summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/old/53283-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-06 15:21:13 -0800
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-06 15:21:13 -0800
commitd253e61eaa8e83a097df09f64e06bdcdc378fc4f (patch)
tree7d6f16ddcf19e5abd349f844dd361d092c727de7 /old/53283-0.txt
parent26b699e825a2b683f95ec5667f031490c714025e (diff)
NormalizeHEADmain
Diffstat (limited to 'old/53283-0.txt')
-rw-r--r--old/53283-0.txt13371
1 files changed, 0 insertions, 13371 deletions
diff --git a/old/53283-0.txt b/old/53283-0.txt
deleted file mode 100644
index 9ef2e74..0000000
--- a/old/53283-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,13371 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Die große Stille, by Heinrich Lilienfein
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Die große Stille
-
-Author: Heinrich Lilienfein
-
-Release Date: October 15, 2016 [EBook #53283]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROßE STILLE ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
- +------------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Fettschrift als |
- | $fett$ und Schrift in Antiqua als ~antiqua~. |
- | |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
- +------------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
- Die große Stille
-
-
-
-
- Die große Stille
-
- Roman
-
- von
-
- Heinrich Lilienfein.
-
- 9.-11. Auflage
-
- [Illustration]
-
- Stuttgart und Berlin 1919
- J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
-
-
- Alle Rechte,
- insbesondere das Übersetzungsrecht vorbehalten
-
- Für die Vereinigten Staaten von Amerika:
- Copyright, 1912, by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
- Stuttgart und Berlin
-
-
- Dem Andenken meiner Hanna
-
-
-
-
-1
-
-
-Da klingelte es schon wieder.
-
-Käthe hatte ihren Posten auf der obersten Treppenstufe gleich gar nicht
-verlassen. Elli stürmte mit lachender Neugier aus der Stube und bog
-sich so weit über das Geländer, daß die ältere, bedächtigere Schwester
-sie leise schalt und zupfte, einmal, weil es leichtsinnig war und man
-gesehen werden konnte, dann aber, weil sie selbst, obwohl die größere
-von beiden, so nicht auf ihre Kosten kam. Und der neue Ankömmling für
-Papas Sprechstunde mußte doch ganz genau gemustert werden. Das war
-so Brauch, so oft ein neues Semester begann und die Hörer einer nach
-dem andern anrückten, um sich den Namen des Geheimrats ins Kollegbuch
-schreiben zu lassen.
-
-Marga war allein in dem gemütlichen Zimmer zurückgeblieben, das ihr
-und Ellis Mädchenreich war. Aber auch in ihren Fingern ruhte für einen
-Augenblick die feine Knüpfarbeit. Mit vorgebeugtem Kopf lauschte sie
-hinaus nach dem Treppenhaus. In der erwartungsvollen Stille war jedes
-Geräusch zu hören.
-
-Im Erdgeschoß wurden Schritte laut. Es war Therese, die mit Brummen an
-die Glastür schlürfte und öffnete. Elli polterte in der Spannung einige
-Stufen hinunter. Ein zürnendes „Bst!” von Käthe wies sie zurecht.
-
-Über Margas Gesicht huschte ein Lächeln. Ihre Blicke suchten die Tür.
-Sie ließ sich von der Spannung anstecken, als könnten die lichtlosen
-blauen Augen das unerbittliche Dunkel durchdringen, das sie inmitten
-der sonnigen Stube einhüllte.
-
-Jetzt mußte der Ankömmling sichtbar sein.
-
-Mit einem unverhohlenen „Oh!” der Enttäuschung fuhr Elli zurück und
-glitt von der Treppe ins Zimmer. „Nu mach' ich nicht mehr mit!” ließ
-sie sich halb traurig, halb zornig vernehmen, während sie sich in dem
-roten Plüschsofa, Margas Korbsessel gegenüber, schmollend zurückwarf.
-
-„Wer war's denn?” forschte die Blinde.
-
-„Ach was! Nicht der Mühe wert! Einfach lächerlich!” lautete die unklare
-Antwort, die ein tiefer Seufzer begleitete.
-
-„Trabner, der alte Oberlehrer,” erklärte Käthe, die jetzt, gleichfalls
-enttäuscht, zurückkam.
-
-„Ach der!” nickte Marga und nahm die auf den Knien liegende Handarbeit
-wieder auf.
-
-„Der Flanellstorch!” ergänzte Elli, die ihren Unwillen an irgendwem
-auslassen mußte. „Mit der Glatze und der Stahlbrille, den
-Gummimanschetten und dem famosen Trikot-Stehumlegekragen. Ich glaube,
-er hört Papa seit fünfzig Jahren, der -- der --”
-
-„Ein sehr netter, vernünftiger Mensch,” meinte Käthe strafend. „Papa
-schätzt ihn sehr.” Als Älteste hielt sie es stets für ihre Pflicht,
-gerecht zu sein und Ellis vorlauten Urteilen die Spitze abzubrechen.
-
-Aber Elli war heute gar nicht in der Laune, sich schulmeistern zu
-lassen. „Sieh mal an!” Sie bog ihren lichtblonden Lockenkopf zur
-Seite. „Du schwärmst wohl gar für den guten Flanellstorch?”
-
-„Das ist ehrlich dumm, Kleinchen! Ich kann nur nicht leiden, daß man
-jemand in Bausch und Bogen ablehnt. Das weißt du.” Käthe setzte sich
-an den kleinen Schreibtisch am Fenster. Sie wollte fortfahren, in ihr
-Tagebuch zu schreiben.
-
-„Vergiß das ja nicht gleich mit aufzuschreiben,” neckte Elli weiter.
-„Unter ‚Gedankensplitter‛.”
-
-Käthe drehte sich empört nach der Spötterin um. „Das verbitt' ich mir,
-hörst du?” Ihre dunklen Augen zürnten, und sie strich sich die Haare
-aus der Stirn, zurück nach den schwarzen, wohlgeordneten Flechten. „Ich
-kann nicht dafür, daß dein Herr Wilkens ausbleibt,” setzte sie mit
-spitzem Vorwurf hinzu.
-
-„Oho!” brauste Elli auf. „Ich kümmere mich wohl um Wilkens? Nicht so
-viel! Nicht so viel!” Die Röte, die ihr in die Wangen schoß, ärgerte
-sie noch mehr. „Nicht so viel!” erklärte sie zum drittenmal mit vor
-Erregung zitternder Stimme.
-
-„Aber Kinder! Ihr seid ja garstig miteinander,” mahnte jetzt Margas
-weiche, ruhige Stimme. Ihre Hand tastete über den Tisch weg nach Elli,
-als wollte sie ihren Liebling beruhigen. „Er kann ja noch kommen,”
-flüsterte sie der jüngeren Schwester zu.
-
-Elli entzog sich ihrer Liebkosung. Trotz und Schmerz kämpften in ihren
-hübschen Zügen und preßten ihr Tränen in die Augen. Sie war in dem
-seligen siebzehnjährigen Alter, wo Freude und Leid durcheinanderjagen
-wie Regen und Sonne an einem Apriltag. Sie kam sich unsagbar verkannt
-vor, nicht weil sie sich um den besagten Wilkens „nicht so viel”
-kümmerte, sondern gerade weil sie auf ihn gewartet hatte. Ihr kleines
-Geheimnis, über das sie mit den Schwestern sonst ganz gern einmal
-tuschelte, war nach ihrem Empfinden von Käthe furchtbar verletzt und
-entweiht.
-
-Marga erriet diese Stimmung. Sie stand auf, legte die Arbeit auf
-den Tisch und setzte sich neben Elli aufs Sofa. Sie nahm sie in den
-Arm. Während Käthe mit großen steilen Schriftzügen ein neues Blatt
-des Tagebuchs füllte, redete sie in ihrer verständigen, zarten Weise
-halblaut dem Kleinchen zu, das nach einigem Widerstreben nicht nur
-den Trost in sein wundes Herz aufnahm, sondern auch dieses Herz
-auszuschütten begann.
-
-Das Schnarren von Käthes Feder, das Flüstern der beiden auf dem
-Sofa waren die einzigen Geräusche, die das Zimmer, ja das ganze in
-nachmittägliche Stille versunkene Haus belebten. Kein Ton drang vom
-unteren Stockwerk, wo Geheimrat Richthoff arbeitete, herauf in die
-Mansardenstube. Der Flanellstorch mußte längst wieder seines Wegs
-gezogen sein, ohne daß sein Gehen auch nur ein winziges Teilchen des
-Interesses gefunden hätte, das seine Ankunft wachgerufen. Die kräftige,
-leuchtende Maisonne kam, zu mattem Gold gedämpft, durch die zugezogenen
-gelben Vorhänge an den Fenstern und tauchte die altmodischen Möbel, die
-erinnerungsreichen, behaglichen Kleinigkeiten in den Ecken und an den
-Wänden in ein wohliges Halbdunkel. Nichts schien mehr den dämmerigen
-Frieden dieser Ruhestunde stören zu wollen, die die Schwestern wie
-gewöhnlich zwischen Mittag und der Kaffeestunde da oben unter dem Dach
-verträumten und verplauderten.
-
-Der Zeiger rückte auf drei Uhr los. Noch zwei Minuten, und der heisere
-Kuckuck mußte den Kopf dreimal zur Tür herausstrecken und sie wieder
-energisch hinter sich zuklappen. Damit war dann Papas Sprechstunde und
-alle Spannung für heute zu Ende.
-
-Ein neues schrilles Klingeln an der Haustür kam dem Kuckuck zuvor.
-Marga und Elli hielten in ihrem Flüstern ein. Käthe blickte halb von
-ihrem Tagebuch auf.
-
-„Sicher nichts Überwältigendes,” erklärte Elli mit einer
-Gleichgültigkeit, der die Neugier aus allen Fugen sah. „Ich stehe schon
-gar nicht mehr auf.”
-
-„I wo, Kleinchen! Flugs auf deinen Posten!” ermunterte sie Marga.
-
-Eine ziemlich tiefe, etwas hastige Stimme klang von unten aus dem
-Hausflur.
-
-Elli rückte auf ihrem Sitz hin und her. Sie wollte nicht mehr, und
-doch wollte sie brennend gern. Käthe hatte die Feder weggelegt. Auch
-sie überlegte. Schon stand Elli auf und huschte nach der Tür. Käthe
-folgte langsam. Mit vereinten Kräften beugten sie sich draußen über das
-Geländer und spähten den heraufsteigenden Schritten entgegen. Marga
-lauschte wie zuvor. Es war wieder das alte lustige Spiel, das sie nicht
-lassen konnten, heute zum zehntenmal nicht. Die kleine Zänkerei war
-längst vergessen. Die Treppen, das Nußbaumgeländer knackten unter der
-Last der beiden vornübergebeugten Mädchenkörper verräterischer denn je.
-
-Die Musterung des ahnungslosen Besuchers dauerte lange. Für Marga in
-ihrem Alleinsein schienen die Schwestern eine Ewigkeit auszubleiben.
-Endlich klappte im ersten Stock die Tür zum Zimmer des Geheimrats ins
-Schloß. Käthe und Elli stürmten gleichzeitig zurück ins Zimmer. „Etwas
-schrecklich Interessantes!” rief Elli aufgeregt schon von weitem.
-
-„Ein Neuer! Hat noch nie bei Papa gehört!” berichtete auch Käthe mit
-ungewohnter Lebhaftigkeit, während sie vorsichtig die Tür nach dem Flur
-zuzog.
-
-„Alt? Jung? Groß? Klein? So erzählt doch nur!” forschte Marga mit jener
-Neugier, die sie mitunter leidenschaftlich überkam, wenn ihr junger
-Sinn sich aufbäumte, als fürchtete sie, die Schwestern möchten ihr ein
-Stück Leben vorenthalten, nach dem sie sich in ihrer Dunkelheit nicht
-minder sehnte als die anderen mit ihren hellen Augen.
-
-Alle drei rückten an dem runden Tisch ganz nahe zusammen. Fast stießen
-sie mit den eifrig aufgestützten Ellbogen aneinander. Käthe und Elli
-überstürzten und ergänzten sich in ihren Mitteilungen. Die ganze
-ausgelassene Lust der „Bande”, wie Papa Richthoff seine Mädels nannte,
-machte sich in dieser halb spaßhaften, halb ernsten Kritik Luft.
-
-„Sehr straffe männliche Erscheinung,” beschrieb Käthe.
-
-„Groß, schlank!” unterbrach Elli. „Schick gekleidet! Jackettanzug --
-Pfeffer und Salz! Braune Stiefel!”
-
-„Weißt du, Marga, ähnlich wie der eine Assistent von Professor Lepart,”
-erklärte Käthe.
-
-„Doktor Zerweck? Das Gigerl? Ich danke!” ereiferte sich Elli. „Nicht
-die Spur, Marga. Viel natürlicher, gar nicht geckenhaft!”
-
-„Nicht wie ein Philologe, weißt du,” nahm Käthe den Bericht wieder auf.
-„Mehr weltmännisch.”
-
-„O, das will ich nicht sagen,” widersprach Elli. „Es gibt sehr feine
-Philologen.” Sie verstummte plötzlich und wurde wieder rot. Wilkens
-war nämlich Philologe, derselbe Wilkens, der vorhin an der kleinen
-Tränenszene schuldig geworden war.
-
-Jetzt mußten sie alle drei über Ellis Naivität lachen, sie selber nicht
-zum wenigsten.
-
-„Aber wie sieht er denn nun eigentlich aus?” fragte Marga ganz
-unglücklich. „So erzählt doch mal ordentlich!”
-
-Käthe und Elli fingen wieder von vorn an. Schwatzend und lachend
-lieferten sie eine Charakteristik, so wirr und widerspruchsvoll, daß
-Marga sich nach noch so vielen Beschreibungen so klug vorkam wie zuvor.
-Was sie mit einiger Bestimmtheit erfuhr, war nur, daß er einen braunen
-Vollbart trage und sehr ausdrucksvolle dunkle Augen habe. Über diese
-Augen, die keine der beiden Schwestern länger als eine Sekunde in
-beträchtlicher Ferne gesehen, drohte es zu neuem Streit zu kommen. Elli
-fand sie feurig, Käthe schmelzend.
-
-Marga legte sich ins Mittel. „Wir müssen mal Papa fragen, wer es war,”
-sagte sie einfach und entschieden.
-
-Käthe und Elli waren einen Moment sprachlos über diesen verblüffend
-klaren und offenen Rat. Dann fielen sie vereint mit ihren Bedenken über
-Marga her. Als ob das so einfach wäre, Papa zu fragen! Man würde ja
-verraten, daß man Posten gestanden! Papa würde Gott weiß was denken!
-Und wenn er erst merkte, daß man gern etwas von ihm wissen wollte,
-konnte man sicher sein, daß er schwieg wie ein Löwe. Das mußte fein
-eingefädelt werden. Da mußte ein richtiger Feldzugsplan gemacht werden.
-Wieder steckten sich die drei Mädchenköpfe wie die Häupter einer
-Verschwörung über dem Tisch zusammen. Sie fuhren erst erschrocken
-auseinander, als ziemlich laut an die Tür gepocht wurde.
-
-Therese streckte den Kopf herein. „Der Kaffee steht unten,” meldete
-ihre mürrische Stimme. „Er wird kalt. Und der Herr Geheimrat hat nach
-dem seinen schon gerufen.”
-
-Wie im Nu ging es aus der Stube und die Treppe hinunter. Elli voran,
-denn an ihr war die Reihe, Papa den Nachmittagskaffee zu bringen. Das
-war eine wöchentlich abwechselnde Ehre.
-
-Käthe und Marga folgten Arm in Arm. Sie hatten am Nachmittag eine
-Besorgung zu machen und verabredeten den Stadtbummel. Bis zum Abendbrot
-galt es schon zu warten, ehe man gemütlich mit Papa plaudern konnte.
-Dann mußte man -- man mußte erfahren, wer der „Neue” war.
-
- * * * * *
-
-Der Geheimrat hatte allerdings nicht die leiseste Ahnung von dem, was
-seine Mädels zu seinen Häupten trieben und planten. Wenn er nach dem
-Essen seinen Verdauungsgang im Garten gemacht hatte, wobei er mit der
-gewissenhaften Liebe von Jahrzehnten die Fortschritte seiner Bäume und
-Spaliere feststellte, die Schnecken von den Weinstöcken ablas, das
-allzu vordringliche Unkraut mit der Stockspitze aus den Wegen bohrte
-und nachbarwärts schleuderte -- dann bildete die Sprechstunde den
-Übergang von der beschaulichen Ruhe zur eifrigen Arbeit. Wie ihm seine
-Besucher gefielen oder seine Laune es ihm eingab, fertigte er seine
-Hörer bald kurz und ohne viele Worte ab, bald verwickelte er sie in ein
-Gespräch und stellte -- das war der Schrecken der jungen Semester,
-die zum erstenmal sich bei ihm anmeldeten -- ein kleines historisches
-Examen an, sein Opfer unvermittelt an einem Rockknopf fassend und
-sich an seiner Verwirrung innerlich belustigend. War dann der letzte
-glücklich expediert und die Tür endgültig für weitere Besucher
-geschlossen, so schlüpfte er in den befreienden grauen Schlafrock, der
-schon bedenklich viele Jahre erlebt hatte, aber für unersetzlich galt,
-und steckte sich eine Zigarre an. Er verschwand hinter dem gewaltigen
-Zylinderbureau aus Nußbaumholz, das vom einen Fenster aus quer in die
-Stube stand und mit den mächtigen bändereichen Regalen im Rücken ein
-kleines Zimmer im Zimmer bildete. Eine Flut von Zetteln und Zettelchen,
-alle beschrieben mit seiner winzigen, mikroskopisch feinen Handschrift,
-breitete sich vor ihm und um ihn aus. Es war ein besonderes Kunststück,
-das nicht immer gleich gut gelang, den Nachmittagskaffee geräuschlos
-hereinzubringen und auf dem blätterbesäten Schreibtisch ein Eckchen zu
-erspähen, wo er hingesetzt werden konnte, ohne daß der alte Herr einen
-grollenden Sturm losbrechen ließ, weil man ihm alles durcheinanderwerfe
-und die peinliche Ordnung seiner Manuskripte, die für jeden andern
-einer peinlichen Unordnung zum Verwechseln ähnlich sah, gewissen-
-und verständnislos zerstöre. Nur Marga genoß das Vorrecht, daß ihren
-suchenden Fingern Nachsicht, sogar etwas Hilfe gewährt wurde. Das war
-aber eine Zartheit, die als geheimes und stillschweigendes Abkommen
-zwischen Vater und Tochter verborgen blieb.
-
-Heute, wo Elli an der Reihe war, hatte es grimmiges Murren gegeben,
-so daß sie den Schwestern verstört berichtete, Papa sei grauenhaft
-aufgelegt und müsse wie ein schalloses Ei behandelt werden. Dabei
-war der alte Herr bei sich selber ganz zufrieden. Mit Bedacht und
-Vorliebe spielte er den Pascha, der unberechenbar seine Gnaden und
-Ungnaden verteilt. Nach seiner wohlgemeinten Ansicht gab es kein
-besseres Mittel, um die „Bande” einigermaßen in Zaum und Zucht zu
-halten. Nachdem ihm seine um fünfzehn Jahre jüngere Frau gestorben,
-ehe Elli und Marga auch nur aus den Kinderschuhen waren, hatte er
-eine Erzieherin ins Haus genommen. Eine Zeitlang war es auch mit
-einer Hausdame versucht worden. Aber aus alledem waren so viel
-Unbequemlichkeiten und Mißhelligkeiten entstanden, die seine ihm
-notwendige Gelehrtenruhe störten, daß er, als die beiden jüngsten
-leidlich herangewachsen waren, das Hauswesen mit seinen drei Töchtern
-allein zu führen unternahm. Etliche Kollegen, unterschiedliche
-Tanten und Basen hatten erklecklich dazu den Kopf geschüttelt. Eine
-Musterwirtschaft war's ja auch nicht gerade geworden. Aber er war
-zufrieden, wie es war; er und die drei Mädchen fühlten sich glücklich
-in dem alten wohnlichen Haus am Wenzelsberg.
-
-An den Tagen, an denen nicht eine Kolleg- oder Seminarstunde ihn
-abrief, saß Geheimrat Richthoff vom Nachmittag bis zum Abend in
-seiner Schreibtischecke. Im qualmenden Nebel der Zigarren, die er
-eine an der andern ansteckte, verschwand für ihn die Außenwelt. An
-ihre Stelle traten die geistigen Gestalten seiner römischen Kaiser,
-mit denen er leibhaftig und wie mit seinesgleichen umging. Aus der
-Unzahl kleiner Züge, die er mit unermüdlichem Fleiß Tausenden von
-Inschriften, spärlichen, unverläßlichen Geschichtschreibern, all den
-zwar unermeßlichen, aber noch so unverarbeiteten Quellen abzwang,
-formte er mit feiner, geistreicher Kunst seine Kaisergeschichte. Die
-Studien eines ganzen Lebens trug er, an der Schwelle des Alters, in
-einem darstellenden Werke großen Stils zusammen. Mit eiserner Energie
-hatte er von Jahr zu Jahr den Wunsch, das Erforschte und Gesammelte
-zum Kunstwerk umzuschaffen, niedergehalten. Jetzt endlich, seit
-Jahresfrist, hatte er sich der Haft der Kleinarbeit entlassen. Mit
-dem Ungestüm eines Jungen begann er zu gestalten. In der Seligkeit,
-das kritisch Erklügelte endlich künstlerisch erleben zu dürfen,
-erfüllte sich ihm der Traum seines Daseins. Alle Freuden und Leiden
-des Schaffenden erlebte er in der drangvoll-fürchterlichen Enge seines
-Schreibtisches. Verzweiflung und Resignation wechselten mit feurigem
-Entzücken. Er haderte mit seinen Kaisern; er knirschte, brummte,
-schalt vernehmlich und drohte, wenn sie sich spröde zeigten und ihre
-glatten, scharfen Cäsarenköpfe in den Schleier der Undurchdringlichkeit
-hüllten. Das waren die Tage, wo die Arbeit um zwei, drei Zeilen
-vorrückte, von denen die eine wieder gestrichen werden mußte. Dann
-wurde er unzugänglich, griesgrämig, unwirsch und konnte mit seinem
-Unmut das ganze Haus durcheinanderwerfen. Ein andermal war alles eine
-Herrlichkeit: die Kaiser hielten ihm stand; sie traten hervor wie aus
-Marmor gemeißelt, klar, formgebietend, lebenheischend; dann verklärte
-ein heimliches Lächeln sein Gesicht, heimlich, denn es saß tief drinnen
-zwischen dem weißen dichten Vollbart und schoß höchstens einmal wie
-ein neckender Blitz unter den scharfen Brillengläsern hervor. Flüssig
-und leicht und selbstverständlich sprangen die Worte, die Sätze aus
-der Feder, und Blatt um Blatt bedeckte sich mit der minutiösen, schwer
-leserlichen Schrift. An solchen Tagen war Vater Richthoff umgänglich,
-zu einem Scherz bereit, innerlich von einer kindlichen Heiterkeit. Da
-hielt der barsche Pascha nicht vor. Er drückte ein Auge zu, ließ sich
-Wünsche und Bitten vortragen, gab Lob und Zustimmung, kurz: Papa hatte
-seinen guten Tag und die Bande mit ihm.
-
-Einen guten Tag hatte der alte Herr auch heute hinter sich, als er sich
-endlich entschloß, die Feder wegzulegen und den Rest der soundsovielten
-Zigarre dem Aschenbecher zu opfern. Er rieb sich befriedigt die
-Hände und schob die kleine schwarze Samtkappe, die -- ein würdiges
-Seitenstück des betagten Schlafrocks -- den dünnbehaarten, massigen
-Schädel schützte, über die Stirn zurück. Dann stand er auf und
-öffnete ein Fenster. Vom Vorgarten, der Haus und Straße gleich einer
-erhöhten Terrasse trennte, atmeten die in voller Blüte stehenden zwei
-Kastanienbäume ihren milden, süßen Duft. Die untergehende Sonne warf
-rote Lichtbündel auf den Kiesplatz und sprenkelte die Gartenmöbel,
-die um den steinernen Tisch standen. Dort saß Marga, die Hände im
-Schoß, den Kopf mit dem schlichten, aschblonden Knoten weit gegen den
-Baumstamm zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Vom Kamin eines
-Hauses gegenüber schmetterte eine Amsel ihre Triller in die auffallend
-weiche, stille Luft des Maiabends. Marga schien angespannt zu lauschen.
-Ein Ausdruck, von Wonne und Weh seltsam gemischt, lag auf dem zarten
-Gesicht, das im Dämmerschatten des Baumes blasser aussah, als es war.
-
-Der Geheimrat sah ihr einen Augenblick ruhig zu, ehe er sich entschloß,
-ihre Träumerei zu unterbrechen. Bei ihr, die sein Sorgenkind war,
-bekämpfte er mit einer Strenge, die ihm nicht leicht wurde, den für
-ihre zwanzig Jahre und ihre Blindheit begreiflichen Hang, sich in einer
-schwärmenden Gemütsstimmung einseitig zu verlieren. Gerade sie, der
-das Schicksal ein kärgeres Los zugemessen als den andern, wollte er
-davor behüten, ihre Kraft in einem überschwenglichen Gefühlsleben zu
-verzehren. Er vergaß darüber, daß die Unendlichkeit ihrer Träume sie
-auch wieder mit der verdunkelten Endlichkeit und Beschränkung ihres
-Daseins versöhnte.
-
-„Na, Marga, du scheinst nicht so hungrig zu sein wie ich,” klang es
-jetzt mit neckendem Vorwurf zu ihr hinunter.
-
-Ein leises Zittern lief über Margas Körper. Sie schrak zusammen, als
-kehrte sie plötzlich aus weiter, luftiger Ferne zurück, und die Augen
-irrten in die Höhe.
-
-„Wir haben mit dem Abendbrot nur auf dich gewartet. Es ist alles
-fertig,” gab sie in leichter Verwirrung zurück; sie stand auf und
-eilte mit geübter Sicherheit der Glastür zu, die vom Erdgeschoß in den
-Vorgarten führte.
-
-„Langsam, langsam!” mahnte der Geheimrat, während er sich vom Fenster
-zurückzog. Fast tat es ihm leid, sie aus ihrem verlorenen Sinnen
-geweckt zu haben. Er warf noch einen halb schmeichelnden, halb
-wehmütigen Abschiedsblick auf das Wirrsal seiner Manuskriptblätter, ehe
-er sein Zimmer verließ und die Treppe hinunterstieg.
-
-Im Eßzimmer war alles seines Erscheinens gewärtig. Die Mädels kamen
-ihm entgegen und führten ihn wie im Ehrengeleit zu seinem bequemen
-Sessel. Käthe goß ihm den Tee ein. Marga strich seine gerösteten
-Butterschnitten. Elli schob ihm noch ein Kissen in den Rücken. Er ließ
-sich gern ein bißchen verwöhnen. Doch die Behendigkeit, mit der er
-heute bedient wurde, erschien ihm fast verdächtig.
-
-Therese erschien mit den Schüsseln. Unauffällig stellte Käthe eine
-Platte mit jungen Spargeln als Sondergericht vor den väterlichen Teller.
-
-Der Geheimrat stutzte. „Kinder, ich habe wohl heute Geburtstag, was?
-Frische Spargel! Anfang Mai! Wie komm' ich zu solchen Leckereien?” Er
-sah sich fragend im Kreise um. Sein eines Auge zwinkerte unmerklich.
-
-„Marga und ich kamen auf der Hauptstraße bei Testers vorbei,” erklärte
-Käthe harmlos. „Wir sahen zufällig, daß er im Schaufenster die ersten
-Schwetzinger Spargel ausgestellt hatte, und weil du sie so gern magst
---”
-
-„So wollten sie dir eben eine Freude machen,” schloß Elli mit
-wohlgemeinter, aber verlegener Hast.
-
-„Hm! Etwas unverantwortlich, aber nett von euch.” Es war jetzt für den
-alten Herrn ausgemacht, daß die Bande etwas von ihm wollte. Entweder
-mußten sie neue Frühjahrskleider haben oder sie wollten eine Einladung
-annehmen oder weiß Gott was. Es galt also, auf der Hut zu sein.
-
-Käthe und Elli sahen sich mit verzweifelten Blicken an. Sie gaben das
-Treffen schon so gut wie verloren. Der etwas spöttische Ton verriet
-ihnen, daß Vater Richthoff die Absicht, ihn durch einen Leckerbissen in
-seiner guten Laune zu unterstützen, durchschaut habe.
-
-Es entstand ein längeres Schweigen. Marga, der von Natur alle
-Diplomatie fremd war, empfand die kritische Situation am
-unbehaglichsten. Nur aus schwesterlicher Solidarität hatte sie sich
-mit dem Plan befreundet, das Geheimnis des „Neuen”, das zu ergründen
-man sich nun einmal in unschuldiger Kinderei verschworen hatte, auf
-raffinierten Umwegen herauszulocken. Ihr schien es geraten, jetzt
-geradezu aufs Ziel loszugehen.
-
-„Hast du schon viele neue Hörer fürs Sommersemester, Papa?” fragte sie
-unbefangen. Und ohne sich durch einen Ellbogenstoß Ellis irremachen zu
-lassen, fuhr sie fort: „Bitte, erzähl' uns mal, wer heute alles bei dir
-war.”
-
-Käthe und Elli blieb der Bissen im Halse stecken. Diese Kühnheit
-war unerhört. Noch ein ungeschicktes Wort, und Papa erriet, daß sie
-seine Sprechstunde belauert hatten. Im vorigen Jahr, als Wilkens sich
-einschreiben ließ, hatte er Elli einmal auf der Treppe erwischt: es
-hatte eine erschreckliche Strafpredigt über Anstand und Manieren
-abgesetzt. Und jetzt ...! Käthe trat Marga unter dem Tisch auf den
-Fuß. Es war einfach haarsträubend gefährlich, was sie da mit ihrer
-unverbesserlichen Offenheit anrichtete.
-
-Der alte Herr liebte allerdings nichts weniger, als wenn man sich in
-seine „Amtsangelegenheiten” mischte. Wenn er etwas davon mitzuteilen
-für gut fand, war das eine seltene Huld und geschah aus freien Stücken.
-Wäre er weniger befriedigt von seinen römischen Kaisern gekommen, eine
-barsch ablehnende Antwort hätte nicht ausbleiben können. Aber guter
-Dinge, wie er war, begnügte er sich mit der mildesten Form, die er
-hatte, wenn es galt, unerwünschte Fragen abzuweisen: er überhörte sie
-und blieb eifrig in seine Mahlzeit vertieft.
-
-Die drei Mädels kannten ihn zu genau, um nicht diesen stummen Bescheid
-zu verstehen.
-
-Elli und Käthe verständigten sich durch einen Blick: ~Lasciate ogni
-speranza!~
-
-Marga hatte aufgehört zu essen. Sie hatte den Kopf gesenkt. Die
-Finger der rechten Hand strichen langsam das Tischtuch. Trauer und
-Beschämung prägten sich in ihrem Gesicht aus. Bei ihrer gesteigerten
-Empfindungsfähigkeit ging dieser stumme Tadel tiefer als eine
-entschiedene Zurückweisung. Sie fühlte sich überdies vor den Schwestern
-gedemütigt.
-
-Dem alten Herrn entging ihre Stimmung nicht. Er wollte heute fröhliche
-Gesichter um sich sehen. „Sag mal, Marga,” begann er, nachdem er die
-zweite Tasse Tee in einem Zug geleert hatte, mit gravitätischem Ernst,
-„ich höre, du hast heimliche Herrenbekanntschaften!”
-
-Käthe und Elli starrten erst Papa, dann die Schwester mit aufgerissenen
-Augen an.
-
-„Ich -- heimliche Herrenbekanntschaften?!” stammelte Marga.
-
-„Na ja!” fuhr der Geheimrat im selben Ton fort, während er sich wie
-ein Großinquisitor im Sessel zurücklehnte. „Kennst du vielleicht einen
-gewissen Doktor Perthes? Ich glaube -- ja doch -- Max Perthes?”
-
-„Perthes?” wiederholte Marga ungläubig und schüttelte den Kopf.
-
-„Der Herr behauptet aber, dich zu kennen.”
-
-„Davon weiß ich nichts,” beteuerte sie ernsthaft. Eine leichte Röte
-belebte ihre matten Farben. Sie erinnerte sich des Namens nicht. Sie
-kannte nur _die_ Herren, die als Hörer des Geheimrats ein- oder zweimal
-im Jahr zur Abfütterung kamen, und auch diese nur flüchtig, denn solche
-offiziellen Gesellschaften pflegten für sie fast immer eine Qual zu
-sein, die sie nur auf Papas ausdrücklichen Wunsch ertrug.
-
-„Was ist er denn?” platzte Elli hervor, die ihre Neugier nicht mehr
-bemeistern konnte. „Philolog oder Jurist oder --”
-
-„Immer fein geduldig, Kleinchen! Bring mir meine Zigarren!”
-
-Elli beeilte sich, die Kiste vor ihn hinzustellen. Erwartungsvoll blieb
-sie neben ihm stehen.
-
-„Wo will er denn Marga kennen gelernt haben?” konnte nun auch die
-besonnene Käthe sich nicht enthalten zu fragen. Daß Marga einen Herrn
-kennen sollte, den sie und Elli nicht kannten, das war etwas zu
-Außergewöhnliches.
-
-„Du hältst mich zum besten, Papa,” erklärte Marga bestimmt.
-
-„Oho! Objektive, geschichtliche Tatsache! Quelle unanfechtbar!” Der
-alte Herr hatte sich die lange Holländerin angesteckt und blies den
-Rauch von sich. Er weidete sich an der Neugier seiner Mädels und gefiel
-sich darin, sie noch höher zu spannen. „Übrigens ein schrecklicher
-Modejüngling,” setzte er nach einer Pause seine Mitteilungen fort.
-
-„Ein Modejüngling -- und Marga!” rief Elli lachend. Käthe lachte mit,
-und auch Marga schüttelte mit leisem Lächeln von neuem den Kopf.
-
-„Er ist, glaube ich, Mediziner.”
-
-„Mediziner?” klang es dreifach noch ungläubiger zurück.
-
-„Trägt er vielleicht ein Pfeffer-und-Salz-Jackett?” entfuhr es Elli.
-„Und --” Sie verstummte jäh, über sich selber erschrocken. In ihrer
-übersprudelnden Lebhaftigkeit hatte sie alle Vorsicht vergessen.
-
-Käthe war außer sich über diese Dummheit. Sie stand auf, Marga folgte
-ihr. Alle drei umstanden sie den kurulischen Sessel des Geheimrats,
-der Gott sei Dank keine Ahnung von so modischen Fachausdrücken wie
-„Pfeffer-und-Salz-Jackett” hatte und von seinen Besuchern alles andere
-eher denn Einzelheiten ihrer Kleidung im Gedächtnis behielt.
-
-„Pfeffer-und-Salz-Jackett?” wiederholte er kopfschüttelnd. „Woher
-kennst denn du ihn, Kleinchen?”
-
-„Nein, nein! Ich meinte nur so; ich kenne ihn so wenig wie irgendwer,”
-versicherte Elli krampfhaft.
-
-„Also, kurz und gut,” resümierte der alte Herr, „er behauptet,
-Volontärarzt in Hemsbach gewesen zu sein.”
-
-„Volontärarzt? In Hemsbach?” Marga besann sich. Sie war dort einen
-Sommer über -- es war vier, fünf Jahre her -- in einer Blindenanstalt
-gewesen, um sich in ihren Fertigkeiten zu vervollkommnen. Aus ihrer
-Erinnerung an diese schwere Zeit löste sich jetzt eine entfernte
-Gestalt. Damals war neben dem Direktor ein jüngerer Arzt dort, der sich
-gern mit ihr unterhielt und mit ihr lernte. Jetzt kam ihr auch der Name
-zurück. „Ach, der!” setzte sie plötzlich gedankenvoll hinzu.
-
-„Jawohl -- der!” schmunzelte der Geheimrat. „Habe ich nun recht, wenn
-ich sage, Marga hat heimliche Herrenbekanntschaften?”
-
-„Natürlich hast du recht!” rief Elli lustig. „Das sind ja nette Sachen,
-die man von dir hört, Margakind!” Sie schlang den Arm um Margas Hals
-und zupfte sie neckend am Ohr.
-
-„Und gar nie ein Sterbenswörtchen davon zu erzählen!” sagte Käthe ganz
-vorwurfsvoll.
-
-„Aber das war ja nur eine ganz flüchtige Bekanntschaft,” verteidigte
-sich Marga. Sie war ordentlich bestürzt. Ihre Augen gingen ratlos auf
-die Suche. Sie war rührend in ihrer leichten Erregung und verschämten
-Hilflosigkeit. Dazu regte sich etwas wie Stolz in ihr. Daß der Besuch
-des „Neuen”, der die Gemüter so beschäftigt hatte und nun unerwartet,
-kampflos aus seinem Inkognito hervorgetreten war, gerade mit ihr
-zusammenhing, war ein für ihre abgeschlossene Welt ungewöhnliches
-Ereignis. „Doktor Perthes war übrigens gar kein solcher Laffe,”
-erklärte sie nach einigem Besinnen mit ernsthaftem Nachdruck und unter
-allgemeiner Heiterkeit.
-
-Der alte Herr erhob sich jetzt gleichfalls von seinem Sessel und
-klopfte ihr auf die Schulter. „Jedenfalls hast du ihn mir auf den Hals
-gehetzt, Kind. Er behauptet steif und fest, du hättest ihn eingeladen,
-uns zu besuchen, wenn er je einmal hierherkäme. Zugegeben?”
-
-„Das weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß er damals freundlich zu mir
-war und --”
-
-„Närrchen! Natürlich kam er nicht nur deshalb und deinetwegen. Er
-hatte an mich eine Empfehlung von meinem Freunde Schlutius in Bonn,
-der irgendwie mit ihm verwandt ist. Das genügt! Käthe, setz ihn auf
-die Liste. Er wird gelegentlich mal eingeladen. Und damit hat der
-Schnack ein Ende.” Er gab Marga einen leichten Backenstreich. Das war
-ein Zeichen seiner höchsten Gunst. Dann nahm er seine Abendzeitung vor
-und ging durch Wohnzimmer und Salon nach der verglasten Veranda auf
-der Vorderseite des Hauses. Dort brannte schon die Lampe, unter deren
-Schein er lesend eine halbe Stunde auf und ab ging, ehe er wieder zu
-seinen Kaisern hinaufstieg.
-
-Für die drei Mädels aber hatte der Schnack noch kein Ende. Kaum war
-Vater Richthoff außer Hörweite, so wurde Marga von Elli und Käthe mit
-Fragen über und über bestürmt. Sie wußte nicht halb soviel, als sie
-hätte wissen müssen. Elli, die ihren siebzehnjährigen Übermut austoben
-mußte, wo immer eine Gelegenheit sich bot, faßte Marga als Herr um die
-Taille. Marga mußte jetzt unbedingt tanzen lernen. „Was soll _dein_
-Doktor sonst von dir denken? _Dein_ Doktor kann das von dir verlangen.
-_Dein_ Doktor wird entsetzt sein, wenn du solche Schritte machst.” So
-ging der lose Mund atemlos immerzu, während sie Marga unerbittlich
-im Kreise drehte, ob diese wollte oder nicht. Käthe schrieb indessen
-feierlich „Doktor Max Perthes” auf die Liste der Einzuladenden, die zu
-führen Papa ihr anvertraut hatte, und hielt, unbekümmert, ob sie gehört
-wurde oder nicht, sehr weise Reden darüber, daß sie den „Neuen” gleich
-für einen Mediziner gehalten hätte; daß Mediziner _immer_ so und so
-aussehen und _immer_ solche und solche Menschen seien.
-
-Zum Glück für Marga fiel es den Schwestern plötzlich ein, daß ja
-heute der „Akademische Gesangverein” Probe hatte. Wollte man nicht
-zu spät kommen und von Professor Külz ein Nasenrümpfen beziehen,
-so war es höchste Zeit zum Aufbruch. Im Nu stürmte Elli davon, um
-sich fertigzumachen. Ihr feines Stimmchen trällerte die zu probende
-Bachkantate durchs Haus. Käthe folgte ihr, nachdem sie Therese zum
-Abräumen des Tisches gerufen.
-
-Marga blieb im Eßzimmer zurück. Sie war wie betäubt von der letzten
-Viertelstunde. Von Papas neckender Enthüllung und dem Umtrieb, den
-Elli mit ihr angestellt hatte. Sie ordnete das zerzauste Haar, dessen
-Strähnen von dem unfreiwilligen Tanz sich an den Schläfen und im Nacken
-gelöst hatten. Während Therese abzuräumen begann, ging sie auf den
-kleinen Hof hinaus, der in gleicher Höhe mit dem ersten Stock hinter
-dem Hause lag, und von dem ein steiler Weg bergwärts in den Garten
-oder, wie er allgemein hieß, den „Weinberg” führte.
-
-Es war schon kühl geworden. Eine reine, würzige Luft strich vom
-Weinberg herunter. Die Dämmerung, deren dunkles Wachsen Marga um
-sich fühlte, tat ihr wohl. Sie kreuzte die Arme hinter dem Rücken
-und verschränkte die Hände. Das war ihre liebste Haltung, wenn ein
-Ungewohntes in ihrem Innern wirkte. So schritt sie langsam im Hof auf
-und nieder. So überdachte und verarbeitete sie das Kleinste und das
-Größte, bis es in die große und einfache Stille ihrer Seele aufgegangen
-war, die nichts Unfertiges und Unklares in sich duldete. Eine um die
-andere ging sie ihre Empfindungen durch. Erst war sie erschrocken, als
-Papa sie so gravitätisch vornahm und zur Rede stellte. Dann hatte sie
-den Scherz herausgemerkt. Freude und Stolz hatte sie gefühlt, daß ein
-Mann sich ihrer erinnerte, nach ihr sich erkundigte und ihretwegen
-Besuch machte. Jedes andere junge Mädchen hätte an ihrer Stelle
-ähnliches empfunden. Für sie war es nur neuer, verwirrender, weil das
-Leben da draußen, das Leben der Weltmenschen, wie sie es nannte, sich
-immer nur um die beiden Schwestern zu kümmern pflegte, nicht um sie.
-Sie wollte ihre heimliche Freude in der Lustigkeit der Schwestern
-aufgehen lassen. Willig ließ sie sich ausfragen, sich necken, mit
-sich tollen. Aber unvermutet stieg ein anderes Gefühl in ihr auf, ein
-bitteres, schmerzliches: hinter der Fröhlichkeit der anderen steckte
-etwas, das sie verletzte, ohne daß sie es wußten oder wollten. Daß es
-gerade sie war, Marga, die Blinde, die Ausgeschlossene; sie, bei der
-die Bekanntschaft mit einem Mann so gar nichts zu bedeuten hatte --
-das machte die Sache so besonders spaßhaft. Es war so komisch, weil
-es so ganz ungefährlich war. Und im selben Sinne hatte es auch Papa
-aufgenommen: „Damit hat der Schnack ein Ende!” -- hinter diesem Wort
-fand ihr Grübeln die gleiche Grenze, jenseits deren es für sie keine
-Wünsche, keine Hoffnungen, darum auch keinen Ernst geben konnte.
-
-Und an jene Grenze stieß auch jetzt sie selbst, während sie so sicher
-und still in dem ihr vertrauten Hofraum auf und ab schritt. Sie hatten
-ja recht. Es war in Wirklichkeit so. Dies Jenseits war ihr genommen,
-seit in ihrem vierzehnten Jahr, zwei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter,
-eine Netzhautablösung ihre ohnehin schon schwachen Augen für immer
-gelöscht hatte. Damals hatte sie nur halb begriffen, was sie verloren.
-Erst mit den Jahren wuchs auch das Verständnis ihres Verlustes. Die
-Schwestern und alle, mit denen sie umging, sprachen nie davon. Aus
-ihrem Mitleid erriet sie es. Immer besser, immer bestimmter wußte sie,
-daß das höchste Glück, das einem Menschenkind nach irdischem Denken
-und Fühlen aufbehalten war, nicht das ihre sein konnte. Sie fühlte
-Kraft genug in sich, um zu entsagen. Sie kämpfte, sie rang, sie ruhte
-nicht, bis ihre Stille ihr gab, was sie brauchte; bis sie mit sich
-allein zufrieden sein und nur in sich selber ihr Glück suchen wollte.
-Ihr Stolz kam ihr zu Hilfe; ihr Stolz hielt sie aufrecht, wenn sie zu
-verzagen und schwach zu werden drohte.
-
-Und dennoch -- dennoch! Es war noch eine andere Kraft in ihr, die
-sich mitunter gegen ihre stille Ergebenheit aufbäumte. Ihre Jugend
-ließ und ließ sich nicht auf einmal und für immer niederzwingen. Die
-fühlte sie auch jetzt sich auflehnen. Die stürmte in ihr auf, daß sie
-die Hände an die heißen, pochenden Schläfen legen mußte. War nicht
-dieser Doktor Perthes doch vielleicht um ihretwillen gekommen? Er
-konnte ja die Empfehlung, von der Papa sprach, sich haben nur darum
-geben lassen, weil er sie wiedersehen wollte. Es brauchte nicht nur
-der Wunsch zu sein, Verkehr zu haben oder höflich zu sein oder ihr
-seine mitleidsvolle Achtung auszudrücken -- -- Aber das war ja Unsinn!
-Sie schwärmte ja! Sie täuschte sich vor, ihn näher zu kennen, als sie
-ihn je gekannt. Das Bild, das ihr die Erinnerung gab, bestand kaum
-aus ein paar spärlichen Zügen: er hatte manchmal mit ihr geplaudert,
-sie belehrt, war auf die Gedanken und Gefühle eines halberwachsenen
-Mädchens nachsichtig eingegangen. Sie machte jetzt ihre Erinnerung
-mit Gewalt ärmer, als sie war. Sie wollte nicht schwächlich, weich
-gegen sich sein, sondern tapfer. Und klar, wie sie es immer von sich
-verlangte. Rücksichtslos klar.
-
-Jetzt war sie schon so weit, daß sie lächeln konnte. Lächeln über den
-winzigen, eingebildeten Sturm, der ihr Gleichgewicht hatte stören
-wollen.
-
-Langsam stieg sie vom Hof in den Weinberg hinauf.
-
-Der Nachtwind rüttelte leise und friedlich in den Büschen und
-Baumkronen. Von dem Fliederstrauch bei der ersten Laube nahm er eine
-Wolke blühenden Duftes und hauchte sie über Marga aus. Hoch und höher
-stieg sie; kaum daß sie an einen Stein anstieß, so vertraut war ihr die
-Steige. Bis zu ihrer Pappel, die hinter der zweiten Laube stand, klomm
-sie empor.
-
-Dort lehnte sie sich gegen den rissigen Stamm.
-
-Die Nacht war ihre Freundin. Sie wuchs von unten herauf, aus der
-Ebene, wo die Stadt einschlummerte; wo draußen ferne Tannensäume
-starrten und der Fluß zwischen jungen Feldern sich verlor, in Margas
-Träumen so schön wie in keiner Wirklichkeit. Sie senkte sich auf sie
-herab, aus der unendlichen Höhe und Tiefe des Himmels, wo die Sterne
-blitzen mußten, nein blitzten -- ein einziges, ewiges, königliches
-Gewirk von leuchtendem Gold und seliger Bläue. Weit, weit breitete sie
-die Arme aus, als könnte sie die Nacht, die friedliche, an sich raffen.
-Aus der Ferne und Nähe, von unten, von oben. Und dann schlang sie die
-Hände beglückt über ihrem Kopf ineinander; so frei fühlte sie sich, so
-klar, so in sich selber und in der Nacht geborgen.
-
-
-
-
-2
-
-
-Am Sonnabend war es üblich, das Institut früher als sonst zu verlassen.
-Professor Hammann, der Chef, war den ganzen Tag nicht erschienen. Er
-war über Sonnabend und Sonntag wieder einmal weggefahren. Nach dem
-Rhein. Er pflegte dann Freitagabends seinen beiden Assistenten ~en
-passant~ seine „Dienstreise” anzukündigen.
-
-Junggeselle, reich, durch glänzende akademische Beziehungen in seiner
-Laufbahn gesichert, ohne Ehrgeiz und ohne tiefere Neigung zu seiner
-Wissenschaft, trieb er seine Bakteriologie bestenfalls wie einen
-Sport unter den andern. Denn der Sport war seine Lebensaufgabe, er
-war die Grundlage seiner Lebensanschauung. Man konnte sicher sein,
-daß die „Dienstreise” einem Rennen, einer Regatta, einem Tennis- oder
-Hockeymatch galt, bei dem er nicht fehlen durfte. Du lieber Gott!
-Die Bazillen nahmen ihm das nicht weiter übel. Mit den zweien, die
-er selber früher entdeckt, war das bißchen Gelehrtenruf hergestellt:
-die „Jahrbuchunsterblichkeit”, wie er mit unverhohlener Selbstironie
-im vertrauten Kreise zu sagen pflegte. Das Weitere besorgten die
-Assistenten unter seinem Namen.
-
-Doktor Markwaldt, der erste Assistent, hatte schon gleich nach fünf
-Schluß gemacht. Er saß rittlings auf seinem Stuhl und las seine
-Berliner Zeitung. Bisweilen schielte er über das Blatt weg nach seinem
-Kollegen, der noch immer mikroskopierte, und stellte psychologische
-Zwischenbetrachtungen an.
-
-Dieser Perthes war doch ein merkwürdiger Bursche! Markwaldt bildete
-sich ein, Menschenkenner von Beruf zu sein -- er beurteilte seine
-Fähigkeit nach der Fixigkeit seines Urteils --, aber dieser Junge,
-dieser Perthes, trotzte nun bald seit fünf Monaten, seit er überhaupt
-zweiter Assistent war, den Markwaldtschen Erfahrungsgrundsätzen. Drei
-Wochen lang arbeitete er wie ein Büffel; er verbiß sich in irgendeine
-Sache und schien darüber Himmel und Erde zu vergessen. Der Junge war
-ein Streber, ein ganz gewöhnlicher Streber. Das stand fest. So lange,
-bis die drei nächsten Wochen anfingen. Wie mit einem Schlage war
-derselbe Perthes wie ausgewechselt. Er erschien fast nur gastweise im
-Institut; er sprach von seiner Wissenschaft in den geringschätzigsten
-Ausdrücken, spielte sich als Naturmensch und Krafthuber auf, der in
-Wald und Feld herumtobte, wie ein Besessener ruderte und zeitweise
-überhaupt vom Erdboden verschluckt zu sein schien. Keine Frage: der
-Junge war ein ausgepichter Faulenzer, der es nie zu etwas bringen
-konnte. Alles Laune, Tollheit, Verschrobenheit. Bis das Wetter von
-neuem umschlug und der Arbeitsteufel wieder über ihn kam. Aus diesem
-Chamäleon mochte ein anderer klug werden!
-
-Inzwischen hatte Perthes mit einem kurzen Entschluß den weißen
-Arbeitsmantel in den Kasten gehängt und mit dem schon bekannten
-Pfeffer-und-Salz-Jackett vertauscht. „Gehen wir?” fragte er mit knappem
-Ton, schon halb in der Tür.
-
-„Höchste Zeit!” Markwaldt sprang auf und steckte die Zeitung in die
-Tasche.
-
-Nach einer kurzen Weisung an den Institutsdiener, der aus seiner Stube
-im Erdgeschoß getrommelt wurde, verließen die beiden Assistenten das
-Haus und schlenderten, die langweilige Enzisheimer Straße vermeidend,
-durch die Allee am Fluß aus dem klinischen Viertel stadtwärts.
-
-Es war ein ungleiches Paar. Perthes, hochgewachsen, schlank, brünett,
-überragte den rundlichen, weißblonden Markwaldt um fast zwei
-Haupteslängen. Auch wenn er, wie jetzt, langsam ging, war er mindestens
-um einen Schritt dem anderen voraus. Er hatte den blaubebänderten
-Panamahut abgenommen oder vielmehr noch gar nicht aufgesetzt. Lässig
-schlenkerte er ihn in der Linken. Den Kopf mit dem dichten, dunklen,
-verworrenen Haar, den buschigen Brauen, dem kräftigen braunen Vollbart
-neigte er leicht nach rechts zu seinem Gefährten herunter, als hörte er
-dessen Reden zu. Doch waren die leicht zugekniffenen Augen geradeaus
-ins Weite gerichtet und verrieten das Gegenteil.
-
-Markwaldt erzählte von einem Gartenfest, das Hupfeld, das „große
-Tier” der Fakultät, die weitberühmte chirurgische Exzellenz, im
-vorigen Sommer gegeben hatte. „Sie müssen dort Besuch machen,
-Kollege! Unbedingt. Das einzige Haus großen Stils in unserem
-gottbegnadeten Jammerdorf. Tipptopp! Nicht diese ollen, langweiligen
-Geheimratsfressereien, wo man sich mit zehn, zwanzig höheren Töchtern
-tothupsen muß. Und dann -- Alli! Pardon, Alice!” Er schnalzte statt
-aller Charakteristik mit der Zunge. „Na, die kennen Sie ja schon --
-Fräulein Exzellenz, was?”
-
-Perthes schüttelte gleichgültig den Kopf. „Keine Ahnung,” antwortete er
-zerstreut.
-
-„Nicht die Möglichkeit! Sie sollten unter die Sterngucker gehen,
-Perthes. Wahrhaftig!” Markwaldt blieb stehen und klopfte empört mit
-dem Stock auf den Boden, daß seine kuglige Figur, die so prall in dem
-blauen Anzug mit der buntgestickten Weste steckte, in Erschütterung
-geriet. Dann stützte er beide Hände auf den achatenen Stockknopf und
-stellte eins seiner kurzen Beine graziös hinter das andere. Er zwang so
-Perthes, stehenzubleiben und sich zu ihm umzuwenden. „So was übersieht
-man doch nicht -- die einzige schicke Erscheinung im ganzen Nest!
-Wetten, daß das Teufelsmädel Sie schon kennt?”
-
-Perthes zuckte ungeduldig die Achseln. Markwaldt langweilte ihn. Er
-wollte weiter, aber sein Partner blieb unerbittlich stehen, wo er
-stand, und redete drauflos.
-
-„So werden Sie's zu nichts bringen, Verehrtester! Zu gar nichts. Und
-Sie wollen akademisch werden?! Die Mädels sind ja doch die Hauptsache,
-sag' ich Ihnen. Den ganzen Professorenklumpatsch können Sie, wie
-Gott-Vater, in die eine Wagschale legen, Ihre Bakteriologie und was
-Sie sonst wissen dazu. In die andere Schale muß das richtige Mädel,
-und wuppdich -- sie senkt sich, daß die Professorenperücken und Ihre
-Wissenschaft an die Decke fliegen. So liegt die Chose!”
-
-Jetzt mußte Perthes -- unter der Wucht solcher Anschaulichkeit -- wohl
-oder übel lachen. Seine starken weißen Zähne leuchteten aus dem dunklen
-Barthaar. „Das ist doch wohl die alte Schule, Kollege Markwaldt,”
-meinte er leichthin.
-
-„Alte Schule?” ereiferte sich Markwaldt. „Alte Schule? Sie, o Sie --
-verzeihen Sie! -- Sie unglaublicher Embryo! Die _ewige_ Schule ist
-das!” Er mußte sich jetzt entschließen, dem weiterschreitenden Perthes
-zu folgen. „Werden ja sehen. Übrigens, Besuch machen müssen Sie bei
-Hupfeld doch. Das ist einfach so Brauch von alters her. Fragen Sie den
-Chef!”
-
-„Ich besuche, wen ich will,” gab Perthes mit beinahe unfreundlicher
-Bestimmtheit zurück. Ein Angriff auf seine Freiheit bewirkte bei ihm
-alles andere eher als Nachgiebigkeit.
-
-„Verdrehtes Huhn!” knirschte Markwaldt in sich hinein, doch immerhin so
-vorsichtig, daß sein Gefährte die Schmeichelei nur ahnen konnte. Ihm
-konnte es ja schließlich egal sein, wie Perthes die Sache angriff. So
-harmlos er sonst war, so sagte ihm doch jetzt der Ärger: Je verkehrter,
-desto besser. Seine Verstimmung dauerte indes nicht lange. Schon
-strich er wieder mit der Selbstgefälligkeit des guten Jungen, der er
-war, den kurzgeschnittenen dürftigen Schnurrbart und pfiff durch die
-roten Lippen. An der Brücke, die hinüber nach der Neustadt führte,
-verabschiedete er sich.
-
-„Kommen doch zum Klinikerabend heute, was?” fragte Markwaldt.
-
-„Vielleicht,” lautete die ausweichende Antwort.
-
-„Na, denn -- auf Wiedersehen!” Markwaldt schritt seinem Stammcafé zu,
-wo er die Zeit bis zum Abendessen mit Billardspielen totschlagen wollte.
-
-Perthes ging auf der Altstadtseite am Fluß weiter. Die Allee wurde
-dort belebter. Alte Leute saßen auf den Bänken in der Sonne, die in
-ihrem sachten Niedergang seitwärts in die Allee hereinblinkte. Kinder
-häufelten Sand und liefen den Fußgängern zwischen die Beine. Auf dem
-Fluß schoß ein langes, schmales Ruderboot pfeilschnell dahin. Die
-Ruderer mit ihren roten Mützen und weißen Trikotanzügen hoben sich
-grell ab von dem dunkelgrünen Wasser. Ihre nackten Arme warfen sie
-nach dem lauten, mechanischen Kommando des Steuermanns im Gleichtakt
-vor und zurück. Auf dem Graspfad unten an der Uferböschung lief der
-Leiter des Klubs, ein jugendfroher Gymnasialprofessor, mit einer
-mächtigen Schalltube. Er begleitete das Boot und rief seine Kritik
-durch den Trichter dröhnend über das Wasser hin. Zuzeiten selbst ein
-leidenschaftlicher Ruderer, sah Perthes dem Boot mit Interesse nach.
-Dann ging er über die Straße nach seiner nahen Wohnung und stieg lässig
-die Treppe hinauf.
-
-Ein geräumiges Giebelzimmer mit dem freien Blick auf den Fluß und die
-gegenüberliegenden Waldberge war sein Quartier. Ein kleiner Alkoven
-stieß daran. Eine Veranda, luftig und keck wie ein Vogelnest, war unter
-den Dachsparren vorgebaut. Einfach, aber freundlich und sauber war
-alles eingerichtet. Es war gut hausen da oben.
-
-Als Perthes eintrat, sah er sich um. Auf dem Tisch lag eine Drucksache.
-Er riß sie auf und warf sie beiseite. Ein medizinischer Katalog, weiter
-nichts.
-
-Eine Weile stand er unter der offenen Verandatür und starrte hinüber
-nach dem anderen Ufer. Unter den Landhäusern in der Neustadt drüben
-schien er ein bestimmtes zu fixieren. Dann drehte er sich schroff
-zurück ins Zimmer. Er trat vor seine Bibliothek, die auf einem Regal
-neben dem Schreibtisch an der Wand stand. Eine seltsame literarische
-Auslese, die sich da beisammen fand. Kochs „Reiseberichte über Rinder-
-und Bubonenpest in Indien” neben Richard Wagners Werken; einige Bände
-der „Medizinischen Wochenschrift” neben Schopenhauer, Haeckel, Zola;
-ein Band Kant, Sophokles, Pasteur, Goethe, Czernys Krebsforschungen
-nachbarlich beieinander. Nichts aus der bunten Reihe lockte ihn. Mit
-leeren Händen setzte er sich in den rohrgeflochtenen Schaukelstuhl.
-
-Ganz so unbegreiflich und kompliziert, wie Doktor Markwaldt sich seinen
-Kollegen Max Perthes dachte, war er wahrhaftig nicht. Er gehörte
-nur zu den Naturen, die länger und mühevoller als andere nach einem
-Ausgleich ihrer inneren Widersprüche suchen, weil diese Widersprüche
-tiefer sind und ein unbändiges Temperament sie eher verschärft als
-mildert. Väterlicherseits aus einem endlosen Geschlecht wackerer,
-nüchterner Landärzte in der Pfalz stammend, mütterlicherseits der
-Abkömmling einer einst hochangesehenen Gelehrtenfamilie am Niederrhein,
-hatte er sich, früh verwaist, nach seinem Abiturium mit einem beinahe
-fanatischen Wirklichkeitsdurst auf die Naturwissenschaften gestürzt.
-Auf Chemie und Physik, auf Botanik, Zoologie und Physiologie hatte er
-sich wahllos neben- und nacheinander geworfen. Spielend bemächtigte
-sich sein beweglicher Geist des Stoffes und wußte ihn zu durchdringen.
-Dann trat jäh und heftig die Übersättigung ein. Es war, als trete sein
-Herz beiseite und lehne sich auf gegen die trockene und einseitige
-Arbeit des Kopfes, die es noch eben freudig zu teilen schien. Mit
-einem herzhaften Entschluß ging er zur Medizin über. Die Verbindung
-von Wissen und Praxis mußte seinen ursprünglichen und seinen ererbten
-Anlagen mehr entsprechen, als die bloß beschreibende Erforschung der
-Natur. Mit fünfundzwanzig Jahren machte er sein Examen und baute bald
-darauf seinen Doktor in Chirurgie. Mit der Befriedigung war es auch
-schon zu Ende. Dieselbe Jagd, in der ein unstetes Herz den Kopf von
-einem Gegenstand zum anderen riß, begann von neuem. Von der Chirurgie
-ging er zur inneren Medizin, von dort zur Augenheilkunde über. Die
-praktische Tätigkeit war so eng, so gleichförmig, so unfruchtbar.
-Ein kleines Vermögen, über das er unabhängig verfügen konnte, zehrte
-sich in diesem Hin und Wider der Neigungen langsam auf. Er fühlte den
-moralischen und wirtschaftlichen Zwang, sich Halt zu gebieten. In der
-unwiderruflichen Absicht, sich in einem Fachgebiet festzufahren, hatte
-er die Assistentenstelle am Bakteriologischen Institut übernommen. Hier
-wollte er aushalten und sich durchsetzen, eine Lebensstellung gründen
-um jeden Preis. Wenn er seinem Vorsatz treu blieb und seine Arbeiten
-nur einigermaßen von Erfolg begleitet waren, reichten seine Mittel aus,
-um sich zu einer Professur durchzuschlagen.
-
-Wenn, ja wenn ... Perthes legte die langen, nervigen Hände mit den
-Fingern ineinander und spannte sie vor der Stirn, daß sie in den
-Gelenken knackten. So viel Kraft in sich zu fühlen und so wenig Herr
-über seinen Willen werden zu können! Seit Wochen fühlte er das
-Bohren und Quälen in sich, das einer neuen Krisis vorauszugehen
-pflegte. Mit Händen und Füßen wehrte er sich gegen diese Erkenntnis.
-Wo hinaus wollte er? Wo gab es noch eine geistige Aufgabe, die er
-an sich reißen konnte, um sie wieder von sich zu stoßen? In ihm
-wuchsen und wiederholten sich immer häufiger die Stimmungen, die
-ihn in allen Wissenschaften nichts mehr sehen ließen, als eine
-einzige unselige Verbildung. Er hatte schon früh in der Pflege und
-Ausbildung seiner körperlichen Kräfte ein Gegengewicht gegen die
-innere Unausgeglichenheit gesucht. Neuerdings übertrieb er, wie er
-alles übertrieb, diese physische Abmüdung in jenen oft wochenlangen
-Anfällen, in denen er für Markwaldt statt eines Strebers ein
-ausbündiger Faulenzer war. Auf die Dauer verfingen solche Radikalkuren
-immer weniger. Seine Entwicklung drängte ziemlich spät, aber unfehlbar
-auf eine Entscheidung, die nicht in der Wissenschaft, sondern nur im
-wirklichen Leben ausgefochten werden konnte. Nicht mehr darauf kam
-es für ihn an, ob er für seinen Kopf eine erträglich befriedigende
-Lösung für tausend und ein Welträtsel fand; ein unterdrücktes,
-vernachlässigtes und verleugnetes Gemütsleben verlangte sein Recht
-gegen die nüchterne, materialistische Kultur des Verstandes. Er stand,
-ohne sich darüber mehr als ahnungsweise klar zu sein, vor dem Kampfe,
-der über den vollen Menschen, seinen Charakter und sein Schicksal
-entschied. Es bedurfte nur eines geringen Anlasses von außen, und er
-mußte zum Ausbruch kommen.
-
-Perthes' Gedanken nahmen jetzt ihre Richtung wieder nach dem Landhaus
-aus rotem Sandstein, jenseits des Flusses, das er zuvor fixiert hatte.
-Eigentlich hatte er die Sache vergessen wollen. Vor zehn oder vierzehn
-Tagen -- oder war es so lange noch nicht? -- war er am Abend, als er
-nicht wußte, was er tun sollte, in den Stadtgarten gegangen, um etwas
-Musik zu hören und Menschen zu sehen. Es war Sonntag und sommerlich
-warm. Zwei-, dreimal schritt er den Rundweg ab, den boshafte Menschen
-das „Heiratskarussell” getauft hatten. Endlos wälzte sich da im
-Schein der hellen Bogenlampen ein Strom von geputzten jungen Mädchen
-aus der Bürgerschaft und von buntbemützten Studenten im Kreise mit-
-und gegeneinander. Die Pärchen suchten und fanden sich in einem
-Kreuzfeuer von Blicken. Erst wurde die Angebetete mit feierlich-ernstem
-Kappenschwenken begrüßt, dann angesprochen und flirtend begleitet.
-
-Anfangs hatte ihm das Treiben Spaß gemacht. Bald langweilte es ihn,
-und er setzte sich vor den Musikpavillon, wo die Stadtkapelle, ein
-leidlich braves Orchester, in Ouvertüren, Sinfoniesätzen und Tänzen
-sich und anderen gütlich tat. Während er den Tönen nachträumte und
-dabei gedankenverloren in das drehende Gewühl der Menschen starrte,
-traf sich sein Blick zufällig mit dem eines jungen Mädchens, das im
-Gespräch mit einem Burschenschafter, einem kecken, welterobernden
-Frankonenfuchs, vorüberging. Die großen vergißmeinnichtblauen Augen
-ruhten halb ernst, halb schelmisch eine Sekunde in den seinen. Ohne daß
-er sich etwas dabei dachte, wiederholte sich dies flüchtige Blickspiel
-ein zweites und drittes Mal. In ihrem duftigen Rosakleidchen mit dem
-offenen, auf die Schultern herabfallenden Blondhaar war die Kleine,
-halb erwachsen, halb Kind, eine Erscheinung von zartem, poetischem
-Reiz. Er hätte sie vergessen, wenn sie ihm nicht am Vormittag darauf,
-mit dem Marktkorb unter dem Arm, begegnet wäre, als er zum Institut
-ging. Sie trug die Haare aufgesteckt und schritt sehr gesetzt und
-geradeausblickend an ihm vorüber. Am Nachmittag des folgenden Tages
-sah er sie mit der Musikmappe in der Hauptstraße. Einer scherzhaften
-Anwandlung nachgebend, folgte er ihr über die Neue Brücke und entdeckte
-ihre Wohnung. An einem der nächsten Abende ging er -- es war dies einer
-seiner regelmäßigen Spaziergänge -- am jenseitigen Ufer spazieren.
-Sie saß handarbeitend auf dem Balkon. Perthes liebte es, die Sonne
-über dem Fluß untergehen zu sehen. Er hatte keinen Grund, von einer
-angenehmen Gewohnheit abzuweichen, und tat es jetzt nur insoweit,
-als er regelmäßig im Vorbeigehen hinaufsah, während sie heruntersah.
-Gestern war sie ihm wieder mit dem Marktkorb begegnet. Sehr würdig und
-ernst. Kaum daß ihn die großen, glanzvollen Augen streiften. Aber sie
-verlor zufällig ihren Handschuh. Perthes hob ihn auf. Er sprach sie
-an. Es ergab sich von selbst, daß er sie ein paar Schritte begleitete.
-Mit reizendem Widerstreben ließ sie es geschehen. Einige belanglose
-Redensarten wurden ausgetauscht. Sie sprach mit einer allerliebsten
-Mischung von Altklugheit und Kindlichkeit. Während der Arbeit im
-Institut dachte er bisweilen an sie. Wie man an eine liebenswürdige
-Landschaft denkt. Man ruht sich in ihrer Erinnerung aus und mochte
-sie wiedersehen. Heute, am frühen Morgen, als er zwischen Veranda und
-Zimmer unter der Tür seinen Kaffee hinunterjagte, ertappte er sich zum
-erstenmal dabei, wie er das bewußte Sandsteinhaus zwischen den alten
-und neuen Giebeln jenseits des Flusses suchte und fand. Jetzt kam er
-sich albern vor. Um es nicht noch mehr zu werden, beschloß er, von nun
-an die Sonne vom diesseitigen Ufer untergehen zu sehen.
-
-Während er sich noch immer im Schaukelstuhl wiegte, schien ihm der
-heldenhafte Entschluß, auf eine freundliche Gewohnheit zu verzichten,
-noch lächerlicher als die ganze Geschichte. Das Weibliche hatte in
-seinem Leben stets nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Was er von
-Frauen kannte, verdiente kaum diesen Namen. Der beliebte medizinische
-Zynismus diente ihm als Schild wie gegen alle Empfindsamkeit so gegen
-eine seelische Überschätzung des Weibes. So wollte er es wenigstens.
-Warum sollte er es nicht auch, wie andere, mit einer harmlosen
-Spielerei versuchen, der er in jedem Augenblick ein Ende machen konnte
--- morgen, übermorgen so gut wie heute? War er nicht schon schwerlebig
-genug? Das fehlte noch, daß er spröde mit sich tat wie eine alte
-Jungfer!
-
-Mit einem entschiedenen Ruck sprang er von seinem Rohrsessel auf,
-setzte den Hut auf und war wieder auf der Straße.
-
-Es war später als sonst, als er auf die Brücke kam.
-
-Die Dampfstraßenbahn, die nach den Dörfern in der Ebene fuhr, rollte
-lärmend an ihm vorbei. Heimkehrende Spaziergänger, verspätete Arbeiter,
-Kinderwagen, eine auswärtige Knabenschulklasse, die zum Bahnhof eilte,
-drängten an ihm vorbei.
-
-Perthes war froh, als er die Treppe hinuntersteigen konnte, die nach
-der stilleren Uferstraße führte.
-
-Die Platanenallee, die er hinaufschritt, führte zwischen Rasenanlagen
-hindurch, am Bootshaus des Ruderklubs vorbei. Es war schon geschlossen.
-Die Wiese zwischen der Allee und dem Fluß war sonst gegen Abend der
-Tummelplatz eines Fußballklubs. Auch sie war heute schon verödet.
-Keine Menschenseele begegnete ihm. Die Villen zur Rechten schienen wie
-ausgestorben.
-
-Jetzt war er dicht bei dem bewußten Hause. Zwischen den Bäumen
-durch konnte er auf Erker und Balkon des Landhauses sehen. Sein
-„Ufermädchen”, wie er sie hieß, saß nicht da, nicht dort.
-
-Enttäuscht schlenderte er weiter, ans Ende der Allee, wo die Anlagen
-und die Villenstraße aufhörten und die Obstgärten anfingen. Er bog nach
-der Wiese hin ab und näherte sich dem Wasser.
-
-Über blühende Schlehenbüsche weg blickte er hinaus auf den Fluß, der
-seine Wellen in die Ebene wälzte. Die Sonne stand, eine feurige Kugel,
-darüber, umglüht von violettem, purpurnem und silberweißem Gewölk.
-
-Das Schauspiel, das er liebte, machte ihn heute melancholisch. Er
-fühlte eine Leere in sich und kam sich einsamer vor als sonst. Kein
-Zweifel: es war, weil er Hilde König, das kleine Mädel mit den losen
-Haaren und den lockenden blauen Augen nicht in seiner Nähe wußte. Wie
-läppisch das war! Und doch konnte er nicht dagegen an.
-
-Verdrießlich trat er den Rückweg an.
-
-In einem Vorgarten wurde mit Wasser gesprengt. Die Luft war voll von
-dem frischen Geruch des genetzten Grases. Die Stadt, die jetzt rechts
-vor ihm lag, schmiegte sich im matten, rötlichen Licht der versagenden
-Sonnenstrahlen mit ihren zackigen Dächern und steilen Türmen friedlich
-gegen die verschwimmenden Berge. Von einer der Kirchen klang die
-Abendglocke herüber.
-
-Der Balkon, nach dem Perthes von neuem spähte, blieb leer.
-
-In der Ferne sah er jetzt zwei jugendliche Gestalten die Allee
-herunterkommen. Sie gingen Arm in Arm. Er meinte in der einen von
-ihnen Hilde König zu erkennen. Es war eine Täuschung. Unweit von ihm,
-bei einer Bank, trennten sie sich. Das größere der beiden Mädchen
-eilte mit lebhaftem Schritt nach dem nächstgelegenen Landhaus; das
-zurückbleibende setzte sich, offenbar um zu warten, auf die Bank.
-Sie trug unter dem leichten, offenen Mantel eine beigefarbene Bluse
-zum dunklen Rock und über dem hellen Haar einen einfachen englischen
-Strohhut mit schwarzem Band.
-
-Gleichgültig ging Perthes vorüber. Kaum mit einem flüchtigen Blick
-streifte er das Gesicht der Wartenden.
-
-Ein paar Schritte weiter blieb er stehen. Es durchzuckte ihn plötzlich,
-als wäre er diesen zarten und doch festen, ausdrucksvollen Zügen schon
-irgendwo und irgendwann begegnet. Wie zufällig wandte er sich um. Das
-junge Mädchen hatte jetzt einen Arm mit dem Ellbogen aufs Knie und
-den vorgeneigten Kopf mit dem Kinn auf den Handrücken gestützt. Die
-Augen, erst zur Erde gesenkt, sahen auf, als hätte sie gehört, daß sein
-Schritt innehielt, und suchten die Stelle, wo er stand. Das unsichere
-Irren des Blickes verriet ihm ihre Blindheit. Er erkannte jetzt
-das mattfarbene Gesicht mit den etwas knochigen Wangen, die runde,
-ebenmäßige Stirn, über die das Haar, unter dem Hut vorquellend, mit
-einer aschblonden Welle niederfiel. Er konnte sich nicht täuschen, es
-mußte Marga Richthoff sein.
-
-Sie schien zu fühlen, daß sie beobachtet wurde. Unruhig wandte sie
-den Kopf weg und zurück, in der Richtung des Hauses, in dem ihre
-Begleiterin verschwunden war.
-
-Perthes folgte einer impulsiven Regung und ging gerade auf sie zu.
-
-Sie fuhr unwillkürlich etwas zurück.
-
-„Erschrecken Sie nicht, Fräulein Richthoff --”
-
-„Ich weiß ja gar nicht, wer Sie sind,” kam es zurückhaltend, aber
-furchtlos von ihren Lippen.
-
-„Doktor Perthes,” sagte er einfach. „Ich habe Ihrem Herrn Vater dieser
-Tage meine Aufwartung gemacht. Als alter Bekannter von Hemsbach her
-kann ich nicht so grußlos an Ihnen vorübergehen.”
-
-Marga, obwohl zuerst verdutzt, fand sich schnell zurecht. „Das ist nett
-von Ihnen,” erklärte sie offen. Eine sichtliche Freude belebte ihr
-Gesicht. Wie einem alten Kameraden bot sie ihm die Hand. „Papa hat von
-Ihrem Besuch erzählt. Ich war ganz erstaunt, daß Sie Ihr Versprechen
-nicht vergessen hatten.”
-
-„Sie scheinen ja meinem Gedächtnis wenig Gutes zuzutrauen.” Perthes
-fühlte sich fast beschämt. Daß er sich an die Empfehlung, die ihm sein
-Onkel Schlutius, der Germanist in Bonn, für Richthoff mitgegeben,
-erinnert hatte, war ein Zufall und die Ausführung des Besuchs eine
-Laune gewesen.
-
-„Es wäre noch nichts Böses gewesen, wenn Sie den dummen, eigensinnigen
-Backfisch von damals aus dem Gedächtnis verloren hätten,” meinte Marga.
-
-„Na, na -- so schlimm war die Sache mit Ihnen nicht.”
-
-„O ja!” versetzte sie ernsthaft. „Ich dachte gerade in diesen Tagen
-daran, wie trotzig und unleidlich ich damals war. Wissen Sie noch --
-der Direktor hatte mich schon halb und halb aufgegeben, nur Sie ließen
-sich nicht abschrecken und ruhten nicht, bis ich die Buchstaben doch
-noch tasten lernte. -- Ich war damals zu unglücklich, um vernünftiger
-und gelehriger zu sein,” setzte sie nachdrücklich hinzu.
-
-„Und jetzt? Wie steht's mit dem Lesen und Punktieren?” forschte Perthes.
-
-„Ganz ordentlich. Wenn Sie einmal zu uns kommen --” Marga stockte einen
-Moment. Es fiel ihr ein, sie möchte zu vertraulich sein. Ihrer Natur
-nach gab sie sich harmlos oder gar nicht. Aber sie wurde oft von den
-Schwestern und sogar von Papa deshalb getadelt.
-
-„Natürlich komme ich einmal. Wenn man mich haben will,” meinte er
-munter. „Und dann halte ich eine Prüfung ab. Vollschrift, Kurzschrift!
-Lesen und Schreiben!”
-
-„O weh! Da muß ich mich ja vorher richtig vorbereiten. Sonst blamiere
-ich mich unbarmherzig,” erwiderte Marga mit leisem Lachen.
-
-„Wir werden ja sehen.” Er hörte Schritte jenseits der Allee. „Ihre
-Freundin kommt zurück.”
-
-„Meine Schwester.”
-
-„Also -- auf Wiedersehen!” Er ergriff Margas Hand und schüttelte sie
-herzhaft.
-
-Ehe sie seinen Gruß erwidern konnte, setzte Perthes, freundlich den
-Hut schwenkend, seinen Weg fort. Die unerwartete, so ungezwungen
-freundschaftliche Begegnung hatte ihm wohlgetan. Seine Verstimmung war
-gewichen. Mit großen Schritten ging er nach der Brücke und heimwärts.
-Er dachte sogar daran, nach dem Abendessen an den Klinikertisch zu
-gehen. --
-
-Ganz aufgeregt kam Käthe auf Marga zu. „Wer war denn das?” fragte sie
-neugierig und vorwurfsvoll zugleich, während sie dem Davonschreitenden
-erstaunt nachblickte.
-
-„Doktor Perthes hat mich begrüßt,” erklärte Marga freimütig. Mit
-anschmiegender Zärtlichkeit, in der ihre innere Erregung nachklang,
-hängte sie sich an den Arm der Schwester. „Er war reizend. Ganz der
-alte.”
-
-„Hat er dich so mir nichts, dir nichts einfach angesprochen?”
-
-„Natürlich! Warum auch nicht?”
-
-Sie gingen langsam die Allee hinunter.
-
-„Aber das tut man doch nicht,” fuhr Käthe kopfschüttelnd fort. „Eine
-Dame -- auf offener Straße --”
-
-„Ich hätte es viel unnatürlicher gefunden, wenn er stocksteif
-vorbeigegangen wäre,” versicherte Marga überzeugt. Sie war
-beglückt von ihrem bescheidenen Erlebnis und wollte sich nicht auf
-solche gesellschaftliche Haarspaltereien einlassen, die ihr ein
-unverständlicher Greuel waren.
-
-Käthe schwieg. Das war ein Zeichen, daß ihr gesittetes Gewissen Margas
-leichtere Auffassung nicht guthieß.
-
-Als sie auf der Brücke anlangten, begann es leise zu dämmern. Die roten
-Wolken über dem Fluß verblaßten, und der Ostwind blies aus den Bergen
-nach der Ebene. Wenn sie nicht zu spät zum Abendbrot kommen wollten,
-mußten sie ihre Schritte beschleunigen.
-
-Marga war es zufrieden und fröhlich ums Herz. Mit ihren leichten,
-glücklichen Schritten konnte Käthe fast nicht mitkommen. Sie fühlte
-sich unwillkürlich und unbewußt gereizt. Ob sie wollte oder nicht:
-sie mußte ein wenig Wasser in Margas fröhlichen Wein gießen. „Weißt
-du,” begann sie bedächtig, „Lizzie hat mir erzählt,” -- Lizzie war die
-Freundin, bei der sie in der Uferstraße für eine Minute eingeschaut
-hatte, um Noten zurückzubringen -- „daß dein Doktor Perthes Abend für
-Abend dort herumspaziert.”
-
-„Es wird ihm dort gefallen. Er wird sich an den Sonnenuntergängen über
-dem Wasser freuen,” meinte Marga lebhaft.
-
-„Er soll nicht bloß deshalb kommen, sondern --”
-
-„Sondern?” fragte Marga harmlos neugierig.
-
-„Er macht Hilde König den Hof,” entfuhr es Käthe. „Er soll sie öfters
-mal ans Haus begleitet haben. Das spricht nicht gerade für seinen
-Geschmack. Denn das unschuldige Kind läßt sich ja von jedem jüngsten
-Studenten die Cour schneiden.” Es war, ohne daß sie es wollte, ein Ton
-von selbstgerechter Schärfe in ihre Worte gekommen.
-
-Marga verlangsamte ihre Schritte. Wenn Käthe sie in diesem Moment
-angesehen hätte, hätte sie bemerkt, daß ihre Wangen und ihre Lippen
-sich leise verfärbten. Der kleine, mehr weibliche als schwesterliche
-Pfeil traf mitten in Margas unschuldige Heiterkeit. Sie schüttelte
-betroffen den Kopf. Sie konnte das nicht glauben. Gerade dieses
-oberflächliche kleine Mädel, das alle Welt für sein weites Herz kannte,
-das sollte ...
-
-„Das ist seine Sache,” sagte sie nach einer Weile ruhig und mit
-möglichster Gelassenheit. Sie hatte ihren Arm in dem der Schwester
-gelockert, als könnte das Pochen ihres Herzens Käthe verraten, daß ihr
-diese Nachricht wehe tat. Aber warum auch? Sie schämte sich schon der
-törichten Anwandlung und hakte wieder fester unter. Fast im Laufschritt
-ging es jetzt über den Bahndamm weg, die Straße am Wenzelsberg hinauf
-und dem väterlichen Hause zu.
-
-
-
-
-3
-
-
-Anfangs hatte sich der Geheimrat mächtig gesträubt. In diesem Sommer
-wollte er von einer größeren Einladung bestimmt nichts hören. Einmal
-drängte es nicht, dann war es überhaupt ganz überflüssig.
-
-Käthe, die es wagte, Anfang Juni direkt in die Höhle des Löwen zu gehen
-und ihm ein Gartenfest vorzuschlagen, wurde beinahe hinausgeworfen.
-Elli, die mitunter Andeutungen in die Unterhaltung warf -- über das
-unerwartet schöne Wetter, über die wundervollen warmen Abende, über
-die Vorzüge, die es hätte, gerade jetzt, wo noch nicht alle Welt einem
-zuvorgekommen, gewisse Verpflichtungen zu erfüllen --, fand taube Ohren
-und bekam schließlich eine grimmige Bemerkung über die Vergnügungssucht
-junger Mädchen von heute an den Kopf. Marga dachte wohl manchmal daran,
-daß sie gern mit Doktor Perthes plaudern möchte. Aber sie schwieg. Es
-wäre zu ungewöhnlich gewesen, wenn sie, die stets widerstrebend an
-den häuslichen Gesellschaften teilgenommen, die Schwestern plötzlich
-unterstützt hätte.
-
-Mitte Juni erklärte Vater Richthoff eines Morgens beim Frühstück, es
-sei doch merkwürdig, daß er an alles denken müsse. Warum man denn heuer
-die üblichen Einladungen nicht ergehen lasse? Da man ja doch in den
-sauren Apfel beißen müßte, wäre es das Netteste, die Jugend mal in den
-Garten einzuladen. Seine Mädels wären Schlafmützen.
-
-Die Gescholtenen horchten hoch auf. Natürlich wagte niemand auch nur
-mit einer Silbe daran zu erinnern, daß man je selber an so was gedacht
-habe.
-
-Elli, der das Herz im Leibe lachte, wandte ein Übermaß von
-Selbstbeherrschung auf, um nicht vom Stuhl aufzufahren. Es war
-nicht verwunderlich, daß sie Margas halbvolle Tasse umstieß. Käthe,
-praktisch wie sie war, wußte, daß eine solche Gelegenheit väterlicher
-Herablassung nicht wiederkehrte, und holte ihre Liste. Sie hub an, die
-Namen zu verlesen, und über die Morgenzeitung weg brummte der alte Herr
-zu den Vorgeschlagenen seine Zustimmung. Jetzt nannte sie Erich Wilkens.
-
-„Hört in diesem Semester nicht bei mir,” erklärte ablehnend der
-Geheimrat.
-
-„Aber er hat Besuch gemacht, Papa! Vorigen Sonntag!” fuhr es Elli
-heraus.
-
-„Hat er?” gab der alte Herr gutmütig-spöttisch zurück und traf Elli mit
-einem scharfen Blick über die Brillengläser weg.
-
-Elli ward rot bis über die Ohren. Sie mußte ihr Schuhband festknüpfen,
-um Verlegenheit und Enttäuschung zu verbergen. Marga strich leise
-beruhigend ihren Arm.
-
-„Also nicht?” fragte Käthe mitleidig zögernd.
-
-„Meinetwegen,” lautete der erlösende Bescheid.
-
-Elli mußte vor Freude Margas Hand so überkräftig drücken, daß diese um
-ein Haar aufgeschrien hätte.
-
-Doktor Perthes kam als letzter. Der Geheimrat hatte keine Ahnung mehr.
-Marga zuckte nicht mit den Wimpern, als Käthe ihm den Hemsbacher Arzt
-ins Gedächtnis brachte. „Ach der!” meinte er gedehnt. „Na ja -- wenn
-Marga es nicht anders tut.”
-
-„Du hast ja selbst gesagt, er soll auf die Liste kommen,” erklärte Elli
-kühn, um der Schwester zu Hilfe zu kommen.
-
-Marga rührte sich nicht. Sie schien die Fransen an der Kaffeedecke zu
-zählen.
-
-„Aber dann Schluß! Die Mädels dazu wählt gefälligst selber aus. Und
-mich laßt mit allem Drum und Dran aus dem Spiel. Kosten darf die Sache
-nichts, und stören darf sie mich auch nicht.”
-
-Der Geheimrat erhob sich. Er war jetzt wieder ganz der gestrenge und
-unwirsche Herr und Gebieter, der sich nicht länger um solche Läppereien
-kümmerte. Fast schien ihm die Sache wieder leid zu tun.
-
-„Nur noch den Tag, Papa!” bat Käthe. „Wir müssen doch wissen, wann
-dir's am besten paßt.”
-
-Der Geheimrat war schon aus der Tür und stieg in sein Zimmer hinauf.
-Er hatte gestern in seiner Kaisergeschichte den segensvollen Titus
-porträtiert. Jetzt kam er zu dem unsympathischen und grausamen
-Domitian. Mit der Gnade und Milde war es zu Ende.
-
-Doch zum Glück für das Haus ergaben Richthoffs erneute Forschungen,
-daß der böse Flavier unter seiner Großmannssucht und rohen Härte die
-besseren Anlagen seines Hauses wenigstens in seinen Anfängen nicht ganz
-verleugnete. So wurde es möglich, daß man dem Geheimrat doch auch noch
-den Termin für das geplante Gartenfest ablocken konnte.
-
-Was gab es dann aber auch alles am Wenzelsberg zu tun! Die Einladungen
-mußten geschrieben werden. Es galt, den Lohndiener und die Kochfrau
-zu bestellen. Dann kam das Menü. Das las der alte Herr zwei Tage lang
-nicht, obwohl Käthe es ihm mit aller Liebe und Sorgfalt bei jeder
-Mahlzeit neben die Serviette legte. Am dritten Tage steckte er es in
-die Tasche und schickte es am fünften als völlig unbrauchbar zurück.
-Nur mit List konnte er schließlich gezwungen werden, Gegenvorschläge
-zu machen. Mit der Bemerkung, daß die Weibsleute nicht einmal von der
-Küche etwas verständen, ergriff er selbst das Kochbuch und verlangte
-die unmöglichsten Gerichte. Das Ungeheuerlichste war, daß er allen
-Einwendungen zum Trotz auf einer Suppe bestand, einer für eine Abend-
-und Gartengesellschaft allem Herkommen hohnsprechenden Ouvertüre.
-Er wollte in Italien eine Wildsuppe gegessen haben, die unbedingt
-ausprobiert werden mußte, ein unheimliches, höchst apartes Gemächte,
-von dem er sich für sich und seine Gäste Wunder versprach. Käthe konnte
-nicht mehr erreichen als ein Kompromiß: dafür, daß er die übrigen Gänge
-genehmigte, mußte ihm die abenteuerliche Suppe zugestanden werden.
-
-Langsam kamen die Zu- und Absagen.
-
-Je größer die Spannung war, mit der seine Mädels die Post erwarteten,
-um so weniger eilig hatte es der Geheimrat mit dem Öffnen der
-Briefschaften. Für Elli gab es Folteraugenblicke am Frühstückstisch.
-Sie hatte schon die Hoffnung aufgegeben, daß Wilkens käme.
-Endlich schrieb er zu. Doktor Perthes machte zwar eine korrekte
-sonntägliche Aufwartung, bei der er seine Karte abgab, aber zusagende
-Antwort schickte er erst am Abend vorher. Er entschuldigte seine
-Vergeßlichkeit, wollte aber gern kommen. Käthe konnte es nicht
-unterlassen, zu bemerken, daß Mediziner das „immer” so machten.
-
-Marga blieb ihr eine Antwort schuldig. Es waren widersprechende
-Gefühle, mit denen sie an Perthes dachte. Sie verschloß das Hin und Her
-ihrer Empfindungen nicht nur vor anderen, sondern auch vor sich selbst.
-Es lag in ihrer Art, daß sie das Unklare und Unfertige von sich
-schob, weil es sie lähmte und schwächte. Ihre Seele brauchte in ihrer
-Einsamkeit ungeteilte Kraft, um gesund zu bleiben. Sie hatte ihn seit
-jener flüchtigen Begegnung am Fluß nicht mehr gesehen. Fast regelmäßig
-machte sie mit einer der Schwestern, meist mit Elli, gegen Abend einen
-Bummel. Früher waren sie oft die Uferstraße entlang gegangen. Marga
-ließ sich dann die Sonnenuntergänge bis ins einzelne schildern und
-genoß Farbe und Stimmung in ihrer lebendigen Phantasie. Jetzt mied sie
-diesen Gang. Die Zurückhaltung kostete sie mehr, als ihrem stillen
-Wesen anzumerken war. Es gab Augenblicke, in denen sie sich dabei
-überraschte, ein sicheres Bild von ihm zu gewinnen. Die Frage peinigte
-sie, ob er nur aus gewöhnlichem Mitleid, aus Zufall oder Laune sich
-ihrer erinnert hätte. Oder ob er ein gewisses Verständnis für ihr Wesen
-hätte, eine teilnehmende Freundschaft für sie empfände. Und derselbe
-Mensch sollte an einem leichtmütigen Geschöpf wie Hilde König Gefallen
-finden? Spielte er nur mit seinen Gefühlen? War er von Natur ernst und
-gehaltvoll? Oder war er oberflächlich und leer? Ihre Erfahrung gab ihr
-keine Auskunft. Und sie wollte keine. Sobald sie sich über unnötigen
-Grübeleien ertappte, dachte sie gewaltsam an anderes.
-
-Je näher der große Abend des Gartenfestes kam, um so weniger fehlte
-es an Umtrieb und lustiger Geschwätzigkeit. Die Toiletten mußten
-zwanzigmal besprochen werden. Es wurde auf Leben und Tod genäht. Die
-Tischordnung gab eine Fülle von Stoff zu immer neuen Diskussionen. Bis
-endlich auch dieses Ereignis zur Wirklichkeit wurde.
-
-Man hatte an kleinen Tischen im Hof gedeckt.
-
-Das Haus mit seiner Rückwand von Reblaub und Glyzinen auf der
-einen, der blumenreiche, sommergrüne Weinberg auf der anderen Seite
-stimmten festlich zu den weißen Tafeltüchern. Den Tafelschmuck hatte
-Marga ausgedacht. Das war eine besondere Stärke von ihr. Sie gab
-ganz bestimmte Weisungen, wie sie jeden Tisch innerlich vor sich
-sah, und Elli führte sie unter lautem Beifall aus. Bald war es ein
-Gerank von Rosen, das den silbernen Aufsatz umschloß und in duftigen
-Ketten zwischen die Teller fiel, bald waren es zierliche Kränze von
-Stiefmütterchen, die die Gedecke besäumten, Sträuße von Margueriten
-oder blauem Akelei, die in den Servietten steckten. Leuchter mit
-winzigen bunten Lichtschirmen standen munter dazwischen, und
-Papierlaternen in gekreuzten Zügen überspannten den Hof von einer Ecke
-zur anderen. Der Geheimrat, der zufällig einmal während der Anordnung
-herunterschneite und den Kopf in den Hof streckte, brummte etwas von
-einer „Blumentrödelbude”, klopfte aber dabei Marga so kräftig auf den
-Arm, daß sie mit seiner Anerkennung zufrieden sein konnte.
-
-Es war sechs Uhr geworden.
-
-Die Zeit reichte gerade knapp hin, um sich anzuziehen, und die Mädels
-flogen nach ihrem Dachstock.
-
-Fünf Minuten vor sieben standen sie fix und fertig im Salon. Marga und
-Elli trugen weiße Tüllkleider. Käthe als älteste prangte in leichter
-erdbeerfarbener Seide. Das beste war der frische, unschuldige Reiz der
-Jugend, der wie ein leichtes, helles Lachen von ihnen ausging, wie sie
-so am Flügel beieinanderstanden. Aus Ellis Augen blitzte der Schalk;
-in dem ungebärdigen Gewirr ihrer lichten Haare, mit ihrem schlanken,
-zierlichen Figürchen sah sie wie der Frühling selber aus. Käthe, ein
-Gewinde von Silberfiligran, ein Erbstück der Mutter, über den dunklen
-Flechten, gab sich etwas gemessener und selbstbewußter: sie fühlte sich
-halb und halb als Dame des Hauses. Zwischen beiden stand Marga: von der
-bezaubernden Leichtigkeit Ellis und der etwas herben Sicherheit Käthes
-war sie gleichweit entfernt: die weiche Lässigkeit ihrer Bewegungen und
-der versonnene Ernst ihrer Züge waren nicht dazu angetan, zu bestechen
-oder zu erobern. Sie wirkte wie ein Bild, das man übersehen zu haben
-glaubt, um nachher zu finden, daß es kraft eines unbestimmbaren inneren
-Reizes lebendiger als alle anderen im Gedächtnis haftet.
-
-Noch immer kam Vater Richthoff nicht. Er hatte sich, natürlich zu spät,
-an seine Festtoilette gemacht. Dann war ihm mitten im Anziehen ein
-Gedanke gekommen, den er dringend für seine Kaisergeschichte notieren
-mußte. In einem mehr antiken als modernen Kostüm eilte er in das an
-sein Schlafzimmer anstoßende Arbeitszimmer und setzte sich an den
-Schreibtisch.
-
-Die Klingel meldete den ersten Gast. Die Mädels im Salon waren in
-heller Bestürzung. Elli wagte es: sie schoß die Treppe hinauf und
-pochte an die Tür des alten Herrn.
-
-„Bitte, bitte, Papa! Eil dich! Die Gäste kommen!” rief sie eindringlich
-und flehend.
-
-Ein dumpfes Murren antwortete aus dem Arbeitszimmer.
-
-„Es hat schon der erste geklingelt!” setzte Elli beschwörend hinzu.
-
-„Wollt ihr wohl das verwünschte Gehetze lassen. Ich komme ja!” dröhnte
-es zürnend zurück.
-
-Elli glitt wieder die Treppe hinunter.
-
-Zum Glück war nur etwas für die Küche abgegeben worden.
-
-Die Gäste ließen auf sich warten.
-
-Als der Geheimrat einige Minuten später in den Salon trat -- im
-flatternden Gehrock, die lange goldene Uhrkette auf der von Käthe zu
-Weihnachten und Ostern gestickten Weste, die dünnen weißen Haare über
-dem Scheitel und an den Schläfen festgestrichen --, erklärte er ganz
-empört: „Wo sind denn nun eure Gäste? Natürlich komme ich eine halbe
-Ewigkeit zu früh!”
-
-Die halbe Ewigkeit dauerte kurz.
-
-Schon öffnete sich die Tür, um sich nicht so bald wieder zu schließen.
-Im Handumdrehen füllte sich der geräumige Salon. Begrüßungen,
-Vorstellungen, Freundschaftsbezeugungen schwirrten durcheinander.
-
-Da kam Papa Wilmanns, ein kleiner, lauter, lustiger, hinkender
-Altphilologe, und seine Gattin, ein stilles, ewig lächelndes, über
-ihren Mann verwundertes Frauchen. Hinter ihnen drei Töchter, alle
-flachsgelb von Haar, fast gleich in der Größe, gleich in den Augen und
-gleich in den lila- und weißgemusterten Kleidchen. Es ging die Sage,
-daß sogar ihre Eltern sie bisweilen verwechselten.
-
-Der nächste war Trabner, der Flanellstorch, wie Elli der neben ihr
-stehenden Marga kichernd ins Ohr meldete. Er trug heute übrigens
-einwandfreie weiße Wäsche und einen Rock, der ihn nach oben und unten
-in die Unendlichkeit verlängerte. Sein pockennarbiges Vogelgesicht mit
-den paar Kinnstoppeln zuckte unaufhörlich, man wußte nicht, ob aus
-Ehrerbietung oder Nervosität. Der zwerghafte Papa Wilmanns sah staunend
-und beneidend an ihm hinauf. Als Trabner vor dem Geheimrat seinen jähen
-und tiefen Bückling machte, trat der gute Wilmanns unwillkürlich mit
-offenem Mund einen Schritt näher und streckte die Arme vor, als gelte
-es, einen Einsturz aufzuhalten.
-
-Zwei Studenten, blauweiße Bänder um die Brust, blaue Mützen in der
-Hand, drängten sich nebeneinander zur Tür herein. Sie gehörten der
-Verbindung Corvinia an, die böse Zungen das „Betkränzchen” nannten
-und in Verruf brachten, Zuckerwasser statt Bier zu trinken. Elli
-verbarg sich hinter Margas Rücken und steckte das Taschentuch in
-den Mund, um nicht loszuplatzen. Inzwischen schritten die beiden
-in feierlich-plumpem Gleichtritt auf Vater Richthoff zu. Ihre
-forciert-couleurmäßige Haltung stand in so köstlichem Gegensatz zu
-ihrem ungehobelten Bauerntum, daß auch Käthe sich auf die Lippen biß.
-
-Ein dicker, jovialer Burschenschafter, der mit seinem Leibfuchs, einem
-geckenhaften und schmächtigen Bengelchen, zufällig hinter den Corvinen
-ankam, zog über sein ganzes Gesicht, so rot und zerhauen, wie es
-war, eine Grimasse, als die Betkränzler beiseite traten. Mit freier,
-dröhnender Bierstimme begrüßte er Richthoff, der selber „alter Herr”
-bei einer Marburger Burschenschaft war.
-
-Es trat eine kurze Pause ein. Noch waren nicht alle Geladenen zur
-Stelle. Aber der Zufluß zum Salon stockte einen Augenblick.
-
-Es bildeten sich Gruppen. Der Flanellstorch verwickelte pflichtmäßig
-Käthe in ein Gespräch.
-
-Elli und Marga plauderten mit den drei Wilmannstöchtern. Die zwei
-Burschenschafter traten kühn dazu und erzählten von ihrer nächsten
-Damenkneipe. Die zuckerwassersüchtigen Corvinen umstreberten Professor
-Wilmanns und den Geheimrat, während Frau Wilmanns sich selbstgenügsam
-in ein Familienalbum vertiefte, das auf dem Tisch lag.
-
-Schon tat sich die Tür wieder auf.
-
-Ein derber, struppiger Kopf ward sichtbar, und ein paar runde, graue
-Augen rollten zwischen unbändigen Büscheln gelblichweißen Haares heraus
-über das menschenvolle Zimmer.
-
-„Sieh da -- Borngräber!” begrüßte Richthoff mit vergnügtem Ruf den
-Ankömmling.
-
-In komischer Verzweiflung stürmte Professor Borngräber, ein alter
-Hausfreund, Junggeselle und Indolog, auf den Geheimrat los.
-
-„Aber um Gottes willen! Ihr habt ja richtige Gesellschaft! Ich
-denke, wir sind drei, vier Personen!” rief er mit hoher, klagender
-Fistelstimme, während er dem alten Herrn die Hand schüttelte. „Ich
-bin ja gar nicht feierlich angetan!” Er wies auf seinen moosgrünen,
-verknitterten Bratenrock, der ihn nicht gerade Lügen strafte.
-
-„Macht ja nichts, alter Freund! So feierlich wird die Sache gar nicht,”
-versicherte Richthoff beruhigend.
-
-„Ich drücke mich! Hörst du? Ich zieh' mich um!”
-
-„Dageblieben!” Richthoff hielt lachend seine Hand fest.
-
-„Sie haben ja gar keine andere Toga,” schmunzelte Papa Wilmanns boshaft.
-
-Borngräber überhörte ihn entrüstet. Er schlug die Hand vor den Kopf,
-beteuerte seine Unschuld und widerstrebte nicht mehr. Er kam immer so
-wie heute. War immer außer sich und wollte fort. Und blieb immer, wenn
-man ihm gut zuredete.
-
-Jetzt reckte Elli den Kopf. Sie stellte sich auf die Zehen.
-
-Drüben unter der Tür reckte sich ein anderer Kopf ihr entgegen. Blond
-und kraus wie der ihre. Ein lachendes, verschmitztes Gesicht. Zwei
-strahlende, siegesgewisse Augen, die in die ihren tauchten. Das war
-Wilkens.
-
-Kaum war diese stillschweigende Begrüßung erfolgt, so tuschelte Elli
-mit Marga.
-
-„Doktor Perthes! Dein Doktor von Hemsbach!” verkündete sie, noch
-aufgeregt von dem Glück, Wilkens gesehen zu haben.
-
-In der Tat zeigte sich Perthes' hochgewachsene Gestalt gleich hinter
-Wilkens in der Tür. Sein brauner, bärtiger Kopf ragte über die anderen
-hinaus. Nur der Flanellstorch konnte sich mit ihm messen. Mit dem
-suchenden Lächeln des Fremdlings überschaute er das Gedränge. Er hatte
-sich schnell orientiert. Nach Wilkens trat er auf den Geheimrat zu und
-begrüßte ihn mit unbefangener Höflichkeit.
-
-Der alte Herr sah ihn einen Moment fragend an. Dann besann er sich
-und schüttelte Perthes die Hand. „Marga erinnert sich Ihrer. Nett,
-daß Sie kommen. -- Kleinchen!” Er erwischte die eben vorbeihuschende
-Elli an einem Zipfel ihres Ärmels, ehe sie zu dem ersehnten Wilkens
-durchschlüpfen konnte. „Herr Doktor Perthes -- meine Jüngste,” stellte
-er vor, während er ihr den Arm um die Schulter legte. „Führ' ihn mal
-zu Marga!” Er deutete aufgeräumt nach der Seite, wo sie stand. Dann
-mußte er neue Gäste begrüßen: Frau Geheimrat Achenbach, die Witwe
-eines Kollegen, eine stattliche alte Dame mit gütigen Augen unter
-schneeweißen Scheiteln, auf einen Krückstock sich stützend; weiterhin
-einen ehemaligen Schüler und jetzigen Privatdozenten, Bertelsdorf
-mit Namen, der es kaum erwarten konnte, bis er mit blinzelnder,
-katzbuckelnder Höflichkeit an die Reihe kam, seinen Gruß anzubringen.
-
-Inzwischen drängelte sich Elli, gewandt wie ein Wiesel, durch die
-einzelnen Gruppen, Perthes mit übermütigen Gebärden hinter sich her
-winkend.
-
-Marga stand an der Tür zum Wohnzimmer. Sie hatte sich dorthin
-zurückgezogen, weil sie sich in dem Geschwirre der Menschen überflüssig
-vorkam. Es fiel niemand auf, daß sie beiseite trat. Die drei
-Wilmannsmädchen lachten auch ohne sie über die Aufschneidereien der
-beiden Burschenschafter. Einsam, mit einem halben, verlorenen Lächeln
-lehnte sie im Rahmen der Tür.
-
-„Da bring' ich dir Herrn Doktor Perthes, Margakind!” rief ihr Elli
-schon von weitem entgegen.
-
-Marga richtete sich auf.
-
-„Guten Abend, Fräulein Marga!” begrüßte sie Perthes kameradschaftlich.
-„Wir haben uns ja furchtbar lange nicht gesehen. Ich dachte immer, ich
-würde Ihnen mal wieder begegnen. In der Stadt, am Ufer oder sonstwo --”
-
-„Wir sind früher oft dort gegangen,” sprudelte Elli naseweis hervor.
-„Aber neuerdings -- ich glaube, seit Marga Sie dort getroffen hat, will
-sie partout nicht mehr hin.”
-
-„Aber Elli!” wehrte sich Marga. Doch die Missetäterin war schon lachend
-davongewischt, um endlich zu ihrem Wilkens zu kommen.
-
-„So, so, Fräulein Marga -- Sie weichen mir also aus!” neckte Perthes.
-„Und warum denn, wenn ich fragen darf?”
-
-„Aber das Kleinchen hat Sie ja angeschwindelt,” erklärte sie ernsthaft.
-
-„Und ich komme Ihretwegen in eine richtige Gesellschaft. Obwohl ich mir
-vorgenommen hatte, hier gar nichts mitzumachen.”
-
-„Das ist immer noch etwas anderes, als wenn ich Ihretwegen an den
-Fluß käme,” erwiderte Marga. Ihr Ton war abweisender, als sie wollte.
-Sie fand sich nicht in eine tändelnde Unterhaltung. Aller Scherz
-nahm nur schwer den Weg zu ihrer Seele; er machte sie eher scheu und
-verschlossen als zutraulich. Sie hatte sich wieder an den Türpfosten
-gelehnt und blickte zu Boden. Ihre ruhige Stirn kräuselte sich einen
-Moment: ihr offenes Gesicht war nicht darin geübt, ihre Gedanken zu
-verbergen.
-
-„Was dachten Sie jetzt eben?” forschte Perthes. „Sicherlich nichts
-Gutes über mich.”
-
-„Sie sind aber eingebildet, Herr Doktor!”
-
-„Ich -- wieso?”
-
-„Als ob es nichts anderes zu denken gäbe als --” Marga vollendete den
-Satz nicht; sie erschrak über ihre eigenen Worte. Sie kamen ungerufen
-aus ihr hervor. Warum war sie so unfreundlich zu ihm? War sie denn
-kleinlich? Er hatte von diesem Ufergang gesprochen, von dem sie wußte,
-daß er einer anderen galt. Es waren nur liebenswürdige Redensarten,
-wenn er _sie_ damit in Verbindung brachte. Weshalb seine Spielerei? Und
-doch -- als er nun schwieg -- tat ihr ihre Äußerung leid. Ohne ihn zu
-sehen, fühlte sie, daß er sich von ihr weggewandt hatte.
-
-Er schaute in der Tat abgekehrt, mit gekreuzten Armen, auf die vielen
-schwatzenden Menschen im Salon.
-
-„Sie sind mir doch nicht böse, Doktor Perthes?” fragte Marga mit
-veränderter, bittender Stimme.
-
-„Warum denn? Ich wundere mich nur, daß Sie heute gar nicht nett zu mir
-sind.”
-
-„Bin ich das wirklich nicht?”
-
-„Wirklich nicht!” wiederholte er überzeugt.
-
-„Wenn ich Ihnen gesagt hätte, was ich dachte, würden Sie noch
-unzufriedener mit mir gewesen sein.”
-
-„Oho! Also war's doch was Schlechtes.” Lachend wandte sich Perthes
-wieder zu ihr.
-
-Margas Züge drückten Unruhe und Verwirrung aus. Die erloschenen
-Augen mit ihrem sanften blauen Glanz schienen gewaltsam das Dunkel
-durchdringen zu wollen, um den Ausweg aus diesem unglücklichen Gespräch
-leichter zu finden. Dann nahm sie die Zuflucht zu ihrer natürlichen
-Offenheit. „Ich dachte, daß Sie in der Uferstraße jemand anders suchten
-als mich. Das war alles,” sagte sie kurz und einfach.
-
-Perthes sah sie erstaunt an. Sie wußte also auch bereits, was Markwaldt
-und alle seine Bekannten wußten -- daß er Hilde König nachstieg. Und
-er durfte ihr nicht einmal böse sein, daß sie es ihm sagte. Er hatte
-ihr ja ihre Gedanken abgezwungen. Wie peinlich und unbequem diese
-Mitwisserschaft war! Gerade _hier_. Er griff sich mit der gebräunten,
-sehnigen Hand heftig in den Bart. Die Falten auf der Stirn zuckten
-nervös zwischen den dichten Brauen.
-
-Zum Glück gab jetzt der Geheimrat das Zeichen zu Tisch, indem er Frau
-Wilmanns den Arm bot.
-
-„Darf ich Sie zu Tisch führen?” fragte Perthes Marga mit einer kurzen
-Verbeugung.
-
-Sie nickte. Schweigend legte sie ihren Arm in den seinen. Sie wußte
-nicht, sollte sie sich freuen, daß er sie führte, oder nicht. Sie
-bereute, daß sie sich hatte verleiten lassen, die Wahrheit zu sagen.
-Warum hatte er sie gezwungen, und sie sich zwingen lassen?
-
-Plaudernd bewegte sich der Zug der Paare durch das Wohnzimmer und die
-Eßstube.
-
-An Richthoff und Frau Wilmanns schlossen sich Professor Borngräber
-und Frau Achenbach, ein sehr ungleiches Paar: sie majestätisch und
-gemessen, er voll Unbeholfenheit immer einen Schritt voraus oder
-zurück. Als langjährige Bekannte waren sie trotzdem beide sehr
-zufrieden miteinander.
-
-Papa Wilmanns bat sich ein für allemal, wohin er kam, ein junges
-Mädchen zu Tisch aus. Heute, wo man, um der Gemütlichkeit keine
-Vorschriften zu machen, von einer festgesetzten Tischordnung abgesehen
-hatte, waren die Jungen schneller gewesen als er und hatten sich schon
-alle zusammengefunden. Er sah sich verurteilt, Fräulein Grasvogel,
-eine dürre, etwas spinöse Cousine des Richthoffschen Hauses, die
-man aus Gutmütigkeit bei keiner Einladung überging, für sich zu
-erobern. Der kleine lustige Mann, der außerhalb seines Lehramts stets
-voller Schnurrpfeifereien steckte, schritt mit weltschmerzlicher
-Biedermannsmiene am Arm der Cousine. In dem beweglichen Gesicht,
-das sonst so behaglich mit der Hakennase, den Augen einer listigen
-Spitzmaus und den rosigen Wangen zwischen dem fröhlichen Backenbart
-saß, lag eine so vorwurfsvolle Anklage, daß Elli, die mit Wilkens
-hinter ihm kam, nur mühsam ihren Ernst behaupten konnte. Sie nahm
-sich nur zusammen, weil Käthe mit dem überhöflichen Privatdozenten
-Doktor Bertelsdorf zur Rechten und dem Flanellstorch zur Linken ihr
-auf dem Fuße folgte. Käthe war schon durch die in letzter Minute
-erfolgte Absage Lizzies, ihrer Musikfreundin, betrübt. Elli wollte
-sie nicht noch durch eine Neckerei erzürnen, die sie auf das seltsame
-Doppelgestirn ihrer Tischherren beziehen konnte. Der Privatdozent hatte
-nämlich Käthe dem Flanellstorch vor der Nase weg engagiert; darüber war
-dieser so fassungslos, daß er sich, kurz entschlossen, rechts von ihr
-postierte und mit seinem Partner über Käthes Kopf hinweg einen Disput
-vom Zaun brach -- über eine neue Textausgabe von Dio Cassius!
-
-Marga mit Doktor Perthes, die Schwestern Wilmanns mit den
-Burschenschaftern und Corvinen, einige damen- und couleurlose
-Philologen im ersten und zweiten Semester beschlossen die Reihe.
-
-Es war noch taghell im Hof, und man hatte deshalb die Kerzen noch nicht
-angebrannt.
-
-Die Heiterkeit der blumengedeckten Tische steckte an. Man stürmte die
-Plätze.
-
-Die älteren Herrschaften, die in ihrer engen Auslese als nächste
-Hausfreunde der Jugend nur zur Folie dienen sollten, hatten ihren Tisch
-für sich gewählt. Eine Ausnahme machte nur Papa Wilmanns, der die
-Cousine Grasvogel mitten unter die Jungen hineinschleppte.
-
-Elli mit Wilkens winkte Marga und Doktor Perthes zu sich heran, denen
-sie an ihrem Tisch heldenhaft zwei Stühle verteidigte. Perthes hatte
-Marga auf der einen, Elli auf der anderen Seite. Außer Wilkens saßen
-noch der dicke Burschenschafter mit Heddy, der jüngsten der drei
-Wilmannstöchter, und Wilmanns selbst mit Fräulein Grasvogel am gleichen
-Tisch.
-
-Käthe und ihr Privatdozent machten einen entschlossenen Versuch, den
-Flanellstorch loszuwerden. Sie gerieten dafür mit den Corvinen an eine
-Tafel.
-
-Es dauerte eine gute Weile, bis die ganze Gesellschaft ihre Plätze
-innehatte.
-
-Endlich war es so weit, daß der Lohndiener unter Beistand einer
-Aufwartefrau mit dem Servieren der Speisen beginnen konnte.
-
-Die Wildsuppe, auf der Vater Richthoff so ehern bestanden hatte,
-dämpfte mit ihrer grausamen Würze für einen Augenblick die allgemeine
-Fröhlichkeit. Jedermann würgte sie zwar tapfer hinunter, aber man sah
-doch unterschiedliche Spuren einer gewaltsamen Selbstüberwindung.
-Nur der Flanellstorch, der aller Vorsehung zum Trotz einen Stuhl
-neben Käthe gezwängt hatte, erklärte mit der Stimme eines Domküsters,
-flüsternd und doch allhörbar, er habe nie so etwas Köstliches gegessen.
-
-„Finden Sie das auch?” fragte Elli blinzelnd ihren Nachbar Wilkens.
-„Papa hat sie befohlen!”
-
-Wilkens drehte statt der Antwort die Augen gen Himmel und legte die
-Hand auf den Magen.
-
-Papa Wilmanns dagegen konnte die lose Zunge nicht im Zaum halten. So
-vernehmlich wie der Flanellstorch und mit einer Überzeugungskraft,
-die fürs erste alle täuschte, durchschnitt er die schweigende
-Beklommenheit. „Kollege Richthoff, ich denke, Sie werden meiner Frau
-das Rezept für diese klassische Suppe nicht vorenthalten. Sie kann nur
-von der Blutsuppe der Spartaner übertroffen werden!”
-
-Die Verdutztheit auf allen Gesichtern löste sich in einem, von
-unterdrücktem Kichern zu lautem und lauterem Gelächter anschwellenden
-Heiterkeitsausbruch, dem sich niemand, selbst nicht das entsetzte
-Fräulein Grasvogel, entziehen konnte.
-
-„Aber Rudolf!” erklang tadelnd die Stimme von Frau Wilmanns über den
-Hof zu ihrem Gatten, der sich, als wüßte er von nichts, in seine
-Vatermörder zurückgeduckt hatte.
-
-Geheimrat Richthoff beruhigte seine Tischnachbarin mit einer
-gravitätischen Gebärde, erhob sich, strich den weißen Bart, tippte hell
-ans Glas und verschaffte sich Gehör.
-
-„Verehrte Gäste und Freunde!” hub er mit grollendem Ton an. „Der
-gehässige Vorstoß, den mein Kollege Wilmanns soeben gegen meine Suppe
-unternommen hat, zwingt mich zu einer wissenschaftlichen Entgegnung.
-Mein Freund Wilmanns” -- er fixierte den Professor durchbohrend --
-„ist, wie Sie alle wissen, der Mann der lateinischen und griechischen
-Syntax, also der grauesten, leblosesten Grammatik. Daraus entschuldigt
-sich seine völlige Unberührtheit in Dingen der Geschichte und des
-feineren Lebensgenusses. Nur ihm konnte es passieren, meine feurige
-südländische Wildsuppe mit der Blutsuppe der Spartaner in einem Atem
-zu nennen. Seine Spartanersuppe ist, wie jetzt männiglich außer ihm
-weiß, erstens eine Legende und zweitens eine geschmacklose Wurzel-
-und Kräutersuppe. Also genau das Gegenteil von meiner Suppe. Doch
-diese historische und kulinarische Zurechtweisung nur nebenher.
-Überzeugender als der Angriff des Kollegen Wilmanns ist das Urteil,
-das ich Ihnen allen, meine Herrschaften, von den Zügen ablese: es
-bedeutet rückhaltlose Anerkennung meiner Suppe! Es schlägt auch den
-frevelhaften Widerspruch meiner Töchter zu Boden, die, ihres Vaters
-kochkünstlerische Autorität verkennend, die Wahl jeder und erst recht
-dieser Suppe verhindern wollten. Um so dankbarer bin ich meinen Gästen
-für ihre gerechte und sachliche Würdigung. Stoßen Sie mit mir an auf
-das Wohl meiner Gäste!”
-
-Lachender Beifallsruf und lautes Gläserklingen antwortete dem alten
-Herrn von allen Tischen. Sein grollender Humor, seine behagliche
-Selbstironie hatten die gute Stimmung nicht nur wiederhergestellt,
-sondern erhöht. Die Unterhaltung an allen Tischen kam in lauten,
-fröhlichen Gang.
-
-Ellis frische Laune war unerschöpflich. Sie und Papa Wilmanns, der sich
-über Richthoffs Suppenrede königlich gefreut hatte, waren an ihrem
-Tisch abwechselnd die Wortführer. Wilmanns gab ergötzliche Abenteuer
-von seiner letzten griechischen Reise zum besten. Er und Borngräber
-waren zusammen gereist. Sie lagen sich alle Tage morgens über eine
-Fachfrage in den Haaren und abends bei begeisterndem Hellenenwein in
-den Armen. Als Wilmanns gerade erzählte, wie sein Gefährte beinahe von
-einem griechischen Schergen festgenommen worden wäre, weil er durchaus
-auf der Akropolis eine Nacht zubringen wollte, flüsterte Elli Doktor
-Perthes zu: „Ich glaube, die ganze griechische Reise hat er nur auf der
-Landkarte gemacht.”
-
-„Das wollen wir nicht hoffen!” meinte Perthes lächelnd.
-
-„O, Sie kennen die Philologen nicht! Die flunkern alle!” erklärte
-sie überzeugt. „Wenn ich denke, was nur Wilkens” -- sie warf einen
-vielsagenden Seitenblick auf ihren Tischherrn --, „was der mich schon
-angeführt hat! Schon zehnmal hat er behauptet: ‚Diesmal steig' ich
-ins Examen! Diesmal bau' ich bombensicher meinen Doktor!‛ Und zehnmal
-war's Schwindel!” Ein ganz leiser Seufzer begleitete unwillkürlich den
-zehnfachen Schwindel.
-
-„Und das geht Ihnen so zu Herzen?” fragte Perthes.
-
-„Mir? Zu Herzen? Wie kommen Sie darauf? Mir geht überhaupt nichts zu
-Herzen!” verteidigte sich Elli empört. „Von mir aus kann Herr Wilkens
-zehnmal durch sein Examen fallen. Nicht wahr, Herr Wilkens?”
-
-Der Angeredete schmunzelte nur und drehte sich herausfordernd zu Heddy
-Wilmanns.
-
-„O, und die anderen Fakultäten,” fuhr Elli zu Perthes fort, „die haben
-andere Fehler! Die Mediziner zum Beispiel -- die sind boshaft, wie Sie!
-Und schrecklich roh und materialistisch!”
-
-„Hören Sie, wie ich beschimpft werde, Fräulein Marga?” wandte sich
-Perthes nach rechts, wo Marga geduldig, im Verein mit Cousine
-Grasvogel, noch immer Wilmanns' griechische Reise miterlebte.
-
-„Wehren Sie sich nur tüchtig!” gab sie zurück.
-
-„Also Sie verteidigen mich nicht einmal? Sie geben am Ende gar Ihrer
-Fräulein Schwester recht?”
-
-„Um Sie zu verteidigen, müßte ich Sie erst besser kennen!” erwiderte
-Marga freundlich, aber bestimmt.
-
-„Wie mißtrauisch Sie sind!”
-
-„Mißtrauisch? Marga?” ereiferte sich Elli. „Na, Herr Doktor Perthes, da
-gratuliere ich Ihnen zu Ihrer Menschenkenntnis! Die ist die Offenste
-von uns allen! Aber sie flunkert _auch_! Die schlechte Nachbarschaft
---” Sie zwinkerte nach Wilkens und zu Professor Wilmanns hinüber.
-
-„Ich glaube, du bist beschwipst, Elli!” warf Marga vorwurfsvoll ein.
-
-„Noch nicht! Aber wenn du sagst, Margakind, du kennst Herrn Perthes
-nicht, flunkerst du. Sie kennt nämlich die Menschen in- und auswendig,
-wenn sie noch nicht zwei Worte mit ihnen gewechselt hat!”
-
-„Fräulein Marga! Wenn das stimmt, sind Sie mir Genugtuung schuldig.
-Ich möchte schon immer gern wissen, wer ich bin.” Perthes legte etwas
-Spöttisches in seine Rede, das ebensogut Marga als ihm selbst gelten
-konnte.
-
-Marga schüttelte leise den Kopf. „Nein, nein -- Sie müssen sich selber
-am besten kennen.”
-
-„_Muß_ ich das?” erwiderte er im selben Ton wie zuvor.
-
-„Dafür sind Sie doch ein Mann,” war Margas halblaute, entschiedene
-Antwort. Sie zerkrümelte ihr Brot. Ihr Mund war fest geschlossen. Nur
-das Zittern ihrer Nasenflügel verriet etwas von innerer Erregung.
-Warum quälte er sie mit so merkwürdigen Fragen? Was konnte ihm daran
-liegen, wie sie ihn beurteilte? Warum drängte er sich hartnäckig
-und eigensinnig in ihr Sinnen und Empfinden, um sich und sie zu
-ergründen? Gewiß, er dachte sich dabei nichts. Er mochte sich in dieser
-spielerischen Unterhaltung gefallen. Aber sie, Marga, war sich dafür
-zu gut! In der Furcht, sich und ihr Innenleben unnötig auszugeben,
-verkroch sie sich in sich selbst, wie eine Schnecke in ihr Gehäus.
-
-Perthes schwieg. Er beobachtete Marga länger und ernsthafter als
-sonst. „Dafür sind Sie doch ein Mann” -- was hieß das? War das ein
-Zweifel an seiner Reife? Oder war es eine Anerkennung? Dieses so
-stille und so klare Wesen der Blinden, für die er eine flüchtige,
-aus Interesse des Arztes und aus mitleidsvoller Teilnahme gemischte
-Sympathie empfand, begann ihn zu fesseln, weil es ihn reizte. Der
-Widerspruch zwischen seiner eigenen Zerrissenheit und ihrer ruhigen
-Geschlossenheit brachte bei ihm eine zwiespältige Wirkung hervor. Das
-Peinliche überwog das Anziehende. Bah -- er würde sich wohl von einem
-jungen Mädchen imponieren lassen! Was war rätselhaft an ihr? Höchstens,
-was er aus seiner eigenen Phantasie hinzutat. Sie war wie andere
-Frauen: nur durch ihren Zustand ein wenig empfindsamer. Es erklärte
-sich physiologisch wie alles Weibliche.
-
-Elli hatte es inzwischen für zeitgemäß gehalten, ihren Wilkens, der
-um die Wette mit den Burschenschaftern Heddy Wilmanns den Hof machte,
-entrüstet zur Rede zu stellen. Wilkens erklärte mit seiner heiteren
-Unverwüstlichkeit, da er nach ihrer wohlwollenden Ansicht schon einmal
-ein Flunkerer sei, sei es doch völlig gleichgültig, ob er nach rechts
-flunkere oder nach links. Elli schmollte eine ganze Minute lang. Dann
-fand sie sich mit Wilkens in einem versöhnend-heftigen Händedruck
-unter dem Tisch. Nach dem Friedensschluß wandte sie sich wieder zu
-Perthes. „Was treiben Sie denn eigentlich hier?” fragte sie in ihrer
-übergangslosen, zufahrenden Art, als sie bemerkte, daß das Gespräch
-zwischen ihm und Marga bedenklich im Stocken war.
-
-„Wo? Wie? Hier -- wie meinen Sie das?” Perthes richtete sich zerstreut
-aus seinen Gedanken auf.
-
-„Na, in Ihrem Laboratorium oder Institut oder wie das Ding heißt!”
-erläuterte Elli ihre unbestimmte Frage.
-
-„Wenn Sie das interessiert, müssen Sie mich mal besuchen. Ich habe
-einen ganzen Stall Kaninchen und Meerschweinchen. Mitunter auch Mäuse
-und Ratten.”
-
-„Wozu denn das?” forschte Elli mit gruseliger, ungläubiger Neugier.
-
-„Ich experimentiere mit ihnen.”
-
-„Hörst du, Marga? Er experimentiert mit Tieren! Was hab' ich gesagt!
-Mediziner sind entsetzlich roh und gefühllos! -- Was machen Sie denn
-mit den armen Tierchen?”
-
-Für Perthes konnte in seiner gegenwärtigen Stimmung keine Frage
-gelegener kommen. Es war ihm eine Genugtuung, sich nüchterner und
-gefühlloser zu zeigen, als er war. Auf die Gefahr hin, den Geschmack zu
-verletzen, gab er sich als den kühlen, überlegenen Wissenschaftler und
-beschrieb rücksichtslos seine Versuche an lebenden Tieren: wie er ihnen
-die verschiedenen Gifte einimpfte, Gegengifte erprobte, die Wirkungen
-von Stunde zu Stunde beobachtete.
-
-Elli war außer sich vor Mitleid und Empörung. „Sie sind ja ein
-gräßlicher Tierquäler! Und so was machen Sie mit ruhigem Blut? Was
-müssen Sie für ein Mensch sein!” Ganz erschrocken blickten ihn ihre
-strahlenden jungen Augen an.
-
-„Das gehört bei uns zum Handwerk!” versicherte Perthes mit
-Achselzucken. „Wir können ja leider nicht mit Menschen unsere
-Experimente machen.”
-
-„Leider!” Elli fuhr von ihrem Sitz in die Höhe. „Leider, sagen Sie?
-Aber das ist ja abscheulich! Dafür könnte ich Sie --” Sie machte
-eine drastische Bewegung und hielt inne. Sie mußte selbst über ihre
-Entrüstung lachen. „Und wir sollen Sie besuchen? Ihre Schändlichkeiten
-mit ansehen? Was sagst du zu dieser Einladung, Margakind?!”
-
-Marga sagte nichts. Sie fühlte, daß Perthes sich mit Absicht schlecht
-machte. Er übertrieb. Er wollte sein objektives Medizinertum
-hervorkehren. Er tat sich und anderen mit Bewußtsein wehe. Die
-Erkenntnis dieser Zwiespältigkeit, dieser unfertigen Halbheit schmerzte
-sie mehr als seine harten Ausdrücke, seine rohen Schilderungen. Mit
-unwiderstehlicher Macht überkam sie das Gefühl ihrer Einsamkeit
-inmitten all der fremden, geräuschvollen Menschen, die in einer Welt
-lebten, die nicht die ihre war. Sie fror. Wie in einen schützenden
-Mantel hüllte sie sich in ihre schwere und doch so viel reichere
-Einsamkeit. Teilnahmlos lehnte sie sich in ihren Stuhl zurück und
-richtete die Augen in die Ferne.
-
-Elli, die einzige, die mit schwesterlicher Liebe Margas Wesen wenn auch
-nicht ganz erfaßte, so doch kannte und achtete, drang nicht weiter in
-sie.
-
-Auch Perthes verstummte.
-
-„Ihr Wohl, Herr Kollege!” prostete der Burschenschafter mit tadellosem
-Komment und unverkennbarer Hochachtung zu ihm herüber. Er hatte
-mit halbem Ohr die Unterhaltung gehört und wollte als jüngeres
-medizinisches Semester dem älteren seine bewundernde Zustimmung zu dem
-Ideal fachmännischer Gesinnungstüchtigkeit ausdrücken.
-
-Perthes dankte. Er stürzte sein Glas Wein in einem Zug hinunter. Seine
-Stirn hatte sich verfinstert. Er war verärgert. Er haderte mit sich,
-weil er sich hatte fortreißen lassen.
-
-Es war eine Erlösung, daß jetzt gleichzeitig zwei Messer an zwei
-verschiedenen Tischen an die Gläser klangen.
-
-Die beiden Redner, die sich zu Wort meldeten, erhoben sich miteinander
-und maßen sich mit erstaunten Blicken: es waren Professor Borngräber
-und Professor Wilmanns, die in einem und demselben Augenblick um die
-oratorische Palme rangen.
-
-Papa Wilmanns war sonst nicht auf den Mund gefallen. Aber gerade
-seinen vielverleumdeten griechischen Reisefreund konnte er nicht ohne
-Verblüffung als Rivalen auftauchen sehen. Und seine Frau warf ihm
-überdies aus der Ferne einen so flehenden Blick zu.
-
-„Dann werd' ich die Herrschaften eben nach Freund Jakobus langweilen!”
-murmelte er mit trockener Gutmütigkeit und setzte sich wieder.
-
-Borngräber begann mit seiner hohen, beharrlichen Stimme. Er zitierte
-einen indischen Spruch über die Freuden der Häuslichkeit. Man durfte
-hoffen, er würde von dort aus in Kürze und ohne Fährlichkeiten auf das
-Haus Richthoff kommen. Aber es war anders verhängt. Jakobus Borngräber
-war nicht der Mann der geraden Fahrstraßen. Bei einem neuen östlichen
-Sprichwort, das mit dem Ziel seines Toastes schon wesentlich loser
-zusammenhing, fiel ihm ein, daß er über die Übersetzung gerade dieses
-Textes mit einem französischen Kollegen in Kontroverse geraten war.
-Das Unheil war da: er vergaß völlig seine ursprüngliche Absicht,
-entwickelte mit einer zähen Leidenschaftlichkeit, die im umgekehrten
-Verhältnis zu seinen Stimmitteln stand, das Für und Wider beider
-Auffassungen und geriet in eine Vorlesung über vergleichende
-Textkritik.
-
-Die Gäste sahen sich verwundert an. Da und dort wurde nervös
-geräuspert. Ein unterdrücktes Lachen wurde gehört. Einzelne fingen
-an, sich leise, dann lauter zu unterhalten. Dies Beispiel fand
-jähe, fast allgemeine Nachfolge. Während der Tisch der Alten eine
-achtungsvolle Ruhe behauptete, hörten von der Jugend bald nur noch
-der Flanellstorch aus Pietät gegen alles Akademische und die beiden
-Corvinen aus zuckerwässeriger Wohlerzogenheit dem Redner zu. Sogar
-Bertelsdorf, dem Privatdozenten, der für die Ordinarien seiner Fakultät
-einen unbegrenzten Fonds von Ehrfurcht besaß, schien der Wein eine
-charaktervolle Unabhängigkeit zu geben; er plauderte ungeniert mit
-Käthe. Wilmanns unterhielt seinen Tisch damit, daß er unter seinen
-Fingern eine Menagerie aus Brot gekneteter Wundertiere hervorgehen
-ließ. Wilkens unterstützte den Professor mit ebenbürtigen Kunststücken:
-er balancierte Zahnstocher auf der Nasenspitze und ließ Brotstückchen,
-die er über die Fingerspitzen legte, durch einen geschickten Schlag auf
-seinen Unterarm in den Mund schnellen.
-
-Die Dämmerung hatte begonnen. Die Lichter auf den Tischen und die
-farbigen Lampions, die in Ketten über den Hof gespannt waren, waren
-schon seit geraumer Weile angezündet. Die weißen Tafeltücher, auf denen
-jetzt Kuchen und Früchte vorherrschten, die roten Leuchterschirmchen,
-die helldunklen Gesichter setzten sich warm und farbenvoll ab gegen das
-wachsende Dunkel im Weinberg und in den benachbarten Gärten. Darüberhin
-taumelten ein paar verspätete Käfer. Der Himmel strahlte in einem
-zarten, milchigen Blau. An dünnen Wolkenstreifen glomm noch ein später
-Schimmer der gesunkenen Sonne.
-
-Endlich hielt Jakobus Borngräber plötzlich im Strom seiner Rede inne.
-Die immer ohrenfälligere Unaufmerksamkeit seiner Zuhörer machte ihm nun
-doch seine Abirrung mit jähem Schreck klar.
-
-Die majestätische Frau Achenbach, seine Tischdame, hatte Gleichmut und
-Humor genug, um ihm beizuspringen. „In diesem Sinne --” soufflierte sie
-ihm.
-
-„In diesem Sinne --” stotterte Borngräber und schwang sich mit
-einem verzweifelten Überschlag seiner Stimme aus dem Wirrsal seiner
-textkritischen Betrachtungen auf die dargebotene, allumfassende
-Redewendung: „In diesem Sinne bitte ich Sie, sich zu erheben und zu
-rufen: Unser verehrter lieber Richthoff und sein gastliches Haus, sie
-leben hoch!”
-
-Ein schallendes dreifaches Hoch und ein allgemeines Gläserklirren
-verschlangen Redner und Rede. --
-
-Nach so langer Geduldsprobe wollte sich der frühere Tafelzwang nicht
-wiederherstellen lassen. Der Tisch der Alten erkannte die Situation
-richtig, und ehe Papa Wilmanns seine unterdrückte Rede auch noch
-loslassen konnte, erhoben sich die Herrschaften.
-
-„Ich wünsche gesegnete Mahlzeit!” klang die kräftige Stimme des
-Geheimrats über den Hof hin.
-
-Zwanglos verteilten sich die Gruppen.
-
-Die Jugend stieg in ihrer Mehrzahl den Weinberg hinan, dessen Wege weit
-hinauf mit Papierlaternen beleuchtet waren.
-
-Die Alten zogen sich in die Zimmer zurück, bis im Hof die Tische
-geräumt waren. Die zwei Corvinen und der Flanellstorch hielten jetzt
-den Zeitpunkt für gekommen, um bei Vater Richthoffs Zigarren ihre
-Professoren zu poussieren.
-
-Marga war mit im Weinberg emporgestiegen. Perthes hatte sich artig
-angeboten, sie zu führen. Sie dankte. Darauf gesellte er sich dem
-ausgelassenen Schwarm zu, den Elli und Wilkens anführten. Dazu gehörten
-die drei Wilmannstöchter, die Burschenschafter und auch Käthe mit
-Bertelsdorf.
-
-Auf der Graswiese, wo hinter dem Blumengarten das Obstgelände begann,
-war es noch heller als in den tieferen Partien des Weinbergs. Elli
-schlug ein Spiel vor. Sie fand laute Zustimmung. „Hasch, hasch!”
-wurde nach kurzer Überlegung gewählt, und die Paare traten lachend
-in die Reihe. Perthes holte sich Heddy Wilmanns. Das Tollen begann,
-und leuchtend stoben die hellen, fliegenden Mädchenkleider durch die
-Dämmerung.
-
-Marga stand abseits. Einen Augenblick hatte sie gedacht, es würde
-jemand zu ihr treten, um sie zu unterhalten. Aber niemand kam. Wie
-es meist ging, wurde sie und ihre Blindheit jetzt in der allgemeinen
-Lustigkeit vergessen. Im Grunde war es ihr recht.
-
-Die Geselligkeit solcher Abende ermüdete sie mehr und schneller als
-andere. Und ihre innere Einsamkeit hatte sich nach der äußeren gesehnt.
-
-Tastend orientierte sie sich an den Johannisbeersträuchern längs des
-Weges. Dann stieg sie sicher bergan.
-
-Hinter dem Obstplan kam eine Mauer, die das steile Erdreich stützte.
-Eine Treppe aus Steinen führte an ihr empor. Darüber standen die
-Weinstöcke, die Sorgenkinder des alten Herrn. Jahr für Jahr gaben sie
-hartnäckig nur wenige Pfund saurer Trauben, aber es blieb trotzdem
-ausgemacht, daß hier ~anno Domini~ der großartigste Wein in der ganzen
-Umgegend wachsen mußte. Ein zweites Mauerwerk schloß nach oben ab. Auf
-seiner Höhe lief eine langgestreckte Laube über die ganze Breite des
-Richthoffschen Besitzes. Der Laubengang hieß der Philosophenweg; er lag
-schon hoch über der Stadt in der freien, ziehenden Abendluft.
-
-Dort schritt Marga, die Hände auf dem Rücken, langsam auf und ab.
-
-Das Lärmen und Lachen der Spielenden klang nur gedämpft zu ihr
-herauf. In vollen Zügen trank sie die Ruhe des späten Abends. Nichts
-Weichmütiges durfte in ihr aufkommen. Sie ordnete ihre Gedanken und
-ihre Gefühle zu dem mutigen Gleichklang, in dem sie daheim war.
-Ihrem festen Willen zum Trotz drängte sich immer noch ein herber Ton
-vor. Konnte sie es nicht lassen, auf andere Menschen zu bauen, statt
-nur auf sich? Es war ja doch stets dasselbe: ein Suchen, das müde
-machte, und ein Finden, das die Enttäuschung war. Zwiespältig und
-halb und haltlos waren alle, bei denen sie sich die Mühe machte, in
-sie hineinzulauschen. So wie Perthes. Wie die Mücken tanzten sie um
-die Sonne, zu schwach, um in sie hineinzufliegen, zu schwach, um sie
-zu entbehren. Vertraute sie, Marga, denn nicht genug auf sich allein?
-Was horchte sie überhaupt noch nach Gefährten? Ihre Schwingen reichten
-aus. Auch wenn sie nur ein Weib war. Sie -- sie wollte und konnte in
-die Sonne des inneren Erlebnisses fliegen, wo die Schönheit war, das
-Unbedingte und das Unendliche ...
-
-Zwischen den zuhöchst gelegenen Pappeln, wo Margas Lieblingsplatz war,
-und dem Philosophenweg lag ein Wiesenhang unter alten Kirschbäumen.
-
-Dort streckte sie sich aus.
-
-Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Augen geschlossen, überließ
-sie sich ihrem Schauen. Aus dem Schoß ihrer immerwährenden Nacht quoll
-ihr Bild auf Bild entgegen. Nicht verschwommene, sondern scharfe und
-klare Gesichte, die ihre Phantasie sich schuf, und in denen ihre reiche
-Seele sich auslebte und ausruhte. Da war ein fernes, schimmerndes
-Tal, über und über von rotblühenden jungen Pfirsichbäumen voll. Ein
-tausendfältiger Schwarm von weißen, samtflügeligen Faltern gaukelte
-darüber: ein flatterndes Gewölk, das wie eitel Silber gegen den
-tiefblauen Himmel stand. -- Ein verschlafener See blitzte auf, inmitten
-dunkel wuchtender Tannenberge. Das fahle, magische Licht drang aus
-gelben Wolkenstreifen über die Landschaft. Der Wind hob leise die
-Wellen, daß die Seerosen schwankten, und ein schwarzer Schwan zog
-sanft am Schilf entlang. -- Die Berge rückten auseinander. Der See
-verschwand. Lachende, unabsehbar weite Blumenwiesen taten sich auf:
-gelbe Königskerzen und weiße Schafgarben und blauer Rittersporn wirrten
-sich leuchtend durcheinander, so weit der Blick reichte. Darüber, am
-Horizont, erhoben sich kristallene Sommerwolken, überirdische Berge,
-himmlische Paläste, in denen die Sonne selbst zu wohnen schien. --
-
-Marga war so entrückt, so selig im Schauen versunken, daß sie nicht
-hörte, wie ein behender Schritt die Stufen nach dem Laubengang
-heraufkam. Erst als ihr Name gerufen wurde, zuckte sie auf und richtete
-sich aus dem Gras empor.
-
-„Fräulein Richthoff!” ertönte es von neuem.
-
-Sie erkannte Perthes' Stimme und gab keine Antwort. Noch war sie nur
-halb aus ihrer Traumwelt erwacht, und kein Fremder sollte sie stören.
-Sie duckte sich wieder tiefer ins Gras.
-
-Aber seine Augen hatten ihr helles Kleid in der dunklen Wiese erspäht.
-„Wo in aller Welt stecken Sie denn? Sie haben sich ja richtig
-versteckt!”
-
-„Bei mir selber,” gab sie einsilbig zurück.
-
-„Drunten wird eine Bowle gebraut! Ich soll Sie holen.” Perthes war
-vollends zu ihr heraufgeklettert. „Darf ich mich einen Augenblick neben
-Sie setzen?” Ohne ihre Zustimmung abzuwarten, streckte er sich neben
-ihr im Gras aus.
-
-Marga strich die Haare aus dem Gesicht und setzte sich, ihren
-Haarknoten zurechtsteckend, aufrecht.
-
-Vom tieferen Garten und vom Hof herauf kam der matte Widerschein der
-Papierlaternen und gab im Verein mit dem sternklaren Himmel gerade
-Licht genug, um Perthes ihre stillen verschlossenen Züge sehen zu
-lassen. Nach dem ausgelassenen Spiel mit seiner lauten, übermütigen
-Lustigkeit, die er eben verlassen, berührte ihn ihre ruhevolle
-Erscheinung hier oben im Garten seltsam.
-
-„Warum sind Sie denn so mir nichts dir nichts ausgerückt, Fräulein
-Marga?” fragte er nach einer Weile.
-
-„Was hätte ich denn sonst machen sollen?” entgegnete sie ohne Vorwurf.
-
-Er schwieg. Seine Frage war unbedacht und töricht. Wie konnte sie in
-dem abschüssigen Garten „Hasch, hasch!” und derlei Dummheiten spielen!
-Er hatte sie ja überdies mit einer gewissen Absichtlichkeit sich selbst
-überlassen.
-
-„Sie haben nicht viel versäumt,” fuhr er fort. „Ich alter Esel habe
-mich wie ein alberner Junge herumhetzen lassen.” Er trocknete sein
-Gesicht mit dem Taschentuch; er ärgerte sich wirklich, daß er sich
-wie der krasseste Fuchs in solche Kindereien gestürzt hatte. „Hier
-oben ist's schöner!” Er schaute hinaus in die Ebene, die nächtlich
-verschattet sich dehnte.
-
-Marga antwortete nicht. Sie legte ihren Rock zurecht und glättete ihre
-zerknitterten Ärmel.
-
-„Ich darf ja nicht mehr fragen, was Sie denken,” begann er von neuem,
-„sonst würde ich's schon wieder tun, weil Sie ja doch von sich aus mir
-nichts erzählen.”
-
-„Ich denke, warum Sie bei Tisch all die häßlichen Dinge sagten.”
-
-Perthes besann sich. „Ach -- Sie meinen über meine Tätigkeit? Die
-Geschichte mit den Tierexperimenten, und daß man leider nicht mit
-Menschen experimentieren könne? Aber das ist ja wahr!”
-
-„Vor Ihrem Verstande vielleicht, ja, aber nicht nach Ihrem Gefühl.”
-
-„Und woher wollen Sie das wissen? Du lieber Gott! In der Medizin hört
-man auf, ein Gemütsmensch zu sein -- woher wollen Sie wissen, daß das
-nicht meine volle Meinung ist?”
-
-„Das will ich Ihnen ehrlich sagen: weil Sie vor uns dummen,
-gefühlsduseligen Mädels renommieren wollten. Sie hatten ein Bedürfnis,
-sich schlechter zu machen, als Sie sind.”
-
-Perthes horchte verwundert auf. Er hatte sich auf den Boden gelegt und
-den Kopf auf die Hände gestützt. Marga saß links hinter ihm. Er sah
-forschend zu ihr hinüber. „Sie beurteilen mich sehr schmeichelhaft,
-Fräulein Marga.” Er lachte gezwungen. „Ich glaube, Sie irren.”
-
-„Wenn ich irre, um so schlimmer für Sie!” erklärte Marga mit jener Ruhe
-und Geradheit, in der sie sich selbst wiederfand. „Dann müssen Sie
-sich selber sehr niedrig einschätzen und Ihre Mitmenschen auch. -- Und
-besonders uns Frauen!” setzte sie nach einer Weile gedankenvoll hinzu.
-
-„Warum gerade die Frauen?”
-
-„Weil Sie meinen, ihnen im Ernst mit so rohen Dingen zu imponieren.”
-
-Wieder trat eine Pause zwischen beiden ein.
-
-Vom Hof herauf drangen einzelne abgerissene Worte, denen lustiges
-Gelächter antwortete. Papa Wilmanns hielt bei der Bowle seine
-aufgeschobene Rede auf die Damen.
-
-„Ich glaube, wir müssen hinunter,” bemerkte Marga kurz.
-
-Perthes rührte sich nicht. Er trommelte mit der rechten Faust erst
-langsam, dann immer leidenschaftlicher auf den Grasboden.
-
-„Was machen Sie denn?” fragte Marga aufhorchend.
-
-„Ich ärgere mich!” gab er knurrend zurück, ohne in seinem Trommeln
-aufzuhören.
-
-„Worüber?”
-
-„Über Sie --”
-
-„Über mich?”
-
-„Und noch mehr über mich!”
-
-„Und warum denn?”
-
-„Weil -- weil --” Er führte einen letzten grimmigen Hieb gegen den
-unschuldigen Boden. „Weil Sie verwünscht recht haben!” stieß er
-knirschend hervor.
-
-Marga mußte unwillkürlich lächeln über das unerwartete, heftige
-Bekenntnis, das sich so widerwillig von ihm losrang.
-
-Perthes bemerkte es nicht. Ihm war zumute, als wäre jählings etwas
-geborsten, ein Hemmnis, ein Stauwehr, das den Strom seiner Gedanken und
-Gefühle aufgehalten. Die offene, stillkräftige Art Margas lockte aus
-ihm hervor, was er nie einem anderen mitgeteilt hätte. Der Widerspruch
-seines Herzens, das bald in Sehnsucht nach vertiefter Empfindung, nach
-einer überlegenen Weltbetrachtung voll Gleichklang und Schönheit sich
-verzehrte, bald in Verachtung jeder seelischen Regung zur Oberfläche
-trieb, wo es nichts gab, als die nackte Wirklichkeit, und alles
-Unbegreifliche unterging in der tristen Biologie des Tiermenschen,
-wo nur der Genuß des Alltags Sinn und Berechtigung hatte -- dieser
-Widerspruch tat sich in einer Flut von Selbstanklagen auf, die er
-rückhaltlos in die dunkle, friedvolle Nacht hinausschleuderte. Heute
-war er weich, mitfühlend, empfindsam und wehleidig wie ein Kind; morgen
-hart, schroff, roh wie ein zynischer Zweifler, der sich in Kraßheiten
-überbot. Sein unseliger Hang zum Extremen -- war er nicht sogar jetzt
-lebendig, in dieser Beichte, die er ohne Grund vortrug? die so schamlos
-war wie die ganze Komödie, die er mit sich und aller Welt aufführte?
-Er war zur Halbheit, zur Maßlosigkeit, zum Unfrieden verdammt. Wertlos
-war der ganze Kerl. „Sie irren, Fräulein Marga -- Sie irren, sage ich
-Ihnen! Der bessere Kern, den Sie da in mir vermuten, Gemüt oder Seele
-oder was es derart geben könnte, der ist bei mir nicht vorhanden!
-Schale, nichts als Schale -- im Rechten und im Schlechten!”
-
-Marga war längst ernst geworden. Sie erschrak über die so wilde, alle
-Schranken vergessende Entladung, die mit Unreife und Mißklang in
-ihre eben noch so köstliche Einsamkeit und Harmonie einbrach. Seine
-Bekenntniswut verletzte sie und tat ihr wohl in einem Atem. Nie hatte
-ein Mensch, nie zumal ein Mann ihr so sein Innerstes gezeigt. Sollte
-sie stolz auf dies Vertrauen sein? War sie nur der zufällige Anlaß,
-die zufällige Zeugin dieser selbstvernichtenden Offenheit? Durfte sie
-auf ihr Herz hören, das trösten und helfen wollte? Auf ihr Gefühl,
-das beinahe mütterlich in ihr aufwallte: Gib von deiner Klarheit
-seiner Unklarheit! Schenke von deiner Kraft! Schenke, schenke mit
-vollen Händen! -- Lohnte es sich denn? Verlangte er überhaupt danach?
-Verschwende dich nicht! warnte es in ihr. Verschwende dich nicht!
-
-Perthes war verstummt. Er warf sich herum und starrte, von ihr
-abgewandt, hinaus in die Ebene, aus der schüchtern der Fluß im Licht
-des gestirnten Himmels aufleuchtete.
-
-Marga fand noch immer kein Wort.
-
-Jenes Schweigen herrschte zwischen beiden, das zwei Menschen
-beschleicht, wenn der eine sich schrankenlos ausgegeben hat und der
-andere noch nicht weiß, was er dagegen geben soll. Ein Schweigen, das
-zum Anfang oder Ende des Verstehens wird.
-
-Marga zitterte in ihrer Unschlüssigkeit.
-
-Wenn sie ihn jetzt hätte sehen können! Einmal ihm ins Gesicht schauen,
-daß dies Gesicht ihr rate, was sie tun oder lassen müsse! Sie strengte
-alle Kräfte ihrer Seele an, um den Mangel ihrer Sinne zu ersetzen.
-Wie durch einen geheimen Rapport fühlte sie, daß er sich innerlich
-langsam von ihr entfernte. Er räusperte sich; er begann sich über seine
-Preisgabe zu schämen, zu erzürnen. Ihr Zaudern wich. Sie durfte nicht
-in seiner Schuld bleiben. Eben war er im Begriff aufzuspringen und sie
-zum Abstieg aufzufordern, als sie die Sprache fand. „Ich glaube doch
-an den Kern, den Sie sich absprechen, Doktor Perthes,” sagte sie mit
-leiser Bestimmtheit.
-
-„Doch? Immer noch?” erwiderte er nach einer Weile ausdruckslos. „Da
-sind Sie eine beneidenswerte Optimistin.” Der spöttische Ton, den er
-annehmen wollte, verlor sich in einer bitteren Niedergeschlagenheit.
-
-„All das Leidenschaftliche,” fuhr sie uneingeschüchtert fort, „was
-Sie vorhin sagten, sagten Sie ja nur deshalb, und deshalb nur so
-leidenschaftlich, weil Sie selber gern an einen solchen Kern glauben
-möchten und es nicht immer können.”
-
-Perthes erwiderte nichts. Er hatte das bärtige Kinn auf die Faust
-gestützt und sah Marga an. Ihre sanfte, klare Stimme wirkte auf ihn
-wie eine Kinderweise, die sich beruhigend ins Ohr schmeichelt. Sein
-Verstand sträubte sich gegen die einfache Wahrheit ihrer Worte; das
-Herz sog sie dankbar in sich.
-
-„Ich kann natürlich nicht wissenschaftlich mit Ihnen streiten,” hub
-Marga nach einer gedankenvollen Pause noch sicherer wieder an. „Ich
-habe in allen Dingen nur die Gewißheit meines Gefühls, und die sagt
-mir, daß es gar nicht zuerst auf die Meinungen ankommt, die man sich
-von der Welt und dem Leben und den Menschen so im allgemeinen macht,
-sondern auf das, was man aus sich selbst macht.”
-
-„Meinen Sie? Aber wenn man bald so ist, bald so? Wenn man nach zwei
-Seiten gezerrt wird? Wenn man, um recht trivial, aber anschaulich zu
-reden, die bekannten ‚zwei Seelen‛ in der Brust hat?”
-
-„Dann kommt es eben darauf an, durch welche von beiden man glücklicher,
-man mehr ‚man selber‛ ist!” erwiderte Marga überzeugt. „Wenn man das
-erst weiß, braucht man nur zu wollen.”
-
-„Und dafür sind Sie doch ein Mann! Sagen Sie das ruhig wieder dazu!
-Ich kann es ganz gut noch einmal hören!” Es war keine Bitterkeit und
-kein Spott mehr in seiner Stimme, sondern nur eine schwermütige, dumpfe
-Verzagtheit. Als sein Blick aus verlorener Weite zurückkam, suchte er
-Marga.
-
-Ihre Augen hatten einen warmen Glanz angenommen, der sie von innen zu
-erleuchten schien und ihre Blindheit vergessen ließ. Sie hatte sich
-höher aufgerichtet. Ihre Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß; die Haare
-über ihrer runden, ebenmäßigen Stirn bewegten sich sacht im Winde, der
-über den Berg fuhr. Von ihrem geschlossenen, in sich einigen Wesen
-ging eine stille, fast heitere Gewißheit aus, die Perthes mit Achtung
-erfüllte, einer Achtung, die er zuvor nicht empfunden hatte.
-
-„Und wenn ich's auf eine Probe ankommen ließe, ob Sie recht haben,
-Fräulein Marga?” meinte Perthes zögernd. „Wollten Sie mir ein klein
-wenig dazu helfen?”
-
-Sie überlegte. Nur einen Augenblick. „Das wollte ich!” sagte sie kurz
-und herzlich.
-
-Perthes stand auf, er reckte seine Arme und streckte die hohe, sehnige
-Gestalt. „Also auf gute Kameradschaft!” Es klang eine so ehrliche Wärme
-aus seinen Worten, wie er sie den ganzen Abend noch nicht gefunden
-hatte.
-
-Margas Gesicht wandte sich arglos und voll Güte zu ihm. Sie bot ihm die
-Hand.
-
-Er ergriff sie und, einer ungekünstelten Bewegung folgend, drückte er
-einen Kuß darauf.
-
-„Jetzt ist es aber höchste Zeit, daß wir hinuntergehen!” Auch sie war
-aufgestanden. Ihre Stimme zitterte von innerer Seligkeit, von frohem
-Stolz über diesen Beweis der Achtung.
-
-Sie wagte diesmal nicht, seinen Arm auszuschlagen, sondern ließ sich
-von ihm führen.
-
-Schweigend stiegen sie den Weinberg hinunter ...
-
-Von einer Bank im Blumengarten hörten sie lachendes Streiten. Es
-waren Elli und Wilkens. Sie waren also nicht die einzigen, die auf
-sich warten ließen. Weiter unten stießen sie auf Heddy Wilmanns und
-den dicken Burschenschafter. Mit diesen zusammen traten sie in den
-Hof, wo Jugend und Alter bei einer unerschöpflichen Erdbeerbowle
-durcheinandersaß. Papa Wilmanns hatte den Flanellstorch und die zwei
-Corvinen vorgenommen, denen er in der richtigen Bowlenlaune eine
-Philippika über die Streberei hielt. Sie hörten ihm mit stumpfsinniger
-Andacht zu, ohne sich getroffen zu fühlen. Der Geheimrat saß mit Frau
-Achenbach und Professor Borngräber in einer anderen Ecke und plauderte
-bei seiner sechsten oder achten Zigarre über Sommerferienpläne.
-
-Marga und Perthes setzten sich zu Käthe und Bertelsdorf, die,
-unterstützt von den beiden älteren Wilmannstöchtern, die gesamte
-Universität Spießruten laufen ließen.
-
-Es war lange nach Mitternacht, ehe das Gartenfest mit einem fröhlichen,
-von Papa Wilmanns inaugurierten und kommandierten Rundgesang sein Ende
-fand.
-
-
-
-
-4
-
-
-Der Alltag war wieder in seine Rechte getreten.
-
-Der heitere Sommerabend im Haus am Wenzelsberg war für alle Beteiligten
-eine liebenswürdige Erinnerung geworden. Nur für Marga und Doktor
-Perthes spann sich ein Stück Wirklichkeit daran. Die Freundschaft,
-zu der sie sich zusammengefunden hatten, gewann an ungezwungener und
-vertrauensvoller Herzlichkeit.
-
-Als Perthes vierzehn Tage nach dem Gartenfest am Hause vorbeigekommen
-war, hatte er Marga unter den Kastanien im Vorgarten sitzen sehen. Er
-war ohne Zaudern hinaufgegangen, um sie zu begrüßen. Sie plauderten wie
-zwei gute Kameraden miteinander. Ihm tat es wohl, sich auszusprechen;
-Einfälle, Stimmungen, Empfindungen mitzuteilen, die ihn gerade
-beschäftigten. Und sie verstand dankbar und still zuzuhören. Nur ab und
-zu warf sie ein Wort dazwischen, offen und einfach, wie sie es fühlte
-und dachte.
-
-Perthes wiederholte seinen Besuch.
-
-Bald am Vormittag, bald am Nachmittag kam er auf einen Sprung
-vorbei, und meist traf er Marga, die an den Ausgängen und Besuchen
-der Schwestern in der Stadt selten teilnahm, an ihrem Steintisch im
-Vorgarten, handarbeitend oder lesend.
-
-Gleich bei einem der ersten Male fügte es der Zufall, daß der
-Geheimrat, von einer Fakultätssitzung heimkehrend, die beiden beisammen
-fand. Perthes hatte Marga ein paar Sätze diktiert, die sie punktierte,
-und sie waren eben bei der Korrektur der Blindenschrift; sie bemerkten
-den alten Herrn nicht eher, als bis er dicht hinter ihnen stand.
-
-Unter dem breitrandigen Schlapphut hervor schoß er bedrohliche Blicke.
-
-„Was wird denn da getrieben?” Richthoff stützte sich mit der einen Hand
-auf den Krückstock, mit der andern hatte er sich in den weißen Bart
-gefaßt.
-
-„Wir repetieren unser Pensum von Hemsbach, Herr Geheimrat!” Perthes
-erhob sich grüßend; sein Auge begegnete ruhig dem scharfen Blick des
-alten Herrn.
-
-„Wenn du nichts dagegen hast, will mir Herr Doktor Perthes ein wenig
-meine Kenntnisse auffrischen helfen,” setzte Marga aufrichtig hinzu.
-
-„Hm!” brummte Papa Richthoff unentschieden. Er überlegte, daß von
-Rechts wegen ein junger Mann und ein junges Mädchen sich keinen
-Unterricht tete-a-tete zu geben hätten. Aber schon im nächsten Moment
-sagte er sich auch, daß er Marga, die so viel entbehren müsse, nicht
-um eine im Grund unschuldige, bei ihr doppelt harmlose Zerstreuung
-bringen dürfe. „Sie hat wohl glücklich alles wieder verschwitzt, was
-sie konnte?” wandte er sich, dem Tisch näher tretend, an Perthes.
-
-„O -- es geht noch ganz leidlich!” meinte der Doktor.
-
-Der alte Herr ergriff das Blatt mit den vielen kleinen Punkten, die
-nach Zahl und Stellung dem Getast ihren Buchstabensinn vermitteln.
-Es entwickelte sich eine Unterhaltung über die Schrift, über
-Blindenbibliotheken und ihren Bücherschatz. Perthes, der, was er wußte,
-recht wußte, gab allerhand Auskünfte, die den Geheimrat interessierten.
-
-Das Ende war, daß Vater Richthoff Marga huldvoll am Ohr zupfte. „Das
-bitte ich mir aber aus, daß in vierzehn Tagen der Prolog zum Faust
-fließend gelesen und geschrieben werden kann, hörst du!” Mit einem
-jovialen Kopfschütteln verabschiedete er sich und verschwand im Haus.
-
-Seither konnten Perthes und Marga ihre Kameradschaft ungestört pflegen.
-Elli und Käthe neckten wohl manchmal die Schwester; aber da sie selber
-Perthes nicht ungern sahen, hatten sie gegen Margas unschuldige
-Eroberung nichts einzuwenden. Man gewöhnte sich daran, den Doktor als
-Freund des Hauses das eine oder andere Mal am Wenzelsberg zu begrüßen.
-
-Über tausend Dinge unterhielten sich Marga und Perthes. Über Großes und
-Kleines mit derselben Wichtigkeit der Jugend. Er brachte ein buntes
-Allerlei von Eindrücken mit, wie sie sich ihm an Menschen, in der
-Natur, bei seinen Arbeiten boten, und Marga sog diese Wirklichkeiten
-aus einer ihr nur durch die Phantasie erreichbaren Welt eifrig und
-dankbar ein. Was sie von den Schwestern, aus Büchern, durch sich selbst
-wußte, bekam Fülle und Zusammenhang. Sein vielseitiges Wissen nährte
-das ihre. Daß sie nichts Fremdes und Schiefes in sich aufnahm, dafür
-sorgte ihre durch die Blindheit geschärfte Spürkraft, ihr klarer,
-gesunder Sinn, der nichts annahm, was er nicht gebrauchen konnte. Die
-Ruhe und innere Freiheit, die durch frühes Entsagen, durch Einsamkeit
-und Leiden in ihr gereift, war die Gegengabe ihrer Freundschaft. Sie
-erkannte seine Natur, die ein Ganzes und Einfaches werden wollte und
-doch immer wieder durch entgegengesetzte Neigungen auseinanderstrebte,
-sich selber komplizierte und zerriß. Perthes seinerseits fühlte die
-Überlegenheit, die in der Stille und Bestimmtheit ihrer Seele lag.
-Aber sein Verstand sträubte sich mit zahllosen Gründen dagegen, diesem
-Gefühl nachzugeben. Daß sie, zehn Jahre jünger als er, ein Weib,
-eine Blinde, ihm durch ihre größere Ruhe Achtung abnötigen sollte,
-konnte ihm oft plötzlich lächerlich erscheinen, ihn empören, seinen
-verbissensten Widerstand erwecken. Dann riß er irgendeine schwierige
-Frage herbei, eine von den großen Fragen über den Wert des Daseins, und
-zersetzte alle „Schwindsüchteleien”, wie er es nannte, unter vollem
-Aufgebot seines Wissens und seiner Klugheit. Je lauter er wurde, um so
-stiller wurde sie; je mehr er sich erhitzte, um so gelassener hörte sie
-ihm zu.
-
-So bewies er gleich an einem der ersten Tage ihrer jungen Freundschaft,
-daß es nichts Vernünftiges gebe, als das tierische Werden und Vergehen;
-alle vermeintlich „höheren” Gedanken seien nichts als ebensoviele
-Illusionen, um über diese nüchterne Wahrheit zu täuschen. „Damit wir
-hübsch im Tretrad bleiben und nicht etwa herausspringen, weil uns die
-Sache zu albern wird!”
-
-Marga hörte ihm aufmerksam zu. Als er geendigt hatte, bemerkte er ein
-leichtes, heiteres Lächeln in ihren Zügen.
-
-„Sie -- Sie wissen das natürlich viel besser!” rief er empört.
-
-„O, gar nicht! Wissen werden _Sie_ es schon besser. Aber ich _fühle_ es
-anders.”
-
-„Fühlen! Fühlen! Mit Ihrem ewigen Fühlen! Das Gefühl ist gar nichts.
-Jeder Hund und jede Katze sind uns darin ebenbürtig. Gefühle sind für
-Kinder, sind Verschwommenheiten, Torheiten, Halbheiten, die Gedanken
-werden möchten und nicht können! Wollen Sie das nicht endlich einsehen?”
-
-„Nein. Ich _will_ es eben nicht einsehen,” meinte Marga ruhig. „Es
-gibt Gefühle, die weniger sind als Gedanken, und es gibt Gefühle, die
-mehr sind --”
-
-„Und mit welchem Recht?”
-
-„Mit meinem Recht. Ich will, daß das Leben den Sinn hat, dessen
-Wahrheit ich fühle -- ob Sie sie beweisen können oder nicht.”
-
-Perthes schüttelte den Kopf. Sein widerspenstiger Verstand war nicht
-überzeugt. Trotzdem beugte sich eben das Gefühl, das er so gering
-bewertete, vor dem ihrigen. Es war töricht, aber es war so. Und blieb
-so, ein Waffenstillstand bis zum nächsten Gefecht. --
-
-Ein Thema gab es, das sie im Gespräch nie berührten: Hilde König.
-
-Aus Äußerungen ihrer Schwestern, aus dem Klatsch, der in einer kleinen
-Stadt auch nur entfernt bekannte Menschen mehr oder minder verbindet,
-wußte Marga, daß ihr Freund seine Verehrung für die kleine Uferschöne
-mit den Taubenaugen und den losen blonden Haaren ganz und gar nicht
-aufgegeben hatte. Man sah ihn häufiger denn je die Uferstraße entlang
-pilgern, sei es allein, um sie auf ihrem Balkon zu sehen, oder mit ihr
-zusammen, wenn er ihr mehr oder minder absichtlich begegnet war und sie
-heimbegleitete. Auch im Stadtgarten tauchte er auf. Man sah ihn nicht
-selten im „Heiratskarussell”, das ihm anfangs so lächerlich vorgekommen
-war, an Hilde Königs Seite.
-
-Marga hatte sich vorgenommen, von sich aus nie wieder auf diese
-Angelegenheit zurückzukommen, aber je vertrauter sie und Perthes
-miteinander verkehrten, desto schwerer wurde ihr diese Zurückhaltung.
-Sie kannte ihn jetzt genügend, um zu erraten, daß der augenfällige,
-liebliche Zauber der koketten Unschuld, die so geschickt zwischen
-Ernst und Kindlichkeit balancierte, seinen empfänglichen Sinn anziehen
-mußte. Vielleicht blieb es bei einer Spielerei. Vielleicht aber --
-und das machte ihr sein leidenschaftliches Wesen wahrscheinlicher --
-verfing er sich ernsthaft in diesem Spiel. So oder so: sie, Marga,
-durfte sich nicht einmischen. Zartgefühl und Stolz geboten ihr dies als
-ein Selbstverständliches. So oft ihre Gedanken und Gefühle über die
-ihnen gesetzte Grenze schweifen wollten, rief sie sie schroff zurück.
-Freilich nicht, ohne daß sie einen leisen Schmerz dabei empfand. Er kam
-von der Unklarheit, die zwischen ihnen beiden über dies eine bestehen
-bleiben mußte; von einer Sorge um ihn; einem bangen Gefühl, das in ihr
-keimte, ohne daß sie es noch fassen und zur Rechenschaft ziehen konnte.
---
-
-Ein recht unbedeutendes Erlebnis sollte sie über ihn und sich aufklären.
-
-Marga hatte es nach wie vor vermieden, sich wieder in der Abendstunde
-am Ufer spazieren führen zu lassen. Bis der Zufall es wollte, daß
-der Geheimrat eines Abends Elli mit dem Auftrag, sich ein bestimmtes
-Buch auszubitten, zu Professor Borngräber schickte, der in einem
-verwachsenen, kleinen Häuschen in der äußersten Uferstraße sein
-Junggesellenleben führte. Marga hatte ihre Schwester schon ein großes
-Stück Wegs begleitet, ehe diese mit dem Ziel ihres Ganges herausrückte.
-Als sie nun Einwände erhob, fiel die necklustige Elli mit all ihren
-Kobolden über sie her. Es blieb Marga nichts anderes übrig, als gute
-Miene zum bösen Spiel zu machen.
-
-Es war ein trüber, bedeckter Abend. Der Regen hatte kaum erst
-aufgehört. In der Allee am Fluß war es einsam. Die Sonne lag hinter
-dem grauen Gewölk, und der Fluß wälzte sich träg und schmutzig zwischen
-seinen Ufern hin.
-
-Elli und Marga beeilten sich, Borngräbers Haus zu erreichen, und
-entledigten sich schnell ihres Auftrags. Der Himmel sah nach neuen
-Regengüssen aus, denen sie lieber entgehen wollten. Aber sie hatten
-die Allee noch nicht zur Hälfte hinter sich, als die Tropfen
-niederklatschten. Eng duckten sie sich unter den gemeinsamen Schirm.
-
-Kurz vor dem Aufgang zur Brücke, am Ende der Allee, kam ihnen ein Paar
-entgegen, das sich gleichfalls in einen Schirm teilte.
-
-Elli mit ihrem hellen, flinken Blick hatte die beiden schon erkannt.
-„Perthes mit Hilde König!” flüsterte sie hastig Marga zu.
-
-„Wo denn?” Marga nahm sich zusammen, aber ihr Arm zuckte unwillkürlich
-in dem der Schwester.
-
-„Gerade vor uns! Er scheint sie mit seinem Schirm heimzubringen!”
-tuschelte Elli.
-
-Im gleichen Augenblick hörte Marga ihre Stimmen. Seine rauhe, hastige;
-ihre leichte, etwas gezierte und hüpfende. Dann verstummten beide. Sie
-hörte, wie die Schritte an Elli und ihr vorüberknirschten.
-
-„Das ist aber stark! Er hat nicht einmal gegrüßt! Er tut, als kennte
-er uns nicht, und dabei schwöre ich, daß er uns erkannte!” Elli
-war ganz erregt. Sie ereiferte sich, ohne auf Marga zu achten. So
-ein Drückeberger! Einfach beiseitezusehen! Und seine Bekannten zu
-verleugnen wegen diesem dummen, aufgeputzten Gör! Das sollte er von ihr
-zu hören bekommen!
-
-„Meinst du, daß er uns wirklich nicht sehen wollte?” forschte Marga
-nach einer Weile zögernd. Sie mußte alle Kraft aufbieten, um einer
-Erregung, die sie selbst bestürzt machte, Herr zu bleiben.
-
-„Schwören will ich darauf!” beteuerte Elli, und sie schilderte sein
-Benehmen mit erneuter Lebendigkeit.
-
-„Ich werde ihn fragen, warum er das tat,” erklärte Marga gepreßt.
-
-Der Regen floß jetzt in solchen Strömen, daß sie in der nächsten besten
-Haustür Schutz suchen mußten. Elli, die nie zu lange beim gleichen
-Thema blieb, erzählte vom bevorstehenden akademischen Ausflug. Marga
-hörte ihr krampfhaft zu, auch auf dem weiteren Nachhauseweg. Sie
-wollte, was sie bewegte, überdenken, wenn sie erst wieder allein mit
-sich war ...
-
-Da Vater Richthoff heute seinen Kegelabend hatte, wurde schneller als
-sonst Abendbrot gegessen.
-
-Nachher übten Käthe und Elli am Flügel im Wohnzimmer ein Duett.
-
-Marga konnte unbemerkt in ihr Zimmer im Dachstock hinaufsteigen.
-
-Oben holte sie ihre Geige hervor. Sie hatte lange nicht gespielt. Sie
-war keine Künstlerin. Ihr Spiel war technisch nicht weit über das
-hinausgekommen, was sie, noch ein halbes Kind, vor ihrer Erblindung
-gelernt hatte. Aber es war Musik in ihr, und diese brachte sie gerade
-durch die einfachen Mittel zu ergreifendem Ausdruck.
-
-Mit einer Hast, die ihr sonst fremd war, griff sie heute nach ihrem
-Instrument und stimmte es. Eine scheue Hast war es: sie wollte ihr
-übervolles Gemüt in Tönen erlösen und hatte doch zugleich eine Scheu
-vor dem Unbekannten, das die Töne ihr aus der Seele locken wollten.
-
-Ihr blonder, blasser Kopf war tief über die Saiten gebeugt, und die
-Hand führte zagend den Bogen. Die Augen hatte sie geschlossen, den
-Mund zusammengepreßt. Rauhe, gebrochene Klänge holte sie aus der
-Tiefe herauf. Sie verbanden sich zu einer ungefügen, schluchzenden
-Weise, gegen die sich nur langsam aus der Höhe die Töne eines weichen,
-unendlichen Verlangens hervorwagten. Aus der Tiefe war es der Schmerz
-ihres Lebens, das so tapfer niedergehaltene Weh, jung zu sein und
-entsagen zu müssen; aus der Höhe war es die Sehnsucht, die laut und
-lauter mit ihrer hellen Stimme nach Ziel und Erfüllung rief. Und je
-lauter dieser Ruf ward, je ungestümer er sich vordrängte und die
-Entsagung überbot, um so mehr erbebte und erschrak Margas Seele. Das
-Unbekannte, das sie gefürchtet hatte -- da war es! Da brach es hervor,
-nicht mehr zu unterdrücken, nicht mehr zu verkennen und zu mißdeuten:
-sie liebte! ... Wie ein Schauer, jubelnd und entsetzt zugleich, wogte
-es über die Saiten. Einen Augenblick verlor sie sich dabei. Ein zartes,
-fast heiteres Entzücken wollte sich regen. Dann riß sie mit einem
-grellen Strich über alle Saiten ihr Spiel ab. Sie ließ die Geige hart
-auf den Tisch fallen und warf den Bogen daneben. Sie drückte sich in
-die Ecke des Sofas: das Gesicht mit den Händen verdeckend, duckte
-sie sich und zog sich zusammen, als wollte sie sich in sich selber
-verbergen.
-
-Nach einer Weile warf sie die Hände hinter sich und spannte sie um die
-Lehne des Sofas. Als sähe sie die Gewißheit ihrer Empfindung außer
-sich, richtete sie mit allem Mut, den sie in sich fand, die Augen voll
-und fest auf einen fernen, brennenden Punkt. Und dieser Punkt dehnte
-sich aus, gewann Form und Ausdruck und Leben: es waren Max Perthes'
-Züge, die sie nie gesehen, die sie nur aus flüchtiger Beschreibung
-kannte, und die doch ihr inneres Gesicht so bestimmt gestaltete.
-Sie schaute und schaute. Die Augen gingen ihr über vor dem offenen,
-klaren Ja, das da _außer_ ihr stand. Aber sie ließ nicht nach und
-rang nach neuer Kraft: ebenso klar und unerbittlich mußte das Nein
-_in_ ihr werden. Sie klammerte sich an ihren Stolz. Perthes liebte
-sie nicht. Er fühlte sich von einem Mädchen gefesselt, das in allen
-Stücken ihr Gegenbild war; für das er sie verleugnete. Und sie sollte
-ihre heiligsten Empfindungen wecken, ihre tiefste Seele, ihr Bestes
-wegwerfen, nachwerfen? Niemals! Und hätte ihr Stolz es ihr erlaubt, so
-hätte die Vernunft es verboten. Für sie gab es keine Liebe. Sie, die
-Blinde, durfte von keinem Manne, auch wenn er es wirklich ihr geboten,
-das Opfer seines Lebens annehmen. Die Entsagung hatte recht, nicht die
-Sehnsucht. Wollte sie sich lächerlich und verächtlich machen? Wollte
-sie gewissenlos sein?
-
-Marga preßte ihre Hände ineinander und rang sie in ihrem Schoß.
-
-Sie zwang mit dem Nein ihres Willens das Ja ihrer Liebe. Es war, als
-müßte sie es erwürgen, und weil es ein Lebendiges war, sträubte es sich
-gegen den Tod und klagte und schrie, und ihre Hände taten ihrem Herzen
-weh, über alles Sagen und Denken weh.
-
-Unaufhaltsam, wider ihren Willen, löste sich Träne auf Träne aus ihren
-Augen.
-
-Dann war es mit einem Mal vorbei.
-
-Sie liebte ihn nicht. Es gab keine Liebe für sie, und es gab
-keine Liebe ohne Gegenliebe. Vielleicht gab es nicht einmal mehr
-Freundschaft zwischen ihr und ihm. Nachdem er sich so benommen wie
-heute am Abend.
-
-Marga stand auf und griff wieder nach ihrer Geige.
-
-Aber spielen, sich vollends freispielen -- das konnte sie noch nicht.
-Sie schloß die Geige in den Kasten und stellte sie beiseite. Dann ging
-sie zu den Schwestern hinunter, die jetzt zu singen aufgehört hatten
-und bei der Handarbeit im Wohnzimmer saßen. Sie plauderte mit, so gut
-es ging. Und es ging besser, als sie dachte ...
-
-Schon am nächsten Vormittag kam Perthes vorbei.
-
-Es war noch immer regnerisch. Er fand Marga nicht im Vorgarten. Als er
-im Haus nach ihr fragte, wies ihn Therese in den Salon.
-
-Er mußte eine gute Weile warten, ehe sie kam. Wie sonst wollte er ihr
-die Hand schütteln, doch sie reichte sie ihm nicht zum Gruß. Sie war
-durchaus nicht steif und unfreundlich, aber von einer Gemessenheit, die
-Zurückhaltung auferlegte.
-
-Perthes hatte ihre äußere Erscheinung meist nur obenhin betrachtet.
-Heute fiel ihm die besondere Weiblichkeit ihres Wesens auf, die Züge
-und Gebärden beherrschte: eine natürliche, anmutige Würde, die durch
-einen Schatten von Trauer noch gehoben wurde.
-
-Sie hatte ihn mit ein paar Worten in die Glasveranda gebeten, die dem
-Salon vorgebaut war.
-
-Auf einem Rundtisch von schwarzem Ebenholz mit bunt eingelegter Platte
-lag ihre feine Häkelarbeit. Sie setzte sich und ließ ihn gegenüber
-Platz nehmen.
-
-Ein Scherz über den feierlichen Empfang schwebte Perthes auf der Zunge.
-Er brachte ihn nicht hervor. Ihre schweigsame Ruhe war ihm unbehaglich.
-
-„Warum erzählen Sie mir nichts?” fragte Marga, nachdem sie einige Zeit
-gearbeitet hatte.
-
-„Ich dachte, _Sie_ würden mir erzählen. Mein Kopf ist heute schon
-ganz dumm vom Mikroskopieren. Ich wollte eine bestimmte Geschichte
-herausbekommen -- die Struktur eines Muskelgewebes, in dem -- doch das
-kann Sie nicht interessieren! Ich habe mich herumgequält und nichts
-gefunden. Um mir wieder guten Mut zu holen, bin ich zu Ihnen gekommen.
-Was haben Sie in den letzten Tagen getrieben?” Er sprach hastig und
-zerstreut. Seine Finger spielten nervös auf der Tischkante.
-
-„Da werden Sie nichts Interessantes zu hören bekommen! Vorgestern sind
-die Schwestern und ich über die Berge gegangen. Das Wetter war zu
-schön. Man konnte nicht denken, daß es so wie heute kommen würde. Wir
-waren auf dem Schweikhartshof, hin und zurück zu Fuß. Gestern” -- sie
-stockte -- „gestern war ein Tag wie alle.”
-
-„Das tut nichts! Erzählen Sie doch! Vom Morgen bis zum Abend! Gerade,
-wie Sie so einen Alltag verbringen, will ich wissen!” Es klang etwas
-Herrisches in seinen Worten, das Marga aufblicken machte. „Das möchte
-ich gern wissen,” verbesserte er sich.
-
-Sie gehorchte. Langsam berichtete sie die Tagesereignisse. „Und gegen
-Abend --” Hier stockte sie wieder.
-
-„Was war gegen Abend?”
-
-„Gegen Abend gingen Elli und ich spazieren. Das heißt, Papa schickte
-uns zu einem Kollegen, und wir kamen tüchtig in den Regen.”
-
-„Wo denn?” forschte er hartnäckig.
-
-Jetzt hob Marga ihren Kopf mit eigentümlicher Bestimmtheit auf.
-Sie antwortete nicht. Mit einem unwilligen Ruck stand Perthes auf.
-Beinahe hätte er den Tisch umgeworfen. Er trat an die Scheiben und
-blickte hinunter in den Vorgarten, wo der Regen von den Bäumen
-tropfte. Ungestüm strich er den krausen schwarzen Bart und blies einen
-pfeifenden Laut durch die Lippen. Dann brach er los. „Sie wollen
-wissen, warum ich Sie und Fräulein Elli nicht grüßte?” stieß er wütend
-hervor.
-
-Marga fuhr emsig in ihrer Arbeit fort.
-
-„So fragen Sie mich doch!” knirschte er gequält.
-
-Als Marga keine Anstalt machte, ihm zu Hilfe zu kommen, ergriff er den
-Stuhl, auf dem er gesessen, mit beiden Händen so heftig an der Lehne,
-daß er in den Fugen knackte. „Ich weiß ganz genau, daß das so nicht
-geht. Ich war einfach dumm und feig. So ungefähr wie der Vogel Strauß,
-der den Kopf in den Sand steckt, damit man ihn nicht sieht. Und so feig
-wie ein Mensch, der seine Freunde verleugnet, weil ...” Er vollendete
-den Satz nicht und ließ sich auf den Stuhl fallen. „Sie sind in vollem
-Recht, wenn Sie mir dafür den Laufpaß geben!”
-
-Marga hielt in ihrer Häkelei inne. Ihre Züge hatten sich aufgehellt.
-„Da Sie so ehrlich sind, braucht es das nicht!” sagte sie einfach.
-
-„Ehrlich! Ehrlich! Ich hätte viel früher ehrlich sein sollen! Ist das
-Freundschaft, wenn einer dem anderen das Wichtigste verbirgt, was mit
-ihm vorgeht? Ich bin in das Mädchen, mit dem ich Ihnen gestern abend
-begegnete, verliebt. Wußten Sie das?”
-
-Marga nickte kaum merklich. Sie wußte es. Und doch meinte sie, es erst
-seit diesem Augenblick zu wissen -- so schnitt ihr sein Bekenntnis
-in die Seele. Sie sah voraus, daß er ihr jetzt sein ganzes Herz
-ausschütten würde, genau wie damals, als sie am Gartenfest auf dem
-Weinberg beisammensaßen und er seine Zerrissenheit vor ihr aufdeckte.
-Das Weib in ihr, dessen Liebe sie niedergezwungen, wehrte sich gegen
-die Qual dieses Mitwissens. Die Freundin, der sein Vertrauen galt,
-mußte geduldig zuhören. Der Faden verwirrte sich unter ihren zitternden
-Fingern. Sie beugte sich tiefer und tiefer über das Gewirr und schien
-ganz damit beschäftigt, es zu lösen.
-
-Und Perthes, der von dem, was in ihr vorging, nichts ahnte, begann in
-abgerissenen Sätzen, nur von sich und seinen Gefühlen erfüllt, seine
-Beichte. Er schilderte, wie das hübsche Ufermädchen ihn gefangen
-genommen. Allmählich, ohne daß er es wußte und wollte. Fester und
-immer fester. Wie er sie zuerst sah, im Stadtgarten; wie sie ihm mit
-der Musikmappe begegnete; wie er ihr Haus am Ufer entdeckte und immer
-wieder dort vorbeiging; wie er sie angesprochen, sie begleitet --
-alles schilderte er mit der mitleidlosen Genauigkeit eines Menschen,
-dem es wohltut, das, was er bisher in sich verschlossen, herausgeben
-zu dürfen. Leidenschaftlich zeichnete er den Eindruck von Hilde
-Königs äußerer Erscheinung. Ihre leichte, frische Kindlichkeit; ihre
-mädchenhafte Zurückhaltung neben ihrer selbstsicheren Freiheit. Erst
-als er von ihrem inneren Wert zu sprechen anfing, wurde er ungewisser.
-Seine Unklarheit über diesen Punkt, seine Zweifel verrieten sich
-in allgemeinen Behauptungen. „Sie ist nicht abgründig tief, nicht
-problematisch! Sie hat sicher nicht mehr Verstand als tausend Frauen.
-Oh -- Schwersinnigkeit und Schwerlebigkeit, damit kann ich selber
-aufwarten! Was ich brauche, was ich bei den Frauen liebe, ist
-das Leichte, Duftige, Sonnige! Was über die eigenen unzufriedenen
-Grübeleien fortträgt! Was das Leben, statt zu Ekel und Last, zum
-schönen Spiel macht! Es taugt nichts, wenn zwei schwere Naturen sich
-zusammentun: sie reiben sich wund. Ein Falter muß es sein, der zu einem
-Kriechtier, wie ich es bin, paßt. Glauben Sie das nicht auch, Fräulein
-Marga? Hab' ich nicht recht? Sie wissen, wie ich bin. Sie als Freundin
--- Sie müssen mir raten! Sie kennen ja mich und meine Unrast und
-Verschrobenheit.”
-
-Eine unbeabsichtigte, nervöse Selbstironie klang durch seine mit
-Bildern überladene Sprache.
-
-Marga hatte es aufgegeben, den Faden ihrer Häkelarbeit zu entwirren.
-Sie hatte die Arbeit auf ihren Schoß sinken lassen. Bewegungslos
-empfing sie das Geständnis seiner Gefühle für eine andere. Zwei bittere
-Falten verlängerten die Winkel ihres schmalen, zusammengepreßten
-Mundes. Ihre Farbe war so durchsichtig, daß man das Blut an den
-Schläfen auf- und niedersteigen sah.
-
-Daß er seine Neigung für diese andere so leidenschaftlich aussprach;
-daß er das Mädchen mit überschwenglichen Farben malte und gerade vor
-ihr, Marga, die lockende, leichte Äußerlichkeit im Gegensatz zur
-Innerlichkeit, der sie zugehörte und als Blinde doppelt zugehörte, als
-sein weibliches Ideal in den Himmel hob -- das war es nicht, was sie
-am schwersten traf. Was ihr für den Augenblick alle Fassung rauben
-wollte und was über ihre Kraft ging, war die Gewißheit, daß er sich
-täuschte. Er täuschte sich über sich selbst, denn er war der Mann
-nicht, der an einem Schmetterling dauerndes Genügen fand. Er brauchte
-nicht eine Seele, die die seine über die Schwere der eigenen Natur
-und den Ernst des Daseins fortgaukelte, sondern eine, die sich mit ihm
-zusammen durchkämpfte und darüber emporhob. Er täuschte sich aber auch
-über Hilde König. Wenn Marga das nicht schon vorher gewußt hätte: seine
-Schilderung konnte ihr keinen Zweifel darüber lassen. Das Mädchen war
-nicht das unschuldige Kind, das er in ihr sah. Das Kind war vielmehr
-er, den seine praktische Unkenntnis weiblichen Wesens irreführte. Die
-Einfachheit, die er hinter ihrer schimmernden Jugendlichkeit vermutete,
-war Leere, und die selbstsichere Freiheit wurzelte in einem kühlen,
-berechnenden Herzen. Und er mußte seine Täuschung behalten. Sie, die
-Freundin, durfte nicht reden. Dazu hatte sie kein Recht, weder vor
-ihm noch vor dem Mädchen, das er liebte. Das war es, was Marga vor
-Schmerz und Bitterkeit erstarren machte; sie noch immer schweigen und
-bewegungslos dasitzen ließ, als er längst geendigt hatte.
-
-„Sie sagen ja gar nichts! Reden Sie doch! Ich will wissen, wie Sie
-darüber denken!” drang Perthes vorwurfsvoll in sie. „Kennen Sie Hilde
-König?”
-
-„Nein, ich kenne sie nicht,” kam es leise von Margas Lippen. Sie sagte
-nicht die volle Wahrheit, aber sie konnte nicht anders.
-
-„Ich habe sie Ihnen geschildert. Sie können sich gewiß ein Bild von ihr
-machen, Fräulein Marga.”
-
-„Auch das nicht!” gab sie noch leiser zurück. Sie war fest
-entschlossen, sich kein Urteil von ihm abzwingen zu lassen. Der
-Gedanke, daß sie dem Mädchen unrecht tun und die entfernteste
-Eifersucht ihre Meinung trüben könnte, bestärkte sie nur in ihrem
-Vorsatz.
-
-„Aber raten können Sie mir doch! Sie kennen mich! Sie müssen
-beurteilen können, ob ein Geschöpf, wie ich es Ihnen schilderte, das
-ist, was ich brauche. Ob Sie glauben, daß ich auf der rechten Fährte
-bin und mein Glück finden kann. Sie predigen mir ja immer, ich soll
-mich mehr auf mein Gefühl verlassen als auf meinen Verstand!”
-
-Marga hätte ihm antworten können, was sie ihm kürzlich geantwortet
-hatte: daß es Gefühle gäbe, die unter den Gedanken, und andere, die
-über ihnen stünden; aber sie wollte nicht. „Wenn Sie Ihres Gefühls
-so sicher sind, brauchen Sie meinen Rat ja gar nicht,” sagte sie
-ausweichend.
-
-„Und das heißen Sie Freundschaft? Verzeihen Sie, Fräulein Marga, aber
-jetzt sind wir quitt. Sie verleugnen mich innerlich genau so, wie ich
-es gestern äußerlich tat!” In unwillkürlicher Erregung schlug er mit
-dem Absatz mechanisch auf den Fußboden. Seine großen, braunen Augen
-schossen zornige Blitze auf ihr Antlitz, in das die verborgene Qual
-dieser Stunde trotz aller Beherrschung mehr und mehr ihre Zeichen
-grub. Wäre er weniger nur mit sich beschäftigt gewesen, so hätte ihm
-ihre Veränderung nicht entgehen können. So wiederholte er nur noch
-ingrimmiger: „Und das heißen Sie Freundschaft?!”
-
-Marga straffte sich in ihren Stuhl zurück. Die Härte seines Vorwurfs
-gab ihr einen Teil ihrer Kraft wieder. Doch ehe sie antworten konnte,
-fuhr er aufgeregt fort: „Ich, der Freund, habe Ihnen mit einer
-Offenheit, wie ich sie sonst keinem Menschen zeige, gesagt, wie es um
-mich steht, und Sie, die Freundin --”
-
-„Ich, die Freundin,” unterbrach ihn Marga mit bebender Stimme, „bin
-so offen wie Sie. Deshalb sage ich Ihnen: Was Sie von mir fordern,
-geht über die Freundschaft. Und wenn Sie mir dafür Ihre Freundschaft
-aufsagen wollen, Doktor Perthes! Was Sie von mir verlangen, kann keine
-Frau einem Mann erfüllen. Über Ihre Liebe müssen Sie selber mit sich
-einig werden. So wenig ich Ihr Leben für Sie leben kann, ebensowenig
-kann ich mich für diese Liebe verantwortlich machen. Aus Klugheit kann
-ich das nicht. Aus Selbstachtung nicht. Und aus Achtung vor Ihnen
-nicht!”
-
-Perthes sah sie mit aufgerissenen Augen verwundert an. Die Gegenwehr,
-zu der sich ihr gemartertes Herz aufgerafft, um sich von dem
-Unmöglichen zu befreien, mit dem er sie peinigte, gab ihren Worten
-einen Ton von so leidenschaftlicher, bitterer Entschlossenheit, daß er
-sie kaum mehr erkannte. Eine stürmische Blutwelle hatte ihr Gesicht mit
-jäher Röte übergossen. Ihr Mund, ihre Stirn zuckte von schmerzlichen
-Falten. In ihren Augen glomm es wie ein Funke des Sehens. Dann sank sie
-erschöpft in ihre frühere Regungslosigkeit zurück.
-
-Ein so schlechter Beobachter Perthes bis jetzt gewesen: für einen
-Moment war es ihm, als risse der Blitz eine meilenferne, ungeahnte
-Landschaft in sein Gesichtsfeld. Ob diese Blinde mehr für dich
-empfindet, als du ahnst? Ob sie dich liebt? -- Eine Sekunde nur, und
-die Vermutung, die ihm unsinnig dünkte, war ausgelöscht. Nur der
-Respekt vor ihrem unbeugsamen Willen erfüllte ihn und dämpfte seinen
-Ärger. Seine Verstimmung kehrte sich gegen ihn selbst.
-
-„Lassen wir's gut sein! Ich überspanne die Pflicht der Freundschaft,
-wie ich alles überspanne. Ich werde ein andermal anspruchsloser sein,
-Fräulein Marga.” Er hatte sich erhoben und verabschiedete sich.
-
-Der Druck seiner Hand kam Marga kühl und abwesend vor. Sie hätte ihn
-gern wie sonst nach der Tür begleitet. Aber ihre Kraft reichte nicht
-aus.
-
-Als er längst gegangen war, saß sie noch immer reglos und ohne die
-Arbeit wieder aufzunehmen an dem eingelegten Ebenholztisch in der
-Glasveranda. Der Regen schlug dumpf gegen die Scheiben. Eine starre
-Gleichgültigkeit und Öde lähmte ihre Sinne und Gedanken. Mochte die
-Freundschaft zu Ende sein -- was lag ihr noch daran! Sie hatte nicht
-anders gekonnt ...
-
-Es sah allerdings danach aus, als sei es nach dieser grundsätzlichen
-Auseinandersetzung mit der erst vor einigen Wochen geschlossenen
-Freundschaft tatsächlich zu Ende. Tag um Tag verging, ohne daß Perthes
-sich wieder im Haus am Wenzelsberg sehen ließ. Für Marga war es eine
-Zeit voll Sorgen und Selbstanklagen. Das quälerische Auf und Ab und
-Hin und Wider ihres Herzens ermüdete sie so, daß sie bisweilen am
-hellen Tag von einem kurzen, erquickungslosen Schlaf befallen wurde.
-Hundertmal wiederholte sie sich, was sie an jenem kritischen Vormittag
-gesprochen und wie sie sich voneinander getrennt hatten. Jedes seiner
-Worte, jedes der ihren wog sie ab und wandte es nach beiden Seiten.
-War sie zu schroff gewesen? Hatte sie nicht doch mit ihrer strengen
-Scheidung von mein und dein die Pflicht der Freundschaft verletzt?
-Sie mußte ihm lieblos und egoistisch vorgekommen sein. Er konnte die
-Beharrlichkeit nicht verstanden haben, mit der sie ihm ihren Rat
-verweigerte. Warum sagte sie nicht ehrlich: Sie irren sich über das,
-was Sie brauchen! Sie täuschen sich über sich selbst und über das
-Mädchen, das Sie zu lieben meinen. Ihre Tiefe braucht nicht Oberfläche,
-sondern wieder Tiefe. Sie brauchen ... Margas Gedanken stockten. Es
-überfiel sie wie Scham; als hätte sie gesprochen, was sie nicht durfte,
-das Geheimnis ihrer Liebe preisgegeben, ihm zugerufen: Mich, mich
-brauchst du! Ich verstehe dich besser, als du dich selbst verstehst!
-Ich kann dir aus meiner Stille und Klarheit die deine finden helfen --
--- Wie? Sie hätte sich angeboten? Sie, Marga, die Stolze, Verschlossene
-und Einsame! Schande, Schande, es nur zu denken! Nicht ein Wort durfte
-ihn auf den Gedanken ihrer Liebe bringen. Sie hatte schweigen müssen.
-Die Pflicht, die sie vor sich selbst hatte, war und blieb die höhere,
-und wenn sie daran verbluten sollte ...
-
-Wenn sich Marga so immer wieder zum selben Ergebnis durchkämpfte -- die
-Sorge um Perthes konnte sie damit nicht verbannen. Sie wuchs mit jedem
-weiteren Tag, den er fernblieb. Das untrügliche Ferngefühl, das ihre
-Seele wie einen Ersatz für die erloschenen Augen in ihr ausgebildet
-hatte, war seltsam wach in ihr: die Enttäuschung über Hilde König
-mußte unaufhaltsam über ihn kommen. Vielleicht war sie schon da,
-und Perthes war unter den Trümmern seiner hochgestimmten Hoffnungen
-niedergebrochen. Maßlos, wie er war, mußte die Ernüchterung alles in
-ihm umstürzen. Wohin ihn dann seine Leidenschaftlichkeit trieb -- wer
-konnte es ausdenken? Marga sah sich von einer grausamen Furcht gepackt.
-Sie forschte nach allen Seiten, um unauffällig eine Nachricht über ihn
-zu erhaschen.
-
-Es war wenig und widersprechend genug, was sie erfuhr.
-
-Elli und Käthe lebten und webten in den Vergnügungen des
-Sommersemesters. Bald war es eine Damenkneipe, zu der die Erlaubnis
-dem alten Herrn abgelistet werden mußte, bald ein Stiftungsfest mit
-Ausfahrt oder ein verspäteter musikalischer Tee -- eine Neuerung im
-gesellschaftlichen Leben, die Vater Richthoff grimmig verabscheute.
-Begreiflich, daß die beiden jungen Mädchen dabei von ihren Gedanken
-und Empfindungen, von „ihren” Herren zu erfüllt waren, als daß sie
-auf Doktor Perthes, den man ja doch nirgends traf, geachtet hätten.
-Elli wollte ihn in einem weißen Tennisanzug gesehen haben: vielleicht
-gehörte er neuerdings zu dem Sportklub, in dessen Mittelpunkt
-Fräulein Exzellenz, Alice Hupfeld, stand. Es war dies ein Kreis, der
-dem Richthoffschen so fern stand, daß er ihn trotz der akademischen
-Beziehungen kaum berührte. Ein andermal berichtete Käthe, Perthes hätte
-seine Spaziergänge in der Uferstraße so gut wie ganz aufgegeben. Das
-hatte sie von ihrer Freundin Lizzie gehört, die ja dort wohnte. Endlich
-war er mit Hilde König eines Abends im Stadtgarten gesichtet worden.
-Lauter Nachrichten, die Marga nur hin und her rissen, zu Vermutungen
-brachten, die sich nicht zusammenreimen ließen, sondern sie nur noch
-unruhiger und trauriger machten.
-
-Die dritte Woche war angebrochen.
-
-Perthes kam so wenig wie in den beiden vorigen.
-
-Nun fiel sein Ausbleiben auch den Schwestern auf. Käthe bemerkte
-gelegentlich zu Marga, die Mediziner wären eben doch „immer”
-unzuverlässig. Elli, die aus ihrer Neigung für Wilkens heraus etwas von
-Margas Kummer witterte, erklärte, von der altklugen Weisheit Käthes
-angesteckt, ein Mann, der sie wegen eines anderen Mädchens nicht
-grüßte, wäre ihr so viel wert: sie blies höchst geringschätzig über
-ihren Handrücken. Dann schloß sie unvermittelt Marga in die Arme, küßte
-sie und versicherte: „Ich, Margakind, ich bin eben doch dein einziger,
-getreuester Liebhaber! Das merk dir und verrate mich nicht für solche
-Bazillengucker!” Der Spaß war harmlos und ehrlich gemeint. Daß er dabei
-so herzhaft weh tat, ahnte Elli nicht von ferne.
-
-Und zu guter Letzt ließ sich bei einem Mittagessen sogar der Geheimrat
-vernehmen: „Was macht denn dein -- dein -- na, wie heißt er denn? Der
-Sparafantel aus Hemsbach, der dich unterrichten wollte?”
-
-Marga zuckte die Achseln. Ehe sie antworten mußte, fiel dem alten Herrn
-glücklicherweise eine Briefschuld an Schlutius in Bonn aufs Herz.
-Darüber vergaß er völlig, seine Frage zu erneuern. --
-
-Gegen den ihr sonst so lieben Platz im Vorgarten hatte Marga eine
-merkwürdige Abneigung bekommen. Als Tag um Tag verstrich, ohne daß
-Perthes mit seinem eiligen Schritt die Treppe heraufkam, um sich
-neben sie unter die Kastanien zu setzen, wurde ihr der Ort, der Zeuge
-freundlicher Stunden gewesen war und jetzt ihre Erwartung immer aufs
-neue trog, unerträglich. Sie zog es vor, die Zeit, in der sie sich
-selbst überlassen blieb, in der Geißblattlaube zuzubringen, am Ende des
-Blumengartens, dort, wo die ersten Stufen zu den Obstbäumen führten.
-
-Es war ein besonders warmer, fast schwüler Vormittag, als sie dort, wie
-gewöhnlich, saß. Sie hatte eins ihrer Blindenbücher mitgenommen, von
-denen sie eine kleine Bibliothek besaß, die zu Weihnachten oder zum
-Geburtstag ihre stetige Ergänzung erfuhr. Der große, beleibte Band --
-Storms „Schimmelreiter” -- nahm aufgeschlagen beinahe die Hälfte des
-Tisches ein. Ihre Finger tasteten von Punkt zu Punkt, und ihre Lippen
-lasen leise mit.
-
-Im Schatten der dichtgewachsenen Blätter, die das Sonnenlicht zu einer
-goldgrünen Dämmerung dämpften, saß es sich gut. Die schwermütige
-Versonnenheit der Erzählung wirkte beruhigend auf Margas wunde Seele.
-Sie war so in ihr Lesen vertieft, daß sie überhörte, wie jemand vom
-Hof heraufkam. Elli kehrte von der Stadt zurück. Den rosenumrankten
-Strohhut, der schief und keck über dem krausen blonden Haar saß, hatte
-sie in den Nacken zurückgeschoben, und das erhitzte Gesicht fächelte
-sie mit dem Taschentuch.
-
-„Uff! ich sag' dir, Margakind, das ist eine Hitze --”
-
-Marga sah auf und schob ihr Buch zurück.
-
-„Unausstehlich!” fuhr Elli fort, während sie sich neben sie auf die
-Bank setzte. „Du hast's gut hier im Schatten.”
-
-„Wo warst du denn?” fragte Marga.
-
-„Im Bad. Köstlich! Ich schwimme jetzt wie ein Fisch. Am liebsten hätt'
-ich gleich den ganzen Fluß ausgetrunken.”
-
-„Und dann hast du dich so heiß gerannt? Das ist aber töricht,
-Kleinchen!” meinte Marga, während sie Ellis Wangen berührte. „Du glühst
-ja wie ein Backofen!”
-
-„Ach was, dafür bring' ich dir auch eine Neuigkeit mit! Rate mal, was!”
-
-Marga konnte nichts erraten.
-
-„Es hat sich jemand verlobt,” half Elli. „Schon vor drei Tagen hat es
-in der Zeitung gestanden, und wir haben's übersehen. Rate, wer!”
-
-Marga schüttelte den Kopf. „Kenn' ich den ‚Jemand‛ überhaupt?”
-
-„O -- ich glaube wohl!”
-
-„Ist es eine von deinen oder von Käthes Freundinnen?”
-
-„Nein, durchaus nicht. Auch keine von deinen.”
-
-„Wo wohnt sie denn?”
-
-„Am Fluß. In der Uferstraße. Jetzt mußt du doch dahinterkommen!”
-
-Marga schrak unwillkürlich zusammen und erbleichte. „Hilde König?”
-fragte sie tonlos.
-
-„Erraten!” rief Elli. „Aber mit wem? Das errätst du noch viel weniger.
-Das --” Elli hielt in ihrem lustigen Bericht inne.
-
-Marga hatte alle Farbe verloren. Ihre Hände zitterten, und ihr Kopf bog
-sich zurück, bis er an der Wand der Laube, zwischen den Blättern einen
-Halt fand. Die Augen waren geschlossen, und die Lippen rangen nach Luft.
-
-Elli war aufgesprungen. Bestürzt schob sie ihr die Arme um die
-Schultern.
-
-„Aber Margakind! Was hast du denn? Was machst du denn? So sei doch
-verständig!”
-
-Plötzlich schoß ihr die Erklärung durch den Sinn. Sie erriet, welchen
-Namen Marga zu hören fürchtete, und begriff das ganze, ängstlich
-behütete, schwere Geheimnis der Schwester.
-
-„Aber nein! nein! nein!” rief Elli und umschlang sie noch fester.
-„Nicht mit dem! Nicht mit Doktor Perthes! Ganz gewiß nicht! Mit einem
-Gymnasiallehrer, den du gar nicht kennst! Du kannst mir's glauben,
-Margakind! Ich wollte nur einen Scherz machen! Ich hatte ja keine
-Ahnung, daß --” Sie bedeckte sie mit Küssen. Sie war unglücklich, den
-Tränen nahe, empört über sich und ihre Plumpheit und verwirrt durch
-das Neue, Unerwartete, das ihr die Erschütterung der Schwester zu
-verstehen gab.
-
-Marga schlug langsam die Augen wieder auf. Sie zitterte noch immer.
-Aber sie versuchte zu lächeln. „Wie dumm ich bin!” flüsterte sie.
-„So -- schwach zu sein!” Sie richtete sich auf und löste sanft Ellis
-Arme von ihrem Nacken. Eine rührende Mischung von Verlegenheit und
-Hilflosigkeit malte sich in ihrem Gesicht.
-
-Elli zog sie aus der Laube. „Komm! Komm! Im Hof ist's jetzt wundervoll
-kühl. Da gehen wir auf und ab!” Sie nahm Margas Arm und legte ihn
-sich um die Hüfte. Ihr ganzes überströmendes Herz war erwacht. Sie
-drängte sich, zutraulich wie ein kleiner Vogel, an Marga und suchte ihr
-teilnehmendes Verstehen durch verdoppelte Zärtlichkeit auszudrücken.
-Obwohl ihr tausend Fragen auf den Lippen schwebten, die zu unterdrücken
-für ihre Quecksilbernatur kein leichtes war, wartete sie eine gute
-Weile und schritt, Seite an Seite mit Marga, schweigend im schattigen
-Hof auf und ab. Dann drückte sie ihr den Arm. „Ich versteh' dich ganz,
-Marga! Du brauchst mir, wenn du nicht willst, kein Wort zu sagen.
-Ich versteh' dich und achte dich. Und was wir da in der Laube sagten
-und fühlten, gehört nur uns beiden allein! Ich denke mir nichts und
-erinnere dich nie daran. Husch -- ist es fort. Ich weiß nichts mehr
-davon!”
-
-Marga schüttelte den Kopf. „Nein, nein, Elli!” meinte sie ernsthaft.
-„Wenn ich mich schon verraten mußte, war's bei dir am besten. Denn zu
-dir hab' ich das meiste Vertrauen.” Es war ihr eine Erleichterung, zu
-reden. Die Qual der letzten Wochen, die ihr Inneres um und um gewühlt
-hatte, verlangte danach, sich auszuströmen. Erst scheu und zaudernd,
-dann tapfer und rückhaltlos enthüllte sie das Geheimnis ihrer Liebe;
-wie sie sie entdeckt und niedergekämpft hatte; wie sie sie für immer in
-sich verbergen und niederhalten wollte und mußte. Ihr Stolz und ihre
-Besonnenheit kräftigten sich wieder, während sie erzählte.
-
-Elli hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Sie war glücklich darüber,
-Margas Vertraute zu werden. Ihre Liebe zu Wilkens, die ja doch auch,
-freilich mit einem größeren Recht auf Wirklichkeit, in eine noch recht
-ferne Zukunft baute, wollte die hoffnungslose Entsagung für niemanden
-gelten lassen. Wenn man bisher stillschweigend immer nur angenommen
-hatte, Marga müsse ihren Weg durchs Leben allein gehen, so war das
-schließlich noch kein unumstößlicher Beweis, daß das Leben es doch
-nicht anders wollte. Und als Marga ihr Geständnis beendigt hatte, da
-ließ Elli ihrem fröhlichen Optimismus voll die Zügel schießen: nicht
-nur aus Mitgefühl, sondern in der ehrlichen Überzeugung und in dem
-heißen Wunsch, auch die Schwester, gerade sie in ihrer Dunkelheit,
-könne und müsse lieben dürfen und geliebt werden. Ihre jugendliche
-Phantasie ersann einen ganzen Roman, den sie glaubte und glauben machen
-wollte. Und Marga, auch wenn sie ungläubig blieb, hielt sich doch mit
-geheimem Entzücken an diesen Zuspruch. Ist ja doch kein Menschenherz,
-und zumal kein junges, so untröstlich düster, daß es nicht in seinem
-verborgensten Winkel mit einem Stäubchen Hoffnung spielte! Mehr und
-mehr erschloß sie sich dem Vertrauen, das sich ihr bot. Auch ihre Angst
-um Perthes, ihre Sorge, er möchte sich, wenn er nun die Verlobung Hilde
-Königs erfuhr, in seiner Verzweiflung verlieren, teilte sie mit Elli.
-
-Und das Kleinchen riet kühn und praktisch, was Marga selbst sich nicht
-zu raten wagte. „Weißt du was? Du mußt ihm einfach schreiben!” platzte
-sie siegesgewiß heraus.
-
-„Aber das geht ja nicht!” wandte Marga zaghaft ein.
-
-„Das geht nicht? Warum? Ich -- ich, ja weißt du, ich schreibe natürlich
-nie an Wilkens.” Elli wurde ein bißchen rot, weil ihr einfiel, daß sie
-doch schon geschrieben. „Aber das ist ja ganz was anderes! Unsereiner
-soll nun mal nicht an Herren schreiben. Dafür sehen und sprechen wir
-uns öfter. Und du -- bei dir ist das überhaupt ein Ausnahmefall! Du
-bist ein ganz anderer Mensch als wir. Du kannst dir ruhig das Recht
-nehmen. Auch als Freundin! Er kann's sogar beinahe von dir erwarten. Du
-mußt schreiben, Margakind! Glaub mir, du mußt!”
-
-Vom Eßzimmer klang Händeklatschen. Käthe erschien in der Tür. „Aber wo
-steckt ihr denn? Es ist ja Essenszeit! Schnell! Schnell!”
-
-Und Papa Richthoffs Stimme schallte paschahaft-unwirsch hinterdrein:
-„Was ist das für 'ne Wirtschaft! Ich soll wohl die Damen zu Tisch
-bitten?”
-
-Marga und Elli eilten, was sie konnten, ins Haus und zu Tisch.
-
-Während des Essens hatte Marga Zeit, sich Ellis Rat zu überlegen. Sie
-sah auch den Ausweg, zu schreiben, als den besten an. Die Bedenken, die
-ihr Gewissen nicht wegräumen konnte, beschwichtigte Ellis überzeugende
-Rabulistik. Überdies streichelte und zupfte das Kleinchen sie heimlich
-mehr als einmal unter dem Tisch und tuschelte ihr zu: „Es bleibt dabei.
-Du mußt! Gleich nachher!”
-
-Bis der alte Herr, der in seiner Kaisergeschichte gerade bei der
-Verschwörung des Parthenius und Stephanus gegen Domitian war,
-energisch brummte: „Keine Verschwörungen bei Tisch! Das lieb' ich
-nicht, Mamsell Plappertasche!”
-
-Kaum war die Mahlzeit vorbei, so verwickelten sich Elli und Käthe über
-eine selbst zu schneidernde Bluse in die dringendste Unterredung, der
-eine weitläufige Anprobe folgen mußte.
-
-Der alte Herr ging in den Weinberg, um die gewohnte Besichtigung auf
-Unkraut und Schnecken vorzunehmen, ehe die Sprechstunde begann. Eine
-Sprechstunde, die jetzt, mitten im Semester, meist in eine Ruhestunde
-überging, wovon jedoch niemand etwas wissen durfte.
-
-Marga hatte also Zeit und Gelegenheit, in der Dachstube oben den großen
-Schritt zu wagen.
-
-Eine Weile saß sie unschlüssig vor ihrem Briefbogen. Allerhand
-Formbedenken wollten in ihr aufsteigen. Es war doch immerhin furchtbar
-schwer und ungewöhnlich, daß sie an einen Herrn schreiben sollte. Dann
-überwand ihr natürlicher und gesunder Wille diese Kleinlichkeiten. Was
-hatte auch all das neben dem Ernst ihres Gefühls und der peinigenden
-Ungewißheit über des Freundes Zustand zu bedeuten! Sie setzte Punkt an
-Punkt und schrieb, wie es das Herz ihr eingab:
-
- „Lieber Herr Perthes!
-
-Sie kommen nicht mehr zu mir. Also komme ich mit einigen Zeilen zu
-Ihnen. Ihre Freundin ist in Sorge um Sie. Wenn Sie ihr noch böse sind,
-weil sie Ihnen neulich nicht raten wollte, so geben Sie ihr jetzt
-Gelegenheit, ihre Widerspenstigkeit gutzumachen und mit Ihnen zu reden.
-Mir ist, als könnte ich Ihnen ein ganz klein wenig helfen, wie es die
-Freundschaft soll und muß.
-
- Marga Richthoff.”
-
-Kaum war Marga fertig, so erschien Elli. Sie übernahm es, die Adresse
-zu schreiben.
-
-Dann wirbelte sie wie der Wind davon und steckte mit dem Hochgefühl,
-bei einer Großtat mitgeholfen zu haben, den Brief an der nächsten Ecke
-in den Kasten.
-
-
-
-
-5
-
-
-Fräulein Rosa Eschborn, Doktor Perthes' Mietswirtin, war an allerhand
-Logiergäste gewöhnt.
-
-In den fünfzehn oder zwanzig Jahren, in denen sie das schmale,
-dreistöckige Haus auf der Altstadtseite des Flusses besaß, hatte
-sie es längst aufgegeben, an ihre Mieter andere als sehr allgemeine
-Anforderungen zu stellen. Sie mußten leidlich pünktlich bezahlen. Sie
-durften ihre Möbel nicht kurz und klein schlagen. Sie mußten ihre
-Liebschaften vor der Tür lassen. Das waren die goldenen Grundregeln
-des langen, dürren Fräuleins mit dem wachsgelben Gesicht unter den
-plattgeklebten, grauschwarzen Haarsträhnen und dem Spitzenhäubchen, mit
-den leidenschaftslosen Augen und der ewigen, erdbeerfarbenen Matinee,
-von der man sich, so sauber sie war, niemals denken konnte, daß sie
-neu gewesen. Was über die Grundregeln ging, mochten die Herren mit
-sich selber ausmachen. Sie zuckte mit keiner Miene, wenn Herr Müller
-bis Mittag hinter seiner Tür schnarchte; wenn Herr von Maier, ein
-Korpsfuchs, bisweilen aus Versehen oder in alkoholischer Benommenheit
-auf der Treppe schlief; wenn Herr Schmidt die Beine zum Fenster
-hinausbaumeln ließ, die Zigarettenstummel auf den Boden warf, Kleider
-und Wäsche wie Kraut und Rüben im Zimmer durcheinanderstreute. All das
-ertrug und ordnete sie mit ergebenem Gleichmut. Ihre stille Genugtuung,
-ihr sittlicher Halt war das eine, daß sie nicht so, daß sie besser war.
-Nicht nur als ihre Mieter, sondern als die gesamte Welt. Um dessen
-ihren Herrgott zu versichern, war sie von einer gewissen stereotypen
-Frömmigkeit, die keine Predigt und keine Betstunde versäumte.
-
-Es mußte mit einem ihrer Mieter schon seine ganz besondere Bewandtnis
-haben, wenn Fräulein Eschborn sich zu wundern oder gar zu beunruhigen
-anfing.
-
-Dieser Sonderfall war nun aber mit dem Herrn auf Nummer eins -- so hieß
-die luftige Stube im dritten Stock mit der wie ein Vogelnest unters
-Dach geduckten Veranda -- eingetreten. Er war nämlich seit drei Tagen
-nicht zurückgekehrt.
-
-Am ersten Tag hatte das Fräulein gedacht, er schliefe. Es gab welche,
-die schliefen vom Abend bis zum Abend und die folgende Nacht durch.
-Solche Exemplare kamen vor. Wenn sie kein Frühstück und sonst nichts
-begehrten, so war das ihre Sache. Am zweiten Tag gegen Mittag klopfte
-die Eschborn an die Tür. Dreimal hintereinander. Als kein „Herein!”
-ertönte, überwand sie ihre jungfräuliche Scheu, klinkte, fand die Tür
-offen und steckte den Kopf mit dem Spitzenhäubchen schnüffelnd in die
-Stube. Da sie nichts wahrnahm, was sie aufklärte, drang sie gegen den
-Alkoven vor. Das Bett stand unberührt. Fräulein Eschborn schüttelte den
-Kopf. Am dritten Tag wiederholte sie dasselbe Manöver mit demselben
-Erfolg. Diesmal hielt sie ein kleines Selbstgespräch, öffnete ein
-Fenster und sah ziemlich verdutzt auf den Fluß hinunter. Ihr Gleichmut
-wankte. Sie ging den Schatz ihrer Erfahrungen durch, aber er ließ
-sie im Stich. Anno 1903 war einer gewesen, der auf zwei Tage zu
-Verwandten gereist war, ohne sie zu benachrichtigen. 1899 hatte einer,
-ein russischer Chemiker, vom Laboratorium weg plötzlich in die Klinik
-gemußt, um sich operieren zu lassen. Der hatte nach anderthalb Tagen
-nach Wäsche geschickt. Soweit sie die Lebensgewohnheiten ihres Mieters
-von Nummer eins überhaupt kannte, war er nicht der Regelmäßigste.
-Trotzdem -- das ging über alles Dagewesene -- drei Tage spurlos
-verschwunden! Fräulein Eschborn stellte vertiefte Betrachtungen an.
-Sie ging im Geist ihre Grundregeln durch. Keine war verletzt. Aber die
-erste vom Bezahlen schien jetzt in gewisser Gefahr. Konnte der Doktor
-sich französisch verabschiedet haben? Dagegen sprach, daß er sein Hab
-und Gut, sogar Mantel, Stock, die nötigsten Dinge, zurückgelassen
-hatte. Doch -- mochte es sein, wie es wollte -- sie entschloß sich, an
-Aufklärung zu denken.
-
-Sie ging nach dem Bakteriologischen Institut, denn sie entsann sich,
-daß Perthes von dort einmal den Diener gesandt hatte.
-
-Niemand, weder der Hauswart, noch der erste Assistent, noch Professor
-Hammann, wußte etwas von seinem Verbleib. Markwaldt hatte nur die
-tröstliche Auskunft: „Das verdrehte Huhn wird wieder mal seinen
-Laufkoller gekriegt haben!”
-
-Fräulein Eschborn war nicht befriedigt. Sie ging auf dem Rückweg ins
-Café Wagner, wo ihr Mieter zu essen pflegte. Der Doktor war dort seit
-vier Tagen nicht gesehen worden.
-
-Die Angelegenheit komplizierte sich.
-
-Gegen ihre Gewohnheit konferierte das Fräulein mit Perthes'
-Zimmernachbar, einem Referendar am Amtsgericht. Der gab ihr auf Grund
-seiner juristischen Kenntnisse den Rat, auf die Polizei zu gehen.
-Diesen äußersten Schritt verschob die Eschborn auf den kommenden
-Morgen. Ihr zwar erschütterter, aber noch immer achtungswerter
-Gleichmut sträubte sich gegen solche Exzentrizitäten. Auch hielt sie
-die Polizei für die natürliche Feindin aller anständigen Menschen.
-
-Und ihr Gleichmut behielt recht.
-
-Am folgenden Morgen, als sie in der Küche die nötigen Liter Wasser mit
-einem Aufguß von Kaffeebohnen und reichlicher Zichorie versetzte, wurde
-die Tür aufgestoßen, und Doktor Perthes erschien in einem Aufzug, der
-mehr als abgerissen war, auf der Schwelle. Der Lodenhut saß wie ein
-Fetzen über den zerzausten Haaren, und das Gesicht starrte blaß und
-übernächtig aus dem wirren Bart. Die weißen Sportschuhe waren über
-und über mit einer Kruste von Schmutz bedeckt. Der weiße, leichte
-Tennisanzug hatte sich grau und braun meliert.
-
-Fräulein Eschborn prallte erschrocken zurück. Sie wollte eben
-versichern, daß sie im Lokalwohltätigkeitsverein sei und keinen Pfennig
-gebe, als der Doktor rauh und herrisch nach Kaffee verlangte.
-
-Sie faßte sich. Ohne eine Frage zu wagen, goß sie ihm eine Tasse ein.
-
-Perthes trank sie in einem Zuge leer. Ebenso eine zweite. Mit einem
-barschen „Bin für nichts und niemand zu sprechen!” machte er kehrt und
-stieg die Treppe hinauf.
-
-Fräulein Eschborn dachte einen Augenblick betroffen über die
-Erscheinung nach. Sie schüttelte auch noch ein letztes Mal den Kopf.
-Dann war sie froh, daß keine Grundregel mehr in Gefahr war, zog sich
-in ihre jungfräuliche Selbstgerechtigkeit zurück und legte den Fall zu
-den Akten ihrer Erfahrung.
-
-Oben in seinem Zimmer warf sich Perthes, nachdem er die Schuhe in eine
-Ecke geschleudert, wie er war, auf sein Bett. Völlig erschöpft fiel er
-in einen bleischweren Schlaf.
-
-Erst gegen Abend weckte ihn ein tiefer, langhallender Donnerschlag.
-Er richtete sich auf und rieb sich die Augen. Draußen schoß der Regen
-in langen, glitzrigen Fäden hernieder. Fahle Wolken schoben sich
-träge über und an den Bergen entlang. Ein Hauch feuchter Luft quoll
-erquickend durchs offene Fenster herein.
-
-Langsam kehrte in Perthes die Erinnerung an die letzten Tage zurück.
-Er setzte die Geschehnisse, eines ums andere, in seinem Gedächtnis
-zusammen. Wie ein wunderseltener, tausendstrahliger Kristall, der
-mit jeder Stunde an Wert und Schönheit wuchs und sein Verlangen
-steigerte -- so war die Liebe zu Hilde König, der kindlichen,
-poetischen Ufernixe, in seiner Phantasie groß geworden. Alles
-außer ihr war vergessen und versunken. Seine sich übersteigernde
-Lust, diesen Kristall zu besitzen, trieb ihn nah und näher an das
-schimmernde Gebilde. Er streckte die Hände danach aus: da war es eine
-buntschillernde Seifenblase, die in eitel Dunst zerplatzte und zerfuhr.
-
-Als Perthes an jenem Vormittag, an dem er Marga seine Liebe zu Hilde
-König anvertraut, keinen Rat erhalten hatte und ganz auf sich selbst
-verwiesen worden war, hatte er einen letzten Versuch gemacht, die
-Leidenschaft, die ihn verzehrte, von sich abzuschütteln. Er zerpflückte
-seine Empfindungen und wollte sich klarmachen, daß er sich in einen
-Wahn hineingefühlt und hineingeredet hatte. Diese Liebe existierte so
-wenig, noch weniger als die Freundschaft, die eben erst so jämmerlich
-versagt hatte.
-
-Er ging nicht mehr am Ufer entlang, wie er sonst Abend für Abend getan.
-Er wich Hilde König aus, wenn er ihr begegnete.
-
-Um die törichte Liebelei vollends ganz aus sich zu verbannen, gab er
-sogar dem bisher erfolglosen Drängen Markwaldts nach und ließ sich in
-den akademischen Tennisklub einführen. Der freie, flotte Ton, der da
-herrschte -- so recht modern im Gegensatz zu der mehr altmodischen
-Innerlichkeit und Behaglichkeit des Richthoffschen Kreises --
-bestrickte ihn. Im Mittelpunkt stand Alice Hupfeld. Mit ihrer biegsamen
-Gestalt, ihrem kecken Gamingesicht, das herausfordernd aus einem
-leuchtenden Gewirr rotblonder Haare sprang, behexte sie die Herren
-und begeisterte die jungen Damen als Ideal eines schicken Mädels.
-Perthes war von ihrer launenhaften Art bald belustigt, bald geärgert.
-Er spielte mit Fräulein Exzellenz, wie sie mit ihm und mit aller Welt
-spielte. Nichts zu ernst nehmen, war ihre Devise, und diese Devise
-schien ihm wie gemacht für seine eigene erzwungene Stimmung ...
-
-Dann kam plötzlich der Rückschlag.
-
-Er hatte sich eingebildet, mit dem albernen Märchen am Flußufer
-fertig zu sein. Um sich dies vor sich selber zu beglaubigen, hatte
-er eines Abends wieder den gewohnten Gang gemacht. Hilde König war
-nicht auf ihrem Balkon. Sie plauderte mit einem der Herren des
-Ruderklubs unter der Haustür. Bei näherem Zusehen erkannte Perthes den
-Gymnasialprofessor, der die Boote von der Uferböschung aus mit der
-Schalltube zu kommandieren pflegte. Aller Vernunft zum Trotz wurde er
-von plötzlicher toller Eifersucht gepackt. Binnen wenigen Stunden war
-seine Leidenschaft heller und greller als je entfacht. Daheim, zwischen
-seinen vier Wänden, tobte er mit erregten Schritten auf und nieder.
-Er wollte ein Ende machen, eine Entscheidung herbeiführen um jeden
-Preis. Dies Hundeleben von Zweifeln und Kämpfen durfte nicht von vorn
-anfangen. Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einen Brief
-von vielen Seiten. Seine nervösen, unverbundenen Buchstaben flogen über
-das Papier wie ein Schwarm aufgescheuchter Krähen. Sich selbst, seine
-Natur mit ihren Fehlern und Vorzügen, seine Lebensauffassung, seine
-Gedanken über die Frau und über die Ehe, seine Aussichten im Beruf
-legte er in einem gewichtigen Referat nieder, wie es ein Beamter in
-ernstester Sache an seinen Ressortchef schreibt. Seine Gefühle faßte
-er volltönend zusammen: es gab nur einen Menschen, der ihn ganz zu dem
-machen konnte, was er sein wollte -- Hilde König. Daß er sie verehrte
-und liebte, mußte sie längst erraten haben; daß er ihr nicht völlig
-gleichgültig wäre, glaubte er jenem Blick und diesem Wort entnehmen
-zu dürfen. In einem kurzen Schlußsatz bat er deshalb allen Rechtens
-um ihre Hand. Wenn sie einverstanden war, wollte er mit ihren Eltern
-sprechen ...
-
-Als Perthes diesen Brief abgeschickt hatte, war er wie erlöst.
-
-Einen halben Tag lang kannte er sich nicht vor seliger
-Selbstzufriedenheit. Dann kam die Qual des Wartens von Post zu Post,
-des Hangens und Bangens von Morgen zu Abend und von Abend zu Morgen.
-
-Erst nach vier Tagen brachte der Briefbote ein zierliches Briefchen
-von lila Farbe, das Monogramm H. K. auf dem Rücken.
-
-Er riß es ungestüm auf.
-
-Die Antwort auf seine vielen Seiten bestand in vier oder fünf mit
-Kinderhand geschriebenen Zeilen: das bezaubernde kleine Ufermädchen
-schrieb, es sei über seinen Antrag außerordentlich betroffen und
-erschrocken; es hätte nie an so etwas gedacht und könne, jung wie es
-sei, auch heute noch nicht ernstlich daran denken ...
-
-Perthes war starr vor Überraschung.
-
-Er drehte die lilafarbene Briefkarte hin und her, als müßte er die
-eigentliche Antwort auf seinen kapitalen Brief erst noch finden. Daß er
-die ganze Erwiderung auf sein mit der Gründlichkeit eines Psychologen,
-dem Ernst eines gewissenhaften Mannes, der fieberhaften Wärme eines
-Liebenden geschriebenes Schriftstück in Händen halten sollte, begriff
-er erst im Verlauf von Stunden. Als er nicht mehr zweifeln konnte,
-zerriß er das Billettchen mechanisch in hundert Schnitzel und ließ sie
-aus dem Fenster flattern.
-
-Im Zustand öder Empfindungslosigkeit verbrachte er eine Woche oder mehr.
-
-Dann, eines Mittags, als er bei Tisch im Café Wagner den städtischen
-Anzeiger durchblätterte, fiel ihm eine liebevoll umzackte,
-schöngesetzte Anzeige in die Augen: Hilde König und Professor Enderlein
-empfahlen sich als Verlobte.
-
-Er las die Nachricht ein halbes dutzendmal. Bei der siebenten Lesung
-lachte er so laut und schallend, daß die Leute an den Nachbartischen
-ihn mißtrauisch anschielten, als hätten sie es mit einem Ausbruch
-plötzlicher Verrücktheit zu tun. Er hatte die Situation zu
-begreifen begonnen: der ernsthaftere und gediegenere Antrag des
-Gymnasialprofessors mit der Schalltube war geahnt worden, aber noch
-nicht eingetroffen, als der seine eintraf. Das kindliche Lilabriefchen
-verfolgte seine sehr klugen, dilatorischen Zwecke. Und als ...
-
-Perthes zog es vor, das Café zu verlassen, um nicht noch einmal der
-Gegenstand bedauernd-ängstlicher Blicke zu werden.
-
-Auf der Straße lachte er von neuem. Es klang dumpfer, härter,
-verbissener.
-
-Er schwänzte am Nachmittag das Institut. Gegen fünf warf er sich
-in sein Tenniskostüm und schlenderte den Fluß entlang, nach den
-Spielplätzen. Noch war er nicht an der Brücke vorbei, als seine
-künstliche Haltung zusammenbrach. Ein Sturm von Ekel, Verachtung,
-Schmerz und Wut ergriff ihn. Eine Weltverzweiflung ohnegleichen,
-ein Haß gegen sich und gegen die Menschheit insgesamt, gegen das
-ganze jämmerliche Erdendasein drohte ihn zu ersticken. Statt nach
-den Tennisplätzen lief er bis zum nächsten Dorf in der Ebene. Dann
-wieder bergwärts. In irgendeinem Wirtshaus an der Straße nächtigte er.
-In einem lichten Moment vertauschte er sein Tennisrakett leihweise
-mit einem Knotenstock. Drei Tage trieb er sich besinnungslos in den
-Bergen umher. Durch maßlose Anstrengungen suchte er den Aufruhr in
-seinem Innern abzumüden. Sein überreizter Kopf spielte mehr als einmal
-mit Selbstmordgedanken. Aber die Lilabriefkarte fiel ihm ein, die
-schöngezackte Verlobungsanzeige. Das Lächerliche, Niedrig-Komische, das
-in dieser Lösung einer von ihm bis in den Himmel gesteigerten Liebelei
-lag, bewahrte ihn vor der äußersten Torheit. Der „Laufkoller”, wie
-Doktor Markwaldt jenen Trieb getauft hatte, mit dem Perthes einer
-seelischen Unmäßigkeit durch eine körperliche Herr zu werden strebte,
-tat seine Schuldigkeit. Bis auf den Tod erschöpft, apathisch, innerlich
-und äußerlich abgerissen, kam er in Fräulein Eschborns Mietshaus zurück
-...
-
-Jetzt hatte er seine böse Wanderschaft ausgeschlafen wie einen Rausch.
-Was nachkam, war auch die grenzenlose Ernüchterung des Rausches.
-
-Perthes sprang vom Bett auf und trat ans Fenster.
-
-Das Gewitter vergrollte in der Ferne, dort, wo der Fluß zwischen
-einsamen Pappeln sich in der Ebene verlor. Die Sonne rang sich mit
-dunkelgoldenem Glanz aus dem abziehenden Gewölk, glitzerte sanft auf
-den Wellen und leckte die Dächer trocken. Die abendliche Luft in ihrer
-wiedergewonnenen Reinheit wehte kräftig gegen ihn.
-
-Mit Ungeduld entledigte er sich der beschmutzten Kleider. Als gelte
-es, mit dem körperlichen Menschen auch den seelischen reinzuscheuern,
-überschwemmte er sich und die halbe Stube mit Wasser. Erst als er sich
-von Kopf bis zu Fuß umgezogen hatte, gab er Ruhe und setzte sich in den
-rohrgeflochtenen Schaukelstuhl. Mit seltener, kühler Klarheit hielt er
-Kritik über sich und sein Dasein in den letzten Jahren. Wenn er alles
-Drum und Dran an aufgeputzten Gedanken und verstiegenen Gefühlen abtat,
-erschien er sich wie ein großer, unreifer Junge, der mit den Gliedern
-seines Leibes so wenig anzufangen wußte wie mit den Fähigkeiten seines
-Geistes und darum beide mißbrauchte. Er war kein Mann. Mochte er sich
-vormachen, was er wollte: dem bißchen Leben, das da auf ihn zugekommen
-war, um ihn zu prüfen -- dieser Verliebtheit und ihrer Enttäuschung
-hatte er seinen Mann nicht gestellt. Wie ein Junge -- jawohl, wie ein
-Junge hatte er in ohnmächtiger Wut den Boden gestampft, geschrien,
-geheult und war ausgerissen! Nicht mehr Zorn und Verzweiflung
-erfaßte ihn jetzt, sondern eine tiefe Traurigkeit, eine zerknirschte
-Beschämung, ein hoffnungsloses Gefühl des Verlassenseins. Er wie kein
-anderer gehörte zu den Männern, deren Schicksal sich an den Frauen
-entscheidet. Sein Charakter konnte nur in der Liebe Klärung, Halt,
-sich selber finden. All sein Suchen von Wissenschaft zu Wissenschaft
-galt doch nur der Leibhaftigkeit des Lebens und nicht dem Wissen. Er
-konnte nicht allein sein, weil er allein nicht mit sich fertig wurde.
-An einen Menschen außer sich mußte er sich klammern können, um seiner
-eigenen Kraft teilhaftig zu werden. Er mußte weiter suchen und würde
-doch nur immer irren. Sein zufassendes Temperament, das stets zuerst
-das Ziel begehrte, ermattete vor der trostlosen Ziellosigkeit einer
-ewigen Irrfahrt. Die Erschlaffung des Herzens löste die des Körpers
-ab. So allein wie er war niemand. So zur Einsamkeit verdammt und zur
-Zweisamkeit geschaffen. Diese Erkenntnis hatte er gewonnen, und im
-gleichen Augenblick, wo sie sich ihm gab, drückte sie ihn zu Boden.
-
-Es hatte an die Tür seines Zimmers gepocht, ohne daß er darauf geachtet.
-
-Das Klopfen wurde wiederholt, und Perthes rührte sich nicht. Er hatte
-ja gesagt, daß er nicht gestört sein wollte. Vergeblich drückte der
-Einlaßbegehrende die Klinke nieder. Die Tür war verschlossen. Ein
-unwilliges Brummen ließ sich von draußen hören. Dann erfolgte ein
-Rascheln auf der Schwelle, und durch die Spalte unter der Tür schob
-sich ein Brief.
-
-Der Briefbote stapfte laut die Treppe wieder hinunter.
-
-Bei dem raschelnden Geräusch hatte Perthes unwillkürlich den Kopf nach
-der Tür gewandt. Er sah den eingeklemmten Brief.
-
-Der konnte warten.
-
-Schließlich erhob er sich doch und nahm ihn auf.
-
-Die Adresse war in einer kecken, schnörkellustigen Damenhandschrift
-hingeworfen, die er nicht kannte. Nachlässig öffnete er das Kuvert. Ein
-Bogen mit Blindenschrift fiel ihm entgegen.
-
-Marga Richthoff stand mit Bleistift, schief, aber in sicheren Zügen
-unter den Punkten.
-
-Halb neugierig, halb mißtrauisch las er die Zeilen.
-
-Er legte das Blatt auf den Tisch, stützte die Arme auf und beugte sich,
-den Kopf zwischen die Hände fassend, darüber.
-
-Da gab es also doch jemand, der sich um ihn kümmerte.
-
-Seltsam!
-
-Seine Mundwinkel zuckten bitter. Er überlegte. In den letzten
-Wochen hatte er blutwenig an Marga gedacht. Wenn sie einmal vor ihm
-auftauchte, drängte er sie in dem Mißbehagen über die unerfreuliche
-letzte Begegnung beiseite. Vollends in den Tagen seines unsinnigen
-Umhertreibens war sie für ihn wie ausgelöscht gewesen.
-
-Und jetzt ging von ihren paar Zeilen, die so einfach und gerade waren,
-ein eigentümlich beruhigendes, warmes Gefühl auf ihn über. Er verglich
-diese Zeilen im Geist mit dem nichtssagenden Billett von Hilde König,
-das seine Krisis eingeleitet hatte, und Margas Gesicht tauchte vor ihm
-auf: das weiche, verlittene und doch von einer inneren Sonne verklärte
-Gesicht der Blinden, ihre ruhigen Bewegungen, ihre sanfte Bestimmtheit
-in Wort und Ton. Er meinte die blicklosen, tiefen Augen mit ihrem
-anspruchslosen zarten Blau dringend und bittend sich zugewandt zu
-sehen. Wie mit einer geheimen Fernkraft, die in dem Stückchen Papier,
-den paar Punkten und den paar Buchstaben des Namenszuges ihre Leitung
-gefunden, wirkte ihr Wesen auf ihn. Noch nie war ihm die große, reife
-Stille dieses Wesens so lebendig nahegetreten. Warum hatte er sie nicht
-früher so klar erkannt wie jetzt? Warum hatte er ihr nicht fester
-vertraut? Warum hatte er sich so schnell abkühlen lassen und war
-nicht zu ihr gegangen, statt sich närrisch und kindisch auszutoben?
-„Ihre Freundin ist in Sorge um Sie” -- das waren die Worte, die er
-sich wiederholte und immer wiederholte. Sie wollte ihm helfen; sie
-hatte nicht wissen können, wie schwach er war, als sie ihn auf sich
-selber verwies. Jetzt, durch ihre Zeilen hatte sie ihm geholfen! Ein
-Hauch des Friedens, nach dem er sich sehnte, streifte ihn. Er war
-nicht ganz allein. Der Druck der Einsamkeit wich, und dafür wuchs eine
-leise Freude in ihm auf. Eine Dankbarkeit, die durch das Bewußtsein,
-Marga unrecht getan, sie verkannt, sie noch nie in ihrem vollen Wert
-geschätzt zu haben, zu einer Schuld wurde, die er abtragen wollte. Er
-mußte ihr etwas Gutes erweisen. Ihr seine Achtung, seine Verehrung,
-seinen Dank bezeugen. Und wie er nun einmal war, mußte er es gleich
-tun, gleich -- es duldete keinen Aufschub! Er hatte sie lange genug
-vernachlässigt!
-
-Eine Minute später stürmte Perthes die Treppe hinunter, die er am
-Morgen erschöpft heraufgekrochen war. Im Hausflur hätte er um ein Haar
-Fräulein Eschborn umgestoßen, die ihren Augen nicht traute, als der
-Doktor mit freundlichem Kopfnicken, vergnügt und tadellos gekleidet,
-an ihr vorbeischoß. Kein Zweifel -- der Mieter von Nummer eins gehörte
-einer Spezies zu, die ihr doch noch nicht vorgekommen war.
-
-Perthes lief, nur seiner Eingebung folgend, dem nächsten besten
-Blumengärtner in den Laden. Er wollte Rosen haben. Rote? Nein. Rote
-paßten nicht. Weiße? Die hatten etwas Trauriges. Rote und Weiße, so
-ungefähr einen Armvoll.
-
-Mit dieser Bürde eilte er nach der Straße am Wenzelsberg.
-
-Er sah weder rechts noch links. Er bemerkte deshalb nicht, daß
-unterschiedliche Spaziergänger, die ihm begegneten, über sein blindes
-Rennen und über seinen Arm voll Rosen die Köpfe schüttelten. Er sah
-auch Alice Hupfeld nicht, die, vom Sportplatz zurückkehrend, wo man der
-Nässe wegen doch nicht hatte spielen können, mit Markwaldt an einer
-Ecke plauderte und bei Perthes' Anblick eine vieldeutige Grimasse
-schnitt. Erst in der Nähe des Richthoffschen Hauses verlangsamte er
-seinen Lauf.
-
-Er sah auf die Uhr. Es war gleich halb acht. Soviel er sich entsinnen
-konnte, also die Zeit, wo bei Richthoffs Abendbrot gegessen wurde. Dann
-blickte er auf seine Rosen. Eigentlich -- genau genommen -- das, was er
-wollte, hatte seine Bedenken. Wenn ihm der alte Herr entgegenkam? Wenn
--- und wenn ... Ein Wenn ums andere verzögerte seinen Schritt.
-
-Er war dicht am Haus. Dort war der Vorgarten, über der Mauer, hinter
-der geflochtenen Eisenbalustrade. Er ging auf die andere Seite der
-Straße. Da saß richtig jemand unter den Kastanien. Es war Marga. Sie
-hatte sich eine Decke auf die Bank gelegt. Die Abendsonne hatte den
-Kiesboden leidlich getrocknet, und sie genoß die regenfrische Luft. Als
-er sie gewahrte, sank ihm erst recht der Mut. Die Scheu, nach dem, was
-er eben erst hinter sich hatte, unvermittelt vor sie hinzutreten, hielt
-ihn unschlüssig zurück. Sollte er umkehren? Bis morgen warten?
-
-Ratlos wandte er den Blick hinter sich, die Straße hinunter.
-
-Leicht und schnell kam ein junges Mädchen um die Ecke der nächsten
-Seitenstraße, in einer duftigen weißen Bluse.
-
-Es war Elli.
-
-Mit ein paar Schritten war Perthes bei ihr. Er grüßte: „Wollen Sie mir
-einen großen Gefallen tun, Fräulein Richthoff?” fragte er hastig und
-ohne Umschweife.
-
-Elli sah ihn aus schalkhaften Augen verwundert, ein klein wenig
-spöttisch an.
-
-„Bitte, geben Sie das Fräulein Marga!” Er reichte ihr seinen Bund von
-weißen und roten Rosen.
-
-„Aber, sie sitzt ja dort!” lachte Elli. „Bringen Sie ihr's doch selbst!”
-
-„Das geht nicht! Nein, nein --” wehrte Perthes und drängte ihr den
-Strauß in die Hände.
-
-„Und was soll ich bestellen?”
-
-„Gar nichts, oder doch --” Er überlegte. „Doch, sagen Sie -- sagen
-Sie, dem Freund sei geholfen! Er danke der Freundin!” Und als fürchte
-er irgendwelche Einwände, schwenkte er seinen Hut und machte sich
-schnurstracks davon.
-
-Elli besann sich nicht lange. Das Haustor erreichen, die Stufen
-hinaufspringen und auf Marga zueilen, war eins.
-
-„Da, Margakind, da!” Sie schob den duftenden Strauß der Schwester so
-heftig entgegen, daß diese betroffen zurückfuhr.
-
-„Aber was ist denn nur?” stammelte Marga.
-
-„Von Doktor Perthes!” erklärte Elli außer Atem und triumphierend. Dann
-wiederholte sie getreu seine Worte: Dem Freund sei geholfen. Er danke
-der Freundin!
-
-Und Marga ergriff das lockere volle Gebinde mit zitternden Händen. Sie
-vergrub ihr Gesicht tief, tief in die roten und weißen Rosen ...
-
-
-
-
-6
-
-
-Es war erst Anfang Juli und noch vier Wochen bis Semesterschluß.
-Trotzdem hatte Vater Richthoff, unerwartet und überraschend,
-beschlossen, zu reisen. Er brach seine Vorlesungen und Seminarübungen
-ab. Als ausgemachte Sache verkündigte er seinen Mädels, daß er nach
-Kissingen fahre. Käthe solle ihn begleiten. Es war Mittwoch. Bis
-spätestens Montag müsse man fahren können.
-
-Kein Wunder, daß dieser allerhöchste Ukas das Haus am Wenzelsberg von
-oben bis unten umkehrte. Die Mädels hatten, zum mindesten in der Idee,
-so viel zu tun, daß sie gar nicht wußten, wo anfangen. Es galt nicht
-nur tausend Dinge zu besorgen, sondern, was noch viel zeitraubender
-war, zu bereden. Nach den Gründen zu forschen, die den jähen Aufbruch
-des alten Herrn veranlaßten, getrauten sie sich nicht.
-
-Diese Gründe würde der alte Herr auch keinesfalls verraten haben. Sie
-waren ihm selbst erst zwei Tage vor dem Entschluß einleuchtend gemacht
-worden. Und zwar vom Arzt. Seine „Bande” brauchte von der fatalen
-Vorgeschichte nichts zu wissen.
-
-Am Montag war, wie alle vierzehn Tage, Kegelabend gewesen. Da pflegten
-sich der Geheimrat, Wilmanns, Borngräber und einige Freunde von
-verschiedenen Fakultäten gemütlich in einer bejahrten Schenke am
-Haspelgraben zu treffen und ihrer wissenschaftlichen Übersättigung
-im Kegelschieben Luft zu machen. Außerdem wurde auch das Neueste
-vom Neuen aus akademischen Kreisen kolportiert und glossiert. Nur
-so nebenbei, aber mit vernichtendem Witz. Jede Fakultät hatte dafür
-ihren Spezialisten. Den Klatsch der philosophischen bearbeitete Papa
-Wilmanns; den juristischen gab Geheimrat Roller, ein Epikureer mit
-ehrwürdigem Faungesicht, sehr pikant zum besten. Der theologische
-troff süß und lieblich aus dem sanften Mund des Professors Hegewald,
-eines beliebten Damenpredigers von weicher, hoher Christusgestalt;
-den naturwissenschaftlich-mathematischen brachte Krausewetter, ein
-dicker, sehr cholerischer Herr, der alle Entdeckungen anderer schon
-lange vorher gemacht und nur, da sie ihm nebensächlich erschienen
-waren, verschwiegen hatte. Dem medizinischen endlich widmete sich mit
-trockenem, sachlichem Spott Geheimrat Geismar, in seiner nüchternen,
-bescheidenen Zurückhaltung der wandelnde Gegensatz seines Kollegen
-Hupfeld, der vielbesprochenen chirurgischen Exzellenz, die, erhaben
-über das kegelnde Banausentum, ihre eigene, nicht minder einflußreiche
-Sphäre hatte. Man tat niemand weh in der Kegelbahn am Haspelgraben.
-Dafür sorgten gutmütige Brummgeister wie Richthoff und naive
-Kindergemüter wie Jakobus Borngräber. Aber man verschonte auch niemand.
-Auch sich selber nicht.
-
-Hier ereignete es sich nun, daß Vater Richthoff mitten im Spiel von
-einer Unpäßlichkeit befallen wurde. Professor Kreth, der liebenswürdige
-Direktor der Universitätsbibliothek, hatte gerade den klassischen
-Ausspruch eines norddeutschen Bibliothekars zitiert: Die Bibliotheken
-wären herrliche Institute, wenn nur das verdammte Publikum nicht wäre!
-Die Heiterkeit war allgemein. Richthoff trat als nächster Spieler
-an. Ehe er noch die Kugel abschieben konnte, wurde er von Schwindel
-befallen, schwankte und mußte von den besorgten Freunden geführt und
-niedergesetzt werden.
-
-Geismar sprang sofort bei.
-
-Etwas Äther, ein Glas Kognak genügte, um den alten Herrn wieder zu
-ermuntern. Er schlug die Augen auf. Als er sich dann von lauter
-verdutzten Gesichtern umgeben sah, lächelte er. „Na, mein lieber
-Hegewald,” scherzte er dem Theologieprofessor zu, „mit der schönen
-Grabrede ist es diesmal noch nichts!”
-
-„Ein Racheakt, Kollege Richthoff!” erklärte der gleich wieder spaßende
-Wilmanns. „Ein ganz infamer Racheakt Ihrer römischen Kaiser, sage ich
-Ihnen!”
-
-„Ohne Zweifel,” meinte Geismar ernsthafter, während er Richthoff
-forschend beobachtete, „Sie müssen in den letzten Wochen des Guten
-zuviel getan haben.”
-
-Borngräber, der mit seinen kugelrunden Augen verwundert aus dem
-krausbärtigen Gesicht sah, rezitierte tiefsinnig aus dem Arabischen:
-„Keine Krankheit ist schlimmer als Unverstand.”
-
-„Ach was! Diese verwünschten Prätorianer werden mich noch lange nicht
-kleinkriegen. Noch weniger als der brave Nerva!” Vater Richthoff
-stand auf, reckte sich, zog die buschigen Augenbrauen in die Höhe,
-zum Zeichen, daß er sich pudelwohl fühle, und kommandierte: „An die
-Gewehre!”
-
-Mit voller Kraft schob er seine Kugel.
-
-Der Zwischenfall war erledigt.
-
-In bester Laune spielte man wie sonst, bis nach elf Uhr, und ging nach
-einem letzten Schoppen und einer vorletzten Zigarre angeregt heimwärts.
-
-Geismar, der in der Neustadt wohnte, schloß sich auf dem Nachhauseweg
-Richthoff an und begleitete ihn bis vors Haus. Um sich noch
-auszulüften, wie er vorgab. „Haben Sie schon öfter mal solche kleinen
-Klapse gehabt, Kollege?” forschte er beiläufig vor dem Abschied.
-
-„Nicht daß ich wüßte!” erwiderte der alte Herr. „Hat ja wohl auch
-nichts Großes zu bedeuten?” warf er nach einer Weile im Ton der Frage
-hin.
-
-„Glaube kaum,” meinte Geismar. „Aber für alle Fälle, lieber Richthoff,
-machen Sie mir mal morgen das Vergnügen und kommen Sie zu mir.”
-
-„Womöglich gleich in die Klinik?” scherzte Richthoff abwehrend.
-
-„Nur in die Privatwohnung. Zwischen vier und fünf Uhr. Auf einen
-Sprung.”
-
-Der alte Herr wollte nichts davon wissen.
-
-Aber Geismar redete ihm mit so freundschaftlicher Bestimmtheit zu, daß
-er, der vorgerückten Stunde wegen, versprach, die Sache in wohlwollende
-Erwägung zu ziehen.
-
-Der alte Herr dachte ursprünglich durchaus nicht daran, Geismars
-Einladung nachzukommen. Aber er schlief schlecht, und gegen Morgen
-stellten sich erneute Beklemmungen ein. Da sagte ihm seine Vernunft,
-bei seinen Jahren und angesichts der großen Arbeit, die noch vor ihm
-lag, möchte es doch ratsam sein, mit sich hauszuhalten. Er stellte sich
-also am Nachmittag bei Geismar ein. Was dieser schon bei dem gestrigen
-Anfall vermutet hatte, ergab auch die Untersuchung: eine ziemlich
-vorgeschrittene Arterienverkalkung. Doch sagte er davon Richthoff
-nichts, sondern empfahl ihm nur für die Zukunft ein bißchen Diät:
-weniger rauchen, wenig Alkohol und dergleichen. Vor allem aber und
-sofort eine mehrwöchige Ausspannung. Womöglich mit einer leichten Kur
-in Kissingen. Später Schweiz oder Bayern. Ohne Bergsteigen natürlich!
-
-Vater Richthoff gehörte zu den Naturen, die sich unangenehme
-Aufklärungen, wenn sie ihnen nicht gerade aufgezwungen werden, gern
-ersparen. Deshalb interessierte es ihn nicht weiter, auf was Geismar
-diagnostiziert hatte. Er gab sich damit zufrieden, daß er, wie alle
-älteren Leute, sein Herz nicht zu sehr strapazieren dürfte. Der
-erste Halbband der Kaisergeschichte war druckfertig. Er fühlte sich
-auch geistig etwas erfrischungsbedürftig, zumal da er die ersehnte
-Italienreise in diesem Frühjahr sich immer noch nicht vergönnt hatte.
-Trotzdem wetterte er über die Ratschläge seines ärztlichen Kollegen.
-Doch der war Menschenkenner genug, um hinter den Ausfällen des alten
-Herrn eine halbe Bereitwilligkeit zu entdecken und sie durch kluges
-Zureden in eine ganze zu verwandeln.
-
-Der Erfolg blieb nicht aus.
-
-Am Mittwoch früh, nachdem der Geheimrat die Sache noch einmal
-beschlafen, erfolgte der bekannte Frühstückserlaß: „Will am Montag mit
-Käthe für ein paar Wochen nach Kissingen. Später vielleicht Schweiz.
-Das Erforderliche vorbereiten!” --
-
-Käthe war erfüllt von der Auszeichnung, die ihr zuteil wurde. Der
-alte Herr pflegte sonst seine Reisen meist allein zu machen. Es waren
-vorzugsweise Studienreisen gewesen, aber auch wenn er auf Erholung
-reiste, legte er nachdrücklichen Wert darauf, die „Weiberwirtschaft”
-los zu sein. Wohl einer Anregung des Arztes folgend, hatte er diesmal
-anders entschieden, und Käthe kam denn auch ihrer Aufgabe, „das
-Erforderliche vorzubereiten”, mit all dem peinlichen Eifer und der
-geschäftigen Wichtigkeit nach, die einen wesentlichen Zug ihres
-Charakters ausmachten.
-
-Für Elli und Marga, die sie rechtschaffen herumkommandierte, war es
-gar nicht so leicht, diese schwesterliche, etwas herbe Überlegenheit
-zu ertragen. Marga, glücklich in dem wiedergewonnenen Besitz ihrer
-Freundschaft mit Perthes, der wie in früheren Tagen ungezwungen im
-Hause aus und ein ging, fügte sich geduldig. Aber zwischen Elli und
-Käthe kam es ein paarmal zu harten Auseinandersetzungen und hochroten
-Köpfen.
-
-Das Ergebnis solcher kleinen Reibungen war, daß die beiden Jüngeren,
-die durch Margas Geheimnis noch besonders verbunden waren, sich um
-so enger zusammenschlossen. Sie bauten ihre eigenen, hoffnungsfrohen
-Sommerpläne, denn etwas mußte ihnen Papa doch auch zugestehen! Wenn
-Käthe eine so „erwachsene” Reise mit ihm machen durfte, erst ins Bad
-und dann womöglich noch in die Schweiz, so durften sie nicht ganz
-leer ausgehen. Das sah der alte Herr auch ein. Sie sollten ihre
-Sommerfrische haben. Sie mußte aber möglichst nahe sein, denn Haus und
-Garten mußten überwacht werden können. Und sie sollte so bescheiden und
-billig sein, als sie sich nur finden ließ. Das verstand sich von selbst.
-
-Nach längeren parlamentarischen Verhandlungen wurde das von Marga und
-Elli ausgearbeitete und höchsten Orts vorgelegte Projekt genehmigt: die
-beiden sollten Mitte des Monats für einige Wochen in der „Sägemühle”
-Quartier nehmen. So hieß ein bekanntes kleines Gasthaus, eine Stunde
-flußaufwärts von der Stadt -- „an Wald und Wasser lieblich gelegen”,
-wie es in den Prospekten hieß. Daß sie, vertrauensvoll sich selber
-überlassen, keine Dummheiten machen durften, das wollte Vater Richthoff
-sich ausgebeten haben! Dafür waren sie seine Töchter und alt genug,
-um zu wissen, was sie tun und lassen mußten. Im übrigen wurden für
-alle Fälle die Eltern Wilmanns mit einer feierlichen Vizevormundschaft
-betraut.
-
-Bis Sonntag hatte Käthe mit Hilfe der Schwestern alle Vorbereitungen
-getroffen.
-
-Die kleinen Zänkereien waren vergessen, die drei Mädchen befanden
-sich in einer friedfertigen, durch den Abschied und die lockenden
-Sommerpläne teils wehmütig, teils heiter erregten Stimmung: sie
-gingen Arm in Arm durchs Haus oder auf den Weinberg. Es war ein
-warmer, sonnenheller Tag, und der Feierklang der Kirchenglocken
-flutete vom Tal die grünen Berghänge hinauf. Nachmittags -- die
-Koffer waren gepackt, und nur im Arbeitszimmer des Geheimrats stand
-noch eine Riesenhandtasche, die jederzeit in ihren offenen Schlund
-wahllos die unglaublichsten Zettel und Broschüren von dringendster
-Unentbehrlichkeit aufnehmen konnte -- nachmittags gab es noch einen
-lustigen Familienkaffee, den Vater Richthoff mit seiner Anwesenheit
-auszeichnete. Er war so aufgekratzt wie selten, voll kindlicher Freude
-auf die bevorstehende Reise. Sogar ein Bocciaspiel im Hof schlug er
-ganz von sich aus vor und beteiligte sich mit jugendlicher Munterkeit
-am Werfen und Treffen der bunten Holzkugeln, die er vor Jahren aus
-Italien mitgebracht hatte. Elli und Marga ließen sich von seiner
-Fröhlichkeit anstecken. Zumal wenn Marga, die ja mehr oder minder aufs
-Geratewohl die Kugeln schleudern mußte, einen Treffer machte, gab es
-ein lautes Hallo des Beifalls.
-
-Käthe spielte mit zerstreutem Ernst. Sie wälzte in ihrem gründlichen
-Köpfchen, unter der dunkelbeschatteten, herrisch-aufrechten Stirn seit
-einigen Stunden eine Aufgabe, die sie auf den letzten Tag verschoben
-hatte, weil sie immer nicht recht Zeit oder Mut oder Stimmung gefunden
-hatte, sie auszuführen.
-
-Sie mußte nämlich noch mit Marga reden. Aus einem ganz bestimmten
-Grund. Es galt, der Schwester gegenüber eine Pflicht zu erfüllen, die
-ihr auf dem Gewissen lastete. Sie war ja sozusagen das Gewissen des
-Hauses. Sie fühlte sich für alles und jeden verantwortlich. Und für
-Marga noch im besonderen.
-
-Eine Aussprache -- Käthe war eine Meisterin in „Aussprachen” -- war
-unvermeidlich. Sie faßte sich indessen erst nach dem Abendbrot ein Herz.
-
-Während Elli für Vater Richthoff dies und das, was ihm jetzt erst als
-Neuestes und Wichtigstes einfiel, herbeiholte, nahm sie Margas Arm und
-lud sie zu einem Gang auf den Weinberg ein.
-
-Einträchtig stiegen sie aufwärts, da und dort an den Stachelbeerbüschen
-und Johannisbeersträuchern im Vorbeigehen naschend.
-
-Käthe schmiegte sich mit einer Zärtlichkeit an Marga, wie sie ihrer
-herberen Art sonst nicht eigen war.
-
-Marga ahnte nichts. In ihrer Seele war, zumal jetzt, wo die Trennung
-ihre Empfindungen mit einer zarten Melancholie begleitete, kein Platz
-für Argwohn oder Mißtrauen. Noch nie war sie so sicher im Gefühl ihrer
-inneren Unendlichkeit und ihrer äußeren Begrenztheit gewesen wie
-in diesen Tagen, die ihr die Freundschaft mit Perthes vertieft und
-bereichert wiedergeschenkt hatten. Noch nie hatte aber auch ein Mensch,
-geschweige ein Mann, sie so in ihrem eigensten Wesen geachtet, wie er
-es jetzt tat und in jedem Wort, jeder Handlung ausdrückte. Das gab ihr
-eine zufriedene Heiterkeit, die sie wärmte und von innen nach außen
-verklärte.
-
-Sie waren jetzt auf dem Philosophenweg angelangt. Atemholend nach der
-Steigung, schritten sie langsam in dem Laubengang von einem Ende zum
-anderen. Die Sonne lugte noch golden durchs wilde Reblaub. Von weiter
-unten im Garten, wo es unmerklich dämmerte, hörte man vorlaute Grillen
-zirpen und wieder verstummen.
-
-Käthe fand den Moment gekommen, um ihr Anliegen vorzubringen. Die
-Überlegung hatte ihr feinliniges Gesicht etwas verschärft, die Erregung
-es leicht gerötet. Sie strich sich über die Stirn und das wohlgeordnete
-dunkle Haar. Dann legte sie die freie Hand in die Hüfte, als wollte
-sie sich auch äußerlich einen gewissen feierlichen Halt geben.
-
-„Setzen wir uns ein wenig, Margakind.” Sie brauchte diesen
-Schmeichelnamen, der von Elli stammte, fast nie; heute drängte er sich
-ihr unwillkürlich auf die Lippen. „Ich möchte noch etwas mit dir reden.
-Etwas sehr Ernstes, Zartes, was außer uns niemand hören darf.” Sie
-führte Marga zu der Bank, die am nächsten Ende des Ganges stand.
-
-Dort ließen sie sich nieder, und Käthe nahm Margas rechte Hand in die
-ihrige.
-
-Marga wußte nicht, was diese Vorbereitungen bedeuten sollten. Sie gab
-sich geduldig darein und horchte mit einem halb neugierigen, halb
-verwunderten Lächeln.
-
-„Du darfst mir aber ja nicht böse sein, hörst du?” hob Käthe lebhafter
-wieder an. „Ich meine es nur gut mit dir, und wenn ich mich irgendwie
-täusche, so nimm's nicht übel. Es geschieht nur aus Liebe!”
-
-„Aber was gibt's denn nur, Käthe?” fragte Marga mit zunehmendem
-Staunen. „So sprich doch geradezu! Was willst du mir sagen?”
-
-„Weißt du, Margakind, so einfach, wie du dir's denkst, ist das nicht.
-Ich hab' mir's lange überlegt. Oftmals dacht' ich, ich wollte mich gar
-nicht hineinmischen. Aber schließlich sagte ich mir immer wieder: Ich
-bin die Ältere! Elli, der du vielleicht mehr Vertrauen schenkst als
-mir, ist so jung, manchmal so toll und unvernünftig. Sie meint es gewiß
-immer sehr gut. Aber raten, besonnen und fest raten kann dir doch das
-Kleinchen nicht!”
-
-Marga wurde mit jedem Wort betroffener. Ein kaltes, enges Gefühl
-beschlich sie. Diese Andeutungen drückten sie. Sie spürte, daß jemand
-die Tür zum Allerheiligsten ihres Herzens aufmachen wollte, und sperrte
-sich dagegen. Unwillkürlich hatte sie ihre Hand der Schwester entzogen
-und steckte sie hinter ihren Rücken. „Was willst du mir denn raten?”
-fragte sie mit einem eigentümlich dunklen, schweren Ton.
-
-„Du sollst nicht meinen, Marga, daß ich mich in dein Vertrauen
-eindrängen will,” versicherte Käthe.
-
-Aber du tust es ja doch! schwebte es Marga auf der Zunge. Doch hielt
-sie die Worte zurück.
-
-„Ich tue nur, was ich für meine Pflicht halte. Und ich erwarte ja auch
-gar nicht, daß du mir dankbar dafür bist. Das kannst du jetzt noch
-nicht. Später wirst du mir's einmal danken, das weiß ich!” Käthe hatte
-ganz ihre altkluge, mütterliche Würde gefunden, wie sie sie brauchte.
-Die anfänglich erregte Hast ging mehr und mehr in eine gutgemeinte,
-aber etwas lehrhafte Nüchternheit über. „Warum so viel Umschweife
-machen? Du hast recht. Ich möchte einmal frei und ehrlich mit dir über
-deine Freundschaft mit Doktor Perthes reden, Marga. Glaub' mir, ich
-hab' viel darüber nachgedacht. Über die Freundschaft von Mann und Frau
-überhaupt. Du darfst mir schon ein Urteil zutrauen. Ich kann im Leben
-draußen so viel mehr sehen und erfahren als du. Ich glaube nicht, daß
-es diese Freundschaft gibt. Und wenn sie's gibt, ist sie immer nur ein
-Übergang. Und der, der zuerst hinübergeht zu etwas anderem -- verstehst
-du mich, Margakind? -- der kann sehr, sehr unglücklich werden, wenn
-der andere nicht nachfolgt. -- Jetzt ist's heraus. Das wollte ich dir
-sagen!”
-
-Käthe umschlang die Schwester, als wollte sie sie tröstend an sich
-ziehen.
-
-Marga erwiderte die Umarmung nicht.
-
-Schlaff ließ sie ihre Hände niederhängen und bog ihren Kopf zurück, um
-sich Käthes Liebkosung zu entziehen. Das Herz war ihr wie zugefroren
-bei diesen besonnenen Worten, und die Kälte teilte sich ihrem Körper,
-ihrem Antlitz mit. Und doch stieg es sommerwarm auf vom Gras und von
-den Blumen. Der Wind fächelte mild von der Ebene nach den Bergen
-herüber, und die Grillen zirpten ringsum in der wachsenden Dämmerung.
-
-Käthe in ihrem Eifer nahm Margas Schweigen für ein Bekenntnis. Sie
-wurde noch beredter und eindringlicher. Vielleicht, ja gewiß wußte
-Marga selber nicht, was in ihr sich vorbereitete. Sie sollte sich
-nicht täuschen lassen durch Perthes' Liebenswürdigkeit. Die Männer,
-und zumal solche Männer, die sie, Käthe, durch und durch kannte,
-dachten sich nichts bei einem temperamentvollen Wort, einem Handkuß,
-einem Strauß Rosen, den sie in einer Laune ihren Freundinnen in den
-Schoß legten. Sie wollte ja Marga nur warnen. Gerade jetzt, wo sie
-und Elli allein blieben. Sie sollte sich bewachen; lieber zu schroff
-als zu entgegenkommend sein; sich doch ja kein Gefühl einreden, das
-nicht Wahrheit werden konnte. Käthe gab sich ganz nach; sie ließ
-sich fortreißen von jener liebevollen Lieblosigkeit, der nur Frauen,
-und die nur untereinander fähig sind, jenem Gemisch von Güte, Neid,
-Hingebung, falscher Mütterlichkeit -- der ganzen Weiblichkeit, wie
-sie natürlichste Natur ist -- schön und häßlich in einem. Ihre
-Redeflut, die selbstgewiß und selbstgefällig in den weichen Sommerabend
-hinausfloß, endigte in einem Appell an Margas Charakter: sie war stark
-genug, um zu entsagen. Wozu brauchte sie die Liebe eines Mannes, die
-ihr nun einmal vorenthalten sein mußte? Sie hatte ja Kraft und Liebe
-genug in sich und um sich. „Glaub' mir, Margakind, und wenn du's heute
-nicht glauben kannst, glaubst du's morgen. Goethe hat recht, wenn er
-sagt ...”
-
-Marga hörte nicht, wie recht Goethe hatte. Sie hörte überhaupt längst
-nicht mehr, was Käthe sprach. Sie fühlte nur, daß ein Unberufener
-nun doch mitleidslos sich eingedrängt hatte in das zarte Geheimnis
-ihres Herzens. Sie hätte aufschreien mögen: Hände weg von meiner
-Seele! -- aber dann war es schon zu spät. Diese Hände tappten und
-tasteten, suchten und fanden, und legten sich grausam auf die Wunde,
-die sie ängstlich behütet, fürsorglich verbunden und verborgen hatte.
-Nun brach sie auf und blutete. Es weinte in Marga vor Schmerz. Und
-gleichzeitig empörte es sich in ihr gegen die Entweihung. Wer war
-die, die es wagen durfte, so mit ihr zu reden? Woher nahm sie das
-Recht, ihr Vorschriften zu machen? Ihr, die längst all das in sich
-beraten und durchgekämpft? Die sich nichts, aber auch gar nichts von
-dem erlassen und geschenkt hatte, was ihr jetzt mit fast übermütiger
-Selbstzufriedenheit vorgehalten wurde? Was kaum je bei ihr geschah: sie
-verlor ihre Beherrschung. Ihre Besinnung wurde übertäubt von dem einen
-leidenschaftlichen Wunsche: Fort! Nichts mehr hören! Nichts antworten!
-Laufen -- weit, weit! Bis ans Ende der Welt, um allein zu sein, allein
-mit sich, seinem Leid, seiner Bürde, seinem Geheimnis hoffnungsloser
-Liebe!
-
-Mit einem jähen, heftigen Ruck, der Käthes Hände unsanft von ihr löste,
-war sie aufgestanden. „Ich danke dir, Käthe!” rang es sich fremd aus
-ihrem Mund. „Überlaß das nur mir. Ich bin immer allein mit mir fertig
-geworden. Ich brauche niemandes Hilfe, um zu wissen, was ich vom Leben
-erwarten und annehmen darf, was nicht!”
-
-Verdutzt blickte Käthe an ihr empor. So hatte sie Marga, die Sanfte,
-Verträgliche, Geduldige, noch nicht sprechen hören. „Aber Marga, du --”
-
-„Wenn ich einsam sein soll, so achte auch du meine Einsamkeit. Mehr
-kann ich dir nicht antworten.”
-
-Käthe schwieg. Wie Marga jetzt vor ihr stand, im Schatten der Dämmerung
-gegen den verblassenden Abendhimmel sich hoch und stolz abzeichnend,
-die Lippen aufeinandergepreßt, die Augen streng und abweisend in die
-Ferne gerichtet, fühlte sie, die Ältere, die Erfahrenere und Sehende,
-sich einen Augenblick klein, unbedeutend mit all ihrer Altklugheit --
-gegen die Blinde, die so sicher und stark auf ihren Weg hinaussah.
-
-Nur einen Augenblick.
-
-Dann erhob sie sich aus dieser verstohlenen Demütigung doppelt
-gekränkt, verkannt und erbittert.
-
-Aber ehe sie dafür den rechten Ausdruck fand, hatte sich Marga am
-Geländer der Laube entlang getastet. Sie eilte die Steinstufen hinab
-und lief den Zickzackweg hinunter -- ohne Hilfe, behend wie ein
-Sehender, sicher geleitet von jenem fast übernatürlichen Instinkt, den
-die Erregung noch schärfte.
-
-Käthe wollte ihr nach. Sie rief ihren Namen. Es war Marga verboten,
-allein die steile Gartensteige abwärts zu gehen.
-
-Doch sie stieß ja jede Hilfe von sich! Mochte sie auf eigene Gefahr
-sich zurechtfinden!
-
-Bei Käthe siegte die Erbitterung über die Besorgnis, die sie sonst
-nie für die Blinde außer acht ließ. Sie war zu tief verletzt. Warum
-hatte sie nicht geschwiegen? Hatte sie nicht vorausgewußt, daß sie
-keinen Dank ernten würde? Nun war sie abgewiesen worden mit all ihrem
-guten Willen, ihrer ehrlichen Meinung! Sie würde ihre Hilfe nicht mehr
-aufdrängen. Gewiß nicht! Nie mehr! Über den Schläfen strich sie ihr
-Haar zurück und prüfte die schweren Flechten, obwohl es Nacht geworden
-war und keine Strähne in dem glatten Scheitel oder am Knoten sich
-gelockert hatte. Ordnung war nun einmal ihr Element. Maß und Ordnung.
-Mochten andere das Ungeordnete, Regellose vorziehen. Sie hatte auch nur
-bei Marga Ordnung machen wollen. Wenn die es nicht brauchte, nicht litt
-...
-
-Mit dem zugleich gemessenen und tänzelnden Schritt, der sich nichts
-vergab und doch auch die Gleichgültigkeit gegen das, was vorgefallen
-war, zur Schau tragen mußte, machte sich Käthe auf den Weg und kam eine
-Viertelstunde nach Marga, leise vor sich hinsummend, ins Haus.
-
-Elli und Marga waren schon auf ihr Zimmer gegangen.
-
-Der Geheimrat wirtschaftete noch geräuschvoll in seinem Arbeitszimmer.
-Man hörte ihn oben deutlich ab und zu gehen. Die Riesenhandtasche nahm
-neue Unentbehrlichkeiten in sich auf.
-
-Käthe ging noch einmal gewissenhaft ihre Zurüstungen für den Reisetag
-durch. Dann machte sie gemeinsam mit der schläfrig schlurfenden Therese
-den üblichen Rundgang im Erdgeschoß, um den Verschluß von Läden und
-Türen zu beaufsichtigen.
-
-Am anderen Morgen, in ziemlicher Frühe, nach einem hastigen Kaffee,
-erfolgte der Abschied.
-
-Der alte Herr hatte sich alle Sentimentalitäten, besonders aber die
-Begleitung auf den Bahnhof, streng verbeten.
-
-In letzter Minute konnte er doch nicht anders: er küßte Marga und Elli
-barsch auf die Stirn.
-
-„Seid hübsch artig, Mädels; verstanden? Adieu!” Damit eilte er fort,
-dem Wagen zu, der vor dem Haus wartete. Therese folgte keuchend mit der
-zu unheimlichen Dimensionen angeschwollenen Handtasche, die noch eine
-halbe Bibliothek verschlungen haben mußte. Der Hauptkoffer war schon
-aufgeladen.
-
-Käthe und Elli umarmten sich. Mit Marga gab es nur einen Händedruck.
-
-Vom Vorgarten, unter den Kastanien hervor, winkten die beiden
-Zurückbleibenden dem Wagen nach. Vater Richthoff salutierte. Käthe
-nickte noch einmal und winkte mit dem Taschentuch.
-
-Die Fahrt ging um die Ecke nach dem Bahnhof. -- --
-
-Dort, wo der Fluß, dem Zug der Waldberge folgend, zum letztenmal
-eine mutwillige Schwenkung machte, um sich dann, des spielerischen
-Geschlängels überdrüssig, geradeaus und kräftig in die weite Ebene
-hinauszuwerfen, stand die „Sägemühle”. Dem Zweck, den ihr Name
-andeutete, diente sie längst nicht mehr. Seit vielen Jahren war sie
-nur noch ein einfaches, freundliches Gasthaus, rückwärts gegen den
-Buchenwald gelehnt, vor sich einen schattigen Wirtsgarten, den nur
-ein schmaler Weg von der Uferböschung und dem hurtigen Fluß trennte.
-Da die Sägemühle kaum eine Stunde von der Stadt entfernt lag, war sie
-ein beliebter Ausflugsort: an Sonntagen und schönen Sommernachmittagen
-wurde sie von Bürgern und Professoren, von Kaffeeschwestern und
-Studenten zu Fuß, zu Wagen und mit dem Boot viel besucht. In der
-besten Zeit des Jahres fanden auch die paar sauberen Fremdenzimmer
-ihre Liebhaber; wer anspruchslos an Buchenwald und Wasser, an guter
-Verpflegung, an dem belebten Wechsel ländlicher Einsamkeit und
-städtischer Ausflüglerfröhlichkeit sein Gefallen hatte, konnte sich bei
-den willigen Wirtsleuten einige Wochen zufrieden fühlen. Spaziergänge
-gab's in Hülle und Fülle: auf den Bergen durch die stundenweiten
-Laub- und Nadelforste; im Tal zwischen wogendem Getreide, oder den
-blumenüberwachsenen Uferpfad entlang nach kleinen Dörfern und alten
-Städtchen, wo verfallene Raubritterburgen emporragten und sich im Fluß
-spiegelten.
-
-So war Margas und Ellis Sommerheim beschaffen, in das sie vierzehn Tage
-nach Vater Richthoffs und Käthes Abreise übersiedeln sollten.
-
-Stille, fröhliche Tage im Hause am Wenzelsberg gingen vorher.
-
-Zuerst hatte Marga noch unter der Aussprache mit Käthe gelitten.
-Aber Elli mit ihrer frischen, glücklichen Wirbelwindnatur hatte
-ihr den Kopf und das Herz lachend reingefegt. Jeden Tag wußte sie
-etwas Neues vorzuschlagen, um Unterhaltung zu schaffen. Man sollte
-zwar, nach der Mahnung des alten Herrn, keine „Dummheiten” machen.
-Aber -- du lieber Gott! Das war ein weiter Begriff! Immer gescheit
-und sittsam sein, war abscheulich langweilig. Daran war nicht zu
-denken. Man war tüchtig spazierengelaufen, hatte sich auf den Straßen
-umhergetrieben und die Menschen beobachtet, voran die Fremden, die
-um diese Jahreszeit besonders aus Old-England und von jenseits des
-großen Teichs reichlich zuströmten. Dann mußte man baden, Besuche
-machen und empfangen, die Wohnung ein paarmal umräumen, mit Therese den
-Küchenzettel besprechen, auf dem Weinberg dem Gärtner beim Pflücken
-der Stachelbeeren und Johannisbeeren helfen, unerlaubte Bücher lesen,
-im Vorgarten handarbeiten und die vorübergehenden Leute glossieren.
-Und Elli duldete nicht, daß sich Marga von irgend etwas ausschloß. Die
-Schwester einmal so recht „mitleben” zu lassen, sie, deren Geheimnis
-sie innig teilte, von Herzensgrund schadlos zu halten -- das war Ellis
-„Prinzip” für diesen Sommer. Sie stand sonst mit den „Prinzipien” nicht
-auf dem besten Fuß. Das waren nach ihrer Ansicht Dinge für alte Tanten,
-Backfische, Philosophieprofessoren und Spießer jeder Art, die sich
-das Leben partout verekeln wollten. Aber Prinzipien, die zugleich dem
-Herzen wohltaten und unterhaltend waren, mit denen konnte es gewagt
-werden. Daß dabei Wilkens nicht zu kurz kommen durfte, verstand sich
-von selbst. Er guckte öfters mal ein, wie Perthes auch. Man traf sich
-zufällig auf einem Spaziergang. Zweimal sogar -- doch das setzte einen
-harten Kampf mit Marga -- abends bei der Musik im Stadtgarten. Das war
-so stilwidrig-unakademisch, daß man der Versuchung nicht widerstehen
-konnte. Bei allem hielt Elli peinlich darauf, daß Marga „ihrem” Doktor
-genau so gerecht wurde wie sie „ihrem” Erich. Die möglichste Gleichheit
-beruhigte sie selbst und sollte Marga Freude machen. Wenn sich Marga
-auch sträubte -- sie war nach der Auseinandersetzung mit Käthe mit
-doppelter Vorsicht darauf bedacht, ihr Verhältnis zu Perthes und damit
-ihr eigenes Gefühl in strengen Grenzen zu halten --, Elli wußte immer
-mit der hinreißenden Dialektik ihrer siebzehnjährigen Verliebtheit und
-Lebenslust jedes Bedenken fortzuplappern. Und kam sie nicht damit zum
-Ziel, so sang und lachte sie es weg. Gegen ihr Lachen war Marga so
-ohnmächtig wie gegen ihre losesitzenden Tränen. Es tat ihr im Grund der
-Seele zu wohl, einmal jung mit den Jungen sein zu dürfen.
-
-Dann kam der Umzug nach der Sägemühle und dabei eine
-Meinungsverschiedenheit, die Stoff zu schwerwiegenden Diskussionen bot.
-
-Elli hatte Wilkens längst und beizeiten verständigt, daß und wohin
-man gehen würde. Marga dagegen bewahrte gegen Perthes Stillschweigen
-und verbot auch der Schwester, Andeutungen zu machen. Die wachsende
-Vertraulichkeit, in die sie sich durch die Gunst der Umstände und
-durch Ellis fanatischen Gleichheitsdrang hineingezogen sah, begann sie
-zu ängstigen. Sie war öfter und ungestörter mit Perthes zusammen als
-sonst. Er pflegte die Freundschaft mit einer Achtung und Zartheit, die
-sie beseligte. Nichts, was mit ihm vorging, unterschlug er ihr: seine
-ernstesten Gedanken so gut wie seine alltäglichen Beobachtungen, seine
-Stimmungen, die schweren wie die leichten, lud er vertrauensvoll bei
-ihr ab. Sie fühlte instinktiv, wie diese schöne Vertraulichkeit, so
-viel sie gab, doch auch an der Kraft zehrte, mit der sie ihre wahre
-Gesinnung für ihn niederhielt. Wenn sie so stark bleiben wollte, wie
-sie mußte, war eine längere Trennung das beste Mittel. Sie wollte
-weggehen, ohne daß er wußte, wohin, und ohne daß er den Tag ihres
-Aufbruchs kannte. Natürlich würde er sie leicht finden können. Es
-gab außer dem Zufall, daß er nach der Sägemühle einen Ausflug
-machte, Möglichkeiten genug für ihn, ihren Aufenthaltsort schnell
-zu erforschen. Aber er sollte nicht aufgemuntert sein. Vielleicht
-zürnte er über ihr Verschwinden. Doch ihr Gefühl ließ sie nicht
-anders handeln. Es war freilich kein so klares, einfaches Gefühl wie
-die, denen sie sonst folgte. Ihre Neigung hatte trotz aller Vorsicht
-allerlei uneingestandene Heimlichkeiten miteingesponnen. Die Liebe
-macht nun einmal, mit oder ohne Willen, auch die Starken schwächer,
-als sie sind. Nein, Perthes sollte nicht aufgemuntert werden. Wenn er
-kommen wollte, mußte er es schon ganz von sich aus tun. Von sich aus ...
-
-So ereiferte sich denn Elli diesmal vergebens. Sie stellte Marga vor,
-wie grausam, rücksichtslos, unfreundschaftlich, ja geradezu unanständig
-es sei, so zu handeln. Aber Marga blieb fest. Elli mußte sich fügen. --
-
-An einem Montagnachmittag, nachdem die Möbel verdeckt, die Teppiche
-und Gardinen eingekampfert, alle Rouleaus herabgelassen waren, so daß
-Therese nur noch abzuschließen brauchte, setzten sich Marga und Elli
-mit ihrem Handgepäck in den Lokalzug und fuhren flußaufwärts, zwei
-Haltestellen weit. Dann holte sie die Fähre über nach der Sägemühle.
-
-Der große Koffer, eine sehenswürdige Häßlichkeit aus Vater Richthoffs
-Junggesellenzeit, stand schon in dem blanken, behaglichen Zimmerchen
-mit den weißen Tüllvorhängen und dem braungestrichenen Boden, zu dessen
-offenen Fenstern der Buchenwald beinahe seine Zweige hereinstreckte.
-
-Noch am Abend mußten das Haus, der Garten und die nähere Umgebung
-besichtigt werden, obwohl sie, längst bekannt, viele Überraschungen
-nicht bieten konnten. Elli beschrieb Marga all die Herrlichkeiten
-haarklein -- bis auf die Enten und Gänse, über die man stolperte.
-
-Das Abendbrot in einer Laube am Fluß schmeckte königlich.
-
-Die paar Ausflügler, die noch verstreut im Wirtsgarten saßen, reckten
-verwundert die Hälse, so laut und ansteckend lustig klang das Lachen zu
-ihnen herüber.
-
-Am anderen Morgen begann das Faulenzerleben der Sommerfrische, in
-seinen Einzelheiten entworfen und geleitet von Elli. Erst anderthalb
-Stunden Frühstück mit Massenvertilgung von Butter und Honig. Nicht
-zu spät, aber auch ja nicht zu früh. Dann mit der Hängematte in den
-Wald bis Mittag. Nach dem Essen in der Halle, einem luftigen Holzbau
-mit großen, zum Teil bunten Glasfenstern und einem Orchestrion, wurde
-geschlafen. Die anstrengende Untätigkeit des Vormittags forderte das.
-
-Zum Kaffee setzte man sich in den Garten, an einen versteckten Platz,
-zwischen hohe Haselbüsche. Von dort ließen sich die Menschen, die
-von der Stadt kamen, trefflich mustern. Elli versah sie einzeln mit
-Etiketten, um sie Marga anschaulich zu machen.
-
-Als etwa anderthalb Stunden so vergangen waren, verstummte das Gespräch
-eine Weile.
-
-„Weißt du,” legte dann Elli los, „ich hatte bestimmt erwartet, daß
-Wilkens käme. Er hat mir's nämlich versprochen.”
-
-„Heute schon? Gleich am zweiten Tag?” fragte Marga, etwas erstaunt.
-
-„Sei du mal ganz ruhig, Margakind! Ich weiß jemand, dem es schon
-greulich leid ist, daß er einen gewissen anderen Jemand nicht doch, wie
-sich's gehörte, benachrichtigt hat!”
-
-„Da irrst du dich, Kleinchen!” versicherte Marga ernsthaft.
-
-„Na, wenn ich dein Doktor wäre, ich würde mich für so eine Freundschaft
-bedanken. Gott, wenn ich denke” -- Elli fädelte eine neue Farbe für
-ihre Stickerei ein und sah die Schwester dabei halb kritisch, halb
-schelmisch von unten herauf an -- „du müßtest eine schrecklich biedere
-und gestrenge Hausfrau abgeben, Marga!”
-
-„Schwatz' doch keinen Unsinn, Kind!” wehrte Marga, leicht errötend.
-
-„Oh, Gedanken sind zollfrei!” fuhr Elli unbeirrt fort. „Freilich, wenn
-du immer so spröde und tugendsam mit deinen Verehrern bist wie in
-letzter Zeit mit Perthes, hat's damit gute Weile.”
-
-„So sprich doch nicht so laut!” mahnte Marga. „Und nenne wenigstens
-keine Namen! -- Ich bin doch zu ihm wie immer,” setzte sie nach einer
-Weile zögernd, fast fragend hinzu. Hatte sie sich in jüngster Zeit
-weniger frei und natürlich gegeben, dann war nur der Stachel daran
-schuld, der von der Aussprache mit Käthe in ihr zurückgeblieben war ...
-
-Elli erriet ihre Gedanken. „Von Käthe hätte ich mich nun schon gar
-nicht ins Bockshorn jagen lassen,” sagte sie überzeugt. „Abgesehen
-davon, daß ihr Benehmen gegen dich haarsträubend taktlos war, hat sie
-so altertümliche und hausbackene Ansichten, daß --” Elli stockte. Sie
-bog einige Zweige des Gebüsches auseinander. Dann fuhr sie geräuschvoll
-in ihrem Stuhl zurück. „Da haben wir die Bescherung!” rief sie mit
-halblautem, aufgeregtem Kichern.
-
-Ehe sich Marga nach dem Wesen dieser Bescherung erkundigen konnte,
-klang ein kräftiges „Guten Abend, die Damen!” zu dem versteckten Tisch.
-
-Im nächsten Augenblick schwenkten sich mit zeremoniellem Gruß zwei Hüte.
-
-Perthes und Wilkens, in traulichem Verein, standen im Bereich der
-Haselbüsche.
-
-Elli tat riesig überrascht. „Nein, so was! Denk' mal, Marga, Doktor
-Perthes und ein Herr Wilkens überrumpeln uns hier gleich zu zweien! --
-Sie kommen natürlich ganz zufällig?”
-
-„Natürlich -- ganz zufällig!” schmunzelte Wilkens, während man sich die
-Hände schüttelte.
-
-„Und daß wir ‚gleich zu zweien‛ kommen, Fräulein Elli, wie Sie
-liebenswürdig hervorheben, ist erst recht zufällig,” erklärte Perthes.
-„Wir kommen auch in sehr verschiedener Sendung. Herr Doktor Wilkens --”
-
-„Pardon! Immer noch Wilkens!” warf Elli mit einem vernichtenden Blick
-auf den fälschlich Promovierten dazwischen.
-
-„Ehe ich mich weiter insultieren lasse, bitte ich Platz nehmen zu
-dürfen!” parierte Wilkens mit fröhlichem Gleichmut und nahm sich,
-ohne die Erlaubnis abzuwarten, einen Stuhl. „Ich rate Ihnen dasselbe,
-Herr Doktor Perthes, denn Sie wissen nicht, was die Damen noch für
-Liebenswürdigkeiten bereithalten. Ich habe die Erfahrung gemacht --”
-
-„Ums Himmels willen!” unterbrach ihn Elli, sich die Ohren zuhaltend.
-„Was der Mensch redet! Und dabei ist man zur Erholung hier!”
-
-„Das Schweigen ist oft viel bedenklicher als das Reden,” nahm Perthes
-das Wort, indem er sich Marga gegenübersetzte. „Ich meine nämlich das
-Schweigen von Fräulein Marga.”
-
-„Sie haben mich ja noch gar nicht zu Wort kommen lassen!” verteidigte
-sich Marga.
-
-„Das hat noch gute Weile. Erst redet der Ankläger, dann der Angeklagte.”
-
-„Sie sind wohl inzwischen zur Juristerei übergegangen?” fragte Elli
-naseweis.
-
-„Wollen wir uns nicht vorher ein Glas Bier kommen lassen?” meinte
-Wilkens gemütlich zu seinem Nachbar.
-
-„Das können _Sie_! Denn Sie sind hier gewissermaßen eingeladen,” gab
-Perthes zurück.
-
-„Eingeladen?” Elli schüttelte entrüstet ihren Blondkopf. „Das muß ich
-mir schönstens verbitten. Herr Wilkens hat von mir allerdings erfahren,
-wohin ich gehe. Aber eingeladen habe ich ihn nicht! Davor werd' ich
-mich hüten!”
-
-„Weil er sowieso kommt,” ergänzte Wilkens, während er dem in der Ferne
-vorbeistreifenden Kellner seine Bierwünsche durch Zeichensprache
-deutlich machte.
-
-„Das tut Herr Doktor Perthes auch!” entfuhr es Elli übermütig.
-
-„Oho! Dagegen lege ich Verwahrung ein!” protestierte Perthes und schlug
-lebhaft mit der großen Hand, die schon so sommersonnengebräunt war
-wie das räuberbärtige Gesicht unter dem weißen Panama, auf den Tisch.
-„Also, Fräulein Marga! Ich bin nur hier, um Rechenschaft zu fordern.
-Wenn mir nicht Ihre Therese begegnet wäre, die auf dem Weg zum Bahnhof
-grüßend an mir vorbeischnob, wüßte ich überhaupt nicht, wo Sie sind.
-Herr Wilkens ist mein Zeuge, mit dem ich mich eine halbe Stunde später
-auf der Landstraße traf. Man hat mich böswillig hintergangen! Man hat
-mir kein Sterbenswörtchen von dieser Sommerfrischenidee gesagt. Ist das
-freundschaftlich?”
-
-Marga suchte vergeblich nach dem rechten Ton, um auf den
-scherzhaft-temperamentvollen Angriff einzugehen.
-
-„Sagte ich es nicht? Dieses Schweigen ist Schuldbewußtsein!”
-triumphierte Perthes. „Wenn Sie sich wenigstens auf einen Spaß
-hinausreden wollten!”
-
-„Einen Spaß?” kam es jetzt ehrlich, aber leise von Margas Lippen. „Da
-müßte ich Sie geradezu anschwindeln, Herr Perthes!”
-
-„Sie wollen mir also einfach zeigen, daß ich durchaus nicht
-unentbehrlich bin, Fräulein Marga,” sagte Perthes nach einer kleinen
-Pause, aus dem heiteren Ton der Philippika zu gedämpftem Ernst
-übergehend.
-
-„Vielleicht,” stammelte Marga zaghaft. Es kostete sie eine schmerzliche
-Überwindung, dieses vor der Vernunft wahre, vor ihrem Herzen unwahre
-Wort hervorzubringen.
-
-„Sie vergaßen dabei zu überlegen, ob Sie Ihrem Freunde ebenso
-unentbehrlich sind,” erwiderte Perthes knapp und mit einem Anflug von
-enttäuschter Bitterkeit.
-
-Die Unterhaltung stockte.
-
-Elli ergriff die Gelegenheit, um Wilkens einen Gang nach der
-„Menagerie” vorzuschlagen. Die Wirtsleute der Sägemühle hatten im
-Wirtschaftshof ein paar Kaninchen, einen Fuchs, allerhand Geflügel und
-vor allem ein junges Rehzicklein, das Ellis besondere Gunst genoß und
-Wilkens gezeigt werden mußte. Sie hatte nebenher den Gedanken, die
-beiden, Marga und Perthes, würden sich allein schneller und besser
-„zusammenzanken”. So pflegte das wenigstens immer bei ihr und Wilkens
-zu sein.
-
-Diesmal irrte sie sich.
-
-Perthes verstand Margas Verhalten, das ihm plötzlich und willkürlich
-verändert erscheinen mußte, nicht. In den letzten Wochen nach dem Bruch
-mit Hilde König und der stürmischen Freundschaftskrisis mit Marga hatte
-er sich stetig gesünder gefühlt. Dies ungezwungene, vertrauensvolle
-Beisammensein gab ihm Ruhe und Gleichgewicht. Es stärkte in ihm den
-Glauben an einen gewissen Wert seiner Persönlichkeit. Lebenslust
-und Frohsinn kehrten ihm zurück. Er gab sich im einzelnen keine
-Rechenschaft über die Fortschritte seiner Genesung. Nur daß er seine
-Dankbarkeit ohne Rückhalt zur Schau trug. Ohne es zu wollen und zu
-beachten, übertrug er etwas von der Leidenschaftlichkeit, die er in
-seine phantastische Neigung für die kleine Ufernixe gelegt hatte, auf
-seine Freundschaft. Ein halber Mensch, wie er selbst sich so gern
-schalt, mußte er doch immer seine ganze, ungeteilte Person einsetzen,
-wenn er, was freilich selten genug geschah, sich einem anderen über
-das Maß alltäglichen Bekanntseins näherte. Und er war dann im Fordern
-ebenso rücksichtslos, als er im Geben unbedacht war.
-
-Wenn er gewußt hätte, wie seine letzten, verbittert hervorgestoßenen
-Worte auf Marga wirken mußten! Welchen Aufruhr sie in ihre Seele warfen!
-
-Was wollte er damit sagen? Wie tief ging dieser Vorwurf ihm selbst? Ob
-er, unbewußt, doch angefangen hatte, mehr für sie zu empfinden, als die
-Freundschaft schuldig war?
-
-Diese Gedanken wälzten sich quälend in Marga. Sie weckten eben die
-Gefühle, die sie so tapfer niederhalten wollte und mußte. Sie
-zehrten von neuem, stärker und gefährlicher als je, an der Kraft,
-die zu bewahren -- freilich mit halben Mitteln -- sie eine Trennung
-herbeizuführen gesucht hatte.
-
-Eine dumpfe, wehvolle Angst arbeitete in ihr.
-
-Sie durfte ihn nicht zurückstoßen. Und durfte doch auch seine
-zunehmende Annäherung nicht dulden! Wo war die Grenze? Woher nahm
-sie Kraft, immer neue Kraft, zu wollen, was sie nicht wollte; nicht
-zu wollen, was sie wollte? Ihr Herz hatte auch sein Gesetz, auch
-Kraft wider Kraft und bäumte sich auf gegen die Zügel, die sie ihm
-anlegte. Das trübte die klare Stille ihres Wesens. Das nahm ihr ihre
-Unbefangenheit. Sie erschien kälter, gleichgültiger und verschlossener
-als sonst. Ihr Schweigen und seine Verstimmung nährten sich gegenseitig
-und machten dies erste Alleinsein auf der Sägemühle für beide höchst
-unerquicklich.
-
-Perthes war nahe daran, sich zu verabschieden. Da kamen Wilkens und
-Elli zurück und brachten den Vorschlag, im Garten gemütlich Abendbrot
-zu essen.
-
-Man war da jetzt ganz unter sich. Die letzten Gäste vom Nachmittag
-waren im Aufbruch begriffen, und Elli wartete gar nicht erst eine lange
-Erklärung von Marga oder Doktor Perthes ab, sondern wählte einen Tisch
-weiter vorn im Garten, freier und näher dem Fluß, wo sie für vier
-Personen decken ließ.
-
-Sie fand ihren Einfall riesig lustig und kommandierte Wilkens und
-den Doktor abwechselnd für ihre Dienste. Perthes wollte nicht
-zurückbleiben. Im Gegenteil, er überbot die anderen und sprang von
-seiner Verstimmung über zu lauter Ausgelassenheit.
-
-Marga beteiligte sich an diesem Treiben nur widerstrebend, um niemand
-die Freude zu verderben. Sie erriet, was in Perthes vorging. Mit einer
-gewissen Absichtlichkeit wollte er ihr zeigen, daß er sich aus dem
-Vorhergegangenen nichts mache.
-
-Dabei konnte er es nicht lassen, sie wieder und wieder zu necken.
-
-„Obwohl Fräulein Marga mich so schlecht behandelt!” -- „Trotzdem
-Fräulein Marga gar keinen Wert auf meine Gesellschaft legt!” Solche
-und ähnliche Wendungen ließ er ständig mit einfließen. Ohne Bedacht,
-nur seiner inneren Gereiztheit nachgebend, trieb er das Spiel
-jener Koketterie, deren auch Männer fähig sind. Er wollte Marga zu
-irgendeiner Äußerung verlocken, mit der sie sich ins Unrecht setzte und
-ihre Freude, daß er doch gekommen war, verriet. Sie sollte sich für das
-„Verbrechen an der Freundschaft”, das er ihr vorwarf, entschuldigen und
-damit seiner Eigenliebe schmeicheln.
-
-Er erreichte von Marga nur ein Lächeln, das matt und traurig aussah,
-weil sein Benehmen ihn vor ihr verkleinerte und ihr an der Seele riß,
-wo sie am empfindlichsten war.
-
-Es war um diese Stunde köstlich im Garten am Fluß. Er lag verträumt im
-dämmerigen Schatten der mächtigen Linden und Ahornbäume.
-
-Draußen zog still, vom Schein des roten Abendhimmels überhaucht, Welle
-an Welle.
-
-Am jenseitigen Ufer, auf den Wiesenhängen, wurde noch geheut. Der süße
-Duft der Mahd flog über den Fluß. Die feinen Ränder der Waldberge
-tauchten mit tausend und abertausend scharfen Tannenspitzen in den
-letzten Sonnenglanz.
-
-Die wundersame Ruhe des Abends rang groß und beharrlich gegen die
-lärmende Lustigkeit des jugendlichen Tisches im Garten.
-
-Ellis jubelndes Lachen, Wilkens' Jodler, die laute, hastige Stimme von
-Perthes hielten vergebens dagegen. Die ländliche Mahlzeit, bestehend
-aus zwei großen hochgebräunten Eierkuchen, frisch gepflücktem Salat,
-Schwarzbrot und Butter, war mit gewaltigem Beifall begrüßt worden. Noch
-war sie nicht vertilgt, noch hatten Perthes und Wilkens kaum um neue
-„Metkrüge” geklappert, geläutet und gerufen, als schon das feierliche
-Schweigen über das Laute seinen Sieg davontrug. Still und stiller, wie
-draußen über dem Fluß und Wald, wurde es auch drinnen im Garten. Und
-die kleinen, sanften Geräusche des Abends, die nur ebensoviele Lockrufe
-der sieghaften Stille sind, machten das Gespräch vollends verstummen:
-der späte, hell anhebende und kurz abbrechende Triller einer Lerche
-im Feld; das Plätschern eines Fischerkahns im Wasser, der flußabwärts
-glitt; ein fernes, gedämpftes Hundegebell aus dem nächsten Dorf.
-
-Elli war schnell für das Lyrische gewonnen.
-
-Als Wilkens wieder an sein geleertes Glas klimperte, flog ihm ein
-„Prosaischer Radaumacher!” an den runden, wollig-blonden Kopf. Er wurde
-ganz klein und verdrehte sentimental die so gar nicht melancholischen
-Augen.
-
-Perthes hatte zu rauchen begonnen. Er stieß ein paar Wolken von sich,
-blies Ringel von zartem Dunst und warf die Zigarre hinaus auf den Fluß.
-
-Marga saß in sich gekehrt neben ihm. Sie suchte sich aus der Stille des
-Abends zur eigenen zurückzufinden.
-
-„Wir, Marga und ich, machen jetzt unseren Spaziergang über die
-Wiesen, nicht wahr, Margakind?” erklärte Elli plötzlich und stand
-auf. Marga nickte. Unbekümmert um Perthes und Wilkens, Arm in Arm
-aneinandergeschmiegt, traten sie aus dem Garten.
-
-„Wir sind jetzt wohl beurlaubt?” fragte Perthes den mit ihm
-zurückbleibenden Wilkens.
-
-Wilkens schüttelte den Kopf. „Nee, so lass' ich mich nicht in den Sand
-setzen!” meinte er gleichmütig. „Im übrigen -- Fräulein Marga kenne
-ich so genau nicht, aber Elli ist felsenfest überzeugt, daß wir zwei
-hinterdreinschlendern. Wetten, daß --?” Er blinzelte den Doktor mit der
-listigen Miene des erfahreneren Liebespraktikus an.
-
-„Da mache ich nicht mit!” versetzte Perthes bestimmt.
-
-„Meinen Sie, ich?” warf sich Wilkens in die Brust. „Es dauert keine
-fünf Minuten, und die Mädels sind zurück; sowie sie merken, daß wir
-streiken.”
-
-Es dauerte aber zehn Minuten und länger.
-
-Wilkens wurde unruhig. Er stand auf und ging ein paarmal halb verlegen
-zum nächsten Tisch und wieder zurück. Dann sah er verstohlen über den
-niedrigen Lattenzaun des Gartens weg, den Weg hinunter.
-
-„Schlendern wir 'n bißchen auf eigene Faust?” fragte er schon bedeutend
-kleinlauter zu Perthes zurück, der sitzen geblieben war.
-
-Widerstrebend erhob sich dieser. Er war jetzt mit seiner Geduld zu Ende.
-
-Die Rücksichtslosigkeit, mit der er von Marga behandelt wurde, empörte
-ihn. Am liebsten wäre er ohne Abschied heimgegangen. Er war zum ersten-
-und letztenmal auf der Sägemühle. Das war eine ausgemachte Sache. Aber
-er wollte es ihr offen sagen. Sie hielt ja so viel von der Offenheit
-in der Freundschaft, wenn sie auch mit ihrem heutigen Verhalten das
-Gegenteil bewies.
-
-Deshalb blieb er. Deshalb schlenderte er, unlustig genug, mit Wilkens
-aus dem Garten in die angrenzenden Wiesen, am Fluß entlang. Er hatte
-den Hut vom Kopf gerissen. Sein Gesicht hatte sich verfinstert. Der
-Unmut, gleich wieder leidenschaftlich wie sein ganzes Temperament, lag
-in tiefen Falten auf seiner Stirn und blickte ihm aus den Augen. Er
-fuhr sich einmal ums andere durch den schwarzen Haarbusch oder strich
-über den krausen Vollbart.
-
-Und dabei lag die Dämmerung so mild und verträglich ringsum.
-
-Das hohe Gras mit seinem Labkraut, seinen Schafgarben und
-Kuckucksblumen überwucherte den schmalen Weg, den „Leinpfad”, auf
-dem früher die Pferde an strammer Leine die Lastkähne stromaufwärts
-geschleppt hatten. Das Wasser in seinem tiefen, stählernen Grau
-rauschte und gluckste heimlich, als wollte es den sachten Abendwind,
-den tuschelnden Geheimniskrämer, noch an bedeutsamer Wissenschaft
-übertreffen. Und drüben, über den Heuhocken, den silberreifen
-Kornäckern, dem Berg mit seinem schweren, düsteren Tannenmantel, lag
-es wie feiner, rieselnder Taudunst. Auf all das achtete Perthes nicht.
-Nicht einmal auf das gefühlvolle Summen von Wilkens, mit dem dieser
-seinen zärtlichen Gefühlen Ausdruck verlieh. Nur die eigene Verstimmung
-schien ihm der Aufmerksamkeit wert.
-
-Und dann, als der Leinpfad, dem Flußlauf folgend, sich bog und von ein
-paar knorrigen Krüppelweiden eingefangen wurde, waren plötzlich Marga
-und Elli dicht vor ihnen. Sie kamen langsam und stumm den Weg zurück.
-
-„Ist das auch eine Art, seine Damen ohne Schutz in die Nacht
-hinauslaufen zu lassen?” rief Elli, die so ungewohnt lange auf ihren
-Wilkens hatte warten müssen, den beiden zürnend entgegen.
-
-„Bitte sehr!” entgegnete Wilkens, „die Damen sagten uns ja gar nicht --”
-
-„Daß sie Wert auf unsere Begleitung legten!” ergänzte Perthes mit
-Schärfe.
-
-Elli hing sich statt jeder weiteren Antwort an Wilkens' Arm.
-
-„Na, also!” schmunzelte Wilkens und führte sie wieder flußaufwärts
-weiter.
-
-Marga stand vor Perthes.
-
-Unschlüssig blieben sie sich einen Augenblick gegenüber.
-
-Um keinen Preis hätte Perthes das erste Wort gesprochen.
-
-„Wollen Sie mir Ihren Arm geben?” fragte endlich Marga zaghaft. Ihre
-Stimme klang weich, bittend, wie er sie den ganzen Nachmittag nicht
-gehört hatte.
-
-Perthes tat sofort, wie sie ihn gebeten. Sie gingen in der, Elli und
-Wilkens entgegengesetzten Richtung nach der Sägemühle zu. Er hatte sie
-mit heftigen Vorwürfen empfangen wollen. Aber jetzt, wie sie so an
-seiner Seite schritt, fühlte er sich ruhiger werden. Es war ein und
-dieselbe Wirkung ihres Wesens, die sich ihm immer mitteilte, ob er
-wollte oder nicht.
-
-„Ich war drauf und dran, heimzugehen, ohne Sie noch einmal gesprochen
-zu haben,” begann er mehr traurig als zornig.
-
-Marga sagte nichts. Ihr Kopf war tief vornübergebeugt, als sähe sie auf
-den Weg.
-
-Elli hatte mit ihr geredet und ihr ihr Betragen vorgeworfen. Sie wollte
-liebenswürdiger sein. Aber es war schwer, so schwer! Irregemacht
-an ihrer Zurückhaltung, die ihn kränkte, und doch sich bewußt, daß
-jeder Schritt, den sie ihm weiter entgegenkam, sie schwächer und
-unglücklicher machte, suchte sie umsonst den immer schmäler werdenden
-Weg zwischen ihrem Stolz und ihrer Pflicht auf der einen, ihrer Liebe
-auf der anderen Seite.
-
-Perthes fühlte, wie ihre Hand, die zufällig die seine streifte, kalt
-war und zitterte. Was war das? Er schaute sie prüfend an. Weinte sie
-denn? Es ging eine leise, schütternde Bewegung durch ihren Körper,
-die ihm nicht entgehen konnte; aber er sah keine Träne in ihren
-blicklosen Augen, als er sich vorbeugte. Und doch hatten ihre Züge den
-Ausdruck des Weinens, einen seltsamen, rührenden, ergreifenden Ausdruck
-verborgenen, inneren Weinens.
-
-„Was ist Ihnen denn, Fräulein Marga? Warum verstehen wir uns denn
-heute nicht? Warum sind Sie so anders als sonst zu mir? Was haben Sie
-nur? Habe ich irgend etwas verbrochen? Mißfällt Ihnen etwas an mir? So
-reden Sie doch nur! Sagen Sie, was es ist!” Besorgt, dringend, beinahe
-verzweifelt stieß er seine Fragen hervor. Es war keine Spur von Ärger
-oder Bitterkeit mehr in seinen Worten.
-
-„Ich habe nichts gegen Sie. Gar nichts!” Marga schüttelte energisch
-und abwehrend den Kopf. „Nur --” setzte sie flüsternd hinzu, „nur --”
-wiederholte sie noch einmal kaum hörbar. Unfähig, sich auszusprechen,
-kehrte sie ihr Gesicht von ihm ab.
-
-„Nur?” Er ließ sie los und stellte sich vor ihr auf den Weg. Er zwang
-sie, zu ihm aufzusehen.
-
-Ihre leeren Augensterne hasteten scheu an ihm vorbei, hinaus in die
-Weite. Als suchte sie die Nacht, die jetzt immer dichter heranzog, um
-sich in ihr zu verstecken.
-
-Perthes nahm wieder ihren Arm. Willig ließ sie sich weiterführen.
-
-Er war ratlos. Er verstand sie nicht. Wieder und wieder betrachtete
-er sie von der Seite. Nichts Trotziges, Eigensinniges war an ihr zu
-entdecken. Aber ihrem Antlitz fehlte auch die Festigkeit, die Ruhe
-und Klarheit, die sie sonst erfüllte. Eher war es Angst, Schwäche,
-Hingebung -- eine scheue, hilflose Mädchenhaftigkeit, wie er sie so
-nie bei ihr wahrgenommen hatte. Das warme, mitleidsvolle Gefühl, ihr
-helfen, sie schützen zu wollen, regte sich in ihm. Er hätte sie an
-seine Brust ziehen mögen. Nicht leidenschaftlich, sondern wie ein
-Bruder die Schwester. Ihre Schulter streifte die seine. Noch einmal,
-länger. Sie schien sich an ihn zu lehnen. Er war nahe daran, seiner
-zärtlichen Empfindung nachzugeben, aber im selben Augenblick ließ Marga
-ihn los.
-
-Sie riß sich zusammen, als ahnte sie die Bewegung, die er machen
-wollte. Sie blieb stehen und warf die Arme hinter sich. Der Wind
-ließ das Haar um ihre Schläfen flattern. Gewaltsam trat ein herber,
-entschlossener Zug in ihr sonst weiches Gesicht. „Ich will Ihnen sagen,
-was es ist,” preßte sie hervor. „Es gibt Zeiten, in denen ich einsam
-sein muß. Ganz einsam. Ich brauche dann all meine Kraft nur für mich
-allein. Und bin ungesellig und unfreundlich wie jetzt. Vielleicht --
-vielleicht --” Sie stockte. Dann kam es mit äußerster Anstrengung:
-„Vielleicht wäre es besser, Sie besuchten mich -- in diesen Wochen
-hier draußen -- gar nicht. Deshalb habe ich Ihnen auch nichts von der
-Sägemühle gesagt.”
-
-Perthes sah sie mit bestürzten Augen an. Er wußte nichts zu erwidern
-auf dies seltsame, unerwartete Geständnis. Auch keinen Zorn empfand
-er gegen sie, daß sie ihn so gewissermaßen vor die Tür setzte. Nichts
-von Enttäuschung, von Zweifel an ihrer Freundschaft. Dazu hatte er sie
-zu sehr achten gelernt. Und er achtete sie gerade jetzt mehr als je,
-obwohl er ihr Reden weniger begriff als ihr Schweigen am Nachmittag. Es
-ging eine Traurigkeit von ihr aus, die auch ihn ergriff. Über die ganze
-Landschaft schien sie sich auszubreiten -- über die dunklen Wiesen,
-den schwarzen Fluß, die finster starrenden Waldberge. Und in dieser
-Traurigkeit schritten sie nebeneinander weiter, ohne sich zu führen,
-er links, sie rechts am Weg. Er hatte vergessen, daß sie blind war und
-er sie führen sollte. Und sie wollte fern von ihm sein, so fern als
-möglich, und nicht geführt sein. So allein, wie sie es ihr ganzes Leben
-hätte sein sollen ...
-
-Ehe sie den Garten der Mühle erreicht hatten, wurden sie von Elli und
-Wilkens eingeholt.
-
-Auch die waren stumm. Aber es war die Stummheit des Glücks: die glänzte
-aus Ellis Augen und glänzte als ein sattes, seliges Lächeln auf
-Wilkens' vollen Lippen.
-
-An der Böschung vor dem Garten lag noch ein Kahn. Der Schiffer, dem er
-gehörte, lungerte am Zaun. Er hatte gehört, daß noch Fremde aus der
-Stadt da seien, und bot nun hutrückend seine Dienste an. „Der Mond
-kommt!” setzte er verheißungsvoll hinzu und deutete hinauf nach den
-Bergen. Über einer Waldkuppe im Osten war es hell von weißem Licht.
-
-Wilkens wandte sich fragend zu Perthes.
-
-Der nickte zerstreut.
-
-Es gab einen schnellen Abschied von wenigen Worten. Dann stiegen die
-beiden die Böschung hinunter und in den Nachen.
-
-Marga und Elli traten hinaus auf die Landstraße. Sie folgten eine
-Weile dem Boot, das sich flußabwärts in die Mitte des Flusses
-hinüberarbeitete. Die Ruderschläge hallten dumpf und gleichmäßig zu
-ihnen zurück. Der Kahn und seine Insassen waren in tiefem Schatten.
-
-Dann stieg der Mond über den Berg. Draußen, stadtwärts, flimmerte der
-Fluß in mattem, märchenhaftem Silber auf. Langsam breitete sich das
-Licht über das schlafende Tal.
-
-Das Boot war jetzt in der Strömung. Schneller schoß es davon und
-strebte aus dem Schatten, den die nahen Berge warfen, ins rieselnde
-Silber da draußen. Elli winkte mit dem Taschentuch. Marga setzte sich
-auf einen der Prellsteine, die die Landstraße säumten.
-
-Erst als sie schon weit von der Mühle waren, schaute Perthes zum
-erstenmal zurück.
-
-Jetzt lag auch die Straße weiß im Schein des steigenden Mondes.
-
-Und er meinte Marga zu erkennen, wie sie da saß, die Hände im Schoß
-gefaltet, das Gesicht mit den irrenden, suchenden Augen hinaus nach dem
-Wasser gerichtet.
-
-Und mit einem Mal zuckte es von der hellen, fernen Gestalt herüber
-in seine Seele, geheimnisergründend und rätsellösend, klar wie das
-weiß flirrende Mondlicht: sie liebte ihn. Jetzt verstand er sie. Marga
-liebte ihn ...
-
-
-
-
-7
-
-
-„Dieser Perthes hat doch ein Schwein, nicht zu glauben! Finden Sie
-nicht auch, Herr Professor?”
-
-„Na ja -- wie man's nimmt. Exzellenz scheint ihm sehr gewogen zu sein.”
-
-„Und dabei hat dieser sonderbare Heilige akkurat immer das Gegenteil
-von dem getan, was ihn bei Hupfeld in gute Meinung bringen konnte!
-Ich sagte ihm seinerzeit: ‚Wenn Sie hier was erreichen wollen, müssen
-Sie Exzellenz Ihre Aufwartung machen.‛ Was gibt er zur Antwort? ‚Ich
-besuche, wen ich will.‛ Ich führe ihn in unseren Sportklub ein. Alice
-Hupfeld sagt ihm: ‚Sie müssen uns mal besuchen, Doktor! Papa hat von
-Ihnen durch Rehbach in Bonn gehört. Er interessiert sich für Sie.‛
-Perthes nickt mit dem Kopf und -- bleibt weg. Denkt nicht daran, zu
-Hupfelds zu gehen. Was geschieht? Drei Wochen später läßt ihn der
-Geheime Rat höflich zu einer Besprechung in die Chirurgische bitten!
-Mir steht der Verstand still.”
-
-„Warten wir ab! Perthes ist begabt. Ohne Zweifel. Hat auch Glück. Aber
-ein unsicherer Kantonist. Er hat keinen Ehrgeiz, so wenig wie ich. Doch
--- ~chi lo sa~? Vielleicht ist er Heiratspolitiker!”
-
-Diese freimütige Unterhaltung wurde im Bakteriologischen Institut
-zwischen Professor Hammann, dem Chef, und dem ersten Assistenten
-Doktor Markwaldt während der Frühstückspause geführt.
-
-Hammann saß mit übergeschlagenen Beinen in einem für ein Laboratorium
-reichlich behaglichen Ruhesessel. Die paar Kaviarbrötchen, die ihm der
-Diener mit einem Glas Sherry jeden Vormittag um elf Uhr präsentierte,
-waren verzehrt. Er hatte den goldenen Kneifer abgenommen, wischte
-sich apathisch die kurzsichtig-blöden Augen und rieb den Kopf mit dem
-millimeterkurz geschorenen, grauschwarzen Haar am Sesselrücken.
-
-Markwaldt lehnte an einem der Tische und kaute an seiner Butterstulle.
-Nach dem bedeutungsvollen Wort „Heiratspolitiker” hielt er es für
-geraten, die Unterhaltung vorsichtiger zu führen. Der Chef schien
-da auf Fräulein Exzellenz anzuspielen. Das war eine heikle Sache,
-denn man munkelte, daß zwischen ihm selbst und Alice vor einigen
-Jahren irgend ein zartes Verhältnis bestanden haben sollte. Genaues
-wußte niemand. War es nur eine flüchtige Courmacherei gewesen, wie
-die einen behaupteten, oder war es, wie andere mutmaßten, bis zu
-einer Art Verlobung gekommen -- etwas hatte gespielt, so viel war
-gewiß. Dabei standen die beiden nach wie vor im Sportklub auf dem
-freundschaftlichsten Fuße. Daran erinnerte sich Markwaldt, während er
-seine Stulle mit bemerkenswertem Appetit zerkaute. Ob sich mal ohne
-Gefahr auf den Zahn fühlen ließ?
-
-„Heiratspolitiker?” wiederholte Markwaldt nach einer Weile
-nachdenklich. „Das traue ich Perthes erst recht nicht zu. Erstlich
-ist er, wie ich ihn kenne, überhaupt kein Politiker. Und zweitens
-wüßte ich auch nicht, wem die Politik gelten sollte,” ergänzte er sich
-unschuldig.
-
-„Na -- Sie sagen doch selbst, daß Fräulein Exzellenz ihn zum
-Besuchmachen aufgefordert habe,” ließ sich Hammann gähnend vernehmen.
-
-„Ach, deswegen! Sie glauben doch nicht --”
-
-„Glauben? -- Ich glaube gar nichts, das heißt -- von den Frauen glaube
-ich alles und gar nichts!” Hammann beschäftigte sich jetzt damit, mit
-den Fingerspitzen die paar Brosamen von den tadellosen, hellgrauen
-Beinkleidern wegzuschnellen.
-
-„Nein, nein! Da kann ich Sie vollkommen beruhigen, Herr Professor!”
-
-„Mich beruhigen? Was heißt das?” fragte Hammann etwas lebhafter,
-während er sich im Sessel halb aufrichtete, den Kneifer auf die Nase
-drückte und nun seinerseits den Sprecher mit einigem Mißtrauen ansah.
-
-Markwaldt merkte, daß er -- freilich nicht ganz zufällig -- eine
-unvorsichtige Wendung gebraucht hatte, und beeilte sich, kein
-Mißverständnis aufkommen zu lassen. „Wie ich höre,” erklärte er
-mit geheimnisvoller Wichtigkeit, „soll Perthes einer von den
-Richthoffstöchtern den Hof machen.”
-
-„Richthoff? Richthoff -- wer ist das?” Hammann besah sich gelangweilt
-seine eleganten Fingernägel. Er kannte kaum die Professoren seiner
-eigenen Fakultät, geschweige denn die der anderen.
-
-„Richthoff ist, soviel ich weiß, Ordinarius für alte Geschichte oder
-einen ähnlichen Klumpatsch,” erläuterte Markwaldt.
-
-„Ach sooo ...”
-
-„Es sind, glaube ich, drei oder vier Mädels. So die richtigen
-philosophischen Putchen --”
-
-„Na -- denn man zu!” Hammann erhob sich. Die Sache interessierte ihn
-nicht länger. Er reckte seine schlanke, muskulöse Figur, die Figur des
-wohltrainierten Vierzigers, die im Gegensatz zu Markwaldts dicker,
-praller Stutzererscheinung weltmännisch-elegant im Sportjackett saß. Er
-ging nach seinem Arbeitskabinett nebenan. „Hörten Sie übrigens schon
-etwas von den Badener Rennen? Wann -- wie -- was?” fragte er unter der
-Tür, den Kopf zurückwendend.
-
-„Noch nicht eine Silbe!” versicherte Markwaldt diensteifrig, während er
-vom Tisch mit plumper Grazie auf den Boden hüpfte.
-
-Professor Hammann zog die farblosen Brauen über den grauen Augen in
-die Höhe, tippte den ebenso farblosen, kurzen Schnurrbart mit den
-Fingerspitzen und verschwand. Er zog die Tür hinter sich zu, um völlig
-ungestört sein Berliner Sportblatt zu lesen. So lange konnte die Arbeit
-ruhig noch warten.
-
-Markwaldt, sich selbst überlassen, machte sich pomadig an sein Präparat.
-
-Mit Neugier erwartete er die Rückkehr seines Kollegen Perthes. Es
-dauerte bis gegen zwölf, ehe der Erwartete kam und nach kurzem Gruß,
-als wäre nichts vorgefallen, an sein Mikroskop ging.
-
-„Wie hat Ihnen denn das große Tier gefallen? Erzählen Sie!” konnte sich
-Markwaldt nicht enthalten, ihn aufzumuntern.
-
-„Sehr liebenswürdig,” erwiderte Perthes einsilbig. Er schien nicht die
-mindeste Lust zu irgendwelchen Mitteilungen zu haben.
-
-„Was hat er denn von Ihnen gewollt?”
-
-„Allerhand.”
-
-Markwaldt ließ sich durch die zugeknöpfte Art von Perthes nicht
-abschrecken. Und sollte er so viele Fragen tun müssen, als draußen vor
-dem Fenster an den langweiligen Hornsträuchern Blätter waren. „Will er
-Sie vielleicht zu seinem Assistenten machen?” forschte er unentwegt,
-mit einer boshaften Betonung, die der ausweichenden Geheimnistuerei
-seines Kollegen galt.
-
-„Und wenn er das wollte?” gab Perthes gleichgültig zurück.
-
-Markwaldt hielt mit der Arbeit ein und stemmte die kurzen, massigen
-Arme in die Hüften. „Anzukohlen brauchen Sie mich aber nicht gerade,
-Perthes!” sagte er ganz entrüstet. Er hatte die Frage nur aus Ulk
-gestellt, und der Gedanke, daß davon auch nur ein Wort wahr sein
-könnte, verursachte ihm Kongestionen.
-
-„Fällt mir nicht ein, Sie anzukohlen, Doktor Markwaldt. Hupfeld hat
-mir in der Tat eine Assistentenstelle an der Chirurgischen Klinik
-angeboten.”
-
-„Ja -- aber -- nu -- nu -- nu, sagen Sie mal!” Markwaldt kam aufgeregt
-zu ihm heran und fuchtelte mit den Händen. „Das ist ja Mumpitz! Das
-verbitte ich mir! Sie sind ja Bakteriologe! Sie --”
-
-„Wenn Sie's durchaus wissen wollen, wie die Sache kam -- nichts ist
-einfacher!” erklärte Perthes, ohne von seinem Mikroskop aufzusehen.
-„Vor einigen Wochen hatte ich die Bazillenschnüffelei so satt, daß ich
-in einem Anfall von Mißmut an Professor Rehbach in Bonn schrieb, ich
-hätte Lust, wieder zur Chirurgie zurückzukehren. Ob er etwas für mich
-wüßte. Irgendeine Assistentenstelle. Ich hatte bei ihm doktoriert, und
-wir verstanden uns immer leidlich. Inzwischen hatte ich die Geschichte
-wieder so gut wie vergessen. Heute sagte mir auf einmal Hupfeld, sein
-Schüler Rehbach, bei dem er wegen eines Assistenten angefragt, hätte
-mich empfohlen. Ob ich Lust hätte. -- Fertig ist die Laube, würden Sie
-sagen! Das ist alles.”
-
-„Menschenskind! Alles! Alles, sagen Sie! Als könnte es was
-Selbstverständlicheres nicht geben!” zeterte Markwaldt. „Sie sind der
-blasierteste Fasan oder das neugeborenste Lamm, das mir je vorgekommen
-ist!” Er drehte sich auf dem Absatz rund herum und klatschte sich auf
-den Schenkel. „Wissen Sie denn nicht, daß Hupfelds Assistenten, wenn
-sie nicht geradezu Hornochsen sind, gemachte Leute sind?”
-
-„Sie sind sehr freigebig mit Ihren zoologischen Kenntnissen, Kollege!”
-Perthes streifte ihn über sein Instrument weg mit einem spöttischen
-Blick.
-
-„Sind Sie denn der Exzellenz nicht schlankweg um den Hals gefallen?
-Oder haben ihr die berühmte Hand vor Rührung abgequetscht? Oder --”
-
-„Sieht mir das ähnlich?”
-
-„Nee, nee, ähnlich sieht Ihnen das freilich nicht. Ähnlich sieht Ihnen,
-daß Sie sagten: ‚Sehr nett von Ihnen, Herr Hupfeld! Ich hab' das
-nicht anders erwartet!‛ Vielleicht haben Sie dem alten Herrn auch auf
-die Schulter geklopft, was? Und dann erklärten Sie wohlwollend oder
-zimperlich, so wie 'ne höhere Tochter, die mit Mama'n sprechen muß:
-‚Ich werde mir's mal überlegen‛! -- Hab' ich recht?”
-
-Jetzt mußte Perthes wider Willen lachen. Die bissige und doch zugleich
-gutmütige Aufregung Markwaldts belustigte ihn. „Ganz so war's ja
-nicht. Aber Bedenkzeit mußte ich mir allerdings ausbitten.”
-
-„Wußt' ich 's doch! Ihnen müssen die Tauben nicht bloß gebraten,
-sondern auch gleich hübsch tranchiert in den Mund fliegen! Ich sage
-Ihnen, ich” -- Markwaldt stellte sich breitbeinig in Positur und
-klopfte sich auf die Brust --: „Wenn Sie Glückspilz da nicht mit beiden
-Händen zugreifen, sind Sie -- nee, die Zoologie ist dafür zu gut! --
-sind Sie reif für 'ne andere Klinik! Für die da drüben -- am Wasser,
-wissen Sie -- für die psychiatrische. Aber nicht als Assistent, sondern
-in die Isolierzelle! ~Dixi!~” Damit schritt er heftig zurück an seinen
-Platz und präparierte seine Mauslungen.
-
-Perthes dachte nicht ganz so gleichgültig von Exzellenz Hupfelds
-Anerbieten, wie es den Anschein hatte. Wenn er auch bei dem häufigen
-Wechsel, zu dem ihn seine innere Unrast innerhalb der Wissenschaft
-schon getrieben hatte, einer neuen Wendung skeptischer gegenüberstand
-als ein anderer und ihm Fragen des äußeren Erfolgs unbedeutender
-erschienen als die jener inneren Befriedigung, nach der er sich bisher
-umsonst abgehastet, so bedeutete doch der Vorschlag des berühmten
-Hupfeld, in seinen Assistentenstab zu treten, einen Fortschritt, so
-verlockend und aussichtsreich, wie er sich nur wünschen ließ. Er war
-weder der blasierteste Fasan noch das neugeborenste Lamm, zwischen
-denen ihm Markwaldt die Wahl ließ. Kam es darauf an, so konnte er sich
-freuen, so gut wie irgendeiner. Vielleicht toller als irgendeiner. Nur
-durften dann nicht so widerspruchsvolle Gedanken und Empfindungen sein
-Inneres beschäftigen wie gerade in den letzten Tagen.
-
-Seit sich ihm Margas Geheimnis auf der nächtlichen, mondbeschienenen
-Heimfahrt von der Sägemühle enthüllt hatte, hatte er keine
-ruhige Minute mehr. Es war nicht wie vor einigen Wochen jenes
-leidenschaftliche Toben und Sichverlieren, das ihn in allen Höllen und
-Himmeln umherwarf. Im Gegenteil, er war besonnener als je und hatte
-sich zur mitleidslosesten Objektivität gezwungen, deren er fähig war.
-Am Tag nach jener letzten Begegnung räsonierte er einfach und nüchtern:
-Sie liebt dich. Liebst du sie? Was er bei strenger Untersuchung in
-sich fand, war: unbegrenzte Achtung, ein warmes, wohltemperiertes
-Freundschaftsgefühl, wie er es nie für einen Menschen empfunden, und
-tiefes Mitleid. Aber Liebe? Erdbewegende, himmelstürmende Liebe,
-wie er sie sich vorstellte und ersehnte, fand er nicht. Keine
-Beschleunigung seines Pulses, kein heißer, wirbliger Kopf, der nur
-einen Gegenstand denken und fassen konnte, keine Sehnsucht seiner
-Sinne, diesen Gegenstand im Arm zu halten, zu besitzen. Er liebte also
-Marga nicht. Folglich gab es für ihn als Mann von Ehre und Takt nur
-eine Möglichkeit: er mußte sie meiden, wie sie ihn ja selbst gebeten
-hatte. Strengste Zurückhaltung mußte er sich auferlegen, um sie nicht
-durch ein weiteres Entgegenkommen noch unglücklicher zu machen. Er
-hatte schon gerade genug gesündigt. Nun, da er von ihrer Liebe wußte,
-erklärte sich ihm so vieles: ihr Versagen, als er sie wegen seiner
-Liebelei mit Hilde König um Rat fragte; ihr Schweigen über den Umzug
-nach der Mühle; ihr ganzes Verhalten bei seinem Besuch da draußen, von
-dem ängstlichen, abweisenden Empfang bis zu der gewaltsamen Bitte,
-sie dort allein zu lassen. Wie mußte er sie gequält haben! Wenn es
-sein mußte, wollte er diese Freundschaft lieber opfern, als ein
-zweideutiges Spiel treiben, das mit Margas Verzweiflung endigen mußte.
-
-Am Tag danach räsonierte Perthes nicht minder eindringlich.
-
-Er stellte von neuem Achtung, Herzlichkeit, Mitleid bei sich fest,
-aber keine Liebe. Was war eigentlich Liebe? Gab es denn die Liebe,
-die er sich zusammenidealisierte? Er wollte sehr gründlich zu Werk
-gehen. War diese „Liebe” nicht ein sehr unklares Gemenge, das zwei
-sehr verschiedene Bestandteile zu verbinden strebte? Wenn er dies
-Phantasieprodukt recht unter die Lupe nahm, fiel es auseinander in
-Leidenschaft und in eine seelische Unbekannte, die er einstweilen mit
-~x~ bezeichnete. Weiter kam er für diesmal nicht. Dagegen ertappte er
-sich des öftern, wie er in Gedanken Ausflüge nach der Sägemühle machte
-und sich ausmalte, was Marga jetzt tun und denken mochte. Ob und wie
-sehr sie unter seinem Ausbleiben litt. Vielleicht war es doch nicht
-richtig, ihr nicht wenigstens eine Zeile zu schicken, die ihr darlegte,
-wie er die Sache ansehe.
-
-Der nächste Tag -- es war der gestrige -- ließ ihn mit dem Gefühl einer
-großen, schmerzlichen Leere aufwachen.
-
-Kein Wunder, daß er als gewissenhafter Selbstschauer über diese Leere
-Rechenschaft verlangte. Was fehlte ihm? Was oder wen vermißte er? Ohne
-Zweifel den Umgang mit Marga. Oder Marga selbst. Er entbehrte eine
-angenehme Gewohnheit. Seine Gefühle für Marga waren dieselben wie
-vorher. Oder doch nicht ganz? Wo war er doch stehen geblieben? Liebe =
-Leidenschaft + ~x~. Besser: ~x~ + Leidenschaft. Die Leidenschaft war
-sicher das Nebensächliche, das Zweite, das Untergeordnete. Aber ~x~?
-War die große Unbekannte vielleicht Achtung + Herzlichkeit + Mitleid,
-eben jene Summe, in der sich die Freundschaft darstellte? Perthes
-mißtraute dieser Gleichsetzung. Sie befriedigte ihn nicht. Gewiß nicht.
-Nicht annähernd. Sie mußte falsch sein. Mit Gewalt hielt er sich jeden
-Gedanken an die Mühle und Marga fern.
-
-Und heute?
-
-Es war Freitag. War er mit dem linken Fuß aus dem Bett gestiegen? Er
-war unzufrieden mit seiner ganzen bisherigen, so peinlichen Analyse,
-mit der Methode überhaupt.
-
-Was wollte er eigentlich? Das Unmögliche! Das lag so in seiner
-verhängnisvollen Natur; er wollte, was er nicht brauchen konnte, und
-wollte nicht, was er brauchte. Es genügte ihm offenbar nicht, daß
-er sich mit seiner albernen Schwärmerei für Hilde König und deren
-kläglichen Nachkrämpfen vor sich selber unsterblich blamiert hatte! Wo
-hinaus wollte er mit dem öden Spintisieren der letzten Tage? Es war
-doch vollkommen gleichgültig, was „Liebe an sich” war. Es handelte
-sich um das, was er als Liebe brauchte. Für sein Glück. Sein Wille
-hatte da das entscheidende Wort zu sagen. Hatte er sich je reicher,
-harmonischer, mehr als er selbst empfunden als in dieser Freundschaft?
-Er mußte an ein Gespräch denken, das er einst mit Marga gehabt. Sie
-hatte davon gesprochen, daß es viel weniger auf die Meinungen ankomme,
-die man sich von den Dingen im allgemeinen mache, als auf das, was
-man aus sich selber mache. Er hatte ihr entgegengehalten: „Was aber
-dann, wenn man bald so ist, bald so? Wenn man die bekannten ‚zwei
-Seelen‛ in der Brust hat?” -- „Dann kommt es eben darauf an, durch
-welche von beiden man glücklicher, man mehr ‚man selber‛ ist. Wenn
-man das erst weiß, braucht man bloß zu wollen!” Begriff er jetzt,
-was er damals nicht begreifen konnte? Wollte er begreifen? Er war am
-Wendepunkt seines Lebens. Es galt, sich zu entscheiden. Vor ihm lag
-eine Wirklichkeit: nicht freilich die Vollkommenheit, das Unmögliche
-und Überschwengliche, wohl aber Schönheit, Harmonie, die große Stille,
-die er ersehnte. Wenn er ein Mann war, brauchte er nur zu wollen. Die
-Wirklichkeit zu ergreifen und sich zuzurufen: Das ist die Liebe! Meine
-Liebe! Ich setze sie gleich der Unbekannten, und damit ist sie's! So
-will ich's! ...
-
-So weit war Perthes' Überlegung gediehen, als er am Morgen ins Institut
-kam.
-
-Dann rief ihn ein Diener von der Chirurgischen Klinik zu der
-unerwarteten Konferenz mit Hupfeld.
-
-Unter dem ersten Eindruck des lockenden Antrags hatte er von dort den
-Weg nach der Straße am Wenzelsberg eingeschlagen. Er war so gewohnt,
-alles mit Marga zu besprechen, daß er für den Augenblick ihr Fernsein
-völlig vergessen hatte. Erst unterwegs fiel es ihm ein.
-
-Ganz niedergeschlagen machte er kehrt und ging ins Bakteriologische
-Institut zurück.
-
-Aber es wollte mit der Arbeit heute nicht vorwärts.
-
-Er hatte in den letzten Tagen zu viel Seelenmikroskopie getrieben, um
-an der prosaischeren der Gewebezellen Geschmack zu finden. Es litt ihn
-nicht am Untersuchungstisch, und ehe Markwaldt das ihm unerträgliche
-Schweigen des Kollegen durch einen neuen Ausfall brechen konnte, war
-dieser davongelaufen.
-
-Er bummelte nach der Stadt.
-
-Nach all der vorsichtigen und gewissenhaften Überlegung, mit der er
-seine Gefühle zu zerfasern begonnen hatte, war er jetzt auf dem Punkt
-angelangt, wo sein Temperament sein Recht verlangte. Der Anstoß, den
-Hupfelds Anerbieten ihm gab, genügte gerade, um ihn den Sprung tun
-zu lassen, auf den die vermeintlich so objektiven Grübeleien der
-letzten Tage ihn unaufhaltsam zudrängten. Und es war ein Sprung. Vor
-ein paar Wochen war er für Hilde König Feuer und Flamme gewesen,
-für die leichte, poetische Äußerlichkeit, den „Falter”, den er, das
-schwerfällige „Kriechtier”, brauchte um jeden Preis! Und jetzt war
-es die tiefe, versonnene Innerlichkeit, die von allem Äußerlichen
-abgekehrte, schlichte, anspruchslos-ernste Marga, die ihm unentbehrlich
-war wie keine andere! In der kürzesten Spanne Zeit hatte sich seine
-Natur von einem Extrem ins andere geworfen. Aber so sah er, Perthes,
-das, was sich vorbereitete, nicht an. Er sah, im Schein seiner
-ehrlichen Selbstprüfung, eine gründliche, sein ganzes Wesen wandelnde
-Entwicklung. Und als er sich jetzt einen Ruck gab und entschlossen auf
-das Postgebäude zuging, wunderte er sich über die Ewigkeit, die es
-gedauert, ehe sein Entschluß gereift war. Er trat ein und ließ sich am
-Schalter einen Kartenbrief geben. Mit fliegender Schrift warf er die
-Zeilen darauf:
-
-Bitte dringend um eine Unterredung. Komme gegen fünf auf die Sägemühle.
-
- Herzlich Ihr
-
- Max Perthes.
-
-Als er fertig war, fiel ihm ein, daß der Brief sie nicht rechtzeitig
-erreichen könnte. Nicht einmal als Eilbrief. Sollte er telegraphieren?
-Marga konnte erschrecken. Er lief von der Post nach dem Bahnhof. Dort
-ergatterte er einen grünen Radler. Der mußte die Botschaft geradeswegs
-und so schnell wie möglich nach der Mühle bringen. Perthes war nicht
-eher beruhigt, als bis der junge Mann mit seinem grünen Käppi um die
-nächste Ecke geflitzt war. Es war schon viel zu viel Zeit versäumt,
-viel zu viel.
-
-Sich die Stunden bis zur eigenen Fahrt nach der Mühle zu vertreiben,
-kostete ihn eine unglaubliche Anstrengung.
-
-Er nahm sich vor, sein Mittagessen im Café Wagner länger auszudehnen
-als sonst. Die Folge war, daß er eine Viertelstunde eher fertig war,
-als gewöhnlich. Dann wollte er in seiner Behausung mindestens eine
-Stunde schlafen. Noch keine halbe Stunde war vergangen, so sprang
-er von seinem Schaukelstuhl auf und streckte den Kopf zum Fenster
-hinaus. Es war ein bedeckter, aber angenehmer Sommertag. Es lohnte
-sich immerhin, zu Fuß nach der Mühle zu gehen. Nein! Das dehnte sich
-so widerlich lang. Also mit dem Lokalzug. Aber da mußte er noch
-anderthalb Stunden warten. Genau so war's mit dem Vergnügungsdampfer.
-Und der blieb überdies mit Vorliebe in der starken Strömung hinter
-der Brücke, dem sogenannten „Teufelswirbel”, stecken. An einen Nachen
-war erst recht nicht zu denken. Das Rudern dauerte gegen den Strom
-eine halbe Ewigkeit. Blieb -- das Rad. Das war nicht mehr recht fair,
-aber praktisch. Er entsann sich eines medizinischen Kollegen von der
-Augenklinik, der ihm ein Fahrrad pumpen konnte. Obwohl es noch nicht
-drei Uhr war, machte er sich zu diesem Bekannten auf den Weg. Natürlich
-war der noch bei Tisch. Aber das Rad war da, und nach einer Bestellung
-seines Namens durch die Hauswirtin konnte er riskieren, es zu nehmen.
-Jedenfalls nahm er es. Daß er so von allen ihm zu Gebote stehenden
-Fuhrwerken -- Autodroschken ungerechnet -- das geschwindeste gewählt,
-war der reine Zufall. Wenn er zufuhr, konnte er in zwanzig Minuten auf
-der Sägemühle sein. Und er fuhr zu.
-
-Er sah nicht rechts noch links. Er wäre um halb vier Uhr an Ort und
-Stelle gewesen, wenn er nicht ganz unerwartet von einer Stimme hinter
-sich angerufen worden wäre.
-
-„Holla, Doktor! Sie sind wohl Rennfahrer, was?” klang es ihm boshaft
-nach.
-
-Verdutzt drehte er sich um. Er hatte gar nicht bemerkt, daß er an einer
-gleichfalls radelnden jungen Dame vorbeigesaust war.
-
-An der Stimme hatte er Fräulein Hupfeld erkannt.
-
-Wenn er nicht schon zurückgeschaut, und wenn es sich nicht um die
-Tochter seines präsumtiven Chefs gehandelt hätte -- er wäre schlankweg
-weitergefahren. So machte er eine Volte und wartete, bis Fräulein
-Exzellenz in sehr gehaltenem Tempo sich näherte. Sie sah schick
-aus in dem leichten, lichtbraunen Kostüm mit der gleichfarbenen
-Mütze, die ein heller, bauschiger Autoschal mit flotter Schleife
-unter dem Kinn festhielt. Die kecke Stupsnase und ein paar seltsam
-flackernde, graubraune, intensive Augen blickten aus dem flatternden
-Musselin hervor. Frei und ungezwungen, nur die eine Hand am Griff der
-Lenkstange, saß sie auf dem Rad. Die länglichen, schmalen Füße in
-braunen Lackhalbschuhen regierten spielend die Pedale.
-
-„Sie sind also auch noch so stillos, zu radeln?”
-
-„Ich bin immer mein eigener Stil,” gab Perthes mit hochtrabender Kürze
-zurück.
-
-„Hübsch. Das könnte beinahe ~ich~ gesagt haben!” Alice war jetzt neben
-ihm. „Wissen Sie, das wievielte Mal es ist, daß Sie mich nicht grüßen,
-Doktor Perthes?”
-
-„Nein, gnädiges Fräulein. Jedenfalls bedaure ich --”
-
-„Das erstemal vor einigen Wochen. Da rannten Sie mit einem Armvoll
-Rosen an mir vorbei, als hätten Sie mich noch nie gekannt.” Sie reichte
-ihm mit handkußheischender, ungezwungener Bewegung die Hand von Rad zu
-Rad, während sie ihn mit einem herausfordernden Blick von Kopf zu Fuß
-oder vielmehr, wie dies ihre Gewohnheit war, von Fuß zu Kopf musterte.
-
-Perthes begnügte sich mit einem flüchtigen Händedruck. Nichts kam ihm
-ungelegener als dies Zusammentreffen, und er gab sich keine Mühe, sein
-Mißbehagen zu verbergen.
-
-Alice, die seinen Widerstand sofort heraus hatte, fuhr noch langsamer
-und zwang ihn, mit ihr gleiches Tempo zu halten.
-
-„Das zweitemal, wo Sie mich schnitten,” fuhr sie mit gemächlicher
-Harmlosigkeit fort, „gingen Sie mit einem blonden Herrn, der ungemein
-jovial und lustig aussah, im Geschwindschritt über die Brücke nach der
-Altstadt. Papa und ich fuhren im Automobil an Ihnen vorbei. Das war vor
-fünf, sechs Tagen.”
-
-„Aber Sie führen ja geradezu Buch über meine Unterlassungssünden!”
-
-„Das drittemal heute, Doktor. Ist das etwa Absicht -- Herr Perthes?”
-Sie sah ihn nicht an, aber rundete auf eine maliziöse Art ihre
-spitzbübischen Lippen.
-
-„Gnädiges Fräulein,” wehrte sich Perthes, „ich bitte tausendmal um
-Vergebung! Ich bin völlig unschuldig! Denn --”
-
-„Na -- ob Sie so sehr unschuldig sind,” bemerkte Alice mit einem
-vieldeutigen Seitenblick, „ist 'ne Frage für sich! Wo wollen Sie denn
-eigentlich hin?”
-
-„Ich fahre spazieren,” erwiderte Perthes hastig.
-
-„Spazieren?” wiederholte sie ungläubig-gedehnt. „Das trifft sich ja
-famos. Ich fahre nach dem Stift. Wir wohnen jetzt ein paar Wochen
-draußen. So ab und zu wohnt sich's ganz nett in dem alten Rumpelkasten.
-Sie kennen doch Stift Nieburg?”
-
-„Vom Vorbeigehen -- natürlich.” Das Stift lag einige hundert Schritte
-von der Sägemühle entfernt auf halber Bergeshöhe; ein schloßartiges
-Gebäude aus dem achtzehnten Jahrhundert mit einer hochgetürmten
-Kapelle, mitten in altem Park, das Flußtal beherrschend. Exzellenz
-Hupfeld hatte sich diesen prächtigen Sitz, ein früheres adliges
-Fräuleinstift, als Sommerresidenz gekauft. „Es muß sich dort nicht
-schlecht hausen lassen. Das denke ich mir,” setzte Perthes hinzu, um
-das Gespräch nicht unhöflich stocken zu lassen.
-
-„Gott, Papa hat nu mal die schnurrige Vorliebe für olle Kamellen!
-Ich mach' mir nicht viel draus. Das Romantische ist nicht mein Fall.
-Aber Sie, Doktor -- Sie sehen so'n bißchen nach Räuberromantik aus.
-Die Kapelle ist ganz niedlich. Und im Saal hängen über wurmstichigen
-Möbeln, die wertvoll sein sollen, greulich öde Ahnenbilder. Wenn
-Sie Lust haben, kommen Sie 'n bißchen mit rauf! Ich bin bis Abend
-mutterseelenallein. Schloßbesichtigung gratis!” Sie zwinkerte halb
-listig, halb spöttisch mit ihren Augen, die ihre Farbe wechseln zu
-können schienen, indem sie bald grünlich, bald golden aufschimmerten
-oder ihr undurchdringliches Graubraun bewahrten.
-
-„Sehr liebenswürdig! Aber zu meinem Bedauern -- heute geht's nicht.
-Wirklich nicht! Ich muß nachher noch arbeiten!” Perthes war nicht für
-Ausrede und Verstellung gemacht. Man sah ihm an, daß er flunkerte. Er
-errötete sogar ein wenig. Ihr sagen, wohin er wollte, konnte er nicht.
-In ihrer Gegenwart von Marga oder auch nur von etwas zu reden, das mit
-ihr im Zusammenhang stand, widerstrebte ihm. Er wäre ihrer Einladung
-auch nicht gefolgt, wenn er gekonnt hätte. Alice Hupfelds freie und
-saloppe Art, die immer der Gipfel des Modernen sein sollte, entsprach
-seinem Geschmack heute weniger denn je. Vielleicht daß sie ihn auch
-verwirrte. Ihre spottsüchtige Koketterie zwang ihn zu einer ständigen
-Kriegsbereitschaft, die ihm heute besonders beschwerlich wurde.
-
-Sie dachte nicht daran, ihn zu entlassen. Je deutlicher seine Ungeduld
-wurde, um so weniger. Dieses schwarzbärtige Mannkind, das sie in
-Perthes sah, reizte sie, je spröder er sich gab, nur um so stärker.
-Seine Gewandtheit, sein Temperament und seine Kraft, die sie vom
-Sportplatz kannte, imponierten ihr. Sein Aussehen, das dunkelgebräunte
-Gesicht mit den ungebärdig über die Stirn fallenden, buschigen Haaren,
-den großen, oft unvermittelt aufglühenden Augen, hatte für sie etwas
-Exotisches, das sie anzog, während seine innere Unberührtheit und
-Ungelenkigkeit, die mit der äußeren Geschicklichkeit kontrastierte, sie
-lächerte und zu spöttischer Überlegenheit herausforderte.
-
-„Ich glaube, Sie sind ein wenig prüde, Doktor Perthes,” sagte sie nach
-einer Weile wie in Gedanken vor sich hin.
-
-„Ich? Wieso? Wie meinen Sie das?” fragte Perthes zerstreut.
-
-„Ich denke mir's eben. Vielleicht steckt hinter Ihnen ein ganz
-ehrsamer, biederer Philister -- wie?” Ihre Augen begegneten mit voller
-Angriffslust den seinen, und ihr Mund verzog sich, als unterdrücke sie
-ein boshaftes Lachen.
-
-„Schon möglich!” gab Perthes achselzuckend zurück. Seine
-Unbehaglichkeit wuchs mit jeder Umdrehung des mühsam zurückgehaltenen
-Rades. Welche Tücke hatte ihm gerade jetzt dieses verteufelte Mädel
-zuführen müssen, das sichtlich sein Vergnügen daran fand, eine Stimmung
-auszunutzen, die ihn wehrlos machte?
-
-„Mit wem verkehren Sie denn hier in der Hauptsache?” forschte sie
-unvermittelt weiter. Es war eine Liebhaberei von ihr, Fragen scheinbar
-zusammenhangslos aneinanderzureihen, die sie dann plötzlich zu einer
-unvermuteten Schlinge zusammenzog.
-
-„Ich habe sehr wenig Verkehr, Fräulein Hupfeld. Vorzugsweise bin ich in
-Gesellschaft meiner Bazillen,” scherzte er grimmig.
-
-„Da haben Sie ja ausgesuchte Gesellschaft!” lachte Alice.
-
-Es war ein helles, kurzes, aufreizendes Lachen, bei dem er nervös die
-Hände um die Lenkstange preßte, als wollte er sie zerbiegen. Wußte sie,
-daß er bei Richthoffs aus und ein ging? Wollte sie ihn aushorchen?
-Spottete sie über seinen Verkehr?
-
-Zum Glück trennten sich jetzt die Wege. Der zum Stift Nieburg führte
-seitwärts bergan. Die Landstraße lief nach der Sägemühle geradeaus
-weiter.
-
-Alice sprang leichtfüßig vom Rad.
-
-Perthes tat dasselbe, um sich zu verabschieden.
-
-„Werden Sie denn bei Papa als Assistent eintreten?” warf sie nüchtern
-hin.
-
-„Wohl möglich!”
-
-„Na -- dann werd' ich Sie mal ein bißchen in Erziehung nehmen, Doktor
-Perthes!”
-
-„Scheint Ihnen das nötig?”
-
-„Oh -- dringend! Ich werde Sie zum Beispiel lehren, daß man junge Damen
-seiner Bekanntschaft nicht übersieht. Dann werd' ich Ihnen beibringen,
-daß man einer jungen Dame, die ihr Rad bergan schieben muß,” -- sie
-deutete auf den etwas steilen Weg, der zum Stiftstor führte -- „seine
-Dienste anbietet!”
-
-„Da scheint die Assistenz bei Ihrem Herrn Vater mit gewissen
-Nebendiensten verbunden zu sein!” entfuhr es Perthes wütend. Sein Unmut
-darüber, daß er aufgehalten und absichtlich mißhandelt wurde, riß ihn
-zu dieser groben, patzigen Unhöflichkeit fort.
-
-Er hatte sich Alice gegenüber nur eine Blöße gegeben. Sie warf den
-schleierumbauschten Kopf in den Nacken zurück. Eine Strähne ihres
-rötlichen, ungebärdigen Haares schlüpfte unter der Mütze hervor.
-Ihre Lippen spitzten sich und bebten leise, während die kecken,
-spitzbübisch-kecken Augen ihn wie zuerst von Fuß zu Kopf musterten und
-sich dann ohne Scheu in die seinen hefteten.
-
-„Ich wollte sagen --” verbesserte sich Perthes mit einer
-Unbeholfenheit, die nichts verbesserte.
-
-„Nicht nötig!” schnitt sie ihm das Wort ab. „Ich werde mich für Ihre
-Grobheiten schon schadlos halten, Doktor!” Sie gab ihm die Hand, als
-wäre nichts geschehen. Und er wagte diesmal nicht, diese schmale,
-schmiegsame Hand ohne einen flüchtigen Handkuß zu lassen.
-
-Ihre Augen zuckten triumphierend. Sie nickte ihm zu, als wollte sie
-sagen: Ich fange schon an, mich schadlos zu halten! Und ohne ihn weiter
-zu beachten, stieg sie, das Rad neben sich herschiebend, zum Stift
-hinauf. --
-
-Perthes schwang sich wieder auf den Sitz. Er fuhr in schnellem Tempo
-der Mühle zu, deren Dach unweit zwischen den hohen Gartenbäumen
-durchschimmerte. Seine Uhr zeigte vier. Es war also noch immer
-reichlich viel früher, als er sich angemeldet hatte. Aber er hätte
-ohne dieses Zusammentreffen auf offener Straße eine halbe Stunde
-eher da sein können. Warum hatte sich dieses tolle Mädel wie ein
-fratzenschneidender Kobold in seine ernste, zielsichere Stimmung
-gedrängt? Er wütete innerlich gegen sie und ihre forschen Allüren, ihre
-spottlüsterne, herausfordernde Überlegenheit. Diese ganze gelenkige
-Mischung von Harmlosigkeit und Bosheit war ihm verhaßt. Ohne Zweifel!
-Und um ihr pfiffiges Schelmengesicht zu vertreiben, rief er sich Marga
-ins Gedächtnis. Es hielt schwerer, als er gedacht. Fräulein Exzellenz
-war hartnäckig, auch noch in seiner Vorstellung.
-
-Perthes war froh, als er die Sägemühle erreichte, die heute wie
-verschlafen hinter ihrem sonnenlosen Garten lag. Ein Pfauenschrei vom
-Geflügelhof war der einzige Laut, der ihn bei der Einfahrt empfing.
-
-Er sprang ab und schob sein Rad in den Gitterstand, der für diesen
-Zweck links vom Tor angebracht war. Er war trotz des Schattens heiß
-geworden und trocknete sich die Stirn. Ein Blick in den Garten
-überzeugte ihn, daß da die Gesuchten nicht zu finden waren. Er trat ins
-Haus und fragte die Wirtsfrau, die neben dem Büfett döste, nach den
-jungen Damen. Sie glaubte, die beiden Fräuleins hätten einen Ausflug
-gemacht. Ja, natürlich; jetzt, während sie sich die Augen rieb, fiel es
-ihr „für gewiß” ein: sie waren schon am Vormittag weg und wollten erst
-zum Abend zurückkommen.
-
-Damit hatte Perthes auch nicht einen Augenblick gerechnet.
-
-Wahrhaftig! Als er sich im öden, plakatreichen Gastzimmer umblickte, wo
-nur die Fuhrleute oder die Bauern aus der Umgebung ihr Glas Bier oder
-ihren Schnaps zu trinken pflegten, sah er seinen eiligen Kartenbrief
-friedvoll am Spiegel stecken. Marga hatte ihn also nicht einmal mehr
-erhalten. Trotz des grünen Radlers! Heute, ausgemacht heute mußten die
-beiden eine Tour machen! Wo das Wetter nicht einmal danach war! Ganz
-verzweifelt knickte er auf einer der rohgezimmerten Bänke zusammen.
-Wohin die Damen gegangen wären, forschte er kleinlaut. Das wußte
-die gute Wirtsfrau auch nicht. Vielleicht hatten sie's ihrem Mann
-gesagt, aber der war in der Stadt. Also ihnen entgegenfahren konnte
-Perthes auch nicht. Es blieb gar nichts anderes übrig: wenn er nicht
-unverrichteter Dinge heimkehren wollte, mußte er bis gegen Abend
-warten. Eine Geduldsprobe, die zweite schon an diesem Nachmittag, die
-wie Rauhreif auf sein Ungestüm fiel ...
-
-Er bestellte sich Kaffee. Trostlos ging er in den Garten und setzte
-sich an den Tisch im Haselgebüsch, wo sein erster mißlungener Besuch
-auf der Mühle angefangen hatte.
-
-Kein Spaziergänger ließ sich heute ringsum blicken.
-
-Es gab so Tage, erklärte die Wirtin, als sie ihm selber den Kaffee
-brachte, da blieben sie wie auf Verabredung alle weg. Dabei war es doch
-nicht einmal übles Wetter. Im Gegenteil. Sehr angenehm zum Gehen. An
-Regentagen kamen sie manchmal in hellen Haufen. Es war sogar möglich,
-daß heute, mit dem Lokalzug um fünf Uhr, noch so viele kämen, daß man
-nicht Hände genug hatte, sie zu bedienen.
-
-So philosophierte die junge, jetzt munter gewordene Frau, und Perthes
-hörte gottergeben zu.
-
-Oder er hörte vielmehr nicht zu, sondern sah unglücklich zwischen den
-Büschen durch, in den Garten. Wie trübselig der aussah mit seinen
-leeren, buntgedeckten Tischen! Wie jämmerlich der dumme Springbrunnen
-in der Mitte, den er noch nie beachtet, in sein dürftiges Bassin
-plätscherte! Und draußen kroch der Fluß in grauer Greisenhaftigkeit;
-drüben, am anderen Ufer, schwammen Feld und Wald langweilig ineinander.
-
-Das war ja, um selber trübselig zu werden! Und das sollte womöglich
-stundenlang dauern? Wie gemacht für ihn, um sich zu vergrübeln!
-
-Stand er vielleicht im Begriff, eine Dummheit zu machen? Die Dummheit
-seines Lebens, die alle früheren übertraf? Oder -- wie? -- wenn Marga
-ihn nicht anhörte? Wenn, ja wenn -- das war das Tollste, darauf war er
-noch gar nicht gekommen, und das war so unmöglich gar nicht! -- wenn
-er sich nur eingebildet hatte, daß sie ihn liebe? Wenn sie überrascht
-war von dem, was er ihr sagen wollte? Und ihn abwies? Aber das war ja
-verrückt!
-
-Gepeinigt stand er auf und ging mit langen Schritten in dem leeren
-Garten zwischen den Tischen auf und ab, um den blödsinnig plätschernden
-Springbrunnen herum und noch einmal herum. Gewiß, das war unsinnig!
-Und doch plagte ihn diese jüngste Ausgeburt seiner Phantasie mit allen
-Teufeleien, deren sie fähig war. Wie ein dummer Junge stand er jetzt da
-und starrte kleinmütig über den Lattenzaun des Gartens weg in den Fluß.
-Warum sollte sie auch die Sache nur in Erwägung ziehen? Was konnte er
-ihr überhaupt bieten? Wie sollte er sich verständlich machen und die
-Geschichte anfassen? Am Ende hatte es gar keinen Zweck ... Im Nu war
-Max Perthes aus dem Gleise geworfen, wenn sich etwas nicht so gerade
-und einfach anließ, wie er es vor sich sah. Es blieb dabei: er konnte
-immer noch erst springen, aber nicht gehen ...
-
-Der Lokalzug brachte diesmal nicht den von der kundigen Wirtin als
-möglich prophezeiten Andrang. Der Garten blieb leer. Zwei, drei
-Einspänner, alte Herren mit Perücken, mit Mänteln mitten im Sommer und
-Stöcken mit Elfenbeinkrücken, tranken, weil sie nun einmal täglich
-kamen, ihre Tasse Kaffee und lasen ihre Zeitung. Das war alles.
-
-Und doch hellte sich der Himmel gegen Abend auf. Die Sonne drängte
-sich, etwas blaß und schüchtern freilich, durch die weißgrauen Wolken.
-Und den Fluß herunter kam ein Boot mit rotbemützten Studenten gezogen,
-deren Gesang halb wehmütig, halb heiter übers Wasser klang. Sie sangen
-von der Saale im Tale und den Burgen auf den Bergen. Erinnerungen an
-seine eigene Studentenzeit am fröhlichen Rhein erwachten in Perthes.
-Sie und der verhallende Gesang und das zage Sonnenlicht erzeugten eine
-ruhigere Stimmung in ihm. Die zerfahrenen, unmännlichen Zweifel wichen
-allmählich einer tapferen, fast heiteren Zuversicht. Das Unmögliche
-und Unerreichbare einer Liebe, die es nirgends, für ihn jedenfalls
-nirgends, gab, lag hinter ihm mit der Unreife und Halbheit, der
-rastlosen Jagd von Extrem zu Extrem; das Wirkliche und Faßbare war vor
-ihm. Das wollte er als Mann ergreifen und festhalten. So konnte er
-Marga entgegentreten, mit ihr sprechen.
-
-Drüben, am anderen Ufer, stieß jetzt das Fährboot ab.
-
-Perthes sah zu, wie es erst gegen die Strömung arbeitete und sich dann
-in der Mitte des Flusses von den Wellen aufnehmen ließ. Der breite
-Rücken des Schiffers hatte ihm die Insassen verdeckt. Jetzt erkannte
-er sie und richtete sich auf. Er ging aus dem Garten und stieg die
-Böschung hinunter, nach dem Steg ...
-
-„Du, ich glaube -- wahrhaftig! -- Doktor Perthes erwartet uns drüben!”
-konstatierte Elli mit halblauter Überraschung.
-
-Marga, die die Hand ins Wasser getaucht hatte, um die frische, ziehende
-Kühle zu spüren, hob sie langsam heraus. Sie war selbst verwundert,
-_wie_ langsam. Und war auch verwundert, wie wenig verwundert sie war.
-All die letzten Tage war sie so tieftraurig, so in sich zerrissen,
-so bitter-wortkarg gewesen. Elli hatte sich gar nicht mehr mit ihr
-zu helfen gewußt und schließlich, aus reiner Verzweiflung, einen
-Tagesausflug vorgeschlagen -- trotz des mäßigen Wetters. Weit über
-die Berge waren sie durch die einsamen Wälder nach einer Schloßruine
-über dem Flußtal gewandert. Marga blieb bis über Mittag so trüb und
-verschlossen, als sie nur je gewesen. Erst am Nachmittag kam plötzlich,
-ihr selbst unerwartet und unverständlich, eine Fröhlichkeit über
-sie, wie lange nicht. Grundlos, gegenstandslos -- eine von jenen
-unbegreiflichen Offenbarungen des Gefühls, die sinnlos erscheinen und
-doch mit geheimnisvoller Ahnung mitten im Unglück eine glücklichere
-Zukunft vorauszukünden scheinen. Und diese frohe Aufwallung, die Elli
-jubelnd begrüßte und miterlebte, hielt vor. Auf dem Hinweg hatte
-Elli vergebens versucht, der Schwester die Herrlichkeit der alten
-Buchen, der aus der Ferne ins Walddüster lachenden Kornfelder, des
-in der Tiefe zwischen Felsen aufschäumenden Flusses nahezubringen;
-auf dem Heimweg war es Marga, die beschrieb. Eins von den Bildern,
-die ihr inneres Gesicht sah: es war ihr, als schritten sie unter
-goldwolkigem Sommerhimmel talab über einen unabsehbaren Hang von
-blauen Glockenblumen, die im Winde wunderbar läuteten, mit zarten,
-dünnen, verheißungsvollen Stimmchen. Und wie sie an den Fluß kamen und
-übersetzten, hörte sie noch immer auf das seltsame, lockende, feine
-Klingen im Winde. Wie natürlich war es, daß er da drüben stand am Ufer,
-jenseit des Blumenhanges und des Wassers, das ihn silbern besäumte!
-Sein gemessen-ernster Gruß, der jetzt ihr Ohr traf, erschreckte sie
-nicht. Sie lächelte, als müßte es so sein. Die eine Hand gab sie
-Elli; die andere ergriff er und half ihr aussteigen, während Elli dem
-Fährmann seinen Groschen gab.
-
-„Sie sind ja gar nicht ein bißchen erstaunt und ungehalten, mich hier
-zu treffen!” meinte Perthes.
-
-Marga erwiderte nichts. Wie sie von ihm sich die Böschung hinaufführen
-ließ, klangen ihr die Glockenblumen von drüben nach; ihre zarten,
-dünnen Stimmen wuchsen, und ihr Geläute schwoll so mächtig, daß es sie
-betäubte.
-
-Erst als sie im Garten standen, verstummte das Getön, und sie ließ
-seinen Arm los.
-
-„Sie müssen nicht denken, ich hätte Ihr Verbot, zur Mühle zu kommen,
-leichtsinnig vergessen, Fräulein Marga!” begann Perthes wieder. „Der
-Brief, mit dem ich mich anmeldete und um eine Unterredung bat, steckt
-in der Wirtsstube drinnen seit Stunden am Spiegel. Es hängt auch jetzt
-noch ganz von Ihnen ab, ob Sie mich einen Augenblick hören wollen!” Er
-sah Marga forschend an. „Unter vier Augen,” setzte er hinzu und sah
-hinter sich.
-
-Aber Elli war verschwunden. Wie von der Erde verschluckt. Sie
-versicherte später, sie habe stets einen „feinen Merks” für gewisse
-Situationen gehabt. Einen sehr feinen sogar ...
-
-Marga antwortete nicht auf Perthes' Frage. Ihr war zumute, als spänne
-das Bild ihrer Phantasie sich selbsttätig weiter; als sei all das
-Traum und nicht Wirklichkeit. Sie ließ sich von ihm an den Tisch im
-Haselgesträuch leiten und setzte sich zu ihm, wie er es wollte.
-
-„Vor ein paar Wochen,” hob Perthes, durch ihr Schweigen befangen, an,
-„hatte ich daran gedacht, von hier für immer fortzugehen. Wissen Sie:
-damals, als ich die törichte Geschichte mit Hilde König ausgeschwärmt
-hatte. Und als Sie, Fräulein Marga, mich vorigen Dienstag auf Wochen
-hinaus fortschickten, dachte ich wieder, es würde wohl das Beste
-sein. Ich hatte Lust, wie ich Ihnen schon früher einmal erzählte,
-die Bakteriologie wieder an den Nagel zu hängen und zur Chirurgie
-zurückzukehren. Erinnern Sie sich noch, Fräulein Marga?”
-
-Sie nickte mechanisch mit dem Kopf. Sie verstand nur halb, was er sagte.
-
-„Nun erhielt ich heute ein unerwartetes Anerbieten, hier bei Geheimrat
-Hupfeld als Assistent einzutreten,” fuhr er mutiger fort. „Ehe ich
-mich entscheide, möchte ich hören, was Sie darüber denken.”
-
-„Aber davon versteh' ich ja gar nichts!” erwiderte Marga leise. Sie
-nahm zerstreut ihren weißen englischen Strohhut ab und legte ihn neben
-sich auf den Stuhl. Verträumt strich sie das Haar über ihrer Schläfe
-zurecht.
-
-„Zu verstehen brauchen Sie da weiter nichts, Fräulein Marga. Sie sollen
-mir nur sagen, ob Sie wünschen, daß -- daß ich -- nun, daß ich eben
-hierbleibe. Das hängt nämlich von Ihnen ab. Nur von Ihnen,” wiederholte
-er gepreßt.
-
-„Von -- mir?” stammelte Marga. Sie hatte bisher die Augen blicklos ins
-Weite gerichtet. Jetzt suchten sie ihn mit einem unbeschreiblichen
-Ausdruck von Besorgnis und Verwirrung, als könnten sie ergründen, wohin
-er mit diesem vieldeutigen Wort zielte. Ob er scherzte; ob er sie
-quälen wollte, mit ihr spielen, oder ob ...
-
-„Ich rede in vollem Ernst, Fräulein Marga!” beteuerte Perthes, der
-ihren Blick richtig deutete. „Ich habe mich die letzten Tage, während
-ich fernblieb, gründlich vorgenommen. Ich wäre nicht wieder zu Ihnen
-gekommen, wahrhaftig nicht, wenn ich mir nicht ein Recht dafür hätte
-zusprechen können. Ich nehme die Stellung nur an, wenn Sie, Fräulein
-Marga, mir erlauben, wie bisher zu Ihnen zu kommen. Auch auf die
-Sägemühle. Und ich muß sogar noch weitergehende Bedingungen machen:
-wenn Sie versuchen, mehr für mich zu sein als eine Freundin! Wenn Sie
---” Die Erregung nahm ihm die Stimme, und er faßte nach ihren Händen,
-die vor ihm auf dem Tisch lagen. „Wenn Sie --”
-
-Marga zog sie mit einem leisen Aufschrei zurück. Sie warf sich gegen
-die Lehne ihres Stuhles. Bei seiner Berührung war sie plötzlich aus
-ihrer traumhaften Betäubung erwacht. Eine jähe Röte schoß in ihre
-Wangen und wechselte augenblicklich mit tiefer Blässe.
-
-„Nein, nein, nein!” stieß sie entsetzt hervor. Sie krampfte ihre Hände
-vor der Brust ineinander. Das sollte Wirklichkeit sein? Das durfte ja
-nicht Wirklichkeit sein. Niemals! „Nein! Nein! Nein!” wiederholte sie
-noch einmal mit äußerster Anstrengung und hob die Hände gegen ihn,
-als wollte sie so das Unmögliche und Unerlaubte von sich wegzwingen.
-Ihre Augen hatten einen beinahe irren Ausdruck angenommen. Sie wollte
-aufspringen. Sie wollte fortlaufen, ihm entfliehen -- aber ihre Kraft
-versagte. Die Arme fielen ihr erschöpft nieder, und die Augen schlossen
-sich, wie von einem übermenschlichen Schmerz zugedrückt.
-
-Perthes war gleichfalls erblaßt. Schweigend starrte er sie an. „Sie
-wollen also nicht,” sagte er dann tonlos und bitter.
-
-„Ich -- ich darf nicht!” stammelte Marga mit zuckenden Lippen.
-
-„Sie dürfen nicht?” fragte er dumpf. „Und warum nicht? Weil Sie nicht
-können? Weil Sie mir nicht mehr geben können als Freundschaft? Darum?”
-
-Marga schüttelte gequält den bleichen, blonden Kopf.
-
-„Oh, Sie trauen mir nicht! Sie können nicht glauben, daß ich weiß, was
-ich will! Was ich tue! Ich habe Ihnen keine hohen Liebesbeteuerungen
-vordeklamiert! Ich will nicht, daß Sie auch nur eine unwahre Silbe von
-mir hören! Nur versuchen sollten Sie's mit mir! Ehrlich versuchen, bis
-Sie sich überzeugt haben, daß ich's ehrlich meine!” Seine Worte brachen
-jetzt ungestüm und drängend aus ihm hervor. Er verkannte sich nicht.
-Er wußte, wie er an Reife hinter ihr zurückstand. Aber er wußte auch,
-daß er sie und nur sie brauchte! Und er wiederholte ihr mit seiner
-leidenschaftlichen Beredsamkeit alles, was in diesen Tagen in ihm
-vorgegangen war, mit rückhaltloser, nichts verbergender Offenheit.
-
-Während er noch sprach, sank Margas Kopf vornüber auf den Tisch, auf
-ihre Arme. Und mit einem Mal schüttelte das Schluchzen wie ein Schauer
-ihren Leib.
-
-Erschrocken hielt Perthes inne.
-
-„Ich darf ja nicht! Ich bin ja blind! Ich darf ja nicht!” ging es
-wie der Schrei eines auf den Tod Getroffenen durch den abendlichen,
-einsamen Garten.
-
-Jetzt hatte Perthes verstanden.
-
-Er reckte sich. Auch über ihn lief es wie ein Zittern. Es war sein
-Herz, das groß und übermächtig und warm in ihm aufpochte, als wollte es
-die kräftige Brust sprengen. Es war _gut_, was er wollte! Und es war
-_Schönheit_, die seine Seele weitete! Mochte das Gefühl nun Mitleid
-sein, unsägliches Mitleid oder brüderliche Freundschaft oder Liebe: er
-mußte ihre Hände ergreifen, stark und zwingend. Er mußte sie an sich
-ziehen --
-
-Und Margas Kraft war zu Ende. Willenlos fiel ihr Kopf an seine Brust,
-und ihr tränenüberströmtes Gesicht verbarg sich dort. Um schwach zu
-sein, einen Augenblick schwach wie ein Weib, das liebt -- und kostete
-ihre Schwäche sie ihre Seligkeit ...
-
-Als Elli mit dem „feinen Merks” eine halbe Stunde später vernehmlich
-„Pardon!” rief, ehe sie an den Tisch hinter den Haselbüschen trat,
-fand sie die beiden Hand in Hand, und Marga lehnte an Perthes'
-Schulter. Elli war natürlich furchtbar überrascht. Aber genau genommen
-hatte sie gewußt, daß es so kommen würde. Fast hätte sie „immer”
-dazugesetzt, wie Schwester Käthe.
-
-
-
-
-8
-
-
- Kissingen, den .. Juli 19..
-
- Meine liebe kleine Elli!
-
-Nur durch eine Ansichtskarte habt Ihr uns bisher Eure Übersiedlung nach
-der Sägemühle gemeldet. Papa ist schon ganz ungehalten, daß er keinen
-Brief bekommen hat, und ich habe große Mühe, Euch gegen seine empörten
-Ausfälle, wie undankbare, mißratene Kinder er habe, in Schutz zu
-nehmen. Also schreibt ihm nur gleich nach Empfang meines Briefes, sonst
-wird er ernstlich böse.
-
-Es ist hier im lieblichen Frankenlande wunderbar schön. Die Natur
-bietet viel. Aber noch mehr das großartige, wirklich internationale
-Badeleben. Wenn man den rechten Blick für Menschen hat, kann man hier
-seine Studien machen. Es ist doch kein bloßes Vorurteil, das Wort:
-Reisen bildet! Ich habe hier, in den paar Wochen, mehr beobachtet und
-gelernt als zu Hause in einem halben Jahr. Die „große Welt”, die uns
-auf Schritt und Tritt umgibt, ist zuerst verwirrend und blendend; aber
-allmählich gewöhnt man sich daran. Toiletten sieht man -- im Bad,
-am Brunnen, bei den Konzerten --, Du kannst Dir keine Vorstellung
-machen, Kleinchen, _wie_ tipp-topp! Man will sich ganz klein vorkommen,
-aber dann sagt man sich: Wahre Bildung ist doch vornehmer als dieser
-hohle Luxus! Und man sucht in dem Gewühl von Menschen nach solchen,
-die wirklich fein -- ich meine, geistig und seelisch bedeutend
-sind. Wie schnell kommt da die Erfahrung, daß solche Menschen recht
-nahe beisammen sind und gar nicht aussehen wie diese prunkenden
-Weltmenschen. Ich schreibe regelmäßig und viel in mein Tagebuch und
-wundre mich oft selbst, natürlich ohne Hochmut, wie reif und mit mir
-selber fertig ich in den letzten Jahren geworden bin. Wenn Du artig
-bist, Kleinchen, sollst Du im Herbst -- versteht sich mit Auswahl --
-daraus vorgelesen bekommen.
-
-Was treibt Ihr denn auf der Mühle?
-
-Gewiß macht Ihr schöne Ausflüge über die Berge, handarbeitet im Garten,
-liegt in der Hängematte im Wald und lest viel. Meine Gedanken sind
-oft und in schwesterlicher Liebe bei Euch. Lest nur, bitte, bitte, ja
-keine Bücher, die noch nichts für Euch sind! Das kann so viel Unheil
-anrichten. Denkt Euch: Lizzie, die doch älter ist als Ihr, hat kürzlich
-ein Buch von Zola (!) gelesen, das sie ganz krank und verzweifelt
-gemacht hat. Ich habe ihr kräftig den Kopf zurecht gesetzt, sie
-will mir das Buch einmal schicken, und ich werde mich, ihr zuliebe,
-gründlich mit ihm auseinandersetzen, um ihr zu helfen, denn allein
-findet sie ja doch nicht heraus. Ich bin ganz traurig über sie.
-
-Sage, bitte, Marga, ich hätte hier noch einmal unser letztes Gespräch
-auf dem Weinberg durchgedacht und wäre zum gleichen Resultat gekommen
-wie damals. Vielleicht hat sie inzwischen mich auch besser verstanden
-und eingesehen, wie gut ich's mit ihr meine. Ich bin ihr gar nicht
-böse, daß sie's nicht gleich konnte!
-
-Papa kam eben in mein Zimmer und wetterte über die „vermaledeite
-Briefschreiberei”. Ich will also schließen. Es ist gar nicht immer
-so leicht mit ihm, weil er in beständigem Krieg mit dem Badearzt und
-allen Verordnungen lebt. Doch wenn man ihn zu nehmen weiß, läßt er sich
-meistens zu seinem Besten überzeugen. In acht bis vierzehn Tagen soll's
-nach Tirol oder nach Bayern gehen. Wie ich mich darauf freue, könnt Ihr
-euch denken!
-
-Mit herzlichen Grüßen, auch für Marga, und einem Kuß für Dich, liebe
-Elli, bin ich
-
- Deine getreue Schwester
-
- Käthe Richthoff.
-
-~P. S.~ Denkt Euch, morgen will Doktor Bertelsdorf hierherkommen.
-Er muß Papas Rat für eine wissenschaftliche Publikation haben. Der
-Flanellstorch hat sich auch bei Papa „für einen Sprung” angemeldet,
-wurde aber abgewiesen.
-
- K. R.
-
-~P. S.~ 2. Erwarte Brief binnen zwei Tagen. Verweigere sonst weiteres
-Kostgeld. Tatsachenbericht, keine Gefühlsduseleien. Gruß.
-
- Papa.
-
-Mit sehr gemischten Gefühlen und sehr kritischen Glossen hatte Elli am
-Sonntagmorgen diesen Brief von Schwester Käthe vorgelesen. Das war ja
-Käthe, wie sie leibte und lebte. Nach Ellis Ansicht mußte man ihr für
-diese „infam-gütige” Epistel mal kräftig die Meinung geigen.
-
-„Wenn sie so fortmacht, platzt sie ja eines Tags vor lauter
-Menschenkenntnis und Lebenserfahrung!” legte Elli zum Schluß los. „Und
-das, was sie über dein Verhältnis zu Perthes schreibt, Margakind -- die
-Andeutung, mein' ich, über ihre verdrehte Abschiedspredigt --, das ist
-jetzt einfach lächerlich geworden! Das gönn' ich ihr!”
-
-„Laß gut sein, Elli!” mahnte Marga versöhnlich.
-
-„Jawohl! Ich finde, wir sind ihr einen Strahl kalten Wassers auf
-diesen Schreibebrief einfach schuldig! Wir sind doch schließlich keine
-Wickelbabys mehr! Von mir will ich noch nicht mal reden, aber du -- du
-bist doch jetzt so gut wie Braut, Marga --”
-
-„Sag' so was nicht, Elli!” wehrte Marga ernsthaft. „So weit sind
-Perthes und ich noch nicht! Du weißt, wir haben uns streng versprochen,
-es nur erst miteinander zu versuchen.”
-
-„I -- was! ‚Ein Versuch führt zu dauernder Kundschaft‛, heißt's im
-Reklamestil!” erklärte Elli mit überzeugtem und überzeugendem Lachen.
-„So ähnlich war es mit mir und Wilkens auch; man verspricht sich
-zuerst, haarsträubend brav und zurückhaltend und vernünftig zu sein,
-und nachher --”
-
-„Schwatz' doch keinen Unsinn, Kleinchen -- ich bitt' dich!”
-
-„Kleinchen! Kleinchen! Das mag ich schon gar nicht mehr hören! Und daß
-es geschrieben wird, verbitt' ich mir endgültig. Das werd' ich Käthe
-schreiben. Und --”
-
-„Ich glaube, du schreibst besser an Papa, und nachher diktiere ich dir
-einen Brief für Käthe.”
-
-Elli legte Marga ihre beiden Hände auf die Schultern, sah so wehmütig
-drein, als es ihre lachenden Augen tun wollten, und wiegte den lockigen
-Kopf mitleidig von einer Schulter zur anderen: „Marga, Marga, mit dir
-geht's bergab! Seit Freitagabend überfließt du von lauter Zuckerwasser!
-Hätt' ich das gewußt, wär' ich eher in den Garten gekommen! Da hättet
-ihr euch die Umarmung malen können! Und die ganze Verlob--”
-
-„Elli!” rief Marga aufgebracht und hielt der Schwester den Mund zu.
-
-„Stell' dich nur recht tugendsam!” neckte das Kleinchen weiter. „Ich
-kenne dich jetzt! Ich werde deinem Max erzählen --”
-
-Marga faßte jetzt die plappernde Elli so kräftig und bedeckte ihr den
-Mund so nachhaltig, daß sie nicht mehr weiter schmälen konnte. Dafür
-lachte sie um so übermütiger, und Marga mußte mitlachen.
-
-Dann wurde der Frühstückstisch in der Halle geräumt. Sie setzten sich
-in den Garten, und Elli schrieb an Vater Richthoff vier enge Seiten.
-Zwar keine „Gefühlsduseleien”, aber erst recht keinen Tatsachenbericht,
-sondern lauter tolles Zeug. Nachher diktierte ihr Marga das
-„Zuckerwasser” für Käthe.
-
-Draußen im Gras funkelte die Sonne auf den Tauperlen. Das erste
-sonntägliche Vergnügungsschiff mit bunten Wimpeln und voller lustiger
-Menschen keuchte stromaufwärts. Vom nächsten Dorf trug ein launischer
-Frühwind den Klang der Kirchenglocken unter die Bäume im Garten ...
-
-Es war Margas voller Ernst, wenn sie gesagt hatte, Perthes und sie
-wären so weit noch nicht und wollten es erst miteinander versuchen.
-Als Perthes am Morgen nach jenem Abend seligen Selbstvergessens wieder
-auf der Mühle erschienen war, hatte ihn Marga ganz anders empfangen,
-als er erwartete. „Geradezu frostig und lieblos,” meinte er entrüstet.
-Aber Margas Gewissen hatte sie schon in der Nacht, die sie schlaflos
-verbrachte, mit Vorwürfen und Anklagen gepeinigt, die die erste Freude
-dämpften. Sie sah, was geschehen war, im Licht unverantwortlicher
-Schwachheit. Mit hundert Gründen bewies sie Perthes, wie unbesonnen
-und unrecht es wäre, sein Schicksal und das ihrige zu verbinden, und
-was sie sagte, kam wahrhaftig nicht aus dem Bedürfnis unschuldiger
-Koketterie, die das Gegenteil hören wollte. Sie zwang sich zu dieser
-schmerzhaften Klarheit, weil ihre Natur es so verlangte. Wußte er
-denn, was es hieß, mit einer blinden Frau durchs Leben zu gehen? Hatte
-er eine Ahnung von den Entbehrungen und Enttäuschungen, die ihm, dem
-Sehenden, bevorstanden, wenn er, Seite an Seite mit ihr, ins Leben
-trat, in die Welt, die ihr ewig fremd und verschlossen bleiben mußte,
-unter Menschen, die ihn einen kurzsichtigen Schwärmer schelten und über
-eine Verlobung mit ihr oder gar eine Ehe die Achseln zucken würden? Was
-half es, wenn sie, Marga, kraft ihrer Liebe jede Demütigung gern auf
-sich nahm -- ihn, den Sehenden, den Stolzen, den leidenschaftlichen
-Mann mußte eine Wirklichkeit, wie sie ihr Instinkt angstvoll
-vorausfühlte, wundreiben und unglücklich machen mit ihren tausend
-unvorhergesehenen, wehtuenden, stechenden Kleinigkeiten. Mitleidlos
-gegen sich und ihn ersparte sie ihm keine von den Wahrheiten, die sie
-in den langen Stunden der Nacht gesammelt hatte.
-
-Freilich -- die Wirkung auf Perthes war dieselbe, als wenn sie
-ebensoviel zu ihren Gunsten vorgebracht hätte. Je mehr Hindernisse und
-Beschwerlichkeiten sie ihm zeigte, um so beredter und temperamentvoller
-verfocht er seinen Entschluß. War er nicht Manns genug, um zu wissen,
-was er tat? Scheute er vielleicht das läppische Gerede und Gehabe
-anderer? Hatte er nicht immer für seinen eigenen Kopf seinen eigenen
-Weg gefunden? Und nun, wo er durch Marga erst recht und ganz er selbst
-wurde, sollte er gegen die kleinen Läppereien des Alltags, die sie da
-in der Nacht ausgeklügelt und zu Schrecknissen vergrößert hatte, nicht
-stark genug sein? Das war ja ein nettes Zeugnis von Vertrauen, das sie
-ihm ausstellte!
-
-Trotz seiner heftigen Gegenwehr gab Marga sich nicht zufrieden. Er
-mußte Schritt für Schritt erobern, was er an einem Abend im Sturm
-und für immer gewonnen zu haben glaubte. Er brachte es einstweilen
-nur zu einem feierlichen Pakt: er sollte kommen und gehen dürfen wie
-bisher in der Stadt, am Wenzelsberg; aber nicht öfter und keinesfalls
-täglich. Auch wegen des Geredes der Leute nicht. Sie wollten sich
-einer dem anderen so offen und natürlich geben, als sie nur konnten,
-um sich immer besser kennen zu lernen. Für das Maß der gegenseitigen
-Vertraulichkeiten hatte Marga, obwohl sie weder prüde noch doktrinär
-veranlagt war, einen ganzen Kodex ausgearbeitet: das zärtliche „Du”,
-das im Glück des ersten Verstehens eingerissen war, wurde verpönt. Sie
-wollten sich „Sie” und mit dem Vornamen nennen, und auch das nur unter
-vier Augen. Von anderen Liebkosungen als von einem etwas herzlicheren
-Handkuß durfte nicht die Rede sein.
-
-Gegen diese letzte Verordnung wehrte sich Perthes am entschiedensten.
-
-Um sie von vornherein zu entkräften, wollte er sogar Marga sofort
-herzhaft in seine Arme ziehen. Aber sie geriet in eine so hilflose
-Erregung, bat ihn so inständig, ja flehentlich, ihr zu folgen, daß er
-nachgab.
-
-„Das versteh' ich nicht!” eiferte er. „Für Kasteiungen hab' ich gar
-kein Talent, Marga. Ich weiß auch, trotz all der schönen Reden, nicht,
-zu was sie gut sein sollen.”
-
-„Das soll dafür gut sein, daß uns, wenn unser Versuch mißlingt und wir
-nicht zusammenbleiben können, das Auseinandergehen nicht zu schwer
-wird.”
-
-Perthes wollte sie auslachen, aber sie legte so viel ernste, beinahe
-schwermütige Überzeugung in ihre Worte, daß er es nicht fertigbrachte.
-Er dachte nicht daran, ihre pessimistische Auffassung gelten zu lassen.
-Aber die ängstliche Vorsicht, die an das Glück nicht glauben konnte,
-die mädchenhafte Scheu, die der eigenen Liebe zum Trotz sich so streng
-und haushälterisch gab, rührte ihn und nötigte ihm Achtung ab. Wenn er
-auch bei sich dachte, dies drakonische Hausgesetz bleibe ein Unding,
-weil es einen neutralen Zwischenzustand zu schaffen suche zwischen
-Liebe und Freundschaft, den es nie und nirgends gebe, so begriff er
-doch, daß so und nicht anders Margas empfindliches Gewissen sich mit
-dem Neuen abfinden konnte.
-
-Unter solchen Umständen hatte er seufzend dem „Gesetz zur Verhinderung
-der Liebe”, wie er es nannte, seine Sanktion erteilt.
-
-Es kam trotzdem, wie es kommen muß, wenn zwei Menschenkinder jung
-und aus Fleisch und Blut sind. Es wäre zwischen Marga und Perthes
-auch so gekommen, wenn Elli nicht von vornherein erklärt hätte,
-diese zimperliche Schöntuerei sei Hokuspokus, und zusammen mit ihrem
-Wilkens, vor dem das Geheimnis nicht gewahrt bleiben konnte, nicht jede
-Gelegenheit benutzt hätte, um diesem „faden Platonismus” mit Scherz und
-Spott auf den Leib zu rücken.
-
-Acht ganze Tage bestand das „GzVdL.”, wie es abgekürzt getauft wurde,
-leidlich voll zu Recht.
-
-Dann gewahrte Marga mit Schrecken, wie Stück um Stück von ihrem
-wohlgemeinten, aber doch nur in der Theorie möglichen Zwischensystem
-abbröckelte. Da wurden zunächst die Pausen zwischen Perthes' einzelnen
-Besuchen auf der Sägemühle immer kleiner, und bald war es ganz
-selbstverständlich geworden, daß er jeden Tag kam, manchmal sogar
-zweimal, und an einem Sonntag blieb er vom Morgen bis zum späten Abend.
-Das nächste Bollwerk brachten Elli und Wilkens durch ein förmliches
-Komplott zu Fall. Das steife „Sie” zwischen Marga und Perthes war ihnen
-schon lange ein Dorn im Auge. Aber alle Sticheleien verfingen nicht.
-Marga blieb fest und stellte sich taub für die dicksten Anspielungen;
-und Perthes wollte sie an der Illusion, die sie beruhigte, nicht
-irremachen.
-
-Elli, ewig auf Schelmereien bedacht, nahm ihre Zuflucht zu einem
-abgefeimten Trick.
-
-Eines Abends, als Wilkens und Perthes, wie dies jetzt so selten
-nicht mehr war, zum Abendbrot auf der Mühle blieben, ließ sie ihrer
-Ausgelassenheit alle Zügel schießen und riß jeden, auch Marga, in ihre
-übersprudelnde Laune hinein. Schließlich erhob sie ihr Glas, ließ
-die Augen lustig zu Perthes hinüberspringen und warf den zerzausten
-Kopf keck zur Seite. „Doktor Perthes, ich schlage vor, daß wir zwei
-Schmollis machen!”
-
-Perthes, so aufgeräumt er selber, so sympathisch ihm Fräulein Sausewind
-war, wurde doch von diesem freundschaftlichen Anerbieten überrumpelt.
-„Mit Vergnügen!” erklärte er. „Aber ich muß da höheren Orts erst
-anfragen.”
-
-Elli zwinkerte ihm zu. Er verstand und wandte sich an Marga. „Marga,
-Sie haben wohl nichts dagegen? Da es Ihre leibliche Schwester ist, die
-mit mir schmollieren will.”
-
-Marga war fassungslos überrascht und sah ganz verdutzt drein. „Elli ist
-wohl 'n bißchen beschwipst?” meinte sie ausweichend.
-
-„Bitte schönstens!” verteidigte sich die Verdächtigte entrüstet. „Das
-ist eine häßliche, grundlose Verleumdung!”
-
-„Die ich mir auch in meinem Namen verbitten muß, Fräulein Marga!”
-brummte Wilkens höchst unwirsch.
-
-„Wenn Sie mich noch lange warten lassen, Herr Doktor Perthes,” -- Elli
-betonte die Anrede mit spitzer Breite -- „sind Sie der unhöflichste
-Mensch, der mir je vorgekommen ist! Marga hat da überhaupt gar nicht
-mitzureden!”
-
-„Aber Herrn Wilkens muß ich doch wenigstens um Erlaubnis fragen?” sagte
-Perthes, der nun ganz mit im Spiel war, zuvorkommend.
-
-„Nun, Herr Wilkens?” fragte Elli. „Man überschätzt zwar Ihre Autorität,
-aber --”
-
-„Ich denke durchaus fortgeschritten in solchen Dingen,” ließ sich
-Wilkens mit liberaler Großartigkeit vernehmen.
-
-„Na also! Du siehst, Marga -- drei gegen eine!” triumphierte Elli.
-
-Marga wußte nicht aus noch ein. Sie war nicht ohne Humor. Aber der
-Mangel an äußerem Erleben hatte diese letzte und reifste Kraft nur erst
-spärlich in ihr entwickelt. Sie fand auch jetzt kein Scherzwort, um
-sich, ihre Schwere überwindend, aus der Klemme zu helfen. Sie versuchte
-zu lächeln. Doch der Ausdruck ihrer Augen strafte das Lächeln Lügen,
-und ihre Mundwinkel zuckten verdächtig.
-
-Elli lenkte ein. „Gott, Margakind, ich will dich ja schließlich
-nicht benachteiligen!” erklärte sie großmütig. „Ich trete von meinem
-Schmollis zurück unter einer Bedingung: wenn du es Doktor Perthes
-anbietest statt meiner! Ich tue es blutenden Herzens und werde an
-Herrn Perthes nicht so bald wieder mit einem so verlockenden Vorschlag
-herantreten.”
-
-Jetzt konnte auch Marga sich nicht des Lachens erwehren. Sie wollte
-nicht Spielverderberin sein und erhob bedächtig ihr Glas. Es kam ihr
-schwer, überschwer vor. Im Grunde waren ihr die Tränen näher als
-das Lachen. Aber Perthes ließ sein Glas kräftig dagegenklingen. Sie
-drückten sich die Hand, was Elli ausnehmend prosaisch fand.
-
-„Es wird dir ja den Kopf nicht kosten, Marga!” meinte Perthes
-beruhigend.
-
-Und das Du klang Marga so lieb und vertraut, daß sie noch einmal seine
-Hand fest und dankbar ergriff. Es kam ja doch alles, wie es wollte. Er
-sollte sie nicht für kühl und zimperlich halten. Ihr Blick leuchtete
-von Liebe, und zugleich seufzte sie. So mußte wohl das Glück sein, ihr
-Glück: ein Kranz, strahlend und schwer in einem ...
-
-Es war gut, daß das Sommersemester in den ersten Augusttagen zu Ende
-ging.
-
-Von den vielen Bekannten in der Stadt, die ja doch auch den beliebten
-Spaziergang nach der Sägemühle sich nicht nehmen ließen, drohten
-allerhand Fährlichkeiten. Lose Zungen und spitze, scharfe Augen gab
-es hier wie überall. Daß die Richthoffschen Mädels da draußen „immer
-mit Herren gingen”, konnte sich auf tausenderlei Weise herumreden, und
-wehe, wenn die Kunde, womöglich übertrieben und entstellt, zu Vater
-Richthoff und Käthe sich verirrte!
-
-Elli nahm die Sache nicht weiter tragisch. Aber Marga mahnte immer
-wieder zur Vorsicht.
-
-Und mit Recht. Da war zum Beispiel Cousine Grasvogel, die mit
-irgendeinem Kränzchen von älteren jungen Damen mindestens einmal die
-Woche auf der Sägemühle erschien und, während sie die „lieben, lieben
-Mädels” ostentativ umarmte, ihre gutmütige, aber neugierige Nase
-rundum wittern ließ. Richtig trat dann gerade während einer dieser
-zärtlichen Begrüßungen Wilkens in den Garten. Kaum hatte er jedoch die
-Schwierigkeit der Lage erkannt, so ging er wie der älteste Bekannte
-auf Fräulein Grasvogel zu, die er auf dem Gartenfest am Wenzelsberg
-nicht eines Blickes gewürdigt hatte, begrüßte die gute Cousine mit
-einer Vertraulichkeit und ehrfürchtigen Wärme, als schätze man sich
-seit Jahren, und sagte: es sei reizend, daß sie mit den beiden Fräulein
-Richthoff einen Ausflug auf die Mühle gemacht habe. Er ließ sich von
-ihr umständlich erklären, die „lieben, lieben Mädels” seien nicht
-mit ihr gekommen, sondern wohnten hier außen für einige Wochen, und
-war über die Neuigkeit aufs angenehmste verwundert. Elli biß sich
-die Lippen blutig, um ernst zu bleiben. Marga gab recht unsichere
-und zerstreute Auskünfte über die Verpflegung auf der Mühle und die
-Zimmerverhältnisse. Dann verabschiedete sich Wilkens sehr korrekt von
-allen dreien und tauchte erst wieder auf, als die Luft rein war.
-
-Schlimmer war es schon, daß Frau Geheimrat Achenbach einmal mit
-dem Wagen die Landstraße entlang fuhr, als man, dem mäßigen Wetter
-vertrauend, paarweise dort lustwandelte. Das Schlimmste aber ließ
-ein Besuch von Käthes Freundin Lizzie befürchten, die an einem
-Sonntagvormittag, als man im Buchenwald hinter dem Gehöft zu vieren
-picknickte, aus heiterem Himmel herunterschneite. Elli erfand eine
-ganze Räubergeschichte. Aber ob Lizzie, die sich sehr reserviert benahm
-und eine undurchdringliche Miene aufsetzte, daran glaubte, war mehr
-als fraglich. Gott sei Dank fand Perthes in ihrer ans Pathologische
-streifenden Musikleidenschaft ein Thema, das die Unterhaltung leidlich
-in Gang hielt.
-
-Unschädlich war nur Professor Borngräber, der gar nicht selten
-im Vorbeigehen der Sägemühle einen Besuch abstattete. Es fiel
-ihm bisweilen abends ein, daß er nach ärztlichem Ratschluß neben
-seinen geistigen auch seine körperlichen Funktionen nicht völlig
-vernachlässigen sollte, und dann arbeitete er mit zerstreuter Hast
-die Landstraße ab bis zum Mühlengarten. Meistens las er dann, unter
-Verachtung aller Lichtverhältnisse, ein dickes Buch zu seinen
-Spiegeleiern mit Schinken, ließ aus Vergeßlichkeit das Bier so
-abstehen, daß es in der Wärme des Sommerabends bald zu kochen anfing,
-und hatte von der Umwelt keine Ahnung. Oder aber, wenn er die Töchter
-seines Freundes Richthoff dann doch aus reinem Zufall entdeckte, war
-er so erfreut, sie zu sehen, daß er niemand sah als nur sie. Sein
-unschuldiges Junggesellenherz war ohne jedes Arg, und sein Sinn blieb,
-trotz aller Herzlichkeit, zur einen Hälfte doch immer an den Ufern der
-heiligen Ganga.
-
-Unverantwortlich lässig hatte sich bisher der von Vater Richthoff
-selbst eingesetzte Vizevormund, Professor Wilmanns, benommen. Marga und
-Elli hatten pflichtmäßig vor ihrer Übersiedlung bei ihm vorgesprochen,
-und der bewegliche kleine Herr hatte laut verkündet, er werde bald
-mal auf der Mühle „Generalrevision” halten. Er hatte zur Bekräftigung
-seine eine Hand würdevoll auf die lahme Hüfte gelegt, die andere in die
-Brust gesteckt und die Brauen so hoch gezogen, daß man fürchten mußte,
-Augen und Stirn könnten nie wieder in ihre normale Lage zurückkehren.
-Doch die bedrohliche Ankündigung blieb ohne Folgen. Nur die drei
-Wilmannstöchter kamen einmal zum Kaffee auf die Sägemühle, nachdem
-sie sich vorher artig durch eine Postkarte angemeldet hatten. Sie
-entschuldigten ihre Eltern; Papa hatte vollauf mit seinem Wörterbuch
-zu tun, einer Sisyphusarbeit, an der er seit bald einem Jahrzehnt sich
-mühte; die bescheidene, aufopfernde Mama half dabei täglich ihre fünf
-bis sechs Stunden. Danach konnten Elli und Marga überzeugt sein, daß
-von dieser Seite nichts mehr zu befürchten sei, zumal die ganze Familie
-Wilmanns mit Beginn der Ferien nach Thüringen reisen wollte.
-
-Aber die Generalrevision kam doch! Anfang August, genau einen Tag vor
-Semesterschluß.
-
-Am Nachmittag hatte es Bindfaden geregnet. Es wurde Abend, ehe der
-Himmel sich leidlich aufhellte. Keine Seele aus der Stadt hatte sich
-auf der Mühle blicken lassen. Perthes war trotz des Unwetters um fünf
-Uhr gekommen. Sein Lodenmantel und sein Hut mußten am Herdfeuer in
-der Küche aufgehängt werden. Wilkens stellte sich zum Essen ein, für
-das man, da der Boden zu feucht war und die Bäume tropften, in einer
-Laube hatte decken lassen. Elli rekognoszierte für alle Fälle auf
-Margas Wunsch nochmals das Terrain, obgleich Wirtsleute und Kellner
-übereinstimmend berichteten, es sei kein menschliches Lebewesen im
-Garten. Sie kam mit der Meldung zurück, in einer abgelegenen Ecke
-sitze, aller Nässe von unten und oben zum Trotz, Professor Borngräber
-und kritzle unheimliche Schriftzüge in ein Notizbuch. Das klang zwar
-abenteuerlich, war aber anderseits auch so beruhigend, daß jedes
-Bedenken schwand. Es war so gut, als gehörte einem der ganze Garten
-allein. Guter Dinge voll, zog man von der Halle in die Laube und setzte
-sich zu Tisch.
-
-Man hatte noch kaum mit dem Abendbrot begonnen, als Elli scharf und
-unruhig über den Fluß äugte, hinüber auf das Fährboot. Das füllte
-sich plötzlich mit einer ansehnlichen Gesellschaft, aus der weiße
-Mädchenkleider herüberleuchteten.
-
-Wilkens war auch aufmerksam geworden. „Ich zähle drei Wilmannstöchter,
-Papa, Mama und studentischen Anhang,” konstatierte er mit seiner
-unerschütterlichen Gelassenheit.
-
-„Wahrhaftig! Ich auch!” rief Elli mit lachender Bestürzung.
-
-Perthes hatte sich erhoben. Er mußte die Nachricht bestätigen. „Mit
-sicherem Kurs auf die Sägemühle!” setzte er tröstlich hinzu.
-
-Verblüffung und Schrecken waren groß. Die Ratlosigkeit noch größer.
-Jeder schlug einen Ausweg vor, der nichts taugte. Und dabei näherte
-sich das Boot mit zunehmender Eile.
-
-„Wenn man Professor Borngräber bäte, sich an unseren Tisch zu setzen?”
-ließ sich Marga bedächtig vernehmen, als keiner von den anderen mehr
-Rat wußte.
-
-„Sieh mal einer -- das Margakind!” rief Elli begeistert. „Die Liebe --
-ich sag' es ja schon immer -- geradezu genial macht sie die Liebe!”
-
-„Man könnte auch sagen, durchtrieben!” kommentierte Perthes, indem er
-Marga strafend und anerkennend auf die Finger klopfte.
-
-Es war keine Zeit zu verlieren.
-
-Elli sprang schnell entschlossen durch den Garten. Man hörte sie
-gleich darauf, wie sie den ahnungslosen Jakobus Borngräber mit einer
-Sturmflut von liebenswürdigen Worten überfiel und betäubte. Es dauerte
-noch nicht zwei Minuten, so hatte sie ihn herumbekommen. Er erschien
-an ihrer Seite, den Hut, ein Monstrum von einem schokoladefarbigen
-Hut, schief übergestülpt; ein dickleibiges Buch mit einem Notizbuch
-darauf wie eine Bundeslade vor sich hertragend. Mantel, Schirm und
-Bierglas hatte Elli übernommen. Mit dem unmöglichen, aufgedunsenen
-Baumwollschirm wies sie ihm den Tisch, während sie immer weiter
-plapperte: sie würden sich so riesig freuen, wenn er sich zu ihnen
-setzte, und es wäre zu nett von ihm, daß er das täte, und sie würden
-an Papa eine Ansichtskarte schreiben, daß er sie besucht hätte. Der
-gute Borngräber nahm jetzt Buch und Notizbuch unter den Arm. Rund
-und verwundert rollten seine Augen beim Eintritt in die Laube, so
-verwundert, wie sie das immer taten, wenn sie sich mit der Welt der
-Erscheinungen auseinandersetzen sollten. Daß da außer Marga, die er
-Fräulein Käthe nannte, und Elli, die er mit Marga verwechselte, noch
-zwei Herren saßen, die sofort aufsprangen und sehr bekannt und erfreut
-taten, war ihm nicht befremdlicher als anderes. Seine goldgelben Zähne
-lachten verlegen und freundlich aus dem silberstruppigen Gesicht. Er
-verteilte Händedrücke, wobei sein Buch auf die Erde fiel; Perthes hob
-es hilfsbereit auf, während Wilkens ihn selbst nach dem Stuhl an der
-Spitze des Tisches drängte und ein Gespräch über neue indische Funde
-vom Zaun brach, von denen er irgendwo gelesen haben wollte.
-
-Eben hatte sich die aberwitzige Brut knapp unter die schützenden Flügel
-des sich seiner Rolle durchaus unbewußten Professors geflüchtet, als
-vor dem Garten Papa Wilmanns' breite, behagliche Stimme erschallte.
-
-„Wollen sehen, ob wir die Vögel im Nest treffen. Geh mal vor, Heddy --
-daß sie nicht zu sehr erschrecken!”
-
-Doch diese zarte Vorsichtsmaßregel erwies sich schon im nächsten
-Augenblick als überflüssig. Papa Wilmanns' scharfe, spitzmäusige Augen
-hatten über den Zaun weg bereits die entscheidende Entdeckung gemacht.
-
-„Kiek mal eener!” Stürmisch drang er in den Garten und stand im
-Handumdrehen am Eingang der Laube. „Kiek mal eener! Hat man je so was
-gehört oder gesehen!? Mein Freund Borngräber, dieser Tugendheuchler,
-sitzt hier schamlos vor aller Welt und macht jungen Mädchen den Hof!”
-
-Frau Wilmanns und ihre Töchter mit dem Gefolge von einigen Studenten,
-die Wilmanns für ihre selbstlose Mithilfe am Wörterbuch ab und zu durch
-eine Einladung entschädigen mußte, kamen auf seinen Ruf hinterdrein.
-Es gab vor und in der Laube eine herzliche Begrüßung mit ausgiebigem
-Händeschütteln, wobei die Wilmannsmädchen Perthes und Wilkens mit etwas
-erstaunten Blicken maßen, und auch Mutter Wilmanns sie schüchtern
-fragend besah. Aber ihr Gatte hielt eine so fulminante Abrechnung mit
-Borngräber, daß Elli und Marga sich eine bessere Abwehr der Neugier gar
-nicht wünschen konnten. Wobei nicht gesagt sein soll, daß der schlaue
-Generalrevisor die Situation verkannt hätte. Aber er war nun einmal
-immer schwach gegen junge Leute ...
-
-„Meine Herrschaften!” polterte er los. „Ich habe Ihnen schon wiederholt
-von unserer griechischen Reise erzählt. Oder noch nicht?”
-
-„Doch, doch!” ließen sich beschwörende Stimmen hören.
-
-„Gut! Sie können sich jetzt vorstellen, was ich mit meinem Kollegen
-Borngräber ~in puncto puncti~, das ist in betreff der Griechinnen,
-auszustehen hatte. Dieses harmlose Gesicht, das sich auch jetzt wieder
-den Anschein vollendeter und rührender Kindlichkeit gibt --”
-
-„Wollen wir uns nicht setzen, Papa?” wagte Frau Wilmanns vorsichtig
-einzuwerfen.
-
-„Diese Maske verträumter Wissenschaftlichkeit wird niemand länger
-täuschen!” fuhr Wilmanns unter allgemeiner Fröhlichkeit fort. „Ich
-könnte --”
-
-„Wilmanns, ich warne Sie!” Borngräber schüttelte seine Befangenheit ab
-und fuchtelte mit seinem Bierglas, das er aus unerklärlichem Grund bei
-der Begrüßung mit sich erhoben hatte. „Ich warne Sie! Ich werde von
-Kalypso erzählen, einem gewissen thrakischen Mädchen im Hotel --”
-
-„Schweigen Sie!” rief Wilmanns empört. „Sie haben gar nichts zu
-erzählen! Ich stehe hier in verantwortlicher Stellung,” -- schon fuhr
-die Hand gravitätisch in den Busen, und das hinkende Bein drehte sich
-dramatisch nach außen -- „ich komme, um als Vizevormund im Namen des
-arglosen Richthoff bei meinen Pflegekindern Revision zu halten, und
-finde als Wolf in Schafskleidern -- Sie!”
-
-„Kalypso, Frau Professor Wilmanns,” schrillte mit verdoppeltem Feuer
-Borngräbers Fistelstimme, „Kalypso war ein auffallend hübsches Mädchen
---”
-
-„Genug von Ihren Ausschweifungen!” donnerte Wilmanns, dem die Kalypso
-gefährlich zu werden schien. „Genug, sage ich! Wir werden uns bei
-einer Bowle weitersprechen! Aufgeschoben ist nicht ausgehoben! Helfen
-Sie mir, meine Herren, das Symposion vorzubereiten, statt sich
-bucklig zu lachen, wenn zwei ehrsame Professoren ihrer Alma mater sich
-rein sachlich aussprechen! Ich denke, wir haben in der Laube alle
-Platz. Schieben wir einen Tisch an!” Er legte selbst Hand an eine
-Tischkante. Wilkens, Perthes, die Wörterbuchvolontäre sprangen bei
-und faßten wacker mit an. Im Nu war der Tisch in der geräumigen Laube
-zu einer Tafel erweitert. Weinflaschen, eine halbe Sekt darunter,
-frische Walderdbeeren ließen nicht zu lange auf sich warten, und
-Borngräber vereinigte sich mit seinem feindlichen Freunde zu einem
-Waffenstillstand, um die Bowle zu brauen, eine praktische Tätigkeit, in
-der er merkwürdigerweise brauchbare Erfahrungen hatte. Papa Richthoff
-in Kissingen mochte sich ja die Vormundschaft über seine gewissenlosen
-Töchter etwas anders vorgestellt haben -- aber für alle Teile war
-die Wilmannssche Auffassung von einer Generalrevision die denkbar
-sympathischste, nicht zuletzt für Marga und Elli, denen man zu diesem
-festlichen Gelage nicht zuzureden brauchte.
-
-Die Abkühlung des regnerischen Tages wirkte nach.
-
-Als die Sonne untergegangen war, verlegte man mit Rücksicht auf die
-älteren Herrschaften den zweiten Teil der Bowle in die geschützte Halle.
-
-Wilmanns schloß einen Akkord mit den Wirtsleuten, um das mehr
-rhythmisch als im strengen Sinne musikalisch beanlagte Orchestrion in
-den Dauerbetrieb zu versetzen. Während er nach Kissingen eine Postkarte
-losließ: „Ihre Töchter, lieber Kollege, treffe ich bei meiner sehr
-gewissenhaften vormundschaftlichen Inspektion durchaus artig und
-munter. Gefahr droht ihnen nur von dem Indologen Borngräber, der sie
-zu heimlichen Banketten einlädt” -- während dieses der Wahrheit nicht
-zu nahe tretenden Berichts eröffnete Elli mit Wilkens den Tanz. Die
-Wilmannstöchter und ihre jugendlichen Begleiter ließen ihr Beispiel
-nicht lange ohne Nachahmung.
-
-Bei der zunehmenden Ungezwungenheit und Lustigkeit fiel es nicht weiter
-auf, daß Marga und Perthes sich absonderten.
-
-Sie standen bei der Tür und plauderten. Er, angeregt von der Bowle,
-der allgemeinen Fröhlichkeit und den lockenden Weisen der „Rosen aus
-dem Süden”, folgte mit blitzenden Augen dem Tanz der jungen Mädchen in
-ihren hellen, fliegenden Sommerkleidchen.
-
-„Na -- wagen wir es nicht auch, Margakind?” flüsterte er nach einer
-Weile lebhaft.
-
-„Nein, ich kann ja nicht tanzen!” gab Marga zurück.
-
-„Aber Elli hat mir verraten, daß du mit ihr tanzt. Und zwar recht gut!
-Komm -- tu nicht zimperlich!”
-
-„Es geht nicht!” wiederholte sie ängstlich. „Sicher nicht! Du würdest
-dich mit mir nur lächerlich machen!”
-
-„Aber Kind, das ist ja kleinlich! Ich möchte gern tanzen!”
-
-Sie fühlte seinen heißen Atem an ihrer Wange. Die Hand, die nach der
-ihren faßte, verriet die Erregtheit seines warmblütigen Temperaments.
-
-Marga entzog sich ihm. Ehe er es verhindern konnte, war sie in den
-dunklen Garten hinausgeglitten. Eine plötzliche, wehe Traurigkeit
-hatte sie befallen: er, entzündlich und lebensdurstig, wie er war,
-verlangte in die Welt, die ihr verschlossen war, und sie hatte nichts
-von alledem, was andere ihm geben konnten -- keine Leichtigkeit, keine
-tanzende, lachende Lustigkeit! Nichts, gar nichts -- so schien es
-ihr in diesem Augenblick -- als ihre schwere Seele und ihre trostlose
-Blindheit! Und so würde es immer sein!
-
-Perthes folgte ihr schnell.
-
-Er war ärgerlich über sie. Über ihre übertriebene Schwerfälligkeit.
-Über ihre Empfindlichkeit und die Unvorsichtigkeit, so davonzulaufen.
-
-Sie hatte schon einen Vorsprung gewonnen. Erst am anderen Ende des
-Gartens holte er sie ein.
-
-Sie lehnte mit dem Rücken an einem Baumstamm. Die Hände hatte sie
-hinter dem Kopf ineinandergepreßt, und die Augen starrten verängstigt
-in die Höhe, während ihre Brust sich schwer atmend hob und senkte.
-
-„Aber Marga, wie kannst du nur so sein! So -- verzeih! -- so überspannt
-empfindlich!” Wort und Ton konnten seine Verstimmung nicht verbergen.
-
-„Ich kann nicht tanzen! Gewiß nicht. Bitte, bitte, tanze doch du! Mit
-Elli und den anderen!” stieß sie flehend hervor.
-
-Einen Augenblick durchfuhr es Perthes bitter, ohne daß er wußte, wie es
-kam. Drinnen lockte die Musik mit ihrer sinnenfrohen Lebenslust. Das
-war nichts für sie! Also auch nichts für ihn. Er stieß zum erstenmal
--- oder war es nicht das erstemal? -- an die Grenze seines Glücks.
-Aber er wollte nicht. Wie läppisch von ihm, durchaus tanzen zu wollen!
-Er war alt genug, um darauf und auf anderes ohne Ärger verzichten zu
-können. Wie unrecht von ihnen beiden, daß sie um einer so kleinlichen,
-erbärmlichen Sache willen, wie es diese schlechte Musik war und das
-bißchen improvisierter Tanz, sich verstimmen wollten! Er redete auf
-Marga ein, herzlich, leidenschaftlich, und überredete sich selber
-dabei. Warum sprach sie überhaupt immer davon, daß dies oder jenes
-nicht für sie sei? Wollte sie die Wirklichkeit fliehen? Brauchte sie
-denn das? Er wollte sie ja mitten hineintragen! Erst recht und gerade
-sie! Und er wollte ihr von da draußen alles bringen -- Licht, Lust,
-Wonne, Kleines wie Großes -- was sie begehrte! Hell und heller als um
-jede andere sollte es um sie werden!
-
-Und Marga hörte zu. Er hatte noch nie mit so viel Feuer von seiner
-Liebe zu ihr gesprochen. Sie kostete seine tröstenden Worte wie einen
-heilenden Trank. Ungläubig erst, zaghaft -- dann mit vollen Zügen.
-Und sie war es, die den Arm um seinen Nacken legte. Die ihn küßte.
-Was hatte er, wenn sie spröde tat? War es nicht wenig genug auch so?
-Und sie schuldete so viel Dank! Und sie war jung! Sie liebte ihn
-wie nichts auf der Welt! Mochte vollends fallen, was ihre Angst und
-Vorsicht zwischen ihm und ihr hatte aufrichten wollen. Sie küßte ihn
-wieder und ließ sich küssen. Dann gingen sie, eins vom Arm des anderen
-umschlungen, noch eine Weile durch den Garten. Ihre Liebe dünkte ihnen
-reich und groß und heilig wie nie. Sie wollten ihre Unendlichkeit
-fühlen -- heute, da sie zuerst an ihre Endlichkeit gestoßen waren.
-
-
-
-
-9
-
-
-Die neue Assistentenstelle in der Chirurgischen Klinik, die Perthes
-nunmehr endgültig angenommen hatte, sollte er vertragsmäßig zum ersten
-September antreten. Er hatte sich am Bakteriologischen Institut zum
-fünfzehnten August freimachen wollen. Vierzehn Tage dachte er für
-seine Ausspannung herausschlagen zu können. Um nicht zu weit von
-Marga entfernt zu sein, wollte er sich in einem einsamen Hof in den
-Bergen einquartieren, den er von seinen Wanderungen kannte und der
-etwa zwei Wegstunden von der Sägemühle ablag. Seine Ferien wollte
-er, außer zum Zusammensein mit ihr, zu häufigen Fußmärschen in dem
-abwechslungsreichen Waldgebirge benutzen.
-
-Alles war verabredet und festgesetzt, als Professor Kronheim, Hupfelds
-erster Assistent, unerwartet erkrankte.
-
-Der Geheime Rat, der seine eigenen Sommerferien nicht verkürzen wollte,
-wandte sich an Perthes und bat in schmeichelhafter Weise, ihm aus
-der Verlegenheit zu helfen. Was war zu tun? Perthes mußte, fluchend
-freilich, bis auf weiteres seinen eigenen Erholungsplänen entsagen und
-Mitte des Monats, Hals über Kopf, aus seinem Institut in die Klinik
-überspringen.
-
-Die neue Tätigkeit war wesentlich anstrengender und unfreier als die
-frühere. Das sollte auch Marga draußen auf ihrer Mühle bald fühlbar
-werden. Es gab in der Klinik regelmäßigen Tag- und Nachtdienst. Um
-die täglichen Besuche war es mit einem Mal geschehen. Es vergingen
-zwei, drei Tage, ehe Perthes sich auf der Sägemühle blicken lassen
-konnte. Und da stellte es sich heraus, daß dieselben Pausen, die
-Marga erst hatte zur Bedingung machen wollen, ihr jetzt recht lang
-und schwer erschienen. Sie suchte freilich sich und Elli einzureden,
-es wäre viel besser so: die stete Sorge, durch Cousine Grasvogel und
-andere gute Freunde ins Gerede zu kommen, wurde geringer; die Freude
-des Wiedersehens wurde durch die längere Trennung nur verstärkt.
-Jetzt, wo die Schranken der Vorsicht und Zurückhaltung durch seine
-und ihre Schuld gefallen waren, wuchs die so lange unterdrückte und
-verleugnete Liebe Margas mit jedem Tag. Ihre schwere Natur, einmal
-entzündet, drängte zu jener Reife, die das Weib in der Liebe erst ganz
-zu dem macht, was es sein soll. Tapfer hatte sie ihr Leiden getragen;
-aber so sehr es sie gefördert, es hatte doch auch ihre Entwicklung
-gehemmt und so manches verkümmern lassen: nun streifte ihr Ernst sein
-Zuviel an Schwere und Herbheit ab und verband sich dafür mit weicher
-Hingebung und einer zarten Leidenschaftlichkeit, die ihn schöner und
-voller kleidete. Konnte früher ihre Beherrschung dem oberflächlichen
-Blick temperamentlos und apathisch vorkommen, so zeugte jetzt auch ihre
-äußere Erscheinung gegen ein solches Vorurteil: ihr Gang war freier und
-leichter, ihre Bewegungen wurden sicherer und ausgeglichener; der Kopf
-mit seinem schlichtgeknoteten, aschblonden Haar senkte sich nicht mehr
-so oft und so müd-ergeben; durch ein warmes, zuversichtliches Leuchten
-ersetzten die Augen ihre Blicklosigkeit; die Wangen bekamen mehr Farbe
-und die ganze Gestalt Frische und Fülle. Es war noch immer die große
-Stille, die ihr Wesen trug und umfloß, aber ein bräutlicher Schimmer
-verklärte sie. Und bräutlich fühlte sich Marga selbst in den Stunden,
-in denen ihr Glück ohne Angst und Bedenken sie ausfüllte, bräutlich
-in der sehnsüchtigen Erwartung, in der träumenden Versonnenheit, im
-süßen, berechtigten Stolz. Wenn dann Perthes kam, war sie es, die im
-ersten Augenblick des Alleinseins ihm die Arme um den Hals legte, sein
-Gesicht, seine Haare, seine Hände liebkosend betastete und küßte. Sie
-begann in ihm und durch ihn die Wirklichkeit in Besitz zu nehmen.
-
-Perthes entging die Wandlung nicht, die sich mit Marga vollzog.
-
-Es wäre unnatürlich gewesen, wenn sie ihn nicht erfreut hätte. Aber
-es mischte sich etwas Neues und Fremdes in diese Freude. Solange es
-gegolten hatte, Margas Liebe aus ihrer ängstlichen Verhüllung von
-Scheu und Vorsicht zu lösen, hatte dies Spiel von Gefühl und Vernunft
-ihn in fortwährender, froher Spannung gehalten, und sein Empfinden
-für sie schien mit jedem Sieg, den er ihr abgewann, an Innigkeit zu
-wachsen. Es kamen Augenblicke, wo er sich verliebt vorkam, so verliebt,
-wie er es vor Wochen, als er sich zum Entschluß drängte, noch nicht
-für möglich gehalten hätte. Aber nun, da Margas Liebe entfaltet war
-und naturgemäß in ihr mit der Zärtlichkeit der Seele auch die der
-Sinne erwachte, erschrak er bisweilen mitten unter ihren Liebkosungen
-über sich selbst. Er hatte aus der Liebe, die er sich verordnete,
-seinerzeit die Leidenschaft wegräsoniert. Jetzt zitterte sie ihm, nicht
-aufdringlich freilich und maßlos, aber doch blutwarm und lebendig aus
-Margas Zärtlichkeit entgegen. Was hatte er ihr dagegen zu geben? Wo
-blieb bei ihm die Leidenschaft, die die ihre beantwortete? Freilich
-erwiderte er stürmisch ihre Umarmung und gab ihr ihre Küsse verdoppelt
-zurück, aber zwang er sich nicht dazu? War in seinem Ungestüm nicht die
-Furcht, hinter ihr zurückzubleiben, und war diese Furcht nicht schon
-der Beweis, daß seine Liebe der ihren nachstand?
-
-Er verwünschte solche Gedanken. Das allzu häufige, untätige
-Beisammensein war doch unvernünftig gewesen und hatte ihn durch
-Übersättigung überkritisch gemacht. Von dieser Seite sah er in seiner
-klinischen Tätigkeit keine unwillkommene Gelegenheit, mit seiner und
-Margas Liebe mehr hauszuhalten. Seine Stellung mit ihren gesteigerten
-Ansprüchen befriedigte ihn. Mit dem ganzen Feuereifer, dessen er fähig
-war, gab er sich ihr hin. Dem Zureden Margas und der eigenen Einsicht
-folgend, entzog er sich auch dem Verkehr mit seinen Kollegen nicht
-mehr so völlig wie bisher. Er dachte sogar daran, sich einmal wieder
-im Tennisklub sehen zu lassen. Aber die Aussicht, mit Alice Hupfeld
-zusammenzutreffen, hielt ihn ab. Nach der gemeinsamen Radfahrt auf der
-Landstraße hatte er danach kein Verlangen. Es war möglich, daß sie
-verreist war. Der Geheime Rat war auf Stift Nieburg. Das wußte er.
-Alice war nirgend zu sehen. Doch das wollte nichts Sicheres besagen. Es
-war jedenfalls geratener, ihr aus dem Wege zu gehen ...
-
-Da überraschte ihn vor Ende August Exzellenz Hupfeld mit einer
-Einladung aufs Stift. Zum einfachen Mittagessen. Fast gleichzeitig
-erfuhr er zufällig aus dem Gespräch mit einem Kollegen, daß Fräulein
-Exzellenz von einer vierzehntägigen Hochgebirgstour zurückgekehrt sei.
-
-Seine Lust an der Einladung nach Nieburg, von vornherein nicht groß,
-wurde durch diese Nachricht sehr herabgemindert. Er trug sich mit dem
-Gedanken, abzulehnen, und suchte nach einem plausiblen Grund. Seltsam:
-der Widerwille, mit Alice zusammen zu sein, nahm in dem Maße zu, als
-das Essen auf dem Stift sich näherte. Er sprach auch mit Marga darüber.
-Es war ihm ein Bedürfnis, so oft er Alice Hupfeld einmal erwähnen
-mußte, seine Antipathie gegen sie beinahe überscharf zum Ausdruck zu
-bringen. Marga hatte nur ein unvollkommenes, nicht sehr anziehendes
-Bild von Alice wie von dem ganzen Kreis, dem sie zugehörte. Sie war
-keine von jenen kleinen Naturen, die aus Mangel an eigenem Urteil um
-jeden Preis „gerecht” sein wollen. Gleichwohl hielt sie seine Härte
-für übertrieben und riet ihm, der Einladung nach Nieburg zu folgen.
-
-Letzten Endes blieb auch Perthes, wenn er sich die Gnade seines neuen
-Chefs nicht von vornherein verscherzen wollte, gar nichts anderes
-übrig, als anzunehmen.
-
-An dem Tag, der ihn zu Hupfelds führen sollte, blieb er so lange auf
-der Klinik, daß er knapp noch Zeit hatte, sich umzukleiden. Er mußte
-einen Wagen nehmen, um überhaupt noch zu rechter Zeit nach Stift
-Nieburg zu kommen.
-
-Als der Kutscher von der heißen Landstraße abbog, sah Perthes
-sehnsüchtig nach der Mühle, die schattig und beschaulich wie immer mit
-ihren Ziegeln aus den Bäumen hervorlugte. Am liebsten hätte er noch
-jetzt die Fahrt dorthin kommandiert. Er schalt sich selbst über seine
-Torheit. Dies lächerliche Mißbehagen stand in keinem Verhältnis zur
-Unbedeutendheit der Sache. Er war doch wohl nachgerade alt und Manns
-genug, um sich in unbequemer Gesellschaft ein paar Stunden mit Anstand
-herumzulangweilen!
-
-Das große eiserne Gittertor war verschlossen. Nur die ins Mauerwerk
-gebrochene Nebenpforte stand offen. Man erwartete also nicht so viele
-Besucher, wie Perthes hinter der Einladung zum einfachen Mittagessen
-geargwöhnt hatte. Er stieg aus, entlohnte den Kutscher und trat
-in den Garten: mit seinen kurzgeschorenen Rasenflächen, seinen
-üppigen Palmengruppen und farbensatten Blumenbeeten lag er still in
-der sengenden Augustsonne. Still und wie erstarrt in weißer Hitze
-stand auch weiter zurück das lange, schloßartige Gebäude mit dem
-efeubewachsenen Untergeschoß, den hohen, hellgrünen Fensterläden, die
-zum Teil geschlossen waren, und dem mächtigen Giebeldach. Die Bäume des
-Parks gaben einen Hintergrund, der sich mit massigem Düster gegen das
-grelle Licht abhob.
-
-Auf einem der gelben Kieswege, die zwischen wohlgepflegten Taxushecken
-abseits vom Fahrweg sanft emporstiegen, kam Perthes ans Haus. Nach der
-Hitze draußen atmete ihm das alte, weiträumige Bauwerk schon bei der
-Eingangstür mit ihren geschnitzten Flügeln und glänzenden Messingringen
-wohltuende Kühle entgegen. Der Diener, der ihn in Empfang genommen,
-führte ihn durch lange, etwas nüchterne Gänge über ein breites, an den
-Wänden mit Nachbildungen antiker Reliefs geschmücktes Treppenhaus in
-den ersten Stock.
-
-Das Zimmer, das er betrat, war auf den ersten Blick erstaunlich tot und
-drückend.
-
-Große, in den Farben gedämpfte Gobelins verkleideten die Wände ringsum.
-Zwei Bänke mit ledergepolsterten Sitzen und Lehnen, ein runder Tisch
-mit schwerer, goldbrokatener Decke, die einst einen Altar geziert haben
-mochte, und einer riesigen Fayencevase in der Mitte, hochrückige,
-steife Lehnstühle -- lauter in den Holzteilen tiefdunkle Möbelstücke
--- waren mehr stilvoll als einladend. Durch eine Tür, deren schmale
-Portiere zurückgerafft war, sah man ins anstoßende Zimmer: es war --
-fast schien es, in bewußtem Gegensatz zu dem Vorraum, in dem Perthes
-stand -- in helles Licht getaucht. Man sah einen ziemlich einfachen
-Schreibtisch, der mit schmuckloser Platte auf zarten, ausgebauchten
-Beinen stand. Der altertümliche Globus auf der Ecke, das kristallene
-Tintenfaß, noch mehr aber der Polsterstuhl mit seinem Bezug von
-grünem, geriefeltem Samt brachte Raffinement in die Einfachheit dieses
-Arbeitszimmers.
-
-So weit war Perthes in seinen Betrachtungen gekommen, als von dort ein
-leises Räuspern und teppichgedämpfte Schritte hörbar wurden. Gleich
-darauf wurde Hupfeld in der Tür sichtbar.
-
-„Sehr liebenswürdig, daß Sie uns das Vergnügen machen,” ließ sich seine
-volle, getragene Stimme vernehmen. Er überschritt die Schwelle nicht,
-sondern lud den Doktor mit einer kurzen Bewegung ein, näherzutreten.
-Freundlich, fast vertraulich bot er ihm die Hand -- eine Hand, so
-weich und lässig, daß Perthes sich versucht fühlte, sie zwischen
-seinen muskulösen Fingern durch einen heftigen Druck auf ihre Knochen
-zu prüfen. Und doch war diese Hand mit ihrem fabelhaften Geschick die
-Begründerin von Exzellenz' europäischem Ruf. Die hochgewachsene Gestalt
-überragte noch die seines Assistenten. Auf den breiten Schultern saß
-ein verhältnismäßig kleiner Kopf, dem bartlose, glatte, mit dem Alter
-etwas verfettete Züge und weißes, dichtstehendes, aufrechtes Haar die
-Schönheit eines bejahrten Heldenvaters gaben.
-
-Ein zweiter von jenen Winken, deren herrische Kürze mit der
-auffallenden Loyalität des Geheimen Rats kontrastierte, forderte
-Perthes auf, es sich in einem roten Saffiansessel bequem zu machen,
-der gegenüber dem Schreibtisch, neben einem von Photographien
-und künstlerischen Reproduktionen bedeckten Tisch stand und ein
-bücherreiches Regal im Rücken hatte.
-
-Exzellenz setzte sich in den grünen Polsterstuhl. „Und wie fühlen Sie
-sich in unserer Klinik, mein lieber Doktor?”
-
-„Danke, Exzellenz! Soweit ich mir schon ein Urteil erlauben kann,
-sehr wohl,” erwiderte Perthes, in den Saffiansessel mit Widerstreben
-versinkend.
-
-Hupfeld lächelte befriedigt. Er war ein Meister jenes diskreten
-Lächelns, das die angenehmste wie die ärgerlichste Stimmung gleich
-gut verhüllt. „Wie ich Ihnen schon sagte, haben Sie mir durch Ihren
-früheren Eintritt einen großen Dienst geleistet,” fuhr er, jedes, auch
-das unbedeutendste Wort prononcierend, fort. Während er mit gemessener
-Wärme des erkrankten Professors Kronheim gedachte, beharrte er
-regungslos in der für sein Gesicht so vorteilhaften Profilstellung. Das
-gelbliche, durch die dünnen Vorhänge getönte Licht vom Fenster umfloß
-schmeichelnd seine majestätischen Umrisse und den grünen Polsterstuhl.
-Bisweilen traf ein knapper Blick den Doktor. Wenn die Augen von
-Exzellenz ihre graue Starrheit einen Moment aufgaben, nahmen sie einen
-stechenden Glanz an und erinnerten Perthes durch ihren spöttischen
-Ausdruck an die von Alice.
-
-Mit der Freiheit des großen Mannes liebte es Hupfeld, die Themen
-des Gesprächs unvermittelt zu wechseln. Er gefiel sich in einer
-klassischen Vielseitigkeit. Im Hinblick auf Perthes' mannigfaltigen
-Studiengang sprach er davon, daß er selbst eigentlich hätte Botaniker
-werden sollen und wollen. Dabei gab er seinem Talent zur Rede nach
-und setzte die Worte mit der sinnlichen Selbstgefälligkeit eines
-Juweliers, der die Perlen seines Geschmeides einzeln durch die Finger
-gleiten läßt. „Ich habe mir, wie Sie sich vielleicht schon überzeugten,
-die Vorliebe für die Pflanzenwelt gewahrt.” Er deutete mit einer
-Bewegung der molluskenhaften Hand in der Richtung des Gartens. „Wenn
-es Sie interessiert, werde ich Ihnen nachher im Gewächshaus meine
-bescheidene, aber ich darf wohl sagen erlesene Sammlung von Orchideen
-zeigen. -- Wissen Sie denn übrigens, daß Sie hier in Nieburg auf
-klassisch geweihtem Boden weilen?”
-
-Perthes schüttelte verneinend den Kopf.
-
-„Es ist verbürgte Tatsache,” erklärte Hupfeld, indem er sich noch
-hoheitsvoller in seinem grünen Polsterstuhl zur Schau setzte und die
-berühmte Hand mit leichten Bewegungen seine Worte begleiten ließ,
-„daß in diesen Räumen Goethe im Jahre 1793, auf der Rückreise von der
-Belagerung von Mainz verweilte. Sein erlauchter Geist trifft sich mit
-meinem bescheideneren in der Liebe für die Pflanzen und für die Kunst
-des Mittelalters. Das macht mir den Aufenthalt hier besonders lieb und
-bedeutungsvoll. Auch die Gebrüder Boisserée sind hier öfters zu Gast
-gewesen. Wenn der gute Wille genügte, etwas von der Universalität jener
-Zeiten und jener Geister sich zu eigen zu machen, und wenn man Zeit
-hätte --” Der Geheime Rat vollendete seinen vielsagenden Satz nicht,
-sondern ließ ihn in einem tiefsinnigen Schweigen stecken. Vielleicht,
-um Perthes Gelegenheit zu geben, ein naheliegendes Kompliment
-einzuflechten; vielleicht auch nur, um den versteckten Vergleich mit
-Goethe in dem Zuhörer -- oder vielmehr in dem Zuschauer -- äußerlich
-nachwirken zu lassen.
-
-Perthes besaß leider gar keinen Sinn weder für Schmeicheleien noch für
-klassische Vergleiche. Es bereitete ihm im Gegenteil ein heimliches
-Vergnügen, Exzellenz zu enttäuschen. Nachdem er sich ungefähr so viel
-Zeit gelassen hatte, als nötig war, um die Bartlocken der gewaltigen
-Büste des Zeus von Otricoli zu zählen, die auf einem Postament
-in der Ecke hinter dem Schreibtisch stand -- also nach einer sehr
-respektvollen Pause --, hub er plötzlich an, von einem klinischen Fall
-zu sprechen. „Haben Exzellenz gehört, daß die Operation von Miß Read --
-es handelte sich um ~Ileus strang~...”
-
-„Ja -- ja! Natürlich!” fuhr Hupfeld aus seinem Nachsinnen zerstreut
-auf. „Die Sache ist sehr interessant! Sehr interessant! Wir sprechen
-nachher noch davon. Für jetzt darf ich Sie nicht länger unseren
-Damen vorenthalten.” Er erhob sich etwas jäh. „Bitte!” Er deutete
-wieder in seiner befehlenden Art nach der rückwärtigen Tür. Mit der
-Zuvorkommenheit eines Fürsten ließ er seinen Gast voranschreiten.
-Sie durchschritten zuerst die eigentliche Bibliothek, einen sehr
-stimmungsvollen Raum mit Tausenden von Bänden auf hohen, geschnitzten
-Regalen.
-
-„Ich habe meine paar belletristischen und kunsthistorischen Bücher von
-den fachwissenschaftlichen getrennt und hier untergebracht,” erläuterte
-der Geheime Rat im Vorbeigehen.
-
-Von da traten sie in das Speisezimmer.
-
-Wenn Perthes Muße gehabt hätte, den „Saal” genau in Augenschein zu
-nehmen, würde er ihm seine Anerkennung nicht versagt haben. Die
-kolossalen Brabanter Schränke, die gegen eine Tapete von blaßroter
-Seide standen, das wundervolle Barockgestühl, die gravitätischen
-Ahnenbilder an den Wänden im Verein mit Teppichen, Truhen und kostbaren
-Behängen zeugten von Geschmack. So aber mußte er sich vor allen Dingen
-in einer der tiefen Fensternischen der Dame des Hauses vorstellen
-lassen.
-
-„Mein neuer Assistent, Herr Doktor Perthes,” führte ihn Hupfeld
-wohlwollend ein.
-
-Die weibliche Exzellenz, eine kleine, lebhafte Dame von rosiger
-Gesichtsfarbe und einem kindlichen Ausdruck von Daseinsfreudigkeit
-auf den wulstigen Lippen und in den schwimmenden Äugelchen, reckte
-ihre etwas schwerfällige Figur freundlich im Stuhl in die Höhe, nickte
-dreimal mit dem Kopf und gab Perthes die Hand. „Es ist schwül. Glauben
-Sie, daß wir ein Unwetter bekommen werden? Ich frage heute jedermann,
-ob wir heute ein Gewitter bekommen werden. Ich bin nämlich sehr
-ängstlich. Sehr, sehr ängstlich!” Sie bekräftigte ihre Gewitterfurcht
-mit einem hohen, kindlichen Lachen. „Wie meinen Sie?” fragte sie dann
-dringend, die Hand an ihr schwerhöriges Ohr haltend.
-
-Perthes, etwas betroffen von diesem Willkommgruß, der in seiner
-Naivität peinlich war, faßte sich so schnell wie möglich. „Ich glaube
-nicht, daß wir ein Gewitter haben werden,” antwortete er höflich.
-
-„Hörst du, Moritz,” wandte sich Frau Hupfeld triumphierend an den
-hinter ihrem Sessel stehenden, blutjungen Leutnant, „Doktor Pätel --
-hieß er nicht so, Papa?”
-
-„Doktor Perthes,” korrigierte der Geheime Rat mit einer Deutlichkeit,
-die zugleich zuvorkommend und entschuldigend klang.
-
-„Na ja -- Doktor Pätel glaubt auch nicht an ein Gewitter, Moritz!”
-
-Der Leutnant, ein zierlicher, hübscher Junge mit harmlosem, frischem
-Kindergesicht, zuckte die Achseln. „Willst du mich, bitte, vorstellen,
-Papa?” bat er den Geheimen Rat.
-
-„Natürlich -- ich bitte um Verzeihung! Mein Sohn, Leutnant Moritz
-Hupfeld. Und hier --” Er winkte nach dem Fenster, wo ein junges
-Mädchen ohne Teilnahme für das, was vorging, hinausschaute. „Komm mal
-her, Hilla! -- Die Tochter meines Bruders, des Obersten Hupfeld in
-Straßburg,” erläuterte Exzellenz.
-
-Das junge Mädchen fand es nicht der Mühe wert, näherzutreten. Sie
-erwiderte, sich langsam umwendend, Perthes' Verbeugung mit einem halben
-Blick und ziemlich schnippischem Kopfnicken. „Weißt du, Onkel, ihr
-müßtet in den ollen, langweiligen Garten da mal 'ne Fontäne oder so was
-'reinsetzen,” schloß sie ihre viel wichtigeren Fensterstudien.
-
-„Nein! Um Gottes willen! Wo denkst du hin, Kind? Eine Fontäne?”
-jammerte Frau Hupfeld erschrocken. „Das ewige Plätschern kann einen ja
-schwermütig machen!”
-
-„Sei ohne Sorge,” legte sich Hupfeld ins Mittel, „ich liebe keine
-Wasserkünste!” Er bewahrte inmitten dieser reichlich albernen
-Unterhaltung die herablassende Würde seiner Größe.
-
-„Cousine Hilla hat nu mal eine Vorliebe für große silberne Glaskugeln,
-Goldfische und Terrakottazwerge, die unter Pilzen sitzen,” hänselte
-der Leutnant, während er mit Perthes einen Blick gegenseitigen
-Wohlgefallens wechselte.
-
-„Pfui, Moritz!” wehrte sich Hilla entrüstet und geruhte dabei, sich
-zu nähern und ihre nichtssagend hübsche Larve mit schmachtendem
-Tadel ihrem Vetter zuzuwenden. „Sind Sie der Doktor, der so gut
-Tennis spielt?” wandte sie sich dann plötzlich mit der vorlauten
-Selbstverständlichkeit eines verzogenen Backfisches an Perthes.
-
-„Woher wissen Sie das, gnädiges Fräulein?” fragte Perthes trocken
-zurück, während er auf das schmale Persönchen kühl heruntersah.
-
-„Von Alice natürlich!”
-
-„Alice!” nahm Hupfeld das Wort. „Wo steckt denn Alli? Wir werden uns
-ohne sie zu Tisch setzen. Entschuldigen Sie, mein lieber Doktor! Meine
-Tochter lebt in einem beständigen Krieg mit unserer Hausordnung,”
-ergänzte er halb stolz, halb tadelnd, während er seiner Frau artig den
-Arm bot.
-
-„Dem armen Kinde wird doch nichts zugestoßen sein?” meinte Frau Hupfeld
-ängstlich.
-
-„I wo, Mama!” lachte der Leutnant. „Das wäre das erstemal. So was
-verdirbt nicht!”
-
-„Ich sah sie vor einer Viertelstunde von meinem Zimmer aus in den Park
-laufen,” bemerkte Cousine Hilla. Sie hängte sich dabei an den Arm
-ihres Vetters, der sie höflich dem Gast hatte überlassen wollen. Mit
-Zivilisten ging sie nur in Ermangelung wirklicher Menschen zu Tisch.
-
-Perthes, dem offenbar ursprünglich Alice als Tischnachbarin zugedacht
-war, mußte sich seinen Platz allein suchen.
-
-Er ergab sich in sein Los. Kam er sich doch unter diesen fremden
-Menschen so gelangweilt und unbehaglich vor, daß er froh war, sitzen
-und essen zu dürfen.
-
-Exzellenz hielt bei der Suppe einen kleinen Vortrag über altes
-Porzellan, von dem er eine Sammlung anzulegen beabsichtigte. Es
-genügte, verständnisvoll zu lächeln, was übrigens nur Perthes tat. Frau
-Hupfeld teilte einstweilen ihre ganze Aufmerksamkeit zwischen einem
-harmlos-fröhlichen Appetit und der erneuten Sorge um das Wetter, das
-zu beobachten sie dem aufwartenden Diener in geheimnisvollem Ton sehr
-dringlich einschärfte. Hilla machte ihrem Vetter Leutnant ungeniert den
-Hof, ohne der Weisheit ihres großen Onkels die geringste Beachtung zu
-schenken.
-
-Der weißbehandschuhte Diener hatte schon den zweiten Gang serviert und
-einen Flüsterwein eingegossen, als die Tür zum Saal aufgerissen wurde
-und Alice hereinstürmte.
-
-„Denkt euch, Kinder --”
-
-„Meine Nerven! Meine Nerven!” klagte erschrocken die Geheime Rätin.
-
-„Der Gärtner hat in der Raubtierfalle einen richtigen Iltis gefangen!
-Ich hab' ihn mir angesehen! Eine Mama, die Junge erwartet!”
-
-Alice reichte dem Doktor während ihres zoologischen Berichts sehr
-obenhin die Hand und setzte sich zwischen ihn und ihren Bruder.
-
-„Wie schrecklich!” ließ sich Frau Hupfeld, ihre Nerven vergessend,
-neugierig vernehmen. „Was hat er gefangen? einen Tiflis?” Umfassende
-Bildung gehörte nicht zu Mama Hupfelds Vorzügen. Sie stammte aus
-einfachen Verhältnissen -- aus Hupfelds weniger berühmter Zeit -- und
-ihre Impromptus waren das Entsetzen von Exzellenz.
-
-„Einen Iltis!” kicherte Alice. „Und zwar --” wollte sie mit überlauter
-Deutlichkeit fortfahren.
-
-„Mein Liebling,” unterbrach sie der Geheime Rat mit einer
-Entschiedenheit, die zugleich bestimmt war, Iltis und Tiflis zu
-bedecken, „ich schätze die Natürlichkeit. Das weißt du. Aber sie darf
-nicht degoutant sein.”
-
-„Auch meine Meinung. Besonders bei Damen!” bekräftigte Leutnant Moritz
-die väterlichen Worte.
-
-„Da hab' ich mich ja wieder mal nett in die Nesseln eurer Prüderie
-gesetzt!” Alice sah mit verschmitztem Lachen von einem zum anderen.
-
-„Wohin hat sie sich gesetzt?” fragte mit unerschüttertem Wissensdrang
-Frau Hupfeld.
-
-„Mich mußt du ausnehmen, Alli,” erklärte voll schwärmender Bewunderung
-Cousine Hilla. „Ich finde deine Natürlichkeit furchtbar schick! Ich
-wollte, ich wäre auch so vorurteilslos.”
-
-„Das fehlte noch!” brummte der Leutnant.
-
-„Steht nur Ihr Urteil aus, Herr Doktor Perthes!” wandte sich Alice
-mit einer Verbeugung an ihren Nachbar. „Dann kann über mich richtig
-abgestimmt werden!”
-
-Perthes, obwohl nichts weniger als entzückt von dieser Aufforderung,
-begegnete dem spitzbübischen Zwinkern ihrer Augen mit einem ruhigen
-Blick. „Wenn Sie darauf Wert legen, gnädiges Fräulein --”
-
-„Und ob!”
-
-„Ich schätze Natürlichkeit. Bei Damen sogar besonders. Sie wird da nur
-leicht Manier. Und hebt sich so wieder selbst auf.”
-
-„Sehr gut!” nickte zustimmend der Geheime Rat. „Sehr gut, lieber
-Perthes!” wiederholte er noch einmal, nachdem er mit vorgeschobenen
-Kennerlippen an seinem Weinglase genippt hatte.
-
-„Das heiß' ich 'ne schlanke Abfuhr -- wie, Allichen?” schmunzelte der
-Leutnant vergnügt.
-
-„Mir ist das zu hoch!” meinte mit patziger Geringschätzung Cousine
-Hilla.
-
-Alli selbst kniff die Augen zusammen wie beim Tennisspiel, wenn sie
-berechnen wollte, wie sie den Ball am besten zurückschlüge. Es lag in
-dem halboffenen Blick etwas Lauerndes, das die Freude an gefangenem
-Raubzeug, wie einem Iltis, erklärlich machte. Im nächsten Augenblick
-lachte sie. Es war dieses helle, kurze, aufreizende Lachen, das Perthes
-kannte.
-
-Der Diener hatte eben begonnen, neue Schüsseln zu reichen. Den Schleien
-folgten römische Poularden. Alice hatte den Kopf mit dem rötlichen
-Haargewirr über die Lehne zurückgeworfen. Die gelenkige Gestalt in
-dem eng anliegenden, blauen Foulardkleid schüttelte sich leicht, als
-gelte es, ein paar Tropfen von der milchweißen Haut des Halses und der
-Arme absprühen zu lassen. Dann bog sie sich blitzschnell ganz nahe an
-Perthes heran. „Es ist doch so, daß hinter dem Räubergesicht ein ganz
-ehrsamer Philister sitzt, nicht?” tuschelte sie ihm mit boshafter Hast
-zu.
-
-Er wollte ihr erwidern. Aber ebenso geschwind hatte sie sich von ihm
-weggewandt und drehte ihm halb den Rücken. Sie sprach mit Hilla und
-ihrem Bruder. Während des Restes der Mahlzeit behandelte sie ihn als
-Luft. Ein Verfahren, das ihn, wie er sich selber vorsagte, höchst kalt
-ließ, aber seine Behaglichkeit im Hause Hupfeld nicht erhöhte. Er
-wünschte sich über alle Berge. Oder doch zum mindesten einen halben
-Kilometer talwärts in die Sägemühle. Die ungewohnte Atmosphäre, die
-ihn umgab, bedrückte ihn: dieser „große Mann” mit seiner preziösen
-Redeweise und seiner hohlen, posierten Majestät; diese vielleicht
-gutmütige und natürliche, aber immer nur mit sich selbst beschäftigte,
-rosig-dicke Frau Exzellenz; Fräulein Hilla, die ihre Dummheit durch
-die doppelte Portion Hochmut und Dreistigkeit wettzumachen suchte,
-und Alice -- wie ihm das alles zuwider war! Samt dem altertümlichen,
-schwerfälligen, überstilvollen Luxus! Samt dem tadellosen Diner auf
-Wedgwoodporzellan und den Flüsterweinen und dem schleichenden Lakaien
-mit den weißen Handschuhen! Er war kein Feind von Reichtum und Geist
-und Geschmack; aber er hätte gern einmal laut fluchen oder eins der
-hohen Fenster aufreißen und einen Strom noch so heißer Sommerluft
-hereinströmen lassen mögen -- um sich selber wiederzuerkennen und
-freizumachen!
-
-Man näherte sich dem Dessert.
-
-Der Leutnant brachte, Gott sei Dank, etwas Zug in die Unterhaltung. Er
-erzählte von Ballonfahrten, die er von Freiburg aus, wo er in Garnison
-stand, unternommen. Besonders von einem Ausflug nach Straßburg, wo sie
-kurz vor dem Ziel, in Kehl, die Reißleine ziehen mußten und um ein Haar
-im Rhein gelandet wären.
-
-„Wo war das, Moritz?” fragte Frau Hupfeld, die die Hand am Ohr mit
-allen Zeichen des Gruselns der halsbrecherischen Schilderung zu folgen
-versuchte.
-
-„In Kehl, Mama,” lautete der bereitwillige Bescheid.
-
-„In Kiel?” wiederholte die alte Dame mit Staunen. „Ich wußte gar nicht,
-daß Kiel so nahe bei Straßburg liegt. Ich dachte immer --”
-
-Diesmal brach die Heiterkeit über Mama Hupfelds durch keine
-Sachkenntnis getrübte Geographie so elementar und laut hervor, daß der
-Geheime Rat sie nicht durch eine ableitende Bemerkung aufhalten konnte.
-Seine kleine, dicke Frau schloß sich der Fröhlichkeit so unbefangen
-an, wie wenn sie nichts anderes beabsichtigt hätte, als ein Bonmot
-zum besten zu geben. Zu allem Unheil pflanzte sich eben jetzt der
-Diener in steifer Positur hinter ihrem Stuhl auf, offenbar um ihr eine
-unaufschiebbare Meldung zu machen.
-
-„Was gibt's, Karl?” fragte sie besorgt, als der Beifall, den sie
-unfreiwillig entfesselt hatte, sich legte.
-
-„Exzellenz, im Süden zieht ein Gewitter herauf!” meldete der Diener mit
-der Feierlichkeit eines spanischen Granden.
-
-„Allmächtiger!” entfuhr es dem Leutnant in komischer Verzweiflung.
-
-Frau Hupfeld schnellte mit allen Zeichen der Angst von ihrem Sitz in
-die Höhe. „Oh -- was Sie sagen, Karl!” stammelte sie. Sie sah wirklich
-bemitleidenswert aus.
-
-Cousine Hilla biß auf ihre Serviette, um nicht von neuem
-herauszulachen. Alice schnitt eine Grimasse. Perthes fixierte standhaft
-den zierlichen Rand seines Tellers, denn wenn er bis jetzt als Gast
-des Hauses seinen Lachmuskeln eine peinliche Reserve auferlegt hatte,
-diese im Ton einer antiken Schicksalsverkündigung vorgetragene
-Gewittermeldung drohte seine Kraft zu übersteigen.
-
-Der Geheime Rat blieb ernst. „Es wird ja so schlimm nicht sein!” redete
-er begütigend seiner Frau zu.
-
-Aber für Frau Hupfeld gab es, nachdem sie sich vom ersten Entsetzen
-erholt, kein Halten. „Herr Doktor Pätel -- Sie müssen mich
-entschuldigen -- ich kann nun mal nichts dafür!” erklärte sie
-mit hastiger Verlegenheit. „Nein -- und ich wollte noch von der
-wundervollen Ananas essen! Stellen Sie sie für mich zurück, Karl! Und
-Annette soll auf mein Zimmer kommen. Sie muß mir die Laden schließen.
-Johann auch!”
-
-Schon war sie, ihre beleibte kleine Person mit erstaunlicher
-Elastizität vorwärtsschiebend, aus dem Saal geflohen, um in ihrem
-Schlafzimmer unter Beihilfe der verfügbaren Dienstboten die nötigen
-verdunkelnden Vorbereitungen zu treffen.
-
-Das Gleichgewicht der Tafel war gestört.
-
-Exzellenz -- seine Verstimmung in eine gesteigerte, über die
-Kleinigkeiten des Tages erhabene Hoheit hüllend -- hielt es für
-angebracht, die Mahlzeit nicht mehr über Gebühr zu verlängern.
-
-Er stand denn auch bald auf und gab so das Zeichen der Befreiung vom
-Tischzwang. Die Herren begaben sich in die Bibliothek. Während der
-Leutnant den mit Silber eingelegten Zigarrenschrank herbeiholte und
-Perthes mit den unterschiedlichen Vorzügen der Importen bekannt machte,
-zog Hupfeld sich stillschweigend zu einer kleinen Mittagsruhe zurück.
-
-Alice und Hilla traten unter die Tür der Bibliothek.
-
-„Hilla will mal meine Iltismama besehen. Kommst du mit, Säbelmännchen?”
-Alice richtete ihre Aufforderung absichtlich nur an ihren Bruder, als
-existierte Perthes gar nicht.
-
-„Das hängt von Herrn Doktor Perthes ab,” erwiderte der Leutnant, den
-Zug seiner Zigarre prüfend.
-
-„Bah -- es fragt sich sehr, ob wir Herrn Perthes nach der famosen
-‚Abfuhr‛ an Alli überhaupt noch dazu einladen!” erklärte Fräulein Hilla
-mit schnippischer Promptheit.
-
-„Dann müßt ihr auf meine Gesellschaft auch verzichten, Hillchen!” gab
-Leutnant Moritz ritterlich zurück.
-
-Alice maß Perthes über ihre Schulter weg mit dem ihr eigenen Blick vom
-Fuß zum Kopf.
-
-„Bitte sehr, sich durch mich nicht bestimmen zu lassen. Unser Tierpark
-im Bakteriologischen Institut war so reichhaltig, und ich bin so froh,
-ihn los zu sein, daß ich auf Iltismütter keinen besonderen Wert lege.”
-Perthes sprach mit aller ihm zu Gebot stehenden Gelassenheit, ohne
-Alices Blick zu vermeiden. Dabei mußte er allerdings die zartgewickelte
-Zigarre beinahe zwischen seinen Fingern zerdrücken, so sehr reizte ihn
-Alices Benehmen.
-
-„Stolz lieb' ich den Spanier!” bemerkte sie leichthin; aber ihre
-Mundwinkel zuckten mehr nervös als spöttisch, und ihre Absätze klappten
-stärker auf den Boden, als nötig war. Seine Sprödigkeit machte sie
-kampflüstern. Sie wäre jetzt am liebsten dageblieben, um es gleich
-darauf ankommen zu lassen, wer Sieger blieb. Doch Hilla zog sie
-energisch aus der Tür.
-
-„Hat dein Papa immer so verdrehte Assistenten?” fragte die Cousine laut
-genug, daß man es noch in der Bibliothek hören konnte.
-
-„Schweig! Das verstehst du nicht!” herrschte Alice sie an.
-
-Hilla sah ihr ganz betroffen in die funkelnden Augen.
-
-„Er ist ein feiner Junge, sag' ich dir!” Alice wollte hinzusetzen:
-Gerade, weil er so widerhaarig tut! Aber sie behielt diesen Nachsatz
-für sich und pfiff dafür auf dem Weg zum Park leise vor sich hin -- so
-bedeutungsvoll, wie nur junge Damen pfeifen können ...
-
-Nach einigen Minuten gingen Perthes und Leutnant Hupfeld auf eigene
-Faust ins Freie.
-
-Sie hatten beide Gefallen aneinander gefunden. Der aufgeweckte junge
-Offizier, der nach den besten Eigenschaften seiner Mutter geraten zu
-sein schien, traf sich mit Perthes im Interesse für den Luftsport. Der
-Leutnant hatte in Berlin und auch in Paris Flugversuche gesehen, von
-denen er sehr anschaulich zu plaudern wußte. Nachher erzählte er von
-Freiburg und von winterlichen Skitouren im Schwarzwald. --
-
-Sei es, daß die Iltismama an Reiz eingebüßt hatte, sei es, daß Cousine
-Hilla Sehnsucht nach Vetter Moritz bekam -- die jungen Damen kehrten
-auffallend schnell von ihrer Raubtierbesichtigung zurück.
-
-Man setzte sich in den Schatten unter eine breitästige Eiche.
-
-Der Diener kam mit einem Klapptisch, mit Mokka und einer Batterie von
-Likören aus dem Hause.
-
-Alice hatte sich, wie die beiden Herren, einen Curaçao eingießen
-lassen. Sie näherte sich Perthes mit der Miene einer frommen Helene.
-„Wollen wir uns wieder vertragen, Doktor?” Sie hielt ihm den kleinen
-Finger hin, um mit ihm anzustoßen.
-
-„Ich bin mir nicht bewußt, daß --”
-
-„Nun machen Sie gefälligst nicht wieder Geschichten! Wollen Sie -- oder
-wollen Sie nicht?”
-
-Perthes gab sich zufrieden, tippte an ihren Finger, und sie tranken
-sich zu.
-
-Während Hilla den Leutnant mit Beschlag belegte und entführte, setzte
-sich Alice neben Perthes auf die Bank unter der Eiche. Sie stemmte
-sich mit den Händen rechts und links gegen den Sitz und ließ die Füße
-mit den hübschen, bronzefarbenen Schnallenschuhen und den blauseidenen
-durchbrochenen Strümpfen übereinandergleiten.
-
-„Warum sagten Sie das mit der ‚manierierten Natürlichkeit‛, Doktor
-Perthes?” fragte sie nach einiger Zeit in nachdenklichem Ton, in die
-Betrachtung ihrer Schuhspitzen scheinbar versunken.
-
-„Weil es meine Meinung war und Sie mich darum fragten,” entgegnete er.
-
-„Ich glaube, Sie haben greulich viel an mir auszusetzen!” fuhr sie in
-derselben Weise fort.
-
-„Das beruht wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit!” Er lehnte den Kopf
-gegen den Stamm der Eiche und blies den Rauch seiner Zigarre in
-nervösen Zügen über sich. Er vermied es, sie anzusehen.
-
-„Man muß wohl hausbackener sein, um Ihnen zu gefallen?” Sie
-streifte ihn mit einem halben Blick. Der gutsitzende, elegante
-Gesellschaftsanzug stand in anziehendem Gegensatz zu der naturhaft
-gebräunten Farbe seines Gesichts und seiner Hände.
-
-„Ich dachte, wir hätten auf Versöhnung angestoßen,” meinte er. „Aber
-Sie --”
-
-„Natürlich, das schließt doch nicht aus, daß ich mich mit Ihnen ein
-bißchen kabble. Ich kabble mich immer mit Menschen, die mir gefallen!”
-Sie sah ihn jetzt mit dem Schalksgesicht voll an. Ihre Augen flirrten
-keck unter der weißen Stirn und dem rötlichen, vorgebauschten Haar,
-während die Zungenspitze über die Lippen spielte.
-
-Perthes warf seine Zigarre fort und streckte sich unbehaglich. „Davon
-halt' ich nicht viel. Vom Kabbeln nämlich. Ich bin nicht sonderlich
-geschickt dazu und gerate leicht vom Hänseln ins Hauen!” Seine Hand,
-die er mit dem Rücken vor die Stirn geschoben, schloß und öffnete sich
-instinktiv. Ohne daß er sich dessen bewußt war, gab diese Bewegung
-seine geteilte Empfindung für Alice wieder, die sich durch dies
-Tete-a-tete steigerte: er hätte sie gleichzeitig leidenschaftlich an
-sich reißen und von sich stoßen mögen.
-
-„Oho! Das klingt ja ordentlich gefährlich!” lachte sie belustigt.
-„Sie überschätzen am Ende doch Ihr Temperament, Doktor!” setzte sie
-mit herausforderndem Spott hinzu. Sie hatte gar nicht im Sinn, ihre
-„kabbelnde” Taktik ihm gegenüber einzustellen. Im Gegenteil, es machte
-ihr Vergnügen, die spröde Zurückhaltung, die er zur Schau trug, den
-Philister, wie sie es nannte, mit seiner Reizbarkeit in Widerstreit
-zu bringen. Sie tat das ohne Berechnung. Dafür war sie viel zu sehr
-ein Geschöpf der Laune. Es war vielmehr die Neugierde: es lockte sie,
-herauszubekommen, ob die Reibung zwischen seiner Sprödigkeit und seinem
-Temperament kein Feuer geben könnte.
-
-Das Gewitter aus Süden, das Frau Hupfeld von der Tafel aufgeschreckt
-hatte, war recht zögernd aufgezogen. Erst jetzt holten seine Wolken die
-Sonne ein. Ein greller, silberner Rand schied das Blau und das Grau
-des Himmels. Das Licht auf dem langgestreckten, eintönigen Rücken des
-Hauses schwand. Die Schatten unter der Eiche wurden beinahe finster.
-Der Donner murrte dumpf und nah.
-
-„Das scheint ja doch noch ernst zu werden,” lenkte Perthes das Gespräch
-ab.
-
-„Sie sind doch nicht auch gewitterscheu wie Mama?”
-
-„Das müssen Sie mir ja ansehen, gnädiges Fräulein!”
-
-„Wenn Sie wünschen, zeige ich Ihnen mal die Kapelle. Papa würde es
-Ihnen nicht verzeihen, wenn Sie nicht dort gewesen wären!” Alice war
-aufgestanden. Sie schlang die Hände hinter ihrem Kopf ineinander und
-dehnte sich. „Wollen Sie? Wenn Ihnen die Besichtigung mit mir allein zu
-langweilig ist, können wir noch Moritz und Hilla rufen.”
-
-„Ihre Gesellschaft genügt mir.”
-
-„Danke! Ich nehme das für ein mißratenes Kompliment.” Sie neigte
-übertrieben-höflich den Kopf und ging dann voraus.
-
-Alice nahm sich Zeit und führte Perthes auf einem Umweg quer durch den
-Park. Sie lief, und er blieb trotz seiner großen Schritte immer hinter
-ihr.
-
-„Sie haben Bergtouren gemacht?” begann er von sich aus die Unterhaltung
-wieder.
-
-„Ach -- es war recht mäßig dieses Jahr!” gab sie gleichgültig zurück.
-„Das Wetter war zu unbeständig.”
-
-„Mit wem waren Sie denn zusammen?”
-
-„Mit mir und mit dem Führer!”
-
-„Nur mit dem Führer?”
-
-„Warum denn nicht?” Sie drehte sich flüchtig nach ihm zurück. „Ich
-finde das viel aparter und origineller, als wenn Moritz oder sonstwer
-mich immer als Dame schont und bemuttert!”
-
-Perthes wollte Genaueres von ihren Touren hören, aber sie schien dazu
-heute nicht aufgelegt. Seine Augen ruhten auf ihrer leichten, schlanken
-Gestalt. Durch ständiges Trainieren, Gymnastik und Sport hielt sie ihre
-Formen in gefälliger, sehniger Schmalheit. Die Schultern, die Arme und
-Hüften waren, für sich betrachtet, überschlank; aber ihre Art, sich zu
-bewegen, fest und geschmeidig zugleich, gab dem Körper eine reizvolle
-Harmonie, die nichts Eckiges oder Spitzes aufkommen ließ. Beim Gehen
-schien sie nie mit dem Absatz den Boden zu berühren. Dabei war ihr Gang
-weder schwebend noch geziert, sondern von jener kecken Freiheit, die zu
-dem spöttelnden Leichtsinn ihres ganzen Wesens paßte. Es war ein und
-dasselbe sinnliche Geheimnis in ihrer Erscheinung, in ihrem Lachen, in
-ihrem boshaften Geplauder; ein Geheimnis, gegen das seine Vernunft und
-Geradheit sich wehrten, und das doch, ohne daß er es sich gestand, ihn
-nicht losließ.
-
-Sie zeigte ihm mit flüchtigen Bemerkungen, die sie über die Schulter
-warf, die Sehenswürdigkeiten des Parks. Da war ein Gedenkstein vom
-Ende des achtzehnten Jahrhunderts, eine girlandenumwundene, mit einer
-Opferschale gekrönte Säule, moosig bezogen und mit einer Inschrift
-versehen, die kein Mensch lesen konnte. Der Geheime Rat behauptete fest
-und steif, es sei eine Erinnerung an Goethes Besuch auf dem Stift.
-Dann brüchiges, efeuüberwuchertes Gemäuer, verfallene Stufen, die in
-die Tiefe führten, wo eine Quelle rieselte. Weiterhin ein halber Turm
-aus verwittertem Sandstein, den Exzellenz, allerdings selbst mit einer
-gewissen Skepsis, für den Rest eines Burgfrieds aus Raubritterzeiten
-erklärt hatte. Ein verträumter Teich, über und über mit Wasserlinsen
-bedeckt; eine romantische Grotte, die zur Schatzgräberei ermutigte, ein
-... Doch da klatschte es schon derb auf das hohe Blätterdach der Bäume
-und fuhr mit scharfen, silbernen Fäden durch die Zweige. Der Regen
-brach los.
-
-„Wer zuerst an der Kapelle ist!” rief Alice mit ausgelassenem
-Gelächter.
-
-Sie raffte leicht ihr Kleid und stürmte vorwärts, ohne den Weg
-einzuhalten, quer durch Gras und Gebüsch.
-
-Perthes, weniger durch diese Aufforderung als durch den niederfahrenden
-Regen bestimmt, setzte ihr nach. Kurz vor der niederen Bogentür
-der Kapelle, die fast märchenhaft hinter den tiefhängenden Ästen
-auftauchte, überholte er sie. Alice schoß in vollem Lauf hinterdrein
-und prallte mit dem Gewicht ihres Körpers gegen ihn. Die alte morsche
-Tür hielt der doppelten Last nicht stand, sondern knarrte aus dem
-Schloß. Eins am andern Halt suchend, gelangten sie mehr im Fall als
-im Schritt in den dämmrigen Raum. Ihre erhitzten Gesichter sahen sich
-verdutzt und lachend an.
-
-Die hohen bunten Glasfenster waren mit Sonnenvorhängen gedeckt, so daß
-es beinahe finster in der Kapelle war. Sie war möglichst als Gotteshaus
-erhalten. Ein Hochaltar aus der Kölner Schule -- die süßliche Madonna
-in der Mitte, rechts und links auf den Flügeln die knienden Stifter --,
-Sanktuarium, Lesepult und Kerzen davor, traten, von einem Streiflicht
-getroffen, aus dem Dunkel der kleinen Apsis. Alice zog einen der
-Vorhänge auseinander. Man erkannte jetzt leidlich die geschnitzten
-Chorstühle an den Wänden, Bilder der Stationen Christi, die blanken
-Pfeifen einer kleinen Orgel auf der rückwärtigen Empore. Das halbe
-Gewitterlicht von draußen gab eine fahle, wunderliche Stimmung.
-
-Geschmackvolle Schränke zwischen den Chorstühlen und glasüberbaute
-Tische, die an Stelle der Bänke das Kapellenschiff füllten, enthielten
-die Sammlung des Geheimen Rats: Meßgewänder und Schmuckstücke aus dem
-späten Mittelalter, Gemmen und Münzen aus der Antike, Handschriften
-aus dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert.
-
-Auch wenn sie besser zu sehen gewesen wären -- Perthes hätte jetzt kaum
-zu einer näheren Besichtigung Lust gehabt. Er lehnte schweigend an
-einem der Pfeiler und begnügte sich, die ruhige Gesamtheit der kleinen
-Kirche und ihre Kühle auf sich wirken zu lassen. Der Regen prasselte an
-die Scheiben, und der Sturm brauste draußen in den mächtigen Bäumen.
-
-Alices unfromme Stimme weckte ihn schnell. „Als Säulenheiliger sehen
-Sie wirklich nicht gut aus, Doktor!” klang es von der Höhe der
-Orgelempore hallend zu ihm herunter. „Kommen Sie lieber zu mir herauf
-und helfen Sie mir!”
-
-Perthes entdeckte nicht ohne Mühe die schmale Stiege, die sie
-emporgeklettert war, und folgte ihr. Sie krachte bedenklich unter
-seinen Tritten.
-
-Alice stand hinter der verstaubten Orgel und wirtschaftete an einer
-hohen Leiter.
-
-„Wobei soll ich Ihnen helfen?” fragte er mit leisem Argwohn.
-
-Sie deutete über sich.
-
-Man sah über die Dachsparren durch in den engen Turm, in dem zu oberst
-ein oder zwei Balken querliefen, die wohl früher eine Glocke getragen
-hatten.
-
-„Ich möchte mir von da oben mal das Unwetter ansehen!”
-
-„Aber das ist ja Unsinn!” entfuhr es Perthes. „Da kommen wir nicht
-hinauf. Oben an der Leiter fehlen Sprossen, und weiter hinauf sehe ich
-überhaupt keine Möglichkeit, hochzukommen. Überdies wackelt das ganze
-Ding hier!” Er schüttelte mit seinen Händen die gar nicht einladende
-Leiter.
-
-„Das hätte ich mir denken können, daß Sie für so was nicht zu haben
-sind! Aber ich will da hinauf, hören Sie! Wenn ich mir den Hals breche,
-sind Sie schuld, der Sie mir nicht behilflich sein wollen!” Sie stieg
-entschlossen auf die erste Sprosse. „Ich brauche Sie gar nicht!”
-
-„Das erlaub' ich nicht!” Perthes faßte zornig und besorgt ihre Hand.
-
-„Wollen Sie mich loslassen. Mit Ihrem Bärengriff! Erlauben! Was haben
-Sie zu erlauben!?”
-
-„Seien sie nicht so eigensinnig, Fräulein Alice.” Zum erstenmal
-brauchte er in der Erregung ihren Vornamen.
-
-„Jetzt erst recht! Ich bin nicht so ängstlich um mein bißchen Leben
-besorgt wie Sie um Ihren schönen Gehrock, Doktor -- der --”
-
-Mit einem Satz war Perthes neben ihr und drängte sie knirschend
-beiseite.
-
-„Sie Barbar!”
-
-Er klomm behend aufwärts und sie mit leisem, befriedigtem Lachen hinter
-ihm drein. Sie hatte seinen Mut und seine Entschlossenheit in Frage
-gezogen, und er war unbesonnen genug, sich das nicht zweimal sagen zu
-lassen. Wie ein großer, bravoursüchtiger Junge kletterte er hoch und
-höher. Wo die Sprossen fehlten, streckte er ihr ohne ein Wort befehlend
-Hand und Arm zu, um ihr zu helfen, und sie zog sich geschickt an ihm
-empor.
-
-Es war eine waghalsige Torheit, wie er richtig vorhergesagt hatte.
-
-Über der Leiter waren eiserne Krampen ins Fachwerk geschlagen, die zur
-Not als Stufen dienen konnten.
-
-Er hatte es aufgegeben, noch einmal gegen Alices Wagemut vorstellig
-zu werden. Er wußte, daß er sie damit nur um so trotziger machen
-würde. Ganz nur mit dem gefährlichen Aufstieg beschäftigt, vergaß er
-jede Bedenklichkeit: er schlug seinen Arm hinter ihren Rücken; halb
-zog, halb hob er sie weiter, und ihr geschmeidiger, leichter Körper
-schmiegte sich ohne Scheu an den seinen.
-
-Dort, wo der Turm, ein richtiger Dachreiter, sich gegen das Dach
-absetzte, war eine schmale Galerie, in der sie, gegen die Wand gelehnt,
-einen Augenblick Seite an Seite veratmen konnten. Wenn er sich auf die
-Fußspitzen erhob, streifte er mit den Händen an das Glockengerüst.
-Er suchte es auf seine Festigkeit zu prüfen. Es war stark genug, um
-zwei Menschen zu tragen, und saß fest im Gemäuer. Die Balken, einer
-etwas höher als der andere, aber in gleicher Richtung, bildeten eine
-notdürftige Bank.
-
-Perthes schwang sich hinauf. Mit dem einen Arm hielt er sich, mit dem
-anderen half er Alice und setzte sie mit einer letzten, ruckhaften
-Anstrengung neben sich -- fast leidenschaftlich-heftig, wie ein
-unartiges Kind, das in Teufels Namen seinen Willen haben muß.
-
-„Wenn Sie nicht so grob zufaßten, würden Sie einen ganz guten
-Bergführer abgeben!” stieß sie aufatmend hervor.
-
-„Chirurgen haben bekanntlich immer harte Hände,” spottete er ingrimmig.
-„Fassen Sie die Planke da gefälligst fester,” kommandierte er, „sonst
-segeln wir in die Tiefe.”
-
-„Sie sind ja ein netter Tyrann!” Alice sah ihn mit einer Mischung
-von Schelmerei und fast zärtlicher Bewunderung an. Sie saßen eng
-aneinandergedrängt; die Arme hatten sie sich wechselseitig hinter den
-Rücken legen müssen, um sicher zu sitzen. Ihre in der Anstrengung des
-Aufstiegs erglühten Gesichter berührten sich beinahe. Er spürte die
-losen Strähnen ihres zerzausten Haares auf seiner Wange.
-
-„Wollen Sie nicht lieber, statt mich zu schelten, sich die Aussicht
-ansehen?” meinte er erregt.
-
-Es war in der Tat schön da oben.
-
-Durch die spinnwebverzierten Gucklöcher des Turmes übersah man
-flußaufwärts das Tal. Die Wolken hingen schwer und schwarz über
-den Tannenkuppen. Blitz auf Blitz zuckte daraus hervor und riß die
-verdunkelte Landschaft in grelles, phantastisches Licht. Der Donner
-rollte ferner. Aber der Wind wühlte noch immer in den Baumwipfeln, auf
-die man heruntersah, und der Regen fuhr in langen, glitzrigen Strichen
-nieder.
-
-Das tosende Bild des Unwetters war nicht dazu angetan, Perthes ruhiger
-zu machen. Während er mit vom Staube brennenden Augen hinausstarrte,
-fühlte er, wie die warme Nähe von Alices biegsamem Körper seine
-Sinne gefangennahm und seine Widerstandskraft lähmte. Er vermied es
-krampfhaft, sie anzublicken. Sein herrisches, scharfes Wesen war die
-letzte Schanze, die er zwischen sich und ihr aufwarf und verteidigte.
-
-„War das etwa nicht der Mühe wert, hier heraufzuklettern?” fragte
-sie nach einer Weile vorwurfsvoll. „Tun Sie nicht Abbitte, Doktor
-Perthes?” Sie beugte ihren Kopf vor, um ihm in das beharrlich geradeaus
-gerichtete, finstere Antlitz zu schauen. Die rotblonden Haare
-schienen wie kleine, zackige Blitze ihr Gesicht zu umzucken, und die
-flackernden, boshaften Augen suchten die seinen.
-
-„Sie werden fallen! Halten Sie sich ruhig!” knirschte er. Mit der
-äußersten Anspannung seines Willens wich er ihrem Blick aus. Er
-wußte, daß er sie an sich reißen und küssen mußte, wenn sich seine
-Augen mit den ihrigen trafen -- küssen wie ein Rasender. Ob sie dabei
-beide in Gefahr kamen, in die Tiefe zu stürzen, war ja dann vollends
-gleichgültig ...
-
-„Ah -- ich glaube, Sie fixieren da drüben die Sägemühle!” Ärgerlich
-glaubte Alice das Ziel seines starren Blicks entdeckt zu haben.
-
-Perthes hatte bisher das rote Ziegeldach an der Krümmung des Flusses,
-zwischen windgepeitschten Baumkronen, noch gar nicht beachtet. Jetzt
-erkannte er es. Der Bann war gebrochen.
-
-Der Gedanke an Marga stürmte schmerzlich, anklagend, bitter auf ihn ein
-und kühlte sein Blut ab.
-
-„Steigen wir ab, gnädiges Fräulein. Es wird lange genug dauern. Halten
-Sie sich eine Sekunde fest. Mit beiden Händen. Hier und hier.” Er
-bedeutete ihr die beiden Stellen am höheren Glockenbalken. Dann ließ er
-sich am anderen auf die Galerie nieder und half ihr folgen.
-
-Er hatte seine nüchterne Überlegung wieder.
-
-Wo der Dachreiter auf dem Dache der Kapelle aufsaß, war eine gähnende
-Luke. Sie konnte auf den Dachboden führen. Vielleicht bot sich dort
-ein minder halsbrecherischer Weg. Ohne auf Alices Einwände zu hören,
-leitete er sie von der Galerie bis an die Luke. Dort kletterte er
-voraus und inspizierte das Terrain. Nach wenigen Augenblicken kam er
-zurück und hob sie zu sich auf den Boden. Sie tappten Hand in Hand,
-vorsichtig und stumm durch den dunklen Raum, wo sie eine Fledermaus
-aufscheuchten und Spinngewebe zerrissen. Eine im Vergleich mit der
-Leiter, an der sie hochgeklommen, bequeme Holztreppe führte vollends
-in die Tiefe. Der Abstieg war ein Kinderspiel gegenüber dem unsinnigen
-Aufstieg. In einer engen, völlig kahlen Kammer, die wohl als Sakristei
-zwischen Apsis und Schiff der Kapelle eingeklemmt war, gelangten sie
-auf ebener Erde an. Durch eine offene Tür kam man von dort hinter den
-Hochaltar und zurück in die Kapelle.
-
-„Der Weg wäre einfacher gewesen!” bemerkte Perthes, nicht ohne Vorwurf.
-
-„Ich wußte nicht, daß man vom Boden in den Turm steigen kann,” gab
-Alice frostig und einsilbig zurück.
-
-Als sie unter das Tor der Kapelle traten, sah er auf die Uhr. Es
-war spät geworden. Beinahe sieben. „Höchste Zeit, daß ich mich
-verabschiede!” murmelte er heftig.
-
-Sie schritten wortlos durch den Garten nach dem Haus. Der Regen hatte
-aufgehört. Es tropfte nur noch schwer und laut von den glänzenden
-Zweigen.
-
-Im Flur klingelte Alice nach dem Diener. „Vielleicht wünschen Sie sich
-etwas ausbürsten zu lassen, Herr Doktor!” Sie musterte sein verstaubtes
-Äußere vom Fuß zum Kopf mit einem halben Lächeln, das er mit einem
-Blick auf ihr ziemlich mitgenommenes blaues Foulardkleid erwiderte.
-Dann ließ sie ihn stehen und ging die Treppe hinauf.
-
-„Bitte, sagen Sie mir noch, gnädiges Fräulein, wo ich mich von Ihren
-Eltern verabschieden kann,” rief ihr Perthes nach.
-
-„Seine Exzellenz, der Herr Geheime Rat, wurden in die Stadt gerufen.
-Ihre Exzellenz, die gnädige Frau, sind zu Bett gegangen,” meldete der
-hinzukommende Diener.
-
-Alice war auf dem Treppenabsatz stehen geblieben. „Na, denn adieu!” Sie
-nickte ihm zu und streckte die Hand lässig über das Geländer.
-
-Perthes berührte sie leise und verbeugte sich. „Sie haben wohl die
-Güte, mich den Herrschaften dankend zu empfehlen. Auch Ihrem Herrn
-Bruder und Ihrer Fräulein Cousine.”
-
-Fräulein Exzellenz war schon verschwunden ...
-
-Perthes ließ sich von dem Diener, so gut es ging, den Anzug reinigen.
-
-Zwei Minuten später trat er aus dem Haus. Er atmete auf und ging mit
-schnellen Schritten durch den Garten dem Tor zu. Als es zufiel und
-Stift Nieburg hinter ihm lag, war es ihm, als wäre eine Ewigkeit
-vergangen, seit er dort eingetreten war. Und doch waren nur wenige
-Stunden vergangen, seit er an derselben Stelle aus der Droschke
-gestiegen. Wie um einen gefährlichen Spuk, der kein Anrecht auf
-Wirklichkeit hatte, schleunig loszuwerden, lief er zur Landstraße
-hinunter. Flußaufwärts über den Bergen verzog sich das Gewitter mit
-aschgrauen und nachtschwarzen Wolken. Flußabwärts, der Ebene zu, blaute
-der Himmel wieder, und die Sonne zerriß das dünne, schleierhafte
-Gewölk. Ihre Strahlen drangen mutig vor und erreichten die Straße.
-Bis hinauf zur Mühle wagten sie sich, bewarfen das Ziegeldach und
-blitzten auf den nassen Blättern des Wirtsgartens. Die Rinnsale in den
-Wagenfurchen auf dem Fahrdamm, noch eben trostlos braun und schmutzig,
-sprühten blendend auf und wetteiferten mit dem goldgekräuselten Schein
-der Wellen im Fluß. Ein breiter Regenbogen spannte sich vom jenseitigen
-Ufer über das Tal und berührte mit seinem Scheitel diesseits den
-Bergwald.
-
-Wo der Stiftsweg die Chaussee erreichte, hatte Perthes haltgemacht. Er
-sah nicht zurück; aber er sah auch nichts von dem milden Zauber des
-aufgeklärten Sommerabends vor sich. Ursprünglich hatte er geradeswegs
-nach der Sägemühle gewollt. Marga erwartete ihn dort -- das wußte er.
-Nach dem widerwärtigen Besuch auf Nieburg wollte er -- so hatte er
-versprochen -- sich und sie entschädigen und wieder einmal über das
-Abendbrot bleiben, was er in letzter Zeit selten genug hatte tun können.
-
-Nun schien es ihm plötzlich schwer, ja unmöglich, Wort zu halten.
-
-Vor ein paar Stunden wollte er an ein und derselben Wegscheide den
-Wagen lieber zur Mühle als zum Stift fahren heißen. Jetzt schrak er vor
-dem Gang, die Landstraße abwärts, zurück, als läge ein unüberwindliches
-Hindernis zwischen ihm und dem roten Ziegeldach, dem vertrauten Garten.
-Er hatte den Hut vom Kopf gerissen und preßte die Hand gegen die Stirn.
-Was war eigentlich geschehen, das ihn so mutlos machte? Er hatte sich
-nichts vorzuwerfen, nicht das geringste. Keine Handlung und kein Wort,
-noch so leis und flüchtig, konnte ihn anklagen. Und doch lag es wie ein
-dunkles, erstickendes Gefühl von Unrecht, ja von Schuld auf ihm.
-
-Drunten, zwischen den Bäumen des Mühlengartens, schimmerten zwei helle,
-sommerliche Kleider. Arm in Arm traten zwei Mädchengestalten auf die
-Landstraße. Er hätte Marga und Elli erkannt, auch wenn die sinkende
-Sonne sie weniger scharf beleuchtet hätte. Elli hielt die Hand vor die
-Augen und spähte die Straße entlang.
-
-Unwillkürlich trat Perthes einen Schritt zurück, um hinter einer
-Schlehenhecke am Wegrand verdeckt zu sein. Im nächsten Augenblick, als
-er sich dieser Bewegung bewußt wurde, mit der er sich verleugnete,
-wurde ihm auch seine Gemütsverfassung erschreckend klar.
-
-Was da oben auf Stift Nieburg in ihm wach geworden, war das andere!
-War das, was er für Marga nicht empfand und nie empfinden würde! Die
-Leidenschaft, die zu den Sinnen sprach; die das Blut aufreizte und die
-Vernunft auslöschte. Wenn er es auch vermied, sich umzublicken, zurück
-nach Nieburg und hinauf nach dem Kapellenturm -- Alices spitzbübisches
-Gesicht mit der kecken Stupsnase, den graugrünen, boshaft flackernden
-Augen, dem lüsternen Mund, mit dem weißen Teint und der Wolke von
-rötlichem, blitzwirrem Haar blickte ihm über die Schulter; ihre
-biegsamen Glieder drängten sich an die seinen und hielten ihn fest.
-Und er begehrte sie. Seine Arme verlangten, sie an sich zu raffen.
-Sein Mund suchte den ihrigen. Er hatte geglaubt, er brauche die
-Leidenschaft nicht! Er hatte sich überredet, daß sie zu seinem Glück
-nicht passe. Ausgestrichen hatte er sie, niedergehalten -- war über
-sie weggesprungen. Wenn sie sich rächen wollte!? Und sie rächte sich
-ja schon! Sie wollte nicht übersprungen sein. Gewiß -- seine Ansicht
-hatte dem Willen diesen Sprung aufgezwungen. Aber der Feind, den
-er unterschätzte, erhob sich in seinem Rücken. Das Gewaltsame des
-Entschlusses, mit dem er sich Marga zu eigen gegeben, war ihm mit einem
-Mal deutlich. Wie ein Schwimmer hatte er sich mit einem heftigen,
-entscheidenden Stoß ans feste Land geworfen -- und nun kam die Woge,
-die er überwältigt meinte, mit erneuter Kraft und wollte ihn wegspülen.
-Er sollte nicht ans Land. Er gehörte nicht der großen Stille, sondern
-dem Sturm --
-
-Ohne sich über die Richtung Rechenschaft zu geben, hatte Perthes mit
-aufgeregten Schritten den Weg nach der Stadt und nicht nach der Mühle
-eingeschlagen.
-
-Aber das durfte er ja nicht. Er wurde erwartet! Ließ er sich schon
-fortspülen?
-
-Ein paar Schritte von der Chaussee stand eine Aussichtsbank in der
-Uferböschung. Linkshin sah man nach dem Tal, rechtshin nach der im
-Dunst verschwimmenden Stadt, die mit ihren Häusern und Kirchtürmen
-unmittelbar aus dem Fluß aufzusteigen schien.
-
-Dort setzte er sich.
-
-Der Kettendampfer mit einer endlosen Reihe von bewimpelten,
-schwerbefrachteten Lastkähnen schnaubte und rasselte den Fluß herunter,
-an ihm vorbei. Hinter ihm auf der Landstraße zogen grölende Arbeiter
-vorüber; ein Automobil fauchte und tutete -- dann klirrte ein Fahrrad
--- er sah und hörte nichts. Er brauchte seine ganze Besinnung und
-seine volle Stärke, um sich festzustemmen und der Woge zu wehren,
-die ihn vom Land reißen wollte. Sie trug menschliche Züge. Darum war
-es so schwer, sie wegzuschieben, sie fortzustoßen, ihren gelenkigen,
-verführerischen Widerstand zu brechen. Wie schwer, das Land im Auge zu
-behalten, Marga zu sehen, die blinde, anspruchslose, in der Dämmerung
-verblassende Marga! Ein wildes, unstetes Ringen war es, und als er sich
-durchgekämpft zu haben glaubte, lohnte kein freies, heiteres Gefühl.
-Ein bitteres „Muß” stand mit krausen, harten Falten auf seiner Stirn,
-lag drückend auf seinem Rücken und schien ihm die Glieder zerbrochen zu
-haben.
-
-Langsam und mechanisch schritt er den Weg zurück, den er gekommen war.
-Flußaufwärts nach der Sägemühle. Er wiederholte sich standhaft ein und
-denselben Schluß und klammerte sich an ihm fest. Wenn die Liebe nicht
-stark genug war, mußte die Pflicht das ihre dazutun ...
-
- * * * * *
-
-Es dunkelte schon, als Perthes nach der Mühle kam.
-
-Marga und Elli hatten es aufgegeben, ihn zu erwarten. Sie saßen in
-der Halle bei einer Lampe. Elli erzählte aus der Stadt, von wo sie um
-sechs Uhr zurückgekommen war: sie hatte einige Besorgungen gemacht und
-nach dem Haus am Wenzelsberg gesehen. In wenigen Tagen sollten die
-Sommerferien für sie zu Ende sein, sollte nach der Stadt zurückgekehrt
-werden.
-
-Ein froher Ausruf Ellis, mit dem sie sich unterbrach, verkündete doch
-noch die Ankunft von Perthes.
-
-Überrascht und beglückt leuchtete es in Margas Augen. Sie stand auf,
-um ihm entgegenzugehen. „Wußt' ich's doch, daß du Wort halten würdest,
-wenn's irgend ginge!” rief sie heiter.
-
-„Wort halten? Warum soll ich nicht Wort halten?” erwiderte Perthes mit
-der Reizbarkeit eines schlechten Gewissens. Er schob Margas Arme, die
-sich mit zärtlicher Vertrautheit um seinen Nacken schlingen wollten,
-beiseite.
-
-Erschrocken weiteten sich ihre blicklosen, von Liebe strahlenden Augen.
-„Verzeih!” stammelte sie verwirrt und ließ die Arme sinken. „Bist du
-verstimmt von deinem Besuch?”
-
-„War es denn so schlimm? Erzählen Sie mal ordentlich! Wir sind
-schrecklich neugierig,” bat Elli, unbekümmert um seine zweifelhafte
-Laune. „Der Grandseigneur, wie ihn Papa immer nennt, soll ja sehr
-exzellent sein. Er sieht auch so aus. Und Alice Hupfeld --”
-
-„Ob ich noch etwas zu essen bekomme?” Perthes ließ sich auf einen Stuhl
-fallen. „Verstimmt oder nicht, ich bin hungrig!” Er wunderte sich
-selbst über seinen rauhen, unfreundlichen Ton, unter dem sich seine
-innere Unfreiheit verbarg. „Bitte, Fräulein Elli, sorgen Sie mal für
-mich!” setzte er artiger hinzu.
-
-„Das lassen Sie sich gut sein, daß Sie schön darum bitten!” Elli stand
-auf. Sie drohte mit dem Finger. „Sonst hätten Sie lange warten können.
-Sie scheinen ja hübsch geladen zu sein!” Bereitwillig ging sie in die
-Wirtsstube.
-
-Marga hatte sich verschüchtert neben Perthes gesetzt. Es bedurfte
-nicht viel, um sie scheu und ängstlich zu machen. Sie nahm ihm seine
-Barschheit nicht übel. Aber mit der feinen Witterung, mit der die Natur
-sie für ihre Blindheit entschädigt hatte, erriet sie ein Fremdes, Neues
-hinter seinem Wesen. Um nicht empfindlich zu scheinen, suchte sie noch
-einmal seine Hand zu erreichen.
-
-„Komm, sprich dich aus! Erzähl' mir!” drängte sie sanft. „War's denn
-gar nicht ein bißchen nett auf dem Stift?”
-
-„Es ging so. Ich mußte noch einmal in die Stadt, ehe ich herkam. Darum
-wurde es so spät.” Er hatte ihr seine Hand einen Moment überlassen. Sie
-streichelte sie begütigend. Gleich darauf zog er sie wieder zurück. Es
-sträubte sich etwas in ihm, ihre Liebkosung anzunehmen. Er ärgerte
-sich auch, daß er log. Warum das? Das war abscheulich! Sie hatte ihn
-gar nicht aufgefordert, sein Spätkommen zu entschuldigen. Er sprach
-nur, um zu sprechen.
-
-Marga schob schweigend ihre Finger ineinander, wie um sie von jeder
-neuen Vertraulichkeit abzuhalten. Sie schlüpfte gleichsam in sich
-hinein und grübelte beklommen.
-
-Elli kam zurück. Sie hatte bestellt, was noch zu bekommen war. Eine
-Studentengesellschaft, die gegen Abend eingefallen war, hatte unter den
-Vorräten tüchtig aufgeräumt. Die Wirtsfrau erschien bald und brachte,
-was sie hatte.
-
-Perthes aß ein paar Bissen. Aber sein Hunger war nur Täuschung gewesen.
-
-Marga und Elli saßen einsilbig dabei. Seine Mißlaune wollte keine
-Unterhaltung aufkommen lassen. Das Schweigen, an dem er selber schuld
-war, nahm ihm vollends die Lust am Essen. Nach einigen Minuten schob er
-den Teller beiseite.
-
-Elli drückte sich. Sie wickelte sich in ihren Schal und lief trällernd
-in den Garten.
-
-Darauf schien Perthes nur gewartet zu haben. „Ich möchte was Wichtiges
-mit dir bereden, Marga. Hör' mich mal geduldig an!”
-
-Sie horchte auf. Warum sie geduldig sein sollte, erriet sie nicht, denn
-sie war sich keiner Ungeduld bewußt. Aber schon daß Perthes wieder
-sprach, und zwar ruhiger, freundlicher als zuvor, tat ihr wohl.
-
-Langsam, umständlicher und ungeschickter, als es sonst seine Art war,
-entwickelte er seinen Plan. Dies halbe Verhältnis zwischen ihm und ihr
-schien ihm auf die Dauer unhaltbar. Um ihret- und um seinetwillen.
-Es legte ihrem Verkehr eine Heimlichkeit auf, die schon hier, auf der
-Mühle, oft peinlich gewesen war. In der Stadt mußte das noch viel
-unbequemer werden. Und erst wenn Vater Richthoff zurückkäme! Wie sollte
-sich da das Versteckspiel weiterführen lassen? Es kam ihm unerträglich
-für sie beide vor. Unerträglich und unwürdig. Darum war es das beste,
-sie faßten sich ein Herz und veröffentlichten ihre Verlobung. Das hob
-alle Zweideutigkeit auf. Das war auch jetzt, wo er eine aussichtsreiche
-Stellung innehatte, nur natürlich. In einigen Jahren, wenn dies und
-jenes, auf das er hoffen, ja sogar bestimmt rechnen konnte, sich
-erfüllte, war er gewiß so weit, daß sie heiraten konnten.
-
-Ohne ihn zu unterbrechen, hörte Marga zu. Was er sagte, kam ihr
-überraschend. Daß die Geheimhaltung ihrer Liebe sich mehr und mehr
-erschweren würde, darüber hatte sie bei sich auch schon nachgedacht. An
-die Lösung freilich, die er heute vorschlug, hatte sie sich so schnell
-nicht getraut. Und doch -- es war nicht der unerwartete Vorschlag, der
-sie beirrte. Auf was sie mehr horchte als auf seine Gründe, war die
-Art, in der er sein Anliegen vorbrachte. Der Ton, der unter den Worten
-mitschwang. Sie hätte nicht auf den Begriff bringen können, was sie
-befremdete. Sie fühlte nur eine Veränderung, die vorgegangen war --
-deutlicher und tiefer, als das verstimmte Gebaren bei seiner Ankunft
-ihr davon eine Ahnung gegeben. Er schien gar nicht mit ihr zu reden,
-sondern mit sich: mit den Mitteln kühler Überlegtheit verteidigte er
-sich gegen einen Gegner, den er sich offenbar voll Leidenschaft und
-Unbesonnenheit vorstellte. Nur durch eine Täuschung übertrug er diese
-Gegnerschaft auf sie und gab sich die Rolle des Vernünftigeren.
-
-Als er geendet hatte, spielte er nervös mit den Fingern auf dem Tisch,
-als könnte er Margas Antwort nicht abwarten. Sie hatte noch nicht Zeit
-gehabt, sich zu sammeln, als er beinahe ungehalten aufsprang.
-
-„Wie denkst du darüber? Sprich! Hab' ich nicht recht? Oder bist du
-anderer Ansicht?”
-
-Marga schüttelte leise den Kopf. „Es kommt mir nur unerwartet. Ich muß
-mich erst in das Neue hineindenken.”
-
-„Ich meine, du müßtest dich freuen, daß ich dieser Heimlichtuerei und
-Halbheit ein Ende machen will!” Er ging mit lauten Schritten in der
-Halle auf und ab. Sie konnte nicht sehen, wie unmutig sein Gesicht war.
-Er biß sich auf die Unterlippe und fuhr sich einmal ums andere über
-die krausgezogene Stirn in sein buschiges, schwarzes Haar. Sie hörte,
-was sie nicht sah, aus dem Klang seiner Stimme, aus der fahrigen Härte
-seiner Tritte.
-
-„Ich will mich gewiß freuen, Max. Laß mir nur ein bißchen Zeit. Wir
-können uns doch alles in Ruhe zurechtlegen.”
-
-„Das klingt aber gar nicht nach Freude. Eher nach dem Gegenteil!” stieß
-er vorwurfsvoll hervor.
-
-Margas Augen erweiterten sich wieder ängstlich. Sie suchten nach ihm,
-bittend, besänftigend. „So was darfst du nicht sagen, du! Das hört sich
-ja an, als hätte ich dich nicht lieb genug. Wenn es aber auf meine
-Liebe ankäme -- das weißt du -- dann --”
-
-„Auf was soll es denn ankommen? Zweifelst du etwa daran, daß ich in
-zwei, drei Jahren mich so weit bringe, daß wir unser Heim gründen
-können? Sehr großartig wird's freilich fürs erste nicht sein. Eine
-erste Assistentenstelle an einer kleineren, auswärtigen Klinik
-vielleicht. Später eine außerordentliche Professur und so weiter. Das
-trau' ich mir zu. Oder ist es dir zu lang, einige Jahre öffentlich
-verlobt zu sein? Es ist doch besser, denk' ich, als heimlich so lange
-herumzulavieren. Auch angenehmer für dich. Oder meinst du, daß dein
-Vater --” Er sah zu Marga hinüber und hielt inne.
-
-Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Dieses herrische, gereizte
-Drängen, dieser Stolz, der nur von sich sprach, seine fast feindselige
-Heftigkeit verletzten sie. Sie mußte unwillkürlich seiner ersten
-Werbung gedenken, die so anders geklungen, so voll Zartheit und
-Achtung. Das brachte sie, gegen ihren Willen, aus der Fassung.
-
-Perthes sah seinen Fehler ein. Er näherte sich ihr und legte die Hand
-auf ihre Schulter. „Lieber Gott, Kind, ich will dich ja zu nichts
-zwingen! Vielleicht bin ich auch heute nicht in der besten Stimmung, um
-die Worte recht zu wählen. Aber du sollst auch nicht zu schwerfällig
-sein! Nicht zu weich, Marga! Nicht so überernst! Es sind nun einmal
-Realitäten, die da zu besprechen sind, und die wollen real angefaßt
-sein! Das ist alles!”
-
-Perthes wußte nicht, wie schlecht sein Trost war. Auch jetzt noch, wo
-er ein Unrecht wieder gutmachen wollte, sagte er Dinge, die Marga in
-die empfindliche und zarte Seele schneiden mußten. Zu schwerfällig,
-zu ernst, zu weich -- vielleicht war sie das, aber er hatte noch nie
-solche Ausstellungen an ihr gemacht. Sie mußte all ihre Tapferkeit
-aufbieten, um ihre Tränen zurückzudrängen. Wenn er sie jetzt an sich
-gezogen, sie in seine Arme genommen hätte! Gewiß hätte sie das rechte
-Wort gefunden! Aber er war schon wieder beiseite getreten. Ihre Lippen
-waren ihr wie versiegelt. Ganz in sich hineingescheucht war sie jetzt,
-wie in ihren einsamsten, unverstandensten Mädchentagen.
-
-Seine reizbare Laune war nur zu willig, ihr Schweigen als Trotz oder
-wenigstens als Eigensinn zu nehmen. „Ich bin müde. Und wir kommen heute
-doch nicht zueinander!” Er nahm seinen Hut. „Überleg' dir, was ich
-sagte, bis zum nächstenmal!”
-
-„Du willst doch nicht schon gehen?” rang es sich von ihren Lippen.
-
-„Doch. Ich habe morgen einen schweren Tag auf der Klinik und muß
-ausschlafen. Grüße Elli von mir. Adieu, Marga!” Er drückte ihr die
-Hand. „Wann fahrt ihr denn nach der Stadt?”
-
-„Übermorgen, denk' ich,” gab sie tonlos zur Antwort.
-
-Marga hörte, wie seine Schritte sich hastig nach der Wirtsstube
-entfernten. Er wechselte mit der Wirtin beim Bezahlen seiner Zeche ein
-paar Worte. Dann knarrte die Tür, die von dort in den Garten führte.
-
-Warum sprang sie nicht auf? Warum rief sie ihn nicht? Warum lief sie
-nicht hinter ihm drein?
-
-Sie saß wie gebannt.
-
-Nicht einmal geküßt hatte er sie zum Abschied. Heute zum erstenmal
-nicht. Heute, wo sie davon gesprochen hatten, ihre Verlobung zu
-veröffentlichen; wo zum erstenmal von Hochzeit und Ehe nah und greifbar
-die Rede gewesen war!
-
-Marga nahm den Kopf zwischen ihre beiden Hände.
-
-Am Nachmittag war ihr so froh und leicht zu Mut gewesen. Sie hatte
-sich in ihrer Einsamkeit -- während Elli in der Stadt, er auf dem
-Stift war -- so glücklich gefühlt, so bräutlich stolz. Als dann Elli
-zurückgekehrt war, wollte sie nur von ihm mit ihr sprechen. Immer nur
-von ihm. Sie erwartete, sie ersehnte ihn mit klopfendem Herzen. Als
-er nicht kam und nicht kam, meinte sie vergehen zu müssen vor seliger
-Ungeduld. Wie niedergeschlagen war sie, als er ausblieb! Wie jubelte es
-in ihr, als er doch, doch noch kam!
-
-Und jetzt?
-
-Er hatte vom Schönsten und Höchsten gesprochen; von dem, was bisher
-nur wie ein ferner Traum, ein leuchtendes, kaum faßbares Bild im
-Schimmer der Zukunft gelegen! Wo blieb ihre Freude? Sie wollte sich
-freuen! Gewiß -- sie hatte ihn gekränkt. Sie tat ihm unrecht. Sie war
-schlecht und kleinlich gewesen. Warum kam ihre Freude nicht jetzt?
-Woher die Bangigkeit, die drückende, quälende Angst, die sie statt
-ihrer empfand? Sie fühlte die weite Halle wie eine schmerzhafte Leere
-um sich, und aus der Leere kroch ihr ein Schrecknis entgegen. Ungestalt
-und unbegreiflich. Und doch war es da und stellte sich zwischen ihn und
-sie. Es war der Zweifel, den sie verabscheute; für den sie sich schalt;
-den sie nicht verscheuchen konnte. Konnte die Liebe so sprechen, wie
-er es getan? Wenn seine Liebe nicht war, für was sie und er sie hielt?
-Wenn es Mitleid war und wenn -- doch das war ja nicht auszudenken,
-das war ja frevelhaft von ihr! -- und wenn er auf ein öffentliches
-Verlöbnis nur drang, um -- ja, um jede Brücke zur Umkehr hinter sich
-abzubrechen?!
-
-Marga schauerte zusammen. Sie tastete nach ihrem Schal und fand ihn
-nicht.
-
-Woher kamen ihr so grausame Gedanken? Woher nahm sie das Recht zu
-diesem häßlichen Verdacht? Es half nichts, daß sie so fragte. Angst
-und Zweifel ließen sie darum nicht los. Sie hatte ja nichts mehr als
-diese Liebe! Schranke um Schranke, die die Vorsicht zum Selbstschutz
-errichtet, war in diesen Sommerwochen mit all ihrem unverhofften Glück,
-ihrem reichen Erleben geschwunden und gefallen. Sie war wehrlos, wenn
-das Entsetzliche sich erfüllte, daß -- daß ...
-
-Elli kam zurück. Sie hatte Perthes noch gesprochen. Auf der Landstraße,
-auf der sie ein Stück stadtwärts gewandert war. Einen Gruß hatte er ihr
-noch für Marga aufgetragen. Und einen Kuß.
-
-Sie warf sich fröhlich an Margas Hals und bestellte ihn zehnfach.
-
-Marga weinte und lachte zugleich. Die Angst, die zehrende Herzensangst
-schwand vor neuer Hoffnung. Sie erzählte Elli von Perthes' Plänen. Sie
-schöpfte Mut aus der jubelnden Zustimmung der Schwester. Selber schalt
-sie sich schwerfällig, weich, überernst. Elli belegte sie noch mit viel
-schlimmeren Schimpfnamen.
-
-Und sie stellten sich Käthes maßloses Erstaunen vor, malten sich Vater
-Richthoffs Meinung in hundert Vermutungen aus, plauderten und bauten
-Luftschlösser, bis das Öl in der Hängelampe zu Häupten ihres Tisches
-zur Neige ging, die Flamme bläulich zuckte und die Halle dunkel und
-dunkler wurde.
-
-Dann führte Elli die „erklärte” Braut mit feierlichem Übermut nach oben.
-
-
-
-
-10
-
-
-Ehe der alte Herr und Käthe von der Sommerreise heimkehrten, mußte im
-Haus am Wenzelsberg das große Herbstreinmachen erledigt sein.
-
-Kaum waren Elli und Marga von der Sägemühle, war Therese aus ihrem
-Heimatdorf zurückgekommen, so wurde mit Hilfe der Scheuerfrau das
-Unterste zu oberst gekehrt. Das Gröbste taten natürlich die dienstbaren
-Geister. Aber daneben gab es noch genug zu tun, woran die beiden
-Schwestern ihre erholten Kräfte üben konnten. Elli zumal warf sich
-ungestüm wie ein junges Füllen ins Joch. Sie wollte überall dabei sein.
-Marga hatte ihre liebe Not, sie vom Teppichklopfen und Treppenscheuern
-abzuhalten. Wenn sie sie dann zu einer angemesseneren Hantierung
-zurückholte, zur Ordnung in Schränken und Kommoden und im Silberkasten,
-schmollte Elli über ihre gezügelte Tatkraft, ja, sie schimpfte wie ein
-Rohrspatz.
-
-„Du hast's wahrhaftig nötig, Margakind, mir gute Lehren zu geben!
-Lernen solltest du von mir, statt mich von aller tüchtigen Arbeit
-fernzuhalten! Du wirst 'ne nette Hausfrau abgeben! Die nur so wie
-der Geist Gottes über den Wassern schwebt, statt selber was Rechtes
-anzufassen! Perthes kann einem leid tun!”
-
-Ihr höchstes Vergnügen war, wenn Marga auf solche Vorhaltungen
-„einschnappte”, wenn sie sich ernsthaft verteidigte und erklärte, es
-genüge gewiß, die Aufsicht zu führen. Da legte Elli verdoppelt los:
-sie würde sich nicht wundern, wenn es bei Marga mal drunter und drüber
-ginge. Sie dächte wohl, Perthes werde ihr so fünf bis sechs Dienstboten
-halten! Und sie, Marga, könne dann dasitzen, auf einem goldenen
-Thrönchen, die Hände im Schoß und ihre hohen Befehle lispeln! Elli
-ruhte nicht und entwarf die grimmigsten Zerrbilder von dieser künftigen
-Tatarenwirtschaft im Haus Perthes. Sie trieb es so lang und so toll,
-bis Marga wirklich ganz kleinlaut wurde.
-
-„Du kannst ja schon recht haben,” erklärte sie schließlich traurig und
-verlegen. „Was andere können, kann ich natürlich nicht. Das hab' ich
-ihm auch schon oft genug gesagt.”
-
-„Ja, ja,” stimmte Elli tiefsinnig zu, während sie sich vor Vergnügen
-auf die Lippen biß.
-
-„Er kann und will sich nicht denken, wie schwer es mit mir sein wird.
-Und großartig werden wir's wahrhaftig nicht haben. Im Anfang mal sicher
-nicht. Wenn es schon im Haus nicht so wird, wie er's erwartet -- unter
-den Menschen, in der Geselligkeit, bin ich erst recht zu nichts nütze.”
-Marga legte tatsächlich die Hände in den Schoß, aber nicht, um „hohe
-Befehle” zu erteilen, sondern um verzagt vor sich hinzugrübeln.
-
-Jetzt schlug Elli um wie das Wetter im April. Sie lachte sie aus, daß
-beinahe die Leute auf der Straße zusammenliefen.
-
-Wie konnte Marga so närrisch sein, das dumme Geschwätz für bare Münze
-zu nehmen! Im Handumdrehen machte sie aus dem Haus Perthes eine
-Musterwirtschaft. Großartig würde das werden! Keine so herkömmliche,
-peinliche Spießerei, sondern frei und schön, wie es sein sollte! Marga
-mit ihren geschickten Händen, ihrem guten Geschmack, ihrem klaren Kopf
-würde eine bessere Hausfrau werden als zehn andere mit zwanzig und mehr
-Augen! Und dann wäre auch sie noch da -- die Schwägerin Elli! Ihr würde
-man doch wohl nicht das Haus verbieten. Sie wollte die Geschichte schon
-im Schwung halten, wenn Marga mit den zwölf Kindern nicht immer aus und
-ein wüßte. Eine Tante würde sie abgeben wie --
-
-Marga verbot ihr zürnend den Mund. Aber sie mußte doch lachen. Und
-während sie ihre Arbeit des Silberputzens wieder aufnahm, ließ sie sich
-gern überzeugen, daß es famos gehen würde! Trotz ihrer Prüderie und
-Schwarzseherei! Das war ja ihres eigenen Herzens sehnsüchtiger Wunsch
-und Wille ...
-
-Perthes hatte den Schwestern zur Rückkehr in die Stadt Blumen
-geschickt. Für Marga hatte ein kurzer Brief beigelegen, in dem er
-sie für seine schlechte Stimmung am letzten Abend auf der Mühle um
-Verzeihung bat. Die Frage, wie sie sich zur Bekanntgabe der Verlobung
-stellte, erneuerte er nicht. Sie war ihm dankbar, daß er nicht in sie
-drang. Dafür kam sie selber beim ersten Besuch, den er am Wenzelsberg
-machte, darauf zurück. Als hätte sie sich durch die unheimlichen
-Gedanken, die sie an jenem Abend peinigten, an ihrer Liebe versündigt
-und müßte ihren Wankelmut durch doppeltes Vertrauen wieder gutmachen,
-stimmte sie freudig zu und legte alles in seine Hände. Sein Vorwurf
-der Schwerfälligkeit hatte lang und nachhaltig in ihr gearbeitet. Sie
-drängte ihre Einwände und Bedenken energisch zurück und kämpfte jeden
-Schatten eines Zweifels, jede Regung mißtrauischer Sorge um ihr Glück
-tapfer nieder.
-
-Und er? In einem Übermaß von Arbeit auf der Klinik enthielt er sich
-kritischer Überlegungen. In Erinnerung an den Gewitternachmittag auf
-Nieburg vermied er jedes Zusammentreffen mit Alice, ja, er schob auch
-alles beiseite, was ihn nur in Gedanken zu ihr führen konnte. Er hatte
-sich vorgenommen, nicht rechts noch links zu sehen: für ihn galt nur
-Marga; das Wort, das er ihr gegeben; der Entschluß, den er für sie
-beide gefaßt. Über eins war er sich klar geworden: er erfüllte damit
-nicht nur eine Pflicht gegen sie; was er tat oder ließ, entschied
-über ihn, seinen Wert und seine Persönlichkeit. Bei Marga war die
-Reife und Vollendung, nach der er innerlich strebte. Eine Vollendung
-mit Schmerzen, wie alle Vollendung im Leben. Wenn er aber zu ihr
-nicht hinaufreichte, in Marga die große Stille nicht begreifen und
-sich zu eigen machen konnte, gab es für ihn überhaupt kein Aufwärts,
-sondern nur ein Abwärts, in die Mittelmäßigkeit und Halbheit, ins
-Gelebtwerden statt ins Leben aus eigenem Willen. Darum biß er die Zähne
-aufeinander. Darum ging er geradeaus und vorwärts mit der Ehrlichkeit
-der Verzweiflung: er stritt um sich selber, indem er um Marga stritt ...
-
-Es wurde Mitte September.
-
-Das Richthoffsche Haus war längst so blitzblank und einladend, als es
-nur sein konnte. Auch das schwerste Stück Arbeit, Vater Richthoffs
-Studierzimmer instand zu setzen, ohne daß ein Buch von der Stelle
-gerückt, eine aufgeschlagene Zeitschrift umgeblättert, ein Zettel
-verschoben wurde, war mit strenger Gewissenhaftigkeit bewältigt. Man
-erwartete nun mit Spannung von Tag zu Tag die Nachricht aus Bayern, die
-die Ankunft meldete.
-
-Käthes letzter Brief war aus Tegernsee gekommen. „In wenigen Tagen sind
-wir bei euch!” hatte es verheißungsvoll geklungen. „Papa depeschiert
-Tag und Stunde.”
-
-Aber statt der Depesche kam eine Karte: man hatte sich
-unerwarteterweise mit Hofrat Geismar getroffen, der in Kreuth seine
-Ferien zubrachte. Der hatte es verstanden, den alten Herrn noch für
-eine Woche zu sich zu locken.
-
-Marga, die der Heimkehr der Reisenden im Hinblick auf die schwierigen
-Eröffnungen, die sie zu machen hatte, und auf Perthes' Werbebesuch mit
-ebensoviel Bangen wie Freude entgegensah, gab sich geduldig in die
-Zögerung. Elli grollte ganze zwei Stunden lang. Nachher traf sie sich,
-zufällig natürlich, mit Wilkens in der Stadt und fand das Leben so
-rosig und „wonnig” -- das war ihre Lieblingsbezeichnung -- wie je.
-
-Und die acht Tage vergingen auch.
-
-Ehe sie zur Bahn zogen, umarmten sich Elli und Marga noch einmal: sie
-schworen sich treue Waffenbrüderschaft für ihre Liebesgeheimnisse. Sie
-kamen gerade recht zum Zug.
-
-Käthe ließ grüßend das Taschentuch flattern. Kurz darauf war sie auch
-schon auf dem Perron, blühend, gebräunt, ordentlich rundlich in dem
-funkelnagelneuen, hellgrauen Kostüm, das Papa unterwegs spendiert
-hatte. Küsse und Umarmungen folgten in stürmischer Abwechslung.
-
-Der alte Herr brauchte geraume Zeit, ehe er sich zeigte. Er war nämlich
-gerührt. Und das paßte ihm nicht. Deshalb wirtschaftete er eine
-beträchtliche Weile im Abteil mit dem Handgepäck und dem Dienstmann,
-der es herausbeförderte. Dann erst kam er zum Vorschein, mit einer
-Miene, die sehr würdig und zurückschreckend aussehen sollte, --
-den neuen Strohhut mit grünem Band verwegen wie Garibaldi über dem
-weißbärtigen Gesicht. Die Mädels waren trotzdem so respektlos, ihn „auf
-offener Straße”, wie er abwehrend schalt, zu umhalsen und zu küssen.
-„Ruhig im Glied!” befahl er mit sehr rauher Stimme. „Seid wohl, hoff'
-ich? Und habt euch reputierlich geführt? Werden ja sehen!”
-
-Im Wagen -- „um sich das Schlaraffenleben abzugewöhnen” -- ging es
-lachend und plaudernd an den Wenzelsberg.
-
-Der alte Herr war die Milde und Gemütlichkeit selbst -- auch nur „zum
-Abgewöhnen” natürlich. Und auch die drei Schwestern waren voneinander
-hoch befriedigt. --
-
-Zwei, drei Tage nachher hatte das Leben am Wenzelsberg sein gewohntes
-Aussehen.
-
-Der Geheimrat hatte sein Heimweh nach den römischen Kaisern trotz
-Kissingen und den bayrischen Bergen mächtig in sich wachsen gefühlt.
-Eine so lange, faule Ausspannung war unerhört. Sein Gewissen fand nur
-darin Beruhigung, daß die Post jetzt einen Stoß von Korrekturen für die
-erste Abteilung des ersten Bandes der „Kaisergeschichte” brachte. Da
-gab es doch gleich alle Hände voll zu tun.
-
-Das Arbeitszimmer im ersten Stock füllte sich mit dem alten, mächtigen
-Qualm.
-
-Ein Schmerz war nur, daß er sich von Geismar zu „Nikotinlosen” hatte
-beschwatzen lassen. Das ausgemachte Stroh war das! Aber die römischen
-Gewaltherren zeigten sich wenigstens nicht weiter beleidigt von
-dem schlechten Zigarrenrauch. Sie standen aus Winkeln und Ecken,
-aus Zetteln und Zettelchen gehorsam auf, mit scharfen Profilen und
-tatenfrohen, hoheitsvollen Gebärden. Und sie sollten die paar Wochen
-vor Semesteranfang bei Gott nicht rasten dürfen, sondern tüchtig Modell
-stehen. Dafür wollte der alte Herr sorgen!
-
-Er ahnte nicht, daß ihm eine überraschende Störung sehr nahe bevorstand.
-
-An einem der ersten Vormittage nach ihrer Ankunft hatte Käthe ihre
-Freundin Lizzie in der Uferstraße besucht. Lizzie besaß neben ihrer
-verzehrenden Leidenschaft für Musik, die sich kein Konzert und keine
-Opernaufführung entgehen ließ, nur noch einen einzigen hervorstechenden
-Wesenszug: die fast ebenso ungemessene Vorliebe für Klatschereien jeder
-Art. So ließ sie es denn auch bei Käthes Besuch an Andeutungen über
-Herrenbesuche auf der Sägemühle und daran sich knüpfenden verfänglichen
-Redereien nicht fehlen. Käthe war empört. Papa Richthoff die Freude an
-der ganzen Reise nachträglich zu verderben, lag ihr natürlich fern.
-Er sollte im Gegenteil von diesen Dummheiten der Mädels so wenig wie
-möglich erfahren. Um so gewisser war es, daß Marga und Elli etwas zu
-hören bekommen sollten!
-
-Nach Käthes Erfahrungen war es leichter, Elli den Kopf zurechtzusetzen.
-Deshalb sollte sie zuerst dran glauben, und zwar noch am selben Tag.
-
-Aber die Sache fiel merkwürdig fruchtlos aus. Elli war einfach nicht
-kleinzukriegen. Alle Vorhaltungen der älteren Schwester beantwortete
-sie mit einem fröhlichen, höchst despektierlichen Lachen.
-
-„Laß nur gut sein, Gouvernantchen!” erklärte Elli fidel. „Wir, Marga
-und ich, haben uns inzwischen unbedingt mündig gemacht. Bei mir hast
-du gar keine Aussicht auf Reue und Besserung. Mich haben die Wochen
-auf der Sägemühle einfach in Grund und Boden verdorben. Versuch's mal
-mit Marga! Uff! Da könntest du dich aber bös blamieren! Ich weiß, was
-ich weiß, und ich warne dich! Heißa juchhei!” Elli schlug klatschend
-die Hände über dem Kopf zusammen und vollführte einen in Käthes Augen
-außerordentlich unangebrachten Tanz. Das ganze sah aus, als hätte sie
-und nicht die Schwester in den bayrischen Alpen schuhplatteln sehen.
-
-Käthe entzog sich einstweilen weiteren Auseinandersetzungen durch
-eine stolze Flucht. Am Abend schrieb sie in ihr Tagebuch: „Ernst
-sein können ist alles. Wie sind Menschen zu bedauern, die von diesem
-großen Geheimnis, das allein das Leben lebenswert macht, keine Ahnung
-haben oder doch nichts wissen wollen! Es ist seltsam, daß in einer
-und derselben Familie, unter Geschwistern die Anlagen zu Ernst und
-Leichtsinn so ungleich verteilt sein können!”
-
-Damit war aber die von Käthe für nötig gehaltene Aussprache nur
-vertagt, nicht aufgehoben. Das durften sich „die Kleinen” nicht
-einbilden, daß sie ihnen ihr ärgerniserregendes Benehmen so hingehen
-ließ!
-
-Sie bildeten sich's auch nicht ein, die Kleinen! Elli verständigte
-vielmehr Marga von dem, was drohte. Und Marga, die nicht so kampflustig
-wie Elli war, sah ein, daß es nun das beste wäre, nicht länger zu
-zaudern, sondern Vater Richthoff ein offenes, ehrliches Geständnis
-abzulegen, ehe ihm, von welcher Seite immer, mißverständliche Dinge
-zugetragen wurden.
-
-Von Perthes hatte sie in den letzten Tagen nichts gesehen und nichts
-gehört. Es galt, zuerst seine Meinung noch einmal einzuholen. Elli
-beförderte ihre Zeilen, die ja die letzten heimlichen sein sollten. Sie
-fing auch die Antwort ab. Marga fand sie recht knapp und flüchtig. Aber
-sie sagte sich, daß sie bei seiner angespannten Tätigkeit nicht mehr
-von ihm erwarten durfte. Hupfeld war verreist, und es ruhte auf den
-Assistenten die doppelte Arbeitslast, zumal Kronheim noch immer krank
-war. Die Hauptsache blieb. Perthes war einverstanden; sie sollte ihren
-Vater auf seinen Besuch vorbereiten, für den Tag und Stunde unter ihnen
-festgesetzt war.
-
-Es war Nachmittag. Der alte Herr hatte wie gewöhnlich seinen Gang auf
-den Weinberg gemacht, auf Schnecken gefahndet, die drei Trauben, die
-es gab, kolossal gefunden, sich über die zeitige, hohe Röte des wilden
-Reblaubes am Philosophenweg gewundert und war dann, seines Kaffees
-gewärtig, nach oben ins Arbeitszimmer und an seinen Schreibtisch
-gegangen.
-
-Da trat Marga mit klopfendem Herzen bei ihm ein.
-
-Er warf schon Notizen mit seiner kritzeligen Handschrift auf die
-flatternden Zettel. Erst als Tasse und Löffel auf dem in seine Nähe
-geschobenen Tablett lauter als sonst klirrten, sah er auf. Er wußte,
-daß in dieser Woche die Reihe an Elli war, ihm den Nachmittagskaffee
-zu bringen. Er war aber nicht weiter erstaunt, als er sie durch Marga
-vertreten fand, sondern kam ihr zu Hilfe und setzte selber die Tasse
-dorthin, wo sie seine Ordnung am wenigsten beeinträchtigen konnte.
-
-„Wo steckt denn das Kleinchen?” fragte er ganz nebenbei, sich wieder
-ans Schreiben machend.
-
-„Ich bat sie, ihr heute den Gang zu dir abnehmen zu dürfen,”
-erwiderte Marga mit einer gewissen Förmlichkeit, in der ihre Erregung
-durchzitterte.
-
-„So --” sagte der alte Herr zerstreut. Er hatte nur halb hingehört.
-Schon besaßen ihn wieder die Zettel und ihre Geister.
-
-„Dürft' ich einen Augenblick mit dir reden, Papa?” ließ sich Marga nach
-einer Weile schüchtern von neuem vernehmen.
-
-„Ach so -- du bist noch hier?” Er rückte ganz erstaunt an seiner
-Brille. „Mit mir reden? Aber doch jetzt nicht! Ich hab' unbändig zu
-tun, Mädel!”
-
-„Ich weiß nicht, wann ich es sonst tun könnte. Ich möchte allein mit
-dir sein, und es ist etwas Wichtiges,” fuhr sie fester und lauter fort.
-
-Der Geheimrat blickte sie ungläubig und ziemlich ungnädig an. „Na denn!
-Aber kurz!”
-
-„So kurz ich kann!”
-
-Dem alten Herrn fiel jetzt die Aufregung auf, die sie in ihren Zügen
-und Gebärden vergeblich zu bemeistern suchte. „Setz' dich mal!
-Hierher!” Er schob ihr den Stuhl neben seinem Schreibtisch zu. „Und nun
-vorwärts -- wenn's so wichtig ist!”
-
-Marga tastete sich am Stuhl hin und setzte sich, wie geheißen. Mit
-schlichten Worten, wie ihr sie das Gefühl eingab, erzählte sie, was
-zwischen ihr und Perthes vorgegangen war. Die Liebe gab ihr den Mut,
-herzlicher und vertraulicher zu werden, als sie es sonst ihrem Vater
-gegenüber wagte.
-
-Der alte Herr hörte zuerst nur sehr im allgemeinen zu. Er spielte mit
-seinem Gänsekiel und sah ab und zu in seine Blättchen. Allmählich
-änderte sich das. Seine Augen vergrößerten sich hinter den
-Brillengläsern. Er schob sein Käppchen von der einen Schläfe nach der
-anderen, warf den Gänsekiel beiseite und strich sich mit einer barschen
-Regelmäßigkeit seinen weißen, kräftigen Bart.
-
-Er traute seinen Ohren nicht. Da saß eins seiner Mädels am hellichten
-Nachmittag neben ihm und gab, mitten hinein in seine römische
-Kaisergeschichte, eine handgreifliche Liebesaffäre zum besten. Wäre es
-Elli gewesen, auch Käthe -- er hätte sie einfach hinausgeworfen. Aber
-Marga! Marga, bei der er an so etwas nie gedacht hatte! Die ihm viel
-zu besonnen und abgeschlossen geschienen, als daß sie sich bei ihrem
-Leiden auf solche Dinge einlassen sollte!
-
-Den alten Herrn überlief es bald heiß, bald kalt. Einmal war er nahe
-daran, zornig aufzubrausen: Also zu derlei kapitalem Unfug habt ihr
-eure Sommerferien benutzt! Dann war er drauf und dran, ihr zuzurufen:
-Das sind ja Märchen, Kind! Du träumst! Oder du hast dich täuschen
-lassen! Aber er tat nichts dergleichen. Der Ernst, mit dem Marga sich
-ihm mitteilte, das tiefe Glücksgefühl, das hinter ihren Worten warm
-und stolz aufleuchtete, entwaffnete ihn, so oft er im Begriff war, sie
-stürmisch zu unterbrechen. Er, der sich wahrhaftig besser auf geistige
-als auf sinnenfällige Beobachtungen verstand, sogar er bemerkte jetzt,
-wie ihre äußere Erscheinung, die ihm bisher nur als „wohl” aufgefallen
-war, in diesen Sommerwochen an Haltung und Ausdruck gewonnen hatte; wie
-die blicklosen Augen über den frischeren, farbenvolleren Wangen die
-Sonne von innen nach außen trugen. Sein Zorn und sein Unglaube gingen
-in fassungslose Bestürzung über. Hier handelte es sich also nicht um
-eine backfischhafte Kinderei; nicht um eine von den nebensächlichen
-Kleinigkeiten, mit denen die „Bande” immer zur Unzeit daherkam. Da war
-vielmehr eine schlimme Sorge und Verantwortung, die nicht den grimmigen
-Pascha, sondern den Vater in seiner ganzen Verantwortlichkeit aufrief
-und verlangte. Er hatte da drüben in Bayern gemurrt, weil der Arzt ihm
-die Berge zu besteigen verboten. Nun hatte er seinen Berg vor sich, zu
-Hause! Den höchsten, den er seit dem Tod seiner jungen Frau sich hatte
-auftürmen sehen. Den hätte er sich gern verbieten lassen; aber der,
-gerade der mußte erstiegen sein!
-
-Marga hatte ihr Bekenntnis beendigt. In tapferem Schweigen, die Hände
-im Schoß verschränkt und die Augen erwartungsvoll gesenkt, harrte
-sie auf Antwort. Es war so still in dem verqualmten, bücherumhegten
-Zimmer -- man konnte den Holzwurm hören, der in den goldbraunen,
-altfränkischen Möbeln aus Vater Richthoffs Junggesellenzeit bohrte und
-tickte.
-
-„Das -- das ist also -- so gewissermaßen -- mein Reisepräsent!”
-stöhnte der alte Herr nach geraumer Weile, viel eher schmerzlich als
-vorwurfsvoll. „Was soll denn da geschehen? Was soll denn ich nun dazu
-tun?” Ratlos und hilflos richtete er die Frage mehr an sich als an
-Marga und stöberte dabei, was seit Menschengedenken unerhört war,
-selber seine Zettel und Manuskriptblätter durcheinander.
-
-„Du sollst uns nur die Erlaubnis geben, glücklich zu werden,” meinte
-sie leise und überzeugt.
-
-„Erlaubnis? Glücklich werden! Als ob das mit zwei Worten abzumachen
-wäre! Ich -- ich, der ich diesen jungen Menschen da, diesen, diesen --
-deinen Max oder wie du ihn immer nennst, so gut wie gar nicht kenne!
-Der ich -- bei dir -- mit solchen, solchen Alfanzereien gar nicht
-gerechnet habe! Meiner Lebtage nicht! Du, die du doch --” Er stand
-vor ihr und fuchtelte mit den Händen. Er hatte sagen wollen: Die du
-blind bist! Die du nicht heiraten sollst und kannst! Aber der traurige
-Schatten, der über Margas zuversichtliche, klare Stirn flog, ließ
-ihn abbrechen. Alle seine gebieterische Würde, seine pflichtmäßige
-Entrüstung vergessend, nahm er ihren Kopf zwischen seine Hände: „Kind!
-Kind! Was habt ihr denn da angerichtet! Mußte das denn sein? Sag doch
-selber, daß es ungereimtes Zeug ist! Und daß --”
-
-„Gewiß ist es nicht ungereimt, Papa. Nicht so ungereimt, wie es dir
-jetzt vorkommen will! Und er -- Doktor Perthes -- möchte mit dir reden,
-um dir's noch besser zu sagen, als ich's kann!”
-
-Der alte Herr ließ die Hände sinken. „Mit mir reden!” wiederholte er
-verzweifelt. Also so weit war die Geschichte schon. Die Präliminarien
-waren alle schon überwunden. Womöglich mit einem richtigen, auswendig
-gelernten, feierlichen Heiratsantrag wollte der junge Mann ihm das Haus
-stürmen.
-
-„Wenn dir's recht ist, so kommt er morgen nachmittag,” ergänzte sich
-Marga bittend.
-
-„Morgen nachmittag!? Mir recht!? Aber das ist ja das reinste Komplott!
-Das verbitt' ich mir! Das --” Der Geheimrat suchte vergeblich seinen
-handfesten Grimm wiederzufinden, der ihm sonst noch in allen Lagen
-wider die Angriffe seiner Bande geholfen hatte. „Überlegen werd' ich
-mir doch die Sache noch dürfen!” stieß er mit klagender Rauheit hervor.
-
-„Ich bitte dich drum,” gab Marga herzlich und mit Vertrauen zurück.
-„Sicherlich wirst du --”
-
-„Nein! Nein!” wehrte sich der alte Herr. „Nichts werd' ich sicherlich!
-Gar nichts: sicherlich!” Er suchte sich eine gebieterische Haltung zu
-geben. „Laß mich jetzt zufrieden! Ich muß arbeiten! Allein sein!”
-
-Marga stand auf. Sie wollte nichts mehr sagen. Aber ihre Arme, ihre
-Hände suchten nach ihm. Durch eine Liebkosung wollte sie ihn um
-Vergebung, um Hoffnung bitten.
-
-Vater Richthoff war heute nicht widerstandsfähig genug, um einer
-„Gruppenbildung”, wie er das sonst so verabscheuend nannte,
-auszuweichen. Er strich ihr ein-, zweimal über die fahlblonden, weichen
-Scheitelhaare, ungeschickt wie ein verschämter Liebhaber. Reden wollte
-er um keinen Preis. Sich zu nichts, zu gar nichts verpflichten.
-
-Und für Marga war schon seine flüchtige Zärtlichkeit trostreich und
-hoffnungsvoll. Wenn sie erst gesehen hätte, daß seine Brillengläser
-sich sehr verdächtig beschlugen! Er schob sie von sich, ehe sie seine
-Hand erhaschen und küssen konnte.
-
-Gehorsam ging sie nach der Tür und aus dem Zimmer.
-
-Wenn der alte Herr geglaubt hatte, er werde bei der Arbeit sein
-Gleichgewicht wiederfinden und die Entscheidung, die ihm da plötzlich
-aufgebürdet wurde, irgendwie vertagen können -- etwa wie eine
-inopportune Quellenfrage zweiten Ranges --, hatte er sich über seine
-eigentliche Gemütsverfassung getäuscht. Nach einem vergeblichen
-Anlauf, den er nahm, um in die ersten Regierungsjahre des Trajan
-zurückzukehren, sprang er gleich wieder auf. Es begann ein rastloses
-Auf- und Niederschreiten, das von leisen und lauten, schmerzlichen und
-zornigen Erwägungen begleitet war.
-
-Daß die Mädels einmal würden heiraten wollen -- „Männer daherschleppen
-könnten”, hieß er es bei sich --, hatte er mitunter im Bereich der
-Möglichkeit gesehen. Aber fern, so fern, daß es beinahe wieder ins
-Reich der Unmöglichkeit gehörte. Bei Marga war es für ihn immer eine
-stillschweigende Gewißheit gewesen, an die er nicht rührte: Sie wird
-nicht heiraten. Sie ist auch selber zu besonnen, um daran zu denken.
-Mitunter, wenn sie ihm träumerisch und gefühlsweich zu werden schien,
-hatte er sie etwas derb angefaßt: nicht aus weitblickender Überlegung,
-sondern aus einer mehr instinktiven Gedankenregung. So wie es einmal
-mit ihr hatte kommen müssen, sollte sie dem Leben lieber zu hart als
-zu weich gegenüberstehen. Ein Erziehungssystem hatte er nie besessen.
-Für keins seiner Mädels. Dafür hatte er weder Talent noch Zeit. Und sie
-waren ja auch so ganz leidlich geworden. Wenigstens hatte es ihm bisher
-so geschienen.
-
-Nun brachten ihn die jähen Enthüllungen des heutigen Nachmittags
-aus dem Konzept. Wie wenn ihm einer nach einem fertigen Kapitel der
-Kaisergeschichte eine neue Schrift vorgelegt hätte, die er nicht
-kannte und die seine ganze Auffassung über den Haufen warf. Er wurde
-irre an sich. Er hatte doch wohl nicht genug getan? Die Tanten und
-Tunten hatten am Ende recht, die vor Jahren gemeint, er könne mit den
-drei Mädels so allein nicht zuwege kommen. Die bloße Paschastrenge
-tat es nicht. Er hätte sich mehr mit ihnen abgeben müssen. Mit jeder
-von ihnen. Aber wie denn? Er konnte nicht bei ihnen sitzen, mit ihnen
-ausgehen, ihr Tun und Lassen überwachen, die Kindsmagd spielen --
-das lag ja so weit, so himmelweit ab von seinem Beruf, der geistigen
-Lebensaufgabe, die das erste hatte sein müssen! Es half ja auch gar
-nichts, wenn er sich jetzt vordeklamierte, wie er alles hätte anders,
-hätte besser machen können. Damit konnte er die Tatsache nicht
-wegbuchstabieren, daß Marga, seine Marga, sein Sorgenkind sich von
-einem wildfremden Menschen liebhaben ließ.
-
-Er durfte nur ja oder nein sagen.
-
-Nein sagen mußte er natürlich.
-
-So weltfremd er im Grunde war: seine Vernunft sträubte sich dagegen, in
-eine solche Ehe zu willigen. Marga war blind. Sie konnte niemals einem
-Mann, und wenn er ein Held an Selbstüberwindung war, das sein, was er
-von einer Lebensgefährtin fordern mußte. Eine solche Liebe, sie mochte
-noch so groß und überschwenglich sein, mußte sich wund und mürb reiben
-an den Forderungen der Wirklichkeit. Das konnten zwei törichte junge
-Leute bestreiten, aber es blieb darum nicht minder wahr und mußte jedes
-Glück zerstören. Also mußte er nein sagen.
-
-Kaum aber stand dieses harte Nein da, vor ihm, so lehnte sich auch
-schon sein Herz mit voller Macht gegen das grausame Verdikt auf.
-
-Seine Erinnerung kehrte zu den schweren Tagen zurück, in denen Marga,
-ein Kind, an den Folgen einer Netzhautablösung das helle, frohe
-Licht ihrer klaren Augen verlor. Es war etwa ein Jahr nach dem Tod
-seiner Frau. Und dieser zweite Schlag traf ihn nicht leichter als der
-erste. Das Hoffen und Bangen schwankender Wochen, das Verzweifeln
-und Aufbäumen gegen das Unabänderliche, alles, was er mit dem Kind
-blutenden Herzens durchlitt und durchkämpfte, bis es in frühzeitiger,
-innerer Reife über sein Los emporwuchs, erwachte vor ihm. War es nicht
-genug, daß das Schicksal sie von tausend Freuden des Tages ausschloß
-und in immerwährende Nacht bannte? Blind sein -- hieß es für sie nicht,
-mit einem Teil ihres Wesens schon gestorben sein, ehe sie gelebt hatte?
-Wo stand geschrieben, daß Marga mit der Kraft, zu sehen, auch das Recht
-und die Kraft, zu lieben, verwirkt hatte? Woher nahm er die Macht, zu
-entscheiden: Das ist dein Glück, und das ist dein Unglück? Die Liebe
--- konnte sie sie nicht entschädigen wollen für das, was ihr an Licht
-und Lust genommen war? Und er hatte den Mut, es grausamer mit ihr zu
-meinen, als ihr Schicksal? Der Idealist in ihm bekämpfte die nüchterne
-Besonnenheit, die er seinem guten Herzen aufzwingen wollte. Er kannte
-den Mann nicht -- kaum von Angesicht -- der ihr die Hand bieten wollte.
-War es ausgemacht, daß er nicht wußte, was er wollte und tat? War es
-wirklich so über allen Verstand, daß ein Mann diese ruhige, offene,
-klare Marga liebte, so liebte, daß er ihre Blindheit über ihrem inneren
-Wert vergaß? Der Stolz des Vaters setzte die Gesundheit und Fülle ihrer
-Seele gegen das Gebrechen ihres Körpers. Fast war es, als hielten unter
-solchem Gewicht das Für und Wider sich die Wage ...
-
-Richthoff achtete nicht darauf, wie unter dem Sinnen und Sorgen die
-Stunden vergingen.
-
-Es wurde Abend.
-
-Die Septembersonne mit ihrem vollen, ruhigen Schein huschte zwischen
-den Zweigen im Vorgarten hindurch auf seinen Schreibtisch: sie fand ihn
-nicht wie sonst auf seinem Platz, den weißbärtigen Kopf über Bücher
-und Manuskriptblätter gebeugt. Verwundert glitt sie allmählich aus der
-Stube und ließ der Dämmerung das Feld.
-
-Vater Richthoff stand vor einer rundbauchigen, altmodischen Kommode,
-deren goldbraunes Holz metallene Ranken verzierten. Auf der Kommode
-stand eine Photographie, in die er sich vertieft hatte. Es war das
-Bild seiner verstorbenen Frau, bei dem er Rat suchte; als könnte ihr
-jugendlich-zartes, lebensfrohes Gesicht aus der Ferne vieler Jahre
-Trost und Klärung in seine Wirrnis bringen.
-
-Als es an die Tür klopfte, fuhr er erschreckt zusammen.
-
-Mit einem gepreßten „Ich komme ja schon!” winkte er Käthe, die fragend
-hereinschaute, aus der Tür.
-
-Es dauerte noch eine gute Weile, ehe er kam. Und dann saß er zerstreut
-und wortlos beim Essen. Kaum daß er die Speisen berührte. Nach einer
-Viertelstunde verschwand er wieder.
-
-Käthe, die nicht wußte, was vorgefallen war, erging sich in besorgten
-Mutmaßungen über seine Gesundheit. Sie ließ durchblicken, daß Hofrat
-Geismar ihr in Kreuth einige gar nicht unbedenkliche Andeutungen
-gemacht habe, wie wichtig es sei, daß sich Papa schone. Sie fand nur
-wenig Gehör bei den Schwestern und verstummte wie sie.
-
-Elli drückte Marga heimlich ermunternd die Hand. Sie hatte sich alle
-Mühe gegeben, in Vater Richthoffs Mienen Gutes zu lesen. Doch als Marga
-sie später im Garten befragte, wie er ausgesehen, vermochte sogar ihr
-Optimismus das Barometer höchstens auf „Veränderlich” zu deuten.
-
-Eine beklemmende, schwüle Nacht senkte sich auf das Haus am Wenzelsberg.
-
-Die Lampe im Studierzimmer des Geheimrats überdauerte mit ihrem Schein
-die spätesten Wanderer. Als der alte Herr sie endlich löschte, hatten
-die Geister der römischen Cäsaren Gelegenheit, sich über wunderliche
-Dinge, die sie gehört und gesehen, die erlauchten Köpfe zu zerbrechen.
-
-Am nächsten Vormittag hatte er eine lange Unterredung mit Marga.
-
-Noch nie hatten sie sich so verstanden, waren die Herzen von Vater
-und Tochter sich so nahe gekommen wie in dieser Stunde. Der Geheimrat
-sprach weder das Ja noch das Nein, das zu erwirken seine Vernunft und
-sein Herz sich so heiß befehdet hatten. Aber er erklärte sich bereit,
-den Doktor, diesen Eindringling und Ruhestörer, zu empfangen. „Um ihm
-den Kopf zu waschen!” wie er meinte. Und er ließ sich zwar nicht von
-Marga küssen, aber er gab ihr selbst eine Art unwirschen Kuß auf die
-Stirn und brummte etwas von „Vertrauen haben” in den Bart. Und Margas
-Augen schimmerten von Dankbarkeit. --
-
-Käthe hatte sich für den Nachmittag mit Lizzie zu einem Besorgungsgang
-in die Stadt verabredet. Bald nach Tisch ging sie aus dem Haus.
-
-„Die wird Augen machen, wenn sie am Abend heimkommt!” frohlockte Elli,
-als sie mit Marga allein zurückblieb.
-
-„Ich hätte ihr gern eine Andeutung gemacht,” meinte Marga nachdenklich.
-„Sie wird es nicht schwesterlich finden, daß ich sie so gar nicht
-vorbereitete.”
-
-„Ach was,” beruhigte Elli, „die Überraschung ist ja gerade das
-Netteste! -- Was machen wir jetzt? Es dauert noch anderthalb Stunden,
-ehe das große Ereignis beginnt. Ich glaube, ich bin aufgeregter als
-du, Margakind! Faß mal an!” Sie legte die Hand der Schwester an ihre
-glühheiße Wange. „Hast du kalte Hände -- puh! Dir scheint's ja auch
-tüchtig schummerig zu sein. Wir müssen was vornehmen! Du hättest mal
-sehen sollen, wie Papa aussah bei Tisch! Richtig feierlich wie ein
-Brautvater. Und manchmal bewegte er die Lippen, wie wenn er eine
-kleine Ansprache hielte -- an den künftigen Schwiegersohn natürlich!”
-Sie kicherte erregt und sah zum Fenster der Eßstube hinaus auf den
-Weinberg. „Wahrhaftig! Papa kommt schon zurück! Keine zehn Minuten
-war er heut' bei seinen Schnecken. Du hast die Hausordnung schön auf
-den Kopf gestellt, Margakind! -- Komm, wir gehen nach oben! In unsere
-Stube. Da wird's noch am ehesten auszuhalten sein.”
-
-Marga ließ sich willenlos von Elli hinaufführen. Nun, da die
-Entscheidung mit jeder Minute näher auf sie zukam, wurde es ihr doch
-schwer und schwerer ums Herz. Um nicht verzagt zu werden, mußte sie
-sich immer bei sich wiederholen: Es ist ja doch das Glück, das vor der
-Tür steht! Papa wird sicher alles gutmachen! Und Max --
-
-Aber Elli ließ sie nicht erst lange grübeln. Sie drückte sie in die
-Sofaecke, setzte sich neben sie, ganz nahe, und schwatzte -- schwatzte
-das Blaue vom Himmel herunter. „Natürlich wird ihn Papa nachher
-dabehalten. Er muß bei uns Abendbrot essen. Denk' dir, als dein
-offizieller Bräutigam! -- Kannst du dir eigentlich Papa vorstellen
--- als Schwiegervater? Wenn er mit deinem Max sich so richtig was
-erzählt? -- Eigentlich ist's doch zu schnurrig, daß du die erste von
-uns dreien bist. Lizzie, Cousine Grasvogel, die Wilmannsmädels -- die
-Gesichter möcht' ich sehen! -- Wer wohl die nächste nach dir ist? Wenn
-doch Wilkens endlich wenigstens seinen Doktor machen wollte! Er hat
-mir geschworen, er werde nach Neujahr ins Examen steigen. Aber seine
-Meineide sind gar nicht mehr zu zählen!” Traurig und seufzend ließ Elli
-die Stimme sinken.
-
-„Diesmal wird er bestimmt Wort halten,” tröstete Marga.
-
-„Meinst du? Vielleicht nimmt er sich ein gutes Beispiel. -- Ach, du,
-Margakind, waren das Tage auf der Sägemühle! So schön wird's im ganzen
-Leben nicht wieder!”
-
-Jetzt war der rechte Gesprächsstoff gefunden.
-
-Sie gingen miteinander den Sommer durch, beinahe Tag um Tag. Wie
-Perthes und Wilkens zum erstenmal miteinander draußen auftauchten.
-So unerwartet und doch erwartet. Wie Marga ihm das Wiederkommen
-verbot. Wie sie und Elli jenen Ausflug über die Berge machten. Erst
-in so niedergeschlagener, trüber Stimmung und dann auf dem Heimweg
-so glücksfroh -- über den endlosen Hang von läutenden Glockenblumen,
-den Marga erträumte. Als sie über den Fluß setzten, stand er drüben
-am Ufer. Ihre Herzen fanden sich. Und dann die lustigen Mahlzeiten
-zu vieren! Der tolle Besuch von Papa Wilmanns, wo Borngräber den
-Sündenbock machen mußte und die „Generalrevision” in Bowle und Tanz
-sich auflöste. Elli jubelte noch in der Erinnerung, und Marga, von
-ihrer Lustigkeit angesteckt, vergaß für Augenblicke, wie ihr Herz
-klopfte.
-
-Die Kuckucksuhr meldete dreiviertel vier. Die Zeit war im Fluge
-vergangen. Sie horchten betroffen auf, als sie schlug, und wurden beide
-still und ernst.
-
-„Ich möchte Max so gern einen Moment sprechen, ehe er zu Papa
-hineingeht,” brach Marga zuerst wieder das Schweigen. „Ihm wenigstens
-die Hand drücken oder doch zuwinken,” meinte sie beklommen.
-
-„Natürlich sollst du das! Ich leg' mich auf die Lauer. Laß mich
-nur machen!” Schon war Elli aufgesprungen. Sie öffnete die Tür und
-schlüpfte nach dem Flur, um die Wache anzutreten, so wie sie und Käthe
-es zu machen pflegten, wenn das Semester anfing und die Hörer von
-Papa sich in der Sprechstunde anmeldeten. „Weißt du noch,” flüsterte
-sie, sich auf der Schwelle nach Marga umdrehend, „wie wir ihn zuerst
-sichteten? Damals -- mit dem Pfeffer-und-Salz-Jackett?”
-
-Ob Marga das noch wußte! Es litt sie nicht länger auf ihrem Platz.
-
-„Bleib doch!” mahnte Elli. „Wenn es klingelt und ich sehe, daß
-er's ist, ruf' ich dich!” Sie beugte sich herunterspähend über das
-Treppengeländer, obwohl noch nichts zu hören und zu sehen war.
-
-Der Kuckuck holte zu seinen vier Rufen aus. Gleichzeitig wurde an der
-Hausklingel geläutet. Lange und schrill tönte es durchs Haus.
-
-Marga ließ es sich nicht nehmen: ehe Elli es verhindern konnte, eilte
-sie die Treppe hinunter.
-
-Sie war noch nicht im Erdgeschoß angelangt, als Therese schon geöffnet
-hatte. Eine fremde Stimme traf ihr Ohr. Enttäuscht blieb sie stehen.
-
-„Da wird ein Brief für Sie abgegeben, Fräulein Marga.” Therese kam ihr
-entgegen und schob ihr ein Kuvert in die Hand.
-
-Marga erschrak unwillkürlich. Was war das? Doch nicht -- Perthes würde
-doch nicht etwa abgehalten sein, zu kommen? Sie fühlte, wie ihr alles
-Blut aus dem Herzen strömte. Zitternd öffnete sie den Umschlag. Die
-Zeilen waren in Punktschrift geschrieben. Sie konnten also nur von ihm
-sein.
-
-Es dauerte eine Ewigkeit, ehe ihre Finger sich zurechtfanden.
-
-„Was ist denn los!” raunte Elli neugierig von oben. So weit sie sich
-vorbeugte, sie konnte nicht sehen, was vorging.
-
-Marga achtete nicht auf ihre Frage. Während ihre Fingerspitzen das
-Papier abtasteten, bewegten ihre Lippen sich lautlos. Sie las:
-
- „Liebe Marga!
-
-Was gäbe ich drum, wenn ich diese Zeilen nicht schreiben müßte! Du
-wirst mich verachten, wenn Du sie liest, wie ich mich verachte. Ich
-kann nicht kommen. Ich kann mein Wort nicht einlösen -- --”
-
-Weiter kam Marga nicht. Ihre Knie zitterten. Sie zerknitterte den
-Briefbogen zwischen ihren Fingern und preßte die Hand gegen ihr Herz.
-Ein gedämpfter, kurzer, klagender Aufschrei, wie der Schrei eines
-Sterbenden, rang sich von ihren Lippen. Instinktiv suchte sie die
-Treppen zu erklimmen. Sie stolperte wie eine Trunkene. Im ersten Stock
-taumelte sie gegen Vater Richthoffs Tür. Das ewige Dunkel um sie her
-schien ihr in eine Wolke roten Bluts verwandelt. Sie konnte nicht
-rufen. Ihre Sinne schwanden, und sie meinte, ihr Leben schwinde mit
-ihnen --: Er kam nicht! Er würde nie kommen! Alles war zu Ende ...
-
-Der alte Herr öffnete seine Tür, erstaunt über das Geräusch, das sie
-erschütterte. Zur rechten Zeit, um Marga in seinen Armen aufzufangen.
-
-
-
-
-11
-
-
-Exzellenz Hupfeld hatte den Rundgang durch die chirurgische Klinik
-beendigt. Der Geheime Rat hatte eine mehrwöchige Nordlandreise hinter
-sich und war heute zum erstenmal wieder in der Klinik erschienen.
-Seine Assistenten in ihren weißen Mänteln begleiteten ihn bis unter das
-Portal, wo der Chauffeur mit dem Automobil wartete. Er pflegte dann bis
-zuletzt Fragen zu beantworten und Weisungen zu erteilen.
-
-Der zweite Assistent, Doktor Brunner, ein sehr gewissenhafter, etwas
-pedantischer und schwerfälliger Mensch, dessen Haltung den ehemaligen
-Militärarzt verriet, folgte mit Perthes, dem im Range dritten, bis
-an den Wagenschlag, während einige jüngere Volontärärzte unter der
-Einfahrt stehen blieben.
-
-Exzellenz gefiel sich in diesem feierlichen, beinahe fürstlichen Bild
-seiner An- und Abfahrten. Das Gefolge seines Stabes, vervollständigt
-durch den in Positur stehenden, die Mütze senkenden Chauffeur und den
-dienstbereiten Oberwärter, stand gut zu seiner überragenden Gestalt
-im hellgrauen Staubmantel mit der eleganten Schirmmütze. Er hatte es
-deshalb nicht sonderlich eilig mit dem Einsteigen. „Sie haben also
-keine guten Nachrichten von Professor Kronheim?” fragte er mit seiner
-lauten, getragenen Stimme den rechts von ihm stehenden Brunner.
-
-„Leider nein, Exzellenz,” lautete die Antwort. „Ich fürchte, Kollege
-Kronheim wird seinen Urlaub noch um weitere vier bis sechs Wochen
-verlängern müssen.”
-
-„Ist denn die Lungenaffektion fortgeschritten?”
-
-„Fortgeschritten nicht gerade,” berichtete Brunner korrekt weiter,
-„aber es fehlen auch die Anzeichen für eine Besserung. Er denkt an
-einen Aufenthalt im Süden.”
-
-„Daran hätte der arme Kerl eher denken sollen. Fatal. Höchst fatal!”
-Hupfeld strich sich gedankenvoll über das runde, volle Kinn. „Sie
-sagen, vier bis sechs Wochen. Ich fürchte -- ich fürchte, die Sache
-wird sich über den ganzen Winter hinziehen. Und wir haben in vierzehn
-Tagen Semesteranfang!” Er hatte den einen Fuß auf den Wagentritt
-gesetzt.
-
-Chauffeur und Wärter beugten sich hilfsbereit vor, um ihn zu
-unterstützen.
-
-Aber Exzellenz beharrte in tiefsinniger Stellung. „So wird die
-Geschichte nicht gehen. Wir müssen auf irgendeinen Ausweg denken,”
-überlegte er. „Ich sage das nicht,” wandte er sich lebhafter an seine
-beiden Assistenten, „um ihnen, meine Herren, den leisesten Vorwurf
-zu machen. Im Gegenteil, Sie tun das Menschenmögliche. Ich bin
-außerordentlich zufrieden.” Ein anerkennender Blick der blaßgrauen
-Augen schweifte von Brunner zu Perthes, auf dem er ruhen blieb. „Sie
-müssen entlastet werden, meine Herren! Sie reiben sich auf. Besonders
-Ihr Aussehen, mein lieber Perthes, gefällt mir ganz und gar nicht. Sie
-überarbeiten sich!”
-
-„Exzellenz sind sehr gütig. Aber ich fühle mich ausgezeichnet!”
-versicherte Perthes. Die gelbliche Farbe seines Gesichts, die tiefen
-Furchen unter den verschleierten Augen schienen ihn freilich Lügen zu
-strafen.
-
-„Nein, nein, mein Lieber,” erwiderte mit einem huldvollen Hochziehen
-der dünnen, falben Augenbrauen der Geheime Rat, „ich kenne das. Sie
-sind ein Gewaltmensch. Sie werden nicht ruhen, bis Sie eines Tags
-zusammenklappen. Daraus wird nichts. Dazu sind Sie zu gut. Ich habe
-andere Pläne mit Ihnen!” Er nickte dem Doktor mit bedeutungsvollem
-Wohlwollen zu und schwang sich in den Kraftwagen, so gewandt und
-sicher, daß der Chauffeur nur den Schlag schließen und der Oberwärter
-nur einen respektvollen Bückling anbringen konnte. „Lassen Sie sich
-bald mal wieder bei uns sehen, Doktor Perthes. Sie, Kollege Brunner,
-lädt man ja doch umsonst ein. Der Herbst ist so schön draußen auf dem
-Stift!” Hupfeld lüftete jetzt höflich die Mütze. „Los!”
-
-Das Automobil fauchte einen Augenblick. Dann fuhr es unter hellem
-Signal leicht und glatt davon.
-
-„Sie werden sehen, er macht diesen Perthes zu seinem ersten
-Assistenten!” tuschelte einer der Volontärärzte den Kollegen zu,
-während sie ins Haus zurücktraten.
-
-Perthes, der ihnen mit Brunner folgte, konnte die halb bewundernde,
-halb neidische Bemerkung hören. Er zog ärgerlich die Stirn in Falten.
-Es war ihm unangenehm, daß womöglich auch Brunner, der der nächste nach
-Kronheim war, solche Mutmaßungen auffangen konnte. Im übrigen waren
-ihm die Gerüchte, die über ihn im Umlauf waren, nicht neu. Er galt für
-den erklärten Günstling von Exzellenz. Ebenso ausgemacht war es unter
-den Kollegen, daß er Hupfelds Schwiegersohn werden würde. Daß ihn der
-Geheime Rat bevorzugte, darüber konnte er sich ebensowenig täuschen wie
-die anderen. Was aber seine vermeintlich bevorstehende Verbindung mit
-Alice Hupfeld anging, so hatte er noch vor acht Tagen, am Vorabend der
-geplanten Verlobung mit Marga, eine dahin zielende Fopperei Markwaldts,
-seines früheren Institutsgenossen, auf dem Klinikerabend mit fast
-beleidigender Schärfe zurückgewiesen. Würde Markwaldt, diese gutmütige
-Klatschbase, die es sich nun einmal zur Aufgabe gemacht hatte, den
-wahren Charakter des mysteriösen Perthes „auszuwickeln”, seine
-Anzapfung heute zu wiederholen gewagt haben -- er hätte bestenfalls ein
-Achselzucken oder ein spöttisches Zucken der Mundwinkel zur Antwort
-bekommen. Die Verachtung würde nicht einmal nur dem Frager gegolten
-haben; der Gefragte hätte sie auch auf sich selbst bezogen.
-
-Ja, Max Perthes hatte begonnen, „umzuschalten” ...
-
-Seine schroffe Abfertigung Markwaldts, so kurz vor dem beabsichtigten
-Besuch bei dem alten Herrn am Wenzelsberg, war ein letztes,
-ohnmächtiges Aufflackern gewesen. Damals war in ihm die Täuschung,
-er könnte wie ein Nachtwandler, nicht rechts, nicht links blickend,
-sich zu dem festen Ziel einer öffentlichen Verlobung mit Marga
-Richthoff durchzwingen, schon geschwunden. Mit jedem Schritt, den
-er der Entscheidung entgegentat, hatte er seine Kraft sich mindern
-gefühlt. Dafür trat ein, woran sein selbstherrlicher Stolz sich immer
-zu glauben geweigert hatte: seine Gedanken waren unermüdlich tätig,
-ihm die Äußerlichkeiten des Lebens herbeizuschleppen und vor ihm
-aufzutürmen, die aus dem Bund mit Marga sich ergeben mußten. Jene
-Kleinlichkeiten und Erbärmlichkeiten des Alltags, vor denen sie selbst
-in ihrem reiferen, weiblichen Feingefühl ihn gewarnt, und die er für
-jetzt und alle Zukunft gering geachtet hatte, gewannen eine unheimliche
-Gewalt über ihn. Was würden die Kollegen zu seiner Verlobung sagen? Was
-würde Alice für ein Gesicht ziehen? Wie mußte Exzellenz Hupfeld sie
-aufnehmen? Die Sticheleien, der Spott und Ärger, die Geringschätzung
-und Zurücksetzung, die kommen würden -- wie winzige bösartige Insekten
-wimmelten sie herbei, quälten seine Einbildung, unterfraßen und
-untergruben seinen ohnehin schon krampfhaften Entschluß. Nichts, gar
-nichts war geschehen, wenn er seine Verlobung mit Marga durchgesetzt
-hatte! Dann begann ja erst der Kampf! Ein Kampf, der seinem Stolz,
-seiner Stellung als Mensch und Gelehrter Wunde um Wunde schlagen, ihn
-vielleicht für immer aus seiner Laufbahn drängen würde!
-
-Und er, der sich der Meinung anderer gegenüber für so gleichgültig
-und unempfindlich hielt, bebte schon vor den Gebilden zurück, mit
-denen seine Phantasie auf ihn eindrang. Vergebens wiederholte er sich
-gegenüber dieser kläglichen Schwachheit, daß bei Marga das Höhere,
-Schönheit und Frieden, die Selbstreife und die Erfüllung seiner inneren
-Sehnsucht sein würde -- ein Königreich gegenüber allem, was er an
-äußerlicher Wirklichkeit drangab. Das Königreich war nicht für ihn.
-Er hatte sich überschätzt. Er reichte da nicht hinauf! Und die Liebe,
-die ihn hätte emporheben müssen -- sie war nur ersprungen, nicht
-erschritten und erlebt.
-
-Der Schiffbruch, dessen Schrecken er am Abend nach dem unseligen
-Diner auf Nieburg geahnt -- jetzt war er da. Die Welle, die ihn vom
-Strand, wo Marga ihn erwartete, zurückgerissen, trieb ihn vollends ab,
-rettungslos, unwiderstehlich, stromab in die Mittelmäßigkeit ...
-
-Perthes litt unsäglich in den Stunden, die dem Absagebrief an Marga
-vorausgingen. Die Verachtung, der Ekel, den er gegen sich selber
-empfand, brachten ihn an den Rand der Verzweiflung. Wenn er es
-doch versuchte? Wenn er es darauf ankommen ließ, ob er, durch ein
-öffentliches Wort gebunden, nicht doch stärker war, als er meinte? Er
-ermaß, wie furchtbar er Marga treffen mußte. Ein Leid bis auf den Tod
-wollte er ihr antun, ihr, deren zartes, hingebendes Gemüt er kannte;
-ihr, die er sich gewissenlos, über ihre ängstlichen Bedenken weg, zu
-eigen gemacht! Aber war es gewissenhafter, sie noch enger an sich zu
-ketten, um sie noch schlimmer zu enttäuschen und zu trügen? Wollte
-er nicht einmal so ehrenhaft sein, sie zu retten, solange noch ein
-Schimmer von Hoffnung war, es zu können?
-
-Und er schrieb den Absagebrief.
-
-Es war die zweite Niederlage, die Perthes innerhalb ein und desselben
-Jahres erlitt. Aber was war seine Kinderkrankheit der Liebe, die er im
-Frühjahr durchgemacht hatte, gegen das, was er jetzt erlebte? Damals
-fiel er bei der jugendlich unerfahrenen Jagd nach einer Sonnenwolke
-eines Tags aus seinen sieben Himmeln auf die nüchterne Erde. Die
-Verzweiflung, die jenem Sturz folgte, war heiß und zornig gewesen,
-eine echte Weltverzweiflung, wie sie mehr oder minder keinem Menschen
-von Temperament erspart bleibt. Die Verzweiflung aber, die jetzt sich
-seiner bemächtigte, diese grausame Selbstverzweiflung war kalt und
-verächtlich. Damals hatte er mit dem Gedanken an einen freiwilligen
-Tod gespielt; jetzt, männlicher geworden, trotz aller Unfertigkeit,
-war er der selbstzerstörenden Tat in Gedanken ferner, in Wirklichkeit
-näher. Doch der Rest von Lebensenergie, der in ihm war, gönnte ihm
-die Flucht aus dem Dasein nicht. Gerade in der Selbstverachtung
-fand er einen Stachel, der die Kraft weckte, weiterzuirren, um sich
-weiterzuentwickeln.
-
-Warum sollte er der berechnende Streber nicht sein, wie ihn die
-Kollegen hinter den Erfolgen argwöhnten, die ihm bisher ohne sein
-Hinzutun in den Schoß gefallen waren? War es ihm versagt, das zu
-werden, was sein höheres Ich gewollt, so schob ihm dafür das Leben
-die Leiter der Karriere, diese goldene Himmelsleiter, so bequem wie
-möglich zurecht. Er brauchte nur seinen Fuß auf die Sprosse zu setzen.
-Die Leiter in der Kapelle auf Nieburg war vielleicht so gewissermaßen
-ihr Symbol gewesen. Und so anstrengend brauchte die Strebeleiter nicht
-zu sein, und war sie auch nicht. Er brauchte nur der Dutzendbruder, zu
-dem Natur und Geschick ihn bestimmten, mit Absicht und gutem Willen zu
-sein, so konnte es ihm nicht fehlen! Es lag ein dämonischer Reiz in der
-Abkehr von der Höhe zum Durchschnitt.
-
-Was Perthes auch in seinem Aussehen so sehr herunterbrachte, waren viel
-mehr seine inneren Kämpfe als -- wie Exzellenz Hupfeld vermutete --
-die klinische Überbürdung. Und er war töricht oder gleichgültig genug,
-die paar Freistunden, die ihm blieben, nicht zur Erholung zu benutzen.
-Spiel und Sport, die er im Sommer vernachlässigt hatte, wollte er
-systematisch forcieren. Er trat in den Ruderklub ein. Er interessierte
-sich mit Hilfe Markwaldts und Professor Hammanns, seines früheren
-Chefs, für Pferderennen und fuhr einen freien Sonntag mit ihnen nach
-Baden-Baden. Er zeigte sich, wann es nur irgend ging, bei Tennis und
-Hockey und erneuerte seinen Ruf als ausgezeichneter Spieler. Dort war
-es auch, wo er, anfänglich langsam und mit Überwindung, dann mit allem
-Nachdruck aus seiner Reserve gegen Alice Hupfeld heraustrat.
-
-Mit Staunen sah Alice, die ihn nach dem Abenteuer im Kapellenturm
-kühl und schnippisch behandelte, wie seine Zurückhaltung in höfliche,
-später in eifrige Dienstbeflissenheit überging. Er konnte also doch
-Feuer fangen, dieser seltsame Mischling von Biedermann und Bandit,
-als den ihre nach pikanten Eroberungen lüsterne Phantasie ihn ansah.
-Sie triumphierte bei sich. Ihr Benehmen wurde in dem Grade spröder
-und süffisanter, als er sich um sie bemühte. Sie gefiel sich in immer
-neuen, launischen Einfällen, die seine Geduld auf die Probe stellen
-sollten. Das Radfahren hatte sie als unzeitgemäß und altmodisch
-endgültig aufgegeben. Seit vierzehn Tagen war sie passionierte
-Reiterin. Geschickt, wie sie in allen leiblichen Übungen war,
-lernte sie schnell und saß bald tadellos im Sattel. Sie arrangierte
-in der Universitätsreitbahn eine Quadrille. Professor Hammann und
-Cousine Hilla, die schon wieder zu Besuch da war, um bei Alice einen
-Bewunderungskursus durchzumachen, Perthes und sie gaben die Paare. Dann
-kamen Ausritte in die Ebene oder talaufwärts und in die Berge, bei
-denen ihre Verwegenheit die Partner zu Tollheiten jeder Art verleitete.
-
-Perthes ließ sich weder durch ihre Launen noch durch ihre Spöttereien
-abschrecken. Mit höhnischer Verachtung unterdrückte er in sich jeden
-Ruf seiner Seele, der sich gegen dies gefährliche Spiel warnend erheben
-wollte. Es fehlte nicht an Anwandlungen von Schwermut. Mitten in der
-Nacht -- er wußte nicht wie und warum -- fand er sich einmal vor dem
-Haus am Wenzelsberg, wo er, des scharfen Oktoberwindes ungeachtet,
-nach einem Lichtschein in der Mansarde starrte. Waren es Marga und
-Elli, die da noch wachten? Wie hatte Marga den schweren Schlag, den
-er ihr versetzt, ertragen? Litt sie um ihn? War sie vielleicht krank?
-Der schneidende Wind beizte ihm die Augen feucht. Oder war es die
-Qual seines Herzens? Ein andermal war er, von einer jähen Regung
-überfallen, auf der Sägemühle abgestiegen und hatte sich in den
-herbstlich-öden Garten gesetzt. Als die Wirtsfrau kam und nach seinen
-Wünschen fragte, murmelte er unverständliche Worte und sprang auf und
-davon. Mit Geißelhieben jagte er sich und seine Sentimentalitäten
-heim. Und er überließ sich nach solchen Entgleisungen mit einer wahren
-Wildheit dem verführerischen Reiz, den Alice auf ihn ausübte. Bei ihr
--- ohne Zweifel bei ihr war das Rätsel, das er suchte, das sich ihm
-jeden Tag von neuem aufgab; das Ewig-Weibliche, wie es zu ihm paßte
--- ein Irrlicht, das aufglomm und erlosch und in der Ferne von neuem
-aufglomm, um ihn durch ein Leben des Erfolgs, der Äußerlichkeit und
-Mittelmäßigkeit hindurchzugaukeln ...
-
-Es war Mitte November geworden.
-
-Das Wintersemester hatte sogar für die medizinische Fakultät wieder
-begonnen, die doch allerorts eine Ehre dareinsetzt, das maliziöse
-Wort, die Vorlesungen seien eine unangenehme Unterbrechung der
-Universitätsferien, nicht Lügen zu strafen.
-
-Exzellenz Hupfeld konnte sich noch nicht entschließen, Stift Nieburg
-mit seiner Stadtwohnung zu vertauschen. Der köstliche Spätherbst des
-Jahres war da draußen ob dem Flußtal, inmitten der laubbraunen und
-tannengrünen Bergzüge, zu schön. Zweimal täglich und öfter mußte das
-Automobil den Weg nach der Chirurgischen Klinik hin und zurück machen.
-
-Professor Kronheim, der erste Assistent der Klinik und vertretende
-Chef, hatte seine Tätigkeit noch immer nicht wieder aufnehmen können.
-Die Nachrichten von der Riviera, wo er Genesung suchte, lauteten wenig
-hoffnungsvoll. Brunner und Perthes mit den Volontärärzten versahen
-nach wie vor die ganze Arbeit. Der Geheime Rat war auf die von ihm
-angedeutete Reorganisation nicht wieder zurückgekommen.
-
-Eines Sonntags, als Perthes, der am Nachmittag freihatte, gegen drei
-Uhr in seine Wohnung hinaufsteigen wollte, trat ihm die an Sonntagen
-meist unsichtbare Hauswirtin, Fräulein Eschborn, mit einer Visitenkarte
-entgegen, die sie mit seltener Feierlichkeit zwischen ihren beiden
-Händen balancierte.
-
-Gleichgültig nahm Perthes die Karte entgegen und ging, ohne einen Blick
-daraufzuwerfen, nach oben. Erst vor seiner Tür las er den Namen. Es
-stand da mit schöngeschnittenen Buchstaben groß und einfach: „Benno
-Hupfeld Wirklicher Geheimer Rat.”
-
-Kein Zweifel: Exzellenz mußte ihm einen offiziellen Besuch zugedacht
-haben. Da die Ordinarien der Fakultät mit herkömmlicher Bequemlichkeit
-höchstens ihren verheirateten Assistenten die Aufwartung zu erwidern
-pflegten und ein Mann wie Hupfeld sich sogar unter seinen unmittelbaren
-Amtsgenossen so banaler Verpflichtungen mit einer liebenswürdigen
-Entschuldigung entheben durfte, zeugte diese Karte von einer
-außergewöhnlichen Artigkeit. Gleichwohl warf sie Perthes beim Eintritt
-in sein Zimmer aufs Geratewohl beiseite.
-
-Nach einer kleinen Weile besann er sich eines Besseren.
-
-Was war er doch noch immer für ein unvollkommener Schüler der
-Strebekunst!
-
-Mit einer Feierlichkeit, die die von Fräulein Eschborn übertraf, nahm
-er die hohe Visitenkarte von dem Stuhl, auf den sie geflogen, und trug
-sie zwischen den beiden Mittelfingern nach seinem Schreibtisch. In
-der Mitte der Unterlage von rotem Löschpapier legte er sie mit einer
-Verbeugung nieder. Sie war ja doch, richtig gewürdigt, das erste nicht
-zu unterschätzende Dokument des Fortschritts, das seine neue Methode
-des bewußten Hochkletterns gezeitigt hatte. Von Rechts wegen hätte sie
-auf ihrem Ehrenplatz mit Lorbeer umrahmt werden müssen. Schade, daß er
-den nicht zur Hand hatte!
-
-Am Montag, als Exzellenz Hupfeld sich zur üblichen pompösen Abfahrt
-aus der Klinik anschickte, trat Perthes mit vollendeter Höflichkeit
-an den Geheimen Rat heran. „Exzellenz hatten die außerordentliche
-Liebenswürdigkeit --”
-
-„Ach ja. Ich wollte Sie gestern besuchen. Schade, daß ich Sie nicht
-antraf!”
-
-„Das Bedauern ist ganz auf meiner Seite --”
-
-„Ich wollte mit Ihnen eine Angelegenheit besprechen, die --” Hupfeld
-überlegte lächelnd. „Im übrigen, ich möchte das nicht aufschieben.
-Sie können sich mit mir ins Auto setzen. Es läßt sich da ungestört
-plaudern. Wollen Sie?” Die Frage wurde von einer jener herrischen
-Gebärden begleitet, die Hupfelds Liebenswürdigkeit eigentümlich machten.
-
-Perthes erschrak unwillkürlich über den neuen Beweis von Wohlwollen.
-Die Volontärärzte auf der Treppe des Vestibüls machten lange Hälse.
-Doktor Brunner war diskret und höflich, aber mit ersichtlich langem
-Gesicht zurückgetreten.
-
-„Sie brauchen nicht zu befürchten, daß ich Sie zu lange in Anspruch
-nehme,” fuhr Hupfeld, der dies Schwanken schmeichelhaft beurteilte,
-beruhigend fort. „Ich lasse Sie mit meinem Wagen zurückführen.”
-
-Nun gab es keine Widerrede. Perthes faßte sich schnell. „Wenn
-Exzellenz einen Moment warten wollen?” Er deutete auf seinen
-Operationsmantel.
-
-Der Geheime Rat nickte gütig.
-
-Perthes lief nach dem Hause. Ein saurer Gang in der Sonne öffentlicher
-Gnade. Er kniff die Lippen zusammen und heftete die Augen geradeaus ins
-Leere, als er an den beiseitetretenden Volontären vorbeieilte. Im Nu
-kam er zurück, in Jackett und Hut. An den ironischen Mienen der jungen
-Kollegen las er ab, was sie von dieser Autounterredung hielten. Als er
-wieder ins Freie trat, meinte er hinter sich etwas flüstern zu hören
-wie: „Exzellenz Schwiegerpapa!” Die Wut trieb ihm das Blut in den Kopf.
-Doch schon schritt er an Brunner vorüber, der unglücklich dreinsah und
-an seinem militärischen Schnauzbart zu kauen schien.
-
-Der Krankenwärter half ihm ins Automobil, in dem Exzellenz schon Platz
-genommen hatte. Er machte dabei einen Bückling, für den Perthes ihm ins
-Genick hätte hauen mögen.
-
-Doch schon fuhren sie tutend davon.
-
-Hupfeld zögerte nicht, seinem Fahrgast seine Absichten
-auseinanderzusetzen. Fürs erste freilich, solange sie noch innerhalb
-der Stadt fuhren, sah er sich durch häufige Grüße unterbrochen. Er
-pflegte alle mit ausgesuchter Höflichkeit zu erwidern, ob es sich um
-einen Universitätsdiener handelte oder um einen Geheimrat. Erst hinter
-der Brücke, am Ausgang der Neustadt, wo die Villenstraße allmählich
-in die Landstraße überging, kam er ~in medias res~. Nachdem er die
-Aussichtslosigkeit betont, die das Befinden des armen Kronheim biete --
-er hatte neuerdings selbst sehr trübe Nachrichten aus Rapallo erhalten
---, sprach er von der Notwendigkeit, die erste Assistentenstelle
-seiner Klinik einstweilen neu zu besetzen.
-
-„Die Angelegenheit ist durch die Persönlichkeit des guten Brunner, der
-eigentlich der nächste Anwärter ist, kompliziert,” erklärte der Geheime
-Rat fortfahrend. „Um es von vornherein zu sagen: er ist nicht der Mann,
-den ich brauche.”
-
-„Ich habe ihn als einen sehr gediegenen, pflichteifrigen Kollegen
-schätzen gelernt,” schob Perthes ein, wobei er sich selbst über die
-neugewonnene Fähigkeit wunderte, sich durch billige Komplimente für
-andere ins beste Licht zu setzen. Perfid war er also auch schon.
-
-„Zugegeben, lieber Perthes!” stimmte Hupfeld in das wohlfeile Lob ein.
-„Zugegeben! Aber es fehlt ihm jeder Zug ins Große. Er kann nichts
-selber in die Hand nehmen, wenn ich einmal nicht zur Stelle bin. Der
-leitende Arzt, der mich vertreten soll, muß etwas vom Herrscher an sich
-haben. Weitblick, eigene Gesichtspunkte, Vielseitigkeit!” Exzellenz gab
-jedes dieser ihn selbst verherrlichenden Prädikate mit monumentaler
-Rhetorik von sich. „Und dann -- was die Hauptsache ist --, er muß das
-Zeug zu einem erstklassigen Operateur haben. Das hat der gute Brunner
-bei aller Gewissenhaftigkeit und relativen Geschicklichkeit nicht. Das
-haben -- ~senza complimenti~ -- Sie, mein lieber junger Kollege!”
-
-Perthes wollte mit einer Schmeichelei für die Ganzgroßen abwehren. Aber
-dazu reichte seine Gewandtheit noch nicht. Die Worte blieben ihm im
-Hals stecken. Er mußte sie durch Gebärden ersetzen.
-
-„Doch, doch!” versicherte huldvoll der Geheimrat, der ihn auch so
-verstand. „Machen wir uns nichts vor. In so einschneidenden Fragen
-pflege ich mit rücksichtsloser Objektivität vorzugehen. Bleiben wir
-also bei sicheren Tatsachen. Die kurze Zeit, in der Sie bei mir
-arbeiten, hat mich von Ihrer außerordentlichen Befähigung überzeugt.
-Sie wären mein Mann! Sie werden es sein --”
-
-„Aber, Exzellenz, ich bitte --”
-
-„Hören Sie mir ruhig zu, lieber Freund!” Hupfeld legte die überweiche,
-berühmte Hand auf Perthes' Arm. „Ich habe alles erwogen. Sie sind
-sehr jung. Brunner darf nicht vor den Kopf gestoßen werden. Es heißt
-diplomatisch zu Werke gehen.” Ein schlaues, geistreiches Lächeln
-kräuselte seinen vieldeutigen, glatten Mund. Er entwickelte mit
-rednerischer Selbstgefälligkeit sein Projekt. Er wollte es übernehmen,
-Brunner von seinen guten Absichten zu überzeugen. Erstlich sollte
-dieser als der ältere durch seine Fürsprache im Ministerium -- es
-genügte da ein Wink nach der Residenz -- schon in den nächsten
-Wochen den Professorentitel erhalten. Ferner wollte ihm Hupfeld die
-bestimmte Aussicht machen, daß er binnen Jahresfrist einen Ruf als
-Außerordentlicher oder Leiter eines städtischen Krankenhauses nach
-auswärts erhielte. Dafür konnte Hupfeld bei seinen Verbindungen
-garantieren. Demgegenüber mußte Brunner einsehen, daß Exzellenz sich
-den jüngeren Perthes für die Stellung eines ersten Assistenten ganz
-speziell heranbilden wollte, und mußte ihm schon jetzt die nominelle
-Vertretung dieses Postens überlassen.
-
-So weit war der Geheime Rat in seinen Ausführungen gekommen, als das
-Automobil sein sausendes Tempo verlangsamte und zum Stift hinauffuhr.
-
-Die Unterredung konnte an dem Punkt, an dem sie angelangt war, nicht
-abgebrochen werden. Es blieb Perthes nichts anderes übrig, als die
-Einladung anzunehmen, mit Hupfeld zu frühstücken. Er griff sich an den
-Kopf, als er die Räume wieder betrat, die er vor einigen Wochen mit
-so großem Widerwillen kennen gelernt hatte. Die erste Viertelstunde,
-während er neben seinem Chef in dem weiträumigen Saal mit den
-gewaltigen Schränken, den seriösen Ahnenbildern, der neu angelegten,
-kostbar-bunten Porzellansammlung saß, meinte er einen schweren Traum
-zu wiederholen. Dann zwang er sein bedrücktes Herz mit eisiger
-Schroffheit zur Ruhe. Es ging vortrefflich. Bei einer Flasche Mosel
-und ausgesucht zarten Zwergbeefsteaks stellte Hupfeld die Bedingungen
-auf, unter denen er seinen künftigen ersten Assistenten verpflichten
-wollte. Perthes sollte sich innerhalb der nächsten vier Jahre nicht
-habilitieren dürfen, um ganz zu seiner, Hupfelds, Verfügung zu sein;
-sich auch dann noch ohne seine Zustimmung weder nach außerhalb bewerben
-noch einen etwaigen Ruf annehmen dürfen. Die Anstellung sollte erst
-nach einiger Zeit definitiv werden. Wann und mit welchem Gehalt, blieb
-späterer Bestimmung vorbehalten. Der Geheime Rat verschwieg, daß er bei
-dieser Gelegenheit einige dem Minister genehme, ihm zum Lob gereichende
-Ersparnisse zu machen gedachte. Dagegen ließ er Perthes nicht im
-Zweifel, daß er ihm die zukünftige Karriere innerhalb der hiesigen
-Universität gewährleisten wollte.
-
-Perthes sah durch diese glänzenden Anerbietungen jede Erwartung weit
-übertroffen. Gleichwohl zwang er sich dazu, seiner Befriedigung keinen
-allzu begeisterten Ausdruck zu geben. Der Dämon, von dem er sich in
-seiner Selbstverachtung beherrschen ließ, riet ihm, sich zu sparen und
-seine streberischen Pläne womöglich als Ganzes zur Reife zu bringen.
-Es lockte ihn, seine Fähigkeit, emporzukommen, gleich durch ein
-Meisterstück zu erproben.
-
-„Exzellenz sehen mich gegenüber solchen Beweisen des Vertrauens
-verwirrt --”
-
-„Es sollte mich freuen,” versicherte Hupfeld mit großartiger Loyalität,
-„wenn es mir mit meinen Vorschlägen gelungen wäre, Ihre Wünsche mit den
-meinen in Einklang zu bringen.”
-
-„Meine Wünsche wagten sich so hoch nicht, Exzellenz. Gleichwohl werden
-Sie es billigen, wenn ich mir angesichts so weitausschauender Pläne
-einige Tage erbitte, um sie durchzudenken.”
-
-Hupfeld sah den Doktor ziemlich erstaunt, beinahe mißtrauisch an.
-Diesmal war ihm ein Zaudern unverständlich. „Nun ja --” meinte er
-gedehnt. „Ich gebe Ihnen natürlich Bedenkzeit. Nur --”
-
-„Exzellenz dürfen überzeugt sein, daß ich dies Zugeständnis nicht
-mißbrauche. In wenigen Tagen, vielleicht schon morgen --”
-
-„Bringen Sie mir eine zustimmende Antwort,” vollendete der Geheime Rat
-mit leichter Schärfe. Er hatte sich erhoben und bot Perthes verbindlich
-die Hand zum Abschied. Als er allein war, schüttelte er den Kopf: „Bei
-alledem -- ein merkwürdiger junger Mann!”
-
-Er sollte diese Merkwürdigkeit bald besser verstehen, als er ahnte. --
-
-Nach milden, sonnigen Tagen brachte der November seine gewohnten
-brausenden, kühlenden Stürme, die im Wirbel das rote und braune Laub
-aus den Baumkronen rissen.
-
-Gerade das unstete, tosende Wetter lockte die Abenteuerlust von
-Fräulein Exzellenz. Sie schlug für einen der nächsten Nachmittage den
-Teilnehmern der Reitquadrille einen Fernritt, und zwar einen tüchtigen
-Fernritt vor. Bei trügerischem Sonnenschein brach man auf. Perthes
-hatte sich mit Mühe freigemacht. Er sprengte mit Alice voran. Sie
-sah im langen, schwarzen Reitkleid gut aus. Es ließ ihre biegsamen
-Formen zu herausfordernder Geltung kommen. Der flache, ebenrandige Hut
-saß keck über den rotblonden Haaren. Professor Hammann und Cousine
-Hilla folgten in mäßigem Tempo und unter bedenklichen Protesten.
-Man hatte auch noch kaum die Sägemühle hinter sich, als der Wind
-grimmig einsetzte, den Himmel voller Wolken fegte und den Reitern
-brausenden Widerpart hielt. Als Perthes und seine Begleiterin bei
-einer Wegbiegung, am Eingang in ein leidlich windstilles Gehölz, sich
-umblickten, war von Hammann und Fräulein Hilla keine Spur mehr zu sehen.
-
-„Wollen wir auch das Hasenpanier ergreifen?” fragte Alice mit einem
-spöttischen Blitzen der grünlich schimmernden Augen, während sie die
-losgerissenen Haarsträhnen aus den Wangen strich.
-
-Statt der Antwort gab Perthes seinem Pferd die Sporen.
-
-Mit klingendem Lachen jagte Alice ihm nach, bis sie wieder an seiner
-Seite war. Sie versetzte ihm zur Strafe einen leichten Hieb mit der
-Gerte auf die Hand, die die Zügel führte.
-
-Hinter dem Wald ging es mit aufeinandergepreßten Lippen und
-zugekniffenen Augen gegen den Sturm. Kurz vor dem ersten Dorf schnob
-ein feiner, dichter Regenschauer aus den Wolken und durchnäßte Reiter
-und Roß.
-
-Nun mußte man doch wohl oder übel im Wirtshaus haltmachen.
-
-Alice fand es apart und reizend, in dem sauberen Herrschaftszimmerchen,
-in dem ein Ofenfeuer grüßend leuchtete, Tete-a-tete zu „mahlzeiten”.
-Man sah durchs Fenster hinaus auf den windgepeitschten Fluß, die
-regenwolkenverhangenen Berge. Fast wie auf der Sägemühle, dachte
-Perthes, als er zufällig hinausblickte. Um so besser, setzte er
-höhnisch hinzu. Er überließ sich dem willkommenen Reiz der Situation.
-Die nassen Kleider erfüllten unter der behaglichen Wärme die Stube mit
-ihrem Dunst. Es war ziemlich dunkel. Aus der Ofenecke, wo Alice sich
-eingerichtet hatte, sah man nur ihre Augen mit seltsamer Intensität
-aufglänzen.
-
-Nachher, am Tisch, gab sie sich allerliebst. Sie war etwas aufgeregt
-und suchte diesen Zustand, der ihr kleinlich schien, durch die
-ausgelassene Freiheit ihres Benehmens zu verdecken. Sie gab sich die
-Rolle der Demimondaine, die sie augenwerfend und trällernd trefflich zu
-mimen verstand. Perthes sollte dazu den Galantuomo spielen.
-
-Er ging bereitwillig darauf ein. Aber in einem Moment leidenschaftlich
-vorgetragener Liebeserklärungen, die sie mit koketter Kälte über sich
-ergehen ließ, vergaß er das Spiel. Er riß Alice in seine Arme und
-bedeckte sie mit Küssen.
-
-Als er sie wieder freigab, war sie ernüchtert und erschrocken. „Was
-fällt Ihnen ein!” stammelte sie verlegen.
-
-„Was mir schon längst hätte einfallen müssen!” gab er siegesgewiß
-zurück.
-
-Schmollend und zürnend trat sie von ihm weg. Sie stellte sich ans
-Fenster und stand dort geraume Zeit, von ihm abgekehrt.
-
-Er setzte sich mit scheinbarer Gelassenheit in die Ecke am Ofen und
-stocherte mit der Zange im Feuer.
-
-Plötzlich wandte sie sich um. Mit ihrem drolligsten Spitzbubengesicht,
-halb spöttisch, halb ärgerlich, sah sie ihn an. „Nu -- werden wir uns
-wohl verloben müssen. Wie abgeschmackt Sie sind!” meinte sie halblaut.
-
-Er war mit zwei Schritten an ihrer Seite. Sie musterten sich mit einem
-tiefen, brennenden Blick. Dann küßten sie sich in einer neuen, wilden
-Umarmung. Und verlobten sich, trotz aller Abgeschmacktheit ...
-
-Als Perthes sich am folgenden Tag in der Hupfeldschen Stadtwohnung
-einstellte, um Exzellenz Hupfeld seine Zusage für die erste
-Assistentenstelle zu bringen, empfing ihn der Geheime Rat sehr gemessen.
-
-„Sie haben ja Ihre Bedenkzeit sehr eigenartig benutzt, Herr Doktor! Nun
-darf _ich_ wohl um Bedenkzeit bitten?” lautete die strenge Einleitung.
-
-Aber der hohe Herr konnte sich nicht lange auf so eisiger Höhe halten.
-Er wurde väterlich gerührt. Und lächelte bald wie ein gütiger Schöpfer
-über die kleinen Unarten und Torheiten seiner Geschöpfe.
-
-Im Salon warteten Frau Hupfeld mit Alice und Cousine Hilla. Bei der Tür
-stand der Diener Karl. Diesmal nicht, um Gewittermeldungen vorzutragen,
-sondern um auf einen Wink die Sektkelche zu reichen. Schade, daß
-Leutnant Moritz fehlte.
-
-Man feierte Verlobung im Familienkreise. Vorverlobung.
-
-Es war stilvoller und großartiger, als es je im Haus am Wenzelsberg
-hätte werden können ...
-
-
-
-
-12
-
-
-Schon seit über vierzehn Tagen hatte Vater Richthoff seine Vorlesungen
-wieder aufgenommen. Zwischen drei und vier Uhr des Nachmittags schallte
-wieder häufig und hell die Klingel durchs Haus: nacheinander kamen
-und gingen die Hörer, junge Semester mit bunten Mützen, Bier- und
-Milchgesichter, alte Semester wie Oberlehrer Trabner mit der Glatze und
-der Stahlbrille, den Gummimanschetten und dem Trikot-Stehumlegekragen,
-„Flanellstorch” genannt.
-
-Aber die „Bande” war nicht wie sonst auf dem Posten über der Treppe,
-um die Alten zu registrieren und die Neuen zu etikettieren. Höchstens
-daß Elli mal neugierig über das Geländer lugte. Dann war es nur, weil
-Wilkens, der Faulpelz, sich noch immer nicht hatte einschreiben lassen.
-Kurz vor Semesteranfang hatte er, um sich, wußte der Himmel von was,
-zu „erholen”, noch eine verheiratete Schwester in Magdeburg besuchen
-müssen und war noch nicht wieder zurückgekehrt. Nur Ansichtskarten
-meldeten der entrüsteten Elli, daß es ihm wohl ergehe.
-
-Das grausame Leid, das Marga mitten in ihren frohen, bräutlichen
-Träumen heimgesucht hatte, lastete auf allem und allen. Nicht zuletzt
-auf dem alten Herrn. So fromm und artig und märchenhaft still war
-es in zwanzig Jahren um ihn her nicht zugegangen. Wenn er hinter
-dem Schreibtisch saß und kritzelte, konnte er sicher sein, daß kein
-störender Laut seine römischen Kaiser in ihrer Würde bedrohen, ihn
-aus der vornehmen Vertraulichkeit ihrer geisterhaften Gegenwart
-aufscheuchen würde. Aber trotzdem -- oder gerade deshalb? -- warteten
-diese oft vergeblich auf die Zwiesprache mit dem Meister, der sie
-rief. Kein zürnendes Murren, keine feurige Apostrophe drang aus
-dem verqualmten Winkel. Statt dessen hatte der alte Herr mehr als
-einmal den Gänsekiel nicht mehr in der Hand, sondern den grauen,
-krausbärtigen Kopf vergrämt aufgestützt, und lauschte hinaus in die
-unheimliche Ruhe seines Hauses. Wenn doch mal eine Tür unversehens ins
-Schloß geknallt wäre! Wenn doch ein nicht mehr zu bändigendes, junges
-Mädchenlachen aus der Dachstube herunter- oder vom Erdgeschoß, aus den
-Wohnzimmern heraufgekollert wäre, daß er empört hätte dazwischenfahren
-können! Wieviel besser wäre das seinen Cäsaren bekommen. Der erste
-Halbband der Kaisergeschichte war vor vierzehn Tagen erschienen.
-Schon kamen begeisterte Briefe von entfernten Hochschulkollegen und
-früheren Schülern. Vater Richthoff lächelte höchstens über die guten
-Vorzeichen. Jetzt, wo er den gerechtfertigten und verdienten Lohn einer
-Lebensarbeit einheimsen sollte, blieb die rechte Freude aus.
-
-Richthoffs Freunde: Wilmanns, Borngräber, die Kegelbrüder und die
-Fakultätsgenossen -- alle waren bestürzt und schlugen die Hände
-zusammen über das müde, verdrossene, teilnahmlose Wesen des alten
-Herrn. Er war ja nicht mehr zu kennen! Hofrat Geismar zerbrach sich
-vergeblich den Kopf, wie es möglich war, daß nach dem frischen,
-verheißungsvollen Abschied in Bad Kreuth jede Nachkur daheim ausblieb.
-Wilmanns, der mit seiner Familie Thüringen unsicher gemacht hatte,
-schimpfte vergeblich auf das teure Schwarzburg, wo ihm die lärmende
-Holzindustrie das Leben verbittert hatte; lobte umsonst das liebliche
-Ilmenau mit Engelszungen und erzählte die kühnsten Abenteuer mit lauter
-Beredsamkeit. Borngräber, der „Mädchenjäger”, wie ihn Papa Wilmanns
-hartnäckig benamste, rollte ohne Erfolg die verwundert-treuherzigen
-Augen und jammerte, daß ihm der Wind drei Hüte in die Ostsee geführt
-habe, statt, was doch sein Versöhnliches gehabt hätte, in ein
-klassisches oder orientalisches Meer. Richthoff hörte nur mit halbem
-Ohr zu und schob seine Kugel so flau, als wollte er ja den Kegeln nicht
-zu nahetreten.
-
-Und Marga? Sie, von der der Kummer ausgegangen war, der das Haus am
-Wenzelsberg drückte und freudlos machte?
-
-Es gibt einen Schmerz, der, ohne laut und heftig zu sein, sich doch
-wenigstens in Zeichen des inneren Kampfes verrät: nicht Tränen, aber
-ihre Spuren, nicht das harte Aufbäumen, aber das wehe, zitternde
-Zurückweichen und Wegwenden zeugen dafür, daß ein Lebendiges, wenn auch
-noch so schwach und versteckt, sich wehrt gegen das Tötende, auch im
-Unterliegen den Widerstand wahrt und in der Gegenbewegung sich erhält.
-Wenn Marga diesen Schmerz gezeigt hätte! Man hätte ihn, so leise er
-sich regte und rührte, zu lindern und zu heilen suchen können. Aber
-in ihrem Schmerz war kein Kampf, kein Widerstand, keine Bewegung. Von
-dem Augenblick an, wo sie aus ihrer tiefen Ohnmacht aufgewacht war,
-schien jeder Wille in ihr gebrochen zu sein. Sie konnte nicht weinen.
-Ihre Züge blieben leblos: mitunter hatten sie den Ausdruck einer leeren
-Maske, die in unbewußter Angst und Hilflosigkeit erstarrt ist. Ihre
-Seele schien nicht mit aufgewacht zu sein aus der Ohnmacht des Körpers.
-Ihr Geist war klar, beinahe nüchtern klar; sie wußte, was vorgefallen
-war, und sprach selbst mit matter, klangloser Stimme davon. Sie hörte
-auch zu, wenn der alte Herr, alle Barschheit und Zurückhaltung in
-Liebe und Mitgefühl vergessend, weich und ernst mit ihr redete; wenn
-Elli, Tränen in den sonst strahlenden Augen, sie ermutigen wollte
-und Käthe herzliche, ungezierte Worte des Verstehens fand. Aber sie
-blieb empfindungslos. Das Gefühl, das man ihr entgegenbrachte, klang
-nicht zurück. Alle die reichen und tiefen Kräfte des Gemüts waren wie
-ausgelöscht. So ausgelöscht, daß man zuweilen hätte glauben können,
-sie litte nicht einmal. Und doch -- oder gerade deshalb -- strömte
-eine Traurigkeit von ihr aus, so unsagbar, so über alles Trösten und
-Mitleiden, daß sie jeden ergriff und niederdrückte und das Haus mit
-einer stummen Klage erfüllte. Wie ein reifes Kornfeld, das unter einem
-Hagelschauer sich in eine tote Wüste verwandelt hat, so war Margas
-große Stille zur großen Leere geworden.
-
-Die erste Sorge galt natürlich ihrer Gesundheit. Der Geheimrat wollte
-den Arzt rufen lassen. Auch Käthe drang darauf. Elli wurde beauftragt,
-Marga selbst zu fragen, um sie nicht zu erschrecken. Sie zeigte sich
-völlig gleichgültig und meinte nur, sie wüßte nicht, was sie einem Arzt
-zu sagen hätte. Die Ohnmacht schien auch keine weiteren körperlichen
-Folgen zu haben. Ihr Aussehen veränderte sich kaum. Sie klagte über
-nichts. Man war übereingekommen, daß das Leid, das sie getroffen, unter
-keinen Umständen auch nur andeutungsweise nach außen dringen und zu
-irgendwelchen Gerüchten Anlaß geben dürfe. Diese Schonung, die einzige,
-der auch die äußeren Umstände ihres Unglücks entgegenkamen, mußte um
-jeden Preis gewahrt werden. Das war der Grund, weshalb man es vorläufig
-doch unterließ, den Arzt zuzuziehen.
-
-Wochen vergingen, ohne daß Margas Zustand sich veränderte. Nach wie vor
-war sie äußerlich gesund, nach wie vor dämmerte ihre Seele pflanzenhaft
-dahin.
-
-Der alte Herr sah mit Besorgnis, wie diese schleichende Qual die
-Stimmung im Haus mehr und mehr verdüsterte. Sie zehrte an ihm und
-seiner Arbeitskraft, an Käthes und Ellis Frische und Frohmut. Wie
-schwüle Sommertage, die grau und lastend ohne die reinigende Entladung
-eines Gewitters sich ablösen, schlichen die Tage einer um den anderen
-hin, und die Menschen im Haus schlichen mit ihnen. So konnte es nicht
-fortgehen! Es mußte etwas geschehen. Ein Entschluß mußte gefaßt werden,
-der irgendwie wieder Luft und Licht in die stickige Atmosphäre brachte.
-
-Ohne Wissen der Mädels ging der Geheimrat vor.
-
-Er hatte in Pommern, weit droben an der Küste, einen Stiefbruder. Man
-schrieb sich alle Jubeljahr, sah sich noch seltener. Für Käthe, Marga
-und Elli spielte der Onkel Gutsbesitzer fast eine mystische Rolle.
-Vor Jahr und Tag war er einmal an ihrem Kinderhimmel aufgetaucht: ein
-jovialer, untersetzter Mann mit ein paar seelenguten Augen in seinem
-wetterharten, braunroten Gesicht. Keine entfernte Ähnlichkeit mit Vater
-Richthoff. Seine Frau oder gar die Cousinen -- es konnten sechs oder
-mehr sein, denn Onkel Thiele schickte, wenn nichts anderes, so doch
-Jahre hindurch regelmäßig eine fröhliche Geburtsanzeige -- waren völlig
-sagenhaft.
-
-Dorthin richtete der alte Herr, einer plötzlichen Eingebung folgend,
-seine Hoffnungen und bald darauf ein Schreiben, so brüderlich und
-leserlich, als es ihm nur möglich war. Zum Schluß fragte er unumwunden
-an, ob man seine zwei Jüngsten für ein paar Wochen auf Güstow brauchen
-könnte. Der Geheimrat mußte keine acht Tage warten, bis die Antwort
-kam, geschrieben von einer guten, ehrlichen preußischen Landwirtsklaue.
-Es wäre zwar im Sommer schöner in Güstow. Dafür hätte man aber jetzt,
-nach guter Ernte, mehr Zeit und mehr Geld. Auch versprächen die Jagden
-allerhand Gutes. Kurz: die beiden Jüngsten wären willkommen. Seine Frau
-und seine Döchtings wären schon jetzt „doll vor Vergnügen” über den
-Besuch der Richthoffschen Vettern. Das war ein kleines Mißverständnis:
-Onkel Thiele hatte sich im Lauf der Zeit eingebildet, sein Stiefbruder
-müsse naturnotwendig ebenso viele Jungens haben, wie er Mädels hatte.
-Doch das ließ sich aufklären. Die Hauptsache war: Marga und Elli wurden
-erwartet.
-
-Der Geheimrat atmete auf. Er erhielt Onkel Thieles Brief zum Frühstück.
-Als er ihn zu Ende gelesen, sah er seine Mädels der Reihe nach an. Zum
-erstenmal brachte er es fertig, ihren trübseligen Mienen mit einer
-halbwegs heiteren Verschmitztheit zu begegnen. „Wißt ihr, wer Onkel
-Bernhard ist?” forschte er in der Runde.
-
-„Onkel Bernhard?” Elli schüttelte den Kopf.
-
-„Meinst du Onkel Thiele in Pommern?” fragte Käthe nach bedächtigem
-Schweigen.
-
-„Allerdings,” nickte Vater Richthoff, „Onkel Bernhard Thiele,
-Gutsbesitzer auf Güstow, Kreis Regenwalde in Pommern.”
-
-„Ach, der! Dein Stiefbruder! Was ist's mit ihm?” Elli war
-glücklich, daß das öde Einerlei der Mahlzeiten durch einen neuen
-Unterhaltungsstoff sich für einen Augenblick aufhellte. Das leidlich
-muntere, väterliche Gesicht entzündete leise ihre alte, ausgelassene
-Laune. „Hat er wieder Familienzuwachs bekommen?”
-
-„Das gerade nicht, Naseweis!” erwiderte der Geheimrat. „Aber er lädt
-euch ein.”
-
-„Lädt uns ein? Nach Pommern? Auf sein Gut? Wen -- uns? Für wann?” Es
-war so verlockend für Elli, einmal wieder drei, vier Fragen auf einmal
-losfeuern zu können.
-
-„Onkel Thiele lädt dich und Marga ein, ihn jetzt für einige Wochen auf
-Güstow zu besuchen!” erklärte der alte Herr klar und bündig.
-
-Elli blieb der Bissen im Hals stecken. Käthe riß die braunen Augen
-ungläubig auf. Sie wollte schon den Mund öffnen, als ein Blick Vater
-Richthoffs ihr die richtige Fährte gab. Sie nickte verständnisvoll.
-Auch Elli begriff schnell, daß hier etwas Gutes im Werk sei. Marga
-selbst saß teilnahmlos dabei, als hätte sie nichts gehört und
-verstanden.
-
-„Lest mal selbst!” Richthoff reichte Onkel Thieles Brief Käthe über
-den Kaffeetisch. Elli beugte sich voll Neugier mit darüber. Zu zweien
-entzifferten sie die massiven Zeilen.
-
-„Na, mein Mädchen, wie denkst du über die Einladung?” wandte sich der
-Geheimrat inzwischen an Marga, seine Hand zärtlich auf die ihre legend.
-
-Margas Augen kehrten aus der leeren Weite, in der sie erstarrt waren,
-langsam und fragend zurück. „Über die Einladung?” wiederholte sie. „Ach
-so -- ihr sprecht von Thieles in Pommern. Wen hat er denn eingeladen?”
-
-„Aufmerksamkeit schlecht!” scherzte der alte Herr. Er erklärte ihr
-nochmals ausführlich, um was es sich handelte. „Ich möchte, daß ihr,
-du und Elli, den Thieles die Freude macht!” setzte er aufmunternd hinzu.
-
-„Denk' mal an, Margakind! Nein, das ist zum Totschießen!” Elli lachte
-so laut und herzlich, wie es seit Wochen im Haus am Wenzelsberg nicht
-erhört war. „Die halten uns für zwei Jungens! Für zwei Vettern!”
-
-„Ja -- den Irrtum muß ich Onkel Bernhard noch nehmen. Die Enttäuschung
-könnte zu groß sein,” bemerkte Vater Richthoff vergnügt.
-
-„Aber nein! Gerade nicht! Das darfst du keinesfalls, Papa!” rief Elli.
-„Malt euch mal aus -- paß auf, Margakind! -- Die stehen auf ihrem
-Bahnhof, so ihre zehn Köpfe hoch: Onkel, Tante, acht, neun Mädels --
-alle blond wie Hafer und dick und rot wie Rosenäpfel! Der Zug, so'n
-rechtes Bimmelbähnchen -- Blumenpflücken während der Fahrt verboten!
---, braust heran. Sie recken ihre Hälse. Sie suchen die Wagen ab. Wo
-zum Kuckuck sind die Richthoffschen Jungens?! Und der Zug fährt wieder
-ab. Auf dem Bahnsteig stehen nur zwei Mädels. Marga und ich! Und
-empfehlen sich zur geneigten Ansicht! Denkt euch, die Gesichter!” Elli
-schüttelte sich vor Wonne. Auch der alte Herr schmunzelte, und Käthe
-lächelte über Ellis blühende Phantasie. Nur Marga rührte sich nicht.
-Ellis Lustigkeit reichte nicht an ihre verschollene Seele.
-
-„Und wann sollten wir denn dorthin kommen?” fragte sie schleppend, ohne
-daß ihre Stimme ein näheres Interesse verriet.
-
-„Sobald ihr wollt!” erklärte Richthoff. „Die Jahreszeit ist ja nicht
-die rechte. Ihr müßt euch für den norddeutschen Winter einrichten.
-Da oben ist's kalt. Gerade gut, um sich mal tüchtig auszulüften. Das
-wird dir guttun, Marga! Andere Menschen, anderes Leben. Ein bißchen
-Zerstreuung -- verstehst du, Kind?” Er beugte sich zu ihr vor. Nur
-behutsam wollte er an die Absicht rühren, die er mit dieser Reise für
-sie verband. Das übrige setzte die Vertraulichkeit hinzu, mit der
-er ihr auf den Arm klopfte. „Also ausgemacht! Ihr reist je eher, je
-lieber!” Er erhob sich erleichtert und ging mit seiner Zeitung nach
-oben. Ein Wink verständigte Käthe und Elli, Marga zuzureden und etwaige
-Bedenken zu zerstreuen.
-
-Zu jeder anderen Zeit hätte die unerwartete Reiseaussicht in weite
-Ferne, die verblüffende Großmut des sonst so gestrengen und ~in
-pecuniis~ genauen Papa Richthoff unter der Bande wie eine Bombe
-eingeschlagen. Dermalen war die Freude natürlich gedämpft, die
-Verwunderung zurückgedrängt. Aber es war doch, als hätte man in dem
-verdumpften Haus irgendwo ein Fenster aufgerissen: ein frischer
-Luftzug, ein schräger, dünner Sonnenstrahl schlüpfte herein.
-
-Käthe fand etwas von ihrer altklugen Weisheit wieder. Was sie über
-Margas von ihr vorausgesagtes Unglück empfand, eine wenn auch
-schmerzliche Genugtuung, hatte sie taktvoll nur ihrem Tagebuch
-anvertraut. Dafür erging sie sich jetzt in trefflichen Aussprüchen
-über die Wunder, die eine Ortsveränderung an einem beschwerten
-Menschenherzen immer tue, und sorgte nebenher mütterlich für die beiden
-Kleinen, denen sie die Reise nach Norden ehrlich gönnte.
-
-Elli aber regte und tummelte sich in dem lang entbehrten, schmächtigen
-Sonnenschein wie ein Kätzchen, das sich auf gut Wetter putzt. In einem
-allmählichen Crescendo, das ihrem Temperament nicht ganz leicht wurde,
-aber Margas Zustand berücksichtigte, ließ sie ihrem Optimismus die
-Zügel schießen. Ihre umtriebige Natur sah sich jetzt wieder einer
-handgreiflichen Aufgabe gegenüber: sie konnte nun mal Marga in ihre
-alleinige Behandlung nehmen. Eine richtige Kur hatte sie mit ihr vor.
-Wie man dürres, vertrocknetes Land fürs erste tüchtig unter Wasser
-setzt, so wollte sie Marga unter Freude setzen. Sollte es nötig sein:
-sie wollte nicht nur das Rittergut Güstow mit Onkel und Tante Thiele
-samt den unzählbaren Cousinen, sondern ganz Preußisch-Pommern auf
-den Kopf stellen. Mit den Vorbereitungen zu diesen Großtaten begann
-sie sachte schon jetzt. Sie ließ Marga keinen Augenblick allein.
-Unausgesetzt umflatterte sie sie, unterhaltsam und wachsam zugleich.
-Ihre Plappermaschine, durch die Kümmernisse der letzten Wochen dem
-Verrosten nahe, kam neugeölt in neuen Gang. Außer dem Gutsleben, das
-ihre Phantasie mit Jagdabenteuern, Segelfahrten an der nahen Küste,
-Überlandpartien in Kutsche und Schlitten zu märchenhaften Tanzbällen
-ausschmückte, war es besonders Berlin, die Reichshauptstadt, die
-sie vor Marga in feenhafter Glorie aufsteigen ließ. Sie mußten
-nämlich in Berlin Station machen. An einem Tag war Gut Güstow nicht
-zu gewinnen. Papa hatte an einen befreundeten Kollegen geschrieben,
-wo sie einquartiert werden konnten. Aus dem einen Rasttag ließ Elli
-drei bis vier werden. Man konnte doch so 'ne Gelegenheit, mal was
-Rechtes zu sehen, nicht ungenutzt vorbeilassen. Das mußte auch Papa
-einsehen. Nicht schon jetzt, aber im geeigneten Moment, wenn man ihm
-eine entzückte Karte schrieb, die alles erklärte. Und nach Güstow
-depeschierte man -- Elli depeschierte in der Einbildung öfter als
-alle europäischen Kabinette -- und bat um Frist. Dann -- oh, es war
-unbeschreiblich, in welchen Strudel von Genüssen man sich dann stürzte!
-Stürzte mit der grausigen Andacht, die die Weltstadt dem jungen,
-unverdorbenen Mädchengemüt Ellis einflößte -- schon aus der Ferne.
-Theatervorstellungen, philharmonische Konzerte, Zoologischer Garten,
-Kaiser sehen, Warenhausbummel, Unter den Linden, Friedrichstraße,
-Potsdam, Sanssouci, Hochbahn und Untergrundbahn, das drehte sich und
-prasselte wie ebenso viele Feuerräder durch die Luft.
-
-Mit den Erfolgen ihrer Lustkur mußte sich Elli allerdings einstweilen
-sehr bescheiden. Im Anfang verhielt sich Marga vollständig
-gleichgültig. Wie eine blasse Wand, auf die man die buntesten Bilder
-der Wunderlaterne geworfen hat, war sie nachher so stumm und leblos wie
-vorher. Sie half, soweit es in ihren Kräften stand, beim Einpacken.
-Mechanisch erwiderte sie die Fragen, deren Antworten man ihr in
-den Mund legte. Sie war mit keinem Gefühl bei dieser Reise. Es war
-nicht einmal sicher, ob sie hörte, was Elli unermüdlich deklamierte.
-Trotzdem stellte diese mit der Zeit winzige Triumphe ihrer Methode
-fest. Wenn es nur ein Kopfschütteln oder Kopfnicken war, das sie
-erzielte, verzeichnete sie schon einen Fortschritt. Und als es ihr gar
-gelang, den Tag vor der Abreise durch eine bis dahin nicht dagewesene
-Brillantvorführung von Berliner Genüssen Marga ein Lächeln -- nicht zu
-entlocken, sondern schon mehr zu entreißen, lief sie erst in die Küche,
-wo gerade Käthe eine süße Speise bereitete, und dann stürmte sie, alles
-Herkommen außer acht lassend, in Vater Richthoffs Arbeitszimmer, so
-blitzgewaltig, daß der alte Herr entsetzt von seiner Kaisergeschichte
-in die Höhe fuhr.
-
-„Marga hat gelächelt! Marga hat richtig gelächelt! Beinahe gelacht!”
-verkündete sie schallend.
-
-Ehe der Geheimrat sich fassen und sie ausschelten konnte, war sie wie
-die Windsbraut wieder draußen. Er schüttelte verwirrt den Kopf. Das
-Ereignis stand in keiner Beziehung und keinem Größenverhältnis zu
-den Germanenkämpfen, die das römische Weltreich erschütterten. Aber
-bemerkenswert war es schließlich doch. Sehr sogar. Und der alte Herr
-lächelte hinterdrein auch.
-
-Am Nachmittag desselben letzten Tages vor der Berlin-Güstower
-Novemberreise trat eine kurze Ebbe ein. Es war gepackt. Die
-allernötigsten Besprechungen konnten noch beim Abendbrot erfolgen.
-Zwischendrin mußte nach Ellis Ansicht noch etwas unternommen werden.
-Damit einem die Zeit nicht zu lang wurde. Sie schlug Marga einen
-Stadtbummel vor. So zum Abschied von dem guten, alten Nest, das einem
-schon jetzt furchtbar klein und provinzmäßig vorkam.
-
-Marga war meist schwer zum Spazierengehen zu bewegen. Sie fühlte sich,
-wenn sie sich überhaupt wohl fühlte, zu Hause noch am besten. Diesmal
-willigte sie überraschenderweise sofort ein, und Elli verzeichnete den
-zweiten kolossalen Fortschritt des Tages.
-
-Es war ein kühler, selten klarer Spätherbsttag. Die Sonne schien
-rotgolden und wehmütig aus dem halb klaren, halb federwolkigen Himmel.
-Der Wind pfiff scharf um die Straßenecken. Fest und schützend drückte
-sich Elli an Marga. Auf der Brücke blies es ganz toll aus Osten. Fast
-flogen die Hüte mit auf. Der Fluß schäumte ungebärdig. Eben rasselte
-ein Kettendampfer unter der Brücke durch. Die Pfeife schrie mürrisch in
-den Wind hinein, und dann legte er sein Dampfrohr nieder, um durch den
-Brückenbogen zu kommen. Die bewimpelten Lastkähne, mit rotem Sandstein
-befrachtet, schaukelten in endloser Reihe hinter ihm drein.
-
-Die Leute blieben trotz des Windes einen Augenblick stehen und warfen
-einen Blick über das Geländer. Auch Elli hielt eine Sekunde an und
-schaute hinunter.
-
-„Was gibt's denn?” fragte Marga. Fern wie sie war, wußte sie sich
-Stillstand und Geräusch nicht gleich zu erklären.
-
-„Bloß der Kettendampfer. Komm!” Schon ging Elli weiter.
-
-„Wo kommt er denn her?” fragte sie mit einer ungewöhnlichen Bewegung
-der sonst so eintönigen Stimme.
-
-„Wer? Ach so, der Dampfer! Vom Tal herunter.”
-
-Sie gingen weiter. Margas Schritt war schleppend geworden.
-
-Elli schaute ihr ins Gesicht. Mit Staunen sah sie, wie in ihren Zügen
-eine außerordentliche Erregung arbeitete. Der kleine, unbedeutende
-Vorgang -- der alltäglichste fast, der sich denken ließ -- schien ein
-Zittern in ihre erstorbene Seele zu bringen. Eine Erinnerung schaffte
-in ihr. Auf der Sägemühle hatten sie so manchmal vom Garten aus den
-Lastschiffen zugeschaut. Vielmehr Marga hatte hinausgehorcht auf das
-Rasseln und Plätschern, und Elli mußte ihr die Kähne zählen.
-
-Elli erriet nur unklar, was sie beschäftigte. Instinktiv lenkte sie
-jedoch das Gespräch ab. Sie erzählte ihr von neuen Villen in der
-Vorstadt. Zu ihrer Beruhigung war die Erregung in Margas Antlitz bald
-wieder geschwunden.
-
-Drüben über der Brücke -- sie wollten gerade noch ein paar Schritte die
-Neustädter Hauptstraße hinaufschlendern -- liefen die Schwestern durch
-einen Zufall Cousine Grasvogel in die Hände. Natürlich wußte sie schon
-von der Reise der lieben Kinder. Es gab einen unausweichlichen Schwatz,
-einen Regen von Fragen, die Elli beantworten mußte. Die Grasvogels
-waren nämlich mit den Thieles auf Güstow, und zwar doppelt, verwandt.
-Die Richthoffs und die Thieles, der Geheimrat und der Gutsbesitzer
-waren die gesellschaftlichen Leuchten, in deren Glanz sich Cousine
-Grasvogels armes Altjungfernherz vor der Mitwelt und sich selber
-sonnte. Es gab da Grüße und Gott weiß was zu bestellen.
-
-„Wie habt ihr's gut, daß ihr noch einmal in die Nachsommerfrische
-dürft!” meinte sie begeistert.
-
-Nachsommerfrische war eine Wendung, die Elli um Margas willen unliebsam
-drohend fand. „Ja, Papa ist sehr gut. Entschuldige übrigens! Wir haben
-noch schrecklich viel zu tun und zu besorgen!” Mit geschäftiger Hast
-suchte sie sich von Fräulein Grasvogel loszuringen.
-
-Doch die witterte mit dem sicheren Sinn der gereiften Weiblichkeit
-schon länger zwischen Sommerfrische und Nachsommerfrische interessante
-Zwischenfälle oder Übergänge. Ellis Hand ließ sie los, aber dafür hielt
-sie die Margas um so fester. „Die Sägemühle ist euch aber auch gut
-bekommen, nicht wahr, Marga?” flötete sie weiter.
-
-Elli gewahrte mit Sorge, daß das Wort Sägemühle, das daheim verpönt
-war, in Margas Mienen dieselbe Unruhe hervorbrachte wie zuvor auf der
-Brücke der harmlose Kettendampfer.
-
-„Ausgezeichnet!” antwortete sie, lauter als nötig, an Margas Stelle.
-„Entschuldige nur, wir müssen --”
-
-„Natürlich, ihr habt's eilig!” versicherte Cousine Grasvogel durchaus
-verständnisvoll, aber ohne locker zu lassen. „Was mir gerade einfällt
--- ihr werdet gewiß verwundert --”
-
-„Gar nicht! Gar nicht!” rief Elli. Sie wußte nicht warum, aber sie
-ahnte, daß die gute Cousine noch mehr Unheil anrichten wollte, und
-strebte, Marga am Arm zerrend, entschieden davon.
-
-„Ach -- ihr wißt's am Ende schon lange! Nicht? Ich meine, daß der
-liebenswürdige, nette Doktor -- wie heißt er doch? -- Doktor Perthes --
-er war doch mal bei euch auf der Sägemühle, nicht? oder öfter -- und
-auf dem reizenden Gartenfest im Juni, nicht? -- daß er sich mit Alice
-Hupfeld verlobt hat? Vorgestern erfuhr ich's von --”
-
-Elli hatte Marga mit Gewalt fortreißen wollen. Aber seit der Name
-Perthes gefallen war, stand sie steif, schwer, unbeweglich. Und als
-die für beide niederschmetternde Neuigkeit heraus war, stand auch Elli
-einen Moment, wie vom Schlag gerührt, kreidebleich.
-
-Cousine Grasvogel, die es nicht bös meinte, stockte in ihrem Redefluß,
-selber bestürzt und sprachlos über die Wirkung ihrer Mitteilung.
-
-In der nächsten Minute riß Elli Marga mit einem halb wütenden, halb
-schmerzlichen Aufschrei herum und lief mit ihr, so schnell sie konnte,
-heimwärts davon.
-
-Marga selbst folgte willig und wortlos. Der Zufall wollte, daß sie fast
-an derselben Stelle, wo ihr einst Käthe über Perthes' Liebelei mit
-Hilde König eine erste Andeutung gemacht, diesen tiefen, über alles
-Verstehen schmerzhaften Streich empfing. Das dumpfe, erregte Arbeiten
-in ihren Zügen war in ein fast konvulsivisches Zucken übergegangen.
-Ihre erstorbene Seele erwachte aus der bleiernen Erstarrung von Wochen.
-Das Blut stieg und fiel in ihren Wangen mit heißen, beklemmenden Wellen.
-
-„Ich glaube, wir sollten besser mit der Elektrischen fahren!” stieß
-sie, nach Atem ringend, plötzlich hervor.
-
-„Natürlich, Margakind!” Elli hatte die nächste Haltestelle erspäht.
-Sie half Marga in den Wagen und schmiegte sich drinnen dicht an sie.
-Sprechen konnte sie nicht.
-
-Von der Station hinter dem Bahnhof erreichten sie schnell das Haus am
-Wenzelsberg. Noch zu rechter Zeit.
-
-Ein furchtbarer, herzbrechender, den Körper schüttelnder Weinkrampf
-kam über Marga. Wehrlos mußte sie sich dem Schmerz überlassen, und ihr
-lautes Schluchzen erfüllte vom Flur das Haus. Therese, Käthe, der alte
-Herr stürzten herbei.
-
-Noch nicht eine halbe Stunde später lag Marga mit hohem Fieber zu Bett.
-
-In der Nacht wurde sie bewußtlos und redete irre. Alice, Perthes, die
-Sägemühle, der rasselnde Schleppdampfer zermarterten in wirrer, grauser
-Jagd ihr Hirn.
-
-Geismar wurde gerufen. Er konnte noch kein bündiges Urteil geben,
-äußerte sich aber sehr besorgt.
-
-Am Morgen konstatierte er ein Nervenfieber.
-
-Marga reiste statt zu Thieles auf Güstow weiter, viel weiter. Bis an
-die Grenze zwischen Leben und Tod ...
-
-
-
-
-13
-
-
-Als Doktor Markwaldt, der ehemalige Kollege am Bakteriologischen
-Institut, die Kunde von Perthes' Verlobung mit Fräulein Exzellenz
-erhielt, da meinte er zu dem Überbringer, einem der Volontärärzte der
-Chirurgischen Klinik: „Da haben wir's ja! Genau, wie ich's voraussah!”
-Im Grunde seines Herzens aber war er verblüfft. Noch verblüffter aber
-war er, als er statt einer gedruckten Anzeige folgende Zeilen erhielt:
-
- Lieber Markwaldt!
-
- Sie haben, wie Sie mir gelegentlich gestanden, immer geschwankt, ob
- ich ein Faulpelz oder ein Streber sei. Ich habe mich mit Fräulein
- Alice Hupfeld verlobt. Ich denke, das wird Ihrem Schwanken ein Ende
- machen.
-
- Gruß Ihr Perthes.
-
-Zum mindesten eine originelle Art, sich selber zu denunzieren, dachte
-Markwaldt kopfschüttelnd. Als er seinerzeit am Klinikerabend, auf
-dunkle Gerüchte hin, Perthes aufgezogen und sich eine so erregte Abfuhr
-geholt hatte, war er nur aggressiv gewesen, um dem „Unergründlichen”
-einmal auf den Zahn zu fühlen. Er wußte, daß Perthes zum Richthoffschen
-Hause in naher Beziehung stand, und glaubte nicht im Ernst an eine
-Verbindung mit Hupfelds. Jetzt, wo sie doch plötzlich Wahrheit geworden
-war, schien ihm die Sache nicht ganz behaglich, und er räsonierte,
-menschenfreundlich wie er war: „Wenn sich der Junge nur nicht in die
-Nesseln gesetzt hat! Er bleibt ein verdrehtes Huhn!” Aber er bewunderte
-doch den Tiefblick Professor Hammanns, seines Chefs. Der hatte zuerst
-über Perthes das ahnungsvolle Wort „Heiratspolitiker” fallen lassen.
-Nur so ~en passant~ und als Vermutung. In Markwaldts Augen war er
-durch diese Probe weltmännischer Menschenkenntnis hoch in der Achtung
-gestiegen, und der Assistent benutzte die nächste Gelegenheit, vor ihm
-seine Bewunderung auszudrücken.
-
-Seltsamerweise nahm Professor Hammann dieses Kompliment mit mehr als
-oberflächlichem Dank auf. Der gutmütig-klatschsüchtige Markwaldt, der
-sich selber so findig vorkam und doch immer an der rechten Fährte
-vorbeilief, konnte nicht wissen, daß er seinem Chef mit seiner
-Anerkennung nur eine gemischte Freude bereitete.
-
-Denn Ludolf Hammann, um es vorweg zu sagen, trug sich seit einiger Zeit
-selbst mit heiratspolitischen Absichten. Daß er, der freiheitliebende
-Junggeselle, dessen Herz für den Sport, dann für sich und erst in
-letzter Linie für die Frauen schlug, dabei mehr der Not als der Neigung
-gehorchte, lag nahe. Für Alice Hupfeld hatte er vor Jahren mal so etwas
-wie eine Neigung zu empfinden geglaubt. Bei näherer Bekanntschaft
-mit ihren gegenseitigen Charakteren mußten sie sich beide „für den
-Ernst der Ehe ungeeignet” finden. Sie lachten sich also auseinander
-und blieben gute Freunde. Wenn der patente, wissenschaftliche Amateur
-und Zufallsgelehrte, der er war, jetzt ernstlich daran dachte, seine
-Unabhängigkeit dranzugeben, so mußte sie von anderer Seite bedroht
-sein. Seine Vermögensverhältnisse hatten denn auch -- was außer ihm
-niemand wußte -- in aller Stille einen schweren Stoß erlitten. Das
-Kapital, das ihn unabhängig machte, steckte zum größten Teil in der
-Bank eines für unbedingt sicher geltenden Onkels in den Rheinlanden.
-Diese Bank kämpfte mit der Liquidation. Hammann sah sich mit einem
-Schlag vor sehr beträchtlichen Verlusten und damit vor der Gefahr,
-seine wohlige Lebensweise in unerhörtem Maß einschränken zu müssen.
-Kein Wunder, daß er auf einen Ausweg sann, der das geringere Übel
-bedeutete, und -- ~horribile dictu~ -- sich nach einer reichen Partie
-umsah.
-
-Die akademischen Kreise der kleinen Universitätsstadt zerfielen,
-von Hammann aus gesehen, in der Hauptsache in ein modernes und ein
-rückständiges Lager.
-
-Das rückständige Lager kam für ihn nicht in Betracht. Rückständig
-waren die Professoren, denen die Gelehrsamkeit wie in alten Tagen
-ein vornehmer Selbstzweck blieb. Es waren die Leute, die er meist
-nicht einmal mit ihrem richtigen Namen kannte, alte Herren wie Vater
-Richthoff, Wilmanns und Borngräber. Jedoch nicht nur Philosophen,
-sondern auch vereinzelte Juristen, Mediziner, wie Geheimrat Geismar,
-und Theologen, von denen gar nicht zu reden war. Daß unter allerhand
-Schrullen in dieser, wie es schien, aussterbenden Kategorie von
-Hochschullehrern der beste Kern von Gediegenheit und berechtigtem
-Gelehrtenstolz steckte, war für Hammann uninteressant und nebensächlich.
-
-Wichtiger, allein wichtig war für ihn die zweite Gruppe, die neben
-der ersten allmählich als neue und moderne akademische Gesellschaft
-herangewachsen war. Zuerst und vornehmlich rekrutierte sich diese aus
-den Fakultäten, die wie die naturwissenschaftliche und medizinische dem
-praktischen Leben der Gegenwart näher standen als ihre selbstloseren
-Kollegen. Den Akademikern dieses Schlages war ein großzügiger Hang
-zum Kapitalismus eigen. Sie hielten die Legende vom Selbstzweck der
-Wissenschaft um des guten Scheines willen aufrecht, aber verstanden
-sie zeitgemäßer, also kaufmännischer. Der typische Repräsentant der
-neuen Gattung war Exzellenz Hupfeld. Leute wie Hammann, zahlreiche
-Kollegen aus den übrigen Fakultäten stellten den Chorus. Man wollte
-nicht mehr nur forschen und lehren, sondern im weitesten Sinne des
-Wortes auch leben. Alte Häuser, wie das am Wenzelsberg, mit steilen
-Weinbergen und Schnecken darin, verwunschene Butiken wie Borngräbers
-efeuumranktes Landhäuschen paßten nicht zu solchen Anschauungen.
-Gelehrsamkeit war etwas sehr Schönes, aber eine pompöse Villa im
-Villenviertel, ein altes Damenstift im Tal, kostspielige Liebhabereien,
-ein Automobil, Dienerschaft -- kurzum, Luxus war mindestens ebenso
-schön. Mit so vorgeschrittener Auffassung war aber auch die
-Exklusivität des Akademikers, die ihn bisher nicht nur aus Dünkel,
-sondern aus geistigem Unabhängigkeits- und Selbsterhaltungstrieb von
-anderen Ständen sonderte, im alten Sinne nicht aufrechtzuerhalten.
-Die moderne Hochschulgesellschaft erschloß sich denn auch naturgemäß
-Elementen, die man früher hatte abseits stehen lassen. Um sich nichts
-zu vergeben, erweiterte man die Grenze nicht nach unten, sondern nach
-oben. Nach oben freilich im wirtschaftlichen und altständischen Sinne,
-nicht im geistigen, wo ein soziales Oben und Unten nicht zu finden war.
-
-Auf dieser Verschiebung der gesellschaftlichen Grenze nach oben beruhte
-seit einiger Zeit im Kreise derer um Hupfeld der Einfluß des Grafen
-oder besser der Gräfin Hüningen.
-
-Der Graf, in sehr naher, aber nicht ganz legitimer Beziehung zu einem
-regierenden Hause stehend, hatte sein Domizil seit etwa anderthalb
-Jahren in einem kleinen Palais der Altstadt, wo im Anfang des vorigen
-Jahrhunderts eine Prinzessin ihre Witwenjahre vertrauert hatte. Nach
-reichlich bewegtem Leben als Gardeoffizier und späterer Attaché in
-Konstantinopel und anderwärts waren jetzt seine Interessen in einer
-ausschließlichen Liebe für Wappenkunst nahezu erstarrt. Man sah
-ihn fast nie, und dann nur mit der gewichtigen Miene eines von der
-Arbeit gebeugten Forschers, dem das Monokel und der Schleppschritt
-als Überbleibsel vergangener Tage seltsam unharmonisch anhafteten.
-Die Gräfin dagegen, aus der steinreichen Familie eines ostdeutschen
-Großindustriellen stammend, von mütterlicher Seite Amerikanerin, war
-trotz ihrer fünfundvierzig oder mehr Jahre noch immer eine beinahe
-jugendliche Erscheinung. Stattlich, sehr gewählt in ihrem Geschmack,
-gewandt und geistreich in ihrem Auftreten, hatte sie sich überraschend
-schnell in der vorgeschrittenen akademischen Gesellschaft zu einer
-tonangebenden Stellung emporgeschwungen, die ihr allerdings die
-„Rückständigen” nicht eingeräumt hätten. Mehr und mehr bildete sie mit
-Exzellenz eine Doppelsonne, und Hupfeld, dessen Frau zur Repräsentation
-wenig geschaffen war, ließ sich die Teilung seiner Gewalt gefallen,
-da die Gräfin es verstand, dem großen Manne zu schmeicheln. In ihrem
-Geleit, man konnte auch sagen, in ihrem Schatten, trat ihre Tochter
-Edith in die Gesellschaft. Sie hatte von der Mutter ein sehr hübsches
-Gesicht, vom Vater eine Indolenz und geistige Armut geerbt, die der
-Beweglichkeit der Mutter als Folie diente. In sachlicher Würdigung
-aller Umstände widmete sich Professor Hammann als ziemlich einziger
-Verehrer der gutmütig-beschränkten Komtesse Edith.
-
-Während Hammann mit seinen heiratspolitischen Absichten sich in
-einer durchaus vertrauten Sphäre bewegen konnte, mußte Perthes, der
-mit beiden Füßen von einem Lager ins andere gesprungen war, aus der
-einfachen Behaglichkeit des Richthoffschen Hauses in die üppige, große
-Welt der Hupfeld und Hüningen, sich an die neue Umgebung erst gewöhnen.
-Doch das ging fürs erste überraschend gut und leicht. Dem glücklichen
-Bräutigam zeigte sich das veränderte Dasein einstweilen nur von der
-angenehmsten Seite. Nach der Bekanntmachung der Verlobung begann
-ein wahrhaft verteufelter Reigen von Besuchen und Einladungen, von
-liebenswürdigen Familienfesten, Aussteuerkäufen und Zukunftsberatungen.
-Es gab Tage, an denen er und Alice kaum einen Moment erhaschten, um
-hinter irgendeiner Flügeltür der weiten, überladenen Zwölfzimmeretage,
-die Hupfelds im Winter in der Stadt bewohnten, sich die Lippen wund
-zu küssen. Aber gerade die seltene Möglichkeit, sich allein zu haben,
-die Atemlosigkeit eines immerwährenden Taumels, der sie auseinanderriß
-und nur eben zwischen Tür und Angel den Vorgeschmack einer tollen
-Verliebtheit kosten ließ, erhöhte für ihn und Alice den Reiz. Diese
-vergnügliche Jagd war wie geschaffen, um sie ihm immer neu, immer
-lockend als das verführerische Irrlicht zu zeigen, das er begehrte, und
-auch ihr die Freude an ihrem „Räuberhauptmann”, wie sie ihn endgültig
-getauft hatte, in der rechten Spannung zu erhalten. Die Bewußtheit,
-mit der Perthes sich in den Wahn auch dieses so ganz anders gearteten
-Glückes hineingepeitscht hatte, schien schneller, als er erwartet, in
-die Illusion völliger Befriedigung überzugehen. Er konnte tagelang
-vergessen, mit welcher dämonischen, ja zynischen Gewaltsamkeit er die
-Verlobung mit Alice angestrebt und herbeigeführt hatte. Wohl konnte ihm
-in einem Moment der Selbstbesinnung einmal die Frage auftauchen, ob
-es mit rechten Dingen zuging, daß er mit solcher Geschwindigkeit zum
-Oberflächlichen und Mittelmäßigen „genas”. Aber derartige Momente waren
-selten, und er tat, was er vermochte, um sie noch seltener zu machen.
-
-Die Hochzeit war auf Mitte Januar festgesetzt.
-
-Ein einziges Mal, in den geräuschvollen Bräutigamswochen vor
-Weihnachten, wurde Perthes von einem ernstlichen Rückfall bedroht. Es
-war an einem Sonntagmittag. Das intime Familiendiner bei Hupfelds war
-um ein paar Gedecke erweitert worden. Unter anderem war ein früherer
-Schulfreund von Leutnant Moritz, ein junger Assistenzarzt der Inneren
-Klinik, zu Tisch geladen. Perthes unterhielt sich gerade mit Alice über
-die unmittelbar bevorstehende Verlobung von Professor Hammann und Edith
-Hüningen. Da machte ihn eine Äußerung des gegenübersitzenden Kollegen
-aufhorchen. Dieser sprach mit seiner Tischnachbarin, einer Studentin
-der Medizin, zwei Worte über einen schweren Fall von Nervenfieber in
-seiner Klinik und nannte zufällig den Namen eines Fräulein Richthoff.
-Perthes erblaßte und ließ seine Gabel ziemlich laut auf den Teller
-klirren. Er hatte sich jeder Erkundigung nach Marga, so schwer es ihm
-bisweilen wurde, streng enthalten. Der neue Kreis, in dem er jetzt
-ausschließlich verkehrte, berührte sich kaum mit dem früheren, so daß
-ihm keine Nachrichten von drüben zukamen. Nun traf ihn diese Kunde,
-die er instinktiv auf Marga bezog, mit voller Wucht. Er mußte sich
-beherrschen, um bei Tisch bleiben zu können.
-
-Alice war die einzige, die seiner Bewegung Beachtung geschenkt hatte.
-Neugierig sah sie in sein durch die Aufregung verändertes Gesicht.
-Sie hatte den Namen Richthoff so gut gehört wie er. Sie wußte, daß
-zwischen ihm und den Richthoffschen Mädchen irgend ein Zusammenhang
-bestanden hatte, war aber, wie es so geht, immer wieder von einer Frage
-abgedrängt worden. Jetzt hätte sie gern ihre Neugierde befriedigt.
-Doch die Gelegenheit war nicht günstig dafür. Sie beschloß ihn nachher
-auszufragen.
-
-Gleich nach Aushebung der Tafel verschwand Perthes mit einer flüchtigen
-Entschuldigung.
-
-Ohne Überlegung, nur seinem Gefühl folgend, eilte er auf dem nächsten
-Weg zur Inneren Klinik.
-
-Dort ließ er durch den Pförtner den Kollegen bitten, der den
-Sonntagnachmittagsdienst hatte. Es war ein stiller, argloser, nur
-seinem Beruf ergebener Mensch. Perthes brauchte keine Umschweife zu
-machen. Er fragte also nach Marga Richthoff. Der Assistenzarzt wußte
-sofort Bescheid. Mit einer Teilnahme, die verriet, daß er der jungen,
-blinden Patientin etwas mehr als das übliche Berufsmitgefühl zugewandt
-hatte, erzählte er, daß am Tag vorher die Krisis eingetreten sei. Aller
-Voraussicht nach sei das Fieber gebrochen und die Gefahr überwunden.
-Perthes stellte noch einige fachmännische Fragen über den Verlauf der
-Krankheit, bedankte sich und ging davon.
-
-An der Befreiung, die er nach günstigem Bescheid empfand, merkte er,
-daß er eine Wunde besaß, die nicht aufbrechen durfte. Er gestand es
-sich nicht, aber er wußte, daß die entgegengesetzte Nachricht ihn
-vernichtet hätte.
-
-Eine halbe Stunde nachher war er wieder bei Alice.
-
-Sie stellte ihn zur Rede, wo er gewesen, und wollte, als er auswich,
-auch auf die Frage zurückkommen, die sie bei Tisch unterdrückt hatte.
-Er schloß ihr den Mund mit Küssen und lenkte hartnäckig ab. Er hatte
-diesen Rückfall abgetan und wollte an nichts mehr erinnert sein.
-
-In den wenigen Tagen, die noch bis Weihnachten übrig blieben,
-beschäftigten die hundert Fragen von Einrichtung und Wohnung das
-Brautpaar und die Eltern Hupfeld. Über die Wohnung gab es eine kleine
-Meinungsverschiedenheit. Exzellenz war der Ansicht, daß sein künftiger
-Schwiegersohn sich eine der niedlichen Villen kaufen müsse, die in der
-Neustadt täglich wie Pilze aus der Erde schossen. Alice hatte das von
-Anfang an nicht anders erwartet. Dagegen hatte Perthes seine Bedenken.
-Sein eigenes kleines Vermögen -- daraus hatte er nie ein Hehl gemacht
--- war im Lauf seiner Studien und im häufigen Wechsel der Stellungen,
-die sein wiederholtes Umsatteln mit sich brachte, so gut wie
-aufgezehrt. Das Gehalt eines ersten Assistenten an der Chirurgischen
-Klinik, wenn es auch nicht schlecht bemessen war, reichte noch nicht
-einmal für ein einigermaßen angenehmes Leben zu zweien, wie es Fräulein
-Exzellenz gewöhnt war. Dazu mußte die stattliche Rente mithelfen, die
-sie als Mitgift bekommen sollte: um diese Abhängigkeit konnte Perthes,
-so sehr sich sein Selbstgefühl dagegen sträubte, nicht herumkommen.
-Desto fester war er entschlossen, sich dem Geheimen Rat nicht noch mehr
-zu verpflichten. Wovon sollte er aber aus eigener Kraft eine Villa
-kaufen?
-
-Hupfeld ließ schon einen Agenten kommen. In Gegenwart der ganzen
-Familie wurden Pläne von entzückenden Landhäusern besichtigt. Eins, das
-in einer nagelneuen Bergstraße fix und fertig stand, fand allgemeinen
-Beifall. Nach weitläufigen, fröhlichen Beratungen über die Verteilung
-der Zimmer, Gartenanlagen, Wahl der Tapeten und so weiter zogen die
-Damen sich zurück. Der Agent machte den Herren seine geschäftlichen
-Vorschläge. Die Gesellschaft, die er vertrat, bot glänzende Bedingungen
-bei einer verschwindenden Anzahlung. Auf diese Weise wurden im
-Handumdrehen fast alle Akademiker zu Hausbesitzern gemacht. Perthes
-benahm sich gegenüber der Verlockung sehr kühl und widerstrebend.
-Exzellenz begriff erst nach und nach den Grund. Man verabschiedete
-den Agenten, ohne sich gebunden zu haben, und sprach sich offen
-aus. Hupfeld erklärte mit dem feinen Lächeln des wohlwollenden
-Grandseigneurs die Bedenken von Perthes für sehr ehrenwert, aber nicht
-stichhaltig. Diese paar tausend Mark Anzahlung waren eine Lappalie.
-Er wollte sie dem jungen Paar mit Vergnügen zum Geschenk machen. Als
-Perthes sich dagegen mit dankbarer Entschiedenheit wehrte, wurde der
-Geheime Rat ungeduldig, beinahe ungnädig. Von einer Mietvilla, wie
-Perthes sie vorschlug, wollte er nichts hören. Seine Alli hatte ja nun
-auch gerade an diesem Häuschen besonderen Gefallen. Er nannte Perthes,
-der in ein Geschenk durchaus nicht willigen wollte, einen Starrkopf und
-erbot sich, die Summe nur vorzuschießen. Damit mußte Perthes, wenn auch
-ungern, sich schließlich zufrieden geben.
-
-Weihnachten war da. Die Festtage zu Hause zu feiern, war seit einigen
-Jahren nicht mehr fair. Hupfelds gingen gewöhnlich für sechs bis acht
-Tage nach St. Moritz. Da indessen die Hochzeit vor der Tür stand und
-der Leutnant seine ledige Alli auch noch mal genießen wollte, wie
-er aus Freiburg schrieb, wählte man diesmal den näheren Feldberg.
-Im Schwarzwald war viel Schnee gefallen Der Wintersport versprach
-köstliche Feiertage ...
-
-Am Tag vor dem heiligen Abend fuhren die Eltern Hupfeld mit Alice. Am
-ersten Feiertag kam Perthes nach. Er fuhr im selben Zug mit der Gräfin
-Hüningen, mit Hammann und dessen Braut, Komtesse Edith. Aus einem
-Coupéfenster dritter Klasse winkte Markwaldt, der in seinem Sporthabit
-wie ein Salontiroler aussah.
-
-Auf dem Feldberg waren Rodelsport und Skilauf in vollem Gange. Im Hotel
-drängte sich eine internationale Gesellschaft, in der auch Offiziere,
-Korpsstudenten, Professoren nicht fehlten. Ein Staatssekretär aus
-Berlin, ein siamesischer Prinz, ein amerikanischer Boxcalfmillionär
-bildeten die Zentralgestirne. Alice, die außer Cousine Hilla neuerdings
-Edith Hüningen unter ihre Fittiche genommen hatte -- um Hammann bei
-seinen „Pygmalionsversuchen” zu helfen, wie sie boshaft erklärte
---, war ganz in ihrem Element. Während Papa Hupfeld sich mit dem
-Staatssekretär auf der Basis gemeinsamer Exzellenz vorzüglich verstand,
-ließ sie sich von der schlitzäugigen Siamesenschönheit Schmeicheleien
-sagen und neckte den Boxcalfmann bis aufs Blut.
-
-Perthes, der mitten aus schwerer Arbeit kam, wurde es weniger leicht,
-sich in diesem eigentümlichen Weihnachtstrubel wohl zu fühlen. Alice
-erklärte, ihr Räuberhauptmann sei und bleibe zwar der netteste und
-famoseste Junge in dieser internationalen Raritätensammlung, aber er
-müsse eifersüchtig gemacht werden. Mit ihren Manieren eines Gamin,
-ihren drolligen Bosheiten und Unarten machte sie sich Sklaven und
-Anbeter. Aber Perthes hütete sich, eifersüchtig zu sein. Zum mindesten
-es zu scheinen. Wenn er sie dann glücklich vor sich im Davoser
-Schlitten hatte, mit ihrer engen, weißen Jacke und der schiefen
-Eismütze, preßte er sie mit jener zornigen Leidenschaftlichkeit an
-sich, die sie so oft in ihm weckte, und sie sausten mit Hojo an den
-verschneiten Tannen vorbei zu Tal ...
-
-Nach Neujahr kam im Eilschritt die Hochzeit. Ein prunkvoller Festtag
-rauschte vorbei: rührend in der Kirche -- denn man hielt auf religiösen
-Anstand --, lärmend, luxuriös auf dem in blühenden Sommer verwandelten
-Stift Nieburg. Am Abend ein und desselben Tages, an dem Marga, in
-Tücher und Decken gehüllt, von Elli gestützt, von Vater Richthoff
-und Käthe beaufsichtigt, ihren ersten, minutenlangen Gang durch den
-besonnten Hof am Wenzelsberg unternahm, brachte das Automobil Doktor
-Perthes und Frau Alice, geborene Hupfeld, nach der Bahn.
-
-In Südfrankreich, später in Neapel flogen dem jungen Ehepaar die
-Wochen der Reise in zeitloser Wonne vorbei. Trunken vom Glück einer
-entzügelten, unerschöpflich scheinenden Verliebtheit sahen sie einer
-den anderen im zauberhaften Licht immer neuer Reize. Sie dünkten
-sich andere Menschen geworden zu sein mit nie geahnten, unbegrenzten
-Möglichkeiten ihrer selbst und allen Daseins.
-
-Im Februar kamen sie zurück.
-
-Der Geheime Rat holte sie ab und führte sie im Triumph in das
-entzückende, über Erwarten bequem und elegant ausgestattete Heim, wo
-Mama Hupfeld mit unwandelbarer, dicker Kindlichkeit sie empfing.
-
-Nachher jagten sie sich wie die Jungens durch ihre Zimmer.
-
-Auf der Rückreise waren sie etwas schlaff geworden. Ein klein
-wenig Katerstimmung hatte sich einschleichen wollen -- nun die
-Alltäglichkeit vor ihnen, das Außergewöhnliche hinter ihnen lag.
-
-Jetzt, beim ersten Schmaus zu zweien, im eigenen Nest, verkündete
-Perthes, daß es für ihre Liebe überhaupt keinen Alltag gäbe, und Alli
-bekräftigte diese Devise mit ihrem hellen, kurzen, aufreizenden Lachen,
-das sich stärker erwiesen hatte als alle seine gemütvollen Torheiten
-aus längst vergangener Zeit.
-
-
-
-
-14
-
-
-Der frische Luftzug, der dünne, schräge Sonnenstrahl, den Vater
-Richthoff durch den gutgemeinten pommerschen Reiseplan hatte in sein
-Haus locken können -- wie flüchtig und trügerisch war er gewesen! Wie
-schnell sollte die Hoffnung, die ihn aufatmen und Elli eine ganze Kur
-ersinnen ließ, um Marga „unter Freude zu setzen”, von verdoppeltem
-Kummer, vervielfachter Sorge verschlungen werden! Schicksal und Natur
-hatten es mit Marga anders vor als väterliche Güte und schwesterlicher
-Feuereifer ...
-
-Trotz aller Weisheit unserer heutigen Medizinmänner ist ein seelisches
-Prinzip der Träger des Lebens. Wenn das Leid an seine Wurzel trifft,
-gilt kein Flicken und Kleistern mehr. Allenfalls gibt es ein müdes,
-seelenloses Vegetieren, das der Körper mechanisch fristet, aber kein
-Gesunden zu neuem Menschentum. Die abgestorbene Wurzel treibt nicht
-mehr. Vielleicht birgt das Erdreich, dem sie entsprang, eine zweite
-Lebensmöglichkeit. Aber dann müßte die verkümmerte Wurzel schwinden;
-es müßte ein frischer, jungfräulicher Boden zurückbleiben können. Die
-Natur, die immer nur Bedingung ist und nicht Grund, kann diesen Boden
-bereiten. Sie liebt die toten Wurzelstrünke nicht. Wenn sie beginnen,
-den Organismus zu schädigen, hebt der Kampf um Sein oder Nichtsein
-an, und die größte Gefahr birgt die größte Hoffnung. Nach schwerem
-Ringen entscheidet sich der Sieg des Körpers über die feindliche und
-doch freundliche Krankheit. Die erstorbene Wurzel ist vernichtet, die
-alte Seele dem Erdboden gleich gemacht, dem neuen, keimempfänglichen,
-lockerscholligen Ackerland. Wird ein junger Keim sprießen? Wird aus dem
-Schoß des Unendlichen ein neuer Trieb hervorbrechen? Das weiß nur das
-Schicksal allein. Denn das Schicksal bestellt die Saat, wie die Natur
-den Boden bereitet ...
-
-Den schwülen Wochen folgten die Wochen des Unwetters. Aber der
-verdoppelte Kummer, die vervielfachte Sorge waren nicht grausamer als
-das traurige, schleichende Harren ohne Hoffnung. Man stand ehrlich
-Feind gegen Feind. Es war ein harter, wehvoller Streit, und die ihn mit
-Marga stritten, hatten die Befriedigung, wenigstens ihre Tapferkeit
-erweisen zu dürfen. Der alte Herr trug mutig seine Fahne. Die römischen
-Cäsaren brauchten sich ihres Meisters nicht zu schämen. Er war, wie
-alle guten Meister, auch ein guter Schüler in seiner eigenen Schule.
-Und Käthe und Elli schlossen sich an ihn in festerer Liebe denn je.
-Erst daheim und dann, als die Gefahr den Gipfel erstieg, draußen
-in der Klinik war all ihr Denken und Fühlen bei der Kranken. Wenn
-es sein Beruf und die häuslichen Arbeiten irgend erlaubten, ging
-Richthoff am Morgen und Abend selber nach dem klinischen Viertel und
-holte bei Geismar, bei einem Assistenten, bei den Krankenschwestern
-den Bericht der Stunden. Dazwischen kamen und gingen Käthe und Elli
-in friedlichem Wetteifer. Nach langem Warten oft nur ein Wort zu
-erhaschen, war schon eine Belohnung. Wenn der Geheimrat und Käthe
-nicht gewesen wären: Elli hätte das Krankenzimmer Margas aller Gefahr
-und jedem Widerstand der Ärzte zum Trotz einfach gestürmt. Ihre Liebe
-war in der Sorge so ungestüm wie in der Freude. Man kannte sie in
-der Klinik vom Pförtner bis hinauf zum Direktor, und wenn sie kam,
-wappnete sich jeder gegen ihre impulsive Liebenswürdigkeit, ihre
-nie entmutigte Überredungskunst. Und dann, als das Fieber sank, die
-Ansteckungsgefahr gewichen war, als erquickender, stärkender Schlaf
-Marga umfing, war Elli die erste, die sie sehen mußte: an der Tür
-stehend, auf den Fußspitzen, mit den strahlenden, tränenschimmernden
-Augen, vom Arzt und der Krankenschwester im Schach gehalten, damit sie
-nicht auf ihr blasses, abgemagertes, verzehrtes Margakind losstürzte
-und das „Häuflein Mensch”, das da so still und verfallen der Genesung
-entgegenschlummerte, in ihren Armen zerdrückte.
-
-Langsam, ganz langsam ging es bergauf. Jede Station nach oben wurde mit
-dankbarem Jubel begrüßt. Zehn Tage nach Neujahr erlaubte Geismar die
-Überführung Margas nach dem Wenzelsberg.
-
-Trotz der eisigen Winterluft stand der alte Herr, leichtsinnig wie
-ein Junger, nur durch den aufgestülpten Rockkragen und das übliche
-Samtkäppchen sich schirmend, im Vorgarten auf Posten. Als er den
-Wagen aus der Querstraße heraufbiegen sah, ging er vorsichtshalber
-ins Haus. Er wußte, daß er diesmal seine überzeugte Abneigung gegen
-„Gruppenbildungen” unmöglich würde aufrecht erhalten können. Sie
-mochten sich aber dann wenigstens nicht vor unberufenen Augen
-vollziehen.
-
-Lieber Gott, wie lange die Mädels brauchten! Er wartete ja schon ewig
-auf dem ersten Treppenabsatz, wohin er sich zurückgezogen hatte, um in
-jedem Fall über der Situation zu bleiben. Therese stand schon längst
-unter der Glastür und wischte sich zum zwanzigstenmal die Hände an der
-Schürze ab, um Fräulein Marga zu begrüßen.
-
-Und dann brachten sie sie. Halb getragen, halb geschoben kam sie durch
-die Tür. Auf dem blassen Gesicht, in den zielverlorenen Augen glänzte
-ein Widerschein von all der wärmenden Liebe, die sie umhüllte. Therese
-sagte ihr „Grüß Gott!” Marga erwiderte mit ihrer sanften, herzlichen
-Stimme.
-
-Bei diesem Ton fiel dem alten Herrn plötzlich ein, wie es gewesen wäre,
-wenn er die Stimme dieses seines blinden Sorgenkindes nicht wieder im
-Haus am Wenzelsberg gehört hätte. Und da hielt er sich nicht über der
-Situation. Er stieg hinunter von seinem Treppenabsatz, und es gab eine
-richtige Gruppenbildung, an der er selber mit zwei Küssen auf Margas
-Wangen sehr gravierend beteiligt war.
-
-„Nicht wieder solche Geschichten machen. Ja nicht! Herzlich willkommen.
-Sich setzen! Sich stärken! Ausruhen!” Einmal ums andere strich er
-die Haare über Margas Schläfen zurecht, die wenigen zarten, die die
-Krankheit ihr gelassen. Er selber führte sie ins Eßzimmer und setzte
-sie in den Lehnstuhl, der sein Privileg war. Elli erklärte feierlich,
-es sei einfach unmöglich, daß andere Menschen sich so freuen könnten
-wie die Richthoffs. Und Käthe vollendete in stummer Beglücktheit einen
-schönen, tiefgründigen Satz für ihr Tagebuch, der verdient hätte,
-gedruckt zu werden ...
-
-Das erste Viertel des neuen Jahres brachte Schritt für Schritt den
-alten guten Geist in das Haus am Wenzelsberg. Nun war Vater Richthoffs
-„Bande” wieder beisammen. Nun trat er seine Paschawürde wieder an.
-Während der zweite Teil der ersten Abteilung der „Kaisergeschichte”
-seinem Ende entgegengedieh, erlebte er es, daß die Türen wieder
-unerlaubt ins Schloß knallten und Ellis Lachen aus der Dachstube oder
-vom unteren Flur in seine Zettelwirtschaft und sein Miniaturgekritzel
-hineinschmetterte. Er schmunzelte, wurde bös, stand auf, schob das
-Käppchen von einem Ohr aufs andere und donnerte, Ruhe gebietend, durch
-den Türspalt. Die Cäsarengeister spitzten ihre Ohren wie kampfmutige
-Rosse beim vertrauten Schlachtruf und stritten sich hinterdrein um die
-Ehre, vom Gänsekiel des alten Herrn gelobt oder getadelt zu werden.
-
-Erst der Frühling, der im Weinberg schüchterne Krokus und naseweise
-Maiglocken an die Sonne trieb, gab Marga ein wenig Rot in die Wangen
-und kräftigte ihre schmächtig gewordenen Glieder. Was in ihr wurde und
-wuchs, hervor aus neuem, unberührtem Boden, verriet sich kaum. Das
-Vergangene, das herbe Leid des Herbstes, schien wie in fernem Dunst
-zerflossen zu sein. Die Krankheit hatte ihre Erinnerung geschwächt.
-Weite Strecken des Gewesenen schienen wie ausgelöscht oder dämmerten
-ohne ernsten Zusammenhang. Erst allmählich traten die Geschehnisse
-in matterem, verändertem Licht wieder in ihr Bewußtsein. Sie sprach
-nie davon, und Vater Richthoff und die Geschwister hüteten sich in
-begreiflicher Scheu, daran zu rühren. Die Traurigkeit der großen Leere
--- war von ihr gewichen. Dankbar empfanden es die, die sie umgaben.
-Laut und allzu lebhaft war sie auch in den Tagen ihres höchsten Glücks
-nicht gewesen. Man war es deshalb schon zufrieden, daß sie nun wieder
-sanft und leise ihren Platz unter den Schwestern innehatte. Das Klare,
-Tapfere, Offene ihres Wesens, der Reichtum und die Reife inneren
-Schauens und Erlebens -- all das regte sich noch kaum in ihr. Es war
-schattenhaft und rissig wie ihre Erinnerung. Aber sie war dem Tode zu
-nahe gewesen, als daß das wiedergewonnene Leben mit dem erwachenden
-Frühling seine zaghafte Lust hätte zurückhalten können. Sie wollte
-wieder. Und wenn es nur war, daß man sie in die Sonne führte, mit ihr
-plauderte, ihr Blumen pflückte und vorlas. Einmal, als sie mit Elli
-sich zum erstenmal emporwagte bis zum Philosophenweg im Weinberg, wo
-hinten auf dem Wiesenhang die Pfirsichbäumchen zu blühen anfingen
-und im junggrünen Schlinggewächs die Finken ihre Triller probierten,
-breiteten sich ihre Arme wieder weit, so weit, und ihr Kopf warf sich
-zurück, als wollte sie die Sonne suchen, die sie umrieselte. Sie wollte
-wieder leben. Sie wollte vom Schicksal wieder ihr Teil empfangen: eine
-neue Saat für eine neue Seele ...
-
-Noch vor Semesterschluß brachte der erste Frühling eine Überraschung.
-
-Als sollte ein frohes Ereignis bezeugen, daß es das neue Jahr im Ernst
-besser meine als das verstrichene. Bei Käthe zeigten sich seit einiger
-Zeit Symptome einer größeren Nachdenklichkeit, Verschlossenheit und
-Weltklugheit als sonst. Irgend ein sehr wichtiges Problem schien sie
-und ihr Tagebuch zu erfüllen. Nach Weihnachten hatte Richthoffs
-Schüler, der Privatdozent Bertelsdorf, dessen Tenor im akademischen
-Gesangverein eine Rolle spielte, eine seltene Beharrlichkeit darin
-gezeigt, Käthe nach den Proben heimzubegleiten. Käthe hatte sich bei
-Bertelsdorfs Aufmerksamkeiten bisher nie viel gedacht. Sie kannte seine
-Schwäche, sich bei den Professoren durch einen recht biegsamen Rücken
-lieb Kind zu machen. So erklärte sie sich auch die Häufigkeit, mit der
-er, im Wetteifer mit dem Flanellstorch, bei geselligen Veranstaltungen
-sie zur Tischdame begehrte; so auch, freilich nicht mehr ganz
-zweifellos, sein Auftauchen in Kissingen. Im übrigen konnte man sich
-mit ihm sehr gescheit unterhalten. Sie war empfänglich für allerlei
-wissenschaftliche Belehrungen, die er zu geben wußte; er war ein
-geduldiger Zuhörer für Käthes Lebenserfahrung und Weltweisheit -- das
-wog bei ihr seine Liebedienerei beinahe auf. Er hatte die Fähigkeit,
-sich ihr unterzuordnen, was für ihre Beurteilung von Menschen und deren
-Wert gar keine nebensächliche Rolle spielte. Als er jedoch eines Abends
-auf dem Heimweg von der Messiasprobe einen regelrechten Antrag mit ~a~,
-~b~ und ~c~ entwickelte, überraschte er sie doch. Sie sagte zuerst
-rund heraus nein. Als sie aber ans Richthoffsche Vorgartentor gekommen
-waren und Bertelsdorf, beharrlich wie er war, seine Werbung noch einmal
-zur Diskussion stellte, versprach sie wenigstens, sich die Sache zu
-überlegen.
-
-Zunächst nur aus Artigkeit. Dann aber ging sie mit sich zu Rat -- in
-all der Rechtschaffenheit, die ihr eigen war. Einige Wochen dauerte es.
-Nun hatte zwar ihr Nein sich durchaus noch in kein Ja verwandelt, aber
-die Wage stand annähernd im Gleichgewicht. Und da machte Bertelsdorf
-einen Vorstoß auf eigene Faust: er hielt in einem sehr detaillierten
-Brief, der auch philologisch bemerkenswert war, bei Geheimrat Richthoff
-in aller Form um seine älteste Tochter an.
-
-Vater Richthoff hatte nach seinen jüngsten Erfahrungen einen Horror
-vor Brautwerbungen. Anderseits war ihm der Gedanke, daß seine Töchter
-dem üblichen Los anderer junger Mädchen nicht für immer ausweichen
-könnten, wenigstens nicht mehr vollkommen neu. Es schien nun einmal in
-den Sternen zu stehen, daß er in die Ära hochzeitlicher Bedrängnisse
-eingetreten war. Bei Käthe fielen die Bedenken fort, die den Entschluß,
-als es Marga galt, so erschwert hatten. Bertelsdorf war ihm als Schüler
-wert, wenn er auch an ihm als Menschen manches auszusetzen hatte.
-Mehrere möglichst geheime Konferenzen mit Käthe folgten. Das Ergebnis
-war, daß der Privatdozent der letzten beiwohnen durfte. In aller
-Stille, ohne zu große Aufregung, verlobten sich die jungen Leute, und
-der alte Herr gab seinen Segen.
-
-Es war Käthes eigener taktvoller Wunsch, daß Marga so schonend wie
-möglich von diesem Ereignis unterrichtet werden sollte. Elli wurde
-zur Mittelsperson ausersehen und zuerst von Käthe eingeweiht. Ihr
-fröhliches Herz, zur Mitfreude so geschaffen, machte sich in vielen
-Umarmungen der Braut Luft. Sie versprach, ihr Bestes zu tun.
-
-Es sind oft nicht die schlechtesten Diplomaten, die von Diplomatie
-keine Ahnung haben. Elli behandelte Marga zwei Tage hindurch mit sehr
-durchsichtigen Vermutungen und Andeutungen, bis dieser gar nichts
-anderes übrig blieb, als das Vorgefallene zu erraten. Sie erbleichte
-wohl; ihre Lippen zitterten, und ihre Augen senkten sich in einer
-schmerzhaften, traurigen Anwandlung. Aber das Vergangene hatte keine
-Gewalt mehr über ihren neuen, jungen Willen, zu leben. Im Gegenteil:
-die Nachricht fiel wie ein erstes Saatkorn auf den fruchtwilligen
-Boden. Es regte sich in ihr etwas von ihrer früheren Tapferkeit. Sie
-ließ sich von Elli geradeswegs zu Käthe führen und brachte ihr mit
-warmen, ungekünstelten Worten ihren Glückwunsch. Käthe war gerührt. Und
-der Geheimrat, der gerade dazukam, war bei sich auf sein Sorgenkind
-noch stolzer als auf die Braut, die er nun doch ins Haus bekommen hatte.
-
-Die Ostertage, mild und sonnenreich, voll Verheißung des jungen
-Frühlings für die alte Erde, ließen das Haus am Wenzelsberg nach innen
-und außen so recht im gewohnten Schimmer seiner guten, warmherzigen
-Behaglichkeit aufleuchten. Kaum war die Verlobungsneuigkeit in die
-Stadt geflattert, so kamen in langen Zügen die Freunde des Hauses.
-Papa Wilmanns rückte mit Frau und Töchtern an und schalt laut durch
-alle Zimmer, sein Kollege Richthoff sei ein Heimtücker und Duckmäuser,
-genau wie Borngräber. Auch ein Komödiant. Nun sehe man, was er den
-Winter über ausgeheckt habe, als er so unleidlich gewesen. Borngräber
-erschien natürlich auch. Er hatte sich eine sinnige kleine Ansprache
-ausgedacht, aber als er glücklich so weit war, hatte er vergessen,
-um was es sich genauer handelte, und sprach in dunklen Worten von
-einem frohen Ereignis. Man hätte ebensogut meinen können, er käme,
-um Richthoff zur Großvaterschaft zu gratulieren. Weiter kam Frau
-Geheimrat Achenbach mit ihren hoheitsvollen, weißen Scheiteln und dem
-Krückstock; Cousine Grasvogel, ein bißchen kleinlaut nach ihren letzten
-unglücklichen Leistungen, aber voll ehrlicher Rührung; Fräulein Lizzie
-aus der Uferstraße; der Flanellstorch, sehr geknickt und nervös, und
-viele andere: eine ganze Defiliercour, die der alte Herr an der Seite
-des Brautpaars voll Würde abnahm. Elli und Marga standen abseits in
-der Glasveranda vor dem Salon, die die Gratulanten in ein blumenbuntes
-Gewächshaus verwandelten. Auch sie bekamen viel Freundliches zu hören.
-Elli wünschte man Glück, so oft man sie sah, „einfach, weil so was
-existierte”, wie Frau Achenbach scherzend meinte, und Marga, weil alle
-sich freuten, sie wieder gesund zu sehen ...
-
-Niemand ahnte, wie bald sich die hellen, traulichen Räume am
-Wenzelsberg den gleichen, aber so ganz anders gestimmten Gästen öffnen
-sollten ...
-
-Geheimrat Richthoff hatte gleich nach Ostern, ehe die Vorlesungen des
-neuen Semesters wieder begannen, eine langersehnte, für die Forschungen
-der Kaisergeschichte notwendige Italienfahrt geplant. Nach den
-mancherlei seelischen Aufregungen des Winters versprach er sich von
-den paar Wochen im Süden auch für seine Erfrischung das beste. Alle
-Vorkehrungen waren getroffen. Der alte Herr fühlte seine jugendliche,
-unerschöpfliche Begeisterung erwachen, wie sie ihn immer überkam, wenn
-er nach Jahren wieder klassischen Boden unter die Füße bekommen sollte.
-
-Hofrat Geismar machte ihm einen dicken und harten Strich durch seine
-frohe Rechnung. Als er sich ihm vorsichtshalber vor der Reise noch
-einmal stellte, mehr besuchs- als konsultierenderweise, riet ihm
-der ärztliche Freund kurzerhand von der Italienfahrt ab. Wie seine
-Herztätigkeit dermalen beschaffen sei, wäre Gleichmäßigkeit der
-Lebensweise gebotener als Veränderung.
-
-Richthoff beschimpfte Geismar und die ganze Sippe der Ärzte als
-Kurpfuscher und Freudenverderber aufs ehrenrührigste. Lange trug er
-sich mit der Absicht, trotzdem zu reisen. Aber dann kapitulierte er
-doch vor der „Quacksalberei”. Für seine Mädels, die sich über seinen
-jähen Planwechsel verwundern mußten, erfand er eine Geschichte in
-grimmigen Bruchstücken: eine unerwartete Arbeit sei in die Quere
-gekommen. Und er blieb. Den anderen Rat Geismars, sich auch zu Hause
-in den Ferien etwas Ruhe und Ausspannung zu gönnen, befolgte er nicht.
-Unter keinen Umständen sollten ihn diese tyrannischen Menschenschinder
-zum weichlichen Sybariten machen. Als echter Protestler rauchte er
-zwischen seinen erbärmlichen, nikotinfreien Strohstengeln eine halbe
-Kiste anständiger Havannazigarren, Importen, die ihm ein Verehrer in
-Bremen mit launigen Versen dediziert hatte.
-
-Das Semester begann.
-
-Die Sprechstundenbesucher kamen. Unter den ersten befand sich eine
-junge, hochgewachsene, brunhildenhafte Livländerin. Sie hatte dem
-Geheimrat, der bisher keine Damen zugelassen hatte, die Erlaubnis schon
-im Wintersemester halb abgetrutzt, halb abgeschmeichelt. Das heißt, der
-alte Herr machte bei ihr nur insofern eine Ausnahme, als er nicht, wie
-er das sonst gelegentlich getan, im Kolleg auf die Dame zuschritt und
-ihr mit grimmiger Galanterie den Arm bot, um sie hinauszugeleiten. Er
-duldete sie. Nicht weil er von seinem Grundsatz abgehen wollte, sondern
-um sich eine liebenswürdige Schwäche zu verstatten. Als Ausnahme, die
-die Regel bestätigt ...
-
-Die junge Livländerin rechnete auf ihre sonnigen, ostseeblauen Augen.
-Auch für den Sommer. Sie verehrte den alten Herrn. Es mußte ihr
-gelingen, von der geduldeten zur offiziellen Hörerin vorzurücken.
-Zur Verblüffung Thereses kam sie mit einem Strauß von köstlichen,
-rosablühenden Rosen.
-
-Auf der Treppe begegnete ihr Elli. Diese kannte „die” Hörerin des
-Vaters von einer Gesellschaft bei Wilmanns und tauschte mit ihr einen
-lächelnden Gruß.
-
-Dann trat das junge Mädchen bei Vater Richthoff ein, ihren Strauß wie
-einen Schild vor sich hertragend.
-
-Der Geheimrat saß am Schreibtisch und schlürfte den Kaffee, den ihm
-Elli eben gebracht. Höflich stand er auf. Mit der Zuvorkommenheit,
-die er Damen gegenüber nie vergaß, ging er ihr entgegen. Ihr Lächeln
-erwiderte er mit einer Verschmitztheit, die sagen wollte: Diesmal wirst
-du mich nicht kleinkriegen. Er war noch nicht bei ihr, um ihr die Hand
-zu geben und sie zum Sitzen einzuladen, als er, offenbar durch einen
-Fehltritt, zur Seite kippte. Mit beiden Händen suchte er am nahen Tisch
-Halt. Die junge Dame wollte ihm beispringen. Aber er war schon mit
-einer seltsamen Schwerfälligkeit in einen Sessel gesunken.
-
-Sie legte die Rosen vor ihn hin. Mit Befremden nahm sie wahr, wie sein
-Mund sich bewegte, ohne das dankende Wort hervorbringen zu können.
-Eine krampfhafte Verzerrung arbeitete in seinem bärtigen Antlitz. Das
-Sammetkäppchen schob sich ihm in die Stirn. Seine Hand, die emporgriff,
-um es hinauszurücken, fiel schwer zwischen die Rosen auf den Tisch. Der
-Körper sank gegen die Lehne.
-
-„Was ist Ihnen, Herr Geheimrat?” stammelte das junge Mädchen mit
-zunehmendem Schreck.
-
-Seine Augen starrten sie durch die Brille irr und ratlos an.
-
-Sie lief nach der Tür und rief die Treppe hinunter, laute,
-hilfeheischende Worte.
-
-Elli kam von unten, Käthe von oben, beide mit fragenden, verwunderten
-Mienen.
-
-„Ihrem Herrn Vater ist unwohl geworden!”
-
-Die Schwestern eilten mit der Fremden bestürzt ins Arbeitszimmer. Der
-Anblick raubte ihnen einen Moment die Sprache. Dann schrien sie auf vor
-Schreck.
-
-Der Leib des alten Herrn war vornüber gesunken. Sein kahler Kopf, von
-dem das Käppchen herabgeglitten war, ruhte mit den wenigen weißen
-Strähnen auf dem Strauß von duftenden Rosen.
-
-„Papa -- was ist dir?” Elli hatte sich neben ihm auf die Knie geworfen
-und griff nach den schlaffen Händen.
-
-Käthe rief nach Therese, nach dem Arzt. Sie rannte aus dem Zimmer. Elli
-mit demselben Ruf besinnungslos hinter ihr drein. Von dem gleichen
-Gedanken beseelt, stürzten sie aus dem Haus. Käthe nach dem nächsten
-Fernsprecher, Elli zu Geismar.
-
-Therese stand verständnislos und kopfschüttelnd unter der Küchentür,
-sah die beiden Fräulein vorbeirasen, ohne ihre Worte zu verstehen, und
-die fremde Dame, die sich unheimlich und überflüssig fühlte, ihnen
-fluchtartig folgen ...
-
-Marga war bei dem entsetzten Aufschrei der Schwestern aus der Tür ihres
-Zimmers im Dachstock getreten, das Käthe vor ihr verlassen. Sie wußte
-von nichts. Aber das Rufen, Laufen und Türenschlagen erfüllte sie mit
-einer erschreckenden Ahnung, die ihr scharfer Instinkt schnell in die
-klarste Gewißheit verwandelte.
-
-Da unten, einen Stock tiefer, war der Tod eingekehrt. Sie meinte seine
-eisige Kälte gegen ihre Wangen, ihre Stirn andringen zu fühlen.
-
-Und mit der Gewißheit kam eine wunderbare, mechanische, gebietende
-Sicherheit über sie. Mit einer langsamen Ruhe, über die sie sich selber
-wunderte, stieg sie die Treppe hinunter und trat durch die offene Tür
-in das Arbeitszimmer ihres Vaters.
-
-Sie flüsterte seinen Namen. Keine Antwort kam zurück. Sie wußte, daß
-es nicht sein konnte. Sie atmete den Duft von Rosen. Trotz ihrer Ruhe
-bebte sie zurück vor der kalten Stille und wagte sich nicht weiter. Sie
-tastete um sich und setzte sich auf den ersten Sessel am Tisch. Ihr
-inneres Gesicht war erwacht. Wahr, aber schöner als alle Wirklichkeit.
-Sie sah das büchervolle, verqualmte Zimmer; sie sah den Tod, eine
-anmutige Mädchengestalt mit einem Büschel Frühlingsblumen in lachenden
-Farben, die auf den alten Herrn mit dem grimmig-gütigen Gesicht
-scherzend zutrat; sie sah, wie sein Haupt mit einem verständnisvollen
-Lächeln sich über den Duft und die Blüten neigte und tief, immer
-tiefer darin versank. Und stumm, andächtig, ein Bild im Bilde, saß sie
-dabei und hielt Wache, während die Tränen sich leis und schwer aus den
-blinden Augen lösten und über ihre gefalteten Hände tropften ...
-
-Später kamen die Schwestern. Nach ihnen der Arzt, Hofrat Geismar. Er
-konnte nur den durch eine Herzlähmung herbeigeführten Tod des Freundes
-konstatieren.
-
-Und dann kam es weiter wie ein wirrer, böser Traum, Stunde um Stunde,
-vom Tag zur Nacht, von der Nacht zum Tag, hinter dem Tod sein trübes,
-düsteres Geleit.
-
-Elli und Käthe waren wie gelähmt von Schmerz. Nur Marga behauptete
-inmitten des Gedränges der kleinen, harten Notwendigkeiten ihr
-Gleichgewicht. Mit ihr allein konnte Professor Wilmanns, der als erster
-am Platz erschien und als treuer Hausfreund im Verein mit Geismar
-und Bertelsdorf die Leitung aller Angelegenheiten übernahm, sich
-beraten und bereden. Das Schicksal hatte gesät. Rauh und herb. Aber
-gerade dieser tiefe, große Schmerz ließ die neue Kraft ihrer Seele
-emporwachsen: die Klarheit, ihre Tapferkeit, ihre reife Stärke zu
-leiden und zu lieben.
-
-Die Schar der Freunde, noch vor wenigen Wochen so froh und festlich
-gestimmt, zog trauernd durch das verwaiste Haus am Wenzelsberg.
-Verwandtschaftliche und offizielle Beileidsbezeugungen von auswärtigen
-Universitäten, vom Ministerium, von der Berliner und Münchner Akademie,
-von seiner Burschenschaft; die würdige Feier in der Aula, bei der
-Borngräber die knappste und ergreifendste Rede seines Lebens hielt, das
-machtvolle Feiergepränge des akademischen Leichenzuges wogte daher und
-wogte vorüber. Noch ein Druck von unzähligen, wohlmeinenden Händen am
-Grab, und dann führte die letzte Kutsche die drei schwarzgekleideten
-Richthoffmädels zurück ins einsame väterliche Haus ...
-
-In der Nacht, nachdem sie den alten Herrn hinausgetragen hatten,
-kam sich das alte Haus am Wenzelsberg schlecht und wurmstichig und
-älter vor denn je. Es knackte in seinen Dielen, es streckte sich
-im Gebälk und in den Wandfugen. Dann horchte es in sich hinein: es
-war ein eigentümliches Knistern und Raunen im öden Arbeitszimmer
-von Vater Richthoff. Die Geister zogen, die hohen, erzgemeißelten,
-ehrfurchtgebietenden Cäsaren -- sie zogen aus Zetteln und Blättern, aus
-Winkeln und Ecken durch die mondhelle Stube hinaus in die Mainacht. Sie
-hatten begriffen, auch sie, daß es zu Ende war.
-
-
-
-
-15
-
-
-Beim Weihnachtswiedersehen auf dem Feldberg hatte Leutnant Hupfeld
-gelegentlich ausgerufen: „Ich kann mir nicht helfen, Kinder! Aber Alli
-mir als junge Frau zu denken, ist mir schlankweg unmöglich!”
-
-Der frische, natürliche Junge hatte da ein Wort gesprochen, wahrer und
-prophetischer, als er selber wußte.
-
-Frau Alice Perthes war nicht zu Würde und Ehrsamkeit, oder, wie
-sie es nannte, zur biederen, deutschen Hausfrau geschaffen. Ihre
-Sucht, modern, chic, vorurteilslos zu sein, war nicht gemacht und
-angelernt; sie ergab sich durchaus natürlich und folgerichtig aus
-ihrem wurzellosen Wesen, ihrem prickelnden, sensationsdurstigen
-Temperament, ihrer spottlustigen, spitzbübischen Wechselnatur, wie
-sie im beweglichen Spiel ihrer Mienen, ihrem graziös-leichtfertigen
-Gang, ihrem gelenkigen, biegsamen Körper sich ausdrückte. Sie war
-auch gar nicht gesonnen, in der Ehe eine andere Haut anzuziehen. Das
-flotte Mädel zu sein und zu bleiben, das sie Gott sei Dank war, blieb
-Alices Wahlspruch auch für die Ehe. Und Perthes, den eben diese
-herausfordernde Mädelsmanier so leidenschaftlich angezogen hatte,
-wiederholte ihr immer wieder: „Gerade wie du bist, Irrwisch, brauch'
-ich dich und will ich dich haben!”
-
-Die neue gesellschaftliche Atmosphäre, in die sich Perthes versetzt
-hatte, war ihm nach wie vor nur in ihren Annehmlichkeiten fühlbar
-geworden. Ein elegantes, großzügiges häusliches Leben, Geselligkeit
-im eigenen Heim, Geselligkeit draußen, der angenehme Nervenreiz
-beständiger Abwechselung: das waren lauter Dinge, die ihm fürs erste
-imponierten. Soweit es seine beschränkte Zeit irgend erlaubte und die
-Rücksicht auf die sichere Hand, die sein chirurgischer Beruf verlangte,
-es zuließ, machte er mit. Den großen Rout im Palais Hüningen, die
-üppigen, offiziellen Semesterdiners bei den Schwiegereltern, kleine
-und große Schmausereien bei Hammanns und anderen Bekannten -- ließ
-er sich nicht entgehen, auch wenn er sich mal ein bißchen kaput und
-ermüdet fühlte. Worin er sich bescheiden mußte, das war der Sport,
-dem seine Frau nach wie vor huldigte. Das Neueste, was die Gräfin
-Hüningen einzubürgern suchte, war Polo, und Alice war Feuer und
-Flamme für das Pferdeballspiel. Dazu fehlte ihm die Zeit. Und sein
-Leben konnte dann mitunter ein wenig junggesellenhaft werden. Wenn er
-zur Hauptmahlzeit zwischen sechs und sieben „mordshungrig” von der
-Klinik kam, mußte er sich öfter allein servieren lassen, weil sein
-Irrwisch noch „herumstrolchte”. Aber das Grundgesetz ihrer Ehe, das er
-stillschweigend sanktioniert hatte, war die Freiheit hüben und drüben.
-Sie mußte geachtet werden.
-
-Mitte Mai -- er war eben am Schluß eines solchen Junggesellenmahls
-angelangt -- kam Alice aus der Stadt heim. Gewöhnlich brachte sie einen
-Sack voll Tagesneuigkeiten mit, die sie als Nachtisch zur gefälligen
-Auswahl ihrem Räuberhauptmann auf den Tisch schüttete. Im Vorbeigehen
-hatte sie bei den Eltern ein Butterbrot gegessen und setzte sich dann
-noch zur Unterhaltung neben ihn.
-
-„Denk' mal an -- ich komme durch die Hauptstraße -- sehe an einem
-Bücherladen ein Telegramm des Tageblättchens angeschlagen und denke
-Wunder was passiert ist. Nachher steht weiter nichts drin, als daß
-irgend ein oller Professor am Herzschlag gestorben ist!”
-
-„Wer denn? Von hier jemand?” fragte Perthes ziemlich gleichgültig,
-während er sein Glas mit gemischtem Rotwein an den Mund setzte.
-
-„Ach, ein Philologe glaub' ich. Richter oder so was.”
-
-„Doch nicht Richthoff?” Perthes setzte sein Glas ab. Er war
-unwillkürlich betroffen.
-
-„Doch -- Richthoff. Natürlich! So hieß er!” Alice, die die
-enttäuschende Neuigkeit in der Tat nur obenhin und gedankenlos gelesen
-und auch jetzt so vorplapperte, erinnerte sich nun des rechten Namens
-und gleichzeitig einer Beziehung ihres Mannes dazu, die sie noch immer
-nicht recht herausbekommen hatte. „Hast du nicht dort früher verkehrt,
-Männi?” setzte sie harmlos hinzu.
-
-Perthes war sehr ernst geworden. So ernst, wie sie ihn lange nicht
-gesehen. Er hatte mit der Vergangenheit gründlich und dauernd
-abgeschlossen. Aber diese Todesnachricht beschwor doch, ob er wollte
-oder nicht, Erinnerungen herauf.
-
-„Gott, Räuberhauptmann, du machst ja ein gräßlich düsteres Gesicht. Was
-ist denn los?”
-
-„Schließlich handelt es sich ja auch um eine ernste Sache”, meinte er
-zerstreut.
-
-„Nu ja! Hast du denn den guten Mann so nahe gekannt?”
-
-Perthes schwieg. Er dachte an den braven alten Herrn und sann darüber,
-was aus seiner „Bande” werden mochte.
-
-„Du, das mußt du mir mal erzählen,” fuhr Alice unbekümmert fort. „Ich
-weiß nämlich genau, wie es stand. Von Markwaldt. Du mußt einer von
-den Töchtern mächtig den Hof gemacht haben! Nu mal heraus mit der
-Sprache!” Sie rückte zutunlich näher, wie um eine amüsante Geschichte
-zu hören. Beglückt, nun endlich den rechten Faden gefunden zu haben,
-den ihre Neugier immer wieder verloren, sah sie ihm mit einem übermütig
-flackernden Blick in die Augen.
-
-Perthes hatte keine Lust zu Bekenntnissen. Zu dem war ihm die Art, wie
-sie ihn dazu drängen wollte, peinlich.
-
-„Weißt du was?” sagte sie lebhaft. „Wir schließen einen richtigen
-Handel! Du erzählst mir dein Abenteuer mit den Richthoffs. Ich erzähle
-dir dafür, wie ich mich um ein Haar mit Hammann verlobt hätte, willst
-du?” Sie legte ihm den Arm um den Hals und kraulte schmeichelnd seinen
-dichten, schwarzen Bart.
-
-Er ließ es eine Weile geschehen. Dann löste er sich aus ihrer
-Liebkosung. Den Handelsvorschlag hatte er nur mit halbem Ohr gehört.
-Er war erfüllt, bedrückt von dem, was die Kunde vom Tode Richthoffs
-in ihm lebendig gemacht hatte. Der Gedanke, sich durch eine solche
-Beichte, so zuwider sie ihm an sich war, von diesem Druck zu befreien,
-war vielleicht so schlecht nicht. Wenigstens jetzt nicht, wo er
-seiner Stimmung entgegenkam. Und dann erwachte die Lust in ihm, diese
-dämonische Lust, mit der er sich zu Alices Lebensgefährten gemacht
-und sich von einer erträumten Höhe heruntergeholt hatte: er wollte
-versuchen, die alberne Bürde vergangenen Schwersinns mit einem Ruck
-vollends abzuwerfen.
-
-So gab er nach. Mehr sich als ihr.
-
-In einem von Sarkasmus und verschämtem Ernst gemischten Ton begann
-er seine idealistische Epoche zu schildern. Aber es gelang ihm
-nur im Anfang, gegenüber den Menschen und Dingen von einst die
-leidenschaftslose Überlegung festzuhalten. In dem Maße, als er sich
-dem Mittelpunkt seiner Erinnerungen näherte, fühlte er, daß er seine
-Kraft überschätzt hatte. Er wurde warm. Eine schwermütige Verbissenheit
-zerhackte seine Sätze. Das Gedächtnis Margas sträubte sich gegen jede
-Entweihung. Er konnte über dieses Mädchen und diese Liebe nicht mit
-dem Achselzucken der großen Welt hinwegkommen, das er seiner Umgebung
-für so manches andere abgelernt hatte. Warum hatte er sich verführen
-lassen, den Schleier von diesem Erlebnis zu ziehen? Und doch konnte er
-nicht abbrechen, dem wortreichen Eifer, in den er geriet, nicht Einhalt
-gebieten. Als müßte er sich für die Taktlosigkeit seiner Enthüllungen
-bestrafen, suchte er mit nervös hervorgeschleuderten Worten und
-Sätzen ein gerechtes Bild von Margas innerem Wert, von seiner eigenen
-Mittelmäßigkeit zu geben, die nicht zu ihr hinaufreichte. Es war eine
-Sisyphusarbeit, der er erliegen mußte. Er hatte sich verrannt und fand
-keinen Ausweg, bis ihn ein Blick auf Alice ernüchterte.
-
-Sie saß zusammengekauert auf ihrem Stuhl und sah ihn mit verwunderten,
-belustigten Augen unentwegt an, wie er, gleich einem fremden, spaßigen
-Tier im Speisezimmer auf- und abschritt, da einen geschnitzten Hocker
-wegstoßend, dort an einem der türkischen Kelims zerrend oder eine der
-Kristallkaraffen auf dem Büffet vom Platz rückend.
-
-Er stand still und schwieg.
-
-„Aber Maxi”, kicherte sie leise. „Daß du so ein sentimentaler Junge
-warst, noch vor nicht einem Jahr, das hätt' ich mir denn doch nicht
-träumen lassen! Geahnt hab' ich ja den Spießer immer 'n bißchen --”
-
-„Nicht wahr? Unglaublich!” stieß er hervor. Es klang gar nicht spießig,
-sondern eher wild und zornig.
-
-„Und noch heute sprichst du von deiner Angebeteten wie von einem
-Wunder! Und blind war sie auch? Einfach romantisch, Männi! Bürgerlich
-und romantisch! Gibt's nicht ein Lustspiel, das so heißt? Und dabei bin
-ich überzeugt, sie war auch nur ein biederes, sentimentales --”
-
-„Lassen wir's!” schnitt er ihr das Wort ab. „Dummheiten, du hast
-recht!” Er lachte gezwungen.
-
-Sie war aufgestanden und hatte sich ihm genähert. Sie ließ ihr Lachen,
-das kurze, helle, aufreizende, in das seine klingen.
-
-Er stand ihr gegenüber. Das Blut ging wie eine Welle durch seinen
-Körper und flirrte vor seinen Augen. Er erzitterte und ballte die
-Faust. Dann ergriff er sie und riß ihre Arme auseinander, als wollte er
-sie zerbrechen.
-
-Sie stieß einen Wehruf aus.
-
-Er bog ihren Kopf beinahe brutal zurück, nahm ihn zwischen seine
-starken, großen Hände und senkte seinen Blick in die schillernden,
-boshaft-schillernden Augen. Wer war denn das, der über ihn, über sein
-prostituierendes Geständnis, über alles, auch das Ernsthafteste, was er
-einst besessen und hochgehalten, lachen, so lachen durfte? Wo war das
-Geheimnis hinter diesen Augen? Wie war sie beschaffen, diese Seele oder
-was es war, dieses ewig Kichernde und Spottende? Wo war der Grund in
-diesem Ungrund?
-
-Sie wand sich los. Dieser wühlende, dringende Blick war ihr ungemütlich.
-
-„Wahrhaftig, ich glaub', du fängst an, bei mir noch Gemütsstudien zu
-machen? Auf deine Räuber- und Bärenmanier! Das laß mal besser sein!”
-schalt sie. „Da verschieb' ich mein Geständnis lieber. Wir müssen
-sowieso fort. Zu Hammanns. Sie erwarten uns um neun. Ich mach' mich
-zurecht!” Sie glitt aus dem Zimmer.
-
-Perthes stand einen Augenblick unschlüssig, mißgelaunt. Er hatte keine
-Lust, heute unter fremde Menschen zu gehen. Also Vater Richthoff war
-gestorben. Und er hatte, ausgemacht heute, seine Erinnerung mit diesem
-Bekenntnisse -- -- Warum nicht? Das war der echte Perthes! Gewiß! Und
-der echte Perthes ging in sein Ankleidekabinett, um sich für Hammanns
-umzukleiden ...
-
-Die Bedingungen, die Exzellenz Hupfeld seinerzeit Perthes als
-Gegenleistung für seine Ernennung zum ersten Assistenten auferlegt
-hatte, konnte er als Schwiegervater nicht in ihrer vollen Strenge
-durchsetzen. So erklärte er sich denn auch damit einverstanden, daß
-Perthes sich habilitieren sollte. Die wissenschaftlichen Arbeiten,
-die dem Eintritt in den Lehrkörper der ~Alma mater~ notwendig
-vorausgehen mußten, nahmen im Lauf des Frühjahrs mehr und mehr auch
-seine kurze Freiheit in Anspruch. Er mußte sich zunächst aus dem
-gesellschaftlichen Strudel etwas zurückziehen. Für seine Person wurde
-ihm dies dadurch erleichtert, daß er sich von dem ewigen Hin und Her
-nachgerade ein wenig ermüdet und übersättigt fühlte. Und dann machten
-ihm die unverhältnismäßig hohen Ausgaben, die dies anspruchsvolle
-Leben verursachte, neuerdings manchmal Sorgen, und er ergriff gern die
-Gelegenheit, sie durch seinen unauffälligen Rückzug möglicherweise
-einzuschränken.
-
-Er hatte sich vorgenommen, Alice von solchen Sorgen nichts mitzuteilen.
-
-Bei sich dachte er, wenn er selber den allzuhohen Anforderungen der
-Geselligkeit auszuweichen begänne -- seine wissenschaftlichen Gründe
-dafür schien sie zu würdigen --, würde auch sie allmählich ganz
-naturgemäß nicht mehr soviel ausgehen wollen.
-
-Doch darin hatte er sich getäuscht.
-
-Alice fand es riesig nett, sich auf eigene Faust zu amüsieren. Sie
-dachte nie daran, von ihren Passionen und Unterhaltungen, von all den
-Ansprüchen ihres verwöhnten Mädchenlebens in der Ehe auch nur das
-Geringste entbehren zu sollen. Im Gegenteil. Jetzt, wo sie nach der
-Verheiratung ihr eigener Herr war, wollte sie ihre Ungebundenheit
-erst recht genießen. In ihrem Elternhaus hatte es kaum einen Wunsch
-gegeben, den sie sich zu versagen brauchte. Davon konnte auch jetzt
-keine Rede sein. Was aber den Reiz gegen früher erhöhte, war, daß
-jetzt neue Bedürfnisse ihrem Belieben unterstellt waren. Eine Hausfrau
-im gewöhnlichen Sinn zu sein, dazu fehlte ihr Lust und Talent. Aber
-Aufträge zu geben, ins Blaue hinein zu verfügen und zu befehlen,
-besonders aber zu kaufen, machte ihr einen Hauptspaß. Ihre Ausstattung
-an Gegenständen der Einrichtung, der Wirtschaft, an Toiletten und
-Kleidungsstücken jeder Art war mehr als reichlich. Und doch nicht
-reichlich genug, um vor den unerschöpflichen Einfällen ihrer Laune zu
-bestehen.
-
-Unter dem Patronat der Gräfin Hüningen vollzog sich im Kreis der
-modernen akademischen Gesellschaft jener stoßweise Wandel von
-Liebhabereien und Modetorheiten, der jedem Monat seinen neuen Heiligen
-gab. Mitunter handelte es sich um harmlose Dinge: man bekam für einige
-Wochen den musikalischen Koller, der kein Konzert vorüberließ, die
-Tees, die Soireen, die ganze Unterhaltung musikalisch verseuchte. Dann
-mußte man plötzlich Vorlesungen besuchen: es war einfach Anstandssache,
-Kunstgeschichte, diese Erbdomäne aller Dilettanten, zu treiben oder
-Literatur bei einem plötzlich zum Stern erster Ordnung erklärten jungen
-Professor zu hören.
-
-Doch bei solchen geistigen Anfällen, die Alice nur aus Mode und nicht
-aus irgendwelchem Interesse mitmachte, blieb es nicht. Man schwärmte
-serienweise für bestimmte kostspielige Stoffe, für echte Spitzen, für
-Kopenhagener Porzellan, für eigenartige Intarsien, für Seltenheiten
-und Reformen jeder Art in Toilette und Haus, die die Kauflust wie ein
-Fieber erregten.
-
-Perthes, den eine gute Weile seine Verliebtheit blind machte, drückte
-auch späterhin, solang' es irgend ging, seine Augen standhaft zu. Da
-Alice mit ihrer Rente den Haushalt zu einem guten Teil mitbestritt,
-war seine Situation heikel. Wenigstens empfand er sie so, mit der
-Zartheit eines vornehm denkenden Menschen. Er redete sich auch ein oder
-glaubte wirklich, diese Kaufwut werde sich abschwächen und von selber
-eindämmen. Aber als die Rechnungen sich mehrten und es sich nicht mehr
-um Summen handelte, die sich nebenbei begleichen ließen, ohne daß
-man die Posten besah, aus denen sie sich zusammensetzten, wurde er
-aufmerksamer und kritischer. Mit dem Schrecken des Mannes, der sich
-nie viel um Geld gekümmert, aber durch seine Herkunft und Erziehung,
-ohne sich dessen genau bewußt zu sein, gewisse solide Maßstäbe ererbt
-hat, gewahrte er Zahlen, die sein Verständnis überstiegen. Es war ihm
-unverständlich, wie ein paar Schuhe vierzig Mark, ein Hut neunzig
-Mark, ein spitzenbesetztes Hemd sechzig Mark sollte kosten müssen
-und können. Naiv, wie seine Erfahrung war, meinte er, es müßten da
-Mißverständnisse, Irrtümer, Beutelschneidereien mitunterlaufen, denen
-seine kleine Frau unschuldig zum Opfer fiel.
-
-Er wagte bei der nächsten Gelegenheit -- es handelte sich um einen für
-seine Begriffe unerhört teuren Abendmantel --, Alice zu befragen.
-
-„Aber Männi -- davon verstehst du nichts! Ich finde den Mantel
-billig!” erklärte sie achselzuckend. Sie hatte, wie sie erzählte, sich
-sogar einen besseren „verkniffen” und war ordentlich stolz auf diese
-Einschränkung.
-
-Perthes verstummte. Er war verblüfft. Hartnäckig bewahrte er noch
-einige Monate den guten Glauben, daß da etwas nicht mit rechten Dingen
-zugehe. Er hätte sich gern bei irgendeiner Dame Aufklärung geholt,
-ob das so sein müsse, aber er fürchtete, sich lächerlich zu machen.
-Schließlich war er gezwungen, sich über die Folgen, die eine solche
-Lebenshaltung haben mußte, doch ernstlich zu besinnen. Er rechnete die
-steigenden Ausgaben gegen die Einnahmen und kam zu einem vernichtenden
-Resultat.
-
-Nun blieb nichts anderes übrig: er mußte mit seiner Frau sich
-aussprechen.
-
-Die Sache wurde durch einen besonderen Umstand noch schwerer, als
-er sie schon an sich nahm. Alice sah für den Herbst einem frohen
-Ereignis entgegen. Als sie ihm ziemlich spät und ziemlich beiläufig
-davon Kenntnis gab, hatte ihn die Nachricht ergriffen. Sie selbst war
-so wenig feierlich gestimmt, steckte so in ihrem täglichen Trubel,
-daß sie für seine gefühlvolle Auffassung nicht Zeit hatte. Gleichwohl
-behandelte er sie von da an mit doppelter Rücksicht. Deshalb kam ihm
-diese Auseinandersetzung über Geldfragen so ungelegen wie möglich. Er
-nahm sich vor, sie aufs schonendste einzuleiten.
-
-Noch im Lauf des Sommers, kurz vor den großen Ferien, kam ihm die
-Gelegenheit entgegen.
-
-Von der Klinik zurückkehrend, betrat er ihr Zimmer, das neben dem
-Speisezimmer mit allem erdenklichen Geschmack und Komfort ein kleines,
-von Mama Hupfeld ausgestattetes Reich für sich bildete. Er wollte Alice
-begrüßen, die er dort vermutete. Unter der Portiere blieb er verdutzt
-stehen. Es war da in dem zierlichen Raum eine wahre Ausstellung
-eröffnet. Die verschiedensten Handarbeiten, als da waren Knüpfteppiche,
-Sofakissen, Tischläufer, Decken und Deckchen mit Mustern jeden Stils
-und auf Stoffen jeder Art, bedeckten den Diwan, die Stühle, den Tisch.
-Ein halboffener Riesenpacken mit verwandtem Inhalt lag auf dem Boden.
-Daneben saß Alice, mit dem Aufschnüren eines zweiten, kleineren Pakets
-beschäftigt. Das heißt, sie suchte die Schnur aufzureißen. Als das
-nicht ging, probierte sie es mit den Zähnen. Und in dem Moment, als
-Perthes sich bemerkbar machte, hatte sie eben wohl oder übel aufstehen
-wollen, um die Schere zu holen.
-
-„Du denkst wohl, ich will hier einen Kramladen aufmachen?” lachte sie
-belustigt.
-
-„Es sieht beinahe so aus,” erwiderte er mit einem verwunderten Blick
-auf dies Warenlager.
-
-„Ach gib mir mal die Schere.” Sie deutete nach ihrem Schreibtisch.
-„Alles für den Bazar im November,” erklärte sie, während er ihr die
-Schere reichte.
-
-„Für welchen Bazar?”
-
-„Na -- ich erzählte dir doch schon immerzu davon. Wir machen ein
-Wohltätigkeitsfest. Ich glaube für Säuglinge oder Seemänner oder so
-was. Eine feudale Sache jedenfalls. Ich bin mit im Komitee. Die Gräfin
-ist Vorsitzende. Ich habe mich entschlossen, eine Handarbeitsbude zu
-übernehmen. Dafür kauf' ich eben ein!”
-
-„Aber Kind, du willst doch die Arbeiten nicht alle kaufen, wie sie hier
-sind?”
-
-„So ziemlich!”
-
-„Und dann willst du sie selber --”
-
-„Du -- das ist ja eben der Trick! -- Ich mache an jedem ein paar
-Stiche. Wenigstens an manchen. Das Übrige gebe ich fort. Nachher mach'
-ich aller Welt weiß, jedes Stück und jeder Stich sei von mir. Die Leute
-werden's nicht glauben, aber sie werden sich drum reißen! Ach -- und
-dann, du glaubst nicht, was wir für Überraschungen vorhaben. Das wird
-keine so abgeleierte, gewöhnliche Wohltätigkeitsschnurrerei! Werden
-uns hüten!” Und nun entwickelte sie, immer auf dem Boden sitzend, den
-Festplan in der skizzenhaften, schnoddrigen Form, in der sie stets
-ihre längeren Erklärungen abgab, überall dort, wo ihr nicht gleich das
-Wort einfiel, sich mit „so'n Dingsda!” behelfend. Perthes hätte ein
-Zeichendeuter sein müssen, wenn er diese Kette von „Dingsda” sich hätte
-auslegen können.
-
-Doch darauf verzichtete er von vornherein. Er nahm seine Geduld
-zusammen und hörte scheinbar aufmerksam zu.
-
-„Du vergißt, Alli”, begann er dann vorsichtig, „daß dein Zustand dir
-vielleicht, ja wahrscheinlich gar nicht erlaubt --”
-
-„Na, höre! Ich werde doch nicht jetzt schon anfangen, mich zu
-kasteien.” warf sie dazwischen.
-
-„Das will ich nicht sagen. Aber dem Umtrieb der Vorbereitungen wirst du
-nachher nicht gewachsen sein. Und überdies: wer weiß, ob du im November
-schon wieder dabei sein kannst?”
-
-„Das fehlte gerade!” sie sah mißmutig zu ihm auf. „Weißt du, dann
-pfeif' ich aber auf das ganze Kindervergnügen, wenn --” Sie vollendete
-den Satz nicht. Perthes hatte unwillig die Stirn gerunzelt. „Das
-fehlte gerade!” setzte sie nochmals wegwerfend hinzu. Sie war außer
-sich bei dem Gedanken, durch diese dumme Störung könnte ihr Vergnügen
-beeinträchtigt werden.
-
-Perthes kannte Alice zur Genüge, um ihre Gefühle an ihren Grimassen
-abzusehen. Ihre Frivolität verletzte ihn. Sie bestimmte ihn, den
-Augenblick nicht vorbeigehen zu lassen, ohne die immer wieder
-verschobene Aussprache herbeizuführen. Er machte sich einen Stuhl frei
-und zog ihn in ihre Nähe.
-
-„Ich möchte gern mal ein ernstes Wort mit dir sprechen, Kind!”
-
-„Noch ernster?” Es zuckte sehr wenig ernst um ihren Mund.
-
-„So leid es mir tut -- sei mir nicht böse und mißversteh' mich nicht --
-ich muß dir das aber sagen: du solltest deine Kauflust ein klein wenig
-einschränken!”
-
-„Ich -- meine Kauflust? Und wieso?”
-
-„Wir müssen mehr haushalten, Liebling. Ich habe gerechnet und --”
-
-„Um Gottes willen tu nur das nicht! Rechnen!” stieß sie mit einem
-komischen, aber ganz ehrlichen Schaudern hervor.
-
-„Ich verlange es ja nicht von dir,” meinte er mit gutmütigem Lächeln.
-„Aber ich muß das wohl. Schulden machen ist nicht mein Fall. Und so,
-wie der Hase jetzt läuft, kann er nicht weiter.” Er bemühte sich nun,
-ihr so ruhig und klar wie nur möglich, so schonend, als er nur konnte,
-einen Begriff von den Mißverhältnissen ihrer Einnahmen und Ausgaben
-zu geben. Ohne alle überflüssigen Einzelheiten. Sehr sachlich und
-überzeugend.
-
-Anfangs hörte sie zu. Nachher nahm sie neue Muster aus den Paketen
-und ließ sie durch ihre Finger gleiten. Als er fertig war, sagte sie
-außerordentlich gelassen, ohne auch nur aufzusehen: „Männi -- weißt du
--- eigentlich brauchtest du damit doch mich nicht behelligen!”
-
-„Aber wen denn sonst?” gab er, sich beherrschend, zurück.
-
-„Sprich doch einfach mit Papa. Der ist für so was da. Der soll seinen
-großen Beutel 'n bißchen weiter aufmachen. ~Voilà tout!~” Sie sagte das
-so kühl und sicher, als gäbe es keine selbstverständlichere Sache.
-
-Perthes war von seinem Stuhl aufgesprungen. Er fühlte, wie ihm das
-Blut zu Kopf stieg. Um ruhig zu bleiben, machte er ein paar Schritte.
-Beim Fenster drehte er sich um.
-
-„Davon kann keine Rede sein. Eben das will ich um jeden Preis
-vermeiden. Nicht einen Pfennig weiter nehme ich von deinem Vater an!”
-Seine Worte lauteten sehr bestimmt. Es klang eine unbeabsichtigte
-Schärfe durch. Um sie gut zu machen, meinte er: „Das mußt du übrigens
-selbst einsehen!”
-
-Alice schwieg eine Weile. Sie legte ihre Muster langsam beiseite. Dann
-schob sie ihre feinen, schmalen Hände im Schoß ineinander und blickte
-ihn von unten nach oben, mit dem malitiösen Blick ihrer Mädchentage an.
-
-„Das versteh' ich nicht. Verzeih -- aber das wäre ja unglaublich
-philiströs gedacht!”
-
-„Philiströs, beste Alli,” -- er reckte sich nervös -- „philiströs ist
-ein Wort, mit dem eine gewisse junge Dame etwas vorsichtiger sein
-sollte! Es ist sehr bequem, all das philiströs zu nennen, was einem
-nicht in den Kram paßt!”
-
-„Oho, Männi!”
-
-„Mein Standpunkt ist ehrenhaft, weiter nichts. Ich erwarte, daß du ihn
-würdigst. Und ich bitte dich --” er suchte von neuem seinen schroffen
-Ton, der sich ihm ungewollt gab, zu mildern und steckte die Hände, die
-zu lebhaften Bewegungen ausgeholt hatten, krampfhaft in die Taschen
-seines Jacketts. „Ich bitte dich, dich danach einzurichten. Ich
-verlange von dir nichts Außergewöhnliches. Nur ein bißchen Mäßigung und
-Beschränkung. Du wirst das mir zu lieb tun!”
-
-Sie antwortete nichts. Sie legte den Kopf im Nacken zurück und
-tätschelte ihre krausen, rotblonden Haare. Dann verschlang sie die
-Hände hinter sich und dehnte sich. Sie unterdrückte ein Gähnen.
-
-Perthes war empört über ihr Gebahren. Er fühlte, wie die Kraft, sich zu
-beherrschen, ihn verließ. Um nicht loszubrechen, ging er aus dem Zimmer.
-
-Alice sah ihm verwundert nach. Sie pfiff leise vor sich hin, während
-sie in der Auswahl ihres Musterlagers fortfuhr. Die Geschichte an
-sich imponierte ihr gar nicht. Sie hatte sie auch schon wieder halb
-vergessen. Aber sie glaubte heute eine leidige Entdeckung erneuert zu
-haben: der Philister in ihm -- den sie als Mädchen schon gewittert,
-aber nun gebannt glaubte -- dieser Philister hatte hinter ihm
-hervorgelugt! Das war häßlich! Das degoutierte sie! Dafür würde sie
-sich bedanken!
-
-Und ihre spitze, feine Zunge züngelte ganz zufällig zwischen den Lippen
-hervor und streckte sich einen Augenblick wegwerfend in einer nicht zu
-mißdeutenden Richtung ...
-
-
-
-
-16
-
-
-Die Katastrophe, die zweite, die innerhalb weniger Wochen das Haus am
-Wenzelsberg überfallen hatte, war so plötzlich hereingebrochen, so
-ohne alles Vorwissen und Vorbereitetsein, daß das Leid der Schwestern
-mit jedem Tag, da sie sich seiner Größe und seines Umfanges bewußter
-wurden, immer weiter zu wachsen schien. Wie ein Orkan war der Tod mit
-seinem Gefolge von Anstrengungen und Aufregungen über sie hingefahren
-und hatte sie betäubt; jetzt meinten sie, die Wucht der Erkenntnis
-müsse sie mit der doppelten Wucht des Schmerzes ganz zerbrechen.
-
-Es verging keine Stunde, ohne daß der alte Herr, so gut in seinem
-Grimm, so männlich in seiner rauhen Selbstwehr eines feinempfindenden
-Herzens, so humorvoll in seiner gestrengen Paschawürde, für jeden
-und jedes fehlte. Wie hatte sich's unter der Hut seines geraden,
-freien Geistes so sicher gelebt! Wie hatte seine Bedeutung als
-hervorragender Gelehrter auch durch die kleinen Schrullen des Alltags
-unter scheinbaren Schwächen und Willkürlichkeiten durchgeschimmert.
-Seine Allgegenwart hatte das Haus erfüllt und gewärmt, auch wenn er
-abseits im zettelreichen, bücherverbauten Schreibtischwinkel saß und
-nur für seine römischen Kaiser zu sprechen war. Was hätte Elli darum
-gegeben, wenn er sie zur Antwort auf eine vorwitzige Frage, mit der sie
-bei ihm eindrang, aus seiner Stube hätte werfen können! Wie gern hätte
-Marga sich hart anfassen lassen, wenn er meinte, ihr Gemüt stählen zu
-müssen -- er, der der Gütigste und Besorgteste war, so oft das Leben
-sie hart anfaßte! Und Käthe, wie willkommen wäre es ihr gewesen, ein
-plötzliches „Blaustrumpf!” an den Kopf zu bekommen! All das -- und sein
-Schneckenmordgang im Weinberg, die Sprechstundenwacht auf der obersten
-Treppe, der gefährliche Kaffeeturnus am Nachmittag, all das und tausend
-anderes war vorbei. Vorbei mit jenem „nie wieder!” dahinter, das so
-grausam und unerbittlich nur der Tod sprechen kann.
-
-Elli, die sonst so schnell ihre Tränen weglachen konnte, war die
-Verzweifeltste. Die Härte des Lebens war diesmal zu nah und unmittelbar
-an ihre frohe Kindlichkeit herangetreten. Auch Käthe, die besonnene
-Käthe, erholte sich nur mühsam. Marga und Bertelsdorf, die die Not
-zu einer seltsamen und nicht sehr innerlichen Trostgenossenschaft
-zusammenführte, mußten im Verein mit dem unermüdlichen Wilmanns alles
-aufbieten, um die beiden aufzurütteln und aufzurichten.
-
-Die Wirklichkeit, wie sie nun einmal war, verlangte nur zu bald ein
-lebenstüchtiges Wollen und Entschließen.
-
-Vater Richthoff war ein trefflicher Mensch und Forscher, aber kein
-großer Haushalter gewesen. Ein Vermögen hatte er nicht hinterlassen
-können. Das Haus war mit Hypotheken belastet. Eine kleine
-Lebensversicherung gab höchstens die Mittel für die nächste Zeit.
-
-Schonend legte Wilmanns nach Ordnung des geschäftlichen Nachlasses den
-Geschwistern ihre Lage dar. Für Käthe war gesorgt. Bertelsdorf war
-wohlhabend. Obwohl er seine Verbindung mit Käthe nicht zuletzt auch
-nach akademischen Vorteilen berechnet hatte, war er doch zu anständig,
-um nicht seinen Mann zu stellen: die Hochzeit sollte, sobald es irgend
-anging, in aller Stille erfolgen.
-
-Aber Marga und Elli?
-
-Wilkens, der sich auch in diesen schweren Tagen brav wie immer
-benahm, stand tatsächlich vor seinem Staatsexamen. Den Doktor hatte
-er glücklich hinter sich. Aber auf Jahre hinaus konnte er noch nicht
-daran denken, ein Heim zu gründen. Für Marga stand fest, daß Elli und
-sie sich, womöglich Seite an Seite, eine wenn auch noch so bescheidene
-Existenz schaffen müßten. Sie, die Blinde, deren Zukunft den Freunden
-am trübsten und aussichtslosesten vor den sorgenden Augen gestanden,
-war von vornherein fest entschlossen, niemand im Weg zu sein, sondern
-mit der alten Tapferkeit und Klarheit das Leben anzugreifen und ihm ein
-Stückchen Unabhängigkeit abzugewinnen. An ihrem Mut rankte sich auch
-Elli empor.
-
-Es war nicht leicht, ja es schien beinahe unmöglich, etwas zu
-entdecken, das den beiden eine auskömmliche Zuflucht bot.
-
-Hundert Pläne wurden ausgedacht und wieder verworfen. Immer scheiterte
-die Möglichkeit der Ausführung an einem neuen Hindernis: sei es, daß
-die Ausbildung zu einem bestimmten Beruf unumgänglich nötig war, daß
-andere materielle Vorbedingungen sich nicht erfüllen ließen oder daß
-wohl die eine, aber nicht die andere Schwester ihre Unterkunft finden
-konnte.
-
-Eines Abends vor dem Schlafengehen -- es waren schon Wochen vergangen,
-Käthes Hochzeit und die Trennung von ihr standen dicht bevor, das Haus
-war zum Verkauf ausgeschrieben -- erklärte Elli mit einem komischen
-Stoßseufzer, der die Rückkehr ihres Frohsinns ankündigte: „Nächstens
-werden wir für uns eine ‚Kleinkinderbewahranstalt‛ suchen müssen!”
-
-„Warum für uns?” meinte Marga ernsthaft. „Wir könnten ja --” sie
-stockte und überlegte.
-
-„Was könnten wir?” forschte Elli.
-
-„Nun, ich dachte -- aber es wird auch nicht gehen -- wenn wir einen
-Kindergarten gründeten!” Sie mußte selber über diese Idee lachen,
-und Elli stimmte ein. Sie spannen das Unmögliche weiter, und es sah
-auf einmal gar nicht so unmöglich aus. Elli fing Feuer. Noch vor
-Mitternacht hatte ihr Optimismus ein fertiges Projekt. Vielleicht war
-ihm kein besseres Los beschieden als vielen anderen. Wahrscheinlich
-würde es im Frühlicht des nächsten Tages schon nichtig erscheinen. Aber
-für jetzt konnte man neuen Mut daraus schöpfen. Und es schlief sich so
-gut darüber ein ...
-
-Es stellte sich heraus, daß das Kindergartenprojekt sich bei Tag immer
-noch sehen lassen konnte. Wenn auch von der Idee zur Wirklichkeit
-der Weg weit war, Marga und Elli beschlossen doch, diesen ihnen vom
-Zufall geschenkten Plan weiter zu verfolgen. Da ergab es sich freilich
-schnell, daß sie allein nicht zum Ziel kommen konnten. Obwohl einfach
-und häuslich erzogen oder besser durch gesunde Anlagen geworden,
-waren sie doch als zwei Geheimratstöchter nicht vorbereitet, sich mit
-unmittelbaren und harten Notwendigkeiten praktisch auseinanderzusetzen.
-Zum Glück war unter den Freunden des Vaters eine Dame, die nicht
-nur mit dem guten Ton der Gesellschaft, sondern auch mit sozialen
-Verhältnissen Bescheid wußte. Nicht aus Sport, wie die Gräfin Hüningen,
-aber aus dem Bedürfnis eines liebevollen Herzens und eines geraden
-Sinnes. Auch nicht aus irgendeiner wohlfeilen sozialen Theorie heraus,
-sondern weil für sie das Soziale sich ebenso von selbst verstand, wie
-es das Moralische soll. Es war dies die majestätische Frau Geheimrat
-Achenbach mit ihren silberweißen Scheiteln und dem Krückstock, die
-besondere Freundin Borngräbers. Professor Wilmanns erzählte ihr
-gelegentlich ziemlich skeptisch von dem Gedanken seiner Schützlinge.
-Sie lud Marga und Elli zu sich ein. Zuerst nahm sie den beiden alle
-Illusionen und machte sie rechtschaffen kleinmütig. Weil man nun
-einmal, wie sie überzeugt war, ein Haus nicht von oben herunter aus
-der Idee, sondern von unten herauf aus der Praxis bauen mußte. Dann
-aber, als die Schwestern dachten, sie würden also auch auf diesen
-Plan verzichten müssen, weil keine die nötigen Vorkenntnisse, die
-Ausbildung, keine die Erfahrung und Umsicht besaß, deren es bedurfte,
-versprach Frau Achenbach, sich der Sache anzunehmen.
-
-Und sie hielt Wort.
-
-Freilich sollte es fast ein Jahr dauern, ehe man zum Plan die feste
-Gestalt sah.
-
-Da gab es zunächst für Ellis Ungestüm eine harte Probe. Durch
-Vermittlung von Frau Achenbach fand sich für sie in einer benachbarten
-kleinen Stadt ein Unterschlupf als Volontärin in einem großen
-Erziehungsheim, dem ein Kindergarten angegliedert war. Zu ihrem und
-Margas Schmerz mußten sie sich für eine bis dahin unerhörte Zeit
-trennen. Was sollte so lange aus Marga werden?
-
-Das Haus, das alte Haus am Wenzelsberg, war verkauft worden. Ein
-kleiner Überschuß, zusammen mit der mageren Versicherungssumme, auf
-deren eines Drittel Käthe zugunsten der Schwestern verzichtete, konnte
-für zwei bis drei Jahre zum Unterhalt ausreichen. Bertelsdorf hatte
-das Glück, einen Ruf als Extraordinarius an eine technische Hochschule
-in Mitteldeutschland zu erhalten. Er zog mit seiner Frau -- die
-stille Hochzeit wurde im Juni gefeiert -- nach herzlichem Abschied
-noch im Lauf des Sommers davon. Elli sollte ihre Volontärstelle als
-Kindergärtnerin demnächst antreten. Marga mußte für sich einen Ausweg
-finden und fand ihn: Onkel Thiele auf Güstow in Pommern hatte zwar
-nicht zur Beerdigung seines Stiefbruders kommen können, aber brieflich
-jede Hilfe angeboten, zu der sein Herz und sein Geldbeutel, die in
-ihrer Weite zueinander im umgekehrten Verhältnis standen, fähig wäre.
-Marga nahm die Hilfe für sich an. Elli brachte sie nach Pommern.
-
-Die Reise wurde zwar ganz anders, als sie einst vor Ellis blühender
-Phantasie gestanden hatte. Aber schön war sie doch. Unterwegs
-begrüßte man Wilkens, der in einem sächsischen Nest eine erste
-Hilfslehrerstelle gefunden und angenommen hatte. Schwermütig war er
-noch immer nicht geworden. Dagegen gab ihm der Stolz, sein Examen
-gemacht zu haben, eine gewisse breite Manneswürde. In Berlin gab es
-zwar keinen ungemessenen Vergnügungstaumel, wie Ellis Feuerwerk ihn
-einst vorgezaubert. Aber bei dem schon früher in Anspruch genommenen
-Kollegen Richthoffs war man einige Tage gut aufgehoben und sah von
-der „Weltstadt” genug, um die schaudernde Andacht nicht nur nicht
-enttäuscht, sondern erhöht zu sehen. Und der Empfang in Güstow war
-einfach urgemütlich: die sechs bis acht haferblonden, quicken Cousinen,
-die brave, beleibte Mama Thiele, der Onkel mit seinem verwitterten,
-jovialen, rostbraunen Landmannsgesicht unter dem grünen Hut mit der
-Spielhahnfeder, alle waren an der Bimmelbahn, freuten sich „doll” und
-führten Elli und Marga im besten Wagen nach Gut Güstow. Sie taten dort,
-was in ihren Kräften stand, um die beiden schnell bei sich heimisch zu
-machen. Als Elli sich nach zehn Tagen verabschiedete, war es mit einem
-weinenden und einem lachenden Auge. Ganz ernst konnte man von Thieles
-nicht fortfahren, sogar wenn es Marga zu verlassen galt.
-
-Und Margas mutiger, klarer Sinn fand sich in der neuen Umgebung bald
-zurecht. Die schlichten Menschen in dem altväterischen Herrenhaus mit
-ihrer unverwüstlichen Jugend, ihrer unermüdlichen Lust an der Arbeit
-und am harmlosesten Vergnügen, der Gutshof mit seinem mannigfaltigen
-Wirtschaftsbetrieb, die weiten, kornduftenden Felder, der schattige
-Garten und der einsame Kiefernwald -- das war eine in sich ruhende,
-natürliche Welt, die ihr wohltuend entgegenkam. Ihre Seele tat das
-ihre, um sie, wo und wie es nur immer ihr Zustand erlaubte, in sich
-aufzunehmen. Neue Eindrücke und neue Empfindungen legten sich schützend
-und klärend zwischen sie und ihr früheres Leben im Haus am Wenzelsberg.
-
-Sie wollte aber nicht nur feiern und sich pflegen. Unter den Cousinen
-Nummer sechs bis acht waren zwei gerade im rechten Alter, daß Margas
-Kinderfreude an ihnen sich üben und ausbilden konnte. Aus sich heraus
-schuf sie sich eine praktische Methode und praktische Kenntnisse, die
-berufsmäßig zu lernen ihr versagt war. Die Bilder, die ihr inneres
-Schauen mit seltenem Reichtum und frischer Anschaulichkeit ihr gab,
-hatte sie früher ängstlich fast nur sich vorbehalten. Jetzt im Umgang
-mit Stöffy und Illi Thiele überwand sie alle Scheu. Die Kinder gaben
-ihr wie von selbst die Fähigkeit, sich mitzuteilen, das Geschaute in
-eine faßliche Form hinüberzuleiten, zu erzählen und zu fabulieren.
-Sie mußte ein Stück ihrer inneren Schwere opfern. Aber sie empfing
-dafür nicht nur eine größere Beweglichkeit des Gemüts, sondern ein
-echtes und gerechtes Gegengeschenk. Langsam und unmerklich fast.
-Der Humor, der sich früher, trotz Ellis Beispiel und trotz Vater
-Richthoffs grimmkräftigen Anlagen dazu, bei ihr nur spärlich hatte sein
-Recht verschaffen können -- jetzt entwickelte er sich und streifte
-ab, was die früheren Mädchenjahre unter der Wirkung ihres Leidens
-an Überernst und zu tiefer Empfindsamkeit angesetzt hatten. Das war
-die Überraschung, die die neue Seele in sich trug. Und nicht nur ein
-Nebenbei, eine zufällige Mitgabe war das: es wurde, wenn sie es recht
-verstand, die beste Bedingung für ihr neues Leben. Waffe, Würze und
-Kraft, nicht nur wieder zu werden, was sie gewesen, sondern mehr.
-Marga verstand es recht. Sie ließ das Lachen aus Kindermund, bald das
-lautschallende, bald das leis verträumte, hinüberklingen in sich. Es
-war wieder die große Stille, die in ihr anhub, ihr Wesen durchdrang und
-durchleuchtete. Aber um einen Grundton reicher, reifer, lebenstüchtiger
--- um einen hellen, leichten, lachenden Ton.
-
-Erst um Weihnachten, später als beide gedacht, sahen sich Marga und
-Elli in Käthes jungem Heim wieder.
-
-Voll weher Erinnerungen, aber auch voll froher Zuversicht ging's ins
-neue Jahr hinüber.
-
-Als die beiden in ihre Universitätsstadt zurückkehrten und bei Cousine
-Grasvogel Gastfreundschaft annehmen mußten, fanden sie zu ihrer Freude,
-daß Frau Geheimrat Achenbach nicht müßig gewesen war. Sie hatte in
-einer Gartenstraße -- dort, wo die Altstadt in der Ebene verlief, nicht
-zu fern vom Mittelpunkt, aber in freier, gesunder Lage, ein nicht mehr
-neues, aber sauberes Häuschen ermittelt, das zur Miete ausgeschrieben
-war. Ein Vorgarten mit Rosensträuchern davor, ein Grasgarten mit ein
-paar Obstbäumen dahinter, im Erdgeschoß drei große Zimmer und die
-Küche, oben unterm Giebel ein luftiger Schlafraum -- alles nicht
-großartig, aber zweckentsprechend und freundlich. Besonders wenn erst
-das Frühjahr Blätter und Blüten darumrankte.
-
-Mit dankbarer Geschwindigkeit griffen Marga und Elli zu. Der Rest
-ihres Kapitals sicherte ihnen für die nächsten zwei Jahre die Miete;
-er ermöglichte auch die nötigen Anschaffungen für die „Schulstube”,
-die Frau Achenbach schon ins Auge gefaßt hatte. Die Wohnräume, das
-Empfangs- und Wohnzimmer neben der „Klasse” und das Schlafzimmer
-ließen sich mit den Möbeln, die sie aus der Einrichtung des väterlichen
-Hauses zurückbehalten, so vollstopfen, „daß sie vor Gemütlichkeit
-platzten”, wie Elli sich ausdrückte.
-
-Dann kam der erste selige Tag hinter den eigenen Scheiben. In den
-Zimmern, im Vorgarten, im Grasgarten mußte man zwei dutzendmal aus-
-und einlaufen, bis man vor Müdigkeit fast umfiel. Hinterdrein ging das
-Annoncieren los und das Besuchemachen. Es gab Enttäuschungen. Und gab
-eine närrische Freude, als -- auf einen Tag, wie es das Glück immer
-macht -- drei kleine Leute auf einmal angemeldet wurden. Mit den von
-Frau Achenbach schon Angeworbenen halte man jetzt acht, drei Jungens,
-fünf Mädels, und konnte anfangen.
-
-Das war ein Montag, als das Häuflein Grundstock angezettelt kam.
-
-Erst ein strammer Bengel von fünf Jahren. Allein, mit einem roten
-Russenkittel, blauen Hosen, einer Botanisiertrommel und dem Finger in
-der Nase. Zwei flachsblonde Prinzeßchen, Hand in Hand, die mit ihrer
-Mama furchtbar tapfer die Straße daherzogen und, als besagte Mama sie
-in der Schulstube zurückließ, plötzlich mörderisch zu brüllen anfingen.
-Weiter ein winziger, fast zu junger Mann von vier Jahren, der sehr
-artig mit der Schwester ankam, aber nur blieb, wenn er bis auf weiteres
-sein Steckenpferd bei sich behalten konnte.
-
-Marga und Elli wollte es angst und bange werden vor all den großen,
-fragenden Augen und den offenen Mäulchen, die bereit waren, zu lachen
-und zu weinen -- in ein und demselben Atemzug.
-
-Aber es ging viel besser, als es zuerst aussah.
-
-„Tante” Elli wußte mit ihren strahlenden Augen Spiele und Späße, daß
-der Mann mit dem Gäulchen sein Steckenroß vertrauensvoll beiseite legte
-und sich vor Vergnügen schüttelte. Sie lehrte die kleinen Mädchen
-Papier flechten, ganz allmählich, beinahe heimtückisch, so daß sie an
-kein Fortgehen mehr dachten, und die Jungens, die älter waren als der
-Steckenpferdmann, die Sache auch probieren wollten, selbst wenn man
-dabei auf der Bank sitzen bleiben mußte. Und „Tante” Marga, die so
-merkwürdige Augen hatte, daß es einem erst ein bißchen unheimlich wurde
-und man nachher sie gerade deshalb streicheln mußte -- die erzählte
-Geschichten mit ihrer warmen Stimme: die Augen mußte man aufreißen,
-als gelte es geradewegs in den Himmel zu schauen, und den Mund konnte
-man nicht mehr zusammenbringen, ehe sie zu Ende war. Man sang und
-sprang, man purzelte und tanzte Ringelreihen im Grasgarten, daß nach
-sechs Wochen ein junger Herr erklärte, es sei einfach verrückt, daß man
-nicht immer da sei, und zwei junge Damen, die erst nicht hatten bleiben
-wollen, in Tränen schwammen, weil sie zum Mittag fortgeholt wurden.
-
-Der Reigen wurde größer. Die Freunde, auch außer Frau Achenbach,
-machten mächtige Propaganda. Professor Wilmanns war untröstlich,
-daß er sein Enkelbübchen -- den Jungen Heddis, die vor einem Jahr
-geheiratet hatte -- nicht schlankweg aus der Wochenstube zu den
-Richthoffs bringen konnte. Dafür bearbeitete er seine jüngeren Kollegen
-mit einer fanatischen Beharrlichkeit, bis sie nachgaben und ihren
-Nachwuchs schickten, oder, weil sie es mit der Furcht bekamen, in
-einem stattlichen Bogen um ihn herumgingen. Borngräber verbreitete
-an einem Kegelabend die verleumderische Nachricht, Papa Wilmanns
-hätte in einer Vorlesung über Homer, an Hektors Kinder anknüpfend,
-von dem Segen gesprochen, den eine Kleinkinderschule in Troja hätte
-stiften können. Der erboste Wilmanns rächte sich. Er brandmarkte
-seinen lügnerischen Kollegen, indem er ihm späte Heiratsabsichten
-andichtete, die auch keinen anderen Beweggrund hätten, als eine Frau
-unglücklich zu machen, und ihm, Wilmanns, bei seinen Schutzbefohlenen
-in der Bergfelderstraße mit Zwillingen den Rang streitig zu machen.
-Das war nun auch nicht wahr. Die Wahrheit war nur, daß der Indologe
-Jakobus Borngräber sich schämte, für die Mädels des guten Richthoff
-immer nur seinen guten Willen zu haben. Der Weg von seiner ostöstlichen
-Wissenschaft zu einem modernen Kindergarten war gar zu weit, und so
-ging er wenigstens mitunter den näheren von seinem verwunschenen Haus
-in der Uferstraße nach der Bergfelderstraße und schaute um eine Ecke in
-den Grasgarten. Wenn er nicht gerade das gesuchte Haus verwechselte,
-sondern sich zurechtfand, rollte er die verwunderten Augen, heuchelte,
-stehenbleibend, ehrliche Kinderliebe und schwenkte, wenn Elli ihn
-zufällig entdeckte und ihm zunickte, verlegen den Hut.
-
-Natürlich blieben für Marga und Elli auch jetzt die Sorgen und
-Enttäuschungen nicht aus. Sie mußten es sich oft rechtschaffen sauer
-werden lassen, und der alte Herr hatte sich wohl auch für die Zukunft
-seiner „Bande”, sofern er sie je genau erwogen, etwas Besseres
-gewünscht. Und doch: sie selbst fühlten sich zufrieden bei ihrem Beruf.
-Wenn sie am Abend im Wohnzimmer, das tatsächlich „vor Gemütlichkeit
-platzte”, ihren Tee brauten, konnte man Marga singen und Elli lachen
-hören. Es kam vor, daß nicht nur Elli Marga, sondern Marga Elli einen
-Bären aufband. Sie entwickelte aus ihrer Erinnerung an Güstow in
-Pommern unheimliche Geschichten von halsbrecherischen Segelfahrten,
-schönen polnischen Schnittern und Schnitterinnen, Jagdabenteuern, die
-Onkel Thiele bestanden -- ganze Romane, die Elli mit gläubiger Neugier
-aufnahm, bis sie mit Entrüstung hinter den Trug kam. Sie blieb bei
-nächster Gelegenheit mit rächendem Schabernack nicht dahinten. Der
-Strom von Jugend und Fröhlichkeit, der zwischen ihren Herzen und denen
-der Kinder kreiste, nahm immer wieder auch das Harte und Schwere mit
-sich oder löste es zur Harmonie. Elli schwor, wenn sie auf Wilkens
-warten müßte, bis sie alt und grau würde, wollte sie nicht verlernen,
-Feuerräder durch die Luft surren und leuchten zu lassen. Und Marga, die
-schwere Marga, lachte dazu und breitete am Feierabend die Arme aus,
-der Sonne zu, als wollte sie den Tag an sich raffen, das Licht aus der
-Ferne und Nähe, von oben und unten. Sie schlang die Hände beglückt über
-ihrem Kopf ineinander, so frei fühlte sie sich, so still, so in sich
-selber und im Licht geborgen.
-
-
-
-
-17
-
-
-Der erste „verheiratete Sommer” hatte sich für Max Perthes ziemlich
-einsam angelassen. Seine Schwiegereltern waren seit dem Mai fast
-ununterbrochen wieder auf Stift Nieburg. Auch Alice brachte dort viele
-Tage zu. Er selber kam nur bisweilen an einem Sonntag für ein paar
-Stunden hinaus.
-
-Die Einsamkeit bekam seinen wissenschaftlichen Arbeiten sehr gut. Er
-fand eine eigentümliche neue Befriedigung in einer Tätigkeit, die
-seine praktische in der Klinik nach der geistigen Seite ergänzte. Die
-Sehnsucht nach Stille, die er so ganz verbannt und überwunden zu haben
-glaubte, suchte, ohne daß er es zugestanden hätte, einen schüchternen
-Ausweg und entdeckte ihn in dieser gelehrten Neigung, die er sich
-früher nicht zugetraut hatte. Für seine Person verzichtete er nach der
-Reise im Januar nicht ungern auf den Sommerurlaub. Er verständigte
-sich mit seinen Schwiegereltern dahin, daß Alice die Hochsommerwochen
-unter ihrer Obhut in St. Blasien verbringen sollte. Sie selber murrte
-anfangs über den notwendigen Verzicht auf die ihr so teure Bergfexerei.
-Zum Glück fand Perthes diesmal bei Exzellenz Hupfeld eine nachhaltige
-Unterstützung im Kampf gegen jede Unbesonnenheit. Exzellenz träumte von
-goetheschen Enkelfreuden und wollte seine „wilde Hummel” schon im Zaum
-halten.
-
-So blieb Perthes allein und verteilte sein gleichförmiges Leben
-zwischen der Klinik und dem behaglichen Herrenzimmer seines Landhauses,
-wo er oft bis Mitternacht und länger bei der Schreibtischlampe saß. Nur
-selten ging er spazieren. Gegen das Flußtal aufwärts von Nieburg hatte
-er seit dem Sommer des vergangenen Jahres eine scheue Abneigung. Weiter
-hinein in die Berge oder hinaus in die Ebene reichte die Zeit nicht.
-In die Stadt kam er, außer auf dem Weg zur Klinik, so gut wie nie; und
-diesen einzigen Stadtweg legte er meist in der Straßenbahn zurück.
-
-Wie ein Fremdling kam er sich schon vor, als er eines Abends
-gelegentlich einen Gang durch die Hauptstraße machte. Der Postbote
-hatte ihm am Morgen das Honorar für einen nebenbei geschriebenen
-Aufsatz in der „Medizinischen Wochenschrift” gebracht. Er wollte es
-dazu verwenden, um in aller Stille eine der großen Rechnungen des
-letzten Vierteljahrs zu begleichen.
-
-In dem Modeladen, dem sein Gang galt -- es war das erste Sport- und
-Toilettengeschäft der Stadt -- erfuhr er mit Befremden, daß der Betrag
-schon beglichen sei. Er wollte es nicht glauben und forschte weiter.
-Der Besitzer, ein sehr höflicher, geschniegelter Herr, ließ ihn das
-Kontobuch einsehen. Es stellte sich heraus, daß die Rechnung für
-Exzellenz überschrieben und vor ein paar Wochen bezahlt war. Perthes
-zuckte die Achseln und murmelte etwas von einem unverständlichen
-Irrtum. Kaum konnte er vor dem Inhaber, der ihn dienstfertig bis an die
-Tür begleitete, Beschämung und Zorn verbergen.
-
-Der Gedanke, daß ihm Alice hinterrücks diese Demütigung zugefügt,
-schien ihm unfaßbar. Sein Stolz, den er einst gezwungen, sich der
-bewußten Streberei zu unterwerfen, hatte sich in die letzte Festung
-einer peinlichen pekuniären Empfindlichkeit geworfen und machte
-einen entrüsteten Ausfall. Er war drauf und dran, an Hupfeld einen
-erbitterten Brief zu schreiben, um solche Liebenswürdigkeiten ein für
-allemal abzulehnen, und die Summe mitzuschicken. Nur die Rücksicht
-auf den Zustand seiner Frau ließ ihn dann doch davon absehen. Soviel
-stand ihm indessen fest: es mußte hier eine reinliche, prinzipielle
-Klärung erfolgen. Aber er wollte warten, bis er keine Gefahr mehr
-lief, ihr zu schaden. In seinem ganzen Leben hatte er nicht so
-viel Selbstüberwindung lernen und üben müssen, als es ihn kostete,
-seine Entdeckung in sich hineinzuwürgen. Die Arbeit wurde ihm für
-mehrere Tage verdorben, und es blieb auch nachher ein Stachel
-zurück, der immer wieder in ihm bohrte. Er sah Alice vor sich mit
-ihren irrlichthaften Augen, der ewig herausfordernden Miene eines
-Gassenjungen, den tollen Sprüngen des tollen Mädels von einst. Hatte
-sie denn gar keinen Sinn für den Stolz des Mannes, der sich in ihm
-auflehnte gegen eine unwürdige und maßlose Abhängigkeit? Verstand sie
-nichts von der Erniedrigung, der sie ihn vor ihren Eltern aussetzte?
-Die Frage tauchte wieder auf, die er seit dem Frühjahr, seit jener
-Todesnachricht von Richthoff und seiner freiwillig-unfreiwilligen
-Beichte über Marga, mehr als einmal hatte in sich zurückdrängen müssen:
-was wohnte hinter den grünschimmernden, flackernden Augen, hinter
-diesem alles zerspottenden Mund, hinter der kühlen Stirn unter den
-rötlich-krausen Haarwolken? Doch das war ja Unsinn! Was suchte er denn?
-Das Rätsel war ja eben der Reiz des Rätsels. Die Verliebtheit, noch
-immer mächtig über ihn, lehnte sich auf und stritt gegen das sinnlose
-Fragen. Gewaltsam wie früher meinte er über seine Skrupel Herr werden
-zu sollen. Er vergönnte sich einen dummen Streich: über den nächsten
-Sonntag fuhr er nach St. Blasien.
-
-Es gab eine lustige Überraschung, als er bei Hupfelds im Kurhotel
-einbrach. Zwei Tage glücklicher Trunkenheit folgten: er war Alices
-alter Räuberhauptmann und sie sein entzückender Irrwisch.
-
-Nachher, zu Hause, fand er, daß er trotzdem mit dem Streit in sich
-so fertig nicht war, wie er gehofft. Die Erinnerung an die zwei
-Taumeltage schwand. Die Erinnerung an seine Demütigung blieb. Er mußte
-ein Kompromiß schließen, um den Streit loszuwerden. Das Kind war es
-fortan -- aber natürlich war es so -- nur das Kind, das Alice ganz zu
-dem machen sollte und mußte, was sie noch nicht war. Er verlangte ja
-gar nicht viel. Nur ein Gran Verständigkeit, ein halbes Lot Ernst.
-Der mußte kommen! Die Mutter mußte in ihr erwachen und sie auf die
-natürlichste Weise dazu führen, seinen Stolz zu verstehen, mit ihm über
-diese wirtschaftlichen Dinge einer Meinung und damit häuslicher zu
-werden!
-
-Perthes baute eine völlig wolkenlose Zukunft auf das Kind ihrer Liebe
-...
-
-Der Herbst war da. Alice flog ihm wieder in die Arme. So frisch und
-ungebärdig und fast so schlank wie immer. Perthes selbst war mit
-seinem Schwager, Leutnant Moritz, doch noch acht Tage in den Vogesen
-gewandert. Auch er fühlte sich gestärkt und von Grillen befreit, voll
-Zuversicht und Arbeitslust.
-
-Mit Semesteranfang begann das alte gesellschaftliche Treiben.
-
-Die Gräfin Hüningen hatte aus Berlin, wo sie auf der Hin- und Rückfahrt
-nach Borkum einen Monat haltgemacht, neue Pläne, neue Kaprizen
-mitgebracht. Aber wie Perthes vorausgesehen, mußte Alice sich einige
-Zurückhaltung auferlegen. Ihre Beweglichkeit wurde eingeschränkt, ob
-sie wollte oder nicht. Bei sich triumphierte er, es würde alles so
-werden, wie er voraussah. Wenn sie bisweilen über die Stränge schlug,
-wenn sie aufbrauste, weil er sie im Zügel hielt, und ihn offen einen
-„ekligen, ollen Philister” schalt und die dumme Plackerei ihres
-Zustandes verwünschte, so war er von einer unerschütterlichen Geduld
-und Rücksichtnahme. Er sagte sich, daß das ganz in der Ordnung war. Bei
-ihr wie bei allen Frauen; nur eben ihrer Eigenart entsprechend. Und er
-übte sich in einer Zartheit, einer Beherrschung seines Temperaments,
-die ihm niemand, am wenigsten er selbst sich zugetraut hätte.
-
-Gleich nach Mitte Oktober kam der große Tag.
-
-Exzellenz Hupfelds Automobil hielt fast vom Morgen bis zum Abend
-vor der Villa. Perthes hatte sich frei gemacht. Der Ordinarius für
-Gynäkologie, ein Freund des Geheimen Rats, war zugegen. Mama Hupfeld
-erhielt durch ihren Diener halbstündigen Wetterbericht, denn ihre
-furchtsame Erregbarkeit war für Wochenstuben nicht gemacht.
-
-Um sechs Uhr abends erblickte ein schreihälsiger junger Perthes das
-Licht der Welt.
-
-Hupfeld, der Großvater, und Perthes, der Vater, schüttelten sich mit
-gerührter Freude die Hände. Alice war schwach, aber außer jeder Gefahr.
-Als Perthes bei ihr eintrat, mit Blumen und lachend besorgter Miene,
-betrachtete sie eben verwundert das kleine Menschenbündel, das ihr die
-Wärterin hinhielt. Sie lächelte bei seinem Kommen.
-
-Er setzte sich neben sie und ergriff ihre rechte Hand, um sie zu küssen.
-
-Nach einer Weile murmelte sie ein paar Worte.
-
-„Wie meinst du, Liebling?” Er beugte sich vor, denn er hatte nicht
-verstanden. „Hast du einen Wunsch?”
-
-Sie wiederholte ihre Worte. Er meinte sich zu verhören, und ließ sie
-sich zum drittenmal, noch näher ihrem Mund, wiederholen.
-
-„Nu hab' ich mir aber meinen Basar verdient! Ehrlich!” kam es klar und
-überzeugt hervor.
-
-Perthes gab keine Antwort. Er legte ihre Hand zurück auf die Decke.
-Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Er hatte mit ihr ein dankbares Wort
-über den tüchtigen Burschen reden wollen, den sie ihm geschenkt. Es
-blieb ihm in der Kehle stecken. Er lächelte ihr noch einmal zu und ging
-auf den Fußspitzen aus der Stube.
-
-Während Exzellenz nach ihr sah, stand er lange im Speisezimmer am
-Fenster, ohne hinauszusehen in das Herbstdunkel mit den trägen
-Bergmassen, dem düsteren Fluß, dem gestirnten Himmel.
-
-Das war also alles, was Alice empfand!
-
-Sie hatte ihre Arbeit geleistet und erwartete ihre Belohnung. Kein Wort
-für das Kind, kein Wort für ihn.
-
-Eine grausame Erbitterung stieg in ihm auf. Sie wurde von einer
-Traurigkeit abgelöst, wie er sie lange nicht gefühlt. Wie aus dem
-Nichts, ungerufen, aber voll und deutlich tauchte Marga vor ihm empor.
-Marga als Mutter -- eine Welt von Innerlichkeit, von Gemüt, von
-Schönheit und Liebe. Er preßte die Fäuste gegen die Schläfen; seine
-ganze Energie spannte er an, um diese tödliche Vision abzuhalten,
-fortzudrängen, zu vernichten. Es gelang ihm. Aber eine unerklärliche,
-zornige Angst und Beklemmung blieb in ihm zurück. Es waren wieder
-Alices Schalksaugen vor ihm, hinter die er zu dringen suchte. Und er
-bebte vor dem, was er zu ergründen meinte. Er wies die Ahnung zurück.
-Mit dem Rest seines dämonischen Nichtwollens warf er seine erwachende
-Seele nieder ...
-
-Alice genas schnell und normal. Auch der Junge machte die besten
-Fortschritte. Sie behandelte ihn sehr unterschiedlich: bisweilen
-überhäufte sie ihn mit Zärtlichkeiten; ein andermal vergaß sie ihn
-völlig. Beharrlich war sie dagegen in dem Wunsch, keinesfalls dem
-Basar fernbleiben zu müssen. Die „Handarbeitsbude” hatte sie wieder
-aufgegeben, die Musterauswahl zurückgeschickt, bald nach jener
-Aussprache mit ihrem Mann: nicht etwa, weil er sie überzeugt hatte,
-sondern weil sich ihr die Sache als zu mühselig erwies und nicht den
-rechten Spaß machte. Ihre neuen Pläne hielt sie geheim: sie hatte
-nur, schon während ihres Wochenbettes, regelmäßige Konferenzen mit
-Edith Hammann. Gesundheitlich war gegen ihre Teilnahme kaum etwas
-einzuwenden. Sie gedieh vorzüglich in ihrer koketten Krankenstube. Die
-Taufe wurde für Anfang Januar festgesetzt. Der Junge sollte nach seinem
-berühmten Großvater den Vornamen Benno erhalten.
-
-Seltsamerweise waren auch Perthes' Gedanken mehr bei dem unnützen
-Basar als bei seinem Kind. Sie kristallisierten sich auf diesen
-Punkt mit der Hartnäckigkeit einer fixen Idee. Mit dem verzweifelten
-Eigensinn eines Mannes, der in seinem Glauben erschüttert ist, aber
-sich nichts davon eingestehen möchte, beschloß er, Alices Liebe eine
-Kraftprobe aufzuerlegen. Das Wohltätigkeitsfest war, unvorhergesehener
-Schwierigkeiten halber, auf die zweite Hälfte des Januar verschoben
-worden. Unter dem Weihnachtsbaum -- er hatte Alice überreich und
-zartsinnig beschenkt -- erbat sich Perthes ihren Verzicht auf diese
-kostspielige Veranstaltung, geradezu als Beweis der Liebe. Sie wollte
-nichts davon hören, aber allmählich trug seine Beredsamkeit, die so
-feurig sein konnte, den Sieg davon. In einem Wirbel von Liebkosungen
-erstickte ihr Widerstand. Sie versprach, den Basar aufzugeben.
-
-Perthes war selig. Sein Glück schien ihm noch einmal bis in die Wolken
-zu reichen ...
-
-Bennos Taufe wurde von den Schwiegereltern zu einem prunkenden
-Familienfest ausgestaltet, das die niedliche Villa Perthes von oben bis
-unten mit Gästen füllte. Außer den Eltern Hupfeld waren Leutnant Moritz
-und Cousine Hilla da, Graf und Gräfin Hüningen, Professor Hammann und
-Frau und viele andere. --
-
-Perthes' Habilitationsschrift war vor Weihnachten fertig geworden
-und eingereicht. Er arbeitete jetzt an seiner Antrittsvorlesung, die
-wohl Anfang Februar folgen konnte. Er mußte sich tüchtig dranhalten,
-um fertig zu werden. Alice, die die „schreckliche Paukerei” sehr
-abgeschmackt fand, war wohlauf und verbrachte wieder, wie zuvor, die
-meisten Stunden des Tages außer dem Hause. Perthes war seit ihrem
-Weihnachtsversprechen völlig beruhigt und nachsichtiger denn je.
-Sie waren beide zärtlich und einträchtig miteinander, so oft eine
-halbe Stunde sie zusammenführte. Fragte er zufällig einmal, was sie
-triebe, so lautete die regelmäßige Auskunft, daß sie mit Bubi bei den
-Großeltern gewesen sei. Er fand das riesig nett für sie und die alten
-Herrschaften und bedauerte nur, daß er selber seinen Jungen höchstens
-einmal zwischen Tag und Dunkel in den Armen halten konnte.
-
-An einem der letzten Januarabende, als er mit einer Zigarre von der
-Klinik die Allee am Fluß entlangschritt -- gemütlicher als sonst, denn
-die Ausarbeitung seiner Antrittsvorlesung war in diesen Tagen fertig
-geworden --, begegnete ihm Doktor Markwaldt. Er hatte den ehemaligen
-Arbeitsgenossen vom Bakteriologischen Institut seit langem nicht
-gesehen, denn in der klinischen Gesellschaft zeigte er sich, seit
-er verheiratet war und an seinen wissenschaftlichen Nebenarbeiten
-übergenug zu tun hatte, so gut wie gar nicht mehr. Die Begrüßung
-war von Perthes' Seite sehr freundlich, von seiten Markwaldts noch
-überdies sehr respektvoll, mit einer kleinen Dosis nicht schlecht
-gemeinten, sondern eher bewundernden Spottes für den famosen Streber,
-der seine klatschbeflissene Nußknackerei so lange zum Narren gehalten
-hatte. Sie unterhielten sich eine Strecke Wegs. Vor der neuen Brücke,
-wo sie sich, wie in alten Tagen, trennten, fühlte sich Markwaldt noch
-zu einem Kompliment gedrungen.
-
-„Im übrigen, Herr Kollege, der indische Verkaufsstand Ihrer Frau
-Gemahlin auf dem Basar -- einfach tadellos!” Er schnalzte voll
-Anerkennung mit der Zunge.
-
-Perthes, der schon Markwaldts gepolsterte kleine Hand losgelassen,
-blieb erstaunt stehen.
-
-„Sie wollen mir wohl zum Abschied eine Ihrer berüchtigten Neuigkeiten
-aufschwatzen?” erklärte er ruhig und lachend. „Meine Frau ist ja gar
-nicht dort.”
-
-„Na, da hört sich aber die totale Weltgeschichte auf! Wenn jemand
-flunkert, sind -- verzeihen Sie mir -- Sie das! Vor noch nicht zwei
-Stunden war ich in der Festhalle, um mir den Klimbim mal anzusehen und
-habe von Ihrer Frau Gemahlin einen mächtigen indischen Topfscherben --
-vermutlich aus Berlin ~SO~ -- für unglaubliches Geld erstanden. Von der
-Gräfin Hüningen --”
-
-Perthes war erdfahl geworden.
-
-Markwaldt, nichts ahnend, hielt inne und sah ihn dumm-verdutzt an.
-
-Doch schon im nächsten Moment hatte Perthes eine vorbeifahrende
-Droschke angerufen. Mit einem hastigen „Entschuldigen Sie!”
-verabschiedete er sich von dem fassungslosen Bakteriologen und saß im
-Wagen.
-
-„Nach der Festhalle!” befahl er dem Kutscher.
-
-In fünf Minuten hielt der Wagen vor dem Portal. Wie er war, stürmte
-Perthes die Treppe hinauf. Ohne Rücksicht auf das Geflüster der
-festlich geschmückten jungen Mädchen, die im Vorraum die Köpfe
-zusammensteckten, um dann, wie aus der Pistole geschossen, mit ihren
-Programmbüchern, Konfitüren und Losen auf ihn zuzuschießen; ohne rechts
-oder links einen der zahlreichen Bekannten zu begrüßen, ja ohne auch
-nur, trotz des hellen Rufes der Kassiererin, eine Karte zu lösen, eilte
-er in den Trubel des Saales und drängte sich beinahe barsch durch die
-lachende, schwatzende Menschenmenge. Sein blasser, schwarzbärtiger
-Kopf, in diesem Moment wirklich räuberhaft, überragte die meisten
-Besucher.
-
-Bei einer der girlandenumwundenen Säulen, nahe der Komiteeloge mit
-ihren Fahnen und Blumengewinden, blieb er stehen. Er hatte den
-indischen Stand entdeckt. Inmitten eines Schwarmes von Käufern --
-Offizieren, Studenten, Akademikern -- sah er seine Frau.
-
-In einer glanzvollen Phantasierobe, lachend und schwatzend, verhandelte
-sie eben über eine bronzene Vase mit dem schlitzäugigen Prinzen von
-Siam, den er vom Feldberg kannte, und der gegenwärtig die byzantinisch
-angebetete Zierde derer um Hupfeld war ...
-
-Der Schweiß trat ihm kalt auf die Stirn. Seine Augen schweiften, wie
-Halt suchend, über das Gewirr der Menschen, an den Buden längs der
-Wände hin. In einem Verkaufsstand glaubte er einen Augenblick neben
-Frau Geheimrat Achenbach Marga und Elli Richthoff zu erkennen. Es war
-nur eine Fiktion. Seine Zähne knirschten. Er drehte sich gewaltsam
-um. Er spürte, wie seine Leidenschaftlichkeit in ihm aufwallte. Seine
-Liebe für Alice war immer ein eigenartiges Gemisch widerstrebender
-Empfindungen gewesen. Heute brach die Wut, unstreitig die Wut aus ihm
-hervor. Er hätte auf Alice zustürzen, er hätte sie zu Boden schlagen
-können. Der Haß des Edeltieres Mann gegen das Ewigweibliche im Sinn des
-Ewigtierischen verdunkelte seinen Sinn. Mit dem letzten Aufwand seiner
-Energie rannte er aus dem Saal, wie er gekommen war. Er erreichte sein
-Haus, ohne zu wissen wie ...
-
-Frau Perthes, die von seinem unerwarteten Auftauchen Kunde erhalten,
-zog es vor, bei ihren Eltern zu übernachten. Sie war überzeugt, daß
-sein Groll bis zum Morgen verraucht sein würde. So ein Pech! Sie hatte
-sich so sicher geglaubt! Wie war er, der sich um nichts dergleichen
-mehr gekümmert, nur auf den Einfall gekommen, in die Festhalle zu
-gehen! Gott -- erfahren hätte er es wohl auch so. Bestenfalls konnte er
-jetzt etwas länger grollen ...
-
-Perthes ließ sich am anderen Morgen auf der Klinik „verhindert” melden.
-Er wartete auf Alice.
-
-Seine heiße Wut hatte einer kälteren, bestimmteren Platz gemacht.
-
-Vergnügt, gleichgültig, spitzbübisch, als wäre nichts geschehen, kam
-sie gegen Mittag heim.
-
-Er stellte sie mit dürren Worten zur Rede. Sie blieb höchst gelassen.
-Du lieber Himmel, sie hatte das dumme, überspönige Versprechen von
-Weihnachten nicht so ernst genommen! Sie hatte ihn ja weiter gar nicht
-mehr belästigt. Was wollte er denn überhaupt? Die ganze Ausstattung der
-indischen Bude hatte sie sich von Papa schenken lassen! Damit war doch
-die Sache erledigt ...
-
-Perthes war angesichts ihrer vollendeten Skrupellosigkeit, dieser
-moralischen Stumpfheit einer unschuldigen kleinen Wilden, eines
-verbildeten, unartigen Kindes sprachlos. Er wollte aufbrausen. Aber
-sein Zorn fiel in sich zusammen. Seine Stimme versagte. Was er da vor
-sich hatte: das war ja die immer gesuchte, immer wieder vertuschte und
-verschobene Lösung des Rätsels. Hinter den lockenden Irrlichtaugen, den
-Gamingrimassen, den tollen Gassensprüngen -- die Leere! die vollendete
-Hohlheit! Er hatte seinen Irrwisch in der Hand: es war ein kleines,
-schwarzes, unscheinbares Nichts, von dem niemand begriff, wie es zu
-seinem Leuchten kam ...
-
-Er schickte Alice weg.
-
-Hier war nichts mehr zu ändern. Hier gab es nur eines: handeln. Die
-Umgebung, vielleicht war es nur die Umgebung, die sie ruinierte. Aus
-ihr mußte sie heraus. Mit ihm. Mit dem Kind, ehe sie auch dieses
-vernachlässigte oder gar mit ihrer Oberflächlichkeit ansteckte!
-
-Mit der Heftigkeit seines Temperaments drang er vom Entschluß zur Tat.
-
-Am Nachmittag ging er zu Hupfelds.
-
-Exzellenz war gerade von einer Reise zurückgekommen, von einer
-auswärtigen Konsultation, die ihn sehr abgespannt hatte. Eigentlich
-empfing er niemand. Ziemlich widerwillig machte er mit seinem
-Schwiegersohn eine Ausnahme.
-
-Als Perthes eintrat, lag er auf seinem Diwan ausgestreckt. Mit
-überlegener, etwas nervöser Ruhe hörte er den Sachverhalt an. Er konnte
-die Aufregung des „lieben Jungen” verstehen. Er verstand ja alles. Er
-sagte ihm das, fügte aber hinzu, man müßte gerecht sein. Das „arme
-Kind” brauchte nun mal seine Extravaganzen. Im übrigen würde die Ehe
-das Ihrige tun, um sie noch mehr zu zähmen, seine Hummel. Mein Gott,
-das waren so die kleinen Evolutionen, die jede Ehe durchmachte! Nur sie
-nicht als Revolution betrachten! Dadurch machte man sie erst dazu!
-
-Perthes hörte ehrerbietig zu. Aber er opponierte. Er glaubte aus den
-und den Gründen, daß die Sache ernsthaft sei. Er hatte noch immer
-nicht begriffen, daß „Ernst” im Hause Hupfeld nur eine höchst relative
-Größe war. Und er rückte geradeswegs mit seinem Wunsch heraus: Der
-Geheime Rat solle einwilligen, daß er mit Alice nach auswärts ginge,
-wenn es nur für ein paar Jahre wäre. Eine andere Assistenz oder eine
-Anstaltsleitung ließe sich gewiß für ihn finden.
-
-Hupfeld sah seinen Schwiegersohn groß an. So, wie man jemand ansieht,
-an dessen normalem Befinden man zweifelt.
-
-„Lieber Junge,” begann er dann herablassend und mild, „du bist
-überreizt. Das sind -- verzeih -- das sind Ausgeburten eben einer
-überreizten Phantasie. Du hast dir das auch nicht ernstlich überlegt.
-Erstens kann ich es als Vater nicht zulassen. Wir wollen Alli nicht
-entbehren. Zweitens brauch' ich meinen Assistenten. Drittens würde
-damit deine ganze Laufbahn in Frage gestellt. Was du selbst einsehen
-mußt.”
-
-Perthes sah nichts ein. Hartnäckig blieb er bei seinem Wunsch. Er
-brachte ihn mit Nachdruck, beinahe heftig, von neuem vor. Er wollte und
-mußte weg von hier, um Alices, des Kindes und um seinetwillen.
-
-Exzellenz richtete sich halb vom Diwan auf. In den blassen Augen
-schimmerte ein grüner, zorniger Blitz. Die hohe, leere Stirn faltete
-sich und die sonst so getragene Stimme wurde unangenehm scharf, fast
-bösartig.
-
-„Niemals!” erklärte er mit der abschneidenden Gebärde des großen
-Mannes. „Davon wünsche ich nichts mehr zu hören! Niemals!” Und mit
-einer Bonhomie, die verletzender war als dieser herrische Zorn, weil
-sie Perthes kraß seine Stellung gegenüber dem Mann zeigte, der ihn
-„gemacht” hatte, setzte Exzellenz nach einer Pause hinzu: „So haben wir
-nicht gewettet, mein lieber Junge! Merk dir das gefälligst! Und laß
-mich jetzt ausruhen! Ich bin halb tot! Adieu!” Er reichte Perthes die
-berühmte, molluskenweiche Hand, die dieser frostig berührte.
-
-Die Audienz war beendet.
-
-Als Perthes wieder auf der Straße war, war er versucht, seine Arme
-zu heben, zu schütteln. Mußte man nicht die Ketten klirren hören,
-die er sich selber geschmiedet? In denen er sich selber gefangen?
-Er -- der Streber mit Willen! Gefangen, zusammengekettet mit einem
-leuchtenden Nichts! Er mit seinem verwundeten, niedergetretenen Stolz!
-Mit seiner Seele, die er sich abgeschafft und die sich doch nicht
-abschaffen ließ, sondern klagte, forderte, rief und schrie! ... Seine
-Leidenschaftlichkeit half ihm nichts mehr. Die dämonische Lust half
-nicht mehr. Es gab kein Springen mehr. Er mußte schreiten. Was er sein
-ganzes Leben nicht gekonnt: jetzt mußte er es können! Und er lernte
-es. Jahraus, jahrein besser -- und für ein ganzes Leben, wenn es sein
-sollte.
-
-Noch im Spätherbst, nach der Habilitation, verschaffte ihm sein
-Schwiegervater ein Douceur. Für die rauhe Weigerung gewissermaßen ein
-liebenswürdiges Heilpflaster. Er erhielt den Titel außerordentlicher
-Professor. Schon anderthalb Jahre später wurde er etatmäßig.
-
-Doktor Max Perthes, etatmäßiger außerordentlicher Professor an der
-Universität ..., erster Assistent an der Chirurgischen Klinik und
-stellvertretender Leiter. Wie hübsch das klang! Er hatte Karriere
-gemacht ...
-
-
-
-
-18
-
-
-Der Kindergarten in der Bergfelderstraße gedieh.
-
-Im ersten Jahr mußte man noch vom Kapital zusetzen. Im zweiten
-verdiente man und hätte mehr verdient, wenn nicht eine Scharlachepidemie
-die Kleinen ferngehalten hätte. Im dritten hatten, einer ernsthaften
-Konkurrenz zum Trotz, Marga und Elli Richthoff „den” Kindergarten für
-die Herrchen und Dämchen der besseren Gesellschaft. Das bescheidene,
-aber für sie so wichtige Werk war gelungen.
-
-Nicht zuletzt war es nach wie vor der feste und treue Rückhalt an
-den Freunden des einstigen Hauses am Wenzelsberg, der den Schwestern
-ihre Stellung auch äußerlich erleichterte. Sie bewegten sich frei und
-gleichberechtigt im alten gesellschaftlichen Kreis, und die Achtung,
-die sie dort genossen, wirkte auch bei Fernerstehenden nach. Jene
-kleinen, oft schmerzhaften Schikanen und Zurücksetzungen, mit denen
-die Gesellschaft noch manchmal die Frauen bedenkt, die sich mutig auf
-ihre eigenen Füße stellen, blieben ihnen so gut wie ganz erspart.
-Die Jahre gaben ihnen in dem Häuschen an der Bergfelderstraße ein
-richtiges, behagliches Heimgefühl, und sie konnten sich ihr Leben ohne
-die erfrischende Tätigkeit, ohne die Freiheit innen und außen kaum mehr
-denken.
-
-Marga war jetzt längst stark und klar genug, um auch die Erinnerung an
-die Vergangenheit nicht mehr zu scheuen. Sie gedachte ihrer Liebe und
-ihres Leids ohne Bitterkeit. Elli hatte es lange vermieden, von sich
-aus an jene Geschehnisse zu rühren. Als ihr dann zufällig einmal ein
-Wort entschlüpfte, das auf den Sommer in der Mühle Bezug hatte, wollte
-sie darüber forteilen. Aber Marga knüpfte selbst an ihre Bemerkung
-an, und seither sprachen sie mehr als einmal darüber, und je mehr
-die Zeit sie davon entfernte, um so geklärter und gelassener. Nicht
-nur ihre eigenen Gefühle, sondern auch den Mann, der sie ihr gegeben
-und genommen, sah sie in gerechtem und versöhnendem Licht. Sie hatte
-begriffen, daß jene Liebe -- die Wonne, die sie ihr geschenkt, und das
-Weh, das sie ihr bereitet -- für sie ein Stück notwendiger Entwicklung
-hatte sein sollen: sie wollte keines von beiden missen. Mußte es für
-ihn nicht dasselbe gewesen sein? Wenn Elli Perthes' Charakterlosigkeit,
-seinen treulosen Verrat, seine Unaufrichtigkeit und unverantwortliche
-Schuld mit den ihr eigenen Kraftausdrücken belegte, ließ es Marga nicht
-gelten. Ihr gereiftes Urteil verstand gerade das Herbste, das, was
-Elli am entschiedensten verdammte: seine jähe Wendung von ihr zu einer
-so anders gearteten Frau, einer der Richthoffschen so unähnlichen und
-entgegengesetzten Welt. Sie verstand sie aus den tiefen Gegensätzen
-seiner damals nur scheinbar, nur mit Gewaltsamkeit ausgeglichenen
-Natur. Sie ahnte, was er schon in seinem Abschiedsbrief angedeutet:
-Perthes hatte Seite an Seite mit ihr zu einem höheren, innerlicheren
-Menschentum emporgestrebt. Aber er hatte sich über seine Kraft
-getäuscht, als er den Zwiespalt in sich niederhalten wollte. Er konnte
-sein Naturell nicht zum Gleichschritt mit ihr, und darum auch überhaupt
-nicht in ihre Bahn zwingen. Als er das eingesehen, war er mit einem
-verzweifelten Entschluß in ein anderes Geleise gesprungen, das ihn nach
-der entgegengesetzten Seite führte.
-
-Ob Perthes dort gedieh? Ob er die ihm angemessene Bahn gefunden? Ob ihn
-diese Bahn abwärts mitnahm oder auf einem schweren Umweg auch zu einer
-Höhe, zu seiner Höhe führte? Vor solchen Fragen machte Marga halt. Sie
-wollte nur das Notwendige auch für ihn als Notwendiges anerkennen und
-achten. Weiter durfte sie nicht denken. Das verbot ihr ihr Stolz.
-
-Sie forschte nie nach ihm. Das Äußerliche seines Lebens trug ihr ab und
-zu ein Gespräch oder eine Bemerkung anderer zu. Dafür war die Stadt zu
-klein, die akademische Gesellschaft, trotz ihrer verschiedenen, sich
-gegeneinander abschließenden Sphären zu eng, als daß es hätte anders
-sein können. Daß er verheiratet war, daß er ein oder zwei Kinder hatte,
-das er sich habilitiert hatte und jetzt Professor war, das waren Dinge,
-die sie hörte wie eine Fremde von einem Fremden. Gleichgültige Dinge,
-die nicht bis in ihre große Stille drangen. --
-
-Bei einem kleinen Zwischenfall sollte Marga nach Jahren beweisen,
-daß ihr inneres Gleichgewicht kein gemachtes, sondern ein echtes und
-dauerndes war.
-
-Es war an einem Vormittag im späten Frühling. Die Kleinen waren
-eben aus ihrer fröhlichen Schule abgezogen. Elli und Marga saßen in
-behaglichen Liegestühlen im Grasgarten unter den Bäumen, die ihre
-letzten Blüten auf die dichten Grasbüschel streuten, und plauderten.
-Da meldete das Dienstmädchen, das sie sich jetzt zur ständigen Hilfe
-leisten konnten, eine Dame mit ihrem Jungen.
-
-Elli, die die Anmeldungsgeschäfte gewöhnlich erledigte, stand auf und
-ging nach vorn.
-
-Das Zimmer zwischen Wohnzimmer und Schulstube diente zum Empfang. Dort
-erwartete die Dame sie und erhob sich bei ihrem Eintritt vom Sofa,
-während ein Junge, ein kräftiges Bürschchen mit großen schwarzen Augen,
-einer kecken Stupsnase und zottigen, schwarzen Haaren, sehr resolut auf
-seinem Stuhl sitzen blieb. Elli glaubte sie nicht zu kennen.
-
-„Frau Alice Perthes!” stellte sie sich mit leichtem Nicken vor. „Ich
-komme, um Ihnen meinen Jungen vorzuführen,” fuhr sie in kühlem, etwas
-herablassendem Ton fort. „Der kleine Kerl soll etwas Räson lernen -- er
-wird meinem Mann und mir zu wild.” Das „meinem Mann” erfand sie. Denn
-Perthes wußte nichts von diesem Schritt seiner Frau. Sie folgte da nur
-ihrer Laune und dem Bedürfnis, durch das Kind nicht belästigt zu sein.
-
-Elli war zuerst betreten. Sie erinnerte sich jetzt sofort dieses
-beweglichen Gesichts mit seinen glimmenden Augen, der gestülpten
-Nase, dem spottsüchtigen Mund, das ihr ja vom Sehen bekannt war. Es
-war für sie eine ausgemachte Sache, daß sie diese Frau Perthes mit
-ihrem Sprößling abwimmeln würde. Mit der Sicherheit, mit der Frauen,
-besonders solche, die keinen Grund haben, sich wohlgesinnt zu sein,
-einander durchschauen, erriet sie, daß von Alices Seite auch eine
-frivole Neugierde mit im Spiel war. Sie wollte sich bei der Gelegenheit
-so ~en passant~ mal diese Richthoffs, von denen die eine ihres
-Mannes Flamme gewesen, etwas näher ansehen. Das prickelte in den
-umherschweifenden Augen ...
-
-„Sie kommen leider zu keiner ganz glücklichen Zeit, gnädige Frau,”
-erklärte Elli korrekt, aber rund heraus, nachdem sie ihr gegenüber
-Platz genommen.
-
-„Wieso?” fragte Alice.
-
-„Wir haben für das laufende Halbjahr schon so viele Kinder angenommen,
-daß es beim besten Willen nicht gehen wird.”
-
-„Sie werden mich doch nicht abweisen wollen, Fräulein?” Alice lächelte
-und sah Elli malitiös und ungläubig an. Sie hatte heraus, daß es
-sich um eine Ausrede handelte und war jetzt erst recht entschlossen,
-beharrlich zu sein. Sie versuchte sich noch entschiedener in der
-gönnerhaften Selbstgewißheit der großen Dame. Man hatte ihr den
-Richthoffschen Kindergarten empfohlen. Sie ließ die Namen von Exzellenz
-Papa, den gräflichen Herrschaften von Hüningen beiläufig einfließen
-und wollte Elli offenbar klar machen, daß die beiden Fräuleins sich
-nur geschmeichelt fühlen dürften, wenn sie ihren Jungen brächte. Sie
-stellte die Protektion gewisser erster Kreise in verlockende Aussicht.
-
-Das hieß bei Elli gerade Öl ins Feuer gießen. Sie wäre am liebsten grob
-geworden. Die hochtrabende Manier, die Alice sich gegen die Töchter
-eines Kollegen ihres Vaters herausnahm, reizte sie. Doch sie besann
-sich. Sie ließ Alice ausreden. Der Schalk in ihr siegte über den Unmut,
-den sie empfand.
-
-„Aber das hilft ja alles nichts,” sagte sie dann vergnügt. „Und wenn
-Sie uns einen leibhaftigen Prinzen brächten, gnädige Frau, wir haben
-uns mal vorgenommen, mehr Kinder einstweilen nicht aufzunehmen. Es
-wird nicht gehen!” Sie wechselte mit Frau Perthes einen Blick, der
-diese nicht im Zweifel lassen konnte, daß ihr die Exzellenzen und
-Grafen ganz und gar nicht imponierten.
-
-Der Junge, der aufmerksam zugehört hatte, kletterte von seinem Stuhl
-herunter. Ihm schien die Sache jetzt reif für seine persönliche
-Einmischung. Er erklärte auf eigene Faust, sehr flott und selbstbewußt:
-„Denn nicht! Komm, Mama! Ich will fort!”
-
-Das „Denn nicht” hatte er jedenfalls von seiner Mama gelernt. Alice
-selbst, die über die Entscheidung ihres Jungen boshaft lächelte, hätte
-am liebsten auch mit einem geringschätzigen „Denn nicht” das Feld
-geräumt. Aber ihre ursprüngliche Absicht, den Jungen, der im Haus
-lästig wurde, los zu werden, war ihr nun doch zu wichtig. Gewandt
-wie sie war, unterdrückte sie ihren Ärger. Sie gab dem Kleinen einen
-leichten Klaps für seine Ungezogenheit und verlegte sich aufs Bitten.
-Sie wurde beinahe zutraulich. Allerhand Reisen standen ihr bevor. Sie
-war gesellschaftlich sehr in Anspruch genommen. Sein Vater hatte wenig
-oder gar keine Zeit für den Jungen. Das Kinderfräulein würde nicht
-immer mit ihm fertig. Kurz: sie wünschte, daß er einige Stunden am Tag
-unter guter Aufsicht war und etwas Sitzleder bekam.
-
-„Ich denke, Sie werden ihn trotz der Überfüllung nehmen!” schloß sie,
-bedeutend liebenswürdiger und zuvorkommender, als sie begonnen.
-
-Elli blieb gleichwohl fest. Sie wollte nicht.
-
-Für sich und noch mehr für Marga sträubte sich ihr Gefühl gegen die
-Aufnahme gerade dieses Perthesschen Jungen, die überdies nur dem
-eigensüchtigsten Wunsch der Mutter dienen sollte. Sie machte kein Hehl
-daraus, daß ihre Schule den Kindern nicht das Heim ersetzen könne noch
-wolle. Zudem schien ihr der Junge -- so aufgeweckt und kräftig er war,
-mochte er noch nicht vier Jahre zählen -- entschieden zu jung. Sie
-nahmen grundsätzlich keine zu kleinen Kinder mehr. Und dann führte sie
-noch einen ganzen Wall von anderen Gründen auf, um nur unter keinen
-Umständen nachgeben zu müssen.
-
-Alice Perthes war im Begriff, mit einer unartigen Wendung nun doch die
-Verhandlung abzubrechen und ihrerseits zu danken, als sie nebenan, in
-der Klasse, zu der die Tür angelehnt war, Schritte hörte.
-
-„Elli,” ertönte es von dort mit gedämpfter, fragender Stimme.
-
-Es war Marga, die sich das lange Ausbleiben Ellis nicht erklären konnte
-und sie an einen Besuch bei Wilmanns, den sie beide vor Tisch noch zu
-machen hatten, erinnern wollte.
-
-Elli und Alice erhoben sich gleichzeitig.
-
-Elli hatte keinen anderen Gedanken, als dies Zusammentreffen zu
-verhindern.
-
-Aber Alice war die Besonnenere und Entschlossenere.
-
-„Ihre Fräulein Schwester wird vielleicht nicht ganz so hartnäckig
-sein!” meinte sie lächelnd.
-
-Auf die Gefahr hin, unfreundlich zu werden, wollte Elli dazwischen
-treten. Aber Frau Perthes hatte schon die angelehnte Tür geöffnet.
-Und da stand Marga, ihr gegenüber, nichts ahnend, ruhig, nur nach dem
-Geräusch der Stimmen und Bewegungen in ihr Dunkel lauschend.
-
-Wie um sie zu schirmen, flog Elli an dem verhaßten Eindringling vorbei
-auf die Schwester zu. Sie war bleich vor ohnmächtiger Wut.
-
-„Marga, ich sagte der Dame schon, daß wir unmöglich, so leid es uns
-tut, noch ein Kind annehmen können,” stieß sie erregt hervor. Sie hatte
-ihren Arm von rückwärts auf Margas Schulter gelegt und suchte ihr durch
-den Druck ihrer Hand irgend ein Zeichen zu geben.
-
-Der kleine Junge, der erst neugierig vorgetreten war, zog sich vor den
-fremden, blicklosen Augen Margas mit der allen Kindern eigenen Scheu
-vor dem Ungewohnten hinter seine Mutter zurück.
-
-Alice, die die Blinde mit einem Gemisch von Interesse und Befriedigung
-durch ihren bekannten Blick von unten nach oben gemessen, ließ sich
-durch nichts beirren.
-
-„Sie vergessen Ihrer Fräulein Schwester zu sagen, wer ich bin,”
-bemerkte sie halb höflich, halb spöttisch zu Elli. Sie war
-nicht bösartig. Aber in diesem Moment verfiel sie dem kleinen,
-niederträchtigen Weibsteufel, dem Frauen unter sich und zumal unter
-ähnlichen Umständen kaum wehren können. „Alice Perthes”, sagte sie
-mit eigentümlich klangvoller Betonung, die sonst ihrer hastigen,
-schnoddrigen Redeweise durchaus fremd war.
-
-Das Geschoß war abgeschnellt.
-
-Elli ließ trostlos, empört die Arme sinken. Sie hatte es nicht hindern
-können. Unruhig und ängstlich wanderten ihre Blicke zwischen Alice und
-der Schwester hin und her.
-
-Der kleine Benno stand jetzt mit seinen großen, schwarzen Augen mutig
-neben seiner Mutter, fuchtelte mit seinem Spazierstöckchen und setzte
-dann eigenmächtig den breitrandigen Strohhut auf, den er vorher in der
-Hand gehalten.
-
-Marga hatte die Farbe gewechselt. Ihre Augen hatten sich auf den Boden
-geheftet. Sie fühlte auf sich den herausfordernden Blick dieser Frau,
-die sie nicht kannte und die ihr das Glück ihres Lebens zerstört hatte.
-Alte Gefühle des Schmerzes und der Bitterkeit drangen in einer heißen
-Welle zu ihrem Herzen und zerkrampften es, als wollten sie ihren Mut,
-ihre Haltung vernichten. Aber die Welle brach sich an ihrem Willen.
-
-Einige Sekunden hatte das unbehagliche Schweigen gedauert.
-
-„Ich glaube, wir könnten den kleinen Mann doch noch aufnehmen, Elli,”
-sagte Marga dann gelassen und fest. Nur ihr bewegterer Atem ließ eine
-vorausgegangene Erschütterung erraten. „Meine Schwester hat wohl
-vergessen, daß heute morgen ein Mädchen abgemeldet wurde. Es wird
-gehen, nicht wahr, Elli? Wenn Sie uns den Jungen anvertrauen wollen,
-bitte ich darum, gnädige Frau!” Sie sprach jetzt so klar und korrekt,
-als gelte es eine abgemachte, rein geschäftliche Sache höflich zu
-beendigen.
-
-Alice war nicht leicht zu verblüffen. Aber diese Ruhe und sanfte
-Bestimmtheit, wo sie eine pikante, demütigende Verwirrung erwartet
-hatte, war so sehr der Gegensatz ihres eigenen zerfahrenen Wesens, daß
-sie eine gewisse Verlegenheit nicht unterdrücken konnte.
-
-Mit einem höflichen „Ich danke Ihnen, ich werde meinen Jungen morgen
-schicken,” verbeugte sie sich und nahm den Kleinen bei der Hand.
-
-Vor der Tür drehte sie sich noch einmal um.
-
-„Um wieviel Uhr doch gleich?” fragte sie mit einer halben Wendung
-des Gesichts, mit dem wiedergewonnenen Ausdruck ihrer unzerstörbaren
-Nonchalance, der zeigte, daß ihre Gedanken über dies Intermezzo schon
-hinwegeilten.
-
-„Im Sommer um neun Uhr,” gab Marga zurück.
-
-Als sich die Tür hinter Alice Perthes geschlossen, stürzte Elli außer
-sich an Margas Hals.
-
-„Aber Margakind! Was hast du da gemacht?! Wie konntest du diese
-abscheuliche Person, die ich glücklich abgewimmelt hatte, diesen
-verzogenen, ungebärdigen Bengel von einem Jungen -- ich versteh' dich
-nicht! Ich mache nicht mit! Ich will nicht! Wie konntest du nur?” Sie
-zitterte vor Aufregung und Empörung.
-
-Marga zog sie mit einem verlorenen Lächeln noch enger an sich.
-
-„Verstehst du das wirklich nicht, Kleinchen?” fragte sie leis.
-
-Und Elli sah zu ihr auf, in ihre Augen, die mit der Sicherheit eines
-Sehenden eine weite unendliche Ferne faßten, mit der ihre Stille eins
-war.
-
-Und sie verstand Marga ...
-
-Am anderen Morgen kam der kleine Perthes mit seinem Kinderfräulein.
-
-Er war wild, jähzornig, eigenwillig. Aber er war nicht der erste seiner
-Art und nicht der letzte. Zwei, drei Wochen konnte das vielleicht
-dauern. Dann saß er da und lauschte, sprang und sang, jubelte und
-spielte, ein harmloses Kind wie die anderen. Was bedeutete da noch sein
-Name?
-
-
-
-
-19
-
-
-Der Geheime Rat hatte seinen Schwiegersohn im Automobil an die Bahn
-gebracht.
-
-Perthes war zu einer Konsultation nach Konstanz berufen worden. Da
-Hupfeld in diesen Tagen seinen Sommerurlaub antreten und zunächst
-auf Nieburg, späterhin irgendwo in der Schweiz oder Tirol möglichst
-ungeschoren sein wollte, gab es zwischen beiden noch allerhand zu
-besprechen.
-
-Seite an Seite schritten sie auf dem Bahndamm auf und ab, ganz in ein
-berufliches Gespräch vertieft.
-
-Hupfelds hohe Gestalt, mit den Jahren etwas vornübergebeugt, aber
-immer noch sehr repräsentativ mit dem glatten, ebenmäßigen Gesicht,
-den gebietenden Gebärden, dem verjüngenden blauen Jackettanzug, machte
-Aufsehen wie immer. Der nicht ganz so große Professor Perthes in seinem
-Reisehabit aus grauem Loden wirkte nicht so distinguiert und hatte
-nichts von der weltmännischen Liberalität der Exzellenz. Die frühere
-gesunde Bräune seines Teints hatte einen bleiernen Ton bekommen.
-Der Ausdruck der Züge hatte die einstige jugendlich-unbekümmerte
-Brigantenhaftigkeit verloren. Ein starrer Ernst gab ihm auf dem ersten
-Blick einen abweisenden, fast hochmütigen Anschein. Doch dagegen zeugte
-das tiefe Auge, das noch immer, wenn auch selten und mit Beherrschung,
-in dunklem Feuer aufleuchten konnte. Wenn er mit wiederholter, hastiger
-Gebärde die Mütze lüftete und sich über die dichten, schwarzen Haare
-fuhr, las man auf der Stirn aus starren, rissigen Falten ebenso viel
-rastlose geistige Arbeit wie in sich verschlossene Bitternis. Der Mund
-hätte die gleiche Sprache gesprochen, wäre er nicht in dem krausen
-Bart zurückgetreten, dem sich da und dort frühgraue Fäden eingesponnen
-hatten.
-
-Es wurde zum Einsteigen abgerufen.
-
-Hupfeld und Perthes verabschiedeten sich mit einem Händedruck,
-der mehr korrekt als herzlich war. Während der ~D~-Zug aus der
-Halle rollte, schritt der Geheime Rat den Bahnsteig zurück nach
-seinem Automobil. Auf der Fahrt zur letzten Fakultätssitzung des
-Sommersemesters saß er nachdenklich in seiner Ecke. Ohne einen Gruß
-zu versäumen, dachte er an seinen Schwiegersohn. Nach dem Ausdruck
-seiner Mienen waren es nicht ausschließlich freundliche Gedanken,
-die ihn beschäftigten. Diese Konsultationen nach auswärts, die durch
-den steigenden Ruf des Jüngeren sich mehrten, begannen ihm lästig zu
-werden. Seine Eitelkeit, die wahrhaftig in einem Leben voll glänzender
-Erfolge auf ihre Kosten gekommen war, witterte längst in Perthes den
-Kommenden, der ihn, den Gehenden, vielleicht abzulösen berufen war.
-Er hatte die Fähigkeiten des um mehr als eine Generation jüngeren
-Mannes „entdeckt”, wie er sich schmeichelte. Er hatte ihn „gemacht”.
-Vielleicht würde er gegenüber seinem Schwiegersohn Regungen der
-Mißgunst doch unterdrückt haben; vielleicht hätte er sich sogar mit
-den Jahren direkt überwinden und seinen Nachfolger selbst auf den
-Schild heben können. Aber die Ehe seiner Tochter -- das konnte auch
-ihm, dem Optimisten, längst kein Geheimnis mehr sein -- war nicht, was
-er sich und Alli gewünscht hatte. Der junge Mann, den er „gemacht”
-hatte, entwickelte einen Charakter, dem nach seiner Auffassung die
-Weite und Freiheit weltmännischen Denkens abging. Als ewig nachgiebiger
-Vater stand er durchaus auf seiten seines Kindes. Alices skrupellose
-Lebenslust war ein Zug seines eigenen Wesens, wenn er auch in ihm sich
-stilisiert hatte. Ihre spitzbübische, spottsüchtige, wechsellüsterne
-Art zeugte von Humor, Gesundheit des Geistes, jugendlicher Frische.
-Dagegen sah er bei Perthes eine Rechtschaffenheit, ja trockene
-Ledernheit -- besonders in wirtschaftlichen Fragen, die ihm kleinlich
-vorkam. Er traf sich mit Alli durchaus in einer Auffassung, die in
-jeder konsequenten Folgerichtigkeit und Festigkeit nur Pedanterie und
-Spießertum belächelte. Wie oft beklagte er in seinen Gesprächen mit der
-körperlich immer schwerfälligeren Mama Hupfeld das „arme Kind”. Bei
-dieser Klage war er auch in seinen Reflexionen angelangt, als sein Auto
-vor der Universität hielt. Er versäumte trotzdem nicht, dem strammen
-Pedellen, der mit gezogener Mütze in Front stand, huldvoll zuzunicken,
-während er ausstieg. Durch die Gruppen grüßender und starrender
-Studenten schritt er fürstlich nach dem Fakultätszimmer, wo die Korona
-der Kollegen das große Tier noch eben durchgehechelt hatte, nun aber
-mit übertriebener Ehrerbietung empfing. --
-
-Perthes fuhr inzwischen in seinem ~D~-Zug südwärts.
-
-Er saß allein in seinem Abteil. Reichlich mit wissenschaftlichem
-Lesestoff versehen, kümmerte er sich nicht um die sommerlich-frohe
-Natur vor den Fenstern. Er war ja früher ein leidenschaftlicher
-Naturliebhaber gewesen. Wie oft hatte er auf einer Fußwanderung, wie
-oft rudernd und sportbeflissen sich seinen seelischen Gleichmut wieder
-herzustellen gesucht. Er hatte sich diese Naturschwärmerei abgewöhnt.
-Wie er sich im Lauf der Jahre auch die seelischen Aufregungen
-abgewöhnt hatte. Nicht von heute auf morgen; auch nicht mühelos und
-leicht. Es hatte Kämpfe gekostet. Sein explosives Temperament gab
-sich nach den ersten Enttäuschungen seiner Ehe nicht zufrieden:
-Perioden der Gleichgültigkeit wechselten mit solchen lauter, zorniger
-Auflehnung; Perioden blinder Verliebtheit mit anderen, in denen
-er Alice durch Güte, Vernunft, eiserne Strenge erziehen wollte.
-Vorübergehend meinte er die Quelle alles Übels in der Umgebung zu
-sehen, die ihn selbst zuerst bestochen hatte. In sich hatte er längst
-die Freude an all dem blendenden, geselligen Treiben ausgerottet.
-Dabei half ihm die wachsende Arbeit. Aber es kostete ihn doch mehr,
-als er sich je gestand. Er hatte von Natur nichts weniger als die
-Anlage zur Einseitigkeit. Eine gewisse Besonderheit hatte er immer
-geliebt. Doch sie war himmelweit entfernt von jenem Philistertum,
-das man mit Recht so nannte. Um Alices willen stritt er gegen dies
-Milieu mit seiner öden Oberflächlichkeit, seinem Taumel der Mode und
-Sensation, seiner erlogenen Freiheit und Götzendienerei des Geldes,
-der Grafenkronen, der Flottheit und Zeitgemäßheit um jeden Preis. Doch
-sie -- sie dachte nicht daran, sich ihrem Element abspenstig machen
-zu lassen. Mit ihrer Geschmeidigkeit, ihrer mehr als vorurteilslosen
-Bosheit, ihrem girrenden Lachen widerstand sie allen Versuchen,
-sie zu ändern. Sie wollte so sein, wie sie war, weil sie gar nicht
-anders konnte. Sie entwand sich ihm und schnitt eine Grimasse gegen
-seine besten Absichten. Die Erkennung, die dauernde und absolute,
-vollendete sich. Der Räuberhauptmann war ihr ein gräulicher Philister,
-ein lebensfeindlicher Grämling geworden. Hinter dem Irrlicht sah
-er, nüchtern und für immer, das seelenlose Nichts. Noch eine Spanne
-argwöhnischen Belauerns -- und eines ging kühl und fremd neben dem
-anderen, überließ es seiner Torheit, lebte nur noch für sich und in
-sich selbst.
-
-Alice war nicht zu entwickeln und entwickelte sich nicht. Aber er,
-Perthes, vollzog mit sich eine langsame, qualvolle Wandlung. Die
-Gebundenheit, unerbittlich wie die öde ziehenden Jahre, zwang ihn
-zu einer strengen Beherrschung, die sich im Anfang von Stunde zu
-Stunde üben mußte. Er lernte mit Schmerzen den Schritt, er, dessen
-gegensatzvolle Natur nur immer den Sprung gekannt hatte. Ohne seinen
-Beruf, ohne die peinlich gepflegte, später natürliche und echte
-Liebe zur Wissenschaft hätte er diese aufreibende Wandlung nicht
-durchgehalten. Er wäre verzweifelt und verkommen. So war ihm die
-Umbildung gelungen. Er ging in seinem nur geistigen Dasein, seiner
-einseitigen Starre eines Gelehrten wie in einer Rüstung. Freilich war
-sie schwer; sie litt kein Rechts und Links, keine heftige Bewegung
-nach außen und innen. Seine Sinne hatten zu schlafen und erst recht
-seine Seele. Da gab es keine Vergangenheit. Da gab es keine Natur, wie
-die, die sonnig mit tannenschwarzen Tälern, mit bunten Wiesen, mit
-goldgelben Kornhängen am Fenster des Zuges vorbeiflog. Er war blind.
-Viel blinder als jemand, den er gekannt -- vor langer, langer Zeit ...
-
-In Konstanz hatte Perthes noch am Abend die Konsultation, zu der man
-ihn gerufen.
-
-Am anderen Morgen rettete er dank seiner richtigen Diagnose und der
-Kraft seiner Hand das Leben eines zwanzigjährigen jungen Menschen.
-Mit dem gutmütigen Lächeln, das seine starken weißen Zähne unter dem
-Bart vorblinken ließ, diesem Lächeln, das er so selten und nur noch im
-Beruf, in einem Moment selbstvergessener Zufriedenheit fand, konnte er
-dem geängstigten Vater im Vestibül der Klinik die nach menschlichem
-Ermessen geglückte Rettung mitteilen.
-
-Er entzog sich den lebhaften Danksagungen. Aber sie klangen mit der
-Freude über die gelungene Operation doch noch in ihm nach, als er
-später durch die alten, ehrwürdigen Straßen von Konstanz schlenderte.
-Er mußte einen Abendzug abwarten. Was er sich sonst kaum vergönnen
-wollte und konnte, ein paar müßige Stunden, sie wurden ihm hier
-aufgedrängt. Er hatte es seit langem aufgegeben, seinen Stimmungen
-nachzuhängen. Aber auf der Terrasse des Inselhotels und nachher am
-Hafen, beim Blick auf die sanfte, klare Wasserfläche, überraschte
-ihn, den Entwöhnten, ein weiches, versöhnliches Gefühl. Einer jener
-Augenblicke, in denen ein Hauch der Ewigkeit alle Bitterkeit von
-Menschen und Verhältnissen wegzuspülen scheint. Er überließ sich halb
-schmerzlichen, halb süßen Träumereien. Gab es keine, auch nicht eine
-Möglichkeit des Glücks, in der er und die Frau, die er nun einmal zur
-Gefährtin seines Lebens gemacht, sich zusammen finden konnten? Es fiel
-ihm ein -- woran er bis jetzt nicht gedacht --, daß Alice nach ihren
-letzten Nachrichten vielleicht kaum einige Stunden entfernt war. Sie
-wollte, wie sie geschrieben, acht Tage einer Einladung der Gräfin
-Hüningen folgen, die auf der Schweizerseite des Bodensees ein Landhaus
-besaß. Er rechnete die Tage nach. Seine Frau, die in Straßburg bei dem
-Bruder ihres Vaters, dem Obersten Hupfeld und Cousine Hilla zu Besuch
-war, mußte jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach drüben, jenseits des
-Sees, bei den Hüningens sein.
-
-Eine fiebrige Unruhe gesellte sich zu seiner Stimmung.
-
-Wenn er, so wie jetzt mit sich, mit ihr spräche? Wenn sie beide es
-doch noch einmal, in Ruhe und Vernünftigkeit, wie zwei Leute, die
-sich kennen und keine Illusionen mehr haben, versuchten, zu einer
-erträglichen Einigung zu kommen? Zu einem kühlen, sachlichen Frieden,
-aber doch zu einem Frieden! Schon um des Jungen willen. Für den er
-keine Zeit hatte, und den er doch zärtlich liebte. Der zwischen ihnen
-verkümmern und verderben mußte ...
-
-Seiner aufwallenden Stimmung folgend, saß Perthes eine Stunde später
-auf dem Verdeck eines Dampfers. Er wußte, daß er nicht „klug” handelte,
-sondern sich nur von einer jähen, unklaren Regung bestimmen ließ.
-Vielleicht würde er Alice gar nicht treffen; oder sie würde seinen
-Besuch, seine Vorschläge mit Achselzucken als Sentimentalitäten
-beiseite schieben, gar in seinem Überfall eine mißtrauische Absicht
-sehen. Aber die abendliche Fahrt auf dem sanftbewegten, blauen See
-mit dem Blick auf ferne Alpengipfel hielt einen Schimmer jugendlicher
-Vertrauensseligkeit in ihm wach.
-
-In Rorschach stieg er aus.
-
-Zu Fuß ging er, nach den nötigen Erkundigungen, aus der Stadt am Strand
-entlang.
-
-Als er die Villa des Grafen Hüningen gefunden, zögerte er beim Anblick
-der herabgelassenen Jalousien, die dem Haus hinter dem hübschen,
-herrschaftlichen Garten ein verlassenes Aussehen gaben.
-
-Er zog an der Torklingel.
-
-Der Gärtner öffnete. Er berichtete, die Herrschaften wären gestern
-abgereist.
-
-Perthes war niedergeschlagen und ernüchtert. Er nannte seinen
-Namen und erkundigte sich, ob seine Frau dagewesen sei. Die Frau
-des Gärtners, die dazukam, wußte Bescheid. Die Dame, die bei den
-gräflichen Herrschaften zu Besuch gewesen, war einen Tag früher als
-die Herrschaften selbst abgereist. Wohin wußte sie nicht. Aber
-richtig! Daß sie das nicht vergaß! Das traf sich ja gut: eine Depesche
-wäre für die Dame heute morgen noch abgegeben worden. Da sie keine
-Adresse gehabt, hätte sie sie einstweilen liegen lassen müssen. Die
-Gärtnersfrau holte sie. Perthes nahm sie gleichgültig an sich, grüßte
-und ging mechanisch zurück nach der Stadt.
-
-Die Stimmung, die ihn hergebracht, war mit der Enttäuschung verflogen.
-Wahrscheinlich war Alice wieder nach Straßburg zurückgekehrt. Doch er
-wußte nichts Genaueres über ihre Pläne. Er öffnete die Depesche, die
-ihm vielleicht darüber Aufschluß gab. Sie lautete in lakonischer Kürze:
-„Bin morgen Baden-Baden. Ballonfahrt Dienstag.” Der Ort der Aufgabe
-hatte französischen Klang. Die Nachricht kam wohl aus der Westschweiz.
-Eine Unterschrift fehlte.
-
-Wenn das Wort Ballonfahrt nicht gewesen wäre, hätte Perthes das
-Telegramm so gleichgültig wieder zu sich gesteckt, wie er es
-mitgenommen und gelesen. So öffnete, las und schloß er es zu
-wiederholten Malen. Er kümmerte sich so gut wie nicht mehr um das, was
-Alice tat oder ließ. Aber zwei Dinge hatte er ihr, als sich danach ihre
-Gelüste regten, ein für allemal verboten. Rennen und Ballonfahrten.
-Er hatte erfahren, daß sie im Frühjahr in Iffezheim am Totalisator
-gespielt hatte. Wie er sie kannte, gab es für sie keine gefährlichere
-Verlockung als das Spiel, und da die Ausgaben das einzige waren,
-über das er wachte, verbot er ihr den Besuch von Pferderennen aufs
-entschiedenste. Ebenso wußte er, daß sie sich längst sehnlich wünschte,
-an einer Ballonfahrt teilzunehmen. Diesen Wunsch verweigerte er ihr,
-nicht nur weil der Ballonsport ihm zu kostspielig war, sondern weil
-er die Mutter seines Kindes nicht leichtsinnig der Gefahr ausgesetzt
-wissen wollte. Die Depesche, die ihm jetzt in die Hände geraten war,
-verriet ihm, daß sie hinter seinem Rücken nicht daran dachte, seinen
-Willen zu respektieren.
-
-Gern hätte sich Perthes auf der Rückfahrt mit dem Dampfer nach
-Friedrichshafen, und von da mit dem Nachtschnellzug heimwärts, wieder
-nichts sehend und nichts hörend, in seine gelehrte Fühllosigkeit,
-seinen dichten, schweren Panzer gehüllt. Doch immer wieder tauchte
-diese Depesche vor ihm auf. So gewiß, als sie unbekümmert um sein
-Verbot, sich zu einer Ballonfahrt verabredete, würde sie auch
-sicherlich an den Rennen teilnehmen und spielen, so oft sie wollte.
-Wenn er erst dahinter kam, daß ihre Ausgaben wieder ins Ungemessene
-gingen, gab es Mittel und Wege, ihr seinen Willen deutlich zu machen.
-Möglich auch, daß sie sich nach wie vor von ihren Eltern manches
-bestreiten ließ: er hatte die beschämende Kontrolle darüber längst
-aufgegeben. Nur mit seinem Willen durfte das nicht sein. Es war auch
-vollends einerlei, ob sie Ballon fuhr oder nicht! Und doch -- jetzt
--- wo er sie durch einen Zufall ertappte, gerade bei einem Sport,
-den er ihr streng versagt hatte -- schaffte die törichte Nachricht
-in ihm. Wenn Alice alles tat, was sie wollte, warum er nicht? Noch
-vor einigen Tagen hatte er den Brief einer auswärtigen medizinischen
-Fakultät erhalten, der ihn -- einstweilen als Extraordinarius, aber
-mit der sicheren Aussicht auf das Ordinariat -- an eine norddeutsche
-Universität berief. Er hatte sich die Angelegenheit noch kaum überlegt.
-Wollte sie auch nicht weiter überlegen, denn er mußte, wollte er nicht
-mit seinem Schwiegervater, mit Alice einen Sturm bestehen, doch
-ablehnen. Aber mußte er denn wirklich? Wenn seine Frau handelte, wie es
-ihr beliebte -- brauchte er sich seinen Weg durch Rücksichten verlegen
-zu lassen? In dem brausenden, hämmernden Nachtzug, im Gedanken an diese
-malitiöse Depesche, erwachte doch noch einmal sein Widerstand gegen
-die ewige Unfreiheit, der er verschrieben sein sollte. Er hatte heute
-nachmittag, in einer schwächlichen Stimmung, von einem kleinstmöglichen
-Glück geträumt. Mit Träumen war da nichts ausgerichtet! Wenn er
-handelte?! Wenn er, allen Widerständen zum Trotz, seine Frau nun doch
-noch aus ihrer unseligen Umgebung herausriß und verpflanzte? Wenn nicht
-mehr zu seinem und ihrem Heil, so zu dem des Jungen! Darüber brütete er
-...
-
-Daheim, nach einigen Stunden Schlafs, wurde sein Entschluß fest. Er
-wollte die Gärung, die mit der Unterbrechung seines mechanischen
-Arbeits- und Lebensganges in ihm erregt worden war, benutzen. Er
-knüpfte Verhandlungen mit der auswärtigen Fakultät an, die ihn rief.
-Als er den nötigen Brief abgesandt, ging er elastischer als sonst in
-seine Klinik.
-
-Merkwürdig -- die belanglose Depesche, die er vom Bodensee mitgebracht,
-verfolgte ihn weiter. Schließlich konnte es ihm gleichgültig sein, mit
-wem sich Alice in Baden-Baden traf. Mit den Hupfelds aus Straßburg,
-mit ihrem Bruder oder mit anderen Bekannten. Nichtsdestoweniger
-beschäftigte ihn die Frage.
-
-Auf dem Nachhauseweg traf er gegen Abend den Grafen Hüningen. Er sprach
-fast nie mit dem wappennärrischen Gardeüberrest, der so geschäftig und
-gelehrt tat. Heute fragte er ihn höflich nach dem Befinden der Gräfin.
-Sie war wohlbehalten mit Edith Hammann zurückgekehrt. Der Graf selber
-war den Seinigen entgegengefahren und hatte sie in Friedrichshafen
-abgeholt. Er sprach auch von dem Besuch Alices in Rorschach. Perthes
-schämte sich fast zu fragen, wohin seine Frau gereist sei. Er murmelte
-eine unverständliche Ausrede und tat es doch. Alice hatte auf
-Nachrichten aus Freiburg gewartet, wie der Graf sich entsann. Als sie
-nicht eintrafen, war sie aufs Geratewohl zu ihrem Bruder gereist.
-
-Nun wußte Perthes, daß sie sich höchstwahrscheinlich mit dem Leutnant
-nach Baden-Baden verabredet hatte. Von ihm mochte die Depesche sein.
-
-Zu seiner Verwunderung erhielt er noch am selben Abend eine
-Ansichtskarte von seinem Schwager Moritz aus dem Engadin, von einer
-Hochgebirgstour. Also konnte der es doch nicht sein, mit dem sie
-zusammentreffen wollte. War sie gar nicht nach Freiburg gereist?
-Sondern direkt nach Baden-Baden gefahren oder ... Er sträubte sich
-gegen seine alberne Grübelei. Aber so töricht er sich vorkam, er hatte
-keine Ruhe.
-
-Sehr gegen seine Gewohnheit ging er am nächsten Nachmittag mit seinem
-Jungen um die Teestunde nach Stift Nieburg. Man nahm ihn freundlich
-auf. Besonders der Kleine war stets willkommen und wurde stets mit
-Kuchen vollgestopft. Wo Alice gerade war, wußten Hupfelds nicht. Sie
-hatten zuletzt eine Karte vom Bodensee gehabt. Die Gräfin Hüningen kam
-zum Tee. Sie brachte Grüße von Alice und erzählte Wunder von ihrem
-famosen Aussehen.
-
-Dann sprach man von unzähligen Dingen, die Perthes nicht
-interessierten, die er aber aus Artigkeit mit anhörte.
-
-Der Geheime Rat fragte die Gräfin beiläufig nach Professor Hammann,
-ihrem Schwiegersohn. Sie wußte nicht viel von ihm. „Überarbeitet” wie
-er gewesen, hatte er einige Wochen vor Semesterschluß seine Vorlesungen
-und Studien abgebrochen und Touren in der französischen Schweiz
-gemacht. Auf dem Genfer See hatte ihn eine Regatta gelockt. Der Sport
-war nun einmal sein Steckenpferd. Und auf der Rückreise wollte er,
-so viel sie wußte, noch ein oder zwei Ballonfahrten in Baden-Baden
-mitmachen. -- Edith, seine Frau, war, da sie einem freudigen Ereignis
-entgegensah, mit den Hüningen am Bodensee gewesen und jetzt daheim --
-indolent und schön wie immer, wie die Gräfin selbst lachend hinzusetzte.
-
-Es war an sich nichts Besonderes, was Perthes auf Nieburg hörte. Und
-doch versetzte es ihn in gesteigerte Unruhe. Daß die Depesche an Alice
-aus der französischen Schweiz kam, konnte der reine Zufall sein. Daß
-sie und Hammann sich eventuell mit dritten Bekannten in Baden-Baden
-zu einer Ballonfahrt trafen, war möglich, aber für ihn jedenfalls
-uninteressant.
-
-Und doch konnte er es auf dem ganzen Heimweg von Stift Nieburg nicht
-unterlassen, seine einmal entfesselte Spürkraft weiter zu üben.
-Er spottete über sich und seinen spielerischen Eigensinn und kam
-gleichwohl nicht davon ab.
-
-Der kleine Benno, den er an der Hand hatte, war sehr ungehalten, daß
-sein Papa ihm oft gar keine oder ganz unzureichende Antworten auf
-seine zahlreichen, höchst wichtigen Fragen gab. Er rief gebieterisch.
-Wenn Perthes dann aufschrak aus seinem Sinnen, war er wütend über den
-Jungen und über sich. Was ging denn mit ihm vor? Wollte er sich zum
-Detektiv ausbilden? Wollte er einen neuen Giftstoff in seine ohnehin
-vergifteten Beziehungen zu Alice hineinpraktizieren? Entdeckte er in
-sich ein Talent zur Eifersucht? Jetzt noch, wo ... Verächtlich biß er
-sich auf die Lippen. Es fiel ihm die Geschichte ein, die ihm seine
-Frau seinerzeit als Tauschobjekt für seine mißlungene und abscheuliche
-Beichte über sich und Marga Richthoff angeboten und später auch
-wirklich erzählt hatte. Wahrscheinlich kam er darauf, weil Benno,
-jetzt schon zum dritten Mal eine ihm sehr bedeutend scheinende,
-Perthes sehr ungelegene Erzählung aus dem Richthoffschen Kindergarten
-mit wachsender Bestimmtheit vortrug. Er hörte daneben deutlich das
-saloppe Tauschgeständnis, das Alice damals abgelegt: wie sie mit
-diesem kleinen, patenten Hammann, dem gut gepflegten Sportsmann und
-Auchbakteriologen, geflirtet hatte; wie sie sich beide ganz nett
-hätten leiden können, aber eines Tages bei dem Gedanken an Verlobung
-und Heirat „auseinandergelacht” hätten. Ob es für Alice ein größeres
-Vergnügen hätte geben können, als zu wissen, daß er sich in solchem
-Zusammenhang an ihre Geschichte erinnerte? Daß er sich nun auch noch
-auf die abgegriffene Spezialität der Eifersüchtelei verlegen wollte?
-Das Vergnügen wollte er ihr denn doch nicht gönnen! --
-
-Daheim ließ Perthes den Jungen zu Bett bringen und warf sich
-entschlossen auf seine Arbeit.
-
-Keine Minute länger durfte diesem müßigen und kläglichen Spintisieren
-gehören.
-
-Er arbeitete bis tief in die Nacht. Erfüllt von wissenschaftlichen
-Ideen, völlig abgezogen von den Torheiten der letzten Tage, legte er
-sich zu Bett.
-
-Er schlief sofort ein, mit der bleiernen Schwere, die der erschöpfte
-Kopf gab ...
-
-Nach wenigen Stunden fuhr er beklommen in die Höhe. Ein Traum, ein
-hämischer, raffinierter Traum hatte ihn aufgeschreckt. Alle Klügeleien,
-seine eingestandenen und verborgenen Verdächtigungen hatte dieser Traum
-mit folgerichtiger Teufelei zu einem höhnischen Bild vereinigt, das
-ihn mit seiner alpdrückenden Gewißheit aufjagte. Er rang nach Atem,
-nach Beruhigung. Er suchte seine Beklemmung abzuschütteln. Aber sie
-wich nicht. Seine Phantasie arbeitete fort, ob er wollte oder nicht.
-Er wußte gar nicht, ob er überhaupt wach geworden war, oder ob er
-weiterträumte. Bestimmte Einzelheiten, Äußerungen, die er vergessen,
-mit halbem Ohr gehört, Szenen des Zusammenseins mit den Hammanns bei
-seinen Schwiegereltern, bei jenen selbst, hier im eigenen Haus -- sie
-standen in einem neuen, verfänglichen Licht vor ihm. Besonders war es
-ein Wort Alices, das sie bei einer Schmauserei mit ihrem göttlichen
-Leichtsinn in die Unterhaltung geworfen und das jetzt mit beinahe
-physischer Leuchtkraft vor ihm brannte. „Edith, wie wär's, wenn wir uns
-heute mal so richtig übers Kreuz amüsierten, du mit meinem, ich mit
-deinem Kreuzritter?!” Hatte es dabei nicht boshafter und tückischer
-denn je in ihren Augen geflackert? Und sie hatten alle vier darüber
-gelacht. Er sah und hörte dies Lachen. Er lachte aus Höflichkeit, Edith
-Hammann belustigt in ihrer stumpfen, so gar nicht abenteuerlustigen
-Art, Alice kurz und aufreizend, wie sie es gern tat, und Hammann mit
-verlegener Lautheit ...
-
-Perthes war aufgesprungen.
-
-Mit behender Hast, immer unter dem Zwang dieser Wahnvorstellungen,
-halb träumend, halb wach, warf er sich in seine Kleider. Es dämmerte
-noch kaum, und er zündete ein Licht an. Er war sich keiner bestimmten
-Absicht bewußt und handelte doch von Sekunde zu Sekunde mit der exakten
-Konsequenz eines Nachtwandlers.
-
-Er stieg die Treppe hinunter.
-
-Dann betrat er das Zimmer seiner Frau neben dem Speisezimmer. Vor ihrem
-Schreibtisch machte er halt und setzte seine Kerze nieder.
-
-Für einen Augenblick lichtete sich sein Bewußtsein. Wollte er eine
-Schlechtigkeit tun? War er wahnsinnig geworden? Wo war er? Was trieb er?
-
-Doch schon faßte ihn wieder der Zwang. Gewißheit um jeden Preis mußte
-er haben!
-
-Er riß an der verschlossenen Schublade des Schreibtisches. Der
-Widerstand entfachte nur seine Wut. Mit seiner ganzen, in der
-Anspannung gewaltigen Körperkraft erbrach er sie. Alice hätte in diesem
-Moment erfahren können, daß der Räuberhauptmann in ihm noch nicht vom
-Philister völlig verschlungen war!
-
-Er wühlte in dem wahllosen Durcheinander von Rechnungen, Briefpapier,
-Einladungen.
-
-Schließlich, ganz zu hinterst, aber gar nicht etwa versteckt, fand er
-Briefe mit Hammanns unpersönlicher Schrift. Einen, zwei, die nichts
-von Belang, nichts Überzeugendes enthielten. Dann eine Briefkarte, mit
-Bleistift geschrieben -- sechs, acht Zeilen -- die ihn auf den Stuhl
-vor dem Schreibtisch taumeln ließen.
-
-Das war die Gewißheit, die er gesucht hatte. Alice hatte ihn mit Ludolf
-Hammann betrogen ...
-
-Mit der Gewißheit kam für Perthes das Erwachen aus dem dämmerhaften,
-halbwachen Zwang, der ihn zu einer häßlichen Gewaltsamkeit fortgerissen
-hatte ...
-
-Wie lange er so gesessen, wußte er nicht. Die Wahrheit, grausam,
-hämisch, konsequent, wie der Traum, der ihn gepeinigt -- erst tobte sie
-in ihm mit Gefühlen der Verachtung, des Schmerzes, des entwürdigten
-Stolzes, die in seinem Innern stritten und die Vorherrschaft vor
-seinem Verstand begehrten; dann gab sie ihm einen kalten, nüchternen
-Entschluß, mit dem er sich erhob.
-
-Er nahm die Briefe an sich, ging zurück in sein Schlafzimmer und machte
-sich fertig.
-
-Früh am Morgen, viel früher als sonst, schallte seine Stimme mit
-ungewohnter Schärfe durch das Haus. Er überschüttete die Dienstboten,
-das Kinderfräulein mit einer Flut von Befehlen, so daß sie in heller
-Bestürzung umeinander liefen.
-
-Das dauerte etwa eine Stunde.
-
-Dann verließ er mit seinem Jungen die Villa. Nicht einen Tag länger
-konnte er unter diesem Dach bleiben. Die Lüge seiner Ehe, eines
-trugvollen, jahrelangen Scheinlebens war zu Ende und sollte es auch
-äußerlich sein.
-
-Erst wollte er sich mit seinem Kind in einem Hotel einquartieren. Doch
-die Besonnenheit riet ihm von diesem zu auffallenden Schritt ab. Er
-erinnerte sich an sein Junggesellenquartier bei Fräulein Eschborn.
-Dorthin schleppte er seinen verstörten, heulenden Jungen. Dort fand
-er -- da das Semester vorbei war und die Studenten fehlten -- ein
-Notquartier. Im ersten Stock: ein Arbeitszimmer und ein Schlafkabinett
-für ihn, eine Stube für Benno und das Kinderfräulein, das nachkommen
-sollte -- war alles, was er einstweilen brauchte. In weniger als einem
-halben Tag war der Auszug vollendet ...
-
- * * * * *
-
-Die Wochen des Kriegs begannen.
-
-Es waren entsetzliche Wochen, in denen das Herz aus allen Wunden
-blutete und der Kopf doch Meister bleiben mußte.
-
-Die erste kategorische Fehdeanzeige fiel nach Nieburg wie eine Bombe.
-Mama Hupfeld legte sich, wie immer bei aufregenden Gewittern, sofort zu
-Bett. Exzellenz, von der Unschuld seiner Tochter überzeugt, schäumte.
-Er schrieb an Perthes, den Mann, den er „gemacht” hatte, einen Brief
-voll hochfahrenden Zorns, in dem er seinem aufgespeicherten Groll gegen
-das Geschöpf seiner Gutmütigkeit ohne jede klassische Bezähmung freien
-Lauf ließ. Er wollte seinen Schwiegersohn demütigen und zur Räson
-bringen. Als Antwort schickte dieser die Abschrift der belastenden
-Briefkarte von Hammann. Der Geheime Rat stutzte. Er wurde vorsichtig,
-denn er witterte Skandal, und den mußte er um jeden Preis vermeiden.
-Noch hoffte er, daß die Rückkehr Alices, die stündlich bevorstand, eine
-andere Erklärung geben und das Beweismaterial ihres Mannes erschüttern
-würde. Alice kam. Sie war ein bißchen erstaunt. Ein bißchen bestürzt.
-Ein bißchen empört. Im Grund fand sie die erbrochene Schublade das
-beste, was ihr Mann nach Jahren einmal wieder geleistet hatte. Was für
-Exzellenz das Schlimmste war: sie tat ihm nicht den Gefallen, ihre
-Beziehungen zu Hammann zu beschönigen. Sie leugnete nichts. Zerknirscht
-war sie auch nicht. Das Abenteuer mit Hammann war eine Laune gewesen,
-die sie, gelangweilt von ihrem Mann und von aller Regelmäßigkeit,
-früher oder später kosten mußte. Skrupel empfand sie dabei nicht.
-Das Unangenehme, das daraus entstand, wurde durch das Neue, das es
-brachte, aufgewogen. Spaßhaft hätte sie es gefunden, wenn sich Perthes
-und Hammann um ihretwillen geschossen hätten. Darauf wartete sie auch.
-Vielleicht war es doch etwas Galgenhumor, was sie zur Schau trug,
-jedenfalls ein Galgenhumor, der diesmal sogar ihren Vater fast zu
-zorniger Verzweiflung brachte ...
-
-Perthes hatte in der Tat daran gedacht, Hammann zur Verantwortung
-zu ziehen. Eine Zeitlang begehrte sein Blut diese knallende Lösung.
-Aber dann übermannte ihn der Ekel. Sollte er sich für ein Chimäre
-schlagen? Die Ehre von Alice war längst nicht mehr die seine. Mochten
-Splitterrichter des Duellkomments, dem er für einen würdigeren Fall
-die Berechtigung nicht versagte, ihn verdammen. -- Den Eklat eines
-Prozesses scheute er nicht. Doch dagegen kämpfte der Geheime Rat mit
-allen Mitteln. Sogar denen einer höflichen, bittenden Überredungskunst.
-Diese war es nicht, die bei Perthes verfing. Aber die ruhigere Erwägung
-sagte ihm, daß er selbst durch einen grellen Skandal mehr verlieren
-als gewinnen konnte. Auch noch seine wissenschaftliche Laufbahn zu
-opfern -- dazu fühlte er sich nicht bemüßigt und, im Hinblick auf sein
-Kind, nicht berechtigt. Bis zum Herbst dauerte das Hinüber und Herüber
-der feindlichen Lager. Dann brachte der Vorschlag des Hupfeldschen
-Rechtsanwalts die Lösung, die beide Parteien -- mit Einverständnis
-der sehr degoutierten Gräfin Hüningen, des kleinlauten Professor
-Hammann und der verstörten, so gar nicht nachtragenden Edith --
-annehmen konnten und mußten. Perthes, der den Ruf nach Norddeutschland
-endgültig angenommen hatte, würde dorthin mit Benno übersiedeln. Alice
-sollte sich weigern, den neuen Wohnsitz mit ihm zu teilen. Seine
-wiederholte Aufforderung, ihr Widerstand erzielten dann innerhalb der
-gesetzlichen Frist den Scheidungsgrund, der ihm das Kind ließ und vor
-der Öffentlichkeit den Skandal annähernd verschleierte.
-
-Mit einer Komödie sollte symbolisch die Ehe von Max und Alice Perthes
-ihren Abschluß finden.
-
-
-
-
-20
-
-
-Es war Oktober geworden.
-
-Ein warmer, milder Herbst lag über dem Land. Sanft bräunten und röteten
-sich die Laubwälder an den Hängen und auf den Kämmen der Berge.
-Wehmütig hängte sich die dunkelgoldene Sonne an die erstarrende Erde.
-Sie spielte melancholisch mit den Wellen im Fluß, die unerwärmt unter
-ihrem liebkosenden Schein davonliefen. Es war wieder die große, stille
-Zeit des Abschiednehmens gekommen, in der so viel Reife und Tiefe der
-Stimmung liegt. Es ist im eisknirschenden Winter, im knospensprengenden
-Frühling, im kornknisternden Sommer nicht so viel Musik als im Herbst:
-aber es ist die Musik der Heimlichen und Reifen; die Musik derer, die
-vom Sterben die Kraft nehmen und die Lust zum Leben; es ist die Musik
-der großen Stille ...
-
-Das luftige Giebelzimmer über der Stadt und dem Fluß, in dem Perthes
-als Junggeselle gewohnt hatte, war frei geworden. Trotz der
-Gegenvorstellungen von Fräulein Eschborn, die das Quartier für ihn
-nicht mehr standesgemäß finden mochte, war er in den letzten Wochen
-aus dem ersten Stock dort hinaufgezogen. In einer Zeit, wo alles um
-ihn wankte und niederbrach, empfand er das hartnäckige Bedürfnis,
-sich an diese Giebelstube von einst zu klammern. Er hatte dabei nicht
-erst seine Gefühle und Erinnerungen umständlich befragt: daß er nicht
-stimmungsselig da oben würde, dafür sorgten die Aufregungen dieser
-Zeit des Kampfes, des Abschlusses seiner klinischen und akademischen
-Pflichten, die zahlreichen Schreibereien und Abmachungen, die die
-Übersiedlung an einen neuen Ort der Tätigkeit, in andere Bedingungen
-des Lebens notwendig machten.
-
-Erst in der zweiten Woche des Oktobers trat eine kurze Pause und
-unfreiwillige Ruhe für ihn ein. Er hatte sich auf der Klinik
-verabschiedet. Der Kampf um die Scheidung von Alice, so aufreibend und
-nervenzehrend, war abgeebbt. Seine neue Stellung war in allen Teilen
-gesichert. Nur die kleinen Geschäfte, die mechanisch und nichtssagend
-sind, Formalitäten verschiedener Art hielten seinen Fortzug noch um
-einige Tage auf. In der Entspannung, die jetzt unmerklich während
-dieser gezwungenen Mußezeit seinen Geist und sein Herz überkam,
-beschlich es ihn doch manchmal eigen in seinem Junggesellenzimmer,
-und wenn er sich über die Brüstung des Fensters lehnte, hörte auch er
-vom Fluß herauf, über die sonnenglänzenden Dächer weg, herunter von
-den tannenbescheitelten und laubwaldumkränzten Bergen die heimliche,
-tiefe Musik des Herbstes. Erst vernahm er nur ihre ersterbende
-Wehmut: allein, mit leerem Herzen, gebrochen, ärmer als er einst
-eingezogen, zog er jetzt durch dieselbe Tür wieder davon. Er wehrte den
-Erinnerungen, aber sie gaben ihn nicht frei: seine jungenhaft-törichte
-Schwärmerei für Hilde König; sein unfähig-gewaltsames Ringen nach der
-Höhe, wo Marga gestanden und sein schwacher, schuldvoller Absturz;
-seine tolle, trügerische Taumel- und Leidensgeschichte mit Alice --
-Erlebnisse dieser Jahre hatten leer- und totgefegt, was in ihm war.
-Aber dann hörte er heller, deutlicher. Hörte hinter die Töne der
-Wehmut: aus der traurigen Weise des Sterbens löste sich leise, aber
-fest eine andere. War er nicht doch reicher geworden bei all der Armut?
-Da war seine Liebe zur Wissenschaft, eine dauerhafte, echte Liebe,
-die nichts mit dem haltlosen Hin und Her früherer Neigungen gemein
-hatte. Da war sein Junge, Fleisch von seinem Fleisch, ein Ziel und eine
-Hoffnung, auch wenn er Blut von ihrem Blut hatte. Und da war er selbst,
-ein Mann, ein Wollender, einer der sich kannte und beherrschte, der
-nicht sprang, sondern schritt -- vielleicht doch empor -- nicht mehr zu
-der Höhe, die Marga gehörte, aber doch zu einem, zu seinem Gipfel: zu
-der Persönlichkeit, die er werden konnte. Er hörte etwas, auch er, von
-der Musik der Heimlichen und Reifen, derer, die vom Sterben die Kraft
-nahmen und die Lust zum Leben ...
-
-In solchem Lauschen war er eines Morgens versunken, als das
-Kinderfräulein mit Benno bei ihm eintrat. Sie hatte den Kleinen vor
-kaum einer halben Stunde in den Kindergarten gebracht. Fragend wandte
-sich Perthes nach den beiden um.
-
-Der Junge machte ein verschlossenes, eigensinnig-finsteres Gesicht
-und zerrte sein Fräulein am Rock, als wollte er sie hindern, zu reden.
-Das junge Mädchen sah verlegen und unschlüssig aus, als traute es sich
-nicht zu sprechen und auch nicht zu schweigen.
-
-Perthes, der seinem Jungen mehr Aufmerksamkeit schenken konnte als
-sonst, musterte ihn und das Fräulein.
-
-„Was gibt's?” fragte er mit knapper Stimme. „Die Schule ist doch noch
-nicht zu Ende?”
-
-„Nein, Herr Professor, aber --”
-
-„Laß mal das Fräulein los! Setz dich artig auf einen Stuhl! -- Nun,
-aber?”
-
-„Die Damen sagten -- Fräulein Richthoff sagte -- er solle nicht
-wiederkommen!” stammelte das Mädchen ratlos.
-
-„Was heißt das?” Perthes runzelte die Stirn. „Ich versteh' das
-nicht. Ist etwas vorgefallen? Reden Sie doch!” Er näherte sich dem
-Fräulein und warf gleichzeitig einen besorgten Blick auf den Kleinen,
-der zwischen Trotz und Tränen auf seinem Stuhl schwankte. Er hatte
-seinerzeit erst nachträglich von Alice erfahren, daß sie den Jungen
-in den Richthoffschen Kindergarten gebracht. Es war ihm peinlich
-gewesen, aber er hatte es nicht mehr ändern können. Wenn Benno von dort
-erzählte, beschränkte er sich meist auf das Zuhören und lenkte ihn bald
-ab. Auch das jetzige Thema kam ihm ungelegen, und er hätte es gern so
-schnell wie möglich abgetan.
-
-Das Kinderfräulein rückte schüchtern mit vielen Wenn und Aber heraus.
-Benno wäre gestern unartig gewesen; er hätte die Damen erzürnt; die
-Jüngere hätte heute entschieden erklärt, er dürfe nicht mehr kommen.
-
-Perthes horchte betreten auf.
-
-Er schickte das Fräulein aus dem Zimmer. Dann nahm er seinen Jungen
-vor. Eine harte Arbeit. Der kleine, schwarzköpfige Wicht mit seinen
-brennenden Augen war verstockt. Aus dem dunklen Blick leuchtete
-die Heftigkeit des Vaters, und um den kindlichen, tiefroten Mund
-spielte etwas von Alices launischer Selbstwilligkeit. Erst gab es ein
-verlegen-hartnäckiges Schweigen. Dann ein lautes, zorniges Geheul.
-Endlich ein aufgelöstes, schluchzendes Gestammel, dem Perthes nur
-allmählich Sinn abgewinnen konnte. Zwei Namen wechselten in der
-jammervollen Beichte am deutlichsten ab. Tante Elli und Tante Marga.
-Der kleine Bursche wußte nicht, wie hart und unselig gerade diese
-beiden von ihm endlos wiederholten Namen in die Ohren seines Vaters
-klangen. Und was nachkam, traf Perthes noch schlimmer. Aus all dem
-Gestammel und Geschrei wickelte sich heraus, daß er, offenbar in einem
-Anfall von Jähzorn, die eine Tante geschlagen hatte -- Marga. „Ein
-ganz klein wenig nur,” wie er mit erneutem Aufschluchzen versicherte.
-Er erwartete offenbar von diesem Schluß- und Hauptstück seines
-Geständnisses das äußerste, denn er duckte sich in sich zusammen und
-würgte noch zweimal „ein ganz klein wenig nur” hervor. Aber er mußte
-mit Staunen die Wahrnehmung machen, daß sein Vater ganz still und stumm
-blieb. Er sah schüchtern zu ihm hin. Aus Perthes' Gesicht war alles
-Blut gewichen. Eine erschreckende Verzweiflung und Traurigkeit, wie
-sie der Missetäter im Matrosenkittelchen noch nie an einem Menschen
-gesehen, malte sich in seinem Antlitz. Bewegungslos, mit herabhängenden
-Armen und geschlossenen Augen saß er vor dem Kleinen, und dem wurde
-dies Starren und Schweigen unheimlich, viel unheimlicher als das
-heftigste Schelten. Er brach von neuem in Tränen aus.
-
-Perthes stand auf.
-
-Er rief das Kinderfräulein und ließ den Jungen, ohne ein Wort an ihn zu
-richten, in die andere Stube führen.
-
-Als er allein war, setzte er sich vor seinen Schreibtisch. Er nahm
-seinen Kopf zwischen seine beiden Hände und preßte ihn, als wollte er
-ihn zerdrücken ...
-
-Das Schwerste und Trübste, was in seiner Seele geschlummert, woran
-er auch in seinen wehmütigsten Abschiedsgedanken nur aus ängstlicher
-Ferne vorbeigestreift war, wie an einem kranken, schmerzhaften Glied
--- das hatte sein eigener Junge mit seiner kindlichen Untat grell und
-rücksichtslos aus ihm heraufgezerrt. Die kleine Hand, die sich da im
-Jähzorn erhoben, was hatte sie im Grund anderes verübt, als was er,
-der Vater, vor einigen Jahren so viel brutaler, härter, grausamer
-getan: Marga geschlagen! -- Wie das traf! Wie es schmerzte! Wie es von
-der verstecktesten Wunde seines Lebens, der größten, mitleidslos den
-Notverband riß und das Blut quellen und quellen ließ. Die Erinnerung
-an Marga, Stunde um Stunde fast des Vergangenen, umtoste ihn. Aus
-gespenstiger Weite, aus der Verbannung von Jahren war ihr Bild nahe
-gerückt, so nahe, daß es ihn mit seiner Deutlichkeit betäubte. Es war
-ihm wie gestern, daß er sie verloren, verlassen und preisgegeben hatte!
-An jener Wegscheide, zwischen Stift Nieburg und der Sägemühle im Tal,
-war er fehlgegangen. Weit und weiter in die Irre ...
-
-Doch das war ja nur der Schrei _seiner_ Seele, auf den er horchte. Ein
-Schwelgen in nutzloser Sehnsucht nach Verscherztem und Verlorenem. O --
-er hatte immer nur an sich gedacht! Was Marga gelitten, hatte er es je
-in seinem vollem Umfang ausgemessen? Hatte er seine Schuld -- ja, einen
-Teil davon hatte er abgetragen! In sich selbst! Aber vor ihr und an
-ihr war er so schuldig wie damals. Er hatte ja gewartet, bis die Hand
-seines Jungen sich kindisch an ihr verging, als sollte sich das Wehetun
-vererben vom Vater auf den Sohn. Wie schmerzhaft er geschlagen, davon
-wußte der Kleine nichts. Dafür trug sein Vater die Verantwortung.
-
-Ruhelos gefoltert, die Stunden vergessend, schritt Perthes in seinem
-Zimmer auf und nieder.
-
-Genugtuung konnte er Marga keine geben. Für das, was geschehen war
-zwischen ihr und ihm, gab es keine Genugtuung. Konnte er trotzdem
-nichts, gar nichts tun?
-
-Natürlich mußte er für den Jungen um Entschuldigung bitten. Er warf
-ein paar Zeilen aufs Papier. Am Nachmittag legte er sie beiseite und
-schrieb einen Brief, der mehr, der ein Bekenntnis seines ganzen Lebens
-wurde. Daraus machte er von neuem -- jedes Pathos und jede Floskel
-verachtend -- ein knappes Billet, das nichts besagte. So ging es nicht!
-Er zerriß alles, was er geschrieben. Wenn er etwas tun wollte, mußte es
-etwas anderes sein.
-
-War er denn feig? Zu feig um das zu versuchen, was einfach anständig
-war?
-
-Er, er selbst mußte gehen, er mußte seinen Jungen zu ihr führen.
-
-Als ob er das nicht längst gewußt hätte?! Nicht immer wieder
-fortgeschoben und umgangen hätte?!
-
-Vielleicht ließ sie ihn abweisen, vielleicht -- doch das war es nicht,
-was ihn bestimmen durfte. Es gab nur diesen Weg. Keinen sonst. Den
-mußte er gehen. Als Mann von Ehre und Gewissen. --
-
-Am nächsten Morgen war er mit sich fertig.
-
-Mit seinem Kleinen hatte er nicht wieder gesprochen. Nicht einmal „Gute
-Nacht” hatte er ihm gesagt. Jetzt teilte er ihm in kurzen Worten mit,
-was geschehen sollte. Sie beide würden um elf, ehe die Schule zu Ende
-war, zu Tante Marga gehen. Und Benno würde vor den Kindern sie laut und
-deutlich um Verzeihung bitten. Jedes Sträuben war ausgeschlossen.
-
-Der Junge machte ein langes Gesicht. Fast eine Grimasse wie seine
-Mutter. Aber er war zu zerknirscht. Er hatte zu viel geweint und
-fürchtete die traurig-entschlossenen Augen seines Vaters zu sehr, um
-ein Wort des Widerwillens oder auch nur eine Gebärde dagegen zu finden.
-
-Dann gingen sie zur festgesetzten Stunde in die Stadt.
-
-Perthes hatte sich den Weg beschreiben lassen. Trotzdem ging er in
-unbekannten Straßen fehl. Auf den Jungen war kein Verlaß. Er war ebenso
-stumpf und ängstlich, wie sein Vater erregt war.
-
-Sie irrten an dem Haus am Wenzelsberg vorbei, das frisch gestrichen,
-fremd und abweisend in der Straße stand.
-
-Es schlug elf Uhr, ehe sie sich zurechtgefunden hatten.
-
-Der lachende und schwatzende Kinderschwarm quoll aus der Tür des
-Vorgartens, bevor sie das kleine Haus in der Bergfelderstraße
-erreichten.
-
-Perthes stand unschlüssig vor dem Zaun, hinter dem die buntblütigen
-Astern in freundlichen Beeten leuchteten.
-
-Sollte er umkehren? Sollte er den Gang auf den Nachmittag verschieben?
-
-Das widerstrebte ihm. Er trat ein.
-
-Das Dienstmädchen, das ihm die Glastür öffnete, sah ihn und den Kleinen
-verdutzt an.
-
-Sie wies ihn ins Schulzimmer und wollte die Damen rufen.
-
-Inmitten der kleinen Bänke blieb er harrend stehen. Er atmete schwer
-und hielt den Jungen mit einem harten Griff an seiner Seite. Es
-hämmerte in seinen Schläfen und zuckte vor seinen Augen, so daß er
-nichts um sich sah.
-
-Nach geraumer Weile öffnete sich die Tür. Es war Elli.
-
-Das Mädchen, das den kleinen Perthes kannte, hatte sie benachrichtigt.
-Perthes hatte versäumt, sich mit Namen zu nennen, aber sie war keinen
-Augenblick im Zweifel, daß er selbst es war. Mit klopfendem Herzen,
-nicht wissend, was sie tun oder lassen sollte, war sie herbeigeeilt.
-Ohne Marga zu verständigen, die im Garten auf und ab ging. Nun
-stand Elli sprachlos dem Mann gegenüber, der ihr vor Jahren ein
-vertrauter Bekannter gewesen. Ihre sonst so frische, nicht leicht
-einzuschüchternde Art versagte bei diesem unerwartetem Wiedersehen. Sie
-konnte ihn nur durch eine Bewegung bitten, seine Wünsche zu äußern.
-
-Auch Perthes war einen Moment betroffen und stumm dagestanden. Jetzt
-erklärte er sich mit fester Stimme.
-
-„Fräulein Richthoff, mein Junge und ich sind gekommen, um Ihr Fräulein
-Schwester um Verzeihung zu bitten. Ich hörte mit Entrüstung, was für
-eine große Unart sich der Kleine geleistet hat!”
-
-„Meine Schwester -- Sie wollen meine Schwester selbst -- sprechen?”
-stammelte Elli.
-
-„Ich bitte darum,” erwiderte er mit einem leisen Vibrieren des Tones.
-
-„Ich fürchte, daß --” Elli suchte nach einer Ausrede, um Marga dies
-Wiedersehen zu ersparen, aber Perthes hatte seinen Blick mit einer so
-zwingenden Bitte auf sie gerichtet, daß sie verstummte. Ein hastiges,
-bebendes „Ich will nachsehen!” und sie huschte aus dem Zimmer.
-
-Es dauerte wieder eine geraume Zeit.
-
-Perthes dünkten die Minuten Ewigkeiten zu werden. Er ließ den Kleinen
-los und lehnte sich gegen das Kreuz des nächsten Fensters.
-
-Er hörte im Flur Schritte, die sich näherten. Auf seine Sinne legte es
-sich wie Nebel. Die Dinge rückten vor seinen Augen in eine dunstige
-Ferne. Das Kind trat mechanisch von einem Fuß auf den andern. Weit
-ab sah er jetzt eine Tür sich öffnen. Er erkannte eine Gestalt, nur
-in Umrissen, während eine zweite sich abseits, an einem Schrank zu
-schaffen machte. Die erste, die stillstand, mußte Marga sein. Er löste
-sich von dem Fensterkreuz und trat einige Schritte vor. Seine Stimme
-klang ihm fremd wie die eines anderen.
-
-„Sie wissen schon, weshalb wir hier sind. Ich danke Ihnen, daß Sie uns
-hören wollen. Eigentlich wollte ich, daß der Junge vor seinen Kameraden
-ihnen Abbitte tun sollte. Er hat sich abscheulich vergangen!” Perthes
-stockte. Die stoßweise vorgebrachten Sätze preßten seinen Atem. „Benno,
-tu wie ich dich geheißen!” Er tappte neben sich nach der Schulter des
-Kleinen und schob ihn vorwärts. „Geh, und bitte Fräulein Richthoff um
-Verzeihung!”
-
-Der Junge setzte sich zögernd in Gang.
-
-Marga stand blaß und ernst bei der Tür. Sie mußte hinter sich, am
-Türrahmen, Halt suchen. Ihr Kopf hatte sich auf die Brust geneigt, ihre
-Augen sich geschlossen. Sie wollte dem Kleinen entgegengehen, um die
-peinliche Szene so schnell wie möglich zu beendigen. Aber sie konnte
-nicht.
-
-Der Junge blieb auf halbem Weg wie angewurzelt stehen. Trotz und Angst
-ließen ihn schwanken.
-
-„Benno!” mahnte Perthes mit Anstrengung.
-
-Das Kind rührte sich nicht. Die Hände auf dem Rücken verschlungen
-haltend, wich es nicht von der Stelle.
-
-Perthes griff sich an den Kopf. Dann ging er mit schleppenden
-Schritten, ohne den Boden unter sich zu fühlen, vorwärts, dorthin, wo
-die in Nebel verlorene Gestalt stand.
-
-„Also werde ich für dich um Verzeihung bitten!” Er nahm alle Energie
-zusammen. „Der Junge ist verwildert. Seine Mutter -- kurz er hat keine
-Mutter mehr. Und ich kann mich zu wenig um ihn kümmern. Ich bitte Sie,
-ihm zu verzeihen!”
-
-Perthes stand jetzt kaum zwei Schritte von Marga entfernt. Er wollte
-sagen, daß das Kind selbstverständlich nicht mehr in die Richthoffsche
-Schule kommen dürfe; er wollte in einer kurzen, verbindlichen Form all
-das vorbringen, was er sich zurecht gelegt. Aber die Worte blieben ihm
-aus. Er hatte seine Kraft überschätzt und konnte nicht weiter. Er stand
-so steif und unbeweglich wie sein Kind.
-
-„Ich verzeihe ihm gern,” kam es leise von Margas Lippen. Die ganze,
-weiche Fülle ihres Wesens klang zitternd mit. Es war der alte, warme,
-stille, einfache Ton, der über Jahre hinweg an Perthes Ohr drang. Der
-Dunst vor seinen Augen zerstob. Er sah sie. Nahe wie sie ihm war. Die
-blauen, tastenden Augen, das erblaßte, schlichte Gesicht mit seinen
-sanften, weichen Zügen unter dem fahlen, gescheitelten Haar.
-
-Und mit einem Mal schüttelte es seinen großen, starken Körper wie
-ein Sturm. Seine Hände öffneten und schlossen sich wie im Krampf. Er
-schwankte zur Seite, ergriff eine der kleinen Kinderbänke, die da
-standen und ließ sich mit einem dumpfen Laut niederfallen.
-
-Der Junge, von Angst und Schreck erfaßt, lief strauchelnd auf Marga zu:
-„Verzeihen! Verzeihen!” würgte er unter einer Flut von Tränen hervor,
-während er sich an sie drängte, die Hände emporstreckend, Schutz und
-Hilfe suchend vor einem Unbegreiflichen, das um ihn vorging, und das
-sein Herz und sein Verstand nicht faßten.
-
-Marga beugte sich über ihn und streichelte das dichte, zottige Haar.
-
-Elli war an ihrer Seite und hob ihn empor. Instinktiv trug sie ihn in
-das anstoßende Zimmer ...
-
-Perthes und Marga blieben allein in der großen, fröhlichen Stube, die
-die gedämpfte Herbstsonne mehr und mehr in ihr sattes Mittagslicht
-tauchte.
-
-Eine Weile war nichts hörbar als der schwere, keuchende Atem des
-Mannes, der mit verzweifelter, schamvoller Kraft gegen die Gefühle
-rang, die ihn überwältigen wollten. Und dann erlag er doch, dem
-unsagbaren und grausamen Leid seiner Seele. Das ganze Weh seines
-Lebens, die mit unnatürlicher Anspannung zurückgehaltenen Schmerzen
-der letzten Monate, Bitterkeit, Reue und Verzweiflung befreiten sich
-in jenem harten, dumpfen Schluchzen, das den Zusammenbruch des Mannes
-grausam, erschreckend und erschütternd macht, wie ein Ereignis der
-Natur ...
-
-Leise, wie ein Schatten, löste sich Marga von der Wand, an der sie noch
-immer stand.
-
-Sie ging nach dem Stuhl, auf dem sie sonst vor ihren Kindern saß;
-von dem aus sie vor den glänzenden Augen der andächtigen Kleinen
-ihre Märchen erzählte. Dort setzte sie sich und faltete die Hände im
-Schoß. Zuerst war es auch ihr, als müßte ihr zuckendes Herz in Tränen
-sich befreien. Aber dann senkte es sich über sie wie eine machtvolle,
-alle menschliche Klage versöhnende Feierlichkeit. Ihr inneres Gesicht
-verklärte sie: sie sah sich wie einst an einem Nachmittag, nach
-bangem Morgen, über einen Hang schreiten, über einen unabsehbaren
-Hang von blauen Glockenblumen. Sanft neigten sie sich im Sommerwind
-und begannen zu läuten mit ihren zarten, dünnen, verheißungsvollen
-Stimmchen. Je weiter sie schritt, um so lauter war das Geläut. Ein
-Jubeln, ein Jauchzen wurde daraus, in das ihre Seele einstimmte. Und
-wieder war da ein Fluß. Breiter, tiefer, strömender als der von einst.
-Über den mußte sie setzen. Sie wußte, daß er drüben stand, am Ufer.
-Daß er sie erwartete. Es mußte so sein. Und das Geläute mußte sie auf
-seinen Schwingen tragen, hinüber über das Vergangene, hinüber über das
-Gegenwärtige, bis sie an seiner Seite stand ...
-
-Seine Stimme erweckte sie. Er hatte sich mit einer gewaltsamen
-Aufraffung gesammelt.
-
-„Was werden Sie von mir denken, Fräulein -- Fräulein Marga!” Er konnte
-sie nicht anders nennen. „Was werden Sie von mir tränenseligem,
-erbärmlichem Weichling denken!” stieß er rauh hervor. „Ich wollte Ihnen
-nur sagen, daß Sie mir -- mir unendlich viel mehr zu verzeihen haben
-als meinem dummen, trotzigen Kleinen. Das war es.”
-
-Marga schüttelte den Kopf.
-
-„Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Und wenn es noch etwas gewesen
-wäre, so hätten Sie es in dieser Stunde für immer gutgemacht!”
-
-Perthes war aufgestanden. Auch Marga hatte sich erhoben.
-
-Sie bot ihm ihre Hand. Er beugte sich tief darüber mit seinem dunklen
-Kopf und küßte sie stumm. --
-
-Er rief nach seinem Jungen.
-
-Elli brachte ihn getröstet herbei. Sie wußte nur durch ihr Gefühl, was
-vorgegangen war.
-
-„Benno will am Nachmittag wieder in die Schule kommen,” meinte sie mit
-einem strahlenden, liebkosenden Blick auf den Kleinen.
-
-„Und immer wieder will ich kommen!” erklärte überzeugt der kleine Mann.
-
-„Wenn die Damen es erlauben -- solange du noch hier bist,” sagte
-Perthes, dankbar auf Elli schauend. Dann ließ er ihn sich von Marga
-verabschieden, nahm ihn bei der Hand und verließ mit einem ernsthaften
-Gruß das Zimmer ...
-
-Elli warf sich in Margas Arme. Während draußen die Gittertür knarrte
-und die Schritte des kleinen und des großen Perthes straßabwärts
-verhallten, standen sie schweigend beisammen. Elli wagte nicht,
-Marga zu stören, deren Augen verloren ins Weite schweiften und eine
-schimmernde Ferne faßten. Es war die große Stille, die über Zeit und
-Raum dort hinüberfloß. Und es war wieder die Freude in ihr und das
-Läuten der blauen Glocken von Stille zu Stille. Das Wie wußte sie nicht
-und nicht das Wann. Aber sie wußte, daß sie und er sich wiedersehen
-würden, um sich nicht mehr zu trennen. Denn sie waren wieder Gefährten
-eines Wegs und eines Willens ...
-
-Und beide rangen sie mit dem Leben, bis daß es sie segnete.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Im _Cotta'schen Verlage_
- erschien von
-
- Heinrich Lilienfein:
-
-
- Gebunden
-
- $Ideale des Teufels$
- Eine boshafte Kulturfahrt. 2. Aufl. M. 5.50
-
- $Von den Frauen und einer Frau$
- Erzählungen und Geschichten. 2. Aufl. M. 5.--
-
- $Die große Stille$
- Roman. 9.-11. Auflage M. 8.50
-
- $Der versunkene Stern$
- Roman. 4. und 5. Auflage M. 9.--
-
- $Ein Spiel im Wind$
- Roman. 4. und 5. Auflage M. 8.--
-
- $Die feurige Wolke$
- Roman. 1.-5. Auflage M. 9.50
-
- * * * * *
-
- $Der Herrgottswarter$
- Ein Drama in drei Aufzügen M. 4 --
-
- $Die Herzogin von Palliano$
- Ein Drama in drei Akten M. 4.50
-
- $Der Kampf mit dem Schatten$
- Drei Akte eines Vorspiels zum Leben M. 4.--
-
- $Der schwarze Kavalier$
- Ein deutsches Spiel in drei Akten
-
- $Olympias.$ Ein griechisches Spiel
- in drei Akten
-
- Beide Dramen in einem Band M. 5.--
-
- $Der Stier von Olivera$
- Ein Schauspiel in drei Akten. 2. Aufl. M. 4.50
-
- $Der große Tag$
- Ein Schauspiel in fünf Akten M. 4.--
-
- $Der Tyrann$
- Ein Drama in vier Akten M. 4.50
-
- $Hildebrand$
- Ein Drama in drei Akten und einem
- Vorspiel. 2. Auflage M. 4.--
-
- $Das Gericht der Schatten$
- _Vier Einakter_: Die Botschaft --
- Das Fest der entblößten Seelen --
- Die mondhelle Stunde -- Die
- Fessellosen M. 4.--
-
- Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart
-
-
-
-
- +--------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
- | gebräuchlich waren, wie: |
- | |
- | Abwechselung -- Abwechslung |
- | anderen -- andern |
- | Billet -- Billett |
- | Büfett -- Büffet |
- | dämmerigen -- dämmrigen |
- | Ewig-Weibliche -- Ewigweibliche |
- | frei gemacht -- freigemacht |
- | geradeswegs -- geradewegs |
- | jenseit -- jenseits |
- | leis -- leise |
- | malitiöse -- maliziöse |
- | mitleidlos -- mitleidslos |
- | Sammetkäppchen -- Samtkäppchen |
- | Tete-a-tete -- tete-a-tete |
- | Tipptopp -- tipp-topp |
- | wundere -- wundre |
- | |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | |
- | S. 17 „minuziösen” in „minutiösen” geändert. |
- | S. 20 „unverantworlich” in „unverantwortlich” geändert. |
- | S. 86 „g worden” (Leiche?) in „geworden” geändert. |
- | S. 86 „handarbeit nd” (Leiche?) in „handarbeitend” geändert. |
- | S. 86 „Fakultätsitzung” in „Fakultätssitzung” geändert. |
- | S. 96 „heut am Abend” in „heute am Abend” geändert. |
- | S. 139 „daß weiß ich” in „das weiß ich” geändert. |
- | S. 167 „erkläre” in „erklärte” geändert. |
- | S. 175 „Überschwängliche” in „Überschwengliche” geändert. |
- | S. 181 „hatte für Sie” in „hatte für sie” geändert. |
- | S. 184 „Sägmühle” in „Sägemühle” geändert. |
- | S. 191 „Stohhut” in „Strohhut” geändert. |
- | S. 213 „tanzst” in „tanzt” geändert. |
- | S. 225 „Jleus” in „Ileus” geändert. |
- | S. 267 „werkwürdig” in „merkwürdig” geändert. |
- | S. 280 „ eingefügt. |
- | S. 303 „Trabener” in „Trabner” geändert. |
- | S. 346, 351 „garnicht” in „gar nicht” geändert. |
- | S. 362 „Verzweifelste” in „Verzweifeltste” geändert. |
- | S. 362, 363, 366 „Bertelsdorff” in „Bertelsdorf” geändert. |
- | S. 397 „ungeberdigen” in „ungebärdigen” geändert. |
- | S. 408 „voll gestopft” in „vollgestopft” geändert. |
- | S. 424 „ihre Fräulein Schwester” in „Ihr Fräulein Schwester” |
- | geändert. |
- | S. 425 „Clli” in „Elli” geändert. |
- | |
- +--------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die große Stille, by Heinrich Lilienfein
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROßE STILLE ***
-
-***** This file should be named 53283-0.txt or 53283-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/3/2/8/53283/
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-