summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/53283-0.txt13371
-rw-r--r--old/53283-0.zipbin282210 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/53283-h.zipbin396744 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/53283-h/53283-h.htm16155
-rw-r--r--old/53283-h/images/cover.jpgbin99100 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/53283-h/images/pg430_deco.pngbin285 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/53283-h/images/title_logo.pngbin2066 -> 0 bytes
10 files changed, 17 insertions, 29526 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..3912d36
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #53283 (https://www.gutenberg.org/ebooks/53283)
diff --git a/old/53283-0.txt b/old/53283-0.txt
deleted file mode 100644
index 9ef2e74..0000000
--- a/old/53283-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,13371 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Die große Stille, by Heinrich Lilienfein
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Die große Stille
-
-Author: Heinrich Lilienfein
-
-Release Date: October 15, 2016 [EBook #53283]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROßE STILLE ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
- +------------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Fettschrift als |
- | $fett$ und Schrift in Antiqua als ~antiqua~. |
- | |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
- +------------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
- Die große Stille
-
-
-
-
- Die große Stille
-
- Roman
-
- von
-
- Heinrich Lilienfein.
-
- 9.-11. Auflage
-
- [Illustration]
-
- Stuttgart und Berlin 1919
- J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
-
-
- Alle Rechte,
- insbesondere das Übersetzungsrecht vorbehalten
-
- Für die Vereinigten Staaten von Amerika:
- Copyright, 1912, by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
- Stuttgart und Berlin
-
-
- Dem Andenken meiner Hanna
-
-
-
-
-1
-
-
-Da klingelte es schon wieder.
-
-Käthe hatte ihren Posten auf der obersten Treppenstufe gleich gar nicht
-verlassen. Elli stürmte mit lachender Neugier aus der Stube und bog
-sich so weit über das Geländer, daß die ältere, bedächtigere Schwester
-sie leise schalt und zupfte, einmal, weil es leichtsinnig war und man
-gesehen werden konnte, dann aber, weil sie selbst, obwohl die größere
-von beiden, so nicht auf ihre Kosten kam. Und der neue Ankömmling für
-Papas Sprechstunde mußte doch ganz genau gemustert werden. Das war
-so Brauch, so oft ein neues Semester begann und die Hörer einer nach
-dem andern anrückten, um sich den Namen des Geheimrats ins Kollegbuch
-schreiben zu lassen.
-
-Marga war allein in dem gemütlichen Zimmer zurückgeblieben, das ihr
-und Ellis Mädchenreich war. Aber auch in ihren Fingern ruhte für einen
-Augenblick die feine Knüpfarbeit. Mit vorgebeugtem Kopf lauschte sie
-hinaus nach dem Treppenhaus. In der erwartungsvollen Stille war jedes
-Geräusch zu hören.
-
-Im Erdgeschoß wurden Schritte laut. Es war Therese, die mit Brummen an
-die Glastür schlürfte und öffnete. Elli polterte in der Spannung einige
-Stufen hinunter. Ein zürnendes „Bst!” von Käthe wies sie zurecht.
-
-Über Margas Gesicht huschte ein Lächeln. Ihre Blicke suchten die Tür.
-Sie ließ sich von der Spannung anstecken, als könnten die lichtlosen
-blauen Augen das unerbittliche Dunkel durchdringen, das sie inmitten
-der sonnigen Stube einhüllte.
-
-Jetzt mußte der Ankömmling sichtbar sein.
-
-Mit einem unverhohlenen „Oh!” der Enttäuschung fuhr Elli zurück und
-glitt von der Treppe ins Zimmer. „Nu mach' ich nicht mehr mit!” ließ
-sie sich halb traurig, halb zornig vernehmen, während sie sich in dem
-roten Plüschsofa, Margas Korbsessel gegenüber, schmollend zurückwarf.
-
-„Wer war's denn?” forschte die Blinde.
-
-„Ach was! Nicht der Mühe wert! Einfach lächerlich!” lautete die unklare
-Antwort, die ein tiefer Seufzer begleitete.
-
-„Trabner, der alte Oberlehrer,” erklärte Käthe, die jetzt, gleichfalls
-enttäuscht, zurückkam.
-
-„Ach der!” nickte Marga und nahm die auf den Knien liegende Handarbeit
-wieder auf.
-
-„Der Flanellstorch!” ergänzte Elli, die ihren Unwillen an irgendwem
-auslassen mußte. „Mit der Glatze und der Stahlbrille, den
-Gummimanschetten und dem famosen Trikot-Stehumlegekragen. Ich glaube,
-er hört Papa seit fünfzig Jahren, der -- der --”
-
-„Ein sehr netter, vernünftiger Mensch,” meinte Käthe strafend. „Papa
-schätzt ihn sehr.” Als Älteste hielt sie es stets für ihre Pflicht,
-gerecht zu sein und Ellis vorlauten Urteilen die Spitze abzubrechen.
-
-Aber Elli war heute gar nicht in der Laune, sich schulmeistern zu
-lassen. „Sieh mal an!” Sie bog ihren lichtblonden Lockenkopf zur
-Seite. „Du schwärmst wohl gar für den guten Flanellstorch?”
-
-„Das ist ehrlich dumm, Kleinchen! Ich kann nur nicht leiden, daß man
-jemand in Bausch und Bogen ablehnt. Das weißt du.” Käthe setzte sich
-an den kleinen Schreibtisch am Fenster. Sie wollte fortfahren, in ihr
-Tagebuch zu schreiben.
-
-„Vergiß das ja nicht gleich mit aufzuschreiben,” neckte Elli weiter.
-„Unter ‚Gedankensplitter‛.”
-
-Käthe drehte sich empört nach der Spötterin um. „Das verbitt' ich mir,
-hörst du?” Ihre dunklen Augen zürnten, und sie strich sich die Haare
-aus der Stirn, zurück nach den schwarzen, wohlgeordneten Flechten. „Ich
-kann nicht dafür, daß dein Herr Wilkens ausbleibt,” setzte sie mit
-spitzem Vorwurf hinzu.
-
-„Oho!” brauste Elli auf. „Ich kümmere mich wohl um Wilkens? Nicht so
-viel! Nicht so viel!” Die Röte, die ihr in die Wangen schoß, ärgerte
-sie noch mehr. „Nicht so viel!” erklärte sie zum drittenmal mit vor
-Erregung zitternder Stimme.
-
-„Aber Kinder! Ihr seid ja garstig miteinander,” mahnte jetzt Margas
-weiche, ruhige Stimme. Ihre Hand tastete über den Tisch weg nach Elli,
-als wollte sie ihren Liebling beruhigen. „Er kann ja noch kommen,”
-flüsterte sie der jüngeren Schwester zu.
-
-Elli entzog sich ihrer Liebkosung. Trotz und Schmerz kämpften in ihren
-hübschen Zügen und preßten ihr Tränen in die Augen. Sie war in dem
-seligen siebzehnjährigen Alter, wo Freude und Leid durcheinanderjagen
-wie Regen und Sonne an einem Apriltag. Sie kam sich unsagbar verkannt
-vor, nicht weil sie sich um den besagten Wilkens „nicht so viel”
-kümmerte, sondern gerade weil sie auf ihn gewartet hatte. Ihr kleines
-Geheimnis, über das sie mit den Schwestern sonst ganz gern einmal
-tuschelte, war nach ihrem Empfinden von Käthe furchtbar verletzt und
-entweiht.
-
-Marga erriet diese Stimmung. Sie stand auf, legte die Arbeit auf
-den Tisch und setzte sich neben Elli aufs Sofa. Sie nahm sie in den
-Arm. Während Käthe mit großen steilen Schriftzügen ein neues Blatt
-des Tagebuchs füllte, redete sie in ihrer verständigen, zarten Weise
-halblaut dem Kleinchen zu, das nach einigem Widerstreben nicht nur
-den Trost in sein wundes Herz aufnahm, sondern auch dieses Herz
-auszuschütten begann.
-
-Das Schnarren von Käthes Feder, das Flüstern der beiden auf dem
-Sofa waren die einzigen Geräusche, die das Zimmer, ja das ganze in
-nachmittägliche Stille versunkene Haus belebten. Kein Ton drang vom
-unteren Stockwerk, wo Geheimrat Richthoff arbeitete, herauf in die
-Mansardenstube. Der Flanellstorch mußte längst wieder seines Wegs
-gezogen sein, ohne daß sein Gehen auch nur ein winziges Teilchen des
-Interesses gefunden hätte, das seine Ankunft wachgerufen. Die kräftige,
-leuchtende Maisonne kam, zu mattem Gold gedämpft, durch die zugezogenen
-gelben Vorhänge an den Fenstern und tauchte die altmodischen Möbel, die
-erinnerungsreichen, behaglichen Kleinigkeiten in den Ecken und an den
-Wänden in ein wohliges Halbdunkel. Nichts schien mehr den dämmerigen
-Frieden dieser Ruhestunde stören zu wollen, die die Schwestern wie
-gewöhnlich zwischen Mittag und der Kaffeestunde da oben unter dem Dach
-verträumten und verplauderten.
-
-Der Zeiger rückte auf drei Uhr los. Noch zwei Minuten, und der heisere
-Kuckuck mußte den Kopf dreimal zur Tür herausstrecken und sie wieder
-energisch hinter sich zuklappen. Damit war dann Papas Sprechstunde und
-alle Spannung für heute zu Ende.
-
-Ein neues schrilles Klingeln an der Haustür kam dem Kuckuck zuvor.
-Marga und Elli hielten in ihrem Flüstern ein. Käthe blickte halb von
-ihrem Tagebuch auf.
-
-„Sicher nichts Überwältigendes,” erklärte Elli mit einer
-Gleichgültigkeit, der die Neugier aus allen Fugen sah. „Ich stehe schon
-gar nicht mehr auf.”
-
-„I wo, Kleinchen! Flugs auf deinen Posten!” ermunterte sie Marga.
-
-Eine ziemlich tiefe, etwas hastige Stimme klang von unten aus dem
-Hausflur.
-
-Elli rückte auf ihrem Sitz hin und her. Sie wollte nicht mehr, und
-doch wollte sie brennend gern. Käthe hatte die Feder weggelegt. Auch
-sie überlegte. Schon stand Elli auf und huschte nach der Tür. Käthe
-folgte langsam. Mit vereinten Kräften beugten sie sich draußen über das
-Geländer und spähten den heraufsteigenden Schritten entgegen. Marga
-lauschte wie zuvor. Es war wieder das alte lustige Spiel, das sie nicht
-lassen konnten, heute zum zehntenmal nicht. Die kleine Zänkerei war
-längst vergessen. Die Treppen, das Nußbaumgeländer knackten unter der
-Last der beiden vornübergebeugten Mädchenkörper verräterischer denn je.
-
-Die Musterung des ahnungslosen Besuchers dauerte lange. Für Marga in
-ihrem Alleinsein schienen die Schwestern eine Ewigkeit auszubleiben.
-Endlich klappte im ersten Stock die Tür zum Zimmer des Geheimrats ins
-Schloß. Käthe und Elli stürmten gleichzeitig zurück ins Zimmer. „Etwas
-schrecklich Interessantes!” rief Elli aufgeregt schon von weitem.
-
-„Ein Neuer! Hat noch nie bei Papa gehört!” berichtete auch Käthe mit
-ungewohnter Lebhaftigkeit, während sie vorsichtig die Tür nach dem Flur
-zuzog.
-
-„Alt? Jung? Groß? Klein? So erzählt doch nur!” forschte Marga mit jener
-Neugier, die sie mitunter leidenschaftlich überkam, wenn ihr junger
-Sinn sich aufbäumte, als fürchtete sie, die Schwestern möchten ihr ein
-Stück Leben vorenthalten, nach dem sie sich in ihrer Dunkelheit nicht
-minder sehnte als die anderen mit ihren hellen Augen.
-
-Alle drei rückten an dem runden Tisch ganz nahe zusammen. Fast stießen
-sie mit den eifrig aufgestützten Ellbogen aneinander. Käthe und Elli
-überstürzten und ergänzten sich in ihren Mitteilungen. Die ganze
-ausgelassene Lust der „Bande”, wie Papa Richthoff seine Mädels nannte,
-machte sich in dieser halb spaßhaften, halb ernsten Kritik Luft.
-
-„Sehr straffe männliche Erscheinung,” beschrieb Käthe.
-
-„Groß, schlank!” unterbrach Elli. „Schick gekleidet! Jackettanzug --
-Pfeffer und Salz! Braune Stiefel!”
-
-„Weißt du, Marga, ähnlich wie der eine Assistent von Professor Lepart,”
-erklärte Käthe.
-
-„Doktor Zerweck? Das Gigerl? Ich danke!” ereiferte sich Elli. „Nicht
-die Spur, Marga. Viel natürlicher, gar nicht geckenhaft!”
-
-„Nicht wie ein Philologe, weißt du,” nahm Käthe den Bericht wieder auf.
-„Mehr weltmännisch.”
-
-„O, das will ich nicht sagen,” widersprach Elli. „Es gibt sehr feine
-Philologen.” Sie verstummte plötzlich und wurde wieder rot. Wilkens
-war nämlich Philologe, derselbe Wilkens, der vorhin an der kleinen
-Tränenszene schuldig geworden war.
-
-Jetzt mußten sie alle drei über Ellis Naivität lachen, sie selber nicht
-zum wenigsten.
-
-„Aber wie sieht er denn nun eigentlich aus?” fragte Marga ganz
-unglücklich. „So erzählt doch mal ordentlich!”
-
-Käthe und Elli fingen wieder von vorn an. Schwatzend und lachend
-lieferten sie eine Charakteristik, so wirr und widerspruchsvoll, daß
-Marga sich nach noch so vielen Beschreibungen so klug vorkam wie zuvor.
-Was sie mit einiger Bestimmtheit erfuhr, war nur, daß er einen braunen
-Vollbart trage und sehr ausdrucksvolle dunkle Augen habe. Über diese
-Augen, die keine der beiden Schwestern länger als eine Sekunde in
-beträchtlicher Ferne gesehen, drohte es zu neuem Streit zu kommen. Elli
-fand sie feurig, Käthe schmelzend.
-
-Marga legte sich ins Mittel. „Wir müssen mal Papa fragen, wer es war,”
-sagte sie einfach und entschieden.
-
-Käthe und Elli waren einen Moment sprachlos über diesen verblüffend
-klaren und offenen Rat. Dann fielen sie vereint mit ihren Bedenken über
-Marga her. Als ob das so einfach wäre, Papa zu fragen! Man würde ja
-verraten, daß man Posten gestanden! Papa würde Gott weiß was denken!
-Und wenn er erst merkte, daß man gern etwas von ihm wissen wollte,
-konnte man sicher sein, daß er schwieg wie ein Löwe. Das mußte fein
-eingefädelt werden. Da mußte ein richtiger Feldzugsplan gemacht werden.
-Wieder steckten sich die drei Mädchenköpfe wie die Häupter einer
-Verschwörung über dem Tisch zusammen. Sie fuhren erst erschrocken
-auseinander, als ziemlich laut an die Tür gepocht wurde.
-
-Therese streckte den Kopf herein. „Der Kaffee steht unten,” meldete
-ihre mürrische Stimme. „Er wird kalt. Und der Herr Geheimrat hat nach
-dem seinen schon gerufen.”
-
-Wie im Nu ging es aus der Stube und die Treppe hinunter. Elli voran,
-denn an ihr war die Reihe, Papa den Nachmittagskaffee zu bringen. Das
-war eine wöchentlich abwechselnde Ehre.
-
-Käthe und Marga folgten Arm in Arm. Sie hatten am Nachmittag eine
-Besorgung zu machen und verabredeten den Stadtbummel. Bis zum Abendbrot
-galt es schon zu warten, ehe man gemütlich mit Papa plaudern konnte.
-Dann mußte man -- man mußte erfahren, wer der „Neue” war.
-
- * * * * *
-
-Der Geheimrat hatte allerdings nicht die leiseste Ahnung von dem, was
-seine Mädels zu seinen Häupten trieben und planten. Wenn er nach dem
-Essen seinen Verdauungsgang im Garten gemacht hatte, wobei er mit der
-gewissenhaften Liebe von Jahrzehnten die Fortschritte seiner Bäume und
-Spaliere feststellte, die Schnecken von den Weinstöcken ablas, das
-allzu vordringliche Unkraut mit der Stockspitze aus den Wegen bohrte
-und nachbarwärts schleuderte -- dann bildete die Sprechstunde den
-Übergang von der beschaulichen Ruhe zur eifrigen Arbeit. Wie ihm seine
-Besucher gefielen oder seine Laune es ihm eingab, fertigte er seine
-Hörer bald kurz und ohne viele Worte ab, bald verwickelte er sie in ein
-Gespräch und stellte -- das war der Schrecken der jungen Semester,
-die zum erstenmal sich bei ihm anmeldeten -- ein kleines historisches
-Examen an, sein Opfer unvermittelt an einem Rockknopf fassend und
-sich an seiner Verwirrung innerlich belustigend. War dann der letzte
-glücklich expediert und die Tür endgültig für weitere Besucher
-geschlossen, so schlüpfte er in den befreienden grauen Schlafrock, der
-schon bedenklich viele Jahre erlebt hatte, aber für unersetzlich galt,
-und steckte sich eine Zigarre an. Er verschwand hinter dem gewaltigen
-Zylinderbureau aus Nußbaumholz, das vom einen Fenster aus quer in die
-Stube stand und mit den mächtigen bändereichen Regalen im Rücken ein
-kleines Zimmer im Zimmer bildete. Eine Flut von Zetteln und Zettelchen,
-alle beschrieben mit seiner winzigen, mikroskopisch feinen Handschrift,
-breitete sich vor ihm und um ihn aus. Es war ein besonderes Kunststück,
-das nicht immer gleich gut gelang, den Nachmittagskaffee geräuschlos
-hereinzubringen und auf dem blätterbesäten Schreibtisch ein Eckchen zu
-erspähen, wo er hingesetzt werden konnte, ohne daß der alte Herr einen
-grollenden Sturm losbrechen ließ, weil man ihm alles durcheinanderwerfe
-und die peinliche Ordnung seiner Manuskripte, die für jeden andern
-einer peinlichen Unordnung zum Verwechseln ähnlich sah, gewissen-
-und verständnislos zerstöre. Nur Marga genoß das Vorrecht, daß ihren
-suchenden Fingern Nachsicht, sogar etwas Hilfe gewährt wurde. Das war
-aber eine Zartheit, die als geheimes und stillschweigendes Abkommen
-zwischen Vater und Tochter verborgen blieb.
-
-Heute, wo Elli an der Reihe war, hatte es grimmiges Murren gegeben,
-so daß sie den Schwestern verstört berichtete, Papa sei grauenhaft
-aufgelegt und müsse wie ein schalloses Ei behandelt werden. Dabei
-war der alte Herr bei sich selber ganz zufrieden. Mit Bedacht und
-Vorliebe spielte er den Pascha, der unberechenbar seine Gnaden und
-Ungnaden verteilt. Nach seiner wohlgemeinten Ansicht gab es kein
-besseres Mittel, um die „Bande” einigermaßen in Zaum und Zucht zu
-halten. Nachdem ihm seine um fünfzehn Jahre jüngere Frau gestorben,
-ehe Elli und Marga auch nur aus den Kinderschuhen waren, hatte er
-eine Erzieherin ins Haus genommen. Eine Zeitlang war es auch mit
-einer Hausdame versucht worden. Aber aus alledem waren so viel
-Unbequemlichkeiten und Mißhelligkeiten entstanden, die seine ihm
-notwendige Gelehrtenruhe störten, daß er, als die beiden jüngsten
-leidlich herangewachsen waren, das Hauswesen mit seinen drei Töchtern
-allein zu führen unternahm. Etliche Kollegen, unterschiedliche
-Tanten und Basen hatten erklecklich dazu den Kopf geschüttelt. Eine
-Musterwirtschaft war's ja auch nicht gerade geworden. Aber er war
-zufrieden, wie es war; er und die drei Mädchen fühlten sich glücklich
-in dem alten wohnlichen Haus am Wenzelsberg.
-
-An den Tagen, an denen nicht eine Kolleg- oder Seminarstunde ihn
-abrief, saß Geheimrat Richthoff vom Nachmittag bis zum Abend in
-seiner Schreibtischecke. Im qualmenden Nebel der Zigarren, die er
-eine an der andern ansteckte, verschwand für ihn die Außenwelt. An
-ihre Stelle traten die geistigen Gestalten seiner römischen Kaiser,
-mit denen er leibhaftig und wie mit seinesgleichen umging. Aus der
-Unzahl kleiner Züge, die er mit unermüdlichem Fleiß Tausenden von
-Inschriften, spärlichen, unverläßlichen Geschichtschreibern, all den
-zwar unermeßlichen, aber noch so unverarbeiteten Quellen abzwang,
-formte er mit feiner, geistreicher Kunst seine Kaisergeschichte. Die
-Studien eines ganzen Lebens trug er, an der Schwelle des Alters, in
-einem darstellenden Werke großen Stils zusammen. Mit eiserner Energie
-hatte er von Jahr zu Jahr den Wunsch, das Erforschte und Gesammelte
-zum Kunstwerk umzuschaffen, niedergehalten. Jetzt endlich, seit
-Jahresfrist, hatte er sich der Haft der Kleinarbeit entlassen. Mit
-dem Ungestüm eines Jungen begann er zu gestalten. In der Seligkeit,
-das kritisch Erklügelte endlich künstlerisch erleben zu dürfen,
-erfüllte sich ihm der Traum seines Daseins. Alle Freuden und Leiden
-des Schaffenden erlebte er in der drangvoll-fürchterlichen Enge seines
-Schreibtisches. Verzweiflung und Resignation wechselten mit feurigem
-Entzücken. Er haderte mit seinen Kaisern; er knirschte, brummte,
-schalt vernehmlich und drohte, wenn sie sich spröde zeigten und ihre
-glatten, scharfen Cäsarenköpfe in den Schleier der Undurchdringlichkeit
-hüllten. Das waren die Tage, wo die Arbeit um zwei, drei Zeilen
-vorrückte, von denen die eine wieder gestrichen werden mußte. Dann
-wurde er unzugänglich, griesgrämig, unwirsch und konnte mit seinem
-Unmut das ganze Haus durcheinanderwerfen. Ein andermal war alles eine
-Herrlichkeit: die Kaiser hielten ihm stand; sie traten hervor wie aus
-Marmor gemeißelt, klar, formgebietend, lebenheischend; dann verklärte
-ein heimliches Lächeln sein Gesicht, heimlich, denn es saß tief drinnen
-zwischen dem weißen dichten Vollbart und schoß höchstens einmal wie
-ein neckender Blitz unter den scharfen Brillengläsern hervor. Flüssig
-und leicht und selbstverständlich sprangen die Worte, die Sätze aus
-der Feder, und Blatt um Blatt bedeckte sich mit der minutiösen, schwer
-leserlichen Schrift. An solchen Tagen war Vater Richthoff umgänglich,
-zu einem Scherz bereit, innerlich von einer kindlichen Heiterkeit. Da
-hielt der barsche Pascha nicht vor. Er drückte ein Auge zu, ließ sich
-Wünsche und Bitten vortragen, gab Lob und Zustimmung, kurz: Papa hatte
-seinen guten Tag und die Bande mit ihm.
-
-Einen guten Tag hatte der alte Herr auch heute hinter sich, als er sich
-endlich entschloß, die Feder wegzulegen und den Rest der soundsovielten
-Zigarre dem Aschenbecher zu opfern. Er rieb sich befriedigt die
-Hände und schob die kleine schwarze Samtkappe, die -- ein würdiges
-Seitenstück des betagten Schlafrocks -- den dünnbehaarten, massigen
-Schädel schützte, über die Stirn zurück. Dann stand er auf und
-öffnete ein Fenster. Vom Vorgarten, der Haus und Straße gleich einer
-erhöhten Terrasse trennte, atmeten die in voller Blüte stehenden zwei
-Kastanienbäume ihren milden, süßen Duft. Die untergehende Sonne warf
-rote Lichtbündel auf den Kiesplatz und sprenkelte die Gartenmöbel,
-die um den steinernen Tisch standen. Dort saß Marga, die Hände im
-Schoß, den Kopf mit dem schlichten, aschblonden Knoten weit gegen den
-Baumstamm zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Vom Kamin eines
-Hauses gegenüber schmetterte eine Amsel ihre Triller in die auffallend
-weiche, stille Luft des Maiabends. Marga schien angespannt zu lauschen.
-Ein Ausdruck, von Wonne und Weh seltsam gemischt, lag auf dem zarten
-Gesicht, das im Dämmerschatten des Baumes blasser aussah, als es war.
-
-Der Geheimrat sah ihr einen Augenblick ruhig zu, ehe er sich entschloß,
-ihre Träumerei zu unterbrechen. Bei ihr, die sein Sorgenkind war,
-bekämpfte er mit einer Strenge, die ihm nicht leicht wurde, den für
-ihre zwanzig Jahre und ihre Blindheit begreiflichen Hang, sich in einer
-schwärmenden Gemütsstimmung einseitig zu verlieren. Gerade sie, der
-das Schicksal ein kärgeres Los zugemessen als den andern, wollte er
-davor behüten, ihre Kraft in einem überschwenglichen Gefühlsleben zu
-verzehren. Er vergaß darüber, daß die Unendlichkeit ihrer Träume sie
-auch wieder mit der verdunkelten Endlichkeit und Beschränkung ihres
-Daseins versöhnte.
-
-„Na, Marga, du scheinst nicht so hungrig zu sein wie ich,” klang es
-jetzt mit neckendem Vorwurf zu ihr hinunter.
-
-Ein leises Zittern lief über Margas Körper. Sie schrak zusammen, als
-kehrte sie plötzlich aus weiter, luftiger Ferne zurück, und die Augen
-irrten in die Höhe.
-
-„Wir haben mit dem Abendbrot nur auf dich gewartet. Es ist alles
-fertig,” gab sie in leichter Verwirrung zurück; sie stand auf und
-eilte mit geübter Sicherheit der Glastür zu, die vom Erdgeschoß in den
-Vorgarten führte.
-
-„Langsam, langsam!” mahnte der Geheimrat, während er sich vom Fenster
-zurückzog. Fast tat es ihm leid, sie aus ihrem verlorenen Sinnen
-geweckt zu haben. Er warf noch einen halb schmeichelnden, halb
-wehmütigen Abschiedsblick auf das Wirrsal seiner Manuskriptblätter, ehe
-er sein Zimmer verließ und die Treppe hinunterstieg.
-
-Im Eßzimmer war alles seines Erscheinens gewärtig. Die Mädels kamen
-ihm entgegen und führten ihn wie im Ehrengeleit zu seinem bequemen
-Sessel. Käthe goß ihm den Tee ein. Marga strich seine gerösteten
-Butterschnitten. Elli schob ihm noch ein Kissen in den Rücken. Er ließ
-sich gern ein bißchen verwöhnen. Doch die Behendigkeit, mit der er
-heute bedient wurde, erschien ihm fast verdächtig.
-
-Therese erschien mit den Schüsseln. Unauffällig stellte Käthe eine
-Platte mit jungen Spargeln als Sondergericht vor den väterlichen Teller.
-
-Der Geheimrat stutzte. „Kinder, ich habe wohl heute Geburtstag, was?
-Frische Spargel! Anfang Mai! Wie komm' ich zu solchen Leckereien?” Er
-sah sich fragend im Kreise um. Sein eines Auge zwinkerte unmerklich.
-
-„Marga und ich kamen auf der Hauptstraße bei Testers vorbei,” erklärte
-Käthe harmlos. „Wir sahen zufällig, daß er im Schaufenster die ersten
-Schwetzinger Spargel ausgestellt hatte, und weil du sie so gern magst
---”
-
-„So wollten sie dir eben eine Freude machen,” schloß Elli mit
-wohlgemeinter, aber verlegener Hast.
-
-„Hm! Etwas unverantwortlich, aber nett von euch.” Es war jetzt für den
-alten Herrn ausgemacht, daß die Bande etwas von ihm wollte. Entweder
-mußten sie neue Frühjahrskleider haben oder sie wollten eine Einladung
-annehmen oder weiß Gott was. Es galt also, auf der Hut zu sein.
-
-Käthe und Elli sahen sich mit verzweifelten Blicken an. Sie gaben das
-Treffen schon so gut wie verloren. Der etwas spöttische Ton verriet
-ihnen, daß Vater Richthoff die Absicht, ihn durch einen Leckerbissen in
-seiner guten Laune zu unterstützen, durchschaut habe.
-
-Es entstand ein längeres Schweigen. Marga, der von Natur alle
-Diplomatie fremd war, empfand die kritische Situation am
-unbehaglichsten. Nur aus schwesterlicher Solidarität hatte sie sich
-mit dem Plan befreundet, das Geheimnis des „Neuen”, das zu ergründen
-man sich nun einmal in unschuldiger Kinderei verschworen hatte, auf
-raffinierten Umwegen herauszulocken. Ihr schien es geraten, jetzt
-geradezu aufs Ziel loszugehen.
-
-„Hast du schon viele neue Hörer fürs Sommersemester, Papa?” fragte sie
-unbefangen. Und ohne sich durch einen Ellbogenstoß Ellis irremachen zu
-lassen, fuhr sie fort: „Bitte, erzähl' uns mal, wer heute alles bei dir
-war.”
-
-Käthe und Elli blieb der Bissen im Halse stecken. Diese Kühnheit
-war unerhört. Noch ein ungeschicktes Wort, und Papa erriet, daß sie
-seine Sprechstunde belauert hatten. Im vorigen Jahr, als Wilkens sich
-einschreiben ließ, hatte er Elli einmal auf der Treppe erwischt: es
-hatte eine erschreckliche Strafpredigt über Anstand und Manieren
-abgesetzt. Und jetzt ...! Käthe trat Marga unter dem Tisch auf den
-Fuß. Es war einfach haarsträubend gefährlich, was sie da mit ihrer
-unverbesserlichen Offenheit anrichtete.
-
-Der alte Herr liebte allerdings nichts weniger, als wenn man sich in
-seine „Amtsangelegenheiten” mischte. Wenn er etwas davon mitzuteilen
-für gut fand, war das eine seltene Huld und geschah aus freien Stücken.
-Wäre er weniger befriedigt von seinen römischen Kaisern gekommen, eine
-barsch ablehnende Antwort hätte nicht ausbleiben können. Aber guter
-Dinge, wie er war, begnügte er sich mit der mildesten Form, die er
-hatte, wenn es galt, unerwünschte Fragen abzuweisen: er überhörte sie
-und blieb eifrig in seine Mahlzeit vertieft.
-
-Die drei Mädels kannten ihn zu genau, um nicht diesen stummen Bescheid
-zu verstehen.
-
-Elli und Käthe verständigten sich durch einen Blick: ~Lasciate ogni
-speranza!~
-
-Marga hatte aufgehört zu essen. Sie hatte den Kopf gesenkt. Die
-Finger der rechten Hand strichen langsam das Tischtuch. Trauer und
-Beschämung prägten sich in ihrem Gesicht aus. Bei ihrer gesteigerten
-Empfindungsfähigkeit ging dieser stumme Tadel tiefer als eine
-entschiedene Zurückweisung. Sie fühlte sich überdies vor den Schwestern
-gedemütigt.
-
-Dem alten Herrn entging ihre Stimmung nicht. Er wollte heute fröhliche
-Gesichter um sich sehen. „Sag mal, Marga,” begann er, nachdem er die
-zweite Tasse Tee in einem Zug geleert hatte, mit gravitätischem Ernst,
-„ich höre, du hast heimliche Herrenbekanntschaften!”
-
-Käthe und Elli starrten erst Papa, dann die Schwester mit aufgerissenen
-Augen an.
-
-„Ich -- heimliche Herrenbekanntschaften?!” stammelte Marga.
-
-„Na ja!” fuhr der Geheimrat im selben Ton fort, während er sich wie
-ein Großinquisitor im Sessel zurücklehnte. „Kennst du vielleicht einen
-gewissen Doktor Perthes? Ich glaube -- ja doch -- Max Perthes?”
-
-„Perthes?” wiederholte Marga ungläubig und schüttelte den Kopf.
-
-„Der Herr behauptet aber, dich zu kennen.”
-
-„Davon weiß ich nichts,” beteuerte sie ernsthaft. Eine leichte Röte
-belebte ihre matten Farben. Sie erinnerte sich des Namens nicht. Sie
-kannte nur _die_ Herren, die als Hörer des Geheimrats ein- oder zweimal
-im Jahr zur Abfütterung kamen, und auch diese nur flüchtig, denn solche
-offiziellen Gesellschaften pflegten für sie fast immer eine Qual zu
-sein, die sie nur auf Papas ausdrücklichen Wunsch ertrug.
-
-„Was ist er denn?” platzte Elli hervor, die ihre Neugier nicht mehr
-bemeistern konnte. „Philolog oder Jurist oder --”
-
-„Immer fein geduldig, Kleinchen! Bring mir meine Zigarren!”
-
-Elli beeilte sich, die Kiste vor ihn hinzustellen. Erwartungsvoll blieb
-sie neben ihm stehen.
-
-„Wo will er denn Marga kennen gelernt haben?” konnte nun auch die
-besonnene Käthe sich nicht enthalten zu fragen. Daß Marga einen Herrn
-kennen sollte, den sie und Elli nicht kannten, das war etwas zu
-Außergewöhnliches.
-
-„Du hältst mich zum besten, Papa,” erklärte Marga bestimmt.
-
-„Oho! Objektive, geschichtliche Tatsache! Quelle unanfechtbar!” Der
-alte Herr hatte sich die lange Holländerin angesteckt und blies den
-Rauch von sich. Er weidete sich an der Neugier seiner Mädels und gefiel
-sich darin, sie noch höher zu spannen. „Übrigens ein schrecklicher
-Modejüngling,” setzte er nach einer Pause seine Mitteilungen fort.
-
-„Ein Modejüngling -- und Marga!” rief Elli lachend. Käthe lachte mit,
-und auch Marga schüttelte mit leisem Lächeln von neuem den Kopf.
-
-„Er ist, glaube ich, Mediziner.”
-
-„Mediziner?” klang es dreifach noch ungläubiger zurück.
-
-„Trägt er vielleicht ein Pfeffer-und-Salz-Jackett?” entfuhr es Elli.
-„Und --” Sie verstummte jäh, über sich selber erschrocken. In ihrer
-übersprudelnden Lebhaftigkeit hatte sie alle Vorsicht vergessen.
-
-Käthe war außer sich über diese Dummheit. Sie stand auf, Marga folgte
-ihr. Alle drei umstanden sie den kurulischen Sessel des Geheimrats,
-der Gott sei Dank keine Ahnung von so modischen Fachausdrücken wie
-„Pfeffer-und-Salz-Jackett” hatte und von seinen Besuchern alles andere
-eher denn Einzelheiten ihrer Kleidung im Gedächtnis behielt.
-
-„Pfeffer-und-Salz-Jackett?” wiederholte er kopfschüttelnd. „Woher
-kennst denn du ihn, Kleinchen?”
-
-„Nein, nein! Ich meinte nur so; ich kenne ihn so wenig wie irgendwer,”
-versicherte Elli krampfhaft.
-
-„Also, kurz und gut,” resümierte der alte Herr, „er behauptet,
-Volontärarzt in Hemsbach gewesen zu sein.”
-
-„Volontärarzt? In Hemsbach?” Marga besann sich. Sie war dort einen
-Sommer über -- es war vier, fünf Jahre her -- in einer Blindenanstalt
-gewesen, um sich in ihren Fertigkeiten zu vervollkommnen. Aus ihrer
-Erinnerung an diese schwere Zeit löste sich jetzt eine entfernte
-Gestalt. Damals war neben dem Direktor ein jüngerer Arzt dort, der sich
-gern mit ihr unterhielt und mit ihr lernte. Jetzt kam ihr auch der Name
-zurück. „Ach, der!” setzte sie plötzlich gedankenvoll hinzu.
-
-„Jawohl -- der!” schmunzelte der Geheimrat. „Habe ich nun recht, wenn
-ich sage, Marga hat heimliche Herrenbekanntschaften?”
-
-„Natürlich hast du recht!” rief Elli lustig. „Das sind ja nette Sachen,
-die man von dir hört, Margakind!” Sie schlang den Arm um Margas Hals
-und zupfte sie neckend am Ohr.
-
-„Und gar nie ein Sterbenswörtchen davon zu erzählen!” sagte Käthe ganz
-vorwurfsvoll.
-
-„Aber das war ja nur eine ganz flüchtige Bekanntschaft,” verteidigte
-sich Marga. Sie war ordentlich bestürzt. Ihre Augen gingen ratlos auf
-die Suche. Sie war rührend in ihrer leichten Erregung und verschämten
-Hilflosigkeit. Dazu regte sich etwas wie Stolz in ihr. Daß der Besuch
-des „Neuen”, der die Gemüter so beschäftigt hatte und nun unerwartet,
-kampflos aus seinem Inkognito hervorgetreten war, gerade mit ihr
-zusammenhing, war ein für ihre abgeschlossene Welt ungewöhnliches
-Ereignis. „Doktor Perthes war übrigens gar kein solcher Laffe,”
-erklärte sie nach einigem Besinnen mit ernsthaftem Nachdruck und unter
-allgemeiner Heiterkeit.
-
-Der alte Herr erhob sich jetzt gleichfalls von seinem Sessel und
-klopfte ihr auf die Schulter. „Jedenfalls hast du ihn mir auf den Hals
-gehetzt, Kind. Er behauptet steif und fest, du hättest ihn eingeladen,
-uns zu besuchen, wenn er je einmal hierherkäme. Zugegeben?”
-
-„Das weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß er damals freundlich zu mir
-war und --”
-
-„Närrchen! Natürlich kam er nicht nur deshalb und deinetwegen. Er
-hatte an mich eine Empfehlung von meinem Freunde Schlutius in Bonn,
-der irgendwie mit ihm verwandt ist. Das genügt! Käthe, setz ihn auf
-die Liste. Er wird gelegentlich mal eingeladen. Und damit hat der
-Schnack ein Ende.” Er gab Marga einen leichten Backenstreich. Das war
-ein Zeichen seiner höchsten Gunst. Dann nahm er seine Abendzeitung vor
-und ging durch Wohnzimmer und Salon nach der verglasten Veranda auf
-der Vorderseite des Hauses. Dort brannte schon die Lampe, unter deren
-Schein er lesend eine halbe Stunde auf und ab ging, ehe er wieder zu
-seinen Kaisern hinaufstieg.
-
-Für die drei Mädels aber hatte der Schnack noch kein Ende. Kaum war
-Vater Richthoff außer Hörweite, so wurde Marga von Elli und Käthe mit
-Fragen über und über bestürmt. Sie wußte nicht halb soviel, als sie
-hätte wissen müssen. Elli, die ihren siebzehnjährigen Übermut austoben
-mußte, wo immer eine Gelegenheit sich bot, faßte Marga als Herr um die
-Taille. Marga mußte jetzt unbedingt tanzen lernen. „Was soll _dein_
-Doktor sonst von dir denken? _Dein_ Doktor kann das von dir verlangen.
-_Dein_ Doktor wird entsetzt sein, wenn du solche Schritte machst.” So
-ging der lose Mund atemlos immerzu, während sie Marga unerbittlich
-im Kreise drehte, ob diese wollte oder nicht. Käthe schrieb indessen
-feierlich „Doktor Max Perthes” auf die Liste der Einzuladenden, die zu
-führen Papa ihr anvertraut hatte, und hielt, unbekümmert, ob sie gehört
-wurde oder nicht, sehr weise Reden darüber, daß sie den „Neuen” gleich
-für einen Mediziner gehalten hätte; daß Mediziner _immer_ so und so
-aussehen und _immer_ solche und solche Menschen seien.
-
-Zum Glück für Marga fiel es den Schwestern plötzlich ein, daß ja
-heute der „Akademische Gesangverein” Probe hatte. Wollte man nicht
-zu spät kommen und von Professor Külz ein Nasenrümpfen beziehen,
-so war es höchste Zeit zum Aufbruch. Im Nu stürmte Elli davon, um
-sich fertigzumachen. Ihr feines Stimmchen trällerte die zu probende
-Bachkantate durchs Haus. Käthe folgte ihr, nachdem sie Therese zum
-Abräumen des Tisches gerufen.
-
-Marga blieb im Eßzimmer zurück. Sie war wie betäubt von der letzten
-Viertelstunde. Von Papas neckender Enthüllung und dem Umtrieb, den
-Elli mit ihr angestellt hatte. Sie ordnete das zerzauste Haar, dessen
-Strähnen von dem unfreiwilligen Tanz sich an den Schläfen und im Nacken
-gelöst hatten. Während Therese abzuräumen begann, ging sie auf den
-kleinen Hof hinaus, der in gleicher Höhe mit dem ersten Stock hinter
-dem Hause lag, und von dem ein steiler Weg bergwärts in den Garten
-oder, wie er allgemein hieß, den „Weinberg” führte.
-
-Es war schon kühl geworden. Eine reine, würzige Luft strich vom
-Weinberg herunter. Die Dämmerung, deren dunkles Wachsen Marga um
-sich fühlte, tat ihr wohl. Sie kreuzte die Arme hinter dem Rücken
-und verschränkte die Hände. Das war ihre liebste Haltung, wenn ein
-Ungewohntes in ihrem Innern wirkte. So schritt sie langsam im Hof auf
-und nieder. So überdachte und verarbeitete sie das Kleinste und das
-Größte, bis es in die große und einfache Stille ihrer Seele aufgegangen
-war, die nichts Unfertiges und Unklares in sich duldete. Eine um die
-andere ging sie ihre Empfindungen durch. Erst war sie erschrocken, als
-Papa sie so gravitätisch vornahm und zur Rede stellte. Dann hatte sie
-den Scherz herausgemerkt. Freude und Stolz hatte sie gefühlt, daß ein
-Mann sich ihrer erinnerte, nach ihr sich erkundigte und ihretwegen
-Besuch machte. Jedes andere junge Mädchen hätte an ihrer Stelle
-ähnliches empfunden. Für sie war es nur neuer, verwirrender, weil das
-Leben da draußen, das Leben der Weltmenschen, wie sie es nannte, sich
-immer nur um die beiden Schwestern zu kümmern pflegte, nicht um sie.
-Sie wollte ihre heimliche Freude in der Lustigkeit der Schwestern
-aufgehen lassen. Willig ließ sie sich ausfragen, sich necken, mit
-sich tollen. Aber unvermutet stieg ein anderes Gefühl in ihr auf, ein
-bitteres, schmerzliches: hinter der Fröhlichkeit der anderen steckte
-etwas, das sie verletzte, ohne daß sie es wußten oder wollten. Daß es
-gerade sie war, Marga, die Blinde, die Ausgeschlossene; sie, bei der
-die Bekanntschaft mit einem Mann so gar nichts zu bedeuten hatte --
-das machte die Sache so besonders spaßhaft. Es war so komisch, weil
-es so ganz ungefährlich war. Und im selben Sinne hatte es auch Papa
-aufgenommen: „Damit hat der Schnack ein Ende!” -- hinter diesem Wort
-fand ihr Grübeln die gleiche Grenze, jenseits deren es für sie keine
-Wünsche, keine Hoffnungen, darum auch keinen Ernst geben konnte.
-
-Und an jene Grenze stieß auch jetzt sie selbst, während sie so sicher
-und still in dem ihr vertrauten Hofraum auf und ab schritt. Sie hatten
-ja recht. Es war in Wirklichkeit so. Dies Jenseits war ihr genommen,
-seit in ihrem vierzehnten Jahr, zwei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter,
-eine Netzhautablösung ihre ohnehin schon schwachen Augen für immer
-gelöscht hatte. Damals hatte sie nur halb begriffen, was sie verloren.
-Erst mit den Jahren wuchs auch das Verständnis ihres Verlustes. Die
-Schwestern und alle, mit denen sie umging, sprachen nie davon. Aus
-ihrem Mitleid erriet sie es. Immer besser, immer bestimmter wußte sie,
-daß das höchste Glück, das einem Menschenkind nach irdischem Denken
-und Fühlen aufbehalten war, nicht das ihre sein konnte. Sie fühlte
-Kraft genug in sich, um zu entsagen. Sie kämpfte, sie rang, sie ruhte
-nicht, bis ihre Stille ihr gab, was sie brauchte; bis sie mit sich
-allein zufrieden sein und nur in sich selber ihr Glück suchen wollte.
-Ihr Stolz kam ihr zu Hilfe; ihr Stolz hielt sie aufrecht, wenn sie zu
-verzagen und schwach zu werden drohte.
-
-Und dennoch -- dennoch! Es war noch eine andere Kraft in ihr, die
-sich mitunter gegen ihre stille Ergebenheit aufbäumte. Ihre Jugend
-ließ und ließ sich nicht auf einmal und für immer niederzwingen. Die
-fühlte sie auch jetzt sich auflehnen. Die stürmte in ihr auf, daß sie
-die Hände an die heißen, pochenden Schläfen legen mußte. War nicht
-dieser Doktor Perthes doch vielleicht um ihretwillen gekommen? Er
-konnte ja die Empfehlung, von der Papa sprach, sich haben nur darum
-geben lassen, weil er sie wiedersehen wollte. Es brauchte nicht nur
-der Wunsch zu sein, Verkehr zu haben oder höflich zu sein oder ihr
-seine mitleidsvolle Achtung auszudrücken -- -- Aber das war ja Unsinn!
-Sie schwärmte ja! Sie täuschte sich vor, ihn näher zu kennen, als sie
-ihn je gekannt. Das Bild, das ihr die Erinnerung gab, bestand kaum
-aus ein paar spärlichen Zügen: er hatte manchmal mit ihr geplaudert,
-sie belehrt, war auf die Gedanken und Gefühle eines halberwachsenen
-Mädchens nachsichtig eingegangen. Sie machte jetzt ihre Erinnerung
-mit Gewalt ärmer, als sie war. Sie wollte nicht schwächlich, weich
-gegen sich sein, sondern tapfer. Und klar, wie sie es immer von sich
-verlangte. Rücksichtslos klar.
-
-Jetzt war sie schon so weit, daß sie lächeln konnte. Lächeln über den
-winzigen, eingebildeten Sturm, der ihr Gleichgewicht hatte stören
-wollen.
-
-Langsam stieg sie vom Hof in den Weinberg hinauf.
-
-Der Nachtwind rüttelte leise und friedlich in den Büschen und
-Baumkronen. Von dem Fliederstrauch bei der ersten Laube nahm er eine
-Wolke blühenden Duftes und hauchte sie über Marga aus. Hoch und höher
-stieg sie; kaum daß sie an einen Stein anstieß, so vertraut war ihr die
-Steige. Bis zu ihrer Pappel, die hinter der zweiten Laube stand, klomm
-sie empor.
-
-Dort lehnte sie sich gegen den rissigen Stamm.
-
-Die Nacht war ihre Freundin. Sie wuchs von unten herauf, aus der
-Ebene, wo die Stadt einschlummerte; wo draußen ferne Tannensäume
-starrten und der Fluß zwischen jungen Feldern sich verlor, in Margas
-Träumen so schön wie in keiner Wirklichkeit. Sie senkte sich auf sie
-herab, aus der unendlichen Höhe und Tiefe des Himmels, wo die Sterne
-blitzen mußten, nein blitzten -- ein einziges, ewiges, königliches
-Gewirk von leuchtendem Gold und seliger Bläue. Weit, weit breitete sie
-die Arme aus, als könnte sie die Nacht, die friedliche, an sich raffen.
-Aus der Ferne und Nähe, von unten, von oben. Und dann schlang sie die
-Hände beglückt über ihrem Kopf ineinander; so frei fühlte sie sich, so
-klar, so in sich selber und in der Nacht geborgen.
-
-
-
-
-2
-
-
-Am Sonnabend war es üblich, das Institut früher als sonst zu verlassen.
-Professor Hammann, der Chef, war den ganzen Tag nicht erschienen. Er
-war über Sonnabend und Sonntag wieder einmal weggefahren. Nach dem
-Rhein. Er pflegte dann Freitagabends seinen beiden Assistenten ~en
-passant~ seine „Dienstreise” anzukündigen.
-
-Junggeselle, reich, durch glänzende akademische Beziehungen in seiner
-Laufbahn gesichert, ohne Ehrgeiz und ohne tiefere Neigung zu seiner
-Wissenschaft, trieb er seine Bakteriologie bestenfalls wie einen
-Sport unter den andern. Denn der Sport war seine Lebensaufgabe, er
-war die Grundlage seiner Lebensanschauung. Man konnte sicher sein,
-daß die „Dienstreise” einem Rennen, einer Regatta, einem Tennis- oder
-Hockeymatch galt, bei dem er nicht fehlen durfte. Du lieber Gott!
-Die Bazillen nahmen ihm das nicht weiter übel. Mit den zweien, die
-er selber früher entdeckt, war das bißchen Gelehrtenruf hergestellt:
-die „Jahrbuchunsterblichkeit”, wie er mit unverhohlener Selbstironie
-im vertrauten Kreise zu sagen pflegte. Das Weitere besorgten die
-Assistenten unter seinem Namen.
-
-Doktor Markwaldt, der erste Assistent, hatte schon gleich nach fünf
-Schluß gemacht. Er saß rittlings auf seinem Stuhl und las seine
-Berliner Zeitung. Bisweilen schielte er über das Blatt weg nach seinem
-Kollegen, der noch immer mikroskopierte, und stellte psychologische
-Zwischenbetrachtungen an.
-
-Dieser Perthes war doch ein merkwürdiger Bursche! Markwaldt bildete
-sich ein, Menschenkenner von Beruf zu sein -- er beurteilte seine
-Fähigkeit nach der Fixigkeit seines Urteils --, aber dieser Junge,
-dieser Perthes, trotzte nun bald seit fünf Monaten, seit er überhaupt
-zweiter Assistent war, den Markwaldtschen Erfahrungsgrundsätzen. Drei
-Wochen lang arbeitete er wie ein Büffel; er verbiß sich in irgendeine
-Sache und schien darüber Himmel und Erde zu vergessen. Der Junge war
-ein Streber, ein ganz gewöhnlicher Streber. Das stand fest. So lange,
-bis die drei nächsten Wochen anfingen. Wie mit einem Schlage war
-derselbe Perthes wie ausgewechselt. Er erschien fast nur gastweise im
-Institut; er sprach von seiner Wissenschaft in den geringschätzigsten
-Ausdrücken, spielte sich als Naturmensch und Krafthuber auf, der in
-Wald und Feld herumtobte, wie ein Besessener ruderte und zeitweise
-überhaupt vom Erdboden verschluckt zu sein schien. Keine Frage: der
-Junge war ein ausgepichter Faulenzer, der es nie zu etwas bringen
-konnte. Alles Laune, Tollheit, Verschrobenheit. Bis das Wetter von
-neuem umschlug und der Arbeitsteufel wieder über ihn kam. Aus diesem
-Chamäleon mochte ein anderer klug werden!
-
-Inzwischen hatte Perthes mit einem kurzen Entschluß den weißen
-Arbeitsmantel in den Kasten gehängt und mit dem schon bekannten
-Pfeffer-und-Salz-Jackett vertauscht. „Gehen wir?” fragte er mit knappem
-Ton, schon halb in der Tür.
-
-„Höchste Zeit!” Markwaldt sprang auf und steckte die Zeitung in die
-Tasche.
-
-Nach einer kurzen Weisung an den Institutsdiener, der aus seiner Stube
-im Erdgeschoß getrommelt wurde, verließen die beiden Assistenten das
-Haus und schlenderten, die langweilige Enzisheimer Straße vermeidend,
-durch die Allee am Fluß aus dem klinischen Viertel stadtwärts.
-
-Es war ein ungleiches Paar. Perthes, hochgewachsen, schlank, brünett,
-überragte den rundlichen, weißblonden Markwaldt um fast zwei
-Haupteslängen. Auch wenn er, wie jetzt, langsam ging, war er mindestens
-um einen Schritt dem anderen voraus. Er hatte den blaubebänderten
-Panamahut abgenommen oder vielmehr noch gar nicht aufgesetzt. Lässig
-schlenkerte er ihn in der Linken. Den Kopf mit dem dichten, dunklen,
-verworrenen Haar, den buschigen Brauen, dem kräftigen braunen Vollbart
-neigte er leicht nach rechts zu seinem Gefährten herunter, als hörte er
-dessen Reden zu. Doch waren die leicht zugekniffenen Augen geradeaus
-ins Weite gerichtet und verrieten das Gegenteil.
-
-Markwaldt erzählte von einem Gartenfest, das Hupfeld, das „große
-Tier” der Fakultät, die weitberühmte chirurgische Exzellenz, im
-vorigen Sommer gegeben hatte. „Sie müssen dort Besuch machen,
-Kollege! Unbedingt. Das einzige Haus großen Stils in unserem
-gottbegnadeten Jammerdorf. Tipptopp! Nicht diese ollen, langweiligen
-Geheimratsfressereien, wo man sich mit zehn, zwanzig höheren Töchtern
-tothupsen muß. Und dann -- Alli! Pardon, Alice!” Er schnalzte statt
-aller Charakteristik mit der Zunge. „Na, die kennen Sie ja schon --
-Fräulein Exzellenz, was?”
-
-Perthes schüttelte gleichgültig den Kopf. „Keine Ahnung,” antwortete er
-zerstreut.
-
-„Nicht die Möglichkeit! Sie sollten unter die Sterngucker gehen,
-Perthes. Wahrhaftig!” Markwaldt blieb stehen und klopfte empört mit
-dem Stock auf den Boden, daß seine kuglige Figur, die so prall in dem
-blauen Anzug mit der buntgestickten Weste steckte, in Erschütterung
-geriet. Dann stützte er beide Hände auf den achatenen Stockknopf und
-stellte eins seiner kurzen Beine graziös hinter das andere. Er zwang so
-Perthes, stehenzubleiben und sich zu ihm umzuwenden. „So was übersieht
-man doch nicht -- die einzige schicke Erscheinung im ganzen Nest!
-Wetten, daß das Teufelsmädel Sie schon kennt?”
-
-Perthes zuckte ungeduldig die Achseln. Markwaldt langweilte ihn. Er
-wollte weiter, aber sein Partner blieb unerbittlich stehen, wo er
-stand, und redete drauflos.
-
-„So werden Sie's zu nichts bringen, Verehrtester! Zu gar nichts. Und
-Sie wollen akademisch werden?! Die Mädels sind ja doch die Hauptsache,
-sag' ich Ihnen. Den ganzen Professorenklumpatsch können Sie, wie
-Gott-Vater, in die eine Wagschale legen, Ihre Bakteriologie und was
-Sie sonst wissen dazu. In die andere Schale muß das richtige Mädel,
-und wuppdich -- sie senkt sich, daß die Professorenperücken und Ihre
-Wissenschaft an die Decke fliegen. So liegt die Chose!”
-
-Jetzt mußte Perthes -- unter der Wucht solcher Anschaulichkeit -- wohl
-oder übel lachen. Seine starken weißen Zähne leuchteten aus dem dunklen
-Barthaar. „Das ist doch wohl die alte Schule, Kollege Markwaldt,”
-meinte er leichthin.
-
-„Alte Schule?” ereiferte sich Markwaldt. „Alte Schule? Sie, o Sie --
-verzeihen Sie! -- Sie unglaublicher Embryo! Die _ewige_ Schule ist
-das!” Er mußte sich jetzt entschließen, dem weiterschreitenden Perthes
-zu folgen. „Werden ja sehen. Übrigens, Besuch machen müssen Sie bei
-Hupfeld doch. Das ist einfach so Brauch von alters her. Fragen Sie den
-Chef!”
-
-„Ich besuche, wen ich will,” gab Perthes mit beinahe unfreundlicher
-Bestimmtheit zurück. Ein Angriff auf seine Freiheit bewirkte bei ihm
-alles andere eher als Nachgiebigkeit.
-
-„Verdrehtes Huhn!” knirschte Markwaldt in sich hinein, doch immerhin so
-vorsichtig, daß sein Gefährte die Schmeichelei nur ahnen konnte. Ihm
-konnte es ja schließlich egal sein, wie Perthes die Sache angriff. So
-harmlos er sonst war, so sagte ihm doch jetzt der Ärger: Je verkehrter,
-desto besser. Seine Verstimmung dauerte indes nicht lange. Schon
-strich er wieder mit der Selbstgefälligkeit des guten Jungen, der er
-war, den kurzgeschnittenen dürftigen Schnurrbart und pfiff durch die
-roten Lippen. An der Brücke, die hinüber nach der Neustadt führte,
-verabschiedete er sich.
-
-„Kommen doch zum Klinikerabend heute, was?” fragte Markwaldt.
-
-„Vielleicht,” lautete die ausweichende Antwort.
-
-„Na, denn -- auf Wiedersehen!” Markwaldt schritt seinem Stammcafé zu,
-wo er die Zeit bis zum Abendessen mit Billardspielen totschlagen wollte.
-
-Perthes ging auf der Altstadtseite am Fluß weiter. Die Allee wurde
-dort belebter. Alte Leute saßen auf den Bänken in der Sonne, die in
-ihrem sachten Niedergang seitwärts in die Allee hereinblinkte. Kinder
-häufelten Sand und liefen den Fußgängern zwischen die Beine. Auf dem
-Fluß schoß ein langes, schmales Ruderboot pfeilschnell dahin. Die
-Ruderer mit ihren roten Mützen und weißen Trikotanzügen hoben sich
-grell ab von dem dunkelgrünen Wasser. Ihre nackten Arme warfen sie
-nach dem lauten, mechanischen Kommando des Steuermanns im Gleichtakt
-vor und zurück. Auf dem Graspfad unten an der Uferböschung lief der
-Leiter des Klubs, ein jugendfroher Gymnasialprofessor, mit einer
-mächtigen Schalltube. Er begleitete das Boot und rief seine Kritik
-durch den Trichter dröhnend über das Wasser hin. Zuzeiten selbst ein
-leidenschaftlicher Ruderer, sah Perthes dem Boot mit Interesse nach.
-Dann ging er über die Straße nach seiner nahen Wohnung und stieg lässig
-die Treppe hinauf.
-
-Ein geräumiges Giebelzimmer mit dem freien Blick auf den Fluß und die
-gegenüberliegenden Waldberge war sein Quartier. Ein kleiner Alkoven
-stieß daran. Eine Veranda, luftig und keck wie ein Vogelnest, war unter
-den Dachsparren vorgebaut. Einfach, aber freundlich und sauber war
-alles eingerichtet. Es war gut hausen da oben.
-
-Als Perthes eintrat, sah er sich um. Auf dem Tisch lag eine Drucksache.
-Er riß sie auf und warf sie beiseite. Ein medizinischer Katalog, weiter
-nichts.
-
-Eine Weile stand er unter der offenen Verandatür und starrte hinüber
-nach dem anderen Ufer. Unter den Landhäusern in der Neustadt drüben
-schien er ein bestimmtes zu fixieren. Dann drehte er sich schroff
-zurück ins Zimmer. Er trat vor seine Bibliothek, die auf einem Regal
-neben dem Schreibtisch an der Wand stand. Eine seltsame literarische
-Auslese, die sich da beisammen fand. Kochs „Reiseberichte über Rinder-
-und Bubonenpest in Indien” neben Richard Wagners Werken; einige Bände
-der „Medizinischen Wochenschrift” neben Schopenhauer, Haeckel, Zola;
-ein Band Kant, Sophokles, Pasteur, Goethe, Czernys Krebsforschungen
-nachbarlich beieinander. Nichts aus der bunten Reihe lockte ihn. Mit
-leeren Händen setzte er sich in den rohrgeflochtenen Schaukelstuhl.
-
-Ganz so unbegreiflich und kompliziert, wie Doktor Markwaldt sich seinen
-Kollegen Max Perthes dachte, war er wahrhaftig nicht. Er gehörte
-nur zu den Naturen, die länger und mühevoller als andere nach einem
-Ausgleich ihrer inneren Widersprüche suchen, weil diese Widersprüche
-tiefer sind und ein unbändiges Temperament sie eher verschärft als
-mildert. Väterlicherseits aus einem endlosen Geschlecht wackerer,
-nüchterner Landärzte in der Pfalz stammend, mütterlicherseits der
-Abkömmling einer einst hochangesehenen Gelehrtenfamilie am Niederrhein,
-hatte er sich, früh verwaist, nach seinem Abiturium mit einem beinahe
-fanatischen Wirklichkeitsdurst auf die Naturwissenschaften gestürzt.
-Auf Chemie und Physik, auf Botanik, Zoologie und Physiologie hatte er
-sich wahllos neben- und nacheinander geworfen. Spielend bemächtigte
-sich sein beweglicher Geist des Stoffes und wußte ihn zu durchdringen.
-Dann trat jäh und heftig die Übersättigung ein. Es war, als trete sein
-Herz beiseite und lehne sich auf gegen die trockene und einseitige
-Arbeit des Kopfes, die es noch eben freudig zu teilen schien. Mit
-einem herzhaften Entschluß ging er zur Medizin über. Die Verbindung
-von Wissen und Praxis mußte seinen ursprünglichen und seinen ererbten
-Anlagen mehr entsprechen, als die bloß beschreibende Erforschung der
-Natur. Mit fünfundzwanzig Jahren machte er sein Examen und baute bald
-darauf seinen Doktor in Chirurgie. Mit der Befriedigung war es auch
-schon zu Ende. Dieselbe Jagd, in der ein unstetes Herz den Kopf von
-einem Gegenstand zum anderen riß, begann von neuem. Von der Chirurgie
-ging er zur inneren Medizin, von dort zur Augenheilkunde über. Die
-praktische Tätigkeit war so eng, so gleichförmig, so unfruchtbar.
-Ein kleines Vermögen, über das er unabhängig verfügen konnte, zehrte
-sich in diesem Hin und Wider der Neigungen langsam auf. Er fühlte den
-moralischen und wirtschaftlichen Zwang, sich Halt zu gebieten. In der
-unwiderruflichen Absicht, sich in einem Fachgebiet festzufahren, hatte
-er die Assistentenstelle am Bakteriologischen Institut übernommen. Hier
-wollte er aushalten und sich durchsetzen, eine Lebensstellung gründen
-um jeden Preis. Wenn er seinem Vorsatz treu blieb und seine Arbeiten
-nur einigermaßen von Erfolg begleitet waren, reichten seine Mittel aus,
-um sich zu einer Professur durchzuschlagen.
-
-Wenn, ja wenn ... Perthes legte die langen, nervigen Hände mit den
-Fingern ineinander und spannte sie vor der Stirn, daß sie in den
-Gelenken knackten. So viel Kraft in sich zu fühlen und so wenig Herr
-über seinen Willen werden zu können! Seit Wochen fühlte er das
-Bohren und Quälen in sich, das einer neuen Krisis vorauszugehen
-pflegte. Mit Händen und Füßen wehrte er sich gegen diese Erkenntnis.
-Wo hinaus wollte er? Wo gab es noch eine geistige Aufgabe, die er
-an sich reißen konnte, um sie wieder von sich zu stoßen? In ihm
-wuchsen und wiederholten sich immer häufiger die Stimmungen, die
-ihn in allen Wissenschaften nichts mehr sehen ließen, als eine
-einzige unselige Verbildung. Er hatte schon früh in der Pflege und
-Ausbildung seiner körperlichen Kräfte ein Gegengewicht gegen die
-innere Unausgeglichenheit gesucht. Neuerdings übertrieb er, wie er
-alles übertrieb, diese physische Abmüdung in jenen oft wochenlangen
-Anfällen, in denen er für Markwaldt statt eines Strebers ein
-ausbündiger Faulenzer war. Auf die Dauer verfingen solche Radikalkuren
-immer weniger. Seine Entwicklung drängte ziemlich spät, aber unfehlbar
-auf eine Entscheidung, die nicht in der Wissenschaft, sondern nur im
-wirklichen Leben ausgefochten werden konnte. Nicht mehr darauf kam
-es für ihn an, ob er für seinen Kopf eine erträglich befriedigende
-Lösung für tausend und ein Welträtsel fand; ein unterdrücktes,
-vernachlässigtes und verleugnetes Gemütsleben verlangte sein Recht
-gegen die nüchterne, materialistische Kultur des Verstandes. Er stand,
-ohne sich darüber mehr als ahnungsweise klar zu sein, vor dem Kampfe,
-der über den vollen Menschen, seinen Charakter und sein Schicksal
-entschied. Es bedurfte nur eines geringen Anlasses von außen, und er
-mußte zum Ausbruch kommen.
-
-Perthes' Gedanken nahmen jetzt ihre Richtung wieder nach dem Landhaus
-aus rotem Sandstein, jenseits des Flusses, das er zuvor fixiert hatte.
-Eigentlich hatte er die Sache vergessen wollen. Vor zehn oder vierzehn
-Tagen -- oder war es so lange noch nicht? -- war er am Abend, als er
-nicht wußte, was er tun sollte, in den Stadtgarten gegangen, um etwas
-Musik zu hören und Menschen zu sehen. Es war Sonntag und sommerlich
-warm. Zwei-, dreimal schritt er den Rundweg ab, den boshafte Menschen
-das „Heiratskarussell” getauft hatten. Endlos wälzte sich da im
-Schein der hellen Bogenlampen ein Strom von geputzten jungen Mädchen
-aus der Bürgerschaft und von buntbemützten Studenten im Kreise mit-
-und gegeneinander. Die Pärchen suchten und fanden sich in einem
-Kreuzfeuer von Blicken. Erst wurde die Angebetete mit feierlich-ernstem
-Kappenschwenken begrüßt, dann angesprochen und flirtend begleitet.
-
-Anfangs hatte ihm das Treiben Spaß gemacht. Bald langweilte es ihn,
-und er setzte sich vor den Musikpavillon, wo die Stadtkapelle, ein
-leidlich braves Orchester, in Ouvertüren, Sinfoniesätzen und Tänzen
-sich und anderen gütlich tat. Während er den Tönen nachträumte und
-dabei gedankenverloren in das drehende Gewühl der Menschen starrte,
-traf sich sein Blick zufällig mit dem eines jungen Mädchens, das im
-Gespräch mit einem Burschenschafter, einem kecken, welterobernden
-Frankonenfuchs, vorüberging. Die großen vergißmeinnichtblauen Augen
-ruhten halb ernst, halb schelmisch eine Sekunde in den seinen. Ohne daß
-er sich etwas dabei dachte, wiederholte sich dies flüchtige Blickspiel
-ein zweites und drittes Mal. In ihrem duftigen Rosakleidchen mit dem
-offenen, auf die Schultern herabfallenden Blondhaar war die Kleine,
-halb erwachsen, halb Kind, eine Erscheinung von zartem, poetischem
-Reiz. Er hätte sie vergessen, wenn sie ihm nicht am Vormittag darauf,
-mit dem Marktkorb unter dem Arm, begegnet wäre, als er zum Institut
-ging. Sie trug die Haare aufgesteckt und schritt sehr gesetzt und
-geradeausblickend an ihm vorüber. Am Nachmittag des folgenden Tages
-sah er sie mit der Musikmappe in der Hauptstraße. Einer scherzhaften
-Anwandlung nachgebend, folgte er ihr über die Neue Brücke und entdeckte
-ihre Wohnung. An einem der nächsten Abende ging er -- es war dies einer
-seiner regelmäßigen Spaziergänge -- am jenseitigen Ufer spazieren.
-Sie saß handarbeitend auf dem Balkon. Perthes liebte es, die Sonne
-über dem Fluß untergehen zu sehen. Er hatte keinen Grund, von einer
-angenehmen Gewohnheit abzuweichen, und tat es jetzt nur insoweit,
-als er regelmäßig im Vorbeigehen hinaufsah, während sie heruntersah.
-Gestern war sie ihm wieder mit dem Marktkorb begegnet. Sehr würdig und
-ernst. Kaum daß ihn die großen, glanzvollen Augen streiften. Aber sie
-verlor zufällig ihren Handschuh. Perthes hob ihn auf. Er sprach sie
-an. Es ergab sich von selbst, daß er sie ein paar Schritte begleitete.
-Mit reizendem Widerstreben ließ sie es geschehen. Einige belanglose
-Redensarten wurden ausgetauscht. Sie sprach mit einer allerliebsten
-Mischung von Altklugheit und Kindlichkeit. Während der Arbeit im
-Institut dachte er bisweilen an sie. Wie man an eine liebenswürdige
-Landschaft denkt. Man ruht sich in ihrer Erinnerung aus und mochte
-sie wiedersehen. Heute, am frühen Morgen, als er zwischen Veranda und
-Zimmer unter der Tür seinen Kaffee hinunterjagte, ertappte er sich zum
-erstenmal dabei, wie er das bewußte Sandsteinhaus zwischen den alten
-und neuen Giebeln jenseits des Flusses suchte und fand. Jetzt kam er
-sich albern vor. Um es nicht noch mehr zu werden, beschloß er, von nun
-an die Sonne vom diesseitigen Ufer untergehen zu sehen.
-
-Während er sich noch immer im Schaukelstuhl wiegte, schien ihm der
-heldenhafte Entschluß, auf eine freundliche Gewohnheit zu verzichten,
-noch lächerlicher als die ganze Geschichte. Das Weibliche hatte in
-seinem Leben stets nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Was er von
-Frauen kannte, verdiente kaum diesen Namen. Der beliebte medizinische
-Zynismus diente ihm als Schild wie gegen alle Empfindsamkeit so gegen
-eine seelische Überschätzung des Weibes. So wollte er es wenigstens.
-Warum sollte er es nicht auch, wie andere, mit einer harmlosen
-Spielerei versuchen, der er in jedem Augenblick ein Ende machen konnte
--- morgen, übermorgen so gut wie heute? War er nicht schon schwerlebig
-genug? Das fehlte noch, daß er spröde mit sich tat wie eine alte
-Jungfer!
-
-Mit einem entschiedenen Ruck sprang er von seinem Rohrsessel auf,
-setzte den Hut auf und war wieder auf der Straße.
-
-Es war später als sonst, als er auf die Brücke kam.
-
-Die Dampfstraßenbahn, die nach den Dörfern in der Ebene fuhr, rollte
-lärmend an ihm vorbei. Heimkehrende Spaziergänger, verspätete Arbeiter,
-Kinderwagen, eine auswärtige Knabenschulklasse, die zum Bahnhof eilte,
-drängten an ihm vorbei.
-
-Perthes war froh, als er die Treppe hinuntersteigen konnte, die nach
-der stilleren Uferstraße führte.
-
-Die Platanenallee, die er hinaufschritt, führte zwischen Rasenanlagen
-hindurch, am Bootshaus des Ruderklubs vorbei. Es war schon geschlossen.
-Die Wiese zwischen der Allee und dem Fluß war sonst gegen Abend der
-Tummelplatz eines Fußballklubs. Auch sie war heute schon verödet.
-Keine Menschenseele begegnete ihm. Die Villen zur Rechten schienen wie
-ausgestorben.
-
-Jetzt war er dicht bei dem bewußten Hause. Zwischen den Bäumen
-durch konnte er auf Erker und Balkon des Landhauses sehen. Sein
-„Ufermädchen”, wie er sie hieß, saß nicht da, nicht dort.
-
-Enttäuscht schlenderte er weiter, ans Ende der Allee, wo die Anlagen
-und die Villenstraße aufhörten und die Obstgärten anfingen. Er bog nach
-der Wiese hin ab und näherte sich dem Wasser.
-
-Über blühende Schlehenbüsche weg blickte er hinaus auf den Fluß, der
-seine Wellen in die Ebene wälzte. Die Sonne stand, eine feurige Kugel,
-darüber, umglüht von violettem, purpurnem und silberweißem Gewölk.
-
-Das Schauspiel, das er liebte, machte ihn heute melancholisch. Er
-fühlte eine Leere in sich und kam sich einsamer vor als sonst. Kein
-Zweifel: es war, weil er Hilde König, das kleine Mädel mit den losen
-Haaren und den lockenden blauen Augen nicht in seiner Nähe wußte. Wie
-läppisch das war! Und doch konnte er nicht dagegen an.
-
-Verdrießlich trat er den Rückweg an.
-
-In einem Vorgarten wurde mit Wasser gesprengt. Die Luft war voll von
-dem frischen Geruch des genetzten Grases. Die Stadt, die jetzt rechts
-vor ihm lag, schmiegte sich im matten, rötlichen Licht der versagenden
-Sonnenstrahlen mit ihren zackigen Dächern und steilen Türmen friedlich
-gegen die verschwimmenden Berge. Von einer der Kirchen klang die
-Abendglocke herüber.
-
-Der Balkon, nach dem Perthes von neuem spähte, blieb leer.
-
-In der Ferne sah er jetzt zwei jugendliche Gestalten die Allee
-herunterkommen. Sie gingen Arm in Arm. Er meinte in der einen von
-ihnen Hilde König zu erkennen. Es war eine Täuschung. Unweit von ihm,
-bei einer Bank, trennten sie sich. Das größere der beiden Mädchen
-eilte mit lebhaftem Schritt nach dem nächstgelegenen Landhaus; das
-zurückbleibende setzte sich, offenbar um zu warten, auf die Bank.
-Sie trug unter dem leichten, offenen Mantel eine beigefarbene Bluse
-zum dunklen Rock und über dem hellen Haar einen einfachen englischen
-Strohhut mit schwarzem Band.
-
-Gleichgültig ging Perthes vorüber. Kaum mit einem flüchtigen Blick
-streifte er das Gesicht der Wartenden.
-
-Ein paar Schritte weiter blieb er stehen. Es durchzuckte ihn plötzlich,
-als wäre er diesen zarten und doch festen, ausdrucksvollen Zügen schon
-irgendwo und irgendwann begegnet. Wie zufällig wandte er sich um. Das
-junge Mädchen hatte jetzt einen Arm mit dem Ellbogen aufs Knie und
-den vorgeneigten Kopf mit dem Kinn auf den Handrücken gestützt. Die
-Augen, erst zur Erde gesenkt, sahen auf, als hätte sie gehört, daß sein
-Schritt innehielt, und suchten die Stelle, wo er stand. Das unsichere
-Irren des Blickes verriet ihm ihre Blindheit. Er erkannte jetzt
-das mattfarbene Gesicht mit den etwas knochigen Wangen, die runde,
-ebenmäßige Stirn, über die das Haar, unter dem Hut vorquellend, mit
-einer aschblonden Welle niederfiel. Er konnte sich nicht täuschen, es
-mußte Marga Richthoff sein.
-
-Sie schien zu fühlen, daß sie beobachtet wurde. Unruhig wandte sie
-den Kopf weg und zurück, in der Richtung des Hauses, in dem ihre
-Begleiterin verschwunden war.
-
-Perthes folgte einer impulsiven Regung und ging gerade auf sie zu.
-
-Sie fuhr unwillkürlich etwas zurück.
-
-„Erschrecken Sie nicht, Fräulein Richthoff --”
-
-„Ich weiß ja gar nicht, wer Sie sind,” kam es zurückhaltend, aber
-furchtlos von ihren Lippen.
-
-„Doktor Perthes,” sagte er einfach. „Ich habe Ihrem Herrn Vater dieser
-Tage meine Aufwartung gemacht. Als alter Bekannter von Hemsbach her
-kann ich nicht so grußlos an Ihnen vorübergehen.”
-
-Marga, obwohl zuerst verdutzt, fand sich schnell zurecht. „Das ist nett
-von Ihnen,” erklärte sie offen. Eine sichtliche Freude belebte ihr
-Gesicht. Wie einem alten Kameraden bot sie ihm die Hand. „Papa hat von
-Ihrem Besuch erzählt. Ich war ganz erstaunt, daß Sie Ihr Versprechen
-nicht vergessen hatten.”
-
-„Sie scheinen ja meinem Gedächtnis wenig Gutes zuzutrauen.” Perthes
-fühlte sich fast beschämt. Daß er sich an die Empfehlung, die ihm sein
-Onkel Schlutius, der Germanist in Bonn, für Richthoff mitgegeben,
-erinnert hatte, war ein Zufall und die Ausführung des Besuchs eine
-Laune gewesen.
-
-„Es wäre noch nichts Böses gewesen, wenn Sie den dummen, eigensinnigen
-Backfisch von damals aus dem Gedächtnis verloren hätten,” meinte Marga.
-
-„Na, na -- so schlimm war die Sache mit Ihnen nicht.”
-
-„O ja!” versetzte sie ernsthaft. „Ich dachte gerade in diesen Tagen
-daran, wie trotzig und unleidlich ich damals war. Wissen Sie noch --
-der Direktor hatte mich schon halb und halb aufgegeben, nur Sie ließen
-sich nicht abschrecken und ruhten nicht, bis ich die Buchstaben doch
-noch tasten lernte. -- Ich war damals zu unglücklich, um vernünftiger
-und gelehriger zu sein,” setzte sie nachdrücklich hinzu.
-
-„Und jetzt? Wie steht's mit dem Lesen und Punktieren?” forschte Perthes.
-
-„Ganz ordentlich. Wenn Sie einmal zu uns kommen --” Marga stockte einen
-Moment. Es fiel ihr ein, sie möchte zu vertraulich sein. Ihrer Natur
-nach gab sie sich harmlos oder gar nicht. Aber sie wurde oft von den
-Schwestern und sogar von Papa deshalb getadelt.
-
-„Natürlich komme ich einmal. Wenn man mich haben will,” meinte er
-munter. „Und dann halte ich eine Prüfung ab. Vollschrift, Kurzschrift!
-Lesen und Schreiben!”
-
-„O weh! Da muß ich mich ja vorher richtig vorbereiten. Sonst blamiere
-ich mich unbarmherzig,” erwiderte Marga mit leisem Lachen.
-
-„Wir werden ja sehen.” Er hörte Schritte jenseits der Allee. „Ihre
-Freundin kommt zurück.”
-
-„Meine Schwester.”
-
-„Also -- auf Wiedersehen!” Er ergriff Margas Hand und schüttelte sie
-herzhaft.
-
-Ehe sie seinen Gruß erwidern konnte, setzte Perthes, freundlich den
-Hut schwenkend, seinen Weg fort. Die unerwartete, so ungezwungen
-freundschaftliche Begegnung hatte ihm wohlgetan. Seine Verstimmung war
-gewichen. Mit großen Schritten ging er nach der Brücke und heimwärts.
-Er dachte sogar daran, nach dem Abendessen an den Klinikertisch zu
-gehen. --
-
-Ganz aufgeregt kam Käthe auf Marga zu. „Wer war denn das?” fragte sie
-neugierig und vorwurfsvoll zugleich, während sie dem Davonschreitenden
-erstaunt nachblickte.
-
-„Doktor Perthes hat mich begrüßt,” erklärte Marga freimütig. Mit
-anschmiegender Zärtlichkeit, in der ihre innere Erregung nachklang,
-hängte sie sich an den Arm der Schwester. „Er war reizend. Ganz der
-alte.”
-
-„Hat er dich so mir nichts, dir nichts einfach angesprochen?”
-
-„Natürlich! Warum auch nicht?”
-
-Sie gingen langsam die Allee hinunter.
-
-„Aber das tut man doch nicht,” fuhr Käthe kopfschüttelnd fort. „Eine
-Dame -- auf offener Straße --”
-
-„Ich hätte es viel unnatürlicher gefunden, wenn er stocksteif
-vorbeigegangen wäre,” versicherte Marga überzeugt. Sie war
-beglückt von ihrem bescheidenen Erlebnis und wollte sich nicht auf
-solche gesellschaftliche Haarspaltereien einlassen, die ihr ein
-unverständlicher Greuel waren.
-
-Käthe schwieg. Das war ein Zeichen, daß ihr gesittetes Gewissen Margas
-leichtere Auffassung nicht guthieß.
-
-Als sie auf der Brücke anlangten, begann es leise zu dämmern. Die roten
-Wolken über dem Fluß verblaßten, und der Ostwind blies aus den Bergen
-nach der Ebene. Wenn sie nicht zu spät zum Abendbrot kommen wollten,
-mußten sie ihre Schritte beschleunigen.
-
-Marga war es zufrieden und fröhlich ums Herz. Mit ihren leichten,
-glücklichen Schritten konnte Käthe fast nicht mitkommen. Sie fühlte
-sich unwillkürlich und unbewußt gereizt. Ob sie wollte oder nicht:
-sie mußte ein wenig Wasser in Margas fröhlichen Wein gießen. „Weißt
-du,” begann sie bedächtig, „Lizzie hat mir erzählt,” -- Lizzie war die
-Freundin, bei der sie in der Uferstraße für eine Minute eingeschaut
-hatte, um Noten zurückzubringen -- „daß dein Doktor Perthes Abend für
-Abend dort herumspaziert.”
-
-„Es wird ihm dort gefallen. Er wird sich an den Sonnenuntergängen über
-dem Wasser freuen,” meinte Marga lebhaft.
-
-„Er soll nicht bloß deshalb kommen, sondern --”
-
-„Sondern?” fragte Marga harmlos neugierig.
-
-„Er macht Hilde König den Hof,” entfuhr es Käthe. „Er soll sie öfters
-mal ans Haus begleitet haben. Das spricht nicht gerade für seinen
-Geschmack. Denn das unschuldige Kind läßt sich ja von jedem jüngsten
-Studenten die Cour schneiden.” Es war, ohne daß sie es wollte, ein Ton
-von selbstgerechter Schärfe in ihre Worte gekommen.
-
-Marga verlangsamte ihre Schritte. Wenn Käthe sie in diesem Moment
-angesehen hätte, hätte sie bemerkt, daß ihre Wangen und ihre Lippen
-sich leise verfärbten. Der kleine, mehr weibliche als schwesterliche
-Pfeil traf mitten in Margas unschuldige Heiterkeit. Sie schüttelte
-betroffen den Kopf. Sie konnte das nicht glauben. Gerade dieses
-oberflächliche kleine Mädel, das alle Welt für sein weites Herz kannte,
-das sollte ...
-
-„Das ist seine Sache,” sagte sie nach einer Weile ruhig und mit
-möglichster Gelassenheit. Sie hatte ihren Arm in dem der Schwester
-gelockert, als könnte das Pochen ihres Herzens Käthe verraten, daß ihr
-diese Nachricht wehe tat. Aber warum auch? Sie schämte sich schon der
-törichten Anwandlung und hakte wieder fester unter. Fast im Laufschritt
-ging es jetzt über den Bahndamm weg, die Straße am Wenzelsberg hinauf
-und dem väterlichen Hause zu.
-
-
-
-
-3
-
-
-Anfangs hatte sich der Geheimrat mächtig gesträubt. In diesem Sommer
-wollte er von einer größeren Einladung bestimmt nichts hören. Einmal
-drängte es nicht, dann war es überhaupt ganz überflüssig.
-
-Käthe, die es wagte, Anfang Juni direkt in die Höhle des Löwen zu gehen
-und ihm ein Gartenfest vorzuschlagen, wurde beinahe hinausgeworfen.
-Elli, die mitunter Andeutungen in die Unterhaltung warf -- über das
-unerwartet schöne Wetter, über die wundervollen warmen Abende, über
-die Vorzüge, die es hätte, gerade jetzt, wo noch nicht alle Welt einem
-zuvorgekommen, gewisse Verpflichtungen zu erfüllen --, fand taube Ohren
-und bekam schließlich eine grimmige Bemerkung über die Vergnügungssucht
-junger Mädchen von heute an den Kopf. Marga dachte wohl manchmal daran,
-daß sie gern mit Doktor Perthes plaudern möchte. Aber sie schwieg. Es
-wäre zu ungewöhnlich gewesen, wenn sie, die stets widerstrebend an
-den häuslichen Gesellschaften teilgenommen, die Schwestern plötzlich
-unterstützt hätte.
-
-Mitte Juni erklärte Vater Richthoff eines Morgens beim Frühstück, es
-sei doch merkwürdig, daß er an alles denken müsse. Warum man denn heuer
-die üblichen Einladungen nicht ergehen lasse? Da man ja doch in den
-sauren Apfel beißen müßte, wäre es das Netteste, die Jugend mal in den
-Garten einzuladen. Seine Mädels wären Schlafmützen.
-
-Die Gescholtenen horchten hoch auf. Natürlich wagte niemand auch nur
-mit einer Silbe daran zu erinnern, daß man je selber an so was gedacht
-habe.
-
-Elli, der das Herz im Leibe lachte, wandte ein Übermaß von
-Selbstbeherrschung auf, um nicht vom Stuhl aufzufahren. Es war
-nicht verwunderlich, daß sie Margas halbvolle Tasse umstieß. Käthe,
-praktisch wie sie war, wußte, daß eine solche Gelegenheit väterlicher
-Herablassung nicht wiederkehrte, und holte ihre Liste. Sie hub an, die
-Namen zu verlesen, und über die Morgenzeitung weg brummte der alte Herr
-zu den Vorgeschlagenen seine Zustimmung. Jetzt nannte sie Erich Wilkens.
-
-„Hört in diesem Semester nicht bei mir,” erklärte ablehnend der
-Geheimrat.
-
-„Aber er hat Besuch gemacht, Papa! Vorigen Sonntag!” fuhr es Elli
-heraus.
-
-„Hat er?” gab der alte Herr gutmütig-spöttisch zurück und traf Elli mit
-einem scharfen Blick über die Brillengläser weg.
-
-Elli ward rot bis über die Ohren. Sie mußte ihr Schuhband festknüpfen,
-um Verlegenheit und Enttäuschung zu verbergen. Marga strich leise
-beruhigend ihren Arm.
-
-„Also nicht?” fragte Käthe mitleidig zögernd.
-
-„Meinetwegen,” lautete der erlösende Bescheid.
-
-Elli mußte vor Freude Margas Hand so überkräftig drücken, daß diese um
-ein Haar aufgeschrien hätte.
-
-Doktor Perthes kam als letzter. Der Geheimrat hatte keine Ahnung mehr.
-Marga zuckte nicht mit den Wimpern, als Käthe ihm den Hemsbacher Arzt
-ins Gedächtnis brachte. „Ach der!” meinte er gedehnt. „Na ja -- wenn
-Marga es nicht anders tut.”
-
-„Du hast ja selbst gesagt, er soll auf die Liste kommen,” erklärte Elli
-kühn, um der Schwester zu Hilfe zu kommen.
-
-Marga rührte sich nicht. Sie schien die Fransen an der Kaffeedecke zu
-zählen.
-
-„Aber dann Schluß! Die Mädels dazu wählt gefälligst selber aus. Und
-mich laßt mit allem Drum und Dran aus dem Spiel. Kosten darf die Sache
-nichts, und stören darf sie mich auch nicht.”
-
-Der Geheimrat erhob sich. Er war jetzt wieder ganz der gestrenge und
-unwirsche Herr und Gebieter, der sich nicht länger um solche Läppereien
-kümmerte. Fast schien ihm die Sache wieder leid zu tun.
-
-„Nur noch den Tag, Papa!” bat Käthe. „Wir müssen doch wissen, wann
-dir's am besten paßt.”
-
-Der Geheimrat war schon aus der Tür und stieg in sein Zimmer hinauf.
-Er hatte gestern in seiner Kaisergeschichte den segensvollen Titus
-porträtiert. Jetzt kam er zu dem unsympathischen und grausamen
-Domitian. Mit der Gnade und Milde war es zu Ende.
-
-Doch zum Glück für das Haus ergaben Richthoffs erneute Forschungen,
-daß der böse Flavier unter seiner Großmannssucht und rohen Härte die
-besseren Anlagen seines Hauses wenigstens in seinen Anfängen nicht ganz
-verleugnete. So wurde es möglich, daß man dem Geheimrat doch auch noch
-den Termin für das geplante Gartenfest ablocken konnte.
-
-Was gab es dann aber auch alles am Wenzelsberg zu tun! Die Einladungen
-mußten geschrieben werden. Es galt, den Lohndiener und die Kochfrau
-zu bestellen. Dann kam das Menü. Das las der alte Herr zwei Tage lang
-nicht, obwohl Käthe es ihm mit aller Liebe und Sorgfalt bei jeder
-Mahlzeit neben die Serviette legte. Am dritten Tage steckte er es in
-die Tasche und schickte es am fünften als völlig unbrauchbar zurück.
-Nur mit List konnte er schließlich gezwungen werden, Gegenvorschläge
-zu machen. Mit der Bemerkung, daß die Weibsleute nicht einmal von der
-Küche etwas verständen, ergriff er selbst das Kochbuch und verlangte
-die unmöglichsten Gerichte. Das Ungeheuerlichste war, daß er allen
-Einwendungen zum Trotz auf einer Suppe bestand, einer für eine Abend-
-und Gartengesellschaft allem Herkommen hohnsprechenden Ouvertüre.
-Er wollte in Italien eine Wildsuppe gegessen haben, die unbedingt
-ausprobiert werden mußte, ein unheimliches, höchst apartes Gemächte,
-von dem er sich für sich und seine Gäste Wunder versprach. Käthe konnte
-nicht mehr erreichen als ein Kompromiß: dafür, daß er die übrigen Gänge
-genehmigte, mußte ihm die abenteuerliche Suppe zugestanden werden.
-
-Langsam kamen die Zu- und Absagen.
-
-Je größer die Spannung war, mit der seine Mädels die Post erwarteten,
-um so weniger eilig hatte es der Geheimrat mit dem Öffnen der
-Briefschaften. Für Elli gab es Folteraugenblicke am Frühstückstisch.
-Sie hatte schon die Hoffnung aufgegeben, daß Wilkens käme.
-Endlich schrieb er zu. Doktor Perthes machte zwar eine korrekte
-sonntägliche Aufwartung, bei der er seine Karte abgab, aber zusagende
-Antwort schickte er erst am Abend vorher. Er entschuldigte seine
-Vergeßlichkeit, wollte aber gern kommen. Käthe konnte es nicht
-unterlassen, zu bemerken, daß Mediziner das „immer” so machten.
-
-Marga blieb ihr eine Antwort schuldig. Es waren widersprechende
-Gefühle, mit denen sie an Perthes dachte. Sie verschloß das Hin und Her
-ihrer Empfindungen nicht nur vor anderen, sondern auch vor sich selbst.
-Es lag in ihrer Art, daß sie das Unklare und Unfertige von sich
-schob, weil es sie lähmte und schwächte. Ihre Seele brauchte in ihrer
-Einsamkeit ungeteilte Kraft, um gesund zu bleiben. Sie hatte ihn seit
-jener flüchtigen Begegnung am Fluß nicht mehr gesehen. Fast regelmäßig
-machte sie mit einer der Schwestern, meist mit Elli, gegen Abend einen
-Bummel. Früher waren sie oft die Uferstraße entlang gegangen. Marga
-ließ sich dann die Sonnenuntergänge bis ins einzelne schildern und
-genoß Farbe und Stimmung in ihrer lebendigen Phantasie. Jetzt mied sie
-diesen Gang. Die Zurückhaltung kostete sie mehr, als ihrem stillen
-Wesen anzumerken war. Es gab Augenblicke, in denen sie sich dabei
-überraschte, ein sicheres Bild von ihm zu gewinnen. Die Frage peinigte
-sie, ob er nur aus gewöhnlichem Mitleid, aus Zufall oder Laune sich
-ihrer erinnert hätte. Oder ob er ein gewisses Verständnis für ihr Wesen
-hätte, eine teilnehmende Freundschaft für sie empfände. Und derselbe
-Mensch sollte an einem leichtmütigen Geschöpf wie Hilde König Gefallen
-finden? Spielte er nur mit seinen Gefühlen? War er von Natur ernst und
-gehaltvoll? Oder war er oberflächlich und leer? Ihre Erfahrung gab ihr
-keine Auskunft. Und sie wollte keine. Sobald sie sich über unnötigen
-Grübeleien ertappte, dachte sie gewaltsam an anderes.
-
-Je näher der große Abend des Gartenfestes kam, um so weniger fehlte
-es an Umtrieb und lustiger Geschwätzigkeit. Die Toiletten mußten
-zwanzigmal besprochen werden. Es wurde auf Leben und Tod genäht. Die
-Tischordnung gab eine Fülle von Stoff zu immer neuen Diskussionen. Bis
-endlich auch dieses Ereignis zur Wirklichkeit wurde.
-
-Man hatte an kleinen Tischen im Hof gedeckt.
-
-Das Haus mit seiner Rückwand von Reblaub und Glyzinen auf der
-einen, der blumenreiche, sommergrüne Weinberg auf der anderen Seite
-stimmten festlich zu den weißen Tafeltüchern. Den Tafelschmuck hatte
-Marga ausgedacht. Das war eine besondere Stärke von ihr. Sie gab
-ganz bestimmte Weisungen, wie sie jeden Tisch innerlich vor sich
-sah, und Elli führte sie unter lautem Beifall aus. Bald war es ein
-Gerank von Rosen, das den silbernen Aufsatz umschloß und in duftigen
-Ketten zwischen die Teller fiel, bald waren es zierliche Kränze von
-Stiefmütterchen, die die Gedecke besäumten, Sträuße von Margueriten
-oder blauem Akelei, die in den Servietten steckten. Leuchter mit
-winzigen bunten Lichtschirmen standen munter dazwischen, und
-Papierlaternen in gekreuzten Zügen überspannten den Hof von einer Ecke
-zur anderen. Der Geheimrat, der zufällig einmal während der Anordnung
-herunterschneite und den Kopf in den Hof streckte, brummte etwas von
-einer „Blumentrödelbude”, klopfte aber dabei Marga so kräftig auf den
-Arm, daß sie mit seiner Anerkennung zufrieden sein konnte.
-
-Es war sechs Uhr geworden.
-
-Die Zeit reichte gerade knapp hin, um sich anzuziehen, und die Mädels
-flogen nach ihrem Dachstock.
-
-Fünf Minuten vor sieben standen sie fix und fertig im Salon. Marga und
-Elli trugen weiße Tüllkleider. Käthe als älteste prangte in leichter
-erdbeerfarbener Seide. Das beste war der frische, unschuldige Reiz der
-Jugend, der wie ein leichtes, helles Lachen von ihnen ausging, wie sie
-so am Flügel beieinanderstanden. Aus Ellis Augen blitzte der Schalk;
-in dem ungebärdigen Gewirr ihrer lichten Haare, mit ihrem schlanken,
-zierlichen Figürchen sah sie wie der Frühling selber aus. Käthe, ein
-Gewinde von Silberfiligran, ein Erbstück der Mutter, über den dunklen
-Flechten, gab sich etwas gemessener und selbstbewußter: sie fühlte sich
-halb und halb als Dame des Hauses. Zwischen beiden stand Marga: von der
-bezaubernden Leichtigkeit Ellis und der etwas herben Sicherheit Käthes
-war sie gleichweit entfernt: die weiche Lässigkeit ihrer Bewegungen und
-der versonnene Ernst ihrer Züge waren nicht dazu angetan, zu bestechen
-oder zu erobern. Sie wirkte wie ein Bild, das man übersehen zu haben
-glaubt, um nachher zu finden, daß es kraft eines unbestimmbaren inneren
-Reizes lebendiger als alle anderen im Gedächtnis haftet.
-
-Noch immer kam Vater Richthoff nicht. Er hatte sich, natürlich zu spät,
-an seine Festtoilette gemacht. Dann war ihm mitten im Anziehen ein
-Gedanke gekommen, den er dringend für seine Kaisergeschichte notieren
-mußte. In einem mehr antiken als modernen Kostüm eilte er in das an
-sein Schlafzimmer anstoßende Arbeitszimmer und setzte sich an den
-Schreibtisch.
-
-Die Klingel meldete den ersten Gast. Die Mädels im Salon waren in
-heller Bestürzung. Elli wagte es: sie schoß die Treppe hinauf und
-pochte an die Tür des alten Herrn.
-
-„Bitte, bitte, Papa! Eil dich! Die Gäste kommen!” rief sie eindringlich
-und flehend.
-
-Ein dumpfes Murren antwortete aus dem Arbeitszimmer.
-
-„Es hat schon der erste geklingelt!” setzte Elli beschwörend hinzu.
-
-„Wollt ihr wohl das verwünschte Gehetze lassen. Ich komme ja!” dröhnte
-es zürnend zurück.
-
-Elli glitt wieder die Treppe hinunter.
-
-Zum Glück war nur etwas für die Küche abgegeben worden.
-
-Die Gäste ließen auf sich warten.
-
-Als der Geheimrat einige Minuten später in den Salon trat -- im
-flatternden Gehrock, die lange goldene Uhrkette auf der von Käthe zu
-Weihnachten und Ostern gestickten Weste, die dünnen weißen Haare über
-dem Scheitel und an den Schläfen festgestrichen --, erklärte er ganz
-empört: „Wo sind denn nun eure Gäste? Natürlich komme ich eine halbe
-Ewigkeit zu früh!”
-
-Die halbe Ewigkeit dauerte kurz.
-
-Schon öffnete sich die Tür, um sich nicht so bald wieder zu schließen.
-Im Handumdrehen füllte sich der geräumige Salon. Begrüßungen,
-Vorstellungen, Freundschaftsbezeugungen schwirrten durcheinander.
-
-Da kam Papa Wilmanns, ein kleiner, lauter, lustiger, hinkender
-Altphilologe, und seine Gattin, ein stilles, ewig lächelndes, über
-ihren Mann verwundertes Frauchen. Hinter ihnen drei Töchter, alle
-flachsgelb von Haar, fast gleich in der Größe, gleich in den Augen und
-gleich in den lila- und weißgemusterten Kleidchen. Es ging die Sage,
-daß sogar ihre Eltern sie bisweilen verwechselten.
-
-Der nächste war Trabner, der Flanellstorch, wie Elli der neben ihr
-stehenden Marga kichernd ins Ohr meldete. Er trug heute übrigens
-einwandfreie weiße Wäsche und einen Rock, der ihn nach oben und unten
-in die Unendlichkeit verlängerte. Sein pockennarbiges Vogelgesicht mit
-den paar Kinnstoppeln zuckte unaufhörlich, man wußte nicht, ob aus
-Ehrerbietung oder Nervosität. Der zwerghafte Papa Wilmanns sah staunend
-und beneidend an ihm hinauf. Als Trabner vor dem Geheimrat seinen jähen
-und tiefen Bückling machte, trat der gute Wilmanns unwillkürlich mit
-offenem Mund einen Schritt näher und streckte die Arme vor, als gelte
-es, einen Einsturz aufzuhalten.
-
-Zwei Studenten, blauweiße Bänder um die Brust, blaue Mützen in der
-Hand, drängten sich nebeneinander zur Tür herein. Sie gehörten der
-Verbindung Corvinia an, die böse Zungen das „Betkränzchen” nannten
-und in Verruf brachten, Zuckerwasser statt Bier zu trinken. Elli
-verbarg sich hinter Margas Rücken und steckte das Taschentuch in
-den Mund, um nicht loszuplatzen. Inzwischen schritten die beiden
-in feierlich-plumpem Gleichtritt auf Vater Richthoff zu. Ihre
-forciert-couleurmäßige Haltung stand in so köstlichem Gegensatz zu
-ihrem ungehobelten Bauerntum, daß auch Käthe sich auf die Lippen biß.
-
-Ein dicker, jovialer Burschenschafter, der mit seinem Leibfuchs, einem
-geckenhaften und schmächtigen Bengelchen, zufällig hinter den Corvinen
-ankam, zog über sein ganzes Gesicht, so rot und zerhauen, wie es
-war, eine Grimasse, als die Betkränzler beiseite traten. Mit freier,
-dröhnender Bierstimme begrüßte er Richthoff, der selber „alter Herr”
-bei einer Marburger Burschenschaft war.
-
-Es trat eine kurze Pause ein. Noch waren nicht alle Geladenen zur
-Stelle. Aber der Zufluß zum Salon stockte einen Augenblick.
-
-Es bildeten sich Gruppen. Der Flanellstorch verwickelte pflichtmäßig
-Käthe in ein Gespräch.
-
-Elli und Marga plauderten mit den drei Wilmannstöchtern. Die zwei
-Burschenschafter traten kühn dazu und erzählten von ihrer nächsten
-Damenkneipe. Die zuckerwassersüchtigen Corvinen umstreberten Professor
-Wilmanns und den Geheimrat, während Frau Wilmanns sich selbstgenügsam
-in ein Familienalbum vertiefte, das auf dem Tisch lag.
-
-Schon tat sich die Tür wieder auf.
-
-Ein derber, struppiger Kopf ward sichtbar, und ein paar runde, graue
-Augen rollten zwischen unbändigen Büscheln gelblichweißen Haares heraus
-über das menschenvolle Zimmer.
-
-„Sieh da -- Borngräber!” begrüßte Richthoff mit vergnügtem Ruf den
-Ankömmling.
-
-In komischer Verzweiflung stürmte Professor Borngräber, ein alter
-Hausfreund, Junggeselle und Indolog, auf den Geheimrat los.
-
-„Aber um Gottes willen! Ihr habt ja richtige Gesellschaft! Ich
-denke, wir sind drei, vier Personen!” rief er mit hoher, klagender
-Fistelstimme, während er dem alten Herrn die Hand schüttelte. „Ich
-bin ja gar nicht feierlich angetan!” Er wies auf seinen moosgrünen,
-verknitterten Bratenrock, der ihn nicht gerade Lügen strafte.
-
-„Macht ja nichts, alter Freund! So feierlich wird die Sache gar nicht,”
-versicherte Richthoff beruhigend.
-
-„Ich drücke mich! Hörst du? Ich zieh' mich um!”
-
-„Dageblieben!” Richthoff hielt lachend seine Hand fest.
-
-„Sie haben ja gar keine andere Toga,” schmunzelte Papa Wilmanns boshaft.
-
-Borngräber überhörte ihn entrüstet. Er schlug die Hand vor den Kopf,
-beteuerte seine Unschuld und widerstrebte nicht mehr. Er kam immer so
-wie heute. War immer außer sich und wollte fort. Und blieb immer, wenn
-man ihm gut zuredete.
-
-Jetzt reckte Elli den Kopf. Sie stellte sich auf die Zehen.
-
-Drüben unter der Tür reckte sich ein anderer Kopf ihr entgegen. Blond
-und kraus wie der ihre. Ein lachendes, verschmitztes Gesicht. Zwei
-strahlende, siegesgewisse Augen, die in die ihren tauchten. Das war
-Wilkens.
-
-Kaum war diese stillschweigende Begrüßung erfolgt, so tuschelte Elli
-mit Marga.
-
-„Doktor Perthes! Dein Doktor von Hemsbach!” verkündete sie, noch
-aufgeregt von dem Glück, Wilkens gesehen zu haben.
-
-In der Tat zeigte sich Perthes' hochgewachsene Gestalt gleich hinter
-Wilkens in der Tür. Sein brauner, bärtiger Kopf ragte über die anderen
-hinaus. Nur der Flanellstorch konnte sich mit ihm messen. Mit dem
-suchenden Lächeln des Fremdlings überschaute er das Gedränge. Er hatte
-sich schnell orientiert. Nach Wilkens trat er auf den Geheimrat zu und
-begrüßte ihn mit unbefangener Höflichkeit.
-
-Der alte Herr sah ihn einen Moment fragend an. Dann besann er sich
-und schüttelte Perthes die Hand. „Marga erinnert sich Ihrer. Nett,
-daß Sie kommen. -- Kleinchen!” Er erwischte die eben vorbeihuschende
-Elli an einem Zipfel ihres Ärmels, ehe sie zu dem ersehnten Wilkens
-durchschlüpfen konnte. „Herr Doktor Perthes -- meine Jüngste,” stellte
-er vor, während er ihr den Arm um die Schulter legte. „Führ' ihn mal
-zu Marga!” Er deutete aufgeräumt nach der Seite, wo sie stand. Dann
-mußte er neue Gäste begrüßen: Frau Geheimrat Achenbach, die Witwe
-eines Kollegen, eine stattliche alte Dame mit gütigen Augen unter
-schneeweißen Scheiteln, auf einen Krückstock sich stützend; weiterhin
-einen ehemaligen Schüler und jetzigen Privatdozenten, Bertelsdorf
-mit Namen, der es kaum erwarten konnte, bis er mit blinzelnder,
-katzbuckelnder Höflichkeit an die Reihe kam, seinen Gruß anzubringen.
-
-Inzwischen drängelte sich Elli, gewandt wie ein Wiesel, durch die
-einzelnen Gruppen, Perthes mit übermütigen Gebärden hinter sich her
-winkend.
-
-Marga stand an der Tür zum Wohnzimmer. Sie hatte sich dorthin
-zurückgezogen, weil sie sich in dem Geschwirre der Menschen überflüssig
-vorkam. Es fiel niemand auf, daß sie beiseite trat. Die drei
-Wilmannsmädchen lachten auch ohne sie über die Aufschneidereien der
-beiden Burschenschafter. Einsam, mit einem halben, verlorenen Lächeln
-lehnte sie im Rahmen der Tür.
-
-„Da bring' ich dir Herrn Doktor Perthes, Margakind!” rief ihr Elli
-schon von weitem entgegen.
-
-Marga richtete sich auf.
-
-„Guten Abend, Fräulein Marga!” begrüßte sie Perthes kameradschaftlich.
-„Wir haben uns ja furchtbar lange nicht gesehen. Ich dachte immer, ich
-würde Ihnen mal wieder begegnen. In der Stadt, am Ufer oder sonstwo --”
-
-„Wir sind früher oft dort gegangen,” sprudelte Elli naseweis hervor.
-„Aber neuerdings -- ich glaube, seit Marga Sie dort getroffen hat, will
-sie partout nicht mehr hin.”
-
-„Aber Elli!” wehrte sich Marga. Doch die Missetäterin war schon lachend
-davongewischt, um endlich zu ihrem Wilkens zu kommen.
-
-„So, so, Fräulein Marga -- Sie weichen mir also aus!” neckte Perthes.
-„Und warum denn, wenn ich fragen darf?”
-
-„Aber das Kleinchen hat Sie ja angeschwindelt,” erklärte sie ernsthaft.
-
-„Und ich komme Ihretwegen in eine richtige Gesellschaft. Obwohl ich mir
-vorgenommen hatte, hier gar nichts mitzumachen.”
-
-„Das ist immer noch etwas anderes, als wenn ich Ihretwegen an den
-Fluß käme,” erwiderte Marga. Ihr Ton war abweisender, als sie wollte.
-Sie fand sich nicht in eine tändelnde Unterhaltung. Aller Scherz
-nahm nur schwer den Weg zu ihrer Seele; er machte sie eher scheu und
-verschlossen als zutraulich. Sie hatte sich wieder an den Türpfosten
-gelehnt und blickte zu Boden. Ihre ruhige Stirn kräuselte sich einen
-Moment: ihr offenes Gesicht war nicht darin geübt, ihre Gedanken zu
-verbergen.
-
-„Was dachten Sie jetzt eben?” forschte Perthes. „Sicherlich nichts
-Gutes über mich.”
-
-„Sie sind aber eingebildet, Herr Doktor!”
-
-„Ich -- wieso?”
-
-„Als ob es nichts anderes zu denken gäbe als --” Marga vollendete den
-Satz nicht; sie erschrak über ihre eigenen Worte. Sie kamen ungerufen
-aus ihr hervor. Warum war sie so unfreundlich zu ihm? War sie denn
-kleinlich? Er hatte von diesem Ufergang gesprochen, von dem sie wußte,
-daß er einer anderen galt. Es waren nur liebenswürdige Redensarten,
-wenn er _sie_ damit in Verbindung brachte. Weshalb seine Spielerei? Und
-doch -- als er nun schwieg -- tat ihr ihre Äußerung leid. Ohne ihn zu
-sehen, fühlte sie, daß er sich von ihr weggewandt hatte.
-
-Er schaute in der Tat abgekehrt, mit gekreuzten Armen, auf die vielen
-schwatzenden Menschen im Salon.
-
-„Sie sind mir doch nicht böse, Doktor Perthes?” fragte Marga mit
-veränderter, bittender Stimme.
-
-„Warum denn? Ich wundere mich nur, daß Sie heute gar nicht nett zu mir
-sind.”
-
-„Bin ich das wirklich nicht?”
-
-„Wirklich nicht!” wiederholte er überzeugt.
-
-„Wenn ich Ihnen gesagt hätte, was ich dachte, würden Sie noch
-unzufriedener mit mir gewesen sein.”
-
-„Oho! Also war's doch was Schlechtes.” Lachend wandte sich Perthes
-wieder zu ihr.
-
-Margas Züge drückten Unruhe und Verwirrung aus. Die erloschenen
-Augen mit ihrem sanften blauen Glanz schienen gewaltsam das Dunkel
-durchdringen zu wollen, um den Ausweg aus diesem unglücklichen Gespräch
-leichter zu finden. Dann nahm sie die Zuflucht zu ihrer natürlichen
-Offenheit. „Ich dachte, daß Sie in der Uferstraße jemand anders suchten
-als mich. Das war alles,” sagte sie kurz und einfach.
-
-Perthes sah sie erstaunt an. Sie wußte also auch bereits, was Markwaldt
-und alle seine Bekannten wußten -- daß er Hilde König nachstieg. Und
-er durfte ihr nicht einmal böse sein, daß sie es ihm sagte. Er hatte
-ihr ja ihre Gedanken abgezwungen. Wie peinlich und unbequem diese
-Mitwisserschaft war! Gerade _hier_. Er griff sich mit der gebräunten,
-sehnigen Hand heftig in den Bart. Die Falten auf der Stirn zuckten
-nervös zwischen den dichten Brauen.
-
-Zum Glück gab jetzt der Geheimrat das Zeichen zu Tisch, indem er Frau
-Wilmanns den Arm bot.
-
-„Darf ich Sie zu Tisch führen?” fragte Perthes Marga mit einer kurzen
-Verbeugung.
-
-Sie nickte. Schweigend legte sie ihren Arm in den seinen. Sie wußte
-nicht, sollte sie sich freuen, daß er sie führte, oder nicht. Sie
-bereute, daß sie sich hatte verleiten lassen, die Wahrheit zu sagen.
-Warum hatte er sie gezwungen, und sie sich zwingen lassen?
-
-Plaudernd bewegte sich der Zug der Paare durch das Wohnzimmer und die
-Eßstube.
-
-An Richthoff und Frau Wilmanns schlossen sich Professor Borngräber
-und Frau Achenbach, ein sehr ungleiches Paar: sie majestätisch und
-gemessen, er voll Unbeholfenheit immer einen Schritt voraus oder
-zurück. Als langjährige Bekannte waren sie trotzdem beide sehr
-zufrieden miteinander.
-
-Papa Wilmanns bat sich ein für allemal, wohin er kam, ein junges
-Mädchen zu Tisch aus. Heute, wo man, um der Gemütlichkeit keine
-Vorschriften zu machen, von einer festgesetzten Tischordnung abgesehen
-hatte, waren die Jungen schneller gewesen als er und hatten sich schon
-alle zusammengefunden. Er sah sich verurteilt, Fräulein Grasvogel,
-eine dürre, etwas spinöse Cousine des Richthoffschen Hauses, die
-man aus Gutmütigkeit bei keiner Einladung überging, für sich zu
-erobern. Der kleine lustige Mann, der außerhalb seines Lehramts stets
-voller Schnurrpfeifereien steckte, schritt mit weltschmerzlicher
-Biedermannsmiene am Arm der Cousine. In dem beweglichen Gesicht,
-das sonst so behaglich mit der Hakennase, den Augen einer listigen
-Spitzmaus und den rosigen Wangen zwischen dem fröhlichen Backenbart
-saß, lag eine so vorwurfsvolle Anklage, daß Elli, die mit Wilkens
-hinter ihm kam, nur mühsam ihren Ernst behaupten konnte. Sie nahm
-sich nur zusammen, weil Käthe mit dem überhöflichen Privatdozenten
-Doktor Bertelsdorf zur Rechten und dem Flanellstorch zur Linken ihr
-auf dem Fuße folgte. Käthe war schon durch die in letzter Minute
-erfolgte Absage Lizzies, ihrer Musikfreundin, betrübt. Elli wollte
-sie nicht noch durch eine Neckerei erzürnen, die sie auf das seltsame
-Doppelgestirn ihrer Tischherren beziehen konnte. Der Privatdozent hatte
-nämlich Käthe dem Flanellstorch vor der Nase weg engagiert; darüber war
-dieser so fassungslos, daß er sich, kurz entschlossen, rechts von ihr
-postierte und mit seinem Partner über Käthes Kopf hinweg einen Disput
-vom Zaun brach -- über eine neue Textausgabe von Dio Cassius!
-
-Marga mit Doktor Perthes, die Schwestern Wilmanns mit den
-Burschenschaftern und Corvinen, einige damen- und couleurlose
-Philologen im ersten und zweiten Semester beschlossen die Reihe.
-
-Es war noch taghell im Hof, und man hatte deshalb die Kerzen noch nicht
-angebrannt.
-
-Die Heiterkeit der blumengedeckten Tische steckte an. Man stürmte die
-Plätze.
-
-Die älteren Herrschaften, die in ihrer engen Auslese als nächste
-Hausfreunde der Jugend nur zur Folie dienen sollten, hatten ihren Tisch
-für sich gewählt. Eine Ausnahme machte nur Papa Wilmanns, der die
-Cousine Grasvogel mitten unter die Jungen hineinschleppte.
-
-Elli mit Wilkens winkte Marga und Doktor Perthes zu sich heran, denen
-sie an ihrem Tisch heldenhaft zwei Stühle verteidigte. Perthes hatte
-Marga auf der einen, Elli auf der anderen Seite. Außer Wilkens saßen
-noch der dicke Burschenschafter mit Heddy, der jüngsten der drei
-Wilmannstöchter, und Wilmanns selbst mit Fräulein Grasvogel am gleichen
-Tisch.
-
-Käthe und ihr Privatdozent machten einen entschlossenen Versuch, den
-Flanellstorch loszuwerden. Sie gerieten dafür mit den Corvinen an eine
-Tafel.
-
-Es dauerte eine gute Weile, bis die ganze Gesellschaft ihre Plätze
-innehatte.
-
-Endlich war es so weit, daß der Lohndiener unter Beistand einer
-Aufwartefrau mit dem Servieren der Speisen beginnen konnte.
-
-Die Wildsuppe, auf der Vater Richthoff so ehern bestanden hatte,
-dämpfte mit ihrer grausamen Würze für einen Augenblick die allgemeine
-Fröhlichkeit. Jedermann würgte sie zwar tapfer hinunter, aber man sah
-doch unterschiedliche Spuren einer gewaltsamen Selbstüberwindung.
-Nur der Flanellstorch, der aller Vorsehung zum Trotz einen Stuhl
-neben Käthe gezwängt hatte, erklärte mit der Stimme eines Domküsters,
-flüsternd und doch allhörbar, er habe nie so etwas Köstliches gegessen.
-
-„Finden Sie das auch?” fragte Elli blinzelnd ihren Nachbar Wilkens.
-„Papa hat sie befohlen!”
-
-Wilkens drehte statt der Antwort die Augen gen Himmel und legte die
-Hand auf den Magen.
-
-Papa Wilmanns dagegen konnte die lose Zunge nicht im Zaum halten. So
-vernehmlich wie der Flanellstorch und mit einer Überzeugungskraft,
-die fürs erste alle täuschte, durchschnitt er die schweigende
-Beklommenheit. „Kollege Richthoff, ich denke, Sie werden meiner Frau
-das Rezept für diese klassische Suppe nicht vorenthalten. Sie kann nur
-von der Blutsuppe der Spartaner übertroffen werden!”
-
-Die Verdutztheit auf allen Gesichtern löste sich in einem, von
-unterdrücktem Kichern zu lautem und lauterem Gelächter anschwellenden
-Heiterkeitsausbruch, dem sich niemand, selbst nicht das entsetzte
-Fräulein Grasvogel, entziehen konnte.
-
-„Aber Rudolf!” erklang tadelnd die Stimme von Frau Wilmanns über den
-Hof zu ihrem Gatten, der sich, als wüßte er von nichts, in seine
-Vatermörder zurückgeduckt hatte.
-
-Geheimrat Richthoff beruhigte seine Tischnachbarin mit einer
-gravitätischen Gebärde, erhob sich, strich den weißen Bart, tippte hell
-ans Glas und verschaffte sich Gehör.
-
-„Verehrte Gäste und Freunde!” hub er mit grollendem Ton an. „Der
-gehässige Vorstoß, den mein Kollege Wilmanns soeben gegen meine Suppe
-unternommen hat, zwingt mich zu einer wissenschaftlichen Entgegnung.
-Mein Freund Wilmanns” -- er fixierte den Professor durchbohrend --
-„ist, wie Sie alle wissen, der Mann der lateinischen und griechischen
-Syntax, also der grauesten, leblosesten Grammatik. Daraus entschuldigt
-sich seine völlige Unberührtheit in Dingen der Geschichte und des
-feineren Lebensgenusses. Nur ihm konnte es passieren, meine feurige
-südländische Wildsuppe mit der Blutsuppe der Spartaner in einem Atem
-zu nennen. Seine Spartanersuppe ist, wie jetzt männiglich außer ihm
-weiß, erstens eine Legende und zweitens eine geschmacklose Wurzel-
-und Kräutersuppe. Also genau das Gegenteil von meiner Suppe. Doch
-diese historische und kulinarische Zurechtweisung nur nebenher.
-Überzeugender als der Angriff des Kollegen Wilmanns ist das Urteil,
-das ich Ihnen allen, meine Herrschaften, von den Zügen ablese: es
-bedeutet rückhaltlose Anerkennung meiner Suppe! Es schlägt auch den
-frevelhaften Widerspruch meiner Töchter zu Boden, die, ihres Vaters
-kochkünstlerische Autorität verkennend, die Wahl jeder und erst recht
-dieser Suppe verhindern wollten. Um so dankbarer bin ich meinen Gästen
-für ihre gerechte und sachliche Würdigung. Stoßen Sie mit mir an auf
-das Wohl meiner Gäste!”
-
-Lachender Beifallsruf und lautes Gläserklingen antwortete dem alten
-Herrn von allen Tischen. Sein grollender Humor, seine behagliche
-Selbstironie hatten die gute Stimmung nicht nur wiederhergestellt,
-sondern erhöht. Die Unterhaltung an allen Tischen kam in lauten,
-fröhlichen Gang.
-
-Ellis frische Laune war unerschöpflich. Sie und Papa Wilmanns, der sich
-über Richthoffs Suppenrede königlich gefreut hatte, waren an ihrem
-Tisch abwechselnd die Wortführer. Wilmanns gab ergötzliche Abenteuer
-von seiner letzten griechischen Reise zum besten. Er und Borngräber
-waren zusammen gereist. Sie lagen sich alle Tage morgens über eine
-Fachfrage in den Haaren und abends bei begeisterndem Hellenenwein in
-den Armen. Als Wilmanns gerade erzählte, wie sein Gefährte beinahe von
-einem griechischen Schergen festgenommen worden wäre, weil er durchaus
-auf der Akropolis eine Nacht zubringen wollte, flüsterte Elli Doktor
-Perthes zu: „Ich glaube, die ganze griechische Reise hat er nur auf der
-Landkarte gemacht.”
-
-„Das wollen wir nicht hoffen!” meinte Perthes lächelnd.
-
-„O, Sie kennen die Philologen nicht! Die flunkern alle!” erklärte
-sie überzeugt. „Wenn ich denke, was nur Wilkens” -- sie warf einen
-vielsagenden Seitenblick auf ihren Tischherrn --, „was der mich schon
-angeführt hat! Schon zehnmal hat er behauptet: ‚Diesmal steig' ich
-ins Examen! Diesmal bau' ich bombensicher meinen Doktor!‛ Und zehnmal
-war's Schwindel!” Ein ganz leiser Seufzer begleitete unwillkürlich den
-zehnfachen Schwindel.
-
-„Und das geht Ihnen so zu Herzen?” fragte Perthes.
-
-„Mir? Zu Herzen? Wie kommen Sie darauf? Mir geht überhaupt nichts zu
-Herzen!” verteidigte sich Elli empört. „Von mir aus kann Herr Wilkens
-zehnmal durch sein Examen fallen. Nicht wahr, Herr Wilkens?”
-
-Der Angeredete schmunzelte nur und drehte sich herausfordernd zu Heddy
-Wilmanns.
-
-„O, und die anderen Fakultäten,” fuhr Elli zu Perthes fort, „die haben
-andere Fehler! Die Mediziner zum Beispiel -- die sind boshaft, wie Sie!
-Und schrecklich roh und materialistisch!”
-
-„Hören Sie, wie ich beschimpft werde, Fräulein Marga?” wandte sich
-Perthes nach rechts, wo Marga geduldig, im Verein mit Cousine
-Grasvogel, noch immer Wilmanns' griechische Reise miterlebte.
-
-„Wehren Sie sich nur tüchtig!” gab sie zurück.
-
-„Also Sie verteidigen mich nicht einmal? Sie geben am Ende gar Ihrer
-Fräulein Schwester recht?”
-
-„Um Sie zu verteidigen, müßte ich Sie erst besser kennen!” erwiderte
-Marga freundlich, aber bestimmt.
-
-„Wie mißtrauisch Sie sind!”
-
-„Mißtrauisch? Marga?” ereiferte sich Elli. „Na, Herr Doktor Perthes, da
-gratuliere ich Ihnen zu Ihrer Menschenkenntnis! Die ist die Offenste
-von uns allen! Aber sie flunkert _auch_! Die schlechte Nachbarschaft
---” Sie zwinkerte nach Wilkens und zu Professor Wilmanns hinüber.
-
-„Ich glaube, du bist beschwipst, Elli!” warf Marga vorwurfsvoll ein.
-
-„Noch nicht! Aber wenn du sagst, Margakind, du kennst Herrn Perthes
-nicht, flunkerst du. Sie kennt nämlich die Menschen in- und auswendig,
-wenn sie noch nicht zwei Worte mit ihnen gewechselt hat!”
-
-„Fräulein Marga! Wenn das stimmt, sind Sie mir Genugtuung schuldig.
-Ich möchte schon immer gern wissen, wer ich bin.” Perthes legte etwas
-Spöttisches in seine Rede, das ebensogut Marga als ihm selbst gelten
-konnte.
-
-Marga schüttelte leise den Kopf. „Nein, nein -- Sie müssen sich selber
-am besten kennen.”
-
-„_Muß_ ich das?” erwiderte er im selben Ton wie zuvor.
-
-„Dafür sind Sie doch ein Mann,” war Margas halblaute, entschiedene
-Antwort. Sie zerkrümelte ihr Brot. Ihr Mund war fest geschlossen. Nur
-das Zittern ihrer Nasenflügel verriet etwas von innerer Erregung.
-Warum quälte er sie mit so merkwürdigen Fragen? Was konnte ihm daran
-liegen, wie sie ihn beurteilte? Warum drängte er sich hartnäckig
-und eigensinnig in ihr Sinnen und Empfinden, um sich und sie zu
-ergründen? Gewiß, er dachte sich dabei nichts. Er mochte sich in dieser
-spielerischen Unterhaltung gefallen. Aber sie, Marga, war sich dafür
-zu gut! In der Furcht, sich und ihr Innenleben unnötig auszugeben,
-verkroch sie sich in sich selbst, wie eine Schnecke in ihr Gehäus.
-
-Perthes schwieg. Er beobachtete Marga länger und ernsthafter als
-sonst. „Dafür sind Sie doch ein Mann” -- was hieß das? War das ein
-Zweifel an seiner Reife? Oder war es eine Anerkennung? Dieses so
-stille und so klare Wesen der Blinden, für die er eine flüchtige,
-aus Interesse des Arztes und aus mitleidsvoller Teilnahme gemischte
-Sympathie empfand, begann ihn zu fesseln, weil es ihn reizte. Der
-Widerspruch zwischen seiner eigenen Zerrissenheit und ihrer ruhigen
-Geschlossenheit brachte bei ihm eine zwiespältige Wirkung hervor. Das
-Peinliche überwog das Anziehende. Bah -- er würde sich wohl von einem
-jungen Mädchen imponieren lassen! Was war rätselhaft an ihr? Höchstens,
-was er aus seiner eigenen Phantasie hinzutat. Sie war wie andere
-Frauen: nur durch ihren Zustand ein wenig empfindsamer. Es erklärte
-sich physiologisch wie alles Weibliche.
-
-Elli hatte es inzwischen für zeitgemäß gehalten, ihren Wilkens, der
-um die Wette mit den Burschenschaftern Heddy Wilmanns den Hof machte,
-entrüstet zur Rede zu stellen. Wilkens erklärte mit seiner heiteren
-Unverwüstlichkeit, da er nach ihrer wohlwollenden Ansicht schon einmal
-ein Flunkerer sei, sei es doch völlig gleichgültig, ob er nach rechts
-flunkere oder nach links. Elli schmollte eine ganze Minute lang. Dann
-fand sie sich mit Wilkens in einem versöhnend-heftigen Händedruck
-unter dem Tisch. Nach dem Friedensschluß wandte sie sich wieder zu
-Perthes. „Was treiben Sie denn eigentlich hier?” fragte sie in ihrer
-übergangslosen, zufahrenden Art, als sie bemerkte, daß das Gespräch
-zwischen ihm und Marga bedenklich im Stocken war.
-
-„Wo? Wie? Hier -- wie meinen Sie das?” Perthes richtete sich zerstreut
-aus seinen Gedanken auf.
-
-„Na, in Ihrem Laboratorium oder Institut oder wie das Ding heißt!”
-erläuterte Elli ihre unbestimmte Frage.
-
-„Wenn Sie das interessiert, müssen Sie mich mal besuchen. Ich habe
-einen ganzen Stall Kaninchen und Meerschweinchen. Mitunter auch Mäuse
-und Ratten.”
-
-„Wozu denn das?” forschte Elli mit gruseliger, ungläubiger Neugier.
-
-„Ich experimentiere mit ihnen.”
-
-„Hörst du, Marga? Er experimentiert mit Tieren! Was hab' ich gesagt!
-Mediziner sind entsetzlich roh und gefühllos! -- Was machen Sie denn
-mit den armen Tierchen?”
-
-Für Perthes konnte in seiner gegenwärtigen Stimmung keine Frage
-gelegener kommen. Es war ihm eine Genugtuung, sich nüchterner und
-gefühlloser zu zeigen, als er war. Auf die Gefahr hin, den Geschmack zu
-verletzen, gab er sich als den kühlen, überlegenen Wissenschaftler und
-beschrieb rücksichtslos seine Versuche an lebenden Tieren: wie er ihnen
-die verschiedenen Gifte einimpfte, Gegengifte erprobte, die Wirkungen
-von Stunde zu Stunde beobachtete.
-
-Elli war außer sich vor Mitleid und Empörung. „Sie sind ja ein
-gräßlicher Tierquäler! Und so was machen Sie mit ruhigem Blut? Was
-müssen Sie für ein Mensch sein!” Ganz erschrocken blickten ihn ihre
-strahlenden jungen Augen an.
-
-„Das gehört bei uns zum Handwerk!” versicherte Perthes mit
-Achselzucken. „Wir können ja leider nicht mit Menschen unsere
-Experimente machen.”
-
-„Leider!” Elli fuhr von ihrem Sitz in die Höhe. „Leider, sagen Sie?
-Aber das ist ja abscheulich! Dafür könnte ich Sie --” Sie machte
-eine drastische Bewegung und hielt inne. Sie mußte selbst über ihre
-Entrüstung lachen. „Und wir sollen Sie besuchen? Ihre Schändlichkeiten
-mit ansehen? Was sagst du zu dieser Einladung, Margakind?!”
-
-Marga sagte nichts. Sie fühlte, daß Perthes sich mit Absicht schlecht
-machte. Er übertrieb. Er wollte sein objektives Medizinertum
-hervorkehren. Er tat sich und anderen mit Bewußtsein wehe. Die
-Erkenntnis dieser Zwiespältigkeit, dieser unfertigen Halbheit schmerzte
-sie mehr als seine harten Ausdrücke, seine rohen Schilderungen. Mit
-unwiderstehlicher Macht überkam sie das Gefühl ihrer Einsamkeit
-inmitten all der fremden, geräuschvollen Menschen, die in einer Welt
-lebten, die nicht die ihre war. Sie fror. Wie in einen schützenden
-Mantel hüllte sie sich in ihre schwere und doch so viel reichere
-Einsamkeit. Teilnahmlos lehnte sie sich in ihren Stuhl zurück und
-richtete die Augen in die Ferne.
-
-Elli, die einzige, die mit schwesterlicher Liebe Margas Wesen wenn auch
-nicht ganz erfaßte, so doch kannte und achtete, drang nicht weiter in
-sie.
-
-Auch Perthes verstummte.
-
-„Ihr Wohl, Herr Kollege!” prostete der Burschenschafter mit tadellosem
-Komment und unverkennbarer Hochachtung zu ihm herüber. Er hatte
-mit halbem Ohr die Unterhaltung gehört und wollte als jüngeres
-medizinisches Semester dem älteren seine bewundernde Zustimmung zu dem
-Ideal fachmännischer Gesinnungstüchtigkeit ausdrücken.
-
-Perthes dankte. Er stürzte sein Glas Wein in einem Zug hinunter. Seine
-Stirn hatte sich verfinstert. Er war verärgert. Er haderte mit sich,
-weil er sich hatte fortreißen lassen.
-
-Es war eine Erlösung, daß jetzt gleichzeitig zwei Messer an zwei
-verschiedenen Tischen an die Gläser klangen.
-
-Die beiden Redner, die sich zu Wort meldeten, erhoben sich miteinander
-und maßen sich mit erstaunten Blicken: es waren Professor Borngräber
-und Professor Wilmanns, die in einem und demselben Augenblick um die
-oratorische Palme rangen.
-
-Papa Wilmanns war sonst nicht auf den Mund gefallen. Aber gerade
-seinen vielverleumdeten griechischen Reisefreund konnte er nicht ohne
-Verblüffung als Rivalen auftauchen sehen. Und seine Frau warf ihm
-überdies aus der Ferne einen so flehenden Blick zu.
-
-„Dann werd' ich die Herrschaften eben nach Freund Jakobus langweilen!”
-murmelte er mit trockener Gutmütigkeit und setzte sich wieder.
-
-Borngräber begann mit seiner hohen, beharrlichen Stimme. Er zitierte
-einen indischen Spruch über die Freuden der Häuslichkeit. Man durfte
-hoffen, er würde von dort aus in Kürze und ohne Fährlichkeiten auf das
-Haus Richthoff kommen. Aber es war anders verhängt. Jakobus Borngräber
-war nicht der Mann der geraden Fahrstraßen. Bei einem neuen östlichen
-Sprichwort, das mit dem Ziel seines Toastes schon wesentlich loser
-zusammenhing, fiel ihm ein, daß er über die Übersetzung gerade dieses
-Textes mit einem französischen Kollegen in Kontroverse geraten war.
-Das Unheil war da: er vergaß völlig seine ursprüngliche Absicht,
-entwickelte mit einer zähen Leidenschaftlichkeit, die im umgekehrten
-Verhältnis zu seinen Stimmitteln stand, das Für und Wider beider
-Auffassungen und geriet in eine Vorlesung über vergleichende
-Textkritik.
-
-Die Gäste sahen sich verwundert an. Da und dort wurde nervös
-geräuspert. Ein unterdrücktes Lachen wurde gehört. Einzelne fingen
-an, sich leise, dann lauter zu unterhalten. Dies Beispiel fand
-jähe, fast allgemeine Nachfolge. Während der Tisch der Alten eine
-achtungsvolle Ruhe behauptete, hörten von der Jugend bald nur noch
-der Flanellstorch aus Pietät gegen alles Akademische und die beiden
-Corvinen aus zuckerwässeriger Wohlerzogenheit dem Redner zu. Sogar
-Bertelsdorf, dem Privatdozenten, der für die Ordinarien seiner Fakultät
-einen unbegrenzten Fonds von Ehrfurcht besaß, schien der Wein eine
-charaktervolle Unabhängigkeit zu geben; er plauderte ungeniert mit
-Käthe. Wilmanns unterhielt seinen Tisch damit, daß er unter seinen
-Fingern eine Menagerie aus Brot gekneteter Wundertiere hervorgehen
-ließ. Wilkens unterstützte den Professor mit ebenbürtigen Kunststücken:
-er balancierte Zahnstocher auf der Nasenspitze und ließ Brotstückchen,
-die er über die Fingerspitzen legte, durch einen geschickten Schlag auf
-seinen Unterarm in den Mund schnellen.
-
-Die Dämmerung hatte begonnen. Die Lichter auf den Tischen und die
-farbigen Lampions, die in Ketten über den Hof gespannt waren, waren
-schon seit geraumer Weile angezündet. Die weißen Tafeltücher, auf denen
-jetzt Kuchen und Früchte vorherrschten, die roten Leuchterschirmchen,
-die helldunklen Gesichter setzten sich warm und farbenvoll ab gegen das
-wachsende Dunkel im Weinberg und in den benachbarten Gärten. Darüberhin
-taumelten ein paar verspätete Käfer. Der Himmel strahlte in einem
-zarten, milchigen Blau. An dünnen Wolkenstreifen glomm noch ein später
-Schimmer der gesunkenen Sonne.
-
-Endlich hielt Jakobus Borngräber plötzlich im Strom seiner Rede inne.
-Die immer ohrenfälligere Unaufmerksamkeit seiner Zuhörer machte ihm nun
-doch seine Abirrung mit jähem Schreck klar.
-
-Die majestätische Frau Achenbach, seine Tischdame, hatte Gleichmut und
-Humor genug, um ihm beizuspringen. „In diesem Sinne --” soufflierte sie
-ihm.
-
-„In diesem Sinne --” stotterte Borngräber und schwang sich mit
-einem verzweifelten Überschlag seiner Stimme aus dem Wirrsal seiner
-textkritischen Betrachtungen auf die dargebotene, allumfassende
-Redewendung: „In diesem Sinne bitte ich Sie, sich zu erheben und zu
-rufen: Unser verehrter lieber Richthoff und sein gastliches Haus, sie
-leben hoch!”
-
-Ein schallendes dreifaches Hoch und ein allgemeines Gläserklirren
-verschlangen Redner und Rede. --
-
-Nach so langer Geduldsprobe wollte sich der frühere Tafelzwang nicht
-wiederherstellen lassen. Der Tisch der Alten erkannte die Situation
-richtig, und ehe Papa Wilmanns seine unterdrückte Rede auch noch
-loslassen konnte, erhoben sich die Herrschaften.
-
-„Ich wünsche gesegnete Mahlzeit!” klang die kräftige Stimme des
-Geheimrats über den Hof hin.
-
-Zwanglos verteilten sich die Gruppen.
-
-Die Jugend stieg in ihrer Mehrzahl den Weinberg hinan, dessen Wege weit
-hinauf mit Papierlaternen beleuchtet waren.
-
-Die Alten zogen sich in die Zimmer zurück, bis im Hof die Tische
-geräumt waren. Die zwei Corvinen und der Flanellstorch hielten jetzt
-den Zeitpunkt für gekommen, um bei Vater Richthoffs Zigarren ihre
-Professoren zu poussieren.
-
-Marga war mit im Weinberg emporgestiegen. Perthes hatte sich artig
-angeboten, sie zu führen. Sie dankte. Darauf gesellte er sich dem
-ausgelassenen Schwarm zu, den Elli und Wilkens anführten. Dazu gehörten
-die drei Wilmannstöchter, die Burschenschafter und auch Käthe mit
-Bertelsdorf.
-
-Auf der Graswiese, wo hinter dem Blumengarten das Obstgelände begann,
-war es noch heller als in den tieferen Partien des Weinbergs. Elli
-schlug ein Spiel vor. Sie fand laute Zustimmung. „Hasch, hasch!”
-wurde nach kurzer Überlegung gewählt, und die Paare traten lachend
-in die Reihe. Perthes holte sich Heddy Wilmanns. Das Tollen begann,
-und leuchtend stoben die hellen, fliegenden Mädchenkleider durch die
-Dämmerung.
-
-Marga stand abseits. Einen Augenblick hatte sie gedacht, es würde
-jemand zu ihr treten, um sie zu unterhalten. Aber niemand kam. Wie
-es meist ging, wurde sie und ihre Blindheit jetzt in der allgemeinen
-Lustigkeit vergessen. Im Grunde war es ihr recht.
-
-Die Geselligkeit solcher Abende ermüdete sie mehr und schneller als
-andere. Und ihre innere Einsamkeit hatte sich nach der äußeren gesehnt.
-
-Tastend orientierte sie sich an den Johannisbeersträuchern längs des
-Weges. Dann stieg sie sicher bergan.
-
-Hinter dem Obstplan kam eine Mauer, die das steile Erdreich stützte.
-Eine Treppe aus Steinen führte an ihr empor. Darüber standen die
-Weinstöcke, die Sorgenkinder des alten Herrn. Jahr für Jahr gaben sie
-hartnäckig nur wenige Pfund saurer Trauben, aber es blieb trotzdem
-ausgemacht, daß hier ~anno Domini~ der großartigste Wein in der ganzen
-Umgegend wachsen mußte. Ein zweites Mauerwerk schloß nach oben ab. Auf
-seiner Höhe lief eine langgestreckte Laube über die ganze Breite des
-Richthoffschen Besitzes. Der Laubengang hieß der Philosophenweg; er lag
-schon hoch über der Stadt in der freien, ziehenden Abendluft.
-
-Dort schritt Marga, die Hände auf dem Rücken, langsam auf und ab.
-
-Das Lärmen und Lachen der Spielenden klang nur gedämpft zu ihr
-herauf. In vollen Zügen trank sie die Ruhe des späten Abends. Nichts
-Weichmütiges durfte in ihr aufkommen. Sie ordnete ihre Gedanken und
-ihre Gefühle zu dem mutigen Gleichklang, in dem sie daheim war.
-Ihrem festen Willen zum Trotz drängte sich immer noch ein herber Ton
-vor. Konnte sie es nicht lassen, auf andere Menschen zu bauen, statt
-nur auf sich? Es war ja doch stets dasselbe: ein Suchen, das müde
-machte, und ein Finden, das die Enttäuschung war. Zwiespältig und
-halb und haltlos waren alle, bei denen sie sich die Mühe machte, in
-sie hineinzulauschen. So wie Perthes. Wie die Mücken tanzten sie um
-die Sonne, zu schwach, um in sie hineinzufliegen, zu schwach, um sie
-zu entbehren. Vertraute sie, Marga, denn nicht genug auf sich allein?
-Was horchte sie überhaupt noch nach Gefährten? Ihre Schwingen reichten
-aus. Auch wenn sie nur ein Weib war. Sie -- sie wollte und konnte in
-die Sonne des inneren Erlebnisses fliegen, wo die Schönheit war, das
-Unbedingte und das Unendliche ...
-
-Zwischen den zuhöchst gelegenen Pappeln, wo Margas Lieblingsplatz war,
-und dem Philosophenweg lag ein Wiesenhang unter alten Kirschbäumen.
-
-Dort streckte sie sich aus.
-
-Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Augen geschlossen, überließ
-sie sich ihrem Schauen. Aus dem Schoß ihrer immerwährenden Nacht quoll
-ihr Bild auf Bild entgegen. Nicht verschwommene, sondern scharfe und
-klare Gesichte, die ihre Phantasie sich schuf, und in denen ihre reiche
-Seele sich auslebte und ausruhte. Da war ein fernes, schimmerndes
-Tal, über und über von rotblühenden jungen Pfirsichbäumen voll. Ein
-tausendfältiger Schwarm von weißen, samtflügeligen Faltern gaukelte
-darüber: ein flatterndes Gewölk, das wie eitel Silber gegen den
-tiefblauen Himmel stand. -- Ein verschlafener See blitzte auf, inmitten
-dunkel wuchtender Tannenberge. Das fahle, magische Licht drang aus
-gelben Wolkenstreifen über die Landschaft. Der Wind hob leise die
-Wellen, daß die Seerosen schwankten, und ein schwarzer Schwan zog
-sanft am Schilf entlang. -- Die Berge rückten auseinander. Der See
-verschwand. Lachende, unabsehbar weite Blumenwiesen taten sich auf:
-gelbe Königskerzen und weiße Schafgarben und blauer Rittersporn wirrten
-sich leuchtend durcheinander, so weit der Blick reichte. Darüber, am
-Horizont, erhoben sich kristallene Sommerwolken, überirdische Berge,
-himmlische Paläste, in denen die Sonne selbst zu wohnen schien. --
-
-Marga war so entrückt, so selig im Schauen versunken, daß sie nicht
-hörte, wie ein behender Schritt die Stufen nach dem Laubengang
-heraufkam. Erst als ihr Name gerufen wurde, zuckte sie auf und richtete
-sich aus dem Gras empor.
-
-„Fräulein Richthoff!” ertönte es von neuem.
-
-Sie erkannte Perthes' Stimme und gab keine Antwort. Noch war sie nur
-halb aus ihrer Traumwelt erwacht, und kein Fremder sollte sie stören.
-Sie duckte sich wieder tiefer ins Gras.
-
-Aber seine Augen hatten ihr helles Kleid in der dunklen Wiese erspäht.
-„Wo in aller Welt stecken Sie denn? Sie haben sich ja richtig
-versteckt!”
-
-„Bei mir selber,” gab sie einsilbig zurück.
-
-„Drunten wird eine Bowle gebraut! Ich soll Sie holen.” Perthes war
-vollends zu ihr heraufgeklettert. „Darf ich mich einen Augenblick neben
-Sie setzen?” Ohne ihre Zustimmung abzuwarten, streckte er sich neben
-ihr im Gras aus.
-
-Marga strich die Haare aus dem Gesicht und setzte sich, ihren
-Haarknoten zurechtsteckend, aufrecht.
-
-Vom tieferen Garten und vom Hof herauf kam der matte Widerschein der
-Papierlaternen und gab im Verein mit dem sternklaren Himmel gerade
-Licht genug, um Perthes ihre stillen verschlossenen Züge sehen zu
-lassen. Nach dem ausgelassenen Spiel mit seiner lauten, übermütigen
-Lustigkeit, die er eben verlassen, berührte ihn ihre ruhevolle
-Erscheinung hier oben im Garten seltsam.
-
-„Warum sind Sie denn so mir nichts dir nichts ausgerückt, Fräulein
-Marga?” fragte er nach einer Weile.
-
-„Was hätte ich denn sonst machen sollen?” entgegnete sie ohne Vorwurf.
-
-Er schwieg. Seine Frage war unbedacht und töricht. Wie konnte sie in
-dem abschüssigen Garten „Hasch, hasch!” und derlei Dummheiten spielen!
-Er hatte sie ja überdies mit einer gewissen Absichtlichkeit sich selbst
-überlassen.
-
-„Sie haben nicht viel versäumt,” fuhr er fort. „Ich alter Esel habe
-mich wie ein alberner Junge herumhetzen lassen.” Er trocknete sein
-Gesicht mit dem Taschentuch; er ärgerte sich wirklich, daß er sich
-wie der krasseste Fuchs in solche Kindereien gestürzt hatte. „Hier
-oben ist's schöner!” Er schaute hinaus in die Ebene, die nächtlich
-verschattet sich dehnte.
-
-Marga antwortete nicht. Sie legte ihren Rock zurecht und glättete ihre
-zerknitterten Ärmel.
-
-„Ich darf ja nicht mehr fragen, was Sie denken,” begann er von neuem,
-„sonst würde ich's schon wieder tun, weil Sie ja doch von sich aus mir
-nichts erzählen.”
-
-„Ich denke, warum Sie bei Tisch all die häßlichen Dinge sagten.”
-
-Perthes besann sich. „Ach -- Sie meinen über meine Tätigkeit? Die
-Geschichte mit den Tierexperimenten, und daß man leider nicht mit
-Menschen experimentieren könne? Aber das ist ja wahr!”
-
-„Vor Ihrem Verstande vielleicht, ja, aber nicht nach Ihrem Gefühl.”
-
-„Und woher wollen Sie das wissen? Du lieber Gott! In der Medizin hört
-man auf, ein Gemütsmensch zu sein -- woher wollen Sie wissen, daß das
-nicht meine volle Meinung ist?”
-
-„Das will ich Ihnen ehrlich sagen: weil Sie vor uns dummen,
-gefühlsduseligen Mädels renommieren wollten. Sie hatten ein Bedürfnis,
-sich schlechter zu machen, als Sie sind.”
-
-Perthes horchte verwundert auf. Er hatte sich auf den Boden gelegt und
-den Kopf auf die Hände gestützt. Marga saß links hinter ihm. Er sah
-forschend zu ihr hinüber. „Sie beurteilen mich sehr schmeichelhaft,
-Fräulein Marga.” Er lachte gezwungen. „Ich glaube, Sie irren.”
-
-„Wenn ich irre, um so schlimmer für Sie!” erklärte Marga mit jener Ruhe
-und Geradheit, in der sie sich selbst wiederfand. „Dann müssen Sie
-sich selber sehr niedrig einschätzen und Ihre Mitmenschen auch. -- Und
-besonders uns Frauen!” setzte sie nach einer Weile gedankenvoll hinzu.
-
-„Warum gerade die Frauen?”
-
-„Weil Sie meinen, ihnen im Ernst mit so rohen Dingen zu imponieren.”
-
-Wieder trat eine Pause zwischen beiden ein.
-
-Vom Hof herauf drangen einzelne abgerissene Worte, denen lustiges
-Gelächter antwortete. Papa Wilmanns hielt bei der Bowle seine
-aufgeschobene Rede auf die Damen.
-
-„Ich glaube, wir müssen hinunter,” bemerkte Marga kurz.
-
-Perthes rührte sich nicht. Er trommelte mit der rechten Faust erst
-langsam, dann immer leidenschaftlicher auf den Grasboden.
-
-„Was machen Sie denn?” fragte Marga aufhorchend.
-
-„Ich ärgere mich!” gab er knurrend zurück, ohne in seinem Trommeln
-aufzuhören.
-
-„Worüber?”
-
-„Über Sie --”
-
-„Über mich?”
-
-„Und noch mehr über mich!”
-
-„Und warum denn?”
-
-„Weil -- weil --” Er führte einen letzten grimmigen Hieb gegen den
-unschuldigen Boden. „Weil Sie verwünscht recht haben!” stieß er
-knirschend hervor.
-
-Marga mußte unwillkürlich lächeln über das unerwartete, heftige
-Bekenntnis, das sich so widerwillig von ihm losrang.
-
-Perthes bemerkte es nicht. Ihm war zumute, als wäre jählings etwas
-geborsten, ein Hemmnis, ein Stauwehr, das den Strom seiner Gedanken und
-Gefühle aufgehalten. Die offene, stillkräftige Art Margas lockte aus
-ihm hervor, was er nie einem anderen mitgeteilt hätte. Der Widerspruch
-seines Herzens, das bald in Sehnsucht nach vertiefter Empfindung, nach
-einer überlegenen Weltbetrachtung voll Gleichklang und Schönheit sich
-verzehrte, bald in Verachtung jeder seelischen Regung zur Oberfläche
-trieb, wo es nichts gab, als die nackte Wirklichkeit, und alles
-Unbegreifliche unterging in der tristen Biologie des Tiermenschen,
-wo nur der Genuß des Alltags Sinn und Berechtigung hatte -- dieser
-Widerspruch tat sich in einer Flut von Selbstanklagen auf, die er
-rückhaltlos in die dunkle, friedvolle Nacht hinausschleuderte. Heute
-war er weich, mitfühlend, empfindsam und wehleidig wie ein Kind; morgen
-hart, schroff, roh wie ein zynischer Zweifler, der sich in Kraßheiten
-überbot. Sein unseliger Hang zum Extremen -- war er nicht sogar jetzt
-lebendig, in dieser Beichte, die er ohne Grund vortrug? die so schamlos
-war wie die ganze Komödie, die er mit sich und aller Welt aufführte?
-Er war zur Halbheit, zur Maßlosigkeit, zum Unfrieden verdammt. Wertlos
-war der ganze Kerl. „Sie irren, Fräulein Marga -- Sie irren, sage ich
-Ihnen! Der bessere Kern, den Sie da in mir vermuten, Gemüt oder Seele
-oder was es derart geben könnte, der ist bei mir nicht vorhanden!
-Schale, nichts als Schale -- im Rechten und im Schlechten!”
-
-Marga war längst ernst geworden. Sie erschrak über die so wilde, alle
-Schranken vergessende Entladung, die mit Unreife und Mißklang in
-ihre eben noch so köstliche Einsamkeit und Harmonie einbrach. Seine
-Bekenntniswut verletzte sie und tat ihr wohl in einem Atem. Nie hatte
-ein Mensch, nie zumal ein Mann ihr so sein Innerstes gezeigt. Sollte
-sie stolz auf dies Vertrauen sein? War sie nur der zufällige Anlaß,
-die zufällige Zeugin dieser selbstvernichtenden Offenheit? Durfte sie
-auf ihr Herz hören, das trösten und helfen wollte? Auf ihr Gefühl,
-das beinahe mütterlich in ihr aufwallte: Gib von deiner Klarheit
-seiner Unklarheit! Schenke von deiner Kraft! Schenke, schenke mit
-vollen Händen! -- Lohnte es sich denn? Verlangte er überhaupt danach?
-Verschwende dich nicht! warnte es in ihr. Verschwende dich nicht!
-
-Perthes war verstummt. Er warf sich herum und starrte, von ihr
-abgewandt, hinaus in die Ebene, aus der schüchtern der Fluß im Licht
-des gestirnten Himmels aufleuchtete.
-
-Marga fand noch immer kein Wort.
-
-Jenes Schweigen herrschte zwischen beiden, das zwei Menschen
-beschleicht, wenn der eine sich schrankenlos ausgegeben hat und der
-andere noch nicht weiß, was er dagegen geben soll. Ein Schweigen, das
-zum Anfang oder Ende des Verstehens wird.
-
-Marga zitterte in ihrer Unschlüssigkeit.
-
-Wenn sie ihn jetzt hätte sehen können! Einmal ihm ins Gesicht schauen,
-daß dies Gesicht ihr rate, was sie tun oder lassen müsse! Sie strengte
-alle Kräfte ihrer Seele an, um den Mangel ihrer Sinne zu ersetzen.
-Wie durch einen geheimen Rapport fühlte sie, daß er sich innerlich
-langsam von ihr entfernte. Er räusperte sich; er begann sich über seine
-Preisgabe zu schämen, zu erzürnen. Ihr Zaudern wich. Sie durfte nicht
-in seiner Schuld bleiben. Eben war er im Begriff aufzuspringen und sie
-zum Abstieg aufzufordern, als sie die Sprache fand. „Ich glaube doch
-an den Kern, den Sie sich absprechen, Doktor Perthes,” sagte sie mit
-leiser Bestimmtheit.
-
-„Doch? Immer noch?” erwiderte er nach einer Weile ausdruckslos. „Da
-sind Sie eine beneidenswerte Optimistin.” Der spöttische Ton, den er
-annehmen wollte, verlor sich in einer bitteren Niedergeschlagenheit.
-
-„All das Leidenschaftliche,” fuhr sie uneingeschüchtert fort, „was
-Sie vorhin sagten, sagten Sie ja nur deshalb, und deshalb nur so
-leidenschaftlich, weil Sie selber gern an einen solchen Kern glauben
-möchten und es nicht immer können.”
-
-Perthes erwiderte nichts. Er hatte das bärtige Kinn auf die Faust
-gestützt und sah Marga an. Ihre sanfte, klare Stimme wirkte auf ihn
-wie eine Kinderweise, die sich beruhigend ins Ohr schmeichelt. Sein
-Verstand sträubte sich gegen die einfache Wahrheit ihrer Worte; das
-Herz sog sie dankbar in sich.
-
-„Ich kann natürlich nicht wissenschaftlich mit Ihnen streiten,” hub
-Marga nach einer gedankenvollen Pause noch sicherer wieder an. „Ich
-habe in allen Dingen nur die Gewißheit meines Gefühls, und die sagt
-mir, daß es gar nicht zuerst auf die Meinungen ankommt, die man sich
-von der Welt und dem Leben und den Menschen so im allgemeinen macht,
-sondern auf das, was man aus sich selbst macht.”
-
-„Meinen Sie? Aber wenn man bald so ist, bald so? Wenn man nach zwei
-Seiten gezerrt wird? Wenn man, um recht trivial, aber anschaulich zu
-reden, die bekannten ‚zwei Seelen‛ in der Brust hat?”
-
-„Dann kommt es eben darauf an, durch welche von beiden man glücklicher,
-man mehr ‚man selber‛ ist!” erwiderte Marga überzeugt. „Wenn man das
-erst weiß, braucht man nur zu wollen.”
-
-„Und dafür sind Sie doch ein Mann! Sagen Sie das ruhig wieder dazu!
-Ich kann es ganz gut noch einmal hören!” Es war keine Bitterkeit und
-kein Spott mehr in seiner Stimme, sondern nur eine schwermütige, dumpfe
-Verzagtheit. Als sein Blick aus verlorener Weite zurückkam, suchte er
-Marga.
-
-Ihre Augen hatten einen warmen Glanz angenommen, der sie von innen zu
-erleuchten schien und ihre Blindheit vergessen ließ. Sie hatte sich
-höher aufgerichtet. Ihre Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß; die Haare
-über ihrer runden, ebenmäßigen Stirn bewegten sich sacht im Winde, der
-über den Berg fuhr. Von ihrem geschlossenen, in sich einigen Wesen
-ging eine stille, fast heitere Gewißheit aus, die Perthes mit Achtung
-erfüllte, einer Achtung, die er zuvor nicht empfunden hatte.
-
-„Und wenn ich's auf eine Probe ankommen ließe, ob Sie recht haben,
-Fräulein Marga?” meinte Perthes zögernd. „Wollten Sie mir ein klein
-wenig dazu helfen?”
-
-Sie überlegte. Nur einen Augenblick. „Das wollte ich!” sagte sie kurz
-und herzlich.
-
-Perthes stand auf, er reckte seine Arme und streckte die hohe, sehnige
-Gestalt. „Also auf gute Kameradschaft!” Es klang eine so ehrliche Wärme
-aus seinen Worten, wie er sie den ganzen Abend noch nicht gefunden
-hatte.
-
-Margas Gesicht wandte sich arglos und voll Güte zu ihm. Sie bot ihm die
-Hand.
-
-Er ergriff sie und, einer ungekünstelten Bewegung folgend, drückte er
-einen Kuß darauf.
-
-„Jetzt ist es aber höchste Zeit, daß wir hinuntergehen!” Auch sie war
-aufgestanden. Ihre Stimme zitterte von innerer Seligkeit, von frohem
-Stolz über diesen Beweis der Achtung.
-
-Sie wagte diesmal nicht, seinen Arm auszuschlagen, sondern ließ sich
-von ihm führen.
-
-Schweigend stiegen sie den Weinberg hinunter ...
-
-Von einer Bank im Blumengarten hörten sie lachendes Streiten. Es
-waren Elli und Wilkens. Sie waren also nicht die einzigen, die auf
-sich warten ließen. Weiter unten stießen sie auf Heddy Wilmanns und
-den dicken Burschenschafter. Mit diesen zusammen traten sie in den
-Hof, wo Jugend und Alter bei einer unerschöpflichen Erdbeerbowle
-durcheinandersaß. Papa Wilmanns hatte den Flanellstorch und die zwei
-Corvinen vorgenommen, denen er in der richtigen Bowlenlaune eine
-Philippika über die Streberei hielt. Sie hörten ihm mit stumpfsinniger
-Andacht zu, ohne sich getroffen zu fühlen. Der Geheimrat saß mit Frau
-Achenbach und Professor Borngräber in einer anderen Ecke und plauderte
-bei seiner sechsten oder achten Zigarre über Sommerferienpläne.
-
-Marga und Perthes setzten sich zu Käthe und Bertelsdorf, die,
-unterstützt von den beiden älteren Wilmannstöchtern, die gesamte
-Universität Spießruten laufen ließen.
-
-Es war lange nach Mitternacht, ehe das Gartenfest mit einem fröhlichen,
-von Papa Wilmanns inaugurierten und kommandierten Rundgesang sein Ende
-fand.
-
-
-
-
-4
-
-
-Der Alltag war wieder in seine Rechte getreten.
-
-Der heitere Sommerabend im Haus am Wenzelsberg war für alle Beteiligten
-eine liebenswürdige Erinnerung geworden. Nur für Marga und Doktor
-Perthes spann sich ein Stück Wirklichkeit daran. Die Freundschaft,
-zu der sie sich zusammengefunden hatten, gewann an ungezwungener und
-vertrauensvoller Herzlichkeit.
-
-Als Perthes vierzehn Tage nach dem Gartenfest am Hause vorbeigekommen
-war, hatte er Marga unter den Kastanien im Vorgarten sitzen sehen. Er
-war ohne Zaudern hinaufgegangen, um sie zu begrüßen. Sie plauderten wie
-zwei gute Kameraden miteinander. Ihm tat es wohl, sich auszusprechen;
-Einfälle, Stimmungen, Empfindungen mitzuteilen, die ihn gerade
-beschäftigten. Und sie verstand dankbar und still zuzuhören. Nur ab und
-zu warf sie ein Wort dazwischen, offen und einfach, wie sie es fühlte
-und dachte.
-
-Perthes wiederholte seinen Besuch.
-
-Bald am Vormittag, bald am Nachmittag kam er auf einen Sprung
-vorbei, und meist traf er Marga, die an den Ausgängen und Besuchen
-der Schwestern in der Stadt selten teilnahm, an ihrem Steintisch im
-Vorgarten, handarbeitend oder lesend.
-
-Gleich bei einem der ersten Male fügte es der Zufall, daß der
-Geheimrat, von einer Fakultätssitzung heimkehrend, die beiden beisammen
-fand. Perthes hatte Marga ein paar Sätze diktiert, die sie punktierte,
-und sie waren eben bei der Korrektur der Blindenschrift; sie bemerkten
-den alten Herrn nicht eher, als bis er dicht hinter ihnen stand.
-
-Unter dem breitrandigen Schlapphut hervor schoß er bedrohliche Blicke.
-
-„Was wird denn da getrieben?” Richthoff stützte sich mit der einen Hand
-auf den Krückstock, mit der andern hatte er sich in den weißen Bart
-gefaßt.
-
-„Wir repetieren unser Pensum von Hemsbach, Herr Geheimrat!” Perthes
-erhob sich grüßend; sein Auge begegnete ruhig dem scharfen Blick des
-alten Herrn.
-
-„Wenn du nichts dagegen hast, will mir Herr Doktor Perthes ein wenig
-meine Kenntnisse auffrischen helfen,” setzte Marga aufrichtig hinzu.
-
-„Hm!” brummte Papa Richthoff unentschieden. Er überlegte, daß von
-Rechts wegen ein junger Mann und ein junges Mädchen sich keinen
-Unterricht tete-a-tete zu geben hätten. Aber schon im nächsten Moment
-sagte er sich auch, daß er Marga, die so viel entbehren müsse, nicht
-um eine im Grund unschuldige, bei ihr doppelt harmlose Zerstreuung
-bringen dürfe. „Sie hat wohl glücklich alles wieder verschwitzt, was
-sie konnte?” wandte er sich, dem Tisch näher tretend, an Perthes.
-
-„O -- es geht noch ganz leidlich!” meinte der Doktor.
-
-Der alte Herr ergriff das Blatt mit den vielen kleinen Punkten, die
-nach Zahl und Stellung dem Getast ihren Buchstabensinn vermitteln.
-Es entwickelte sich eine Unterhaltung über die Schrift, über
-Blindenbibliotheken und ihren Bücherschatz. Perthes, der, was er wußte,
-recht wußte, gab allerhand Auskünfte, die den Geheimrat interessierten.
-
-Das Ende war, daß Vater Richthoff Marga huldvoll am Ohr zupfte. „Das
-bitte ich mir aber aus, daß in vierzehn Tagen der Prolog zum Faust
-fließend gelesen und geschrieben werden kann, hörst du!” Mit einem
-jovialen Kopfschütteln verabschiedete er sich und verschwand im Haus.
-
-Seither konnten Perthes und Marga ihre Kameradschaft ungestört pflegen.
-Elli und Käthe neckten wohl manchmal die Schwester; aber da sie selber
-Perthes nicht ungern sahen, hatten sie gegen Margas unschuldige
-Eroberung nichts einzuwenden. Man gewöhnte sich daran, den Doktor als
-Freund des Hauses das eine oder andere Mal am Wenzelsberg zu begrüßen.
-
-Über tausend Dinge unterhielten sich Marga und Perthes. Über Großes und
-Kleines mit derselben Wichtigkeit der Jugend. Er brachte ein buntes
-Allerlei von Eindrücken mit, wie sie sich ihm an Menschen, in der
-Natur, bei seinen Arbeiten boten, und Marga sog diese Wirklichkeiten
-aus einer ihr nur durch die Phantasie erreichbaren Welt eifrig und
-dankbar ein. Was sie von den Schwestern, aus Büchern, durch sich selbst
-wußte, bekam Fülle und Zusammenhang. Sein vielseitiges Wissen nährte
-das ihre. Daß sie nichts Fremdes und Schiefes in sich aufnahm, dafür
-sorgte ihre durch die Blindheit geschärfte Spürkraft, ihr klarer,
-gesunder Sinn, der nichts annahm, was er nicht gebrauchen konnte. Die
-Ruhe und innere Freiheit, die durch frühes Entsagen, durch Einsamkeit
-und Leiden in ihr gereift, war die Gegengabe ihrer Freundschaft. Sie
-erkannte seine Natur, die ein Ganzes und Einfaches werden wollte und
-doch immer wieder durch entgegengesetzte Neigungen auseinanderstrebte,
-sich selber komplizierte und zerriß. Perthes seinerseits fühlte die
-Überlegenheit, die in der Stille und Bestimmtheit ihrer Seele lag.
-Aber sein Verstand sträubte sich mit zahllosen Gründen dagegen, diesem
-Gefühl nachzugeben. Daß sie, zehn Jahre jünger als er, ein Weib,
-eine Blinde, ihm durch ihre größere Ruhe Achtung abnötigen sollte,
-konnte ihm oft plötzlich lächerlich erscheinen, ihn empören, seinen
-verbissensten Widerstand erwecken. Dann riß er irgendeine schwierige
-Frage herbei, eine von den großen Fragen über den Wert des Daseins, und
-zersetzte alle „Schwindsüchteleien”, wie er es nannte, unter vollem
-Aufgebot seines Wissens und seiner Klugheit. Je lauter er wurde, um so
-stiller wurde sie; je mehr er sich erhitzte, um so gelassener hörte sie
-ihm zu.
-
-So bewies er gleich an einem der ersten Tage ihrer jungen Freundschaft,
-daß es nichts Vernünftiges gebe, als das tierische Werden und Vergehen;
-alle vermeintlich „höheren” Gedanken seien nichts als ebensoviele
-Illusionen, um über diese nüchterne Wahrheit zu täuschen. „Damit wir
-hübsch im Tretrad bleiben und nicht etwa herausspringen, weil uns die
-Sache zu albern wird!”
-
-Marga hörte ihm aufmerksam zu. Als er geendigt hatte, bemerkte er ein
-leichtes, heiteres Lächeln in ihren Zügen.
-
-„Sie -- Sie wissen das natürlich viel besser!” rief er empört.
-
-„O, gar nicht! Wissen werden _Sie_ es schon besser. Aber ich _fühle_ es
-anders.”
-
-„Fühlen! Fühlen! Mit Ihrem ewigen Fühlen! Das Gefühl ist gar nichts.
-Jeder Hund und jede Katze sind uns darin ebenbürtig. Gefühle sind für
-Kinder, sind Verschwommenheiten, Torheiten, Halbheiten, die Gedanken
-werden möchten und nicht können! Wollen Sie das nicht endlich einsehen?”
-
-„Nein. Ich _will_ es eben nicht einsehen,” meinte Marga ruhig. „Es
-gibt Gefühle, die weniger sind als Gedanken, und es gibt Gefühle, die
-mehr sind --”
-
-„Und mit welchem Recht?”
-
-„Mit meinem Recht. Ich will, daß das Leben den Sinn hat, dessen
-Wahrheit ich fühle -- ob Sie sie beweisen können oder nicht.”
-
-Perthes schüttelte den Kopf. Sein widerspenstiger Verstand war nicht
-überzeugt. Trotzdem beugte sich eben das Gefühl, das er so gering
-bewertete, vor dem ihrigen. Es war töricht, aber es war so. Und blieb
-so, ein Waffenstillstand bis zum nächsten Gefecht. --
-
-Ein Thema gab es, das sie im Gespräch nie berührten: Hilde König.
-
-Aus Äußerungen ihrer Schwestern, aus dem Klatsch, der in einer kleinen
-Stadt auch nur entfernt bekannte Menschen mehr oder minder verbindet,
-wußte Marga, daß ihr Freund seine Verehrung für die kleine Uferschöne
-mit den Taubenaugen und den losen blonden Haaren ganz und gar nicht
-aufgegeben hatte. Man sah ihn häufiger denn je die Uferstraße entlang
-pilgern, sei es allein, um sie auf ihrem Balkon zu sehen, oder mit ihr
-zusammen, wenn er ihr mehr oder minder absichtlich begegnet war und sie
-heimbegleitete. Auch im Stadtgarten tauchte er auf. Man sah ihn nicht
-selten im „Heiratskarussell”, das ihm anfangs so lächerlich vorgekommen
-war, an Hilde Königs Seite.
-
-Marga hatte sich vorgenommen, von sich aus nie wieder auf diese
-Angelegenheit zurückzukommen, aber je vertrauter sie und Perthes
-miteinander verkehrten, desto schwerer wurde ihr diese Zurückhaltung.
-Sie kannte ihn jetzt genügend, um zu erraten, daß der augenfällige,
-liebliche Zauber der koketten Unschuld, die so geschickt zwischen
-Ernst und Kindlichkeit balancierte, seinen empfänglichen Sinn anziehen
-mußte. Vielleicht blieb es bei einer Spielerei. Vielleicht aber --
-und das machte ihr sein leidenschaftliches Wesen wahrscheinlicher --
-verfing er sich ernsthaft in diesem Spiel. So oder so: sie, Marga,
-durfte sich nicht einmischen. Zartgefühl und Stolz geboten ihr dies als
-ein Selbstverständliches. So oft ihre Gedanken und Gefühle über die
-ihnen gesetzte Grenze schweifen wollten, rief sie sie schroff zurück.
-Freilich nicht, ohne daß sie einen leisen Schmerz dabei empfand. Er kam
-von der Unklarheit, die zwischen ihnen beiden über dies eine bestehen
-bleiben mußte; von einer Sorge um ihn; einem bangen Gefühl, das in ihr
-keimte, ohne daß sie es noch fassen und zur Rechenschaft ziehen konnte.
---
-
-Ein recht unbedeutendes Erlebnis sollte sie über ihn und sich aufklären.
-
-Marga hatte es nach wie vor vermieden, sich wieder in der Abendstunde
-am Ufer spazieren führen zu lassen. Bis der Zufall es wollte, daß
-der Geheimrat eines Abends Elli mit dem Auftrag, sich ein bestimmtes
-Buch auszubitten, zu Professor Borngräber schickte, der in einem
-verwachsenen, kleinen Häuschen in der äußersten Uferstraße sein
-Junggesellenleben führte. Marga hatte ihre Schwester schon ein großes
-Stück Wegs begleitet, ehe diese mit dem Ziel ihres Ganges herausrückte.
-Als sie nun Einwände erhob, fiel die necklustige Elli mit all ihren
-Kobolden über sie her. Es blieb Marga nichts anderes übrig, als gute
-Miene zum bösen Spiel zu machen.
-
-Es war ein trüber, bedeckter Abend. Der Regen hatte kaum erst
-aufgehört. In der Allee am Fluß war es einsam. Die Sonne lag hinter
-dem grauen Gewölk, und der Fluß wälzte sich träg und schmutzig zwischen
-seinen Ufern hin.
-
-Elli und Marga beeilten sich, Borngräbers Haus zu erreichen, und
-entledigten sich schnell ihres Auftrags. Der Himmel sah nach neuen
-Regengüssen aus, denen sie lieber entgehen wollten. Aber sie hatten
-die Allee noch nicht zur Hälfte hinter sich, als die Tropfen
-niederklatschten. Eng duckten sie sich unter den gemeinsamen Schirm.
-
-Kurz vor dem Aufgang zur Brücke, am Ende der Allee, kam ihnen ein Paar
-entgegen, das sich gleichfalls in einen Schirm teilte.
-
-Elli mit ihrem hellen, flinken Blick hatte die beiden schon erkannt.
-„Perthes mit Hilde König!” flüsterte sie hastig Marga zu.
-
-„Wo denn?” Marga nahm sich zusammen, aber ihr Arm zuckte unwillkürlich
-in dem der Schwester.
-
-„Gerade vor uns! Er scheint sie mit seinem Schirm heimzubringen!”
-tuschelte Elli.
-
-Im gleichen Augenblick hörte Marga ihre Stimmen. Seine rauhe, hastige;
-ihre leichte, etwas gezierte und hüpfende. Dann verstummten beide. Sie
-hörte, wie die Schritte an Elli und ihr vorüberknirschten.
-
-„Das ist aber stark! Er hat nicht einmal gegrüßt! Er tut, als kennte
-er uns nicht, und dabei schwöre ich, daß er uns erkannte!” Elli
-war ganz erregt. Sie ereiferte sich, ohne auf Marga zu achten. So
-ein Drückeberger! Einfach beiseitezusehen! Und seine Bekannten zu
-verleugnen wegen diesem dummen, aufgeputzten Gör! Das sollte er von ihr
-zu hören bekommen!
-
-„Meinst du, daß er uns wirklich nicht sehen wollte?” forschte Marga
-nach einer Weile zögernd. Sie mußte alle Kraft aufbieten, um einer
-Erregung, die sie selbst bestürzt machte, Herr zu bleiben.
-
-„Schwören will ich darauf!” beteuerte Elli, und sie schilderte sein
-Benehmen mit erneuter Lebendigkeit.
-
-„Ich werde ihn fragen, warum er das tat,” erklärte Marga gepreßt.
-
-Der Regen floß jetzt in solchen Strömen, daß sie in der nächsten besten
-Haustür Schutz suchen mußten. Elli, die nie zu lange beim gleichen
-Thema blieb, erzählte vom bevorstehenden akademischen Ausflug. Marga
-hörte ihr krampfhaft zu, auch auf dem weiteren Nachhauseweg. Sie
-wollte, was sie bewegte, überdenken, wenn sie erst wieder allein mit
-sich war ...
-
-Da Vater Richthoff heute seinen Kegelabend hatte, wurde schneller als
-sonst Abendbrot gegessen.
-
-Nachher übten Käthe und Elli am Flügel im Wohnzimmer ein Duett.
-
-Marga konnte unbemerkt in ihr Zimmer im Dachstock hinaufsteigen.
-
-Oben holte sie ihre Geige hervor. Sie hatte lange nicht gespielt. Sie
-war keine Künstlerin. Ihr Spiel war technisch nicht weit über das
-hinausgekommen, was sie, noch ein halbes Kind, vor ihrer Erblindung
-gelernt hatte. Aber es war Musik in ihr, und diese brachte sie gerade
-durch die einfachen Mittel zu ergreifendem Ausdruck.
-
-Mit einer Hast, die ihr sonst fremd war, griff sie heute nach ihrem
-Instrument und stimmte es. Eine scheue Hast war es: sie wollte ihr
-übervolles Gemüt in Tönen erlösen und hatte doch zugleich eine Scheu
-vor dem Unbekannten, das die Töne ihr aus der Seele locken wollten.
-
-Ihr blonder, blasser Kopf war tief über die Saiten gebeugt, und die
-Hand führte zagend den Bogen. Die Augen hatte sie geschlossen, den
-Mund zusammengepreßt. Rauhe, gebrochene Klänge holte sie aus der
-Tiefe herauf. Sie verbanden sich zu einer ungefügen, schluchzenden
-Weise, gegen die sich nur langsam aus der Höhe die Töne eines weichen,
-unendlichen Verlangens hervorwagten. Aus der Tiefe war es der Schmerz
-ihres Lebens, das so tapfer niedergehaltene Weh, jung zu sein und
-entsagen zu müssen; aus der Höhe war es die Sehnsucht, die laut und
-lauter mit ihrer hellen Stimme nach Ziel und Erfüllung rief. Und je
-lauter dieser Ruf ward, je ungestümer er sich vordrängte und die
-Entsagung überbot, um so mehr erbebte und erschrak Margas Seele. Das
-Unbekannte, das sie gefürchtet hatte -- da war es! Da brach es hervor,
-nicht mehr zu unterdrücken, nicht mehr zu verkennen und zu mißdeuten:
-sie liebte! ... Wie ein Schauer, jubelnd und entsetzt zugleich, wogte
-es über die Saiten. Einen Augenblick verlor sie sich dabei. Ein zartes,
-fast heiteres Entzücken wollte sich regen. Dann riß sie mit einem
-grellen Strich über alle Saiten ihr Spiel ab. Sie ließ die Geige hart
-auf den Tisch fallen und warf den Bogen daneben. Sie drückte sich in
-die Ecke des Sofas: das Gesicht mit den Händen verdeckend, duckte
-sie sich und zog sich zusammen, als wollte sie sich in sich selber
-verbergen.
-
-Nach einer Weile warf sie die Hände hinter sich und spannte sie um die
-Lehne des Sofas. Als sähe sie die Gewißheit ihrer Empfindung außer
-sich, richtete sie mit allem Mut, den sie in sich fand, die Augen voll
-und fest auf einen fernen, brennenden Punkt. Und dieser Punkt dehnte
-sich aus, gewann Form und Ausdruck und Leben: es waren Max Perthes'
-Züge, die sie nie gesehen, die sie nur aus flüchtiger Beschreibung
-kannte, und die doch ihr inneres Gesicht so bestimmt gestaltete.
-Sie schaute und schaute. Die Augen gingen ihr über vor dem offenen,
-klaren Ja, das da _außer_ ihr stand. Aber sie ließ nicht nach und
-rang nach neuer Kraft: ebenso klar und unerbittlich mußte das Nein
-_in_ ihr werden. Sie klammerte sich an ihren Stolz. Perthes liebte
-sie nicht. Er fühlte sich von einem Mädchen gefesselt, das in allen
-Stücken ihr Gegenbild war; für das er sie verleugnete. Und sie sollte
-ihre heiligsten Empfindungen wecken, ihre tiefste Seele, ihr Bestes
-wegwerfen, nachwerfen? Niemals! Und hätte ihr Stolz es ihr erlaubt, so
-hätte die Vernunft es verboten. Für sie gab es keine Liebe. Sie, die
-Blinde, durfte von keinem Manne, auch wenn er es wirklich ihr geboten,
-das Opfer seines Lebens annehmen. Die Entsagung hatte recht, nicht die
-Sehnsucht. Wollte sie sich lächerlich und verächtlich machen? Wollte
-sie gewissenlos sein?
-
-Marga preßte ihre Hände ineinander und rang sie in ihrem Schoß.
-
-Sie zwang mit dem Nein ihres Willens das Ja ihrer Liebe. Es war, als
-müßte sie es erwürgen, und weil es ein Lebendiges war, sträubte es sich
-gegen den Tod und klagte und schrie, und ihre Hände taten ihrem Herzen
-weh, über alles Sagen und Denken weh.
-
-Unaufhaltsam, wider ihren Willen, löste sich Träne auf Träne aus ihren
-Augen.
-
-Dann war es mit einem Mal vorbei.
-
-Sie liebte ihn nicht. Es gab keine Liebe für sie, und es gab
-keine Liebe ohne Gegenliebe. Vielleicht gab es nicht einmal mehr
-Freundschaft zwischen ihr und ihm. Nachdem er sich so benommen wie
-heute am Abend.
-
-Marga stand auf und griff wieder nach ihrer Geige.
-
-Aber spielen, sich vollends freispielen -- das konnte sie noch nicht.
-Sie schloß die Geige in den Kasten und stellte sie beiseite. Dann ging
-sie zu den Schwestern hinunter, die jetzt zu singen aufgehört hatten
-und bei der Handarbeit im Wohnzimmer saßen. Sie plauderte mit, so gut
-es ging. Und es ging besser, als sie dachte ...
-
-Schon am nächsten Vormittag kam Perthes vorbei.
-
-Es war noch immer regnerisch. Er fand Marga nicht im Vorgarten. Als er
-im Haus nach ihr fragte, wies ihn Therese in den Salon.
-
-Er mußte eine gute Weile warten, ehe sie kam. Wie sonst wollte er ihr
-die Hand schütteln, doch sie reichte sie ihm nicht zum Gruß. Sie war
-durchaus nicht steif und unfreundlich, aber von einer Gemessenheit, die
-Zurückhaltung auferlegte.
-
-Perthes hatte ihre äußere Erscheinung meist nur obenhin betrachtet.
-Heute fiel ihm die besondere Weiblichkeit ihres Wesens auf, die Züge
-und Gebärden beherrschte: eine natürliche, anmutige Würde, die durch
-einen Schatten von Trauer noch gehoben wurde.
-
-Sie hatte ihn mit ein paar Worten in die Glasveranda gebeten, die dem
-Salon vorgebaut war.
-
-Auf einem Rundtisch von schwarzem Ebenholz mit bunt eingelegter Platte
-lag ihre feine Häkelarbeit. Sie setzte sich und ließ ihn gegenüber
-Platz nehmen.
-
-Ein Scherz über den feierlichen Empfang schwebte Perthes auf der Zunge.
-Er brachte ihn nicht hervor. Ihre schweigsame Ruhe war ihm unbehaglich.
-
-„Warum erzählen Sie mir nichts?” fragte Marga, nachdem sie einige Zeit
-gearbeitet hatte.
-
-„Ich dachte, _Sie_ würden mir erzählen. Mein Kopf ist heute schon
-ganz dumm vom Mikroskopieren. Ich wollte eine bestimmte Geschichte
-herausbekommen -- die Struktur eines Muskelgewebes, in dem -- doch das
-kann Sie nicht interessieren! Ich habe mich herumgequält und nichts
-gefunden. Um mir wieder guten Mut zu holen, bin ich zu Ihnen gekommen.
-Was haben Sie in den letzten Tagen getrieben?” Er sprach hastig und
-zerstreut. Seine Finger spielten nervös auf der Tischkante.
-
-„Da werden Sie nichts Interessantes zu hören bekommen! Vorgestern sind
-die Schwestern und ich über die Berge gegangen. Das Wetter war zu
-schön. Man konnte nicht denken, daß es so wie heute kommen würde. Wir
-waren auf dem Schweikhartshof, hin und zurück zu Fuß. Gestern” -- sie
-stockte -- „gestern war ein Tag wie alle.”
-
-„Das tut nichts! Erzählen Sie doch! Vom Morgen bis zum Abend! Gerade,
-wie Sie so einen Alltag verbringen, will ich wissen!” Es klang etwas
-Herrisches in seinen Worten, das Marga aufblicken machte. „Das möchte
-ich gern wissen,” verbesserte er sich.
-
-Sie gehorchte. Langsam berichtete sie die Tagesereignisse. „Und gegen
-Abend --” Hier stockte sie wieder.
-
-„Was war gegen Abend?”
-
-„Gegen Abend gingen Elli und ich spazieren. Das heißt, Papa schickte
-uns zu einem Kollegen, und wir kamen tüchtig in den Regen.”
-
-„Wo denn?” forschte er hartnäckig.
-
-Jetzt hob Marga ihren Kopf mit eigentümlicher Bestimmtheit auf.
-Sie antwortete nicht. Mit einem unwilligen Ruck stand Perthes auf.
-Beinahe hätte er den Tisch umgeworfen. Er trat an die Scheiben und
-blickte hinunter in den Vorgarten, wo der Regen von den Bäumen
-tropfte. Ungestüm strich er den krausen schwarzen Bart und blies einen
-pfeifenden Laut durch die Lippen. Dann brach er los. „Sie wollen
-wissen, warum ich Sie und Fräulein Elli nicht grüßte?” stieß er wütend
-hervor.
-
-Marga fuhr emsig in ihrer Arbeit fort.
-
-„So fragen Sie mich doch!” knirschte er gequält.
-
-Als Marga keine Anstalt machte, ihm zu Hilfe zu kommen, ergriff er den
-Stuhl, auf dem er gesessen, mit beiden Händen so heftig an der Lehne,
-daß er in den Fugen knackte. „Ich weiß ganz genau, daß das so nicht
-geht. Ich war einfach dumm und feig. So ungefähr wie der Vogel Strauß,
-der den Kopf in den Sand steckt, damit man ihn nicht sieht. Und so feig
-wie ein Mensch, der seine Freunde verleugnet, weil ...” Er vollendete
-den Satz nicht und ließ sich auf den Stuhl fallen. „Sie sind in vollem
-Recht, wenn Sie mir dafür den Laufpaß geben!”
-
-Marga hielt in ihrer Häkelei inne. Ihre Züge hatten sich aufgehellt.
-„Da Sie so ehrlich sind, braucht es das nicht!” sagte sie einfach.
-
-„Ehrlich! Ehrlich! Ich hätte viel früher ehrlich sein sollen! Ist das
-Freundschaft, wenn einer dem anderen das Wichtigste verbirgt, was mit
-ihm vorgeht? Ich bin in das Mädchen, mit dem ich Ihnen gestern abend
-begegnete, verliebt. Wußten Sie das?”
-
-Marga nickte kaum merklich. Sie wußte es. Und doch meinte sie, es erst
-seit diesem Augenblick zu wissen -- so schnitt ihr sein Bekenntnis
-in die Seele. Sie sah voraus, daß er ihr jetzt sein ganzes Herz
-ausschütten würde, genau wie damals, als sie am Gartenfest auf dem
-Weinberg beisammensaßen und er seine Zerrissenheit vor ihr aufdeckte.
-Das Weib in ihr, dessen Liebe sie niedergezwungen, wehrte sich gegen
-die Qual dieses Mitwissens. Die Freundin, der sein Vertrauen galt,
-mußte geduldig zuhören. Der Faden verwirrte sich unter ihren zitternden
-Fingern. Sie beugte sich tiefer und tiefer über das Gewirr und schien
-ganz damit beschäftigt, es zu lösen.
-
-Und Perthes, der von dem, was in ihr vorging, nichts ahnte, begann in
-abgerissenen Sätzen, nur von sich und seinen Gefühlen erfüllt, seine
-Beichte. Er schilderte, wie das hübsche Ufermädchen ihn gefangen
-genommen. Allmählich, ohne daß er es wußte und wollte. Fester und
-immer fester. Wie er sie zuerst sah, im Stadtgarten; wie sie ihm mit
-der Musikmappe begegnete; wie er ihr Haus am Ufer entdeckte und immer
-wieder dort vorbeiging; wie er sie angesprochen, sie begleitet --
-alles schilderte er mit der mitleidlosen Genauigkeit eines Menschen,
-dem es wohltut, das, was er bisher in sich verschlossen, herausgeben
-zu dürfen. Leidenschaftlich zeichnete er den Eindruck von Hilde
-Königs äußerer Erscheinung. Ihre leichte, frische Kindlichkeit; ihre
-mädchenhafte Zurückhaltung neben ihrer selbstsicheren Freiheit. Erst
-als er von ihrem inneren Wert zu sprechen anfing, wurde er ungewisser.
-Seine Unklarheit über diesen Punkt, seine Zweifel verrieten sich
-in allgemeinen Behauptungen. „Sie ist nicht abgründig tief, nicht
-problematisch! Sie hat sicher nicht mehr Verstand als tausend Frauen.
-Oh -- Schwersinnigkeit und Schwerlebigkeit, damit kann ich selber
-aufwarten! Was ich brauche, was ich bei den Frauen liebe, ist
-das Leichte, Duftige, Sonnige! Was über die eigenen unzufriedenen
-Grübeleien fortträgt! Was das Leben, statt zu Ekel und Last, zum
-schönen Spiel macht! Es taugt nichts, wenn zwei schwere Naturen sich
-zusammentun: sie reiben sich wund. Ein Falter muß es sein, der zu einem
-Kriechtier, wie ich es bin, paßt. Glauben Sie das nicht auch, Fräulein
-Marga? Hab' ich nicht recht? Sie wissen, wie ich bin. Sie als Freundin
--- Sie müssen mir raten! Sie kennen ja mich und meine Unrast und
-Verschrobenheit.”
-
-Eine unbeabsichtigte, nervöse Selbstironie klang durch seine mit
-Bildern überladene Sprache.
-
-Marga hatte es aufgegeben, den Faden ihrer Häkelarbeit zu entwirren.
-Sie hatte die Arbeit auf ihren Schoß sinken lassen. Bewegungslos
-empfing sie das Geständnis seiner Gefühle für eine andere. Zwei bittere
-Falten verlängerten die Winkel ihres schmalen, zusammengepreßten
-Mundes. Ihre Farbe war so durchsichtig, daß man das Blut an den
-Schläfen auf- und niedersteigen sah.
-
-Daß er seine Neigung für diese andere so leidenschaftlich aussprach;
-daß er das Mädchen mit überschwenglichen Farben malte und gerade vor
-ihr, Marga, die lockende, leichte Äußerlichkeit im Gegensatz zur
-Innerlichkeit, der sie zugehörte und als Blinde doppelt zugehörte, als
-sein weibliches Ideal in den Himmel hob -- das war es nicht, was sie
-am schwersten traf. Was ihr für den Augenblick alle Fassung rauben
-wollte und was über ihre Kraft ging, war die Gewißheit, daß er sich
-täuschte. Er täuschte sich über sich selbst, denn er war der Mann
-nicht, der an einem Schmetterling dauerndes Genügen fand. Er brauchte
-nicht eine Seele, die die seine über die Schwere der eigenen Natur
-und den Ernst des Daseins fortgaukelte, sondern eine, die sich mit ihm
-zusammen durchkämpfte und darüber emporhob. Er täuschte sich aber auch
-über Hilde König. Wenn Marga das nicht schon vorher gewußt hätte: seine
-Schilderung konnte ihr keinen Zweifel darüber lassen. Das Mädchen war
-nicht das unschuldige Kind, das er in ihr sah. Das Kind war vielmehr
-er, den seine praktische Unkenntnis weiblichen Wesens irreführte. Die
-Einfachheit, die er hinter ihrer schimmernden Jugendlichkeit vermutete,
-war Leere, und die selbstsichere Freiheit wurzelte in einem kühlen,
-berechnenden Herzen. Und er mußte seine Täuschung behalten. Sie, die
-Freundin, durfte nicht reden. Dazu hatte sie kein Recht, weder vor
-ihm noch vor dem Mädchen, das er liebte. Das war es, was Marga vor
-Schmerz und Bitterkeit erstarren machte; sie noch immer schweigen und
-bewegungslos dasitzen ließ, als er längst geendigt hatte.
-
-„Sie sagen ja gar nichts! Reden Sie doch! Ich will wissen, wie Sie
-darüber denken!” drang Perthes vorwurfsvoll in sie. „Kennen Sie Hilde
-König?”
-
-„Nein, ich kenne sie nicht,” kam es leise von Margas Lippen. Sie sagte
-nicht die volle Wahrheit, aber sie konnte nicht anders.
-
-„Ich habe sie Ihnen geschildert. Sie können sich gewiß ein Bild von ihr
-machen, Fräulein Marga.”
-
-„Auch das nicht!” gab sie noch leiser zurück. Sie war fest
-entschlossen, sich kein Urteil von ihm abzwingen zu lassen. Der
-Gedanke, daß sie dem Mädchen unrecht tun und die entfernteste
-Eifersucht ihre Meinung trüben könnte, bestärkte sie nur in ihrem
-Vorsatz.
-
-„Aber raten können Sie mir doch! Sie kennen mich! Sie müssen
-beurteilen können, ob ein Geschöpf, wie ich es Ihnen schilderte, das
-ist, was ich brauche. Ob Sie glauben, daß ich auf der rechten Fährte
-bin und mein Glück finden kann. Sie predigen mir ja immer, ich soll
-mich mehr auf mein Gefühl verlassen als auf meinen Verstand!”
-
-Marga hätte ihm antworten können, was sie ihm kürzlich geantwortet
-hatte: daß es Gefühle gäbe, die unter den Gedanken, und andere, die
-über ihnen stünden; aber sie wollte nicht. „Wenn Sie Ihres Gefühls
-so sicher sind, brauchen Sie meinen Rat ja gar nicht,” sagte sie
-ausweichend.
-
-„Und das heißen Sie Freundschaft? Verzeihen Sie, Fräulein Marga, aber
-jetzt sind wir quitt. Sie verleugnen mich innerlich genau so, wie ich
-es gestern äußerlich tat!” In unwillkürlicher Erregung schlug er mit
-dem Absatz mechanisch auf den Fußboden. Seine großen, braunen Augen
-schossen zornige Blitze auf ihr Antlitz, in das die verborgene Qual
-dieser Stunde trotz aller Beherrschung mehr und mehr ihre Zeichen
-grub. Wäre er weniger nur mit sich beschäftigt gewesen, so hätte ihm
-ihre Veränderung nicht entgehen können. So wiederholte er nur noch
-ingrimmiger: „Und das heißen Sie Freundschaft?!”
-
-Marga straffte sich in ihren Stuhl zurück. Die Härte seines Vorwurfs
-gab ihr einen Teil ihrer Kraft wieder. Doch ehe sie antworten konnte,
-fuhr er aufgeregt fort: „Ich, der Freund, habe Ihnen mit einer
-Offenheit, wie ich sie sonst keinem Menschen zeige, gesagt, wie es um
-mich steht, und Sie, die Freundin --”
-
-„Ich, die Freundin,” unterbrach ihn Marga mit bebender Stimme, „bin
-so offen wie Sie. Deshalb sage ich Ihnen: Was Sie von mir fordern,
-geht über die Freundschaft. Und wenn Sie mir dafür Ihre Freundschaft
-aufsagen wollen, Doktor Perthes! Was Sie von mir verlangen, kann keine
-Frau einem Mann erfüllen. Über Ihre Liebe müssen Sie selber mit sich
-einig werden. So wenig ich Ihr Leben für Sie leben kann, ebensowenig
-kann ich mich für diese Liebe verantwortlich machen. Aus Klugheit kann
-ich das nicht. Aus Selbstachtung nicht. Und aus Achtung vor Ihnen
-nicht!”
-
-Perthes sah sie mit aufgerissenen Augen verwundert an. Die Gegenwehr,
-zu der sich ihr gemartertes Herz aufgerafft, um sich von dem
-Unmöglichen zu befreien, mit dem er sie peinigte, gab ihren Worten
-einen Ton von so leidenschaftlicher, bitterer Entschlossenheit, daß er
-sie kaum mehr erkannte. Eine stürmische Blutwelle hatte ihr Gesicht mit
-jäher Röte übergossen. Ihr Mund, ihre Stirn zuckte von schmerzlichen
-Falten. In ihren Augen glomm es wie ein Funke des Sehens. Dann sank sie
-erschöpft in ihre frühere Regungslosigkeit zurück.
-
-Ein so schlechter Beobachter Perthes bis jetzt gewesen: für einen
-Moment war es ihm, als risse der Blitz eine meilenferne, ungeahnte
-Landschaft in sein Gesichtsfeld. Ob diese Blinde mehr für dich
-empfindet, als du ahnst? Ob sie dich liebt? -- Eine Sekunde nur, und
-die Vermutung, die ihm unsinnig dünkte, war ausgelöscht. Nur der
-Respekt vor ihrem unbeugsamen Willen erfüllte ihn und dämpfte seinen
-Ärger. Seine Verstimmung kehrte sich gegen ihn selbst.
-
-„Lassen wir's gut sein! Ich überspanne die Pflicht der Freundschaft,
-wie ich alles überspanne. Ich werde ein andermal anspruchsloser sein,
-Fräulein Marga.” Er hatte sich erhoben und verabschiedete sich.
-
-Der Druck seiner Hand kam Marga kühl und abwesend vor. Sie hätte ihn
-gern wie sonst nach der Tür begleitet. Aber ihre Kraft reichte nicht
-aus.
-
-Als er längst gegangen war, saß sie noch immer reglos und ohne die
-Arbeit wieder aufzunehmen an dem eingelegten Ebenholztisch in der
-Glasveranda. Der Regen schlug dumpf gegen die Scheiben. Eine starre
-Gleichgültigkeit und Öde lähmte ihre Sinne und Gedanken. Mochte die
-Freundschaft zu Ende sein -- was lag ihr noch daran! Sie hatte nicht
-anders gekonnt ...
-
-Es sah allerdings danach aus, als sei es nach dieser grundsätzlichen
-Auseinandersetzung mit der erst vor einigen Wochen geschlossenen
-Freundschaft tatsächlich zu Ende. Tag um Tag verging, ohne daß Perthes
-sich wieder im Haus am Wenzelsberg sehen ließ. Für Marga war es eine
-Zeit voll Sorgen und Selbstanklagen. Das quälerische Auf und Ab und
-Hin und Wider ihres Herzens ermüdete sie so, daß sie bisweilen am
-hellen Tag von einem kurzen, erquickungslosen Schlaf befallen wurde.
-Hundertmal wiederholte sie sich, was sie an jenem kritischen Vormittag
-gesprochen und wie sie sich voneinander getrennt hatten. Jedes seiner
-Worte, jedes der ihren wog sie ab und wandte es nach beiden Seiten.
-War sie zu schroff gewesen? Hatte sie nicht doch mit ihrer strengen
-Scheidung von mein und dein die Pflicht der Freundschaft verletzt?
-Sie mußte ihm lieblos und egoistisch vorgekommen sein. Er konnte die
-Beharrlichkeit nicht verstanden haben, mit der sie ihm ihren Rat
-verweigerte. Warum sagte sie nicht ehrlich: Sie irren sich über das,
-was Sie brauchen! Sie täuschen sich über sich selbst und über das
-Mädchen, das Sie zu lieben meinen. Ihre Tiefe braucht nicht Oberfläche,
-sondern wieder Tiefe. Sie brauchen ... Margas Gedanken stockten. Es
-überfiel sie wie Scham; als hätte sie gesprochen, was sie nicht durfte,
-das Geheimnis ihrer Liebe preisgegeben, ihm zugerufen: Mich, mich
-brauchst du! Ich verstehe dich besser, als du dich selbst verstehst!
-Ich kann dir aus meiner Stille und Klarheit die deine finden helfen --
--- Wie? Sie hätte sich angeboten? Sie, Marga, die Stolze, Verschlossene
-und Einsame! Schande, Schande, es nur zu denken! Nicht ein Wort durfte
-ihn auf den Gedanken ihrer Liebe bringen. Sie hatte schweigen müssen.
-Die Pflicht, die sie vor sich selbst hatte, war und blieb die höhere,
-und wenn sie daran verbluten sollte ...
-
-Wenn sich Marga so immer wieder zum selben Ergebnis durchkämpfte -- die
-Sorge um Perthes konnte sie damit nicht verbannen. Sie wuchs mit jedem
-weiteren Tag, den er fernblieb. Das untrügliche Ferngefühl, das ihre
-Seele wie einen Ersatz für die erloschenen Augen in ihr ausgebildet
-hatte, war seltsam wach in ihr: die Enttäuschung über Hilde König
-mußte unaufhaltsam über ihn kommen. Vielleicht war sie schon da,
-und Perthes war unter den Trümmern seiner hochgestimmten Hoffnungen
-niedergebrochen. Maßlos, wie er war, mußte die Ernüchterung alles in
-ihm umstürzen. Wohin ihn dann seine Leidenschaftlichkeit trieb -- wer
-konnte es ausdenken? Marga sah sich von einer grausamen Furcht gepackt.
-Sie forschte nach allen Seiten, um unauffällig eine Nachricht über ihn
-zu erhaschen.
-
-Es war wenig und widersprechend genug, was sie erfuhr.
-
-Elli und Käthe lebten und webten in den Vergnügungen des
-Sommersemesters. Bald war es eine Damenkneipe, zu der die Erlaubnis
-dem alten Herrn abgelistet werden mußte, bald ein Stiftungsfest mit
-Ausfahrt oder ein verspäteter musikalischer Tee -- eine Neuerung im
-gesellschaftlichen Leben, die Vater Richthoff grimmig verabscheute.
-Begreiflich, daß die beiden jungen Mädchen dabei von ihren Gedanken
-und Empfindungen, von „ihren” Herren zu erfüllt waren, als daß sie
-auf Doktor Perthes, den man ja doch nirgends traf, geachtet hätten.
-Elli wollte ihn in einem weißen Tennisanzug gesehen haben: vielleicht
-gehörte er neuerdings zu dem Sportklub, in dessen Mittelpunkt
-Fräulein Exzellenz, Alice Hupfeld, stand. Es war dies ein Kreis, der
-dem Richthoffschen so fern stand, daß er ihn trotz der akademischen
-Beziehungen kaum berührte. Ein andermal berichtete Käthe, Perthes hätte
-seine Spaziergänge in der Uferstraße so gut wie ganz aufgegeben. Das
-hatte sie von ihrer Freundin Lizzie gehört, die ja dort wohnte. Endlich
-war er mit Hilde König eines Abends im Stadtgarten gesichtet worden.
-Lauter Nachrichten, die Marga nur hin und her rissen, zu Vermutungen
-brachten, die sich nicht zusammenreimen ließen, sondern sie nur noch
-unruhiger und trauriger machten.
-
-Die dritte Woche war angebrochen.
-
-Perthes kam so wenig wie in den beiden vorigen.
-
-Nun fiel sein Ausbleiben auch den Schwestern auf. Käthe bemerkte
-gelegentlich zu Marga, die Mediziner wären eben doch „immer”
-unzuverlässig. Elli, die aus ihrer Neigung für Wilkens heraus etwas von
-Margas Kummer witterte, erklärte, von der altklugen Weisheit Käthes
-angesteckt, ein Mann, der sie wegen eines anderen Mädchens nicht
-grüßte, wäre ihr so viel wert: sie blies höchst geringschätzig über
-ihren Handrücken. Dann schloß sie unvermittelt Marga in die Arme, küßte
-sie und versicherte: „Ich, Margakind, ich bin eben doch dein einziger,
-getreuester Liebhaber! Das merk dir und verrate mich nicht für solche
-Bazillengucker!” Der Spaß war harmlos und ehrlich gemeint. Daß er dabei
-so herzhaft weh tat, ahnte Elli nicht von ferne.
-
-Und zu guter Letzt ließ sich bei einem Mittagessen sogar der Geheimrat
-vernehmen: „Was macht denn dein -- dein -- na, wie heißt er denn? Der
-Sparafantel aus Hemsbach, der dich unterrichten wollte?”
-
-Marga zuckte die Achseln. Ehe sie antworten mußte, fiel dem alten Herrn
-glücklicherweise eine Briefschuld an Schlutius in Bonn aufs Herz.
-Darüber vergaß er völlig, seine Frage zu erneuern. --
-
-Gegen den ihr sonst so lieben Platz im Vorgarten hatte Marga eine
-merkwürdige Abneigung bekommen. Als Tag um Tag verstrich, ohne daß
-Perthes mit seinem eiligen Schritt die Treppe heraufkam, um sich
-neben sie unter die Kastanien zu setzen, wurde ihr der Ort, der Zeuge
-freundlicher Stunden gewesen war und jetzt ihre Erwartung immer aufs
-neue trog, unerträglich. Sie zog es vor, die Zeit, in der sie sich
-selbst überlassen blieb, in der Geißblattlaube zuzubringen, am Ende des
-Blumengartens, dort, wo die ersten Stufen zu den Obstbäumen führten.
-
-Es war ein besonders warmer, fast schwüler Vormittag, als sie dort, wie
-gewöhnlich, saß. Sie hatte eins ihrer Blindenbücher mitgenommen, von
-denen sie eine kleine Bibliothek besaß, die zu Weihnachten oder zum
-Geburtstag ihre stetige Ergänzung erfuhr. Der große, beleibte Band --
-Storms „Schimmelreiter” -- nahm aufgeschlagen beinahe die Hälfte des
-Tisches ein. Ihre Finger tasteten von Punkt zu Punkt, und ihre Lippen
-lasen leise mit.
-
-Im Schatten der dichtgewachsenen Blätter, die das Sonnenlicht zu einer
-goldgrünen Dämmerung dämpften, saß es sich gut. Die schwermütige
-Versonnenheit der Erzählung wirkte beruhigend auf Margas wunde Seele.
-Sie war so in ihr Lesen vertieft, daß sie überhörte, wie jemand vom
-Hof heraufkam. Elli kehrte von der Stadt zurück. Den rosenumrankten
-Strohhut, der schief und keck über dem krausen blonden Haar saß, hatte
-sie in den Nacken zurückgeschoben, und das erhitzte Gesicht fächelte
-sie mit dem Taschentuch.
-
-„Uff! ich sag' dir, Margakind, das ist eine Hitze --”
-
-Marga sah auf und schob ihr Buch zurück.
-
-„Unausstehlich!” fuhr Elli fort, während sie sich neben sie auf die
-Bank setzte. „Du hast's gut hier im Schatten.”
-
-„Wo warst du denn?” fragte Marga.
-
-„Im Bad. Köstlich! Ich schwimme jetzt wie ein Fisch. Am liebsten hätt'
-ich gleich den ganzen Fluß ausgetrunken.”
-
-„Und dann hast du dich so heiß gerannt? Das ist aber töricht,
-Kleinchen!” meinte Marga, während sie Ellis Wangen berührte. „Du glühst
-ja wie ein Backofen!”
-
-„Ach was, dafür bring' ich dir auch eine Neuigkeit mit! Rate mal, was!”
-
-Marga konnte nichts erraten.
-
-„Es hat sich jemand verlobt,” half Elli. „Schon vor drei Tagen hat es
-in der Zeitung gestanden, und wir haben's übersehen. Rate, wer!”
-
-Marga schüttelte den Kopf. „Kenn' ich den ‚Jemand‛ überhaupt?”
-
-„O -- ich glaube wohl!”
-
-„Ist es eine von deinen oder von Käthes Freundinnen?”
-
-„Nein, durchaus nicht. Auch keine von deinen.”
-
-„Wo wohnt sie denn?”
-
-„Am Fluß. In der Uferstraße. Jetzt mußt du doch dahinterkommen!”
-
-Marga schrak unwillkürlich zusammen und erbleichte. „Hilde König?”
-fragte sie tonlos.
-
-„Erraten!” rief Elli. „Aber mit wem? Das errätst du noch viel weniger.
-Das --” Elli hielt in ihrem lustigen Bericht inne.
-
-Marga hatte alle Farbe verloren. Ihre Hände zitterten, und ihr Kopf bog
-sich zurück, bis er an der Wand der Laube, zwischen den Blättern einen
-Halt fand. Die Augen waren geschlossen, und die Lippen rangen nach Luft.
-
-Elli war aufgesprungen. Bestürzt schob sie ihr die Arme um die
-Schultern.
-
-„Aber Margakind! Was hast du denn? Was machst du denn? So sei doch
-verständig!”
-
-Plötzlich schoß ihr die Erklärung durch den Sinn. Sie erriet, welchen
-Namen Marga zu hören fürchtete, und begriff das ganze, ängstlich
-behütete, schwere Geheimnis der Schwester.
-
-„Aber nein! nein! nein!” rief Elli und umschlang sie noch fester.
-„Nicht mit dem! Nicht mit Doktor Perthes! Ganz gewiß nicht! Mit einem
-Gymnasiallehrer, den du gar nicht kennst! Du kannst mir's glauben,
-Margakind! Ich wollte nur einen Scherz machen! Ich hatte ja keine
-Ahnung, daß --” Sie bedeckte sie mit Küssen. Sie war unglücklich, den
-Tränen nahe, empört über sich und ihre Plumpheit und verwirrt durch
-das Neue, Unerwartete, das ihr die Erschütterung der Schwester zu
-verstehen gab.
-
-Marga schlug langsam die Augen wieder auf. Sie zitterte noch immer.
-Aber sie versuchte zu lächeln. „Wie dumm ich bin!” flüsterte sie.
-„So -- schwach zu sein!” Sie richtete sich auf und löste sanft Ellis
-Arme von ihrem Nacken. Eine rührende Mischung von Verlegenheit und
-Hilflosigkeit malte sich in ihrem Gesicht.
-
-Elli zog sie aus der Laube. „Komm! Komm! Im Hof ist's jetzt wundervoll
-kühl. Da gehen wir auf und ab!” Sie nahm Margas Arm und legte ihn
-sich um die Hüfte. Ihr ganzes überströmendes Herz war erwacht. Sie
-drängte sich, zutraulich wie ein kleiner Vogel, an Marga und suchte ihr
-teilnehmendes Verstehen durch verdoppelte Zärtlichkeit auszudrücken.
-Obwohl ihr tausend Fragen auf den Lippen schwebten, die zu unterdrücken
-für ihre Quecksilbernatur kein leichtes war, wartete sie eine gute
-Weile und schritt, Seite an Seite mit Marga, schweigend im schattigen
-Hof auf und ab. Dann drückte sie ihr den Arm. „Ich versteh' dich ganz,
-Marga! Du brauchst mir, wenn du nicht willst, kein Wort zu sagen.
-Ich versteh' dich und achte dich. Und was wir da in der Laube sagten
-und fühlten, gehört nur uns beiden allein! Ich denke mir nichts und
-erinnere dich nie daran. Husch -- ist es fort. Ich weiß nichts mehr
-davon!”
-
-Marga schüttelte den Kopf. „Nein, nein, Elli!” meinte sie ernsthaft.
-„Wenn ich mich schon verraten mußte, war's bei dir am besten. Denn zu
-dir hab' ich das meiste Vertrauen.” Es war ihr eine Erleichterung, zu
-reden. Die Qual der letzten Wochen, die ihr Inneres um und um gewühlt
-hatte, verlangte danach, sich auszuströmen. Erst scheu und zaudernd,
-dann tapfer und rückhaltlos enthüllte sie das Geheimnis ihrer Liebe;
-wie sie sie entdeckt und niedergekämpft hatte; wie sie sie für immer in
-sich verbergen und niederhalten wollte und mußte. Ihr Stolz und ihre
-Besonnenheit kräftigten sich wieder, während sie erzählte.
-
-Elli hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Sie war glücklich darüber,
-Margas Vertraute zu werden. Ihre Liebe zu Wilkens, die ja doch auch,
-freilich mit einem größeren Recht auf Wirklichkeit, in eine noch recht
-ferne Zukunft baute, wollte die hoffnungslose Entsagung für niemanden
-gelten lassen. Wenn man bisher stillschweigend immer nur angenommen
-hatte, Marga müsse ihren Weg durchs Leben allein gehen, so war das
-schließlich noch kein unumstößlicher Beweis, daß das Leben es doch
-nicht anders wollte. Und als Marga ihr Geständnis beendigt hatte, da
-ließ Elli ihrem fröhlichen Optimismus voll die Zügel schießen: nicht
-nur aus Mitgefühl, sondern in der ehrlichen Überzeugung und in dem
-heißen Wunsch, auch die Schwester, gerade sie in ihrer Dunkelheit,
-könne und müsse lieben dürfen und geliebt werden. Ihre jugendliche
-Phantasie ersann einen ganzen Roman, den sie glaubte und glauben machen
-wollte. Und Marga, auch wenn sie ungläubig blieb, hielt sich doch mit
-geheimem Entzücken an diesen Zuspruch. Ist ja doch kein Menschenherz,
-und zumal kein junges, so untröstlich düster, daß es nicht in seinem
-verborgensten Winkel mit einem Stäubchen Hoffnung spielte! Mehr und
-mehr erschloß sie sich dem Vertrauen, das sich ihr bot. Auch ihre Angst
-um Perthes, ihre Sorge, er möchte sich, wenn er nun die Verlobung Hilde
-Königs erfuhr, in seiner Verzweiflung verlieren, teilte sie mit Elli.
-
-Und das Kleinchen riet kühn und praktisch, was Marga selbst sich nicht
-zu raten wagte. „Weißt du was? Du mußt ihm einfach schreiben!” platzte
-sie siegesgewiß heraus.
-
-„Aber das geht ja nicht!” wandte Marga zaghaft ein.
-
-„Das geht nicht? Warum? Ich -- ich, ja weißt du, ich schreibe natürlich
-nie an Wilkens.” Elli wurde ein bißchen rot, weil ihr einfiel, daß sie
-doch schon geschrieben. „Aber das ist ja ganz was anderes! Unsereiner
-soll nun mal nicht an Herren schreiben. Dafür sehen und sprechen wir
-uns öfter. Und du -- bei dir ist das überhaupt ein Ausnahmefall! Du
-bist ein ganz anderer Mensch als wir. Du kannst dir ruhig das Recht
-nehmen. Auch als Freundin! Er kann's sogar beinahe von dir erwarten. Du
-mußt schreiben, Margakind! Glaub mir, du mußt!”
-
-Vom Eßzimmer klang Händeklatschen. Käthe erschien in der Tür. „Aber wo
-steckt ihr denn? Es ist ja Essenszeit! Schnell! Schnell!”
-
-Und Papa Richthoffs Stimme schallte paschahaft-unwirsch hinterdrein:
-„Was ist das für 'ne Wirtschaft! Ich soll wohl die Damen zu Tisch
-bitten?”
-
-Marga und Elli eilten, was sie konnten, ins Haus und zu Tisch.
-
-Während des Essens hatte Marga Zeit, sich Ellis Rat zu überlegen. Sie
-sah auch den Ausweg, zu schreiben, als den besten an. Die Bedenken, die
-ihr Gewissen nicht wegräumen konnte, beschwichtigte Ellis überzeugende
-Rabulistik. Überdies streichelte und zupfte das Kleinchen sie heimlich
-mehr als einmal unter dem Tisch und tuschelte ihr zu: „Es bleibt dabei.
-Du mußt! Gleich nachher!”
-
-Bis der alte Herr, der in seiner Kaisergeschichte gerade bei der
-Verschwörung des Parthenius und Stephanus gegen Domitian war,
-energisch brummte: „Keine Verschwörungen bei Tisch! Das lieb' ich
-nicht, Mamsell Plappertasche!”
-
-Kaum war die Mahlzeit vorbei, so verwickelten sich Elli und Käthe über
-eine selbst zu schneidernde Bluse in die dringendste Unterredung, der
-eine weitläufige Anprobe folgen mußte.
-
-Der alte Herr ging in den Weinberg, um die gewohnte Besichtigung auf
-Unkraut und Schnecken vorzunehmen, ehe die Sprechstunde begann. Eine
-Sprechstunde, die jetzt, mitten im Semester, meist in eine Ruhestunde
-überging, wovon jedoch niemand etwas wissen durfte.
-
-Marga hatte also Zeit und Gelegenheit, in der Dachstube oben den großen
-Schritt zu wagen.
-
-Eine Weile saß sie unschlüssig vor ihrem Briefbogen. Allerhand
-Formbedenken wollten in ihr aufsteigen. Es war doch immerhin furchtbar
-schwer und ungewöhnlich, daß sie an einen Herrn schreiben sollte. Dann
-überwand ihr natürlicher und gesunder Wille diese Kleinlichkeiten. Was
-hatte auch all das neben dem Ernst ihres Gefühls und der peinigenden
-Ungewißheit über des Freundes Zustand zu bedeuten! Sie setzte Punkt an
-Punkt und schrieb, wie es das Herz ihr eingab:
-
- „Lieber Herr Perthes!
-
-Sie kommen nicht mehr zu mir. Also komme ich mit einigen Zeilen zu
-Ihnen. Ihre Freundin ist in Sorge um Sie. Wenn Sie ihr noch böse sind,
-weil sie Ihnen neulich nicht raten wollte, so geben Sie ihr jetzt
-Gelegenheit, ihre Widerspenstigkeit gutzumachen und mit Ihnen zu reden.
-Mir ist, als könnte ich Ihnen ein ganz klein wenig helfen, wie es die
-Freundschaft soll und muß.
-
- Marga Richthoff.”
-
-Kaum war Marga fertig, so erschien Elli. Sie übernahm es, die Adresse
-zu schreiben.
-
-Dann wirbelte sie wie der Wind davon und steckte mit dem Hochgefühl,
-bei einer Großtat mitgeholfen zu haben, den Brief an der nächsten Ecke
-in den Kasten.
-
-
-
-
-5
-
-
-Fräulein Rosa Eschborn, Doktor Perthes' Mietswirtin, war an allerhand
-Logiergäste gewöhnt.
-
-In den fünfzehn oder zwanzig Jahren, in denen sie das schmale,
-dreistöckige Haus auf der Altstadtseite des Flusses besaß, hatte
-sie es längst aufgegeben, an ihre Mieter andere als sehr allgemeine
-Anforderungen zu stellen. Sie mußten leidlich pünktlich bezahlen. Sie
-durften ihre Möbel nicht kurz und klein schlagen. Sie mußten ihre
-Liebschaften vor der Tür lassen. Das waren die goldenen Grundregeln
-des langen, dürren Fräuleins mit dem wachsgelben Gesicht unter den
-plattgeklebten, grauschwarzen Haarsträhnen und dem Spitzenhäubchen, mit
-den leidenschaftslosen Augen und der ewigen, erdbeerfarbenen Matinee,
-von der man sich, so sauber sie war, niemals denken konnte, daß sie
-neu gewesen. Was über die Grundregeln ging, mochten die Herren mit
-sich selber ausmachen. Sie zuckte mit keiner Miene, wenn Herr Müller
-bis Mittag hinter seiner Tür schnarchte; wenn Herr von Maier, ein
-Korpsfuchs, bisweilen aus Versehen oder in alkoholischer Benommenheit
-auf der Treppe schlief; wenn Herr Schmidt die Beine zum Fenster
-hinausbaumeln ließ, die Zigarettenstummel auf den Boden warf, Kleider
-und Wäsche wie Kraut und Rüben im Zimmer durcheinanderstreute. All das
-ertrug und ordnete sie mit ergebenem Gleichmut. Ihre stille Genugtuung,
-ihr sittlicher Halt war das eine, daß sie nicht so, daß sie besser war.
-Nicht nur als ihre Mieter, sondern als die gesamte Welt. Um dessen
-ihren Herrgott zu versichern, war sie von einer gewissen stereotypen
-Frömmigkeit, die keine Predigt und keine Betstunde versäumte.
-
-Es mußte mit einem ihrer Mieter schon seine ganz besondere Bewandtnis
-haben, wenn Fräulein Eschborn sich zu wundern oder gar zu beunruhigen
-anfing.
-
-Dieser Sonderfall war nun aber mit dem Herrn auf Nummer eins -- so hieß
-die luftige Stube im dritten Stock mit der wie ein Vogelnest unters
-Dach geduckten Veranda -- eingetreten. Er war nämlich seit drei Tagen
-nicht zurückgekehrt.
-
-Am ersten Tag hatte das Fräulein gedacht, er schliefe. Es gab welche,
-die schliefen vom Abend bis zum Abend und die folgende Nacht durch.
-Solche Exemplare kamen vor. Wenn sie kein Frühstück und sonst nichts
-begehrten, so war das ihre Sache. Am zweiten Tag gegen Mittag klopfte
-die Eschborn an die Tür. Dreimal hintereinander. Als kein „Herein!”
-ertönte, überwand sie ihre jungfräuliche Scheu, klinkte, fand die Tür
-offen und steckte den Kopf mit dem Spitzenhäubchen schnüffelnd in die
-Stube. Da sie nichts wahrnahm, was sie aufklärte, drang sie gegen den
-Alkoven vor. Das Bett stand unberührt. Fräulein Eschborn schüttelte den
-Kopf. Am dritten Tag wiederholte sie dasselbe Manöver mit demselben
-Erfolg. Diesmal hielt sie ein kleines Selbstgespräch, öffnete ein
-Fenster und sah ziemlich verdutzt auf den Fluß hinunter. Ihr Gleichmut
-wankte. Sie ging den Schatz ihrer Erfahrungen durch, aber er ließ
-sie im Stich. Anno 1903 war einer gewesen, der auf zwei Tage zu
-Verwandten gereist war, ohne sie zu benachrichtigen. 1899 hatte einer,
-ein russischer Chemiker, vom Laboratorium weg plötzlich in die Klinik
-gemußt, um sich operieren zu lassen. Der hatte nach anderthalb Tagen
-nach Wäsche geschickt. Soweit sie die Lebensgewohnheiten ihres Mieters
-von Nummer eins überhaupt kannte, war er nicht der Regelmäßigste.
-Trotzdem -- das ging über alles Dagewesene -- drei Tage spurlos
-verschwunden! Fräulein Eschborn stellte vertiefte Betrachtungen an.
-Sie ging im Geist ihre Grundregeln durch. Keine war verletzt. Aber die
-erste vom Bezahlen schien jetzt in gewisser Gefahr. Konnte der Doktor
-sich französisch verabschiedet haben? Dagegen sprach, daß er sein Hab
-und Gut, sogar Mantel, Stock, die nötigsten Dinge, zurückgelassen
-hatte. Doch -- mochte es sein, wie es wollte -- sie entschloß sich, an
-Aufklärung zu denken.
-
-Sie ging nach dem Bakteriologischen Institut, denn sie entsann sich,
-daß Perthes von dort einmal den Diener gesandt hatte.
-
-Niemand, weder der Hauswart, noch der erste Assistent, noch Professor
-Hammann, wußte etwas von seinem Verbleib. Markwaldt hatte nur die
-tröstliche Auskunft: „Das verdrehte Huhn wird wieder mal seinen
-Laufkoller gekriegt haben!”
-
-Fräulein Eschborn war nicht befriedigt. Sie ging auf dem Rückweg ins
-Café Wagner, wo ihr Mieter zu essen pflegte. Der Doktor war dort seit
-vier Tagen nicht gesehen worden.
-
-Die Angelegenheit komplizierte sich.
-
-Gegen ihre Gewohnheit konferierte das Fräulein mit Perthes'
-Zimmernachbar, einem Referendar am Amtsgericht. Der gab ihr auf Grund
-seiner juristischen Kenntnisse den Rat, auf die Polizei zu gehen.
-Diesen äußersten Schritt verschob die Eschborn auf den kommenden
-Morgen. Ihr zwar erschütterter, aber noch immer achtungswerter
-Gleichmut sträubte sich gegen solche Exzentrizitäten. Auch hielt sie
-die Polizei für die natürliche Feindin aller anständigen Menschen.
-
-Und ihr Gleichmut behielt recht.
-
-Am folgenden Morgen, als sie in der Küche die nötigen Liter Wasser mit
-einem Aufguß von Kaffeebohnen und reichlicher Zichorie versetzte, wurde
-die Tür aufgestoßen, und Doktor Perthes erschien in einem Aufzug, der
-mehr als abgerissen war, auf der Schwelle. Der Lodenhut saß wie ein
-Fetzen über den zerzausten Haaren, und das Gesicht starrte blaß und
-übernächtig aus dem wirren Bart. Die weißen Sportschuhe waren über
-und über mit einer Kruste von Schmutz bedeckt. Der weiße, leichte
-Tennisanzug hatte sich grau und braun meliert.
-
-Fräulein Eschborn prallte erschrocken zurück. Sie wollte eben
-versichern, daß sie im Lokalwohltätigkeitsverein sei und keinen Pfennig
-gebe, als der Doktor rauh und herrisch nach Kaffee verlangte.
-
-Sie faßte sich. Ohne eine Frage zu wagen, goß sie ihm eine Tasse ein.
-
-Perthes trank sie in einem Zuge leer. Ebenso eine zweite. Mit einem
-barschen „Bin für nichts und niemand zu sprechen!” machte er kehrt und
-stieg die Treppe hinauf.
-
-Fräulein Eschborn dachte einen Augenblick betroffen über die
-Erscheinung nach. Sie schüttelte auch noch ein letztes Mal den Kopf.
-Dann war sie froh, daß keine Grundregel mehr in Gefahr war, zog sich
-in ihre jungfräuliche Selbstgerechtigkeit zurück und legte den Fall zu
-den Akten ihrer Erfahrung.
-
-Oben in seinem Zimmer warf sich Perthes, nachdem er die Schuhe in eine
-Ecke geschleudert, wie er war, auf sein Bett. Völlig erschöpft fiel er
-in einen bleischweren Schlaf.
-
-Erst gegen Abend weckte ihn ein tiefer, langhallender Donnerschlag.
-Er richtete sich auf und rieb sich die Augen. Draußen schoß der Regen
-in langen, glitzrigen Fäden hernieder. Fahle Wolken schoben sich
-träge über und an den Bergen entlang. Ein Hauch feuchter Luft quoll
-erquickend durchs offene Fenster herein.
-
-Langsam kehrte in Perthes die Erinnerung an die letzten Tage zurück.
-Er setzte die Geschehnisse, eines ums andere, in seinem Gedächtnis
-zusammen. Wie ein wunderseltener, tausendstrahliger Kristall, der
-mit jeder Stunde an Wert und Schönheit wuchs und sein Verlangen
-steigerte -- so war die Liebe zu Hilde König, der kindlichen,
-poetischen Ufernixe, in seiner Phantasie groß geworden. Alles
-außer ihr war vergessen und versunken. Seine sich übersteigernde
-Lust, diesen Kristall zu besitzen, trieb ihn nah und näher an das
-schimmernde Gebilde. Er streckte die Hände danach aus: da war es eine
-buntschillernde Seifenblase, die in eitel Dunst zerplatzte und zerfuhr.
-
-Als Perthes an jenem Vormittag, an dem er Marga seine Liebe zu Hilde
-König anvertraut, keinen Rat erhalten hatte und ganz auf sich selbst
-verwiesen worden war, hatte er einen letzten Versuch gemacht, die
-Leidenschaft, die ihn verzehrte, von sich abzuschütteln. Er zerpflückte
-seine Empfindungen und wollte sich klarmachen, daß er sich in einen
-Wahn hineingefühlt und hineingeredet hatte. Diese Liebe existierte so
-wenig, noch weniger als die Freundschaft, die eben erst so jämmerlich
-versagt hatte.
-
-Er ging nicht mehr am Ufer entlang, wie er sonst Abend für Abend getan.
-Er wich Hilde König aus, wenn er ihr begegnete.
-
-Um die törichte Liebelei vollends ganz aus sich zu verbannen, gab er
-sogar dem bisher erfolglosen Drängen Markwaldts nach und ließ sich in
-den akademischen Tennisklub einführen. Der freie, flotte Ton, der da
-herrschte -- so recht modern im Gegensatz zu der mehr altmodischen
-Innerlichkeit und Behaglichkeit des Richthoffschen Kreises --
-bestrickte ihn. Im Mittelpunkt stand Alice Hupfeld. Mit ihrer biegsamen
-Gestalt, ihrem kecken Gamingesicht, das herausfordernd aus einem
-leuchtenden Gewirr rotblonder Haare sprang, behexte sie die Herren
-und begeisterte die jungen Damen als Ideal eines schicken Mädels.
-Perthes war von ihrer launenhaften Art bald belustigt, bald geärgert.
-Er spielte mit Fräulein Exzellenz, wie sie mit ihm und mit aller Welt
-spielte. Nichts zu ernst nehmen, war ihre Devise, und diese Devise
-schien ihm wie gemacht für seine eigene erzwungene Stimmung ...
-
-Dann kam plötzlich der Rückschlag.
-
-Er hatte sich eingebildet, mit dem albernen Märchen am Flußufer
-fertig zu sein. Um sich dies vor sich selber zu beglaubigen, hatte
-er eines Abends wieder den gewohnten Gang gemacht. Hilde König war
-nicht auf ihrem Balkon. Sie plauderte mit einem der Herren des
-Ruderklubs unter der Haustür. Bei näherem Zusehen erkannte Perthes den
-Gymnasialprofessor, der die Boote von der Uferböschung aus mit der
-Schalltube zu kommandieren pflegte. Aller Vernunft zum Trotz wurde er
-von plötzlicher toller Eifersucht gepackt. Binnen wenigen Stunden war
-seine Leidenschaft heller und greller als je entfacht. Daheim, zwischen
-seinen vier Wänden, tobte er mit erregten Schritten auf und nieder.
-Er wollte ein Ende machen, eine Entscheidung herbeiführen um jeden
-Preis. Dies Hundeleben von Zweifeln und Kämpfen durfte nicht von vorn
-anfangen. Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einen Brief
-von vielen Seiten. Seine nervösen, unverbundenen Buchstaben flogen über
-das Papier wie ein Schwarm aufgescheuchter Krähen. Sich selbst, seine
-Natur mit ihren Fehlern und Vorzügen, seine Lebensauffassung, seine
-Gedanken über die Frau und über die Ehe, seine Aussichten im Beruf
-legte er in einem gewichtigen Referat nieder, wie es ein Beamter in
-ernstester Sache an seinen Ressortchef schreibt. Seine Gefühle faßte
-er volltönend zusammen: es gab nur einen Menschen, der ihn ganz zu dem
-machen konnte, was er sein wollte -- Hilde König. Daß er sie verehrte
-und liebte, mußte sie längst erraten haben; daß er ihr nicht völlig
-gleichgültig wäre, glaubte er jenem Blick und diesem Wort entnehmen
-zu dürfen. In einem kurzen Schlußsatz bat er deshalb allen Rechtens
-um ihre Hand. Wenn sie einverstanden war, wollte er mit ihren Eltern
-sprechen ...
-
-Als Perthes diesen Brief abgeschickt hatte, war er wie erlöst.
-
-Einen halben Tag lang kannte er sich nicht vor seliger
-Selbstzufriedenheit. Dann kam die Qual des Wartens von Post zu Post,
-des Hangens und Bangens von Morgen zu Abend und von Abend zu Morgen.
-
-Erst nach vier Tagen brachte der Briefbote ein zierliches Briefchen
-von lila Farbe, das Monogramm H. K. auf dem Rücken.
-
-Er riß es ungestüm auf.
-
-Die Antwort auf seine vielen Seiten bestand in vier oder fünf mit
-Kinderhand geschriebenen Zeilen: das bezaubernde kleine Ufermädchen
-schrieb, es sei über seinen Antrag außerordentlich betroffen und
-erschrocken; es hätte nie an so etwas gedacht und könne, jung wie es
-sei, auch heute noch nicht ernstlich daran denken ...
-
-Perthes war starr vor Überraschung.
-
-Er drehte die lilafarbene Briefkarte hin und her, als müßte er die
-eigentliche Antwort auf seinen kapitalen Brief erst noch finden. Daß er
-die ganze Erwiderung auf sein mit der Gründlichkeit eines Psychologen,
-dem Ernst eines gewissenhaften Mannes, der fieberhaften Wärme eines
-Liebenden geschriebenes Schriftstück in Händen halten sollte, begriff
-er erst im Verlauf von Stunden. Als er nicht mehr zweifeln konnte,
-zerriß er das Billettchen mechanisch in hundert Schnitzel und ließ sie
-aus dem Fenster flattern.
-
-Im Zustand öder Empfindungslosigkeit verbrachte er eine Woche oder mehr.
-
-Dann, eines Mittags, als er bei Tisch im Café Wagner den städtischen
-Anzeiger durchblätterte, fiel ihm eine liebevoll umzackte,
-schöngesetzte Anzeige in die Augen: Hilde König und Professor Enderlein
-empfahlen sich als Verlobte.
-
-Er las die Nachricht ein halbes dutzendmal. Bei der siebenten Lesung
-lachte er so laut und schallend, daß die Leute an den Nachbartischen
-ihn mißtrauisch anschielten, als hätten sie es mit einem Ausbruch
-plötzlicher Verrücktheit zu tun. Er hatte die Situation zu
-begreifen begonnen: der ernsthaftere und gediegenere Antrag des
-Gymnasialprofessors mit der Schalltube war geahnt worden, aber noch
-nicht eingetroffen, als der seine eintraf. Das kindliche Lilabriefchen
-verfolgte seine sehr klugen, dilatorischen Zwecke. Und als ...
-
-Perthes zog es vor, das Café zu verlassen, um nicht noch einmal der
-Gegenstand bedauernd-ängstlicher Blicke zu werden.
-
-Auf der Straße lachte er von neuem. Es klang dumpfer, härter,
-verbissener.
-
-Er schwänzte am Nachmittag das Institut. Gegen fünf warf er sich
-in sein Tenniskostüm und schlenderte den Fluß entlang, nach den
-Spielplätzen. Noch war er nicht an der Brücke vorbei, als seine
-künstliche Haltung zusammenbrach. Ein Sturm von Ekel, Verachtung,
-Schmerz und Wut ergriff ihn. Eine Weltverzweiflung ohnegleichen,
-ein Haß gegen sich und gegen die Menschheit insgesamt, gegen das
-ganze jämmerliche Erdendasein drohte ihn zu ersticken. Statt nach
-den Tennisplätzen lief er bis zum nächsten Dorf in der Ebene. Dann
-wieder bergwärts. In irgendeinem Wirtshaus an der Straße nächtigte er.
-In einem lichten Moment vertauschte er sein Tennisrakett leihweise
-mit einem Knotenstock. Drei Tage trieb er sich besinnungslos in den
-Bergen umher. Durch maßlose Anstrengungen suchte er den Aufruhr in
-seinem Innern abzumüden. Sein überreizter Kopf spielte mehr als einmal
-mit Selbstmordgedanken. Aber die Lilabriefkarte fiel ihm ein, die
-schöngezackte Verlobungsanzeige. Das Lächerliche, Niedrig-Komische, das
-in dieser Lösung einer von ihm bis in den Himmel gesteigerten Liebelei
-lag, bewahrte ihn vor der äußersten Torheit. Der „Laufkoller”, wie
-Doktor Markwaldt jenen Trieb getauft hatte, mit dem Perthes einer
-seelischen Unmäßigkeit durch eine körperliche Herr zu werden strebte,
-tat seine Schuldigkeit. Bis auf den Tod erschöpft, apathisch, innerlich
-und äußerlich abgerissen, kam er in Fräulein Eschborns Mietshaus zurück
-...
-
-Jetzt hatte er seine böse Wanderschaft ausgeschlafen wie einen Rausch.
-Was nachkam, war auch die grenzenlose Ernüchterung des Rausches.
-
-Perthes sprang vom Bett auf und trat ans Fenster.
-
-Das Gewitter vergrollte in der Ferne, dort, wo der Fluß zwischen
-einsamen Pappeln sich in der Ebene verlor. Die Sonne rang sich mit
-dunkelgoldenem Glanz aus dem abziehenden Gewölk, glitzerte sanft auf
-den Wellen und leckte die Dächer trocken. Die abendliche Luft in ihrer
-wiedergewonnenen Reinheit wehte kräftig gegen ihn.
-
-Mit Ungeduld entledigte er sich der beschmutzten Kleider. Als gelte
-es, mit dem körperlichen Menschen auch den seelischen reinzuscheuern,
-überschwemmte er sich und die halbe Stube mit Wasser. Erst als er sich
-von Kopf bis zu Fuß umgezogen hatte, gab er Ruhe und setzte sich in den
-rohrgeflochtenen Schaukelstuhl. Mit seltener, kühler Klarheit hielt er
-Kritik über sich und sein Dasein in den letzten Jahren. Wenn er alles
-Drum und Dran an aufgeputzten Gedanken und verstiegenen Gefühlen abtat,
-erschien er sich wie ein großer, unreifer Junge, der mit den Gliedern
-seines Leibes so wenig anzufangen wußte wie mit den Fähigkeiten seines
-Geistes und darum beide mißbrauchte. Er war kein Mann. Mochte er sich
-vormachen, was er wollte: dem bißchen Leben, das da auf ihn zugekommen
-war, um ihn zu prüfen -- dieser Verliebtheit und ihrer Enttäuschung
-hatte er seinen Mann nicht gestellt. Wie ein Junge -- jawohl, wie ein
-Junge hatte er in ohnmächtiger Wut den Boden gestampft, geschrien,
-geheult und war ausgerissen! Nicht mehr Zorn und Verzweiflung
-erfaßte ihn jetzt, sondern eine tiefe Traurigkeit, eine zerknirschte
-Beschämung, ein hoffnungsloses Gefühl des Verlassenseins. Er wie kein
-anderer gehörte zu den Männern, deren Schicksal sich an den Frauen
-entscheidet. Sein Charakter konnte nur in der Liebe Klärung, Halt,
-sich selber finden. All sein Suchen von Wissenschaft zu Wissenschaft
-galt doch nur der Leibhaftigkeit des Lebens und nicht dem Wissen. Er
-konnte nicht allein sein, weil er allein nicht mit sich fertig wurde.
-An einen Menschen außer sich mußte er sich klammern können, um seiner
-eigenen Kraft teilhaftig zu werden. Er mußte weiter suchen und würde
-doch nur immer irren. Sein zufassendes Temperament, das stets zuerst
-das Ziel begehrte, ermattete vor der trostlosen Ziellosigkeit einer
-ewigen Irrfahrt. Die Erschlaffung des Herzens löste die des Körpers
-ab. So allein wie er war niemand. So zur Einsamkeit verdammt und zur
-Zweisamkeit geschaffen. Diese Erkenntnis hatte er gewonnen, und im
-gleichen Augenblick, wo sie sich ihm gab, drückte sie ihn zu Boden.
-
-Es hatte an die Tür seines Zimmers gepocht, ohne daß er darauf geachtet.
-
-Das Klopfen wurde wiederholt, und Perthes rührte sich nicht. Er hatte
-ja gesagt, daß er nicht gestört sein wollte. Vergeblich drückte der
-Einlaßbegehrende die Klinke nieder. Die Tür war verschlossen. Ein
-unwilliges Brummen ließ sich von draußen hören. Dann erfolgte ein
-Rascheln auf der Schwelle, und durch die Spalte unter der Tür schob
-sich ein Brief.
-
-Der Briefbote stapfte laut die Treppe wieder hinunter.
-
-Bei dem raschelnden Geräusch hatte Perthes unwillkürlich den Kopf nach
-der Tür gewandt. Er sah den eingeklemmten Brief.
-
-Der konnte warten.
-
-Schließlich erhob er sich doch und nahm ihn auf.
-
-Die Adresse war in einer kecken, schnörkellustigen Damenhandschrift
-hingeworfen, die er nicht kannte. Nachlässig öffnete er das Kuvert. Ein
-Bogen mit Blindenschrift fiel ihm entgegen.
-
-Marga Richthoff stand mit Bleistift, schief, aber in sicheren Zügen
-unter den Punkten.
-
-Halb neugierig, halb mißtrauisch las er die Zeilen.
-
-Er legte das Blatt auf den Tisch, stützte die Arme auf und beugte sich,
-den Kopf zwischen die Hände fassend, darüber.
-
-Da gab es also doch jemand, der sich um ihn kümmerte.
-
-Seltsam!
-
-Seine Mundwinkel zuckten bitter. Er überlegte. In den letzten
-Wochen hatte er blutwenig an Marga gedacht. Wenn sie einmal vor ihm
-auftauchte, drängte er sie in dem Mißbehagen über die unerfreuliche
-letzte Begegnung beiseite. Vollends in den Tagen seines unsinnigen
-Umhertreibens war sie für ihn wie ausgelöscht gewesen.
-
-Und jetzt ging von ihren paar Zeilen, die so einfach und gerade waren,
-ein eigentümlich beruhigendes, warmes Gefühl auf ihn über. Er verglich
-diese Zeilen im Geist mit dem nichtssagenden Billett von Hilde König,
-das seine Krisis eingeleitet hatte, und Margas Gesicht tauchte vor ihm
-auf: das weiche, verlittene und doch von einer inneren Sonne verklärte
-Gesicht der Blinden, ihre ruhigen Bewegungen, ihre sanfte Bestimmtheit
-in Wort und Ton. Er meinte die blicklosen, tiefen Augen mit ihrem
-anspruchslosen zarten Blau dringend und bittend sich zugewandt zu
-sehen. Wie mit einer geheimen Fernkraft, die in dem Stückchen Papier,
-den paar Punkten und den paar Buchstaben des Namenszuges ihre Leitung
-gefunden, wirkte ihr Wesen auf ihn. Noch nie war ihm die große, reife
-Stille dieses Wesens so lebendig nahegetreten. Warum hatte er sie nicht
-früher so klar erkannt wie jetzt? Warum hatte er ihr nicht fester
-vertraut? Warum hatte er sich so schnell abkühlen lassen und war
-nicht zu ihr gegangen, statt sich närrisch und kindisch auszutoben?
-„Ihre Freundin ist in Sorge um Sie” -- das waren die Worte, die er
-sich wiederholte und immer wiederholte. Sie wollte ihm helfen; sie
-hatte nicht wissen können, wie schwach er war, als sie ihn auf sich
-selber verwies. Jetzt, durch ihre Zeilen hatte sie ihm geholfen! Ein
-Hauch des Friedens, nach dem er sich sehnte, streifte ihn. Er war
-nicht ganz allein. Der Druck der Einsamkeit wich, und dafür wuchs eine
-leise Freude in ihm auf. Eine Dankbarkeit, die durch das Bewußtsein,
-Marga unrecht getan, sie verkannt, sie noch nie in ihrem vollen Wert
-geschätzt zu haben, zu einer Schuld wurde, die er abtragen wollte. Er
-mußte ihr etwas Gutes erweisen. Ihr seine Achtung, seine Verehrung,
-seinen Dank bezeugen. Und wie er nun einmal war, mußte er es gleich
-tun, gleich -- es duldete keinen Aufschub! Er hatte sie lange genug
-vernachlässigt!
-
-Eine Minute später stürmte Perthes die Treppe hinunter, die er am
-Morgen erschöpft heraufgekrochen war. Im Hausflur hätte er um ein Haar
-Fräulein Eschborn umgestoßen, die ihren Augen nicht traute, als der
-Doktor mit freundlichem Kopfnicken, vergnügt und tadellos gekleidet,
-an ihr vorbeischoß. Kein Zweifel -- der Mieter von Nummer eins gehörte
-einer Spezies zu, die ihr doch noch nicht vorgekommen war.
-
-Perthes lief, nur seiner Eingebung folgend, dem nächsten besten
-Blumengärtner in den Laden. Er wollte Rosen haben. Rote? Nein. Rote
-paßten nicht. Weiße? Die hatten etwas Trauriges. Rote und Weiße, so
-ungefähr einen Armvoll.
-
-Mit dieser Bürde eilte er nach der Straße am Wenzelsberg.
-
-Er sah weder rechts noch links. Er bemerkte deshalb nicht, daß
-unterschiedliche Spaziergänger, die ihm begegneten, über sein blindes
-Rennen und über seinen Arm voll Rosen die Köpfe schüttelten. Er sah
-auch Alice Hupfeld nicht, die, vom Sportplatz zurückkehrend, wo man der
-Nässe wegen doch nicht hatte spielen können, mit Markwaldt an einer
-Ecke plauderte und bei Perthes' Anblick eine vieldeutige Grimasse
-schnitt. Erst in der Nähe des Richthoffschen Hauses verlangsamte er
-seinen Lauf.
-
-Er sah auf die Uhr. Es war gleich halb acht. Soviel er sich entsinnen
-konnte, also die Zeit, wo bei Richthoffs Abendbrot gegessen wurde. Dann
-blickte er auf seine Rosen. Eigentlich -- genau genommen -- das, was er
-wollte, hatte seine Bedenken. Wenn ihm der alte Herr entgegenkam? Wenn
--- und wenn ... Ein Wenn ums andere verzögerte seinen Schritt.
-
-Er war dicht am Haus. Dort war der Vorgarten, über der Mauer, hinter
-der geflochtenen Eisenbalustrade. Er ging auf die andere Seite der
-Straße. Da saß richtig jemand unter den Kastanien. Es war Marga. Sie
-hatte sich eine Decke auf die Bank gelegt. Die Abendsonne hatte den
-Kiesboden leidlich getrocknet, und sie genoß die regenfrische Luft. Als
-er sie gewahrte, sank ihm erst recht der Mut. Die Scheu, nach dem, was
-er eben erst hinter sich hatte, unvermittelt vor sie hinzutreten, hielt
-ihn unschlüssig zurück. Sollte er umkehren? Bis morgen warten?
-
-Ratlos wandte er den Blick hinter sich, die Straße hinunter.
-
-Leicht und schnell kam ein junges Mädchen um die Ecke der nächsten
-Seitenstraße, in einer duftigen weißen Bluse.
-
-Es war Elli.
-
-Mit ein paar Schritten war Perthes bei ihr. Er grüßte: „Wollen Sie mir
-einen großen Gefallen tun, Fräulein Richthoff?” fragte er hastig und
-ohne Umschweife.
-
-Elli sah ihn aus schalkhaften Augen verwundert, ein klein wenig
-spöttisch an.
-
-„Bitte, geben Sie das Fräulein Marga!” Er reichte ihr seinen Bund von
-weißen und roten Rosen.
-
-„Aber, sie sitzt ja dort!” lachte Elli. „Bringen Sie ihr's doch selbst!”
-
-„Das geht nicht! Nein, nein --” wehrte Perthes und drängte ihr den
-Strauß in die Hände.
-
-„Und was soll ich bestellen?”
-
-„Gar nichts, oder doch --” Er überlegte. „Doch, sagen Sie -- sagen
-Sie, dem Freund sei geholfen! Er danke der Freundin!” Und als fürchte
-er irgendwelche Einwände, schwenkte er seinen Hut und machte sich
-schnurstracks davon.
-
-Elli besann sich nicht lange. Das Haustor erreichen, die Stufen
-hinaufspringen und auf Marga zueilen, war eins.
-
-„Da, Margakind, da!” Sie schob den duftenden Strauß der Schwester so
-heftig entgegen, daß diese betroffen zurückfuhr.
-
-„Aber was ist denn nur?” stammelte Marga.
-
-„Von Doktor Perthes!” erklärte Elli außer Atem und triumphierend. Dann
-wiederholte sie getreu seine Worte: Dem Freund sei geholfen. Er danke
-der Freundin!
-
-Und Marga ergriff das lockere volle Gebinde mit zitternden Händen. Sie
-vergrub ihr Gesicht tief, tief in die roten und weißen Rosen ...
-
-
-
-
-6
-
-
-Es war erst Anfang Juli und noch vier Wochen bis Semesterschluß.
-Trotzdem hatte Vater Richthoff, unerwartet und überraschend,
-beschlossen, zu reisen. Er brach seine Vorlesungen und Seminarübungen
-ab. Als ausgemachte Sache verkündigte er seinen Mädels, daß er nach
-Kissingen fahre. Käthe solle ihn begleiten. Es war Mittwoch. Bis
-spätestens Montag müsse man fahren können.
-
-Kein Wunder, daß dieser allerhöchste Ukas das Haus am Wenzelsberg von
-oben bis unten umkehrte. Die Mädels hatten, zum mindesten in der Idee,
-so viel zu tun, daß sie gar nicht wußten, wo anfangen. Es galt nicht
-nur tausend Dinge zu besorgen, sondern, was noch viel zeitraubender
-war, zu bereden. Nach den Gründen zu forschen, die den jähen Aufbruch
-des alten Herrn veranlaßten, getrauten sie sich nicht.
-
-Diese Gründe würde der alte Herr auch keinesfalls verraten haben. Sie
-waren ihm selbst erst zwei Tage vor dem Entschluß einleuchtend gemacht
-worden. Und zwar vom Arzt. Seine „Bande” brauchte von der fatalen
-Vorgeschichte nichts zu wissen.
-
-Am Montag war, wie alle vierzehn Tage, Kegelabend gewesen. Da pflegten
-sich der Geheimrat, Wilmanns, Borngräber und einige Freunde von
-verschiedenen Fakultäten gemütlich in einer bejahrten Schenke am
-Haspelgraben zu treffen und ihrer wissenschaftlichen Übersättigung
-im Kegelschieben Luft zu machen. Außerdem wurde auch das Neueste
-vom Neuen aus akademischen Kreisen kolportiert und glossiert. Nur
-so nebenbei, aber mit vernichtendem Witz. Jede Fakultät hatte dafür
-ihren Spezialisten. Den Klatsch der philosophischen bearbeitete Papa
-Wilmanns; den juristischen gab Geheimrat Roller, ein Epikureer mit
-ehrwürdigem Faungesicht, sehr pikant zum besten. Der theologische
-troff süß und lieblich aus dem sanften Mund des Professors Hegewald,
-eines beliebten Damenpredigers von weicher, hoher Christusgestalt;
-den naturwissenschaftlich-mathematischen brachte Krausewetter, ein
-dicker, sehr cholerischer Herr, der alle Entdeckungen anderer schon
-lange vorher gemacht und nur, da sie ihm nebensächlich erschienen
-waren, verschwiegen hatte. Dem medizinischen endlich widmete sich mit
-trockenem, sachlichem Spott Geheimrat Geismar, in seiner nüchternen,
-bescheidenen Zurückhaltung der wandelnde Gegensatz seines Kollegen
-Hupfeld, der vielbesprochenen chirurgischen Exzellenz, die, erhaben
-über das kegelnde Banausentum, ihre eigene, nicht minder einflußreiche
-Sphäre hatte. Man tat niemand weh in der Kegelbahn am Haspelgraben.
-Dafür sorgten gutmütige Brummgeister wie Richthoff und naive
-Kindergemüter wie Jakobus Borngräber. Aber man verschonte auch niemand.
-Auch sich selber nicht.
-
-Hier ereignete es sich nun, daß Vater Richthoff mitten im Spiel von
-einer Unpäßlichkeit befallen wurde. Professor Kreth, der liebenswürdige
-Direktor der Universitätsbibliothek, hatte gerade den klassischen
-Ausspruch eines norddeutschen Bibliothekars zitiert: Die Bibliotheken
-wären herrliche Institute, wenn nur das verdammte Publikum nicht wäre!
-Die Heiterkeit war allgemein. Richthoff trat als nächster Spieler
-an. Ehe er noch die Kugel abschieben konnte, wurde er von Schwindel
-befallen, schwankte und mußte von den besorgten Freunden geführt und
-niedergesetzt werden.
-
-Geismar sprang sofort bei.
-
-Etwas Äther, ein Glas Kognak genügte, um den alten Herrn wieder zu
-ermuntern. Er schlug die Augen auf. Als er sich dann von lauter
-verdutzten Gesichtern umgeben sah, lächelte er. „Na, mein lieber
-Hegewald,” scherzte er dem Theologieprofessor zu, „mit der schönen
-Grabrede ist es diesmal noch nichts!”
-
-„Ein Racheakt, Kollege Richthoff!” erklärte der gleich wieder spaßende
-Wilmanns. „Ein ganz infamer Racheakt Ihrer römischen Kaiser, sage ich
-Ihnen!”
-
-„Ohne Zweifel,” meinte Geismar ernsthafter, während er Richthoff
-forschend beobachtete, „Sie müssen in den letzten Wochen des Guten
-zuviel getan haben.”
-
-Borngräber, der mit seinen kugelrunden Augen verwundert aus dem
-krausbärtigen Gesicht sah, rezitierte tiefsinnig aus dem Arabischen:
-„Keine Krankheit ist schlimmer als Unverstand.”
-
-„Ach was! Diese verwünschten Prätorianer werden mich noch lange nicht
-kleinkriegen. Noch weniger als der brave Nerva!” Vater Richthoff
-stand auf, reckte sich, zog die buschigen Augenbrauen in die Höhe,
-zum Zeichen, daß er sich pudelwohl fühle, und kommandierte: „An die
-Gewehre!”
-
-Mit voller Kraft schob er seine Kugel.
-
-Der Zwischenfall war erledigt.
-
-In bester Laune spielte man wie sonst, bis nach elf Uhr, und ging nach
-einem letzten Schoppen und einer vorletzten Zigarre angeregt heimwärts.
-
-Geismar, der in der Neustadt wohnte, schloß sich auf dem Nachhauseweg
-Richthoff an und begleitete ihn bis vors Haus. Um sich noch
-auszulüften, wie er vorgab. „Haben Sie schon öfter mal solche kleinen
-Klapse gehabt, Kollege?” forschte er beiläufig vor dem Abschied.
-
-„Nicht daß ich wüßte!” erwiderte der alte Herr. „Hat ja wohl auch
-nichts Großes zu bedeuten?” warf er nach einer Weile im Ton der Frage
-hin.
-
-„Glaube kaum,” meinte Geismar. „Aber für alle Fälle, lieber Richthoff,
-machen Sie mir mal morgen das Vergnügen und kommen Sie zu mir.”
-
-„Womöglich gleich in die Klinik?” scherzte Richthoff abwehrend.
-
-„Nur in die Privatwohnung. Zwischen vier und fünf Uhr. Auf einen
-Sprung.”
-
-Der alte Herr wollte nichts davon wissen.
-
-Aber Geismar redete ihm mit so freundschaftlicher Bestimmtheit zu, daß
-er, der vorgerückten Stunde wegen, versprach, die Sache in wohlwollende
-Erwägung zu ziehen.
-
-Der alte Herr dachte ursprünglich durchaus nicht daran, Geismars
-Einladung nachzukommen. Aber er schlief schlecht, und gegen Morgen
-stellten sich erneute Beklemmungen ein. Da sagte ihm seine Vernunft,
-bei seinen Jahren und angesichts der großen Arbeit, die noch vor ihm
-lag, möchte es doch ratsam sein, mit sich hauszuhalten. Er stellte sich
-also am Nachmittag bei Geismar ein. Was dieser schon bei dem gestrigen
-Anfall vermutet hatte, ergab auch die Untersuchung: eine ziemlich
-vorgeschrittene Arterienverkalkung. Doch sagte er davon Richthoff
-nichts, sondern empfahl ihm nur für die Zukunft ein bißchen Diät:
-weniger rauchen, wenig Alkohol und dergleichen. Vor allem aber und
-sofort eine mehrwöchige Ausspannung. Womöglich mit einer leichten Kur
-in Kissingen. Später Schweiz oder Bayern. Ohne Bergsteigen natürlich!
-
-Vater Richthoff gehörte zu den Naturen, die sich unangenehme
-Aufklärungen, wenn sie ihnen nicht gerade aufgezwungen werden, gern
-ersparen. Deshalb interessierte es ihn nicht weiter, auf was Geismar
-diagnostiziert hatte. Er gab sich damit zufrieden, daß er, wie alle
-älteren Leute, sein Herz nicht zu sehr strapazieren dürfte. Der
-erste Halbband der Kaisergeschichte war druckfertig. Er fühlte sich
-auch geistig etwas erfrischungsbedürftig, zumal da er die ersehnte
-Italienreise in diesem Frühjahr sich immer noch nicht vergönnt hatte.
-Trotzdem wetterte er über die Ratschläge seines ärztlichen Kollegen.
-Doch der war Menschenkenner genug, um hinter den Ausfällen des alten
-Herrn eine halbe Bereitwilligkeit zu entdecken und sie durch kluges
-Zureden in eine ganze zu verwandeln.
-
-Der Erfolg blieb nicht aus.
-
-Am Mittwoch früh, nachdem der Geheimrat die Sache noch einmal
-beschlafen, erfolgte der bekannte Frühstückserlaß: „Will am Montag mit
-Käthe für ein paar Wochen nach Kissingen. Später vielleicht Schweiz.
-Das Erforderliche vorbereiten!” --
-
-Käthe war erfüllt von der Auszeichnung, die ihr zuteil wurde. Der
-alte Herr pflegte sonst seine Reisen meist allein zu machen. Es waren
-vorzugsweise Studienreisen gewesen, aber auch wenn er auf Erholung
-reiste, legte er nachdrücklichen Wert darauf, die „Weiberwirtschaft”
-los zu sein. Wohl einer Anregung des Arztes folgend, hatte er diesmal
-anders entschieden, und Käthe kam denn auch ihrer Aufgabe, „das
-Erforderliche vorzubereiten”, mit all dem peinlichen Eifer und der
-geschäftigen Wichtigkeit nach, die einen wesentlichen Zug ihres
-Charakters ausmachten.
-
-Für Elli und Marga, die sie rechtschaffen herumkommandierte, war es
-gar nicht so leicht, diese schwesterliche, etwas herbe Überlegenheit
-zu ertragen. Marga, glücklich in dem wiedergewonnenen Besitz ihrer
-Freundschaft mit Perthes, der wie in früheren Tagen ungezwungen im
-Hause aus und ein ging, fügte sich geduldig. Aber zwischen Elli und
-Käthe kam es ein paarmal zu harten Auseinandersetzungen und hochroten
-Köpfen.
-
-Das Ergebnis solcher kleinen Reibungen war, daß die beiden Jüngeren,
-die durch Margas Geheimnis noch besonders verbunden waren, sich um
-so enger zusammenschlossen. Sie bauten ihre eigenen, hoffnungsfrohen
-Sommerpläne, denn etwas mußte ihnen Papa doch auch zugestehen! Wenn
-Käthe eine so „erwachsene” Reise mit ihm machen durfte, erst ins Bad
-und dann womöglich noch in die Schweiz, so durften sie nicht ganz
-leer ausgehen. Das sah der alte Herr auch ein. Sie sollten ihre
-Sommerfrische haben. Sie mußte aber möglichst nahe sein, denn Haus und
-Garten mußten überwacht werden können. Und sie sollte so bescheiden und
-billig sein, als sie sich nur finden ließ. Das verstand sich von selbst.
-
-Nach längeren parlamentarischen Verhandlungen wurde das von Marga und
-Elli ausgearbeitete und höchsten Orts vorgelegte Projekt genehmigt: die
-beiden sollten Mitte des Monats für einige Wochen in der „Sägemühle”
-Quartier nehmen. So hieß ein bekanntes kleines Gasthaus, eine Stunde
-flußaufwärts von der Stadt -- „an Wald und Wasser lieblich gelegen”,
-wie es in den Prospekten hieß. Daß sie, vertrauensvoll sich selber
-überlassen, keine Dummheiten machen durften, das wollte Vater Richthoff
-sich ausgebeten haben! Dafür waren sie seine Töchter und alt genug,
-um zu wissen, was sie tun und lassen mußten. Im übrigen wurden für
-alle Fälle die Eltern Wilmanns mit einer feierlichen Vizevormundschaft
-betraut.
-
-Bis Sonntag hatte Käthe mit Hilfe der Schwestern alle Vorbereitungen
-getroffen.
-
-Die kleinen Zänkereien waren vergessen, die drei Mädchen befanden
-sich in einer friedfertigen, durch den Abschied und die lockenden
-Sommerpläne teils wehmütig, teils heiter erregten Stimmung: sie
-gingen Arm in Arm durchs Haus oder auf den Weinberg. Es war ein
-warmer, sonnenheller Tag, und der Feierklang der Kirchenglocken
-flutete vom Tal die grünen Berghänge hinauf. Nachmittags -- die
-Koffer waren gepackt, und nur im Arbeitszimmer des Geheimrats stand
-noch eine Riesenhandtasche, die jederzeit in ihren offenen Schlund
-wahllos die unglaublichsten Zettel und Broschüren von dringendster
-Unentbehrlichkeit aufnehmen konnte -- nachmittags gab es noch einen
-lustigen Familienkaffee, den Vater Richthoff mit seiner Anwesenheit
-auszeichnete. Er war so aufgekratzt wie selten, voll kindlicher Freude
-auf die bevorstehende Reise. Sogar ein Bocciaspiel im Hof schlug er
-ganz von sich aus vor und beteiligte sich mit jugendlicher Munterkeit
-am Werfen und Treffen der bunten Holzkugeln, die er vor Jahren aus
-Italien mitgebracht hatte. Elli und Marga ließen sich von seiner
-Fröhlichkeit anstecken. Zumal wenn Marga, die ja mehr oder minder aufs
-Geratewohl die Kugeln schleudern mußte, einen Treffer machte, gab es
-ein lautes Hallo des Beifalls.
-
-Käthe spielte mit zerstreutem Ernst. Sie wälzte in ihrem gründlichen
-Köpfchen, unter der dunkelbeschatteten, herrisch-aufrechten Stirn seit
-einigen Stunden eine Aufgabe, die sie auf den letzten Tag verschoben
-hatte, weil sie immer nicht recht Zeit oder Mut oder Stimmung gefunden
-hatte, sie auszuführen.
-
-Sie mußte nämlich noch mit Marga reden. Aus einem ganz bestimmten
-Grund. Es galt, der Schwester gegenüber eine Pflicht zu erfüllen, die
-ihr auf dem Gewissen lastete. Sie war ja sozusagen das Gewissen des
-Hauses. Sie fühlte sich für alles und jeden verantwortlich. Und für
-Marga noch im besonderen.
-
-Eine Aussprache -- Käthe war eine Meisterin in „Aussprachen” -- war
-unvermeidlich. Sie faßte sich indessen erst nach dem Abendbrot ein Herz.
-
-Während Elli für Vater Richthoff dies und das, was ihm jetzt erst als
-Neuestes und Wichtigstes einfiel, herbeiholte, nahm sie Margas Arm und
-lud sie zu einem Gang auf den Weinberg ein.
-
-Einträchtig stiegen sie aufwärts, da und dort an den Stachelbeerbüschen
-und Johannisbeersträuchern im Vorbeigehen naschend.
-
-Käthe schmiegte sich mit einer Zärtlichkeit an Marga, wie sie ihrer
-herberen Art sonst nicht eigen war.
-
-Marga ahnte nichts. In ihrer Seele war, zumal jetzt, wo die Trennung
-ihre Empfindungen mit einer zarten Melancholie begleitete, kein Platz
-für Argwohn oder Mißtrauen. Noch nie war sie so sicher im Gefühl ihrer
-inneren Unendlichkeit und ihrer äußeren Begrenztheit gewesen wie
-in diesen Tagen, die ihr die Freundschaft mit Perthes vertieft und
-bereichert wiedergeschenkt hatten. Noch nie hatte aber auch ein Mensch,
-geschweige ein Mann, sie so in ihrem eigensten Wesen geachtet, wie er
-es jetzt tat und in jedem Wort, jeder Handlung ausdrückte. Das gab ihr
-eine zufriedene Heiterkeit, die sie wärmte und von innen nach außen
-verklärte.
-
-Sie waren jetzt auf dem Philosophenweg angelangt. Atemholend nach der
-Steigung, schritten sie langsam in dem Laubengang von einem Ende zum
-anderen. Die Sonne lugte noch golden durchs wilde Reblaub. Von weiter
-unten im Garten, wo es unmerklich dämmerte, hörte man vorlaute Grillen
-zirpen und wieder verstummen.
-
-Käthe fand den Moment gekommen, um ihr Anliegen vorzubringen. Die
-Überlegung hatte ihr feinliniges Gesicht etwas verschärft, die Erregung
-es leicht gerötet. Sie strich sich über die Stirn und das wohlgeordnete
-dunkle Haar. Dann legte sie die freie Hand in die Hüfte, als wollte
-sie sich auch äußerlich einen gewissen feierlichen Halt geben.
-
-„Setzen wir uns ein wenig, Margakind.” Sie brauchte diesen
-Schmeichelnamen, der von Elli stammte, fast nie; heute drängte er sich
-ihr unwillkürlich auf die Lippen. „Ich möchte noch etwas mit dir reden.
-Etwas sehr Ernstes, Zartes, was außer uns niemand hören darf.” Sie
-führte Marga zu der Bank, die am nächsten Ende des Ganges stand.
-
-Dort ließen sie sich nieder, und Käthe nahm Margas rechte Hand in die
-ihrige.
-
-Marga wußte nicht, was diese Vorbereitungen bedeuten sollten. Sie gab
-sich geduldig darein und horchte mit einem halb neugierigen, halb
-verwunderten Lächeln.
-
-„Du darfst mir aber ja nicht böse sein, hörst du?” hob Käthe lebhafter
-wieder an. „Ich meine es nur gut mit dir, und wenn ich mich irgendwie
-täusche, so nimm's nicht übel. Es geschieht nur aus Liebe!”
-
-„Aber was gibt's denn nur, Käthe?” fragte Marga mit zunehmendem
-Staunen. „So sprich doch geradezu! Was willst du mir sagen?”
-
-„Weißt du, Margakind, so einfach, wie du dir's denkst, ist das nicht.
-Ich hab' mir's lange überlegt. Oftmals dacht' ich, ich wollte mich gar
-nicht hineinmischen. Aber schließlich sagte ich mir immer wieder: Ich
-bin die Ältere! Elli, der du vielleicht mehr Vertrauen schenkst als
-mir, ist so jung, manchmal so toll und unvernünftig. Sie meint es gewiß
-immer sehr gut. Aber raten, besonnen und fest raten kann dir doch das
-Kleinchen nicht!”
-
-Marga wurde mit jedem Wort betroffener. Ein kaltes, enges Gefühl
-beschlich sie. Diese Andeutungen drückten sie. Sie spürte, daß jemand
-die Tür zum Allerheiligsten ihres Herzens aufmachen wollte, und sperrte
-sich dagegen. Unwillkürlich hatte sie ihre Hand der Schwester entzogen
-und steckte sie hinter ihren Rücken. „Was willst du mir denn raten?”
-fragte sie mit einem eigentümlich dunklen, schweren Ton.
-
-„Du sollst nicht meinen, Marga, daß ich mich in dein Vertrauen
-eindrängen will,” versicherte Käthe.
-
-Aber du tust es ja doch! schwebte es Marga auf der Zunge. Doch hielt
-sie die Worte zurück.
-
-„Ich tue nur, was ich für meine Pflicht halte. Und ich erwarte ja auch
-gar nicht, daß du mir dankbar dafür bist. Das kannst du jetzt noch
-nicht. Später wirst du mir's einmal danken, das weiß ich!” Käthe hatte
-ganz ihre altkluge, mütterliche Würde gefunden, wie sie sie brauchte.
-Die anfänglich erregte Hast ging mehr und mehr in eine gutgemeinte,
-aber etwas lehrhafte Nüchternheit über. „Warum so viel Umschweife
-machen? Du hast recht. Ich möchte einmal frei und ehrlich mit dir über
-deine Freundschaft mit Doktor Perthes reden, Marga. Glaub' mir, ich
-hab' viel darüber nachgedacht. Über die Freundschaft von Mann und Frau
-überhaupt. Du darfst mir schon ein Urteil zutrauen. Ich kann im Leben
-draußen so viel mehr sehen und erfahren als du. Ich glaube nicht, daß
-es diese Freundschaft gibt. Und wenn sie's gibt, ist sie immer nur ein
-Übergang. Und der, der zuerst hinübergeht zu etwas anderem -- verstehst
-du mich, Margakind? -- der kann sehr, sehr unglücklich werden, wenn
-der andere nicht nachfolgt. -- Jetzt ist's heraus. Das wollte ich dir
-sagen!”
-
-Käthe umschlang die Schwester, als wollte sie sie tröstend an sich
-ziehen.
-
-Marga erwiderte die Umarmung nicht.
-
-Schlaff ließ sie ihre Hände niederhängen und bog ihren Kopf zurück, um
-sich Käthes Liebkosung zu entziehen. Das Herz war ihr wie zugefroren
-bei diesen besonnenen Worten, und die Kälte teilte sich ihrem Körper,
-ihrem Antlitz mit. Und doch stieg es sommerwarm auf vom Gras und von
-den Blumen. Der Wind fächelte mild von der Ebene nach den Bergen
-herüber, und die Grillen zirpten ringsum in der wachsenden Dämmerung.
-
-Käthe in ihrem Eifer nahm Margas Schweigen für ein Bekenntnis. Sie
-wurde noch beredter und eindringlicher. Vielleicht, ja gewiß wußte
-Marga selber nicht, was in ihr sich vorbereitete. Sie sollte sich
-nicht täuschen lassen durch Perthes' Liebenswürdigkeit. Die Männer,
-und zumal solche Männer, die sie, Käthe, durch und durch kannte,
-dachten sich nichts bei einem temperamentvollen Wort, einem Handkuß,
-einem Strauß Rosen, den sie in einer Laune ihren Freundinnen in den
-Schoß legten. Sie wollte ja Marga nur warnen. Gerade jetzt, wo sie
-und Elli allein blieben. Sie sollte sich bewachen; lieber zu schroff
-als zu entgegenkommend sein; sich doch ja kein Gefühl einreden, das
-nicht Wahrheit werden konnte. Käthe gab sich ganz nach; sie ließ
-sich fortreißen von jener liebevollen Lieblosigkeit, der nur Frauen,
-und die nur untereinander fähig sind, jenem Gemisch von Güte, Neid,
-Hingebung, falscher Mütterlichkeit -- der ganzen Weiblichkeit, wie
-sie natürlichste Natur ist -- schön und häßlich in einem. Ihre
-Redeflut, die selbstgewiß und selbstgefällig in den weichen Sommerabend
-hinausfloß, endigte in einem Appell an Margas Charakter: sie war stark
-genug, um zu entsagen. Wozu brauchte sie die Liebe eines Mannes, die
-ihr nun einmal vorenthalten sein mußte? Sie hatte ja Kraft und Liebe
-genug in sich und um sich. „Glaub' mir, Margakind, und wenn du's heute
-nicht glauben kannst, glaubst du's morgen. Goethe hat recht, wenn er
-sagt ...”
-
-Marga hörte nicht, wie recht Goethe hatte. Sie hörte überhaupt längst
-nicht mehr, was Käthe sprach. Sie fühlte nur, daß ein Unberufener
-nun doch mitleidslos sich eingedrängt hatte in das zarte Geheimnis
-ihres Herzens. Sie hätte aufschreien mögen: Hände weg von meiner
-Seele! -- aber dann war es schon zu spät. Diese Hände tappten und
-tasteten, suchten und fanden, und legten sich grausam auf die Wunde,
-die sie ängstlich behütet, fürsorglich verbunden und verborgen hatte.
-Nun brach sie auf und blutete. Es weinte in Marga vor Schmerz. Und
-gleichzeitig empörte es sich in ihr gegen die Entweihung. Wer war
-die, die es wagen durfte, so mit ihr zu reden? Woher nahm sie das
-Recht, ihr Vorschriften zu machen? Ihr, die längst all das in sich
-beraten und durchgekämpft? Die sich nichts, aber auch gar nichts von
-dem erlassen und geschenkt hatte, was ihr jetzt mit fast übermütiger
-Selbstzufriedenheit vorgehalten wurde? Was kaum je bei ihr geschah: sie
-verlor ihre Beherrschung. Ihre Besinnung wurde übertäubt von dem einen
-leidenschaftlichen Wunsche: Fort! Nichts mehr hören! Nichts antworten!
-Laufen -- weit, weit! Bis ans Ende der Welt, um allein zu sein, allein
-mit sich, seinem Leid, seiner Bürde, seinem Geheimnis hoffnungsloser
-Liebe!
-
-Mit einem jähen, heftigen Ruck, der Käthes Hände unsanft von ihr löste,
-war sie aufgestanden. „Ich danke dir, Käthe!” rang es sich fremd aus
-ihrem Mund. „Überlaß das nur mir. Ich bin immer allein mit mir fertig
-geworden. Ich brauche niemandes Hilfe, um zu wissen, was ich vom Leben
-erwarten und annehmen darf, was nicht!”
-
-Verdutzt blickte Käthe an ihr empor. So hatte sie Marga, die Sanfte,
-Verträgliche, Geduldige, noch nicht sprechen hören. „Aber Marga, du --”
-
-„Wenn ich einsam sein soll, so achte auch du meine Einsamkeit. Mehr
-kann ich dir nicht antworten.”
-
-Käthe schwieg. Wie Marga jetzt vor ihr stand, im Schatten der Dämmerung
-gegen den verblassenden Abendhimmel sich hoch und stolz abzeichnend,
-die Lippen aufeinandergepreßt, die Augen streng und abweisend in die
-Ferne gerichtet, fühlte sie, die Ältere, die Erfahrenere und Sehende,
-sich einen Augenblick klein, unbedeutend mit all ihrer Altklugheit --
-gegen die Blinde, die so sicher und stark auf ihren Weg hinaussah.
-
-Nur einen Augenblick.
-
-Dann erhob sie sich aus dieser verstohlenen Demütigung doppelt
-gekränkt, verkannt und erbittert.
-
-Aber ehe sie dafür den rechten Ausdruck fand, hatte sich Marga am
-Geländer der Laube entlang getastet. Sie eilte die Steinstufen hinab
-und lief den Zickzackweg hinunter -- ohne Hilfe, behend wie ein
-Sehender, sicher geleitet von jenem fast übernatürlichen Instinkt, den
-die Erregung noch schärfte.
-
-Käthe wollte ihr nach. Sie rief ihren Namen. Es war Marga verboten,
-allein die steile Gartensteige abwärts zu gehen.
-
-Doch sie stieß ja jede Hilfe von sich! Mochte sie auf eigene Gefahr
-sich zurechtfinden!
-
-Bei Käthe siegte die Erbitterung über die Besorgnis, die sie sonst
-nie für die Blinde außer acht ließ. Sie war zu tief verletzt. Warum
-hatte sie nicht geschwiegen? Hatte sie nicht vorausgewußt, daß sie
-keinen Dank ernten würde? Nun war sie abgewiesen worden mit all ihrem
-guten Willen, ihrer ehrlichen Meinung! Sie würde ihre Hilfe nicht mehr
-aufdrängen. Gewiß nicht! Nie mehr! Über den Schläfen strich sie ihr
-Haar zurück und prüfte die schweren Flechten, obwohl es Nacht geworden
-war und keine Strähne in dem glatten Scheitel oder am Knoten sich
-gelockert hatte. Ordnung war nun einmal ihr Element. Maß und Ordnung.
-Mochten andere das Ungeordnete, Regellose vorziehen. Sie hatte auch nur
-bei Marga Ordnung machen wollen. Wenn die es nicht brauchte, nicht litt
-...
-
-Mit dem zugleich gemessenen und tänzelnden Schritt, der sich nichts
-vergab und doch auch die Gleichgültigkeit gegen das, was vorgefallen
-war, zur Schau tragen mußte, machte sich Käthe auf den Weg und kam eine
-Viertelstunde nach Marga, leise vor sich hinsummend, ins Haus.
-
-Elli und Marga waren schon auf ihr Zimmer gegangen.
-
-Der Geheimrat wirtschaftete noch geräuschvoll in seinem Arbeitszimmer.
-Man hörte ihn oben deutlich ab und zu gehen. Die Riesenhandtasche nahm
-neue Unentbehrlichkeiten in sich auf.
-
-Käthe ging noch einmal gewissenhaft ihre Zurüstungen für den Reisetag
-durch. Dann machte sie gemeinsam mit der schläfrig schlurfenden Therese
-den üblichen Rundgang im Erdgeschoß, um den Verschluß von Läden und
-Türen zu beaufsichtigen.
-
-Am anderen Morgen, in ziemlicher Frühe, nach einem hastigen Kaffee,
-erfolgte der Abschied.
-
-Der alte Herr hatte sich alle Sentimentalitäten, besonders aber die
-Begleitung auf den Bahnhof, streng verbeten.
-
-In letzter Minute konnte er doch nicht anders: er küßte Marga und Elli
-barsch auf die Stirn.
-
-„Seid hübsch artig, Mädels; verstanden? Adieu!” Damit eilte er fort,
-dem Wagen zu, der vor dem Haus wartete. Therese folgte keuchend mit der
-zu unheimlichen Dimensionen angeschwollenen Handtasche, die noch eine
-halbe Bibliothek verschlungen haben mußte. Der Hauptkoffer war schon
-aufgeladen.
-
-Käthe und Elli umarmten sich. Mit Marga gab es nur einen Händedruck.
-
-Vom Vorgarten, unter den Kastanien hervor, winkten die beiden
-Zurückbleibenden dem Wagen nach. Vater Richthoff salutierte. Käthe
-nickte noch einmal und winkte mit dem Taschentuch.
-
-Die Fahrt ging um die Ecke nach dem Bahnhof. -- --
-
-Dort, wo der Fluß, dem Zug der Waldberge folgend, zum letztenmal
-eine mutwillige Schwenkung machte, um sich dann, des spielerischen
-Geschlängels überdrüssig, geradeaus und kräftig in die weite Ebene
-hinauszuwerfen, stand die „Sägemühle”. Dem Zweck, den ihr Name
-andeutete, diente sie längst nicht mehr. Seit vielen Jahren war sie
-nur noch ein einfaches, freundliches Gasthaus, rückwärts gegen den
-Buchenwald gelehnt, vor sich einen schattigen Wirtsgarten, den nur
-ein schmaler Weg von der Uferböschung und dem hurtigen Fluß trennte.
-Da die Sägemühle kaum eine Stunde von der Stadt entfernt lag, war sie
-ein beliebter Ausflugsort: an Sonntagen und schönen Sommernachmittagen
-wurde sie von Bürgern und Professoren, von Kaffeeschwestern und
-Studenten zu Fuß, zu Wagen und mit dem Boot viel besucht. In der
-besten Zeit des Jahres fanden auch die paar sauberen Fremdenzimmer
-ihre Liebhaber; wer anspruchslos an Buchenwald und Wasser, an guter
-Verpflegung, an dem belebten Wechsel ländlicher Einsamkeit und
-städtischer Ausflüglerfröhlichkeit sein Gefallen hatte, konnte sich bei
-den willigen Wirtsleuten einige Wochen zufrieden fühlen. Spaziergänge
-gab's in Hülle und Fülle: auf den Bergen durch die stundenweiten
-Laub- und Nadelforste; im Tal zwischen wogendem Getreide, oder den
-blumenüberwachsenen Uferpfad entlang nach kleinen Dörfern und alten
-Städtchen, wo verfallene Raubritterburgen emporragten und sich im Fluß
-spiegelten.
-
-So war Margas und Ellis Sommerheim beschaffen, in das sie vierzehn Tage
-nach Vater Richthoffs und Käthes Abreise übersiedeln sollten.
-
-Stille, fröhliche Tage im Hause am Wenzelsberg gingen vorher.
-
-Zuerst hatte Marga noch unter der Aussprache mit Käthe gelitten.
-Aber Elli mit ihrer frischen, glücklichen Wirbelwindnatur hatte
-ihr den Kopf und das Herz lachend reingefegt. Jeden Tag wußte sie
-etwas Neues vorzuschlagen, um Unterhaltung zu schaffen. Man sollte
-zwar, nach der Mahnung des alten Herrn, keine „Dummheiten” machen.
-Aber -- du lieber Gott! Das war ein weiter Begriff! Immer gescheit
-und sittsam sein, war abscheulich langweilig. Daran war nicht zu
-denken. Man war tüchtig spazierengelaufen, hatte sich auf den Straßen
-umhergetrieben und die Menschen beobachtet, voran die Fremden, die
-um diese Jahreszeit besonders aus Old-England und von jenseits des
-großen Teichs reichlich zuströmten. Dann mußte man baden, Besuche
-machen und empfangen, die Wohnung ein paarmal umräumen, mit Therese den
-Küchenzettel besprechen, auf dem Weinberg dem Gärtner beim Pflücken
-der Stachelbeeren und Johannisbeeren helfen, unerlaubte Bücher lesen,
-im Vorgarten handarbeiten und die vorübergehenden Leute glossieren.
-Und Elli duldete nicht, daß sich Marga von irgend etwas ausschloß. Die
-Schwester einmal so recht „mitleben” zu lassen, sie, deren Geheimnis
-sie innig teilte, von Herzensgrund schadlos zu halten -- das war Ellis
-„Prinzip” für diesen Sommer. Sie stand sonst mit den „Prinzipien” nicht
-auf dem besten Fuß. Das waren nach ihrer Ansicht Dinge für alte Tanten,
-Backfische, Philosophieprofessoren und Spießer jeder Art, die sich
-das Leben partout verekeln wollten. Aber Prinzipien, die zugleich dem
-Herzen wohltaten und unterhaltend waren, mit denen konnte es gewagt
-werden. Daß dabei Wilkens nicht zu kurz kommen durfte, verstand sich
-von selbst. Er guckte öfters mal ein, wie Perthes auch. Man traf sich
-zufällig auf einem Spaziergang. Zweimal sogar -- doch das setzte einen
-harten Kampf mit Marga -- abends bei der Musik im Stadtgarten. Das war
-so stilwidrig-unakademisch, daß man der Versuchung nicht widerstehen
-konnte. Bei allem hielt Elli peinlich darauf, daß Marga „ihrem” Doktor
-genau so gerecht wurde wie sie „ihrem” Erich. Die möglichste Gleichheit
-beruhigte sie selbst und sollte Marga Freude machen. Wenn sich Marga
-auch sträubte -- sie war nach der Auseinandersetzung mit Käthe mit
-doppelter Vorsicht darauf bedacht, ihr Verhältnis zu Perthes und damit
-ihr eigenes Gefühl in strengen Grenzen zu halten --, Elli wußte immer
-mit der hinreißenden Dialektik ihrer siebzehnjährigen Verliebtheit und
-Lebenslust jedes Bedenken fortzuplappern. Und kam sie nicht damit zum
-Ziel, so sang und lachte sie es weg. Gegen ihr Lachen war Marga so
-ohnmächtig wie gegen ihre losesitzenden Tränen. Es tat ihr im Grund der
-Seele zu wohl, einmal jung mit den Jungen sein zu dürfen.
-
-Dann kam der Umzug nach der Sägemühle und dabei eine
-Meinungsverschiedenheit, die Stoff zu schwerwiegenden Diskussionen bot.
-
-Elli hatte Wilkens längst und beizeiten verständigt, daß und wohin
-man gehen würde. Marga dagegen bewahrte gegen Perthes Stillschweigen
-und verbot auch der Schwester, Andeutungen zu machen. Die wachsende
-Vertraulichkeit, in die sie sich durch die Gunst der Umstände und
-durch Ellis fanatischen Gleichheitsdrang hineingezogen sah, begann sie
-zu ängstigen. Sie war öfter und ungestörter mit Perthes zusammen als
-sonst. Er pflegte die Freundschaft mit einer Achtung und Zartheit, die
-sie beseligte. Nichts, was mit ihm vorging, unterschlug er ihr: seine
-ernstesten Gedanken so gut wie seine alltäglichen Beobachtungen, seine
-Stimmungen, die schweren wie die leichten, lud er vertrauensvoll bei
-ihr ab. Sie fühlte instinktiv, wie diese schöne Vertraulichkeit, so
-viel sie gab, doch auch an der Kraft zehrte, mit der sie ihre wahre
-Gesinnung für ihn niederhielt. Wenn sie so stark bleiben wollte, wie
-sie mußte, war eine längere Trennung das beste Mittel. Sie wollte
-weggehen, ohne daß er wußte, wohin, und ohne daß er den Tag ihres
-Aufbruchs kannte. Natürlich würde er sie leicht finden können. Es
-gab außer dem Zufall, daß er nach der Sägemühle einen Ausflug
-machte, Möglichkeiten genug für ihn, ihren Aufenthaltsort schnell
-zu erforschen. Aber er sollte nicht aufgemuntert sein. Vielleicht
-zürnte er über ihr Verschwinden. Doch ihr Gefühl ließ sie nicht
-anders handeln. Es war freilich kein so klares, einfaches Gefühl wie
-die, denen sie sonst folgte. Ihre Neigung hatte trotz aller Vorsicht
-allerlei uneingestandene Heimlichkeiten miteingesponnen. Die Liebe
-macht nun einmal, mit oder ohne Willen, auch die Starken schwächer,
-als sie sind. Nein, Perthes sollte nicht aufgemuntert werden. Wenn er
-kommen wollte, mußte er es schon ganz von sich aus tun. Von sich aus ...
-
-So ereiferte sich denn Elli diesmal vergebens. Sie stellte Marga vor,
-wie grausam, rücksichtslos, unfreundschaftlich, ja geradezu unanständig
-es sei, so zu handeln. Aber Marga blieb fest. Elli mußte sich fügen. --
-
-An einem Montagnachmittag, nachdem die Möbel verdeckt, die Teppiche
-und Gardinen eingekampfert, alle Rouleaus herabgelassen waren, so daß
-Therese nur noch abzuschließen brauchte, setzten sich Marga und Elli
-mit ihrem Handgepäck in den Lokalzug und fuhren flußaufwärts, zwei
-Haltestellen weit. Dann holte sie die Fähre über nach der Sägemühle.
-
-Der große Koffer, eine sehenswürdige Häßlichkeit aus Vater Richthoffs
-Junggesellenzeit, stand schon in dem blanken, behaglichen Zimmerchen
-mit den weißen Tüllvorhängen und dem braungestrichenen Boden, zu dessen
-offenen Fenstern der Buchenwald beinahe seine Zweige hereinstreckte.
-
-Noch am Abend mußten das Haus, der Garten und die nähere Umgebung
-besichtigt werden, obwohl sie, längst bekannt, viele Überraschungen
-nicht bieten konnten. Elli beschrieb Marga all die Herrlichkeiten
-haarklein -- bis auf die Enten und Gänse, über die man stolperte.
-
-Das Abendbrot in einer Laube am Fluß schmeckte königlich.
-
-Die paar Ausflügler, die noch verstreut im Wirtsgarten saßen, reckten
-verwundert die Hälse, so laut und ansteckend lustig klang das Lachen zu
-ihnen herüber.
-
-Am anderen Morgen begann das Faulenzerleben der Sommerfrische, in
-seinen Einzelheiten entworfen und geleitet von Elli. Erst anderthalb
-Stunden Frühstück mit Massenvertilgung von Butter und Honig. Nicht
-zu spät, aber auch ja nicht zu früh. Dann mit der Hängematte in den
-Wald bis Mittag. Nach dem Essen in der Halle, einem luftigen Holzbau
-mit großen, zum Teil bunten Glasfenstern und einem Orchestrion, wurde
-geschlafen. Die anstrengende Untätigkeit des Vormittags forderte das.
-
-Zum Kaffee setzte man sich in den Garten, an einen versteckten Platz,
-zwischen hohe Haselbüsche. Von dort ließen sich die Menschen, die
-von der Stadt kamen, trefflich mustern. Elli versah sie einzeln mit
-Etiketten, um sie Marga anschaulich zu machen.
-
-Als etwa anderthalb Stunden so vergangen waren, verstummte das Gespräch
-eine Weile.
-
-„Weißt du,” legte dann Elli los, „ich hatte bestimmt erwartet, daß
-Wilkens käme. Er hat mir's nämlich versprochen.”
-
-„Heute schon? Gleich am zweiten Tag?” fragte Marga, etwas erstaunt.
-
-„Sei du mal ganz ruhig, Margakind! Ich weiß jemand, dem es schon
-greulich leid ist, daß er einen gewissen anderen Jemand nicht doch, wie
-sich's gehörte, benachrichtigt hat!”
-
-„Da irrst du dich, Kleinchen!” versicherte Marga ernsthaft.
-
-„Na, wenn ich dein Doktor wäre, ich würde mich für so eine Freundschaft
-bedanken. Gott, wenn ich denke” -- Elli fädelte eine neue Farbe für
-ihre Stickerei ein und sah die Schwester dabei halb kritisch, halb
-schelmisch von unten herauf an -- „du müßtest eine schrecklich biedere
-und gestrenge Hausfrau abgeben, Marga!”
-
-„Schwatz' doch keinen Unsinn, Kind!” wehrte Marga, leicht errötend.
-
-„Oh, Gedanken sind zollfrei!” fuhr Elli unbeirrt fort. „Freilich, wenn
-du immer so spröde und tugendsam mit deinen Verehrern bist wie in
-letzter Zeit mit Perthes, hat's damit gute Weile.”
-
-„So sprich doch nicht so laut!” mahnte Marga. „Und nenne wenigstens
-keine Namen! -- Ich bin doch zu ihm wie immer,” setzte sie nach einer
-Weile zögernd, fast fragend hinzu. Hatte sie sich in jüngster Zeit
-weniger frei und natürlich gegeben, dann war nur der Stachel daran
-schuld, der von der Aussprache mit Käthe in ihr zurückgeblieben war ...
-
-Elli erriet ihre Gedanken. „Von Käthe hätte ich mich nun schon gar
-nicht ins Bockshorn jagen lassen,” sagte sie überzeugt. „Abgesehen
-davon, daß ihr Benehmen gegen dich haarsträubend taktlos war, hat sie
-so altertümliche und hausbackene Ansichten, daß --” Elli stockte. Sie
-bog einige Zweige des Gebüsches auseinander. Dann fuhr sie geräuschvoll
-in ihrem Stuhl zurück. „Da haben wir die Bescherung!” rief sie mit
-halblautem, aufgeregtem Kichern.
-
-Ehe sich Marga nach dem Wesen dieser Bescherung erkundigen konnte,
-klang ein kräftiges „Guten Abend, die Damen!” zu dem versteckten Tisch.
-
-Im nächsten Augenblick schwenkten sich mit zeremoniellem Gruß zwei Hüte.
-
-Perthes und Wilkens, in traulichem Verein, standen im Bereich der
-Haselbüsche.
-
-Elli tat riesig überrascht. „Nein, so was! Denk' mal, Marga, Doktor
-Perthes und ein Herr Wilkens überrumpeln uns hier gleich zu zweien! --
-Sie kommen natürlich ganz zufällig?”
-
-„Natürlich -- ganz zufällig!” schmunzelte Wilkens, während man sich die
-Hände schüttelte.
-
-„Und daß wir ‚gleich zu zweien‛ kommen, Fräulein Elli, wie Sie
-liebenswürdig hervorheben, ist erst recht zufällig,” erklärte Perthes.
-„Wir kommen auch in sehr verschiedener Sendung. Herr Doktor Wilkens --”
-
-„Pardon! Immer noch Wilkens!” warf Elli mit einem vernichtenden Blick
-auf den fälschlich Promovierten dazwischen.
-
-„Ehe ich mich weiter insultieren lasse, bitte ich Platz nehmen zu
-dürfen!” parierte Wilkens mit fröhlichem Gleichmut und nahm sich,
-ohne die Erlaubnis abzuwarten, einen Stuhl. „Ich rate Ihnen dasselbe,
-Herr Doktor Perthes, denn Sie wissen nicht, was die Damen noch für
-Liebenswürdigkeiten bereithalten. Ich habe die Erfahrung gemacht --”
-
-„Ums Himmels willen!” unterbrach ihn Elli, sich die Ohren zuhaltend.
-„Was der Mensch redet! Und dabei ist man zur Erholung hier!”
-
-„Das Schweigen ist oft viel bedenklicher als das Reden,” nahm Perthes
-das Wort, indem er sich Marga gegenübersetzte. „Ich meine nämlich das
-Schweigen von Fräulein Marga.”
-
-„Sie haben mich ja noch gar nicht zu Wort kommen lassen!” verteidigte
-sich Marga.
-
-„Das hat noch gute Weile. Erst redet der Ankläger, dann der Angeklagte.”
-
-„Sie sind wohl inzwischen zur Juristerei übergegangen?” fragte Elli
-naseweis.
-
-„Wollen wir uns nicht vorher ein Glas Bier kommen lassen?” meinte
-Wilkens gemütlich zu seinem Nachbar.
-
-„Das können _Sie_! Denn Sie sind hier gewissermaßen eingeladen,” gab
-Perthes zurück.
-
-„Eingeladen?” Elli schüttelte entrüstet ihren Blondkopf. „Das muß ich
-mir schönstens verbitten. Herr Wilkens hat von mir allerdings erfahren,
-wohin ich gehe. Aber eingeladen habe ich ihn nicht! Davor werd' ich
-mich hüten!”
-
-„Weil er sowieso kommt,” ergänzte Wilkens, während er dem in der Ferne
-vorbeistreifenden Kellner seine Bierwünsche durch Zeichensprache
-deutlich machte.
-
-„Das tut Herr Doktor Perthes auch!” entfuhr es Elli übermütig.
-
-„Oho! Dagegen lege ich Verwahrung ein!” protestierte Perthes und schlug
-lebhaft mit der großen Hand, die schon so sommersonnengebräunt war
-wie das räuberbärtige Gesicht unter dem weißen Panama, auf den Tisch.
-„Also, Fräulein Marga! Ich bin nur hier, um Rechenschaft zu fordern.
-Wenn mir nicht Ihre Therese begegnet wäre, die auf dem Weg zum Bahnhof
-grüßend an mir vorbeischnob, wüßte ich überhaupt nicht, wo Sie sind.
-Herr Wilkens ist mein Zeuge, mit dem ich mich eine halbe Stunde später
-auf der Landstraße traf. Man hat mich böswillig hintergangen! Man hat
-mir kein Sterbenswörtchen von dieser Sommerfrischenidee gesagt. Ist das
-freundschaftlich?”
-
-Marga suchte vergeblich nach dem rechten Ton, um auf den
-scherzhaft-temperamentvollen Angriff einzugehen.
-
-„Sagte ich es nicht? Dieses Schweigen ist Schuldbewußtsein!”
-triumphierte Perthes. „Wenn Sie sich wenigstens auf einen Spaß
-hinausreden wollten!”
-
-„Einen Spaß?” kam es jetzt ehrlich, aber leise von Margas Lippen. „Da
-müßte ich Sie geradezu anschwindeln, Herr Perthes!”
-
-„Sie wollen mir also einfach zeigen, daß ich durchaus nicht
-unentbehrlich bin, Fräulein Marga,” sagte Perthes nach einer kleinen
-Pause, aus dem heiteren Ton der Philippika zu gedämpftem Ernst
-übergehend.
-
-„Vielleicht,” stammelte Marga zaghaft. Es kostete sie eine schmerzliche
-Überwindung, dieses vor der Vernunft wahre, vor ihrem Herzen unwahre
-Wort hervorzubringen.
-
-„Sie vergaßen dabei zu überlegen, ob Sie Ihrem Freunde ebenso
-unentbehrlich sind,” erwiderte Perthes knapp und mit einem Anflug von
-enttäuschter Bitterkeit.
-
-Die Unterhaltung stockte.
-
-Elli ergriff die Gelegenheit, um Wilkens einen Gang nach der
-„Menagerie” vorzuschlagen. Die Wirtsleute der Sägemühle hatten im
-Wirtschaftshof ein paar Kaninchen, einen Fuchs, allerhand Geflügel und
-vor allem ein junges Rehzicklein, das Ellis besondere Gunst genoß und
-Wilkens gezeigt werden mußte. Sie hatte nebenher den Gedanken, die
-beiden, Marga und Perthes, würden sich allein schneller und besser
-„zusammenzanken”. So pflegte das wenigstens immer bei ihr und Wilkens
-zu sein.
-
-Diesmal irrte sie sich.
-
-Perthes verstand Margas Verhalten, das ihm plötzlich und willkürlich
-verändert erscheinen mußte, nicht. In den letzten Wochen nach dem Bruch
-mit Hilde König und der stürmischen Freundschaftskrisis mit Marga hatte
-er sich stetig gesünder gefühlt. Dies ungezwungene, vertrauensvolle
-Beisammensein gab ihm Ruhe und Gleichgewicht. Es stärkte in ihm den
-Glauben an einen gewissen Wert seiner Persönlichkeit. Lebenslust
-und Frohsinn kehrten ihm zurück. Er gab sich im einzelnen keine
-Rechenschaft über die Fortschritte seiner Genesung. Nur daß er seine
-Dankbarkeit ohne Rückhalt zur Schau trug. Ohne es zu wollen und zu
-beachten, übertrug er etwas von der Leidenschaftlichkeit, die er in
-seine phantastische Neigung für die kleine Ufernixe gelegt hatte, auf
-seine Freundschaft. Ein halber Mensch, wie er selbst sich so gern
-schalt, mußte er doch immer seine ganze, ungeteilte Person einsetzen,
-wenn er, was freilich selten genug geschah, sich einem anderen über
-das Maß alltäglichen Bekanntseins näherte. Und er war dann im Fordern
-ebenso rücksichtslos, als er im Geben unbedacht war.
-
-Wenn er gewußt hätte, wie seine letzten, verbittert hervorgestoßenen
-Worte auf Marga wirken mußten! Welchen Aufruhr sie in ihre Seele warfen!
-
-Was wollte er damit sagen? Wie tief ging dieser Vorwurf ihm selbst? Ob
-er, unbewußt, doch angefangen hatte, mehr für sie zu empfinden, als die
-Freundschaft schuldig war?
-
-Diese Gedanken wälzten sich quälend in Marga. Sie weckten eben die
-Gefühle, die sie so tapfer niederhalten wollte und mußte. Sie
-zehrten von neuem, stärker und gefährlicher als je, an der Kraft,
-die zu bewahren -- freilich mit halben Mitteln -- sie eine Trennung
-herbeizuführen gesucht hatte.
-
-Eine dumpfe, wehvolle Angst arbeitete in ihr.
-
-Sie durfte ihn nicht zurückstoßen. Und durfte doch auch seine
-zunehmende Annäherung nicht dulden! Wo war die Grenze? Woher nahm
-sie Kraft, immer neue Kraft, zu wollen, was sie nicht wollte; nicht
-zu wollen, was sie wollte? Ihr Herz hatte auch sein Gesetz, auch
-Kraft wider Kraft und bäumte sich auf gegen die Zügel, die sie ihm
-anlegte. Das trübte die klare Stille ihres Wesens. Das nahm ihr ihre
-Unbefangenheit. Sie erschien kälter, gleichgültiger und verschlossener
-als sonst. Ihr Schweigen und seine Verstimmung nährten sich gegenseitig
-und machten dies erste Alleinsein auf der Sägemühle für beide höchst
-unerquicklich.
-
-Perthes war nahe daran, sich zu verabschieden. Da kamen Wilkens und
-Elli zurück und brachten den Vorschlag, im Garten gemütlich Abendbrot
-zu essen.
-
-Man war da jetzt ganz unter sich. Die letzten Gäste vom Nachmittag
-waren im Aufbruch begriffen, und Elli wartete gar nicht erst eine lange
-Erklärung von Marga oder Doktor Perthes ab, sondern wählte einen Tisch
-weiter vorn im Garten, freier und näher dem Fluß, wo sie für vier
-Personen decken ließ.
-
-Sie fand ihren Einfall riesig lustig und kommandierte Wilkens und
-den Doktor abwechselnd für ihre Dienste. Perthes wollte nicht
-zurückbleiben. Im Gegenteil, er überbot die anderen und sprang von
-seiner Verstimmung über zu lauter Ausgelassenheit.
-
-Marga beteiligte sich an diesem Treiben nur widerstrebend, um niemand
-die Freude zu verderben. Sie erriet, was in Perthes vorging. Mit einer
-gewissen Absichtlichkeit wollte er ihr zeigen, daß er sich aus dem
-Vorhergegangenen nichts mache.
-
-Dabei konnte er es nicht lassen, sie wieder und wieder zu necken.
-
-„Obwohl Fräulein Marga mich so schlecht behandelt!” -- „Trotzdem
-Fräulein Marga gar keinen Wert auf meine Gesellschaft legt!” Solche
-und ähnliche Wendungen ließ er ständig mit einfließen. Ohne Bedacht,
-nur seiner inneren Gereiztheit nachgebend, trieb er das Spiel
-jener Koketterie, deren auch Männer fähig sind. Er wollte Marga zu
-irgendeiner Äußerung verlocken, mit der sie sich ins Unrecht setzte und
-ihre Freude, daß er doch gekommen war, verriet. Sie sollte sich für das
-„Verbrechen an der Freundschaft”, das er ihr vorwarf, entschuldigen und
-damit seiner Eigenliebe schmeicheln.
-
-Er erreichte von Marga nur ein Lächeln, das matt und traurig aussah,
-weil sein Benehmen ihn vor ihr verkleinerte und ihr an der Seele riß,
-wo sie am empfindlichsten war.
-
-Es war um diese Stunde köstlich im Garten am Fluß. Er lag verträumt im
-dämmerigen Schatten der mächtigen Linden und Ahornbäume.
-
-Draußen zog still, vom Schein des roten Abendhimmels überhaucht, Welle
-an Welle.
-
-Am jenseitigen Ufer, auf den Wiesenhängen, wurde noch geheut. Der süße
-Duft der Mahd flog über den Fluß. Die feinen Ränder der Waldberge
-tauchten mit tausend und abertausend scharfen Tannenspitzen in den
-letzten Sonnenglanz.
-
-Die wundersame Ruhe des Abends rang groß und beharrlich gegen die
-lärmende Lustigkeit des jugendlichen Tisches im Garten.
-
-Ellis jubelndes Lachen, Wilkens' Jodler, die laute, hastige Stimme von
-Perthes hielten vergebens dagegen. Die ländliche Mahlzeit, bestehend
-aus zwei großen hochgebräunten Eierkuchen, frisch gepflücktem Salat,
-Schwarzbrot und Butter, war mit gewaltigem Beifall begrüßt worden. Noch
-war sie nicht vertilgt, noch hatten Perthes und Wilkens kaum um neue
-„Metkrüge” geklappert, geläutet und gerufen, als schon das feierliche
-Schweigen über das Laute seinen Sieg davontrug. Still und stiller, wie
-draußen über dem Fluß und Wald, wurde es auch drinnen im Garten. Und
-die kleinen, sanften Geräusche des Abends, die nur ebensoviele Lockrufe
-der sieghaften Stille sind, machten das Gespräch vollends verstummen:
-der späte, hell anhebende und kurz abbrechende Triller einer Lerche
-im Feld; das Plätschern eines Fischerkahns im Wasser, der flußabwärts
-glitt; ein fernes, gedämpftes Hundegebell aus dem nächsten Dorf.
-
-Elli war schnell für das Lyrische gewonnen.
-
-Als Wilkens wieder an sein geleertes Glas klimperte, flog ihm ein
-„Prosaischer Radaumacher!” an den runden, wollig-blonden Kopf. Er wurde
-ganz klein und verdrehte sentimental die so gar nicht melancholischen
-Augen.
-
-Perthes hatte zu rauchen begonnen. Er stieß ein paar Wolken von sich,
-blies Ringel von zartem Dunst und warf die Zigarre hinaus auf den Fluß.
-
-Marga saß in sich gekehrt neben ihm. Sie suchte sich aus der Stille des
-Abends zur eigenen zurückzufinden.
-
-„Wir, Marga und ich, machen jetzt unseren Spaziergang über die
-Wiesen, nicht wahr, Margakind?” erklärte Elli plötzlich und stand
-auf. Marga nickte. Unbekümmert um Perthes und Wilkens, Arm in Arm
-aneinandergeschmiegt, traten sie aus dem Garten.
-
-„Wir sind jetzt wohl beurlaubt?” fragte Perthes den mit ihm
-zurückbleibenden Wilkens.
-
-Wilkens schüttelte den Kopf. „Nee, so lass' ich mich nicht in den Sand
-setzen!” meinte er gleichmütig. „Im übrigen -- Fräulein Marga kenne
-ich so genau nicht, aber Elli ist felsenfest überzeugt, daß wir zwei
-hinterdreinschlendern. Wetten, daß --?” Er blinzelte den Doktor mit der
-listigen Miene des erfahreneren Liebespraktikus an.
-
-„Da mache ich nicht mit!” versetzte Perthes bestimmt.
-
-„Meinen Sie, ich?” warf sich Wilkens in die Brust. „Es dauert keine
-fünf Minuten, und die Mädels sind zurück; sowie sie merken, daß wir
-streiken.”
-
-Es dauerte aber zehn Minuten und länger.
-
-Wilkens wurde unruhig. Er stand auf und ging ein paarmal halb verlegen
-zum nächsten Tisch und wieder zurück. Dann sah er verstohlen über den
-niedrigen Lattenzaun des Gartens weg, den Weg hinunter.
-
-„Schlendern wir 'n bißchen auf eigene Faust?” fragte er schon bedeutend
-kleinlauter zu Perthes zurück, der sitzen geblieben war.
-
-Widerstrebend erhob sich dieser. Er war jetzt mit seiner Geduld zu Ende.
-
-Die Rücksichtslosigkeit, mit der er von Marga behandelt wurde, empörte
-ihn. Am liebsten wäre er ohne Abschied heimgegangen. Er war zum ersten-
-und letztenmal auf der Sägemühle. Das war eine ausgemachte Sache. Aber
-er wollte es ihr offen sagen. Sie hielt ja so viel von der Offenheit
-in der Freundschaft, wenn sie auch mit ihrem heutigen Verhalten das
-Gegenteil bewies.
-
-Deshalb blieb er. Deshalb schlenderte er, unlustig genug, mit Wilkens
-aus dem Garten in die angrenzenden Wiesen, am Fluß entlang. Er hatte
-den Hut vom Kopf gerissen. Sein Gesicht hatte sich verfinstert. Der
-Unmut, gleich wieder leidenschaftlich wie sein ganzes Temperament, lag
-in tiefen Falten auf seiner Stirn und blickte ihm aus den Augen. Er
-fuhr sich einmal ums andere durch den schwarzen Haarbusch oder strich
-über den krausen Vollbart.
-
-Und dabei lag die Dämmerung so mild und verträglich ringsum.
-
-Das hohe Gras mit seinem Labkraut, seinen Schafgarben und
-Kuckucksblumen überwucherte den schmalen Weg, den „Leinpfad”, auf
-dem früher die Pferde an strammer Leine die Lastkähne stromaufwärts
-geschleppt hatten. Das Wasser in seinem tiefen, stählernen Grau
-rauschte und gluckste heimlich, als wollte es den sachten Abendwind,
-den tuschelnden Geheimniskrämer, noch an bedeutsamer Wissenschaft
-übertreffen. Und drüben, über den Heuhocken, den silberreifen
-Kornäckern, dem Berg mit seinem schweren, düsteren Tannenmantel, lag
-es wie feiner, rieselnder Taudunst. Auf all das achtete Perthes nicht.
-Nicht einmal auf das gefühlvolle Summen von Wilkens, mit dem dieser
-seinen zärtlichen Gefühlen Ausdruck verlieh. Nur die eigene Verstimmung
-schien ihm der Aufmerksamkeit wert.
-
-Und dann, als der Leinpfad, dem Flußlauf folgend, sich bog und von ein
-paar knorrigen Krüppelweiden eingefangen wurde, waren plötzlich Marga
-und Elli dicht vor ihnen. Sie kamen langsam und stumm den Weg zurück.
-
-„Ist das auch eine Art, seine Damen ohne Schutz in die Nacht
-hinauslaufen zu lassen?” rief Elli, die so ungewohnt lange auf ihren
-Wilkens hatte warten müssen, den beiden zürnend entgegen.
-
-„Bitte sehr!” entgegnete Wilkens, „die Damen sagten uns ja gar nicht --”
-
-„Daß sie Wert auf unsere Begleitung legten!” ergänzte Perthes mit
-Schärfe.
-
-Elli hing sich statt jeder weiteren Antwort an Wilkens' Arm.
-
-„Na, also!” schmunzelte Wilkens und führte sie wieder flußaufwärts
-weiter.
-
-Marga stand vor Perthes.
-
-Unschlüssig blieben sie sich einen Augenblick gegenüber.
-
-Um keinen Preis hätte Perthes das erste Wort gesprochen.
-
-„Wollen Sie mir Ihren Arm geben?” fragte endlich Marga zaghaft. Ihre
-Stimme klang weich, bittend, wie er sie den ganzen Nachmittag nicht
-gehört hatte.
-
-Perthes tat sofort, wie sie ihn gebeten. Sie gingen in der, Elli und
-Wilkens entgegengesetzten Richtung nach der Sägemühle zu. Er hatte sie
-mit heftigen Vorwürfen empfangen wollen. Aber jetzt, wie sie so an
-seiner Seite schritt, fühlte er sich ruhiger werden. Es war ein und
-dieselbe Wirkung ihres Wesens, die sich ihm immer mitteilte, ob er
-wollte oder nicht.
-
-„Ich war drauf und dran, heimzugehen, ohne Sie noch einmal gesprochen
-zu haben,” begann er mehr traurig als zornig.
-
-Marga sagte nichts. Ihr Kopf war tief vornübergebeugt, als sähe sie auf
-den Weg.
-
-Elli hatte mit ihr geredet und ihr ihr Betragen vorgeworfen. Sie wollte
-liebenswürdiger sein. Aber es war schwer, so schwer! Irregemacht
-an ihrer Zurückhaltung, die ihn kränkte, und doch sich bewußt, daß
-jeder Schritt, den sie ihm weiter entgegenkam, sie schwächer und
-unglücklicher machte, suchte sie umsonst den immer schmäler werdenden
-Weg zwischen ihrem Stolz und ihrer Pflicht auf der einen, ihrer Liebe
-auf der anderen Seite.
-
-Perthes fühlte, wie ihre Hand, die zufällig die seine streifte, kalt
-war und zitterte. Was war das? Er schaute sie prüfend an. Weinte sie
-denn? Es ging eine leise, schütternde Bewegung durch ihren Körper,
-die ihm nicht entgehen konnte; aber er sah keine Träne in ihren
-blicklosen Augen, als er sich vorbeugte. Und doch hatten ihre Züge den
-Ausdruck des Weinens, einen seltsamen, rührenden, ergreifenden Ausdruck
-verborgenen, inneren Weinens.
-
-„Was ist Ihnen denn, Fräulein Marga? Warum verstehen wir uns denn
-heute nicht? Warum sind Sie so anders als sonst zu mir? Was haben Sie
-nur? Habe ich irgend etwas verbrochen? Mißfällt Ihnen etwas an mir? So
-reden Sie doch nur! Sagen Sie, was es ist!” Besorgt, dringend, beinahe
-verzweifelt stieß er seine Fragen hervor. Es war keine Spur von Ärger
-oder Bitterkeit mehr in seinen Worten.
-
-„Ich habe nichts gegen Sie. Gar nichts!” Marga schüttelte energisch
-und abwehrend den Kopf. „Nur --” setzte sie flüsternd hinzu, „nur --”
-wiederholte sie noch einmal kaum hörbar. Unfähig, sich auszusprechen,
-kehrte sie ihr Gesicht von ihm ab.
-
-„Nur?” Er ließ sie los und stellte sich vor ihr auf den Weg. Er zwang
-sie, zu ihm aufzusehen.
-
-Ihre leeren Augensterne hasteten scheu an ihm vorbei, hinaus in die
-Weite. Als suchte sie die Nacht, die jetzt immer dichter heranzog, um
-sich in ihr zu verstecken.
-
-Perthes nahm wieder ihren Arm. Willig ließ sie sich weiterführen.
-
-Er war ratlos. Er verstand sie nicht. Wieder und wieder betrachtete
-er sie von der Seite. Nichts Trotziges, Eigensinniges war an ihr zu
-entdecken. Aber ihrem Antlitz fehlte auch die Festigkeit, die Ruhe
-und Klarheit, die sie sonst erfüllte. Eher war es Angst, Schwäche,
-Hingebung -- eine scheue, hilflose Mädchenhaftigkeit, wie er sie so
-nie bei ihr wahrgenommen hatte. Das warme, mitleidsvolle Gefühl, ihr
-helfen, sie schützen zu wollen, regte sich in ihm. Er hätte sie an
-seine Brust ziehen mögen. Nicht leidenschaftlich, sondern wie ein
-Bruder die Schwester. Ihre Schulter streifte die seine. Noch einmal,
-länger. Sie schien sich an ihn zu lehnen. Er war nahe daran, seiner
-zärtlichen Empfindung nachzugeben, aber im selben Augenblick ließ Marga
-ihn los.
-
-Sie riß sich zusammen, als ahnte sie die Bewegung, die er machen
-wollte. Sie blieb stehen und warf die Arme hinter sich. Der Wind
-ließ das Haar um ihre Schläfen flattern. Gewaltsam trat ein herber,
-entschlossener Zug in ihr sonst weiches Gesicht. „Ich will Ihnen sagen,
-was es ist,” preßte sie hervor. „Es gibt Zeiten, in denen ich einsam
-sein muß. Ganz einsam. Ich brauche dann all meine Kraft nur für mich
-allein. Und bin ungesellig und unfreundlich wie jetzt. Vielleicht --
-vielleicht --” Sie stockte. Dann kam es mit äußerster Anstrengung:
-„Vielleicht wäre es besser, Sie besuchten mich -- in diesen Wochen
-hier draußen -- gar nicht. Deshalb habe ich Ihnen auch nichts von der
-Sägemühle gesagt.”
-
-Perthes sah sie mit bestürzten Augen an. Er wußte nichts zu erwidern
-auf dies seltsame, unerwartete Geständnis. Auch keinen Zorn empfand
-er gegen sie, daß sie ihn so gewissermaßen vor die Tür setzte. Nichts
-von Enttäuschung, von Zweifel an ihrer Freundschaft. Dazu hatte er sie
-zu sehr achten gelernt. Und er achtete sie gerade jetzt mehr als je,
-obwohl er ihr Reden weniger begriff als ihr Schweigen am Nachmittag. Es
-ging eine Traurigkeit von ihr aus, die auch ihn ergriff. Über die ganze
-Landschaft schien sie sich auszubreiten -- über die dunklen Wiesen,
-den schwarzen Fluß, die finster starrenden Waldberge. Und in dieser
-Traurigkeit schritten sie nebeneinander weiter, ohne sich zu führen,
-er links, sie rechts am Weg. Er hatte vergessen, daß sie blind war und
-er sie führen sollte. Und sie wollte fern von ihm sein, so fern als
-möglich, und nicht geführt sein. So allein, wie sie es ihr ganzes Leben
-hätte sein sollen ...
-
-Ehe sie den Garten der Mühle erreicht hatten, wurden sie von Elli und
-Wilkens eingeholt.
-
-Auch die waren stumm. Aber es war die Stummheit des Glücks: die glänzte
-aus Ellis Augen und glänzte als ein sattes, seliges Lächeln auf
-Wilkens' vollen Lippen.
-
-An der Böschung vor dem Garten lag noch ein Kahn. Der Schiffer, dem er
-gehörte, lungerte am Zaun. Er hatte gehört, daß noch Fremde aus der
-Stadt da seien, und bot nun hutrückend seine Dienste an. „Der Mond
-kommt!” setzte er verheißungsvoll hinzu und deutete hinauf nach den
-Bergen. Über einer Waldkuppe im Osten war es hell von weißem Licht.
-
-Wilkens wandte sich fragend zu Perthes.
-
-Der nickte zerstreut.
-
-Es gab einen schnellen Abschied von wenigen Worten. Dann stiegen die
-beiden die Böschung hinunter und in den Nachen.
-
-Marga und Elli traten hinaus auf die Landstraße. Sie folgten eine
-Weile dem Boot, das sich flußabwärts in die Mitte des Flusses
-hinüberarbeitete. Die Ruderschläge hallten dumpf und gleichmäßig zu
-ihnen zurück. Der Kahn und seine Insassen waren in tiefem Schatten.
-
-Dann stieg der Mond über den Berg. Draußen, stadtwärts, flimmerte der
-Fluß in mattem, märchenhaftem Silber auf. Langsam breitete sich das
-Licht über das schlafende Tal.
-
-Das Boot war jetzt in der Strömung. Schneller schoß es davon und
-strebte aus dem Schatten, den die nahen Berge warfen, ins rieselnde
-Silber da draußen. Elli winkte mit dem Taschentuch. Marga setzte sich
-auf einen der Prellsteine, die die Landstraße säumten.
-
-Erst als sie schon weit von der Mühle waren, schaute Perthes zum
-erstenmal zurück.
-
-Jetzt lag auch die Straße weiß im Schein des steigenden Mondes.
-
-Und er meinte Marga zu erkennen, wie sie da saß, die Hände im Schoß
-gefaltet, das Gesicht mit den irrenden, suchenden Augen hinaus nach dem
-Wasser gerichtet.
-
-Und mit einem Mal zuckte es von der hellen, fernen Gestalt herüber
-in seine Seele, geheimnisergründend und rätsellösend, klar wie das
-weiß flirrende Mondlicht: sie liebte ihn. Jetzt verstand er sie. Marga
-liebte ihn ...
-
-
-
-
-7
-
-
-„Dieser Perthes hat doch ein Schwein, nicht zu glauben! Finden Sie
-nicht auch, Herr Professor?”
-
-„Na ja -- wie man's nimmt. Exzellenz scheint ihm sehr gewogen zu sein.”
-
-„Und dabei hat dieser sonderbare Heilige akkurat immer das Gegenteil
-von dem getan, was ihn bei Hupfeld in gute Meinung bringen konnte!
-Ich sagte ihm seinerzeit: ‚Wenn Sie hier was erreichen wollen, müssen
-Sie Exzellenz Ihre Aufwartung machen.‛ Was gibt er zur Antwort? ‚Ich
-besuche, wen ich will.‛ Ich führe ihn in unseren Sportklub ein. Alice
-Hupfeld sagt ihm: ‚Sie müssen uns mal besuchen, Doktor! Papa hat von
-Ihnen durch Rehbach in Bonn gehört. Er interessiert sich für Sie.‛
-Perthes nickt mit dem Kopf und -- bleibt weg. Denkt nicht daran, zu
-Hupfelds zu gehen. Was geschieht? Drei Wochen später läßt ihn der
-Geheime Rat höflich zu einer Besprechung in die Chirurgische bitten!
-Mir steht der Verstand still.”
-
-„Warten wir ab! Perthes ist begabt. Ohne Zweifel. Hat auch Glück. Aber
-ein unsicherer Kantonist. Er hat keinen Ehrgeiz, so wenig wie ich. Doch
--- ~chi lo sa~? Vielleicht ist er Heiratspolitiker!”
-
-Diese freimütige Unterhaltung wurde im Bakteriologischen Institut
-zwischen Professor Hammann, dem Chef, und dem ersten Assistenten
-Doktor Markwaldt während der Frühstückspause geführt.
-
-Hammann saß mit übergeschlagenen Beinen in einem für ein Laboratorium
-reichlich behaglichen Ruhesessel. Die paar Kaviarbrötchen, die ihm der
-Diener mit einem Glas Sherry jeden Vormittag um elf Uhr präsentierte,
-waren verzehrt. Er hatte den goldenen Kneifer abgenommen, wischte
-sich apathisch die kurzsichtig-blöden Augen und rieb den Kopf mit dem
-millimeterkurz geschorenen, grauschwarzen Haar am Sesselrücken.
-
-Markwaldt lehnte an einem der Tische und kaute an seiner Butterstulle.
-Nach dem bedeutungsvollen Wort „Heiratspolitiker” hielt er es für
-geraten, die Unterhaltung vorsichtiger zu führen. Der Chef schien
-da auf Fräulein Exzellenz anzuspielen. Das war eine heikle Sache,
-denn man munkelte, daß zwischen ihm selbst und Alice vor einigen
-Jahren irgend ein zartes Verhältnis bestanden haben sollte. Genaues
-wußte niemand. War es nur eine flüchtige Courmacherei gewesen, wie
-die einen behaupteten, oder war es, wie andere mutmaßten, bis zu
-einer Art Verlobung gekommen -- etwas hatte gespielt, so viel war
-gewiß. Dabei standen die beiden nach wie vor im Sportklub auf dem
-freundschaftlichsten Fuße. Daran erinnerte sich Markwaldt, während er
-seine Stulle mit bemerkenswertem Appetit zerkaute. Ob sich mal ohne
-Gefahr auf den Zahn fühlen ließ?
-
-„Heiratspolitiker?” wiederholte Markwaldt nach einer Weile
-nachdenklich. „Das traue ich Perthes erst recht nicht zu. Erstlich
-ist er, wie ich ihn kenne, überhaupt kein Politiker. Und zweitens
-wüßte ich auch nicht, wem die Politik gelten sollte,” ergänzte er sich
-unschuldig.
-
-„Na -- Sie sagen doch selbst, daß Fräulein Exzellenz ihn zum
-Besuchmachen aufgefordert habe,” ließ sich Hammann gähnend vernehmen.
-
-„Ach, deswegen! Sie glauben doch nicht --”
-
-„Glauben? -- Ich glaube gar nichts, das heißt -- von den Frauen glaube
-ich alles und gar nichts!” Hammann beschäftigte sich jetzt damit, mit
-den Fingerspitzen die paar Brosamen von den tadellosen, hellgrauen
-Beinkleidern wegzuschnellen.
-
-„Nein, nein! Da kann ich Sie vollkommen beruhigen, Herr Professor!”
-
-„Mich beruhigen? Was heißt das?” fragte Hammann etwas lebhafter,
-während er sich im Sessel halb aufrichtete, den Kneifer auf die Nase
-drückte und nun seinerseits den Sprecher mit einigem Mißtrauen ansah.
-
-Markwaldt merkte, daß er -- freilich nicht ganz zufällig -- eine
-unvorsichtige Wendung gebraucht hatte, und beeilte sich, kein
-Mißverständnis aufkommen zu lassen. „Wie ich höre,” erklärte er
-mit geheimnisvoller Wichtigkeit, „soll Perthes einer von den
-Richthoffstöchtern den Hof machen.”
-
-„Richthoff? Richthoff -- wer ist das?” Hammann besah sich gelangweilt
-seine eleganten Fingernägel. Er kannte kaum die Professoren seiner
-eigenen Fakultät, geschweige denn die der anderen.
-
-„Richthoff ist, soviel ich weiß, Ordinarius für alte Geschichte oder
-einen ähnlichen Klumpatsch,” erläuterte Markwaldt.
-
-„Ach sooo ...”
-
-„Es sind, glaube ich, drei oder vier Mädels. So die richtigen
-philosophischen Putchen --”
-
-„Na -- denn man zu!” Hammann erhob sich. Die Sache interessierte ihn
-nicht länger. Er reckte seine schlanke, muskulöse Figur, die Figur des
-wohltrainierten Vierzigers, die im Gegensatz zu Markwaldts dicker,
-praller Stutzererscheinung weltmännisch-elegant im Sportjackett saß. Er
-ging nach seinem Arbeitskabinett nebenan. „Hörten Sie übrigens schon
-etwas von den Badener Rennen? Wann -- wie -- was?” fragte er unter der
-Tür, den Kopf zurückwendend.
-
-„Noch nicht eine Silbe!” versicherte Markwaldt diensteifrig, während er
-vom Tisch mit plumper Grazie auf den Boden hüpfte.
-
-Professor Hammann zog die farblosen Brauen über den grauen Augen in
-die Höhe, tippte den ebenso farblosen, kurzen Schnurrbart mit den
-Fingerspitzen und verschwand. Er zog die Tür hinter sich zu, um völlig
-ungestört sein Berliner Sportblatt zu lesen. So lange konnte die Arbeit
-ruhig noch warten.
-
-Markwaldt, sich selbst überlassen, machte sich pomadig an sein Präparat.
-
-Mit Neugier erwartete er die Rückkehr seines Kollegen Perthes. Es
-dauerte bis gegen zwölf, ehe der Erwartete kam und nach kurzem Gruß,
-als wäre nichts vorgefallen, an sein Mikroskop ging.
-
-„Wie hat Ihnen denn das große Tier gefallen? Erzählen Sie!” konnte sich
-Markwaldt nicht enthalten, ihn aufzumuntern.
-
-„Sehr liebenswürdig,” erwiderte Perthes einsilbig. Er schien nicht die
-mindeste Lust zu irgendwelchen Mitteilungen zu haben.
-
-„Was hat er denn von Ihnen gewollt?”
-
-„Allerhand.”
-
-Markwaldt ließ sich durch die zugeknöpfte Art von Perthes nicht
-abschrecken. Und sollte er so viele Fragen tun müssen, als draußen vor
-dem Fenster an den langweiligen Hornsträuchern Blätter waren. „Will er
-Sie vielleicht zu seinem Assistenten machen?” forschte er unentwegt,
-mit einer boshaften Betonung, die der ausweichenden Geheimnistuerei
-seines Kollegen galt.
-
-„Und wenn er das wollte?” gab Perthes gleichgültig zurück.
-
-Markwaldt hielt mit der Arbeit ein und stemmte die kurzen, massigen
-Arme in die Hüften. „Anzukohlen brauchen Sie mich aber nicht gerade,
-Perthes!” sagte er ganz entrüstet. Er hatte die Frage nur aus Ulk
-gestellt, und der Gedanke, daß davon auch nur ein Wort wahr sein
-könnte, verursachte ihm Kongestionen.
-
-„Fällt mir nicht ein, Sie anzukohlen, Doktor Markwaldt. Hupfeld hat
-mir in der Tat eine Assistentenstelle an der Chirurgischen Klinik
-angeboten.”
-
-„Ja -- aber -- nu -- nu -- nu, sagen Sie mal!” Markwaldt kam aufgeregt
-zu ihm heran und fuchtelte mit den Händen. „Das ist ja Mumpitz! Das
-verbitte ich mir! Sie sind ja Bakteriologe! Sie --”
-
-„Wenn Sie's durchaus wissen wollen, wie die Sache kam -- nichts ist
-einfacher!” erklärte Perthes, ohne von seinem Mikroskop aufzusehen.
-„Vor einigen Wochen hatte ich die Bazillenschnüffelei so satt, daß ich
-in einem Anfall von Mißmut an Professor Rehbach in Bonn schrieb, ich
-hätte Lust, wieder zur Chirurgie zurückzukehren. Ob er etwas für mich
-wüßte. Irgendeine Assistentenstelle. Ich hatte bei ihm doktoriert, und
-wir verstanden uns immer leidlich. Inzwischen hatte ich die Geschichte
-wieder so gut wie vergessen. Heute sagte mir auf einmal Hupfeld, sein
-Schüler Rehbach, bei dem er wegen eines Assistenten angefragt, hätte
-mich empfohlen. Ob ich Lust hätte. -- Fertig ist die Laube, würden Sie
-sagen! Das ist alles.”
-
-„Menschenskind! Alles! Alles, sagen Sie! Als könnte es was
-Selbstverständlicheres nicht geben!” zeterte Markwaldt. „Sie sind der
-blasierteste Fasan oder das neugeborenste Lamm, das mir je vorgekommen
-ist!” Er drehte sich auf dem Absatz rund herum und klatschte sich auf
-den Schenkel. „Wissen Sie denn nicht, daß Hupfelds Assistenten, wenn
-sie nicht geradezu Hornochsen sind, gemachte Leute sind?”
-
-„Sie sind sehr freigebig mit Ihren zoologischen Kenntnissen, Kollege!”
-Perthes streifte ihn über sein Instrument weg mit einem spöttischen
-Blick.
-
-„Sind Sie denn der Exzellenz nicht schlankweg um den Hals gefallen?
-Oder haben ihr die berühmte Hand vor Rührung abgequetscht? Oder --”
-
-„Sieht mir das ähnlich?”
-
-„Nee, nee, ähnlich sieht Ihnen das freilich nicht. Ähnlich sieht Ihnen,
-daß Sie sagten: ‚Sehr nett von Ihnen, Herr Hupfeld! Ich hab' das
-nicht anders erwartet!‛ Vielleicht haben Sie dem alten Herrn auch auf
-die Schulter geklopft, was? Und dann erklärten Sie wohlwollend oder
-zimperlich, so wie 'ne höhere Tochter, die mit Mama'n sprechen muß:
-‚Ich werde mir's mal überlegen‛! -- Hab' ich recht?”
-
-Jetzt mußte Perthes wider Willen lachen. Die bissige und doch zugleich
-gutmütige Aufregung Markwaldts belustigte ihn. „Ganz so war's ja
-nicht. Aber Bedenkzeit mußte ich mir allerdings ausbitten.”
-
-„Wußt' ich 's doch! Ihnen müssen die Tauben nicht bloß gebraten,
-sondern auch gleich hübsch tranchiert in den Mund fliegen! Ich sage
-Ihnen, ich” -- Markwaldt stellte sich breitbeinig in Positur und
-klopfte sich auf die Brust --: „Wenn Sie Glückspilz da nicht mit beiden
-Händen zugreifen, sind Sie -- nee, die Zoologie ist dafür zu gut! --
-sind Sie reif für 'ne andere Klinik! Für die da drüben -- am Wasser,
-wissen Sie -- für die psychiatrische. Aber nicht als Assistent, sondern
-in die Isolierzelle! ~Dixi!~” Damit schritt er heftig zurück an seinen
-Platz und präparierte seine Mauslungen.
-
-Perthes dachte nicht ganz so gleichgültig von Exzellenz Hupfelds
-Anerbieten, wie es den Anschein hatte. Wenn er auch bei dem häufigen
-Wechsel, zu dem ihn seine innere Unrast innerhalb der Wissenschaft
-schon getrieben hatte, einer neuen Wendung skeptischer gegenüberstand
-als ein anderer und ihm Fragen des äußeren Erfolgs unbedeutender
-erschienen als die jener inneren Befriedigung, nach der er sich bisher
-umsonst abgehastet, so bedeutete doch der Vorschlag des berühmten
-Hupfeld, in seinen Assistentenstab zu treten, einen Fortschritt, so
-verlockend und aussichtsreich, wie er sich nur wünschen ließ. Er war
-weder der blasierteste Fasan noch das neugeborenste Lamm, zwischen
-denen ihm Markwaldt die Wahl ließ. Kam es darauf an, so konnte er sich
-freuen, so gut wie irgendeiner. Vielleicht toller als irgendeiner. Nur
-durften dann nicht so widerspruchsvolle Gedanken und Empfindungen sein
-Inneres beschäftigen wie gerade in den letzten Tagen.
-
-Seit sich ihm Margas Geheimnis auf der nächtlichen, mondbeschienenen
-Heimfahrt von der Sägemühle enthüllt hatte, hatte er keine
-ruhige Minute mehr. Es war nicht wie vor einigen Wochen jenes
-leidenschaftliche Toben und Sichverlieren, das ihn in allen Höllen und
-Himmeln umherwarf. Im Gegenteil, er war besonnener als je und hatte
-sich zur mitleidslosesten Objektivität gezwungen, deren er fähig war.
-Am Tag nach jener letzten Begegnung räsonierte er einfach und nüchtern:
-Sie liebt dich. Liebst du sie? Was er bei strenger Untersuchung in
-sich fand, war: unbegrenzte Achtung, ein warmes, wohltemperiertes
-Freundschaftsgefühl, wie er es nie für einen Menschen empfunden, und
-tiefes Mitleid. Aber Liebe? Erdbewegende, himmelstürmende Liebe,
-wie er sie sich vorstellte und ersehnte, fand er nicht. Keine
-Beschleunigung seines Pulses, kein heißer, wirbliger Kopf, der nur
-einen Gegenstand denken und fassen konnte, keine Sehnsucht seiner
-Sinne, diesen Gegenstand im Arm zu halten, zu besitzen. Er liebte also
-Marga nicht. Folglich gab es für ihn als Mann von Ehre und Takt nur
-eine Möglichkeit: er mußte sie meiden, wie sie ihn ja selbst gebeten
-hatte. Strengste Zurückhaltung mußte er sich auferlegen, um sie nicht
-durch ein weiteres Entgegenkommen noch unglücklicher zu machen. Er
-hatte schon gerade genug gesündigt. Nun, da er von ihrer Liebe wußte,
-erklärte sich ihm so vieles: ihr Versagen, als er sie wegen seiner
-Liebelei mit Hilde König um Rat fragte; ihr Schweigen über den Umzug
-nach der Mühle; ihr ganzes Verhalten bei seinem Besuch da draußen, von
-dem ängstlichen, abweisenden Empfang bis zu der gewaltsamen Bitte,
-sie dort allein zu lassen. Wie mußte er sie gequält haben! Wenn es
-sein mußte, wollte er diese Freundschaft lieber opfern, als ein
-zweideutiges Spiel treiben, das mit Margas Verzweiflung endigen mußte.
-
-Am Tag danach räsonierte Perthes nicht minder eindringlich.
-
-Er stellte von neuem Achtung, Herzlichkeit, Mitleid bei sich fest,
-aber keine Liebe. Was war eigentlich Liebe? Gab es denn die Liebe,
-die er sich zusammenidealisierte? Er wollte sehr gründlich zu Werk
-gehen. War diese „Liebe” nicht ein sehr unklares Gemenge, das zwei
-sehr verschiedene Bestandteile zu verbinden strebte? Wenn er dies
-Phantasieprodukt recht unter die Lupe nahm, fiel es auseinander in
-Leidenschaft und in eine seelische Unbekannte, die er einstweilen mit
-~x~ bezeichnete. Weiter kam er für diesmal nicht. Dagegen ertappte er
-sich des öftern, wie er in Gedanken Ausflüge nach der Sägemühle machte
-und sich ausmalte, was Marga jetzt tun und denken mochte. Ob und wie
-sehr sie unter seinem Ausbleiben litt. Vielleicht war es doch nicht
-richtig, ihr nicht wenigstens eine Zeile zu schicken, die ihr darlegte,
-wie er die Sache ansehe.
-
-Der nächste Tag -- es war der gestrige -- ließ ihn mit dem Gefühl einer
-großen, schmerzlichen Leere aufwachen.
-
-Kein Wunder, daß er als gewissenhafter Selbstschauer über diese Leere
-Rechenschaft verlangte. Was fehlte ihm? Was oder wen vermißte er? Ohne
-Zweifel den Umgang mit Marga. Oder Marga selbst. Er entbehrte eine
-angenehme Gewohnheit. Seine Gefühle für Marga waren dieselben wie
-vorher. Oder doch nicht ganz? Wo war er doch stehen geblieben? Liebe =
-Leidenschaft + ~x~. Besser: ~x~ + Leidenschaft. Die Leidenschaft war
-sicher das Nebensächliche, das Zweite, das Untergeordnete. Aber ~x~?
-War die große Unbekannte vielleicht Achtung + Herzlichkeit + Mitleid,
-eben jene Summe, in der sich die Freundschaft darstellte? Perthes
-mißtraute dieser Gleichsetzung. Sie befriedigte ihn nicht. Gewiß nicht.
-Nicht annähernd. Sie mußte falsch sein. Mit Gewalt hielt er sich jeden
-Gedanken an die Mühle und Marga fern.
-
-Und heute?
-
-Es war Freitag. War er mit dem linken Fuß aus dem Bett gestiegen? Er
-war unzufrieden mit seiner ganzen bisherigen, so peinlichen Analyse,
-mit der Methode überhaupt.
-
-Was wollte er eigentlich? Das Unmögliche! Das lag so in seiner
-verhängnisvollen Natur; er wollte, was er nicht brauchen konnte, und
-wollte nicht, was er brauchte. Es genügte ihm offenbar nicht, daß
-er sich mit seiner albernen Schwärmerei für Hilde König und deren
-kläglichen Nachkrämpfen vor sich selber unsterblich blamiert hatte! Wo
-hinaus wollte er mit dem öden Spintisieren der letzten Tage? Es war
-doch vollkommen gleichgültig, was „Liebe an sich” war. Es handelte
-sich um das, was er als Liebe brauchte. Für sein Glück. Sein Wille
-hatte da das entscheidende Wort zu sagen. Hatte er sich je reicher,
-harmonischer, mehr als er selbst empfunden als in dieser Freundschaft?
-Er mußte an ein Gespräch denken, das er einst mit Marga gehabt. Sie
-hatte davon gesprochen, daß es viel weniger auf die Meinungen ankomme,
-die man sich von den Dingen im allgemeinen mache, als auf das, was
-man aus sich selber mache. Er hatte ihr entgegengehalten: „Was aber
-dann, wenn man bald so ist, bald so? Wenn man die bekannten ‚zwei
-Seelen‛ in der Brust hat?” -- „Dann kommt es eben darauf an, durch
-welche von beiden man glücklicher, man mehr ‚man selber‛ ist. Wenn
-man das erst weiß, braucht man bloß zu wollen!” Begriff er jetzt,
-was er damals nicht begreifen konnte? Wollte er begreifen? Er war am
-Wendepunkt seines Lebens. Es galt, sich zu entscheiden. Vor ihm lag
-eine Wirklichkeit: nicht freilich die Vollkommenheit, das Unmögliche
-und Überschwengliche, wohl aber Schönheit, Harmonie, die große Stille,
-die er ersehnte. Wenn er ein Mann war, brauchte er nur zu wollen. Die
-Wirklichkeit zu ergreifen und sich zuzurufen: Das ist die Liebe! Meine
-Liebe! Ich setze sie gleich der Unbekannten, und damit ist sie's! So
-will ich's! ...
-
-So weit war Perthes' Überlegung gediehen, als er am Morgen ins Institut
-kam.
-
-Dann rief ihn ein Diener von der Chirurgischen Klinik zu der
-unerwarteten Konferenz mit Hupfeld.
-
-Unter dem ersten Eindruck des lockenden Antrags hatte er von dort den
-Weg nach der Straße am Wenzelsberg eingeschlagen. Er war so gewohnt,
-alles mit Marga zu besprechen, daß er für den Augenblick ihr Fernsein
-völlig vergessen hatte. Erst unterwegs fiel es ihm ein.
-
-Ganz niedergeschlagen machte er kehrt und ging ins Bakteriologische
-Institut zurück.
-
-Aber es wollte mit der Arbeit heute nicht vorwärts.
-
-Er hatte in den letzten Tagen zu viel Seelenmikroskopie getrieben, um
-an der prosaischeren der Gewebezellen Geschmack zu finden. Es litt ihn
-nicht am Untersuchungstisch, und ehe Markwaldt das ihm unerträgliche
-Schweigen des Kollegen durch einen neuen Ausfall brechen konnte, war
-dieser davongelaufen.
-
-Er bummelte nach der Stadt.
-
-Nach all der vorsichtigen und gewissenhaften Überlegung, mit der er
-seine Gefühle zu zerfasern begonnen hatte, war er jetzt auf dem Punkt
-angelangt, wo sein Temperament sein Recht verlangte. Der Anstoß, den
-Hupfelds Anerbieten ihm gab, genügte gerade, um ihn den Sprung tun
-zu lassen, auf den die vermeintlich so objektiven Grübeleien der
-letzten Tage ihn unaufhaltsam zudrängten. Und es war ein Sprung. Vor
-ein paar Wochen war er für Hilde König Feuer und Flamme gewesen,
-für die leichte, poetische Äußerlichkeit, den „Falter”, den er, das
-schwerfällige „Kriechtier”, brauchte um jeden Preis! Und jetzt war
-es die tiefe, versonnene Innerlichkeit, die von allem Äußerlichen
-abgekehrte, schlichte, anspruchslos-ernste Marga, die ihm unentbehrlich
-war wie keine andere! In der kürzesten Spanne Zeit hatte sich seine
-Natur von einem Extrem ins andere geworfen. Aber so sah er, Perthes,
-das, was sich vorbereitete, nicht an. Er sah, im Schein seiner
-ehrlichen Selbstprüfung, eine gründliche, sein ganzes Wesen wandelnde
-Entwicklung. Und als er sich jetzt einen Ruck gab und entschlossen auf
-das Postgebäude zuging, wunderte er sich über die Ewigkeit, die es
-gedauert, ehe sein Entschluß gereift war. Er trat ein und ließ sich am
-Schalter einen Kartenbrief geben. Mit fliegender Schrift warf er die
-Zeilen darauf:
-
-Bitte dringend um eine Unterredung. Komme gegen fünf auf die Sägemühle.
-
- Herzlich Ihr
-
- Max Perthes.
-
-Als er fertig war, fiel ihm ein, daß der Brief sie nicht rechtzeitig
-erreichen könnte. Nicht einmal als Eilbrief. Sollte er telegraphieren?
-Marga konnte erschrecken. Er lief von der Post nach dem Bahnhof. Dort
-ergatterte er einen grünen Radler. Der mußte die Botschaft geradeswegs
-und so schnell wie möglich nach der Mühle bringen. Perthes war nicht
-eher beruhigt, als bis der junge Mann mit seinem grünen Käppi um die
-nächste Ecke geflitzt war. Es war schon viel zu viel Zeit versäumt,
-viel zu viel.
-
-Sich die Stunden bis zur eigenen Fahrt nach der Mühle zu vertreiben,
-kostete ihn eine unglaubliche Anstrengung.
-
-Er nahm sich vor, sein Mittagessen im Café Wagner länger auszudehnen
-als sonst. Die Folge war, daß er eine Viertelstunde eher fertig war,
-als gewöhnlich. Dann wollte er in seiner Behausung mindestens eine
-Stunde schlafen. Noch keine halbe Stunde war vergangen, so sprang
-er von seinem Schaukelstuhl auf und streckte den Kopf zum Fenster
-hinaus. Es war ein bedeckter, aber angenehmer Sommertag. Es lohnte
-sich immerhin, zu Fuß nach der Mühle zu gehen. Nein! Das dehnte sich
-so widerlich lang. Also mit dem Lokalzug. Aber da mußte er noch
-anderthalb Stunden warten. Genau so war's mit dem Vergnügungsdampfer.
-Und der blieb überdies mit Vorliebe in der starken Strömung hinter
-der Brücke, dem sogenannten „Teufelswirbel”, stecken. An einen Nachen
-war erst recht nicht zu denken. Das Rudern dauerte gegen den Strom
-eine halbe Ewigkeit. Blieb -- das Rad. Das war nicht mehr recht fair,
-aber praktisch. Er entsann sich eines medizinischen Kollegen von der
-Augenklinik, der ihm ein Fahrrad pumpen konnte. Obwohl es noch nicht
-drei Uhr war, machte er sich zu diesem Bekannten auf den Weg. Natürlich
-war der noch bei Tisch. Aber das Rad war da, und nach einer Bestellung
-seines Namens durch die Hauswirtin konnte er riskieren, es zu nehmen.
-Jedenfalls nahm er es. Daß er so von allen ihm zu Gebote stehenden
-Fuhrwerken -- Autodroschken ungerechnet -- das geschwindeste gewählt,
-war der reine Zufall. Wenn er zufuhr, konnte er in zwanzig Minuten auf
-der Sägemühle sein. Und er fuhr zu.
-
-Er sah nicht rechts noch links. Er wäre um halb vier Uhr an Ort und
-Stelle gewesen, wenn er nicht ganz unerwartet von einer Stimme hinter
-sich angerufen worden wäre.
-
-„Holla, Doktor! Sie sind wohl Rennfahrer, was?” klang es ihm boshaft
-nach.
-
-Verdutzt drehte er sich um. Er hatte gar nicht bemerkt, daß er an einer
-gleichfalls radelnden jungen Dame vorbeigesaust war.
-
-An der Stimme hatte er Fräulein Hupfeld erkannt.
-
-Wenn er nicht schon zurückgeschaut, und wenn es sich nicht um die
-Tochter seines präsumtiven Chefs gehandelt hätte -- er wäre schlankweg
-weitergefahren. So machte er eine Volte und wartete, bis Fräulein
-Exzellenz in sehr gehaltenem Tempo sich näherte. Sie sah schick
-aus in dem leichten, lichtbraunen Kostüm mit der gleichfarbenen
-Mütze, die ein heller, bauschiger Autoschal mit flotter Schleife
-unter dem Kinn festhielt. Die kecke Stupsnase und ein paar seltsam
-flackernde, graubraune, intensive Augen blickten aus dem flatternden
-Musselin hervor. Frei und ungezwungen, nur die eine Hand am Griff der
-Lenkstange, saß sie auf dem Rad. Die länglichen, schmalen Füße in
-braunen Lackhalbschuhen regierten spielend die Pedale.
-
-„Sie sind also auch noch so stillos, zu radeln?”
-
-„Ich bin immer mein eigener Stil,” gab Perthes mit hochtrabender Kürze
-zurück.
-
-„Hübsch. Das könnte beinahe ~ich~ gesagt haben!” Alice war jetzt neben
-ihm. „Wissen Sie, das wievielte Mal es ist, daß Sie mich nicht grüßen,
-Doktor Perthes?”
-
-„Nein, gnädiges Fräulein. Jedenfalls bedaure ich --”
-
-„Das erstemal vor einigen Wochen. Da rannten Sie mit einem Armvoll
-Rosen an mir vorbei, als hätten Sie mich noch nie gekannt.” Sie reichte
-ihm mit handkußheischender, ungezwungener Bewegung die Hand von Rad zu
-Rad, während sie ihn mit einem herausfordernden Blick von Kopf zu Fuß
-oder vielmehr, wie dies ihre Gewohnheit war, von Fuß zu Kopf musterte.
-
-Perthes begnügte sich mit einem flüchtigen Händedruck. Nichts kam ihm
-ungelegener als dies Zusammentreffen, und er gab sich keine Mühe, sein
-Mißbehagen zu verbergen.
-
-Alice, die seinen Widerstand sofort heraus hatte, fuhr noch langsamer
-und zwang ihn, mit ihr gleiches Tempo zu halten.
-
-„Das zweitemal, wo Sie mich schnitten,” fuhr sie mit gemächlicher
-Harmlosigkeit fort, „gingen Sie mit einem blonden Herrn, der ungemein
-jovial und lustig aussah, im Geschwindschritt über die Brücke nach der
-Altstadt. Papa und ich fuhren im Automobil an Ihnen vorbei. Das war vor
-fünf, sechs Tagen.”
-
-„Aber Sie führen ja geradezu Buch über meine Unterlassungssünden!”
-
-„Das drittemal heute, Doktor. Ist das etwa Absicht -- Herr Perthes?”
-Sie sah ihn nicht an, aber rundete auf eine maliziöse Art ihre
-spitzbübischen Lippen.
-
-„Gnädiges Fräulein,” wehrte sich Perthes, „ich bitte tausendmal um
-Vergebung! Ich bin völlig unschuldig! Denn --”
-
-„Na -- ob Sie so sehr unschuldig sind,” bemerkte Alice mit einem
-vieldeutigen Seitenblick, „ist 'ne Frage für sich! Wo wollen Sie denn
-eigentlich hin?”
-
-„Ich fahre spazieren,” erwiderte Perthes hastig.
-
-„Spazieren?” wiederholte sie ungläubig-gedehnt. „Das trifft sich ja
-famos. Ich fahre nach dem Stift. Wir wohnen jetzt ein paar Wochen
-draußen. So ab und zu wohnt sich's ganz nett in dem alten Rumpelkasten.
-Sie kennen doch Stift Nieburg?”
-
-„Vom Vorbeigehen -- natürlich.” Das Stift lag einige hundert Schritte
-von der Sägemühle entfernt auf halber Bergeshöhe; ein schloßartiges
-Gebäude aus dem achtzehnten Jahrhundert mit einer hochgetürmten
-Kapelle, mitten in altem Park, das Flußtal beherrschend. Exzellenz
-Hupfeld hatte sich diesen prächtigen Sitz, ein früheres adliges
-Fräuleinstift, als Sommerresidenz gekauft. „Es muß sich dort nicht
-schlecht hausen lassen. Das denke ich mir,” setzte Perthes hinzu, um
-das Gespräch nicht unhöflich stocken zu lassen.
-
-„Gott, Papa hat nu mal die schnurrige Vorliebe für olle Kamellen!
-Ich mach' mir nicht viel draus. Das Romantische ist nicht mein Fall.
-Aber Sie, Doktor -- Sie sehen so'n bißchen nach Räuberromantik aus.
-Die Kapelle ist ganz niedlich. Und im Saal hängen über wurmstichigen
-Möbeln, die wertvoll sein sollen, greulich öde Ahnenbilder. Wenn
-Sie Lust haben, kommen Sie 'n bißchen mit rauf! Ich bin bis Abend
-mutterseelenallein. Schloßbesichtigung gratis!” Sie zwinkerte halb
-listig, halb spöttisch mit ihren Augen, die ihre Farbe wechseln zu
-können schienen, indem sie bald grünlich, bald golden aufschimmerten
-oder ihr undurchdringliches Graubraun bewahrten.
-
-„Sehr liebenswürdig! Aber zu meinem Bedauern -- heute geht's nicht.
-Wirklich nicht! Ich muß nachher noch arbeiten!” Perthes war nicht für
-Ausrede und Verstellung gemacht. Man sah ihm an, daß er flunkerte. Er
-errötete sogar ein wenig. Ihr sagen, wohin er wollte, konnte er nicht.
-In ihrer Gegenwart von Marga oder auch nur von etwas zu reden, das mit
-ihr im Zusammenhang stand, widerstrebte ihm. Er wäre ihrer Einladung
-auch nicht gefolgt, wenn er gekonnt hätte. Alice Hupfelds freie und
-saloppe Art, die immer der Gipfel des Modernen sein sollte, entsprach
-seinem Geschmack heute weniger denn je. Vielleicht daß sie ihn auch
-verwirrte. Ihre spottsüchtige Koketterie zwang ihn zu einer ständigen
-Kriegsbereitschaft, die ihm heute besonders beschwerlich wurde.
-
-Sie dachte nicht daran, ihn zu entlassen. Je deutlicher seine Ungeduld
-wurde, um so weniger. Dieses schwarzbärtige Mannkind, das sie in
-Perthes sah, reizte sie, je spröder er sich gab, nur um so stärker.
-Seine Gewandtheit, sein Temperament und seine Kraft, die sie vom
-Sportplatz kannte, imponierten ihr. Sein Aussehen, das dunkelgebräunte
-Gesicht mit den ungebärdig über die Stirn fallenden, buschigen Haaren,
-den großen, oft unvermittelt aufglühenden Augen, hatte für sie etwas
-Exotisches, das sie anzog, während seine innere Unberührtheit und
-Ungelenkigkeit, die mit der äußeren Geschicklichkeit kontrastierte, sie
-lächerte und zu spöttischer Überlegenheit herausforderte.
-
-„Ich glaube, Sie sind ein wenig prüde, Doktor Perthes,” sagte sie nach
-einer Weile wie in Gedanken vor sich hin.
-
-„Ich? Wieso? Wie meinen Sie das?” fragte Perthes zerstreut.
-
-„Ich denke mir's eben. Vielleicht steckt hinter Ihnen ein ganz
-ehrsamer, biederer Philister -- wie?” Ihre Augen begegneten mit voller
-Angriffslust den seinen, und ihr Mund verzog sich, als unterdrücke sie
-ein boshaftes Lachen.
-
-„Schon möglich!” gab Perthes achselzuckend zurück. Seine
-Unbehaglichkeit wuchs mit jeder Umdrehung des mühsam zurückgehaltenen
-Rades. Welche Tücke hatte ihm gerade jetzt dieses verteufelte Mädel
-zuführen müssen, das sichtlich sein Vergnügen daran fand, eine Stimmung
-auszunutzen, die ihn wehrlos machte?
-
-„Mit wem verkehren Sie denn hier in der Hauptsache?” forschte sie
-unvermittelt weiter. Es war eine Liebhaberei von ihr, Fragen scheinbar
-zusammenhangslos aneinanderzureihen, die sie dann plötzlich zu einer
-unvermuteten Schlinge zusammenzog.
-
-„Ich habe sehr wenig Verkehr, Fräulein Hupfeld. Vorzugsweise bin ich in
-Gesellschaft meiner Bazillen,” scherzte er grimmig.
-
-„Da haben Sie ja ausgesuchte Gesellschaft!” lachte Alice.
-
-Es war ein helles, kurzes, aufreizendes Lachen, bei dem er nervös die
-Hände um die Lenkstange preßte, als wollte er sie zerbiegen. Wußte sie,
-daß er bei Richthoffs aus und ein ging? Wollte sie ihn aushorchen?
-Spottete sie über seinen Verkehr?
-
-Zum Glück trennten sich jetzt die Wege. Der zum Stift Nieburg führte
-seitwärts bergan. Die Landstraße lief nach der Sägemühle geradeaus
-weiter.
-
-Alice sprang leichtfüßig vom Rad.
-
-Perthes tat dasselbe, um sich zu verabschieden.
-
-„Werden Sie denn bei Papa als Assistent eintreten?” warf sie nüchtern
-hin.
-
-„Wohl möglich!”
-
-„Na -- dann werd' ich Sie mal ein bißchen in Erziehung nehmen, Doktor
-Perthes!”
-
-„Scheint Ihnen das nötig?”
-
-„Oh -- dringend! Ich werde Sie zum Beispiel lehren, daß man junge Damen
-seiner Bekanntschaft nicht übersieht. Dann werd' ich Ihnen beibringen,
-daß man einer jungen Dame, die ihr Rad bergan schieben muß,” -- sie
-deutete auf den etwas steilen Weg, der zum Stiftstor führte -- „seine
-Dienste anbietet!”
-
-„Da scheint die Assistenz bei Ihrem Herrn Vater mit gewissen
-Nebendiensten verbunden zu sein!” entfuhr es Perthes wütend. Sein Unmut
-darüber, daß er aufgehalten und absichtlich mißhandelt wurde, riß ihn
-zu dieser groben, patzigen Unhöflichkeit fort.
-
-Er hatte sich Alice gegenüber nur eine Blöße gegeben. Sie warf den
-schleierumbauschten Kopf in den Nacken zurück. Eine Strähne ihres
-rötlichen, ungebärdigen Haares schlüpfte unter der Mütze hervor.
-Ihre Lippen spitzten sich und bebten leise, während die kecken,
-spitzbübisch-kecken Augen ihn wie zuerst von Fuß zu Kopf musterten und
-sich dann ohne Scheu in die seinen hefteten.
-
-„Ich wollte sagen --” verbesserte sich Perthes mit einer
-Unbeholfenheit, die nichts verbesserte.
-
-„Nicht nötig!” schnitt sie ihm das Wort ab. „Ich werde mich für Ihre
-Grobheiten schon schadlos halten, Doktor!” Sie gab ihm die Hand, als
-wäre nichts geschehen. Und er wagte diesmal nicht, diese schmale,
-schmiegsame Hand ohne einen flüchtigen Handkuß zu lassen.
-
-Ihre Augen zuckten triumphierend. Sie nickte ihm zu, als wollte sie
-sagen: Ich fange schon an, mich schadlos zu halten! Und ohne ihn weiter
-zu beachten, stieg sie, das Rad neben sich herschiebend, zum Stift
-hinauf. --
-
-Perthes schwang sich wieder auf den Sitz. Er fuhr in schnellem Tempo
-der Mühle zu, deren Dach unweit zwischen den hohen Gartenbäumen
-durchschimmerte. Seine Uhr zeigte vier. Es war also noch immer
-reichlich viel früher, als er sich angemeldet hatte. Aber er hätte
-ohne dieses Zusammentreffen auf offener Straße eine halbe Stunde
-eher da sein können. Warum hatte sich dieses tolle Mädel wie ein
-fratzenschneidender Kobold in seine ernste, zielsichere Stimmung
-gedrängt? Er wütete innerlich gegen sie und ihre forschen Allüren, ihre
-spottlüsterne, herausfordernde Überlegenheit. Diese ganze gelenkige
-Mischung von Harmlosigkeit und Bosheit war ihm verhaßt. Ohne Zweifel!
-Und um ihr pfiffiges Schelmengesicht zu vertreiben, rief er sich Marga
-ins Gedächtnis. Es hielt schwerer, als er gedacht. Fräulein Exzellenz
-war hartnäckig, auch noch in seiner Vorstellung.
-
-Perthes war froh, als er die Sägemühle erreichte, die heute wie
-verschlafen hinter ihrem sonnenlosen Garten lag. Ein Pfauenschrei vom
-Geflügelhof war der einzige Laut, der ihn bei der Einfahrt empfing.
-
-Er sprang ab und schob sein Rad in den Gitterstand, der für diesen
-Zweck links vom Tor angebracht war. Er war trotz des Schattens heiß
-geworden und trocknete sich die Stirn. Ein Blick in den Garten
-überzeugte ihn, daß da die Gesuchten nicht zu finden waren. Er trat ins
-Haus und fragte die Wirtsfrau, die neben dem Büfett döste, nach den
-jungen Damen. Sie glaubte, die beiden Fräuleins hätten einen Ausflug
-gemacht. Ja, natürlich; jetzt, während sie sich die Augen rieb, fiel es
-ihr „für gewiß” ein: sie waren schon am Vormittag weg und wollten erst
-zum Abend zurückkommen.
-
-Damit hatte Perthes auch nicht einen Augenblick gerechnet.
-
-Wahrhaftig! Als er sich im öden, plakatreichen Gastzimmer umblickte, wo
-nur die Fuhrleute oder die Bauern aus der Umgebung ihr Glas Bier oder
-ihren Schnaps zu trinken pflegten, sah er seinen eiligen Kartenbrief
-friedvoll am Spiegel stecken. Marga hatte ihn also nicht einmal mehr
-erhalten. Trotz des grünen Radlers! Heute, ausgemacht heute mußten die
-beiden eine Tour machen! Wo das Wetter nicht einmal danach war! Ganz
-verzweifelt knickte er auf einer der rohgezimmerten Bänke zusammen.
-Wohin die Damen gegangen wären, forschte er kleinlaut. Das wußte
-die gute Wirtsfrau auch nicht. Vielleicht hatten sie's ihrem Mann
-gesagt, aber der war in der Stadt. Also ihnen entgegenfahren konnte
-Perthes auch nicht. Es blieb gar nichts anderes übrig: wenn er nicht
-unverrichteter Dinge heimkehren wollte, mußte er bis gegen Abend
-warten. Eine Geduldsprobe, die zweite schon an diesem Nachmittag, die
-wie Rauhreif auf sein Ungestüm fiel ...
-
-Er bestellte sich Kaffee. Trostlos ging er in den Garten und setzte
-sich an den Tisch im Haselgebüsch, wo sein erster mißlungener Besuch
-auf der Mühle angefangen hatte.
-
-Kein Spaziergänger ließ sich heute ringsum blicken.
-
-Es gab so Tage, erklärte die Wirtin, als sie ihm selber den Kaffee
-brachte, da blieben sie wie auf Verabredung alle weg. Dabei war es doch
-nicht einmal übles Wetter. Im Gegenteil. Sehr angenehm zum Gehen. An
-Regentagen kamen sie manchmal in hellen Haufen. Es war sogar möglich,
-daß heute, mit dem Lokalzug um fünf Uhr, noch so viele kämen, daß man
-nicht Hände genug hatte, sie zu bedienen.
-
-So philosophierte die junge, jetzt munter gewordene Frau, und Perthes
-hörte gottergeben zu.
-
-Oder er hörte vielmehr nicht zu, sondern sah unglücklich zwischen den
-Büschen durch, in den Garten. Wie trübselig der aussah mit seinen
-leeren, buntgedeckten Tischen! Wie jämmerlich der dumme Springbrunnen
-in der Mitte, den er noch nie beachtet, in sein dürftiges Bassin
-plätscherte! Und draußen kroch der Fluß in grauer Greisenhaftigkeit;
-drüben, am anderen Ufer, schwammen Feld und Wald langweilig ineinander.
-
-Das war ja, um selber trübselig zu werden! Und das sollte womöglich
-stundenlang dauern? Wie gemacht für ihn, um sich zu vergrübeln!
-
-Stand er vielleicht im Begriff, eine Dummheit zu machen? Die Dummheit
-seines Lebens, die alle früheren übertraf? Oder -- wie? -- wenn Marga
-ihn nicht anhörte? Wenn, ja wenn -- das war das Tollste, darauf war er
-noch gar nicht gekommen, und das war so unmöglich gar nicht! -- wenn
-er sich nur eingebildet hatte, daß sie ihn liebe? Wenn sie überrascht
-war von dem, was er ihr sagen wollte? Und ihn abwies? Aber das war ja
-verrückt!
-
-Gepeinigt stand er auf und ging mit langen Schritten in dem leeren
-Garten zwischen den Tischen auf und ab, um den blödsinnig plätschernden
-Springbrunnen herum und noch einmal herum. Gewiß, das war unsinnig!
-Und doch plagte ihn diese jüngste Ausgeburt seiner Phantasie mit allen
-Teufeleien, deren sie fähig war. Wie ein dummer Junge stand er jetzt da
-und starrte kleinmütig über den Lattenzaun des Gartens weg in den Fluß.
-Warum sollte sie auch die Sache nur in Erwägung ziehen? Was konnte er
-ihr überhaupt bieten? Wie sollte er sich verständlich machen und die
-Geschichte anfassen? Am Ende hatte es gar keinen Zweck ... Im Nu war
-Max Perthes aus dem Gleise geworfen, wenn sich etwas nicht so gerade
-und einfach anließ, wie er es vor sich sah. Es blieb dabei: er konnte
-immer noch erst springen, aber nicht gehen ...
-
-Der Lokalzug brachte diesmal nicht den von der kundigen Wirtin als
-möglich prophezeiten Andrang. Der Garten blieb leer. Zwei, drei
-Einspänner, alte Herren mit Perücken, mit Mänteln mitten im Sommer und
-Stöcken mit Elfenbeinkrücken, tranken, weil sie nun einmal täglich
-kamen, ihre Tasse Kaffee und lasen ihre Zeitung. Das war alles.
-
-Und doch hellte sich der Himmel gegen Abend auf. Die Sonne drängte
-sich, etwas blaß und schüchtern freilich, durch die weißgrauen Wolken.
-Und den Fluß herunter kam ein Boot mit rotbemützten Studenten gezogen,
-deren Gesang halb wehmütig, halb heiter übers Wasser klang. Sie sangen
-von der Saale im Tale und den Burgen auf den Bergen. Erinnerungen an
-seine eigene Studentenzeit am fröhlichen Rhein erwachten in Perthes.
-Sie und der verhallende Gesang und das zage Sonnenlicht erzeugten eine
-ruhigere Stimmung in ihm. Die zerfahrenen, unmännlichen Zweifel wichen
-allmählich einer tapferen, fast heiteren Zuversicht. Das Unmögliche
-und Unerreichbare einer Liebe, die es nirgends, für ihn jedenfalls
-nirgends, gab, lag hinter ihm mit der Unreife und Halbheit, der
-rastlosen Jagd von Extrem zu Extrem; das Wirkliche und Faßbare war vor
-ihm. Das wollte er als Mann ergreifen und festhalten. So konnte er
-Marga entgegentreten, mit ihr sprechen.
-
-Drüben, am anderen Ufer, stieß jetzt das Fährboot ab.
-
-Perthes sah zu, wie es erst gegen die Strömung arbeitete und sich dann
-in der Mitte des Flusses von den Wellen aufnehmen ließ. Der breite
-Rücken des Schiffers hatte ihm die Insassen verdeckt. Jetzt erkannte
-er sie und richtete sich auf. Er ging aus dem Garten und stieg die
-Böschung hinunter, nach dem Steg ...
-
-„Du, ich glaube -- wahrhaftig! -- Doktor Perthes erwartet uns drüben!”
-konstatierte Elli mit halblauter Überraschung.
-
-Marga, die die Hand ins Wasser getaucht hatte, um die frische, ziehende
-Kühle zu spüren, hob sie langsam heraus. Sie war selbst verwundert,
-_wie_ langsam. Und war auch verwundert, wie wenig verwundert sie war.
-All die letzten Tage war sie so tieftraurig, so in sich zerrissen,
-so bitter-wortkarg gewesen. Elli hatte sich gar nicht mehr mit ihr
-zu helfen gewußt und schließlich, aus reiner Verzweiflung, einen
-Tagesausflug vorgeschlagen -- trotz des mäßigen Wetters. Weit über
-die Berge waren sie durch die einsamen Wälder nach einer Schloßruine
-über dem Flußtal gewandert. Marga blieb bis über Mittag so trüb und
-verschlossen, als sie nur je gewesen. Erst am Nachmittag kam plötzlich,
-ihr selbst unerwartet und unverständlich, eine Fröhlichkeit über
-sie, wie lange nicht. Grundlos, gegenstandslos -- eine von jenen
-unbegreiflichen Offenbarungen des Gefühls, die sinnlos erscheinen und
-doch mit geheimnisvoller Ahnung mitten im Unglück eine glücklichere
-Zukunft vorauszukünden scheinen. Und diese frohe Aufwallung, die Elli
-jubelnd begrüßte und miterlebte, hielt vor. Auf dem Hinweg hatte
-Elli vergebens versucht, der Schwester die Herrlichkeit der alten
-Buchen, der aus der Ferne ins Walddüster lachenden Kornfelder, des
-in der Tiefe zwischen Felsen aufschäumenden Flusses nahezubringen;
-auf dem Heimweg war es Marga, die beschrieb. Eins von den Bildern,
-die ihr inneres Gesicht sah: es war ihr, als schritten sie unter
-goldwolkigem Sommerhimmel talab über einen unabsehbaren Hang von
-blauen Glockenblumen, die im Winde wunderbar läuteten, mit zarten,
-dünnen, verheißungsvollen Stimmchen. Und wie sie an den Fluß kamen und
-übersetzten, hörte sie noch immer auf das seltsame, lockende, feine
-Klingen im Winde. Wie natürlich war es, daß er da drüben stand am Ufer,
-jenseit des Blumenhanges und des Wassers, das ihn silbern besäumte!
-Sein gemessen-ernster Gruß, der jetzt ihr Ohr traf, erschreckte sie
-nicht. Sie lächelte, als müßte es so sein. Die eine Hand gab sie
-Elli; die andere ergriff er und half ihr aussteigen, während Elli dem
-Fährmann seinen Groschen gab.
-
-„Sie sind ja gar nicht ein bißchen erstaunt und ungehalten, mich hier
-zu treffen!” meinte Perthes.
-
-Marga erwiderte nichts. Wie sie von ihm sich die Böschung hinaufführen
-ließ, klangen ihr die Glockenblumen von drüben nach; ihre zarten,
-dünnen Stimmen wuchsen, und ihr Geläute schwoll so mächtig, daß es sie
-betäubte.
-
-Erst als sie im Garten standen, verstummte das Getön, und sie ließ
-seinen Arm los.
-
-„Sie müssen nicht denken, ich hätte Ihr Verbot, zur Mühle zu kommen,
-leichtsinnig vergessen, Fräulein Marga!” begann Perthes wieder. „Der
-Brief, mit dem ich mich anmeldete und um eine Unterredung bat, steckt
-in der Wirtsstube drinnen seit Stunden am Spiegel. Es hängt auch jetzt
-noch ganz von Ihnen ab, ob Sie mich einen Augenblick hören wollen!” Er
-sah Marga forschend an. „Unter vier Augen,” setzte er hinzu und sah
-hinter sich.
-
-Aber Elli war verschwunden. Wie von der Erde verschluckt. Sie
-versicherte später, sie habe stets einen „feinen Merks” für gewisse
-Situationen gehabt. Einen sehr feinen sogar ...
-
-Marga antwortete nicht auf Perthes' Frage. Ihr war zumute, als spänne
-das Bild ihrer Phantasie sich selbsttätig weiter; als sei all das
-Traum und nicht Wirklichkeit. Sie ließ sich von ihm an den Tisch im
-Haselgesträuch leiten und setzte sich zu ihm, wie er es wollte.
-
-„Vor ein paar Wochen,” hob Perthes, durch ihr Schweigen befangen, an,
-„hatte ich daran gedacht, von hier für immer fortzugehen. Wissen Sie:
-damals, als ich die törichte Geschichte mit Hilde König ausgeschwärmt
-hatte. Und als Sie, Fräulein Marga, mich vorigen Dienstag auf Wochen
-hinaus fortschickten, dachte ich wieder, es würde wohl das Beste
-sein. Ich hatte Lust, wie ich Ihnen schon früher einmal erzählte,
-die Bakteriologie wieder an den Nagel zu hängen und zur Chirurgie
-zurückzukehren. Erinnern Sie sich noch, Fräulein Marga?”
-
-Sie nickte mechanisch mit dem Kopf. Sie verstand nur halb, was er sagte.
-
-„Nun erhielt ich heute ein unerwartetes Anerbieten, hier bei Geheimrat
-Hupfeld als Assistent einzutreten,” fuhr er mutiger fort. „Ehe ich
-mich entscheide, möchte ich hören, was Sie darüber denken.”
-
-„Aber davon versteh' ich ja gar nichts!” erwiderte Marga leise. Sie
-nahm zerstreut ihren weißen englischen Strohhut ab und legte ihn neben
-sich auf den Stuhl. Verträumt strich sie das Haar über ihrer Schläfe
-zurecht.
-
-„Zu verstehen brauchen Sie da weiter nichts, Fräulein Marga. Sie sollen
-mir nur sagen, ob Sie wünschen, daß -- daß ich -- nun, daß ich eben
-hierbleibe. Das hängt nämlich von Ihnen ab. Nur von Ihnen,” wiederholte
-er gepreßt.
-
-„Von -- mir?” stammelte Marga. Sie hatte bisher die Augen blicklos ins
-Weite gerichtet. Jetzt suchten sie ihn mit einem unbeschreiblichen
-Ausdruck von Besorgnis und Verwirrung, als könnten sie ergründen, wohin
-er mit diesem vieldeutigen Wort zielte. Ob er scherzte; ob er sie
-quälen wollte, mit ihr spielen, oder ob ...
-
-„Ich rede in vollem Ernst, Fräulein Marga!” beteuerte Perthes, der
-ihren Blick richtig deutete. „Ich habe mich die letzten Tage, während
-ich fernblieb, gründlich vorgenommen. Ich wäre nicht wieder zu Ihnen
-gekommen, wahrhaftig nicht, wenn ich mir nicht ein Recht dafür hätte
-zusprechen können. Ich nehme die Stellung nur an, wenn Sie, Fräulein
-Marga, mir erlauben, wie bisher zu Ihnen zu kommen. Auch auf die
-Sägemühle. Und ich muß sogar noch weitergehende Bedingungen machen:
-wenn Sie versuchen, mehr für mich zu sein als eine Freundin! Wenn Sie
---” Die Erregung nahm ihm die Stimme, und er faßte nach ihren Händen,
-die vor ihm auf dem Tisch lagen. „Wenn Sie --”
-
-Marga zog sie mit einem leisen Aufschrei zurück. Sie warf sich gegen
-die Lehne ihres Stuhles. Bei seiner Berührung war sie plötzlich aus
-ihrer traumhaften Betäubung erwacht. Eine jähe Röte schoß in ihre
-Wangen und wechselte augenblicklich mit tiefer Blässe.
-
-„Nein, nein, nein!” stieß sie entsetzt hervor. Sie krampfte ihre Hände
-vor der Brust ineinander. Das sollte Wirklichkeit sein? Das durfte ja
-nicht Wirklichkeit sein. Niemals! „Nein! Nein! Nein!” wiederholte sie
-noch einmal mit äußerster Anstrengung und hob die Hände gegen ihn,
-als wollte sie so das Unmögliche und Unerlaubte von sich wegzwingen.
-Ihre Augen hatten einen beinahe irren Ausdruck angenommen. Sie wollte
-aufspringen. Sie wollte fortlaufen, ihm entfliehen -- aber ihre Kraft
-versagte. Die Arme fielen ihr erschöpft nieder, und die Augen schlossen
-sich, wie von einem übermenschlichen Schmerz zugedrückt.
-
-Perthes war gleichfalls erblaßt. Schweigend starrte er sie an. „Sie
-wollen also nicht,” sagte er dann tonlos und bitter.
-
-„Ich -- ich darf nicht!” stammelte Marga mit zuckenden Lippen.
-
-„Sie dürfen nicht?” fragte er dumpf. „Und warum nicht? Weil Sie nicht
-können? Weil Sie mir nicht mehr geben können als Freundschaft? Darum?”
-
-Marga schüttelte gequält den bleichen, blonden Kopf.
-
-„Oh, Sie trauen mir nicht! Sie können nicht glauben, daß ich weiß, was
-ich will! Was ich tue! Ich habe Ihnen keine hohen Liebesbeteuerungen
-vordeklamiert! Ich will nicht, daß Sie auch nur eine unwahre Silbe von
-mir hören! Nur versuchen sollten Sie's mit mir! Ehrlich versuchen, bis
-Sie sich überzeugt haben, daß ich's ehrlich meine!” Seine Worte brachen
-jetzt ungestüm und drängend aus ihm hervor. Er verkannte sich nicht.
-Er wußte, wie er an Reife hinter ihr zurückstand. Aber er wußte auch,
-daß er sie und nur sie brauchte! Und er wiederholte ihr mit seiner
-leidenschaftlichen Beredsamkeit alles, was in diesen Tagen in ihm
-vorgegangen war, mit rückhaltloser, nichts verbergender Offenheit.
-
-Während er noch sprach, sank Margas Kopf vornüber auf den Tisch, auf
-ihre Arme. Und mit einem Mal schüttelte das Schluchzen wie ein Schauer
-ihren Leib.
-
-Erschrocken hielt Perthes inne.
-
-„Ich darf ja nicht! Ich bin ja blind! Ich darf ja nicht!” ging es
-wie der Schrei eines auf den Tod Getroffenen durch den abendlichen,
-einsamen Garten.
-
-Jetzt hatte Perthes verstanden.
-
-Er reckte sich. Auch über ihn lief es wie ein Zittern. Es war sein
-Herz, das groß und übermächtig und warm in ihm aufpochte, als wollte es
-die kräftige Brust sprengen. Es war _gut_, was er wollte! Und es war
-_Schönheit_, die seine Seele weitete! Mochte das Gefühl nun Mitleid
-sein, unsägliches Mitleid oder brüderliche Freundschaft oder Liebe: er
-mußte ihre Hände ergreifen, stark und zwingend. Er mußte sie an sich
-ziehen --
-
-Und Margas Kraft war zu Ende. Willenlos fiel ihr Kopf an seine Brust,
-und ihr tränenüberströmtes Gesicht verbarg sich dort. Um schwach zu
-sein, einen Augenblick schwach wie ein Weib, das liebt -- und kostete
-ihre Schwäche sie ihre Seligkeit ...
-
-Als Elli mit dem „feinen Merks” eine halbe Stunde später vernehmlich
-„Pardon!” rief, ehe sie an den Tisch hinter den Haselbüschen trat,
-fand sie die beiden Hand in Hand, und Marga lehnte an Perthes'
-Schulter. Elli war natürlich furchtbar überrascht. Aber genau genommen
-hatte sie gewußt, daß es so kommen würde. Fast hätte sie „immer”
-dazugesetzt, wie Schwester Käthe.
-
-
-
-
-8
-
-
- Kissingen, den .. Juli 19..
-
- Meine liebe kleine Elli!
-
-Nur durch eine Ansichtskarte habt Ihr uns bisher Eure Übersiedlung nach
-der Sägemühle gemeldet. Papa ist schon ganz ungehalten, daß er keinen
-Brief bekommen hat, und ich habe große Mühe, Euch gegen seine empörten
-Ausfälle, wie undankbare, mißratene Kinder er habe, in Schutz zu
-nehmen. Also schreibt ihm nur gleich nach Empfang meines Briefes, sonst
-wird er ernstlich böse.
-
-Es ist hier im lieblichen Frankenlande wunderbar schön. Die Natur
-bietet viel. Aber noch mehr das großartige, wirklich internationale
-Badeleben. Wenn man den rechten Blick für Menschen hat, kann man hier
-seine Studien machen. Es ist doch kein bloßes Vorurteil, das Wort:
-Reisen bildet! Ich habe hier, in den paar Wochen, mehr beobachtet und
-gelernt als zu Hause in einem halben Jahr. Die „große Welt”, die uns
-auf Schritt und Tritt umgibt, ist zuerst verwirrend und blendend; aber
-allmählich gewöhnt man sich daran. Toiletten sieht man -- im Bad,
-am Brunnen, bei den Konzerten --, Du kannst Dir keine Vorstellung
-machen, Kleinchen, _wie_ tipp-topp! Man will sich ganz klein vorkommen,
-aber dann sagt man sich: Wahre Bildung ist doch vornehmer als dieser
-hohle Luxus! Und man sucht in dem Gewühl von Menschen nach solchen,
-die wirklich fein -- ich meine, geistig und seelisch bedeutend
-sind. Wie schnell kommt da die Erfahrung, daß solche Menschen recht
-nahe beisammen sind und gar nicht aussehen wie diese prunkenden
-Weltmenschen. Ich schreibe regelmäßig und viel in mein Tagebuch und
-wundre mich oft selbst, natürlich ohne Hochmut, wie reif und mit mir
-selber fertig ich in den letzten Jahren geworden bin. Wenn Du artig
-bist, Kleinchen, sollst Du im Herbst -- versteht sich mit Auswahl --
-daraus vorgelesen bekommen.
-
-Was treibt Ihr denn auf der Mühle?
-
-Gewiß macht Ihr schöne Ausflüge über die Berge, handarbeitet im Garten,
-liegt in der Hängematte im Wald und lest viel. Meine Gedanken sind
-oft und in schwesterlicher Liebe bei Euch. Lest nur, bitte, bitte, ja
-keine Bücher, die noch nichts für Euch sind! Das kann so viel Unheil
-anrichten. Denkt Euch: Lizzie, die doch älter ist als Ihr, hat kürzlich
-ein Buch von Zola (!) gelesen, das sie ganz krank und verzweifelt
-gemacht hat. Ich habe ihr kräftig den Kopf zurecht gesetzt, sie
-will mir das Buch einmal schicken, und ich werde mich, ihr zuliebe,
-gründlich mit ihm auseinandersetzen, um ihr zu helfen, denn allein
-findet sie ja doch nicht heraus. Ich bin ganz traurig über sie.
-
-Sage, bitte, Marga, ich hätte hier noch einmal unser letztes Gespräch
-auf dem Weinberg durchgedacht und wäre zum gleichen Resultat gekommen
-wie damals. Vielleicht hat sie inzwischen mich auch besser verstanden
-und eingesehen, wie gut ich's mit ihr meine. Ich bin ihr gar nicht
-böse, daß sie's nicht gleich konnte!
-
-Papa kam eben in mein Zimmer und wetterte über die „vermaledeite
-Briefschreiberei”. Ich will also schließen. Es ist gar nicht immer
-so leicht mit ihm, weil er in beständigem Krieg mit dem Badearzt und
-allen Verordnungen lebt. Doch wenn man ihn zu nehmen weiß, läßt er sich
-meistens zu seinem Besten überzeugen. In acht bis vierzehn Tagen soll's
-nach Tirol oder nach Bayern gehen. Wie ich mich darauf freue, könnt Ihr
-euch denken!
-
-Mit herzlichen Grüßen, auch für Marga, und einem Kuß für Dich, liebe
-Elli, bin ich
-
- Deine getreue Schwester
-
- Käthe Richthoff.
-
-~P. S.~ Denkt Euch, morgen will Doktor Bertelsdorf hierherkommen.
-Er muß Papas Rat für eine wissenschaftliche Publikation haben. Der
-Flanellstorch hat sich auch bei Papa „für einen Sprung” angemeldet,
-wurde aber abgewiesen.
-
- K. R.
-
-~P. S.~ 2. Erwarte Brief binnen zwei Tagen. Verweigere sonst weiteres
-Kostgeld. Tatsachenbericht, keine Gefühlsduseleien. Gruß.
-
- Papa.
-
-Mit sehr gemischten Gefühlen und sehr kritischen Glossen hatte Elli am
-Sonntagmorgen diesen Brief von Schwester Käthe vorgelesen. Das war ja
-Käthe, wie sie leibte und lebte. Nach Ellis Ansicht mußte man ihr für
-diese „infam-gütige” Epistel mal kräftig die Meinung geigen.
-
-„Wenn sie so fortmacht, platzt sie ja eines Tags vor lauter
-Menschenkenntnis und Lebenserfahrung!” legte Elli zum Schluß los. „Und
-das, was sie über dein Verhältnis zu Perthes schreibt, Margakind -- die
-Andeutung, mein' ich, über ihre verdrehte Abschiedspredigt --, das ist
-jetzt einfach lächerlich geworden! Das gönn' ich ihr!”
-
-„Laß gut sein, Elli!” mahnte Marga versöhnlich.
-
-„Jawohl! Ich finde, wir sind ihr einen Strahl kalten Wassers auf
-diesen Schreibebrief einfach schuldig! Wir sind doch schließlich keine
-Wickelbabys mehr! Von mir will ich noch nicht mal reden, aber du -- du
-bist doch jetzt so gut wie Braut, Marga --”
-
-„Sag' so was nicht, Elli!” wehrte Marga ernsthaft. „So weit sind
-Perthes und ich noch nicht! Du weißt, wir haben uns streng versprochen,
-es nur erst miteinander zu versuchen.”
-
-„I -- was! ‚Ein Versuch führt zu dauernder Kundschaft‛, heißt's im
-Reklamestil!” erklärte Elli mit überzeugtem und überzeugendem Lachen.
-„So ähnlich war es mit mir und Wilkens auch; man verspricht sich
-zuerst, haarsträubend brav und zurückhaltend und vernünftig zu sein,
-und nachher --”
-
-„Schwatz' doch keinen Unsinn, Kleinchen -- ich bitt' dich!”
-
-„Kleinchen! Kleinchen! Das mag ich schon gar nicht mehr hören! Und daß
-es geschrieben wird, verbitt' ich mir endgültig. Das werd' ich Käthe
-schreiben. Und --”
-
-„Ich glaube, du schreibst besser an Papa, und nachher diktiere ich dir
-einen Brief für Käthe.”
-
-Elli legte Marga ihre beiden Hände auf die Schultern, sah so wehmütig
-drein, als es ihre lachenden Augen tun wollten, und wiegte den lockigen
-Kopf mitleidig von einer Schulter zur anderen: „Marga, Marga, mit dir
-geht's bergab! Seit Freitagabend überfließt du von lauter Zuckerwasser!
-Hätt' ich das gewußt, wär' ich eher in den Garten gekommen! Da hättet
-ihr euch die Umarmung malen können! Und die ganze Verlob--”
-
-„Elli!” rief Marga aufgebracht und hielt der Schwester den Mund zu.
-
-„Stell' dich nur recht tugendsam!” neckte das Kleinchen weiter. „Ich
-kenne dich jetzt! Ich werde deinem Max erzählen --”
-
-Marga faßte jetzt die plappernde Elli so kräftig und bedeckte ihr den
-Mund so nachhaltig, daß sie nicht mehr weiter schmälen konnte. Dafür
-lachte sie um so übermütiger, und Marga mußte mitlachen.
-
-Dann wurde der Frühstückstisch in der Halle geräumt. Sie setzten sich
-in den Garten, und Elli schrieb an Vater Richthoff vier enge Seiten.
-Zwar keine „Gefühlsduseleien”, aber erst recht keinen Tatsachenbericht,
-sondern lauter tolles Zeug. Nachher diktierte ihr Marga das
-„Zuckerwasser” für Käthe.
-
-Draußen im Gras funkelte die Sonne auf den Tauperlen. Das erste
-sonntägliche Vergnügungsschiff mit bunten Wimpeln und voller lustiger
-Menschen keuchte stromaufwärts. Vom nächsten Dorf trug ein launischer
-Frühwind den Klang der Kirchenglocken unter die Bäume im Garten ...
-
-Es war Margas voller Ernst, wenn sie gesagt hatte, Perthes und sie
-wären so weit noch nicht und wollten es erst miteinander versuchen.
-Als Perthes am Morgen nach jenem Abend seligen Selbstvergessens wieder
-auf der Mühle erschienen war, hatte ihn Marga ganz anders empfangen,
-als er erwartete. „Geradezu frostig und lieblos,” meinte er entrüstet.
-Aber Margas Gewissen hatte sie schon in der Nacht, die sie schlaflos
-verbrachte, mit Vorwürfen und Anklagen gepeinigt, die die erste Freude
-dämpften. Sie sah, was geschehen war, im Licht unverantwortlicher
-Schwachheit. Mit hundert Gründen bewies sie Perthes, wie unbesonnen
-und unrecht es wäre, sein Schicksal und das ihrige zu verbinden, und
-was sie sagte, kam wahrhaftig nicht aus dem Bedürfnis unschuldiger
-Koketterie, die das Gegenteil hören wollte. Sie zwang sich zu dieser
-schmerzhaften Klarheit, weil ihre Natur es so verlangte. Wußte er
-denn, was es hieß, mit einer blinden Frau durchs Leben zu gehen? Hatte
-er eine Ahnung von den Entbehrungen und Enttäuschungen, die ihm, dem
-Sehenden, bevorstanden, wenn er, Seite an Seite mit ihr, ins Leben
-trat, in die Welt, die ihr ewig fremd und verschlossen bleiben mußte,
-unter Menschen, die ihn einen kurzsichtigen Schwärmer schelten und über
-eine Verlobung mit ihr oder gar eine Ehe die Achseln zucken würden? Was
-half es, wenn sie, Marga, kraft ihrer Liebe jede Demütigung gern auf
-sich nahm -- ihn, den Sehenden, den Stolzen, den leidenschaftlichen
-Mann mußte eine Wirklichkeit, wie sie ihr Instinkt angstvoll
-vorausfühlte, wundreiben und unglücklich machen mit ihren tausend
-unvorhergesehenen, wehtuenden, stechenden Kleinigkeiten. Mitleidlos
-gegen sich und ihn ersparte sie ihm keine von den Wahrheiten, die sie
-in den langen Stunden der Nacht gesammelt hatte.
-
-Freilich -- die Wirkung auf Perthes war dieselbe, als wenn sie
-ebensoviel zu ihren Gunsten vorgebracht hätte. Je mehr Hindernisse und
-Beschwerlichkeiten sie ihm zeigte, um so beredter und temperamentvoller
-verfocht er seinen Entschluß. War er nicht Manns genug, um zu wissen,
-was er tat? Scheute er vielleicht das läppische Gerede und Gehabe
-anderer? Hatte er nicht immer für seinen eigenen Kopf seinen eigenen
-Weg gefunden? Und nun, wo er durch Marga erst recht und ganz er selbst
-wurde, sollte er gegen die kleinen Läppereien des Alltags, die sie da
-in der Nacht ausgeklügelt und zu Schrecknissen vergrößert hatte, nicht
-stark genug sein? Das war ja ein nettes Zeugnis von Vertrauen, das sie
-ihm ausstellte!
-
-Trotz seiner heftigen Gegenwehr gab Marga sich nicht zufrieden. Er
-mußte Schritt für Schritt erobern, was er an einem Abend im Sturm
-und für immer gewonnen zu haben glaubte. Er brachte es einstweilen
-nur zu einem feierlichen Pakt: er sollte kommen und gehen dürfen wie
-bisher in der Stadt, am Wenzelsberg; aber nicht öfter und keinesfalls
-täglich. Auch wegen des Geredes der Leute nicht. Sie wollten sich
-einer dem anderen so offen und natürlich geben, als sie nur konnten,
-um sich immer besser kennen zu lernen. Für das Maß der gegenseitigen
-Vertraulichkeiten hatte Marga, obwohl sie weder prüde noch doktrinär
-veranlagt war, einen ganzen Kodex ausgearbeitet: das zärtliche „Du”,
-das im Glück des ersten Verstehens eingerissen war, wurde verpönt. Sie
-wollten sich „Sie” und mit dem Vornamen nennen, und auch das nur unter
-vier Augen. Von anderen Liebkosungen als von einem etwas herzlicheren
-Handkuß durfte nicht die Rede sein.
-
-Gegen diese letzte Verordnung wehrte sich Perthes am entschiedensten.
-
-Um sie von vornherein zu entkräften, wollte er sogar Marga sofort
-herzhaft in seine Arme ziehen. Aber sie geriet in eine so hilflose
-Erregung, bat ihn so inständig, ja flehentlich, ihr zu folgen, daß er
-nachgab.
-
-„Das versteh' ich nicht!” eiferte er. „Für Kasteiungen hab' ich gar
-kein Talent, Marga. Ich weiß auch, trotz all der schönen Reden, nicht,
-zu was sie gut sein sollen.”
-
-„Das soll dafür gut sein, daß uns, wenn unser Versuch mißlingt und wir
-nicht zusammenbleiben können, das Auseinandergehen nicht zu schwer
-wird.”
-
-Perthes wollte sie auslachen, aber sie legte so viel ernste, beinahe
-schwermütige Überzeugung in ihre Worte, daß er es nicht fertigbrachte.
-Er dachte nicht daran, ihre pessimistische Auffassung gelten zu lassen.
-Aber die ängstliche Vorsicht, die an das Glück nicht glauben konnte,
-die mädchenhafte Scheu, die der eigenen Liebe zum Trotz sich so streng
-und haushälterisch gab, rührte ihn und nötigte ihm Achtung ab. Wenn er
-auch bei sich dachte, dies drakonische Hausgesetz bleibe ein Unding,
-weil es einen neutralen Zwischenzustand zu schaffen suche zwischen
-Liebe und Freundschaft, den es nie und nirgends gebe, so begriff er
-doch, daß so und nicht anders Margas empfindliches Gewissen sich mit
-dem Neuen abfinden konnte.
-
-Unter solchen Umständen hatte er seufzend dem „Gesetz zur Verhinderung
-der Liebe”, wie er es nannte, seine Sanktion erteilt.
-
-Es kam trotzdem, wie es kommen muß, wenn zwei Menschenkinder jung
-und aus Fleisch und Blut sind. Es wäre zwischen Marga und Perthes
-auch so gekommen, wenn Elli nicht von vornherein erklärt hätte,
-diese zimperliche Schöntuerei sei Hokuspokus, und zusammen mit ihrem
-Wilkens, vor dem das Geheimnis nicht gewahrt bleiben konnte, nicht jede
-Gelegenheit benutzt hätte, um diesem „faden Platonismus” mit Scherz und
-Spott auf den Leib zu rücken.
-
-Acht ganze Tage bestand das „GzVdL.”, wie es abgekürzt getauft wurde,
-leidlich voll zu Recht.
-
-Dann gewahrte Marga mit Schrecken, wie Stück um Stück von ihrem
-wohlgemeinten, aber doch nur in der Theorie möglichen Zwischensystem
-abbröckelte. Da wurden zunächst die Pausen zwischen Perthes' einzelnen
-Besuchen auf der Sägemühle immer kleiner, und bald war es ganz
-selbstverständlich geworden, daß er jeden Tag kam, manchmal sogar
-zweimal, und an einem Sonntag blieb er vom Morgen bis zum späten Abend.
-Das nächste Bollwerk brachten Elli und Wilkens durch ein förmliches
-Komplott zu Fall. Das steife „Sie” zwischen Marga und Perthes war ihnen
-schon lange ein Dorn im Auge. Aber alle Sticheleien verfingen nicht.
-Marga blieb fest und stellte sich taub für die dicksten Anspielungen;
-und Perthes wollte sie an der Illusion, die sie beruhigte, nicht
-irremachen.
-
-Elli, ewig auf Schelmereien bedacht, nahm ihre Zuflucht zu einem
-abgefeimten Trick.
-
-Eines Abends, als Wilkens und Perthes, wie dies jetzt so selten
-nicht mehr war, zum Abendbrot auf der Mühle blieben, ließ sie ihrer
-Ausgelassenheit alle Zügel schießen und riß jeden, auch Marga, in ihre
-übersprudelnde Laune hinein. Schließlich erhob sie ihr Glas, ließ
-die Augen lustig zu Perthes hinüberspringen und warf den zerzausten
-Kopf keck zur Seite. „Doktor Perthes, ich schlage vor, daß wir zwei
-Schmollis machen!”
-
-Perthes, so aufgeräumt er selber, so sympathisch ihm Fräulein Sausewind
-war, wurde doch von diesem freundschaftlichen Anerbieten überrumpelt.
-„Mit Vergnügen!” erklärte er. „Aber ich muß da höheren Orts erst
-anfragen.”
-
-Elli zwinkerte ihm zu. Er verstand und wandte sich an Marga. „Marga,
-Sie haben wohl nichts dagegen? Da es Ihre leibliche Schwester ist, die
-mit mir schmollieren will.”
-
-Marga war fassungslos überrascht und sah ganz verdutzt drein. „Elli ist
-wohl 'n bißchen beschwipst?” meinte sie ausweichend.
-
-„Bitte schönstens!” verteidigte sich die Verdächtigte entrüstet. „Das
-ist eine häßliche, grundlose Verleumdung!”
-
-„Die ich mir auch in meinem Namen verbitten muß, Fräulein Marga!”
-brummte Wilkens höchst unwirsch.
-
-„Wenn Sie mich noch lange warten lassen, Herr Doktor Perthes,” -- Elli
-betonte die Anrede mit spitzer Breite -- „sind Sie der unhöflichste
-Mensch, der mir je vorgekommen ist! Marga hat da überhaupt gar nicht
-mitzureden!”
-
-„Aber Herrn Wilkens muß ich doch wenigstens um Erlaubnis fragen?” sagte
-Perthes, der nun ganz mit im Spiel war, zuvorkommend.
-
-„Nun, Herr Wilkens?” fragte Elli. „Man überschätzt zwar Ihre Autorität,
-aber --”
-
-„Ich denke durchaus fortgeschritten in solchen Dingen,” ließ sich
-Wilkens mit liberaler Großartigkeit vernehmen.
-
-„Na also! Du siehst, Marga -- drei gegen eine!” triumphierte Elli.
-
-Marga wußte nicht aus noch ein. Sie war nicht ohne Humor. Aber der
-Mangel an äußerem Erleben hatte diese letzte und reifste Kraft nur erst
-spärlich in ihr entwickelt. Sie fand auch jetzt kein Scherzwort, um
-sich, ihre Schwere überwindend, aus der Klemme zu helfen. Sie versuchte
-zu lächeln. Doch der Ausdruck ihrer Augen strafte das Lächeln Lügen,
-und ihre Mundwinkel zuckten verdächtig.
-
-Elli lenkte ein. „Gott, Margakind, ich will dich ja schließlich
-nicht benachteiligen!” erklärte sie großmütig. „Ich trete von meinem
-Schmollis zurück unter einer Bedingung: wenn du es Doktor Perthes
-anbietest statt meiner! Ich tue es blutenden Herzens und werde an
-Herrn Perthes nicht so bald wieder mit einem so verlockenden Vorschlag
-herantreten.”
-
-Jetzt konnte auch Marga sich nicht des Lachens erwehren. Sie wollte
-nicht Spielverderberin sein und erhob bedächtig ihr Glas. Es kam ihr
-schwer, überschwer vor. Im Grunde waren ihr die Tränen näher als
-das Lachen. Aber Perthes ließ sein Glas kräftig dagegenklingen. Sie
-drückten sich die Hand, was Elli ausnehmend prosaisch fand.
-
-„Es wird dir ja den Kopf nicht kosten, Marga!” meinte Perthes
-beruhigend.
-
-Und das Du klang Marga so lieb und vertraut, daß sie noch einmal seine
-Hand fest und dankbar ergriff. Es kam ja doch alles, wie es wollte. Er
-sollte sie nicht für kühl und zimperlich halten. Ihr Blick leuchtete
-von Liebe, und zugleich seufzte sie. So mußte wohl das Glück sein, ihr
-Glück: ein Kranz, strahlend und schwer in einem ...
-
-Es war gut, daß das Sommersemester in den ersten Augusttagen zu Ende
-ging.
-
-Von den vielen Bekannten in der Stadt, die ja doch auch den beliebten
-Spaziergang nach der Sägemühle sich nicht nehmen ließen, drohten
-allerhand Fährlichkeiten. Lose Zungen und spitze, scharfe Augen gab
-es hier wie überall. Daß die Richthoffschen Mädels da draußen „immer
-mit Herren gingen”, konnte sich auf tausenderlei Weise herumreden, und
-wehe, wenn die Kunde, womöglich übertrieben und entstellt, zu Vater
-Richthoff und Käthe sich verirrte!
-
-Elli nahm die Sache nicht weiter tragisch. Aber Marga mahnte immer
-wieder zur Vorsicht.
-
-Und mit Recht. Da war zum Beispiel Cousine Grasvogel, die mit
-irgendeinem Kränzchen von älteren jungen Damen mindestens einmal die
-Woche auf der Sägemühle erschien und, während sie die „lieben, lieben
-Mädels” ostentativ umarmte, ihre gutmütige, aber neugierige Nase
-rundum wittern ließ. Richtig trat dann gerade während einer dieser
-zärtlichen Begrüßungen Wilkens in den Garten. Kaum hatte er jedoch die
-Schwierigkeit der Lage erkannt, so ging er wie der älteste Bekannte
-auf Fräulein Grasvogel zu, die er auf dem Gartenfest am Wenzelsberg
-nicht eines Blickes gewürdigt hatte, begrüßte die gute Cousine mit
-einer Vertraulichkeit und ehrfürchtigen Wärme, als schätze man sich
-seit Jahren, und sagte: es sei reizend, daß sie mit den beiden Fräulein
-Richthoff einen Ausflug auf die Mühle gemacht habe. Er ließ sich von
-ihr umständlich erklären, die „lieben, lieben Mädels” seien nicht
-mit ihr gekommen, sondern wohnten hier außen für einige Wochen, und
-war über die Neuigkeit aufs angenehmste verwundert. Elli biß sich
-die Lippen blutig, um ernst zu bleiben. Marga gab recht unsichere
-und zerstreute Auskünfte über die Verpflegung auf der Mühle und die
-Zimmerverhältnisse. Dann verabschiedete sich Wilkens sehr korrekt von
-allen dreien und tauchte erst wieder auf, als die Luft rein war.
-
-Schlimmer war es schon, daß Frau Geheimrat Achenbach einmal mit
-dem Wagen die Landstraße entlang fuhr, als man, dem mäßigen Wetter
-vertrauend, paarweise dort lustwandelte. Das Schlimmste aber ließ
-ein Besuch von Käthes Freundin Lizzie befürchten, die an einem
-Sonntagvormittag, als man im Buchenwald hinter dem Gehöft zu vieren
-picknickte, aus heiterem Himmel herunterschneite. Elli erfand eine
-ganze Räubergeschichte. Aber ob Lizzie, die sich sehr reserviert benahm
-und eine undurchdringliche Miene aufsetzte, daran glaubte, war mehr
-als fraglich. Gott sei Dank fand Perthes in ihrer ans Pathologische
-streifenden Musikleidenschaft ein Thema, das die Unterhaltung leidlich
-in Gang hielt.
-
-Unschädlich war nur Professor Borngräber, der gar nicht selten
-im Vorbeigehen der Sägemühle einen Besuch abstattete. Es fiel
-ihm bisweilen abends ein, daß er nach ärztlichem Ratschluß neben
-seinen geistigen auch seine körperlichen Funktionen nicht völlig
-vernachlässigen sollte, und dann arbeitete er mit zerstreuter Hast
-die Landstraße ab bis zum Mühlengarten. Meistens las er dann, unter
-Verachtung aller Lichtverhältnisse, ein dickes Buch zu seinen
-Spiegeleiern mit Schinken, ließ aus Vergeßlichkeit das Bier so
-abstehen, daß es in der Wärme des Sommerabends bald zu kochen anfing,
-und hatte von der Umwelt keine Ahnung. Oder aber, wenn er die Töchter
-seines Freundes Richthoff dann doch aus reinem Zufall entdeckte, war
-er so erfreut, sie zu sehen, daß er niemand sah als nur sie. Sein
-unschuldiges Junggesellenherz war ohne jedes Arg, und sein Sinn blieb,
-trotz aller Herzlichkeit, zur einen Hälfte doch immer an den Ufern der
-heiligen Ganga.
-
-Unverantwortlich lässig hatte sich bisher der von Vater Richthoff
-selbst eingesetzte Vizevormund, Professor Wilmanns, benommen. Marga und
-Elli hatten pflichtmäßig vor ihrer Übersiedlung bei ihm vorgesprochen,
-und der bewegliche kleine Herr hatte laut verkündet, er werde bald
-mal auf der Mühle „Generalrevision” halten. Er hatte zur Bekräftigung
-seine eine Hand würdevoll auf die lahme Hüfte gelegt, die andere in die
-Brust gesteckt und die Brauen so hoch gezogen, daß man fürchten mußte,
-Augen und Stirn könnten nie wieder in ihre normale Lage zurückkehren.
-Doch die bedrohliche Ankündigung blieb ohne Folgen. Nur die drei
-Wilmannstöchter kamen einmal zum Kaffee auf die Sägemühle, nachdem
-sie sich vorher artig durch eine Postkarte angemeldet hatten. Sie
-entschuldigten ihre Eltern; Papa hatte vollauf mit seinem Wörterbuch
-zu tun, einer Sisyphusarbeit, an der er seit bald einem Jahrzehnt sich
-mühte; die bescheidene, aufopfernde Mama half dabei täglich ihre fünf
-bis sechs Stunden. Danach konnten Elli und Marga überzeugt sein, daß
-von dieser Seite nichts mehr zu befürchten sei, zumal die ganze Familie
-Wilmanns mit Beginn der Ferien nach Thüringen reisen wollte.
-
-Aber die Generalrevision kam doch! Anfang August, genau einen Tag vor
-Semesterschluß.
-
-Am Nachmittag hatte es Bindfaden geregnet. Es wurde Abend, ehe der
-Himmel sich leidlich aufhellte. Keine Seele aus der Stadt hatte sich
-auf der Mühle blicken lassen. Perthes war trotz des Unwetters um fünf
-Uhr gekommen. Sein Lodenmantel und sein Hut mußten am Herdfeuer in
-der Küche aufgehängt werden. Wilkens stellte sich zum Essen ein, für
-das man, da der Boden zu feucht war und die Bäume tropften, in einer
-Laube hatte decken lassen. Elli rekognoszierte für alle Fälle auf
-Margas Wunsch nochmals das Terrain, obgleich Wirtsleute und Kellner
-übereinstimmend berichteten, es sei kein menschliches Lebewesen im
-Garten. Sie kam mit der Meldung zurück, in einer abgelegenen Ecke
-sitze, aller Nässe von unten und oben zum Trotz, Professor Borngräber
-und kritzle unheimliche Schriftzüge in ein Notizbuch. Das klang zwar
-abenteuerlich, war aber anderseits auch so beruhigend, daß jedes
-Bedenken schwand. Es war so gut, als gehörte einem der ganze Garten
-allein. Guter Dinge voll, zog man von der Halle in die Laube und setzte
-sich zu Tisch.
-
-Man hatte noch kaum mit dem Abendbrot begonnen, als Elli scharf und
-unruhig über den Fluß äugte, hinüber auf das Fährboot. Das füllte
-sich plötzlich mit einer ansehnlichen Gesellschaft, aus der weiße
-Mädchenkleider herüberleuchteten.
-
-Wilkens war auch aufmerksam geworden. „Ich zähle drei Wilmannstöchter,
-Papa, Mama und studentischen Anhang,” konstatierte er mit seiner
-unerschütterlichen Gelassenheit.
-
-„Wahrhaftig! Ich auch!” rief Elli mit lachender Bestürzung.
-
-Perthes hatte sich erhoben. Er mußte die Nachricht bestätigen. „Mit
-sicherem Kurs auf die Sägemühle!” setzte er tröstlich hinzu.
-
-Verblüffung und Schrecken waren groß. Die Ratlosigkeit noch größer.
-Jeder schlug einen Ausweg vor, der nichts taugte. Und dabei näherte
-sich das Boot mit zunehmender Eile.
-
-„Wenn man Professor Borngräber bäte, sich an unseren Tisch zu setzen?”
-ließ sich Marga bedächtig vernehmen, als keiner von den anderen mehr
-Rat wußte.
-
-„Sieh mal einer -- das Margakind!” rief Elli begeistert. „Die Liebe --
-ich sag' es ja schon immer -- geradezu genial macht sie die Liebe!”
-
-„Man könnte auch sagen, durchtrieben!” kommentierte Perthes, indem er
-Marga strafend und anerkennend auf die Finger klopfte.
-
-Es war keine Zeit zu verlieren.
-
-Elli sprang schnell entschlossen durch den Garten. Man hörte sie
-gleich darauf, wie sie den ahnungslosen Jakobus Borngräber mit einer
-Sturmflut von liebenswürdigen Worten überfiel und betäubte. Es dauerte
-noch nicht zwei Minuten, so hatte sie ihn herumbekommen. Er erschien
-an ihrer Seite, den Hut, ein Monstrum von einem schokoladefarbigen
-Hut, schief übergestülpt; ein dickleibiges Buch mit einem Notizbuch
-darauf wie eine Bundeslade vor sich hertragend. Mantel, Schirm und
-Bierglas hatte Elli übernommen. Mit dem unmöglichen, aufgedunsenen
-Baumwollschirm wies sie ihm den Tisch, während sie immer weiter
-plapperte: sie würden sich so riesig freuen, wenn er sich zu ihnen
-setzte, und es wäre zu nett von ihm, daß er das täte, und sie würden
-an Papa eine Ansichtskarte schreiben, daß er sie besucht hätte. Der
-gute Borngräber nahm jetzt Buch und Notizbuch unter den Arm. Rund
-und verwundert rollten seine Augen beim Eintritt in die Laube, so
-verwundert, wie sie das immer taten, wenn sie sich mit der Welt der
-Erscheinungen auseinandersetzen sollten. Daß da außer Marga, die er
-Fräulein Käthe nannte, und Elli, die er mit Marga verwechselte, noch
-zwei Herren saßen, die sofort aufsprangen und sehr bekannt und erfreut
-taten, war ihm nicht befremdlicher als anderes. Seine goldgelben Zähne
-lachten verlegen und freundlich aus dem silberstruppigen Gesicht. Er
-verteilte Händedrücke, wobei sein Buch auf die Erde fiel; Perthes hob
-es hilfsbereit auf, während Wilkens ihn selbst nach dem Stuhl an der
-Spitze des Tisches drängte und ein Gespräch über neue indische Funde
-vom Zaun brach, von denen er irgendwo gelesen haben wollte.
-
-Eben hatte sich die aberwitzige Brut knapp unter die schützenden Flügel
-des sich seiner Rolle durchaus unbewußten Professors geflüchtet, als
-vor dem Garten Papa Wilmanns' breite, behagliche Stimme erschallte.
-
-„Wollen sehen, ob wir die Vögel im Nest treffen. Geh mal vor, Heddy --
-daß sie nicht zu sehr erschrecken!”
-
-Doch diese zarte Vorsichtsmaßregel erwies sich schon im nächsten
-Augenblick als überflüssig. Papa Wilmanns' scharfe, spitzmäusige Augen
-hatten über den Zaun weg bereits die entscheidende Entdeckung gemacht.
-
-„Kiek mal eener!” Stürmisch drang er in den Garten und stand im
-Handumdrehen am Eingang der Laube. „Kiek mal eener! Hat man je so was
-gehört oder gesehen!? Mein Freund Borngräber, dieser Tugendheuchler,
-sitzt hier schamlos vor aller Welt und macht jungen Mädchen den Hof!”
-
-Frau Wilmanns und ihre Töchter mit dem Gefolge von einigen Studenten,
-die Wilmanns für ihre selbstlose Mithilfe am Wörterbuch ab und zu durch
-eine Einladung entschädigen mußte, kamen auf seinen Ruf hinterdrein.
-Es gab vor und in der Laube eine herzliche Begrüßung mit ausgiebigem
-Händeschütteln, wobei die Wilmannsmädchen Perthes und Wilkens mit etwas
-erstaunten Blicken maßen, und auch Mutter Wilmanns sie schüchtern
-fragend besah. Aber ihr Gatte hielt eine so fulminante Abrechnung mit
-Borngräber, daß Elli und Marga sich eine bessere Abwehr der Neugier gar
-nicht wünschen konnten. Wobei nicht gesagt sein soll, daß der schlaue
-Generalrevisor die Situation verkannt hätte. Aber er war nun einmal
-immer schwach gegen junge Leute ...
-
-„Meine Herrschaften!” polterte er los. „Ich habe Ihnen schon wiederholt
-von unserer griechischen Reise erzählt. Oder noch nicht?”
-
-„Doch, doch!” ließen sich beschwörende Stimmen hören.
-
-„Gut! Sie können sich jetzt vorstellen, was ich mit meinem Kollegen
-Borngräber ~in puncto puncti~, das ist in betreff der Griechinnen,
-auszustehen hatte. Dieses harmlose Gesicht, das sich auch jetzt wieder
-den Anschein vollendeter und rührender Kindlichkeit gibt --”
-
-„Wollen wir uns nicht setzen, Papa?” wagte Frau Wilmanns vorsichtig
-einzuwerfen.
-
-„Diese Maske verträumter Wissenschaftlichkeit wird niemand länger
-täuschen!” fuhr Wilmanns unter allgemeiner Fröhlichkeit fort. „Ich
-könnte --”
-
-„Wilmanns, ich warne Sie!” Borngräber schüttelte seine Befangenheit ab
-und fuchtelte mit seinem Bierglas, das er aus unerklärlichem Grund bei
-der Begrüßung mit sich erhoben hatte. „Ich warne Sie! Ich werde von
-Kalypso erzählen, einem gewissen thrakischen Mädchen im Hotel --”
-
-„Schweigen Sie!” rief Wilmanns empört. „Sie haben gar nichts zu
-erzählen! Ich stehe hier in verantwortlicher Stellung,” -- schon fuhr
-die Hand gravitätisch in den Busen, und das hinkende Bein drehte sich
-dramatisch nach außen -- „ich komme, um als Vizevormund im Namen des
-arglosen Richthoff bei meinen Pflegekindern Revision zu halten, und
-finde als Wolf in Schafskleidern -- Sie!”
-
-„Kalypso, Frau Professor Wilmanns,” schrillte mit verdoppeltem Feuer
-Borngräbers Fistelstimme, „Kalypso war ein auffallend hübsches Mädchen
---”
-
-„Genug von Ihren Ausschweifungen!” donnerte Wilmanns, dem die Kalypso
-gefährlich zu werden schien. „Genug, sage ich! Wir werden uns bei
-einer Bowle weitersprechen! Aufgeschoben ist nicht ausgehoben! Helfen
-Sie mir, meine Herren, das Symposion vorzubereiten, statt sich
-bucklig zu lachen, wenn zwei ehrsame Professoren ihrer Alma mater sich
-rein sachlich aussprechen! Ich denke, wir haben in der Laube alle
-Platz. Schieben wir einen Tisch an!” Er legte selbst Hand an eine
-Tischkante. Wilkens, Perthes, die Wörterbuchvolontäre sprangen bei
-und faßten wacker mit an. Im Nu war der Tisch in der geräumigen Laube
-zu einer Tafel erweitert. Weinflaschen, eine halbe Sekt darunter,
-frische Walderdbeeren ließen nicht zu lange auf sich warten, und
-Borngräber vereinigte sich mit seinem feindlichen Freunde zu einem
-Waffenstillstand, um die Bowle zu brauen, eine praktische Tätigkeit, in
-der er merkwürdigerweise brauchbare Erfahrungen hatte. Papa Richthoff
-in Kissingen mochte sich ja die Vormundschaft über seine gewissenlosen
-Töchter etwas anders vorgestellt haben -- aber für alle Teile war
-die Wilmannssche Auffassung von einer Generalrevision die denkbar
-sympathischste, nicht zuletzt für Marga und Elli, denen man zu diesem
-festlichen Gelage nicht zuzureden brauchte.
-
-Die Abkühlung des regnerischen Tages wirkte nach.
-
-Als die Sonne untergegangen war, verlegte man mit Rücksicht auf die
-älteren Herrschaften den zweiten Teil der Bowle in die geschützte Halle.
-
-Wilmanns schloß einen Akkord mit den Wirtsleuten, um das mehr
-rhythmisch als im strengen Sinne musikalisch beanlagte Orchestrion in
-den Dauerbetrieb zu versetzen. Während er nach Kissingen eine Postkarte
-losließ: „Ihre Töchter, lieber Kollege, treffe ich bei meiner sehr
-gewissenhaften vormundschaftlichen Inspektion durchaus artig und
-munter. Gefahr droht ihnen nur von dem Indologen Borngräber, der sie
-zu heimlichen Banketten einlädt” -- während dieses der Wahrheit nicht
-zu nahe tretenden Berichts eröffnete Elli mit Wilkens den Tanz. Die
-Wilmannstöchter und ihre jugendlichen Begleiter ließen ihr Beispiel
-nicht lange ohne Nachahmung.
-
-Bei der zunehmenden Ungezwungenheit und Lustigkeit fiel es nicht weiter
-auf, daß Marga und Perthes sich absonderten.
-
-Sie standen bei der Tür und plauderten. Er, angeregt von der Bowle,
-der allgemeinen Fröhlichkeit und den lockenden Weisen der „Rosen aus
-dem Süden”, folgte mit blitzenden Augen dem Tanz der jungen Mädchen in
-ihren hellen, fliegenden Sommerkleidchen.
-
-„Na -- wagen wir es nicht auch, Margakind?” flüsterte er nach einer
-Weile lebhaft.
-
-„Nein, ich kann ja nicht tanzen!” gab Marga zurück.
-
-„Aber Elli hat mir verraten, daß du mit ihr tanzt. Und zwar recht gut!
-Komm -- tu nicht zimperlich!”
-
-„Es geht nicht!” wiederholte sie ängstlich. „Sicher nicht! Du würdest
-dich mit mir nur lächerlich machen!”
-
-„Aber Kind, das ist ja kleinlich! Ich möchte gern tanzen!”
-
-Sie fühlte seinen heißen Atem an ihrer Wange. Die Hand, die nach der
-ihren faßte, verriet die Erregtheit seines warmblütigen Temperaments.
-
-Marga entzog sich ihm. Ehe er es verhindern konnte, war sie in den
-dunklen Garten hinausgeglitten. Eine plötzliche, wehe Traurigkeit
-hatte sie befallen: er, entzündlich und lebensdurstig, wie er war,
-verlangte in die Welt, die ihr verschlossen war, und sie hatte nichts
-von alledem, was andere ihm geben konnten -- keine Leichtigkeit, keine
-tanzende, lachende Lustigkeit! Nichts, gar nichts -- so schien es
-ihr in diesem Augenblick -- als ihre schwere Seele und ihre trostlose
-Blindheit! Und so würde es immer sein!
-
-Perthes folgte ihr schnell.
-
-Er war ärgerlich über sie. Über ihre übertriebene Schwerfälligkeit.
-Über ihre Empfindlichkeit und die Unvorsichtigkeit, so davonzulaufen.
-
-Sie hatte schon einen Vorsprung gewonnen. Erst am anderen Ende des
-Gartens holte er sie ein.
-
-Sie lehnte mit dem Rücken an einem Baumstamm. Die Hände hatte sie
-hinter dem Kopf ineinandergepreßt, und die Augen starrten verängstigt
-in die Höhe, während ihre Brust sich schwer atmend hob und senkte.
-
-„Aber Marga, wie kannst du nur so sein! So -- verzeih! -- so überspannt
-empfindlich!” Wort und Ton konnten seine Verstimmung nicht verbergen.
-
-„Ich kann nicht tanzen! Gewiß nicht. Bitte, bitte, tanze doch du! Mit
-Elli und den anderen!” stieß sie flehend hervor.
-
-Einen Augenblick durchfuhr es Perthes bitter, ohne daß er wußte, wie es
-kam. Drinnen lockte die Musik mit ihrer sinnenfrohen Lebenslust. Das
-war nichts für sie! Also auch nichts für ihn. Er stieß zum erstenmal
--- oder war es nicht das erstemal? -- an die Grenze seines Glücks.
-Aber er wollte nicht. Wie läppisch von ihm, durchaus tanzen zu wollen!
-Er war alt genug, um darauf und auf anderes ohne Ärger verzichten zu
-können. Wie unrecht von ihnen beiden, daß sie um einer so kleinlichen,
-erbärmlichen Sache willen, wie es diese schlechte Musik war und das
-bißchen improvisierter Tanz, sich verstimmen wollten! Er redete auf
-Marga ein, herzlich, leidenschaftlich, und überredete sich selber
-dabei. Warum sprach sie überhaupt immer davon, daß dies oder jenes
-nicht für sie sei? Wollte sie die Wirklichkeit fliehen? Brauchte sie
-denn das? Er wollte sie ja mitten hineintragen! Erst recht und gerade
-sie! Und er wollte ihr von da draußen alles bringen -- Licht, Lust,
-Wonne, Kleines wie Großes -- was sie begehrte! Hell und heller als um
-jede andere sollte es um sie werden!
-
-Und Marga hörte zu. Er hatte noch nie mit so viel Feuer von seiner
-Liebe zu ihr gesprochen. Sie kostete seine tröstenden Worte wie einen
-heilenden Trank. Ungläubig erst, zaghaft -- dann mit vollen Zügen.
-Und sie war es, die den Arm um seinen Nacken legte. Die ihn küßte.
-Was hatte er, wenn sie spröde tat? War es nicht wenig genug auch so?
-Und sie schuldete so viel Dank! Und sie war jung! Sie liebte ihn
-wie nichts auf der Welt! Mochte vollends fallen, was ihre Angst und
-Vorsicht zwischen ihm und ihr hatte aufrichten wollen. Sie küßte ihn
-wieder und ließ sich küssen. Dann gingen sie, eins vom Arm des anderen
-umschlungen, noch eine Weile durch den Garten. Ihre Liebe dünkte ihnen
-reich und groß und heilig wie nie. Sie wollten ihre Unendlichkeit
-fühlen -- heute, da sie zuerst an ihre Endlichkeit gestoßen waren.
-
-
-
-
-9
-
-
-Die neue Assistentenstelle in der Chirurgischen Klinik, die Perthes
-nunmehr endgültig angenommen hatte, sollte er vertragsmäßig zum ersten
-September antreten. Er hatte sich am Bakteriologischen Institut zum
-fünfzehnten August freimachen wollen. Vierzehn Tage dachte er für
-seine Ausspannung herausschlagen zu können. Um nicht zu weit von
-Marga entfernt zu sein, wollte er sich in einem einsamen Hof in den
-Bergen einquartieren, den er von seinen Wanderungen kannte und der
-etwa zwei Wegstunden von der Sägemühle ablag. Seine Ferien wollte
-er, außer zum Zusammensein mit ihr, zu häufigen Fußmärschen in dem
-abwechslungsreichen Waldgebirge benutzen.
-
-Alles war verabredet und festgesetzt, als Professor Kronheim, Hupfelds
-erster Assistent, unerwartet erkrankte.
-
-Der Geheime Rat, der seine eigenen Sommerferien nicht verkürzen wollte,
-wandte sich an Perthes und bat in schmeichelhafter Weise, ihm aus
-der Verlegenheit zu helfen. Was war zu tun? Perthes mußte, fluchend
-freilich, bis auf weiteres seinen eigenen Erholungsplänen entsagen und
-Mitte des Monats, Hals über Kopf, aus seinem Institut in die Klinik
-überspringen.
-
-Die neue Tätigkeit war wesentlich anstrengender und unfreier als die
-frühere. Das sollte auch Marga draußen auf ihrer Mühle bald fühlbar
-werden. Es gab in der Klinik regelmäßigen Tag- und Nachtdienst. Um
-die täglichen Besuche war es mit einem Mal geschehen. Es vergingen
-zwei, drei Tage, ehe Perthes sich auf der Sägemühle blicken lassen
-konnte. Und da stellte es sich heraus, daß dieselben Pausen, die
-Marga erst hatte zur Bedingung machen wollen, ihr jetzt recht lang
-und schwer erschienen. Sie suchte freilich sich und Elli einzureden,
-es wäre viel besser so: die stete Sorge, durch Cousine Grasvogel und
-andere gute Freunde ins Gerede zu kommen, wurde geringer; die Freude
-des Wiedersehens wurde durch die längere Trennung nur verstärkt.
-Jetzt, wo die Schranken der Vorsicht und Zurückhaltung durch seine
-und ihre Schuld gefallen waren, wuchs die so lange unterdrückte und
-verleugnete Liebe Margas mit jedem Tag. Ihre schwere Natur, einmal
-entzündet, drängte zu jener Reife, die das Weib in der Liebe erst ganz
-zu dem macht, was es sein soll. Tapfer hatte sie ihr Leiden getragen;
-aber so sehr es sie gefördert, es hatte doch auch ihre Entwicklung
-gehemmt und so manches verkümmern lassen: nun streifte ihr Ernst sein
-Zuviel an Schwere und Herbheit ab und verband sich dafür mit weicher
-Hingebung und einer zarten Leidenschaftlichkeit, die ihn schöner und
-voller kleidete. Konnte früher ihre Beherrschung dem oberflächlichen
-Blick temperamentlos und apathisch vorkommen, so zeugte jetzt auch ihre
-äußere Erscheinung gegen ein solches Vorurteil: ihr Gang war freier und
-leichter, ihre Bewegungen wurden sicherer und ausgeglichener; der Kopf
-mit seinem schlichtgeknoteten, aschblonden Haar senkte sich nicht mehr
-so oft und so müd-ergeben; durch ein warmes, zuversichtliches Leuchten
-ersetzten die Augen ihre Blicklosigkeit; die Wangen bekamen mehr Farbe
-und die ganze Gestalt Frische und Fülle. Es war noch immer die große
-Stille, die ihr Wesen trug und umfloß, aber ein bräutlicher Schimmer
-verklärte sie. Und bräutlich fühlte sich Marga selbst in den Stunden,
-in denen ihr Glück ohne Angst und Bedenken sie ausfüllte, bräutlich
-in der sehnsüchtigen Erwartung, in der träumenden Versonnenheit, im
-süßen, berechtigten Stolz. Wenn dann Perthes kam, war sie es, die im
-ersten Augenblick des Alleinseins ihm die Arme um den Hals legte, sein
-Gesicht, seine Haare, seine Hände liebkosend betastete und küßte. Sie
-begann in ihm und durch ihn die Wirklichkeit in Besitz zu nehmen.
-
-Perthes entging die Wandlung nicht, die sich mit Marga vollzog.
-
-Es wäre unnatürlich gewesen, wenn sie ihn nicht erfreut hätte. Aber
-es mischte sich etwas Neues und Fremdes in diese Freude. Solange es
-gegolten hatte, Margas Liebe aus ihrer ängstlichen Verhüllung von
-Scheu und Vorsicht zu lösen, hatte dies Spiel von Gefühl und Vernunft
-ihn in fortwährender, froher Spannung gehalten, und sein Empfinden
-für sie schien mit jedem Sieg, den er ihr abgewann, an Innigkeit zu
-wachsen. Es kamen Augenblicke, wo er sich verliebt vorkam, so verliebt,
-wie er es vor Wochen, als er sich zum Entschluß drängte, noch nicht
-für möglich gehalten hätte. Aber nun, da Margas Liebe entfaltet war
-und naturgemäß in ihr mit der Zärtlichkeit der Seele auch die der
-Sinne erwachte, erschrak er bisweilen mitten unter ihren Liebkosungen
-über sich selbst. Er hatte aus der Liebe, die er sich verordnete,
-seinerzeit die Leidenschaft wegräsoniert. Jetzt zitterte sie ihm, nicht
-aufdringlich freilich und maßlos, aber doch blutwarm und lebendig aus
-Margas Zärtlichkeit entgegen. Was hatte er ihr dagegen zu geben? Wo
-blieb bei ihm die Leidenschaft, die die ihre beantwortete? Freilich
-erwiderte er stürmisch ihre Umarmung und gab ihr ihre Küsse verdoppelt
-zurück, aber zwang er sich nicht dazu? War in seinem Ungestüm nicht die
-Furcht, hinter ihr zurückzubleiben, und war diese Furcht nicht schon
-der Beweis, daß seine Liebe der ihren nachstand?
-
-Er verwünschte solche Gedanken. Das allzu häufige, untätige
-Beisammensein war doch unvernünftig gewesen und hatte ihn durch
-Übersättigung überkritisch gemacht. Von dieser Seite sah er in seiner
-klinischen Tätigkeit keine unwillkommene Gelegenheit, mit seiner und
-Margas Liebe mehr hauszuhalten. Seine Stellung mit ihren gesteigerten
-Ansprüchen befriedigte ihn. Mit dem ganzen Feuereifer, dessen er fähig
-war, gab er sich ihr hin. Dem Zureden Margas und der eigenen Einsicht
-folgend, entzog er sich auch dem Verkehr mit seinen Kollegen nicht
-mehr so völlig wie bisher. Er dachte sogar daran, sich einmal wieder
-im Tennisklub sehen zu lassen. Aber die Aussicht, mit Alice Hupfeld
-zusammenzutreffen, hielt ihn ab. Nach der gemeinsamen Radfahrt auf der
-Landstraße hatte er danach kein Verlangen. Es war möglich, daß sie
-verreist war. Der Geheime Rat war auf Stift Nieburg. Das wußte er.
-Alice war nirgend zu sehen. Doch das wollte nichts Sicheres besagen. Es
-war jedenfalls geratener, ihr aus dem Wege zu gehen ...
-
-Da überraschte ihn vor Ende August Exzellenz Hupfeld mit einer
-Einladung aufs Stift. Zum einfachen Mittagessen. Fast gleichzeitig
-erfuhr er zufällig aus dem Gespräch mit einem Kollegen, daß Fräulein
-Exzellenz von einer vierzehntägigen Hochgebirgstour zurückgekehrt sei.
-
-Seine Lust an der Einladung nach Nieburg, von vornherein nicht groß,
-wurde durch diese Nachricht sehr herabgemindert. Er trug sich mit dem
-Gedanken, abzulehnen, und suchte nach einem plausiblen Grund. Seltsam:
-der Widerwille, mit Alice zusammen zu sein, nahm in dem Maße zu, als
-das Essen auf dem Stift sich näherte. Er sprach auch mit Marga darüber.
-Es war ihm ein Bedürfnis, so oft er Alice Hupfeld einmal erwähnen
-mußte, seine Antipathie gegen sie beinahe überscharf zum Ausdruck zu
-bringen. Marga hatte nur ein unvollkommenes, nicht sehr anziehendes
-Bild von Alice wie von dem ganzen Kreis, dem sie zugehörte. Sie war
-keine von jenen kleinen Naturen, die aus Mangel an eigenem Urteil um
-jeden Preis „gerecht” sein wollen. Gleichwohl hielt sie seine Härte
-für übertrieben und riet ihm, der Einladung nach Nieburg zu folgen.
-
-Letzten Endes blieb auch Perthes, wenn er sich die Gnade seines neuen
-Chefs nicht von vornherein verscherzen wollte, gar nichts anderes
-übrig, als anzunehmen.
-
-An dem Tag, der ihn zu Hupfelds führen sollte, blieb er so lange auf
-der Klinik, daß er knapp noch Zeit hatte, sich umzukleiden. Er mußte
-einen Wagen nehmen, um überhaupt noch zu rechter Zeit nach Stift
-Nieburg zu kommen.
-
-Als der Kutscher von der heißen Landstraße abbog, sah Perthes
-sehnsüchtig nach der Mühle, die schattig und beschaulich wie immer mit
-ihren Ziegeln aus den Bäumen hervorlugte. Am liebsten hätte er noch
-jetzt die Fahrt dorthin kommandiert. Er schalt sich selbst über seine
-Torheit. Dies lächerliche Mißbehagen stand in keinem Verhältnis zur
-Unbedeutendheit der Sache. Er war doch wohl nachgerade alt und Manns
-genug, um sich in unbequemer Gesellschaft ein paar Stunden mit Anstand
-herumzulangweilen!
-
-Das große eiserne Gittertor war verschlossen. Nur die ins Mauerwerk
-gebrochene Nebenpforte stand offen. Man erwartete also nicht so viele
-Besucher, wie Perthes hinter der Einladung zum einfachen Mittagessen
-geargwöhnt hatte. Er stieg aus, entlohnte den Kutscher und trat
-in den Garten: mit seinen kurzgeschorenen Rasenflächen, seinen
-üppigen Palmengruppen und farbensatten Blumenbeeten lag er still in
-der sengenden Augustsonne. Still und wie erstarrt in weißer Hitze
-stand auch weiter zurück das lange, schloßartige Gebäude mit dem
-efeubewachsenen Untergeschoß, den hohen, hellgrünen Fensterläden, die
-zum Teil geschlossen waren, und dem mächtigen Giebeldach. Die Bäume des
-Parks gaben einen Hintergrund, der sich mit massigem Düster gegen das
-grelle Licht abhob.
-
-Auf einem der gelben Kieswege, die zwischen wohlgepflegten Taxushecken
-abseits vom Fahrweg sanft emporstiegen, kam Perthes ans Haus. Nach der
-Hitze draußen atmete ihm das alte, weiträumige Bauwerk schon bei der
-Eingangstür mit ihren geschnitzten Flügeln und glänzenden Messingringen
-wohltuende Kühle entgegen. Der Diener, der ihn in Empfang genommen,
-führte ihn durch lange, etwas nüchterne Gänge über ein breites, an den
-Wänden mit Nachbildungen antiker Reliefs geschmücktes Treppenhaus in
-den ersten Stock.
-
-Das Zimmer, das er betrat, war auf den ersten Blick erstaunlich tot und
-drückend.
-
-Große, in den Farben gedämpfte Gobelins verkleideten die Wände ringsum.
-Zwei Bänke mit ledergepolsterten Sitzen und Lehnen, ein runder Tisch
-mit schwerer, goldbrokatener Decke, die einst einen Altar geziert haben
-mochte, und einer riesigen Fayencevase in der Mitte, hochrückige,
-steife Lehnstühle -- lauter in den Holzteilen tiefdunkle Möbelstücke
--- waren mehr stilvoll als einladend. Durch eine Tür, deren schmale
-Portiere zurückgerafft war, sah man ins anstoßende Zimmer: es war --
-fast schien es, in bewußtem Gegensatz zu dem Vorraum, in dem Perthes
-stand -- in helles Licht getaucht. Man sah einen ziemlich einfachen
-Schreibtisch, der mit schmuckloser Platte auf zarten, ausgebauchten
-Beinen stand. Der altertümliche Globus auf der Ecke, das kristallene
-Tintenfaß, noch mehr aber der Polsterstuhl mit seinem Bezug von
-grünem, geriefeltem Samt brachte Raffinement in die Einfachheit dieses
-Arbeitszimmers.
-
-So weit war Perthes in seinen Betrachtungen gekommen, als von dort ein
-leises Räuspern und teppichgedämpfte Schritte hörbar wurden. Gleich
-darauf wurde Hupfeld in der Tür sichtbar.
-
-„Sehr liebenswürdig, daß Sie uns das Vergnügen machen,” ließ sich seine
-volle, getragene Stimme vernehmen. Er überschritt die Schwelle nicht,
-sondern lud den Doktor mit einer kurzen Bewegung ein, näherzutreten.
-Freundlich, fast vertraulich bot er ihm die Hand -- eine Hand, so
-weich und lässig, daß Perthes sich versucht fühlte, sie zwischen
-seinen muskulösen Fingern durch einen heftigen Druck auf ihre Knochen
-zu prüfen. Und doch war diese Hand mit ihrem fabelhaften Geschick die
-Begründerin von Exzellenz' europäischem Ruf. Die hochgewachsene Gestalt
-überragte noch die seines Assistenten. Auf den breiten Schultern saß
-ein verhältnismäßig kleiner Kopf, dem bartlose, glatte, mit dem Alter
-etwas verfettete Züge und weißes, dichtstehendes, aufrechtes Haar die
-Schönheit eines bejahrten Heldenvaters gaben.
-
-Ein zweiter von jenen Winken, deren herrische Kürze mit der
-auffallenden Loyalität des Geheimen Rats kontrastierte, forderte
-Perthes auf, es sich in einem roten Saffiansessel bequem zu machen,
-der gegenüber dem Schreibtisch, neben einem von Photographien
-und künstlerischen Reproduktionen bedeckten Tisch stand und ein
-bücherreiches Regal im Rücken hatte.
-
-Exzellenz setzte sich in den grünen Polsterstuhl. „Und wie fühlen Sie
-sich in unserer Klinik, mein lieber Doktor?”
-
-„Danke, Exzellenz! Soweit ich mir schon ein Urteil erlauben kann,
-sehr wohl,” erwiderte Perthes, in den Saffiansessel mit Widerstreben
-versinkend.
-
-Hupfeld lächelte befriedigt. Er war ein Meister jenes diskreten
-Lächelns, das die angenehmste wie die ärgerlichste Stimmung gleich
-gut verhüllt. „Wie ich Ihnen schon sagte, haben Sie mir durch Ihren
-früheren Eintritt einen großen Dienst geleistet,” fuhr er, jedes, auch
-das unbedeutendste Wort prononcierend, fort. Während er mit gemessener
-Wärme des erkrankten Professors Kronheim gedachte, beharrte er
-regungslos in der für sein Gesicht so vorteilhaften Profilstellung. Das
-gelbliche, durch die dünnen Vorhänge getönte Licht vom Fenster umfloß
-schmeichelnd seine majestätischen Umrisse und den grünen Polsterstuhl.
-Bisweilen traf ein knapper Blick den Doktor. Wenn die Augen von
-Exzellenz ihre graue Starrheit einen Moment aufgaben, nahmen sie einen
-stechenden Glanz an und erinnerten Perthes durch ihren spöttischen
-Ausdruck an die von Alice.
-
-Mit der Freiheit des großen Mannes liebte es Hupfeld, die Themen
-des Gesprächs unvermittelt zu wechseln. Er gefiel sich in einer
-klassischen Vielseitigkeit. Im Hinblick auf Perthes' mannigfaltigen
-Studiengang sprach er davon, daß er selbst eigentlich hätte Botaniker
-werden sollen und wollen. Dabei gab er seinem Talent zur Rede nach
-und setzte die Worte mit der sinnlichen Selbstgefälligkeit eines
-Juweliers, der die Perlen seines Geschmeides einzeln durch die Finger
-gleiten läßt. „Ich habe mir, wie Sie sich vielleicht schon überzeugten,
-die Vorliebe für die Pflanzenwelt gewahrt.” Er deutete mit einer
-Bewegung der molluskenhaften Hand in der Richtung des Gartens. „Wenn
-es Sie interessiert, werde ich Ihnen nachher im Gewächshaus meine
-bescheidene, aber ich darf wohl sagen erlesene Sammlung von Orchideen
-zeigen. -- Wissen Sie denn übrigens, daß Sie hier in Nieburg auf
-klassisch geweihtem Boden weilen?”
-
-Perthes schüttelte verneinend den Kopf.
-
-„Es ist verbürgte Tatsache,” erklärte Hupfeld, indem er sich noch
-hoheitsvoller in seinem grünen Polsterstuhl zur Schau setzte und die
-berühmte Hand mit leichten Bewegungen seine Worte begleiten ließ,
-„daß in diesen Räumen Goethe im Jahre 1793, auf der Rückreise von der
-Belagerung von Mainz verweilte. Sein erlauchter Geist trifft sich mit
-meinem bescheideneren in der Liebe für die Pflanzen und für die Kunst
-des Mittelalters. Das macht mir den Aufenthalt hier besonders lieb und
-bedeutungsvoll. Auch die Gebrüder Boisserée sind hier öfters zu Gast
-gewesen. Wenn der gute Wille genügte, etwas von der Universalität jener
-Zeiten und jener Geister sich zu eigen zu machen, und wenn man Zeit
-hätte --” Der Geheime Rat vollendete seinen vielsagenden Satz nicht,
-sondern ließ ihn in einem tiefsinnigen Schweigen stecken. Vielleicht,
-um Perthes Gelegenheit zu geben, ein naheliegendes Kompliment
-einzuflechten; vielleicht auch nur, um den versteckten Vergleich mit
-Goethe in dem Zuhörer -- oder vielmehr in dem Zuschauer -- äußerlich
-nachwirken zu lassen.
-
-Perthes besaß leider gar keinen Sinn weder für Schmeicheleien noch für
-klassische Vergleiche. Es bereitete ihm im Gegenteil ein heimliches
-Vergnügen, Exzellenz zu enttäuschen. Nachdem er sich ungefähr so viel
-Zeit gelassen hatte, als nötig war, um die Bartlocken der gewaltigen
-Büste des Zeus von Otricoli zu zählen, die auf einem Postament
-in der Ecke hinter dem Schreibtisch stand -- also nach einer sehr
-respektvollen Pause --, hub er plötzlich an, von einem klinischen Fall
-zu sprechen. „Haben Exzellenz gehört, daß die Operation von Miß Read --
-es handelte sich um ~Ileus strang~...”
-
-„Ja -- ja! Natürlich!” fuhr Hupfeld aus seinem Nachsinnen zerstreut
-auf. „Die Sache ist sehr interessant! Sehr interessant! Wir sprechen
-nachher noch davon. Für jetzt darf ich Sie nicht länger unseren
-Damen vorenthalten.” Er erhob sich etwas jäh. „Bitte!” Er deutete
-wieder in seiner befehlenden Art nach der rückwärtigen Tür. Mit der
-Zuvorkommenheit eines Fürsten ließ er seinen Gast voranschreiten.
-Sie durchschritten zuerst die eigentliche Bibliothek, einen sehr
-stimmungsvollen Raum mit Tausenden von Bänden auf hohen, geschnitzten
-Regalen.
-
-„Ich habe meine paar belletristischen und kunsthistorischen Bücher von
-den fachwissenschaftlichen getrennt und hier untergebracht,” erläuterte
-der Geheime Rat im Vorbeigehen.
-
-Von da traten sie in das Speisezimmer.
-
-Wenn Perthes Muße gehabt hätte, den „Saal” genau in Augenschein zu
-nehmen, würde er ihm seine Anerkennung nicht versagt haben. Die
-kolossalen Brabanter Schränke, die gegen eine Tapete von blaßroter
-Seide standen, das wundervolle Barockgestühl, die gravitätischen
-Ahnenbilder an den Wänden im Verein mit Teppichen, Truhen und kostbaren
-Behängen zeugten von Geschmack. So aber mußte er sich vor allen Dingen
-in einer der tiefen Fensternischen der Dame des Hauses vorstellen
-lassen.
-
-„Mein neuer Assistent, Herr Doktor Perthes,” führte ihn Hupfeld
-wohlwollend ein.
-
-Die weibliche Exzellenz, eine kleine, lebhafte Dame von rosiger
-Gesichtsfarbe und einem kindlichen Ausdruck von Daseinsfreudigkeit
-auf den wulstigen Lippen und in den schwimmenden Äugelchen, reckte
-ihre etwas schwerfällige Figur freundlich im Stuhl in die Höhe, nickte
-dreimal mit dem Kopf und gab Perthes die Hand. „Es ist schwül. Glauben
-Sie, daß wir ein Unwetter bekommen werden? Ich frage heute jedermann,
-ob wir heute ein Gewitter bekommen werden. Ich bin nämlich sehr
-ängstlich. Sehr, sehr ängstlich!” Sie bekräftigte ihre Gewitterfurcht
-mit einem hohen, kindlichen Lachen. „Wie meinen Sie?” fragte sie dann
-dringend, die Hand an ihr schwerhöriges Ohr haltend.
-
-Perthes, etwas betroffen von diesem Willkommgruß, der in seiner
-Naivität peinlich war, faßte sich so schnell wie möglich. „Ich glaube
-nicht, daß wir ein Gewitter haben werden,” antwortete er höflich.
-
-„Hörst du, Moritz,” wandte sich Frau Hupfeld triumphierend an den
-hinter ihrem Sessel stehenden, blutjungen Leutnant, „Doktor Pätel --
-hieß er nicht so, Papa?”
-
-„Doktor Perthes,” korrigierte der Geheime Rat mit einer Deutlichkeit,
-die zugleich zuvorkommend und entschuldigend klang.
-
-„Na ja -- Doktor Pätel glaubt auch nicht an ein Gewitter, Moritz!”
-
-Der Leutnant, ein zierlicher, hübscher Junge mit harmlosem, frischem
-Kindergesicht, zuckte die Achseln. „Willst du mich, bitte, vorstellen,
-Papa?” bat er den Geheimen Rat.
-
-„Natürlich -- ich bitte um Verzeihung! Mein Sohn, Leutnant Moritz
-Hupfeld. Und hier --” Er winkte nach dem Fenster, wo ein junges
-Mädchen ohne Teilnahme für das, was vorging, hinausschaute. „Komm mal
-her, Hilla! -- Die Tochter meines Bruders, des Obersten Hupfeld in
-Straßburg,” erläuterte Exzellenz.
-
-Das junge Mädchen fand es nicht der Mühe wert, näherzutreten. Sie
-erwiderte, sich langsam umwendend, Perthes' Verbeugung mit einem halben
-Blick und ziemlich schnippischem Kopfnicken. „Weißt du, Onkel, ihr
-müßtet in den ollen, langweiligen Garten da mal 'ne Fontäne oder so was
-'reinsetzen,” schloß sie ihre viel wichtigeren Fensterstudien.
-
-„Nein! Um Gottes willen! Wo denkst du hin, Kind? Eine Fontäne?”
-jammerte Frau Hupfeld erschrocken. „Das ewige Plätschern kann einen ja
-schwermütig machen!”
-
-„Sei ohne Sorge,” legte sich Hupfeld ins Mittel, „ich liebe keine
-Wasserkünste!” Er bewahrte inmitten dieser reichlich albernen
-Unterhaltung die herablassende Würde seiner Größe.
-
-„Cousine Hilla hat nu mal eine Vorliebe für große silberne Glaskugeln,
-Goldfische und Terrakottazwerge, die unter Pilzen sitzen,” hänselte
-der Leutnant, während er mit Perthes einen Blick gegenseitigen
-Wohlgefallens wechselte.
-
-„Pfui, Moritz!” wehrte sich Hilla entrüstet und geruhte dabei, sich
-zu nähern und ihre nichtssagend hübsche Larve mit schmachtendem
-Tadel ihrem Vetter zuzuwenden. „Sind Sie der Doktor, der so gut
-Tennis spielt?” wandte sie sich dann plötzlich mit der vorlauten
-Selbstverständlichkeit eines verzogenen Backfisches an Perthes.
-
-„Woher wissen Sie das, gnädiges Fräulein?” fragte Perthes trocken
-zurück, während er auf das schmale Persönchen kühl heruntersah.
-
-„Von Alice natürlich!”
-
-„Alice!” nahm Hupfeld das Wort. „Wo steckt denn Alli? Wir werden uns
-ohne sie zu Tisch setzen. Entschuldigen Sie, mein lieber Doktor! Meine
-Tochter lebt in einem beständigen Krieg mit unserer Hausordnung,”
-ergänzte er halb stolz, halb tadelnd, während er seiner Frau artig den
-Arm bot.
-
-„Dem armen Kinde wird doch nichts zugestoßen sein?” meinte Frau Hupfeld
-ängstlich.
-
-„I wo, Mama!” lachte der Leutnant. „Das wäre das erstemal. So was
-verdirbt nicht!”
-
-„Ich sah sie vor einer Viertelstunde von meinem Zimmer aus in den Park
-laufen,” bemerkte Cousine Hilla. Sie hängte sich dabei an den Arm
-ihres Vetters, der sie höflich dem Gast hatte überlassen wollen. Mit
-Zivilisten ging sie nur in Ermangelung wirklicher Menschen zu Tisch.
-
-Perthes, dem offenbar ursprünglich Alice als Tischnachbarin zugedacht
-war, mußte sich seinen Platz allein suchen.
-
-Er ergab sich in sein Los. Kam er sich doch unter diesen fremden
-Menschen so gelangweilt und unbehaglich vor, daß er froh war, sitzen
-und essen zu dürfen.
-
-Exzellenz hielt bei der Suppe einen kleinen Vortrag über altes
-Porzellan, von dem er eine Sammlung anzulegen beabsichtigte. Es
-genügte, verständnisvoll zu lächeln, was übrigens nur Perthes tat. Frau
-Hupfeld teilte einstweilen ihre ganze Aufmerksamkeit zwischen einem
-harmlos-fröhlichen Appetit und der erneuten Sorge um das Wetter, das
-zu beobachten sie dem aufwartenden Diener in geheimnisvollem Ton sehr
-dringlich einschärfte. Hilla machte ihrem Vetter Leutnant ungeniert den
-Hof, ohne der Weisheit ihres großen Onkels die geringste Beachtung zu
-schenken.
-
-Der weißbehandschuhte Diener hatte schon den zweiten Gang serviert und
-einen Flüsterwein eingegossen, als die Tür zum Saal aufgerissen wurde
-und Alice hereinstürmte.
-
-„Denkt euch, Kinder --”
-
-„Meine Nerven! Meine Nerven!” klagte erschrocken die Geheime Rätin.
-
-„Der Gärtner hat in der Raubtierfalle einen richtigen Iltis gefangen!
-Ich hab' ihn mir angesehen! Eine Mama, die Junge erwartet!”
-
-Alice reichte dem Doktor während ihres zoologischen Berichts sehr
-obenhin die Hand und setzte sich zwischen ihn und ihren Bruder.
-
-„Wie schrecklich!” ließ sich Frau Hupfeld, ihre Nerven vergessend,
-neugierig vernehmen. „Was hat er gefangen? einen Tiflis?” Umfassende
-Bildung gehörte nicht zu Mama Hupfelds Vorzügen. Sie stammte aus
-einfachen Verhältnissen -- aus Hupfelds weniger berühmter Zeit -- und
-ihre Impromptus waren das Entsetzen von Exzellenz.
-
-„Einen Iltis!” kicherte Alice. „Und zwar --” wollte sie mit überlauter
-Deutlichkeit fortfahren.
-
-„Mein Liebling,” unterbrach sie der Geheime Rat mit einer
-Entschiedenheit, die zugleich bestimmt war, Iltis und Tiflis zu
-bedecken, „ich schätze die Natürlichkeit. Das weißt du. Aber sie darf
-nicht degoutant sein.”
-
-„Auch meine Meinung. Besonders bei Damen!” bekräftigte Leutnant Moritz
-die väterlichen Worte.
-
-„Da hab' ich mich ja wieder mal nett in die Nesseln eurer Prüderie
-gesetzt!” Alice sah mit verschmitztem Lachen von einem zum anderen.
-
-„Wohin hat sie sich gesetzt?” fragte mit unerschüttertem Wissensdrang
-Frau Hupfeld.
-
-„Mich mußt du ausnehmen, Alli,” erklärte voll schwärmender Bewunderung
-Cousine Hilla. „Ich finde deine Natürlichkeit furchtbar schick! Ich
-wollte, ich wäre auch so vorurteilslos.”
-
-„Das fehlte noch!” brummte der Leutnant.
-
-„Steht nur Ihr Urteil aus, Herr Doktor Perthes!” wandte sich Alice
-mit einer Verbeugung an ihren Nachbar. „Dann kann über mich richtig
-abgestimmt werden!”
-
-Perthes, obwohl nichts weniger als entzückt von dieser Aufforderung,
-begegnete dem spitzbübischen Zwinkern ihrer Augen mit einem ruhigen
-Blick. „Wenn Sie darauf Wert legen, gnädiges Fräulein --”
-
-„Und ob!”
-
-„Ich schätze Natürlichkeit. Bei Damen sogar besonders. Sie wird da nur
-leicht Manier. Und hebt sich so wieder selbst auf.”
-
-„Sehr gut!” nickte zustimmend der Geheime Rat. „Sehr gut, lieber
-Perthes!” wiederholte er noch einmal, nachdem er mit vorgeschobenen
-Kennerlippen an seinem Weinglase genippt hatte.
-
-„Das heiß' ich 'ne schlanke Abfuhr -- wie, Allichen?” schmunzelte der
-Leutnant vergnügt.
-
-„Mir ist das zu hoch!” meinte mit patziger Geringschätzung Cousine
-Hilla.
-
-Alli selbst kniff die Augen zusammen wie beim Tennisspiel, wenn sie
-berechnen wollte, wie sie den Ball am besten zurückschlüge. Es lag in
-dem halboffenen Blick etwas Lauerndes, das die Freude an gefangenem
-Raubzeug, wie einem Iltis, erklärlich machte. Im nächsten Augenblick
-lachte sie. Es war dieses helle, kurze, aufreizende Lachen, das Perthes
-kannte.
-
-Der Diener hatte eben begonnen, neue Schüsseln zu reichen. Den Schleien
-folgten römische Poularden. Alice hatte den Kopf mit dem rötlichen
-Haargewirr über die Lehne zurückgeworfen. Die gelenkige Gestalt in
-dem eng anliegenden, blauen Foulardkleid schüttelte sich leicht, als
-gelte es, ein paar Tropfen von der milchweißen Haut des Halses und der
-Arme absprühen zu lassen. Dann bog sie sich blitzschnell ganz nahe an
-Perthes heran. „Es ist doch so, daß hinter dem Räubergesicht ein ganz
-ehrsamer Philister sitzt, nicht?” tuschelte sie ihm mit boshafter Hast
-zu.
-
-Er wollte ihr erwidern. Aber ebenso geschwind hatte sie sich von ihm
-weggewandt und drehte ihm halb den Rücken. Sie sprach mit Hilla und
-ihrem Bruder. Während des Restes der Mahlzeit behandelte sie ihn als
-Luft. Ein Verfahren, das ihn, wie er sich selber vorsagte, höchst kalt
-ließ, aber seine Behaglichkeit im Hause Hupfeld nicht erhöhte. Er
-wünschte sich über alle Berge. Oder doch zum mindesten einen halben
-Kilometer talwärts in die Sägemühle. Die ungewohnte Atmosphäre, die
-ihn umgab, bedrückte ihn: dieser „große Mann” mit seiner preziösen
-Redeweise und seiner hohlen, posierten Majestät; diese vielleicht
-gutmütige und natürliche, aber immer nur mit sich selbst beschäftigte,
-rosig-dicke Frau Exzellenz; Fräulein Hilla, die ihre Dummheit durch
-die doppelte Portion Hochmut und Dreistigkeit wettzumachen suchte,
-und Alice -- wie ihm das alles zuwider war! Samt dem altertümlichen,
-schwerfälligen, überstilvollen Luxus! Samt dem tadellosen Diner auf
-Wedgwoodporzellan und den Flüsterweinen und dem schleichenden Lakaien
-mit den weißen Handschuhen! Er war kein Feind von Reichtum und Geist
-und Geschmack; aber er hätte gern einmal laut fluchen oder eins der
-hohen Fenster aufreißen und einen Strom noch so heißer Sommerluft
-hereinströmen lassen mögen -- um sich selber wiederzuerkennen und
-freizumachen!
-
-Man näherte sich dem Dessert.
-
-Der Leutnant brachte, Gott sei Dank, etwas Zug in die Unterhaltung. Er
-erzählte von Ballonfahrten, die er von Freiburg aus, wo er in Garnison
-stand, unternommen. Besonders von einem Ausflug nach Straßburg, wo sie
-kurz vor dem Ziel, in Kehl, die Reißleine ziehen mußten und um ein Haar
-im Rhein gelandet wären.
-
-„Wo war das, Moritz?” fragte Frau Hupfeld, die die Hand am Ohr mit
-allen Zeichen des Gruselns der halsbrecherischen Schilderung zu folgen
-versuchte.
-
-„In Kehl, Mama,” lautete der bereitwillige Bescheid.
-
-„In Kiel?” wiederholte die alte Dame mit Staunen. „Ich wußte gar nicht,
-daß Kiel so nahe bei Straßburg liegt. Ich dachte immer --”
-
-Diesmal brach die Heiterkeit über Mama Hupfelds durch keine
-Sachkenntnis getrübte Geographie so elementar und laut hervor, daß der
-Geheime Rat sie nicht durch eine ableitende Bemerkung aufhalten konnte.
-Seine kleine, dicke Frau schloß sich der Fröhlichkeit so unbefangen
-an, wie wenn sie nichts anderes beabsichtigt hätte, als ein Bonmot
-zum besten zu geben. Zu allem Unheil pflanzte sich eben jetzt der
-Diener in steifer Positur hinter ihrem Stuhl auf, offenbar um ihr eine
-unaufschiebbare Meldung zu machen.
-
-„Was gibt's, Karl?” fragte sie besorgt, als der Beifall, den sie
-unfreiwillig entfesselt hatte, sich legte.
-
-„Exzellenz, im Süden zieht ein Gewitter herauf!” meldete der Diener mit
-der Feierlichkeit eines spanischen Granden.
-
-„Allmächtiger!” entfuhr es dem Leutnant in komischer Verzweiflung.
-
-Frau Hupfeld schnellte mit allen Zeichen der Angst von ihrem Sitz in
-die Höhe. „Oh -- was Sie sagen, Karl!” stammelte sie. Sie sah wirklich
-bemitleidenswert aus.
-
-Cousine Hilla biß auf ihre Serviette, um nicht von neuem
-herauszulachen. Alice schnitt eine Grimasse. Perthes fixierte standhaft
-den zierlichen Rand seines Tellers, denn wenn er bis jetzt als Gast
-des Hauses seinen Lachmuskeln eine peinliche Reserve auferlegt hatte,
-diese im Ton einer antiken Schicksalsverkündigung vorgetragene
-Gewittermeldung drohte seine Kraft zu übersteigen.
-
-Der Geheime Rat blieb ernst. „Es wird ja so schlimm nicht sein!” redete
-er begütigend seiner Frau zu.
-
-Aber für Frau Hupfeld gab es, nachdem sie sich vom ersten Entsetzen
-erholt, kein Halten. „Herr Doktor Pätel -- Sie müssen mich
-entschuldigen -- ich kann nun mal nichts dafür!” erklärte sie
-mit hastiger Verlegenheit. „Nein -- und ich wollte noch von der
-wundervollen Ananas essen! Stellen Sie sie für mich zurück, Karl! Und
-Annette soll auf mein Zimmer kommen. Sie muß mir die Laden schließen.
-Johann auch!”
-
-Schon war sie, ihre beleibte kleine Person mit erstaunlicher
-Elastizität vorwärtsschiebend, aus dem Saal geflohen, um in ihrem
-Schlafzimmer unter Beihilfe der verfügbaren Dienstboten die nötigen
-verdunkelnden Vorbereitungen zu treffen.
-
-Das Gleichgewicht der Tafel war gestört.
-
-Exzellenz -- seine Verstimmung in eine gesteigerte, über die
-Kleinigkeiten des Tages erhabene Hoheit hüllend -- hielt es für
-angebracht, die Mahlzeit nicht mehr über Gebühr zu verlängern.
-
-Er stand denn auch bald auf und gab so das Zeichen der Befreiung vom
-Tischzwang. Die Herren begaben sich in die Bibliothek. Während der
-Leutnant den mit Silber eingelegten Zigarrenschrank herbeiholte und
-Perthes mit den unterschiedlichen Vorzügen der Importen bekannt machte,
-zog Hupfeld sich stillschweigend zu einer kleinen Mittagsruhe zurück.
-
-Alice und Hilla traten unter die Tür der Bibliothek.
-
-„Hilla will mal meine Iltismama besehen. Kommst du mit, Säbelmännchen?”
-Alice richtete ihre Aufforderung absichtlich nur an ihren Bruder, als
-existierte Perthes gar nicht.
-
-„Das hängt von Herrn Doktor Perthes ab,” erwiderte der Leutnant, den
-Zug seiner Zigarre prüfend.
-
-„Bah -- es fragt sich sehr, ob wir Herrn Perthes nach der famosen
-‚Abfuhr‛ an Alli überhaupt noch dazu einladen!” erklärte Fräulein Hilla
-mit schnippischer Promptheit.
-
-„Dann müßt ihr auf meine Gesellschaft auch verzichten, Hillchen!” gab
-Leutnant Moritz ritterlich zurück.
-
-Alice maß Perthes über ihre Schulter weg mit dem ihr eigenen Blick vom
-Fuß zum Kopf.
-
-„Bitte sehr, sich durch mich nicht bestimmen zu lassen. Unser Tierpark
-im Bakteriologischen Institut war so reichhaltig, und ich bin so froh,
-ihn los zu sein, daß ich auf Iltismütter keinen besonderen Wert lege.”
-Perthes sprach mit aller ihm zu Gebot stehenden Gelassenheit, ohne
-Alices Blick zu vermeiden. Dabei mußte er allerdings die zartgewickelte
-Zigarre beinahe zwischen seinen Fingern zerdrücken, so sehr reizte ihn
-Alices Benehmen.
-
-„Stolz lieb' ich den Spanier!” bemerkte sie leichthin; aber ihre
-Mundwinkel zuckten mehr nervös als spöttisch, und ihre Absätze klappten
-stärker auf den Boden, als nötig war. Seine Sprödigkeit machte sie
-kampflüstern. Sie wäre jetzt am liebsten dageblieben, um es gleich
-darauf ankommen zu lassen, wer Sieger blieb. Doch Hilla zog sie
-energisch aus der Tür.
-
-„Hat dein Papa immer so verdrehte Assistenten?” fragte die Cousine laut
-genug, daß man es noch in der Bibliothek hören konnte.
-
-„Schweig! Das verstehst du nicht!” herrschte Alice sie an.
-
-Hilla sah ihr ganz betroffen in die funkelnden Augen.
-
-„Er ist ein feiner Junge, sag' ich dir!” Alice wollte hinzusetzen:
-Gerade, weil er so widerhaarig tut! Aber sie behielt diesen Nachsatz
-für sich und pfiff dafür auf dem Weg zum Park leise vor sich hin -- so
-bedeutungsvoll, wie nur junge Damen pfeifen können ...
-
-Nach einigen Minuten gingen Perthes und Leutnant Hupfeld auf eigene
-Faust ins Freie.
-
-Sie hatten beide Gefallen aneinander gefunden. Der aufgeweckte junge
-Offizier, der nach den besten Eigenschaften seiner Mutter geraten zu
-sein schien, traf sich mit Perthes im Interesse für den Luftsport. Der
-Leutnant hatte in Berlin und auch in Paris Flugversuche gesehen, von
-denen er sehr anschaulich zu plaudern wußte. Nachher erzählte er von
-Freiburg und von winterlichen Skitouren im Schwarzwald. --
-
-Sei es, daß die Iltismama an Reiz eingebüßt hatte, sei es, daß Cousine
-Hilla Sehnsucht nach Vetter Moritz bekam -- die jungen Damen kehrten
-auffallend schnell von ihrer Raubtierbesichtigung zurück.
-
-Man setzte sich in den Schatten unter eine breitästige Eiche.
-
-Der Diener kam mit einem Klapptisch, mit Mokka und einer Batterie von
-Likören aus dem Hause.
-
-Alice hatte sich, wie die beiden Herren, einen Curaçao eingießen
-lassen. Sie näherte sich Perthes mit der Miene einer frommen Helene.
-„Wollen wir uns wieder vertragen, Doktor?” Sie hielt ihm den kleinen
-Finger hin, um mit ihm anzustoßen.
-
-„Ich bin mir nicht bewußt, daß --”
-
-„Nun machen Sie gefälligst nicht wieder Geschichten! Wollen Sie -- oder
-wollen Sie nicht?”
-
-Perthes gab sich zufrieden, tippte an ihren Finger, und sie tranken
-sich zu.
-
-Während Hilla den Leutnant mit Beschlag belegte und entführte, setzte
-sich Alice neben Perthes auf die Bank unter der Eiche. Sie stemmte
-sich mit den Händen rechts und links gegen den Sitz und ließ die Füße
-mit den hübschen, bronzefarbenen Schnallenschuhen und den blauseidenen
-durchbrochenen Strümpfen übereinandergleiten.
-
-„Warum sagten Sie das mit der ‚manierierten Natürlichkeit‛, Doktor
-Perthes?” fragte sie nach einiger Zeit in nachdenklichem Ton, in die
-Betrachtung ihrer Schuhspitzen scheinbar versunken.
-
-„Weil es meine Meinung war und Sie mich darum fragten,” entgegnete er.
-
-„Ich glaube, Sie haben greulich viel an mir auszusetzen!” fuhr sie in
-derselben Weise fort.
-
-„Das beruht wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit!” Er lehnte den Kopf
-gegen den Stamm der Eiche und blies den Rauch seiner Zigarre in
-nervösen Zügen über sich. Er vermied es, sie anzusehen.
-
-„Man muß wohl hausbackener sein, um Ihnen zu gefallen?” Sie
-streifte ihn mit einem halben Blick. Der gutsitzende, elegante
-Gesellschaftsanzug stand in anziehendem Gegensatz zu der naturhaft
-gebräunten Farbe seines Gesichts und seiner Hände.
-
-„Ich dachte, wir hätten auf Versöhnung angestoßen,” meinte er. „Aber
-Sie --”
-
-„Natürlich, das schließt doch nicht aus, daß ich mich mit Ihnen ein
-bißchen kabble. Ich kabble mich immer mit Menschen, die mir gefallen!”
-Sie sah ihn jetzt mit dem Schalksgesicht voll an. Ihre Augen flirrten
-keck unter der weißen Stirn und dem rötlichen, vorgebauschten Haar,
-während die Zungenspitze über die Lippen spielte.
-
-Perthes warf seine Zigarre fort und streckte sich unbehaglich. „Davon
-halt' ich nicht viel. Vom Kabbeln nämlich. Ich bin nicht sonderlich
-geschickt dazu und gerate leicht vom Hänseln ins Hauen!” Seine Hand,
-die er mit dem Rücken vor die Stirn geschoben, schloß und öffnete sich
-instinktiv. Ohne daß er sich dessen bewußt war, gab diese Bewegung
-seine geteilte Empfindung für Alice wieder, die sich durch dies
-Tete-a-tete steigerte: er hätte sie gleichzeitig leidenschaftlich an
-sich reißen und von sich stoßen mögen.
-
-„Oho! Das klingt ja ordentlich gefährlich!” lachte sie belustigt.
-„Sie überschätzen am Ende doch Ihr Temperament, Doktor!” setzte sie
-mit herausforderndem Spott hinzu. Sie hatte gar nicht im Sinn, ihre
-„kabbelnde” Taktik ihm gegenüber einzustellen. Im Gegenteil, es machte
-ihr Vergnügen, die spröde Zurückhaltung, die er zur Schau trug, den
-Philister, wie sie es nannte, mit seiner Reizbarkeit in Widerstreit
-zu bringen. Sie tat das ohne Berechnung. Dafür war sie viel zu sehr
-ein Geschöpf der Laune. Es war vielmehr die Neugierde: es lockte sie,
-herauszubekommen, ob die Reibung zwischen seiner Sprödigkeit und seinem
-Temperament kein Feuer geben könnte.
-
-Das Gewitter aus Süden, das Frau Hupfeld von der Tafel aufgeschreckt
-hatte, war recht zögernd aufgezogen. Erst jetzt holten seine Wolken die
-Sonne ein. Ein greller, silberner Rand schied das Blau und das Grau
-des Himmels. Das Licht auf dem langgestreckten, eintönigen Rücken des
-Hauses schwand. Die Schatten unter der Eiche wurden beinahe finster.
-Der Donner murrte dumpf und nah.
-
-„Das scheint ja doch noch ernst zu werden,” lenkte Perthes das Gespräch
-ab.
-
-„Sie sind doch nicht auch gewitterscheu wie Mama?”
-
-„Das müssen Sie mir ja ansehen, gnädiges Fräulein!”
-
-„Wenn Sie wünschen, zeige ich Ihnen mal die Kapelle. Papa würde es
-Ihnen nicht verzeihen, wenn Sie nicht dort gewesen wären!” Alice war
-aufgestanden. Sie schlang die Hände hinter ihrem Kopf ineinander und
-dehnte sich. „Wollen Sie? Wenn Ihnen die Besichtigung mit mir allein zu
-langweilig ist, können wir noch Moritz und Hilla rufen.”
-
-„Ihre Gesellschaft genügt mir.”
-
-„Danke! Ich nehme das für ein mißratenes Kompliment.” Sie neigte
-übertrieben-höflich den Kopf und ging dann voraus.
-
-Alice nahm sich Zeit und führte Perthes auf einem Umweg quer durch den
-Park. Sie lief, und er blieb trotz seiner großen Schritte immer hinter
-ihr.
-
-„Sie haben Bergtouren gemacht?” begann er von sich aus die Unterhaltung
-wieder.
-
-„Ach -- es war recht mäßig dieses Jahr!” gab sie gleichgültig zurück.
-„Das Wetter war zu unbeständig.”
-
-„Mit wem waren Sie denn zusammen?”
-
-„Mit mir und mit dem Führer!”
-
-„Nur mit dem Führer?”
-
-„Warum denn nicht?” Sie drehte sich flüchtig nach ihm zurück. „Ich
-finde das viel aparter und origineller, als wenn Moritz oder sonstwer
-mich immer als Dame schont und bemuttert!”
-
-Perthes wollte Genaueres von ihren Touren hören, aber sie schien dazu
-heute nicht aufgelegt. Seine Augen ruhten auf ihrer leichten, schlanken
-Gestalt. Durch ständiges Trainieren, Gymnastik und Sport hielt sie ihre
-Formen in gefälliger, sehniger Schmalheit. Die Schultern, die Arme und
-Hüften waren, für sich betrachtet, überschlank; aber ihre Art, sich zu
-bewegen, fest und geschmeidig zugleich, gab dem Körper eine reizvolle
-Harmonie, die nichts Eckiges oder Spitzes aufkommen ließ. Beim Gehen
-schien sie nie mit dem Absatz den Boden zu berühren. Dabei war ihr Gang
-weder schwebend noch geziert, sondern von jener kecken Freiheit, die zu
-dem spöttelnden Leichtsinn ihres ganzen Wesens paßte. Es war ein und
-dasselbe sinnliche Geheimnis in ihrer Erscheinung, in ihrem Lachen, in
-ihrem boshaften Geplauder; ein Geheimnis, gegen das seine Vernunft und
-Geradheit sich wehrten, und das doch, ohne daß er es sich gestand, ihn
-nicht losließ.
-
-Sie zeigte ihm mit flüchtigen Bemerkungen, die sie über die Schulter
-warf, die Sehenswürdigkeiten des Parks. Da war ein Gedenkstein vom
-Ende des achtzehnten Jahrhunderts, eine girlandenumwundene, mit einer
-Opferschale gekrönte Säule, moosig bezogen und mit einer Inschrift
-versehen, die kein Mensch lesen konnte. Der Geheime Rat behauptete fest
-und steif, es sei eine Erinnerung an Goethes Besuch auf dem Stift.
-Dann brüchiges, efeuüberwuchertes Gemäuer, verfallene Stufen, die in
-die Tiefe führten, wo eine Quelle rieselte. Weiterhin ein halber Turm
-aus verwittertem Sandstein, den Exzellenz, allerdings selbst mit einer
-gewissen Skepsis, für den Rest eines Burgfrieds aus Raubritterzeiten
-erklärt hatte. Ein verträumter Teich, über und über mit Wasserlinsen
-bedeckt; eine romantische Grotte, die zur Schatzgräberei ermutigte, ein
-... Doch da klatschte es schon derb auf das hohe Blätterdach der Bäume
-und fuhr mit scharfen, silbernen Fäden durch die Zweige. Der Regen
-brach los.
-
-„Wer zuerst an der Kapelle ist!” rief Alice mit ausgelassenem
-Gelächter.
-
-Sie raffte leicht ihr Kleid und stürmte vorwärts, ohne den Weg
-einzuhalten, quer durch Gras und Gebüsch.
-
-Perthes, weniger durch diese Aufforderung als durch den niederfahrenden
-Regen bestimmt, setzte ihr nach. Kurz vor der niederen Bogentür
-der Kapelle, die fast märchenhaft hinter den tiefhängenden Ästen
-auftauchte, überholte er sie. Alice schoß in vollem Lauf hinterdrein
-und prallte mit dem Gewicht ihres Körpers gegen ihn. Die alte morsche
-Tür hielt der doppelten Last nicht stand, sondern knarrte aus dem
-Schloß. Eins am andern Halt suchend, gelangten sie mehr im Fall als
-im Schritt in den dämmrigen Raum. Ihre erhitzten Gesichter sahen sich
-verdutzt und lachend an.
-
-Die hohen bunten Glasfenster waren mit Sonnenvorhängen gedeckt, so daß
-es beinahe finster in der Kapelle war. Sie war möglichst als Gotteshaus
-erhalten. Ein Hochaltar aus der Kölner Schule -- die süßliche Madonna
-in der Mitte, rechts und links auf den Flügeln die knienden Stifter --,
-Sanktuarium, Lesepult und Kerzen davor, traten, von einem Streiflicht
-getroffen, aus dem Dunkel der kleinen Apsis. Alice zog einen der
-Vorhänge auseinander. Man erkannte jetzt leidlich die geschnitzten
-Chorstühle an den Wänden, Bilder der Stationen Christi, die blanken
-Pfeifen einer kleinen Orgel auf der rückwärtigen Empore. Das halbe
-Gewitterlicht von draußen gab eine fahle, wunderliche Stimmung.
-
-Geschmackvolle Schränke zwischen den Chorstühlen und glasüberbaute
-Tische, die an Stelle der Bänke das Kapellenschiff füllten, enthielten
-die Sammlung des Geheimen Rats: Meßgewänder und Schmuckstücke aus dem
-späten Mittelalter, Gemmen und Münzen aus der Antike, Handschriften
-aus dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert.
-
-Auch wenn sie besser zu sehen gewesen wären -- Perthes hätte jetzt kaum
-zu einer näheren Besichtigung Lust gehabt. Er lehnte schweigend an
-einem der Pfeiler und begnügte sich, die ruhige Gesamtheit der kleinen
-Kirche und ihre Kühle auf sich wirken zu lassen. Der Regen prasselte an
-die Scheiben, und der Sturm brauste draußen in den mächtigen Bäumen.
-
-Alices unfromme Stimme weckte ihn schnell. „Als Säulenheiliger sehen
-Sie wirklich nicht gut aus, Doktor!” klang es von der Höhe der
-Orgelempore hallend zu ihm herunter. „Kommen Sie lieber zu mir herauf
-und helfen Sie mir!”
-
-Perthes entdeckte nicht ohne Mühe die schmale Stiege, die sie
-emporgeklettert war, und folgte ihr. Sie krachte bedenklich unter
-seinen Tritten.
-
-Alice stand hinter der verstaubten Orgel und wirtschaftete an einer
-hohen Leiter.
-
-„Wobei soll ich Ihnen helfen?” fragte er mit leisem Argwohn.
-
-Sie deutete über sich.
-
-Man sah über die Dachsparren durch in den engen Turm, in dem zu oberst
-ein oder zwei Balken querliefen, die wohl früher eine Glocke getragen
-hatten.
-
-„Ich möchte mir von da oben mal das Unwetter ansehen!”
-
-„Aber das ist ja Unsinn!” entfuhr es Perthes. „Da kommen wir nicht
-hinauf. Oben an der Leiter fehlen Sprossen, und weiter hinauf sehe ich
-überhaupt keine Möglichkeit, hochzukommen. Überdies wackelt das ganze
-Ding hier!” Er schüttelte mit seinen Händen die gar nicht einladende
-Leiter.
-
-„Das hätte ich mir denken können, daß Sie für so was nicht zu haben
-sind! Aber ich will da hinauf, hören Sie! Wenn ich mir den Hals breche,
-sind Sie schuld, der Sie mir nicht behilflich sein wollen!” Sie stieg
-entschlossen auf die erste Sprosse. „Ich brauche Sie gar nicht!”
-
-„Das erlaub' ich nicht!” Perthes faßte zornig und besorgt ihre Hand.
-
-„Wollen Sie mich loslassen. Mit Ihrem Bärengriff! Erlauben! Was haben
-Sie zu erlauben!?”
-
-„Seien sie nicht so eigensinnig, Fräulein Alice.” Zum erstenmal
-brauchte er in der Erregung ihren Vornamen.
-
-„Jetzt erst recht! Ich bin nicht so ängstlich um mein bißchen Leben
-besorgt wie Sie um Ihren schönen Gehrock, Doktor -- der --”
-
-Mit einem Satz war Perthes neben ihr und drängte sie knirschend
-beiseite.
-
-„Sie Barbar!”
-
-Er klomm behend aufwärts und sie mit leisem, befriedigtem Lachen hinter
-ihm drein. Sie hatte seinen Mut und seine Entschlossenheit in Frage
-gezogen, und er war unbesonnen genug, sich das nicht zweimal sagen zu
-lassen. Wie ein großer, bravoursüchtiger Junge kletterte er hoch und
-höher. Wo die Sprossen fehlten, streckte er ihr ohne ein Wort befehlend
-Hand und Arm zu, um ihr zu helfen, und sie zog sich geschickt an ihm
-empor.
-
-Es war eine waghalsige Torheit, wie er richtig vorhergesagt hatte.
-
-Über der Leiter waren eiserne Krampen ins Fachwerk geschlagen, die zur
-Not als Stufen dienen konnten.
-
-Er hatte es aufgegeben, noch einmal gegen Alices Wagemut vorstellig
-zu werden. Er wußte, daß er sie damit nur um so trotziger machen
-würde. Ganz nur mit dem gefährlichen Aufstieg beschäftigt, vergaß er
-jede Bedenklichkeit: er schlug seinen Arm hinter ihren Rücken; halb
-zog, halb hob er sie weiter, und ihr geschmeidiger, leichter Körper
-schmiegte sich ohne Scheu an den seinen.
-
-Dort, wo der Turm, ein richtiger Dachreiter, sich gegen das Dach
-absetzte, war eine schmale Galerie, in der sie, gegen die Wand gelehnt,
-einen Augenblick Seite an Seite veratmen konnten. Wenn er sich auf die
-Fußspitzen erhob, streifte er mit den Händen an das Glockengerüst.
-Er suchte es auf seine Festigkeit zu prüfen. Es war stark genug, um
-zwei Menschen zu tragen, und saß fest im Gemäuer. Die Balken, einer
-etwas höher als der andere, aber in gleicher Richtung, bildeten eine
-notdürftige Bank.
-
-Perthes schwang sich hinauf. Mit dem einen Arm hielt er sich, mit dem
-anderen half er Alice und setzte sie mit einer letzten, ruckhaften
-Anstrengung neben sich -- fast leidenschaftlich-heftig, wie ein
-unartiges Kind, das in Teufels Namen seinen Willen haben muß.
-
-„Wenn Sie nicht so grob zufaßten, würden Sie einen ganz guten
-Bergführer abgeben!” stieß sie aufatmend hervor.
-
-„Chirurgen haben bekanntlich immer harte Hände,” spottete er ingrimmig.
-„Fassen Sie die Planke da gefälligst fester,” kommandierte er, „sonst
-segeln wir in die Tiefe.”
-
-„Sie sind ja ein netter Tyrann!” Alice sah ihn mit einer Mischung
-von Schelmerei und fast zärtlicher Bewunderung an. Sie saßen eng
-aneinandergedrängt; die Arme hatten sie sich wechselseitig hinter den
-Rücken legen müssen, um sicher zu sitzen. Ihre in der Anstrengung des
-Aufstiegs erglühten Gesichter berührten sich beinahe. Er spürte die
-losen Strähnen ihres zerzausten Haares auf seiner Wange.
-
-„Wollen Sie nicht lieber, statt mich zu schelten, sich die Aussicht
-ansehen?” meinte er erregt.
-
-Es war in der Tat schön da oben.
-
-Durch die spinnwebverzierten Gucklöcher des Turmes übersah man
-flußaufwärts das Tal. Die Wolken hingen schwer und schwarz über
-den Tannenkuppen. Blitz auf Blitz zuckte daraus hervor und riß die
-verdunkelte Landschaft in grelles, phantastisches Licht. Der Donner
-rollte ferner. Aber der Wind wühlte noch immer in den Baumwipfeln, auf
-die man heruntersah, und der Regen fuhr in langen, glitzrigen Strichen
-nieder.
-
-Das tosende Bild des Unwetters war nicht dazu angetan, Perthes ruhiger
-zu machen. Während er mit vom Staube brennenden Augen hinausstarrte,
-fühlte er, wie die warme Nähe von Alices biegsamem Körper seine
-Sinne gefangennahm und seine Widerstandskraft lähmte. Er vermied es
-krampfhaft, sie anzublicken. Sein herrisches, scharfes Wesen war die
-letzte Schanze, die er zwischen sich und ihr aufwarf und verteidigte.
-
-„War das etwa nicht der Mühe wert, hier heraufzuklettern?” fragte
-sie nach einer Weile vorwurfsvoll. „Tun Sie nicht Abbitte, Doktor
-Perthes?” Sie beugte ihren Kopf vor, um ihm in das beharrlich geradeaus
-gerichtete, finstere Antlitz zu schauen. Die rotblonden Haare
-schienen wie kleine, zackige Blitze ihr Gesicht zu umzucken, und die
-flackernden, boshaften Augen suchten die seinen.
-
-„Sie werden fallen! Halten Sie sich ruhig!” knirschte er. Mit der
-äußersten Anspannung seines Willens wich er ihrem Blick aus. Er
-wußte, daß er sie an sich reißen und küssen mußte, wenn sich seine
-Augen mit den ihrigen trafen -- küssen wie ein Rasender. Ob sie dabei
-beide in Gefahr kamen, in die Tiefe zu stürzen, war ja dann vollends
-gleichgültig ...
-
-„Ah -- ich glaube, Sie fixieren da drüben die Sägemühle!” Ärgerlich
-glaubte Alice das Ziel seines starren Blicks entdeckt zu haben.
-
-Perthes hatte bisher das rote Ziegeldach an der Krümmung des Flusses,
-zwischen windgepeitschten Baumkronen, noch gar nicht beachtet. Jetzt
-erkannte er es. Der Bann war gebrochen.
-
-Der Gedanke an Marga stürmte schmerzlich, anklagend, bitter auf ihn ein
-und kühlte sein Blut ab.
-
-„Steigen wir ab, gnädiges Fräulein. Es wird lange genug dauern. Halten
-Sie sich eine Sekunde fest. Mit beiden Händen. Hier und hier.” Er
-bedeutete ihr die beiden Stellen am höheren Glockenbalken. Dann ließ er
-sich am anderen auf die Galerie nieder und half ihr folgen.
-
-Er hatte seine nüchterne Überlegung wieder.
-
-Wo der Dachreiter auf dem Dache der Kapelle aufsaß, war eine gähnende
-Luke. Sie konnte auf den Dachboden führen. Vielleicht bot sich dort
-ein minder halsbrecherischer Weg. Ohne auf Alices Einwände zu hören,
-leitete er sie von der Galerie bis an die Luke. Dort kletterte er
-voraus und inspizierte das Terrain. Nach wenigen Augenblicken kam er
-zurück und hob sie zu sich auf den Boden. Sie tappten Hand in Hand,
-vorsichtig und stumm durch den dunklen Raum, wo sie eine Fledermaus
-aufscheuchten und Spinngewebe zerrissen. Eine im Vergleich mit der
-Leiter, an der sie hochgeklommen, bequeme Holztreppe führte vollends
-in die Tiefe. Der Abstieg war ein Kinderspiel gegenüber dem unsinnigen
-Aufstieg. In einer engen, völlig kahlen Kammer, die wohl als Sakristei
-zwischen Apsis und Schiff der Kapelle eingeklemmt war, gelangten sie
-auf ebener Erde an. Durch eine offene Tür kam man von dort hinter den
-Hochaltar und zurück in die Kapelle.
-
-„Der Weg wäre einfacher gewesen!” bemerkte Perthes, nicht ohne Vorwurf.
-
-„Ich wußte nicht, daß man vom Boden in den Turm steigen kann,” gab
-Alice frostig und einsilbig zurück.
-
-Als sie unter das Tor der Kapelle traten, sah er auf die Uhr. Es
-war spät geworden. Beinahe sieben. „Höchste Zeit, daß ich mich
-verabschiede!” murmelte er heftig.
-
-Sie schritten wortlos durch den Garten nach dem Haus. Der Regen hatte
-aufgehört. Es tropfte nur noch schwer und laut von den glänzenden
-Zweigen.
-
-Im Flur klingelte Alice nach dem Diener. „Vielleicht wünschen Sie sich
-etwas ausbürsten zu lassen, Herr Doktor!” Sie musterte sein verstaubtes
-Äußere vom Fuß zum Kopf mit einem halben Lächeln, das er mit einem
-Blick auf ihr ziemlich mitgenommenes blaues Foulardkleid erwiderte.
-Dann ließ sie ihn stehen und ging die Treppe hinauf.
-
-„Bitte, sagen Sie mir noch, gnädiges Fräulein, wo ich mich von Ihren
-Eltern verabschieden kann,” rief ihr Perthes nach.
-
-„Seine Exzellenz, der Herr Geheime Rat, wurden in die Stadt gerufen.
-Ihre Exzellenz, die gnädige Frau, sind zu Bett gegangen,” meldete der
-hinzukommende Diener.
-
-Alice war auf dem Treppenabsatz stehen geblieben. „Na, denn adieu!” Sie
-nickte ihm zu und streckte die Hand lässig über das Geländer.
-
-Perthes berührte sie leise und verbeugte sich. „Sie haben wohl die
-Güte, mich den Herrschaften dankend zu empfehlen. Auch Ihrem Herrn
-Bruder und Ihrer Fräulein Cousine.”
-
-Fräulein Exzellenz war schon verschwunden ...
-
-Perthes ließ sich von dem Diener, so gut es ging, den Anzug reinigen.
-
-Zwei Minuten später trat er aus dem Haus. Er atmete auf und ging mit
-schnellen Schritten durch den Garten dem Tor zu. Als es zufiel und
-Stift Nieburg hinter ihm lag, war es ihm, als wäre eine Ewigkeit
-vergangen, seit er dort eingetreten war. Und doch waren nur wenige
-Stunden vergangen, seit er an derselben Stelle aus der Droschke
-gestiegen. Wie um einen gefährlichen Spuk, der kein Anrecht auf
-Wirklichkeit hatte, schleunig loszuwerden, lief er zur Landstraße
-hinunter. Flußaufwärts über den Bergen verzog sich das Gewitter mit
-aschgrauen und nachtschwarzen Wolken. Flußabwärts, der Ebene zu, blaute
-der Himmel wieder, und die Sonne zerriß das dünne, schleierhafte
-Gewölk. Ihre Strahlen drangen mutig vor und erreichten die Straße.
-Bis hinauf zur Mühle wagten sie sich, bewarfen das Ziegeldach und
-blitzten auf den nassen Blättern des Wirtsgartens. Die Rinnsale in den
-Wagenfurchen auf dem Fahrdamm, noch eben trostlos braun und schmutzig,
-sprühten blendend auf und wetteiferten mit dem goldgekräuselten Schein
-der Wellen im Fluß. Ein breiter Regenbogen spannte sich vom jenseitigen
-Ufer über das Tal und berührte mit seinem Scheitel diesseits den
-Bergwald.
-
-Wo der Stiftsweg die Chaussee erreichte, hatte Perthes haltgemacht. Er
-sah nicht zurück; aber er sah auch nichts von dem milden Zauber des
-aufgeklärten Sommerabends vor sich. Ursprünglich hatte er geradeswegs
-nach der Sägemühle gewollt. Marga erwartete ihn dort -- das wußte er.
-Nach dem widerwärtigen Besuch auf Nieburg wollte er -- so hatte er
-versprochen -- sich und sie entschädigen und wieder einmal über das
-Abendbrot bleiben, was er in letzter Zeit selten genug hatte tun können.
-
-Nun schien es ihm plötzlich schwer, ja unmöglich, Wort zu halten.
-
-Vor ein paar Stunden wollte er an ein und derselben Wegscheide den
-Wagen lieber zur Mühle als zum Stift fahren heißen. Jetzt schrak er vor
-dem Gang, die Landstraße abwärts, zurück, als läge ein unüberwindliches
-Hindernis zwischen ihm und dem roten Ziegeldach, dem vertrauten Garten.
-Er hatte den Hut vom Kopf gerissen und preßte die Hand gegen die Stirn.
-Was war eigentlich geschehen, das ihn so mutlos machte? Er hatte sich
-nichts vorzuwerfen, nicht das geringste. Keine Handlung und kein Wort,
-noch so leis und flüchtig, konnte ihn anklagen. Und doch lag es wie ein
-dunkles, erstickendes Gefühl von Unrecht, ja von Schuld auf ihm.
-
-Drunten, zwischen den Bäumen des Mühlengartens, schimmerten zwei helle,
-sommerliche Kleider. Arm in Arm traten zwei Mädchengestalten auf die
-Landstraße. Er hätte Marga und Elli erkannt, auch wenn die sinkende
-Sonne sie weniger scharf beleuchtet hätte. Elli hielt die Hand vor die
-Augen und spähte die Straße entlang.
-
-Unwillkürlich trat Perthes einen Schritt zurück, um hinter einer
-Schlehenhecke am Wegrand verdeckt zu sein. Im nächsten Augenblick, als
-er sich dieser Bewegung bewußt wurde, mit der er sich verleugnete,
-wurde ihm auch seine Gemütsverfassung erschreckend klar.
-
-Was da oben auf Stift Nieburg in ihm wach geworden, war das andere!
-War das, was er für Marga nicht empfand und nie empfinden würde! Die
-Leidenschaft, die zu den Sinnen sprach; die das Blut aufreizte und die
-Vernunft auslöschte. Wenn er es auch vermied, sich umzublicken, zurück
-nach Nieburg und hinauf nach dem Kapellenturm -- Alices spitzbübisches
-Gesicht mit der kecken Stupsnase, den graugrünen, boshaft flackernden
-Augen, dem lüsternen Mund, mit dem weißen Teint und der Wolke von
-rötlichem, blitzwirrem Haar blickte ihm über die Schulter; ihre
-biegsamen Glieder drängten sich an die seinen und hielten ihn fest.
-Und er begehrte sie. Seine Arme verlangten, sie an sich zu raffen.
-Sein Mund suchte den ihrigen. Er hatte geglaubt, er brauche die
-Leidenschaft nicht! Er hatte sich überredet, daß sie zu seinem Glück
-nicht passe. Ausgestrichen hatte er sie, niedergehalten -- war über
-sie weggesprungen. Wenn sie sich rächen wollte!? Und sie rächte sich
-ja schon! Sie wollte nicht übersprungen sein. Gewiß -- seine Ansicht
-hatte dem Willen diesen Sprung aufgezwungen. Aber der Feind, den
-er unterschätzte, erhob sich in seinem Rücken. Das Gewaltsame des
-Entschlusses, mit dem er sich Marga zu eigen gegeben, war ihm mit einem
-Mal deutlich. Wie ein Schwimmer hatte er sich mit einem heftigen,
-entscheidenden Stoß ans feste Land geworfen -- und nun kam die Woge,
-die er überwältigt meinte, mit erneuter Kraft und wollte ihn wegspülen.
-Er sollte nicht ans Land. Er gehörte nicht der großen Stille, sondern
-dem Sturm --
-
-Ohne sich über die Richtung Rechenschaft zu geben, hatte Perthes mit
-aufgeregten Schritten den Weg nach der Stadt und nicht nach der Mühle
-eingeschlagen.
-
-Aber das durfte er ja nicht. Er wurde erwartet! Ließ er sich schon
-fortspülen?
-
-Ein paar Schritte von der Chaussee stand eine Aussichtsbank in der
-Uferböschung. Linkshin sah man nach dem Tal, rechtshin nach der im
-Dunst verschwimmenden Stadt, die mit ihren Häusern und Kirchtürmen
-unmittelbar aus dem Fluß aufzusteigen schien.
-
-Dort setzte er sich.
-
-Der Kettendampfer mit einer endlosen Reihe von bewimpelten,
-schwerbefrachteten Lastkähnen schnaubte und rasselte den Fluß herunter,
-an ihm vorbei. Hinter ihm auf der Landstraße zogen grölende Arbeiter
-vorüber; ein Automobil fauchte und tutete -- dann klirrte ein Fahrrad
--- er sah und hörte nichts. Er brauchte seine ganze Besinnung und
-seine volle Stärke, um sich festzustemmen und der Woge zu wehren,
-die ihn vom Land reißen wollte. Sie trug menschliche Züge. Darum war
-es so schwer, sie wegzuschieben, sie fortzustoßen, ihren gelenkigen,
-verführerischen Widerstand zu brechen. Wie schwer, das Land im Auge zu
-behalten, Marga zu sehen, die blinde, anspruchslose, in der Dämmerung
-verblassende Marga! Ein wildes, unstetes Ringen war es, und als er sich
-durchgekämpft zu haben glaubte, lohnte kein freies, heiteres Gefühl.
-Ein bitteres „Muß” stand mit krausen, harten Falten auf seiner Stirn,
-lag drückend auf seinem Rücken und schien ihm die Glieder zerbrochen zu
-haben.
-
-Langsam und mechanisch schritt er den Weg zurück, den er gekommen war.
-Flußaufwärts nach der Sägemühle. Er wiederholte sich standhaft ein und
-denselben Schluß und klammerte sich an ihm fest. Wenn die Liebe nicht
-stark genug war, mußte die Pflicht das ihre dazutun ...
-
- * * * * *
-
-Es dunkelte schon, als Perthes nach der Mühle kam.
-
-Marga und Elli hatten es aufgegeben, ihn zu erwarten. Sie saßen in
-der Halle bei einer Lampe. Elli erzählte aus der Stadt, von wo sie um
-sechs Uhr zurückgekommen war: sie hatte einige Besorgungen gemacht und
-nach dem Haus am Wenzelsberg gesehen. In wenigen Tagen sollten die
-Sommerferien für sie zu Ende sein, sollte nach der Stadt zurückgekehrt
-werden.
-
-Ein froher Ausruf Ellis, mit dem sie sich unterbrach, verkündete doch
-noch die Ankunft von Perthes.
-
-Überrascht und beglückt leuchtete es in Margas Augen. Sie stand auf,
-um ihm entgegenzugehen. „Wußt' ich's doch, daß du Wort halten würdest,
-wenn's irgend ginge!” rief sie heiter.
-
-„Wort halten? Warum soll ich nicht Wort halten?” erwiderte Perthes mit
-der Reizbarkeit eines schlechten Gewissens. Er schob Margas Arme, die
-sich mit zärtlicher Vertrautheit um seinen Nacken schlingen wollten,
-beiseite.
-
-Erschrocken weiteten sich ihre blicklosen, von Liebe strahlenden Augen.
-„Verzeih!” stammelte sie verwirrt und ließ die Arme sinken. „Bist du
-verstimmt von deinem Besuch?”
-
-„War es denn so schlimm? Erzählen Sie mal ordentlich! Wir sind
-schrecklich neugierig,” bat Elli, unbekümmert um seine zweifelhafte
-Laune. „Der Grandseigneur, wie ihn Papa immer nennt, soll ja sehr
-exzellent sein. Er sieht auch so aus. Und Alice Hupfeld --”
-
-„Ob ich noch etwas zu essen bekomme?” Perthes ließ sich auf einen Stuhl
-fallen. „Verstimmt oder nicht, ich bin hungrig!” Er wunderte sich
-selbst über seinen rauhen, unfreundlichen Ton, unter dem sich seine
-innere Unfreiheit verbarg. „Bitte, Fräulein Elli, sorgen Sie mal für
-mich!” setzte er artiger hinzu.
-
-„Das lassen Sie sich gut sein, daß Sie schön darum bitten!” Elli stand
-auf. Sie drohte mit dem Finger. „Sonst hätten Sie lange warten können.
-Sie scheinen ja hübsch geladen zu sein!” Bereitwillig ging sie in die
-Wirtsstube.
-
-Marga hatte sich verschüchtert neben Perthes gesetzt. Es bedurfte
-nicht viel, um sie scheu und ängstlich zu machen. Sie nahm ihm seine
-Barschheit nicht übel. Aber mit der feinen Witterung, mit der die Natur
-sie für ihre Blindheit entschädigt hatte, erriet sie ein Fremdes, Neues
-hinter seinem Wesen. Um nicht empfindlich zu scheinen, suchte sie noch
-einmal seine Hand zu erreichen.
-
-„Komm, sprich dich aus! Erzähl' mir!” drängte sie sanft. „War's denn
-gar nicht ein bißchen nett auf dem Stift?”
-
-„Es ging so. Ich mußte noch einmal in die Stadt, ehe ich herkam. Darum
-wurde es so spät.” Er hatte ihr seine Hand einen Moment überlassen. Sie
-streichelte sie begütigend. Gleich darauf zog er sie wieder zurück. Es
-sträubte sich etwas in ihm, ihre Liebkosung anzunehmen. Er ärgerte
-sich auch, daß er log. Warum das? Das war abscheulich! Sie hatte ihn
-gar nicht aufgefordert, sein Spätkommen zu entschuldigen. Er sprach
-nur, um zu sprechen.
-
-Marga schob schweigend ihre Finger ineinander, wie um sie von jeder
-neuen Vertraulichkeit abzuhalten. Sie schlüpfte gleichsam in sich
-hinein und grübelte beklommen.
-
-Elli kam zurück. Sie hatte bestellt, was noch zu bekommen war. Eine
-Studentengesellschaft, die gegen Abend eingefallen war, hatte unter den
-Vorräten tüchtig aufgeräumt. Die Wirtsfrau erschien bald und brachte,
-was sie hatte.
-
-Perthes aß ein paar Bissen. Aber sein Hunger war nur Täuschung gewesen.
-
-Marga und Elli saßen einsilbig dabei. Seine Mißlaune wollte keine
-Unterhaltung aufkommen lassen. Das Schweigen, an dem er selber schuld
-war, nahm ihm vollends die Lust am Essen. Nach einigen Minuten schob er
-den Teller beiseite.
-
-Elli drückte sich. Sie wickelte sich in ihren Schal und lief trällernd
-in den Garten.
-
-Darauf schien Perthes nur gewartet zu haben. „Ich möchte was Wichtiges
-mit dir bereden, Marga. Hör' mich mal geduldig an!”
-
-Sie horchte auf. Warum sie geduldig sein sollte, erriet sie nicht, denn
-sie war sich keiner Ungeduld bewußt. Aber schon daß Perthes wieder
-sprach, und zwar ruhiger, freundlicher als zuvor, tat ihr wohl.
-
-Langsam, umständlicher und ungeschickter, als es sonst seine Art war,
-entwickelte er seinen Plan. Dies halbe Verhältnis zwischen ihm und ihr
-schien ihm auf die Dauer unhaltbar. Um ihret- und um seinetwillen.
-Es legte ihrem Verkehr eine Heimlichkeit auf, die schon hier, auf der
-Mühle, oft peinlich gewesen war. In der Stadt mußte das noch viel
-unbequemer werden. Und erst wenn Vater Richthoff zurückkäme! Wie sollte
-sich da das Versteckspiel weiterführen lassen? Es kam ihm unerträglich
-für sie beide vor. Unerträglich und unwürdig. Darum war es das beste,
-sie faßten sich ein Herz und veröffentlichten ihre Verlobung. Das hob
-alle Zweideutigkeit auf. Das war auch jetzt, wo er eine aussichtsreiche
-Stellung innehatte, nur natürlich. In einigen Jahren, wenn dies und
-jenes, auf das er hoffen, ja sogar bestimmt rechnen konnte, sich
-erfüllte, war er gewiß so weit, daß sie heiraten konnten.
-
-Ohne ihn zu unterbrechen, hörte Marga zu. Was er sagte, kam ihr
-überraschend. Daß die Geheimhaltung ihrer Liebe sich mehr und mehr
-erschweren würde, darüber hatte sie bei sich auch schon nachgedacht. An
-die Lösung freilich, die er heute vorschlug, hatte sie sich so schnell
-nicht getraut. Und doch -- es war nicht der unerwartete Vorschlag, der
-sie beirrte. Auf was sie mehr horchte als auf seine Gründe, war die
-Art, in der er sein Anliegen vorbrachte. Der Ton, der unter den Worten
-mitschwang. Sie hätte nicht auf den Begriff bringen können, was sie
-befremdete. Sie fühlte nur eine Veränderung, die vorgegangen war --
-deutlicher und tiefer, als das verstimmte Gebaren bei seiner Ankunft
-ihr davon eine Ahnung gegeben. Er schien gar nicht mit ihr zu reden,
-sondern mit sich: mit den Mitteln kühler Überlegtheit verteidigte er
-sich gegen einen Gegner, den er sich offenbar voll Leidenschaft und
-Unbesonnenheit vorstellte. Nur durch eine Täuschung übertrug er diese
-Gegnerschaft auf sie und gab sich die Rolle des Vernünftigeren.
-
-Als er geendet hatte, spielte er nervös mit den Fingern auf dem Tisch,
-als könnte er Margas Antwort nicht abwarten. Sie hatte noch nicht Zeit
-gehabt, sich zu sammeln, als er beinahe ungehalten aufsprang.
-
-„Wie denkst du darüber? Sprich! Hab' ich nicht recht? Oder bist du
-anderer Ansicht?”
-
-Marga schüttelte leise den Kopf. „Es kommt mir nur unerwartet. Ich muß
-mich erst in das Neue hineindenken.”
-
-„Ich meine, du müßtest dich freuen, daß ich dieser Heimlichtuerei und
-Halbheit ein Ende machen will!” Er ging mit lauten Schritten in der
-Halle auf und ab. Sie konnte nicht sehen, wie unmutig sein Gesicht war.
-Er biß sich auf die Unterlippe und fuhr sich einmal ums andere über
-die krausgezogene Stirn in sein buschiges, schwarzes Haar. Sie hörte,
-was sie nicht sah, aus dem Klang seiner Stimme, aus der fahrigen Härte
-seiner Tritte.
-
-„Ich will mich gewiß freuen, Max. Laß mir nur ein bißchen Zeit. Wir
-können uns doch alles in Ruhe zurechtlegen.”
-
-„Das klingt aber gar nicht nach Freude. Eher nach dem Gegenteil!” stieß
-er vorwurfsvoll hervor.
-
-Margas Augen erweiterten sich wieder ängstlich. Sie suchten nach ihm,
-bittend, besänftigend. „So was darfst du nicht sagen, du! Das hört sich
-ja an, als hätte ich dich nicht lieb genug. Wenn es aber auf meine
-Liebe ankäme -- das weißt du -- dann --”
-
-„Auf was soll es denn ankommen? Zweifelst du etwa daran, daß ich in
-zwei, drei Jahren mich so weit bringe, daß wir unser Heim gründen
-können? Sehr großartig wird's freilich fürs erste nicht sein. Eine
-erste Assistentenstelle an einer kleineren, auswärtigen Klinik
-vielleicht. Später eine außerordentliche Professur und so weiter. Das
-trau' ich mir zu. Oder ist es dir zu lang, einige Jahre öffentlich
-verlobt zu sein? Es ist doch besser, denk' ich, als heimlich so lange
-herumzulavieren. Auch angenehmer für dich. Oder meinst du, daß dein
-Vater --” Er sah zu Marga hinüber und hielt inne.
-
-Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Dieses herrische, gereizte
-Drängen, dieser Stolz, der nur von sich sprach, seine fast feindselige
-Heftigkeit verletzten sie. Sie mußte unwillkürlich seiner ersten
-Werbung gedenken, die so anders geklungen, so voll Zartheit und
-Achtung. Das brachte sie, gegen ihren Willen, aus der Fassung.
-
-Perthes sah seinen Fehler ein. Er näherte sich ihr und legte die Hand
-auf ihre Schulter. „Lieber Gott, Kind, ich will dich ja zu nichts
-zwingen! Vielleicht bin ich auch heute nicht in der besten Stimmung, um
-die Worte recht zu wählen. Aber du sollst auch nicht zu schwerfällig
-sein! Nicht zu weich, Marga! Nicht so überernst! Es sind nun einmal
-Realitäten, die da zu besprechen sind, und die wollen real angefaßt
-sein! Das ist alles!”
-
-Perthes wußte nicht, wie schlecht sein Trost war. Auch jetzt noch, wo
-er ein Unrecht wieder gutmachen wollte, sagte er Dinge, die Marga in
-die empfindliche und zarte Seele schneiden mußten. Zu schwerfällig,
-zu ernst, zu weich -- vielleicht war sie das, aber er hatte noch nie
-solche Ausstellungen an ihr gemacht. Sie mußte all ihre Tapferkeit
-aufbieten, um ihre Tränen zurückzudrängen. Wenn er sie jetzt an sich
-gezogen, sie in seine Arme genommen hätte! Gewiß hätte sie das rechte
-Wort gefunden! Aber er war schon wieder beiseite getreten. Ihre Lippen
-waren ihr wie versiegelt. Ganz in sich hineingescheucht war sie jetzt,
-wie in ihren einsamsten, unverstandensten Mädchentagen.
-
-Seine reizbare Laune war nur zu willig, ihr Schweigen als Trotz oder
-wenigstens als Eigensinn zu nehmen. „Ich bin müde. Und wir kommen heute
-doch nicht zueinander!” Er nahm seinen Hut. „Überleg' dir, was ich
-sagte, bis zum nächstenmal!”
-
-„Du willst doch nicht schon gehen?” rang es sich von ihren Lippen.
-
-„Doch. Ich habe morgen einen schweren Tag auf der Klinik und muß
-ausschlafen. Grüße Elli von mir. Adieu, Marga!” Er drückte ihr die
-Hand. „Wann fahrt ihr denn nach der Stadt?”
-
-„Übermorgen, denk' ich,” gab sie tonlos zur Antwort.
-
-Marga hörte, wie seine Schritte sich hastig nach der Wirtsstube
-entfernten. Er wechselte mit der Wirtin beim Bezahlen seiner Zeche ein
-paar Worte. Dann knarrte die Tür, die von dort in den Garten führte.
-
-Warum sprang sie nicht auf? Warum rief sie ihn nicht? Warum lief sie
-nicht hinter ihm drein?
-
-Sie saß wie gebannt.
-
-Nicht einmal geküßt hatte er sie zum Abschied. Heute zum erstenmal
-nicht. Heute, wo sie davon gesprochen hatten, ihre Verlobung zu
-veröffentlichen; wo zum erstenmal von Hochzeit und Ehe nah und greifbar
-die Rede gewesen war!
-
-Marga nahm den Kopf zwischen ihre beiden Hände.
-
-Am Nachmittag war ihr so froh und leicht zu Mut gewesen. Sie hatte
-sich in ihrer Einsamkeit -- während Elli in der Stadt, er auf dem
-Stift war -- so glücklich gefühlt, so bräutlich stolz. Als dann Elli
-zurückgekehrt war, wollte sie nur von ihm mit ihr sprechen. Immer nur
-von ihm. Sie erwartete, sie ersehnte ihn mit klopfendem Herzen. Als
-er nicht kam und nicht kam, meinte sie vergehen zu müssen vor seliger
-Ungeduld. Wie niedergeschlagen war sie, als er ausblieb! Wie jubelte es
-in ihr, als er doch, doch noch kam!
-
-Und jetzt?
-
-Er hatte vom Schönsten und Höchsten gesprochen; von dem, was bisher
-nur wie ein ferner Traum, ein leuchtendes, kaum faßbares Bild im
-Schimmer der Zukunft gelegen! Wo blieb ihre Freude? Sie wollte sich
-freuen! Gewiß -- sie hatte ihn gekränkt. Sie tat ihm unrecht. Sie war
-schlecht und kleinlich gewesen. Warum kam ihre Freude nicht jetzt?
-Woher die Bangigkeit, die drückende, quälende Angst, die sie statt
-ihrer empfand? Sie fühlte die weite Halle wie eine schmerzhafte Leere
-um sich, und aus der Leere kroch ihr ein Schrecknis entgegen. Ungestalt
-und unbegreiflich. Und doch war es da und stellte sich zwischen ihn und
-sie. Es war der Zweifel, den sie verabscheute; für den sie sich schalt;
-den sie nicht verscheuchen konnte. Konnte die Liebe so sprechen, wie
-er es getan? Wenn seine Liebe nicht war, für was sie und er sie hielt?
-Wenn es Mitleid war und wenn -- doch das war ja nicht auszudenken,
-das war ja frevelhaft von ihr! -- und wenn er auf ein öffentliches
-Verlöbnis nur drang, um -- ja, um jede Brücke zur Umkehr hinter sich
-abzubrechen?!
-
-Marga schauerte zusammen. Sie tastete nach ihrem Schal und fand ihn
-nicht.
-
-Woher kamen ihr so grausame Gedanken? Woher nahm sie das Recht zu
-diesem häßlichen Verdacht? Es half nichts, daß sie so fragte. Angst
-und Zweifel ließen sie darum nicht los. Sie hatte ja nichts mehr als
-diese Liebe! Schranke um Schranke, die die Vorsicht zum Selbstschutz
-errichtet, war in diesen Sommerwochen mit all ihrem unverhofften Glück,
-ihrem reichen Erleben geschwunden und gefallen. Sie war wehrlos, wenn
-das Entsetzliche sich erfüllte, daß -- daß ...
-
-Elli kam zurück. Sie hatte Perthes noch gesprochen. Auf der Landstraße,
-auf der sie ein Stück stadtwärts gewandert war. Einen Gruß hatte er ihr
-noch für Marga aufgetragen. Und einen Kuß.
-
-Sie warf sich fröhlich an Margas Hals und bestellte ihn zehnfach.
-
-Marga weinte und lachte zugleich. Die Angst, die zehrende Herzensangst
-schwand vor neuer Hoffnung. Sie erzählte Elli von Perthes' Plänen. Sie
-schöpfte Mut aus der jubelnden Zustimmung der Schwester. Selber schalt
-sie sich schwerfällig, weich, überernst. Elli belegte sie noch mit viel
-schlimmeren Schimpfnamen.
-
-Und sie stellten sich Käthes maßloses Erstaunen vor, malten sich Vater
-Richthoffs Meinung in hundert Vermutungen aus, plauderten und bauten
-Luftschlösser, bis das Öl in der Hängelampe zu Häupten ihres Tisches
-zur Neige ging, die Flamme bläulich zuckte und die Halle dunkel und
-dunkler wurde.
-
-Dann führte Elli die „erklärte” Braut mit feierlichem Übermut nach oben.
-
-
-
-
-10
-
-
-Ehe der alte Herr und Käthe von der Sommerreise heimkehrten, mußte im
-Haus am Wenzelsberg das große Herbstreinmachen erledigt sein.
-
-Kaum waren Elli und Marga von der Sägemühle, war Therese aus ihrem
-Heimatdorf zurückgekommen, so wurde mit Hilfe der Scheuerfrau das
-Unterste zu oberst gekehrt. Das Gröbste taten natürlich die dienstbaren
-Geister. Aber daneben gab es noch genug zu tun, woran die beiden
-Schwestern ihre erholten Kräfte üben konnten. Elli zumal warf sich
-ungestüm wie ein junges Füllen ins Joch. Sie wollte überall dabei sein.
-Marga hatte ihre liebe Not, sie vom Teppichklopfen und Treppenscheuern
-abzuhalten. Wenn sie sie dann zu einer angemesseneren Hantierung
-zurückholte, zur Ordnung in Schränken und Kommoden und im Silberkasten,
-schmollte Elli über ihre gezügelte Tatkraft, ja, sie schimpfte wie ein
-Rohrspatz.
-
-„Du hast's wahrhaftig nötig, Margakind, mir gute Lehren zu geben!
-Lernen solltest du von mir, statt mich von aller tüchtigen Arbeit
-fernzuhalten! Du wirst 'ne nette Hausfrau abgeben! Die nur so wie
-der Geist Gottes über den Wassern schwebt, statt selber was Rechtes
-anzufassen! Perthes kann einem leid tun!”
-
-Ihr höchstes Vergnügen war, wenn Marga auf solche Vorhaltungen
-„einschnappte”, wenn sie sich ernsthaft verteidigte und erklärte, es
-genüge gewiß, die Aufsicht zu führen. Da legte Elli verdoppelt los:
-sie würde sich nicht wundern, wenn es bei Marga mal drunter und drüber
-ginge. Sie dächte wohl, Perthes werde ihr so fünf bis sechs Dienstboten
-halten! Und sie, Marga, könne dann dasitzen, auf einem goldenen
-Thrönchen, die Hände im Schoß und ihre hohen Befehle lispeln! Elli
-ruhte nicht und entwarf die grimmigsten Zerrbilder von dieser künftigen
-Tatarenwirtschaft im Haus Perthes. Sie trieb es so lang und so toll,
-bis Marga wirklich ganz kleinlaut wurde.
-
-„Du kannst ja schon recht haben,” erklärte sie schließlich traurig und
-verlegen. „Was andere können, kann ich natürlich nicht. Das hab' ich
-ihm auch schon oft genug gesagt.”
-
-„Ja, ja,” stimmte Elli tiefsinnig zu, während sie sich vor Vergnügen
-auf die Lippen biß.
-
-„Er kann und will sich nicht denken, wie schwer es mit mir sein wird.
-Und großartig werden wir's wahrhaftig nicht haben. Im Anfang mal sicher
-nicht. Wenn es schon im Haus nicht so wird, wie er's erwartet -- unter
-den Menschen, in der Geselligkeit, bin ich erst recht zu nichts nütze.”
-Marga legte tatsächlich die Hände in den Schoß, aber nicht, um „hohe
-Befehle” zu erteilen, sondern um verzagt vor sich hinzugrübeln.
-
-Jetzt schlug Elli um wie das Wetter im April. Sie lachte sie aus, daß
-beinahe die Leute auf der Straße zusammenliefen.
-
-Wie konnte Marga so närrisch sein, das dumme Geschwätz für bare Münze
-zu nehmen! Im Handumdrehen machte sie aus dem Haus Perthes eine
-Musterwirtschaft. Großartig würde das werden! Keine so herkömmliche,
-peinliche Spießerei, sondern frei und schön, wie es sein sollte! Marga
-mit ihren geschickten Händen, ihrem guten Geschmack, ihrem klaren Kopf
-würde eine bessere Hausfrau werden als zehn andere mit zwanzig und mehr
-Augen! Und dann wäre auch sie noch da -- die Schwägerin Elli! Ihr würde
-man doch wohl nicht das Haus verbieten. Sie wollte die Geschichte schon
-im Schwung halten, wenn Marga mit den zwölf Kindern nicht immer aus und
-ein wüßte. Eine Tante würde sie abgeben wie --
-
-Marga verbot ihr zürnend den Mund. Aber sie mußte doch lachen. Und
-während sie ihre Arbeit des Silberputzens wieder aufnahm, ließ sie sich
-gern überzeugen, daß es famos gehen würde! Trotz ihrer Prüderie und
-Schwarzseherei! Das war ja ihres eigenen Herzens sehnsüchtiger Wunsch
-und Wille ...
-
-Perthes hatte den Schwestern zur Rückkehr in die Stadt Blumen
-geschickt. Für Marga hatte ein kurzer Brief beigelegen, in dem er
-sie für seine schlechte Stimmung am letzten Abend auf der Mühle um
-Verzeihung bat. Die Frage, wie sie sich zur Bekanntgabe der Verlobung
-stellte, erneuerte er nicht. Sie war ihm dankbar, daß er nicht in sie
-drang. Dafür kam sie selber beim ersten Besuch, den er am Wenzelsberg
-machte, darauf zurück. Als hätte sie sich durch die unheimlichen
-Gedanken, die sie an jenem Abend peinigten, an ihrer Liebe versündigt
-und müßte ihren Wankelmut durch doppeltes Vertrauen wieder gutmachen,
-stimmte sie freudig zu und legte alles in seine Hände. Sein Vorwurf
-der Schwerfälligkeit hatte lang und nachhaltig in ihr gearbeitet. Sie
-drängte ihre Einwände und Bedenken energisch zurück und kämpfte jeden
-Schatten eines Zweifels, jede Regung mißtrauischer Sorge um ihr Glück
-tapfer nieder.
-
-Und er? In einem Übermaß von Arbeit auf der Klinik enthielt er sich
-kritischer Überlegungen. In Erinnerung an den Gewitternachmittag auf
-Nieburg vermied er jedes Zusammentreffen mit Alice, ja, er schob auch
-alles beiseite, was ihn nur in Gedanken zu ihr führen konnte. Er hatte
-sich vorgenommen, nicht rechts noch links zu sehen: für ihn galt nur
-Marga; das Wort, das er ihr gegeben; der Entschluß, den er für sie
-beide gefaßt. Über eins war er sich klar geworden: er erfüllte damit
-nicht nur eine Pflicht gegen sie; was er tat oder ließ, entschied
-über ihn, seinen Wert und seine Persönlichkeit. Bei Marga war die
-Reife und Vollendung, nach der er innerlich strebte. Eine Vollendung
-mit Schmerzen, wie alle Vollendung im Leben. Wenn er aber zu ihr
-nicht hinaufreichte, in Marga die große Stille nicht begreifen und
-sich zu eigen machen konnte, gab es für ihn überhaupt kein Aufwärts,
-sondern nur ein Abwärts, in die Mittelmäßigkeit und Halbheit, ins
-Gelebtwerden statt ins Leben aus eigenem Willen. Darum biß er die Zähne
-aufeinander. Darum ging er geradeaus und vorwärts mit der Ehrlichkeit
-der Verzweiflung: er stritt um sich selber, indem er um Marga stritt ...
-
-Es wurde Mitte September.
-
-Das Richthoffsche Haus war längst so blitzblank und einladend, als es
-nur sein konnte. Auch das schwerste Stück Arbeit, Vater Richthoffs
-Studierzimmer instand zu setzen, ohne daß ein Buch von der Stelle
-gerückt, eine aufgeschlagene Zeitschrift umgeblättert, ein Zettel
-verschoben wurde, war mit strenger Gewissenhaftigkeit bewältigt. Man
-erwartete nun mit Spannung von Tag zu Tag die Nachricht aus Bayern, die
-die Ankunft meldete.
-
-Käthes letzter Brief war aus Tegernsee gekommen. „In wenigen Tagen sind
-wir bei euch!” hatte es verheißungsvoll geklungen. „Papa depeschiert
-Tag und Stunde.”
-
-Aber statt der Depesche kam eine Karte: man hatte sich
-unerwarteterweise mit Hofrat Geismar getroffen, der in Kreuth seine
-Ferien zubrachte. Der hatte es verstanden, den alten Herrn noch für
-eine Woche zu sich zu locken.
-
-Marga, die der Heimkehr der Reisenden im Hinblick auf die schwierigen
-Eröffnungen, die sie zu machen hatte, und auf Perthes' Werbebesuch mit
-ebensoviel Bangen wie Freude entgegensah, gab sich geduldig in die
-Zögerung. Elli grollte ganze zwei Stunden lang. Nachher traf sie sich,
-zufällig natürlich, mit Wilkens in der Stadt und fand das Leben so
-rosig und „wonnig” -- das war ihre Lieblingsbezeichnung -- wie je.
-
-Und die acht Tage vergingen auch.
-
-Ehe sie zur Bahn zogen, umarmten sich Elli und Marga noch einmal: sie
-schworen sich treue Waffenbrüderschaft für ihre Liebesgeheimnisse. Sie
-kamen gerade recht zum Zug.
-
-Käthe ließ grüßend das Taschentuch flattern. Kurz darauf war sie auch
-schon auf dem Perron, blühend, gebräunt, ordentlich rundlich in dem
-funkelnagelneuen, hellgrauen Kostüm, das Papa unterwegs spendiert
-hatte. Küsse und Umarmungen folgten in stürmischer Abwechslung.
-
-Der alte Herr brauchte geraume Zeit, ehe er sich zeigte. Er war nämlich
-gerührt. Und das paßte ihm nicht. Deshalb wirtschaftete er eine
-beträchtliche Weile im Abteil mit dem Handgepäck und dem Dienstmann,
-der es herausbeförderte. Dann erst kam er zum Vorschein, mit einer
-Miene, die sehr würdig und zurückschreckend aussehen sollte, --
-den neuen Strohhut mit grünem Band verwegen wie Garibaldi über dem
-weißbärtigen Gesicht. Die Mädels waren trotzdem so respektlos, ihn „auf
-offener Straße”, wie er abwehrend schalt, zu umhalsen und zu küssen.
-„Ruhig im Glied!” befahl er mit sehr rauher Stimme. „Seid wohl, hoff'
-ich? Und habt euch reputierlich geführt? Werden ja sehen!”
-
-Im Wagen -- „um sich das Schlaraffenleben abzugewöhnen” -- ging es
-lachend und plaudernd an den Wenzelsberg.
-
-Der alte Herr war die Milde und Gemütlichkeit selbst -- auch nur „zum
-Abgewöhnen” natürlich. Und auch die drei Schwestern waren voneinander
-hoch befriedigt. --
-
-Zwei, drei Tage nachher hatte das Leben am Wenzelsberg sein gewohntes
-Aussehen.
-
-Der Geheimrat hatte sein Heimweh nach den römischen Kaisern trotz
-Kissingen und den bayrischen Bergen mächtig in sich wachsen gefühlt.
-Eine so lange, faule Ausspannung war unerhört. Sein Gewissen fand nur
-darin Beruhigung, daß die Post jetzt einen Stoß von Korrekturen für die
-erste Abteilung des ersten Bandes der „Kaisergeschichte” brachte. Da
-gab es doch gleich alle Hände voll zu tun.
-
-Das Arbeitszimmer im ersten Stock füllte sich mit dem alten, mächtigen
-Qualm.
-
-Ein Schmerz war nur, daß er sich von Geismar zu „Nikotinlosen” hatte
-beschwatzen lassen. Das ausgemachte Stroh war das! Aber die römischen
-Gewaltherren zeigten sich wenigstens nicht weiter beleidigt von
-dem schlechten Zigarrenrauch. Sie standen aus Winkeln und Ecken,
-aus Zetteln und Zettelchen gehorsam auf, mit scharfen Profilen und
-tatenfrohen, hoheitsvollen Gebärden. Und sie sollten die paar Wochen
-vor Semesteranfang bei Gott nicht rasten dürfen, sondern tüchtig Modell
-stehen. Dafür wollte der alte Herr sorgen!
-
-Er ahnte nicht, daß ihm eine überraschende Störung sehr nahe bevorstand.
-
-An einem der ersten Vormittage nach ihrer Ankunft hatte Käthe ihre
-Freundin Lizzie in der Uferstraße besucht. Lizzie besaß neben ihrer
-verzehrenden Leidenschaft für Musik, die sich kein Konzert und keine
-Opernaufführung entgehen ließ, nur noch einen einzigen hervorstechenden
-Wesenszug: die fast ebenso ungemessene Vorliebe für Klatschereien jeder
-Art. So ließ sie es denn auch bei Käthes Besuch an Andeutungen über
-Herrenbesuche auf der Sägemühle und daran sich knüpfenden verfänglichen
-Redereien nicht fehlen. Käthe war empört. Papa Richthoff die Freude an
-der ganzen Reise nachträglich zu verderben, lag ihr natürlich fern.
-Er sollte im Gegenteil von diesen Dummheiten der Mädels so wenig wie
-möglich erfahren. Um so gewisser war es, daß Marga und Elli etwas zu
-hören bekommen sollten!
-
-Nach Käthes Erfahrungen war es leichter, Elli den Kopf zurechtzusetzen.
-Deshalb sollte sie zuerst dran glauben, und zwar noch am selben Tag.
-
-Aber die Sache fiel merkwürdig fruchtlos aus. Elli war einfach nicht
-kleinzukriegen. Alle Vorhaltungen der älteren Schwester beantwortete
-sie mit einem fröhlichen, höchst despektierlichen Lachen.
-
-„Laß nur gut sein, Gouvernantchen!” erklärte Elli fidel. „Wir, Marga
-und ich, haben uns inzwischen unbedingt mündig gemacht. Bei mir hast
-du gar keine Aussicht auf Reue und Besserung. Mich haben die Wochen
-auf der Sägemühle einfach in Grund und Boden verdorben. Versuch's mal
-mit Marga! Uff! Da könntest du dich aber bös blamieren! Ich weiß, was
-ich weiß, und ich warne dich! Heißa juchhei!” Elli schlug klatschend
-die Hände über dem Kopf zusammen und vollführte einen in Käthes Augen
-außerordentlich unangebrachten Tanz. Das ganze sah aus, als hätte sie
-und nicht die Schwester in den bayrischen Alpen schuhplatteln sehen.
-
-Käthe entzog sich einstweilen weiteren Auseinandersetzungen durch
-eine stolze Flucht. Am Abend schrieb sie in ihr Tagebuch: „Ernst
-sein können ist alles. Wie sind Menschen zu bedauern, die von diesem
-großen Geheimnis, das allein das Leben lebenswert macht, keine Ahnung
-haben oder doch nichts wissen wollen! Es ist seltsam, daß in einer
-und derselben Familie, unter Geschwistern die Anlagen zu Ernst und
-Leichtsinn so ungleich verteilt sein können!”
-
-Damit war aber die von Käthe für nötig gehaltene Aussprache nur
-vertagt, nicht aufgehoben. Das durften sich „die Kleinen” nicht
-einbilden, daß sie ihnen ihr ärgerniserregendes Benehmen so hingehen
-ließ!
-
-Sie bildeten sich's auch nicht ein, die Kleinen! Elli verständigte
-vielmehr Marga von dem, was drohte. Und Marga, die nicht so kampflustig
-wie Elli war, sah ein, daß es nun das beste wäre, nicht länger zu
-zaudern, sondern Vater Richthoff ein offenes, ehrliches Geständnis
-abzulegen, ehe ihm, von welcher Seite immer, mißverständliche Dinge
-zugetragen wurden.
-
-Von Perthes hatte sie in den letzten Tagen nichts gesehen und nichts
-gehört. Es galt, zuerst seine Meinung noch einmal einzuholen. Elli
-beförderte ihre Zeilen, die ja die letzten heimlichen sein sollten. Sie
-fing auch die Antwort ab. Marga fand sie recht knapp und flüchtig. Aber
-sie sagte sich, daß sie bei seiner angespannten Tätigkeit nicht mehr
-von ihm erwarten durfte. Hupfeld war verreist, und es ruhte auf den
-Assistenten die doppelte Arbeitslast, zumal Kronheim noch immer krank
-war. Die Hauptsache blieb. Perthes war einverstanden; sie sollte ihren
-Vater auf seinen Besuch vorbereiten, für den Tag und Stunde unter ihnen
-festgesetzt war.
-
-Es war Nachmittag. Der alte Herr hatte wie gewöhnlich seinen Gang auf
-den Weinberg gemacht, auf Schnecken gefahndet, die drei Trauben, die
-es gab, kolossal gefunden, sich über die zeitige, hohe Röte des wilden
-Reblaubes am Philosophenweg gewundert und war dann, seines Kaffees
-gewärtig, nach oben ins Arbeitszimmer und an seinen Schreibtisch
-gegangen.
-
-Da trat Marga mit klopfendem Herzen bei ihm ein.
-
-Er warf schon Notizen mit seiner kritzeligen Handschrift auf die
-flatternden Zettel. Erst als Tasse und Löffel auf dem in seine Nähe
-geschobenen Tablett lauter als sonst klirrten, sah er auf. Er wußte,
-daß in dieser Woche die Reihe an Elli war, ihm den Nachmittagskaffee
-zu bringen. Er war aber nicht weiter erstaunt, als er sie durch Marga
-vertreten fand, sondern kam ihr zu Hilfe und setzte selber die Tasse
-dorthin, wo sie seine Ordnung am wenigsten beeinträchtigen konnte.
-
-„Wo steckt denn das Kleinchen?” fragte er ganz nebenbei, sich wieder
-ans Schreiben machend.
-
-„Ich bat sie, ihr heute den Gang zu dir abnehmen zu dürfen,”
-erwiderte Marga mit einer gewissen Förmlichkeit, in der ihre Erregung
-durchzitterte.
-
-„So --” sagte der alte Herr zerstreut. Er hatte nur halb hingehört.
-Schon besaßen ihn wieder die Zettel und ihre Geister.
-
-„Dürft' ich einen Augenblick mit dir reden, Papa?” ließ sich Marga nach
-einer Weile schüchtern von neuem vernehmen.
-
-„Ach so -- du bist noch hier?” Er rückte ganz erstaunt an seiner
-Brille. „Mit mir reden? Aber doch jetzt nicht! Ich hab' unbändig zu
-tun, Mädel!”
-
-„Ich weiß nicht, wann ich es sonst tun könnte. Ich möchte allein mit
-dir sein, und es ist etwas Wichtiges,” fuhr sie fester und lauter fort.
-
-Der Geheimrat blickte sie ungläubig und ziemlich ungnädig an. „Na denn!
-Aber kurz!”
-
-„So kurz ich kann!”
-
-Dem alten Herrn fiel jetzt die Aufregung auf, die sie in ihren Zügen
-und Gebärden vergeblich zu bemeistern suchte. „Setz' dich mal!
-Hierher!” Er schob ihr den Stuhl neben seinem Schreibtisch zu. „Und nun
-vorwärts -- wenn's so wichtig ist!”
-
-Marga tastete sich am Stuhl hin und setzte sich, wie geheißen. Mit
-schlichten Worten, wie ihr sie das Gefühl eingab, erzählte sie, was
-zwischen ihr und Perthes vorgegangen war. Die Liebe gab ihr den Mut,
-herzlicher und vertraulicher zu werden, als sie es sonst ihrem Vater
-gegenüber wagte.
-
-Der alte Herr hörte zuerst nur sehr im allgemeinen zu. Er spielte mit
-seinem Gänsekiel und sah ab und zu in seine Blättchen. Allmählich
-änderte sich das. Seine Augen vergrößerten sich hinter den
-Brillengläsern. Er schob sein Käppchen von der einen Schläfe nach der
-anderen, warf den Gänsekiel beiseite und strich sich mit einer barschen
-Regelmäßigkeit seinen weißen, kräftigen Bart.
-
-Er traute seinen Ohren nicht. Da saß eins seiner Mädels am hellichten
-Nachmittag neben ihm und gab, mitten hinein in seine römische
-Kaisergeschichte, eine handgreifliche Liebesaffäre zum besten. Wäre es
-Elli gewesen, auch Käthe -- er hätte sie einfach hinausgeworfen. Aber
-Marga! Marga, bei der er an so etwas nie gedacht hatte! Die ihm viel
-zu besonnen und abgeschlossen geschienen, als daß sie sich bei ihrem
-Leiden auf solche Dinge einlassen sollte!
-
-Den alten Herrn überlief es bald heiß, bald kalt. Einmal war er nahe
-daran, zornig aufzubrausen: Also zu derlei kapitalem Unfug habt ihr
-eure Sommerferien benutzt! Dann war er drauf und dran, ihr zuzurufen:
-Das sind ja Märchen, Kind! Du träumst! Oder du hast dich täuschen
-lassen! Aber er tat nichts dergleichen. Der Ernst, mit dem Marga sich
-ihm mitteilte, das tiefe Glücksgefühl, das hinter ihren Worten warm
-und stolz aufleuchtete, entwaffnete ihn, so oft er im Begriff war, sie
-stürmisch zu unterbrechen. Er, der sich wahrhaftig besser auf geistige
-als auf sinnenfällige Beobachtungen verstand, sogar er bemerkte jetzt,
-wie ihre äußere Erscheinung, die ihm bisher nur als „wohl” aufgefallen
-war, in diesen Sommerwochen an Haltung und Ausdruck gewonnen hatte; wie
-die blicklosen Augen über den frischeren, farbenvolleren Wangen die
-Sonne von innen nach außen trugen. Sein Zorn und sein Unglaube gingen
-in fassungslose Bestürzung über. Hier handelte es sich also nicht um
-eine backfischhafte Kinderei; nicht um eine von den nebensächlichen
-Kleinigkeiten, mit denen die „Bande” immer zur Unzeit daherkam. Da war
-vielmehr eine schlimme Sorge und Verantwortung, die nicht den grimmigen
-Pascha, sondern den Vater in seiner ganzen Verantwortlichkeit aufrief
-und verlangte. Er hatte da drüben in Bayern gemurrt, weil der Arzt ihm
-die Berge zu besteigen verboten. Nun hatte er seinen Berg vor sich, zu
-Hause! Den höchsten, den er seit dem Tod seiner jungen Frau sich hatte
-auftürmen sehen. Den hätte er sich gern verbieten lassen; aber der,
-gerade der mußte erstiegen sein!
-
-Marga hatte ihr Bekenntnis beendigt. In tapferem Schweigen, die Hände
-im Schoß verschränkt und die Augen erwartungsvoll gesenkt, harrte
-sie auf Antwort. Es war so still in dem verqualmten, bücherumhegten
-Zimmer -- man konnte den Holzwurm hören, der in den goldbraunen,
-altfränkischen Möbeln aus Vater Richthoffs Junggesellenzeit bohrte und
-tickte.
-
-„Das -- das ist also -- so gewissermaßen -- mein Reisepräsent!”
-stöhnte der alte Herr nach geraumer Weile, viel eher schmerzlich als
-vorwurfsvoll. „Was soll denn da geschehen? Was soll denn ich nun dazu
-tun?” Ratlos und hilflos richtete er die Frage mehr an sich als an
-Marga und stöberte dabei, was seit Menschengedenken unerhört war,
-selber seine Zettel und Manuskriptblätter durcheinander.
-
-„Du sollst uns nur die Erlaubnis geben, glücklich zu werden,” meinte
-sie leise und überzeugt.
-
-„Erlaubnis? Glücklich werden! Als ob das mit zwei Worten abzumachen
-wäre! Ich -- ich, der ich diesen jungen Menschen da, diesen, diesen --
-deinen Max oder wie du ihn immer nennst, so gut wie gar nicht kenne!
-Der ich -- bei dir -- mit solchen, solchen Alfanzereien gar nicht
-gerechnet habe! Meiner Lebtage nicht! Du, die du doch --” Er stand
-vor ihr und fuchtelte mit den Händen. Er hatte sagen wollen: Die du
-blind bist! Die du nicht heiraten sollst und kannst! Aber der traurige
-Schatten, der über Margas zuversichtliche, klare Stirn flog, ließ
-ihn abbrechen. Alle seine gebieterische Würde, seine pflichtmäßige
-Entrüstung vergessend, nahm er ihren Kopf zwischen seine Hände: „Kind!
-Kind! Was habt ihr denn da angerichtet! Mußte das denn sein? Sag doch
-selber, daß es ungereimtes Zeug ist! Und daß --”
-
-„Gewiß ist es nicht ungereimt, Papa. Nicht so ungereimt, wie es dir
-jetzt vorkommen will! Und er -- Doktor Perthes -- möchte mit dir reden,
-um dir's noch besser zu sagen, als ich's kann!”
-
-Der alte Herr ließ die Hände sinken. „Mit mir reden!” wiederholte er
-verzweifelt. Also so weit war die Geschichte schon. Die Präliminarien
-waren alle schon überwunden. Womöglich mit einem richtigen, auswendig
-gelernten, feierlichen Heiratsantrag wollte der junge Mann ihm das Haus
-stürmen.
-
-„Wenn dir's recht ist, so kommt er morgen nachmittag,” ergänzte sich
-Marga bittend.
-
-„Morgen nachmittag!? Mir recht!? Aber das ist ja das reinste Komplott!
-Das verbitt' ich mir! Das --” Der Geheimrat suchte vergeblich seinen
-handfesten Grimm wiederzufinden, der ihm sonst noch in allen Lagen
-wider die Angriffe seiner Bande geholfen hatte. „Überlegen werd' ich
-mir doch die Sache noch dürfen!” stieß er mit klagender Rauheit hervor.
-
-„Ich bitte dich drum,” gab Marga herzlich und mit Vertrauen zurück.
-„Sicherlich wirst du --”
-
-„Nein! Nein!” wehrte sich der alte Herr. „Nichts werd' ich sicherlich!
-Gar nichts: sicherlich!” Er suchte sich eine gebieterische Haltung zu
-geben. „Laß mich jetzt zufrieden! Ich muß arbeiten! Allein sein!”
-
-Marga stand auf. Sie wollte nichts mehr sagen. Aber ihre Arme, ihre
-Hände suchten nach ihm. Durch eine Liebkosung wollte sie ihn um
-Vergebung, um Hoffnung bitten.
-
-Vater Richthoff war heute nicht widerstandsfähig genug, um einer
-„Gruppenbildung”, wie er das sonst so verabscheuend nannte,
-auszuweichen. Er strich ihr ein-, zweimal über die fahlblonden, weichen
-Scheitelhaare, ungeschickt wie ein verschämter Liebhaber. Reden wollte
-er um keinen Preis. Sich zu nichts, zu gar nichts verpflichten.
-
-Und für Marga war schon seine flüchtige Zärtlichkeit trostreich und
-hoffnungsvoll. Wenn sie erst gesehen hätte, daß seine Brillengläser
-sich sehr verdächtig beschlugen! Er schob sie von sich, ehe sie seine
-Hand erhaschen und küssen konnte.
-
-Gehorsam ging sie nach der Tür und aus dem Zimmer.
-
-Wenn der alte Herr geglaubt hatte, er werde bei der Arbeit sein
-Gleichgewicht wiederfinden und die Entscheidung, die ihm da plötzlich
-aufgebürdet wurde, irgendwie vertagen können -- etwa wie eine
-inopportune Quellenfrage zweiten Ranges --, hatte er sich über seine
-eigentliche Gemütsverfassung getäuscht. Nach einem vergeblichen
-Anlauf, den er nahm, um in die ersten Regierungsjahre des Trajan
-zurückzukehren, sprang er gleich wieder auf. Es begann ein rastloses
-Auf- und Niederschreiten, das von leisen und lauten, schmerzlichen und
-zornigen Erwägungen begleitet war.
-
-Daß die Mädels einmal würden heiraten wollen -- „Männer daherschleppen
-könnten”, hieß er es bei sich --, hatte er mitunter im Bereich der
-Möglichkeit gesehen. Aber fern, so fern, daß es beinahe wieder ins
-Reich der Unmöglichkeit gehörte. Bei Marga war es für ihn immer eine
-stillschweigende Gewißheit gewesen, an die er nicht rührte: Sie wird
-nicht heiraten. Sie ist auch selber zu besonnen, um daran zu denken.
-Mitunter, wenn sie ihm träumerisch und gefühlsweich zu werden schien,
-hatte er sie etwas derb angefaßt: nicht aus weitblickender Überlegung,
-sondern aus einer mehr instinktiven Gedankenregung. So wie es einmal
-mit ihr hatte kommen müssen, sollte sie dem Leben lieber zu hart als
-zu weich gegenüberstehen. Ein Erziehungssystem hatte er nie besessen.
-Für keins seiner Mädels. Dafür hatte er weder Talent noch Zeit. Und sie
-waren ja auch so ganz leidlich geworden. Wenigstens hatte es ihm bisher
-so geschienen.
-
-Nun brachten ihn die jähen Enthüllungen des heutigen Nachmittags
-aus dem Konzept. Wie wenn ihm einer nach einem fertigen Kapitel der
-Kaisergeschichte eine neue Schrift vorgelegt hätte, die er nicht
-kannte und die seine ganze Auffassung über den Haufen warf. Er wurde
-irre an sich. Er hatte doch wohl nicht genug getan? Die Tanten und
-Tunten hatten am Ende recht, die vor Jahren gemeint, er könne mit den
-drei Mädels so allein nicht zuwege kommen. Die bloße Paschastrenge
-tat es nicht. Er hätte sich mehr mit ihnen abgeben müssen. Mit jeder
-von ihnen. Aber wie denn? Er konnte nicht bei ihnen sitzen, mit ihnen
-ausgehen, ihr Tun und Lassen überwachen, die Kindsmagd spielen --
-das lag ja so weit, so himmelweit ab von seinem Beruf, der geistigen
-Lebensaufgabe, die das erste hatte sein müssen! Es half ja auch gar
-nichts, wenn er sich jetzt vordeklamierte, wie er alles hätte anders,
-hätte besser machen können. Damit konnte er die Tatsache nicht
-wegbuchstabieren, daß Marga, seine Marga, sein Sorgenkind sich von
-einem wildfremden Menschen liebhaben ließ.
-
-Er durfte nur ja oder nein sagen.
-
-Nein sagen mußte er natürlich.
-
-So weltfremd er im Grunde war: seine Vernunft sträubte sich dagegen, in
-eine solche Ehe zu willigen. Marga war blind. Sie konnte niemals einem
-Mann, und wenn er ein Held an Selbstüberwindung war, das sein, was er
-von einer Lebensgefährtin fordern mußte. Eine solche Liebe, sie mochte
-noch so groß und überschwenglich sein, mußte sich wund und mürb reiben
-an den Forderungen der Wirklichkeit. Das konnten zwei törichte junge
-Leute bestreiten, aber es blieb darum nicht minder wahr und mußte jedes
-Glück zerstören. Also mußte er nein sagen.
-
-Kaum aber stand dieses harte Nein da, vor ihm, so lehnte sich auch
-schon sein Herz mit voller Macht gegen das grausame Verdikt auf.
-
-Seine Erinnerung kehrte zu den schweren Tagen zurück, in denen Marga,
-ein Kind, an den Folgen einer Netzhautablösung das helle, frohe
-Licht ihrer klaren Augen verlor. Es war etwa ein Jahr nach dem Tod
-seiner Frau. Und dieser zweite Schlag traf ihn nicht leichter als der
-erste. Das Hoffen und Bangen schwankender Wochen, das Verzweifeln
-und Aufbäumen gegen das Unabänderliche, alles, was er mit dem Kind
-blutenden Herzens durchlitt und durchkämpfte, bis es in frühzeitiger,
-innerer Reife über sein Los emporwuchs, erwachte vor ihm. War es nicht
-genug, daß das Schicksal sie von tausend Freuden des Tages ausschloß
-und in immerwährende Nacht bannte? Blind sein -- hieß es für sie nicht,
-mit einem Teil ihres Wesens schon gestorben sein, ehe sie gelebt hatte?
-Wo stand geschrieben, daß Marga mit der Kraft, zu sehen, auch das Recht
-und die Kraft, zu lieben, verwirkt hatte? Woher nahm er die Macht, zu
-entscheiden: Das ist dein Glück, und das ist dein Unglück? Die Liebe
--- konnte sie sie nicht entschädigen wollen für das, was ihr an Licht
-und Lust genommen war? Und er hatte den Mut, es grausamer mit ihr zu
-meinen, als ihr Schicksal? Der Idealist in ihm bekämpfte die nüchterne
-Besonnenheit, die er seinem guten Herzen aufzwingen wollte. Er kannte
-den Mann nicht -- kaum von Angesicht -- der ihr die Hand bieten wollte.
-War es ausgemacht, daß er nicht wußte, was er wollte und tat? War es
-wirklich so über allen Verstand, daß ein Mann diese ruhige, offene,
-klare Marga liebte, so liebte, daß er ihre Blindheit über ihrem inneren
-Wert vergaß? Der Stolz des Vaters setzte die Gesundheit und Fülle ihrer
-Seele gegen das Gebrechen ihres Körpers. Fast war es, als hielten unter
-solchem Gewicht das Für und Wider sich die Wage ...
-
-Richthoff achtete nicht darauf, wie unter dem Sinnen und Sorgen die
-Stunden vergingen.
-
-Es wurde Abend.
-
-Die Septembersonne mit ihrem vollen, ruhigen Schein huschte zwischen
-den Zweigen im Vorgarten hindurch auf seinen Schreibtisch: sie fand ihn
-nicht wie sonst auf seinem Platz, den weißbärtigen Kopf über Bücher
-und Manuskriptblätter gebeugt. Verwundert glitt sie allmählich aus der
-Stube und ließ der Dämmerung das Feld.
-
-Vater Richthoff stand vor einer rundbauchigen, altmodischen Kommode,
-deren goldbraunes Holz metallene Ranken verzierten. Auf der Kommode
-stand eine Photographie, in die er sich vertieft hatte. Es war das
-Bild seiner verstorbenen Frau, bei dem er Rat suchte; als könnte ihr
-jugendlich-zartes, lebensfrohes Gesicht aus der Ferne vieler Jahre
-Trost und Klärung in seine Wirrnis bringen.
-
-Als es an die Tür klopfte, fuhr er erschreckt zusammen.
-
-Mit einem gepreßten „Ich komme ja schon!” winkte er Käthe, die fragend
-hereinschaute, aus der Tür.
-
-Es dauerte noch eine gute Weile, ehe er kam. Und dann saß er zerstreut
-und wortlos beim Essen. Kaum daß er die Speisen berührte. Nach einer
-Viertelstunde verschwand er wieder.
-
-Käthe, die nicht wußte, was vorgefallen war, erging sich in besorgten
-Mutmaßungen über seine Gesundheit. Sie ließ durchblicken, daß Hofrat
-Geismar ihr in Kreuth einige gar nicht unbedenkliche Andeutungen
-gemacht habe, wie wichtig es sei, daß sich Papa schone. Sie fand nur
-wenig Gehör bei den Schwestern und verstummte wie sie.
-
-Elli drückte Marga heimlich ermunternd die Hand. Sie hatte sich alle
-Mühe gegeben, in Vater Richthoffs Mienen Gutes zu lesen. Doch als Marga
-sie später im Garten befragte, wie er ausgesehen, vermochte sogar ihr
-Optimismus das Barometer höchstens auf „Veränderlich” zu deuten.
-
-Eine beklemmende, schwüle Nacht senkte sich auf das Haus am Wenzelsberg.
-
-Die Lampe im Studierzimmer des Geheimrats überdauerte mit ihrem Schein
-die spätesten Wanderer. Als der alte Herr sie endlich löschte, hatten
-die Geister der römischen Cäsaren Gelegenheit, sich über wunderliche
-Dinge, die sie gehört und gesehen, die erlauchten Köpfe zu zerbrechen.
-
-Am nächsten Vormittag hatte er eine lange Unterredung mit Marga.
-
-Noch nie hatten sie sich so verstanden, waren die Herzen von Vater
-und Tochter sich so nahe gekommen wie in dieser Stunde. Der Geheimrat
-sprach weder das Ja noch das Nein, das zu erwirken seine Vernunft und
-sein Herz sich so heiß befehdet hatten. Aber er erklärte sich bereit,
-den Doktor, diesen Eindringling und Ruhestörer, zu empfangen. „Um ihm
-den Kopf zu waschen!” wie er meinte. Und er ließ sich zwar nicht von
-Marga küssen, aber er gab ihr selbst eine Art unwirschen Kuß auf die
-Stirn und brummte etwas von „Vertrauen haben” in den Bart. Und Margas
-Augen schimmerten von Dankbarkeit. --
-
-Käthe hatte sich für den Nachmittag mit Lizzie zu einem Besorgungsgang
-in die Stadt verabredet. Bald nach Tisch ging sie aus dem Haus.
-
-„Die wird Augen machen, wenn sie am Abend heimkommt!” frohlockte Elli,
-als sie mit Marga allein zurückblieb.
-
-„Ich hätte ihr gern eine Andeutung gemacht,” meinte Marga nachdenklich.
-„Sie wird es nicht schwesterlich finden, daß ich sie so gar nicht
-vorbereitete.”
-
-„Ach was,” beruhigte Elli, „die Überraschung ist ja gerade das
-Netteste! -- Was machen wir jetzt? Es dauert noch anderthalb Stunden,
-ehe das große Ereignis beginnt. Ich glaube, ich bin aufgeregter als
-du, Margakind! Faß mal an!” Sie legte die Hand der Schwester an ihre
-glühheiße Wange. „Hast du kalte Hände -- puh! Dir scheint's ja auch
-tüchtig schummerig zu sein. Wir müssen was vornehmen! Du hättest mal
-sehen sollen, wie Papa aussah bei Tisch! Richtig feierlich wie ein
-Brautvater. Und manchmal bewegte er die Lippen, wie wenn er eine
-kleine Ansprache hielte -- an den künftigen Schwiegersohn natürlich!”
-Sie kicherte erregt und sah zum Fenster der Eßstube hinaus auf den
-Weinberg. „Wahrhaftig! Papa kommt schon zurück! Keine zehn Minuten
-war er heut' bei seinen Schnecken. Du hast die Hausordnung schön auf
-den Kopf gestellt, Margakind! -- Komm, wir gehen nach oben! In unsere
-Stube. Da wird's noch am ehesten auszuhalten sein.”
-
-Marga ließ sich willenlos von Elli hinaufführen. Nun, da die
-Entscheidung mit jeder Minute näher auf sie zukam, wurde es ihr doch
-schwer und schwerer ums Herz. Um nicht verzagt zu werden, mußte sie
-sich immer bei sich wiederholen: Es ist ja doch das Glück, das vor der
-Tür steht! Papa wird sicher alles gutmachen! Und Max --
-
-Aber Elli ließ sie nicht erst lange grübeln. Sie drückte sie in die
-Sofaecke, setzte sich neben sie, ganz nahe, und schwatzte -- schwatzte
-das Blaue vom Himmel herunter. „Natürlich wird ihn Papa nachher
-dabehalten. Er muß bei uns Abendbrot essen. Denk' dir, als dein
-offizieller Bräutigam! -- Kannst du dir eigentlich Papa vorstellen
--- als Schwiegervater? Wenn er mit deinem Max sich so richtig was
-erzählt? -- Eigentlich ist's doch zu schnurrig, daß du die erste von
-uns dreien bist. Lizzie, Cousine Grasvogel, die Wilmannsmädels -- die
-Gesichter möcht' ich sehen! -- Wer wohl die nächste nach dir ist? Wenn
-doch Wilkens endlich wenigstens seinen Doktor machen wollte! Er hat
-mir geschworen, er werde nach Neujahr ins Examen steigen. Aber seine
-Meineide sind gar nicht mehr zu zählen!” Traurig und seufzend ließ Elli
-die Stimme sinken.
-
-„Diesmal wird er bestimmt Wort halten,” tröstete Marga.
-
-„Meinst du? Vielleicht nimmt er sich ein gutes Beispiel. -- Ach, du,
-Margakind, waren das Tage auf der Sägemühle! So schön wird's im ganzen
-Leben nicht wieder!”
-
-Jetzt war der rechte Gesprächsstoff gefunden.
-
-Sie gingen miteinander den Sommer durch, beinahe Tag um Tag. Wie
-Perthes und Wilkens zum erstenmal miteinander draußen auftauchten.
-So unerwartet und doch erwartet. Wie Marga ihm das Wiederkommen
-verbot. Wie sie und Elli jenen Ausflug über die Berge machten. Erst
-in so niedergeschlagener, trüber Stimmung und dann auf dem Heimweg
-so glücksfroh -- über den endlosen Hang von läutenden Glockenblumen,
-den Marga erträumte. Als sie über den Fluß setzten, stand er drüben
-am Ufer. Ihre Herzen fanden sich. Und dann die lustigen Mahlzeiten
-zu vieren! Der tolle Besuch von Papa Wilmanns, wo Borngräber den
-Sündenbock machen mußte und die „Generalrevision” in Bowle und Tanz
-sich auflöste. Elli jubelte noch in der Erinnerung, und Marga, von
-ihrer Lustigkeit angesteckt, vergaß für Augenblicke, wie ihr Herz
-klopfte.
-
-Die Kuckucksuhr meldete dreiviertel vier. Die Zeit war im Fluge
-vergangen. Sie horchten betroffen auf, als sie schlug, und wurden beide
-still und ernst.
-
-„Ich möchte Max so gern einen Moment sprechen, ehe er zu Papa
-hineingeht,” brach Marga zuerst wieder das Schweigen. „Ihm wenigstens
-die Hand drücken oder doch zuwinken,” meinte sie beklommen.
-
-„Natürlich sollst du das! Ich leg' mich auf die Lauer. Laß mich
-nur machen!” Schon war Elli aufgesprungen. Sie öffnete die Tür und
-schlüpfte nach dem Flur, um die Wache anzutreten, so wie sie und Käthe
-es zu machen pflegten, wenn das Semester anfing und die Hörer von
-Papa sich in der Sprechstunde anmeldeten. „Weißt du noch,” flüsterte
-sie, sich auf der Schwelle nach Marga umdrehend, „wie wir ihn zuerst
-sichteten? Damals -- mit dem Pfeffer-und-Salz-Jackett?”
-
-Ob Marga das noch wußte! Es litt sie nicht länger auf ihrem Platz.
-
-„Bleib doch!” mahnte Elli. „Wenn es klingelt und ich sehe, daß
-er's ist, ruf' ich dich!” Sie beugte sich herunterspähend über das
-Treppengeländer, obwohl noch nichts zu hören und zu sehen war.
-
-Der Kuckuck holte zu seinen vier Rufen aus. Gleichzeitig wurde an der
-Hausklingel geläutet. Lange und schrill tönte es durchs Haus.
-
-Marga ließ es sich nicht nehmen: ehe Elli es verhindern konnte, eilte
-sie die Treppe hinunter.
-
-Sie war noch nicht im Erdgeschoß angelangt, als Therese schon geöffnet
-hatte. Eine fremde Stimme traf ihr Ohr. Enttäuscht blieb sie stehen.
-
-„Da wird ein Brief für Sie abgegeben, Fräulein Marga.” Therese kam ihr
-entgegen und schob ihr ein Kuvert in die Hand.
-
-Marga erschrak unwillkürlich. Was war das? Doch nicht -- Perthes würde
-doch nicht etwa abgehalten sein, zu kommen? Sie fühlte, wie ihr alles
-Blut aus dem Herzen strömte. Zitternd öffnete sie den Umschlag. Die
-Zeilen waren in Punktschrift geschrieben. Sie konnten also nur von ihm
-sein.
-
-Es dauerte eine Ewigkeit, ehe ihre Finger sich zurechtfanden.
-
-„Was ist denn los!” raunte Elli neugierig von oben. So weit sie sich
-vorbeugte, sie konnte nicht sehen, was vorging.
-
-Marga achtete nicht auf ihre Frage. Während ihre Fingerspitzen das
-Papier abtasteten, bewegten ihre Lippen sich lautlos. Sie las:
-
- „Liebe Marga!
-
-Was gäbe ich drum, wenn ich diese Zeilen nicht schreiben müßte! Du
-wirst mich verachten, wenn Du sie liest, wie ich mich verachte. Ich
-kann nicht kommen. Ich kann mein Wort nicht einlösen -- --”
-
-Weiter kam Marga nicht. Ihre Knie zitterten. Sie zerknitterte den
-Briefbogen zwischen ihren Fingern und preßte die Hand gegen ihr Herz.
-Ein gedämpfter, kurzer, klagender Aufschrei, wie der Schrei eines
-Sterbenden, rang sich von ihren Lippen. Instinktiv suchte sie die
-Treppen zu erklimmen. Sie stolperte wie eine Trunkene. Im ersten Stock
-taumelte sie gegen Vater Richthoffs Tür. Das ewige Dunkel um sie her
-schien ihr in eine Wolke roten Bluts verwandelt. Sie konnte nicht
-rufen. Ihre Sinne schwanden, und sie meinte, ihr Leben schwinde mit
-ihnen --: Er kam nicht! Er würde nie kommen! Alles war zu Ende ...
-
-Der alte Herr öffnete seine Tür, erstaunt über das Geräusch, das sie
-erschütterte. Zur rechten Zeit, um Marga in seinen Armen aufzufangen.
-
-
-
-
-11
-
-
-Exzellenz Hupfeld hatte den Rundgang durch die chirurgische Klinik
-beendigt. Der Geheime Rat hatte eine mehrwöchige Nordlandreise hinter
-sich und war heute zum erstenmal wieder in der Klinik erschienen.
-Seine Assistenten in ihren weißen Mänteln begleiteten ihn bis unter das
-Portal, wo der Chauffeur mit dem Automobil wartete. Er pflegte dann bis
-zuletzt Fragen zu beantworten und Weisungen zu erteilen.
-
-Der zweite Assistent, Doktor Brunner, ein sehr gewissenhafter, etwas
-pedantischer und schwerfälliger Mensch, dessen Haltung den ehemaligen
-Militärarzt verriet, folgte mit Perthes, dem im Range dritten, bis
-an den Wagenschlag, während einige jüngere Volontärärzte unter der
-Einfahrt stehen blieben.
-
-Exzellenz gefiel sich in diesem feierlichen, beinahe fürstlichen Bild
-seiner An- und Abfahrten. Das Gefolge seines Stabes, vervollständigt
-durch den in Positur stehenden, die Mütze senkenden Chauffeur und den
-dienstbereiten Oberwärter, stand gut zu seiner überragenden Gestalt
-im hellgrauen Staubmantel mit der eleganten Schirmmütze. Er hatte es
-deshalb nicht sonderlich eilig mit dem Einsteigen. „Sie haben also
-keine guten Nachrichten von Professor Kronheim?” fragte er mit seiner
-lauten, getragenen Stimme den rechts von ihm stehenden Brunner.
-
-„Leider nein, Exzellenz,” lautete die Antwort. „Ich fürchte, Kollege
-Kronheim wird seinen Urlaub noch um weitere vier bis sechs Wochen
-verlängern müssen.”
-
-„Ist denn die Lungenaffektion fortgeschritten?”
-
-„Fortgeschritten nicht gerade,” berichtete Brunner korrekt weiter,
-„aber es fehlen auch die Anzeichen für eine Besserung. Er denkt an
-einen Aufenthalt im Süden.”
-
-„Daran hätte der arme Kerl eher denken sollen. Fatal. Höchst fatal!”
-Hupfeld strich sich gedankenvoll über das runde, volle Kinn. „Sie
-sagen, vier bis sechs Wochen. Ich fürchte -- ich fürchte, die Sache
-wird sich über den ganzen Winter hinziehen. Und wir haben in vierzehn
-Tagen Semesteranfang!” Er hatte den einen Fuß auf den Wagentritt
-gesetzt.
-
-Chauffeur und Wärter beugten sich hilfsbereit vor, um ihn zu
-unterstützen.
-
-Aber Exzellenz beharrte in tiefsinniger Stellung. „So wird die
-Geschichte nicht gehen. Wir müssen auf irgendeinen Ausweg denken,”
-überlegte er. „Ich sage das nicht,” wandte er sich lebhafter an seine
-beiden Assistenten, „um ihnen, meine Herren, den leisesten Vorwurf
-zu machen. Im Gegenteil, Sie tun das Menschenmögliche. Ich bin
-außerordentlich zufrieden.” Ein anerkennender Blick der blaßgrauen
-Augen schweifte von Brunner zu Perthes, auf dem er ruhen blieb. „Sie
-müssen entlastet werden, meine Herren! Sie reiben sich auf. Besonders
-Ihr Aussehen, mein lieber Perthes, gefällt mir ganz und gar nicht. Sie
-überarbeiten sich!”
-
-„Exzellenz sind sehr gütig. Aber ich fühle mich ausgezeichnet!”
-versicherte Perthes. Die gelbliche Farbe seines Gesichts, die tiefen
-Furchen unter den verschleierten Augen schienen ihn freilich Lügen zu
-strafen.
-
-„Nein, nein, mein Lieber,” erwiderte mit einem huldvollen Hochziehen
-der dünnen, falben Augenbrauen der Geheime Rat, „ich kenne das. Sie
-sind ein Gewaltmensch. Sie werden nicht ruhen, bis Sie eines Tags
-zusammenklappen. Daraus wird nichts. Dazu sind Sie zu gut. Ich habe
-andere Pläne mit Ihnen!” Er nickte dem Doktor mit bedeutungsvollem
-Wohlwollen zu und schwang sich in den Kraftwagen, so gewandt und
-sicher, daß der Chauffeur nur den Schlag schließen und der Oberwärter
-nur einen respektvollen Bückling anbringen konnte. „Lassen Sie sich
-bald mal wieder bei uns sehen, Doktor Perthes. Sie, Kollege Brunner,
-lädt man ja doch umsonst ein. Der Herbst ist so schön draußen auf dem
-Stift!” Hupfeld lüftete jetzt höflich die Mütze. „Los!”
-
-Das Automobil fauchte einen Augenblick. Dann fuhr es unter hellem
-Signal leicht und glatt davon.
-
-„Sie werden sehen, er macht diesen Perthes zu seinem ersten
-Assistenten!” tuschelte einer der Volontärärzte den Kollegen zu,
-während sie ins Haus zurücktraten.
-
-Perthes, der ihnen mit Brunner folgte, konnte die halb bewundernde,
-halb neidische Bemerkung hören. Er zog ärgerlich die Stirn in Falten.
-Es war ihm unangenehm, daß womöglich auch Brunner, der der nächste nach
-Kronheim war, solche Mutmaßungen auffangen konnte. Im übrigen waren
-ihm die Gerüchte, die über ihn im Umlauf waren, nicht neu. Er galt für
-den erklärten Günstling von Exzellenz. Ebenso ausgemacht war es unter
-den Kollegen, daß er Hupfelds Schwiegersohn werden würde. Daß ihn der
-Geheime Rat bevorzugte, darüber konnte er sich ebensowenig täuschen wie
-die anderen. Was aber seine vermeintlich bevorstehende Verbindung mit
-Alice Hupfeld anging, so hatte er noch vor acht Tagen, am Vorabend der
-geplanten Verlobung mit Marga, eine dahin zielende Fopperei Markwaldts,
-seines früheren Institutsgenossen, auf dem Klinikerabend mit fast
-beleidigender Schärfe zurückgewiesen. Würde Markwaldt, diese gutmütige
-Klatschbase, die es sich nun einmal zur Aufgabe gemacht hatte, den
-wahren Charakter des mysteriösen Perthes „auszuwickeln”, seine
-Anzapfung heute zu wiederholen gewagt haben -- er hätte bestenfalls ein
-Achselzucken oder ein spöttisches Zucken der Mundwinkel zur Antwort
-bekommen. Die Verachtung würde nicht einmal nur dem Frager gegolten
-haben; der Gefragte hätte sie auch auf sich selbst bezogen.
-
-Ja, Max Perthes hatte begonnen, „umzuschalten” ...
-
-Seine schroffe Abfertigung Markwaldts, so kurz vor dem beabsichtigten
-Besuch bei dem alten Herrn am Wenzelsberg, war ein letztes,
-ohnmächtiges Aufflackern gewesen. Damals war in ihm die Täuschung,
-er könnte wie ein Nachtwandler, nicht rechts, nicht links blickend,
-sich zu dem festen Ziel einer öffentlichen Verlobung mit Marga
-Richthoff durchzwingen, schon geschwunden. Mit jedem Schritt, den
-er der Entscheidung entgegentat, hatte er seine Kraft sich mindern
-gefühlt. Dafür trat ein, woran sein selbstherrlicher Stolz sich immer
-zu glauben geweigert hatte: seine Gedanken waren unermüdlich tätig,
-ihm die Äußerlichkeiten des Lebens herbeizuschleppen und vor ihm
-aufzutürmen, die aus dem Bund mit Marga sich ergeben mußten. Jene
-Kleinlichkeiten und Erbärmlichkeiten des Alltags, vor denen sie selbst
-in ihrem reiferen, weiblichen Feingefühl ihn gewarnt, und die er für
-jetzt und alle Zukunft gering geachtet hatte, gewannen eine unheimliche
-Gewalt über ihn. Was würden die Kollegen zu seiner Verlobung sagen? Was
-würde Alice für ein Gesicht ziehen? Wie mußte Exzellenz Hupfeld sie
-aufnehmen? Die Sticheleien, der Spott und Ärger, die Geringschätzung
-und Zurücksetzung, die kommen würden -- wie winzige bösartige Insekten
-wimmelten sie herbei, quälten seine Einbildung, unterfraßen und
-untergruben seinen ohnehin schon krampfhaften Entschluß. Nichts, gar
-nichts war geschehen, wenn er seine Verlobung mit Marga durchgesetzt
-hatte! Dann begann ja erst der Kampf! Ein Kampf, der seinem Stolz,
-seiner Stellung als Mensch und Gelehrter Wunde um Wunde schlagen, ihn
-vielleicht für immer aus seiner Laufbahn drängen würde!
-
-Und er, der sich der Meinung anderer gegenüber für so gleichgültig
-und unempfindlich hielt, bebte schon vor den Gebilden zurück, mit
-denen seine Phantasie auf ihn eindrang. Vergebens wiederholte er sich
-gegenüber dieser kläglichen Schwachheit, daß bei Marga das Höhere,
-Schönheit und Frieden, die Selbstreife und die Erfüllung seiner inneren
-Sehnsucht sein würde -- ein Königreich gegenüber allem, was er an
-äußerlicher Wirklichkeit drangab. Das Königreich war nicht für ihn.
-Er hatte sich überschätzt. Er reichte da nicht hinauf! Und die Liebe,
-die ihn hätte emporheben müssen -- sie war nur ersprungen, nicht
-erschritten und erlebt.
-
-Der Schiffbruch, dessen Schrecken er am Abend nach dem unseligen
-Diner auf Nieburg geahnt -- jetzt war er da. Die Welle, die ihn vom
-Strand, wo Marga ihn erwartete, zurückgerissen, trieb ihn vollends ab,
-rettungslos, unwiderstehlich, stromab in die Mittelmäßigkeit ...
-
-Perthes litt unsäglich in den Stunden, die dem Absagebrief an Marga
-vorausgingen. Die Verachtung, der Ekel, den er gegen sich selber
-empfand, brachten ihn an den Rand der Verzweiflung. Wenn er es
-doch versuchte? Wenn er es darauf ankommen ließ, ob er, durch ein
-öffentliches Wort gebunden, nicht doch stärker war, als er meinte? Er
-ermaß, wie furchtbar er Marga treffen mußte. Ein Leid bis auf den Tod
-wollte er ihr antun, ihr, deren zartes, hingebendes Gemüt er kannte;
-ihr, die er sich gewissenlos, über ihre ängstlichen Bedenken weg, zu
-eigen gemacht! Aber war es gewissenhafter, sie noch enger an sich zu
-ketten, um sie noch schlimmer zu enttäuschen und zu trügen? Wollte
-er nicht einmal so ehrenhaft sein, sie zu retten, solange noch ein
-Schimmer von Hoffnung war, es zu können?
-
-Und er schrieb den Absagebrief.
-
-Es war die zweite Niederlage, die Perthes innerhalb ein und desselben
-Jahres erlitt. Aber was war seine Kinderkrankheit der Liebe, die er im
-Frühjahr durchgemacht hatte, gegen das, was er jetzt erlebte? Damals
-fiel er bei der jugendlich unerfahrenen Jagd nach einer Sonnenwolke
-eines Tags aus seinen sieben Himmeln auf die nüchterne Erde. Die
-Verzweiflung, die jenem Sturz folgte, war heiß und zornig gewesen,
-eine echte Weltverzweiflung, wie sie mehr oder minder keinem Menschen
-von Temperament erspart bleibt. Die Verzweiflung aber, die jetzt sich
-seiner bemächtigte, diese grausame Selbstverzweiflung war kalt und
-verächtlich. Damals hatte er mit dem Gedanken an einen freiwilligen
-Tod gespielt; jetzt, männlicher geworden, trotz aller Unfertigkeit,
-war er der selbstzerstörenden Tat in Gedanken ferner, in Wirklichkeit
-näher. Doch der Rest von Lebensenergie, der in ihm war, gönnte ihm
-die Flucht aus dem Dasein nicht. Gerade in der Selbstverachtung
-fand er einen Stachel, der die Kraft weckte, weiterzuirren, um sich
-weiterzuentwickeln.
-
-Warum sollte er der berechnende Streber nicht sein, wie ihn die
-Kollegen hinter den Erfolgen argwöhnten, die ihm bisher ohne sein
-Hinzutun in den Schoß gefallen waren? War es ihm versagt, das zu
-werden, was sein höheres Ich gewollt, so schob ihm dafür das Leben
-die Leiter der Karriere, diese goldene Himmelsleiter, so bequem wie
-möglich zurecht. Er brauchte nur seinen Fuß auf die Sprosse zu setzen.
-Die Leiter in der Kapelle auf Nieburg war vielleicht so gewissermaßen
-ihr Symbol gewesen. Und so anstrengend brauchte die Strebeleiter nicht
-zu sein, und war sie auch nicht. Er brauchte nur der Dutzendbruder, zu
-dem Natur und Geschick ihn bestimmten, mit Absicht und gutem Willen zu
-sein, so konnte es ihm nicht fehlen! Es lag ein dämonischer Reiz in der
-Abkehr von der Höhe zum Durchschnitt.
-
-Was Perthes auch in seinem Aussehen so sehr herunterbrachte, waren viel
-mehr seine inneren Kämpfe als -- wie Exzellenz Hupfeld vermutete --
-die klinische Überbürdung. Und er war töricht oder gleichgültig genug,
-die paar Freistunden, die ihm blieben, nicht zur Erholung zu benutzen.
-Spiel und Sport, die er im Sommer vernachlässigt hatte, wollte er
-systematisch forcieren. Er trat in den Ruderklub ein. Er interessierte
-sich mit Hilfe Markwaldts und Professor Hammanns, seines früheren
-Chefs, für Pferderennen und fuhr einen freien Sonntag mit ihnen nach
-Baden-Baden. Er zeigte sich, wann es nur irgend ging, bei Tennis und
-Hockey und erneuerte seinen Ruf als ausgezeichneter Spieler. Dort war
-es auch, wo er, anfänglich langsam und mit Überwindung, dann mit allem
-Nachdruck aus seiner Reserve gegen Alice Hupfeld heraustrat.
-
-Mit Staunen sah Alice, die ihn nach dem Abenteuer im Kapellenturm
-kühl und schnippisch behandelte, wie seine Zurückhaltung in höfliche,
-später in eifrige Dienstbeflissenheit überging. Er konnte also doch
-Feuer fangen, dieser seltsame Mischling von Biedermann und Bandit,
-als den ihre nach pikanten Eroberungen lüsterne Phantasie ihn ansah.
-Sie triumphierte bei sich. Ihr Benehmen wurde in dem Grade spröder
-und süffisanter, als er sich um sie bemühte. Sie gefiel sich in immer
-neuen, launischen Einfällen, die seine Geduld auf die Probe stellen
-sollten. Das Radfahren hatte sie als unzeitgemäß und altmodisch
-endgültig aufgegeben. Seit vierzehn Tagen war sie passionierte
-Reiterin. Geschickt, wie sie in allen leiblichen Übungen war,
-lernte sie schnell und saß bald tadellos im Sattel. Sie arrangierte
-in der Universitätsreitbahn eine Quadrille. Professor Hammann und
-Cousine Hilla, die schon wieder zu Besuch da war, um bei Alice einen
-Bewunderungskursus durchzumachen, Perthes und sie gaben die Paare. Dann
-kamen Ausritte in die Ebene oder talaufwärts und in die Berge, bei
-denen ihre Verwegenheit die Partner zu Tollheiten jeder Art verleitete.
-
-Perthes ließ sich weder durch ihre Launen noch durch ihre Spöttereien
-abschrecken. Mit höhnischer Verachtung unterdrückte er in sich jeden
-Ruf seiner Seele, der sich gegen dies gefährliche Spiel warnend erheben
-wollte. Es fehlte nicht an Anwandlungen von Schwermut. Mitten in der
-Nacht -- er wußte nicht wie und warum -- fand er sich einmal vor dem
-Haus am Wenzelsberg, wo er, des scharfen Oktoberwindes ungeachtet,
-nach einem Lichtschein in der Mansarde starrte. Waren es Marga und
-Elli, die da noch wachten? Wie hatte Marga den schweren Schlag, den
-er ihr versetzt, ertragen? Litt sie um ihn? War sie vielleicht krank?
-Der schneidende Wind beizte ihm die Augen feucht. Oder war es die
-Qual seines Herzens? Ein andermal war er, von einer jähen Regung
-überfallen, auf der Sägemühle abgestiegen und hatte sich in den
-herbstlich-öden Garten gesetzt. Als die Wirtsfrau kam und nach seinen
-Wünschen fragte, murmelte er unverständliche Worte und sprang auf und
-davon. Mit Geißelhieben jagte er sich und seine Sentimentalitäten
-heim. Und er überließ sich nach solchen Entgleisungen mit einer wahren
-Wildheit dem verführerischen Reiz, den Alice auf ihn ausübte. Bei ihr
--- ohne Zweifel bei ihr war das Rätsel, das er suchte, das sich ihm
-jeden Tag von neuem aufgab; das Ewig-Weibliche, wie es zu ihm paßte
--- ein Irrlicht, das aufglomm und erlosch und in der Ferne von neuem
-aufglomm, um ihn durch ein Leben des Erfolgs, der Äußerlichkeit und
-Mittelmäßigkeit hindurchzugaukeln ...
-
-Es war Mitte November geworden.
-
-Das Wintersemester hatte sogar für die medizinische Fakultät wieder
-begonnen, die doch allerorts eine Ehre dareinsetzt, das maliziöse
-Wort, die Vorlesungen seien eine unangenehme Unterbrechung der
-Universitätsferien, nicht Lügen zu strafen.
-
-Exzellenz Hupfeld konnte sich noch nicht entschließen, Stift Nieburg
-mit seiner Stadtwohnung zu vertauschen. Der köstliche Spätherbst des
-Jahres war da draußen ob dem Flußtal, inmitten der laubbraunen und
-tannengrünen Bergzüge, zu schön. Zweimal täglich und öfter mußte das
-Automobil den Weg nach der Chirurgischen Klinik hin und zurück machen.
-
-Professor Kronheim, der erste Assistent der Klinik und vertretende
-Chef, hatte seine Tätigkeit noch immer nicht wieder aufnehmen können.
-Die Nachrichten von der Riviera, wo er Genesung suchte, lauteten wenig
-hoffnungsvoll. Brunner und Perthes mit den Volontärärzten versahen
-nach wie vor die ganze Arbeit. Der Geheime Rat war auf die von ihm
-angedeutete Reorganisation nicht wieder zurückgekommen.
-
-Eines Sonntags, als Perthes, der am Nachmittag freihatte, gegen drei
-Uhr in seine Wohnung hinaufsteigen wollte, trat ihm die an Sonntagen
-meist unsichtbare Hauswirtin, Fräulein Eschborn, mit einer Visitenkarte
-entgegen, die sie mit seltener Feierlichkeit zwischen ihren beiden
-Händen balancierte.
-
-Gleichgültig nahm Perthes die Karte entgegen und ging, ohne einen Blick
-daraufzuwerfen, nach oben. Erst vor seiner Tür las er den Namen. Es
-stand da mit schöngeschnittenen Buchstaben groß und einfach: „Benno
-Hupfeld Wirklicher Geheimer Rat.”
-
-Kein Zweifel: Exzellenz mußte ihm einen offiziellen Besuch zugedacht
-haben. Da die Ordinarien der Fakultät mit herkömmlicher Bequemlichkeit
-höchstens ihren verheirateten Assistenten die Aufwartung zu erwidern
-pflegten und ein Mann wie Hupfeld sich sogar unter seinen unmittelbaren
-Amtsgenossen so banaler Verpflichtungen mit einer liebenswürdigen
-Entschuldigung entheben durfte, zeugte diese Karte von einer
-außergewöhnlichen Artigkeit. Gleichwohl warf sie Perthes beim Eintritt
-in sein Zimmer aufs Geratewohl beiseite.
-
-Nach einer kleinen Weile besann er sich eines Besseren.
-
-Was war er doch noch immer für ein unvollkommener Schüler der
-Strebekunst!
-
-Mit einer Feierlichkeit, die die von Fräulein Eschborn übertraf, nahm
-er die hohe Visitenkarte von dem Stuhl, auf den sie geflogen, und trug
-sie zwischen den beiden Mittelfingern nach seinem Schreibtisch. In
-der Mitte der Unterlage von rotem Löschpapier legte er sie mit einer
-Verbeugung nieder. Sie war ja doch, richtig gewürdigt, das erste nicht
-zu unterschätzende Dokument des Fortschritts, das seine neue Methode
-des bewußten Hochkletterns gezeitigt hatte. Von Rechts wegen hätte sie
-auf ihrem Ehrenplatz mit Lorbeer umrahmt werden müssen. Schade, daß er
-den nicht zur Hand hatte!
-
-Am Montag, als Exzellenz Hupfeld sich zur üblichen pompösen Abfahrt
-aus der Klinik anschickte, trat Perthes mit vollendeter Höflichkeit
-an den Geheimen Rat heran. „Exzellenz hatten die außerordentliche
-Liebenswürdigkeit --”
-
-„Ach ja. Ich wollte Sie gestern besuchen. Schade, daß ich Sie nicht
-antraf!”
-
-„Das Bedauern ist ganz auf meiner Seite --”
-
-„Ich wollte mit Ihnen eine Angelegenheit besprechen, die --” Hupfeld
-überlegte lächelnd. „Im übrigen, ich möchte das nicht aufschieben.
-Sie können sich mit mir ins Auto setzen. Es läßt sich da ungestört
-plaudern. Wollen Sie?” Die Frage wurde von einer jener herrischen
-Gebärden begleitet, die Hupfelds Liebenswürdigkeit eigentümlich machten.
-
-Perthes erschrak unwillkürlich über den neuen Beweis von Wohlwollen.
-Die Volontärärzte auf der Treppe des Vestibüls machten lange Hälse.
-Doktor Brunner war diskret und höflich, aber mit ersichtlich langem
-Gesicht zurückgetreten.
-
-„Sie brauchen nicht zu befürchten, daß ich Sie zu lange in Anspruch
-nehme,” fuhr Hupfeld, der dies Schwanken schmeichelhaft beurteilte,
-beruhigend fort. „Ich lasse Sie mit meinem Wagen zurückführen.”
-
-Nun gab es keine Widerrede. Perthes faßte sich schnell. „Wenn
-Exzellenz einen Moment warten wollen?” Er deutete auf seinen
-Operationsmantel.
-
-Der Geheime Rat nickte gütig.
-
-Perthes lief nach dem Hause. Ein saurer Gang in der Sonne öffentlicher
-Gnade. Er kniff die Lippen zusammen und heftete die Augen geradeaus ins
-Leere, als er an den beiseitetretenden Volontären vorbeieilte. Im Nu
-kam er zurück, in Jackett und Hut. An den ironischen Mienen der jungen
-Kollegen las er ab, was sie von dieser Autounterredung hielten. Als er
-wieder ins Freie trat, meinte er hinter sich etwas flüstern zu hören
-wie: „Exzellenz Schwiegerpapa!” Die Wut trieb ihm das Blut in den Kopf.
-Doch schon schritt er an Brunner vorüber, der unglücklich dreinsah und
-an seinem militärischen Schnauzbart zu kauen schien.
-
-Der Krankenwärter half ihm ins Automobil, in dem Exzellenz schon Platz
-genommen hatte. Er machte dabei einen Bückling, für den Perthes ihm ins
-Genick hätte hauen mögen.
-
-Doch schon fuhren sie tutend davon.
-
-Hupfeld zögerte nicht, seinem Fahrgast seine Absichten
-auseinanderzusetzen. Fürs erste freilich, solange sie noch innerhalb
-der Stadt fuhren, sah er sich durch häufige Grüße unterbrochen. Er
-pflegte alle mit ausgesuchter Höflichkeit zu erwidern, ob es sich um
-einen Universitätsdiener handelte oder um einen Geheimrat. Erst hinter
-der Brücke, am Ausgang der Neustadt, wo die Villenstraße allmählich
-in die Landstraße überging, kam er ~in medias res~. Nachdem er die
-Aussichtslosigkeit betont, die das Befinden des armen Kronheim biete --
-er hatte neuerdings selbst sehr trübe Nachrichten aus Rapallo erhalten
---, sprach er von der Notwendigkeit, die erste Assistentenstelle
-seiner Klinik einstweilen neu zu besetzen.
-
-„Die Angelegenheit ist durch die Persönlichkeit des guten Brunner, der
-eigentlich der nächste Anwärter ist, kompliziert,” erklärte der Geheime
-Rat fortfahrend. „Um es von vornherein zu sagen: er ist nicht der Mann,
-den ich brauche.”
-
-„Ich habe ihn als einen sehr gediegenen, pflichteifrigen Kollegen
-schätzen gelernt,” schob Perthes ein, wobei er sich selbst über die
-neugewonnene Fähigkeit wunderte, sich durch billige Komplimente für
-andere ins beste Licht zu setzen. Perfid war er also auch schon.
-
-„Zugegeben, lieber Perthes!” stimmte Hupfeld in das wohlfeile Lob ein.
-„Zugegeben! Aber es fehlt ihm jeder Zug ins Große. Er kann nichts
-selber in die Hand nehmen, wenn ich einmal nicht zur Stelle bin. Der
-leitende Arzt, der mich vertreten soll, muß etwas vom Herrscher an sich
-haben. Weitblick, eigene Gesichtspunkte, Vielseitigkeit!” Exzellenz gab
-jedes dieser ihn selbst verherrlichenden Prädikate mit monumentaler
-Rhetorik von sich. „Und dann -- was die Hauptsache ist --, er muß das
-Zeug zu einem erstklassigen Operateur haben. Das hat der gute Brunner
-bei aller Gewissenhaftigkeit und relativen Geschicklichkeit nicht. Das
-haben -- ~senza complimenti~ -- Sie, mein lieber junger Kollege!”
-
-Perthes wollte mit einer Schmeichelei für die Ganzgroßen abwehren. Aber
-dazu reichte seine Gewandtheit noch nicht. Die Worte blieben ihm im
-Hals stecken. Er mußte sie durch Gebärden ersetzen.
-
-„Doch, doch!” versicherte huldvoll der Geheimrat, der ihn auch so
-verstand. „Machen wir uns nichts vor. In so einschneidenden Fragen
-pflege ich mit rücksichtsloser Objektivität vorzugehen. Bleiben wir
-also bei sicheren Tatsachen. Die kurze Zeit, in der Sie bei mir
-arbeiten, hat mich von Ihrer außerordentlichen Befähigung überzeugt.
-Sie wären mein Mann! Sie werden es sein --”
-
-„Aber, Exzellenz, ich bitte --”
-
-„Hören Sie mir ruhig zu, lieber Freund!” Hupfeld legte die überweiche,
-berühmte Hand auf Perthes' Arm. „Ich habe alles erwogen. Sie sind
-sehr jung. Brunner darf nicht vor den Kopf gestoßen werden. Es heißt
-diplomatisch zu Werke gehen.” Ein schlaues, geistreiches Lächeln
-kräuselte seinen vieldeutigen, glatten Mund. Er entwickelte mit
-rednerischer Selbstgefälligkeit sein Projekt. Er wollte es übernehmen,
-Brunner von seinen guten Absichten zu überzeugen. Erstlich sollte
-dieser als der ältere durch seine Fürsprache im Ministerium -- es
-genügte da ein Wink nach der Residenz -- schon in den nächsten
-Wochen den Professorentitel erhalten. Ferner wollte ihm Hupfeld die
-bestimmte Aussicht machen, daß er binnen Jahresfrist einen Ruf als
-Außerordentlicher oder Leiter eines städtischen Krankenhauses nach
-auswärts erhielte. Dafür konnte Hupfeld bei seinen Verbindungen
-garantieren. Demgegenüber mußte Brunner einsehen, daß Exzellenz sich
-den jüngeren Perthes für die Stellung eines ersten Assistenten ganz
-speziell heranbilden wollte, und mußte ihm schon jetzt die nominelle
-Vertretung dieses Postens überlassen.
-
-So weit war der Geheime Rat in seinen Ausführungen gekommen, als das
-Automobil sein sausendes Tempo verlangsamte und zum Stift hinauffuhr.
-
-Die Unterredung konnte an dem Punkt, an dem sie angelangt war, nicht
-abgebrochen werden. Es blieb Perthes nichts anderes übrig, als die
-Einladung anzunehmen, mit Hupfeld zu frühstücken. Er griff sich an den
-Kopf, als er die Räume wieder betrat, die er vor einigen Wochen mit
-so großem Widerwillen kennen gelernt hatte. Die erste Viertelstunde,
-während er neben seinem Chef in dem weiträumigen Saal mit den
-gewaltigen Schränken, den seriösen Ahnenbildern, der neu angelegten,
-kostbar-bunten Porzellansammlung saß, meinte er einen schweren Traum
-zu wiederholen. Dann zwang er sein bedrücktes Herz mit eisiger
-Schroffheit zur Ruhe. Es ging vortrefflich. Bei einer Flasche Mosel
-und ausgesucht zarten Zwergbeefsteaks stellte Hupfeld die Bedingungen
-auf, unter denen er seinen künftigen ersten Assistenten verpflichten
-wollte. Perthes sollte sich innerhalb der nächsten vier Jahre nicht
-habilitieren dürfen, um ganz zu seiner, Hupfelds, Verfügung zu sein;
-sich auch dann noch ohne seine Zustimmung weder nach außerhalb bewerben
-noch einen etwaigen Ruf annehmen dürfen. Die Anstellung sollte erst
-nach einiger Zeit definitiv werden. Wann und mit welchem Gehalt, blieb
-späterer Bestimmung vorbehalten. Der Geheime Rat verschwieg, daß er bei
-dieser Gelegenheit einige dem Minister genehme, ihm zum Lob gereichende
-Ersparnisse zu machen gedachte. Dagegen ließ er Perthes nicht im
-Zweifel, daß er ihm die zukünftige Karriere innerhalb der hiesigen
-Universität gewährleisten wollte.
-
-Perthes sah durch diese glänzenden Anerbietungen jede Erwartung weit
-übertroffen. Gleichwohl zwang er sich dazu, seiner Befriedigung keinen
-allzu begeisterten Ausdruck zu geben. Der Dämon, von dem er sich in
-seiner Selbstverachtung beherrschen ließ, riet ihm, sich zu sparen und
-seine streberischen Pläne womöglich als Ganzes zur Reife zu bringen.
-Es lockte ihn, seine Fähigkeit, emporzukommen, gleich durch ein
-Meisterstück zu erproben.
-
-„Exzellenz sehen mich gegenüber solchen Beweisen des Vertrauens
-verwirrt --”
-
-„Es sollte mich freuen,” versicherte Hupfeld mit großartiger Loyalität,
-„wenn es mir mit meinen Vorschlägen gelungen wäre, Ihre Wünsche mit den
-meinen in Einklang zu bringen.”
-
-„Meine Wünsche wagten sich so hoch nicht, Exzellenz. Gleichwohl werden
-Sie es billigen, wenn ich mir angesichts so weitausschauender Pläne
-einige Tage erbitte, um sie durchzudenken.”
-
-Hupfeld sah den Doktor ziemlich erstaunt, beinahe mißtrauisch an.
-Diesmal war ihm ein Zaudern unverständlich. „Nun ja --” meinte er
-gedehnt. „Ich gebe Ihnen natürlich Bedenkzeit. Nur --”
-
-„Exzellenz dürfen überzeugt sein, daß ich dies Zugeständnis nicht
-mißbrauche. In wenigen Tagen, vielleicht schon morgen --”
-
-„Bringen Sie mir eine zustimmende Antwort,” vollendete der Geheime Rat
-mit leichter Schärfe. Er hatte sich erhoben und bot Perthes verbindlich
-die Hand zum Abschied. Als er allein war, schüttelte er den Kopf: „Bei
-alledem -- ein merkwürdiger junger Mann!”
-
-Er sollte diese Merkwürdigkeit bald besser verstehen, als er ahnte. --
-
-Nach milden, sonnigen Tagen brachte der November seine gewohnten
-brausenden, kühlenden Stürme, die im Wirbel das rote und braune Laub
-aus den Baumkronen rissen.
-
-Gerade das unstete, tosende Wetter lockte die Abenteuerlust von
-Fräulein Exzellenz. Sie schlug für einen der nächsten Nachmittage den
-Teilnehmern der Reitquadrille einen Fernritt, und zwar einen tüchtigen
-Fernritt vor. Bei trügerischem Sonnenschein brach man auf. Perthes
-hatte sich mit Mühe freigemacht. Er sprengte mit Alice voran. Sie
-sah im langen, schwarzen Reitkleid gut aus. Es ließ ihre biegsamen
-Formen zu herausfordernder Geltung kommen. Der flache, ebenrandige Hut
-saß keck über den rotblonden Haaren. Professor Hammann und Cousine
-Hilla folgten in mäßigem Tempo und unter bedenklichen Protesten.
-Man hatte auch noch kaum die Sägemühle hinter sich, als der Wind
-grimmig einsetzte, den Himmel voller Wolken fegte und den Reitern
-brausenden Widerpart hielt. Als Perthes und seine Begleiterin bei
-einer Wegbiegung, am Eingang in ein leidlich windstilles Gehölz, sich
-umblickten, war von Hammann und Fräulein Hilla keine Spur mehr zu sehen.
-
-„Wollen wir auch das Hasenpanier ergreifen?” fragte Alice mit einem
-spöttischen Blitzen der grünlich schimmernden Augen, während sie die
-losgerissenen Haarsträhnen aus den Wangen strich.
-
-Statt der Antwort gab Perthes seinem Pferd die Sporen.
-
-Mit klingendem Lachen jagte Alice ihm nach, bis sie wieder an seiner
-Seite war. Sie versetzte ihm zur Strafe einen leichten Hieb mit der
-Gerte auf die Hand, die die Zügel führte.
-
-Hinter dem Wald ging es mit aufeinandergepreßten Lippen und
-zugekniffenen Augen gegen den Sturm. Kurz vor dem ersten Dorf schnob
-ein feiner, dichter Regenschauer aus den Wolken und durchnäßte Reiter
-und Roß.
-
-Nun mußte man doch wohl oder übel im Wirtshaus haltmachen.
-
-Alice fand es apart und reizend, in dem sauberen Herrschaftszimmerchen,
-in dem ein Ofenfeuer grüßend leuchtete, Tete-a-tete zu „mahlzeiten”.
-Man sah durchs Fenster hinaus auf den windgepeitschten Fluß, die
-regenwolkenverhangenen Berge. Fast wie auf der Sägemühle, dachte
-Perthes, als er zufällig hinausblickte. Um so besser, setzte er
-höhnisch hinzu. Er überließ sich dem willkommenen Reiz der Situation.
-Die nassen Kleider erfüllten unter der behaglichen Wärme die Stube mit
-ihrem Dunst. Es war ziemlich dunkel. Aus der Ofenecke, wo Alice sich
-eingerichtet hatte, sah man nur ihre Augen mit seltsamer Intensität
-aufglänzen.
-
-Nachher, am Tisch, gab sie sich allerliebst. Sie war etwas aufgeregt
-und suchte diesen Zustand, der ihr kleinlich schien, durch die
-ausgelassene Freiheit ihres Benehmens zu verdecken. Sie gab sich die
-Rolle der Demimondaine, die sie augenwerfend und trällernd trefflich zu
-mimen verstand. Perthes sollte dazu den Galantuomo spielen.
-
-Er ging bereitwillig darauf ein. Aber in einem Moment leidenschaftlich
-vorgetragener Liebeserklärungen, die sie mit koketter Kälte über sich
-ergehen ließ, vergaß er das Spiel. Er riß Alice in seine Arme und
-bedeckte sie mit Küssen.
-
-Als er sie wieder freigab, war sie ernüchtert und erschrocken. „Was
-fällt Ihnen ein!” stammelte sie verlegen.
-
-„Was mir schon längst hätte einfallen müssen!” gab er siegesgewiß
-zurück.
-
-Schmollend und zürnend trat sie von ihm weg. Sie stellte sich ans
-Fenster und stand dort geraume Zeit, von ihm abgekehrt.
-
-Er setzte sich mit scheinbarer Gelassenheit in die Ecke am Ofen und
-stocherte mit der Zange im Feuer.
-
-Plötzlich wandte sie sich um. Mit ihrem drolligsten Spitzbubengesicht,
-halb spöttisch, halb ärgerlich, sah sie ihn an. „Nu -- werden wir uns
-wohl verloben müssen. Wie abgeschmackt Sie sind!” meinte sie halblaut.
-
-Er war mit zwei Schritten an ihrer Seite. Sie musterten sich mit einem
-tiefen, brennenden Blick. Dann küßten sie sich in einer neuen, wilden
-Umarmung. Und verlobten sich, trotz aller Abgeschmacktheit ...
-
-Als Perthes sich am folgenden Tag in der Hupfeldschen Stadtwohnung
-einstellte, um Exzellenz Hupfeld seine Zusage für die erste
-Assistentenstelle zu bringen, empfing ihn der Geheime Rat sehr gemessen.
-
-„Sie haben ja Ihre Bedenkzeit sehr eigenartig benutzt, Herr Doktor! Nun
-darf _ich_ wohl um Bedenkzeit bitten?” lautete die strenge Einleitung.
-
-Aber der hohe Herr konnte sich nicht lange auf so eisiger Höhe halten.
-Er wurde väterlich gerührt. Und lächelte bald wie ein gütiger Schöpfer
-über die kleinen Unarten und Torheiten seiner Geschöpfe.
-
-Im Salon warteten Frau Hupfeld mit Alice und Cousine Hilla. Bei der Tür
-stand der Diener Karl. Diesmal nicht, um Gewittermeldungen vorzutragen,
-sondern um auf einen Wink die Sektkelche zu reichen. Schade, daß
-Leutnant Moritz fehlte.
-
-Man feierte Verlobung im Familienkreise. Vorverlobung.
-
-Es war stilvoller und großartiger, als es je im Haus am Wenzelsberg
-hätte werden können ...
-
-
-
-
-12
-
-
-Schon seit über vierzehn Tagen hatte Vater Richthoff seine Vorlesungen
-wieder aufgenommen. Zwischen drei und vier Uhr des Nachmittags schallte
-wieder häufig und hell die Klingel durchs Haus: nacheinander kamen
-und gingen die Hörer, junge Semester mit bunten Mützen, Bier- und
-Milchgesichter, alte Semester wie Oberlehrer Trabner mit der Glatze und
-der Stahlbrille, den Gummimanschetten und dem Trikot-Stehumlegekragen,
-„Flanellstorch” genannt.
-
-Aber die „Bande” war nicht wie sonst auf dem Posten über der Treppe,
-um die Alten zu registrieren und die Neuen zu etikettieren. Höchstens
-daß Elli mal neugierig über das Geländer lugte. Dann war es nur, weil
-Wilkens, der Faulpelz, sich noch immer nicht hatte einschreiben lassen.
-Kurz vor Semesteranfang hatte er, um sich, wußte der Himmel von was,
-zu „erholen”, noch eine verheiratete Schwester in Magdeburg besuchen
-müssen und war noch nicht wieder zurückgekehrt. Nur Ansichtskarten
-meldeten der entrüsteten Elli, daß es ihm wohl ergehe.
-
-Das grausame Leid, das Marga mitten in ihren frohen, bräutlichen
-Träumen heimgesucht hatte, lastete auf allem und allen. Nicht zuletzt
-auf dem alten Herrn. So fromm und artig und märchenhaft still war
-es in zwanzig Jahren um ihn her nicht zugegangen. Wenn er hinter
-dem Schreibtisch saß und kritzelte, konnte er sicher sein, daß kein
-störender Laut seine römischen Kaiser in ihrer Würde bedrohen, ihn
-aus der vornehmen Vertraulichkeit ihrer geisterhaften Gegenwart
-aufscheuchen würde. Aber trotzdem -- oder gerade deshalb? -- warteten
-diese oft vergeblich auf die Zwiesprache mit dem Meister, der sie
-rief. Kein zürnendes Murren, keine feurige Apostrophe drang aus
-dem verqualmten Winkel. Statt dessen hatte der alte Herr mehr als
-einmal den Gänsekiel nicht mehr in der Hand, sondern den grauen,
-krausbärtigen Kopf vergrämt aufgestützt, und lauschte hinaus in die
-unheimliche Ruhe seines Hauses. Wenn doch mal eine Tür unversehens ins
-Schloß geknallt wäre! Wenn doch ein nicht mehr zu bändigendes, junges
-Mädchenlachen aus der Dachstube herunter- oder vom Erdgeschoß, aus den
-Wohnzimmern heraufgekollert wäre, daß er empört hätte dazwischenfahren
-können! Wieviel besser wäre das seinen Cäsaren bekommen. Der erste
-Halbband der Kaisergeschichte war vor vierzehn Tagen erschienen.
-Schon kamen begeisterte Briefe von entfernten Hochschulkollegen und
-früheren Schülern. Vater Richthoff lächelte höchstens über die guten
-Vorzeichen. Jetzt, wo er den gerechtfertigten und verdienten Lohn einer
-Lebensarbeit einheimsen sollte, blieb die rechte Freude aus.
-
-Richthoffs Freunde: Wilmanns, Borngräber, die Kegelbrüder und die
-Fakultätsgenossen -- alle waren bestürzt und schlugen die Hände
-zusammen über das müde, verdrossene, teilnahmlose Wesen des alten
-Herrn. Er war ja nicht mehr zu kennen! Hofrat Geismar zerbrach sich
-vergeblich den Kopf, wie es möglich war, daß nach dem frischen,
-verheißungsvollen Abschied in Bad Kreuth jede Nachkur daheim ausblieb.
-Wilmanns, der mit seiner Familie Thüringen unsicher gemacht hatte,
-schimpfte vergeblich auf das teure Schwarzburg, wo ihm die lärmende
-Holzindustrie das Leben verbittert hatte; lobte umsonst das liebliche
-Ilmenau mit Engelszungen und erzählte die kühnsten Abenteuer mit lauter
-Beredsamkeit. Borngräber, der „Mädchenjäger”, wie ihn Papa Wilmanns
-hartnäckig benamste, rollte ohne Erfolg die verwundert-treuherzigen
-Augen und jammerte, daß ihm der Wind drei Hüte in die Ostsee geführt
-habe, statt, was doch sein Versöhnliches gehabt hätte, in ein
-klassisches oder orientalisches Meer. Richthoff hörte nur mit halbem
-Ohr zu und schob seine Kugel so flau, als wollte er ja den Kegeln nicht
-zu nahetreten.
-
-Und Marga? Sie, von der der Kummer ausgegangen war, der das Haus am
-Wenzelsberg drückte und freudlos machte?
-
-Es gibt einen Schmerz, der, ohne laut und heftig zu sein, sich doch
-wenigstens in Zeichen des inneren Kampfes verrät: nicht Tränen, aber
-ihre Spuren, nicht das harte Aufbäumen, aber das wehe, zitternde
-Zurückweichen und Wegwenden zeugen dafür, daß ein Lebendiges, wenn auch
-noch so schwach und versteckt, sich wehrt gegen das Tötende, auch im
-Unterliegen den Widerstand wahrt und in der Gegenbewegung sich erhält.
-Wenn Marga diesen Schmerz gezeigt hätte! Man hätte ihn, so leise er
-sich regte und rührte, zu lindern und zu heilen suchen können. Aber
-in ihrem Schmerz war kein Kampf, kein Widerstand, keine Bewegung. Von
-dem Augenblick an, wo sie aus ihrer tiefen Ohnmacht aufgewacht war,
-schien jeder Wille in ihr gebrochen zu sein. Sie konnte nicht weinen.
-Ihre Züge blieben leblos: mitunter hatten sie den Ausdruck einer leeren
-Maske, die in unbewußter Angst und Hilflosigkeit erstarrt ist. Ihre
-Seele schien nicht mit aufgewacht zu sein aus der Ohnmacht des Körpers.
-Ihr Geist war klar, beinahe nüchtern klar; sie wußte, was vorgefallen
-war, und sprach selbst mit matter, klangloser Stimme davon. Sie hörte
-auch zu, wenn der alte Herr, alle Barschheit und Zurückhaltung in
-Liebe und Mitgefühl vergessend, weich und ernst mit ihr redete; wenn
-Elli, Tränen in den sonst strahlenden Augen, sie ermutigen wollte
-und Käthe herzliche, ungezierte Worte des Verstehens fand. Aber sie
-blieb empfindungslos. Das Gefühl, das man ihr entgegenbrachte, klang
-nicht zurück. Alle die reichen und tiefen Kräfte des Gemüts waren wie
-ausgelöscht. So ausgelöscht, daß man zuweilen hätte glauben können,
-sie litte nicht einmal. Und doch -- oder gerade deshalb -- strömte
-eine Traurigkeit von ihr aus, so unsagbar, so über alles Trösten und
-Mitleiden, daß sie jeden ergriff und niederdrückte und das Haus mit
-einer stummen Klage erfüllte. Wie ein reifes Kornfeld, das unter einem
-Hagelschauer sich in eine tote Wüste verwandelt hat, so war Margas
-große Stille zur großen Leere geworden.
-
-Die erste Sorge galt natürlich ihrer Gesundheit. Der Geheimrat wollte
-den Arzt rufen lassen. Auch Käthe drang darauf. Elli wurde beauftragt,
-Marga selbst zu fragen, um sie nicht zu erschrecken. Sie zeigte sich
-völlig gleichgültig und meinte nur, sie wüßte nicht, was sie einem Arzt
-zu sagen hätte. Die Ohnmacht schien auch keine weiteren körperlichen
-Folgen zu haben. Ihr Aussehen veränderte sich kaum. Sie klagte über
-nichts. Man war übereingekommen, daß das Leid, das sie getroffen, unter
-keinen Umständen auch nur andeutungsweise nach außen dringen und zu
-irgendwelchen Gerüchten Anlaß geben dürfe. Diese Schonung, die einzige,
-der auch die äußeren Umstände ihres Unglücks entgegenkamen, mußte um
-jeden Preis gewahrt werden. Das war der Grund, weshalb man es vorläufig
-doch unterließ, den Arzt zuzuziehen.
-
-Wochen vergingen, ohne daß Margas Zustand sich veränderte. Nach wie vor
-war sie äußerlich gesund, nach wie vor dämmerte ihre Seele pflanzenhaft
-dahin.
-
-Der alte Herr sah mit Besorgnis, wie diese schleichende Qual die
-Stimmung im Haus mehr und mehr verdüsterte. Sie zehrte an ihm und
-seiner Arbeitskraft, an Käthes und Ellis Frische und Frohmut. Wie
-schwüle Sommertage, die grau und lastend ohne die reinigende Entladung
-eines Gewitters sich ablösen, schlichen die Tage einer um den anderen
-hin, und die Menschen im Haus schlichen mit ihnen. So konnte es nicht
-fortgehen! Es mußte etwas geschehen. Ein Entschluß mußte gefaßt werden,
-der irgendwie wieder Luft und Licht in die stickige Atmosphäre brachte.
-
-Ohne Wissen der Mädels ging der Geheimrat vor.
-
-Er hatte in Pommern, weit droben an der Küste, einen Stiefbruder. Man
-schrieb sich alle Jubeljahr, sah sich noch seltener. Für Käthe, Marga
-und Elli spielte der Onkel Gutsbesitzer fast eine mystische Rolle.
-Vor Jahr und Tag war er einmal an ihrem Kinderhimmel aufgetaucht: ein
-jovialer, untersetzter Mann mit ein paar seelenguten Augen in seinem
-wetterharten, braunroten Gesicht. Keine entfernte Ähnlichkeit mit Vater
-Richthoff. Seine Frau oder gar die Cousinen -- es konnten sechs oder
-mehr sein, denn Onkel Thiele schickte, wenn nichts anderes, so doch
-Jahre hindurch regelmäßig eine fröhliche Geburtsanzeige -- waren völlig
-sagenhaft.
-
-Dorthin richtete der alte Herr, einer plötzlichen Eingebung folgend,
-seine Hoffnungen und bald darauf ein Schreiben, so brüderlich und
-leserlich, als es ihm nur möglich war. Zum Schluß fragte er unumwunden
-an, ob man seine zwei Jüngsten für ein paar Wochen auf Güstow brauchen
-könnte. Der Geheimrat mußte keine acht Tage warten, bis die Antwort
-kam, geschrieben von einer guten, ehrlichen preußischen Landwirtsklaue.
-Es wäre zwar im Sommer schöner in Güstow. Dafür hätte man aber jetzt,
-nach guter Ernte, mehr Zeit und mehr Geld. Auch versprächen die Jagden
-allerhand Gutes. Kurz: die beiden Jüngsten wären willkommen. Seine Frau
-und seine Döchtings wären schon jetzt „doll vor Vergnügen” über den
-Besuch der Richthoffschen Vettern. Das war ein kleines Mißverständnis:
-Onkel Thiele hatte sich im Lauf der Zeit eingebildet, sein Stiefbruder
-müsse naturnotwendig ebenso viele Jungens haben, wie er Mädels hatte.
-Doch das ließ sich aufklären. Die Hauptsache war: Marga und Elli wurden
-erwartet.
-
-Der Geheimrat atmete auf. Er erhielt Onkel Thieles Brief zum Frühstück.
-Als er ihn zu Ende gelesen, sah er seine Mädels der Reihe nach an. Zum
-erstenmal brachte er es fertig, ihren trübseligen Mienen mit einer
-halbwegs heiteren Verschmitztheit zu begegnen. „Wißt ihr, wer Onkel
-Bernhard ist?” forschte er in der Runde.
-
-„Onkel Bernhard?” Elli schüttelte den Kopf.
-
-„Meinst du Onkel Thiele in Pommern?” fragte Käthe nach bedächtigem
-Schweigen.
-
-„Allerdings,” nickte Vater Richthoff, „Onkel Bernhard Thiele,
-Gutsbesitzer auf Güstow, Kreis Regenwalde in Pommern.”
-
-„Ach, der! Dein Stiefbruder! Was ist's mit ihm?” Elli war
-glücklich, daß das öde Einerlei der Mahlzeiten durch einen neuen
-Unterhaltungsstoff sich für einen Augenblick aufhellte. Das leidlich
-muntere, väterliche Gesicht entzündete leise ihre alte, ausgelassene
-Laune. „Hat er wieder Familienzuwachs bekommen?”
-
-„Das gerade nicht, Naseweis!” erwiderte der Geheimrat. „Aber er lädt
-euch ein.”
-
-„Lädt uns ein? Nach Pommern? Auf sein Gut? Wen -- uns? Für wann?” Es
-war so verlockend für Elli, einmal wieder drei, vier Fragen auf einmal
-losfeuern zu können.
-
-„Onkel Thiele lädt dich und Marga ein, ihn jetzt für einige Wochen auf
-Güstow zu besuchen!” erklärte der alte Herr klar und bündig.
-
-Elli blieb der Bissen im Hals stecken. Käthe riß die braunen Augen
-ungläubig auf. Sie wollte schon den Mund öffnen, als ein Blick Vater
-Richthoffs ihr die richtige Fährte gab. Sie nickte verständnisvoll.
-Auch Elli begriff schnell, daß hier etwas Gutes im Werk sei. Marga
-selbst saß teilnahmlos dabei, als hätte sie nichts gehört und
-verstanden.
-
-„Lest mal selbst!” Richthoff reichte Onkel Thieles Brief Käthe über
-den Kaffeetisch. Elli beugte sich voll Neugier mit darüber. Zu zweien
-entzifferten sie die massiven Zeilen.
-
-„Na, mein Mädchen, wie denkst du über die Einladung?” wandte sich der
-Geheimrat inzwischen an Marga, seine Hand zärtlich auf die ihre legend.
-
-Margas Augen kehrten aus der leeren Weite, in der sie erstarrt waren,
-langsam und fragend zurück. „Über die Einladung?” wiederholte sie. „Ach
-so -- ihr sprecht von Thieles in Pommern. Wen hat er denn eingeladen?”
-
-„Aufmerksamkeit schlecht!” scherzte der alte Herr. Er erklärte ihr
-nochmals ausführlich, um was es sich handelte. „Ich möchte, daß ihr,
-du und Elli, den Thieles die Freude macht!” setzte er aufmunternd hinzu.
-
-„Denk' mal an, Margakind! Nein, das ist zum Totschießen!” Elli lachte
-so laut und herzlich, wie es seit Wochen im Haus am Wenzelsberg nicht
-erhört war. „Die halten uns für zwei Jungens! Für zwei Vettern!”
-
-„Ja -- den Irrtum muß ich Onkel Bernhard noch nehmen. Die Enttäuschung
-könnte zu groß sein,” bemerkte Vater Richthoff vergnügt.
-
-„Aber nein! Gerade nicht! Das darfst du keinesfalls, Papa!” rief Elli.
-„Malt euch mal aus -- paß auf, Margakind! -- Die stehen auf ihrem
-Bahnhof, so ihre zehn Köpfe hoch: Onkel, Tante, acht, neun Mädels --
-alle blond wie Hafer und dick und rot wie Rosenäpfel! Der Zug, so'n
-rechtes Bimmelbähnchen -- Blumenpflücken während der Fahrt verboten!
---, braust heran. Sie recken ihre Hälse. Sie suchen die Wagen ab. Wo
-zum Kuckuck sind die Richthoffschen Jungens?! Und der Zug fährt wieder
-ab. Auf dem Bahnsteig stehen nur zwei Mädels. Marga und ich! Und
-empfehlen sich zur geneigten Ansicht! Denkt euch, die Gesichter!” Elli
-schüttelte sich vor Wonne. Auch der alte Herr schmunzelte, und Käthe
-lächelte über Ellis blühende Phantasie. Nur Marga rührte sich nicht.
-Ellis Lustigkeit reichte nicht an ihre verschollene Seele.
-
-„Und wann sollten wir denn dorthin kommen?” fragte sie schleppend, ohne
-daß ihre Stimme ein näheres Interesse verriet.
-
-„Sobald ihr wollt!” erklärte Richthoff. „Die Jahreszeit ist ja nicht
-die rechte. Ihr müßt euch für den norddeutschen Winter einrichten.
-Da oben ist's kalt. Gerade gut, um sich mal tüchtig auszulüften. Das
-wird dir guttun, Marga! Andere Menschen, anderes Leben. Ein bißchen
-Zerstreuung -- verstehst du, Kind?” Er beugte sich zu ihr vor. Nur
-behutsam wollte er an die Absicht rühren, die er mit dieser Reise für
-sie verband. Das übrige setzte die Vertraulichkeit hinzu, mit der
-er ihr auf den Arm klopfte. „Also ausgemacht! Ihr reist je eher, je
-lieber!” Er erhob sich erleichtert und ging mit seiner Zeitung nach
-oben. Ein Wink verständigte Käthe und Elli, Marga zuzureden und etwaige
-Bedenken zu zerstreuen.
-
-Zu jeder anderen Zeit hätte die unerwartete Reiseaussicht in weite
-Ferne, die verblüffende Großmut des sonst so gestrengen und ~in
-pecuniis~ genauen Papa Richthoff unter der Bande wie eine Bombe
-eingeschlagen. Dermalen war die Freude natürlich gedämpft, die
-Verwunderung zurückgedrängt. Aber es war doch, als hätte man in dem
-verdumpften Haus irgendwo ein Fenster aufgerissen: ein frischer
-Luftzug, ein schräger, dünner Sonnenstrahl schlüpfte herein.
-
-Käthe fand etwas von ihrer altklugen Weisheit wieder. Was sie über
-Margas von ihr vorausgesagtes Unglück empfand, eine wenn auch
-schmerzliche Genugtuung, hatte sie taktvoll nur ihrem Tagebuch
-anvertraut. Dafür erging sie sich jetzt in trefflichen Aussprüchen
-über die Wunder, die eine Ortsveränderung an einem beschwerten
-Menschenherzen immer tue, und sorgte nebenher mütterlich für die beiden
-Kleinen, denen sie die Reise nach Norden ehrlich gönnte.
-
-Elli aber regte und tummelte sich in dem lang entbehrten, schmächtigen
-Sonnenschein wie ein Kätzchen, das sich auf gut Wetter putzt. In einem
-allmählichen Crescendo, das ihrem Temperament nicht ganz leicht wurde,
-aber Margas Zustand berücksichtigte, ließ sie ihrem Optimismus die
-Zügel schießen. Ihre umtriebige Natur sah sich jetzt wieder einer
-handgreiflichen Aufgabe gegenüber: sie konnte nun mal Marga in ihre
-alleinige Behandlung nehmen. Eine richtige Kur hatte sie mit ihr vor.
-Wie man dürres, vertrocknetes Land fürs erste tüchtig unter Wasser
-setzt, so wollte sie Marga unter Freude setzen. Sollte es nötig sein:
-sie wollte nicht nur das Rittergut Güstow mit Onkel und Tante Thiele
-samt den unzählbaren Cousinen, sondern ganz Preußisch-Pommern auf
-den Kopf stellen. Mit den Vorbereitungen zu diesen Großtaten begann
-sie sachte schon jetzt. Sie ließ Marga keinen Augenblick allein.
-Unausgesetzt umflatterte sie sie, unterhaltsam und wachsam zugleich.
-Ihre Plappermaschine, durch die Kümmernisse der letzten Wochen dem
-Verrosten nahe, kam neugeölt in neuen Gang. Außer dem Gutsleben, das
-ihre Phantasie mit Jagdabenteuern, Segelfahrten an der nahen Küste,
-Überlandpartien in Kutsche und Schlitten zu märchenhaften Tanzbällen
-ausschmückte, war es besonders Berlin, die Reichshauptstadt, die
-sie vor Marga in feenhafter Glorie aufsteigen ließ. Sie mußten
-nämlich in Berlin Station machen. An einem Tag war Gut Güstow nicht
-zu gewinnen. Papa hatte an einen befreundeten Kollegen geschrieben,
-wo sie einquartiert werden konnten. Aus dem einen Rasttag ließ Elli
-drei bis vier werden. Man konnte doch so 'ne Gelegenheit, mal was
-Rechtes zu sehen, nicht ungenutzt vorbeilassen. Das mußte auch Papa
-einsehen. Nicht schon jetzt, aber im geeigneten Moment, wenn man ihm
-eine entzückte Karte schrieb, die alles erklärte. Und nach Güstow
-depeschierte man -- Elli depeschierte in der Einbildung öfter als
-alle europäischen Kabinette -- und bat um Frist. Dann -- oh, es war
-unbeschreiblich, in welchen Strudel von Genüssen man sich dann stürzte!
-Stürzte mit der grausigen Andacht, die die Weltstadt dem jungen,
-unverdorbenen Mädchengemüt Ellis einflößte -- schon aus der Ferne.
-Theatervorstellungen, philharmonische Konzerte, Zoologischer Garten,
-Kaiser sehen, Warenhausbummel, Unter den Linden, Friedrichstraße,
-Potsdam, Sanssouci, Hochbahn und Untergrundbahn, das drehte sich und
-prasselte wie ebenso viele Feuerräder durch die Luft.
-
-Mit den Erfolgen ihrer Lustkur mußte sich Elli allerdings einstweilen
-sehr bescheiden. Im Anfang verhielt sich Marga vollständig
-gleichgültig. Wie eine blasse Wand, auf die man die buntesten Bilder
-der Wunderlaterne geworfen hat, war sie nachher so stumm und leblos wie
-vorher. Sie half, soweit es in ihren Kräften stand, beim Einpacken.
-Mechanisch erwiderte sie die Fragen, deren Antworten man ihr in
-den Mund legte. Sie war mit keinem Gefühl bei dieser Reise. Es war
-nicht einmal sicher, ob sie hörte, was Elli unermüdlich deklamierte.
-Trotzdem stellte diese mit der Zeit winzige Triumphe ihrer Methode
-fest. Wenn es nur ein Kopfschütteln oder Kopfnicken war, das sie
-erzielte, verzeichnete sie schon einen Fortschritt. Und als es ihr gar
-gelang, den Tag vor der Abreise durch eine bis dahin nicht dagewesene
-Brillantvorführung von Berliner Genüssen Marga ein Lächeln -- nicht zu
-entlocken, sondern schon mehr zu entreißen, lief sie erst in die Küche,
-wo gerade Käthe eine süße Speise bereitete, und dann stürmte sie, alles
-Herkommen außer acht lassend, in Vater Richthoffs Arbeitszimmer, so
-blitzgewaltig, daß der alte Herr entsetzt von seiner Kaisergeschichte
-in die Höhe fuhr.
-
-„Marga hat gelächelt! Marga hat richtig gelächelt! Beinahe gelacht!”
-verkündete sie schallend.
-
-Ehe der Geheimrat sich fassen und sie ausschelten konnte, war sie wie
-die Windsbraut wieder draußen. Er schüttelte verwirrt den Kopf. Das
-Ereignis stand in keiner Beziehung und keinem Größenverhältnis zu
-den Germanenkämpfen, die das römische Weltreich erschütterten. Aber
-bemerkenswert war es schließlich doch. Sehr sogar. Und der alte Herr
-lächelte hinterdrein auch.
-
-Am Nachmittag desselben letzten Tages vor der Berlin-Güstower
-Novemberreise trat eine kurze Ebbe ein. Es war gepackt. Die
-allernötigsten Besprechungen konnten noch beim Abendbrot erfolgen.
-Zwischendrin mußte nach Ellis Ansicht noch etwas unternommen werden.
-Damit einem die Zeit nicht zu lang wurde. Sie schlug Marga einen
-Stadtbummel vor. So zum Abschied von dem guten, alten Nest, das einem
-schon jetzt furchtbar klein und provinzmäßig vorkam.
-
-Marga war meist schwer zum Spazierengehen zu bewegen. Sie fühlte sich,
-wenn sie sich überhaupt wohl fühlte, zu Hause noch am besten. Diesmal
-willigte sie überraschenderweise sofort ein, und Elli verzeichnete den
-zweiten kolossalen Fortschritt des Tages.
-
-Es war ein kühler, selten klarer Spätherbsttag. Die Sonne schien
-rotgolden und wehmütig aus dem halb klaren, halb federwolkigen Himmel.
-Der Wind pfiff scharf um die Straßenecken. Fest und schützend drückte
-sich Elli an Marga. Auf der Brücke blies es ganz toll aus Osten. Fast
-flogen die Hüte mit auf. Der Fluß schäumte ungebärdig. Eben rasselte
-ein Kettendampfer unter der Brücke durch. Die Pfeife schrie mürrisch in
-den Wind hinein, und dann legte er sein Dampfrohr nieder, um durch den
-Brückenbogen zu kommen. Die bewimpelten Lastkähne, mit rotem Sandstein
-befrachtet, schaukelten in endloser Reihe hinter ihm drein.
-
-Die Leute blieben trotz des Windes einen Augenblick stehen und warfen
-einen Blick über das Geländer. Auch Elli hielt eine Sekunde an und
-schaute hinunter.
-
-„Was gibt's denn?” fragte Marga. Fern wie sie war, wußte sie sich
-Stillstand und Geräusch nicht gleich zu erklären.
-
-„Bloß der Kettendampfer. Komm!” Schon ging Elli weiter.
-
-„Wo kommt er denn her?” fragte sie mit einer ungewöhnlichen Bewegung
-der sonst so eintönigen Stimme.
-
-„Wer? Ach so, der Dampfer! Vom Tal herunter.”
-
-Sie gingen weiter. Margas Schritt war schleppend geworden.
-
-Elli schaute ihr ins Gesicht. Mit Staunen sah sie, wie in ihren Zügen
-eine außerordentliche Erregung arbeitete. Der kleine, unbedeutende
-Vorgang -- der alltäglichste fast, der sich denken ließ -- schien ein
-Zittern in ihre erstorbene Seele zu bringen. Eine Erinnerung schaffte
-in ihr. Auf der Sägemühle hatten sie so manchmal vom Garten aus den
-Lastschiffen zugeschaut. Vielmehr Marga hatte hinausgehorcht auf das
-Rasseln und Plätschern, und Elli mußte ihr die Kähne zählen.
-
-Elli erriet nur unklar, was sie beschäftigte. Instinktiv lenkte sie
-jedoch das Gespräch ab. Sie erzählte ihr von neuen Villen in der
-Vorstadt. Zu ihrer Beruhigung war die Erregung in Margas Antlitz bald
-wieder geschwunden.
-
-Drüben über der Brücke -- sie wollten gerade noch ein paar Schritte die
-Neustädter Hauptstraße hinaufschlendern -- liefen die Schwestern durch
-einen Zufall Cousine Grasvogel in die Hände. Natürlich wußte sie schon
-von der Reise der lieben Kinder. Es gab einen unausweichlichen Schwatz,
-einen Regen von Fragen, die Elli beantworten mußte. Die Grasvogels
-waren nämlich mit den Thieles auf Güstow, und zwar doppelt, verwandt.
-Die Richthoffs und die Thieles, der Geheimrat und der Gutsbesitzer
-waren die gesellschaftlichen Leuchten, in deren Glanz sich Cousine
-Grasvogels armes Altjungfernherz vor der Mitwelt und sich selber
-sonnte. Es gab da Grüße und Gott weiß was zu bestellen.
-
-„Wie habt ihr's gut, daß ihr noch einmal in die Nachsommerfrische
-dürft!” meinte sie begeistert.
-
-Nachsommerfrische war eine Wendung, die Elli um Margas willen unliebsam
-drohend fand. „Ja, Papa ist sehr gut. Entschuldige übrigens! Wir haben
-noch schrecklich viel zu tun und zu besorgen!” Mit geschäftiger Hast
-suchte sie sich von Fräulein Grasvogel loszuringen.
-
-Doch die witterte mit dem sicheren Sinn der gereiften Weiblichkeit
-schon länger zwischen Sommerfrische und Nachsommerfrische interessante
-Zwischenfälle oder Übergänge. Ellis Hand ließ sie los, aber dafür hielt
-sie die Margas um so fester. „Die Sägemühle ist euch aber auch gut
-bekommen, nicht wahr, Marga?” flötete sie weiter.
-
-Elli gewahrte mit Sorge, daß das Wort Sägemühle, das daheim verpönt
-war, in Margas Mienen dieselbe Unruhe hervorbrachte wie zuvor auf der
-Brücke der harmlose Kettendampfer.
-
-„Ausgezeichnet!” antwortete sie, lauter als nötig, an Margas Stelle.
-„Entschuldige nur, wir müssen --”
-
-„Natürlich, ihr habt's eilig!” versicherte Cousine Grasvogel durchaus
-verständnisvoll, aber ohne locker zu lassen. „Was mir gerade einfällt
--- ihr werdet gewiß verwundert --”
-
-„Gar nicht! Gar nicht!” rief Elli. Sie wußte nicht warum, aber sie
-ahnte, daß die gute Cousine noch mehr Unheil anrichten wollte, und
-strebte, Marga am Arm zerrend, entschieden davon.
-
-„Ach -- ihr wißt's am Ende schon lange! Nicht? Ich meine, daß der
-liebenswürdige, nette Doktor -- wie heißt er doch? -- Doktor Perthes --
-er war doch mal bei euch auf der Sägemühle, nicht? oder öfter -- und
-auf dem reizenden Gartenfest im Juni, nicht? -- daß er sich mit Alice
-Hupfeld verlobt hat? Vorgestern erfuhr ich's von --”
-
-Elli hatte Marga mit Gewalt fortreißen wollen. Aber seit der Name
-Perthes gefallen war, stand sie steif, schwer, unbeweglich. Und als
-die für beide niederschmetternde Neuigkeit heraus war, stand auch Elli
-einen Moment, wie vom Schlag gerührt, kreidebleich.
-
-Cousine Grasvogel, die es nicht bös meinte, stockte in ihrem Redefluß,
-selber bestürzt und sprachlos über die Wirkung ihrer Mitteilung.
-
-In der nächsten Minute riß Elli Marga mit einem halb wütenden, halb
-schmerzlichen Aufschrei herum und lief mit ihr, so schnell sie konnte,
-heimwärts davon.
-
-Marga selbst folgte willig und wortlos. Der Zufall wollte, daß sie fast
-an derselben Stelle, wo ihr einst Käthe über Perthes' Liebelei mit
-Hilde König eine erste Andeutung gemacht, diesen tiefen, über alles
-Verstehen schmerzhaften Streich empfing. Das dumpfe, erregte Arbeiten
-in ihren Zügen war in ein fast konvulsivisches Zucken übergegangen.
-Ihre erstorbene Seele erwachte aus der bleiernen Erstarrung von Wochen.
-Das Blut stieg und fiel in ihren Wangen mit heißen, beklemmenden Wellen.
-
-„Ich glaube, wir sollten besser mit der Elektrischen fahren!” stieß
-sie, nach Atem ringend, plötzlich hervor.
-
-„Natürlich, Margakind!” Elli hatte die nächste Haltestelle erspäht.
-Sie half Marga in den Wagen und schmiegte sich drinnen dicht an sie.
-Sprechen konnte sie nicht.
-
-Von der Station hinter dem Bahnhof erreichten sie schnell das Haus am
-Wenzelsberg. Noch zu rechter Zeit.
-
-Ein furchtbarer, herzbrechender, den Körper schüttelnder Weinkrampf
-kam über Marga. Wehrlos mußte sie sich dem Schmerz überlassen, und ihr
-lautes Schluchzen erfüllte vom Flur das Haus. Therese, Käthe, der alte
-Herr stürzten herbei.
-
-Noch nicht eine halbe Stunde später lag Marga mit hohem Fieber zu Bett.
-
-In der Nacht wurde sie bewußtlos und redete irre. Alice, Perthes, die
-Sägemühle, der rasselnde Schleppdampfer zermarterten in wirrer, grauser
-Jagd ihr Hirn.
-
-Geismar wurde gerufen. Er konnte noch kein bündiges Urteil geben,
-äußerte sich aber sehr besorgt.
-
-Am Morgen konstatierte er ein Nervenfieber.
-
-Marga reiste statt zu Thieles auf Güstow weiter, viel weiter. Bis an
-die Grenze zwischen Leben und Tod ...
-
-
-
-
-13
-
-
-Als Doktor Markwaldt, der ehemalige Kollege am Bakteriologischen
-Institut, die Kunde von Perthes' Verlobung mit Fräulein Exzellenz
-erhielt, da meinte er zu dem Überbringer, einem der Volontärärzte der
-Chirurgischen Klinik: „Da haben wir's ja! Genau, wie ich's voraussah!”
-Im Grunde seines Herzens aber war er verblüfft. Noch verblüffter aber
-war er, als er statt einer gedruckten Anzeige folgende Zeilen erhielt:
-
- Lieber Markwaldt!
-
- Sie haben, wie Sie mir gelegentlich gestanden, immer geschwankt, ob
- ich ein Faulpelz oder ein Streber sei. Ich habe mich mit Fräulein
- Alice Hupfeld verlobt. Ich denke, das wird Ihrem Schwanken ein Ende
- machen.
-
- Gruß Ihr Perthes.
-
-Zum mindesten eine originelle Art, sich selber zu denunzieren, dachte
-Markwaldt kopfschüttelnd. Als er seinerzeit am Klinikerabend, auf
-dunkle Gerüchte hin, Perthes aufgezogen und sich eine so erregte Abfuhr
-geholt hatte, war er nur aggressiv gewesen, um dem „Unergründlichen”
-einmal auf den Zahn zu fühlen. Er wußte, daß Perthes zum Richthoffschen
-Hause in naher Beziehung stand, und glaubte nicht im Ernst an eine
-Verbindung mit Hupfelds. Jetzt, wo sie doch plötzlich Wahrheit geworden
-war, schien ihm die Sache nicht ganz behaglich, und er räsonierte,
-menschenfreundlich wie er war: „Wenn sich der Junge nur nicht in die
-Nesseln gesetzt hat! Er bleibt ein verdrehtes Huhn!” Aber er bewunderte
-doch den Tiefblick Professor Hammanns, seines Chefs. Der hatte zuerst
-über Perthes das ahnungsvolle Wort „Heiratspolitiker” fallen lassen.
-Nur so ~en passant~ und als Vermutung. In Markwaldts Augen war er
-durch diese Probe weltmännischer Menschenkenntnis hoch in der Achtung
-gestiegen, und der Assistent benutzte die nächste Gelegenheit, vor ihm
-seine Bewunderung auszudrücken.
-
-Seltsamerweise nahm Professor Hammann dieses Kompliment mit mehr als
-oberflächlichem Dank auf. Der gutmütig-klatschsüchtige Markwaldt, der
-sich selber so findig vorkam und doch immer an der rechten Fährte
-vorbeilief, konnte nicht wissen, daß er seinem Chef mit seiner
-Anerkennung nur eine gemischte Freude bereitete.
-
-Denn Ludolf Hammann, um es vorweg zu sagen, trug sich seit einiger Zeit
-selbst mit heiratspolitischen Absichten. Daß er, der freiheitliebende
-Junggeselle, dessen Herz für den Sport, dann für sich und erst in
-letzter Linie für die Frauen schlug, dabei mehr der Not als der Neigung
-gehorchte, lag nahe. Für Alice Hupfeld hatte er vor Jahren mal so etwas
-wie eine Neigung zu empfinden geglaubt. Bei näherer Bekanntschaft
-mit ihren gegenseitigen Charakteren mußten sie sich beide „für den
-Ernst der Ehe ungeeignet” finden. Sie lachten sich also auseinander
-und blieben gute Freunde. Wenn der patente, wissenschaftliche Amateur
-und Zufallsgelehrte, der er war, jetzt ernstlich daran dachte, seine
-Unabhängigkeit dranzugeben, so mußte sie von anderer Seite bedroht
-sein. Seine Vermögensverhältnisse hatten denn auch -- was außer ihm
-niemand wußte -- in aller Stille einen schweren Stoß erlitten. Das
-Kapital, das ihn unabhängig machte, steckte zum größten Teil in der
-Bank eines für unbedingt sicher geltenden Onkels in den Rheinlanden.
-Diese Bank kämpfte mit der Liquidation. Hammann sah sich mit einem
-Schlag vor sehr beträchtlichen Verlusten und damit vor der Gefahr,
-seine wohlige Lebensweise in unerhörtem Maß einschränken zu müssen.
-Kein Wunder, daß er auf einen Ausweg sann, der das geringere Übel
-bedeutete, und -- ~horribile dictu~ -- sich nach einer reichen Partie
-umsah.
-
-Die akademischen Kreise der kleinen Universitätsstadt zerfielen,
-von Hammann aus gesehen, in der Hauptsache in ein modernes und ein
-rückständiges Lager.
-
-Das rückständige Lager kam für ihn nicht in Betracht. Rückständig
-waren die Professoren, denen die Gelehrsamkeit wie in alten Tagen
-ein vornehmer Selbstzweck blieb. Es waren die Leute, die er meist
-nicht einmal mit ihrem richtigen Namen kannte, alte Herren wie Vater
-Richthoff, Wilmanns und Borngräber. Jedoch nicht nur Philosophen,
-sondern auch vereinzelte Juristen, Mediziner, wie Geheimrat Geismar,
-und Theologen, von denen gar nicht zu reden war. Daß unter allerhand
-Schrullen in dieser, wie es schien, aussterbenden Kategorie von
-Hochschullehrern der beste Kern von Gediegenheit und berechtigtem
-Gelehrtenstolz steckte, war für Hammann uninteressant und nebensächlich.
-
-Wichtiger, allein wichtig war für ihn die zweite Gruppe, die neben
-der ersten allmählich als neue und moderne akademische Gesellschaft
-herangewachsen war. Zuerst und vornehmlich rekrutierte sich diese aus
-den Fakultäten, die wie die naturwissenschaftliche und medizinische dem
-praktischen Leben der Gegenwart näher standen als ihre selbstloseren
-Kollegen. Den Akademikern dieses Schlages war ein großzügiger Hang
-zum Kapitalismus eigen. Sie hielten die Legende vom Selbstzweck der
-Wissenschaft um des guten Scheines willen aufrecht, aber verstanden
-sie zeitgemäßer, also kaufmännischer. Der typische Repräsentant der
-neuen Gattung war Exzellenz Hupfeld. Leute wie Hammann, zahlreiche
-Kollegen aus den übrigen Fakultäten stellten den Chorus. Man wollte
-nicht mehr nur forschen und lehren, sondern im weitesten Sinne des
-Wortes auch leben. Alte Häuser, wie das am Wenzelsberg, mit steilen
-Weinbergen und Schnecken darin, verwunschene Butiken wie Borngräbers
-efeuumranktes Landhäuschen paßten nicht zu solchen Anschauungen.
-Gelehrsamkeit war etwas sehr Schönes, aber eine pompöse Villa im
-Villenviertel, ein altes Damenstift im Tal, kostspielige Liebhabereien,
-ein Automobil, Dienerschaft -- kurzum, Luxus war mindestens ebenso
-schön. Mit so vorgeschrittener Auffassung war aber auch die
-Exklusivität des Akademikers, die ihn bisher nicht nur aus Dünkel,
-sondern aus geistigem Unabhängigkeits- und Selbsterhaltungstrieb von
-anderen Ständen sonderte, im alten Sinne nicht aufrechtzuerhalten.
-Die moderne Hochschulgesellschaft erschloß sich denn auch naturgemäß
-Elementen, die man früher hatte abseits stehen lassen. Um sich nichts
-zu vergeben, erweiterte man die Grenze nicht nach unten, sondern nach
-oben. Nach oben freilich im wirtschaftlichen und altständischen Sinne,
-nicht im geistigen, wo ein soziales Oben und Unten nicht zu finden war.
-
-Auf dieser Verschiebung der gesellschaftlichen Grenze nach oben beruhte
-seit einiger Zeit im Kreise derer um Hupfeld der Einfluß des Grafen
-oder besser der Gräfin Hüningen.
-
-Der Graf, in sehr naher, aber nicht ganz legitimer Beziehung zu einem
-regierenden Hause stehend, hatte sein Domizil seit etwa anderthalb
-Jahren in einem kleinen Palais der Altstadt, wo im Anfang des vorigen
-Jahrhunderts eine Prinzessin ihre Witwenjahre vertrauert hatte. Nach
-reichlich bewegtem Leben als Gardeoffizier und späterer Attaché in
-Konstantinopel und anderwärts waren jetzt seine Interessen in einer
-ausschließlichen Liebe für Wappenkunst nahezu erstarrt. Man sah
-ihn fast nie, und dann nur mit der gewichtigen Miene eines von der
-Arbeit gebeugten Forschers, dem das Monokel und der Schleppschritt
-als Überbleibsel vergangener Tage seltsam unharmonisch anhafteten.
-Die Gräfin dagegen, aus der steinreichen Familie eines ostdeutschen
-Großindustriellen stammend, von mütterlicher Seite Amerikanerin, war
-trotz ihrer fünfundvierzig oder mehr Jahre noch immer eine beinahe
-jugendliche Erscheinung. Stattlich, sehr gewählt in ihrem Geschmack,
-gewandt und geistreich in ihrem Auftreten, hatte sie sich überraschend
-schnell in der vorgeschrittenen akademischen Gesellschaft zu einer
-tonangebenden Stellung emporgeschwungen, die ihr allerdings die
-„Rückständigen” nicht eingeräumt hätten. Mehr und mehr bildete sie mit
-Exzellenz eine Doppelsonne, und Hupfeld, dessen Frau zur Repräsentation
-wenig geschaffen war, ließ sich die Teilung seiner Gewalt gefallen,
-da die Gräfin es verstand, dem großen Manne zu schmeicheln. In ihrem
-Geleit, man konnte auch sagen, in ihrem Schatten, trat ihre Tochter
-Edith in die Gesellschaft. Sie hatte von der Mutter ein sehr hübsches
-Gesicht, vom Vater eine Indolenz und geistige Armut geerbt, die der
-Beweglichkeit der Mutter als Folie diente. In sachlicher Würdigung
-aller Umstände widmete sich Professor Hammann als ziemlich einziger
-Verehrer der gutmütig-beschränkten Komtesse Edith.
-
-Während Hammann mit seinen heiratspolitischen Absichten sich in
-einer durchaus vertrauten Sphäre bewegen konnte, mußte Perthes, der
-mit beiden Füßen von einem Lager ins andere gesprungen war, aus der
-einfachen Behaglichkeit des Richthoffschen Hauses in die üppige, große
-Welt der Hupfeld und Hüningen, sich an die neue Umgebung erst gewöhnen.
-Doch das ging fürs erste überraschend gut und leicht. Dem glücklichen
-Bräutigam zeigte sich das veränderte Dasein einstweilen nur von der
-angenehmsten Seite. Nach der Bekanntmachung der Verlobung begann
-ein wahrhaft verteufelter Reigen von Besuchen und Einladungen, von
-liebenswürdigen Familienfesten, Aussteuerkäufen und Zukunftsberatungen.
-Es gab Tage, an denen er und Alice kaum einen Moment erhaschten, um
-hinter irgendeiner Flügeltür der weiten, überladenen Zwölfzimmeretage,
-die Hupfelds im Winter in der Stadt bewohnten, sich die Lippen wund
-zu küssen. Aber gerade die seltene Möglichkeit, sich allein zu haben,
-die Atemlosigkeit eines immerwährenden Taumels, der sie auseinanderriß
-und nur eben zwischen Tür und Angel den Vorgeschmack einer tollen
-Verliebtheit kosten ließ, erhöhte für ihn und Alice den Reiz. Diese
-vergnügliche Jagd war wie geschaffen, um sie ihm immer neu, immer
-lockend als das verführerische Irrlicht zu zeigen, das er begehrte, und
-auch ihr die Freude an ihrem „Räuberhauptmann”, wie sie ihn endgültig
-getauft hatte, in der rechten Spannung zu erhalten. Die Bewußtheit,
-mit der Perthes sich in den Wahn auch dieses so ganz anders gearteten
-Glückes hineingepeitscht hatte, schien schneller, als er erwartet, in
-die Illusion völliger Befriedigung überzugehen. Er konnte tagelang
-vergessen, mit welcher dämonischen, ja zynischen Gewaltsamkeit er die
-Verlobung mit Alice angestrebt und herbeigeführt hatte. Wohl konnte ihm
-in einem Moment der Selbstbesinnung einmal die Frage auftauchen, ob
-es mit rechten Dingen zuging, daß er mit solcher Geschwindigkeit zum
-Oberflächlichen und Mittelmäßigen „genas”. Aber derartige Momente waren
-selten, und er tat, was er vermochte, um sie noch seltener zu machen.
-
-Die Hochzeit war auf Mitte Januar festgesetzt.
-
-Ein einziges Mal, in den geräuschvollen Bräutigamswochen vor
-Weihnachten, wurde Perthes von einem ernstlichen Rückfall bedroht. Es
-war an einem Sonntagmittag. Das intime Familiendiner bei Hupfelds war
-um ein paar Gedecke erweitert worden. Unter anderem war ein früherer
-Schulfreund von Leutnant Moritz, ein junger Assistenzarzt der Inneren
-Klinik, zu Tisch geladen. Perthes unterhielt sich gerade mit Alice über
-die unmittelbar bevorstehende Verlobung von Professor Hammann und Edith
-Hüningen. Da machte ihn eine Äußerung des gegenübersitzenden Kollegen
-aufhorchen. Dieser sprach mit seiner Tischnachbarin, einer Studentin
-der Medizin, zwei Worte über einen schweren Fall von Nervenfieber in
-seiner Klinik und nannte zufällig den Namen eines Fräulein Richthoff.
-Perthes erblaßte und ließ seine Gabel ziemlich laut auf den Teller
-klirren. Er hatte sich jeder Erkundigung nach Marga, so schwer es ihm
-bisweilen wurde, streng enthalten. Der neue Kreis, in dem er jetzt
-ausschließlich verkehrte, berührte sich kaum mit dem früheren, so daß
-ihm keine Nachrichten von drüben zukamen. Nun traf ihn diese Kunde,
-die er instinktiv auf Marga bezog, mit voller Wucht. Er mußte sich
-beherrschen, um bei Tisch bleiben zu können.
-
-Alice war die einzige, die seiner Bewegung Beachtung geschenkt hatte.
-Neugierig sah sie in sein durch die Aufregung verändertes Gesicht.
-Sie hatte den Namen Richthoff so gut gehört wie er. Sie wußte, daß
-zwischen ihm und den Richthoffschen Mädchen irgend ein Zusammenhang
-bestanden hatte, war aber, wie es so geht, immer wieder von einer Frage
-abgedrängt worden. Jetzt hätte sie gern ihre Neugierde befriedigt.
-Doch die Gelegenheit war nicht günstig dafür. Sie beschloß ihn nachher
-auszufragen.
-
-Gleich nach Aushebung der Tafel verschwand Perthes mit einer flüchtigen
-Entschuldigung.
-
-Ohne Überlegung, nur seinem Gefühl folgend, eilte er auf dem nächsten
-Weg zur Inneren Klinik.
-
-Dort ließ er durch den Pförtner den Kollegen bitten, der den
-Sonntagnachmittagsdienst hatte. Es war ein stiller, argloser, nur
-seinem Beruf ergebener Mensch. Perthes brauchte keine Umschweife zu
-machen. Er fragte also nach Marga Richthoff. Der Assistenzarzt wußte
-sofort Bescheid. Mit einer Teilnahme, die verriet, daß er der jungen,
-blinden Patientin etwas mehr als das übliche Berufsmitgefühl zugewandt
-hatte, erzählte er, daß am Tag vorher die Krisis eingetreten sei. Aller
-Voraussicht nach sei das Fieber gebrochen und die Gefahr überwunden.
-Perthes stellte noch einige fachmännische Fragen über den Verlauf der
-Krankheit, bedankte sich und ging davon.
-
-An der Befreiung, die er nach günstigem Bescheid empfand, merkte er,
-daß er eine Wunde besaß, die nicht aufbrechen durfte. Er gestand es
-sich nicht, aber er wußte, daß die entgegengesetzte Nachricht ihn
-vernichtet hätte.
-
-Eine halbe Stunde nachher war er wieder bei Alice.
-
-Sie stellte ihn zur Rede, wo er gewesen, und wollte, als er auswich,
-auch auf die Frage zurückkommen, die sie bei Tisch unterdrückt hatte.
-Er schloß ihr den Mund mit Küssen und lenkte hartnäckig ab. Er hatte
-diesen Rückfall abgetan und wollte an nichts mehr erinnert sein.
-
-In den wenigen Tagen, die noch bis Weihnachten übrig blieben,
-beschäftigten die hundert Fragen von Einrichtung und Wohnung das
-Brautpaar und die Eltern Hupfeld. Über die Wohnung gab es eine kleine
-Meinungsverschiedenheit. Exzellenz war der Ansicht, daß sein künftiger
-Schwiegersohn sich eine der niedlichen Villen kaufen müsse, die in der
-Neustadt täglich wie Pilze aus der Erde schossen. Alice hatte das von
-Anfang an nicht anders erwartet. Dagegen hatte Perthes seine Bedenken.
-Sein eigenes kleines Vermögen -- daraus hatte er nie ein Hehl gemacht
--- war im Lauf seiner Studien und im häufigen Wechsel der Stellungen,
-die sein wiederholtes Umsatteln mit sich brachte, so gut wie
-aufgezehrt. Das Gehalt eines ersten Assistenten an der Chirurgischen
-Klinik, wenn es auch nicht schlecht bemessen war, reichte noch nicht
-einmal für ein einigermaßen angenehmes Leben zu zweien, wie es Fräulein
-Exzellenz gewöhnt war. Dazu mußte die stattliche Rente mithelfen, die
-sie als Mitgift bekommen sollte: um diese Abhängigkeit konnte Perthes,
-so sehr sich sein Selbstgefühl dagegen sträubte, nicht herumkommen.
-Desto fester war er entschlossen, sich dem Geheimen Rat nicht noch mehr
-zu verpflichten. Wovon sollte er aber aus eigener Kraft eine Villa
-kaufen?
-
-Hupfeld ließ schon einen Agenten kommen. In Gegenwart der ganzen
-Familie wurden Pläne von entzückenden Landhäusern besichtigt. Eins, das
-in einer nagelneuen Bergstraße fix und fertig stand, fand allgemeinen
-Beifall. Nach weitläufigen, fröhlichen Beratungen über die Verteilung
-der Zimmer, Gartenanlagen, Wahl der Tapeten und so weiter zogen die
-Damen sich zurück. Der Agent machte den Herren seine geschäftlichen
-Vorschläge. Die Gesellschaft, die er vertrat, bot glänzende Bedingungen
-bei einer verschwindenden Anzahlung. Auf diese Weise wurden im
-Handumdrehen fast alle Akademiker zu Hausbesitzern gemacht. Perthes
-benahm sich gegenüber der Verlockung sehr kühl und widerstrebend.
-Exzellenz begriff erst nach und nach den Grund. Man verabschiedete
-den Agenten, ohne sich gebunden zu haben, und sprach sich offen
-aus. Hupfeld erklärte mit dem feinen Lächeln des wohlwollenden
-Grandseigneurs die Bedenken von Perthes für sehr ehrenwert, aber nicht
-stichhaltig. Diese paar tausend Mark Anzahlung waren eine Lappalie.
-Er wollte sie dem jungen Paar mit Vergnügen zum Geschenk machen. Als
-Perthes sich dagegen mit dankbarer Entschiedenheit wehrte, wurde der
-Geheime Rat ungeduldig, beinahe ungnädig. Von einer Mietvilla, wie
-Perthes sie vorschlug, wollte er nichts hören. Seine Alli hatte ja nun
-auch gerade an diesem Häuschen besonderen Gefallen. Er nannte Perthes,
-der in ein Geschenk durchaus nicht willigen wollte, einen Starrkopf und
-erbot sich, die Summe nur vorzuschießen. Damit mußte Perthes, wenn auch
-ungern, sich schließlich zufrieden geben.
-
-Weihnachten war da. Die Festtage zu Hause zu feiern, war seit einigen
-Jahren nicht mehr fair. Hupfelds gingen gewöhnlich für sechs bis acht
-Tage nach St. Moritz. Da indessen die Hochzeit vor der Tür stand und
-der Leutnant seine ledige Alli auch noch mal genießen wollte, wie
-er aus Freiburg schrieb, wählte man diesmal den näheren Feldberg.
-Im Schwarzwald war viel Schnee gefallen Der Wintersport versprach
-köstliche Feiertage ...
-
-Am Tag vor dem heiligen Abend fuhren die Eltern Hupfeld mit Alice. Am
-ersten Feiertag kam Perthes nach. Er fuhr im selben Zug mit der Gräfin
-Hüningen, mit Hammann und dessen Braut, Komtesse Edith. Aus einem
-Coupéfenster dritter Klasse winkte Markwaldt, der in seinem Sporthabit
-wie ein Salontiroler aussah.
-
-Auf dem Feldberg waren Rodelsport und Skilauf in vollem Gange. Im Hotel
-drängte sich eine internationale Gesellschaft, in der auch Offiziere,
-Korpsstudenten, Professoren nicht fehlten. Ein Staatssekretär aus
-Berlin, ein siamesischer Prinz, ein amerikanischer Boxcalfmillionär
-bildeten die Zentralgestirne. Alice, die außer Cousine Hilla neuerdings
-Edith Hüningen unter ihre Fittiche genommen hatte -- um Hammann bei
-seinen „Pygmalionsversuchen” zu helfen, wie sie boshaft erklärte
---, war ganz in ihrem Element. Während Papa Hupfeld sich mit dem
-Staatssekretär auf der Basis gemeinsamer Exzellenz vorzüglich verstand,
-ließ sie sich von der schlitzäugigen Siamesenschönheit Schmeicheleien
-sagen und neckte den Boxcalfmann bis aufs Blut.
-
-Perthes, der mitten aus schwerer Arbeit kam, wurde es weniger leicht,
-sich in diesem eigentümlichen Weihnachtstrubel wohl zu fühlen. Alice
-erklärte, ihr Räuberhauptmann sei und bleibe zwar der netteste und
-famoseste Junge in dieser internationalen Raritätensammlung, aber er
-müsse eifersüchtig gemacht werden. Mit ihren Manieren eines Gamin,
-ihren drolligen Bosheiten und Unarten machte sie sich Sklaven und
-Anbeter. Aber Perthes hütete sich, eifersüchtig zu sein. Zum mindesten
-es zu scheinen. Wenn er sie dann glücklich vor sich im Davoser
-Schlitten hatte, mit ihrer engen, weißen Jacke und der schiefen
-Eismütze, preßte er sie mit jener zornigen Leidenschaftlichkeit an
-sich, die sie so oft in ihm weckte, und sie sausten mit Hojo an den
-verschneiten Tannen vorbei zu Tal ...
-
-Nach Neujahr kam im Eilschritt die Hochzeit. Ein prunkvoller Festtag
-rauschte vorbei: rührend in der Kirche -- denn man hielt auf religiösen
-Anstand --, lärmend, luxuriös auf dem in blühenden Sommer verwandelten
-Stift Nieburg. Am Abend ein und desselben Tages, an dem Marga, in
-Tücher und Decken gehüllt, von Elli gestützt, von Vater Richthoff
-und Käthe beaufsichtigt, ihren ersten, minutenlangen Gang durch den
-besonnten Hof am Wenzelsberg unternahm, brachte das Automobil Doktor
-Perthes und Frau Alice, geborene Hupfeld, nach der Bahn.
-
-In Südfrankreich, später in Neapel flogen dem jungen Ehepaar die
-Wochen der Reise in zeitloser Wonne vorbei. Trunken vom Glück einer
-entzügelten, unerschöpflich scheinenden Verliebtheit sahen sie einer
-den anderen im zauberhaften Licht immer neuer Reize. Sie dünkten
-sich andere Menschen geworden zu sein mit nie geahnten, unbegrenzten
-Möglichkeiten ihrer selbst und allen Daseins.
-
-Im Februar kamen sie zurück.
-
-Der Geheime Rat holte sie ab und führte sie im Triumph in das
-entzückende, über Erwarten bequem und elegant ausgestattete Heim, wo
-Mama Hupfeld mit unwandelbarer, dicker Kindlichkeit sie empfing.
-
-Nachher jagten sie sich wie die Jungens durch ihre Zimmer.
-
-Auf der Rückreise waren sie etwas schlaff geworden. Ein klein
-wenig Katerstimmung hatte sich einschleichen wollen -- nun die
-Alltäglichkeit vor ihnen, das Außergewöhnliche hinter ihnen lag.
-
-Jetzt, beim ersten Schmaus zu zweien, im eigenen Nest, verkündete
-Perthes, daß es für ihre Liebe überhaupt keinen Alltag gäbe, und Alli
-bekräftigte diese Devise mit ihrem hellen, kurzen, aufreizenden Lachen,
-das sich stärker erwiesen hatte als alle seine gemütvollen Torheiten
-aus längst vergangener Zeit.
-
-
-
-
-14
-
-
-Der frische Luftzug, der dünne, schräge Sonnenstrahl, den Vater
-Richthoff durch den gutgemeinten pommerschen Reiseplan hatte in sein
-Haus locken können -- wie flüchtig und trügerisch war er gewesen! Wie
-schnell sollte die Hoffnung, die ihn aufatmen und Elli eine ganze Kur
-ersinnen ließ, um Marga „unter Freude zu setzen”, von verdoppeltem
-Kummer, vervielfachter Sorge verschlungen werden! Schicksal und Natur
-hatten es mit Marga anders vor als väterliche Güte und schwesterlicher
-Feuereifer ...
-
-Trotz aller Weisheit unserer heutigen Medizinmänner ist ein seelisches
-Prinzip der Träger des Lebens. Wenn das Leid an seine Wurzel trifft,
-gilt kein Flicken und Kleistern mehr. Allenfalls gibt es ein müdes,
-seelenloses Vegetieren, das der Körper mechanisch fristet, aber kein
-Gesunden zu neuem Menschentum. Die abgestorbene Wurzel treibt nicht
-mehr. Vielleicht birgt das Erdreich, dem sie entsprang, eine zweite
-Lebensmöglichkeit. Aber dann müßte die verkümmerte Wurzel schwinden;
-es müßte ein frischer, jungfräulicher Boden zurückbleiben können. Die
-Natur, die immer nur Bedingung ist und nicht Grund, kann diesen Boden
-bereiten. Sie liebt die toten Wurzelstrünke nicht. Wenn sie beginnen,
-den Organismus zu schädigen, hebt der Kampf um Sein oder Nichtsein
-an, und die größte Gefahr birgt die größte Hoffnung. Nach schwerem
-Ringen entscheidet sich der Sieg des Körpers über die feindliche und
-doch freundliche Krankheit. Die erstorbene Wurzel ist vernichtet, die
-alte Seele dem Erdboden gleich gemacht, dem neuen, keimempfänglichen,
-lockerscholligen Ackerland. Wird ein junger Keim sprießen? Wird aus dem
-Schoß des Unendlichen ein neuer Trieb hervorbrechen? Das weiß nur das
-Schicksal allein. Denn das Schicksal bestellt die Saat, wie die Natur
-den Boden bereitet ...
-
-Den schwülen Wochen folgten die Wochen des Unwetters. Aber der
-verdoppelte Kummer, die vervielfachte Sorge waren nicht grausamer als
-das traurige, schleichende Harren ohne Hoffnung. Man stand ehrlich
-Feind gegen Feind. Es war ein harter, wehvoller Streit, und die ihn mit
-Marga stritten, hatten die Befriedigung, wenigstens ihre Tapferkeit
-erweisen zu dürfen. Der alte Herr trug mutig seine Fahne. Die römischen
-Cäsaren brauchten sich ihres Meisters nicht zu schämen. Er war, wie
-alle guten Meister, auch ein guter Schüler in seiner eigenen Schule.
-Und Käthe und Elli schlossen sich an ihn in festerer Liebe denn je.
-Erst daheim und dann, als die Gefahr den Gipfel erstieg, draußen
-in der Klinik war all ihr Denken und Fühlen bei der Kranken. Wenn
-es sein Beruf und die häuslichen Arbeiten irgend erlaubten, ging
-Richthoff am Morgen und Abend selber nach dem klinischen Viertel und
-holte bei Geismar, bei einem Assistenten, bei den Krankenschwestern
-den Bericht der Stunden. Dazwischen kamen und gingen Käthe und Elli
-in friedlichem Wetteifer. Nach langem Warten oft nur ein Wort zu
-erhaschen, war schon eine Belohnung. Wenn der Geheimrat und Käthe
-nicht gewesen wären: Elli hätte das Krankenzimmer Margas aller Gefahr
-und jedem Widerstand der Ärzte zum Trotz einfach gestürmt. Ihre Liebe
-war in der Sorge so ungestüm wie in der Freude. Man kannte sie in
-der Klinik vom Pförtner bis hinauf zum Direktor, und wenn sie kam,
-wappnete sich jeder gegen ihre impulsive Liebenswürdigkeit, ihre
-nie entmutigte Überredungskunst. Und dann, als das Fieber sank, die
-Ansteckungsgefahr gewichen war, als erquickender, stärkender Schlaf
-Marga umfing, war Elli die erste, die sie sehen mußte: an der Tür
-stehend, auf den Fußspitzen, mit den strahlenden, tränenschimmernden
-Augen, vom Arzt und der Krankenschwester im Schach gehalten, damit sie
-nicht auf ihr blasses, abgemagertes, verzehrtes Margakind losstürzte
-und das „Häuflein Mensch”, das da so still und verfallen der Genesung
-entgegenschlummerte, in ihren Armen zerdrückte.
-
-Langsam, ganz langsam ging es bergauf. Jede Station nach oben wurde mit
-dankbarem Jubel begrüßt. Zehn Tage nach Neujahr erlaubte Geismar die
-Überführung Margas nach dem Wenzelsberg.
-
-Trotz der eisigen Winterluft stand der alte Herr, leichtsinnig wie
-ein Junger, nur durch den aufgestülpten Rockkragen und das übliche
-Samtkäppchen sich schirmend, im Vorgarten auf Posten. Als er den
-Wagen aus der Querstraße heraufbiegen sah, ging er vorsichtshalber
-ins Haus. Er wußte, daß er diesmal seine überzeugte Abneigung gegen
-„Gruppenbildungen” unmöglich würde aufrecht erhalten können. Sie
-mochten sich aber dann wenigstens nicht vor unberufenen Augen
-vollziehen.
-
-Lieber Gott, wie lange die Mädels brauchten! Er wartete ja schon ewig
-auf dem ersten Treppenabsatz, wohin er sich zurückgezogen hatte, um in
-jedem Fall über der Situation zu bleiben. Therese stand schon längst
-unter der Glastür und wischte sich zum zwanzigstenmal die Hände an der
-Schürze ab, um Fräulein Marga zu begrüßen.
-
-Und dann brachten sie sie. Halb getragen, halb geschoben kam sie durch
-die Tür. Auf dem blassen Gesicht, in den zielverlorenen Augen glänzte
-ein Widerschein von all der wärmenden Liebe, die sie umhüllte. Therese
-sagte ihr „Grüß Gott!” Marga erwiderte mit ihrer sanften, herzlichen
-Stimme.
-
-Bei diesem Ton fiel dem alten Herrn plötzlich ein, wie es gewesen wäre,
-wenn er die Stimme dieses seines blinden Sorgenkindes nicht wieder im
-Haus am Wenzelsberg gehört hätte. Und da hielt er sich nicht über der
-Situation. Er stieg hinunter von seinem Treppenabsatz, und es gab eine
-richtige Gruppenbildung, an der er selber mit zwei Küssen auf Margas
-Wangen sehr gravierend beteiligt war.
-
-„Nicht wieder solche Geschichten machen. Ja nicht! Herzlich willkommen.
-Sich setzen! Sich stärken! Ausruhen!” Einmal ums andere strich er
-die Haare über Margas Schläfen zurecht, die wenigen zarten, die die
-Krankheit ihr gelassen. Er selber führte sie ins Eßzimmer und setzte
-sie in den Lehnstuhl, der sein Privileg war. Elli erklärte feierlich,
-es sei einfach unmöglich, daß andere Menschen sich so freuen könnten
-wie die Richthoffs. Und Käthe vollendete in stummer Beglücktheit einen
-schönen, tiefgründigen Satz für ihr Tagebuch, der verdient hätte,
-gedruckt zu werden ...
-
-Das erste Viertel des neuen Jahres brachte Schritt für Schritt den
-alten guten Geist in das Haus am Wenzelsberg. Nun war Vater Richthoffs
-„Bande” wieder beisammen. Nun trat er seine Paschawürde wieder an.
-Während der zweite Teil der ersten Abteilung der „Kaisergeschichte”
-seinem Ende entgegengedieh, erlebte er es, daß die Türen wieder
-unerlaubt ins Schloß knallten und Ellis Lachen aus der Dachstube oder
-vom unteren Flur in seine Zettelwirtschaft und sein Miniaturgekritzel
-hineinschmetterte. Er schmunzelte, wurde bös, stand auf, schob das
-Käppchen von einem Ohr aufs andere und donnerte, Ruhe gebietend, durch
-den Türspalt. Die Cäsarengeister spitzten ihre Ohren wie kampfmutige
-Rosse beim vertrauten Schlachtruf und stritten sich hinterdrein um die
-Ehre, vom Gänsekiel des alten Herrn gelobt oder getadelt zu werden.
-
-Erst der Frühling, der im Weinberg schüchterne Krokus und naseweise
-Maiglocken an die Sonne trieb, gab Marga ein wenig Rot in die Wangen
-und kräftigte ihre schmächtig gewordenen Glieder. Was in ihr wurde und
-wuchs, hervor aus neuem, unberührtem Boden, verriet sich kaum. Das
-Vergangene, das herbe Leid des Herbstes, schien wie in fernem Dunst
-zerflossen zu sein. Die Krankheit hatte ihre Erinnerung geschwächt.
-Weite Strecken des Gewesenen schienen wie ausgelöscht oder dämmerten
-ohne ernsten Zusammenhang. Erst allmählich traten die Geschehnisse
-in matterem, verändertem Licht wieder in ihr Bewußtsein. Sie sprach
-nie davon, und Vater Richthoff und die Geschwister hüteten sich in
-begreiflicher Scheu, daran zu rühren. Die Traurigkeit der großen Leere
--- war von ihr gewichen. Dankbar empfanden es die, die sie umgaben.
-Laut und allzu lebhaft war sie auch in den Tagen ihres höchsten Glücks
-nicht gewesen. Man war es deshalb schon zufrieden, daß sie nun wieder
-sanft und leise ihren Platz unter den Schwestern innehatte. Das Klare,
-Tapfere, Offene ihres Wesens, der Reichtum und die Reife inneren
-Schauens und Erlebens -- all das regte sich noch kaum in ihr. Es war
-schattenhaft und rissig wie ihre Erinnerung. Aber sie war dem Tode zu
-nahe gewesen, als daß das wiedergewonnene Leben mit dem erwachenden
-Frühling seine zaghafte Lust hätte zurückhalten können. Sie wollte
-wieder. Und wenn es nur war, daß man sie in die Sonne führte, mit ihr
-plauderte, ihr Blumen pflückte und vorlas. Einmal, als sie mit Elli
-sich zum erstenmal emporwagte bis zum Philosophenweg im Weinberg, wo
-hinten auf dem Wiesenhang die Pfirsichbäumchen zu blühen anfingen
-und im junggrünen Schlinggewächs die Finken ihre Triller probierten,
-breiteten sich ihre Arme wieder weit, so weit, und ihr Kopf warf sich
-zurück, als wollte sie die Sonne suchen, die sie umrieselte. Sie wollte
-wieder leben. Sie wollte vom Schicksal wieder ihr Teil empfangen: eine
-neue Saat für eine neue Seele ...
-
-Noch vor Semesterschluß brachte der erste Frühling eine Überraschung.
-
-Als sollte ein frohes Ereignis bezeugen, daß es das neue Jahr im Ernst
-besser meine als das verstrichene. Bei Käthe zeigten sich seit einiger
-Zeit Symptome einer größeren Nachdenklichkeit, Verschlossenheit und
-Weltklugheit als sonst. Irgend ein sehr wichtiges Problem schien sie
-und ihr Tagebuch zu erfüllen. Nach Weihnachten hatte Richthoffs
-Schüler, der Privatdozent Bertelsdorf, dessen Tenor im akademischen
-Gesangverein eine Rolle spielte, eine seltene Beharrlichkeit darin
-gezeigt, Käthe nach den Proben heimzubegleiten. Käthe hatte sich bei
-Bertelsdorfs Aufmerksamkeiten bisher nie viel gedacht. Sie kannte seine
-Schwäche, sich bei den Professoren durch einen recht biegsamen Rücken
-lieb Kind zu machen. So erklärte sie sich auch die Häufigkeit, mit der
-er, im Wetteifer mit dem Flanellstorch, bei geselligen Veranstaltungen
-sie zur Tischdame begehrte; so auch, freilich nicht mehr ganz
-zweifellos, sein Auftauchen in Kissingen. Im übrigen konnte man sich
-mit ihm sehr gescheit unterhalten. Sie war empfänglich für allerlei
-wissenschaftliche Belehrungen, die er zu geben wußte; er war ein
-geduldiger Zuhörer für Käthes Lebenserfahrung und Weltweisheit -- das
-wog bei ihr seine Liebedienerei beinahe auf. Er hatte die Fähigkeit,
-sich ihr unterzuordnen, was für ihre Beurteilung von Menschen und deren
-Wert gar keine nebensächliche Rolle spielte. Als er jedoch eines Abends
-auf dem Heimweg von der Messiasprobe einen regelrechten Antrag mit ~a~,
-~b~ und ~c~ entwickelte, überraschte er sie doch. Sie sagte zuerst
-rund heraus nein. Als sie aber ans Richthoffsche Vorgartentor gekommen
-waren und Bertelsdorf, beharrlich wie er war, seine Werbung noch einmal
-zur Diskussion stellte, versprach sie wenigstens, sich die Sache zu
-überlegen.
-
-Zunächst nur aus Artigkeit. Dann aber ging sie mit sich zu Rat -- in
-all der Rechtschaffenheit, die ihr eigen war. Einige Wochen dauerte es.
-Nun hatte zwar ihr Nein sich durchaus noch in kein Ja verwandelt, aber
-die Wage stand annähernd im Gleichgewicht. Und da machte Bertelsdorf
-einen Vorstoß auf eigene Faust: er hielt in einem sehr detaillierten
-Brief, der auch philologisch bemerkenswert war, bei Geheimrat Richthoff
-in aller Form um seine älteste Tochter an.
-
-Vater Richthoff hatte nach seinen jüngsten Erfahrungen einen Horror
-vor Brautwerbungen. Anderseits war ihm der Gedanke, daß seine Töchter
-dem üblichen Los anderer junger Mädchen nicht für immer ausweichen
-könnten, wenigstens nicht mehr vollkommen neu. Es schien nun einmal in
-den Sternen zu stehen, daß er in die Ära hochzeitlicher Bedrängnisse
-eingetreten war. Bei Käthe fielen die Bedenken fort, die den Entschluß,
-als es Marga galt, so erschwert hatten. Bertelsdorf war ihm als Schüler
-wert, wenn er auch an ihm als Menschen manches auszusetzen hatte.
-Mehrere möglichst geheime Konferenzen mit Käthe folgten. Das Ergebnis
-war, daß der Privatdozent der letzten beiwohnen durfte. In aller
-Stille, ohne zu große Aufregung, verlobten sich die jungen Leute, und
-der alte Herr gab seinen Segen.
-
-Es war Käthes eigener taktvoller Wunsch, daß Marga so schonend wie
-möglich von diesem Ereignis unterrichtet werden sollte. Elli wurde
-zur Mittelsperson ausersehen und zuerst von Käthe eingeweiht. Ihr
-fröhliches Herz, zur Mitfreude so geschaffen, machte sich in vielen
-Umarmungen der Braut Luft. Sie versprach, ihr Bestes zu tun.
-
-Es sind oft nicht die schlechtesten Diplomaten, die von Diplomatie
-keine Ahnung haben. Elli behandelte Marga zwei Tage hindurch mit sehr
-durchsichtigen Vermutungen und Andeutungen, bis dieser gar nichts
-anderes übrig blieb, als das Vorgefallene zu erraten. Sie erbleichte
-wohl; ihre Lippen zitterten, und ihre Augen senkten sich in einer
-schmerzhaften, traurigen Anwandlung. Aber das Vergangene hatte keine
-Gewalt mehr über ihren neuen, jungen Willen, zu leben. Im Gegenteil:
-die Nachricht fiel wie ein erstes Saatkorn auf den fruchtwilligen
-Boden. Es regte sich in ihr etwas von ihrer früheren Tapferkeit. Sie
-ließ sich von Elli geradeswegs zu Käthe führen und brachte ihr mit
-warmen, ungekünstelten Worten ihren Glückwunsch. Käthe war gerührt. Und
-der Geheimrat, der gerade dazukam, war bei sich auf sein Sorgenkind
-noch stolzer als auf die Braut, die er nun doch ins Haus bekommen hatte.
-
-Die Ostertage, mild und sonnenreich, voll Verheißung des jungen
-Frühlings für die alte Erde, ließen das Haus am Wenzelsberg nach innen
-und außen so recht im gewohnten Schimmer seiner guten, warmherzigen
-Behaglichkeit aufleuchten. Kaum war die Verlobungsneuigkeit in die
-Stadt geflattert, so kamen in langen Zügen die Freunde des Hauses.
-Papa Wilmanns rückte mit Frau und Töchtern an und schalt laut durch
-alle Zimmer, sein Kollege Richthoff sei ein Heimtücker und Duckmäuser,
-genau wie Borngräber. Auch ein Komödiant. Nun sehe man, was er den
-Winter über ausgeheckt habe, als er so unleidlich gewesen. Borngräber
-erschien natürlich auch. Er hatte sich eine sinnige kleine Ansprache
-ausgedacht, aber als er glücklich so weit war, hatte er vergessen,
-um was es sich genauer handelte, und sprach in dunklen Worten von
-einem frohen Ereignis. Man hätte ebensogut meinen können, er käme,
-um Richthoff zur Großvaterschaft zu gratulieren. Weiter kam Frau
-Geheimrat Achenbach mit ihren hoheitsvollen, weißen Scheiteln und dem
-Krückstock; Cousine Grasvogel, ein bißchen kleinlaut nach ihren letzten
-unglücklichen Leistungen, aber voll ehrlicher Rührung; Fräulein Lizzie
-aus der Uferstraße; der Flanellstorch, sehr geknickt und nervös, und
-viele andere: eine ganze Defiliercour, die der alte Herr an der Seite
-des Brautpaars voll Würde abnahm. Elli und Marga standen abseits in
-der Glasveranda vor dem Salon, die die Gratulanten in ein blumenbuntes
-Gewächshaus verwandelten. Auch sie bekamen viel Freundliches zu hören.
-Elli wünschte man Glück, so oft man sie sah, „einfach, weil so was
-existierte”, wie Frau Achenbach scherzend meinte, und Marga, weil alle
-sich freuten, sie wieder gesund zu sehen ...
-
-Niemand ahnte, wie bald sich die hellen, traulichen Räume am
-Wenzelsberg den gleichen, aber so ganz anders gestimmten Gästen öffnen
-sollten ...
-
-Geheimrat Richthoff hatte gleich nach Ostern, ehe die Vorlesungen des
-neuen Semesters wieder begannen, eine langersehnte, für die Forschungen
-der Kaisergeschichte notwendige Italienfahrt geplant. Nach den
-mancherlei seelischen Aufregungen des Winters versprach er sich von
-den paar Wochen im Süden auch für seine Erfrischung das beste. Alle
-Vorkehrungen waren getroffen. Der alte Herr fühlte seine jugendliche,
-unerschöpfliche Begeisterung erwachen, wie sie ihn immer überkam, wenn
-er nach Jahren wieder klassischen Boden unter die Füße bekommen sollte.
-
-Hofrat Geismar machte ihm einen dicken und harten Strich durch seine
-frohe Rechnung. Als er sich ihm vorsichtshalber vor der Reise noch
-einmal stellte, mehr besuchs- als konsultierenderweise, riet ihm
-der ärztliche Freund kurzerhand von der Italienfahrt ab. Wie seine
-Herztätigkeit dermalen beschaffen sei, wäre Gleichmäßigkeit der
-Lebensweise gebotener als Veränderung.
-
-Richthoff beschimpfte Geismar und die ganze Sippe der Ärzte als
-Kurpfuscher und Freudenverderber aufs ehrenrührigste. Lange trug er
-sich mit der Absicht, trotzdem zu reisen. Aber dann kapitulierte er
-doch vor der „Quacksalberei”. Für seine Mädels, die sich über seinen
-jähen Planwechsel verwundern mußten, erfand er eine Geschichte in
-grimmigen Bruchstücken: eine unerwartete Arbeit sei in die Quere
-gekommen. Und er blieb. Den anderen Rat Geismars, sich auch zu Hause
-in den Ferien etwas Ruhe und Ausspannung zu gönnen, befolgte er nicht.
-Unter keinen Umständen sollten ihn diese tyrannischen Menschenschinder
-zum weichlichen Sybariten machen. Als echter Protestler rauchte er
-zwischen seinen erbärmlichen, nikotinfreien Strohstengeln eine halbe
-Kiste anständiger Havannazigarren, Importen, die ihm ein Verehrer in
-Bremen mit launigen Versen dediziert hatte.
-
-Das Semester begann.
-
-Die Sprechstundenbesucher kamen. Unter den ersten befand sich eine
-junge, hochgewachsene, brunhildenhafte Livländerin. Sie hatte dem
-Geheimrat, der bisher keine Damen zugelassen hatte, die Erlaubnis schon
-im Wintersemester halb abgetrutzt, halb abgeschmeichelt. Das heißt, der
-alte Herr machte bei ihr nur insofern eine Ausnahme, als er nicht, wie
-er das sonst gelegentlich getan, im Kolleg auf die Dame zuschritt und
-ihr mit grimmiger Galanterie den Arm bot, um sie hinauszugeleiten. Er
-duldete sie. Nicht weil er von seinem Grundsatz abgehen wollte, sondern
-um sich eine liebenswürdige Schwäche zu verstatten. Als Ausnahme, die
-die Regel bestätigt ...
-
-Die junge Livländerin rechnete auf ihre sonnigen, ostseeblauen Augen.
-Auch für den Sommer. Sie verehrte den alten Herrn. Es mußte ihr
-gelingen, von der geduldeten zur offiziellen Hörerin vorzurücken.
-Zur Verblüffung Thereses kam sie mit einem Strauß von köstlichen,
-rosablühenden Rosen.
-
-Auf der Treppe begegnete ihr Elli. Diese kannte „die” Hörerin des
-Vaters von einer Gesellschaft bei Wilmanns und tauschte mit ihr einen
-lächelnden Gruß.
-
-Dann trat das junge Mädchen bei Vater Richthoff ein, ihren Strauß wie
-einen Schild vor sich hertragend.
-
-Der Geheimrat saß am Schreibtisch und schlürfte den Kaffee, den ihm
-Elli eben gebracht. Höflich stand er auf. Mit der Zuvorkommenheit,
-die er Damen gegenüber nie vergaß, ging er ihr entgegen. Ihr Lächeln
-erwiderte er mit einer Verschmitztheit, die sagen wollte: Diesmal wirst
-du mich nicht kleinkriegen. Er war noch nicht bei ihr, um ihr die Hand
-zu geben und sie zum Sitzen einzuladen, als er, offenbar durch einen
-Fehltritt, zur Seite kippte. Mit beiden Händen suchte er am nahen Tisch
-Halt. Die junge Dame wollte ihm beispringen. Aber er war schon mit
-einer seltsamen Schwerfälligkeit in einen Sessel gesunken.
-
-Sie legte die Rosen vor ihn hin. Mit Befremden nahm sie wahr, wie sein
-Mund sich bewegte, ohne das dankende Wort hervorbringen zu können.
-Eine krampfhafte Verzerrung arbeitete in seinem bärtigen Antlitz. Das
-Sammetkäppchen schob sich ihm in die Stirn. Seine Hand, die emporgriff,
-um es hinauszurücken, fiel schwer zwischen die Rosen auf den Tisch. Der
-Körper sank gegen die Lehne.
-
-„Was ist Ihnen, Herr Geheimrat?” stammelte das junge Mädchen mit
-zunehmendem Schreck.
-
-Seine Augen starrten sie durch die Brille irr und ratlos an.
-
-Sie lief nach der Tür und rief die Treppe hinunter, laute,
-hilfeheischende Worte.
-
-Elli kam von unten, Käthe von oben, beide mit fragenden, verwunderten
-Mienen.
-
-„Ihrem Herrn Vater ist unwohl geworden!”
-
-Die Schwestern eilten mit der Fremden bestürzt ins Arbeitszimmer. Der
-Anblick raubte ihnen einen Moment die Sprache. Dann schrien sie auf vor
-Schreck.
-
-Der Leib des alten Herrn war vornüber gesunken. Sein kahler Kopf, von
-dem das Käppchen herabgeglitten war, ruhte mit den wenigen weißen
-Strähnen auf dem Strauß von duftenden Rosen.
-
-„Papa -- was ist dir?” Elli hatte sich neben ihm auf die Knie geworfen
-und griff nach den schlaffen Händen.
-
-Käthe rief nach Therese, nach dem Arzt. Sie rannte aus dem Zimmer. Elli
-mit demselben Ruf besinnungslos hinter ihr drein. Von dem gleichen
-Gedanken beseelt, stürzten sie aus dem Haus. Käthe nach dem nächsten
-Fernsprecher, Elli zu Geismar.
-
-Therese stand verständnislos und kopfschüttelnd unter der Küchentür,
-sah die beiden Fräulein vorbeirasen, ohne ihre Worte zu verstehen, und
-die fremde Dame, die sich unheimlich und überflüssig fühlte, ihnen
-fluchtartig folgen ...
-
-Marga war bei dem entsetzten Aufschrei der Schwestern aus der Tür ihres
-Zimmers im Dachstock getreten, das Käthe vor ihr verlassen. Sie wußte
-von nichts. Aber das Rufen, Laufen und Türenschlagen erfüllte sie mit
-einer erschreckenden Ahnung, die ihr scharfer Instinkt schnell in die
-klarste Gewißheit verwandelte.
-
-Da unten, einen Stock tiefer, war der Tod eingekehrt. Sie meinte seine
-eisige Kälte gegen ihre Wangen, ihre Stirn andringen zu fühlen.
-
-Und mit der Gewißheit kam eine wunderbare, mechanische, gebietende
-Sicherheit über sie. Mit einer langsamen Ruhe, über die sie sich selber
-wunderte, stieg sie die Treppe hinunter und trat durch die offene Tür
-in das Arbeitszimmer ihres Vaters.
-
-Sie flüsterte seinen Namen. Keine Antwort kam zurück. Sie wußte, daß
-es nicht sein konnte. Sie atmete den Duft von Rosen. Trotz ihrer Ruhe
-bebte sie zurück vor der kalten Stille und wagte sich nicht weiter. Sie
-tastete um sich und setzte sich auf den ersten Sessel am Tisch. Ihr
-inneres Gesicht war erwacht. Wahr, aber schöner als alle Wirklichkeit.
-Sie sah das büchervolle, verqualmte Zimmer; sie sah den Tod, eine
-anmutige Mädchengestalt mit einem Büschel Frühlingsblumen in lachenden
-Farben, die auf den alten Herrn mit dem grimmig-gütigen Gesicht
-scherzend zutrat; sie sah, wie sein Haupt mit einem verständnisvollen
-Lächeln sich über den Duft und die Blüten neigte und tief, immer
-tiefer darin versank. Und stumm, andächtig, ein Bild im Bilde, saß sie
-dabei und hielt Wache, während die Tränen sich leis und schwer aus den
-blinden Augen lösten und über ihre gefalteten Hände tropften ...
-
-Später kamen die Schwestern. Nach ihnen der Arzt, Hofrat Geismar. Er
-konnte nur den durch eine Herzlähmung herbeigeführten Tod des Freundes
-konstatieren.
-
-Und dann kam es weiter wie ein wirrer, böser Traum, Stunde um Stunde,
-vom Tag zur Nacht, von der Nacht zum Tag, hinter dem Tod sein trübes,
-düsteres Geleit.
-
-Elli und Käthe waren wie gelähmt von Schmerz. Nur Marga behauptete
-inmitten des Gedränges der kleinen, harten Notwendigkeiten ihr
-Gleichgewicht. Mit ihr allein konnte Professor Wilmanns, der als erster
-am Platz erschien und als treuer Hausfreund im Verein mit Geismar
-und Bertelsdorf die Leitung aller Angelegenheiten übernahm, sich
-beraten und bereden. Das Schicksal hatte gesät. Rauh und herb. Aber
-gerade dieser tiefe, große Schmerz ließ die neue Kraft ihrer Seele
-emporwachsen: die Klarheit, ihre Tapferkeit, ihre reife Stärke zu
-leiden und zu lieben.
-
-Die Schar der Freunde, noch vor wenigen Wochen so froh und festlich
-gestimmt, zog trauernd durch das verwaiste Haus am Wenzelsberg.
-Verwandtschaftliche und offizielle Beileidsbezeugungen von auswärtigen
-Universitäten, vom Ministerium, von der Berliner und Münchner Akademie,
-von seiner Burschenschaft; die würdige Feier in der Aula, bei der
-Borngräber die knappste und ergreifendste Rede seines Lebens hielt, das
-machtvolle Feiergepränge des akademischen Leichenzuges wogte daher und
-wogte vorüber. Noch ein Druck von unzähligen, wohlmeinenden Händen am
-Grab, und dann führte die letzte Kutsche die drei schwarzgekleideten
-Richthoffmädels zurück ins einsame väterliche Haus ...
-
-In der Nacht, nachdem sie den alten Herrn hinausgetragen hatten,
-kam sich das alte Haus am Wenzelsberg schlecht und wurmstichig und
-älter vor denn je. Es knackte in seinen Dielen, es streckte sich
-im Gebälk und in den Wandfugen. Dann horchte es in sich hinein: es
-war ein eigentümliches Knistern und Raunen im öden Arbeitszimmer
-von Vater Richthoff. Die Geister zogen, die hohen, erzgemeißelten,
-ehrfurchtgebietenden Cäsaren -- sie zogen aus Zetteln und Blättern, aus
-Winkeln und Ecken durch die mondhelle Stube hinaus in die Mainacht. Sie
-hatten begriffen, auch sie, daß es zu Ende war.
-
-
-
-
-15
-
-
-Beim Weihnachtswiedersehen auf dem Feldberg hatte Leutnant Hupfeld
-gelegentlich ausgerufen: „Ich kann mir nicht helfen, Kinder! Aber Alli
-mir als junge Frau zu denken, ist mir schlankweg unmöglich!”
-
-Der frische, natürliche Junge hatte da ein Wort gesprochen, wahrer und
-prophetischer, als er selber wußte.
-
-Frau Alice Perthes war nicht zu Würde und Ehrsamkeit, oder, wie
-sie es nannte, zur biederen, deutschen Hausfrau geschaffen. Ihre
-Sucht, modern, chic, vorurteilslos zu sein, war nicht gemacht und
-angelernt; sie ergab sich durchaus natürlich und folgerichtig aus
-ihrem wurzellosen Wesen, ihrem prickelnden, sensationsdurstigen
-Temperament, ihrer spottlustigen, spitzbübischen Wechselnatur, wie
-sie im beweglichen Spiel ihrer Mienen, ihrem graziös-leichtfertigen
-Gang, ihrem gelenkigen, biegsamen Körper sich ausdrückte. Sie war
-auch gar nicht gesonnen, in der Ehe eine andere Haut anzuziehen. Das
-flotte Mädel zu sein und zu bleiben, das sie Gott sei Dank war, blieb
-Alices Wahlspruch auch für die Ehe. Und Perthes, den eben diese
-herausfordernde Mädelsmanier so leidenschaftlich angezogen hatte,
-wiederholte ihr immer wieder: „Gerade wie du bist, Irrwisch, brauch'
-ich dich und will ich dich haben!”
-
-Die neue gesellschaftliche Atmosphäre, in die sich Perthes versetzt
-hatte, war ihm nach wie vor nur in ihren Annehmlichkeiten fühlbar
-geworden. Ein elegantes, großzügiges häusliches Leben, Geselligkeit
-im eigenen Heim, Geselligkeit draußen, der angenehme Nervenreiz
-beständiger Abwechselung: das waren lauter Dinge, die ihm fürs erste
-imponierten. Soweit es seine beschränkte Zeit irgend erlaubte und die
-Rücksicht auf die sichere Hand, die sein chirurgischer Beruf verlangte,
-es zuließ, machte er mit. Den großen Rout im Palais Hüningen, die
-üppigen, offiziellen Semesterdiners bei den Schwiegereltern, kleine
-und große Schmausereien bei Hammanns und anderen Bekannten -- ließ
-er sich nicht entgehen, auch wenn er sich mal ein bißchen kaput und
-ermüdet fühlte. Worin er sich bescheiden mußte, das war der Sport,
-dem seine Frau nach wie vor huldigte. Das Neueste, was die Gräfin
-Hüningen einzubürgern suchte, war Polo, und Alice war Feuer und
-Flamme für das Pferdeballspiel. Dazu fehlte ihm die Zeit. Und sein
-Leben konnte dann mitunter ein wenig junggesellenhaft werden. Wenn er
-zur Hauptmahlzeit zwischen sechs und sieben „mordshungrig” von der
-Klinik kam, mußte er sich öfter allein servieren lassen, weil sein
-Irrwisch noch „herumstrolchte”. Aber das Grundgesetz ihrer Ehe, das er
-stillschweigend sanktioniert hatte, war die Freiheit hüben und drüben.
-Sie mußte geachtet werden.
-
-Mitte Mai -- er war eben am Schluß eines solchen Junggesellenmahls
-angelangt -- kam Alice aus der Stadt heim. Gewöhnlich brachte sie einen
-Sack voll Tagesneuigkeiten mit, die sie als Nachtisch zur gefälligen
-Auswahl ihrem Räuberhauptmann auf den Tisch schüttete. Im Vorbeigehen
-hatte sie bei den Eltern ein Butterbrot gegessen und setzte sich dann
-noch zur Unterhaltung neben ihn.
-
-„Denk' mal an -- ich komme durch die Hauptstraße -- sehe an einem
-Bücherladen ein Telegramm des Tageblättchens angeschlagen und denke
-Wunder was passiert ist. Nachher steht weiter nichts drin, als daß
-irgend ein oller Professor am Herzschlag gestorben ist!”
-
-„Wer denn? Von hier jemand?” fragte Perthes ziemlich gleichgültig,
-während er sein Glas mit gemischtem Rotwein an den Mund setzte.
-
-„Ach, ein Philologe glaub' ich. Richter oder so was.”
-
-„Doch nicht Richthoff?” Perthes setzte sein Glas ab. Er war
-unwillkürlich betroffen.
-
-„Doch -- Richthoff. Natürlich! So hieß er!” Alice, die die
-enttäuschende Neuigkeit in der Tat nur obenhin und gedankenlos gelesen
-und auch jetzt so vorplapperte, erinnerte sich nun des rechten Namens
-und gleichzeitig einer Beziehung ihres Mannes dazu, die sie noch immer
-nicht recht herausbekommen hatte. „Hast du nicht dort früher verkehrt,
-Männi?” setzte sie harmlos hinzu.
-
-Perthes war sehr ernst geworden. So ernst, wie sie ihn lange nicht
-gesehen. Er hatte mit der Vergangenheit gründlich und dauernd
-abgeschlossen. Aber diese Todesnachricht beschwor doch, ob er wollte
-oder nicht, Erinnerungen herauf.
-
-„Gott, Räuberhauptmann, du machst ja ein gräßlich düsteres Gesicht. Was
-ist denn los?”
-
-„Schließlich handelt es sich ja auch um eine ernste Sache”, meinte er
-zerstreut.
-
-„Nu ja! Hast du denn den guten Mann so nahe gekannt?”
-
-Perthes schwieg. Er dachte an den braven alten Herrn und sann darüber,
-was aus seiner „Bande” werden mochte.
-
-„Du, das mußt du mir mal erzählen,” fuhr Alice unbekümmert fort. „Ich
-weiß nämlich genau, wie es stand. Von Markwaldt. Du mußt einer von
-den Töchtern mächtig den Hof gemacht haben! Nu mal heraus mit der
-Sprache!” Sie rückte zutunlich näher, wie um eine amüsante Geschichte
-zu hören. Beglückt, nun endlich den rechten Faden gefunden zu haben,
-den ihre Neugier immer wieder verloren, sah sie ihm mit einem übermütig
-flackernden Blick in die Augen.
-
-Perthes hatte keine Lust zu Bekenntnissen. Zu dem war ihm die Art, wie
-sie ihn dazu drängen wollte, peinlich.
-
-„Weißt du was?” sagte sie lebhaft. „Wir schließen einen richtigen
-Handel! Du erzählst mir dein Abenteuer mit den Richthoffs. Ich erzähle
-dir dafür, wie ich mich um ein Haar mit Hammann verlobt hätte, willst
-du?” Sie legte ihm den Arm um den Hals und kraulte schmeichelnd seinen
-dichten, schwarzen Bart.
-
-Er ließ es eine Weile geschehen. Dann löste er sich aus ihrer
-Liebkosung. Den Handelsvorschlag hatte er nur mit halbem Ohr gehört.
-Er war erfüllt, bedrückt von dem, was die Kunde vom Tode Richthoffs
-in ihm lebendig gemacht hatte. Der Gedanke, sich durch eine solche
-Beichte, so zuwider sie ihm an sich war, von diesem Druck zu befreien,
-war vielleicht so schlecht nicht. Wenigstens jetzt nicht, wo er
-seiner Stimmung entgegenkam. Und dann erwachte die Lust in ihm, diese
-dämonische Lust, mit der er sich zu Alices Lebensgefährten gemacht
-und sich von einer erträumten Höhe heruntergeholt hatte: er wollte
-versuchen, die alberne Bürde vergangenen Schwersinns mit einem Ruck
-vollends abzuwerfen.
-
-So gab er nach. Mehr sich als ihr.
-
-In einem von Sarkasmus und verschämtem Ernst gemischten Ton begann
-er seine idealistische Epoche zu schildern. Aber es gelang ihm
-nur im Anfang, gegenüber den Menschen und Dingen von einst die
-leidenschaftslose Überlegung festzuhalten. In dem Maße, als er sich
-dem Mittelpunkt seiner Erinnerungen näherte, fühlte er, daß er seine
-Kraft überschätzt hatte. Er wurde warm. Eine schwermütige Verbissenheit
-zerhackte seine Sätze. Das Gedächtnis Margas sträubte sich gegen jede
-Entweihung. Er konnte über dieses Mädchen und diese Liebe nicht mit
-dem Achselzucken der großen Welt hinwegkommen, das er seiner Umgebung
-für so manches andere abgelernt hatte. Warum hatte er sich verführen
-lassen, den Schleier von diesem Erlebnis zu ziehen? Und doch konnte er
-nicht abbrechen, dem wortreichen Eifer, in den er geriet, nicht Einhalt
-gebieten. Als müßte er sich für die Taktlosigkeit seiner Enthüllungen
-bestrafen, suchte er mit nervös hervorgeschleuderten Worten und
-Sätzen ein gerechtes Bild von Margas innerem Wert, von seiner eigenen
-Mittelmäßigkeit zu geben, die nicht zu ihr hinaufreichte. Es war eine
-Sisyphusarbeit, der er erliegen mußte. Er hatte sich verrannt und fand
-keinen Ausweg, bis ihn ein Blick auf Alice ernüchterte.
-
-Sie saß zusammengekauert auf ihrem Stuhl und sah ihn mit verwunderten,
-belustigten Augen unentwegt an, wie er, gleich einem fremden, spaßigen
-Tier im Speisezimmer auf- und abschritt, da einen geschnitzten Hocker
-wegstoßend, dort an einem der türkischen Kelims zerrend oder eine der
-Kristallkaraffen auf dem Büffet vom Platz rückend.
-
-Er stand still und schwieg.
-
-„Aber Maxi”, kicherte sie leise. „Daß du so ein sentimentaler Junge
-warst, noch vor nicht einem Jahr, das hätt' ich mir denn doch nicht
-träumen lassen! Geahnt hab' ich ja den Spießer immer 'n bißchen --”
-
-„Nicht wahr? Unglaublich!” stieß er hervor. Es klang gar nicht spießig,
-sondern eher wild und zornig.
-
-„Und noch heute sprichst du von deiner Angebeteten wie von einem
-Wunder! Und blind war sie auch? Einfach romantisch, Männi! Bürgerlich
-und romantisch! Gibt's nicht ein Lustspiel, das so heißt? Und dabei bin
-ich überzeugt, sie war auch nur ein biederes, sentimentales --”
-
-„Lassen wir's!” schnitt er ihr das Wort ab. „Dummheiten, du hast
-recht!” Er lachte gezwungen.
-
-Sie war aufgestanden und hatte sich ihm genähert. Sie ließ ihr Lachen,
-das kurze, helle, aufreizende, in das seine klingen.
-
-Er stand ihr gegenüber. Das Blut ging wie eine Welle durch seinen
-Körper und flirrte vor seinen Augen. Er erzitterte und ballte die
-Faust. Dann ergriff er sie und riß ihre Arme auseinander, als wollte er
-sie zerbrechen.
-
-Sie stieß einen Wehruf aus.
-
-Er bog ihren Kopf beinahe brutal zurück, nahm ihn zwischen seine
-starken, großen Hände und senkte seinen Blick in die schillernden,
-boshaft-schillernden Augen. Wer war denn das, der über ihn, über sein
-prostituierendes Geständnis, über alles, auch das Ernsthafteste, was er
-einst besessen und hochgehalten, lachen, so lachen durfte? Wo war das
-Geheimnis hinter diesen Augen? Wie war sie beschaffen, diese Seele oder
-was es war, dieses ewig Kichernde und Spottende? Wo war der Grund in
-diesem Ungrund?
-
-Sie wand sich los. Dieser wühlende, dringende Blick war ihr ungemütlich.
-
-„Wahrhaftig, ich glaub', du fängst an, bei mir noch Gemütsstudien zu
-machen? Auf deine Räuber- und Bärenmanier! Das laß mal besser sein!”
-schalt sie. „Da verschieb' ich mein Geständnis lieber. Wir müssen
-sowieso fort. Zu Hammanns. Sie erwarten uns um neun. Ich mach' mich
-zurecht!” Sie glitt aus dem Zimmer.
-
-Perthes stand einen Augenblick unschlüssig, mißgelaunt. Er hatte keine
-Lust, heute unter fremde Menschen zu gehen. Also Vater Richthoff war
-gestorben. Und er hatte, ausgemacht heute, seine Erinnerung mit diesem
-Bekenntnisse -- -- Warum nicht? Das war der echte Perthes! Gewiß! Und
-der echte Perthes ging in sein Ankleidekabinett, um sich für Hammanns
-umzukleiden ...
-
-Die Bedingungen, die Exzellenz Hupfeld seinerzeit Perthes als
-Gegenleistung für seine Ernennung zum ersten Assistenten auferlegt
-hatte, konnte er als Schwiegervater nicht in ihrer vollen Strenge
-durchsetzen. So erklärte er sich denn auch damit einverstanden, daß
-Perthes sich habilitieren sollte. Die wissenschaftlichen Arbeiten,
-die dem Eintritt in den Lehrkörper der ~Alma mater~ notwendig
-vorausgehen mußten, nahmen im Lauf des Frühjahrs mehr und mehr auch
-seine kurze Freiheit in Anspruch. Er mußte sich zunächst aus dem
-gesellschaftlichen Strudel etwas zurückziehen. Für seine Person wurde
-ihm dies dadurch erleichtert, daß er sich von dem ewigen Hin und Her
-nachgerade ein wenig ermüdet und übersättigt fühlte. Und dann machten
-ihm die unverhältnismäßig hohen Ausgaben, die dies anspruchsvolle
-Leben verursachte, neuerdings manchmal Sorgen, und er ergriff gern die
-Gelegenheit, sie durch seinen unauffälligen Rückzug möglicherweise
-einzuschränken.
-
-Er hatte sich vorgenommen, Alice von solchen Sorgen nichts mitzuteilen.
-
-Bei sich dachte er, wenn er selber den allzuhohen Anforderungen der
-Geselligkeit auszuweichen begänne -- seine wissenschaftlichen Gründe
-dafür schien sie zu würdigen --, würde auch sie allmählich ganz
-naturgemäß nicht mehr soviel ausgehen wollen.
-
-Doch darin hatte er sich getäuscht.
-
-Alice fand es riesig nett, sich auf eigene Faust zu amüsieren. Sie
-dachte nie daran, von ihren Passionen und Unterhaltungen, von all den
-Ansprüchen ihres verwöhnten Mädchenlebens in der Ehe auch nur das
-Geringste entbehren zu sollen. Im Gegenteil. Jetzt, wo sie nach der
-Verheiratung ihr eigener Herr war, wollte sie ihre Ungebundenheit
-erst recht genießen. In ihrem Elternhaus hatte es kaum einen Wunsch
-gegeben, den sie sich zu versagen brauchte. Davon konnte auch jetzt
-keine Rede sein. Was aber den Reiz gegen früher erhöhte, war, daß
-jetzt neue Bedürfnisse ihrem Belieben unterstellt waren. Eine Hausfrau
-im gewöhnlichen Sinn zu sein, dazu fehlte ihr Lust und Talent. Aber
-Aufträge zu geben, ins Blaue hinein zu verfügen und zu befehlen,
-besonders aber zu kaufen, machte ihr einen Hauptspaß. Ihre Ausstattung
-an Gegenständen der Einrichtung, der Wirtschaft, an Toiletten und
-Kleidungsstücken jeder Art war mehr als reichlich. Und doch nicht
-reichlich genug, um vor den unerschöpflichen Einfällen ihrer Laune zu
-bestehen.
-
-Unter dem Patronat der Gräfin Hüningen vollzog sich im Kreis der
-modernen akademischen Gesellschaft jener stoßweise Wandel von
-Liebhabereien und Modetorheiten, der jedem Monat seinen neuen Heiligen
-gab. Mitunter handelte es sich um harmlose Dinge: man bekam für einige
-Wochen den musikalischen Koller, der kein Konzert vorüberließ, die
-Tees, die Soireen, die ganze Unterhaltung musikalisch verseuchte. Dann
-mußte man plötzlich Vorlesungen besuchen: es war einfach Anstandssache,
-Kunstgeschichte, diese Erbdomäne aller Dilettanten, zu treiben oder
-Literatur bei einem plötzlich zum Stern erster Ordnung erklärten jungen
-Professor zu hören.
-
-Doch bei solchen geistigen Anfällen, die Alice nur aus Mode und nicht
-aus irgendwelchem Interesse mitmachte, blieb es nicht. Man schwärmte
-serienweise für bestimmte kostspielige Stoffe, für echte Spitzen, für
-Kopenhagener Porzellan, für eigenartige Intarsien, für Seltenheiten
-und Reformen jeder Art in Toilette und Haus, die die Kauflust wie ein
-Fieber erregten.
-
-Perthes, den eine gute Weile seine Verliebtheit blind machte, drückte
-auch späterhin, solang' es irgend ging, seine Augen standhaft zu. Da
-Alice mit ihrer Rente den Haushalt zu einem guten Teil mitbestritt,
-war seine Situation heikel. Wenigstens empfand er sie so, mit der
-Zartheit eines vornehm denkenden Menschen. Er redete sich auch ein oder
-glaubte wirklich, diese Kaufwut werde sich abschwächen und von selber
-eindämmen. Aber als die Rechnungen sich mehrten und es sich nicht mehr
-um Summen handelte, die sich nebenbei begleichen ließen, ohne daß
-man die Posten besah, aus denen sie sich zusammensetzten, wurde er
-aufmerksamer und kritischer. Mit dem Schrecken des Mannes, der sich
-nie viel um Geld gekümmert, aber durch seine Herkunft und Erziehung,
-ohne sich dessen genau bewußt zu sein, gewisse solide Maßstäbe ererbt
-hat, gewahrte er Zahlen, die sein Verständnis überstiegen. Es war ihm
-unverständlich, wie ein paar Schuhe vierzig Mark, ein Hut neunzig
-Mark, ein spitzenbesetztes Hemd sechzig Mark sollte kosten müssen
-und können. Naiv, wie seine Erfahrung war, meinte er, es müßten da
-Mißverständnisse, Irrtümer, Beutelschneidereien mitunterlaufen, denen
-seine kleine Frau unschuldig zum Opfer fiel.
-
-Er wagte bei der nächsten Gelegenheit -- es handelte sich um einen für
-seine Begriffe unerhört teuren Abendmantel --, Alice zu befragen.
-
-„Aber Männi -- davon verstehst du nichts! Ich finde den Mantel
-billig!” erklärte sie achselzuckend. Sie hatte, wie sie erzählte, sich
-sogar einen besseren „verkniffen” und war ordentlich stolz auf diese
-Einschränkung.
-
-Perthes verstummte. Er war verblüfft. Hartnäckig bewahrte er noch
-einige Monate den guten Glauben, daß da etwas nicht mit rechten Dingen
-zugehe. Er hätte sich gern bei irgendeiner Dame Aufklärung geholt,
-ob das so sein müsse, aber er fürchtete, sich lächerlich zu machen.
-Schließlich war er gezwungen, sich über die Folgen, die eine solche
-Lebenshaltung haben mußte, doch ernstlich zu besinnen. Er rechnete die
-steigenden Ausgaben gegen die Einnahmen und kam zu einem vernichtenden
-Resultat.
-
-Nun blieb nichts anderes übrig: er mußte mit seiner Frau sich
-aussprechen.
-
-Die Sache wurde durch einen besonderen Umstand noch schwerer, als
-er sie schon an sich nahm. Alice sah für den Herbst einem frohen
-Ereignis entgegen. Als sie ihm ziemlich spät und ziemlich beiläufig
-davon Kenntnis gab, hatte ihn die Nachricht ergriffen. Sie selbst war
-so wenig feierlich gestimmt, steckte so in ihrem täglichen Trubel,
-daß sie für seine gefühlvolle Auffassung nicht Zeit hatte. Gleichwohl
-behandelte er sie von da an mit doppelter Rücksicht. Deshalb kam ihm
-diese Auseinandersetzung über Geldfragen so ungelegen wie möglich. Er
-nahm sich vor, sie aufs schonendste einzuleiten.
-
-Noch im Lauf des Sommers, kurz vor den großen Ferien, kam ihm die
-Gelegenheit entgegen.
-
-Von der Klinik zurückkehrend, betrat er ihr Zimmer, das neben dem
-Speisezimmer mit allem erdenklichen Geschmack und Komfort ein kleines,
-von Mama Hupfeld ausgestattetes Reich für sich bildete. Er wollte Alice
-begrüßen, die er dort vermutete. Unter der Portiere blieb er verdutzt
-stehen. Es war da in dem zierlichen Raum eine wahre Ausstellung
-eröffnet. Die verschiedensten Handarbeiten, als da waren Knüpfteppiche,
-Sofakissen, Tischläufer, Decken und Deckchen mit Mustern jeden Stils
-und auf Stoffen jeder Art, bedeckten den Diwan, die Stühle, den Tisch.
-Ein halboffener Riesenpacken mit verwandtem Inhalt lag auf dem Boden.
-Daneben saß Alice, mit dem Aufschnüren eines zweiten, kleineren Pakets
-beschäftigt. Das heißt, sie suchte die Schnur aufzureißen. Als das
-nicht ging, probierte sie es mit den Zähnen. Und in dem Moment, als
-Perthes sich bemerkbar machte, hatte sie eben wohl oder übel aufstehen
-wollen, um die Schere zu holen.
-
-„Du denkst wohl, ich will hier einen Kramladen aufmachen?” lachte sie
-belustigt.
-
-„Es sieht beinahe so aus,” erwiderte er mit einem verwunderten Blick
-auf dies Warenlager.
-
-„Ach gib mir mal die Schere.” Sie deutete nach ihrem Schreibtisch.
-„Alles für den Bazar im November,” erklärte sie, während er ihr die
-Schere reichte.
-
-„Für welchen Bazar?”
-
-„Na -- ich erzählte dir doch schon immerzu davon. Wir machen ein
-Wohltätigkeitsfest. Ich glaube für Säuglinge oder Seemänner oder so
-was. Eine feudale Sache jedenfalls. Ich bin mit im Komitee. Die Gräfin
-ist Vorsitzende. Ich habe mich entschlossen, eine Handarbeitsbude zu
-übernehmen. Dafür kauf' ich eben ein!”
-
-„Aber Kind, du willst doch die Arbeiten nicht alle kaufen, wie sie hier
-sind?”
-
-„So ziemlich!”
-
-„Und dann willst du sie selber --”
-
-„Du -- das ist ja eben der Trick! -- Ich mache an jedem ein paar
-Stiche. Wenigstens an manchen. Das Übrige gebe ich fort. Nachher mach'
-ich aller Welt weiß, jedes Stück und jeder Stich sei von mir. Die Leute
-werden's nicht glauben, aber sie werden sich drum reißen! Ach -- und
-dann, du glaubst nicht, was wir für Überraschungen vorhaben. Das wird
-keine so abgeleierte, gewöhnliche Wohltätigkeitsschnurrerei! Werden
-uns hüten!” Und nun entwickelte sie, immer auf dem Boden sitzend, den
-Festplan in der skizzenhaften, schnoddrigen Form, in der sie stets
-ihre längeren Erklärungen abgab, überall dort, wo ihr nicht gleich das
-Wort einfiel, sich mit „so'n Dingsda!” behelfend. Perthes hätte ein
-Zeichendeuter sein müssen, wenn er diese Kette von „Dingsda” sich hätte
-auslegen können.
-
-Doch darauf verzichtete er von vornherein. Er nahm seine Geduld
-zusammen und hörte scheinbar aufmerksam zu.
-
-„Du vergißt, Alli”, begann er dann vorsichtig, „daß dein Zustand dir
-vielleicht, ja wahrscheinlich gar nicht erlaubt --”
-
-„Na, höre! Ich werde doch nicht jetzt schon anfangen, mich zu
-kasteien.” warf sie dazwischen.
-
-„Das will ich nicht sagen. Aber dem Umtrieb der Vorbereitungen wirst du
-nachher nicht gewachsen sein. Und überdies: wer weiß, ob du im November
-schon wieder dabei sein kannst?”
-
-„Das fehlte gerade!” sie sah mißmutig zu ihm auf. „Weißt du, dann
-pfeif' ich aber auf das ganze Kindervergnügen, wenn --” Sie vollendete
-den Satz nicht. Perthes hatte unwillig die Stirn gerunzelt. „Das
-fehlte gerade!” setzte sie nochmals wegwerfend hinzu. Sie war außer
-sich bei dem Gedanken, durch diese dumme Störung könnte ihr Vergnügen
-beeinträchtigt werden.
-
-Perthes kannte Alice zur Genüge, um ihre Gefühle an ihren Grimassen
-abzusehen. Ihre Frivolität verletzte ihn. Sie bestimmte ihn, den
-Augenblick nicht vorbeigehen zu lassen, ohne die immer wieder
-verschobene Aussprache herbeizuführen. Er machte sich einen Stuhl frei
-und zog ihn in ihre Nähe.
-
-„Ich möchte gern mal ein ernstes Wort mit dir sprechen, Kind!”
-
-„Noch ernster?” Es zuckte sehr wenig ernst um ihren Mund.
-
-„So leid es mir tut -- sei mir nicht böse und mißversteh' mich nicht --
-ich muß dir das aber sagen: du solltest deine Kauflust ein klein wenig
-einschränken!”
-
-„Ich -- meine Kauflust? Und wieso?”
-
-„Wir müssen mehr haushalten, Liebling. Ich habe gerechnet und --”
-
-„Um Gottes willen tu nur das nicht! Rechnen!” stieß sie mit einem
-komischen, aber ganz ehrlichen Schaudern hervor.
-
-„Ich verlange es ja nicht von dir,” meinte er mit gutmütigem Lächeln.
-„Aber ich muß das wohl. Schulden machen ist nicht mein Fall. Und so,
-wie der Hase jetzt läuft, kann er nicht weiter.” Er bemühte sich nun,
-ihr so ruhig und klar wie nur möglich, so schonend, als er nur konnte,
-einen Begriff von den Mißverhältnissen ihrer Einnahmen und Ausgaben
-zu geben. Ohne alle überflüssigen Einzelheiten. Sehr sachlich und
-überzeugend.
-
-Anfangs hörte sie zu. Nachher nahm sie neue Muster aus den Paketen
-und ließ sie durch ihre Finger gleiten. Als er fertig war, sagte sie
-außerordentlich gelassen, ohne auch nur aufzusehen: „Männi -- weißt du
--- eigentlich brauchtest du damit doch mich nicht behelligen!”
-
-„Aber wen denn sonst?” gab er, sich beherrschend, zurück.
-
-„Sprich doch einfach mit Papa. Der ist für so was da. Der soll seinen
-großen Beutel 'n bißchen weiter aufmachen. ~Voilà tout!~” Sie sagte das
-so kühl und sicher, als gäbe es keine selbstverständlichere Sache.
-
-Perthes war von seinem Stuhl aufgesprungen. Er fühlte, wie ihm das
-Blut zu Kopf stieg. Um ruhig zu bleiben, machte er ein paar Schritte.
-Beim Fenster drehte er sich um.
-
-„Davon kann keine Rede sein. Eben das will ich um jeden Preis
-vermeiden. Nicht einen Pfennig weiter nehme ich von deinem Vater an!”
-Seine Worte lauteten sehr bestimmt. Es klang eine unbeabsichtigte
-Schärfe durch. Um sie gut zu machen, meinte er: „Das mußt du übrigens
-selbst einsehen!”
-
-Alice schwieg eine Weile. Sie legte ihre Muster langsam beiseite. Dann
-schob sie ihre feinen, schmalen Hände im Schoß ineinander und blickte
-ihn von unten nach oben, mit dem malitiösen Blick ihrer Mädchentage an.
-
-„Das versteh' ich nicht. Verzeih -- aber das wäre ja unglaublich
-philiströs gedacht!”
-
-„Philiströs, beste Alli,” -- er reckte sich nervös -- „philiströs ist
-ein Wort, mit dem eine gewisse junge Dame etwas vorsichtiger sein
-sollte! Es ist sehr bequem, all das philiströs zu nennen, was einem
-nicht in den Kram paßt!”
-
-„Oho, Männi!”
-
-„Mein Standpunkt ist ehrenhaft, weiter nichts. Ich erwarte, daß du ihn
-würdigst. Und ich bitte dich --” er suchte von neuem seinen schroffen
-Ton, der sich ihm ungewollt gab, zu mildern und steckte die Hände, die
-zu lebhaften Bewegungen ausgeholt hatten, krampfhaft in die Taschen
-seines Jacketts. „Ich bitte dich, dich danach einzurichten. Ich
-verlange von dir nichts Außergewöhnliches. Nur ein bißchen Mäßigung und
-Beschränkung. Du wirst das mir zu lieb tun!”
-
-Sie antwortete nichts. Sie legte den Kopf im Nacken zurück und
-tätschelte ihre krausen, rotblonden Haare. Dann verschlang sie die
-Hände hinter sich und dehnte sich. Sie unterdrückte ein Gähnen.
-
-Perthes war empört über ihr Gebahren. Er fühlte, wie die Kraft, sich zu
-beherrschen, ihn verließ. Um nicht loszubrechen, ging er aus dem Zimmer.
-
-Alice sah ihm verwundert nach. Sie pfiff leise vor sich hin, während
-sie in der Auswahl ihres Musterlagers fortfuhr. Die Geschichte an
-sich imponierte ihr gar nicht. Sie hatte sie auch schon wieder halb
-vergessen. Aber sie glaubte heute eine leidige Entdeckung erneuert zu
-haben: der Philister in ihm -- den sie als Mädchen schon gewittert,
-aber nun gebannt glaubte -- dieser Philister hatte hinter ihm
-hervorgelugt! Das war häßlich! Das degoutierte sie! Dafür würde sie
-sich bedanken!
-
-Und ihre spitze, feine Zunge züngelte ganz zufällig zwischen den Lippen
-hervor und streckte sich einen Augenblick wegwerfend in einer nicht zu
-mißdeutenden Richtung ...
-
-
-
-
-16
-
-
-Die Katastrophe, die zweite, die innerhalb weniger Wochen das Haus am
-Wenzelsberg überfallen hatte, war so plötzlich hereingebrochen, so
-ohne alles Vorwissen und Vorbereitetsein, daß das Leid der Schwestern
-mit jedem Tag, da sie sich seiner Größe und seines Umfanges bewußter
-wurden, immer weiter zu wachsen schien. Wie ein Orkan war der Tod mit
-seinem Gefolge von Anstrengungen und Aufregungen über sie hingefahren
-und hatte sie betäubt; jetzt meinten sie, die Wucht der Erkenntnis
-müsse sie mit der doppelten Wucht des Schmerzes ganz zerbrechen.
-
-Es verging keine Stunde, ohne daß der alte Herr, so gut in seinem
-Grimm, so männlich in seiner rauhen Selbstwehr eines feinempfindenden
-Herzens, so humorvoll in seiner gestrengen Paschawürde, für jeden
-und jedes fehlte. Wie hatte sich's unter der Hut seines geraden,
-freien Geistes so sicher gelebt! Wie hatte seine Bedeutung als
-hervorragender Gelehrter auch durch die kleinen Schrullen des Alltags
-unter scheinbaren Schwächen und Willkürlichkeiten durchgeschimmert.
-Seine Allgegenwart hatte das Haus erfüllt und gewärmt, auch wenn er
-abseits im zettelreichen, bücherverbauten Schreibtischwinkel saß und
-nur für seine römischen Kaiser zu sprechen war. Was hätte Elli darum
-gegeben, wenn er sie zur Antwort auf eine vorwitzige Frage, mit der sie
-bei ihm eindrang, aus seiner Stube hätte werfen können! Wie gern hätte
-Marga sich hart anfassen lassen, wenn er meinte, ihr Gemüt stählen zu
-müssen -- er, der der Gütigste und Besorgteste war, so oft das Leben
-sie hart anfaßte! Und Käthe, wie willkommen wäre es ihr gewesen, ein
-plötzliches „Blaustrumpf!” an den Kopf zu bekommen! All das -- und sein
-Schneckenmordgang im Weinberg, die Sprechstundenwacht auf der obersten
-Treppe, der gefährliche Kaffeeturnus am Nachmittag, all das und tausend
-anderes war vorbei. Vorbei mit jenem „nie wieder!” dahinter, das so
-grausam und unerbittlich nur der Tod sprechen kann.
-
-Elli, die sonst so schnell ihre Tränen weglachen konnte, war die
-Verzweifeltste. Die Härte des Lebens war diesmal zu nah und unmittelbar
-an ihre frohe Kindlichkeit herangetreten. Auch Käthe, die besonnene
-Käthe, erholte sich nur mühsam. Marga und Bertelsdorf, die die Not
-zu einer seltsamen und nicht sehr innerlichen Trostgenossenschaft
-zusammenführte, mußten im Verein mit dem unermüdlichen Wilmanns alles
-aufbieten, um die beiden aufzurütteln und aufzurichten.
-
-Die Wirklichkeit, wie sie nun einmal war, verlangte nur zu bald ein
-lebenstüchtiges Wollen und Entschließen.
-
-Vater Richthoff war ein trefflicher Mensch und Forscher, aber kein
-großer Haushalter gewesen. Ein Vermögen hatte er nicht hinterlassen
-können. Das Haus war mit Hypotheken belastet. Eine kleine
-Lebensversicherung gab höchstens die Mittel für die nächste Zeit.
-
-Schonend legte Wilmanns nach Ordnung des geschäftlichen Nachlasses den
-Geschwistern ihre Lage dar. Für Käthe war gesorgt. Bertelsdorf war
-wohlhabend. Obwohl er seine Verbindung mit Käthe nicht zuletzt auch
-nach akademischen Vorteilen berechnet hatte, war er doch zu anständig,
-um nicht seinen Mann zu stellen: die Hochzeit sollte, sobald es irgend
-anging, in aller Stille erfolgen.
-
-Aber Marga und Elli?
-
-Wilkens, der sich auch in diesen schweren Tagen brav wie immer
-benahm, stand tatsächlich vor seinem Staatsexamen. Den Doktor hatte
-er glücklich hinter sich. Aber auf Jahre hinaus konnte er noch nicht
-daran denken, ein Heim zu gründen. Für Marga stand fest, daß Elli und
-sie sich, womöglich Seite an Seite, eine wenn auch noch so bescheidene
-Existenz schaffen müßten. Sie, die Blinde, deren Zukunft den Freunden
-am trübsten und aussichtslosesten vor den sorgenden Augen gestanden,
-war von vornherein fest entschlossen, niemand im Weg zu sein, sondern
-mit der alten Tapferkeit und Klarheit das Leben anzugreifen und ihm ein
-Stückchen Unabhängigkeit abzugewinnen. An ihrem Mut rankte sich auch
-Elli empor.
-
-Es war nicht leicht, ja es schien beinahe unmöglich, etwas zu
-entdecken, das den beiden eine auskömmliche Zuflucht bot.
-
-Hundert Pläne wurden ausgedacht und wieder verworfen. Immer scheiterte
-die Möglichkeit der Ausführung an einem neuen Hindernis: sei es, daß
-die Ausbildung zu einem bestimmten Beruf unumgänglich nötig war, daß
-andere materielle Vorbedingungen sich nicht erfüllen ließen oder daß
-wohl die eine, aber nicht die andere Schwester ihre Unterkunft finden
-konnte.
-
-Eines Abends vor dem Schlafengehen -- es waren schon Wochen vergangen,
-Käthes Hochzeit und die Trennung von ihr standen dicht bevor, das Haus
-war zum Verkauf ausgeschrieben -- erklärte Elli mit einem komischen
-Stoßseufzer, der die Rückkehr ihres Frohsinns ankündigte: „Nächstens
-werden wir für uns eine ‚Kleinkinderbewahranstalt‛ suchen müssen!”
-
-„Warum für uns?” meinte Marga ernsthaft. „Wir könnten ja --” sie
-stockte und überlegte.
-
-„Was könnten wir?” forschte Elli.
-
-„Nun, ich dachte -- aber es wird auch nicht gehen -- wenn wir einen
-Kindergarten gründeten!” Sie mußte selber über diese Idee lachen,
-und Elli stimmte ein. Sie spannen das Unmögliche weiter, und es sah
-auf einmal gar nicht so unmöglich aus. Elli fing Feuer. Noch vor
-Mitternacht hatte ihr Optimismus ein fertiges Projekt. Vielleicht war
-ihm kein besseres Los beschieden als vielen anderen. Wahrscheinlich
-würde es im Frühlicht des nächsten Tages schon nichtig erscheinen. Aber
-für jetzt konnte man neuen Mut daraus schöpfen. Und es schlief sich so
-gut darüber ein ...
-
-Es stellte sich heraus, daß das Kindergartenprojekt sich bei Tag immer
-noch sehen lassen konnte. Wenn auch von der Idee zur Wirklichkeit
-der Weg weit war, Marga und Elli beschlossen doch, diesen ihnen vom
-Zufall geschenkten Plan weiter zu verfolgen. Da ergab es sich freilich
-schnell, daß sie allein nicht zum Ziel kommen konnten. Obwohl einfach
-und häuslich erzogen oder besser durch gesunde Anlagen geworden,
-waren sie doch als zwei Geheimratstöchter nicht vorbereitet, sich mit
-unmittelbaren und harten Notwendigkeiten praktisch auseinanderzusetzen.
-Zum Glück war unter den Freunden des Vaters eine Dame, die nicht
-nur mit dem guten Ton der Gesellschaft, sondern auch mit sozialen
-Verhältnissen Bescheid wußte. Nicht aus Sport, wie die Gräfin Hüningen,
-aber aus dem Bedürfnis eines liebevollen Herzens und eines geraden
-Sinnes. Auch nicht aus irgendeiner wohlfeilen sozialen Theorie heraus,
-sondern weil für sie das Soziale sich ebenso von selbst verstand, wie
-es das Moralische soll. Es war dies die majestätische Frau Geheimrat
-Achenbach mit ihren silberweißen Scheiteln und dem Krückstock, die
-besondere Freundin Borngräbers. Professor Wilmanns erzählte ihr
-gelegentlich ziemlich skeptisch von dem Gedanken seiner Schützlinge.
-Sie lud Marga und Elli zu sich ein. Zuerst nahm sie den beiden alle
-Illusionen und machte sie rechtschaffen kleinmütig. Weil man nun
-einmal, wie sie überzeugt war, ein Haus nicht von oben herunter aus
-der Idee, sondern von unten herauf aus der Praxis bauen mußte. Dann
-aber, als die Schwestern dachten, sie würden also auch auf diesen
-Plan verzichten müssen, weil keine die nötigen Vorkenntnisse, die
-Ausbildung, keine die Erfahrung und Umsicht besaß, deren es bedurfte,
-versprach Frau Achenbach, sich der Sache anzunehmen.
-
-Und sie hielt Wort.
-
-Freilich sollte es fast ein Jahr dauern, ehe man zum Plan die feste
-Gestalt sah.
-
-Da gab es zunächst für Ellis Ungestüm eine harte Probe. Durch
-Vermittlung von Frau Achenbach fand sich für sie in einer benachbarten
-kleinen Stadt ein Unterschlupf als Volontärin in einem großen
-Erziehungsheim, dem ein Kindergarten angegliedert war. Zu ihrem und
-Margas Schmerz mußten sie sich für eine bis dahin unerhörte Zeit
-trennen. Was sollte so lange aus Marga werden?
-
-Das Haus, das alte Haus am Wenzelsberg, war verkauft worden. Ein
-kleiner Überschuß, zusammen mit der mageren Versicherungssumme, auf
-deren eines Drittel Käthe zugunsten der Schwestern verzichtete, konnte
-für zwei bis drei Jahre zum Unterhalt ausreichen. Bertelsdorf hatte
-das Glück, einen Ruf als Extraordinarius an eine technische Hochschule
-in Mitteldeutschland zu erhalten. Er zog mit seiner Frau -- die
-stille Hochzeit wurde im Juni gefeiert -- nach herzlichem Abschied
-noch im Lauf des Sommers davon. Elli sollte ihre Volontärstelle als
-Kindergärtnerin demnächst antreten. Marga mußte für sich einen Ausweg
-finden und fand ihn: Onkel Thiele auf Güstow in Pommern hatte zwar
-nicht zur Beerdigung seines Stiefbruders kommen können, aber brieflich
-jede Hilfe angeboten, zu der sein Herz und sein Geldbeutel, die in
-ihrer Weite zueinander im umgekehrten Verhältnis standen, fähig wäre.
-Marga nahm die Hilfe für sich an. Elli brachte sie nach Pommern.
-
-Die Reise wurde zwar ganz anders, als sie einst vor Ellis blühender
-Phantasie gestanden hatte. Aber schön war sie doch. Unterwegs
-begrüßte man Wilkens, der in einem sächsischen Nest eine erste
-Hilfslehrerstelle gefunden und angenommen hatte. Schwermütig war er
-noch immer nicht geworden. Dagegen gab ihm der Stolz, sein Examen
-gemacht zu haben, eine gewisse breite Manneswürde. In Berlin gab es
-zwar keinen ungemessenen Vergnügungstaumel, wie Ellis Feuerwerk ihn
-einst vorgezaubert. Aber bei dem schon früher in Anspruch genommenen
-Kollegen Richthoffs war man einige Tage gut aufgehoben und sah von
-der „Weltstadt” genug, um die schaudernde Andacht nicht nur nicht
-enttäuscht, sondern erhöht zu sehen. Und der Empfang in Güstow war
-einfach urgemütlich: die sechs bis acht haferblonden, quicken Cousinen,
-die brave, beleibte Mama Thiele, der Onkel mit seinem verwitterten,
-jovialen, rostbraunen Landmannsgesicht unter dem grünen Hut mit der
-Spielhahnfeder, alle waren an der Bimmelbahn, freuten sich „doll” und
-führten Elli und Marga im besten Wagen nach Gut Güstow. Sie taten dort,
-was in ihren Kräften stand, um die beiden schnell bei sich heimisch zu
-machen. Als Elli sich nach zehn Tagen verabschiedete, war es mit einem
-weinenden und einem lachenden Auge. Ganz ernst konnte man von Thieles
-nicht fortfahren, sogar wenn es Marga zu verlassen galt.
-
-Und Margas mutiger, klarer Sinn fand sich in der neuen Umgebung bald
-zurecht. Die schlichten Menschen in dem altväterischen Herrenhaus mit
-ihrer unverwüstlichen Jugend, ihrer unermüdlichen Lust an der Arbeit
-und am harmlosesten Vergnügen, der Gutshof mit seinem mannigfaltigen
-Wirtschaftsbetrieb, die weiten, kornduftenden Felder, der schattige
-Garten und der einsame Kiefernwald -- das war eine in sich ruhende,
-natürliche Welt, die ihr wohltuend entgegenkam. Ihre Seele tat das
-ihre, um sie, wo und wie es nur immer ihr Zustand erlaubte, in sich
-aufzunehmen. Neue Eindrücke und neue Empfindungen legten sich schützend
-und klärend zwischen sie und ihr früheres Leben im Haus am Wenzelsberg.
-
-Sie wollte aber nicht nur feiern und sich pflegen. Unter den Cousinen
-Nummer sechs bis acht waren zwei gerade im rechten Alter, daß Margas
-Kinderfreude an ihnen sich üben und ausbilden konnte. Aus sich heraus
-schuf sie sich eine praktische Methode und praktische Kenntnisse, die
-berufsmäßig zu lernen ihr versagt war. Die Bilder, die ihr inneres
-Schauen mit seltenem Reichtum und frischer Anschaulichkeit ihr gab,
-hatte sie früher ängstlich fast nur sich vorbehalten. Jetzt im Umgang
-mit Stöffy und Illi Thiele überwand sie alle Scheu. Die Kinder gaben
-ihr wie von selbst die Fähigkeit, sich mitzuteilen, das Geschaute in
-eine faßliche Form hinüberzuleiten, zu erzählen und zu fabulieren.
-Sie mußte ein Stück ihrer inneren Schwere opfern. Aber sie empfing
-dafür nicht nur eine größere Beweglichkeit des Gemüts, sondern ein
-echtes und gerechtes Gegengeschenk. Langsam und unmerklich fast.
-Der Humor, der sich früher, trotz Ellis Beispiel und trotz Vater
-Richthoffs grimmkräftigen Anlagen dazu, bei ihr nur spärlich hatte sein
-Recht verschaffen können -- jetzt entwickelte er sich und streifte
-ab, was die früheren Mädchenjahre unter der Wirkung ihres Leidens
-an Überernst und zu tiefer Empfindsamkeit angesetzt hatten. Das war
-die Überraschung, die die neue Seele in sich trug. Und nicht nur ein
-Nebenbei, eine zufällige Mitgabe war das: es wurde, wenn sie es recht
-verstand, die beste Bedingung für ihr neues Leben. Waffe, Würze und
-Kraft, nicht nur wieder zu werden, was sie gewesen, sondern mehr.
-Marga verstand es recht. Sie ließ das Lachen aus Kindermund, bald das
-lautschallende, bald das leis verträumte, hinüberklingen in sich. Es
-war wieder die große Stille, die in ihr anhub, ihr Wesen durchdrang und
-durchleuchtete. Aber um einen Grundton reicher, reifer, lebenstüchtiger
--- um einen hellen, leichten, lachenden Ton.
-
-Erst um Weihnachten, später als beide gedacht, sahen sich Marga und
-Elli in Käthes jungem Heim wieder.
-
-Voll weher Erinnerungen, aber auch voll froher Zuversicht ging's ins
-neue Jahr hinüber.
-
-Als die beiden in ihre Universitätsstadt zurückkehrten und bei Cousine
-Grasvogel Gastfreundschaft annehmen mußten, fanden sie zu ihrer Freude,
-daß Frau Geheimrat Achenbach nicht müßig gewesen war. Sie hatte in
-einer Gartenstraße -- dort, wo die Altstadt in der Ebene verlief, nicht
-zu fern vom Mittelpunkt, aber in freier, gesunder Lage, ein nicht mehr
-neues, aber sauberes Häuschen ermittelt, das zur Miete ausgeschrieben
-war. Ein Vorgarten mit Rosensträuchern davor, ein Grasgarten mit ein
-paar Obstbäumen dahinter, im Erdgeschoß drei große Zimmer und die
-Küche, oben unterm Giebel ein luftiger Schlafraum -- alles nicht
-großartig, aber zweckentsprechend und freundlich. Besonders wenn erst
-das Frühjahr Blätter und Blüten darumrankte.
-
-Mit dankbarer Geschwindigkeit griffen Marga und Elli zu. Der Rest
-ihres Kapitals sicherte ihnen für die nächsten zwei Jahre die Miete;
-er ermöglichte auch die nötigen Anschaffungen für die „Schulstube”,
-die Frau Achenbach schon ins Auge gefaßt hatte. Die Wohnräume, das
-Empfangs- und Wohnzimmer neben der „Klasse” und das Schlafzimmer
-ließen sich mit den Möbeln, die sie aus der Einrichtung des väterlichen
-Hauses zurückbehalten, so vollstopfen, „daß sie vor Gemütlichkeit
-platzten”, wie Elli sich ausdrückte.
-
-Dann kam der erste selige Tag hinter den eigenen Scheiben. In den
-Zimmern, im Vorgarten, im Grasgarten mußte man zwei dutzendmal aus-
-und einlaufen, bis man vor Müdigkeit fast umfiel. Hinterdrein ging das
-Annoncieren los und das Besuchemachen. Es gab Enttäuschungen. Und gab
-eine närrische Freude, als -- auf einen Tag, wie es das Glück immer
-macht -- drei kleine Leute auf einmal angemeldet wurden. Mit den von
-Frau Achenbach schon Angeworbenen halte man jetzt acht, drei Jungens,
-fünf Mädels, und konnte anfangen.
-
-Das war ein Montag, als das Häuflein Grundstock angezettelt kam.
-
-Erst ein strammer Bengel von fünf Jahren. Allein, mit einem roten
-Russenkittel, blauen Hosen, einer Botanisiertrommel und dem Finger in
-der Nase. Zwei flachsblonde Prinzeßchen, Hand in Hand, die mit ihrer
-Mama furchtbar tapfer die Straße daherzogen und, als besagte Mama sie
-in der Schulstube zurückließ, plötzlich mörderisch zu brüllen anfingen.
-Weiter ein winziger, fast zu junger Mann von vier Jahren, der sehr
-artig mit der Schwester ankam, aber nur blieb, wenn er bis auf weiteres
-sein Steckenpferd bei sich behalten konnte.
-
-Marga und Elli wollte es angst und bange werden vor all den großen,
-fragenden Augen und den offenen Mäulchen, die bereit waren, zu lachen
-und zu weinen -- in ein und demselben Atemzug.
-
-Aber es ging viel besser, als es zuerst aussah.
-
-„Tante” Elli wußte mit ihren strahlenden Augen Spiele und Späße, daß
-der Mann mit dem Gäulchen sein Steckenroß vertrauensvoll beiseite legte
-und sich vor Vergnügen schüttelte. Sie lehrte die kleinen Mädchen
-Papier flechten, ganz allmählich, beinahe heimtückisch, so daß sie an
-kein Fortgehen mehr dachten, und die Jungens, die älter waren als der
-Steckenpferdmann, die Sache auch probieren wollten, selbst wenn man
-dabei auf der Bank sitzen bleiben mußte. Und „Tante” Marga, die so
-merkwürdige Augen hatte, daß es einem erst ein bißchen unheimlich wurde
-und man nachher sie gerade deshalb streicheln mußte -- die erzählte
-Geschichten mit ihrer warmen Stimme: die Augen mußte man aufreißen,
-als gelte es geradewegs in den Himmel zu schauen, und den Mund konnte
-man nicht mehr zusammenbringen, ehe sie zu Ende war. Man sang und
-sprang, man purzelte und tanzte Ringelreihen im Grasgarten, daß nach
-sechs Wochen ein junger Herr erklärte, es sei einfach verrückt, daß man
-nicht immer da sei, und zwei junge Damen, die erst nicht hatten bleiben
-wollen, in Tränen schwammen, weil sie zum Mittag fortgeholt wurden.
-
-Der Reigen wurde größer. Die Freunde, auch außer Frau Achenbach,
-machten mächtige Propaganda. Professor Wilmanns war untröstlich,
-daß er sein Enkelbübchen -- den Jungen Heddis, die vor einem Jahr
-geheiratet hatte -- nicht schlankweg aus der Wochenstube zu den
-Richthoffs bringen konnte. Dafür bearbeitete er seine jüngeren Kollegen
-mit einer fanatischen Beharrlichkeit, bis sie nachgaben und ihren
-Nachwuchs schickten, oder, weil sie es mit der Furcht bekamen, in
-einem stattlichen Bogen um ihn herumgingen. Borngräber verbreitete
-an einem Kegelabend die verleumderische Nachricht, Papa Wilmanns
-hätte in einer Vorlesung über Homer, an Hektors Kinder anknüpfend,
-von dem Segen gesprochen, den eine Kleinkinderschule in Troja hätte
-stiften können. Der erboste Wilmanns rächte sich. Er brandmarkte
-seinen lügnerischen Kollegen, indem er ihm späte Heiratsabsichten
-andichtete, die auch keinen anderen Beweggrund hätten, als eine Frau
-unglücklich zu machen, und ihm, Wilmanns, bei seinen Schutzbefohlenen
-in der Bergfelderstraße mit Zwillingen den Rang streitig zu machen.
-Das war nun auch nicht wahr. Die Wahrheit war nur, daß der Indologe
-Jakobus Borngräber sich schämte, für die Mädels des guten Richthoff
-immer nur seinen guten Willen zu haben. Der Weg von seiner ostöstlichen
-Wissenschaft zu einem modernen Kindergarten war gar zu weit, und so
-ging er wenigstens mitunter den näheren von seinem verwunschenen Haus
-in der Uferstraße nach der Bergfelderstraße und schaute um eine Ecke in
-den Grasgarten. Wenn er nicht gerade das gesuchte Haus verwechselte,
-sondern sich zurechtfand, rollte er die verwunderten Augen, heuchelte,
-stehenbleibend, ehrliche Kinderliebe und schwenkte, wenn Elli ihn
-zufällig entdeckte und ihm zunickte, verlegen den Hut.
-
-Natürlich blieben für Marga und Elli auch jetzt die Sorgen und
-Enttäuschungen nicht aus. Sie mußten es sich oft rechtschaffen sauer
-werden lassen, und der alte Herr hatte sich wohl auch für die Zukunft
-seiner „Bande”, sofern er sie je genau erwogen, etwas Besseres
-gewünscht. Und doch: sie selbst fühlten sich zufrieden bei ihrem Beruf.
-Wenn sie am Abend im Wohnzimmer, das tatsächlich „vor Gemütlichkeit
-platzte”, ihren Tee brauten, konnte man Marga singen und Elli lachen
-hören. Es kam vor, daß nicht nur Elli Marga, sondern Marga Elli einen
-Bären aufband. Sie entwickelte aus ihrer Erinnerung an Güstow in
-Pommern unheimliche Geschichten von halsbrecherischen Segelfahrten,
-schönen polnischen Schnittern und Schnitterinnen, Jagdabenteuern, die
-Onkel Thiele bestanden -- ganze Romane, die Elli mit gläubiger Neugier
-aufnahm, bis sie mit Entrüstung hinter den Trug kam. Sie blieb bei
-nächster Gelegenheit mit rächendem Schabernack nicht dahinten. Der
-Strom von Jugend und Fröhlichkeit, der zwischen ihren Herzen und denen
-der Kinder kreiste, nahm immer wieder auch das Harte und Schwere mit
-sich oder löste es zur Harmonie. Elli schwor, wenn sie auf Wilkens
-warten müßte, bis sie alt und grau würde, wollte sie nicht verlernen,
-Feuerräder durch die Luft surren und leuchten zu lassen. Und Marga, die
-schwere Marga, lachte dazu und breitete am Feierabend die Arme aus,
-der Sonne zu, als wollte sie den Tag an sich raffen, das Licht aus der
-Ferne und Nähe, von oben und unten. Sie schlang die Hände beglückt über
-ihrem Kopf ineinander, so frei fühlte sie sich, so still, so in sich
-selber und im Licht geborgen.
-
-
-
-
-17
-
-
-Der erste „verheiratete Sommer” hatte sich für Max Perthes ziemlich
-einsam angelassen. Seine Schwiegereltern waren seit dem Mai fast
-ununterbrochen wieder auf Stift Nieburg. Auch Alice brachte dort viele
-Tage zu. Er selber kam nur bisweilen an einem Sonntag für ein paar
-Stunden hinaus.
-
-Die Einsamkeit bekam seinen wissenschaftlichen Arbeiten sehr gut. Er
-fand eine eigentümliche neue Befriedigung in einer Tätigkeit, die
-seine praktische in der Klinik nach der geistigen Seite ergänzte. Die
-Sehnsucht nach Stille, die er so ganz verbannt und überwunden zu haben
-glaubte, suchte, ohne daß er es zugestanden hätte, einen schüchternen
-Ausweg und entdeckte ihn in dieser gelehrten Neigung, die er sich
-früher nicht zugetraut hatte. Für seine Person verzichtete er nach der
-Reise im Januar nicht ungern auf den Sommerurlaub. Er verständigte
-sich mit seinen Schwiegereltern dahin, daß Alice die Hochsommerwochen
-unter ihrer Obhut in St. Blasien verbringen sollte. Sie selber murrte
-anfangs über den notwendigen Verzicht auf die ihr so teure Bergfexerei.
-Zum Glück fand Perthes diesmal bei Exzellenz Hupfeld eine nachhaltige
-Unterstützung im Kampf gegen jede Unbesonnenheit. Exzellenz träumte von
-goetheschen Enkelfreuden und wollte seine „wilde Hummel” schon im Zaum
-halten.
-
-So blieb Perthes allein und verteilte sein gleichförmiges Leben
-zwischen der Klinik und dem behaglichen Herrenzimmer seines Landhauses,
-wo er oft bis Mitternacht und länger bei der Schreibtischlampe saß. Nur
-selten ging er spazieren. Gegen das Flußtal aufwärts von Nieburg hatte
-er seit dem Sommer des vergangenen Jahres eine scheue Abneigung. Weiter
-hinein in die Berge oder hinaus in die Ebene reichte die Zeit nicht.
-In die Stadt kam er, außer auf dem Weg zur Klinik, so gut wie nie; und
-diesen einzigen Stadtweg legte er meist in der Straßenbahn zurück.
-
-Wie ein Fremdling kam er sich schon vor, als er eines Abends
-gelegentlich einen Gang durch die Hauptstraße machte. Der Postbote
-hatte ihm am Morgen das Honorar für einen nebenbei geschriebenen
-Aufsatz in der „Medizinischen Wochenschrift” gebracht. Er wollte es
-dazu verwenden, um in aller Stille eine der großen Rechnungen des
-letzten Vierteljahrs zu begleichen.
-
-In dem Modeladen, dem sein Gang galt -- es war das erste Sport- und
-Toilettengeschäft der Stadt -- erfuhr er mit Befremden, daß der Betrag
-schon beglichen sei. Er wollte es nicht glauben und forschte weiter.
-Der Besitzer, ein sehr höflicher, geschniegelter Herr, ließ ihn das
-Kontobuch einsehen. Es stellte sich heraus, daß die Rechnung für
-Exzellenz überschrieben und vor ein paar Wochen bezahlt war. Perthes
-zuckte die Achseln und murmelte etwas von einem unverständlichen
-Irrtum. Kaum konnte er vor dem Inhaber, der ihn dienstfertig bis an die
-Tür begleitete, Beschämung und Zorn verbergen.
-
-Der Gedanke, daß ihm Alice hinterrücks diese Demütigung zugefügt,
-schien ihm unfaßbar. Sein Stolz, den er einst gezwungen, sich der
-bewußten Streberei zu unterwerfen, hatte sich in die letzte Festung
-einer peinlichen pekuniären Empfindlichkeit geworfen und machte
-einen entrüsteten Ausfall. Er war drauf und dran, an Hupfeld einen
-erbitterten Brief zu schreiben, um solche Liebenswürdigkeiten ein für
-allemal abzulehnen, und die Summe mitzuschicken. Nur die Rücksicht
-auf den Zustand seiner Frau ließ ihn dann doch davon absehen. Soviel
-stand ihm indessen fest: es mußte hier eine reinliche, prinzipielle
-Klärung erfolgen. Aber er wollte warten, bis er keine Gefahr mehr
-lief, ihr zu schaden. In seinem ganzen Leben hatte er nicht so
-viel Selbstüberwindung lernen und üben müssen, als es ihn kostete,
-seine Entdeckung in sich hineinzuwürgen. Die Arbeit wurde ihm für
-mehrere Tage verdorben, und es blieb auch nachher ein Stachel
-zurück, der immer wieder in ihm bohrte. Er sah Alice vor sich mit
-ihren irrlichthaften Augen, der ewig herausfordernden Miene eines
-Gassenjungen, den tollen Sprüngen des tollen Mädels von einst. Hatte
-sie denn gar keinen Sinn für den Stolz des Mannes, der sich in ihm
-auflehnte gegen eine unwürdige und maßlose Abhängigkeit? Verstand sie
-nichts von der Erniedrigung, der sie ihn vor ihren Eltern aussetzte?
-Die Frage tauchte wieder auf, die er seit dem Frühjahr, seit jener
-Todesnachricht von Richthoff und seiner freiwillig-unfreiwilligen
-Beichte über Marga, mehr als einmal hatte in sich zurückdrängen müssen:
-was wohnte hinter den grünschimmernden, flackernden Augen, hinter
-diesem alles zerspottenden Mund, hinter der kühlen Stirn unter den
-rötlich-krausen Haarwolken? Doch das war ja Unsinn! Was suchte er denn?
-Das Rätsel war ja eben der Reiz des Rätsels. Die Verliebtheit, noch
-immer mächtig über ihn, lehnte sich auf und stritt gegen das sinnlose
-Fragen. Gewaltsam wie früher meinte er über seine Skrupel Herr werden
-zu sollen. Er vergönnte sich einen dummen Streich: über den nächsten
-Sonntag fuhr er nach St. Blasien.
-
-Es gab eine lustige Überraschung, als er bei Hupfelds im Kurhotel
-einbrach. Zwei Tage glücklicher Trunkenheit folgten: er war Alices
-alter Räuberhauptmann und sie sein entzückender Irrwisch.
-
-Nachher, zu Hause, fand er, daß er trotzdem mit dem Streit in sich
-so fertig nicht war, wie er gehofft. Die Erinnerung an die zwei
-Taumeltage schwand. Die Erinnerung an seine Demütigung blieb. Er mußte
-ein Kompromiß schließen, um den Streit loszuwerden. Das Kind war es
-fortan -- aber natürlich war es so -- nur das Kind, das Alice ganz zu
-dem machen sollte und mußte, was sie noch nicht war. Er verlangte ja
-gar nicht viel. Nur ein Gran Verständigkeit, ein halbes Lot Ernst.
-Der mußte kommen! Die Mutter mußte in ihr erwachen und sie auf die
-natürlichste Weise dazu führen, seinen Stolz zu verstehen, mit ihm über
-diese wirtschaftlichen Dinge einer Meinung und damit häuslicher zu
-werden!
-
-Perthes baute eine völlig wolkenlose Zukunft auf das Kind ihrer Liebe
-...
-
-Der Herbst war da. Alice flog ihm wieder in die Arme. So frisch und
-ungebärdig und fast so schlank wie immer. Perthes selbst war mit
-seinem Schwager, Leutnant Moritz, doch noch acht Tage in den Vogesen
-gewandert. Auch er fühlte sich gestärkt und von Grillen befreit, voll
-Zuversicht und Arbeitslust.
-
-Mit Semesteranfang begann das alte gesellschaftliche Treiben.
-
-Die Gräfin Hüningen hatte aus Berlin, wo sie auf der Hin- und Rückfahrt
-nach Borkum einen Monat haltgemacht, neue Pläne, neue Kaprizen
-mitgebracht. Aber wie Perthes vorausgesehen, mußte Alice sich einige
-Zurückhaltung auferlegen. Ihre Beweglichkeit wurde eingeschränkt, ob
-sie wollte oder nicht. Bei sich triumphierte er, es würde alles so
-werden, wie er voraussah. Wenn sie bisweilen über die Stränge schlug,
-wenn sie aufbrauste, weil er sie im Zügel hielt, und ihn offen einen
-„ekligen, ollen Philister” schalt und die dumme Plackerei ihres
-Zustandes verwünschte, so war er von einer unerschütterlichen Geduld
-und Rücksichtnahme. Er sagte sich, daß das ganz in der Ordnung war. Bei
-ihr wie bei allen Frauen; nur eben ihrer Eigenart entsprechend. Und er
-übte sich in einer Zartheit, einer Beherrschung seines Temperaments,
-die ihm niemand, am wenigsten er selbst sich zugetraut hätte.
-
-Gleich nach Mitte Oktober kam der große Tag.
-
-Exzellenz Hupfelds Automobil hielt fast vom Morgen bis zum Abend
-vor der Villa. Perthes hatte sich frei gemacht. Der Ordinarius für
-Gynäkologie, ein Freund des Geheimen Rats, war zugegen. Mama Hupfeld
-erhielt durch ihren Diener halbstündigen Wetterbericht, denn ihre
-furchtsame Erregbarkeit war für Wochenstuben nicht gemacht.
-
-Um sechs Uhr abends erblickte ein schreihälsiger junger Perthes das
-Licht der Welt.
-
-Hupfeld, der Großvater, und Perthes, der Vater, schüttelten sich mit
-gerührter Freude die Hände. Alice war schwach, aber außer jeder Gefahr.
-Als Perthes bei ihr eintrat, mit Blumen und lachend besorgter Miene,
-betrachtete sie eben verwundert das kleine Menschenbündel, das ihr die
-Wärterin hinhielt. Sie lächelte bei seinem Kommen.
-
-Er setzte sich neben sie und ergriff ihre rechte Hand, um sie zu küssen.
-
-Nach einer Weile murmelte sie ein paar Worte.
-
-„Wie meinst du, Liebling?” Er beugte sich vor, denn er hatte nicht
-verstanden. „Hast du einen Wunsch?”
-
-Sie wiederholte ihre Worte. Er meinte sich zu verhören, und ließ sie
-sich zum drittenmal, noch näher ihrem Mund, wiederholen.
-
-„Nu hab' ich mir aber meinen Basar verdient! Ehrlich!” kam es klar und
-überzeugt hervor.
-
-Perthes gab keine Antwort. Er legte ihre Hand zurück auf die Decke.
-Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Er hatte mit ihr ein dankbares Wort
-über den tüchtigen Burschen reden wollen, den sie ihm geschenkt. Es
-blieb ihm in der Kehle stecken. Er lächelte ihr noch einmal zu und ging
-auf den Fußspitzen aus der Stube.
-
-Während Exzellenz nach ihr sah, stand er lange im Speisezimmer am
-Fenster, ohne hinauszusehen in das Herbstdunkel mit den trägen
-Bergmassen, dem düsteren Fluß, dem gestirnten Himmel.
-
-Das war also alles, was Alice empfand!
-
-Sie hatte ihre Arbeit geleistet und erwartete ihre Belohnung. Kein Wort
-für das Kind, kein Wort für ihn.
-
-Eine grausame Erbitterung stieg in ihm auf. Sie wurde von einer
-Traurigkeit abgelöst, wie er sie lange nicht gefühlt. Wie aus dem
-Nichts, ungerufen, aber voll und deutlich tauchte Marga vor ihm empor.
-Marga als Mutter -- eine Welt von Innerlichkeit, von Gemüt, von
-Schönheit und Liebe. Er preßte die Fäuste gegen die Schläfen; seine
-ganze Energie spannte er an, um diese tödliche Vision abzuhalten,
-fortzudrängen, zu vernichten. Es gelang ihm. Aber eine unerklärliche,
-zornige Angst und Beklemmung blieb in ihm zurück. Es waren wieder
-Alices Schalksaugen vor ihm, hinter die er zu dringen suchte. Und er
-bebte vor dem, was er zu ergründen meinte. Er wies die Ahnung zurück.
-Mit dem Rest seines dämonischen Nichtwollens warf er seine erwachende
-Seele nieder ...
-
-Alice genas schnell und normal. Auch der Junge machte die besten
-Fortschritte. Sie behandelte ihn sehr unterschiedlich: bisweilen
-überhäufte sie ihn mit Zärtlichkeiten; ein andermal vergaß sie ihn
-völlig. Beharrlich war sie dagegen in dem Wunsch, keinesfalls dem
-Basar fernbleiben zu müssen. Die „Handarbeitsbude” hatte sie wieder
-aufgegeben, die Musterauswahl zurückgeschickt, bald nach jener
-Aussprache mit ihrem Mann: nicht etwa, weil er sie überzeugt hatte,
-sondern weil sich ihr die Sache als zu mühselig erwies und nicht den
-rechten Spaß machte. Ihre neuen Pläne hielt sie geheim: sie hatte
-nur, schon während ihres Wochenbettes, regelmäßige Konferenzen mit
-Edith Hammann. Gesundheitlich war gegen ihre Teilnahme kaum etwas
-einzuwenden. Sie gedieh vorzüglich in ihrer koketten Krankenstube. Die
-Taufe wurde für Anfang Januar festgesetzt. Der Junge sollte nach seinem
-berühmten Großvater den Vornamen Benno erhalten.
-
-Seltsamerweise waren auch Perthes' Gedanken mehr bei dem unnützen
-Basar als bei seinem Kind. Sie kristallisierten sich auf diesen
-Punkt mit der Hartnäckigkeit einer fixen Idee. Mit dem verzweifelten
-Eigensinn eines Mannes, der in seinem Glauben erschüttert ist, aber
-sich nichts davon eingestehen möchte, beschloß er, Alices Liebe eine
-Kraftprobe aufzuerlegen. Das Wohltätigkeitsfest war, unvorhergesehener
-Schwierigkeiten halber, auf die zweite Hälfte des Januar verschoben
-worden. Unter dem Weihnachtsbaum -- er hatte Alice überreich und
-zartsinnig beschenkt -- erbat sich Perthes ihren Verzicht auf diese
-kostspielige Veranstaltung, geradezu als Beweis der Liebe. Sie wollte
-nichts davon hören, aber allmählich trug seine Beredsamkeit, die so
-feurig sein konnte, den Sieg davon. In einem Wirbel von Liebkosungen
-erstickte ihr Widerstand. Sie versprach, den Basar aufzugeben.
-
-Perthes war selig. Sein Glück schien ihm noch einmal bis in die Wolken
-zu reichen ...
-
-Bennos Taufe wurde von den Schwiegereltern zu einem prunkenden
-Familienfest ausgestaltet, das die niedliche Villa Perthes von oben bis
-unten mit Gästen füllte. Außer den Eltern Hupfeld waren Leutnant Moritz
-und Cousine Hilla da, Graf und Gräfin Hüningen, Professor Hammann und
-Frau und viele andere. --
-
-Perthes' Habilitationsschrift war vor Weihnachten fertig geworden
-und eingereicht. Er arbeitete jetzt an seiner Antrittsvorlesung, die
-wohl Anfang Februar folgen konnte. Er mußte sich tüchtig dranhalten,
-um fertig zu werden. Alice, die die „schreckliche Paukerei” sehr
-abgeschmackt fand, war wohlauf und verbrachte wieder, wie zuvor, die
-meisten Stunden des Tages außer dem Hause. Perthes war seit ihrem
-Weihnachtsversprechen völlig beruhigt und nachsichtiger denn je.
-Sie waren beide zärtlich und einträchtig miteinander, so oft eine
-halbe Stunde sie zusammenführte. Fragte er zufällig einmal, was sie
-triebe, so lautete die regelmäßige Auskunft, daß sie mit Bubi bei den
-Großeltern gewesen sei. Er fand das riesig nett für sie und die alten
-Herrschaften und bedauerte nur, daß er selber seinen Jungen höchstens
-einmal zwischen Tag und Dunkel in den Armen halten konnte.
-
-An einem der letzten Januarabende, als er mit einer Zigarre von der
-Klinik die Allee am Fluß entlangschritt -- gemütlicher als sonst, denn
-die Ausarbeitung seiner Antrittsvorlesung war in diesen Tagen fertig
-geworden --, begegnete ihm Doktor Markwaldt. Er hatte den ehemaligen
-Arbeitsgenossen vom Bakteriologischen Institut seit langem nicht
-gesehen, denn in der klinischen Gesellschaft zeigte er sich, seit
-er verheiratet war und an seinen wissenschaftlichen Nebenarbeiten
-übergenug zu tun hatte, so gut wie gar nicht mehr. Die Begrüßung
-war von Perthes' Seite sehr freundlich, von seiten Markwaldts noch
-überdies sehr respektvoll, mit einer kleinen Dosis nicht schlecht
-gemeinten, sondern eher bewundernden Spottes für den famosen Streber,
-der seine klatschbeflissene Nußknackerei so lange zum Narren gehalten
-hatte. Sie unterhielten sich eine Strecke Wegs. Vor der neuen Brücke,
-wo sie sich, wie in alten Tagen, trennten, fühlte sich Markwaldt noch
-zu einem Kompliment gedrungen.
-
-„Im übrigen, Herr Kollege, der indische Verkaufsstand Ihrer Frau
-Gemahlin auf dem Basar -- einfach tadellos!” Er schnalzte voll
-Anerkennung mit der Zunge.
-
-Perthes, der schon Markwaldts gepolsterte kleine Hand losgelassen,
-blieb erstaunt stehen.
-
-„Sie wollen mir wohl zum Abschied eine Ihrer berüchtigten Neuigkeiten
-aufschwatzen?” erklärte er ruhig und lachend. „Meine Frau ist ja gar
-nicht dort.”
-
-„Na, da hört sich aber die totale Weltgeschichte auf! Wenn jemand
-flunkert, sind -- verzeihen Sie mir -- Sie das! Vor noch nicht zwei
-Stunden war ich in der Festhalle, um mir den Klimbim mal anzusehen und
-habe von Ihrer Frau Gemahlin einen mächtigen indischen Topfscherben --
-vermutlich aus Berlin ~SO~ -- für unglaubliches Geld erstanden. Von der
-Gräfin Hüningen --”
-
-Perthes war erdfahl geworden.
-
-Markwaldt, nichts ahnend, hielt inne und sah ihn dumm-verdutzt an.
-
-Doch schon im nächsten Moment hatte Perthes eine vorbeifahrende
-Droschke angerufen. Mit einem hastigen „Entschuldigen Sie!”
-verabschiedete er sich von dem fassungslosen Bakteriologen und saß im
-Wagen.
-
-„Nach der Festhalle!” befahl er dem Kutscher.
-
-In fünf Minuten hielt der Wagen vor dem Portal. Wie er war, stürmte
-Perthes die Treppe hinauf. Ohne Rücksicht auf das Geflüster der
-festlich geschmückten jungen Mädchen, die im Vorraum die Köpfe
-zusammensteckten, um dann, wie aus der Pistole geschossen, mit ihren
-Programmbüchern, Konfitüren und Losen auf ihn zuzuschießen; ohne rechts
-oder links einen der zahlreichen Bekannten zu begrüßen, ja ohne auch
-nur, trotz des hellen Rufes der Kassiererin, eine Karte zu lösen, eilte
-er in den Trubel des Saales und drängte sich beinahe barsch durch die
-lachende, schwatzende Menschenmenge. Sein blasser, schwarzbärtiger
-Kopf, in diesem Moment wirklich räuberhaft, überragte die meisten
-Besucher.
-
-Bei einer der girlandenumwundenen Säulen, nahe der Komiteeloge mit
-ihren Fahnen und Blumengewinden, blieb er stehen. Er hatte den
-indischen Stand entdeckt. Inmitten eines Schwarmes von Käufern --
-Offizieren, Studenten, Akademikern -- sah er seine Frau.
-
-In einer glanzvollen Phantasierobe, lachend und schwatzend, verhandelte
-sie eben über eine bronzene Vase mit dem schlitzäugigen Prinzen von
-Siam, den er vom Feldberg kannte, und der gegenwärtig die byzantinisch
-angebetete Zierde derer um Hupfeld war ...
-
-Der Schweiß trat ihm kalt auf die Stirn. Seine Augen schweiften, wie
-Halt suchend, über das Gewirr der Menschen, an den Buden längs der
-Wände hin. In einem Verkaufsstand glaubte er einen Augenblick neben
-Frau Geheimrat Achenbach Marga und Elli Richthoff zu erkennen. Es war
-nur eine Fiktion. Seine Zähne knirschten. Er drehte sich gewaltsam
-um. Er spürte, wie seine Leidenschaftlichkeit in ihm aufwallte. Seine
-Liebe für Alice war immer ein eigenartiges Gemisch widerstrebender
-Empfindungen gewesen. Heute brach die Wut, unstreitig die Wut aus ihm
-hervor. Er hätte auf Alice zustürzen, er hätte sie zu Boden schlagen
-können. Der Haß des Edeltieres Mann gegen das Ewigweibliche im Sinn des
-Ewigtierischen verdunkelte seinen Sinn. Mit dem letzten Aufwand seiner
-Energie rannte er aus dem Saal, wie er gekommen war. Er erreichte sein
-Haus, ohne zu wissen wie ...
-
-Frau Perthes, die von seinem unerwarteten Auftauchen Kunde erhalten,
-zog es vor, bei ihren Eltern zu übernachten. Sie war überzeugt, daß
-sein Groll bis zum Morgen verraucht sein würde. So ein Pech! Sie hatte
-sich so sicher geglaubt! Wie war er, der sich um nichts dergleichen
-mehr gekümmert, nur auf den Einfall gekommen, in die Festhalle zu
-gehen! Gott -- erfahren hätte er es wohl auch so. Bestenfalls konnte er
-jetzt etwas länger grollen ...
-
-Perthes ließ sich am anderen Morgen auf der Klinik „verhindert” melden.
-Er wartete auf Alice.
-
-Seine heiße Wut hatte einer kälteren, bestimmteren Platz gemacht.
-
-Vergnügt, gleichgültig, spitzbübisch, als wäre nichts geschehen, kam
-sie gegen Mittag heim.
-
-Er stellte sie mit dürren Worten zur Rede. Sie blieb höchst gelassen.
-Du lieber Himmel, sie hatte das dumme, überspönige Versprechen von
-Weihnachten nicht so ernst genommen! Sie hatte ihn ja weiter gar nicht
-mehr belästigt. Was wollte er denn überhaupt? Die ganze Ausstattung der
-indischen Bude hatte sie sich von Papa schenken lassen! Damit war doch
-die Sache erledigt ...
-
-Perthes war angesichts ihrer vollendeten Skrupellosigkeit, dieser
-moralischen Stumpfheit einer unschuldigen kleinen Wilden, eines
-verbildeten, unartigen Kindes sprachlos. Er wollte aufbrausen. Aber
-sein Zorn fiel in sich zusammen. Seine Stimme versagte. Was er da vor
-sich hatte: das war ja die immer gesuchte, immer wieder vertuschte und
-verschobene Lösung des Rätsels. Hinter den lockenden Irrlichtaugen, den
-Gamingrimassen, den tollen Gassensprüngen -- die Leere! die vollendete
-Hohlheit! Er hatte seinen Irrwisch in der Hand: es war ein kleines,
-schwarzes, unscheinbares Nichts, von dem niemand begriff, wie es zu
-seinem Leuchten kam ...
-
-Er schickte Alice weg.
-
-Hier war nichts mehr zu ändern. Hier gab es nur eines: handeln. Die
-Umgebung, vielleicht war es nur die Umgebung, die sie ruinierte. Aus
-ihr mußte sie heraus. Mit ihm. Mit dem Kind, ehe sie auch dieses
-vernachlässigte oder gar mit ihrer Oberflächlichkeit ansteckte!
-
-Mit der Heftigkeit seines Temperaments drang er vom Entschluß zur Tat.
-
-Am Nachmittag ging er zu Hupfelds.
-
-Exzellenz war gerade von einer Reise zurückgekommen, von einer
-auswärtigen Konsultation, die ihn sehr abgespannt hatte. Eigentlich
-empfing er niemand. Ziemlich widerwillig machte er mit seinem
-Schwiegersohn eine Ausnahme.
-
-Als Perthes eintrat, lag er auf seinem Diwan ausgestreckt. Mit
-überlegener, etwas nervöser Ruhe hörte er den Sachverhalt an. Er konnte
-die Aufregung des „lieben Jungen” verstehen. Er verstand ja alles. Er
-sagte ihm das, fügte aber hinzu, man müßte gerecht sein. Das „arme
-Kind” brauchte nun mal seine Extravaganzen. Im übrigen würde die Ehe
-das Ihrige tun, um sie noch mehr zu zähmen, seine Hummel. Mein Gott,
-das waren so die kleinen Evolutionen, die jede Ehe durchmachte! Nur sie
-nicht als Revolution betrachten! Dadurch machte man sie erst dazu!
-
-Perthes hörte ehrerbietig zu. Aber er opponierte. Er glaubte aus den
-und den Gründen, daß die Sache ernsthaft sei. Er hatte noch immer
-nicht begriffen, daß „Ernst” im Hause Hupfeld nur eine höchst relative
-Größe war. Und er rückte geradeswegs mit seinem Wunsch heraus: Der
-Geheime Rat solle einwilligen, daß er mit Alice nach auswärts ginge,
-wenn es nur für ein paar Jahre wäre. Eine andere Assistenz oder eine
-Anstaltsleitung ließe sich gewiß für ihn finden.
-
-Hupfeld sah seinen Schwiegersohn groß an. So, wie man jemand ansieht,
-an dessen normalem Befinden man zweifelt.
-
-„Lieber Junge,” begann er dann herablassend und mild, „du bist
-überreizt. Das sind -- verzeih -- das sind Ausgeburten eben einer
-überreizten Phantasie. Du hast dir das auch nicht ernstlich überlegt.
-Erstens kann ich es als Vater nicht zulassen. Wir wollen Alli nicht
-entbehren. Zweitens brauch' ich meinen Assistenten. Drittens würde
-damit deine ganze Laufbahn in Frage gestellt. Was du selbst einsehen
-mußt.”
-
-Perthes sah nichts ein. Hartnäckig blieb er bei seinem Wunsch. Er
-brachte ihn mit Nachdruck, beinahe heftig, von neuem vor. Er wollte und
-mußte weg von hier, um Alices, des Kindes und um seinetwillen.
-
-Exzellenz richtete sich halb vom Diwan auf. In den blassen Augen
-schimmerte ein grüner, zorniger Blitz. Die hohe, leere Stirn faltete
-sich und die sonst so getragene Stimme wurde unangenehm scharf, fast
-bösartig.
-
-„Niemals!” erklärte er mit der abschneidenden Gebärde des großen
-Mannes. „Davon wünsche ich nichts mehr zu hören! Niemals!” Und mit
-einer Bonhomie, die verletzender war als dieser herrische Zorn, weil
-sie Perthes kraß seine Stellung gegenüber dem Mann zeigte, der ihn
-„gemacht” hatte, setzte Exzellenz nach einer Pause hinzu: „So haben wir
-nicht gewettet, mein lieber Junge! Merk dir das gefälligst! Und laß
-mich jetzt ausruhen! Ich bin halb tot! Adieu!” Er reichte Perthes die
-berühmte, molluskenweiche Hand, die dieser frostig berührte.
-
-Die Audienz war beendet.
-
-Als Perthes wieder auf der Straße war, war er versucht, seine Arme
-zu heben, zu schütteln. Mußte man nicht die Ketten klirren hören,
-die er sich selber geschmiedet? In denen er sich selber gefangen?
-Er -- der Streber mit Willen! Gefangen, zusammengekettet mit einem
-leuchtenden Nichts! Er mit seinem verwundeten, niedergetretenen Stolz!
-Mit seiner Seele, die er sich abgeschafft und die sich doch nicht
-abschaffen ließ, sondern klagte, forderte, rief und schrie! ... Seine
-Leidenschaftlichkeit half ihm nichts mehr. Die dämonische Lust half
-nicht mehr. Es gab kein Springen mehr. Er mußte schreiten. Was er sein
-ganzes Leben nicht gekonnt: jetzt mußte er es können! Und er lernte
-es. Jahraus, jahrein besser -- und für ein ganzes Leben, wenn es sein
-sollte.
-
-Noch im Spätherbst, nach der Habilitation, verschaffte ihm sein
-Schwiegervater ein Douceur. Für die rauhe Weigerung gewissermaßen ein
-liebenswürdiges Heilpflaster. Er erhielt den Titel außerordentlicher
-Professor. Schon anderthalb Jahre später wurde er etatmäßig.
-
-Doktor Max Perthes, etatmäßiger außerordentlicher Professor an der
-Universität ..., erster Assistent an der Chirurgischen Klinik und
-stellvertretender Leiter. Wie hübsch das klang! Er hatte Karriere
-gemacht ...
-
-
-
-
-18
-
-
-Der Kindergarten in der Bergfelderstraße gedieh.
-
-Im ersten Jahr mußte man noch vom Kapital zusetzen. Im zweiten
-verdiente man und hätte mehr verdient, wenn nicht eine Scharlachepidemie
-die Kleinen ferngehalten hätte. Im dritten hatten, einer ernsthaften
-Konkurrenz zum Trotz, Marga und Elli Richthoff „den” Kindergarten für
-die Herrchen und Dämchen der besseren Gesellschaft. Das bescheidene,
-aber für sie so wichtige Werk war gelungen.
-
-Nicht zuletzt war es nach wie vor der feste und treue Rückhalt an
-den Freunden des einstigen Hauses am Wenzelsberg, der den Schwestern
-ihre Stellung auch äußerlich erleichterte. Sie bewegten sich frei und
-gleichberechtigt im alten gesellschaftlichen Kreis, und die Achtung,
-die sie dort genossen, wirkte auch bei Fernerstehenden nach. Jene
-kleinen, oft schmerzhaften Schikanen und Zurücksetzungen, mit denen
-die Gesellschaft noch manchmal die Frauen bedenkt, die sich mutig auf
-ihre eigenen Füße stellen, blieben ihnen so gut wie ganz erspart.
-Die Jahre gaben ihnen in dem Häuschen an der Bergfelderstraße ein
-richtiges, behagliches Heimgefühl, und sie konnten sich ihr Leben ohne
-die erfrischende Tätigkeit, ohne die Freiheit innen und außen kaum mehr
-denken.
-
-Marga war jetzt längst stark und klar genug, um auch die Erinnerung an
-die Vergangenheit nicht mehr zu scheuen. Sie gedachte ihrer Liebe und
-ihres Leids ohne Bitterkeit. Elli hatte es lange vermieden, von sich
-aus an jene Geschehnisse zu rühren. Als ihr dann zufällig einmal ein
-Wort entschlüpfte, das auf den Sommer in der Mühle Bezug hatte, wollte
-sie darüber forteilen. Aber Marga knüpfte selbst an ihre Bemerkung
-an, und seither sprachen sie mehr als einmal darüber, und je mehr
-die Zeit sie davon entfernte, um so geklärter und gelassener. Nicht
-nur ihre eigenen Gefühle, sondern auch den Mann, der sie ihr gegeben
-und genommen, sah sie in gerechtem und versöhnendem Licht. Sie hatte
-begriffen, daß jene Liebe -- die Wonne, die sie ihr geschenkt, und das
-Weh, das sie ihr bereitet -- für sie ein Stück notwendiger Entwicklung
-hatte sein sollen: sie wollte keines von beiden missen. Mußte es für
-ihn nicht dasselbe gewesen sein? Wenn Elli Perthes' Charakterlosigkeit,
-seinen treulosen Verrat, seine Unaufrichtigkeit und unverantwortliche
-Schuld mit den ihr eigenen Kraftausdrücken belegte, ließ es Marga nicht
-gelten. Ihr gereiftes Urteil verstand gerade das Herbste, das, was
-Elli am entschiedensten verdammte: seine jähe Wendung von ihr zu einer
-so anders gearteten Frau, einer der Richthoffschen so unähnlichen und
-entgegengesetzten Welt. Sie verstand sie aus den tiefen Gegensätzen
-seiner damals nur scheinbar, nur mit Gewaltsamkeit ausgeglichenen
-Natur. Sie ahnte, was er schon in seinem Abschiedsbrief angedeutet:
-Perthes hatte Seite an Seite mit ihr zu einem höheren, innerlicheren
-Menschentum emporgestrebt. Aber er hatte sich über seine Kraft
-getäuscht, als er den Zwiespalt in sich niederhalten wollte. Er konnte
-sein Naturell nicht zum Gleichschritt mit ihr, und darum auch überhaupt
-nicht in ihre Bahn zwingen. Als er das eingesehen, war er mit einem
-verzweifelten Entschluß in ein anderes Geleise gesprungen, das ihn nach
-der entgegengesetzten Seite führte.
-
-Ob Perthes dort gedieh? Ob er die ihm angemessene Bahn gefunden? Ob ihn
-diese Bahn abwärts mitnahm oder auf einem schweren Umweg auch zu einer
-Höhe, zu seiner Höhe führte? Vor solchen Fragen machte Marga halt. Sie
-wollte nur das Notwendige auch für ihn als Notwendiges anerkennen und
-achten. Weiter durfte sie nicht denken. Das verbot ihr ihr Stolz.
-
-Sie forschte nie nach ihm. Das Äußerliche seines Lebens trug ihr ab und
-zu ein Gespräch oder eine Bemerkung anderer zu. Dafür war die Stadt zu
-klein, die akademische Gesellschaft, trotz ihrer verschiedenen, sich
-gegeneinander abschließenden Sphären zu eng, als daß es hätte anders
-sein können. Daß er verheiratet war, daß er ein oder zwei Kinder hatte,
-das er sich habilitiert hatte und jetzt Professor war, das waren Dinge,
-die sie hörte wie eine Fremde von einem Fremden. Gleichgültige Dinge,
-die nicht bis in ihre große Stille drangen. --
-
-Bei einem kleinen Zwischenfall sollte Marga nach Jahren beweisen,
-daß ihr inneres Gleichgewicht kein gemachtes, sondern ein echtes und
-dauerndes war.
-
-Es war an einem Vormittag im späten Frühling. Die Kleinen waren
-eben aus ihrer fröhlichen Schule abgezogen. Elli und Marga saßen in
-behaglichen Liegestühlen im Grasgarten unter den Bäumen, die ihre
-letzten Blüten auf die dichten Grasbüschel streuten, und plauderten.
-Da meldete das Dienstmädchen, das sie sich jetzt zur ständigen Hilfe
-leisten konnten, eine Dame mit ihrem Jungen.
-
-Elli, die die Anmeldungsgeschäfte gewöhnlich erledigte, stand auf und
-ging nach vorn.
-
-Das Zimmer zwischen Wohnzimmer und Schulstube diente zum Empfang. Dort
-erwartete die Dame sie und erhob sich bei ihrem Eintritt vom Sofa,
-während ein Junge, ein kräftiges Bürschchen mit großen schwarzen Augen,
-einer kecken Stupsnase und zottigen, schwarzen Haaren, sehr resolut auf
-seinem Stuhl sitzen blieb. Elli glaubte sie nicht zu kennen.
-
-„Frau Alice Perthes!” stellte sie sich mit leichtem Nicken vor. „Ich
-komme, um Ihnen meinen Jungen vorzuführen,” fuhr sie in kühlem, etwas
-herablassendem Ton fort. „Der kleine Kerl soll etwas Räson lernen -- er
-wird meinem Mann und mir zu wild.” Das „meinem Mann” erfand sie. Denn
-Perthes wußte nichts von diesem Schritt seiner Frau. Sie folgte da nur
-ihrer Laune und dem Bedürfnis, durch das Kind nicht belästigt zu sein.
-
-Elli war zuerst betreten. Sie erinnerte sich jetzt sofort dieses
-beweglichen Gesichts mit seinen glimmenden Augen, der gestülpten
-Nase, dem spottsüchtigen Mund, das ihr ja vom Sehen bekannt war. Es
-war für sie eine ausgemachte Sache, daß sie diese Frau Perthes mit
-ihrem Sprößling abwimmeln würde. Mit der Sicherheit, mit der Frauen,
-besonders solche, die keinen Grund haben, sich wohlgesinnt zu sein,
-einander durchschauen, erriet sie, daß von Alices Seite auch eine
-frivole Neugierde mit im Spiel war. Sie wollte sich bei der Gelegenheit
-so ~en passant~ mal diese Richthoffs, von denen die eine ihres
-Mannes Flamme gewesen, etwas näher ansehen. Das prickelte in den
-umherschweifenden Augen ...
-
-„Sie kommen leider zu keiner ganz glücklichen Zeit, gnädige Frau,”
-erklärte Elli korrekt, aber rund heraus, nachdem sie ihr gegenüber
-Platz genommen.
-
-„Wieso?” fragte Alice.
-
-„Wir haben für das laufende Halbjahr schon so viele Kinder angenommen,
-daß es beim besten Willen nicht gehen wird.”
-
-„Sie werden mich doch nicht abweisen wollen, Fräulein?” Alice lächelte
-und sah Elli malitiös und ungläubig an. Sie hatte heraus, daß es
-sich um eine Ausrede handelte und war jetzt erst recht entschlossen,
-beharrlich zu sein. Sie versuchte sich noch entschiedener in der
-gönnerhaften Selbstgewißheit der großen Dame. Man hatte ihr den
-Richthoffschen Kindergarten empfohlen. Sie ließ die Namen von Exzellenz
-Papa, den gräflichen Herrschaften von Hüningen beiläufig einfließen
-und wollte Elli offenbar klar machen, daß die beiden Fräuleins sich
-nur geschmeichelt fühlen dürften, wenn sie ihren Jungen brächte. Sie
-stellte die Protektion gewisser erster Kreise in verlockende Aussicht.
-
-Das hieß bei Elli gerade Öl ins Feuer gießen. Sie wäre am liebsten grob
-geworden. Die hochtrabende Manier, die Alice sich gegen die Töchter
-eines Kollegen ihres Vaters herausnahm, reizte sie. Doch sie besann
-sich. Sie ließ Alice ausreden. Der Schalk in ihr siegte über den Unmut,
-den sie empfand.
-
-„Aber das hilft ja alles nichts,” sagte sie dann vergnügt. „Und wenn
-Sie uns einen leibhaftigen Prinzen brächten, gnädige Frau, wir haben
-uns mal vorgenommen, mehr Kinder einstweilen nicht aufzunehmen. Es
-wird nicht gehen!” Sie wechselte mit Frau Perthes einen Blick, der
-diese nicht im Zweifel lassen konnte, daß ihr die Exzellenzen und
-Grafen ganz und gar nicht imponierten.
-
-Der Junge, der aufmerksam zugehört hatte, kletterte von seinem Stuhl
-herunter. Ihm schien die Sache jetzt reif für seine persönliche
-Einmischung. Er erklärte auf eigene Faust, sehr flott und selbstbewußt:
-„Denn nicht! Komm, Mama! Ich will fort!”
-
-Das „Denn nicht” hatte er jedenfalls von seiner Mama gelernt. Alice
-selbst, die über die Entscheidung ihres Jungen boshaft lächelte, hätte
-am liebsten auch mit einem geringschätzigen „Denn nicht” das Feld
-geräumt. Aber ihre ursprüngliche Absicht, den Jungen, der im Haus
-lästig wurde, los zu werden, war ihr nun doch zu wichtig. Gewandt
-wie sie war, unterdrückte sie ihren Ärger. Sie gab dem Kleinen einen
-leichten Klaps für seine Ungezogenheit und verlegte sich aufs Bitten.
-Sie wurde beinahe zutraulich. Allerhand Reisen standen ihr bevor. Sie
-war gesellschaftlich sehr in Anspruch genommen. Sein Vater hatte wenig
-oder gar keine Zeit für den Jungen. Das Kinderfräulein würde nicht
-immer mit ihm fertig. Kurz: sie wünschte, daß er einige Stunden am Tag
-unter guter Aufsicht war und etwas Sitzleder bekam.
-
-„Ich denke, Sie werden ihn trotz der Überfüllung nehmen!” schloß sie,
-bedeutend liebenswürdiger und zuvorkommender, als sie begonnen.
-
-Elli blieb gleichwohl fest. Sie wollte nicht.
-
-Für sich und noch mehr für Marga sträubte sich ihr Gefühl gegen die
-Aufnahme gerade dieses Perthesschen Jungen, die überdies nur dem
-eigensüchtigsten Wunsch der Mutter dienen sollte. Sie machte kein Hehl
-daraus, daß ihre Schule den Kindern nicht das Heim ersetzen könne noch
-wolle. Zudem schien ihr der Junge -- so aufgeweckt und kräftig er war,
-mochte er noch nicht vier Jahre zählen -- entschieden zu jung. Sie
-nahmen grundsätzlich keine zu kleinen Kinder mehr. Und dann führte sie
-noch einen ganzen Wall von anderen Gründen auf, um nur unter keinen
-Umständen nachgeben zu müssen.
-
-Alice Perthes war im Begriff, mit einer unartigen Wendung nun doch die
-Verhandlung abzubrechen und ihrerseits zu danken, als sie nebenan, in
-der Klasse, zu der die Tür angelehnt war, Schritte hörte.
-
-„Elli,” ertönte es von dort mit gedämpfter, fragender Stimme.
-
-Es war Marga, die sich das lange Ausbleiben Ellis nicht erklären konnte
-und sie an einen Besuch bei Wilmanns, den sie beide vor Tisch noch zu
-machen hatten, erinnern wollte.
-
-Elli und Alice erhoben sich gleichzeitig.
-
-Elli hatte keinen anderen Gedanken, als dies Zusammentreffen zu
-verhindern.
-
-Aber Alice war die Besonnenere und Entschlossenere.
-
-„Ihre Fräulein Schwester wird vielleicht nicht ganz so hartnäckig
-sein!” meinte sie lächelnd.
-
-Auf die Gefahr hin, unfreundlich zu werden, wollte Elli dazwischen
-treten. Aber Frau Perthes hatte schon die angelehnte Tür geöffnet.
-Und da stand Marga, ihr gegenüber, nichts ahnend, ruhig, nur nach dem
-Geräusch der Stimmen und Bewegungen in ihr Dunkel lauschend.
-
-Wie um sie zu schirmen, flog Elli an dem verhaßten Eindringling vorbei
-auf die Schwester zu. Sie war bleich vor ohnmächtiger Wut.
-
-„Marga, ich sagte der Dame schon, daß wir unmöglich, so leid es uns
-tut, noch ein Kind annehmen können,” stieß sie erregt hervor. Sie hatte
-ihren Arm von rückwärts auf Margas Schulter gelegt und suchte ihr durch
-den Druck ihrer Hand irgend ein Zeichen zu geben.
-
-Der kleine Junge, der erst neugierig vorgetreten war, zog sich vor den
-fremden, blicklosen Augen Margas mit der allen Kindern eigenen Scheu
-vor dem Ungewohnten hinter seine Mutter zurück.
-
-Alice, die die Blinde mit einem Gemisch von Interesse und Befriedigung
-durch ihren bekannten Blick von unten nach oben gemessen, ließ sich
-durch nichts beirren.
-
-„Sie vergessen Ihrer Fräulein Schwester zu sagen, wer ich bin,”
-bemerkte sie halb höflich, halb spöttisch zu Elli. Sie war
-nicht bösartig. Aber in diesem Moment verfiel sie dem kleinen,
-niederträchtigen Weibsteufel, dem Frauen unter sich und zumal unter
-ähnlichen Umständen kaum wehren können. „Alice Perthes”, sagte sie
-mit eigentümlich klangvoller Betonung, die sonst ihrer hastigen,
-schnoddrigen Redeweise durchaus fremd war.
-
-Das Geschoß war abgeschnellt.
-
-Elli ließ trostlos, empört die Arme sinken. Sie hatte es nicht hindern
-können. Unruhig und ängstlich wanderten ihre Blicke zwischen Alice und
-der Schwester hin und her.
-
-Der kleine Benno stand jetzt mit seinen großen, schwarzen Augen mutig
-neben seiner Mutter, fuchtelte mit seinem Spazierstöckchen und setzte
-dann eigenmächtig den breitrandigen Strohhut auf, den er vorher in der
-Hand gehalten.
-
-Marga hatte die Farbe gewechselt. Ihre Augen hatten sich auf den Boden
-geheftet. Sie fühlte auf sich den herausfordernden Blick dieser Frau,
-die sie nicht kannte und die ihr das Glück ihres Lebens zerstört hatte.
-Alte Gefühle des Schmerzes und der Bitterkeit drangen in einer heißen
-Welle zu ihrem Herzen und zerkrampften es, als wollten sie ihren Mut,
-ihre Haltung vernichten. Aber die Welle brach sich an ihrem Willen.
-
-Einige Sekunden hatte das unbehagliche Schweigen gedauert.
-
-„Ich glaube, wir könnten den kleinen Mann doch noch aufnehmen, Elli,”
-sagte Marga dann gelassen und fest. Nur ihr bewegterer Atem ließ eine
-vorausgegangene Erschütterung erraten. „Meine Schwester hat wohl
-vergessen, daß heute morgen ein Mädchen abgemeldet wurde. Es wird
-gehen, nicht wahr, Elli? Wenn Sie uns den Jungen anvertrauen wollen,
-bitte ich darum, gnädige Frau!” Sie sprach jetzt so klar und korrekt,
-als gelte es eine abgemachte, rein geschäftliche Sache höflich zu
-beendigen.
-
-Alice war nicht leicht zu verblüffen. Aber diese Ruhe und sanfte
-Bestimmtheit, wo sie eine pikante, demütigende Verwirrung erwartet
-hatte, war so sehr der Gegensatz ihres eigenen zerfahrenen Wesens, daß
-sie eine gewisse Verlegenheit nicht unterdrücken konnte.
-
-Mit einem höflichen „Ich danke Ihnen, ich werde meinen Jungen morgen
-schicken,” verbeugte sie sich und nahm den Kleinen bei der Hand.
-
-Vor der Tür drehte sie sich noch einmal um.
-
-„Um wieviel Uhr doch gleich?” fragte sie mit einer halben Wendung
-des Gesichts, mit dem wiedergewonnenen Ausdruck ihrer unzerstörbaren
-Nonchalance, der zeigte, daß ihre Gedanken über dies Intermezzo schon
-hinwegeilten.
-
-„Im Sommer um neun Uhr,” gab Marga zurück.
-
-Als sich die Tür hinter Alice Perthes geschlossen, stürzte Elli außer
-sich an Margas Hals.
-
-„Aber Margakind! Was hast du da gemacht?! Wie konntest du diese
-abscheuliche Person, die ich glücklich abgewimmelt hatte, diesen
-verzogenen, ungebärdigen Bengel von einem Jungen -- ich versteh' dich
-nicht! Ich mache nicht mit! Ich will nicht! Wie konntest du nur?” Sie
-zitterte vor Aufregung und Empörung.
-
-Marga zog sie mit einem verlorenen Lächeln noch enger an sich.
-
-„Verstehst du das wirklich nicht, Kleinchen?” fragte sie leis.
-
-Und Elli sah zu ihr auf, in ihre Augen, die mit der Sicherheit eines
-Sehenden eine weite unendliche Ferne faßten, mit der ihre Stille eins
-war.
-
-Und sie verstand Marga ...
-
-Am anderen Morgen kam der kleine Perthes mit seinem Kinderfräulein.
-
-Er war wild, jähzornig, eigenwillig. Aber er war nicht der erste seiner
-Art und nicht der letzte. Zwei, drei Wochen konnte das vielleicht
-dauern. Dann saß er da und lauschte, sprang und sang, jubelte und
-spielte, ein harmloses Kind wie die anderen. Was bedeutete da noch sein
-Name?
-
-
-
-
-19
-
-
-Der Geheime Rat hatte seinen Schwiegersohn im Automobil an die Bahn
-gebracht.
-
-Perthes war zu einer Konsultation nach Konstanz berufen worden. Da
-Hupfeld in diesen Tagen seinen Sommerurlaub antreten und zunächst
-auf Nieburg, späterhin irgendwo in der Schweiz oder Tirol möglichst
-ungeschoren sein wollte, gab es zwischen beiden noch allerhand zu
-besprechen.
-
-Seite an Seite schritten sie auf dem Bahndamm auf und ab, ganz in ein
-berufliches Gespräch vertieft.
-
-Hupfelds hohe Gestalt, mit den Jahren etwas vornübergebeugt, aber
-immer noch sehr repräsentativ mit dem glatten, ebenmäßigen Gesicht,
-den gebietenden Gebärden, dem verjüngenden blauen Jackettanzug, machte
-Aufsehen wie immer. Der nicht ganz so große Professor Perthes in seinem
-Reisehabit aus grauem Loden wirkte nicht so distinguiert und hatte
-nichts von der weltmännischen Liberalität der Exzellenz. Die frühere
-gesunde Bräune seines Teints hatte einen bleiernen Ton bekommen.
-Der Ausdruck der Züge hatte die einstige jugendlich-unbekümmerte
-Brigantenhaftigkeit verloren. Ein starrer Ernst gab ihm auf dem ersten
-Blick einen abweisenden, fast hochmütigen Anschein. Doch dagegen zeugte
-das tiefe Auge, das noch immer, wenn auch selten und mit Beherrschung,
-in dunklem Feuer aufleuchten konnte. Wenn er mit wiederholter, hastiger
-Gebärde die Mütze lüftete und sich über die dichten, schwarzen Haare
-fuhr, las man auf der Stirn aus starren, rissigen Falten ebenso viel
-rastlose geistige Arbeit wie in sich verschlossene Bitternis. Der Mund
-hätte die gleiche Sprache gesprochen, wäre er nicht in dem krausen
-Bart zurückgetreten, dem sich da und dort frühgraue Fäden eingesponnen
-hatten.
-
-Es wurde zum Einsteigen abgerufen.
-
-Hupfeld und Perthes verabschiedeten sich mit einem Händedruck,
-der mehr korrekt als herzlich war. Während der ~D~-Zug aus der
-Halle rollte, schritt der Geheime Rat den Bahnsteig zurück nach
-seinem Automobil. Auf der Fahrt zur letzten Fakultätssitzung des
-Sommersemesters saß er nachdenklich in seiner Ecke. Ohne einen Gruß
-zu versäumen, dachte er an seinen Schwiegersohn. Nach dem Ausdruck
-seiner Mienen waren es nicht ausschließlich freundliche Gedanken,
-die ihn beschäftigten. Diese Konsultationen nach auswärts, die durch
-den steigenden Ruf des Jüngeren sich mehrten, begannen ihm lästig zu
-werden. Seine Eitelkeit, die wahrhaftig in einem Leben voll glänzender
-Erfolge auf ihre Kosten gekommen war, witterte längst in Perthes den
-Kommenden, der ihn, den Gehenden, vielleicht abzulösen berufen war.
-Er hatte die Fähigkeiten des um mehr als eine Generation jüngeren
-Mannes „entdeckt”, wie er sich schmeichelte. Er hatte ihn „gemacht”.
-Vielleicht würde er gegenüber seinem Schwiegersohn Regungen der
-Mißgunst doch unterdrückt haben; vielleicht hätte er sich sogar mit
-den Jahren direkt überwinden und seinen Nachfolger selbst auf den
-Schild heben können. Aber die Ehe seiner Tochter -- das konnte auch
-ihm, dem Optimisten, längst kein Geheimnis mehr sein -- war nicht, was
-er sich und Alli gewünscht hatte. Der junge Mann, den er „gemacht”
-hatte, entwickelte einen Charakter, dem nach seiner Auffassung die
-Weite und Freiheit weltmännischen Denkens abging. Als ewig nachgiebiger
-Vater stand er durchaus auf seiten seines Kindes. Alices skrupellose
-Lebenslust war ein Zug seines eigenen Wesens, wenn er auch in ihm sich
-stilisiert hatte. Ihre spitzbübische, spottsüchtige, wechsellüsterne
-Art zeugte von Humor, Gesundheit des Geistes, jugendlicher Frische.
-Dagegen sah er bei Perthes eine Rechtschaffenheit, ja trockene
-Ledernheit -- besonders in wirtschaftlichen Fragen, die ihm kleinlich
-vorkam. Er traf sich mit Alli durchaus in einer Auffassung, die in
-jeder konsequenten Folgerichtigkeit und Festigkeit nur Pedanterie und
-Spießertum belächelte. Wie oft beklagte er in seinen Gesprächen mit der
-körperlich immer schwerfälligeren Mama Hupfeld das „arme Kind”. Bei
-dieser Klage war er auch in seinen Reflexionen angelangt, als sein Auto
-vor der Universität hielt. Er versäumte trotzdem nicht, dem strammen
-Pedellen, der mit gezogener Mütze in Front stand, huldvoll zuzunicken,
-während er ausstieg. Durch die Gruppen grüßender und starrender
-Studenten schritt er fürstlich nach dem Fakultätszimmer, wo die Korona
-der Kollegen das große Tier noch eben durchgehechelt hatte, nun aber
-mit übertriebener Ehrerbietung empfing. --
-
-Perthes fuhr inzwischen in seinem ~D~-Zug südwärts.
-
-Er saß allein in seinem Abteil. Reichlich mit wissenschaftlichem
-Lesestoff versehen, kümmerte er sich nicht um die sommerlich-frohe
-Natur vor den Fenstern. Er war ja früher ein leidenschaftlicher
-Naturliebhaber gewesen. Wie oft hatte er auf einer Fußwanderung, wie
-oft rudernd und sportbeflissen sich seinen seelischen Gleichmut wieder
-herzustellen gesucht. Er hatte sich diese Naturschwärmerei abgewöhnt.
-Wie er sich im Lauf der Jahre auch die seelischen Aufregungen
-abgewöhnt hatte. Nicht von heute auf morgen; auch nicht mühelos und
-leicht. Es hatte Kämpfe gekostet. Sein explosives Temperament gab
-sich nach den ersten Enttäuschungen seiner Ehe nicht zufrieden:
-Perioden der Gleichgültigkeit wechselten mit solchen lauter, zorniger
-Auflehnung; Perioden blinder Verliebtheit mit anderen, in denen
-er Alice durch Güte, Vernunft, eiserne Strenge erziehen wollte.
-Vorübergehend meinte er die Quelle alles Übels in der Umgebung zu
-sehen, die ihn selbst zuerst bestochen hatte. In sich hatte er längst
-die Freude an all dem blendenden, geselligen Treiben ausgerottet.
-Dabei half ihm die wachsende Arbeit. Aber es kostete ihn doch mehr,
-als er sich je gestand. Er hatte von Natur nichts weniger als die
-Anlage zur Einseitigkeit. Eine gewisse Besonderheit hatte er immer
-geliebt. Doch sie war himmelweit entfernt von jenem Philistertum,
-das man mit Recht so nannte. Um Alices willen stritt er gegen dies
-Milieu mit seiner öden Oberflächlichkeit, seinem Taumel der Mode und
-Sensation, seiner erlogenen Freiheit und Götzendienerei des Geldes,
-der Grafenkronen, der Flottheit und Zeitgemäßheit um jeden Preis. Doch
-sie -- sie dachte nicht daran, sich ihrem Element abspenstig machen
-zu lassen. Mit ihrer Geschmeidigkeit, ihrer mehr als vorurteilslosen
-Bosheit, ihrem girrenden Lachen widerstand sie allen Versuchen,
-sie zu ändern. Sie wollte so sein, wie sie war, weil sie gar nicht
-anders konnte. Sie entwand sich ihm und schnitt eine Grimasse gegen
-seine besten Absichten. Die Erkennung, die dauernde und absolute,
-vollendete sich. Der Räuberhauptmann war ihr ein gräulicher Philister,
-ein lebensfeindlicher Grämling geworden. Hinter dem Irrlicht sah
-er, nüchtern und für immer, das seelenlose Nichts. Noch eine Spanne
-argwöhnischen Belauerns -- und eines ging kühl und fremd neben dem
-anderen, überließ es seiner Torheit, lebte nur noch für sich und in
-sich selbst.
-
-Alice war nicht zu entwickeln und entwickelte sich nicht. Aber er,
-Perthes, vollzog mit sich eine langsame, qualvolle Wandlung. Die
-Gebundenheit, unerbittlich wie die öde ziehenden Jahre, zwang ihn
-zu einer strengen Beherrschung, die sich im Anfang von Stunde zu
-Stunde üben mußte. Er lernte mit Schmerzen den Schritt, er, dessen
-gegensatzvolle Natur nur immer den Sprung gekannt hatte. Ohne seinen
-Beruf, ohne die peinlich gepflegte, später natürliche und echte
-Liebe zur Wissenschaft hätte er diese aufreibende Wandlung nicht
-durchgehalten. Er wäre verzweifelt und verkommen. So war ihm die
-Umbildung gelungen. Er ging in seinem nur geistigen Dasein, seiner
-einseitigen Starre eines Gelehrten wie in einer Rüstung. Freilich war
-sie schwer; sie litt kein Rechts und Links, keine heftige Bewegung
-nach außen und innen. Seine Sinne hatten zu schlafen und erst recht
-seine Seele. Da gab es keine Vergangenheit. Da gab es keine Natur, wie
-die, die sonnig mit tannenschwarzen Tälern, mit bunten Wiesen, mit
-goldgelben Kornhängen am Fenster des Zuges vorbeiflog. Er war blind.
-Viel blinder als jemand, den er gekannt -- vor langer, langer Zeit ...
-
-In Konstanz hatte Perthes noch am Abend die Konsultation, zu der man
-ihn gerufen.
-
-Am anderen Morgen rettete er dank seiner richtigen Diagnose und der
-Kraft seiner Hand das Leben eines zwanzigjährigen jungen Menschen.
-Mit dem gutmütigen Lächeln, das seine starken weißen Zähne unter dem
-Bart vorblinken ließ, diesem Lächeln, das er so selten und nur noch im
-Beruf, in einem Moment selbstvergessener Zufriedenheit fand, konnte er
-dem geängstigten Vater im Vestibül der Klinik die nach menschlichem
-Ermessen geglückte Rettung mitteilen.
-
-Er entzog sich den lebhaften Danksagungen. Aber sie klangen mit der
-Freude über die gelungene Operation doch noch in ihm nach, als er
-später durch die alten, ehrwürdigen Straßen von Konstanz schlenderte.
-Er mußte einen Abendzug abwarten. Was er sich sonst kaum vergönnen
-wollte und konnte, ein paar müßige Stunden, sie wurden ihm hier
-aufgedrängt. Er hatte es seit langem aufgegeben, seinen Stimmungen
-nachzuhängen. Aber auf der Terrasse des Inselhotels und nachher am
-Hafen, beim Blick auf die sanfte, klare Wasserfläche, überraschte
-ihn, den Entwöhnten, ein weiches, versöhnliches Gefühl. Einer jener
-Augenblicke, in denen ein Hauch der Ewigkeit alle Bitterkeit von
-Menschen und Verhältnissen wegzuspülen scheint. Er überließ sich halb
-schmerzlichen, halb süßen Träumereien. Gab es keine, auch nicht eine
-Möglichkeit des Glücks, in der er und die Frau, die er nun einmal zur
-Gefährtin seines Lebens gemacht, sich zusammen finden konnten? Es fiel
-ihm ein -- woran er bis jetzt nicht gedacht --, daß Alice nach ihren
-letzten Nachrichten vielleicht kaum einige Stunden entfernt war. Sie
-wollte, wie sie geschrieben, acht Tage einer Einladung der Gräfin
-Hüningen folgen, die auf der Schweizerseite des Bodensees ein Landhaus
-besaß. Er rechnete die Tage nach. Seine Frau, die in Straßburg bei dem
-Bruder ihres Vaters, dem Obersten Hupfeld und Cousine Hilla zu Besuch
-war, mußte jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach drüben, jenseits des
-Sees, bei den Hüningens sein.
-
-Eine fiebrige Unruhe gesellte sich zu seiner Stimmung.
-
-Wenn er, so wie jetzt mit sich, mit ihr spräche? Wenn sie beide es
-doch noch einmal, in Ruhe und Vernünftigkeit, wie zwei Leute, die
-sich kennen und keine Illusionen mehr haben, versuchten, zu einer
-erträglichen Einigung zu kommen? Zu einem kühlen, sachlichen Frieden,
-aber doch zu einem Frieden! Schon um des Jungen willen. Für den er
-keine Zeit hatte, und den er doch zärtlich liebte. Der zwischen ihnen
-verkümmern und verderben mußte ...
-
-Seiner aufwallenden Stimmung folgend, saß Perthes eine Stunde später
-auf dem Verdeck eines Dampfers. Er wußte, daß er nicht „klug” handelte,
-sondern sich nur von einer jähen, unklaren Regung bestimmen ließ.
-Vielleicht würde er Alice gar nicht treffen; oder sie würde seinen
-Besuch, seine Vorschläge mit Achselzucken als Sentimentalitäten
-beiseite schieben, gar in seinem Überfall eine mißtrauische Absicht
-sehen. Aber die abendliche Fahrt auf dem sanftbewegten, blauen See
-mit dem Blick auf ferne Alpengipfel hielt einen Schimmer jugendlicher
-Vertrauensseligkeit in ihm wach.
-
-In Rorschach stieg er aus.
-
-Zu Fuß ging er, nach den nötigen Erkundigungen, aus der Stadt am Strand
-entlang.
-
-Als er die Villa des Grafen Hüningen gefunden, zögerte er beim Anblick
-der herabgelassenen Jalousien, die dem Haus hinter dem hübschen,
-herrschaftlichen Garten ein verlassenes Aussehen gaben.
-
-Er zog an der Torklingel.
-
-Der Gärtner öffnete. Er berichtete, die Herrschaften wären gestern
-abgereist.
-
-Perthes war niedergeschlagen und ernüchtert. Er nannte seinen
-Namen und erkundigte sich, ob seine Frau dagewesen sei. Die Frau
-des Gärtners, die dazukam, wußte Bescheid. Die Dame, die bei den
-gräflichen Herrschaften zu Besuch gewesen, war einen Tag früher als
-die Herrschaften selbst abgereist. Wohin wußte sie nicht. Aber
-richtig! Daß sie das nicht vergaß! Das traf sich ja gut: eine Depesche
-wäre für die Dame heute morgen noch abgegeben worden. Da sie keine
-Adresse gehabt, hätte sie sie einstweilen liegen lassen müssen. Die
-Gärtnersfrau holte sie. Perthes nahm sie gleichgültig an sich, grüßte
-und ging mechanisch zurück nach der Stadt.
-
-Die Stimmung, die ihn hergebracht, war mit der Enttäuschung verflogen.
-Wahrscheinlich war Alice wieder nach Straßburg zurückgekehrt. Doch er
-wußte nichts Genaueres über ihre Pläne. Er öffnete die Depesche, die
-ihm vielleicht darüber Aufschluß gab. Sie lautete in lakonischer Kürze:
-„Bin morgen Baden-Baden. Ballonfahrt Dienstag.” Der Ort der Aufgabe
-hatte französischen Klang. Die Nachricht kam wohl aus der Westschweiz.
-Eine Unterschrift fehlte.
-
-Wenn das Wort Ballonfahrt nicht gewesen wäre, hätte Perthes das
-Telegramm so gleichgültig wieder zu sich gesteckt, wie er es
-mitgenommen und gelesen. So öffnete, las und schloß er es zu
-wiederholten Malen. Er kümmerte sich so gut wie nicht mehr um das, was
-Alice tat oder ließ. Aber zwei Dinge hatte er ihr, als sich danach ihre
-Gelüste regten, ein für allemal verboten. Rennen und Ballonfahrten.
-Er hatte erfahren, daß sie im Frühjahr in Iffezheim am Totalisator
-gespielt hatte. Wie er sie kannte, gab es für sie keine gefährlichere
-Verlockung als das Spiel, und da die Ausgaben das einzige waren,
-über das er wachte, verbot er ihr den Besuch von Pferderennen aufs
-entschiedenste. Ebenso wußte er, daß sie sich längst sehnlich wünschte,
-an einer Ballonfahrt teilzunehmen. Diesen Wunsch verweigerte er ihr,
-nicht nur weil der Ballonsport ihm zu kostspielig war, sondern weil
-er die Mutter seines Kindes nicht leichtsinnig der Gefahr ausgesetzt
-wissen wollte. Die Depesche, die ihm jetzt in die Hände geraten war,
-verriet ihm, daß sie hinter seinem Rücken nicht daran dachte, seinen
-Willen zu respektieren.
-
-Gern hätte sich Perthes auf der Rückfahrt mit dem Dampfer nach
-Friedrichshafen, und von da mit dem Nachtschnellzug heimwärts, wieder
-nichts sehend und nichts hörend, in seine gelehrte Fühllosigkeit,
-seinen dichten, schweren Panzer gehüllt. Doch immer wieder tauchte
-diese Depesche vor ihm auf. So gewiß, als sie unbekümmert um sein
-Verbot, sich zu einer Ballonfahrt verabredete, würde sie auch
-sicherlich an den Rennen teilnehmen und spielen, so oft sie wollte.
-Wenn er erst dahinter kam, daß ihre Ausgaben wieder ins Ungemessene
-gingen, gab es Mittel und Wege, ihr seinen Willen deutlich zu machen.
-Möglich auch, daß sie sich nach wie vor von ihren Eltern manches
-bestreiten ließ: er hatte die beschämende Kontrolle darüber längst
-aufgegeben. Nur mit seinem Willen durfte das nicht sein. Es war auch
-vollends einerlei, ob sie Ballon fuhr oder nicht! Und doch -- jetzt
--- wo er sie durch einen Zufall ertappte, gerade bei einem Sport,
-den er ihr streng versagt hatte -- schaffte die törichte Nachricht
-in ihm. Wenn Alice alles tat, was sie wollte, warum er nicht? Noch
-vor einigen Tagen hatte er den Brief einer auswärtigen medizinischen
-Fakultät erhalten, der ihn -- einstweilen als Extraordinarius, aber
-mit der sicheren Aussicht auf das Ordinariat -- an eine norddeutsche
-Universität berief. Er hatte sich die Angelegenheit noch kaum überlegt.
-Wollte sie auch nicht weiter überlegen, denn er mußte, wollte er nicht
-mit seinem Schwiegervater, mit Alice einen Sturm bestehen, doch
-ablehnen. Aber mußte er denn wirklich? Wenn seine Frau handelte, wie es
-ihr beliebte -- brauchte er sich seinen Weg durch Rücksichten verlegen
-zu lassen? In dem brausenden, hämmernden Nachtzug, im Gedanken an diese
-malitiöse Depesche, erwachte doch noch einmal sein Widerstand gegen
-die ewige Unfreiheit, der er verschrieben sein sollte. Er hatte heute
-nachmittag, in einer schwächlichen Stimmung, von einem kleinstmöglichen
-Glück geträumt. Mit Träumen war da nichts ausgerichtet! Wenn er
-handelte?! Wenn er, allen Widerständen zum Trotz, seine Frau nun doch
-noch aus ihrer unseligen Umgebung herausriß und verpflanzte? Wenn nicht
-mehr zu seinem und ihrem Heil, so zu dem des Jungen! Darüber brütete er
-...
-
-Daheim, nach einigen Stunden Schlafs, wurde sein Entschluß fest. Er
-wollte die Gärung, die mit der Unterbrechung seines mechanischen
-Arbeits- und Lebensganges in ihm erregt worden war, benutzen. Er
-knüpfte Verhandlungen mit der auswärtigen Fakultät an, die ihn rief.
-Als er den nötigen Brief abgesandt, ging er elastischer als sonst in
-seine Klinik.
-
-Merkwürdig -- die belanglose Depesche, die er vom Bodensee mitgebracht,
-verfolgte ihn weiter. Schließlich konnte es ihm gleichgültig sein, mit
-wem sich Alice in Baden-Baden traf. Mit den Hupfelds aus Straßburg,
-mit ihrem Bruder oder mit anderen Bekannten. Nichtsdestoweniger
-beschäftigte ihn die Frage.
-
-Auf dem Nachhauseweg traf er gegen Abend den Grafen Hüningen. Er sprach
-fast nie mit dem wappennärrischen Gardeüberrest, der so geschäftig und
-gelehrt tat. Heute fragte er ihn höflich nach dem Befinden der Gräfin.
-Sie war wohlbehalten mit Edith Hammann zurückgekehrt. Der Graf selber
-war den Seinigen entgegengefahren und hatte sie in Friedrichshafen
-abgeholt. Er sprach auch von dem Besuch Alices in Rorschach. Perthes
-schämte sich fast zu fragen, wohin seine Frau gereist sei. Er murmelte
-eine unverständliche Ausrede und tat es doch. Alice hatte auf
-Nachrichten aus Freiburg gewartet, wie der Graf sich entsann. Als sie
-nicht eintrafen, war sie aufs Geratewohl zu ihrem Bruder gereist.
-
-Nun wußte Perthes, daß sie sich höchstwahrscheinlich mit dem Leutnant
-nach Baden-Baden verabredet hatte. Von ihm mochte die Depesche sein.
-
-Zu seiner Verwunderung erhielt er noch am selben Abend eine
-Ansichtskarte von seinem Schwager Moritz aus dem Engadin, von einer
-Hochgebirgstour. Also konnte der es doch nicht sein, mit dem sie
-zusammentreffen wollte. War sie gar nicht nach Freiburg gereist?
-Sondern direkt nach Baden-Baden gefahren oder ... Er sträubte sich
-gegen seine alberne Grübelei. Aber so töricht er sich vorkam, er hatte
-keine Ruhe.
-
-Sehr gegen seine Gewohnheit ging er am nächsten Nachmittag mit seinem
-Jungen um die Teestunde nach Stift Nieburg. Man nahm ihn freundlich
-auf. Besonders der Kleine war stets willkommen und wurde stets mit
-Kuchen vollgestopft. Wo Alice gerade war, wußten Hupfelds nicht. Sie
-hatten zuletzt eine Karte vom Bodensee gehabt. Die Gräfin Hüningen kam
-zum Tee. Sie brachte Grüße von Alice und erzählte Wunder von ihrem
-famosen Aussehen.
-
-Dann sprach man von unzähligen Dingen, die Perthes nicht
-interessierten, die er aber aus Artigkeit mit anhörte.
-
-Der Geheime Rat fragte die Gräfin beiläufig nach Professor Hammann,
-ihrem Schwiegersohn. Sie wußte nicht viel von ihm. „Überarbeitet” wie
-er gewesen, hatte er einige Wochen vor Semesterschluß seine Vorlesungen
-und Studien abgebrochen und Touren in der französischen Schweiz
-gemacht. Auf dem Genfer See hatte ihn eine Regatta gelockt. Der Sport
-war nun einmal sein Steckenpferd. Und auf der Rückreise wollte er,
-so viel sie wußte, noch ein oder zwei Ballonfahrten in Baden-Baden
-mitmachen. -- Edith, seine Frau, war, da sie einem freudigen Ereignis
-entgegensah, mit den Hüningen am Bodensee gewesen und jetzt daheim --
-indolent und schön wie immer, wie die Gräfin selbst lachend hinzusetzte.
-
-Es war an sich nichts Besonderes, was Perthes auf Nieburg hörte. Und
-doch versetzte es ihn in gesteigerte Unruhe. Daß die Depesche an Alice
-aus der französischen Schweiz kam, konnte der reine Zufall sein. Daß
-sie und Hammann sich eventuell mit dritten Bekannten in Baden-Baden
-zu einer Ballonfahrt trafen, war möglich, aber für ihn jedenfalls
-uninteressant.
-
-Und doch konnte er es auf dem ganzen Heimweg von Stift Nieburg nicht
-unterlassen, seine einmal entfesselte Spürkraft weiter zu üben.
-Er spottete über sich und seinen spielerischen Eigensinn und kam
-gleichwohl nicht davon ab.
-
-Der kleine Benno, den er an der Hand hatte, war sehr ungehalten, daß
-sein Papa ihm oft gar keine oder ganz unzureichende Antworten auf
-seine zahlreichen, höchst wichtigen Fragen gab. Er rief gebieterisch.
-Wenn Perthes dann aufschrak aus seinem Sinnen, war er wütend über den
-Jungen und über sich. Was ging denn mit ihm vor? Wollte er sich zum
-Detektiv ausbilden? Wollte er einen neuen Giftstoff in seine ohnehin
-vergifteten Beziehungen zu Alice hineinpraktizieren? Entdeckte er in
-sich ein Talent zur Eifersucht? Jetzt noch, wo ... Verächtlich biß er
-sich auf die Lippen. Es fiel ihm die Geschichte ein, die ihm seine
-Frau seinerzeit als Tauschobjekt für seine mißlungene und abscheuliche
-Beichte über sich und Marga Richthoff angeboten und später auch
-wirklich erzählt hatte. Wahrscheinlich kam er darauf, weil Benno,
-jetzt schon zum dritten Mal eine ihm sehr bedeutend scheinende,
-Perthes sehr ungelegene Erzählung aus dem Richthoffschen Kindergarten
-mit wachsender Bestimmtheit vortrug. Er hörte daneben deutlich das
-saloppe Tauschgeständnis, das Alice damals abgelegt: wie sie mit
-diesem kleinen, patenten Hammann, dem gut gepflegten Sportsmann und
-Auchbakteriologen, geflirtet hatte; wie sie sich beide ganz nett
-hätten leiden können, aber eines Tages bei dem Gedanken an Verlobung
-und Heirat „auseinandergelacht” hätten. Ob es für Alice ein größeres
-Vergnügen hätte geben können, als zu wissen, daß er sich in solchem
-Zusammenhang an ihre Geschichte erinnerte? Daß er sich nun auch noch
-auf die abgegriffene Spezialität der Eifersüchtelei verlegen wollte?
-Das Vergnügen wollte er ihr denn doch nicht gönnen! --
-
-Daheim ließ Perthes den Jungen zu Bett bringen und warf sich
-entschlossen auf seine Arbeit.
-
-Keine Minute länger durfte diesem müßigen und kläglichen Spintisieren
-gehören.
-
-Er arbeitete bis tief in die Nacht. Erfüllt von wissenschaftlichen
-Ideen, völlig abgezogen von den Torheiten der letzten Tage, legte er
-sich zu Bett.
-
-Er schlief sofort ein, mit der bleiernen Schwere, die der erschöpfte
-Kopf gab ...
-
-Nach wenigen Stunden fuhr er beklommen in die Höhe. Ein Traum, ein
-hämischer, raffinierter Traum hatte ihn aufgeschreckt. Alle Klügeleien,
-seine eingestandenen und verborgenen Verdächtigungen hatte dieser Traum
-mit folgerichtiger Teufelei zu einem höhnischen Bild vereinigt, das
-ihn mit seiner alpdrückenden Gewißheit aufjagte. Er rang nach Atem,
-nach Beruhigung. Er suchte seine Beklemmung abzuschütteln. Aber sie
-wich nicht. Seine Phantasie arbeitete fort, ob er wollte oder nicht.
-Er wußte gar nicht, ob er überhaupt wach geworden war, oder ob er
-weiterträumte. Bestimmte Einzelheiten, Äußerungen, die er vergessen,
-mit halbem Ohr gehört, Szenen des Zusammenseins mit den Hammanns bei
-seinen Schwiegereltern, bei jenen selbst, hier im eigenen Haus -- sie
-standen in einem neuen, verfänglichen Licht vor ihm. Besonders war es
-ein Wort Alices, das sie bei einer Schmauserei mit ihrem göttlichen
-Leichtsinn in die Unterhaltung geworfen und das jetzt mit beinahe
-physischer Leuchtkraft vor ihm brannte. „Edith, wie wär's, wenn wir uns
-heute mal so richtig übers Kreuz amüsierten, du mit meinem, ich mit
-deinem Kreuzritter?!” Hatte es dabei nicht boshafter und tückischer
-denn je in ihren Augen geflackert? Und sie hatten alle vier darüber
-gelacht. Er sah und hörte dies Lachen. Er lachte aus Höflichkeit, Edith
-Hammann belustigt in ihrer stumpfen, so gar nicht abenteuerlustigen
-Art, Alice kurz und aufreizend, wie sie es gern tat, und Hammann mit
-verlegener Lautheit ...
-
-Perthes war aufgesprungen.
-
-Mit behender Hast, immer unter dem Zwang dieser Wahnvorstellungen,
-halb träumend, halb wach, warf er sich in seine Kleider. Es dämmerte
-noch kaum, und er zündete ein Licht an. Er war sich keiner bestimmten
-Absicht bewußt und handelte doch von Sekunde zu Sekunde mit der exakten
-Konsequenz eines Nachtwandlers.
-
-Er stieg die Treppe hinunter.
-
-Dann betrat er das Zimmer seiner Frau neben dem Speisezimmer. Vor ihrem
-Schreibtisch machte er halt und setzte seine Kerze nieder.
-
-Für einen Augenblick lichtete sich sein Bewußtsein. Wollte er eine
-Schlechtigkeit tun? War er wahnsinnig geworden? Wo war er? Was trieb er?
-
-Doch schon faßte ihn wieder der Zwang. Gewißheit um jeden Preis mußte
-er haben!
-
-Er riß an der verschlossenen Schublade des Schreibtisches. Der
-Widerstand entfachte nur seine Wut. Mit seiner ganzen, in der
-Anspannung gewaltigen Körperkraft erbrach er sie. Alice hätte in diesem
-Moment erfahren können, daß der Räuberhauptmann in ihm noch nicht vom
-Philister völlig verschlungen war!
-
-Er wühlte in dem wahllosen Durcheinander von Rechnungen, Briefpapier,
-Einladungen.
-
-Schließlich, ganz zu hinterst, aber gar nicht etwa versteckt, fand er
-Briefe mit Hammanns unpersönlicher Schrift. Einen, zwei, die nichts
-von Belang, nichts Überzeugendes enthielten. Dann eine Briefkarte, mit
-Bleistift geschrieben -- sechs, acht Zeilen -- die ihn auf den Stuhl
-vor dem Schreibtisch taumeln ließen.
-
-Das war die Gewißheit, die er gesucht hatte. Alice hatte ihn mit Ludolf
-Hammann betrogen ...
-
-Mit der Gewißheit kam für Perthes das Erwachen aus dem dämmerhaften,
-halbwachen Zwang, der ihn zu einer häßlichen Gewaltsamkeit fortgerissen
-hatte ...
-
-Wie lange er so gesessen, wußte er nicht. Die Wahrheit, grausam,
-hämisch, konsequent, wie der Traum, der ihn gepeinigt -- erst tobte sie
-in ihm mit Gefühlen der Verachtung, des Schmerzes, des entwürdigten
-Stolzes, die in seinem Innern stritten und die Vorherrschaft vor
-seinem Verstand begehrten; dann gab sie ihm einen kalten, nüchternen
-Entschluß, mit dem er sich erhob.
-
-Er nahm die Briefe an sich, ging zurück in sein Schlafzimmer und machte
-sich fertig.
-
-Früh am Morgen, viel früher als sonst, schallte seine Stimme mit
-ungewohnter Schärfe durch das Haus. Er überschüttete die Dienstboten,
-das Kinderfräulein mit einer Flut von Befehlen, so daß sie in heller
-Bestürzung umeinander liefen.
-
-Das dauerte etwa eine Stunde.
-
-Dann verließ er mit seinem Jungen die Villa. Nicht einen Tag länger
-konnte er unter diesem Dach bleiben. Die Lüge seiner Ehe, eines
-trugvollen, jahrelangen Scheinlebens war zu Ende und sollte es auch
-äußerlich sein.
-
-Erst wollte er sich mit seinem Kind in einem Hotel einquartieren. Doch
-die Besonnenheit riet ihm von diesem zu auffallenden Schritt ab. Er
-erinnerte sich an sein Junggesellenquartier bei Fräulein Eschborn.
-Dorthin schleppte er seinen verstörten, heulenden Jungen. Dort fand
-er -- da das Semester vorbei war und die Studenten fehlten -- ein
-Notquartier. Im ersten Stock: ein Arbeitszimmer und ein Schlafkabinett
-für ihn, eine Stube für Benno und das Kinderfräulein, das nachkommen
-sollte -- war alles, was er einstweilen brauchte. In weniger als einem
-halben Tag war der Auszug vollendet ...
-
- * * * * *
-
-Die Wochen des Kriegs begannen.
-
-Es waren entsetzliche Wochen, in denen das Herz aus allen Wunden
-blutete und der Kopf doch Meister bleiben mußte.
-
-Die erste kategorische Fehdeanzeige fiel nach Nieburg wie eine Bombe.
-Mama Hupfeld legte sich, wie immer bei aufregenden Gewittern, sofort zu
-Bett. Exzellenz, von der Unschuld seiner Tochter überzeugt, schäumte.
-Er schrieb an Perthes, den Mann, den er „gemacht” hatte, einen Brief
-voll hochfahrenden Zorns, in dem er seinem aufgespeicherten Groll gegen
-das Geschöpf seiner Gutmütigkeit ohne jede klassische Bezähmung freien
-Lauf ließ. Er wollte seinen Schwiegersohn demütigen und zur Räson
-bringen. Als Antwort schickte dieser die Abschrift der belastenden
-Briefkarte von Hammann. Der Geheime Rat stutzte. Er wurde vorsichtig,
-denn er witterte Skandal, und den mußte er um jeden Preis vermeiden.
-Noch hoffte er, daß die Rückkehr Alices, die stündlich bevorstand, eine
-andere Erklärung geben und das Beweismaterial ihres Mannes erschüttern
-würde. Alice kam. Sie war ein bißchen erstaunt. Ein bißchen bestürzt.
-Ein bißchen empört. Im Grund fand sie die erbrochene Schublade das
-beste, was ihr Mann nach Jahren einmal wieder geleistet hatte. Was für
-Exzellenz das Schlimmste war: sie tat ihm nicht den Gefallen, ihre
-Beziehungen zu Hammann zu beschönigen. Sie leugnete nichts. Zerknirscht
-war sie auch nicht. Das Abenteuer mit Hammann war eine Laune gewesen,
-die sie, gelangweilt von ihrem Mann und von aller Regelmäßigkeit,
-früher oder später kosten mußte. Skrupel empfand sie dabei nicht.
-Das Unangenehme, das daraus entstand, wurde durch das Neue, das es
-brachte, aufgewogen. Spaßhaft hätte sie es gefunden, wenn sich Perthes
-und Hammann um ihretwillen geschossen hätten. Darauf wartete sie auch.
-Vielleicht war es doch etwas Galgenhumor, was sie zur Schau trug,
-jedenfalls ein Galgenhumor, der diesmal sogar ihren Vater fast zu
-zorniger Verzweiflung brachte ...
-
-Perthes hatte in der Tat daran gedacht, Hammann zur Verantwortung
-zu ziehen. Eine Zeitlang begehrte sein Blut diese knallende Lösung.
-Aber dann übermannte ihn der Ekel. Sollte er sich für ein Chimäre
-schlagen? Die Ehre von Alice war längst nicht mehr die seine. Mochten
-Splitterrichter des Duellkomments, dem er für einen würdigeren Fall
-die Berechtigung nicht versagte, ihn verdammen. -- Den Eklat eines
-Prozesses scheute er nicht. Doch dagegen kämpfte der Geheime Rat mit
-allen Mitteln. Sogar denen einer höflichen, bittenden Überredungskunst.
-Diese war es nicht, die bei Perthes verfing. Aber die ruhigere Erwägung
-sagte ihm, daß er selbst durch einen grellen Skandal mehr verlieren
-als gewinnen konnte. Auch noch seine wissenschaftliche Laufbahn zu
-opfern -- dazu fühlte er sich nicht bemüßigt und, im Hinblick auf sein
-Kind, nicht berechtigt. Bis zum Herbst dauerte das Hinüber und Herüber
-der feindlichen Lager. Dann brachte der Vorschlag des Hupfeldschen
-Rechtsanwalts die Lösung, die beide Parteien -- mit Einverständnis
-der sehr degoutierten Gräfin Hüningen, des kleinlauten Professor
-Hammann und der verstörten, so gar nicht nachtragenden Edith --
-annehmen konnten und mußten. Perthes, der den Ruf nach Norddeutschland
-endgültig angenommen hatte, würde dorthin mit Benno übersiedeln. Alice
-sollte sich weigern, den neuen Wohnsitz mit ihm zu teilen. Seine
-wiederholte Aufforderung, ihr Widerstand erzielten dann innerhalb der
-gesetzlichen Frist den Scheidungsgrund, der ihm das Kind ließ und vor
-der Öffentlichkeit den Skandal annähernd verschleierte.
-
-Mit einer Komödie sollte symbolisch die Ehe von Max und Alice Perthes
-ihren Abschluß finden.
-
-
-
-
-20
-
-
-Es war Oktober geworden.
-
-Ein warmer, milder Herbst lag über dem Land. Sanft bräunten und röteten
-sich die Laubwälder an den Hängen und auf den Kämmen der Berge.
-Wehmütig hängte sich die dunkelgoldene Sonne an die erstarrende Erde.
-Sie spielte melancholisch mit den Wellen im Fluß, die unerwärmt unter
-ihrem liebkosenden Schein davonliefen. Es war wieder die große, stille
-Zeit des Abschiednehmens gekommen, in der so viel Reife und Tiefe der
-Stimmung liegt. Es ist im eisknirschenden Winter, im knospensprengenden
-Frühling, im kornknisternden Sommer nicht so viel Musik als im Herbst:
-aber es ist die Musik der Heimlichen und Reifen; die Musik derer, die
-vom Sterben die Kraft nehmen und die Lust zum Leben; es ist die Musik
-der großen Stille ...
-
-Das luftige Giebelzimmer über der Stadt und dem Fluß, in dem Perthes
-als Junggeselle gewohnt hatte, war frei geworden. Trotz der
-Gegenvorstellungen von Fräulein Eschborn, die das Quartier für ihn
-nicht mehr standesgemäß finden mochte, war er in den letzten Wochen
-aus dem ersten Stock dort hinaufgezogen. In einer Zeit, wo alles um
-ihn wankte und niederbrach, empfand er das hartnäckige Bedürfnis,
-sich an diese Giebelstube von einst zu klammern. Er hatte dabei nicht
-erst seine Gefühle und Erinnerungen umständlich befragt: daß er nicht
-stimmungsselig da oben würde, dafür sorgten die Aufregungen dieser
-Zeit des Kampfes, des Abschlusses seiner klinischen und akademischen
-Pflichten, die zahlreichen Schreibereien und Abmachungen, die die
-Übersiedlung an einen neuen Ort der Tätigkeit, in andere Bedingungen
-des Lebens notwendig machten.
-
-Erst in der zweiten Woche des Oktobers trat eine kurze Pause und
-unfreiwillige Ruhe für ihn ein. Er hatte sich auf der Klinik
-verabschiedet. Der Kampf um die Scheidung von Alice, so aufreibend und
-nervenzehrend, war abgeebbt. Seine neue Stellung war in allen Teilen
-gesichert. Nur die kleinen Geschäfte, die mechanisch und nichtssagend
-sind, Formalitäten verschiedener Art hielten seinen Fortzug noch um
-einige Tage auf. In der Entspannung, die jetzt unmerklich während
-dieser gezwungenen Mußezeit seinen Geist und sein Herz überkam,
-beschlich es ihn doch manchmal eigen in seinem Junggesellenzimmer,
-und wenn er sich über die Brüstung des Fensters lehnte, hörte auch er
-vom Fluß herauf, über die sonnenglänzenden Dächer weg, herunter von
-den tannenbescheitelten und laubwaldumkränzten Bergen die heimliche,
-tiefe Musik des Herbstes. Erst vernahm er nur ihre ersterbende
-Wehmut: allein, mit leerem Herzen, gebrochen, ärmer als er einst
-eingezogen, zog er jetzt durch dieselbe Tür wieder davon. Er wehrte den
-Erinnerungen, aber sie gaben ihn nicht frei: seine jungenhaft-törichte
-Schwärmerei für Hilde König; sein unfähig-gewaltsames Ringen nach der
-Höhe, wo Marga gestanden und sein schwacher, schuldvoller Absturz;
-seine tolle, trügerische Taumel- und Leidensgeschichte mit Alice --
-Erlebnisse dieser Jahre hatten leer- und totgefegt, was in ihm war.
-Aber dann hörte er heller, deutlicher. Hörte hinter die Töne der
-Wehmut: aus der traurigen Weise des Sterbens löste sich leise, aber
-fest eine andere. War er nicht doch reicher geworden bei all der Armut?
-Da war seine Liebe zur Wissenschaft, eine dauerhafte, echte Liebe,
-die nichts mit dem haltlosen Hin und Her früherer Neigungen gemein
-hatte. Da war sein Junge, Fleisch von seinem Fleisch, ein Ziel und eine
-Hoffnung, auch wenn er Blut von ihrem Blut hatte. Und da war er selbst,
-ein Mann, ein Wollender, einer der sich kannte und beherrschte, der
-nicht sprang, sondern schritt -- vielleicht doch empor -- nicht mehr zu
-der Höhe, die Marga gehörte, aber doch zu einem, zu seinem Gipfel: zu
-der Persönlichkeit, die er werden konnte. Er hörte etwas, auch er, von
-der Musik der Heimlichen und Reifen, derer, die vom Sterben die Kraft
-nahmen und die Lust zum Leben ...
-
-In solchem Lauschen war er eines Morgens versunken, als das
-Kinderfräulein mit Benno bei ihm eintrat. Sie hatte den Kleinen vor
-kaum einer halben Stunde in den Kindergarten gebracht. Fragend wandte
-sich Perthes nach den beiden um.
-
-Der Junge machte ein verschlossenes, eigensinnig-finsteres Gesicht
-und zerrte sein Fräulein am Rock, als wollte er sie hindern, zu reden.
-Das junge Mädchen sah verlegen und unschlüssig aus, als traute es sich
-nicht zu sprechen und auch nicht zu schweigen.
-
-Perthes, der seinem Jungen mehr Aufmerksamkeit schenken konnte als
-sonst, musterte ihn und das Fräulein.
-
-„Was gibt's?” fragte er mit knapper Stimme. „Die Schule ist doch noch
-nicht zu Ende?”
-
-„Nein, Herr Professor, aber --”
-
-„Laß mal das Fräulein los! Setz dich artig auf einen Stuhl! -- Nun,
-aber?”
-
-„Die Damen sagten -- Fräulein Richthoff sagte -- er solle nicht
-wiederkommen!” stammelte das Mädchen ratlos.
-
-„Was heißt das?” Perthes runzelte die Stirn. „Ich versteh' das
-nicht. Ist etwas vorgefallen? Reden Sie doch!” Er näherte sich dem
-Fräulein und warf gleichzeitig einen besorgten Blick auf den Kleinen,
-der zwischen Trotz und Tränen auf seinem Stuhl schwankte. Er hatte
-seinerzeit erst nachträglich von Alice erfahren, daß sie den Jungen
-in den Richthoffschen Kindergarten gebracht. Es war ihm peinlich
-gewesen, aber er hatte es nicht mehr ändern können. Wenn Benno von dort
-erzählte, beschränkte er sich meist auf das Zuhören und lenkte ihn bald
-ab. Auch das jetzige Thema kam ihm ungelegen, und er hätte es gern so
-schnell wie möglich abgetan.
-
-Das Kinderfräulein rückte schüchtern mit vielen Wenn und Aber heraus.
-Benno wäre gestern unartig gewesen; er hätte die Damen erzürnt; die
-Jüngere hätte heute entschieden erklärt, er dürfe nicht mehr kommen.
-
-Perthes horchte betreten auf.
-
-Er schickte das Fräulein aus dem Zimmer. Dann nahm er seinen Jungen
-vor. Eine harte Arbeit. Der kleine, schwarzköpfige Wicht mit seinen
-brennenden Augen war verstockt. Aus dem dunklen Blick leuchtete
-die Heftigkeit des Vaters, und um den kindlichen, tiefroten Mund
-spielte etwas von Alices launischer Selbstwilligkeit. Erst gab es ein
-verlegen-hartnäckiges Schweigen. Dann ein lautes, zorniges Geheul.
-Endlich ein aufgelöstes, schluchzendes Gestammel, dem Perthes nur
-allmählich Sinn abgewinnen konnte. Zwei Namen wechselten in der
-jammervollen Beichte am deutlichsten ab. Tante Elli und Tante Marga.
-Der kleine Bursche wußte nicht, wie hart und unselig gerade diese
-beiden von ihm endlos wiederholten Namen in die Ohren seines Vaters
-klangen. Und was nachkam, traf Perthes noch schlimmer. Aus all dem
-Gestammel und Geschrei wickelte sich heraus, daß er, offenbar in einem
-Anfall von Jähzorn, die eine Tante geschlagen hatte -- Marga. „Ein
-ganz klein wenig nur,” wie er mit erneutem Aufschluchzen versicherte.
-Er erwartete offenbar von diesem Schluß- und Hauptstück seines
-Geständnisses das äußerste, denn er duckte sich in sich zusammen und
-würgte noch zweimal „ein ganz klein wenig nur” hervor. Aber er mußte
-mit Staunen die Wahrnehmung machen, daß sein Vater ganz still und stumm
-blieb. Er sah schüchtern zu ihm hin. Aus Perthes' Gesicht war alles
-Blut gewichen. Eine erschreckende Verzweiflung und Traurigkeit, wie
-sie der Missetäter im Matrosenkittelchen noch nie an einem Menschen
-gesehen, malte sich in seinem Antlitz. Bewegungslos, mit herabhängenden
-Armen und geschlossenen Augen saß er vor dem Kleinen, und dem wurde
-dies Starren und Schweigen unheimlich, viel unheimlicher als das
-heftigste Schelten. Er brach von neuem in Tränen aus.
-
-Perthes stand auf.
-
-Er rief das Kinderfräulein und ließ den Jungen, ohne ein Wort an ihn zu
-richten, in die andere Stube führen.
-
-Als er allein war, setzte er sich vor seinen Schreibtisch. Er nahm
-seinen Kopf zwischen seine beiden Hände und preßte ihn, als wollte er
-ihn zerdrücken ...
-
-Das Schwerste und Trübste, was in seiner Seele geschlummert, woran
-er auch in seinen wehmütigsten Abschiedsgedanken nur aus ängstlicher
-Ferne vorbeigestreift war, wie an einem kranken, schmerzhaften Glied
--- das hatte sein eigener Junge mit seiner kindlichen Untat grell und
-rücksichtslos aus ihm heraufgezerrt. Die kleine Hand, die sich da im
-Jähzorn erhoben, was hatte sie im Grund anderes verübt, als was er,
-der Vater, vor einigen Jahren so viel brutaler, härter, grausamer
-getan: Marga geschlagen! -- Wie das traf! Wie es schmerzte! Wie es von
-der verstecktesten Wunde seines Lebens, der größten, mitleidslos den
-Notverband riß und das Blut quellen und quellen ließ. Die Erinnerung
-an Marga, Stunde um Stunde fast des Vergangenen, umtoste ihn. Aus
-gespenstiger Weite, aus der Verbannung von Jahren war ihr Bild nahe
-gerückt, so nahe, daß es ihn mit seiner Deutlichkeit betäubte. Es war
-ihm wie gestern, daß er sie verloren, verlassen und preisgegeben hatte!
-An jener Wegscheide, zwischen Stift Nieburg und der Sägemühle im Tal,
-war er fehlgegangen. Weit und weiter in die Irre ...
-
-Doch das war ja nur der Schrei _seiner_ Seele, auf den er horchte. Ein
-Schwelgen in nutzloser Sehnsucht nach Verscherztem und Verlorenem. O --
-er hatte immer nur an sich gedacht! Was Marga gelitten, hatte er es je
-in seinem vollem Umfang ausgemessen? Hatte er seine Schuld -- ja, einen
-Teil davon hatte er abgetragen! In sich selbst! Aber vor ihr und an
-ihr war er so schuldig wie damals. Er hatte ja gewartet, bis die Hand
-seines Jungen sich kindisch an ihr verging, als sollte sich das Wehetun
-vererben vom Vater auf den Sohn. Wie schmerzhaft er geschlagen, davon
-wußte der Kleine nichts. Dafür trug sein Vater die Verantwortung.
-
-Ruhelos gefoltert, die Stunden vergessend, schritt Perthes in seinem
-Zimmer auf und nieder.
-
-Genugtuung konnte er Marga keine geben. Für das, was geschehen war
-zwischen ihr und ihm, gab es keine Genugtuung. Konnte er trotzdem
-nichts, gar nichts tun?
-
-Natürlich mußte er für den Jungen um Entschuldigung bitten. Er warf
-ein paar Zeilen aufs Papier. Am Nachmittag legte er sie beiseite und
-schrieb einen Brief, der mehr, der ein Bekenntnis seines ganzen Lebens
-wurde. Daraus machte er von neuem -- jedes Pathos und jede Floskel
-verachtend -- ein knappes Billet, das nichts besagte. So ging es nicht!
-Er zerriß alles, was er geschrieben. Wenn er etwas tun wollte, mußte es
-etwas anderes sein.
-
-War er denn feig? Zu feig um das zu versuchen, was einfach anständig
-war?
-
-Er, er selbst mußte gehen, er mußte seinen Jungen zu ihr führen.
-
-Als ob er das nicht längst gewußt hätte?! Nicht immer wieder
-fortgeschoben und umgangen hätte?!
-
-Vielleicht ließ sie ihn abweisen, vielleicht -- doch das war es nicht,
-was ihn bestimmen durfte. Es gab nur diesen Weg. Keinen sonst. Den
-mußte er gehen. Als Mann von Ehre und Gewissen. --
-
-Am nächsten Morgen war er mit sich fertig.
-
-Mit seinem Kleinen hatte er nicht wieder gesprochen. Nicht einmal „Gute
-Nacht” hatte er ihm gesagt. Jetzt teilte er ihm in kurzen Worten mit,
-was geschehen sollte. Sie beide würden um elf, ehe die Schule zu Ende
-war, zu Tante Marga gehen. Und Benno würde vor den Kindern sie laut und
-deutlich um Verzeihung bitten. Jedes Sträuben war ausgeschlossen.
-
-Der Junge machte ein langes Gesicht. Fast eine Grimasse wie seine
-Mutter. Aber er war zu zerknirscht. Er hatte zu viel geweint und
-fürchtete die traurig-entschlossenen Augen seines Vaters zu sehr, um
-ein Wort des Widerwillens oder auch nur eine Gebärde dagegen zu finden.
-
-Dann gingen sie zur festgesetzten Stunde in die Stadt.
-
-Perthes hatte sich den Weg beschreiben lassen. Trotzdem ging er in
-unbekannten Straßen fehl. Auf den Jungen war kein Verlaß. Er war ebenso
-stumpf und ängstlich, wie sein Vater erregt war.
-
-Sie irrten an dem Haus am Wenzelsberg vorbei, das frisch gestrichen,
-fremd und abweisend in der Straße stand.
-
-Es schlug elf Uhr, ehe sie sich zurechtgefunden hatten.
-
-Der lachende und schwatzende Kinderschwarm quoll aus der Tür des
-Vorgartens, bevor sie das kleine Haus in der Bergfelderstraße
-erreichten.
-
-Perthes stand unschlüssig vor dem Zaun, hinter dem die buntblütigen
-Astern in freundlichen Beeten leuchteten.
-
-Sollte er umkehren? Sollte er den Gang auf den Nachmittag verschieben?
-
-Das widerstrebte ihm. Er trat ein.
-
-Das Dienstmädchen, das ihm die Glastür öffnete, sah ihn und den Kleinen
-verdutzt an.
-
-Sie wies ihn ins Schulzimmer und wollte die Damen rufen.
-
-Inmitten der kleinen Bänke blieb er harrend stehen. Er atmete schwer
-und hielt den Jungen mit einem harten Griff an seiner Seite. Es
-hämmerte in seinen Schläfen und zuckte vor seinen Augen, so daß er
-nichts um sich sah.
-
-Nach geraumer Weile öffnete sich die Tür. Es war Elli.
-
-Das Mädchen, das den kleinen Perthes kannte, hatte sie benachrichtigt.
-Perthes hatte versäumt, sich mit Namen zu nennen, aber sie war keinen
-Augenblick im Zweifel, daß er selbst es war. Mit klopfendem Herzen,
-nicht wissend, was sie tun oder lassen sollte, war sie herbeigeeilt.
-Ohne Marga zu verständigen, die im Garten auf und ab ging. Nun
-stand Elli sprachlos dem Mann gegenüber, der ihr vor Jahren ein
-vertrauter Bekannter gewesen. Ihre sonst so frische, nicht leicht
-einzuschüchternde Art versagte bei diesem unerwartetem Wiedersehen. Sie
-konnte ihn nur durch eine Bewegung bitten, seine Wünsche zu äußern.
-
-Auch Perthes war einen Moment betroffen und stumm dagestanden. Jetzt
-erklärte er sich mit fester Stimme.
-
-„Fräulein Richthoff, mein Junge und ich sind gekommen, um Ihr Fräulein
-Schwester um Verzeihung zu bitten. Ich hörte mit Entrüstung, was für
-eine große Unart sich der Kleine geleistet hat!”
-
-„Meine Schwester -- Sie wollen meine Schwester selbst -- sprechen?”
-stammelte Elli.
-
-„Ich bitte darum,” erwiderte er mit einem leisen Vibrieren des Tones.
-
-„Ich fürchte, daß --” Elli suchte nach einer Ausrede, um Marga dies
-Wiedersehen zu ersparen, aber Perthes hatte seinen Blick mit einer so
-zwingenden Bitte auf sie gerichtet, daß sie verstummte. Ein hastiges,
-bebendes „Ich will nachsehen!” und sie huschte aus dem Zimmer.
-
-Es dauerte wieder eine geraume Zeit.
-
-Perthes dünkten die Minuten Ewigkeiten zu werden. Er ließ den Kleinen
-los und lehnte sich gegen das Kreuz des nächsten Fensters.
-
-Er hörte im Flur Schritte, die sich näherten. Auf seine Sinne legte es
-sich wie Nebel. Die Dinge rückten vor seinen Augen in eine dunstige
-Ferne. Das Kind trat mechanisch von einem Fuß auf den andern. Weit
-ab sah er jetzt eine Tür sich öffnen. Er erkannte eine Gestalt, nur
-in Umrissen, während eine zweite sich abseits, an einem Schrank zu
-schaffen machte. Die erste, die stillstand, mußte Marga sein. Er löste
-sich von dem Fensterkreuz und trat einige Schritte vor. Seine Stimme
-klang ihm fremd wie die eines anderen.
-
-„Sie wissen schon, weshalb wir hier sind. Ich danke Ihnen, daß Sie uns
-hören wollen. Eigentlich wollte ich, daß der Junge vor seinen Kameraden
-ihnen Abbitte tun sollte. Er hat sich abscheulich vergangen!” Perthes
-stockte. Die stoßweise vorgebrachten Sätze preßten seinen Atem. „Benno,
-tu wie ich dich geheißen!” Er tappte neben sich nach der Schulter des
-Kleinen und schob ihn vorwärts. „Geh, und bitte Fräulein Richthoff um
-Verzeihung!”
-
-Der Junge setzte sich zögernd in Gang.
-
-Marga stand blaß und ernst bei der Tür. Sie mußte hinter sich, am
-Türrahmen, Halt suchen. Ihr Kopf hatte sich auf die Brust geneigt, ihre
-Augen sich geschlossen. Sie wollte dem Kleinen entgegengehen, um die
-peinliche Szene so schnell wie möglich zu beendigen. Aber sie konnte
-nicht.
-
-Der Junge blieb auf halbem Weg wie angewurzelt stehen. Trotz und Angst
-ließen ihn schwanken.
-
-„Benno!” mahnte Perthes mit Anstrengung.
-
-Das Kind rührte sich nicht. Die Hände auf dem Rücken verschlungen
-haltend, wich es nicht von der Stelle.
-
-Perthes griff sich an den Kopf. Dann ging er mit schleppenden
-Schritten, ohne den Boden unter sich zu fühlen, vorwärts, dorthin, wo
-die in Nebel verlorene Gestalt stand.
-
-„Also werde ich für dich um Verzeihung bitten!” Er nahm alle Energie
-zusammen. „Der Junge ist verwildert. Seine Mutter -- kurz er hat keine
-Mutter mehr. Und ich kann mich zu wenig um ihn kümmern. Ich bitte Sie,
-ihm zu verzeihen!”
-
-Perthes stand jetzt kaum zwei Schritte von Marga entfernt. Er wollte
-sagen, daß das Kind selbstverständlich nicht mehr in die Richthoffsche
-Schule kommen dürfe; er wollte in einer kurzen, verbindlichen Form all
-das vorbringen, was er sich zurecht gelegt. Aber die Worte blieben ihm
-aus. Er hatte seine Kraft überschätzt und konnte nicht weiter. Er stand
-so steif und unbeweglich wie sein Kind.
-
-„Ich verzeihe ihm gern,” kam es leise von Margas Lippen. Die ganze,
-weiche Fülle ihres Wesens klang zitternd mit. Es war der alte, warme,
-stille, einfache Ton, der über Jahre hinweg an Perthes Ohr drang. Der
-Dunst vor seinen Augen zerstob. Er sah sie. Nahe wie sie ihm war. Die
-blauen, tastenden Augen, das erblaßte, schlichte Gesicht mit seinen
-sanften, weichen Zügen unter dem fahlen, gescheitelten Haar.
-
-Und mit einem Mal schüttelte es seinen großen, starken Körper wie
-ein Sturm. Seine Hände öffneten und schlossen sich wie im Krampf. Er
-schwankte zur Seite, ergriff eine der kleinen Kinderbänke, die da
-standen und ließ sich mit einem dumpfen Laut niederfallen.
-
-Der Junge, von Angst und Schreck erfaßt, lief strauchelnd auf Marga zu:
-„Verzeihen! Verzeihen!” würgte er unter einer Flut von Tränen hervor,
-während er sich an sie drängte, die Hände emporstreckend, Schutz und
-Hilfe suchend vor einem Unbegreiflichen, das um ihn vorging, und das
-sein Herz und sein Verstand nicht faßten.
-
-Marga beugte sich über ihn und streichelte das dichte, zottige Haar.
-
-Elli war an ihrer Seite und hob ihn empor. Instinktiv trug sie ihn in
-das anstoßende Zimmer ...
-
-Perthes und Marga blieben allein in der großen, fröhlichen Stube, die
-die gedämpfte Herbstsonne mehr und mehr in ihr sattes Mittagslicht
-tauchte.
-
-Eine Weile war nichts hörbar als der schwere, keuchende Atem des
-Mannes, der mit verzweifelter, schamvoller Kraft gegen die Gefühle
-rang, die ihn überwältigen wollten. Und dann erlag er doch, dem
-unsagbaren und grausamen Leid seiner Seele. Das ganze Weh seines
-Lebens, die mit unnatürlicher Anspannung zurückgehaltenen Schmerzen
-der letzten Monate, Bitterkeit, Reue und Verzweiflung befreiten sich
-in jenem harten, dumpfen Schluchzen, das den Zusammenbruch des Mannes
-grausam, erschreckend und erschütternd macht, wie ein Ereignis der
-Natur ...
-
-Leise, wie ein Schatten, löste sich Marga von der Wand, an der sie noch
-immer stand.
-
-Sie ging nach dem Stuhl, auf dem sie sonst vor ihren Kindern saß;
-von dem aus sie vor den glänzenden Augen der andächtigen Kleinen
-ihre Märchen erzählte. Dort setzte sie sich und faltete die Hände im
-Schoß. Zuerst war es auch ihr, als müßte ihr zuckendes Herz in Tränen
-sich befreien. Aber dann senkte es sich über sie wie eine machtvolle,
-alle menschliche Klage versöhnende Feierlichkeit. Ihr inneres Gesicht
-verklärte sie: sie sah sich wie einst an einem Nachmittag, nach
-bangem Morgen, über einen Hang schreiten, über einen unabsehbaren
-Hang von blauen Glockenblumen. Sanft neigten sie sich im Sommerwind
-und begannen zu läuten mit ihren zarten, dünnen, verheißungsvollen
-Stimmchen. Je weiter sie schritt, um so lauter war das Geläut. Ein
-Jubeln, ein Jauchzen wurde daraus, in das ihre Seele einstimmte. Und
-wieder war da ein Fluß. Breiter, tiefer, strömender als der von einst.
-Über den mußte sie setzen. Sie wußte, daß er drüben stand, am Ufer.
-Daß er sie erwartete. Es mußte so sein. Und das Geläute mußte sie auf
-seinen Schwingen tragen, hinüber über das Vergangene, hinüber über das
-Gegenwärtige, bis sie an seiner Seite stand ...
-
-Seine Stimme erweckte sie. Er hatte sich mit einer gewaltsamen
-Aufraffung gesammelt.
-
-„Was werden Sie von mir denken, Fräulein -- Fräulein Marga!” Er konnte
-sie nicht anders nennen. „Was werden Sie von mir tränenseligem,
-erbärmlichem Weichling denken!” stieß er rauh hervor. „Ich wollte Ihnen
-nur sagen, daß Sie mir -- mir unendlich viel mehr zu verzeihen haben
-als meinem dummen, trotzigen Kleinen. Das war es.”
-
-Marga schüttelte den Kopf.
-
-„Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Und wenn es noch etwas gewesen
-wäre, so hätten Sie es in dieser Stunde für immer gutgemacht!”
-
-Perthes war aufgestanden. Auch Marga hatte sich erhoben.
-
-Sie bot ihm ihre Hand. Er beugte sich tief darüber mit seinem dunklen
-Kopf und küßte sie stumm. --
-
-Er rief nach seinem Jungen.
-
-Elli brachte ihn getröstet herbei. Sie wußte nur durch ihr Gefühl, was
-vorgegangen war.
-
-„Benno will am Nachmittag wieder in die Schule kommen,” meinte sie mit
-einem strahlenden, liebkosenden Blick auf den Kleinen.
-
-„Und immer wieder will ich kommen!” erklärte überzeugt der kleine Mann.
-
-„Wenn die Damen es erlauben -- solange du noch hier bist,” sagte
-Perthes, dankbar auf Elli schauend. Dann ließ er ihn sich von Marga
-verabschieden, nahm ihn bei der Hand und verließ mit einem ernsthaften
-Gruß das Zimmer ...
-
-Elli warf sich in Margas Arme. Während draußen die Gittertür knarrte
-und die Schritte des kleinen und des großen Perthes straßabwärts
-verhallten, standen sie schweigend beisammen. Elli wagte nicht,
-Marga zu stören, deren Augen verloren ins Weite schweiften und eine
-schimmernde Ferne faßten. Es war die große Stille, die über Zeit und
-Raum dort hinüberfloß. Und es war wieder die Freude in ihr und das
-Läuten der blauen Glocken von Stille zu Stille. Das Wie wußte sie nicht
-und nicht das Wann. Aber sie wußte, daß sie und er sich wiedersehen
-würden, um sich nicht mehr zu trennen. Denn sie waren wieder Gefährten
-eines Wegs und eines Willens ...
-
-Und beide rangen sie mit dem Leben, bis daß es sie segnete.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Im _Cotta'schen Verlage_
- erschien von
-
- Heinrich Lilienfein:
-
-
- Gebunden
-
- $Ideale des Teufels$
- Eine boshafte Kulturfahrt. 2. Aufl. M. 5.50
-
- $Von den Frauen und einer Frau$
- Erzählungen und Geschichten. 2. Aufl. M. 5.--
-
- $Die große Stille$
- Roman. 9.-11. Auflage M. 8.50
-
- $Der versunkene Stern$
- Roman. 4. und 5. Auflage M. 9.--
-
- $Ein Spiel im Wind$
- Roman. 4. und 5. Auflage M. 8.--
-
- $Die feurige Wolke$
- Roman. 1.-5. Auflage M. 9.50
-
- * * * * *
-
- $Der Herrgottswarter$
- Ein Drama in drei Aufzügen M. 4 --
-
- $Die Herzogin von Palliano$
- Ein Drama in drei Akten M. 4.50
-
- $Der Kampf mit dem Schatten$
- Drei Akte eines Vorspiels zum Leben M. 4.--
-
- $Der schwarze Kavalier$
- Ein deutsches Spiel in drei Akten
-
- $Olympias.$ Ein griechisches Spiel
- in drei Akten
-
- Beide Dramen in einem Band M. 5.--
-
- $Der Stier von Olivera$
- Ein Schauspiel in drei Akten. 2. Aufl. M. 4.50
-
- $Der große Tag$
- Ein Schauspiel in fünf Akten M. 4.--
-
- $Der Tyrann$
- Ein Drama in vier Akten M. 4.50
-
- $Hildebrand$
- Ein Drama in drei Akten und einem
- Vorspiel. 2. Auflage M. 4.--
-
- $Das Gericht der Schatten$
- _Vier Einakter_: Die Botschaft --
- Das Fest der entblößten Seelen --
- Die mondhelle Stunde -- Die
- Fessellosen M. 4.--
-
- Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart
-
-
-
-
- +--------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
- | gebräuchlich waren, wie: |
- | |
- | Abwechselung -- Abwechslung |
- | anderen -- andern |
- | Billet -- Billett |
- | Büfett -- Büffet |
- | dämmerigen -- dämmrigen |
- | Ewig-Weibliche -- Ewigweibliche |
- | frei gemacht -- freigemacht |
- | geradeswegs -- geradewegs |
- | jenseit -- jenseits |
- | leis -- leise |
- | malitiöse -- maliziöse |
- | mitleidlos -- mitleidslos |
- | Sammetkäppchen -- Samtkäppchen |
- | Tete-a-tete -- tete-a-tete |
- | Tipptopp -- tipp-topp |
- | wundere -- wundre |
- | |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | |
- | S. 17 „minuziösen” in „minutiösen” geändert. |
- | S. 20 „unverantworlich” in „unverantwortlich” geändert. |
- | S. 86 „g worden” (Leiche?) in „geworden” geändert. |
- | S. 86 „handarbeit nd” (Leiche?) in „handarbeitend” geändert. |
- | S. 86 „Fakultätsitzung” in „Fakultätssitzung” geändert. |
- | S. 96 „heut am Abend” in „heute am Abend” geändert. |
- | S. 139 „daß weiß ich” in „das weiß ich” geändert. |
- | S. 167 „erkläre” in „erklärte” geändert. |
- | S. 175 „Überschwängliche” in „Überschwengliche” geändert. |
- | S. 181 „hatte für Sie” in „hatte für sie” geändert. |
- | S. 184 „Sägmühle” in „Sägemühle” geändert. |
- | S. 191 „Stohhut” in „Strohhut” geändert. |
- | S. 213 „tanzst” in „tanzt” geändert. |
- | S. 225 „Jleus” in „Ileus” geändert. |
- | S. 267 „werkwürdig” in „merkwürdig” geändert. |
- | S. 280 „ eingefügt. |
- | S. 303 „Trabener” in „Trabner” geändert. |
- | S. 346, 351 „garnicht” in „gar nicht” geändert. |
- | S. 362 „Verzweifelste” in „Verzweifeltste” geändert. |
- | S. 362, 363, 366 „Bertelsdorff” in „Bertelsdorf” geändert. |
- | S. 397 „ungeberdigen” in „ungebärdigen” geändert. |
- | S. 408 „voll gestopft” in „vollgestopft” geändert. |
- | S. 424 „ihre Fräulein Schwester” in „Ihr Fräulein Schwester” |
- | geändert. |
- | S. 425 „Clli” in „Elli” geändert. |
- | |
- +--------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die große Stille, by Heinrich Lilienfein
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROßE STILLE ***
-
-***** This file should be named 53283-0.txt or 53283-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/3/2/8/53283/
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/53283-0.zip b/old/53283-0.zip
deleted file mode 100644
index 911cf76..0000000
--- a/old/53283-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/53283-h.zip b/old/53283-h.zip
deleted file mode 100644
index 07d8876..0000000
--- a/old/53283-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/53283-h/53283-h.htm b/old/53283-h/53283-h.htm
deleted file mode 100644
index 46a070f..0000000
--- a/old/53283-h/53283-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,16155 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
- "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
- <head>
- <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
- <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
- <title>
- The Project Gutenberg eBook of Die Groe Stille, by Heinrich Lilienfein.
- </title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <style type="text/css">
-
-body {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-h1,h2 {
- text-align: center; /* all headings centered */
- clear: both;
-}
-
-h1 {
- margin-top: 4em;
-}
-
-.pagebreak {
- page-break-before: always;
-}
-
-p {
- margin-top: .51em;
- text-align: justify;
- margin-bottom: .49em;
- text-indent: 1.5em;
-}
-
-.p1 {margin-top: 1em;}
-.p6 {margin-top: 6em;}
-.b6 {margin-bottom: 6em;}
-.big200 {font-size: 160%;}
-.halftitle {margin-top: 4em; margin-bottom: 6em;}
-
-hr {
- width: 33%;
- margin-top: 2em;
- margin-bottom: 2em;
- margin-left: 33.5%;
- margin-right: 33.5%;
- clear: both;
-}
-
-hr.tb {width: 45%;margin-left: 27.5%;margin-right: 27.5%;}
-hr.chap {width: 15%;margin-left: 42.5%;margin-right: 42.5%;}
-
-ul.index { list-style-type: none; }
-
-table {
- margin-left: auto;
- margin-right: auto;
- border: 1px solid black;
-}
-
- .tdl {text-align: left; padding-left: 1em;}
-
-.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
- /* visibility: hidden; */
- position: absolute;
- left: 92%;
- font-size: smaller;
- text-align: right;
- text-indent: 0em;
-} /* page numbers */
-
-.pagenumh2 {
- font-size: 50%;
- font-weight: normal;
-}
-
-
-.center {text-align: center; text-indent: 0em; }
-
-.right {text-align: right; text-indent: 0em; margin-right: 2em;}
-
-.gesperrt
-{
- letter-spacing: 0.2em;
- margin-right: -0.2em;
-}
-
-em.gesperrt
-{
- font-style: normal;
-}
-
-.antiqua
-{
- font-style: normal;
- font-family: sans-serif;
- font-size: 90%;
-}
-
-/* Images */
-.figcenter {
- margin: auto;
- text-align: center;
-}
-
-/* Transcriber's notes */
-.transnote {background-color: #E6E6FA;
- color: black;
- font-size:smaller;
- padding:0.5em;
- margin-bottom:5em;
- font-family:sans-serif, serif; }
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Die groe Stille, by Heinrich Lilienfein
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Die groe Stille
-
-Author: Heinrich Lilienfein
-
-Release Date: October 15, 2016 [EBook #53283]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROE STILLE ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-
-
-<p class="center big200 halftitle">Die groe Stille</p>
-
-
-
-
-<h1 class="pagebreak">Die groe Stille</h1>
-
-<p class="center">Roman</p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="center big200">Heinrich Lilienfein.</p>
-
-<p class="center b6">9.-11. Auflage</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 120px;">
-<img src="images/title_logo.png" width="120" height="128" alt="" />
-</div>
-
-<p class="center">Stuttgart und Berlin 1919<br />
-J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
-</p>
-
-
-
-<p class="pagebreak center p6">Alle Rechte,<br />
-insbesondere das bersetzungsrecht vorbehalten</p>
-
-<p class="center"><small>Fr die Vereinigten Staaten von Amerika:<br />
-Copyright, 1912, by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger<br />
-Stuttgart und Berlin</small>
-</p>
-
-
-
-<p class="pagebreak center halftitle big200">Dem Andenken meiner Hanna</p>
-
-
-
-
-
-<h2 class="pagebreak"><a name="c1" id="c1">1</a></h2>
-
-
-<p>Da klingelte es schon wieder.</p>
-
-<p>Kthe hatte ihren Posten auf der obersten Treppenstufe
-gleich gar nicht verlassen. Elli strmte mit lachender
-Neugier aus der Stube und bog sich so weit ber das
-Gelnder, da die ltere, bedchtigere Schwester sie leise
-schalt und zupfte, einmal, weil es leichtsinnig war und
-man gesehen werden konnte, dann aber, weil sie selbst,
-obwohl die grere von beiden, so nicht auf ihre Kosten
-kam. Und der neue Ankmmling fr Papas Sprechstunde
-mute doch ganz genau gemustert werden. Das
-war so Brauch, so oft ein neues Semester begann und
-die Hrer einer nach dem andern anrckten, um sich
-den Namen des Geheimrats ins Kollegbuch schreiben zu
-lassen.</p>
-
-<p>Marga war allein in dem gemtlichen Zimmer zurckgeblieben,
-das ihr und Ellis Mdchenreich war. Aber auch
-in ihren Fingern ruhte fr einen Augenblick die feine
-Knpfarbeit. Mit vorgebeugtem Kopf lauschte sie hinaus
-nach dem Treppenhaus. In der erwartungsvollen
-Stille war jedes Gerusch zu hren.</p>
-
-<p>Im Erdgescho wurden Schritte laut. Es war Therese,
-die mit Brummen an die Glastr schlrfte und ffnete.
-Elli polterte in der Spannung einige Stufen hinunter.
-Ein zrnendes &#8222;Bst!&#8221; von Kthe wies sie zurecht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[S. 8]</a></span></p>
-
-<p>ber Margas Gesicht huschte ein Lcheln. Ihre Blicke
-suchten die Tr. Sie lie sich von der Spannung anstecken,
-als knnten die lichtlosen blauen Augen das unerbittliche
-Dunkel durchdringen, das sie inmitten der sonnigen Stube
-einhllte.</p>
-
-<p>Jetzt mute der Ankmmling sichtbar sein.</p>
-
-<p>Mit einem unverhohlenen &#8222;Oh!&#8221; der Enttuschung
-fuhr Elli zurck und glitt von der Treppe ins Zimmer.
-&#8222;Nu mach' ich nicht mehr mit!&#8221; lie sie sich halb traurig,
-halb zornig vernehmen, whrend sie sich in dem roten
-Plschsofa, Margas Korbsessel gegenber, schmollend
-zurckwarf.</p>
-
-<p>&#8222;Wer war's denn?&#8221; forschte die Blinde.</p>
-
-<p>&#8222;Ach was! Nicht der Mhe wert! Einfach lcherlich!&#8221;
-lautete die unklare Antwort, die ein tiefer Seufzer begleitete.</p>
-
-<p>&#8222;Trabner, der alte Oberlehrer,&#8221; erklrte Kthe, die
-jetzt, gleichfalls enttuscht, zurckkam.</p>
-
-<p>&#8222;Ach der!&#8221; nickte Marga und nahm die auf den Knien
-liegende Handarbeit wieder auf.</p>
-
-<p>&#8222;Der Flanellstorch!&#8221; ergnzte Elli, die ihren Unwillen
-an irgendwem auslassen mute. &#8222;Mit der Glatze und der
-Stahlbrille, den Gummimanschetten und dem famosen
-Trikot-Stehumlegekragen. Ich glaube, er hrt Papa seit
-fnfzig Jahren, der &mdash; der &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ein sehr netter, vernnftiger Mensch,&#8221; meinte Kthe
-strafend. &#8222;Papa schtzt ihn sehr.&#8221; Als lteste hielt sie
-es stets fr ihre Pflicht, gerecht zu sein und Ellis vorlauten
-Urteilen die Spitze abzubrechen.</p>
-
-<p>Aber Elli war heute gar nicht in der Laune, sich schulmeistern
-zu lassen. &#8222;Sieh mal an!&#8221; Sie bog ihren lichtblonden<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[S. 9]</a></span>
-Lockenkopf zur Seite. &#8222;Du schwrmst wohl gar
-fr den guten Flanellstorch?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das ist ehrlich dumm, Kleinchen! Ich kann nur nicht
-leiden, da man jemand in Bausch und Bogen ablehnt.
-Das weit du.&#8221; Kthe setzte sich an den kleinen Schreibtisch
-am Fenster. Sie wollte fortfahren, in ihr Tagebuch
-zu schreiben.</p>
-
-<p>&#8222;Vergi das ja nicht gleich mit aufzuschreiben,&#8221; neckte
-Elli weiter. &#8222;Unter &#8218;Gedankensplitter&#8219;.&#8221;</p>
-
-<p>Kthe drehte sich emprt nach der Sptterin um. &#8222;Das
-verbitt' ich mir, hrst du?&#8221; Ihre dunklen Augen zrnten,
-und sie strich sich die Haare aus der Stirn, zurck nach
-den schwarzen, wohlgeordneten Flechten. &#8222;Ich kann nicht
-dafr, da dein Herr Wilkens ausbleibt,&#8221; setzte sie mit
-spitzem Vorwurf hinzu.</p>
-
-<p>&#8222;Oho!&#8221; brauste Elli auf. &#8222;Ich kmmere mich wohl
-um Wilkens? Nicht so viel! Nicht so viel!&#8221; Die Rte,
-die ihr in die Wangen scho, rgerte sie noch mehr. &#8222;Nicht
-so viel!&#8221; erklrte sie zum drittenmal mit vor Erregung
-zitternder Stimme.</p>
-
-<p>&#8222;Aber Kinder! Ihr seid ja garstig miteinander,&#8221; mahnte
-jetzt Margas weiche, ruhige Stimme. Ihre Hand tastete
-ber den Tisch weg nach Elli, als wollte sie ihren Liebling
-beruhigen. &#8222;Er kann ja noch kommen,&#8221; flsterte sie der
-jngeren Schwester zu.</p>
-
-<p>Elli entzog sich ihrer Liebkosung. Trotz und Schmerz
-kmpften in ihren hbschen Zgen und preten ihr Trnen
-in die Augen. Sie war in dem seligen siebzehnjhrigen
-Alter, wo Freude und Leid durcheinanderjagen wie Regen
-und Sonne an einem Apriltag. Sie kam sich unsagbar
-verkannt vor, nicht weil sie sich um den besagten Wilkens<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[S. 10]</a></span>
-&#8222;nicht so viel&#8221; kmmerte, sondern gerade weil sie auf ihn
-gewartet hatte. Ihr kleines Geheimnis, ber das sie mit
-den Schwestern sonst ganz gern einmal tuschelte, war nach
-ihrem Empfinden von Kthe furchtbar verletzt und entweiht.</p>
-
-<p>Marga erriet diese Stimmung. Sie stand auf, legte
-die Arbeit auf den Tisch und setzte sich neben Elli aufs
-Sofa. Sie nahm sie in den Arm. Whrend Kthe mit
-groen steilen Schriftzgen ein neues Blatt des Tagebuchs
-fllte, redete sie in ihrer verstndigen, zarten Weise
-halblaut dem Kleinchen zu, das nach einigem Widerstreben
-nicht nur den Trost in sein wundes Herz aufnahm, sondern
-auch dieses Herz auszuschtten begann.</p>
-
-<p>Das Schnarren von Kthes Feder, das Flstern der
-beiden auf dem Sofa waren die einzigen Gerusche, die
-das Zimmer, ja das ganze in nachmittgliche Stille versunkene
-Haus belebten. Kein Ton drang vom unteren
-Stockwerk, wo Geheimrat Richthoff arbeitete, herauf in
-die Mansardenstube. Der Flanellstorch mute lngst
-wieder seines Wegs gezogen sein, ohne da sein Gehen
-auch nur ein winziges Teilchen des Interesses gefunden
-htte, das seine Ankunft wachgerufen. Die krftige, leuchtende
-Maisonne kam, zu mattem Gold gedmpft, durch
-die zugezogenen gelben Vorhnge an den Fenstern und
-tauchte die altmodischen Mbel, die erinnerungsreichen,
-behaglichen Kleinigkeiten in den Ecken und an den Wnden
-in ein wohliges Halbdunkel. Nichts schien mehr den
-dmmerigen Frieden dieser Ruhestunde stren zu wollen,
-die die Schwestern wie gewhnlich zwischen Mittag und
-der Kaffeestunde da oben unter dem Dach vertrumten
-und verplauderten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[S. 11]</a></span>
-
-Der Zeiger rckte auf drei Uhr los. Noch zwei Minuten,
-und der heisere Kuckuck mute den Kopf dreimal
-zur Tr herausstrecken und sie wieder energisch hinter sich
-zuklappen. Damit war dann Papas Sprechstunde und
-alle Spannung fr heute zu Ende.</p>
-
-<p>Ein neues schrilles Klingeln an der Haustr kam dem
-Kuckuck zuvor. Marga und Elli hielten in ihrem Flstern
-ein. Kthe blickte halb von ihrem Tagebuch auf.</p>
-
-<p>&#8222;Sicher nichts berwltigendes,&#8221; erklrte Elli mit einer
-Gleichgltigkeit, der die Neugier aus allen Fugen sah.
-&#8222;Ich stehe schon gar nicht mehr auf.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;I wo, Kleinchen! Flugs auf deinen Posten!&#8221; ermunterte
-sie Marga.</p>
-
-<p>Eine ziemlich tiefe, etwas hastige Stimme klang von
-unten aus dem Hausflur.</p>
-
-<p>Elli rckte auf ihrem Sitz hin und her. Sie wollte
-nicht mehr, und doch wollte sie brennend gern. Kthe hatte
-die Feder weggelegt. Auch sie berlegte. Schon stand
-Elli auf und huschte nach der Tr. Kthe folgte langsam.
-Mit vereinten Krften beugten sie sich drauen ber das
-Gelnder und sphten den heraufsteigenden Schritten entgegen.
-Marga lauschte wie zuvor. Es war wieder das
-alte lustige Spiel, das sie nicht lassen konnten, heute zum
-zehntenmal nicht. Die kleine Znkerei war lngst vergessen.
-Die Treppen, das Nubaumgelnder knackten
-unter der Last der beiden vornbergebeugten Mdchenkrper
-verrterischer denn je.</p>
-
-<p>Die Musterung des ahnungslosen Besuchers dauerte
-lange. Fr Marga in ihrem Alleinsein schienen die Schwestern
-eine Ewigkeit auszubleiben. Endlich klappte im ersten
-Stock die Tr zum Zimmer des Geheimrats ins Schlo.<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[S. 12]</a></span>
-Kthe und Elli strmten gleichzeitig zurck ins Zimmer.
-&#8222;Etwas schrecklich Interessantes!&#8221; rief Elli aufgeregt schon
-von weitem.</p>
-
-<p>&#8222;Ein Neuer! Hat noch nie bei Papa gehrt!&#8221; berichtete
-auch Kthe mit ungewohnter Lebhaftigkeit, whrend sie
-vorsichtig die Tr nach dem Flur zuzog.</p>
-
-<p>&#8222;Alt? Jung? Gro? Klein? So erzhlt doch nur!&#8221;
-forschte Marga mit jener Neugier, die sie mitunter leidenschaftlich
-berkam, wenn ihr junger Sinn sich aufbumte,
-als frchtete sie, die Schwestern mchten ihr ein Stck
-Leben vorenthalten, nach dem sie sich in ihrer Dunkelheit
-nicht minder sehnte als die anderen mit ihren hellen Augen.</p>
-
-<p>Alle drei rckten an dem runden Tisch ganz nahe zusammen.
-Fast stieen sie mit den eifrig aufgesttzten
-Ellbogen aneinander. Kthe und Elli berstrzten und
-ergnzten sich in ihren Mitteilungen. Die ganze ausgelassene
-Lust der &#8222;Bande&#8221;, wie Papa Richthoff seine
-Mdels nannte, machte sich in dieser halb spahaften, halb
-ernsten Kritik Luft.</p>
-
-<p>&#8222;Sehr straffe mnnliche Erscheinung,&#8221; beschrieb Kthe.</p>
-
-<p>&#8222;Gro, schlank!&#8221; unterbrach Elli. &#8222;Schick gekleidet!
-Jackettanzug &mdash; Pfeffer und Salz! Braune Stiefel!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Weit du, Marga, hnlich wie der eine Assistent von
-Professor Lepart,&#8221; erklrte Kthe.</p>
-
-<p>&#8222;Doktor Zerweck? Das Gigerl? Ich danke!&#8221; ereiferte
-sich Elli. &#8222;Nicht die Spur, Marga. Viel natrlicher, gar
-nicht geckenhaft!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nicht wie ein Philologe, weit du,&#8221; nahm Kthe
-den Bericht wieder auf. &#8222;Mehr weltmnnisch.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;O, das will ich nicht sagen,&#8221; widersprach Elli. &#8222;Es
-gibt sehr feine Philologen.&#8221; Sie verstummte pltzlich und<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[S. 13]</a></span>
-wurde wieder rot. Wilkens war nmlich Philologe, derselbe
-Wilkens, der vorhin an der kleinen Trnenszene
-schuldig geworden war.</p>
-
-<p>Jetzt muten sie alle drei ber Ellis Naivitt lachen,
-sie selber nicht zum wenigsten.</p>
-
-<p>&#8222;Aber wie sieht er denn nun eigentlich aus?&#8221; fragte
-Marga ganz unglcklich. &#8222;So erzhlt doch mal ordentlich!&#8221;</p>
-
-<p>Kthe und Elli fingen wieder von vorn an. Schwatzend
-und lachend lieferten sie eine Charakteristik, so wirr und
-widerspruchsvoll, da Marga sich nach noch so vielen Beschreibungen
-so klug vorkam wie zuvor. Was sie mit einiger
-Bestimmtheit erfuhr, war nur, da er einen braunen
-Vollbart trage und sehr ausdrucksvolle dunkle Augen habe.
-ber diese Augen, die keine der beiden Schwestern lnger
-als eine Sekunde in betrchtlicher Ferne gesehen, drohte
-es zu neuem Streit zu kommen. Elli fand sie feurig,
-Kthe schmelzend.</p>
-
-<p>Marga legte sich ins Mittel. &#8222;Wir mssen mal Papa
-fragen, wer es war,&#8221; sagte sie einfach und entschieden.</p>
-
-<p>Kthe und Elli waren einen Moment sprachlos ber
-diesen verblffend klaren und offenen Rat. Dann fielen
-sie vereint mit ihren Bedenken ber Marga her. Als ob
-das so einfach wre, Papa zu fragen! Man wrde ja
-verraten, da man Posten gestanden! Papa wrde Gott
-wei was denken! Und wenn er erst merkte, da man
-gern etwas von ihm wissen wollte, konnte man sicher sein,
-da er schwieg wie ein Lwe. Das mute fein eingefdelt
-werden. Da mute ein richtiger Feldzugsplan gemacht
-werden. Wieder steckten sich die drei Mdchenkpfe wie
-die Hupter einer Verschwrung ber dem Tisch zusammen.<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[S. 14]</a></span>
-Sie fuhren erst erschrocken auseinander, als ziemlich
-laut an die Tr gepocht wurde.</p>
-
-<p>Therese streckte den Kopf herein. &#8222;Der Kaffee steht
-unten,&#8221; meldete ihre mrrische Stimme. &#8222;Er wird kalt.
-Und der Herr Geheimrat hat nach dem seinen schon gerufen.&#8221;</p>
-
-<p>Wie im Nu ging es aus der Stube und die Treppe
-hinunter. Elli voran, denn an ihr war die Reihe, Papa
-den Nachmittagskaffee zu bringen. Das war eine wchentlich
-abwechselnde Ehre.</p>
-
-<p>Kthe und Marga folgten Arm in Arm. Sie hatten
-am Nachmittag eine Besorgung zu machen und verabredeten
-den Stadtbummel. Bis zum Abendbrot galt es
-schon zu warten, ehe man gemtlich mit Papa plaudern
-konnte. Dann mute man &mdash; man mute erfahren, wer
-der &#8222;Neue&#8221; war.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Geheimrat hatte allerdings nicht die leiseste Ahnung
-von dem, was seine Mdels zu seinen Hupten trieben
-und planten. Wenn er nach dem Essen seinen Verdauungsgang
-im Garten gemacht hatte, wobei er mit der gewissenhaften
-Liebe von Jahrzehnten die Fortschritte seiner Bume
-und Spaliere feststellte, die Schnecken von den Weinstcken
-ablas, das allzu vordringliche Unkraut mit der Stockspitze
-aus den Wegen bohrte und nachbarwrts schleuderte
-&mdash; dann bildete die Sprechstunde den bergang von der
-beschaulichen Ruhe zur eifrigen Arbeit. Wie ihm seine
-Besucher gefielen oder seine Laune es ihm eingab, fertigte
-er seine Hrer bald kurz und ohne viele Worte ab, bald
-verwickelte er sie in ein Gesprch und stellte &mdash; das war<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[S. 15]</a></span>
-der Schrecken der jungen Semester, die zum erstenmal sich
-bei ihm anmeldeten &mdash; ein kleines historisches Examen an,
-sein Opfer unvermittelt an einem Rockknopf fassend und
-sich an seiner Verwirrung innerlich belustigend. War dann
-der letzte glcklich expediert und die Tr endgltig fr
-weitere Besucher geschlossen, so schlpfte er in den befreienden
-grauen Schlafrock, der schon bedenklich viele
-Jahre erlebt hatte, aber fr unersetzlich galt, und steckte
-sich eine Zigarre an. Er verschwand hinter dem gewaltigen
-Zylinderbureau aus Nubaumholz, das vom einen Fenster
-aus quer in die Stube stand und mit den mchtigen bndereichen
-Regalen im Rcken ein kleines Zimmer im Zimmer
-bildete. Eine Flut von Zetteln und Zettelchen, alle beschrieben
-mit seiner winzigen, mikroskopisch feinen Handschrift,
-breitete sich vor ihm und um ihn aus. Es war ein
-besonderes Kunststck, das nicht immer gleich gut gelang,
-den Nachmittagskaffee geruschlos hereinzubringen und auf
-dem bltterbesten Schreibtisch ein Eckchen zu ersphen, wo
-er hingesetzt werden konnte, ohne da der alte Herr einen
-grollenden Sturm losbrechen lie, weil man ihm alles
-durcheinanderwerfe und die peinliche Ordnung seiner
-Manuskripte, die fr jeden andern einer peinlichen Unordnung
-zum Verwechseln hnlich sah, gewissen- und verstndnislos
-zerstre. Nur Marga geno das Vorrecht, da
-ihren suchenden Fingern Nachsicht, sogar etwas Hilfe gewhrt
-wurde. Das war aber eine Zartheit, die als geheimes
-und stillschweigendes Abkommen zwischen Vater
-und Tochter verborgen blieb.</p>
-
-<p>Heute, wo Elli an der Reihe war, hatte es grimmiges
-Murren gegeben, so da sie den Schwestern verstrt berichtete,
-Papa sei grauenhaft aufgelegt und msse wie<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[S. 16]</a></span>
-ein schalloses Ei behandelt werden. Dabei war der alte
-Herr bei sich selber ganz zufrieden. Mit Bedacht und Vorliebe
-spielte er den Pascha, der unberechenbar seine Gnaden
-und Ungnaden verteilt. Nach seiner wohlgemeinten Ansicht
-gab es kein besseres Mittel, um die &#8222;Bande&#8221; einigermaen
-in Zaum und Zucht zu halten. Nachdem ihm seine
-um fnfzehn Jahre jngere Frau gestorben, ehe Elli
-und Marga auch nur aus den Kinderschuhen waren,
-hatte er eine Erzieherin ins Haus genommen. Eine Zeitlang
-war es auch mit einer Hausdame versucht worden.
-Aber aus alledem waren so viel Unbequemlichkeiten und
-Mihelligkeiten entstanden, die seine ihm notwendige Gelehrtenruhe
-strten, da er, als die beiden jngsten leidlich
-herangewachsen waren, das Hauswesen mit seinen drei
-Tchtern allein zu fhren unternahm. Etliche Kollegen,
-unterschiedliche Tanten und Basen hatten erklecklich dazu
-den Kopf geschttelt. Eine Musterwirtschaft war's ja auch
-nicht gerade geworden. Aber er war zufrieden, wie es
-war; er und die drei Mdchen fhlten sich glcklich in
-dem alten wohnlichen Haus am Wenzelsberg.</p>
-
-<p>An den Tagen, an denen nicht eine Kolleg- oder
-Seminarstunde ihn abrief, sa Geheimrat Richthoff vom
-Nachmittag bis zum Abend in seiner Schreibtischecke. Im
-qualmenden Nebel der Zigarren, die er eine an der andern
-ansteckte, verschwand fr ihn die Auenwelt. An
-ihre Stelle traten die geistigen Gestalten seiner rmischen
-Kaiser, mit denen er leibhaftig und wie mit seinesgleichen
-umging. Aus der Unzahl kleiner Zge, die er mit unermdlichem
-Flei Tausenden von Inschriften, sprlichen,
-unverllichen Geschichtschreibern, all den zwar unermelichen,
-aber noch so unverarbeiteten Quellen abzwang,<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[S. 17]</a></span>
-formte er mit feiner, geistreicher Kunst seine Kaisergeschichte.
-Die Studien eines ganzen Lebens trug er, an der Schwelle
-des Alters, in einem darstellenden Werke groen Stils
-zusammen. Mit eiserner Energie hatte er von Jahr zu
-Jahr den Wunsch, das Erforschte und Gesammelte zum
-Kunstwerk umzuschaffen, niedergehalten. Jetzt endlich,
-seit Jahresfrist, hatte er sich der Haft der Kleinarbeit entlassen.
-Mit dem Ungestm eines Jungen begann er zu
-gestalten. In der Seligkeit, das kritisch Erklgelte endlich
-knstlerisch erleben zu drfen, erfllte sich ihm der Traum
-seines Daseins. Alle Freuden und Leiden des Schaffenden
-erlebte er in der drangvoll-frchterlichen Enge seines
-Schreibtisches. Verzweiflung und Resignation wechselten
-mit feurigem Entzcken. Er haderte mit seinen Kaisern;
-er knirschte, brummte, schalt vernehmlich und drohte, wenn
-sie sich sprde zeigten und ihre glatten, scharfen Csarenkpfe
-in den Schleier der Undurchdringlichkeit hllten.
-Das waren die Tage, wo die Arbeit um zwei, drei Zeilen
-vorrckte, von denen die eine wieder gestrichen werden
-mute. Dann wurde er unzugnglich, griesgrmig, unwirsch
-und konnte mit seinem Unmut das ganze Haus
-durcheinanderwerfen. Ein andermal war alles eine Herrlichkeit:
-die Kaiser hielten ihm stand; sie traten hervor
-wie aus Marmor gemeielt, klar, formgebietend, lebenheischend;
-dann verklrte ein heimliches Lcheln sein Gesicht,
-heimlich, denn es sa tief drinnen zwischen dem
-weien dichten Vollbart und scho hchstens einmal wie
-ein neckender Blitz unter den scharfen Brillenglsern hervor.
-Flssig und leicht und selbstverstndlich sprangen die
-Worte, die Stze aus der Feder, und Blatt um Blatt
-bedeckte sich mit der minutisen, schwer leserlichen Schrift.<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[S. 18]</a></span>
-An solchen Tagen war Vater Richthoff umgnglich, zu
-einem Scherz bereit, innerlich von einer kindlichen Heiterkeit.
-Da hielt der barsche Pascha nicht vor. Er drckte
-ein Auge zu, lie sich Wnsche und Bitten vortragen, gab
-Lob und Zustimmung, kurz: Papa hatte seinen guten Tag
-und die Bande mit ihm.</p>
-
-<p>Einen guten Tag hatte der alte Herr auch heute hinter
-sich, als er sich endlich entschlo, die Feder wegzulegen
-und den Rest der soundsovielten Zigarre dem Aschenbecher
-zu opfern. Er rieb sich befriedigt die Hnde und schob
-die kleine schwarze Samtkappe, die &mdash; ein wrdiges Seitenstck
-des betagten Schlafrocks &mdash; den dnnbehaarten,
-massigen Schdel schtzte, ber die Stirn zurck. Dann
-stand er auf und ffnete ein Fenster. Vom Vorgarten,
-der Haus und Strae gleich einer erhhten Terrasse trennte,
-atmeten die in voller Blte stehenden zwei Kastanienbume
-ihren milden, sen Duft. Die untergehende Sonne
-warf rote Lichtbndel auf den Kiesplatz und sprenkelte
-die Gartenmbel, die um den steinernen Tisch standen.
-Dort sa Marga, die Hnde im Scho, den Kopf mit dem
-schlichten, aschblonden Knoten weit gegen den Baumstamm
-zurckgelehnt und die Augen geschlossen. Vom Kamin
-eines Hauses gegenber schmetterte eine Amsel ihre Triller
-in die auffallend weiche, stille Luft des Maiabends. Marga
-schien angespannt zu lauschen. Ein Ausdruck, von Wonne
-und Weh seltsam gemischt, lag auf dem zarten Gesicht,
-das im Dmmerschatten des Baumes blasser aussah, als
-es war.</p>
-
-<p>Der Geheimrat sah ihr einen Augenblick ruhig zu, ehe
-er sich entschlo, ihre Trumerei zu unterbrechen. Bei
-ihr, die sein Sorgenkind war, bekmpfte er mit einer<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[S. 19]</a></span>
-Strenge, die ihm nicht leicht wurde, den fr ihre zwanzig
-Jahre und ihre Blindheit begreiflichen Hang, sich in einer
-schwrmenden Gemtsstimmung einseitig zu verlieren.
-Gerade sie, der das Schicksal ein krgeres Los zugemessen
-als den andern, wollte er davor behten, ihre Kraft in
-einem berschwenglichen Gefhlsleben zu verzehren. Er
-verga darber, da die Unendlichkeit ihrer Trume sie
-auch wieder mit der verdunkelten Endlichkeit und Beschrnkung
-ihres Daseins vershnte.</p>
-
-<p>&#8222;Na, Marga, du scheinst nicht so hungrig zu sein wie
-ich,&#8221; klang es jetzt mit neckendem Vorwurf zu ihr hinunter.</p>
-
-<p>Ein leises Zittern lief ber Margas Krper. Sie schrak
-zusammen, als kehrte sie pltzlich aus weiter, luftiger Ferne
-zurck, und die Augen irrten in die Hhe.</p>
-
-<p>&#8222;Wir haben mit dem Abendbrot nur auf dich gewartet.
-Es ist alles fertig,&#8221; gab sie in leichter Verwirrung zurck;
-sie stand auf und eilte mit gebter Sicherheit der Glastr
-zu, die vom Erdgescho in den Vorgarten fhrte.</p>
-
-<p>&#8222;Langsam, langsam!&#8221; mahnte der Geheimrat, whrend
-er sich vom Fenster zurckzog. Fast tat es ihm leid,
-sie aus ihrem verlorenen Sinnen geweckt zu haben. Er
-warf noch einen halb schmeichelnden, halb wehmtigen
-Abschiedsblick auf das Wirrsal seiner Manuskriptbltter,
-ehe er sein Zimmer verlie und die Treppe hinunterstieg.</p>
-
-<p>Im Ezimmer war alles seines Erscheinens gewrtig.
-Die Mdels kamen ihm entgegen und fhrten ihn wie im
-Ehrengeleit zu seinem bequemen Sessel. Kthe go ihm
-den Tee ein. Marga strich seine gersteten Butterschnitten.
-Elli schob ihm noch ein Kissen in den Rcken. Er lie sich
-gern ein bichen verwhnen. Doch die Behendigkeit, mit
-der er heute bedient wurde, erschien ihm fast verdchtig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[S. 20]</a></span></p>
-
-<p>Therese erschien mit den Schsseln. Unauffllig stellte
-Kthe eine Platte mit jungen Spargeln als Sondergericht
-vor den vterlichen Teller.</p>
-
-<p>Der Geheimrat stutzte. &#8222;Kinder, ich habe wohl heute
-Geburtstag, was? Frische Spargel! Anfang Mai! Wie
-komm' ich zu solchen Leckereien?&#8221; Er sah sich fragend im
-Kreise um. Sein eines Auge zwinkerte unmerklich.</p>
-
-<p>&#8222;Marga und ich kamen auf der Hauptstrae bei
-Testers vorbei,&#8221; erklrte Kthe harmlos. &#8222;Wir sahen
-zufllig, da er im Schaufenster die ersten Schwetzinger
-Spargel ausgestellt hatte, und weil du sie so gern
-magst &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;So wollten sie dir eben eine Freude machen,&#8221; schlo
-Elli mit wohlgemeinter, aber verlegener Hast.</p>
-
-<p>&#8222;Hm! Etwas unverantwortlich, aber nett von euch.&#8221;
-Es war jetzt fr den alten Herrn ausgemacht, da die Bande
-etwas von ihm wollte. Entweder muten sie neue Frhjahrskleider
-haben oder sie wollten eine Einladung annehmen
-oder wei Gott was. Es galt also, auf der Hut
-zu sein.</p>
-
-<p>Kthe und Elli sahen sich mit verzweifelten Blicken
-an. Sie gaben das Treffen schon so gut wie verloren.
-Der etwas spttische Ton verriet ihnen, da Vater Richthoff
-die Absicht, ihn durch einen Leckerbissen in seiner guten
-Laune zu untersttzen, durchschaut habe.</p>
-
-<p>Es entstand ein lngeres Schweigen. Marga, der von
-Natur alle Diplomatie fremd war, empfand die kritische
-Situation am unbehaglichsten. Nur aus schwesterlicher
-Solidaritt hatte sie sich mit dem Plan befreundet, das
-Geheimnis des &#8222;Neuen&#8221;, das zu ergrnden man sich nun
-einmal in unschuldiger Kinderei verschworen hatte, auf<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[S. 21]</a></span>
-raffinierten Umwegen herauszulocken. Ihr schien es geraten,
-jetzt geradezu aufs Ziel loszugehen.</p>
-
-<p>&#8222;Hast du schon viele neue Hrer frs Sommersemester,
-Papa?&#8221; fragte sie unbefangen. Und ohne sich durch einen
-Ellbogensto Ellis irremachen zu lassen, fuhr sie fort:
-&#8222;Bitte, erzhl' uns mal, wer heute alles bei dir war.&#8221;</p>
-
-<p>Kthe und Elli blieb der Bissen im Halse stecken. Diese
-Khnheit war unerhrt. Noch ein ungeschicktes Wort, und
-Papa erriet, da sie seine Sprechstunde belauert hatten.
-Im vorigen Jahr, als Wilkens sich einschreiben lie, hatte
-er Elli einmal auf der Treppe erwischt: es hatte eine
-erschreckliche Strafpredigt ber Anstand und Manieren
-abgesetzt. Und jetzt ...! Kthe trat Marga unter dem
-Tisch auf den Fu. Es war einfach haarstrubend gefhrlich,
-was sie da mit ihrer unverbesserlichen Offenheit anrichtete.</p>
-
-<p>Der alte Herr liebte allerdings nichts weniger, als
-wenn man sich in seine &#8222;Amtsangelegenheiten&#8221; mischte.
-Wenn er etwas davon mitzuteilen fr gut fand, war das
-eine seltene Huld und geschah aus freien Stcken. Wre
-er weniger befriedigt von seinen rmischen Kaisern gekommen,
-eine barsch ablehnende Antwort htte nicht ausbleiben
-knnen. Aber guter Dinge, wie er war, begngte
-er sich mit der mildesten Form, die er hatte, wenn es galt,
-unerwnschte Fragen abzuweisen: er berhrte sie und
-blieb eifrig in seine Mahlzeit vertieft.</p>
-
-<p>Die drei Mdels kannten ihn zu genau, um nicht
-diesen stummen Bescheid zu verstehen.</p>
-
-<p>Elli und Kthe verstndigten sich durch einen Blick:
-<span class="antiqua">Lasciate ogni speranza!</span></p>
-
-<p>Marga hatte aufgehrt zu essen. Sie hatte den Kopf<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[S. 22]</a></span>
-gesenkt. Die Finger der rechten Hand strichen langsam
-das Tischtuch. Trauer und Beschmung prgten sich in
-ihrem Gesicht aus. Bei ihrer gesteigerten Empfindungsfhigkeit
-ging dieser stumme Tadel tiefer als eine entschiedene
-Zurckweisung. Sie fhlte sich berdies vor
-den Schwestern gedemtigt.</p>
-
-<p>Dem alten Herrn entging ihre Stimmung nicht.
-Er wollte heute frhliche Gesichter um sich sehen. &#8222;Sag
-mal, Marga,&#8221; begann er, nachdem er die zweite Tasse Tee
-in einem Zug geleert hatte, mit gravittischem Ernst,
-&#8222;ich hre, du hast heimliche Herrenbekanntschaften!&#8221;</p>
-
-<p>Kthe und Elli starrten erst Papa, dann die Schwester
-mit aufgerissenen Augen an.</p>
-
-<p>&#8222;Ich &mdash; heimliche Herrenbekanntschaften?!&#8221; stammelte
-Marga.</p>
-
-<p>&#8222;Na ja!&#8221; fuhr der Geheimrat im selben Ton fort,
-whrend er sich wie ein Groinquisitor im Sessel zurcklehnte.
-&#8222;Kennst du vielleicht einen gewissen Doktor Perthes?
-Ich glaube &mdash; ja doch &mdash; Max Perthes?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Perthes?&#8221; wiederholte Marga unglubig und schttelte
-den Kopf.</p>
-
-<p>&#8222;Der Herr behauptet aber, dich zu kennen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Davon wei ich nichts,&#8221; beteuerte sie ernsthaft. Eine
-leichte Rte belebte ihre matten Farben. Sie erinnerte
-sich des Namens nicht. Sie kannte nur <em class="gesperrt">die</em> Herren, die
-als Hrer des Geheimrats ein- oder zweimal im Jahr zur
-Abftterung kamen, und auch diese nur flchtig, denn
-solche offiziellen Gesellschaften pflegten fr sie fast immer
-eine Qual zu sein, die sie nur auf Papas ausdrcklichen
-Wunsch ertrug.</p>
-
-<p>&#8222;Was ist er denn?&#8221; platzte Elli hervor, die ihre Neugier<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[S. 23]</a></span>
-nicht mehr bemeistern konnte. &#8222;Philolog oder Jurist
-oder &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Immer fein geduldig, Kleinchen! Bring mir meine
-Zigarren!&#8221;</p>
-
-<p>Elli beeilte sich, die Kiste vor ihn hinzustellen. Erwartungsvoll
-blieb sie neben ihm stehen.</p>
-
-<p>&#8222;Wo will er denn Marga kennen gelernt haben?&#8221; konnte
-nun auch die besonnene Kthe sich nicht enthalten zu
-fragen. Da Marga einen Herrn kennen sollte, den sie
-und Elli nicht kannten, das war etwas zu Auergewhnliches.</p>
-
-<p>&#8222;Du hltst mich zum besten, Papa,&#8221; erklrte Marga
-bestimmt.</p>
-
-<p>&#8222;Oho! Objektive, geschichtliche Tatsache! Quelle unanfechtbar!&#8221;
-Der alte Herr hatte sich die lange Hollnderin
-angesteckt und blies den Rauch von sich. Er weidete sich
-an der Neugier seiner Mdels und gefiel sich darin, sie noch
-hher zu spannen. &#8222;brigens ein schrecklicher Modejngling,&#8221;
-setzte er nach einer Pause seine Mitteilungen fort.</p>
-
-<p>&#8222;Ein Modejngling &mdash; und Marga!&#8221; rief Elli lachend.
-Kthe lachte mit, und auch Marga schttelte mit leisem
-Lcheln von neuem den Kopf.</p>
-
-<p>&#8222;Er ist, glaube ich, Mediziner.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mediziner?&#8221; klang es dreifach noch unglubiger zurck.</p>
-
-<p>&#8222;Trgt er vielleicht ein Pfeffer-und-Salz-Jackett?&#8221; entfuhr
-es Elli. &#8222;Und &mdash;&#8221; Sie verstummte jh, ber sich
-selber erschrocken. In ihrer bersprudelnden Lebhaftigkeit
-hatte sie alle Vorsicht vergessen.</p>
-
-<p>Kthe war auer sich ber diese Dummheit. Sie stand
-auf, Marga folgte ihr. Alle drei umstanden sie den kurulischen
-Sessel des Geheimrats, der Gott sei Dank keine<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[S. 24]</a></span>
-Ahnung von so modischen Fachausdrcken wie &#8222;Pfeffer-und-Salz-Jackett&#8221;
-hatte und von seinen Besuchern alles
-andere eher denn Einzelheiten ihrer Kleidung im Gedchtnis
-behielt.</p>
-
-<p>&#8222;Pfeffer-und-Salz-Jackett?&#8221; wiederholte er kopfschttelnd.
-&#8222;Woher kennst denn du ihn, Kleinchen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nein, nein! Ich meinte nur so; ich kenne ihn so
-wenig wie irgendwer,&#8221; versicherte Elli krampfhaft.</p>
-
-<p>&#8222;Also, kurz und gut,&#8221; resmierte der alte Herr, &#8222;er
-behauptet, Volontrarzt in Hemsbach gewesen zu sein.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Volontrarzt? In Hemsbach?&#8221; Marga besann sich.
-Sie war dort einen Sommer ber &mdash; es war vier, fnf
-Jahre her &mdash; in einer Blindenanstalt gewesen, um sich in
-ihren Fertigkeiten zu vervollkommnen. Aus ihrer Erinnerung
-an diese schwere Zeit lste sich jetzt eine entfernte
-Gestalt. Damals war neben dem Direktor ein jngerer
-Arzt dort, der sich gern mit ihr unterhielt und mit ihr
-lernte. Jetzt kam ihr auch der Name zurck. &#8222;Ach, der!&#8221;
-setzte sie pltzlich gedankenvoll hinzu.</p>
-
-<p>&#8222;Jawohl &mdash; der!&#8221; schmunzelte der Geheimrat. &#8222;Habe
-ich nun recht, wenn ich sage, Marga hat heimliche Herrenbekanntschaften?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Natrlich hast du recht!&#8221; rief Elli lustig. &#8222;Das sind
-ja nette Sachen, die man von dir hrt, Margakind!&#8221; Sie
-schlang den Arm um Margas Hals und zupfte sie neckend
-am Ohr.</p>
-
-<p>&#8222;Und gar nie ein Sterbenswrtchen davon zu erzhlen!&#8221;
-sagte Kthe ganz vorwurfsvoll.</p>
-
-<p>&#8222;Aber das war ja nur eine ganz flchtige Bekanntschaft,&#8221;
-verteidigte sich Marga. Sie war ordentlich bestrzt.
-Ihre Augen gingen ratlos auf die Suche. Sie<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[S. 25]</a></span>
-war rhrend in ihrer leichten Erregung und verschmten
-Hilflosigkeit. Dazu regte sich etwas wie Stolz in ihr.
-Da der Besuch des &#8222;Neuen&#8221;, der die Gemter so beschftigt
-hatte und nun unerwartet, kampflos aus seinem
-Inkognito hervorgetreten war, gerade mit ihr zusammenhing,
-war ein fr ihre abgeschlossene Welt ungewhnliches
-Ereignis. &#8222;Doktor Perthes war brigens gar kein solcher
-Laffe,&#8221; erklrte sie nach einigem Besinnen mit ernsthaftem
-Nachdruck und unter allgemeiner Heiterkeit.</p>
-
-<p>Der alte Herr erhob sich jetzt gleichfalls von seinem
-Sessel und klopfte ihr auf die Schulter. &#8222;Jedenfalls hast
-du ihn mir auf den Hals gehetzt, Kind. Er behauptet steif
-und fest, du httest ihn eingeladen, uns zu besuchen, wenn
-er je einmal hierherkme. Zugegeben?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das wei ich nicht mehr. Ich wei nur, da er damals
-freundlich zu mir war und &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nrrchen! Natrlich kam er nicht nur deshalb und
-deinetwegen. Er hatte an mich eine Empfehlung von
-meinem Freunde Schlutius in Bonn, der irgendwie mit
-ihm verwandt ist. Das gengt! Kthe, setz ihn auf die
-Liste. Er wird gelegentlich mal eingeladen. Und damit
-hat der Schnack ein Ende.&#8221; Er gab Marga einen leichten
-Backenstreich. Das war ein Zeichen seiner hchsten Gunst.
-Dann nahm er seine Abendzeitung vor und ging durch
-Wohnzimmer und Salon nach der verglasten Veranda auf
-der Vorderseite des Hauses. Dort brannte schon die Lampe,
-unter deren Schein er lesend eine halbe Stunde auf und
-ab ging, ehe er wieder zu seinen Kaisern hinaufstieg.</p>
-
-<p>Fr die drei Mdels aber hatte der Schnack noch kein
-Ende. Kaum war Vater Richthoff auer Hrweite, so
-wurde Marga von Elli und Kthe mit Fragen ber und<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[S. 26]</a></span>
-ber bestrmt. Sie wute nicht halb soviel, als sie htte
-wissen mssen. Elli, die ihren siebzehnjhrigen bermut
-austoben mute, wo immer eine Gelegenheit sich bot,
-fate Marga als Herr um die Taille. Marga mute jetzt
-unbedingt tanzen lernen. &#8222;Was soll <em class="gesperrt">dein</em> Doktor sonst
-von dir denken? <em class="gesperrt">Dein</em> Doktor kann das von dir verlangen.
-<em class="gesperrt">Dein</em> Doktor wird entsetzt sein, wenn du solche
-Schritte machst.&#8221; So ging der lose Mund atemlos immerzu,
-whrend sie Marga unerbittlich im Kreise drehte, ob diese
-wollte oder nicht. Kthe schrieb indessen feierlich &#8222;Doktor
-Max Perthes&#8221; auf die Liste der Einzuladenden, die zu
-fhren Papa ihr anvertraut hatte, und hielt, unbekmmert,
-ob sie gehrt wurde oder nicht, sehr weise Reden
-darber, da sie den &#8222;Neuen&#8221; gleich fr einen Mediziner
-gehalten htte; da Mediziner <em class="gesperrt">immer</em> so und so aussehen
-und <em class="gesperrt">immer</em> solche und solche Menschen seien.</p>
-
-<p>Zum Glck fr Marga fiel es den Schwestern pltzlich
-ein, da ja heute der &#8222;Akademische Gesangverein&#8221; Probe
-hatte. Wollte man nicht zu spt kommen und von Professor
-Klz ein Nasenrmpfen beziehen, so war es hchste
-Zeit zum Aufbruch. Im Nu strmte Elli davon, um sich
-fertigzumachen. Ihr feines Stimmchen trllerte die zu
-probende Bachkantate durchs Haus. Kthe folgte ihr,
-nachdem sie Therese zum Abrumen des Tisches gerufen.</p>
-
-<p>Marga blieb im Ezimmer zurck. Sie war wie betubt
-von der letzten Viertelstunde. Von Papas neckender
-Enthllung und dem Umtrieb, den Elli mit ihr angestellt
-hatte. Sie ordnete das zerzauste Haar, dessen Strhnen
-von dem unfreiwilligen Tanz sich an den Schlfen und
-im Nacken gelst hatten. Whrend Therese abzurumen
-begann, ging sie auf den kleinen Hof hinaus, der in gleicher<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[S. 27]</a></span>
-Hhe mit dem ersten Stock hinter dem Hause lag, und
-von dem ein steiler Weg bergwrts in den Garten oder,
-wie er allgemein hie, den &#8222;Weinberg&#8221; fhrte.</p>
-
-<p>Es war schon khl geworden. Eine reine, wrzige
-Luft strich vom Weinberg herunter. Die Dmmerung,
-deren dunkles Wachsen Marga um sich fhlte, tat ihr wohl.
-Sie kreuzte die Arme hinter dem Rcken und verschrnkte
-die Hnde. Das war ihre liebste Haltung, wenn ein Ungewohntes
-in ihrem Innern wirkte. So schritt sie langsam
-im Hof auf und nieder. So berdachte und verarbeitete
-sie das Kleinste und das Grte, bis es in die groe und
-einfache Stille ihrer Seele aufgegangen war, die nichts
-Unfertiges und Unklares in sich duldete. Eine um die
-andere ging sie ihre Empfindungen durch. Erst war sie
-erschrocken, als Papa sie so gravittisch vornahm und zur
-Rede stellte. Dann hatte sie den Scherz herausgemerkt.
-Freude und Stolz hatte sie gefhlt, da ein Mann sich
-ihrer erinnerte, nach ihr sich erkundigte und ihretwegen
-Besuch machte. Jedes andere junge Mdchen htte an
-ihrer Stelle hnliches empfunden. Fr sie war es nur
-neuer, verwirrender, weil das Leben da drauen, das
-Leben der Weltmenschen, wie sie es nannte, sich immer
-nur um die beiden Schwestern zu kmmern pflegte, nicht
-um sie. Sie wollte ihre heimliche Freude in der Lustigkeit
-der Schwestern aufgehen lassen. Willig lie sie sich ausfragen,
-sich necken, mit sich tollen. Aber unvermutet stieg
-ein anderes Gefhl in ihr auf, ein bitteres, schmerzliches:
-hinter der Frhlichkeit der anderen steckte etwas, das sie
-verletzte, ohne da sie es wuten oder wollten. Da es
-gerade sie war, Marga, die Blinde, die Ausgeschlossene;
-sie, bei der die Bekanntschaft mit einem Mann so gar<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[S. 28]</a></span>
-nichts zu bedeuten hatte &mdash; das machte die Sache so besonders
-spahaft. Es war so komisch, weil es so ganz ungefhrlich
-war. Und im selben Sinne hatte es auch Papa
-aufgenommen: &#8222;Damit hat der Schnack ein Ende!&#8221; &mdash;
-hinter diesem Wort fand ihr Grbeln die gleiche Grenze,
-jenseits deren es fr sie keine Wnsche, keine Hoffnungen,
-darum auch keinen Ernst geben konnte.</p>
-
-<p>Und an jene Grenze stie auch jetzt sie selbst, whrend
-sie so sicher und still in dem ihr vertrauten Hofraum auf
-und ab schritt. Sie hatten ja recht. Es war in Wirklichkeit
-so. Dies Jenseits war ihr genommen, seit in ihrem
-vierzehnten Jahr, zwei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter,
-eine Netzhautablsung ihre ohnehin schon schwachen Augen
-fr immer gelscht hatte. Damals hatte sie nur halb
-begriffen, was sie verloren. Erst mit den Jahren wuchs
-auch das Verstndnis ihres Verlustes. Die Schwestern
-und alle, mit denen sie umging, sprachen nie davon. Aus
-ihrem Mitleid erriet sie es. Immer besser, immer bestimmter
-wute sie, da das hchste Glck, das einem
-Menschenkind nach irdischem Denken und Fhlen aufbehalten
-war, nicht das ihre sein konnte. Sie fhlte Kraft
-genug in sich, um zu entsagen. Sie kmpfte, sie rang,
-sie ruhte nicht, bis ihre Stille ihr gab, was sie brauchte;
-bis sie mit sich allein zufrieden sein und nur in sich selber
-ihr Glck suchen wollte. Ihr Stolz kam ihr zu Hilfe; ihr
-Stolz hielt sie aufrecht, wenn sie zu verzagen und schwach
-zu werden drohte.</p>
-
-<p>Und dennoch &mdash; dennoch! Es war noch eine andere
-Kraft in ihr, die sich mitunter gegen ihre stille Ergebenheit
-aufbumte. Ihre Jugend lie und lie sich nicht auf
-einmal und fr immer niederzwingen. Die fhlte sie auch<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[S. 29]</a></span>
-jetzt sich auflehnen. Die strmte in ihr auf, da sie die
-Hnde an die heien, pochenden Schlfen legen mute.
-War nicht dieser Doktor Perthes doch vielleicht um ihretwillen
-gekommen? Er konnte ja die Empfehlung, von
-der Papa sprach, sich haben nur darum geben lassen, weil
-er sie wiedersehen wollte. Es brauchte nicht nur der
-Wunsch zu sein, Verkehr zu haben oder hflich zu sein
-oder ihr seine mitleidsvolle Achtung auszudrcken &mdash; &mdash;
-Aber das war ja Unsinn! Sie schwrmte ja! Sie tuschte
-sich vor, ihn nher zu kennen, als sie ihn je gekannt. Das
-Bild, das ihr die Erinnerung gab, bestand kaum aus ein
-paar sprlichen Zgen: er hatte manchmal mit ihr geplaudert,
-sie belehrt, war auf die Gedanken und Gefhle
-eines halberwachsenen Mdchens nachsichtig eingegangen.
-Sie machte jetzt ihre Erinnerung mit Gewalt
-rmer, als sie war. Sie wollte nicht schwchlich, weich
-gegen sich sein, sondern tapfer. Und klar, wie sie es immer
-von sich verlangte. Rcksichtslos klar.</p>
-
-<p>Jetzt war sie schon so weit, da sie lcheln konnte.
-Lcheln ber den winzigen, eingebildeten Sturm, der ihr
-Gleichgewicht hatte stren wollen.</p>
-
-<p>Langsam stieg sie vom Hof in den Weinberg hinauf.</p>
-
-<p>Der Nachtwind rttelte leise und friedlich in den Bschen
-und Baumkronen. Von dem Fliederstrauch bei der ersten
-Laube nahm er eine Wolke blhenden Duftes und hauchte
-sie ber Marga aus. Hoch und hher stieg sie; kaum da
-sie an einen Stein anstie, so vertraut war ihr die Steige.
-Bis zu ihrer Pappel, die hinter der zweiten Laube stand,
-klomm sie empor.</p>
-
-<p>Dort lehnte sie sich gegen den rissigen Stamm.</p>
-
-<p>Die Nacht war ihre Freundin. Sie wuchs von unten<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[S. 30]</a></span>
-herauf, aus der Ebene, wo die Stadt einschlummerte; wo
-drauen ferne Tannensume starrten und der Flu zwischen
-jungen Feldern sich verlor, in Margas Trumen so schn
-wie in keiner Wirklichkeit. Sie senkte sich auf sie herab,
-aus der unendlichen Hhe und Tiefe des Himmels, wo
-die Sterne blitzen muten, nein blitzten &mdash; ein einziges,
-ewiges, knigliches Gewirk von leuchtendem Gold und
-seliger Blue. Weit, weit breitete sie die Arme aus, als
-knnte sie die Nacht, die friedliche, an sich raffen. Aus
-der Ferne und Nhe, von unten, von oben. Und dann
-schlang sie die Hnde beglckt ber ihrem Kopf ineinander;
-so frei fhlte sie sich, so klar, so in sich selber und in der
-Nacht geborgen.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c2" id="c2">2</a></h2>
-
-
-<p>Am Sonnabend war es blich, das Institut frher als
-sonst zu verlassen. Professor Hammann, der Chef, war
-den ganzen Tag nicht erschienen. Er war ber Sonnabend
-und Sonntag wieder einmal weggefahren. Nach dem
-Rhein. Er pflegte dann Freitagabends seinen beiden
-Assistenten <span class="antiqua">en passant</span> seine &#8222;Dienstreise&#8221; anzukndigen.</p>
-
-<p>Junggeselle, reich, durch glnzende akademische Beziehungen
-in seiner Laufbahn gesichert, ohne Ehrgeiz und
-ohne tiefere Neigung zu seiner Wissenschaft, trieb er seine
-Bakteriologie bestenfalls wie einen Sport unter den andern.
-Denn der Sport war seine Lebensaufgabe, er war
-die Grundlage seiner Lebensanschauung. Man konnte
-sicher sein, da die &#8222;Dienstreise&#8221; einem Rennen, einer
-Regatta, einem Tennis- oder Hockeymatch galt, bei dem
-er nicht fehlen durfte. Du lieber Gott! Die Bazillen
-nahmen ihm das nicht weiter bel. Mit den zweien, die<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[S. 31]</a></span>
-er selber frher entdeckt, war das bichen Gelehrtenruf
-hergestellt: die &#8222;Jahrbuchunsterblichkeit&#8221;, wie er mit unverhohlener
-Selbstironie im vertrauten Kreise zu sagen
-pflegte. Das Weitere besorgten die Assistenten unter seinem
-Namen.</p>
-
-<p>Doktor Markwaldt, der erste Assistent, hatte schon gleich
-nach fnf Schlu gemacht. Er sa rittlings auf seinem
-Stuhl und las seine Berliner Zeitung. Bisweilen schielte
-er ber das Blatt weg nach seinem Kollegen, der noch
-immer mikroskopierte, und stellte psychologische Zwischenbetrachtungen
-an.</p>
-
-<p>Dieser Perthes war doch ein merkwrdiger Bursche!
-Markwaldt bildete sich ein, Menschenkenner von Beruf zu
-sein &mdash; er beurteilte seine Fhigkeit nach der Fixigkeit
-seines Urteils &mdash;, aber dieser Junge, dieser Perthes, trotzte
-nun bald seit fnf Monaten, seit er berhaupt zweiter
-Assistent war, den Markwaldtschen Erfahrungsgrundstzen.
-Drei Wochen lang arbeitete er wie ein Bffel; er verbi
-sich in irgendeine Sache und schien darber Himmel und
-Erde zu vergessen. Der Junge war ein Streber, ein ganz
-gewhnlicher Streber. Das stand fest. So lange, bis die
-drei nchsten Wochen anfingen. Wie mit einem Schlage
-war derselbe Perthes wie ausgewechselt. Er erschien fast
-nur gastweise im Institut; er sprach von seiner Wissenschaft
-in den geringschtzigsten Ausdrcken, spielte sich als
-Naturmensch und Krafthuber auf, der in Wald und Feld
-herumtobte, wie ein Besessener ruderte und zeitweise berhaupt
-vom Erdboden verschluckt zu sein schien. Keine Frage:
-der Junge war ein ausgepichter Faulenzer, der es nie zu
-etwas bringen konnte. Alles Laune, Tollheit, Verschrobenheit.
-Bis das Wetter von neuem umschlug und der<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[S. 32]</a></span>
-Arbeitsteufel wieder ber ihn kam. Aus diesem Chamleon
-mochte ein anderer klug werden!</p>
-
-<p>Inzwischen hatte Perthes mit einem kurzen Entschlu
-den weien Arbeitsmantel in den Kasten gehngt und mit
-dem schon bekannten Pfeffer-und-Salz-Jackett vertauscht.
-&#8222;Gehen wir?&#8221; fragte er mit knappem Ton, schon halb in
-der Tr.</p>
-
-<p>&#8222;Hchste Zeit!&#8221; Markwaldt sprang auf und steckte die
-Zeitung in die Tasche.</p>
-
-<p>Nach einer kurzen Weisung an den Institutsdiener,
-der aus seiner Stube im Erdgescho getrommelt wurde,
-verlieen die beiden Assistenten das Haus und schlenderten,
-die langweilige Enzisheimer Strae vermeidend, durch die
-Allee am Flu aus dem klinischen Viertel stadtwrts.</p>
-
-<p>Es war ein ungleiches Paar. Perthes, hochgewachsen,
-schlank, brnett, berragte den rundlichen, weiblonden
-Markwaldt um fast zwei Haupteslngen. Auch wenn er,
-wie jetzt, langsam ging, war er mindestens um einen Schritt
-dem anderen voraus. Er hatte den blaubebnderten
-Panamahut abgenommen oder vielmehr noch gar nicht
-aufgesetzt. Lssig schlenkerte er ihn in der Linken. Den
-Kopf mit dem dichten, dunklen, verworrenen Haar, den
-buschigen Brauen, dem krftigen braunen Vollbart neigte
-er leicht nach rechts zu seinem Gefhrten herunter, als
-hrte er dessen Reden zu. Doch waren die leicht zugekniffenen
-Augen geradeaus ins Weite gerichtet und verrieten
-das Gegenteil.</p>
-
-<p>Markwaldt erzhlte von einem Gartenfest, das Hupfeld,
-das &#8222;groe Tier&#8221; der Fakultt, die weitberhmte
-chirurgische Exzellenz, im vorigen Sommer gegeben hatte.
-&#8222;Sie mssen dort Besuch machen, Kollege! Unbedingt.<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[S. 33]</a></span>
-Das einzige Haus groen Stils in unserem gottbegnadeten
-Jammerdorf. Tipptopp! Nicht diese ollen, langweiligen
-Geheimratsfressereien, wo man sich mit zehn, zwanzig
-hheren Tchtern tothupsen mu. Und dann &mdash; Alli!
-Pardon, Alice!&#8221; Er schnalzte statt aller Charakteristik mit
-der Zunge. &#8222;Na, die kennen Sie ja schon &mdash; Frulein
-Exzellenz, was?&#8221;</p>
-
-<p>Perthes schttelte gleichgltig den Kopf. &#8222;Keine
-Ahnung,&#8221; antwortete er zerstreut.</p>
-
-<p>&#8222;Nicht die Mglichkeit! Sie sollten unter die Sterngucker
-gehen, Perthes. Wahrhaftig!&#8221; Markwaldt blieb
-stehen und klopfte emprt mit dem Stock auf den Boden,
-da seine kuglige Figur, die so prall in dem blauen Anzug
-mit der buntgestickten Weste steckte, in Erschtterung geriet.
-Dann sttzte er beide Hnde auf den achatenen Stockknopf
-und stellte eins seiner kurzen Beine grazis hinter
-das andere. Er zwang so Perthes, stehenzubleiben
-und sich zu ihm umzuwenden. &#8222;So was bersieht
-man doch nicht &mdash; die einzige schicke Erscheinung im
-ganzen Nest! Wetten, da das Teufelsmdel Sie schon
-kennt?&#8221;</p>
-
-<p>Perthes zuckte ungeduldig die Achseln. Markwaldt
-langweilte ihn. Er wollte weiter, aber sein Partner blieb
-unerbittlich stehen, wo er stand, und redete drauflos.</p>
-
-<p>&#8222;So werden Sie's zu nichts bringen, Verehrtester!
-Zu gar nichts. Und Sie wollen akademisch werden?!
-Die Mdels sind ja doch die Hauptsache, sag' ich Ihnen.
-Den ganzen Professorenklumpatsch knnen Sie, wie Gott-Vater,
-in die eine Wagschale legen, Ihre Bakteriologie und
-was Sie sonst wissen dazu. In die andere Schale mu
-das richtige Mdel, und wuppdich &mdash; sie senkt sich, da<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[S. 34]</a></span>
-die Professorenpercken und Ihre Wissenschaft an die Decke
-fliegen. So liegt die Chose!&#8221;</p>
-
-<p>Jetzt mute Perthes &mdash; unter der Wucht solcher Anschaulichkeit
-&mdash; wohl oder bel lachen. Seine starken weien
-Zhne leuchteten aus dem dunklen Barthaar. &#8222;Das ist
-doch wohl die alte Schule, Kollege Markwaldt,&#8221; meinte
-er leichthin.</p>
-
-<p>&#8222;Alte Schule?&#8221; ereiferte sich Markwaldt. &#8222;Alte Schule?
-Sie, o Sie &mdash; verzeihen Sie! &mdash; Sie unglaublicher Embryo!
-Die <em class="gesperrt">ewige</em> Schule ist das!&#8221; Er mute sich jetzt entschlieen,
-dem weiterschreitenden Perthes zu folgen.
-&#8222;Werden ja sehen. brigens, Besuch machen mssen Sie
-bei Hupfeld doch. Das ist einfach so Brauch von alters
-her. Fragen Sie den Chef!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich besuche, wen ich will,&#8221; gab Perthes mit beinahe
-unfreundlicher Bestimmtheit zurck. Ein Angriff auf seine
-Freiheit bewirkte bei ihm alles andere eher als Nachgiebigkeit.</p>
-
-<p>&#8222;Verdrehtes Huhn!&#8221; knirschte Markwaldt in sich hinein,
-doch immerhin so vorsichtig, da sein Gefhrte die Schmeichelei
-nur ahnen konnte. Ihm konnte es ja schlielich egal
-sein, wie Perthes die Sache angriff. So harmlos er sonst
-war, so sagte ihm doch jetzt der rger: Je verkehrter, desto
-besser. Seine Verstimmung dauerte indes nicht lange.
-Schon strich er wieder mit der Selbstgeflligkeit des guten
-Jungen, der er war, den kurzgeschnittenen drftigen
-Schnurrbart und pfiff durch die roten Lippen. An der
-Brcke, die hinber nach der Neustadt fhrte, verabschiedete
-er sich.</p>
-
-<p>&#8222;Kommen doch zum Klinikerabend heute, was?&#8221; fragte
-Markwaldt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[S. 35]</a></span>
-
-&#8222;Vielleicht,&#8221; lautete die ausweichende Antwort.</p>
-
-<p>&#8222;Na, denn &mdash; auf Wiedersehen!&#8221; Markwaldt schritt
-seinem Stammcaf zu, wo er die Zeit bis zum Abendessen
-mit Billardspielen totschlagen wollte.</p>
-
-<p>Perthes ging auf der Altstadtseite am Flu weiter.
-Die Allee wurde dort belebter. Alte Leute saen auf den
-Bnken in der Sonne, die in ihrem sachten Niedergang
-seitwrts in die Allee hereinblinkte. Kinder hufelten Sand
-und liefen den Fugngern zwischen die Beine. Auf dem
-Flu scho ein langes, schmales Ruderboot pfeilschnell
-dahin. Die Ruderer mit ihren roten Mtzen und weien
-Trikotanzgen hoben sich grell ab von dem dunkelgrnen
-Wasser. Ihre nackten Arme warfen sie nach dem lauten,
-mechanischen Kommando des Steuermanns im Gleichtakt
-vor und zurck. Auf dem Graspfad unten an der Uferbschung
-lief der Leiter des Klubs, ein jugendfroher
-Gymnasialprofessor, mit einer mchtigen Schalltube. Er
-begleitete das Boot und rief seine Kritik durch den Trichter
-drhnend ber das Wasser hin. Zuzeiten selbst ein leidenschaftlicher
-Ruderer, sah Perthes dem Boot mit Interesse
-nach. Dann ging er ber die Strae nach seiner nahen
-Wohnung und stieg lssig die Treppe hinauf.</p>
-
-<p>Ein gerumiges Giebelzimmer mit dem freien Blick
-auf den Flu und die gegenberliegenden Waldberge war
-sein Quartier. Ein kleiner Alkoven stie daran. Eine
-Veranda, luftig und keck wie ein Vogelnest, war unter
-den Dachsparren vorgebaut. Einfach, aber freundlich und
-sauber war alles eingerichtet. Es war gut hausen da oben.</p>
-
-<p>Als Perthes eintrat, sah er sich um. Auf dem Tisch
-lag eine Drucksache. Er ri sie auf und warf sie beiseite.
-Ein medizinischer Katalog, weiter nichts.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[S. 36]</a></span>
-
-Eine Weile stand er unter der offenen Verandatr und
-starrte hinber nach dem anderen Ufer. Unter den Landhusern
-in der Neustadt drben schien er ein bestimmtes
-zu fixieren. Dann drehte er sich schroff zurck ins Zimmer.
-Er trat vor seine Bibliothek, die auf einem Regal neben
-dem Schreibtisch an der Wand stand. Eine seltsame literarische
-Auslese, die sich da beisammen fand. Kochs &#8222;Reiseberichte
-ber Rinder- und Bubonenpest in Indien&#8221; neben
-Richard Wagners Werken; einige Bnde der &#8222;Medizinischen
-Wochenschrift&#8221; neben Schopenhauer, Haeckel, Zola;
-ein Band Kant, Sophokles, Pasteur, Goethe, Czernys
-Krebsforschungen nachbarlich beieinander. Nichts aus der
-bunten Reihe lockte ihn. Mit leeren Hnden setzte er sich
-in den rohrgeflochtenen Schaukelstuhl.</p>
-
-<p>Ganz so unbegreiflich und kompliziert, wie Doktor
-Markwaldt sich seinen Kollegen Max Perthes dachte, war
-er wahrhaftig nicht. Er gehrte nur zu den Naturen, die
-lnger und mhevoller als andere nach einem Ausgleich
-ihrer inneren Widersprche suchen, weil diese Widersprche
-tiefer sind und ein unbndiges Temperament sie eher
-verschrft als mildert. Vterlicherseits aus einem endlosen
-Geschlecht wackerer, nchterner Landrzte in der
-Pfalz stammend, mtterlicherseits der Abkmmling einer
-einst hochangesehenen Gelehrtenfamilie am Niederrhein,
-hatte er sich, frh verwaist, nach seinem Abiturium mit
-einem beinahe fanatischen Wirklichkeitsdurst auf die Naturwissenschaften
-gestrzt. Auf Chemie und Physik, auf Botanik,
-Zoologie und Physiologie hatte er sich wahllos neben-
-und nacheinander geworfen. Spielend bemchtigte sich
-sein beweglicher Geist des Stoffes und wute ihn zu
-durchdringen. Dann trat jh und heftig die bersttigung<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[S. 37]</a></span>
-ein. Es war, als trete sein Herz beiseite und lehne sich
-auf gegen die trockene und einseitige Arbeit des Kopfes,
-die es noch eben freudig zu teilen schien. Mit einem herzhaften
-Entschlu ging er zur Medizin ber. Die Verbindung
-von Wissen und Praxis mute seinen ursprnglichen
-und seinen ererbten Anlagen mehr entsprechen, als
-die blo beschreibende Erforschung der Natur. Mit fnfundzwanzig
-Jahren machte er sein Examen und baute
-bald darauf seinen Doktor in Chirurgie. Mit der Befriedigung
-war es auch schon zu Ende. Dieselbe Jagd,
-in der ein unstetes Herz den Kopf von einem Gegenstand
-zum anderen ri, begann von neuem. Von der Chirurgie
-ging er zur inneren Medizin, von dort zur Augenheilkunde
-ber. Die praktische Ttigkeit war so eng, so gleichfrmig,
-so unfruchtbar. Ein kleines Vermgen, ber das er unabhngig
-verfgen konnte, zehrte sich in diesem Hin und
-Wider der Neigungen langsam auf. Er fhlte den moralischen
-und wirtschaftlichen Zwang, sich Halt zu gebieten.
-In der unwiderruflichen Absicht, sich in einem Fachgebiet
-festzufahren, hatte er die Assistentenstelle am Bakteriologischen
-Institut bernommen. Hier wollte er aushalten
-und sich durchsetzen, eine Lebensstellung grnden um jeden
-Preis. Wenn er seinem Vorsatz treu blieb und seine
-Arbeiten nur einigermaen von Erfolg begleitet waren,
-reichten seine Mittel aus, um sich zu einer Professur durchzuschlagen.</p>
-
-<p>Wenn, ja wenn ... Perthes legte die langen, nervigen
-Hnde mit den Fingern ineinander und spannte sie vor
-der Stirn, da sie in den Gelenken knackten. So viel
-Kraft in sich zu fhlen und so wenig Herr ber seinen
-Willen werden zu knnen! Seit Wochen fhlte er das<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[S. 38]</a></span>
-Bohren und Qulen in sich, das einer neuen Krisis vorauszugehen
-pflegte. Mit Hnden und Fen wehrte er
-sich gegen diese Erkenntnis. Wo hinaus wollte er? Wo
-gab es noch eine geistige Aufgabe, die er an sich reien
-konnte, um sie wieder von sich zu stoen? In ihm wuchsen
-und wiederholten sich immer hufiger die Stimmungen,
-die ihn in allen Wissenschaften nichts mehr sehen lieen,
-als eine einzige unselige Verbildung. Er hatte schon frh
-in der Pflege und Ausbildung seiner krperlichen Krfte
-ein Gegengewicht gegen die innere Unausgeglichenheit
-gesucht. Neuerdings bertrieb er, wie er alles bertrieb,
-diese physische Abmdung in jenen oft wochenlangen Anfllen,
-in denen er fr Markwaldt statt eines Strebers ein
-ausbndiger Faulenzer war. Auf die Dauer verfingen
-solche Radikalkuren immer weniger. Seine Entwicklung
-drngte ziemlich spt, aber unfehlbar auf eine Entscheidung,
-die nicht in der Wissenschaft, sondern nur im wirklichen
-Leben ausgefochten werden konnte. Nicht mehr darauf
-kam es fr ihn an, ob er fr seinen Kopf eine ertrglich
-befriedigende Lsung fr tausend und ein Weltrtsel fand;
-ein unterdrcktes, vernachlssigtes und verleugnetes Gemtsleben
-verlangte sein Recht gegen die nchterne,
-materialistische Kultur des Verstandes. Er stand, ohne
-sich darber mehr als ahnungsweise klar zu sein, vor dem
-Kampfe, der ber den vollen Menschen, seinen Charakter
-und sein Schicksal entschied. Es bedurfte nur eines geringen
-Anlasses von auen, und er mute zum Ausbruch kommen.</p>
-
-<p>Perthes' Gedanken nahmen jetzt ihre Richtung wieder
-nach dem Landhaus aus rotem Sandstein, jenseits des
-Flusses, das er zuvor fixiert hatte. Eigentlich hatte er die
-Sache vergessen wollen. Vor zehn oder vierzehn Tagen<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[S. 39]</a></span>
-&mdash; oder war es so lange noch nicht? &mdash; war er am Abend,
-als er nicht wute, was er tun sollte, in den Stadtgarten
-gegangen, um etwas Musik zu hren und Menschen zu
-sehen. Es war Sonntag und sommerlich warm. Zwei-,
-dreimal schritt er den Rundweg ab, den boshafte Menschen
-das &#8222;Heiratskarussell&#8221; getauft hatten. Endlos wlzte sich
-da im Schein der hellen Bogenlampen ein Strom von
-geputzten jungen Mdchen aus der Brgerschaft und von
-buntbemtzten Studenten im Kreise mit- und gegeneinander.
-Die Prchen suchten und fanden sich in einem
-Kreuzfeuer von Blicken. Erst wurde die Angebetete mit
-feierlich-ernstem Kappenschwenken begrt, dann angesprochen
-und flirtend begleitet.</p>
-
-<p>Anfangs hatte ihm das Treiben Spa gemacht. Bald
-langweilte es ihn, und er setzte sich vor den Musikpavillon,
-wo die Stadtkapelle, ein leidlich braves Orchester, in
-Ouvertren, Sinfoniestzen und Tnzen sich und anderen
-gtlich tat. Whrend er den Tnen nachtrumte und
-dabei gedankenverloren in das drehende Gewhl der Menschen
-starrte, traf sich sein Blick zufllig mit dem eines
-jungen Mdchens, das im Gesprch mit einem Burschenschafter,
-einem kecken, welterobernden Frankonenfuchs,
-vorberging. Die groen vergimeinnichtblauen Augen
-ruhten halb ernst, halb schelmisch eine Sekunde in den
-seinen. Ohne da er sich etwas dabei dachte, wiederholte
-sich dies flchtige Blickspiel ein zweites und drittes Mal.
-In ihrem duftigen Rosakleidchen mit dem offenen, auf
-die Schultern herabfallenden Blondhaar war die Kleine,
-halb erwachsen, halb Kind, eine Erscheinung von zartem,
-poetischem Reiz. Er htte sie vergessen, wenn sie ihm
-nicht am Vormittag darauf, mit dem Marktkorb unter dem<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[S. 40]</a></span>
-Arm, begegnet wre, als er zum Institut ging. Sie trug
-die Haare aufgesteckt und schritt sehr gesetzt und geradeausblickend
-an ihm vorber. Am Nachmittag des folgenden
-Tages sah er sie mit der Musikmappe in der Hauptstrae.
-Einer scherzhaften Anwandlung nachgebend, folgte
-er ihr ber die Neue Brcke und entdeckte ihre Wohnung.
-An einem der nchsten Abende ging er &mdash; es war dies
-einer seiner regelmigen Spaziergnge &mdash; am jenseitigen
-Ufer spazieren. Sie sa handarbeitend auf dem Balkon.
-Perthes liebte es, die Sonne ber dem Flu untergehen
-zu sehen. Er hatte keinen Grund, von einer angenehmen
-Gewohnheit abzuweichen, und tat es jetzt nur insoweit,
-als er regelmig im Vorbeigehen hinaufsah, whrend sie
-heruntersah. Gestern war sie ihm wieder mit dem Marktkorb
-begegnet. Sehr wrdig und ernst. Kaum da ihn
-die groen, glanzvollen Augen streiften. Aber sie verlor
-zufllig ihren Handschuh. Perthes hob ihn auf. Er sprach
-sie an. Es ergab sich von selbst, da er sie ein paar Schritte
-begleitete. Mit reizendem Widerstreben lie sie es geschehen.
-Einige belanglose Redensarten wurden ausgetauscht.
-Sie sprach mit einer allerliebsten Mischung von
-Altklugheit und Kindlichkeit. Whrend der Arbeit im
-Institut dachte er bisweilen an sie. Wie man an eine
-liebenswrdige Landschaft denkt. Man ruht sich in ihrer
-Erinnerung aus und mochte sie wiedersehen. Heute, am
-frhen Morgen, als er zwischen Veranda und Zimmer
-unter der Tr seinen Kaffee hinunterjagte, ertappte er
-sich zum erstenmal dabei, wie er das bewute Sandsteinhaus
-zwischen den alten und neuen Giebeln jenseits des
-Flusses suchte und fand. Jetzt kam er sich albern vor.
-Um es nicht noch mehr zu werden, beschlo er, von<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[S. 41]</a></span>
-nun an die Sonne vom diesseitigen Ufer untergehen
-zu sehen.</p>
-
-<p>Whrend er sich noch immer im Schaukelstuhl wiegte,
-schien ihm der heldenhafte Entschlu, auf eine freundliche
-Gewohnheit zu verzichten, noch lcherlicher als die ganze
-Geschichte. Das Weibliche hatte in seinem Leben stets
-nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Was er von Frauen
-kannte, verdiente kaum diesen Namen. Der beliebte medizinische
-Zynismus diente ihm als Schild wie gegen alle
-Empfindsamkeit so gegen eine seelische berschtzung des
-Weibes. So wollte er es wenigstens. Warum sollte er
-es nicht auch, wie andere, mit einer harmlosen Spielerei
-versuchen, der er in jedem Augenblick ein Ende machen
-konnte &mdash; morgen, bermorgen so gut wie heute? War
-er nicht schon schwerlebig genug? Das fehlte noch, da
-er sprde mit sich tat wie eine alte Jungfer!</p>
-
-<p>Mit einem entschiedenen Ruck sprang er von seinem
-Rohrsessel auf, setzte den Hut auf und war wieder auf
-der Strae.</p>
-
-<p>Es war spter als sonst, als er auf die Brcke kam.</p>
-
-<p>Die Dampfstraenbahn, die nach den Drfern in der
-Ebene fuhr, rollte lrmend an ihm vorbei. Heimkehrende
-Spaziergnger, versptete Arbeiter, Kinderwagen, eine
-auswrtige Knabenschulklasse, die zum Bahnhof eilte,
-drngten an ihm vorbei.</p>
-
-<p>Perthes war froh, als er die Treppe hinuntersteigen
-konnte, die nach der stilleren Uferstrae fhrte.</p>
-
-<p>Die Platanenallee, die er hinaufschritt, fhrte zwischen
-Rasenanlagen hindurch, am Bootshaus des Ruderklubs
-vorbei. Es war schon geschlossen. Die Wiese zwischen
-der Allee und dem Flu war sonst gegen Abend der<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[S. 42]</a></span>
-Tummelplatz eines Fuballklubs. Auch sie war heute
-schon verdet. Keine Menschenseele begegnete ihm. Die
-Villen zur Rechten schienen wie ausgestorben.</p>
-
-<p>Jetzt war er dicht bei dem bewuten Hause. Zwischen
-den Bumen durch konnte er auf Erker und Balkon des
-Landhauses sehen. Sein &#8222;Ufermdchen&#8221;, wie er sie hie,
-sa nicht da, nicht dort.</p>
-
-<p>Enttuscht schlenderte er weiter, ans Ende der Allee,
-wo die Anlagen und die Villenstrae aufhrten und die
-Obstgrten anfingen. Er bog nach der Wiese hin ab und
-nherte sich dem Wasser.</p>
-
-<p>ber blhende Schlehenbsche weg blickte er hinaus
-auf den Flu, der seine Wellen in die Ebene wlzte. Die
-Sonne stand, eine feurige Kugel, darber, umglht von
-violettem, purpurnem und silberweiem Gewlk.</p>
-
-<p>Das Schauspiel, das er liebte, machte ihn heute melancholisch.
-Er fhlte eine Leere in sich und kam sich einsamer
-vor als sonst. Kein Zweifel: es war, weil er Hilde Knig,
-das kleine Mdel mit den losen Haaren und den lockenden
-blauen Augen nicht in seiner Nhe wute. Wie lppisch
-das war! Und doch konnte er nicht dagegen an.</p>
-
-<p>Verdrielich trat er den Rckweg an.</p>
-
-<p>In einem Vorgarten wurde mit Wasser gesprengt.
-Die Luft war voll von dem frischen Geruch des genetzten
-Grases. Die Stadt, die jetzt rechts vor ihm lag, schmiegte
-sich im matten, rtlichen Licht der versagenden Sonnenstrahlen
-mit ihren zackigen Dchern und steilen Trmen
-friedlich gegen die verschwimmenden Berge. Von einer
-der Kirchen klang die Abendglocke herber.</p>
-
-<p>Der Balkon, nach dem Perthes von neuem sphte,
-blieb leer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[S. 43]</a></span>
-
-In der Ferne sah er jetzt zwei jugendliche Gestalten
-die Allee herunterkommen. Sie gingen Arm in Arm.
-Er meinte in der einen von ihnen Hilde Knig zu erkennen.
-Es war eine Tuschung. Unweit von ihm, bei
-einer Bank, trennten sie sich. Das grere der beiden
-Mdchen eilte mit lebhaftem Schritt nach dem nchstgelegenen
-Landhaus; das zurckbleibende setzte sich, offenbar
-um zu warten, auf die Bank. Sie trug unter dem
-leichten, offenen Mantel eine beigefarbene Bluse zum
-dunklen Rock und ber dem hellen Haar einen einfachen
-englischen Strohhut mit schwarzem Band.</p>
-
-<p>Gleichgltig ging Perthes vorber. Kaum mit einem
-flchtigen Blick streifte er das Gesicht der Wartenden.</p>
-
-<p>Ein paar Schritte weiter blieb er stehen. Es durchzuckte
-ihn pltzlich, als wre er diesen zarten und doch
-festen, ausdrucksvollen Zgen schon irgendwo und irgendwann
-begegnet. Wie zufllig wandte er sich um. Das
-junge Mdchen hatte jetzt einen Arm mit dem Ellbogen
-aufs Knie und den vorgeneigten Kopf mit dem Kinn auf
-den Handrcken gesttzt. Die Augen, erst zur Erde gesenkt,
-sahen auf, als htte sie gehrt, da sein Schritt
-innehielt, und suchten die Stelle, wo er stand. Das unsichere
-Irren des Blickes verriet ihm ihre Blindheit. Er
-erkannte jetzt das mattfarbene Gesicht mit den etwas
-knochigen Wangen, die runde, ebenmige Stirn, ber
-die das Haar, unter dem Hut vorquellend, mit einer
-aschblonden Welle niederfiel. Er konnte sich nicht tuschen,
-es mute Marga Richthoff sein.</p>
-
-<p>Sie schien zu fhlen, da sie beobachtet wurde. Unruhig
-wandte sie den Kopf weg und zurck, in der Richtung
-des Hauses, in dem ihre Begleiterin verschwunden war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[S. 44]</a></span>
-
-Perthes folgte einer impulsiven Regung und ging
-gerade auf sie zu.</p>
-
-<p>Sie fuhr unwillkrlich etwas zurck.</p>
-
-<p>&#8222;Erschrecken Sie nicht, Frulein Richthoff &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich wei ja gar nicht, wer Sie sind,&#8221; kam es zurckhaltend,
-aber furchtlos von ihren Lippen.</p>
-
-<p>&#8222;Doktor Perthes,&#8221; sagte er einfach. &#8222;Ich habe Ihrem
-Herrn Vater dieser Tage meine Aufwartung gemacht.
-Als alter Bekannter von Hemsbach her kann ich nicht so
-grulos an Ihnen vorbergehen.&#8221;</p>
-
-<p>Marga, obwohl zuerst verdutzt, fand sich schnell zurecht.
-&#8222;Das ist nett von Ihnen,&#8221; erklrte sie offen. Eine sichtliche
-Freude belebte ihr Gesicht. Wie einem alten Kameraden
-bot sie ihm die Hand. &#8222;Papa hat von Ihrem
-Besuch erzhlt. Ich war ganz erstaunt, da Sie Ihr
-Versprechen nicht vergessen hatten.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie scheinen ja meinem Gedchtnis wenig Gutes
-zuzutrauen.&#8221; Perthes fhlte sich fast beschmt. Da er
-sich an die Empfehlung, die ihm sein Onkel Schlutius,
-der Germanist in Bonn, fr Richthoff mitgegeben, erinnert
-hatte, war ein Zufall und die Ausfhrung des Besuchs
-eine Laune gewesen.</p>
-
-<p>&#8222;Es wre noch nichts Bses gewesen, wenn Sie den
-dummen, eigensinnigen Backfisch von damals aus dem
-Gedchtnis verloren htten,&#8221; meinte Marga.</p>
-
-<p>&#8222;Na, na &mdash; so schlimm war die Sache mit Ihnen nicht.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;O ja!&#8221; versetzte sie ernsthaft. &#8222;Ich dachte gerade in
-diesen Tagen daran, wie trotzig und unleidlich ich damals
-war. Wissen Sie noch &mdash; der Direktor hatte mich schon
-halb und halb aufgegeben, nur Sie lieen sich nicht abschrecken
-und ruhten nicht, bis ich die Buchstaben doch<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[S. 45]</a></span>
-noch tasten lernte. &mdash; Ich war damals zu unglcklich, um
-vernnftiger und gelehriger zu sein,&#8221; setzte sie nachdrcklich
-hinzu.</p>
-
-<p>&#8222;Und jetzt? Wie steht's mit dem Lesen und Punktieren?&#8221;
-forschte Perthes.</p>
-
-<p>&#8222;Ganz ordentlich. Wenn Sie einmal zu uns kommen
-&mdash;&#8221; Marga stockte einen Moment. Es fiel ihr ein,
-sie mchte zu vertraulich sein. Ihrer Natur nach gab sie
-sich harmlos oder gar nicht. Aber sie wurde oft von den
-Schwestern und sogar von Papa deshalb getadelt.</p>
-
-<p>&#8222;Natrlich komme ich einmal. Wenn man mich haben
-will,&#8221; meinte er munter. &#8222;Und dann halte ich eine Prfung
-ab. Vollschrift, Kurzschrift! Lesen und Schreiben!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;O weh! Da mu ich mich ja vorher richtig vorbereiten.
-Sonst blamiere ich mich unbarmherzig,&#8221; erwiderte Marga
-mit leisem Lachen.</p>
-
-<p>&#8222;Wir werden ja sehen.&#8221; Er hrte Schritte jenseits der
-Allee. &#8222;Ihre Freundin kommt zurck.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Meine Schwester.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Also &mdash; auf Wiedersehen!&#8221; Er ergriff Margas Hand
-und schttelte sie herzhaft.</p>
-
-<p>Ehe sie seinen Gru erwidern konnte, setzte Perthes,
-freundlich den Hut schwenkend, seinen Weg fort. Die
-unerwartete, so ungezwungen freundschaftliche Begegnung
-hatte ihm wohlgetan. Seine Verstimmung war gewichen.
-Mit groen Schritten ging er nach der Brcke und heimwrts.
-Er dachte sogar daran, nach dem Abendessen an
-den Klinikertisch zu gehen. &mdash;</p>
-
-<p>Ganz aufgeregt kam Kthe auf Marga zu. &#8222;Wer war
-denn das?&#8221; fragte sie neugierig und vorwurfsvoll zugleich,
-whrend sie dem Davonschreitenden erstaunt nachblickte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[S. 46]</a></span>
-
-&#8222;Doktor Perthes hat mich begrt,&#8221; erklrte Marga
-freimtig. Mit anschmiegender Zrtlichkeit, in der ihre
-innere Erregung nachklang, hngte sie sich an den Arm der
-Schwester. &#8222;Er war reizend. Ganz der alte.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Hat er dich so mir nichts, dir nichts einfach angesprochen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Natrlich! Warum auch nicht?&#8221;</p>
-
-<p>Sie gingen langsam die Allee hinunter.</p>
-
-<p>&#8222;Aber das tut man doch nicht,&#8221; fuhr Kthe kopfschttelnd
-fort. &#8222;Eine Dame &mdash; auf offener Strae &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich htte es viel unnatrlicher gefunden, wenn er
-stocksteif vorbeigegangen wre,&#8221; versicherte Marga berzeugt.
-Sie war beglckt von ihrem bescheidenen Erlebnis
-und wollte sich nicht auf solche gesellschaftliche Haarspaltereien
-einlassen, die ihr ein unverstndlicher Greuel
-waren.</p>
-
-<p>Kthe schwieg. Das war ein Zeichen, da ihr gesittetes
-Gewissen Margas leichtere Auffassung nicht guthie.</p>
-
-<p>Als sie auf der Brcke anlangten, begann es leise zu
-dmmern. Die roten Wolken ber dem Flu verblaten,
-und der Ostwind blies aus den Bergen nach der Ebene.
-Wenn sie nicht zu spt zum Abendbrot kommen wollten,
-muten sie ihre Schritte beschleunigen.</p>
-
-<p>Marga war es zufrieden und frhlich ums Herz. Mit
-ihren leichten, glcklichen Schritten konnte Kthe fast nicht
-mitkommen. Sie fhlte sich unwillkrlich und unbewut
-gereizt. Ob sie wollte oder nicht: sie mute ein wenig
-Wasser in Margas frhlichen Wein gieen. &#8222;Weit du,&#8221;
-begann sie bedchtig, &#8222;Lizzie hat mir erzhlt,&#8221; &mdash; Lizzie
-war die Freundin, bei der sie in der Uferstrae fr eine
-Minute eingeschaut hatte, um Noten zurckzubringen &mdash;<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[S. 47]</a></span>
-&#8222;da dein Doktor Perthes Abend fr Abend dort herumspaziert.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Es wird ihm dort gefallen. Er wird sich an den
-Sonnenuntergngen ber dem Wasser freuen,&#8221; meinte
-Marga lebhaft.</p>
-
-<p>&#8222;Er soll nicht blo deshalb kommen, sondern &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sondern?&#8221; fragte Marga harmlos neugierig.</p>
-
-<p>&#8222;Er macht Hilde Knig den Hof,&#8221; entfuhr es Kthe.
-&#8222;Er soll sie fters mal ans Haus begleitet haben. Das
-spricht nicht gerade fr seinen Geschmack. Denn das unschuldige
-Kind lt sich ja von jedem jngsten Studenten
-die Cour schneiden.&#8221; Es war, ohne da sie es wollte,
-ein Ton von selbstgerechter Schrfe in ihre Worte gekommen.</p>
-
-<p>Marga verlangsamte ihre Schritte. Wenn Kthe sie
-in diesem Moment angesehen htte, htte sie bemerkt,
-da ihre Wangen und ihre Lippen sich leise verfrbten.
-Der kleine, mehr weibliche als schwesterliche Pfeil traf
-mitten in Margas unschuldige Heiterkeit. Sie schttelte
-betroffen den Kopf. Sie konnte das nicht glauben. Gerade
-dieses oberflchliche kleine Mdel, das alle Welt fr sein
-weites Herz kannte, das sollte ...</p>
-
-<p>&#8222;Das ist seine Sache,&#8221; sagte sie nach einer Weile ruhig
-und mit mglichster Gelassenheit. Sie hatte ihren Arm
-in dem der Schwester gelockert, als knnte das Pochen
-ihres Herzens Kthe verraten, da ihr diese Nachricht
-wehe tat. Aber warum auch? Sie schmte sich schon der
-trichten Anwandlung und hakte wieder fester unter. Fast
-im Laufschritt ging es jetzt ber den Bahndamm weg,
-die Strae am Wenzelsberg hinauf und dem vterlichen
-Hause zu.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Page_48" id="Page_48">[S. 48]</a></span><a name="c3" id="c3">3</a></h2>
-
-
-<p>Anfangs hatte sich der Geheimrat mchtig gestrubt.
-In diesem Sommer wollte er von einer greren Einladung
-bestimmt nichts hren. Einmal drngte es nicht,
-dann war es berhaupt ganz berflssig.</p>
-
-<p>Kthe, die es wagte, Anfang Juni direkt in die Hhle
-des Lwen zu gehen und ihm ein Gartenfest vorzuschlagen,
-wurde beinahe hinausgeworfen. Elli, die mitunter Andeutungen
-in die Unterhaltung warf &mdash; ber das unerwartet
-schne Wetter, ber die wundervollen warmen
-Abende, ber die Vorzge, die es htte, gerade jetzt, wo
-noch nicht alle Welt einem zuvorgekommen, gewisse Verpflichtungen
-zu erfllen &mdash;, fand taube Ohren und bekam
-schlielich eine grimmige Bemerkung ber die Vergngungssucht
-junger Mdchen von heute an den Kopf. Marga
-dachte wohl manchmal daran, da sie gern mit Doktor
-Perthes plaudern mchte. Aber sie schwieg. Es wre zu
-ungewhnlich gewesen, wenn sie, die stets widerstrebend
-an den huslichen Gesellschaften teilgenommen, die
-Schwestern pltzlich untersttzt htte.</p>
-
-<p>Mitte Juni erklrte Vater Richthoff eines Morgens
-beim Frhstck, es sei doch merkwrdig, da er an alles
-denken msse. Warum man denn heuer die blichen Einladungen
-nicht ergehen lasse? Da man ja doch in den
-sauren Apfel beien mte, wre es das Netteste, die
-Jugend mal in den Garten einzuladen. Seine Mdels
-wren Schlafmtzen.</p>
-
-<p>Die Gescholtenen horchten hoch auf. Natrlich wagte
-niemand auch nur mit einer Silbe daran zu erinnern, da
-man je selber an so was gedacht habe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[S. 49]</a></span>
-
-Elli, der das Herz im Leibe lachte, wandte ein berma
-von Selbstbeherrschung auf, um nicht vom Stuhl
-aufzufahren. Es war nicht verwunderlich, da sie Margas
-halbvolle Tasse umstie. Kthe, praktisch wie sie war,
-wute, da eine solche Gelegenheit vterlicher Herablassung
-nicht wiederkehrte, und holte ihre Liste. Sie hub an, die
-Namen zu verlesen, und ber die Morgenzeitung weg
-brummte der alte Herr zu den Vorgeschlagenen seine Zustimmung.
-Jetzt nannte sie Erich Wilkens.</p>
-
-<p>&#8222;Hrt in diesem Semester nicht bei mir,&#8221; erklrte ablehnend
-der Geheimrat.</p>
-
-<p>&#8222;Aber er hat Besuch gemacht, Papa! Vorigen Sonntag!&#8221;
-fuhr es Elli heraus.</p>
-
-<p>&#8222;Hat er?&#8221; gab der alte Herr gutmtig-spttisch zurck
-und traf Elli mit einem scharfen Blick ber die Brillenglser
-weg.</p>
-
-<p>Elli ward rot bis ber die Ohren. Sie mute ihr
-Schuhband festknpfen, um Verlegenheit und Enttuschung
-zu verbergen. Marga strich leise beruhigend ihren Arm.</p>
-
-<p>&#8222;Also nicht?&#8221; fragte Kthe mitleidig zgernd.</p>
-
-<p>&#8222;Meinetwegen,&#8221; lautete der erlsende Bescheid.</p>
-
-<p>Elli mute vor Freude Margas Hand so berkrftig
-drcken, da diese um ein Haar aufgeschrien htte.</p>
-
-<p>Doktor Perthes kam als letzter. Der Geheimrat hatte
-keine Ahnung mehr. Marga zuckte nicht mit den Wimpern,
-als Kthe ihm den Hemsbacher Arzt ins Gedchtnis brachte.
-&#8222;Ach der!&#8221; meinte er gedehnt. &#8222;Na ja &mdash; wenn Marga
-es nicht anders tut.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Du hast ja selbst gesagt, er soll auf die Liste kommen,&#8221;
-erklrte Elli khn, um der Schwester zu Hilfe zu
-kommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[S. 50]</a></span>
-
-Marga rhrte sich nicht. Sie schien die Fransen an
-der Kaffeedecke zu zhlen.</p>
-
-<p>&#8222;Aber dann Schlu! Die Mdels dazu whlt geflligst
-selber aus. Und mich lat mit allem Drum und Dran aus
-dem Spiel. Kosten darf die Sache nichts, und stren darf
-sie mich auch nicht.&#8221;</p>
-
-<p>Der Geheimrat erhob sich. Er war jetzt wieder ganz
-der gestrenge und unwirsche Herr und Gebieter, der sich
-nicht lnger um solche Lppereien kmmerte. Fast schien
-ihm die Sache wieder leid zu tun.</p>
-
-<p>&#8222;Nur noch den Tag, Papa!&#8221; bat Kthe. &#8222;Wir mssen
-doch wissen, wann dir's am besten pat.&#8221;</p>
-
-<p>Der Geheimrat war schon aus der Tr und stieg in
-sein Zimmer hinauf. Er hatte gestern in seiner Kaisergeschichte
-den segensvollen Titus portrtiert. Jetzt kam
-er zu dem unsympathischen und grausamen Domitian.
-Mit der Gnade und Milde war es zu Ende.</p>
-
-<p>Doch zum Glck fr das Haus ergaben Richthoffs erneute
-Forschungen, da der bse Flavier unter seiner
-Gromannssucht und rohen Hrte die besseren Anlagen
-seines Hauses wenigstens in seinen Anfngen nicht ganz
-verleugnete. So wurde es mglich, da man dem Geheimrat
-doch auch noch den Termin fr das geplante
-Gartenfest ablocken konnte.</p>
-
-<p>Was gab es dann aber auch alles am Wenzelsberg
-zu tun! Die Einladungen muten geschrieben werden.
-Es galt, den Lohndiener und die Kochfrau zu bestellen.
-Dann kam das Men. Das las der alte Herr zwei Tage
-lang nicht, obwohl Kthe es ihm mit aller Liebe und
-Sorgfalt bei jeder Mahlzeit neben die Serviette legte.
-Am dritten Tage steckte er es in die Tasche und schickte<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[S. 51]</a></span>
-es am fnften als vllig unbrauchbar zurck. Nur mit
-List konnte er schlielich gezwungen werden, Gegenvorschlge
-zu machen. Mit der Bemerkung, da die Weibsleute
-nicht einmal von der Kche etwas verstnden, ergriff
-er selbst das Kochbuch und verlangte die unmglichsten
-Gerichte. Das Ungeheuerlichste war, da er allen Einwendungen
-zum Trotz auf einer Suppe bestand, einer
-fr eine Abend- und Gartengesellschaft allem Herkommen
-hohnsprechenden Ouvertre. Er wollte in Italien eine
-Wildsuppe gegessen haben, die unbedingt ausprobiert
-werden mute, ein unheimliches, hchst apartes Gemchte,
-von dem er sich fr sich und seine Gste Wunder versprach.
-Kthe konnte nicht mehr erreichen als ein Kompromi:
-dafr, da er die brigen Gnge genehmigte, mute ihm
-die abenteuerliche Suppe zugestanden werden.</p>
-
-<p>Langsam kamen die Zu- und Absagen.</p>
-
-<p>Je grer die Spannung war, mit der seine Mdels
-die Post erwarteten, um so weniger eilig hatte es der
-Geheimrat mit dem ffnen der Briefschaften. Fr Elli
-gab es Folteraugenblicke am Frhstckstisch. Sie hatte
-schon die Hoffnung aufgegeben, da Wilkens kme. Endlich
-schrieb er zu. Doktor Perthes machte zwar eine korrekte
-sonntgliche Aufwartung, bei der er seine Karte abgab,
-aber zusagende Antwort schickte er erst am Abend vorher.
-Er entschuldigte seine Vergelichkeit, wollte aber gern
-kommen. Kthe konnte es nicht unterlassen, zu bemerken,
-da Mediziner das &#8222;immer&#8221; so machten.</p>
-
-<p>Marga blieb ihr eine Antwort schuldig. Es waren
-widersprechende Gefhle, mit denen sie an Perthes
-dachte. Sie verschlo das Hin und Her ihrer Empfindungen
-nicht nur vor anderen, sondern auch vor sich selbst. Es<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[S. 52]</a></span>
-lag in ihrer Art, da sie das Unklare und Unfertige von
-sich schob, weil es sie lhmte und schwchte. Ihre Seele
-brauchte in ihrer Einsamkeit ungeteilte Kraft, um gesund
-zu bleiben. Sie hatte ihn seit jener flchtigen Begegnung
-am Flu nicht mehr gesehen. Fast regelmig machte
-sie mit einer der Schwestern, meist mit Elli, gegen Abend
-einen Bummel. Frher waren sie oft die Uferstrae entlang
-gegangen. Marga lie sich dann die Sonnenuntergnge
-bis ins einzelne schildern und geno Farbe und
-Stimmung in ihrer lebendigen Phantasie. Jetzt mied sie
-diesen Gang. Die Zurckhaltung kostete sie mehr, als ihrem
-stillen Wesen anzumerken war. Es gab Augenblicke, in
-denen sie sich dabei berraschte, ein sicheres Bild von ihm
-zu gewinnen. Die Frage peinigte sie, ob er nur aus
-gewhnlichem Mitleid, aus Zufall oder Laune sich ihrer
-erinnert htte. Oder ob er ein gewisses Verstndnis fr
-ihr Wesen htte, eine teilnehmende Freundschaft fr sie
-empfnde. Und derselbe Mensch sollte an einem leichtmtigen
-Geschpf wie Hilde Knig Gefallen finden?
-Spielte er nur mit seinen Gefhlen? War er von Natur
-ernst und gehaltvoll? Oder war er oberflchlich und leer?
-Ihre Erfahrung gab ihr keine Auskunft. Und sie wollte
-keine. Sobald sie sich ber unntigen Grbeleien ertappte,
-dachte sie gewaltsam an anderes.</p>
-
-<p>Je nher der groe Abend des Gartenfestes kam, um
-so weniger fehlte es an Umtrieb und lustiger Geschwtzigkeit.
-Die Toiletten muten zwanzigmal besprochen
-werden. Es wurde auf Leben und Tod genht. Die Tischordnung
-gab eine Flle von Stoff zu immer neuen Diskussionen.
-Bis endlich auch dieses Ereignis zur Wirklichkeit
-wurde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[S. 53]</a></span>
-
-Man hatte an kleinen Tischen im Hof gedeckt.</p>
-
-<p>Das Haus mit seiner Rckwand von Reblaub und
-Glyzinen auf der einen, der blumenreiche, sommergrne
-Weinberg auf der anderen Seite stimmten festlich zu den
-weien Tafeltchern. Den Tafelschmuck hatte Marga ausgedacht.
-Das war eine besondere Strke von ihr. Sie
-gab ganz bestimmte Weisungen, wie sie jeden Tisch innerlich
-vor sich sah, und Elli fhrte sie unter lautem Beifall
-aus. Bald war es ein Gerank von Rosen, das den silbernen
-Aufsatz umschlo und in duftigen Ketten zwischen die
-Teller fiel, bald waren es zierliche Krnze von Stiefmtterchen,
-die die Gedecke besumten, Strue von Margueriten
-oder blauem Akelei, die in den Servietten steckten.
-Leuchter mit winzigen bunten Lichtschirmen standen munter
-dazwischen, und Papierlaternen in gekreuzten Zgen berspannten
-den Hof von einer Ecke zur anderen. Der Geheimrat,
-der zufllig einmal whrend der Anordnung
-herunterschneite und den Kopf in den Hof streckte, brummte
-etwas von einer &#8222;Blumentrdelbude&#8221;, klopfte aber dabei
-Marga so krftig auf den Arm, da sie mit seiner Anerkennung
-zufrieden sein konnte.</p>
-
-<p>Es war sechs Uhr geworden.</p>
-
-<p>Die Zeit reichte gerade knapp hin, um sich anzuziehen,
-und die Mdels flogen nach ihrem Dachstock.</p>
-
-<p>Fnf Minuten vor sieben standen sie fix und fertig
-im Salon. Marga und Elli trugen weie Tllkleider.
-Kthe als lteste prangte in leichter erdbeerfarbener Seide.
-Das beste war der frische, unschuldige Reiz der Jugend,
-der wie ein leichtes, helles Lachen von ihnen ausging,
-wie sie so am Flgel beieinanderstanden. Aus Ellis Augen
-blitzte der Schalk; in dem ungebrdigen Gewirr ihrer<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[S. 54]</a></span>
-lichten Haare, mit ihrem schlanken, zierlichen Figrchen
-sah sie wie der Frhling selber aus. Kthe, ein Gewinde
-von Silberfiligran, ein Erbstck der Mutter, ber den
-dunklen Flechten, gab sich etwas gemessener und selbstbewuter:
-sie fhlte sich halb und halb als Dame des
-Hauses. Zwischen beiden stand Marga: von der bezaubernden
-Leichtigkeit Ellis und der etwas herben Sicherheit
-Kthes war sie gleichweit entfernt: die weiche Lssigkeit
-ihrer Bewegungen und der versonnene Ernst ihrer Zge
-waren nicht dazu angetan, zu bestechen oder zu erobern.
-Sie wirkte wie ein Bild, das man bersehen zu haben
-glaubt, um nachher zu finden, da es kraft eines unbestimmbaren
-inneren Reizes lebendiger als alle anderen
-im Gedchtnis haftet.</p>
-
-<p>Noch immer kam Vater Richthoff nicht. Er hatte sich,
-natrlich zu spt, an seine Festtoilette gemacht. Dann
-war ihm mitten im Anziehen ein Gedanke gekommen,
-den er dringend fr seine Kaisergeschichte notieren mute.
-In einem mehr antiken als modernen Kostm eilte er in
-das an sein Schlafzimmer anstoende Arbeitszimmer und
-setzte sich an den Schreibtisch.</p>
-
-<p>Die Klingel meldete den ersten Gast. Die Mdels im
-Salon waren in heller Bestrzung. Elli wagte es: sie
-scho die Treppe hinauf und pochte an die Tr des alten
-Herrn.</p>
-
-<p>&#8222;Bitte, bitte, Papa! Eil dich! Die Gste kommen!&#8221;
-rief sie eindringlich und flehend.</p>
-
-<p>Ein dumpfes Murren antwortete aus dem Arbeitszimmer.</p>
-
-<p>&#8222;Es hat schon der erste geklingelt!&#8221; setzte Elli beschwrend
-hinzu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[S. 55]</a></span>
-
-&#8222;Wollt ihr wohl das verwnschte Gehetze lassen. Ich
-komme ja!&#8221; drhnte es zrnend zurck.</p>
-
-<p>Elli glitt wieder die Treppe hinunter.</p>
-
-<p>Zum Glck war nur etwas fr die Kche abgegeben
-worden.</p>
-
-<p>Die Gste lieen auf sich warten.</p>
-
-<p>Als der Geheimrat einige Minuten spter in den Salon
-trat &mdash; im flatternden Gehrock, die lange goldene Uhrkette
-auf der von Kthe zu Weihnachten und Ostern gestickten
-Weste, die dnnen weien Haare ber dem Scheitel
-und an den Schlfen festgestrichen &mdash;, erklrte er ganz
-emprt: &#8222;Wo sind denn nun eure Gste? Natrlich komme
-ich eine halbe Ewigkeit zu frh!&#8221;</p>
-
-<p>Die halbe Ewigkeit dauerte kurz.</p>
-
-<p>Schon ffnete sich die Tr, um sich nicht so bald wieder
-zu schlieen. Im Handumdrehen fllte sich der gerumige
-Salon. Begrungen, Vorstellungen, Freundschaftsbezeugungen
-schwirrten durcheinander.</p>
-
-<p>Da kam Papa Wilmanns, ein kleiner, lauter, lustiger,
-hinkender Altphilologe, und seine Gattin, ein stilles, ewig
-lchelndes, ber ihren Mann verwundertes Frauchen.
-Hinter ihnen drei Tchter, alle flachsgelb von Haar, fast
-gleich in der Gre, gleich in den Augen und gleich in
-den lila- und weigemusterten Kleidchen. Es ging die
-Sage, da sogar ihre Eltern sie bisweilen verwechselten.</p>
-
-<p>Der nchste war Trabner, der Flanellstorch, wie Elli
-der neben ihr stehenden Marga kichernd ins Ohr meldete.
-Er trug heute brigens einwandfreie weie Wsche und
-einen Rock, der ihn nach oben und unten in die Unendlichkeit
-verlngerte. Sein pockennarbiges Vogelgesicht mit
-den paar Kinnstoppeln zuckte unaufhrlich, man wute<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[S. 56]</a></span>
-nicht, ob aus Ehrerbietung oder Nervositt. Der zwerghafte
-Papa Wilmanns sah staunend und beneidend an
-ihm hinauf. Als Trabner vor dem Geheimrat seinen
-jhen und tiefen Bckling machte, trat der gute Wilmanns
-unwillkrlich mit offenem Mund einen Schritt nher und
-streckte die Arme vor, als gelte es, einen Einsturz aufzuhalten.</p>
-
-<p>Zwei Studenten, blauweie Bnder um die Brust,
-blaue Mtzen in der Hand, drngten sich nebeneinander
-zur Tr herein. Sie gehrten der Verbindung Corvinia
-an, die bse Zungen das &#8222;Betkrnzchen&#8221; nannten und in
-Verruf brachten, Zuckerwasser statt Bier zu trinken. Elli
-verbarg sich hinter Margas Rcken und steckte das Taschentuch
-in den Mund, um nicht loszuplatzen. Inzwischen
-schritten die beiden in feierlich-plumpem Gleichtritt auf
-Vater Richthoff zu. Ihre forciert-couleurmige Haltung
-stand in so kstlichem Gegensatz zu ihrem ungehobelten
-Bauerntum, da auch Kthe sich auf die Lippen bi.</p>
-
-<p>Ein dicker, jovialer Burschenschafter, der mit seinem
-Leibfuchs, einem geckenhaften und schmchtigen Bengelchen,
-zufllig hinter den Corvinen ankam, zog ber sein
-ganzes Gesicht, so rot und zerhauen, wie es war, eine
-Grimasse, als die Betkrnzler beiseite traten. Mit freier,
-drhnender Bierstimme begrte er Richthoff, der selber
-&#8222;alter Herr&#8221; bei einer Marburger Burschenschaft war.</p>
-
-<p>Es trat eine kurze Pause ein. Noch waren nicht alle
-Geladenen zur Stelle. Aber der Zuflu zum Salon stockte
-einen Augenblick.</p>
-
-<p>Es bildeten sich Gruppen. Der Flanellstorch verwickelte
-pflichtmig Kthe in ein Gesprch.</p>
-
-<p>Elli und Marga plauderten mit den drei Wilmannstchtern.<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[S. 57]</a></span>
-Die zwei Burschenschafter traten khn dazu und
-erzhlten von ihrer nchsten Damenkneipe. Die zuckerwasserschtigen
-Corvinen umstreberten Professor Wilmanns
-und den Geheimrat, whrend Frau Wilmanns sich selbstgengsam
-in ein Familienalbum vertiefte, das auf dem
-Tisch lag.</p>
-
-<p>Schon tat sich die Tr wieder auf.</p>
-
-<p>Ein derber, struppiger Kopf ward sichtbar, und ein
-paar runde, graue Augen rollten zwischen unbndigen
-Bscheln gelblichweien Haares heraus ber das menschenvolle
-Zimmer.</p>
-
-<p>&#8222;Sieh da &mdash; Borngrber!&#8221; begrte Richthoff mit vergngtem
-Ruf den Ankmmling.</p>
-
-<p>In komischer Verzweiflung strmte Professor Borngrber,
-ein alter Hausfreund, Junggeselle und Indolog,
-auf den Geheimrat los.</p>
-
-<p>&#8222;Aber um Gottes willen! Ihr habt ja richtige Gesellschaft!
-Ich denke, wir sind drei, vier Personen!&#8221; rief er
-mit hoher, klagender Fistelstimme, whrend er dem alten
-Herrn die Hand schttelte. &#8222;Ich bin ja gar nicht feierlich
-angetan!&#8221; Er wies auf seinen moosgrnen, verknitterten
-Bratenrock, der ihn nicht gerade Lgen strafte.</p>
-
-<p>&#8222;Macht ja nichts, alter Freund! So feierlich wird die
-Sache gar nicht,&#8221; versicherte Richthoff beruhigend.</p>
-
-<p>&#8222;Ich drcke mich! Hrst du? Ich zieh' mich um!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Dageblieben!&#8221; Richthoff hielt lachend seine Hand fest.</p>
-
-<p>&#8222;Sie haben ja gar keine andere Toga,&#8221; schmunzelte
-Papa Wilmanns boshaft.</p>
-
-<p>Borngrber berhrte ihn entrstet. Er schlug die Hand
-vor den Kopf, beteuerte seine Unschuld und widerstrebte
-nicht mehr. Er kam immer so wie heute. War immer<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[S. 58]</a></span>
-auer sich und wollte fort. Und blieb immer, wenn man
-ihm gut zuredete.</p>
-
-<p>Jetzt reckte Elli den Kopf. Sie stellte sich auf die Zehen.</p>
-
-<p>Drben unter der Tr reckte sich ein anderer Kopf
-ihr entgegen. Blond und kraus wie der ihre. Ein lachendes,
-verschmitztes Gesicht. Zwei strahlende, siegesgewisse
-Augen, die in die ihren tauchten. Das war Wilkens.</p>
-
-<p>Kaum war diese stillschweigende Begrung erfolgt,
-so tuschelte Elli mit Marga.</p>
-
-<p>&#8222;Doktor Perthes! Dein Doktor von Hemsbach!&#8221; verkndete
-sie, noch aufgeregt von dem Glck, Wilkens gesehen
-zu haben.</p>
-
-<p>In der Tat zeigte sich Perthes' hochgewachsene Gestalt
-gleich hinter Wilkens in der Tr. Sein brauner,
-brtiger Kopf ragte ber die anderen hinaus. Nur der
-Flanellstorch konnte sich mit ihm messen. Mit dem suchenden
-Lcheln des Fremdlings berschaute er das Gedrnge.
-Er hatte sich schnell orientiert. Nach Wilkens trat er auf
-den Geheimrat zu und begrte ihn mit unbefangener
-Hflichkeit.</p>
-
-<p>Der alte Herr sah ihn einen Moment fragend an.
-Dann besann er sich und schttelte Perthes die Hand.
-&#8222;Marga erinnert sich Ihrer. Nett, da Sie kommen. &mdash;
-Kleinchen!&#8221; Er erwischte die eben vorbeihuschende Elli
-an einem Zipfel ihres rmels, ehe sie zu dem ersehnten
-Wilkens durchschlpfen konnte. &#8222;Herr Doktor Perthes &mdash;
-meine Jngste,&#8221; stellte er vor, whrend er ihr den Arm
-um die Schulter legte. &#8222;Fhr' ihn mal zu Marga!&#8221; Er
-deutete aufgerumt nach der Seite, wo sie stand. Dann
-mute er neue Gste begren: Frau Geheimrat Achenbach,
-die Witwe eines Kollegen, eine stattliche alte Dame<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[S. 59]</a></span>
-mit gtigen Augen unter schneeweien Scheiteln, auf einen
-Krckstock sich sttzend; weiterhin einen ehemaligen Schler
-und jetzigen Privatdozenten, Bertelsdorf mit Namen, der
-es kaum erwarten konnte, bis er mit blinzelnder, katzbuckelnder
-Hflichkeit an die Reihe kam, seinen Gru anzubringen.</p>
-
-<p>Inzwischen drngelte sich Elli, gewandt wie ein Wiesel,
-durch die einzelnen Gruppen, Perthes mit bermtigen
-Gebrden hinter sich her winkend.</p>
-
-<p>Marga stand an der Tr zum Wohnzimmer. Sie
-hatte sich dorthin zurckgezogen, weil sie sich in dem Geschwirre
-der Menschen berflssig vorkam. Es fiel niemand
-auf, da sie beiseite trat. Die drei Wilmannsmdchen
-lachten auch ohne sie ber die Aufschneidereien
-der beiden Burschenschafter. Einsam, mit einem halben,
-verlorenen Lcheln lehnte sie im Rahmen der Tr.</p>
-
-<p>&#8222;Da bring' ich dir Herrn Doktor Perthes, Margakind!&#8221;
-rief ihr Elli schon von weitem entgegen.</p>
-
-<p>Marga richtete sich auf.</p>
-
-<p>&#8222;Guten Abend, Frulein Marga!&#8221; begrte sie Perthes
-kameradschaftlich. &#8222;Wir haben uns ja furchtbar lange nicht
-gesehen. Ich dachte immer, ich wrde Ihnen mal wieder
-begegnen. In der Stadt, am Ufer oder sonstwo &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wir sind frher oft dort gegangen,&#8221; sprudelte Elli
-naseweis hervor. &#8222;Aber neuerdings &mdash; ich glaube, seit
-Marga Sie dort getroffen hat, will sie partout nicht mehr
-hin.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber Elli!&#8221; wehrte sich Marga. Doch die Missetterin
-war schon lachend davongewischt, um endlich zu ihrem
-Wilkens zu kommen.</p>
-
-<p>&#8222;So, so, Frulein Marga &mdash; Sie weichen mir also<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[S. 60]</a></span>
-aus!&#8221; neckte Perthes. &#8222;Und warum denn, wenn ich fragen
-darf?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber das Kleinchen hat Sie ja angeschwindelt,&#8221; erklrte
-sie ernsthaft.</p>
-
-<p>&#8222;Und ich komme Ihretwegen in eine richtige Gesellschaft.
-Obwohl ich mir vorgenommen hatte, hier gar
-nichts mitzumachen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das ist immer noch etwas anderes, als wenn ich
-Ihretwegen an den Flu kme,&#8221; erwiderte Marga. Ihr
-Ton war abweisender, als sie wollte. Sie fand sich nicht
-in eine tndelnde Unterhaltung. Aller Scherz nahm nur
-schwer den Weg zu ihrer Seele; er machte sie eher scheu
-und verschlossen als zutraulich. Sie hatte sich wieder an
-den Trpfosten gelehnt und blickte zu Boden. Ihre ruhige
-Stirn kruselte sich einen Moment: ihr offenes Gesicht
-war nicht darin gebt, ihre Gedanken zu verbergen.</p>
-
-<p>&#8222;Was dachten Sie jetzt eben?&#8221; forschte Perthes.
-&#8222;Sicherlich nichts Gutes ber mich.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie sind aber eingebildet, Herr Doktor!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich &mdash; wieso?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Als ob es nichts anderes zu denken gbe als &mdash;&#8221;
-Marga vollendete den Satz nicht; sie erschrak ber ihre
-eigenen Worte. Sie kamen ungerufen aus ihr hervor.
-Warum war sie so unfreundlich zu ihm? War sie denn
-kleinlich? Er hatte von diesem Ufergang gesprochen, von
-dem sie wute, da er einer anderen galt. Es waren nur
-liebenswrdige Redensarten, wenn er <em class="gesperrt">sie</em> damit in Verbindung
-brachte. Weshalb seine Spielerei? Und doch &mdash;
-als er nun schwieg &mdash; tat ihr ihre uerung leid. Ohne
-ihn zu sehen, fhlte sie, da er sich von ihr weggewandt
-hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[S. 61]</a></span>
-
-Er schaute in der Tat abgekehrt, mit gekreuzten Armen,
-auf die vielen schwatzenden Menschen im Salon.</p>
-
-<p>&#8222;Sie sind mir doch nicht bse, Doktor Perthes?&#8221; fragte
-Marga mit vernderter, bittender Stimme.</p>
-
-<p>&#8222;Warum denn? Ich wundere mich nur, da Sie heute
-gar nicht nett zu mir sind.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bin ich das wirklich nicht?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wirklich nicht!&#8221; wiederholte er berzeugt.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn ich Ihnen gesagt htte, was ich dachte, wrden
-Sie noch unzufriedener mit mir gewesen sein.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Oho! Also war's doch was Schlechtes.&#8221; Lachend
-wandte sich Perthes wieder zu ihr.</p>
-
-<p>Margas Zge drckten Unruhe und Verwirrung aus.
-Die erloschenen Augen mit ihrem sanften blauen Glanz
-schienen gewaltsam das Dunkel durchdringen zu wollen,
-um den Ausweg aus diesem unglcklichen Gesprch leichter
-zu finden. Dann nahm sie die Zuflucht zu ihrer natrlichen
-Offenheit. &#8222;Ich dachte, da Sie in der Uferstrae
-jemand anders suchten als mich. Das war alles,&#8221; sagte
-sie kurz und einfach.</p>
-
-<p>Perthes sah sie erstaunt an. Sie wute also auch bereits,
-was Markwaldt und alle seine Bekannten wuten
-&mdash; da er Hilde Knig nachstieg. Und er durfte ihr nicht
-einmal bse sein, da sie es ihm sagte. Er hatte ihr ja ihre
-Gedanken abgezwungen. Wie peinlich und unbequem
-diese Mitwisserschaft war! Gerade <em class="gesperrt">hier</em>. Er griff sich
-mit der gebrunten, sehnigen Hand heftig in den Bart.
-Die Falten auf der Stirn zuckten nervs zwischen den
-dichten Brauen.</p>
-
-<p>Zum Glck gab jetzt der Geheimrat das Zeichen zu
-Tisch, indem er Frau Wilmanns den Arm bot.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[S. 62]</a></span>
-
-&#8222;Darf ich Sie zu Tisch fhren?&#8221; fragte Perthes Marga
-mit einer kurzen Verbeugung.</p>
-
-<p>Sie nickte. Schweigend legte sie ihren Arm in den
-seinen. Sie wute nicht, sollte sie sich freuen, da er sie
-fhrte, oder nicht. Sie bereute, da sie sich hatte verleiten
-lassen, die Wahrheit zu sagen. Warum hatte er sie
-gezwungen, und sie sich zwingen lassen?</p>
-
-<p>Plaudernd bewegte sich der Zug der Paare durch das
-Wohnzimmer und die Estube.</p>
-
-<p>An Richthoff und Frau Wilmanns schlossen sich Professor
-Borngrber und Frau Achenbach, ein sehr ungleiches
-Paar: sie majesttisch und gemessen, er voll Unbeholfenheit
-immer einen Schritt voraus oder zurck. Als langjhrige
-Bekannte waren sie trotzdem beide sehr zufrieden
-miteinander.</p>
-
-<p>Papa Wilmanns bat sich ein fr allemal, wohin er
-kam, ein junges Mdchen zu Tisch aus. Heute, wo man,
-um der Gemtlichkeit keine Vorschriften zu machen, von
-einer festgesetzten Tischordnung abgesehen hatte, waren
-die Jungen schneller gewesen als er und hatten sich schon
-alle zusammengefunden. Er sah sich verurteilt, Frulein
-Grasvogel, eine drre, etwas spinse Cousine des Richthoffschen
-Hauses, die man aus Gutmtigkeit bei keiner
-Einladung berging, fr sich zu erobern. Der kleine lustige
-Mann, der auerhalb seines Lehramts stets voller Schnurrpfeifereien
-steckte, schritt mit weltschmerzlicher Biedermannsmiene
-am Arm der Cousine. In dem beweglichen
-Gesicht, das sonst so behaglich mit der Hakennase, den Augen
-einer listigen Spitzmaus und den rosigen Wangen zwischen
-dem frhlichen Backenbart sa, lag eine so vorwurfsvolle
-Anklage, da Elli, die mit Wilkens hinter ihm kam, nur<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[S. 63]</a></span>
-mhsam ihren Ernst behaupten konnte. Sie nahm sich
-nur zusammen, weil Kthe mit dem berhflichen Privatdozenten
-Doktor Bertelsdorf zur Rechten und dem Flanellstorch
-zur Linken ihr auf dem Fue folgte. Kthe war
-schon durch die in letzter Minute erfolgte Absage Lizzies,
-ihrer Musikfreundin, betrbt. Elli wollte sie nicht noch
-durch eine Neckerei erzrnen, die sie auf das seltsame
-Doppelgestirn ihrer Tischherren beziehen konnte. Der
-Privatdozent hatte nmlich Kthe dem Flanellstorch vor
-der Nase weg engagiert; darber war dieser so fassungslos,
-da er sich, kurz entschlossen, rechts von ihr postierte
-und mit seinem Partner ber Kthes Kopf hinweg einen
-Disput vom Zaun brach &mdash; ber eine neue Textausgabe
-von Dio Cassius!</p>
-
-<p>Marga mit Doktor Perthes, die Schwestern Wilmanns
-mit den Burschenschaftern und Corvinen, einige damen-
-und couleurlose Philologen im ersten und zweiten Semester
-beschlossen die Reihe.</p>
-
-<p>Es war noch taghell im Hof, und man hatte deshalb
-die Kerzen noch nicht angebrannt.</p>
-
-<p>Die Heiterkeit der blumengedeckten Tische steckte an.
-Man strmte die Pltze.</p>
-
-<p>Die lteren Herrschaften, die in ihrer engen Auslese
-als nchste Hausfreunde der Jugend nur zur Folie
-dienen sollten, hatten ihren Tisch fr sich gewhlt. Eine
-Ausnahme machte nur Papa Wilmanns, der die Cousine
-Grasvogel mitten unter die Jungen hineinschleppte.</p>
-
-<p>Elli mit Wilkens winkte Marga und Doktor Perthes
-zu sich heran, denen sie an ihrem Tisch heldenhaft zwei
-Sthle verteidigte. Perthes hatte Marga auf der einen,
-Elli auf der anderen Seite. Auer Wilkens saen noch<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[S. 64]</a></span>
-der dicke Burschenschafter mit Heddy, der jngsten der drei
-Wilmannstchter, und Wilmanns selbst mit Frulein Grasvogel
-am gleichen Tisch.</p>
-
-<p>Kthe und ihr Privatdozent machten einen entschlossenen
-Versuch, den Flanellstorch loszuwerden. Sie gerieten
-dafr mit den Corvinen an eine Tafel.</p>
-
-<p>Es dauerte eine gute Weile, bis die ganze Gesellschaft
-ihre Pltze innehatte.</p>
-
-<p>Endlich war es so weit, da der Lohndiener unter Beistand
-einer Aufwartefrau mit dem Servieren der Speisen
-beginnen konnte.</p>
-
-<p>Die Wildsuppe, auf der Vater Richthoff so ehern bestanden
-hatte, dmpfte mit ihrer grausamen Wrze fr
-einen Augenblick die allgemeine Frhlichkeit. Jedermann
-wrgte sie zwar tapfer hinunter, aber man sah
-doch unterschiedliche Spuren einer gewaltsamen Selbstberwindung.
-Nur der Flanellstorch, der aller Vorsehung
-zum Trotz einen Stuhl neben Kthe gezwngt
-hatte, erklrte mit der Stimme eines Domksters,
-flsternd und doch allhrbar, er habe nie so etwas Kstliches
-gegessen.</p>
-
-<p>&#8222;Finden Sie das auch?&#8221; fragte Elli blinzelnd ihren
-Nachbar Wilkens. &#8222;Papa hat sie befohlen!&#8221;</p>
-
-<p>Wilkens drehte statt der Antwort die Augen gen
-Himmel und legte die Hand auf den Magen.</p>
-
-<p>Papa Wilmanns dagegen konnte die lose Zunge nicht
-im Zaum halten. So vernehmlich wie der Flanellstorch
-und mit einer berzeugungskraft, die frs erste alle
-tuschte, durchschnitt er die schweigende Beklommenheit.
-&#8222;Kollege Richthoff, ich denke, Sie werden meiner Frau
-das Rezept fr diese klassische Suppe nicht vorenthalten.<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[S. 65]</a></span>
-Sie kann nur von der Blutsuppe der Spartaner bertroffen
-werden!&#8221;</p>
-
-<p>Die Verdutztheit auf allen Gesichtern lste sich in einem,
-von unterdrcktem Kichern zu lautem und lauterem Gelchter
-anschwellenden Heiterkeitsausbruch, dem sich niemand,
-selbst nicht das entsetzte Frulein Grasvogel, entziehen
-konnte.</p>
-
-<p>&#8222;Aber Rudolf!&#8221; erklang tadelnd die Stimme von Frau
-Wilmanns ber den Hof zu ihrem Gatten, der sich, als
-wte er von nichts, in seine Vatermrder zurckgeduckt
-hatte.</p>
-
-<p>Geheimrat Richthoff beruhigte seine Tischnachbarin mit
-einer gravittischen Gebrde, erhob sich, strich den weien
-Bart, tippte hell ans Glas und verschaffte sich Gehr.</p>
-
-<p>&#8222;Verehrte Gste und Freunde!&#8221; hub er mit grollendem
-Ton an. &#8222;Der gehssige Vorsto, den mein Kollege Wilmanns
-soeben gegen meine Suppe unternommen hat,
-zwingt mich zu einer wissenschaftlichen Entgegnung. Mein
-Freund Wilmanns&#8221; &mdash; er fixierte den Professor durchbohrend
-&mdash; &#8222;ist, wie Sie alle wissen, der Mann der lateinischen
-und griechischen Syntax, also der grauesten, leblosesten
-Grammatik. Daraus entschuldigt sich seine vllige
-Unberhrtheit in Dingen der Geschichte und des feineren
-Lebensgenusses. Nur ihm konnte es passieren, meine
-feurige sdlndische Wildsuppe mit der Blutsuppe der
-Spartaner in einem Atem zu nennen. Seine Spartanersuppe
-ist, wie jetzt mnniglich auer ihm wei, erstens eine
-Legende und zweitens eine geschmacklose Wurzel- und
-Krutersuppe. Also genau das Gegenteil von meiner
-Suppe. Doch diese historische und kulinarische Zurechtweisung
-nur nebenher. berzeugender als der Angriff<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[S. 66]</a></span>
-des Kollegen Wilmanns ist das Urteil, das ich Ihnen
-allen, meine Herrschaften, von den Zgen ablese: es bedeutet
-rckhaltlose Anerkennung meiner Suppe! Es schlgt
-auch den frevelhaften Widerspruch meiner Tchter zu
-Boden, die, ihres Vaters kochknstlerische Autoritt verkennend,
-die Wahl jeder und erst recht dieser Suppe verhindern
-wollten. Um so dankbarer bin ich meinen Gsten
-fr ihre gerechte und sachliche Wrdigung. Stoen Sie
-mit mir an auf das Wohl meiner Gste!&#8221;</p>
-
-<p>Lachender Beifallsruf und lautes Glserklingen antwortete
-dem alten Herrn von allen Tischen. Sein grollender
-Humor, seine behagliche Selbstironie hatten die gute
-Stimmung nicht nur wiederhergestellt, sondern erhht.
-Die Unterhaltung an allen Tischen kam in lauten, frhlichen
-Gang.</p>
-
-<p>Ellis frische Laune war unerschpflich. Sie und Papa
-Wilmanns, der sich ber Richthoffs Suppenrede kniglich
-gefreut hatte, waren an ihrem Tisch abwechselnd die Wortfhrer.
-Wilmanns gab ergtzliche Abenteuer von seiner
-letzten griechischen Reise zum besten. Er und Borngrber
-waren zusammen gereist. Sie lagen sich alle Tage morgens
-ber eine Fachfrage in den Haaren und abends bei
-begeisterndem Hellenenwein in den Armen. Als Wilmanns
-gerade erzhlte, wie sein Gefhrte beinahe von
-einem griechischen Schergen festgenommen worden wre,
-weil er durchaus auf der Akropolis eine Nacht zubringen
-wollte, flsterte Elli Doktor Perthes zu: &#8222;Ich glaube,
-die ganze griechische Reise hat er nur auf der Landkarte
-gemacht.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das wollen wir nicht hoffen!&#8221; meinte Perthes lchelnd.</p>
-
-<p>&#8222;O, Sie kennen die Philologen nicht! Die flunkern<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[S. 67]</a></span>
-alle!&#8221; erklrte sie berzeugt. &#8222;Wenn ich denke, was nur
-Wilkens&#8221; &mdash; sie warf einen vielsagenden Seitenblick auf
-ihren Tischherrn &mdash;, &#8222;was der mich schon angefhrt hat!
-Schon zehnmal hat er behauptet: &#8218;Diesmal steig' ich ins
-Examen! Diesmal bau' ich bombensicher meinen Doktor!&#8219;
-Und zehnmal war's Schwindel!&#8221; Ein ganz leiser Seufzer
-begleitete unwillkrlich den zehnfachen Schwindel.</p>
-
-<p>&#8222;Und das geht Ihnen so zu Herzen?&#8221; fragte Perthes.</p>
-
-<p>&#8222;Mir? Zu Herzen? Wie kommen Sie darauf? Mir
-geht berhaupt nichts zu Herzen!&#8221; verteidigte sich Elli
-emprt. &#8222;Von mir aus kann Herr Wilkens zehnmal durch
-sein Examen fallen. Nicht wahr, Herr Wilkens?&#8221;</p>
-
-<p>Der Angeredete schmunzelte nur und drehte sich herausfordernd
-zu Heddy Wilmanns.</p>
-
-<p>&#8222;O, und die anderen Fakultten,&#8221; fuhr Elli zu Perthes
-fort, &#8222;die haben andere Fehler! Die Mediziner zum Beispiel
-&mdash; die sind boshaft, wie Sie! Und schrecklich roh
-und materialistisch!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Hren Sie, wie ich beschimpft werde, Frulein
-Marga?&#8221; wandte sich Perthes nach rechts, wo Marga
-geduldig, im Verein mit Cousine Grasvogel, noch immer
-Wilmanns' griechische Reise miterlebte.</p>
-
-<p>&#8222;Wehren Sie sich nur tchtig!&#8221; gab sie zurck.</p>
-
-<p>&#8222;Also Sie verteidigen mich nicht einmal? Sie geben
-am Ende gar Ihrer Frulein Schwester recht?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Um Sie zu verteidigen, mte ich Sie erst besser
-kennen!&#8221; erwiderte Marga freundlich, aber bestimmt.</p>
-
-<p>&#8222;Wie mitrauisch Sie sind!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mitrauisch? Marga?&#8221; ereiferte sich Elli. &#8222;Na, Herr
-Doktor Perthes, da gratuliere ich Ihnen zu Ihrer Menschenkenntnis!
-Die ist die Offenste von uns allen! Aber<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[S. 68]</a></span>
-sie flunkert <em class="gesperrt">auch</em>! Die schlechte Nachbarschaft &mdash;&#8221; Sie
-zwinkerte nach Wilkens und zu Professor Wilmanns hinber.</p>
-
-<p>&#8222;Ich glaube, du bist beschwipst, Elli!&#8221; warf Marga
-vorwurfsvoll ein.</p>
-
-<p>&#8222;Noch nicht! Aber wenn du sagst, Margakind, du
-kennst Herrn Perthes nicht, flunkerst du. Sie kennt nmlich
-die Menschen in- und auswendig, wenn sie noch nicht
-zwei Worte mit ihnen gewechselt hat!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Frulein Marga! Wenn das stimmt, sind Sie mir
-Genugtuung schuldig. Ich mchte schon immer gern wissen,
-wer ich bin.&#8221; Perthes legte etwas Spttisches in seine
-Rede, das ebensogut Marga als ihm selbst gelten konnte.</p>
-
-<p>Marga schttelte leise den Kopf. &#8222;Nein, nein &mdash; Sie
-mssen sich selber am besten kennen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;<em class="gesperrt">Mu</em> ich das?&#8221; erwiderte er im selben Ton wie
-zuvor.</p>
-
-<p>&#8222;Dafr sind Sie doch ein Mann,&#8221; war Margas halblaute,
-entschiedene Antwort. Sie zerkrmelte ihr Brot.
-Ihr Mund war fest geschlossen. Nur das Zittern ihrer
-Nasenflgel verriet etwas von innerer Erregung. Warum
-qulte er sie mit so merkwrdigen Fragen? Was konnte
-ihm daran liegen, wie sie ihn beurteilte? Warum drngte
-er sich hartnckig und eigensinnig in ihr Sinnen und Empfinden,
-um sich und sie zu ergrnden? Gewi, er dachte
-sich dabei nichts. Er mochte sich in dieser spielerischen
-Unterhaltung gefallen. Aber sie, Marga, war sich dafr
-zu gut! In der Furcht, sich und ihr Innenleben unntig
-auszugeben, verkroch sie sich in sich selbst, wie eine Schnecke
-in ihr Gehus.</p>
-
-<p>Perthes schwieg. Er beobachtete Marga lnger und<span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[S. 69]</a></span>
-ernsthafter als sonst. &#8222;Dafr sind Sie doch ein Mann&#8221;
-&mdash; was hie das? War das ein Zweifel an seiner Reife?
-Oder war es eine Anerkennung? Dieses so stille und so
-klare Wesen der Blinden, fr die er eine flchtige, aus
-Interesse des Arztes und aus mitleidsvoller Teilnahme
-gemischte Sympathie empfand, begann ihn zu fesseln, weil
-es ihn reizte. Der Widerspruch zwischen seiner eigenen
-Zerrissenheit und ihrer ruhigen Geschlossenheit brachte bei
-ihm eine zwiespltige Wirkung hervor. Das Peinliche
-berwog das Anziehende. Bah &mdash; er wrde sich wohl
-von einem jungen Mdchen imponieren lassen! Was war
-rtselhaft an ihr? Hchstens, was er aus seiner eigenen
-Phantasie hinzutat. Sie war wie andere Frauen: nur
-durch ihren Zustand ein wenig empfindsamer. Es erklrte
-sich physiologisch wie alles Weibliche.</p>
-
-<p>Elli hatte es inzwischen fr zeitgem gehalten, ihren
-Wilkens, der um die Wette mit den Burschenschaftern Heddy
-Wilmanns den Hof machte, entrstet zur Rede zu stellen.
-Wilkens erklrte mit seiner heiteren Unverwstlichkeit, da
-er nach ihrer wohlwollenden Ansicht schon einmal ein
-Flunkerer sei, sei es doch vllig gleichgltig, ob er nach
-rechts flunkere oder nach links. Elli schmollte eine ganze
-Minute lang. Dann fand sie sich mit Wilkens in einem
-vershnend-heftigen Hndedruck unter dem Tisch. Nach
-dem Friedensschlu wandte sie sich wieder zu Perthes.
-&#8222;Was treiben Sie denn eigentlich hier?&#8221; fragte sie in ihrer
-bergangslosen, zufahrenden Art, als sie bemerkte, da
-das Gesprch zwischen ihm und Marga bedenklich im
-Stocken war.</p>
-
-<p>&#8222;Wo? Wie? Hier &mdash; wie meinen Sie das?&#8221; Perthes
-richtete sich zerstreut aus seinen Gedanken auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[S. 70]</a></span>
-
-&#8222;Na, in Ihrem Laboratorium oder Institut oder wie
-das Ding heit!&#8221; erluterte Elli ihre unbestimmte Frage.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn Sie das interessiert, mssen Sie mich mal
-besuchen. Ich habe einen ganzen Stall Kaninchen und
-Meerschweinchen. Mitunter auch Muse und Ratten.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wozu denn das?&#8221; forschte Elli mit gruseliger, unglubiger
-Neugier.</p>
-
-<p>&#8222;Ich experimentiere mit ihnen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Hrst du, Marga? Er experimentiert mit Tieren!
-Was hab' ich gesagt! Mediziner sind entsetzlich roh und
-gefhllos! &mdash; Was machen Sie denn mit den armen
-Tierchen?&#8221;</p>
-
-<p>Fr Perthes konnte in seiner gegenwrtigen Stimmung
-keine Frage gelegener kommen. Es war ihm eine
-Genugtuung, sich nchterner und gefhlloser zu zeigen,
-als er war. Auf die Gefahr hin, den Geschmack zu verletzen,
-gab er sich als den khlen, berlegenen Wissenschaftler
-und beschrieb rcksichtslos seine Versuche an lebenden
-Tieren: wie er ihnen die verschiedenen Gifte einimpfte,
-Gegengifte erprobte, die Wirkungen von Stunde
-zu Stunde beobachtete.</p>
-
-<p>Elli war auer sich vor Mitleid und Emprung. &#8222;Sie
-sind ja ein grlicher Tierquler! Und so was machen
-Sie mit ruhigem Blut? Was mssen Sie fr ein Mensch
-sein!&#8221; Ganz erschrocken blickten ihn ihre strahlenden jungen
-Augen an.</p>
-
-<p>&#8222;Das gehrt bei uns zum Handwerk!&#8221; versicherte
-Perthes mit Achselzucken. &#8222;Wir knnen ja leider nicht
-mit Menschen unsere Experimente machen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Leider!&#8221; Elli fuhr von ihrem Sitz in die Hhe.
-&#8222;Leider, sagen Sie? Aber das ist ja abscheulich! Dafr<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[S. 71]</a></span>
-knnte ich Sie &mdash;&#8221; Sie machte eine drastische Bewegung
-und hielt inne. Sie mute selbst ber ihre Entrstung
-lachen. &#8222;Und wir sollen Sie besuchen? Ihre Schndlichkeiten
-mit ansehen? Was sagst du zu dieser Einladung,
-Margakind?!&#8221;</p>
-
-<p>Marga sagte nichts. Sie fhlte, da Perthes sich mit
-Absicht schlecht machte. Er bertrieb. Er wollte sein
-objektives Medizinertum hervorkehren. Er tat sich und
-anderen mit Bewutsein wehe. Die Erkenntnis dieser
-Zwiespltigkeit, dieser unfertigen Halbheit schmerzte sie
-mehr als seine harten Ausdrcke, seine rohen Schilderungen.
-Mit unwiderstehlicher Macht berkam sie das
-Gefhl ihrer Einsamkeit inmitten all der fremden, geruschvollen
-Menschen, die in einer Welt lebten, die nicht die
-ihre war. Sie fror. Wie in einen schtzenden Mantel
-hllte sie sich in ihre schwere und doch so viel reichere
-Einsamkeit. Teilnahmlos lehnte sie sich in ihren Stuhl
-zurck und richtete die Augen in die Ferne.</p>
-
-<p>Elli, die einzige, die mit schwesterlicher Liebe Margas
-Wesen wenn auch nicht ganz erfate, so doch kannte und
-achtete, drang nicht weiter in sie.</p>
-
-<p>Auch Perthes verstummte.</p>
-
-<p>&#8222;Ihr Wohl, Herr Kollege!&#8221; prostete der Burschenschafter
-mit tadellosem Komment und unverkennbarer
-Hochachtung zu ihm herber. Er hatte mit halbem Ohr
-die Unterhaltung gehrt und wollte als jngeres medizinisches
-Semester dem lteren seine bewundernde Zustimmung
-zu dem Ideal fachmnnischer Gesinnungstchtigkeit
-ausdrcken.</p>
-
-<p>Perthes dankte. Er strzte sein Glas Wein in einem
-Zug hinunter. Seine Stirn hatte sich verfinstert. Er<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[S. 72]</a></span>
-war verrgert. Er haderte mit sich, weil er sich hatte fortreien
-lassen.</p>
-
-<p>Es war eine Erlsung, da jetzt gleichzeitig zwei Messer
-an zwei verschiedenen Tischen an die Glser klangen.</p>
-
-<p>Die beiden Redner, die sich zu Wort meldeten, erhoben
-sich miteinander und maen sich mit erstaunten
-Blicken: es waren Professor Borngrber und Professor
-Wilmanns, die in einem und demselben Augenblick um
-die oratorische Palme rangen.</p>
-
-<p>Papa Wilmanns war sonst nicht auf den Mund gefallen.
-Aber gerade seinen vielverleumdeten griechischen
-Reisefreund konnte er nicht ohne Verblffung als Rivalen
-auftauchen sehen. Und seine Frau warf ihm berdies aus
-der Ferne einen so flehenden Blick zu.</p>
-
-<p>&#8222;Dann werd' ich die Herrschaften eben nach Freund
-Jakobus langweilen!&#8221; murmelte er mit trockener Gutmtigkeit
-und setzte sich wieder.</p>
-
-<p>Borngrber begann mit seiner hohen, beharrlichen
-Stimme. Er zitierte einen indischen Spruch ber die
-Freuden der Huslichkeit. Man durfte hoffen, er wrde
-von dort aus in Krze und ohne Fhrlichkeiten auf das
-Haus Richthoff kommen. Aber es war anders verhngt.
-Jakobus Borngrber war nicht der Mann der geraden
-Fahrstraen. Bei einem neuen stlichen Sprichwort, das
-mit dem Ziel seines Toastes schon wesentlich loser zusammenhing,
-fiel ihm ein, da er ber die bersetzung gerade
-dieses Textes mit einem franzsischen Kollegen in Kontroverse
-geraten war. Das Unheil war da: er verga vllig
-seine ursprngliche Absicht, entwickelte mit einer zhen
-Leidenschaftlichkeit, die im umgekehrten Verhltnis zu
-seinen Stimmitteln stand, das Fr und Wider beider Auffassungen<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[S. 73]</a></span>
-und geriet in eine Vorlesung ber vergleichende
-Textkritik.</p>
-
-<p>Die Gste sahen sich verwundert an. Da und dort
-wurde nervs geruspert. Ein unterdrcktes Lachen wurde
-gehrt. Einzelne fingen an, sich leise, dann lauter zu
-unterhalten. Dies Beispiel fand jhe, fast allgemeine
-Nachfolge. Whrend der Tisch der Alten eine achtungsvolle
-Ruhe behauptete, hrten von der Jugend bald nur
-noch der Flanellstorch aus Piett gegen alles Akademische
-und die beiden Corvinen aus zuckerwsseriger Wohlerzogenheit
-dem Redner zu. Sogar Bertelsdorf, dem Privatdozenten,
-der fr die Ordinarien seiner Fakultt einen
-unbegrenzten Fonds von Ehrfurcht besa, schien der Wein
-eine charaktervolle Unabhngigkeit zu geben; er plauderte
-ungeniert mit Kthe. Wilmanns unterhielt seinen Tisch
-damit, da er unter seinen Fingern eine Menagerie aus
-Brot gekneteter Wundertiere hervorgehen lie. Wilkens
-untersttzte den Professor mit ebenbrtigen Kunststcken:
-er balancierte Zahnstocher auf der Nasenspitze und lie
-Brotstckchen, die er ber die Fingerspitzen legte, durch
-einen geschickten Schlag auf seinen Unterarm in den Mund
-schnellen.</p>
-
-<p>Die Dmmerung hatte begonnen. Die Lichter auf
-den Tischen und die farbigen Lampions, die in Ketten
-ber den Hof gespannt waren, waren schon seit geraumer
-Weile angezndet. Die weien Tafeltcher, auf denen
-jetzt Kuchen und Frchte vorherrschten, die roten Leuchterschirmchen,
-die helldunklen Gesichter setzten sich warm und
-farbenvoll ab gegen das wachsende Dunkel im Weinberg
-und in den benachbarten Grten. Darberhin taumelten
-ein paar versptete Kfer. Der Himmel strahlte in einem<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[S. 74]</a></span>
-zarten, milchigen Blau. An dnnen Wolkenstreifen glomm
-noch ein spter Schimmer der gesunkenen Sonne.</p>
-
-<p>Endlich hielt Jakobus Borngrber pltzlich im Strom
-seiner Rede inne. Die immer ohrenflligere Unaufmerksamkeit
-seiner Zuhrer machte ihm nun doch seine Abirrung
-mit jhem Schreck klar.</p>
-
-<p>Die majesttische Frau Achenbach, seine Tischdame,
-hatte Gleichmut und Humor genug, um ihm beizuspringen.
-&#8222;In diesem Sinne &mdash;&#8221; soufflierte sie ihm.</p>
-
-<p>&#8222;In diesem Sinne &mdash;&#8221; stotterte Borngrber und
-schwang sich mit einem verzweifelten berschlag seiner
-Stimme aus dem Wirrsal seiner textkritischen Betrachtungen
-auf die dargebotene, allumfassende Redewendung:
-&#8222;In diesem Sinne bitte ich Sie, sich zu erheben und zu
-rufen: Unser verehrter lieber Richthoff und sein gastliches
-Haus, sie leben hoch!&#8221;</p>
-
-<p>Ein schallendes dreifaches Hoch und ein allgemeines
-Glserklirren verschlangen Redner und Rede. &mdash;</p>
-
-<p>Nach so langer Geduldsprobe wollte sich der frhere
-Tafelzwang nicht wiederherstellen lassen. Der Tisch der
-Alten erkannte die Situation richtig, und ehe Papa Wilmanns
-seine unterdrckte Rede auch noch loslassen konnte,
-erhoben sich die Herrschaften.</p>
-
-<p>&#8222;Ich wnsche gesegnete Mahlzeit!&#8221; klang die krftige
-Stimme des Geheimrats ber den Hof hin.</p>
-
-<p>Zwanglos verteilten sich die Gruppen.</p>
-
-<p>Die Jugend stieg in ihrer Mehrzahl den Weinberg
-hinan, dessen Wege weit hinauf mit Papierlaternen beleuchtet
-waren.</p>
-
-<p>Die Alten zogen sich in die Zimmer zurck, bis im Hof
-die Tische gerumt waren. Die zwei Corvinen und der<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[S. 75]</a></span>
-Flanellstorch hielten jetzt den Zeitpunkt fr gekommen,
-um bei Vater Richthoffs Zigarren ihre Professoren zu
-poussieren.</p>
-
-<p>Marga war mit im Weinberg emporgestiegen. Perthes
-hatte sich artig angeboten, sie zu fhren. Sie dankte.
-Darauf gesellte er sich dem ausgelassenen Schwarm zu,
-den Elli und Wilkens anfhrten. Dazu gehrten die drei
-Wilmannstchter, die Burschenschafter und auch Kthe
-mit Bertelsdorf.</p>
-
-<p>Auf der Graswiese, wo hinter dem Blumengarten das
-Obstgelnde begann, war es noch heller als in den tieferen
-Partien des Weinbergs. Elli schlug ein Spiel vor. Sie
-fand laute Zustimmung. &#8222;Hasch, hasch!&#8221; wurde nach
-kurzer berlegung gewhlt, und die Paare traten lachend
-in die Reihe. Perthes holte sich Heddy Wilmanns. Das
-Tollen begann, und leuchtend stoben die hellen, fliegenden
-Mdchenkleider durch die Dmmerung.</p>
-
-<p>Marga stand abseits. Einen Augenblick hatte sie gedacht,
-es wrde jemand zu ihr treten, um sie zu unterhalten.
-Aber niemand kam. Wie es meist ging, wurde sie und
-ihre Blindheit jetzt in der allgemeinen Lustigkeit vergessen.
-Im Grunde war es ihr recht.</p>
-
-<p>Die Geselligkeit solcher Abende ermdete sie mehr und
-schneller als andere. Und ihre innere Einsamkeit hatte
-sich nach der ueren gesehnt.</p>
-
-<p>Tastend orientierte sie sich an den Johannisbeerstruchern
-lngs des Weges. Dann stieg sie sicher bergan.</p>
-
-<p>Hinter dem Obstplan kam eine Mauer, die das steile
-Erdreich sttzte. Eine Treppe aus Steinen fhrte an ihr
-empor. Darber standen die Weinstcke, die Sorgenkinder
-des alten Herrn. Jahr fr Jahr gaben sie hartnckig nur<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[S. 76]</a></span>
-wenige Pfund saurer Trauben, aber es blieb trotzdem
-ausgemacht, da hier <span class="antiqua">anno Domini</span> der groartigste Wein
-in der ganzen Umgegend wachsen mute. Ein zweites
-Mauerwerk schlo nach oben ab. Auf seiner Hhe lief
-eine langgestreckte Laube ber die ganze Breite des Richthoffschen
-Besitzes. Der Laubengang hie der Philosophenweg;
-er lag schon hoch ber der Stadt in der freien, ziehenden
-Abendluft.</p>
-
-<p>Dort schritt Marga, die Hnde auf dem Rcken, langsam
-auf und ab.</p>
-
-<p>Das Lrmen und Lachen der Spielenden klang nur
-gedmpft zu ihr herauf. In vollen Zgen trank sie die
-Ruhe des spten Abends. Nichts Weichmtiges durfte in
-ihr aufkommen. Sie ordnete ihre Gedanken und ihre
-Gefhle zu dem mutigen Gleichklang, in dem sie daheim
-war. Ihrem festen Willen zum Trotz drngte sich immer
-noch ein herber Ton vor. Konnte sie es nicht lassen, auf
-andere Menschen zu bauen, statt nur auf sich? Es war
-ja doch stets dasselbe: ein Suchen, das mde machte, und
-ein Finden, das die Enttuschung war. Zwiespltig und
-halb und haltlos waren alle, bei denen sie sich die Mhe
-machte, in sie hineinzulauschen. So wie Perthes. Wie
-die Mcken tanzten sie um die Sonne, zu schwach, um
-in sie hineinzufliegen, zu schwach, um sie zu entbehren.
-Vertraute sie, Marga, denn nicht genug auf sich allein?
-Was horchte sie berhaupt noch nach Gefhrten? Ihre
-Schwingen reichten aus. Auch wenn sie nur ein Weib
-war. Sie &mdash; sie wollte und konnte in die Sonne des inneren
-Erlebnisses fliegen, wo die Schnheit war, das Unbedingte
-und das Unendliche ...</p>
-
-<p>Zwischen den zuhchst gelegenen Pappeln, wo Margas<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[S. 77]</a></span>
-Lieblingsplatz war, und dem Philosophenweg lag ein
-Wiesenhang unter alten Kirschbumen.</p>
-
-<p>Dort streckte sie sich aus.</p>
-
-<p>Die Hnde hinter dem Kopf verschrnkt, die Augen
-geschlossen, berlie sie sich ihrem Schauen. Aus dem
-Scho ihrer immerwhrenden Nacht quoll ihr Bild auf
-Bild entgegen. Nicht verschwommene, sondern scharfe
-und klare Gesichte, die ihre Phantasie sich schuf, und in
-denen ihre reiche Seele sich auslebte und ausruhte. Da
-war ein fernes, schimmerndes Tal, ber und ber von
-rotblhenden jungen Pfirsichbumen voll. Ein tausendfltiger
-Schwarm von weien, samtflgeligen Faltern
-gaukelte darber: ein flatterndes Gewlk, das wie eitel
-Silber gegen den tiefblauen Himmel stand. &mdash; Ein verschlafener
-See blitzte auf, inmitten dunkel wuchtender
-Tannenberge. Das fahle, magische Licht drang aus gelben
-Wolkenstreifen ber die Landschaft. Der Wind hob leise
-die Wellen, da die Seerosen schwankten, und ein schwarzer
-Schwan zog sanft am Schilf entlang. &mdash; Die Berge rckten
-auseinander. Der See verschwand. Lachende, unabsehbar
-weite Blumenwiesen taten sich auf: gelbe Knigskerzen
-und weie Schafgarben und blauer Rittersporn
-wirrten sich leuchtend durcheinander, so weit der Blick
-reichte. Darber, am Horizont, erhoben sich kristallene
-Sommerwolken, berirdische Berge, himmlische Palste,
-in denen die Sonne selbst zu wohnen schien. &mdash;</p>
-
-<p>Marga war so entrckt, so selig im Schauen versunken,
-da sie nicht hrte, wie ein behender Schritt die Stufen
-nach dem Laubengang heraufkam. Erst als ihr Name
-gerufen wurde, zuckte sie auf und richtete sich aus dem
-Gras empor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[S. 78]</a></span>
-
-&#8222;Frulein Richthoff!&#8221; ertnte es von neuem.</p>
-
-<p>Sie erkannte Perthes' Stimme und gab keine Antwort.
-Noch war sie nur halb aus ihrer Traumwelt erwacht,
-und kein Fremder sollte sie stren. Sie duckte sich
-wieder tiefer ins Gras.</p>
-
-<p>Aber seine Augen hatten ihr helles Kleid in der dunklen
-Wiese erspht. &#8222;Wo in aller Welt stecken Sie denn? Sie
-haben sich ja richtig versteckt!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bei mir selber,&#8221; gab sie einsilbig zurck.</p>
-
-<p>&#8222;Drunten wird eine Bowle gebraut! Ich soll Sie
-holen.&#8221; Perthes war vollends zu ihr heraufgeklettert.
-&#8222;Darf ich mich einen Augenblick neben Sie setzen?&#8221; Ohne
-ihre Zustimmung abzuwarten, streckte er sich neben ihr im
-Gras aus.</p>
-
-<p>Marga strich die Haare aus dem Gesicht und setzte sich,
-ihren Haarknoten zurechtsteckend, aufrecht.</p>
-
-<p>Vom tieferen Garten und vom Hof herauf kam der
-matte Widerschein der Papierlaternen und gab im Verein
-mit dem sternklaren Himmel gerade Licht genug, um
-Perthes ihre stillen verschlossenen Zge sehen zu lassen.
-Nach dem ausgelassenen Spiel mit seiner lauten, bermtigen
-Lustigkeit, die er eben verlassen, berhrte ihn ihre
-ruhevolle Erscheinung hier oben im Garten seltsam.</p>
-
-<p>&#8222;Warum sind Sie denn so mir nichts dir nichts ausgerckt,
-Frulein Marga?&#8221; fragte er nach einer Weile.</p>
-
-<p>&#8222;Was htte ich denn sonst machen sollen?&#8221; entgegnete
-sie ohne Vorwurf.</p>
-
-<p>Er schwieg. Seine Frage war unbedacht und tricht.
-Wie konnte sie in dem abschssigen Garten &#8222;Hasch, hasch!&#8221;
-und derlei Dummheiten spielen! Er hatte sie ja berdies
-mit einer gewissen Absichtlichkeit sich selbst berlassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[S. 79]</a></span>
-
-&#8222;Sie haben nicht viel versumt,&#8221; fuhr er fort. &#8222;Ich
-alter Esel habe mich wie ein alberner Junge herumhetzen
-lassen.&#8221; Er trocknete sein Gesicht mit dem Taschentuch;
-er rgerte sich wirklich, da er sich wie der krasseste Fuchs
-in solche Kindereien gestrzt hatte. &#8222;Hier oben ist's
-schner!&#8221; Er schaute hinaus in die Ebene, die nchtlich
-verschattet sich dehnte.</p>
-
-<p>Marga antwortete nicht. Sie legte ihren Rock zurecht
-und glttete ihre zerknitterten rmel.</p>
-
-<p>&#8222;Ich darf ja nicht mehr fragen, was Sie denken,&#8221; begann
-er von neuem, &#8222;sonst wrde ich's schon wieder tun,
-weil Sie ja doch von sich aus mir nichts erzhlen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich denke, warum Sie bei Tisch all die hlichen
-Dinge sagten.&#8221;</p>
-
-<p>Perthes besann sich. &#8222;Ach &mdash; Sie meinen ber meine
-Ttigkeit? Die Geschichte mit den Tierexperimenten, und
-da man leider nicht mit Menschen experimentieren knne?
-Aber das ist ja wahr!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Vor Ihrem Verstande vielleicht, ja, aber nicht nach
-Ihrem Gefhl.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und woher wollen Sie das wissen? Du lieber Gott!
-In der Medizin hrt man auf, ein Gemtsmensch zu sein
-&mdash; woher wollen Sie wissen, da das nicht meine volle
-Meinung ist?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das will ich Ihnen ehrlich sagen: weil Sie vor uns
-dummen, gefhlsduseligen Mdels renommieren wollten.
-Sie hatten ein Bedrfnis, sich schlechter zu machen, als
-Sie sind.&#8221;</p>
-
-<p>Perthes horchte verwundert auf. Er hatte sich auf
-den Boden gelegt und den Kopf auf die Hnde gesttzt.
-Marga sa links hinter ihm. Er sah forschend zu ihr hinber.<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[S. 80]</a></span>
-&#8222;Sie beurteilen mich sehr schmeichelhaft, Frulein
-Marga.&#8221; Er lachte gezwungen. &#8222;Ich glaube, Sie irren.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wenn ich irre, um so schlimmer fr Sie!&#8221; erklrte
-Marga mit jener Ruhe und Geradheit, in der sie sich selbst
-wiederfand. &#8222;Dann mssen Sie sich selber sehr niedrig
-einschtzen und Ihre Mitmenschen auch. &mdash; Und besonders
-uns Frauen!&#8221; setzte sie nach einer Weile gedankenvoll
-hinzu.</p>
-
-<p>&#8222;Warum gerade die Frauen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Weil Sie meinen, ihnen im Ernst mit so rohen Dingen
-zu imponieren.&#8221;</p>
-
-<p>Wieder trat eine Pause zwischen beiden ein.</p>
-
-<p>Vom Hof herauf drangen einzelne abgerissene Worte,
-denen lustiges Gelchter antwortete. Papa Wilmanns
-hielt bei der Bowle seine aufgeschobene Rede auf die
-Damen.</p>
-
-<p>&#8222;Ich glaube, wir mssen hinunter,&#8221; bemerkte Marga kurz.</p>
-
-<p>Perthes rhrte sich nicht. Er trommelte mit der rechten
-Faust erst langsam, dann immer leidenschaftlicher auf den
-Grasboden.</p>
-
-<p>&#8222;Was machen Sie denn?&#8221; fragte Marga aufhorchend.</p>
-
-<p>&#8222;Ich rgere mich!&#8221; gab er knurrend zurck, ohne in
-seinem Trommeln aufzuhren.</p>
-
-<p>&#8222;Worber?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;ber Sie &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;ber mich?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und noch mehr ber mich!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und warum denn?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Weil &mdash; weil &mdash;&#8221; Er fhrte einen letzten grimmigen
-Hieb gegen den unschuldigen Boden. &#8222;Weil Sie verwnscht
-recht haben!&#8221; stie er knirschend hervor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[S. 81]</a></span>
-
-Marga mute unwillkrlich lcheln ber das unerwartete,
-heftige Bekenntnis, das sich so widerwillig von
-ihm losrang.</p>
-
-<p>Perthes bemerkte es nicht. Ihm war zumute, als wre
-jhlings etwas geborsten, ein Hemmnis, ein Stauwehr,
-das den Strom seiner Gedanken und Gefhle aufgehalten.
-Die offene, stillkrftige Art Margas lockte aus ihm hervor,
-was er nie einem anderen mitgeteilt htte. Der Widerspruch
-seines Herzens, das bald in Sehnsucht nach vertiefter
-Empfindung, nach einer berlegenen Weltbetrachtung
-voll Gleichklang und Schnheit sich verzehrte, bald
-in Verachtung jeder seelischen Regung zur Oberflche trieb,
-wo es nichts gab, als die nackte Wirklichkeit, und alles Unbegreifliche
-unterging in der tristen Biologie des Tiermenschen,
-wo nur der Genu des Alltags Sinn und Berechtigung
-hatte &mdash; dieser Widerspruch tat sich in einer
-Flut von Selbstanklagen auf, die er rckhaltlos in die dunkle,
-friedvolle Nacht hinausschleuderte. Heute war er weich,
-mitfhlend, empfindsam und wehleidig wie ein Kind;
-morgen hart, schroff, roh wie ein zynischer Zweifler, der
-sich in Kraheiten berbot. Sein unseliger Hang zum
-Extremen &mdash; war er nicht sogar jetzt lebendig, in dieser
-Beichte, die er ohne Grund vortrug? die so schamlos war
-wie die ganze Komdie, die er mit sich und aller Welt
-auffhrte? Er war zur Halbheit, zur Malosigkeit, zum
-Unfrieden verdammt. Wertlos war der ganze Kerl. &#8222;Sie
-irren, Frulein Marga &mdash; Sie irren, sage ich Ihnen! Der
-bessere Kern, den Sie da in mir vermuten, Gemt oder
-Seele oder was es derart geben knnte, der ist bei mir
-nicht vorhanden! Schale, nichts als Schale &mdash; im Rechten
-und im Schlechten!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[S. 82]</a></span>
-
-Marga war lngst ernst geworden. Sie erschrak ber
-die so wilde, alle Schranken vergessende Entladung, die
-mit Unreife und Miklang in ihre eben noch so kstliche
-Einsamkeit und Harmonie einbrach. Seine Bekenntniswut
-verletzte sie und tat ihr wohl in einem Atem.
-Nie hatte ein Mensch, nie zumal ein Mann ihr so sein
-Innerstes gezeigt. Sollte sie stolz auf dies Vertrauen
-sein? War sie nur der zufllige Anla, die zufllige
-Zeugin dieser selbstvernichtenden Offenheit? Durfte
-sie auf ihr Herz hren, das trsten und helfen wollte?
-Auf ihr Gefhl, das beinahe mtterlich in ihr aufwallte:
-Gib von deiner Klarheit seiner Unklarheit! Schenke von
-deiner Kraft! Schenke, schenke mit vollen Hnden! &mdash;
-Lohnte es sich denn? Verlangte er berhaupt danach?
-Verschwende dich nicht! warnte es in ihr. Verschwende
-dich nicht!</p>
-
-<p>Perthes war verstummt. Er warf sich herum und
-starrte, von ihr abgewandt, hinaus in die Ebene, aus der
-schchtern der Flu im Licht des gestirnten Himmels
-aufleuchtete.</p>
-
-<p>Marga fand noch immer kein Wort.</p>
-
-<p>Jenes Schweigen herrschte zwischen beiden, das zwei
-Menschen beschleicht, wenn der eine sich schrankenlos ausgegeben
-hat und der andere noch nicht wei, was er dagegen
-geben soll. Ein Schweigen, das zum Anfang oder
-Ende des Verstehens wird.</p>
-
-<p>Marga zitterte in ihrer Unschlssigkeit.</p>
-
-<p>Wenn sie ihn jetzt htte sehen knnen! Einmal ihm ins
-Gesicht schauen, da dies Gesicht ihr rate, was sie tun oder
-lassen msse! Sie strengte alle Krfte ihrer Seele an,
-um den Mangel ihrer Sinne zu ersetzen. Wie durch einen<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[S. 83]</a></span>
-geheimen Rapport fhlte sie, da er sich innerlich langsam
-von ihr entfernte. Er rusperte sich; er begann sich ber
-seine Preisgabe zu schmen, zu erzrnen. Ihr Zaudern
-wich. Sie durfte nicht in seiner Schuld bleiben. Eben
-war er im Begriff aufzuspringen und sie zum Abstieg
-aufzufordern, als sie die Sprache fand. &#8222;Ich glaube doch
-an den Kern, den Sie sich absprechen, Doktor Perthes,&#8221;
-sagte sie mit leiser Bestimmtheit.</p>
-
-<p>&#8222;Doch? Immer noch?&#8221; erwiderte er nach einer Weile
-ausdruckslos. &#8222;Da sind Sie eine beneidenswerte Optimistin.&#8221;
-Der spttische Ton, den er annehmen wollte,
-verlor sich in einer bitteren Niedergeschlagenheit.</p>
-
-<p>&#8222;All das Leidenschaftliche,&#8221; fuhr sie uneingeschchtert
-fort, &#8222;was Sie vorhin sagten, sagten Sie ja nur deshalb, und
-deshalb nur so leidenschaftlich, weil Sie selber gern an einen
-solchen Kern glauben mchten und es nicht immer knnen.&#8221;</p>
-
-<p>Perthes erwiderte nichts. Er hatte das brtige Kinn
-auf die Faust gesttzt und sah Marga an. Ihre sanfte,
-klare Stimme wirkte auf ihn wie eine Kinderweise, die
-sich beruhigend ins Ohr schmeichelt. Sein Verstand strubte
-sich gegen die einfache Wahrheit ihrer Worte; das Herz
-sog sie dankbar in sich.</p>
-
-<p>&#8222;Ich kann natrlich nicht wissenschaftlich mit Ihnen
-streiten,&#8221; hub Marga nach einer gedankenvollen Pause
-noch sicherer wieder an. &#8222;Ich habe in allen Dingen nur
-die Gewiheit meines Gefhls, und die sagt mir, da es
-gar nicht zuerst auf die Meinungen ankommt, die man
-sich von der Welt und dem Leben und den Menschen so
-im allgemeinen macht, sondern auf das, was man aus
-sich selbst macht.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Meinen Sie? Aber wenn man bald so ist, bald so?<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[S. 84]</a></span>
-Wenn man nach zwei Seiten gezerrt wird? Wenn man,
-um recht trivial, aber anschaulich zu reden, die bekannten
-&#8218;zwei Seelen&#8219; in der Brust hat?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Dann kommt es eben darauf an, durch welche von
-beiden man glcklicher, man mehr &#8218;man selber&#8219; ist!&#8221; erwiderte
-Marga berzeugt. &#8222;Wenn man das erst wei,
-braucht man nur zu wollen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und dafr sind Sie doch ein Mann! Sagen Sie das
-ruhig wieder dazu! Ich kann es ganz gut noch einmal
-hren!&#8221; Es war keine Bitterkeit und kein Spott mehr
-in seiner Stimme, sondern nur eine schwermtige, dumpfe
-Verzagtheit. Als sein Blick aus verlorener Weite zurckkam,
-suchte er Marga.</p>
-
-<p>Ihre Augen hatten einen warmen Glanz angenommen,
-der sie von innen zu erleuchten schien und ihre Blindheit
-vergessen lie. Sie hatte sich hher aufgerichtet. Ihre
-Hnde lagen gefaltet in ihrem Scho; die Haare ber
-ihrer runden, ebenmigen Stirn bewegten sich sacht im
-Winde, der ber den Berg fuhr. Von ihrem geschlossenen,
-in sich einigen Wesen ging eine stille, fast heitere Gewiheit
-aus, die Perthes mit Achtung erfllte, einer
-Achtung, die er zuvor nicht empfunden hatte.</p>
-
-<p>&#8222;Und wenn ich's auf eine Probe ankommen liee, ob
-Sie recht haben, Frulein Marga?&#8221; meinte Perthes zgernd.
-&#8222;Wollten Sie mir ein klein wenig dazu helfen?&#8221;</p>
-
-<p>Sie berlegte. Nur einen Augenblick. &#8222;Das wollte
-ich!&#8221; sagte sie kurz und herzlich.</p>
-
-<p>Perthes stand auf, er reckte seine Arme und streckte
-die hohe, sehnige Gestalt. &#8222;Also auf gute Kameradschaft!&#8221;
-Es klang eine so ehrliche Wrme aus seinen Worten, wie
-er sie den ganzen Abend noch nicht gefunden hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[S. 85]</a></span>
-
-Margas Gesicht wandte sich arglos und voll Gte zu
-ihm. Sie bot ihm die Hand.</p>
-
-<p>Er ergriff sie und, einer ungeknstelten Bewegung
-folgend, drckte er einen Ku darauf.</p>
-
-<p>&#8222;Jetzt ist es aber hchste Zeit, da wir hinuntergehen!&#8221;
-Auch sie war aufgestanden. Ihre Stimme zitterte von
-innerer Seligkeit, von frohem Stolz ber diesen Beweis
-der Achtung.</p>
-
-<p>Sie wagte diesmal nicht, seinen Arm auszuschlagen,
-sondern lie sich von ihm fhren.</p>
-
-<p>Schweigend stiegen sie den Weinberg hinunter ...</p>
-
-<p>Von einer Bank im Blumengarten hrten sie lachendes
-Streiten. Es waren Elli und Wilkens. Sie waren also
-nicht die einzigen, die auf sich warten lieen. Weiter unten
-stieen sie auf Heddy Wilmanns und den dicken Burschenschafter.
-Mit diesen zusammen traten sie in den Hof, wo
-Jugend und Alter bei einer unerschpflichen Erdbeerbowle
-durcheinandersa. Papa Wilmanns hatte den Flanellstorch
-und die zwei Corvinen vorgenommen, denen er in der richtigen
-Bowlenlaune eine Philippika ber die Streberei hielt.
-Sie hrten ihm mit stumpfsinniger Andacht zu, ohne sich
-getroffen zu fhlen. Der Geheimrat sa mit Frau Achenbach
-und Professor Borngrber in einer anderen Ecke und
-plauderte bei seiner sechsten oder achten Zigarre ber
-Sommerferienplne.</p>
-
-<p>Marga und Perthes setzten sich zu Kthe und Bertelsdorf,
-die, untersttzt von den beiden lteren Wilmannstchtern,
-die gesamte Universitt Spieruten laufen lieen.</p>
-
-<p>Es war lange nach Mitternacht, ehe das Gartenfest
-mit einem frhlichen, von Papa Wilmanns inaugurierten
-und kommandierten Rundgesang sein Ende fand.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Page_86" id="Page_86">[S. 86]</a></span><a name="c4" id="c4">4</a></h2>
-
-
-<p>Der Alltag war wieder in seine Rechte getreten.</p>
-
-<p>Der heitere Sommerabend im Haus am Wenzelsberg
-war fr alle Beteiligten eine liebenswrdige Erinnerung
-geworden. Nur fr Marga und Doktor Perthes spann
-sich ein Stck Wirklichkeit daran. Die Freundschaft, zu
-der sie sich zusammengefunden hatten, gewann an ungezwungener
-und vertrauensvoller Herzlichkeit.</p>
-
-<p>Als Perthes vierzehn Tage nach dem Gartenfest am
-Hause vorbeigekommen war, hatte er Marga unter den
-Kastanien im Vorgarten sitzen sehen. Er war ohne Zaudern
-hinaufgegangen, um sie zu begren. Sie plauderten
-wie zwei gute Kameraden miteinander. Ihm tat es wohl,
-sich auszusprechen; Einflle, Stimmungen, Empfindungen
-mitzuteilen, die ihn gerade beschftigten. Und sie verstand
-dankbar und still zuzuhren. Nur ab und zu warf sie ein
-Wort dazwischen, offen und einfach, wie sie es fhlte
-und dachte.</p>
-
-<p>Perthes wiederholte seinen Besuch.</p>
-
-<p>Bald am Vormittag, bald am Nachmittag kam er auf
-einen Sprung vorbei, und meist traf er Marga, die an
-den Ausgngen und Besuchen der Schwestern in der Stadt
-selten teilnahm, an ihrem Steintisch im Vorgarten, handarbeitend
-oder lesend.</p>
-
-<p>Gleich bei einem der ersten Male fgte es der Zufall,
-da der Geheimrat, von einer Fakulttssitzung heimkehrend,
-die beiden beisammen fand. Perthes hatte Marga ein
-paar Stze diktiert, die sie punktierte, und sie waren eben
-bei der Korrektur der Blindenschrift; sie bemerkten den
-alten Herrn nicht eher, als bis er dicht hinter ihnen stand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[S. 87]</a></span>
-
-Unter dem breitrandigen Schlapphut hervor scho er
-bedrohliche Blicke.</p>
-
-<p>&#8222;Was wird denn da getrieben?&#8221; Richthoff sttzte sich
-mit der einen Hand auf den Krckstock, mit der andern
-hatte er sich in den weien Bart gefat.</p>
-
-<p>&#8222;Wir repetieren unser Pensum von Hemsbach, Herr
-Geheimrat!&#8221; Perthes erhob sich grend; sein Auge begegnete
-ruhig dem scharfen Blick des alten Herrn.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn du nichts dagegen hast, will mir Herr Doktor
-Perthes ein wenig meine Kenntnisse auffrischen helfen,&#8221;
-setzte Marga aufrichtig hinzu.</p>
-
-<p>&#8222;Hm!&#8221; brummte Papa Richthoff unentschieden. Er
-berlegte, da von Rechts wegen ein junger Mann und
-ein junges Mdchen sich keinen Unterricht tete-a-tete zu
-geben htten. Aber schon im nchsten Moment sagte er
-sich auch, da er Marga, die so viel entbehren msse, nicht
-um eine im Grund unschuldige, bei ihr doppelt harmlose
-Zerstreuung bringen drfe. &#8222;Sie hat wohl glcklich alles
-wieder verschwitzt, was sie konnte?&#8221; wandte er sich, dem
-Tisch nher tretend, an Perthes.</p>
-
-<p>&#8222;O &mdash; es geht noch ganz leidlich!&#8221; meinte der Doktor.</p>
-
-<p>Der alte Herr ergriff das Blatt mit den vielen kleinen
-Punkten, die nach Zahl und Stellung dem Getast ihren
-Buchstabensinn vermitteln. Es entwickelte sich eine Unterhaltung
-ber die Schrift, ber Blindenbibliotheken und
-ihren Bcherschatz. Perthes, der, was er wute, recht
-wute, gab allerhand Ausknfte, die den Geheimrat interessierten.</p>
-
-<p>Das Ende war, da Vater Richthoff Marga huldvoll
-am Ohr zupfte. &#8222;Das bitte ich mir aber aus, da in vierzehn
-Tagen der Prolog zum Faust flieend gelesen und<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[S. 88]</a></span>
-geschrieben werden kann, hrst du!&#8221; Mit einem jovialen
-Kopfschtteln verabschiedete er sich und verschwand im
-Haus.</p>
-
-<p>Seither konnten Perthes und Marga ihre Kameradschaft
-ungestrt pflegen. Elli und Kthe neckten wohl
-manchmal die Schwester; aber da sie selber Perthes nicht
-ungern sahen, hatten sie gegen Margas unschuldige Eroberung
-nichts einzuwenden. Man gewhnte sich daran,
-den Doktor als Freund des Hauses das eine oder andere
-Mal am Wenzelsberg zu begren.</p>
-
-<p>ber tausend Dinge unterhielten sich Marga und Perthes.
-ber Groes und Kleines mit derselben Wichtigkeit
-der Jugend. Er brachte ein buntes Allerlei von Eindrcken
-mit, wie sie sich ihm an Menschen, in der Natur, bei seinen
-Arbeiten boten, und Marga sog diese Wirklichkeiten aus
-einer ihr nur durch die Phantasie erreichbaren Welt eifrig
-und dankbar ein. Was sie von den Schwestern, aus Bchern,
-durch sich selbst wute, bekam Flle und Zusammenhang.
-Sein vielseitiges Wissen nhrte das ihre. Da sie nichts
-Fremdes und Schiefes in sich aufnahm, dafr sorgte ihre
-durch die Blindheit geschrfte Sprkraft, ihr klarer, gesunder
-Sinn, der nichts annahm, was er nicht gebrauchen konnte.
-Die Ruhe und innere Freiheit, die durch frhes Entsagen,
-durch Einsamkeit und Leiden in ihr gereift, war die Gegengabe
-ihrer Freundschaft. Sie erkannte seine Natur, die
-ein Ganzes und Einfaches werden wollte und doch immer
-wieder durch entgegengesetzte Neigungen auseinanderstrebte,
-sich selber komplizierte und zerri. Perthes seinerseits
-fhlte die berlegenheit, die in der Stille und Bestimmtheit
-ihrer Seele lag. Aber sein Verstand strubte
-sich mit zahllosen Grnden dagegen, diesem Gefhl nachzugeben.<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[S. 89]</a></span>
-Da sie, zehn Jahre jnger als er, ein Weib,
-eine Blinde, ihm durch ihre grere Ruhe Achtung abntigen
-sollte, konnte ihm oft pltzlich lcherlich erscheinen,
-ihn empren, seinen verbissensten Widerstand erwecken.
-Dann ri er irgendeine schwierige Frage herbei, eine von
-den groen Fragen ber den Wert des Daseins, und zersetzte
-alle &#8222;Schwindschteleien&#8221;, wie er es nannte, unter
-vollem Aufgebot seines Wissens und seiner Klugheit. Je
-lauter er wurde, um so stiller wurde sie; je mehr er sich
-erhitzte, um so gelassener hrte sie ihm zu.</p>
-
-<p>So bewies er gleich an einem der ersten Tage ihrer
-jungen Freundschaft, da es nichts Vernnftiges gebe,
-als das tierische Werden und Vergehen; alle vermeintlich
-&#8222;hheren&#8221; Gedanken seien nichts als ebensoviele
-Illusionen, um ber diese nchterne Wahrheit
-zu tuschen. &#8222;Damit wir hbsch im Tretrad bleiben
-und nicht etwa herausspringen, weil uns die Sache zu
-albern wird!&#8221;</p>
-
-<p>Marga hrte ihm aufmerksam zu. Als er geendigt hatte,
-bemerkte er ein leichtes, heiteres Lcheln in ihren Zgen.</p>
-
-<p>&#8222;Sie &mdash; Sie wissen das natrlich viel besser!&#8221; rief er
-emprt.</p>
-
-<p>&#8222;O, gar nicht! Wissen werden <em class="gesperrt">Sie</em> es schon besser.
-Aber ich <em class="gesperrt">fhle</em> es anders.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Fhlen! Fhlen! Mit Ihrem ewigen Fhlen! Das
-Gefhl ist gar nichts. Jeder Hund und jede Katze sind
-uns darin ebenbrtig. Gefhle sind fr Kinder, sind Verschwommenheiten,
-Torheiten, Halbheiten, die Gedanken
-werden mchten und nicht knnen! Wollen Sie das nicht
-endlich einsehen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nein. Ich <em class="gesperrt">will</em> es eben nicht einsehen,&#8221; meinte<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[S. 90]</a></span>
-Marga ruhig. &#8222;Es gibt Gefhle, die weniger sind als
-Gedanken, und es gibt Gefhle, die mehr sind &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und mit welchem Recht?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mit meinem Recht. Ich will, da das Leben den
-Sinn hat, dessen Wahrheit ich fhle &mdash; ob Sie sie beweisen
-knnen oder nicht.&#8221;</p>
-
-<p>Perthes schttelte den Kopf. Sein widerspenstiger
-Verstand war nicht berzeugt. Trotzdem beugte sich eben
-das Gefhl, das er so gering bewertete, vor dem ihrigen.
-Es war tricht, aber es war so. Und blieb so, ein Waffenstillstand
-bis zum nchsten Gefecht. &mdash;</p>
-
-<p>Ein Thema gab es, das sie im Gesprch nie berhrten:
-Hilde Knig.</p>
-
-<p>Aus uerungen ihrer Schwestern, aus dem Klatsch,
-der in einer kleinen Stadt auch nur entfernt bekannte
-Menschen mehr oder minder verbindet, wute Marga, da
-ihr Freund seine Verehrung fr die kleine Uferschne mit
-den Taubenaugen und den losen blonden Haaren ganz
-und gar nicht aufgegeben hatte. Man sah ihn hufiger
-denn je die Uferstrae entlang pilgern, sei es allein, um
-sie auf ihrem Balkon zu sehen, oder mit ihr zusammen,
-wenn er ihr mehr oder minder absichtlich begegnet war
-und sie heimbegleitete. Auch im Stadtgarten tauchte er
-auf. Man sah ihn nicht selten im &#8222;Heiratskarussell&#8221;, das
-ihm anfangs so lcherlich vorgekommen war, an Hilde
-Knigs Seite.</p>
-
-<p>Marga hatte sich vorgenommen, von sich aus nie wieder
-auf diese Angelegenheit zurckzukommen, aber je vertrauter
-sie und Perthes miteinander verkehrten, desto schwerer
-wurde ihr diese Zurckhaltung. Sie kannte ihn jetzt gengend,
-um zu erraten, da der augenfllige, liebliche<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[S. 91]</a></span>
-Zauber der koketten Unschuld, die so geschickt zwischen Ernst
-und Kindlichkeit balancierte, seinen empfnglichen Sinn
-anziehen mute. Vielleicht blieb es bei einer Spielerei.
-Vielleicht aber &mdash; und das machte ihr sein leidenschaftliches
-Wesen wahrscheinlicher &mdash; verfing er sich ernsthaft in diesem
-Spiel. So oder so: sie, Marga, durfte sich nicht einmischen.
-Zartgefhl und Stolz geboten ihr dies als ein Selbstverstndliches.
-So oft ihre Gedanken und Gefhle ber
-die ihnen gesetzte Grenze schweifen wollten, rief sie sie
-schroff zurck. Freilich nicht, ohne da sie einen leisen
-Schmerz dabei empfand. Er kam von der Unklarheit, die
-zwischen ihnen beiden ber dies eine bestehen bleiben
-mute; von einer Sorge um ihn; einem bangen Gefhl,
-das in ihr keimte, ohne da sie es noch fassen und zur
-Rechenschaft ziehen konnte. &mdash;</p>
-
-<p>Ein recht unbedeutendes Erlebnis sollte sie ber ihn
-und sich aufklren.</p>
-
-<p>Marga hatte es nach wie vor vermieden, sich wieder
-in der Abendstunde am Ufer spazieren fhren zu lassen.
-Bis der Zufall es wollte, da der Geheimrat eines Abends
-Elli mit dem Auftrag, sich ein bestimmtes Buch auszubitten,
-zu Professor Borngrber schickte, der in einem
-verwachsenen, kleinen Huschen in der uersten Uferstrae
-sein Junggesellenleben fhrte. Marga hatte ihre
-Schwester schon ein groes Stck Wegs begleitet, ehe diese
-mit dem Ziel ihres Ganges herausrckte. Als sie nun
-Einwnde erhob, fiel die necklustige Elli mit all ihren
-Kobolden ber sie her. Es blieb Marga nichts anderes
-brig, als gute Miene zum bsen Spiel zu machen.</p>
-
-<p>Es war ein trber, bedeckter Abend. Der Regen hatte
-kaum erst aufgehrt. In der Allee am Flu war es einsam.<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[S. 92]</a></span>
-Die Sonne lag hinter dem grauen Gewlk, und
-der Flu wlzte sich trg und schmutzig zwischen seinen
-Ufern hin.</p>
-
-<p>Elli und Marga beeilten sich, Borngrbers Haus zu
-erreichen, und entledigten sich schnell ihres Auftrags. Der
-Himmel sah nach neuen Regengssen aus, denen sie lieber
-entgehen wollten. Aber sie hatten die Allee noch nicht
-zur Hlfte hinter sich, als die Tropfen niederklatschten.
-Eng duckten sie sich unter den gemeinsamen Schirm.</p>
-
-<p>Kurz vor dem Aufgang zur Brcke, am Ende der Allee,
-kam ihnen ein Paar entgegen, das sich gleichfalls in einen
-Schirm teilte.</p>
-
-<p>Elli mit ihrem hellen, flinken Blick hatte die beiden
-schon erkannt. &#8222;Perthes mit Hilde Knig!&#8221; flsterte sie
-hastig Marga zu.</p>
-
-<p>&#8222;Wo denn?&#8221; Marga nahm sich zusammen, aber ihr
-Arm zuckte unwillkrlich in dem der Schwester.</p>
-
-<p>&#8222;Gerade vor uns! Er scheint sie mit seinem Schirm
-heimzubringen!&#8221; tuschelte Elli.</p>
-
-<p>Im gleichen Augenblick hrte Marga ihre Stimmen.
-Seine rauhe, hastige; ihre leichte, etwas gezierte und
-hpfende. Dann verstummten beide. Sie hrte, wie die
-Schritte an Elli und ihr vorberknirschten.</p>
-
-<p>&#8222;Das ist aber stark! Er hat nicht einmal gegrt! Er
-tut, als kennte er uns nicht, und dabei schwre ich, da
-er uns erkannte!&#8221; Elli war ganz erregt. Sie ereiferte sich,
-ohne auf Marga zu achten. So ein Drckeberger! Einfach
-beiseitezusehen! Und seine Bekannten zu verleugnen
-wegen diesem dummen, aufgeputzten Gr! Das sollte er
-von ihr zu hren bekommen!</p>
-
-<p>&#8222;Meinst du, da er uns wirklich nicht sehen wollte?&#8221;<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[S. 93]</a></span>
-forschte Marga nach einer Weile zgernd. Sie mute
-alle Kraft aufbieten, um einer Erregung, die sie selbst
-bestrzt machte, Herr zu bleiben.</p>
-
-<p>&#8222;Schwren will ich darauf!&#8221; beteuerte Elli, und sie
-schilderte sein Benehmen mit erneuter Lebendigkeit.</p>
-
-<p>&#8222;Ich werde ihn fragen, warum er das tat,&#8221; erklrte
-Marga gepret.</p>
-
-<p>Der Regen flo jetzt in solchen Strmen, da sie in
-der nchsten besten Haustr Schutz suchen muten. Elli,
-die nie zu lange beim gleichen Thema blieb, erzhlte vom
-bevorstehenden akademischen Ausflug. Marga hrte ihr
-krampfhaft zu, auch auf dem weiteren Nachhauseweg.
-Sie wollte, was sie bewegte, berdenken, wenn sie erst
-wieder allein mit sich war ...</p>
-
-<p>Da Vater Richthoff heute seinen Kegelabend hatte,
-wurde schneller als sonst Abendbrot gegessen.</p>
-
-<p>Nachher bten Kthe und Elli am Flgel im Wohnzimmer
-ein Duett.</p>
-
-<p>Marga konnte unbemerkt in ihr Zimmer im Dachstock
-hinaufsteigen.</p>
-
-<p>Oben holte sie ihre Geige hervor. Sie hatte lange
-nicht gespielt. Sie war keine Knstlerin. Ihr Spiel war
-technisch nicht weit ber das hinausgekommen, was sie,
-noch ein halbes Kind, vor ihrer Erblindung gelernt hatte.
-Aber es war Musik in ihr, und diese brachte sie gerade durch
-die einfachen Mittel zu ergreifendem Ausdruck.</p>
-
-<p>Mit einer Hast, die ihr sonst fremd war, griff sie heute
-nach ihrem Instrument und stimmte es. Eine scheue Hast
-war es: sie wollte ihr bervolles Gemt in Tnen erlsen
-und hatte doch zugleich eine Scheu vor dem Unbekannten,
-das die Tne ihr aus der Seele locken wollten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[S. 94]</a></span>
-
-Ihr blonder, blasser Kopf war tief ber die Saiten gebeugt,
-und die Hand fhrte zagend den Bogen. Die
-Augen hatte sie geschlossen, den Mund zusammengepret.
-Rauhe, gebrochene Klnge holte sie aus der Tiefe herauf.
-Sie verbanden sich zu einer ungefgen, schluchzenden
-Weise, gegen die sich nur langsam aus der Hhe die Tne
-eines weichen, unendlichen Verlangens hervorwagten. Aus
-der Tiefe war es der Schmerz ihres Lebens, das so tapfer
-niedergehaltene Weh, jung zu sein und entsagen zu mssen;
-aus der Hhe war es die Sehnsucht, die laut und lauter
-mit ihrer hellen Stimme nach Ziel und Erfllung rief.
-Und je lauter dieser Ruf ward, je ungestmer er sich vordrngte
-und die Entsagung berbot, um so mehr erbebte
-und erschrak Margas Seele. Das Unbekannte, das sie
-gefrchtet hatte &mdash; da war es! Da brach es hervor, nicht
-mehr zu unterdrcken, nicht mehr zu verkennen und zu
-mideuten: sie liebte! ... Wie ein Schauer, jubelnd und
-entsetzt zugleich, wogte es ber die Saiten. Einen Augenblick
-verlor sie sich dabei. Ein zartes, fast heiteres Entzcken
-wollte sich regen. Dann ri sie mit einem grellen
-Strich ber alle Saiten ihr Spiel ab. Sie lie die Geige
-hart auf den Tisch fallen und warf den Bogen daneben.
-Sie drckte sich in die Ecke des Sofas: das
-Gesicht mit den Hnden verdeckend, duckte sie sich und
-zog sich zusammen, als wollte sie sich in sich selber verbergen.</p>
-
-<p>Nach einer Weile warf sie die Hnde hinter sich und
-spannte sie um die Lehne des Sofas. Als she sie die Gewiheit
-ihrer Empfindung auer sich, richtete sie mit allem
-Mut, den sie in sich fand, die Augen voll und fest auf
-einen fernen, brennenden Punkt. Und dieser Punkt dehnte<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[S. 95]</a></span>
-sich aus, gewann Form und Ausdruck und Leben: es waren
-Max Perthes' Zge, die sie nie gesehen, die sie nur aus
-flchtiger Beschreibung kannte, und die doch ihr inneres
-Gesicht so bestimmt gestaltete. Sie schaute und schaute.
-Die Augen gingen ihr ber vor dem offenen, klaren Ja,
-das da <em class="gesperrt">auer</em> ihr stand. Aber sie lie nicht nach und
-rang nach neuer Kraft: ebenso klar und unerbittlich mute
-das Nein <em class="gesperrt">in</em> ihr werden. Sie klammerte sich an ihren
-Stolz. Perthes liebte sie nicht. Er fhlte sich von einem
-Mdchen gefesselt, das in allen Stcken ihr Gegenbild war;
-fr das er sie verleugnete. Und sie sollte ihre heiligsten
-Empfindungen wecken, ihre tiefste Seele, ihr Bestes wegwerfen,
-nachwerfen? Niemals! Und htte ihr Stolz es
-ihr erlaubt, so htte die Vernunft es verboten. Fr sie
-gab es keine Liebe. Sie, die Blinde, durfte von keinem
-Manne, auch wenn er es wirklich ihr geboten, das Opfer
-seines Lebens annehmen. Die Entsagung hatte recht, nicht
-die Sehnsucht. Wollte sie sich lcherlich und verchtlich
-machen? Wollte sie gewissenlos sein?</p>
-
-<p>Marga prete ihre Hnde ineinander und rang sie in
-ihrem Scho.</p>
-
-<p>Sie zwang mit dem Nein ihres Willens das Ja ihrer
-Liebe. Es war, als mte sie es erwrgen, und weil es
-ein Lebendiges war, strubte es sich gegen den Tod und
-klagte und schrie, und ihre Hnde taten ihrem Herzen weh,
-ber alles Sagen und Denken weh.</p>
-
-<p>Unaufhaltsam, wider ihren Willen, lste sich Trne auf
-Trne aus ihren Augen.</p>
-
-<p>Dann war es mit einem Mal vorbei.</p>
-
-<p>Sie liebte ihn nicht. Es gab keine Liebe fr sie, und
-es gab keine Liebe ohne Gegenliebe. Vielleicht gab es<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[S. 96]</a></span>
-nicht einmal mehr Freundschaft zwischen ihr und ihm.
-Nachdem er sich so benommen wie heute am Abend.</p>
-
-<p>Marga stand auf und griff wieder nach ihrer Geige.</p>
-
-<p>Aber spielen, sich vollends freispielen &mdash; das konnte
-sie noch nicht. Sie schlo die Geige in den Kasten und
-stellte sie beiseite. Dann ging sie zu den Schwestern hinunter,
-die jetzt zu singen aufgehrt hatten und bei der
-Handarbeit im Wohnzimmer saen. Sie plauderte mit,
-so gut es ging. Und es ging besser, als sie dachte ...</p>
-
-<p>Schon am nchsten Vormittag kam Perthes vorbei.</p>
-
-<p>Es war noch immer regnerisch. Er fand Marga nicht
-im Vorgarten. Als er im Haus nach ihr fragte, wies
-ihn Therese in den Salon.</p>
-
-<p>Er mute eine gute Weile warten, ehe sie kam. Wie
-sonst wollte er ihr die Hand schtteln, doch sie reichte sie
-ihm nicht zum Gru. Sie war durchaus nicht steif und
-unfreundlich, aber von einer Gemessenheit, die Zurckhaltung
-auferlegte.</p>
-
-<p>Perthes hatte ihre uere Erscheinung meist nur obenhin
-betrachtet. Heute fiel ihm die besondere Weiblichkeit
-ihres Wesens auf, die Zge und Gebrden beherrschte:
-eine natrliche, anmutige Wrde, die durch einen Schatten
-von Trauer noch gehoben wurde.</p>
-
-<p>Sie hatte ihn mit ein paar Worten in die Glasveranda
-gebeten, die dem Salon vorgebaut war.</p>
-
-<p>Auf einem Rundtisch von schwarzem Ebenholz mit bunt
-eingelegter Platte lag ihre feine Hkelarbeit. Sie setzte
-sich und lie ihn gegenber Platz nehmen.</p>
-
-<p>Ein Scherz ber den feierlichen Empfang schwebte
-Perthes auf der Zunge. Er brachte ihn nicht hervor.
-Ihre schweigsame Ruhe war ihm unbehaglich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[S. 97]</a></span>
-
-&#8222;Warum erzhlen Sie mir nichts?&#8221; fragte Marga,
-nachdem sie einige Zeit gearbeitet hatte.</p>
-
-<p>&#8222;Ich dachte, <em class="gesperrt">Sie</em> wrden mir erzhlen. Mein Kopf
-ist heute schon ganz dumm vom Mikroskopieren. Ich wollte
-eine bestimmte Geschichte herausbekommen &mdash; die Struktur
-eines Muskelgewebes, in dem &mdash; doch das kann Sie nicht
-interessieren! Ich habe mich herumgeqult und nichts
-gefunden. Um mir wieder guten Mut zu holen, bin ich
-zu Ihnen gekommen. Was haben Sie in den letzten
-Tagen getrieben?&#8221; Er sprach hastig und zerstreut. Seine
-Finger spielten nervs auf der Tischkante.</p>
-
-<p>&#8222;Da werden Sie nichts Interessantes zu hren bekommen!
-Vorgestern sind die Schwestern und ich ber
-die Berge gegangen. Das Wetter war zu schn. Man
-konnte nicht denken, da es so wie heute kommen wrde.
-Wir waren auf dem Schweikhartshof, hin und zurck zu
-Fu. Gestern&#8221; &mdash; sie stockte &mdash; &#8222;gestern war ein Tag
-wie alle.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das tut nichts! Erzhlen Sie doch! Vom Morgen
-bis zum Abend! Gerade, wie Sie so einen Alltag verbringen,
-will ich wissen!&#8221; Es klang etwas Herrisches in
-seinen Worten, das Marga aufblicken machte. &#8222;Das mchte
-ich gern wissen,&#8221; verbesserte er sich.</p>
-
-<p>Sie gehorchte. Langsam berichtete sie die Tagesereignisse.
-&#8222;Und gegen Abend &mdash;&#8221; Hier stockte sie wieder.</p>
-
-<p>&#8222;Was war gegen Abend?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Gegen Abend gingen Elli und ich spazieren. Das
-heit, Papa schickte uns zu einem Kollegen, und wir kamen
-tchtig in den Regen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wo denn?&#8221; forschte er hartnckig.</p>
-
-<p>Jetzt hob Marga ihren Kopf mit eigentmlicher<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[S. 98]</a></span>
-Bestimmtheit auf. Sie antwortete nicht. Mit einem
-unwilligen Ruck stand Perthes auf. Beinahe htte er
-den Tisch umgeworfen. Er trat an die Scheiben und
-blickte hinunter in den Vorgarten, wo der Regen von
-den Bumen tropfte. Ungestm strich er den krausen
-schwarzen Bart und blies einen pfeifenden Laut durch
-die Lippen. Dann brach er los. &#8222;Sie wollen wissen,
-warum ich Sie und Frulein Elli nicht grte?&#8221; stie
-er wtend hervor.</p>
-
-<p>Marga fuhr emsig in ihrer Arbeit fort.</p>
-
-<p>&#8222;So fragen Sie mich doch!&#8221; knirschte er geqult.</p>
-
-<p>Als Marga keine Anstalt machte, ihm zu Hilfe zu
-kommen, ergriff er den Stuhl, auf dem er gesessen, mit
-beiden Hnden so heftig an der Lehne, da er in den
-Fugen knackte. &#8222;Ich wei ganz genau, da das so nicht
-geht. Ich war einfach dumm und feig. So ungefhr wie
-der Vogel Strau, der den Kopf in den Sand steckt, damit
-man ihn nicht sieht. Und so feig wie ein Mensch, der seine
-Freunde verleugnet, weil ...&#8221; Er vollendete den Satz
-nicht und lie sich auf den Stuhl fallen. &#8222;Sie sind in vollem
-Recht, wenn Sie mir dafr den Laufpa geben!&#8221;</p>
-
-<p>Marga hielt in ihrer Hkelei inne. Ihre Zge hatten
-sich aufgehellt. &#8222;Da Sie so ehrlich sind, braucht es das
-nicht!&#8221; sagte sie einfach.</p>
-
-<p>&#8222;Ehrlich! Ehrlich! Ich htte viel frher ehrlich sein
-sollen! Ist das Freundschaft, wenn einer dem anderen
-das Wichtigste verbirgt, was mit ihm vorgeht? Ich bin
-in das Mdchen, mit dem ich Ihnen gestern abend begegnete,
-verliebt. Wuten Sie das?&#8221;</p>
-
-<p>Marga nickte kaum merklich. Sie wute es. Und doch
-meinte sie, es erst seit diesem Augenblick zu wissen &mdash; so<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[S. 99]</a></span>
-schnitt ihr sein Bekenntnis in die Seele. Sie sah voraus,
-da er ihr jetzt sein ganzes Herz ausschtten wrde, genau
-wie damals, als sie am Gartenfest auf dem Weinberg
-beisammensaen und er seine Zerrissenheit vor ihr aufdeckte.
-Das Weib in ihr, dessen Liebe sie niedergezwungen,
-wehrte sich gegen die Qual dieses Mitwissens. Die Freundin,
-der sein Vertrauen galt, mute geduldig zuhren.
-Der Faden verwirrte sich unter ihren zitternden Fingern.
-Sie beugte sich tiefer und tiefer ber das Gewirr und
-schien ganz damit beschftigt, es zu lsen.</p>
-
-<p>Und Perthes, der von dem, was in ihr vorging, nichts
-ahnte, begann in abgerissenen Stzen, nur von sich und
-seinen Gefhlen erfllt, seine Beichte. Er schilderte, wie
-das hbsche Ufermdchen ihn gefangen genommen. Allmhlich,
-ohne da er es wute und wollte. Fester und
-immer fester. Wie er sie zuerst sah, im Stadtgarten; wie
-sie ihm mit der Musikmappe begegnete; wie er ihr Haus
-am Ufer entdeckte und immer wieder dort vorbeiging; wie
-er sie angesprochen, sie begleitet &mdash; alles schilderte er mit
-der mitleidlosen Genauigkeit eines Menschen, dem es
-wohltut, das, was er bisher in sich verschlossen, herausgeben
-zu drfen. Leidenschaftlich zeichnete er den Eindruck
-von Hilde Knigs uerer Erscheinung. Ihre leichte,
-frische Kindlichkeit; ihre mdchenhafte Zurckhaltung neben
-ihrer selbstsicheren Freiheit. Erst als er von ihrem inneren
-Wert zu sprechen anfing, wurde er ungewisser. Seine
-Unklarheit ber diesen Punkt, seine Zweifel verrieten sich
-in allgemeinen Behauptungen. &#8222;Sie ist nicht abgrndig
-tief, nicht problematisch! Sie hat sicher nicht mehr Verstand
-als tausend Frauen. Oh &mdash; Schwersinnigkeit und
-Schwerlebigkeit, damit kann ich selber aufwarten! Was<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[S. 100]</a></span>
-ich brauche, was ich bei den Frauen liebe, ist das Leichte,
-Duftige, Sonnige! Was ber die eigenen unzufriedenen
-Grbeleien forttrgt! Was das Leben, statt zu Ekel und
-Last, zum schnen Spiel macht! Es taugt nichts, wenn
-zwei schwere Naturen sich zusammentun: sie reiben sich
-wund. Ein Falter mu es sein, der zu einem Kriechtier,
-wie ich es bin, pat. Glauben Sie das nicht auch, Frulein
-Marga? Hab' ich nicht recht? Sie wissen, wie ich
-bin. Sie als Freundin &mdash; Sie mssen mir raten! Sie
-kennen ja mich und meine Unrast und Verschrobenheit.&#8221;</p>
-
-<p>Eine unbeabsichtigte, nervse Selbstironie klang durch
-seine mit Bildern berladene Sprache.</p>
-
-<p>Marga hatte es aufgegeben, den Faden ihrer Hkelarbeit
-zu entwirren. Sie hatte die Arbeit auf ihren Scho
-sinken lassen. Bewegungslos empfing sie das Gestndnis
-seiner Gefhle fr eine andere. Zwei bittere Falten verlngerten
-die Winkel ihres schmalen, zusammengepreten
-Mundes. Ihre Farbe war so durchsichtig, da man das
-Blut an den Schlfen auf- und niedersteigen sah.</p>
-
-<p>Da er seine Neigung fr diese andere so leidenschaftlich
-aussprach; da er das Mdchen mit berschwenglichen
-Farben malte und gerade vor ihr, Marga, die lockende,
-leichte uerlichkeit im Gegensatz zur Innerlichkeit, der
-sie zugehrte und als Blinde doppelt zugehrte, als sein
-weibliches Ideal in den Himmel hob &mdash; das war es nicht,
-was sie am schwersten traf. Was ihr fr den Augenblick
-alle Fassung rauben wollte und was ber ihre Kraft ging,
-war die Gewiheit, da er sich tuschte. Er tuschte sich
-ber sich selbst, denn er war der Mann nicht, der an einem
-Schmetterling dauerndes Gengen fand. Er brauchte nicht
-eine Seele, die die seine ber die Schwere der eigenen<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[S. 101]</a></span>
-Natur und den Ernst des Daseins fortgaukelte, sondern
-eine, die sich mit ihm zusammen durchkmpfte und darber
-emporhob. Er tuschte sich aber auch ber Hilde
-Knig. Wenn Marga das nicht schon vorher gewut htte:
-seine Schilderung konnte ihr keinen Zweifel darber lassen.
-Das Mdchen war nicht das unschuldige Kind, das er in
-ihr sah. Das Kind war vielmehr er, den seine praktische
-Unkenntnis weiblichen Wesens irrefhrte. Die Einfachheit,
-die er hinter ihrer schimmernden Jugendlichkeit vermutete,
-war Leere, und die selbstsichere Freiheit wurzelte
-in einem khlen, berechnenden Herzen. Und er mute
-seine Tuschung behalten. Sie, die Freundin, durfte
-nicht reden. Dazu hatte sie kein Recht, weder vor
-ihm noch vor dem Mdchen, das er liebte. Das war es,
-was Marga vor Schmerz und Bitterkeit erstarren machte;
-sie noch immer schweigen und bewegungslos dasitzen lie,
-als er lngst geendigt hatte.</p>
-
-<p>&#8222;Sie sagen ja gar nichts! Reden Sie doch! Ich will
-wissen, wie Sie darber denken!&#8221; drang Perthes vorwurfsvoll
-in sie. &#8222;Kennen Sie Hilde Knig?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nein, ich kenne sie nicht,&#8221; kam es leise von Margas
-Lippen. Sie sagte nicht die volle Wahrheit, aber sie konnte
-nicht anders.</p>
-
-<p>&#8222;Ich habe sie Ihnen geschildert. Sie knnen sich gewi
-ein Bild von ihr machen, Frulein Marga.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Auch das nicht!&#8221; gab sie noch leiser zurck. Sie war
-fest entschlossen, sich kein Urteil von ihm abzwingen zu
-lassen. Der Gedanke, da sie dem Mdchen unrecht tun
-und die entfernteste Eifersucht ihre Meinung trben knnte,
-bestrkte sie nur in ihrem Vorsatz.</p>
-
-<p>&#8222;Aber raten knnen Sie mir doch! Sie kennen mich!<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[S. 102]</a></span>
-Sie mssen beurteilen knnen, ob ein Geschpf, wie ich
-es Ihnen schilderte, das ist, was ich brauche. Ob Sie
-glauben, da ich auf der rechten Fhrte bin und mein
-Glck finden kann. Sie predigen mir ja immer, ich soll
-mich mehr auf mein Gefhl verlassen als auf meinen
-Verstand!&#8221;</p>
-
-<p>Marga htte ihm antworten knnen, was sie ihm krzlich
-geantwortet hatte: da es Gefhle gbe, die unter
-den Gedanken, und andere, die ber ihnen stnden; aber
-sie wollte nicht. &#8222;Wenn Sie Ihres Gefhls so sicher sind,
-brauchen Sie meinen Rat ja gar nicht,&#8221; sagte sie ausweichend.</p>
-
-<p>&#8222;Und das heien Sie Freundschaft? Verzeihen Sie,
-Frulein Marga, aber jetzt sind wir quitt. Sie verleugnen
-mich innerlich genau so, wie ich es gestern uerlich tat!&#8221;
-In unwillkrlicher Erregung schlug er mit dem Absatz
-mechanisch auf den Fuboden. Seine groen, braunen
-Augen schossen zornige Blitze auf ihr Antlitz, in das die
-verborgene Qual dieser Stunde trotz aller Beherrschung
-mehr und mehr ihre Zeichen grub. Wre er weniger
-nur mit sich beschftigt gewesen, so htte ihm ihre
-Vernderung nicht entgehen knnen. So wiederholte
-er nur noch ingrimmiger: &#8222;Und das heien Sie Freundschaft?!&#8221;</p>
-
-<p>Marga straffte sich in ihren Stuhl zurck. Die Hrte
-seines Vorwurfs gab ihr einen Teil ihrer Kraft wieder.
-Doch ehe sie antworten konnte, fuhr er aufgeregt fort:
-&#8222;Ich, der Freund, habe Ihnen mit einer Offenheit, wie
-ich sie sonst keinem Menschen zeige, gesagt, wie es um
-mich steht, und Sie, die Freundin &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich, die Freundin,&#8221; unterbrach ihn Marga mit bebender<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[S. 103]</a></span>
-Stimme, &#8222;bin so offen wie Sie. Deshalb sage ich
-Ihnen: Was Sie von mir fordern, geht ber die Freundschaft.
-Und wenn Sie mir dafr Ihre Freundschaft aufsagen
-wollen, Doktor Perthes! Was Sie von mir verlangen,
-kann keine Frau einem Mann erfllen. ber
-Ihre Liebe mssen Sie selber mit sich einig werden. So
-wenig ich Ihr Leben fr Sie leben kann, ebensowenig
-kann ich mich fr diese Liebe verantwortlich machen. Aus
-Klugheit kann ich das nicht. Aus Selbstachtung nicht.
-Und aus Achtung vor Ihnen nicht!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes sah sie mit aufgerissenen Augen verwundert
-an. Die Gegenwehr, zu der sich ihr gemartertes Herz
-aufgerafft, um sich von dem Unmglichen zu befreien, mit
-dem er sie peinigte, gab ihren Worten einen Ton von so
-leidenschaftlicher, bitterer Entschlossenheit, da er sie kaum
-mehr erkannte. Eine strmische Blutwelle hatte ihr Gesicht
-mit jher Rte bergossen. Ihr Mund, ihre Stirn
-zuckte von schmerzlichen Falten. In ihren Augen glomm
-es wie ein Funke des Sehens. Dann sank sie erschpft
-in ihre frhere Regungslosigkeit zurck.</p>
-
-<p>Ein so schlechter Beobachter Perthes bis jetzt gewesen:
-fr einen Moment war es ihm, als risse der Blitz eine
-meilenferne, ungeahnte Landschaft in sein Gesichtsfeld.
-Ob diese Blinde mehr fr dich empfindet, als du ahnst?
-Ob sie dich liebt? &mdash; Eine Sekunde nur, und die Vermutung,
-die ihm unsinnig dnkte, war ausgelscht. Nur
-der Respekt vor ihrem unbeugsamen Willen erfllte ihn
-und dmpfte seinen rger. Seine Verstimmung kehrte
-sich gegen ihn selbst.</p>
-
-<p>&#8222;Lassen wir's gut sein! Ich berspanne die Pflicht
-der Freundschaft, wie ich alles berspanne. Ich werde<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[S. 104]</a></span>
-ein andermal anspruchsloser sein, Frulein Marga.&#8221; Er
-hatte sich erhoben und verabschiedete sich.</p>
-
-<p>Der Druck seiner Hand kam Marga khl und abwesend
-vor. Sie htte ihn gern wie sonst nach der Tr begleitet.
-Aber ihre Kraft reichte nicht aus.</p>
-
-<p>Als er lngst gegangen war, sa sie noch immer reglos
-und ohne die Arbeit wieder aufzunehmen an dem eingelegten
-Ebenholztisch in der Glasveranda. Der Regen
-schlug dumpf gegen die Scheiben. Eine starre Gleichgltigkeit
-und de lhmte ihre Sinne und Gedanken. Mochte
-die Freundschaft zu Ende sein &mdash; was lag ihr noch daran!
-Sie hatte nicht anders gekonnt ...</p>
-
-<p>Es sah allerdings danach aus, als sei es nach dieser
-grundstzlichen Auseinandersetzung mit der erst vor einigen
-Wochen geschlossenen Freundschaft tatschlich zu Ende.
-Tag um Tag verging, ohne da Perthes sich wieder im
-Haus am Wenzelsberg sehen lie. Fr Marga war es
-eine Zeit voll Sorgen und Selbstanklagen. Das qulerische
-Auf und Ab und Hin und Wider ihres Herzens ermdete
-sie so, da sie bisweilen am hellen Tag von einem
-kurzen, erquickungslosen Schlaf befallen wurde. Hundertmal
-wiederholte sie sich, was sie an jenem kritischen Vormittag
-gesprochen und wie sie sich voneinander getrennt
-hatten. Jedes seiner Worte, jedes der ihren wog sie ab
-und wandte es nach beiden Seiten. War sie zu schroff
-gewesen? Hatte sie nicht doch mit ihrer strengen Scheidung
-von mein und dein die Pflicht der Freundschaft
-verletzt? Sie mute ihm lieblos und egoistisch vorgekommen
-sein. Er konnte die Beharrlichkeit nicht verstanden haben,
-mit der sie ihm ihren Rat verweigerte. Warum sagte sie
-nicht ehrlich: Sie irren sich ber das, was Sie brauchen!<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[S. 105]</a></span>
-Sie tuschen sich ber sich selbst und ber das Mdchen,
-das Sie zu lieben meinen. Ihre Tiefe braucht nicht Oberflche,
-sondern wieder Tiefe. Sie brauchen ... Margas
-Gedanken stockten. Es berfiel sie wie Scham; als htte
-sie gesprochen, was sie nicht durfte, das Geheimnis ihrer
-Liebe preisgegeben, ihm zugerufen: Mich, mich brauchst
-du! Ich verstehe dich besser, als du dich selbst verstehst!
-Ich kann dir aus meiner Stille und Klarheit die deine
-finden helfen &mdash; &mdash; Wie? Sie htte sich angeboten?
-Sie, Marga, die Stolze, Verschlossene und Einsame!
-Schande, Schande, es nur zu denken! Nicht ein Wort
-durfte ihn auf den Gedanken ihrer Liebe bringen. Sie
-hatte schweigen mssen. Die Pflicht, die sie vor sich selbst
-hatte, war und blieb die hhere, und wenn sie daran
-verbluten sollte ...</p>
-
-<p>Wenn sich Marga so immer wieder zum selben Ergebnis
-durchkmpfte &mdash; die Sorge um Perthes konnte
-sie damit nicht verbannen. Sie wuchs mit jedem weiteren
-Tag, den er fernblieb. Das untrgliche Ferngefhl, das
-ihre Seele wie einen Ersatz fr die erloschenen Augen in
-ihr ausgebildet hatte, war seltsam wach in ihr: die Enttuschung
-ber Hilde Knig mute unaufhaltsam ber ihn
-kommen. Vielleicht war sie schon da, und Perthes war
-unter den Trmmern seiner hochgestimmten Hoffnungen
-niedergebrochen. Malos, wie er war, mute die Ernchterung
-alles in ihm umstrzen. Wohin ihn dann seine
-Leidenschaftlichkeit trieb &mdash; wer konnte es ausdenken?
-Marga sah sich von einer grausamen Furcht gepackt. Sie
-forschte nach allen Seiten, um unauffllig eine Nachricht
-ber ihn zu erhaschen.</p>
-
-<p>Es war wenig und widersprechend genug, was sie erfuhr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[S. 106]</a></span>
-
-Elli und Kthe lebten und webten in den Vergngungen
-des Sommersemesters. Bald war es eine Damenkneipe,
-zu der die Erlaubnis dem alten Herrn abgelistet werden
-mute, bald ein Stiftungsfest mit Ausfahrt oder ein verspteter
-musikalischer Tee &mdash; eine Neuerung im gesellschaftlichen
-Leben, die Vater Richthoff grimmig verabscheute.
-Begreiflich, da die beiden jungen Mdchen dabei
-von ihren Gedanken und Empfindungen, von &#8222;ihren&#8221;
-Herren zu erfllt waren, als da sie auf Doktor Perthes,
-den man ja doch nirgends traf, geachtet htten. Elli wollte
-ihn in einem weien Tennisanzug gesehen haben: vielleicht
-gehrte er neuerdings zu dem Sportklub, in dessen
-Mittelpunkt Frulein Exzellenz, Alice Hupfeld, stand. Es
-war dies ein Kreis, der dem Richthoffschen so fern stand,
-da er ihn trotz der akademischen Beziehungen kaum berhrte.
-Ein andermal berichtete Kthe, Perthes htte
-seine Spaziergnge in der Uferstrae so gut wie ganz aufgegeben.
-Das hatte sie von ihrer Freundin Lizzie gehrt,
-die ja dort wohnte. Endlich war er mit Hilde Knig
-eines Abends im Stadtgarten gesichtet worden. Lauter
-Nachrichten, die Marga nur hin und her rissen, zu Vermutungen
-brachten, die sich nicht zusammenreimen lieen,
-sondern sie nur noch unruhiger und trauriger machten.</p>
-
-<p>Die dritte Woche war angebrochen.</p>
-
-<p>Perthes kam so wenig wie in den beiden vorigen.</p>
-
-<p>Nun fiel sein Ausbleiben auch den Schwestern auf.
-Kthe bemerkte gelegentlich zu Marga, die Mediziner
-wren eben doch &#8222;immer&#8221; unzuverlssig. Elli, die aus ihrer
-Neigung fr Wilkens heraus etwas von Margas Kummer
-witterte, erklrte, von der altklugen Weisheit Kthes angesteckt,
-ein Mann, der sie wegen eines anderen Mdchens<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[S. 107]</a></span>
-nicht grte, wre ihr so viel wert: sie blies hchst geringschtzig
-ber ihren Handrcken. Dann schlo sie unvermittelt
-Marga in die Arme, kte sie und versicherte: &#8222;Ich,
-Margakind, ich bin eben doch dein einziger, getreuester
-Liebhaber! Das merk dir und verrate mich nicht fr
-solche Bazillengucker!&#8221; Der Spa war harmlos und ehrlich
-gemeint. Da er dabei so herzhaft weh tat, ahnte
-Elli nicht von ferne.</p>
-
-<p>Und zu guter Letzt lie sich bei einem Mittagessen
-sogar der Geheimrat vernehmen: &#8222;Was macht denn dein
-&mdash; dein &mdash; na, wie heit er denn? Der Sparafantel aus
-Hemsbach, der dich unterrichten wollte?&#8221;</p>
-
-<p>Marga zuckte die Achseln. Ehe sie antworten mute,
-fiel dem alten Herrn glcklicherweise eine Briefschuld an
-Schlutius in Bonn aufs Herz. Darber verga er vllig,
-seine Frage zu erneuern. &mdash;</p>
-
-<p>Gegen den ihr sonst so lieben Platz im Vorgarten hatte
-Marga eine merkwrdige Abneigung bekommen. Als Tag
-um Tag verstrich, ohne da Perthes mit seinem eiligen
-Schritt die Treppe heraufkam, um sich neben sie unter
-die Kastanien zu setzen, wurde ihr der Ort, der Zeuge
-freundlicher Stunden gewesen war und jetzt ihre Erwartung
-immer aufs neue trog, unertrglich. Sie zog es vor,
-die Zeit, in der sie sich selbst berlassen blieb, in der Geiblattlaube
-zuzubringen, am Ende des Blumengartens,
-dort, wo die ersten Stufen zu den Obstbumen fhrten.</p>
-
-<p>Es war ein besonders warmer, fast schwler Vormittag,
-als sie dort, wie gewhnlich, sa. Sie hatte eins ihrer
-Blindenbcher mitgenommen, von denen sie eine kleine
-Bibliothek besa, die zu Weihnachten oder zum Geburtstag
-ihre stetige Ergnzung erfuhr. Der groe, beleibte<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[S. 108]</a></span>
-Band &mdash; Storms &#8222;Schimmelreiter&#8221; &mdash; nahm aufgeschlagen
-beinahe die Hlfte des Tisches ein. Ihre Finger tasteten
-von Punkt zu Punkt, und ihre Lippen lasen leise mit.</p>
-
-<p>Im Schatten der dichtgewachsenen Bltter, die das
-Sonnenlicht zu einer goldgrnen Dmmerung dmpften,
-sa es sich gut. Die schwermtige Versonnenheit der
-Erzhlung wirkte beruhigend auf Margas wunde Seele.
-Sie war so in ihr Lesen vertieft, da sie berhrte, wie
-jemand vom Hof heraufkam. Elli kehrte von der Stadt
-zurck. Den rosenumrankten Strohhut, der schief und keck
-ber dem krausen blonden Haar sa, hatte sie in den
-Nacken zurckgeschoben, und das erhitzte Gesicht fchelte
-sie mit dem Taschentuch.</p>
-
-<p>&#8222;Uff! ich sag' dir, Margakind, das ist eine Hitze &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Marga sah auf und schob ihr Buch zurck.</p>
-
-<p>&#8222;Unausstehlich!&#8221; fuhr Elli fort, whrend sie sich neben
-sie auf die Bank setzte. &#8222;Du hast's gut hier im Schatten.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wo warst du denn?&#8221; fragte Marga.</p>
-
-<p>&#8222;Im Bad. Kstlich! Ich schwimme jetzt wie ein Fisch.
-Am liebsten htt' ich gleich den ganzen Flu ausgetrunken.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und dann hast du dich so hei gerannt? Das ist aber
-tricht, Kleinchen!&#8221; meinte Marga, whrend sie Ellis
-Wangen berhrte. &#8222;Du glhst ja wie ein Backofen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ach was, dafr bring' ich dir auch eine Neuigkeit mit!
-Rate mal, was!&#8221;</p>
-
-<p>Marga konnte nichts erraten.</p>
-
-<p>&#8222;Es hat sich jemand verlobt,&#8221; half Elli. &#8222;Schon vor
-drei Tagen hat es in der Zeitung gestanden, und wir
-haben's bersehen. Rate, wer!&#8221;</p>
-
-<p>Marga schttelte den Kopf. &#8222;Kenn' ich den &#8218;Jemand&#8219;
-berhaupt?&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[S. 109]</a></span>
-
-&#8222;O &mdash; ich glaube wohl!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ist es eine von deinen oder von Kthes Freundinnen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nein, durchaus nicht. Auch keine von deinen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wo wohnt sie denn?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Am Flu. In der Uferstrae. Jetzt mut du doch
-dahinterkommen!&#8221;</p>
-
-<p>Marga schrak unwillkrlich zusammen und erbleichte.
-&#8222;Hilde Knig?&#8221; fragte sie tonlos.</p>
-
-<p>&#8222;Erraten!&#8221; rief Elli. &#8222;Aber mit wem? Das errtst
-du noch viel weniger. Das &mdash;&#8221; Elli hielt in ihrem lustigen
-Bericht inne.</p>
-
-<p>Marga hatte alle Farbe verloren. Ihre Hnde zitterten,
-und ihr Kopf bog sich zurck, bis er an der Wand der Laube,
-zwischen den Blttern einen Halt fand. Die Augen waren
-geschlossen, und die Lippen rangen nach Luft.</p>
-
-<p>Elli war aufgesprungen. Bestrzt schob sie ihr die
-Arme um die Schultern.</p>
-
-<p>&#8222;Aber Margakind! Was hast du denn? Was machst
-du denn? So sei doch verstndig!&#8221;</p>
-
-<p>Pltzlich scho ihr die Erklrung durch den Sinn. Sie
-erriet, welchen Namen Marga zu hren frchtete, und
-begriff das ganze, ngstlich behtete, schwere Geheimnis
-der Schwester.</p>
-
-<p>&#8222;Aber nein! nein! nein!&#8221; rief Elli und umschlang sie
-noch fester. &#8222;Nicht mit dem! Nicht mit Doktor Perthes!
-Ganz gewi nicht! Mit einem Gymnasiallehrer, den du
-gar nicht kennst! Du kannst mir's glauben, Margakind!
-Ich wollte nur einen Scherz machen! Ich hatte ja keine
-Ahnung, da &mdash;&#8221; Sie bedeckte sie mit Kssen. Sie war
-unglcklich, den Trnen nahe, emprt ber sich und
-ihre Plumpheit und verwirrt durch das Neue, Unerwartete,<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[S. 110]</a></span>
-das ihr die Erschtterung der Schwester zu
-verstehen gab.</p>
-
-<p>Marga schlug langsam die Augen wieder auf. Sie
-zitterte noch immer. Aber sie versuchte zu lcheln. &#8222;Wie
-dumm ich bin!&#8221; flsterte sie. &#8222;So &mdash; schwach zu sein!&#8221;
-Sie richtete sich auf und lste sanft Ellis Arme von ihrem
-Nacken. Eine rhrende Mischung von Verlegenheit und
-Hilflosigkeit malte sich in ihrem Gesicht.</p>
-
-<p>Elli zog sie aus der Laube. &#8222;Komm! Komm! Im
-Hof ist's jetzt wundervoll khl. Da gehen wir auf und
-ab!&#8221; Sie nahm Margas Arm und legte ihn sich um die
-Hfte. Ihr ganzes berstrmendes Herz war erwacht.
-Sie drngte sich, zutraulich wie ein kleiner Vogel, an
-Marga und suchte ihr teilnehmendes Verstehen durch verdoppelte
-Zrtlichkeit auszudrcken. Obwohl ihr tausend
-Fragen auf den Lippen schwebten, die zu unterdrcken
-fr ihre Quecksilbernatur kein leichtes war, wartete sie
-eine gute Weile und schritt, Seite an Seite mit Marga,
-schweigend im schattigen Hof auf und ab. Dann drckte
-sie ihr den Arm. &#8222;Ich versteh' dich ganz, Marga! Du
-brauchst mir, wenn du nicht willst, kein Wort zu sagen.
-Ich versteh' dich und achte dich. Und was wir da in der
-Laube sagten und fhlten, gehrt nur uns beiden allein!
-Ich denke mir nichts und erinnere dich nie daran. Husch
-&mdash; ist es fort. Ich wei nichts mehr davon!&#8221;</p>
-
-<p>Marga schttelte den Kopf. &#8222;Nein, nein, Elli!&#8221; meinte
-sie ernsthaft. &#8222;Wenn ich mich schon verraten mute, war's
-bei dir am besten. Denn zu dir hab' ich das meiste Vertrauen.&#8221;
-Es war ihr eine Erleichterung, zu reden. Die
-Qual der letzten Wochen, die ihr Inneres um und um
-gewhlt hatte, verlangte danach, sich auszustrmen. Erst<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[S. 111]</a></span>
-scheu und zaudernd, dann tapfer und rckhaltlos enthllte
-sie das Geheimnis ihrer Liebe; wie sie sie entdeckt und
-niedergekmpft hatte; wie sie sie fr immer in sich verbergen
-und niederhalten wollte und mute. Ihr Stolz
-und ihre Besonnenheit krftigten sich wieder, whrend sie
-erzhlte.</p>
-
-<p>Elli hrte zu, ohne sie zu unterbrechen. Sie war glcklich
-darber, Margas Vertraute zu werden. Ihre Liebe
-zu Wilkens, die ja doch auch, freilich mit einem greren
-Recht auf Wirklichkeit, in eine noch recht ferne Zukunft
-baute, wollte die hoffnungslose Entsagung fr niemanden
-gelten lassen. Wenn man bisher stillschweigend immer
-nur angenommen hatte, Marga msse ihren Weg durchs
-Leben allein gehen, so war das schlielich noch kein unumstlicher
-Beweis, da das Leben es doch nicht anders
-wollte. Und als Marga ihr Gestndnis beendigt hatte,
-da lie Elli ihrem frhlichen Optimismus voll die Zgel
-schieen: nicht nur aus Mitgefhl, sondern in der ehrlichen
-berzeugung und in dem heien Wunsch, auch die
-Schwester, gerade sie in ihrer Dunkelheit, knne und msse
-lieben drfen und geliebt werden. Ihre jugendliche Phantasie
-ersann einen ganzen Roman, den sie glaubte und
-glauben machen wollte. Und Marga, auch wenn sie unglubig
-blieb, hielt sich doch mit geheimem Entzcken an
-diesen Zuspruch. Ist ja doch kein Menschenherz, und zumal
-kein junges, so untrstlich dster, da es nicht in seinem
-verborgensten Winkel mit einem Stubchen Hoffnung
-spielte! Mehr und mehr erschlo sie sich dem Vertrauen,
-das sich ihr bot. Auch ihre Angst um Perthes, ihre Sorge,
-er mchte sich, wenn er nun die Verlobung Hilde Knigs
-erfuhr, in seiner Verzweiflung verlieren, teilte sie mit Elli.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[S. 112]</a></span>
-
-Und das Kleinchen riet khn und praktisch, was Marga
-selbst sich nicht zu raten wagte. &#8222;Weit du was? Du
-mut ihm einfach schreiben!&#8221; platzte sie siegesgewi heraus.</p>
-
-<p>&#8222;Aber das geht ja nicht!&#8221; wandte Marga zaghaft ein.</p>
-
-<p>&#8222;Das geht nicht? Warum? Ich &mdash; ich, ja weit du,
-ich schreibe natrlich nie an Wilkens.&#8221; Elli wurde ein
-bichen rot, weil ihr einfiel, da sie doch schon geschrieben.
-&#8222;Aber das ist ja ganz was anderes! Unsereiner soll nun
-mal nicht an Herren schreiben. Dafr sehen und sprechen
-wir uns fter. Und du &mdash; bei dir ist das berhaupt ein
-Ausnahmefall! Du bist ein ganz anderer Mensch als wir.
-Du kannst dir ruhig das Recht nehmen. Auch als Freundin!
-Er kann's sogar beinahe von dir erwarten. Du mut
-schreiben, Margakind! Glaub mir, du mut!&#8221;</p>
-
-<p>Vom Ezimmer klang Hndeklatschen. Kthe erschien
-in der Tr. &#8222;Aber wo steckt ihr denn? Es ist ja Essenszeit!
-Schnell! Schnell!&#8221;</p>
-
-<p>Und Papa Richthoffs Stimme schallte paschahaft-unwirsch
-hinterdrein: &#8222;Was ist das fr 'ne Wirtschaft! Ich
-soll wohl die Damen zu Tisch bitten?&#8221;</p>
-
-<p>Marga und Elli eilten, was sie konnten, ins Haus und
-zu Tisch.</p>
-
-<p>Whrend des Essens hatte Marga Zeit, sich Ellis Rat
-zu berlegen. Sie sah auch den Ausweg, zu schreiben, als
-den besten an. Die Bedenken, die ihr Gewissen nicht
-wegrumen konnte, beschwichtigte Ellis berzeugende
-Rabulistik. berdies streichelte und zupfte das Kleinchen
-sie heimlich mehr als einmal unter dem Tisch und tuschelte
-ihr zu: &#8222;Es bleibt dabei. Du mut! Gleich nachher!&#8221;</p>
-
-<p>Bis der alte Herr, der in seiner Kaisergeschichte gerade
-bei der Verschwrung des Parthenius und Stephanus gegen<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[S. 113]</a></span>
-Domitian war, energisch brummte: &#8222;Keine Verschwrungen
-bei Tisch! Das lieb' ich nicht, Mamsell Plappertasche!&#8221;</p>
-
-<p>Kaum war die Mahlzeit vorbei, so verwickelten sich
-Elli und Kthe ber eine selbst zu schneidernde Bluse in
-die dringendste Unterredung, der eine weitlufige Anprobe
-folgen mute.</p>
-
-<p>Der alte Herr ging in den Weinberg, um die gewohnte
-Besichtigung auf Unkraut und Schnecken vorzunehmen,
-ehe die Sprechstunde begann. Eine Sprechstunde, die
-jetzt, mitten im Semester, meist in eine Ruhestunde berging,
-wovon jedoch niemand etwas wissen durfte.</p>
-
-<p>Marga hatte also Zeit und Gelegenheit, in der Dachstube
-oben den groen Schritt zu wagen.</p>
-
-<p>Eine Weile sa sie unschlssig vor ihrem Briefbogen.
-Allerhand Formbedenken wollten in ihr aufsteigen. Es
-war doch immerhin furchtbar schwer und ungewhnlich,
-da sie an einen Herrn schreiben sollte. Dann berwand
-ihr natrlicher und gesunder Wille diese Kleinlichkeiten.
-Was hatte auch all das neben dem Ernst ihres Gefhls
-und der peinigenden Ungewiheit ber des Freundes Zustand
-zu bedeuten! Sie setzte Punkt an Punkt und schrieb,
-wie es das Herz ihr eingab:</p>
-
-<p>
-&#8222;Lieber Herr Perthes!<br />
-</p>
-
-<p>Sie kommen nicht mehr zu mir. Also komme ich mit
-einigen Zeilen zu Ihnen. Ihre Freundin ist in Sorge
-um Sie. Wenn Sie ihr noch bse sind, weil sie Ihnen
-neulich nicht raten wollte, so geben Sie ihr jetzt Gelegenheit,
-ihre Widerspenstigkeit gutzumachen und mit Ihnen
-zu reden. Mir ist, als knnte ich Ihnen ein ganz klein
-wenig helfen, wie es die Freundschaft soll und mu.</p>
-
-<p>
-Marga Richthoff.&#8221;<br />
-</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[S. 114]</a></span>
-
-Kaum war Marga fertig, so erschien Elli. Sie bernahm
-es, die Adresse zu schreiben.</p>
-
-<p>Dann wirbelte sie wie der Wind davon und steckte
-mit dem Hochgefhl, bei einer Grotat mitgeholfen zu
-haben, den Brief an der nchsten Ecke in den Kasten.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c5" id="c5">5</a></h2>
-
-
-<p>Frulein Rosa Eschborn, Doktor Perthes' Mietswirtin,
-war an allerhand Logiergste gewhnt.</p>
-
-<p>In den fnfzehn oder zwanzig Jahren, in denen sie
-das schmale, dreistckige Haus auf der Altstadtseite des
-Flusses besa, hatte sie es lngst aufgegeben, an ihre
-Mieter andere als sehr allgemeine Anforderungen zu
-stellen. Sie muten leidlich pnktlich bezahlen. Sie
-durften ihre Mbel nicht kurz und klein schlagen. Sie
-muten ihre Liebschaften vor der Tr lassen. Das waren
-die goldenen Grundregeln des langen, drren Fruleins
-mit dem wachsgelben Gesicht unter den plattgeklebten,
-grauschwarzen Haarstrhnen und dem Spitzenhubchen,
-mit den leidenschaftslosen Augen und der ewigen, erdbeerfarbenen
-Matinee, von der man sich, so sauber sie war,
-niemals denken konnte, da sie neu gewesen. Was ber
-die Grundregeln ging, mochten die Herren mit sich selber
-ausmachen. Sie zuckte mit keiner Miene, wenn Herr
-Mller bis Mittag hinter seiner Tr schnarchte; wenn Herr
-von Maier, ein Korpsfuchs, bisweilen aus Versehen oder
-in alkoholischer Benommenheit auf der Treppe schlief;
-wenn Herr Schmidt die Beine zum Fenster hinausbaumeln
-lie, die Zigarettenstummel auf den Boden warf, Kleider
-und Wsche wie Kraut und Rben im Zimmer durcheinanderstreute.<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[S. 115]</a></span>
-All das ertrug und ordnete sie mit ergebenem
-Gleichmut. Ihre stille Genugtuung, ihr sittlicher Halt war
-das eine, da sie nicht so, da sie besser war. Nicht nur
-als ihre Mieter, sondern als die gesamte Welt. Um dessen
-ihren Herrgott zu versichern, war sie von einer gewissen
-stereotypen Frmmigkeit, die keine Predigt und keine Betstunde
-versumte.</p>
-
-<p>Es mute mit einem ihrer Mieter schon seine ganz
-besondere Bewandtnis haben, wenn Frulein Eschborn
-sich zu wundern oder gar zu beunruhigen anfing.</p>
-
-<p>Dieser Sonderfall war nun aber mit dem Herrn auf
-Nummer eins &mdash; so hie die luftige Stube im dritten
-Stock mit der wie ein Vogelnest unters Dach geduckten
-Veranda &mdash; eingetreten. Er war nmlich seit drei Tagen
-nicht zurckgekehrt.</p>
-
-<p>Am ersten Tag hatte das Frulein gedacht, er schliefe.
-Es gab welche, die schliefen vom Abend bis zum Abend
-und die folgende Nacht durch. Solche Exemplare kamen
-vor. Wenn sie kein Frhstck und sonst nichts begehrten,
-so war das ihre Sache. Am zweiten Tag gegen Mittag
-klopfte die Eschborn an die Tr. Dreimal hintereinander.
-Als kein &#8222;Herein!&#8221; ertnte, berwand sie ihre jungfruliche
-Scheu, klinkte, fand die Tr offen und steckte den
-Kopf mit dem Spitzenhubchen schnffelnd in die Stube.
-Da sie nichts wahrnahm, was sie aufklrte, drang sie gegen
-den Alkoven vor. Das Bett stand unberhrt. Frulein
-Eschborn schttelte den Kopf. Am dritten Tag wiederholte
-sie dasselbe Manver mit demselben Erfolg. Diesmal
-hielt sie ein kleines Selbstgesprch, ffnete ein Fenster
-und sah ziemlich verdutzt auf den Flu hinunter. Ihr
-Gleichmut wankte. Sie ging den Schatz ihrer Erfahrungen<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[S. 116]</a></span>
-durch, aber er lie sie im Stich. Anno 1903 war einer
-gewesen, der auf zwei Tage zu Verwandten gereist war,
-ohne sie zu benachrichtigen. 1899 hatte einer, ein russischer
-Chemiker, vom Laboratorium weg pltzlich in die Klinik
-gemut, um sich operieren zu lassen. Der hatte nach anderthalb
-Tagen nach Wsche geschickt. Soweit sie die Lebensgewohnheiten
-ihres Mieters von Nummer eins berhaupt
-kannte, war er nicht der Regelmigste. Trotzdem &mdash; das
-ging ber alles Dagewesene &mdash; drei Tage spurlos verschwunden!
-Frulein Eschborn stellte vertiefte Betrachtungen
-an. Sie ging im Geist ihre Grundregeln durch.
-Keine war verletzt. Aber die erste vom Bezahlen schien
-jetzt in gewisser Gefahr. Konnte der Doktor sich franzsisch
-verabschiedet haben? Dagegen sprach, da er sein Hab
-und Gut, sogar Mantel, Stock, die ntigsten Dinge, zurckgelassen
-hatte. Doch &mdash; mochte es sein, wie es wollte &mdash;
-sie entschlo sich, an Aufklrung zu denken.</p>
-
-<p>Sie ging nach dem Bakteriologischen Institut, denn
-sie entsann sich, da Perthes von dort einmal den Diener
-gesandt hatte.</p>
-
-<p>Niemand, weder der Hauswart, noch der erste Assistent,
-noch Professor Hammann, wute etwas von seinem Verbleib.
-Markwaldt hatte nur die trstliche Auskunft: &#8222;Das
-verdrehte Huhn wird wieder mal seinen Laufkoller gekriegt
-haben!&#8221;</p>
-
-<p>Frulein Eschborn war nicht befriedigt. Sie ging auf
-dem Rckweg ins Caf Wagner, wo ihr Mieter zu essen
-pflegte. Der Doktor war dort seit vier Tagen nicht gesehen
-worden.</p>
-
-<p>Die Angelegenheit komplizierte sich.</p>
-
-<p>Gegen ihre Gewohnheit konferierte das Frulein mit<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[S. 117]</a></span>
-Perthes' Zimmernachbar, einem Referendar am Amtsgericht.
-Der gab ihr auf Grund seiner juristischen Kenntnisse
-den Rat, auf die Polizei zu gehen. Diesen uersten
-Schritt verschob die Eschborn auf den kommenden Morgen.
-Ihr zwar erschtterter, aber noch immer achtungswerter
-Gleichmut strubte sich gegen solche Exzentrizitten. Auch
-hielt sie die Polizei fr die natrliche Feindin aller anstndigen
-Menschen.</p>
-
-<p>Und ihr Gleichmut behielt recht.</p>
-
-<p>Am folgenden Morgen, als sie in der Kche die ntigen
-Liter Wasser mit einem Aufgu von Kaffeebohnen und
-reichlicher Zichorie versetzte, wurde die Tr aufgestoen,
-und Doktor Perthes erschien in einem Aufzug, der mehr
-als abgerissen war, auf der Schwelle. Der Lodenhut sa
-wie ein Fetzen ber den zerzausten Haaren, und das Gesicht
-starrte bla und bernchtig aus dem wirren Bart.
-Die weien Sportschuhe waren ber und ber mit einer
-Kruste von Schmutz bedeckt. Der weie, leichte Tennisanzug
-hatte sich grau und braun meliert.</p>
-
-<p>Frulein Eschborn prallte erschrocken zurck. Sie wollte
-eben versichern, da sie im Lokalwohlttigkeitsverein sei
-und keinen Pfennig gebe, als der Doktor rauh und herrisch
-nach Kaffee verlangte.</p>
-
-<p>Sie fate sich. Ohne eine Frage zu wagen, go sie
-ihm eine Tasse ein.</p>
-
-<p>Perthes trank sie in einem Zuge leer. Ebenso eine
-zweite. Mit einem barschen &#8222;Bin fr nichts und niemand
-zu sprechen!&#8221; machte er kehrt und stieg die Treppe hinauf.</p>
-
-<p>Frulein Eschborn dachte einen Augenblick betroffen
-ber die Erscheinung nach. Sie schttelte auch noch ein
-letztes Mal den Kopf. Dann war sie froh, da keine<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[S. 118]</a></span>
-Grundregel mehr in Gefahr war, zog sich in ihre jungfruliche
-Selbstgerechtigkeit zurck und legte den Fall zu
-den Akten ihrer Erfahrung.</p>
-
-<p>Oben in seinem Zimmer warf sich Perthes, nachdem
-er die Schuhe in eine Ecke geschleudert, wie er war, auf
-sein Bett. Vllig erschpft fiel er in einen bleischweren
-Schlaf.</p>
-
-<p>Erst gegen Abend weckte ihn ein tiefer, langhallender
-Donnerschlag. Er richtete sich auf und rieb sich die Augen.
-Drauen scho der Regen in langen, glitzrigen Fden hernieder.
-Fahle Wolken schoben sich trge ber und an den
-Bergen entlang. Ein Hauch feuchter Luft quoll erquickend
-durchs offene Fenster herein.</p>
-
-<p>Langsam kehrte in Perthes die Erinnerung an die
-letzten Tage zurck. Er setzte die Geschehnisse, eines ums
-andere, in seinem Gedchtnis zusammen. Wie ein wunderseltener,
-tausendstrahliger Kristall, der mit jeder Stunde
-an Wert und Schnheit wuchs und sein Verlangen steigerte
-&mdash; so war die Liebe zu Hilde Knig, der kindlichen,
-poetischen Ufernixe, in seiner Phantasie gro geworden.
-Alles auer ihr war vergessen und versunken. Seine sich
-bersteigernde Lust, diesen Kristall zu besitzen, trieb ihn
-nah und nher an das schimmernde Gebilde. Er streckte
-die Hnde danach aus: da war es eine buntschillernde
-Seifenblase, die in eitel Dunst zerplatzte und zerfuhr.</p>
-
-<p>Als Perthes an jenem Vormittag, an dem er Marga
-seine Liebe zu Hilde Knig anvertraut, keinen Rat erhalten
-hatte und ganz auf sich selbst verwiesen worden war,
-hatte er einen letzten Versuch gemacht, die Leidenschaft,
-die ihn verzehrte, von sich abzuschtteln. Er zerpflckte
-seine Empfindungen und wollte sich klarmachen, da er<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[S. 119]</a></span>
-sich in einen Wahn hineingefhlt und hineingeredet hatte.
-Diese Liebe existierte so wenig, noch weniger als die
-Freundschaft, die eben erst so jmmerlich versagt hatte.</p>
-
-<p>Er ging nicht mehr am Ufer entlang, wie er sonst
-Abend fr Abend getan. Er wich Hilde Knig aus, wenn
-er ihr begegnete.</p>
-
-<p>Um die trichte Liebelei vollends ganz aus sich zu verbannen,
-gab er sogar dem bisher erfolglosen Drngen Markwaldts
-nach und lie sich in den akademischen Tennisklub
-einfhren. Der freie, flotte Ton, der da herrschte &mdash; so
-recht modern im Gegensatz zu der mehr altmodischen
-Innerlichkeit und Behaglichkeit des Richthoffschen Kreises
-&mdash; bestrickte ihn. Im Mittelpunkt stand Alice Hupfeld.
-Mit ihrer biegsamen Gestalt, ihrem kecken Gamingesicht,
-das herausfordernd aus einem leuchtenden Gewirr rotblonder
-Haare sprang, behexte sie die Herren und begeisterte
-die jungen Damen als Ideal eines schicken Mdels.
-Perthes war von ihrer launenhaften Art bald belustigt,
-bald gergert. Er spielte mit Frulein Exzellenz, wie sie
-mit ihm und mit aller Welt spielte. Nichts zu ernst
-nehmen, war ihre Devise, und diese Devise schien ihm wie
-gemacht fr seine eigene erzwungene Stimmung ...</p>
-
-<p>Dann kam pltzlich der Rckschlag.</p>
-
-<p>Er hatte sich eingebildet, mit dem albernen Mrchen
-am Fluufer fertig zu sein. Um sich dies vor sich selber zu
-beglaubigen, hatte er eines Abends wieder den gewohnten
-Gang gemacht. Hilde Knig war nicht auf ihrem Balkon.
-Sie plauderte mit einem der Herren des Ruderklubs unter
-der Haustr. Bei nherem Zusehen erkannte Perthes
-den Gymnasialprofessor, der die Boote von der Uferbschung
-aus mit der Schalltube zu kommandieren pflegte.<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[S. 120]</a></span>
-Aller Vernunft zum Trotz wurde er von pltzlicher toller
-Eifersucht gepackt. Binnen wenigen Stunden war seine
-Leidenschaft heller und greller als je entfacht. Daheim,
-zwischen seinen vier Wnden, tobte er mit erregten Schritten
-auf und nieder. Er wollte ein Ende machen, eine Entscheidung
-herbeifhren um jeden Preis. Dies Hundeleben
-von Zweifeln und Kmpfen durfte nicht von vorn anfangen.
-Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einen
-Brief von vielen Seiten. Seine nervsen, unverbundenen
-Buchstaben flogen ber das Papier wie ein Schwarm
-aufgescheuchter Krhen. Sich selbst, seine Natur mit ihren
-Fehlern und Vorzgen, seine Lebensauffassung, seine Gedanken
-ber die Frau und ber die Ehe, seine Aussichten
-im Beruf legte er in einem gewichtigen Referat nieder,
-wie es ein Beamter in ernstester Sache an seinen Ressortchef
-schreibt. Seine Gefhle fate er volltnend zusammen:
-es gab nur einen Menschen, der ihn ganz zu dem machen
-konnte, was er sein wollte &mdash; Hilde Knig. Da er sie
-verehrte und liebte, mute sie lngst erraten haben; da
-er ihr nicht vllig gleichgltig wre, glaubte er jenem Blick
-und diesem Wort entnehmen zu drfen. In einem kurzen
-Schlusatz bat er deshalb allen Rechtens um ihre Hand.
-Wenn sie einverstanden war, wollte er mit ihren Eltern
-sprechen ...</p>
-
-<p>Als Perthes diesen Brief abgeschickt hatte, war er wie
-erlst.</p>
-
-<p>Einen halben Tag lang kannte er sich nicht vor seliger
-Selbstzufriedenheit. Dann kam die Qual des Wartens
-von Post zu Post, des Hangens und Bangens von Morgen
-zu Abend und von Abend zu Morgen.</p>
-
-<p>Erst nach vier Tagen brachte der Briefbote ein zierliches<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[S. 121]</a></span>
-Briefchen von lila Farbe, das Monogramm H. K.
-auf dem Rcken.</p>
-
-<p>Er ri es ungestm auf.</p>
-
-<p>Die Antwort auf seine vielen Seiten bestand in vier
-oder fnf mit Kinderhand geschriebenen Zeilen: das bezaubernde
-kleine Ufermdchen schrieb, es sei ber seinen
-Antrag auerordentlich betroffen und erschrocken; es htte
-nie an so etwas gedacht und knne, jung wie es sei, auch
-heute noch nicht ernstlich daran denken ...</p>
-
-<p>Perthes war starr vor berraschung.</p>
-
-<p>Er drehte die lilafarbene Briefkarte hin und her, als
-mte er die eigentliche Antwort auf seinen kapitalen Brief
-erst noch finden. Da er die ganze Erwiderung auf sein
-mit der Grndlichkeit eines Psychologen, dem Ernst eines
-gewissenhaften Mannes, der fieberhaften Wrme eines
-Liebenden geschriebenes Schriftstck in Hnden halten
-sollte, begriff er erst im Verlauf von Stunden. Als er
-nicht mehr zweifeln konnte, zerri er das Billettchen mechanisch
-in hundert Schnitzel und lie sie aus dem Fenster
-flattern.</p>
-
-<p>Im Zustand der Empfindungslosigkeit verbrachte er
-eine Woche oder mehr.</p>
-
-<p>Dann, eines Mittags, als er bei Tisch im Caf Wagner
-den stdtischen Anzeiger durchbltterte, fiel ihm eine liebevoll
-umzackte, schngesetzte Anzeige in die Augen: Hilde
-Knig und Professor Enderlein empfahlen sich als Verlobte.</p>
-
-<p>Er las die Nachricht ein halbes dutzendmal. Bei der
-siebenten Lesung lachte er so laut und schallend, da die
-Leute an den Nachbartischen ihn mitrauisch anschielten,
-als htten sie es mit einem Ausbruch pltzlicher Verrcktheit
-zu tun. Er hatte die Situation zu begreifen begonnen:<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[S. 122]</a></span>
-der ernsthaftere und gediegenere Antrag des Gymnasialprofessors
-mit der Schalltube war geahnt worden, aber
-noch nicht eingetroffen, als der seine eintraf. Das kindliche
-Lilabriefchen verfolgte seine sehr klugen, dilatorischen
-Zwecke. Und als ...</p>
-
-<p>Perthes zog es vor, das Caf zu verlassen, um nicht
-noch einmal der Gegenstand bedauernd-ngstlicher Blicke
-zu werden.</p>
-
-<p>Auf der Strae lachte er von neuem. Es klang dumpfer,
-hrter, verbissener.</p>
-
-<p>Er schwnzte am Nachmittag das Institut. Gegen fnf
-warf er sich in sein Tenniskostm und schlenderte den Flu
-entlang, nach den Spielpltzen. Noch war er nicht an
-der Brcke vorbei, als seine knstliche Haltung zusammenbrach.
-Ein Sturm von Ekel, Verachtung, Schmerz und
-Wut ergriff ihn. Eine Weltverzweiflung ohnegleichen,
-ein Ha gegen sich und gegen die Menschheit insgesamt,
-gegen das ganze jmmerliche Erdendasein drohte ihn zu
-ersticken. Statt nach den Tennispltzen lief er bis zum
-nchsten Dorf in der Ebene. Dann wieder bergwrts.
-In irgendeinem Wirtshaus an der Strae nchtigte er.
-In einem lichten Moment vertauschte er sein Tennisrakett
-leihweise mit einem Knotenstock. Drei Tage trieb er sich
-besinnungslos in den Bergen umher. Durch malose Anstrengungen
-suchte er den Aufruhr in seinem Innern abzumden.
-Sein berreizter Kopf spielte mehr als einmal
-mit Selbstmordgedanken. Aber die Lilabriefkarte fiel ihm
-ein, die schngezackte Verlobungsanzeige. Das Lcherliche,
-Niedrig-Komische, das in dieser Lsung einer von ihm bis
-in den Himmel gesteigerten Liebelei lag, bewahrte ihn
-vor der uersten Torheit. Der &#8222;Laufkoller&#8221;, wie Doktor<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[S. 123]</a></span>
-Markwaldt jenen Trieb getauft hatte, mit dem Perthes
-einer seelischen Unmigkeit durch eine krperliche Herr
-zu werden strebte, tat seine Schuldigkeit. Bis auf den
-Tod erschpft, apathisch, innerlich und uerlich abgerissen,
-kam er in Frulein Eschborns Mietshaus zurck ...</p>
-
-<p>Jetzt hatte er seine bse Wanderschaft ausgeschlafen
-wie einen Rausch. Was nachkam, war auch die grenzenlose
-Ernchterung des Rausches.</p>
-
-<p>Perthes sprang vom Bett auf und trat ans Fenster.</p>
-
-<p>Das Gewitter vergrollte in der Ferne, dort, wo der
-Flu zwischen einsamen Pappeln sich in der Ebene verlor.
-Die Sonne rang sich mit dunkelgoldenem Glanz aus
-dem abziehenden Gewlk, glitzerte sanft auf den Wellen
-und leckte die Dcher trocken. Die abendliche Luft in ihrer
-wiedergewonnenen Reinheit wehte krftig gegen ihn.</p>
-
-<p>Mit Ungeduld entledigte er sich der beschmutzten Kleider.
-Als gelte es, mit dem krperlichen Menschen auch den
-seelischen reinzuscheuern, berschwemmte er sich und die
-halbe Stube mit Wasser. Erst als er sich von Kopf bis
-zu Fu umgezogen hatte, gab er Ruhe und setzte sich in
-den rohrgeflochtenen Schaukelstuhl. Mit seltener, khler
-Klarheit hielt er Kritik ber sich und sein Dasein in den
-letzten Jahren. Wenn er alles Drum und Dran an aufgeputzten
-Gedanken und verstiegenen Gefhlen abtat, erschien
-er sich wie ein groer, unreifer Junge, der mit den
-Gliedern seines Leibes so wenig anzufangen wute wie
-mit den Fhigkeiten seines Geistes und darum beide mibrauchte.
-Er war kein Mann. Mochte er sich vormachen,
-was er wollte: dem bichen Leben, das da auf ihn zugekommen
-war, um ihn zu prfen &mdash; dieser Verliebtheit
-und ihrer Enttuschung hatte er seinen Mann nicht gestellt.<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[S. 124]</a></span>
-Wie ein Junge &mdash; jawohl, wie ein Junge hatte er
-in ohnmchtiger Wut den Boden gestampft, geschrien,
-geheult und war ausgerissen! Nicht mehr Zorn und Verzweiflung
-erfate ihn jetzt, sondern eine tiefe Traurigkeit,
-eine zerknirschte Beschmung, ein hoffnungsloses Gefhl
-des Verlassenseins. Er wie kein anderer gehrte zu den
-Mnnern, deren Schicksal sich an den Frauen entscheidet.
-Sein Charakter konnte nur in der Liebe Klrung, Halt,
-sich selber finden. All sein Suchen von Wissenschaft zu
-Wissenschaft galt doch nur der Leibhaftigkeit des Lebens
-und nicht dem Wissen. Er konnte nicht allein sein, weil
-er allein nicht mit sich fertig wurde. An einen Menschen
-auer sich mute er sich klammern knnen, um seiner
-eigenen Kraft teilhaftig zu werden. Er mute weiter
-suchen und wrde doch nur immer irren. Sein zufassendes
-Temperament, das stets zuerst das Ziel begehrte, ermattete
-vor der trostlosen Ziellosigkeit einer ewigen Irrfahrt. Die
-Erschlaffung des Herzens lste die des Krpers ab. So
-allein wie er war niemand. So zur Einsamkeit verdammt
-und zur Zweisamkeit geschaffen. Diese Erkenntnis hatte
-er gewonnen, und im gleichen Augenblick, wo sie sich ihm
-gab, drckte sie ihn zu Boden.</p>
-
-<p>Es hatte an die Tr seines Zimmers gepocht, ohne
-da er darauf geachtet.</p>
-
-<p>Das Klopfen wurde wiederholt, und Perthes rhrte
-sich nicht. Er hatte ja gesagt, da er nicht gestrt sein
-wollte. Vergeblich drckte der Einlabegehrende die Klinke
-nieder. Die Tr war verschlossen. Ein unwilliges
-Brummen lie sich von drauen hren. Dann erfolgte
-ein Rascheln auf der Schwelle, und durch die Spalte
-unter der Tr schob sich ein Brief.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[S. 125]</a></span>
-
-Der Briefbote stapfte laut die Treppe wieder hinunter.</p>
-
-<p>Bei dem raschelnden Gerusch hatte Perthes unwillkrlich
-den Kopf nach der Tr gewandt. Er sah den eingeklemmten
-Brief.</p>
-
-<p>Der konnte warten.</p>
-
-<p>Schlielich erhob er sich doch und nahm ihn auf.</p>
-
-<p>Die Adresse war in einer kecken, schnrkellustigen Damenhandschrift
-hingeworfen, die er nicht kannte. Nachlssig
-ffnete er das Kuvert. Ein Bogen mit Blindenschrift fiel
-ihm entgegen.</p>
-
-<p>Marga Richthoff stand mit Bleistift, schief, aber in
-sicheren Zgen unter den Punkten.</p>
-
-<p>Halb neugierig, halb mitrauisch las er die Zeilen.</p>
-
-<p>Er legte das Blatt auf den Tisch, sttzte die Arme auf
-und beugte sich, den Kopf zwischen die Hnde fassend,
-darber.</p>
-
-<p>Da gab es also doch jemand, der sich um ihn kmmerte.</p>
-
-<p>Seltsam!</p>
-
-<p>Seine Mundwinkel zuckten bitter. Er berlegte. In
-den letzten Wochen hatte er blutwenig an Marga gedacht.
-Wenn sie einmal vor ihm auftauchte, drngte er sie in dem
-Mibehagen ber die unerfreuliche letzte Begegnung beiseite.
-Vollends in den Tagen seines unsinnigen Umhertreibens
-war sie fr ihn wie ausgelscht gewesen.</p>
-
-<p>Und jetzt ging von ihren paar Zeilen, die so einfach
-und gerade waren, ein eigentmlich beruhigendes, warmes
-Gefhl auf ihn ber. Er verglich diese Zeilen im Geist
-mit dem nichtssagenden Billett von Hilde Knig, das seine
-Krisis eingeleitet hatte, und Margas Gesicht tauchte vor
-ihm auf: das weiche, verlittene und doch von einer inneren<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[S. 126]</a></span>
-Sonne verklrte Gesicht der Blinden, ihre ruhigen Bewegungen,
-ihre sanfte Bestimmtheit in Wort und Ton.
-Er meinte die blicklosen, tiefen Augen mit ihrem anspruchslosen
-zarten Blau dringend und bittend sich zugewandt
-zu sehen. Wie mit einer geheimen Fernkraft, die in dem
-Stckchen Papier, den paar Punkten und den paar Buchstaben
-des Namenszuges ihre Leitung gefunden, wirkte
-ihr Wesen auf ihn. Noch nie war ihm die groe, reife
-Stille dieses Wesens so lebendig nahegetreten. Warum
-hatte er sie nicht frher so klar erkannt wie jetzt? Warum
-hatte er ihr nicht fester vertraut? Warum hatte er sich
-so schnell abkhlen lassen und war nicht zu ihr gegangen,
-statt sich nrrisch und kindisch auszutoben? &#8222;Ihre Freundin
-ist in Sorge um Sie&#8221; &mdash; das waren die Worte, die er sich
-wiederholte und immer wiederholte. Sie wollte ihm
-helfen; sie hatte nicht wissen knnen, wie schwach er war,
-als sie ihn auf sich selber verwies. Jetzt, durch ihre Zeilen
-hatte sie ihm geholfen! Ein Hauch des Friedens, nach
-dem er sich sehnte, streifte ihn. Er war nicht ganz allein.
-Der Druck der Einsamkeit wich, und dafr wuchs eine
-leise Freude in ihm auf. Eine Dankbarkeit, die durch
-das Bewutsein, Marga unrecht getan, sie verkannt, sie
-noch nie in ihrem vollen Wert geschtzt zu haben, zu einer
-Schuld wurde, die er abtragen wollte. Er mute ihr etwas
-Gutes erweisen. Ihr seine Achtung, seine Verehrung,
-seinen Dank bezeugen. Und wie er nun einmal war,
-mute er es gleich tun, gleich &mdash; es duldete keinen Aufschub!
-Er hatte sie lange genug vernachlssigt!</p>
-
-<p>Eine Minute spter strmte Perthes die Treppe hinunter,
-die er am Morgen erschpft heraufgekrochen war.
-Im Hausflur htte er um ein Haar Frulein Eschborn<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[S. 127]</a></span>
-umgestoen, die ihren Augen nicht traute, als der Doktor
-mit freundlichem Kopfnicken, vergngt und tadellos gekleidet,
-an ihr vorbeischo. Kein Zweifel &mdash; der Mieter
-von Nummer eins gehrte einer Spezies zu, die ihr doch
-noch nicht vorgekommen war.</p>
-
-<p>Perthes lief, nur seiner Eingebung folgend, dem nchsten
-besten Blumengrtner in den Laden. Er wollte Rosen
-haben. Rote? Nein. Rote paten nicht. Weie? Die
-hatten etwas Trauriges. Rote und Weie, so ungefhr
-einen Armvoll.</p>
-
-<p>Mit dieser Brde eilte er nach der Strae am Wenzelsberg.</p>
-
-<p>Er sah weder rechts noch links. Er bemerkte deshalb
-nicht, da unterschiedliche Spaziergnger, die ihm begegneten,
-ber sein blindes Rennen und ber seinen Arm
-voll Rosen die Kpfe schttelten. Er sah auch Alice Hupfeld
-nicht, die, vom Sportplatz zurckkehrend, wo man der
-Nsse wegen doch nicht hatte spielen knnen, mit Markwaldt
-an einer Ecke plauderte und bei Perthes' Anblick
-eine vieldeutige Grimasse schnitt. Erst in der Nhe des
-Richthoffschen Hauses verlangsamte er seinen Lauf.</p>
-
-<p>Er sah auf die Uhr. Es war gleich halb acht. Soviel
-er sich entsinnen konnte, also die Zeit, wo bei Richthoffs
-Abendbrot gegessen wurde. Dann blickte er auf seine
-Rosen. Eigentlich &mdash; genau genommen &mdash; das, was er
-wollte, hatte seine Bedenken. Wenn ihm der alte Herr
-entgegenkam? Wenn &mdash; und wenn ... Ein Wenn ums
-andere verzgerte seinen Schritt.</p>
-
-<p>Er war dicht am Haus. Dort war der Vorgarten,
-ber der Mauer, hinter der geflochtenen Eisenbalustrade.
-Er ging auf die andere Seite der Strae. Da sa richtig<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[S. 128]</a></span>
-jemand unter den Kastanien. Es war Marga. Sie hatte
-sich eine Decke auf die Bank gelegt. Die Abendsonne hatte
-den Kiesboden leidlich getrocknet, und sie geno die regenfrische
-Luft. Als er sie gewahrte, sank ihm erst recht der
-Mut. Die Scheu, nach dem, was er eben erst hinter sich
-hatte, unvermittelt vor sie hinzutreten, hielt ihn unschlssig
-zurck. Sollte er umkehren? Bis morgen warten?</p>
-
-<p>Ratlos wandte er den Blick hinter sich, die Strae
-hinunter.</p>
-
-<p>Leicht und schnell kam ein junges Mdchen um die
-Ecke der nchsten Seitenstrae, in einer duftigen weien
-Bluse.</p>
-
-<p>Es war Elli.</p>
-
-<p>Mit ein paar Schritten war Perthes bei ihr. Er grte:
-&#8222;Wollen Sie mir einen groen Gefallen tun, Frulein
-Richthoff?&#8221; fragte er hastig und ohne Umschweife.</p>
-
-<p>Elli sah ihn aus schalkhaften Augen verwundert, ein
-klein wenig spttisch an.</p>
-
-<p>&#8222;Bitte, geben Sie das Frulein Marga!&#8221; Er reichte
-ihr seinen Bund von weien und roten Rosen.</p>
-
-<p>&#8222;Aber, sie sitzt ja dort!&#8221; lachte Elli. &#8222;Bringen Sie
-ihr's doch selbst!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das geht nicht! Nein, nein &mdash;&#8221; wehrte Perthes und
-drngte ihr den Strau in die Hnde.</p>
-
-<p>&#8222;Und was soll ich bestellen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Gar nichts, oder doch &mdash;&#8221; Er berlegte. &#8222;Doch,
-sagen Sie &mdash; sagen Sie, dem Freund sei geholfen! Er
-danke der Freundin!&#8221; Und als frchte er irgendwelche
-Einwnde, schwenkte er seinen Hut und machte sich schnurstracks
-davon.</p>
-
-<p>Elli besann sich nicht lange. Das Haustor erreichen,<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[S. 129]</a></span>
-die Stufen hinaufspringen und auf Marga zueilen, war
-eins.</p>
-
-<p>&#8222;Da, Margakind, da!&#8221; Sie schob den duftenden Strau
-der Schwester so heftig entgegen, da diese betroffen
-zurckfuhr.</p>
-
-<p>&#8222;Aber was ist denn nur?&#8221; stammelte Marga.</p>
-
-<p>&#8222;Von Doktor Perthes!&#8221; erklrte Elli auer Atem und
-triumphierend. Dann wiederholte sie getreu seine Worte:
-Dem Freund sei geholfen. Er danke der Freundin!</p>
-
-<p>Und Marga ergriff das lockere volle Gebinde mit
-zitternden Hnden. Sie vergrub ihr Gesicht tief, tief in
-die roten und weien Rosen ...</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c6" id="c6">6</a></h2>
-
-
-<p>Es war erst Anfang Juli und noch vier Wochen bis
-Semesterschlu. Trotzdem hatte Vater Richthoff, unerwartet
-und berraschend, beschlossen, zu reisen. Er brach
-seine Vorlesungen und Seminarbungen ab. Als ausgemachte
-Sache verkndigte er seinen Mdels, da er nach
-Kissingen fahre. Kthe solle ihn begleiten. Es war Mittwoch.
-Bis sptestens Montag msse man fahren knnen.</p>
-
-<p>Kein Wunder, da dieser allerhchste Ukas das Haus
-am Wenzelsberg von oben bis unten umkehrte. Die Mdels
-hatten, zum mindesten in der Idee, so viel zu tun, da sie
-gar nicht wuten, wo anfangen. Es galt nicht nur tausend
-Dinge zu besorgen, sondern, was noch viel zeitraubender
-war, zu bereden. Nach den Grnden zu forschen, die den
-jhen Aufbruch des alten Herrn veranlaten, getrauten
-sie sich nicht.</p>
-
-<p>Diese Grnde wrde der alte Herr auch keinesfalls<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[S. 130]</a></span>
-verraten haben. Sie waren ihm selbst erst zwei Tage vor
-dem Entschlu einleuchtend gemacht worden. Und zwar
-vom Arzt. Seine &#8222;Bande&#8221; brauchte von der fatalen Vorgeschichte
-nichts zu wissen.</p>
-
-<p>Am Montag war, wie alle vierzehn Tage, Kegelabend
-gewesen. Da pflegten sich der Geheimrat, Wilmanns,
-Borngrber und einige Freunde von verschiedenen Fakultten
-gemtlich in einer bejahrten Schenke am Haspelgraben
-zu treffen und ihrer wissenschaftlichen bersttigung
-im Kegelschieben Luft zu machen. Auerdem wurde auch
-das Neueste vom Neuen aus akademischen Kreisen kolportiert
-und glossiert. Nur so nebenbei, aber mit vernichtendem
-Witz. Jede Fakultt hatte dafr ihren Spezialisten.
-Den Klatsch der philosophischen bearbeitete
-Papa Wilmanns; den juristischen gab Geheimrat Roller,
-ein Epikureer mit ehrwrdigem Faungesicht, sehr pikant
-zum besten. Der theologische troff s und lieblich aus
-dem sanften Mund des Professors Hegewald, eines beliebten
-Damenpredigers von weicher, hoher Christusgestalt;
-den naturwissenschaftlich-mathematischen brachte
-Krausewetter, ein dicker, sehr cholerischer Herr, der alle
-Entdeckungen anderer schon lange vorher gemacht und
-nur, da sie ihm nebenschlich erschienen waren, verschwiegen
-hatte. Dem medizinischen endlich widmete sich mit trockenem,
-sachlichem Spott Geheimrat Geismar, in seiner nchternen,
-bescheidenen Zurckhaltung der wandelnde Gegensatz
-seines Kollegen Hupfeld, der vielbesprochenen chirurgischen
-Exzellenz, die, erhaben ber das kegelnde Banausentum,
-ihre eigene, nicht minder einflureiche Sphre
-hatte. Man tat niemand weh in der Kegelbahn am Haspelgraben.
-Dafr sorgten gutmtige Brummgeister wie<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[S. 131]</a></span>
-Richthoff und naive Kindergemter wie Jakobus Borngrber.
-Aber man verschonte auch niemand. Auch sich
-selber nicht.</p>
-
-<p>Hier ereignete es sich nun, da Vater Richthoff mitten
-im Spiel von einer Unplichkeit befallen wurde. Professor
-Kreth, der liebenswrdige Direktor der Universittsbibliothek,
-hatte gerade den klassischen Ausspruch eines
-norddeutschen Bibliothekars zitiert: Die Bibliotheken
-wren herrliche Institute, wenn nur das verdammte
-Publikum nicht wre! Die Heiterkeit war allgemein.
-Richthoff trat als nchster Spieler an. Ehe er noch die
-Kugel abschieben konnte, wurde er von Schwindel befallen,
-schwankte und mute von den besorgten Freunden
-gefhrt und niedergesetzt werden.</p>
-
-<p>Geismar sprang sofort bei.</p>
-
-<p>Etwas ther, ein Glas Kognak gengte, um den alten
-Herrn wieder zu ermuntern. Er schlug die Augen auf.
-Als er sich dann von lauter verdutzten Gesichtern umgeben
-sah, lchelte er. &#8222;Na, mein lieber Hegewald,&#8221;
-scherzte er dem Theologieprofessor zu, &#8222;mit der schnen
-Grabrede ist es diesmal noch nichts!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ein Racheakt, Kollege Richthoff!&#8221; erklrte der gleich
-wieder spaende Wilmanns. &#8222;Ein ganz infamer Racheakt
-Ihrer rmischen Kaiser, sage ich Ihnen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ohne Zweifel,&#8221; meinte Geismar ernsthafter, whrend
-er Richthoff forschend beobachtete, &#8222;Sie mssen in den
-letzten Wochen des Guten zuviel getan haben.&#8221;</p>
-
-<p>Borngrber, der mit seinen kugelrunden Augen verwundert
-aus dem krausbrtigen Gesicht sah, rezitierte
-tiefsinnig aus dem Arabischen: &#8222;Keine Krankheit ist
-schlimmer als Unverstand.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[S. 132]</a></span>
-
-&#8222;Ach was! Diese verwnschten Prtorianer werden
-mich noch lange nicht kleinkriegen. Noch weniger als der
-brave Nerva!&#8221; Vater Richthoff stand auf, reckte sich,
-zog die buschigen Augenbrauen in die Hhe, zum Zeichen,
-da er sich pudelwohl fhle, und kommandierte: &#8222;An die
-Gewehre!&#8221;</p>
-
-<p>Mit voller Kraft schob er seine Kugel.</p>
-
-<p>Der Zwischenfall war erledigt.</p>
-
-<p>In bester Laune spielte man wie sonst, bis nach elf
-Uhr, und ging nach einem letzten Schoppen und einer
-vorletzten Zigarre angeregt heimwrts.</p>
-
-<p>Geismar, der in der Neustadt wohnte, schlo sich auf
-dem Nachhauseweg Richthoff an und begleitete ihn bis
-vors Haus. Um sich noch auszulften, wie er vorgab.
-&#8222;Haben Sie schon fter mal solche kleinen Klapse gehabt,
-Kollege?&#8221; forschte er beilufig vor dem Abschied.</p>
-
-<p>&#8222;Nicht da ich wte!&#8221; erwiderte der alte Herr. &#8222;Hat
-ja wohl auch nichts Groes zu bedeuten?&#8221; warf er nach
-einer Weile im Ton der Frage hin.</p>
-
-<p>&#8222;Glaube kaum,&#8221; meinte Geismar. &#8222;Aber fr alle
-Flle, lieber Richthoff, machen Sie mir mal morgen
-das Vergngen und kommen Sie zu mir.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Womglich gleich in die Klinik?&#8221; scherzte Richthoff
-abwehrend.</p>
-
-<p>&#8222;Nur in die Privatwohnung. Zwischen vier und fnf
-Uhr. Auf einen Sprung.&#8221;</p>
-
-<p>Der alte Herr wollte nichts davon wissen.</p>
-
-<p>Aber Geismar redete ihm mit so freundschaftlicher
-Bestimmtheit zu, da er, der vorgerckten Stunde wegen,
-versprach, die Sache in wohlwollende Erwgung zu ziehen.</p>
-
-<p>Der alte Herr dachte ursprnglich durchaus nicht<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[S. 133]</a></span>
-daran, Geismars Einladung nachzukommen. Aber er
-schlief schlecht, und gegen Morgen stellten sich erneute
-Beklemmungen ein. Da sagte ihm seine Vernunft, bei
-seinen Jahren und angesichts der groen Arbeit, die noch
-vor ihm lag, mchte es doch ratsam sein, mit sich hauszuhalten.
-Er stellte sich also am Nachmittag bei Geismar
-ein. Was dieser schon bei dem gestrigen Anfall vermutet
-hatte, ergab auch die Untersuchung: eine ziemlich vorgeschrittene
-Arterienverkalkung. Doch sagte er davon Richthoff
-nichts, sondern empfahl ihm nur fr die Zukunft ein
-bichen Dit: weniger rauchen, wenig Alkohol und dergleichen.
-Vor allem aber und sofort eine mehrwchige
-Ausspannung. Womglich mit einer leichten Kur in
-Kissingen. Spter Schweiz oder Bayern. Ohne Bergsteigen
-natrlich!</p>
-
-<p>Vater Richthoff gehrte zu den Naturen, die sich unangenehme
-Aufklrungen, wenn sie ihnen nicht gerade
-aufgezwungen werden, gern ersparen. Deshalb interessierte
-es ihn nicht weiter, auf was Geismar diagnostiziert
-hatte. Er gab sich damit zufrieden, da er, wie alle
-lteren Leute, sein Herz nicht zu sehr strapazieren drfte.
-Der erste Halbband der Kaisergeschichte war druckfertig.
-Er fhlte sich auch geistig etwas erfrischungsbedrftig,
-zumal da er die ersehnte Italienreise in diesem Frhjahr
-sich immer noch nicht vergnnt hatte. Trotzdem wetterte
-er ber die Ratschlge seines rztlichen Kollegen. Doch
-der war Menschenkenner genug, um hinter den Ausfllen
-des alten Herrn eine halbe Bereitwilligkeit zu entdecken
-und sie durch kluges Zureden in eine ganze zu verwandeln.</p>
-
-<p>Der Erfolg blieb nicht aus.</p>
-
-<p>Am Mittwoch frh, nachdem der Geheimrat die Sache<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[S. 134]</a></span>
-noch einmal beschlafen, erfolgte der bekannte Frhstckserla:
-&#8222;Will am Montag mit Kthe fr ein paar Wochen
-nach Kissingen. Spter vielleicht Schweiz. Das Erforderliche
-vorbereiten!&#8221; &mdash;</p>
-
-<p>Kthe war erfllt von der Auszeichnung, die ihr zuteil
-wurde. Der alte Herr pflegte sonst seine Reisen meist
-allein zu machen. Es waren vorzugsweise Studienreisen
-gewesen, aber auch wenn er auf Erholung reiste, legte er
-nachdrcklichen Wert darauf, die &#8222;Weiberwirtschaft&#8221; los
-zu sein. Wohl einer Anregung des Arztes folgend, hatte
-er diesmal anders entschieden, und Kthe kam denn auch
-ihrer Aufgabe, &#8222;das Erforderliche vorzubereiten&#8221;, mit
-all dem peinlichen Eifer und der geschftigen Wichtigkeit
-nach, die einen wesentlichen Zug ihres Charakters ausmachten.</p>
-
-<p>Fr Elli und Marga, die sie rechtschaffen herumkommandierte,
-war es gar nicht so leicht, diese schwesterliche,
-etwas herbe berlegenheit zu ertragen. Marga,
-glcklich in dem wiedergewonnenen Besitz ihrer Freundschaft
-mit Perthes, der wie in frheren Tagen ungezwungen
-im Hause aus und ein ging, fgte sich geduldig. Aber zwischen
-Elli und Kthe kam es ein paarmal zu harten Auseinandersetzungen
-und hochroten Kpfen.</p>
-
-<p>Das Ergebnis solcher kleinen Reibungen war, da die
-beiden Jngeren, die durch Margas Geheimnis noch besonders
-verbunden waren, sich um so enger zusammenschlossen.
-Sie bauten ihre eigenen, hoffnungsfrohen
-Sommerplne, denn etwas mute ihnen Papa doch auch
-zugestehen! Wenn Kthe eine so &#8222;erwachsene&#8221; Reise mit
-ihm machen durfte, erst ins Bad und dann womglich
-noch in die Schweiz, so durften sie nicht ganz leer ausgehen.<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[S. 135]</a></span>
-Das sah der alte Herr auch ein. Sie sollten ihre
-Sommerfrische haben. Sie mute aber mglichst nahe
-sein, denn Haus und Garten muten berwacht werden
-knnen. Und sie sollte so bescheiden und billig sein, als sie
-sich nur finden lie. Das verstand sich von selbst.</p>
-
-<p>Nach lngeren parlamentarischen Verhandlungen wurde
-das von Marga und Elli ausgearbeitete und hchsten Orts
-vorgelegte Projekt genehmigt: die beiden sollten Mitte
-des Monats fr einige Wochen in der &#8222;Sgemhle&#8221;
-Quartier nehmen. So hie ein bekanntes kleines Gasthaus,
-eine Stunde fluaufwrts von der Stadt &mdash; &#8222;an
-Wald und Wasser lieblich gelegen&#8221;, wie es in den Prospekten
-hie. Da sie, vertrauensvoll sich selber berlassen,
-keine Dummheiten machen durften, das wollte
-Vater Richthoff sich ausgebeten haben! Dafr waren sie
-seine Tchter und alt genug, um zu wissen, was sie tun
-und lassen muten. Im brigen wurden fr alle Flle
-die Eltern Wilmanns mit einer feierlichen Vizevormundschaft
-betraut.</p>
-
-<p>Bis Sonntag hatte Kthe mit Hilfe der Schwestern
-alle Vorbereitungen getroffen.</p>
-
-<p>Die kleinen Znkereien waren vergessen, die drei
-Mdchen befanden sich in einer friedfertigen, durch den
-Abschied und die lockenden Sommerplne teils wehmtig,
-teils heiter erregten Stimmung: sie gingen Arm in Arm
-durchs Haus oder auf den Weinberg. Es war ein warmer,
-sonnenheller Tag, und der Feierklang der Kirchenglocken
-flutete vom Tal die grnen Berghnge hinauf. Nachmittags
-&mdash; die Koffer waren gepackt, und nur im Arbeitszimmer
-des Geheimrats stand noch eine Riesenhandtasche,
-die jederzeit in ihren offenen Schlund wahllos die<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[S. 136]</a></span>
-unglaublichsten Zettel und Broschren von dringendster
-Unentbehrlichkeit aufnehmen konnte &mdash; nachmittags gab
-es noch einen lustigen Familienkaffee, den Vater Richthoff
-mit seiner Anwesenheit auszeichnete. Er war so aufgekratzt
-wie selten, voll kindlicher Freude auf die bevorstehende
-Reise. Sogar ein Bocciaspiel im Hof schlug er
-ganz von sich aus vor und beteiligte sich mit jugendlicher
-Munterkeit am Werfen und Treffen der bunten
-Holzkugeln, die er vor Jahren aus Italien mitgebracht
-hatte. Elli und Marga lieen sich von seiner Frhlichkeit
-anstecken. Zumal wenn Marga, die ja mehr
-oder minder aufs Geratewohl die Kugeln schleudern
-mute, einen Treffer machte, gab es ein lautes Hallo
-des Beifalls.</p>
-
-<p>Kthe spielte mit zerstreutem Ernst. Sie wlzte in
-ihrem grndlichen Kpfchen, unter der dunkelbeschatteten,
-herrisch-aufrechten Stirn seit einigen Stunden eine Aufgabe,
-die sie auf den letzten Tag verschoben hatte, weil
-sie immer nicht recht Zeit oder Mut oder Stimmung gefunden
-hatte, sie auszufhren.</p>
-
-<p>Sie mute nmlich noch mit Marga reden. Aus einem
-ganz bestimmten Grund. Es galt, der Schwester gegenber
-eine Pflicht zu erfllen, die ihr auf dem Gewissen
-lastete. Sie war ja sozusagen das Gewissen des Hauses.
-Sie fhlte sich fr alles und jeden verantwortlich. Und
-fr Marga noch im besonderen.</p>
-
-<p>Eine Aussprache &mdash; Kthe war eine Meisterin in
-&#8222;Aussprachen&#8221; &mdash; war unvermeidlich. Sie fate sich indessen
-erst nach dem Abendbrot ein Herz.</p>
-
-<p>Whrend Elli fr Vater Richthoff dies und das, was
-ihm jetzt erst als Neuestes und Wichtigstes einfiel, herbeiholte,<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[S. 137]</a></span>
-nahm sie Margas Arm und lud sie zu einem Gang
-auf den Weinberg ein.</p>
-
-<p>Eintrchtig stiegen sie aufwrts, da und dort an den
-Stachelbeerbschen und Johannisbeerstruchern im Vorbeigehen
-naschend.</p>
-
-<p>Kthe schmiegte sich mit einer Zrtlichkeit an Marga,
-wie sie ihrer herberen Art sonst nicht eigen war.</p>
-
-<p>Marga ahnte nichts. In ihrer Seele war, zumal jetzt,
-wo die Trennung ihre Empfindungen mit einer zarten
-Melancholie begleitete, kein Platz fr Argwohn oder Mitrauen.
-Noch nie war sie so sicher im Gefhl ihrer inneren
-Unendlichkeit und ihrer ueren Begrenztheit gewesen
-wie in diesen Tagen, die ihr die Freundschaft mit Perthes
-vertieft und bereichert wiedergeschenkt hatten. Noch nie
-hatte aber auch ein Mensch, geschweige ein Mann, sie so
-in ihrem eigensten Wesen geachtet, wie er es jetzt tat
-und in jedem Wort, jeder Handlung ausdrckte. Das
-gab ihr eine zufriedene Heiterkeit, die sie wrmte und
-von innen nach auen verklrte.</p>
-
-<p>Sie waren jetzt auf dem Philosophenweg angelangt.
-Atemholend nach der Steigung, schritten sie langsam in
-dem Laubengang von einem Ende zum anderen. Die
-Sonne lugte noch golden durchs wilde Reblaub. Von
-weiter unten im Garten, wo es unmerklich dmmerte,
-hrte man vorlaute Grillen zirpen und wieder verstummen.</p>
-
-<p>Kthe fand den Moment gekommen, um ihr Anliegen
-vorzubringen. Die berlegung hatte ihr feinliniges
-Gesicht etwas verschrft, die Erregung es leicht
-gertet. Sie strich sich ber die Stirn und das wohlgeordnete
-dunkle Haar. Dann legte sie die freie Hand in die<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[S. 138]</a></span>
-Hfte, als wollte sie sich auch uerlich einen gewissen
-feierlichen Halt geben.</p>
-
-<p>&#8222;Setzen wir uns ein wenig, Margakind.&#8221; Sie brauchte
-diesen Schmeichelnamen, der von Elli stammte, fast nie;
-heute drngte er sich ihr unwillkrlich auf die Lippen.
-&#8222;Ich mchte noch etwas mit dir reden. Etwas sehr Ernstes,
-Zartes, was auer uns niemand hren darf.&#8221; Sie fhrte
-Marga zu der Bank, die am nchsten Ende des Ganges
-stand.</p>
-
-<p>Dort lieen sie sich nieder, und Kthe nahm Margas
-rechte Hand in die ihrige.</p>
-
-<p>Marga wute nicht, was diese Vorbereitungen bedeuten
-sollten. Sie gab sich geduldig darein und horchte mit einem
-halb neugierigen, halb verwunderten Lcheln.</p>
-
-<p>&#8222;Du darfst mir aber ja nicht bse sein, hrst du?&#8221; hob
-Kthe lebhafter wieder an. &#8222;Ich meine es nur gut mit
-dir, und wenn ich mich irgendwie tusche, so nimm's
-nicht bel. Es geschieht nur aus Liebe!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber was gibt's denn nur, Kthe?&#8221; fragte Marga
-mit zunehmendem Staunen. &#8222;So sprich doch geradezu!
-Was willst du mir sagen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Weit du, Margakind, so einfach, wie du dir's denkst,
-ist das nicht. Ich hab' mir's lange berlegt. Oftmals
-dacht' ich, ich wollte mich gar nicht hineinmischen. Aber
-schlielich sagte ich mir immer wieder: Ich bin die ltere!
-Elli, der du vielleicht mehr Vertrauen schenkst als mir,
-ist so jung, manchmal so toll und unvernnftig. Sie meint
-es gewi immer sehr gut. Aber raten, besonnen und fest
-raten kann dir doch das Kleinchen nicht!&#8221;</p>
-
-<p>Marga wurde mit jedem Wort betroffener. Ein kaltes,
-enges Gefhl beschlich sie. Diese Andeutungen drckten<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[S. 139]</a></span>
-sie. Sie sprte, da jemand die Tr zum Allerheiligsten
-ihres Herzens aufmachen wollte, und sperrte sich dagegen.
-Unwillkrlich hatte sie ihre Hand der Schwester entzogen
-und steckte sie hinter ihren Rcken. &#8222;Was willst du mir
-denn raten?&#8221; fragte sie mit einem eigentmlich dunklen,
-schweren Ton.</p>
-
-<p>&#8222;Du sollst nicht meinen, Marga, da ich mich in dein
-Vertrauen eindrngen will,&#8221; versicherte Kthe.</p>
-
-<p>Aber du tust es ja doch! schwebte es Marga auf der
-Zunge. Doch hielt sie die Worte zurck.</p>
-
-<p>&#8222;Ich tue nur, was ich fr meine Pflicht halte. Und ich
-erwarte ja auch gar nicht, da du mir dankbar dafr bist.
-Das kannst du jetzt noch nicht. Spter wirst du mir's
-einmal danken, das wei ich!&#8221; Kthe hatte ganz ihre altkluge,
-mtterliche Wrde gefunden, wie sie sie brauchte.
-Die anfnglich erregte Hast ging mehr und mehr in eine
-gutgemeinte, aber etwas lehrhafte Nchternheit ber.
-&#8222;Warum so viel Umschweife machen? Du hast recht.
-Ich mchte einmal frei und ehrlich mit dir ber deine
-Freundschaft mit Doktor Perthes reden, Marga. Glaub'
-mir, ich hab' viel darber nachgedacht. ber die Freundschaft
-von Mann und Frau berhaupt. Du darfst mir
-schon ein Urteil zutrauen. Ich kann im Leben drauen so
-viel mehr sehen und erfahren als du. Ich glaube nicht,
-da es diese Freundschaft gibt. Und wenn sie's gibt, ist sie
-immer nur ein bergang. Und der, der zuerst hinbergeht
-zu etwas anderem &mdash; verstehst du mich, Margakind? &mdash; der
-kann sehr, sehr unglcklich werden, wenn der andere nicht
-nachfolgt. &mdash; Jetzt ist's heraus. Das wollte ich dir sagen!&#8221;</p>
-
-<p>Kthe umschlang die Schwester, als wollte sie sie trstend
-an sich ziehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[S. 140]</a></span>
-
-Marga erwiderte die Umarmung nicht.</p>
-
-<p>Schlaff lie sie ihre Hnde niederhngen und bog ihren
-Kopf zurck, um sich Kthes Liebkosung zu entziehen.
-Das Herz war ihr wie zugefroren bei diesen besonnenen
-Worten, und die Klte teilte sich ihrem Krper, ihrem
-Antlitz mit. Und doch stieg es sommerwarm auf vom Gras
-und von den Blumen. Der Wind fchelte mild von der
-Ebene nach den Bergen herber, und die Grillen zirpten
-ringsum in der wachsenden Dmmerung.</p>
-
-<p>Kthe in ihrem Eifer nahm Margas Schweigen fr
-ein Bekenntnis. Sie wurde noch beredter und eindringlicher.
-Vielleicht, ja gewi wute Marga selber nicht,
-was in ihr sich vorbereitete. Sie sollte sich nicht tuschen
-lassen durch Perthes' Liebenswrdigkeit. Die Mnner,
-und zumal solche Mnner, die sie, Kthe, durch und durch
-kannte, dachten sich nichts bei einem temperamentvollen
-Wort, einem Handku, einem Strau Rosen, den sie in
-einer Laune ihren Freundinnen in den Scho legten.
-Sie wollte ja Marga nur warnen. Gerade jetzt, wo sie
-und Elli allein blieben. Sie sollte sich bewachen; lieber
-zu schroff als zu entgegenkommend sein; sich doch ja kein
-Gefhl einreden, das nicht Wahrheit werden konnte.
-Kthe gab sich ganz nach; sie lie sich fortreien von jener
-liebevollen Lieblosigkeit, der nur Frauen, und die nur
-untereinander fhig sind, jenem Gemisch von Gte, Neid,
-Hingebung, falscher Mtterlichkeit &mdash; der ganzen Weiblichkeit,
-wie sie natrlichste Natur ist &mdash; schn und hlich in
-einem. Ihre Redeflut, die selbstgewi und selbstgefllig
-in den weichen Sommerabend hinausflo, endigte in
-einem Appell an Margas Charakter: sie war stark genug,
-um zu entsagen. Wozu brauchte sie die Liebe eines Mannes,<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[S. 141]</a></span>
-die ihr nun einmal vorenthalten sein mute? Sie hatte
-ja Kraft und Liebe genug in sich und um sich. &#8222;Glaub'
-mir, Margakind, und wenn du's heute nicht glauben kannst,
-glaubst du's morgen. Goethe hat recht, wenn er sagt ...&#8221;</p>
-
-<p>Marga hrte nicht, wie recht Goethe hatte. Sie hrte
-berhaupt lngst nicht mehr, was Kthe sprach. Sie
-fhlte nur, da ein Unberufener nun doch mitleidslos
-sich eingedrngt hatte in das zarte Geheimnis ihres Herzens.
-Sie htte aufschreien mgen: Hnde weg von meiner
-Seele! &mdash; aber dann war es schon zu spt. Diese Hnde
-tappten und tasteten, suchten und fanden, und legten sich
-grausam auf die Wunde, die sie ngstlich behtet, frsorglich
-verbunden und verborgen hatte. Nun brach sie
-auf und blutete. Es weinte in Marga vor Schmerz. Und
-gleichzeitig emprte es sich in ihr gegen die Entweihung.
-Wer war die, die es wagen durfte, so mit ihr zu reden?
-Woher nahm sie das Recht, ihr Vorschriften zu machen?
-Ihr, die lngst all das in sich beraten und durchgekmpft?
-Die sich nichts, aber auch gar nichts von dem erlassen und
-geschenkt hatte, was ihr jetzt mit fast bermtiger Selbstzufriedenheit
-vorgehalten wurde? Was kaum je bei ihr
-geschah: sie verlor ihre Beherrschung. Ihre Besinnung
-wurde bertubt von dem einen leidenschaftlichen Wunsche:
-Fort! Nichts mehr hren! Nichts antworten! Laufen &mdash;
-weit, weit! Bis ans Ende der Welt, um allein zu sein,
-allein mit sich, seinem Leid, seiner Brde, seinem Geheimnis
-hoffnungsloser Liebe!</p>
-
-<p>Mit einem jhen, heftigen Ruck, der Kthes Hnde unsanft
-von ihr lste, war sie aufgestanden. &#8222;Ich danke dir,
-Kthe!&#8221; rang es sich fremd aus ihrem Mund. &#8222;berla
-das nur mir. Ich bin immer allein mit mir fertig geworden.<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[S. 142]</a></span>
-Ich brauche niemandes Hilfe, um zu wissen, was ich vom
-Leben erwarten und annehmen darf, was nicht!&#8221;</p>
-
-<p>Verdutzt blickte Kthe an ihr empor. So hatte sie Marga,
-die Sanfte, Vertrgliche, Geduldige, noch nicht sprechen
-hren. &#8222;Aber Marga, du &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wenn ich einsam sein soll, so achte auch du meine Einsamkeit.
-Mehr kann ich dir nicht antworten.&#8221;</p>
-
-<p>Kthe schwieg. Wie Marga jetzt vor ihr stand, im
-Schatten der Dmmerung gegen den verblassenden
-Abendhimmel sich hoch und stolz abzeichnend, die Lippen
-aufeinandergepret, die Augen streng und abweisend in
-die Ferne gerichtet, fhlte sie, die ltere, die Erfahrenere
-und Sehende, sich einen Augenblick klein, unbedeutend mit
-all ihrer Altklugheit &mdash; gegen die Blinde, die so sicher
-und stark auf ihren Weg hinaussah.</p>
-
-<p>Nur einen Augenblick.</p>
-
-<p>Dann erhob sie sich aus dieser verstohlenen Demtigung
-doppelt gekrnkt, verkannt und erbittert.</p>
-
-<p>Aber ehe sie dafr den rechten Ausdruck fand, hatte
-sich Marga am Gelnder der Laube entlang getastet.
-Sie eilte die Steinstufen hinab und lief den Zickzackweg
-hinunter &mdash; ohne Hilfe, behend wie ein Sehender, sicher
-geleitet von jenem fast bernatrlichen Instinkt, den die
-Erregung noch schrfte.</p>
-
-<p>Kthe wollte ihr nach. Sie rief ihren Namen. Es war
-Marga verboten, allein die steile Gartensteige abwrts
-zu gehen.</p>
-
-<p>Doch sie stie ja jede Hilfe von sich! Mochte sie auf
-eigene Gefahr sich zurechtfinden!</p>
-
-<p>Bei Kthe siegte die Erbitterung ber die Besorgnis,
-die sie sonst nie fr die Blinde auer acht lie. Sie war<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[S. 143]</a></span>
-zu tief verletzt. Warum hatte sie nicht geschwiegen? Hatte
-sie nicht vorausgewut, da sie keinen Dank ernten wrde?
-Nun war sie abgewiesen worden mit all ihrem guten
-Willen, ihrer ehrlichen Meinung! Sie wrde ihre Hilfe
-nicht mehr aufdrngen. Gewi nicht! Nie mehr! ber
-den Schlfen strich sie ihr Haar zurck und prfte die
-schweren Flechten, obwohl es Nacht geworden war und
-keine Strhne in dem glatten Scheitel oder am Knoten
-sich gelockert hatte. Ordnung war nun einmal ihr Element.
-Ma und Ordnung. Mochten andere das Ungeordnete,
-Regellose vorziehen. Sie hatte auch nur bei
-Marga Ordnung machen wollen. Wenn die es nicht
-brauchte, nicht litt ...</p>
-
-<p>Mit dem zugleich gemessenen und tnzelnden Schritt,
-der sich nichts vergab und doch auch die Gleichgltigkeit
-gegen das, was vorgefallen war, zur Schau tragen mute,
-machte sich Kthe auf den Weg und kam eine Viertelstunde
-nach Marga, leise vor sich hinsummend, ins Haus.</p>
-
-<p>Elli und Marga waren schon auf ihr Zimmer gegangen.</p>
-
-<p>Der Geheimrat wirtschaftete noch geruschvoll in
-seinem Arbeitszimmer. Man hrte ihn oben deutlich ab
-und zu gehen. Die Riesenhandtasche nahm neue Unentbehrlichkeiten
-in sich auf.</p>
-
-<p>Kthe ging noch einmal gewissenhaft ihre Zurstungen
-fr den Reisetag durch. Dann machte sie gemeinsam mit
-der schlfrig schlurfenden Therese den blichen Rundgang
-im Erdgescho, um den Verschlu von Lden und
-Tren zu beaufsichtigen.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen, in ziemlicher Frhe, nach einem
-hastigen Kaffee, erfolgte der Abschied.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[S. 144]</a></span>
-
-Der alte Herr hatte sich alle Sentimentalitten, besonders
-aber die Begleitung auf den Bahnhof, streng
-verbeten.</p>
-
-<p>In letzter Minute konnte er doch nicht anders: er kte
-Marga und Elli barsch auf die Stirn.</p>
-
-<p>&#8222;Seid hbsch artig, Mdels; verstanden? Adieu!&#8221;
-Damit eilte er fort, dem Wagen zu, der vor dem Haus
-wartete. Therese folgte keuchend mit der zu unheimlichen
-Dimensionen angeschwollenen Handtasche, die noch eine
-halbe Bibliothek verschlungen haben mute. Der Hauptkoffer
-war schon aufgeladen.</p>
-
-<p>Kthe und Elli umarmten sich. Mit Marga gab es
-nur einen Hndedruck.</p>
-
-<p>Vom Vorgarten, unter den Kastanien hervor, winkten
-die beiden Zurckbleibenden dem Wagen nach. Vater
-Richthoff salutierte. Kthe nickte noch einmal und winkte
-mit dem Taschentuch.</p>
-
-<p>Die Fahrt ging um die Ecke nach dem Bahnhof. &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Dort, wo der Flu, dem Zug der Waldberge folgend,
-zum letztenmal eine mutwillige Schwenkung machte,
-um sich dann, des spielerischen Geschlngels berdrssig,
-geradeaus und krftig in die weite Ebene hinauszuwerfen,
-stand die &#8222;Sgemhle&#8221;. Dem Zweck, den ihr Name andeutete,
-diente sie lngst nicht mehr. Seit vielen Jahren
-war sie nur noch ein einfaches, freundliches Gasthaus,
-rckwrts gegen den Buchenwald gelehnt, vor sich einen
-schattigen Wirtsgarten, den nur ein schmaler Weg von der
-Uferbschung und dem hurtigen Flu trennte. Da die
-Sgemhle kaum eine Stunde von der Stadt entfernt
-lag, war sie ein beliebter Ausflugsort: an Sonntagen und
-schnen Sommernachmittagen wurde sie von Brgern<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[S. 145]</a></span>
-und Professoren, von Kaffeeschwestern und Studenten
-zu Fu, zu Wagen und mit dem Boot viel besucht. In
-der besten Zeit des Jahres fanden auch die paar sauberen
-Fremdenzimmer ihre Liebhaber; wer anspruchslos an
-Buchenwald und Wasser, an guter Verpflegung, an dem
-belebten Wechsel lndlicher Einsamkeit und stdtischer
-Ausflglerfrhlichkeit sein Gefallen hatte, konnte sich bei
-den willigen Wirtsleuten einige Wochen zufrieden fhlen.
-Spaziergnge gab's in Hlle und Flle: auf den Bergen
-durch die stundenweiten Laub- und Nadelforste; im Tal
-zwischen wogendem Getreide, oder den blumenberwachsenen
-Uferpfad entlang nach kleinen Drfern und
-alten Stdtchen, wo verfallene Raubritterburgen emporragten
-und sich im Flu spiegelten.</p>
-
-<p>So war Margas und Ellis Sommerheim beschaffen,
-in das sie vierzehn Tage nach Vater Richthoffs und Kthes
-Abreise bersiedeln sollten.</p>
-
-<p>Stille, frhliche Tage im Hause am Wenzelsberg
-gingen vorher.</p>
-
-<p>Zuerst hatte Marga noch unter der Aussprache mit
-Kthe gelitten. Aber Elli mit ihrer frischen, glcklichen
-Wirbelwindnatur hatte ihr den Kopf und das Herz lachend
-reingefegt. Jeden Tag wute sie etwas Neues vorzuschlagen,
-um Unterhaltung zu schaffen. Man sollte zwar,
-nach der Mahnung des alten Herrn, keine &#8222;Dummheiten&#8221;
-machen. Aber &mdash; du lieber Gott! Das war ein weiter Begriff!
-Immer gescheit und sittsam sein, war abscheulich
-langweilig. Daran war nicht zu denken. Man war tchtig
-spazierengelaufen, hatte sich auf den Straen umhergetrieben
-und die Menschen beobachtet, voran die Fremden,
-die um diese Jahreszeit besonders aus Old-England und<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[S. 146]</a></span>
-von jenseits des groen Teichs reichlich zustrmten. Dann
-mute man baden, Besuche machen und empfangen, die
-Wohnung ein paarmal umrumen, mit Therese den
-Kchenzettel besprechen, auf dem Weinberg dem Grtner
-beim Pflcken der Stachelbeeren und Johannisbeeren
-helfen, unerlaubte Bcher lesen, im Vorgarten handarbeiten
-und die vorbergehenden Leute glossieren. Und
-Elli duldete nicht, da sich Marga von irgend etwas ausschlo.
-Die Schwester einmal so recht &#8222;mitleben&#8221; zu
-lassen, sie, deren Geheimnis sie innig teilte, von Herzensgrund
-schadlos zu halten &mdash; das war Ellis &#8222;Prinzip&#8221; fr
-diesen Sommer. Sie stand sonst mit den &#8222;Prinzipien&#8221;
-nicht auf dem besten Fu. Das waren nach ihrer Ansicht
-Dinge fr alte Tanten, Backfische, Philosophieprofessoren
-und Spieer jeder Art, die sich das Leben partout verekeln
-wollten. Aber Prinzipien, die zugleich dem Herzen
-wohltaten und unterhaltend waren, mit denen konnte es
-gewagt werden. Da dabei Wilkens nicht zu kurz kommen
-durfte, verstand sich von selbst. Er guckte fters mal ein,
-wie Perthes auch. Man traf sich zufllig auf einem Spaziergang.
-Zweimal sogar &mdash; doch das setzte einen harten Kampf
-mit Marga &mdash; abends bei der Musik im Stadtgarten.
-Das war so stilwidrig-unakademisch, da man der Versuchung
-nicht widerstehen konnte. Bei allem hielt Elli
-peinlich darauf, da Marga &#8222;ihrem&#8221; Doktor genau so gerecht
-wurde wie sie &#8222;ihrem&#8221; Erich. Die mglichste Gleichheit
-beruhigte sie selbst und sollte Marga Freude machen.
-Wenn sich Marga auch strubte &mdash; sie war nach der Auseinandersetzung
-mit Kthe mit doppelter Vorsicht darauf
-bedacht, ihr Verhltnis zu Perthes und damit ihr eigenes
-Gefhl in strengen Grenzen zu halten &mdash;, Elli wute<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[S. 147]</a></span>
-immer mit der hinreienden Dialektik ihrer siebzehnjhrigen
-Verliebtheit und Lebenslust jedes Bedenken
-fortzuplappern. Und kam sie nicht damit zum Ziel, so
-sang und lachte sie es weg. Gegen ihr Lachen war Marga
-so ohnmchtig wie gegen ihre losesitzenden Trnen. Es
-tat ihr im Grund der Seele zu wohl, einmal jung mit den
-Jungen sein zu drfen.</p>
-
-<p>Dann kam der Umzug nach der Sgemhle und dabei
-eine Meinungsverschiedenheit, die Stoff zu schwerwiegenden
-Diskussionen bot.</p>
-
-<p>Elli hatte Wilkens lngst und beizeiten verstndigt, da
-und wohin man gehen wrde. Marga dagegen bewahrte
-gegen Perthes Stillschweigen und verbot auch der Schwester,
-Andeutungen zu machen. Die wachsende Vertraulichkeit,
-in die sie sich durch die Gunst der Umstnde und
-durch Ellis fanatischen Gleichheitsdrang hineingezogen sah,
-begann sie zu ngstigen. Sie war fter und ungestrter
-mit Perthes zusammen als sonst. Er pflegte die Freundschaft
-mit einer Achtung und Zartheit, die sie beseligte.
-Nichts, was mit ihm vorging, unterschlug er ihr: seine
-ernstesten Gedanken so gut wie seine alltglichen Beobachtungen,
-seine Stimmungen, die schweren wie die
-leichten, lud er vertrauensvoll bei ihr ab. Sie fhlte instinktiv,
-wie diese schne Vertraulichkeit, so viel sie gab,
-doch auch an der Kraft zehrte, mit der sie ihre wahre Gesinnung
-fr ihn niederhielt. Wenn sie so stark bleiben
-wollte, wie sie mute, war eine lngere Trennung das
-beste Mittel. Sie wollte weggehen, ohne da er wute,
-wohin, und ohne da er den Tag ihres Aufbruchs kannte.
-Natrlich wrde er sie leicht finden knnen. Es gab auer
-dem Zufall, da er nach der Sgemhle einen Ausflug<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[S. 148]</a></span>
-machte, Mglichkeiten genug fr ihn, ihren Aufenthaltsort
-schnell zu erforschen. Aber er sollte nicht aufgemuntert
-sein. Vielleicht zrnte er ber ihr Verschwinden. Doch
-ihr Gefhl lie sie nicht anders handeln. Es war freilich
-kein so klares, einfaches Gefhl wie die, denen sie sonst
-folgte. Ihre Neigung hatte trotz aller Vorsicht allerlei
-uneingestandene Heimlichkeiten miteingesponnen. Die
-Liebe macht nun einmal, mit oder ohne Willen, auch die
-Starken schwcher, als sie sind. Nein, Perthes sollte nicht
-aufgemuntert werden. Wenn er kommen wollte, mute
-er es schon ganz von sich aus tun. Von sich aus ...</p>
-
-<p>So ereiferte sich denn Elli diesmal vergebens. Sie
-stellte Marga vor, wie grausam, rcksichtslos, unfreundschaftlich,
-ja geradezu unanstndig es sei, so zu handeln.
-Aber Marga blieb fest. Elli mute sich fgen. &mdash;</p>
-
-<p>An einem Montagnachmittag, nachdem die Mbel
-verdeckt, die Teppiche und Gardinen eingekampfert, alle
-Rouleaus herabgelassen waren, so da Therese nur noch
-abzuschlieen brauchte, setzten sich Marga und Elli mit
-ihrem Handgepck in den Lokalzug und fuhren fluaufwrts,
-zwei Haltestellen weit. Dann holte sie die Fhre
-ber nach der Sgemhle.</p>
-
-<p>Der groe Koffer, eine sehenswrdige Hlichkeit
-aus Vater Richthoffs Junggesellenzeit, stand schon in dem
-blanken, behaglichen Zimmerchen mit den weien Tllvorhngen
-und dem braungestrichenen Boden, zu dessen
-offenen Fenstern der Buchenwald beinahe seine Zweige
-hereinstreckte.</p>
-
-<p>Noch am Abend muten das Haus, der Garten und die
-nhere Umgebung besichtigt werden, obwohl sie, lngst
-bekannt, viele berraschungen nicht bieten konnten. Elli<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[S. 149]</a></span>
-beschrieb Marga all die Herrlichkeiten haarklein &mdash; bis auf
-die Enten und Gnse, ber die man stolperte.</p>
-
-<p>Das Abendbrot in einer Laube am Flu schmeckte
-kniglich.</p>
-
-<p>Die paar Ausflgler, die noch verstreut im Wirtsgarten
-saen, reckten verwundert die Hlse, so laut und
-ansteckend lustig klang das Lachen zu ihnen herber.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen begann das Faulenzerleben der
-Sommerfrische, in seinen Einzelheiten entworfen und geleitet
-von Elli. Erst anderthalb Stunden Frhstck mit
-Massenvertilgung von Butter und Honig. Nicht zu spt,
-aber auch ja nicht zu frh. Dann mit der Hngematte in
-den Wald bis Mittag. Nach dem Essen in der Halle, einem
-luftigen Holzbau mit groen, zum Teil bunten Glasfenstern
-und einem Orchestrion, wurde geschlafen. Die anstrengende
-Unttigkeit des Vormittags forderte das.</p>
-
-<p>Zum Kaffee setzte man sich in den Garten, an einen
-versteckten Platz, zwischen hohe Haselbsche. Von dort
-lieen sich die Menschen, die von der Stadt kamen, trefflich
-mustern. Elli versah sie einzeln mit Etiketten, um sie
-Marga anschaulich zu machen.</p>
-
-<p>Als etwa anderthalb Stunden so vergangen waren,
-verstummte das Gesprch eine Weile.</p>
-
-<p>&#8222;Weit du,&#8221; legte dann Elli los, &#8222;ich hatte bestimmt erwartet,
-da Wilkens kme. Er hat mir's nmlich versprochen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Heute schon? Gleich am zweiten Tag?&#8221; fragte
-Marga, etwas erstaunt.</p>
-
-<p>&#8222;Sei du mal ganz ruhig, Margakind! Ich wei jemand,
-dem es schon greulich leid ist, da er einen gewissen anderen
-Jemand nicht doch, wie sich's gehrte, benachrichtigt hat!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[S. 150]</a></span>
-
-&#8222;Da irrst du dich, Kleinchen!&#8221; versicherte Marga
-ernsthaft.</p>
-
-<p>&#8222;Na, wenn ich dein Doktor wre, ich wrde mich fr
-so eine Freundschaft bedanken. Gott, wenn ich denke&#8221; &mdash;
-Elli fdelte eine neue Farbe fr ihre Stickerei ein und sah
-die Schwester dabei halb kritisch, halb schelmisch von
-unten herauf an &mdash; &#8222;du mtest eine schrecklich biedere und
-gestrenge Hausfrau abgeben, Marga!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Schwatz' doch keinen Unsinn, Kind!&#8221; wehrte Marga,
-leicht errtend.</p>
-
-<p>&#8222;Oh, Gedanken sind zollfrei!&#8221; fuhr Elli unbeirrt fort.
-&#8222;Freilich, wenn du immer so sprde und tugendsam mit
-deinen Verehrern bist wie in letzter Zeit mit Perthes,
-hat's damit gute Weile.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;So sprich doch nicht so laut!&#8221; mahnte Marga. &#8222;Und
-nenne wenigstens keine Namen! &mdash; Ich bin doch zu ihm
-wie immer,&#8221; setzte sie nach einer Weile zgernd, fast
-fragend hinzu. Hatte sie sich in jngster Zeit weniger frei
-und natrlich gegeben, dann war nur der Stachel daran
-schuld, der von der Aussprache mit Kthe in ihr zurckgeblieben
-war ...</p>
-
-<p>Elli erriet ihre Gedanken. &#8222;Von Kthe htte ich mich
-nun schon gar nicht ins Bockshorn jagen lassen,&#8221; sagte sie
-berzeugt. &#8222;Abgesehen davon, da ihr Benehmen gegen
-dich haarstrubend taktlos war, hat sie so altertmliche
-und hausbackene Ansichten, da &mdash;&#8221; Elli stockte. Sie bog
-einige Zweige des Gebsches auseinander. Dann fuhr
-sie geruschvoll in ihrem Stuhl zurck. &#8222;Da haben wir
-die Bescherung!&#8221; rief sie mit halblautem, aufgeregtem
-Kichern.</p>
-
-<p>Ehe sich Marga nach dem Wesen dieser Bescherung<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[S. 151]</a></span>
-erkundigen konnte, klang ein krftiges &#8222;Guten Abend,
-die Damen!&#8221; zu dem versteckten Tisch.</p>
-
-<p>Im nchsten Augenblick schwenkten sich mit zeremoniellem
-Gru zwei Hte.</p>
-
-<p>Perthes und Wilkens, in traulichem Verein, standen
-im Bereich der Haselbsche.</p>
-
-<p>Elli tat riesig berrascht. &#8222;Nein, so was! Denk' mal,
-Marga, Doktor Perthes und ein Herr Wilkens berrumpeln
-uns hier gleich zu zweien! &mdash; Sie kommen natrlich
-ganz zufllig?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Natrlich &mdash; ganz zufllig!&#8221; schmunzelte Wilkens,
-whrend man sich die Hnde schttelte.</p>
-
-<p>&#8222;Und da wir &#8218;gleich zu zweien&#8219; kommen, Frulein
-Elli, wie Sie liebenswrdig hervorheben, ist erst recht zufllig,&#8221;
-erklrte Perthes. &#8222;Wir kommen auch in sehr verschiedener
-Sendung. Herr Doktor Wilkens &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Pardon! Immer noch Wilkens!&#8221; warf Elli mit einem
-vernichtenden Blick auf den flschlich Promovierten dazwischen.</p>
-
-<p>&#8222;Ehe ich mich weiter insultieren lasse, bitte ich Platz
-nehmen zu drfen!&#8221; parierte Wilkens mit frhlichem
-Gleichmut und nahm sich, ohne die Erlaubnis abzuwarten,
-einen Stuhl. &#8222;Ich rate Ihnen dasselbe, Herr Doktor
-Perthes, denn Sie wissen nicht, was die Damen noch fr
-Liebenswrdigkeiten bereithalten. Ich habe die Erfahrung
-gemacht &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ums Himmels willen!&#8221; unterbrach ihn Elli, sich die
-Ohren zuhaltend. &#8222;Was der Mensch redet! Und dabei
-ist man zur Erholung hier!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das Schweigen ist oft viel bedenklicher als das
-Reden,&#8221; nahm Perthes das Wort, indem er sich Marga<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[S. 152]</a></span>
-gegenbersetzte. &#8222;Ich meine nmlich das Schweigen
-von Frulein Marga.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie haben mich ja noch gar nicht zu Wort kommen
-lassen!&#8221; verteidigte sich Marga.</p>
-
-<p>&#8222;Das hat noch gute Weile. Erst redet der Anklger,
-dann der Angeklagte.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie sind wohl inzwischen zur Juristerei bergegangen?&#8221;
-fragte Elli naseweis.</p>
-
-<p>&#8222;Wollen wir uns nicht vorher ein Glas Bier kommen
-lassen?&#8221; meinte Wilkens gemtlich zu seinem Nachbar.</p>
-
-<p>&#8222;Das knnen <em class="gesperrt">Sie</em>! Denn Sie sind hier gewissermaen
-eingeladen,&#8221; gab Perthes zurck.</p>
-
-<p>&#8222;Eingeladen?&#8221; Elli schttelte entrstet ihren Blondkopf.
-&#8222;Das mu ich mir schnstens verbitten. Herr Wilkens
-hat von mir allerdings erfahren, wohin ich gehe.
-Aber eingeladen habe ich ihn nicht! Davor werd' ich mich
-hten!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Weil er sowieso kommt,&#8221; ergnzte Wilkens, whrend
-er dem in der Ferne vorbeistreifenden Kellner seine Bierwnsche
-durch Zeichensprache deutlich machte.</p>
-
-<p>&#8222;Das tut Herr Doktor Perthes auch!&#8221; entfuhr es Elli
-bermtig.</p>
-
-<p>&#8222;Oho! Dagegen lege ich Verwahrung ein!&#8221; protestierte
-Perthes und schlug lebhaft mit der groen Hand,
-die schon so sommersonnengebrunt war wie das ruberbrtige
-Gesicht unter dem weien Panama, auf den Tisch.
-&#8222;Also, Frulein Marga! Ich bin nur hier, um Rechenschaft
-zu fordern. Wenn mir nicht Ihre Therese begegnet
-wre, die auf dem Weg zum Bahnhof grend an mir
-vorbeischnob, wte ich berhaupt nicht, wo Sie sind.
-Herr Wilkens ist mein Zeuge, mit dem ich mich eine halbe<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[S. 153]</a></span>
-Stunde spter auf der Landstrae traf. Man hat mich
-bswillig hintergangen! Man hat mir kein Sterbenswrtchen
-von dieser Sommerfrischenidee gesagt. Ist das
-freundschaftlich?&#8221;</p>
-
-<p>Marga suchte vergeblich nach dem rechten Ton, um
-auf den scherzhaft-temperamentvollen Angriff einzugehen.</p>
-
-<p>&#8222;Sagte ich es nicht? Dieses Schweigen ist Schuldbewutsein!&#8221;
-triumphierte Perthes. &#8222;Wenn Sie sich
-wenigstens auf einen Spa hinausreden wollten!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Einen Spa?&#8221; kam es jetzt ehrlich, aber leise von
-Margas Lippen. &#8222;Da mte ich Sie geradezu anschwindeln,
-Herr Perthes!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie wollen mir also einfach zeigen, da ich durchaus
-nicht unentbehrlich bin, Frulein Marga,&#8221; sagte Perthes
-nach einer kleinen Pause, aus dem heiteren Ton der
-Philippika zu gedmpftem Ernst bergehend.</p>
-
-<p>&#8222;Vielleicht,&#8221; stammelte Marga zaghaft. Es kostete sie
-eine schmerzliche berwindung, dieses vor der Vernunft
-wahre, vor ihrem Herzen unwahre Wort hervorzubringen.</p>
-
-<p>&#8222;Sie vergaen dabei zu berlegen, ob Sie Ihrem
-Freunde ebenso unentbehrlich sind,&#8221; erwiderte Perthes
-knapp und mit einem Anflug von enttuschter Bitterkeit.</p>
-
-<p>Die Unterhaltung stockte.</p>
-
-<p>Elli ergriff die Gelegenheit, um Wilkens einen Gang
-nach der &#8222;Menagerie&#8221; vorzuschlagen. Die Wirtsleute der
-Sgemhle hatten im Wirtschaftshof ein paar Kaninchen,
-einen Fuchs, allerhand Geflgel und vor allem ein
-junges Rehzicklein, das Ellis besondere Gunst geno
-und Wilkens gezeigt werden mute. Sie hatte nebenher
-den Gedanken, die beiden, Marga und Perthes, wrden
-sich allein schneller und besser &#8222;zusammenzanken&#8221;. So<span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[S. 154]</a></span>
-pflegte das wenigstens immer bei ihr und Wilkens
-zu sein.</p>
-
-<p>Diesmal irrte sie sich.</p>
-
-<p>Perthes verstand Margas Verhalten, das ihm pltzlich
-und willkrlich verndert erscheinen mute, nicht. In den
-letzten Wochen nach dem Bruch mit Hilde Knig und der
-strmischen Freundschaftskrisis mit Marga hatte er sich
-stetig gesnder gefhlt. Dies ungezwungene, vertrauensvolle
-Beisammensein gab ihm Ruhe und Gleichgewicht.
-Es strkte in ihm den Glauben an einen gewissen Wert
-seiner Persnlichkeit. Lebenslust und Frohsinn kehrten
-ihm zurck. Er gab sich im einzelnen keine Rechenschaft
-ber die Fortschritte seiner Genesung. Nur da er seine
-Dankbarkeit ohne Rckhalt zur Schau trug. Ohne es zu
-wollen und zu beachten, bertrug er etwas von der Leidenschaftlichkeit,
-die er in seine phantastische Neigung fr die
-kleine Ufernixe gelegt hatte, auf seine Freundschaft. Ein
-halber Mensch, wie er selbst sich so gern schalt, mute er
-doch immer seine ganze, ungeteilte Person einsetzen, wenn
-er, was freilich selten genug geschah, sich einem anderen
-ber das Ma alltglichen Bekanntseins nherte. Und er
-war dann im Fordern ebenso rcksichtslos, als er im Geben
-unbedacht war.</p>
-
-<p>Wenn er gewut htte, wie seine letzten, verbittert
-hervorgestoenen Worte auf Marga wirken muten!
-Welchen Aufruhr sie in ihre Seele warfen!</p>
-
-<p>Was wollte er damit sagen? Wie tief ging dieser Vorwurf
-ihm selbst? Ob er, unbewut, doch angefangen hatte, mehr
-fr sie zu empfinden, als die Freundschaft schuldig war?</p>
-
-<p>Diese Gedanken wlzten sich qulend in Marga. Sie
-weckten eben die Gefhle, die sie so tapfer niederhalten<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[S. 155]</a></span>
-wollte und mute. Sie zehrten von neuem, strker und
-gefhrlicher als je, an der Kraft, die zu bewahren &mdash; freilich
-mit halben Mitteln &mdash; sie eine Trennung herbeizufhren
-gesucht hatte.</p>
-
-<p>Eine dumpfe, wehvolle Angst arbeitete in ihr.</p>
-
-<p>Sie durfte ihn nicht zurckstoen. Und durfte doch
-auch seine zunehmende Annherung nicht dulden! Wo
-war die Grenze? Woher nahm sie Kraft, immer neue
-Kraft, zu wollen, was sie nicht wollte; nicht zu wollen,
-was sie wollte? Ihr Herz hatte auch sein Gesetz, auch Kraft
-wider Kraft und bumte sich auf gegen die Zgel, die sie
-ihm anlegte. Das trbte die klare Stille ihres Wesens.
-Das nahm ihr ihre Unbefangenheit. Sie erschien klter,
-gleichgltiger und verschlossener als sonst. Ihr Schweigen
-und seine Verstimmung nhrten sich gegenseitig und machten
-dies erste Alleinsein auf der Sgemhle fr beide hchst
-unerquicklich.</p>
-
-<p>Perthes war nahe daran, sich zu verabschieden. Da
-kamen Wilkens und Elli zurck und brachten den Vorschlag,
-im Garten gemtlich Abendbrot zu essen.</p>
-
-<p>Man war da jetzt ganz unter sich. Die letzten Gste
-vom Nachmittag waren im Aufbruch begriffen, und Elli
-wartete gar nicht erst eine lange Erklrung von Marga
-oder Doktor Perthes ab, sondern whlte einen Tisch
-weiter vorn im Garten, freier und nher dem Flu, wo
-sie fr vier Personen decken lie.</p>
-
-<p>Sie fand ihren Einfall riesig lustig und kommandierte
-Wilkens und den Doktor abwechselnd fr ihre Dienste.
-Perthes wollte nicht zurckbleiben. Im Gegenteil, er
-berbot die anderen und sprang von seiner Verstimmung
-ber zu lauter Ausgelassenheit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[S. 156]</a></span>
-
-Marga beteiligte sich an diesem Treiben nur widerstrebend,
-um niemand die Freude zu verderben. Sie erriet,
-was in Perthes vorging. Mit einer gewissen Absichtlichkeit
-wollte er ihr zeigen, da er sich aus dem Vorhergegangenen
-nichts mache.</p>
-
-<p>Dabei konnte er es nicht lassen, sie wieder und wieder
-zu necken.</p>
-
-<p>&#8222;Obwohl Frulein Marga mich so schlecht behandelt!&#8221;
-&mdash; &#8222;Trotzdem Frulein Marga gar keinen Wert auf meine
-Gesellschaft legt!&#8221; Solche und hnliche Wendungen lie
-er stndig mit einflieen. Ohne Bedacht, nur seiner inneren
-Gereiztheit nachgebend, trieb er das Spiel jener Koketterie,
-deren auch Mnner fhig sind. Er wollte Marga
-zu irgendeiner uerung verlocken, mit der sie sich ins
-Unrecht setzte und ihre Freude, da er doch gekommen
-war, verriet. Sie sollte sich fr das &#8222;Verbrechen an der
-Freundschaft&#8221;, das er ihr vorwarf, entschuldigen und
-damit seiner Eigenliebe schmeicheln.</p>
-
-<p>Er erreichte von Marga nur ein Lcheln, das matt und
-traurig aussah, weil sein Benehmen ihn vor ihr verkleinerte
-und ihr an der Seele ri, wo sie am empfindlichsten war.</p>
-
-<p>Es war um diese Stunde kstlich im Garten am Flu.
-Er lag vertrumt im dmmerigen Schatten der mchtigen
-Linden und Ahornbume.</p>
-
-<p>Drauen zog still, vom Schein des roten Abendhimmels
-berhaucht, Welle an Welle.</p>
-
-<p>Am jenseitigen Ufer, auf den Wiesenhngen, wurde
-noch geheut. Der se Duft der Mahd flog ber den Flu.
-Die feinen Rnder der Waldberge tauchten mit tausend
-und abertausend scharfen Tannenspitzen in den letzten
-Sonnenglanz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[S. 157]</a></span>
-
-Die wundersame Ruhe des Abends rang gro und
-beharrlich gegen die lrmende Lustigkeit des jugendlichen
-Tisches im Garten.</p>
-
-<p>Ellis jubelndes Lachen, Wilkens' Jodler, die laute,
-hastige Stimme von Perthes hielten vergebens dagegen.
-Die lndliche Mahlzeit, bestehend aus zwei groen hochgebrunten
-Eierkuchen, frisch gepflcktem Salat, Schwarzbrot
-und Butter, war mit gewaltigem Beifall begrt
-worden. Noch war sie nicht vertilgt, noch hatten Perthes
-und Wilkens kaum um neue &#8222;Metkrge&#8221; geklappert, gelutet
-und gerufen, als schon das feierliche Schweigen
-ber das Laute seinen Sieg davontrug. Still und stiller,
-wie drauen ber dem Flu und Wald, wurde es auch
-drinnen im Garten. Und die kleinen, sanften Gerusche
-des Abends, die nur ebensoviele Lockrufe der sieghaften
-Stille sind, machten das Gesprch vollends verstummen:
-der spte, hell anhebende und kurz abbrechende Triller
-einer Lerche im Feld; das Pltschern eines Fischerkahns
-im Wasser, der fluabwrts glitt; ein fernes, gedmpftes
-Hundegebell aus dem nchsten Dorf.</p>
-
-<p>Elli war schnell fr das Lyrische gewonnen.</p>
-
-<p>Als Wilkens wieder an sein geleertes Glas klimperte,
-flog ihm ein &#8222;Prosaischer Radaumacher!&#8221; an den runden,
-wollig-blonden Kopf. Er wurde ganz klein und verdrehte
-sentimental die so gar nicht melancholischen Augen.</p>
-
-<p>Perthes hatte zu rauchen begonnen. Er stie ein paar
-Wolken von sich, blies Ringel von zartem Dunst und warf
-die Zigarre hinaus auf den Flu.</p>
-
-<p>Marga sa in sich gekehrt neben ihm. Sie suchte sich
-aus der Stille des Abends zur eigenen zurckzufinden.</p>
-
-<p>&#8222;Wir, Marga und ich, machen jetzt unseren Spaziergang<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[S. 158]</a></span>
-ber die Wiesen, nicht wahr, Margakind?&#8221; erklrte
-Elli pltzlich und stand auf. Marga nickte. Unbekmmert
-um Perthes und Wilkens, Arm in Arm aneinandergeschmiegt,
-traten sie aus dem Garten.</p>
-
-<p>&#8222;Wir sind jetzt wohl beurlaubt?&#8221; fragte Perthes den
-mit ihm zurckbleibenden Wilkens.</p>
-
-<p>Wilkens schttelte den Kopf. &#8222;Nee, so lass' ich mich
-nicht in den Sand setzen!&#8221; meinte er gleichmtig. &#8222;Im
-brigen &mdash; Frulein Marga kenne ich so genau nicht,
-aber Elli ist felsenfest berzeugt, da wir zwei hinterdreinschlendern.
-Wetten, da &mdash;?&#8221; Er blinzelte den Doktor
-mit der listigen Miene des erfahreneren Liebespraktikus an.</p>
-
-<p>&#8222;Da mache ich nicht mit!&#8221; versetzte Perthes bestimmt.</p>
-
-<p>&#8222;Meinen Sie, ich?&#8221; warf sich Wilkens in die Brust.
-&#8222;Es dauert keine fnf Minuten, und die Mdels sind zurck;
-sowie sie merken, da wir streiken.&#8221;</p>
-
-<p>Es dauerte aber zehn Minuten und lnger.</p>
-
-<p>Wilkens wurde unruhig. Er stand auf und ging ein
-paarmal halb verlegen zum nchsten Tisch und wieder
-zurck. Dann sah er verstohlen ber den niedrigen Lattenzaun
-des Gartens weg, den Weg hinunter.</p>
-
-<p>&#8222;Schlendern wir 'n bichen auf eigene Faust?&#8221; fragte
-er schon bedeutend kleinlauter zu Perthes zurck, der
-sitzen geblieben war.</p>
-
-<p>Widerstrebend erhob sich dieser. Er war jetzt mit seiner
-Geduld zu Ende.</p>
-
-<p>Die Rcksichtslosigkeit, mit der er von Marga behandelt
-wurde, emprte ihn. Am liebsten wre er ohne Abschied
-heimgegangen. Er war zum ersten- und letztenmal auf
-der Sgemhle. Das war eine ausgemachte Sache.
-Aber er wollte es ihr offen sagen. Sie hielt ja so viel von<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[S. 159]</a></span>
-der Offenheit in der Freundschaft, wenn sie auch mit
-ihrem heutigen Verhalten das Gegenteil bewies.</p>
-
-<p>Deshalb blieb er. Deshalb schlenderte er, unlustig genug,
-mit Wilkens aus dem Garten in die angrenzenden
-Wiesen, am Flu entlang. Er hatte den Hut vom Kopf
-gerissen. Sein Gesicht hatte sich verfinstert. Der Unmut,
-gleich wieder leidenschaftlich wie sein ganzes Temperament,
-lag in tiefen Falten auf seiner Stirn und blickte
-ihm aus den Augen. Er fuhr sich einmal ums andere durch
-den schwarzen Haarbusch oder strich ber den krausen
-Vollbart.</p>
-
-<p>Und dabei lag die Dmmerung so mild und vertrglich
-ringsum.</p>
-
-<p>Das hohe Gras mit seinem Labkraut, seinen Schafgarben
-und Kuckucksblumen berwucherte den schmalen
-Weg, den &#8222;Leinpfad&#8221;, auf dem frher die Pferde an
-strammer Leine die Lastkhne stromaufwrts geschleppt
-hatten. Das Wasser in seinem tiefen, sthlernen Grau
-rauschte und gluckste heimlich, als wollte es den sachten
-Abendwind, den tuschelnden Geheimniskrmer, noch an
-bedeutsamer Wissenschaft bertreffen. Und drben,
-ber den Heuhocken, den silberreifen Kornckern, dem
-Berg mit seinem schweren, dsteren Tannenmantel, lag
-es wie feiner, rieselnder Taudunst. Auf all das achtete
-Perthes nicht. Nicht einmal auf das gefhlvolle Summen
-von Wilkens, mit dem dieser seinen zrtlichen Gefhlen
-Ausdruck verlieh. Nur die eigene Verstimmung schien
-ihm der Aufmerksamkeit wert.</p>
-
-<p>Und dann, als der Leinpfad, dem Flulauf folgend,
-sich bog und von ein paar knorrigen Krppelweiden eingefangen
-wurde, waren pltzlich Marga und Elli dicht<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[S. 160]</a></span>
-vor ihnen. Sie kamen langsam und stumm den Weg
-zurck.</p>
-
-<p>&#8222;Ist das auch eine Art, seine Damen ohne Schutz
-in die Nacht hinauslaufen zu lassen?&#8221; rief Elli, die so ungewohnt
-lange auf ihren Wilkens hatte warten mssen,
-den beiden zrnend entgegen.</p>
-
-<p>&#8222;Bitte sehr!&#8221; entgegnete Wilkens, &#8222;die Damen sagten
-uns ja gar nicht &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Da sie Wert auf unsere Begleitung legten!&#8221; ergnzte
-Perthes mit Schrfe.</p>
-
-<p>Elli hing sich statt jeder weiteren Antwort an Wilkens'
-Arm.</p>
-
-<p>&#8222;Na, also!&#8221; schmunzelte Wilkens und fhrte sie wieder
-fluaufwrts weiter.</p>
-
-<p>Marga stand vor Perthes.</p>
-
-<p>Unschlssig blieben sie sich einen Augenblick gegenber.</p>
-
-<p>Um keinen Preis htte Perthes das erste Wort gesprochen.</p>
-
-<p>&#8222;Wollen Sie mir Ihren Arm geben?&#8221; fragte endlich
-Marga zaghaft. Ihre Stimme klang weich, bittend, wie
-er sie den ganzen Nachmittag nicht gehrt hatte.</p>
-
-<p>Perthes tat sofort, wie sie ihn gebeten. Sie gingen
-in der, Elli und Wilkens entgegengesetzten Richtung
-nach der Sgemhle zu. Er hatte sie mit heftigen Vorwrfen
-empfangen wollen. Aber jetzt, wie sie so an seiner
-Seite schritt, fhlte er sich ruhiger werden. Es war ein
-und dieselbe Wirkung ihres Wesens, die sich ihm immer
-mitteilte, ob er wollte oder nicht.</p>
-
-<p>&#8222;Ich war drauf und dran, heimzugehen, ohne Sie noch
-einmal gesprochen zu haben,&#8221; begann er mehr traurig
-als zornig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[S. 161]</a></span>
-
-Marga sagte nichts. Ihr Kopf war tief vornbergebeugt,
-als she sie auf den Weg.</p>
-
-<p>Elli hatte mit ihr geredet und ihr ihr Betragen vorgeworfen.
-Sie wollte liebenswrdiger sein. Aber es war
-schwer, so schwer! Irregemacht an ihrer Zurckhaltung,
-die ihn krnkte, und doch sich bewut, da jeder Schritt,
-den sie ihm weiter entgegenkam, sie schwcher und unglcklicher
-machte, suchte sie umsonst den immer schmler werdenden
-Weg zwischen ihrem Stolz und ihrer Pflicht auf
-der einen, ihrer Liebe auf der anderen Seite.</p>
-
-<p>Perthes fhlte, wie ihre Hand, die zufllig die seine
-streifte, kalt war und zitterte. Was war das? Er schaute
-sie prfend an. Weinte sie denn? Es ging eine leise,
-schtternde Bewegung durch ihren Krper, die ihm nicht
-entgehen konnte; aber er sah keine Trne in ihren blicklosen
-Augen, als er sich vorbeugte. Und doch hatten ihre
-Zge den Ausdruck des Weinens, einen seltsamen, rhrenden,
-ergreifenden Ausdruck verborgenen, inneren Weinens.</p>
-
-<p>&#8222;Was ist Ihnen denn, Frulein Marga? Warum
-verstehen wir uns denn heute nicht? Warum sind Sie
-so anders als sonst zu mir? Was haben Sie nur? Habe
-ich irgend etwas verbrochen? Mifllt Ihnen etwas an
-mir? So reden Sie doch nur! Sagen Sie, was es ist!&#8221;
-Besorgt, dringend, beinahe verzweifelt stie er seine
-Fragen hervor. Es war keine Spur von rger oder Bitterkeit
-mehr in seinen Worten.</p>
-
-<p>&#8222;Ich habe nichts gegen Sie. Gar nichts!&#8221; Marga
-schttelte energisch und abwehrend den Kopf. &#8222;Nur &mdash;&#8221;
-setzte sie flsternd hinzu, &#8222;nur &mdash;&#8221; wiederholte sie noch einmal
-kaum hrbar. Unfhig, sich auszusprechen, kehrte sie
-ihr Gesicht von ihm ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[S. 162]</a></span>
-
-&#8222;Nur?&#8221; Er lie sie los und stellte sich vor ihr auf den
-Weg. Er zwang sie, zu ihm aufzusehen.</p>
-
-<p>Ihre leeren Augensterne hasteten scheu an ihm vorbei,
-hinaus in die Weite. Als suchte sie die Nacht, die jetzt
-immer dichter heranzog, um sich in ihr zu verstecken.</p>
-
-<p>Perthes nahm wieder ihren Arm. Willig lie sie sich
-weiterfhren.</p>
-
-<p>Er war ratlos. Er verstand sie nicht. Wieder und
-wieder betrachtete er sie von der Seite. Nichts Trotziges,
-Eigensinniges war an ihr zu entdecken. Aber ihrem Antlitz
-fehlte auch die Festigkeit, die Ruhe und Klarheit, die
-sie sonst erfllte. Eher war es Angst, Schwche, Hingebung
-&mdash; eine scheue, hilflose Mdchenhaftigkeit, wie er
-sie so nie bei ihr wahrgenommen hatte. Das warme, mitleidsvolle
-Gefhl, ihr helfen, sie schtzen zu wollen, regte
-sich in ihm. Er htte sie an seine Brust ziehen mgen.
-Nicht leidenschaftlich, sondern wie ein Bruder die Schwester.
-Ihre Schulter streifte die seine. Noch einmal, lnger.
-Sie schien sich an ihn zu lehnen. Er war nahe daran,
-seiner zrtlichen Empfindung nachzugeben, aber im selben
-Augenblick lie Marga ihn los.</p>
-
-<p>Sie ri sich zusammen, als ahnte sie die Bewegung,
-die er machen wollte. Sie blieb stehen und warf die Arme
-hinter sich. Der Wind lie das Haar um ihre Schlfen
-flattern. Gewaltsam trat ein herber, entschlossener Zug
-in ihr sonst weiches Gesicht. &#8222;Ich will Ihnen sagen, was
-es ist,&#8221; prete sie hervor. &#8222;Es gibt Zeiten, in denen ich
-einsam sein mu. Ganz einsam. Ich brauche dann all
-meine Kraft nur fr mich allein. Und bin ungesellig und
-unfreundlich wie jetzt. Vielleicht &mdash; vielleicht &mdash;&#8221; Sie
-stockte. Dann kam es mit uerster Anstrengung: &#8222;Vielleicht<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[S. 163]</a></span>
-wre es besser, Sie besuchten mich &mdash; in diesen Wochen
-hier drauen &mdash; gar nicht. Deshalb habe ich Ihnen auch
-nichts von der Sgemhle gesagt.&#8221;</p>
-
-<p>Perthes sah sie mit bestrzten Augen an. Er wute
-nichts zu erwidern auf dies seltsame, unerwartete Gestndnis.
-Auch keinen Zorn empfand er gegen sie, da sie
-ihn so gewissermaen vor die Tr setzte. Nichts von Enttuschung,
-von Zweifel an ihrer Freundschaft. Dazu
-hatte er sie zu sehr achten gelernt. Und er achtete sie gerade
-jetzt mehr als je, obwohl er ihr Reden weniger begriff als
-ihr Schweigen am Nachmittag. Es ging eine Traurigkeit
-von ihr aus, die auch ihn ergriff. ber die ganze Landschaft
-schien sie sich auszubreiten &mdash; ber die dunklen
-Wiesen, den schwarzen Flu, die finster starrenden Waldberge.
-Und in dieser Traurigkeit schritten sie nebeneinander
-weiter, ohne sich zu fhren, er links, sie rechts am
-Weg. Er hatte vergessen, da sie blind war und er sie
-fhren sollte. Und sie wollte fern von ihm sein, so fern
-als mglich, und nicht gefhrt sein. So allein, wie sie es
-ihr ganzes Leben htte sein sollen ...</p>
-
-<p>Ehe sie den Garten der Mhle erreicht hatten, wurden
-sie von Elli und Wilkens eingeholt.</p>
-
-<p>Auch die waren stumm. Aber es war die Stummheit
-des Glcks: die glnzte aus Ellis Augen und
-glnzte als ein sattes, seliges Lcheln auf Wilkens' vollen
-Lippen.</p>
-
-<p>An der Bschung vor dem Garten lag noch ein Kahn.
-Der Schiffer, dem er gehrte, lungerte am Zaun. Er hatte
-gehrt, da noch Fremde aus der Stadt da seien, und bot
-nun hutrckend seine Dienste an. &#8222;Der Mond kommt!&#8221;
-setzte er verheiungsvoll hinzu und deutete hinauf nach<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[S. 164]</a></span>
-den Bergen. ber einer Waldkuppe im Osten war es hell
-von weiem Licht.</p>
-
-<p>Wilkens wandte sich fragend zu Perthes.</p>
-
-<p>Der nickte zerstreut.</p>
-
-<p>Es gab einen schnellen Abschied von wenigen Worten.
-Dann stiegen die beiden die Bschung hinunter und in
-den Nachen.</p>
-
-<p>Marga und Elli traten hinaus auf die Landstrae.
-Sie folgten eine Weile dem Boot, das sich fluabwrts
-in die Mitte des Flusses hinberarbeitete. Die
-Ruderschlge hallten dumpf und gleichmig zu ihnen
-zurck. Der Kahn und seine Insassen waren in tiefem
-Schatten.</p>
-
-<p>Dann stieg der Mond ber den Berg. Drauen, stadtwrts,
-flimmerte der Flu in mattem, mrchenhaftem
-Silber auf. Langsam breitete sich das Licht ber das
-schlafende Tal.</p>
-
-<p>Das Boot war jetzt in der Strmung. Schneller scho
-es davon und strebte aus dem Schatten, den die nahen
-Berge warfen, ins rieselnde Silber da drauen. Elli
-winkte mit dem Taschentuch. Marga setzte sich auf einen
-der Prellsteine, die die Landstrae sumten.</p>
-
-<p>Erst als sie schon weit von der Mhle waren, schaute
-Perthes zum erstenmal zurck.</p>
-
-<p>Jetzt lag auch die Strae wei im Schein des steigenden
-Mondes.</p>
-
-<p>Und er meinte Marga zu erkennen, wie sie da sa,
-die Hnde im Scho gefaltet, das Gesicht mit den
-irrenden, suchenden Augen hinaus nach dem Wasser gerichtet.</p>
-
-<p>Und mit einem Mal zuckte es von der hellen, fernen<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[S. 165]</a></span>
-Gestalt herber in seine Seele, geheimnisergrndend und
-rtsellsend, klar wie das wei flirrende Mondlicht: sie
-liebte ihn. Jetzt verstand er sie. Marga liebte ihn ...</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c7" id="c7">7</a></h2>
-
-
-<p>&#8222;Dieser Perthes hat doch ein Schwein, nicht zu glauben!
-Finden Sie nicht auch, Herr Professor?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na ja &mdash; wie man's nimmt. Exzellenz scheint ihm
-sehr gewogen zu sein.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und dabei hat dieser sonderbare Heilige akkurat
-immer das Gegenteil von dem getan, was ihn bei Hupfeld
-in gute Meinung bringen konnte! Ich sagte ihm seinerzeit:
-&#8218;Wenn Sie hier was erreichen wollen, mssen Sie
-Exzellenz Ihre Aufwartung machen.&#8219; Was gibt er zur
-Antwort? &#8218;Ich besuche, wen ich will.&#8219; Ich fhre ihn in
-unseren Sportklub ein. Alice Hupfeld sagt ihm: &#8218;Sie
-mssen uns mal besuchen, Doktor! Papa hat von Ihnen
-durch Rehbach in Bonn gehrt. Er interessiert sich fr
-Sie.&#8219; Perthes nickt mit dem Kopf und &mdash; bleibt weg.
-Denkt nicht daran, zu Hupfelds zu gehen. Was geschieht?
-Drei Wochen spter lt ihn der Geheime Rat hflich
-zu einer Besprechung in die Chirurgische bitten! Mir
-steht der Verstand still.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Warten wir ab! Perthes ist begabt. Ohne Zweifel.
-Hat auch Glck. Aber ein unsicherer Kantonist. Er hat
-keinen Ehrgeiz, so wenig wie ich. Doch &mdash; <span class="antiqua">chi lo sa</span>? Vielleicht
-ist er Heiratspolitiker!&#8221;</p>
-
-<p>Diese freimtige Unterhaltung wurde im Bakteriologischen
-Institut zwischen Professor Hammann, dem<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[S. 166]</a></span>
-Chef, und dem ersten Assistenten Doktor Markwaldt whrend
-der Frhstckspause gefhrt.</p>
-
-<p>Hammann sa mit bergeschlagenen Beinen in einem
-fr ein Laboratorium reichlich behaglichen Ruhesessel.
-Die paar Kaviarbrtchen, die ihm der Diener mit einem
-Glas Sherry jeden Vormittag um elf Uhr prsentierte,
-waren verzehrt. Er hatte den goldenen Kneifer abgenommen,
-wischte sich apathisch die kurzsichtig-blden
-Augen und rieb den Kopf mit dem millimeterkurz geschorenen,
-grauschwarzen Haar am Sesselrcken.</p>
-
-<p>Markwaldt lehnte an einem der Tische und kaute an
-seiner Butterstulle. Nach dem bedeutungsvollen Wort
-&#8222;Heiratspolitiker&#8221; hielt er es fr geraten, die Unterhaltung
-vorsichtiger zu fhren. Der Chef schien da auf Frulein
-Exzellenz anzuspielen. Das war eine heikle Sache, denn
-man munkelte, da zwischen ihm selbst und Alice vor einigen
-Jahren irgend ein zartes Verhltnis bestanden haben
-sollte. Genaues wute niemand. War es nur eine flchtige
-Courmacherei gewesen, wie die einen behaupteten, oder
-war es, wie andere mutmaten, bis zu einer Art Verlobung
-gekommen &mdash; etwas hatte gespielt, so viel war
-gewi. Dabei standen die beiden nach wie vor im Sportklub
-auf dem freundschaftlichsten Fue. Daran erinnerte
-sich Markwaldt, whrend er seine Stulle mit bemerkenswertem
-Appetit zerkaute. Ob sich mal ohne Gefahr auf
-den Zahn fhlen lie?</p>
-
-<p>&#8222;Heiratspolitiker?&#8221; wiederholte Markwaldt nach einer
-Weile nachdenklich. &#8222;Das traue ich Perthes erst recht nicht
-zu. Erstlich ist er, wie ich ihn kenne, berhaupt kein Politiker.
-Und zweitens wte ich auch nicht, wem die Politik
-gelten sollte,&#8221; ergnzte er sich unschuldig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[S. 167]</a></span>
-
-&#8222;Na &mdash; Sie sagen doch selbst, da Frulein Exzellenz
-ihn zum Besuchmachen aufgefordert habe,&#8221; lie sich
-Hammann ghnend vernehmen.</p>
-
-<p>&#8222;Ach, deswegen! Sie glauben doch nicht &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Glauben? &mdash; Ich glaube gar nichts, das heit &mdash;
-von den Frauen glaube ich alles und gar nichts!&#8221; Hammann
-beschftigte sich jetzt damit, mit den Fingerspitzen
-die paar Brosamen von den tadellosen, hellgrauen Beinkleidern
-wegzuschnellen.</p>
-
-<p>&#8222;Nein, nein! Da kann ich Sie vollkommen beruhigen,
-Herr Professor!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mich beruhigen? Was heit das?&#8221; fragte Hammann
-etwas lebhafter, whrend er sich im Sessel halb aufrichtete,
-den Kneifer auf die Nase drckte und nun seinerseits den
-Sprecher mit einigem Mitrauen ansah.</p>
-
-<p>Markwaldt merkte, da er &mdash; freilich nicht ganz zufllig
-&mdash; eine unvorsichtige Wendung gebraucht hatte,
-und beeilte sich, kein Miverstndnis aufkommen zu lassen.
-&#8222;Wie ich hre,&#8221; erklrte er mit geheimnisvoller Wichtigkeit,
-&#8222;soll Perthes einer von den Richthoffstchtern den Hof
-machen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Richthoff? Richthoff &mdash; wer ist das?&#8221; Hammann
-besah sich gelangweilt seine eleganten Fingerngel. Er
-kannte kaum die Professoren seiner eigenen Fakultt,
-geschweige denn die der anderen.</p>
-
-<p>&#8222;Richthoff ist, soviel ich wei, Ordinarius fr alte Geschichte
-oder einen hnlichen Klumpatsch,&#8221; erluterte
-Markwaldt.</p>
-
-<p>&#8222;Ach sooo ...&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Es sind, glaube ich, drei oder vier Mdels. So die
-richtigen philosophischen Putchen &mdash;&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[S. 168]</a></span>
-
-&#8222;Na &mdash; denn man zu!&#8221; Hammann erhob sich. Die
-Sache interessierte ihn nicht lnger. Er reckte seine schlanke,
-muskulse Figur, die Figur des wohltrainierten Vierzigers,
-die im Gegensatz zu Markwaldts dicker, praller Stutzererscheinung
-weltmnnisch-elegant im Sportjackett sa.
-Er ging nach seinem Arbeitskabinett nebenan. &#8222;Hrten
-Sie brigens schon etwas von den Badener Rennen?
-Wann &mdash; wie &mdash; was?&#8221; fragte er unter der Tr, den Kopf
-zurckwendend.</p>
-
-<p>&#8222;Noch nicht eine Silbe!&#8221; versicherte Markwaldt diensteifrig,
-whrend er vom Tisch mit plumper Grazie auf den
-Boden hpfte.</p>
-
-<p>Professor Hammann zog die farblosen Brauen ber
-den grauen Augen in die Hhe, tippte den ebenso farblosen,
-kurzen Schnurrbart mit den Fingerspitzen und verschwand.
-Er zog die Tr hinter sich zu, um vllig ungestrt sein
-Berliner Sportblatt zu lesen. So lange konnte die Arbeit
-ruhig noch warten.</p>
-
-<p>Markwaldt, sich selbst berlassen, machte sich pomadig
-an sein Prparat.</p>
-
-<p>Mit Neugier erwartete er die Rckkehr seines Kollegen
-Perthes. Es dauerte bis gegen zwlf, ehe der Erwartete
-kam und nach kurzem Gru, als wre nichts vorgefallen,
-an sein Mikroskop ging.</p>
-
-<p>&#8222;Wie hat Ihnen denn das groe Tier gefallen? Erzhlen
-Sie!&#8221; konnte sich Markwaldt nicht enthalten, ihn
-aufzumuntern.</p>
-
-<p>&#8222;Sehr liebenswrdig,&#8221; erwiderte Perthes einsilbig.
-Er schien nicht die mindeste Lust zu irgendwelchen Mitteilungen
-zu haben.</p>
-
-<p>&#8222;Was hat er denn von Ihnen gewollt?&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[S. 169]</a></span>
-
-&#8222;Allerhand.&#8221;</p>
-
-<p>Markwaldt lie sich durch die zugeknpfte Art von
-Perthes nicht abschrecken. Und sollte er so viele Fragen
-tun mssen, als drauen vor dem Fenster an den langweiligen
-Hornstruchern Bltter waren. &#8222;Will er Sie
-vielleicht zu seinem Assistenten machen?&#8221; forschte er unentwegt,
-mit einer boshaften Betonung, die der ausweichenden
-Geheimnistuerei seines Kollegen galt.</p>
-
-<p>&#8222;Und wenn er das wollte?&#8221; gab Perthes gleichgltig
-zurck.</p>
-
-<p>Markwaldt hielt mit der Arbeit ein und stemmte die
-kurzen, massigen Arme in die Hften. &#8222;Anzukohlen brauchen
-Sie mich aber nicht gerade, Perthes!&#8221; sagte er ganz entrstet.
-Er hatte die Frage nur aus Ulk gestellt, und der Gedanke,
-da davon auch nur ein Wort wahr sein knnte,
-verursachte ihm Kongestionen.</p>
-
-<p>&#8222;Fllt mir nicht ein, Sie anzukohlen, Doktor Markwaldt.
-Hupfeld hat mir in der Tat eine Assistentenstelle
-an der Chirurgischen Klinik angeboten.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja &mdash; aber &mdash; nu &mdash; nu &mdash; nu, sagen Sie mal!&#8221;
-Markwaldt kam aufgeregt zu ihm heran und fuchtelte mit
-den Hnden. &#8222;Das ist ja Mumpitz! Das verbitte ich mir!
-Sie sind ja Bakteriologe! Sie &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wenn Sie's durchaus wissen wollen, wie die Sache
-kam &mdash; nichts ist einfacher!&#8221; erklrte Perthes, ohne von
-seinem Mikroskop aufzusehen. &#8222;Vor einigen Wochen
-hatte ich die Bazillenschnffelei so satt, da ich in einem
-Anfall von Mimut an Professor Rehbach in Bonn schrieb,
-ich htte Lust, wieder zur Chirurgie zurckzukehren. Ob
-er etwas fr mich wte. Irgendeine Assistentenstelle.
-Ich hatte bei ihm doktoriert, und wir verstanden uns<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[S. 170]</a></span>
-immer leidlich. Inzwischen hatte ich die Geschichte wieder
-so gut wie vergessen. Heute sagte mir auf einmal Hupfeld,
-sein Schler Rehbach, bei dem er wegen eines Assistenten
-angefragt, htte mich empfohlen. Ob ich Lust
-htte. &mdash; Fertig ist die Laube, wrden Sie sagen! Das ist
-alles.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Menschenskind! Alles! Alles, sagen Sie! Als knnte
-es was Selbstverstndlicheres nicht geben!&#8221; zeterte Markwaldt.
-&#8222;Sie sind der blasierteste Fasan oder das neugeborenste
-Lamm, das mir je vorgekommen ist!&#8221; Er drehte
-sich auf dem Absatz rund herum und klatschte sich auf den
-Schenkel. &#8222;Wissen Sie denn nicht, da Hupfelds Assistenten,
-wenn sie nicht geradezu Hornochsen sind, gemachte
-Leute sind?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie sind sehr freigebig mit Ihren zoologischen Kenntnissen,
-Kollege!&#8221; Perthes streifte ihn ber sein Instrument
-weg mit einem spttischen Blick.</p>
-
-<p>&#8222;Sind Sie denn der Exzellenz nicht schlankweg um den
-Hals gefallen? Oder haben ihr die berhmte Hand vor
-Rhrung abgequetscht? Oder &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sieht mir das hnlich?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nee, nee, hnlich sieht Ihnen das freilich nicht. hnlich
-sieht Ihnen, da Sie sagten: &#8218;Sehr nett von Ihnen,
-Herr Hupfeld! Ich hab' das nicht anders erwartet!&#8219;
-Vielleicht haben Sie dem alten Herrn auch auf die Schulter
-geklopft, was? Und dann erklrten Sie wohlwollend oder
-zimperlich, so wie 'ne hhere Tochter, die mit Mama'n
-sprechen mu: &#8218;Ich werde mir's mal berlegen&#8219;! &mdash; Hab'
-ich recht?&#8221;</p>
-
-<p>Jetzt mute Perthes wider Willen lachen. Die bissige
-und doch zugleich gutmtige Aufregung Markwaldts<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[S. 171]</a></span>
-belustigte ihn. &#8222;Ganz so war's ja nicht. Aber Bedenkzeit
-mute ich mir allerdings ausbitten.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wut' ich 's doch! Ihnen mssen die Tauben nicht
-blo gebraten, sondern auch gleich hbsch tranchiert in den
-Mund fliegen! Ich sage Ihnen, ich&#8221; &mdash; Markwaldt stellte
-sich breitbeinig in Positur und klopfte sich auf die Brust &mdash;:
-&#8222;Wenn Sie Glckspilz da nicht mit beiden Hnden zugreifen,
-sind Sie &mdash; nee, die Zoologie ist dafr zu gut!
-&mdash; sind Sie reif fr 'ne andere Klinik! Fr die da drben
-&mdash; am Wasser, wissen Sie &mdash; fr die psychiatrische. Aber
-nicht als Assistent, sondern in die Isolierzelle! <span class="antiqua">Dixi!</span>&#8221;
-Damit schritt er heftig zurck an seinen Platz und prparierte
-seine Mauslungen.</p>
-
-<p>Perthes dachte nicht ganz so gleichgltig von Exzellenz
-Hupfelds Anerbieten, wie es den Anschein hatte. Wenn er
-auch bei dem hufigen Wechsel, zu dem ihn seine innere
-Unrast innerhalb der Wissenschaft schon getrieben hatte,
-einer neuen Wendung skeptischer gegenberstand als ein
-anderer und ihm Fragen des ueren Erfolgs unbedeutender
-erschienen als die jener inneren Befriedigung,
-nach der er sich bisher umsonst abgehastet, so bedeutete
-doch der Vorschlag des berhmten Hupfeld, in seinen Assistentenstab
-zu treten, einen Fortschritt, so verlockend und
-aussichtsreich, wie er sich nur wnschen lie. Er war weder
-der blasierteste Fasan noch das neugeborenste Lamm,
-zwischen denen ihm Markwaldt die Wahl lie. Kam es
-darauf an, so konnte er sich freuen, so gut wie irgendeiner.
-Vielleicht toller als irgendeiner. Nur durften dann nicht
-so widerspruchsvolle Gedanken und Empfindungen sein
-Inneres beschftigen wie gerade in den letzten Tagen.</p>
-
-<p>Seit sich ihm Margas Geheimnis auf der nchtlichen,<span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[S. 172]</a></span>
-mondbeschienenen Heimfahrt von der Sgemhle enthllt
-hatte, hatte er keine ruhige Minute mehr. Es war nicht
-wie vor einigen Wochen jenes leidenschaftliche Toben und
-Sichverlieren, das ihn in allen Hllen und Himmeln umherwarf.
-Im Gegenteil, er war besonnener als je und hatte
-sich zur mitleidslosesten Objektivitt gezwungen, deren er
-fhig war. Am Tag nach jener letzten Begegnung rsonierte
-er einfach und nchtern: Sie liebt dich. Liebst du
-sie? Was er bei strenger Untersuchung in sich fand, war:
-unbegrenzte Achtung, ein warmes, wohltemperiertes
-Freundschaftsgefhl, wie er es nie fr einen Menschen
-empfunden, und tiefes Mitleid. Aber Liebe? Erdbewegende,
-himmelstrmende Liebe, wie er sie sich vorstellte
-und ersehnte, fand er nicht. Keine Beschleunigung seines
-Pulses, kein heier, wirbliger Kopf, der nur einen Gegenstand
-denken und fassen konnte, keine Sehnsucht seiner
-Sinne, diesen Gegenstand im Arm zu halten, zu besitzen.
-Er liebte also Marga nicht. Folglich gab es fr ihn als
-Mann von Ehre und Takt nur eine Mglichkeit: er mute
-sie meiden, wie sie ihn ja selbst gebeten hatte. Strengste
-Zurckhaltung mute er sich auferlegen, um sie nicht
-durch ein weiteres Entgegenkommen noch unglcklicher
-zu machen. Er hatte schon gerade genug gesndigt. Nun,
-da er von ihrer Liebe wute, erklrte sich ihm so vieles:
-ihr Versagen, als er sie wegen seiner Liebelei mit Hilde
-Knig um Rat fragte; ihr Schweigen ber den Umzug
-nach der Mhle; ihr ganzes Verhalten bei seinem Besuch
-da drauen, von dem ngstlichen, abweisenden Empfang
-bis zu der gewaltsamen Bitte, sie dort allein zu lassen.
-Wie mute er sie geqult haben! Wenn es sein mute,
-wollte er diese Freundschaft lieber opfern, als ein zweideutiges<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[S. 173]</a></span>
-Spiel treiben, das mit Margas Verzweiflung
-endigen mute.</p>
-
-<p>Am Tag danach rsonierte Perthes nicht minder eindringlich.</p>
-
-<p>Er stellte von neuem Achtung, Herzlichkeit, Mitleid
-bei sich fest, aber keine Liebe. Was war eigentlich Liebe?
-Gab es denn die Liebe, die er sich zusammenidealisierte?
-Er wollte sehr grndlich zu Werk gehen. War diese
-&#8222;Liebe&#8221; nicht ein sehr unklares Gemenge, das zwei sehr
-verschiedene Bestandteile zu verbinden strebte? Wenn er
-dies Phantasieprodukt recht unter die Lupe nahm, fiel es
-auseinander in Leidenschaft und in eine seelische Unbekannte,
-die er einstweilen mit <span class="antiqua">x</span> bezeichnete. Weiter kam
-er fr diesmal nicht. Dagegen ertappte er sich des ftern,
-wie er in Gedanken Ausflge nach der Sgemhle machte
-und sich ausmalte, was Marga jetzt tun und denken mochte.
-Ob und wie sehr sie unter seinem Ausbleiben litt. Vielleicht
-war es doch nicht richtig, ihr nicht wenigstens eine
-Zeile zu schicken, die ihr darlegte, wie er die Sache ansehe.</p>
-
-<p>Der nchste Tag &mdash; es war der gestrige &mdash; lie ihn mit
-dem Gefhl einer groen, schmerzlichen Leere aufwachen.</p>
-
-<p>Kein Wunder, da er als gewissenhafter Selbstschauer
-ber diese Leere Rechenschaft verlangte. Was fehlte ihm?
-Was oder wen vermite er? Ohne Zweifel den Umgang
-mit Marga. Oder Marga selbst. Er entbehrte eine angenehme
-Gewohnheit. Seine Gefhle fr Marga waren
-dieselben wie vorher. Oder doch nicht ganz? Wo war
-er doch stehen geblieben? Liebe = Leidenschaft + <span class="antiqua">x</span>.
-Besser: <span class="antiqua">x</span> + Leidenschaft. Die Leidenschaft war sicher das
-Nebenschliche, das Zweite, das Untergeordnete. Aber <span class="antiqua">x</span>?
-War die groe Unbekannte vielleicht Achtung + Herzlichkeit<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[S. 174]</a></span>
-+ Mitleid, eben jene Summe, in der sich die Freundschaft
-darstellte? Perthes mitraute dieser Gleichsetzung.
-Sie befriedigte ihn nicht. Gewi nicht. Nicht annhernd.
-Sie mute falsch sein. Mit Gewalt hielt er sich jeden Gedanken
-an die Mhle und Marga fern.</p>
-
-<p>Und heute?</p>
-
-<p>Es war Freitag. War er mit dem linken Fu aus dem
-Bett gestiegen? Er war unzufrieden mit seiner ganzen
-bisherigen, so peinlichen Analyse, mit der Methode berhaupt.</p>
-
-<p>Was wollte er eigentlich? Das Unmgliche! Das lag
-so in seiner verhngnisvollen Natur; er wollte, was er
-nicht brauchen konnte, und wollte nicht, was er brauchte.
-Es gengte ihm offenbar nicht, da er sich mit seiner
-albernen Schwrmerei fr Hilde Knig und deren klglichen
-Nachkrmpfen vor sich selber unsterblich blamiert
-hatte! Wo hinaus wollte er mit dem den Spintisieren
-der letzten Tage? Es war doch vollkommen gleichgltig,
-was &#8222;Liebe an sich&#8221; war. Es handelte sich um das, was er als
-Liebe brauchte. Fr sein Glck. Sein Wille hatte da das
-entscheidende Wort zu sagen. Hatte er sich je reicher, harmonischer,
-mehr als er selbst empfunden als in dieser
-Freundschaft? Er mute an ein Gesprch denken, das er
-einst mit Marga gehabt. Sie hatte davon gesprochen,
-da es viel weniger auf die Meinungen ankomme, die
-man sich von den Dingen im allgemeinen mache, als auf
-das, was man aus sich selber mache. Er hatte ihr entgegengehalten:
-&#8222;Was aber dann, wenn man bald so ist,
-bald so? Wenn man die bekannten &#8218;zwei Seelen&#8219; in der
-Brust hat?&#8221; &mdash; &#8222;Dann kommt es eben darauf an, durch
-welche von beiden man glcklicher, man mehr &#8218;man selber&#8219;<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[S. 175]</a></span>
-ist. Wenn man das erst wei, braucht man blo zu wollen!&#8221;
-Begriff er jetzt, was er damals nicht begreifen konnte?
-Wollte er begreifen? Er war am Wendepunkt seines
-Lebens. Es galt, sich zu entscheiden. Vor ihm lag eine
-Wirklichkeit: nicht freilich die Vollkommenheit, das Unmgliche
-und berschwengliche, wohl aber Schnheit,
-Harmonie, die groe Stille, die er ersehnte. Wenn er ein
-Mann war, brauchte er nur zu wollen. Die Wirklichkeit
-zu ergreifen und sich zuzurufen: Das ist die Liebe! Meine
-Liebe! Ich setze sie gleich der Unbekannten, und damit
-ist sie's! So will ich's! ...</p>
-
-<p>So weit war Perthes' berlegung gediehen, als er
-am Morgen ins Institut kam.</p>
-
-<p>Dann rief ihn ein Diener von der Chirurgischen Klinik
-zu der unerwarteten Konferenz mit Hupfeld.</p>
-
-<p>Unter dem ersten Eindruck des lockenden Antrags
-hatte er von dort den Weg nach der Strae am Wenzelsberg
-eingeschlagen. Er war so gewohnt, alles mit Marga
-zu besprechen, da er fr den Augenblick ihr Fernsein
-vllig vergessen hatte. Erst unterwegs fiel es ihm ein.</p>
-
-<p>Ganz niedergeschlagen machte er kehrt und ging ins
-Bakteriologische Institut zurck.</p>
-
-<p>Aber es wollte mit der Arbeit heute nicht vorwrts.</p>
-
-<p>Er hatte in den letzten Tagen zu viel Seelenmikroskopie
-getrieben, um an der prosaischeren der Gewebezellen Geschmack
-zu finden. Es litt ihn nicht am Untersuchungstisch,
-und ehe Markwaldt das ihm unertrgliche Schweigen
-des Kollegen durch einen neuen Ausfall brechen konnte,
-war dieser davongelaufen.</p>
-
-<p>Er bummelte nach der Stadt.</p>
-
-<p>Nach all der vorsichtigen und gewissenhaften berlegung,<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[S. 176]</a></span>
-mit der er seine Gefhle zu zerfasern begonnen
-hatte, war er jetzt auf dem Punkt angelangt, wo sein
-Temperament sein Recht verlangte. Der Ansto, den Hupfelds
-Anerbieten ihm gab, gengte gerade, um ihn den
-Sprung tun zu lassen, auf den die vermeintlich so objektiven
-Grbeleien der letzten Tage ihn unaufhaltsam
-zudrngten. Und es war ein Sprung. Vor ein paar
-Wochen war er fr Hilde Knig Feuer und Flamme gewesen,
-fr die leichte, poetische uerlichkeit, den &#8222;Falter&#8221;,
-den er, das schwerfllige &#8222;Kriechtier&#8221;, brauchte um jeden
-Preis! Und jetzt war es die tiefe, versonnene Innerlichkeit,
-die von allem uerlichen abgekehrte, schlichte, anspruchslos-ernste
-Marga, die ihm unentbehrlich war wie keine
-andere! In der krzesten Spanne Zeit hatte sich seine
-Natur von einem Extrem ins andere geworfen. Aber
-so sah er, Perthes, das, was sich vorbereitete, nicht an.
-Er sah, im Schein seiner ehrlichen Selbstprfung, eine
-grndliche, sein ganzes Wesen wandelnde Entwicklung.
-Und als er sich jetzt einen Ruck gab und entschlossen auf
-das Postgebude zuging, wunderte er sich ber die Ewigkeit,
-die es gedauert, ehe sein Entschlu gereift war. Er trat
-ein und lie sich am Schalter einen Kartenbrief geben.
-Mit fliegender Schrift warf er die Zeilen darauf:</p>
-
-<p>Bitte dringend um eine Unterredung. Komme gegen
-fnf auf die Sgemhle.</p>
-
-<p class="center">
-Herzlich Ihr</p>
-
-<p class="right">Max Perthes.
-</p>
-
-<p>Als er fertig war, fiel ihm ein, da der Brief sie
-nicht rechtzeitig erreichen knnte. Nicht einmal als Eilbrief.
-Sollte er telegraphieren? Marga konnte erschrecken.<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[S. 177]</a></span>
-Er lief von der Post nach dem Bahnhof. Dort ergatterte
-er einen grnen Radler. Der mute die Botschaft geradeswegs
-und so schnell wie mglich nach der Mhle bringen.
-Perthes war nicht eher beruhigt, als bis der junge Mann
-mit seinem grnen Kppi um die nchste Ecke geflitzt war.
-Es war schon viel zu viel Zeit versumt, viel zu viel.</p>
-
-<p>Sich die Stunden bis zur eigenen Fahrt nach der
-Mhle zu vertreiben, kostete ihn eine unglaubliche Anstrengung.</p>
-
-<p>Er nahm sich vor, sein Mittagessen im Caf Wagner
-lnger auszudehnen als sonst. Die Folge war, da er eine
-Viertelstunde eher fertig war, als gewhnlich. Dann
-wollte er in seiner Behausung mindestens eine Stunde
-schlafen. Noch keine halbe Stunde war vergangen, so
-sprang er von seinem Schaukelstuhl auf und streckte den
-Kopf zum Fenster hinaus. Es war ein bedeckter, aber angenehmer
-Sommertag. Es lohnte sich immerhin, zu Fu
-nach der Mhle zu gehen. Nein! Das dehnte sich so widerlich
-lang. Also mit dem Lokalzug. Aber da mute er noch
-anderthalb Stunden warten. Genau so war's mit dem
-Vergngungsdampfer. Und der blieb berdies mit Vorliebe
-in der starken Strmung hinter der Brcke, dem sogenannten
-&#8222;Teufelswirbel&#8221;, stecken. An einen Nachen
-war erst recht nicht zu denken. Das Rudern dauerte gegen
-den Strom eine halbe Ewigkeit. Blieb &mdash; das Rad. Das
-war nicht mehr recht fair, aber praktisch. Er entsann sich
-eines medizinischen Kollegen von der Augenklinik, der ihm
-ein Fahrrad pumpen konnte. Obwohl es noch nicht drei
-Uhr war, machte er sich zu diesem Bekannten auf den Weg.
-Natrlich war der noch bei Tisch. Aber das Rad war da,
-und nach einer Bestellung seines Namens durch die Hauswirtin<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[S. 178]</a></span>
-konnte er riskieren, es zu nehmen. Jedenfalls nahm
-er es. Da er so von allen ihm zu Gebote stehenden Fuhrwerken
-&mdash; Autodroschken ungerechnet &mdash; das geschwindeste
-gewhlt, war der reine Zufall. Wenn er zufuhr, konnte er
-in zwanzig Minuten auf der Sgemhle sein. Und er
-fuhr zu.</p>
-
-<p>Er sah nicht rechts noch links. Er wre um halb vier
-Uhr an Ort und Stelle gewesen, wenn er nicht ganz unerwartet
-von einer Stimme hinter sich angerufen worden
-wre.</p>
-
-<p>&#8222;Holla, Doktor! Sie sind wohl Rennfahrer, was?&#8221;
-klang es ihm boshaft nach.</p>
-
-<p>Verdutzt drehte er sich um. Er hatte gar nicht bemerkt,
-da er an einer gleichfalls radelnden jungen Dame vorbeigesaust
-war.</p>
-
-<p>An der Stimme hatte er Frulein Hupfeld erkannt.</p>
-
-<p>Wenn er nicht schon zurckgeschaut, und wenn es sich
-nicht um die Tochter seines prsumtiven Chefs gehandelt
-htte &mdash; er wre schlankweg weitergefahren. So machte
-er eine Volte und wartete, bis Frulein Exzellenz in sehr
-gehaltenem Tempo sich nherte. Sie sah schick aus in dem
-leichten, lichtbraunen Kostm mit der gleichfarbenen Mtze,
-die ein heller, bauschiger Autoschal mit flotter Schleife
-unter dem Kinn festhielt. Die kecke Stupsnase und ein
-paar seltsam flackernde, graubraune, intensive Augen
-blickten aus dem flatternden Musselin hervor. Frei und
-ungezwungen, nur die eine Hand am Griff der Lenkstange,
-sa sie auf dem Rad. Die lnglichen, schmalen
-Fe in braunen Lackhalbschuhen regierten spielend die
-Pedale.</p>
-
-<p>&#8222;Sie sind also auch noch so stillos, zu radeln?&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[S. 179]</a></span>
-
-&#8222;Ich bin immer mein eigener Stil,&#8221; gab Perthes mit
-hochtrabender Krze zurck.</p>
-
-<p>&#8222;Hbsch. Das knnte beinahe <span class="antiqua">ich</span> gesagt haben!&#8221;
-Alice war jetzt neben ihm. &#8222;Wissen Sie, das wievielte Mal
-es ist, da Sie mich nicht gren, Doktor Perthes?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nein, gndiges Frulein. Jedenfalls bedaure ich &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das erstemal vor einigen Wochen. Da rannten Sie
-mit einem Armvoll Rosen an mir vorbei, als htten Sie
-mich noch nie gekannt.&#8221; Sie reichte ihm mit handkuheischender,
-ungezwungener Bewegung die Hand von
-Rad zu Rad, whrend sie ihn mit einem herausfordernden
-Blick von Kopf zu Fu oder vielmehr, wie dies ihre Gewohnheit
-war, von Fu zu Kopf musterte.</p>
-
-<p>Perthes begngte sich mit einem flchtigen Hndedruck.
-Nichts kam ihm ungelegener als dies Zusammentreffen,
-und er gab sich keine Mhe, sein Mibehagen zu verbergen.</p>
-
-<p>Alice, die seinen Widerstand sofort heraus hatte, fuhr
-noch langsamer und zwang ihn, mit ihr gleiches Tempo
-zu halten.</p>
-
-<p>&#8222;Das zweitemal, wo Sie mich schnitten,&#8221; fuhr sie mit
-gemchlicher Harmlosigkeit fort, &#8222;gingen Sie mit einem
-blonden Herrn, der ungemein jovial und lustig aussah,
-im Geschwindschritt ber die Brcke nach der Altstadt.
-Papa und ich fuhren im Automobil an Ihnen vorbei.
-Das war vor fnf, sechs Tagen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber Sie fhren ja geradezu Buch ber meine
-Unterlassungssnden!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das drittemal heute, Doktor. Ist das etwa Absicht &mdash;
-Herr Perthes?&#8221; Sie sah ihn nicht an, aber rundete auf
-eine malizise Art ihre spitzbbischen Lippen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[S. 180]</a></span>
-
-&#8222;Gndiges Frulein,&#8221; wehrte sich Perthes, &#8222;ich bitte
-tausendmal um Vergebung! Ich bin vllig unschuldig!
-Denn &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na &mdash; ob Sie so sehr unschuldig sind,&#8221; bemerkte Alice
-mit einem vieldeutigen Seitenblick, &#8222;ist 'ne Frage fr sich!
-Wo wollen Sie denn eigentlich hin?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich fahre spazieren,&#8221; erwiderte Perthes hastig.</p>
-
-<p>&#8222;Spazieren?&#8221; wiederholte sie unglubig-gedehnt. &#8222;Das
-trifft sich ja famos. Ich fahre nach dem Stift. Wir wohnen
-jetzt ein paar Wochen drauen. So ab und zu wohnt
-sich's ganz nett in dem alten Rumpelkasten. Sie kennen
-doch Stift Nieburg?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Vom Vorbeigehen &mdash; natrlich.&#8221; Das Stift lag
-einige hundert Schritte von der Sgemhle entfernt auf
-halber Bergeshhe; ein schloartiges Gebude aus dem
-achtzehnten Jahrhundert mit einer hochgetrmten Kapelle,
-mitten in altem Park, das Flutal beherrschend. Exzellenz
-Hupfeld hatte sich diesen prchtigen Sitz, ein frheres
-adliges Fruleinstift, als Sommerresidenz gekauft. &#8222;Es
-mu sich dort nicht schlecht hausen lassen. Das denke ich
-mir,&#8221; setzte Perthes hinzu, um das Gesprch nicht unhflich
-stocken zu lassen.</p>
-
-<p>&#8222;Gott, Papa hat nu mal die schnurrige Vorliebe fr
-olle Kamellen! Ich mach' mir nicht viel draus. Das Romantische
-ist nicht mein Fall. Aber Sie, Doktor &mdash; Sie
-sehen so'n bichen nach Ruberromantik aus. Die Kapelle
-ist ganz niedlich. Und im Saal hngen ber wurmstichigen
-Mbeln, die wertvoll sein sollen, greulich de
-Ahnenbilder. Wenn Sie Lust haben, kommen Sie 'n
-bichen mit rauf! Ich bin bis Abend mutterseelenallein.
-Schlobesichtigung gratis!&#8221; Sie zwinkerte halb listig,<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[S. 181]</a></span>
-halb spttisch mit ihren Augen, die ihre Farbe wechseln
-zu knnen schienen, indem sie bald grnlich, bald golden
-aufschimmerten oder ihr undurchdringliches Graubraun
-bewahrten.</p>
-
-<p>&#8222;Sehr liebenswrdig! Aber zu meinem Bedauern &mdash;
-heute geht's nicht. Wirklich nicht! Ich mu nachher noch
-arbeiten!&#8221; Perthes war nicht fr Ausrede und Verstellung
-gemacht. Man sah ihm an, da er flunkerte. Er errtete
-sogar ein wenig. Ihr sagen, wohin er wollte, konnte er
-nicht. In ihrer Gegenwart von Marga oder auch nur von
-etwas zu reden, das mit ihr im Zusammenhang stand,
-widerstrebte ihm. Er wre ihrer Einladung auch nicht
-gefolgt, wenn er gekonnt htte. Alice Hupfelds freie und
-saloppe Art, die immer der Gipfel des Modernen sein
-sollte, entsprach seinem Geschmack heute weniger denn je.
-Vielleicht da sie ihn auch verwirrte. Ihre spottschtige
-Koketterie zwang ihn zu einer stndigen Kriegsbereitschaft,
-die ihm heute besonders beschwerlich wurde.</p>
-
-<p>Sie dachte nicht daran, ihn zu entlassen. Je deutlicher
-seine Ungeduld wurde, um so weniger. Dieses schwarzbrtige
-Mannkind, das sie in Perthes sah, reizte sie, je
-sprder er sich gab, nur um so strker. Seine Gewandtheit,
-sein Temperament und seine Kraft, die sie vom Sportplatz
-kannte, imponierten ihr. Sein Aussehen, das dunkelgebrunte
-Gesicht mit den ungebrdig ber die Stirn
-fallenden, buschigen Haaren, den groen, oft unvermittelt
-aufglhenden Augen, hatte fr sie etwas Exotisches, das
-sie anzog, whrend seine innere Unberhrtheit und Ungelenkigkeit,
-die mit der ueren Geschicklichkeit kontrastierte,
-sie lcherte und zu spttischer berlegenheit
-herausforderte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[S. 182]</a></span>
-
-&#8222;Ich glaube, Sie sind ein wenig prde, Doktor Perthes,&#8221;
-sagte sie nach einer Weile wie in Gedanken vor sich hin.</p>
-
-<p>&#8222;Ich? Wieso? Wie meinen Sie das?&#8221; fragte Perthes
-zerstreut.</p>
-
-<p>&#8222;Ich denke mir's eben. Vielleicht steckt hinter Ihnen
-ein ganz ehrsamer, biederer Philister &mdash; wie?&#8221; Ihre Augen
-begegneten mit voller Angriffslust den seinen, und ihr
-Mund verzog sich, als unterdrcke sie ein boshaftes Lachen.</p>
-
-<p>&#8222;Schon mglich!&#8221; gab Perthes achselzuckend zurck.
-Seine Unbehaglichkeit wuchs mit jeder Umdrehung des
-mhsam zurckgehaltenen Rades. Welche Tcke hatte ihm
-gerade jetzt dieses verteufelte Mdel zufhren mssen,
-das sichtlich sein Vergngen daran fand, eine Stimmung
-auszunutzen, die ihn wehrlos machte?</p>
-
-<p>&#8222;Mit wem verkehren Sie denn hier in der Hauptsache?&#8221;
-forschte sie unvermittelt weiter. Es war eine Liebhaberei
-von ihr, Fragen scheinbar zusammenhangslos aneinanderzureihen,
-die sie dann pltzlich zu einer unvermuteten
-Schlinge zusammenzog.</p>
-
-<p>&#8222;Ich habe sehr wenig Verkehr, Frulein Hupfeld.
-Vorzugsweise bin ich in Gesellschaft meiner Bazillen,&#8221;
-scherzte er grimmig.</p>
-
-<p>&#8222;Da haben Sie ja ausgesuchte Gesellschaft!&#8221; lachte Alice.</p>
-
-<p>Es war ein helles, kurzes, aufreizendes Lachen, bei
-dem er nervs die Hnde um die Lenkstange prete, als
-wollte er sie zerbiegen. Wute sie, da er bei Richthoffs
-aus und ein ging? Wollte sie ihn aushorchen? Spottete
-sie ber seinen Verkehr?</p>
-
-<p>Zum Glck trennten sich jetzt die Wege. Der zum Stift
-Nieburg fhrte seitwrts bergan. Die Landstrae lief
-nach der Sgemhle geradeaus weiter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[S. 183]</a></span>
-
-Alice sprang leichtfig vom Rad.</p>
-
-<p>Perthes tat dasselbe, um sich zu verabschieden.</p>
-
-<p>&#8222;Werden Sie denn bei Papa als Assistent eintreten?&#8221;
-warf sie nchtern hin.</p>
-
-<p>&#8222;Wohl mglich!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na &mdash; dann werd' ich Sie mal ein bichen in Erziehung
-nehmen, Doktor Perthes!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Scheint Ihnen das ntig?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Oh &mdash; dringend! Ich werde Sie zum Beispiel lehren,
-da man junge Damen seiner Bekanntschaft nicht bersieht.
-Dann werd' ich Ihnen beibringen, da man einer
-jungen Dame, die ihr Rad bergan schieben mu,&#8221; &mdash;
-sie deutete auf den etwas steilen Weg, der zum Stiftstor
-fhrte &mdash; &#8222;seine Dienste anbietet!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Da scheint die Assistenz bei Ihrem Herrn Vater mit
-gewissen Nebendiensten verbunden zu sein!&#8221; entfuhr es
-Perthes wtend. Sein Unmut darber, da er aufgehalten
-und absichtlich mihandelt wurde, ri ihn zu dieser groben,
-patzigen Unhflichkeit fort.</p>
-
-<p>Er hatte sich Alice gegenber nur eine Ble gegeben.
-Sie warf den schleierumbauschten Kopf in den Nacken zurck.
-Eine Strhne ihres rtlichen, ungebrdigen Haares
-schlpfte unter der Mtze hervor. Ihre Lippen spitzten
-sich und bebten leise, whrend die kecken, spitzbbisch-kecken
-Augen ihn wie zuerst von Fu zu Kopf musterten und sich
-dann ohne Scheu in die seinen hefteten.</p>
-
-<p>&#8222;Ich wollte sagen &mdash;&#8221; verbesserte sich Perthes mit einer
-Unbeholfenheit, die nichts verbesserte.</p>
-
-<p>&#8222;Nicht ntig!&#8221; schnitt sie ihm das Wort ab. &#8222;Ich werde
-mich fr Ihre Grobheiten schon schadlos halten, Doktor!&#8221;
-Sie gab ihm die Hand, als wre nichts geschehen. Und er<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[S. 184]</a></span>
-wagte diesmal nicht, diese schmale, schmiegsame Hand
-ohne einen flchtigen Handku zu lassen.</p>
-
-<p>Ihre Augen zuckten triumphierend. Sie nickte ihm zu,
-als wollte sie sagen: Ich fange schon an, mich schadlos
-zu halten! Und ohne ihn weiter zu beachten, stieg sie, das
-Rad neben sich herschiebend, zum Stift hinauf. &mdash;</p>
-
-<p>Perthes schwang sich wieder auf den Sitz. Er fuhr in
-schnellem Tempo der Mhle zu, deren Dach unweit
-zwischen den hohen Gartenbumen durchschimmerte.
-Seine Uhr zeigte vier. Es war also noch immer reichlich viel
-frher, als er sich angemeldet hatte. Aber er htte ohne
-dieses Zusammentreffen auf offener Strae eine halbe
-Stunde eher da sein knnen. Warum hatte sich dieses
-tolle Mdel wie ein fratzenschneidender Kobold in seine
-ernste, zielsichere Stimmung gedrngt? Er wtete innerlich
-gegen sie und ihre forschen Allren, ihre spottlsterne,
-herausfordernde berlegenheit. Diese ganze gelenkige
-Mischung von Harmlosigkeit und Bosheit war ihm verhat.
-Ohne Zweifel! Und um ihr pfiffiges Schelmengesicht
-zu vertreiben, rief er sich Marga ins Gedchtnis. Es hielt
-schwerer, als er gedacht. Frulein Exzellenz war hartnckig,
-auch noch in seiner Vorstellung.</p>
-
-<p>Perthes war froh, als er die Sgemhle erreichte, die
-heute wie verschlafen hinter ihrem sonnenlosen Garten lag.
-Ein Pfauenschrei vom Geflgelhof war der einzige Laut,
-der ihn bei der Einfahrt empfing.</p>
-
-<p>Er sprang ab und schob sein Rad in den Gitterstand,
-der fr diesen Zweck links vom Tor angebracht war. Er
-war trotz des Schattens hei geworden und trocknete sich
-die Stirn. Ein Blick in den Garten berzeugte ihn, da
-da die Gesuchten nicht zu finden waren. Er trat ins Haus<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[S. 185]</a></span>
-und fragte die Wirtsfrau, die neben dem Bfett dste,
-nach den jungen Damen. Sie glaubte, die beiden Fruleins
-htten einen Ausflug gemacht. Ja, natrlich; jetzt,
-whrend sie sich die Augen rieb, fiel es ihr &#8222;fr gewi&#8221;
-ein: sie waren schon am Vormittag weg und wollten erst
-zum Abend zurckkommen.</p>
-
-<p>Damit hatte Perthes auch nicht einen Augenblick
-gerechnet.</p>
-
-<p>Wahrhaftig! Als er sich im den, plakatreichen Gastzimmer
-umblickte, wo nur die Fuhrleute oder die Bauern
-aus der Umgebung ihr Glas Bier oder ihren Schnaps
-zu trinken pflegten, sah er seinen eiligen Kartenbrief
-friedvoll am Spiegel stecken. Marga hatte ihn also nicht
-einmal mehr erhalten. Trotz des grnen Radlers! Heute,
-ausgemacht heute muten die beiden eine Tour machen!
-Wo das Wetter nicht einmal danach war! Ganz verzweifelt
-knickte er auf einer der rohgezimmerten Bnke
-zusammen. Wohin die Damen gegangen wren, forschte
-er kleinlaut. Das wute die gute Wirtsfrau auch nicht.
-Vielleicht hatten sie's ihrem Mann gesagt, aber der war
-in der Stadt. Also ihnen entgegenfahren konnte Perthes
-auch nicht. Es blieb gar nichts anderes brig: wenn er nicht
-unverrichteter Dinge heimkehren wollte, mute er bis
-gegen Abend warten. Eine Geduldsprobe, die zweite
-schon an diesem Nachmittag, die wie Rauhreif auf sein
-Ungestm fiel ...</p>
-
-<p>Er bestellte sich Kaffee. Trostlos ging er in den Garten
-und setzte sich an den Tisch im Haselgebsch, wo sein erster
-milungener Besuch auf der Mhle angefangen hatte.</p>
-
-<p>Kein Spaziergnger lie sich heute ringsum blicken.</p>
-
-<p>Es gab so Tage, erklrte die Wirtin, als sie ihm selber<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[S. 186]</a></span>
-den Kaffee brachte, da blieben sie wie auf Verabredung
-alle weg. Dabei war es doch nicht einmal bles Wetter.
-Im Gegenteil. Sehr angenehm zum Gehen. An Regentagen
-kamen sie manchmal in hellen Haufen. Es war sogar
-mglich, da heute, mit dem Lokalzug um fnf Uhr, noch
-so viele kmen, da man nicht Hnde genug hatte, sie zu
-bedienen.</p>
-
-<p>So philosophierte die junge, jetzt munter gewordene
-Frau, und Perthes hrte gottergeben zu.</p>
-
-<p>Oder er hrte vielmehr nicht zu, sondern sah unglcklich
-zwischen den Bschen durch, in den Garten. Wie trbselig
-der aussah mit seinen leeren, buntgedeckten Tischen!
-Wie jmmerlich der dumme Springbrunnen in der Mitte,
-den er noch nie beachtet, in sein drftiges Bassin pltscherte!
-Und drauen kroch der Flu in grauer Greisenhaftigkeit;
-drben, am anderen Ufer, schwammen Feld
-und Wald langweilig ineinander.</p>
-
-<p>Das war ja, um selber trbselig zu werden! Und das
-sollte womglich stundenlang dauern? Wie gemacht fr
-ihn, um sich zu vergrbeln!</p>
-
-<p>Stand er vielleicht im Begriff, eine Dummheit zu
-machen? Die Dummheit seines Lebens, die alle frheren
-bertraf? Oder &mdash; wie? &mdash; wenn Marga ihn nicht anhrte?
-Wenn, ja wenn &mdash; das war das Tollste, darauf war er noch
-gar nicht gekommen, und das war so unmglich gar
-nicht! &mdash; wenn er sich nur eingebildet hatte, da sie ihn
-liebe? Wenn sie berrascht war von dem, was er ihr
-sagen wollte? Und ihn abwies? Aber das war ja verrckt!</p>
-
-<p>Gepeinigt stand er auf und ging mit langen Schritten
-in dem leeren Garten zwischen den Tischen auf und ab,
-um den bldsinnig pltschernden Springbrunnen herum<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[S. 187]</a></span>
-und noch einmal herum. Gewi, das war unsinnig! Und
-doch plagte ihn diese jngste Ausgeburt seiner Phantasie
-mit allen Teufeleien, deren sie fhig war. Wie ein dummer
-Junge stand er jetzt da und starrte kleinmtig ber den
-Lattenzaun des Gartens weg in den Flu. Warum sollte
-sie auch die Sache nur in Erwgung ziehen? Was konnte
-er ihr berhaupt bieten? Wie sollte er sich verstndlich
-machen und die Geschichte anfassen? Am Ende hatte es
-gar keinen Zweck ... Im Nu war Max Perthes aus
-dem Gleise geworfen, wenn sich etwas nicht so gerade
-und einfach anlie, wie er es vor sich sah. Es blieb dabei:
-er konnte immer noch erst springen, aber nicht gehen ...</p>
-
-<p>Der Lokalzug brachte diesmal nicht den von der kundigen
-Wirtin als mglich prophezeiten Andrang. Der Garten
-blieb leer. Zwei, drei Einspnner, alte Herren mit Percken,
-mit Mnteln mitten im Sommer und Stcken
-mit Elfenbeinkrcken, tranken, weil sie nun einmal tglich
-kamen, ihre Tasse Kaffee und lasen ihre Zeitung.
-Das war alles.</p>
-
-<p>Und doch hellte sich der Himmel gegen Abend auf.
-Die Sonne drngte sich, etwas bla und schchtern freilich,
-durch die weigrauen Wolken. Und den Flu herunter
-kam ein Boot mit rotbemtzten Studenten gezogen,
-deren Gesang halb wehmtig, halb heiter bers Wasser
-klang. Sie sangen von der Saale im Tale und den Burgen
-auf den Bergen. Erinnerungen an seine eigene Studentenzeit
-am frhlichen Rhein erwachten in Perthes. Sie und
-der verhallende Gesang und das zage Sonnenlicht erzeugten
-eine ruhigere Stimmung in ihm. Die zerfahrenen,
-unmnnlichen Zweifel wichen allmhlich einer tapferen,
-fast heiteren Zuversicht. Das Unmgliche und Unerreichbare<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[S. 188]</a></span>
-einer Liebe, die es nirgends, fr ihn jedenfalls nirgends,
-gab, lag hinter ihm mit der Unreife und Halbheit, der
-rastlosen Jagd von Extrem zu Extrem; das Wirkliche
-und Fabare war vor ihm. Das wollte er als Mann
-ergreifen und festhalten. So konnte er Marga entgegentreten,
-mit ihr sprechen.</p>
-
-<p>Drben, am anderen Ufer, stie jetzt das Fhrboot ab.</p>
-
-<p>Perthes sah zu, wie es erst gegen die Strmung arbeitete
-und sich dann in der Mitte des Flusses von den
-Wellen aufnehmen lie. Der breite Rcken des Schiffers
-hatte ihm die Insassen verdeckt. Jetzt erkannte er sie und
-richtete sich auf. Er ging aus dem Garten und stieg die
-Bschung hinunter, nach dem Steg ...</p>
-
-<p>&#8222;Du, ich glaube &mdash; wahrhaftig! &mdash; Doktor Perthes
-erwartet uns drben!&#8221; konstatierte Elli mit halblauter
-berraschung.</p>
-
-<p>Marga, die die Hand ins Wasser getaucht hatte, um
-die frische, ziehende Khle zu spren, hob sie langsam
-heraus. Sie war selbst verwundert, <em class="gesperrt">wie</em> langsam. Und
-war auch verwundert, wie wenig verwundert sie war.
-All die letzten Tage war sie so tieftraurig, so in sich zerrissen,
-so bitter-wortkarg gewesen. Elli hatte sich gar nicht
-mehr mit ihr zu helfen gewut und schlielich, aus reiner
-Verzweiflung, einen Tagesausflug vorgeschlagen &mdash; trotz
-des migen Wetters. Weit ber die Berge waren sie
-durch die einsamen Wlder nach einer Schloruine ber
-dem Flutal gewandert. Marga blieb bis ber Mittag
-so trb und verschlossen, als sie nur je gewesen. Erst am
-Nachmittag kam pltzlich, ihr selbst unerwartet und unverstndlich,
-eine Frhlichkeit ber sie, wie lange nicht. Grundlos,
-gegenstandslos &mdash; eine von jenen unbegreiflichen<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[S. 189]</a></span>
-Offenbarungen des Gefhls, die sinnlos erscheinen und
-doch mit geheimnisvoller Ahnung mitten im Unglck eine
-glcklichere Zukunft vorauszuknden scheinen. Und diese
-frohe Aufwallung, die Elli jubelnd begrte und miterlebte,
-hielt vor. Auf dem Hinweg hatte Elli vergebens
-versucht, der Schwester die Herrlichkeit der alten Buchen,
-der aus der Ferne ins Walddster lachenden Kornfelder,
-des in der Tiefe zwischen Felsen aufschumenden Flusses
-nahezubringen; auf dem Heimweg war es Marga, die
-beschrieb. Eins von den Bildern, die ihr inneres Gesicht
-sah: es war ihr, als schritten sie unter goldwolkigem
-Sommerhimmel talab ber einen unabsehbaren Hang
-von blauen Glockenblumen, die im Winde wunderbar
-luteten, mit zarten, dnnen, verheiungsvollen Stimmchen.
-Und wie sie an den Flu kamen und bersetzten,
-hrte sie noch immer auf das seltsame, lockende, feine
-Klingen im Winde. Wie natrlich war es, da er da drben
-stand am Ufer, jenseit des Blumenhanges und des Wassers,
-das ihn silbern besumte! Sein gemessen-ernster Gru,
-der jetzt ihr Ohr traf, erschreckte sie nicht. Sie lchelte,
-als mte es so sein. Die eine Hand gab sie Elli; die andere
-ergriff er und half ihr aussteigen, whrend Elli dem
-Fhrmann seinen Groschen gab.</p>
-
-<p>&#8222;Sie sind ja gar nicht ein bichen erstaunt und ungehalten,
-mich hier zu treffen!&#8221; meinte Perthes.</p>
-
-<p>Marga erwiderte nichts. Wie sie von ihm sich die
-Bschung hinauffhren lie, klangen ihr die Glockenblumen
-von drben nach; ihre zarten, dnnen Stimmen wuchsen,
-und ihr Gelute schwoll so mchtig, da es sie betubte.</p>
-
-<p>Erst als sie im Garten standen, verstummte das Getn,
-und sie lie seinen Arm los.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[S. 190]</a></span>
-
-&#8222;Sie mssen nicht denken, ich htte Ihr Verbot, zur
-Mhle zu kommen, leichtsinnig vergessen, Frulein Marga!&#8221;
-begann Perthes wieder. &#8222;Der Brief, mit dem ich mich
-anmeldete und um eine Unterredung bat, steckt in der
-Wirtsstube drinnen seit Stunden am Spiegel. Es hngt
-auch jetzt noch ganz von Ihnen ab, ob Sie mich einen
-Augenblick hren wollen!&#8221; Er sah Marga forschend an.
-&#8222;Unter vier Augen,&#8221; setzte er hinzu und sah hinter sich.</p>
-
-<p>Aber Elli war verschwunden. Wie von der Erde verschluckt.
-Sie versicherte spter, sie habe stets einen &#8222;feinen
-Merks&#8221; fr gewisse Situationen gehabt. Einen sehr feinen
-sogar ...</p>
-
-<p>Marga antwortete nicht auf Perthes' Frage. Ihr
-war zumute, als spnne das Bild ihrer Phantasie sich selbstttig
-weiter; als sei all das Traum und nicht Wirklichkeit.
-Sie lie sich von ihm an den Tisch im Haselgestruch
-leiten und setzte sich zu ihm, wie er es wollte.</p>
-
-<p>&#8222;Vor ein paar Wochen,&#8221; hob Perthes, durch ihr
-Schweigen befangen, an, &#8222;hatte ich daran gedacht, von
-hier fr immer fortzugehen. Wissen Sie: damals, als ich
-die trichte Geschichte mit Hilde Knig ausgeschwrmt
-hatte. Und als Sie, Frulein Marga, mich vorigen Dienstag
-auf Wochen hinaus fortschickten, dachte ich wieder,
-es wrde wohl das Beste sein. Ich hatte Lust, wie ich
-Ihnen schon frher einmal erzhlte, die Bakteriologie
-wieder an den Nagel zu hngen und zur Chirurgie zurckzukehren.
-Erinnern Sie sich noch, Frulein Marga?&#8221;</p>
-
-<p>Sie nickte mechanisch mit dem Kopf. Sie verstand
-nur halb, was er sagte.</p>
-
-<p>&#8222;Nun erhielt ich heute ein unerwartetes Anerbieten,
-hier bei Geheimrat Hupfeld als Assistent einzutreten,&#8221;<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[S. 191]</a></span>
-fuhr er mutiger fort. &#8222;Ehe ich mich entscheide, mchte ich
-hren, was Sie darber denken.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber davon versteh' ich ja gar nichts!&#8221; erwiderte
-Marga leise. Sie nahm zerstreut ihren weien englischen
-Strohhut ab und legte ihn neben sich auf den
-Stuhl. Vertrumt strich sie das Haar ber ihrer Schlfe
-zurecht.</p>
-
-<p>&#8222;Zu verstehen brauchen Sie da weiter nichts, Frulein
-Marga. Sie sollen mir nur sagen, ob Sie wnschen,
-da &mdash; da ich &mdash; nun, da ich eben hierbleibe. Das hngt
-nmlich von Ihnen ab. Nur von Ihnen,&#8221; wiederholte
-er gepret.</p>
-
-<p>&#8222;Von &mdash; mir?&#8221; stammelte Marga. Sie hatte bisher
-die Augen blicklos ins Weite gerichtet. Jetzt suchten sie ihn
-mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Besorgnis und
-Verwirrung, als knnten sie ergrnden, wohin er mit
-diesem vieldeutigen Wort zielte. Ob er scherzte; ob er
-sie qulen wollte, mit ihr spielen, oder ob ...</p>
-
-<p>&#8222;Ich rede in vollem Ernst, Frulein Marga!&#8221; beteuerte
-Perthes, der ihren Blick richtig deutete. &#8222;Ich habe
-mich die letzten Tage, whrend ich fernblieb, grndlich
-vorgenommen. Ich wre nicht wieder zu Ihnen gekommen,
-wahrhaftig nicht, wenn ich mir nicht ein Recht
-dafr htte zusprechen knnen. Ich nehme die Stellung
-nur an, wenn Sie, Frulein Marga, mir erlauben, wie
-bisher zu Ihnen zu kommen. Auch auf die Sgemhle.
-Und ich mu sogar noch weitergehende Bedingungen
-machen: wenn Sie versuchen, mehr fr mich zu sein als
-eine Freundin! Wenn Sie &mdash;&#8221; Die Erregung nahm
-ihm die Stimme, und er fate nach ihren Hnden, die vor
-ihm auf dem Tisch lagen. &#8222;Wenn Sie &mdash;&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[S. 192]</a></span>
-
-Marga zog sie mit einem leisen Aufschrei zurck. Sie
-warf sich gegen die Lehne ihres Stuhles. Bei seiner Berhrung
-war sie pltzlich aus ihrer traumhaften Betubung
-erwacht. Eine jhe Rte scho in ihre Wangen
-und wechselte augenblicklich mit tiefer Blsse.</p>
-
-<p>&#8222;Nein, nein, nein!&#8221; stie sie entsetzt hervor. Sie
-krampfte ihre Hnde vor der Brust ineinander. Das sollte
-Wirklichkeit sein? Das durfte ja nicht Wirklichkeit sein.
-Niemals! &#8222;Nein! Nein! Nein!&#8221; wiederholte sie noch
-einmal mit uerster Anstrengung und hob die Hnde
-gegen ihn, als wollte sie so das Unmgliche und Unerlaubte
-von sich wegzwingen. Ihre Augen hatten einen beinahe
-irren Ausdruck angenommen. Sie wollte aufspringen.
-Sie wollte fortlaufen, ihm entfliehen &mdash; aber ihre Kraft
-versagte. Die Arme fielen ihr erschpft nieder, und die
-Augen schlossen sich, wie von einem bermenschlichen
-Schmerz zugedrckt.</p>
-
-<p>Perthes war gleichfalls erblat. Schweigend starrte
-er sie an. &#8222;Sie wollen also nicht,&#8221; sagte er dann tonlos
-und bitter.</p>
-
-<p>&#8222;Ich &mdash; ich darf nicht!&#8221; stammelte Marga mit zuckenden
-Lippen.</p>
-
-<p>&#8222;Sie drfen nicht?&#8221; fragte er dumpf. &#8222;Und warum
-nicht? Weil Sie nicht knnen? Weil Sie mir nicht mehr
-geben knnen als Freundschaft? Darum?&#8221;</p>
-
-<p>Marga schttelte geqult den bleichen, blonden Kopf.</p>
-
-<p>&#8222;Oh, Sie trauen mir nicht! Sie knnen nicht glauben,
-da ich wei, was ich will! Was ich tue! Ich habe Ihnen
-keine hohen Liebesbeteuerungen vordeklamiert! Ich will
-nicht, da Sie auch nur eine unwahre Silbe von mir
-hren! Nur versuchen sollten Sie's mit mir! Ehrlich versuchen,<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[S. 193]</a></span>
-bis Sie sich berzeugt haben, da ich's ehrlich
-meine!&#8221; Seine Worte brachen jetzt ungestm und drngend
-aus ihm hervor. Er verkannte sich nicht. Er wute, wie
-er an Reife hinter ihr zurckstand. Aber er wute auch,
-da er sie und nur sie brauchte! Und er wiederholte ihr
-mit seiner leidenschaftlichen Beredsamkeit alles, was in
-diesen Tagen in ihm vorgegangen war, mit rckhaltloser,
-nichts verbergender Offenheit.</p>
-
-<p>Whrend er noch sprach, sank Margas Kopf vornber
-auf den Tisch, auf ihre Arme. Und mit einem Mal
-schttelte das Schluchzen wie ein Schauer ihren Leib.</p>
-
-<p>Erschrocken hielt Perthes inne.</p>
-
-<p>&#8222;Ich darf ja nicht! Ich bin ja blind! Ich darf ja nicht!&#8221;
-ging es wie der Schrei eines auf den Tod Getroffenen
-durch den abendlichen, einsamen Garten.</p>
-
-<p>Jetzt hatte Perthes verstanden.</p>
-
-<p>Er reckte sich. Auch ber ihn lief es wie ein Zittern.
-Es war sein Herz, das gro und bermchtig und warm
-in ihm aufpochte, als wollte es die krftige Brust sprengen.
-Es war <em class="gesperrt">gut</em>, was er wollte! Und es war <em class="gesperrt">Schnheit</em>,
-die seine Seele weitete! Mochte das Gefhl nun Mitleid
-sein, unsgliches Mitleid oder brderliche Freundschaft
-oder Liebe: er mute ihre Hnde ergreifen, stark
-und zwingend. Er mute sie an sich ziehen &mdash;</p>
-
-<p>Und Margas Kraft war zu Ende. Willenlos fiel ihr
-Kopf an seine Brust, und ihr trnenberstrmtes Gesicht
-verbarg sich dort. Um schwach zu sein, einen Augenblick
-schwach wie ein Weib, das liebt &mdash; und kostete ihre Schwche
-sie ihre Seligkeit ...</p>
-
-<p>Als Elli mit dem &#8222;feinen Merks&#8221; eine halbe Stunde
-spter vernehmlich &#8222;Pardon!&#8221; rief, ehe sie an den Tisch<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[S. 194]</a></span>
-hinter den Haselbschen trat, fand sie die beiden Hand in
-Hand, und Marga lehnte an Perthes' Schulter. Elli war
-natrlich furchtbar berrascht. Aber genau genommen
-hatte sie gewut, da es so kommen wrde. Fast htte
-sie &#8222;immer&#8221; dazugesetzt, wie Schwester Kthe.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c8" id="c8">8</a></h2>
-
-
-<p class="right">
-Kissingen, den .. Juli 19..</p>
-<p>
-Meine liebe kleine Elli!
-</p>
-
-<p>Nur durch eine Ansichtskarte habt Ihr uns bisher Eure
-bersiedlung nach der Sgemhle gemeldet. Papa ist
-schon ganz ungehalten, da er keinen Brief bekommen hat,
-und ich habe groe Mhe, Euch gegen seine emprten Ausflle,
-wie undankbare, miratene Kinder er habe, in
-Schutz zu nehmen. Also schreibt ihm nur gleich nach
-Empfang meines Briefes, sonst wird er ernstlich bse.</p>
-
-<p>Es ist hier im lieblichen Frankenlande wunderbar schn.
-Die Natur bietet viel. Aber noch mehr das groartige,
-wirklich internationale Badeleben. Wenn man den
-rechten Blick fr Menschen hat, kann man hier seine
-Studien machen. Es ist doch kein bloes Vorurteil, das
-Wort: Reisen bildet! Ich habe hier, in den paar Wochen,
-mehr beobachtet und gelernt als zu Hause in einem halben
-Jahr. Die &#8222;groe Welt&#8221;, die uns auf Schritt und Tritt
-umgibt, ist zuerst verwirrend und blendend; aber allmhlich
-gewhnt man sich daran. Toiletten sieht man &mdash; im Bad,
-am Brunnen, bei den Konzerten &mdash;, Du kannst Dir keine
-Vorstellung machen, Kleinchen, <em class="gesperrt">wie</em> tipp-topp! Man
-will sich ganz klein vorkommen, aber dann sagt man sich:
-Wahre Bildung ist doch vornehmer als dieser hohle Luxus!<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[S. 195]</a></span>
-Und man sucht in dem Gewhl von Menschen nach solchen,
-die wirklich fein &mdash; ich meine, geistig und seelisch bedeutend
-sind. Wie schnell kommt da die Erfahrung, da solche
-Menschen recht nahe beisammen sind und gar nicht aussehen
-wie diese prunkenden Weltmenschen. Ich schreibe
-regelmig und viel in mein Tagebuch und wundre mich
-oft selbst, natrlich ohne Hochmut, wie reif und mit mir
-selber fertig ich in den letzten Jahren geworden bin. Wenn
-Du artig bist, Kleinchen, sollst Du im Herbst &mdash; versteht
-sich mit Auswahl &mdash; daraus vorgelesen bekommen.</p>
-
-<p>Was treibt Ihr denn auf der Mhle?</p>
-
-<p>Gewi macht Ihr schne Ausflge ber die Berge,
-handarbeitet im Garten, liegt in der Hngematte im
-Wald und lest viel. Meine Gedanken sind oft und in
-schwesterlicher Liebe bei Euch. Lest nur, bitte, bitte, ja
-keine Bcher, die noch nichts fr Euch sind! Das kann so
-viel Unheil anrichten. Denkt Euch: Lizzie, die doch lter
-ist als Ihr, hat krzlich ein Buch von Zola (!) gelesen,
-das sie ganz krank und verzweifelt gemacht hat. Ich habe
-ihr krftig den Kopf zurecht gesetzt, sie will mir das Buch
-einmal schicken, und ich werde mich, ihr zuliebe, grndlich
-mit ihm auseinandersetzen, um ihr zu helfen, denn allein
-findet sie ja doch nicht heraus. Ich bin ganz traurig ber sie.</p>
-
-<p>Sage, bitte, Marga, ich htte hier noch einmal unser
-letztes Gesprch auf dem Weinberg durchgedacht und wre
-zum gleichen Resultat gekommen wie damals. Vielleicht
-hat sie inzwischen mich auch besser verstanden und eingesehen,
-wie gut ich's mit ihr meine. Ich bin ihr gar nicht
-bse, da sie's nicht gleich konnte!</p>
-
-<p>Papa kam eben in mein Zimmer und wetterte ber
-die &#8222;vermaledeite Briefschreiberei&#8221;. Ich will also schlieen.<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[S. 196]</a></span>
-Es ist gar nicht immer so leicht mit ihm, weil er in bestndigem
-Krieg mit dem Badearzt und allen Verordnungen
-lebt. Doch wenn man ihn zu nehmen wei, lt
-er sich meistens zu seinem Besten berzeugen. In acht bis
-vierzehn Tagen soll's nach Tirol oder nach Bayern gehen.
-Wie ich mich darauf freue, knnt Ihr euch denken!</p>
-
-<p>Mit herzlichen Gren, auch fr Marga, und einem
-Ku fr Dich, liebe Elli, bin ich</p>
-
-<p class="center">
-Deine getreue Schwester</p>
-
-<p class="right">Kthe Richthoff.
-</p>
-
-<p><span class="antiqua">P. S.</span> Denkt Euch, morgen will Doktor Bertelsdorf
-hierherkommen. Er mu Papas Rat fr eine wissenschaftliche
-Publikation haben. Der Flanellstorch hat sich auch
-bei Papa &#8222;fr einen Sprung&#8221; angemeldet, wurde aber
-abgewiesen.</p>
-
-<p class="right">
-K. R.<br />
-</p>
-
-<p><span class="antiqua">P. S.</span> 2. Erwarte Brief binnen zwei Tagen. Verweigere
-sonst weiteres Kostgeld. Tatsachenbericht, keine
-Gefhlsduseleien. Gru.</p>
-
-<p class="right">
-Papa.<br />
-</p>
-
-<p>Mit sehr gemischten Gefhlen und sehr kritischen Glossen
-hatte Elli am Sonntagmorgen diesen Brief von Schwester
-Kthe vorgelesen. Das war ja Kthe, wie sie leibte und
-lebte. Nach Ellis Ansicht mute man ihr fr diese &#8222;infam-gtige&#8221;
-Epistel mal krftig die Meinung geigen.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn sie so fortmacht, platzt sie ja eines Tags vor
-lauter Menschenkenntnis und Lebenserfahrung!&#8221; legte
-Elli zum Schlu los. &#8222;Und das, was sie ber dein Verhltnis
-zu Perthes schreibt, Margakind &mdash; die Andeutung,
-mein' ich, ber ihre verdrehte Abschiedspredigt &mdash;, das
-ist jetzt einfach lcherlich geworden! Das gnn' ich ihr!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;La gut sein, Elli!&#8221; mahnte Marga vershnlich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[S. 197]</a></span>
-
-&#8222;Jawohl! Ich finde, wir sind ihr einen Strahl kalten
-Wassers auf diesen Schreibebrief einfach schuldig! Wir
-sind doch schlielich keine Wickelbabys mehr! Von mir
-will ich noch nicht mal reden, aber du &mdash; du bist doch jetzt
-so gut wie Braut, Marga &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sag' so was nicht, Elli!&#8221; wehrte Marga ernsthaft.
-&#8222;So weit sind Perthes und ich noch nicht! Du weit,
-wir haben uns streng versprochen, es nur erst miteinander
-zu versuchen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;I &mdash; was! &#8218;Ein Versuch fhrt zu dauernder Kundschaft&#8219;,
-heit's im Reklamestil!&#8221; erklrte Elli mit berzeugtem
-und berzeugendem Lachen. &#8222;So hnlich war
-es mit mir und Wilkens auch; man verspricht sich zuerst,
-haarstrubend brav und zurckhaltend und vernnftig zu
-sein, und nachher &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Schwatz' doch keinen Unsinn, Kleinchen &mdash; ich bitt' dich!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Kleinchen! Kleinchen! Das mag ich schon gar nicht
-mehr hren! Und da es geschrieben wird, verbitt' ich
-mir endgltig. Das werd' ich Kthe schreiben. Und &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich glaube, du schreibst besser an Papa, und nachher
-diktiere ich dir einen Brief fr Kthe.&#8221;</p>
-
-<p>Elli legte Marga ihre beiden Hnde auf die Schultern,
-sah so wehmtig drein, als es ihre lachenden Augen tun
-wollten, und wiegte den lockigen Kopf mitleidig von einer
-Schulter zur anderen: &#8222;Marga, Marga, mit dir geht's
-bergab! Seit Freitagabend berfliet du von lauter
-Zuckerwasser! Htt' ich das gewut, wr' ich eher in den
-Garten gekommen! Da httet ihr euch die Umarmung
-malen knnen! Und die ganze Verlob&mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Elli!&#8221; rief Marga aufgebracht und hielt der Schwester
-den Mund zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[S. 198]</a></span>
-
-&#8222;Stell' dich nur recht tugendsam!&#8221; neckte das Kleinchen
-weiter. &#8222;Ich kenne dich jetzt! Ich werde deinem Max
-erzhlen &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Marga fate jetzt die plappernde Elli so krftig und
-bedeckte ihr den Mund so nachhaltig, da sie nicht mehr
-weiter schmlen konnte. Dafr lachte sie um so bermtiger,
-und Marga mute mitlachen.</p>
-
-<p>Dann wurde der Frhstckstisch in der Halle gerumt.
-Sie setzten sich in den Garten, und Elli schrieb an Vater
-Richthoff vier enge Seiten. Zwar keine &#8222;Gefhlsduseleien&#8221;,
-aber erst recht keinen Tatsachenbericht, sondern lauter tolles
-Zeug. Nachher diktierte ihr Marga das &#8222;Zuckerwasser&#8221;
-fr Kthe.</p>
-
-<p>Drauen im Gras funkelte die Sonne auf den Tauperlen.
-Das erste sonntgliche Vergngungsschiff mit bunten Wimpeln
-und voller lustiger Menschen keuchte stromaufwrts.
-Vom nchsten Dorf trug ein launischer Frhwind den Klang
-der Kirchenglocken unter die Bume im Garten ...</p>
-
-<p>Es war Margas voller Ernst, wenn sie gesagt hatte,
-Perthes und sie wren so weit noch nicht und wollten es
-erst miteinander versuchen. Als Perthes am Morgen
-nach jenem Abend seligen Selbstvergessens wieder auf der
-Mhle erschienen war, hatte ihn Marga ganz anders
-empfangen, als er erwartete. &#8222;Geradezu frostig und lieblos,&#8221;
-meinte er entrstet. Aber Margas Gewissen hatte
-sie schon in der Nacht, die sie schlaflos verbrachte, mit Vorwrfen
-und Anklagen gepeinigt, die die erste Freude
-dmpften. Sie sah, was geschehen war, im Licht unverantwortlicher
-Schwachheit. Mit hundert Grnden bewies
-sie Perthes, wie unbesonnen und unrecht es wre, sein
-Schicksal und das ihrige zu verbinden, und was sie sagte,<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[S. 199]</a></span>
-kam wahrhaftig nicht aus dem Bedrfnis unschuldiger
-Koketterie, die das Gegenteil hren wollte. Sie zwang
-sich zu dieser schmerzhaften Klarheit, weil ihre Natur
-es so verlangte. Wute er denn, was es hie, mit einer
-blinden Frau durchs Leben zu gehen? Hatte er eine Ahnung
-von den Entbehrungen und Enttuschungen, die
-ihm, dem Sehenden, bevorstanden, wenn er, Seite an
-Seite mit ihr, ins Leben trat, in die Welt, die ihr ewig
-fremd und verschlossen bleiben mute, unter Menschen,
-die ihn einen kurzsichtigen Schwrmer schelten und ber
-eine Verlobung mit ihr oder gar eine Ehe die Achseln
-zucken wrden? Was half es, wenn sie, Marga, kraft ihrer
-Liebe jede Demtigung gern auf sich nahm &mdash; ihn, den
-Sehenden, den Stolzen, den leidenschaftlichen Mann mute
-eine Wirklichkeit, wie sie ihr Instinkt angstvoll vorausfhlte,
-wundreiben und unglcklich machen mit ihren
-tausend unvorhergesehenen, wehtuenden, stechenden
-Kleinigkeiten. Mitleidlos gegen sich und ihn ersparte sie
-ihm keine von den Wahrheiten, die sie in den langen
-Stunden der Nacht gesammelt hatte.</p>
-
-<p>Freilich &mdash; die Wirkung auf Perthes war dieselbe, als
-wenn sie ebensoviel zu ihren Gunsten vorgebracht htte.
-Je mehr Hindernisse und Beschwerlichkeiten sie ihm zeigte,
-um so beredter und temperamentvoller verfocht er seinen
-Entschlu. War er nicht Manns genug, um zu wissen, was
-er tat? Scheute er vielleicht das lppische Gerede und
-Gehabe anderer? Hatte er nicht immer fr seinen eigenen
-Kopf seinen eigenen Weg gefunden? Und nun, wo er durch
-Marga erst recht und ganz er selbst wurde, sollte er gegen
-die kleinen Lppereien des Alltags, die sie da in der Nacht
-ausgeklgelt und zu Schrecknissen vergrert hatte, nicht<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[S. 200]</a></span>
-stark genug sein? Das war ja ein nettes Zeugnis von Vertrauen,
-das sie ihm ausstellte!</p>
-
-<p>Trotz seiner heftigen Gegenwehr gab Marga sich nicht
-zufrieden. Er mute Schritt fr Schritt erobern, was er
-an einem Abend im Sturm und fr immer gewonnen
-zu haben glaubte. Er brachte es einstweilen nur zu einem
-feierlichen Pakt: er sollte kommen und gehen drfen wie
-bisher in der Stadt, am Wenzelsberg; aber nicht fter und
-keinesfalls tglich. Auch wegen des Geredes der Leute
-nicht. Sie wollten sich einer dem anderen so offen und
-natrlich geben, als sie nur konnten, um sich immer besser
-kennen zu lernen. Fr das Ma der gegenseitigen Vertraulichkeiten
-hatte Marga, obwohl sie weder prde noch
-doktrinr veranlagt war, einen ganzen Kodex ausgearbeitet:
-das zrtliche &#8222;Du&#8221;, das im Glck des ersten Verstehens
-eingerissen war, wurde verpnt. Sie wollten sich &#8222;Sie&#8221;
-und mit dem Vornamen nennen, und auch das nur unter
-vier Augen. Von anderen Liebkosungen als von einem
-etwas herzlicheren Handku durfte nicht die Rede sein.</p>
-
-<p>Gegen diese letzte Verordnung wehrte sich Perthes
-am entschiedensten.</p>
-
-<p>Um sie von vornherein zu entkrften, wollte er sogar
-Marga sofort herzhaft in seine Arme ziehen. Aber sie geriet
-in eine so hilflose Erregung, bat ihn so instndig, ja
-flehentlich, ihr zu folgen, da er nachgab.</p>
-
-<p>&#8222;Das versteh' ich nicht!&#8221; eiferte er. &#8222;Fr Kasteiungen
-hab' ich gar kein Talent, Marga. Ich wei auch, trotz all
-der schnen Reden, nicht, zu was sie gut sein sollen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das soll dafr gut sein, da uns, wenn unser Versuch
-milingt und wir nicht zusammenbleiben knnen, das Auseinandergehen
-nicht zu schwer wird.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">[S. 201]</a></span>
-
-Perthes wollte sie auslachen, aber sie legte so viel
-ernste, beinahe schwermtige berzeugung in ihre Worte,
-da er es nicht fertigbrachte. Er dachte nicht daran, ihre
-pessimistische Auffassung gelten zu lassen. Aber die ngstliche
-Vorsicht, die an das Glck nicht glauben konnte,
-die mdchenhafte Scheu, die der eigenen Liebe zum Trotz
-sich so streng und haushlterisch gab, rhrte ihn und ntigte
-ihm Achtung ab. Wenn er auch bei sich dachte, dies drakonische
-Hausgesetz bleibe ein Unding, weil es einen neutralen
-Zwischenzustand zu schaffen suche zwischen Liebe
-und Freundschaft, den es nie und nirgends gebe, so begriff
-er doch, da so und nicht anders Margas empfindliches
-Gewissen sich mit dem Neuen abfinden konnte.</p>
-
-<p>Unter solchen Umstnden hatte er seufzend dem
-&#8222;Gesetz zur Verhinderung der Liebe&#8221;, wie er es nannte,
-seine Sanktion erteilt.</p>
-
-<p>Es kam trotzdem, wie es kommen mu, wenn zwei
-Menschenkinder jung und aus Fleisch und Blut sind. Es
-wre zwischen Marga und Perthes auch so gekommen,
-wenn Elli nicht von vornherein erklrt htte, diese zimperliche
-Schntuerei sei Hokuspokus, und zusammen mit
-ihrem Wilkens, vor dem das Geheimnis nicht gewahrt
-bleiben konnte, nicht jede Gelegenheit benutzt htte, um
-diesem &#8222;faden Platonismus&#8221; mit Scherz und Spott auf
-den Leib zu rcken.</p>
-
-<p>Acht ganze Tage bestand das &#8222;GzVdL.&#8221;, wie es abgekrzt
-getauft wurde, leidlich voll zu Recht.</p>
-
-<p>Dann gewahrte Marga mit Schrecken, wie Stck um
-Stck von ihrem wohlgemeinten, aber doch nur in der
-Theorie mglichen Zwischensystem abbrckelte. Da wurden
-zunchst die Pausen zwischen Perthes' einzelnen Besuchen<span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">[S. 202]</a></span>
-auf der Sgemhle immer kleiner, und bald war
-es ganz selbstverstndlich geworden, da er jeden Tag
-kam, manchmal sogar zweimal, und an einem Sonntag
-blieb er vom Morgen bis zum spten Abend. Das nchste
-Bollwerk brachten Elli und Wilkens durch ein frmliches
-Komplott zu Fall. Das steife &#8222;Sie&#8221; zwischen Marga und
-Perthes war ihnen schon lange ein Dorn im Auge. Aber
-alle Sticheleien verfingen nicht. Marga blieb fest und stellte
-sich taub fr die dicksten Anspielungen; und Perthes wollte
-sie an der Illusion, die sie beruhigte, nicht irremachen.</p>
-
-<p>Elli, ewig auf Schelmereien bedacht, nahm ihre Zuflucht
-zu einem abgefeimten Trick.</p>
-
-<p>Eines Abends, als Wilkens und Perthes, wie dies jetzt
-so selten nicht mehr war, zum Abendbrot auf der Mhle
-blieben, lie sie ihrer Ausgelassenheit alle Zgel schieen
-und ri jeden, auch Marga, in ihre bersprudelnde Laune
-hinein. Schlielich erhob sie ihr Glas, lie die Augen
-lustig zu Perthes hinberspringen und warf den zerzausten
-Kopf keck zur Seite. &#8222;Doktor Perthes, ich schlage
-vor, da wir zwei Schmollis machen!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes, so aufgerumt er selber, so sympathisch ihm
-Frulein Sausewind war, wurde doch von diesem freundschaftlichen
-Anerbieten berrumpelt. &#8222;Mit Vergngen!&#8221;
-erklrte er. &#8222;Aber ich mu da hheren Orts erst anfragen.&#8221;</p>
-
-<p>Elli zwinkerte ihm zu. Er verstand und wandte sich an
-Marga. &#8222;Marga, Sie haben wohl nichts dagegen? Da
-es Ihre leibliche Schwester ist, die mit mir schmollieren
-will.&#8221;</p>
-
-<p>Marga war fassungslos berrascht und sah ganz verdutzt
-drein. &#8222;Elli ist wohl 'n bichen beschwipst?&#8221; meinte
-sie ausweichend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">[S. 203]</a></span>
-
-&#8222;Bitte schnstens!&#8221; verteidigte sich die Verdchtigte
-entrstet. &#8222;Das ist eine hliche, grundlose Verleumdung!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Die ich mir auch in meinem Namen verbitten mu,
-Frulein Marga!&#8221; brummte Wilkens hchst unwirsch.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn Sie mich noch lange warten lassen, Herr Doktor
-Perthes,&#8221; &mdash; Elli betonte die Anrede mit spitzer Breite &mdash;
-&#8222;sind Sie der unhflichste Mensch, der mir je vorgekommen
-ist! Marga hat da berhaupt gar nicht mitzureden!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber Herrn Wilkens mu ich doch wenigstens um
-Erlaubnis fragen?&#8221; sagte Perthes, der nun ganz mit
-im Spiel war, zuvorkommend.</p>
-
-<p>&#8222;Nun, Herr Wilkens?&#8221; fragte Elli. &#8222;Man berschtzt
-zwar Ihre Autoritt, aber &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich denke durchaus fortgeschritten in solchen Dingen,&#8221;
-lie sich Wilkens mit liberaler Groartigkeit vernehmen.</p>
-
-<p>&#8222;Na also! Du siehst, Marga &mdash; drei gegen eine!&#8221;
-triumphierte Elli.</p>
-
-<p>Marga wute nicht aus noch ein. Sie war nicht ohne
-Humor. Aber der Mangel an uerem Erleben hatte diese
-letzte und reifste Kraft nur erst sprlich in ihr entwickelt.
-Sie fand auch jetzt kein Scherzwort, um sich, ihre Schwere
-berwindend, aus der Klemme zu helfen. Sie versuchte
-zu lcheln. Doch der Ausdruck ihrer Augen strafte das
-Lcheln Lgen, und ihre Mundwinkel zuckten verdchtig.</p>
-
-<p>Elli lenkte ein. &#8222;Gott, Margakind, ich will dich ja
-schlielich nicht benachteiligen!&#8221; erklrte sie gromtig.
-&#8222;Ich trete von meinem Schmollis zurck unter einer Bedingung:
-wenn du es Doktor Perthes anbietest statt meiner!
-Ich tue es blutenden Herzens und werde an Herrn Perthes
-nicht so bald wieder mit einem so verlockenden Vorschlag
-herantreten.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[S. 204]</a></span>
-
-Jetzt konnte auch Marga sich nicht des Lachens erwehren.
-Sie wollte nicht Spielverderberin sein und erhob
-bedchtig ihr Glas. Es kam ihr schwer, berschwer vor.
-Im Grunde waren ihr die Trnen nher als das Lachen.
-Aber Perthes lie sein Glas krftig dagegenklingen. Sie
-drckten sich die Hand, was Elli ausnehmend prosaisch fand.</p>
-
-<p>&#8222;Es wird dir ja den Kopf nicht kosten, Marga!&#8221; meinte
-Perthes beruhigend.</p>
-
-<p>Und das Du klang Marga so lieb und vertraut, da sie
-noch einmal seine Hand fest und dankbar ergriff. Es kam
-ja doch alles, wie es wollte. Er sollte sie nicht fr khl
-und zimperlich halten. Ihr Blick leuchtete von Liebe,
-und zugleich seufzte sie. So mute wohl das Glck sein,
-ihr Glck: ein Kranz, strahlend und schwer in einem ...</p>
-
-<p>Es war gut, da das Sommersemester in den ersten
-Augusttagen zu Ende ging.</p>
-
-<p>Von den vielen Bekannten in der Stadt, die ja doch
-auch den beliebten Spaziergang nach der Sgemhle sich
-nicht nehmen lieen, drohten allerhand Fhrlichkeiten.
-Lose Zungen und spitze, scharfe Augen gab es hier wie
-berall. Da die Richthoffschen Mdels da drauen &#8222;immer
-mit Herren gingen&#8221;, konnte sich auf tausenderlei Weise
-herumreden, und wehe, wenn die Kunde, womglich bertrieben
-und entstellt, zu Vater Richthoff und Kthe sich
-verirrte!</p>
-
-<p>Elli nahm die Sache nicht weiter tragisch. Aber Marga
-mahnte immer wieder zur Vorsicht.</p>
-
-<p>Und mit Recht. Da war zum Beispiel Cousine Grasvogel,
-die mit irgendeinem Krnzchen von lteren jungen
-Damen mindestens einmal die Woche auf der Sgemhle
-erschien und, whrend sie die &#8222;lieben, lieben Mdels&#8221;<span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[S. 205]</a></span>
-ostentativ umarmte, ihre gutmtige, aber neugierige Nase
-rundum wittern lie. Richtig trat dann gerade whrend
-einer dieser zrtlichen Begrungen Wilkens in den Garten.
-Kaum hatte er jedoch die Schwierigkeit der Lage erkannt,
-so ging er wie der lteste Bekannte auf Frulein Grasvogel
-zu, die er auf dem Gartenfest am Wenzelsberg
-nicht eines Blickes gewrdigt hatte, begrte die gute
-Cousine mit einer Vertraulichkeit und ehrfrchtigen Wrme,
-als schtze man sich seit Jahren, und sagte: es sei reizend,
-da sie mit den beiden Frulein Richthoff einen Ausflug
-auf die Mhle gemacht habe. Er lie sich von ihr umstndlich
-erklren, die &#8222;lieben, lieben Mdels&#8221; seien nicht
-mit ihr gekommen, sondern wohnten hier auen fr einige
-Wochen, und war ber die Neuigkeit aufs angenehmste
-verwundert. Elli bi sich die Lippen blutig, um ernst zu
-bleiben. Marga gab recht unsichere und zerstreute Ausknfte
-ber die Verpflegung auf der Mhle und die
-Zimmerverhltnisse. Dann verabschiedete sich Wilkens
-sehr korrekt von allen dreien und tauchte erst wieder auf,
-als die Luft rein war.</p>
-
-<p>Schlimmer war es schon, da Frau Geheimrat Achenbach
-einmal mit dem Wagen die Landstrae entlang fuhr,
-als man, dem migen Wetter vertrauend, paarweise
-dort lustwandelte. Das Schlimmste aber lie ein Besuch
-von Kthes Freundin Lizzie befrchten, die an einem
-Sonntagvormittag, als man im Buchenwald hinter dem
-Gehft zu vieren picknickte, aus heiterem Himmel herunterschneite.
-Elli erfand eine ganze Rubergeschichte. Aber
-ob Lizzie, die sich sehr reserviert benahm und eine undurchdringliche
-Miene aufsetzte, daran glaubte, war mehr
-als fraglich. Gott sei Dank fand Perthes in ihrer ans<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[S. 206]</a></span>
-Pathologische streifenden Musikleidenschaft ein Thema,
-das die Unterhaltung leidlich in Gang hielt.</p>
-
-<p>Unschdlich war nur Professor Borngrber, der gar nicht
-selten im Vorbeigehen der Sgemhle einen Besuch abstattete.
-Es fiel ihm bisweilen abends ein, da er nach
-rztlichem Ratschlu neben seinen geistigen auch seine krperlichen
-Funktionen nicht vllig vernachlssigen sollte, und
-dann arbeitete er mit zerstreuter Hast die Landstrae ab
-bis zum Mhlengarten. Meistens las er dann, unter Verachtung
-aller Lichtverhltnisse, ein dickes Buch zu seinen
-Spiegeleiern mit Schinken, lie aus Vergelichkeit das
-Bier so abstehen, da es in der Wrme des Sommerabends
-bald zu kochen anfing, und hatte von der Umwelt keine
-Ahnung. Oder aber, wenn er die Tchter seines Freundes
-Richthoff dann doch aus reinem Zufall entdeckte, war er
-so erfreut, sie zu sehen, da er niemand sah als nur sie.
-Sein unschuldiges Junggesellenherz war ohne jedes Arg,
-und sein Sinn blieb, trotz aller Herzlichkeit, zur einen
-Hlfte doch immer an den Ufern der heiligen Ganga.</p>
-
-<p>Unverantwortlich lssig hatte sich bisher der von Vater
-Richthoff selbst eingesetzte Vizevormund, Professor Wilmanns,
-benommen. Marga und Elli hatten pflichtmig
-vor ihrer bersiedlung bei ihm vorgesprochen, und der bewegliche
-kleine Herr hatte laut verkndet, er werde bald
-mal auf der Mhle &#8222;Generalrevision&#8221; halten. Er hatte zur
-Bekrftigung seine eine Hand wrdevoll auf die lahme
-Hfte gelegt, die andere in die Brust gesteckt und die
-Brauen so hoch gezogen, da man frchten mute, Augen
-und Stirn knnten nie wieder in ihre normale Lage zurckkehren.
-Doch die bedrohliche Ankndigung blieb ohne
-Folgen. Nur die drei Wilmannstchter kamen einmal zum<span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[S. 207]</a></span>
-Kaffee auf die Sgemhle, nachdem sie sich vorher artig
-durch eine Postkarte angemeldet hatten. Sie entschuldigten
-ihre Eltern; Papa hatte vollauf mit seinem Wrterbuch
-zu tun, einer Sisyphusarbeit, an der er seit bald
-einem Jahrzehnt sich mhte; die bescheidene, aufopfernde
-Mama half dabei tglich ihre fnf bis sechs Stunden.
-Danach konnten Elli und Marga berzeugt sein, da von
-dieser Seite nichts mehr zu befrchten sei, zumal die ganze
-Familie Wilmanns mit Beginn der Ferien nach Thringen
-reisen wollte.</p>
-
-<p>Aber die Generalrevision kam doch! Anfang August,
-genau einen Tag vor Semesterschlu.</p>
-
-<p>Am Nachmittag hatte es Bindfaden geregnet. Es
-wurde Abend, ehe der Himmel sich leidlich aufhellte.
-Keine Seele aus der Stadt hatte sich auf der Mhle blicken
-lassen. Perthes war trotz des Unwetters um fnf Uhr
-gekommen. Sein Lodenmantel und sein Hut muten am
-Herdfeuer in der Kche aufgehngt werden. Wilkens stellte
-sich zum Essen ein, fr das man, da der Boden zu feucht
-war und die Bume tropften, in einer Laube hatte decken
-lassen. Elli rekognoszierte fr alle Flle auf Margas
-Wunsch nochmals das Terrain, obgleich Wirtsleute und
-Kellner bereinstimmend berichteten, es sei kein menschliches
-Lebewesen im Garten. Sie kam mit der Meldung
-zurck, in einer abgelegenen Ecke sitze, aller Nsse von unten
-und oben zum Trotz, Professor Borngrber und kritzle unheimliche
-Schriftzge in ein Notizbuch. Das klang zwar
-abenteuerlich, war aber anderseits auch so beruhigend,
-da jedes Bedenken schwand. Es war so gut, als gehrte
-einem der ganze Garten allein. Guter Dinge voll, zog
-man von der Halle in die Laube und setzte sich zu Tisch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[S. 208]</a></span>
-
-Man hatte noch kaum mit dem Abendbrot begonnen,
-als Elli scharf und unruhig ber den Flu ugte, hinber
-auf das Fhrboot. Das fllte sich pltzlich mit einer ansehnlichen
-Gesellschaft, aus der weie Mdchenkleider
-herberleuchteten.</p>
-
-<p>Wilkens war auch aufmerksam geworden. &#8222;Ich zhle
-drei Wilmannstchter, Papa, Mama und studentischen Anhang,&#8221;
-konstatierte er mit seiner unerschtterlichen Gelassenheit.</p>
-
-<p>&#8222;Wahrhaftig! Ich auch!&#8221; rief Elli mit lachender Bestrzung.</p>
-
-<p>Perthes hatte sich erhoben. Er mute die Nachricht
-besttigen. &#8222;Mit sicherem Kurs auf die Sgemhle!&#8221;
-setzte er trstlich hinzu.</p>
-
-<p>Verblffung und Schrecken waren gro. Die Ratlosigkeit
-noch grer. Jeder schlug einen Ausweg vor,
-der nichts taugte. Und dabei nherte sich das Boot mit
-zunehmender Eile.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn man Professor Borngrber bte, sich an unseren
-Tisch zu setzen?&#8221; lie sich Marga bedchtig vernehmen,
-als keiner von den anderen mehr Rat wute.</p>
-
-<p>&#8222;Sieh mal einer &mdash; das Margakind!&#8221; rief Elli begeistert.
-&#8222;Die Liebe &mdash; ich sag' es ja schon immer &mdash; geradezu genial
-macht sie die Liebe!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Man knnte auch sagen, durchtrieben!&#8221; kommentierte
-Perthes, indem er Marga strafend und anerkennend auf
-die Finger klopfte.</p>
-
-<p>Es war keine Zeit zu verlieren.</p>
-
-<p>Elli sprang schnell entschlossen durch den Garten.
-Man hrte sie gleich darauf, wie sie den ahnungslosen
-Jakobus Borngrber mit einer Sturmflut von liebenswrdigen<span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[S. 209]</a></span>
-Worten berfiel und betubte. Es dauerte
-noch nicht zwei Minuten, so hatte sie ihn herumbekommen.
-Er erschien an ihrer Seite, den Hut, ein Monstrum von
-einem schokoladefarbigen Hut, schief bergestlpt; ein dickleibiges
-Buch mit einem Notizbuch darauf wie eine Bundeslade
-vor sich hertragend. Mantel, Schirm und Bierglas
-hatte Elli bernommen. Mit dem unmglichen, aufgedunsenen
-Baumwollschirm wies sie ihm den Tisch, whrend
-sie immer weiter plapperte: sie wrden sich so riesig freuen,
-wenn er sich zu ihnen setzte, und es wre zu nett von ihm,
-da er das tte, und sie wrden an Papa eine Ansichtskarte
-schreiben, da er sie besucht htte. Der gute Borngrber
-nahm jetzt Buch und Notizbuch unter den Arm.
-Rund und verwundert rollten seine Augen beim Eintritt
-in die Laube, so verwundert, wie sie das immer taten,
-wenn sie sich mit der Welt der Erscheinungen auseinandersetzen
-sollten. Da da auer Marga, die er Frulein Kthe
-nannte, und Elli, die er mit Marga verwechselte, noch
-zwei Herren saen, die sofort aufsprangen und sehr bekannt
-und erfreut taten, war ihm nicht befremdlicher
-als anderes. Seine goldgelben Zhne lachten verlegen
-und freundlich aus dem silberstruppigen Gesicht. Er verteilte
-Hndedrcke, wobei sein Buch auf die Erde fiel;
-Perthes hob es hilfsbereit auf, whrend Wilkens ihn selbst
-nach dem Stuhl an der Spitze des Tisches drngte und
-ein Gesprch ber neue indische Funde vom Zaun brach,
-von denen er irgendwo gelesen haben wollte.</p>
-
-<p>Eben hatte sich die aberwitzige Brut knapp unter die
-schtzenden Flgel des sich seiner Rolle durchaus unbewuten
-Professors geflchtet, als vor dem Garten Papa
-Wilmanns' breite, behagliche Stimme erschallte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[S. 210]</a></span>
-
-&#8222;Wollen sehen, ob wir die Vgel im Nest treffen.
-Geh mal vor, Heddy &mdash; da sie nicht zu sehr erschrecken!&#8221;</p>
-
-<p>Doch diese zarte Vorsichtsmaregel erwies sich schon
-im nchsten Augenblick als berflssig. Papa Wilmanns'
-scharfe, spitzmusige Augen hatten ber den Zaun weg
-bereits die entscheidende Entdeckung gemacht.</p>
-
-<p>&#8222;Kiek mal eener!&#8221; Strmisch drang er in den Garten
-und stand im Handumdrehen am Eingang der Laube.
-&#8222;Kiek mal eener! Hat man je so was gehrt oder gesehen!?
-Mein Freund Borngrber, dieser Tugendheuchler, sitzt
-hier schamlos vor aller Welt und macht jungen Mdchen
-den Hof!&#8221;</p>
-
-<p>Frau Wilmanns und ihre Tchter mit dem Gefolge
-von einigen Studenten, die Wilmanns fr ihre selbstlose
-Mithilfe am Wrterbuch ab und zu durch eine Einladung
-entschdigen mute, kamen auf seinen Ruf hinterdrein.
-Es gab vor und in der Laube eine herzliche Begrung
-mit ausgiebigem Hndeschtteln, wobei die Wilmannsmdchen
-Perthes und Wilkens mit etwas erstaunten
-Blicken maen, und auch Mutter Wilmanns sie schchtern
-fragend besah. Aber ihr Gatte hielt eine so fulminante
-Abrechnung mit Borngrber, da Elli und Marga sich
-eine bessere Abwehr der Neugier gar nicht wnschen
-konnten. Wobei nicht gesagt sein soll, da der schlaue
-Generalrevisor die Situation verkannt htte. Aber er war
-nun einmal immer schwach gegen junge Leute ...</p>
-
-<p>&#8222;Meine Herrschaften!&#8221; polterte er los. &#8222;Ich habe
-Ihnen schon wiederholt von unserer griechischen Reise
-erzhlt. Oder noch nicht?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Doch, doch!&#8221; lieen sich beschwrende Stimmen
-hren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[S. 211]</a></span>
-
-&#8222;Gut! Sie knnen sich jetzt vorstellen, was ich mit
-meinem Kollegen Borngrber <span class="antiqua">in puncto puncti</span>, das ist
-in betreff der Griechinnen, auszustehen hatte. Dieses
-harmlose Gesicht, das sich auch jetzt wieder den Anschein
-vollendeter und rhrender Kindlichkeit gibt &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wollen wir uns nicht setzen, Papa?&#8221; wagte Frau
-Wilmanns vorsichtig einzuwerfen.</p>
-
-<p>&#8222;Diese Maske vertrumter Wissenschaftlichkeit wird
-niemand lnger tuschen!&#8221; fuhr Wilmanns unter allgemeiner
-Frhlichkeit fort. &#8222;Ich knnte &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wilmanns, ich warne Sie!&#8221; Borngrber schttelte
-seine Befangenheit ab und fuchtelte mit seinem Bierglas,
-das er aus unerklrlichem Grund bei der Begrung
-mit sich erhoben hatte. &#8222;Ich warne Sie! Ich werde von
-Kalypso erzhlen, einem gewissen thrakischen Mdchen
-im Hotel &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Schweigen Sie!&#8221; rief Wilmanns emprt. &#8222;Sie
-haben gar nichts zu erzhlen! Ich stehe hier in verantwortlicher
-Stellung,&#8221; &mdash; schon fuhr die Hand gravittisch
-in den Busen, und das hinkende Bein drehte sich dramatisch
-nach auen &mdash; &#8222;ich komme, um als Vizevormund
-im Namen des arglosen Richthoff bei meinen Pflegekindern
-Revision zu halten, und finde als Wolf in Schafskleidern
-&mdash; Sie!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Kalypso, Frau Professor Wilmanns,&#8221; schrillte mit
-verdoppeltem Feuer Borngrbers Fistelstimme, &#8222;Kalypso
-war ein auffallend hbsches Mdchen &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Genug von Ihren Ausschweifungen!&#8221; donnerte Wilmanns,
-dem die Kalypso gefhrlich zu werden schien.
-&#8222;Genug, sage ich! Wir werden uns bei einer Bowle weitersprechen!
-Aufgeschoben ist nicht ausgehoben! Helfen Sie<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[S. 212]</a></span>
-mir, meine Herren, das Symposion vorzubereiten, statt
-sich bucklig zu lachen, wenn zwei ehrsame Professoren ihrer
-Alma mater sich rein sachlich aussprechen! Ich denke,
-wir haben in der Laube alle Platz. Schieben wir einen
-Tisch an!&#8221; Er legte selbst Hand an eine Tischkante. Wilkens,
-Perthes, die Wrterbuchvolontre sprangen bei
-und faten wacker mit an. Im Nu war der Tisch in der
-gerumigen Laube zu einer Tafel erweitert. Weinflaschen,
-eine halbe Sekt darunter, frische Walderdbeeren lieen
-nicht zu lange auf sich warten, und Borngrber vereinigte
-sich mit seinem feindlichen Freunde zu einem Waffenstillstand,
-um die Bowle zu brauen, eine praktische Ttigkeit,
-in der er merkwrdigerweise brauchbare Erfahrungen
-hatte. Papa Richthoff in Kissingen mochte sich ja die Vormundschaft
-ber seine gewissenlosen Tchter etwas anders
-vorgestellt haben &mdash; aber fr alle Teile war die Wilmannssche
-Auffassung von einer Generalrevision die denkbar
-sympathischste, nicht zuletzt fr Marga und Elli, denen
-man zu diesem festlichen Gelage nicht zuzureden brauchte.</p>
-
-<p>Die Abkhlung des regnerischen Tages wirkte nach.</p>
-
-<p>Als die Sonne untergegangen war, verlegte man mit
-Rcksicht auf die lteren Herrschaften den zweiten Teil
-der Bowle in die geschtzte Halle.</p>
-
-<p>Wilmanns schlo einen Akkord mit den Wirtsleuten,
-um das mehr rhythmisch als im strengen Sinne musikalisch
-beanlagte Orchestrion in den Dauerbetrieb zu versetzen.
-Whrend er nach Kissingen eine Postkarte loslie:
-&#8222;Ihre Tchter, lieber Kollege, treffe ich bei meiner sehr gewissenhaften
-vormundschaftlichen Inspektion durchaus
-artig und munter. Gefahr droht ihnen nur von dem
-Indologen Borngrber, der sie zu heimlichen Banketten<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[S. 213]</a></span>
-einldt&#8221; &mdash; whrend dieses der Wahrheit nicht zu nahe
-tretenden Berichts erffnete Elli mit Wilkens den Tanz.
-Die Wilmannstchter und ihre jugendlichen Begleiter
-lieen ihr Beispiel nicht lange ohne Nachahmung.</p>
-
-<p>Bei der zunehmenden Ungezwungenheit und Lustigkeit
-fiel es nicht weiter auf, da Marga und Perthes sich
-absonderten.</p>
-
-<p>Sie standen bei der Tr und plauderten. Er, angeregt
-von der Bowle, der allgemeinen Frhlichkeit und den
-lockenden Weisen der &#8222;Rosen aus dem Sden&#8221;, folgte mit
-blitzenden Augen dem Tanz der jungen Mdchen in ihren
-hellen, fliegenden Sommerkleidchen.</p>
-
-<p>&#8222;Na &mdash; wagen wir es nicht auch, Margakind?&#8221; flsterte
-er nach einer Weile lebhaft.</p>
-
-<p>&#8222;Nein, ich kann ja nicht tanzen!&#8221; gab Marga zurck.</p>
-
-<p>&#8222;Aber Elli hat mir verraten, da du mit ihr tanzt.
-Und zwar recht gut! Komm &mdash; tu nicht zimperlich!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Es geht nicht!&#8221; wiederholte sie ngstlich. &#8222;Sicher
-nicht! Du wrdest dich mit mir nur lcherlich machen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber Kind, das ist ja kleinlich! Ich mchte gern
-tanzen!&#8221;</p>
-
-<p>Sie fhlte seinen heien Atem an ihrer Wange. Die
-Hand, die nach der ihren fate, verriet die Erregtheit
-seines warmbltigen Temperaments.</p>
-
-<p>Marga entzog sich ihm. Ehe er es verhindern konnte,
-war sie in den dunklen Garten hinausgeglitten. Eine
-pltzliche, wehe Traurigkeit hatte sie befallen: er, entzndlich
-und lebensdurstig, wie er war, verlangte in die
-Welt, die ihr verschlossen war, und sie hatte nichts von
-alledem, was andere ihm geben konnten &mdash; keine Leichtigkeit,
-keine tanzende, lachende Lustigkeit! Nichts, gar nichts<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[S. 214]</a></span>
-&mdash; so schien es ihr in diesem Augenblick &mdash; als ihre schwere
-Seele und ihre trostlose Blindheit! Und so wrde es
-immer sein!</p>
-
-<p>Perthes folgte ihr schnell.</p>
-
-<p>Er war rgerlich ber sie. ber ihre bertriebene
-Schwerflligkeit. ber ihre Empfindlichkeit und die Unvorsichtigkeit,
-so davonzulaufen.</p>
-
-<p>Sie hatte schon einen Vorsprung gewonnen. Erst
-am anderen Ende des Gartens holte er sie ein.</p>
-
-<p>Sie lehnte mit dem Rcken an einem Baumstamm.
-Die Hnde hatte sie hinter dem Kopf ineinandergepret,
-und die Augen starrten verngstigt in die Hhe, whrend
-ihre Brust sich schwer atmend hob und senkte.</p>
-
-<p>&#8222;Aber Marga, wie kannst du nur so sein! So &mdash;
-verzeih! &mdash; so berspannt empfindlich!&#8221; Wort und Ton
-konnten seine Verstimmung nicht verbergen.</p>
-
-<p>&#8222;Ich kann nicht tanzen! Gewi nicht. Bitte, bitte,
-tanze doch du! Mit Elli und den anderen!&#8221; stie sie
-flehend hervor.</p>
-
-<p>Einen Augenblick durchfuhr es Perthes bitter, ohne
-da er wute, wie es kam. Drinnen lockte die Musik mit
-ihrer sinnenfrohen Lebenslust. Das war nichts fr sie!
-Also auch nichts fr ihn. Er stie zum erstenmal &mdash; oder
-war es nicht das erstemal? &mdash; an die Grenze seines Glcks.
-Aber er wollte nicht. Wie lppisch von ihm, durchaus
-tanzen zu wollen! Er war alt genug, um darauf und auf
-anderes ohne rger verzichten zu knnen. Wie unrecht
-von ihnen beiden, da sie um einer so kleinlichen, erbrmlichen
-Sache willen, wie es diese schlechte Musik war und
-das bichen improvisierter Tanz, sich verstimmen wollten!
-Er redete auf Marga ein, herzlich, leidenschaftlich, und<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[S. 215]</a></span>
-berredete sich selber dabei. Warum sprach sie berhaupt
-immer davon, da dies oder jenes nicht fr sie sei? Wollte sie
-die Wirklichkeit fliehen? Brauchte sie denn das? Er wollte
-sie ja mitten hineintragen! Erst recht und gerade sie!
-Und er wollte ihr von da drauen alles bringen &mdash; Licht,
-Lust, Wonne, Kleines wie Groes &mdash; was sie begehrte!
-Hell und heller als um jede andere sollte es um sie werden!</p>
-
-<p>Und Marga hrte zu. Er hatte noch nie mit so viel
-Feuer von seiner Liebe zu ihr gesprochen. Sie kostete
-seine trstenden Worte wie einen heilenden Trank. Unglubig
-erst, zaghaft &mdash; dann mit vollen Zgen. Und sie
-war es, die den Arm um seinen Nacken legte. Die ihn
-kte. Was hatte er, wenn sie sprde tat? War es nicht
-wenig genug auch so? Und sie schuldete so viel Dank!
-Und sie war jung! Sie liebte ihn wie nichts auf der Welt!
-Mochte vollends fallen, was ihre Angst und Vorsicht
-zwischen ihm und ihr hatte aufrichten wollen. Sie kte
-ihn wieder und lie sich kssen. Dann gingen sie, eins
-vom Arm des anderen umschlungen, noch eine Weile
-durch den Garten. Ihre Liebe dnkte ihnen reich und gro
-und heilig wie nie. Sie wollten ihre Unendlichkeit fhlen
-&mdash; heute, da sie zuerst an ihre Endlichkeit gestoen waren.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c9" id="c9">9</a></h2>
-
-
-<p>Die neue Assistentenstelle in der Chirurgischen Klinik,
-die Perthes nunmehr endgltig angenommen hatte, sollte
-er vertragsmig zum ersten September antreten. Er
-hatte sich am Bakteriologischen Institut zum fnfzehnten
-August freimachen wollen. Vierzehn Tage dachte er fr
-seine Ausspannung herausschlagen zu knnen. Um nicht<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[S. 216]</a></span>
-zu weit von Marga entfernt zu sein, wollte er sich in einem
-einsamen Hof in den Bergen einquartieren, den er von
-seinen Wanderungen kannte und der etwa zwei Wegstunden
-von der Sgemhle ablag. Seine Ferien wollte er, auer
-zum Zusammensein mit ihr, zu hufigen Fumrschen in
-dem abwechslungsreichen Waldgebirge benutzen.</p>
-
-<p>Alles war verabredet und festgesetzt, als Professor
-Kronheim, Hupfelds erster Assistent, unerwartet erkrankte.</p>
-
-<p>Der Geheime Rat, der seine eigenen Sommerferien
-nicht verkrzen wollte, wandte sich an Perthes und bat in
-schmeichelhafter Weise, ihm aus der Verlegenheit zu helfen.
-Was war zu tun? Perthes mute, fluchend freilich, bis
-auf weiteres seinen eigenen Erholungsplnen entsagen und
-Mitte des Monats, Hals ber Kopf, aus seinem Institut
-in die Klinik berspringen.</p>
-
-<p>Die neue Ttigkeit war wesentlich anstrengender und
-unfreier als die frhere. Das sollte auch Marga drauen
-auf ihrer Mhle bald fhlbar werden. Es gab in der
-Klinik regelmigen Tag- und Nachtdienst. Um die tglichen
-Besuche war es mit einem Mal geschehen. Es vergingen
-zwei, drei Tage, ehe Perthes sich auf der Sgemhle
-blicken lassen konnte. Und da stellte es sich heraus,
-da dieselben Pausen, die Marga erst hatte zur Bedingung
-machen wollen, ihr jetzt recht lang und schwer erschienen.
-Sie suchte freilich sich und Elli einzureden, es wre viel
-besser so: die stete Sorge, durch Cousine Grasvogel und
-andere gute Freunde ins Gerede zu kommen, wurde
-geringer; die Freude des Wiedersehens wurde durch die
-lngere Trennung nur verstrkt. Jetzt, wo die Schranken
-der Vorsicht und Zurckhaltung durch seine und ihre
-Schuld gefallen waren, wuchs die so lange unterdrckte<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[S. 217]</a></span>
-und verleugnete Liebe Margas mit jedem Tag. Ihre
-schwere Natur, einmal entzndet, drngte zu jener Reife,
-die das Weib in der Liebe erst ganz zu dem macht, was
-es sein soll. Tapfer hatte sie ihr Leiden getragen; aber
-so sehr es sie gefrdert, es hatte doch auch ihre Entwicklung
-gehemmt und so manches verkmmern lassen: nun streifte
-ihr Ernst sein Zuviel an Schwere und Herbheit ab und
-verband sich dafr mit weicher Hingebung und einer
-zarten Leidenschaftlichkeit, die ihn schner und voller
-kleidete. Konnte frher ihre Beherrschung dem oberflchlichen
-Blick temperamentlos und apathisch vorkommen,
-so zeugte jetzt auch ihre uere Erscheinung gegen
-ein solches Vorurteil: ihr Gang war freier und leichter,
-ihre Bewegungen wurden sicherer und ausgeglichener;
-der Kopf mit seinem schlichtgeknoteten, aschblonden Haar
-senkte sich nicht mehr so oft und so md-ergeben; durch
-ein warmes, zuversichtliches Leuchten ersetzten die Augen
-ihre Blicklosigkeit; die Wangen bekamen mehr Farbe
-und die ganze Gestalt Frische und Flle. Es war noch
-immer die groe Stille, die ihr Wesen trug und umflo,
-aber ein brutlicher Schimmer verklrte sie. Und brutlich
-fhlte sich Marga selbst in den Stunden, in denen ihr Glck
-ohne Angst und Bedenken sie ausfllte, brutlich in der
-sehnschtigen Erwartung, in der trumenden Versonnenheit,
-im sen, berechtigten Stolz. Wenn dann Perthes
-kam, war sie es, die im ersten Augenblick des Alleinseins
-ihm die Arme um den Hals legte, sein Gesicht, seine Haare,
-seine Hnde liebkosend betastete und kte. Sie begann
-in ihm und durch ihn die Wirklichkeit in Besitz zu nehmen.</p>
-
-<p>Perthes entging die Wandlung nicht, die sich mit
-Marga vollzog.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[S. 218]</a></span>
-
-Es wre unnatrlich gewesen, wenn sie ihn nicht
-erfreut htte. Aber es mischte sich etwas Neues und Fremdes
-in diese Freude. Solange es gegolten hatte, Margas
-Liebe aus ihrer ngstlichen Verhllung von Scheu und
-Vorsicht zu lsen, hatte dies Spiel von Gefhl und Vernunft
-ihn in fortwhrender, froher Spannung gehalten,
-und sein Empfinden fr sie schien mit jedem Sieg, den
-er ihr abgewann, an Innigkeit zu wachsen. Es kamen
-Augenblicke, wo er sich verliebt vorkam, so verliebt, wie
-er es vor Wochen, als er sich zum Entschlu drngte, noch
-nicht fr mglich gehalten htte. Aber nun, da Margas
-Liebe entfaltet war und naturgem in ihr mit der Zrtlichkeit
-der Seele auch die der Sinne erwachte, erschrak
-er bisweilen mitten unter ihren Liebkosungen ber sich
-selbst. Er hatte aus der Liebe, die er sich verordnete,
-seinerzeit die Leidenschaft wegrsoniert. Jetzt zitterte
-sie ihm, nicht aufdringlich freilich und malos, aber doch
-blutwarm und lebendig aus Margas Zrtlichkeit entgegen.
-Was hatte er ihr dagegen zu geben? Wo blieb
-bei ihm die Leidenschaft, die die ihre beantwortete? Freilich
-erwiderte er strmisch ihre Umarmung und gab ihr
-ihre Ksse verdoppelt zurck, aber zwang er sich nicht dazu?
-War in seinem Ungestm nicht die Furcht, hinter ihr
-zurckzubleiben, und war diese Furcht nicht schon der Beweis,
-da seine Liebe der ihren nachstand?</p>
-
-<p>Er verwnschte solche Gedanken. Das allzu hufige,
-unttige Beisammensein war doch unvernnftig gewesen
-und hatte ihn durch bersttigung berkritisch gemacht.
-Von dieser Seite sah er in seiner klinischen Ttigkeit keine
-unwillkommene Gelegenheit, mit seiner und Margas Liebe
-mehr hauszuhalten. Seine Stellung mit ihren gesteigerten<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[S. 219]</a></span>
-Ansprchen befriedigte ihn. Mit dem ganzen Feuereifer,
-dessen er fhig war, gab er sich ihr hin. Dem Zureden
-Margas und der eigenen Einsicht folgend, entzog er sich
-auch dem Verkehr mit seinen Kollegen nicht mehr so vllig
-wie bisher. Er dachte sogar daran, sich einmal wieder im
-Tennisklub sehen zu lassen. Aber die Aussicht, mit Alice
-Hupfeld zusammenzutreffen, hielt ihn ab. Nach der gemeinsamen
-Radfahrt auf der Landstrae hatte er danach
-kein Verlangen. Es war mglich, da sie verreist war.
-Der Geheime Rat war auf Stift Nieburg. Das wute
-er. Alice war nirgend zu sehen. Doch das wollte nichts
-Sicheres besagen. Es war jedenfalls geratener, ihr aus
-dem Wege zu gehen ...</p>
-
-<p>Da berraschte ihn vor Ende August Exzellenz Hupfeld
-mit einer Einladung aufs Stift. Zum einfachen Mittagessen.
-Fast gleichzeitig erfuhr er zufllig aus dem Gesprch
-mit einem Kollegen, da Frulein Exzellenz von
-einer vierzehntgigen Hochgebirgstour zurckgekehrt sei.</p>
-
-<p>Seine Lust an der Einladung nach Nieburg, von vornherein
-nicht gro, wurde durch diese Nachricht sehr herabgemindert.
-Er trug sich mit dem Gedanken, abzulehnen,
-und suchte nach einem plausiblen Grund. Seltsam: der
-Widerwille, mit Alice zusammen zu sein, nahm in dem
-Mae zu, als das Essen auf dem Stift sich nherte. Er
-sprach auch mit Marga darber. Es war ihm ein Bedrfnis,
-so oft er Alice Hupfeld einmal erwhnen mute, seine
-Antipathie gegen sie beinahe berscharf zum Ausdruck
-zu bringen. Marga hatte nur ein unvollkommenes, nicht
-sehr anziehendes Bild von Alice wie von dem ganzen
-Kreis, dem sie zugehrte. Sie war keine von jenen kleinen
-Naturen, die aus Mangel an eigenem Urteil um jeden<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[S. 220]</a></span>
-Preis &#8222;gerecht&#8221; sein wollen. Gleichwohl hielt sie seine
-Hrte fr bertrieben und riet ihm, der Einladung nach
-Nieburg zu folgen.</p>
-
-<p>Letzten Endes blieb auch Perthes, wenn er sich die
-Gnade seines neuen Chefs nicht von vornherein verscherzen
-wollte, gar nichts anderes brig, als anzunehmen.</p>
-
-<p>An dem Tag, der ihn zu Hupfelds fhren sollte, blieb
-er so lange auf der Klinik, da er knapp noch Zeit hatte,
-sich umzukleiden. Er mute einen Wagen nehmen, um
-berhaupt noch zu rechter Zeit nach Stift Nieburg zu
-kommen.</p>
-
-<p>Als der Kutscher von der heien Landstrae abbog,
-sah Perthes sehnschtig nach der Mhle, die schattig und
-beschaulich wie immer mit ihren Ziegeln aus den Bumen
-hervorlugte. Am liebsten htte er noch jetzt die Fahrt
-dorthin kommandiert. Er schalt sich selbst ber seine Torheit.
-Dies lcherliche Mibehagen stand in keinem Verhltnis
-zur Unbedeutendheit der Sache. Er war doch
-wohl nachgerade alt und Manns genug, um sich in unbequemer
-Gesellschaft ein paar Stunden mit Anstand
-herumzulangweilen!</p>
-
-<p>Das groe eiserne Gittertor war verschlossen. Nur
-die ins Mauerwerk gebrochene Nebenpforte stand offen.
-Man erwartete also nicht so viele Besucher, wie Perthes
-hinter der Einladung zum einfachen Mittagessen geargwhnt
-hatte. Er stieg aus, entlohnte den Kutscher und trat
-in den Garten: mit seinen kurzgeschorenen Rasenflchen,
-seinen ppigen Palmengruppen und farbensatten Blumenbeeten
-lag er still in der sengenden Augustsonne. Still
-und wie erstarrt in weier Hitze stand auch weiter zurck
-das lange, schloartige Gebude mit dem efeubewachsenen<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[S. 221]</a></span>
-Untergescho, den hohen, hellgrnen Fensterlden, die
-zum Teil geschlossen waren, und dem mchtigen Giebeldach.
-Die Bume des Parks gaben einen Hintergrund,
-der sich mit massigem Dster gegen das grelle Licht abhob.</p>
-
-<p>Auf einem der gelben Kieswege, die zwischen wohlgepflegten
-Taxushecken abseits vom Fahrweg sanft emporstiegen,
-kam Perthes ans Haus. Nach der Hitze drauen
-atmete ihm das alte, weitrumige Bauwerk schon bei
-der Eingangstr mit ihren geschnitzten Flgeln und
-glnzenden Messingringen wohltuende Khle entgegen.
-Der Diener, der ihn in Empfang genommen, fhrte ihn
-durch lange, etwas nchterne Gnge ber ein breites,
-an den Wnden mit Nachbildungen antiker Reliefs geschmcktes
-Treppenhaus in den ersten Stock.</p>
-
-<p>Das Zimmer, das er betrat, war auf den ersten Blick
-erstaunlich tot und drckend.</p>
-
-<p>Groe, in den Farben gedmpfte Gobelins verkleideten
-die Wnde ringsum. Zwei Bnke mit ledergepolsterten
-Sitzen und Lehnen, ein runder Tisch mit schwerer, goldbrokatener
-Decke, die einst einen Altar geziert haben
-mochte, und einer riesigen Fayencevase in der Mitte,
-hochrckige, steife Lehnsthle &mdash; lauter in den Holzteilen
-tiefdunkle Mbelstcke &mdash; waren mehr stilvoll als einladend.
-Durch eine Tr, deren schmale Portiere zurckgerafft war,
-sah man ins anstoende Zimmer: es war &mdash; fast schien
-es, in bewutem Gegensatz zu dem Vorraum, in dem
-Perthes stand &mdash; in helles Licht getaucht. Man sah einen
-ziemlich einfachen Schreibtisch, der mit schmuckloser Platte
-auf zarten, ausgebauchten Beinen stand. Der altertmliche
-Globus auf der Ecke, das kristallene Tintenfa, noch
-mehr aber der Polsterstuhl mit seinem Bezug von grnem,<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[S. 222]</a></span>
-geriefeltem Samt brachte Raffinement in die Einfachheit
-dieses Arbeitszimmers.</p>
-
-<p>So weit war Perthes in seinen Betrachtungen gekommen,
-als von dort ein leises Ruspern und teppichgedmpfte
-Schritte hrbar wurden. Gleich darauf wurde
-Hupfeld in der Tr sichtbar.</p>
-
-<p>&#8222;Sehr liebenswrdig, da Sie uns das Vergngen
-machen,&#8221; lie sich seine volle, getragene Stimme vernehmen.
-Er berschritt die Schwelle nicht, sondern lud
-den Doktor mit einer kurzen Bewegung ein, nherzutreten.
-Freundlich, fast vertraulich bot er ihm die Hand &mdash; eine
-Hand, so weich und lssig, da Perthes sich versucht fhlte,
-sie zwischen seinen muskulsen Fingern durch einen
-heftigen Druck auf ihre Knochen zu prfen. Und doch war
-diese Hand mit ihrem fabelhaften Geschick die Begrnderin
-von Exzellenz' europischem Ruf. Die hochgewachsene
-Gestalt berragte noch die seines Assistenten. Auf den
-breiten Schultern sa ein verhltnismig kleiner Kopf,
-dem bartlose, glatte, mit dem Alter etwas verfettete Zge
-und weies, dichtstehendes, aufrechtes Haar die Schnheit
-eines bejahrten Heldenvaters gaben.</p>
-
-<p>Ein zweiter von jenen Winken, deren herrische Krze
-mit der auffallenden Loyalitt des Geheimen Rats kontrastierte,
-forderte Perthes auf, es sich in einem roten
-Saffiansessel bequem zu machen, der gegenber dem
-Schreibtisch, neben einem von Photographien und knstlerischen
-Reproduktionen bedeckten Tisch stand und ein
-bcherreiches Regal im Rcken hatte.</p>
-
-<p>Exzellenz setzte sich in den grnen Polsterstuhl. &#8222;Und
-wie fhlen Sie sich in unserer Klinik, mein lieber Doktor?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Danke, Exzellenz! Soweit ich mir schon ein Urteil<span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[S. 223]</a></span>
-erlauben kann, sehr wohl,&#8221; erwiderte Perthes, in den
-Saffiansessel mit Widerstreben versinkend.</p>
-
-<p>Hupfeld lchelte befriedigt. Er war ein Meister jenes
-diskreten Lchelns, das die angenehmste wie die rgerlichste
-Stimmung gleich gut verhllt. &#8222;Wie ich Ihnen schon
-sagte, haben Sie mir durch Ihren frheren Eintritt einen
-groen Dienst geleistet,&#8221; fuhr er, jedes, auch das unbedeutendste
-Wort prononcierend, fort. Whrend er mit
-gemessener Wrme des erkrankten Professors Kronheim
-gedachte, beharrte er regungslos in der fr sein Gesicht
-so vorteilhaften Profilstellung. Das gelbliche, durch die
-dnnen Vorhnge getnte Licht vom Fenster umflo
-schmeichelnd seine majesttischen Umrisse und den grnen
-Polsterstuhl. Bisweilen traf ein knapper Blick den Doktor.
-Wenn die Augen von Exzellenz ihre graue Starrheit einen
-Moment aufgaben, nahmen sie einen stechenden Glanz
-an und erinnerten Perthes durch ihren spttischen Ausdruck
-an die von Alice.</p>
-
-<p>Mit der Freiheit des groen Mannes liebte es Hupfeld,
-die Themen des Gesprchs unvermittelt zu wechseln.
-Er gefiel sich in einer klassischen Vielseitigkeit. Im Hinblick
-auf Perthes' mannigfaltigen Studiengang sprach er davon,
-da er selbst eigentlich htte Botaniker werden sollen und
-wollen. Dabei gab er seinem Talent zur Rede nach und
-setzte die Worte mit der sinnlichen Selbstgeflligkeit eines
-Juweliers, der die Perlen seines Geschmeides einzeln
-durch die Finger gleiten lt. &#8222;Ich habe mir, wie Sie sich
-vielleicht schon berzeugten, die Vorliebe fr die Pflanzenwelt
-gewahrt.&#8221; Er deutete mit einer Bewegung der
-molluskenhaften Hand in der Richtung des Gartens.
-&#8222;Wenn es Sie interessiert, werde ich Ihnen nachher im<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[S. 224]</a></span>
-Gewchshaus meine bescheidene, aber ich darf wohl sagen
-erlesene Sammlung von Orchideen zeigen. &mdash; Wissen Sie
-denn brigens, da Sie hier in Nieburg auf klassisch geweihtem
-Boden weilen?&#8221;</p>
-
-<p>Perthes schttelte verneinend den Kopf.</p>
-
-<p>&#8222;Es ist verbrgte Tatsache,&#8221; erklrte Hupfeld, indem
-er sich noch hoheitsvoller in seinem grnen Polsterstuhl
-zur Schau setzte und die berhmte Hand mit leichten Bewegungen
-seine Worte begleiten lie, &#8222;da in diesen Rumen
-Goethe im Jahre 1793, auf der Rckreise von der
-Belagerung von Mainz verweilte. Sein erlauchter Geist
-trifft sich mit meinem bescheideneren in der Liebe fr die
-Pflanzen und fr die Kunst des Mittelalters. Das macht
-mir den Aufenthalt hier besonders lieb und bedeutungsvoll.
-Auch die Gebrder Boissere sind hier fters zu Gast gewesen.
-Wenn der gute Wille gengte, etwas von der
-Universalitt jener Zeiten und jener Geister sich zu eigen
-zu machen, und wenn man Zeit htte &mdash;&#8221; Der Geheime
-Rat vollendete seinen vielsagenden Satz nicht, sondern lie
-ihn in einem tiefsinnigen Schweigen stecken. Vielleicht,
-um Perthes Gelegenheit zu geben, ein naheliegendes
-Kompliment einzuflechten; vielleicht auch nur, um den
-versteckten Vergleich mit Goethe in dem Zuhrer &mdash; oder
-vielmehr in dem Zuschauer &mdash; uerlich nachwirken zu
-lassen.</p>
-
-<p>Perthes besa leider gar keinen Sinn weder fr
-Schmeicheleien noch fr klassische Vergleiche. Es bereitete
-ihm im Gegenteil ein heimliches Vergngen, Exzellenz
-zu enttuschen. Nachdem er sich ungefhr so viel Zeit gelassen
-hatte, als ntig war, um die Bartlocken der gewaltigen
-Bste des Zeus von Otricoli zu zhlen, die auf<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">[S. 225]</a></span>
-einem Postament in der Ecke hinter dem Schreibtisch
-stand &mdash; also nach einer sehr respektvollen Pause &mdash;, hub
-er pltzlich an, von einem klinischen Fall zu sprechen.
-&#8222;Haben Exzellenz gehrt, da die Operation von Mi
-Read &mdash; es handelte sich um <span class="antiqua">Ileus strang</span>...&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja &mdash; ja! Natrlich!&#8221; fuhr Hupfeld aus seinem Nachsinnen
-zerstreut auf. &#8222;Die Sache ist sehr interessant!
-Sehr interessant! Wir sprechen nachher noch davon.
-Fr jetzt darf ich Sie nicht lnger unseren Damen vorenthalten.&#8221;
-Er erhob sich etwas jh. &#8222;Bitte!&#8221; Er deutete
-wieder in seiner befehlenden Art nach der rckwrtigen
-Tr. Mit der Zuvorkommenheit eines Frsten lie er
-seinen Gast voranschreiten. Sie durchschritten zuerst die
-eigentliche Bibliothek, einen sehr stimmungsvollen Raum
-mit Tausenden von Bnden auf hohen, geschnitzten Regalen.</p>
-
-<p>&#8222;Ich habe meine paar belletristischen und kunsthistorischen
-Bcher von den fachwissenschaftlichen getrennt und
-hier untergebracht,&#8221; erluterte der Geheime Rat im
-Vorbeigehen.</p>
-
-<p>Von da traten sie in das Speisezimmer.</p>
-
-<p>Wenn Perthes Mue gehabt htte, den &#8222;Saal&#8221; genau
-in Augenschein zu nehmen, wrde er ihm seine Anerkennung
-nicht versagt haben. Die kolossalen Brabanter
-Schrnke, die gegen eine Tapete von blaroter Seide
-standen, das wundervolle Barockgesthl, die gravittischen
-Ahnenbilder an den Wnden im Verein mit Teppichen,
-Truhen und kostbaren Behngen zeugten von Geschmack.
-So aber mute er sich vor allen Dingen in einer der
-tiefen Fensternischen der Dame des Hauses vorstellen
-lassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">[S. 226]</a></span>
-
-&#8222;Mein neuer Assistent, Herr Doktor Perthes,&#8221; fhrte
-ihn Hupfeld wohlwollend ein.</p>
-
-<p>Die weibliche Exzellenz, eine kleine, lebhafte Dame
-von rosiger Gesichtsfarbe und einem kindlichen Ausdruck
-von Daseinsfreudigkeit auf den wulstigen Lippen und in
-den schwimmenden ugelchen, reckte ihre etwas schwerfllige
-Figur freundlich im Stuhl in die Hhe, nickte dreimal
-mit dem Kopf und gab Perthes die Hand. &#8222;Es ist
-schwl. Glauben Sie, da wir ein Unwetter bekommen
-werden? Ich frage heute jedermann, ob wir heute ein Gewitter
-bekommen werden. Ich bin nmlich sehr ngstlich.
-Sehr, sehr ngstlich!&#8221; Sie bekrftigte ihre Gewitterfurcht
-mit einem hohen, kindlichen Lachen. &#8222;Wie meinen Sie?&#8221;
-fragte sie dann dringend, die Hand an ihr schwerhriges
-Ohr haltend.</p>
-
-<p>Perthes, etwas betroffen von diesem Willkommgru,
-der in seiner Naivitt peinlich war, fate sich so schnell wie
-mglich. &#8222;Ich glaube nicht, da wir ein Gewitter haben
-werden,&#8221; antwortete er hflich.</p>
-
-<p>&#8222;Hrst du, Moritz,&#8221; wandte sich Frau Hupfeld triumphierend
-an den hinter ihrem Sessel stehenden, blutjungen
-Leutnant, &#8222;Doktor Ptel &mdash; hie er nicht so, Papa?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Doktor Perthes,&#8221; korrigierte der Geheime Rat mit
-einer Deutlichkeit, die zugleich zuvorkommend und entschuldigend
-klang.</p>
-
-<p>&#8222;Na ja &mdash; Doktor Ptel glaubt auch nicht an ein Gewitter,
-Moritz!&#8221;</p>
-
-<p>Der Leutnant, ein zierlicher, hbscher Junge mit harmlosem,
-frischem Kindergesicht, zuckte die Achseln. &#8222;Willst
-du mich, bitte, vorstellen, Papa?&#8221; bat er den Geheimen
-Rat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">[S. 227]</a></span>
-
-&#8222;Natrlich &mdash; ich bitte um Verzeihung! Mein Sohn,
-Leutnant Moritz Hupfeld. Und hier &mdash;&#8221; Er winkte nach
-dem Fenster, wo ein junges Mdchen ohne Teilnahme
-fr das, was vorging, hinausschaute. &#8222;Komm mal her,
-Hilla! &mdash; Die Tochter meines Bruders, des Obersten
-Hupfeld in Straburg,&#8221; erluterte Exzellenz.</p>
-
-<p>Das junge Mdchen fand es nicht der Mhe wert,
-nherzutreten. Sie erwiderte, sich langsam umwendend,
-Perthes' Verbeugung mit einem halben Blick und ziemlich
-schnippischem Kopfnicken. &#8222;Weit du, Onkel, ihr mtet
-in den ollen, langweiligen Garten da mal 'ne Fontne
-oder so was 'reinsetzen,&#8221; schlo sie ihre viel wichtigeren
-Fensterstudien.</p>
-
-<p>&#8222;Nein! Um Gottes willen! Wo denkst du hin, Kind?
-Eine Fontne?&#8221; jammerte Frau Hupfeld erschrocken.
-&#8222;Das ewige Pltschern kann einen ja schwermtig machen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sei ohne Sorge,&#8221; legte sich Hupfeld ins Mittel,
-&#8222;ich liebe keine Wasserknste!&#8221; Er bewahrte inmitten dieser
-reichlich albernen Unterhaltung die herablassende Wrde
-seiner Gre.</p>
-
-<p>&#8222;Cousine Hilla hat nu mal eine Vorliebe fr groe
-silberne Glaskugeln, Goldfische und Terrakottazwerge,
-die unter Pilzen sitzen,&#8221; hnselte der Leutnant, whrend
-er mit Perthes einen Blick gegenseitigen Wohlgefallens
-wechselte.</p>
-
-<p>&#8222;Pfui, Moritz!&#8221; wehrte sich Hilla entrstet und geruhte
-dabei, sich zu nhern und ihre nichtssagend hbsche Larve
-mit schmachtendem Tadel ihrem Vetter zuzuwenden.
-&#8222;Sind Sie der Doktor, der so gut Tennis spielt?&#8221; wandte
-sie sich dann pltzlich mit der vorlauten Selbstverstndlichkeit
-eines verzogenen Backfisches an Perthes.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">[S. 228]</a></span>
-
-&#8222;Woher wissen Sie das, gndiges Frulein?&#8221; fragte
-Perthes trocken zurck, whrend er auf das schmale Persnchen
-khl heruntersah.</p>
-
-<p>&#8222;Von Alice natrlich!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Alice!&#8221; nahm Hupfeld das Wort. &#8222;Wo steckt denn
-Alli? Wir werden uns ohne sie zu Tisch setzen. Entschuldigen
-Sie, mein lieber Doktor! Meine Tochter lebt in
-einem bestndigen Krieg mit unserer Hausordnung,&#8221;
-ergnzte er halb stolz, halb tadelnd, whrend er seiner
-Frau artig den Arm bot.</p>
-
-<p>&#8222;Dem armen Kinde wird doch nichts zugestoen sein?&#8221;
-meinte Frau Hupfeld ngstlich.</p>
-
-<p>&#8222;I wo, Mama!&#8221; lachte der Leutnant. &#8222;Das wre das
-erstemal. So was verdirbt nicht!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich sah sie vor einer Viertelstunde von meinem
-Zimmer aus in den Park laufen,&#8221; bemerkte Cousine Hilla.
-Sie hngte sich dabei an den Arm ihres Vetters, der sie
-hflich dem Gast hatte berlassen wollen. Mit Zivilisten
-ging sie nur in Ermangelung wirklicher Menschen zu
-Tisch.</p>
-
-<p>Perthes, dem offenbar ursprnglich Alice als Tischnachbarin
-zugedacht war, mute sich seinen Platz allein
-suchen.</p>
-
-<p>Er ergab sich in sein Los. Kam er sich doch unter diesen
-fremden Menschen so gelangweilt und unbehaglich vor,
-da er froh war, sitzen und essen zu drfen.</p>
-
-<p>Exzellenz hielt bei der Suppe einen kleinen Vortrag
-ber altes Porzellan, von dem er eine Sammlung anzulegen
-beabsichtigte. Es gengte, verstndnisvoll zu lcheln,
-was brigens nur Perthes tat. Frau Hupfeld teilte einstweilen
-ihre ganze Aufmerksamkeit zwischen einem harmlos-frhlichen<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[S. 229]</a></span>
-Appetit und der erneuten Sorge um das Wetter,
-das zu beobachten sie dem aufwartenden Diener in
-geheimnisvollem Ton sehr dringlich einschrfte. Hilla
-machte ihrem Vetter Leutnant ungeniert den Hof, ohne
-der Weisheit ihres groen Onkels die geringste Beachtung
-zu schenken.</p>
-
-<p>Der weibehandschuhte Diener hatte schon den zweiten
-Gang serviert und einen Flsterwein eingegossen, als die
-Tr zum Saal aufgerissen wurde und Alice hereinstrmte.</p>
-
-<p>&#8222;Denkt euch, Kinder &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Meine Nerven! Meine Nerven!&#8221; klagte erschrocken die
-Geheime Rtin.</p>
-
-<p>&#8222;Der Grtner hat in der Raubtierfalle einen richtigen
-Iltis gefangen! Ich hab' ihn mir angesehen! Eine Mama,
-die Junge erwartet!&#8221;</p>
-
-<p>Alice reichte dem Doktor whrend ihres zoologischen
-Berichts sehr obenhin die Hand und setzte sich zwischen
-ihn und ihren Bruder.</p>
-
-<p>&#8222;Wie schrecklich!&#8221; lie sich Frau Hupfeld, ihre Nerven
-vergessend, neugierig vernehmen. &#8222;Was hat er gefangen?
-einen Tiflis?&#8221; Umfassende Bildung gehrte nicht zu Mama
-Hupfelds Vorzgen. Sie stammte aus einfachen Verhltnissen
-&mdash; aus Hupfelds weniger berhmter Zeit &mdash;
-und ihre Impromptus waren das Entsetzen von Exzellenz.</p>
-
-<p>&#8222;Einen Iltis!&#8221; kicherte Alice. &#8222;Und zwar &mdash;&#8221; wollte
-sie mit berlauter Deutlichkeit fortfahren.</p>
-
-<p>&#8222;Mein Liebling,&#8221; unterbrach sie der Geheime Rat
-mit einer Entschiedenheit, die zugleich bestimmt war,
-Iltis und Tiflis zu bedecken, &#8222;ich schtze die Natrlichkeit.
-Das weit du. Aber sie darf nicht degoutant sein.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[S. 230]</a></span>
-
-&#8222;Auch meine Meinung. Besonders bei Damen!&#8221; bekrftigte
-Leutnant Moritz die vterlichen Worte.</p>
-
-<p>&#8222;Da hab' ich mich ja wieder mal nett in die Nesseln
-eurer Prderie gesetzt!&#8221; Alice sah mit verschmitztem Lachen
-von einem zum anderen.</p>
-
-<p>&#8222;Wohin hat sie sich gesetzt?&#8221; fragte mit unerschttertem
-Wissensdrang Frau Hupfeld.</p>
-
-<p>&#8222;Mich mut du ausnehmen, Alli,&#8221; erklrte voll schwrmender
-Bewunderung Cousine Hilla. &#8222;Ich finde deine
-Natrlichkeit furchtbar schick! Ich wollte, ich wre auch
-so vorurteilslos.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das fehlte noch!&#8221; brummte der Leutnant.</p>
-
-<p>&#8222;Steht nur Ihr Urteil aus, Herr Doktor Perthes!&#8221;
-wandte sich Alice mit einer Verbeugung an ihren Nachbar.
-&#8222;Dann kann ber mich richtig abgestimmt werden!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes, obwohl nichts weniger als entzckt von dieser
-Aufforderung, begegnete dem spitzbbischen Zwinkern
-ihrer Augen mit einem ruhigen Blick. &#8222;Wenn Sie darauf
-Wert legen, gndiges Frulein &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und ob!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich schtze Natrlichkeit. Bei Damen sogar besonders.
-Sie wird da nur leicht Manier. Und hebt sich so wieder
-selbst auf.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sehr gut!&#8221; nickte zustimmend der Geheime Rat.
-&#8222;Sehr gut, lieber Perthes!&#8221; wiederholte er noch einmal,
-nachdem er mit vorgeschobenen Kennerlippen an seinem
-Weinglase genippt hatte.</p>
-
-<p>&#8222;Das hei' ich 'ne schlanke Abfuhr &mdash; wie, Allichen?&#8221;
-schmunzelte der Leutnant vergngt.</p>
-
-<p>&#8222;Mir ist das zu hoch!&#8221; meinte mit patziger Geringschtzung
-Cousine Hilla.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[S. 231]</a></span>
-
-Alli selbst kniff die Augen zusammen wie beim Tennisspiel,
-wenn sie berechnen wollte, wie sie den Ball am besten
-zurckschlge. Es lag in dem halboffenen Blick etwas
-Lauerndes, das die Freude an gefangenem Raubzeug,
-wie einem Iltis, erklrlich machte. Im nchsten Augenblick
-lachte sie. Es war dieses helle, kurze, aufreizende Lachen,
-das Perthes kannte.</p>
-
-<p>Der Diener hatte eben begonnen, neue Schsseln zu
-reichen. Den Schleien folgten rmische Poularden. Alice
-hatte den Kopf mit dem rtlichen Haargewirr ber die
-Lehne zurckgeworfen. Die gelenkige Gestalt in dem eng
-anliegenden, blauen Foulardkleid schttelte sich leicht,
-als gelte es, ein paar Tropfen von der milchweien Haut
-des Halses und der Arme absprhen zu lassen. Dann bog
-sie sich blitzschnell ganz nahe an Perthes heran. &#8222;Es ist
-doch so, da hinter dem Rubergesicht ein ganz ehrsamer
-Philister sitzt, nicht?&#8221; tuschelte sie ihm mit boshafter
-Hast zu.</p>
-
-<p>Er wollte ihr erwidern. Aber ebenso geschwind hatte
-sie sich von ihm weggewandt und drehte ihm halb den
-Rcken. Sie sprach mit Hilla und ihrem Bruder. Whrend
-des Restes der Mahlzeit behandelte sie ihn als Luft. Ein
-Verfahren, das ihn, wie er sich selber vorsagte, hchst
-kalt lie, aber seine Behaglichkeit im Hause Hupfeld nicht
-erhhte. Er wnschte sich ber alle Berge. Oder doch
-zum mindesten einen halben Kilometer talwrts in die
-Sgemhle. Die ungewohnte Atmosphre, die ihn umgab,
-bedrckte ihn: dieser &#8222;groe Mann&#8221; mit seiner prezisen
-Redeweise und seiner hohlen, posierten Majestt;
-diese vielleicht gutmtige und natrliche, aber immer
-nur mit sich selbst beschftigte, rosig-dicke Frau Exzellenz;<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[S. 232]</a></span>
-Frulein Hilla, die ihre Dummheit durch die doppelte
-Portion Hochmut und Dreistigkeit wettzumachen suchte,
-und Alice &mdash; wie ihm das alles zuwider war! Samt
-dem altertmlichen, schwerflligen, berstilvollen Luxus!
-Samt dem tadellosen Diner auf Wedgwoodporzellan
-und den Flsterweinen und dem schleichenden Lakaien
-mit den weien Handschuhen! Er war kein Feind von
-Reichtum und Geist und Geschmack; aber er htte gern
-einmal laut fluchen oder eins der hohen Fenster aufreien
-und einen Strom noch so heier Sommerluft
-hereinstrmen lassen mgen &mdash; um sich selber wiederzuerkennen
-und freizumachen!</p>
-
-<p>Man nherte sich dem Dessert.</p>
-
-<p>Der Leutnant brachte, Gott sei Dank, etwas Zug in
-die Unterhaltung. Er erzhlte von Ballonfahrten, die er
-von Freiburg aus, wo er in Garnison stand, unternommen.
-Besonders von einem Ausflug nach Straburg, wo sie
-kurz vor dem Ziel, in Kehl, die Reileine ziehen muten
-und um ein Haar im Rhein gelandet wren.</p>
-
-<p>&#8222;Wo war das, Moritz?&#8221; fragte Frau Hupfeld, die die
-Hand am Ohr mit allen Zeichen des Gruselns der halsbrecherischen
-Schilderung zu folgen versuchte.</p>
-
-<p>&#8222;In Kehl, Mama,&#8221; lautete der bereitwillige Bescheid.</p>
-
-<p>&#8222;In Kiel?&#8221; wiederholte die alte Dame mit Staunen.
-&#8222;Ich wute gar nicht, da Kiel so nahe bei Straburg
-liegt. Ich dachte immer &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Diesmal brach die Heiterkeit ber Mama Hupfelds
-durch keine Sachkenntnis getrbte Geographie so elementar
-und laut hervor, da der Geheime Rat sie nicht
-durch eine ableitende Bemerkung aufhalten konnte. Seine<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[S. 233]</a></span>
-kleine, dicke Frau schlo sich der Frhlichkeit so unbefangen
-an, wie wenn sie nichts anderes beabsichtigt htte, als ein
-Bonmot zum besten zu geben. Zu allem Unheil pflanzte
-sich eben jetzt der Diener in steifer Positur hinter ihrem
-Stuhl auf, offenbar um ihr eine unaufschiebbare Meldung
-zu machen.</p>
-
-<p>&#8222;Was gibt's, Karl?&#8221; fragte sie besorgt, als der Beifall,
-den sie unfreiwillig entfesselt hatte, sich legte.</p>
-
-<p>&#8222;Exzellenz, im Sden zieht ein Gewitter herauf!&#8221;
-meldete der Diener mit der Feierlichkeit eines spanischen
-Granden.</p>
-
-<p>&#8222;Allmchtiger!&#8221; entfuhr es dem Leutnant in komischer
-Verzweiflung.</p>
-
-<p>Frau Hupfeld schnellte mit allen Zeichen der Angst
-von ihrem Sitz in die Hhe. &#8222;Oh &mdash; was Sie sagen,
-Karl!&#8221; stammelte sie. Sie sah wirklich bemitleidenswert
-aus.</p>
-
-<p>Cousine Hilla bi auf ihre Serviette, um nicht von
-neuem herauszulachen. Alice schnitt eine Grimasse.
-Perthes fixierte standhaft den zierlichen Rand seines
-Tellers, denn wenn er bis jetzt als Gast des Hauses seinen
-Lachmuskeln eine peinliche Reserve auferlegt hatte, diese
-im Ton einer antiken Schicksalsverkndigung vorgetragene
-Gewittermeldung drohte seine Kraft zu bersteigen.</p>
-
-<p>Der Geheime Rat blieb ernst. &#8222;Es wird ja so schlimm
-nicht sein!&#8221; redete er begtigend seiner Frau zu.</p>
-
-<p>Aber fr Frau Hupfeld gab es, nachdem sie sich vom
-ersten Entsetzen erholt, kein Halten. &#8222;Herr Doktor Ptel
-&mdash; Sie mssen mich entschuldigen &mdash; ich kann nun mal
-nichts dafr!&#8221; erklrte sie mit hastiger Verlegenheit.
-&#8222;Nein &mdash; und ich wollte noch von der wundervollen<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[S. 234]</a></span>
-Ananas essen! Stellen Sie sie fr mich zurck, Karl!
-Und Annette soll auf mein Zimmer kommen. Sie mu
-mir die Laden schlieen. Johann auch!&#8221;</p>
-
-<p>Schon war sie, ihre beleibte kleine Person mit erstaunlicher
-Elastizitt vorwrtsschiebend, aus dem Saal geflohen,
-um in ihrem Schlafzimmer unter Beihilfe der verfgbaren
-Dienstboten die ntigen verdunkelnden Vorbereitungen
-zu treffen.</p>
-
-<p>Das Gleichgewicht der Tafel war gestrt.</p>
-
-<p>Exzellenz &mdash; seine Verstimmung in eine gesteigerte,
-ber die Kleinigkeiten des Tages erhabene Hoheit hllend
-&mdash; hielt es fr angebracht, die Mahlzeit nicht mehr ber
-Gebhr zu verlngern.</p>
-
-<p>Er stand denn auch bald auf und gab so das Zeichen
-der Befreiung vom Tischzwang. Die Herren begaben
-sich in die Bibliothek. Whrend der Leutnant den mit
-Silber eingelegten Zigarrenschrank herbeiholte und Perthes
-mit den unterschiedlichen Vorzgen der Importen bekannt
-machte, zog Hupfeld sich stillschweigend zu einer kleinen
-Mittagsruhe zurck.</p>
-
-<p>Alice und Hilla traten unter die Tr der Bibliothek.</p>
-
-<p>&#8222;Hilla will mal meine Iltismama besehen. Kommst
-du mit, Sbelmnnchen?&#8221; Alice richtete ihre Aufforderung
-absichtlich nur an ihren Bruder, als existierte Perthes
-gar nicht.</p>
-
-<p>&#8222;Das hngt von Herrn Doktor Perthes ab,&#8221; erwiderte
-der Leutnant, den Zug seiner Zigarre prfend.</p>
-
-<p>&#8222;Bah &mdash; es fragt sich sehr, ob wir Herrn Perthes nach
-der famosen &#8218;Abfuhr&#8219; an Alli berhaupt noch dazu einladen!&#8221;
-erklrte Frulein Hilla mit schnippischer Promptheit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">[S. 235]</a></span>
-
-&#8222;Dann mt ihr auf meine Gesellschaft auch verzichten,
-Hillchen!&#8221; gab Leutnant Moritz ritterlich zurck.</p>
-
-<p>Alice ma Perthes ber ihre Schulter weg mit dem
-ihr eigenen Blick vom Fu zum Kopf.</p>
-
-<p>&#8222;Bitte sehr, sich durch mich nicht bestimmen zu lassen.
-Unser Tierpark im Bakteriologischen Institut war so
-reichhaltig, und ich bin so froh, ihn los zu sein, da
-ich auf Iltismtter keinen besonderen Wert lege.&#8221;
-Perthes sprach mit aller ihm zu Gebot stehenden Gelassenheit,
-ohne Alices Blick zu vermeiden. Dabei
-mute er allerdings die zartgewickelte Zigarre beinahe
-zwischen seinen Fingern zerdrcken, so sehr reizte ihn
-Alices Benehmen.</p>
-
-<p>&#8222;Stolz lieb' ich den Spanier!&#8221; bemerkte sie leichthin;
-aber ihre Mundwinkel zuckten mehr nervs als spttisch,
-und ihre Abstze klappten strker auf den Boden, als ntig
-war. Seine Sprdigkeit machte sie kampflstern. Sie
-wre jetzt am liebsten dageblieben, um es gleich darauf
-ankommen zu lassen, wer Sieger blieb. Doch Hilla zog
-sie energisch aus der Tr.</p>
-
-<p>&#8222;Hat dein Papa immer so verdrehte Assistenten?&#8221;
-fragte die Cousine laut genug, da man es noch in der
-Bibliothek hren konnte.</p>
-
-<p>&#8222;Schweig! Das verstehst du nicht!&#8221; herrschte Alice
-sie an.</p>
-
-<p>Hilla sah ihr ganz betroffen in die funkelnden Augen.</p>
-
-<p>&#8222;Er ist ein feiner Junge, sag' ich dir!&#8221; Alice wollte
-hinzusetzen: Gerade, weil er so widerhaarig tut! Aber
-sie behielt diesen Nachsatz fr sich und pfiff dafr auf dem
-Weg zum Park leise vor sich hin &mdash; so bedeutungsvoll,
-wie nur junge Damen pfeifen knnen ...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">[S. 236]</a></span>
-
-Nach einigen Minuten gingen Perthes und Leutnant
-Hupfeld auf eigene Faust ins Freie.</p>
-
-<p>Sie hatten beide Gefallen aneinander gefunden. Der
-aufgeweckte junge Offizier, der nach den besten Eigenschaften
-seiner Mutter geraten zu sein schien, traf sich mit
-Perthes im Interesse fr den Luftsport. Der Leutnant
-hatte in Berlin und auch in Paris Flugversuche gesehen,
-von denen er sehr anschaulich zu plaudern wute. Nachher
-erzhlte er von Freiburg und von winterlichen Skitouren
-im Schwarzwald. &mdash;</p>
-
-<p>Sei es, da die Iltismama an Reiz eingebt hatte,
-sei es, da Cousine Hilla Sehnsucht nach Vetter Moritz
-bekam &mdash; die jungen Damen kehrten auffallend schnell
-von ihrer Raubtierbesichtigung zurck.</p>
-
-<p>Man setzte sich in den Schatten unter eine breitstige
-Eiche.</p>
-
-<p>Der Diener kam mit einem Klapptisch, mit Mokka und
-einer Batterie von Likren aus dem Hause.</p>
-
-<p>Alice hatte sich, wie die beiden Herren, einen Curaao
-eingieen lassen. Sie nherte sich Perthes mit der Miene
-einer frommen Helene. &#8222;Wollen wir uns wieder vertragen,
-Doktor?&#8221; Sie hielt ihm den kleinen Finger hin,
-um mit ihm anzustoen.</p>
-
-<p>&#8222;Ich bin mir nicht bewut, da &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nun machen Sie geflligst nicht wieder Geschichten!
-Wollen Sie &mdash; oder wollen Sie nicht?&#8221;</p>
-
-<p>Perthes gab sich zufrieden, tippte an ihren Finger,
-und sie tranken sich zu.</p>
-
-<p>Whrend Hilla den Leutnant mit Beschlag belegte
-und entfhrte, setzte sich Alice neben Perthes auf die
-Bank unter der Eiche. Sie stemmte sich mit den Hnden<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">[S. 237]</a></span>
-rechts und links gegen den Sitz und lie die Fe mit den
-hbschen, bronzefarbenen Schnallenschuhen und den blauseidenen
-durchbrochenen Strmpfen bereinandergleiten.</p>
-
-<p>&#8222;Warum sagten Sie das mit der &#8218;manierierten Natrlichkeit&#8219;,
-Doktor Perthes?&#8221; fragte sie nach einiger Zeit
-in nachdenklichem Ton, in die Betrachtung ihrer Schuhspitzen
-scheinbar versunken.</p>
-
-<p>&#8222;Weil es meine Meinung war und Sie mich darum
-fragten,&#8221; entgegnete er.</p>
-
-<p>&#8222;Ich glaube, Sie haben greulich viel an mir auszusetzen!&#8221;
-fuhr sie in derselben Weise fort.</p>
-
-<p>&#8222;Das beruht wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit!&#8221; Er
-lehnte den Kopf gegen den Stamm der Eiche und blies
-den Rauch seiner Zigarre in nervsen Zgen ber sich.
-Er vermied es, sie anzusehen.</p>
-
-<p>&#8222;Man mu wohl hausbackener sein, um Ihnen zu gefallen?&#8221;
-Sie streifte ihn mit einem halben Blick. Der
-gutsitzende, elegante Gesellschaftsanzug stand in anziehendem
-Gegensatz zu der naturhaft gebrunten Farbe seines
-Gesichts und seiner Hnde.</p>
-
-<p>&#8222;Ich dachte, wir htten auf Vershnung angestoen,&#8221;
-meinte er. &#8222;Aber Sie &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Natrlich, das schliet doch nicht aus, da ich mich
-mit Ihnen ein bichen kabble. Ich kabble mich immer
-mit Menschen, die mir gefallen!&#8221; Sie sah ihn jetzt mit dem
-Schalksgesicht voll an. Ihre Augen flirrten keck unter der
-weien Stirn und dem rtlichen, vorgebauschten Haar,
-whrend die Zungenspitze ber die Lippen spielte.</p>
-
-<p>Perthes warf seine Zigarre fort und streckte sich unbehaglich.
-&#8222;Davon halt' ich nicht viel. Vom Kabbeln nmlich.
-Ich bin nicht sonderlich geschickt dazu und gerate<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">[S. 238]</a></span>
-leicht vom Hnseln ins Hauen!&#8221; Seine Hand, die er mit
-dem Rcken vor die Stirn geschoben, schlo und ffnete
-sich instinktiv. Ohne da er sich dessen bewut war, gab
-diese Bewegung seine geteilte Empfindung fr Alice
-wieder, die sich durch dies Tete-a-tete steigerte: er htte
-sie gleichzeitig leidenschaftlich an sich reien und von sich
-stoen mgen.</p>
-
-<p>&#8222;Oho! Das klingt ja ordentlich gefhrlich!&#8221; lachte sie
-belustigt. &#8222;Sie berschtzen am Ende doch Ihr Temperament,
-Doktor!&#8221; setzte sie mit herausforderndem Spott
-hinzu. Sie hatte gar nicht im Sinn, ihre &#8222;kabbelnde&#8221;
-Taktik ihm gegenber einzustellen. Im Gegenteil, es machte
-ihr Vergngen, die sprde Zurckhaltung, die er zur Schau
-trug, den Philister, wie sie es nannte, mit seiner Reizbarkeit
-in Widerstreit zu bringen. Sie tat das ohne Berechnung.
-Dafr war sie viel zu sehr ein Geschpf der Laune. Es
-war vielmehr die Neugierde: es lockte sie, herauszubekommen,
-ob die Reibung zwischen seiner Sprdigkeit und seinem
-Temperament kein Feuer geben knnte.</p>
-
-<p>Das Gewitter aus Sden, das Frau Hupfeld von der
-Tafel aufgeschreckt hatte, war recht zgernd aufgezogen.
-Erst jetzt holten seine Wolken die Sonne ein. Ein greller,
-silberner Rand schied das Blau und das Grau des Himmels.
-Das Licht auf dem langgestreckten, eintnigen Rcken des
-Hauses schwand. Die Schatten unter der Eiche wurden
-beinahe finster. Der Donner murrte dumpf und nah.</p>
-
-<p>&#8222;Das scheint ja doch noch ernst zu werden,&#8221; lenkte
-Perthes das Gesprch ab.</p>
-
-<p>&#8222;Sie sind doch nicht auch gewitterscheu wie Mama?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das mssen Sie mir ja ansehen, gndiges Frulein!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wenn Sie wnschen, zeige ich Ihnen mal die Kapelle.<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">[S. 239]</a></span>
-Papa wrde es Ihnen nicht verzeihen, wenn Sie nicht
-dort gewesen wren!&#8221; Alice war aufgestanden. Sie
-schlang die Hnde hinter ihrem Kopf ineinander und dehnte
-sich. &#8222;Wollen Sie? Wenn Ihnen die Besichtigung mit
-mir allein zu langweilig ist, knnen wir noch Moritz und
-Hilla rufen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ihre Gesellschaft gengt mir.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Danke! Ich nehme das fr ein miratenes Kompliment.&#8221;
-Sie neigte bertrieben-hflich den Kopf und ging
-dann voraus.</p>
-
-<p>Alice nahm sich Zeit und fhrte Perthes auf einem
-Umweg quer durch den Park. Sie lief, und er blieb trotz
-seiner groen Schritte immer hinter ihr.</p>
-
-<p>&#8222;Sie haben Bergtouren gemacht?&#8221; begann er von sich
-aus die Unterhaltung wieder.</p>
-
-<p>&#8222;Ach &mdash; es war recht mig dieses Jahr!&#8221; gab sie
-gleichgltig zurck. &#8222;Das Wetter war zu unbestndig.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mit wem waren Sie denn zusammen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mit mir und mit dem Fhrer!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nur mit dem Fhrer?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Warum denn nicht?&#8221; Sie drehte sich flchtig nach ihm
-zurck. &#8222;Ich finde das viel aparter und origineller, als
-wenn Moritz oder sonstwer mich immer als Dame schont
-und bemuttert!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes wollte Genaueres von ihren Touren hren,
-aber sie schien dazu heute nicht aufgelegt. Seine Augen
-ruhten auf ihrer leichten, schlanken Gestalt. Durch stndiges
-Trainieren, Gymnastik und Sport hielt sie ihre Formen
-in geflliger, sehniger Schmalheit. Die Schultern, die
-Arme und Hften waren, fr sich betrachtet, berschlank;
-aber ihre Art, sich zu bewegen, fest und geschmeidig zugleich,<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">[S. 240]</a></span>
-gab dem Krper eine reizvolle Harmonie, die nichts
-Eckiges oder Spitzes aufkommen lie. Beim Gehen schien
-sie nie mit dem Absatz den Boden zu berhren. Dabei
-war ihr Gang weder schwebend noch geziert, sondern von
-jener kecken Freiheit, die zu dem spttelnden Leichtsinn
-ihres ganzen Wesens pate. Es war ein und dasselbe
-sinnliche Geheimnis in ihrer Erscheinung, in ihrem Lachen,
-in ihrem boshaften Geplauder; ein Geheimnis, gegen das
-seine Vernunft und Geradheit sich wehrten, und das doch,
-ohne da er es sich gestand, ihn nicht loslie.</p>
-
-<p>Sie zeigte ihm mit flchtigen Bemerkungen, die sie
-ber die Schulter warf, die Sehenswrdigkeiten des
-Parks. Da war ein Gedenkstein vom Ende des achtzehnten
-Jahrhunderts, eine girlandenumwundene, mit einer Opferschale
-gekrnte Sule, moosig bezogen und mit einer Inschrift
-versehen, die kein Mensch lesen konnte. Der Geheime
-Rat behauptete fest und steif, es sei eine Erinnerung an
-Goethes Besuch auf dem Stift. Dann brchiges, efeuberwuchertes
-Gemuer, verfallene Stufen, die in die
-Tiefe fhrten, wo eine Quelle rieselte. Weiterhin ein
-halber Turm aus verwittertem Sandstein, den Exzellenz,
-allerdings selbst mit einer gewissen Skepsis, fr den Rest
-eines Burgfrieds aus Raubritterzeiten erklrt hatte.
-Ein vertrumter Teich, ber und ber mit Wasserlinsen
-bedeckt; eine romantische Grotte, die zur Schatzgrberei
-ermutigte, ein ... Doch da klatschte es schon derb
-auf das hohe Bltterdach der Bume und fuhr mit
-scharfen, silbernen Fden durch die Zweige. Der Regen
-brach los.</p>
-
-<p>&#8222;Wer zuerst an der Kapelle ist!&#8221; rief Alice mit ausgelassenem
-Gelchter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">[S. 241]</a></span>
-
-Sie raffte leicht ihr Kleid und strmte vorwrts, ohne
-den Weg einzuhalten, quer durch Gras und Gebsch.</p>
-
-<p>Perthes, weniger durch diese Aufforderung als durch
-den niederfahrenden Regen bestimmt, setzte ihr nach.
-Kurz vor der niederen Bogentr der Kapelle, die fast
-mrchenhaft hinter den tiefhngenden sten auftauchte,
-berholte er sie. Alice scho in vollem Lauf hinterdrein
-und prallte mit dem Gewicht ihres Krpers gegen ihn.
-Die alte morsche Tr hielt der doppelten Last nicht stand,
-sondern knarrte aus dem Schlo. Eins am andern Halt
-suchend, gelangten sie mehr im Fall als im Schritt in den
-dmmrigen Raum. Ihre erhitzten Gesichter sahen sich
-verdutzt und lachend an.</p>
-
-<p>Die hohen bunten Glasfenster waren mit Sonnenvorhngen
-gedeckt, so da es beinahe finster in der Kapelle
-war. Sie war mglichst als Gotteshaus erhalten. Ein
-Hochaltar aus der Klner Schule &mdash; die sliche Madonna
-in der Mitte, rechts und links auf den Flgeln die knienden
-Stifter &mdash;, Sanktuarium, Lesepult und Kerzen davor,
-traten, von einem Streiflicht getroffen, aus dem Dunkel
-der kleinen Apsis. Alice zog einen der Vorhnge auseinander.
-Man erkannte jetzt leidlich die geschnitzten Chorsthle
-an den Wnden, Bilder der Stationen Christi,
-die blanken Pfeifen einer kleinen Orgel auf der rckwrtigen
-Empore. Das halbe Gewitterlicht von drauen
-gab eine fahle, wunderliche Stimmung.</p>
-
-<p>Geschmackvolle Schrnke zwischen den Chorsthlen
-und glasberbaute Tische, die an Stelle der Bnke das
-Kapellenschiff fllten, enthielten die Sammlung des
-Geheimen Rats: Megewnder und Schmuckstcke aus
-dem spten Mittelalter, Gemmen und Mnzen aus der<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">[S. 242]</a></span>
-Antike, Handschriften aus dem vierzehnten und fnfzehnten
-Jahrhundert.</p>
-
-<p>Auch wenn sie besser zu sehen gewesen wren &mdash;
-Perthes htte jetzt kaum zu einer nheren Besichtigung
-Lust gehabt. Er lehnte schweigend an einem der Pfeiler
-und begngte sich, die ruhige Gesamtheit der kleinen Kirche
-und ihre Khle auf sich wirken zu lassen. Der Regen
-prasselte an die Scheiben, und der Sturm brauste drauen
-in den mchtigen Bumen.</p>
-
-<p>Alices unfromme Stimme weckte ihn schnell. &#8222;Als
-Sulenheiliger sehen Sie wirklich nicht gut aus, Doktor!&#8221;
-klang es von der Hhe der Orgelempore hallend zu ihm
-herunter. &#8222;Kommen Sie lieber zu mir herauf und helfen
-Sie mir!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes entdeckte nicht ohne Mhe die schmale Stiege,
-die sie emporgeklettert war, und folgte ihr. Sie krachte
-bedenklich unter seinen Tritten.</p>
-
-<p>Alice stand hinter der verstaubten Orgel und wirtschaftete
-an einer hohen Leiter.</p>
-
-<p>&#8222;Wobei soll ich Ihnen helfen?&#8221; fragte er mit leisem
-Argwohn.</p>
-
-<p>Sie deutete ber sich.</p>
-
-<p>Man sah ber die Dachsparren durch in den engen
-Turm, in dem zu oberst ein oder zwei Balken querliefen,
-die wohl frher eine Glocke getragen hatten.</p>
-
-<p>&#8222;Ich mchte mir von da oben mal das Unwetter ansehen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber das ist ja Unsinn!&#8221; entfuhr es Perthes. &#8222;Da
-kommen wir nicht hinauf. Oben an der Leiter fehlen
-Sprossen, und weiter hinauf sehe ich berhaupt keine
-Mglichkeit, hochzukommen. berdies wackelt das ganze<span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">[S. 243]</a></span>
-Ding hier!&#8221; Er schttelte mit seinen Hnden die gar nicht
-einladende Leiter.</p>
-
-<p>&#8222;Das htte ich mir denken knnen, da Sie fr so was
-nicht zu haben sind! Aber ich will da hinauf, hren Sie!
-Wenn ich mir den Hals breche, sind Sie schuld, der Sie
-mir nicht behilflich sein wollen!&#8221; Sie stieg entschlossen
-auf die erste Sprosse. &#8222;Ich brauche Sie gar nicht!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das erlaub' ich nicht!&#8221; Perthes fate zornig und
-besorgt ihre Hand.</p>
-
-<p>&#8222;Wollen Sie mich loslassen. Mit Ihrem Brengriff!
-Erlauben! Was haben Sie zu erlauben!?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Seien sie nicht so eigensinnig, Frulein Alice.&#8221; Zum
-erstenmal brauchte er in der Erregung ihren Vornamen.</p>
-
-<p>&#8222;Jetzt erst recht! Ich bin nicht so ngstlich um mein
-bichen Leben besorgt wie Sie um Ihren schnen Gehrock,
-Doktor &mdash; der &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Mit einem Satz war Perthes neben ihr und drngte
-sie knirschend beiseite.</p>
-
-<p>&#8222;Sie Barbar!&#8221;</p>
-
-<p>Er klomm behend aufwrts und sie mit leisem, befriedigtem
-Lachen hinter ihm drein. Sie hatte seinen Mut
-und seine Entschlossenheit in Frage gezogen, und er war
-unbesonnen genug, sich das nicht zweimal sagen zu lassen.
-Wie ein groer, bravourschtiger Junge kletterte er hoch
-und hher. Wo die Sprossen fehlten, streckte er ihr ohne
-ein Wort befehlend Hand und Arm zu, um ihr zu helfen,
-und sie zog sich geschickt an ihm empor.</p>
-
-<p>Es war eine waghalsige Torheit, wie er richtig vorhergesagt
-hatte.</p>
-
-<p>ber der Leiter waren eiserne Krampen ins Fachwerk
-geschlagen, die zur Not als Stufen dienen konnten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">[S. 244]</a></span>
-
-Er hatte es aufgegeben, noch einmal gegen Alices
-Wagemut vorstellig zu werden. Er wute, da er sie damit
-nur um so trotziger machen wrde. Ganz nur mit dem
-gefhrlichen Aufstieg beschftigt, verga er jede Bedenklichkeit:
-er schlug seinen Arm hinter ihren Rcken; halb
-zog, halb hob er sie weiter, und ihr geschmeidiger, leichter
-Krper schmiegte sich ohne Scheu an den seinen.</p>
-
-<p>Dort, wo der Turm, ein richtiger Dachreiter, sich gegen
-das Dach absetzte, war eine schmale Galerie, in der sie,
-gegen die Wand gelehnt, einen Augenblick Seite an Seite
-veratmen konnten. Wenn er sich auf die Fuspitzen erhob,
-streifte er mit den Hnden an das Glockengerst. Er suchte
-es auf seine Festigkeit zu prfen. Es war stark genug,
-um zwei Menschen zu tragen, und sa fest im Gemuer.
-Die Balken, einer etwas hher als der andere, aber in
-gleicher Richtung, bildeten eine notdrftige Bank.</p>
-
-<p>Perthes schwang sich hinauf. Mit dem einen Arm
-hielt er sich, mit dem anderen half er Alice und setzte sie
-mit einer letzten, ruckhaften Anstrengung neben sich &mdash;
-fast leidenschaftlich-heftig, wie ein unartiges Kind, das in
-Teufels Namen seinen Willen haben mu.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn Sie nicht so grob zufaten, wrden Sie einen
-ganz guten Bergfhrer abgeben!&#8221; stie sie aufatmend
-hervor.</p>
-
-<p>&#8222;Chirurgen haben bekanntlich immer harte Hnde,&#8221;
-spottete er ingrimmig. &#8222;Fassen Sie die Planke da geflligst
-fester,&#8221; kommandierte er, &#8222;sonst segeln wir in die
-Tiefe.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie sind ja ein netter Tyrann!&#8221; Alice sah ihn mit
-einer Mischung von Schelmerei und fast zrtlicher Bewunderung
-an. Sie saen eng aneinandergedrngt; die<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">[S. 245]</a></span>
-Arme hatten sie sich wechselseitig hinter den Rcken legen
-mssen, um sicher zu sitzen. Ihre in der Anstrengung
-des Aufstiegs erglhten Gesichter berhrten sich beinahe.
-Er sprte die losen Strhnen ihres zerzausten Haares auf
-seiner Wange.</p>
-
-<p>&#8222;Wollen Sie nicht lieber, statt mich zu schelten, sich
-die Aussicht ansehen?&#8221; meinte er erregt.</p>
-
-<p>Es war in der Tat schn da oben.</p>
-
-<p>Durch die spinnwebverzierten Gucklcher des Turmes
-bersah man fluaufwrts das Tal. Die Wolken hingen
-schwer und schwarz ber den Tannenkuppen. Blitz auf
-Blitz zuckte daraus hervor und ri die verdunkelte Landschaft
-in grelles, phantastisches Licht. Der Donner rollte
-ferner. Aber der Wind whlte noch immer in den Baumwipfeln,
-auf die man heruntersah, und der Regen fuhr
-in langen, glitzrigen Strichen nieder.</p>
-
-<p>Das tosende Bild des Unwetters war nicht dazu angetan,
-Perthes ruhiger zu machen. Whrend er mit vom
-Staube brennenden Augen hinausstarrte, fhlte er, wie
-die warme Nhe von Alices biegsamem Krper seine
-Sinne gefangennahm und seine Widerstandskraft lhmte.
-Er vermied es krampfhaft, sie anzublicken. Sein herrisches,
-scharfes Wesen war die letzte Schanze, die er zwischen sich
-und ihr aufwarf und verteidigte.</p>
-
-<p>&#8222;War das etwa nicht der Mhe wert, hier heraufzuklettern?&#8221;
-fragte sie nach einer Weile vorwurfsvoll.
-&#8222;Tun Sie nicht Abbitte, Doktor Perthes?&#8221; Sie beugte
-ihren Kopf vor, um ihm in das beharrlich geradeaus gerichtete,
-finstere Antlitz zu schauen. Die rotblonden Haare
-schienen wie kleine, zackige Blitze ihr Gesicht zu umzucken,
-und die flackernden, boshaften Augen suchten die seinen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">[S. 246]</a></span>
-
-&#8222;Sie werden fallen! Halten Sie sich ruhig!&#8221; knirschte
-er. Mit der uersten Anspannung seines Willens wich er
-ihrem Blick aus. Er wute, da er sie an sich reien und
-kssen mute, wenn sich seine Augen mit den ihrigen
-trafen &mdash; kssen wie ein Rasender. Ob sie dabei beide in
-Gefahr kamen, in die Tiefe zu strzen, war ja dann vollends
-gleichgltig ...</p>
-
-<p>&#8222;Ah &mdash; ich glaube, Sie fixieren da drben die Sgemhle!&#8221;
-rgerlich glaubte Alice das Ziel seines starren
-Blicks entdeckt zu haben.</p>
-
-<p>Perthes hatte bisher das rote Ziegeldach an der
-Krmmung des Flusses, zwischen windgepeitschten Baumkronen,
-noch gar nicht beachtet. Jetzt erkannte er es. Der
-Bann war gebrochen.</p>
-
-<p>Der Gedanke an Marga strmte schmerzlich, anklagend,
-bitter auf ihn ein und khlte sein Blut ab.</p>
-
-<p>&#8222;Steigen wir ab, gndiges Frulein. Es wird lange
-genug dauern. Halten Sie sich eine Sekunde fest. Mit
-beiden Hnden. Hier und hier.&#8221; Er bedeutete ihr die
-beiden Stellen am hheren Glockenbalken. Dann lie
-er sich am anderen auf die Galerie nieder und half ihr
-folgen.</p>
-
-<p>Er hatte seine nchterne berlegung wieder.</p>
-
-<p>Wo der Dachreiter auf dem Dache der Kapelle aufsa,
-war eine ghnende Luke. Sie konnte auf den Dachboden
-fhren. Vielleicht bot sich dort ein minder halsbrecherischer
-Weg. Ohne auf Alices Einwnde zu hren, leitete er sie
-von der Galerie bis an die Luke. Dort kletterte er voraus
-und inspizierte das Terrain. Nach wenigen Augenblicken
-kam er zurck und hob sie zu sich auf den Boden. Sie
-tappten Hand in Hand, vorsichtig und stumm durch den<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">[S. 247]</a></span>
-dunklen Raum, wo sie eine Fledermaus aufscheuchten
-und Spinngewebe zerrissen. Eine im Vergleich mit der
-Leiter, an der sie hochgeklommen, bequeme Holztreppe
-fhrte vollends in die Tiefe. Der Abstieg war ein
-Kinderspiel gegenber dem unsinnigen Aufstieg. In einer
-engen, vllig kahlen Kammer, die wohl als Sakristei
-zwischen Apsis und Schiff der Kapelle eingeklemmt war,
-gelangten sie auf ebener Erde an. Durch eine offene Tr
-kam man von dort hinter den Hochaltar und zurck in die
-Kapelle.</p>
-
-<p>&#8222;Der Weg wre einfacher gewesen!&#8221; bemerkte Perthes,
-nicht ohne Vorwurf.</p>
-
-<p>&#8222;Ich wute nicht, da man vom Boden in den Turm
-steigen kann,&#8221; gab Alice frostig und einsilbig zurck.</p>
-
-<p>Als sie unter das Tor der Kapelle traten, sah er auf die
-Uhr. Es war spt geworden. Beinahe sieben. &#8222;Hchste
-Zeit, da ich mich verabschiede!&#8221; murmelte er heftig.</p>
-
-<p>Sie schritten wortlos durch den Garten nach dem Haus.
-Der Regen hatte aufgehrt. Es tropfte nur noch schwer
-und laut von den glnzenden Zweigen.</p>
-
-<p>Im Flur klingelte Alice nach dem Diener. &#8222;Vielleicht
-wnschen Sie sich etwas ausbrsten zu lassen, Herr Doktor!&#8221;
-Sie musterte sein verstaubtes uere vom Fu zum Kopf
-mit einem halben Lcheln, das er mit einem Blick auf ihr
-ziemlich mitgenommenes blaues Foulardkleid erwiderte.
-Dann lie sie ihn stehen und ging die Treppe hinauf.</p>
-
-<p>&#8222;Bitte, sagen Sie mir noch, gndiges Frulein, wo ich
-mich von Ihren Eltern verabschieden kann,&#8221; rief ihr
-Perthes nach.</p>
-
-<p>&#8222;Seine Exzellenz, der Herr Geheime Rat, wurden in
-die Stadt gerufen. Ihre Exzellenz, die gndige Frau,<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">[S. 248]</a></span>
-sind zu Bett gegangen,&#8221; meldete der hinzukommende
-Diener.</p>
-
-<p>Alice war auf dem Treppenabsatz stehen geblieben.
-&#8222;Na, denn adieu!&#8221; Sie nickte ihm zu und streckte die
-Hand lssig ber das Gelnder.</p>
-
-<p>Perthes berhrte sie leise und verbeugte sich. &#8222;Sie
-haben wohl die Gte, mich den Herrschaften dankend zu
-empfehlen. Auch Ihrem Herrn Bruder und Ihrer Frulein
-Cousine.&#8221;</p>
-
-<p>Frulein Exzellenz war schon verschwunden ...</p>
-
-<p>Perthes lie sich von dem Diener, so gut es ging, den
-Anzug reinigen.</p>
-
-<p>Zwei Minuten spter trat er aus dem Haus. Er
-atmete auf und ging mit schnellen Schritten durch den
-Garten dem Tor zu. Als es zufiel und Stift Nieburg
-hinter ihm lag, war es ihm, als wre eine Ewigkeit vergangen,
-seit er dort eingetreten war. Und doch waren
-nur wenige Stunden vergangen, seit er an derselben Stelle
-aus der Droschke gestiegen. Wie um einen gefhrlichen
-Spuk, der kein Anrecht auf Wirklichkeit hatte, schleunig
-loszuwerden, lief er zur Landstrae hinunter. Fluaufwrts
-ber den Bergen verzog sich das Gewitter mit aschgrauen
-und nachtschwarzen Wolken. Fluabwrts, der
-Ebene zu, blaute der Himmel wieder, und die Sonne zerri
-das dnne, schleierhafte Gewlk. Ihre Strahlen
-drangen mutig vor und erreichten die Strae. Bis hinauf
-zur Mhle wagten sie sich, bewarfen das Ziegeldach und
-blitzten auf den nassen Blttern des Wirtsgartens. Die
-Rinnsale in den Wagenfurchen auf dem Fahrdamm, noch
-eben trostlos braun und schmutzig, sprhten blendend
-auf und wetteiferten mit dem goldgekruselten Schein<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">[S. 249]</a></span>
-der Wellen im Flu. Ein breiter Regenbogen spannte
-sich vom jenseitigen Ufer ber das Tal und berhrte mit
-seinem Scheitel diesseits den Bergwald.</p>
-
-<p>Wo der Stiftsweg die Chaussee erreichte, hatte Perthes
-haltgemacht. Er sah nicht zurck; aber er sah auch nichts
-von dem milden Zauber des aufgeklrten Sommerabends
-vor sich. Ursprnglich hatte er geradeswegs nach der
-Sgemhle gewollt. Marga erwartete ihn dort &mdash; das
-wute er. Nach dem widerwrtigen Besuch auf Nieburg
-wollte er &mdash; so hatte er versprochen &mdash; sich und
-sie entschdigen und wieder einmal ber das Abendbrot
-bleiben, was er in letzter Zeit selten genug hatte tun
-knnen.</p>
-
-<p>Nun schien es ihm pltzlich schwer, ja unmglich, Wort
-zu halten.</p>
-
-<p>Vor ein paar Stunden wollte er an ein und derselben
-Wegscheide den Wagen lieber zur Mhle als zum Stift
-fahren heien. Jetzt schrak er vor dem Gang, die Landstrae
-abwrts, zurck, als lge ein unberwindliches
-Hindernis zwischen ihm und dem roten Ziegeldach, dem
-vertrauten Garten. Er hatte den Hut vom Kopf gerissen
-und prete die Hand gegen die Stirn. Was war eigentlich
-geschehen, das ihn so mutlos machte? Er hatte sich nichts
-vorzuwerfen, nicht das geringste. Keine Handlung und
-kein Wort, noch so leis und flchtig, konnte ihn anklagen.
-Und doch lag es wie ein dunkles, erstickendes Gefhl von
-Unrecht, ja von Schuld auf ihm.</p>
-
-<p>Drunten, zwischen den Bumen des Mhlengartens,
-schimmerten zwei helle, sommerliche Kleider. Arm in
-Arm traten zwei Mdchengestalten auf die Landstrae.
-Er htte Marga und Elli erkannt, auch wenn die sinkende<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">[S. 250]</a></span>
-Sonne sie weniger scharf beleuchtet htte. Elli hielt die
-Hand vor die Augen und sphte die Strae entlang.</p>
-
-<p>Unwillkrlich trat Perthes einen Schritt zurck, um
-hinter einer Schlehenhecke am Wegrand verdeckt zu sein.
-Im nchsten Augenblick, als er sich dieser Bewegung bewut
-wurde, mit der er sich verleugnete, wurde ihm auch
-seine Gemtsverfassung erschreckend klar.</p>
-
-<p>Was da oben auf Stift Nieburg in ihm wach geworden,
-war das andere! War das, was er fr Marga nicht empfand
-und nie empfinden wrde! Die Leidenschaft, die
-zu den Sinnen sprach; die das Blut aufreizte und die Vernunft
-auslschte. Wenn er es auch vermied, sich umzublicken,
-zurck nach Nieburg und hinauf nach dem Kapellenturm
-&mdash; Alices spitzbbisches Gesicht mit der kecken Stupsnase,
-den graugrnen, boshaft flackernden Augen, dem
-lsternen Mund, mit dem weien Teint und der Wolke
-von rtlichem, blitzwirrem Haar blickte ihm ber die Schulter;
-ihre biegsamen Glieder drngten sich an die seinen und
-hielten ihn fest. Und er begehrte sie. Seine Arme verlangten,
-sie an sich zu raffen. Sein Mund suchte den
-ihrigen. Er hatte geglaubt, er brauche die Leidenschaft
-nicht! Er hatte sich berredet, da sie zu seinem Glck
-nicht passe. Ausgestrichen hatte er sie, niedergehalten &mdash;
-war ber sie weggesprungen. Wenn sie sich rchen wollte!?
-Und sie rchte sich ja schon! Sie wollte nicht bersprungen
-sein. Gewi &mdash; seine Ansicht hatte dem Willen diesen
-Sprung aufgezwungen. Aber der Feind, den er unterschtzte,
-erhob sich in seinem Rcken. Das Gewaltsame
-des Entschlusses, mit dem er sich Marga zu eigen gegeben,
-war ihm mit einem Mal deutlich. Wie ein Schwimmer
-hatte er sich mit einem heftigen, entscheidenden Sto<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">[S. 251]</a></span>
-ans feste Land geworfen &mdash; und nun kam die Woge, die
-er berwltigt meinte, mit erneuter Kraft und wollte ihn
-wegsplen. Er sollte nicht ans Land. Er gehrte nicht der
-groen Stille, sondern dem Sturm &mdash;</p>
-
-<p>Ohne sich ber die Richtung Rechenschaft zu geben,
-hatte Perthes mit aufgeregten Schritten den Weg nach
-der Stadt und nicht nach der Mhle eingeschlagen.</p>
-
-<p>Aber das durfte er ja nicht. Er wurde erwartet! Lie
-er sich schon fortsplen?</p>
-
-<p>Ein paar Schritte von der Chaussee stand eine Aussichtsbank
-in der Uferbschung. Linkshin sah man nach
-dem Tal, rechtshin nach der im Dunst verschwimmenden
-Stadt, die mit ihren Husern und Kirchtrmen unmittelbar
-aus dem Flu aufzusteigen schien.</p>
-
-<p>Dort setzte er sich.</p>
-
-<p>Der Kettendampfer mit einer endlosen Reihe von
-bewimpelten, schwerbefrachteten Lastkhnen schnaubte
-und rasselte den Flu herunter, an ihm vorbei. Hinter
-ihm auf der Landstrae zogen grlende Arbeiter vorber;
-ein Automobil fauchte und tutete &mdash; dann klirrte ein Fahrrad
-&mdash; er sah und hrte nichts. Er brauchte seine ganze
-Besinnung und seine volle Strke, um sich festzustemmen
-und der Woge zu wehren, die ihn vom Land reien wollte.
-Sie trug menschliche Zge. Darum war es so schwer, sie
-wegzuschieben, sie fortzustoen, ihren gelenkigen, verfhrerischen
-Widerstand zu brechen. Wie schwer, das Land im
-Auge zu behalten, Marga zu sehen, die blinde, anspruchslose,
-in der Dmmerung verblassende Marga! Ein wildes,
-unstetes Ringen war es, und als er sich durchgekmpft
-zu haben glaubte, lohnte kein freies, heiteres Gefhl.
-Ein bitteres &#8222;Mu&#8221; stand mit krausen, harten Falten auf<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">[S. 252]</a></span>
-seiner Stirn, lag drckend auf seinem Rcken und schien
-ihm die Glieder zerbrochen zu haben.</p>
-
-<p>Langsam und mechanisch schritt er den Weg zurck,
-den er gekommen war. Fluaufwrts nach der Sgemhle.
-Er wiederholte sich standhaft ein und denselben
-Schlu und klammerte sich an ihm fest. Wenn die Liebe
-nicht stark genug war, mute die Pflicht das ihre dazutun
-...</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Es dunkelte schon, als Perthes nach der Mhle kam.</p>
-
-<p>Marga und Elli hatten es aufgegeben, ihn zu erwarten.
-Sie saen in der Halle bei einer Lampe. Elli erzhlte aus
-der Stadt, von wo sie um sechs Uhr zurckgekommen war:
-sie hatte einige Besorgungen gemacht und nach dem Haus
-am Wenzelsberg gesehen. In wenigen Tagen sollten die
-Sommerferien fr sie zu Ende sein, sollte nach der Stadt
-zurckgekehrt werden.</p>
-
-<p>Ein froher Ausruf Ellis, mit dem sie sich unterbrach,
-verkndete doch noch die Ankunft von Perthes.</p>
-
-<p>berrascht und beglckt leuchtete es in Margas Augen.
-Sie stand auf, um ihm entgegenzugehen. &#8222;Wut' ich's
-doch, da du Wort halten wrdest, wenn's irgend ginge!&#8221;
-rief sie heiter.</p>
-
-<p>&#8222;Wort halten? Warum soll ich nicht Wort halten?&#8221;
-erwiderte Perthes mit der Reizbarkeit eines schlechten
-Gewissens. Er schob Margas Arme, die sich mit zrtlicher
-Vertrautheit um seinen Nacken schlingen wollten, beiseite.</p>
-
-<p>Erschrocken weiteten sich ihre blicklosen, von Liebe
-strahlenden Augen. &#8222;Verzeih!&#8221; stammelte sie verwirrt
-und lie die Arme sinken. &#8222;Bist du verstimmt von deinem
-Besuch?&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">[S. 253]</a></span>
-
-&#8222;War es denn so schlimm? Erzhlen Sie mal ordentlich!
-Wir sind schrecklich neugierig,&#8221; bat Elli, unbekmmert
-um seine zweifelhafte Laune. &#8222;Der Grandseigneur, wie
-ihn Papa immer nennt, soll ja sehr exzellent sein. Er sieht
-auch so aus. Und Alice Hupfeld &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ob ich noch etwas zu essen bekomme?&#8221; Perthes lie
-sich auf einen Stuhl fallen. &#8222;Verstimmt oder nicht, ich
-bin hungrig!&#8221; Er wunderte sich selbst ber seinen rauhen,
-unfreundlichen Ton, unter dem sich seine innere Unfreiheit
-verbarg. &#8222;Bitte, Frulein Elli, sorgen Sie mal fr
-mich!&#8221; setzte er artiger hinzu.</p>
-
-<p>&#8222;Das lassen Sie sich gut sein, da Sie schn darum
-bitten!&#8221; Elli stand auf. Sie drohte mit dem Finger.
-&#8222;Sonst htten Sie lange warten knnen. Sie scheinen
-ja hbsch geladen zu sein!&#8221; Bereitwillig ging sie in die
-Wirtsstube.</p>
-
-<p>Marga hatte sich verschchtert neben Perthes gesetzt.
-Es bedurfte nicht viel, um sie scheu und ngstlich zu machen.
-Sie nahm ihm seine Barschheit nicht bel. Aber mit der
-feinen Witterung, mit der die Natur sie fr ihre Blindheit
-entschdigt hatte, erriet sie ein Fremdes, Neues hinter
-seinem Wesen. Um nicht empfindlich zu scheinen, suchte
-sie noch einmal seine Hand zu erreichen.</p>
-
-<p>&#8222;Komm, sprich dich aus! Erzhl' mir!&#8221; drngte sie
-sanft. &#8222;War's denn gar nicht ein bichen nett auf dem
-Stift?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Es ging so. Ich mute noch einmal in die Stadt,
-ehe ich herkam. Darum wurde es so spt.&#8221; Er hatte ihr
-seine Hand einen Moment berlassen. Sie streichelte sie
-begtigend. Gleich darauf zog er sie wieder zurck. Es
-strubte sich etwas in ihm, ihre Liebkosung anzunehmen.<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">[S. 254]</a></span>
-Er rgerte sich auch, da er log. Warum das? Das war
-abscheulich! Sie hatte ihn gar nicht aufgefordert, sein
-Sptkommen zu entschuldigen. Er sprach nur, um zu
-sprechen.</p>
-
-<p>Marga schob schweigend ihre Finger ineinander, wie
-um sie von jeder neuen Vertraulichkeit abzuhalten. Sie
-schlpfte gleichsam in sich hinein und grbelte beklommen.</p>
-
-<p>Elli kam zurck. Sie hatte bestellt, was noch zu bekommen
-war. Eine Studentengesellschaft, die gegen
-Abend eingefallen war, hatte unter den Vorrten tchtig
-aufgerumt. Die Wirtsfrau erschien bald und brachte, was
-sie hatte.</p>
-
-<p>Perthes a ein paar Bissen. Aber sein Hunger war
-nur Tuschung gewesen.</p>
-
-<p>Marga und Elli saen einsilbig dabei. Seine Milaune
-wollte keine Unterhaltung aufkommen lassen. Das
-Schweigen, an dem er selber schuld war, nahm ihm
-vollends die Lust am Essen. Nach einigen Minuten schob
-er den Teller beiseite.</p>
-
-<p>Elli drckte sich. Sie wickelte sich in ihren Schal und
-lief trllernd in den Garten.</p>
-
-<p>Darauf schien Perthes nur gewartet zu haben. &#8222;Ich
-mchte was Wichtiges mit dir bereden, Marga. Hr'
-mich mal geduldig an!&#8221;</p>
-
-<p>Sie horchte auf. Warum sie geduldig sein sollte, erriet
-sie nicht, denn sie war sich keiner Ungeduld bewut.
-Aber schon da Perthes wieder sprach, und zwar ruhiger,
-freundlicher als zuvor, tat ihr wohl.</p>
-
-<p>Langsam, umstndlicher und ungeschickter, als es sonst
-seine Art war, entwickelte er seinen Plan. Dies halbe Verhltnis
-zwischen ihm und ihr schien ihm auf die Dauer<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">[S. 255]</a></span>
-unhaltbar. Um ihret- und um seinetwillen. Es legte
-ihrem Verkehr eine Heimlichkeit auf, die schon hier, auf
-der Mhle, oft peinlich gewesen war. In der Stadt mute
-das noch viel unbequemer werden. Und erst wenn Vater
-Richthoff zurckkme! Wie sollte sich da das Versteckspiel
-weiterfhren lassen? Es kam ihm unertrglich fr sie beide
-vor. Unertrglich und unwrdig. Darum war es das beste,
-sie faten sich ein Herz und verffentlichten ihre Verlobung.
-Das hob alle Zweideutigkeit auf. Das war auch
-jetzt, wo er eine aussichtsreiche Stellung innehatte, nur
-natrlich. In einigen Jahren, wenn dies und jenes, auf
-das er hoffen, ja sogar bestimmt rechnen konnte, sich erfllte,
-war er gewi so weit, da sie heiraten konnten.</p>
-
-<p>Ohne ihn zu unterbrechen, hrte Marga zu. Was er
-sagte, kam ihr berraschend. Da die Geheimhaltung ihrer
-Liebe sich mehr und mehr erschweren wrde, darber hatte
-sie bei sich auch schon nachgedacht. An die Lsung freilich,
-die er heute vorschlug, hatte sie sich so schnell nicht getraut.
-Und doch &mdash; es war nicht der unerwartete Vorschlag,
-der sie beirrte. Auf was sie mehr horchte als auf seine
-Grnde, war die Art, in der er sein Anliegen vorbrachte.
-Der Ton, der unter den Worten mitschwang. Sie htte
-nicht auf den Begriff bringen knnen, was sie befremdete.
-Sie fhlte nur eine Vernderung, die vorgegangen war &mdash;
-deutlicher und tiefer, als das verstimmte Gebaren bei
-seiner Ankunft ihr davon eine Ahnung gegeben. Er schien
-gar nicht mit ihr zu reden, sondern mit sich: mit den Mitteln
-khler berlegtheit verteidigte er sich gegen einen Gegner,
-den er sich offenbar voll Leidenschaft und Unbesonnenheit
-vorstellte. Nur durch eine Tuschung bertrug er diese Gegnerschaft
-auf sie und gab sich die Rolle des Vernnftigeren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">[S. 256]</a></span>
-
-Als er geendet hatte, spielte er nervs mit den Fingern
-auf dem Tisch, als knnte er Margas Antwort nicht abwarten.
-Sie hatte noch nicht Zeit gehabt, sich zu sammeln,
-als er beinahe ungehalten aufsprang.</p>
-
-<p>&#8222;Wie denkst du darber? Sprich! Hab' ich nicht recht?
-Oder bist du anderer Ansicht?&#8221;</p>
-
-<p>Marga schttelte leise den Kopf. &#8222;Es kommt mir nur
-unerwartet. Ich mu mich erst in das Neue hineindenken.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich meine, du mtest dich freuen, da ich dieser
-Heimlichtuerei und Halbheit ein Ende machen will!&#8221; Er
-ging mit lauten Schritten in der Halle auf und ab. Sie
-konnte nicht sehen, wie unmutig sein Gesicht war. Er bi
-sich auf die Unterlippe und fuhr sich einmal ums andere
-ber die krausgezogene Stirn in sein buschiges, schwarzes
-Haar. Sie hrte, was sie nicht sah, aus dem Klang seiner
-Stimme, aus der fahrigen Hrte seiner Tritte.</p>
-
-<p>&#8222;Ich will mich gewi freuen, Max. La mir nur ein
-bichen Zeit. Wir knnen uns doch alles in Ruhe zurechtlegen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das klingt aber gar nicht nach Freude. Eher nach
-dem Gegenteil!&#8221; stie er vorwurfsvoll hervor.</p>
-
-<p>Margas Augen erweiterten sich wieder ngstlich. Sie
-suchten nach ihm, bittend, besnftigend. &#8222;So was darfst
-du nicht sagen, du! Das hrt sich ja an, als htte ich dich
-nicht lieb genug. Wenn es aber auf meine Liebe ankme
-&mdash; das weit du &mdash; dann &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Auf was soll es denn ankommen? Zweifelst du etwa
-daran, da ich in zwei, drei Jahren mich so weit bringe,
-da wir unser Heim grnden knnen? Sehr groartig
-wird's freilich frs erste nicht sein. Eine erste Assistentenstelle
-an einer kleineren, auswrtigen Klinik vielleicht.<span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">[S. 257]</a></span>
-Spter eine auerordentliche Professur und so weiter.
-Das trau' ich mir zu. Oder ist es dir zu lang, einige Jahre
-ffentlich verlobt zu sein? Es ist doch besser, denk' ich,
-als heimlich so lange herumzulavieren. Auch angenehmer
-fr dich. Oder meinst du, da dein Vater &mdash;&#8221; Er sah zu
-Marga hinber und hielt inne.</p>
-
-<p>Ihre Augen hatten sich mit Trnen gefllt. Dieses
-herrische, gereizte Drngen, dieser Stolz, der nur von sich
-sprach, seine fast feindselige Heftigkeit verletzten sie. Sie
-mute unwillkrlich seiner ersten Werbung gedenken,
-die so anders geklungen, so voll Zartheit und Achtung.
-Das brachte sie, gegen ihren Willen, aus der Fassung.</p>
-
-<p>Perthes sah seinen Fehler ein. Er nherte sich ihr und
-legte die Hand auf ihre Schulter. &#8222;Lieber Gott, Kind,
-ich will dich ja zu nichts zwingen! Vielleicht bin ich auch
-heute nicht in der besten Stimmung, um die Worte recht
-zu whlen. Aber du sollst auch nicht zu schwerfllig sein!
-Nicht zu weich, Marga! Nicht so berernst! Es sind nun
-einmal Realitten, die da zu besprechen sind, und die wollen
-real angefat sein! Das ist alles!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes wute nicht, wie schlecht sein Trost war. Auch
-jetzt noch, wo er ein Unrecht wieder gutmachen wollte,
-sagte er Dinge, die Marga in die empfindliche und zarte
-Seele schneiden muten. Zu schwerfllig, zu ernst, zu
-weich &mdash; vielleicht war sie das, aber er hatte noch nie
-solche Ausstellungen an ihr gemacht. Sie mute all ihre
-Tapferkeit aufbieten, um ihre Trnen zurckzudrngen.
-Wenn er sie jetzt an sich gezogen, sie in seine Arme genommen
-htte! Gewi htte sie das rechte Wort gefunden!
-Aber er war schon wieder beiseite getreten. Ihre
-Lippen waren ihr wie versiegelt. Ganz in sich hineingescheucht<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">[S. 258]</a></span>
-war sie jetzt, wie in ihren einsamsten, unverstandensten
-Mdchentagen.</p>
-
-<p>Seine reizbare Laune war nur zu willig, ihr Schweigen
-als Trotz oder wenigstens als Eigensinn zu nehmen. &#8222;Ich
-bin mde. Und wir kommen heute doch nicht zueinander!&#8221;
-Er nahm seinen Hut. &#8222;berleg' dir, was ich sagte, bis zum
-nchstenmal!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Du willst doch nicht schon gehen?&#8221; rang es sich von
-ihren Lippen.</p>
-
-<p>&#8222;Doch. Ich habe morgen einen schweren Tag auf der
-Klinik und mu ausschlafen. Gre Elli von mir. Adieu,
-Marga!&#8221; Er drckte ihr die Hand. &#8222;Wann fahrt ihr denn
-nach der Stadt?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;bermorgen, denk' ich,&#8221; gab sie tonlos zur Antwort.</p>
-
-<p>Marga hrte, wie seine Schritte sich hastig nach der
-Wirtsstube entfernten. Er wechselte mit der Wirtin beim
-Bezahlen seiner Zeche ein paar Worte. Dann knarrte die
-Tr, die von dort in den Garten fhrte.</p>
-
-<p>Warum sprang sie nicht auf? Warum rief sie ihn nicht?
-Warum lief sie nicht hinter ihm drein?</p>
-
-<p>Sie sa wie gebannt.</p>
-
-<p>Nicht einmal gekt hatte er sie zum Abschied. Heute
-zum erstenmal nicht. Heute, wo sie davon gesprochen
-hatten, ihre Verlobung zu verffentlichen; wo zum
-erstenmal von Hochzeit und Ehe nah und greifbar die Rede
-gewesen war!</p>
-
-<p>Marga nahm den Kopf zwischen ihre beiden Hnde.</p>
-
-<p>Am Nachmittag war ihr so froh und leicht zu Mut
-gewesen. Sie hatte sich in ihrer Einsamkeit &mdash; whrend
-Elli in der Stadt, er auf dem Stift war &mdash; so glcklich gefhlt,
-so brutlich stolz. Als dann Elli zurckgekehrt war,<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">[S. 259]</a></span>
-wollte sie nur von ihm mit ihr sprechen. Immer nur von
-ihm. Sie erwartete, sie ersehnte ihn mit klopfendem
-Herzen. Als er nicht kam und nicht kam, meinte sie vergehen
-zu mssen vor seliger Ungeduld. Wie niedergeschlagen
-war sie, als er ausblieb! Wie jubelte es in ihr,
-als er doch, doch noch kam!</p>
-
-<p>Und jetzt?</p>
-
-<p>Er hatte vom Schnsten und Hchsten gesprochen;
-von dem, was bisher nur wie ein ferner Traum, ein leuchtendes,
-kaum fabares Bild im Schimmer der Zukunft
-gelegen! Wo blieb ihre Freude? Sie wollte sich freuen!
-Gewi &mdash; sie hatte ihn gekrnkt. Sie tat ihm unrecht.
-Sie war schlecht und kleinlich gewesen. Warum kam ihre
-Freude nicht jetzt? Woher die Bangigkeit, die drckende,
-qulende Angst, die sie statt ihrer empfand? Sie fhlte
-die weite Halle wie eine schmerzhafte Leere um sich, und
-aus der Leere kroch ihr ein Schrecknis entgegen. Ungestalt
-und unbegreiflich. Und doch war es da und stellte sich zwischen
-ihn und sie. Es war der Zweifel, den sie verabscheute;
-fr den sie sich schalt; den sie nicht verscheuchen konnte.
-Konnte die Liebe so sprechen, wie er es getan? Wenn seine
-Liebe nicht war, fr was sie und er sie hielt? Wenn es Mitleid
-war und wenn &mdash; doch das war ja nicht auszudenken,
-das war ja frevelhaft von ihr! &mdash; und wenn er auf ein
-ffentliches Verlbnis nur drang, um &mdash; ja, um jede Brcke
-zur Umkehr hinter sich abzubrechen?!</p>
-
-<p>Marga schauerte zusammen. Sie tastete nach ihrem
-Schal und fand ihn nicht.</p>
-
-<p>Woher kamen ihr so grausame Gedanken? Woher
-nahm sie das Recht zu diesem hlichen Verdacht? Es half
-nichts, da sie so fragte. Angst und Zweifel lieen sie darum<span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">[S. 260]</a></span>
-nicht los. Sie hatte ja nichts mehr als diese Liebe! Schranke
-um Schranke, die die Vorsicht zum Selbstschutz errichtet,
-war in diesen Sommerwochen mit all ihrem unverhofften
-Glck, ihrem reichen Erleben geschwunden und gefallen.
-Sie war wehrlos, wenn das Entsetzliche sich erfllte, da &mdash;
-da ...</p>
-
-<p>Elli kam zurck. Sie hatte Perthes noch gesprochen.
-Auf der Landstrae, auf der sie ein Stck stadtwrts gewandert
-war. Einen Gru hatte er ihr noch fr Marga
-aufgetragen. Und einen Ku.</p>
-
-<p>Sie warf sich frhlich an Margas Hals und bestellte
-ihn zehnfach.</p>
-
-<p>Marga weinte und lachte zugleich. Die Angst, die
-zehrende Herzensangst schwand vor neuer Hoffnung. Sie
-erzhlte Elli von Perthes' Plnen. Sie schpfte Mut
-aus der jubelnden Zustimmung der Schwester. Selber
-schalt sie sich schwerfllig, weich, berernst. Elli belegte
-sie noch mit viel schlimmeren Schimpfnamen.</p>
-
-<p>Und sie stellten sich Kthes maloses Erstaunen vor,
-malten sich Vater Richthoffs Meinung in hundert Vermutungen
-aus, plauderten und bauten Luftschlsser, bis
-das l in der Hngelampe zu Hupten ihres Tisches zur
-Neige ging, die Flamme blulich zuckte und die Halle
-dunkel und dunkler wurde.</p>
-
-<p>Dann fhrte Elli die &#8222;erklrte&#8221; Braut mit feierlichem
-bermut nach oben.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c10" id="c10">10</a></h2>
-
-
-<p>Ehe der alte Herr und Kthe von der Sommerreise
-heimkehrten, mute im Haus am Wenzelsberg das groe
-Herbstreinmachen erledigt sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">[S. 261]</a></span>
-
-Kaum waren Elli und Marga von der Sgemhle,
-war Therese aus ihrem Heimatdorf zurckgekommen, so
-wurde mit Hilfe der Scheuerfrau das Unterste zu oberst
-gekehrt. Das Grbste taten natrlich die dienstbaren Geister.
-Aber daneben gab es noch genug zu tun, woran die
-beiden Schwestern ihre erholten Krfte ben konnten.
-Elli zumal warf sich ungestm wie ein junges Fllen ins
-Joch. Sie wollte berall dabei sein. Marga hatte ihre liebe
-Not, sie vom Teppichklopfen und Treppenscheuern abzuhalten.
-Wenn sie sie dann zu einer angemesseneren
-Hantierung zurckholte, zur Ordnung in Schrnken und
-Kommoden und im Silberkasten, schmollte Elli ber ihre
-gezgelte Tatkraft, ja, sie schimpfte wie ein Rohrspatz.</p>
-
-<p>&#8222;Du hast's wahrhaftig ntig, Margakind, mir gute
-Lehren zu geben! Lernen solltest du von mir, statt mich
-von aller tchtigen Arbeit fernzuhalten! Du wirst 'ne
-nette Hausfrau abgeben! Die nur so wie der Geist Gottes
-ber den Wassern schwebt, statt selber was Rechtes anzufassen!
-Perthes kann einem leid tun!&#8221;</p>
-
-<p>Ihr hchstes Vergngen war, wenn Marga auf solche
-Vorhaltungen &#8222;einschnappte&#8221;, wenn sie sich ernsthaft
-verteidigte und erklrte, es genge gewi, die Aufsicht
-zu fhren. Da legte Elli verdoppelt los: sie wrde sich
-nicht wundern, wenn es bei Marga mal drunter und drber
-ginge. Sie dchte wohl, Perthes werde ihr so fnf bis
-sechs Dienstboten halten! Und sie, Marga, knne dann
-dasitzen, auf einem goldenen Thrnchen, die Hnde im
-Scho und ihre hohen Befehle lispeln! Elli ruhte nicht
-und entwarf die grimmigsten Zerrbilder von dieser knftigen
-Tatarenwirtschaft im Haus Perthes. Sie trieb es
-so lang und so toll, bis Marga wirklich ganz kleinlaut wurde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">[S. 262]</a></span>
-
-&#8222;Du kannst ja schon recht haben,&#8221; erklrte sie schlielich
-traurig und verlegen. &#8222;Was andere knnen, kann ich
-natrlich nicht. Das hab' ich ihm auch schon oft genug
-gesagt.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja, ja,&#8221; stimmte Elli tiefsinnig zu, whrend sie sich
-vor Vergngen auf die Lippen bi.</p>
-
-<p>&#8222;Er kann und will sich nicht denken, wie schwer es mit
-mir sein wird. Und groartig werden wir's wahrhaftig
-nicht haben. Im Anfang mal sicher nicht. Wenn es schon
-im Haus nicht so wird, wie er's erwartet &mdash; unter den
-Menschen, in der Geselligkeit, bin ich erst recht zu nichts
-ntze.&#8221; Marga legte tatschlich die Hnde in den Scho,
-aber nicht, um &#8222;hohe Befehle&#8221; zu erteilen, sondern um verzagt
-vor sich hinzugrbeln.</p>
-
-<p>Jetzt schlug Elli um wie das Wetter im April. Sie
-lachte sie aus, da beinahe die Leute auf der Strae zusammenliefen.</p>
-
-<p>Wie konnte Marga so nrrisch sein, das dumme Geschwtz
-fr bare Mnze zu nehmen! Im Handumdrehen
-machte sie aus dem Haus Perthes eine Musterwirtschaft.
-Groartig wrde das werden! Keine so herkmmliche,
-peinliche Spieerei, sondern frei und schn, wie es sein
-sollte! Marga mit ihren geschickten Hnden, ihrem guten
-Geschmack, ihrem klaren Kopf wrde eine bessere Hausfrau
-werden als zehn andere mit zwanzig und mehr
-Augen! Und dann wre auch sie noch da &mdash; die Schwgerin
-Elli! Ihr wrde man doch wohl nicht das Haus verbieten.
-Sie wollte die Geschichte schon im Schwung halten,
-wenn Marga mit den zwlf Kindern nicht immer aus und
-ein wte. Eine Tante wrde sie abgeben wie &mdash;</p>
-
-<p>Marga verbot ihr zrnend den Mund. Aber sie mute<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">[S. 263]</a></span>
-doch lachen. Und whrend sie ihre Arbeit des Silberputzens
-wieder aufnahm, lie sie sich gern berzeugen,
-da es famos gehen wrde! Trotz ihrer Prderie und
-Schwarzseherei! Das war ja ihres eigenen Herzens sehnschtiger
-Wunsch und Wille ...</p>
-
-<p>Perthes hatte den Schwestern zur Rckkehr in die
-Stadt Blumen geschickt. Fr Marga hatte ein kurzer
-Brief beigelegen, in dem er sie fr seine schlechte Stimmung
-am letzten Abend auf der Mhle um Verzeihung
-bat. Die Frage, wie sie sich zur Bekanntgabe der
-Verlobung stellte, erneuerte er nicht. Sie war ihm dankbar,
-da er nicht in sie drang. Dafr kam sie selber beim
-ersten Besuch, den er am Wenzelsberg machte, darauf
-zurck. Als htte sie sich durch die unheimlichen Gedanken,
-die sie an jenem Abend peinigten, an ihrer Liebe versndigt
-und mte ihren Wankelmut durch doppeltes
-Vertrauen wieder gutmachen, stimmte sie freudig zu
-und legte alles in seine Hnde. Sein Vorwurf der Schwerflligkeit
-hatte lang und nachhaltig in ihr gearbeitet. Sie
-drngte ihre Einwnde und Bedenken energisch zurck
-und kmpfte jeden Schatten eines Zweifels, jede Regung
-mitrauischer Sorge um ihr Glck tapfer nieder.</p>
-
-<p>Und er? In einem berma von Arbeit auf der
-Klinik enthielt er sich kritischer berlegungen. In Erinnerung
-an den Gewitternachmittag auf Nieburg vermied
-er jedes Zusammentreffen mit Alice, ja, er schob
-auch alles beiseite, was ihn nur in Gedanken zu ihr fhren
-konnte. Er hatte sich vorgenommen, nicht rechts noch links
-zu sehen: fr ihn galt nur Marga; das Wort, das er ihr
-gegeben; der Entschlu, den er fr sie beide gefat. ber
-eins war er sich klar geworden: er erfllte damit nicht nur<span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">[S. 264]</a></span>
-eine Pflicht gegen sie; was er tat oder lie, entschied
-ber ihn, seinen Wert und seine Persnlichkeit. Bei Marga
-war die Reife und Vollendung, nach der er innerlich
-strebte. Eine Vollendung mit Schmerzen, wie alle Vollendung
-im Leben. Wenn er aber zu ihr nicht hinaufreichte,
-in Marga die groe Stille nicht begreifen und sich
-zu eigen machen konnte, gab es fr ihn berhaupt kein
-Aufwrts, sondern nur ein Abwrts, in die Mittelmigkeit
-und Halbheit, ins Gelebtwerden statt ins Leben aus
-eigenem Willen. Darum bi er die Zhne aufeinander.
-Darum ging er geradeaus und vorwrts mit der Ehrlichkeit
-der Verzweiflung: er stritt um sich selber, indem
-er um Marga stritt ...</p>
-
-<p>Es wurde Mitte September.</p>
-
-<p>Das Richthoffsche Haus war lngst so blitzblank und
-einladend, als es nur sein konnte. Auch das schwerste Stck
-Arbeit, Vater Richthoffs Studierzimmer instand zu
-setzen, ohne da ein Buch von der Stelle gerckt, eine aufgeschlagene
-Zeitschrift umgeblttert, ein Zettel verschoben
-wurde, war mit strenger Gewissenhaftigkeit bewltigt.
-Man erwartete nun mit Spannung von Tag zu Tag
-die Nachricht aus Bayern, die die Ankunft meldete.</p>
-
-<p>Kthes letzter Brief war aus Tegernsee gekommen.
-&#8222;In wenigen Tagen sind wir bei euch!&#8221; hatte es verheiungsvoll
-geklungen. &#8222;Papa depeschiert Tag und Stunde.&#8221;</p>
-
-<p>Aber statt der Depesche kam eine Karte: man hatte
-sich unerwarteterweise mit Hofrat Geismar getroffen,
-der in Kreuth seine Ferien zubrachte. Der hatte es verstanden,
-den alten Herrn noch fr eine Woche zu sich zu
-locken.</p>
-
-<p>Marga, die der Heimkehr der Reisenden im Hinblick<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">[S. 265]</a></span>
-auf die schwierigen Erffnungen, die sie zu machen hatte,
-und auf Perthes' Werbebesuch mit ebensoviel Bangen
-wie Freude entgegensah, gab sich geduldig in die Zgerung.
-Elli grollte ganze zwei Stunden lang. Nachher traf
-sie sich, zufllig natrlich, mit Wilkens in der Stadt und
-fand das Leben so rosig und &#8222;wonnig&#8221; &mdash; das war ihre
-Lieblingsbezeichnung &mdash; wie je.</p>
-
-<p>Und die acht Tage vergingen auch.</p>
-
-<p>Ehe sie zur Bahn zogen, umarmten sich Elli und Marga
-noch einmal: sie schworen sich treue Waffenbrderschaft
-fr ihre Liebesgeheimnisse. Sie kamen gerade recht zum
-Zug.</p>
-
-<p>Kthe lie grend das Taschentuch flattern. Kurz
-darauf war sie auch schon auf dem Perron, blhend,
-gebrunt, ordentlich rundlich in dem funkelnagelneuen, hellgrauen
-Kostm, das Papa unterwegs spendiert hatte.
-Ksse und Umarmungen folgten in strmischer Abwechslung.</p>
-
-<p>Der alte Herr brauchte geraume Zeit, ehe er sich
-zeigte. Er war nmlich gerhrt. Und das pate ihm
-nicht. Deshalb wirtschaftete er eine betrchtliche Weile
-im Abteil mit dem Handgepck und dem Dienstmann, der
-es herausbefrderte. Dann erst kam er zum Vorschein,
-mit einer Miene, die sehr wrdig und zurckschreckend
-aussehen sollte, &mdash; den neuen Strohhut mit grnem Band
-verwegen wie Garibaldi ber dem weibrtigen Gesicht.
-Die Mdels waren trotzdem so respektlos, ihn &#8222;auf offener
-Strae&#8221;, wie er abwehrend schalt, zu umhalsen und zu
-kssen. &#8222;Ruhig im Glied!&#8221; befahl er mit sehr rauher
-Stimme. &#8222;Seid wohl, hoff' ich? Und habt euch reputierlich
-gefhrt? Werden ja sehen!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">[S. 266]</a></span>
-
-Im Wagen &mdash; &#8222;um sich das Schlaraffenleben abzugewhnen&#8221;
-&mdash; ging es lachend und plaudernd an den
-Wenzelsberg.</p>
-
-<p>Der alte Herr war die Milde und Gemtlichkeit selbst
-&mdash; auch nur &#8222;zum Abgewhnen&#8221; natrlich. Und auch die
-drei Schwestern waren voneinander hoch befriedigt. &mdash;</p>
-
-<p>Zwei, drei Tage nachher hatte das Leben am Wenzelsberg
-sein gewohntes Aussehen.</p>
-
-<p>Der Geheimrat hatte sein Heimweh nach den rmischen
-Kaisern trotz Kissingen und den bayrischen Bergen mchtig
-in sich wachsen gefhlt. Eine so lange, faule Ausspannung
-war unerhrt. Sein Gewissen fand nur darin Beruhigung,
-da die Post jetzt einen Sto von Korrekturen
-fr die erste Abteilung des ersten Bandes der &#8222;Kaisergeschichte&#8221;
-brachte. Da gab es doch gleich alle Hnde
-voll zu tun.</p>
-
-<p>Das Arbeitszimmer im ersten Stock fllte sich mit dem
-alten, mchtigen Qualm.</p>
-
-<p>Ein Schmerz war nur, da er sich von Geismar zu
-&#8222;Nikotinlosen&#8221; hatte beschwatzen lassen. Das ausgemachte
-Stroh war das! Aber die rmischen Gewaltherren zeigten
-sich wenigstens nicht weiter beleidigt von dem schlechten
-Zigarrenrauch. Sie standen aus Winkeln und Ecken,
-aus Zetteln und Zettelchen gehorsam auf, mit scharfen
-Profilen und tatenfrohen, hoheitsvollen Gebrden. Und
-sie sollten die paar Wochen vor Semesteranfang bei Gott
-nicht rasten drfen, sondern tchtig Modell stehen. Dafr
-wollte der alte Herr sorgen!</p>
-
-<p>Er ahnte nicht, da ihm eine berraschende Strung
-sehr nahe bevorstand.</p>
-
-<p>An einem der ersten Vormittage nach ihrer Ankunft<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">[S. 267]</a></span>
-hatte Kthe ihre Freundin Lizzie in der Uferstrae besucht.
-Lizzie besa neben ihrer verzehrenden Leidenschaft fr
-Musik, die sich kein Konzert und keine Opernauffhrung
-entgehen lie, nur noch einen einzigen hervorstechenden
-Wesenszug: die fast ebenso ungemessene Vorliebe fr
-Klatschereien jeder Art. So lie sie es denn auch bei Kthes
-Besuch an Andeutungen ber Herrenbesuche auf der
-Sgemhle und daran sich knpfenden verfnglichen
-Redereien nicht fehlen. Kthe war emprt. Papa Richthoff
-die Freude an der ganzen Reise nachtrglich zu verderben,
-lag ihr natrlich fern. Er sollte im Gegenteil
-von diesen Dummheiten der Mdels so wenig wie mglich
-erfahren. Um so gewisser war es, da Marga und Elli
-etwas zu hren bekommen sollten!</p>
-
-<p>Nach Kthes Erfahrungen war es leichter, Elli den
-Kopf zurechtzusetzen. Deshalb sollte sie zuerst dran glauben,
-und zwar noch am selben Tag.</p>
-
-<p>Aber die Sache fiel merkwrdig fruchtlos aus. Elli
-war einfach nicht kleinzukriegen. Alle Vorhaltungen der
-lteren Schwester beantwortete sie mit einem frhlichen,
-hchst despektierlichen Lachen.</p>
-
-<p>&#8222;La nur gut sein, Gouvernantchen!&#8221; erklrte Elli
-fidel. &#8222;Wir, Marga und ich, haben uns inzwischen unbedingt
-mndig gemacht. Bei mir hast du gar keine Aussicht
-auf Reue und Besserung. Mich haben die Wochen
-auf der Sgemhle einfach in Grund und Boden verdorben.
-Versuch's mal mit Marga! Uff! Da knntest du dich aber
-bs blamieren! Ich wei, was ich wei, und ich warne
-dich! Heia juchhei!&#8221; Elli schlug klatschend die Hnde
-ber dem Kopf zusammen und vollfhrte einen in Kthes
-Augen auerordentlich unangebrachten Tanz. Das ganze<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">[S. 268]</a></span>
-sah aus, als htte sie und nicht die Schwester in den bayrischen
-Alpen schuhplatteln sehen.</p>
-
-<p>Kthe entzog sich einstweilen weiteren Auseinandersetzungen
-durch eine stolze Flucht. Am Abend schrieb
-sie in ihr Tagebuch: &#8222;Ernst sein knnen ist alles. Wie
-sind Menschen zu bedauern, die von diesem groen Geheimnis,
-das allein das Leben lebenswert macht, keine
-Ahnung haben oder doch nichts wissen wollen! Es ist
-seltsam, da in einer und derselben Familie, unter Geschwistern
-die Anlagen zu Ernst und Leichtsinn so ungleich
-verteilt sein knnen!&#8221;</p>
-
-<p>Damit war aber die von Kthe fr ntig gehaltene
-Aussprache nur vertagt, nicht aufgehoben. Das durften
-sich &#8222;die Kleinen&#8221; nicht einbilden, da sie ihnen ihr rgerniserregendes
-Benehmen so hingehen lie!</p>
-
-<p>Sie bildeten sich's auch nicht ein, die Kleinen! Elli
-verstndigte vielmehr Marga von dem, was drohte. Und
-Marga, die nicht so kampflustig wie Elli war, sah ein,
-da es nun das beste wre, nicht lnger zu zaudern, sondern
-Vater Richthoff ein offenes, ehrliches Gestndnis abzulegen,
-ehe ihm, von welcher Seite immer, miverstndliche
-Dinge zugetragen wurden.</p>
-
-<p>Von Perthes hatte sie in den letzten Tagen nichts gesehen
-und nichts gehrt. Es galt, zuerst seine Meinung
-noch einmal einzuholen. Elli befrderte ihre Zeilen,
-die ja die letzten heimlichen sein sollten. Sie fing auch
-die Antwort ab. Marga fand sie recht knapp und flchtig.
-Aber sie sagte sich, da sie bei seiner angespannten Ttigkeit
-nicht mehr von ihm erwarten durfte. Hupfeld war
-verreist, und es ruhte auf den Assistenten die doppelte
-Arbeitslast, zumal Kronheim noch immer krank war. Die<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">[S. 269]</a></span>
-Hauptsache blieb. Perthes war einverstanden; sie sollte
-ihren Vater auf seinen Besuch vorbereiten, fr den Tag
-und Stunde unter ihnen festgesetzt war.</p>
-
-<p>Es war Nachmittag. Der alte Herr hatte wie gewhnlich
-seinen Gang auf den Weinberg gemacht, auf Schnecken
-gefahndet, die drei Trauben, die es gab, kolossal gefunden,
-sich ber die zeitige, hohe Rte des wilden Reblaubes
-am Philosophenweg gewundert und war dann, seines
-Kaffees gewrtig, nach oben ins Arbeitszimmer und an
-seinen Schreibtisch gegangen.</p>
-
-<p>Da trat Marga mit klopfendem Herzen bei ihm ein.</p>
-
-<p>Er warf schon Notizen mit seiner kritzeligen Handschrift
-auf die flatternden Zettel. Erst als Tasse und Lffel
-auf dem in seine Nhe geschobenen Tablett lauter als
-sonst klirrten, sah er auf. Er wute, da in dieser Woche
-die Reihe an Elli war, ihm den Nachmittagskaffee zu
-bringen. Er war aber nicht weiter erstaunt, als er sie durch
-Marga vertreten fand, sondern kam ihr zu Hilfe und setzte
-selber die Tasse dorthin, wo sie seine Ordnung am wenigsten
-beeintrchtigen konnte.</p>
-
-<p>&#8222;Wo steckt denn das Kleinchen?&#8221; fragte er ganz nebenbei,
-sich wieder ans Schreiben machend.</p>
-
-<p>&#8222;Ich bat sie, ihr heute den Gang zu dir abnehmen zu
-drfen,&#8221; erwiderte Marga mit einer gewissen Frmlichkeit,
-in der ihre Erregung durchzitterte.</p>
-
-<p>&#8222;So &mdash;&#8221; sagte der alte Herr zerstreut. Er hatte nur halb
-hingehrt. Schon besaen ihn wieder die Zettel und ihre
-Geister.</p>
-
-<p>&#8222;Drft' ich einen Augenblick mit dir reden, Papa?&#8221;
-lie sich Marga nach einer Weile schchtern von neuem
-vernehmen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">[S. 270]</a></span>
-
-&#8222;Ach so &mdash; du bist noch hier?&#8221; Er rckte ganz erstaunt
-an seiner Brille. &#8222;Mit mir reden? Aber doch jetzt nicht!
-Ich hab' unbndig zu tun, Mdel!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich wei nicht, wann ich es sonst tun knnte. Ich
-mchte allein mit dir sein, und es ist etwas Wichtiges,&#8221;
-fuhr sie fester und lauter fort.</p>
-
-<p>Der Geheimrat blickte sie unglubig und ziemlich
-ungndig an. &#8222;Na denn! Aber kurz!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;So kurz ich kann!&#8221;</p>
-
-<p>Dem alten Herrn fiel jetzt die Aufregung auf, die sie
-in ihren Zgen und Gebrden vergeblich zu bemeistern
-suchte. &#8222;Setz' dich mal! Hierher!&#8221; Er schob ihr den
-Stuhl neben seinem Schreibtisch zu. &#8222;Und nun vorwrts
-&mdash; wenn's so wichtig ist!&#8221;</p>
-
-<p>Marga tastete sich am Stuhl hin und setzte sich, wie
-geheien. Mit schlichten Worten, wie ihr sie das Gefhl
-eingab, erzhlte sie, was zwischen ihr und Perthes vorgegangen
-war. Die Liebe gab ihr den Mut, herzlicher
-und vertraulicher zu werden, als sie es sonst ihrem Vater
-gegenber wagte.</p>
-
-<p>Der alte Herr hrte zuerst nur sehr im allgemeinen
-zu. Er spielte mit seinem Gnsekiel und sah ab und zu
-in seine Blttchen. Allmhlich nderte sich das. Seine
-Augen vergrerten sich hinter den Brillenglsern. Er
-schob sein Kppchen von der einen Schlfe nach der anderen,
-warf den Gnsekiel beiseite und strich sich mit einer
-barschen Regelmigkeit seinen weien, krftigen Bart.</p>
-
-<p>Er traute seinen Ohren nicht. Da sa eins seiner Mdels
-am hellichten Nachmittag neben ihm und gab, mitten hinein
-in seine rmische Kaisergeschichte, eine handgreifliche
-Liebesaffre zum besten. Wre es Elli gewesen, auch<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">[S. 271]</a></span>
-Kthe &mdash; er htte sie einfach hinausgeworfen. Aber
-Marga! Marga, bei der er an so etwas nie gedacht hatte!
-Die ihm viel zu besonnen und abgeschlossen geschienen,
-als da sie sich bei ihrem Leiden auf solche Dinge einlassen
-sollte!</p>
-
-<p>Den alten Herrn berlief es bald hei, bald kalt. Einmal
-war er nahe daran, zornig aufzubrausen: Also zu
-derlei kapitalem Unfug habt ihr eure Sommerferien benutzt!
-Dann war er drauf und dran, ihr zuzurufen:
-Das sind ja Mrchen, Kind! Du trumst! Oder du hast
-dich tuschen lassen! Aber er tat nichts dergleichen. Der
-Ernst, mit dem Marga sich ihm mitteilte, das tiefe Glcksgefhl,
-das hinter ihren Worten warm und stolz aufleuchtete,
-entwaffnete ihn, so oft er im Begriff war, sie strmisch
-zu unterbrechen. Er, der sich wahrhaftig besser auf geistige
-als auf sinnenfllige Beobachtungen verstand, sogar er
-bemerkte jetzt, wie ihre uere Erscheinung, die ihm bisher
-nur als &#8222;wohl&#8221; aufgefallen war, in diesen Sommerwochen
-an Haltung und Ausdruck gewonnen hatte; wie
-die blicklosen Augen ber den frischeren, farbenvolleren
-Wangen die Sonne von innen nach auen trugen. Sein
-Zorn und sein Unglaube gingen in fassungslose Bestrzung
-ber. Hier handelte es sich also nicht um eine backfischhafte
-Kinderei; nicht um eine von den nebenschlichen Kleinigkeiten,
-mit denen die &#8222;Bande&#8221; immer zur Unzeit daherkam.
-Da war vielmehr eine schlimme Sorge und Verantwortung,
-die nicht den grimmigen Pascha, sondern den
-Vater in seiner ganzen Verantwortlichkeit aufrief und
-verlangte. Er hatte da drben in Bayern gemurrt, weil
-der Arzt ihm die Berge zu besteigen verboten. Nun hatte
-er seinen Berg vor sich, zu Hause! Den hchsten, den er<span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">[S. 272]</a></span>
-seit dem Tod seiner jungen Frau sich hatte auftrmen
-sehen. Den htte er sich gern verbieten lassen; aber der,
-gerade der mute erstiegen sein!</p>
-
-<p>Marga hatte ihr Bekenntnis beendigt. In tapferem
-Schweigen, die Hnde im Scho verschrnkt und die Augen
-erwartungsvoll gesenkt, harrte sie auf Antwort. Es war
-so still in dem verqualmten, bcherumhegten Zimmer &mdash;
-man konnte den Holzwurm hren, der in den goldbraunen,
-altfrnkischen Mbeln aus Vater Richthoffs Junggesellenzeit
-bohrte und tickte.</p>
-
-<p>&#8222;Das &mdash; das ist also &mdash; so gewissermaen &mdash; mein
-Reiseprsent!&#8221; sthnte der alte Herr nach geraumer Weile,
-viel eher schmerzlich als vorwurfsvoll. &#8222;Was soll denn da
-geschehen? Was soll denn ich nun dazu tun?&#8221; Ratlos
-und hilflos richtete er die Frage mehr an sich als an Marga
-und stberte dabei, was seit Menschengedenken unerhrt
-war, selber seine Zettel und Manuskriptbltter durcheinander.</p>
-
-<p>&#8222;Du sollst uns nur die Erlaubnis geben, glcklich zu
-werden,&#8221; meinte sie leise und berzeugt.</p>
-
-<p>&#8222;Erlaubnis? Glcklich werden! Als ob das mit zwei
-Worten abzumachen wre! Ich &mdash; ich, der ich diesen jungen
-Menschen da, diesen, diesen &mdash; deinen Max oder wie du
-ihn immer nennst, so gut wie gar nicht kenne! Der ich
-&mdash; bei dir &mdash; mit solchen, solchen Alfanzereien gar nicht
-gerechnet habe! Meiner Lebtage nicht! Du, die du doch &mdash;&#8221;
-Er stand vor ihr und fuchtelte mit den Hnden. Er hatte
-sagen wollen: Die du blind bist! Die du nicht heiraten
-sollst und kannst! Aber der traurige Schatten, der ber
-Margas zuversichtliche, klare Stirn flog, lie ihn abbrechen.
-Alle seine gebieterische Wrde, seine pflichtmige Entrstung<span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">[S. 273]</a></span>
-vergessend, nahm er ihren Kopf zwischen seine
-Hnde: &#8222;Kind! Kind! Was habt ihr denn da angerichtet!
-Mute das denn sein? Sag doch selber, da es ungereimtes
-Zeug ist! Und da &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Gewi ist es nicht ungereimt, Papa. Nicht so ungereimt,
-wie es dir jetzt vorkommen will! Und er &mdash; Doktor
-Perthes &mdash; mchte mit dir reden, um dir's noch besser
-zu sagen, als ich's kann!&#8221;</p>
-
-<p>Der alte Herr lie die Hnde sinken. &#8222;Mit mir reden!&#8221;
-wiederholte er verzweifelt. Also so weit war die Geschichte
-schon. Die Prliminarien waren alle schon berwunden.
-Womglich mit einem richtigen, auswendig gelernten,
-feierlichen Heiratsantrag wollte der junge Mann ihm das
-Haus strmen.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn dir's recht ist, so kommt er morgen nachmittag,&#8221;
-ergnzte sich Marga bittend.</p>
-
-<p>&#8222;Morgen nachmittag!? Mir recht!? Aber das ist ja
-das reinste Komplott! Das verbitt' ich mir! Das &mdash;&#8221;
-Der Geheimrat suchte vergeblich seinen handfesten Grimm
-wiederzufinden, der ihm sonst noch in allen Lagen wider
-die Angriffe seiner Bande geholfen hatte. &#8222;berlegen
-werd' ich mir doch die Sache noch drfen!&#8221; stie er mit
-klagender Rauheit hervor.</p>
-
-<p>&#8222;Ich bitte dich drum,&#8221; gab Marga herzlich und mit
-Vertrauen zurck. &#8222;Sicherlich wirst du &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nein! Nein!&#8221; wehrte sich der alte Herr. &#8222;Nichts
-werd' ich sicherlich! Gar nichts: sicherlich!&#8221; Er suchte sich
-eine gebieterische Haltung zu geben. &#8222;La mich jetzt zufrieden!
-Ich mu arbeiten! Allein sein!&#8221;</p>
-
-<p>Marga stand auf. Sie wollte nichts mehr sagen. Aber
-ihre Arme, ihre Hnde suchten nach ihm. Durch eine<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">[S. 274]</a></span>
-Liebkosung wollte sie ihn um Vergebung, um Hoffnung
-bitten.</p>
-
-<p>Vater Richthoff war heute nicht widerstandsfhig genug,
-um einer &#8222;Gruppenbildung&#8221;, wie er das sonst so verabscheuend
-nannte, auszuweichen. Er strich ihr ein-, zweimal
-ber die fahlblonden, weichen Scheitelhaare, ungeschickt
-wie ein verschmter Liebhaber. Reden wollte er
-um keinen Preis. Sich zu nichts, zu gar nichts verpflichten.</p>
-
-<p>Und fr Marga war schon seine flchtige Zrtlichkeit
-trostreich und hoffnungsvoll. Wenn sie erst gesehen htte,
-da seine Brillenglser sich sehr verdchtig beschlugen!
-Er schob sie von sich, ehe sie seine Hand erhaschen und
-kssen konnte.</p>
-
-<p>Gehorsam ging sie nach der Tr und aus dem Zimmer.</p>
-
-<p>Wenn der alte Herr geglaubt hatte, er werde bei der
-Arbeit sein Gleichgewicht wiederfinden und die Entscheidung,
-die ihm da pltzlich aufgebrdet wurde, irgendwie
-vertagen knnen &mdash; etwa wie eine inopportune
-Quellenfrage zweiten Ranges &mdash;, hatte er sich ber seine
-eigentliche Gemtsverfassung getuscht. Nach einem vergeblichen
-Anlauf, den er nahm, um in die ersten Regierungsjahre
-des Trajan zurckzukehren, sprang er gleich
-wieder auf. Es begann ein rastloses Auf- und Niederschreiten,
-das von leisen und lauten, schmerzlichen und
-zornigen Erwgungen begleitet war.</p>
-
-<p>Da die Mdels einmal wrden heiraten wollen &mdash;
-&#8222;Mnner daherschleppen knnten&#8221;, hie er es bei sich &mdash;,
-hatte er mitunter im Bereich der Mglichkeit gesehen.
-Aber fern, so fern, da es beinahe wieder ins Reich der
-Unmglichkeit gehrte. Bei Marga war es fr ihn immer
-eine stillschweigende Gewiheit gewesen, an die er nicht<span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">[S. 275]</a></span>
-rhrte: Sie wird nicht heiraten. Sie ist auch selber zu besonnen,
-um daran zu denken. Mitunter, wenn sie ihm
-trumerisch und gefhlsweich zu werden schien, hatte er
-sie etwas derb angefat: nicht aus weitblickender berlegung,
-sondern aus einer mehr instinktiven Gedankenregung.
-So wie es einmal mit ihr hatte kommen mssen,
-sollte sie dem Leben lieber zu hart als zu weich gegenberstehen.
-Ein Erziehungssystem hatte er nie besessen.
-Fr keins seiner Mdels. Dafr hatte er weder Talent
-noch Zeit. Und sie waren ja auch so ganz leidlich geworden.
-Wenigstens hatte es ihm bisher so geschienen.</p>
-
-<p>Nun brachten ihn die jhen Enthllungen des heutigen
-Nachmittags aus dem Konzept. Wie wenn ihm einer
-nach einem fertigen Kapitel der Kaisergeschichte eine neue
-Schrift vorgelegt htte, die er nicht kannte und die seine
-ganze Auffassung ber den Haufen warf. Er wurde
-irre an sich. Er hatte doch wohl nicht genug getan? Die
-Tanten und Tunten hatten am Ende recht, die vor Jahren
-gemeint, er knne mit den drei Mdels so allein nicht zuwege
-kommen. Die bloe Paschastrenge tat es nicht.
-Er htte sich mehr mit ihnen abgeben mssen. Mit jeder
-von ihnen. Aber wie denn? Er konnte nicht bei ihnen
-sitzen, mit ihnen ausgehen, ihr Tun und Lassen berwachen,
-die Kindsmagd spielen &mdash; das lag ja so weit, so himmelweit
-ab von seinem Beruf, der geistigen Lebensaufgabe,
-die das erste hatte sein mssen! Es half ja auch gar nichts,
-wenn er sich jetzt vordeklamierte, wie er alles htte anders,
-htte besser machen knnen. Damit konnte er die Tatsache
-nicht wegbuchstabieren, da Marga, seine Marga, sein
-Sorgenkind sich von einem wildfremden Menschen liebhaben
-lie.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">[S. 276]</a></span>
-
-Er durfte nur ja oder nein sagen.</p>
-
-<p>Nein sagen mute er natrlich.</p>
-
-<p>So weltfremd er im Grunde war: seine Vernunft
-strubte sich dagegen, in eine solche Ehe zu willigen. Marga
-war blind. Sie konnte niemals einem Mann, und wenn
-er ein Held an Selbstberwindung war, das sein, was er
-von einer Lebensgefhrtin fordern mute. Eine solche
-Liebe, sie mochte noch so gro und berschwenglich sein,
-mute sich wund und mrb reiben an den Forderungen
-der Wirklichkeit. Das konnten zwei trichte junge Leute bestreiten,
-aber es blieb darum nicht minder wahr und mute
-jedes Glck zerstren. Also mute er nein sagen.</p>
-
-<p>Kaum aber stand dieses harte Nein da, vor ihm, so
-lehnte sich auch schon sein Herz mit voller Macht gegen
-das grausame Verdikt auf.</p>
-
-<p>Seine Erinnerung kehrte zu den schweren Tagen zurck,
-in denen Marga, ein Kind, an den Folgen einer Netzhautablsung
-das helle, frohe Licht ihrer klaren Augen verlor.
-Es war etwa ein Jahr nach dem Tod seiner Frau. Und
-dieser zweite Schlag traf ihn nicht leichter als der erste.
-Das Hoffen und Bangen schwankender Wochen, das Verzweifeln
-und Aufbumen gegen das Unabnderliche,
-alles, was er mit dem Kind blutenden Herzens durchlitt
-und durchkmpfte, bis es in frhzeitiger, innerer Reife
-ber sein Los emporwuchs, erwachte vor ihm. War es
-nicht genug, da das Schicksal sie von tausend Freuden des
-Tages ausschlo und in immerwhrende Nacht bannte?
-Blind sein &mdash; hie es fr sie nicht, mit einem Teil ihres
-Wesens schon gestorben sein, ehe sie gelebt hatte? Wo stand
-geschrieben, da Marga mit der Kraft, zu sehen, auch das
-Recht und die Kraft, zu lieben, verwirkt hatte? Woher<span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">[S. 277]</a></span>
-nahm er die Macht, zu entscheiden: Das ist dein Glck,
-und das ist dein Unglck? Die Liebe &mdash; konnte sie sie nicht
-entschdigen wollen fr das, was ihr an Licht und Lust
-genommen war? Und er hatte den Mut, es grausamer
-mit ihr zu meinen, als ihr Schicksal? Der Idealist in
-ihm bekmpfte die nchterne Besonnenheit, die er seinem
-guten Herzen aufzwingen wollte. Er kannte den Mann
-nicht &mdash; kaum von Angesicht &mdash; der ihr die Hand bieten
-wollte. War es ausgemacht, da er nicht wute, was er
-wollte und tat? War es wirklich so ber allen Verstand,
-da ein Mann diese ruhige, offene, klare Marga liebte,
-so liebte, da er ihre Blindheit ber ihrem inneren Wert
-verga? Der Stolz des Vaters setzte die Gesundheit und
-Flle ihrer Seele gegen das Gebrechen ihres Krpers.
-Fast war es, als hielten unter solchem Gewicht das Fr
-und Wider sich die Wage ...</p>
-
-<p>Richthoff achtete nicht darauf, wie unter dem Sinnen
-und Sorgen die Stunden vergingen.</p>
-
-<p>Es wurde Abend.</p>
-
-<p>Die Septembersonne mit ihrem vollen, ruhigen Schein
-huschte zwischen den Zweigen im Vorgarten hindurch
-auf seinen Schreibtisch: sie fand ihn nicht wie sonst auf
-seinem Platz, den weibrtigen Kopf ber Bcher und
-Manuskriptbltter gebeugt. Verwundert glitt sie allmhlich
-aus der Stube und lie der Dmmerung das Feld.</p>
-
-<p>Vater Richthoff stand vor einer rundbauchigen, altmodischen
-Kommode, deren goldbraunes Holz metallene
-Ranken verzierten. Auf der Kommode stand eine Photographie,
-in die er sich vertieft hatte. Es war das Bild
-seiner verstorbenen Frau, bei dem er Rat suchte; als
-knnte ihr jugendlich-zartes, lebensfrohes Gesicht aus der<span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">[S. 278]</a></span>
-Ferne vieler Jahre Trost und Klrung in seine Wirrnis
-bringen.</p>
-
-<p>Als es an die Tr klopfte, fuhr er erschreckt zusammen.</p>
-
-<p>Mit einem gepreten &#8222;Ich komme ja schon!&#8221; winkte
-er Kthe, die fragend hereinschaute, aus der Tr.</p>
-
-<p>Es dauerte noch eine gute Weile, ehe er kam. Und
-dann sa er zerstreut und wortlos beim Essen. Kaum da
-er die Speisen berhrte. Nach einer Viertelstunde verschwand
-er wieder.</p>
-
-<p>Kthe, die nicht wute, was vorgefallen war, erging
-sich in besorgten Mutmaungen ber seine Gesundheit.
-Sie lie durchblicken, da Hofrat Geismar ihr in Kreuth
-einige gar nicht unbedenkliche Andeutungen gemacht habe,
-wie wichtig es sei, da sich Papa schone. Sie fand nur
-wenig Gehr bei den Schwestern und verstummte wie sie.</p>
-
-<p>Elli drckte Marga heimlich ermunternd die Hand.
-Sie hatte sich alle Mhe gegeben, in Vater Richthoffs
-Mienen Gutes zu lesen. Doch als Marga sie spter im
-Garten befragte, wie er ausgesehen, vermochte sogar ihr
-Optimismus das Barometer hchstens auf &#8222;Vernderlich&#8221;
-zu deuten.</p>
-
-<p>Eine beklemmende, schwle Nacht senkte sich auf das
-Haus am Wenzelsberg.</p>
-
-<p>Die Lampe im Studierzimmer des Geheimrats berdauerte
-mit ihrem Schein die sptesten Wanderer. Als
-der alte Herr sie endlich lschte, hatten die Geister der
-rmischen Csaren Gelegenheit, sich ber wunderliche
-Dinge, die sie gehrt und gesehen, die erlauchten Kpfe
-zu zerbrechen.</p>
-
-<p>Am nchsten Vormittag hatte er eine lange Unterredung
-mit Marga.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">[S. 279]</a></span>
-
-Noch nie hatten sie sich so verstanden, waren die Herzen
-von Vater und Tochter sich so nahe gekommen wie in dieser
-Stunde. Der Geheimrat sprach weder das Ja noch das
-Nein, das zu erwirken seine Vernunft und sein Herz
-sich so hei befehdet hatten. Aber er erklrte sich bereit,
-den Doktor, diesen Eindringling und Ruhestrer, zu
-empfangen. &#8222;Um ihm den Kopf zu waschen!&#8221; wie er
-meinte. Und er lie sich zwar nicht von Marga kssen,
-aber er gab ihr selbst eine Art unwirschen Ku auf die
-Stirn und brummte etwas von &#8222;Vertrauen haben&#8221; in
-den Bart. Und Margas Augen schimmerten von Dankbarkeit. &mdash;</p>
-
-<p>Kthe hatte sich fr den Nachmittag mit Lizzie zu einem
-Besorgungsgang in die Stadt verabredet. Bald nach
-Tisch ging sie aus dem Haus.</p>
-
-<p>&#8222;Die wird Augen machen, wenn sie am Abend heimkommt!&#8221;
-frohlockte Elli, als sie mit Marga allein zurckblieb.</p>
-
-<p>&#8222;Ich htte ihr gern eine Andeutung gemacht,&#8221; meinte
-Marga nachdenklich. &#8222;Sie wird es nicht schwesterlich
-finden, da ich sie so gar nicht vorbereitete.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ach was,&#8221; beruhigte Elli, &#8222;die berraschung ist ja
-gerade das Netteste! &mdash; Was machen wir jetzt? Es dauert
-noch anderthalb Stunden, ehe das groe Ereignis beginnt.
-Ich glaube, ich bin aufgeregter als du, Margakind! Fa
-mal an!&#8221; Sie legte die Hand der Schwester an ihre glhheie
-Wange. &#8222;Hast du kalte Hnde &mdash; puh! Dir scheint's
-ja auch tchtig schummerig zu sein. Wir mssen was vornehmen!
-Du httest mal sehen sollen, wie Papa aussah
-bei Tisch! Richtig feierlich wie ein Brautvater. Und manchmal
-bewegte er die Lippen, wie wenn er eine kleine Ansprache<span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">[S. 280]</a></span>
-hielte &mdash; an den knftigen Schwiegersohn natrlich!&#8221;
-Sie kicherte erregt und sah zum Fenster der Estube
-hinaus auf den Weinberg. &#8222;Wahrhaftig! Papa
-kommt schon zurck! Keine zehn Minuten war er heut'
-bei seinen Schnecken. Du hast die Hausordnung schn
-auf den Kopf gestellt, Margakind! &mdash; Komm, wir gehen
-nach oben! In unsere Stube. Da wird's noch am ehesten
-auszuhalten sein.&#8221;</p>
-
-<p>Marga lie sich willenlos von Elli hinauffhren. Nun,
-da die Entscheidung mit jeder Minute nher auf sie zukam,
-wurde es ihr doch schwer und schwerer ums Herz.
-Um nicht verzagt zu werden, mute sie sich immer bei sich
-wiederholen: Es ist ja doch das Glck, das vor der Tr
-steht! Papa wird sicher alles gutmachen! Und Max &mdash;</p>
-
-<p>Aber Elli lie sie nicht erst lange grbeln. Sie drckte
-sie in die Sofaecke, setzte sich neben sie, ganz nahe, und
-schwatzte &mdash; schwatzte das Blaue vom Himmel herunter.
-&#8222;Natrlich wird ihn Papa nachher dabehalten. Er mu
-bei uns Abendbrot essen. Denk' dir, als dein offizieller
-Brutigam! &mdash; Kannst du dir eigentlich Papa vorstellen
-&mdash; als Schwiegervater? Wenn er mit deinem Max sich
-so richtig was erzhlt? &mdash; Eigentlich ist's doch zu schnurrig,
-da du die erste von uns dreien bist. Lizzie, Cousine Grasvogel,
-die Wilmannsmdels &mdash; die Gesichter mcht' ich sehen!
-&mdash; Wer wohl die nchste nach dir ist? Wenn doch Wilkens
-endlich wenigstens seinen Doktor machen wollte! Er hat
-mir geschworen, er werde nach Neujahr ins Examen steigen.
-Aber seine Meineide sind gar nicht mehr zu zhlen!&#8221;
-Traurig und seufzend lie Elli die Stimme sinken.</p>
-
-<p>&#8222;Diesmal wird er bestimmt Wort halten,&#8221; trstete
-Marga.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">[S. 281]</a></span>
-
-&#8222;Meinst du? Vielleicht nimmt er sich ein gutes Beispiel.
-&mdash; Ach, du, Margakind, waren das Tage auf der
-Sgemhle! So schn wird's im ganzen Leben nicht
-wieder!&#8221;</p>
-
-<p>Jetzt war der rechte Gesprchsstoff gefunden.</p>
-
-<p>Sie gingen miteinander den Sommer durch, beinahe
-Tag um Tag. Wie Perthes und Wilkens zum erstenmal
-miteinander drauen auftauchten. So unerwartet und
-doch erwartet. Wie Marga ihm das Wiederkommen verbot.
-Wie sie und Elli jenen Ausflug ber die Berge
-machten. Erst in so niedergeschlagener, trber Stimmung
-und dann auf dem Heimweg so glcksfroh &mdash; ber den endlosen
-Hang von lutenden Glockenblumen, den Marga
-ertrumte. Als sie ber den Flu setzten, stand er drben
-am Ufer. Ihre Herzen fanden sich. Und dann die lustigen
-Mahlzeiten zu vieren! Der tolle Besuch von Papa Wilmanns,
-wo Borngrber den Sndenbock machen mute
-und die &#8222;Generalrevision&#8221; in Bowle und Tanz sich auflste.
-Elli jubelte noch in der Erinnerung, und Marga,
-von ihrer Lustigkeit angesteckt, verga fr Augenblicke,
-wie ihr Herz klopfte.</p>
-
-<p>Die Kuckucksuhr meldete dreiviertel vier. Die Zeit war
-im Fluge vergangen. Sie horchten betroffen auf, als sie
-schlug, und wurden beide still und ernst.</p>
-
-<p>&#8222;Ich mchte Max so gern einen Moment sprechen,
-ehe er zu Papa hineingeht,&#8221; brach Marga zuerst wieder
-das Schweigen. &#8222;Ihm wenigstens die Hand drcken
-oder doch zuwinken,&#8221; meinte sie beklommen.</p>
-
-<p>&#8222;Natrlich sollst du das! Ich leg' mich auf die Lauer.
-La mich nur machen!&#8221; Schon war Elli aufgesprungen.
-Sie ffnete die Tr und schlpfte nach dem Flur, um die<span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">[S. 282]</a></span>
-Wache anzutreten, so wie sie und Kthe es zu machen
-pflegten, wenn das Semester anfing und die Hrer von
-Papa sich in der Sprechstunde anmeldeten. &#8222;Weit du
-noch,&#8221; flsterte sie, sich auf der Schwelle nach Marga
-umdrehend, &#8222;wie wir ihn zuerst sichteten? Damals &mdash;
-mit dem Pfeffer-und-Salz-Jackett?&#8221;</p>
-
-<p>Ob Marga das noch wute! Es litt sie nicht lnger
-auf ihrem Platz.</p>
-
-<p>&#8222;Bleib doch!&#8221; mahnte Elli. &#8222;Wenn es klingelt und ich
-sehe, da er's ist, ruf' ich dich!&#8221; Sie beugte sich heruntersphend
-ber das Treppengelnder, obwohl noch nichts
-zu hren und zu sehen war.</p>
-
-<p>Der Kuckuck holte zu seinen vier Rufen aus. Gleichzeitig
-wurde an der Hausklingel gelutet. Lange und
-schrill tnte es durchs Haus.</p>
-
-<p>Marga lie es sich nicht nehmen: ehe Elli es verhindern
-konnte, eilte sie die Treppe hinunter.</p>
-
-<p>Sie war noch nicht im Erdgescho angelangt, als Therese
-schon geffnet hatte. Eine fremde Stimme traf ihr Ohr.
-Enttuscht blieb sie stehen.</p>
-
-<p>&#8222;Da wird ein Brief fr Sie abgegeben, Frulein Marga.&#8221;
-Therese kam ihr entgegen und schob ihr ein Kuvert
-in die Hand.</p>
-
-<p>Marga erschrak unwillkrlich. Was war das? Doch
-nicht &mdash; Perthes wrde doch nicht etwa abgehalten sein,
-zu kommen? Sie fhlte, wie ihr alles Blut aus dem
-Herzen strmte. Zitternd ffnete sie den Umschlag. Die
-Zeilen waren in Punktschrift geschrieben. Sie konnten
-also nur von ihm sein.</p>
-
-<p>Es dauerte eine Ewigkeit, ehe ihre Finger sich zurechtfanden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">[S. 283]</a></span>
-
-&#8222;Was ist denn los!&#8221; raunte Elli neugierig von oben.
-So weit sie sich vorbeugte, sie konnte nicht sehen, was
-vorging.</p>
-
-<p>Marga achtete nicht auf ihre Frage. Whrend ihre
-Fingerspitzen das Papier abtasteten, bewegten ihre
-Lippen sich lautlos. Sie las:</p>
-
-<p>
-&#8222;Liebe Marga!<br />
-</p>
-
-<p>Was gbe ich drum, wenn ich diese Zeilen nicht schreiben
-mte! Du wirst mich verachten, wenn Du sie liest, wie
-ich mich verachte. Ich kann nicht kommen. Ich kann mein
-Wort nicht einlsen &mdash; &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Weiter kam Marga nicht. Ihre Knie zitterten. Sie zerknitterte
-den Briefbogen zwischen ihren Fingern und prete
-die Hand gegen ihr Herz. Ein gedmpfter, kurzer, klagender
-Aufschrei, wie der Schrei eines Sterbenden, rang sich von
-ihren Lippen. Instinktiv suchte sie die Treppen zu erklimmen.
-Sie stolperte wie eine Trunkene. Im ersten
-Stock taumelte sie gegen Vater Richthoffs Tr. Das
-ewige Dunkel um sie her schien ihr in eine Wolke roten
-Bluts verwandelt. Sie konnte nicht rufen. Ihre Sinne
-schwanden, und sie meinte, ihr Leben schwinde mit ihnen &mdash;:
-Er kam nicht! Er wrde nie kommen! Alles war zu Ende ...</p>
-
-<p>Der alte Herr ffnete seine Tr, erstaunt ber das
-Gerusch, das sie erschtterte. Zur rechten Zeit, um
-Marga in seinen Armen aufzufangen.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c11" id="c11">11</a></h2>
-
-
-<p>Exzellenz Hupfeld hatte den Rundgang durch die
-chirurgische Klinik beendigt. Der Geheime Rat hatte eine
-mehrwchige Nordlandreise hinter sich und war heute zum<span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">[S. 284]</a></span>
-erstenmal wieder in der Klinik erschienen. Seine Assistenten
-in ihren weien Mnteln begleiteten ihn bis
-unter das Portal, wo der Chauffeur mit dem Automobil
-wartete. Er pflegte dann bis zuletzt Fragen zu beantworten
-und Weisungen zu erteilen.</p>
-
-<p>Der zweite Assistent, Doktor Brunner, ein sehr gewissenhafter,
-etwas pedantischer und schwerflliger Mensch,
-dessen Haltung den ehemaligen Militrarzt verriet, folgte
-mit Perthes, dem im Range dritten, bis an den Wagenschlag,
-whrend einige jngere Volontrrzte unter der
-Einfahrt stehen blieben.</p>
-
-<p>Exzellenz gefiel sich in diesem feierlichen, beinahe frstlichen
-Bild seiner An- und Abfahrten. Das Gefolge seines
-Stabes, vervollstndigt durch den in Positur stehenden,
-die Mtze senkenden Chauffeur und den dienstbereiten
-Oberwrter, stand gut zu seiner berragenden Gestalt
-im hellgrauen Staubmantel mit der eleganten Schirmmtze.
-Er hatte es deshalb nicht sonderlich eilig mit dem
-Einsteigen. &#8222;Sie haben also keine guten Nachrichten von
-Professor Kronheim?&#8221; fragte er mit seiner lauten, getragenen
-Stimme den rechts von ihm stehenden Brunner.</p>
-
-<p>&#8222;Leider nein, Exzellenz,&#8221; lautete die Antwort. &#8222;Ich
-frchte, Kollege Kronheim wird seinen Urlaub noch um
-weitere vier bis sechs Wochen verlngern mssen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ist denn die Lungenaffektion fortgeschritten?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Fortgeschritten nicht gerade,&#8221; berichtete Brunner
-korrekt weiter, &#8222;aber es fehlen auch die Anzeichen fr eine
-Besserung. Er denkt an einen Aufenthalt im Sden.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Daran htte der arme Kerl eher denken sollen. Fatal.
-Hchst fatal!&#8221; Hupfeld strich sich gedankenvoll ber das
-runde, volle Kinn. &#8222;Sie sagen, vier bis sechs Wochen.<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">[S. 285]</a></span>
-Ich frchte &mdash; ich frchte, die Sache wird sich ber den ganzen
-Winter hinziehen. Und wir haben in vierzehn Tagen
-Semesteranfang!&#8221; Er hatte den einen Fu auf den
-Wagentritt gesetzt.</p>
-
-<p>Chauffeur und Wrter beugten sich hilfsbereit vor,
-um ihn zu untersttzen.</p>
-
-<p>Aber Exzellenz beharrte in tiefsinniger Stellung.
-&#8222;So wird die Geschichte nicht gehen. Wir mssen auf
-irgendeinen Ausweg denken,&#8221; berlegte er. &#8222;Ich sage
-das nicht,&#8221; wandte er sich lebhafter an seine beiden Assistenten,
-&#8222;um ihnen, meine Herren, den leisesten Vorwurf
-zu machen. Im Gegenteil, Sie tun das Menschenmgliche.
-Ich bin auerordentlich zufrieden.&#8221; Ein anerkennender
-Blick der blagrauen Augen schweifte von
-Brunner zu Perthes, auf dem er ruhen blieb. &#8222;Sie
-mssen entlastet werden, meine Herren! Sie reiben sich
-auf. Besonders Ihr Aussehen, mein lieber Perthes,
-gefllt mir ganz und gar nicht. Sie berarbeiten sich!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Exzellenz sind sehr gtig. Aber ich fhle mich ausgezeichnet!&#8221;
-versicherte Perthes. Die gelbliche Farbe
-seines Gesichts, die tiefen Furchen unter den verschleierten
-Augen schienen ihn freilich Lgen zu strafen.</p>
-
-<p>&#8222;Nein, nein, mein Lieber,&#8221; erwiderte mit einem huldvollen
-Hochziehen der dnnen, falben Augenbrauen der
-Geheime Rat, &#8222;ich kenne das. Sie sind ein Gewaltmensch.
-Sie werden nicht ruhen, bis Sie eines Tags zusammenklappen.
-Daraus wird nichts. Dazu sind Sie zu gut.
-Ich habe andere Plne mit Ihnen!&#8221; Er nickte dem Doktor
-mit bedeutungsvollem Wohlwollen zu und schwang sich
-in den Kraftwagen, so gewandt und sicher, da der Chauffeur
-nur den Schlag schlieen und der Oberwrter nur<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">[S. 286]</a></span>
-einen respektvollen Bckling anbringen konnte. &#8222;Lassen
-Sie sich bald mal wieder bei uns sehen, Doktor Perthes.
-Sie, Kollege Brunner, ldt man ja doch umsonst ein.
-Der Herbst ist so schn drauen auf dem Stift!&#8221; Hupfeld
-lftete jetzt hflich die Mtze. &#8222;Los!&#8221;</p>
-
-<p>Das Automobil fauchte einen Augenblick. Dann fuhr
-es unter hellem Signal leicht und glatt davon.</p>
-
-<p>&#8222;Sie werden sehen, er macht diesen Perthes zu seinem
-ersten Assistenten!&#8221; tuschelte einer der Volontrrzte
-den Kollegen zu, whrend sie ins Haus zurcktraten.</p>
-
-<p>Perthes, der ihnen mit Brunner folgte, konnte die halb
-bewundernde, halb neidische Bemerkung hren. Er zog
-rgerlich die Stirn in Falten. Es war ihm unangenehm,
-da womglich auch Brunner, der der nchste nach Kronheim
-war, solche Mutmaungen auffangen konnte. Im
-brigen waren ihm die Gerchte, die ber ihn im Umlauf
-waren, nicht neu. Er galt fr den erklrten Gnstling
-von Exzellenz. Ebenso ausgemacht war es unter den
-Kollegen, da er Hupfelds Schwiegersohn werden wrde.
-Da ihn der Geheime Rat bevorzugte, darber konnte
-er sich ebensowenig tuschen wie die anderen. Was aber
-seine vermeintlich bevorstehende Verbindung mit Alice
-Hupfeld anging, so hatte er noch vor acht Tagen, am Vorabend
-der geplanten Verlobung mit Marga, eine dahin
-zielende Fopperei Markwaldts, seines frheren Institutsgenossen,
-auf dem Klinikerabend mit fast beleidigender
-Schrfe zurckgewiesen. Wrde Markwaldt, diese gutmtige
-Klatschbase, die es sich nun einmal zur Aufgabe
-gemacht hatte, den wahren Charakter des mysterisen
-Perthes &#8222;auszuwickeln&#8221;, seine Anzapfung heute zu wiederholen
-gewagt haben &mdash; er htte bestenfalls ein Achselzucken<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">[S. 287]</a></span>
-oder ein spttisches Zucken der Mundwinkel zur
-Antwort bekommen. Die Verachtung wrde nicht einmal
-nur dem Frager gegolten haben; der Gefragte htte sie
-auch auf sich selbst bezogen.</p>
-
-<p>Ja, Max Perthes hatte begonnen, &#8222;umzuschalten&#8221; ...</p>
-
-<p>Seine schroffe Abfertigung Markwaldts, so kurz vor
-dem beabsichtigten Besuch bei dem alten Herrn am Wenzelsberg,
-war ein letztes, ohnmchtiges Aufflackern gewesen.
-Damals war in ihm die Tuschung, er knnte wie ein Nachtwandler,
-nicht rechts, nicht links blickend, sich zu dem
-festen Ziel einer ffentlichen Verlobung mit Marga
-Richthoff durchzwingen, schon geschwunden. Mit jedem
-Schritt, den er der Entscheidung entgegentat, hatte er seine
-Kraft sich mindern gefhlt. Dafr trat ein, woran sein
-selbstherrlicher Stolz sich immer zu glauben geweigert
-hatte: seine Gedanken waren unermdlich ttig, ihm die
-uerlichkeiten des Lebens herbeizuschleppen und vor ihm
-aufzutrmen, die aus dem Bund mit Marga sich ergeben
-muten. Jene Kleinlichkeiten und Erbrmlichkeiten des
-Alltags, vor denen sie selbst in ihrem reiferen, weiblichen
-Feingefhl ihn gewarnt, und die er fr jetzt und alle Zukunft
-gering geachtet hatte, gewannen eine unheimliche
-Gewalt ber ihn. Was wrden die Kollegen zu seiner Verlobung
-sagen? Was wrde Alice fr ein Gesicht ziehen?
-Wie mute Exzellenz Hupfeld sie aufnehmen? Die Sticheleien,
-der Spott und rger, die Geringschtzung und Zurcksetzung,
-die kommen wrden &mdash; wie winzige bsartige
-Insekten wimmelten sie herbei, qulten seine Einbildung,
-unterfraen und untergruben seinen ohnehin schon krampfhaften
-Entschlu. Nichts, gar nichts war geschehen, wenn
-er seine Verlobung mit Marga durchgesetzt hatte! Dann<span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">[S. 288]</a></span>
-begann ja erst der Kampf! Ein Kampf, der seinem
-Stolz, seiner Stellung als Mensch und Gelehrter Wunde
-um Wunde schlagen, ihn vielleicht fr immer aus seiner
-Laufbahn drngen wrde!</p>
-
-<p>Und er, der sich der Meinung anderer gegenber fr
-so gleichgltig und unempfindlich hielt, bebte schon vor
-den Gebilden zurck, mit denen seine Phantasie auf ihn
-eindrang. Vergebens wiederholte er sich gegenber dieser
-klglichen Schwachheit, da bei Marga das Hhere, Schnheit
-und Frieden, die Selbstreife und die Erfllung seiner
-inneren Sehnsucht sein wrde &mdash; ein Knigreich gegenber
-allem, was er an uerlicher Wirklichkeit drangab. Das
-Knigreich war nicht fr ihn. Er hatte sich berschtzt.
-Er reichte da nicht hinauf! Und die Liebe, die ihn htte
-emporheben mssen &mdash; sie war nur ersprungen, nicht erschritten
-und erlebt.</p>
-
-<p>Der Schiffbruch, dessen Schrecken er am Abend nach
-dem unseligen Diner auf Nieburg geahnt &mdash; jetzt war er
-da. Die Welle, die ihn vom Strand, wo Marga ihn erwartete,
-zurckgerissen, trieb ihn vollends ab, rettungslos,
-unwiderstehlich, stromab in die Mittelmigkeit ...</p>
-
-<p>Perthes litt unsglich in den Stunden, die dem Absagebrief
-an Marga vorausgingen. Die Verachtung, der
-Ekel, den er gegen sich selber empfand, brachten ihn an
-den Rand der Verzweiflung. Wenn er es doch versuchte?
-Wenn er es darauf ankommen lie, ob er, durch ein ffentliches
-Wort gebunden, nicht doch strker war, als er meinte?
-Er erma, wie furchtbar er Marga treffen mute. Ein
-Leid bis auf den Tod wollte er ihr antun, ihr, deren zartes,
-hingebendes Gemt er kannte; ihr, die er sich gewissenlos,
-ber ihre ngstlichen Bedenken weg, zu eigen gemacht!<span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">[S. 289]</a></span>
-Aber war es gewissenhafter, sie noch enger an sich zu ketten,
-um sie noch schlimmer zu enttuschen und zu trgen?
-Wollte er nicht einmal so ehrenhaft sein, sie zu retten,
-solange noch ein Schimmer von Hoffnung war, es zu
-knnen?</p>
-
-<p>Und er schrieb den Absagebrief.</p>
-
-<p>Es war die zweite Niederlage, die Perthes innerhalb
-ein und desselben Jahres erlitt. Aber was war seine
-Kinderkrankheit der Liebe, die er im Frhjahr durchgemacht
-hatte, gegen das, was er jetzt erlebte? Damals
-fiel er bei der jugendlich unerfahrenen Jagd nach einer
-Sonnenwolke eines Tags aus seinen sieben Himmeln auf
-die nchterne Erde. Die Verzweiflung, die jenem Sturz
-folgte, war hei und zornig gewesen, eine echte Weltverzweiflung,
-wie sie mehr oder minder keinem Menschen
-von Temperament erspart bleibt. Die Verzweiflung aber,
-die jetzt sich seiner bemchtigte, diese grausame Selbstverzweiflung
-war kalt und verchtlich. Damals hatte er
-mit dem Gedanken an einen freiwilligen Tod gespielt;
-jetzt, mnnlicher geworden, trotz aller Unfertigkeit, war er
-der selbstzerstrenden Tat in Gedanken ferner, in Wirklichkeit
-nher. Doch der Rest von Lebensenergie, der in
-ihm war, gnnte ihm die Flucht aus dem Dasein nicht.
-Gerade in der Selbstverachtung fand er einen Stachel,
-der die Kraft weckte, weiterzuirren, um sich weiterzuentwickeln.</p>
-
-<p>Warum sollte er der berechnende Streber nicht sein, wie
-ihn die Kollegen hinter den Erfolgen argwhnten, die ihm
-bisher ohne sein Hinzutun in den Scho gefallen waren?
-War es ihm versagt, das zu werden, was sein hheres
-Ich gewollt, so schob ihm dafr das Leben die Leiter<span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">[S. 290]</a></span>
-der Karriere, diese goldene Himmelsleiter, so bequem
-wie mglich zurecht. Er brauchte nur seinen Fu auf die
-Sprosse zu setzen. Die Leiter in der Kapelle auf Nieburg
-war vielleicht so gewissermaen ihr Symbol gewesen.
-Und so anstrengend brauchte die Strebeleiter nicht zu sein,
-und war sie auch nicht. Er brauchte nur der Dutzendbruder,
-zu dem Natur und Geschick ihn bestimmten, mit Absicht
-und gutem Willen zu sein, so konnte es ihm nicht fehlen!
-Es lag ein dmonischer Reiz in der Abkehr von der Hhe
-zum Durchschnitt.</p>
-
-<p>Was Perthes auch in seinem Aussehen so sehr herunterbrachte,
-waren viel mehr seine inneren Kmpfe als &mdash;
-wie Exzellenz Hupfeld vermutete &mdash; die klinische berbrdung.
-Und er war tricht oder gleichgltig genug,
-die paar Freistunden, die ihm blieben, nicht zur Erholung
-zu benutzen. Spiel und Sport, die er im Sommer vernachlssigt
-hatte, wollte er systematisch forcieren. Er trat
-in den Ruderklub ein. Er interessierte sich mit Hilfe Markwaldts
-und Professor Hammanns, seines frheren Chefs,
-fr Pferderennen und fuhr einen freien Sonntag mit
-ihnen nach Baden-Baden. Er zeigte sich, wann es nur
-irgend ging, bei Tennis und Hockey und erneuerte seinen
-Ruf als ausgezeichneter Spieler. Dort war es auch,
-wo er, anfnglich langsam und mit berwindung, dann
-mit allem Nachdruck aus seiner Reserve gegen Alice Hupfeld
-heraustrat.</p>
-
-<p>Mit Staunen sah Alice, die ihn nach dem Abenteuer
-im Kapellenturm khl und schnippisch behandelte, wie
-seine Zurckhaltung in hfliche, spter in eifrige Dienstbeflissenheit
-berging. Er konnte also doch Feuer fangen,
-dieser seltsame Mischling von Biedermann und Bandit,<span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">[S. 291]</a></span>
-als den ihre nach pikanten Eroberungen lsterne Phantasie
-ihn ansah. Sie triumphierte bei sich. Ihr Benehmen
-wurde in dem Grade sprder und sffisanter, als er sich
-um sie bemhte. Sie gefiel sich in immer neuen, launischen
-Einfllen, die seine Geduld auf die Probe stellen sollten.
-Das Radfahren hatte sie als unzeitgem und altmodisch
-endgltig aufgegeben. Seit vierzehn Tagen war sie
-passionierte Reiterin. Geschickt, wie sie in allen leiblichen
-bungen war, lernte sie schnell und sa bald tadellos im
-Sattel. Sie arrangierte in der Universittsreitbahn eine
-Quadrille. Professor Hammann und Cousine Hilla, die
-schon wieder zu Besuch da war, um bei Alice einen Bewunderungskursus
-durchzumachen, Perthes und sie gaben
-die Paare. Dann kamen Ausritte in die Ebene oder talaufwrts
-und in die Berge, bei denen ihre Verwegenheit
-die Partner zu Tollheiten jeder Art verleitete.</p>
-
-<p>Perthes lie sich weder durch ihre Launen noch durch
-ihre Spttereien abschrecken. Mit hhnischer Verachtung
-unterdrckte er in sich jeden Ruf seiner Seele, der sich
-gegen dies gefhrliche Spiel warnend erheben wollte.
-Es fehlte nicht an Anwandlungen von Schwermut. Mitten
-in der Nacht &mdash; er wute nicht wie und warum &mdash; fand er
-sich einmal vor dem Haus am Wenzelsberg, wo er, des
-scharfen Oktoberwindes ungeachtet, nach einem Lichtschein
-in der Mansarde starrte. Waren es Marga und Elli, die
-da noch wachten? Wie hatte Marga den schweren Schlag,
-den er ihr versetzt, ertragen? Litt sie um ihn? War sie
-vielleicht krank? Der schneidende Wind beizte ihm die
-Augen feucht. Oder war es die Qual seines Herzens?
-Ein andermal war er, von einer jhen Regung berfallen,
-auf der Sgemhle abgestiegen und hatte sich in den herbstlich-den<span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">[S. 292]</a></span>
-Garten gesetzt. Als die Wirtsfrau kam und nach
-seinen Wnschen fragte, murmelte er unverstndliche Worte
-und sprang auf und davon. Mit Geielhieben jagte er
-sich und seine Sentimentalitten heim. Und er berlie
-sich nach solchen Entgleisungen mit einer wahren Wildheit
-dem verfhrerischen Reiz, den Alice auf ihn ausbte.
-Bei ihr &mdash; ohne Zweifel bei ihr war das Rtsel, das er
-suchte, das sich ihm jeden Tag von neuem aufgab; das
-Ewig-Weibliche, wie es zu ihm pate &mdash; ein Irrlicht,
-das aufglomm und erlosch und in der Ferne von neuem
-aufglomm, um ihn durch ein Leben des Erfolgs, der uerlichkeit
-und Mittelmigkeit hindurchzugaukeln ...</p>
-
-<p>Es war Mitte November geworden.</p>
-
-<p>Das Wintersemester hatte sogar fr die medizinische
-Fakultt wieder begonnen, die doch allerorts eine Ehre
-dareinsetzt, das malizise Wort, die Vorlesungen seien eine
-unangenehme Unterbrechung der Universittsferien, nicht
-Lgen zu strafen.</p>
-
-<p>Exzellenz Hupfeld konnte sich noch nicht entschlieen,
-Stift Nieburg mit seiner Stadtwohnung zu vertauschen.
-Der kstliche Sptherbst des Jahres war da drauen ob
-dem Flutal, inmitten der laubbraunen und tannengrnen
-Bergzge, zu schn. Zweimal tglich und fter
-mute das Automobil den Weg nach der Chirurgischen
-Klinik hin und zurck machen.</p>
-
-<p>Professor Kronheim, der erste Assistent der Klinik und
-vertretende Chef, hatte seine Ttigkeit noch immer nicht
-wieder aufnehmen knnen. Die Nachrichten von der
-Riviera, wo er Genesung suchte, lauteten wenig hoffnungsvoll.
-Brunner und Perthes mit den Volontrrzten
-versahen nach wie vor die ganze Arbeit. Der Geheime<span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">[S. 293]</a></span>
-Rat war auf die von ihm angedeutete Reorganisation
-nicht wieder zurckgekommen.</p>
-
-<p>Eines Sonntags, als Perthes, der am Nachmittag
-freihatte, gegen drei Uhr in seine Wohnung hinaufsteigen
-wollte, trat ihm die an Sonntagen meist unsichtbare Hauswirtin,
-Frulein Eschborn, mit einer Visitenkarte entgegen,
-die sie mit seltener Feierlichkeit zwischen ihren beiden
-Hnden balancierte.</p>
-
-<p>Gleichgltig nahm Perthes die Karte entgegen und
-ging, ohne einen Blick daraufzuwerfen, nach oben. Erst
-vor seiner Tr las er den Namen. Es stand da mit schngeschnittenen
-Buchstaben gro und einfach: &#8222;Benno Hupfeld
-Wirklicher Geheimer Rat.&#8221;</p>
-
-<p>Kein Zweifel: Exzellenz mute ihm einen offiziellen
-Besuch zugedacht haben. Da die Ordinarien der Fakultt
-mit herkmmlicher Bequemlichkeit hchstens ihren verheirateten
-Assistenten die Aufwartung zu erwidern pflegten
-und ein Mann wie Hupfeld sich sogar unter seinen unmittelbaren
-Amtsgenossen so banaler Verpflichtungen
-mit einer liebenswrdigen Entschuldigung entheben durfte,
-zeugte diese Karte von einer auergewhnlichen Artigkeit.
-Gleichwohl warf sie Perthes beim Eintritt in sein Zimmer
-aufs Geratewohl beiseite.</p>
-
-<p>Nach einer kleinen Weile besann er sich eines Besseren.</p>
-
-<p>Was war er doch noch immer fr ein unvollkommener
-Schler der Strebekunst!</p>
-
-<p>Mit einer Feierlichkeit, die die von Frulein Eschborn
-bertraf, nahm er die hohe Visitenkarte von dem Stuhl,
-auf den sie geflogen, und trug sie zwischen den beiden
-Mittelfingern nach seinem Schreibtisch. In der Mitte
-der Unterlage von rotem Lschpapier legte er sie mit einer<span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">[S. 294]</a></span>
-Verbeugung nieder. Sie war ja doch, richtig gewrdigt,
-das erste nicht zu unterschtzende Dokument des Fortschritts,
-das seine neue Methode des bewuten Hochkletterns
-gezeitigt hatte. Von Rechts wegen htte sie auf
-ihrem Ehrenplatz mit Lorbeer umrahmt werden mssen.
-Schade, da er den nicht zur Hand hatte!</p>
-
-<p>Am Montag, als Exzellenz Hupfeld sich zur blichen
-pompsen Abfahrt aus der Klinik anschickte, trat Perthes
-mit vollendeter Hflichkeit an den Geheimen Rat heran.
-&#8222;Exzellenz hatten die auerordentliche Liebenswrdigkeit
-&mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ach ja. Ich wollte Sie gestern besuchen. Schade,
-da ich Sie nicht antraf!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das Bedauern ist ganz auf meiner Seite &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich wollte mit Ihnen eine Angelegenheit besprechen,
-die &mdash;&#8221; Hupfeld berlegte lchelnd. &#8222;Im brigen, ich
-mchte das nicht aufschieben. Sie knnen sich mit mir ins
-Auto setzen. Es lt sich da ungestrt plaudern. Wollen
-Sie?&#8221; Die Frage wurde von einer jener herrischen Gebrden
-begleitet, die Hupfelds Liebenswrdigkeit eigentmlich
-machten.</p>
-
-<p>Perthes erschrak unwillkrlich ber den neuen Beweis
-von Wohlwollen. Die Volontrrzte auf der Treppe des
-Vestibls machten lange Hlse. Doktor Brunner war
-diskret und hflich, aber mit ersichtlich langem Gesicht
-zurckgetreten.</p>
-
-<p>&#8222;Sie brauchen nicht zu befrchten, da ich Sie zu lange
-in Anspruch nehme,&#8221; fuhr Hupfeld, der dies Schwanken
-schmeichelhaft beurteilte, beruhigend fort. &#8222;Ich lasse Sie
-mit meinem Wagen zurckfhren.&#8221;</p>
-
-<p>Nun gab es keine Widerrede. Perthes fate sich schnell.<span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">[S. 295]</a></span>
-&#8222;Wenn Exzellenz einen Moment warten wollen?&#8221; Er
-deutete auf seinen Operationsmantel.</p>
-
-<p>Der Geheime Rat nickte gtig.</p>
-
-<p>Perthes lief nach dem Hause. Ein saurer Gang in
-der Sonne ffentlicher Gnade. Er kniff die Lippen zusammen
-und heftete die Augen geradeaus ins Leere, als
-er an den beiseitetretenden Volontren vorbeieilte. Im
-Nu kam er zurck, in Jackett und Hut. An den ironischen
-Mienen der jungen Kollegen las er ab, was sie von dieser
-Autounterredung hielten. Als er wieder ins Freie trat,
-meinte er hinter sich etwas flstern zu hren wie: &#8222;Exzellenz
-Schwiegerpapa!&#8221; Die Wut trieb ihm das Blut
-in den Kopf. Doch schon schritt er an Brunner vorber,
-der unglcklich dreinsah und an seinem militrischen Schnauzbart
-zu kauen schien.</p>
-
-<p>Der Krankenwrter half ihm ins Automobil, in dem
-Exzellenz schon Platz genommen hatte. Er machte dabei
-einen Bckling, fr den Perthes ihm ins Genick htte
-hauen mgen.</p>
-
-<p>Doch schon fuhren sie tutend davon.</p>
-
-<p>Hupfeld zgerte nicht, seinem Fahrgast seine Absichten
-auseinanderzusetzen. Frs erste freilich, solange sie noch
-innerhalb der Stadt fuhren, sah er sich durch hufige Gre
-unterbrochen. Er pflegte alle mit ausgesuchter Hflichkeit
-zu erwidern, ob es sich um einen Universittsdiener
-handelte oder um einen Geheimrat. Erst hinter der Brcke,
-am Ausgang der Neustadt, wo die Villenstrae allmhlich
-in die Landstrae berging, kam er <span class="antiqua">in medias res</span>. Nachdem
-er die Aussichtslosigkeit betont, die das Befinden
-des armen Kronheim biete &mdash; er hatte neuerdings selbst
-sehr trbe Nachrichten aus Rapallo erhalten &mdash;, sprach er<span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">[S. 296]</a></span>
-von der Notwendigkeit, die erste Assistentenstelle seiner
-Klinik einstweilen neu zu besetzen.</p>
-
-<p>&#8222;Die Angelegenheit ist durch die Persnlichkeit des guten
-Brunner, der eigentlich der nchste Anwrter ist, kompliziert,&#8221;
-erklrte der Geheime Rat fortfahrend. &#8222;Um es
-von vornherein zu sagen: er ist nicht der Mann, den ich
-brauche.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich habe ihn als einen sehr gediegenen, pflichteifrigen
-Kollegen schtzen gelernt,&#8221; schob Perthes ein, wobei er
-sich selbst ber die neugewonnene Fhigkeit wunderte,
-sich durch billige Komplimente fr andere ins beste Licht
-zu setzen. Perfid war er also auch schon.</p>
-
-<p>&#8222;Zugegeben, lieber Perthes!&#8221; stimmte Hupfeld in das
-wohlfeile Lob ein. &#8222;Zugegeben! Aber es fehlt ihm jeder
-Zug ins Groe. Er kann nichts selber in die Hand nehmen,
-wenn ich einmal nicht zur Stelle bin. Der leitende Arzt,
-der mich vertreten soll, mu etwas vom Herrscher an sich
-haben. Weitblick, eigene Gesichtspunkte, Vielseitigkeit!&#8221;
-Exzellenz gab jedes dieser ihn selbst verherrlichenden
-Prdikate mit monumentaler Rhetorik von sich. &#8222;Und
-dann &mdash; was die Hauptsache ist &mdash;, er mu das Zeug zu
-einem erstklassigen Operateur haben. Das hat der gute
-Brunner bei aller Gewissenhaftigkeit und relativen Geschicklichkeit
-nicht. Das haben &mdash; <span class="antiqua">senza complimenti</span> &mdash;
-Sie, mein lieber junger Kollege!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes wollte mit einer Schmeichelei fr die Ganzgroen
-abwehren. Aber dazu reichte seine Gewandtheit
-noch nicht. Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er
-mute sie durch Gebrden ersetzen.</p>
-
-<p>&#8222;Doch, doch!&#8221; versicherte huldvoll der Geheimrat,
-der ihn auch so verstand. &#8222;Machen wir uns nichts vor.<span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">[S. 297]</a></span>
-In so einschneidenden Fragen pflege ich mit rcksichtsloser
-Objektivitt vorzugehen. Bleiben wir also bei sicheren
-Tatsachen. Die kurze Zeit, in der Sie bei mir arbeiten,
-hat mich von Ihrer auerordentlichen Befhigung berzeugt.
-Sie wren mein Mann! Sie werden es sein &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber, Exzellenz, ich bitte &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Hren Sie mir ruhig zu, lieber Freund!&#8221; Hupfeld
-legte die berweiche, berhmte Hand auf Perthes' Arm.
-&#8222;Ich habe alles erwogen. Sie sind sehr jung. Brunner
-darf nicht vor den Kopf gestoen werden. Es heit diplomatisch
-zu Werke gehen.&#8221; Ein schlaues, geistreiches Lcheln
-kruselte seinen vieldeutigen, glatten Mund. Er entwickelte
-mit rednerischer Selbstgeflligkeit sein Projekt.
-Er wollte es bernehmen, Brunner von seinen guten
-Absichten zu berzeugen. Erstlich sollte dieser als der ltere
-durch seine Frsprache im Ministerium &mdash; es gengte da
-ein Wink nach der Residenz &mdash; schon in den nchsten
-Wochen den Professorentitel erhalten. Ferner wollte ihm
-Hupfeld die bestimmte Aussicht machen, da er binnen
-Jahresfrist einen Ruf als Auerordentlicher oder Leiter
-eines stdtischen Krankenhauses nach auswrts erhielte.
-Dafr konnte Hupfeld bei seinen Verbindungen garantieren.
-Demgegenber mute Brunner einsehen, da
-Exzellenz sich den jngeren Perthes fr die Stellung eines
-ersten Assistenten ganz speziell heranbilden wollte, und
-mute ihm schon jetzt die nominelle Vertretung dieses
-Postens berlassen.</p>
-
-<p>So weit war der Geheime Rat in seinen Ausfhrungen
-gekommen, als das Automobil sein sausendes Tempo
-verlangsamte und zum Stift hinauffuhr.</p>
-
-<p>Die Unterredung konnte an dem Punkt, an dem sie<span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">[S. 298]</a></span>
-angelangt war, nicht abgebrochen werden. Es blieb Perthes
-nichts anderes brig, als die Einladung anzunehmen, mit
-Hupfeld zu frhstcken. Er griff sich an den Kopf, als er
-die Rume wieder betrat, die er vor einigen Wochen mit
-so groem Widerwillen kennen gelernt hatte. Die erste
-Viertelstunde, whrend er neben seinem Chef in dem
-weitrumigen Saal mit den gewaltigen Schrnken, den
-serisen Ahnenbildern, der neu angelegten, kostbar-bunten
-Porzellansammlung sa, meinte er einen schweren Traum
-zu wiederholen. Dann zwang er sein bedrcktes Herz mit
-eisiger Schroffheit zur Ruhe. Es ging vortrefflich. Bei
-einer Flasche Mosel und ausgesucht zarten Zwergbeefsteaks
-stellte Hupfeld die Bedingungen auf, unter denen er seinen
-knftigen ersten Assistenten verpflichten wollte. Perthes
-sollte sich innerhalb der nchsten vier Jahre nicht habilitieren
-drfen, um ganz zu seiner, Hupfelds, Verfgung
-zu sein; sich auch dann noch ohne seine Zustimmung
-weder nach auerhalb bewerben noch einen etwaigen Ruf
-annehmen drfen. Die Anstellung sollte erst nach einiger
-Zeit definitiv werden. Wann und mit welchem Gehalt,
-blieb spterer Bestimmung vorbehalten. Der Geheime
-Rat verschwieg, da er bei dieser Gelegenheit einige dem
-Minister genehme, ihm zum Lob gereichende Ersparnisse
-zu machen gedachte. Dagegen lie er Perthes nicht im
-Zweifel, da er ihm die zuknftige Karriere innerhalb
-der hiesigen Universitt gewhrleisten wollte.</p>
-
-<p>Perthes sah durch diese glnzenden Anerbietungen
-jede Erwartung weit bertroffen. Gleichwohl zwang er
-sich dazu, seiner Befriedigung keinen allzu begeisterten
-Ausdruck zu geben. Der Dmon, von dem er sich in seiner
-Selbstverachtung beherrschen lie, riet ihm, sich zu sparen<span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">[S. 299]</a></span>
-und seine streberischen Plne womglich als Ganzes zur
-Reife zu bringen. Es lockte ihn, seine Fhigkeit, emporzukommen,
-gleich durch ein Meisterstck zu erproben.</p>
-
-<p>&#8222;Exzellenz sehen mich gegenber solchen Beweisen
-des Vertrauens verwirrt &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Es sollte mich freuen,&#8221; versicherte Hupfeld mit groartiger
-Loyalitt, &#8222;wenn es mir mit meinen Vorschlgen
-gelungen wre, Ihre Wnsche mit den meinen in Einklang
-zu bringen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Meine Wnsche wagten sich so hoch nicht, Exzellenz.
-Gleichwohl werden Sie es billigen, wenn ich mir angesichts
-so weitausschauender Plne einige Tage erbitte,
-um sie durchzudenken.&#8221;</p>
-
-<p>Hupfeld sah den Doktor ziemlich erstaunt, beinahe mitrauisch
-an. Diesmal war ihm ein Zaudern unverstndlich.
-&#8222;Nun ja &mdash;&#8221; meinte er gedehnt. &#8222;Ich gebe Ihnen natrlich
-Bedenkzeit. Nur &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Exzellenz drfen berzeugt sein, da ich dies Zugestndnis
-nicht mibrauche. In wenigen Tagen, vielleicht
-schon morgen &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bringen Sie mir eine zustimmende Antwort,&#8221; vollendete
-der Geheime Rat mit leichter Schrfe. Er hatte sich
-erhoben und bot Perthes verbindlich die Hand zum Abschied.
-Als er allein war, schttelte er den Kopf: &#8222;Bei alledem &mdash;
-ein merkwrdiger junger Mann!&#8221;</p>
-
-<p>Er sollte diese Merkwrdigkeit bald besser verstehen,
-als er ahnte. &mdash;</p>
-
-<p>Nach milden, sonnigen Tagen brachte der November
-seine gewohnten brausenden, khlenden Strme, die im
-Wirbel das rote und braune Laub aus den Baumkronen
-rissen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">[S. 300]</a></span>
-
-Gerade das unstete, tosende Wetter lockte die Abenteuerlust
-von Frulein Exzellenz. Sie schlug fr einen
-der nchsten Nachmittage den Teilnehmern der Reitquadrille
-einen Fernritt, und zwar einen tchtigen Fernritt
-vor. Bei trgerischem Sonnenschein brach man auf.
-Perthes hatte sich mit Mhe freigemacht. Er sprengte
-mit Alice voran. Sie sah im langen, schwarzen Reitkleid
-gut aus. Es lie ihre biegsamen Formen zu herausfordernder
-Geltung kommen. Der flache, ebenrandige Hut sa
-keck ber den rotblonden Haaren. Professor Hammann
-und Cousine Hilla folgten in migem Tempo und unter
-bedenklichen Protesten. Man hatte auch noch kaum die
-Sgemhle hinter sich, als der Wind grimmig einsetzte,
-den Himmel voller Wolken fegte und den Reitern brausenden
-Widerpart hielt. Als Perthes und seine Begleiterin
-bei einer Wegbiegung, am Eingang in ein leidlich windstilles
-Gehlz, sich umblickten, war von Hammann und
-Frulein Hilla keine Spur mehr zu sehen.</p>
-
-<p>&#8222;Wollen wir auch das Hasenpanier ergreifen?&#8221; fragte
-Alice mit einem spttischen Blitzen der grnlich schimmernden
-Augen, whrend sie die losgerissenen Haarstrhnen
-aus den Wangen strich.</p>
-
-<p>Statt der Antwort gab Perthes seinem Pferd die
-Sporen.</p>
-
-<p>Mit klingendem Lachen jagte Alice ihm nach, bis sie
-wieder an seiner Seite war. Sie versetzte ihm zur Strafe
-einen leichten Hieb mit der Gerte auf die Hand, die die
-Zgel fhrte.</p>
-
-<p>Hinter dem Wald ging es mit aufeinandergepreten
-Lippen und zugekniffenen Augen gegen den Sturm.
-Kurz vor dem ersten Dorf schnob ein feiner, dichter<span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">[S. 301]</a></span>
-Regenschauer aus den Wolken und durchnte Reiter
-und Ro.</p>
-
-<p>Nun mute man doch wohl oder bel im Wirtshaus
-haltmachen.</p>
-
-<p>Alice fand es apart und reizend, in dem sauberen
-Herrschaftszimmerchen, in dem ein Ofenfeuer grend
-leuchtete, Tete-a-tete zu &#8222;mahlzeiten&#8221;. Man sah durchs
-Fenster hinaus auf den windgepeitschten Flu, die regenwolkenverhangenen
-Berge. Fast wie auf der Sgemhle,
-dachte Perthes, als er zufllig hinausblickte. Um so besser,
-setzte er hhnisch hinzu. Er berlie sich dem willkommenen
-Reiz der Situation. Die nassen Kleider erfllten unter
-der behaglichen Wrme die Stube mit ihrem Dunst. Es
-war ziemlich dunkel. Aus der Ofenecke, wo Alice sich eingerichtet
-hatte, sah man nur ihre Augen mit seltsamer
-Intensitt aufglnzen.</p>
-
-<p>Nachher, am Tisch, gab sie sich allerliebst. Sie war
-etwas aufgeregt und suchte diesen Zustand, der ihr kleinlich
-schien, durch die ausgelassene Freiheit ihres Benehmens
-zu verdecken. Sie gab sich die Rolle der Demimondaine,
-die sie augenwerfend und trllernd trefflich zu mimen
-verstand. Perthes sollte dazu den Galantuomo spielen.</p>
-
-<p>Er ging bereitwillig darauf ein. Aber in einem Moment
-leidenschaftlich vorgetragener Liebeserklrungen, die sie mit
-koketter Klte ber sich ergehen lie, verga er das Spiel.
-Er ri Alice in seine Arme und bedeckte sie mit Kssen.</p>
-
-<p>Als er sie wieder freigab, war sie ernchtert und erschrocken.
-&#8222;Was fllt Ihnen ein!&#8221; stammelte sie verlegen.</p>
-
-<p>&#8222;Was mir schon lngst htte einfallen mssen!&#8221; gab
-er siegesgewi zurck.</p>
-
-<p>Schmollend und zrnend trat sie von ihm weg. Sie<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">[S. 302]</a></span>
-stellte sich ans Fenster und stand dort geraume Zeit, von
-ihm abgekehrt.</p>
-
-<p>Er setzte sich mit scheinbarer Gelassenheit in die Ecke
-am Ofen und stocherte mit der Zange im Feuer.</p>
-
-<p>Pltzlich wandte sie sich um. Mit ihrem drolligsten
-Spitzbubengesicht, halb spttisch, halb rgerlich, sah sie
-ihn an. &#8222;Nu &mdash; werden wir uns wohl verloben mssen.
-Wie abgeschmackt Sie sind!&#8221; meinte sie halblaut.</p>
-
-<p>Er war mit zwei Schritten an ihrer Seite. Sie musterten
-sich mit einem tiefen, brennenden Blick. Dann kten
-sie sich in einer neuen, wilden Umarmung. Und verlobten
-sich, trotz aller Abgeschmacktheit ...</p>
-
-<p>Als Perthes sich am folgenden Tag in der Hupfeldschen
-Stadtwohnung einstellte, um Exzellenz Hupfeld
-seine Zusage fr die erste Assistentenstelle zu bringen,
-empfing ihn der Geheime Rat sehr gemessen.</p>
-
-<p>&#8222;Sie haben ja Ihre Bedenkzeit sehr eigenartig benutzt,
-Herr Doktor! Nun darf <em class="gesperrt">ich</em> wohl um Bedenkzeit bitten?&#8221;
-lautete die strenge Einleitung.</p>
-
-<p>Aber der hohe Herr konnte sich nicht lange auf so eisiger
-Hhe halten. Er wurde vterlich gerhrt. Und lchelte
-bald wie ein gtiger Schpfer ber die kleinen Unarten
-und Torheiten seiner Geschpfe.</p>
-
-<p>Im Salon warteten Frau Hupfeld mit Alice und
-Cousine Hilla. Bei der Tr stand der Diener Karl. Diesmal
-nicht, um Gewittermeldungen vorzutragen, sondern
-um auf einen Wink die Sektkelche zu reichen. Schade,
-da Leutnant Moritz fehlte.</p>
-
-<p>Man feierte Verlobung im Familienkreise. Vorverlobung.</p>
-
-<p>Es war stilvoller und groartiger, als es je im Haus
-am Wenzelsberg htte werden knnen ...</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Page_303" id="Page_303">[S. 303]</a></span><a name="c12" id="c12">12</a></h2>
-
-
-<p>Schon seit ber vierzehn Tagen hatte Vater Richthoff
-seine Vorlesungen wieder aufgenommen. Zwischen drei
-und vier Uhr des Nachmittags schallte wieder hufig und
-hell die Klingel durchs Haus: nacheinander kamen und
-gingen die Hrer, junge Semester mit bunten Mtzen,
-Bier- und Milchgesichter, alte Semester wie Oberlehrer
-Trabner mit der Glatze und der Stahlbrille, den Gummimanschetten
-und dem Trikot-Stehumlegekragen, &#8222;Flanellstorch&#8221;
-genannt.</p>
-
-<p>Aber die &#8222;Bande&#8221; war nicht wie sonst auf dem Posten
-ber der Treppe, um die Alten zu registrieren und die
-Neuen zu etikettieren. Hchstens da Elli mal neugierig
-ber das Gelnder lugte. Dann war es nur, weil Wilkens,
-der Faulpelz, sich noch immer nicht hatte einschreiben
-lassen. Kurz vor Semesteranfang hatte er, um sich, wute
-der Himmel von was, zu &#8222;erholen&#8221;, noch eine verheiratete
-Schwester in Magdeburg besuchen mssen und war noch
-nicht wieder zurckgekehrt. Nur Ansichtskarten meldeten
-der entrsteten Elli, da es ihm wohl ergehe.</p>
-
-<p>Das grausame Leid, das Marga mitten in ihren frohen,
-brutlichen Trumen heimgesucht hatte, lastete auf allem
-und allen. Nicht zuletzt auf dem alten Herrn. So fromm
-und artig und mrchenhaft still war es in zwanzig Jahren
-um ihn her nicht zugegangen. Wenn er hinter dem Schreibtisch
-sa und kritzelte, konnte er sicher sein, da kein strender
-Laut seine rmischen Kaiser in ihrer Wrde bedrohen,
-ihn aus der vornehmen Vertraulichkeit ihrer geisterhaften
-Gegenwart aufscheuchen wrde. Aber trotzdem &mdash; oder
-gerade deshalb? &mdash; warteten diese oft vergeblich auf die<span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">[S. 304]</a></span>
-Zwiesprache mit dem Meister, der sie rief. Kein zrnendes
-Murren, keine feurige Apostrophe drang aus dem verqualmten
-Winkel. Statt dessen hatte der alte Herr mehr
-als einmal den Gnsekiel nicht mehr in der Hand, sondern
-den grauen, krausbrtigen Kopf vergrmt aufgesttzt, und
-lauschte hinaus in die unheimliche Ruhe seines Hauses.
-Wenn doch mal eine Tr unversehens ins Schlo geknallt
-wre! Wenn doch ein nicht mehr zu bndigendes, junges
-Mdchenlachen aus der Dachstube herunter- oder vom
-Erdgescho, aus den Wohnzimmern heraufgekollert wre,
-da er emprt htte dazwischenfahren knnen! Wieviel
-besser wre das seinen Csaren bekommen. Der erste Halbband
-der Kaisergeschichte war vor vierzehn Tagen erschienen.
-Schon kamen begeisterte Briefe von entfernten
-Hochschulkollegen und frheren Schlern. Vater Richthoff
-lchelte hchstens ber die guten Vorzeichen. Jetzt,
-wo er den gerechtfertigten und verdienten Lohn einer
-Lebensarbeit einheimsen sollte, blieb die rechte Freude aus.</p>
-
-<p>Richthoffs Freunde: Wilmanns, Borngrber, die
-Kegelbrder und die Fakulttsgenossen &mdash; alle waren
-bestrzt und schlugen die Hnde zusammen ber das mde,
-verdrossene, teilnahmlose Wesen des alten Herrn. Er war
-ja nicht mehr zu kennen! Hofrat Geismar zerbrach sich
-vergeblich den Kopf, wie es mglich war, da nach dem
-frischen, verheiungsvollen Abschied in Bad Kreuth jede
-Nachkur daheim ausblieb. Wilmanns, der mit seiner
-Familie Thringen unsicher gemacht hatte, schimpfte vergeblich
-auf das teure Schwarzburg, wo ihm die lrmende
-Holzindustrie das Leben verbittert hatte; lobte umsonst
-das liebliche Ilmenau mit Engelszungen und erzhlte
-die khnsten Abenteuer mit lauter Beredsamkeit. Borngrber,<span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[S. 305]</a></span>
-der &#8222;Mdchenjger&#8221;, wie ihn Papa Wilmanns
-hartnckig benamste, rollte ohne Erfolg die verwundert-treuherzigen
-Augen und jammerte, da ihm der Wind
-drei Hte in die Ostsee gefhrt habe, statt, was doch sein
-Vershnliches gehabt htte, in ein klassisches oder orientalisches
-Meer. Richthoff hrte nur mit halbem Ohr zu
-und schob seine Kugel so flau, als wollte er ja den Kegeln
-nicht zu nahetreten.</p>
-
-<p>Und Marga? Sie, von der der Kummer ausgegangen
-war, der das Haus am Wenzelsberg drckte und freudlos
-machte?</p>
-
-<p>Es gibt einen Schmerz, der, ohne laut und heftig zu
-sein, sich doch wenigstens in Zeichen des inneren Kampfes
-verrt: nicht Trnen, aber ihre Spuren, nicht das harte
-Aufbumen, aber das wehe, zitternde Zurckweichen und
-Wegwenden zeugen dafr, da ein Lebendiges, wenn auch
-noch so schwach und versteckt, sich wehrt gegen das Ttende,
-auch im Unterliegen den Widerstand wahrt und in der
-Gegenbewegung sich erhlt. Wenn Marga diesen Schmerz
-gezeigt htte! Man htte ihn, so leise er sich regte und
-rhrte, zu lindern und zu heilen suchen knnen. Aber
-in ihrem Schmerz war kein Kampf, kein Widerstand,
-keine Bewegung. Von dem Augenblick an, wo sie aus
-ihrer tiefen Ohnmacht aufgewacht war, schien jeder Wille
-in ihr gebrochen zu sein. Sie konnte nicht weinen. Ihre
-Zge blieben leblos: mitunter hatten sie den Ausdruck
-einer leeren Maske, die in unbewuter Angst und Hilflosigkeit
-erstarrt ist. Ihre Seele schien nicht mit aufgewacht
-zu sein aus der Ohnmacht des Krpers. Ihr Geist war
-klar, beinahe nchtern klar; sie wute, was vorgefallen
-war, und sprach selbst mit matter, klangloser Stimme<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[S. 306]</a></span>
-davon. Sie hrte auch zu, wenn der alte Herr, alle Barschheit
-und Zurckhaltung in Liebe und Mitgefhl vergessend,
-weich und ernst mit ihr redete; wenn Elli, Trnen in den
-sonst strahlenden Augen, sie ermutigen wollte und Kthe
-herzliche, ungezierte Worte des Verstehens fand. Aber
-sie blieb empfindungslos. Das Gefhl, das man ihr entgegenbrachte,
-klang nicht zurck. Alle die reichen und tiefen
-Krfte des Gemts waren wie ausgelscht. So ausgelscht,
-da man zuweilen htte glauben knnen, sie litte
-nicht einmal. Und doch &mdash; oder gerade deshalb &mdash; strmte
-eine Traurigkeit von ihr aus, so unsagbar, so ber alles
-Trsten und Mitleiden, da sie jeden ergriff und niederdrckte
-und das Haus mit einer stummen Klage erfllte.
-Wie ein reifes Kornfeld, das unter einem Hagelschauer
-sich in eine tote Wste verwandelt hat, so war Margas
-groe Stille zur groen Leere geworden.</p>
-
-<p>Die erste Sorge galt natrlich ihrer Gesundheit. Der
-Geheimrat wollte den Arzt rufen lassen. Auch Kthe drang
-darauf. Elli wurde beauftragt, Marga selbst zu fragen,
-um sie nicht zu erschrecken. Sie zeigte sich vllig gleichgltig
-und meinte nur, sie wte nicht, was sie einem Arzt
-zu sagen htte. Die Ohnmacht schien auch keine weiteren
-krperlichen Folgen zu haben. Ihr Aussehen vernderte
-sich kaum. Sie klagte ber nichts. Man war bereingekommen,
-da das Leid, das sie getroffen, unter keinen
-Umstnden auch nur andeutungsweise nach auen dringen
-und zu irgendwelchen Gerchten Anla geben drfe.
-Diese Schonung, die einzige, der auch die ueren Umstnde
-ihres Unglcks entgegenkamen, mute um jeden
-Preis gewahrt werden. Das war der Grund, weshalb
-man es vorlufig doch unterlie, den Arzt zuzuziehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[S. 307]</a></span>
-
-Wochen vergingen, ohne da Margas Zustand sich
-vernderte. Nach wie vor war sie uerlich gesund, nach
-wie vor dmmerte ihre Seele pflanzenhaft dahin.</p>
-
-<p>Der alte Herr sah mit Besorgnis, wie diese schleichende
-Qual die Stimmung im Haus mehr und mehr verdsterte.
-Sie zehrte an ihm und seiner Arbeitskraft, an Kthes
-und Ellis Frische und Frohmut. Wie schwle Sommertage,
-die grau und lastend ohne die reinigende Entladung eines
-Gewitters sich ablsen, schlichen die Tage einer um den
-anderen hin, und die Menschen im Haus schlichen mit
-ihnen. So konnte es nicht fortgehen! Es mute etwas
-geschehen. Ein Entschlu mute gefat werden, der
-irgendwie wieder Luft und Licht in die stickige Atmosphre
-brachte.</p>
-
-<p>Ohne Wissen der Mdels ging der Geheimrat vor.</p>
-
-<p>Er hatte in Pommern, weit droben an der Kste,
-einen Stiefbruder. Man schrieb sich alle Jubeljahr, sah
-sich noch seltener. Fr Kthe, Marga und Elli spielte der
-Onkel Gutsbesitzer fast eine mystische Rolle. Vor Jahr und
-Tag war er einmal an ihrem Kinderhimmel aufgetaucht:
-ein jovialer, untersetzter Mann mit ein paar seelenguten
-Augen in seinem wetterharten, braunroten Gesicht. Keine
-entfernte hnlichkeit mit Vater Richthoff. Seine Frau
-oder gar die Cousinen &mdash; es konnten sechs oder mehr sein,
-denn Onkel Thiele schickte, wenn nichts anderes, so doch
-Jahre hindurch regelmig eine frhliche Geburtsanzeige
-&mdash; waren vllig sagenhaft.</p>
-
-<p>Dorthin richtete der alte Herr, einer pltzlichen Eingebung
-folgend, seine Hoffnungen und bald darauf ein
-Schreiben, so brderlich und leserlich, als es ihm nur
-mglich war. Zum Schlu fragte er unumwunden an,<span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[S. 308]</a></span>
-ob man seine zwei Jngsten fr ein paar Wochen auf
-Gstow brauchen knnte. Der Geheimrat mute keine
-acht Tage warten, bis die Antwort kam, geschrieben von
-einer guten, ehrlichen preuischen Landwirtsklaue. Es
-wre zwar im Sommer schner in Gstow. Dafr htte
-man aber jetzt, nach guter Ernte, mehr Zeit und mehr
-Geld. Auch versprchen die Jagden allerhand Gutes.
-Kurz: die beiden Jngsten wren willkommen. Seine
-Frau und seine Dchtings wren schon jetzt &#8222;doll vor Vergngen&#8221;
-ber den Besuch der Richthoffschen Vettern.
-Das war ein kleines Miverstndnis: Onkel Thiele hatte
-sich im Lauf der Zeit eingebildet, sein Stiefbruder msse
-naturnotwendig ebenso viele Jungens haben, wie er Mdels
-hatte. Doch das lie sich aufklren. Die Hauptsache war:
-Marga und Elli wurden erwartet.</p>
-
-<p>Der Geheimrat atmete auf. Er erhielt Onkel Thieles
-Brief zum Frhstck. Als er ihn zu Ende gelesen, sah er
-seine Mdels der Reihe nach an. Zum erstenmal brachte
-er es fertig, ihren trbseligen Mienen mit einer halbwegs
-heiteren Verschmitztheit zu begegnen. &#8222;Wit ihr, wer
-Onkel Bernhard ist?&#8221; forschte er in der Runde.</p>
-
-<p>&#8222;Onkel Bernhard?&#8221; Elli schttelte den Kopf.</p>
-
-<p>&#8222;Meinst du Onkel Thiele in Pommern?&#8221; fragte
-Kthe nach bedchtigem Schweigen.</p>
-
-<p>&#8222;Allerdings,&#8221; nickte Vater Richthoff, &#8222;Onkel Bernhard
-Thiele, Gutsbesitzer auf Gstow, Kreis Regenwalde in
-Pommern.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ach, der! Dein Stiefbruder! Was ist's mit ihm?&#8221;
-Elli war glcklich, da das de Einerlei der Mahlzeiten
-durch einen neuen Unterhaltungsstoff sich fr einen Augenblick
-aufhellte. Das leidlich muntere, vterliche Gesicht<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[S. 309]</a></span>
-entzndete leise ihre alte, ausgelassene Laune. &#8222;Hat er
-wieder Familienzuwachs bekommen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das gerade nicht, Naseweis!&#8221; erwiderte der Geheimrat.
-&#8222;Aber er ldt euch ein.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ldt uns ein? Nach Pommern? Auf sein Gut?
-Wen &mdash; uns? Fr wann?&#8221; Es war so verlockend fr Elli,
-einmal wieder drei, vier Fragen auf einmal losfeuern zu
-knnen.</p>
-
-<p>&#8222;Onkel Thiele ldt dich und Marga ein, ihn jetzt fr
-einige Wochen auf Gstow zu besuchen!&#8221; erklrte der alte
-Herr klar und bndig.</p>
-
-<p>Elli blieb der Bissen im Hals stecken. Kthe ri die
-braunen Augen unglubig auf. Sie wollte schon den Mund
-ffnen, als ein Blick Vater Richthoffs ihr die richtige Fhrte
-gab. Sie nickte verstndnisvoll. Auch Elli begriff schnell,
-da hier etwas Gutes im Werk sei. Marga selbst sa
-teilnahmlos dabei, als htte sie nichts gehrt und verstanden.</p>
-
-<p>&#8222;Lest mal selbst!&#8221; Richthoff reichte Onkel Thieles
-Brief Kthe ber den Kaffeetisch. Elli beugte sich voll
-Neugier mit darber. Zu zweien entzifferten sie die
-massiven Zeilen.</p>
-
-<p>&#8222;Na, mein Mdchen, wie denkst du ber die Einladung?&#8221;
-wandte sich der Geheimrat inzwischen an Marga, seine
-Hand zrtlich auf die ihre legend.</p>
-
-<p>Margas Augen kehrten aus der leeren Weite, in der
-sie erstarrt waren, langsam und fragend zurck. &#8222;ber die
-Einladung?&#8221; wiederholte sie. &#8222;Ach so &mdash; ihr sprecht von
-Thieles in Pommern. Wen hat er denn eingeladen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aufmerksamkeit schlecht!&#8221; scherzte der alte Herr.
-Er erklrte ihr nochmals ausfhrlich, um was es sich<span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[S. 310]</a></span>
-handelte. &#8222;Ich mchte, da ihr, du und Elli, den Thieles
-die Freude macht!&#8221; setzte er aufmunternd hinzu.</p>
-
-<p>&#8222;Denk' mal an, Margakind! Nein, das ist zum Totschieen!&#8221;
-Elli lachte so laut und herzlich, wie es seit
-Wochen im Haus am Wenzelsberg nicht erhrt war. &#8222;Die
-halten uns fr zwei Jungens! Fr zwei Vettern!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja &mdash; den Irrtum mu ich Onkel Bernhard noch
-nehmen. Die Enttuschung knnte zu gro sein,&#8221; bemerkte
-Vater Richthoff vergngt.</p>
-
-<p>&#8222;Aber nein! Gerade nicht! Das darfst du keinesfalls,
-Papa!&#8221; rief Elli. &#8222;Malt euch mal aus &mdash; pa auf, Margakind!
-&mdash; Die stehen auf ihrem Bahnhof, so ihre zehn Kpfe
-hoch: Onkel, Tante, acht, neun Mdels &mdash; alle blond wie
-Hafer und dick und rot wie Rosenpfel! Der Zug, so'n
-rechtes Bimmelbhnchen &mdash; Blumenpflcken whrend der
-Fahrt verboten! &mdash;, braust heran. Sie recken ihre Hlse.
-Sie suchen die Wagen ab. Wo zum Kuckuck sind die Richthoffschen
-Jungens?! Und der Zug fhrt wieder ab. Auf
-dem Bahnsteig stehen nur zwei Mdels. Marga und ich!
-Und empfehlen sich zur geneigten Ansicht! Denkt euch,
-die Gesichter!&#8221; Elli schttelte sich vor Wonne. Auch der
-alte Herr schmunzelte, und Kthe lchelte ber Ellis
-blhende Phantasie. Nur Marga rhrte sich nicht. Ellis
-Lustigkeit reichte nicht an ihre verschollene Seele.</p>
-
-<p>&#8222;Und wann sollten wir denn dorthin kommen?&#8221;
-fragte sie schleppend, ohne da ihre Stimme ein nheres
-Interesse verriet.</p>
-
-<p>&#8222;Sobald ihr wollt!&#8221; erklrte Richthoff. &#8222;Die Jahreszeit
-ist ja nicht die rechte. Ihr mt euch fr den norddeutschen
-Winter einrichten. Da oben ist's kalt. Gerade gut, um sich
-mal tchtig auszulften. Das wird dir guttun, Marga!<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[S. 311]</a></span>
-Andere Menschen, anderes Leben. Ein bichen Zerstreuung
-&mdash; verstehst du, Kind?&#8221; Er beugte sich zu ihr vor.
-Nur behutsam wollte er an die Absicht rhren, die er mit
-dieser Reise fr sie verband. Das brige setzte die Vertraulichkeit
-hinzu, mit der er ihr auf den Arm klopfte.
-&#8222;Also ausgemacht! Ihr reist je eher, je lieber!&#8221; Er erhob
-sich erleichtert und ging mit seiner Zeitung nach oben.
-Ein Wink verstndigte Kthe und Elli, Marga zuzureden
-und etwaige Bedenken zu zerstreuen.</p>
-
-<p>Zu jeder anderen Zeit htte die unerwartete Reiseaussicht
-in weite Ferne, die verblffende Gromut des
-sonst so gestrengen und <span class="antiqua">in pecuniis</span> genauen Papa Richthoff
-unter der Bande wie eine Bombe eingeschlagen. Dermalen
-war die Freude natrlich gedmpft, die Verwunderung
-zurckgedrngt. Aber es war doch, als htte man
-in dem verdumpften Haus irgendwo ein Fenster aufgerissen:
-ein frischer Luftzug, ein schrger, dnner Sonnenstrahl
-schlpfte herein.</p>
-
-<p>Kthe fand etwas von ihrer altklugen Weisheit wieder.
-Was sie ber Margas von ihr vorausgesagtes Unglck
-empfand, eine wenn auch schmerzliche Genugtuung, hatte
-sie taktvoll nur ihrem Tagebuch anvertraut. Dafr erging
-sie sich jetzt in trefflichen Aussprchen ber die Wunder,
-die eine Ortsvernderung an einem beschwerten Menschenherzen
-immer tue, und sorgte nebenher mtterlich fr
-die beiden Kleinen, denen sie die Reise nach Norden ehrlich
-gnnte.</p>
-
-<p>Elli aber regte und tummelte sich in dem lang entbehrten,
-schmchtigen Sonnenschein wie ein Ktzchen, das
-sich auf gut Wetter putzt. In einem allmhlichen Crescendo,
-das ihrem Temperament nicht ganz leicht wurde, aber<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[S. 312]</a></span>
-Margas Zustand bercksichtigte, lie sie ihrem Optimismus
-die Zgel schieen. Ihre umtriebige Natur sah sich
-jetzt wieder einer handgreiflichen Aufgabe gegenber:
-sie konnte nun mal Marga in ihre alleinige Behandlung
-nehmen. Eine richtige Kur hatte sie mit ihr vor. Wie
-man drres, vertrocknetes Land frs erste tchtig unter
-Wasser setzt, so wollte sie Marga unter Freude setzen.
-Sollte es ntig sein: sie wollte nicht nur das Rittergut
-Gstow mit Onkel und Tante Thiele samt den unzhlbaren
-Cousinen, sondern ganz Preuisch-Pommern auf den
-Kopf stellen. Mit den Vorbereitungen zu diesen Grotaten
-begann sie sachte schon jetzt. Sie lie Marga keinen
-Augenblick allein. Unausgesetzt umflatterte sie sie, unterhaltsam
-und wachsam zugleich. Ihre Plappermaschine,
-durch die Kmmernisse der letzten Wochen dem Verrosten
-nahe, kam neugelt in neuen Gang. Auer dem Gutsleben,
-das ihre Phantasie mit Jagdabenteuern, Segelfahrten
-an der nahen Kste, berlandpartien in Kutsche
-und Schlitten zu mrchenhaften Tanzbllen ausschmckte,
-war es besonders Berlin, die Reichshauptstadt, die sie vor
-Marga in feenhafter Glorie aufsteigen lie. Sie muten
-nmlich in Berlin Station machen. An einem Tag war
-Gut Gstow nicht zu gewinnen. Papa hatte an einen
-befreundeten Kollegen geschrieben, wo sie einquartiert
-werden konnten. Aus dem einen Rasttag lie Elli drei
-bis vier werden. Man konnte doch so 'ne Gelegenheit,
-mal was Rechtes zu sehen, nicht ungenutzt vorbeilassen.
-Das mute auch Papa einsehen. Nicht schon jetzt, aber
-im geeigneten Moment, wenn man ihm eine entzckte
-Karte schrieb, die alles erklrte. Und nach Gstow depeschierte
-man &mdash; Elli depeschierte in der Einbildung fter<span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[S. 313]</a></span>
-als alle europischen Kabinette &mdash; und bat um Frist.
-Dann &mdash; oh, es war unbeschreiblich, in welchen Strudel
-von Genssen man sich dann strzte! Strzte mit der
-grausigen Andacht, die die Weltstadt dem jungen, unverdorbenen
-Mdchengemt Ellis einflte &mdash; schon aus
-der Ferne. Theatervorstellungen, philharmonische Konzerte,
-Zoologischer Garten, Kaiser sehen, Warenhausbummel,
-Unter den Linden, Friedrichstrae, Potsdam,
-Sanssouci, Hochbahn und Untergrundbahn, das drehte
-sich und prasselte wie ebenso viele Feuerrder durch die
-Luft.</p>
-
-<p>Mit den Erfolgen ihrer Lustkur mute sich Elli allerdings
-einstweilen sehr bescheiden. Im Anfang verhielt sich
-Marga vollstndig gleichgltig. Wie eine blasse Wand,
-auf die man die buntesten Bilder der Wunderlaterne geworfen
-hat, war sie nachher so stumm und leblos wie vorher.
-Sie half, soweit es in ihren Krften stand, beim
-Einpacken. Mechanisch erwiderte sie die Fragen, deren
-Antworten man ihr in den Mund legte. Sie war mit
-keinem Gefhl bei dieser Reise. Es war nicht einmal sicher,
-ob sie hrte, was Elli unermdlich deklamierte. Trotzdem
-stellte diese mit der Zeit winzige Triumphe ihrer Methode
-fest. Wenn es nur ein Kopfschtteln oder Kopfnicken war,
-das sie erzielte, verzeichnete sie schon einen Fortschritt.
-Und als es ihr gar gelang, den Tag vor der Abreise durch
-eine bis dahin nicht dagewesene Brillantvorfhrung von
-Berliner Genssen Marga ein Lcheln &mdash; nicht zu entlocken,
-sondern schon mehr zu entreien, lief sie erst in die
-Kche, wo gerade Kthe eine se Speise bereitete, und
-dann strmte sie, alles Herkommen auer acht lassend,
-in Vater Richthoffs Arbeitszimmer, so blitzgewaltig, da<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[S. 314]</a></span>
-der alte Herr entsetzt von seiner Kaisergeschichte in die
-Hhe fuhr.</p>
-
-<p>&#8222;Marga hat gelchelt! Marga hat richtig gelchelt!
-Beinahe gelacht!&#8221; verkndete sie schallend.</p>
-
-<p>Ehe der Geheimrat sich fassen und sie ausschelten
-konnte, war sie wie die Windsbraut wieder drauen.
-Er schttelte verwirrt den Kopf. Das Ereignis stand in
-keiner Beziehung und keinem Grenverhltnis zu den
-Germanenkmpfen, die das rmische Weltreich erschtterten.
-Aber bemerkenswert war es schlielich doch. Sehr
-sogar. Und der alte Herr lchelte hinterdrein auch.</p>
-
-<p>Am Nachmittag desselben letzten Tages vor der Berlin-Gstower
-Novemberreise trat eine kurze Ebbe ein. Es
-war gepackt. Die allerntigsten Besprechungen konnten
-noch beim Abendbrot erfolgen. Zwischendrin mute nach
-Ellis Ansicht noch etwas unternommen werden. Damit
-einem die Zeit nicht zu lang wurde. Sie schlug Marga
-einen Stadtbummel vor. So zum Abschied von dem
-guten, alten Nest, das einem schon jetzt furchtbar klein
-und provinzmig vorkam.</p>
-
-<p>Marga war meist schwer zum Spazierengehen zu bewegen.
-Sie fhlte sich, wenn sie sich berhaupt wohl
-fhlte, zu Hause noch am besten. Diesmal willigte sie
-berraschenderweise sofort ein, und Elli verzeichnete den
-zweiten kolossalen Fortschritt des Tages.</p>
-
-<p>Es war ein khler, selten klarer Sptherbsttag. Die
-Sonne schien rotgolden und wehmtig aus dem halb
-klaren, halb federwolkigen Himmel. Der Wind pfiff scharf
-um die Straenecken. Fest und schtzend drckte sich Elli
-an Marga. Auf der Brcke blies es ganz toll aus Osten.
-Fast flogen die Hte mit auf. Der Flu schumte ungebrdig.<span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[S. 315]</a></span>
-Eben rasselte ein Kettendampfer unter der
-Brcke durch. Die Pfeife schrie mrrisch in den Wind
-hinein, und dann legte er sein Dampfrohr nieder, um
-durch den Brckenbogen zu kommen. Die bewimpelten
-Lastkhne, mit rotem Sandstein befrachtet, schaukelten
-in endloser Reihe hinter ihm drein.</p>
-
-<p>Die Leute blieben trotz des Windes einen Augenblick
-stehen und warfen einen Blick ber das Gelnder. Auch
-Elli hielt eine Sekunde an und schaute hinunter.</p>
-
-<p>&#8222;Was gibt's denn?&#8221; fragte Marga. Fern wie sie war,
-wute sie sich Stillstand und Gerusch nicht gleich zu erklren.</p>
-
-<p>&#8222;Blo der Kettendampfer. Komm!&#8221; Schon ging Elli
-weiter.</p>
-
-<p>&#8222;Wo kommt er denn her?&#8221; fragte sie mit einer ungewhnlichen
-Bewegung der sonst so eintnigen Stimme.</p>
-
-<p>&#8222;Wer? Ach so, der Dampfer! Vom Tal herunter.&#8221;</p>
-
-<p>Sie gingen weiter. Margas Schritt war schleppend
-geworden.</p>
-
-<p>Elli schaute ihr ins Gesicht. Mit Staunen sah sie, wie
-in ihren Zgen eine auerordentliche Erregung arbeitete.
-Der kleine, unbedeutende Vorgang &mdash; der alltglichste fast,
-der sich denken lie &mdash; schien ein Zittern in ihre erstorbene
-Seele zu bringen. Eine Erinnerung schaffte in ihr. Auf
-der Sgemhle hatten sie so manchmal vom Garten aus
-den Lastschiffen zugeschaut. Vielmehr Marga hatte hinausgehorcht
-auf das Rasseln und Pltschern, und Elli
-mute ihr die Khne zhlen.</p>
-
-<p>Elli erriet nur unklar, was sie beschftigte. Instinktiv
-lenkte sie jedoch das Gesprch ab. Sie erzhlte ihr von
-neuen Villen in der Vorstadt. Zu ihrer Beruhigung<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[S. 316]</a></span>
-war die Erregung in Margas Antlitz bald wieder geschwunden.</p>
-
-<p>Drben ber der Brcke &mdash; sie wollten gerade noch
-ein paar Schritte die Neustdter Hauptstrae hinaufschlendern
-&mdash; liefen die Schwestern durch einen Zufall Cousine
-Grasvogel in die Hnde. Natrlich wute sie schon von
-der Reise der lieben Kinder. Es gab einen unausweichlichen
-Schwatz, einen Regen von Fragen, die Elli beantworten
-mute. Die Grasvogels waren nmlich mit den
-Thieles auf Gstow, und zwar doppelt, verwandt. Die
-Richthoffs und die Thieles, der Geheimrat und der Gutsbesitzer
-waren die gesellschaftlichen Leuchten, in deren
-Glanz sich Cousine Grasvogels armes Altjungfernherz vor
-der Mitwelt und sich selber sonnte. Es gab da Gre und
-Gott wei was zu bestellen.</p>
-
-<p>&#8222;Wie habt ihr's gut, da ihr noch einmal in die Nachsommerfrische
-drft!&#8221; meinte sie begeistert.</p>
-
-<p>Nachsommerfrische war eine Wendung, die Elli um
-Margas willen unliebsam drohend fand. &#8222;Ja, Papa ist
-sehr gut. Entschuldige brigens! Wir haben noch schrecklich
-viel zu tun und zu besorgen!&#8221; Mit geschftiger Hast
-suchte sie sich von Frulein Grasvogel loszuringen.</p>
-
-<p>Doch die witterte mit dem sicheren Sinn der gereiften
-Weiblichkeit schon lnger zwischen Sommerfrische und
-Nachsommerfrische interessante Zwischenflle oder bergnge.
-Ellis Hand lie sie los, aber dafr hielt sie
-die Margas um so fester. &#8222;Die Sgemhle ist euch
-aber auch gut bekommen, nicht wahr, Marga?&#8221; fltete
-sie weiter.</p>
-
-<p>Elli gewahrte mit Sorge, da das Wort Sgemhle,
-das daheim verpnt war, in Margas Mienen dieselbe Unruhe<span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[S. 317]</a></span>
-hervorbrachte wie zuvor auf der Brcke der harmlose
-Kettendampfer.</p>
-
-<p>&#8222;Ausgezeichnet!&#8221; antwortete sie, lauter als ntig, an
-Margas Stelle. &#8222;Entschuldige nur, wir mssen &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Natrlich, ihr habt's eilig!&#8221; versicherte Cousine Grasvogel
-durchaus verstndnisvoll, aber ohne locker zu lassen.
-&#8222;Was mir gerade einfllt &mdash; ihr werdet gewi verwundert
-&mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Gar nicht! Gar nicht!&#8221; rief Elli. Sie wute nicht
-warum, aber sie ahnte, da die gute Cousine noch mehr
-Unheil anrichten wollte, und strebte, Marga am Arm
-zerrend, entschieden davon.</p>
-
-<p>&#8222;Ach &mdash; ihr wit's am Ende schon lange! Nicht? Ich
-meine, da der liebenswrdige, nette Doktor &mdash; wie heit
-er doch? &mdash; Doktor Perthes &mdash; er war doch mal bei euch
-auf der Sgemhle, nicht? oder fter &mdash; und auf dem
-reizenden Gartenfest im Juni, nicht? &mdash; da er sich mit
-Alice Hupfeld verlobt hat? Vorgestern erfuhr ich's von &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Elli hatte Marga mit Gewalt fortreien wollen. Aber
-seit der Name Perthes gefallen war, stand sie steif, schwer,
-unbeweglich. Und als die fr beide niederschmetternde
-Neuigkeit heraus war, stand auch Elli einen Moment, wie
-vom Schlag gerhrt, kreidebleich.</p>
-
-<p>Cousine Grasvogel, die es nicht bs meinte, stockte in
-ihrem Redeflu, selber bestrzt und sprachlos ber die Wirkung
-ihrer Mitteilung.</p>
-
-<p>In der nchsten Minute ri Elli Marga mit einem halb
-wtenden, halb schmerzlichen Aufschrei herum und lief mit
-ihr, so schnell sie konnte, heimwrts davon.</p>
-
-<p>Marga selbst folgte willig und wortlos. Der Zufall
-wollte, da sie fast an derselben Stelle, wo ihr einst Kthe<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[S. 318]</a></span>
-ber Perthes' Liebelei mit Hilde Knig eine erste Andeutung
-gemacht, diesen tiefen, ber alles Verstehen
-schmerzhaften Streich empfing. Das dumpfe, erregte
-Arbeiten in ihren Zgen war in ein fast konvulsivisches
-Zucken bergegangen. Ihre erstorbene Seele erwachte
-aus der bleiernen Erstarrung von Wochen. Das Blut stieg
-und fiel in ihren Wangen mit heien, beklemmenden
-Wellen.</p>
-
-<p>&#8222;Ich glaube, wir sollten besser mit der Elektrischen
-fahren!&#8221; stie sie, nach Atem ringend, pltzlich hervor.</p>
-
-<p>&#8222;Natrlich, Margakind!&#8221; Elli hatte die nchste
-Haltestelle erspht. Sie half Marga in den Wagen und
-schmiegte sich drinnen dicht an sie. Sprechen konnte
-sie nicht.</p>
-
-<p>Von der Station hinter dem Bahnhof erreichten sie
-schnell das Haus am Wenzelsberg. Noch zu rechter Zeit.</p>
-
-<p>Ein furchtbarer, herzbrechender, den Krper schttelnder
-Weinkrampf kam ber Marga. Wehrlos mute sie
-sich dem Schmerz berlassen, und ihr lautes Schluchzen
-erfllte vom Flur das Haus. Therese, Kthe, der alte
-Herr strzten herbei.</p>
-
-<p>Noch nicht eine halbe Stunde spter lag Marga mit
-hohem Fieber zu Bett.</p>
-
-<p>In der Nacht wurde sie bewutlos und redete irre.
-Alice, Perthes, die Sgemhle, der rasselnde Schleppdampfer
-zermarterten in wirrer, grauser Jagd ihr Hirn.</p>
-
-<p>Geismar wurde gerufen. Er konnte noch kein bndiges
-Urteil geben, uerte sich aber sehr besorgt.</p>
-
-<p>Am Morgen konstatierte er ein Nervenfieber.</p>
-
-<p>Marga reiste statt zu Thieles auf Gstow weiter, viel
-weiter. Bis an die Grenze zwischen Leben und Tod ...</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-<h2><span class="pagenum pagenumh2"><a name="Page_319" id="Page_319">[S. 319]</a></span><a name="c13" id="c13">13</a></h2>
-
-
-<p>Als Doktor Markwaldt, der ehemalige Kollege am
-Bakteriologischen Institut, die Kunde von Perthes' Verlobung
-mit Frulein Exzellenz erhielt, da meinte er zu
-dem berbringer, einem der Volontrrzte der Chirurgischen
-Klinik: &#8222;Da haben wir's ja! Genau, wie ich's voraussah!&#8221;
-Im Grunde seines Herzens aber war er verblfft.
-Noch verblffter aber war er, als er statt einer
-gedruckten Anzeige folgende Zeilen erhielt:</p>
-
-<p class="p1">
-Lieber Markwaldt!<br />
-</p>
-
-<p>Sie haben, wie Sie mir gelegentlich gestanden, immer
-geschwankt, ob ich ein Faulpelz oder ein Streber sei. Ich
-habe mich mit Frulein Alice Hupfeld verlobt. Ich denke,
-das wird Ihrem Schwanken ein Ende machen.</p>
-
-<p>
-Gru Ihr Perthes.<br />
-</p>
-
-<p class="p1">Zum mindesten eine originelle Art, sich selber zu denunzieren,
-dachte Markwaldt kopfschttelnd. Als er seinerzeit
-am Klinikerabend, auf dunkle Gerchte hin, Perthes aufgezogen
-und sich eine so erregte Abfuhr geholt hatte, war
-er nur aggressiv gewesen, um dem &#8222;Unergrndlichen&#8221; einmal
-auf den Zahn zu fhlen. Er wute, da Perthes zum
-Richthoffschen Hause in naher Beziehung stand, und glaubte
-nicht im Ernst an eine Verbindung mit Hupfelds. Jetzt,
-wo sie doch pltzlich Wahrheit geworden war, schien ihm
-die Sache nicht ganz behaglich, und er rsonierte, menschenfreundlich
-wie er war: &#8222;Wenn sich der Junge nur nicht
-in die Nesseln gesetzt hat! Er bleibt ein verdrehtes Huhn!&#8221;
-Aber er bewunderte doch den Tiefblick Professor Hammanns,
-seines Chefs. Der hatte zuerst ber Perthes das ahnungsvolle<span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[S. 320]</a></span>
-Wort &#8222;Heiratspolitiker&#8221; fallen lassen. Nur so <span class="antiqua">en
-passant</span> und als Vermutung. In Markwaldts Augen war
-er durch diese Probe weltmnnischer Menschenkenntnis
-hoch in der Achtung gestiegen, und der Assistent benutzte
-die nchste Gelegenheit, vor ihm seine Bewunderung auszudrcken.</p>
-
-<p>Seltsamerweise nahm Professor Hammann dieses Kompliment
-mit mehr als oberflchlichem Dank auf. Der gutmtig-klatschschtige
-Markwaldt, der sich selber so findig
-vorkam und doch immer an der rechten Fhrte vorbeilief,
-konnte nicht wissen, da er seinem Chef mit seiner Anerkennung
-nur eine gemischte Freude bereitete.</p>
-
-<p>Denn Ludolf Hammann, um es vorweg zu sagen, trug
-sich seit einiger Zeit selbst mit heiratspolitischen Absichten.
-Da er, der freiheitliebende Junggeselle, dessen Herz fr
-den Sport, dann fr sich und erst in letzter Linie fr die
-Frauen schlug, dabei mehr der Not als der Neigung gehorchte,
-lag nahe. Fr Alice Hupfeld hatte er vor Jahren
-mal so etwas wie eine Neigung zu empfinden geglaubt.
-Bei nherer Bekanntschaft mit ihren gegenseitigen Charakteren
-muten sie sich beide &#8222;fr den Ernst der Ehe
-ungeeignet&#8221; finden. Sie lachten sich also auseinander und
-blieben gute Freunde. Wenn der patente, wissenschaftliche
-Amateur und Zufallsgelehrte, der er war, jetzt ernstlich
-daran dachte, seine Unabhngigkeit dranzugeben, so
-mute sie von anderer Seite bedroht sein. Seine Vermgensverhltnisse
-hatten denn auch &mdash; was auer ihm
-niemand wute &mdash; in aller Stille einen schweren Sto
-erlitten. Das Kapital, das ihn unabhngig machte, steckte
-zum grten Teil in der Bank eines fr unbedingt sicher
-geltenden Onkels in den Rheinlanden. Diese Bank kmpfte<span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[S. 321]</a></span>
-mit der Liquidation. Hammann sah sich mit einem Schlag
-vor sehr betrchtlichen Verlusten und damit vor der Gefahr,
-seine wohlige Lebensweise in unerhrtem Ma einschrnken
-zu mssen. Kein Wunder, da er auf einen
-Ausweg sann, der das geringere bel bedeutete, und &mdash;
-<span class="antiqua">horribile dictu</span> &mdash; sich nach einer reichen Partie umsah.</p>
-
-<p>Die akademischen Kreise der kleinen Universittsstadt
-zerfielen, von Hammann aus gesehen, in der Hauptsache
-in ein modernes und ein rckstndiges Lager.</p>
-
-<p>Das rckstndige Lager kam fr ihn nicht in Betracht.
-Rckstndig waren die Professoren, denen die Gelehrsamkeit
-wie in alten Tagen ein vornehmer Selbstzweck blieb.
-Es waren die Leute, die er meist nicht einmal mit ihrem
-richtigen Namen kannte, alte Herren wie Vater Richthoff,
-Wilmanns und Borngrber. Jedoch nicht nur Philosophen,
-sondern auch vereinzelte Juristen, Mediziner, wie Geheimrat
-Geismar, und Theologen, von denen gar nicht zu reden
-war. Da unter allerhand Schrullen in dieser, wie es
-schien, aussterbenden Kategorie von Hochschullehrern der
-beste Kern von Gediegenheit und berechtigtem Gelehrtenstolz
-steckte, war fr Hammann uninteressant und nebenschlich.</p>
-
-<p>Wichtiger, allein wichtig war fr ihn die zweite Gruppe,
-die neben der ersten allmhlich als neue und moderne
-akademische Gesellschaft herangewachsen war. Zuerst und
-vornehmlich rekrutierte sich diese aus den Fakultten, die
-wie die naturwissenschaftliche und medizinische dem praktischen
-Leben der Gegenwart nher standen als ihre selbstloseren
-Kollegen. Den Akademikern dieses Schlages war
-ein grozgiger Hang zum Kapitalismus eigen. Sie hielten
-die Legende vom Selbstzweck der Wissenschaft um des<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[S. 322]</a></span>
-guten Scheines willen aufrecht, aber verstanden sie zeitgemer,
-also kaufmnnischer. Der typische Reprsentant
-der neuen Gattung war Exzellenz Hupfeld. Leute wie
-Hammann, zahlreiche Kollegen aus den brigen Fakultten
-stellten den Chorus. Man wollte nicht mehr nur
-forschen und lehren, sondern im weitesten Sinne des Wortes
-auch leben. Alte Huser, wie das am Wenzelsberg, mit
-steilen Weinbergen und Schnecken darin, verwunschene
-Butiken wie Borngrbers efeuumranktes Landhuschen
-paten nicht zu solchen Anschauungen. Gelehrsamkeit war
-etwas sehr Schnes, aber eine pompse Villa im Villenviertel,
-ein altes Damenstift im Tal, kostspielige Liebhabereien,
-ein Automobil, Dienerschaft &mdash; kurzum, Luxus war
-mindestens ebenso schn. Mit so vorgeschrittener Auffassung
-war aber auch die Exklusivitt des Akademikers,
-die ihn bisher nicht nur aus Dnkel, sondern aus geistigem
-Unabhngigkeits- und Selbsterhaltungstrieb von anderen
-Stnden sonderte, im alten Sinne nicht aufrechtzuerhalten.
-Die moderne Hochschulgesellschaft erschlo sich denn auch
-naturgem Elementen, die man frher hatte abseits stehen
-lassen. Um sich nichts zu vergeben, erweiterte man die
-Grenze nicht nach unten, sondern nach oben. Nach oben
-freilich im wirtschaftlichen und altstndischen Sinne, nicht
-im geistigen, wo ein soziales Oben und Unten nicht zu
-finden war.</p>
-
-<p>Auf dieser Verschiebung der gesellschaftlichen Grenze
-nach oben beruhte seit einiger Zeit im Kreise derer um
-Hupfeld der Einflu des Grafen oder besser der Grfin
-Hningen.</p>
-
-<p>Der Graf, in sehr naher, aber nicht ganz legitimer
-Beziehung zu einem regierenden Hause stehend, hatte sein<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[S. 323]</a></span>
-Domizil seit etwa anderthalb Jahren in einem kleinen
-Palais der Altstadt, wo im Anfang des vorigen Jahrhunderts
-eine Prinzessin ihre Witwenjahre vertrauert hatte.
-Nach reichlich bewegtem Leben als Gardeoffizier und
-spterer Attach in Konstantinopel und anderwrts waren
-jetzt seine Interessen in einer ausschlielichen Liebe fr
-Wappenkunst nahezu erstarrt. Man sah ihn fast nie, und
-dann nur mit der gewichtigen Miene eines von der Arbeit
-gebeugten Forschers, dem das Monokel und der Schleppschritt
-als berbleibsel vergangener Tage seltsam unharmonisch
-anhafteten. Die Grfin dagegen, aus der steinreichen
-Familie eines ostdeutschen Groindustriellen stammend,
-von mtterlicher Seite Amerikanerin, war trotz ihrer
-fnfundvierzig oder mehr Jahre noch immer eine beinahe
-jugendliche Erscheinung. Stattlich, sehr gewhlt in ihrem
-Geschmack, gewandt und geistreich in ihrem Auftreten,
-hatte sie sich berraschend schnell in der vorgeschrittenen
-akademischen Gesellschaft zu einer tonangebenden Stellung
-emporgeschwungen, die ihr allerdings die &#8222;Rckstndigen&#8221;
-nicht eingerumt htten. Mehr und mehr bildete sie mit
-Exzellenz eine Doppelsonne, und Hupfeld, dessen Frau
-zur Reprsentation wenig geschaffen war, lie sich die
-Teilung seiner Gewalt gefallen, da die Grfin es verstand,
-dem groen Manne zu schmeicheln. In ihrem Geleit,
-man konnte auch sagen, in ihrem Schatten, trat ihre Tochter
-Edith in die Gesellschaft. Sie hatte von der Mutter ein
-sehr hbsches Gesicht, vom Vater eine Indolenz und geistige
-Armut geerbt, die der Beweglichkeit der Mutter als Folie
-diente. In sachlicher Wrdigung aller Umstnde widmete
-sich Professor Hammann als ziemlich einziger Verehrer
-der gutmtig-beschrnkten Komtesse Edith.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[S. 324]</a></span>
-
-Whrend Hammann mit seinen heiratspolitischen Absichten
-sich in einer durchaus vertrauten Sphre bewegen
-konnte, mute Perthes, der mit beiden Fen von einem
-Lager ins andere gesprungen war, aus der einfachen Behaglichkeit
-des Richthoffschen Hauses in die ppige, groe
-Welt der Hupfeld und Hningen, sich an die neue Umgebung
-erst gewhnen. Doch das ging frs erste berraschend
-gut und leicht. Dem glcklichen Brutigam zeigte
-sich das vernderte Dasein einstweilen nur von der angenehmsten
-Seite. Nach der Bekanntmachung der Verlobung
-begann ein wahrhaft verteufelter Reigen von
-Besuchen und Einladungen, von liebenswrdigen Familienfesten,
-Aussteuerkufen und Zukunftsberatungen.
-Es gab Tage, an denen er und Alice kaum einen
-Moment erhaschten, um hinter irgendeiner Flgeltr
-der weiten, berladenen Zwlfzimmeretage, die Hupfelds
-im Winter in der Stadt bewohnten, sich die Lippen
-wund zu kssen. Aber gerade die seltene Mglichkeit, sich
-allein zu haben, die Atemlosigkeit eines immerwhrenden
-Taumels, der sie auseinanderri und nur eben zwischen
-Tr und Angel den Vorgeschmack einer tollen Verliebtheit
-kosten lie, erhhte fr ihn und Alice den Reiz. Diese
-vergngliche Jagd war wie geschaffen, um sie ihm immer
-neu, immer lockend als das verfhrerische Irrlicht zu zeigen,
-das er begehrte, und auch ihr die Freude an ihrem &#8222;Ruberhauptmann&#8221;,
-wie sie ihn endgltig getauft hatte, in der
-rechten Spannung zu erhalten. Die Bewutheit, mit der
-Perthes sich in den Wahn auch dieses so ganz anders
-gearteten Glckes hineingepeitscht hatte, schien schneller,
-als er erwartet, in die Illusion vlliger Befriedigung berzugehen.
-Er konnte tagelang vergessen, mit welcher<span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325">[S. 325]</a></span>
-dmonischen, ja zynischen Gewaltsamkeit er die Verlobung
-mit Alice angestrebt und herbeigefhrt hatte. Wohl konnte
-ihm in einem Moment der Selbstbesinnung einmal die
-Frage auftauchen, ob es mit rechten Dingen zuging, da
-er mit solcher Geschwindigkeit zum Oberflchlichen und
-Mittelmigen &#8222;genas&#8221;. Aber derartige Momente waren
-selten, und er tat, was er vermochte, um sie noch seltener
-zu machen.</p>
-
-<p>Die Hochzeit war auf Mitte Januar festgesetzt.</p>
-
-<p>Ein einziges Mal, in den geruschvollen Brutigamswochen
-vor Weihnachten, wurde Perthes von einem ernstlichen
-Rckfall bedroht. Es war an einem Sonntagmittag.
-Das intime Familiendiner bei Hupfelds war um ein paar
-Gedecke erweitert worden. Unter anderem war ein frherer
-Schulfreund von Leutnant Moritz, ein junger Assistenzarzt
-der Inneren Klinik, zu Tisch geladen. Perthes unterhielt
-sich gerade mit Alice ber die unmittelbar bevorstehende
-Verlobung von Professor Hammann und Edith Hningen.
-Da machte ihn eine uerung des gegenbersitzenden
-Kollegen aufhorchen. Dieser sprach mit seiner Tischnachbarin,
-einer Studentin der Medizin, zwei Worte ber einen
-schweren Fall von Nervenfieber in seiner Klinik und nannte
-zufllig den Namen eines Frulein Richthoff. Perthes
-erblate und lie seine Gabel ziemlich laut auf den Teller
-klirren. Er hatte sich jeder Erkundigung nach Marga, so
-schwer es ihm bisweilen wurde, streng enthalten. Der neue
-Kreis, in dem er jetzt ausschlielich verkehrte, berhrte sich
-kaum mit dem frheren, so da ihm keine Nachrichten von
-drben zukamen. Nun traf ihn diese Kunde, die er instinktiv
-auf Marga bezog, mit voller Wucht. Er mute sich
-beherrschen, um bei Tisch bleiben zu knnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326">[S. 326]</a></span>
-
-Alice war die einzige, die seiner Bewegung Beachtung
-geschenkt hatte. Neugierig sah sie in sein durch die Aufregung
-verndertes Gesicht. Sie hatte den Namen Richthoff
-so gut gehrt wie er. Sie wute, da zwischen ihm und
-den Richthoffschen Mdchen irgend ein Zusammenhang
-bestanden hatte, war aber, wie es so geht, immer wieder
-von einer Frage abgedrngt worden. Jetzt htte sie gern
-ihre Neugierde befriedigt. Doch die Gelegenheit war
-nicht gnstig dafr. Sie beschlo ihn nachher auszufragen.</p>
-
-<p>Gleich nach Aushebung der Tafel verschwand Perthes
-mit einer flchtigen Entschuldigung.</p>
-
-<p>Ohne berlegung, nur seinem Gefhl folgend, eilte
-er auf dem nchsten Weg zur Inneren Klinik.</p>
-
-<p>Dort lie er durch den Pfrtner den Kollegen bitten,
-der den Sonntagnachmittagsdienst hatte. Es war ein
-stiller, argloser, nur seinem Beruf ergebener Mensch.
-Perthes brauchte keine Umschweife zu machen. Er fragte
-also nach Marga Richthoff. Der Assistenzarzt wute sofort
-Bescheid. Mit einer Teilnahme, die verriet, da er
-der jungen, blinden Patientin etwas mehr als das bliche
-Berufsmitgefhl zugewandt hatte, erzhlte er, da am
-Tag vorher die Krisis eingetreten sei. Aller Voraussicht
-nach sei das Fieber gebrochen und die Gefahr berwunden.
-Perthes stellte noch einige fachmnnische Fragen ber den
-Verlauf der Krankheit, bedankte sich und ging davon.</p>
-
-<p>An der Befreiung, die er nach gnstigem Bescheid
-empfand, merkte er, da er eine Wunde besa, die nicht
-aufbrechen durfte. Er gestand es sich nicht, aber er wute,
-da die entgegengesetzte Nachricht ihn vernichtet htte.</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde nachher war er wieder bei Alice.</p>
-
-<p>Sie stellte ihn zur Rede, wo er gewesen, und wollte,<span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327">[S. 327]</a></span>
-als er auswich, auch auf die Frage zurckkommen, die sie
-bei Tisch unterdrckt hatte. Er schlo ihr den Mund mit
-Kssen und lenkte hartnckig ab. Er hatte diesen Rckfall
-abgetan und wollte an nichts mehr erinnert sein.</p>
-
-<p>In den wenigen Tagen, die noch bis Weihnachten brig
-blieben, beschftigten die hundert Fragen von Einrichtung
-und Wohnung das Brautpaar und die Eltern Hupfeld.
-ber die Wohnung gab es eine kleine Meinungsverschiedenheit.
-Exzellenz war der Ansicht, da sein knftiger
-Schwiegersohn sich eine der niedlichen Villen kaufen msse,
-die in der Neustadt tglich wie Pilze aus der Erde schossen.
-Alice hatte das von Anfang an nicht anders erwartet.
-Dagegen hatte Perthes seine Bedenken. Sein eigenes
-kleines Vermgen &mdash; daraus hatte er nie ein Hehl gemacht
-&mdash; war im Lauf seiner Studien und im hufigen
-Wechsel der Stellungen, die sein wiederholtes Umsatteln
-mit sich brachte, so gut wie aufgezehrt. Das Gehalt eines
-ersten Assistenten an der Chirurgischen Klinik, wenn es
-auch nicht schlecht bemessen war, reichte noch nicht einmal
-fr ein einigermaen angenehmes Leben zu zweien, wie
-es Frulein Exzellenz gewhnt war. Dazu mute die
-stattliche Rente mithelfen, die sie als Mitgift bekommen
-sollte: um diese Abhngigkeit konnte Perthes, so sehr sich
-sein Selbstgefhl dagegen strubte, nicht herumkommen.
-Desto fester war er entschlossen, sich dem Geheimen Rat
-nicht noch mehr zu verpflichten. Wovon sollte er aber
-aus eigener Kraft eine Villa kaufen?</p>
-
-<p>Hupfeld lie schon einen Agenten kommen. In Gegenwart
-der ganzen Familie wurden Plne von entzckenden
-Landhusern besichtigt. Eins, das in einer nagelneuen
-Bergstrae fix und fertig stand, fand allgemeinen Beifall.<span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328">[S. 328]</a></span>
-Nach weitlufigen, frhlichen Beratungen ber die Verteilung
-der Zimmer, Gartenanlagen, Wahl der Tapeten
-und so weiter zogen die Damen sich zurck. Der Agent
-machte den Herren seine geschftlichen Vorschlge. Die
-Gesellschaft, die er vertrat, bot glnzende Bedingungen
-bei einer verschwindenden Anzahlung. Auf diese Weise
-wurden im Handumdrehen fast alle Akademiker zu Hausbesitzern
-gemacht. Perthes benahm sich gegenber der
-Verlockung sehr khl und widerstrebend. Exzellenz begriff
-erst nach und nach den Grund. Man verabschiedete den
-Agenten, ohne sich gebunden zu haben, und sprach sich
-offen aus. Hupfeld erklrte mit dem feinen Lcheln des
-wohlwollenden Grandseigneurs die Bedenken von Perthes
-fr sehr ehrenwert, aber nicht stichhaltig. Diese paar tausend
-Mark Anzahlung waren eine Lappalie. Er wollte sie dem
-jungen Paar mit Vergngen zum Geschenk machen. Als
-Perthes sich dagegen mit dankbarer Entschiedenheit wehrte,
-wurde der Geheime Rat ungeduldig, beinahe ungndig. Von
-einer Mietvilla, wie Perthes sie vorschlug, wollte er nichts
-hren. Seine Alli hatte ja nun auch gerade an diesem
-Huschen besonderen Gefallen. Er nannte Perthes, der
-in ein Geschenk durchaus nicht willigen wollte, einen Starrkopf
-und erbot sich, die Summe nur vorzuschieen. Damit
-mute Perthes, wenn auch ungern, sich schlielich zufrieden
-geben.</p>
-
-<p>Weihnachten war da. Die Festtage zu Hause zu feiern,
-war seit einigen Jahren nicht mehr fair. Hupfelds gingen
-gewhnlich fr sechs bis acht Tage nach St. Moritz. Da
-indessen die Hochzeit vor der Tr stand und der Leutnant
-seine ledige Alli auch noch mal genieen wollte, wie er
-aus Freiburg schrieb, whlte man diesmal den nheren<span class="pagenum"><a name="Page_329" id="Page_329">[S. 329]</a></span>
-Feldberg. Im Schwarzwald war viel Schnee gefallen
-Der Wintersport versprach kstliche Feiertage ...</p>
-
-<p>Am Tag vor dem heiligen Abend fuhren die Eltern
-Hupfeld mit Alice. Am ersten Feiertag kam Perthes nach.
-Er fuhr im selben Zug mit der Grfin Hningen, mit
-Hammann und dessen Braut, Komtesse Edith. Aus einem
-Coupfenster dritter Klasse winkte Markwaldt, der in seinem
-Sporthabit wie ein Salontiroler aussah.</p>
-
-<p>Auf dem Feldberg waren Rodelsport und Skilauf in
-vollem Gange. Im Hotel drngte sich eine internationale
-Gesellschaft, in der auch Offiziere, Korpsstudenten, Professoren
-nicht fehlten. Ein Staatssekretr aus Berlin, ein
-siamesischer Prinz, ein amerikanischer Boxcalfmillionr
-bildeten die Zentralgestirne. Alice, die auer Cousine Hilla
-neuerdings Edith Hningen unter ihre Fittiche genommen
-hatte &mdash; um Hammann bei seinen &#8222;Pygmalionsversuchen&#8221;
-zu helfen, wie sie boshaft erklrte &mdash;, war ganz in ihrem
-Element. Whrend Papa Hupfeld sich mit dem Staatssekretr
-auf der Basis gemeinsamer Exzellenz vorzglich
-verstand, lie sie sich von der schlitzugigen Siamesenschnheit
-Schmeicheleien sagen und neckte den Boxcalfmann bis
-aufs Blut.</p>
-
-<p>Perthes, der mitten aus schwerer Arbeit kam, wurde
-es weniger leicht, sich in diesem eigentmlichen Weihnachtstrubel
-wohl zu fhlen. Alice erklrte, ihr Ruberhauptmann
-sei und bleibe zwar der netteste und famoseste Junge
-in dieser internationalen Rarittensammlung, aber er msse
-eiferschtig gemacht werden. Mit ihren Manieren eines
-Gamin, ihren drolligen Bosheiten und Unarten machte
-sie sich Sklaven und Anbeter. Aber Perthes htete sich,
-eiferschtig zu sein. Zum mindesten es zu scheinen. Wenn<span class="pagenum"><a name="Page_330" id="Page_330">[S. 330]</a></span>
-er sie dann glcklich vor sich im Davoser Schlitten hatte,
-mit ihrer engen, weien Jacke und der schiefen Eismtze,
-prete er sie mit jener zornigen Leidenschaftlichkeit an sich,
-die sie so oft in ihm weckte, und sie sausten mit Hojo an
-den verschneiten Tannen vorbei zu Tal ...</p>
-
-<p>Nach Neujahr kam im Eilschritt die Hochzeit. Ein prunkvoller
-Festtag rauschte vorbei: rhrend in der Kirche &mdash;
-denn man hielt auf religisen Anstand &mdash;, lrmend, luxuris
-auf dem in blhenden Sommer verwandelten Stift Nieburg.
-Am Abend ein und desselben Tages, an dem Marga,
-in Tcher und Decken gehllt, von Elli gesttzt, von Vater
-Richthoff und Kthe beaufsichtigt, ihren ersten, minutenlangen
-Gang durch den besonnten Hof am Wenzelsberg
-unternahm, brachte das Automobil Doktor Perthes und
-Frau Alice, geborene Hupfeld, nach der Bahn.</p>
-
-<p>In Sdfrankreich, spter in Neapel flogen dem jungen
-Ehepaar die Wochen der Reise in zeitloser Wonne vorbei.
-Trunken vom Glck einer entzgelten, unerschpflich scheinenden
-Verliebtheit sahen sie einer den anderen im zauberhaften
-Licht immer neuer Reize. Sie dnkten sich andere
-Menschen geworden zu sein mit nie geahnten, unbegrenzten
-Mglichkeiten ihrer selbst und allen Daseins.</p>
-
-<p>Im Februar kamen sie zurck.</p>
-
-<p>Der Geheime Rat holte sie ab und fhrte sie im Triumph
-in das entzckende, ber Erwarten bequem und elegant
-ausgestattete Heim, wo Mama Hupfeld mit unwandelbarer,
-dicker Kindlichkeit sie empfing.</p>
-
-<p>Nachher jagten sie sich wie die Jungens durch ihre
-Zimmer.</p>
-
-<p>Auf der Rckreise waren sie etwas schlaff geworden.
-Ein klein wenig Katerstimmung hatte sich einschleichen<span class="pagenum"><a name="Page_331" id="Page_331">[S. 331]</a></span>
-wollen &mdash; nun die Alltglichkeit vor ihnen, das Auergewhnliche
-hinter ihnen lag.</p>
-
-<p>Jetzt, beim ersten Schmaus zu zweien, im eigenen Nest,
-verkndete Perthes, da es fr ihre Liebe berhaupt keinen
-Alltag gbe, und Alli bekrftigte diese Devise mit ihrem
-hellen, kurzen, aufreizenden Lachen, das sich strker erwiesen
-hatte als alle seine gemtvollen Torheiten aus
-lngst vergangener Zeit.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c14" id="c14">14</a></h2>
-
-
-<p>Der frische Luftzug, der dnne, schrge Sonnenstrahl,
-den Vater Richthoff durch den gutgemeinten pommerschen
-Reiseplan hatte in sein Haus locken knnen &mdash; wie flchtig
-und trgerisch war er gewesen! Wie schnell sollte die
-Hoffnung, die ihn aufatmen und Elli eine ganze Kur ersinnen
-lie, um Marga &#8222;unter Freude zu setzen&#8221;, von verdoppeltem
-Kummer, vervielfachter Sorge verschlungen
-werden! Schicksal und Natur hatten es mit Marga anders
-vor als vterliche Gte und schwesterlicher Feuereifer ...</p>
-
-<p>Trotz aller Weisheit unserer heutigen Medizinmnner
-ist ein seelisches Prinzip der Trger des Lebens. Wenn
-das Leid an seine Wurzel trifft, gilt kein Flicken und
-Kleistern mehr. Allenfalls gibt es ein mdes, seelenloses
-Vegetieren, das der Krper mechanisch fristet, aber kein
-Gesunden zu neuem Menschentum. Die abgestorbene
-Wurzel treibt nicht mehr. Vielleicht birgt das Erdreich,
-dem sie entsprang, eine zweite Lebensmglichkeit. Aber
-dann mte die verkmmerte Wurzel schwinden; es mte
-ein frischer, jungfrulicher Boden zurckbleiben knnen.
-Die Natur, die immer nur Bedingung ist und nicht Grund,<span class="pagenum"><a name="Page_332" id="Page_332">[S. 332]</a></span>
-kann diesen Boden bereiten. Sie liebt die toten Wurzelstrnke
-nicht. Wenn sie beginnen, den Organismus zu
-schdigen, hebt der Kampf um Sein oder Nichtsein an,
-und die grte Gefahr birgt die grte Hoffnung. Nach
-schwerem Ringen entscheidet sich der Sieg des Krpers
-ber die feindliche und doch freundliche Krankheit. Die
-erstorbene Wurzel ist vernichtet, die alte Seele dem Erdboden
-gleich gemacht, dem neuen, keimempfnglichen,
-lockerscholligen Ackerland. Wird ein junger Keim sprieen?
-Wird aus dem Scho des Unendlichen ein neuer Trieb
-hervorbrechen? Das wei nur das Schicksal allein. Denn
-das Schicksal bestellt die Saat, wie die Natur den Boden
-bereitet ...</p>
-
-<p>Den schwlen Wochen folgten die Wochen des Unwetters.
-Aber der verdoppelte Kummer, die vervielfachte
-Sorge waren nicht grausamer als das traurige, schleichende
-Harren ohne Hoffnung. Man stand ehrlich Feind gegen
-Feind. Es war ein harter, wehvoller Streit, und die ihn
-mit Marga stritten, hatten die Befriedigung, wenigstens
-ihre Tapferkeit erweisen zu drfen. Der alte Herr trug
-mutig seine Fahne. Die rmischen Csaren brauchten sich
-ihres Meisters nicht zu schmen. Er war, wie alle guten
-Meister, auch ein guter Schler in seiner eigenen Schule.
-Und Kthe und Elli schlossen sich an ihn in festerer Liebe
-denn je. Erst daheim und dann, als die Gefahr den Gipfel
-erstieg, drauen in der Klinik war all ihr Denken und
-Fhlen bei der Kranken. Wenn es sein Beruf und die
-huslichen Arbeiten irgend erlaubten, ging Richthoff am
-Morgen und Abend selber nach dem klinischen Viertel und
-holte bei Geismar, bei einem Assistenten, bei den Krankenschwestern
-den Bericht der Stunden. Dazwischen kamen<span class="pagenum"><a name="Page_333" id="Page_333">[S. 333]</a></span>
-und gingen Kthe und Elli in friedlichem Wetteifer. Nach
-langem Warten oft nur ein Wort zu erhaschen, war schon
-eine Belohnung. Wenn der Geheimrat und Kthe nicht
-gewesen wren: Elli htte das Krankenzimmer Margas
-aller Gefahr und jedem Widerstand der rzte zum Trotz
-einfach gestrmt. Ihre Liebe war in der Sorge so ungestm
-wie in der Freude. Man kannte sie in der Klinik
-vom Pfrtner bis hinauf zum Direktor, und wenn sie kam,
-wappnete sich jeder gegen ihre impulsive Liebenswrdigkeit,
-ihre nie entmutigte berredungskunst. Und dann,
-als das Fieber sank, die Ansteckungsgefahr gewichen war,
-als erquickender, strkender Schlaf Marga umfing, war
-Elli die erste, die sie sehen mute: an der Tr stehend,
-auf den Fuspitzen, mit den strahlenden, trnenschimmernden
-Augen, vom Arzt und der Krankenschwester
-im Schach gehalten, damit sie nicht auf ihr blasses,
-abgemagertes, verzehrtes Margakind losstrzte und
-das &#8222;Huflein Mensch&#8221;, das da so still und verfallen
-der Genesung entgegenschlummerte, in ihren Armen
-zerdrckte.</p>
-
-<p>Langsam, ganz langsam ging es bergauf. Jede Station
-nach oben wurde mit dankbarem Jubel begrt. Zehn
-Tage nach Neujahr erlaubte Geismar die berfhrung
-Margas nach dem Wenzelsberg.</p>
-
-<p>Trotz der eisigen Winterluft stand der alte Herr, leichtsinnig
-wie ein Junger, nur durch den aufgestlpten Rockkragen
-und das bliche Samtkppchen sich schirmend, im
-Vorgarten auf Posten. Als er den Wagen aus der Querstrae
-heraufbiegen sah, ging er vorsichtshalber ins Haus.
-Er wute, da er diesmal seine berzeugte Abneigung
-gegen &#8222;Gruppenbildungen&#8221; unmglich wrde aufrecht<span class="pagenum"><a name="Page_334" id="Page_334">[S. 334]</a></span>
-erhalten knnen. Sie mochten sich aber dann wenigstens
-nicht vor unberufenen Augen vollziehen.</p>
-
-<p>Lieber Gott, wie lange die Mdels brauchten! Er
-wartete ja schon ewig auf dem ersten Treppenabsatz, wohin
-er sich zurckgezogen hatte, um in jedem Fall ber der
-Situation zu bleiben. Therese stand schon lngst unter
-der Glastr und wischte sich zum zwanzigstenmal die Hnde
-an der Schrze ab, um Frulein Marga zu begren.</p>
-
-<p>Und dann brachten sie sie. Halb getragen, halb geschoben
-kam sie durch die Tr. Auf dem blassen Gesicht,
-in den zielverlorenen Augen glnzte ein Widerschein von
-all der wrmenden Liebe, die sie umhllte. Therese sagte
-ihr &#8222;Gr Gott!&#8221; Marga erwiderte mit ihrer sanften,
-herzlichen Stimme.</p>
-
-<p>Bei diesem Ton fiel dem alten Herrn pltzlich ein,
-wie es gewesen wre, wenn er die Stimme dieses seines
-blinden Sorgenkindes nicht wieder im Haus am Wenzelsberg
-gehrt htte. Und da hielt er sich nicht ber der
-Situation. Er stieg hinunter von seinem Treppenabsatz,
-und es gab eine richtige Gruppenbildung, an der er selber
-mit zwei Kssen auf Margas Wangen sehr gravierend
-beteiligt war.</p>
-
-<p>&#8222;Nicht wieder solche Geschichten machen. Ja nicht!
-Herzlich willkommen. Sich setzen! Sich strken! Ausruhen!&#8221;
-Einmal ums andere strich er die Haare ber
-Margas Schlfen zurecht, die wenigen zarten, die die
-Krankheit ihr gelassen. Er selber fhrte sie ins Ezimmer
-und setzte sie in den Lehnstuhl, der sein Privileg war. Elli
-erklrte feierlich, es sei einfach unmglich, da andere
-Menschen sich so freuen knnten wie die Richthoffs. Und
-Kthe vollendete in stummer Beglcktheit einen schnen,<span class="pagenum"><a name="Page_335" id="Page_335">[S. 335]</a></span>
-tiefgrndigen Satz fr ihr Tagebuch, der verdient htte,
-gedruckt zu werden ...</p>
-
-<p>Das erste Viertel des neuen Jahres brachte Schritt
-fr Schritt den alten guten Geist in das Haus am Wenzelsberg.
-Nun war Vater Richthoffs &#8222;Bande&#8221; wieder beisammen.
-Nun trat er seine Paschawrde wieder an.
-Whrend der zweite Teil der ersten Abteilung der &#8222;Kaisergeschichte&#8221;
-seinem Ende entgegengedieh, erlebte er es,
-da die Tren wieder unerlaubt ins Schlo knallten und
-Ellis Lachen aus der Dachstube oder vom unteren Flur
-in seine Zettelwirtschaft und sein Miniaturgekritzel
-hineinschmetterte. Er schmunzelte, wurde bs, stand auf,
-schob das Kppchen von einem Ohr aufs andere und
-donnerte, Ruhe gebietend, durch den Trspalt. Die
-Csarengeister spitzten ihre Ohren wie kampfmutige Rosse
-beim vertrauten Schlachtruf und stritten sich hinterdrein
-um die Ehre, vom Gnsekiel des alten Herrn gelobt oder
-getadelt zu werden.</p>
-
-<p>Erst der Frhling, der im Weinberg schchterne Krokus
-und naseweise Maiglocken an die Sonne trieb, gab Marga
-ein wenig Rot in die Wangen und krftigte ihre schmchtig
-gewordenen Glieder. Was in ihr wurde und wuchs,
-hervor aus neuem, unberhrtem Boden, verriet sich kaum.
-Das Vergangene, das herbe Leid des Herbstes, schien
-wie in fernem Dunst zerflossen zu sein. Die Krankheit
-hatte ihre Erinnerung geschwcht. Weite Strecken des
-Gewesenen schienen wie ausgelscht oder dmmerten ohne
-ernsten Zusammenhang. Erst allmhlich traten die Geschehnisse
-in matterem, verndertem Licht wieder in ihr
-Bewutsein. Sie sprach nie davon, und Vater Richthoff
-und die Geschwister hteten sich in begreiflicher Scheu,<span class="pagenum"><a name="Page_336" id="Page_336">[S. 336]</a></span>
-daran zu rhren. Die Traurigkeit der groen Leere &mdash;
-war von ihr gewichen. Dankbar empfanden es die,
-die sie umgaben. Laut und allzu lebhaft war sie auch in
-den Tagen ihres hchsten Glcks nicht gewesen. Man
-war es deshalb schon zufrieden, da sie nun wieder sanft
-und leise ihren Platz unter den Schwestern innehatte.
-Das Klare, Tapfere, Offene ihres Wesens, der Reichtum
-und die Reife inneren Schauens und Erlebens &mdash; all das
-regte sich noch kaum in ihr. Es war schattenhaft und rissig
-wie ihre Erinnerung. Aber sie war dem Tode zu nahe
-gewesen, als da das wiedergewonnene Leben mit dem erwachenden
-Frhling seine zaghafte Lust htte zurckhalten
-knnen. Sie wollte wieder. Und wenn es nur war, da
-man sie in die Sonne fhrte, mit ihr plauderte, ihr Blumen
-pflckte und vorlas. Einmal, als sie mit Elli sich zum
-erstenmal emporwagte bis zum Philosophenweg im Weinberg,
-wo hinten auf dem Wiesenhang die Pfirsichbumchen
-zu blhen anfingen und im junggrnen Schlinggewchs
-die Finken ihre Triller probierten, breiteten sich ihre Arme
-wieder weit, so weit, und ihr Kopf warf sich zurck, als
-wollte sie die Sonne suchen, die sie umrieselte. Sie wollte
-wieder leben. Sie wollte vom Schicksal wieder ihr Teil
-empfangen: eine neue Saat fr eine neue Seele ...</p>
-
-<p>Noch vor Semesterschlu brachte der erste Frhling eine
-berraschung.</p>
-
-<p>Als sollte ein frohes Ereignis bezeugen, da es das
-neue Jahr im Ernst besser meine als das verstrichene.
-Bei Kthe zeigten sich seit einiger Zeit Symptome einer
-greren Nachdenklichkeit, Verschlossenheit und Weltklugheit
-als sonst. Irgend ein sehr wichtiges Problem schien sie
-und ihr Tagebuch zu erfllen. Nach Weihnachten hatte<span class="pagenum"><a name="Page_337" id="Page_337">[S. 337]</a></span>
-Richthoffs Schler, der Privatdozent Bertelsdorf, dessen
-Tenor im akademischen Gesangverein eine Rolle spielte,
-eine seltene Beharrlichkeit darin gezeigt, Kthe nach den
-Proben heimzubegleiten. Kthe hatte sich bei Bertelsdorfs
-Aufmerksamkeiten bisher nie viel gedacht. Sie kannte
-seine Schwche, sich bei den Professoren durch einen recht
-biegsamen Rcken lieb Kind zu machen. So erklrte sie
-sich auch die Hufigkeit, mit der er, im Wetteifer mit dem
-Flanellstorch, bei geselligen Veranstaltungen sie zur Tischdame
-begehrte; so auch, freilich nicht mehr ganz zweifellos,
-sein Auftauchen in Kissingen. Im brigen konnte man sich
-mit ihm sehr gescheit unterhalten. Sie war empfnglich
-fr allerlei wissenschaftliche Belehrungen, die er zu geben
-wute; er war ein geduldiger Zuhrer fr Kthes
-Lebenserfahrung und Weltweisheit &mdash; das wog bei ihr
-seine Liebedienerei beinahe auf. Er hatte die Fhigkeit,
-sich ihr unterzuordnen, was fr ihre Beurteilung von
-Menschen und deren Wert gar keine nebenschliche Rolle
-spielte. Als er jedoch eines Abends auf dem Heimweg von
-der Messiasprobe einen regelrechten Antrag mit <span class="antiqua">a</span>, <span class="antiqua">b</span> und <span class="antiqua">c</span>
-entwickelte, berraschte er sie doch. Sie sagte zuerst rund
-heraus nein. Als sie aber ans Richthoffsche Vorgartentor
-gekommen waren und Bertelsdorf, beharrlich wie er war,
-seine Werbung noch einmal zur Diskussion stellte, versprach
-sie wenigstens, sich die Sache zu berlegen.</p>
-
-<p>Zunchst nur aus Artigkeit. Dann aber ging sie mit
-sich zu Rat &mdash; in all der Rechtschaffenheit, die ihr eigen
-war. Einige Wochen dauerte es. Nun hatte zwar ihr
-Nein sich durchaus noch in kein Ja verwandelt, aber die
-Wage stand annhernd im Gleichgewicht. Und da machte
-Bertelsdorf einen Vorsto auf eigene Faust: er hielt in<span class="pagenum"><a name="Page_338" id="Page_338">[S. 338]</a></span>
-einem sehr detaillierten Brief, der auch philologisch bemerkenswert
-war, bei Geheimrat Richthoff in aller Form
-um seine lteste Tochter an.</p>
-
-<p>Vater Richthoff hatte nach seinen jngsten Erfahrungen
-einen Horror vor Brautwerbungen. Anderseits war ihm
-der Gedanke, da seine Tchter dem blichen Los anderer
-junger Mdchen nicht fr immer ausweichen knnten,
-wenigstens nicht mehr vollkommen neu. Es schien nun
-einmal in den Sternen zu stehen, da er in die ra hochzeitlicher
-Bedrngnisse eingetreten war. Bei Kthe fielen
-die Bedenken fort, die den Entschlu, als es Marga galt,
-so erschwert hatten. Bertelsdorf war ihm als Schler
-wert, wenn er auch an ihm als Menschen manches auszusetzen
-hatte. Mehrere mglichst geheime Konferenzen
-mit Kthe folgten. Das Ergebnis war, da der Privatdozent
-der letzten beiwohnen durfte. In aller Stille,
-ohne zu groe Aufregung, verlobten sich die jungen Leute,
-und der alte Herr gab seinen Segen.</p>
-
-<p>Es war Kthes eigener taktvoller Wunsch, da Marga
-so schonend wie mglich von diesem Ereignis unterrichtet
-werden sollte. Elli wurde zur Mittelsperson ausersehen
-und zuerst von Kthe eingeweiht. Ihr frhliches Herz,
-zur Mitfreude so geschaffen, machte sich in vielen Umarmungen
-der Braut Luft. Sie versprach, ihr Bestes zu tun.</p>
-
-<p>Es sind oft nicht die schlechtesten Diplomaten, die von
-Diplomatie keine Ahnung haben. Elli behandelte Marga
-zwei Tage hindurch mit sehr durchsichtigen Vermutungen
-und Andeutungen, bis dieser gar nichts anderes brig
-blieb, als das Vorgefallene zu erraten. Sie erbleichte
-wohl; ihre Lippen zitterten, und ihre Augen senkten sich
-in einer schmerzhaften, traurigen Anwandlung. Aber das<span class="pagenum"><a name="Page_339" id="Page_339">[S. 339]</a></span>
-Vergangene hatte keine Gewalt mehr ber ihren neuen,
-jungen Willen, zu leben. Im Gegenteil: die Nachricht
-fiel wie ein erstes Saatkorn auf den fruchtwilligen Boden.
-Es regte sich in ihr etwas von ihrer frheren Tapferkeit.
-Sie lie sich von Elli geradeswegs zu Kthe fhren und
-brachte ihr mit warmen, ungeknstelten Worten ihren
-Glckwunsch. Kthe war gerhrt. Und der Geheimrat,
-der gerade dazukam, war bei sich auf sein Sorgenkind
-noch stolzer als auf die Braut, die er nun doch ins Haus
-bekommen hatte.</p>
-
-<p>Die Ostertage, mild und sonnenreich, voll Verheiung
-des jungen Frhlings fr die alte Erde, lieen das Haus
-am Wenzelsberg nach innen und auen so recht im gewohnten
-Schimmer seiner guten, warmherzigen Behaglichkeit
-aufleuchten. Kaum war die Verlobungsneuigkeit
-in die Stadt geflattert, so kamen in langen Zgen die
-Freunde des Hauses. Papa Wilmanns rckte mit Frau
-und Tchtern an und schalt laut durch alle Zimmer, sein
-Kollege Richthoff sei ein Heimtcker und Duckmuser,
-genau wie Borngrber. Auch ein Komdiant. Nun
-sehe man, was er den Winter ber ausgeheckt habe, als
-er so unleidlich gewesen. Borngrber erschien natrlich
-auch. Er hatte sich eine sinnige kleine Ansprache ausgedacht,
-aber als er glcklich so weit war, hatte er
-vergessen, um was es sich genauer handelte, und sprach
-in dunklen Worten von einem frohen Ereignis. Man
-htte ebensogut meinen knnen, er kme, um Richthoff
-zur Grovaterschaft zu gratulieren. Weiter kam Frau
-Geheimrat Achenbach mit ihren hoheitsvollen, weien
-Scheiteln und dem Krckstock; Cousine Grasvogel, ein
-bichen kleinlaut nach ihren letzten unglcklichen Leistungen,<span class="pagenum"><a name="Page_340" id="Page_340">[S. 340]</a></span>
-aber voll ehrlicher Rhrung; Frulein Lizzie aus der
-Uferstrae; der Flanellstorch, sehr geknickt und nervs, und
-viele andere: eine ganze Defiliercour, die der alte Herr
-an der Seite des Brautpaars voll Wrde abnahm. Elli
-und Marga standen abseits in der Glasveranda vor dem
-Salon, die die Gratulanten in ein blumenbuntes Gewchshaus
-verwandelten. Auch sie bekamen viel Freundliches
-zu hren. Elli wnschte man Glck, so oft man sie sah,
-&#8222;einfach, weil so was existierte&#8221;, wie Frau Achenbach
-scherzend meinte, und Marga, weil alle sich freuten, sie
-wieder gesund zu sehen ...</p>
-
-<p>Niemand ahnte, wie bald sich die hellen, traulichen
-Rume am Wenzelsberg den gleichen, aber so ganz anders
-gestimmten Gsten ffnen sollten ...</p>
-
-<p>Geheimrat Richthoff hatte gleich nach Ostern, ehe die
-Vorlesungen des neuen Semesters wieder begannen, eine
-langersehnte, fr die Forschungen der Kaisergeschichte notwendige
-Italienfahrt geplant. Nach den mancherlei seelischen
-Aufregungen des Winters versprach er sich von den
-paar Wochen im Sden auch fr seine Erfrischung das
-beste. Alle Vorkehrungen waren getroffen. Der alte
-Herr fhlte seine jugendliche, unerschpfliche Begeisterung
-erwachen, wie sie ihn immer berkam, wenn er nach Jahren
-wieder klassischen Boden unter die Fe bekommen sollte.</p>
-
-<p>Hofrat Geismar machte ihm einen dicken und harten
-Strich durch seine frohe Rechnung. Als er sich ihm vorsichtshalber
-vor der Reise noch einmal stellte, mehr besuchs- als
-konsultierenderweise, riet ihm der rztliche Freund kurzerhand
-von der Italienfahrt ab. Wie seine Herzttigkeit
-dermalen beschaffen sei, wre Gleichmigkeit der Lebensweise
-gebotener als Vernderung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_341" id="Page_341">[S. 341]</a></span>
-
-Richthoff beschimpfte Geismar und die ganze Sippe
-der rzte als Kurpfuscher und Freudenverderber aufs
-ehrenrhrigste. Lange trug er sich mit der Absicht, trotzdem
-zu reisen. Aber dann kapitulierte er doch vor der
-&#8222;Quacksalberei&#8221;. Fr seine Mdels, die sich ber seinen
-jhen Planwechsel verwundern muten, erfand er eine
-Geschichte in grimmigen Bruchstcken: eine unerwartete
-Arbeit sei in die Quere gekommen. Und er blieb. Den
-anderen Rat Geismars, sich auch zu Hause in den Ferien
-etwas Ruhe und Ausspannung zu gnnen, befolgte er
-nicht. Unter keinen Umstnden sollten ihn diese tyrannischen
-Menschenschinder zum weichlichen Sybariten machen. Als
-echter Protestler rauchte er zwischen seinen erbrmlichen,
-nikotinfreien Strohstengeln eine halbe Kiste anstndiger
-Havannazigarren, Importen, die ihm ein Verehrer in
-Bremen mit launigen Versen dediziert hatte.</p>
-
-<p>Das Semester begann.</p>
-
-<p>Die Sprechstundenbesucher kamen. Unter den ersten
-befand sich eine junge, hochgewachsene, brunhildenhafte
-Livlnderin. Sie hatte dem Geheimrat, der bisher keine
-Damen zugelassen hatte, die Erlaubnis schon im Wintersemester
-halb abgetrutzt, halb abgeschmeichelt. Das heit,
-der alte Herr machte bei ihr nur insofern eine Ausnahme,
-als er nicht, wie er das sonst gelegentlich getan, im Kolleg
-auf die Dame zuschritt und ihr mit grimmiger Galanterie
-den Arm bot, um sie hinauszugeleiten. Er duldete sie.
-Nicht weil er von seinem Grundsatz abgehen wollte, sondern
-um sich eine liebenswrdige Schwche zu verstatten. Als
-Ausnahme, die die Regel besttigt ...</p>
-
-<p>Die junge Livlnderin rechnete auf ihre sonnigen, ostseeblauen
-Augen. Auch fr den Sommer. Sie verehrte<span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342">[S. 342]</a></span>
-den alten Herrn. Es mute ihr gelingen, von der geduldeten
-zur offiziellen Hrerin vorzurcken. Zur Verblffung
-Thereses kam sie mit einem Strau von kstlichen, rosablhenden
-Rosen.</p>
-
-<p>Auf der Treppe begegnete ihr Elli. Diese kannte &#8222;die&#8221;
-Hrerin des Vaters von einer Gesellschaft bei Wilmanns
-und tauschte mit ihr einen lchelnden Gru.</p>
-
-<p>Dann trat das junge Mdchen bei Vater Richthoff
-ein, ihren Strau wie einen Schild vor sich hertragend.</p>
-
-<p>Der Geheimrat sa am Schreibtisch und schlrfte den
-Kaffee, den ihm Elli eben gebracht. Hflich stand er auf.
-Mit der Zuvorkommenheit, die er Damen gegenber nie
-verga, ging er ihr entgegen. Ihr Lcheln erwiderte er
-mit einer Verschmitztheit, die sagen wollte: Diesmal wirst
-du mich nicht kleinkriegen. Er war noch nicht bei ihr,
-um ihr die Hand zu geben und sie zum Sitzen einzuladen,
-als er, offenbar durch einen Fehltritt, zur Seite kippte.
-Mit beiden Hnden suchte er am nahen Tisch Halt. Die
-junge Dame wollte ihm beispringen. Aber er war schon
-mit einer seltsamen Schwerflligkeit in einen Sessel gesunken.</p>
-
-<p>Sie legte die Rosen vor ihn hin. Mit Befremden
-nahm sie wahr, wie sein Mund sich bewegte, ohne
-das dankende Wort hervorbringen zu knnen. Eine krampfhafte
-Verzerrung arbeitete in seinem brtigen Antlitz.
-Das Sammetkppchen schob sich ihm in die Stirn. Seine
-Hand, die emporgriff, um es hinauszurcken, fiel schwer
-zwischen die Rosen auf den Tisch. Der Krper sank gegen
-die Lehne.</p>
-
-<p>&#8222;Was ist Ihnen, Herr Geheimrat?&#8221; stammelte das
-junge Mdchen mit zunehmendem Schreck.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343">[S. 343]</a></span>
-
-Seine Augen starrten sie durch die Brille irr und
-ratlos an.</p>
-
-<p>Sie lief nach der Tr und rief die Treppe hinunter,
-laute, hilfeheischende Worte.</p>
-
-<p>Elli kam von unten, Kthe von oben, beide mit fragenden,
-verwunderten Mienen.</p>
-
-<p>&#8222;Ihrem Herrn Vater ist unwohl geworden!&#8221;</p>
-
-<p>Die Schwestern eilten mit der Fremden bestrzt ins
-Arbeitszimmer. Der Anblick raubte ihnen einen Moment
-die Sprache. Dann schrien sie auf vor Schreck.</p>
-
-<p>Der Leib des alten Herrn war vornber gesunken.
-Sein kahler Kopf, von dem das Kppchen herabgeglitten
-war, ruhte mit den wenigen weien Strhnen auf dem
-Strau von duftenden Rosen.</p>
-
-<p>&#8222;Papa &mdash; was ist dir?&#8221; Elli hatte sich neben ihm
-auf die Knie geworfen und griff nach den schlaffen
-Hnden.</p>
-
-<p>Kthe rief nach Therese, nach dem Arzt. Sie rannte
-aus dem Zimmer. Elli mit demselben Ruf besinnungslos
-hinter ihr drein. Von dem gleichen Gedanken beseelt,
-strzten sie aus dem Haus. Kthe nach dem nchsten
-Fernsprecher, Elli zu Geismar.</p>
-
-<p>Therese stand verstndnislos und kopfschttelnd unter
-der Kchentr, sah die beiden Frulein vorbeirasen, ohne
-ihre Worte zu verstehen, und die fremde Dame, die sich
-unheimlich und berflssig fhlte, ihnen fluchtartig
-folgen ...</p>
-
-<p>Marga war bei dem entsetzten Aufschrei der Schwestern
-aus der Tr ihres Zimmers im Dachstock getreten, das
-Kthe vor ihr verlassen. Sie wute von nichts. Aber
-das Rufen, Laufen und Trenschlagen erfllte sie mit<span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344">[S. 344]</a></span>
-einer erschreckenden Ahnung, die ihr scharfer Instinkt schnell
-in die klarste Gewiheit verwandelte.</p>
-
-<p>Da unten, einen Stock tiefer, war der Tod eingekehrt.
-Sie meinte seine eisige Klte gegen ihre Wangen, ihre
-Stirn andringen zu fhlen.</p>
-
-<p>Und mit der Gewiheit kam eine wunderbare, mechanische,
-gebietende Sicherheit ber sie. Mit einer langsamen
-Ruhe, ber die sie sich selber wunderte, stieg sie
-die Treppe hinunter und trat durch die offene Tr in das
-Arbeitszimmer ihres Vaters.</p>
-
-<p>Sie flsterte seinen Namen. Keine Antwort kam zurck.
-Sie wute, da es nicht sein konnte. Sie atmete den
-Duft von Rosen. Trotz ihrer Ruhe bebte sie zurck vor
-der kalten Stille und wagte sich nicht weiter. Sie tastete
-um sich und setzte sich auf den ersten Sessel am Tisch.
-Ihr inneres Gesicht war erwacht. Wahr, aber schner als
-alle Wirklichkeit. Sie sah das bchervolle, verqualmte
-Zimmer; sie sah den Tod, eine anmutige Mdchengestalt
-mit einem Bschel Frhlingsblumen in lachenden Farben,
-die auf den alten Herrn mit dem grimmig-gtigen Gesicht
-scherzend zutrat; sie sah, wie sein Haupt mit einem verstndnisvollen
-Lcheln sich ber den Duft und die Blten
-neigte und tief, immer tiefer darin versank. Und stumm,
-andchtig, ein Bild im Bilde, sa sie dabei und hielt
-Wache, whrend die Trnen sich leis und schwer aus den
-blinden Augen lsten und ber ihre gefalteten Hnde
-tropften ...</p>
-
-<p>Spter kamen die Schwestern. Nach ihnen der
-Arzt, Hofrat Geismar. Er konnte nur den durch
-eine Herzlhmung herbeigefhrten Tod des Freundes
-konstatieren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345">[S. 345]</a></span>
-
-Und dann kam es weiter wie ein wirrer, bser
-Traum, Stunde um Stunde, vom Tag zur Nacht, von
-der Nacht zum Tag, hinter dem Tod sein trbes, dsteres
-Geleit.</p>
-
-<p>Elli und Kthe waren wie gelhmt von Schmerz.
-Nur Marga behauptete inmitten des Gedrnges der kleinen,
-harten Notwendigkeiten ihr Gleichgewicht. Mit ihr allein
-konnte Professor Wilmanns, der als erster am Platz erschien
-und als treuer Hausfreund im Verein mit Geismar
-und Bertelsdorf die Leitung aller Angelegenheiten bernahm,
-sich beraten und bereden. Das Schicksal hatte
-gest. Rauh und herb. Aber gerade dieser tiefe, groe
-Schmerz lie die neue Kraft ihrer Seele emporwachsen:
-die Klarheit, ihre Tapferkeit, ihre reife Strke zu leiden
-und zu lieben.</p>
-
-<p>Die Schar der Freunde, noch vor wenigen Wochen
-so froh und festlich gestimmt, zog trauernd durch das
-verwaiste Haus am Wenzelsberg. Verwandtschaftliche und
-offizielle Beileidsbezeugungen von auswrtigen Universitten,
-vom Ministerium, von der Berliner und Mnchner
-Akademie, von seiner Burschenschaft; die wrdige Feier in
-der Aula, bei der Borngrber die knappste und ergreifendste
-Rede seines Lebens hielt, das machtvolle Feiergeprnge
-des akademischen Leichenzuges wogte daher und wogte
-vorber. Noch ein Druck von unzhligen, wohlmeinenden
-Hnden am Grab, und dann fhrte die letzte Kutsche
-die drei schwarzgekleideten Richthoffmdels zurck ins einsame
-vterliche Haus ...</p>
-
-<p>In der Nacht, nachdem sie den alten Herrn hinausgetragen
-hatten, kam sich das alte Haus am Wenzelsberg
-schlecht und wurmstichig und lter vor denn je. Es knackte<span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346">[S. 346]</a></span>
-in seinen Dielen, es streckte sich im Geblk und in den Wandfugen.
-Dann horchte es in sich hinein: es war ein eigentmliches
-Knistern und Raunen im den Arbeitszimmer
-von Vater Richthoff. Die Geister zogen, die hohen,
-erzgemeielten, ehrfurchtgebietenden Csaren &mdash; sie zogen
-aus Zetteln und Blttern, aus Winkeln und Ecken durch
-die mondhelle Stube hinaus in die Mainacht. Sie
-hatten begriffen, auch sie, da es zu Ende war.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c15" id="c15">15</a></h2>
-
-
-<p>Beim Weihnachtswiedersehen auf dem Feldberg hatte
-Leutnant Hupfeld gelegentlich ausgerufen: &#8222;Ich kann
-mir nicht helfen, Kinder! Aber Alli mir als junge Frau
-zu denken, ist mir schlankweg unmglich!&#8221;</p>
-
-<p>Der frische, natrliche Junge hatte da ein Wort
-gesprochen, wahrer und prophetischer, als er selber
-wute.</p>
-
-<p>Frau Alice Perthes war nicht zu Wrde und Ehrsamkeit,
-oder, wie sie es nannte, zur biederen, deutschen Hausfrau
-geschaffen. Ihre Sucht, modern, chic, vorurteilslos
-zu sein, war nicht gemacht und angelernt; sie ergab sich
-durchaus natrlich und folgerichtig aus ihrem wurzellosen
-Wesen, ihrem prickelnden, sensationsdurstigen Temperament,
-ihrer spottlustigen, spitzbbischen Wechselnatur,
-wie sie im beweglichen Spiel ihrer Mienen, ihrem grazis-leichtfertigen
-Gang, ihrem gelenkigen, biegsamen Krper
-sich ausdrckte. Sie war auch gar nicht gesonnen, in der
-Ehe eine andere Haut anzuziehen. Das flotte Mdel zu
-sein und zu bleiben, das sie Gott sei Dank war, blieb Alices
-Wahlspruch auch fr die Ehe. Und Perthes, den eben<span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347">[S. 347]</a></span>
-diese herausfordernde Mdelsmanier so leidenschaftlich angezogen
-hatte, wiederholte ihr immer wieder: &#8222;Gerade
-wie du bist, Irrwisch, brauch' ich dich und will ich dich
-haben!&#8221;</p>
-
-<p>Die neue gesellschaftliche Atmosphre, in die sich
-Perthes versetzt hatte, war ihm nach wie vor nur in ihren
-Annehmlichkeiten fhlbar geworden. Ein elegantes, grozgiges
-husliches Leben, Geselligkeit im eigenen Heim,
-Geselligkeit drauen, der angenehme Nervenreiz bestndiger
-Abwechselung: das waren lauter Dinge, die
-ihm frs erste imponierten. Soweit es seine beschrnkte
-Zeit irgend erlaubte und die Rcksicht auf die sichere
-Hand, die sein chirurgischer Beruf verlangte, es zulie,
-machte er mit. Den groen Rout im Palais Hningen,
-die ppigen, offiziellen Semesterdiners bei den Schwiegereltern,
-kleine und groe Schmausereien bei Hammanns
-und anderen Bekannten &mdash; lie er sich nicht entgehen,
-auch wenn er sich mal ein bichen kaput und ermdet
-fhlte. Worin er sich bescheiden mute, das war der
-Sport, dem seine Frau nach wie vor huldigte. Das
-Neueste, was die Grfin Hningen einzubrgern suchte,
-war Polo, und Alice war Feuer und Flamme fr das
-Pferdeballspiel. Dazu fehlte ihm die Zeit. Und sein
-Leben konnte dann mitunter ein wenig junggesellenhaft
-werden. Wenn er zur Hauptmahlzeit zwischen
-sechs und sieben &#8222;mordshungrig&#8221; von der Klinik kam,
-mute er sich fter allein servieren lassen, weil sein
-Irrwisch noch &#8222;herumstrolchte&#8221;. Aber das Grundgesetz
-ihrer Ehe, das er stillschweigend sanktioniert hatte, war
-die Freiheit hben und drben. Sie mute geachtet
-werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348">[S. 348]</a></span>
-
-Mitte Mai &mdash; er war eben am Schlu eines solchen
-Junggesellenmahls angelangt &mdash; kam Alice aus der Stadt
-heim. Gewhnlich brachte sie einen Sack voll Tagesneuigkeiten
-mit, die sie als Nachtisch zur geflligen Auswahl
-ihrem Ruberhauptmann auf den Tisch schttete.
-Im Vorbeigehen hatte sie bei den Eltern ein Butterbrot
-gegessen und setzte sich dann noch zur Unterhaltung
-neben ihn.</p>
-
-<p>&#8222;Denk' mal an &mdash; ich komme durch die Hauptstrae &mdash;
-sehe an einem Bcherladen ein Telegramm des Tageblttchens
-angeschlagen und denke Wunder was passiert
-ist. Nachher steht weiter nichts drin, als da irgend ein
-oller Professor am Herzschlag gestorben ist!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wer denn? Von hier jemand?&#8221; fragte Perthes
-ziemlich gleichgltig, whrend er sein Glas mit gemischtem
-Rotwein an den Mund setzte.</p>
-
-<p>&#8222;Ach, ein Philologe glaub' ich. Richter oder so was.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Doch nicht Richthoff?&#8221; Perthes setzte sein Glas ab.
-Er war unwillkrlich betroffen.</p>
-
-<p>&#8222;Doch &mdash; Richthoff. Natrlich! So hie er!&#8221; Alice,
-die die enttuschende Neuigkeit in der Tat nur obenhin
-und gedankenlos gelesen und auch jetzt so vorplapperte,
-erinnerte sich nun des rechten Namens und gleichzeitig
-einer Beziehung ihres Mannes dazu, die sie noch immer
-nicht recht herausbekommen hatte. &#8222;Hast du nicht dort
-frher verkehrt, Mnni?&#8221; setzte sie harmlos hinzu.</p>
-
-<p>Perthes war sehr ernst geworden. So ernst, wie sie
-ihn lange nicht gesehen. Er hatte mit der Vergangenheit
-grndlich und dauernd abgeschlossen. Aber diese
-Todesnachricht beschwor doch, ob er wollte oder nicht,
-Erinnerungen herauf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_349" id="Page_349">[S. 349]</a></span>
-
-&#8222;Gott, Ruberhauptmann, du machst ja ein grlich
-dsteres Gesicht. Was ist denn los?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Schlielich handelt es sich ja auch um eine ernste
-Sache&#8221;, meinte er zerstreut.</p>
-
-<p>&#8222;Nu ja! Hast du denn den guten Mann so nahe gekannt?&#8221;</p>
-
-<p>Perthes schwieg. Er dachte an den braven alten Herrn
-und sann darber, was aus seiner &#8222;Bande&#8221; werden mochte.</p>
-
-<p>&#8222;Du, das mut du mir mal erzhlen,&#8221; fuhr Alice unbekmmert
-fort. &#8222;Ich wei nmlich genau, wie es stand.
-Von Markwaldt. Du mut einer von den Tchtern
-mchtig den Hof gemacht haben! Nu mal heraus mit der
-Sprache!&#8221; Sie rckte zutunlich nher, wie um eine amsante
-Geschichte zu hren. Beglckt, nun endlich den
-rechten Faden gefunden zu haben, den ihre Neugier
-immer wieder verloren, sah sie ihm mit einem bermtig
-flackernden Blick in die Augen.</p>
-
-<p>Perthes hatte keine Lust zu Bekenntnissen. Zu dem
-war ihm die Art, wie sie ihn dazu drngen wollte, peinlich.</p>
-
-<p>&#8222;Weit du was?&#8221; sagte sie lebhaft. &#8222;Wir schlieen
-einen richtigen Handel! Du erzhlst mir dein Abenteuer
-mit den Richthoffs. Ich erzhle dir dafr, wie ich mich
-um ein Haar mit Hammann verlobt htte, willst du?&#8221;
-Sie legte ihm den Arm um den Hals und kraulte schmeichelnd
-seinen dichten, schwarzen Bart.</p>
-
-<p>Er lie es eine Weile geschehen. Dann lste er sich
-aus ihrer Liebkosung. Den Handelsvorschlag hatte er
-nur mit halbem Ohr gehrt. Er war erfllt, bedrckt
-von dem, was die Kunde vom Tode Richthoffs in ihm
-lebendig gemacht hatte. Der Gedanke, sich durch eine
-solche Beichte, so zuwider sie ihm an sich war, von diesem<span class="pagenum"><a name="Page_350" id="Page_350">[S. 350]</a></span>
-Druck zu befreien, war vielleicht so schlecht nicht. Wenigstens
-jetzt nicht, wo er seiner Stimmung entgegenkam.
-Und dann erwachte die Lust in ihm, diese dmonische Lust,
-mit der er sich zu Alices Lebensgefhrten gemacht und
-sich von einer ertrumten Hhe heruntergeholt hatte: er
-wollte versuchen, die alberne Brde vergangenen Schwersinns
-mit einem Ruck vollends abzuwerfen.</p>
-
-<p>So gab er nach. Mehr sich als ihr.</p>
-
-<p>In einem von Sarkasmus und verschmtem Ernst gemischten
-Ton begann er seine idealistische Epoche zu schildern.
-Aber es gelang ihm nur im Anfang, gegenber
-den Menschen und Dingen von einst die leidenschaftslose
-berlegung festzuhalten. In dem Mae, als er sich dem
-Mittelpunkt seiner Erinnerungen nherte, fhlte er, da
-er seine Kraft berschtzt hatte. Er wurde warm. Eine
-schwermtige Verbissenheit zerhackte seine Stze. Das
-Gedchtnis Margas strubte sich gegen jede Entweihung.
-Er konnte ber dieses Mdchen und diese Liebe nicht mit
-dem Achselzucken der groen Welt hinwegkommen, das
-er seiner Umgebung fr so manches andere abgelernt
-hatte. Warum hatte er sich verfhren lassen, den Schleier
-von diesem Erlebnis zu ziehen? Und doch konnte er nicht
-abbrechen, dem wortreichen Eifer, in den er geriet, nicht
-Einhalt gebieten. Als mte er sich fr die Taktlosigkeit
-seiner Enthllungen bestrafen, suchte er mit nervs
-hervorgeschleuderten Worten und Stzen ein gerechtes
-Bild von Margas innerem Wert, von seiner eigenen
-Mittelmigkeit zu geben, die nicht zu ihr hinaufreichte.
-Es war eine Sisyphusarbeit, der er erliegen mute. Er
-hatte sich verrannt und fand keinen Ausweg, bis ihn
-ein Blick auf Alice ernchterte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_351" id="Page_351">[S. 351]</a></span>
-
-Sie sa zusammengekauert auf ihrem Stuhl und sah
-ihn mit verwunderten, belustigten Augen unentwegt an, wie
-er, gleich einem fremden, spaigen Tier im Speisezimmer
-auf- und abschritt, da einen geschnitzten Hocker wegstoend,
-dort an einem der trkischen Kelims zerrend oder eine
-der Kristallkaraffen auf dem Bffet vom Platz rckend.</p>
-
-<p>Er stand still und schwieg.</p>
-
-<p>&#8222;Aber Maxi&#8221;, kicherte sie leise. &#8222;Da du so ein sentimentaler
-Junge warst, noch vor nicht einem Jahr, das
-htt' ich mir denn doch nicht trumen lassen! Geahnt hab'
-ich ja den Spieer immer 'n bichen &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nicht wahr? Unglaublich!&#8221; stie er hervor. Es klang
-gar nicht spieig, sondern eher wild und zornig.</p>
-
-<p>&#8222;Und noch heute sprichst du von deiner Angebeteten
-wie von einem Wunder! Und blind war sie auch? Einfach
-romantisch, Mnni! Brgerlich und romantisch! Gibt's
-nicht ein Lustspiel, das so heit? Und dabei bin ich berzeugt,
-sie war auch nur ein biederes, sentimentales &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Lassen wir's!&#8221; schnitt er ihr das Wort ab. &#8222;Dummheiten,
-du hast recht!&#8221; Er lachte gezwungen.</p>
-
-<p>Sie war aufgestanden und hatte sich ihm genhert.
-Sie lie ihr Lachen, das kurze, helle, aufreizende, in das
-seine klingen.</p>
-
-<p>Er stand ihr gegenber. Das Blut ging wie eine
-Welle durch seinen Krper und flirrte vor seinen Augen.
-Er erzitterte und ballte die Faust. Dann ergriff er sie
-und ri ihre Arme auseinander, als wollte er sie zerbrechen.</p>
-
-<p>Sie stie einen Wehruf aus.</p>
-
-<p>Er bog ihren Kopf beinahe brutal zurck, nahm ihn
-zwischen seine starken, groen Hnde und senkte seinen
-Blick in die schillernden, boshaft-schillernden Augen. Wer<span class="pagenum"><a name="Page_352" id="Page_352">[S. 352]</a></span>
-war denn das, der ber ihn, ber sein prostituierendes
-Gestndnis, ber alles, auch das Ernsthafteste, was er
-einst besessen und hochgehalten, lachen, so lachen durfte?
-Wo war das Geheimnis hinter diesen Augen? Wie war
-sie beschaffen, diese Seele oder was es war, dieses ewig
-Kichernde und Spottende? Wo war der Grund in diesem
-Ungrund?</p>
-
-<p>Sie wand sich los. Dieser whlende, dringende Blick
-war ihr ungemtlich.</p>
-
-<p>&#8222;Wahrhaftig, ich glaub', du fngst an, bei mir noch
-Gemtsstudien zu machen? Auf deine Ruber- und
-Brenmanier! Das la mal besser sein!&#8221; schalt sie.
-&#8222;Da verschieb' ich mein Gestndnis lieber. Wir mssen
-sowieso fort. Zu Hammanns. Sie erwarten uns um
-neun. Ich mach' mich zurecht!&#8221; Sie glitt aus dem Zimmer.</p>
-
-<p>Perthes stand einen Augenblick unschlssig, migelaunt.
-Er hatte keine Lust, heute unter fremde Menschen
-zu gehen. Also Vater Richthoff war gestorben. Und
-er hatte, ausgemacht heute, seine Erinnerung mit diesem
-Bekenntnisse &mdash; &mdash; Warum nicht? Das war der echte
-Perthes! Gewi! Und der echte Perthes ging in sein
-Ankleidekabinett, um sich fr Hammanns umzukleiden ...</p>
-
-<p>Die Bedingungen, die Exzellenz Hupfeld seinerzeit
-Perthes als Gegenleistung fr seine Ernennung zum
-ersten Assistenten auferlegt hatte, konnte er als Schwiegervater
-nicht in ihrer vollen Strenge durchsetzen. So erklrte
-er sich denn auch damit einverstanden, da Perthes
-sich habilitieren sollte. Die wissenschaftlichen Arbeiten,
-die dem Eintritt in den Lehrkrper der <span class="antiqua">Alma mater</span> notwendig
-vorausgehen muten, nahmen im Lauf des
-Frhjahrs mehr und mehr auch seine kurze Freiheit in<span class="pagenum"><a name="Page_353" id="Page_353">[S. 353]</a></span>
-Anspruch. Er mute sich zunchst aus dem gesellschaftlichen
-Strudel etwas zurckziehen. Fr seine Person
-wurde ihm dies dadurch erleichtert, da er sich von dem
-ewigen Hin und Her nachgerade ein wenig ermdet und
-bersttigt fhlte. Und dann machten ihm die unverhltnismig
-hohen Ausgaben, die dies anspruchsvolle
-Leben verursachte, neuerdings manchmal Sorgen, und
-er ergriff gern die Gelegenheit, sie durch seinen unaufflligen
-Rckzug mglicherweise einzuschrnken.</p>
-
-<p>Er hatte sich vorgenommen, Alice von solchen Sorgen
-nichts mitzuteilen.</p>
-
-<p>Bei sich dachte er, wenn er selber den allzuhohen Anforderungen
-der Geselligkeit auszuweichen begnne &mdash;
-seine wissenschaftlichen Grnde dafr schien sie zu wrdigen
-&mdash;, wrde auch sie allmhlich ganz naturgem
-nicht mehr soviel ausgehen wollen.</p>
-
-<p>Doch darin hatte er sich getuscht.</p>
-
-<p>Alice fand es riesig nett, sich auf eigene Faust zu amsieren.
-Sie dachte nie daran, von ihren Passionen und
-Unterhaltungen, von all den Ansprchen ihres verwhnten
-Mdchenlebens in der Ehe auch nur das Geringste entbehren
-zu sollen. Im Gegenteil. Jetzt, wo sie nach
-der Verheiratung ihr eigener Herr war, wollte sie ihre
-Ungebundenheit erst recht genieen. In ihrem Elternhaus
-hatte es kaum einen Wunsch gegeben, den sie sich
-zu versagen brauchte. Davon konnte auch jetzt keine Rede
-sein. Was aber den Reiz gegen frher erhhte, war,
-da jetzt neue Bedrfnisse ihrem Belieben unterstellt
-waren. Eine Hausfrau im gewhnlichen Sinn zu sein,
-dazu fehlte ihr Lust und Talent. Aber Auftrge zu geben,
-ins Blaue hinein zu verfgen und zu befehlen, besonders<span class="pagenum"><a name="Page_354" id="Page_354">[S. 354]</a></span>
-aber zu kaufen, machte ihr einen Hauptspa. Ihre Ausstattung
-an Gegenstnden der Einrichtung, der Wirtschaft,
-an Toiletten und Kleidungsstcken jeder Art war mehr
-als reichlich. Und doch nicht reichlich genug, um vor den
-unerschpflichen Einfllen ihrer Laune zu bestehen.</p>
-
-<p>Unter dem Patronat der Grfin Hningen vollzog
-sich im Kreis der modernen akademischen Gesellschaft
-jener stoweise Wandel von Liebhabereien und Modetorheiten,
-der jedem Monat seinen neuen Heiligen gab.
-Mitunter handelte es sich um harmlose Dinge: man bekam
-fr einige Wochen den musikalischen Koller, der kein
-Konzert vorberlie, die Tees, die Soireen, die ganze
-Unterhaltung musikalisch verseuchte. Dann mute man
-pltzlich Vorlesungen besuchen: es war einfach Anstandssache,
-Kunstgeschichte, diese Erbdomne aller Dilettanten,
-zu treiben oder Literatur bei einem pltzlich zum Stern
-erster Ordnung erklrten jungen Professor zu hren.</p>
-
-<p>Doch bei solchen geistigen Anfllen, die Alice nur aus
-Mode und nicht aus irgendwelchem Interesse mitmachte,
-blieb es nicht. Man schwrmte serienweise fr bestimmte
-kostspielige Stoffe, fr echte Spitzen, fr Kopenhagener
-Porzellan, fr eigenartige Intarsien, fr Seltenheiten und
-Reformen jeder Art in Toilette und Haus, die die Kauflust
-wie ein Fieber erregten.</p>
-
-<p>Perthes, den eine gute Weile seine Verliebtheit blind
-machte, drckte auch spterhin, solang' es irgend ging,
-seine Augen standhaft zu. Da Alice mit ihrer Rente den
-Haushalt zu einem guten Teil mitbestritt, war seine
-Situation heikel. Wenigstens empfand er sie so, mit
-der Zartheit eines vornehm denkenden Menschen. Er
-redete sich auch ein oder glaubte wirklich, diese Kaufwut<span class="pagenum"><a name="Page_355" id="Page_355">[S. 355]</a></span>
-werde sich abschwchen und von selber eindmmen. Aber
-als die Rechnungen sich mehrten und es sich nicht mehr
-um Summen handelte, die sich nebenbei begleichen lieen,
-ohne da man die Posten besah, aus denen sie sich zusammensetzten,
-wurde er aufmerksamer und kritischer.
-Mit dem Schrecken des Mannes, der sich nie viel um Geld
-gekmmert, aber durch seine Herkunft und Erziehung,
-ohne sich dessen genau bewut zu sein, gewisse solide Mastbe
-ererbt hat, gewahrte er Zahlen, die sein Verstndnis
-berstiegen. Es war ihm unverstndlich, wie ein paar
-Schuhe vierzig Mark, ein Hut neunzig Mark, ein spitzenbesetztes
-Hemd sechzig Mark sollte kosten mssen und
-knnen. Naiv, wie seine Erfahrung war, meinte er, es
-mten da Miverstndnisse, Irrtmer, Beutelschneidereien
-mitunterlaufen, denen seine kleine Frau unschuldig
-zum Opfer fiel.</p>
-
-<p>Er wagte bei der nchsten Gelegenheit &mdash; es handelte
-sich um einen fr seine Begriffe unerhrt teuren Abendmantel
-&mdash;, Alice zu befragen.</p>
-
-<p>&#8222;Aber Mnni &mdash; davon verstehst du nichts! Ich finde
-den Mantel billig!&#8221; erklrte sie achselzuckend. Sie hatte,
-wie sie erzhlte, sich sogar einen besseren &#8222;verkniffen&#8221; und
-war ordentlich stolz auf diese Einschrnkung.</p>
-
-<p>Perthes verstummte. Er war verblfft. Hartnckig
-bewahrte er noch einige Monate den guten Glauben,
-da da etwas nicht mit rechten Dingen zugehe. Er htte
-sich gern bei irgendeiner Dame Aufklrung geholt, ob
-das so sein msse, aber er frchtete, sich lcherlich zu
-machen. Schlielich war er gezwungen, sich ber die
-Folgen, die eine solche Lebenshaltung haben mute, doch
-ernstlich zu besinnen. Er rechnete die steigenden Ausgaben<span class="pagenum"><a name="Page_356" id="Page_356">[S. 356]</a></span>
-gegen die Einnahmen und kam zu einem vernichtenden
-Resultat.</p>
-
-<p>Nun blieb nichts anderes brig: er mute mit seiner
-Frau sich aussprechen.</p>
-
-<p>Die Sache wurde durch einen besonderen Umstand
-noch schwerer, als er sie schon an sich nahm. Alice sah fr
-den Herbst einem frohen Ereignis entgegen. Als sie
-ihm ziemlich spt und ziemlich beilufig davon Kenntnis
-gab, hatte ihn die Nachricht ergriffen. Sie selbst war so
-wenig feierlich gestimmt, steckte so in ihrem tglichen
-Trubel, da sie fr seine gefhlvolle Auffassung nicht
-Zeit hatte. Gleichwohl behandelte er sie von da an mit
-doppelter Rcksicht. Deshalb kam ihm diese Auseinandersetzung
-ber Geldfragen so ungelegen wie mglich. Er
-nahm sich vor, sie aufs schonendste einzuleiten.</p>
-
-<p>Noch im Lauf des Sommers, kurz vor den groen
-Ferien, kam ihm die Gelegenheit entgegen.</p>
-
-<p>Von der Klinik zurckkehrend, betrat er ihr Zimmer,
-das neben dem Speisezimmer mit allem erdenklichen Geschmack
-und Komfort ein kleines, von Mama Hupfeld
-ausgestattetes Reich fr sich bildete. Er wollte Alice begren,
-die er dort vermutete. Unter der Portiere blieb
-er verdutzt stehen. Es war da in dem zierlichen Raum eine
-wahre Ausstellung erffnet. Die verschiedensten Handarbeiten,
-als da waren Knpfteppiche, Sofakissen, Tischlufer,
-Decken und Deckchen mit Mustern jeden Stils
-und auf Stoffen jeder Art, bedeckten den Diwan, die Sthle,
-den Tisch. Ein halboffener Riesenpacken mit verwandtem
-Inhalt lag auf dem Boden. Daneben sa Alice, mit
-dem Aufschnren eines zweiten, kleineren Pakets beschftigt.
-Das heit, sie suchte die Schnur aufzureien.<span class="pagenum"><a name="Page_357" id="Page_357">[S. 357]</a></span>
-Als das nicht ging, probierte sie es mit den Zhnen.
-Und in dem Moment, als Perthes sich bemerkbar machte,
-hatte sie eben wohl oder bel aufstehen wollen, um die
-Schere zu holen.</p>
-
-<p>&#8222;Du denkst wohl, ich will hier einen Kramladen aufmachen?&#8221;
-lachte sie belustigt.</p>
-
-<p>&#8222;Es sieht beinahe so aus,&#8221; erwiderte er mit einem verwunderten
-Blick auf dies Warenlager.</p>
-
-<p>&#8222;Ach gib mir mal die Schere.&#8221; Sie deutete nach ihrem
-Schreibtisch. &#8222;Alles fr den Bazar im November,&#8221; erklrte
-sie, whrend er ihr die Schere reichte.</p>
-
-<p>&#8222;Fr welchen Bazar?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na &mdash; ich erzhlte dir doch schon immerzu davon.
-Wir machen ein Wohlttigkeitsfest. Ich glaube fr Suglinge
-oder Seemnner oder so was. Eine feudale Sache
-jedenfalls. Ich bin mit im Komitee. Die Grfin ist
-Vorsitzende. Ich habe mich entschlossen, eine Handarbeitsbude
-zu bernehmen. Dafr kauf' ich eben ein!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber Kind, du willst doch die Arbeiten nicht alle
-kaufen, wie sie hier sind?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;So ziemlich!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und dann willst du sie selber &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Du &mdash; das ist ja eben der Trick! &mdash; Ich mache an jedem
-ein paar Stiche. Wenigstens an manchen. Das brige
-gebe ich fort. Nachher mach' ich aller Welt wei, jedes
-Stck und jeder Stich sei von mir. Die Leute werden's
-nicht glauben, aber sie werden sich drum reien! Ach
-&mdash; und dann, du glaubst nicht, was wir fr berraschungen
-vorhaben. Das wird keine so abgeleierte, gewhnliche
-Wohlttigkeitsschnurrerei! Werden uns hten!&#8221; Und
-nun entwickelte sie, immer auf dem Boden sitzend, den<span class="pagenum"><a name="Page_358" id="Page_358">[S. 358]</a></span>
-Festplan in der skizzenhaften, schnoddrigen Form, in der
-sie stets ihre lngeren Erklrungen abgab, berall dort, wo
-ihr nicht gleich das Wort einfiel, sich mit &#8222;so'n Dingsda!&#8221; behelfend.
-Perthes htte ein Zeichendeuter sein mssen, wenn
-er diese Kette von &#8222;Dingsda&#8221; sich htte auslegen knnen.</p>
-
-<p>Doch darauf verzichtete er von vornherein. Er nahm
-seine Geduld zusammen und hrte scheinbar aufmerksam zu.</p>
-
-<p>&#8222;Du vergit, Alli&#8221;, begann er dann vorsichtig, &#8222;da
-dein Zustand dir vielleicht, ja wahrscheinlich gar nicht erlaubt
-&mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na, hre! Ich werde doch nicht jetzt schon anfangen,
-mich zu kasteien.&#8221; warf sie dazwischen.</p>
-
-<p>&#8222;Das will ich nicht sagen. Aber dem Umtrieb der
-Vorbereitungen wirst du nachher nicht gewachsen sein.
-Und berdies: wer wei, ob du im November schon wieder
-dabei sein kannst?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das fehlte gerade!&#8221; sie sah mimutig zu ihm auf.
-&#8222;Weit du, dann pfeif' ich aber auf das ganze Kindervergngen,
-wenn &mdash;&#8221; Sie vollendete den Satz nicht.
-Perthes hatte unwillig die Stirn gerunzelt. &#8222;Das fehlte
-gerade!&#8221; setzte sie nochmals wegwerfend hinzu. Sie war
-auer sich bei dem Gedanken, durch diese dumme Strung
-knnte ihr Vergngen beeintrchtigt werden.</p>
-
-<p>Perthes kannte Alice zur Genge, um ihre Gefhle
-an ihren Grimassen abzusehen. Ihre Frivolitt verletzte
-ihn. Sie bestimmte ihn, den Augenblick nicht vorbeigehen
-zu lassen, ohne die immer wieder verschobene Aussprache
-herbeizufhren. Er machte sich einen Stuhl frei und zog
-ihn in ihre Nhe.</p>
-
-<p>&#8222;Ich mchte gern mal ein ernstes Wort mit dir sprechen,
-Kind!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359">[S. 359]</a></span>
-
-&#8222;Noch ernster?&#8221; Es zuckte sehr wenig ernst um ihren
-Mund.</p>
-
-<p>&#8222;So leid es mir tut &mdash; sei mir nicht bse und miversteh'
-mich nicht &mdash; ich mu dir das aber sagen: du solltest deine
-Kauflust ein klein wenig einschrnken!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich &mdash; meine Kauflust? Und wieso?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wir mssen mehr haushalten, Liebling. Ich habe
-gerechnet und &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Um Gottes willen tu nur das nicht! Rechnen!&#8221; stie
-sie mit einem komischen, aber ganz ehrlichen Schaudern
-hervor.</p>
-
-<p>&#8222;Ich verlange es ja nicht von dir,&#8221; meinte er mit
-gutmtigem Lcheln. &#8222;Aber ich mu das wohl. Schulden
-machen ist nicht mein Fall. Und so, wie der Hase jetzt
-luft, kann er nicht weiter.&#8221; Er bemhte sich nun, ihr so
-ruhig und klar wie nur mglich, so schonend, als er nur
-konnte, einen Begriff von den Miverhltnissen ihrer Einnahmen
-und Ausgaben zu geben. Ohne alle berflssigen
-Einzelheiten. Sehr sachlich und berzeugend.</p>
-
-<p>Anfangs hrte sie zu. Nachher nahm sie neue Muster
-aus den Paketen und lie sie durch ihre Finger gleiten.
-Als er fertig war, sagte sie auerordentlich gelassen, ohne
-auch nur aufzusehen: &#8222;Mnni &mdash; weit du &mdash; eigentlich
-brauchtest du damit doch mich nicht behelligen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber wen denn sonst?&#8221; gab er, sich beherrschend,
-zurck.</p>
-
-<p>&#8222;Sprich doch einfach mit Papa. Der ist fr so was da.
-Der soll seinen groen Beutel 'n bichen weiter aufmachen.
-<span class="antiqua">Voil tout!</span>&#8221; Sie sagte das so khl und sicher,
-als gbe es keine selbstverstndlichere Sache.</p>
-
-<p>Perthes war von seinem Stuhl aufgesprungen. Er<span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360">[S. 360]</a></span>
-fhlte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. Um ruhig zu
-bleiben, machte er ein paar Schritte. Beim Fenster
-drehte er sich um.</p>
-
-<p>&#8222;Davon kann keine Rede sein. Eben das will ich um
-jeden Preis vermeiden. Nicht einen Pfennig weiter
-nehme ich von deinem Vater an!&#8221; Seine Worte lauteten
-sehr bestimmt. Es klang eine unbeabsichtigte Schrfe
-durch. Um sie gut zu machen, meinte er: &#8222;Das mut du
-brigens selbst einsehen!&#8221;</p>
-
-<p>Alice schwieg eine Weile. Sie legte ihre Muster langsam
-beiseite. Dann schob sie ihre feinen, schmalen Hnde
-im Scho ineinander und blickte ihn von unten nach oben,
-mit dem malitisen Blick ihrer Mdchentage an.</p>
-
-<p>&#8222;Das versteh' ich nicht. Verzeih &mdash; aber das wre ja
-unglaublich philistrs gedacht!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Philistrs, beste Alli,&#8221; &mdash; er reckte sich nervs &mdash;
-&#8222;philistrs ist ein Wort, mit dem eine gewisse junge Dame
-etwas vorsichtiger sein sollte! Es ist sehr bequem, all das
-philistrs zu nennen, was einem nicht in den Kram pat!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Oho, Mnni!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mein Standpunkt ist ehrenhaft, weiter nichts. Ich
-erwarte, da du ihn wrdigst. Und ich bitte dich &mdash;&#8221;
-er suchte von neuem seinen schroffen Ton, der sich ihm ungewollt
-gab, zu mildern und steckte die Hnde, die zu lebhaften
-Bewegungen ausgeholt hatten, krampfhaft in die
-Taschen seines Jacketts. &#8222;Ich bitte dich, dich danach einzurichten.
-Ich verlange von dir nichts Auergewhnliches.
-Nur ein bichen Migung und Beschrnkung. Du wirst
-das mir zu lieb tun!&#8221;</p>
-
-<p>Sie antwortete nichts. Sie legte den Kopf im Nacken
-zurck und ttschelte ihre krausen, rotblonden Haare. Dann<span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361">[S. 361]</a></span>
-verschlang sie die Hnde hinter sich und dehnte sich. Sie
-unterdrckte ein Ghnen.</p>
-
-<p>Perthes war emprt ber ihr Gebahren. Er fhlte,
-wie die Kraft, sich zu beherrschen, ihn verlie. Um nicht
-loszubrechen, ging er aus dem Zimmer.</p>
-
-<p>Alice sah ihm verwundert nach. Sie pfiff leise vor sich
-hin, whrend sie in der Auswahl ihres Musterlagers fortfuhr.
-Die Geschichte an sich imponierte ihr gar nicht. Sie
-hatte sie auch schon wieder halb vergessen. Aber sie
-glaubte heute eine leidige Entdeckung erneuert zu haben:
-der Philister in ihm &mdash; den sie als Mdchen schon gewittert,
-aber nun gebannt glaubte &mdash; dieser Philister hatte hinter
-ihm hervorgelugt! Das war hlich! Das degoutierte
-sie! Dafr wrde sie sich bedanken!</p>
-
-<p>Und ihre spitze, feine Zunge zngelte ganz zufllig
-zwischen den Lippen hervor und streckte sich einen Augenblick
-wegwerfend in einer nicht zu mideutenden Richtung
-...</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c16" id="c16">16</a></h2>
-
-
-<p>Die Katastrophe, die zweite, die innerhalb weniger
-Wochen das Haus am Wenzelsberg berfallen hatte, war
-so pltzlich hereingebrochen, so ohne alles Vorwissen und
-Vorbereitetsein, da das Leid der Schwestern mit jedem
-Tag, da sie sich seiner Gre und seines Umfanges bewuter
-wurden, immer weiter zu wachsen schien. Wie ein Orkan
-war der Tod mit seinem Gefolge von Anstrengungen und
-Aufregungen ber sie hingefahren und hatte sie betubt;
-jetzt meinten sie, die Wucht der Erkenntnis msse sie mit
-der doppelten Wucht des Schmerzes ganz zerbrechen.</p>
-
-<p>Es verging keine Stunde, ohne da der alte Herr, so<span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362">[S. 362]</a></span>
-gut in seinem Grimm, so mnnlich in seiner rauhen Selbstwehr
-eines feinempfindenden Herzens, so humorvoll in
-seiner gestrengen Paschawrde, fr jeden und jedes fehlte.
-Wie hatte sich's unter der Hut seines geraden, freien
-Geistes so sicher gelebt! Wie hatte seine Bedeutung als
-hervorragender Gelehrter auch durch die kleinen Schrullen
-des Alltags unter scheinbaren Schwchen und Willkrlichkeiten
-durchgeschimmert. Seine Allgegenwart hatte
-das Haus erfllt und gewrmt, auch wenn er abseits im
-zettelreichen, bcherverbauten Schreibtischwinkel sa und
-nur fr seine rmischen Kaiser zu sprechen war. Was
-htte Elli darum gegeben, wenn er sie zur Antwort auf
-eine vorwitzige Frage, mit der sie bei ihm eindrang, aus
-seiner Stube htte werfen knnen! Wie gern htte Marga
-sich hart anfassen lassen, wenn er meinte, ihr Gemt
-sthlen zu mssen &mdash; er, der der Gtigste und Besorgteste
-war, so oft das Leben sie hart anfate! Und Kthe, wie
-willkommen wre es ihr gewesen, ein pltzliches &#8222;Blaustrumpf!&#8221;
-an den Kopf zu bekommen! All das &mdash; und
-sein Schneckenmordgang im Weinberg, die Sprechstundenwacht
-auf der obersten Treppe, der gefhrliche Kaffeeturnus
-am Nachmittag, all das und tausend anderes war
-vorbei. Vorbei mit jenem &#8222;nie wieder!&#8221; dahinter, das
-so grausam und unerbittlich nur der Tod sprechen kann.</p>
-
-<p>Elli, die sonst so schnell ihre Trnen weglachen konnte,
-war die Verzweifeltste. Die Hrte des Lebens war diesmal
-zu nah und unmittelbar an ihre frohe Kindlichkeit
-herangetreten. Auch Kthe, die besonnene Kthe, erholte
-sich nur mhsam. Marga und Bertelsdorf, die die Not
-zu einer seltsamen und nicht sehr innerlichen Trostgenossenschaft
-zusammenfhrte, muten im Verein mit dem unermdlichen<span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363">[S. 363]</a></span>
-Wilmanns alles aufbieten, um die beiden aufzurtteln
-und aufzurichten.</p>
-
-<p>Die Wirklichkeit, wie sie nun einmal war, verlangte
-nur zu bald ein lebenstchtiges Wollen und Entschlieen.</p>
-
-<p>Vater Richthoff war ein trefflicher Mensch und Forscher,
-aber kein groer Haushalter gewesen. Ein Vermgen
-hatte er nicht hinterlassen knnen. Das Haus war
-mit Hypotheken belastet. Eine kleine Lebensversicherung
-gab hchstens die Mittel fr die nchste Zeit.</p>
-
-<p>Schonend legte Wilmanns nach Ordnung des geschftlichen
-Nachlasses den Geschwistern ihre Lage dar. Fr
-Kthe war gesorgt. Bertelsdorf war wohlhabend. Obwohl
-er seine Verbindung mit Kthe nicht zuletzt auch nach
-akademischen Vorteilen berechnet hatte, war er doch zu
-anstndig, um nicht seinen Mann zu stellen: die Hochzeit
-sollte, sobald es irgend anging, in aller Stille erfolgen.</p>
-
-<p>Aber Marga und Elli?</p>
-
-<p>Wilkens, der sich auch in diesen schweren Tagen brav
-wie immer benahm, stand tatschlich vor seinem Staatsexamen.
-Den Doktor hatte er glcklich hinter sich. Aber
-auf Jahre hinaus konnte er noch nicht daran denken, ein
-Heim zu grnden. Fr Marga stand fest, da Elli und
-sie sich, womglich Seite an Seite, eine wenn auch noch
-so bescheidene Existenz schaffen mten. Sie, die Blinde,
-deren Zukunft den Freunden am trbsten und aussichtslosesten
-vor den sorgenden Augen gestanden, war von
-vornherein fest entschlossen, niemand im Weg zu sein,
-sondern mit der alten Tapferkeit und Klarheit das Leben
-anzugreifen und ihm ein Stckchen Unabhngigkeit abzugewinnen.
-An ihrem Mut rankte sich auch Elli empor.</p>
-
-<p>Es war nicht leicht, ja es schien beinahe unmglich,<span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364">[S. 364]</a></span>
-etwas zu entdecken, das den beiden eine auskmmliche
-Zuflucht bot.</p>
-
-<p>Hundert Plne wurden ausgedacht und wieder verworfen.
-Immer scheiterte die Mglichkeit der Ausfhrung
-an einem neuen Hindernis: sei es, da die Ausbildung
-zu einem bestimmten Beruf unumgnglich ntig war,
-da andere materielle Vorbedingungen sich nicht erfllen
-lieen oder da wohl die eine, aber nicht die andere Schwester
-ihre Unterkunft finden konnte.</p>
-
-<p>Eines Abends vor dem Schlafengehen &mdash; es waren
-schon Wochen vergangen, Kthes Hochzeit und die Trennung
-von ihr standen dicht bevor, das Haus war zum
-Verkauf ausgeschrieben &mdash; erklrte Elli mit einem komischen
-Stoseufzer, der die Rckkehr ihres Frohsinns ankndigte:
-&#8222;Nchstens werden wir fr uns eine &#8218;Kleinkinderbewahranstalt&#8219;
-suchen mssen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Warum fr uns?&#8221; meinte Marga ernsthaft. &#8222;Wir
-knnten ja &mdash;&#8221; sie stockte und berlegte.</p>
-
-<p>&#8222;Was knnten wir?&#8221; forschte Elli.</p>
-
-<p>&#8222;Nun, ich dachte &mdash; aber es wird auch nicht gehen &mdash;
-wenn wir einen Kindergarten grndeten!&#8221; Sie mute
-selber ber diese Idee lachen, und Elli stimmte ein. Sie
-spannen das Unmgliche weiter, und es sah auf einmal
-gar nicht so unmglich aus. Elli fing Feuer. Noch vor
-Mitternacht hatte ihr Optimismus ein fertiges Projekt.
-Vielleicht war ihm kein besseres Los beschieden als vielen
-anderen. Wahrscheinlich wrde es im Frhlicht des nchsten
-Tages schon nichtig erscheinen. Aber fr jetzt konnte man
-neuen Mut daraus schpfen. Und es schlief sich so gut
-darber ein ...</p>
-
-<p>Es stellte sich heraus, da das Kindergartenprojekt sich<span class="pagenum"><a name="Page_365" id="Page_365">[S. 365]</a></span>
-bei Tag immer noch sehen lassen konnte. Wenn auch von
-der Idee zur Wirklichkeit der Weg weit war, Marga und
-Elli beschlossen doch, diesen ihnen vom Zufall geschenkten
-Plan weiter zu verfolgen. Da ergab es sich freilich schnell,
-da sie allein nicht zum Ziel kommen konnten. Obwohl
-einfach und huslich erzogen oder besser durch gesunde
-Anlagen geworden, waren sie doch als zwei Geheimratstchter
-nicht vorbereitet, sich mit unmittelbaren und harten
-Notwendigkeiten praktisch auseinanderzusetzen. Zum Glck
-war unter den Freunden des Vaters eine Dame, die nicht
-nur mit dem guten Ton der Gesellschaft, sondern auch
-mit sozialen Verhltnissen Bescheid wute. Nicht aus
-Sport, wie die Grfin Hningen, aber aus dem Bedrfnis
-eines liebevollen Herzens und eines geraden Sinnes. Auch
-nicht aus irgendeiner wohlfeilen sozialen Theorie heraus,
-sondern weil fr sie das Soziale sich ebenso von selbst
-verstand, wie es das Moralische soll. Es war dies die
-majesttische Frau Geheimrat Achenbach mit ihren silberweien
-Scheiteln und dem Krckstock, die besondere Freundin
-Borngrbers. Professor Wilmanns erzhlte ihr gelegentlich
-ziemlich skeptisch von dem Gedanken seiner
-Schtzlinge. Sie lud Marga und Elli zu sich ein. Zuerst
-nahm sie den beiden alle Illusionen und machte sie rechtschaffen
-kleinmtig. Weil man nun einmal, wie sie berzeugt
-war, ein Haus nicht von oben herunter aus der
-Idee, sondern von unten herauf aus der Praxis bauen
-mute. Dann aber, als die Schwestern dachten, sie wrden
-also auch auf diesen Plan verzichten mssen, weil keine
-die ntigen Vorkenntnisse, die Ausbildung, keine die Erfahrung
-und Umsicht besa, deren es bedurfte, versprach
-Frau Achenbach, sich der Sache anzunehmen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_366" id="Page_366">[S. 366]</a></span>
-
-Und sie hielt Wort.</p>
-
-<p>Freilich sollte es fast ein Jahr dauern, ehe man zum
-Plan die feste Gestalt sah.</p>
-
-<p>Da gab es zunchst fr Ellis Ungestm eine harte Probe.
-Durch Vermittlung von Frau Achenbach fand sich fr sie
-in einer benachbarten kleinen Stadt ein Unterschlupf als
-Volontrin in einem groen Erziehungsheim, dem ein
-Kindergarten angegliedert war. Zu ihrem und Margas
-Schmerz muten sie sich fr eine bis dahin unerhrte Zeit
-trennen. Was sollte so lange aus Marga werden?</p>
-
-<p>Das Haus, das alte Haus am Wenzelsberg, war verkauft
-worden. Ein kleiner berschu, zusammen mit der
-mageren Versicherungssumme, auf deren eines Drittel
-Kthe zugunsten der Schwestern verzichtete, konnte fr
-zwei bis drei Jahre zum Unterhalt ausreichen. Bertelsdorf
-hatte das Glck, einen Ruf als Extraordinarius an
-eine technische Hochschule in Mitteldeutschland zu erhalten.
-Er zog mit seiner Frau &mdash; die stille Hochzeit wurde im
-Juni gefeiert &mdash; nach herzlichem Abschied noch im Lauf
-des Sommers davon. Elli sollte ihre Volontrstelle als
-Kindergrtnerin demnchst antreten. Marga mute fr
-sich einen Ausweg finden und fand ihn: Onkel Thiele auf
-Gstow in Pommern hatte zwar nicht zur Beerdigung
-seines Stiefbruders kommen knnen, aber brieflich jede
-Hilfe angeboten, zu der sein Herz und sein Geldbeutel,
-die in ihrer Weite zueinander im umgekehrten Verhltnis
-standen, fhig wre. Marga nahm die Hilfe fr sich an.
-Elli brachte sie nach Pommern.</p>
-
-<p>Die Reise wurde zwar ganz anders, als sie einst vor
-Ellis blhender Phantasie gestanden hatte. Aber schn
-war sie doch. Unterwegs begrte man Wilkens, der<span class="pagenum"><a name="Page_367" id="Page_367">[S. 367]</a></span>
-in einem schsischen Nest eine erste Hilfslehrerstelle gefunden
-und angenommen hatte. Schwermtig war er
-noch immer nicht geworden. Dagegen gab ihm der Stolz,
-sein Examen gemacht zu haben, eine gewisse breite Manneswrde.
-In Berlin gab es zwar keinen ungemessenen Vergngungstaumel,
-wie Ellis Feuerwerk ihn einst vorgezaubert.
-Aber bei dem schon frher in Anspruch genommenen
-Kollegen Richthoffs war man einige Tage gut aufgehoben
-und sah von der &#8222;Weltstadt&#8221; genug, um die schaudernde
-Andacht nicht nur nicht enttuscht, sondern erhht zu sehen.
-Und der Empfang in Gstow war einfach urgemtlich:
-die sechs bis acht haferblonden, quicken Cousinen, die brave,
-beleibte Mama Thiele, der Onkel mit seinem verwitterten,
-jovialen, rostbraunen Landmannsgesicht unter dem grnen
-Hut mit der Spielhahnfeder, alle waren an der Bimmelbahn,
-freuten sich &#8222;doll&#8221; und fhrten Elli und Marga im
-besten Wagen nach Gut Gstow. Sie taten dort, was
-in ihren Krften stand, um die beiden schnell bei sich heimisch
-zu machen. Als Elli sich nach zehn Tagen verabschiedete,
-war es mit einem weinenden und einem lachenden
-Auge. Ganz ernst konnte man von Thieles nicht fortfahren,
-sogar wenn es Marga zu verlassen galt.</p>
-
-<p>Und Margas mutiger, klarer Sinn fand sich in der
-neuen Umgebung bald zurecht. Die schlichten Menschen
-in dem altvterischen Herrenhaus mit ihrer unverwstlichen
-Jugend, ihrer unermdlichen Lust an der Arbeit und am
-harmlosesten Vergngen, der Gutshof mit seinem mannigfaltigen
-Wirtschaftsbetrieb, die weiten, kornduftenden Felder,
-der schattige Garten und der einsame Kiefernwald &mdash;
-das war eine in sich ruhende, natrliche Welt, die ihr wohltuend
-entgegenkam. Ihre Seele tat das ihre, um sie, wo<span class="pagenum"><a name="Page_368" id="Page_368">[S. 368]</a></span>
-und wie es nur immer ihr Zustand erlaubte, in sich aufzunehmen.
-Neue Eindrcke und neue Empfindungen legten
-sich schtzend und klrend zwischen sie und ihr frheres
-Leben im Haus am Wenzelsberg.</p>
-
-<p>Sie wollte aber nicht nur feiern und sich pflegen.
-Unter den Cousinen Nummer sechs bis acht waren zwei
-gerade im rechten Alter, da Margas Kinderfreude an
-ihnen sich ben und ausbilden konnte. Aus sich heraus
-schuf sie sich eine praktische Methode und praktische Kenntnisse,
-die berufsmig zu lernen ihr versagt war.
-Die Bilder, die ihr inneres Schauen mit seltenem Reichtum
-und frischer Anschaulichkeit ihr gab, hatte sie frher
-ngstlich fast nur sich vorbehalten. Jetzt im Umgang
-mit Stffy und Illi Thiele berwand sie alle Scheu. Die
-Kinder gaben ihr wie von selbst die Fhigkeit, sich mitzuteilen,
-das Geschaute in eine faliche Form hinberzuleiten,
-zu erzhlen und zu fabulieren. Sie mute ein
-Stck ihrer inneren Schwere opfern. Aber sie empfing
-dafr nicht nur eine grere Beweglichkeit des Gemts,
-sondern ein echtes und gerechtes Gegengeschenk. Langsam
-und unmerklich fast. Der Humor, der sich frher,
-trotz Ellis Beispiel und trotz Vater Richthoffs grimmkrftigen
-Anlagen dazu, bei ihr nur sprlich hatte sein
-Recht verschaffen knnen &mdash; jetzt entwickelte er sich und
-streifte ab, was die frheren Mdchenjahre unter der
-Wirkung ihres Leidens an berernst und zu tiefer
-Empfindsamkeit angesetzt hatten. Das war die berraschung,
-die die neue Seele in sich trug. Und nicht
-nur ein Nebenbei, eine zufllige Mitgabe war das: es
-wurde, wenn sie es recht verstand, die beste Bedingung
-fr ihr neues Leben. Waffe, Wrze und Kraft, nicht nur<span class="pagenum"><a name="Page_369" id="Page_369">[S. 369]</a></span>
-wieder zu werden, was sie gewesen, sondern mehr. Marga
-verstand es recht. Sie lie das Lachen aus Kindermund,
-bald das lautschallende, bald das leis vertrumte, hinberklingen
-in sich. Es war wieder die groe Stille, die in ihr
-anhub, ihr Wesen durchdrang und durchleuchtete. Aber
-um einen Grundton reicher, reifer, lebenstchtiger &mdash; um
-einen hellen, leichten, lachenden Ton.</p>
-
-<p>Erst um Weihnachten, spter als beide gedacht, sahen
-sich Marga und Elli in Kthes jungem Heim wieder.</p>
-
-<p>Voll weher Erinnerungen, aber auch voll froher Zuversicht
-ging's ins neue Jahr hinber.</p>
-
-<p>Als die beiden in ihre Universittsstadt zurckkehrten
-und bei Cousine Grasvogel Gastfreundschaft annehmen
-muten, fanden sie zu ihrer Freude, da Frau Geheimrat
-Achenbach nicht mig gewesen war. Sie hatte in einer
-Gartenstrae &mdash; dort, wo die Altstadt in der Ebene verlief,
-nicht zu fern vom Mittelpunkt, aber in freier, gesunder
-Lage, ein nicht mehr neues, aber sauberes Huschen ermittelt,
-das zur Miete ausgeschrieben war. Ein Vorgarten
-mit Rosenstruchern davor, ein Grasgarten mit ein
-paar Obstbumen dahinter, im Erdgescho drei groe
-Zimmer und die Kche, oben unterm Giebel ein luftiger
-Schlafraum &mdash; alles nicht groartig, aber zweckentsprechend
-und freundlich. Besonders wenn erst das Frhjahr Bltter
-und Blten darumrankte.</p>
-
-<p>Mit dankbarer Geschwindigkeit griffen Marga und Elli
-zu. Der Rest ihres Kapitals sicherte ihnen fr die nchsten
-zwei Jahre die Miete; er ermglichte auch die ntigen
-Anschaffungen fr die &#8222;Schulstube&#8221;, die Frau Achenbach
-schon ins Auge gefat hatte. Die Wohnrume, das Empfangs-
-und Wohnzimmer neben der &#8222;Klasse&#8221; und das Schlafzimmer<span class="pagenum"><a name="Page_370" id="Page_370">[S. 370]</a></span>
-lieen sich mit den Mbeln, die sie aus der Einrichtung
-des vterlichen Hauses zurckbehalten, so vollstopfen,
-&#8222;da sie vor Gemtlichkeit platzten&#8221;, wie Elli sich
-ausdrckte.</p>
-
-<p>Dann kam der erste selige Tag hinter den eigenen
-Scheiben. In den Zimmern, im Vorgarten, im Grasgarten
-mute man zwei dutzendmal aus- und einlaufen,
-bis man vor Mdigkeit fast umfiel. Hinterdrein ging das
-Annoncieren los und das Besuchemachen. Es gab Enttuschungen.
-Und gab eine nrrische Freude, als &mdash; auf
-einen Tag, wie es das Glck immer macht &mdash; drei kleine
-Leute auf einmal angemeldet wurden. Mit den von Frau
-Achenbach schon Angeworbenen halte man jetzt acht, drei
-Jungens, fnf Mdels, und konnte anfangen.</p>
-
-<p>Das war ein Montag, als das Huflein Grundstock
-angezettelt kam.</p>
-
-<p>Erst ein strammer Bengel von fnf Jahren. Allein,
-mit einem roten Russenkittel, blauen Hosen, einer Botanisiertrommel
-und dem Finger in der Nase. Zwei flachsblonde
-Prinzechen, Hand in Hand, die mit ihrer Mama
-furchtbar tapfer die Strae daherzogen und, als besagte
-Mama sie in der Schulstube zurcklie, pltzlich mrderisch
-zu brllen anfingen. Weiter ein winziger, fast zu junger
-Mann von vier Jahren, der sehr artig mit der Schwester
-ankam, aber nur blieb, wenn er bis auf weiteres sein
-Steckenpferd bei sich behalten konnte.</p>
-
-<p>Marga und Elli wollte es angst und bange werden vor
-all den groen, fragenden Augen und den offenen Mulchen,
-die bereit waren, zu lachen und zu weinen &mdash; in ein
-und demselben Atemzug.</p>
-
-<p>Aber es ging viel besser, als es zuerst aussah.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_371" id="Page_371">[S. 371]</a></span>
-
-&#8222;Tante&#8221; Elli wute mit ihren strahlenden Augen Spiele
-und Spe, da der Mann mit dem Gulchen sein Steckenro
-vertrauensvoll beiseite legte und sich vor Vergngen
-schttelte. Sie lehrte die kleinen Mdchen Papier flechten,
-ganz allmhlich, beinahe heimtckisch, so da sie an kein
-Fortgehen mehr dachten, und die Jungens, die lter waren
-als der Steckenpferdmann, die Sache auch probieren wollten,
-selbst wenn man dabei auf der Bank sitzen bleiben
-mute. Und &#8222;Tante&#8221; Marga, die so merkwrdige Augen
-hatte, da es einem erst ein bichen unheimlich wurde und
-man nachher sie gerade deshalb streicheln mute &mdash; die
-erzhlte Geschichten mit ihrer warmen Stimme: die Augen
-mute man aufreien, als gelte es geradewegs in den
-Himmel zu schauen, und den Mund konnte man nicht mehr
-zusammenbringen, ehe sie zu Ende war. Man sang und
-sprang, man purzelte und tanzte Ringelreihen im Grasgarten,
-da nach sechs Wochen ein junger Herr erklrte,
-es sei einfach verrckt, da man nicht immer da sei, und
-zwei junge Damen, die erst nicht hatten bleiben wollen,
-in Trnen schwammen, weil sie zum Mittag fortgeholt
-wurden.</p>
-
-<p>Der Reigen wurde grer. Die Freunde, auch auer
-Frau Achenbach, machten mchtige Propaganda. Professor
-Wilmanns war untrstlich, da er sein Enkelbbchen
-&mdash; den Jungen Heddis, die vor einem Jahr geheiratet
-hatte &mdash; nicht schlankweg aus der Wochenstube zu den
-Richthoffs bringen konnte. Dafr bearbeitete er seine
-jngeren Kollegen mit einer fanatischen Beharrlichkeit,
-bis sie nachgaben und ihren Nachwuchs schickten, oder, weil
-sie es mit der Furcht bekamen, in einem stattlichen Bogen
-um ihn herumgingen. Borngrber verbreitete an einem<span class="pagenum"><a name="Page_372" id="Page_372">[S. 372]</a></span>
-Kegelabend die verleumderische Nachricht, Papa Wilmanns
-htte in einer Vorlesung ber Homer, an Hektors Kinder
-anknpfend, von dem Segen gesprochen, den eine Kleinkinderschule
-in Troja htte stiften knnen. Der erboste
-Wilmanns rchte sich. Er brandmarkte seinen lgnerischen
-Kollegen, indem er ihm spte Heiratsabsichten andichtete,
-die auch keinen anderen Beweggrund htten, als eine Frau
-unglcklich zu machen, und ihm, Wilmanns, bei seinen
-Schutzbefohlenen in der Bergfelderstrae mit Zwillingen
-den Rang streitig zu machen. Das war nun auch nicht
-wahr. Die Wahrheit war nur, da der Indologe Jakobus
-Borngrber sich schmte, fr die Mdels des guten Richthoff
-immer nur seinen guten Willen zu haben. Der Weg
-von seiner oststlichen Wissenschaft zu einem modernen
-Kindergarten war gar zu weit, und so ging er wenigstens
-mitunter den nheren von seinem verwunschenen Haus in
-der Uferstrae nach der Bergfelderstrae und schaute um
-eine Ecke in den Grasgarten. Wenn er nicht gerade das
-gesuchte Haus verwechselte, sondern sich zurechtfand, rollte
-er die verwunderten Augen, heuchelte, stehenbleibend, ehrliche
-Kinderliebe und schwenkte, wenn Elli ihn zufllig
-entdeckte und ihm zunickte, verlegen den Hut.</p>
-
-<p>Natrlich blieben fr Marga und Elli auch jetzt die
-Sorgen und Enttuschungen nicht aus. Sie muten es
-sich oft rechtschaffen sauer werden lassen, und der alte
-Herr hatte sich wohl auch fr die Zukunft seiner &#8222;Bande&#8221;,
-sofern er sie je genau erwogen, etwas Besseres gewnscht.
-Und doch: sie selbst fhlten sich zufrieden bei ihrem Beruf.
-Wenn sie am Abend im Wohnzimmer, das tatschlich &#8222;vor
-Gemtlichkeit platzte&#8221;, ihren Tee brauten, konnte man
-Marga singen und Elli lachen hren. Es kam vor, da<span class="pagenum"><a name="Page_373" id="Page_373">[S. 373]</a></span>
-nicht nur Elli Marga, sondern Marga Elli einen Bren
-aufband. Sie entwickelte aus ihrer Erinnerung an Gstow
-in Pommern unheimliche Geschichten von halsbrecherischen
-Segelfahrten, schnen polnischen Schnittern und Schnitterinnen,
-Jagdabenteuern, die Onkel Thiele bestanden &mdash;
-ganze Romane, die Elli mit glubiger Neugier aufnahm,
-bis sie mit Entrstung hinter den Trug kam. Sie blieb
-bei nchster Gelegenheit mit rchendem Schabernack nicht
-dahinten. Der Strom von Jugend und Frhlichkeit, der
-zwischen ihren Herzen und denen der Kinder kreiste, nahm
-immer wieder auch das Harte und Schwere mit sich oder
-lste es zur Harmonie. Elli schwor, wenn sie auf Wilkens
-warten mte, bis sie alt und grau wrde, wollte sie nicht
-verlernen, Feuerrder durch die Luft surren und leuchten
-zu lassen. Und Marga, die schwere Marga, lachte dazu
-und breitete am Feierabend die Arme aus, der Sonne
-zu, als wollte sie den Tag an sich raffen, das Licht aus
-der Ferne und Nhe, von oben und unten. Sie schlang
-die Hnde beglckt ber ihrem Kopf ineinander, so frei
-fhlte sie sich, so still, so in sich selber und im Licht geborgen.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c17" id="c17">17</a></h2>
-
-
-<p>Der erste &#8222;verheiratete Sommer&#8221; hatte sich fr Max
-Perthes ziemlich einsam angelassen. Seine Schwiegereltern
-waren seit dem Mai fast ununterbrochen wieder
-auf Stift Nieburg. Auch Alice brachte dort viele Tage zu.
-Er selber kam nur bisweilen an einem Sonntag fr ein
-paar Stunden hinaus.</p>
-
-<p>Die Einsamkeit bekam seinen wissenschaftlichen Arbeiten
-sehr gut. Er fand eine eigentmliche neue Befriedigung<span class="pagenum"><a name="Page_374" id="Page_374">[S. 374]</a></span>
-in einer Ttigkeit, die seine praktische in der Klinik nach
-der geistigen Seite ergnzte. Die Sehnsucht nach Stille,
-die er so ganz verbannt und berwunden zu haben glaubte,
-suchte, ohne da er es zugestanden htte, einen schchternen
-Ausweg und entdeckte ihn in dieser gelehrten Neigung,
-die er sich frher nicht zugetraut hatte. Fr seine Person
-verzichtete er nach der Reise im Januar nicht ungern auf
-den Sommerurlaub. Er verstndigte sich mit seinen Schwiegereltern
-dahin, da Alice die Hochsommerwochen unter
-ihrer Obhut in St. Blasien verbringen sollte. Sie selber
-murrte anfangs ber den notwendigen Verzicht auf die
-ihr so teure Bergfexerei. Zum Glck fand Perthes diesmal
-bei Exzellenz Hupfeld eine nachhaltige Untersttzung
-im Kampf gegen jede Unbesonnenheit. Exzellenz trumte
-von goetheschen Enkelfreuden und wollte seine &#8222;wilde
-Hummel&#8221; schon im Zaum halten.</p>
-
-<p>So blieb Perthes allein und verteilte sein gleichfrmiges
-Leben zwischen der Klinik und dem behaglichen Herrenzimmer
-seines Landhauses, wo er oft bis Mitternacht und
-lnger bei der Schreibtischlampe sa. Nur selten ging er
-spazieren. Gegen das Flutal aufwrts von Nieburg hatte
-er seit dem Sommer des vergangenen Jahres eine scheue
-Abneigung. Weiter hinein in die Berge oder hinaus in
-die Ebene reichte die Zeit nicht. In die Stadt kam er,
-auer auf dem Weg zur Klinik, so gut wie nie; und diesen
-einzigen Stadtweg legte er meist in der Straenbahn
-zurck.</p>
-
-<p>Wie ein Fremdling kam er sich schon vor, als er eines
-Abends gelegentlich einen Gang durch die Hauptstrae
-machte. Der Postbote hatte ihm am Morgen das Honorar
-fr einen nebenbei geschriebenen Aufsatz in der &#8222;Medizinischen<span class="pagenum"><a name="Page_375" id="Page_375">[S. 375]</a></span>
-Wochenschrift&#8221; gebracht. Er wollte es dazu verwenden,
-um in aller Stille eine der groen Rechnungen
-des letzten Vierteljahrs zu begleichen.</p>
-
-<p>In dem Modeladen, dem sein Gang galt &mdash; es war
-das erste Sport- und Toilettengeschft der Stadt &mdash; erfuhr
-er mit Befremden, da der Betrag schon beglichen sei.
-Er wollte es nicht glauben und forschte weiter. Der Besitzer,
-ein sehr hflicher, geschniegelter Herr, lie ihn das
-Kontobuch einsehen. Es stellte sich heraus, da die Rechnung
-fr Exzellenz berschrieben und vor ein paar Wochen
-bezahlt war. Perthes zuckte die Achseln und murmelte
-etwas von einem unverstndlichen Irrtum. Kaum konnte
-er vor dem Inhaber, der ihn dienstfertig bis an die Tr
-begleitete, Beschmung und Zorn verbergen.</p>
-
-<p>Der Gedanke, da ihm Alice hinterrcks diese Demtigung
-zugefgt, schien ihm unfabar. Sein Stolz, den er
-einst gezwungen, sich der bewuten Streberei zu unterwerfen,
-hatte sich in die letzte Festung einer peinlichen
-pekuniren Empfindlichkeit geworfen und machte einen
-entrsteten Ausfall. Er war drauf und dran, an Hupfeld
-einen erbitterten Brief zu schreiben, um solche Liebenswrdigkeiten
-ein fr allemal abzulehnen, und die Summe
-mitzuschicken. Nur die Rcksicht auf den Zustand seiner
-Frau lie ihn dann doch davon absehen. Soviel stand ihm
-indessen fest: es mute hier eine reinliche, prinzipielle
-Klrung erfolgen. Aber er wollte warten, bis er keine Gefahr
-mehr lief, ihr zu schaden. In seinem ganzen Leben
-hatte er nicht so viel Selbstberwindung lernen und ben
-mssen, als es ihn kostete, seine Entdeckung in sich hineinzuwrgen.
-Die Arbeit wurde ihm fr mehrere Tage verdorben,
-und es blieb auch nachher ein Stachel zurck, der<span class="pagenum"><a name="Page_376" id="Page_376">[S. 376]</a></span>
-immer wieder in ihm bohrte. Er sah Alice vor sich mit
-ihren irrlichthaften Augen, der ewig herausfordernden
-Miene eines Gassenjungen, den tollen Sprngen des tollen
-Mdels von einst. Hatte sie denn gar keinen Sinn fr
-den Stolz des Mannes, der sich in ihm auflehnte gegen
-eine unwrdige und malose Abhngigkeit? Verstand sie
-nichts von der Erniedrigung, der sie ihn vor ihren Eltern
-aussetzte? Die Frage tauchte wieder auf, die er seit dem
-Frhjahr, seit jener Todesnachricht von Richthoff und seiner
-freiwillig-unfreiwilligen Beichte ber Marga, mehr als
-einmal hatte in sich zurckdrngen mssen: was wohnte
-hinter den grnschimmernden, flackernden Augen, hinter
-diesem alles zerspottenden Mund, hinter der khlen Stirn
-unter den rtlich-krausen Haarwolken? Doch das war ja
-Unsinn! Was suchte er denn? Das Rtsel war ja eben
-der Reiz des Rtsels. Die Verliebtheit, noch immer mchtig
-ber ihn, lehnte sich auf und stritt gegen das sinnlose Fragen.
-Gewaltsam wie frher meinte er ber seine Skrupel Herr
-werden zu sollen. Er vergnnte sich einen dummen Streich:
-ber den nchsten Sonntag fuhr er nach St. Blasien.</p>
-
-<p>Es gab eine lustige berraschung, als er bei Hupfelds
-im Kurhotel einbrach. Zwei Tage glcklicher Trunkenheit
-folgten: er war Alices alter Ruberhauptmann und sie
-sein entzckender Irrwisch.</p>
-
-<p>Nachher, zu Hause, fand er, da er trotzdem mit dem
-Streit in sich so fertig nicht war, wie er gehofft. Die
-Erinnerung an die zwei Taumeltage schwand. Die Erinnerung
-an seine Demtigung blieb. Er mute ein Kompromi
-schlieen, um den Streit loszuwerden. Das Kind
-war es fortan &mdash; aber natrlich war es so &mdash; nur das
-Kind, das Alice ganz zu dem machen sollte und mute,<span class="pagenum"><a name="Page_377" id="Page_377">[S. 377]</a></span>
-was sie noch nicht war. Er verlangte ja gar nicht viel.
-Nur ein Gran Verstndigkeit, ein halbes Lot Ernst. Der
-mute kommen! Die Mutter mute in ihr erwachen und
-sie auf die natrlichste Weise dazu fhren, seinen Stolz
-zu verstehen, mit ihm ber diese wirtschaftlichen Dinge
-einer Meinung und damit huslicher zu werden!</p>
-
-<p>Perthes baute eine vllig wolkenlose Zukunft auf das
-Kind ihrer Liebe ...</p>
-
-<p>Der Herbst war da. Alice flog ihm wieder in die Arme.
-So frisch und ungebrdig und fast so schlank wie immer.
-Perthes selbst war mit seinem Schwager, Leutnant Moritz,
-doch noch acht Tage in den Vogesen gewandert. Auch er
-fhlte sich gestrkt und von Grillen befreit, voll Zuversicht
-und Arbeitslust.</p>
-
-<p>Mit Semesteranfang begann das alte gesellschaftliche
-Treiben.</p>
-
-<p>Die Grfin Hningen hatte aus Berlin, wo sie auf
-der Hin- und Rckfahrt nach Borkum einen Monat haltgemacht,
-neue Plne, neue Kaprizen mitgebracht. Aber
-wie Perthes vorausgesehen, mute Alice sich einige Zurckhaltung
-auferlegen. Ihre Beweglichkeit wurde eingeschrnkt,
-ob sie wollte oder nicht. Bei sich triumphierte er,
-es wrde alles so werden, wie er voraussah. Wenn sie
-bisweilen ber die Strnge schlug, wenn sie aufbrauste,
-weil er sie im Zgel hielt, und ihn offen einen &#8222;ekligen,
-ollen Philister&#8221; schalt und die dumme Plackerei ihres Zustandes
-verwnschte, so war er von einer unerschtterlichen
-Geduld und Rcksichtnahme. Er sagte sich, da
-das ganz in der Ordnung war. Bei ihr wie bei allen
-Frauen; nur eben ihrer Eigenart entsprechend. Und er
-bte sich in einer Zartheit, einer Beherrschung seines<span class="pagenum"><a name="Page_378" id="Page_378">[S. 378]</a></span>
-Temperaments, die ihm niemand, am wenigsten er selbst
-sich zugetraut htte.</p>
-
-<p>Gleich nach Mitte Oktober kam der groe Tag.</p>
-
-<p>Exzellenz Hupfelds Automobil hielt fast vom Morgen
-bis zum Abend vor der Villa. Perthes hatte sich frei
-gemacht. Der Ordinarius fr Gynkologie, ein Freund
-des Geheimen Rats, war zugegen. Mama Hupfeld erhielt
-durch ihren Diener halbstndigen Wetterbericht, denn
-ihre furchtsame Erregbarkeit war fr Wochenstuben nicht
-gemacht.</p>
-
-<p>Um sechs Uhr abends erblickte ein schreihlsiger junger
-Perthes das Licht der Welt.</p>
-
-<p>Hupfeld, der Grovater, und Perthes, der Vater,
-schttelten sich mit gerhrter Freude die Hnde. Alice
-war schwach, aber auer jeder Gefahr. Als Perthes bei
-ihr eintrat, mit Blumen und lachend besorgter Miene,
-betrachtete sie eben verwundert das kleine Menschenbndel,
-das ihr die Wrterin hinhielt. Sie lchelte bei seinem
-Kommen.</p>
-
-<p>Er setzte sich neben sie und ergriff ihre rechte Hand,
-um sie zu kssen.</p>
-
-<p>Nach einer Weile murmelte sie ein paar Worte.</p>
-
-<p>&#8222;Wie meinst du, Liebling?&#8221; Er beugte sich vor, denn
-er hatte nicht verstanden. &#8222;Hast du einen Wunsch?&#8221;</p>
-
-<p>Sie wiederholte ihre Worte. Er meinte sich zu verhren,
-und lie sie sich zum drittenmal, noch nher ihrem
-Mund, wiederholen.</p>
-
-<p>&#8222;Nu hab' ich mir aber meinen Basar verdient! Ehrlich!&#8221;
-kam es klar und berzeugt hervor.</p>
-
-<p>Perthes gab keine Antwort. Er legte ihre Hand zurck
-auf die Decke. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Er<span class="pagenum"><a name="Page_379" id="Page_379">[S. 379]</a></span>
-hatte mit ihr ein dankbares Wort ber den tchtigen Burschen
-reden wollen, den sie ihm geschenkt. Es blieb ihm
-in der Kehle stecken. Er lchelte ihr noch einmal zu und
-ging auf den Fuspitzen aus der Stube.</p>
-
-<p>Whrend Exzellenz nach ihr sah, stand er lange im
-Speisezimmer am Fenster, ohne hinauszusehen in das
-Herbstdunkel mit den trgen Bergmassen, dem dsteren
-Flu, dem gestirnten Himmel.</p>
-
-<p>Das war also alles, was Alice empfand!</p>
-
-<p>Sie hatte ihre Arbeit geleistet und erwartete ihre Belohnung.
-Kein Wort fr das Kind, kein Wort fr ihn.</p>
-
-<p>Eine grausame Erbitterung stieg in ihm auf. Sie
-wurde von einer Traurigkeit abgelst, wie er sie lange
-nicht gefhlt. Wie aus dem Nichts, ungerufen, aber voll
-und deutlich tauchte Marga vor ihm empor. Marga als
-Mutter &mdash; eine Welt von Innerlichkeit, von Gemt, von
-Schnheit und Liebe. Er prete die Fuste gegen die
-Schlfen; seine ganze Energie spannte er an, um diese
-tdliche Vision abzuhalten, fortzudrngen, zu vernichten.
-Es gelang ihm. Aber eine unerklrliche, zornige Angst
-und Beklemmung blieb in ihm zurck. Es waren wieder
-Alices Schalksaugen vor ihm, hinter die er zu dringen
-suchte. Und er bebte vor dem, was er zu ergrnden meinte.
-Er wies die Ahnung zurck. Mit dem Rest seines dmonischen
-Nichtwollens warf er seine erwachende Seele nieder
-...</p>
-
-<p>Alice genas schnell und normal. Auch der Junge
-machte die besten Fortschritte. Sie behandelte ihn sehr
-unterschiedlich: bisweilen berhufte sie ihn mit Zrtlichkeiten;
-ein andermal verga sie ihn vllig. Beharrlich
-war sie dagegen in dem Wunsch, keinesfalls dem Basar<span class="pagenum"><a name="Page_380" id="Page_380">[S. 380]</a></span>
-fernbleiben zu mssen. Die &#8222;Handarbeitsbude&#8221; hatte sie
-wieder aufgegeben, die Musterauswahl zurckgeschickt, bald
-nach jener Aussprache mit ihrem Mann: nicht etwa, weil
-er sie berzeugt hatte, sondern weil sich ihr die Sache
-als zu mhselig erwies und nicht den rechten Spa machte.
-Ihre neuen Plne hielt sie geheim: sie hatte nur, schon
-whrend ihres Wochenbettes, regelmige Konferenzen
-mit Edith Hammann. Gesundheitlich war gegen ihre Teilnahme
-kaum etwas einzuwenden. Sie gedieh vorzglich
-in ihrer koketten Krankenstube. Die Taufe wurde fr
-Anfang Januar festgesetzt. Der Junge sollte nach seinem
-berhmten Grovater den Vornamen Benno erhalten.</p>
-
-<p>Seltsamerweise waren auch Perthes' Gedanken mehr
-bei dem unntzen Basar als bei seinem Kind. Sie
-kristallisierten sich auf diesen Punkt mit der Hartnckigkeit
-einer fixen Idee. Mit dem verzweifelten Eigensinn
-eines Mannes, der in seinem Glauben erschttert ist, aber
-sich nichts davon eingestehen mchte, beschlo er, Alices
-Liebe eine Kraftprobe aufzuerlegen. Das Wohlttigkeitsfest
-war, unvorhergesehener Schwierigkeiten halber, auf
-die zweite Hlfte des Januar verschoben worden. Unter
-dem Weihnachtsbaum &mdash; er hatte Alice berreich und zartsinnig
-beschenkt &mdash; erbat sich Perthes ihren Verzicht auf
-diese kostspielige Veranstaltung, geradezu als Beweis der
-Liebe. Sie wollte nichts davon hren, aber allmhlich
-trug seine Beredsamkeit, die so feurig sein konnte, den
-Sieg davon. In einem Wirbel von Liebkosungen erstickte
-ihr Widerstand. Sie versprach, den Basar aufzugeben.</p>
-
-<p>Perthes war selig. Sein Glck schien ihm noch einmal
-bis in die Wolken zu reichen ...</p>
-
-<p>Bennos Taufe wurde von den Schwiegereltern zu<span class="pagenum"><a name="Page_381" id="Page_381">[S. 381]</a></span>
-einem prunkenden Familienfest ausgestaltet, das die niedliche
-Villa Perthes von oben bis unten mit Gsten fllte.
-Auer den Eltern Hupfeld waren Leutnant Moritz und
-Cousine Hilla da, Graf und Grfin Hningen, Professor
-Hammann und Frau und viele andere. &mdash;</p>
-
-<p>Perthes' Habilitationsschrift war vor Weihnachten
-fertig geworden und eingereicht. Er arbeitete jetzt an seiner
-Antrittsvorlesung, die wohl Anfang Februar folgen konnte.
-Er mute sich tchtig dranhalten, um fertig zu werden.
-Alice, die die &#8222;schreckliche Paukerei&#8221; sehr abgeschmackt fand,
-war wohlauf und verbrachte wieder, wie zuvor, die meisten
-Stunden des Tages auer dem Hause. Perthes war seit
-ihrem Weihnachtsversprechen vllig beruhigt und nachsichtiger
-denn je. Sie waren beide zrtlich und eintrchtig
-miteinander, so oft eine halbe Stunde sie zusammenfhrte.
-Fragte er zufllig einmal, was sie triebe, so lautete die
-regelmige Auskunft, da sie mit Bubi bei den Groeltern
-gewesen sei. Er fand das riesig nett fr sie und
-die alten Herrschaften und bedauerte nur, da er selber
-seinen Jungen hchstens einmal zwischen Tag und Dunkel
-in den Armen halten konnte.</p>
-
-<p>An einem der letzten Januarabende, als er mit einer
-Zigarre von der Klinik die Allee am Flu entlangschritt
-&mdash; gemtlicher als sonst, denn die Ausarbeitung seiner
-Antrittsvorlesung war in diesen Tagen fertig geworden &mdash;,
-begegnete ihm Doktor Markwaldt. Er hatte den ehemaligen
-Arbeitsgenossen vom Bakteriologischen Institut
-seit langem nicht gesehen, denn in der klinischen Gesellschaft
-zeigte er sich, seit er verheiratet war und an seinen
-wissenschaftlichen Nebenarbeiten bergenug zu tun hatte,
-so gut wie gar nicht mehr. Die Begrung war von<span class="pagenum"><a name="Page_382" id="Page_382">[S. 382]</a></span>
-Perthes' Seite sehr freundlich, von seiten Markwaldts noch
-berdies sehr respektvoll, mit einer kleinen Dosis nicht
-schlecht gemeinten, sondern eher bewundernden Spottes
-fr den famosen Streber, der seine klatschbeflissene Nuknackerei
-so lange zum Narren gehalten hatte. Sie unterhielten
-sich eine Strecke Wegs. Vor der neuen Brcke,
-wo sie sich, wie in alten Tagen, trennten, fhlte sich
-Markwaldt noch zu einem Kompliment gedrungen.</p>
-
-<p>&#8222;Im brigen, Herr Kollege, der indische Verkaufsstand
-Ihrer Frau Gemahlin auf dem Basar &mdash; einfach tadellos!&#8221;
-Er schnalzte voll Anerkennung mit der Zunge.</p>
-
-<p>Perthes, der schon Markwaldts gepolsterte kleine Hand
-losgelassen, blieb erstaunt stehen.</p>
-
-<p>&#8222;Sie wollen mir wohl zum Abschied eine Ihrer berchtigten
-Neuigkeiten aufschwatzen?&#8221; erklrte er ruhig
-und lachend. &#8222;Meine Frau ist ja gar nicht dort.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na, da hrt sich aber die totale Weltgeschichte auf!
-Wenn jemand flunkert, sind &mdash; verzeihen Sie mir &mdash; Sie
-das! Vor noch nicht zwei Stunden war ich in der Festhalle,
-um mir den Klimbim mal anzusehen und habe von
-Ihrer Frau Gemahlin einen mchtigen indischen Topfscherben
-&mdash; vermutlich aus Berlin <span class="antiqua">SO</span> &mdash; fr unglaubliches
-Geld erstanden. Von der Grfin Hningen &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Perthes war erdfahl geworden.</p>
-
-<p>Markwaldt, nichts ahnend, hielt inne und sah ihn dumm-verdutzt
-an.</p>
-
-<p>Doch schon im nchsten Moment hatte Perthes eine
-vorbeifahrende Droschke angerufen. Mit einem hastigen
-&#8222;Entschuldigen Sie!&#8221; verabschiedete er sich von dem fassungslosen
-Bakteriologen und sa im Wagen.</p>
-
-<p>&#8222;Nach der Festhalle!&#8221; befahl er dem Kutscher.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_383" id="Page_383">[S. 383]</a></span>
-
-In fnf Minuten hielt der Wagen vor dem Portal.
-Wie er war, strmte Perthes die Treppe hinauf. Ohne
-Rcksicht auf das Geflster der festlich geschmckten jungen
-Mdchen, die im Vorraum die Kpfe zusammensteckten,
-um dann, wie aus der Pistole geschossen, mit ihren Programmbchern,
-Konfitren und Losen auf ihn zuzuschieen;
-ohne rechts oder links einen der zahlreichen Bekannten zu
-begren, ja ohne auch nur, trotz des hellen Rufes der
-Kassiererin, eine Karte zu lsen, eilte er in den Trubel
-des Saales und drngte sich beinahe barsch durch die
-lachende, schwatzende Menschenmenge. Sein blasser,
-schwarzbrtiger Kopf, in diesem Moment wirklich ruberhaft,
-berragte die meisten Besucher.</p>
-
-<p>Bei einer der girlandenumwundenen Sulen, nahe
-der Komiteeloge mit ihren Fahnen und Blumengewinden,
-blieb er stehen. Er hatte den indischen Stand entdeckt.
-Inmitten eines Schwarmes von Kufern &mdash; Offizieren,
-Studenten, Akademikern &mdash; sah er seine Frau.</p>
-
-<p>In einer glanzvollen Phantasierobe, lachend und
-schwatzend, verhandelte sie eben ber eine bronzene Vase
-mit dem schlitzugigen Prinzen von Siam, den er vom
-Feldberg kannte, und der gegenwrtig die byzantinisch
-angebetete Zierde derer um Hupfeld war ...</p>
-
-<p>Der Schwei trat ihm kalt auf die Stirn. Seine Augen
-schweiften, wie Halt suchend, ber das Gewirr der Menschen,
-an den Buden lngs der Wnde hin. In einem
-Verkaufsstand glaubte er einen Augenblick neben Frau Geheimrat
-Achenbach Marga und Elli Richthoff zu erkennen.
-Es war nur eine Fiktion. Seine Zhne knirschten. Er
-drehte sich gewaltsam um. Er sprte, wie seine Leidenschaftlichkeit
-in ihm aufwallte. Seine Liebe fr Alice war<span class="pagenum"><a name="Page_384" id="Page_384">[S. 384]</a></span>
-immer ein eigenartiges Gemisch widerstrebender Empfindungen
-gewesen. Heute brach die Wut, unstreitig die
-Wut aus ihm hervor. Er htte auf Alice zustrzen, er
-htte sie zu Boden schlagen knnen. Der Ha des Edeltieres
-Mann gegen das Ewigweibliche im Sinn des Ewigtierischen
-verdunkelte seinen Sinn. Mit dem letzten Aufwand
-seiner Energie rannte er aus dem Saal, wie er
-gekommen war. Er erreichte sein Haus, ohne zu wissen
-wie ...</p>
-
-<p>Frau Perthes, die von seinem unerwarteten Auftauchen
-Kunde erhalten, zog es vor, bei ihren Eltern zu bernachten.
-Sie war berzeugt, da sein Groll bis zum Morgen verraucht
-sein wrde. So ein Pech! Sie hatte sich so sicher
-geglaubt! Wie war er, der sich um nichts dergleichen mehr
-gekmmert, nur auf den Einfall gekommen, in die Festhalle
-zu gehen! Gott &mdash; erfahren htte er es wohl auch
-so. Bestenfalls konnte er jetzt etwas lnger grollen ...</p>
-
-<p>Perthes lie sich am anderen Morgen auf der Klinik
-&#8222;verhindert&#8221; melden. Er wartete auf Alice.</p>
-
-<p>Seine heie Wut hatte einer klteren, bestimmteren
-Platz gemacht.</p>
-
-<p>Vergngt, gleichgltig, spitzbbisch, als wre nichts geschehen,
-kam sie gegen Mittag heim.</p>
-
-<p>Er stellte sie mit drren Worten zur Rede. Sie blieb
-hchst gelassen. Du lieber Himmel, sie hatte das dumme,
-berspnige Versprechen von Weihnachten nicht so ernst
-genommen! Sie hatte ihn ja weiter gar nicht mehr belstigt.
-Was wollte er denn berhaupt? Die ganze Ausstattung
-der indischen Bude hatte sie sich von Papa schenken
-lassen! Damit war doch die Sache erledigt ...</p>
-
-<p>Perthes war angesichts ihrer vollendeten Skrupellosigkeit,<span class="pagenum"><a name="Page_385" id="Page_385">[S. 385]</a></span>
-dieser moralischen Stumpfheit einer unschuldigen
-kleinen Wilden, eines verbildeten, unartigen Kindes sprachlos.
-Er wollte aufbrausen. Aber sein Zorn fiel in sich
-zusammen. Seine Stimme versagte. Was er da vor sich
-hatte: das war ja die immer gesuchte, immer wieder vertuschte
-und verschobene Lsung des Rtsels. Hinter den
-lockenden Irrlichtaugen, den Gamingrimassen, den tollen
-Gassensprngen &mdash; die Leere! die vollendete Hohlheit!
-Er hatte seinen Irrwisch in der Hand: es war ein kleines,
-schwarzes, unscheinbares Nichts, von dem niemand begriff,
-wie es zu seinem Leuchten kam ...</p>
-
-<p>Er schickte Alice weg.</p>
-
-<p>Hier war nichts mehr zu ndern. Hier gab es nur
-eines: handeln. Die Umgebung, vielleicht war es nur die
-Umgebung, die sie ruinierte. Aus ihr mute sie heraus.
-Mit ihm. Mit dem Kind, ehe sie auch dieses vernachlssigte
-oder gar mit ihrer Oberflchlichkeit ansteckte!</p>
-
-<p>Mit der Heftigkeit seines Temperaments drang er vom
-Entschlu zur Tat.</p>
-
-<p>Am Nachmittag ging er zu Hupfelds.</p>
-
-<p>Exzellenz war gerade von einer Reise zurckgekommen,
-von einer auswrtigen Konsultation, die ihn sehr abgespannt
-hatte. Eigentlich empfing er niemand. Ziemlich
-widerwillig machte er mit seinem Schwiegersohn eine Ausnahme.</p>
-
-<p>Als Perthes eintrat, lag er auf seinem Diwan ausgestreckt.
-Mit berlegener, etwas nervser Ruhe hrte er
-den Sachverhalt an. Er konnte die Aufregung des &#8222;lieben
-Jungen&#8221; verstehen. Er verstand ja alles. Er sagte ihm
-das, fgte aber hinzu, man mte gerecht sein. Das
-&#8222;arme Kind&#8221; brauchte nun mal seine Extravaganzen. Im<span class="pagenum"><a name="Page_386" id="Page_386">[S. 386]</a></span>
-brigen wrde die Ehe das Ihrige tun, um sie noch mehr
-zu zhmen, seine Hummel. Mein Gott, das waren so
-die kleinen Evolutionen, die jede Ehe durchmachte! Nur
-sie nicht als Revolution betrachten! Dadurch machte man
-sie erst dazu!</p>
-
-<p>Perthes hrte ehrerbietig zu. Aber er opponierte. Er
-glaubte aus den und den Grnden, da die Sache ernsthaft
-sei. Er hatte noch immer nicht begriffen, da &#8222;Ernst&#8221;
-im Hause Hupfeld nur eine hchst relative Gre war.
-Und er rckte geradeswegs mit seinem Wunsch heraus:
-Der Geheime Rat solle einwilligen, da er mit Alice nach
-auswrts ginge, wenn es nur fr ein paar Jahre wre.
-Eine andere Assistenz oder eine Anstaltsleitung liee sich
-gewi fr ihn finden.</p>
-
-<p>Hupfeld sah seinen Schwiegersohn gro an. So, wie
-man jemand ansieht, an dessen normalem Befinden man
-zweifelt.</p>
-
-<p>&#8222;Lieber Junge,&#8221; begann er dann herablassend und
-mild, &#8222;du bist berreizt. Das sind &mdash; verzeih &mdash; das sind
-Ausgeburten eben einer berreizten Phantasie. Du hast
-dir das auch nicht ernstlich berlegt. Erstens kann ich es
-als Vater nicht zulassen. Wir wollen Alli nicht entbehren.
-Zweitens brauch' ich meinen Assistenten. Drittens wrde
-damit deine ganze Laufbahn in Frage gestellt. Was du
-selbst einsehen mut.&#8221;</p>
-
-<p>Perthes sah nichts ein. Hartnckig blieb er bei seinem
-Wunsch. Er brachte ihn mit Nachdruck, beinahe heftig,
-von neuem vor. Er wollte und mute weg von hier, um
-Alices, des Kindes und um seinetwillen.</p>
-
-<p>Exzellenz richtete sich halb vom Diwan auf. In den
-blassen Augen schimmerte ein grner, zorniger Blitz. Die<span class="pagenum"><a name="Page_387" id="Page_387">[S. 387]</a></span>
-hohe, leere Stirn faltete sich und die sonst so getragene
-Stimme wurde unangenehm scharf, fast bsartig.</p>
-
-<p>&#8222;Niemals!&#8221; erklrte er mit der abschneidenden Gebrde
-des groen Mannes. &#8222;Davon wnsche ich nichts mehr
-zu hren! Niemals!&#8221; Und mit einer Bonhomie, die
-verletzender war als dieser herrische Zorn, weil sie Perthes
-kra seine Stellung gegenber dem Mann zeigte, der ihn
-&#8222;gemacht&#8221; hatte, setzte Exzellenz nach einer Pause hinzu:
-&#8222;So haben wir nicht gewettet, mein lieber Junge!
-Merk dir das geflligst! Und la mich jetzt ausruhen!
-Ich bin halb tot! Adieu!&#8221; Er reichte Perthes die
-berhmte, molluskenweiche Hand, die dieser frostig berhrte.</p>
-
-<p>Die Audienz war beendet.</p>
-
-<p>Als Perthes wieder auf der Strae war, war er versucht,
-seine Arme zu heben, zu schtteln. Mute man nicht
-die Ketten klirren hren, die er sich selber geschmiedet?
-In denen er sich selber gefangen? Er &mdash; der Streber mit
-Willen! Gefangen, zusammengekettet mit einem leuchtenden
-Nichts! Er mit seinem verwundeten, niedergetretenen
-Stolz! Mit seiner Seele, die er sich abgeschafft und die
-sich doch nicht abschaffen lie, sondern klagte, forderte, rief
-und schrie! ... Seine Leidenschaftlichkeit half ihm nichts
-mehr. Die dmonische Lust half nicht mehr. Es gab kein
-Springen mehr. Er mute schreiten. Was er sein ganzes
-Leben nicht gekonnt: jetzt mute er es knnen! Und er
-lernte es. Jahraus, jahrein besser &mdash; und fr ein ganzes
-Leben, wenn es sein sollte.</p>
-
-<p>Noch im Sptherbst, nach der Habilitation, verschaffte
-ihm sein Schwiegervater ein Douceur. Fr die rauhe
-Weigerung gewissermaen ein liebenswrdiges Heilpflaster.<span class="pagenum"><a name="Page_388" id="Page_388">[S. 388]</a></span>
-Er erhielt den Titel auerordentlicher Professor. Schon
-anderthalb Jahre spter wurde er etatmig.</p>
-
-<p>Doktor Max Perthes, etatmiger auerordentlicher
-Professor an der Universitt ..., erster Assistent an der
-Chirurgischen Klinik und stellvertretender Leiter. Wie
-hbsch das klang! Er hatte Karriere gemacht ...</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c18" id="c18">18</a></h2>
-
-
-<p>Der Kindergarten in der Bergfelderstrae gedieh.</p>
-
-<p>Im ersten Jahr mute man noch vom Kapital zusetzen.
-Im zweiten verdiente man und htte mehr verdient, wenn
-nicht eine Scharlachepidemie die Kleinen ferngehalten htte.
-Im dritten hatten, einer ernsthaften Konkurrenz zum Trotz,
-Marga und Elli Richthoff &#8222;den&#8221; Kindergarten fr die Herrchen
-und Dmchen der besseren Gesellschaft. Das bescheidene,
-aber fr sie so wichtige Werk war gelungen.</p>
-
-<p>Nicht zuletzt war es nach wie vor der feste und treue
-Rckhalt an den Freunden des einstigen Hauses am Wenzelsberg,
-der den Schwestern ihre Stellung auch uerlich
-erleichterte. Sie bewegten sich frei und gleichberechtigt
-im alten gesellschaftlichen Kreis, und die Achtung, die sie
-dort genossen, wirkte auch bei Fernerstehenden nach.
-Jene kleinen, oft schmerzhaften Schikanen und Zurcksetzungen,
-mit denen die Gesellschaft noch manchmal
-die Frauen bedenkt, die sich mutig auf ihre eigenen Fe
-stellen, blieben ihnen so gut wie ganz erspart. Die Jahre
-gaben ihnen in dem Huschen an der Bergfelderstrae ein
-richtiges, behagliches Heimgefhl, und sie konnten sich ihr
-Leben ohne die erfrischende Ttigkeit, ohne die Freiheit
-innen und auen kaum mehr denken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_389" id="Page_389">[S. 389]</a></span>
-
-Marga war jetzt lngst stark und klar genug, um auch
-die Erinnerung an die Vergangenheit nicht mehr zu scheuen.
-Sie gedachte ihrer Liebe und ihres Leids ohne Bitterkeit.
-Elli hatte es lange vermieden, von sich aus an jene Geschehnisse
-zu rhren. Als ihr dann zufllig einmal ein
-Wort entschlpfte, das auf den Sommer in der Mhle
-Bezug hatte, wollte sie darber forteilen. Aber Marga
-knpfte selbst an ihre Bemerkung an, und seither sprachen
-sie mehr als einmal darber, und je mehr die Zeit sie
-davon entfernte, um so geklrter und gelassener. Nicht
-nur ihre eigenen Gefhle, sondern auch den Mann, der
-sie ihr gegeben und genommen, sah sie in gerechtem und
-vershnendem Licht. Sie hatte begriffen, da jene Liebe
-&mdash; die Wonne, die sie ihr geschenkt, und das Weh, das
-sie ihr bereitet &mdash; fr sie ein Stck notwendiger Entwicklung
-hatte sein sollen: sie wollte keines von beiden missen.
-Mute es fr ihn nicht dasselbe gewesen sein? Wenn Elli
-Perthes' Charakterlosigkeit, seinen treulosen Verrat, seine
-Unaufrichtigkeit und unverantwortliche Schuld mit den
-ihr eigenen Kraftausdrcken belegte, lie es Marga nicht
-gelten. Ihr gereiftes Urteil verstand gerade das Herbste,
-das, was Elli am entschiedensten verdammte: seine jhe
-Wendung von ihr zu einer so anders gearteten Frau,
-einer der Richthoffschen so unhnlichen und entgegengesetzten
-Welt. Sie verstand sie aus den tiefen Gegenstzen
-seiner damals nur scheinbar, nur mit Gewaltsamkeit
-ausgeglichenen Natur. Sie ahnte, was er schon in seinem
-Abschiedsbrief angedeutet: Perthes hatte Seite an Seite
-mit ihr zu einem hheren, innerlicheren Menschentum
-emporgestrebt. Aber er hatte sich ber seine Kraft getuscht,
-als er den Zwiespalt in sich niederhalten wollte.<span class="pagenum"><a name="Page_390" id="Page_390">[S. 390]</a></span>
-Er konnte sein Naturell nicht zum Gleichschritt mit ihr,
-und darum auch berhaupt nicht in ihre Bahn zwingen.
-Als er das eingesehen, war er mit einem verzweifelten
-Entschlu in ein anderes Geleise gesprungen, das ihn nach
-der entgegengesetzten Seite fhrte.</p>
-
-<p>Ob Perthes dort gedieh? Ob er die ihm angemessene
-Bahn gefunden? Ob ihn diese Bahn abwrts mitnahm
-oder auf einem schweren Umweg auch zu einer Hhe, zu
-seiner Hhe fhrte? Vor solchen Fragen machte Marga
-halt. Sie wollte nur das Notwendige auch fr ihn als
-Notwendiges anerkennen und achten. Weiter durfte sie
-nicht denken. Das verbot ihr ihr Stolz.</p>
-
-<p>Sie forschte nie nach ihm. Das uerliche seines Lebens
-trug ihr ab und zu ein Gesprch oder eine Bemerkung
-anderer zu. Dafr war die Stadt zu klein, die akademische
-Gesellschaft, trotz ihrer verschiedenen, sich gegeneinander
-abschlieenden Sphren zu eng, als da es htte anders
-sein knnen. Da er verheiratet war, da er ein oder
-zwei Kinder hatte, das er sich habilitiert hatte und jetzt
-Professor war, das waren Dinge, die sie hrte wie eine
-Fremde von einem Fremden. Gleichgltige Dinge, die
-nicht bis in ihre groe Stille drangen. &mdash;</p>
-
-<p>Bei einem kleinen Zwischenfall sollte Marga nach
-Jahren beweisen, da ihr inneres Gleichgewicht kein gemachtes,
-sondern ein echtes und dauerndes war.</p>
-
-<p>Es war an einem Vormittag im spten Frhling.
-Die Kleinen waren eben aus ihrer frhlichen Schule abgezogen.
-Elli und Marga saen in behaglichen Liegesthlen
-im Grasgarten unter den Bumen, die ihre
-letzten Blten auf die dichten Grasbschel streuten, und
-plauderten. Da meldete das Dienstmdchen, das sie sich<span class="pagenum"><a name="Page_391" id="Page_391">[S. 391]</a></span>
-jetzt zur stndigen Hilfe leisten konnten, eine Dame mit
-ihrem Jungen.</p>
-
-<p>Elli, die die Anmeldungsgeschfte gewhnlich erledigte,
-stand auf und ging nach vorn.</p>
-
-<p>Das Zimmer zwischen Wohnzimmer und Schulstube
-diente zum Empfang. Dort erwartete die Dame sie und
-erhob sich bei ihrem Eintritt vom Sofa, whrend ein
-Junge, ein krftiges Brschchen mit groen schwarzen
-Augen, einer kecken Stupsnase und zottigen, schwarzen
-Haaren, sehr resolut auf seinem Stuhl sitzen blieb. Elli
-glaubte sie nicht zu kennen.</p>
-
-<p>&#8222;Frau Alice Perthes!&#8221; stellte sie sich mit leichtem
-Nicken vor. &#8222;Ich komme, um Ihnen meinen Jungen
-vorzufhren,&#8221; fuhr sie in khlem, etwas herablassendem
-Ton fort. &#8222;Der kleine Kerl soll etwas Rson lernen &mdash;
-er wird meinem Mann und mir zu wild.&#8221; Das &#8222;meinem
-Mann&#8221; erfand sie. Denn Perthes wute nichts von
-diesem Schritt seiner Frau. Sie folgte da nur ihrer
-Laune und dem Bedrfnis, durch das Kind nicht belstigt
-zu sein.</p>
-
-<p>Elli war zuerst betreten. Sie erinnerte sich jetzt sofort
-dieses beweglichen Gesichts mit seinen glimmenden Augen,
-der gestlpten Nase, dem spottschtigen Mund, das ihr ja
-vom Sehen bekannt war. Es war fr sie eine ausgemachte
-Sache, da sie diese Frau Perthes mit ihrem Sprling
-abwimmeln wrde. Mit der Sicherheit, mit der Frauen,
-besonders solche, die keinen Grund haben, sich wohlgesinnt
-zu sein, einander durchschauen, erriet sie, da von Alices
-Seite auch eine frivole Neugierde mit im Spiel war. Sie
-wollte sich bei der Gelegenheit so <span class="antiqua">en passant</span> mal diese
-Richthoffs, von denen die eine ihres Mannes Flamme<span class="pagenum"><a name="Page_392" id="Page_392">[S. 392]</a></span>
-gewesen, etwas nher ansehen. Das prickelte in den umherschweifenden
-Augen ...</p>
-
-<p>&#8222;Sie kommen leider zu keiner ganz glcklichen Zeit,
-gndige Frau,&#8221; erklrte Elli korrekt, aber rund heraus,
-nachdem sie ihr gegenber Platz genommen.</p>
-
-<p>&#8222;Wieso?&#8221; fragte Alice.</p>
-
-<p>&#8222;Wir haben fr das laufende Halbjahr schon so viele
-Kinder angenommen, da es beim besten Willen nicht
-gehen wird.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie werden mich doch nicht abweisen wollen, Frulein?&#8221;
-Alice lchelte und sah Elli malitis und unglubig an.
-Sie hatte heraus, da es sich um eine Ausrede handelte
-und war jetzt erst recht entschlossen, beharrlich zu sein.
-Sie versuchte sich noch entschiedener in der gnnerhaften
-Selbstgewiheit der groen Dame. Man hatte ihr den
-Richthoffschen Kindergarten empfohlen. Sie lie die
-Namen von Exzellenz Papa, den grflichen Herrschaften
-von Hningen beilufig einflieen und wollte Elli offenbar
-klar machen, da die beiden Fruleins sich nur geschmeichelt
-fhlen drften, wenn sie ihren Jungen brchte. Sie stellte
-die Protektion gewisser erster Kreise in verlockende Aussicht.</p>
-
-<p>Das hie bei Elli gerade l ins Feuer gieen. Sie
-wre am liebsten grob geworden. Die hochtrabende Manier,
-die Alice sich gegen die Tchter eines Kollegen ihres Vaters
-herausnahm, reizte sie. Doch sie besann sich. Sie lie
-Alice ausreden. Der Schalk in ihr siegte ber den Unmut,
-den sie empfand.</p>
-
-<p>&#8222;Aber das hilft ja alles nichts,&#8221; sagte sie dann vergngt.
-&#8222;Und wenn Sie uns einen leibhaftigen Prinzen
-brchten, gndige Frau, wir haben uns mal vorgenommen,
-mehr Kinder einstweilen nicht aufzunehmen. Es wird<span class="pagenum"><a name="Page_393" id="Page_393">[S. 393]</a></span>
-nicht gehen!&#8221; Sie wechselte mit Frau Perthes einen
-Blick, der diese nicht im Zweifel lassen konnte, da ihr die
-Exzellenzen und Grafen ganz und gar nicht imponierten.</p>
-
-<p>Der Junge, der aufmerksam zugehrt hatte, kletterte
-von seinem Stuhl herunter. Ihm schien die Sache jetzt
-reif fr seine persnliche Einmischung. Er erklrte auf
-eigene Faust, sehr flott und selbstbewut: &#8222;Denn nicht!
-Komm, Mama! Ich will fort!&#8221;</p>
-
-<p>Das &#8222;Denn nicht&#8221; hatte er jedenfalls von seiner Mama
-gelernt. Alice selbst, die ber die Entscheidung ihres
-Jungen boshaft lchelte, htte am liebsten auch mit einem
-geringschtzigen &#8222;Denn nicht&#8221; das Feld gerumt. Aber
-ihre ursprngliche Absicht, den Jungen, der im Haus lstig
-wurde, los zu werden, war ihr nun doch zu wichtig.
-Gewandt wie sie war, unterdrckte sie ihren rger. Sie
-gab dem Kleinen einen leichten Klaps fr seine Ungezogenheit
-und verlegte sich aufs Bitten. Sie wurde beinahe
-zutraulich. Allerhand Reisen standen ihr bevor. Sie war
-gesellschaftlich sehr in Anspruch genommen. Sein Vater
-hatte wenig oder gar keine Zeit fr den Jungen. Das
-Kinderfrulein wrde nicht immer mit ihm fertig. Kurz:
-sie wnschte, da er einige Stunden am Tag unter
-guter Aufsicht war und etwas Sitzleder bekam.</p>
-
-<p>&#8222;Ich denke, Sie werden ihn trotz der berfllung
-nehmen!&#8221; schlo sie, bedeutend liebenswrdiger und zuvorkommender,
-als sie begonnen.</p>
-
-<p>Elli blieb gleichwohl fest. Sie wollte nicht.</p>
-
-<p>Fr sich und noch mehr fr Marga strubte sich ihr
-Gefhl gegen die Aufnahme gerade dieses Perthesschen
-Jungen, die berdies nur dem eigenschtigsten Wunsch
-der Mutter dienen sollte. Sie machte kein Hehl daraus,<span class="pagenum"><a name="Page_394" id="Page_394">[S. 394]</a></span>
-da ihre Schule den Kindern nicht das Heim ersetzen knne
-noch wolle. Zudem schien ihr der Junge &mdash; so aufgeweckt
-und krftig er war, mochte er noch nicht vier
-Jahre zhlen &mdash; entschieden zu jung. Sie nahmen
-grundstzlich keine zu kleinen Kinder mehr. Und dann
-fhrte sie noch einen ganzen Wall von anderen Grnden
-auf, um nur unter keinen Umstnden nachgeben zu
-mssen.</p>
-
-<p>Alice Perthes war im Begriff, mit einer unartigen
-Wendung nun doch die Verhandlung abzubrechen und
-ihrerseits zu danken, als sie nebenan, in der Klasse, zu
-der die Tr angelehnt war, Schritte hrte.</p>
-
-<p>&#8222;Elli,&#8221; ertnte es von dort mit gedmpfter, fragender
-Stimme.</p>
-
-<p>Es war Marga, die sich das lange Ausbleiben Ellis
-nicht erklren konnte und sie an einen Besuch bei Wilmanns,
-den sie beide vor Tisch noch zu machen hatten,
-erinnern wollte.</p>
-
-<p>Elli und Alice erhoben sich gleichzeitig.</p>
-
-<p>Elli hatte keinen anderen Gedanken, als dies Zusammentreffen
-zu verhindern.</p>
-
-<p>Aber Alice war die Besonnenere und Entschlossenere.</p>
-
-<p>&#8222;Ihre Frulein Schwester wird vielleicht nicht ganz so
-hartnckig sein!&#8221; meinte sie lchelnd.</p>
-
-<p>Auf die Gefahr hin, unfreundlich zu werden, wollte
-Elli dazwischen treten. Aber Frau Perthes hatte schon
-die angelehnte Tr geffnet. Und da stand Marga, ihr
-gegenber, nichts ahnend, ruhig, nur nach dem Gerusch
-der Stimmen und Bewegungen in ihr Dunkel
-lauschend.</p>
-
-<p>Wie um sie zu schirmen, flog Elli an dem verhaten<span class="pagenum"><a name="Page_395" id="Page_395">[S. 395]</a></span>
-Eindringling vorbei auf die Schwester zu. Sie war bleich
-vor ohnmchtiger Wut.</p>
-
-<p>&#8222;Marga, ich sagte der Dame schon, da wir unmglich,
-so leid es uns tut, noch ein Kind annehmen knnen,&#8221;
-stie sie erregt hervor. Sie hatte ihren Arm von rckwrts
-auf Margas Schulter gelegt und suchte ihr durch den
-Druck ihrer Hand irgend ein Zeichen zu geben.</p>
-
-<p>Der kleine Junge, der erst neugierig vorgetreten war,
-zog sich vor den fremden, blicklosen Augen Margas mit
-der allen Kindern eigenen Scheu vor dem Ungewohnten
-hinter seine Mutter zurck.</p>
-
-<p>Alice, die die Blinde mit einem Gemisch von Interesse
-und Befriedigung durch ihren bekannten Blick von unten
-nach oben gemessen, lie sich durch nichts beirren.</p>
-
-<p>&#8222;Sie vergessen Ihrer Frulein Schwester zu sagen,
-wer ich bin,&#8221; bemerkte sie halb hflich, halb spttisch zu
-Elli. Sie war nicht bsartig. Aber in diesem Moment
-verfiel sie dem kleinen, niedertrchtigen Weibsteufel, dem
-Frauen unter sich und zumal unter hnlichen Umstnden
-kaum wehren knnen. &#8222;Alice Perthes&#8221;, sagte sie mit
-eigentmlich klangvoller Betonung, die sonst ihrer hastigen,
-schnoddrigen Redeweise durchaus fremd war.</p>
-
-<p>Das Gescho war abgeschnellt.</p>
-
-<p>Elli lie trostlos, emprt die Arme sinken. Sie hatte
-es nicht hindern knnen. Unruhig und ngstlich wanderten
-ihre Blicke zwischen Alice und der Schwester hin und her.</p>
-
-<p>Der kleine Benno stand jetzt mit seinen groen, schwarzen
-Augen mutig neben seiner Mutter, fuchtelte mit seinem
-Spazierstckchen und setzte dann eigenmchtig den breitrandigen
-Strohhut auf, den er vorher in der Hand gehalten.</p>
-
-<p>Marga hatte die Farbe gewechselt. Ihre Augen<span class="pagenum"><a name="Page_396" id="Page_396">[S. 396]</a></span>
-hatten sich auf den Boden geheftet. Sie fhlte auf sich
-den herausfordernden Blick dieser Frau, die sie nicht
-kannte und die ihr das Glck ihres Lebens zerstrt hatte.
-Alte Gefhle des Schmerzes und der Bitterkeit drangen
-in einer heien Welle zu ihrem Herzen und zerkrampften
-es, als wollten sie ihren Mut, ihre Haltung vernichten.
-Aber die Welle brach sich an ihrem Willen.</p>
-
-<p>Einige Sekunden hatte das unbehagliche Schweigen
-gedauert.</p>
-
-<p>&#8222;Ich glaube, wir knnten den kleinen Mann doch noch
-aufnehmen, Elli,&#8221; sagte Marga dann gelassen und fest.
-Nur ihr bewegterer Atem lie eine vorausgegangene Erschtterung
-erraten. &#8222;Meine Schwester hat wohl vergessen,
-da heute morgen ein Mdchen abgemeldet wurde. Es
-wird gehen, nicht wahr, Elli? Wenn Sie uns den Jungen
-anvertrauen wollen, bitte ich darum, gndige Frau!&#8221; Sie
-sprach jetzt so klar und korrekt, als gelte es eine abgemachte,
-rein geschftliche Sache hflich zu beendigen.</p>
-
-<p>Alice war nicht leicht zu verblffen. Aber diese Ruhe
-und sanfte Bestimmtheit, wo sie eine pikante, demtigende
-Verwirrung erwartet hatte, war so sehr der Gegensatz ihres
-eigenen zerfahrenen Wesens, da sie eine gewisse Verlegenheit
-nicht unterdrcken konnte.</p>
-
-<p>Mit einem hflichen &#8222;Ich danke Ihnen, ich werde
-meinen Jungen morgen schicken,&#8221; verbeugte sie sich und
-nahm den Kleinen bei der Hand.</p>
-
-<p>Vor der Tr drehte sie sich noch einmal um.</p>
-
-<p>&#8222;Um wieviel Uhr doch gleich?&#8221; fragte sie mit einer
-halben Wendung des Gesichts, mit dem wiedergewonnenen
-Ausdruck ihrer unzerstrbaren Nonchalance, der zeigte, da
-ihre Gedanken ber dies Intermezzo schon hinwegeilten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_397" id="Page_397">[S. 397]</a></span>
-
-&#8222;Im Sommer um neun Uhr,&#8221; gab Marga zurck.</p>
-
-<p>Als sich die Tr hinter Alice Perthes geschlossen,
-strzte Elli auer sich an Margas Hals.</p>
-
-<p>&#8222;Aber Margakind! Was hast du da gemacht?! Wie
-konntest du diese abscheuliche Person, die ich glcklich abgewimmelt
-hatte, diesen verzogenen, ungebrdigen Bengel
-von einem Jungen &mdash; ich versteh' dich nicht! Ich mache
-nicht mit! Ich will nicht! Wie konntest du nur?&#8221; Sie
-zitterte vor Aufregung und Emprung.</p>
-
-<p>Marga zog sie mit einem verlorenen Lcheln noch
-enger an sich.</p>
-
-<p>&#8222;Verstehst du das wirklich nicht, Kleinchen?&#8221; fragte
-sie leis.</p>
-
-<p>Und Elli sah zu ihr auf, in ihre Augen, die mit der
-Sicherheit eines Sehenden eine weite unendliche Ferne
-faten, mit der ihre Stille eins war.</p>
-
-<p>Und sie verstand Marga ...</p>
-
-<p>Am anderen Morgen kam der kleine Perthes mit
-seinem Kinderfrulein.</p>
-
-<p>Er war wild, jhzornig, eigenwillig. Aber er war
-nicht der erste seiner Art und nicht der letzte. Zwei, drei
-Wochen konnte das vielleicht dauern. Dann sa er da
-und lauschte, sprang und sang, jubelte und spielte, ein
-harmloses Kind wie die anderen. Was bedeutete da noch
-sein Name?</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c19" id="c19">19</a></h2>
-
-
-<p>Der Geheime Rat hatte seinen Schwiegersohn im
-Automobil an die Bahn gebracht.</p>
-
-<p>Perthes war zu einer Konsultation nach Konstanz
-berufen worden. Da Hupfeld in diesen Tagen seinen<span class="pagenum"><a name="Page_398" id="Page_398">[S. 398]</a></span>
-Sommerurlaub antreten und zunchst auf Nieburg, spterhin
-irgendwo in der Schweiz oder Tirol mglichst ungeschoren
-sein wollte, gab es zwischen beiden noch allerhand
-zu besprechen.</p>
-
-<p>Seite an Seite schritten sie auf dem Bahndamm auf
-und ab, ganz in ein berufliches Gesprch vertieft.</p>
-
-<p>Hupfelds hohe Gestalt, mit den Jahren etwas vornbergebeugt,
-aber immer noch sehr reprsentativ mit
-dem glatten, ebenmigen Gesicht, den gebietenden Gebrden,
-dem verjngenden blauen Jackettanzug, machte
-Aufsehen wie immer. Der nicht ganz so groe Professor
-Perthes in seinem Reisehabit aus grauem Loden wirkte
-nicht so distinguiert und hatte nichts von der weltmnnischen
-Liberalitt der Exzellenz. Die frhere gesunde Brune
-seines Teints hatte einen bleiernen Ton bekommen.
-Der Ausdruck der Zge hatte die einstige jugendlich-unbekmmerte
-Brigantenhaftigkeit verloren. Ein starrer
-Ernst gab ihm auf dem ersten Blick einen abweisenden,
-fast hochmtigen Anschein. Doch dagegen zeugte das
-tiefe Auge, das noch immer, wenn auch selten und mit
-Beherrschung, in dunklem Feuer aufleuchten konnte.
-Wenn er mit wiederholter, hastiger Gebrde die Mtze
-lftete und sich ber die dichten, schwarzen Haare fuhr,
-las man auf der Stirn aus starren, rissigen Falten
-ebenso viel rastlose geistige Arbeit wie in sich verschlossene
-Bitternis. Der Mund htte die gleiche Sprache gesprochen,
-wre er nicht in dem krausen Bart zurckgetreten,
-dem sich da und dort frhgraue Fden eingesponnen
-hatten.</p>
-
-<p>Es wurde zum Einsteigen abgerufen.</p>
-
-<p>Hupfeld und Perthes verabschiedeten sich mit einem<span class="pagenum"><a name="Page_399" id="Page_399">[S. 399]</a></span>
-Hndedruck, der mehr korrekt als herzlich war. Whrend
-der <span class="antiqua">D</span>-Zug aus der Halle rollte, schritt der Geheime Rat
-den Bahnsteig zurck nach seinem Automobil. Auf der
-Fahrt zur letzten Fakulttssitzung des Sommersemesters
-sa er nachdenklich in seiner Ecke. Ohne einen Gru zu
-versumen, dachte er an seinen Schwiegersohn. Nach
-dem Ausdruck seiner Mienen waren es nicht ausschlielich
-freundliche Gedanken, die ihn beschftigten. Diese
-Konsultationen nach auswrts, die durch den steigenden Ruf
-des Jngeren sich mehrten, begannen ihm lstig zu werden.
-Seine Eitelkeit, die wahrhaftig in einem Leben voll
-glnzender Erfolge auf ihre Kosten gekommen war, witterte
-lngst in Perthes den Kommenden, der ihn, den Gehenden,
-vielleicht abzulsen berufen war. Er hatte die Fhigkeiten
-des um mehr als eine Generation jngeren Mannes
-&#8222;entdeckt&#8221;, wie er sich schmeichelte. Er hatte ihn &#8222;gemacht&#8221;.
-Vielleicht wrde er gegenber seinem Schwiegersohn Regungen
-der Migunst doch unterdrckt haben; vielleicht
-htte er sich sogar mit den Jahren direkt berwinden
-und seinen Nachfolger selbst auf den Schild heben knnen.
-Aber die Ehe seiner Tochter &mdash; das konnte auch ihm,
-dem Optimisten, lngst kein Geheimnis mehr sein &mdash; war
-nicht, was er sich und Alli gewnscht hatte. Der junge
-Mann, den er &#8222;gemacht&#8221; hatte, entwickelte einen Charakter,
-dem nach seiner Auffassung die Weite und Freiheit weltmnnischen
-Denkens abging. Als ewig nachgiebiger Vater
-stand er durchaus auf seiten seines Kindes. Alices skrupellose
-Lebenslust war ein Zug seines eigenen Wesens, wenn
-er auch in ihm sich stilisiert hatte. Ihre spitzbbische,
-spottschtige, wechsellsterne Art zeugte von Humor, Gesundheit
-des Geistes, jugendlicher Frische. Dagegen sah<span class="pagenum"><a name="Page_400" id="Page_400">[S. 400]</a></span>
-er bei Perthes eine Rechtschaffenheit, ja trockene Ledernheit
-&mdash; besonders in wirtschaftlichen Fragen, die ihm
-kleinlich vorkam. Er traf sich mit Alli durchaus in einer
-Auffassung, die in jeder konsequenten Folgerichtigkeit und
-Festigkeit nur Pedanterie und Spieertum belchelte.
-Wie oft beklagte er in seinen Gesprchen mit der krperlich
-immer schwerflligeren Mama Hupfeld das &#8222;arme Kind&#8221;.
-Bei dieser Klage war er auch in seinen Reflexionen angelangt,
-als sein Auto vor der Universitt hielt. Er versumte
-trotzdem nicht, dem strammen Pedellen, der mit
-gezogener Mtze in Front stand, huldvoll zuzunicken,
-whrend er ausstieg. Durch die Gruppen grender und
-starrender Studenten schritt er frstlich nach dem Fakulttszimmer,
-wo die Korona der Kollegen das groe Tier
-noch eben durchgehechelt hatte, nun aber mit bertriebener
-Ehrerbietung empfing. &mdash;</p>
-
-<p>Perthes fuhr inzwischen in seinem <span class="antiqua">D</span>-Zug sdwrts.</p>
-
-<p>Er sa allein in seinem Abteil. Reichlich mit wissenschaftlichem
-Lesestoff versehen, kmmerte er sich nicht um
-die sommerlich-frohe Natur vor den Fenstern. Er war
-ja frher ein leidenschaftlicher Naturliebhaber gewesen.
-Wie oft hatte er auf einer Fuwanderung, wie oft rudernd
-und sportbeflissen sich seinen seelischen Gleichmut wieder
-herzustellen gesucht. Er hatte sich diese Naturschwrmerei
-abgewhnt. Wie er sich im Lauf der Jahre auch die
-seelischen Aufregungen abgewhnt hatte. Nicht von heute
-auf morgen; auch nicht mhelos und leicht. Es hatte
-Kmpfe gekostet. Sein explosives Temperament gab sich
-nach den ersten Enttuschungen seiner Ehe nicht zufrieden:
-Perioden der Gleichgltigkeit wechselten mit solchen lauter,
-zorniger Auflehnung; Perioden blinder Verliebtheit mit<span class="pagenum"><a name="Page_401" id="Page_401">[S. 401]</a></span>
-anderen, in denen er Alice durch Gte, Vernunft, eiserne
-Strenge erziehen wollte. Vorbergehend meinte er die
-Quelle alles bels in der Umgebung zu sehen, die ihn
-selbst zuerst bestochen hatte. In sich hatte er lngst die
-Freude an all dem blendenden, geselligen Treiben ausgerottet.
-Dabei half ihm die wachsende Arbeit. Aber es
-kostete ihn doch mehr, als er sich je gestand. Er hatte von
-Natur nichts weniger als die Anlage zur Einseitigkeit.
-Eine gewisse Besonderheit hatte er immer geliebt. Doch
-sie war himmelweit entfernt von jenem Philistertum,
-das man mit Recht so nannte. Um Alices willen stritt
-er gegen dies Milieu mit seiner den Oberflchlichkeit,
-seinem Taumel der Mode und Sensation, seiner erlogenen
-Freiheit und Gtzendienerei des Geldes, der Grafenkronen,
-der Flottheit und Zeitgemheit um jeden Preis.
-Doch sie &mdash; sie dachte nicht daran, sich ihrem Element
-abspenstig machen zu lassen. Mit ihrer Geschmeidigkeit,
-ihrer mehr als vorurteilslosen Bosheit, ihrem girrenden
-Lachen widerstand sie allen Versuchen, sie zu ndern. Sie
-wollte so sein, wie sie war, weil sie gar nicht anders konnte.
-Sie entwand sich ihm und schnitt eine Grimasse gegen
-seine besten Absichten. Die Erkennung, die dauernde
-und absolute, vollendete sich. Der Ruberhauptmann war
-ihr ein grulicher Philister, ein lebensfeindlicher Grmling
-geworden. Hinter dem Irrlicht sah er, nchtern und fr
-immer, das seelenlose Nichts. Noch eine Spanne argwhnischen
-Belauerns &mdash; und eines ging khl und fremd
-neben dem anderen, berlie es seiner Torheit, lebte nur
-noch fr sich und in sich selbst.</p>
-
-<p>Alice war nicht zu entwickeln und entwickelte sich
-nicht. Aber er, Perthes, vollzog mit sich eine langsame,<span class="pagenum"><a name="Page_402" id="Page_402">[S. 402]</a></span>
-qualvolle Wandlung. Die Gebundenheit, unerbittlich
-wie die de ziehenden Jahre, zwang ihn zu einer
-strengen Beherrschung, die sich im Anfang von Stunde
-zu Stunde ben mute. Er lernte mit Schmerzen den
-Schritt, er, dessen gegensatzvolle Natur nur immer den
-Sprung gekannt hatte. Ohne seinen Beruf, ohne die
-peinlich gepflegte, spter natrliche und echte Liebe zur
-Wissenschaft htte er diese aufreibende Wandlung nicht
-durchgehalten. Er wre verzweifelt und verkommen.
-So war ihm die Umbildung gelungen. Er ging in seinem
-nur geistigen Dasein, seiner einseitigen Starre eines Gelehrten
-wie in einer Rstung. Freilich war sie schwer;
-sie litt kein Rechts und Links, keine heftige Bewegung nach
-auen und innen. Seine Sinne hatten zu schlafen und
-erst recht seine Seele. Da gab es keine Vergangenheit.
-Da gab es keine Natur, wie die, die sonnig mit tannenschwarzen
-Tlern, mit bunten Wiesen, mit goldgelben
-Kornhngen am Fenster des Zuges vorbeiflog. Er war
-blind. Viel blinder als jemand, den er gekannt &mdash; vor
-langer, langer Zeit ...</p>
-
-<p>In Konstanz hatte Perthes noch am Abend die Konsultation,
-zu der man ihn gerufen.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen rettete er dank seiner richtigen
-Diagnose und der Kraft seiner Hand das Leben eines
-zwanzigjhrigen jungen Menschen. Mit dem gutmtigen
-Lcheln, das seine starken weien Zhne unter dem Bart
-vorblinken lie, diesem Lcheln, das er so selten und nur
-noch im Beruf, in einem Moment selbstvergessener Zufriedenheit
-fand, konnte er dem gengstigten Vater im
-Vestibl der Klinik die nach menschlichem Ermessen geglckte
-Rettung mitteilen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_403" id="Page_403">[S. 403]</a></span>
-
-Er entzog sich den lebhaften Danksagungen. Aber
-sie klangen mit der Freude ber die gelungene Operation
-doch noch in ihm nach, als er spter durch die alten, ehrwrdigen
-Straen von Konstanz schlenderte. Er mute
-einen Abendzug abwarten. Was er sich sonst kaum vergnnen
-wollte und konnte, ein paar mige Stunden,
-sie wurden ihm hier aufgedrngt. Er hatte es seit langem
-aufgegeben, seinen Stimmungen nachzuhngen. Aber
-auf der Terrasse des Inselhotels und nachher am Hafen,
-beim Blick auf die sanfte, klare Wasserflche, berraschte
-ihn, den Entwhnten, ein weiches, vershnliches Gefhl.
-Einer jener Augenblicke, in denen ein Hauch der Ewigkeit
-alle Bitterkeit von Menschen und Verhltnissen wegzusplen
-scheint. Er berlie sich halb schmerzlichen, halb
-sen Trumereien. Gab es keine, auch nicht eine Mglichkeit
-des Glcks, in der er und die Frau, die er nun
-einmal zur Gefhrtin seines Lebens gemacht, sich zusammen
-finden konnten? Es fiel ihm ein &mdash; woran er bis jetzt
-nicht gedacht &mdash;, da Alice nach ihren letzten Nachrichten
-vielleicht kaum einige Stunden entfernt war. Sie wollte,
-wie sie geschrieben, acht Tage einer Einladung der Grfin
-Hningen folgen, die auf der Schweizerseite des Bodensees
-ein Landhaus besa. Er rechnete die Tage nach.
-Seine Frau, die in Straburg bei dem Bruder ihres
-Vaters, dem Obersten Hupfeld und Cousine Hilla zu
-Besuch war, mute jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach drben,
-jenseits des Sees, bei den Hningens sein.</p>
-
-<p>Eine fiebrige Unruhe gesellte sich zu seiner Stimmung.</p>
-
-<p>Wenn er, so wie jetzt mit sich, mit ihr sprche? Wenn
-sie beide es doch noch einmal, in Ruhe und Vernnftigkeit,
-wie zwei Leute, die sich kennen und keine Illusionen<span class="pagenum"><a name="Page_404" id="Page_404">[S. 404]</a></span>
-mehr haben, versuchten, zu einer ertrglichen Einigung
-zu kommen? Zu einem khlen, sachlichen Frieden, aber
-doch zu einem Frieden! Schon um des Jungen willen.
-Fr den er keine Zeit hatte, und den er doch zrtlich liebte.
-Der zwischen ihnen verkmmern und verderben mute ...</p>
-
-<p>Seiner aufwallenden Stimmung folgend, sa Perthes
-eine Stunde spter auf dem Verdeck eines Dampfers.
-Er wute, da er nicht &#8222;klug&#8221; handelte, sondern sich nur
-von einer jhen, unklaren Regung bestimmen lie. Vielleicht
-wrde er Alice gar nicht treffen; oder sie wrde
-seinen Besuch, seine Vorschlge mit Achselzucken als Sentimentalitten
-beiseite schieben, gar in seinem berfall
-eine mitrauische Absicht sehen. Aber die abendliche Fahrt
-auf dem sanftbewegten, blauen See mit dem Blick auf
-ferne Alpengipfel hielt einen Schimmer jugendlicher Vertrauensseligkeit
-in ihm wach.</p>
-
-<p>In Rorschach stieg er aus.</p>
-
-<p>Zu Fu ging er, nach den ntigen Erkundigungen,
-aus der Stadt am Strand entlang.</p>
-
-<p>Als er die Villa des Grafen Hningen gefunden,
-zgerte er beim Anblick der herabgelassenen Jalousien, die
-dem Haus hinter dem hbschen, herrschaftlichen Garten
-ein verlassenes Aussehen gaben.</p>
-
-<p>Er zog an der Torklingel.</p>
-
-<p>Der Grtner ffnete. Er berichtete, die Herrschaften
-wren gestern abgereist.</p>
-
-<p>Perthes war niedergeschlagen und ernchtert. Er
-nannte seinen Namen und erkundigte sich, ob seine Frau
-dagewesen sei. Die Frau des Grtners, die dazukam, wute
-Bescheid. Die Dame, die bei den grflichen Herrschaften
-zu Besuch gewesen, war einen Tag frher als die Herrschaften<span class="pagenum"><a name="Page_405" id="Page_405">[S. 405]</a></span>
-selbst abgereist. Wohin wute sie nicht. Aber
-richtig! Da sie das nicht verga! Das traf sich ja gut:
-eine Depesche wre fr die Dame heute morgen noch
-abgegeben worden. Da sie keine Adresse gehabt, htte
-sie sie einstweilen liegen lassen mssen. Die Grtnersfrau
-holte sie. Perthes nahm sie gleichgltig an sich, grte
-und ging mechanisch zurck nach der Stadt.</p>
-
-<p>Die Stimmung, die ihn hergebracht, war mit der Enttuschung
-verflogen. Wahrscheinlich war Alice wieder
-nach Straburg zurckgekehrt. Doch er wute nichts Genaueres
-ber ihre Plne. Er ffnete die Depesche, die
-ihm vielleicht darber Aufschlu gab. Sie lautete in
-lakonischer Krze: &#8222;Bin morgen Baden-Baden. Ballonfahrt
-Dienstag.&#8221; Der Ort der Aufgabe hatte franzsischen
-Klang. Die Nachricht kam wohl aus der Westschweiz.
-Eine Unterschrift fehlte.</p>
-
-<p>Wenn das Wort Ballonfahrt nicht gewesen wre, htte
-Perthes das Telegramm so gleichgltig wieder zu sich gesteckt,
-wie er es mitgenommen und gelesen. So ffnete, las
-und schlo er es zu wiederholten Malen. Er kmmerte sich
-so gut wie nicht mehr um das, was Alice tat oder lie. Aber
-zwei Dinge hatte er ihr, als sich danach ihre Gelste regten,
-ein fr allemal verboten. Rennen und Ballonfahrten.
-Er hatte erfahren, da sie im Frhjahr in Iffezheim am
-Totalisator gespielt hatte. Wie er sie kannte, gab es fr
-sie keine gefhrlichere Verlockung als das Spiel, und da
-die Ausgaben das einzige waren, ber das er wachte,
-verbot er ihr den Besuch von Pferderennen aufs entschiedenste.
-Ebenso wute er, da sie sich lngst sehnlich
-wnschte, an einer Ballonfahrt teilzunehmen. Diesen
-Wunsch verweigerte er ihr, nicht nur weil der Ballonsport<span class="pagenum"><a name="Page_406" id="Page_406">[S. 406]</a></span>
-ihm zu kostspielig war, sondern weil er die Mutter seines
-Kindes nicht leichtsinnig der Gefahr ausgesetzt wissen
-wollte. Die Depesche, die ihm jetzt in die Hnde geraten
-war, verriet ihm, da sie hinter seinem Rcken nicht daran
-dachte, seinen Willen zu respektieren.</p>
-
-<p>Gern htte sich Perthes auf der Rckfahrt mit dem
-Dampfer nach Friedrichshafen, und von da mit dem
-Nachtschnellzug heimwrts, wieder nichts sehend und nichts
-hrend, in seine gelehrte Fhllosigkeit, seinen dichten,
-schweren Panzer gehllt. Doch immer wieder tauchte
-diese Depesche vor ihm auf. So gewi, als sie unbekmmert
-um sein Verbot, sich zu einer Ballonfahrt verabredete,
-wrde sie auch sicherlich an den Rennen teilnehmen und
-spielen, so oft sie wollte. Wenn er erst dahinter kam,
-da ihre Ausgaben wieder ins Ungemessene gingen,
-gab es Mittel und Wege, ihr seinen Willen deutlich zu
-machen. Mglich auch, da sie sich nach wie vor von ihren
-Eltern manches bestreiten lie: er hatte die beschmende
-Kontrolle darber lngst aufgegeben. Nur mit seinem
-Willen durfte das nicht sein. Es war auch vollends einerlei,
-ob sie Ballon fuhr oder nicht! Und doch &mdash; jetzt &mdash; wo
-er sie durch einen Zufall ertappte, gerade bei einem Sport,
-den er ihr streng versagt hatte &mdash; schaffte die trichte Nachricht
-in ihm. Wenn Alice alles tat, was sie wollte, warum
-er nicht? Noch vor einigen Tagen hatte er den Brief
-einer auswrtigen medizinischen Fakultt erhalten, der
-ihn &mdash; einstweilen als Extraordinarius, aber mit der sicheren
-Aussicht auf das Ordinariat &mdash; an eine norddeutsche Universitt
-berief. Er hatte sich die Angelegenheit noch kaum
-berlegt. Wollte sie auch nicht weiter berlegen, denn er
-mute, wollte er nicht mit seinem Schwiegervater, mit<span class="pagenum"><a name="Page_407" id="Page_407">[S. 407]</a></span>
-Alice einen Sturm bestehen, doch ablehnen. Aber mute
-er denn wirklich? Wenn seine Frau handelte, wie es ihr
-beliebte &mdash; brauchte er sich seinen Weg durch Rcksichten
-verlegen zu lassen? In dem brausenden, hmmernden
-Nachtzug, im Gedanken an diese malitise Depesche, erwachte
-doch noch einmal sein Widerstand gegen die ewige
-Unfreiheit, der er verschrieben sein sollte. Er hatte heute
-nachmittag, in einer schwchlichen Stimmung, von einem
-kleinstmglichen Glck getrumt. Mit Trumen war da
-nichts ausgerichtet! Wenn er handelte?! Wenn er, allen
-Widerstnden zum Trotz, seine Frau nun doch noch aus
-ihrer unseligen Umgebung herausri und verpflanzte?
-Wenn nicht mehr zu seinem und ihrem Heil, so zu dem
-des Jungen! Darber brtete er ...</p>
-
-<p>Daheim, nach einigen Stunden Schlafs, wurde sein
-Entschlu fest. Er wollte die Grung, die mit der Unterbrechung
-seines mechanischen Arbeits- und Lebensganges
-in ihm erregt worden war, benutzen. Er knpfte Verhandlungen
-mit der auswrtigen Fakultt an, die ihn rief.
-Als er den ntigen Brief abgesandt, ging er elastischer als
-sonst in seine Klinik.</p>
-
-<p>Merkwrdig &mdash; die belanglose Depesche, die er vom
-Bodensee mitgebracht, verfolgte ihn weiter. Schlielich
-konnte es ihm gleichgltig sein, mit wem sich Alice in Baden-Baden
-traf. Mit den Hupfelds aus Straburg, mit ihrem
-Bruder oder mit anderen Bekannten. Nichtsdestoweniger
-beschftigte ihn die Frage.</p>
-
-<p>Auf dem Nachhauseweg traf er gegen Abend den
-Grafen Hningen. Er sprach fast nie mit dem wappennrrischen
-Gardeberrest, der so geschftig und gelehrt tat.
-Heute fragte er ihn hflich nach dem Befinden der Grfin.<span class="pagenum"><a name="Page_408" id="Page_408">[S. 408]</a></span>
-Sie war wohlbehalten mit Edith Hammann zurckgekehrt.
-Der Graf selber war den Seinigen entgegengefahren und
-hatte sie in Friedrichshafen abgeholt. Er sprach auch von
-dem Besuch Alices in Rorschach. Perthes schmte sich
-fast zu fragen, wohin seine Frau gereist sei. Er murmelte
-eine unverstndliche Ausrede und tat es doch. Alice
-hatte auf Nachrichten aus Freiburg gewartet, wie der
-Graf sich entsann. Als sie nicht eintrafen, war sie aufs
-Geratewohl zu ihrem Bruder gereist.</p>
-
-<p>Nun wute Perthes, da sie sich hchstwahrscheinlich
-mit dem Leutnant nach Baden-Baden verabredet hatte.
-Von ihm mochte die Depesche sein.</p>
-
-<p>Zu seiner Verwunderung erhielt er noch am selben
-Abend eine Ansichtskarte von seinem Schwager Moritz
-aus dem Engadin, von einer Hochgebirgstour. Also konnte
-der es doch nicht sein, mit dem sie zusammentreffen wollte.
-War sie gar nicht nach Freiburg gereist? Sondern direkt
-nach Baden-Baden gefahren oder ... Er strubte sich
-gegen seine alberne Grbelei. Aber so tricht er sich
-vorkam, er hatte keine Ruhe.</p>
-
-<p>Sehr gegen seine Gewohnheit ging er am nchsten
-Nachmittag mit seinem Jungen um die Teestunde nach
-Stift Nieburg. Man nahm ihn freundlich auf. Besonders
-der Kleine war stets willkommen und wurde stets mit
-Kuchen vollgestopft. Wo Alice gerade war, wuten
-Hupfelds nicht. Sie hatten zuletzt eine Karte vom Bodensee
-gehabt. Die Grfin Hningen kam zum Tee. Sie
-brachte Gre von Alice und erzhlte Wunder von ihrem
-famosen Aussehen.</p>
-
-<p>Dann sprach man von unzhligen Dingen, die Perthes
-nicht interessierten, die er aber aus Artigkeit mit anhrte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_409" id="Page_409">[S. 409]</a></span>
-
-Der Geheime Rat fragte die Grfin beilufig nach
-Professor Hammann, ihrem Schwiegersohn. Sie wute
-nicht viel von ihm. &#8222;berarbeitet&#8221; wie er gewesen, hatte
-er einige Wochen vor Semesterschlu seine Vorlesungen
-und Studien abgebrochen und Touren in der franzsischen
-Schweiz gemacht. Auf dem Genfer See hatte ihn eine
-Regatta gelockt. Der Sport war nun einmal sein Steckenpferd.
-Und auf der Rckreise wollte er, so viel sie wute,
-noch ein oder zwei Ballonfahrten in Baden-Baden mitmachen.
-&mdash; Edith, seine Frau, war, da sie einem freudigen
-Ereignis entgegensah, mit den Hningen am Bodensee
-gewesen und jetzt daheim &mdash; indolent und schn wie immer,
-wie die Grfin selbst lachend hinzusetzte.</p>
-
-<p>Es war an sich nichts Besonderes, was Perthes auf
-Nieburg hrte. Und doch versetzte es ihn in gesteigerte
-Unruhe. Da die Depesche an Alice aus der franzsischen
-Schweiz kam, konnte der reine Zufall sein. Da sie und
-Hammann sich eventuell mit dritten Bekannten in Baden-Baden
-zu einer Ballonfahrt trafen, war mglich, aber
-fr ihn jedenfalls uninteressant.</p>
-
-<p>Und doch konnte er es auf dem ganzen Heimweg von
-Stift Nieburg nicht unterlassen, seine einmal entfesselte
-Sprkraft weiter zu ben. Er spottete ber sich und
-seinen spielerischen Eigensinn und kam gleichwohl nicht
-davon ab.</p>
-
-<p>Der kleine Benno, den er an der Hand hatte, war
-sehr ungehalten, da sein Papa ihm oft gar keine oder
-ganz unzureichende Antworten auf seine zahlreichen,
-hchst wichtigen Fragen gab. Er rief gebieterisch. Wenn
-Perthes dann aufschrak aus seinem Sinnen, war er
-wtend ber den Jungen und ber sich. Was ging denn<span class="pagenum"><a name="Page_410" id="Page_410">[S. 410]</a></span>
-mit ihm vor? Wollte er sich zum Detektiv ausbilden? Wollte
-er einen neuen Giftstoff in seine ohnehin vergifteten Beziehungen
-zu Alice hineinpraktizieren? Entdeckte er in
-sich ein Talent zur Eifersucht? Jetzt noch, wo ... Verchtlich
-bi er sich auf die Lippen. Es fiel ihm die Geschichte
-ein, die ihm seine Frau seinerzeit als Tauschobjekt fr seine
-milungene und abscheuliche Beichte ber sich und Marga
-Richthoff angeboten und spter auch wirklich erzhlt hatte.
-Wahrscheinlich kam er darauf, weil Benno, jetzt schon
-zum dritten Mal eine ihm sehr bedeutend scheinende,
-Perthes sehr ungelegene Erzhlung aus dem Richthoffschen
-Kindergarten mit wachsender Bestimmtheit vortrug. Er
-hrte daneben deutlich das saloppe Tauschgestndnis, das
-Alice damals abgelegt: wie sie mit diesem kleinen, patenten
-Hammann, dem gut gepflegten Sportsmann und Auchbakteriologen,
-geflirtet hatte; wie sie sich beide ganz nett
-htten leiden knnen, aber eines Tages bei dem Gedanken
-an Verlobung und Heirat &#8222;auseinandergelacht&#8221; htten.
-Ob es fr Alice ein greres Vergngen htte geben
-knnen, als zu wissen, da er sich in solchem Zusammenhang
-an ihre Geschichte erinnerte? Da er sich nun auch
-noch auf die abgegriffene Spezialitt der Eiferschtelei
-verlegen wollte? Das Vergngen wollte er ihr denn
-doch nicht gnnen! &mdash;</p>
-
-<p>Daheim lie Perthes den Jungen zu Bett bringen
-und warf sich entschlossen auf seine Arbeit.</p>
-
-<p>Keine Minute lnger durfte diesem migen und klglichen
-Spintisieren gehren.</p>
-
-<p>Er arbeitete bis tief in die Nacht. Erfllt von wissenschaftlichen
-Ideen, vllig abgezogen von den Torheiten
-der letzten Tage, legte er sich zu Bett.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_411" id="Page_411">[S. 411]</a></span>
-
-Er schlief sofort ein, mit der bleiernen Schwere, die
-der erschpfte Kopf gab ...</p>
-
-<p>Nach wenigen Stunden fuhr er beklommen in die
-Hhe. Ein Traum, ein hmischer, raffinierter Traum
-hatte ihn aufgeschreckt. Alle Klgeleien, seine eingestandenen
-und verborgenen Verdchtigungen hatte dieser Traum
-mit folgerichtiger Teufelei zu einem hhnischen Bild vereinigt,
-das ihn mit seiner alpdrckenden Gewiheit aufjagte.
-Er rang nach Atem, nach Beruhigung. Er suchte
-seine Beklemmung abzuschtteln. Aber sie wich nicht.
-Seine Phantasie arbeitete fort, ob er wollte oder nicht.
-Er wute gar nicht, ob er berhaupt wach geworden
-war, oder ob er weitertrumte. Bestimmte Einzelheiten,
-uerungen, die er vergessen, mit halbem Ohr gehrt,
-Szenen des Zusammenseins mit den Hammanns bei seinen
-Schwiegereltern, bei jenen selbst, hier im eigenen Haus
-&mdash; sie standen in einem neuen, verfnglichen Licht vor
-ihm. Besonders war es ein Wort Alices, das sie bei einer
-Schmauserei mit ihrem gttlichen Leichtsinn in die Unterhaltung
-geworfen und das jetzt mit beinahe physischer
-Leuchtkraft vor ihm brannte. &#8222;Edith, wie wr's, wenn
-wir uns heute mal so richtig bers Kreuz amsierten, du
-mit meinem, ich mit deinem Kreuzritter?!&#8221; Hatte es
-dabei nicht boshafter und tckischer denn je in ihren
-Augen geflackert? Und sie hatten alle vier darber gelacht.
-Er sah und hrte dies Lachen. Er lachte aus Hflichkeit,
-Edith Hammann belustigt in ihrer stumpfen, so
-gar nicht abenteuerlustigen Art, Alice kurz und aufreizend,
-wie sie es gern tat, und Hammann mit verlegener
-Lautheit ...</p>
-
-<p>Perthes war aufgesprungen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_412" id="Page_412">[S. 412]</a></span>
-
-Mit behender Hast, immer unter dem Zwang dieser
-Wahnvorstellungen, halb trumend, halb wach, warf er
-sich in seine Kleider. Es dmmerte noch kaum, und er
-zndete ein Licht an. Er war sich keiner bestimmten Absicht
-bewut und handelte doch von Sekunde zu Sekunde mit
-der exakten Konsequenz eines Nachtwandlers.</p>
-
-<p>Er stieg die Treppe hinunter.</p>
-
-<p>Dann betrat er das Zimmer seiner Frau neben dem
-Speisezimmer. Vor ihrem Schreibtisch machte er halt
-und setzte seine Kerze nieder.</p>
-
-<p>Fr einen Augenblick lichtete sich sein Bewutsein.
-Wollte er eine Schlechtigkeit tun? War er wahnsinnig
-geworden? Wo war er? Was trieb er?</p>
-
-<p>Doch schon fate ihn wieder der Zwang. Gewiheit
-um jeden Preis mute er haben!</p>
-
-<p>Er ri an der verschlossenen Schublade des Schreibtisches.
-Der Widerstand entfachte nur seine Wut. Mit
-seiner ganzen, in der Anspannung gewaltigen Krperkraft
-erbrach er sie. Alice htte in diesem Moment erfahren
-knnen, da der Ruberhauptmann in ihm noch nicht
-vom Philister vllig verschlungen war!</p>
-
-<p>Er whlte in dem wahllosen Durcheinander von Rechnungen,
-Briefpapier, Einladungen.</p>
-
-<p>Schlielich, ganz zu hinterst, aber gar nicht etwa versteckt,
-fand er Briefe mit Hammanns unpersnlicher
-Schrift. Einen, zwei, die nichts von Belang, nichts berzeugendes
-enthielten. Dann eine Briefkarte, mit Bleistift
-geschrieben &mdash; sechs, acht Zeilen &mdash; die ihn auf den Stuhl
-vor dem Schreibtisch taumeln lieen.</p>
-
-<p>Das war die Gewiheit, die er gesucht hatte. Alice
-hatte ihn mit Ludolf Hammann betrogen ...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_413" id="Page_413">[S. 413]</a></span>
-
-Mit der Gewiheit kam fr Perthes das Erwachen
-aus dem dmmerhaften, halbwachen Zwang, der ihn
-zu einer hlichen Gewaltsamkeit fortgerissen hatte ...</p>
-
-<p>Wie lange er so gesessen, wute er nicht. Die Wahrheit,
-grausam, hmisch, konsequent, wie der Traum, der
-ihn gepeinigt &mdash; erst tobte sie in ihm mit Gefhlen der
-Verachtung, des Schmerzes, des entwrdigten Stolzes,
-die in seinem Innern stritten und die Vorherrschaft vor
-seinem Verstand begehrten; dann gab sie ihm einen kalten,
-nchternen Entschlu, mit dem er sich erhob.</p>
-
-<p>Er nahm die Briefe an sich, ging zurck in sein Schlafzimmer
-und machte sich fertig.</p>
-
-<p>Frh am Morgen, viel frher als sonst, schallte seine
-Stimme mit ungewohnter Schrfe durch das Haus. Er
-berschttete die Dienstboten, das Kinderfrulein mit
-einer Flut von Befehlen, so da sie in heller Bestrzung
-umeinander liefen.</p>
-
-<p>Das dauerte etwa eine Stunde.</p>
-
-<p>Dann verlie er mit seinem Jungen die Villa. Nicht
-einen Tag lnger konnte er unter diesem Dach bleiben.
-Die Lge seiner Ehe, eines trugvollen, jahrelangen
-Scheinlebens war zu Ende und sollte es auch uerlich
-sein.</p>
-
-<p>Erst wollte er sich mit seinem Kind in einem Hotel
-einquartieren. Doch die Besonnenheit riet ihm von diesem
-zu auffallenden Schritt ab. Er erinnerte sich an sein
-Junggesellenquartier bei Frulein Eschborn. Dorthin
-schleppte er seinen verstrten, heulenden Jungen. Dort
-fand er &mdash; da das Semester vorbei war und die Studenten
-fehlten &mdash; ein Notquartier. Im ersten Stock: ein Arbeitszimmer
-und ein Schlafkabinett fr ihn, eine Stube fr<span class="pagenum"><a name="Page_414" id="Page_414">[S. 414]</a></span>
-Benno und das Kinderfrulein, das nachkommen sollte
-&mdash; war alles, was er einstweilen brauchte. In weniger
-als einem halben Tag war der Auszug vollendet ...</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Wochen des Kriegs begannen.</p>
-
-<p>Es waren entsetzliche Wochen, in denen das Herz aus
-allen Wunden blutete und der Kopf doch Meister bleiben
-mute.</p>
-
-<p>Die erste kategorische Fehdeanzeige fiel nach Nieburg
-wie eine Bombe. Mama Hupfeld legte sich, wie immer
-bei aufregenden Gewittern, sofort zu Bett. Exzellenz,
-von der Unschuld seiner Tochter berzeugt, schumte. Er
-schrieb an Perthes, den Mann, den er &#8222;gemacht&#8221; hatte,
-einen Brief voll hochfahrenden Zorns, in dem er seinem
-aufgespeicherten Groll gegen das Geschpf seiner Gutmtigkeit
-ohne jede klassische Bezhmung freien Lauf lie.
-Er wollte seinen Schwiegersohn demtigen und zur Rson
-bringen. Als Antwort schickte dieser die Abschrift der belastenden
-Briefkarte von Hammann. Der Geheime Rat
-stutzte. Er wurde vorsichtig, denn er witterte Skandal, und
-den mute er um jeden Preis vermeiden. Noch hoffte er,
-da die Rckkehr Alices, die stndlich bevorstand, eine andere
-Erklrung geben und das Beweismaterial ihres Mannes
-erschttern wrde. Alice kam. Sie war ein bichen erstaunt.
-Ein bichen bestrzt. Ein bichen emprt. Im Grund fand
-sie die erbrochene Schublade das beste, was ihr Mann nach
-Jahren einmal wieder geleistet hatte. Was fr Exzellenz
-das Schlimmste war: sie tat ihm nicht den Gefallen, ihre
-Beziehungen zu Hammann zu beschnigen. Sie leugnete
-nichts. Zerknirscht war sie auch nicht. Das Abenteuer mit<span class="pagenum"><a name="Page_415" id="Page_415">[S. 415]</a></span>
-Hammann war eine Laune gewesen, die sie, gelangweilt
-von ihrem Mann und von aller Regelmigkeit, frher
-oder spter kosten mute. Skrupel empfand sie dabei
-nicht. Das Unangenehme, das daraus entstand, wurde
-durch das Neue, das es brachte, aufgewogen. Spahaft
-htte sie es gefunden, wenn sich Perthes und Hammann
-um ihretwillen geschossen htten. Darauf wartete sie
-auch. Vielleicht war es doch etwas Galgenhumor, was
-sie zur Schau trug, jedenfalls ein Galgenhumor, der diesmal
-sogar ihren Vater fast zu zorniger Verzweiflung
-brachte ...</p>
-
-<p>Perthes hatte in der Tat daran gedacht, Hammann
-zur Verantwortung zu ziehen. Eine Zeitlang begehrte
-sein Blut diese knallende Lsung. Aber dann bermannte
-ihn der Ekel. Sollte er sich fr ein Chimre schlagen?
-Die Ehre von Alice war lngst nicht mehr die seine. Mochten
-Splitterrichter des Duellkomments, dem er fr einen
-wrdigeren Fall die Berechtigung nicht versagte, ihn
-verdammen. &mdash; Den Eklat eines Prozesses scheute er
-nicht. Doch dagegen kmpfte der Geheime Rat mit allen
-Mitteln. Sogar denen einer hflichen, bittenden berredungskunst.
-Diese war es nicht, die bei Perthes verfing.
-Aber die ruhigere Erwgung sagte ihm, da er selbst
-durch einen grellen Skandal mehr verlieren als gewinnen
-konnte. Auch noch seine wissenschaftliche Laufbahn zu
-opfern &mdash; dazu fhlte er sich nicht bemigt und, im
-Hinblick auf sein Kind, nicht berechtigt. Bis zum Herbst
-dauerte das Hinber und Herber der feindlichen Lager.
-Dann brachte der Vorschlag des Hupfeldschen Rechtsanwalts
-die Lsung, die beide Parteien &mdash; mit Einverstndnis
-der sehr degoutierten Grfin Hningen, des kleinlauten<span class="pagenum"><a name="Page_416" id="Page_416">[S. 416]</a></span>
-Professor Hammann und der verstrten, so gar
-nicht nachtragenden Edith &mdash; annehmen konnten und
-muten. Perthes, der den Ruf nach Norddeutschland
-endgltig angenommen hatte, wrde dorthin mit Benno
-bersiedeln. Alice sollte sich weigern, den neuen Wohnsitz
-mit ihm zu teilen. Seine wiederholte Aufforderung,
-ihr Widerstand erzielten dann innerhalb der gesetzlichen
-Frist den Scheidungsgrund, der ihm das Kind lie und
-vor der ffentlichkeit den Skandal annhernd verschleierte.</p>
-
-<p>Mit einer Komdie sollte symbolisch die Ehe von Max
-und Alice Perthes ihren Abschlu finden.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h2><a name="c20" id="c20">20</a></h2>
-
-
-<p>Es war Oktober geworden.</p>
-
-<p>Ein warmer, milder Herbst lag ber dem Land. Sanft
-brunten und rteten sich die Laubwlder an den Hngen
-und auf den Kmmen der Berge. Wehmtig hngte sich
-die dunkelgoldene Sonne an die erstarrende Erde. Sie
-spielte melancholisch mit den Wellen im Flu, die unerwrmt
-unter ihrem liebkosenden Schein davonliefen.
-Es war wieder die groe, stille Zeit des Abschiednehmens
-gekommen, in der so viel Reife und Tiefe der Stimmung
-liegt. Es ist im eisknirschenden Winter, im knospensprengenden
-Frhling, im kornknisternden Sommer nicht so viel
-Musik als im Herbst: aber es ist die Musik der Heimlichen
-und Reifen; die Musik derer, die vom Sterben die Kraft
-nehmen und die Lust zum Leben; es ist die Musik der
-groen Stille ...</p>
-
-<p>Das luftige Giebelzimmer ber der Stadt und dem
-Flu, in dem Perthes als Junggeselle gewohnt hatte,<span class="pagenum"><a name="Page_417" id="Page_417">[S. 417]</a></span>
-war frei geworden. Trotz der Gegenvorstellungen von
-Frulein Eschborn, die das Quartier fr ihn nicht mehr
-standesgem finden mochte, war er in den letzten Wochen
-aus dem ersten Stock dort hinaufgezogen. In einer Zeit,
-wo alles um ihn wankte und niederbrach, empfand er das
-hartnckige Bedrfnis, sich an diese Giebelstube von einst
-zu klammern. Er hatte dabei nicht erst seine Gefhle und
-Erinnerungen umstndlich befragt: da er nicht stimmungsselig
-da oben wrde, dafr sorgten die Aufregungen dieser
-Zeit des Kampfes, des Abschlusses seiner klinischen und
-akademischen Pflichten, die zahlreichen Schreibereien und
-Abmachungen, die die bersiedlung an einen neuen Ort
-der Ttigkeit, in andere Bedingungen des Lebens notwendig
-machten.</p>
-
-<p>Erst in der zweiten Woche des Oktobers trat eine
-kurze Pause und unfreiwillige Ruhe fr ihn ein. Er hatte
-sich auf der Klinik verabschiedet. Der Kampf um die
-Scheidung von Alice, so aufreibend und nervenzehrend,
-war abgeebbt. Seine neue Stellung war in allen Teilen
-gesichert. Nur die kleinen Geschfte, die mechanisch
-und nichtssagend sind, Formalitten verschiedener
-Art hielten seinen Fortzug noch um einige Tage auf.
-In der Entspannung, die jetzt unmerklich whrend dieser
-gezwungenen Muezeit seinen Geist und sein Herz berkam,
-beschlich es ihn doch manchmal eigen in seinem
-Junggesellenzimmer, und wenn er sich ber die Brstung
-des Fensters lehnte, hrte auch er vom Flu herauf,
-ber die sonnenglnzenden Dcher weg, herunter von
-den tannenbescheitelten und laubwaldumkrnzten Bergen
-die heimliche, tiefe Musik des Herbstes. Erst vernahm
-er nur ihre ersterbende Wehmut: allein, mit leerem<span class="pagenum"><a name="Page_418" id="Page_418">[S. 418]</a></span>
-Herzen, gebrochen, rmer als er einst eingezogen, zog er
-jetzt durch dieselbe Tr wieder davon. Er wehrte den
-Erinnerungen, aber sie gaben ihn nicht frei: seine jungenhaft-trichte
-Schwrmerei fr Hilde Knig; sein unfhig-gewaltsames
-Ringen nach der Hhe, wo Marga gestanden
-und sein schwacher, schuldvoller Absturz; seine tolle,
-trgerische Taumel- und Leidensgeschichte mit Alice &mdash;
-Erlebnisse dieser Jahre hatten leer- und totgefegt,
-was in ihm war. Aber dann hrte er heller, deutlicher.
-Hrte hinter die Tne der Wehmut: aus der traurigen
-Weise des Sterbens lste sich leise, aber fest eine andere.
-War er nicht doch reicher geworden bei all der Armut?
-Da war seine Liebe zur Wissenschaft, eine dauerhafte,
-echte Liebe, die nichts mit dem haltlosen Hin und Her
-frherer Neigungen gemein hatte. Da war sein Junge,
-Fleisch von seinem Fleisch, ein Ziel und eine Hoffnung,
-auch wenn er Blut von ihrem Blut hatte. Und da war
-er selbst, ein Mann, ein Wollender, einer der sich kannte
-und beherrschte, der nicht sprang, sondern schritt &mdash; vielleicht
-doch empor &mdash; nicht mehr zu der Hhe, die Marga
-gehrte, aber doch zu einem, zu seinem Gipfel: zu der
-Persnlichkeit, die er werden konnte. Er hrte etwas,
-auch er, von der Musik der Heimlichen und Reifen, derer,
-die vom Sterben die Kraft nahmen und die Lust zum
-Leben ...</p>
-
-<p>In solchem Lauschen war er eines Morgens versunken,
-als das Kinderfrulein mit Benno bei ihm eintrat. Sie
-hatte den Kleinen vor kaum einer halben Stunde in den
-Kindergarten gebracht. Fragend wandte sich Perthes
-nach den beiden um.</p>
-
-<p>Der Junge machte ein verschlossenes, eigensinnig-finsteres<span class="pagenum"><a name="Page_419" id="Page_419">[S. 419]</a></span>
-Gesicht und zerrte sein Frulein am Rock, als
-wollte er sie hindern, zu reden. Das junge Mdchen sah
-verlegen und unschlssig aus, als traute es sich nicht zu
-sprechen und auch nicht zu schweigen.</p>
-
-<p>Perthes, der seinem Jungen mehr Aufmerksamkeit
-schenken konnte als sonst, musterte ihn und das Frulein.</p>
-
-<p>&#8222;Was gibt's?&#8221; fragte er mit knapper Stimme. &#8222;Die
-Schule ist doch noch nicht zu Ende?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nein, Herr Professor, aber &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;La mal das Frulein los! Setz dich artig auf einen
-Stuhl! &mdash; Nun, aber?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Die Damen sagten &mdash; Frulein Richthoff sagte &mdash;
-er solle nicht wiederkommen!&#8221; stammelte das Mdchen
-ratlos.</p>
-
-<p>&#8222;Was heit das?&#8221; Perthes runzelte die Stirn. &#8222;Ich
-versteh' das nicht. Ist etwas vorgefallen? Reden Sie
-doch!&#8221; Er nherte sich dem Frulein und warf gleichzeitig
-einen besorgten Blick auf den Kleinen, der zwischen Trotz
-und Trnen auf seinem Stuhl schwankte. Er hatte seinerzeit
-erst nachtrglich von Alice erfahren, da sie den Jungen
-in den Richthoffschen Kindergarten gebracht. Es war
-ihm peinlich gewesen, aber er hatte es nicht mehr ndern
-knnen. Wenn Benno von dort erzhlte, beschrnkte er
-sich meist auf das Zuhren und lenkte ihn bald ab. Auch
-das jetzige Thema kam ihm ungelegen, und er htte es
-gern so schnell wie mglich abgetan.</p>
-
-<p>Das Kinderfrulein rckte schchtern mit vielen Wenn
-und Aber heraus. Benno wre gestern unartig gewesen;
-er htte die Damen erzrnt; die Jngere htte heute
-entschieden erklrt, er drfe nicht mehr kommen.</p>
-
-<p>Perthes horchte betreten auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_420" id="Page_420">[S. 420]</a></span>
-
-Er schickte das Frulein aus dem Zimmer. Dann
-nahm er seinen Jungen vor. Eine harte Arbeit. Der
-kleine, schwarzkpfige Wicht mit seinen brennenden Augen
-war verstockt. Aus dem dunklen Blick leuchtete die Heftigkeit
-des Vaters, und um den kindlichen, tiefroten Mund
-spielte etwas von Alices launischer Selbstwilligkeit. Erst
-gab es ein verlegen-hartnckiges Schweigen. Dann ein
-lautes, zorniges Geheul. Endlich ein aufgelstes, schluchzendes
-Gestammel, dem Perthes nur allmhlich Sinn
-abgewinnen konnte. Zwei Namen wechselten in der
-jammervollen Beichte am deutlichsten ab. Tante Elli
-und Tante Marga. Der kleine Bursche wute nicht, wie
-hart und unselig gerade diese beiden von ihm endlos
-wiederholten Namen in die Ohren seines Vaters klangen.
-Und was nachkam, traf Perthes noch schlimmer. Aus all
-dem Gestammel und Geschrei wickelte sich heraus, da er,
-offenbar in einem Anfall von Jhzorn, die eine Tante
-geschlagen hatte &mdash; Marga. &#8222;Ein ganz klein wenig nur,&#8221;
-wie er mit erneutem Aufschluchzen versicherte. Er erwartete
-offenbar von diesem Schlu- und Hauptstck
-seines Gestndnisses das uerste, denn er duckte sich
-in sich zusammen und wrgte noch zweimal &#8222;ein ganz
-klein wenig nur&#8221; hervor. Aber er mute mit Staunen
-die Wahrnehmung machen, da sein Vater ganz still
-und stumm blieb. Er sah schchtern zu ihm hin. Aus
-Perthes' Gesicht war alles Blut gewichen. Eine erschreckende
-Verzweiflung und Traurigkeit, wie sie der Missetter im
-Matrosenkittelchen noch nie an einem Menschen gesehen,
-malte sich in seinem Antlitz. Bewegungslos, mit herabhngenden
-Armen und geschlossenen Augen sa er vor
-dem Kleinen, und dem wurde dies Starren und Schweigen<span class="pagenum"><a name="Page_421" id="Page_421">[S. 421]</a></span>
-unheimlich, viel unheimlicher als das heftigste Schelten.
-Er brach von neuem in Trnen aus.</p>
-
-<p>Perthes stand auf.</p>
-
-<p>Er rief das Kinderfrulein und lie den Jungen,
-ohne ein Wort an ihn zu richten, in die andere Stube
-fhren.</p>
-
-<p>Als er allein war, setzte er sich vor seinen Schreibtisch.
-Er nahm seinen Kopf zwischen seine beiden Hnde und
-prete ihn, als wollte er ihn zerdrcken ...</p>
-
-<p>Das Schwerste und Trbste, was in seiner Seele geschlummert,
-woran er auch in seinen wehmtigsten Abschiedsgedanken
-nur aus ngstlicher Ferne vorbeigestreift
-war, wie an einem kranken, schmerzhaften Glied &mdash; das
-hatte sein eigener Junge mit seiner kindlichen Untat grell
-und rcksichtslos aus ihm heraufgezerrt. Die kleine Hand,
-die sich da im Jhzorn erhoben, was hatte sie im Grund
-anderes verbt, als was er, der Vater, vor einigen Jahren
-so viel brutaler, hrter, grausamer getan: Marga geschlagen!
-&mdash; Wie das traf! Wie es schmerzte! Wie es von der
-verstecktesten Wunde seines Lebens, der grten, mitleidslos
-den Notverband ri und das Blut quellen und quellen
-lie. Die Erinnerung an Marga, Stunde um Stunde
-fast des Vergangenen, umtoste ihn. Aus gespenstiger
-Weite, aus der Verbannung von Jahren war ihr Bild
-nahe gerckt, so nahe, da es ihn mit seiner Deutlichkeit
-betubte. Es war ihm wie gestern, da er sie verloren,
-verlassen und preisgegeben hatte! An jener Wegscheide,
-zwischen Stift Nieburg und der Sgemhle im
-Tal, war er fehlgegangen. Weit und weiter in die
-Irre ...</p>
-
-<p>Doch das war ja nur der Schrei <em class="gesperrt">seiner</em> Seele, auf<span class="pagenum"><a name="Page_422" id="Page_422">[S. 422]</a></span>
-den er horchte. Ein Schwelgen in nutzloser Sehnsucht
-nach Verscherztem und Verlorenem. O &mdash; er hatte immer
-nur an sich gedacht! Was Marga gelitten, hatte er es je
-in seinem vollem Umfang ausgemessen? Hatte er seine
-Schuld &mdash; ja, einen Teil davon hatte er abgetragen!
-In sich selbst! Aber vor ihr und an ihr war er so schuldig
-wie damals. Er hatte ja gewartet, bis die Hand seines
-Jungen sich kindisch an ihr verging, als sollte sich das
-Wehetun vererben vom Vater auf den Sohn. Wie schmerzhaft
-er geschlagen, davon wute der Kleine nichts. Dafr
-trug sein Vater die Verantwortung.</p>
-
-<p>Ruhelos gefoltert, die Stunden vergessend, schritt
-Perthes in seinem Zimmer auf und nieder.</p>
-
-<p>Genugtuung konnte er Marga keine geben. Fr das,
-was geschehen war zwischen ihr und ihm, gab es keine
-Genugtuung. Konnte er trotzdem nichts, gar nichts tun?</p>
-
-<p>Natrlich mute er fr den Jungen um Entschuldigung
-bitten. Er warf ein paar Zeilen aufs Papier. Am Nachmittag
-legte er sie beiseite und schrieb einen Brief, der
-mehr, der ein Bekenntnis seines ganzen Lebens wurde.
-Daraus machte er von neuem &mdash; jedes Pathos und jede
-Floskel verachtend &mdash; ein knappes Billet, das nichts
-besagte. So ging es nicht! Er zerri alles, was er
-geschrieben. Wenn er etwas tun wollte, mute es etwas
-anderes sein.</p>
-
-<p>War er denn feig? Zu feig um das zu versuchen,
-was einfach anstndig war?</p>
-
-<p>Er, er selbst mute gehen, er mute seinen Jungen
-zu ihr fhren.</p>
-
-<p>Als ob er das nicht lngst gewut htte?! Nicht immer
-wieder fortgeschoben und umgangen htte?!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_423" id="Page_423">[S. 423]</a></span>
-
-Vielleicht lie sie ihn abweisen, vielleicht &mdash; doch das
-war es nicht, was ihn bestimmen durfte. Es gab nur diesen
-Weg. Keinen sonst. Den mute er gehen. Als Mann
-von Ehre und Gewissen. &mdash;</p>
-
-<p>Am nchsten Morgen war er mit sich fertig.</p>
-
-<p>Mit seinem Kleinen hatte er nicht wieder gesprochen.
-Nicht einmal &#8222;Gute Nacht&#8221; hatte er ihm gesagt. Jetzt
-teilte er ihm in kurzen Worten mit, was geschehen sollte.
-Sie beide wrden um elf, ehe die Schule zu Ende war,
-zu Tante Marga gehen. Und Benno wrde vor den
-Kindern sie laut und deutlich um Verzeihung bitten.
-Jedes Struben war ausgeschlossen.</p>
-
-<p>Der Junge machte ein langes Gesicht. Fast eine
-Grimasse wie seine Mutter. Aber er war zu zerknirscht.
-Er hatte zu viel geweint und frchtete die traurig-entschlossenen
-Augen seines Vaters zu sehr, um ein
-Wort des Widerwillens oder auch nur eine Gebrde
-dagegen zu finden.</p>
-
-<p>Dann gingen sie zur festgesetzten Stunde in die
-Stadt.</p>
-
-<p>Perthes hatte sich den Weg beschreiben lassen. Trotzdem
-ging er in unbekannten Straen fehl. Auf den Jungen
-war kein Verla. Er war ebenso stumpf und ngstlich,
-wie sein Vater erregt war.</p>
-
-<p>Sie irrten an dem Haus am Wenzelsberg vorbei,
-das frisch gestrichen, fremd und abweisend in der Strae
-stand.</p>
-
-<p>Es schlug elf Uhr, ehe sie sich zurechtgefunden hatten.</p>
-
-<p>Der lachende und schwatzende Kinderschwarm quoll
-aus der Tr des Vorgartens, bevor sie das kleine Haus
-in der Bergfelderstrae erreichten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_424" id="Page_424">[S. 424]</a></span>
-
-Perthes stand unschlssig vor dem Zaun, hinter dem
-die buntbltigen Astern in freundlichen Beeten leuchteten.</p>
-
-<p>Sollte er umkehren? Sollte er den Gang auf den
-Nachmittag verschieben?</p>
-
-<p>Das widerstrebte ihm. Er trat ein.</p>
-
-<p>Das Dienstmdchen, das ihm die Glastr ffnete, sah
-ihn und den Kleinen verdutzt an.</p>
-
-<p>Sie wies ihn ins Schulzimmer und wollte die Damen
-rufen.</p>
-
-<p>Inmitten der kleinen Bnke blieb er harrend stehen.
-Er atmete schwer und hielt den Jungen mit einem harten
-Griff an seiner Seite. Es hmmerte in seinen Schlfen
-und zuckte vor seinen Augen, so da er nichts um sich sah.</p>
-
-<p>Nach geraumer Weile ffnete sich die Tr. Es war
-Elli.</p>
-
-<p>Das Mdchen, das den kleinen Perthes kannte, hatte
-sie benachrichtigt. Perthes hatte versumt, sich mit Namen
-zu nennen, aber sie war keinen Augenblick im Zweifel,
-da er selbst es war. Mit klopfendem Herzen, nicht wissend,
-was sie tun oder lassen sollte, war sie herbeigeeilt. Ohne
-Marga zu verstndigen, die im Garten auf und ab ging.
-Nun stand Elli sprachlos dem Mann gegenber, der ihr
-vor Jahren ein vertrauter Bekannter gewesen. Ihre
-sonst so frische, nicht leicht einzuschchternde Art versagte
-bei diesem unerwartetem Wiedersehen. Sie konnte
-ihn nur durch eine Bewegung bitten, seine Wnsche zu
-uern.</p>
-
-<p>Auch Perthes war einen Moment betroffen und stumm
-dagestanden. Jetzt erklrte er sich mit fester Stimme.</p>
-
-<p>&#8222;Frulein Richthoff, mein Junge und ich sind gekommen,
-um Ihr Frulein Schwester um Verzeihung zu<span class="pagenum"><a name="Page_425" id="Page_425">[S. 425]</a></span>
-bitten. Ich hrte mit Entrstung, was fr eine groe
-Unart sich der Kleine geleistet hat!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Meine Schwester &mdash; Sie wollen meine Schwester
-selbst &mdash; sprechen?&#8221; stammelte Elli.</p>
-
-<p>&#8222;Ich bitte darum,&#8221; erwiderte er mit einem leisen
-Vibrieren des Tones.</p>
-
-<p>&#8222;Ich frchte, da &mdash;&#8221; Elli suchte nach einer Ausrede,
-um Marga dies Wiedersehen zu ersparen, aber Perthes
-hatte seinen Blick mit einer so zwingenden Bitte auf sie
-gerichtet, da sie verstummte. Ein hastiges, bebendes
-&#8222;Ich will nachsehen!&#8221; und sie huschte aus dem Zimmer.</p>
-
-<p>Es dauerte wieder eine geraume Zeit.</p>
-
-<p>Perthes dnkten die Minuten Ewigkeiten zu werden.
-Er lie den Kleinen los und lehnte sich gegen das Kreuz
-des nchsten Fensters.</p>
-
-<p>Er hrte im Flur Schritte, die sich nherten. Auf
-seine Sinne legte es sich wie Nebel. Die Dinge rckten
-vor seinen Augen in eine dunstige Ferne. Das Kind trat
-mechanisch von einem Fu auf den andern. Weit ab
-sah er jetzt eine Tr sich ffnen. Er erkannte eine Gestalt,
-nur in Umrissen, whrend eine zweite sich abseits, an
-einem Schrank zu schaffen machte. Die erste, die stillstand,
-mute Marga sein. Er lste sich von dem Fensterkreuz
-und trat einige Schritte vor. Seine Stimme klang
-ihm fremd wie die eines anderen.</p>
-
-<p>&#8222;Sie wissen schon, weshalb wir hier sind. Ich danke
-Ihnen, da Sie uns hren wollen. Eigentlich wollte ich,
-da der Junge vor seinen Kameraden ihnen Abbitte tun
-sollte. Er hat sich abscheulich vergangen!&#8221; Perthes
-stockte. Die stoweise vorgebrachten Stze preten seinen
-Atem. &#8222;Benno, tu wie ich dich geheien!&#8221; Er tappte<span class="pagenum"><a name="Page_426" id="Page_426">[S. 426]</a></span>
-neben sich nach der Schulter des Kleinen und schob ihn
-vorwrts. &#8222;Geh, und bitte Frulein Richthoff um Verzeihung!&#8221;</p>
-
-<p>Der Junge setzte sich zgernd in Gang.</p>
-
-<p>Marga stand bla und ernst bei der Tr. Sie mute
-hinter sich, am Trrahmen, Halt suchen. Ihr Kopf hatte
-sich auf die Brust geneigt, ihre Augen sich geschlossen.
-Sie wollte dem Kleinen entgegengehen, um die peinliche
-Szene so schnell wie mglich zu beendigen. Aber sie
-konnte nicht.</p>
-
-<p>Der Junge blieb auf halbem Weg wie angewurzelt
-stehen. Trotz und Angst lieen ihn schwanken.</p>
-
-<p>&#8222;Benno!&#8221; mahnte Perthes mit Anstrengung.</p>
-
-<p>Das Kind rhrte sich nicht. Die Hnde auf dem
-Rcken verschlungen haltend, wich es nicht von der Stelle.</p>
-
-<p>Perthes griff sich an den Kopf. Dann ging er mit
-schleppenden Schritten, ohne den Boden unter sich zu
-fhlen, vorwrts, dorthin, wo die in Nebel verlorene
-Gestalt stand.</p>
-
-<p>&#8222;Also werde ich fr dich um Verzeihung bitten!&#8221; Er
-nahm alle Energie zusammen. &#8222;Der Junge ist verwildert.
-Seine Mutter &mdash; kurz er hat keine Mutter mehr. Und
-ich kann mich zu wenig um ihn kmmern. Ich bitte Sie,
-ihm zu verzeihen!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes stand jetzt kaum zwei Schritte von Marga
-entfernt. Er wollte sagen, da das Kind selbstverstndlich
-nicht mehr in die Richthoffsche Schule kommen drfe;
-er wollte in einer kurzen, verbindlichen Form all das vorbringen,
-was er sich zurecht gelegt. Aber die Worte blieben
-ihm aus. Er hatte seine Kraft berschtzt und konnte nicht
-weiter. Er stand so steif und unbeweglich wie sein Kind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_427" id="Page_427">[S. 427]</a></span>
-
-&#8222;Ich verzeihe ihm gern,&#8221; kam es leise von Margas
-Lippen. Die ganze, weiche Flle ihres Wesens klang
-zitternd mit. Es war der alte, warme, stille, einfache
-Ton, der ber Jahre hinweg an Perthes Ohr drang. Der
-Dunst vor seinen Augen zerstob. Er sah sie. Nahe wie
-sie ihm war. Die blauen, tastenden Augen, das erblate,
-schlichte Gesicht mit seinen sanften, weichen Zgen unter
-dem fahlen, gescheitelten Haar.</p>
-
-<p>Und mit einem Mal schttelte es seinen groen,
-starken Krper wie ein Sturm. Seine Hnde ffneten
-und schlossen sich wie im Krampf. Er schwankte zur Seite,
-ergriff eine der kleinen Kinderbnke, die da standen und
-lie sich mit einem dumpfen Laut niederfallen.</p>
-
-<p>Der Junge, von Angst und Schreck erfat, lief strauchelnd
-auf Marga zu: &#8222;Verzeihen! Verzeihen!&#8221; wrgte er
-unter einer Flut von Trnen hervor, whrend er sich an
-sie drngte, die Hnde emporstreckend, Schutz und Hilfe
-suchend vor einem Unbegreiflichen, das um ihn vorging,
-und das sein Herz und sein Verstand nicht faten.</p>
-
-<p>Marga beugte sich ber ihn und streichelte das dichte,
-zottige Haar.</p>
-
-<p>Elli war an ihrer Seite und hob ihn empor. Instinktiv
-trug sie ihn in das anstoende Zimmer ...</p>
-
-<p>Perthes und Marga blieben allein in der groen, frhlichen
-Stube, die die gedmpfte Herbstsonne mehr und
-mehr in ihr sattes Mittagslicht tauchte.</p>
-
-<p>Eine Weile war nichts hrbar als der schwere, keuchende
-Atem des Mannes, der mit verzweifelter, schamvoller
-Kraft gegen die Gefhle rang, die ihn berwltigen
-wollten. Und dann erlag er doch, dem unsagbaren und
-grausamen Leid seiner Seele. Das ganze Weh seines<span class="pagenum"><a name="Page_428" id="Page_428">[S. 428]</a></span>
-Lebens, die mit unnatrlicher Anspannung zurckgehaltenen
-Schmerzen der letzten Monate, Bitterkeit, Reue
-und Verzweiflung befreiten sich in jenem harten, dumpfen
-Schluchzen, das den Zusammenbruch des Mannes grausam,
-erschreckend und erschtternd macht, wie ein Ereignis
-der Natur ...</p>
-
-<p>Leise, wie ein Schatten, lste sich Marga von der
-Wand, an der sie noch immer stand.</p>
-
-<p>Sie ging nach dem Stuhl, auf dem sie sonst vor ihren
-Kindern sa; von dem aus sie vor den glnzenden Augen
-der andchtigen Kleinen ihre Mrchen erzhlte. Dort
-setzte sie sich und faltete die Hnde im Scho. Zuerst war
-es auch ihr, als mte ihr zuckendes Herz in Trnen sich
-befreien. Aber dann senkte es sich ber sie wie eine machtvolle,
-alle menschliche Klage vershnende Feierlichkeit.
-Ihr inneres Gesicht verklrte sie: sie sah sich wie einst an
-einem Nachmittag, nach bangem Morgen, ber einen
-Hang schreiten, ber einen unabsehbaren Hang von blauen
-Glockenblumen. Sanft neigten sie sich im Sommerwind
-und begannen zu luten mit ihren zarten, dnnen, verheiungsvollen
-Stimmchen. Je weiter sie schritt, um so
-lauter war das Gelut. Ein Jubeln, ein Jauchzen wurde
-daraus, in das ihre Seele einstimmte. Und wieder war
-da ein Flu. Breiter, tiefer, strmender als der von einst.
-ber den mute sie setzen. Sie wute, da er drben
-stand, am Ufer. Da er sie erwartete. Es mute so
-sein. Und das Gelute mute sie auf seinen Schwingen
-tragen, hinber ber das Vergangene, hinber ber das
-Gegenwrtige, bis sie an seiner Seite stand ...</p>
-
-<p>Seine Stimme erweckte sie. Er hatte sich mit einer
-gewaltsamen Aufraffung gesammelt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_429" id="Page_429">[S. 429]</a></span>
-
-&#8222;Was werden Sie von mir denken, Frulein &mdash; Frulein
-Marga!&#8221; Er konnte sie nicht anders nennen. &#8222;Was
-werden Sie von mir trnenseligem, erbrmlichem Weichling
-denken!&#8221; stie er rauh hervor. &#8222;Ich wollte Ihnen nur
-sagen, da Sie mir &mdash; mir unendlich viel mehr zu verzeihen
-haben als meinem dummen, trotzigen Kleinen. Das
-war es.&#8221;</p>
-
-<p>Marga schttelte den Kopf.</p>
-
-<p>&#8222;Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Und wenn es
-noch etwas gewesen wre, so htten Sie es in dieser Stunde
-fr immer gutgemacht!&#8221;</p>
-
-<p>Perthes war aufgestanden. Auch Marga hatte sich
-erhoben.</p>
-
-<p>Sie bot ihm ihre Hand. Er beugte sich tief darber
-mit seinem dunklen Kopf und kte sie stumm. &mdash;</p>
-
-<p>Er rief nach seinem Jungen.</p>
-
-<p>Elli brachte ihn getrstet herbei. Sie wute nur durch
-ihr Gefhl, was vorgegangen war.</p>
-
-<p>&#8222;Benno will am Nachmittag wieder in die Schule
-kommen,&#8221; meinte sie mit einem strahlenden, liebkosenden
-Blick auf den Kleinen.</p>
-
-<p>&#8222;Und immer wieder will ich kommen!&#8221; erklrte berzeugt
-der kleine Mann.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn die Damen es erlauben &mdash; solange du noch
-hier bist,&#8221; sagte Perthes, dankbar auf Elli schauend. Dann
-lie er ihn sich von Marga verabschieden, nahm ihn bei
-der Hand und verlie mit einem ernsthaften Gru das
-Zimmer ...</p>
-
-<p>Elli warf sich in Margas Arme. Whrend drauen
-die Gittertr knarrte und die Schritte des kleinen und des
-groen Perthes straabwrts verhallten, standen sie<span class="pagenum"><a name="Page_430" id="Page_430">[S. 430]</a></span>
-schweigend beisammen. Elli wagte nicht, Marga zu stren,
-deren Augen verloren ins Weite schweiften und eine
-schimmernde Ferne faten. Es war die groe Stille, die
-ber Zeit und Raum dort hinberflo. Und es war
-wieder die Freude in ihr und das Luten der blauen
-Glocken von Stille zu Stille. Das Wie wute sie nicht
-und nicht das Wann. Aber sie wute, da sie und er sich
-wiedersehen wrden, um sich nicht mehr zu trennen.
-Denn sie waren wieder Gefhrten eines Wegs und eines
-Willens ...</p>
-
-<p>Und beide rangen sie mit dem Leben, bis da es sie
-segnete.</p>
-
-<div class="figcenter b6" style="width: 112px;">
-<img src="images/pg430_deco.png" width="112" height="19" alt="" />
-</div>
-
-
-
-
-
-
-<div class="pagebreak center">
-<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Bcher von Heinrich Lilienfein">
-<tr><td align="center" colspan="2"><span class="pagenum"><a name="Page_431" id="Page_431">[S. 431]</a></span>Im <em class="gesperrt">Cotta'schen Verlage</em><br />erschien von</td></tr>
-
-<tr><td align="center" colspan="2"><big>Heinrich Lilienfein:</big></td></tr>
-<tr><td align="left"></td><td align="center"><small>Gebunden</small></td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Ideale des Teufels</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Eine boshafte Kulturfahrt. 2. Aufl.</td><td align="left">M. 5.50</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Von den Frauen und einer Frau</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Erzhlungen und Geschichten. 2. Aufl.</td><td align="left">M. 5.&mdash;</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Die groe Stille</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Roman. 9.-11. Auflage</td><td align="left">M. 8.50</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Der versunkene Stern</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Roman. 4. und 5. Auflage</td><td align="left">M. 9.&mdash;</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Ein Spiel im Wind</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Roman. 4. und 5. Auflage</td><td align="left">M. 8.&mdash;</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Die feurige Wolke</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Roman. 1.-5. Auflage</td><td align="left">M. 9.50</td></tr>
-<tr><td align="center"><hr class="tb" /></td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Der Herrgottswarter</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Ein Drama in drei Aufzgen</td><td align="left">M. 4 &mdash;</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Die Herzogin von Palliano</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Ein Drama in drei Akten</td><td align="left">M. 4.50</td></tr>
-<tr><td align="left"><span class="pagenum"><a name="Page_432" id="Page_432">[S. 432]</a></span><b>Der Kampf mit dem Schatten</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Drei Akte eines Vorspiels zum Leben</td><td align="left">M. 4.&mdash;</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Der schwarze Kavalier</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Ein deutsches Spiel in drei Akten</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Olympias.</b> Ein griechisches Spiel in drei Akten</td></tr>
-<tr><td class="tdl">Beide Dramen in einem Band</td><td align="left">M. 5.&mdash;</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Der Stier von Olivera</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Ein Schauspiel in drei Akten. 2. Aufl.</td><td align="left">M. 4.50</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Der groe Tag</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Ein Schauspiel in fnf Akten</td><td align="left">M. 4.&mdash;</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Der Tyrann</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Ein Drama in vier Akten</td><td align="left">M. 4.50</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Hildebrand</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl">Ein Drama in drei Akten und einem Vorspiel. 2. Auflage</td><td align="left">M. 4.&mdash;</td></tr>
-<tr><td align="left"><b>Das Gericht der Schatten</b></td></tr>
-<tr><td class="tdl"><em class="gesperrt">Vier Einakter</em>: Die Botschaft &mdash; Das Fest der entblten Seelen &mdash; Die mondhelle Stunde &mdash; Die Fessellosen</td><td align="left">M. 4.&mdash;</td></tr>
-</table></div>
-<p class="center">
-<small>Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart</small>
-</p>
-
-<div class="transnote pagebreak">
-<h2><a name="Anmerkungen_zur_Transkription" id="Anmerkungen_zur_Transkription">Anmerkungen zur Transkription</a></h2>
-
-Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebruchlich waren, wie:
-
-<ul class="index">
-<li>Abwechselung -- Abwechslung</li>
-<li>anderen -- andern</li>
-<li>Billet -- Billett</li>
-<li>Bfett -- Bffet</li>
-<li>dmmerigen -- dmmrigen</li>
-<li>Ewig-Weibliche -- Ewigweibliche</li>
-<li>frei gemacht -- freigemacht</li>
-<li>geradeswegs -- geradewegs</li>
-<li>jenseit -- jenseits</li>
-<li>leis -- leise</li>
-<li>malitise -- malizise</li>
-<li>mitleidlos -- mitleidslos</li>
-<li>Sammetkppchen -- Samtkppchen</li>
-<li>Tete-a-tete -- tete-a-tete</li>
-<li>Tipptopp -- tipp-topp</li>
-<li>wundere -- wundre</li>
-</ul>
-
-Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen:
-
-<ul class="index">
-<li>S. 17 &#8222;minuzisen&#8221; in &#8222;minutisen&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 20 &#8222;unverantworlich&#8221; in &#8222;unverantwortlich&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 86 &#8222;g worden&#8221; (Leiche?) in &#8222;geworden&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 86 &#8222;handarbeit nd&#8221; (Leiche?) in &#8222;handarbeitend&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 86 &#8222;Fakulttsitzung&#8221; in &#8222;Fakulttssitzung&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 96 &#8222;heut am Abend&#8221; in &#8222;heute am Abend&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 139 &#8222;da wei ich&#8221; in &#8222;das wei ich&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 167 &#8222;erklre&#8221; in &#8222;erklrte&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 175 &#8222;berschwngliche&#8221; in &#8222;berschwengliche&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 181 &#8222;hatte fr Sie&#8221; in &#8222;hatte fr sie&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 184 &#8222;Sgmhle&#8221; in &#8222;Sgemhle&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 191 &#8222;Stohhut&#8221; in &#8222;Strohhut&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 213 &#8222;tanzst&#8221; in &#8222;tanzt&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 225 &#8222;Jleus&#8221; in &#8222;Ileus&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 267 &#8222;werkwrdig&#8221; in &#8222;merkwrdig&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 280 &#8222; eingefgt.</li>
-<li>S. 303 &#8222;Trabener&#8221; in &#8222;Trabner&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 346, 351 &#8222;garnicht&#8221; in &#8222;gar nicht&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 362 &#8222;Verzweifelste&#8221; in &#8222;Verzweifeltste&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 362, 363, 366 &#8222;Bertelsdorff&#8221; in &#8222;Bertelsdorf&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 397 &#8222;ungeberdigen&#8221; in &#8222;ungebrdigen&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 408 &#8222;voll gestopft&#8221; in &#8222;vollgestopft&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 424 &#8222;ihre Frulein Schwester&#8221; in &#8222;Ihr Frulein Schwester&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 425 &#8222;Clli&#8221; in &#8222;Elli&#8221; gendert.</li>
-</ul>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die groe Stille, by Heinrich Lilienfein
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROE STILLE ***
-
-***** This file should be named 53283-h.htm or 53283-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/3/2/8/53283/
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
diff --git a/old/53283-h/images/cover.jpg b/old/53283-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index adaa09f..0000000
--- a/old/53283-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/53283-h/images/pg430_deco.png b/old/53283-h/images/pg430_deco.png
deleted file mode 100644
index 9258923..0000000
--- a/old/53283-h/images/pg430_deco.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/53283-h/images/title_logo.png b/old/53283-h/images/title_logo.png
deleted file mode 100644
index 6730e13..0000000
--- a/old/53283-h/images/title_logo.png
+++ /dev/null
Binary files differ