch langsamer und zwang ihn, mit ihr gleiches Tempo -zu halten.</p> - -<p>„Das zweitemal, wo Sie mich schnitten,” fuhr sie mit -gemchlicher Harmlosigkeit fort, „gingen Sie mit einem -blonden Herrn, der ungemein jovial und lustig aussah, -im Geschwindschritt ber die Brcke nach der Altstadt. -Papa und ich fuhren im Automobil an Ihnen vorbei. -Das war vor fnf, sechs Tagen.”</p> - -<p>„Aber Sie fhren ja geradezu Buch ber meine -Unterlassungssnden!”</p> - -<p>„Das drittemal heute, Doktor. Ist das etwa Absicht — -Herr Perthes?” Sie sah ihn nicht an, aber rundete auf -eine malizise Art ihre spitzbbischen Lippen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[S. 180]</a></span> - -„Gndiges Frulein,” wehrte sich Perthes, „ich bitte -tausendmal um Vergebung! Ich bin vllig unschuldig! -Denn —”</p> - -<p>„Na — ob Sie so sehr unschuldig sind,” bemerkte Alice -mit einem vieldeutigen Seitenblick, „ist 'ne Frage fr sich! -Wo wollen Sie denn eigentlich hin?”</p> - -<p>„Ich fahre spazieren,” erwiderte Perthes hastig.</p> - -<p>„Spazieren?” wiederholte sie unglubig-gedehnt. „Das -trifft sich ja famos. Ich fahre nach dem Stift. Wir wohnen -jetzt ein paar Wochen drauen. So ab und zu wohnt -sich's ganz nett in dem alten Rumpelkasten. Sie kennen -doch Stift Nieburg?”</p> - -<p>„Vom Vorbeigehen — natrlich.” Das Stift lag -einige hundert Schritte von der Sgemhle entfernt auf -halber Bergeshhe; ein schloartiges Gebude aus dem -achtzehnten Jahrhundert mit einer hochgetrmten Kapelle, -mitten in altem Park, das Flutal beherrschend. Exzellenz -Hupfeld hatte sich diesen prchtigen Sitz, ein frheres -adliges Fruleinstift, als Sommerresidenz gekauft. „Es -mu sich dort nicht schlecht hausen lassen. Das denke ich -mir,” setzte Perthes hinzu, um das Gesprch nicht unhflich -stocken zu lassen.</p> - -<p>„Gott, Papa hat nu mal die schnurrige Vorliebe fr -olle Kamellen! Ich mach' mir nicht viel draus. Das Romantische -ist nicht mein Fall. Aber Sie, Doktor — Sie -sehen so'n bichen nach Ruberromantik aus. Die Kapelle -ist ganz niedlich. Und im Saal hngen ber wurmstichigen -Mbeln, die wertvoll sein sollen, greulich de -Ahnenbilder. Wenn Sie Lust haben, kommen Sie 'n -bichen mit rauf! Ich bin bis Abend mutterseelenallein. -Schlobesichtigung gratis!” Sie zwinkerte halb listig,<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[S. 181]</a></span> -halb spttisch mit ihren Augen, die ihre Farbe wechseln -zu knnen schienen, indem sie bald grnlich, bald golden -aufschimmerten oder ihr undurchdringliches Graubraun -bewahrten.</p> - -<p>„Sehr liebenswrdig! Aber zu meinem Bedauern — -heute geht's nicht. Wirklich nicht! Ich mu nachher noch -arbeiten!” Perthes war nicht fr Ausrede und Verstellung -gemacht. Man sah ihm an, da er flunkerte. Er errtete -sogar ein wenig. Ihr sagen, wohin er wollte, konnte er -nicht. In ihrer Gegenwart von Marga oder auch nur von -etwas zu reden, das mit ihr im Zusammenhang stand, -widerstrebte ihm. Er wre ihrer Einladung auch nicht -gefolgt, wenn er gekonnt htte. Alice Hupfelds freie und -saloppe Art, die immer der Gipfel des Modernen sein -sollte, entsprach seinem Geschmack heute weniger denn je. -Vielleicht da sie ihn auch verwirrte. Ihre spottschtige -Koketterie zwang ihn zu einer stndigen Kriegsbereitschaft, -die ihm heute besonders beschwerlich wurde.</p> - -<p>Sie dachte nicht daran, ihn zu entlassen. Je deutlicher -seine Ungeduld wurde, um so weniger. Dieses schwarzbrtige -Mannkind, das sie in Perthes sah, reizte sie, je -sprder er sich gab, nur um so strker. Seine Gewandtheit, -sein Temperament und seine Kraft, die sie vom Sportplatz -kannte, imponierten ihr. Sein Aussehen, das dunkelgebrunte -Gesicht mit den ungebrdig ber die Stirn -fallenden, buschigen Haaren, den groen, oft unvermittelt -aufglhenden Augen, hatte fr sie etwas Exotisches, das -sie anzog, whrend seine innere Unberhrtheit und Ungelenkigkeit, -die mit der ueren Geschicklichkeit kontrastierte, -sie lcherte und zu spttischer berlegenheit -herausforderte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[S. 182]</a></span> - -„Ich glaube, Sie sind ein wenig prde, Doktor Perthes,” -sagte sie nach einer Weile wie in Gedanken vor sich hin.</p> - -<p>„Ich? Wieso? Wie meinen Sie das?” fragte Perthes -zerstreut.</p> - -<p>„Ich denke mir's eben. Vielleicht steckt hinter Ihnen -ein ganz ehrsamer, biederer Philister — wie?” Ihre Augen -begegneten mit voller Angriffslust den seinen, und ihr -Mund verzog sich, als unterdrcke sie ein boshaftes Lachen.</p> - -<p>„Schon mglich!” gab Perthes achselzuckend zurck. -Seine Unbehaglichkeit wuchs mit jeder Umdrehung des -mhsam zurckgehaltenen Rades. Welche Tcke hatte ihm -gerade jetzt dieses verteufelte Mdel zufhren mssen, -das sichtlich sein Vergngen daran fand, eine Stimmung -auszunutzen, die ihn wehrlos machte?</p> - -<p>„Mit wem verkehren Sie denn hier in der Hauptsache?” -forschte sie unvermittelt weiter. Es war eine Liebhaberei -von ihr, Fragen scheinbar zusammenhangslos aneinanderzureihen, -die sie dann pltzlich zu einer unvermuteten -Schlinge zusammenzog.</p> - -<p>„Ich habe sehr wenig Verkehr, Frulein Hupfeld. -Vorzugsweise bin ich in Gesellschaft meiner Bazillen,” -scherzte er grimmig.</p> - -<p>„Da haben Sie ja ausgesuchte Gesellschaft!” lachte Alice.</p> - -<p>Es war ein helles, kurzes, aufreizendes Lachen, bei -dem er nervs die Hnde um die Lenkstange prete, als -wollte er sie zerbiegen. Wute sie, da er bei Richthoffs -aus und ein ging? Wollte sie ihn aushorchen? Spottete -sie ber seinen Verkehr?</p> - -<p>Zum Glck trennten sich jetzt die Wege. Der zum Stift -Nieburg fhrte seitwrts bergan. Die Landstrae lief -nach der Sgemhle geradeaus weiter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[S. 183]</a></span> - -Alice sprang leichtfig vom Rad.</p> - -<p>Perthes tat dasselbe, um sich zu verabschieden.</p> - -<p>„Werden Sie denn bei Papa als Assistent eintreten?” -warf sie nchtern hin.</p> - -<p>„Wohl mglich!”</p> - -<p>„Na — dann werd' ich Sie mal ein bichen in Erziehung -nehmen, Doktor Perthes!”</p> - -<p>„Scheint Ihnen das ntig?”</p> - -<p>„Oh — dringend! Ich werde Sie zum Beispiel lehren, -da man junge Damen seiner Bekanntschaft nicht bersieht. -Dann werd' ich Ihnen beibringen, da man einer -jungen Dame, die ihr Rad bergan schieben mu,” — -sie deutete auf den etwas steilen Weg, der zum Stiftstor -fhrte — „seine Dienste anbietet!”</p> - -<p>„Da scheint die Assistenz bei Ihrem Herrn Vater mit -gewissen Nebendiensten verbunden zu sein!” entfuhr es -Perthes wtend. Sein Unmut darber, da er aufgehalten -und absichtlich mihandelt wurde, ri ihn zu dieser groben, -patzigen Unhflichkeit fort.</p> - -<p>Er hatte sich Alice gegenber nur eine Ble gegeben. -Sie warf den schleierumbauschten Kopf in den Nacken zurck. -Eine Strhne ihres rtlichen, ungebrdigen Haares -schlpfte unter der Mtze hervor. Ihre Lippen spitzten -sich und bebten leise, whrend die kecken, spitzbbisch-kecken -Augen ihn wie zuerst von Fu zu Kopf musterten und sich -dann ohne Scheu in die seinen hefteten.</p> - -<p>„Ich wollte sagen —” verbesserte sich Perthes mit einer -Unbeholfenheit, die nichts verbesserte.</p> - -<p>„Nicht ntig!” schnitt sie ihm das Wort ab. „Ich werde -mich fr Ihre Grobheiten schon schadlos halten, Doktor!” -Sie gab ihm die Hand, als wre nichts geschehen. Und er<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[S. 184]</a></span> -wagte diesmal nicht, diese schmale, schmiegsame Hand -ohne einen flchtigen Handku zu lassen.</p> - -<p>Ihre Augen zuckten triumphierend. Sie nickte ihm zu, -als wollte sie sagen: Ich fange schon an, mich schadlos -zu halten! Und ohne ihn weiter zu beachten, stieg sie, das -Rad neben sich herschiebend, zum Stift hinauf. —</p> - -<p>Perthes schwang sich wieder auf den Sitz. Er fuhr in -schnellem Tempo der Mhle zu, deren Dach unweit -zwischen den hohen Gartenbumen durchschimmerte. -Seine Uhr zeigte vier. Es war also noch immer reichlich viel -frher, als er sich angemeldet hatte. Aber er htte ohne -dieses Zusammentreffen auf offener Strae eine halbe -Stunde eher da sein knnen. Warum hatte sich dieses -tolle Mdel wie ein fratzenschneidender Kobold in seine -ernste, zielsichere Stimmung gedrngt? Er wtete innerlich -gegen sie und ihre forschen Allren, ihre spottlsterne, -herausfordernde berlegenheit. Diese ganze gelenkige -Mischung von Harmlosigkeit und Bosheit war ihm verhat. -Ohne Zweifel! Und um ihr pfiffiges Schelmengesicht -zu vertreiben, rief er sich Marga ins Gedchtnis. Es hielt -schwerer, als er gedacht. Frulein Exzellenz war hartnckig, -auch noch in seiner Vorstellung.</p> - -<p>Perthes war froh, als er die Sgemhle erreichte, die -heute wie verschlafen hinter ihrem sonnenlosen Garten lag. -Ein Pfauenschrei vom Geflgelhof war der einzige Laut, -der ihn bei der Einfahrt empfing.</p> - -<p>Er sprang ab und schob sein Rad in den Gitterstand, -der fr diesen Zweck links vom Tor angebracht war. Er -war trotz des Schattens hei geworden und trocknete sich -die Stirn. Ein Blick in den Garten berzeugte ihn, da -da die Gesuchten nicht zu finden waren. Er trat ins Haus<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[S. 185]</a></span> -und fragte die Wirtsfrau, die neben dem Bfett dste, -nach den jungen Damen. Sie glaubte, die beiden Fruleins -htten einen Ausflug gemacht. Ja, natrlich; jetzt, -whrend sie sich die Augen rieb, fiel es ihr „fr gewi” -ein: sie waren schon am Vormittag weg und wollten erst -zum Abend zurckkommen.</p> - -<p>Damit hatte Perthes auch nicht einen Augenblick -gerechnet.</p> - -<p>Wahrhaftig! Als er sich im den, plakatreichen Gastzimmer -umblickte, wo nur die Fuhrleute oder die Bauern -aus der Umgebung ihr Glas Bier oder ihren Schnaps -zu trinken pflegten, sah er seinen eiligen Kartenbrief -friedvoll am Spiegel stecken. Marga hatte ihn also nicht -einmal mehr erhalten. Trotz des grnen Radlers! Heute, -ausgemacht heute muten die beiden eine Tour machen! -Wo das Wetter nicht einmal danach war! Ganz verzweifelt -knickte er auf einer der rohgezimmerten Bnke -zusammen. Wohin die Damen gegangen wren, forschte -er kleinlaut. Das wute die gute Wirtsfrau auch nicht. -Vielleicht hatten sie's ihrem Mann gesagt, aber der war -in der Stadt. Also ihnen entgegenfahren konnte Perthes -auch nicht. Es blieb gar nichts anderes brig: wenn er nicht -unverrichteter Dinge heimkehren wollte, mute er bis -gegen Abend warten. Eine Geduldsprobe, die zweite -schon an diesem Nachmittag, die wie Rauhreif auf sein -Ungestm fiel ...</p> - -<p>Er bestellte sich Kaffee. Trostlos ging er in den Garten -und setzte sich an den Tisch im Haselgebsch, wo sein erster -milungener Besuch auf der Mhle angefangen hatte.</p> - -<p>Kein Spaziergnger lie sich heute ringsum blicken.</p> - -<p>Es gab so Tage, erklrte die Wirtin, als sie ihm selber<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[S. 186]</a></span> -den Kaffee brachte, da blieben sie wie auf Verabredung -alle weg. Dabei war es doch nicht einmal bles Wetter. -Im Gegenteil. Sehr angenehm zum Gehen. An Regentagen -kamen sie manchmal in hellen Haufen. Es war sogar -mglich, da heute, mit dem Lokalzug um fnf Uhr, noch -so viele kmen, da man nicht Hnde genug hatte, sie zu -bedienen.</p> - -<p>So philosophierte die junge, jetzt munter gewordene -Frau, und Perthes hrte gottergeben zu.</p> - -<p>Oder er hrte vielmehr nicht zu, sondern sah unglcklich -zwischen den Bschen durch, in den Garten. Wie trbselig -der aussah mit seinen leeren, buntgedeckten Tischen! -Wie jmmerlich der dumme Springbrunnen in der Mitte, -den er noch nie beachtet, in sein drftiges Bassin pltscherte! -Und drauen kroch der Flu in grauer Greisenhaftigkeit; -drben, am anderen Ufer, schwammen Feld -und Wald langweilig ineinander.</p> - -<p>Das war ja, um selber trbselig zu werden! Und das -sollte womglich stundenlang dauern? Wie gemacht fr -ihn, um sich zu vergrbeln!</p> - -<p>Stand er vielleicht im Begriff, eine Dummheit zu -machen? Die Dummheit seines Lebens, die alle frheren -bertraf? Oder — wie? — wenn Marga ihn nicht anhrte? -Wenn, ja wenn — das war das Tollste, darauf war er noch -gar nicht gekommen, und das war so unmglich gar -nicht! — wenn er sich nur eingebildet hatte, da sie ihn -liebe? Wenn sie berrascht war von dem, was er ihr -sagen wollte? Und ihn abwies? Aber das war ja verrckt!</p> - -<p>Gepeinigt stand er auf und ging mit langen Schritten -in dem leeren Garten zwischen den Tischen auf und ab, -um den bldsinnig pltschernden Springbrunnen herum<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[S. 187]</a></span> -und noch einmal herum. Gewi, das war unsinnig! Und -doch plagte ihn diese jngste Ausgeburt seiner Phantasie -mit allen Teufeleien, deren sie fhig war. Wie ein dummer -Junge stand er jetzt da und starrte kleinmtig ber den -Lattenzaun des Gartens weg in den Flu. Warum sollte -sie auch die Sache nur in Erwgung ziehen? Was konnte -er ihr berhaupt bieten? Wie sollte er sich verstndlich -machen und die Geschichte anfassen? Am Ende hatte es -gar keinen Zweck ... Im Nu war Max Perthes aus -dem Gleise geworfen, wenn sich etwas nicht so gerade -und einfach anlie, wie er es vor sich sah. Es blieb dabei: -er konnte immer noch erst springen, aber nicht gehen ...</p> - -<p>Der Lokalzug brachte diesmal nicht den von der kundigen -Wirtin als mglich prophezeiten Andrang. Der Garten -blieb leer. Zwei, drei Einspnner, alte Herren mit Percken, -mit Mnteln mitten im Sommer und Stcken -mit Elfenbeinkrcken, tranken, weil sie nun einmal tglich -kamen, ihre Tasse Kaffee und lasen ihre Zeitung. -Das war alles.</p> - -<p>Und doch hellte sich der Himmel gegen Abend auf. -Die Sonne drngte sich, etwas bla und schchtern freilich, -durch die weigrauen Wolken. Und den Flu herunter -kam ein Boot mit rotbemtzten Studenten gezogen, -deren Gesang halb wehmtig, halb heiter bers Wasser -klang. Sie sangen von der Saale im Tale und den Burgen -auf den Bergen. Erinnerungen an seine eigene Studentenzeit -am frhlichen Rhein erwachten in Perthes. Sie und -der verhallende Gesang und das zage Sonnenlicht erzeugten -eine ruhigere Stimmung in ihm. Die zerfahrenen, -unmnnlichen Zweifel wichen allmhlich einer tapferen, -fast heiteren Zuversicht. Das Unmgliche und Unerreichbare<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[S. 188]</a></span> -einer Liebe, die es nirgends, fr ihn jedenfalls nirgends, -gab, lag hinter ihm mit der Unreife und Halbheit, der -rastlosen Jagd von Extrem zu Extrem; das Wirkliche -und Fabare war vor ihm. Das wollte er als Mann -ergreifen und festhalten. So konnte er Marga entgegentreten, -mit ihr sprechen.</p> - -<p>Drben, am anderen Ufer, stie jetzt das Fhrboot ab.</p> - -<p>Perthes sah zu, wie es erst gegen die Strmung arbeitete -und sich dann in der Mitte des Flusses von den -Wellen aufnehmen lie. Der breite Rcken des Schiffers -hatte ihm die Insassen verdeckt. Jetzt erkannte er sie und -richtete sich auf. Er ging aus dem Garten und stieg die -Bschung hinunter, nach dem Steg ...</p> - -<p>„Du, ich glaube — wahrhaftig! — Doktor Perthes -erwartet uns drben!” konstatierte Elli mit halblauter -berraschung.</p> - -<p>Marga, die die Hand ins Wasser getaucht hatte, um -die frische, ziehende Khle zu spren, hob sie langsam -heraus. Sie war selbst verwundert, <em class="gesperrt">wie</em> langsam. Und -war auch verwundert, wie wenig verwundert sie war. -All die letzten Tage war sie so tieftraurig, so in sich zerrissen, -so bitter-wortkarg gewesen. Elli hatte sich gar nicht -mehr mit ihr zu helfen gewut und schlielich, aus reiner -Verzweiflung, einen Tagesausflug vorgeschlagen — trotz -des migen Wetters. Weit ber die Berge waren sie -durch die einsamen Wlder nach einer Schloruine ber -dem Flutal gewandert. Marga blieb bis ber Mittag -so trb und verschlossen, als sie nur je gewesen. Erst am -Nachmittag kam pltzlich, ihr selbst unerwartet und unverstndlich, -eine Frhlichkeit ber sie, wie lange nicht. Grundlos, -gegenstandslos — eine von jenen unbegreiflichen<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[S. 189]</a></span> -Offenbarungen des Gefhls, die sinnlos erscheinen und -doch mit geheimnisvoller Ahnung mitten im Unglck eine -glcklichere Zukunft vorauszuknden scheinen. Und diese -frohe Aufwallung, die Elli jubelnd begrte und miterlebte, -hielt vor. Auf dem Hinweg hatte Elli vergebens -versucht, der Schwester die Herrlichkeit der alten Buchen, -der aus der Ferne ins Walddster lachenden Kornfelder, -des in der Tiefe zwischen Felsen aufschumenden Flusses -nahezubringen; auf dem Heimweg war es Marga, die -beschrieb. Eins von den Bildern, die ihr inneres Gesicht -sah: es war ihr, als schritten sie unter goldwolkigem -Sommerhimmel talab ber einen unabsehbaren Hang -von blauen Glockenblumen, die im Winde wunderbar -luteten, mit zarten, dnnen, verheiungsvollen Stimmchen. -Und wie sie an den Flu kamen und bersetzten, -hrte sie noch immer auf das seltsame, lockende, feine -Klingen im Winde. Wie natrlich war es, da er da drben -stand am Ufer, jenseit des Blumenhanges und des Wassers, -das ihn silbern besumte! Sein gemessen-ernster Gru, -der jetzt ihr Ohr traf, erschreckte sie nicht. Sie lchelte, -als mte es so sein. Die eine Hand gab sie Elli; die andere -ergriff er und half ihr aussteigen, whrend Elli dem -Fhrmann seinen Groschen gab.</p> - -<p>„Sie sind ja gar nicht ein bichen erstaunt und ungehalten, -mich hier zu treffen!” meinte Perthes.</p> - -<p>Marga erwiderte nichts. Wie sie von ihm sich die -Bschung hinauffhren lie, klangen ihr die Glockenblumen -von drben nach; ihre zarten, dnnen Stimmen wuchsen, -und ihr Gelute schwoll so mchtig, da es sie betubte.</p> - -<p>Erst als sie im Garten standen, verstummte das Getn, -und sie lie seinen Arm los.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[S. 190]</a></span> - -„Sie mssen nicht denken, ich htte Ihr Verbot, zur -Mhle zu kommen, leichtsinnig vergessen, Frulein Marga!” -begann Perthes wieder. „Der Brief, mit dem ich mich -anmeldete und um eine Unterredung bat, steckt in der -Wirtsstube drinnen seit Stunden am Spiegel. Es hngt -auch jetzt noch ganz von Ihnen ab, ob Sie mich einen -Augenblick hren wollen!” Er sah Marga forschend an. -„Unter vier Augen,” setzte er hinzu und sah hinter sich.</p> - -<p>Aber Elli war verschwunden. Wie von der Erde verschluckt. -Sie versicherte spter, sie habe stets einen „feinen -Merks” fr gewisse Situationen gehabt. Einen sehr feinen -sogar ...</p> - -<p>Marga antwortete nicht auf Perthes' Frage. Ihr -war zumute, als spnne das Bild ihrer Phantasie sich selbstttig -weiter; als sei all das Traum und nicht Wirklichkeit. -Sie lie sich von ihm an den Tisch im Haselgestruch -leiten und setzte sich zu ihm, wie er es wollte.</p> - -<p>„Vor ein paar Wochen,” hob Perthes, durch ihr -Schweigen befangen, an, „hatte ich daran gedacht, von -hier fr immer fortzugehen. Wissen Sie: damals, als ich -die trichte Geschichte mit Hilde Knig ausgeschwrmt -hatte. Und als Sie, Frulein Marga, mich vorigen Dienstag -auf Wochen hinaus fortschickten, dachte ich wieder, -es wrde wohl das Beste sein. Ich hatte Lust, wie ich -Ihnen schon frher einmal erzhlte, die Bakteriologie -wieder an den Nagel zu hngen und zur Chirurgie zurckzukehren. -Erinnern Sie sich noch, Frulein Marga?”</p> - -<p>Sie nickte mechanisch mit dem Kopf. Sie verstand -nur halb, was er sagte.</p> - -<p>„Nun erhielt ich heute ein unerwartetes Anerbieten, -hier bei Geheimrat Hupfeld als Assistent einzutreten,”<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[S. 191]</a></span> -fuhr er mutiger fort. „Ehe ich mich entscheide, mchte ich -hren, was Sie darber denken.”</p> - -<p>„Aber davon versteh' ich ja gar nichts!” erwiderte -Marga leise. Sie nahm zerstreut ihren weien englischen -Strohhut ab und legte ihn neben sich auf den -Stuhl. Vertrumt strich sie das Haar ber ihrer Schlfe -zurecht.</p> - -<p>„Zu verstehen brauchen Sie da weiter nichts, Frulein -Marga. Sie sollen mir nur sagen, ob Sie wnschen, -da — da ich — nun, da ich eben hierbleibe. Das hngt -nmlich von Ihnen ab. Nur von Ihnen,” wiederholte -er gepret.</p> - -<p>„Von — mir?” stammelte Marga. Sie hatte bisher -die Augen blicklos ins Weite gerichtet. Jetzt suchten sie ihn -mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Besorgnis und -Verwirrung, als knnten sie ergrnden, wohin er mit -diesem vieldeutigen Wort zielte. Ob er scherzte; ob er -sie qulen wollte, mit ihr spielen, oder ob ...</p> - -<p>„Ich rede in vollem Ernst, Frulein Marga!” beteuerte -Perthes, der ihren Blick richtig deutete. „Ich habe -mich die letzten Tage, whrend ich fernblieb, grndlich -vorgenommen. Ich wre nicht wieder zu Ihnen gekommen, -wahrhaftig nicht, wenn ich mir nicht ein Recht -dafr htte zusprechen knnen. Ich nehme die Stellung -nur an, wenn Sie, Frulein Marga, mir erlauben, wie -bisher zu Ihnen zu kommen. Auch auf die Sgemhle. -Und ich mu sogar noch weitergehende Bedingungen -machen: wenn Sie versuchen, mehr fr mich zu sein als -eine Freundin! Wenn Sie —” Die Erregung nahm -ihm die Stimme, und er fate nach ihren Hnden, die vor -ihm auf dem Tisch lagen. „Wenn Sie —”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[S. 192]</a></span> - -Marga zog sie mit einem leisen Aufschrei zurck. Sie -warf sich gegen die Lehne ihres Stuhles. Bei seiner Berhrung -war sie pltzlich aus ihrer traumhaften Betubung -erwacht. Eine jhe Rte scho in ihre Wangen -und wechselte augenblicklich mit tiefer Blsse.</p> - -<p>„Nein, nein, nein!” stie sie entsetzt hervor. Sie -krampfte ihre Hnde vor der Brust ineinander. Das sollte -Wirklichkeit sein? Das durfte ja nicht Wirklichkeit sein. -Niemals! „Nein! Nein! Nein!” wiederholte sie noch -einmal mit uerster Anstrengung und hob die Hnde -gegen ihn, als wollte sie so das Unmgliche und Unerlaubte -von sich wegzwingen. Ihre Augen hatten einen beinahe -irren Ausdruck angenommen. Sie wollte aufspringen. -Sie wollte fortlaufen, ihm entfliehen — aber ihre Kraft -versagte. Die Arme fielen ihr erschpft nieder, und die -Augen schlossen sich, wie von einem bermenschlichen -Schmerz zugedrckt.</p> - -<p>Perthes war gleichfalls erblat. Schweigend starrte -er sie an. „Sie wollen also nicht,” sagte er dann tonlos -und bitter.</p> - -<p>„Ich — ich darf nicht!” stammelte Marga mit zuckenden -Lippen.</p> - -<p>„Sie drfen nicht?” fragte er dumpf. „Und warum -nicht? Weil Sie nicht knnen? Weil Sie mir nicht mehr -geben knnen als Freundschaft? Darum?”</p> - -<p>Marga schttelte geqult den bleichen, blonden Kopf.</p> - -<p>„Oh, Sie trauen mir nicht! Sie knnen nicht glauben, -da ich wei, was ich will! Was ich tue! Ich habe Ihnen -keine hohen Liebesbeteuerungen vordeklamiert! Ich will -nicht, da Sie auch nur eine unwahre Silbe von mir -hren! Nur versuchen sollten Sie's mit mir! Ehrlich versuchen,<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[S. 193]</a></span> -bis Sie sich berzeugt haben, da ich's ehrlich -meine!” Seine Worte brachen jetzt ungestm und drngend -aus ihm hervor. Er verkannte sich nicht. Er wute, wie -er an Reife hinter ihr zurckstand. Aber er wute auch, -da er sie und nur sie brauchte! Und er wiederholte ihr -mit seiner leidenschaftlichen Beredsamkeit alles, was in -diesen Tagen in ihm vorgegangen war, mit rckhaltloser, -nichts verbergender Offenheit.</p> - -<p>Whrend er noch sprach, sank Margas Kopf vornber -auf den Tisch, auf ihre Arme. Und mit einem Mal -schttelte das Schluchzen wie ein Schauer ihren Leib.</p> - -<p>Erschrocken hielt Perthes inne.</p> - -<p>„Ich darf ja nicht! Ich bin ja blind! Ich darf ja nicht!” -ging es wie der Schrei eines auf den Tod Getroffenen -durch den abendlichen, einsamen Garten.</p> - -<p>Jetzt hatte Perthes verstanden.</p> - -<p>Er reckte sich. Auch ber ihn lief es wie ein Zittern. -Es war sein Herz, das gro und bermchtig und warm -in ihm aufpochte, als wollte es die krftige Brust sprengen. -Es war <em class="gesperrt">gut</em>, was er wollte! Und es war <em class="gesperrt">Schnheit</em>, -die seine Seele weitete! Mochte das Gefhl nun Mitleid -sein, unsgliches Mitleid oder brderliche Freundschaft -oder Liebe: er mute ihre Hnde ergreifen, stark -und zwingend. Er mute sie an sich ziehen —</p> - -<p>Und Margas Kraft war zu Ende. Willenlos fiel ihr -Kopf an seine Brust, und ihr trnenberstrmtes Gesicht -verbarg sich dort. Um schwach zu sein, einen Augenblick -schwach wie ein Weib, das liebt — und kostete ihre Schwche -sie ihre Seligkeit ...</p> - -<p>Als Elli mit dem „feinen Merks” eine halbe Stunde -spter vernehmlich „Pardon!” rief, ehe sie an den Tisch<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[S. 194]</a></span> -hinter den Haselbschen trat, fand sie die beiden Hand in -Hand, und Marga lehnte an Perthes' Schulter. Elli war -natrlich furchtbar berrascht. Aber genau genommen -hatte sie gewut, da es so kommen wrde. Fast htte -sie „immer” dazugesetzt, wie Schwester Kthe.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c8" id="c8">8</a></h2> - - -<p class="right"> -Kissingen, den .. Juli 19..</p> -<p> -Meine liebe kleine Elli! -</p> - -<p>Nur durch eine Ansichtskarte habt Ihr uns bisher Eure -bersiedlung nach der Sgemhle gemeldet. Papa ist -schon ganz ungehalten, da er keinen Brief bekommen hat, -und ich habe groe Mhe, Euch gegen seine emprten Ausflle, -wie undankbare, miratene Kinder er habe, in -Schutz zu nehmen. Also schreibt ihm nur gleich nach -Empfang meines Briefes, sonst wird er ernstlich bse.</p> - -<p>Es ist hier im lieblichen Frankenlande wunderbar schn. -Die Natur bietet viel. Aber noch mehr das groartige, -wirklich internationale Badeleben. Wenn man den -rechten Blick fr Menschen hat, kann man hier seine -Studien machen. Es ist doch kein bloes Vorurteil, das -Wort: Reisen bildet! Ich habe hier, in den paar Wochen, -mehr beobachtet und gelernt als zu Hause in einem halben -Jahr. Die „groe Welt”, die uns auf Schritt und Tritt -umgibt, ist zuerst verwirrend und blendend; aber allmhlich -gewhnt man sich daran. Toiletten sieht man — im Bad, -am Brunnen, bei den Konzerten —, Du kannst Dir keine -Vorstellung machen, Kleinchen, <em class="gesperrt">wie</em> tipp-topp! Man -will sich ganz klein vorkommen, aber dann sagt man sich: -Wahre Bildung ist doch vornehmer als dieser hohle Luxus!<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[S. 195]</a></span> -Und man sucht in dem Gewhl von Menschen nach solchen, -die wirklich fein — ich meine, geistig und seelisch bedeutend -sind. Wie schnell kommt da die Erfahrung, da solche -Menschen recht nahe beisammen sind und gar nicht aussehen -wie diese prunkenden Weltmenschen. Ich schreibe -regelmig und viel in mein Tagebuch und wundre mich -oft selbst, natrlich ohne Hochmut, wie reif und mit mir -selber fertig ich in den letzten Jahren geworden bin. Wenn -Du artig bist, Kleinchen, sollst Du im Herbst — versteht -sich mit Auswahl — daraus vorgelesen bekommen.</p> - -<p>Was treibt Ihr denn auf der Mhle?</p> - -<p>Gewi macht Ihr schne Ausflge ber die Berge, -handarbeitet im Garten, liegt in der Hngematte im -Wald und lest viel. Meine Gedanken sind oft und in -schwesterlicher Liebe bei Euch. Lest nur, bitte, bitte, ja -keine Bcher, die noch nichts fr Euch sind! Das kann so -viel Unheil anrichten. Denkt Euch: Lizzie, die doch lter -ist als Ihr, hat krzlich ein Buch von Zola (!) gelesen, -das sie ganz krank und verzweifelt gemacht hat. Ich habe -ihr krftig den Kopf zurecht gesetzt, sie will mir das Buch -einmal schicken, und ich werde mich, ihr zuliebe, grndlich -mit ihm auseinandersetzen, um ihr zu helfen, denn allein -findet sie ja doch nicht heraus. Ich bin ganz traurig ber sie.</p> - -<p>Sage, bitte, Marga, ich htte hier noch einmal unser -letztes Gesprch auf dem Weinberg durchgedacht und wre -zum gleichen Resultat gekommen wie damals. Vielleicht -hat sie inzwischen mich auch besser verstanden und eingesehen, -wie gut ich's mit ihr meine. Ich bin ihr gar nicht -bse, da sie's nicht gleich konnte!</p> - -<p>Papa kam eben in mein Zimmer und wetterte ber -die „vermaledeite Briefschreiberei”. Ich will also schlieen.<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[S. 196]</a></span> -Es ist gar nicht immer so leicht mit ihm, weil er in bestndigem -Krieg mit dem Badearzt und allen Verordnungen -lebt. Doch wenn man ihn zu nehmen wei, lt -er sich meistens zu seinem Besten berzeugen. In acht bis -vierzehn Tagen soll's nach Tirol oder nach Bayern gehen. -Wie ich mich darauf freue, knnt Ihr euch denken!</p> - -<p>Mit herzlichen Gren, auch fr Marga, und einem -Ku fr Dich, liebe Elli, bin ich</p> - -<p class="center"> -Deine getreue Schwester</p> - -<p class="right">Kthe Richthoff. -</p> - -<p><span class="antiqua">P. S.</span> Denkt Euch, morgen will Doktor Bertelsdorf -hierherkommen. Er mu Papas Rat fr eine wissenschaftliche -Publikation haben. Der Flanellstorch hat sich auch -bei Papa „fr einen Sprung” angemeldet, wurde aber -abgewiesen.</p> - -<p class="right"> -K. R.<br /> -</p> - -<p><span class="antiqua">P. S.</span> 2. Erwarte Brief binnen zwei Tagen. Verweigere -sonst weiteres Kostgeld. Tatsachenbericht, keine -Gefhlsduseleien. Gru.</p> - -<p class="right"> -Papa.<br /> -</p> - -<p>Mit sehr gemischten Gefhlen und sehr kritischen Glossen -hatte Elli am Sonntagmorgen diesen Brief von Schwester -Kthe vorgelesen. Das war ja Kthe, wie sie leibte und -lebte. Nach Ellis Ansicht mute man ihr fr diese „infam-gtige” -Epistel mal krftig die Meinung geigen.</p> - -<p>„Wenn sie so fortmacht, platzt sie ja eines Tags vor -lauter Menschenkenntnis und Lebenserfahrung!” legte -Elli zum Schlu los. „Und das, was sie ber dein Verhltnis -zu Perthes schreibt, Margakind — die Andeutung, -mein' ich, ber ihre verdrehte Abschiedspredigt —, das -ist jetzt einfach lcherlich geworden! Das gnn' ich ihr!”</p> - -<p>„La gut sein, Elli!” mahnte Marga vershnlich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[S. 197]</a></span> - -„Jawohl! Ich finde, wir sind ihr einen Strahl kalten -Wassers auf diesen Schreibebrief einfach schuldig! Wir -sind doch schlielich keine Wickelbabys mehr! Von mir -will ich noch nicht mal reden, aber du — du bist doch jetzt -so gut wie Braut, Marga —”</p> - -<p>„Sag' so was nicht, Elli!” wehrte Marga ernsthaft. -„So weit sind Perthes und ich noch nicht! Du weit, -wir haben uns streng versprochen, es nur erst miteinander -zu versuchen.”</p> - -<p>„I — was! ‚Ein Versuch fhrt zu dauernder Kundschaft‛, -heit's im Reklamestil!” erklrte Elli mit berzeugtem -und berzeugendem Lachen. „So hnlich war -es mit mir und Wilkens auch; man verspricht sich zuerst, -haarstrubend brav und zurckhaltend und vernnftig zu -sein, und nachher —”</p> - -<p>„Schwatz' doch keinen Unsinn, Kleinchen — ich bitt' dich!”</p> - -<p>„Kleinchen! Kleinchen! Das mag ich schon gar nicht -mehr hren! Und da es geschrieben wird, verbitt' ich -mir endgltig. Das werd' ich Kthe schreiben. Und —”</p> - -<p>„Ich glaube, du schreibst besser an Papa, und nachher -diktiere ich dir einen Brief fr Kthe.”</p> - -<p>Elli legte Marga ihre beiden Hnde auf die Schultern, -sah so wehmtig drein, als es ihre lachenden Augen tun -wollten, und wiegte den lockigen Kopf mitleidig von einer -Schulter zur anderen: „Marga, Marga, mit dir geht's -bergab! Seit Freitagabend berfliet du von lauter -Zuckerwasser! Htt' ich das gewut, wr' ich eher in den -Garten gekommen! Da httet ihr euch die Umarmung -malen knnen! Und die ganze Verlob—”</p> - -<p>„Elli!” rief Marga aufgebracht und hielt der Schwester -den Mund zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[S. 198]</a></span> - -„Stell' dich nur recht tugendsam!” neckte das Kleinchen -weiter. „Ich kenne dich jetzt! Ich werde deinem Max -erzhlen —”</p> - -<p>Marga fate jetzt die plappernde Elli so krftig und -bedeckte ihr den Mund so nachhaltig, da sie nicht mehr -weiter schmlen konnte. Dafr lachte sie um so bermtiger, -und Marga mute mitlachen.</p> - -<p>Dann wurde der Frhstckstisch in der Halle gerumt. -Sie setzten sich in den Garten, und Elli schrieb an Vater -Richthoff vier enge Seiten. Zwar keine „Gefhlsduseleien”, -aber erst recht keinen Tatsachenbericht, sondern lauter tolles -Zeug. Nachher diktierte ihr Marga das „Zuckerwasser” -fr Kthe.</p> - -<p>Drauen im Gras funkelte die Sonne auf den Tauperlen. -Das erste sonntgliche Vergngungsschiff mit bunten Wimpeln -und voller lustiger Menschen keuchte stromaufwrts. -Vom nchsten Dorf trug ein launischer Frhwind den Klang -der Kirchenglocken unter die Bume im Garten ...</p> - -<p>Es war Margas voller Ernst, wenn sie gesagt hatte, -Perthes und sie wren so weit noch nicht und wollten es -erst miteinander versuchen. Als Perthes am Morgen -nach jenem Abend seligen Selbstvergessens wieder auf der -Mhle erschienen war, hatte ihn Marga ganz anders -empfangen, als er erwartete. „Geradezu frostig und lieblos,” -meinte er entrstet. Aber Margas Gewissen hatte -sie schon in der Nacht, die sie schlaflos verbrachte, mit Vorwrfen -und Anklagen gepeinigt, die die erste Freude -dmpften. Sie sah, was geschehen war, im Licht unverantwortlicher -Schwachheit. Mit hundert Grnden bewies -sie Perthes, wie unbesonnen und unrecht es wre, sein -Schicksal und das ihrige zu verbinden, und was sie sagte,<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[S. 199]</a></span> -kam wahrhaftig nicht aus dem Bedrfnis unschuldiger -Koketterie, die das Gegenteil hren wollte. Sie zwang -sich zu dieser schmerzhaften Klarheit, weil ihre Natur -es so verlangte. Wute er denn, was es hie, mit einer -blinden Frau durchs Leben zu gehen? Hatte er eine Ahnung -von den Entbehrungen und Enttuschungen, die -ihm, dem Sehenden, bevorstanden, wenn er, Seite an -Seite mit ihr, ins Leben trat, in die Welt, die ihr ewig -fremd und verschlossen bleiben mute, unter Menschen, -die ihn einen kurzsichtigen Schwrmer schelten und ber -eine Verlobung mit ihr oder gar eine Ehe die Achseln -zucken wrden? Was half es, wenn sie, Marga, kraft ihrer -Liebe jede Demtigung gern auf sich nahm — ihn, den -Sehenden, den Stolzen, den leidenschaftlichen Mann mute -eine Wirklichkeit, wie sie ihr Instinkt angstvoll vorausfhlte, -wundreiben und unglcklich machen mit ihren -tausend unvorhergesehenen, wehtuenden, stechenden -Kleinigkeiten. Mitleidlos gegen sich und ihn ersparte sie -ihm keine von den Wahrheiten, die sie in den langen -Stunden der Nacht gesammelt hatte.</p> - -<p>Freilich — die Wirkung auf Perthes war dieselbe, als -wenn sie ebensoviel zu ihren Gunsten vorgebracht htte. -Je mehr Hindernisse und Beschwerlichkeiten sie ihm zeigte, -um so beredter und temperamentvoller verfocht er seinen -Entschlu. War er nicht Manns genug, um zu wissen, was -er tat? Scheute er vielleicht das lppische Gerede und -Gehabe anderer? Hatte er nicht immer fr seinen eigenen -Kopf seinen eigenen Weg gefunden? Und nun, wo er durch -Marga erst recht und ganz er selbst wurde, sollte er gegen -die kleinen Lppereien des Alltags, die sie da in der Nacht -ausgeklgelt und zu Schrecknissen vergrert hatte, nicht<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[S. 200]</a></span> -stark genug sein? Das war ja ein nettes Zeugnis von Vertrauen, -das sie ihm ausstellte!</p> - -<p>Trotz seiner heftigen Gegenwehr gab Marga sich nicht -zufrieden. Er mute Schritt fr Schritt erobern, was er -an einem Abend im Sturm und fr immer gewonnen -zu haben glaubte. Er brachte es einstweilen nur zu einem -feierlichen Pakt: er sollte kommen und gehen drfen wie -bisher in der Stadt, am Wenzelsberg; aber nicht fter und -keinesfalls tglich. Auch wegen des Geredes der Leute -nicht. Sie wollten sich einer dem anderen so offen und -natrlich geben, als sie nur konnten, um sich immer besser -kennen zu lernen. Fr das Ma der gegenseitigen Vertraulichkeiten -hatte Marga, obwohl sie weder prde noch -doktrinr veranlagt war, einen ganzen Kodex ausgearbeitet: -das zrtliche „Du”, das im Glck des ersten Verstehens -eingerissen war, wurde verpnt. Sie wollten sich „Sie” -und mit dem Vornamen nennen, und auch das nur unter -vier Augen. Von anderen Liebkosungen als von einem -etwas herzlicheren Handku durfte nicht die Rede sein.</p> - -<p>Gegen diese letzte Verordnung wehrte sich Perthes -am entschiedensten.</p> - -<p>Um sie von vornherein zu entkrften, wollte er sogar -Marga sofort herzhaft in seine Arme ziehen. Aber sie geriet -in eine so hilflose Erregung, bat ihn so instndig, ja -flehentlich, ihr zu folgen, da er nachgab.</p> - -<p>„Das versteh' ich nicht!” eiferte er. „Fr Kasteiungen -hab' ich gar kein Talent, Marga. Ich wei auch, trotz all -der schnen Reden, nicht, zu was sie gut sein sollen.”</p> - -<p>„Das soll dafr gut sein, da uns, wenn unser Versuch -milingt und wir nicht zusammenbleiben knnen, das Auseinandergehen -nicht zu schwer wird.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">[S. 201]</a></span> - -Perthes wollte sie auslachen, aber sie legte so viel -ernste, beinahe schwermtige berzeugung in ihre Worte, -da er es nicht fertigbrachte. Er dachte nicht daran, ihre -pessimistische Auffassung gelten zu lassen. Aber die ngstliche -Vorsicht, die an das Glck nicht glauben konnte, -die mdchenhafte Scheu, die der eigenen Liebe zum Trotz -sich so streng und haushlterisch gab, rhrte ihn und ntigte -ihm Achtung ab. Wenn er auch bei sich dachte, dies drakonische -Hausgesetz bleibe ein Unding, weil es einen neutralen -Zwischenzustand zu schaffen suche zwischen Liebe -und Freundschaft, den es nie und nirgends gebe, so begriff -er doch, da so und nicht anders Margas empfindliches -Gewissen sich mit dem Neuen abfinden konnte.</p> - -<p>Unter solchen Umstnden hatte er seufzend dem -„Gesetz zur Verhinderung der Liebe”, wie er es nannte, -seine Sanktion erteilt.</p> - -<p>Es kam trotzdem, wie es kommen mu, wenn zwei -Menschenkinder jung und aus Fleisch und Blut sind. Es -wre zwischen Marga und Perthes auch so gekommen, -wenn Elli nicht von vornherein erklrt htte, diese zimperliche -Schntuerei sei Hokuspokus, und zusammen mit -ihrem Wilkens, vor dem das Geheimnis nicht gewahrt -bleiben konnte, nicht jede Gelegenheit benutzt htte, um -diesem „faden Platonismus” mit Scherz und Spott auf -den Leib zu rcken.</p> - -<p>Acht ganze Tage bestand das „GzVdL.”, wie es abgekrzt -getauft wurde, leidlich voll zu Recht.</p> - -<p>Dann gewahrte Marga mit Schrecken, wie Stck um -Stck von ihrem wohlgemeinten, aber doch nur in der -Theorie mglichen Zwischensystem abbrckelte. Da wurden -zunchst die Pausen zwischen Perthes' einzelnen Besuchen<span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">[S. 202]</a></span> -auf der Sgemhle immer kleiner, und bald war -es ganz selbstverstndlich geworden, da er jeden Tag -kam, manchmal sogar zweimal, und an einem Sonntag -blieb er vom Morgen bis zum spten Abend. Das nchste -Bollwerk brachten Elli und Wilkens durch ein frmliches -Komplott zu Fall. Das steife „Sie” zwischen Marga und -Perthes war ihnen schon lange ein Dorn im Auge. Aber -alle Sticheleien verfingen nicht. Marga blieb fest und stellte -sich taub fr die dicksten Anspielungen; und Perthes wollte -sie an der Illusion, die sie beruhigte, nicht irremachen.</p> - -<p>Elli, ewig auf Schelmereien bedacht, nahm ihre Zuflucht -zu einem abgefeimten Trick.</p> - -<p>Eines Abends, als Wilkens und Perthes, wie dies jetzt -so selten nicht mehr war, zum Abendbrot auf der Mhle -blieben, lie sie ihrer Ausgelassenheit alle Zgel schieen -und ri jeden, auch Marga, in ihre bersprudelnde Laune -hinein. Schlielich erhob sie ihr Glas, lie die Augen -lustig zu Perthes hinberspringen und warf den zerzausten -Kopf keck zur Seite. „Doktor Perthes, ich schlage -vor, da wir zwei Schmollis machen!”</p> - -<p>Perthes, so aufgerumt er selber, so sympathisch ihm -Frulein Sausewind war, wurde doch von diesem freundschaftlichen -Anerbieten berrumpelt. „Mit Vergngen!” -erklrte er. „Aber ich mu da hheren Orts erst anfragen.”</p> - -<p>Elli zwinkerte ihm zu. Er verstand und wandte sich an -Marga. „Marga, Sie haben wohl nichts dagegen? Da -es Ihre leibliche Schwester ist, die mit mir schmollieren -will.”</p> - -<p>Marga war fassungslos berrascht und sah ganz verdutzt -drein. „Elli ist wohl 'n bichen beschwipst?” meinte -sie ausweichend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">[S. 203]</a></span> - -„Bitte schnstens!” verteidigte sich die Verdchtigte -entrstet. „Das ist eine hliche, grundlose Verleumdung!”</p> - -<p>„Die ich mir auch in meinem Namen verbitten mu, -Frulein Marga!” brummte Wilkens hchst unwirsch.</p> - -<p>„Wenn Sie mich noch lange warten lassen, Herr Doktor -Perthes,” — Elli betonte die Anrede mit spitzer Breite — -„sind Sie der unhflichste Mensch, der mir je vorgekommen -ist! Marga hat da berhaupt gar nicht mitzureden!”</p> - -<p>„Aber Herrn Wilkens mu ich doch wenigstens um -Erlaubnis fragen?” sagte Perthes, der nun ganz mit -im Spiel war, zuvorkommend.</p> - -<p>„Nun, Herr Wilkens?” fragte Elli. „Man berschtzt -zwar Ihre Autoritt, aber —”</p> - -<p>„Ich denke durchaus fortgeschritten in solchen Dingen,” -lie sich Wilkens mit liberaler Groartigkeit vernehmen.</p> - -<p>„Na also! Du siehst, Marga — drei gegen eine!” -triumphierte Elli.</p> - -<p>Marga wute nicht aus noch ein. Sie war nicht ohne -Humor. Aber der Mangel an uerem Erleben hatte diese -letzte und reifste Kraft nur erst sprlich in ihr entwickelt. -Sie fand auch jetzt kein Scherzwort, um sich, ihre Schwere -berwindend, aus der Klemme zu helfen. Sie versuchte -zu lcheln. Doch der Ausdruck ihrer Augen strafte das -Lcheln Lgen, und ihre Mundwinkel zuckten verdchtig.</p> - -<p>Elli lenkte ein. „Gott, Margakind, ich will dich ja -schlielich nicht benachteiligen!” erklrte sie gromtig. -„Ich trete von meinem Schmollis zurck unter einer Bedingung: -wenn du es Doktor Perthes anbietest statt meiner! -Ich tue es blutenden Herzens und werde an Herrn Perthes -nicht so bald wieder mit einem so verlockenden Vorschlag -herantreten.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[S. 204]</a></span> - -Jetzt konnte auch Marga sich nicht des Lachens erwehren. -Sie wollte nicht Spielverderberin sein und erhob -bedchtig ihr Glas. Es kam ihr schwer, berschwer vor. -Im Grunde waren ihr die Trnen nher als das Lachen. -Aber Perthes lie sein Glas krftig dagegenklingen. Sie -drckten sich die Hand, was Elli ausnehmend prosaisch fand.</p> - -<p>„Es wird dir ja den Kopf nicht kosten, Marga!” meinte -Perthes beruhigend.</p> - -<p>Und das Du klang Marga so lieb und vertraut, da sie -noch einmal seine Hand fest und dankbar ergriff. Es kam -ja doch alles, wie es wollte. Er sollte sie nicht fr khl -und zimperlich halten. Ihr Blick leuchtete von Liebe, -und zugleich seufzte sie. So mute wohl das Glck sein, -ihr Glck: ein Kranz, strahlend und schwer in einem ...</p> - -<p>Es war gut, da das Sommersemester in den ersten -Augusttagen zu Ende ging.</p> - -<p>Von den vielen Bekannten in der Stadt, die ja doch -auch den beliebten Spaziergang nach der Sgemhle sich -nicht nehmen lieen, drohten allerhand Fhrlichkeiten. -Lose Zungen und spitze, scharfe Augen gab es hier wie -berall. Da die Richthoffschen Mdels da drauen „immer -mit Herren gingen”, konnte sich auf tausenderlei Weise -herumreden, und wehe, wenn die Kunde, womglich bertrieben -und entstellt, zu Vater Richthoff und Kthe sich -verirrte!</p> - -<p>Elli nahm die Sache nicht weiter tragisch. Aber Marga -mahnte immer wieder zur Vorsicht.</p> - -<p>Und mit Recht. Da war zum Beispiel Cousine Grasvogel, -die mit irgendeinem Krnzchen von lteren jungen -Damen mindestens einmal die Woche auf der Sgemhle -erschien und, whrend sie die „lieben, lieben Mdels”<span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[S. 205]</a></span> -ostentativ umarmte, ihre gutmtige, aber neugierige Nase -rundum wittern lie. Richtig trat dann gerade whrend -einer dieser zrtlichen Begrungen Wilkens in den Garten. -Kaum hatte er jedoch die Schwierigkeit der Lage erkannt, -so ging er wie der lteste Bekannte auf Frulein Grasvogel -zu, die er auf dem Gartenfest am Wenzelsberg -nicht eines Blickes gewrdigt hatte, begrte die gute -Cousine mit einer Vertraulichkeit und ehrfrchtigen Wrme, -als schtze man sich seit Jahren, und sagte: es sei reizend, -da sie mit den beiden Frulein Richthoff einen Ausflug -auf die Mhle gemacht habe. Er lie sich von ihr umstndlich -erklren, die „lieben, lieben Mdels” seien nicht -mit ihr gekommen, sondern wohnten hier auen fr einige -Wochen, und war ber die Neuigkeit aufs angenehmste -verwundert. Elli bi sich die Lippen blutig, um ernst zu -bleiben. Marga gab recht unsichere und zerstreute Ausknfte -ber die Verpflegung auf der Mhle und die -Zimmerverhltnisse. Dann verabschiedete sich Wilkens -sehr korrekt von allen dreien und tauchte erst wieder auf, -als die Luft rein war.</p> - -<p>Schlimmer war es schon, da Frau Geheimrat Achenbach -einmal mit dem Wagen die Landstrae entlang fuhr, -als man, dem migen Wetter vertrauend, paarweise -dort lustwandelte. Das Schlimmste aber lie ein Besuch -von Kthes Freundin Lizzie befrchten, die an einem -Sonntagvormittag, als man im Buchenwald hinter dem -Gehft zu vieren picknickte, aus heiterem Himmel herunterschneite. -Elli erfand eine ganze Rubergeschichte. Aber -ob Lizzie, die sich sehr reserviert benahm und eine undurchdringliche -Miene aufsetzte, daran glaubte, war mehr -als fraglich. Gott sei Dank fand Perthes in ihrer ans<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[S. 206]</a></span> -Pathologische streifenden Musikleidenschaft ein Thema, -das die Unterhaltung leidlich in Gang hielt.</p> - -<p>Unschdlich war nur Professor Borngrber, der gar nicht -selten im Vorbeigehen der Sgemhle einen Besuch abstattete. -Es fiel ihm bisweilen abends ein, da er nach -rztlichem Ratschlu neben seinen geistigen auch seine krperlichen -Funktionen nicht vllig vernachlssigen sollte, und -dann arbeitete er mit zerstreuter Hast die Landstrae ab -bis zum Mhlengarten. Meistens las er dann, unter Verachtung -aller Lichtverhltnisse, ein dickes Buch zu seinen -Spiegeleiern mit Schinken, lie aus Vergelichkeit das -Bier so abstehen, da es in der Wrme des Sommerabends -bald zu kochen anfing, und hatte von der Umwelt keine -Ahnung. Oder aber, wenn er die Tchter seines Freundes -Richthoff dann doch aus reinem Zufall entdeckte, war er -so erfreut, sie zu sehen, da er niemand sah als nur sie. -Sein unschuldiges Junggesellenherz war ohne jedes Arg, -und sein Sinn blieb, trotz aller Herzlichkeit, zur einen -Hlfte doch immer an den Ufern der heiligen Ganga.</p> - -<p>Unverantwortlich lssig hatte sich bisher der von Vater -Richthoff selbst eingesetzte Vizevormund, Professor Wilmanns, -benommen. Marga und Elli hatten pflichtmig -vor ihrer bersiedlung bei ihm vorgesprochen, und der bewegliche -kleine Herr hatte laut verkndet, er werde bald -mal auf der Mhle „Generalrevision” halten. Er hatte zur -Bekrftigung seine eine Hand wrdevoll auf die lahme -Hfte gelegt, die andere in die Brust gesteckt und die -Brauen so hoch gezogen, da man frchten mute, Augen -und Stirn knnten nie wieder in ihre normale Lage zurckkehren. -Doch die bedrohliche Ankndigung blieb ohne -Folgen. Nur die drei Wilmannstchter kamen einmal zum<span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[S. 207]</a></span> -Kaffee auf die Sgemhle, nachdem sie sich vorher artig -durch eine Postkarte angemeldet hatten. Sie entschuldigten -ihre Eltern; Papa hatte vollauf mit seinem Wrterbuch -zu tun, einer Sisyphusarbeit, an der er seit bald -einem Jahrzehnt sich mhte; die bescheidene, aufopfernde -Mama half dabei tglich ihre fnf bis sechs Stunden. -Danach konnten Elli und Marga berzeugt sein, da von -dieser Seite nichts mehr zu befrchten sei, zumal die ganze -Familie Wilmanns mit Beginn der Ferien nach Thringen -reisen wollte.</p> - -<p>Aber die Generalrevision kam doch! Anfang August, -genau einen Tag vor Semesterschlu.</p> - -<p>Am Nachmittag hatte es Bindfaden geregnet. Es -wurde Abend, ehe der Himmel sich leidlich aufhellte. -Keine Seele aus der Stadt hatte sich auf der Mhle blicken -lassen. Perthes war trotz des Unwetters um fnf Uhr -gekommen. Sein Lodenmantel und sein Hut muten am -Herdfeuer in der Kche aufgehngt werden. Wilkens stellte -sich zum Essen ein, fr das man, da der Boden zu feucht -war und die Bume tropften, in einer Laube hatte decken -lassen. Elli rekognoszierte fr alle Flle auf Margas -Wunsch nochmals das Terrain, obgleich Wirtsleute und -Kellner bereinstimmend berichteten, es sei kein menschliches -Lebewesen im Garten. Sie kam mit der Meldung -zurck, in einer abgelegenen Ecke sitze, aller Nsse von unten -und oben zum Trotz, Professor Borngrber und kritzle unheimliche -Schriftzge in ein Notizbuch. Das klang zwar -abenteuerlich, war aber anderseits auch so beruhigend, -da jedes Bedenken schwand. Es war so gut, als gehrte -einem der ganze Garten allein. Guter Dinge voll, zog -man von der Halle in die Laube und setzte sich zu Tisch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[S. 208]</a></span> - -Man hatte noch kaum mit dem Abendbrot begonnen, -als Elli scharf und unruhig ber den Flu ugte, hinber -auf das Fhrboot. Das fllte sich pltzlich mit einer ansehnlichen -Gesellschaft, aus der weie Mdchenkleider -herberleuchteten.</p> - -<p>Wilkens war auch aufmerksam geworden. „Ich zhle -drei Wilmannstchter, Papa, Mama und studentischen Anhang,” -konstatierte er mit seiner unerschtterlichen Gelassenheit.</p> - -<p>„Wahrhaftig! Ich auch!” rief Elli mit lachender Bestrzung.</p> - -<p>Perthes hatte sich erhoben. Er mute die Nachricht -besttigen. „Mit sicherem Kurs auf die Sgemhle!” -setzte er trstlich hinzu.</p> - -<p>Verblffung und Schrecken waren gro. Die Ratlosigkeit -noch grer. Jeder schlug einen Ausweg vor, -der nichts taugte. Und dabei nherte sich das Boot mit -zunehmender Eile.</p> - -<p>„Wenn man Professor Borngrber bte, sich an unseren -Tisch zu setzen?” lie sich Marga bedchtig vernehmen, -als keiner von den anderen mehr Rat wute.</p> - -<p>„Sieh mal einer — das Margakind!” rief Elli begeistert. -„Die Liebe — ich sag' es ja schon immer — geradezu genial -macht sie die Liebe!”</p> - -<p>„Man knnte auch sagen, durchtrieben!” kommentierte -Perthes, indem er Marga strafend und anerkennend auf -die Finger klopfte.</p> - -<p>Es war keine Zeit zu verlieren.</p> - -<p>Elli sprang schnell entschlossen durch den Garten. -Man hrte sie gleich darauf, wie sie den ahnungslosen -Jakobus Borngrber mit einer Sturmflut von liebenswrdigen<span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[S. 209]</a></span> -Worten berfiel und betubte. Es dauerte -noch nicht zwei Minuten, so hatte sie ihn herumbekommen. -Er erschien an ihrer Seite, den Hut, ein Monstrum von -einem schokoladefarbigen Hut, schief bergestlpt; ein dickleibiges -Buch mit einem Notizbuch darauf wie eine Bundeslade -vor sich hertragend. Mantel, Schirm und Bierglas -hatte Elli bernommen. Mit dem unmglichen, aufgedunsenen -Baumwollschirm wies sie ihm den Tisch, whrend -sie immer weiter plapperte: sie wrden sich so riesig freuen, -wenn er sich zu ihnen setzte, und es wre zu nett von ihm, -da er das tte, und sie wrden an Papa eine Ansichtskarte -schreiben, da er sie besucht htte. Der gute Borngrber -nahm jetzt Buch und Notizbuch unter den Arm. -Rund und verwundert rollten seine Augen beim Eintritt -in die Laube, so verwundert, wie sie das immer taten, -wenn sie sich mit der Welt der Erscheinungen auseinandersetzen -sollten. Da da auer Marga, die er Frulein Kthe -nannte, und Elli, die er mit Marga verwechselte, noch -zwei Herren saen, die sofort aufsprangen und sehr bekannt -und erfreut taten, war ihm nicht befremdlicher -als anderes. Seine goldgelben Zhne lachten verlegen -und freundlich aus dem silberstruppigen Gesicht. Er verteilte -Hndedrcke, wobei sein Buch auf die Erde fiel; -Perthes hob es hilfsbereit auf, whrend Wilkens ihn selbst -nach dem Stuhl an der Spitze des Tisches drngte und -ein Gesprch ber neue indische Funde vom Zaun brach, -von denen er irgendwo gelesen haben wollte.</p> - -<p>Eben hatte sich die aberwitzige Brut knapp unter die -schtzenden Flgel des sich seiner Rolle durchaus unbewuten -Professors geflchtet, als vor dem Garten Papa -Wilmanns' breite, behagliche Stimme erschallte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[S. 210]</a></span> - -„Wollen sehen, ob wir die Vgel im Nest treffen. -Geh mal vor, Heddy — da sie nicht zu sehr erschrecken!”</p> - -<p>Doch diese zarte Vorsichtsmaregel erwies sich schon -im nchsten Augenblick als berflssig. Papa Wilmanns' -scharfe, spitzmusige Augen hatten ber den Zaun weg -bereits die entscheidende Entdeckung gemacht.</p> - -<p>„Kiek mal eener!” Strmisch drang er in den Garten -und stand im Handumdrehen am Eingang der Laube. -„Kiek mal eener! Hat man je so was gehrt oder gesehen!? -Mein Freund Borngrber, dieser Tugendheuchler, sitzt -hier schamlos vor aller Welt und macht jungen Mdchen -den Hof!”</p> - -<p>Frau Wilmanns und ihre Tchter mit dem Gefolge -von einigen Studenten, die Wilmanns fr ihre selbstlose -Mithilfe am Wrterbuch ab und zu durch eine Einladung -entschdigen mute, kamen auf seinen Ruf hinterdrein. -Es gab vor und in der Laube eine herzliche Begrung -mit ausgiebigem Hndeschtteln, wobei die Wilmannsmdchen -Perthes und Wilkens mit etwas erstaunten -Blicken maen, und auch Mutter Wilmanns sie schchtern -fragend besah. Aber ihr Gatte hielt eine so fulminante -Abrechnung mit Borngrber, da Elli und Marga sich -eine bessere Abwehr der Neugier gar nicht wnschen -konnten. Wobei nicht gesagt sein soll, da der schlaue -Generalrevisor die Situation verkannt htte. Aber er war -nun einmal immer schwach gegen junge Leute ...</p> - -<p>„Meine Herrschaften!” polterte er los. „Ich habe -Ihnen schon wiederholt von unserer griechischen Reise -erzhlt. Oder noch nicht?”</p> - -<p>„Doch, doch!” lieen sich beschwrende Stimmen -hren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[S. 211]</a></span> - -„Gut! Sie knnen sich jetzt vorstellen, was ich mit -meinem Kollegen Borngrber <span class="antiqua">in puncto puncti</span>, das ist -in betreff der Griechinnen, auszustehen hatte. Dieses -harmlose Gesicht, das sich auch jetzt wieder den Anschein -vollendeter und rhrender Kindlichkeit gibt —”</p> - -<p>„Wollen wir uns nicht setzen, Papa?” wagte Frau -Wilmanns vorsichtig einzuwerfen.</p> - -<p>„Diese Maske vertrumter Wissenschaftlichkeit wird -niemand lnger tuschen!” fuhr Wilmanns unter allgemeiner -Frhlichkeit fort. „Ich knnte —”</p> - -<p>„Wilmanns, ich warne Sie!” Borngrber schttelte -seine Befangenheit ab und fuchtelte mit seinem Bierglas, -das er aus unerklrlichem Grund bei der Begrung -mit sich erhoben hatte. „Ich warne Sie! Ich werde von -Kalypso erzhlen, einem gewissen thrakischen Mdchen -im Hotel —”</p> - -<p>„Schweigen Sie!” rief Wilmanns emprt. „Sie -haben gar nichts zu erzhlen! Ich stehe hier in verantwortlicher -Stellung,” — schon fuhr die Hand gravittisch -in den Busen, und das hinkende Bein drehte sich dramatisch -nach auen — „ich komme, um als Vizevormund -im Namen des arglosen Richthoff bei meinen Pflegekindern -Revision zu halten, und finde als Wolf in Schafskleidern -— Sie!”</p> - -<p>„Kalypso, Frau Professor Wilmanns,” schrillte mit -verdoppeltem Feuer Borngrbers Fistelstimme, „Kalypso -war ein auffallend hbsches Mdchen —”</p> - -<p>„Genug von Ihren Ausschweifungen!” donnerte Wilmanns, -dem die Kalypso gefhrlich zu werden schien. -„Genug, sage ich! Wir werden uns bei einer Bowle weitersprechen! -Aufgeschoben ist nicht ausgehoben! Helfen Sie<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[S. 212]</a></span> -mir, meine Herren, das Symposion vorzubereiten, statt -sich bucklig zu lachen, wenn zwei ehrsame Professoren ihrer -Alma mater sich rein sachlich aussprechen! Ich denke, -wir haben in der Laube alle Platz. Schieben wir einen -Tisch an!” Er legte selbst Hand an eine Tischkante. Wilkens, -Perthes, die Wrterbuchvolontre sprangen bei -und faten wacker mit an. Im Nu war der Tisch in der -gerumigen Laube zu einer Tafel erweitert. Weinflaschen, -eine halbe Sekt darunter, frische Walderdbeeren lieen -nicht zu lange auf sich warten, und Borngrber vereinigte -sich mit seinem feindlichen Freunde zu einem Waffenstillstand, -um die Bowle zu brauen, eine praktische Ttigkeit, -in der er merkwrdigerweise brauchbare Erfahrungen -hatte. Papa Richthoff in Kissingen mochte sich ja die Vormundschaft -ber seine gewissenlosen Tchter etwas anders -vorgestellt haben — aber fr alle Teile war die Wilmannssche -Auffassung von einer Generalrevision die denkbar -sympathischste, nicht zuletzt fr Marga und Elli, denen -man zu diesem festlichen Gelage nicht zuzureden brauchte.</p> - -<p>Die Abkhlung des regnerischen Tages wirkte nach.</p> - -<p>Als die Sonne untergegangen war, verlegte man mit -Rcksicht auf die lteren Herrschaften den zweiten Teil -der Bowle in die geschtzte Halle.</p> - -<p>Wilmanns schlo einen Akkord mit den Wirtsleuten, -um das mehr rhythmisch als im strengen Sinne musikalisch -beanlagte Orchestrion in den Dauerbetrieb zu versetzen. -Whrend er nach Kissingen eine Postkarte loslie: -„Ihre Tchter, lieber Kollege, treffe ich bei meiner sehr gewissenhaften -vormundschaftlichen Inspektion durchaus -artig und munter. Gefahr droht ihnen nur von dem -Indologen Borngrber, der sie zu heimlichen Banketten<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[S. 213]</a></span> -einldt” — whrend dieses der Wahrheit nicht zu nahe -tretenden Berichts erffnete Elli mit Wilkens den Tanz. -Die Wilmannstchter und ihre jugendlichen Begleiter -lieen ihr Beispiel nicht lange ohne Nachahmung.</p> - -<p>Bei der zunehmenden Ungezwungenheit und Lustigkeit -fiel es nicht weiter auf, da Marga und Perthes sich -absonderten.</p> - -<p>Sie standen bei der Tr und plauderten. Er, angeregt -von der Bowle, der allgemeinen Frhlichkeit und den -lockenden Weisen der „Rosen aus dem Sden”, folgte mit -blitzenden Augen dem Tanz der jungen Mdchen in ihren -hellen, fliegenden Sommerkleidchen.</p> - -<p>„Na — wagen wir es nicht auch, Margakind?” flsterte -er nach einer Weile lebhaft.</p> - -<p>„Nein, ich kann ja nicht tanzen!” gab Marga zurck.</p> - -<p>„Aber Elli hat mir verraten, da du mit ihr tanzt. -Und zwar recht gut! Komm — tu nicht zimperlich!”</p> - -<p>„Es geht nicht!” wiederholte sie ngstlich. „Sicher -nicht! Du wrdest dich mit mir nur lcherlich machen!”</p> - -<p>„Aber Kind, das ist ja kleinlich! Ich mchte gern -tanzen!”</p> - -<p>Sie fhlte seinen heien Atem an ihrer Wange. Die -Hand, die nach der ihren fate, verriet die Erregtheit -seines warmbltigen Temperaments.</p> - -<p>Marga entzog sich ihm. Ehe er es verhindern konnte, -war sie in den dunklen Garten hinausgeglitten. Eine -pltzliche, wehe Traurigkeit hatte sie befallen: er, entzndlich -und lebensdurstig, wie er war, verlangte in die -Welt, die ihr verschlossen war, und sie hatte nichts von -alledem, was andere ihm geben konnten — keine Leichtigkeit, -keine tanzende, lachende Lustigkeit! Nichts, gar nichts<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[S. 214]</a></span> -— so schien es ihr in diesem Augenblick — als ihre schwere -Seele und ihre trostlose Blindheit! Und so wrde es -immer sein!</p> - -<p>Perthes folgte ihr schnell.</p> - -<p>Er war rgerlich ber sie. ber ihre bertriebene -Schwerflligkeit. ber ihre Empfindlichkeit und die Unvorsichtigkeit, -so davonzulaufen.</p> - -<p>Sie hatte schon einen Vorsprung gewonnen. Erst -am anderen Ende des Gartens holte er sie ein.</p> - -<p>Sie lehnte mit dem Rcken an einem Baumstamm. -Die Hnde hatte sie hinter dem Kopf ineinandergepret, -und die Augen starrten verngstigt in die Hhe, whrend -ihre Brust sich schwer atmend hob und senkte.</p> - -<p>„Aber Marga, wie kannst du nur so sein! So — -verzeih! — so berspannt empfindlich!” Wort und Ton -konnten seine Verstimmung nicht verbergen.</p> - -<p>„Ich kann nicht tanzen! Gewi nicht. Bitte, bitte, -tanze doch du! Mit Elli und den anderen!” stie sie -flehend hervor.</p> - -<p>Einen Augenblick durchfuhr es Perthes bitter, ohne -da er wute, wie es kam. Drinnen lockte die Musik mit -ihrer sinnenfrohen Lebenslust. Das war nichts fr sie! -Also auch nichts fr ihn. Er stie zum erstenmal — oder -war es nicht das erstemal? — an die Grenze seines Glcks. -Aber er wollte nicht. Wie lppisch von ihm, durchaus -tanzen zu wollen! Er war alt genug, um darauf und auf -anderes ohne rger verzichten zu knnen. Wie unrecht -von ihnen beiden, da sie um einer so kleinlichen, erbrmlichen -Sache willen, wie es diese schlechte Musik war und -das bichen improvisierter Tanz, sich verstimmen wollten! -Er redete auf Marga ein, herzlich, leidenschaftlich, und<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[S. 215]</a></span> -berredete sich selber dabei. Warum sprach sie berhaupt -immer davon, da dies oder jenes nicht fr sie sei? Wollte sie -die Wirklichkeit fliehen? Brauchte sie denn das? Er wollte -sie ja mitten hineintragen! Erst recht und gerade sie! -Und er wollte ihr von da drauen alles bringen — Licht, -Lust, Wonne, Kleines wie Groes — was sie begehrte! -Hell und heller als um jede andere sollte es um sie werden!</p> - -<p>Und Marga hrte zu. Er hatte noch nie mit so viel -Feuer von seiner Liebe zu ihr gesprochen. Sie kostete -seine trstenden Worte wie einen heilenden Trank. Unglubig -erst, zaghaft — dann mit vollen Zgen. Und sie -war es, die den Arm um seinen Nacken legte. Die ihn -kte. Was hatte er, wenn sie sprde tat? War es nicht -wenig genug auch so? Und sie schuldete so viel Dank! -Und sie war jung! Sie liebte ihn wie nichts auf der Welt! -Mochte vollends fallen, was ihre Angst und Vorsicht -zwischen ihm und ihr hatte aufrichten wollen. Sie kte -ihn wieder und lie sich kssen. Dann gingen sie, eins -vom Arm des anderen umschlungen, noch eine Weile -durch den Garten. Ihre Liebe dnkte ihnen reich und gro -und heilig wie nie. Sie wollten ihre Unendlichkeit fhlen -— heute, da sie zuerst an ihre Endlichkeit gestoen waren.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c9" id="c9">9</a></h2> - - -<p>Die neue Assistentenstelle in der Chirurgischen Klinik, -die Perthes nunmehr endgltig angenommen hatte, sollte -er vertragsmig zum ersten September antreten. Er -hatte sich am Bakteriologischen Institut zum fnfzehnten -August freimachen wollen. Vierzehn Tage dachte er fr -seine Ausspannung herausschlagen zu knnen. Um nicht<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[S. 216]</a></span> -zu weit von Marga entfernt zu sein, wollte er sich in einem -einsamen Hof in den Bergen einquartieren, den er von -seinen Wanderungen kannte und der etwa zwei Wegstunden -von der Sgemhle ablag. Seine Ferien wollte er, auer -zum Zusammensein mit ihr, zu hufigen Fumrschen in -dem abwechslungsreichen Waldgebirge benutzen.</p> - -<p>Alles war verabredet und festgesetzt, als Professor -Kronheim, Hupfelds erster Assistent, unerwartet erkrankte.</p> - -<p>Der Geheime Rat, der seine eigenen Sommerferien -nicht verkrzen wollte, wandte sich an Perthes und bat in -schmeichelhafter Weise, ihm aus der Verlegenheit zu helfen. -Was war zu tun? Perthes mute, fluchend freilich, bis -auf weiteres seinen eigenen Erholungsplnen entsagen und -Mitte des Monats, Hals ber Kopf, aus seinem Institut -in die Klinik berspringen.</p> - -<p>Die neue Ttigkeit war wesentlich anstrengender und -unfreier als die frhere. Das sollte auch Marga drauen -auf ihrer Mhle bald fhlbar werden. Es gab in der -Klinik regelmigen Tag- und Nachtdienst. Um die tglichen -Besuche war es mit einem Mal geschehen. Es vergingen -zwei, drei Tage, ehe Perthes sich auf der Sgemhle -blicken lassen konnte. Und da stellte es sich heraus, -da dieselben Pausen, die Marga erst hatte zur Bedingung -machen wollen, ihr jetzt recht lang und schwer erschienen. -Sie suchte freilich sich und Elli einzureden, es wre viel -besser so: die stete Sorge, durch Cousine Grasvogel und -andere gute Freunde ins Gerede zu kommen, wurde -geringer; die Freude des Wiedersehens wurde durch die -lngere Trennung nur verstrkt. Jetzt, wo die Schranken -der Vorsicht und Zurckhaltung durch seine und ihre -Schuld gefallen waren, wuchs die so lange unterdrckte<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[S. 217]</a></span> -und verleugnete Liebe Margas mit jedem Tag. Ihre -schwere Natur, einmal entzndet, drngte zu jener Reife, -die das Weib in der Liebe erst ganz zu dem macht, was -es sein soll. Tapfer hatte sie ihr Leiden getragen; aber -so sehr es sie gefrdert, es hatte doch auch ihre Entwicklung -gehemmt und so manches verkmmern lassen: nun streifte -ihr Ernst sein Zuviel an Schwere und Herbheit ab und -verband sich dafr mit weicher Hingebung und einer -zarten Leidenschaftlichkeit, die ihn schner und voller -kleidete. Konnte frher ihre Beherrschung dem oberflchlichen -Blick temperamentlos und apathisch vorkommen, -so zeugte jetzt auch ihre uere Erscheinung gegen -ein solches Vorurteil: ihr Gang war freier und leichter, -ihre Bewegungen wurden sicherer und ausgeglichener; -der Kopf mit seinem schlichtgeknoteten, aschblonden Haar -senkte sich nicht mehr so oft und so md-ergeben; durch -ein warmes, zuversichtliches Leuchten ersetzten die Augen -ihre Blicklosigkeit; die Wangen bekamen mehr Farbe -und die ganze Gestalt Frische und Flle. Es war noch -immer die groe Stille, die ihr Wesen trug und umflo, -aber ein brutlicher Schimmer verklrte sie. Und brutlich -fhlte sich Marga selbst in den Stunden, in denen ihr Glck -ohne Angst und Bedenken sie ausfllte, brutlich in der -sehnschtigen Erwartung, in der trumenden Versonnenheit, -im sen, berechtigten Stolz. Wenn dann Perthes -kam, war sie es, die im ersten Augenblick des Alleinseins -ihm die Arme um den Hals legte, sein Gesicht, seine Haare, -seine Hnde liebkosend betastete und kte. Sie begann -in ihm und durch ihn die Wirklichkeit in Besitz zu nehmen.</p> - -<p>Perthes entging die Wandlung nicht, die sich mit -Marga vollzog.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[S. 218]</a></span> - -Es wre unnatrlich gewesen, wenn sie ihn nicht -erfreut htte. Aber es mischte sich etwas Neues und Fremdes -in diese Freude. Solange es gegolten hatte, Margas -Liebe aus ihrer ngstlichen Verhllung von Scheu und -Vorsicht zu lsen, hatte dies Spiel von Gefhl und Vernunft -ihn in fortwhrender, froher Spannung gehalten, -und sein Empfinden fr sie schien mit jedem Sieg, den -er ihr abgewann, an Innigkeit zu wachsen. Es kamen -Augenblicke, wo er sich verliebt vorkam, so verliebt, wie -er es vor Wochen, als er sich zum Entschlu drngte, noch -nicht fr mglich gehalten htte. Aber nun, da Margas -Liebe entfaltet war und naturgem in ihr mit der Zrtlichkeit -der Seele auch die der Sinne erwachte, erschrak -er bisweilen mitten unter ihren Liebkosungen ber sich -selbst. Er hatte aus der Liebe, die er sich verordnete, -seinerzeit die Leidenschaft wegrsoniert. Jetzt zitterte -sie ihm, nicht aufdringlich freilich und malos, aber doch -blutwarm und lebendig aus Margas Zrtlichkeit entgegen. -Was hatte er ihr dagegen zu geben? Wo blieb -bei ihm die Leidenschaft, die die ihre beantwortete? Freilich -erwiderte er strmisch ihre Umarmung und gab ihr -ihre Ksse verdoppelt zurck, aber zwang er sich nicht dazu? -War in seinem Ungestm nicht die Furcht, hinter ihr -zurckzubleiben, und war diese Furcht nicht schon der Beweis, -da seine Liebe der ihren nachstand?</p> - -<p>Er verwnschte solche Gedanken. Das allzu hufige, -unttige Beisammensein war doch unvernnftig gewesen -und hatte ihn durch bersttigung berkritisch gemacht. -Von dieser Seite sah er in seiner klinischen Ttigkeit keine -unwillkommene Gelegenheit, mit seiner und Margas Liebe -mehr hauszuhalten. Seine Stellung mit ihren gesteigerten<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[S. 219]</a></span> -Ansprchen befriedigte ihn. Mit dem ganzen Feuereifer, -dessen er fhig war, gab er sich ihr hin. Dem Zureden -Margas und der eigenen Einsicht folgend, entzog er sich -auch dem Verkehr mit seinen Kollegen nicht mehr so vllig -wie bisher. Er dachte sogar daran, sich einmal wieder im -Tennisklub sehen zu lassen. Aber die Aussicht, mit Alice -Hupfeld zusammenzutreffen, hielt ihn ab. Nach der gemeinsamen -Radfahrt auf der Landstrae hatte er danach -kein Verlangen. Es war mglich, da sie verreist war. -Der Geheime Rat war auf Stift Nieburg. Das wute -er. Alice war nirgend zu sehen. Doch das wollte nichts -Sicheres besagen. Es war jedenfalls geratener, ihr aus -dem Wege zu gehen ...</p> - -<p>Da berraschte ihn vor Ende August Exzellenz Hupfeld -mit einer Einladung aufs Stift. Zum einfachen Mittagessen. -Fast gleichzeitig erfuhr er zufllig aus dem Gesprch -mit einem Kollegen, da Frulein Exzellenz von -einer vierzehntgigen Hochgebirgstour zurckgekehrt sei.</p> - -<p>Seine Lust an der Einladung nach Nieburg, von vornherein -nicht gro, wurde durch diese Nachricht sehr herabgemindert. -Er trug sich mit dem Gedanken, abzulehnen, -und suchte nach einem plausiblen Grund. Seltsam: der -Widerwille, mit Alice zusammen zu sein, nahm in dem -Mae zu, als das Essen auf dem Stift sich nherte. Er -sprach auch mit Marga darber. Es war ihm ein Bedrfnis, -so oft er Alice Hupfeld einmal erwhnen mute, seine -Antipathie gegen sie beinahe berscharf zum Ausdruck -zu bringen. Marga hatte nur ein unvollkommenes, nicht -sehr anziehendes Bild von Alice wie von dem ganzen -Kreis, dem sie zugehrte. Sie war keine von jenen kleinen -Naturen, die aus Mangel an eigenem Urteil um jeden<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[S. 220]</a></span> -Preis „gerecht” sein wollen. Gleichwohl hielt sie seine -Hrte fr bertrieben und riet ihm, der Einladung nach -Nieburg zu folgen.</p> - -<p>Letzten Endes blieb auch Perthes, wenn er sich die -Gnade seines neuen Chefs nicht von vornherein verscherzen -wollte, gar nichts anderes brig, als anzunehmen.</p> - -<p>An dem Tag, der ihn zu Hupfelds fhren sollte, blieb -er so lange auf der Klinik, da er knapp noch Zeit hatte, -sich umzukleiden. Er mute einen Wagen nehmen, um -berhaupt noch zu rechter Zeit nach Stift Nieburg zu -kommen.</p> - -<p>Als der Kutscher von der heien Landstrae abbog, -sah Perthes sehnschtig nach der Mhle, die schattig und -beschaulich wie immer mit ihren Ziegeln aus den Bumen -hervorlugte. Am liebsten htte er noch jetzt die Fahrt -dorthin kommandiert. Er schalt sich selbst ber seine Torheit. -Dies lcherliche Mibehagen stand in keinem Verhltnis -zur Unbedeutendheit der Sache. Er war doch -wohl nachgerade alt und Manns genug, um sich in unbequemer -Gesellschaft ein paar Stunden mit Anstand -herumzulangweilen!</p> - -<p>Das groe eiserne Gittertor war verschlossen. Nur -die ins Mauerwerk gebrochene Nebenpforte stand offen. -Man erwartete also nicht so viele Besucher, wie Perthes -hinter der Einladung zum einfachen Mittagessen geargwhnt -hatte. Er stieg aus, entlohnte den Kutscher und trat -in den Garten: mit seinen kurzgeschorenen Rasenflchen, -seinen ppigen Palmengruppen und farbensatten Blumenbeeten -lag er still in der sengenden Augustsonne. Still -und wie erstarrt in weier Hitze stand auch weiter zurck -das lange, schloartige Gebude mit dem efeubewachsenen<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[S. 221]</a></span> -Untergescho, den hohen, hellgrnen Fensterlden, die -zum Teil geschlossen waren, und dem mchtigen Giebeldach. -Die Bume des Parks gaben einen Hintergrund, -der sich mit massigem Dster gegen das grelle Licht abhob.</p> - -<p>Auf einem der gelben Kieswege, die zwischen wohlgepflegten -Taxushecken abseits vom Fahrweg sanft emporstiegen, -kam Perthes ans Haus. Nach der Hitze drauen -atmete ihm das alte, weitrumige Bauwerk schon bei -der Eingangstr mit ihren geschnitzten Flgeln und -glnzenden Messingringen wohltuende Khle entgegen. -Der Diener, der ihn in Empfang genommen, fhrte ihn -durch lange, etwas nchterne Gnge ber ein breites, -an den Wnden mit Nachbildungen antiker Reliefs geschmcktes -Treppenhaus in den ersten Stock.</p> - -<p>Das Zimmer, das er betrat, war auf den ersten Blick -erstaunlich tot und drckend.</p> - -<p>Groe, in den Farben gedmpfte Gobelins verkleideten -die Wnde ringsum. Zwei Bnke mit ledergepolsterten -Sitzen und Lehnen, ein runder Tisch mit schwerer, goldbrokatener -Decke, die einst einen Altar geziert haben -mochte, und einer riesigen Fayencevase in der Mitte, -hochrckige, steife Lehnsthle — lauter in den Holzteilen -tiefdunkle Mbelstcke — waren mehr stilvoll als einladend. -Durch eine Tr, deren schmale Portiere zurckgerafft war, -sah man ins anstoende Zimmer: es war — fast schien -es, in bewutem Gegensatz zu dem Vorraum, in dem -Perthes stand — in helles Licht getaucht. Man sah einen -ziemlich einfachen Schreibtisch, der mit schmuckloser Platte -auf zarten, ausgebauchten Beinen stand. Der altertmliche -Globus auf der Ecke, das kristallene Tintenfa, noch -mehr aber der Polsterstuhl mit seinem Bezug von grnem,<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[S. 222]</a></span> -geriefeltem Samt brachte Raffinement in die Einfachheit -dieses Arbeitszimmers.</p> - -<p>So weit war Perthes in seinen Betrachtungen gekommen, -als von dort ein leises Ruspern und teppichgedmpfte -Schritte hrbar wurden. Gleich darauf wurde -Hupfeld in der Tr sichtbar.</p> - -<p>„Sehr liebenswrdig, da Sie uns das Vergngen -machen,” lie sich seine volle, getragene Stimme vernehmen. -Er berschritt die Schwelle nicht, sondern lud -den Doktor mit einer kurzen Bewegung ein, nherzutreten. -Freundlich, fast vertraulich bot er ihm die Hand — eine -Hand, so weich und lssig, da Perthes sich versucht fhlte, -sie zwischen seinen muskulsen Fingern durch einen -heftigen Druck auf ihre Knochen zu prfen. Und doch war -diese Hand mit ihrem fabelhaften Geschick die Begrnderin -von Exzellenz' europischem Ruf. Die hochgewachsene -Gestalt berragte noch die seines Assistenten. Auf den -breiten Schultern sa ein verhltnismig kleiner Kopf, -dem bartlose, glatte, mit dem Alter etwas verfettete Zge -und weies, dichtstehendes, aufrechtes Haar die Schnheit -eines bejahrten Heldenvaters gaben.</p> - -<p>Ein zweiter von jenen Winken, deren herrische Krze -mit der auffallenden Loyalitt des Geheimen Rats kontrastierte, -forderte Perthes auf, es sich in einem roten -Saffiansessel bequem zu machen, der gegenber dem -Schreibtisch, neben einem von Photographien und knstlerischen -Reproduktionen bedeckten Tisch stand und ein -bcherreiches Regal im Rcken hatte.</p> - -<p>Exzellenz setzte sich in den grnen Polsterstuhl. „Und -wie fhlen Sie sich in unserer Klinik, mein lieber Doktor?”</p> - -<p>„Danke, Exzellenz! Soweit ich mir schon ein Urteil<span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[S. 223]</a></span> -erlauben kann, sehr wohl,” erwiderte Perthes, in den -Saffiansessel mit Widerstreben versinkend.</p> - -<p>Hupfeld lchelte befriedigt. Er war ein Meister jenes -diskreten Lchelns, das die angenehmste wie die rgerlichste -Stimmung gleich gut verhllt. „Wie ich Ihnen schon -sagte, haben Sie mir durch Ihren frheren Eintritt einen -groen Dienst geleistet,” fuhr er, jedes, auch das unbedeutendste -Wort prononcierend, fort. Whrend er mit -gemessener Wrme des erkrankten Professors Kronheim -gedachte, beharrte er regungslos in der fr sein Gesicht -so vorteilhaften Profilstellung. Das gelbliche, durch die -dnnen Vorhnge getnte Licht vom Fenster umflo -schmeichelnd seine majesttischen Umrisse und den grnen -Polsterstuhl. Bisweilen traf ein knapper Blick den Doktor. -Wenn die Augen von Exzellenz ihre graue Starrheit einen -Moment aufgaben, nahmen sie einen stechenden Glanz -an und erinnerten Perthes durch ihren spttischen Ausdruck -an die von Alice.</p> - -<p>Mit der Freiheit des groen Mannes liebte es Hupfeld, -die Themen des Gesprchs unvermittelt zu wechseln. -Er gefiel sich in einer klassischen Vielseitigkeit. Im Hinblick -auf Perthes' mannigfaltigen Studiengang sprach er davon, -da er selbst eigentlich htte Botaniker werden sollen und -wollen. Dabei gab er seinem Talent zur Rede nach und -setzte die Worte mit der sinnlichen Selbstgeflligkeit eines -Juweliers, der die Perlen seines Geschmeides einzeln -durch die Finger gleiten lt. „Ich habe mir, wie Sie sich -vielleicht schon berzeugten, die Vorliebe fr die Pflanzenwelt -gewahrt.” Er deutete mit einer Bewegung der -molluskenhaften Hand in der Richtung des Gartens. -„Wenn es Sie interessiert, werde ich Ihnen nachher im<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[S. 224]</a></span> -Gewchshaus meine bescheidene, aber ich darf wohl sagen -erlesene Sammlung von Orchideen zeigen. — Wissen Sie -denn brigens, da Sie hier in Nieburg auf klassisch geweihtem -Boden weilen?”</p> - -<p>Perthes schttelte verneinend den Kopf.</p> - -<p>„Es ist verbrgte Tatsache,” erklrte Hupfeld, indem -er sich noch hoheitsvoller in seinem grnen Polsterstuhl -zur Schau setzte und die berhmte Hand mit leichten Bewegungen -seine Worte begleiten lie, „da in diesen Rumen -Goethe im Jahre 1793, auf der Rckreise von der -Belagerung von Mainz verweilte. Sein erlauchter Geist -trifft sich mit meinem bescheideneren in der Liebe fr die -Pflanzen und fr die Kunst des Mittelalters. Das macht -mir den Aufenthalt hier besonders lieb und bedeutungsvoll. -Auch die Gebrder Boissere sind hier fters zu Gast gewesen. -Wenn der gute Wille gengte, etwas von der -Universalitt jener Zeiten und jener Geister sich zu eigen -zu machen, und wenn man Zeit htte —” Der Geheime -Rat vollendete seinen vielsagenden Satz nicht, sondern lie -ihn in einem tiefsinnigen Schweigen stecken. Vielleicht, -um Perthes Gelegenheit zu geben, ein naheliegendes -Kompliment einzuflechten; vielleicht auch nur, um den -versteckten Vergleich mit Goethe in dem Zuhrer — oder -vielmehr in dem Zuschauer — uerlich nachwirken zu -lassen.</p> - -<p>Perthes besa leider gar keinen Sinn weder fr -Schmeicheleien noch fr klassische Vergleiche. Es bereitete -ihm im Gegenteil ein heimliches Vergngen, Exzellenz -zu enttuschen. Nachdem er sich ungefhr so viel Zeit gelassen -hatte, als ntig war, um die Bartlocken der gewaltigen -Bste des Zeus von Otricoli zu zhlen, die auf<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">[S. 225]</a></span> -einem Postament in der Ecke hinter dem Schreibtisch -stand — also nach einer sehr respektvollen Pause —, hub -er pltzlich an, von einem klinischen Fall zu sprechen. -„Haben Exzellenz gehrt, da die Operation von Mi -Read — es handelte sich um <span class="antiqua">Ileus strang</span>...”</p> - -<p>„Ja — ja! Natrlich!” fuhr Hupfeld aus seinem Nachsinnen -zerstreut auf. „Die Sache ist sehr interessant! -Sehr interessant! Wir sprechen nachher noch davon. -Fr jetzt darf ich Sie nicht lnger unseren Damen vorenthalten.” -Er erhob sich etwas jh. „Bitte!” Er deutete -wieder in seiner befehlenden Art nach der rckwrtigen -Tr. Mit der Zuvorkommenheit eines Frsten lie er -seinen Gast voranschreiten. Sie durchschritten zuerst die -eigentliche Bibliothek, einen sehr stimmungsvollen Raum -mit Tausenden von Bnden auf hohen, geschnitzten Regalen.</p> - -<p>„Ich habe meine paar belletristischen und kunsthistorischen -Bcher von den fachwissenschaftlichen getrennt und -hier untergebracht,” erluterte der Geheime Rat im -Vorbeigehen.</p> - -<p>Von da traten sie in das Speisezimmer.</p> - -<p>Wenn Perthes Mue gehabt htte, den „Saal” genau -in Augenschein zu nehmen, wrde er ihm seine Anerkennung -nicht versagt haben. Die kolossalen Brabanter -Schrnke, die gegen eine Tapete von blaroter Seide -standen, das wundervolle Barockgesthl, die gravittischen -Ahnenbilder an den Wnden im Verein mit Teppichen, -Truhen und kostbaren Behngen zeugten von Geschmack. -So aber mute er sich vor allen Dingen in einer der -tiefen Fensternischen der Dame des Hauses vorstellen -lassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">[S. 226]</a></span> - -„Mein neuer Assistent, Herr Doktor Perthes,” fhrte -ihn Hupfeld wohlwollend ein.</p> - -<p>Die weibliche Exzellenz, eine kleine, lebhafte Dame -von rosiger Gesichtsfarbe und einem kindlichen Ausdruck -von Daseinsfreudigkeit auf den wulstigen Lippen und in -den schwimmenden ugelchen, reckte ihre etwas schwerfllige -Figur freundlich im Stuhl in die Hhe, nickte dreimal -mit dem Kopf und gab Perthes die Hand. „Es ist -schwl. Glauben Sie, da wir ein Unwetter bekommen -werden? Ich frage heute jedermann, ob wir heute ein Gewitter -bekommen werden. Ich bin nmlich sehr ngstlich. -Sehr, sehr ngstlich!” Sie bekrftigte ihre Gewitterfurcht -mit einem hohen, kindlichen Lachen. „Wie meinen Sie?” -fragte sie dann dringend, die Hand an ihr schwerhriges -Ohr haltend.</p> - -<p>Perthes, etwas betroffen von diesem Willkommgru, -der in seiner Naivitt peinlich war, fate sich so schnell wie -mglich. „Ich glaube nicht, da wir ein Gewitter haben -werden,” antwortete er hflich.</p> - -<p>„Hrst du, Moritz,” wandte sich Frau Hupfeld triumphierend -an den hinter ihrem Sessel stehenden, blutjungen -Leutnant, „Doktor Ptel — hie er nicht so, Papa?”</p> - -<p>„Doktor Perthes,” korrigierte der Geheime Rat mit -einer Deutlichkeit, die zugleich zuvorkommend und entschuldigend -klang.</p> - -<p>„Na ja — Doktor Ptel glaubt auch nicht an ein Gewitter, -Moritz!”</p> - -<p>Der Leutnant, ein zierlicher, hbscher Junge mit harmlosem, -frischem Kindergesicht, zuckte die Achseln. „Willst -du mich, bitte, vorstellen, Papa?” bat er den Geheimen -Rat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">[S. 227]</a></span> - -„Natrlich — ich bitte um Verzeihung! Mein Sohn, -Leutnant Moritz Hupfeld. Und hier —” Er winkte nach -dem Fenster, wo ein junges Mdchen ohne Teilnahme -fr das, was vorging, hinausschaute. „Komm mal her, -Hilla! — Die Tochter meines Bruders, des Obersten -Hupfeld in Straburg,” erluterte Exzellenz.</p> - -<p>Das junge Mdchen fand es nicht der Mhe wert, -nherzutreten. Sie erwiderte, sich langsam umwendend, -Perthes' Verbeugung mit einem halben Blick und ziemlich -schnippischem Kopfnicken. „Weit du, Onkel, ihr mtet -in den ollen, langweiligen Garten da mal 'ne Fontne -oder so was 'reinsetzen,” schlo sie ihre viel wichtigeren -Fensterstudien.</p> - -<p>„Nein! Um Gottes willen! Wo denkst du hin, Kind? -Eine Fontne?” jammerte Frau Hupfeld erschrocken. -„Das ewige Pltschern kann einen ja schwermtig machen!”</p> - -<p>„Sei ohne Sorge,” legte sich Hupfeld ins Mittel, -„ich liebe keine Wasserknste!” Er bewahrte inmitten dieser -reichlich albernen Unterhaltung die herablassende Wrde -seiner Gre.</p> - -<p>„Cousine Hilla hat nu mal eine Vorliebe fr groe -silberne Glaskugeln, Goldfische und Terrakottazwerge, -die unter Pilzen sitzen,” hnselte der Leutnant, whrend -er mit Perthes einen Blick gegenseitigen Wohlgefallens -wechselte.</p> - -<p>„Pfui, Moritz!” wehrte sich Hilla entrstet und geruhte -dabei, sich zu nhern und ihre nichtssagend hbsche Larve -mit schmachtendem Tadel ihrem Vetter zuzuwenden. -„Sind Sie der Doktor, der so gut Tennis spielt?” wandte -sie sich dann pltzlich mit der vorlauten Selbstverstndlichkeit -eines verzogenen Backfisches an Perthes.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">[S. 228]</a></span> - -„Woher wissen Sie das, gndiges Frulein?” fragte -Perthes trocken zurck, whrend er auf das schmale Persnchen -khl heruntersah.</p> - -<p>„Von Alice natrlich!”</p> - -<p>„Alice!” nahm Hupfeld das Wort. „Wo steckt denn -Alli? Wir werden uns ohne sie zu Tisch setzen. Entschuldigen -Sie, mein lieber Doktor! Meine Tochter lebt in -einem bestndigen Krieg mit unserer Hausordnung,” -ergnzte er halb stolz, halb tadelnd, whrend er seiner -Frau artig den Arm bot.</p> - -<p>„Dem armen Kinde wird doch nichts zugestoen sein?” -meinte Frau Hupfeld ngstlich.</p> - -<p>„I wo, Mama!” lachte der Leutnant. „Das wre das -erstemal. So was verdirbt nicht!”</p> - -<p>„Ich sah sie vor einer Viertelstunde von meinem -Zimmer aus in den Park laufen,” bemerkte Cousine Hilla. -Sie hngte sich dabei an den Arm ihres Vetters, der sie -hflich dem Gast hatte berlassen wollen. Mit Zivilisten -ging sie nur in Ermangelung wirklicher Menschen zu -Tisch.</p> - -<p>Perthes, dem offenbar ursprnglich Alice als Tischnachbarin -zugedacht war, mute sich seinen Platz allein -suchen.</p> - -<p>Er ergab sich in sein Los. Kam er sich doch unter diesen -fremden Menschen so gelangweilt und unbehaglich vor, -da er froh war, sitzen und essen zu drfen.</p> - -<p>Exzellenz hielt bei der Suppe einen kleinen Vortrag -ber altes Porzellan, von dem er eine Sammlung anzulegen -beabsichtigte. Es gengte, verstndnisvoll zu lcheln, -was brigens nur Perthes tat. Frau Hupfeld teilte einstweilen -ihre ganze Aufmerksamkeit zwischen einem harmlos-frhlichen<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[S. 229]</a></span> -Appetit und der erneuten Sorge um das Wetter, -das zu beobachten sie dem aufwartenden Diener in -geheimnisvollem Ton sehr dringlich einschrfte. Hilla -machte ihrem Vetter Leutnant ungeniert den Hof, ohne -der Weisheit ihres groen Onkels die geringste Beachtung -zu schenken.</p> - -<p>Der weibehandschuhte Diener hatte schon den zweiten -Gang serviert und einen Flsterwein eingegossen, als die -Tr zum Saal aufgerissen wurde und Alice hereinstrmte.</p> - -<p>„Denkt euch, Kinder —”</p> - -<p>„Meine Nerven! Meine Nerven!” klagte erschrocken die -Geheime Rtin.</p> - -<p>„Der Grtner hat in der Raubtierfalle einen richtigen -Iltis gefangen! Ich hab' ihn mir angesehen! Eine Mama, -die Junge erwartet!”</p> - -<p>Alice reichte dem Doktor whrend ihres zoologischen -Berichts sehr obenhin die Hand und setzte sich zwischen -ihn und ihren Bruder.</p> - -<p>„Wie schrecklich!” lie sich Frau Hupfeld, ihre Nerven -vergessend, neugierig vernehmen. „Was hat er gefangen? -einen Tiflis?” Umfassende Bildung gehrte nicht zu Mama -Hupfelds Vorzgen. Sie stammte aus einfachen Verhltnissen -— aus Hupfelds weniger berhmter Zeit — -und ihre Impromptus waren das Entsetzen von Exzellenz.</p> - -<p>„Einen Iltis!” kicherte Alice. „Und zwar —” wollte -sie mit berlauter Deutlichkeit fortfahren.</p> - -<p>„Mein Liebling,” unterbrach sie der Geheime Rat -mit einer Entschiedenheit, die zugleich bestimmt war, -Iltis und Tiflis zu bedecken, „ich schtze die Natrlichkeit. -Das weit du. Aber sie darf nicht degoutant sein.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[S. 230]</a></span> - -„Auch meine Meinung. Besonders bei Damen!” bekrftigte -Leutnant Moritz die vterlichen Worte.</p> - -<p>„Da hab' ich mich ja wieder mal nett in die Nesseln -eurer Prderie gesetzt!” Alice sah mit verschmitztem Lachen -von einem zum anderen.</p> - -<p>„Wohin hat sie sich gesetzt?” fragte mit unerschttertem -Wissensdrang Frau Hupfeld.</p> - -<p>„Mich mut du ausnehmen, Alli,” erklrte voll schwrmender -Bewunderung Cousine Hilla. „Ich finde deine -Natrlichkeit furchtbar schick! Ich wollte, ich wre auch -so vorurteilslos.”</p> - -<p>„Das fehlte noch!” brummte der Leutnant.</p> - -<p>„Steht nur Ihr Urteil aus, Herr Doktor Perthes!” -wandte sich Alice mit einer Verbeugung an ihren Nachbar. -„Dann kann ber mich richtig abgestimmt werden!”</p> - -<p>Perthes, obwohl nichts weniger als entzckt von dieser -Aufforderung, begegnete dem spitzbbischen Zwinkern -ihrer Augen mit einem ruhigen Blick. „Wenn Sie darauf -Wert legen, gndiges Frulein —”</p> - -<p>„Und ob!”</p> - -<p>„Ich schtze Natrlichkeit. Bei Damen sogar besonders. -Sie wird da nur leicht Manier. Und hebt sich so wieder -selbst auf.”</p> - -<p>„Sehr gut!” nickte zustimmend der Geheime Rat. -„Sehr gut, lieber Perthes!” wiederholte er noch einmal, -nachdem er mit vorgeschobenen Kennerlippen an seinem -Weinglase genippt hatte.</p> - -<p>„Das hei' ich 'ne schlanke Abfuhr — wie, Allichen?” -schmunzelte der Leutnant vergngt.</p> - -<p>„Mir ist das zu hoch!” meinte mit patziger Geringschtzung -Cousine Hilla.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[S. 231]</a></span> - -Alli selbst kniff die Augen zusammen wie beim Tennisspiel, -wenn sie berechnen wollte, wie sie den Ball am besten -zurckschlge. Es lag in dem halboffenen Blick etwas -Lauerndes, das die Freude an gefangenem Raubzeug, -wie einem Iltis, erklrlich machte. Im nchsten Augenblick -lachte sie. Es war dieses helle, kurze, aufreizende Lachen, -das Perthes kannte.</p> - -<p>Der Diener hatte eben begonnen, neue Schsseln zu -reichen. Den Schleien folgten rmische Poularden. Alice -hatte den Kopf mit dem rtlichen Haargewirr ber die -Lehne zurckgeworfen. Die gelenkige Gestalt in dem eng -anliegenden, blauen Foulardkleid schttelte sich leicht, -als gelte es, ein paar Tropfen von der milchweien Haut -des Halses und der Arme absprhen zu lassen. Dann bog -sie sich blitzschnell ganz nahe an Perthes heran. „Es ist -doch so, da hinter dem Rubergesicht ein ganz ehrsamer -Philister sitzt, nicht?” tuschelte sie ihm mit boshafter -Hast zu.</p> - -<p>Er wollte ihr erwidern. Aber ebenso geschwind hatte -sie sich von ihm weggewandt und drehte ihm halb den -Rcken. Sie sprach mit Hilla und ihrem Bruder. Whrend -des Restes der Mahlzeit behandelte sie ihn als Luft. Ein -Verfahren, das ihn, wie er sich selber vorsagte, hchst -kalt lie, aber seine Behaglichkeit im Hause Hupfeld nicht -erhhte. Er wnschte sich ber alle Berge. Oder doch -zum mindesten einen halben Kilometer talwrts in die -Sgemhle. Die ungewohnte Atmosphre, die ihn umgab, -bedrckte ihn: dieser „groe Mann” mit seiner prezisen -Redeweise und seiner hohlen, posierten Majestt; -diese vielleicht gutmtige und natrliche, aber immer -nur mit sich selbst beschftigte, rosig-dicke Frau Exzellenz;<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[S. 232]</a></span> -Frulein Hilla, die ihre Dummheit durch die doppelte -Portion Hochmut und Dreistigkeit wettzumachen suchte, -und Alice — wie ihm das alles zuwider war! Samt -dem altertmlichen, schwerflligen, berstilvollen Luxus! -Samt dem tadellosen Diner auf Wedgwoodporzellan -und den Flsterweinen und dem schleichenden Lakaien -mit den weien Handschuhen! Er war kein Feind von -Reichtum und Geist und Geschmack; aber er htte gern -einmal laut fluchen oder eins der hohen Fenster aufreien -und einen Strom noch so heier Sommerluft -hereinstrmen lassen mgen — um sich selber wiederzuerkennen -und freizumachen!</p> - -<p>Man nherte sich dem Dessert.</p> - -<p>Der Leutnant brachte, Gott sei Dank, etwas Zug in -die Unterhaltung. Er erzhlte von Ballonfahrten, die er -von Freiburg aus, wo er in Garnison stand, unternommen. -Besonders von einem Ausflug nach Straburg, wo sie -kurz vor dem Ziel, in Kehl, die Reileine ziehen muten -und um ein Haar im Rhein gelandet wren.</p> - -<p>„Wo war das, Moritz?” fragte Frau Hupfeld, die die -Hand am Ohr mit allen Zeichen des Gruselns der halsbrecherischen -Schilderung zu folgen versuchte.</p> - -<p>„In Kehl, Mama,” lautete der bereitwillige Bescheid.</p> - -<p>„In Kiel?” wiederholte die alte Dame mit Staunen. -„Ich wute gar nicht, da Kiel so nahe bei Straburg -liegt. Ich dachte immer —”</p> - -<p>Diesmal brach die Heiterkeit ber Mama Hupfelds -durch keine Sachkenntnis getrbte Geographie so elementar -und laut hervor, da der Geheime Rat sie nicht -durch eine ableitende Bemerkung aufhalten konnte. Seine<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[S. 233]</a></span> -kleine, dicke Frau schlo sich der Frhlichkeit so unbefangen -an, wie wenn sie nichts anderes beabsichtigt htte, als ein -Bonmot zum besten zu geben. Zu allem Unheil pflanzte -sich eben jetzt der Diener in steifer Positur hinter ihrem -Stuhl auf, offenbar um ihr eine unaufschiebbare Meldung -zu machen.</p> - -<p>„Was gibt's, Karl?” fragte sie besorgt, als der Beifall, -den sie unfreiwillig entfesselt hatte, sich legte.</p> - -<p>„Exzellenz, im Sden zieht ein Gewitter herauf!” -meldete der Diener mit der Feierlichkeit eines spanischen -Granden.</p> - -<p>„Allmchtiger!” entfuhr es dem Leutnant in komischer -Verzweiflung.</p> - -<p>Frau Hupfeld schnellte mit allen Zeichen der Angst -von ihrem Sitz in die Hhe. „Oh — was Sie sagen, -Karl!” stammelte sie. Sie sah wirklich bemitleidenswert -aus.</p> - -<p>Cousine Hilla bi auf ihre Serviette, um nicht von -neuem herauszulachen. Alice schnitt eine Grimasse. -Perthes fixierte standhaft den zierlichen Rand seines -Tellers, denn wenn er bis jetzt als Gast des Hauses seinen -Lachmuskeln eine peinliche Reserve auferlegt hatte, diese -im Ton einer antiken Schicksalsverkndigung vorgetragene -Gewittermeldung drohte seine Kraft zu bersteigen.</p> - -<p>Der Geheime Rat blieb ernst. „Es wird ja so schlimm -nicht sein!” redete er begtigend seiner Frau zu.</p> - -<p>Aber fr Frau Hupfeld gab es, nachdem sie sich vom -ersten Entsetzen erholt, kein Halten. „Herr Doktor Ptel -— Sie mssen mich entschuldigen — ich kann nun mal -nichts dafr!” erklrte sie mit hastiger Verlegenheit. -„Nein — und ich wollte noch von der wundervollen<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[S. 234]</a></span> -Ananas essen! Stellen Sie sie fr mich zurck, Karl! -Und Annette soll auf mein Zimmer kommen. Sie mu -mir die Laden schlieen. Johann auch!”</p> - -<p>Schon war sie, ihre beleibte kleine Person mit erstaunlicher -Elastizitt vorwrtsschiebend, aus dem Saal geflohen, -um in ihrem Schlafzimmer unter Beihilfe der verfgbaren -Dienstboten die ntigen verdunkelnden Vorbereitungen -zu treffen.</p> - -<p>Das Gleichgewicht der Tafel war gestrt.</p> - -<p>Exzellenz — seine Verstimmung in eine gesteigerte, -ber die Kleinigkeiten des Tages erhabene Hoheit hllend -— hielt es fr angebracht, die Mahlzeit nicht mehr ber -Gebhr zu verlngern.</p> - -<p>Er stand denn auch bald auf und gab so das Zeichen -der Befreiung vom Tischzwang. Die Herren begaben -sich in die Bibliothek. Whrend der Leutnant den mit -Silber eingelegten Zigarrenschrank herbeiholte und Perthes -mit den unterschiedlichen Vorzgen der Importen bekannt -machte, zog Hupfeld sich stillschweigend zu einer kleinen -Mittagsruhe zurck.</p> - -<p>Alice und Hilla traten unter die Tr der Bibliothek.</p> - -<p>„Hilla will mal meine Iltismama besehen. Kommst -du mit, Sbelmnnchen?” Alice richtete ihre Aufforderung -absichtlich nur an ihren Bruder, als existierte Perthes -gar nicht.</p> - -<p>„Das hngt von Herrn Doktor Perthes ab,” erwiderte -der Leutnant, den Zug seiner Zigarre prfend.</p> - -<p>„Bah — es fragt sich sehr, ob wir Herrn Perthes nach -der famosen ‚Abfuhr‛ an Alli berhaupt noch dazu einladen!” -erklrte Frulein Hilla mit schnippischer Promptheit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">[S. 235]</a></span> - -„Dann mt ihr auf meine Gesellschaft auch verzichten, -Hillchen!” gab Leutnant Moritz ritterlich zurck.</p> - -<p>Alice ma Perthes ber ihre Schulter weg mit dem -ihr eigenen Blick vom Fu zum Kopf.</p> - -<p>„Bitte sehr, sich durch mich nicht bestimmen zu lassen. -Unser Tierpark im Bakteriologischen Institut war so -reichhaltig, und ich bin so froh, ihn los zu sein, da -ich auf Iltismtter keinen besonderen Wert lege.” -Perthes sprach mit aller ihm zu Gebot stehenden Gelassenheit, -ohne Alices Blick zu vermeiden. Dabei -mute er allerdings die zartgewickelte Zigarre beinahe -zwischen seinen Fingern zerdrcken, so sehr reizte ihn -Alices Benehmen.</p> - -<p>„Stolz lieb' ich den Spanier!” bemerkte sie leichthin; -aber ihre Mundwinkel zuckten mehr nervs als spttisch, -und ihre Abstze klappten strker auf den Boden, als ntig -war. Seine Sprdigkeit machte sie kampflstern. Sie -wre jetzt am liebsten dageblieben, um es gleich darauf -ankommen zu lassen, wer Sieger blieb. Doch Hilla zog -sie energisch aus der Tr.</p> - -<p>„Hat dein Papa immer so verdrehte Assistenten?” -fragte die Cousine laut genug, da man es noch in der -Bibliothek hren konnte.</p> - -<p>„Schweig! Das verstehst du nicht!” herrschte Alice -sie an.</p> - -<p>Hilla sah ihr ganz betroffen in die funkelnden Augen.</p> - -<p>„Er ist ein feiner Junge, sag' ich dir!” Alice wollte -hinzusetzen: Gerade, weil er so widerhaarig tut! Aber -sie behielt diesen Nachsatz fr sich und pfiff dafr auf dem -Weg zum Park leise vor sich hin — so bedeutungsvoll, -wie nur junge Damen pfeifen knnen ...</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">[S. 236]</a></span> - -Nach einigen Minuten gingen Perthes und Leutnant -Hupfeld auf eigene Faust ins Freie.</p> - -<p>Sie hatten beide Gefallen aneinander gefunden. Der -aufgeweckte junge Offizier, der nach den besten Eigenschaften -seiner Mutter geraten zu sein schien, traf sich mit -Perthes im Interesse fr den Luftsport. Der Leutnant -hatte in Berlin und auch in Paris Flugversuche gesehen, -von denen er sehr anschaulich zu plaudern wute. Nachher -erzhlte er von Freiburg und von winterlichen Skitouren -im Schwarzwald. —</p> - -<p>Sei es, da die Iltismama an Reiz eingebt hatte, -sei es, da Cousine Hilla Sehnsucht nach Vetter Moritz -bekam — die jungen Damen kehrten auffallend schnell -von ihrer Raubtierbesichtigung zurck.</p> - -<p>Man setzte sich in den Schatten unter eine breitstige -Eiche.</p> - -<p>Der Diener kam mit einem Klapptisch, mit Mokka und -einer Batterie von Likren aus dem Hause.</p> - -<p>Alice hatte sich, wie die beiden Herren, einen Curaao -eingieen lassen. Sie nherte sich Perthes mit der Miene -einer frommen Helene. „Wollen wir uns wieder vertragen, -Doktor?” Sie hielt ihm den kleinen Finger hin, -um mit ihm anzustoen.</p> - -<p>„Ich bin mir nicht bewut, da —”</p> - -<p>„Nun machen Sie geflligst nicht wieder Geschichten! -Wollen Sie — oder wollen Sie nicht?”</p> - -<p>Perthes gab sich zufrieden, tippte an ihren Finger, -und sie tranken sich zu.</p> - -<p>Whrend Hilla den Leutnant mit Beschlag belegte -und entfhrte, setzte sich Alice neben Perthes auf die -Bank unter der Eiche. Sie stemmte sich mit den Hnden<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">[S. 237]</a></span> -rechts und links gegen den Sitz und lie die Fe mit den -hbschen, bronzefarbenen Schnallenschuhen und den blauseidenen -durchbrochenen Strmpfen bereinandergleiten.</p> - -<p>„Warum sagten Sie das mit der ‚manierierten Natrlichkeit‛, -Doktor Perthes?” fragte sie nach einiger Zeit -in nachdenklichem Ton, in die Betrachtung ihrer Schuhspitzen -scheinbar versunken.</p> - -<p>„Weil es meine Meinung war und Sie mich darum -fragten,” entgegnete er.</p> - -<p>„Ich glaube, Sie haben greulich viel an mir auszusetzen!” -fuhr sie in derselben Weise fort.</p> - -<p>„Das beruht wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit!” Er -lehnte den Kopf gegen den Stamm der Eiche und blies -den Rauch seiner Zigarre in nervsen Zgen ber sich. -Er vermied es, sie anzusehen.</p> - -<p>„Man mu wohl hausbackener sein, um Ihnen zu gefallen?” -Sie streifte ihn mit einem halben Blick. Der -gutsitzende, elegante Gesellschaftsanzug stand in anziehendem -Gegensatz zu der naturhaft gebrunten Farbe seines -Gesichts und seiner Hnde.</p> - -<p>„Ich dachte, wir htten auf Vershnung angestoen,” -meinte er. „Aber Sie —”</p> - -<p>„Natrlich, das schliet doch nicht aus, da ich mich -mit Ihnen ein bichen kabble. Ich kabble mich immer -mit Menschen, die mir gefallen!” Sie sah ihn jetzt mit dem -Schalksgesicht voll an. Ihre Augen flirrten keck unter der -weien Stirn und dem rtlichen, vorgebauschten Haar, -whrend die Zungenspitze ber die Lippen spielte.</p> - -<p>Perthes warf seine Zigarre fort und streckte sich unbehaglich. -„Davon halt' ich nicht viel. Vom Kabbeln nmlich. -Ich bin nicht sonderlich geschickt dazu und gerate<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">[S. 238]</a></span> -leicht vom Hnseln ins Hauen!” Seine Hand, die er mit -dem Rcken vor die Stirn geschoben, schlo und ffnete -sich instinktiv. Ohne da er sich dessen bewut war, gab -diese Bewegung seine geteilte Empfindung fr Alice -wieder, die sich durch dies Tete-a-tete steigerte: er htte -sie gleichzeitig leidenschaftlich an sich reien und von sich -stoen mgen.</p> - -<p>„Oho! Das klingt ja ordentlich gefhrlich!” lachte sie -belustigt. „Sie berschtzen am Ende doch Ihr Temperament, -Doktor!” setzte sie mit herausforderndem Spott -hinzu. Sie hatte gar nicht im Sinn, ihre „kabbelnde” -Taktik ihm gegenber einzustellen. Im Gegenteil, es machte -ihr Vergngen, die sprde Zurckhaltung, die er zur Schau -trug, den Philister, wie sie es nannte, mit seiner Reizbarkeit -in Widerstreit zu bringen. Sie tat das ohne Berechnung. -Dafr war sie viel zu sehr ein Geschpf der Laune. Es -war vielmehr die Neugierde: es lockte sie, herauszubekommen, -ob die Reibung zwischen seiner Sprdigkeit und seinem -Temperament kein Feuer geben knnte.</p> - -<p>Das Gewitter aus Sden, das Frau Hupfeld von der -Tafel aufgeschreckt hatte, war recht zgernd aufgezogen. -Erst jetzt holten seine Wolken die Sonne ein. Ein greller, -silberner Rand schied das Blau und das Grau des Himmels. -Das Licht auf dem langgestreckten, eintnigen Rcken des -Hauses schwand. Die Schatten unter der Eiche wurden -beinahe finster. Der Donner murrte dumpf und nah.</p> - -<p>„Das scheint ja doch noch ernst zu werden,” lenkte -Perthes das Gesprch ab.</p> - -<p>„Sie sind doch nicht auch gewitterscheu wie Mama?”</p> - -<p>„Das mssen Sie mir ja ansehen, gndiges Frulein!”</p> - -<p>„Wenn Sie wnschen, zeige ich Ihnen mal die Kapelle.<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">[S. 239]</a></span> -Papa wrde es Ihnen nicht verzeihen, wenn Sie nicht -dort gewesen wren!” Alice war aufgestanden. Sie -schlang die Hnde hinter ihrem Kopf ineinander und dehnte -sich. „Wollen Sie? Wenn Ihnen die Besichtigung mit -mir allein zu langweilig ist, knnen wir noch Moritz und -Hilla rufen.”</p> - -<p>„Ihre Gesellschaft gengt mir.”</p> - -<p>„Danke! Ich nehme das fr ein miratenes Kompliment.” -Sie neigte bertrieben-hflich den Kopf und ging -dann voraus.</p> - -<p>Alice nahm sich Zeit und fhrte Perthes auf einem -Umweg quer durch den Park. Sie lief, und er blieb trotz -seiner groen Schritte immer hinter ihr.</p> - -<p>„Sie haben Bergtouren gemacht?” begann er von sich -aus die Unterhaltung wieder.</p> - -<p>„Ach — es war recht mig dieses Jahr!” gab sie -gleichgltig zurck. „Das Wetter war zu unbestndig.”</p> - -<p>„Mit wem waren Sie denn zusammen?”</p> - -<p>„Mit mir und mit dem Fhrer!”</p> - -<p>„Nur mit dem Fhrer?”</p> - -<p>„Warum denn nicht?” Sie drehte sich flchtig nach ihm -zurck. „Ich finde das viel aparter und origineller, als -wenn Moritz oder sonstwer mich immer als Dame schont -und bemuttert!”</p> - -<p>Perthes wollte Genaueres von ihren Touren hren, -aber sie schien dazu heute nicht aufgelegt. Seine Augen -ruhten auf ihrer leichten, schlanken Gestalt. Durch stndiges -Trainieren, Gymnastik und Sport hielt sie ihre Formen -in geflliger, sehniger Schmalheit. Die Schultern, die -Arme und Hften waren, fr sich betrachtet, berschlank; -aber ihre Art, sich zu bewegen, fest und geschmeidig zugleich,<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">[S. 240]</a></span> -gab dem Krper eine reizvolle Harmonie, die nichts -Eckiges oder Spitzes aufkommen lie. Beim Gehen schien -sie nie mit dem Absatz den Boden zu berhren. Dabei -war ihr Gang weder schwebend noch geziert, sondern von -jener kecken Freiheit, die zu dem spttelnden Leichtsinn -ihres ganzen Wesens pate. Es war ein und dasselbe -sinnliche Geheimnis in ihrer Erscheinung, in ihrem Lachen, -in ihrem boshaften Geplauder; ein Geheimnis, gegen das -seine Vernunft und Geradheit sich wehrten, und das doch, -ohne da er es sich gestand, ihn nicht loslie.</p> - -<p>Sie zeigte ihm mit flchtigen Bemerkungen, die sie -ber die Schulter warf, die Sehenswrdigkeiten des -Parks. Da war ein Gedenkstein vom Ende des achtzehnten -Jahrhunderts, eine girlandenumwundene, mit einer Opferschale -gekrnte Sule, moosig bezogen und mit einer Inschrift -versehen, die kein Mensch lesen konnte. Der Geheime -Rat behauptete fest und steif, es sei eine Erinnerung an -Goethes Besuch auf dem Stift. Dann brchiges, efeuberwuchertes -Gemuer, verfallene Stufen, die in die -Tiefe fhrten, wo eine Quelle rieselte. Weiterhin ein -halber Turm aus verwittertem Sandstein, den Exzellenz, -allerdings selbst mit einer gewissen Skepsis, fr den Rest -eines Burgfrieds aus Raubritterzeiten erklrt hatte. -Ein vertrumter Teich, ber und ber mit Wasserlinsen -bedeckt; eine romantische Grotte, die zur Schatzgrberei -ermutigte, ein ... Doch da klatschte es schon derb -auf das hohe Bltterdach der Bume und fuhr mit -scharfen, silbernen Fden durch die Zweige. Der Regen -brach los.</p> - -<p>„Wer zuerst an der Kapelle ist!” rief Alice mit ausgelassenem -Gelchter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">[S. 241]</a></span> - -Sie raffte leicht ihr Kleid und strmte vorwrts, ohne -den Weg einzuhalten, quer durch Gras und Gebsch.</p> - -<p>Perthes, weniger durch diese Aufforderung als durch -den niederfahrenden Regen bestimmt, setzte ihr nach. -Kurz vor der niederen Bogentr der Kapelle, die fast -mrchenhaft hinter den tiefhngenden sten auftauchte, -berholte er sie. Alice scho in vollem Lauf hinterdrein -und prallte mit dem Gewicht ihres Krpers gegen ihn. -Die alte morsche Tr hielt der doppelten Last nicht stand, -sondern knarrte aus dem Schlo. Eins am andern Halt -suchend, gelangten sie mehr im Fall als im Schritt in den -dmmrigen Raum. Ihre erhitzten Gesichter sahen sich -verdutzt und lachend an.</p> - -<p>Die hohen bunten Glasfenster waren mit Sonnenvorhngen -gedeckt, so da es beinahe finster in der Kapelle -war. Sie war mglichst als Gotteshaus erhalten. Ein -Hochaltar aus der Klner Schule — die sliche Madonna -in der Mitte, rechts und links auf den Flgeln die knienden -Stifter —, Sanktuarium, Lesepult und Kerzen davor, -traten, von einem Streiflicht getroffen, aus dem Dunkel -der kleinen Apsis. Alice zog einen der Vorhnge auseinander. -Man erkannte jetzt leidlich die geschnitzten Chorsthle -an den Wnden, Bilder der Stationen Christi, -die blanken Pfeifen einer kleinen Orgel auf der rckwrtigen -Empore. Das halbe Gewitterlicht von drauen -gab eine fahle, wunderliche Stimmung.</p> - -<p>Geschmackvolle Schrnke zwischen den Chorsthlen -und glasberbaute Tische, die an Stelle der Bnke das -Kapellenschiff fllten, enthielten die Sammlung des -Geheimen Rats: Megewnder und Schmuckstcke aus -dem spten Mittelalter, Gemmen und Mnzen aus der<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">[S. 242]</a></span> -Antike, Handschriften aus dem vierzehnten und fnfzehnten -Jahrhundert.</p> - -<p>Auch wenn sie besser zu sehen gewesen wren — -Perthes htte jetzt kaum zu einer nheren Besichtigung -Lust gehabt. Er lehnte schweigend an einem der Pfeiler -und begngte sich, die ruhige Gesamtheit der kleinen Kirche -und ihre Khle auf sich wirken zu lassen. Der Regen -prasselte an die Scheiben, und der Sturm brauste drauen -in den mchtigen Bumen.</p> - -<p>Alices unfromme Stimme weckte ihn schnell. „Als -Sulenheiliger sehen Sie wirklich nicht gut aus, Doktor!” -klang es von der Hhe der Orgelempore hallend zu ihm -herunter. „Kommen Sie lieber zu mir herauf und helfen -Sie mir!”</p> - -<p>Perthes entdeckte nicht ohne Mhe die schmale Stiege, -die sie emporgeklettert war, und folgte ihr. Sie krachte -bedenklich unter seinen Tritten.</p> - -<p>Alice stand hinter der verstaubten Orgel und wirtschaftete -an einer hohen Leiter.</p> - -<p>„Wobei soll ich Ihnen helfen?” fragte er mit leisem -Argwohn.</p> - -<p>Sie deutete ber sich.</p> - -<p>Man sah ber die Dachsparren durch in den engen -Turm, in dem zu oberst ein oder zwei Balken querliefen, -die wohl frher eine Glocke getragen hatten.</p> - -<p>„Ich mchte mir von da oben mal das Unwetter ansehen!”</p> - -<p>„Aber das ist ja Unsinn!” entfuhr es Perthes. „Da -kommen wir nicht hinauf. Oben an der Leiter fehlen -Sprossen, und weiter hinauf sehe ich berhaupt keine -Mglichkeit, hochzukommen. berdies wackelt das ganze<span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">[S. 243]</a></span> -Ding hier!” Er schttelte mit seinen Hnden die gar nicht -einladende Leiter.</p> - -<p>„Das htte ich mir denken knnen, da Sie fr so was -nicht zu haben sind! Aber ich will da hinauf, hren Sie! -Wenn ich mir den Hals breche, sind Sie schuld, der Sie -mir nicht behilflich sein wollen!” Sie stieg entschlossen -auf die erste Sprosse. „Ich brauche Sie gar nicht!”</p> - -<p>„Das erlaub' ich nicht!” Perthes fate zornig und -besorgt ihre Hand.</p> - -<p>„Wollen Sie mich loslassen. Mit Ihrem Brengriff! -Erlauben! Was haben Sie zu erlauben!?”</p> - -<p>„Seien sie nicht so eigensinnig, Frulein Alice.” Zum -erstenmal brauchte er in der Erregung ihren Vornamen.</p> - -<p>„Jetzt erst recht! Ich bin nicht so ngstlich um mein -bichen Leben besorgt wie Sie um Ihren schnen Gehrock, -Doktor — der —”</p> - -<p>Mit einem Satz war Perthes neben ihr und drngte -sie knirschend beiseite.</p> - -<p>„Sie Barbar!”</p> - -<p>Er klomm behend aufwrts und sie mit leisem, befriedigtem -Lachen hinter ihm drein. Sie hatte seinen Mut -und seine Entschlossenheit in Frage gezogen, und er war -unbesonnen genug, sich das nicht zweimal sagen zu lassen. -Wie ein groer, bravourschtiger Junge kletterte er hoch -und hher. Wo die Sprossen fehlten, streckte er ihr ohne -ein Wort befehlend Hand und Arm zu, um ihr zu helfen, -und sie zog sich geschickt an ihm empor.</p> - -<p>Es war eine waghalsige Torheit, wie er richtig vorhergesagt -hatte.</p> - -<p>ber der Leiter waren eiserne Krampen ins Fachwerk -geschlagen, die zur Not als Stufen dienen konnten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">[S. 244]</a></span> - -Er hatte es aufgegeben, noch einmal gegen Alices -Wagemut vorstellig zu werden. Er wute, da er sie damit -nur um so trotziger machen wrde. Ganz nur mit dem -gefhrlichen Aufstieg beschftigt, verga er jede Bedenklichkeit: -er schlug seinen Arm hinter ihren Rcken; halb -zog, halb hob er sie weiter, und ihr geschmeidiger, leichter -Krper schmiegte sich ohne Scheu an den seinen.</p> - -<p>Dort, wo der Turm, ein richtiger Dachreiter, sich gegen -das Dach absetzte, war eine schmale Galerie, in der sie, -gegen die Wand gelehnt, einen Augenblick Seite an Seite -veratmen konnten. Wenn er sich auf die Fuspitzen erhob, -streifte er mit den Hnden an das Glockengerst. Er suchte -es auf seine Festigkeit zu prfen. Es war stark genug, -um zwei Menschen zu tragen, und sa fest im Gemuer. -Die Balken, einer etwas hher als der andere, aber in -gleicher Richtung, bildeten eine notdrftige Bank.</p> - -<p>Perthes schwang sich hinauf. Mit dem einen Arm -hielt er sich, mit dem anderen half er Alice und setzte sie -mit einer letzten, ruckhaften Anstrengung neben sich — -fast leidenschaftlich-heftig, wie ein unartiges Kind, das in -Teufels Namen seinen Willen haben mu.</p> - -<p>„Wenn Sie nicht so grob zufaten, wrden Sie einen -ganz guten Bergfhrer abgeben!” stie sie aufatmend -hervor.</p> - -<p>„Chirurgen haben bekanntlich immer harte Hnde,” -spottete er ingrimmig. „Fassen Sie die Planke da geflligst -fester,” kommandierte er, „sonst segeln wir in die -Tiefe.”</p> - -<p>„Sie sind ja ein netter Tyrann!” Alice sah ihn mit -einer Mischung von Schelmerei und fast zrtlicher Bewunderung -an. Sie saen eng aneinandergedrngt; die<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">[S. 245]</a></span> -Arme hatten sie sich wechselseitig hinter den Rcken legen -mssen, um sicher zu sitzen. Ihre in der Anstrengung -des Aufstiegs erglhten Gesichter berhrten sich beinahe. -Er sprte die losen Strhnen ihres zerzausten Haares auf -seiner Wange.</p> - -<p>„Wollen Sie nicht lieber, statt mich zu schelten, sich -die Aussicht ansehen?” meinte er erregt.</p> - -<p>Es war in der Tat schn da oben.</p> - -<p>Durch die spinnwebverzierten Gucklcher des Turmes -bersah man fluaufwrts das Tal. Die Wolken hingen -schwer und schwarz ber den Tannenkuppen. Blitz auf -Blitz zuckte daraus hervor und ri die verdunkelte Landschaft -in grelles, phantastisches Licht. Der Donner rollte -ferner. Aber der Wind whlte noch immer in den Baumwipfeln, -auf die man heruntersah, und der Regen fuhr -in langen, glitzrigen Strichen nieder.</p> - -<p>Das tosende Bild des Unwetters war nicht dazu angetan, -Perthes ruhiger zu machen. Whrend er mit vom -Staube brennenden Augen hinausstarrte, fhlte er, wie -die warme Nhe von Alices biegsamem Krper seine -Sinne gefangennahm und seine Widerstandskraft lhmte. -Er vermied es krampfhaft, sie anzublicken. Sein herrisches, -scharfes Wesen war die letzte Schanze, die er zwischen sich -und ihr aufwarf und verteidigte.</p> - -<p>„War das etwa nicht der Mhe wert, hier heraufzuklettern?” -fragte sie nach einer Weile vorwurfsvoll. -„Tun Sie nicht Abbitte, Doktor Perthes?” Sie beugte -ihren Kopf vor, um ihm in das beharrlich geradeaus gerichtete, -finstere Antlitz zu schauen. Die rotblonden Haare -schienen wie kleine, zackige Blitze ihr Gesicht zu umzucken, -und die flackernden, boshaften Augen suchten die seinen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">[S. 246]</a></span> - -„Sie werden fallen! Halten Sie sich ruhig!” knirschte -er. Mit der uersten Anspannung seines Willens wich er -ihrem Blick aus. Er wute, da er sie an sich reien und -kssen mute, wenn sich seine Augen mit den ihrigen -trafen — kssen wie ein Rasender. Ob sie dabei beide in -Gefahr kamen, in die Tiefe zu strzen, war ja dann vollends -gleichgltig ...</p> - -<p>„Ah — ich glaube, Sie fixieren da drben die Sgemhle!” -rgerlich glaubte Alice das Ziel seines starren -Blicks entdeckt zu haben.</p> - -<p>Perthes hatte bisher das rote Ziegeldach an der -Krmmung des Flusses, zwischen windgepeitschten Baumkronen, -noch gar nicht beachtet. Jetzt erkannte er es. Der -Bann war gebrochen.</p> - -<p>Der Gedanke an Marga strmte schmerzlich, anklagend, -bitter auf ihn ein und khlte sein Blut ab.</p> - -<p>„Steigen wir ab, gndiges Frulein. Es wird lange -genug dauern. Halten Sie sich eine Sekunde fest. Mit -beiden Hnden. Hier und hier.” Er bedeutete ihr die -beiden Stellen am hheren Glockenbalken. Dann lie -er sich am anderen auf die Galerie nieder und half ihr -folgen.</p> - -<p>Er hatte seine nchterne berlegung wieder.</p> - -<p>Wo der Dachreiter auf dem Dache der Kapelle aufsa, -war eine ghnende Luke. Sie konnte auf den Dachboden -fhren. Vielleicht bot sich dort ein minder halsbrecherischer -Weg. Ohne auf Alices Einwnde zu hren, leitete er sie -von der Galerie bis an die Luke. Dort kletterte er voraus -und inspizierte das Terrain. Nach wenigen Augenblicken -kam er zurck und hob sie zu sich auf den Boden. Sie -tappten Hand in Hand, vorsichtig und stumm durch den<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">[S. 247]</a></span> -dunklen Raum, wo sie eine Fledermaus aufscheuchten -und Spinngewebe zerrissen. Eine im Vergleich mit der -Leiter, an der sie hochgeklommen, bequeme Holztreppe -fhrte vollends in die Tiefe. Der Abstieg war ein -Kinderspiel gegenber dem unsinnigen Aufstieg. In einer -engen, vllig kahlen Kammer, die wohl als Sakristei -zwischen Apsis und Schiff der Kapelle eingeklemmt war, -gelangten sie auf ebener Erde an. Durch eine offene Tr -kam man von dort hinter den Hochaltar und zurck in die -Kapelle.</p> - -<p>„Der Weg wre einfacher gewesen!” bemerkte Perthes, -nicht ohne Vorwurf.</p> - -<p>„Ich wute nicht, da man vom Boden in den Turm -steigen kann,” gab Alice frostig und einsilbig zurck.</p> - -<p>Als sie unter das Tor der Kapelle traten, sah er auf die -Uhr. Es war spt geworden. Beinahe sieben. „Hchste -Zeit, da ich mich verabschiede!” murmelte er heftig.</p> - -<p>Sie schritten wortlos durch den Garten nach dem Haus. -Der Regen hatte aufgehrt. Es tropfte nur noch schwer -und laut von den glnzenden Zweigen.</p> - -<p>Im Flur klingelte Alice nach dem Diener. „Vielleicht -wnschen Sie sich etwas ausbrsten zu lassen, Herr Doktor!” -Sie musterte sein verstaubtes uere vom Fu zum Kopf -mit einem halben Lcheln, das er mit einem Blick auf ihr -ziemlich mitgenommenes blaues Foulardkleid erwiderte. -Dann lie sie ihn stehen und ging die Treppe hinauf.</p> - -<p>„Bitte, sagen Sie mir noch, gndiges Frulein, wo ich -mich von Ihren Eltern verabschieden kann,” rief ihr -Perthes nach.</p> - -<p>„Seine Exzellenz, der Herr Geheime Rat, wurden in -die Stadt gerufen. Ihre Exzellenz, die gndige Frau,<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">[S. 248]</a></span> -sind zu Bett gegangen,” meldete der hinzukommende -Diener.</p> - -<p>Alice war auf dem Treppenabsatz stehen geblieben. -„Na, denn adieu!” Sie nickte ihm zu und streckte die -Hand lssig ber das Gelnder.</p> - -<p>Perthes berhrte sie leise und verbeugte sich. „Sie -haben wohl die Gte, mich den Herrschaften dankend zu -empfehlen. Auch Ihrem Herrn Bruder und Ihrer Frulein -Cousine.”</p> - -<p>Frulein Exzellenz war schon verschwunden ...</p> - -<p>Perthes lie sich von dem Diener, so gut es ging, den -Anzug reinigen.</p> - -<p>Zwei Minuten spter trat er aus dem Haus. Er -atmete auf und ging mit schnellen Schritten durch den -Garten dem Tor zu. Als es zufiel und Stift Nieburg -hinter ihm lag, war es ihm, als wre eine Ewigkeit vergangen, -seit er dort eingetreten war. Und doch waren -nur wenige Stunden vergangen, seit er an derselben Stelle -aus der Droschke gestiegen. Wie um einen gefhrlichen -Spuk, der kein Anrecht auf Wirklichkeit hatte, schleunig -loszuwerden, lief er zur Landstrae hinunter. Fluaufwrts -ber den Bergen verzog sich das Gewitter mit aschgrauen -und nachtschwarzen Wolken. Fluabwrts, der -Ebene zu, blaute der Himmel wieder, und die Sonne zerri -das dnne, schleierhafte Gewlk. Ihre Strahlen -drangen mutig vor und erreichten die Strae. Bis hinauf -zur Mhle wagten sie sich, bewarfen das Ziegeldach und -blitzten auf den nassen Blttern des Wirtsgartens. Die -Rinnsale in den Wagenfurchen auf dem Fahrdamm, noch -eben trostlos braun und schmutzig, sprhten blendend -auf und wetteiferten mit dem goldgekruselten Schein<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">[S. 249]</a></span> -der Wellen im Flu. Ein breiter Regenbogen spannte -sich vom jenseitigen Ufer ber das Tal und berhrte mit -seinem Scheitel diesseits den Bergwald.</p> - -<p>Wo der Stiftsweg die Chaussee erreichte, hatte Perthes -haltgemacht. Er sah nicht zurck; aber er sah auch nichts -von dem milden Zauber des aufgeklrten Sommerabends -vor sich. Ursprnglich hatte er geradeswegs nach der -Sgemhle gewollt. Marga erwartete ihn dort — das -wute er. Nach dem widerwrtigen Besuch auf Nieburg -wollte er — so hatte er versprochen — sich und -sie entschdigen und wieder einmal ber das Abendbrot -bleiben, was er in letzter Zeit selten genug hatte tun -knnen.</p> - -<p>Nun schien es ihm pltzlich schwer, ja unmglich, Wort -zu halten.</p> - -<p>Vor ein paar Stunden wollte er an ein und derselben -Wegscheide den Wagen lieber zur Mhle als zum Stift -fahren heien. Jetzt schrak er vor dem Gang, die Landstrae -abwrts, zurck, als lge ein unberwindliches -Hindernis zwischen ihm und dem roten Ziegeldach, dem -vertrauten Garten. Er hatte den Hut vom Kopf gerissen -und prete die Hand gegen die Stirn. Was war eigentlich -geschehen, das ihn so mutlos machte? Er hatte sich nichts -vorzuwerfen, nicht das geringste. Keine Handlung und -kein Wort, noch so leis und flchtig, konnte ihn anklagen. -Und doch lag es wie ein dunkles, erstickendes Gefhl von -Unrecht, ja von Schuld auf ihm.</p> - -<p>Drunten, zwischen den Bumen des Mhlengartens, -schimmerten zwei helle, sommerliche Kleider. Arm in -Arm traten zwei Mdchengestalten auf die Landstrae. -Er htte Marga und Elli erkannt, auch wenn die sinkende<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">[S. 250]</a></span> -Sonne sie weniger scharf beleuchtet htte. Elli hielt die -Hand vor die Augen und sphte die Strae entlang.</p> - -<p>Unwillkrlich trat Perthes einen Schritt zurck, um -hinter einer Schlehenhecke am Wegrand verdeckt zu sein. -Im nchsten Augenblick, als er sich dieser Bewegung bewut -wurde, mit der er sich verleugnete, wurde ihm auch -seine Gemtsverfassung erschreckend klar.</p> - -<p>Was da oben auf Stift Nieburg in ihm wach geworden, -war das andere! War das, was er fr Marga nicht empfand -und nie empfinden wrde! Die Leidenschaft, die -zu den Sinnen sprach; die das Blut aufreizte und die Vernunft -auslschte. Wenn er es auch vermied, sich umzublicken, -zurck nach Nieburg und hinauf nach dem Kapellenturm -— Alices spitzbbisches Gesicht mit der kecken Stupsnase, -den graugrnen, boshaft flackernden Augen, dem -lsternen Mund, mit dem weien Teint und der Wolke -von rtlichem, blitzwirrem Haar blickte ihm ber die Schulter; -ihre biegsamen Glieder drngten sich an die seinen und -hielten ihn fest. Und er begehrte sie. Seine Arme verlangten, -sie an sich zu raffen. Sein Mund suchte den -ihrigen. Er hatte geglaubt, er brauche die Leidenschaft -nicht! Er hatte sich berredet, da sie zu seinem Glck -nicht passe. Ausgestrichen hatte er sie, niedergehalten — -war ber sie weggesprungen. Wenn sie sich rchen wollte!? -Und sie rchte sich ja schon! Sie wollte nicht bersprungen -sein. Gewi — seine Ansicht hatte dem Willen diesen -Sprung aufgezwungen. Aber der Feind, den er unterschtzte, -erhob sich in seinem Rcken. Das Gewaltsame -des Entschlusses, mit dem er sich Marga zu eigen gegeben, -war ihm mit einem Mal deutlich. Wie ein Schwimmer -hatte er sich mit einem heftigen, entscheidenden Sto<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">[S. 251]</a></span> -ans feste Land geworfen — und nun kam die Woge, die -er berwltigt meinte, mit erneuter Kraft und wollte ihn -wegsplen. Er sollte nicht ans Land. Er gehrte nicht der -groen Stille, sondern dem Sturm —</p> - -<p>Ohne sich ber die Richtung Rechenschaft zu geben, -hatte Perthes mit aufgeregten Schritten den Weg nach -der Stadt und nicht nach der Mhle eingeschlagen.</p> - -<p>Aber das durfte er ja nicht. Er wurde erwartet! Lie -er sich schon fortsplen?</p> - -<p>Ein paar Schritte von der Chaussee stand eine Aussichtsbank -in der Uferbschung. Linkshin sah man nach -dem Tal, rechtshin nach der im Dunst verschwimmenden -Stadt, die mit ihren Husern und Kirchtrmen unmittelbar -aus dem Flu aufzusteigen schien.</p> - -<p>Dort setzte er sich.</p> - -<p>Der Kettendampfer mit einer endlosen Reihe von -bewimpelten, schwerbefrachteten Lastkhnen schnaubte -und rasselte den Flu herunter, an ihm vorbei. Hinter -ihm auf der Landstrae zogen grlende Arbeiter vorber; -ein Automobil fauchte und tutete — dann klirrte ein Fahrrad -— er sah und hrte nichts. Er brauchte seine ganze -Besinnung und seine volle Strke, um sich festzustemmen -und der Woge zu wehren, die ihn vom Land reien wollte. -Sie trug menschliche Zge. Darum war es so schwer, sie -wegzuschieben, sie fortzustoen, ihren gelenkigen, verfhrerischen -Widerstand zu brechen. Wie schwer, das Land im -Auge zu behalten, Marga zu sehen, die blinde, anspruchslose, -in der Dmmerung verblassende Marga! Ein wildes, -unstetes Ringen war es, und als er sich durchgekmpft -zu haben glaubte, lohnte kein freies, heiteres Gefhl. -Ein bitteres „Mu” stand mit krausen, harten Falten auf<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">[S. 252]</a></span> -seiner Stirn, lag drckend auf seinem Rcken und schien -ihm die Glieder zerbrochen zu haben.</p> - -<p>Langsam und mechanisch schritt er den Weg zurck, -den er gekommen war. Fluaufwrts nach der Sgemhle. -Er wiederholte sich standhaft ein und denselben -Schlu und klammerte sich an ihm fest. Wenn die Liebe -nicht stark genug war, mute die Pflicht das ihre dazutun -...</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es dunkelte schon, als Perthes nach der Mhle kam.</p> - -<p>Marga und Elli hatten es aufgegeben, ihn zu erwarten. -Sie saen in der Halle bei einer Lampe. Elli erzhlte aus -der Stadt, von wo sie um sechs Uhr zurckgekommen war: -sie hatte einige Besorgungen gemacht und nach dem Haus -am Wenzelsberg gesehen. In wenigen Tagen sollten die -Sommerferien fr sie zu Ende sein, sollte nach der Stadt -zurckgekehrt werden.</p> - -<p>Ein froher Ausruf Ellis, mit dem sie sich unterbrach, -verkndete doch noch die Ankunft von Perthes.</p> - -<p>berrascht und beglckt leuchtete es in Margas Augen. -Sie stand auf, um ihm entgegenzugehen. „Wut' ich's -doch, da du Wort halten wrdest, wenn's irgend ginge!” -rief sie heiter.</p> - -<p>„Wort halten? Warum soll ich nicht Wort halten?” -erwiderte Perthes mit der Reizbarkeit eines schlechten -Gewissens. Er schob Margas Arme, die sich mit zrtlicher -Vertrautheit um seinen Nacken schlingen wollten, beiseite.</p> - -<p>Erschrocken weiteten sich ihre blicklosen, von Liebe -strahlenden Augen. „Verzeih!” stammelte sie verwirrt -und lie die Arme sinken. „Bist du verstimmt von deinem -Besuch?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">[S. 253]</a></span> - -„War es denn so schlimm? Erzhlen Sie mal ordentlich! -Wir sind schrecklich neugierig,” bat Elli, unbekmmert -um seine zweifelhafte Laune. „Der Grandseigneur, wie -ihn Papa immer nennt, soll ja sehr exzellent sein. Er sieht -auch so aus. Und Alice Hupfeld —”</p> - -<p>„Ob ich noch etwas zu essen bekomme?” Perthes lie -sich auf einen Stuhl fallen. „Verstimmt oder nicht, ich -bin hungrig!” Er wunderte sich selbst ber seinen rauhen, -unfreundlichen Ton, unter dem sich seine innere Unfreiheit -verbarg. „Bitte, Frulein Elli, sorgen Sie mal fr -mich!” setzte er artiger hinzu.</p> - -<p>„Das lassen Sie sich gut sein, da Sie schn darum -bitten!” Elli stand auf. Sie drohte mit dem Finger. -„Sonst htten Sie lange warten knnen. Sie scheinen -ja hbsch geladen zu sein!” Bereitwillig ging sie in die -Wirtsstube.</p> - -<p>Marga hatte sich verschchtert neben Perthes gesetzt. -Es bedurfte nicht viel, um sie scheu und ngstlich zu machen. -Sie nahm ihm seine Barschheit nicht bel. Aber mit der -feinen Witterung, mit der die Natur sie fr ihre Blindheit -entschdigt hatte, erriet sie ein Fremdes, Neues hinter -seinem Wesen. Um nicht empfindlich zu scheinen, suchte -sie noch einmal seine Hand zu erreichen.</p> - -<p>„Komm, sprich dich aus! Erzhl' mir!” drngte sie -sanft. „War's denn gar nicht ein bichen nett auf dem -Stift?”</p> - -<p>„Es ging so. Ich mute noch einmal in die Stadt, -ehe ich herkam. Darum wurde es so spt.” Er hatte ihr -seine Hand einen Moment berlassen. Sie streichelte sie -begtigend. Gleich darauf zog er sie wieder zurck. Es -strubte sich etwas in ihm, ihre Liebkosung anzunehmen.<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">[S. 254]</a></span> -Er rgerte sich auch, da er log. Warum das? Das war -abscheulich! Sie hatte ihn gar nicht aufgefordert, sein -Sptkommen zu entschuldigen. Er sprach nur, um zu -sprechen.</p> - -<p>Marga schob schweigend ihre Finger ineinander, wie -um sie von jeder neuen Vertraulichkeit abzuhalten. Sie -schlpfte gleichsam in sich hinein und grbelte beklommen.</p> - -<p>Elli kam zurck. Sie hatte bestellt, was noch zu bekommen -war. Eine Studentengesellschaft, die gegen -Abend eingefallen war, hatte unter den Vorrten tchtig -aufgerumt. Die Wirtsfrau erschien bald und brachte, was -sie hatte.</p> - -<p>Perthes a ein paar Bissen. Aber sein Hunger war -nur Tuschung gewesen.</p> - -<p>Marga und Elli saen einsilbig dabei. Seine Milaune -wollte keine Unterhaltung aufkommen lassen. Das -Schweigen, an dem er selber schuld war, nahm ihm -vollends die Lust am Essen. Nach einigen Minuten schob -er den Teller beiseite.</p> - -<p>Elli drckte sich. Sie wickelte sich in ihren Schal und -lief trllernd in den Garten.</p> - -<p>Darauf schien Perthes nur gewartet zu haben. „Ich -mchte was Wichtiges mit dir bereden, Marga. Hr' -mich mal geduldig an!”</p> - -<p>Sie horchte auf. Warum sie geduldig sein sollte, erriet -sie nicht, denn sie war sich keiner Ungeduld bewut. -Aber schon da Perthes wieder sprach, und zwar ruhiger, -freundlicher als zuvor, tat ihr wohl.</p> - -<p>Langsam, umstndlicher und ungeschickter, als es sonst -seine Art war, entwickelte er seinen Plan. Dies halbe Verhltnis -zwischen ihm und ihr schien ihm auf die Dauer<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">[S. 255]</a></span> -unhaltbar. Um ihret- und um seinetwillen. Es legte -ihrem Verkehr eine Heimlichkeit auf, die schon hier, auf -der Mhle, oft peinlich gewesen war. In der Stadt mute -das noch viel unbequemer werden. Und erst wenn Vater -Richthoff zurckkme! Wie sollte sich da das Versteckspiel -weiterfhren lassen? Es kam ihm unertrglich fr sie beide -vor. Unertrglich und unwrdig. Darum war es das beste, -sie faten sich ein Herz und verffentlichten ihre Verlobung. -Das hob alle Zweideutigkeit auf. Das war auch -jetzt, wo er eine aussichtsreiche Stellung innehatte, nur -natrlich. In einigen Jahren, wenn dies und jenes, auf -das er hoffen, ja sogar bestimmt rechnen konnte, sich erfllte, -war er gewi so weit, da sie heiraten konnten.</p> - -<p>Ohne ihn zu unterbrechen, hrte Marga zu. Was er -sagte, kam ihr berraschend. Da die Geheimhaltung ihrer -Liebe sich mehr und mehr erschweren wrde, darber hatte -sie bei sich auch schon nachgedacht. An die Lsung freilich, -die er heute vorschlug, hatte sie sich so schnell nicht getraut. -Und doch — es war nicht der unerwartete Vorschlag, -der sie beirrte. Auf was sie mehr horchte als auf seine -Grnde, war die Art, in der er sein Anliegen vorbrachte. -Der Ton, der unter den Worten mitschwang. Sie htte -nicht auf den Begriff bringen knnen, was sie befremdete. -Sie fhlte nur eine Vernderung, die vorgegangen war — -deutlicher und tiefer, als das verstimmte Gebaren bei -seiner Ankunft ihr davon eine Ahnung gegeben. Er schien -gar nicht mit ihr zu reden, sondern mit sich: mit den Mitteln -khler berlegtheit verteidigte er sich gegen einen Gegner, -den er sich offenbar voll Leidenschaft und Unbesonnenheit -vorstellte. Nur durch eine Tuschung bertrug er diese Gegnerschaft -auf sie und gab sich die Rolle des Vernnftigeren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">[S. 256]</a></span> - -Als er geendet hatte, spielte er nervs mit den Fingern -auf dem Tisch, als knnte er Margas Antwort nicht abwarten. -Sie hatte noch nicht Zeit gehabt, sich zu sammeln, -als er beinahe ungehalten aufsprang.</p> - -<p>„Wie denkst du darber? Sprich! Hab' ich nicht recht? -Oder bist du anderer Ansicht?”</p> - -<p>Marga schttelte leise den Kopf. „Es kommt mir nur -unerwartet. Ich mu mich erst in das Neue hineindenken.”</p> - -<p>„Ich meine, du mtest dich freuen, da ich dieser -Heimlichtuerei und Halbheit ein Ende machen will!” Er -ging mit lauten Schritten in der Halle auf und ab. Sie -konnte nicht sehen, wie unmutig sein Gesicht war. Er bi -sich auf die Unterlippe und fuhr sich einmal ums andere -ber die krausgezogene Stirn in sein buschiges, schwarzes -Haar. Sie hrte, was sie nicht sah, aus dem Klang seiner -Stimme, aus der fahrigen Hrte seiner Tritte.</p> - -<p>„Ich will mich gewi freuen, Max. La mir nur ein -bichen Zeit. Wir knnen uns doch alles in Ruhe zurechtlegen.”</p> - -<p>„Das klingt aber gar nicht nach Freude. Eher nach -dem Gegenteil!” stie er vorwurfsvoll hervor.</p> - -<p>Margas Augen erweiterten sich wieder ngstlich. Sie -suchten nach ihm, bittend, besnftigend. „So was darfst -du nicht sagen, du! Das hrt sich ja an, als htte ich dich -nicht lieb genug. Wenn es aber auf meine Liebe ankme -— das weit du — dann —”</p> - -<p>„Auf was soll es denn ankommen? Zweifelst du etwa -daran, da ich in zwei, drei Jahren mich so weit bringe, -da wir unser Heim grnden knnen? Sehr groartig -wird's freilich frs erste nicht sein. Eine erste Assistentenstelle -an einer kleineren, auswrtigen Klinik vielleicht.<span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">[S. 257]</a></span> -Spter eine auerordentliche Professur und so weiter. -Das trau' ich mir zu. Oder ist es dir zu lang, einige Jahre -ffentlich verlobt zu sein? Es ist doch besser, denk' ich, -als heimlich so lange herumzulavieren. Auch angenehmer -fr dich. Oder meinst du, da dein Vater —” Er sah zu -Marga hinber und hielt inne.</p> - -<p>Ihre Augen hatten sich mit Trnen gefllt. Dieses -herrische, gereizte Drngen, dieser Stolz, der nur von sich -sprach, seine fast feindselige Heftigkeit verletzten sie. Sie -mute unwillkrlich seiner ersten Werbung gedenken, -die so anders geklungen, so voll Zartheit und Achtung. -Das brachte sie, gegen ihren Willen, aus der Fassung.</p> - -<p>Perthes sah seinen Fehler ein. Er nherte sich ihr und -legte die Hand auf ihre Schulter. „Lieber Gott, Kind, -ich will dich ja zu nichts zwingen! Vielleicht bin ich auch -heute nicht in der besten Stimmung, um die Worte recht -zu whlen. Aber du sollst auch nicht zu schwerfllig sein! -Nicht zu weich, Marga! Nicht so berernst! Es sind nun -einmal Realitten, die da zu besprechen sind, und die wollen -real angefat sein! Das ist alles!”</p> - -<p>Perthes wute nicht, wie schlecht sein Trost war. Auch -jetzt noch, wo er ein Unrecht wieder gutmachen wollte, -sagte er Dinge, die Marga in die empfindliche und zarte -Seele schneiden muten. Zu schwerfllig, zu ernst, zu -weich — vielleicht war sie das, aber er hatte noch nie -solche Ausstellungen an ihr gemacht. Sie mute all ihre -Tapferkeit aufbieten, um ihre Trnen zurckzudrngen. -Wenn er sie jetzt an sich gezogen, sie in seine Arme genommen -htte! Gewi htte sie das rechte Wort gefunden! -Aber er war schon wieder beiseite getreten. Ihre -Lippen waren ihr wie versiegelt. Ganz in sich hineingescheucht<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">[S. 258]</a></span> -war sie jetzt, wie in ihren einsamsten, unverstandensten -Mdchentagen.</p> - -<p>Seine reizbare Laune war nur zu willig, ihr Schweigen -als Trotz oder wenigstens als Eigensinn zu nehmen. „Ich -bin mde. Und wir kommen heute doch nicht zueinander!” -Er nahm seinen Hut. „berleg' dir, was ich sagte, bis zum -nchstenmal!”</p> - -<p>„Du willst doch nicht schon gehen?” rang es sich von -ihren Lippen.</p> - -<p>„Doch. Ich habe morgen einen schweren Tag auf der -Klinik und mu ausschlafen. Gre Elli von mir. Adieu, -Marga!” Er drckte ihr die Hand. „Wann fahrt ihr denn -nach der Stadt?”</p> - -<p>„bermorgen, denk' ich,” gab sie tonlos zur Antwort.</p> - -<p>Marga hrte, wie seine Schritte sich hastig nach der -Wirtsstube entfernten. Er wechselte mit der Wirtin beim -Bezahlen seiner Zeche ein paar Worte. Dann knarrte die -Tr, die von dort in den Garten fhrte.</p> - -<p>Warum sprang sie nicht auf? Warum rief sie ihn nicht? -Warum lief sie nicht hinter ihm drein?</p> - -<p>Sie sa wie gebannt.</p> - -<p>Nicht einmal gekt hatte er sie zum Abschied. Heute -zum erstenmal nicht. Heute, wo sie davon gesprochen -hatten, ihre Verlobung zu verffentlichen; wo zum -erstenmal von Hochzeit und Ehe nah und greifbar die Rede -gewesen war!</p> - -<p>Marga nahm den Kopf zwischen ihre beiden Hnde.</p> - -<p>Am Nachmittag war ihr so froh und leicht zu Mut -gewesen. Sie hatte sich in ihrer Einsamkeit — whrend -Elli in der Stadt, er auf dem Stift war — so glcklich gefhlt, -so brutlich stolz. Als dann Elli zurckgekehrt war,<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">[S. 259]</a></span> -wollte sie nur von ihm mit ihr sprechen. Immer nur von -ihm. Sie erwartete, sie ersehnte ihn mit klopfendem -Herzen. Als er nicht kam und nicht kam, meinte sie vergehen -zu mssen vor seliger Ungeduld. Wie niedergeschlagen -war sie, als er ausblieb! Wie jubelte es in ihr, -als er doch, doch noch kam!</p> - -<p>Und jetzt?</p> - -<p>Er hatte vom Schnsten und Hchsten gesprochen; -von dem, was bisher nur wie ein ferner Traum, ein leuchtendes, -kaum fabares Bild im Schimmer der Zukunft -gelegen! Wo blieb ihre Freude? Sie wollte sich freuen! -Gewi — sie hatte ihn gekrnkt. Sie tat ihm unrecht. -Sie war schlecht und kleinlich gewesen. Warum kam ihre -Freude nicht jetzt? Woher die Bangigkeit, die drckende, -qulende Angst, die sie statt ihrer empfand? Sie fhlte -die weite Halle wie eine schmerzhafte Leere um sich, und -aus der Leere kroch ihr ein Schrecknis entgegen. Ungestalt -und unbegreiflich. Und doch war es da und stellte sich zwischen -ihn und sie. Es war der Zweifel, den sie verabscheute; -fr den sie sich schalt; den sie nicht verscheuchen konnte. -Konnte die Liebe so sprechen, wie er es getan? Wenn seine -Liebe nicht war, fr was sie und er sie hielt? Wenn es Mitleid -war und wenn — doch das war ja nicht auszudenken, -das war ja frevelhaft von ihr! — und wenn er auf ein -ffentliches Verlbnis nur drang, um — ja, um jede Brcke -zur Umkehr hinter sich abzubrechen?!</p> - -<p>Marga schauerte zusammen. Sie tastete nach ihrem -Schal und fand ihn nicht.</p> - -<p>Woher kamen ihr so grausame Gedanken? Woher -nahm sie das Recht zu diesem hlichen Verdacht? Es half -nichts, da sie so fragte. Angst und Zweifel lieen sie darum<span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">[S. 260]</a></span> -nicht los. Sie hatte ja nichts mehr als diese Liebe! Schranke -um Schranke, die die Vorsicht zum Selbstschutz errichtet, -war in diesen Sommerwochen mit all ihrem unverhofften -Glck, ihrem reichen Erleben geschwunden und gefallen. -Sie war wehrlos, wenn das Entsetzliche sich erfllte, da — -da ...</p> - -<p>Elli kam zurck. Sie hatte Perthes noch gesprochen. -Auf der Landstrae, auf der sie ein Stck stadtwrts gewandert -war. Einen Gru hatte er ihr noch fr Marga -aufgetragen. Und einen Ku.</p> - -<p>Sie warf sich frhlich an Margas Hals und bestellte -ihn zehnfach.</p> - -<p>Marga weinte und lachte zugleich. Die Angst, die -zehrende Herzensangst schwand vor neuer Hoffnung. Sie -erzhlte Elli von Perthes' Plnen. Sie schpfte Mut -aus der jubelnden Zustimmung der Schwester. Selber -schalt sie sich schwerfllig, weich, berernst. Elli belegte -sie noch mit viel schlimmeren Schimpfnamen.</p> - -<p>Und sie stellten sich Kthes maloses Erstaunen vor, -malten sich Vater Richthoffs Meinung in hundert Vermutungen -aus, plauderten und bauten Luftschlsser, bis -das l in der Hngelampe zu Hupten ihres Tisches zur -Neige ging, die Flamme blulich zuckte und die Halle -dunkel und dunkler wurde.</p> - -<p>Dann fhrte Elli die „erklrte” Braut mit feierlichem -bermut nach oben.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c10" id="c10">10</a></h2> - - -<p>Ehe der alte Herr und Kthe von der Sommerreise -heimkehrten, mute im Haus am Wenzelsberg das groe -Herbstreinmachen erledigt sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">[S. 261]</a></span> - -Kaum waren Elli und Marga von der Sgemhle, -war Therese aus ihrem Heimatdorf zurckgekommen, so -wurde mit Hilfe der Scheuerfrau das Unterste zu oberst -gekehrt. Das Grbste taten natrlich die dienstbaren Geister. -Aber daneben gab es noch genug zu tun, woran die -beiden Schwestern ihre erholten Krfte ben konnten. -Elli zumal warf sich ungestm wie ein junges Fllen ins -Joch. Sie wollte berall dabei sein. Marga hatte ihre liebe -Not, sie vom Teppichklopfen und Treppenscheuern abzuhalten. -Wenn sie sie dann zu einer angemesseneren -Hantierung zurckholte, zur Ordnung in Schrnken und -Kommoden und im Silberkasten, schmollte Elli ber ihre -gezgelte Tatkraft, ja, sie schimpfte wie ein Rohrspatz.</p> - -<p>„Du hast's wahrhaftig ntig, Margakind, mir gute -Lehren zu geben! Lernen solltest du von mir, statt mich -von aller tchtigen Arbeit fernzuhalten! Du wirst 'ne -nette Hausfrau abgeben! Die nur so wie der Geist Gottes -ber den Wassern schwebt, statt selber was Rechtes anzufassen! -Perthes kann einem leid tun!”</p> - -<p>Ihr hchstes Vergngen war, wenn Marga auf solche -Vorhaltungen „einschnappte”, wenn sie sich ernsthaft -verteidigte und erklrte, es genge gewi, die Aufsicht -zu fhren. Da legte Elli verdoppelt los: sie wrde sich -nicht wundern, wenn es bei Marga mal drunter und drber -ginge. Sie dchte wohl, Perthes werde ihr so fnf bis -sechs Dienstboten halten! Und sie, Marga, knne dann -dasitzen, auf einem goldenen Thrnchen, die Hnde im -Scho und ihre hohen Befehle lispeln! Elli ruhte nicht -und entwarf die grimmigsten Zerrbilder von dieser knftigen -Tatarenwirtschaft im Haus Perthes. Sie trieb es -so lang und so toll, bis Marga wirklich ganz kleinlaut wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">[S. 262]</a></span> - -„Du kannst ja schon recht haben,” erklrte sie schlielich -traurig und verlegen. „Was andere knnen, kann ich -natrlich nicht. Das hab' ich ihm auch schon oft genug -gesagt.”</p> - -<p>„Ja, ja,” stimmte Elli tiefsinnig zu, whrend sie sich -vor Vergngen auf die Lippen bi.</p> - -<p>„Er kann und will sich nicht denken, wie schwer es mit -mir sein wird. Und groartig werden wir's wahrhaftig -nicht haben. Im Anfang mal sicher nicht. Wenn es schon -im Haus nicht so wird, wie er's erwartet — unter den -Menschen, in der Geselligkeit, bin ich erst recht zu nichts -ntze.” Marga legte tatschlich die Hnde in den Scho, -aber nicht, um „hohe Befehle” zu erteilen, sondern um verzagt -vor sich hinzugrbeln.</p> - -<p>Jetzt schlug Elli um wie das Wetter im April. Sie -lachte sie aus, da beinahe die Leute auf der Strae zusammenliefen.</p> - -<p>Wie konnte Marga so nrrisch sein, das dumme Geschwtz -fr bare Mnze zu nehmen! Im Handumdrehen -machte sie aus dem Haus Perthes eine Musterwirtschaft. -Groartig wrde das werden! Keine so herkmmliche, -peinliche Spieerei, sondern frei und schn, wie es sein -sollte! Marga mit ihren geschickten Hnden, ihrem guten -Geschmack, ihrem klaren Kopf wrde eine bessere Hausfrau -werden als zehn andere mit zwanzig und mehr -Augen! Und dann wre auch sie noch da — die Schwgerin -Elli! Ihr wrde man doch wohl nicht das Haus verbieten. -Sie wollte die Geschichte schon im Schwung halten, -wenn Marga mit den zwlf Kindern nicht immer aus und -ein wte. Eine Tante wrde sie abgeben wie —</p> - -<p>Marga verbot ihr zrnend den Mund. Aber sie mute<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">[S. 263]</a></span> -doch lachen. Und whrend sie ihre Arbeit des Silberputzens -wieder aufnahm, lie sie sich gern berzeugen, -da es famos gehen wrde! Trotz ihrer Prderie und -Schwarzseherei! Das war ja ihres eigenen Herzens sehnschtiger -Wunsch und Wille ...</p> - -<p>Perthes hatte den Schwestern zur Rckkehr in die -Stadt Blumen geschickt. Fr Marga hatte ein kurzer -Brief beigelegen, in dem er sie fr seine schlechte Stimmung -am letzten Abend auf der Mhle um Verzeihung -bat. Die Frage, wie sie sich zur Bekanntgabe der -Verlobung stellte, erneuerte er nicht. Sie war ihm dankbar, -da er nicht in sie drang. Dafr kam sie selber beim -ersten Besuch, den er am Wenzelsberg machte, darauf -zurck. Als htte sie sich durch die unheimlichen Gedanken, -die sie an jenem Abend peinigten, an ihrer Liebe versndigt -und mte ihren Wankelmut durch doppeltes -Vertrauen wieder gutmachen, stimmte sie freudig zu -und legte alles in seine Hnde. Sein Vorwurf der Schwerflligkeit -hatte lang und nachhaltig in ihr gearbeitet. Sie -drngte ihre Einwnde und Bedenken energisch zurck -und kmpfte jeden Schatten eines Zweifels, jede Regung -mitrauischer Sorge um ihr Glck tapfer nieder.</p> - -<p>Und er? In einem berma von Arbeit auf der -Klinik enthielt er sich kritischer berlegungen. In Erinnerung -an den Gewitternachmittag auf Nieburg vermied -er jedes Zusammentreffen mit Alice, ja, er schob -auch alles beiseite, was ihn nur in Gedanken zu ihr fhren -konnte. Er hatte sich vorgenommen, nicht rechts noch links -zu sehen: fr ihn galt nur Marga; das Wort, das er ihr -gegeben; der Entschlu, den er fr sie beide gefat. ber -eins war er sich klar geworden: er erfllte damit nicht nur<span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">[S. 264]</a></span> -eine Pflicht gegen sie; was er tat oder lie, entschied -ber ihn, seinen Wert und seine Persnlichkeit. Bei Marga -war die Reife und Vollendung, nach der er innerlich -strebte. Eine Vollendung mit Schmerzen, wie alle Vollendung -im Leben. Wenn er aber zu ihr nicht hinaufreichte, -in Marga die groe Stille nicht begreifen und sich -zu eigen machen konnte, gab es fr ihn berhaupt kein -Aufwrts, sondern nur ein Abwrts, in die Mittelmigkeit -und Halbheit, ins Gelebtwerden statt ins Leben aus -eigenem Willen. Darum bi er die Zhne aufeinander. -Darum ging er geradeaus und vorwrts mit der Ehrlichkeit -der Verzweiflung: er stritt um sich selber, indem -er um Marga stritt ...</p> - -<p>Es wurde Mitte September.</p> - -<p>Das Richthoffsche Haus war lngst so blitzblank und -einladend, als es nur sein konnte. Auch das schwerste Stck -Arbeit, Vater Richthoffs Studierzimmer instand zu -setzen, ohne da ein Buch von der Stelle gerckt, eine aufgeschlagene -Zeitschrift umgeblttert, ein Zettel verschoben -wurde, war mit strenger Gewissenhaftigkeit bewltigt. -Man erwartete nun mit Spannung von Tag zu Tag -die Nachricht aus Bayern, die die Ankunft meldete.</p> - -<p>Kthes letzter Brief war aus Tegernsee gekommen. -„In wenigen Tagen sind wir bei euch!” hatte es verheiungsvoll -geklungen. „Papa depeschiert Tag und Stunde.”</p> - -<p>Aber statt der Depesche kam eine Karte: man hatte -sich unerwarteterweise mit Hofrat Geismar getroffen, -der in Kreuth seine Ferien zubrachte. Der hatte es verstanden, -den alten Herrn noch fr eine Woche zu sich zu -locken.</p> - -<p>Marga, die der Heimkehr der Reisenden im Hinblick<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">[S. 265]</a></span> -auf die schwierigen Erffnungen, die sie zu machen hatte, -und auf Perthes' Werbebesuch mit ebensoviel Bangen -wie Freude entgegensah, gab sich geduldig in die Zgerung. -Elli grollte ganze zwei Stunden lang. Nachher traf -sie sich, zufllig natrlich, mit Wilkens in der Stadt und -fand das Leben so rosig und „wonnig” — das war ihre -Lieblingsbezeichnung — wie je.</p> - -<p>Und die acht Tage vergingen auch.</p> - -<p>Ehe sie zur Bahn zogen, umarmten sich Elli und Marga -noch einmal: sie schworen sich treue Waffenbrderschaft -fr ihre Liebesgeheimnisse. Sie kamen gerade recht zum -Zug.</p> - -<p>Kthe lie grend das Taschentuch flattern. Kurz -darauf war sie auch schon auf dem Perron, blhend, -gebrunt, ordentlich rundlich in dem funkelnagelneuen, hellgrauen -Kostm, das Papa unterwegs spendiert hatte. -Ksse und Umarmungen folgten in strmischer Abwechslung.</p> - -<p>Der alte Herr brauchte geraume Zeit, ehe er sich -zeigte. Er war nmlich gerhrt. Und das pate ihm -nicht. Deshalb wirtschaftete er eine betrchtliche Weile -im Abteil mit dem Handgepck und dem Dienstmann, der -es herausbefrderte. Dann erst kam er zum Vorschein, -mit einer Miene, die sehr wrdig und zurckschreckend -aussehen sollte, — den neuen Strohhut mit grnem Band -verwegen wie Garibaldi ber dem weibrtigen Gesicht. -Die Mdels waren trotzdem so respektlos, ihn „auf offener -Strae”, wie er abwehrend schalt, zu umhalsen und zu -kssen. „Ruhig im Glied!” befahl er mit sehr rauher -Stimme. „Seid wohl, hoff' ich? Und habt euch reputierlich -gefhrt? Werden ja sehen!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">[S. 266]</a></span> - -Im Wagen — „um sich das Schlaraffenleben abzugewhnen” -— ging es lachend und plaudernd an den -Wenzelsberg.</p> - -<p>Der alte Herr war die Milde und Gemtlichkeit selbst -— auch nur „zum Abgewhnen” natrlich. Und auch die -drei Schwestern waren voneinander hoch befriedigt. —</p> - -<p>Zwei, drei Tage nachher hatte das Leben am Wenzelsberg -sein gewohntes Aussehen.</p> - -<p>Der Geheimrat hatte sein Heimweh nach den rmischen -Kaisern trotz Kissingen und den bayrischen Bergen mchtig -in sich wachsen gefhlt. Eine so lange, faule Ausspannung -war unerhrt. Sein Gewissen fand nur darin Beruhigung, -da die Post jetzt einen Sto von Korrekturen -fr die erste Abteilung des ersten Bandes der „Kaisergeschichte” -brachte. Da gab es doch gleich alle Hnde -voll zu tun.</p> - -<p>Das Arbeitszimmer im ersten Stock fllte sich mit dem -alten, mchtigen Qualm.</p> - -<p>Ein Schmerz war nur, da er sich von Geismar zu -„Nikotinlosen” hatte beschwatzen lassen. Das ausgemachte -Stroh war das! Aber die rmischen Gewaltherren zeigten -sich wenigstens nicht weiter beleidigt von dem schlechten -Zigarrenrauch. Sie standen aus Winkeln und Ecken, -aus Zetteln und Zettelchen gehorsam auf, mit scharfen -Profilen und tatenfrohen, hoheitsvollen Gebrden. Und -sie sollten die paar Wochen vor Semesteranfang bei Gott -nicht rasten drfen, sondern tchtig Modell stehen. Dafr -wollte der alte Herr sorgen!</p> - -<p>Er ahnte nicht, da ihm eine berraschende Strung -sehr nahe bevorstand.</p> - -<p>An einem der ersten Vormittage nach ihrer Ankunft<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">[S. 267]</a></span> -hatte Kthe ihre Freundin Lizzie in der Uferstrae besucht. -Lizzie besa neben ihrer verzehrenden Leidenschaft fr -Musik, die sich kein Konzert und keine Opernauffhrung -entgehen lie, nur noch einen einzigen hervorstechenden -Wesenszug: die fast ebenso ungemessene Vorliebe fr -Klatschereien jeder Art. So lie sie es denn auch bei Kthes -Besuch an Andeutungen ber Herrenbesuche auf der -Sgemhle und daran sich knpfenden verfnglichen -Redereien nicht fehlen. Kthe war emprt. Papa Richthoff -die Freude an der ganzen Reise nachtrglich zu verderben, -lag ihr natrlich fern. Er sollte im Gegenteil -von diesen Dummheiten der Mdels so wenig wie mglich -erfahren. Um so gewisser war es, da Marga und Elli -etwas zu hren bekommen sollten!</p> - -<p>Nach Kthes Erfahrungen war es leichter, Elli den -Kopf zurechtzusetzen. Deshalb sollte sie zuerst dran glauben, -und zwar noch am selben Tag.</p> - -<p>Aber die Sache fiel merkwrdig fruchtlos aus. Elli -war einfach nicht kleinzukriegen. Alle Vorhaltungen der -lteren Schwester beantwortete sie mit einem frhlichen, -hchst despektierlichen Lachen.</p> - -<p>„La nur gut sein, Gouvernantchen!” erklrte Elli -fidel. „Wir, Marga und ich, haben uns inzwischen unbedingt -mndig gemacht. Bei mir hast du gar keine Aussicht -auf Reue und Besserung. Mich haben die Wochen -auf der Sgemhle einfach in Grund und Boden verdorben. -Versuch's mal mit Marga! Uff! Da knntest du dich aber -bs blamieren! Ich wei, was ich wei, und ich warne -dich! Heia juchhei!” Elli schlug klatschend die Hnde -ber dem Kopf zusammen und vollfhrte einen in Kthes -Augen auerordentlich unangebrachten Tanz. Das ganze<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">[S. 268]</a></span> -sah aus, als htte sie und nicht die Schwester in den bayrischen -Alpen schuhplatteln sehen.</p> - -<p>Kthe entzog sich einstweilen weiteren Auseinandersetzungen -durch eine stolze Flucht. Am Abend schrieb -sie in ihr Tagebuch: „Ernst sein knnen ist alles. Wie -sind Menschen zu bedauern, die von diesem groen Geheimnis, -das allein das Leben lebenswert macht, keine -Ahnung haben oder doch nichts wissen wollen! Es ist -seltsam, da in einer und derselben Familie, unter Geschwistern -die Anlagen zu Ernst und Leichtsinn so ungleich -verteilt sein knnen!”</p> - -<p>Damit war aber die von Kthe fr ntig gehaltene -Aussprache nur vertagt, nicht aufgehoben. Das durften -sich „die Kleinen” nicht einbilden, da sie ihnen ihr rgerniserregendes -Benehmen so hingehen lie!</p> - -<p>Sie bildeten sich's auch nicht ein, die Kleinen! Elli -verstndigte vielmehr Marga von dem, was drohte. Und -Marga, die nicht so kampflustig wie Elli war, sah ein, -da es nun das beste wre, nicht lnger zu zaudern, sondern -Vater Richthoff ein offenes, ehrliches Gestndnis abzulegen, -ehe ihm, von welcher Seite immer, miverstndliche -Dinge zugetragen wurden.</p> - -<p>Von Perthes hatte sie in den letzten Tagen nichts gesehen -und nichts gehrt. Es galt, zuerst seine Meinung -noch einmal einzuholen. Elli befrderte ihre Zeilen, -die ja die letzten heimlichen sein sollten. Sie fing auch -die Antwort ab. Marga fand sie recht knapp und flchtig. -Aber sie sagte sich, da sie bei seiner angespannten Ttigkeit -nicht mehr von ihm erwarten durfte. Hupfeld war -verreist, und es ruhte auf den Assistenten die doppelte -Arbeitslast, zumal Kronheim noch immer krank war. Die<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">[S. 269]</a></span> -Hauptsache blieb. Perthes war einverstanden; sie sollte -ihren Vater auf seinen Besuch vorbereiten, fr den Tag -und Stunde unter ihnen festgesetzt war.</p> - -<p>Es war Nachmittag. Der alte Herr hatte wie gewhnlich -seinen Gang auf den Weinberg gemacht, auf Schnecken -gefahndet, die drei Trauben, die es gab, kolossal gefunden, -sich ber die zeitige, hohe Rte des wilden Reblaubes -am Philosophenweg gewundert und war dann, seines -Kaffees gewrtig, nach oben ins Arbeitszimmer und an -seinen Schreibtisch gegangen.</p> - -<p>Da trat Marga mit klopfendem Herzen bei ihm ein.</p> - -<p>Er warf schon Notizen mit seiner kritzeligen Handschrift -auf die flatternden Zettel. Erst als Tasse und Lffel -auf dem in seine Nhe geschobenen Tablett lauter als -sonst klirrten, sah er auf. Er wute, da in dieser Woche -die Reihe an Elli war, ihm den Nachmittagskaffee zu -bringen. Er war aber nicht weiter erstaunt, als er sie durch -Marga vertreten fand, sondern kam ihr zu Hilfe und setzte -selber die Tasse dorthin, wo sie seine Ordnung am wenigsten -beeintrchtigen konnte.</p> - -<p>„Wo steckt denn das Kleinchen?” fragte er ganz nebenbei, -sich wieder ans Schreiben machend.</p> - -<p>„Ich bat sie, ihr heute den Gang zu dir abnehmen zu -drfen,” erwiderte Marga mit einer gewissen Frmlichkeit, -in der ihre Erregung durchzitterte.</p> - -<p>„So —” sagte der alte Herr zerstreut. Er hatte nur halb -hingehrt. Schon besaen ihn wieder die Zettel und ihre -Geister.</p> - -<p>„Drft' ich einen Augenblick mit dir reden, Papa?” -lie sich Marga nach einer Weile schchtern von neuem -vernehmen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">[S. 270]</a></span> - -„Ach so — du bist noch hier?” Er rckte ganz erstaunt -an seiner Brille. „Mit mir reden? Aber doch jetzt nicht! -Ich hab' unbndig zu tun, Mdel!”</p> - -<p>„Ich wei nicht, wann ich es sonst tun knnte. Ich -mchte allein mit dir sein, und es ist etwas Wichtiges,” -fuhr sie fester und lauter fort.</p> - -<p>Der Geheimrat blickte sie unglubig und ziemlich -ungndig an. „Na denn! Aber kurz!”</p> - -<p>„So kurz ich kann!”</p> - -<p>Dem alten Herrn fiel jetzt die Aufregung auf, die sie -in ihren Zgen und Gebrden vergeblich zu bemeistern -suchte. „Setz' dich mal! Hierher!” Er schob ihr den -Stuhl neben seinem Schreibtisch zu. „Und nun vorwrts -— wenn's so wichtig ist!”</p> - -<p>Marga tastete sich am Stuhl hin und setzte sich, wie -geheien. Mit schlichten Worten, wie ihr sie das Gefhl -eingab, erzhlte sie, was zwischen ihr und Perthes vorgegangen -war. Die Liebe gab ihr den Mut, herzlicher -und vertraulicher zu werden, als sie es sonst ihrem Vater -gegenber wagte.</p> - -<p>Der alte Herr hrte zuerst nur sehr im allgemeinen -zu. Er spielte mit seinem Gnsekiel und sah ab und zu -in seine Blttchen. Allmhlich nderte sich das. Seine -Augen vergrerten sich hinter den Brillenglsern. Er -schob sein Kppchen von der einen Schlfe nach der anderen, -warf den Gnsekiel beiseite und strich sich mit einer -barschen Regelmigkeit seinen weien, krftigen Bart.</p> - -<p>Er traute seinen Ohren nicht. Da sa eins seiner Mdels -am hellichten Nachmittag neben ihm und gab, mitten hinein -in seine rmische Kaisergeschichte, eine handgreifliche -Liebesaffre zum besten. Wre es Elli gewesen, auch<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">[S. 271]</a></span> -Kthe — er htte sie einfach hinausgeworfen. Aber -Marga! Marga, bei der er an so etwas nie gedacht hatte! -Die ihm viel zu besonnen und abgeschlossen geschienen, -als da sie sich bei ihrem Leiden auf solche Dinge einlassen -sollte!</p> - -<p>Den alten Herrn berlief es bald hei, bald kalt. Einmal -war er nahe daran, zornig aufzubrausen: Also zu -derlei kapitalem Unfug habt ihr eure Sommerferien benutzt! -Dann war er drauf und dran, ihr zuzurufen: -Das sind ja Mrchen, Kind! Du trumst! Oder du hast -dich tuschen lassen! Aber er tat nichts dergleichen. Der -Ernst, mit dem Marga sich ihm mitteilte, das tiefe Glcksgefhl, -das hinter ihren Worten warm und stolz aufleuchtete, -entwaffnete ihn, so oft er im Begriff war, sie strmisch -zu unterbrechen. Er, der sich wahrhaftig besser auf geistige -als auf sinnenfllige Beobachtungen verstand, sogar er -bemerkte jetzt, wie ihre uere Erscheinung, die ihm bisher -nur als „wohl” aufgefallen war, in diesen Sommerwochen -an Haltung und Ausdruck gewonnen hatte; wie -die blicklosen Augen ber den frischeren, farbenvolleren -Wangen die Sonne von innen nach auen trugen. Sein -Zorn und sein Unglaube gingen in fassungslose Bestrzung -ber. Hier handelte es sich also nicht um eine backfischhafte -Kinderei; nicht um eine von den nebenschlichen Kleinigkeiten, -mit denen die „Bande” immer zur Unzeit daherkam. -Da war vielmehr eine schlimme Sorge und Verantwortung, -die nicht den grimmigen Pascha, sondern den -Vater in seiner ganzen Verantwortlichkeit aufrief und -verlangte. Er hatte da drben in Bayern gemurrt, weil -der Arzt ihm die Berge zu besteigen verboten. Nun hatte -er seinen Berg vor sich, zu Hause! Den hchsten, den er<span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">[S. 272]</a></span> -seit dem Tod seiner jungen Frau sich hatte auftrmen -sehen. Den htte er sich gern verbieten lassen; aber der, -gerade der mute erstiegen sein!</p> - -<p>Marga hatte ihr Bekenntnis beendigt. In tapferem -Schweigen, die Hnde im Scho verschrnkt und die Augen -erwartungsvoll gesenkt, harrte sie auf Antwort. Es war -so still in dem verqualmten, bcherumhegten Zimmer — -man konnte den Holzwurm hren, der in den goldbraunen, -altfrnkischen Mbeln aus Vater Richthoffs Junggesellenzeit -bohrte und tickte.</p> - -<p>„Das — das ist also — so gewissermaen — mein -Reiseprsent!” sthnte der alte Herr nach geraumer Weile, -viel eher schmerzlich als vorwurfsvoll. „Was soll denn da -geschehen? Was soll denn ich nun dazu tun?” Ratlos -und hilflos richtete er die Frage mehr an sich als an Marga -und stberte dabei, was seit Menschengedenken unerhrt -war, selber seine Zettel und Manuskriptbltter durcheinander.</p> - -<p>„Du sollst uns nur die Erlaubnis geben, glcklich zu -werden,” meinte sie leise und berzeugt.</p> - -<p>„Erlaubnis? Glcklich werden! Als ob das mit zwei -Worten abzumachen wre! Ich — ich, der ich diesen jungen -Menschen da, diesen, diesen — deinen Max oder wie du -ihn immer nennst, so gut wie gar nicht kenne! Der ich -— bei dir — mit solchen, solchen Alfanzereien gar nicht -gerechnet habe! Meiner Lebtage nicht! Du, die du doch —” -Er stand vor ihr und fuchtelte mit den Hnden. Er hatte -sagen wollen: Die du blind bist! Die du nicht heiraten -sollst und kannst! Aber der traurige Schatten, der ber -Margas zuversichtliche, klare Stirn flog, lie ihn abbrechen. -Alle seine gebieterische Wrde, seine pflichtmige Entrstung<span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">[S. 273]</a></span> -vergessend, nahm er ihren Kopf zwischen seine -Hnde: „Kind! Kind! Was habt ihr denn da angerichtet! -Mute das denn sein? Sag doch selber, da es ungereimtes -Zeug ist! Und da —”</p> - -<p>„Gewi ist es nicht ungereimt, Papa. Nicht so ungereimt, -wie es dir jetzt vorkommen will! Und er — Doktor -Perthes — mchte mit dir reden, um dir's noch besser -zu sagen, als ich's kann!”</p> - -<p>Der alte Herr lie die Hnde sinken. „Mit mir reden!” -wiederholte er verzweifelt. Also so weit war die Geschichte -schon. Die Prliminarien waren alle schon berwunden. -Womglich mit einem richtigen, auswendig gelernten, -feierlichen Heiratsantrag wollte der junge Mann ihm das -Haus strmen.</p> - -<p>„Wenn dir's recht ist, so kommt er morgen nachmittag,” -ergnzte sich Marga bittend.</p> - -<p>„Morgen nachmittag!? Mir recht!? Aber das ist ja -das reinste Komplott! Das verbitt' ich mir! Das —” -Der Geheimrat suchte vergeblich seinen handfesten Grimm -wiederzufinden, der ihm sonst noch in allen Lagen wider -die Angriffe seiner Bande geholfen hatte. „berlegen -werd' ich mir doch die Sache noch drfen!” stie er mit -klagender Rauheit hervor.</p> - -<p>„Ich bitte dich drum,” gab Marga herzlich und mit -Vertrauen zurck. „Sicherlich wirst du —”</p> - -<p>„Nein! Nein!” wehrte sich der alte Herr. „Nichts -werd' ich sicherlich! Gar nichts: sicherlich!” Er suchte sich -eine gebieterische Haltung zu geben. „La mich jetzt zufrieden! -Ich mu arbeiten! Allein sein!”</p> - -<p>Marga stand auf. Sie wollte nichts mehr sagen. Aber -ihre Arme, ihre Hnde suchten nach ihm. Durch eine<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">[S. 274]</a></span> -Liebkosung wollte sie ihn um Vergebung, um Hoffnung -bitten.</p> - -<p>Vater Richthoff war heute nicht widerstandsfhig genug, -um einer „Gruppenbildung”, wie er das sonst so verabscheuend -nannte, auszuweichen. Er strich ihr ein-, zweimal -ber die fahlblonden, weichen Scheitelhaare, ungeschickt -wie ein verschmter Liebhaber. Reden wollte er -um keinen Preis. Sich zu nichts, zu gar nichts verpflichten.</p> - -<p>Und fr Marga war schon seine flchtige Zrtlichkeit -trostreich und hoffnungsvoll. Wenn sie erst gesehen htte, -da seine Brillenglser sich sehr verdchtig beschlugen! -Er schob sie von sich, ehe sie seine Hand erhaschen und -kssen konnte.</p> - -<p>Gehorsam ging sie nach der Tr und aus dem Zimmer.</p> - -<p>Wenn der alte Herr geglaubt hatte, er werde bei der -Arbeit sein Gleichgewicht wiederfinden und die Entscheidung, -die ihm da pltzlich aufgebrdet wurde, irgendwie -vertagen knnen — etwa wie eine inopportune -Quellenfrage zweiten Ranges —, hatte er sich ber seine -eigentliche Gemtsverfassung getuscht. Nach einem vergeblichen -Anlauf, den er nahm, um in die ersten Regierungsjahre -des Trajan zurckzukehren, sprang er gleich -wieder auf. Es begann ein rastloses Auf- und Niederschreiten, -das von leisen und lauten, schmerzlichen und -zornigen Erwgungen begleitet war.</p> - -<p>Da die Mdels einmal wrden heiraten wollen — -„Mnner daherschleppen knnten”, hie er es bei sich —, -hatte er mitunter im Bereich der Mglichkeit gesehen. -Aber fern, so fern, da es beinahe wieder ins Reich der -Unmglichkeit gehrte. Bei Marga war es fr ihn immer -eine stillschweigende Gewiheit gewesen, an die er nicht<span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">[S. 275]</a></span> -rhrte: Sie wird nicht heiraten. Sie ist auch selber zu besonnen, -um daran zu denken. Mitunter, wenn sie ihm -trumerisch und gefhlsweich zu werden schien, hatte er -sie etwas derb angefat: nicht aus weitblickender berlegung, -sondern aus einer mehr instinktiven Gedankenregung. -So wie es einmal mit ihr hatte kommen mssen, -sollte sie dem Leben lieber zu hart als zu weich gegenberstehen. -Ein Erziehungssystem hatte er nie besessen. -Fr keins seiner Mdels. Dafr hatte er weder Talent -noch Zeit. Und sie waren ja auch so ganz leidlich geworden. -Wenigstens hatte es ihm bisher so geschienen.</p> - -<p>Nun brachten ihn die jhen Enthllungen des heutigen -Nachmittags aus dem Konzept. Wie wenn ihm einer -nach einem fertigen Kapitel der Kaisergeschichte eine neue -Schrift vorgelegt htte, die er nicht kannte und die seine -ganze Auffassung ber den Haufen warf. Er wurde -irre an sich. Er hatte doch wohl nicht genug getan? Die -Tanten und Tunten hatten am Ende recht, die vor Jahren -gemeint, er knne mit den drei Mdels so allein nicht zuwege -kommen. Die bloe Paschastrenge tat es nicht. -Er htte sich mehr mit ihnen abgeben mssen. Mit jeder -von ihnen. Aber wie denn? Er konnte nicht bei ihnen -sitzen, mit ihnen ausgehen, ihr Tun und Lassen berwachen, -die Kindsmagd spielen — das lag ja so weit, so himmelweit -ab von seinem Beruf, der geistigen Lebensaufgabe, -die das erste hatte sein mssen! Es half ja auch gar nichts, -wenn er sich jetzt vordeklamierte, wie er alles htte anders, -htte besser machen knnen. Damit konnte er die Tatsache -nicht wegbuchstabieren, da Marga, seine Marga, sein -Sorgenkind sich von einem wildfremden Menschen liebhaben -lie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">[S. 276]</a></span> - -Er durfte nur ja oder nein sagen.</p> - -<p>Nein sagen mute er natrlich.</p> - -<p>So weltfremd er im Grunde war: seine Vernunft -strubte sich dagegen, in eine solche Ehe zu willigen. Marga -war blind. Sie konnte niemals einem Mann, und wenn -er ein Held an Selbstberwindung war, das sein, was er -von einer Lebensgefhrtin fordern mute. Eine solche -Liebe, sie mochte noch so gro und berschwenglich sein, -mute sich wund und mrb reiben an den Forderungen -der Wirklichkeit. Das konnten zwei trichte junge Leute bestreiten, -aber es blieb darum nicht minder wahr und mute -jedes Glck zerstren. Also mute er nein sagen.</p> - -<p>Kaum aber stand dieses harte Nein da, vor ihm, so -lehnte sich auch schon sein Herz mit voller Macht gegen -das grausame Verdikt auf.</p> - -<p>Seine Erinnerung kehrte zu den schweren Tagen zurck, -in denen Marga, ein Kind, an den Folgen einer Netzhautablsung -das helle, frohe Licht ihrer klaren Augen verlor. -Es war etwa ein Jahr nach dem Tod seiner Frau. Und -dieser zweite Schlag traf ihn nicht leichter als der erste. -Das Hoffen und Bangen schwankender Wochen, das Verzweifeln -und Aufbumen gegen das Unabnderliche, -alles, was er mit dem Kind blutenden Herzens durchlitt -und durchkmpfte, bis es in frhzeitiger, innerer Reife -ber sein Los emporwuchs, erwachte vor ihm. War es -nicht genug, da das Schicksal sie von tausend Freuden des -Tages ausschlo und in immerwhrende Nacht bannte? -Blind sein — hie es fr sie nicht, mit einem Teil ihres -Wesens schon gestorben sein, ehe sie gelebt hatte? Wo stand -geschrieben, da Marga mit der Kraft, zu sehen, auch das -Recht und die Kraft, zu lieben, verwirkt hatte? Woher<span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">[S. 277]</a></span> -nahm er die Macht, zu entscheiden: Das ist dein Glck, -und das ist dein Unglck? Die Liebe — konnte sie sie nicht -entschdigen wollen fr das, was ihr an Licht und Lust -genommen war? Und er hatte den Mut, es grausamer -mit ihr zu meinen, als ihr Schicksal? Der Idealist in -ihm bekmpfte die nchterne Besonnenheit, die er seinem -guten Herzen aufzwingen wollte. Er kannte den Mann -nicht — kaum von Angesicht — der ihr die Hand bieten -wollte. War es ausgemacht, da er nicht wute, was er -wollte und tat? War es wirklich so ber allen Verstand, -da ein Mann diese ruhige, offene, klare Marga liebte, -so liebte, da er ihre Blindheit ber ihrem inneren Wert -verga? Der Stolz des Vaters setzte die Gesundheit und -Flle ihrer Seele gegen das Gebrechen ihres Krpers. -Fast war es, als hielten unter solchem Gewicht das Fr -und Wider sich die Wage ...</p> - -<p>Richthoff achtete nicht darauf, wie unter dem Sinnen -und Sorgen die Stunden vergingen.</p> - -<p>Es wurde Abend.</p> - -<p>Die Septembersonne mit ihrem vollen, ruhigen Schein -huschte zwischen den Zweigen im Vorgarten hindurch -auf seinen Schreibtisch: sie fand ihn nicht wie sonst auf -seinem Platz, den weibrtigen Kopf ber Bcher und -Manuskriptbltter gebeugt. Verwundert glitt sie allmhlich -aus der Stube und lie der Dmmerung das Feld.</p> - -<p>Vater Richthoff stand vor einer rundbauchigen, altmodischen -Kommode, deren goldbraunes Holz metallene -Ranken verzierten. Auf der Kommode stand eine Photographie, -in die er sich vertieft hatte. Es war das Bild -seiner verstorbenen Frau, bei dem er Rat suchte; als -knnte ihr jugendlich-zartes, lebensfrohes Gesicht aus der<span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">[S. 278]</a></span> -Ferne vieler Jahre Trost und Klrung in seine Wirrnis -bringen.</p> - -<p>Als es an die Tr klopfte, fuhr er erschreckt zusammen.</p> - -<p>Mit einem gepreten „Ich komme ja schon!” winkte -er Kthe, die fragend hereinschaute, aus der Tr.</p> - -<p>Es dauerte noch eine gute Weile, ehe er kam. Und -dann sa er zerstreut und wortlos beim Essen. Kaum da -er die Speisen berhrte. Nach einer Viertelstunde verschwand -er wieder.</p> - -<p>Kthe, die nicht wute, was vorgefallen war, erging -sich in besorgten Mutmaungen ber seine Gesundheit. -Sie lie durchblicken, da Hofrat Geismar ihr in Kreuth -einige gar nicht unbedenkliche Andeutungen gemacht habe, -wie wichtig es sei, da sich Papa schone. Sie fand nur -wenig Gehr bei den Schwestern und verstummte wie sie.</p> - -<p>Elli drckte Marga heimlich ermunternd die Hand. -Sie hatte sich alle Mhe gegeben, in Vater Richthoffs -Mienen Gutes zu lesen. Doch als Marga sie spter im -Garten befragte, wie er ausgesehen, vermochte sogar ihr -Optimismus das Barometer hchstens auf „Vernderlich” -zu deuten.</p> - -<p>Eine beklemmende, schwle Nacht senkte sich auf das -Haus am Wenzelsberg.</p> - -<p>Die Lampe im Studierzimmer des Geheimrats berdauerte -mit ihrem Schein die sptesten Wanderer. Als -der alte Herr sie endlich lschte, hatten die Geister der -rmischen Csaren Gelegenheit, sich ber wunderliche -Dinge, die sie gehrt und gesehen, die erlauchten Kpfe -zu zerbrechen.</p> - -<p>Am nchsten Vormittag hatte er eine lange Unterredung -mit Marga.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">[S. 279]</a></span> - -Noch nie hatten sie sich so verstanden, waren die Herzen -von Vater und Tochter sich so nahe gekommen wie in dieser -Stunde. Der Geheimrat sprach weder das Ja noch das -Nein, das zu erwirken seine Vernunft und sein Herz -sich so hei befehdet hatten. Aber er erklrte sich bereit, -den Doktor, diesen Eindringling und Ruhestrer, zu -empfangen. „Um ihm den Kopf zu waschen!” wie er -meinte. Und er lie sich zwar nicht von Marga kssen, -aber er gab ihr selbst eine Art unwirschen Ku auf die -Stirn und brummte etwas von „Vertrauen haben” in -den Bart. Und Margas Augen schimmerten von Dankbarkeit. —</p> - -<p>Kthe hatte sich fr den Nachmittag mit Lizzie zu einem -Besorgungsgang in die Stadt verabredet. Bald nach -Tisch ging sie aus dem Haus.</p> - -<p>„Die wird Augen machen, wenn sie am Abend heimkommt!” -frohlockte Elli, als sie mit Marga allein zurckblieb.</p> - -<p>„Ich htte ihr gern eine Andeutung gemacht,” meinte -Marga nachdenklich. „Sie wird es nicht schwesterlich -finden, da ich sie so gar nicht vorbereitete.”</p> - -<p>„Ach was,” beruhigte Elli, „die berraschung ist ja -gerade das Netteste! — Was machen wir jetzt? Es dauert -noch anderthalb Stunden, ehe das groe Ereignis beginnt. -Ich glaube, ich bin aufgeregter als du, Margakind! Fa -mal an!” Sie legte die Hand der Schwester an ihre glhheie -Wange. „Hast du kalte Hnde — puh! Dir scheint's -ja auch tchtig schummerig zu sein. Wir mssen was vornehmen! -Du httest mal sehen sollen, wie Papa aussah -bei Tisch! Richtig feierlich wie ein Brautvater. Und manchmal -bewegte er die Lippen, wie wenn er eine kleine Ansprache<span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">[S. 280]</a></span> -hielte — an den knftigen Schwiegersohn natrlich!” -Sie kicherte erregt und sah zum Fenster der Estube -hinaus auf den Weinberg. „Wahrhaftig! Papa -kommt schon zurck! Keine zehn Minuten war er heut' -bei seinen Schnecken. Du hast die Hausordnung schn -auf den Kopf gestellt, Margakind! — Komm, wir gehen -nach oben! In unsere Stube. Da wird's noch am ehesten -auszuhalten sein.”</p> - -<p>Marga lie sich willenlos von Elli hinauffhren. Nun, -da die Entscheidung mit jeder Minute nher auf sie zukam, -wurde es ihr doch schwer und schwerer ums Herz. -Um nicht verzagt zu werden, mute sie sich immer bei sich -wiederholen: Es ist ja doch das Glck, das vor der Tr -steht! Papa wird sicher alles gutmachen! Und Max —</p> - -<p>Aber Elli lie sie nicht erst lange grbeln. Sie drckte -sie in die Sofaecke, setzte sich neben sie, ganz nahe, und -schwatzte — schwatzte das Blaue vom Himmel herunter. -„Natrlich wird ihn Papa nachher dabehalten. Er mu -bei uns Abendbrot essen. Denk' dir, als dein offizieller -Brutigam! — Kannst du dir eigentlich Papa vorstellen -— als Schwiegervater? Wenn er mit deinem Max sich -so richtig was erzhlt? — Eigentlich ist's doch zu schnurrig, -da du die erste von uns dreien bist. Lizzie, Cousine Grasvogel, -die Wilmannsmdels — die Gesichter mcht' ich sehen! -— Wer wohl die nchste nach dir ist? Wenn doch Wilkens -endlich wenigstens seinen Doktor machen wollte! Er hat -mir geschworen, er werde nach Neujahr ins Examen steigen. -Aber seine Meineide sind gar nicht mehr zu zhlen!” -Traurig und seufzend lie Elli die Stimme sinken.</p> - -<p>„Diesmal wird er bestimmt Wort halten,” trstete -Marga.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">[S. 281]</a></span> - -„Meinst du? Vielleicht nimmt er sich ein gutes Beispiel. -— Ach, du, Margakind, waren das Tage auf der -Sgemhle! So schn wird's im ganzen Leben nicht -wieder!”</p> - -<p>Jetzt war der rechte Gesprchsstoff gefunden.</p> - -<p>Sie gingen miteinander den Sommer durch, beinahe -Tag um Tag. Wie Perthes und Wilkens zum erstenmal -miteinander drauen auftauchten. So unerwartet und -doch erwartet. Wie Marga ihm das Wiederkommen verbot. -Wie sie und Elli jenen Ausflug ber die Berge -machten. Erst in so niedergeschlagener, trber Stimmung -und dann auf dem Heimweg so glcksfroh — ber den endlosen -Hang von lutenden Glockenblumen, den Marga -ertrumte. Als sie ber den Flu setzten, stand er drben -am Ufer. Ihre Herzen fanden sich. Und dann die lustigen -Mahlzeiten zu vieren! Der tolle Besuch von Papa Wilmanns, -wo Borngrber den Sndenbock machen mute -und die „Generalrevision” in Bowle und Tanz sich auflste. -Elli jubelte noch in der Erinnerung, und Marga, -von ihrer Lustigkeit angesteckt, verga fr Augenblicke, -wie ihr Herz klopfte.</p> - -<p>Die Kuckucksuhr meldete dreiviertel vier. Die Zeit war -im Fluge vergangen. Sie horchten betroffen auf, als sie -schlug, und wurden beide still und ernst.</p> - -<p>„Ich mchte Max so gern einen Moment sprechen, -ehe er zu Papa hineingeht,” brach Marga zuerst wieder -das Schweigen. „Ihm wenigstens die Hand drcken -oder doch zuwinken,” meinte sie beklommen.</p> - -<p>„Natrlich sollst du das! Ich leg' mich auf die Lauer. -La mich nur machen!” Schon war Elli aufgesprungen. -Sie ffnete die Tr und schlpfte nach dem Flur, um die<span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">[S. 282]</a></span> -Wache anzutreten, so wie sie und Kthe es zu machen -pflegten, wenn das Semester anfing und die Hrer von -Papa sich in der Sprechstunde anmeldeten. „Weit du -noch,” flsterte sie, sich auf der Schwelle nach Marga -umdrehend, „wie wir ihn zuerst sichteten? Damals — -mit dem Pfeffer-und-Salz-Jackett?”</p> - -<p>Ob Marga das noch wute! Es litt sie nicht lnger -auf ihrem Platz.</p> - -<p>„Bleib doch!” mahnte Elli. „Wenn es klingelt und ich -sehe, da er's ist, ruf' ich dich!” Sie beugte sich heruntersphend -ber das Treppengelnder, obwohl noch nichts -zu hren und zu sehen war.</p> - -<p>Der Kuckuck holte zu seinen vier Rufen aus. Gleichzeitig -wurde an der Hausklingel gelutet. Lange und -schrill tnte es durchs Haus.</p> - -<p>Marga lie es sich nicht nehmen: ehe Elli es verhindern -konnte, eilte sie die Treppe hinunter.</p> - -<p>Sie war noch nicht im Erdgescho angelangt, als Therese -schon geffnet hatte. Eine fremde Stimme traf ihr Ohr. -Enttuscht blieb sie stehen.</p> - -<p>„Da wird ein Brief fr Sie abgegeben, Frulein Marga.” -Therese kam ihr entgegen und schob ihr ein Kuvert -in die Hand.</p> - -<p>Marga erschrak unwillkrlich. Was war das? Doch -nicht — Perthes wrde doch nicht etwa abgehalten sein, -zu kommen? Sie fhlte, wie ihr alles Blut aus dem -Herzen strmte. Zitternd ffnete sie den Umschlag. Die -Zeilen waren in Punktschrift geschrieben. Sie konnten -also nur von ihm sein.</p> - -<p>Es dauerte eine Ewigkeit, ehe ihre Finger sich zurechtfanden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">[S. 283]</a></span> - -„Was ist denn los!” raunte Elli neugierig von oben. -So weit sie sich vorbeugte, sie konnte nicht sehen, was -vorging.</p> - -<p>Marga achtete nicht auf ihre Frage. Whrend ihre -Fingerspitzen das Papier abtasteten, bewegten ihre -Lippen sich lautlos. Sie las:</p> - -<p> -„Liebe Marga!<br /> -</p> - -<p>Was gbe ich drum, wenn ich diese Zeilen nicht schreiben -mte! Du wirst mich verachten, wenn Du sie liest, wie -ich mich verachte. Ich kann nicht kommen. Ich kann mein -Wort nicht einlsen — —”</p> - -<p>Weiter kam Marga nicht. Ihre Knie zitterten. Sie zerknitterte -den Briefbogen zwischen ihren Fingern und prete -die Hand gegen ihr Herz. Ein gedmpfter, kurzer, klagender -Aufschrei, wie der Schrei eines Sterbenden, rang sich von -ihren Lippen. Instinktiv suchte sie die Treppen zu erklimmen. -Sie stolperte wie eine Trunkene. Im ersten -Stock taumelte sie gegen Vater Richthoffs Tr. Das -ewige Dunkel um sie her schien ihr in eine Wolke roten -Bluts verwandelt. Sie konnte nicht rufen. Ihre Sinne -schwanden, und sie meinte, ihr Leben schwinde mit ihnen —: -Er kam nicht! Er wrde nie kommen! Alles war zu Ende ...</p> - -<p>Der alte Herr ffnete seine Tr, erstaunt ber das -Gerusch, das sie erschtterte. Zur rechten Zeit, um -Marga in seinen Armen aufzufangen.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c11" id="c11">11</a></h2> - - -<p>Exzellenz Hupfeld hatte den Rundgang durch die -chirurgische Klinik beendigt. Der Geheime Rat hatte eine -mehrwchige Nordlandreise hinter sich und war heute zum<span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">[S. 284]</a></span> -erstenmal wieder in der Klinik erschienen. Seine Assistenten -in ihren weien Mnteln begleiteten ihn bis -unter das Portal, wo der Chauffeur mit dem Automobil -wartete. Er pflegte dann bis zuletzt Fragen zu beantworten -und Weisungen zu erteilen.</p> - -<p>Der zweite Assistent, Doktor Brunner, ein sehr gewissenhafter, -etwas pedantischer und schwerflliger Mensch, -dessen Haltung den ehemaligen Militrarzt verriet, folgte -mit Perthes, dem im Range dritten, bis an den Wagenschlag, -whrend einige jngere Volontrrzte unter der -Einfahrt stehen blieben.</p> - -<p>Exzellenz gefiel sich in diesem feierlichen, beinahe frstlichen -Bild seiner An- und Abfahrten. Das Gefolge seines -Stabes, vervollstndigt durch den in Positur stehenden, -die Mtze senkenden Chauffeur und den dienstbereiten -Oberwrter, stand gut zu seiner berragenden Gestalt -im hellgrauen Staubmantel mit der eleganten Schirmmtze. -Er hatte es deshalb nicht sonderlich eilig mit dem -Einsteigen. „Sie haben also keine guten Nachrichten von -Professor Kronheim?” fragte er mit seiner lauten, getragenen -Stimme den rechts von ihm stehenden Brunner.</p> - -<p>„Leider nein, Exzellenz,” lautete die Antwort. „Ich -frchte, Kollege Kronheim wird seinen Urlaub noch um -weitere vier bis sechs Wochen verlngern mssen.”</p> - -<p>„Ist denn die Lungenaffektion fortgeschritten?”</p> - -<p>„Fortgeschritten nicht gerade,” berichtete Brunner -korrekt weiter, „aber es fehlen auch die Anzeichen fr eine -Besserung. Er denkt an einen Aufenthalt im Sden.”</p> - -<p>„Daran htte der arme Kerl eher denken sollen. Fatal. -Hchst fatal!” Hupfeld strich sich gedankenvoll ber das -runde, volle Kinn. „Sie sagen, vier bis sechs Wochen.<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">[S. 285]</a></span> -Ich frchte — ich frchte, die Sache wird sich ber den ganzen -Winter hinziehen. Und wir haben in vierzehn Tagen -Semesteranfang!” Er hatte den einen Fu auf den -Wagentritt gesetzt.</p> - -<p>Chauffeur und Wrter beugten sich hilfsbereit vor, -um ihn zu untersttzen.</p> - -<p>Aber Exzellenz beharrte in tiefsinniger Stellung. -„So wird die Geschichte nicht gehen. Wir mssen auf -irgendeinen Ausweg denken,” berlegte er. „Ich sage -das nicht,” wandte er sich lebhafter an seine beiden Assistenten, -„um ihnen, meine Herren, den leisesten Vorwurf -zu machen. Im Gegenteil, Sie tun das Menschenmgliche. -Ich bin auerordentlich zufrieden.” Ein anerkennender -Blick der blagrauen Augen schweifte von -Brunner zu Perthes, auf dem er ruhen blieb. „Sie -mssen entlastet werden, meine Herren! Sie reiben sich -auf. Besonders Ihr Aussehen, mein lieber Perthes, -gefllt mir ganz und gar nicht. Sie berarbeiten sich!”</p> - -<p>„Exzellenz sind sehr gtig. Aber ich fhle mich ausgezeichnet!” -versicherte Perthes. Die gelbliche Farbe -seines Gesichts, die tiefen Furchen unter den verschleierten -Augen schienen ihn freilich Lgen zu strafen.</p> - -<p>„Nein, nein, mein Lieber,” erwiderte mit einem huldvollen -Hochziehen der dnnen, falben Augenbrauen der -Geheime Rat, „ich kenne das. Sie sind ein Gewaltmensch. -Sie werden nicht ruhen, bis Sie eines Tags zusammenklappen. -Daraus wird nichts. Dazu sind Sie zu gut. -Ich habe andere Plne mit Ihnen!” Er nickte dem Doktor -mit bedeutungsvollem Wohlwollen zu und schwang sich -in den Kraftwagen, so gewandt und sicher, da der Chauffeur -nur den Schlag schlieen und der Oberwrter nur<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">[S. 286]</a></span> -einen respektvollen Bckling anbringen konnte. „Lassen -Sie sich bald mal wieder bei uns sehen, Doktor Perthes. -Sie, Kollege Brunner, ldt man ja doch umsonst ein. -Der Herbst ist so schn drauen auf dem Stift!” Hupfeld -lftete jetzt hflich die Mtze. „Los!”</p> - -<p>Das Automobil fauchte einen Augenblick. Dann fuhr -es unter hellem Signal leicht und glatt davon.</p> - -<p>„Sie werden sehen, er macht diesen Perthes zu seinem -ersten Assistenten!” tuschelte einer der Volontrrzte -den Kollegen zu, whrend sie ins Haus zurcktraten.</p> - -<p>Perthes, der ihnen mit Brunner folgte, konnte die halb -bewundernde, halb neidische Bemerkung hren. Er zog -rgerlich die Stirn in Falten. Es war ihm unangenehm, -da womglich auch Brunner, der der nchste nach Kronheim -war, solche Mutmaungen auffangen konnte. Im -brigen waren ihm die Gerchte, die ber ihn im Umlauf -waren, nicht neu. Er galt fr den erklrten Gnstling -von Exzellenz. Ebenso ausgemacht war es unter den -Kollegen, da er Hupfelds Schwiegersohn werden wrde. -Da ihn der Geheime Rat bevorzugte, darber konnte -er sich ebensowenig tuschen wie die anderen. Was aber -seine vermeintlich bevorstehende Verbindung mit Alice -Hupfeld anging, so hatte er noch vor acht Tagen, am Vorabend -der geplanten Verlobung mit Marga, eine dahin -zielende Fopperei Markwaldts, seines frheren Institutsgenossen, -auf dem Klinikerabend mit fast beleidigender -Schrfe zurckgewiesen. Wrde Markwaldt, diese gutmtige -Klatschbase, die es sich nun einmal zur Aufgabe -gemacht hatte, den wahren Charakter des mysterisen -Perthes „auszuwickeln”, seine Anzapfung heute zu wiederholen -gewagt haben — er htte bestenfalls ein Achselzucken<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">[S. 287]</a></span> -oder ein spttisches Zucken der Mundwinkel zur -Antwort bekommen. Die Verachtung wrde nicht einmal -nur dem Frager gegolten haben; der Gefragte htte sie -auch auf sich selbst bezogen.</p> - -<p>Ja, Max Perthes hatte begonnen, „umzuschalten” ...</p> - -<p>Seine schroffe Abfertigung Markwaldts, so kurz vor -dem beabsichtigten Besuch bei dem alten Herrn am Wenzelsberg, -war ein letztes, ohnmchtiges Aufflackern gewesen. -Damals war in ihm die Tuschung, er knnte wie ein Nachtwandler, -nicht rechts, nicht links blickend, sich zu dem -festen Ziel einer ffentlichen Verlobung mit Marga -Richthoff durchzwingen, schon geschwunden. Mit jedem -Schritt, den er der Entscheidung entgegentat, hatte er seine -Kraft sich mindern gefhlt. Dafr trat ein, woran sein -selbstherrlicher Stolz sich immer zu glauben geweigert -hatte: seine Gedanken waren unermdlich ttig, ihm die -uerlichkeiten des Lebens herbeizuschleppen und vor ihm -aufzutrmen, die aus dem Bund mit Marga sich ergeben -muten. Jene Kleinlichkeiten und Erbrmlichkeiten des -Alltags, vor denen sie selbst in ihrem reiferen, weiblichen -Feingefhl ihn gewarnt, und die er fr jetzt und alle Zukunft -gering geachtet hatte, gewannen eine unheimliche -Gewalt ber ihn. Was wrden die Kollegen zu seiner Verlobung -sagen? Was wrde Alice fr ein Gesicht ziehen? -Wie mute Exzellenz Hupfeld sie aufnehmen? Die Sticheleien, -der Spott und rger, die Geringschtzung und Zurcksetzung, -die kommen wrden — wie winzige bsartige -Insekten wimmelten sie herbei, qulten seine Einbildung, -unterfraen und untergruben seinen ohnehin schon krampfhaften -Entschlu. Nichts, gar nichts war geschehen, wenn -er seine Verlobung mit Marga durchgesetzt hatte! Dann<span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">[S. 288]</a></span> -begann ja erst der Kampf! Ein Kampf, der seinem -Stolz, seiner Stellung als Mensch und Gelehrter Wunde -um Wunde schlagen, ihn vielleicht fr immer aus seiner -Laufbahn drngen wrde!</p> - -<p>Und er, der sich der Meinung anderer gegenber fr -so gleichgltig und unempfindlich hielt, bebte schon vor -den Gebilden zurck, mit denen seine Phantasie auf ihn -eindrang. Vergebens wiederholte er sich gegenber dieser -klglichen Schwachheit, da bei Marga das Hhere, Schnheit -und Frieden, die Selbstreife und die Erfllung seiner -inneren Sehnsucht sein wrde — ein Knigreich gegenber -allem, was er an uerlicher Wirklichkeit drangab. Das -Knigreich war nicht fr ihn. Er hatte sich berschtzt. -Er reichte da nicht hinauf! Und die Liebe, die ihn htte -emporheben mssen — sie war nur ersprungen, nicht erschritten -und erlebt.</p> - -<p>Der Schiffbruch, dessen Schrecken er am Abend nach -dem unseligen Diner auf Nieburg geahnt — jetzt war er -da. Die Welle, die ihn vom Strand, wo Marga ihn erwartete, -zurckgerissen, trieb ihn vollends ab, rettungslos, -unwiderstehlich, stromab in die Mittelmigkeit ...</p> - -<p>Perthes litt unsglich in den Stunden, die dem Absagebrief -an Marga vorausgingen. Die Verachtung, der -Ekel, den er gegen sich selber empfand, brachten ihn an -den Rand der Verzweiflung. Wenn er es doch versuchte? -Wenn er es darauf ankommen lie, ob er, durch ein ffentliches -Wort gebunden, nicht doch strker war, als er meinte? -Er erma, wie furchtbar er Marga treffen mute. Ein -Leid bis auf den Tod wollte er ihr antun, ihr, deren zartes, -hingebendes Gemt er kannte; ihr, die er sich gewissenlos, -ber ihre ngstlichen Bedenken weg, zu eigen gemacht!<span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">[S. 289]</a></span> -Aber war es gewissenhafter, sie noch enger an sich zu ketten, -um sie noch schlimmer zu enttuschen und zu trgen? -Wollte er nicht einmal so ehrenhaft sein, sie zu retten, -solange noch ein Schimmer von Hoffnung war, es zu -knnen?</p> - -<p>Und er schrieb den Absagebrief.</p> - -<p>Es war die zweite Niederlage, die Perthes innerhalb -ein und desselben Jahres erlitt. Aber was war seine -Kinderkrankheit der Liebe, die er im Frhjahr durchgemacht -hatte, gegen das, was er jetzt erlebte? Damals -fiel er bei der jugendlich unerfahrenen Jagd nach einer -Sonnenwolke eines Tags aus seinen sieben Himmeln auf -die nchterne Erde. Die Verzweiflung, die jenem Sturz -folgte, war hei und zornig gewesen, eine echte Weltverzweiflung, -wie sie mehr oder minder keinem Menschen -von Temperament erspart bleibt. Die Verzweiflung aber, -die jetzt sich seiner bemchtigte, diese grausame Selbstverzweiflung -war kalt und verchtlich. Damals hatte er -mit dem Gedanken an einen freiwilligen Tod gespielt; -jetzt, mnnlicher geworden, trotz aller Unfertigkeit, war er -der selbstzerstrenden Tat in Gedanken ferner, in Wirklichkeit -nher. Doch der Rest von Lebensenergie, der in -ihm war, gnnte ihm die Flucht aus dem Dasein nicht. -Gerade in der Selbstverachtung fand er einen Stachel, -der die Kraft weckte, weiterzuirren, um sich weiterzuentwickeln.</p> - -<p>Warum sollte er der berechnende Streber nicht sein, wie -ihn die Kollegen hinter den Erfolgen argwhnten, die ihm -bisher ohne sein Hinzutun in den Scho gefallen waren? -War es ihm versagt, das zu werden, was sein hheres -Ich gewollt, so schob ihm dafr das Leben die Leiter<span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">[S. 290]</a></span> -der Karriere, diese goldene Himmelsleiter, so bequem -wie mglich zurecht. Er brauchte nur seinen Fu auf die -Sprosse zu setzen. Die Leiter in der Kapelle auf Nieburg -war vielleicht so gewissermaen ihr Symbol gewesen. -Und so anstrengend brauchte die Strebeleiter nicht zu sein, -und war sie auch nicht. Er brauchte nur der Dutzendbruder, -zu dem Natur und Geschick ihn bestimmten, mit Absicht -und gutem Willen zu sein, so konnte es ihm nicht fehlen! -Es lag ein dmonischer Reiz in der Abkehr von der Hhe -zum Durchschnitt.</p> - -<p>Was Perthes auch in seinem Aussehen so sehr herunterbrachte, -waren viel mehr seine inneren Kmpfe als — -wie Exzellenz Hupfeld vermutete — die klinische berbrdung. -Und er war tricht oder gleichgltig genug, -die paar Freistunden, die ihm blieben, nicht zur Erholung -zu benutzen. Spiel und Sport, die er im Sommer vernachlssigt -hatte, wollte er systematisch forcieren. Er trat -in den Ruderklub ein. Er interessierte sich mit Hilfe Markwaldts -und Professor Hammanns, seines frheren Chefs, -fr Pferderennen und fuhr einen freien Sonntag mit -ihnen nach Baden-Baden. Er zeigte sich, wann es nur -irgend ging, bei Tennis und Hockey und erneuerte seinen -Ruf als ausgezeichneter Spieler. Dort war es auch, -wo er, anfnglich langsam und mit berwindung, dann -mit allem Nachdruck aus seiner Reserve gegen Alice Hupfeld -heraustrat.</p> - -<p>Mit Staunen sah Alice, die ihn nach dem Abenteuer -im Kapellenturm khl und schnippisch behandelte, wie -seine Zurckhaltung in hfliche, spter in eifrige Dienstbeflissenheit -berging. Er konnte also doch Feuer fangen, -dieser seltsame Mischling von Biedermann und Bandit,<span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">[S. 291]</a></span> -als den ihre nach pikanten Eroberungen lsterne Phantasie -ihn ansah. Sie triumphierte bei sich. Ihr Benehmen -wurde in dem Grade sprder und sffisanter, als er sich -um sie bemhte. Sie gefiel sich in immer neuen, launischen -Einfllen, die seine Geduld auf die Probe stellen sollten. -Das Radfahren hatte sie als unzeitgem und altmodisch -endgltig aufgegeben. Seit vierzehn Tagen war sie -passionierte Reiterin. Geschickt, wie sie in allen leiblichen -bungen war, lernte sie schnell und sa bald tadellos im -Sattel. Sie arrangierte in der Universittsreitbahn eine -Quadrille. Professor Hammann und Cousine Hilla, die -schon wieder zu Besuch da war, um bei Alice einen Bewunderungskursus -durchzumachen, Perthes und sie gaben -die Paare. Dann kamen Ausritte in die Ebene oder talaufwrts -und in die Berge, bei denen ihre Verwegenheit -die Partner zu Tollheiten jeder Art verleitete.</p> - -<p>Perthes lie sich weder durch ihre Launen noch durch -ihre Spttereien abschrecken. Mit hhnischer Verachtung -unterdrckte er in sich jeden Ruf seiner Seele, der sich -gegen dies gefhrliche Spiel warnend erheben wollte. -Es fehlte nicht an Anwandlungen von Schwermut. Mitten -in der Nacht — er wute nicht wie und warum — fand er -sich einmal vor dem Haus am Wenzelsberg, wo er, des -scharfen Oktoberwindes ungeachtet, nach einem Lichtschein -in der Mansarde starrte. Waren es Marga und Elli, die -da noch wachten? Wie hatte Marga den schweren Schlag, -den er ihr versetzt, ertragen? Litt sie um ihn? War sie -vielleicht krank? Der schneidende Wind beizte ihm die -Augen feucht. Oder war es die Qual seines Herzens? -Ein andermal war er, von einer jhen Regung berfallen, -auf der Sgemhle abgestiegen und hatte sich in den herbstlich-den<span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">[S. 292]</a></span> -Garten gesetzt. Als die Wirtsfrau kam und nach -seinen Wnschen fragte, murmelte er unverstndliche Worte -und sprang auf und davon. Mit Geielhieben jagte er -sich und seine Sentimentalitten heim. Und er berlie -sich nach solchen Entgleisungen mit einer wahren Wildheit -dem verfhrerischen Reiz, den Alice auf ihn ausbte. -Bei ihr — ohne Zweifel bei ihr war das Rtsel, das er -suchte, das sich ihm jeden Tag von neuem aufgab; das -Ewig-Weibliche, wie es zu ihm pate — ein Irrlicht, -das aufglomm und erlosch und in der Ferne von neuem -aufglomm, um ihn durch ein Leben des Erfolgs, der uerlichkeit -und Mittelmigkeit hindurchzugaukeln ...</p> - -<p>Es war Mitte November geworden.</p> - -<p>Das Wintersemester hatte sogar fr die medizinische -Fakultt wieder begonnen, die doch allerorts eine Ehre -dareinsetzt, das malizise Wort, die Vorlesungen seien eine -unangenehme Unterbrechung der Universittsferien, nicht -Lgen zu strafen.</p> - -<p>Exzellenz Hupfeld konnte sich noch nicht entschlieen, -Stift Nieburg mit seiner Stadtwohnung zu vertauschen. -Der kstliche Sptherbst des Jahres war da drauen ob -dem Flutal, inmitten der laubbraunen und tannengrnen -Bergzge, zu schn. Zweimal tglich und fter -mute das Automobil den Weg nach der Chirurgischen -Klinik hin und zurck machen.</p> - -<p>Professor Kronheim, der erste Assistent der Klinik und -vertretende Chef, hatte seine Ttigkeit noch immer nicht -wieder aufnehmen knnen. Die Nachrichten von der -Riviera, wo er Genesung suchte, lauteten wenig hoffnungsvoll. -Brunner und Perthes mit den Volontrrzten -versahen nach wie vor die ganze Arbeit. Der Geheime<span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">[S. 293]</a></span> -Rat war auf die von ihm angedeutete Reorganisation -nicht wieder zurckgekommen.</p> - -<p>Eines Sonntags, als Perthes, der am Nachmittag -freihatte, gegen drei Uhr in seine Wohnung hinaufsteigen -wollte, trat ihm die an Sonntagen meist unsichtbare Hauswirtin, -Frulein Eschborn, mit einer Visitenkarte entgegen, -die sie mit seltener Feierlichkeit zwischen ihren beiden -Hnden balancierte.</p> - -<p>Gleichgltig nahm Perthes die Karte entgegen und -ging, ohne einen Blick daraufzuwerfen, nach oben. Erst -vor seiner Tr las er den Namen. Es stand da mit schngeschnittenen -Buchstaben gro und einfach: „Benno Hupfeld -Wirklicher Geheimer Rat.”</p> - -<p>Kein Zweifel: Exzellenz mute ihm einen offiziellen -Besuch zugedacht haben. Da die Ordinarien der Fakultt -mit herkmmlicher Bequemlichkeit hchstens ihren verheirateten -Assistenten die Aufwartung zu erwidern pflegten -und ein Mann wie Hupfeld sich sogar unter seinen unmittelbaren -Amtsgenossen so banaler Verpflichtungen -mit einer liebenswrdigen Entschuldigung entheben durfte, -zeugte diese Karte von einer auergewhnlichen Artigkeit. -Gleichwohl warf sie Perthes beim Eintritt in sein Zimmer -aufs Geratewohl beiseite.</p> - -<p>Nach einer kleinen Weile besann er sich eines Besseren.</p> - -<p>Was war er doch noch immer fr ein unvollkommener -Schler der Strebekunst!</p> - -<p>Mit einer Feierlichkeit, die die von Frulein Eschborn -bertraf, nahm er die hohe Visitenkarte von dem Stuhl, -auf den sie geflogen, und trug sie zwischen den beiden -Mittelfingern nach seinem Schreibtisch. In der Mitte -der Unterlage von rotem Lschpapier legte er sie mit einer<span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">[S. 294]</a></span> -Verbeugung nieder. Sie war ja doch, richtig gewrdigt, -das erste nicht zu unterschtzende Dokument des Fortschritts, -das seine neue Methode des bewuten Hochkletterns -gezeitigt hatte. Von Rechts wegen htte sie auf -ihrem Ehrenplatz mit Lorbeer umrahmt werden mssen. -Schade, da er den nicht zur Hand hatte!</p> - -<p>Am Montag, als Exzellenz Hupfeld sich zur blichen -pompsen Abfahrt aus der Klinik anschickte, trat Perthes -mit vollendeter Hflichkeit an den Geheimen Rat heran. -„Exzellenz hatten die auerordentliche Liebenswrdigkeit -—”</p> - -<p>„Ach ja. Ich wollte Sie gestern besuchen. Schade, -da ich Sie nicht antraf!”</p> - -<p>„Das Bedauern ist ganz auf meiner Seite —”</p> - -<p>„Ich wollte mit Ihnen eine Angelegenheit besprechen, -die —” Hupfeld berlegte lchelnd. „Im brigen, ich -mchte das nicht aufschieben. Sie knnen sich mit mir ins -Auto setzen. Es lt sich da ungestrt plaudern. Wollen -Sie?” Die Frage wurde von einer jener herrischen Gebrden -begleitet, die Hupfelds Liebenswrdigkeit eigentmlich -machten.</p> - -<p>Perthes erschrak unwillkrlich ber den neuen Beweis -von Wohlwollen. Die Volontrrzte auf der Treppe des -Vestibls machten lange Hlse. Doktor Brunner war -diskret und hflich, aber mit ersichtlich langem Gesicht -zurckgetreten.</p> - -<p>„Sie brauchen nicht zu befrchten, da ich Sie zu lange -in Anspruch nehme,” fuhr Hupfeld, der dies Schwanken -schmeichelhaft beurteilte, beruhigend fort. „Ich lasse Sie -mit meinem Wagen zurckfhren.”</p> - -<p>Nun gab es keine Widerrede. Perthes fate sich schnell.<span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">[S. 295]</a></span> -„Wenn Exzellenz einen Moment warten wollen?” Er -deutete auf seinen Operationsmantel.</p> - -<p>Der Geheime Rat nickte gtig.</p> - -<p>Perthes lief nach dem Hause. Ein saurer Gang in -der Sonne ffentlicher Gnade. Er kniff die Lippen zusammen -und heftete die Augen geradeaus ins Leere, als -er an den beiseitetretenden Volontren vorbeieilte. Im -Nu kam er zurck, in Jackett und Hut. An den ironischen -Mienen der jungen Kollegen las er ab, was sie von dieser -Autounterredung hielten. Als er wieder ins Freie trat, -meinte er hinter sich etwas flstern zu hren wie: „Exzellenz -Schwiegerpapa!” Die Wut trieb ihm das Blut -in den Kopf. Doch schon schritt er an Brunner vorber, -der unglcklich dreinsah und an seinem militrischen Schnauzbart -zu kauen schien.</p> - -<p>Der Krankenwrter half ihm ins Automobil, in dem -Exzellenz schon Platz genommen hatte. Er machte dabei -einen Bckling, fr den Perthes ihm ins Genick htte -hauen mgen.</p> - -<p>Doch schon fuhren sie tutend davon.</p> - -<p>Hupfeld zgerte nicht, seinem Fahrgast seine Absichten -auseinanderzusetzen. Frs erste freilich, solange sie noch -innerhalb der Stadt fuhren, sah er sich durch hufige Gre -unterbrochen. Er pflegte alle mit ausgesuchter Hflichkeit -zu erwidern, ob es sich um einen Universittsdiener -handelte oder um einen Geheimrat. Erst hinter der Brcke, -am Ausgang der Neustadt, wo die Villenstrae allmhlich -in die Landstrae berging, kam er <span class="antiqua">in medias res</span>. Nachdem -er die Aussichtslosigkeit betont, die das Befinden -des armen Kronheim biete — er hatte neuerdings selbst -sehr trbe Nachrichten aus Rapallo erhalten —, sprach er<span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">[S. 296]</a></span> -von der Notwendigkeit, die erste Assistentenstelle seiner -Klinik einstweilen neu zu besetzen.</p> - -<p>„Die Angelegenheit ist durch die Persnlichkeit des guten -Brunner, der eigentlich der nchste Anwrter ist, kompliziert,” -erklrte der Geheime Rat fortfahrend. „Um es -von vornherein zu sagen: er ist nicht der Mann, den ich -brauche.”</p> - -<p>„Ich habe ihn als einen sehr gediegenen, pflichteifrigen -Kollegen schtzen gelernt,” schob Perthes ein, wobei er -sich selbst ber die neugewonnene Fhigkeit wunderte, -sich durch billige Komplimente fr andere ins beste Licht -zu setzen. Perfid war er also auch schon.</p> - -<p>„Zugegeben, lieber Perthes!” stimmte Hupfeld in das -wohlfeile Lob ein. „Zugegeben! Aber es fehlt ihm jeder -Zug ins Groe. Er kann nichts selber in die Hand nehmen, -wenn ich einmal nicht zur Stelle bin. Der leitende Arzt, -der mich vertreten soll, mu etwas vom Herrscher an sich -haben. Weitblick, eigene Gesichtspunkte, Vielseitigkeit!” -Exzellenz gab jedes dieser ihn selbst verherrlichenden -Prdikate mit monumentaler Rhetorik von sich. „Und -dann — was die Hauptsache ist —, er mu das Zeug zu -einem erstklassigen Operateur haben. Das hat der gute -Brunner bei aller Gewissenhaftigkeit und relativen Geschicklichkeit -nicht. Das haben — <span class="antiqua">senza complimenti</span> — -Sie, mein lieber junger Kollege!”</p> - -<p>Perthes wollte mit einer Schmeichelei fr die Ganzgroen -abwehren. Aber dazu reichte seine Gewandtheit -noch nicht. Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er -mute sie durch Gebrden ersetzen.</p> - -<p>„Doch, doch!” versicherte huldvoll der Geheimrat, -der ihn auch so verstand. „Machen wir uns nichts vor.<span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">[S. 297]</a></span> -In so einschneidenden Fragen pflege ich mit rcksichtsloser -Objektivitt vorzugehen. Bleiben wir also bei sicheren -Tatsachen. Die kurze Zeit, in der Sie bei mir arbeiten, -hat mich von Ihrer auerordentlichen Befhigung berzeugt. -Sie wren mein Mann! Sie werden es sein —”</p> - -<p>„Aber, Exzellenz, ich bitte —”</p> - -<p>„Hren Sie mir ruhig zu, lieber Freund!” Hupfeld -legte die berweiche, berhmte Hand auf Perthes' Arm. -„Ich habe alles erwogen. Sie sind sehr jung. Brunner -darf nicht vor den Kopf gestoen werden. Es heit diplomatisch -zu Werke gehen.” Ein schlaues, geistreiches Lcheln -kruselte seinen vieldeutigen, glatten Mund. Er entwickelte -mit rednerischer Selbstgeflligkeit sein Projekt. -Er wollte es bernehmen, Brunner von seinen guten -Absichten zu berzeugen. Erstlich sollte dieser als der ltere -durch seine Frsprache im Ministerium — es gengte da -ein Wink nach der Residenz — schon in den nchsten -Wochen den Professorentitel erhalten. Ferner wollte ihm -Hupfeld die bestimmte Aussicht machen, da er binnen -Jahresfrist einen Ruf als Auerordentlicher oder Leiter -eines stdtischen Krankenhauses nach auswrts erhielte. -Dafr konnte Hupfeld bei seinen Verbindungen garantieren. -Demgegenber mute Brunner einsehen, da -Exzellenz sich den jngeren Perthes fr die Stellung eines -ersten Assistenten ganz speziell heranbilden wollte, und -mute ihm schon jetzt die nominelle Vertretung dieses -Postens berlassen.</p> - -<p>So weit war der Geheime Rat in seinen Ausfhrungen -gekommen, als das Automobil sein sausendes Tempo -verlangsamte und zum Stift hinauffuhr.</p> - -<p>Die Unterredung konnte an dem Punkt, an dem sie<span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">[S. 298]</a></span> -angelangt war, nicht abgebrochen werden. Es blieb Perthes -nichts anderes brig, als die Einladung anzunehmen, mit -Hupfeld zu frhstcken. Er griff sich an den Kopf, als er -die Rume wieder betrat, die er vor einigen Wochen mit -so groem Widerwillen kennen gelernt hatte. Die erste -Viertelstunde, whrend er neben seinem Chef in dem -weitrumigen Saal mit den gewaltigen Schrnken, den -serisen Ahnenbildern, der neu angelegten, kostbar-bunten -Porzellansammlung sa, meinte er einen schweren Traum -zu wiederholen. Dann zwang er sein bedrcktes Herz mit -eisiger Schroffheit zur Ruhe. Es ging vortrefflich. Bei -einer Flasche Mosel und ausgesucht zarten Zwergbeefsteaks -stellte Hupfeld die Bedingungen auf, unter denen er seinen -knftigen ersten Assistenten verpflichten wollte. Perthes -sollte sich innerhalb der nchsten vier Jahre nicht habilitieren -drfen, um ganz zu seiner, Hupfelds, Verfgung -zu sein; sich auch dann noch ohne seine Zustimmung -weder nach auerhalb bewerben noch einen etwaigen Ruf -annehmen drfen. Die Anstellung sollte erst nach einiger -Zeit definitiv werden. Wann und mit welchem Gehalt, -blieb spterer Bestimmung vorbehalten. Der Geheime -Rat verschwieg, da er bei dieser Gelegenheit einige dem -Minister genehme, ihm zum Lob gereichende Ersparnisse -zu machen gedachte. Dagegen lie er Perthes nicht im -Zweifel, da er ihm die zuknftige Karriere innerhalb -der hiesigen Universitt gewhrleisten wollte.</p> - -<p>Perthes sah durch diese glnzenden Anerbietungen -jede Erwartung weit bertroffen. Gleichwohl zwang er -sich dazu, seiner Befriedigung keinen allzu begeisterten -Ausdruck zu geben. Der Dmon, von dem er sich in seiner -Selbstverachtung beherrschen lie, riet ihm, sich zu sparen<span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">[S. 299]</a></span> -und seine streberischen Plne womglich als Ganzes zur -Reife zu bringen. Es lockte ihn, seine Fhigkeit, emporzukommen, -gleich durch ein Meisterstck zu erproben.</p> - -<p>„Exzellenz sehen mich gegenber solchen Beweisen -des Vertrauens verwirrt —”</p> - -<p>„Es sollte mich freuen,” versicherte Hupfeld mit groartiger -Loyalitt, „wenn es mir mit meinen Vorschlgen -gelungen wre, Ihre Wnsche mit den meinen in Einklang -zu bringen.”</p> - -<p>„Meine Wnsche wagten sich so hoch nicht, Exzellenz. -Gleichwohl werden Sie es billigen, wenn ich mir angesichts -so weitausschauender Plne einige Tage erbitte, -um sie durchzudenken.”</p> - -<p>Hupfeld sah den Doktor ziemlich erstaunt, beinahe mitrauisch -an. Diesmal war ihm ein Zaudern unverstndlich. -„Nun ja —” meinte er gedehnt. „Ich gebe Ihnen natrlich -Bedenkzeit. Nur —”</p> - -<p>„Exzellenz drfen berzeugt sein, da ich dies Zugestndnis -nicht mibrauche. In wenigen Tagen, vielleicht -schon morgen —”</p> - -<p>„Bringen Sie mir eine zustimmende Antwort,” vollendete -der Geheime Rat mit leichter Schrfe. Er hatte sich -erhoben und bot Perthes verbindlich die Hand zum Abschied. -Als er allein war, schttelte er den Kopf: „Bei alledem — -ein merkwrdiger junger Mann!”</p> - -<p>Er sollte diese Merkwrdigkeit bald besser verstehen, -als er ahnte. —</p> - -<p>Nach milden, sonnigen Tagen brachte der November -seine gewohnten brausenden, khlenden Strme, die im -Wirbel das rote und braune Laub aus den Baumkronen -rissen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">[S. 300]</a></span> - -Gerade das unstete, tosende Wetter lockte die Abenteuerlust -von Frulein Exzellenz. Sie schlug fr einen -der nchsten Nachmittage den Teilnehmern der Reitquadrille -einen Fernritt, und zwar einen tchtigen Fernritt -vor. Bei trgerischem Sonnenschein brach man auf. -Perthes hatte sich mit Mhe freigemacht. Er sprengte -mit Alice voran. Sie sah im langen, schwarzen Reitkleid -gut aus. Es lie ihre biegsamen Formen zu herausfordernder -Geltung kommen. Der flache, ebenrandige Hut sa -keck ber den rotblonden Haaren. Professor Hammann -und Cousine Hilla folgten in migem Tempo und unter -bedenklichen Protesten. Man hatte auch noch kaum die -Sgemhle hinter sich, als der Wind grimmig einsetzte, -den Himmel voller Wolken fegte und den Reitern brausenden -Widerpart hielt. Als Perthes und seine Begleiterin -bei einer Wegbiegung, am Eingang in ein leidlich windstilles -Gehlz, sich umblickten, war von Hammann und -Frulein Hilla keine Spur mehr zu sehen.</p> - -<p>„Wollen wir auch das Hasenpanier ergreifen?” fragte -Alice mit einem spttischen Blitzen der grnlich schimmernden -Augen, whrend sie die losgerissenen Haarstrhnen -aus den Wangen strich.</p> - -<p>Statt der Antwort gab Perthes seinem Pferd die -Sporen.</p> - -<p>Mit klingendem Lachen jagte Alice ihm nach, bis sie -wieder an seiner Seite war. Sie versetzte ihm zur Strafe -einen leichten Hieb mit der Gerte auf die Hand, die die -Zgel fhrte.</p> - -<p>Hinter dem Wald ging es mit aufeinandergepreten -Lippen und zugekniffenen Augen gegen den Sturm. -Kurz vor dem ersten Dorf schnob ein feiner, dichter<span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">[S. 301]</a></span> -Regenschauer aus den Wolken und durchnte Reiter -und Ro.</p> - -<p>Nun mute man doch wohl oder bel im Wirtshaus -haltmachen.</p> - -<p>Alice fand es apart und reizend, in dem sauberen -Herrschaftszimmerchen, in dem ein Ofenfeuer grend -leuchtete, Tete-a-tete zu „mahlzeiten”. Man sah durchs -Fenster hinaus auf den windgepeitschten Flu, die regenwolkenverhangenen -Berge. Fast wie auf der Sgemhle, -dachte Perthes, als er zufllig hinausblickte. Um so besser, -setzte er hhnisch hinzu. Er berlie sich dem willkommenen -Reiz der Situation. Die nassen Kleider erfllten unter -der behaglichen Wrme die Stube mit ihrem Dunst. Es -war ziemlich dunkel. Aus der Ofenecke, wo Alice sich eingerichtet -hatte, sah man nur ihre Augen mit seltsamer -Intensitt aufglnzen.</p> - -<p>Nachher, am Tisch, gab sie sich allerliebst. Sie war -etwas aufgeregt und suchte diesen Zustand, der ihr kleinlich -schien, durch die ausgelassene Freiheit ihres Benehmens -zu verdecken. Sie gab sich die Rolle der Demimondaine, -die sie augenwerfend und trllernd trefflich zu mimen -verstand. Perthes sollte dazu den Galantuomo spielen.</p> - -<p>Er ging bereitwillig darauf ein. Aber in einem Moment -leidenschaftlich vorgetragener Liebeserklrungen, die sie mit -koketter Klte ber sich ergehen lie, verga er das Spiel. -Er ri Alice in seine Arme und bedeckte sie mit Kssen.</p> - -<p>Als er sie wieder freigab, war sie ernchtert und erschrocken. -„Was fllt Ihnen ein!” stammelte sie verlegen.</p> - -<p>„Was mir schon lngst htte einfallen mssen!” gab -er siegesgewi zurck.</p> - -<p>Schmollend und zrnend trat sie von ihm weg. Sie<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">[S. 302]</a></span> -stellte sich ans Fenster und stand dort geraume Zeit, von -ihm abgekehrt.</p> - -<p>Er setzte sich mit scheinbarer Gelassenheit in die Ecke -am Ofen und stocherte mit der Zange im Feuer.</p> - -<p>Pltzlich wandte sie sich um. Mit ihrem drolligsten -Spitzbubengesicht, halb spttisch, halb rgerlich, sah sie -ihn an. „Nu — werden wir uns wohl verloben mssen. -Wie abgeschmackt Sie sind!” meinte sie halblaut.</p> - -<p>Er war mit zwei Schritten an ihrer Seite. Sie musterten -sich mit einem tiefen, brennenden Blick. Dann kten -sie sich in einer neuen, wilden Umarmung. Und verlobten -sich, trotz aller Abgeschmacktheit ...</p> - -<p>Als Perthes sich am folgenden Tag in der Hupfeldschen -Stadtwohnung einstellte, um Exzellenz Hupfeld -seine Zusage fr die erste Assistentenstelle zu bringen, -empfing ihn der Geheime Rat sehr gemessen.</p> - -<p>„Sie haben ja Ihre Bedenkzeit sehr eigenartig benutzt, -Herr Doktor! Nun darf <em class="gesperrt">ich</em> wohl um Bedenkzeit bitten?” -lautete die strenge Einleitung.</p> - -<p>Aber der hohe Herr konnte sich nicht lange auf so eisiger -Hhe halten. Er wurde vterlich gerhrt. Und lchelte -bald wie ein gtiger Schpfer ber die kleinen Unarten -und Torheiten seiner Geschpfe.</p> - -<p>Im Salon warteten Frau Hupfeld mit Alice und -Cousine Hilla. Bei der Tr stand der Diener Karl. Diesmal -nicht, um Gewittermeldungen vorzutragen, sondern -um auf einen Wink die Sektkelche zu reichen. Schade, -da Leutnant Moritz fehlte.</p> - -<p>Man feierte Verlobung im Familienkreise. Vorverlobung.</p> - -<p>Es war stilvoller und groartiger, als es je im Haus -am Wenzelsberg htte werden knnen ...</p> - -<hr class="chap" /> - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Page_303" id="Page_303">[S. 303]</a></span><a name="c12" id="c12">12</a></h2> - - -<p>Schon seit ber vierzehn Tagen hatte Vater Richthoff -seine Vorlesungen wieder aufgenommen. Zwischen drei -und vier Uhr des Nachmittags schallte wieder hufig und -hell die Klingel durchs Haus: nacheinander kamen und -gingen die Hrer, junge Semester mit bunten Mtzen, -Bier- und Milchgesichter, alte Semester wie Oberlehrer -Trabner mit der Glatze und der Stahlbrille, den Gummimanschetten -und dem Trikot-Stehumlegekragen, „Flanellstorch” -genannt.</p> - -<p>Aber die „Bande” war nicht wie sonst auf dem Posten -ber der Treppe, um die Alten zu registrieren und die -Neuen zu etikettieren. Hchstens da Elli mal neugierig -ber das Gelnder lugte. Dann war es nur, weil Wilkens, -der Faulpelz, sich noch immer nicht hatte einschreiben -lassen. Kurz vor Semesteranfang hatte er, um sich, wute -der Himmel von was, zu „erholen”, noch eine verheiratete -Schwester in Magdeburg besuchen mssen und war noch -nicht wieder zurckgekehrt. Nur Ansichtskarten meldeten -der entrsteten Elli, da es ihm wohl ergehe.</p> - -<p>Das grausame Leid, das Marga mitten in ihren frohen, -brutlichen Trumen heimgesucht hatte, lastete auf allem -und allen. Nicht zuletzt auf dem alten Herrn. So fromm -und artig und mrchenhaft still war es in zwanzig Jahren -um ihn her nicht zugegangen. Wenn er hinter dem Schreibtisch -sa und kritzelte, konnte er sicher sein, da kein strender -Laut seine rmischen Kaiser in ihrer Wrde bedrohen, -ihn aus der vornehmen Vertraulichkeit ihrer geisterhaften -Gegenwart aufscheuchen wrde. Aber trotzdem — oder -gerade deshalb? — warteten diese oft vergeblich auf die<span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">[S. 304]</a></span> -Zwiesprache mit dem Meister, der sie rief. Kein zrnendes -Murren, keine feurige Apostrophe drang aus dem verqualmten -Winkel. Statt dessen hatte der alte Herr mehr -als einmal den Gnsekiel nicht mehr in der Hand, sondern -den grauen, krausbrtigen Kopf vergrmt aufgesttzt, und -lauschte hinaus in die unheimliche Ruhe seines Hauses. -Wenn doch mal eine Tr unversehens ins Schlo geknallt -wre! Wenn doch ein nicht mehr zu bndigendes, junges -Mdchenlachen aus der Dachstube herunter- oder vom -Erdgescho, aus den Wohnzimmern heraufgekollert wre, -da er emprt htte dazwischenfahren knnen! Wieviel -besser wre das seinen Csaren bekommen. Der erste Halbband -der Kaisergeschichte war vor vierzehn Tagen erschienen. -Schon kamen begeisterte Briefe von entfernten -Hochschulkollegen und frheren Schlern. Vater Richthoff -lchelte hchstens ber die guten Vorzeichen. Jetzt, -wo er den gerechtfertigten und verdienten Lohn einer -Lebensarbeit einheimsen sollte, blieb die rechte Freude aus.</p> - -<p>Richthoffs Freunde: Wilmanns, Borngrber, die -Kegelbrder und die Fakulttsgenossen — alle waren -bestrzt und schlugen die Hnde zusammen ber das mde, -verdrossene, teilnahmlose Wesen des alten Herrn. Er war -ja nicht mehr zu kennen! Hofrat Geismar zerbrach sich -vergeblich den Kopf, wie es mglich war, da nach dem -frischen, verheiungsvollen Abschied in Bad Kreuth jede -Nachkur daheim ausblieb. Wilmanns, der mit seiner -Familie Thringen unsicher gemacht hatte, schimpfte vergeblich -auf das teure Schwarzburg, wo ihm die lrmende -Holzindustrie das Leben verbittert hatte; lobte umsonst -das liebliche Ilmenau mit Engelszungen und erzhlte -die khnsten Abenteuer mit lauter Beredsamkeit. Borngrber,<span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[S. 305]</a></span> -der „Mdchenjger”, wie ihn Papa Wilmanns -hartnckig benamste, rollte ohne Erfolg die verwundert-treuherzigen -Augen und jammerte, da ihm der Wind -drei Hte in die Ostsee gefhrt habe, statt, was doch sein -Vershnliches gehabt htte, in ein klassisches oder orientalisches -Meer. Richthoff hrte nur mit halbem Ohr zu -und schob seine Kugel so flau, als wollte er ja den Kegeln -nicht zu nahetreten.</p> - -<p>Und Marga? Sie, von der der Kummer ausgegangen -war, der das Haus am Wenzelsberg drckte und freudlos -machte?</p> - -<p>Es gibt einen Schmerz, der, ohne laut und heftig zu -sein, sich doch wenigstens in Zeichen des inneren Kampfes -verrt: nicht Trnen, aber ihre Spuren, nicht das harte -Aufbumen, aber das wehe, zitternde Zurckweichen und -Wegwenden zeugen dafr, da ein Lebendiges, wenn auch -noch so schwach und versteckt, sich wehrt gegen das Ttende, -auch im Unterliegen den Widerstand wahrt und in der -Gegenbewegung sich erhlt. Wenn Marga diesen Schmerz -gezeigt htte! Man htte ihn, so leise er sich regte und -rhrte, zu lindern und zu heilen suchen knnen. Aber -in ihrem Schmerz war kein Kampf, kein Widerstand, -keine Bewegung. Von dem Augenblick an, wo sie aus -ihrer tiefen Ohnmacht aufgewacht war, schien jeder Wille -in ihr gebrochen zu sein. Sie konnte nicht weinen. Ihre -Zge blieben leblos: mitunter hatten sie den Ausdruck -einer leeren Maske, die in unbewuter Angst und Hilflosigkeit -erstarrt ist. Ihre Seele schien nicht mit aufgewacht -zu sein aus der Ohnmacht des Krpers. Ihr Geist war -klar, beinahe nchtern klar; sie wute, was vorgefallen -war, und sprach selbst mit matter, klangloser Stimme<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[S. 306]</a></span> -davon. Sie hrte auch zu, wenn der alte Herr, alle Barschheit -und Zurckhaltung in Liebe und Mitgefhl vergessend, -weich und ernst mit ihr redete; wenn Elli, Trnen in den -sonst strahlenden Augen, sie ermutigen wollte und Kthe -herzliche, ungezierte Worte des Verstehens fand. Aber -sie blieb empfindungslos. Das Gefhl, das man ihr entgegenbrachte, -klang nicht zurck. Alle die reichen und tiefen -Krfte des Gemts waren wie ausgelscht. So ausgelscht, -da man zuweilen htte glauben knnen, sie litte -nicht einmal. Und doch — oder gerade deshalb — strmte -eine Traurigkeit von ihr aus, so unsagbar, so ber alles -Trsten und Mitleiden, da sie jeden ergriff und niederdrckte -und das Haus mit einer stummen Klage erfllte. -Wie ein reifes Kornfeld, das unter einem Hagelschauer -sich in eine tote Wste verwandelt hat, so war Margas -groe Stille zur groen Leere geworden.</p> - -<p>Die erste Sorge galt natrlich ihrer Gesundheit. Der -Geheimrat wollte den Arzt rufen lassen. Auch Kthe drang -darauf. Elli wurde beauftragt, Marga selbst zu fragen, -um sie nicht zu erschrecken. Sie zeigte sich vllig gleichgltig -und meinte nur, sie wte nicht, was sie einem Arzt -zu sagen htte. Die Ohnmacht schien auch keine weiteren -krperlichen Folgen zu haben. Ihr Aussehen vernderte -sich kaum. Sie klagte ber nichts. Man war bereingekommen, -da das Leid, das sie getroffen, unter keinen -Umstnden auch nur andeutungsweise nach auen dringen -und zu irgendwelchen Gerchten Anla geben drfe. -Diese Schonung, die einzige, der auch die ueren Umstnde -ihres Unglcks entgegenkamen, mute um jeden -Preis gewahrt werden. Das war der Grund, weshalb -man es vorlufig doch unterlie, den Arzt zuzuziehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[S. 307]</a></span> - -Wochen vergingen, ohne da Margas Zustand sich -vernderte. Nach wie vor war sie uerlich gesund, nach -wie vor dmmerte ihre Seele pflanzenhaft dahin.</p> - -<p>Der alte Herr sah mit Besorgnis, wie diese schleichende -Qual die Stimmung im Haus mehr und mehr verdsterte. -Sie zehrte an ihm und seiner Arbeitskraft, an Kthes -und Ellis Frische und Frohmut. Wie schwle Sommertage, -die grau und lastend ohne die reinigende Entladung eines -Gewitters sich ablsen, schlichen die Tage einer um den -anderen hin, und die Menschen im Haus schlichen mit -ihnen. So konnte es nicht fortgehen! Es mute etwas -geschehen. Ein Entschlu mute gefat werden, der -irgendwie wieder Luft und Licht in die stickige Atmosphre -brachte.</p> - -<p>Ohne Wissen der Mdels ging der Geheimrat vor.</p> - -<p>Er hatte in Pommern, weit droben an der Kste, -einen Stiefbruder. Man schrieb sich alle Jubeljahr, sah -sich noch seltener. Fr Kthe, Marga und Elli spielte der -Onkel Gutsbesitzer fast eine mystische Rolle. Vor Jahr und -Tag war er einmal an ihrem Kinderhimmel aufgetaucht: -ein jovialer, untersetzter Mann mit ein paar seelenguten -Augen in seinem wetterharten, braunroten Gesicht. Keine -entfernte hnlichkeit mit Vater Richthoff. Seine Frau -oder gar die Cousinen — es konnten sechs oder mehr sein, -denn Onkel Thiele schickte, wenn nichts anderes, so doch -Jahre hindurch regelmig eine frhliche Geburtsanzeige -— waren vllig sagenhaft.</p> - -<p>Dorthin richtete der alte Herr, einer pltzlichen Eingebung -folgend, seine Hoffnungen und bald darauf ein -Schreiben, so brderlich und leserlich, als es ihm nur -mglich war. Zum Schlu fragte er unumwunden an,<span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[S. 308]</a></span> -ob man seine zwei Jngsten fr ein paar Wochen auf -Gstow brauchen knnte. Der Geheimrat mute keine -acht Tage warten, bis die Antwort kam, geschrieben von -einer guten, ehrlichen preuischen Landwirtsklaue. Es -wre zwar im Sommer schner in Gstow. Dafr htte -man aber jetzt, nach guter Ernte, mehr Zeit und mehr -Geld. Auch versprchen die Jagden allerhand Gutes. -Kurz: die beiden Jngsten wren willkommen. Seine -Frau und seine Dchtings wren schon jetzt „doll vor Vergngen” -ber den Besuch der Richthoffschen Vettern. -Das war ein kleines Miverstndnis: Onkel Thiele hatte -sich im Lauf der Zeit eingebildet, sein Stiefbruder msse -naturnotwendig ebenso viele Jungens haben, wie er Mdels -hatte. Doch das lie sich aufklren. Die Hauptsache war: -Marga und Elli wurden erwartet.</p> - -<p>Der Geheimrat atmete auf. Er erhielt Onkel Thieles -Brief zum Frhstck. Als er ihn zu Ende gelesen, sah er -seine Mdels der Reihe nach an. Zum erstenmal brachte -er es fertig, ihren trbseligen Mienen mit einer halbwegs -heiteren Verschmitztheit zu begegnen. „Wit ihr, wer -Onkel Bernhard ist?” forschte er in der Runde.</p> - -<p>„Onkel Bernhard?” Elli schttelte den Kopf.</p> - -<p>„Meinst du Onkel Thiele in Pommern?” fragte -Kthe nach bedchtigem Schweigen.</p> - -<p>„Allerdings,” nickte Vater Richthoff, „Onkel Bernhard -Thiele, Gutsbesitzer auf Gstow, Kreis Regenwalde in -Pommern.”</p> - -<p>„Ach, der! Dein Stiefbruder! Was ist's mit ihm?” -Elli war glcklich, da das de Einerlei der Mahlzeiten -durch einen neuen Unterhaltungsstoff sich fr einen Augenblick -aufhellte. Das leidlich muntere, vterliche Gesicht<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[S. 309]</a></span> -entzndete leise ihre alte, ausgelassene Laune. „Hat er -wieder Familienzuwachs bekommen?”</p> - -<p>„Das gerade nicht, Naseweis!” erwiderte der Geheimrat. -„Aber er ldt euch ein.”</p> - -<p>„Ldt uns ein? Nach Pommern? Auf sein Gut? -Wen — uns? Fr wann?” Es war so verlockend fr Elli, -einmal wieder drei, vier Fragen auf einmal losfeuern zu -knnen.</p> - -<p>„Onkel Thiele ldt dich und Marga ein, ihn jetzt fr -einige Wochen auf Gstow zu besuchen!” erklrte der alte -Herr klar und bndig.</p> - -<p>Elli blieb der Bissen im Hals stecken. Kthe ri die -braunen Augen unglubig auf. Sie wollte schon den Mund -ffnen, als ein Blick Vater Richthoffs ihr die richtige Fhrte -gab. Sie nickte verstndnisvoll. Auch Elli begriff schnell, -da hier etwas Gutes im Werk sei. Marga selbst sa -teilnahmlos dabei, als htte sie nichts gehrt und verstanden.</p> - -<p>„Lest mal selbst!” Richthoff reichte Onkel Thieles -Brief Kthe ber den Kaffeetisch. Elli beugte sich voll -Neugier mit darber. Zu zweien entzifferten sie die -massiven Zeilen.</p> - -<p>„Na, mein Mdchen, wie denkst du ber die Einladung?” -wandte sich der Geheimrat inzwischen an Marga, seine -Hand zrtlich auf die ihre legend.</p> - -<p>Margas Augen kehrten aus der leeren Weite, in der -sie erstarrt waren, langsam und fragend zurck. „ber die -Einladung?” wiederholte sie. „Ach so — ihr sprecht von -Thieles in Pommern. Wen hat er denn eingeladen?”</p> - -<p>„Aufmerksamkeit schlecht!” scherzte der alte Herr. -Er erklrte ihr nochmals ausfhrlich, um was es sich<span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[S. 310]</a></span> -handelte. „Ich mchte, da ihr, du und Elli, den Thieles -die Freude macht!” setzte er aufmunternd hinzu.</p> - -<p>„Denk' mal an, Margakind! Nein, das ist zum Totschieen!” -Elli lachte so laut und herzlich, wie es seit -Wochen im Haus am Wenzelsberg nicht erhrt war. „Die -halten uns fr zwei Jungens! Fr zwei Vettern!”</p> - -<p>„Ja — den Irrtum mu ich Onkel Bernhard noch -nehmen. Die Enttuschung knnte zu gro sein,” bemerkte -Vater Richthoff vergngt.</p> - -<p>„Aber nein! Gerade nicht! Das darfst du keinesfalls, -Papa!” rief Elli. „Malt euch mal aus — pa auf, Margakind! -— Die stehen auf ihrem Bahnhof, so ihre zehn Kpfe -hoch: Onkel, Tante, acht, neun Mdels — alle blond wie -Hafer und dick und rot wie Rosenpfel! Der Zug, so'n -rechtes Bimmelbhnchen — Blumenpflcken whrend der -Fahrt verboten! —, braust heran. Sie recken ihre Hlse. -Sie suchen die Wagen ab. Wo zum Kuckuck sind die Richthoffschen -Jungens?! Und der Zug fhrt wieder ab. Auf -dem Bahnsteig stehen nur zwei Mdels. Marga und ich! -Und empfehlen sich zur geneigten Ansicht! Denkt euch, -die Gesichter!” Elli schttelte sich vor Wonne. Auch der -alte Herr schmunzelte, und Kthe lchelte ber Ellis -blhende Phantasie. Nur Marga rhrte sich nicht. Ellis -Lustigkeit reichte nicht an ihre verschollene Seele.</p> - -<p>„Und wann sollten wir denn dorthin kommen?” -fragte sie schleppend, ohne da ihre Stimme ein nheres -Interesse verriet.</p> - -<p>„Sobald ihr wollt!” erklrte Richthoff. „Die Jahreszeit -ist ja nicht die rechte. Ihr mt euch fr den norddeutschen -Winter einrichten. Da oben ist's kalt. Gerade gut, um sich -mal tchtig auszulften. Das wird dir guttun, Marga!<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[S. 311]</a></span> -Andere Menschen, anderes Leben. Ein bichen Zerstreuung -— verstehst du, Kind?” Er beugte sich zu ihr vor. -Nur behutsam wollte er an die Absicht rhren, die er mit -dieser Reise fr sie verband. Das brige setzte die Vertraulichkeit -hinzu, mit der er ihr auf den Arm klopfte. -„Also ausgemacht! Ihr reist je eher, je lieber!” Er erhob -sich erleichtert und ging mit seiner Zeitung nach oben. -Ein Wink verstndigte Kthe und Elli, Marga zuzureden -und etwaige Bedenken zu zerstreuen.</p> - -<p>Zu jeder anderen Zeit htte die unerwartete Reiseaussicht -in weite Ferne, die verblffende Gromut des -sonst so gestrengen und <span class="antiqua">in pecuniis</span> genauen Papa Richthoff -unter der Bande wie eine Bombe eingeschlagen. Dermalen -war die Freude natrlich gedmpft, die Verwunderung -zurckgedrngt. Aber es war doch, als htte man -in dem verdumpften Haus irgendwo ein Fenster aufgerissen: -ein frischer Luftzug, ein schrger, dnner Sonnenstrahl -schlpfte herein.</p> - -<p>Kthe fand etwas von ihrer altklugen Weisheit wieder. -Was sie ber Margas von ihr vorausgesagtes Unglck -empfand, eine wenn auch schmerzliche Genugtuung, hatte -sie taktvoll nur ihrem Tagebuch anvertraut. Dafr erging -sie sich jetzt in trefflichen Aussprchen ber die Wunder, -die eine Ortsvernderung an einem beschwerten Menschenherzen -immer tue, und sorgte nebenher mtterlich fr -die beiden Kleinen, denen sie die Reise nach Norden ehrlich -gnnte.</p> - -<p>Elli aber regte und tummelte sich in dem lang entbehrten, -schmchtigen Sonnenschein wie ein Ktzchen, das -sich auf gut Wetter putzt. In einem allmhlichen Crescendo, -das ihrem Temperament nicht ganz leicht wurde, aber<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[S. 312]</a></span> -Margas Zustand bercksichtigte, lie sie ihrem Optimismus -die Zgel schieen. Ihre umtriebige Natur sah sich -jetzt wieder einer handgreiflichen Aufgabe gegenber: -sie konnte nun mal Marga in ihre alleinige Behandlung -nehmen. Eine richtige Kur hatte sie mit ihr vor. Wie -man drres, vertrocknetes Land frs erste tchtig unter -Wasser setzt, so wollte sie Marga unter Freude setzen. -Sollte es ntig sein: sie wollte nicht nur das Rittergut -Gstow mit Onkel und Tante Thiele samt den unzhlbaren -Cousinen, sondern ganz Preuisch-Pommern auf den -Kopf stellen. Mit den Vorbereitungen zu diesen Grotaten -begann sie sachte schon jetzt. Sie lie Marga keinen -Augenblick allein. Unausgesetzt umflatterte sie sie, unterhaltsam -und wachsam zugleich. Ihre Plappermaschine, -durch die Kmmernisse der letzten Wochen dem Verrosten -nahe, kam neugelt in neuen Gang. Auer dem Gutsleben, -das ihre Phantasie mit Jagdabenteuern, Segelfahrten -an der nahen Kste, berlandpartien in Kutsche -und Schlitten zu mrchenhaften Tanzbllen ausschmckte, -war es besonders Berlin, die Reichshauptstadt, die sie vor -Marga in feenhafter Glorie aufsteigen lie. Sie muten -nmlich in Berlin Station machen. An einem Tag war -Gut Gstow nicht zu gewinnen. Papa hatte an einen -befreundeten Kollegen geschrieben, wo sie einquartiert -werden konnten. Aus dem einen Rasttag lie Elli drei -bis vier werden. Man konnte doch so 'ne Gelegenheit, -mal was Rechtes zu sehen, nicht ungenutzt vorbeilassen. -Das mute auch Papa einsehen. Nicht schon jetzt, aber -im geeigneten Moment, wenn man ihm eine entzckte -Karte schrieb, die alles erklrte. Und nach Gstow depeschierte -man — Elli depeschierte in der Einbildung fter<span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[S. 313]</a></span> -als alle europischen Kabinette — und bat um Frist. -Dann — oh, es war unbeschreiblich, in welchen Strudel -von Genssen man sich dann strzte! Strzte mit der -grausigen Andacht, die die Weltstadt dem jungen, unverdorbenen -Mdchengemt Ellis einflte — schon aus -der Ferne. Theatervorstellungen, philharmonische Konzerte, -Zoologischer Garten, Kaiser sehen, Warenhausbummel, -Unter den Linden, Friedrichstrae, Potsdam, -Sanssouci, Hochbahn und Untergrundbahn, das drehte -sich und prasselte wie ebenso viele Feuerrder durch die -Luft.</p> - -<p>Mit den Erfolgen ihrer Lustkur mute sich Elli allerdings -einstweilen sehr bescheiden. Im Anfang verhielt sich -Marga vollstndig gleichgltig. Wie eine blasse Wand, -auf die man die buntesten Bilder der Wunderlaterne geworfen -hat, war sie nachher so stumm und leblos wie vorher. -Sie half, soweit es in ihren Krften stand, beim -Einpacken. Mechanisch erwiderte sie die Fragen, deren -Antworten man ihr in den Mund legte. Sie war mit -keinem Gefhl bei dieser Reise. Es war nicht einmal sicher, -ob sie hrte, was Elli unermdlich deklamierte. Trotzdem -stellte diese mit der Zeit winzige Triumphe ihrer Methode -fest. Wenn es nur ein Kopfschtteln oder Kopfnicken war, -das sie erzielte, verzeichnete sie schon einen Fortschritt. -Und als es ihr gar gelang, den Tag vor der Abreise durch -eine bis dahin nicht dagewesene Brillantvorfhrung von -Berliner Genssen Marga ein Lcheln — nicht zu entlocken, -sondern schon mehr zu entreien, lief sie erst in die -Kche, wo gerade Kthe eine se Speise bereitete, und -dann strmte sie, alles Herkommen auer acht lassend, -in Vater Richthoffs Arbeitszimmer, so blitzgewaltig, da<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[S. 314]</a></span> -der alte Herr entsetzt von seiner Kaisergeschichte in die -Hhe fuhr.</p> - -<p>„Marga hat gelchelt! Marga hat richtig gelchelt! -Beinahe gelacht!” verkndete sie schallend.</p> - -<p>Ehe der Geheimrat sich fassen und sie ausschelten -konnte, war sie wie die Windsbraut wieder drauen. -Er schttelte verwirrt den Kopf. Das Ereignis stand in -keiner Beziehung und keinem Grenverhltnis zu den -Germanenkmpfen, die das rmische Weltreich erschtterten. -Aber bemerkenswert war es schlielich doch. Sehr -sogar. Und der alte Herr lchelte hinterdrein auch.</p> - -<p>Am Nachmittag desselben letzten Tages vor der Berlin-Gstower -Novemberreise trat eine kurze Ebbe ein. Es -war gepackt. Die allerntigsten Besprechungen konnten -noch beim Abendbrot erfolgen. Zwischendrin mute nach -Ellis Ansicht noch etwas unternommen werden. Damit -einem die Zeit nicht zu lang wurde. Sie schlug Marga -einen Stadtbummel vor. So zum Abschied von dem -guten, alten Nest, das einem schon jetzt furchtbar klein -und provinzmig vorkam.</p> - -<p>Marga war meist schwer zum Spazierengehen zu bewegen. -Sie fhlte sich, wenn sie sich berhaupt wohl -fhlte, zu Hause noch am besten. Diesmal willigte sie -berraschenderweise sofort ein, und Elli verzeichnete den -zweiten kolossalen Fortschritt des Tages.</p> - -<p>Es war ein khler, selten klarer Sptherbsttag. Die -Sonne schien rotgolden und wehmtig aus dem halb -klaren, halb federwolkigen Himmel. Der Wind pfiff scharf -um die Straenecken. Fest und schtzend drckte sich Elli -an Marga. Auf der Brcke blies es ganz toll aus Osten. -Fast flogen die Hte mit auf. Der Flu schumte ungebrdig.<span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[S. 315]</a></span> -Eben rasselte ein Kettendampfer unter der -Brcke durch. Die Pfeife schrie mrrisch in den Wind -hinein, und dann legte er sein Dampfrohr nieder, um -durch den Brckenbogen zu kommen. Die bewimpelten -Lastkhne, mit rotem Sandstein befrachtet, schaukelten -in endloser Reihe hinter ihm drein.</p> - -<p>Die Leute blieben trotz des Windes einen Augenblick -stehen und warfen einen Blick ber das Gelnder. Auch -Elli hielt eine Sekunde an und schaute hinunter.</p> - -<p>„Was gibt's denn?” fragte Marga. Fern wie sie war, -wute sie sich Stillstand und Gerusch nicht gleich zu erklren.</p> - -<p>„Blo der Kettendampfer. Komm!” Schon ging Elli -weiter.</p> - -<p>„Wo kommt er denn her?” fragte sie mit einer ungewhnlichen -Bewegung der sonst so eintnigen Stimme.</p> - -<p>„Wer? Ach so, der Dampfer! Vom Tal herunter.”</p> - -<p>Sie gingen weiter. Margas Schritt war schleppend -geworden.</p> - -<p>Elli schaute ihr ins Gesicht. Mit Staunen sah sie, wie -in ihren Zgen eine auerordentliche Erregung arbeitete. -Der kleine, unbedeutende Vorgang — der alltglichste fast, -der sich denken lie — schien ein Zittern in ihre erstorbene -Seele zu bringen. Eine Erinnerung schaffte in ihr. Auf -der Sgemhle hatten sie so manchmal vom Garten aus -den Lastschiffen zugeschaut. Vielmehr Marga hatte hinausgehorcht -auf das Rasseln und Pltschern, und Elli -mute ihr die Khne zhlen.</p> - -<p>Elli erriet nur unklar, was sie beschftigte. Instinktiv -lenkte sie jedoch das Gesprch ab. Sie erzhlte ihr von -neuen Villen in der Vorstadt. Zu ihrer Beruhigung<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[S. 316]</a></span> -war die Erregung in Margas Antlitz bald wieder geschwunden.</p> - -<p>Drben ber der Brcke — sie wollten gerade noch -ein paar Schritte die Neustdter Hauptstrae hinaufschlendern -— liefen die Schwestern durch einen Zufall Cousine -Grasvogel in die Hnde. Natrlich wute sie schon von -der Reise der lieben Kinder. Es gab einen unausweichlichen -Schwatz, einen Regen von Fragen, die Elli beantworten -mute. Die Grasvogels waren nmlich mit den -Thieles auf Gstow, und zwar doppelt, verwandt. Die -Richthoffs und die Thieles, der Geheimrat und der Gutsbesitzer -waren die gesellschaftlichen Leuchten, in deren -Glanz sich Cousine Grasvogels armes Altjungfernherz vor -der Mitwelt und sich selber sonnte. Es gab da Gre und -Gott wei was zu bestellen.</p> - -<p>„Wie habt ihr's gut, da ihr noch einmal in die Nachsommerfrische -drft!” meinte sie begeistert.</p> - -<p>Nachsommerfrische war eine Wendung, die Elli um -Margas willen unliebsam drohend fand. „Ja, Papa ist -sehr gut. Entschuldige brigens! Wir haben noch schrecklich -viel zu tun und zu besorgen!” Mit geschftiger Hast -suchte sie sich von Frulein Grasvogel loszuringen.</p> - -<p>Doch die witterte mit dem sicheren Sinn der gereiften -Weiblichkeit schon lnger zwischen Sommerfrische und -Nachsommerfrische interessante Zwischenflle oder bergnge. -Ellis Hand lie sie los, aber dafr hielt sie -die Margas um so fester. „Die Sgemhle ist euch -aber auch gut bekommen, nicht wahr, Marga?” fltete -sie weiter.</p> - -<p>Elli gewahrte mit Sorge, da das Wort Sgemhle, -das daheim verpnt war, in Margas Mienen dieselbe Unruhe<span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[S. 317]</a></span> -hervorbrachte wie zuvor auf der Brcke der harmlose -Kettendampfer.</p> - -<p>„Ausgezeichnet!” antwortete sie, lauter als ntig, an -Margas Stelle. „Entschuldige nur, wir mssen —”</p> - -<p>„Natrlich, ihr habt's eilig!” versicherte Cousine Grasvogel -durchaus verstndnisvoll, aber ohne locker zu lassen. -„Was mir gerade einfllt — ihr werdet gewi verwundert -—”</p> - -<p>„Gar nicht! Gar nicht!” rief Elli. Sie wute nicht -warum, aber sie ahnte, da die gute Cousine noch mehr -Unheil anrichten wollte, und strebte, Marga am Arm -zerrend, entschieden davon.</p> - -<p>„Ach — ihr wit's am Ende schon lange! Nicht? Ich -meine, da der liebenswrdige, nette Doktor — wie heit -er doch? — Doktor Perthes — er war doch mal bei euch -auf der Sgemhle, nicht? oder fter — und auf dem -reizenden Gartenfest im Juni, nicht? — da er sich mit -Alice Hupfeld verlobt hat? Vorgestern erfuhr ich's von —”</p> - -<p>Elli hatte Marga mit Gewalt fortreien wollen. Aber -seit der Name Perthes gefallen war, stand sie steif, schwer, -unbeweglich. Und als die fr beide niederschmetternde -Neuigkeit heraus war, stand auch Elli einen Moment, wie -vom Schlag gerhrt, kreidebleich.</p> - -<p>Cousine Grasvogel, die es nicht bs meinte, stockte in -ihrem Redeflu, selber bestrzt und sprachlos ber die Wirkung -ihrer Mitteilung.</p> - -<p>In der nchsten Minute ri Elli Marga mit einem halb -wtenden, halb schmerzlichen Aufschrei herum und lief mit -ihr, so schnell sie konnte, heimwrts davon.</p> - -<p>Marga selbst folgte willig und wortlos. Der Zufall -wollte, da sie fast an derselben Stelle, wo ihr einst Kthe<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[S. 318]</a></span> -ber Perthes' Liebelei mit Hilde Knig eine erste Andeutung -gemacht, diesen tiefen, ber alles Verstehen -schmerzhaften Streich empfing. Das dumpfe, erregte -Arbeiten in ihren Zgen war in ein fast konvulsivisches -Zucken bergegangen. Ihre erstorbene Seele erwachte -aus der bleiernen Erstarrung von Wochen. Das Blut stieg -und fiel in ihren Wangen mit heien, beklemmenden -Wellen.</p> - -<p>„Ich glaube, wir sollten besser mit der Elektrischen -fahren!” stie sie, nach Atem ringend, pltzlich hervor.</p> - -<p>„Natrlich, Margakind!” Elli hatte die nchste -Haltestelle erspht. Sie half Marga in den Wagen und -schmiegte sich drinnen dicht an sie. Sprechen konnte -sie nicht.</p> - -<p>Von der Station hinter dem Bahnhof erreichten sie -schnell das Haus am Wenzelsberg. Noch zu rechter Zeit.</p> - -<p>Ein furchtbarer, herzbrechender, den Krper schttelnder -Weinkrampf kam ber Marga. Wehrlos mute sie -sich dem Schmerz berlassen, und ihr lautes Schluchzen -erfllte vom Flur das Haus. Therese, Kthe, der alte -Herr strzten herbei.</p> - -<p>Noch nicht eine halbe Stunde spter lag Marga mit -hohem Fieber zu Bett.</p> - -<p>In der Nacht wurde sie bewutlos und redete irre. -Alice, Perthes, die Sgemhle, der rasselnde Schleppdampfer -zermarterten in wirrer, grauser Jagd ihr Hirn.</p> - -<p>Geismar wurde gerufen. Er konnte noch kein bndiges -Urteil geben, uerte sich aber sehr besorgt.</p> - -<p>Am Morgen konstatierte er ein Nervenfieber.</p> - -<p>Marga reiste statt zu Thieles auf Gstow weiter, viel -weiter. Bis an die Grenze zwischen Leben und Tod ...</p> - -<hr class="chap" /> - - - - -<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Page_319" id="Page_319">[S. 319]</a></span><a name="c13" id="c13">13</a></h2> - - -<p>Als Doktor Markwaldt, der ehemalige Kollege am -Bakteriologischen Institut, die Kunde von Perthes' Verlobung -mit Frulein Exzellenz erhielt, da meinte er zu -dem berbringer, einem der Volontrrzte der Chirurgischen -Klinik: „Da haben wir's ja! Genau, wie ich's voraussah!” -Im Grunde seines Herzens aber war er verblfft. -Noch verblffter aber war er, als er statt einer -gedruckten Anzeige folgende Zeilen erhielt:</p> - -<p class="p1"> -Lieber Markwaldt!<br /> -</p> - -<p>Sie haben, wie Sie mir gelegentlich gestanden, immer -geschwankt, ob ich ein Faulpelz oder ein Streber sei. Ich -habe mich mit Frulein Alice Hupfeld verlobt. Ich denke, -das wird Ihrem Schwanken ein Ende machen.</p> - -<p> -Gru Ihr Perthes.<br /> -</p> - -<p class="p1">Zum mindesten eine originelle Art, sich selber zu denunzieren, -dachte Markwaldt kopfschttelnd. Als er seinerzeit -am Klinikerabend, auf dunkle Gerchte hin, Perthes aufgezogen -und sich eine so erregte Abfuhr geholt hatte, war -er nur aggressiv gewesen, um dem „Unergrndlichen” einmal -auf den Zahn zu fhlen. Er wute, da Perthes zum -Richthoffschen Hause in naher Beziehung stand, und glaubte -nicht im Ernst an eine Verbindung mit Hupfelds. Jetzt, -wo sie doch pltzlich Wahrheit geworden war, schien ihm -die Sache nicht ganz behaglich, und er rsonierte, menschenfreundlich -wie er war: „Wenn sich der Junge nur nicht -in die Nesseln gesetzt hat! Er bleibt ein verdrehtes Huhn!” -Aber er bewunderte doch den Tiefblick Professor Hammanns, -seines Chefs. Der hatte zuerst ber Perthes das ahnungsvolle<span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[S. 320]</a></span> -Wort „Heiratspolitiker” fallen lassen. Nur so <span class="antiqua">en -passant</span> und als Vermutung. In Markwaldts Augen war -er durch diese Probe weltmnnischer Menschenkenntnis -hoch in der Achtung gestiegen, und der Assistent benutzte -die nchste Gelegenheit, vor ihm seine Bewunderung auszudrcken.</p> - -<p>Seltsamerweise nahm Professor Hammann dieses Kompliment -mit mehr als oberflchlichem Dank auf. Der gutmtig-klatschschtige -Markwaldt, der sich selber so findig -vorkam und doch immer an der rechten Fhrte vorbeilief, -konnte nicht wissen, da er seinem Chef mit seiner Anerkennung -nur eine gemischte Freude bereitete.</p> - -<p>Denn Ludolf Hammann, um es vorweg zu sagen, trug -sich seit einiger Zeit selbst mit heiratspolitischen Absichten. -Da er, der freiheitliebende Junggeselle, dessen Herz fr -den Sport, dann fr sich und erst in letzter Linie fr die -Frauen schlug, dabei mehr der Not als der Neigung gehorchte, -lag nahe. Fr Alice Hupfeld hatte er vor Jahren -mal so etwas wie eine Neigung zu empfinden geglaubt. -Bei nherer Bekanntschaft mit ihren gegenseitigen Charakteren -muten sie sich beide „fr den Ernst der Ehe -ungeeignet” finden. Sie lachten sich also auseinander und -blieben gute Freunde. Wenn der patente, wissenschaftliche -Amateur und Zufallsgelehrte, der er war, jetzt ernstlich -daran dachte, seine Unabhngigkeit dranzugeben, so -mute sie von anderer Seite bedroht sein. Seine Vermgensverhltnisse -hatten denn auch — was auer ihm -niemand wute — in aller Stille einen schweren Sto -erlitten. Das Kapital, das ihn unabhngig machte, steckte -zum grten Teil in der Bank eines fr unbedingt sicher -geltenden Onkels in den Rheinlanden. Diese Bank kmpfte<span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[S. 321]</a></span> -mit der Liquidation. Hammann sah sich mit einem Schlag -vor sehr betrchtlichen Verlusten und damit vor der Gefahr, -seine wohlige Lebensweise in unerhrtem Ma einschrnken -zu mssen. Kein Wunder, da er auf einen -Ausweg sann, der das geringere bel bedeutete, und — -<span class="antiqua">horribile dictu</span> — sich nach einer reichen Partie umsah.</p> - -<p>Die akademischen Kreise der kleinen Universittsstadt -zerfielen, von Hammann aus gesehen, in der Hauptsache -in ein modernes und ein rckstndiges Lager.</p> - -<p>Das rckstndige Lager kam fr ihn nicht in Betracht. -Rckstndig waren die Professoren, denen die Gelehrsamkeit -wie in alten Tagen ein vornehmer Selbstzweck blieb. -Es waren die Leute, die er meist nicht einmal mit ihrem -richtigen Namen kannte, alte Herren wie Vater Richthoff, -Wilmanns und Borngrber. Jedoch nicht nur Philosophen, -sondern auch vereinzelte Juristen, Mediziner, wie Geheimrat -Geismar, und Theologen, von denen gar nicht zu reden -war. Da unter allerhand Schrullen in dieser, wie es -schien, aussterbenden Kategorie von Hochschullehrern der -beste Kern von Gediegenheit und berechtigtem Gelehrtenstolz -steckte, war fr Hammann uninteressant und nebenschlich.</p> - -<p>Wichtiger, allein wichtig war fr ihn die zweite Gruppe, -die neben der ersten allmhlich als neue und moderne -akademische Gesellschaft herangewachsen war. Zuerst und -vornehmlich rekrutierte sich diese aus den Fakultten, die -wie die naturwissenschaftliche und medizinische dem praktischen -Leben der Gegenwart nher standen als ihre selbstloseren -Kollegen. Den Akademikern dieses Schlages war -ein grozgiger Hang zum Kapitalismus eigen. Sie hielten -die Legende vom Selbstzweck der Wissenschaft um des<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[S. 322]</a></span> -guten Scheines willen aufrecht, aber verstanden sie zeitgemer, -also kaufmnnischer. Der typische Reprsentant -der neuen Gattung war Exzellenz Hupfeld. Leute wie -Hammann, zahlreiche Kollegen aus den brigen Fakultten -stellten den Chorus. Man wollte nicht mehr nur -forschen und lehren, sondern im weitesten Sinne des Wortes -auch leben. Alte Huser, wie das am Wenzelsberg, mit -steilen Weinbergen und Schnecken darin, verwunschene -Butiken wie Borngrbers efeuumranktes Landhuschen -paten nicht zu solchen Anschauungen. Gelehrsamkeit war -etwas sehr Schnes, aber eine pompse Villa im Villenviertel, -ein altes Damenstift im Tal, kostspielige Liebhabereien, -ein Automobil, Dienerschaft — kurzum, Luxus war -mindestens ebenso schn. Mit so vorgeschrittener Auffassung -war aber auch die Exklusivitt des Akademikers, -die ihn bisher nicht nur aus Dnkel, sondern aus geistigem -Unabhngigkeits- und Selbsterhaltungstrieb von anderen -Stnden sonderte, im alten Sinne nicht aufrechtzuerhalten. -Die moderne Hochschulgesellschaft erschlo sich denn auch -naturgem Elementen, die man frher hatte abseits stehen -lassen. Um sich nichts zu vergeben, erweiterte man die -Grenze nicht nach unten, sondern nach oben. Nach oben -freilich im wirtschaftlichen und altstndischen Sinne, nicht -im geistigen, wo ein soziales Oben und Unten nicht zu -finden war.</p> - -<p>Auf dieser Verschiebung der gesellschaftlichen Grenze -nach oben beruhte seit einiger Zeit im Kreise derer um -Hupfeld der Einflu des Grafen oder besser der Grfin -Hningen.</p> - -<p>Der Graf, in sehr naher, aber nicht ganz legitimer -Beziehung zu einem regierenden Hause stehend, hatte sein<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[S. 323]</a></span> -Domizil seit etwa anderthalb Jahren in einem kleinen -Palais der Altstadt, wo im Anfang des vorigen Jahrhunderts -eine Prinzessin ihre Witwenjahre vertrauert hatte. -Nach reichlich bewegtem Leben als Gardeoffizier und -spterer Attach in Konstantinopel und anderwrts waren -jetzt seine Interessen in einer ausschlielichen Liebe fr -Wappenkunst nahezu erstarrt. Man sah ihn fast nie, und -dann nur mit der gewichtigen Miene eines von der Arbeit -gebeugten Forschers, dem das Monokel und der Schleppschritt -als berbleibsel vergangener Tage seltsam unharmonisch -anhafteten. Die Grfin dagegen, aus der steinreichen -Familie eines ostdeutschen Groindustriellen stammend, -von mtterlicher Seite Amerikanerin, war trotz ihrer -fnfundvierzig oder mehr Jahre noch immer eine beinahe -jugendliche Erscheinung. Stattlich, sehr gewhlt in ihrem -Geschmack, gewandt und geistreich in ihrem Auftreten, -hatte sie sich berraschend schnell in der vorgeschrittenen -akademischen Gesellschaft zu einer tonangebenden Stellung -emporgeschwungen, die ihr allerdings die „Rckstndigen” -nicht eingerumt htten. Mehr und mehr bildete sie mit -Exzellenz eine Doppelsonne, und Hupfeld, dessen Frau -zur Reprsentation wenig geschaffen war, lie sich die -Teilung seiner Gewalt gefallen, da die Grfin es verstand, -dem groen Manne zu schmeicheln. In ihrem Geleit, -man konnte auch sagen, in ihrem Schatten, trat ihre Tochter -Edith in die Gesellschaft. Sie hatte von der Mutter ein -sehr hbsches Gesicht, vom Vater eine Indolenz und geistige -Armut geerbt, die der Beweglichkeit der Mutter als Folie -diente. In sachlicher Wrdigung aller Umstnde widmete -sich Professor Hammann als ziemlich einziger Verehrer -der gutmtig-beschrnkten Komtesse Edith.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[S. 324]</a></span> - -Whrend Hammann mit seinen heiratspolitischen Absichten -sich in einer durchaus vertrauten Sphre bewegen -konnte, mute Perthes, der mit beiden Fen von einem -Lager ins andere gesprungen war, aus der einfachen Behaglichkeit -des Richthoffschen Hauses in die ppige, groe -Welt der Hupfeld und Hningen, sich an die neue Umgebung -erst gewhnen. Doch das ging frs erste berraschend -gut und leicht. Dem glcklichen Brutigam zeigte -sich das vernderte Dasein einstweilen nur von der angenehmsten -Seite. Nach der Bekanntmachung der Verlobung -begann ein wahrhaft verteufelter Reigen von -Besuchen und Einladungen, von liebenswrdigen Familienfesten, -Aussteuerkufen und Zukunftsberatungen. -Es gab Tage, an denen er und Alice kaum einen -Moment erhaschten, um hinter irgendeiner Flgeltr -der weiten, berladenen Zwlfzimmeretage, die Hupfelds -im Winter in der Stadt bewohnten, sich die Lippen -wund zu kssen. Aber gerade die seltene Mglichkeit, sich -allein zu haben, die Atemlosigkeit eines immerwhrenden -Taumels, der sie auseinanderri und nur eben zwischen -Tr und Angel den Vorgeschmack einer tollen Verliebtheit -kosten lie, erhhte fr ihn und Alice den Reiz. Diese -vergngliche Jagd war wie geschaffen, um sie ihm immer -neu, immer lockend als das verfhrerische Irrlicht zu zeigen, -das er begehrte, und auch ihr die Freude an ihrem „Ruberhauptmann”, -wie sie ihn endgltig getauft hatte, in der -rechten Spannung zu erhalten. Die Bewutheit, mit der -Perthes sich in den Wahn auch dieses so ganz anders -gearteten Glckes hineingepeitscht hatte, schien schneller, -als er erwartet, in die Illusion vlliger Befriedigung berzugehen. -Er konnte tagelang vergessen, mit welcher<span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325">[S. 325]</a></span> -dmonischen, ja zynischen Gewaltsamkeit er die Verlobung -mit Alice angestrebt und herbeigefhrt hatte. Wohl konnte -ihm in einem Moment der Selbstbesinnung einmal die -Frage auftauchen, ob es mit rechten Dingen zuging, da -er mit solcher Geschwindigkeit zum Oberflchlichen und -Mittelmigen „genas”. Aber derartige Momente waren -selten, und er tat, was er vermochte, um sie noch seltener -zu machen.</p> - -<p>Die Hochzeit war auf Mitte Januar festgesetzt.</p> - -<p>Ein einziges Mal, in den geruschvollen Brutigamswochen -vor Weihnachten, wurde Perthes von einem ernstlichen -Rckfall bedroht. Es war an einem Sonntagmittag. -Das intime Familiendiner bei Hupfelds war um ein paar -Gedecke erweitert worden. Unter anderem war ein frherer -Schulfreund von Leutnant Moritz, ein junger Assistenzarzt -der Inneren Klinik, zu Tisch geladen. Perthes unterhielt -sich gerade mit Alice ber die unmittelbar bevorstehende -Verlobung von Professor Hammann und Edith Hningen. -Da machte ihn eine uerung des gegenbersitzenden -Kollegen aufhorchen. Dieser sprach mit seiner Tischnachbarin, -einer Studentin der Medizin, zwei Worte ber einen -schweren Fall von Nervenfieber in seiner Klinik und nannte -zufllig den Namen eines Frulein Richthoff. Perthes -erblate und lie seine Gabel ziemlich laut auf den Teller -klirren. Er hatte sich jeder Erkundigung nach Marga, so -schwer es ihm bisweilen wurde, streng enthalten. Der neue -Kreis, in dem er jetzt ausschlielich verkehrte, berhrte sich -kaum mit dem frheren, so da ihm keine Nachrichten von -drben zukamen. Nun traf ihn diese Kunde, die er instinktiv -auf Marga bezog, mit voller Wucht. Er mute sich -beherrschen, um bei Tisch bleiben zu knnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326">[S. 326]</a></span> - -Alice war die einzige, die seiner Bewegung Beachtung -geschenkt hatte. Neugierig sah sie in sein durch die Aufregung -verndertes Gesicht. Sie hatte den Namen Richthoff -so gut gehrt wie er. Sie wute, da zwischen ihm und -den Richthoffschen Mdchen irgend ein Zusammenhang -bestanden hatte, war aber, wie es so geht, immer wieder -von einer Frage abgedrngt worden. Jetzt htte sie gern -ihre Neugierde befriedigt. Doch die Gelegenheit war -nicht gnstig dafr. Sie beschlo ihn nachher auszufragen.</p> - -<p>Gleich nach Aushebung der Tafel verschwand Perthes -mit einer flchtigen Entschuldigung.</p> - -<p>Ohne berlegung, nur seinem Gefhl folgend, eilte -er auf dem nchsten Weg zur Inneren Klinik.</p> - -<p>Dort lie er durch den Pfrtner den Kollegen bitten, -der den Sonntagnachmittagsdienst hatte. Es war ein -stiller, argloser, nur seinem Beruf ergebener Mensch. -Perthes brauchte keine Umschweife zu machen. Er fragte -also nach Marga Richthoff. Der Assistenzarzt wute sofort -Bescheid. Mit einer Teilnahme, die verriet, da er -der jungen, blinden Patientin etwas mehr als das bliche -Berufsmitgefhl zugewandt hatte, erzhlte er, da am -Tag vorher die Krisis eingetreten sei. Aller Voraussicht -nach sei das Fieber gebrochen und die Gefahr berwunden. -Perthes stellte noch einige fachmnnische Fragen ber den -Verlauf der Krankheit, bedankte sich und ging davon.</p> - -<p>An der Befreiung, die er nach gnstigem Bescheid -empfand, merkte er, da er eine Wunde besa, die nicht -aufbrechen durfte. Er gestand es sich nicht, aber er wute, -da die entgegengesetzte Nachricht ihn vernichtet htte.</p> - -<p>Eine halbe Stunde nachher war er wieder bei Alice.</p> - -<p>Sie stellte ihn zur Rede, wo er gewesen, und wollte,<span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327">[S. 327]</a></span> -als er auswich, auch auf die Frage zurckkommen, die sie -bei Tisch unterdrckt hatte. Er schlo ihr den Mund mit -Kssen und lenkte hartnckig ab. Er hatte diesen Rckfall -abgetan und wollte an nichts mehr erinnert sein.</p> - -<p>In den wenigen Tagen, die noch bis Weihnachten brig -blieben, beschftigten die hundert Fragen von Einrichtung -und Wohnung das Brautpaar und die Eltern Hupfeld. -ber die Wohnung gab es eine kleine Meinungsverschiedenheit. -Exzellenz war der Ansicht, da sein knftiger -Schwiegersohn sich eine der niedlichen Villen kaufen msse, -die in der Neustadt tglich wie Pilze aus der Erde schossen. -Alice hatte das von Anfang an nicht anders erwartet. -Dagegen hatte Perthes seine Bedenken. Sein eigenes -kleines Vermgen — daraus hatte er nie ein Hehl gemacht -— war im Lauf seiner Studien und im hufigen -Wechsel der Stellungen, die sein wiederholtes Umsatteln -mit sich brachte, so gut wie aufgezehrt. Das Gehalt eines -ersten Assistenten an der Chirurgischen Klinik, wenn es -auch nicht schlecht bemessen war, reichte noch nicht einmal -fr ein einigermaen angenehmes Leben zu zweien, wie -es Frulein Exzellenz gewhnt war. Dazu mute die -stattliche Rente mithelfen, die sie als Mitgift bekommen -sollte: um diese Abhngigkeit konnte Perthes, so sehr sich -sein Selbstgefhl dagegen strubte, nicht herumkommen. -Desto fester war er entschlossen, sich dem Geheimen Rat -nicht noch mehr zu verpflichten. Wovon sollte er aber -aus eigener Kraft eine Villa kaufen?</p> - -<p>Hupfeld lie schon einen Agenten kommen. In Gegenwart -der ganzen Familie wurden Plne von entzckenden -Landhusern besichtigt. Eins, das in einer nagelneuen -Bergstrae fix und fertig stand, fand allgemeinen Beifall.<span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328">[S. 328]</a></span> -Nach weitlufigen, frhlichen Beratungen ber die Verteilung -der Zimmer, Gartenanlagen, Wahl der Tapeten -und so weiter zogen die Damen sich zurck. Der Agent -machte den Herren seine geschftlichen Vorschlge. Die -Gesellschaft, die er vertrat, bot glnzende Bedingungen -bei einer verschwindenden Anzahlung. Auf diese Weise -wurden im Handumdrehen fast alle Akademiker zu Hausbesitzern -gemacht. Perthes benahm sich gegenber der -Verlockung sehr khl und widerstrebend. Exzellenz begriff -erst nach und nach den Grund. Man verabschiedete den -Agenten, ohne sich gebunden zu haben, und sprach sich -offen aus. Hupfeld erklrte mit dem feinen Lcheln des -wohlwollenden Grandseigneurs die Bedenken von Perthes -fr sehr ehrenwert, aber nicht stichhaltig. Diese paar tausend -Mark Anzahlung waren eine Lappalie. Er wollte sie dem -jungen Paar mit Vergngen zum Geschenk machen. Als -Perthes sich dagegen mit dankbarer Entschiedenheit wehrte, -wurde der Geheime Rat ungeduldig, beinahe ungndig. Von -einer Mietvilla, wie Perthes sie vorschlug, wollte er nichts -hren. Seine Alli hatte ja nun auch gerade an diesem -Huschen besonderen Gefallen. Er nannte Perthes, der -in ein Geschenk durchaus nicht willigen wollte, einen Starrkopf -und erbot sich, die Summe nur vorzuschieen. Damit -mute Perthes, wenn auch ungern, sich schlielich zufrieden -geben.</p> - -<p>Weihnachten war da. Die Festtage zu Hause zu feiern, -war seit einigen Jahren nicht mehr fair. Hupfelds gingen -gewhnlich fr sechs bis acht Tage nach St. Moritz. Da -indessen die Hochzeit vor der Tr stand und der Leutnant -seine ledige Alli auch noch mal genieen wollte, wie er -aus Freiburg schrieb, whlte man diesmal den nheren<span class="pagenum"><a name="Page_329" id="Page_329">[S. 329]</a></span> -Feldberg. Im Schwarzwald war viel Schnee gefallen -Der Wintersport versprach kstliche Feiertage ...</p> - -<p>Am Tag vor dem heiligen Abend fuhren die Eltern -Hupfeld mit Alice. Am ersten Feiertag kam Perthes nach. -Er fuhr im selben Zug mit der Grfin Hningen, mit -Hammann und dessen Braut, Komtesse Edith. Aus einem -Coupfenster dritter Klasse winkte Markwaldt, der in seinem -Sporthabit wie ein Salontiroler aussah.</p> - -<p>Auf dem Feldberg waren Rodelsport und Skilauf in -vollem Gange. Im Hotel drngte sich eine internationale -Gesellschaft, in der auch Offiziere, Korpsstudenten, Professoren -nicht fehlten. Ein Staatssekretr aus Berlin, ein -siamesischer Prinz, ein amerikanischer Boxcalfmillionr -bildeten die Zentralgestirne. Alice, die auer Cousine Hilla -neuerdings Edith Hningen unter ihre Fittiche genommen -hatte — um Hammann bei seinen „Pygmalionsversuchen” -zu helfen, wie sie boshaft erklrte —, war ganz in ihrem -Element. Whrend Papa Hupfeld sich mit dem Staatssekretr -auf der Basis gemeinsamer Exzellenz vorzglich -verstand, lie sie sich von der schlitzugigen Siamesenschnheit -Schmeicheleien sagen und neckte den Boxcalfmann bis -aufs Blut.</p> - -<p>Perthes, der mitten aus schwerer Arbeit kam, wurde -es weniger leicht, sich in diesem eigentmlichen Weihnachtstrubel -wohl zu fhlen. Alice erklrte, ihr Ruberhauptmann -sei und bleibe zwar der netteste und famoseste Junge -in dieser internationalen Rarittensammlung, aber er msse -eiferschtig gemacht werden. Mit ihren Manieren eines -Gamin, ihren drolligen Bosheiten und Unarten machte -sie sich Sklaven und Anbeter. Aber Perthes htete sich, -eiferschtig zu sein. Zum mindesten es zu scheinen. Wenn<span class="pagenum"><a name="Page_330" id="Page_330">[S. 330]</a></span> -er sie dann glcklich vor sich im Davoser Schlitten hatte, -mit ihrer engen, weien Jacke und der schiefen Eismtze, -prete er sie mit jener zornigen Leidenschaftlichkeit an sich, -die sie so oft in ihm weckte, und sie sausten mit Hojo an -den verschneiten Tannen vorbei zu Tal ...</p> - -<p>Nach Neujahr kam im Eilschritt die Hochzeit. Ein prunkvoller -Festtag rauschte vorbei: rhrend in der Kirche — -denn man hielt auf religisen Anstand —, lrmend, luxuris -auf dem in blhenden Sommer verwandelten Stift Nieburg. -Am Abend ein und desselben Tages, an dem Marga, -in Tcher und Decken gehllt, von Elli gesttzt, von Vater -Richthoff und Kthe beaufsichtigt, ihren ersten, minutenlangen -Gang durch den besonnten Hof am Wenzelsberg -unternahm, brachte das Automobil Doktor Perthes und -Frau Alice, geborene Hupfeld, nach der Bahn.</p> - -<p>In Sdfrankreich, spter in Neapel flogen dem jungen -Ehepaar die Wochen der Reise in zeitloser Wonne vorbei. -Trunken vom Glck einer entzgelten, unerschpflich scheinenden -Verliebtheit sahen sie einer den anderen im zauberhaften -Licht immer neuer Reize. Sie dnkten sich andere -Menschen geworden zu sein mit nie geahnten, unbegrenzten -Mglichkeiten ihrer selbst und allen Daseins.</p> - -<p>Im Februar kamen sie zurck.</p> - -<p>Der Geheime Rat holte sie ab und fhrte sie im Triumph -in das entzckende, ber Erwarten bequem und elegant -ausgestattete Heim, wo Mama Hupfeld mit unwandelbarer, -dicker Kindlichkeit sie empfing.</p> - -<p>Nachher jagten sie sich wie die Jungens durch ihre -Zimmer.</p> - -<p>Auf der Rckreise waren sie etwas schlaff geworden. -Ein klein wenig Katerstimmung hatte sich einschleichen<span class="pagenum"><a name="Page_331" id="Page_331">[S. 331]</a></span> -wollen — nun die Alltglichkeit vor ihnen, das Auergewhnliche -hinter ihnen lag.</p> - -<p>Jetzt, beim ersten Schmaus zu zweien, im eigenen Nest, -verkndete Perthes, da es fr ihre Liebe berhaupt keinen -Alltag gbe, und Alli bekrftigte diese Devise mit ihrem -hellen, kurzen, aufreizenden Lachen, das sich strker erwiesen -hatte als alle seine gemtvollen Torheiten aus -lngst vergangener Zeit.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c14" id="c14">14</a></h2> - - -<p>Der frische Luftzug, der dnne, schrge Sonnenstrahl, -den Vater Richthoff durch den gutgemeinten pommerschen -Reiseplan hatte in sein Haus locken knnen — wie flchtig -und trgerisch war er gewesen! Wie schnell sollte die -Hoffnung, die ihn aufatmen und Elli eine ganze Kur ersinnen -lie, um Marga „unter Freude zu setzen”, von verdoppeltem -Kummer, vervielfachter Sorge verschlungen -werden! Schicksal und Natur hatten es mit Marga anders -vor als vterliche Gte und schwesterlicher Feuereifer ...</p> - -<p>Trotz aller Weisheit unserer heutigen Medizinmnner -ist ein seelisches Prinzip der Trger des Lebens. Wenn -das Leid an seine Wurzel trifft, gilt kein Flicken und -Kleistern mehr. Allenfalls gibt es ein mdes, seelenloses -Vegetieren, das der Krper mechanisch fristet, aber kein -Gesunden zu neuem Menschentum. Die abgestorbene -Wurzel treibt nicht mehr. Vielleicht birgt das Erdreich, -dem sie entsprang, eine zweite Lebensmglichkeit. Aber -dann mte die verkmmerte Wurzel schwinden; es mte -ein frischer, jungfrulicher Boden zurckbleiben knnen. -Die Natur, die immer nur Bedingung ist und nicht Grund,<span class="pagenum"><a name="Page_332" id="Page_332">[S. 332]</a></span> -kann diesen Boden bereiten. Sie liebt die toten Wurzelstrnke -nicht. Wenn sie beginnen, den Organismus zu -schdigen, hebt der Kampf um Sein oder Nichtsein an, -und die grte Gefahr birgt die grte Hoffnung. Nach -schwerem Ringen entscheidet sich der Sieg des Krpers -ber die feindliche und doch freundliche Krankheit. Die -erstorbene Wurzel ist vernichtet, die alte Seele dem Erdboden -gleich gemacht, dem neuen, keimempfnglichen, -lockerscholligen Ackerland. Wird ein junger Keim sprieen? -Wird aus dem Scho des Unendlichen ein neuer Trieb -hervorbrechen? Das wei nur das Schicksal allein. Denn -das Schicksal bestellt die Saat, wie die Natur den Boden -bereitet ...</p> - -<p>Den schwlen Wochen folgten die Wochen des Unwetters. -Aber der verdoppelte Kummer, die vervielfachte -Sorge waren nicht grausamer als das traurige, schleichende -Harren ohne Hoffnung. Man stand ehrlich Feind gegen -Feind. Es war ein harter, wehvoller Streit, und die ihn -mit Marga stritten, hatten die Befriedigung, wenigstens -ihre Tapferkeit erweisen zu drfen. Der alte Herr trug -mutig seine Fahne. Die rmischen Csaren brauchten sich -ihres Meisters nicht zu schmen. Er war, wie alle guten -Meister, auch ein guter Schler in seiner eigenen Schule. -Und Kthe und Elli schlossen sich an ihn in festerer Liebe -denn je. Erst daheim und dann, als die Gefahr den Gipfel -erstieg, drauen in der Klinik war all ihr Denken und -Fhlen bei der Kranken. Wenn es sein Beruf und die -huslichen Arbeiten irgend erlaubten, ging Richthoff am -Morgen und Abend selber nach dem klinischen Viertel und -holte bei Geismar, bei einem Assistenten, bei den Krankenschwestern -den Bericht der Stunden. Dazwischen kamen<span class="pagenum"><a name="Page_333" id="Page_333">[S. 333]</a></span> -und gingen Kthe und Elli in friedlichem Wetteifer. Nach -langem Warten oft nur ein Wort zu erhaschen, war schon -eine Belohnung. Wenn der Geheimrat und Kthe nicht -gewesen wren: Elli htte das Krankenzimmer Margas -aller Gefahr und jedem Widerstand der rzte zum Trotz -einfach gestrmt. Ihre Liebe war in der Sorge so ungestm -wie in der Freude. Man kannte sie in der Klinik -vom Pfrtner bis hinauf zum Direktor, und wenn sie kam, -wappnete sich jeder gegen ihre impulsive Liebenswrdigkeit, -ihre nie entmutigte berredungskunst. Und dann, -als das Fieber sank, die Ansteckungsgefahr gewichen war, -als erquickender, strkender Schlaf Marga umfing, war -Elli die erste, die sie sehen mute: an der Tr stehend, -auf den Fuspitzen, mit den strahlenden, trnenschimmernden -Augen, vom Arzt und der Krankenschwester -im Schach gehalten, damit sie nicht auf ihr blasses, -abgemagertes, verzehrtes Margakind losstrzte und -das „Huflein Mensch”, das da so still und verfallen -der Genesung entgegenschlummerte, in ihren Armen -zerdrckte.</p> - -<p>Langsam, ganz langsam ging es bergauf. Jede Station -nach oben wurde mit dankbarem Jubel begrt. Zehn -Tage nach Neujahr erlaubte Geismar die berfhrung -Margas nach dem Wenzelsberg.</p> - -<p>Trotz der eisigen Winterluft stand der alte Herr, leichtsinnig -wie ein Junger, nur durch den aufgestlpten Rockkragen -und das bliche Samtkppchen sich schirmend, im -Vorgarten auf Posten. Als er den Wagen aus der Querstrae -heraufbiegen sah, ging er vorsichtshalber ins Haus. -Er wute, da er diesmal seine berzeugte Abneigung -gegen „Gruppenbildungen” unmglich wrde aufrecht<span class="pagenum"><a name="Page_334" id="Page_334">[S. 334]</a></span> -erhalten knnen. Sie mochten sich aber dann wenigstens -nicht vor unberufenen Augen vollziehen.</p> - -<p>Lieber Gott, wie lange die Mdels brauchten! Er -wartete ja schon ewig auf dem ersten Treppenabsatz, wohin -er sich zurckgezogen hatte, um in jedem Fall ber der -Situation zu bleiben. Therese stand schon lngst unter -der Glastr und wischte sich zum zwanzigstenmal die Hnde -an der Schrze ab, um Frulein Marga zu begren.</p> - -<p>Und dann brachten sie sie. Halb getragen, halb geschoben -kam sie durch die Tr. Auf dem blassen Gesicht, -in den zielverlorenen Augen glnzte ein Widerschein von -all der wrmenden Liebe, die sie umhllte. Therese sagte -ihr „Gr Gott!” Marga erwiderte mit ihrer sanften, -herzlichen Stimme.</p> - -<p>Bei diesem Ton fiel dem alten Herrn pltzlich ein, -wie es gewesen wre, wenn er die Stimme dieses seines -blinden Sorgenkindes nicht wieder im Haus am Wenzelsberg -gehrt htte. Und da hielt er sich nicht ber der -Situation. Er stieg hinunter von seinem Treppenabsatz, -und es gab eine richtige Gruppenbildung, an der er selber -mit zwei Kssen auf Margas Wangen sehr gravierend -beteiligt war.</p> - -<p>„Nicht wieder solche Geschichten machen. Ja nicht! -Herzlich willkommen. Sich setzen! Sich strken! Ausruhen!” -Einmal ums andere strich er die Haare ber -Margas Schlfen zurecht, die wenigen zarten, die die -Krankheit ihr gelassen. Er selber fhrte sie ins Ezimmer -und setzte sie in den Lehnstuhl, der sein Privileg war. Elli -erklrte feierlich, es sei einfach unmglich, da andere -Menschen sich so freuen knnten wie die Richthoffs. Und -Kthe vollendete in stummer Beglcktheit einen schnen,<span class="pagenum"><a name="Page_335" id="Page_335">[S. 335]</a></span> -tiefgrndigen Satz fr ihr Tagebuch, der verdient htte, -gedruckt zu werden ...</p> - -<p>Das erste Viertel des neuen Jahres brachte Schritt -fr Schritt den alten guten Geist in das Haus am Wenzelsberg. -Nun war Vater Richthoffs „Bande” wieder beisammen. -Nun trat er seine Paschawrde wieder an. -Whrend der zweite Teil der ersten Abteilung der „Kaisergeschichte” -seinem Ende entgegengedieh, erlebte er es, -da die Tren wieder unerlaubt ins Schlo knallten und -Ellis Lachen aus der Dachstube oder vom unteren Flur -in seine Zettelwirtschaft und sein Miniaturgekritzel -hineinschmetterte. Er schmunzelte, wurde bs, stand auf, -schob das Kppchen von einem Ohr aufs andere und -donnerte, Ruhe gebietend, durch den Trspalt. Die -Csarengeister spitzten ihre Ohren wie kampfmutige Rosse -beim vertrauten Schlachtruf und stritten sich hinterdrein -um die Ehre, vom Gnsekiel des alten Herrn gelobt oder -getadelt zu werden.</p> - -<p>Erst der Frhling, der im Weinberg schchterne Krokus -und naseweise Maiglocken an die Sonne trieb, gab Marga -ein wenig Rot in die Wangen und krftigte ihre schmchtig -gewordenen Glieder. Was in ihr wurde und wuchs, -hervor aus neuem, unberhrtem Boden, verriet sich kaum. -Das Vergangene, das herbe Leid des Herbstes, schien -wie in fernem Dunst zerflossen zu sein. Die Krankheit -hatte ihre Erinnerung geschwcht. Weite Strecken des -Gewesenen schienen wie ausgelscht oder dmmerten ohne -ernsten Zusammenhang. Erst allmhlich traten die Geschehnisse -in matterem, verndertem Licht wieder in ihr -Bewutsein. Sie sprach nie davon, und Vater Richthoff -und die Geschwister hteten sich in begreiflicher Scheu,<span class="pagenum"><a name="Page_336" id="Page_336">[S. 336]</a></span> -daran zu rhren. Die Traurigkeit der groen Leere — -war von ihr gewichen. Dankbar empfanden es die, -die sie umgaben. Laut und allzu lebhaft war sie auch in -den Tagen ihres hchsten Glcks nicht gewesen. Man -war es deshalb schon zufrieden, da sie nun wieder sanft -und leise ihren Platz unter den Schwestern innehatte. -Das Klare, Tapfere, Offene ihres Wesens, der Reichtum -und die Reife inneren Schauens und Erlebens — all das -regte sich noch kaum in ihr. Es war schattenhaft und rissig -wie ihre Erinnerung. Aber sie war dem Tode zu nahe -gewesen, als da das wiedergewonnene Leben mit dem erwachenden -Frhling seine zaghafte Lust htte zurckhalten -knnen. Sie wollte wieder. Und wenn es nur war, da -man sie in die Sonne fhrte, mit ihr plauderte, ihr Blumen -pflckte und vorlas. Einmal, als sie mit Elli sich zum -erstenmal emporwagte bis zum Philosophenweg im Weinberg, -wo hinten auf dem Wiesenhang die Pfirsichbumchen -zu blhen anfingen und im junggrnen Schlinggewchs -die Finken ihre Triller probierten, breiteten sich ihre Arme -wieder weit, so weit, und ihr Kopf warf sich zurck, als -wollte sie die Sonne suchen, die sie umrieselte. Sie wollte -wieder leben. Sie wollte vom Schicksal wieder ihr Teil -empfangen: eine neue Saat fr eine neue Seele ...</p> - -<p>Noch vor Semesterschlu brachte der erste Frhling eine -berraschung.</p> - -<p>Als sollte ein frohes Ereignis bezeugen, da es das -neue Jahr im Ernst besser meine als das verstrichene. -Bei Kthe zeigten sich seit einiger Zeit Symptome einer -greren Nachdenklichkeit, Verschlossenheit und Weltklugheit -als sonst. Irgend ein sehr wichtiges Problem schien sie -und ihr Tagebuch zu erfllen. Nach Weihnachten hatte<span class="pagenum"><a name="Page_337" id="Page_337">[S. 337]</a></span> -Richthoffs Schler, der Privatdozent Bertelsdorf, dessen -Tenor im akademischen Gesangverein eine Rolle spielte, -eine seltene Beharrlichkeit darin gezeigt, Kthe nach den -Proben heimzubegleiten. Kthe hatte sich bei Bertelsdorfs -Aufmerksamkeiten bisher nie viel gedacht. Sie kannte -seine Schwche, sich bei den Professoren durch einen recht -biegsamen Rcken lieb Kind zu machen. So erklrte sie -sich auch die Hufigkeit, mit der er, im Wetteifer mit dem -Flanellstorch, bei geselligen Veranstaltungen sie zur Tischdame -begehrte; so auch, freilich nicht mehr ganz zweifellos, -sein Auftauchen in Kissingen. Im brigen konnte man sich -mit ihm sehr gescheit unterhalten. Sie war empfnglich -fr allerlei wissenschaftliche Belehrungen, die er zu geben -wute; er war ein geduldiger Zuhrer fr Kthes -Lebenserfahrung und Weltweisheit — das wog bei ihr -seine Liebedienerei beinahe auf. Er hatte die Fhigkeit, -sich ihr unterzuordnen, was fr ihre Beurteilung von -Menschen und deren Wert gar keine nebenschliche Rolle -spielte. Als er jedoch eines Abends auf dem Heimweg von -der Messiasprobe einen regelrechten Antrag mit <span class="antiqua">a</span>, <span class="antiqua">b</span> und <span class="antiqua">c</span> -entwickelte, berraschte er sie doch. Sie sagte zuerst rund -heraus nein. Als sie aber ans Richthoffsche Vorgartentor -gekommen waren und Bertelsdorf, beharrlich wie er war, -seine Werbung noch einmal zur Diskussion stellte, versprach -sie wenigstens, sich die Sache zu berlegen.</p> - -<p>Zunchst nur aus Artigkeit. Dann aber ging sie mit -sich zu Rat — in all der Rechtschaffenheit, die ihr eigen -war. Einige Wochen dauerte es. Nun hatte zwar ihr -Nein sich durchaus noch in kein Ja verwandelt, aber die -Wage stand annhernd im Gleichgewicht. Und da machte -Bertelsdorf einen Vorsto auf eigene Faust: er hielt in<span class="pagenum"><a name="Page_338" id="Page_338">[S. 338]</a></span> -einem sehr detaillierten Brief, der auch philologisch bemerkenswert -war, bei Geheimrat Richthoff in aller Form -um seine lteste Tochter an.</p> - -<p>Vater Richthoff hatte nach seinen jngsten Erfahrungen -einen Horror vor Brautwerbungen. Anderseits war ihm -der Gedanke, da seine Tchter dem blichen Los anderer -junger Mdchen nicht fr immer ausweichen knnten, -wenigstens nicht mehr vollkommen neu. Es schien nun -einmal in den Sternen zu stehen, da er in die ra hochzeitlicher -Bedrngnisse eingetreten war. Bei Kthe fielen -die Bedenken fort, die den Entschlu, als es Marga galt, -so erschwert hatten. Bertelsdorf war ihm als Schler -wert, wenn er auch an ihm als Menschen manches auszusetzen -hatte. Mehrere mglichst geheime Konferenzen -mit Kthe folgten. Das Ergebnis war, da der Privatdozent -der letzten beiwohnen durfte. In aller Stille, -ohne zu groe Aufregung, verlobten sich die jungen Leute, -und der alte Herr gab seinen Segen.</p> - -<p>Es war Kthes eigener taktvoller Wunsch, da Marga -so schonend wie mglich von diesem Ereignis unterrichtet -werden sollte. Elli wurde zur Mittelsperson ausersehen -und zuerst von Kthe eingeweiht. Ihr frhliches Herz, -zur Mitfreude so geschaffen, machte sich in vielen Umarmungen -der Braut Luft. Sie versprach, ihr Bestes zu tun.</p> - -<p>Es sind oft nicht die schlechtesten Diplomaten, die von -Diplomatie keine Ahnung haben. Elli behandelte Marga -zwei Tage hindurch mit sehr durchsichtigen Vermutungen -und Andeutungen, bis dieser gar nichts anderes brig -blieb, als das Vorgefallene zu erraten. Sie erbleichte -wohl; ihre Lippen zitterten, und ihre Augen senkten sich -in einer schmerzhaften, traurigen Anwandlung. Aber das<span class="pagenum"><a name="Page_339" id="Page_339">[S. 339]</a></span> -Vergangene hatte keine Gewalt mehr ber ihren neuen, -jungen Willen, zu leben. Im Gegenteil: die Nachricht -fiel wie ein erstes Saatkorn auf den fruchtwilligen Boden. -Es regte sich in ihr etwas von ihrer frheren Tapferkeit. -Sie lie sich von Elli geradeswegs zu Kthe fhren und -brachte ihr mit warmen, ungeknstelten Worten ihren -Glckwunsch. Kthe war gerhrt. Und der Geheimrat, -der gerade dazukam, war bei sich auf sein Sorgenkind -noch stolzer als auf die Braut, die er nun doch ins Haus -bekommen hatte.</p> - -<p>Die Ostertage, mild und sonnenreich, voll Verheiung -des jungen Frhlings fr die alte Erde, lieen das Haus -am Wenzelsberg nach innen und auen so recht im gewohnten -Schimmer seiner guten, warmherzigen Behaglichkeit -aufleuchten. Kaum war die Verlobungsneuigkeit -in die Stadt geflattert, so kamen in langen Zgen die -Freunde des Hauses. Papa Wilmanns rckte mit Frau -und Tchtern an und schalt laut durch alle Zimmer, sein -Kollege Richthoff sei ein Heimtcker und Duckmuser, -genau wie Borngrber. Auch ein Komdiant. Nun -sehe man, was er den Winter ber ausgeheckt habe, als -er so unleidlich gewesen. Borngrber erschien natrlich -auch. Er hatte sich eine sinnige kleine Ansprache ausgedacht, -aber als er glcklich so weit war, hatte er -vergessen, um was es sich genauer handelte, und sprach -in dunklen Worten von einem frohen Ereignis. Man -htte ebensogut meinen knnen, er kme, um Richthoff -zur Grovaterschaft zu gratulieren. Weiter kam Frau -Geheimrat Achenbach mit ihren hoheitsvollen, weien -Scheiteln und dem Krckstock; Cousine Grasvogel, ein -bichen kleinlaut nach ihren letzten unglcklichen Leistungen,<span class="pagenum"><a name="Page_340" id="Page_340">[S. 340]</a></span> -aber voll ehrlicher Rhrung; Frulein Lizzie aus der -Uferstrae; der Flanellstorch, sehr geknickt und nervs, und -viele andere: eine ganze Defiliercour, die der alte Herr -an der Seite des Brautpaars voll Wrde abnahm. Elli -und Marga standen abseits in der Glasveranda vor dem -Salon, die die Gratulanten in ein blumenbuntes Gewchshaus -verwandelten. Auch sie bekamen viel Freundliches -zu hren. Elli wnschte man Glck, so oft man sie sah, -„einfach, weil so was existierte”, wie Frau Achenbach -scherzend meinte, und Marga, weil alle sich freuten, sie -wieder gesund zu sehen ...</p> - -<p>Niemand ahnte, wie bald sich die hellen, traulichen -Rume am Wenzelsberg den gleichen, aber so ganz anders -gestimmten Gsten ffnen sollten ...</p> - -<p>Geheimrat Richthoff hatte gleich nach Ostern, ehe die -Vorlesungen des neuen Semesters wieder begannen, eine -langersehnte, fr die Forschungen der Kaisergeschichte notwendige -Italienfahrt geplant. Nach den mancherlei seelischen -Aufregungen des Winters versprach er sich von den -paar Wochen im Sden auch fr seine Erfrischung das -beste. Alle Vorkehrungen waren getroffen. Der alte -Herr fhlte seine jugendliche, unerschpfliche Begeisterung -erwachen, wie sie ihn immer berkam, wenn er nach Jahren -wieder klassischen Boden unter die Fe bekommen sollte.</p> - -<p>Hofrat Geismar machte ihm einen dicken und harten -Strich durch seine frohe Rechnung. Als er sich ihm vorsichtshalber -vor der Reise noch einmal stellte, mehr besuchs- als -konsultierenderweise, riet ihm der rztliche Freund kurzerhand -von der Italienfahrt ab. Wie seine Herzttigkeit -dermalen beschaffen sei, wre Gleichmigkeit der Lebensweise -gebotener als Vernderung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_341" id="Page_341">[S. 341]</a></span> - -Richthoff beschimpfte Geismar und die ganze Sippe -der rzte als Kurpfuscher und Freudenverderber aufs -ehrenrhrigste. Lange trug er sich mit der Absicht, trotzdem -zu reisen. Aber dann kapitulierte er doch vor der -„Quacksalberei”. Fr seine Mdels, die sich ber seinen -jhen Planwechsel verwundern muten, erfand er eine -Geschichte in grimmigen Bruchstcken: eine unerwartete -Arbeit sei in die Quere gekommen. Und er blieb. Den -anderen Rat Geismars, sich auch zu Hause in den Ferien -etwas Ruhe und Ausspannung zu gnnen, befolgte er -nicht. Unter keinen Umstnden sollten ihn diese tyrannischen -Menschenschinder zum weichlichen Sybariten machen. Als -echter Protestler rauchte er zwischen seinen erbrmlichen, -nikotinfreien Strohstengeln eine halbe Kiste anstndiger -Havannazigarren, Importen, die ihm ein Verehrer in -Bremen mit launigen Versen dediziert hatte.</p> - -<p>Das Semester begann.</p> - -<p>Die Sprechstundenbesucher kamen. Unter den ersten -befand sich eine junge, hochgewachsene, brunhildenhafte -Livlnderin. Sie hatte dem Geheimrat, der bisher keine -Damen zugelassen hatte, die Erlaubnis schon im Wintersemester -halb abgetrutzt, halb abgeschmeichelt. Das heit, -der alte Herr machte bei ihr nur insofern eine Ausnahme, -als er nicht, wie er das sonst gelegentlich getan, im Kolleg -auf die Dame zuschritt und ihr mit grimmiger Galanterie -den Arm bot, um sie hinauszugeleiten. Er duldete sie. -Nicht weil er von seinem Grundsatz abgehen wollte, sondern -um sich eine liebenswrdige Schwche zu verstatten. Als -Ausnahme, die die Regel besttigt ...</p> - -<p>Die junge Livlnderin rechnete auf ihre sonnigen, ostseeblauen -Augen. Auch fr den Sommer. Sie verehrte<span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342">[S. 342]</a></span> -den alten Herrn. Es mute ihr gelingen, von der geduldeten -zur offiziellen Hrerin vorzurcken. Zur Verblffung -Thereses kam sie mit einem Strau von kstlichen, rosablhenden -Rosen.</p> - -<p>Auf der Treppe begegnete ihr Elli. Diese kannte „die” -Hrerin des Vaters von einer Gesellschaft bei Wilmanns -und tauschte mit ihr einen lchelnden Gru.</p> - -<p>Dann trat das junge Mdchen bei Vater Richthoff -ein, ihren Strau wie einen Schild vor sich hertragend.</p> - -<p>Der Geheimrat sa am Schreibtisch und schlrfte den -Kaffee, den ihm Elli eben gebracht. Hflich stand er auf. -Mit der Zuvorkommenheit, die er Damen gegenber nie -verga, ging er ihr entgegen. Ihr Lcheln erwiderte er -mit einer Verschmitztheit, die sagen wollte: Diesmal wirst -du mich nicht kleinkriegen. Er war noch nicht bei ihr, -um ihr die Hand zu geben und sie zum Sitzen einzuladen, -als er, offenbar durch einen Fehltritt, zur Seite kippte. -Mit beiden Hnden suchte er am nahen Tisch Halt. Die -junge Dame wollte ihm beispringen. Aber er war schon -mit einer seltsamen Schwerflligkeit in einen Sessel gesunken.</p> - -<p>Sie legte die Rosen vor ihn hin. Mit Befremden -nahm sie wahr, wie sein Mund sich bewegte, ohne -das dankende Wort hervorbringen zu knnen. Eine krampfhafte -Verzerrung arbeitete in seinem brtigen Antlitz. -Das Sammetkppchen schob sich ihm in die Stirn. Seine -Hand, die emporgriff, um es hinauszurcken, fiel schwer -zwischen die Rosen auf den Tisch. Der Krper sank gegen -die Lehne.</p> - -<p>„Was ist Ihnen, Herr Geheimrat?” stammelte das -junge Mdchen mit zunehmendem Schreck.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343">[S. 343]</a></span> - -Seine Augen starrten sie durch die Brille irr und -ratlos an.</p> - -<p>Sie lief nach der Tr und rief die Treppe hinunter, -laute, hilfeheischende Worte.</p> - -<p>Elli kam von unten, Kthe von oben, beide mit fragenden, -verwunderten Mienen.</p> - -<p>„Ihrem Herrn Vater ist unwohl geworden!”</p> - -<p>Die Schwestern eilten mit der Fremden bestrzt ins -Arbeitszimmer. Der Anblick raubte ihnen einen Moment -die Sprache. Dann schrien sie auf vor Schreck.</p> - -<p>Der Leib des alten Herrn war vornber gesunken. -Sein kahler Kopf, von dem das Kppchen herabgeglitten -war, ruhte mit den wenigen weien Strhnen auf dem -Strau von duftenden Rosen.</p> - -<p>„Papa — was ist dir?” Elli hatte sich neben ihm -auf die Knie geworfen und griff nach den schlaffen -Hnden.</p> - -<p>Kthe rief nach Therese, nach dem Arzt. Sie rannte -aus dem Zimmer. Elli mit demselben Ruf besinnungslos -hinter ihr drein. Von dem gleichen Gedanken beseelt, -strzten sie aus dem Haus. Kthe nach dem nchsten -Fernsprecher, Elli zu Geismar.</p> - -<p>Therese stand verstndnislos und kopfschttelnd unter -der Kchentr, sah die beiden Frulein vorbeirasen, ohne -ihre Worte zu verstehen, und die fremde Dame, die sich -unheimlich und berflssig fhlte, ihnen fluchtartig -folgen ...</p> - -<p>Marga war bei dem entsetzten Aufschrei der Schwestern -aus der Tr ihres Zimmers im Dachstock getreten, das -Kthe vor ihr verlassen. Sie wute von nichts. Aber -das Rufen, Laufen und Trenschlagen erfllte sie mit<span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344">[S. 344]</a></span> -einer erschreckenden Ahnung, die ihr scharfer Instinkt schnell -in die klarste Gewiheit verwandelte.</p> - -<p>Da unten, einen Stock tiefer, war der Tod eingekehrt. -Sie meinte seine eisige Klte gegen ihre Wangen, ihre -Stirn andringen zu fhlen.</p> - -<p>Und mit der Gewiheit kam eine wunderbare, mechanische, -gebietende Sicherheit ber sie. Mit einer langsamen -Ruhe, ber die sie sich selber wunderte, stieg sie -die Treppe hinunter und trat durch die offene Tr in das -Arbeitszimmer ihres Vaters.</p> - -<p>Sie flsterte seinen Namen. Keine Antwort kam zurck. -Sie wute, da es nicht sein konnte. Sie atmete den -Duft von Rosen. Trotz ihrer Ruhe bebte sie zurck vor -der kalten Stille und wagte sich nicht weiter. Sie tastete -um sich und setzte sich auf den ersten Sessel am Tisch. -Ihr inneres Gesicht war erwacht. Wahr, aber schner als -alle Wirklichkeit. Sie sah das bchervolle, verqualmte -Zimmer; sie sah den Tod, eine anmutige Mdchengestalt -mit einem Bschel Frhlingsblumen in lachenden Farben, -die auf den alten Herrn mit dem grimmig-gtigen Gesicht -scherzend zutrat; sie sah, wie sein Haupt mit einem verstndnisvollen -Lcheln sich ber den Duft und die Blten -neigte und tief, immer tiefer darin versank. Und stumm, -andchtig, ein Bild im Bilde, sa sie dabei und hielt -Wache, whrend die Trnen sich leis und schwer aus den -blinden Augen lsten und ber ihre gefalteten Hnde -tropften ...</p> - -<p>Spter kamen die Schwestern. Nach ihnen der -Arzt, Hofrat Geismar. Er konnte nur den durch -eine Herzlhmung herbeigefhrten Tod des Freundes -konstatieren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345">[S. 345]</a></span> - -Und dann kam es weiter wie ein wirrer, bser -Traum, Stunde um Stunde, vom Tag zur Nacht, von -der Nacht zum Tag, hinter dem Tod sein trbes, dsteres -Geleit.</p> - -<p>Elli und Kthe waren wie gelhmt von Schmerz. -Nur Marga behauptete inmitten des Gedrnges der kleinen, -harten Notwendigkeiten ihr Gleichgewicht. Mit ihr allein -konnte Professor Wilmanns, der als erster am Platz erschien -und als treuer Hausfreund im Verein mit Geismar -und Bertelsdorf die Leitung aller Angelegenheiten bernahm, -sich beraten und bereden. Das Schicksal hatte -gest. Rauh und herb. Aber gerade dieser tiefe, groe -Schmerz lie die neue Kraft ihrer Seele emporwachsen: -die Klarheit, ihre Tapferkeit, ihre reife Strke zu leiden -und zu lieben.</p> - -<p>Die Schar der Freunde, noch vor wenigen Wochen -so froh und festlich gestimmt, zog trauernd durch das -verwaiste Haus am Wenzelsberg. Verwandtschaftliche und -offizielle Beileidsbezeugungen von auswrtigen Universitten, -vom Ministerium, von der Berliner und Mnchner -Akademie, von seiner Burschenschaft; die wrdige Feier in -der Aula, bei der Borngrber die knappste und ergreifendste -Rede seines Lebens hielt, das machtvolle Feiergeprnge -des akademischen Leichenzuges wogte daher und wogte -vorber. Noch ein Druck von unzhligen, wohlmeinenden -Hnden am Grab, und dann fhrte die letzte Kutsche -die drei schwarzgekleideten Richthoffmdels zurck ins einsame -vterliche Haus ...</p> - -<p>In der Nacht, nachdem sie den alten Herrn hinausgetragen -hatten, kam sich das alte Haus am Wenzelsberg -schlecht und wurmstichig und lter vor denn je. Es knackte<span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346">[S. 346]</a></span> -in seinen Dielen, es streckte sich im Geblk und in den Wandfugen. -Dann horchte es in sich hinein: es war ein eigentmliches -Knistern und Raunen im den Arbeitszimmer -von Vater Richthoff. Die Geister zogen, die hohen, -erzgemeielten, ehrfurchtgebietenden Csaren — sie zogen -aus Zetteln und Blttern, aus Winkeln und Ecken durch -die mondhelle Stube hinaus in die Mainacht. Sie -hatten begriffen, auch sie, da es zu Ende war.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c15" id="c15">15</a></h2> - - -<p>Beim Weihnachtswiedersehen auf dem Feldberg hatte -Leutnant Hupfeld gelegentlich ausgerufen: „Ich kann -mir nicht helfen, Kinder! Aber Alli mir als junge Frau -zu denken, ist mir schlankweg unmglich!”</p> - -<p>Der frische, natrliche Junge hatte da ein Wort -gesprochen, wahrer und prophetischer, als er selber -wute.</p> - -<p>Frau Alice Perthes war nicht zu Wrde und Ehrsamkeit, -oder, wie sie es nannte, zur biederen, deutschen Hausfrau -geschaffen. Ihre Sucht, modern, chic, vorurteilslos -zu sein, war nicht gemacht und angelernt; sie ergab sich -durchaus natrlich und folgerichtig aus ihrem wurzellosen -Wesen, ihrem prickelnden, sensationsdurstigen Temperament, -ihrer spottlustigen, spitzbbischen Wechselnatur, -wie sie im beweglichen Spiel ihrer Mienen, ihrem grazis-leichtfertigen -Gang, ihrem gelenkigen, biegsamen Krper -sich ausdrckte. Sie war auch gar nicht gesonnen, in der -Ehe eine andere Haut anzuziehen. Das flotte Mdel zu -sein und zu bleiben, das sie Gott sei Dank war, blieb Alices -Wahlspruch auch fr die Ehe. Und Perthes, den eben<span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347">[S. 347]</a></span> -diese herausfordernde Mdelsmanier so leidenschaftlich angezogen -hatte, wiederholte ihr immer wieder: „Gerade -wie du bist, Irrwisch, brauch' ich dich und will ich dich -haben!”</p> - -<p>Die neue gesellschaftliche Atmosphre, in die sich -Perthes versetzt hatte, war ihm nach wie vor nur in ihren -Annehmlichkeiten fhlbar geworden. Ein elegantes, grozgiges -husliches Leben, Geselligkeit im eigenen Heim, -Geselligkeit drauen, der angenehme Nervenreiz bestndiger -Abwechselung: das waren lauter Dinge, die -ihm frs erste imponierten. Soweit es seine beschrnkte -Zeit irgend erlaubte und die Rcksicht auf die sichere -Hand, die sein chirurgischer Beruf verlangte, es zulie, -machte er mit. Den groen Rout im Palais Hningen, -die ppigen, offiziellen Semesterdiners bei den Schwiegereltern, -kleine und groe Schmausereien bei Hammanns -und anderen Bekannten — lie er sich nicht entgehen, -auch wenn er sich mal ein bichen kaput und ermdet -fhlte. Worin er sich bescheiden mute, das war der -Sport, dem seine Frau nach wie vor huldigte. Das -Neueste, was die Grfin Hningen einzubrgern suchte, -war Polo, und Alice war Feuer und Flamme fr das -Pferdeballspiel. Dazu fehlte ihm die Zeit. Und sein -Leben konnte dann mitunter ein wenig junggesellenhaft -werden. Wenn er zur Hauptmahlzeit zwischen -sechs und sieben „mordshungrig” von der Klinik kam, -mute er sich fter allein servieren lassen, weil sein -Irrwisch noch „herumstrolchte”. Aber das Grundgesetz -ihrer Ehe, das er stillschweigend sanktioniert hatte, war -die Freiheit hben und drben. Sie mute geachtet -werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348">[S. 348]</a></span> - -Mitte Mai — er war eben am Schlu eines solchen -Junggesellenmahls angelangt — kam Alice aus der Stadt -heim. Gewhnlich brachte sie einen Sack voll Tagesneuigkeiten -mit, die sie als Nachtisch zur geflligen Auswahl -ihrem Ruberhauptmann auf den Tisch schttete. -Im Vorbeigehen hatte sie bei den Eltern ein Butterbrot -gegessen und setzte sich dann noch zur Unterhaltung -neben ihn.</p> - -<p>„Denk' mal an — ich komme durch die Hauptstrae — -sehe an einem Bcherladen ein Telegramm des Tageblttchens -angeschlagen und denke Wunder was passiert -ist. Nachher steht weiter nichts drin, als da irgend ein -oller Professor am Herzschlag gestorben ist!”</p> - -<p>„Wer denn? Von hier jemand?” fragte Perthes -ziemlich gleichgltig, whrend er sein Glas mit gemischtem -Rotwein an den Mund setzte.</p> - -<p>„Ach, ein Philologe glaub' ich. Richter oder so was.”</p> - -<p>„Doch nicht Richthoff?” Perthes setzte sein Glas ab. -Er war unwillkrlich betroffen.</p> - -<p>„Doch — Richthoff. Natrlich! So hie er!” Alice, -die die enttuschende Neuigkeit in der Tat nur obenhin -und gedankenlos gelesen und auch jetzt so vorplapperte, -erinnerte sich nun des rechten Namens und gleichzeitig -einer Beziehung ihres Mannes dazu, die sie noch immer -nicht recht herausbekommen hatte. „Hast du nicht dort -frher verkehrt, Mnni?” setzte sie harmlos hinzu.</p> - -<p>Perthes war sehr ernst geworden. So ernst, wie sie -ihn lange nicht gesehen. Er hatte mit der Vergangenheit -grndlich und dauernd abgeschlossen. Aber diese -Todesnachricht beschwor doch, ob er wollte oder nicht, -Erinnerungen herauf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_349" id="Page_349">[S. 349]</a></span> - -„Gott, Ruberhauptmann, du machst ja ein grlich -dsteres Gesicht. Was ist denn los?”</p> - -<p>„Schlielich handelt es sich ja auch um eine ernste -Sache”, meinte er zerstreut.</p> - -<p>„Nu ja! Hast du denn den guten Mann so nahe gekannt?”</p> - -<p>Perthes schwieg. Er dachte an den braven alten Herrn -und sann darber, was aus seiner „Bande” werden mochte.</p> - -<p>„Du, das mut du mir mal erzhlen,” fuhr Alice unbekmmert -fort. „Ich wei nmlich genau, wie es stand. -Von Markwaldt. Du mut einer von den Tchtern -mchtig den Hof gemacht haben! Nu mal heraus mit der -Sprache!” Sie rckte zutunlich nher, wie um eine amsante -Geschichte zu hren. Beglckt, nun endlich den -rechten Faden gefunden zu haben, den ihre Neugier -immer wieder verloren, sah sie ihm mit einem bermtig -flackernden Blick in die Augen.</p> - -<p>Perthes hatte keine Lust zu Bekenntnissen. Zu dem -war ihm die Art, wie sie ihn dazu drngen wollte, peinlich.</p> - -<p>„Weit du was?” sagte sie lebhaft. „Wir schlieen -einen richtigen Handel! Du erzhlst mir dein Abenteuer -mit den Richthoffs. Ich erzhle dir dafr, wie ich mich -um ein Haar mit Hammann verlobt htte, willst du?” -Sie legte ihm den Arm um den Hals und kraulte schmeichelnd -seinen dichten, schwarzen Bart.</p> - -<p>Er lie es eine Weile geschehen. Dann lste er sich -aus ihrer Liebkosung. Den Handelsvorschlag hatte er -nur mit halbem Ohr gehrt. Er war erfllt, bedrckt -von dem, was die Kunde vom Tode Richthoffs in ihm -lebendig gemacht hatte. Der Gedanke, sich durch eine -solche Beichte, so zuwider sie ihm an sich war, von diesem<span class="pagenum"><a name="Page_350" id="Page_350">[S. 350]</a></span> -Druck zu befreien, war vielleicht so schlecht nicht. Wenigstens -jetzt nicht, wo er seiner Stimmung entgegenkam. -Und dann erwachte die Lust in ihm, diese dmonische Lust, -mit der er sich zu Alices Lebensgefhrten gemacht und -sich von einer ertrumten Hhe heruntergeholt hatte: er -wollte versuchen, die alberne Brde vergangenen Schwersinns -mit einem Ruck vollends abzuwerfen.</p> - -<p>So gab er nach. Mehr sich als ihr.</p> - -<p>In einem von Sarkasmus und verschmtem Ernst gemischten -Ton begann er seine idealistische Epoche zu schildern. -Aber es gelang ihm nur im Anfang, gegenber -den Menschen und Dingen von einst die leidenschaftslose -berlegung festzuhalten. In dem Mae, als er sich dem -Mittelpunkt seiner Erinnerungen nherte, fhlte er, da -er seine Kraft berschtzt hatte. Er wurde warm. Eine -schwermtige Verbissenheit zerhackte seine Stze. Das -Gedchtnis Margas strubte sich gegen jede Entweihung. -Er konnte ber dieses Mdchen und diese Liebe nicht mit -dem Achselzucken der groen Welt hinwegkommen, das -er seiner Umgebung fr so manches andere abgelernt -hatte. Warum hatte er sich verfhren lassen, den Schleier -von diesem Erlebnis zu ziehen? Und doch konnte er nicht -abbrechen, dem wortreichen Eifer, in den er geriet, nicht -Einhalt gebieten. Als mte er sich fr die Taktlosigkeit -seiner Enthllungen bestrafen, suchte er mit nervs -hervorgeschleuderten Worten und Stzen ein gerechtes -Bild von Margas innerem Wert, von seiner eigenen -Mittelmigkeit zu geben, die nicht zu ihr hinaufreichte. -Es war eine Sisyphusarbeit, der er erliegen mute. Er -hatte sich verrannt und fand keinen Ausweg, bis ihn -ein Blick auf Alice ernchterte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_351" id="Page_351">[S. 351]</a></span> - -Sie sa zusammengekauert auf ihrem Stuhl und sah -ihn mit verwunderten, belustigten Augen unentwegt an, wie -er, gleich einem fremden, spaigen Tier im Speisezimmer -auf- und abschritt, da einen geschnitzten Hocker wegstoend, -dort an einem der trkischen Kelims zerrend oder eine -der Kristallkaraffen auf dem Bffet vom Platz rckend.</p> - -<p>Er stand still und schwieg.</p> - -<p>„Aber Maxi”, kicherte sie leise. „Da du so ein sentimentaler -Junge warst, noch vor nicht einem Jahr, das -htt' ich mir denn doch nicht trumen lassen! Geahnt hab' -ich ja den Spieer immer 'n bichen —”</p> - -<p>„Nicht wahr? Unglaublich!” stie er hervor. Es klang -gar nicht spieig, sondern eher wild und zornig.</p> - -<p>„Und noch heute sprichst du von deiner Angebeteten -wie von einem Wunder! Und blind war sie auch? Einfach -romantisch, Mnni! Brgerlich und romantisch! Gibt's -nicht ein Lustspiel, das so heit? Und dabei bin ich berzeugt, -sie war auch nur ein biederes, sentimentales —”</p> - -<p>„Lassen wir's!” schnitt er ihr das Wort ab. „Dummheiten, -du hast recht!” Er lachte gezwungen.</p> - -<p>Sie war aufgestanden und hatte sich ihm genhert. -Sie lie ihr Lachen, das kurze, helle, aufreizende, in das -seine klingen.</p> - -<p>Er stand ihr gegenber. Das Blut ging wie eine -Welle durch seinen Krper und flirrte vor seinen Augen. -Er erzitterte und ballte die Faust. Dann ergriff er sie -und ri ihre Arme auseinander, als wollte er sie zerbrechen.</p> - -<p>Sie stie einen Wehruf aus.</p> - -<p>Er bog ihren Kopf beinahe brutal zurck, nahm ihn -zwischen seine starken, groen Hnde und senkte seinen -Blick in die schillernden, boshaft-schillernden Augen. Wer<span class="pagenum"><a name="Page_352" id="Page_352">[S. 352]</a></span> -war denn das, der ber ihn, ber sein prostituierendes -Gestndnis, ber alles, auch das Ernsthafteste, was er -einst besessen und hochgehalten, lachen, so lachen durfte? -Wo war das Geheimnis hinter diesen Augen? Wie war -sie beschaffen, diese Seele oder was es war, dieses ewig -Kichernde und Spottende? Wo war der Grund in diesem -Ungrund?</p> - -<p>Sie wand sich los. Dieser whlende, dringende Blick -war ihr ungemtlich.</p> - -<p>„Wahrhaftig, ich glaub', du fngst an, bei mir noch -Gemtsstudien zu machen? Auf deine Ruber- und -Brenmanier! Das la mal besser sein!” schalt sie. -„Da verschieb' ich mein Gestndnis lieber. Wir mssen -sowieso fort. Zu Hammanns. Sie erwarten uns um -neun. Ich mach' mich zurecht!” Sie glitt aus dem Zimmer.</p> - -<p>Perthes stand einen Augenblick unschlssig, migelaunt. -Er hatte keine Lust, heute unter fremde Menschen -zu gehen. Also Vater Richthoff war gestorben. Und -er hatte, ausgemacht heute, seine Erinnerung mit diesem -Bekenntnisse — — Warum nicht? Das war der echte -Perthes! Gewi! Und der echte Perthes ging in sein -Ankleidekabinett, um sich fr Hammanns umzukleiden ...</p> - -<p>Die Bedingungen, die Exzellenz Hupfeld seinerzeit -Perthes als Gegenleistung fr seine Ernennung zum -ersten Assistenten auferlegt hatte, konnte er als Schwiegervater -nicht in ihrer vollen Strenge durchsetzen. So erklrte -er sich denn auch damit einverstanden, da Perthes -sich habilitieren sollte. Die wissenschaftlichen Arbeiten, -die dem Eintritt in den Lehrkrper der <span class="antiqua">Alma mater</span> notwendig -vorausgehen muten, nahmen im Lauf des -Frhjahrs mehr und mehr auch seine kurze Freiheit in<span class="pagenum"><a name="Page_353" id="Page_353">[S. 353]</a></span> -Anspruch. Er mute sich zunchst aus dem gesellschaftlichen -Strudel etwas zurckziehen. Fr seine Person -wurde ihm dies dadurch erleichtert, da er sich von dem -ewigen Hin und Her nachgerade ein wenig ermdet und -bersttigt fhlte. Und dann machten ihm die unverhltnismig -hohen Ausgaben, die dies anspruchsvolle -Leben verursachte, neuerdings manchmal Sorgen, und -er ergriff gern die Gelegenheit, sie durch seinen unaufflligen -Rckzug mglicherweise einzuschrnken.</p> - -<p>Er hatte sich vorgenommen, Alice von solchen Sorgen -nichts mitzuteilen.</p> - -<p>Bei sich dachte er, wenn er selber den allzuhohen Anforderungen -der Geselligkeit auszuweichen begnne — -seine wissenschaftlichen Grnde dafr schien sie zu wrdigen -—, wrde auch sie allmhlich ganz naturgem -nicht mehr soviel ausgehen wollen.</p> - -<p>Doch darin hatte er sich getuscht.</p> - -<p>Alice fand es riesig nett, sich auf eigene Faust zu amsieren. -Sie dachte nie daran, von ihren Passionen und -Unterhaltungen, von all den Ansprchen ihres verwhnten -Mdchenlebens in der Ehe auch nur das Geringste entbehren -zu sollen. Im Gegenteil. Jetzt, wo sie nach -der Verheiratung ihr eigener Herr war, wollte sie ihre -Ungebundenheit erst recht genieen. In ihrem Elternhaus -hatte es kaum einen Wunsch gegeben, den sie sich -zu versagen brauchte. Davon konnte auch jetzt keine Rede -sein. Was aber den Reiz gegen frher erhhte, war, -da jetzt neue Bedrfnisse ihrem Belieben unterstellt -waren. Eine Hausfrau im gewhnlichen Sinn zu sein, -dazu fehlte ihr Lust und Talent. Aber Auftrge zu geben, -ins Blaue hinein zu verfgen und zu befehlen, besonders<span class="pagenum"><a name="Page_354" id="Page_354">[S. 354]</a></span> -aber zu kaufen, machte ihr einen Hauptspa. Ihre Ausstattung -an Gegenstnden der Einrichtung, der Wirtschaft, -an Toiletten und Kleidungsstcken jeder Art war mehr -als reichlich. Und doch nicht reichlich genug, um vor den -unerschpflichen Einfllen ihrer Laune zu bestehen.</p> - -<p>Unter dem Patronat der Grfin Hningen vollzog -sich im Kreis der modernen akademischen Gesellschaft -jener stoweise Wandel von Liebhabereien und Modetorheiten, -der jedem Monat seinen neuen Heiligen gab. -Mitunter handelte es sich um harmlose Dinge: man bekam -fr einige Wochen den musikalischen Koller, der kein -Konzert vorberlie, die Tees, die Soireen, die ganze -Unterhaltung musikalisch verseuchte. Dann mute man -pltzlich Vorlesungen besuchen: es war einfach Anstandssache, -Kunstgeschichte, diese Erbdomne aller Dilettanten, -zu treiben oder Literatur bei einem pltzlich zum Stern -erster Ordnung erklrten jungen Professor zu hren.</p> - -<p>Doch bei solchen geistigen Anfllen, die Alice nur aus -Mode und nicht aus irgendwelchem Interesse mitmachte, -blieb es nicht. Man schwrmte serienweise fr bestimmte -kostspielige Stoffe, fr echte Spitzen, fr Kopenhagener -Porzellan, fr eigenartige Intarsien, fr Seltenheiten und -Reformen jeder Art in Toilette und Haus, die die Kauflust -wie ein Fieber erregten.</p> - -<p>Perthes, den eine gute Weile seine Verliebtheit blind -machte, drckte auch spterhin, solang' es irgend ging, -seine Augen standhaft zu. Da Alice mit ihrer Rente den -Haushalt zu einem guten Teil mitbestritt, war seine -Situation heikel. Wenigstens empfand er sie so, mit -der Zartheit eines vornehm denkenden Menschen. Er -redete sich auch ein oder glaubte wirklich, diese Kaufwut<span class="pagenum"><a name="Page_355" id="Page_355">[S. 355]</a></span> -werde sich abschwchen und von selber eindmmen. Aber -als die Rechnungen sich mehrten und es sich nicht mehr -um Summen handelte, die sich nebenbei begleichen lieen, -ohne da man die Posten besah, aus denen sie sich zusammensetzten, -wurde er aufmerksamer und kritischer. -Mit dem Schrecken des Mannes, der sich nie viel um Geld -gekmmert, aber durch seine Herkunft und Erziehung, -ohne sich dessen genau bewut zu sein, gewisse solide Mastbe -ererbt hat, gewahrte er Zahlen, die sein Verstndnis -berstiegen. Es war ihm unverstndlich, wie ein paar -Schuhe vierzig Mark, ein Hut neunzig Mark, ein spitzenbesetztes -Hemd sechzig Mark sollte kosten mssen und -knnen. Naiv, wie seine Erfahrung war, meinte er, es -mten da Miverstndnisse, Irrtmer, Beutelschneidereien -mitunterlaufen, denen seine kleine Frau unschuldig -zum Opfer fiel.</p> - -<p>Er wagte bei der nchsten Gelegenheit — es handelte -sich um einen fr seine Begriffe unerhrt teuren Abendmantel -—, Alice zu befragen.</p> - -<p>„Aber Mnni — davon verstehst du nichts! Ich finde -den Mantel billig!” erklrte sie achselzuckend. Sie hatte, -wie sie erzhlte, sich sogar einen besseren „verkniffen” und -war ordentlich stolz auf diese Einschrnkung.</p> - -<p>Perthes verstummte. Er war verblfft. Hartnckig -bewahrte er noch einige Monate den guten Glauben, -da da etwas nicht mit rechten Dingen zugehe. Er htte -sich gern bei irgendeiner Dame Aufklrung geholt, ob -das so sein msse, aber er frchtete, sich lcherlich zu -machen. Schlielich war er gezwungen, sich ber die -Folgen, die eine solche Lebenshaltung haben mute, doch -ernstlich zu besinnen. Er rechnete die steigenden Ausgaben<span class="pagenum"><a name="Page_356" id="Page_356">[S. 356]</a></span> -gegen die Einnahmen und kam zu einem vernichtenden -Resultat.</p> - -<p>Nun blieb nichts anderes brig: er mute mit seiner -Frau sich aussprechen.</p> - -<p>Die Sache wurde durch einen besonderen Umstand -noch schwerer, als er sie schon an sich nahm. Alice sah fr -den Herbst einem frohen Ereignis entgegen. Als sie -ihm ziemlich spt und ziemlich beilufig davon Kenntnis -gab, hatte ihn die Nachricht ergriffen. Sie selbst war so -wenig feierlich gestimmt, steckte so in ihrem tglichen -Trubel, da sie fr seine gefhlvolle Auffassung nicht -Zeit hatte. Gleichwohl behandelte er sie von da an mit -doppelter Rcksicht. Deshalb kam ihm diese Auseinandersetzung -ber Geldfragen so ungelegen wie mglich. Er -nahm sich vor, sie aufs schonendste einzuleiten.</p> - -<p>Noch im Lauf des Sommers, kurz vor den groen -Ferien, kam ihm die Gelegenheit entgegen.</p> - -<p>Von der Klinik zurckkehrend, betrat er ihr Zimmer, -das neben dem Speisezimmer mit allem erdenklichen Geschmack -und Komfort ein kleines, von Mama Hupfeld -ausgestattetes Reich fr sich bildete. Er wollte Alice begren, -die er dort vermutete. Unter der Portiere blieb -er verdutzt stehen. Es war da in dem zierlichen Raum eine -wahre Ausstellung erffnet. Die verschiedensten Handarbeiten, -als da waren Knpfteppiche, Sofakissen, Tischlufer, -Decken und Deckchen mit Mustern jeden Stils -und auf Stoffen jeder Art, bedeckten den Diwan, die Sthle, -den Tisch. Ein halboffener Riesenpacken mit verwandtem -Inhalt lag auf dem Boden. Daneben sa Alice, mit -dem Aufschnren eines zweiten, kleineren Pakets beschftigt. -Das heit, sie suchte die Schnur aufzureien.<span class="pagenum"><a name="Page_357" id="Page_357">[S. 357]</a></span> -Als das nicht ging, probierte sie es mit den Zhnen. -Und in dem Moment, als Perthes sich bemerkbar machte, -hatte sie eben wohl oder bel aufstehen wollen, um die -Schere zu holen.</p> - -<p>„Du denkst wohl, ich will hier einen Kramladen aufmachen?” -lachte sie belustigt.</p> - -<p>„Es sieht beinahe so aus,” erwiderte er mit einem verwunderten -Blick auf dies Warenlager.</p> - -<p>„Ach gib mir mal die Schere.” Sie deutete nach ihrem -Schreibtisch. „Alles fr den Bazar im November,” erklrte -sie, whrend er ihr die Schere reichte.</p> - -<p>„Fr welchen Bazar?”</p> - -<p>„Na — ich erzhlte dir doch schon immerzu davon. -Wir machen ein Wohlttigkeitsfest. Ich glaube fr Suglinge -oder Seemnner oder so was. Eine feudale Sache -jedenfalls. Ich bin mit im Komitee. Die Grfin ist -Vorsitzende. Ich habe mich entschlossen, eine Handarbeitsbude -zu bernehmen. Dafr kauf' ich eben ein!”</p> - -<p>„Aber Kind, du willst doch die Arbeiten nicht alle -kaufen, wie sie hier sind?”</p> - -<p>„So ziemlich!”</p> - -<p>„Und dann willst du sie selber —”</p> - -<p>„Du — das ist ja eben der Trick! — Ich mache an jedem -ein paar Stiche. Wenigstens an manchen. Das brige -gebe ich fort. Nachher mach' ich aller Welt wei, jedes -Stck und jeder Stich sei von mir. Die Leute werden's -nicht glauben, aber sie werden sich drum reien! Ach -— und dann, du glaubst nicht, was wir fr berraschungen -vorhaben. Das wird keine so abgeleierte, gewhnliche -Wohlttigkeitsschnurrerei! Werden uns hten!” Und -nun entwickelte sie, immer auf dem Boden sitzend, den<span class="pagenum"><a name="Page_358" id="Page_358">[S. 358]</a></span> -Festplan in der skizzenhaften, schnoddrigen Form, in der -sie stets ihre lngeren Erklrungen abgab, berall dort, wo -ihr nicht gleich das Wort einfiel, sich mit „so'n Dingsda!” behelfend. -Perthes htte ein Zeichendeuter sein mssen, wenn -er diese Kette von „Dingsda” sich htte auslegen knnen.</p> - -<p>Doch darauf verzichtete er von vornherein. Er nahm -seine Geduld zusammen und hrte scheinbar aufmerksam zu.</p> - -<p>„Du vergit, Alli”, begann er dann vorsichtig, „da -dein Zustand dir vielleicht, ja wahrscheinlich gar nicht erlaubt -—”</p> - -<p>„Na, hre! Ich werde doch nicht jetzt schon anfangen, -mich zu kasteien.” warf sie dazwischen.</p> - -<p>„Das will ich nicht sagen. Aber dem Umtrieb der -Vorbereitungen wirst du nachher nicht gewachsen sein. -Und berdies: wer wei, ob du im November schon wieder -dabei sein kannst?”</p> - -<p>„Das fehlte gerade!” sie sah mimutig zu ihm auf. -„Weit du, dann pfeif' ich aber auf das ganze Kindervergngen, -wenn —” Sie vollendete den Satz nicht. -Perthes hatte unwillig die Stirn gerunzelt. „Das fehlte -gerade!” setzte sie nochmals wegwerfend hinzu. Sie war -auer sich bei dem Gedanken, durch diese dumme Strung -knnte ihr Vergngen beeintrchtigt werden.</p> - -<p>Perthes kannte Alice zur Genge, um ihre Gefhle -an ihren Grimassen abzusehen. Ihre Frivolitt verletzte -ihn. Sie bestimmte ihn, den Augenblick nicht vorbeigehen -zu lassen, ohne die immer wieder verschobene Aussprache -herbeizufhren. Er machte sich einen Stuhl frei und zog -ihn in ihre Nhe.</p> - -<p>„Ich mchte gern mal ein ernstes Wort mit dir sprechen, -Kind!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359">[S. 359]</a></span> - -„Noch ernster?” Es zuckte sehr wenig ernst um ihren -Mund.</p> - -<p>„So leid es mir tut — sei mir nicht bse und miversteh' -mich nicht — ich mu dir das aber sagen: du solltest deine -Kauflust ein klein wenig einschrnken!”</p> - -<p>„Ich — meine Kauflust? Und wieso?”</p> - -<p>„Wir mssen mehr haushalten, Liebling. Ich habe -gerechnet und —”</p> - -<p>„Um Gottes willen tu nur das nicht! Rechnen!” stie -sie mit einem komischen, aber ganz ehrlichen Schaudern -hervor.</p> - -<p>„Ich verlange es ja nicht von dir,” meinte er mit -gutmtigem Lcheln. „Aber ich mu das wohl. Schulden -machen ist nicht mein Fall. Und so, wie der Hase jetzt -luft, kann er nicht weiter.” Er bemhte sich nun, ihr so -ruhig und klar wie nur mglich, so schonend, als er nur -konnte, einen Begriff von den Miverhltnissen ihrer Einnahmen -und Ausgaben zu geben. Ohne alle berflssigen -Einzelheiten. Sehr sachlich und berzeugend.</p> - -<p>Anfangs hrte sie zu. Nachher nahm sie neue Muster -aus den Paketen und lie sie durch ihre Finger gleiten. -Als er fertig war, sagte sie auerordentlich gelassen, ohne -auch nur aufzusehen: „Mnni — weit du — eigentlich -brauchtest du damit doch mich nicht behelligen!”</p> - -<p>„Aber wen denn sonst?” gab er, sich beherrschend, -zurck.</p> - -<p>„Sprich doch einfach mit Papa. Der ist fr so was da. -Der soll seinen groen Beutel 'n bichen weiter aufmachen. -<span class="antiqua">Voil tout!</span>” Sie sagte das so khl und sicher, -als gbe es keine selbstverstndlichere Sache.</p> - -<p>Perthes war von seinem Stuhl aufgesprungen. Er<span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360">[S. 360]</a></span> -fhlte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. Um ruhig zu -bleiben, machte er ein paar Schritte. Beim Fenster -drehte er sich um.</p> - -<p>„Davon kann keine Rede sein. Eben das will ich um -jeden Preis vermeiden. Nicht einen Pfennig weiter -nehme ich von deinem Vater an!” Seine Worte lauteten -sehr bestimmt. Es klang eine unbeabsichtigte Schrfe -durch. Um sie gut zu machen, meinte er: „Das mut du -brigens selbst einsehen!”</p> - -<p>Alice schwieg eine Weile. Sie legte ihre Muster langsam -beiseite. Dann schob sie ihre feinen, schmalen Hnde -im Scho ineinander und blickte ihn von unten nach oben, -mit dem malitisen Blick ihrer Mdchentage an.</p> - -<p>„Das versteh' ich nicht. Verzeih — aber das wre ja -unglaublich philistrs gedacht!”</p> - -<p>„Philistrs, beste Alli,” — er reckte sich nervs — -„philistrs ist ein Wort, mit dem eine gewisse junge Dame -etwas vorsichtiger sein sollte! Es ist sehr bequem, all das -philistrs zu nennen, was einem nicht in den Kram pat!”</p> - -<p>„Oho, Mnni!”</p> - -<p>„Mein Standpunkt ist ehrenhaft, weiter nichts. Ich -erwarte, da du ihn wrdigst. Und ich bitte dich —” -er suchte von neuem seinen schroffen Ton, der sich ihm ungewollt -gab, zu mildern und steckte die Hnde, die zu lebhaften -Bewegungen ausgeholt hatten, krampfhaft in die -Taschen seines Jacketts. „Ich bitte dich, dich danach einzurichten. -Ich verlange von dir nichts Auergewhnliches. -Nur ein bichen Migung und Beschrnkung. Du wirst -das mir zu lieb tun!”</p> - -<p>Sie antwortete nichts. Sie legte den Kopf im Nacken -zurck und ttschelte ihre krausen, rotblonden Haare. Dann<span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361">[S. 361]</a></span> -verschlang sie die Hnde hinter sich und dehnte sich. Sie -unterdrckte ein Ghnen.</p> - -<p>Perthes war emprt ber ihr Gebahren. Er fhlte, -wie die Kraft, sich zu beherrschen, ihn verlie. Um nicht -loszubrechen, ging er aus dem Zimmer.</p> - -<p>Alice sah ihm verwundert nach. Sie pfiff leise vor sich -hin, whrend sie in der Auswahl ihres Musterlagers fortfuhr. -Die Geschichte an sich imponierte ihr gar nicht. Sie -hatte sie auch schon wieder halb vergessen. Aber sie -glaubte heute eine leidige Entdeckung erneuert zu haben: -der Philister in ihm — den sie als Mdchen schon gewittert, -aber nun gebannt glaubte — dieser Philister hatte hinter -ihm hervorgelugt! Das war hlich! Das degoutierte -sie! Dafr wrde sie sich bedanken!</p> - -<p>Und ihre spitze, feine Zunge zngelte ganz zufllig -zwischen den Lippen hervor und streckte sich einen Augenblick -wegwerfend in einer nicht zu mideutenden Richtung -...</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c16" id="c16">16</a></h2> - - -<p>Die Katastrophe, die zweite, die innerhalb weniger -Wochen das Haus am Wenzelsberg berfallen hatte, war -so pltzlich hereingebrochen, so ohne alles Vorwissen und -Vorbereitetsein, da das Leid der Schwestern mit jedem -Tag, da sie sich seiner Gre und seines Umfanges bewuter -wurden, immer weiter zu wachsen schien. Wie ein Orkan -war der Tod mit seinem Gefolge von Anstrengungen und -Aufregungen ber sie hingefahren und hatte sie betubt; -jetzt meinten sie, die Wucht der Erkenntnis msse sie mit -der doppelten Wucht des Schmerzes ganz zerbrechen.</p> - -<p>Es verging keine Stunde, ohne da der alte Herr, so<span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362">[S. 362]</a></span> -gut in seinem Grimm, so mnnlich in seiner rauhen Selbstwehr -eines feinempfindenden Herzens, so humorvoll in -seiner gestrengen Paschawrde, fr jeden und jedes fehlte. -Wie hatte sich's unter der Hut seines geraden, freien -Geistes so sicher gelebt! Wie hatte seine Bedeutung als -hervorragender Gelehrter auch durch die kleinen Schrullen -des Alltags unter scheinbaren Schwchen und Willkrlichkeiten -durchgeschimmert. Seine Allgegenwart hatte -das Haus erfllt und gewrmt, auch wenn er abseits im -zettelreichen, bcherverbauten Schreibtischwinkel sa und -nur fr seine rmischen Kaiser zu sprechen war. Was -htte Elli darum gegeben, wenn er sie zur Antwort auf -eine vorwitzige Frage, mit der sie bei ihm eindrang, aus -seiner Stube htte werfen knnen! Wie gern htte Marga -sich hart anfassen lassen, wenn er meinte, ihr Gemt -sthlen zu mssen — er, der der Gtigste und Besorgteste -war, so oft das Leben sie hart anfate! Und Kthe, wie -willkommen wre es ihr gewesen, ein pltzliches „Blaustrumpf!” -an den Kopf zu bekommen! All das — und -sein Schneckenmordgang im Weinberg, die Sprechstundenwacht -auf der obersten Treppe, der gefhrliche Kaffeeturnus -am Nachmittag, all das und tausend anderes war -vorbei. Vorbei mit jenem „nie wieder!” dahinter, das -so grausam und unerbittlich nur der Tod sprechen kann.</p> - -<p>Elli, die sonst so schnell ihre Trnen weglachen konnte, -war die Verzweifeltste. Die Hrte des Lebens war diesmal -zu nah und unmittelbar an ihre frohe Kindlichkeit -herangetreten. Auch Kthe, die besonnene Kthe, erholte -sich nur mhsam. Marga und Bertelsdorf, die die Not -zu einer seltsamen und nicht sehr innerlichen Trostgenossenschaft -zusammenfhrte, muten im Verein mit dem unermdlichen<span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363">[S. 363]</a></span> -Wilmanns alles aufbieten, um die beiden aufzurtteln -und aufzurichten.</p> - -<p>Die Wirklichkeit, wie sie nun einmal war, verlangte -nur zu bald ein lebenstchtiges Wollen und Entschlieen.</p> - -<p>Vater Richthoff war ein trefflicher Mensch und Forscher, -aber kein groer Haushalter gewesen. Ein Vermgen -hatte er nicht hinterlassen knnen. Das Haus war -mit Hypotheken belastet. Eine kleine Lebensversicherung -gab hchstens die Mittel fr die nchste Zeit.</p> - -<p>Schonend legte Wilmanns nach Ordnung des geschftlichen -Nachlasses den Geschwistern ihre Lage dar. Fr -Kthe war gesorgt. Bertelsdorf war wohlhabend. Obwohl -er seine Verbindung mit Kthe nicht zuletzt auch nach -akademischen Vorteilen berechnet hatte, war er doch zu -anstndig, um nicht seinen Mann zu stellen: die Hochzeit -sollte, sobald es irgend anging, in aller Stille erfolgen.</p> - -<p>Aber Marga und Elli?</p> - -<p>Wilkens, der sich auch in diesen schweren Tagen brav -wie immer benahm, stand tatschlich vor seinem Staatsexamen. -Den Doktor hatte er glcklich hinter sich. Aber -auf Jahre hinaus konnte er noch nicht daran denken, ein -Heim zu grnden. Fr Marga stand fest, da Elli und -sie sich, womglich Seite an Seite, eine wenn auch noch -so bescheidene Existenz schaffen mten. Sie, die Blinde, -deren Zukunft den Freunden am trbsten und aussichtslosesten -vor den sorgenden Augen gestanden, war von -vornherein fest entschlossen, niemand im Weg zu sein, -sondern mit der alten Tapferkeit und Klarheit das Leben -anzugreifen und ihm ein Stckchen Unabhngigkeit abzugewinnen. -An ihrem Mut rankte sich auch Elli empor.</p> - -<p>Es war nicht leicht, ja es schien beinahe unmglich,<span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364">[S. 364]</a></span> -etwas zu entdecken, das den beiden eine auskmmliche -Zuflucht bot.</p> - -<p>Hundert Plne wurden ausgedacht und wieder verworfen. -Immer scheiterte die Mglichkeit der Ausfhrung -an einem neuen Hindernis: sei es, da die Ausbildung -zu einem bestimmten Beruf unumgnglich ntig war, -da andere materielle Vorbedingungen sich nicht erfllen -lieen oder da wohl die eine, aber nicht die andere Schwester -ihre Unterkunft finden konnte.</p> - -<p>Eines Abends vor dem Schlafengehen — es waren -schon Wochen vergangen, Kthes Hochzeit und die Trennung -von ihr standen dicht bevor, das Haus war zum -Verkauf ausgeschrieben — erklrte Elli mit einem komischen -Stoseufzer, der die Rckkehr ihres Frohsinns ankndigte: -„Nchstens werden wir fr uns eine ‚Kleinkinderbewahranstalt‛ -suchen mssen!”</p> - -<p>„Warum fr uns?” meinte Marga ernsthaft. „Wir -knnten ja —” sie stockte und berlegte.</p> - -<p>„Was knnten wir?” forschte Elli.</p> - -<p>„Nun, ich dachte — aber es wird auch nicht gehen — -wenn wir einen Kindergarten grndeten!” Sie mute -selber ber diese Idee lachen, und Elli stimmte ein. Sie -spannen das Unmgliche weiter, und es sah auf einmal -gar nicht so unmglich aus. Elli fing Feuer. Noch vor -Mitternacht hatte ihr Optimismus ein fertiges Projekt. -Vielleicht war ihm kein besseres Los beschieden als vielen -anderen. Wahrscheinlich wrde es im Frhlicht des nchsten -Tages schon nichtig erscheinen. Aber fr jetzt konnte man -neuen Mut daraus schpfen. Und es schlief sich so gut -darber ein ...</p> - -<p>Es stellte sich heraus, da das Kindergartenprojekt sich<span class="pagenum"><a name="Page_365" id="Page_365">[S. 365]</a></span> -bei Tag immer noch sehen lassen konnte. Wenn auch von -der Idee zur Wirklichkeit der Weg weit war, Marga und -Elli beschlossen doch, diesen ihnen vom Zufall geschenkten -Plan weiter zu verfolgen. Da ergab es sich freilich schnell, -da sie allein nicht zum Ziel kommen konnten. Obwohl -einfach und huslich erzogen oder besser durch gesunde -Anlagen geworden, waren sie doch als zwei Geheimratstchter -nicht vorbereitet, sich mit unmittelbaren und harten -Notwendigkeiten praktisch auseinanderzusetzen. Zum Glck -war unter den Freunden des Vaters eine Dame, die nicht -nur mit dem guten Ton der Gesellschaft, sondern auch -mit sozialen Verhltnissen Bescheid wute. Nicht aus -Sport, wie die Grfin Hningen, aber aus dem Bedrfnis -eines liebevollen Herzens und eines geraden Sinnes. Auch -nicht aus irgendeiner wohlfeilen sozialen Theorie heraus, -sondern weil fr sie das Soziale sich ebenso von selbst -verstand, wie es das Moralische soll. Es war dies die -majesttische Frau Geheimrat Achenbach mit ihren silberweien -Scheiteln und dem Krckstock, die besondere Freundin -Borngrbers. Professor Wilmanns erzhlte ihr gelegentlich -ziemlich skeptisch von dem Gedanken seiner -Schtzlinge. Sie lud Marga und Elli zu sich ein. Zuerst -nahm sie den beiden alle Illusionen und machte sie rechtschaffen -kleinmtig. Weil man nun einmal, wie sie berzeugt -war, ein Haus nicht von oben herunter aus der -Idee, sondern von unten herauf aus der Praxis bauen -mute. Dann aber, als die Schwestern dachten, sie wrden -also auch auf diesen Plan verzichten mssen, weil keine -die ntigen Vorkenntnisse, die Ausbildung, keine die Erfahrung -und Umsicht besa, deren es bedurfte, versprach -Frau Achenbach, sich der Sache anzunehmen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_366" id="Page_366">[S. 366]</a></span> - -Und sie hielt Wort.</p> - -<p>Freilich sollte es fast ein Jahr dauern, ehe man zum -Plan die feste Gestalt sah.</p> - -<p>Da gab es zunchst fr Ellis Ungestm eine harte Probe. -Durch Vermittlung von Frau Achenbach fand sich fr sie -in einer benachbarten kleinen Stadt ein Unterschlupf als -Volontrin in einem groen Erziehungsheim, dem ein -Kindergarten angegliedert war. Zu ihrem und Margas -Schmerz muten sie sich fr eine bis dahin unerhrte Zeit -trennen. Was sollte so lange aus Marga werden?</p> - -<p>Das Haus, das alte Haus am Wenzelsberg, war verkauft -worden. Ein kleiner berschu, zusammen mit der -mageren Versicherungssumme, auf deren eines Drittel -Kthe zugunsten der Schwestern verzichtete, konnte fr -zwei bis drei Jahre zum Unterhalt ausreichen. Bertelsdorf -hatte das Glck, einen Ruf als Extraordinarius an -eine technische Hochschule in Mitteldeutschland zu erhalten. -Er zog mit seiner Frau — die stille Hochzeit wurde im -Juni gefeiert — nach herzlichem Abschied noch im Lauf -des Sommers davon. Elli sollte ihre Volontrstelle als -Kindergrtnerin demnchst antreten. Marga mute fr -sich einen Ausweg finden und fand ihn: Onkel Thiele auf -Gstow in Pommern hatte zwar nicht zur Beerdigung -seines Stiefbruders kommen knnen, aber brieflich jede -Hilfe angeboten, zu der sein Herz und sein Geldbeutel, -die in ihrer Weite zueinander im umgekehrten Verhltnis -standen, fhig wre. Marga nahm die Hilfe fr sich an. -Elli brachte sie nach Pommern.</p> - -<p>Die Reise wurde zwar ganz anders, als sie einst vor -Ellis blhender Phantasie gestanden hatte. Aber schn -war sie doch. Unterwegs begrte man Wilkens, der<span class="pagenum"><a name="Page_367" id="Page_367">[S. 367]</a></span> -in einem schsischen Nest eine erste Hilfslehrerstelle gefunden -und angenommen hatte. Schwermtig war er -noch immer nicht geworden. Dagegen gab ihm der Stolz, -sein Examen gemacht zu haben, eine gewisse breite Manneswrde. -In Berlin gab es zwar keinen ungemessenen Vergngungstaumel, -wie Ellis Feuerwerk ihn einst vorgezaubert. -Aber bei dem schon frher in Anspruch genommenen -Kollegen Richthoffs war man einige Tage gut aufgehoben -und sah von der „Weltstadt” genug, um die schaudernde -Andacht nicht nur nicht enttuscht, sondern erhht zu sehen. -Und der Empfang in Gstow war einfach urgemtlich: -die sechs bis acht haferblonden, quicken Cousinen, die brave, -beleibte Mama Thiele, der Onkel mit seinem verwitterten, -jovialen, rostbraunen Landmannsgesicht unter dem grnen -Hut mit der Spielhahnfeder, alle waren an der Bimmelbahn, -freuten sich „doll” und fhrten Elli und Marga im -besten Wagen nach Gut Gstow. Sie taten dort, was -in ihren Krften stand, um die beiden schnell bei sich heimisch -zu machen. Als Elli sich nach zehn Tagen verabschiedete, -war es mit einem weinenden und einem lachenden -Auge. Ganz ernst konnte man von Thieles nicht fortfahren, -sogar wenn es Marga zu verlassen galt.</p> - -<p>Und Margas mutiger, klarer Sinn fand sich in der -neuen Umgebung bald zurecht. Die schlichten Menschen -in dem altvterischen Herrenhaus mit ihrer unverwstlichen -Jugend, ihrer unermdlichen Lust an der Arbeit und am -harmlosesten Vergngen, der Gutshof mit seinem mannigfaltigen -Wirtschaftsbetrieb, die weiten, kornduftenden Felder, -der schattige Garten und der einsame Kiefernwald — -das war eine in sich ruhende, natrliche Welt, die ihr wohltuend -entgegenkam. Ihre Seele tat das ihre, um sie, wo<span class="pagenum"><a name="Page_368" id="Page_368">[S. 368]</a></span> -und wie es nur immer ihr Zustand erlaubte, in sich aufzunehmen. -Neue Eindrcke und neue Empfindungen legten -sich schtzend und klrend zwischen sie und ihr frheres -Leben im Haus am Wenzelsberg.</p> - -<p>Sie wollte aber nicht nur feiern und sich pflegen. -Unter den Cousinen Nummer sechs bis acht waren zwei -gerade im rechten Alter, da Margas Kinderfreude an -ihnen sich ben und ausbilden konnte. Aus sich heraus -schuf sie sich eine praktische Methode und praktische Kenntnisse, -die berufsmig zu lernen ihr versagt war. -Die Bilder, die ihr inneres Schauen mit seltenem Reichtum -und frischer Anschaulichkeit ihr gab, hatte sie frher -ngstlich fast nur sich vorbehalten. Jetzt im Umgang -mit Stffy und Illi Thiele berwand sie alle Scheu. Die -Kinder gaben ihr wie von selbst die Fhigkeit, sich mitzuteilen, -das Geschaute in eine faliche Form hinberzuleiten, -zu erzhlen und zu fabulieren. Sie mute ein -Stck ihrer inneren Schwere opfern. Aber sie empfing -dafr nicht nur eine grere Beweglichkeit des Gemts, -sondern ein echtes und gerechtes Gegengeschenk. Langsam -und unmerklich fast. Der Humor, der sich frher, -trotz Ellis Beispiel und trotz Vater Richthoffs grimmkrftigen -Anlagen dazu, bei ihr nur sprlich hatte sein -Recht verschaffen knnen — jetzt entwickelte er sich und -streifte ab, was die frheren Mdchenjahre unter der -Wirkung ihres Leidens an berernst und zu tiefer -Empfindsamkeit angesetzt hatten. Das war die berraschung, -die die neue Seele in sich trug. Und nicht -nur ein Nebenbei, eine zufllige Mitgabe war das: es -wurde, wenn sie es recht verstand, die beste Bedingung -fr ihr neues Leben. Waffe, Wrze und Kraft, nicht nur<span class="pagenum"><a name="Page_369" id="Page_369">[S. 369]</a></span> -wieder zu werden, was sie gewesen, sondern mehr. Marga -verstand es recht. Sie lie das Lachen aus Kindermund, -bald das lautschallende, bald das leis vertrumte, hinberklingen -in sich. Es war wieder die groe Stille, die in ihr -anhub, ihr Wesen durchdrang und durchleuchtete. Aber -um einen Grundton reicher, reifer, lebenstchtiger — um -einen hellen, leichten, lachenden Ton.</p> - -<p>Erst um Weihnachten, spter als beide gedacht, sahen -sich Marga und Elli in Kthes jungem Heim wieder.</p> - -<p>Voll weher Erinnerungen, aber auch voll froher Zuversicht -ging's ins neue Jahr hinber.</p> - -<p>Als die beiden in ihre Universittsstadt zurckkehrten -und bei Cousine Grasvogel Gastfreundschaft annehmen -muten, fanden sie zu ihrer Freude, da Frau Geheimrat -Achenbach nicht mig gewesen war. Sie hatte in einer -Gartenstrae — dort, wo die Altstadt in der Ebene verlief, -nicht zu fern vom Mittelpunkt, aber in freier, gesunder -Lage, ein nicht mehr neues, aber sauberes Huschen ermittelt, -das zur Miete ausgeschrieben war. Ein Vorgarten -mit Rosenstruchern davor, ein Grasgarten mit ein -paar Obstbumen dahinter, im Erdgescho drei groe -Zimmer und die Kche, oben unterm Giebel ein luftiger -Schlafraum — alles nicht groartig, aber zweckentsprechend -und freundlich. Besonders wenn erst das Frhjahr Bltter -und Blten darumrankte.</p> - -<p>Mit dankbarer Geschwindigkeit griffen Marga und Elli -zu. Der Rest ihres Kapitals sicherte ihnen fr die nchsten -zwei Jahre die Miete; er ermglichte auch die ntigen -Anschaffungen fr die „Schulstube”, die Frau Achenbach -schon ins Auge gefat hatte. Die Wohnrume, das Empfangs- -und Wohnzimmer neben der „Klasse” und das Schlafzimmer<span class="pagenum"><a name="Page_370" id="Page_370">[S. 370]</a></span> -lieen sich mit den Mbeln, die sie aus der Einrichtung -des vterlichen Hauses zurckbehalten, so vollstopfen, -„da sie vor Gemtlichkeit platzten”, wie Elli sich -ausdrckte.</p> - -<p>Dann kam der erste selige Tag hinter den eigenen -Scheiben. In den Zimmern, im Vorgarten, im Grasgarten -mute man zwei dutzendmal aus- und einlaufen, -bis man vor Mdigkeit fast umfiel. Hinterdrein ging das -Annoncieren los und das Besuchemachen. Es gab Enttuschungen. -Und gab eine nrrische Freude, als — auf -einen Tag, wie es das Glck immer macht — drei kleine -Leute auf einmal angemeldet wurden. Mit den von Frau -Achenbach schon Angeworbenen halte man jetzt acht, drei -Jungens, fnf Mdels, und konnte anfangen.</p> - -<p>Das war ein Montag, als das Huflein Grundstock -angezettelt kam.</p> - -<p>Erst ein strammer Bengel von fnf Jahren. Allein, -mit einem roten Russenkittel, blauen Hosen, einer Botanisiertrommel -und dem Finger in der Nase. Zwei flachsblonde -Prinzechen, Hand in Hand, die mit ihrer Mama -furchtbar tapfer die Strae daherzogen und, als besagte -Mama sie in der Schulstube zurcklie, pltzlich mrderisch -zu brllen anfingen. Weiter ein winziger, fast zu junger -Mann von vier Jahren, der sehr artig mit der Schwester -ankam, aber nur blieb, wenn er bis auf weiteres sein -Steckenpferd bei sich behalten konnte.</p> - -<p>Marga und Elli wollte es angst und bange werden vor -all den groen, fragenden Augen und den offenen Mulchen, -die bereit waren, zu lachen und zu weinen — in ein -und demselben Atemzug.</p> - -<p>Aber es ging viel besser, als es zuerst aussah.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_371" id="Page_371">[S. 371]</a></span> - -„Tante” Elli wute mit ihren strahlenden Augen Spiele -und Spe, da der Mann mit dem Gulchen sein Steckenro -vertrauensvoll beiseite legte und sich vor Vergngen -schttelte. Sie lehrte die kleinen Mdchen Papier flechten, -ganz allmhlich, beinahe heimtckisch, so da sie an kein -Fortgehen mehr dachten, und die Jungens, die lter waren -als der Steckenpferdmann, die Sache auch probieren wollten, -selbst wenn man dabei auf der Bank sitzen bleiben -mute. Und „Tante” Marga, die so merkwrdige Augen -hatte, da es einem erst ein bichen unheimlich wurde und -man nachher sie gerade deshalb streicheln mute — die -erzhlte Geschichten mit ihrer warmen Stimme: die Augen -mute man aufreien, als gelte es geradewegs in den -Himmel zu schauen, und den Mund konnte man nicht mehr -zusammenbringen, ehe sie zu Ende war. Man sang und -sprang, man purzelte und tanzte Ringelreihen im Grasgarten, -da nach sechs Wochen ein junger Herr erklrte, -es sei einfach verrckt, da man nicht immer da sei, und -zwei junge Damen, die erst nicht hatten bleiben wollen, -in Trnen schwammen, weil sie zum Mittag fortgeholt -wurden.</p> - -<p>Der Reigen wurde grer. Die Freunde, auch auer -Frau Achenbach, machten mchtige Propaganda. Professor -Wilmanns war untrstlich, da er sein Enkelbbchen -— den Jungen Heddis, die vor einem Jahr geheiratet -hatte — nicht schlankweg aus der Wochenstube zu den -Richthoffs bringen konnte. Dafr bearbeitete er seine -jngeren Kollegen mit einer fanatischen Beharrlichkeit, -bis sie nachgaben und ihren Nachwuchs schickten, oder, weil -sie es mit der Furcht bekamen, in einem stattlichen Bogen -um ihn herumgingen. Borngrber verbreitete an einem<span class="pagenum"><a name="Page_372" id="Page_372">[S. 372]</a></span> -Kegelabend die verleumderische Nachricht, Papa Wilmanns -htte in einer Vorlesung ber Homer, an Hektors Kinder -anknpfend, von dem Segen gesprochen, den eine Kleinkinderschule -in Troja htte stiften knnen. Der erboste -Wilmanns rchte sich. Er brandmarkte seinen lgnerischen -Kollegen, indem er ihm spte Heiratsabsichten andichtete, -die auch keinen anderen Beweggrund htten, als eine Frau -unglcklich zu machen, und ihm, Wilmanns, bei seinen -Schutzbefohlenen in der Bergfelderstrae mit Zwillingen -den Rang streitig zu machen. Das war nun auch nicht -wahr. Die Wahrheit war nur, da der Indologe Jakobus -Borngrber sich schmte, fr die Mdels des guten Richthoff -immer nur seinen guten Willen zu haben. Der Weg -von seiner oststlichen Wissenschaft zu einem modernen -Kindergarten war gar zu weit, und so ging er wenigstens -mitunter den nheren von seinem verwunschenen Haus in -der Uferstrae nach der Bergfelderstrae und schaute um -eine Ecke in den Grasgarten. Wenn er nicht gerade das -gesuchte Haus verwechselte, sondern sich zurechtfand, rollte -er die verwunderten Augen, heuchelte, stehenbleibend, ehrliche -Kinderliebe und schwenkte, wenn Elli ihn zufllig -entdeckte und ihm zunickte, verlegen den Hut.</p> - -<p>Natrlich blieben fr Marga und Elli auch jetzt die -Sorgen und Enttuschungen nicht aus. Sie muten es -sich oft rechtschaffen sauer werden lassen, und der alte -Herr hatte sich wohl auch fr die Zukunft seiner „Bande”, -sofern er sie je genau erwogen, etwas Besseres gewnscht. -Und doch: sie selbst fhlten sich zufrieden bei ihrem Beruf. -Wenn sie am Abend im Wohnzimmer, das tatschlich „vor -Gemtlichkeit platzte”, ihren Tee brauten, konnte man -Marga singen und Elli lachen hren. Es kam vor, da<span class="pagenum"><a name="Page_373" id="Page_373">[S. 373]</a></span> -nicht nur Elli Marga, sondern Marga Elli einen Bren -aufband. Sie entwickelte aus ihrer Erinnerung an Gstow -in Pommern unheimliche Geschichten von halsbrecherischen -Segelfahrten, schnen polnischen Schnittern und Schnitterinnen, -Jagdabenteuern, die Onkel Thiele bestanden — -ganze Romane, die Elli mit glubiger Neugier aufnahm, -bis sie mit Entrstung hinter den Trug kam. Sie blieb -bei nchster Gelegenheit mit rchendem Schabernack nicht -dahinten. Der Strom von Jugend und Frhlichkeit, der -zwischen ihren Herzen und denen der Kinder kreiste, nahm -immer wieder auch das Harte und Schwere mit sich oder -lste es zur Harmonie. Elli schwor, wenn sie auf Wilkens -warten mte, bis sie alt und grau wrde, wollte sie nicht -verlernen, Feuerrder durch die Luft surren und leuchten -zu lassen. Und Marga, die schwere Marga, lachte dazu -und breitete am Feierabend die Arme aus, der Sonne -zu, als wollte sie den Tag an sich raffen, das Licht aus -der Ferne und Nhe, von oben und unten. Sie schlang -die Hnde beglckt ber ihrem Kopf ineinander, so frei -fhlte sie sich, so still, so in sich selber und im Licht geborgen.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c17" id="c17">17</a></h2> - - -<p>Der erste „verheiratete Sommer” hatte sich fr Max -Perthes ziemlich einsam angelassen. Seine Schwiegereltern -waren seit dem Mai fast ununterbrochen wieder -auf Stift Nieburg. Auch Alice brachte dort viele Tage zu. -Er selber kam nur bisweilen an einem Sonntag fr ein -paar Stunden hinaus.</p> - -<p>Die Einsamkeit bekam seinen wissenschaftlichen Arbeiten -sehr gut. Er fand eine eigentmliche neue Befriedigung<span class="pagenum"><a name="Page_374" id="Page_374">[S. 374]</a></span> -in einer Ttigkeit, die seine praktische in der Klinik nach -der geistigen Seite ergnzte. Die Sehnsucht nach Stille, -die er so ganz verbannt und berwunden zu haben glaubte, -suchte, ohne da er es zugestanden htte, einen schchternen -Ausweg und entdeckte ihn in dieser gelehrten Neigung, -die er sich frher nicht zugetraut hatte. Fr seine Person -verzichtete er nach der Reise im Januar nicht ungern auf -den Sommerurlaub. Er verstndigte sich mit seinen Schwiegereltern -dahin, da Alice die Hochsommerwochen unter -ihrer Obhut in St. Blasien verbringen sollte. Sie selber -murrte anfangs ber den notwendigen Verzicht auf die -ihr so teure Bergfexerei. Zum Glck fand Perthes diesmal -bei Exzellenz Hupfeld eine nachhaltige Untersttzung -im Kampf gegen jede Unbesonnenheit. Exzellenz trumte -von goetheschen Enkelfreuden und wollte seine „wilde -Hummel” schon im Zaum halten.</p> - -<p>So blieb Perthes allein und verteilte sein gleichfrmiges -Leben zwischen der Klinik und dem behaglichen Herrenzimmer -seines Landhauses, wo er oft bis Mitternacht und -lnger bei der Schreibtischlampe sa. Nur selten ging er -spazieren. Gegen das Flutal aufwrts von Nieburg hatte -er seit dem Sommer des vergangenen Jahres eine scheue -Abneigung. Weiter hinein in die Berge oder hinaus in -die Ebene reichte die Zeit nicht. In die Stadt kam er, -auer auf dem Weg zur Klinik, so gut wie nie; und diesen -einzigen Stadtweg legte er meist in der Straenbahn -zurck.</p> - -<p>Wie ein Fremdling kam er sich schon vor, als er eines -Abends gelegentlich einen Gang durch die Hauptstrae -machte. Der Postbote hatte ihm am Morgen das Honorar -fr einen nebenbei geschriebenen Aufsatz in der „Medizinischen<span class="pagenum"><a name="Page_375" id="Page_375">[S. 375]</a></span> -Wochenschrift” gebracht. Er wollte es dazu verwenden, -um in aller Stille eine der groen Rechnungen -des letzten Vierteljahrs zu begleichen.</p> - -<p>In dem Modeladen, dem sein Gang galt — es war -das erste Sport- und Toilettengeschft der Stadt — erfuhr -er mit Befremden, da der Betrag schon beglichen sei. -Er wollte es nicht glauben und forschte weiter. Der Besitzer, -ein sehr hflicher, geschniegelter Herr, lie ihn das -Kontobuch einsehen. Es stellte sich heraus, da die Rechnung -fr Exzellenz berschrieben und vor ein paar Wochen -bezahlt war. Perthes zuckte die Achseln und murmelte -etwas von einem unverstndlichen Irrtum. Kaum konnte -er vor dem Inhaber, der ihn dienstfertig bis an die Tr -begleitete, Beschmung und Zorn verbergen.</p> - -<p>Der Gedanke, da ihm Alice hinterrcks diese Demtigung -zugefgt, schien ihm unfabar. Sein Stolz, den er -einst gezwungen, sich der bewuten Streberei zu unterwerfen, -hatte sich in die letzte Festung einer peinlichen -pekuniren Empfindlichkeit geworfen und machte einen -entrsteten Ausfall. Er war drauf und dran, an Hupfeld -einen erbitterten Brief zu schreiben, um solche Liebenswrdigkeiten -ein fr allemal abzulehnen, und die Summe -mitzuschicken. Nur die Rcksicht auf den Zustand seiner -Frau lie ihn dann doch davon absehen. Soviel stand ihm -indessen fest: es mute hier eine reinliche, prinzipielle -Klrung erfolgen. Aber er wollte warten, bis er keine Gefahr -mehr lief, ihr zu schaden. In seinem ganzen Leben -hatte er nicht so viel Selbstberwindung lernen und ben -mssen, als es ihn kostete, seine Entdeckung in sich hineinzuwrgen. -Die Arbeit wurde ihm fr mehrere Tage verdorben, -und es blieb auch nachher ein Stachel zurck, der<span class="pagenum"><a name="Page_376" id="Page_376">[S. 376]</a></span> -immer wieder in ihm bohrte. Er sah Alice vor sich mit -ihren irrlichthaften Augen, der ewig herausfordernden -Miene eines Gassenjungen, den tollen Sprngen des tollen -Mdels von einst. Hatte sie denn gar keinen Sinn fr -den Stolz des Mannes, der sich in ihm auflehnte gegen -eine unwrdige und malose Abhngigkeit? Verstand sie -nichts von der Erniedrigung, der sie ihn vor ihren Eltern -aussetzte? Die Frage tauchte wieder auf, die er seit dem -Frhjahr, seit jener Todesnachricht von Richthoff und seiner -freiwillig-unfreiwilligen Beichte ber Marga, mehr als -einmal hatte in sich zurckdrngen mssen: was wohnte -hinter den grnschimmernden, flackernden Augen, hinter -diesem alles zerspottenden Mund, hinter der khlen Stirn -unter den rtlich-krausen Haarwolken? Doch das war ja -Unsinn! Was suchte er denn? Das Rtsel war ja eben -der Reiz des Rtsels. Die Verliebtheit, noch immer mchtig -ber ihn, lehnte sich auf und stritt gegen das sinnlose Fragen. -Gewaltsam wie frher meinte er ber seine Skrupel Herr -werden zu sollen. Er vergnnte sich einen dummen Streich: -ber den nchsten Sonntag fuhr er nach St. Blasien.</p> - -<p>Es gab eine lustige berraschung, als er bei Hupfelds -im Kurhotel einbrach. Zwei Tage glcklicher Trunkenheit -folgten: er war Alices alter Ruberhauptmann und sie -sein entzckender Irrwisch.</p> - -<p>Nachher, zu Hause, fand er, da er trotzdem mit dem -Streit in sich so fertig nicht war, wie er gehofft. Die -Erinnerung an die zwei Taumeltage schwand. Die Erinnerung -an seine Demtigung blieb. Er mute ein Kompromi -schlieen, um den Streit loszuwerden. Das Kind -war es fortan — aber natrlich war es so — nur das -Kind, das Alice ganz zu dem machen sollte und mute,<span class="pagenum"><a name="Page_377" id="Page_377">[S. 377]</a></span> -was sie noch nicht war. Er verlangte ja gar nicht viel. -Nur ein Gran Verstndigkeit, ein halbes Lot Ernst. Der -mute kommen! Die Mutter mute in ihr erwachen und -sie auf die natrlichste Weise dazu fhren, seinen Stolz -zu verstehen, mit ihm ber diese wirtschaftlichen Dinge -einer Meinung und damit huslicher zu werden!</p> - -<p>Perthes baute eine vllig wolkenlose Zukunft auf das -Kind ihrer Liebe ...</p> - -<p>Der Herbst war da. Alice flog ihm wieder in die Arme. -So frisch und ungebrdig und fast so schlank wie immer. -Perthes selbst war mit seinem Schwager, Leutnant Moritz, -doch noch acht Tage in den Vogesen gewandert. Auch er -fhlte sich gestrkt und von Grillen befreit, voll Zuversicht -und Arbeitslust.</p> - -<p>Mit Semesteranfang begann das alte gesellschaftliche -Treiben.</p> - -<p>Die Grfin Hningen hatte aus Berlin, wo sie auf -der Hin- und Rckfahrt nach Borkum einen Monat haltgemacht, -neue Plne, neue Kaprizen mitgebracht. Aber -wie Perthes vorausgesehen, mute Alice sich einige Zurckhaltung -auferlegen. Ihre Beweglichkeit wurde eingeschrnkt, -ob sie wollte oder nicht. Bei sich triumphierte er, -es wrde alles so werden, wie er voraussah. Wenn sie -bisweilen ber die Strnge schlug, wenn sie aufbrauste, -weil er sie im Zgel hielt, und ihn offen einen „ekligen, -ollen Philister” schalt und die dumme Plackerei ihres Zustandes -verwnschte, so war er von einer unerschtterlichen -Geduld und Rcksichtnahme. Er sagte sich, da -das ganz in der Ordnung war. Bei ihr wie bei allen -Frauen; nur eben ihrer Eigenart entsprechend. Und er -bte sich in einer Zartheit, einer Beherrschung seines<span class="pagenum"><a name="Page_378" id="Page_378">[S. 378]</a></span> -Temperaments, die ihm niemand, am wenigsten er selbst -sich zugetraut htte.</p> - -<p>Gleich nach Mitte Oktober kam der groe Tag.</p> - -<p>Exzellenz Hupfelds Automobil hielt fast vom Morgen -bis zum Abend vor der Villa. Perthes hatte sich frei -gemacht. Der Ordinarius fr Gynkologie, ein Freund -des Geheimen Rats, war zugegen. Mama Hupfeld erhielt -durch ihren Diener halbstndigen Wetterbericht, denn -ihre furchtsame Erregbarkeit war fr Wochenstuben nicht -gemacht.</p> - -<p>Um sechs Uhr abends erblickte ein schreihlsiger junger -Perthes das Licht der Welt.</p> - -<p>Hupfeld, der Grovater, und Perthes, der Vater, -schttelten sich mit gerhrter Freude die Hnde. Alice -war schwach, aber auer jeder Gefahr. Als Perthes bei -ihr eintrat, mit Blumen und lachend besorgter Miene, -betrachtete sie eben verwundert das kleine Menschenbndel, -das ihr die Wrterin hinhielt. Sie lchelte bei seinem -Kommen.</p> - -<p>Er setzte sich neben sie und ergriff ihre rechte Hand, -um sie zu kssen.</p> - -<p>Nach einer Weile murmelte sie ein paar Worte.</p> - -<p>„Wie meinst du, Liebling?” Er beugte sich vor, denn -er hatte nicht verstanden. „Hast du einen Wunsch?”</p> - -<p>Sie wiederholte ihre Worte. Er meinte sich zu verhren, -und lie sie sich zum drittenmal, noch nher ihrem -Mund, wiederholen.</p> - -<p>„Nu hab' ich mir aber meinen Basar verdient! Ehrlich!” -kam es klar und berzeugt hervor.</p> - -<p>Perthes gab keine Antwort. Er legte ihre Hand zurck -auf die Decke. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Er<span class="pagenum"><a name="Page_379" id="Page_379">[S. 379]</a></span> -hatte mit ihr ein dankbares Wort ber den tchtigen Burschen -reden wollen, den sie ihm geschenkt. Es blieb ihm -in der Kehle stecken. Er lchelte ihr noch einmal zu und -ging auf den Fuspitzen aus der Stube.</p> - -<p>Whrend Exzellenz nach ihr sah, stand er lange im -Speisezimmer am Fenster, ohne hinauszusehen in das -Herbstdunkel mit den trgen Bergmassen, dem dsteren -Flu, dem gestirnten Himmel.</p> - -<p>Das war also alles, was Alice empfand!</p> - -<p>Sie hatte ihre Arbeit geleistet und erwartete ihre Belohnung. -Kein Wort fr das Kind, kein Wort fr ihn.</p> - -<p>Eine grausame Erbitterung stieg in ihm auf. Sie -wurde von einer Traurigkeit abgelst, wie er sie lange -nicht gefhlt. Wie aus dem Nichts, ungerufen, aber voll -und deutlich tauchte Marga vor ihm empor. Marga als -Mutter — eine Welt von Innerlichkeit, von Gemt, von -Schnheit und Liebe. Er prete die Fuste gegen die -Schlfen; seine ganze Energie spannte er an, um diese -tdliche Vision abzuhalten, fortzudrngen, zu vernichten. -Es gelang ihm. Aber eine unerklrliche, zornige Angst -und Beklemmung blieb in ihm zurck. Es waren wieder -Alices Schalksaugen vor ihm, hinter die er zu dringen -suchte. Und er bebte vor dem, was er zu ergrnden meinte. -Er wies die Ahnung zurck. Mit dem Rest seines dmonischen -Nichtwollens warf er seine erwachende Seele nieder -...</p> - -<p>Alice genas schnell und normal. Auch der Junge -machte die besten Fortschritte. Sie behandelte ihn sehr -unterschiedlich: bisweilen berhufte sie ihn mit Zrtlichkeiten; -ein andermal verga sie ihn vllig. Beharrlich -war sie dagegen in dem Wunsch, keinesfalls dem Basar<span class="pagenum"><a name="Page_380" id="Page_380">[S. 380]</a></span> -fernbleiben zu mssen. Die „Handarbeitsbude” hatte sie -wieder aufgegeben, die Musterauswahl zurckgeschickt, bald -nach jener Aussprache mit ihrem Mann: nicht etwa, weil -er sie berzeugt hatte, sondern weil sich ihr die Sache -als zu mhselig erwies und nicht den rechten Spa machte. -Ihre neuen Plne hielt sie geheim: sie hatte nur, schon -whrend ihres Wochenbettes, regelmige Konferenzen -mit Edith Hammann. Gesundheitlich war gegen ihre Teilnahme -kaum etwas einzuwenden. Sie gedieh vorzglich -in ihrer koketten Krankenstube. Die Taufe wurde fr -Anfang Januar festgesetzt. Der Junge sollte nach seinem -berhmten Grovater den Vornamen Benno erhalten.</p> - -<p>Seltsamerweise waren auch Perthes' Gedanken mehr -bei dem unntzen Basar als bei seinem Kind. Sie -kristallisierten sich auf diesen Punkt mit der Hartnckigkeit -einer fixen Idee. Mit dem verzweifelten Eigensinn -eines Mannes, der in seinem Glauben erschttert ist, aber -sich nichts davon eingestehen mchte, beschlo er, Alices -Liebe eine Kraftprobe aufzuerlegen. Das Wohlttigkeitsfest -war, unvorhergesehener Schwierigkeiten halber, auf -die zweite Hlfte des Januar verschoben worden. Unter -dem Weihnachtsbaum — er hatte Alice berreich und zartsinnig -beschenkt — erbat sich Perthes ihren Verzicht auf -diese kostspielige Veranstaltung, geradezu als Beweis der -Liebe. Sie wollte nichts davon hren, aber allmhlich -trug seine Beredsamkeit, die so feurig sein konnte, den -Sieg davon. In einem Wirbel von Liebkosungen erstickte -ihr Widerstand. Sie versprach, den Basar aufzugeben.</p> - -<p>Perthes war selig. Sein Glck schien ihm noch einmal -bis in die Wolken zu reichen ...</p> - -<p>Bennos Taufe wurde von den Schwiegereltern zu<span class="pagenum"><a name="Page_381" id="Page_381">[S. 381]</a></span> -einem prunkenden Familienfest ausgestaltet, das die niedliche -Villa Perthes von oben bis unten mit Gsten fllte. -Auer den Eltern Hupfeld waren Leutnant Moritz und -Cousine Hilla da, Graf und Grfin Hningen, Professor -Hammann und Frau und viele andere. —</p> - -<p>Perthes' Habilitationsschrift war vor Weihnachten -fertig geworden und eingereicht. Er arbeitete jetzt an seiner -Antrittsvorlesung, die wohl Anfang Februar folgen konnte. -Er mute sich tchtig dranhalten, um fertig zu werden. -Alice, die die „schreckliche Paukerei” sehr abgeschmackt fand, -war wohlauf und verbrachte wieder, wie zuvor, die meisten -Stunden des Tages auer dem Hause. Perthes war seit -ihrem Weihnachtsversprechen vllig beruhigt und nachsichtiger -denn je. Sie waren beide zrtlich und eintrchtig -miteinander, so oft eine halbe Stunde sie zusammenfhrte. -Fragte er zufllig einmal, was sie triebe, so lautete die -regelmige Auskunft, da sie mit Bubi bei den Groeltern -gewesen sei. Er fand das riesig nett fr sie und -die alten Herrschaften und bedauerte nur, da er selber -seinen Jungen hchstens einmal zwischen Tag und Dunkel -in den Armen halten konnte.</p> - -<p>An einem der letzten Januarabende, als er mit einer -Zigarre von der Klinik die Allee am Flu entlangschritt -— gemtlicher als sonst, denn die Ausarbeitung seiner -Antrittsvorlesung war in diesen Tagen fertig geworden —, -begegnete ihm Doktor Markwaldt. Er hatte den ehemaligen -Arbeitsgenossen vom Bakteriologischen Institut -seit langem nicht gesehen, denn in der klinischen Gesellschaft -zeigte er sich, seit er verheiratet war und an seinen -wissenschaftlichen Nebenarbeiten bergenug zu tun hatte, -so gut wie gar nicht mehr. Die Begrung war von<span class="pagenum"><a name="Page_382" id="Page_382">[S. 382]</a></span> -Perthes' Seite sehr freundlich, von seiten Markwaldts noch -berdies sehr respektvoll, mit einer kleinen Dosis nicht -schlecht gemeinten, sondern eher bewundernden Spottes -fr den famosen Streber, der seine klatschbeflissene Nuknackerei -so lange zum Narren gehalten hatte. Sie unterhielten -sich eine Strecke Wegs. Vor der neuen Brcke, -wo sie sich, wie in alten Tagen, trennten, fhlte sich -Markwaldt noch zu einem Kompliment gedrungen.</p> - -<p>„Im brigen, Herr Kollege, der indische Verkaufsstand -Ihrer Frau Gemahlin auf dem Basar — einfach tadellos!” -Er schnalzte voll Anerkennung mit der Zunge.</p> - -<p>Perthes, der schon Markwaldts gepolsterte kleine Hand -losgelassen, blieb erstaunt stehen.</p> - -<p>„Sie wollen mir wohl zum Abschied eine Ihrer berchtigten -Neuigkeiten aufschwatzen?” erklrte er ruhig -und lachend. „Meine Frau ist ja gar nicht dort.”</p> - -<p>„Na, da hrt sich aber die totale Weltgeschichte auf! -Wenn jemand flunkert, sind — verzeihen Sie mir — Sie -das! Vor noch nicht zwei Stunden war ich in der Festhalle, -um mir den Klimbim mal anzusehen und habe von -Ihrer Frau Gemahlin einen mchtigen indischen Topfscherben -— vermutlich aus Berlin <span class="antiqua">SO</span> — fr unglaubliches -Geld erstanden. Von der Grfin Hningen —”</p> - -<p>Perthes war erdfahl geworden.</p> - -<p>Markwaldt, nichts ahnend, hielt inne und sah ihn dumm-verdutzt -an.</p> - -<p>Doch schon im nchsten Moment hatte Perthes eine -vorbeifahrende Droschke angerufen. Mit einem hastigen -„Entschuldigen Sie!” verabschiedete er sich von dem fassungslosen -Bakteriologen und sa im Wagen.</p> - -<p>„Nach der Festhalle!” befahl er dem Kutscher.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_383" id="Page_383">[S. 383]</a></span> - -In fnf Minuten hielt der Wagen vor dem Portal. -Wie er war, strmte Perthes die Treppe hinauf. Ohne -Rcksicht auf das Geflster der festlich geschmckten jungen -Mdchen, die im Vorraum die Kpfe zusammensteckten, -um dann, wie aus der Pistole geschossen, mit ihren Programmbchern, -Konfitren und Losen auf ihn zuzuschieen; -ohne rechts oder links einen der zahlreichen Bekannten zu -begren, ja ohne auch nur, trotz des hellen Rufes der -Kassiererin, eine Karte zu lsen, eilte er in den Trubel -des Saales und drngte sich beinahe barsch durch die -lachende, schwatzende Menschenmenge. Sein blasser, -schwarzbrtiger Kopf, in diesem Moment wirklich ruberhaft, -berragte die meisten Besucher.</p> - -<p>Bei einer der girlandenumwundenen Sulen, nahe -der Komiteeloge mit ihren Fahnen und Blumengewinden, -blieb er stehen. Er hatte den indischen Stand entdeckt. -Inmitten eines Schwarmes von Kufern — Offizieren, -Studenten, Akademikern — sah er seine Frau.</p> - -<p>In einer glanzvollen Phantasierobe, lachend und -schwatzend, verhandelte sie eben ber eine bronzene Vase -mit dem schlitzugigen Prinzen von Siam, den er vom -Feldberg kannte, und der gegenwrtig die byzantinisch -angebetete Zierde derer um Hupfeld war ...</p> - -<p>Der Schwei trat ihm kalt auf die Stirn. Seine Augen -schweiften, wie Halt suchend, ber das Gewirr der Menschen, -an den Buden lngs der Wnde hin. In einem -Verkaufsstand glaubte er einen Augenblick neben Frau Geheimrat -Achenbach Marga und Elli Richthoff zu erkennen. -Es war nur eine Fiktion. Seine Zhne knirschten. Er -drehte sich gewaltsam um. Er sprte, wie seine Leidenschaftlichkeit -in ihm aufwallte. Seine Liebe fr Alice war<span class="pagenum"><a name="Page_384" id="Page_384">[S. 384]</a></span> -immer ein eigenartiges Gemisch widerstrebender Empfindungen -gewesen. Heute brach die Wut, unstreitig die -Wut aus ihm hervor. Er htte auf Alice zustrzen, er -htte sie zu Boden schlagen knnen. Der Ha des Edeltieres -Mann gegen das Ewigweibliche im Sinn des Ewigtierischen -verdunkelte seinen Sinn. Mit dem letzten Aufwand -seiner Energie rannte er aus dem Saal, wie er -gekommen war. Er erreichte sein Haus, ohne zu wissen -wie ...</p> - -<p>Frau Perthes, die von seinem unerwarteten Auftauchen -Kunde erhalten, zog es vor, bei ihren Eltern zu bernachten. -Sie war berzeugt, da sein Groll bis zum Morgen verraucht -sein wrde. So ein Pech! Sie hatte sich so sicher -geglaubt! Wie war er, der sich um nichts dergleichen mehr -gekmmert, nur auf den Einfall gekommen, in die Festhalle -zu gehen! Gott — erfahren htte er es wohl auch -so. Bestenfalls konnte er jetzt etwas lnger grollen ...</p> - -<p>Perthes lie sich am anderen Morgen auf der Klinik -„verhindert” melden. Er wartete auf Alice.</p> - -<p>Seine heie Wut hatte einer klteren, bestimmteren -Platz gemacht.</p> - -<p>Vergngt, gleichgltig, spitzbbisch, als wre nichts geschehen, -kam sie gegen Mittag heim.</p> - -<p>Er stellte sie mit drren Worten zur Rede. Sie blieb -hchst gelassen. Du lieber Himmel, sie hatte das dumme, -berspnige Versprechen von Weihnachten nicht so ernst -genommen! Sie hatte ihn ja weiter gar nicht mehr belstigt. -Was wollte er denn berhaupt? Die ganze Ausstattung -der indischen Bude hatte sie sich von Papa schenken -lassen! Damit war doch die Sache erledigt ...</p> - -<p>Perthes war angesichts ihrer vollendeten Skrupellosigkeit,<span class="pagenum"><a name="Page_385" id="Page_385">[S. 385]</a></span> -dieser moralischen Stumpfheit einer unschuldigen -kleinen Wilden, eines verbildeten, unartigen Kindes sprachlos. -Er wollte aufbrausen. Aber sein Zorn fiel in sich -zusammen. Seine Stimme versagte. Was er da vor sich -hatte: das war ja die immer gesuchte, immer wieder vertuschte -und verschobene Lsung des Rtsels. Hinter den -lockenden Irrlichtaugen, den Gamingrimassen, den tollen -Gassensprngen — die Leere! die vollendete Hohlheit! -Er hatte seinen Irrwisch in der Hand: es war ein kleines, -schwarzes, unscheinbares Nichts, von dem niemand begriff, -wie es zu seinem Leuchten kam ...</p> - -<p>Er schickte Alice weg.</p> - -<p>Hier war nichts mehr zu ndern. Hier gab es nur -eines: handeln. Die Umgebung, vielleicht war es nur die -Umgebung, die sie ruinierte. Aus ihr mute sie heraus. -Mit ihm. Mit dem Kind, ehe sie auch dieses vernachlssigte -oder gar mit ihrer Oberflchlichkeit ansteckte!</p> - -<p>Mit der Heftigkeit seines Temperaments drang er vom -Entschlu zur Tat.</p> - -<p>Am Nachmittag ging er zu Hupfelds.</p> - -<p>Exzellenz war gerade von einer Reise zurckgekommen, -von einer auswrtigen Konsultation, die ihn sehr abgespannt -hatte. Eigentlich empfing er niemand. Ziemlich -widerwillig machte er mit seinem Schwiegersohn eine Ausnahme.</p> - -<p>Als Perthes eintrat, lag er auf seinem Diwan ausgestreckt. -Mit berlegener, etwas nervser Ruhe hrte er -den Sachverhalt an. Er konnte die Aufregung des „lieben -Jungen” verstehen. Er verstand ja alles. Er sagte ihm -das, fgte aber hinzu, man mte gerecht sein. Das -„arme Kind” brauchte nun mal seine Extravaganzen. Im<span class="pagenum"><a name="Page_386" id="Page_386">[S. 386]</a></span> -brigen wrde die Ehe das Ihrige tun, um sie noch mehr -zu zhmen, seine Hummel. Mein Gott, das waren so -die kleinen Evolutionen, die jede Ehe durchmachte! Nur -sie nicht als Revolution betrachten! Dadurch machte man -sie erst dazu!</p> - -<p>Perthes hrte ehrerbietig zu. Aber er opponierte. Er -glaubte aus den und den Grnden, da die Sache ernsthaft -sei. Er hatte noch immer nicht begriffen, da „Ernst” -im Hause Hupfeld nur eine hchst relative Gre war. -Und er rckte geradeswegs mit seinem Wunsch heraus: -Der Geheime Rat solle einwilligen, da er mit Alice nach -auswrts ginge, wenn es nur fr ein paar Jahre wre. -Eine andere Assistenz oder eine Anstaltsleitung liee sich -gewi fr ihn finden.</p> - -<p>Hupfeld sah seinen Schwiegersohn gro an. So, wie -man jemand ansieht, an dessen normalem Befinden man -zweifelt.</p> - -<p>„Lieber Junge,” begann er dann herablassend und -mild, „du bist berreizt. Das sind — verzeih — das sind -Ausgeburten eben einer berreizten Phantasie. Du hast -dir das auch nicht ernstlich berlegt. Erstens kann ich es -als Vater nicht zulassen. Wir wollen Alli nicht entbehren. -Zweitens brauch' ich meinen Assistenten. Drittens wrde -damit deine ganze Laufbahn in Frage gestellt. Was du -selbst einsehen mut.”</p> - -<p>Perthes sah nichts ein. Hartnckig blieb er bei seinem -Wunsch. Er brachte ihn mit Nachdruck, beinahe heftig, -von neuem vor. Er wollte und mute weg von hier, um -Alices, des Kindes und um seinetwillen.</p> - -<p>Exzellenz richtete sich halb vom Diwan auf. In den -blassen Augen schimmerte ein grner, zorniger Blitz. Die<span class="pagenum"><a name="Page_387" id="Page_387">[S. 387]</a></span> -hohe, leere Stirn faltete sich und die sonst so getragene -Stimme wurde unangenehm scharf, fast bsartig.</p> - -<p>„Niemals!” erklrte er mit der abschneidenden Gebrde -des groen Mannes. „Davon wnsche ich nichts mehr -zu hren! Niemals!” Und mit einer Bonhomie, die -verletzender war als dieser herrische Zorn, weil sie Perthes -kra seine Stellung gegenber dem Mann zeigte, der ihn -„gemacht” hatte, setzte Exzellenz nach einer Pause hinzu: -„So haben wir nicht gewettet, mein lieber Junge! -Merk dir das geflligst! Und la mich jetzt ausruhen! -Ich bin halb tot! Adieu!” Er reichte Perthes die -berhmte, molluskenweiche Hand, die dieser frostig berhrte.</p> - -<p>Die Audienz war beendet.</p> - -<p>Als Perthes wieder auf der Strae war, war er versucht, -seine Arme zu heben, zu schtteln. Mute man nicht -die Ketten klirren hren, die er sich selber geschmiedet? -In denen er sich selber gefangen? Er — der Streber mit -Willen! Gefangen, zusammengekettet mit einem leuchtenden -Nichts! Er mit seinem verwundeten, niedergetretenen -Stolz! Mit seiner Seele, die er sich abgeschafft und die -sich doch nicht abschaffen lie, sondern klagte, forderte, rief -und schrie! ... Seine Leidenschaftlichkeit half ihm nichts -mehr. Die dmonische Lust half nicht mehr. Es gab kein -Springen mehr. Er mute schreiten. Was er sein ganzes -Leben nicht gekonnt: jetzt mute er es knnen! Und er -lernte es. Jahraus, jahrein besser — und fr ein ganzes -Leben, wenn es sein sollte.</p> - -<p>Noch im Sptherbst, nach der Habilitation, verschaffte -ihm sein Schwiegervater ein Douceur. Fr die rauhe -Weigerung gewissermaen ein liebenswrdiges Heilpflaster.<span class="pagenum"><a name="Page_388" id="Page_388">[S. 388]</a></span> -Er erhielt den Titel auerordentlicher Professor. Schon -anderthalb Jahre spter wurde er etatmig.</p> - -<p>Doktor Max Perthes, etatmiger auerordentlicher -Professor an der Universitt ..., erster Assistent an der -Chirurgischen Klinik und stellvertretender Leiter. Wie -hbsch das klang! Er hatte Karriere gemacht ...</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c18" id="c18">18</a></h2> - - -<p>Der Kindergarten in der Bergfelderstrae gedieh.</p> - -<p>Im ersten Jahr mute man noch vom Kapital zusetzen. -Im zweiten verdiente man und htte mehr verdient, wenn -nicht eine Scharlachepidemie die Kleinen ferngehalten htte. -Im dritten hatten, einer ernsthaften Konkurrenz zum Trotz, -Marga und Elli Richthoff „den” Kindergarten fr die Herrchen -und Dmchen der besseren Gesellschaft. Das bescheidene, -aber fr sie so wichtige Werk war gelungen.</p> - -<p>Nicht zuletzt war es nach wie vor der feste und treue -Rckhalt an den Freunden des einstigen Hauses am Wenzelsberg, -der den Schwestern ihre Stellung auch uerlich -erleichterte. Sie bewegten sich frei und gleichberechtigt -im alten gesellschaftlichen Kreis, und die Achtung, die sie -dort genossen, wirkte auch bei Fernerstehenden nach. -Jene kleinen, oft schmerzhaften Schikanen und Zurcksetzungen, -mit denen die Gesellschaft noch manchmal -die Frauen bedenkt, die sich mutig auf ihre eigenen Fe -stellen, blieben ihnen so gut wie ganz erspart. Die Jahre -gaben ihnen in dem Huschen an der Bergfelderstrae ein -richtiges, behagliches Heimgefhl, und sie konnten sich ihr -Leben ohne die erfrischende Ttigkeit, ohne die Freiheit -innen und auen kaum mehr denken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_389" id="Page_389">[S. 389]</a></span> - -Marga war jetzt lngst stark und klar genug, um auch -die Erinnerung an die Vergangenheit nicht mehr zu scheuen. -Sie gedachte ihrer Liebe und ihres Leids ohne Bitterkeit. -Elli hatte es lange vermieden, von sich aus an jene Geschehnisse -zu rhren. Als ihr dann zufllig einmal ein -Wort entschlpfte, das auf den Sommer in der Mhle -Bezug hatte, wollte sie darber forteilen. Aber Marga -knpfte selbst an ihre Bemerkung an, und seither sprachen -sie mehr als einmal darber, und je mehr die Zeit sie -davon entfernte, um so geklrter und gelassener. Nicht -nur ihre eigenen Gefhle, sondern auch den Mann, der -sie ihr gegeben und genommen, sah sie in gerechtem und -vershnendem Licht. Sie hatte begriffen, da jene Liebe -— die Wonne, die sie ihr geschenkt, und das Weh, das -sie ihr bereitet — fr sie ein Stck notwendiger Entwicklung -hatte sein sollen: sie wollte keines von beiden missen. -Mute es fr ihn nicht dasselbe gewesen sein? Wenn Elli -Perthes' Charakterlosigkeit, seinen treulosen Verrat, seine -Unaufrichtigkeit und unverantwortliche Schuld mit den -ihr eigenen Kraftausdrcken belegte, lie es Marga nicht -gelten. Ihr gereiftes Urteil verstand gerade das Herbste, -das, was Elli am entschiedensten verdammte: seine jhe -Wendung von ihr zu einer so anders gearteten Frau, -einer der Richthoffschen so unhnlichen und entgegengesetzten -Welt. Sie verstand sie aus den tiefen Gegenstzen -seiner damals nur scheinbar, nur mit Gewaltsamkeit -ausgeglichenen Natur. Sie ahnte, was er schon in seinem -Abschiedsbrief angedeutet: Perthes hatte Seite an Seite -mit ihr zu einem hheren, innerlicheren Menschentum -emporgestrebt. Aber er hatte sich ber seine Kraft getuscht, -als er den Zwiespalt in sich niederhalten wollte.<span class="pagenum"><a name="Page_390" id="Page_390">[S. 390]</a></span> -Er konnte sein Naturell nicht zum Gleichschritt mit ihr, -und darum auch berhaupt nicht in ihre Bahn zwingen. -Als er das eingesehen, war er mit einem verzweifelten -Entschlu in ein anderes Geleise gesprungen, das ihn nach -der entgegengesetzten Seite fhrte.</p> - -<p>Ob Perthes dort gedieh? Ob er die ihm angemessene -Bahn gefunden? Ob ihn diese Bahn abwrts mitnahm -oder auf einem schweren Umweg auch zu einer Hhe, zu -seiner Hhe fhrte? Vor solchen Fragen machte Marga -halt. Sie wollte nur das Notwendige auch fr ihn als -Notwendiges anerkennen und achten. Weiter durfte sie -nicht denken. Das verbot ihr ihr Stolz.</p> - -<p>Sie forschte nie nach ihm. Das uerliche seines Lebens -trug ihr ab und zu ein Gesprch oder eine Bemerkung -anderer zu. Dafr war die Stadt zu klein, die akademische -Gesellschaft, trotz ihrer verschiedenen, sich gegeneinander -abschlieenden Sphren zu eng, als da es htte anders -sein knnen. Da er verheiratet war, da er ein oder -zwei Kinder hatte, das er sich habilitiert hatte und jetzt -Professor war, das waren Dinge, die sie hrte wie eine -Fremde von einem Fremden. Gleichgltige Dinge, die -nicht bis in ihre groe Stille drangen. —</p> - -<p>Bei einem kleinen Zwischenfall sollte Marga nach -Jahren beweisen, da ihr inneres Gleichgewicht kein gemachtes, -sondern ein echtes und dauerndes war.</p> - -<p>Es war an einem Vormittag im spten Frhling. -Die Kleinen waren eben aus ihrer frhlichen Schule abgezogen. -Elli und Marga saen in behaglichen Liegesthlen -im Grasgarten unter den Bumen, die ihre -letzten Blten auf die dichten Grasbschel streuten, und -plauderten. Da meldete das Dienstmdchen, das sie sich<span class="pagenum"><a name="Page_391" id="Page_391">[S. 391]</a></span> -jetzt zur stndigen Hilfe leisten konnten, eine Dame mit -ihrem Jungen.</p> - -<p>Elli, die die Anmeldungsgeschfte gewhnlich erledigte, -stand auf und ging nach vorn.</p> - -<p>Das Zimmer zwischen Wohnzimmer und Schulstube -diente zum Empfang. Dort erwartete die Dame sie und -erhob sich bei ihrem Eintritt vom Sofa, whrend ein -Junge, ein krftiges Brschchen mit groen schwarzen -Augen, einer kecken Stupsnase und zottigen, schwarzen -Haaren, sehr resolut auf seinem Stuhl sitzen blieb. Elli -glaubte sie nicht zu kennen.</p> - -<p>„Frau Alice Perthes!” stellte sie sich mit leichtem -Nicken vor. „Ich komme, um Ihnen meinen Jungen -vorzufhren,” fuhr sie in khlem, etwas herablassendem -Ton fort. „Der kleine Kerl soll etwas Rson lernen — -er wird meinem Mann und mir zu wild.” Das „meinem -Mann” erfand sie. Denn Perthes wute nichts von -diesem Schritt seiner Frau. Sie folgte da nur ihrer -Laune und dem Bedrfnis, durch das Kind nicht belstigt -zu sein.</p> - -<p>Elli war zuerst betreten. Sie erinnerte sich jetzt sofort -dieses beweglichen Gesichts mit seinen glimmenden Augen, -der gestlpten Nase, dem spottschtigen Mund, das ihr ja -vom Sehen bekannt war. Es war fr sie eine ausgemachte -Sache, da sie diese Frau Perthes mit ihrem Sprling -abwimmeln wrde. Mit der Sicherheit, mit der Frauen, -besonders solche, die keinen Grund haben, sich wohlgesinnt -zu sein, einander durchschauen, erriet sie, da von Alices -Seite auch eine frivole Neugierde mit im Spiel war. Sie -wollte sich bei der Gelegenheit so <span class="antiqua">en passant</span> mal diese -Richthoffs, von denen die eine ihres Mannes Flamme<span class="pagenum"><a name="Page_392" id="Page_392">[S. 392]</a></span> -gewesen, etwas nher ansehen. Das prickelte in den umherschweifenden -Augen ...</p> - -<p>„Sie kommen leider zu keiner ganz glcklichen Zeit, -gndige Frau,” erklrte Elli korrekt, aber rund heraus, -nachdem sie ihr gegenber Platz genommen.</p> - -<p>„Wieso?” fragte Alice.</p> - -<p>„Wir haben fr das laufende Halbjahr schon so viele -Kinder angenommen, da es beim besten Willen nicht -gehen wird.”</p> - -<p>„Sie werden mich doch nicht abweisen wollen, Frulein?” -Alice lchelte und sah Elli malitis und unglubig an. -Sie hatte heraus, da es sich um eine Ausrede handelte -und war jetzt erst recht entschlossen, beharrlich zu sein. -Sie versuchte sich noch entschiedener in der gnnerhaften -Selbstgewiheit der groen Dame. Man hatte ihr den -Richthoffschen Kindergarten empfohlen. Sie lie die -Namen von Exzellenz Papa, den grflichen Herrschaften -von Hningen beilufig einflieen und wollte Elli offenbar -klar machen, da die beiden Fruleins sich nur geschmeichelt -fhlen drften, wenn sie ihren Jungen brchte. Sie stellte -die Protektion gewisser erster Kreise in verlockende Aussicht.</p> - -<p>Das hie bei Elli gerade l ins Feuer gieen. Sie -wre am liebsten grob geworden. Die hochtrabende Manier, -die Alice sich gegen die Tchter eines Kollegen ihres Vaters -herausnahm, reizte sie. Doch sie besann sich. Sie lie -Alice ausreden. Der Schalk in ihr siegte ber den Unmut, -den sie empfand.</p> - -<p>„Aber das hilft ja alles nichts,” sagte sie dann vergngt. -„Und wenn Sie uns einen leibhaftigen Prinzen -brchten, gndige Frau, wir haben uns mal vorgenommen, -mehr Kinder einstweilen nicht aufzunehmen. Es wird<span class="pagenum"><a name="Page_393" id="Page_393">[S. 393]</a></span> -nicht gehen!” Sie wechselte mit Frau Perthes einen -Blick, der diese nicht im Zweifel lassen konnte, da ihr die -Exzellenzen und Grafen ganz und gar nicht imponierten.</p> - -<p>Der Junge, der aufmerksam zugehrt hatte, kletterte -von seinem Stuhl herunter. Ihm schien die Sache jetzt -reif fr seine persnliche Einmischung. Er erklrte auf -eigene Faust, sehr flott und selbstbewut: „Denn nicht! -Komm, Mama! Ich will fort!”</p> - -<p>Das „Denn nicht” hatte er jedenfalls von seiner Mama -gelernt. Alice selbst, die ber die Entscheidung ihres -Jungen boshaft lchelte, htte am liebsten auch mit einem -geringschtzigen „Denn nicht” das Feld gerumt. Aber -ihre ursprngliche Absicht, den Jungen, der im Haus lstig -wurde, los zu werden, war ihr nun doch zu wichtig. -Gewandt wie sie war, unterdrckte sie ihren rger. Sie -gab dem Kleinen einen leichten Klaps fr seine Ungezogenheit -und verlegte sich aufs Bitten. Sie wurde beinahe -zutraulich. Allerhand Reisen standen ihr bevor. Sie war -gesellschaftlich sehr in Anspruch genommen. Sein Vater -hatte wenig oder gar keine Zeit fr den Jungen. Das -Kinderfrulein wrde nicht immer mit ihm fertig. Kurz: -sie wnschte, da er einige Stunden am Tag unter -guter Aufsicht war und etwas Sitzleder bekam.</p> - -<p>„Ich denke, Sie werden ihn trotz der berfllung -nehmen!” schlo sie, bedeutend liebenswrdiger und zuvorkommender, -als sie begonnen.</p> - -<p>Elli blieb gleichwohl fest. Sie wollte nicht.</p> - -<p>Fr sich und noch mehr fr Marga strubte sich ihr -Gefhl gegen die Aufnahme gerade dieses Perthesschen -Jungen, die berdies nur dem eigenschtigsten Wunsch -der Mutter dienen sollte. Sie machte kein Hehl daraus,<span class="pagenum"><a name="Page_394" id="Page_394">[S. 394]</a></span> -da ihre Schule den Kindern nicht das Heim ersetzen knne -noch wolle. Zudem schien ihr der Junge — so aufgeweckt -und krftig er war, mochte er noch nicht vier -Jahre zhlen — entschieden zu jung. Sie nahmen -grundstzlich keine zu kleinen Kinder mehr. Und dann -fhrte sie noch einen ganzen Wall von anderen Grnden -auf, um nur unter keinen Umstnden nachgeben zu -mssen.</p> - -<p>Alice Perthes war im Begriff, mit einer unartigen -Wendung nun doch die Verhandlung abzubrechen und -ihrerseits zu danken, als sie nebenan, in der Klasse, zu -der die Tr angelehnt war, Schritte hrte.</p> - -<p>„Elli,” ertnte es von dort mit gedmpfter, fragender -Stimme.</p> - -<p>Es war Marga, die sich das lange Ausbleiben Ellis -nicht erklren konnte und sie an einen Besuch bei Wilmanns, -den sie beide vor Tisch noch zu machen hatten, -erinnern wollte.</p> - -<p>Elli und Alice erhoben sich gleichzeitig.</p> - -<p>Elli hatte keinen anderen Gedanken, als dies Zusammentreffen -zu verhindern.</p> - -<p>Aber Alice war die Besonnenere und Entschlossenere.</p> - -<p>„Ihre Frulein Schwester wird vielleicht nicht ganz so -hartnckig sein!” meinte sie lchelnd.</p> - -<p>Auf die Gefahr hin, unfreundlich zu werden, wollte -Elli dazwischen treten. Aber Frau Perthes hatte schon -die angelehnte Tr geffnet. Und da stand Marga, ihr -gegenber, nichts ahnend, ruhig, nur nach dem Gerusch -der Stimmen und Bewegungen in ihr Dunkel -lauschend.</p> - -<p>Wie um sie zu schirmen, flog Elli an dem verhaten<span class="pagenum"><a name="Page_395" id="Page_395">[S. 395]</a></span> -Eindringling vorbei auf die Schwester zu. Sie war bleich -vor ohnmchtiger Wut.</p> - -<p>„Marga, ich sagte der Dame schon, da wir unmglich, -so leid es uns tut, noch ein Kind annehmen knnen,” -stie sie erregt hervor. Sie hatte ihren Arm von rckwrts -auf Margas Schulter gelegt und suchte ihr durch den -Druck ihrer Hand irgend ein Zeichen zu geben.</p> - -<p>Der kleine Junge, der erst neugierig vorgetreten war, -zog sich vor den fremden, blicklosen Augen Margas mit -der allen Kindern eigenen Scheu vor dem Ungewohnten -hinter seine Mutter zurck.</p> - -<p>Alice, die die Blinde mit einem Gemisch von Interesse -und Befriedigung durch ihren bekannten Blick von unten -nach oben gemessen, lie sich durch nichts beirren.</p> - -<p>„Sie vergessen Ihrer Frulein Schwester zu sagen, -wer ich bin,” bemerkte sie halb hflich, halb spttisch zu -Elli. Sie war nicht bsartig. Aber in diesem Moment -verfiel sie dem kleinen, niedertrchtigen Weibsteufel, dem -Frauen unter sich und zumal unter hnlichen Umstnden -kaum wehren knnen. „Alice Perthes”, sagte sie mit -eigentmlich klangvoller Betonung, die sonst ihrer hastigen, -schnoddrigen Redeweise durchaus fremd war.</p> - -<p>Das Gescho war abgeschnellt.</p> - -<p>Elli lie trostlos, emprt die Arme sinken. Sie hatte -es nicht hindern knnen. Unruhig und ngstlich wanderten -ihre Blicke zwischen Alice und der Schwester hin und her.</p> - -<p>Der kleine Benno stand jetzt mit seinen groen, schwarzen -Augen mutig neben seiner Mutter, fuchtelte mit seinem -Spazierstckchen und setzte dann eigenmchtig den breitrandigen -Strohhut auf, den er vorher in der Hand gehalten.</p> - -<p>Marga hatte die Farbe gewechselt. Ihre Augen<span class="pagenum"><a name="Page_396" id="Page_396">[S. 396]</a></span> -hatten sich auf den Boden geheftet. Sie fhlte auf sich -den herausfordernden Blick dieser Frau, die sie nicht -kannte und die ihr das Glck ihres Lebens zerstrt hatte. -Alte Gefhle des Schmerzes und der Bitterkeit drangen -in einer heien Welle zu ihrem Herzen und zerkrampften -es, als wollten sie ihren Mut, ihre Haltung vernichten. -Aber die Welle brach sich an ihrem Willen.</p> - -<p>Einige Sekunden hatte das unbehagliche Schweigen -gedauert.</p> - -<p>„Ich glaube, wir knnten den kleinen Mann doch noch -aufnehmen, Elli,” sagte Marga dann gelassen und fest. -Nur ihr bewegterer Atem lie eine vorausgegangene Erschtterung -erraten. „Meine Schwester hat wohl vergessen, -da heute morgen ein Mdchen abgemeldet wurde. Es -wird gehen, nicht wahr, Elli? Wenn Sie uns den Jungen -anvertrauen wollen, bitte ich darum, gndige Frau!” Sie -sprach jetzt so klar und korrekt, als gelte es eine abgemachte, -rein geschftliche Sache hflich zu beendigen.</p> - -<p>Alice war nicht leicht zu verblffen. Aber diese Ruhe -und sanfte Bestimmtheit, wo sie eine pikante, demtigende -Verwirrung erwartet hatte, war so sehr der Gegensatz ihres -eigenen zerfahrenen Wesens, da sie eine gewisse Verlegenheit -nicht unterdrcken konnte.</p> - -<p>Mit einem hflichen „Ich danke Ihnen, ich werde -meinen Jungen morgen schicken,” verbeugte sie sich und -nahm den Kleinen bei der Hand.</p> - -<p>Vor der Tr drehte sie sich noch einmal um.</p> - -<p>„Um wieviel Uhr doch gleich?” fragte sie mit einer -halben Wendung des Gesichts, mit dem wiedergewonnenen -Ausdruck ihrer unzerstrbaren Nonchalance, der zeigte, da -ihre Gedanken ber dies Intermezzo schon hinwegeilten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_397" id="Page_397">[S. 397]</a></span> - -„Im Sommer um neun Uhr,” gab Marga zurck.</p> - -<p>Als sich die Tr hinter Alice Perthes geschlossen, -strzte Elli auer sich an Margas Hals.</p> - -<p>„Aber Margakind! Was hast du da gemacht?! Wie -konntest du diese abscheuliche Person, die ich glcklich abgewimmelt -hatte, diesen verzogenen, ungebrdigen Bengel -von einem Jungen — ich versteh' dich nicht! Ich mache -nicht mit! Ich will nicht! Wie konntest du nur?” Sie -zitterte vor Aufregung und Emprung.</p> - -<p>Marga zog sie mit einem verlorenen Lcheln noch -enger an sich.</p> - -<p>„Verstehst du das wirklich nicht, Kleinchen?” fragte -sie leis.</p> - -<p>Und Elli sah zu ihr auf, in ihre Augen, die mit der -Sicherheit eines Sehenden eine weite unendliche Ferne -faten, mit der ihre Stille eins war.</p> - -<p>Und sie verstand Marga ...</p> - -<p>Am anderen Morgen kam der kleine Perthes mit -seinem Kinderfrulein.</p> - -<p>Er war wild, jhzornig, eigenwillig. Aber er war -nicht der erste seiner Art und nicht der letzte. Zwei, drei -Wochen konnte das vielleicht dauern. Dann sa er da -und lauschte, sprang und sang, jubelte und spielte, ein -harmloses Kind wie die anderen. Was bedeutete da noch -sein Name?</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c19" id="c19">19</a></h2> - - -<p>Der Geheime Rat hatte seinen Schwiegersohn im -Automobil an die Bahn gebracht.</p> - -<p>Perthes war zu einer Konsultation nach Konstanz -berufen worden. Da Hupfeld in diesen Tagen seinen<span class="pagenum"><a name="Page_398" id="Page_398">[S. 398]</a></span> -Sommerurlaub antreten und zunchst auf Nieburg, spterhin -irgendwo in der Schweiz oder Tirol mglichst ungeschoren -sein wollte, gab es zwischen beiden noch allerhand -zu besprechen.</p> - -<p>Seite an Seite schritten sie auf dem Bahndamm auf -und ab, ganz in ein berufliches Gesprch vertieft.</p> - -<p>Hupfelds hohe Gestalt, mit den Jahren etwas vornbergebeugt, -aber immer noch sehr reprsentativ mit -dem glatten, ebenmigen Gesicht, den gebietenden Gebrden, -dem verjngenden blauen Jackettanzug, machte -Aufsehen wie immer. Der nicht ganz so groe Professor -Perthes in seinem Reisehabit aus grauem Loden wirkte -nicht so distinguiert und hatte nichts von der weltmnnischen -Liberalitt der Exzellenz. Die frhere gesunde Brune -seines Teints hatte einen bleiernen Ton bekommen. -Der Ausdruck der Zge hatte die einstige jugendlich-unbekmmerte -Brigantenhaftigkeit verloren. Ein starrer -Ernst gab ihm auf dem ersten Blick einen abweisenden, -fast hochmtigen Anschein. Doch dagegen zeugte das -tiefe Auge, das noch immer, wenn auch selten und mit -Beherrschung, in dunklem Feuer aufleuchten konnte. -Wenn er mit wiederholter, hastiger Gebrde die Mtze -lftete und sich ber die dichten, schwarzen Haare fuhr, -las man auf der Stirn aus starren, rissigen Falten -ebenso viel rastlose geistige Arbeit wie in sich verschlossene -Bitternis. Der Mund htte die gleiche Sprache gesprochen, -wre er nicht in dem krausen Bart zurckgetreten, -dem sich da und dort frhgraue Fden eingesponnen -hatten.</p> - -<p>Es wurde zum Einsteigen abgerufen.</p> - -<p>Hupfeld und Perthes verabschiedeten sich mit einem<span class="pagenum"><a name="Page_399" id="Page_399">[S. 399]</a></span> -Hndedruck, der mehr korrekt als herzlich war. Whrend -der <span class="antiqua">D</span>-Zug aus der Halle rollte, schritt der Geheime Rat -den Bahnsteig zurck nach seinem Automobil. Auf der -Fahrt zur letzten Fakulttssitzung des Sommersemesters -sa er nachdenklich in seiner Ecke. Ohne einen Gru zu -versumen, dachte er an seinen Schwiegersohn. Nach -dem Ausdruck seiner Mienen waren es nicht ausschlielich -freundliche Gedanken, die ihn beschftigten. Diese -Konsultationen nach auswrts, die durch den steigenden Ruf -des Jngeren sich mehrten, begannen ihm lstig zu werden. -Seine Eitelkeit, die wahrhaftig in einem Leben voll -glnzender Erfolge auf ihre Kosten gekommen war, witterte -lngst in Perthes den Kommenden, der ihn, den Gehenden, -vielleicht abzulsen berufen war. Er hatte die Fhigkeiten -des um mehr als eine Generation jngeren Mannes -„entdeckt”, wie er sich schmeichelte. Er hatte ihn „gemacht”. -Vielleicht wrde er gegenber seinem Schwiegersohn Regungen -der Migunst doch unterdrckt haben; vielleicht -htte er sich sogar mit den Jahren direkt berwinden -und seinen Nachfolger selbst auf den Schild heben knnen. -Aber die Ehe seiner Tochter — das konnte auch ihm, -dem Optimisten, lngst kein Geheimnis mehr sein — war -nicht, was er sich und Alli gewnscht hatte. Der junge -Mann, den er „gemacht” hatte, entwickelte einen Charakter, -dem nach seiner Auffassung die Weite und Freiheit weltmnnischen -Denkens abging. Als ewig nachgiebiger Vater -stand er durchaus auf seiten seines Kindes. Alices skrupellose -Lebenslust war ein Zug seines eigenen Wesens, wenn -er auch in ihm sich stilisiert hatte. Ihre spitzbbische, -spottschtige, wechsellsterne Art zeugte von Humor, Gesundheit -des Geistes, jugendlicher Frische. Dagegen sah<span class="pagenum"><a name="Page_400" id="Page_400">[S. 400]</a></span> -er bei Perthes eine Rechtschaffenheit, ja trockene Ledernheit -— besonders in wirtschaftlichen Fragen, die ihm -kleinlich vorkam. Er traf sich mit Alli durchaus in einer -Auffassung, die in jeder konsequenten Folgerichtigkeit und -Festigkeit nur Pedanterie und Spieertum belchelte. -Wie oft beklagte er in seinen Gesprchen mit der krperlich -immer schwerflligeren Mama Hupfeld das „arme Kind”. -Bei dieser Klage war er auch in seinen Reflexionen angelangt, -als sein Auto vor der Universitt hielt. Er versumte -trotzdem nicht, dem strammen Pedellen, der mit -gezogener Mtze in Front stand, huldvoll zuzunicken, -whrend er ausstieg. Durch die Gruppen grender und -starrender Studenten schritt er frstlich nach dem Fakulttszimmer, -wo die Korona der Kollegen das groe Tier -noch eben durchgehechelt hatte, nun aber mit bertriebener -Ehrerbietung empfing. —</p> - -<p>Perthes fuhr inzwischen in seinem <span class="antiqua">D</span>-Zug sdwrts.</p> - -<p>Er sa allein in seinem Abteil. Reichlich mit wissenschaftlichem -Lesestoff versehen, kmmerte er sich nicht um -die sommerlich-frohe Natur vor den Fenstern. Er war -ja frher ein leidenschaftlicher Naturliebhaber gewesen. -Wie oft hatte er auf einer Fuwanderung, wie oft rudernd -und sportbeflissen sich seinen seelischen Gleichmut wieder -herzustellen gesucht. Er hatte sich diese Naturschwrmerei -abgewhnt. Wie er sich im Lauf der Jahre auch die -seelischen Aufregungen abgewhnt hatte. Nicht von heute -auf morgen; auch nicht mhelos und leicht. Es hatte -Kmpfe gekostet. Sein explosives Temperament gab sich -nach den ersten Enttuschungen seiner Ehe nicht zufrieden: -Perioden der Gleichgltigkeit wechselten mit solchen lauter, -zorniger Auflehnung; Perioden blinder Verliebtheit mit<span class="pagenum"><a name="Page_401" id="Page_401">[S. 401]</a></span> -anderen, in denen er Alice durch Gte, Vernunft, eiserne -Strenge erziehen wollte. Vorbergehend meinte er die -Quelle alles bels in der Umgebung zu sehen, die ihn -selbst zuerst bestochen hatte. In sich hatte er lngst die -Freude an all dem blendenden, geselligen Treiben ausgerottet. -Dabei half ihm die wachsende Arbeit. Aber es -kostete ihn doch mehr, als er sich je gestand. Er hatte von -Natur nichts weniger als die Anlage zur Einseitigkeit. -Eine gewisse Besonderheit hatte er immer geliebt. Doch -sie war himmelweit entfernt von jenem Philistertum, -das man mit Recht so nannte. Um Alices willen stritt -er gegen dies Milieu mit seiner den Oberflchlichkeit, -seinem Taumel der Mode und Sensation, seiner erlogenen -Freiheit und Gtzendienerei des Geldes, der Grafenkronen, -der Flottheit und Zeitgemheit um jeden Preis. -Doch sie — sie dachte nicht daran, sich ihrem Element -abspenstig machen zu lassen. Mit ihrer Geschmeidigkeit, -ihrer mehr als vorurteilslosen Bosheit, ihrem girrenden -Lachen widerstand sie allen Versuchen, sie zu ndern. Sie -wollte so sein, wie sie war, weil sie gar nicht anders konnte. -Sie entwand sich ihm und schnitt eine Grimasse gegen -seine besten Absichten. Die Erkennung, die dauernde -und absolute, vollendete sich. Der Ruberhauptmann war -ihr ein grulicher Philister, ein lebensfeindlicher Grmling -geworden. Hinter dem Irrlicht sah er, nchtern und fr -immer, das seelenlose Nichts. Noch eine Spanne argwhnischen -Belauerns — und eines ging khl und fremd -neben dem anderen, berlie es seiner Torheit, lebte nur -noch fr sich und in sich selbst.</p> - -<p>Alice war nicht zu entwickeln und entwickelte sich -nicht. Aber er, Perthes, vollzog mit sich eine langsame,<span class="pagenum"><a name="Page_402" id="Page_402">[S. 402]</a></span> -qualvolle Wandlung. Die Gebundenheit, unerbittlich -wie die de ziehenden Jahre, zwang ihn zu einer -strengen Beherrschung, die sich im Anfang von Stunde -zu Stunde ben mute. Er lernte mit Schmerzen den -Schritt, er, dessen gegensatzvolle Natur nur immer den -Sprung gekannt hatte. Ohne seinen Beruf, ohne die -peinlich gepflegte, spter natrliche und echte Liebe zur -Wissenschaft htte er diese aufreibende Wandlung nicht -durchgehalten. Er wre verzweifelt und verkommen. -So war ihm die Umbildung gelungen. Er ging in seinem -nur geistigen Dasein, seiner einseitigen Starre eines Gelehrten -wie in einer Rstung. Freilich war sie schwer; -sie litt kein Rechts und Links, keine heftige Bewegung nach -auen und innen. Seine Sinne hatten zu schlafen und -erst recht seine Seele. Da gab es keine Vergangenheit. -Da gab es keine Natur, wie die, die sonnig mit tannenschwarzen -Tlern, mit bunten Wiesen, mit goldgelben -Kornhngen am Fenster des Zuges vorbeiflog. Er war -blind. Viel blinder als jemand, den er gekannt — vor -langer, langer Zeit ...</p> - -<p>In Konstanz hatte Perthes noch am Abend die Konsultation, -zu der man ihn gerufen.</p> - -<p>Am anderen Morgen rettete er dank seiner richtigen -Diagnose und der Kraft seiner Hand das Leben eines -zwanzigjhrigen jungen Menschen. Mit dem gutmtigen -Lcheln, das seine starken weien Zhne unter dem Bart -vorblinken lie, diesem Lcheln, das er so selten und nur -noch im Beruf, in einem Moment selbstvergessener Zufriedenheit -fand, konnte er dem gengstigten Vater im -Vestibl der Klinik die nach menschlichem Ermessen geglckte -Rettung mitteilen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_403" id="Page_403">[S. 403]</a></span> - -Er entzog sich den lebhaften Danksagungen. Aber -sie klangen mit der Freude ber die gelungene Operation -doch noch in ihm nach, als er spter durch die alten, ehrwrdigen -Straen von Konstanz schlenderte. Er mute -einen Abendzug abwarten. Was er sich sonst kaum vergnnen -wollte und konnte, ein paar mige Stunden, -sie wurden ihm hier aufgedrngt. Er hatte es seit langem -aufgegeben, seinen Stimmungen nachzuhngen. Aber -auf der Terrasse des Inselhotels und nachher am Hafen, -beim Blick auf die sanfte, klare Wasserflche, berraschte -ihn, den Entwhnten, ein weiches, vershnliches Gefhl. -Einer jener Augenblicke, in denen ein Hauch der Ewigkeit -alle Bitterkeit von Menschen und Verhltnissen wegzusplen -scheint. Er berlie sich halb schmerzlichen, halb -sen Trumereien. Gab es keine, auch nicht eine Mglichkeit -des Glcks, in der er und die Frau, die er nun -einmal zur Gefhrtin seines Lebens gemacht, sich zusammen -finden konnten? Es fiel ihm ein — woran er bis jetzt -nicht gedacht —, da Alice nach ihren letzten Nachrichten -vielleicht kaum einige Stunden entfernt war. Sie wollte, -wie sie geschrieben, acht Tage einer Einladung der Grfin -Hningen folgen, die auf der Schweizerseite des Bodensees -ein Landhaus besa. Er rechnete die Tage nach. -Seine Frau, die in Straburg bei dem Bruder ihres -Vaters, dem Obersten Hupfeld und Cousine Hilla zu -Besuch war, mute jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach drben, -jenseits des Sees, bei den Hningens sein.</p> - -<p>Eine fiebrige Unruhe gesellte sich zu seiner Stimmung.</p> - -<p>Wenn er, so wie jetzt mit sich, mit ihr sprche? Wenn -sie beide es doch noch einmal, in Ruhe und Vernnftigkeit, -wie zwei Leute, die sich kennen und keine Illusionen<span class="pagenum"><a name="Page_404" id="Page_404">[S. 404]</a></span> -mehr haben, versuchten, zu einer ertrglichen Einigung -zu kommen? Zu einem khlen, sachlichen Frieden, aber -doch zu einem Frieden! Schon um des Jungen willen. -Fr den er keine Zeit hatte, und den er doch zrtlich liebte. -Der zwischen ihnen verkmmern und verderben mute ...</p> - -<p>Seiner aufwallenden Stimmung folgend, sa Perthes -eine Stunde spter auf dem Verdeck eines Dampfers. -Er wute, da er nicht „klug” handelte, sondern sich nur -von einer jhen, unklaren Regung bestimmen lie. Vielleicht -wrde er Alice gar nicht treffen; oder sie wrde -seinen Besuch, seine Vorschlge mit Achselzucken als Sentimentalitten -beiseite schieben, gar in seinem berfall -eine mitrauische Absicht sehen. Aber die abendliche Fahrt -auf dem sanftbewegten, blauen See mit dem Blick auf -ferne Alpengipfel hielt einen Schimmer jugendlicher Vertrauensseligkeit -in ihm wach.</p> - -<p>In Rorschach stieg er aus.</p> - -<p>Zu Fu ging er, nach den ntigen Erkundigungen, -aus der Stadt am Strand entlang.</p> - -<p>Als er die Villa des Grafen Hningen gefunden, -zgerte er beim Anblick der herabgelassenen Jalousien, die -dem Haus hinter dem hbschen, herrschaftlichen Garten -ein verlassenes Aussehen gaben.</p> - -<p>Er zog an der Torklingel.</p> - -<p>Der Grtner ffnete. Er berichtete, die Herrschaften -wren gestern abgereist.</p> - -<p>Perthes war niedergeschlagen und ernchtert. Er -nannte seinen Namen und erkundigte sich, ob seine Frau -dagewesen sei. Die Frau des Grtners, die dazukam, wute -Bescheid. Die Dame, die bei den grflichen Herrschaften -zu Besuch gewesen, war einen Tag frher als die Herrschaften<span class="pagenum"><a name="Page_405" id="Page_405">[S. 405]</a></span> -selbst abgereist. Wohin wute sie nicht. Aber -richtig! Da sie das nicht verga! Das traf sich ja gut: -eine Depesche wre fr die Dame heute morgen noch -abgegeben worden. Da sie keine Adresse gehabt, htte -sie sie einstweilen liegen lassen mssen. Die Grtnersfrau -holte sie. Perthes nahm sie gleichgltig an sich, grte -und ging mechanisch zurck nach der Stadt.</p> - -<p>Die Stimmung, die ihn hergebracht, war mit der Enttuschung -verflogen. Wahrscheinlich war Alice wieder -nach Straburg zurckgekehrt. Doch er wute nichts Genaueres -ber ihre Plne. Er ffnete die Depesche, die -ihm vielleicht darber Aufschlu gab. Sie lautete in -lakonischer Krze: „Bin morgen Baden-Baden. Ballonfahrt -Dienstag.” Der Ort der Aufgabe hatte franzsischen -Klang. Die Nachricht kam wohl aus der Westschweiz. -Eine Unterschrift fehlte.</p> - -<p>Wenn das Wort Ballonfahrt nicht gewesen wre, htte -Perthes das Telegramm so gleichgltig wieder zu sich gesteckt, -wie er es mitgenommen und gelesen. So ffnete, las -und schlo er es zu wiederholten Malen. Er kmmerte sich -so gut wie nicht mehr um das, was Alice tat oder lie. Aber -zwei Dinge hatte er ihr, als sich danach ihre Gelste regten, -ein fr allemal verboten. Rennen und Ballonfahrten. -Er hatte erfahren, da sie im Frhjahr in Iffezheim am -Totalisator gespielt hatte. Wie er sie kannte, gab es fr -sie keine gefhrlichere Verlockung als das Spiel, und da -die Ausgaben das einzige waren, ber das er wachte, -verbot er ihr den Besuch von Pferderennen aufs entschiedenste. -Ebenso wute er, da sie sich lngst sehnlich -wnschte, an einer Ballonfahrt teilzunehmen. Diesen -Wunsch verweigerte er ihr, nicht nur weil der Ballonsport<span class="pagenum"><a name="Page_406" id="Page_406">[S. 406]</a></span> -ihm zu kostspielig war, sondern weil er die Mutter seines -Kindes nicht leichtsinnig der Gefahr ausgesetzt wissen -wollte. Die Depesche, die ihm jetzt in die Hnde geraten -war, verriet ihm, da sie hinter seinem Rcken nicht daran -dachte, seinen Willen zu respektieren.</p> - -<p>Gern htte sich Perthes auf der Rckfahrt mit dem -Dampfer nach Friedrichshafen, und von da mit dem -Nachtschnellzug heimwrts, wieder nichts sehend und nichts -hrend, in seine gelehrte Fhllosigkeit, seinen dichten, -schweren Panzer gehllt. Doch immer wieder tauchte -diese Depesche vor ihm auf. So gewi, als sie unbekmmert -um sein Verbot, sich zu einer Ballonfahrt verabredete, -wrde sie auch sicherlich an den Rennen teilnehmen und -spielen, so oft sie wollte. Wenn er erst dahinter kam, -da ihre Ausgaben wieder ins Ungemessene gingen, -gab es Mittel und Wege, ihr seinen Willen deutlich zu -machen. Mglich auch, da sie sich nach wie vor von ihren -Eltern manches bestreiten lie: er hatte die beschmende -Kontrolle darber lngst aufgegeben. Nur mit seinem -Willen durfte das nicht sein. Es war auch vollends einerlei, -ob sie Ballon fuhr oder nicht! Und doch — jetzt — wo -er sie durch einen Zufall ertappte, gerade bei einem Sport, -den er ihr streng versagt hatte — schaffte die trichte Nachricht -in ihm. Wenn Alice alles tat, was sie wollte, warum -er nicht? Noch vor einigen Tagen hatte er den Brief -einer auswrtigen medizinischen Fakultt erhalten, der -ihn — einstweilen als Extraordinarius, aber mit der sicheren -Aussicht auf das Ordinariat — an eine norddeutsche Universitt -berief. Er hatte sich die Angelegenheit noch kaum -berlegt. Wollte sie auch nicht weiter berlegen, denn er -mute, wollte er nicht mit seinem Schwiegervater, mit<span class="pagenum"><a name="Page_407" id="Page_407">[S. 407]</a></span> -Alice einen Sturm bestehen, doch ablehnen. Aber mute -er denn wirklich? Wenn seine Frau handelte, wie es ihr -beliebte — brauchte er sich seinen Weg durch Rcksichten -verlegen zu lassen? In dem brausenden, hmmernden -Nachtzug, im Gedanken an diese malitise Depesche, erwachte -doch noch einmal sein Widerstand gegen die ewige -Unfreiheit, der er verschrieben sein sollte. Er hatte heute -nachmittag, in einer schwchlichen Stimmung, von einem -kleinstmglichen Glck getrumt. Mit Trumen war da -nichts ausgerichtet! Wenn er handelte?! Wenn er, allen -Widerstnden zum Trotz, seine Frau nun doch noch aus -ihrer unseligen Umgebung herausri und verpflanzte? -Wenn nicht mehr zu seinem und ihrem Heil, so zu dem -des Jungen! Darber brtete er ...</p> - -<p>Daheim, nach einigen Stunden Schlafs, wurde sein -Entschlu fest. Er wollte die Grung, die mit der Unterbrechung -seines mechanischen Arbeits- und Lebensganges -in ihm erregt worden war, benutzen. Er knpfte Verhandlungen -mit der auswrtigen Fakultt an, die ihn rief. -Als er den ntigen Brief abgesandt, ging er elastischer als -sonst in seine Klinik.</p> - -<p>Merkwrdig — die belanglose Depesche, die er vom -Bodensee mitgebracht, verfolgte ihn weiter. Schlielich -konnte es ihm gleichgltig sein, mit wem sich Alice in Baden-Baden -traf. Mit den Hupfelds aus Straburg, mit ihrem -Bruder oder mit anderen Bekannten. Nichtsdestoweniger -beschftigte ihn die Frage.</p> - -<p>Auf dem Nachhauseweg traf er gegen Abend den -Grafen Hningen. Er sprach fast nie mit dem wappennrrischen -Gardeberrest, der so geschftig und gelehrt tat. -Heute fragte er ihn hflich nach dem Befinden der Grfin.<span class="pagenum"><a name="Page_408" id="Page_408">[S. 408]</a></span> -Sie war wohlbehalten mit Edith Hammann zurckgekehrt. -Der Graf selber war den Seinigen entgegengefahren und -hatte sie in Friedrichshafen abgeholt. Er sprach auch von -dem Besuch Alices in Rorschach. Perthes schmte sich -fast zu fragen, wohin seine Frau gereist sei. Er murmelte -eine unverstndliche Ausrede und tat es doch. Alice -hatte auf Nachrichten aus Freiburg gewartet, wie der -Graf sich entsann. Als sie nicht eintrafen, war sie aufs -Geratewohl zu ihrem Bruder gereist.</p> - -<p>Nun wute Perthes, da sie sich hchstwahrscheinlich -mit dem Leutnant nach Baden-Baden verabredet hatte. -Von ihm mochte die Depesche sein.</p> - -<p>Zu seiner Verwunderung erhielt er noch am selben -Abend eine Ansichtskarte von seinem Schwager Moritz -aus dem Engadin, von einer Hochgebirgstour. Also konnte -der es doch nicht sein, mit dem sie zusammentreffen wollte. -War sie gar nicht nach Freiburg gereist? Sondern direkt -nach Baden-Baden gefahren oder ... Er strubte sich -gegen seine alberne Grbelei. Aber so tricht er sich -vorkam, er hatte keine Ruhe.</p> - -<p>Sehr gegen seine Gewohnheit ging er am nchsten -Nachmittag mit seinem Jungen um die Teestunde nach -Stift Nieburg. Man nahm ihn freundlich auf. Besonders -der Kleine war stets willkommen und wurde stets mit -Kuchen vollgestopft. Wo Alice gerade war, wuten -Hupfelds nicht. Sie hatten zuletzt eine Karte vom Bodensee -gehabt. Die Grfin Hningen kam zum Tee. Sie -brachte Gre von Alice und erzhlte Wunder von ihrem -famosen Aussehen.</p> - -<p>Dann sprach man von unzhligen Dingen, die Perthes -nicht interessierten, die er aber aus Artigkeit mit anhrte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_409" id="Page_409">[S. 409]</a></span> - -Der Geheime Rat fragte die Grfin beilufig nach -Professor Hammann, ihrem Schwiegersohn. Sie wute -nicht viel von ihm. „berarbeitet” wie er gewesen, hatte -er einige Wochen vor Semesterschlu seine Vorlesungen -und Studien abgebrochen und Touren in der franzsischen -Schweiz gemacht. Auf dem Genfer See hatte ihn eine -Regatta gelockt. Der Sport war nun einmal sein Steckenpferd. -Und auf der Rckreise wollte er, so viel sie wute, -noch ein oder zwei Ballonfahrten in Baden-Baden mitmachen. -— Edith, seine Frau, war, da sie einem freudigen -Ereignis entgegensah, mit den Hningen am Bodensee -gewesen und jetzt daheim — indolent und schn wie immer, -wie die Grfin selbst lachend hinzusetzte.</p> - -<p>Es war an sich nichts Besonderes, was Perthes auf -Nieburg hrte. Und doch versetzte es ihn in gesteigerte -Unruhe. Da die Depesche an Alice aus der franzsischen -Schweiz kam, konnte der reine Zufall sein. Da sie und -Hammann sich eventuell mit dritten Bekannten in Baden-Baden -zu einer Ballonfahrt trafen, war mglich, aber -fr ihn jedenfalls uninteressant.</p> - -<p>Und doch konnte er es auf dem ganzen Heimweg von -Stift Nieburg nicht unterlassen, seine einmal entfesselte -Sprkraft weiter zu ben. Er spottete ber sich und -seinen spielerischen Eigensinn und kam gleichwohl nicht -davon ab.</p> - -<p>Der kleine Benno, den er an der Hand hatte, war -sehr ungehalten, da sein Papa ihm oft gar keine oder -ganz unzureichende Antworten auf seine zahlreichen, -hchst wichtigen Fragen gab. Er rief gebieterisch. Wenn -Perthes dann aufschrak aus seinem Sinnen, war er -wtend ber den Jungen und ber sich. Was ging denn<span class="pagenum"><a name="Page_410" id="Page_410">[S. 410]</a></span> -mit ihm vor? Wollte er sich zum Detektiv ausbilden? Wollte -er einen neuen Giftstoff in seine ohnehin vergifteten Beziehungen -zu Alice hineinpraktizieren? Entdeckte er in -sich ein Talent zur Eifersucht? Jetzt noch, wo ... Verchtlich -bi er sich auf die Lippen. Es fiel ihm die Geschichte -ein, die ihm seine Frau seinerzeit als Tauschobjekt fr seine -milungene und abscheuliche Beichte ber sich und Marga -Richthoff angeboten und spter auch wirklich erzhlt hatte. -Wahrscheinlich kam er darauf, weil Benno, jetzt schon -zum dritten Mal eine ihm sehr bedeutend scheinende, -Perthes sehr ungelegene Erzhlung aus dem Richthoffschen -Kindergarten mit wachsender Bestimmtheit vortrug. Er -hrte daneben deutlich das saloppe Tauschgestndnis, das -Alice damals abgelegt: wie sie mit diesem kleinen, patenten -Hammann, dem gut gepflegten Sportsmann und Auchbakteriologen, -geflirtet hatte; wie sie sich beide ganz nett -htten leiden knnen, aber eines Tages bei dem Gedanken -an Verlobung und Heirat „auseinandergelacht” htten. -Ob es fr Alice ein greres Vergngen htte geben -knnen, als zu wissen, da er sich in solchem Zusammenhang -an ihre Geschichte erinnerte? Da er sich nun auch -noch auf die abgegriffene Spezialitt der Eiferschtelei -verlegen wollte? Das Vergngen wollte er ihr denn -doch nicht gnnen! —</p> - -<p>Daheim lie Perthes den Jungen zu Bett bringen -und warf sich entschlossen auf seine Arbeit.</p> - -<p>Keine Minute lnger durfte diesem migen und klglichen -Spintisieren gehren.</p> - -<p>Er arbeitete bis tief in die Nacht. Erfllt von wissenschaftlichen -Ideen, vllig abgezogen von den Torheiten -der letzten Tage, legte er sich zu Bett.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_411" id="Page_411">[S. 411]</a></span> - -Er schlief sofort ein, mit der bleiernen Schwere, die -der erschpfte Kopf gab ...</p> - -<p>Nach wenigen Stunden fuhr er beklommen in die -Hhe. Ein Traum, ein hmischer, raffinierter Traum -hatte ihn aufgeschreckt. Alle Klgeleien, seine eingestandenen -und verborgenen Verdchtigungen hatte dieser Traum -mit folgerichtiger Teufelei zu einem hhnischen Bild vereinigt, -das ihn mit seiner alpdrckenden Gewiheit aufjagte. -Er rang nach Atem, nach Beruhigung. Er suchte -seine Beklemmung abzuschtteln. Aber sie wich nicht. -Seine Phantasie arbeitete fort, ob er wollte oder nicht. -Er wute gar nicht, ob er berhaupt wach geworden -war, oder ob er weitertrumte. Bestimmte Einzelheiten, -uerungen, die er vergessen, mit halbem Ohr gehrt, -Szenen des Zusammenseins mit den Hammanns bei seinen -Schwiegereltern, bei jenen selbst, hier im eigenen Haus -— sie standen in einem neuen, verfnglichen Licht vor -ihm. Besonders war es ein Wort Alices, das sie bei einer -Schmauserei mit ihrem gttlichen Leichtsinn in die Unterhaltung -geworfen und das jetzt mit beinahe physischer -Leuchtkraft vor ihm brannte. „Edith, wie wr's, wenn -wir uns heute mal so richtig bers Kreuz amsierten, du -mit meinem, ich mit deinem Kreuzritter?!” Hatte es -dabei nicht boshafter und tckischer denn je in ihren -Augen geflackert? Und sie hatten alle vier darber gelacht. -Er sah und hrte dies Lachen. Er lachte aus Hflichkeit, -Edith Hammann belustigt in ihrer stumpfen, so -gar nicht abenteuerlustigen Art, Alice kurz und aufreizend, -wie sie es gern tat, und Hammann mit verlegener -Lautheit ...</p> - -<p>Perthes war aufgesprungen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_412" id="Page_412">[S. 412]</a></span> - -Mit behender Hast, immer unter dem Zwang dieser -Wahnvorstellungen, halb trumend, halb wach, warf er -sich in seine Kleider. Es dmmerte noch kaum, und er -zndete ein Licht an. Er war sich keiner bestimmten Absicht -bewut und handelte doch von Sekunde zu Sekunde mit -der exakten Konsequenz eines Nachtwandlers.</p> - -<p>Er stieg die Treppe hinunter.</p> - -<p>Dann betrat er das Zimmer seiner Frau neben dem -Speisezimmer. Vor ihrem Schreibtisch machte er halt -und setzte seine Kerze nieder.</p> - -<p>Fr einen Augenblick lichtete sich sein Bewutsein. -Wollte er eine Schlechtigkeit tun? War er wahnsinnig -geworden? Wo war er? Was trieb er?</p> - -<p>Doch schon fate ihn wieder der Zwang. Gewiheit -um jeden Preis mute er haben!</p> - -<p>Er ri an der verschlossenen Schublade des Schreibtisches. -Der Widerstand entfachte nur seine Wut. Mit -seiner ganzen, in der Anspannung gewaltigen Krperkraft -erbrach er sie. Alice htte in diesem Moment erfahren -knnen, da der Ruberhauptmann in ihm noch nicht -vom Philister vllig verschlungen war!</p> - -<p>Er whlte in dem wahllosen Durcheinander von Rechnungen, -Briefpapier, Einladungen.</p> - -<p>Schlielich, ganz zu hinterst, aber gar nicht etwa versteckt, -fand er Briefe mit Hammanns unpersnlicher -Schrift. Einen, zwei, die nichts von Belang, nichts berzeugendes -enthielten. Dann eine Briefkarte, mit Bleistift -geschrieben — sechs, acht Zeilen — die ihn auf den Stuhl -vor dem Schreibtisch taumeln lieen.</p> - -<p>Das war die Gewiheit, die er gesucht hatte. Alice -hatte ihn mit Ludolf Hammann betrogen ...</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_413" id="Page_413">[S. 413]</a></span> - -Mit der Gewiheit kam fr Perthes das Erwachen -aus dem dmmerhaften, halbwachen Zwang, der ihn -zu einer hlichen Gewaltsamkeit fortgerissen hatte ...</p> - -<p>Wie lange er so gesessen, wute er nicht. Die Wahrheit, -grausam, hmisch, konsequent, wie der Traum, der -ihn gepeinigt — erst tobte sie in ihm mit Gefhlen der -Verachtung, des Schmerzes, des entwrdigten Stolzes, -die in seinem Innern stritten und die Vorherrschaft vor -seinem Verstand begehrten; dann gab sie ihm einen kalten, -nchternen Entschlu, mit dem er sich erhob.</p> - -<p>Er nahm die Briefe an sich, ging zurck in sein Schlafzimmer -und machte sich fertig.</p> - -<p>Frh am Morgen, viel frher als sonst, schallte seine -Stimme mit ungewohnter Schrfe durch das Haus. Er -berschttete die Dienstboten, das Kinderfrulein mit -einer Flut von Befehlen, so da sie in heller Bestrzung -umeinander liefen.</p> - -<p>Das dauerte etwa eine Stunde.</p> - -<p>Dann verlie er mit seinem Jungen die Villa. Nicht -einen Tag lnger konnte er unter diesem Dach bleiben. -Die Lge seiner Ehe, eines trugvollen, jahrelangen -Scheinlebens war zu Ende und sollte es auch uerlich -sein.</p> - -<p>Erst wollte er sich mit seinem Kind in einem Hotel -einquartieren. Doch die Besonnenheit riet ihm von diesem -zu auffallenden Schritt ab. Er erinnerte sich an sein -Junggesellenquartier bei Frulein Eschborn. Dorthin -schleppte er seinen verstrten, heulenden Jungen. Dort -fand er — da das Semester vorbei war und die Studenten -fehlten — ein Notquartier. Im ersten Stock: ein Arbeitszimmer -und ein Schlafkabinett fr ihn, eine Stube fr<span class="pagenum"><a name="Page_414" id="Page_414">[S. 414]</a></span> -Benno und das Kinderfrulein, das nachkommen sollte -— war alles, was er einstweilen brauchte. In weniger -als einem halben Tag war der Auszug vollendet ...</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Wochen des Kriegs begannen.</p> - -<p>Es waren entsetzliche Wochen, in denen das Herz aus -allen Wunden blutete und der Kopf doch Meister bleiben -mute.</p> - -<p>Die erste kategorische Fehdeanzeige fiel nach Nieburg -wie eine Bombe. Mama Hupfeld legte sich, wie immer -bei aufregenden Gewittern, sofort zu Bett. Exzellenz, -von der Unschuld seiner Tochter berzeugt, schumte. Er -schrieb an Perthes, den Mann, den er „gemacht” hatte, -einen Brief voll hochfahrenden Zorns, in dem er seinem -aufgespeicherten Groll gegen das Geschpf seiner Gutmtigkeit -ohne jede klassische Bezhmung freien Lauf lie. -Er wollte seinen Schwiegersohn demtigen und zur Rson -bringen. Als Antwort schickte dieser die Abschrift der belastenden -Briefkarte von Hammann. Der Geheime Rat -stutzte. Er wurde vorsichtig, denn er witterte Skandal, und -den mute er um jeden Preis vermeiden. Noch hoffte er, -da die Rckkehr Alices, die stndlich bevorstand, eine andere -Erklrung geben und das Beweismaterial ihres Mannes -erschttern wrde. Alice kam. Sie war ein bichen erstaunt. -Ein bichen bestrzt. Ein bichen emprt. Im Grund fand -sie die erbrochene Schublade das beste, was ihr Mann nach -Jahren einmal wieder geleistet hatte. Was fr Exzellenz -das Schlimmste war: sie tat ihm nicht den Gefallen, ihre -Beziehungen zu Hammann zu beschnigen. Sie leugnete -nichts. Zerknirscht war sie auch nicht. Das Abenteuer mit<span class="pagenum"><a name="Page_415" id="Page_415">[S. 415]</a></span> -Hammann war eine Laune gewesen, die sie, gelangweilt -von ihrem Mann und von aller Regelmigkeit, frher -oder spter kosten mute. Skrupel empfand sie dabei -nicht. Das Unangenehme, das daraus entstand, wurde -durch das Neue, das es brachte, aufgewogen. Spahaft -htte sie es gefunden, wenn sich Perthes und Hammann -um ihretwillen geschossen htten. Darauf wartete sie -auch. Vielleicht war es doch etwas Galgenhumor, was -sie zur Schau trug, jedenfalls ein Galgenhumor, der diesmal -sogar ihren Vater fast zu zorniger Verzweiflung -brachte ...</p> - -<p>Perthes hatte in der Tat daran gedacht, Hammann -zur Verantwortung zu ziehen. Eine Zeitlang begehrte -sein Blut diese knallende Lsung. Aber dann bermannte -ihn der Ekel. Sollte er sich fr ein Chimre schlagen? -Die Ehre von Alice war lngst nicht mehr die seine. Mochten -Splitterrichter des Duellkomments, dem er fr einen -wrdigeren Fall die Berechtigung nicht versagte, ihn -verdammen. — Den Eklat eines Prozesses scheute er -nicht. Doch dagegen kmpfte der Geheime Rat mit allen -Mitteln. Sogar denen einer hflichen, bittenden berredungskunst. -Diese war es nicht, die bei Perthes verfing. -Aber die ruhigere Erwgung sagte ihm, da er selbst -durch einen grellen Skandal mehr verlieren als gewinnen -konnte. Auch noch seine wissenschaftliche Laufbahn zu -opfern — dazu fhlte er sich nicht bemigt und, im -Hinblick auf sein Kind, nicht berechtigt. Bis zum Herbst -dauerte das Hinber und Herber der feindlichen Lager. -Dann brachte der Vorschlag des Hupfeldschen Rechtsanwalts -die Lsung, die beide Parteien — mit Einverstndnis -der sehr degoutierten Grfin Hningen, des kleinlauten<span class="pagenum"><a name="Page_416" id="Page_416">[S. 416]</a></span> -Professor Hammann und der verstrten, so gar -nicht nachtragenden Edith — annehmen konnten und -muten. Perthes, der den Ruf nach Norddeutschland -endgltig angenommen hatte, wrde dorthin mit Benno -bersiedeln. Alice sollte sich weigern, den neuen Wohnsitz -mit ihm zu teilen. Seine wiederholte Aufforderung, -ihr Widerstand erzielten dann innerhalb der gesetzlichen -Frist den Scheidungsgrund, der ihm das Kind lie und -vor der ffentlichkeit den Skandal annhernd verschleierte.</p> - -<p>Mit einer Komdie sollte symbolisch die Ehe von Max -und Alice Perthes ihren Abschlu finden.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h2><a name="c20" id="c20">20</a></h2> - - -<p>Es war Oktober geworden.</p> - -<p>Ein warmer, milder Herbst lag ber dem Land. Sanft -brunten und rteten sich die Laubwlder an den Hngen -und auf den Kmmen der Berge. Wehmtig hngte sich -die dunkelgoldene Sonne an die erstarrende Erde. Sie -spielte melancholisch mit den Wellen im Flu, die unerwrmt -unter ihrem liebkosenden Schein davonliefen. -Es war wieder die groe, stille Zeit des Abschiednehmens -gekommen, in der so viel Reife und Tiefe der Stimmung -liegt. Es ist im eisknirschenden Winter, im knospensprengenden -Frhling, im kornknisternden Sommer nicht so viel -Musik als im Herbst: aber es ist die Musik der Heimlichen -und Reifen; die Musik derer, die vom Sterben die Kraft -nehmen und die Lust zum Leben; es ist die Musik der -groen Stille ...</p> - -<p>Das luftige Giebelzimmer ber der Stadt und dem -Flu, in dem Perthes als Junggeselle gewohnt hatte,<span class="pagenum"><a name="Page_417" id="Page_417">[S. 417]</a></span> -war frei geworden. Trotz der Gegenvorstellungen von -Frulein Eschborn, die das Quartier fr ihn nicht mehr -standesgem finden mochte, war er in den letzten Wochen -aus dem ersten Stock dort hinaufgezogen. In einer Zeit, -wo alles um ihn wankte und niederbrach, empfand er das -hartnckige Bedrfnis, sich an diese Giebelstube von einst -zu klammern. Er hatte dabei nicht erst seine Gefhle und -Erinnerungen umstndlich befragt: da er nicht stimmungsselig -da oben wrde, dafr sorgten die Aufregungen dieser -Zeit des Kampfes, des Abschlusses seiner klinischen und -akademischen Pflichten, die zahlreichen Schreibereien und -Abmachungen, die die bersiedlung an einen neuen Ort -der Ttigkeit, in andere Bedingungen des Lebens notwendig -machten.</p> - -<p>Erst in der zweiten Woche des Oktobers trat eine -kurze Pause und unfreiwillige Ruhe fr ihn ein. Er hatte -sich auf der Klinik verabschiedet. Der Kampf um die -Scheidung von Alice, so aufreibend und nervenzehrend, -war abgeebbt. Seine neue Stellung war in allen Teilen -gesichert. Nur die kleinen Geschfte, die mechanisch -und nichtssagend sind, Formalitten verschiedener -Art hielten seinen Fortzug noch um einige Tage auf. -In der Entspannung, die jetzt unmerklich whrend dieser -gezwungenen Muezeit seinen Geist und sein Herz berkam, -beschlich es ihn doch manchmal eigen in seinem -Junggesellenzimmer, und wenn er sich ber die Brstung -des Fensters lehnte, hrte auch er vom Flu herauf, -ber die sonnenglnzenden Dcher weg, herunter von -den tannenbescheitelten und laubwaldumkrnzten Bergen -die heimliche, tiefe Musik des Herbstes. Erst vernahm -er nur ihre ersterbende Wehmut: allein, mit leerem<span class="pagenum"><a name="Page_418" id="Page_418">[S. 418]</a></span> -Herzen, gebrochen, rmer als er einst eingezogen, zog er -jetzt durch dieselbe Tr wieder davon. Er wehrte den -Erinnerungen, aber sie gaben ihn nicht frei: seine jungenhaft-trichte -Schwrmerei fr Hilde Knig; sein unfhig-gewaltsames -Ringen nach der Hhe, wo Marga gestanden -und sein schwacher, schuldvoller Absturz; seine tolle, -trgerische Taumel- und Leidensgeschichte mit Alice — -Erlebnisse dieser Jahre hatten leer- und totgefegt, -was in ihm war. Aber dann hrte er heller, deutlicher. -Hrte hinter die Tne der Wehmut: aus der traurigen -Weise des Sterbens lste sich leise, aber fest eine andere. -War er nicht doch reicher geworden bei all der Armut? -Da war seine Liebe zur Wissenschaft, eine dauerhafte, -echte Liebe, die nichts mit dem haltlosen Hin und Her -frherer Neigungen gemein hatte. Da war sein Junge, -Fleisch von seinem Fleisch, ein Ziel und eine Hoffnung, -auch wenn er Blut von ihrem Blut hatte. Und da war -er selbst, ein Mann, ein Wollender, einer der sich kannte -und beherrschte, der nicht sprang, sondern schritt — vielleicht -doch empor — nicht mehr zu der Hhe, die Marga -gehrte, aber doch zu einem, zu seinem Gipfel: zu der -Persnlichkeit, die er werden konnte. Er hrte etwas, -auch er, von der Musik der Heimlichen und Reifen, derer, -die vom Sterben die Kraft nahmen und die Lust zum -Leben ...</p> - -<p>In solchem Lauschen war er eines Morgens versunken, -als das Kinderfrulein mit Benno bei ihm eintrat. Sie -hatte den Kleinen vor kaum einer halben Stunde in den -Kindergarten gebracht. Fragend wandte sich Perthes -nach den beiden um.</p> - -<p>Der Junge machte ein verschlossenes, eigensinnig-finsteres<span class="pagenum"><a name="Page_419" id="Page_419">[S. 419]</a></span> -Gesicht und zerrte sein Frulein am Rock, als -wollte er sie hindern, zu reden. Das junge Mdchen sah -verlegen und unschlssig aus, als traute es sich nicht zu -sprechen und auch nicht zu schweigen.</p> - -<p>Perthes, der seinem Jungen mehr Aufmerksamkeit -schenken konnte als sonst, musterte ihn und das Frulein.</p> - -<p>„Was gibt's?” fragte er mit knapper Stimme. „Die -Schule ist doch noch nicht zu Ende?”</p> - -<p>„Nein, Herr Professor, aber —”</p> - -<p>„La mal das Frulein los! Setz dich artig auf einen -Stuhl! — Nun, aber?”</p> - -<p>„Die Damen sagten — Frulein Richthoff sagte — -er solle nicht wiederkommen!” stammelte das Mdchen -ratlos.</p> - -<p>„Was heit das?” Perthes runzelte die Stirn. „Ich -versteh' das nicht. Ist etwas vorgefallen? Reden Sie -doch!” Er nherte sich dem Frulein und warf gleichzeitig -einen besorgten Blick auf den Kleinen, der zwischen Trotz -und Trnen auf seinem Stuhl schwankte. Er hatte seinerzeit -erst nachtrglich von Alice erfahren, da sie den Jungen -in den Richthoffschen Kindergarten gebracht. Es war -ihm peinlich gewesen, aber er hatte es nicht mehr ndern -knnen. Wenn Benno von dort erzhlte, beschrnkte er -sich meist auf das Zuhren und lenkte ihn bald ab. Auch -das jetzige Thema kam ihm ungelegen, und er htte es -gern so schnell wie mglich abgetan.</p> - -<p>Das Kinderfrulein rckte schchtern mit vielen Wenn -und Aber heraus. Benno wre gestern unartig gewesen; -er htte die Damen erzrnt; die Jngere htte heute -entschieden erklrt, er drfe nicht mehr kommen.</p> - -<p>Perthes horchte betreten auf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_420" id="Page_420">[S. 420]</a></span> - -Er schickte das Frulein aus dem Zimmer. Dann -nahm er seinen Jungen vor. Eine harte Arbeit. Der -kleine, schwarzkpfige Wicht mit seinen brennenden Augen -war verstockt. Aus dem dunklen Blick leuchtete die Heftigkeit -des Vaters, und um den kindlichen, tiefroten Mund -spielte etwas von Alices launischer Selbstwilligkeit. Erst -gab es ein verlegen-hartnckiges Schweigen. Dann ein -lautes, zorniges Geheul. Endlich ein aufgelstes, schluchzendes -Gestammel, dem Perthes nur allmhlich Sinn -abgewinnen konnte. Zwei Namen wechselten in der -jammervollen Beichte am deutlichsten ab. Tante Elli -und Tante Marga. Der kleine Bursche wute nicht, wie -hart und unselig gerade diese beiden von ihm endlos -wiederholten Namen in die Ohren seines Vaters klangen. -Und was nachkam, traf Perthes noch schlimmer. Aus all -dem Gestammel und Geschrei wickelte sich heraus, da er, -offenbar in einem Anfall von Jhzorn, die eine Tante -geschlagen hatte — Marga. „Ein ganz klein wenig nur,” -wie er mit erneutem Aufschluchzen versicherte. Er erwartete -offenbar von diesem Schlu- und Hauptstck -seines Gestndnisses das uerste, denn er duckte sich -in sich zusammen und wrgte noch zweimal „ein ganz -klein wenig nur” hervor. Aber er mute mit Staunen -die Wahrnehmung machen, da sein Vater ganz still -und stumm blieb. Er sah schchtern zu ihm hin. Aus -Perthes' Gesicht war alles Blut gewichen. Eine erschreckende -Verzweiflung und Traurigkeit, wie sie der Missetter im -Matrosenkittelchen noch nie an einem Menschen gesehen, -malte sich in seinem Antlitz. Bewegungslos, mit herabhngenden -Armen und geschlossenen Augen sa er vor -dem Kleinen, und dem wurde dies Starren und Schweigen<span class="pagenum"><a name="Page_421" id="Page_421">[S. 421]</a></span> -unheimlich, viel unheimlicher als das heftigste Schelten. -Er brach von neuem in Trnen aus.</p> - -<p>Perthes stand auf.</p> - -<p>Er rief das Kinderfrulein und lie den Jungen, -ohne ein Wort an ihn zu richten, in die andere Stube -fhren.</p> - -<p>Als er allein war, setzte er sich vor seinen Schreibtisch. -Er nahm seinen Kopf zwischen seine beiden Hnde und -prete ihn, als wollte er ihn zerdrcken ...</p> - -<p>Das Schwerste und Trbste, was in seiner Seele geschlummert, -woran er auch in seinen wehmtigsten Abschiedsgedanken -nur aus ngstlicher Ferne vorbeigestreift -war, wie an einem kranken, schmerzhaften Glied — das -hatte sein eigener Junge mit seiner kindlichen Untat grell -und rcksichtslos aus ihm heraufgezerrt. Die kleine Hand, -die sich da im Jhzorn erhoben, was hatte sie im Grund -anderes verbt, als was er, der Vater, vor einigen Jahren -so viel brutaler, hrter, grausamer getan: Marga geschlagen! -— Wie das traf! Wie es schmerzte! Wie es von der -verstecktesten Wunde seines Lebens, der grten, mitleidslos -den Notverband ri und das Blut quellen und quellen -lie. Die Erinnerung an Marga, Stunde um Stunde -fast des Vergangenen, umtoste ihn. Aus gespenstiger -Weite, aus der Verbannung von Jahren war ihr Bild -nahe gerckt, so nahe, da es ihn mit seiner Deutlichkeit -betubte. Es war ihm wie gestern, da er sie verloren, -verlassen und preisgegeben hatte! An jener Wegscheide, -zwischen Stift Nieburg und der Sgemhle im -Tal, war er fehlgegangen. Weit und weiter in die -Irre ...</p> - -<p>Doch das war ja nur der Schrei <em class="gesperrt">seiner</em> Seele, auf<span class="pagenum"><a name="Page_422" id="Page_422">[S. 422]</a></span> -den er horchte. Ein Schwelgen in nutzloser Sehnsucht -nach Verscherztem und Verlorenem. O — er hatte immer -nur an sich gedacht! Was Marga gelitten, hatte er es je -in seinem vollem Umfang ausgemessen? Hatte er seine -Schuld — ja, einen Teil davon hatte er abgetragen! -In sich selbst! Aber vor ihr und an ihr war er so schuldig -wie damals. Er hatte ja gewartet, bis die Hand seines -Jungen sich kindisch an ihr verging, als sollte sich das -Wehetun vererben vom Vater auf den Sohn. Wie schmerzhaft -er geschlagen, davon wute der Kleine nichts. Dafr -trug sein Vater die Verantwortung.</p> - -<p>Ruhelos gefoltert, die Stunden vergessend, schritt -Perthes in seinem Zimmer auf und nieder.</p> - -<p>Genugtuung konnte er Marga keine geben. Fr das, -was geschehen war zwischen ihr und ihm, gab es keine -Genugtuung. Konnte er trotzdem nichts, gar nichts tun?</p> - -<p>Natrlich mute er fr den Jungen um Entschuldigung -bitten. Er warf ein paar Zeilen aufs Papier. Am Nachmittag -legte er sie beiseite und schrieb einen Brief, der -mehr, der ein Bekenntnis seines ganzen Lebens wurde. -Daraus machte er von neuem — jedes Pathos und jede -Floskel verachtend — ein knappes Billet, das nichts -besagte. So ging es nicht! Er zerri alles, was er -geschrieben. Wenn er etwas tun wollte, mute es etwas -anderes sein.</p> - -<p>War er denn feig? Zu feig um das zu versuchen, -was einfach anstndig war?</p> - -<p>Er, er selbst mute gehen, er mute seinen Jungen -zu ihr fhren.</p> - -<p>Als ob er das nicht lngst gewut htte?! Nicht immer -wieder fortgeschoben und umgangen htte?!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_423" id="Page_423">[S. 423]</a></span> - -Vielleicht lie sie ihn abweisen, vielleicht — doch das -war es nicht, was ihn bestimmen durfte. Es gab nur diesen -Weg. Keinen sonst. Den mute er gehen. Als Mann -von Ehre und Gewissen. —</p> - -<p>Am nchsten Morgen war er mit sich fertig.</p> - -<p>Mit seinem Kleinen hatte er nicht wieder gesprochen. -Nicht einmal „Gute Nacht” hatte er ihm gesagt. Jetzt -teilte er ihm in kurzen Worten mit, was geschehen sollte. -Sie beide wrden um elf, ehe die Schule zu Ende war, -zu Tante Marga gehen. Und Benno wrde vor den -Kindern sie laut und deutlich um Verzeihung bitten. -Jedes Struben war ausgeschlossen.</p> - -<p>Der Junge machte ein langes Gesicht. Fast eine -Grimasse wie seine Mutter. Aber er war zu zerknirscht. -Er hatte zu viel geweint und frchtete die traurig-entschlossenen -Augen seines Vaters zu sehr, um ein -Wort des Widerwillens oder auch nur eine Gebrde -dagegen zu finden.</p> - -<p>Dann gingen sie zur festgesetzten Stunde in die -Stadt.</p> - -<p>Perthes hatte sich den Weg beschreiben lassen. Trotzdem -ging er in unbekannten Straen fehl. Auf den Jungen -war kein Verla. Er war ebenso stumpf und ngstlich, -wie sein Vater erregt war.</p> - -<p>Sie irrten an dem Haus am Wenzelsberg vorbei, -das frisch gestrichen, fremd und abweisend in der Strae -stand.</p> - -<p>Es schlug elf Uhr, ehe sie sich zurechtgefunden hatten.</p> - -<p>Der lachende und schwatzende Kinderschwarm quoll -aus der Tr des Vorgartens, bevor sie das kleine Haus -in der Bergfelderstrae erreichten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_424" id="Page_424">[S. 424]</a></span> - -Perthes stand unschlssig vor dem Zaun, hinter dem -die buntbltigen Astern in freundlichen Beeten leuchteten.</p> - -<p>Sollte er umkehren? Sollte er den Gang auf den -Nachmittag verschieben?</p> - -<p>Das widerstrebte ihm. Er trat ein.</p> - -<p>Das Dienstmdchen, das ihm die Glastr ffnete, sah -ihn und den Kleinen verdutzt an.</p> - -<p>Sie wies ihn ins Schulzimmer und wollte die Damen -rufen.</p> - -<p>Inmitten der kleinen Bnke blieb er harrend stehen. -Er atmete schwer und hielt den Jungen mit einem harten -Griff an seiner Seite. Es hmmerte in seinen Schlfen -und zuckte vor seinen Augen, so da er nichts um sich sah.</p> - -<p>Nach geraumer Weile ffnete sich die Tr. Es war -Elli.</p> - -<p>Das Mdchen, das den kleinen Perthes kannte, hatte -sie benachrichtigt. Perthes hatte versumt, sich mit Namen -zu nennen, aber sie war keinen Augenblick im Zweifel, -da er selbst es war. Mit klopfendem Herzen, nicht wissend, -was sie tun oder lassen sollte, war sie herbeigeeilt. Ohne -Marga zu verstndigen, die im Garten auf und ab ging. -Nun stand Elli sprachlos dem Mann gegenber, der ihr -vor Jahren ein vertrauter Bekannter gewesen. Ihre -sonst so frische, nicht leicht einzuschchternde Art versagte -bei diesem unerwartetem Wiedersehen. Sie konnte -ihn nur durch eine Bewegung bitten, seine Wnsche zu -uern.</p> - -<p>Auch Perthes war einen Moment betroffen und stumm -dagestanden. Jetzt erklrte er sich mit fester Stimme.</p> - -<p>„Frulein Richthoff, mein Junge und ich sind gekommen, -um Ihr Frulein Schwester um Verzeihung zu<span class="pagenum"><a name="Page_425" id="Page_425">[S. 425]</a></span> -bitten. Ich hrte mit Entrstung, was fr eine groe -Unart sich der Kleine geleistet hat!”</p> - -<p>„Meine Schwester — Sie wollen meine Schwester -selbst — sprechen?” stammelte Elli.</p> - -<p>„Ich bitte darum,” erwiderte er mit einem leisen -Vibrieren des Tones.</p> - -<p>„Ich frchte, da —” Elli suchte nach einer Ausrede, -um Marga dies Wiedersehen zu ersparen, aber Perthes -hatte seinen Blick mit einer so zwingenden Bitte auf sie -gerichtet, da sie verstummte. Ein hastiges, bebendes -„Ich will nachsehen!” und sie huschte aus dem Zimmer.</p> - -<p>Es dauerte wieder eine geraume Zeit.</p> - -<p>Perthes dnkten die Minuten Ewigkeiten zu werden. -Er lie den Kleinen los und lehnte sich gegen das Kreuz -des nchsten Fensters.</p> - -<p>Er hrte im Flur Schritte, die sich nherten. Auf -seine Sinne legte es sich wie Nebel. Die Dinge rckten -vor seinen Augen in eine dunstige Ferne. Das Kind trat -mechanisch von einem Fu auf den andern. Weit ab -sah er jetzt eine Tr sich ffnen. Er erkannte eine Gestalt, -nur in Umrissen, whrend eine zweite sich abseits, an -einem Schrank zu schaffen machte. Die erste, die stillstand, -mute Marga sein. Er lste sich von dem Fensterkreuz -und trat einige Schritte vor. Seine Stimme klang -ihm fremd wie die eines anderen.</p> - -<p>„Sie wissen schon, weshalb wir hier sind. Ich danke -Ihnen, da Sie uns hren wollen. Eigentlich wollte ich, -da der Junge vor seinen Kameraden ihnen Abbitte tun -sollte. Er hat sich abscheulich vergangen!” Perthes -stockte. Die stoweise vorgebrachten Stze preten seinen -Atem. „Benno, tu wie ich dich geheien!” Er tappte<span class="pagenum"><a name="Page_426" id="Page_426">[S. 426]</a></span> -neben sich nach der Schulter des Kleinen und schob ihn -vorwrts. „Geh, und bitte Frulein Richthoff um Verzeihung!”</p> - -<p>Der Junge setzte sich zgernd in Gang.</p> - -<p>Marga stand bla und ernst bei der Tr. Sie mute -hinter sich, am Trrahmen, Halt suchen. Ihr Kopf hatte -sich auf die Brust geneigt, ihre Augen sich geschlossen. -Sie wollte dem Kleinen entgegengehen, um die peinliche -Szene so schnell wie mglich zu beendigen. Aber sie -konnte nicht.</p> - -<p>Der Junge blieb auf halbem Weg wie angewurzelt -stehen. Trotz und Angst lieen ihn schwanken.</p> - -<p>„Benno!” mahnte Perthes mit Anstrengung.</p> - -<p>Das Kind rhrte sich nicht. Die Hnde auf dem -Rcken verschlungen haltend, wich es nicht von der Stelle.</p> - -<p>Perthes griff sich an den Kopf. Dann ging er mit -schleppenden Schritten, ohne den Boden unter sich zu -fhlen, vorwrts, dorthin, wo die in Nebel verlorene -Gestalt stand.</p> - -<p>„Also werde ich fr dich um Verzeihung bitten!” Er -nahm alle Energie zusammen. „Der Junge ist verwildert. -Seine Mutter — kurz er hat keine Mutter mehr. Und -ich kann mich zu wenig um ihn kmmern. Ich bitte Sie, -ihm zu verzeihen!”</p> - -<p>Perthes stand jetzt kaum zwei Schritte von Marga -entfernt. Er wollte sagen, da das Kind selbstverstndlich -nicht mehr in die Richthoffsche Schule kommen drfe; -er wollte in einer kurzen, verbindlichen Form all das vorbringen, -was er sich zurecht gelegt. Aber die Worte blieben -ihm aus. Er hatte seine Kraft berschtzt und konnte nicht -weiter. Er stand so steif und unbeweglich wie sein Kind.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_427" id="Page_427">[S. 427]</a></span> - -„Ich verzeihe ihm gern,” kam es leise von Margas -Lippen. Die ganze, weiche Flle ihres Wesens klang -zitternd mit. Es war der alte, warme, stille, einfache -Ton, der ber Jahre hinweg an Perthes Ohr drang. Der -Dunst vor seinen Augen zerstob. Er sah sie. Nahe wie -sie ihm war. Die blauen, tastenden Augen, das erblate, -schlichte Gesicht mit seinen sanften, weichen Zgen unter -dem fahlen, gescheitelten Haar.</p> - -<p>Und mit einem Mal schttelte es seinen groen, -starken Krper wie ein Sturm. Seine Hnde ffneten -und schlossen sich wie im Krampf. Er schwankte zur Seite, -ergriff eine der kleinen Kinderbnke, die da standen und -lie sich mit einem dumpfen Laut niederfallen.</p> - -<p>Der Junge, von Angst und Schreck erfat, lief strauchelnd -auf Marga zu: „Verzeihen! Verzeihen!” wrgte er -unter einer Flut von Trnen hervor, whrend er sich an -sie drngte, die Hnde emporstreckend, Schutz und Hilfe -suchend vor einem Unbegreiflichen, das um ihn vorging, -und das sein Herz und sein Verstand nicht faten.</p> - -<p>Marga beugte sich ber ihn und streichelte das dichte, -zottige Haar.</p> - -<p>Elli war an ihrer Seite und hob ihn empor. Instinktiv -trug sie ihn in das anstoende Zimmer ...</p> - -<p>Perthes und Marga blieben allein in der groen, frhlichen -Stube, die die gedmpfte Herbstsonne mehr und -mehr in ihr sattes Mittagslicht tauchte.</p> - -<p>Eine Weile war nichts hrbar als der schwere, keuchende -Atem des Mannes, der mit verzweifelter, schamvoller -Kraft gegen die Gefhle rang, die ihn berwltigen -wollten. Und dann erlag er doch, dem unsagbaren und -grausamen Leid seiner Seele. Das ganze Weh seines<span class="pagenum"><a name="Page_428" id="Page_428">[S. 428]</a></span> -Lebens, die mit unnatrlicher Anspannung zurckgehaltenen -Schmerzen der letzten Monate, Bitterkeit, Reue -und Verzweiflung befreiten sich in jenem harten, dumpfen -Schluchzen, das den Zusammenbruch des Mannes grausam, -erschreckend und erschtternd macht, wie ein Ereignis -der Natur ...</p> - -<p>Leise, wie ein Schatten, lste sich Marga von der -Wand, an der sie noch immer stand.</p> - -<p>Sie ging nach dem Stuhl, auf dem sie sonst vor ihren -Kindern sa; von dem aus sie vor den glnzenden Augen -der andchtigen Kleinen ihre Mrchen erzhlte. Dort -setzte sie sich und faltete die Hnde im Scho. Zuerst war -es auch ihr, als mte ihr zuckendes Herz in Trnen sich -befreien. Aber dann senkte es sich ber sie wie eine machtvolle, -alle menschliche Klage vershnende Feierlichkeit. -Ihr inneres Gesicht verklrte sie: sie sah sich wie einst an -einem Nachmittag, nach bangem Morgen, ber einen -Hang schreiten, ber einen unabsehbaren Hang von blauen -Glockenblumen. Sanft neigten sie sich im Sommerwind -und begannen zu luten mit ihren zarten, dnnen, verheiungsvollen -Stimmchen. Je weiter sie schritt, um so -lauter war das Gelut. Ein Jubeln, ein Jauchzen wurde -daraus, in das ihre Seele einstimmte. Und wieder war -da ein Flu. Breiter, tiefer, strmender als der von einst. -ber den mute sie setzen. Sie wute, da er drben -stand, am Ufer. Da er sie erwartete. Es mute so -sein. Und das Gelute mute sie auf seinen Schwingen -tragen, hinber ber das Vergangene, hinber ber das -Gegenwrtige, bis sie an seiner Seite stand ...</p> - -<p>Seine Stimme erweckte sie. Er hatte sich mit einer -gewaltsamen Aufraffung gesammelt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_429" id="Page_429">[S. 429]</a></span> - -„Was werden Sie von mir denken, Frulein — Frulein -Marga!” Er konnte sie nicht anders nennen. „Was -werden Sie von mir trnenseligem, erbrmlichem Weichling -denken!” stie er rauh hervor. „Ich wollte Ihnen nur -sagen, da Sie mir — mir unendlich viel mehr zu verzeihen -haben als meinem dummen, trotzigen Kleinen. Das -war es.”</p> - -<p>Marga schttelte den Kopf.</p> - -<p>„Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Und wenn es -noch etwas gewesen wre, so htten Sie es in dieser Stunde -fr immer gutgemacht!”</p> - -<p>Perthes war aufgestanden. Auch Marga hatte sich -erhoben.</p> - -<p>Sie bot ihm ihre Hand. Er beugte sich tief darber -mit seinem dunklen Kopf und kte sie stumm. —</p> - -<p>Er rief nach seinem Jungen.</p> - -<p>Elli brachte ihn getrstet herbei. Sie wute nur durch -ihr Gefhl, was vorgegangen war.</p> - -<p>„Benno will am Nachmittag wieder in die Schule -kommen,” meinte sie mit einem strahlenden, liebkosenden -Blick auf den Kleinen.</p> - -<p>„Und immer wieder will ich kommen!” erklrte berzeugt -der kleine Mann.</p> - -<p>„Wenn die Damen es erlauben — solange du noch -hier bist,” sagte Perthes, dankbar auf Elli schauend. Dann -lie er ihn sich von Marga verabschieden, nahm ihn bei -der Hand und verlie mit einem ernsthaften Gru das -Zimmer ...</p> - -<p>Elli warf sich in Margas Arme. Whrend drauen -die Gittertr knarrte und die Schritte des kleinen und des -groen Perthes straabwrts verhallten, standen sie<span class="pagenum"><a name="Page_430" id="Page_430">[S. 430]</a></span> -schweigend beisammen. Elli wagte nicht, Marga zu stren, -deren Augen verloren ins Weite schweiften und eine -schimmernde Ferne faten. Es war die groe Stille, die -ber Zeit und Raum dort hinberflo. Und es war -wieder die Freude in ihr und das Luten der blauen -Glocken von Stille zu Stille. Das Wie wute sie nicht -und nicht das Wann. Aber sie wute, da sie und er sich -wiedersehen wrden, um sich nicht mehr zu trennen. -Denn sie waren wieder Gefhrten eines Wegs und eines -Willens ...</p> - -<p>Und beide rangen sie mit dem Leben, bis da es sie -segnete.</p> - -<div class="figcenter b6" style="width: 112px;"> -<img src="images/pg430_deco.png" width="112" height="19" alt="" /> -</div> - - - - - - -<div class="pagebreak center"> -<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Bcher von Heinrich Lilienfein"> -<tr><td align="center" colspan="2"><span class="pagenum"><a name="Page_431" id="Page_431">[S. 431]</a></span>Im <em class="gesperrt">Cotta'schen Verlage</em><br />erschien von</td></tr> - -<tr><td align="center" colspan="2"><big>Heinrich Lilienfein:</big></td></tr> -<tr><td align="left"></td><td align="center"><small>Gebunden</small></td></tr> -<tr><td align="left"><b>Ideale des Teufels</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Eine boshafte Kulturfahrt. 2. Aufl.</td><td align="left">M. 5.50</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Von den Frauen und einer Frau</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Erzhlungen und Geschichten. 2. Aufl.</td><td align="left">M. 5.—</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Die groe Stille</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Roman. 9.-11. Auflage</td><td align="left">M. 8.50</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Der versunkene Stern</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Roman. 4. und 5. Auflage</td><td align="left">M. 9.—</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Ein Spiel im Wind</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Roman. 4. und 5. Auflage</td><td align="left">M. 8.—</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Die feurige Wolke</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Roman. 1.-5. Auflage</td><td align="left">M. 9.50</td></tr> -<tr><td align="center"><hr class="tb" /></td></tr> -<tr><td align="left"><b>Der Herrgottswarter</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Ein Drama in drei Aufzgen</td><td align="left">M. 4 —</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Die Herzogin von Palliano</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Ein Drama in drei Akten</td><td align="left">M. 4.50</td></tr> -<tr><td align="left"><span class="pagenum"><a name="Page_432" id="Page_432">[S. 432]</a></span><b>Der Kampf mit dem Schatten</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Drei Akte eines Vorspiels zum Leben</td><td align="left">M. 4.—</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Der schwarze Kavalier</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Ein deutsches Spiel in drei Akten</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Olympias.</b> Ein griechisches Spiel in drei Akten</td></tr> -<tr><td class="tdl">Beide Dramen in einem Band</td><td align="left">M. 5.—</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Der Stier von Olivera</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Ein Schauspiel in drei Akten. 2. Aufl.</td><td align="left">M. 4.50</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Der groe Tag</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Ein Schauspiel in fnf Akten</td><td align="left">M. 4.—</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Der Tyrann</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Ein Drama in vier Akten</td><td align="left">M. 4.50</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Hildebrand</b></td></tr> -<tr><td class="tdl">Ein Drama in drei Akten und einem Vorspiel. 2. Auflage</td><td align="left">M. 4.—</td></tr> -<tr><td align="left"><b>Das Gericht der Schatten</b></td></tr> -<tr><td class="tdl"><em class="gesperrt">Vier Einakter</em>: Die Botschaft — Das Fest der entblten Seelen — Die mondhelle Stunde — Die Fessellosen</td><td align="left">M. 4.—</td></tr> -</table></div> -<p class="center"> -<small>Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart</small> -</p> - -<div class="transnote pagebreak"> -<h2><a name="Anmerkungen_zur_Transkription" id="Anmerkungen_zur_Transkription">Anmerkungen zur Transkription</a></h2> - -Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebruchlich waren, wie: - -<ul class="index"> -<li>Abwechselung -- Abwechslung</li> -<li>anderen -- andern</li> -<li>Billet -- Billett</li> -<li>Bfett -- Bffet</li> -<li>dmmerigen -- dmmrigen</li> -<li>Ewig-Weibliche -- Ewigweibliche</li> -<li>frei gemacht -- freigemacht</li> -<li>geradeswegs -- geradewegs</li> -<li>jenseit -- jenseits</li> -<li>leis -- leise</li> -<li>malitise -- malizise</li> -<li>mitleidlos -- mitleidslos</li> -<li>Sammetkppchen -- Samtkppchen</li> -<li>Tete-a-tete -- tete-a-tete</li> -<li>Tipptopp -- tipp-topp</li> -<li>wundere -- wundre</li> -</ul> - -Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen: - -<ul class="index"> -<li>S. 17 „minuzisen” in „minutisen” gendert.</li> -<li>S. 20 „unverantworlich” in „unverantwortlich” gendert.</li> -<li>S. 86 „g worden” (Leiche?) in „geworden” gendert.</li> -<li>S. 86 „handarbeit nd” (Leiche?) in „handarbeitend” gendert.</li> -<li>S. 86 „Fakulttsitzung” in „Fakulttssitzung” gendert.</li> -<li>S. 96 „heut am Abend” in „heute am Abend” gendert.</li> -<li>S. 139 „da wei ich” in „das wei ich” gendert.</li> -<li>S. 167 „erklre” in „erklrte” gendert.</li> -<li>S. 175 „berschwngliche” in „berschwengliche” gendert.</li> -<li>S. 181 „hatte fr Sie” in „hatte fr sie” gendert.</li> -<li>S. 184 „Sgmhle” in „Sgemhle” gendert.</li> -<li>S. 191 „Stohhut” in „Strohhut” gendert.</li> -<li>S. 213 „tanzst” in „tanzt” gendert.</li> -<li>S. 225 „Jleus” in „Ileus” gendert.</li> -<li>S. 267 „werkwrdig” in „merkwrdig” gendert.</li> -<li>S. 280 „ eingefgt.</li> -<li>S. 303 „Trabener” in „Trabner” gendert.</li> -<li>S. 346, 351 „garnicht” in „gar nicht” gendert.</li> -<li>S. 362 „Verzweifelste” in „Verzweifeltste” gendert.</li> -<li>S. 362, 363, 366 „Bertelsdorff” in „Bertelsdorf” gendert.</li> -<li>S. 397 „ungeberdigen” in „ungebrdigen” gendert.</li> -<li>S. 408 „voll gestopft” in „vollgestopft” gendert.</li> -<li>S. 424 „ihre Frulein Schwester” in „Ihr Frulein Schwester” gendert.</li> -<li>S. 425 „Clli” in „Elli” gendert.</li> -</ul> - -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die groe Stille, by Heinrich Lilienfein - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROE STILLE *** - -***** This file should be named 53283-h.htm or 53283-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/2/8/53283/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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