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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-06 09:45:22 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band. - Gesammelte Erzählungen - -Author: Friedrich Gerstäcker - -Release Date: September 20, 2016 [EBook #53100] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN. *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - -[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ] - - - - - Aus zwei Welttheilen. - - Gesammelte Erzählungen - von - Friedrich Gerstäcker. - - Zweiter Band. - - Leipzig, - Arnoldische Buchhandlung. - 1854. - - - - -Inhalt des zweiten Bandes. - - - Seite - - Die Tochter der Riccarees 1 - - Herr Schultze 93 - - Der Deutsche und sein Kind 109 - - Schicksale einer Nacht 189 - - Civilisation und Wildniß 229 - - Aus dem Briefsacke des Paquetschiffes »Seeschlange« 299 - - Der Klöppeldistrikt des sächsischen Erzgebirges 369 - - Die Otterjagd 401 - - - - -Die Tochter der Riccarees. - -Lebensbild aus Louisiana. - - -Eine glühende Septembersonne schoß ihre fast senkrechten Strahlen auf die -weiten Baumwollen- und Zuckerfelder und ausgedehnten Sümpfe und Prairien -Louisianas herab. Die ganze Natur ruhte, oder schien vielmehr matt und -kraftlos, verschmachtet und erschöpft zu liegen, und mit fieberheißen Poren -den Nachtthau herbeizusehnen, der die lechzenden Lippen der Erde tränken -und den Bäumen ihre Farbe, den Blumen ihren Duft wiedergeben sollte. Eine -glühende Septembersonne trieb den weichlichen Pflanzer in das Innere -seiner kühlen Wohnung zurück, und hinter verschlossenen Jalousien, den -claretgefüllten Krystallbecher neben sich, lag er träumend in seinem -geflochtenen Schaukelstuhl und vertrieb sich die Zeit dadurch, das in dem -Wein rubinartig funkelnde Eis mit dem langen, silbernen Löffel auf- und -niederzustoßen und zu zerschmelzen. - -Draußen aber im Feld, der sengenden Glutenhitze ausgesetzt, die auf ihre -nackten Schultern niederbrannte, standen in langer Reihe die Negersklaven, -Männer, Frauen und Kinder mit großen leichten Spahnkörben und sammelten in -diese die Baumwollenflocken aus den holzigen Kapseln, und im Schatten eines -nicht fernen Pecanbaums, die große lederne Peitsche in der Hand, lehnte der -_Overseer_[1] und überschaute gähnend die keuchende Schar, dann und wann -nur einen flüchtigen Blick hinüberwerfend, nach der nicht fernen Piazza des -Wohngebäudes, wo allerdings ein freundlicheres, lieblicheres Bild sein Auge -fesseln konnte. - - [1]: =Overseer=, die obersten Aufseher der Neger, meistens Weiße und - zwar Amerikaner, auch oft Creolen. Die ihnen untergebenen Aufseher, - gewöhnlich selbst Neger, werden nur =nigger drivers= genannt, wie - überhaupt =nigger= der verächtliche und sehr oft angewandte Ausdruck - für Neger ist. - -Zehn Stufen führten zu der von hohen Chinabäumen und zwei duftigen -Magnolien umschatteten Galerie des Herrenhauses empor, und rankende weiße -Rosen schlängelten sich hier an den buntgeschnitzten Säulen hinauf, bis -sie oben die wilden Reben erreichten, die, unter dem niederen Schutz- und -Sonnendache hingezogen, ihre blauen vollen Trauben mitten zwischen den -zarten Rosenknospen hineinsenkten, als ob sie den Duft aus diesen ziehen -und ihnen dafür den kühlen Saft ihrer Beeren gewähren wollten. Seltene -tropische und nordische Gewächse waren dabei rings im Inneren des laubigen -Raumes aufgestellt und vermischten ihre Wohlgerüche mit denen der sie -umwuchernden Schlingpflanzen. - -Doch nicht nur Blum' und Blüte schmückten den Eingang des reichen Beaufort -Haus, der als einer der wohlhabendsten Pflanzer am ganzen Fausse Rivière -bekannt und geachtet war, nicht allein Blum' und Blüte schwankte und wehte -in dem kaum bemerkbaren Westwind, der von der breiten Wasserfläche des -»falschen Flusses« herüberzog, sondern noch, aufgehangen zwischen den -knospen- und fruchtumdrängten Pfeilern schaukelte, durch die Hand -eines kleinen Negerkindes in Bewegung gehalten, eine bunte, wunderlich -geflochtene Hängmatte, und darin, das von rabenschwarzen Locken umwogte -Köpfchen auf den vollen weißen Arm gelehnt, während das zierliche Füßchen -eben unter dem weiten faltigen Kleide sichtbar wurde, lag des Pflanzers -holdes Kind, die reizendste Creolin Louisianas, und schaute halb -sinnend, halb träumend zu der Blütenpracht hinauf, die von buntfarbigen -Schmetterlingen und diamantfunkelnden Kolibris umflattert und beraubt -wurde. - -Um sie lagen zerstreut theils frisch abgebrochene Blumen, theils große -sammetne Magnolienblätter, auf deren schneeige Fläche sie mit der Nadel -Figuren und Namen gezeichnet, und selbst einzelne französische Hefte und -Journale deckten die Hängmatte und das danebenstehende kleine Tischchen; -ein Zeichen, wie Mademoiselle _Alles_, selbst das Letzte versucht hatte, -die Langeweile zu tödten. - -Und sandte der sonngebräunte, finstere Aufseher der Schwarzen nach dieser -holden Blume seine leidenschaftglühenden Blicke herüber? Wagte er es zu der -schönsten und reichsten Erbin des Landes das Auge zu erheben? Nein -- wohl -wußte er, wie diese ihn haßte und verabscheute, wohl kannte er die Kluft, -die zwischen ihm und der Jungfrau in jeder Hinsicht gähnte; nein; er wollte -nicht girren und schmachten, er wollte _genießen_, und ein anderes Wesen -als Gabriele Beaufort, hatte sich sein lüsterner Blick ersehen. - -Neben der Gebieterin, den breitfaltigen Pfauenwedel in der Hand, mit dem -sie dem schönen Mädchen nicht allein Kühlung zufächelte, sondern auch die -umherschwärmenden Insekten verscheuchte, lehnte auf weichem Sitz ein fast -ebenso liebliches, wenn auch von dem ersten gar sehr verschiedenes Kind. Es -war eine Indianerin, die dunkle Bronzefarbe der Haut, das lebhaft funkelnde -Auge, die schneeweißen Zähne und das ganze Wesen, die ganze Haltung des -Mädchens kündete die Tochter der Wälder, nur das rabenschwarze, sonst lange -und _straffe_ Haar schien sich, leicht gekräuselt, jener bläulichen Färbung -nähern zu wollen, die den schönen Quadroonenmädchen, den Mischlingen der -Weißen und Mulatten, einen so eigenthümlichen Reiz verleiht. - -Ihre schlanke Gestalt war in ein weites, luftiges Gewand, nach Art ihres -Stammes angefertigt, gekleidet, ein buntgestickter Perlengürtel hielt es -über der Hüfte zusammen und bildete mit zwei gleichen Korallenschnuren, -eine um den sammetweichen Nacken, die andere um die Schläfe geschlungen, -den einzigen Schmuck des holden Mädchens. Nur die aus zartgegerbten Fellen -bereiteten Moccasins, in denen die kleinen zierlichen Füße staken, trugen -noch die Zeichen der kunstfertigen Hand Nedaunis-Ais' (die kleine Tochter) -oder Saisens, wie sie der Kürze wegen von Gabrielen genannt ward. - -So wunderlieblich und reizend aber auch das Bild der beiden, von einer -Blumenwelt umgebenen Jungfrauen war, so trübe, wehmüthige Gefühle schienen -Saisens Busen zu heben und einmal -- ach, sie wandte das Köpfchen ab, -daß es die Gebieterin nicht bemerken sollte -- streifte sie sogar mit dem -zarten Finger einen perlenden Tropfen von den langen, seidenen Wimpern und -ein leiser, leiser Seufzer entrang sich der Brust des armen Kindes. - -Was war es aber, das ihr hier, von Pracht und Ueberfluß umgeben, das Herz -beengte? Dachte sie an das Schicksal ihres Stammes? ihres ganzen Volkes, -das, von dem Grund und Boden vertrieben der einst sein Eigenthum, durch -den Stahl und das Feuerwasser der Weißen fast vernichtet, jetzt im weiten -Westen, fern von den Gräbern der Lieben weilen mußte, während eine seiner -Töchter dem Abkömmling jener stolzen, trotzigen Race diente, wo sie selbst -doch eigentlich die Herrin dieses Landes nach Geburt und Recht war? Ach, -sie hätte Ursache gehabt, darüber zu trauern, und die zwei holden Wesen -lieferten ein treues, aber darum nur ein so wehmüthigeres Bild der beiden -Nationen, der Sieger und Besiegten. Doch es war nicht das, auch nicht das -Gefühl der Dienstbarkeit, denn Gabrielen behandelte sie nicht wie eine -Dienerin, sondern wie eine Freundin, nein es war wohl die Trennung von -den theuern Aeltern, denen sie durch teuflische List geraubt worden. Der -Gedanke an die daheim um sie Trauernden füllte auf's Neue ihre Wimpern und -diesmal tropfte die Thräne voll und schwer in ihren Schoos hernieder. - -Gabriele bemerkte es. - -»Saise, meine herzliebe Saise, was fehlt Dir? Warum bist Du immer so -traurig und willst mich nicht zur Mitwisserin Deines Kummers machen?« frug -theilnehmend die junge Creolin; »bin ich nicht Deine Freundin, und habe ich -nicht auch Dir alle meine kleinen Sorgen und Pläne entdeckt und um Deinen -Rath und Deine Hülfe gebeten?« - -Saise drückte der Herrin Hand und schaute ihr wenige Secunden lang -wehmüthig lächelnd in die klaren treuherzigen Augen, dann aber fiel ihr -Blick auf das kleine, die Hängematte wiegende Negermädchen und Gabriele, -den Wink verstehend, sagte: - -»Geh hinunter, Piccaninny[2], und zähle die Küchelchen, die im Hof -herumlaufen; komm aber nicht wieder, bis Du mir genau sagen kannst, wie -viel es sind«. - - [2]: Piccaninny, ein afrikanischer Ausdruck und gewöhnlich für alles - das gebraucht, was klein und niedlich ist. - -Das kleine runde Dingelchen zog den breiten Mund zu einem freundlichen -Grinsen auseinander und sprang schnell durch den schmalen Eingang die -Treppe hinab, den Befehl ihrer »Missus« auszuführen. Lächelnd sah ihr -Gabriele einen Augenblick nach, dann aber, sich theilnehmend zur Gespielin -wendend, sagte sie herzlich: - -»Siehst Du -- das Kind ist fort, nun erzähle mir aber auch offen, was Dich -drückt -- gewiß kann ich Dir helfen.« - -»Du sollst Alles erfahren,« flüsterte Saise, »vielleicht ist es überdieß -besser, _daß_ Du es weißt, denn wenn« -- sie schwieg plötzlich und barg -schaudernd ihr Antlitz in den Händen. - -»Aber was ist Dir, um aller Heiligen willen,« bat Gabriele, »so hab ich -Dich nie gesehen.« - -»So höre denn,« sagte, sich fassend, die Indianerin, »mit wenig Worten -kann ich dir Alles vertrauen; ich habe, wenn auch noch jung, doch -schon Entsetzliches erduldet. Ich bin die einzige Tochter eines -Riccareehäuptlings, und ein kleiner Theil unseres Stammes -- deine Brüder -vertilgten fast unsere ganze Nation von der Erde -- hatte sich dicht unter -den Osagen, zwischen diesen und den Cherokesen niedergelassen. Mein Vater -war ein Freund der Weißen -- er sah, daß das Wild selten wurde, und fühlte, -wie uns die bleichen Gesichter an Klugheit und Kunstfertigkeit überlegen -waren; er glaubte aber auch die einzige Sicherheit für die schwachen -Ueberreste der Seinigen nur darin finden zu können, daß sich diese den -Sitten und Gebräuchen ihrer Sieger anschlössen, den Acker bebauten und -_ein_ Volk mit jenen machten. Deshalb war jeder Weiße in unserer Hütte -willkommen, und er benahm sich freundlich gegen Alle. Nur einmal erwachte -in ihm der alte, fast erstorbene Geist des Kriegers wieder, als einst ein -Weißer, ein rauher, unfreundlicher Mann, herzlich von uns aufgenommen, -frech und zudringlich gegen mich wurde und zuletzt behauptete, ich dürfe -gar nicht so spröde thun, denn ich sei ja doch nur, wie mein Haar auch klar -genug beweise ein kleiner -- Nigger.« - -»Hätte ein Pfeil meinen Vater getroffen, er wäre nicht schneller von seinem -Sitze aufgesprungen. Er war Einer der ersten Krieger seines Stammes und -meine Mutter die Tochter eines Sioux-Häuptlings gewesen, die er einst bei -einem Ueberfall geraubt, liebgewonnen und zum Weibe genommen hatte; um so -entsetzlicher traf daher dieses Wort seinen Stolz, und von Wuth und Ingrimm -getrieben, riß er den Tomahawk von der Wand und schleuderte ihn nach dem -Haupt des -- _Gastes_.« - -»Der weiße Mann stürzte besinnungslos nieder, aber in demselben Augenblick -ergriff auch meinen Vater mit peinlichem Schmerz der Gedanke, das Gastrecht -verletzt zu haben. Er sprang auf den Niedergestürzten zu, untersuchte die -Wunde und wartete und pflegte ihn nun wie einen Sohn, bis er sich wieder -erholt hatte und unsere Ansiedlung verlassen konnte.« - -»Aber jener Mann war ein Teufel -- der erhaltene Schlag erfüllte sein -Herz mit Wuth und Rache. Während er noch bei uns seine Genesung abwartete, -erforschte er lauernd des Hauses und der Nachbarschaft Gelegenheit, und -schon nach drei Nächten kehrte er mit seinen Helfershelfern heimlich und -verrätherisch zurück. -- Sie überfielen still und geräuschlos unsere Hütte, -schlugen meinen alten Vater, der sich den Räubern entgegenwerfen wollte, -nieder, banden und knebelten mich, hoben mich auf ein Pferd und schleppten -mich in wilder, unaufhaltsamer Eile dem großen Flusse[3] zu.« - - [3]: Mississippi. - -»Als ich aus einer langen Ohnmacht erwachte, umgab mich tiefe Nacht und ich -fühlte nur, wie wir im vollen Galopp auf einem harten, schmalen Weg, unter -niederen Bäumen und Büschen dahinsprengten, denn der Hufschlag schallte -weithin durch die stille Wildniß, und dann und wann streiften kleine -Zweige meine Wangen. Was aber auch meine Räuber mit mir im Sinn gehabt, -wahrscheinlich fürchteten sie Verfolgung, oder wußten sich wirklich schon -verfolgt, denn rastlos, unaufhaltsam eilten sie weiter, und ruhten nicht -eher, bis sie einen, sicherlich schon vorher verabredeten Platz erreicht -und hier ihre schändlichen Genossen gefunden hatten.« - -»Gott allein weiß was später aus meinem alten Vater wurde, ich sah ihn -nicht wieder, wohl aber einen fremden, finsteren Mann, der in meinem -Beisein, während ich noch gebunden am Boden lag, einen Handel über mich -abschloß, von meinem Räuber ein Schreiben -- einen _Kaufbrief_, wie jener -es nannte -- ausgestellt bekam, und dann Deine arme Saise in ein Canoe trug -und mit ihr davon ruderte.« - -»Hülflos -- verlassen -- verloren lag ich auf dem Boden des schwankenden -Canoes, aber Alles, was mich bedrohte, stieg in fürchterlichen Bildern vor -meiner inneren Seele auf.« - -»Ich fühlte, wie ich der Willkür dieses Mannes, der seine gierigen Blicke -fest auf mich gerichtet hielt, gänzlich -- wehrlos überlassen war, wußte, -daß ich als Sklavin verkauft, kein Erbarmen bei den Weißen mehr zu hoffen -hatte, und der Gedanke an Selbstmord zuckte da zum ersten Mal durch meine -fieberhaft schlagenden Pulse.« - -»Arme Saise,« sagte Gabriele. - -»Das Canoe war einer der gewöhnlichen, aus Holz roh gehauenen Kähne, schmal -und mit rundem Boden; wenn ich mich nur leise bewegte, fühlte ich wie -es schwankte, und sah die ängstliche Bewegung des Rudernden, der es im -Gleichgewicht zu halten strebte; -- ein Ruck -- ein plötzlicher Stoß von -mir -- es schlug um und ich -- war frei.« - -»Kaum hatt' ich diesen Entschluß gefaßt, als ein kalter Schauer mir -fröstelnd durch die Adern rieselte -- und starr und entsetzt blickte ich zu -dem weißen Manne empor. Dieser aber, der den ängstlichen Ausdruck in meinen -Zügen der Furcht zuschreiben mochte, lächelte höhnisch und sagte: »Gräme -dich nicht, Püppchen; wenn du hübsch brav bist, sollst du meine kleine -Squaw[4] werden,« und dann lachte er so laut und teuflisch, daß er mir in -dem Augenblick wirklich wie ein böses, dem finsteren Abgrund entstiegenes -Wesen vorkam. Das aber befestigte nur noch mehr meinen Entschluß -- ich -wollte sterben. Nur dann und wann, wenn das Canoe ein wenig zur rechten -oder linken Seite hinüberschwankte, konnte ich das Ufer erkennen, und sah -jetzt, daß wir uns unweit einer langen Insel befanden, die, wie es mir -schien, gerade vor uns lag. Ich kann schwimmen wie ein Fisch, doch die -Bande, die meine Hände zusammenschnürten, versagten mir jede Bewegung; auf -keine andere Rettung durfte ich hoffen als die, die der Tod brachte.« - - [4]: Der Indianische Name für »Frau«. - -»Arme Saise.« - -»Noch einmal sandte ich jetzt mein Gebet zu dem Manitou meines Volkes empor --- noch einmal blickte ich auf zu dem freundlichen Sonnenlicht, das hell -und strahlend, ach für mich zum _letzten_ Male über die ferne Waldung -herübergrüßte; noch ein Mal sog ich in langem, langem Athemzuge die -balsamische Luft der schönen Welt ein -- schloß dann die Augen und warf -mich, mit plötzlichem Schwung, mit Anstrengung aller meiner Kräfte, gegen -die Seitenwand des schmalen Fahrzeugs.« - -»Halt an! wir sinken! schrie entsetzt der Räuber und versuchte auf der -anderen Seite das Gleichgewicht wiederherzustellen, doch schnell folgte ich -seiner Bewegung und im nächsten Augenblick fühlte ich die kühle Fluth über -mir zusammenschlagen. Das Canoe war umgestürzt.« - -»Ob jener Weiße schwimmen konnte, wußte ich nicht, auf jeden Fall wäre er -in diesem Falle im Stande gewesen, mich, deren Hände noch immer gefesselt, -zum nicht so fernen Ufer zu ziehn. Doch lebend sollte er mich nie mehr -berühren, ich tauchte unter und zwar mit dem festen Entschluß, nimmer zur -Oberfläche zurückzukehren.« - -»Gott wollte es anders; von der quellenden Fluth emporgehoben, stieg ich -wieder dem Licht entgegen, fühlte aber plötzlich, wie ich mit dem Kopf -gegen einen festen Gegenstand anstieß. Im ersten Augenblick glaubte ich, -es sei das Canoe, der nächste überzeugte mich aber, daß ich unter Treibholz -gerathen wäre, und zwar gerade an einer Stelle, wo ich den Grund mit den -Füßen berührte, und wild übereinandergepreßte Stämme eine kleine Höhlung -gebildet hatten, in die ich den Kopf bringen und -- athmen konnte. Ich war -für den Augenblick gerettet; mußte aber nicht der gewaltige Andrang der -Strömung, die sich rauschend und schäumend nur eine kurze Strecke von -mir entfernt an den Stämmen und Aesten brach, diese schwache Schutzwehr -zusammendrängen und mich Zoll für Zoll in die Tiefe wieder zurückdrücken -und vernichten? Mit unverzagtem Muth hätt' ich dem _raschen_ Tod ins Auge -geschaut, hier aber langsam, langsam vielleicht zu sterben -- o, es war -fürchterlich.« - -Saise barg wieder, von dem Gedanken ergriffen und zusammenschaudernd, ihr -Antlitz in ihren Händen. - -»Du unglückliches Kind,« flüsterte Gabriele, des schönen Mädchens Stirn an -ihrem Busen bergend; »Du unglückliches -- liebes -- böses Kind, und warum -hast Du denn das Alles mir so lang verschwiegen? war das recht von Dir? -aber wie entgingst Du jener fürchterlichen Gefahr?« - -»Stundenlang,« erzählte Saise weiter, »stundenlang harrte ich, denn noch -schrecklicher als der Tod war mir der Gedanke, das Licht des Tages und -mit ihm das Antlitz jenes finsteren Mannes wieder zu sehen, ehe ich einen -Versuch zu meiner Rettung wagte. Selbst dann aber blieb noch immer die -Ausführung schwer und gefährlich, denn im Wasser hatte ich natürlich die -Richtung verloren und mußte fürchten, daß ich, unter Wasser fortschwimmend, -gerade tiefer in das Treibholz hineingerathen würde, Gott da oben hatte -mich aber bis jetzt geschützt, und ihm vertraute ich. Als ich es überdies -nicht länger mehr im Wasser aushalten konnte und der Frost meine Glieder -schüttelte, horchte ich noch einmal genau, von welcher Richtung das -Anprallen der Strömung tönte, berechnete dann schnell, auf welcher Seite -der Insel ich mich befinden müsse, und versuchte nun mich der Bande zu -entledigen, die meine Hände noch immer gefesselt hielten. Und siehe da --- es gelang. Es waren hirschlederne Riemen und die Nässe hatte sie -ausgedehnt, meine Hände schlüpften hindurch und -- ich fühlte mich frei.« - -»Jetzt fürchtete ich Nichts mehr, jener Mann mußte mich lange ertrunken -geglaubt und die Stelle verlassen haben -- ich tauchte unter -- strich -kräftig aus und sah nach wenigen, dem Herzen den Schlag raubenden Secunden -das liebe herrliche Tageslicht wieder. Doch noch lange wagte ich nicht mich -zu erheben, denn ich wußte nicht, wie nahe jener Weiße sei; ich kroch nur -leise und vorsichtig an der flachen, von der Sonne warm beschienenen Bank -hin, und machte in einem brünstigen Gebet und einem lindernden Thränenstrom -dem so arg bedrängten Herzen Luft.« - -»Alles Uebrige weißt du. Dein Vater fand mich fünf Tage später im Walde --- ich war heimathlos, -- zu Hause durfte ich nicht wagen wieder zu -erscheinen, meinen eigenen Vater hatten sie vor meinen Augen erschlagen, -und wie konnten mich die ärmlichen Ueberreste meines Stammes vor den -Verfolgungen der Weißen schützen? Du nahmst mich auf, Gabriele, und an -Deinem Herzen habe ich Schutz und Hülfe gefunden.« - -»Aber weshalb denn dieser stete Gram, Du liebes Kind?« sagte die Jungfrau -schmeichelnd, »sei doch froh wie ich, Du bist ja bei Freunden, die Dir kein -Leid geschehen lassen; oder drückt Dich noch ein Schmerz?« - -»Hast Du heute gesehen?« frug Saise mit ängstlich umherschweifenden -Blicken, »hast Du gesehen, wie sie das arme Wesen ihrem Herrn auslieferten, -dem es -- er sagte so -- entflohen war?« - -»Aber das war eine Sklavin und er ihr Herr, liebes Kind.« - -»Und woher weißt Du, daß er ihr Herr war? schwur sie nicht, sie habe ihn -ihr Lebtage nicht gesehen?« - -»Er hatte ja den Kaufbrief, in dem ihre ganze Person beschrieben stand,« -lächelte Gabriele; »Du närrisches Kind, was quälst Du Dich denn mit so -trüben, ängstlichen Bildern ab; wie mag Dich das nur beunruhigen?« - -»Er hatte den _Kaufbrief_, in dem ihre ganze Person beschrieben stand, und -die Leute hier -- großer Gott -- sie lieferten sie ihm aus --« schrie die -Indianerin, von ihrem Sitze emporspringend. - -»Hilf Himmel -- Saise!« rief Gabriele besorgt, denn sie fürchtete für den -Verstand der Unglücklichen, »was fehlt Dir? was hast Du?« - -»Gebunden führte er sie hinweg,« fuhr das Mädchen in entsetzlicher -Aufregung fort -- »gebunden! und auch über mich -- auch über _mich_ ist ein -solcher Kaufbrief ausgestellt; auch _meine_ Person, _mein_ Aussehn -- meine -Haare -- meine Augen -- sogar das Maal auf meiner Schulter beschrieben. --- O du allgütiger Gott!« -- Sie brach schluchzend zusammen und barg ihr -Antlitz in den Kissen des neben ihr stehenden Sessels. - -Gabriele war erschreckt aus der Hängematte gesprungen und bog sich leise -zu der Unglücklichen nieder; mit tröstenden Worten wollte sie dabei ihren -Kummer stillen, aber ach, sie kannte selbst nur zu gut die Gefahr, die -unter solchen Umständen, wenn sie von jenem Buben wirklich wiederentdeckt -würde, der armen Verfolgten drohte. - -»Komm,« sagte sie dann plötzlich zu der Indianerin, deren Angst sich in -einer lindernden Thränenfluth gelöst hatte -- »komm, fasse Muth, noch weiß -ich Rath Dir zu helfen. Du kennst unseren Freund,« fuhr sie fort, als das -Mädchen mit den großen dunkeln feuchten Augen zu ihr aufschaute, -- »Du -kennst den jungen Creolen St. Clyde -- er ist uns freundlich gesinnt, --- Beiden -- Dir sowohl wie mir, und hat sogar selbst lange an den -südwestlichen Grenzen Missouris, zwischen den Cherokesen wie Osagen -gelebt -- der muß Rath schaffen; entweder kann er dorthin eilen und Zeugen -herbeiholen, oder er sendet einen Boten, um das zu bewerkstelligen. Auf -jeden Fall mußt Du selbst klagbar gegen den Verbrecher auftreten, das ist -der einzige Ausweg seinen Angriffen zu begegnen.« -- »Cöleste -- -Cöleste,« rief sie dann ihrer kleinen Negerin, die noch immer eifrig unten -beschäftigt war, die toll und bunt durcheinander laufenden Küchlein zu -zählen -- »Cöleste, komm schnell herauf und schicke mir vorher Endymion.« - -Die Kleine gehorchte dem Befehl und erschien gleich darauf selbst oben an -der Treppe; die großen dunkeln Augen standen aber voll Thränen, und das -Gesicht verzog sie zu einer entsetzlich weinerlichen und ernstkomischen -Miene. - -»Was fehlt Dir, Cöleste?« frug Gabriele freundlich. - -»O Missus« -- schluchzte nun das Kind, dessen Schmerz sich bei diesen -freundlichen Worten Bahn brach, »o Missus -- ich -- ich kann -- ich kann -nicht zählen -- zählen -- die Küchel -- Küchelchen -- sie laufen; -- huhuhu --- sie laufen so geschwinde.« - -»Komisches Kind,« lachte Gabriele -- »geh -- ruf Endymion schnell, und -laß die Hühner, Hühner sein.« Endymion brauchte aber nicht mehr gerufen zu -werden, er tauchte eben hinter der Gespielin auf und sagte dann leise: - -»Missus will 'Dymion -- hier ist er.« - -»Endymion,« rief Gabriele rasch -- »Du weißt, wo Mr. St. Clyde wohnt -- -wie?« - -»Massa Clyde -- jes« -- nickte der Schwarze -- »aber, Missus -- ein fremder -Gentleman ist unten« -- - -»Schon gut -- schick' ihn zum Vater,« fuhr die Creolin ungeduldig fort -- -»Zu dem reitest Du, und bittest ihn so schnell als möglich, wenn es angeht -heute Abend noch -- verstehst Du mich, Endymion? heute Abend noch -- -herüberzukommen, ich -- wir -- wir hätten etwas Wichtiges mit ihm zu -reden.« - -»Aber der Fremde, Missus,« unterbrach sie etwas ängstlich Endymion -- »der -Fremde -- Massa schläft und arme 'Dymion kriegte viel Schläge, wenn ihn -weckte --« - -»So laß ihn unten in die Halle treten, dort liegen Bücher und er mag sich -die Zeit vertreiben, so gut er kann. Du aber, Endymion, mach rasch und -füttere zugleich mein Reitpferd, es könnte sein, daß wir es schnell und zu -einem eiligen Ritt gebrauchten; mach fort, Endymion, und kehre recht bald -zurück.« - -Das volle runde Gesicht des Knaben verschwand plötzlich unter der steilen -Treppe, und wenige Minuten später hörte man schon am Schallen der Hufe, -wie er auf flüchtigem Renner, den Fausse Riviere entlang, dem Mississippi -zuflog. - -Saise hatte sich aber indessen durch die neue Hoffnung, bald jeder Furcht -überhoben zu sein, getröstet; sie wußte -- sie mußte es sich wenigstens -mit leisem Erröthen gestehen -- St. Clyde würde Alles thun was in seinen -Kräften stand, sie von jeder Sorge und Gefahr zu befreien, und konnte sie -selbst als Klägerin auftreten, dann hätte sich Jener erst, wäre er wirklich -erschienen, vor allen Dingen von jedem auf ihm haftenden Verdachte reinigen -müssen, und die Beweise ihrer reinen Abstammung konnte sie bis dahin -bringen. Sie ergriff der Freundin Hand, hob sie leise an ihre Lippen und -flüsterte: - -»Du bist gut -- Du bist engelgut und hast mir mit Deinen freundlichen -Worten Trost und Ruhe in's Herz gegossen.« - -Die Mädchen hatten sich eng umschlungen und Gabriele hielt erst lange das -Antlitz der holden Tochter der Wälder zwischen den zarten Händen, schaute -ihr herzlich und liebevoll in die großen dunkeln Augen und drückte dann -einen heißen, innigen Kuß auf ihre Stirn. - -Der Overseer bemerkte von seinem Baum aus die Ankunft des Fremden, und -schlenderte langsam dem Hause zu. - -»Was zum Teufel nur die beiden Mädchen heute so ernstlich zusammen zu -schwatzen haben,« murmelte er dabei vor sich hin -- »hol mich der Böse, -wenn ich nicht wünsche, das kleine rothe Ding wäre mein -- verdammt schade, -daß man rothes Fell nicht ebenso leicht kaufen kann wie schwarzes. -- Wer -der Fremde nur sein mag? -- Wahrscheinlich ein Baumwollenspekulant aus -New-Orleans. -- Nun Zeit wär's, daß er käme -- hat wohl gewittert, daß -unsere Baumwolle noch nicht verschifft ist -- muß die Nachlese nun auch -mitnehmen.« - -Mit diesen leise vor sich hin gemurmelten Bemerkungen schritt er langsam an -den, in regelmäßigen Reihen errichteten Negerhütten vorbei, dem Herrenhause -zu, stieg die, zu diesem emporführenden hölzernen Stufen hinauf und stand -im nächsten Augenblick neben dem eben Eingetroffenen. - -»Alle Wetter!« rief er aber hier erstaunt aus -- »Pitwell -- wo zum Henker -kommt _Ihr_ her?« - -»Duxon? -- bei Allem was blau ist -- hier in Louisiana?« entgegnete der -also Angeredete, dem Overseer freundlich die Hand entgegenstreckend. -- -»Seht, so finden sich alte Freunde nach langen Jahren immer doch einmal -wieder zusammen. Wo war's doch, daß wir uns zuletzt sahen?« - -»Je weniger wir davon sagen desto besser,« lachte Duxon -- »ich meines -Theils habe wenigstens nie mit der Geschichte geprahlt.« - -»Ach -- jetzt erinnere ich mich« -- lächelte Pitwell -- »ja ja, hätte -den Spaß bald vergessen; aber Unsinn, 's ist jetzt verjährt und der Mann -längst --« er schwieg plötzlich still und warf seinem Gefährten einen -schnellen, mißtrauischen Seitenblick zu. »Aber was macht Ihr jetzt?« -lenkte er in ein anderes Gespräch ein, »haltet Ihr Euch etwa hier zu Euerm -Vergnügen auf, wie die Loafer in der Kalebouse[5] sagen?« - - [5]: Loafer ein Herumstreicher, und Kalebouse das Wachthaus in - New-Orleans. - -»Ich bin Overseer auf der Plantage.« - -»Gutes Geschäft das?« - -»So ziemlich -- nährt seinen Mann.« - -»Der Besitzer?« - -»Mr. Beaufort.« - -»Wie viel Ballen[6]?« - - [6]: Eine gewöhnliche Frage in Louisiana, die sich stets auf die - Baumwolle bezieht, da der Reichthum der Besitzer nach dieser geschätzt - wird. - -»Hundertachtzig.« - -»Alle Wetter!« rief Pitwell erstaunt -- »läßt sich mit dem Mann kein -Geschäft machen? der muß ja Geld wie spanisch Moos haben --« - -»Wenn Ihr Neger hättet -- wir brauchen ein paar tüchtige Arbeiter und eine -Dirne in's Haus; aber was Hübsches -- der Alte kann die häßlichen Gesichter -nicht leiden.« - -»Neger? hm -- die ließen sich vielleicht anschaffen; bis wann müßt Ihr sie -haben?« - -»Sobald als möglich!« - -»Sind die Preise gut?« - -»Das geht an; habt Ihr welche?« - -»Hm -- ja -- aber apropos -- wer waren die beiden Damen da oben auf der -Gallerie? die Frau und Tochter vom Hause wahrscheinlich, eh?« - -»_Beiden_ Damen? 's ist nur _eine_ Dame im Hause,« sagte der Overseer -verächtlich -- »das andere ist eine Indianerin, die sich auf Gott weiß -welche Art hier eingeschlichen hat, und noch dazu merkwürdig stolz und -spröde thut -- das dumme Ding.« - -»So? kann man denn diesen Mr. Beaufort gar nicht einmal zu sehen bekommen? -ich möchte gern wissen, welche Art von Mann es ist, ehe ich ein Geschäft -mit ihm mache -- es handelt sich leichter.« - -»Ihr könnt den Yankee nicht verleugnen,« lachte Duxon, »aber ich höre ihn -die Treppe herunterkommen. Unter uns gesagt, geht ihm ein Bischen um -den Bart mit seiner reizenden Plantage -- mit den herrlichen -Heerdeneinrichtungen und dergleichen. -- Ihr versteht mich schon.« - -»Danke -- danke!« sagte der Fremde freundlich -- »werde nicht ermangeln.« - -Mr. Beaufort trat jetzt in's Zimmer, begrüßte den Gast und hieß ihn -herzlich in seiner Wohnung willkommen. Bald hatte ihn dieser auch in ein -sehr interessantes Gespräch verwickelt und er lud ihn ein, da überdies der -Abend nahte, bei ihm zu übernachten, was von jenem bereitwillig angenommen -wurde. - -Beaufort, ein Mann in den Vierzigen und, wie schon erwähnt, der reichste -Pflanzer am False River oder Fausse Riviere, gehörte mit zu jenen südlichen -Geldaristokraten, welche das Menschengeschlecht nur in drei Gattungen -eintheilen: in _Pflanzer_ nämlich, in _keine_ Pflanzer und in _Neger_. Die -ersteren zerfielen dann freilich wieder in zwei Unterabtheilungen und zwar -in solche, die über, und solche, die unter funfzig Ballen erbauten. Aus -der ersten Klasse wählte er sich seinen Umgang. Die zweite Gattung -- die -Nicht-Pflanzer -- betrachtete er nur als dazu erschaffen, dem Pflanzer -seine verschiedenen Bedürfnisse zuzuführen, und die dritte, die Neger -- -verabscheute er wie ein ächter Creole. Selbst die fernsten Vermischungen, -Mestizen und Quadroonen, waren ihm ein Gräuel, und er duldete sie nur in -sofern um sich, als er sie zu seiner Bedienung bedurfte. Soweit ging dabei -diese Verachtung der äthiopischen Race, daß er einst in New-Orleans sein -Messer nach einem armen Teufel von Mestizen warf, den er in der Dunkelheit -für einen ihm befreundeten Creolen angesehen hatte und mit ihm Arm in Arm -durch mehre Straßen gegangen war. Die scharfe Klinge fuhr jedoch nur in -den Schenkel des zum Tode Erschrockenen, ohne diesem weiteren Schaden -zuzufügen. - -_Das_ zur Charakteristik Beaufort's. Sein Gast dagegen stach sowohl im -Aeußern, wie in seinem ganzen Benehmen gar sehr und zwar keineswegs zu -seinem Vortheil gegen den Pflanzer ab. Dieser war wohlbeleibt, von gesunder -Gesichtsfarbe und hatte, den Stolz abgerechnet, ganz gutmüthige Züge; der -Fremde dagegen sah bleich aus, mit grauen stechenden, aber lebhaften Augen, -hoher Stirn und etwas gebogener Nase; doch that sein Blick nicht wohl -- -er streifte stets unruhig von einem Gegenstande zum andern, und sprang -sicherlich im Nu ab, sobald er dem eines andern Auges begegnete. Ihre -Unterhaltung war aber lebhaft; -- Mr. Pitwell hatte viel gesehen, viel -erlebt, verstand, wie es schien, den Baumwollenhandel aus dem Grunde -und besaß selbst, seiner eigenen Aussage nach, am Alabama eine nicht -unbedeutende Plantage. - -So rückte die Zeit des Abendessens heran. Die Sonne war noch nicht -untergegangen und der Tisch oben auf der Piazza, des kühlen Luftzugs und -der freundlichen Aussicht über die Felder und benachbarten Plantagen -wegen, gedeckt. Die Hängematte hing zurückgeschlagen an einem der Pfeiler, -Gabriele aber lehnte sinnend daneben, und blickte auf die Straße hinaus, -die dem Mississippi zuführte und auf welcher sie den Boten zurückerwartete. -Saise saß zu ihren Füßen, hielt schmeichelnd ihre Hand gefaßt, an die -sie die heiße Wange lehnte und -- folgte den Blicken der Gebieterin und -Freundin. - -Die Schritte der Männer wurden jetzt auf der Treppe gehört. - -»Er bleibt lange,« flüsterte Gabriele. - -»Recht lange,« sagte Saise und sie fühlte plötzlich, wie der Freundin Augen -auf ihr hafteten -- aber sie begegnete ihnen nicht, sondern schmiegte sich -nur inniger und fester an sie an. - -»Saise -- bist Du noch nicht beruhigt?« bat Gabriele -- »fehlt Dir noch -etwas? sieh nur wie feuerroth Du geworden.« - -»Guten Abend, Ladies,« sagte die Stimme des Fremden. - -»Um Gottes willen, Kind -- was ist Dir? alles Blut flieht aus Deinen -Wangen?« rief die Creolin erschrocken, die Veränderung in den Zügen der -Freundin bemerkend. - -»Guten Abend, Kinder,« wiederholte Mr. Beaufort -- »Mr. Pitwell, meine -Tochter und ihre Freundin, eine junge Indianerin. -- Nun, Gabriele -- ist -Saise krank? was fehlt dem Mädchen?« - -»Ich weiß in der That nicht, Vater -- sie erblaßte eben; und zittert jetzt -so heftig am ganzen Körper -- Saise!« - -»Ja,« flüsterte das schöne Mädchen, richtete sich empor, wandte sich gegen -den Fremden um, blickte ihn einen Augenblick starr an und stürzte dann mit -einem Mark und Bein zerschneidenden Schrei ohnmächtig zu Boden. - -Gabriele, die wie ein Blitzesschlag die Wahrheit durchzuckte, warf ihr Tuch -über das Antlitz der Freundin -- aber es war zu spät -- Pitwell, durch das -sonderbare Benehmen aufmerksam gemacht, sprang, kaum wissend was er that, -auf sie zu, riß das Tuch herunter und rief in höchstem Schreck und Staunen: - -»Alle Wetter -- meine ertrunkene Sklavin!« - -»Eure _was_?« schrie Beaufort, mit wildem Satz herbeispringend -- »Eure -_Sklavin_? Mann, seid Ihr des Teufels? -- das ist eine Indianerin, und die -werden nicht verkauft.« - -»Es ist falsch!« stöhnte Gabriele in entsetzlicher Seelenangst, den -leblosen Körper der Unglücklichen unterstützend -- »es ist eine teuflische -Lüge -- dies Mädchen ist den Ihrigen geraubt -- ein niederträchtiges -Bubenstück ist begangen -- Saise ist so frei wie ich selbst -- Ihr dürft -Euch nicht an ihr vergreifen.« - -»Ich fordere mein Eigenthum zurück,« sagte der Fremde finster, und griff -zugleich in die Tasche, aus der er ein Paket zusammengebundener Papiere -herausnahm. -- »Hier ist ihr Kaufbrief,« fuhr er dann, sich gegen den -Pflanzer wendend, fort -- »ihr Vater war Indianer, ihre Mutter war Mulattin --- seht nur ihr Haar an. Und daß es die rechte ist, dafür bürgt Euch, wenn -nicht ihr jetziger Schreck, das hier verzeichnete Maal auf ihrer linken -Schulter.« - -Beaufort durchlief schweigend die Schrift und schritt dann auf Saise zu. - -»Zurück, Vater -- um Gottes willen zurück« -- rief Gabriele in höchster -Angst, »Du darfst den Worten jenes Mannes nicht glauben -- sie sind falsch, -bei dem ewigen Gott da oben.« - -»Gabriele,« sagte der Vater freundlich, aber auch sehr ernst -- »dies ist -ein Geschäft, bei dem Du weiter keine Stimme hast; findet sich das Maal -_nicht_, wie ich hoffen will, -- denn den _Galgen_ verdient das Ding, wenn -es Niggerblut in den Adern hat und sich dabei untersteht, mit weißen Leuten -an einem Tisch zu essen -- so ist die Anklage überdies unbegründet; findet -es sich aber, dann bleibt die Person keine fünf Minuten mehr unter meinem -Dache, oder ich will nicht selig werden -- Du weißt, daß ich mein Wort -halte.« - -»Vater -- bei allen Heiligen beschwör' ich Dich -- dieser Kaufbrief -ist verfälscht -- Saise hat mir Alles entdeckt -- sie ist den Ihrigen -schändlich geraubt -- ihr Vater erschlagen, sie selbst fortgeschleppt. --« - -»Märchen,« lächelte Pitwell kopfschüttelnd. »Haben Sie schon je einen -weggelaufenen Nigger gesehen, mein Fräulein, der sich nicht irgend eine -solche glaubwürdige Geschichte ausgedacht hätte?« - -»Vater -- Vater!« bat Gabriele, und versuchte ihn zurückzuhalten, er stieß -sie aber jetzt unwillig bei Seite und rief: - -»Nun wird's mir bald zu bunt -- ich thue dem Ding ja Nichts; ist sie eine -Indianerin, so ist sie so frei wie wir selbst, findet sich aber -- ha -- -beim Teufel -- das ist es -- Mr. Pitwell --« - -»Halt!« schrie Gabriele -- deren Blick oft und ängstlich nach der nicht so -fernen Straße hinübergeschweift war -- »halt! dort kommt Mr. St. Clyde -- -warten Sie seine Ankunft ab, er kann, er _darf_ das nicht zugeben.« - -»Mr. St. Clyde soll zum Teufel gehen,« zürnte der alte Pflanzer -- »hat -sich der in die Rechte eines fremden Mannes zu mischen? Mr. Pitwell, das -Mädchen ist die Ihrige, und meiner Tochter mag sie's danken, daß sie nicht -noch vorher eine gehörige Anzahl Peitschenhiebe mitnimmt. Verdammt! ein -Nigger, der so frech ist sein Fell zu verleugnen!« - -»Wir können sie ja bis morgen früh in irgend eine der Negerhütten -schaffen,« sagte Pitwell, auf sie zugehend und seine Hand nach der immer -noch Bewußtlosen ausstreckend, »morgen früh« -- - -Die flüchtigen Schritte eines Mannes wurden auf der Treppe gehört. - -»Mr. St. Clyde -- zu Hülfe!« rief Gabriele in letzter Noth. In demselben -Moment aber daß die Creolin diesen Namen ausstieß und der junge Mann in der -Thüre erschien, schlug auch Saise die Augen wieder auf. Ein einziger Blick -sagte ihr Alles -- wenige Secunden lang barg sie ihr Antlitz an der Brust -der Freundin, dann aber hob sie sich, von Gabriele gehalten, empor -und schaute, die großen dunkeln Augen weit geöffnet, wild und leise -zusammenschaudernd im Kreise umher. - -»Um Gottes willen -- was ist hier vorgefallen?« rief St. Clyde, indem -er auf das zitternde Mädchen zusprang und es unterstützte -- »was ist -geschehen, Miß Beaufort?« - -»Retten Sie Saise,« rief die Jungfrau -- »retten Sie Saise vor jenem -Buben.« - -Der Fremde wurde leichenblaß und starrte wild umher. - -»Gabriele!« rief aber der Vater, »jetzt hab' ich's satt -- Mr. St. Clyde, -überlassen Sie den _Nigger_ sich selbst -- es ziemt einem weißen Manne -nicht --« - -»Mr. Beaufort!« - -»Allerdings -- das Mädchen ist eine, diesem Gentleman entflohene Sklavin.« - -»Das ist eine Lüge,« sagte Saise plötzlich, sich hoch und stolz -emporrichtend; das Wort _Nigger_ hatte ihr ihre ganze Kraft und Stärke -wiedergegeben; sie fühlte, wie jetzt der Augenblick gekommen, vor dem sie -so lange schon gebebt; aber gerade da er gekommen, hatte er auch all' sein -Fürchterliches verloren. Ihre ganze Seelenstärke war zurückgekehrt und die -Indianerin, die freie Tochter der Wälder in ihr erwacht. -- - -Aber vergebens erzählte sie jetzt mit klaren, überzeugenden Worten das -ganze Bubenstück jenes Schurken, der lächelnd und achselzuckend daneben -stand, vergebens rief sie Gott zu ihrem Zeugen an -- sie war in _Louisiana_ --- ein _weißer Mann_ hatte sie als seine ihm entflohene Sklavin reclamirt --- das krause Haar sprach für seine Aussage, mehr aber noch und unantastbar -fast der _Kaufbrief_ und ihre darin genau verzeichnete Gestalt. War doch -selbst vor nicht gar langer Zeit ein weißes Mädchen, mit blonden Haaren -und blauen Augen, aber als die Tochter einer Mestize, hier öffentlich -versteigert worden, und wenn diese selbst fast weiß sein mochte, blieb -sie Sklavin; wie viel mehr nun eine Indianerin, deren braune Hautfarbe der -Amerikaner überdies als der seinen untergeordnet hielt und nur wenig höher -schätzte, als die äthiopische Race selbst. - -Gabriele wollte, als alle Bitten nutzlos blieben, dem Fremden die Freundin -_abkaufen_, dagegen aber protestirte St. Clyde und zwar mit einer Wärme, -die, wenn sie nur aus reiner Menschlichkeit entsprang, ihm alle Ehre -machte. - -»Nein!« rief er, »nein -- das hieße bekennen, sie gehöre zu jenem -verachteten Stamm! rein und frei soll sie dastehen und wenn ich den Beweis -dazu mit meinem Blute führen sollte. Mr. Pitwell, Sie werden diesen Parish -nicht wieder verlassen, ehe Sie sich von der gegen Sie erhobenen Anklage -gereinigt haben --« - -»Wer klagt ihn an?« rief Beaufort auffahrend, »wer klagt ihn an, Sir? Ein -_Nigger_ -- seine eigene Sklavin; sind Sie thöricht genug zu glauben, daß -das Gericht auf solche Klage eingehen würde? Sie sollten die Gesetze des -Staates besser kennen.« - -»Ich selber klage diesen Mann an,« rief St. Clyde, »ich selber -- nicht -diese Unglückliche, die seinen Händen bis dahin nicht überliefert werden -darf.« - -»Das möchte Ihnen schwer werden durchzusetzen,« hohnlachte Pitwell, -»glücklicherweise bin ich vertraut genug mit den hiesigen Gebräuchen. Sie -können mich anklagen, aber mein Eigenthum dürfen Sie mir indessen nicht -vorenthalten.« - -»Herr, Sie müssen erst beweisen, daß Saise Ihr Eigenthum ist!« rief -St. Clyde. - -»Das _ist_ bewiesen, Mr. St. Clyde!« entgegnete Beaufort kalt -- »und jetzt -würden Sie mich sehr verbinden, keine weitere Störung hier zu verursachen.« - -»Mr. Duxon,« wandte er sich dann an den Overseer, der in diesem Augenblick -in der Thür erschien, »haben Sie die Güte, diese entflohene Sklavin -- und -er deutete auf Saise -- in einer der Negerhütten unterzubringen; Sie haften -mir aber für ihre Sicherheit.« - -»Saise?« rief Duxon erstaunt und wollte kaum seinen Ohren und Augen trauen --- »Saise -- ein Nigger? -- Ei, da muß ja der Teu... --« - -»Herr!« rief St. Clyde entrüstet. - -»Um Gottes willen!« flehte Saise, seinen Arm ergreifend, »kämpfen Sie jetzt -nicht gegen die Uebermacht an -- wenden Sie sich an die Gerichte -- die -müssen mir helfen, ich stehe ja unter dem Schutz der Vereinigten Staaten. -Mein Vater hat sein Land an diese abgetreten und sie haben versprochen, -ihm beizustehen. Man soll mich nur so lange gefangen halten, bis ich -einen Boten zu meinem Stamme schicken kann; Alle werden hierher kommen und -Zeugniß für mich ablegen, daß ich die Tochter ihres Häuptlings bin. O, wenn -mein Bruder nur wüßte --« - -»Dazu braucht es keine Indianer,« lächelte Pitwell, »das kann ich selbst -bezeugen; wer aber war Deine Mutter? Eine Mestize -- steht es hier etwa -anders geschrieben? Diese Mestize gehörte meinem Freund, von dem ich Dich -gekauft, und wenn der Dich Deinem Vater so lange Jahre ließ, so geschah es -bloß deshalb, daß er Dich erziehen sollte; seine Sklavin bist Du deshalb -doch.« - -»Meine Mutter war die Tochter eines Siouxhäuptlings,« rief Saise, sich -stolz emporrichtend, »und wer das Gegentheil behauptet, _lügt_!« - -Die Faust des alten Beaufort fällte die Unglückliche mit einem Schlage zu -Boden. - -»Was?« schrie er, »will das Niggerthier noch in meiner Gegenwart einen -weißen Mann einen Lügner nennen? Ist's nicht genug, daß sie mich erst -selber anlügen und zum Narren haben mußte?« - -Er würde seine Worte kaum so unangefochten beendet haben, denn mit einem -Racheschrei auf den Lippen sprang St. Clyde auf ihn zu, aber ihm entgegen -warf sich Gabriele und beschwor ihn bei Allem, was ihm heilig sei, bei -Allem, was er liebe, ihres Vaters zu schonen. Jetzt trat aber auch der -Overseer dazwischen und rief dem jungen Manne trotzig zu: - -»Herr St. Clyde, ich will Sie hiermit wohlmeinend gewarnt haben, keine -überflüssigen Worte mehr zu reden. Die Mamsel steht von diesem Augenblick -an unter _meiner_ Wache und wer meine _Nigger_ gegen mich in Schutz nehmen -will, dem renne ich einen Fuß kalten Stahl in den Leib!« Und er zog, -während er diese Worte sprach, sein schweres Bowiemesser unter der Weste -vor. - -Clyde war unbewaffnet, und wußte auch, wie die Gesetze einen Overseer oder -Sklavenbesitzer schützen, wenn sich ein Fremder in ihre Angelegenheiten -ungerufen mischt. Noch kürzlich war auf solche Art ein Abolitionist aus -Ohio erschossen, ohne daß der Mörder mehr Ungelegenheiten als ein etwa -viertelstündiges Verhör deshalb gehabt hätte; für jetzt mußte er also der -rohen Gewalt weichen, aber retten wollte er Saisen, das schwur er sich, und -wenn es sein eigenes Leben kosten solle. - -»Mr. Beaufort,« rief er, sich noch einmal an den Pflanzer wendend, »Sie -werden mir für die Mißhandlung dieser Unglücklichen Rede stehen; jetzt -habe ich keine Macht, Ihrer Gewaltthat zu begegnen; thun Sie mit dem armen -Mädchen, was Sie verantworten können, aber der ewige Gott da oben ist mein -Zeuge, daß ich mich von jetzt an für Saisens Schützer erkläre, und die -Gesetze des Staates müssen und werden mir beistehen. Leben Sie wohl, -Fräulein Beaufort, und oh -- verlassen Sie die Arme nicht -- gönnen Sie -ihr wenigstens den Trost, zu fühlen, daß sie nicht ganz allein auf der Welt -steht.« - -Der Overseer hatte indessen zwei Negern, die eben Handwerkszeug zum Hause -schafften, heraufzukommen gewinkt und rief diesen nun zu: »Schafft das -Mädchen da in Mutter Betty's Hütte hinunter, und Du, Ben, stehst Wache -dabei, Dein schwarzes Fell bürgt mir für sie; ich zieh es Dir lebendig vom -Leibe, wenn Du sie entwischen läßt.« - -»Keine Furcht, Massa« -- sagte der Neger grinsend, »aber welches Mädchen, -De Lor' bleß you, ich sehe kein Mädchen zum mitnehmen, Missus Saise?« - -St. Clyde sprang die Treppe hinab, schwang sich auf sein Pferd und sprengte -mit verhängten Zügeln dem Mississippi zu; Gabriele bog sich schluchzend zu -dem armen Kinde nieder und band ihr das eigene Tuch um die blutende Stirn, -die beiden Neger aber starrten mit weit von einander gerissenen Lippen bald -den Einen, bald den Andern an und konnten das Vorgefallene nicht begreifen, -bis sie ihres Vorgesetzten erneuter Ruf und die drohend geschwungene -Peitsche an die Erfüllung des gegebenen Befehls erinnerte. Sie hoben die -Indianerin vom Boden auf und verschwanden mit ihr bald nachher in einer der -niederen, gleichförmigen Negerhütten, die in langen, regelmäßigen Reihen, -einer kleinen Stadt nicht unähnlich, das Herrenhaus umgaben. Gabriele zog -sich auf ihr Zimmer zurück, die Männer aber -- der Overseer wurde heute -ebenfalls von seinem Prinzipal eingeladen zu Tisch zu bleiben -- ließen -sich an der Tafel nieder, und Beaufort schien mit dem eisigen Claret allen -Aerger und Verdruß hinunterspülen zu wollen, bedankte sich aber, ehe er -sein Lager suchte, noch einmal bei dem Fremden, daß er ihn und sein Haus -von der Schande befreit habe, »verdammtes Niggerblut« neben Weißen zu -beherbergen. - -Mr. Pitwell hatte seine Schlafstelle angewiesen bekommen; da aber die Luft -kühl war, wie er sagte, so zog er es vor, noch ein Viertelstündchen mit dem -Overseer am Flusse auf- und abzugehen, stieg also mit diesem hinunter, und -schritt zwischen einer Allee von China- und Tulpenbäumen hin, dem Eingang -der Plantage zu, der durch eine dichte Feigen- und Orangenhecke beschattet -wurde. - -»Hört einmal, Pitwell« -- sagte Duxon, hier stehen bleibend -- »habt Ihr -wieder einen von Euren alten Streichen ausgeübt, he? Ist das Mädchen ein -Nigger oder ist's keiner?« - -»Was geht's Euch an?« brummte Pitwell, sich ängstlich dabei umsehend -- »es -kann uns doch Niemand hier behorchen?« - -»Keine Seele -- aber kommt -- Ihr müßt mir die Sache erzählen; verdammt -will ich sein, wenn das mit rechten Dingen zugeht. Oh zum Henker, Mann, -seid doch nicht so verschwiegen; von uns Beiden wird doch wahrhaftig keiner -den Andern verrathen?« - -»Nun gut, Ihr sollt Alles wissen, aber kommt fort von hier, ins Freie -hinaus,« flüsterte Pitwell, »hier unter den Bäumen ist mir's so unheimlich -und kommt mir immer vor, als ob mich Jemand behorchte.« - -Die beiden würdigen Leute schritten mitsammen an das Ufer des Fausse -Rivière und wanderten hier Arm in Arm herauf und herunter von der Plantage. -Pitwell erzählte nun dem Freunde und Bundesgenossen aufrichtig den ganzen -Hergang, erklärte ihm aber auch, daß er, trotz seiner Sicherheit, doch -nicht abwarten wolle, bis der junge Laffe -- St. Clyde -- seine Drohungen -wahr machen könne, sondern morgen mit dem Frühsten aufbrechen werde. - -»Das trifft sich herrlich!« sagte der Overseer, »ich bin mit Beaufort -ebenfalls in Abrechnung begriffen und kann Euch vielleicht, wenn Ihr nur -noch ein oder zwei Tage bleibt, begleiten. Ueber die jetzige Nachlese läßt -sich dann leicht ein ungefährer Ueberschlag machen. Mir gefällt's nicht -mehr hier am Fluß, ich will nach Texas und eine eigene Plantage kaufen.« - -»Wie? Schon so viel verdient? Das ist geschwind gegangen,« lachte der -Fremde. - -»Da müßte Einer ein gewaltiger Thor sein,« meinte der Overseer lächelnd, -»wenn er auf einer _solchen_ Pflanzung nicht in drei Jahren ein Capitälchen -zurücklegen könnte.« - -»Mir wär's recht, so lange zu warten,« sagte Pitwell, »aber ich kann nicht, -ich muß machen, daß ich das Ding verkaufe; erstlich fühl ich mich -hier nicht so recht sicher, und dann -- hab ich sonst noch Arbeit. Das -Wiederfinden hätte mir übrigens nicht gelegener kommen können; weiß nur -der Teufel, wie das kleine Geschöpf dem Ersaufen entgangen ist; mit -meinen eigenen Augen hab ich gesehen, wie es unterging, und noch dazu mit -gebundenen Händen.« - -»Die Indianer können schwimmen und tauchen wie die Fische;« lachte Duxon; -»aber wißt Ihr was, Pitwell, ich kaufe Euch die Kleine ab?« - -»Was -- Ihr? -- Aber jener Creole?« - -»Mag zum Teufel gehen, ich übernehme jede weitere Verantwortung.« - -»Und kauft Ihr sie so, wie ich sie verkaufen kann?« frug vorsichtig der -Yankee, »wollt Ihr den Verlust tragen, wenn die Indianer kämen und sie als -die Tochter ihres Häuptlings reclamirten?« - -»Ja gewiß,« rief spöttisch der Overseer, »aber dafür muß ich sie auch -billig haben -- ich gebe Euch zweihundert Dollar.« - -»Hallo -- das ist zu wenig -- bedenkt, das Mädchen ist achthundert werth.« - -»Wenn ich Euch im Stiche lasse, keine funfzig Cent,« höhnte Duxon. - -»Nein, Mann, zweihundert ist bei Gott zu wenig, da ließ ich es doch lieber -selber darauf ankommen; gebt mir _drei_ und sie ist Euer!« - -»Topp -- kommt mit in mein Haus, schreibt den Kaufbrief auf mich über und -nehmt das Geld in Empfang.« - -»Und glaubt Ihr, daß ich noch, ohne Gefahr zu laufen, ein paar Stunden hier -verweilen kann?« - -»Ein paar Jahre, wenn Ihr wollt; hab ich erst einmal das Mädchen, so soll -sie mir ganz Louisiana nicht mehr entreißen können; die Gesetze müssen -in allen Sklavenstaaten auf meiner Seite sein, und es giebt dann -nichts Gefährlicheres auf der Welt, als ihnen, gerade in diesem Punkt, -widerstreben zu wollen. Kommt, Pitwell, in zehn Minuten muß die schöne -Indianerin mir gehören, und morgen schon mache ich meine Anrechte auf sie -geltend; nachher kann ihr ganzer Stamm kommen und schwören -- mir gleich.« - -Die beiden Männer schritten eilig in das zwischen den Negerhütten -stehende, und sich nur durch ein höheres Dach und eine Galerie von diesen -unterscheidende Haus des Overseers zurück, und schlossen dort den beredeten -Handel ab. Pitwell empfing das Geld und Saise wurde dem Overseer als -alleiniges und rechtmäßiges Eigenthum überschrieben. Beaufort selbst sollte -am nächsten Morgen seinen Namen als Zeuge daruntersetzen. - - * * * * * - -St. Clyde hatte indessen sein Pferd mit Sporen und Peitsche so angetrieben, -daß es, als er vor des Richters Thür in Point-Coupee anhielt, ein paar -Secunden lang hin und her schwankte und dann, matt und aufgerieben, wie es -war, zusammenbrach; ohne es aber auch nur eines Blickes zu würdigen, flog -er die Treppe hinauf, stürzte in des Richters Zimmer und rief diesen, ihm -mit wenigen Worten die Frevelthat erzählend, um Beistand an. - -Der Richter war ein wackerer Mann, streng rechtlich und in der Ausübung -seiner Pflicht menschlich, aber gar bedenklich schüttelte er mit dem Kopfe, -als er von dem nach Form Rechtens ausgestellten Kaufbriefe hörte. Er kannte -die Gewalt, die ein solches Schreiben hatte. - -»Junger Mann,« sagte er nach langer Pause, während er sinnend, den Kopf -in die Hand gestützt, zu dem Creolen aufschaute, »das ist eine böse Sache. -Erstlich scheint es mir freilich, als ob Sie das Ganze ein bischen zu -romantisch ansähen, dann aber, wäre auch wirklich Alles so, wie Sie es -schildern, so sehe ich doch nicht ein, auf welche Art es gehoben werden -könnte; wir dürfen nicht _gegen_ die Gesetze handeln und wenn wir wirklich -den festen Glauben hätten, dem armen Mädchen geschähe Unrecht.« - -»Aber Sie werden doch nicht zugeben, daß eine freie Indianerin aufgegriffen -und verkauft wird?« rief St. Clyde erzürnt, »dasselbe könnte ja jedem -Weißen begegnen, wenn sich zwei Buben vereinigten, einen Kaufbrief über ihn -zu schreiben und zu schwören, daß seine Mutter eine Mestize gewesen sei.« - -»Das nun wohl nicht,« lächelte der Richter; »ehe ein Weißer verkauft würde, -müßten gewaltige Beweise vorliegen, daß er wirklich aus Negerblut abstamme; -aber Sie dürfen auch nicht allen solchen Erzählungen weggelaufener Neger -glauben; großer Gott, die lügen Ihnen manchmal das Blaue vom Himmel -herunter.« - -»Wär es denn nicht möglich, die Indianerin den Händen jenes Mannes zu -entziehen, bis man Zeugen aus ihrem Stamm herbeischaffen könnte?« - -»Bester Freund, der Stamm lebt an die sieben bis achthundert Meilen von -hier entfernt, Mr. Beaufort selbst hat sie über vierhundert Meilen den -Fluß heruntergebracht; nein, da könnten ja nur alle derartigen, Indianern -ähnliche Personen, wie zum Beispiel Mulatten und Mestizen, behaupten, es -flösse rein indianisches Blut in ihren Adern, und uns dann ersuchen, nach -den Eskimos hinaufzuschicken und Zeugen herunter zu holen. Nein, das geht -nicht. Hätten wir aber auch wirklich die Zeugen hier, so sind das immer nur --- Indianer. Das Gescheidteste wäre, Sie _kauften_ das Mädchen, wenn Ihnen -wirklich so viel daran liegt, als mir vorkommt.« - -»_Kaufen?_« rief St. Clyde mit schmerzdurchbebter Stimme, »_kaufen?_ -- und -sie ist dann wirklich Sklavin? Ist denn kein Ausweg, die Unglückliche von -dieser Schande zu retten?« - -»Ich fürchte -- nein -- auf jeden Fall aber wäre dies das Sicherste, sie -doch wenigstens für den Augenblick zurückzuhalten. Vielleicht läßt sich -jener Fremde auch bewegen, vorher nur einen Theil der Zahlung zu nehmen, -und man kann dann sehen, was weiter in der Sache zu thun ist; was sagen Sie -dazu?« - -»Ach, bester Richter,« seufzte der junge Creole wehmüthig, »Sie wissen -recht gut, daß ich _arm_ bin. Mein einziges Pferd ist mir eben gestürzt, -und ich werde kaum Geld genug übrig behalten, mir ein neues zu kaufen. Wie -sollte ich die Summe auftreiben, die jener Bube für Saise fordern wird?« - -»Hören Sie, St. Clyde, ich will Ihnen einen Vorschlag machen, ich selbst -will das Mädchen kaufen und bei mir behalten; haben Sie sich das Geld -verdient -- so -- überlaß ich sie Ihnen.« - -»_Kaufen_ und immer nur _kaufen_!« stöhnte der Creole. - -»Nehmen Sie meinen Vorschlag an,« sagte der Richter herzlich, »sie soll in -meinem Hause wie eine Tochter behandelt werden.« - -»Gut denn, es sei,« rief St. Clyde, »ich muß mich fügen; es rettet sie -ja wenigstens für den Augenblick; dann aber schaffe ich die Zeugen -ihrer freien Geburt und wenn ich sie aus den Eisregionen des Nordens -herunterholen müßte.« - -»Es wird Ihnen nicht viel helfen; wollen Sie übrigens schlechterdings nach -jenem Stamme einen Boten haben, so kann ich Ihnen zufällig die Anweisung -geben, den zu finden. Heute Morgen waren sieben oder acht Indianer aus -dem Parish West-Feliciana, von drüben über dem Mississippi, hier in -Point-Coupee; sie haben Hirschfleisch verkauft und dafür Pulver, Blei und -Whisky mit hinüber genommen.« - -»Von welchem Stamme waren sie?« - -»Wahrscheinlich Chocktaws, von denen halten sich stets einige hier in der -Nähe auf. Doch erst bringen Sie den Handel in Richtigkeit; denn ist dem -wirklich so, wie Sie glauben, und hat der gute Mann kein recht reines -Gewissen, so wird er sich schwerlich lange in der hiesigen Nachbarschaft -aufhalten, sondern seine Beute in Sicherheit bringen wollen. -- So -- -hier dieses Papier geben Sie nur an Mr. Beaufort, er mag den Kauf für mich -abschließen; meine Frau ist doch jetzt ganz allein und kennt die Indianerin -auch schon, die Beiden werden sich sicherlich recht gut vertragen.« - -»_Doch_, bester Richter, ich muß ein anderes Pferd haben; können Sie mir -ein's verkaufen?« - -»Was wollen Sie d'ran wenden?« frug dieser; denn ein Amerikaner läßt nie -eine Gelegenheit ungenutzt vorüber, wo er hoffen darf einen Pferdehandel zu -machen. - -»Vierzig Dollar bleiben mir, das Nothwendigste abgerechnet, über.« - -»Gut -- ich schaffe Ihnen ein Pferd, aber heute Abend können Sie unmöglich -noch fort.« - -»Gleich! --« - -»Unsinn, verderben Sie sich jetzt ihr Spiel nicht selbst durch Ihre Hitze; -Abends acht Uhr hat der alte Beaufort seine Ladung Claret und geht zu Bett; -erstlich ist es nachher ein Ding der Unmöglichkeit, ihn munter zu bringen, -und geläng es Ihnen wirklich, so möchte ich die Laune sehen, in der er sich -befindet. Vor neun Uhr morgen früh ist er nicht zu sprechen, und reiten Sie -um acht Uhr hier fort, so treffen Sie ihn gerade beim Frühstück -- das ist -die beste Zeit. Uebrigens habe ich Beaufort ersucht, die Zahlung drei Tage -zu verzögern und Saise indessen an sich zu nehmen; vielleicht gelingt es -mir doch noch, sie zu retten. Ich will morgen mit Beatty, einem unserer -besten Advokaten hier, sprechen; giebt es eine Art und Weise, auf welche -wir die Identität der Häuptlingstochter beweisen können, so wird der sie -schon ausfinden.« - -Von neuen Hoffnungen erfüllt, ließ sich St. Clyde endlich durch die Gründe -des Richters bewegen, auf seine Vorschläge einzugehen und die Nacht bei ihm -zuzubringen. Als er aber am nächsten Morgen mit dem Brief, der Saise aus -den Klauen jenes Buben retten sollte, auf der breiten Straße dahinsprengte, -da ward er es sich erst selbst so recht bewußt und klar, wie er jenes -unglückliche Mädchen liebe und wie es für ihn auf dieser Welt keinen -weitern Frieden gebe, als den, den er an ihrer Seite finden konnte. Wohl -war er arm und hatte Nichts, als seine eigene Kraft und Ausdauer; die -Tochter der Wälder aber, an Entbehrungen von Jugend auf gewöhnt, würde sich -wohl schwerlich zu dem civilisirteren Leben der Ansiedlungen zurückgesehnt -haben, wenn er ihr wirklich, wie er es hoffte und glaubte, nicht -gleichgültig war; nur erst frei mußte sie sein, frei wieder, wie der Vogel -der Luft und der Hirsch der Prairie, und diese Angst von ihr genommen -werden. - -Zu schnellerem Trab spornte er sein wackeres Thier an, als er des armen -Mädchens gedachte, und unter den hohen, schattigen Magnolien flog er -rasch und fröhlich dahin. Endlich erreichte er die Ansiedlungen des Fausse -Riviere, durch das kleine Städtchen sprengte er mit verhängten Zügeln -- -an Plantage nach Plantage brauste er vorbei -- schon war er am -»Poydras-College« vorüber und dort -- dort schimmerte ihm jetzt das hohe, -glänzende Dach aus dem grünen, schwellenden Laub entgegen. Er hatte die -Orangenhecke erreicht, sprang vom Pferd, hing den Zügel desselben über -einen alten, halbverdorrten Feigenbaum und flog die Stufen hinauf, wo er -wußte, daß Mr. Beaufort allmorgendlich sein Frühstück halte. - -»Hallo, St. Clyde,« rief ihm dieser freundlich entgegen, »das ist hübsch -von Euch, daß Ihr wiederkommt, ich war gestern Abend ein bischen brummig, -aber der verdammte Nigger hatte mich so geärgert. Nun, kommen Sie her --- dahinten steht noch ein Stuhl -- Scipio, Canaille, kannst Du nicht -aufpassen, wenn Gentleman einen Stuhl sucht,« unterbrach er sich dann -selbst, um einem kleinen, bei Tisch aufwartenden Negerknaben vorher diese -freundliche Ermahnung zukommen zu lassen. - -St. Clyde blickte ängstlich in dem Raum umher, in dem sonst zu dieser Zeit -Gabriele und Saise nie gefehlt hatten. - -»Sie suchen meine Tochter?« frug Beaufort, den Blick bemerkend -- »ist -nicht recht wohl heute Morgen, läßt sich entschuldigen.« - -»Und -- und Saise!« - -»Hören Sie, St. Clyde,« sagte der alte Beaufort, sein Messer niederlegend, -»wenn wir gute Freunde bleiben sollen, so verderben Sie mir mein Frühstück -nicht und lassen Sie die alte Geschichte ruhen. Die Sache ist abgemacht.« - -»Abgemacht? Um Gottes willen, wie? Ist Saise fort?« - -»Noch nicht, aber nun thun Sie mir den Gefallen und setzen Sie sich. Der -Claret ist ausgezeichnet und das Beefsteak vortrefflich.« - -»Mr. Beaufort, ich habe diesen Brief vom Richter an Sie abzugeben; er läßt -Sie dringend bitten, seinem Wunsche zu willfahren!« - -»Schön,« sagte Beaufort, das Schreiben, ohne es weiter anzusehen, unter den -Teller schiebend, »wollen's nachher einmal untersuchen.« - -»Es hat Eile, Mr. Beaufort, es hängt das Glück eines Lebens davon ab,« bat -St. Clyde. - -»Nun hab' ich's bald satt,« rief Beaufort halb lachend, halb ärgerlich; -»glauben Sie denn, ich ließe der ganzen Welt zu Gefallen, mein Beefsteak -kalt und den Claret warm werden? Was nicht bis nach dem Frühstück Zeit -hat, bleibt ganz, das ist _mein_ Sprichwort, und nun setzen Sie sich, sonst -werd' ich ernstlich böse.« - -St. Clyde sah wohl daß hier keine weiteren Vorstellungen halfen, er ließ -sich also neben dem Pflanzer nieder, aber nicht möglich war es ihm einen -Bissen über die Lippen zu bringen; ein paar Gläser Wein trank er, sein -kochendes Blut abzukühlen, und ging dann unruhig in der von Blumen und -Blüten durchdufteten Galerie auf und ab. Mr. Beaufort beendete indessen -sein Frühstück in aller Behaglichkeit, schlürfte noch langsam den letzten -Rest Wein hinunter, wischte sich dann den Mund ab, lehnte sich ein wenig im -Stuhl zurück und sagte mit einem tiefen Athemzug: - -»So -- jetzt wollen wir ein bischen hinuntergehen und zusehen, wie --« - -»Aber der Brief --« - -»Ach ja so -- den hätt' ich beinahe vergessen, nun, was schreibt denn der -Richter -- -- Lieber Freund -- interessire mich -- da ich dringend bedarf --- Frau allein -- bitte Sie herzlich mir -- Saise -- beim Himmel wieder -der verwünschte Nigger -- anzukaufen -- Unsinn, kommt zu spät -- wichtige -Ursachen -- Auslieferung zu verschieben -- Unsinn, kommt zu spät, sag ich --- ungemein verbinden -- vollkommenste Hochachtung und Freundschaft -- ja, -thut mir leid -- kommt zu spät --« - -»Aber Sie sagten ja erst vor wenigen Secunden, daß Saise noch nicht fort -sei? Wie ist es da möglich?« - -»Mein Overseer hat sie gekauft,« entgegnete ihm Beaufort, sich die Zähne -stochernd; »jetzt wenden Sie sich an den und lassen Sie mich mit der Sache -ungeschoren -- ich hab' es satt, noch länger mit dem Geschöpf geplagt zu -werden.« - -»Aber, Mr. Beaufort, was um des Heilands willen hat Sie nur gegen die -Unglückliche so hart machen können? Sie behandelten sie ja doch bis jetzt -immer mehr wie ein Vater, als ein Fremder.« - -»Das ist es eben, Herr!« rief der alte Pflanzer entrüstet -- »das ist es -eben; die Schande vor allen meinen Niggern erleben zu müssen; glauben Sie -denn nicht, daß sich die Schufte halb todt lachen, weil ihr Herr mit einem -von ihrer Race so lange an einem Tisch gegessen hat?« - -»_Wenn_ aber nun Saise wirklich aus rein indianischem Blute entsprossen -wäre und Sie, ohne es zu wissen, ein Bubenstück unterstützt hätten?« frug -St. Clyde, den alten Mann fest ins Auge fassend, »wenn nun jener Fremde -mit schurkischen Genossen und der Hülfe eines Richters diesen Kaufbrief -_geschmiedet_ hätte und durch Sie eine Unglückliche, die Sie bis jetzt für -ihren zweiten Vater hielt, in namenloses Elend gestoßen wäre?« - -Beaufort sah den jungen Mann einen Augenblick starr an, dann aber -schüttelte er ärgerlich mit dem Kopf und rief: - -»Thorheit -- Unsinn -- kommen Sie da mit einem ganzen Packet voll _wenn_ -und _aber_ und -- zum Donnerwetter, Herr -- lassen Sie mich jetzt mit -ihren Lamentationen zufrieden, die Dirne ist verkauft -- ich habe den Brief -selbst unterzeichnet und damit basta. -- Gehen Sie zum Overseer, wenn Ihnen -so viel d'ran liegt, mit funfzig Dollar Profit wird er sie wieder ablassen --- oder -- gehen Sie lieber einmal ins Feld und schicken Sie ihn mir -herauf, ich habe etwas mit ihm zu sprechen.« - -Der alte Mann schritt ins nächste Zimmer und warf ärgerlich die Thüre -hinter sich ins Schloß. Aber nicht mehr auf den jungen Creolen zürnte er, -sondern auf sich selbst; zum ersten Mal wurde jetzt der Gedanke in ihm -wach, daß er doch wohl zu voreilig gewesen und sich von seinem Jähzorn zu -sehr habe hinreißen lassen. Das Geschehene ließ sich freilich nicht mehr -ungeschehen machen, aber versuchen wollte er nun, ob er es nicht wenigstens -verbessern könne. Er gedachte Saise zu kaufen und dann nachzuforschen, -ob wirklich schwarzes Blut in ihren Adern rolle; bis dahin konnte sie ein -kleines Haus für sich beziehen, und brauchte mit ihm und seiner Tochter -nicht in Berührung zu kommen. - -Eine Stunde später stand Duxon mit Pitwell wieder am Ufer des Flusses. - -»Pitwell,« sagte der Erstere, »ich glaube doch, es ist besser, wir brechen -schon morgen auf; den alten Beaufort scheint die Sache zu wurmen -- er wird -bedenklich.« - -»Sollte er etwas merken?« frug Pitwell ängstlich. - -»Ein Wunder wär's nicht,« knirschte Duxon zwischen den zusammengebissenen -Zähnen durch, »der Laffe war ja wieder hier und hat ihm wahrscheinlich in -den Ohren gelegen. Denkt nur, er wollte mir die Dirne wieder abkaufen.« - -»Wer? Mr. Beaufort?« - -»Ja -- Beide -- erst der Gelbschnabel und dann, wie ich zum Herrn kam, -dieser selbst. -- Er hatte, während ich mit ihm sprach, einen Brief in der -Hand, und meinen Hals wollt ich verwetten, daß er vom Richter war. Da ich -nun hier manche Kleinigkeit an der Kreide habe, so sehe ich gerade nicht -ein, weshalb wir noch länger zögern sollten. Als ich ihm die Indianerin -nicht verkaufen wollte, lief ihm wieder, wie gewöhnlich, die Galle über die -Leber und er sagte, ich möchte in einer Stunde zu ihm kommen und mit ihm -abrechnen, die Gelegenheit will ich benutzen; eine so schnelle Abrechnung -erspart überhaupt manches Unangenehme. Meine übrigen Angelegenheiten kann -ich alle bis morgen früh geordnet haben; bis dahin haltet Ihr Euch auch -fertig; in vier Tagen müssen wir in Texas sein.« - -»Gut!« sagte Pitwell nachsinnend, »aber, Duxon, wir gehen dann in -Gesellschaft -- ich -- ich habe noch einige Freunde, die mich hinter -Fischer's Landung erwarten -- Ihr -- Ihr macht Euch ja doch wohl nichts -daraus, ein wenig schnell zu reisen?« - -Duxon sah ihn scharf von der Seite an und frug nach kleiner Pause: »Darf -ich dann aber auch wissen warum?« - -»Und gebt Ihr mir Euer Ehrenwort, daß Ihr schweigen wollt?« flüsterte -Pitwell, sich vorsichtig umschauend. - -»Braucht Ihr mein _Ehrenwort_ dafür?« lächelte der Overseer. - -»Nun, ich sehe, Ihr versteht mich, Duxon,« fuhr der Yankee leise fort; -»ich habe wieder ein kleines Geschäft im Gang, gerade so wie wir es damals -betrieben. Ein reicher Pflanzer, vom andern Ufer des Mississippi, will -seine Sklaven gern nach Texas schaffen, da sie in Louisiana zu vielen Werth -für andere Leute haben, und er bezahlt mir hundert Dollar für den Kopf. -Unterhalb Waterloo sind wir gestern morgen übergesetzt, und mit Hülfe -zweier Gefährten habe ich sämmtliche Neger, hundert und funfzehn Mann, in -den zwischen Fischer's Laden und dem Cutoff liegenden Sumpf gebracht --- saht Ihr die drei, die heute Morgen hier vorbeizogen? Das waren die -letzten. Sie haben sämmtlich falsche Pässe. Jetzt wißt Ihr Alles und seid -Ihr gescheidt, so schließt Ihr Euch nicht allein an uns an, sondern nehmt -Euch auch noch ein paar -- Begleiter mit. Hat denn Beaufort gar keine -Neger, denen das Leben in Louisiana nicht länger gefällt? Ihr könnt ihnen -ja sagen, es ginge in ein besseres Klima.« - -»Das wohl,« murmelte Duxon, in tiefem Sinnen vor sich hinstarrend; »aber -Pitwell, die Sache hat einen andern und zwar sehr bösen Haken. Daß wir -glücklich fortkommen, daran zweifle ich keinen Augenblick, für Waffen -werdet Ihr auch schon gesorgt haben, doch -- wenn sich Texas nun an die -Vereinigten Staaten schließt, wie es überall heißt, wie dann? Dann liefert -uns die Regierung aus.« - -»Du lieber Gott,« lachte Pitwell, »wenn die Regierung darauf eingehen -wollte, alle die auszuliefern, die irgend etwas verbrochen haben, wer -sollte denn da das Land bebauen, Heerden ziehen oder gegen die Mexikaner -und Cumanches fechten? Nein, Duxon, laßt Euch darüber keine grauen Haare -wachsen, davor sind wir sicher. Das wissen die wackern Burschen auch -recht gut, sonst hätten sie ja nie selbst für einen Anschluß an die Union -gestimmt.« - -»Ich glaube, Ihr habt Recht,« sagte Duxon, »auf keinen Fall dürfte es -schwer halten, weiter westlich zu ziehen, wo uns weder Texas, noch Onkel -Sam[7] etwas anhaben kann; beistehen wird uns, sollte es so weit kommen, -Mancher.« - - [7]: =Uncle Sam=, Scherzname der Vereinigten Staaten nach den - Anfangsbuchstaben =United States=! - -»Sieben Achtel von Texas,« lachte Pitwell. - -»Nun gut denn, es sei; ist dem aber so, dann brechen wir morgen früh lieber -vor Tagesgrauen auf, so daß wir etwa um zehn oder elf Uhr Alle beisammen -sind. Verfolgung brauchen wir von hier aus nicht zu fürchten, denn Beaufort -steht nicht so früh auf und ich werde schon dafür sorgen, daß er die -Fehlenden irgendwo beschäftigt glauben soll. Wird aber Saise gutwillig mit -uns gehen?« - -»Ist das eine Frage von einem Overseer; habt Ihr keine Peitsche?« - -Duxon lächelte und sagte höhnisch: »Ihr scheint nicht zu verstehen, wie man -mit _Damen_ umgeht; doch -- ich habe ein anderes Mittel, ich nehme unsere -kleine Gig und fahre. Als Entschuldigung mögen die Zurückbleibenden nachher -dem Herrn sagen, natürlich nicht eher, als er darnach frägt, ich hätte -meine Sachen an Fischer's Landung geschafft, wo stets Boote anlegen. Aber -Pest und Gift, ich wollte doch heute bei meiner kleinen -- _Frau_ bleiben -und werde nun bis morgen früh zu rennen und zu laufen haben, daß ich -nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Nun beim Teufel, in Texas kann ich's ja -nachholen, hahaha, sie wird wohl nicht böse darüber werden.« - -»Schwerlich!« sagte Pitwell trocken; »also jetzt an's Werk -- habt Ihr -Waffen?« - -»Zwei Büchsen, ein Bowiemesser und drei paar Pistolen -- Ihr wißt, ein -Overseer muß immer eine kleine Burg aus seinem Haus machen können.« - -»Gut, wenn Ihr einen Wagen nehmt, so mögt Ihr nur das Alles mitbringen --- solche Sachen sind immer nützlich; aber dort kommt der junge Laffe die -Allee herunter, der sich so gewaltig um die Indianerin anstellt. Die Dame -vom Haus ist bei ihm; wie heißt sie?« - -»Gabriele, ein prächtiges Mädchen, schade, daß Ihr keinen Kaufbrief auf -_die_ fabriciren könnt, die nähme ich auch.« - -Der Yankee warf ihm einen warnenden Blick zu und ging, um nicht weiter mit -dem Overseer zusammen gesehen zu werden, am Fluß hinauf, während jener -sein Pferd satteln ließ und auf's Feld hinausritt, dort eine gewisse Anzahl -Neger aussuchte und diesen befahl, ihre Aexte zu nehmen, um an einem etwas -entfernteren Theil des Waldes, den er ihnen bezeichnen würde, Holz -zu fällen. Bald darauf verschwand er mit ihnen in dem die Plantage -begrenzenden Sumpfland. - -St. Clyde und Gabriele schritten neben einander dem Flusse zu. - -»Um Gottes willen, Sir!« sagte die Jungfrau, als sie sich der äußeren -Einfriedigung näherten, »was ist Ihnen? Sie scheinen in fürchterlicher -Aufregung, so habe ich Sie nie gesehen.« - -»Ich muß fort,« flüsterte der junge Mann, die bleiche Hand fest gegen die -heiße, fieberglühende Stirn gepreßt -- »ich muß fort -- muß Hülfe haben. -Erst seit dieser unglückseligen Katastrophe fühle ich, wie ich --« er -schwieg und wandte sich ab -- - -»Wie Sie Saisen lieben,« flüsterte Gabriele mit leiser, tonloser Stimme -und blickte starr zu dem Creolen auf, »nicht wahr, St. Clyde -- Sie -- Sie -lieben die Indianerin.« - -»Ja, Miß Beaufort -- ja -- warum sollt ich es Ihnen auch verschweigen,« -sagte da plötzlich St. Clyde, der stehen blieb und fest in die Augen der -erbleichenden Jungfrau schaute, »warum sollt ich mich, Ihnen gegenüber, -scheuen es zu gestehen. Sie waren der Unglücklichen Freundin, so lange -sie unter Ihrem Schutze stand -- Sie sind selbst gegen mich, den fremden, -heimatlosen, armen Wanderer immer nur gütig und liebevoll gewesen -- Ihnen -will ich vertrauen und Sie werden mich auch, so weit es in Ihren Kräften -steht, unterstützen.« - -»Gewiß -- gewiß,« sagte mit kaum hörbarer Stimme Gabriele -- »aber -- aber, -wenn nun Saise -- doch eine -- eine Negerin wäre? Wenn nun -- ach Gott -- -zürnen Sie mir nicht, ich weiß nicht, was ich rede; nein, nein -- Saise ist -frei -- muß frei werden und -- glücklich.« - -Sie barg ihr Angesicht in den Händen und die hellen, klaren Thränentropfen -quollen zwischen den zarten Fingern hindurch. - -»O, Miß Beaufort!« rief St. Clyde gerührt, »Sie sind so gütig gegen die -Unglückliche, wie werde ich Ihnen das je danken können?« - -Gabriele sammelte sich gewaltsam. »Was wollen Sie thun -- was ist Ihr -Plan?« frug sie schnell; »wie glauben Sie Saise retten zu können, da Sie -mir selber sagten, jener Bube habe sie an Duxon verkauft und dieser sich -mit meinem Vater überworfen. Was können Sie gegen jene Elenden ausrichten, -die die Gesetze auf ihrer Seite haben?« - -»Nichts mehr _durch_ die Gesetze,« sagte St. Clyde mit unterdrückter -Stimme -- »Alles _ohne_ sie. Der Richter hat mir gestern gesagt, daß am -Mississippi ein Trupp von Chocktawjägern lagere, die müssen mir beistehen; -kann ich sie nicht dadurch gewinnen, daß sie eine Tochter ihrer eigenen -Race von Sklaverei retten sollen, sind sie so verderbt, daß selbst _das_ -keinen Eindruck mehr auf sie macht, dann steht mir ein anderes, für sie -kräftigeres Mittel zu Gebote -- der _Whiskey_. Ein Grenzindianer ist ja -durch Whiskey zu jeder Schlechtigkeit zu bewegen, warum nicht auch einmal -zu einer guten That -- es ist das _letzte_ Mittel.« - -»Aber die Gefahr, der Sie sich aussetzen?« - -»Gefahr? Giebt es denn eine Gefahr, wo ich nur sterben kann? Nein, -Miß Beaufort -- _ohne_ Saise, wenn ich sie glücklich wüßte, hätte ich -vielleicht leben können; mit dem Gefühl aber, daß sie, dem entsetzlichsten -Verderben preisgegeben, in schmachvollen Fesseln schmachten, die freie -Tochter der Wälder eine Sklavin -- nein -- nein -- Leben wäre da Wahnsinn. --- Aber ich muß fort -- die kostbare Zeit verfliegt -- Duxon hat sich mit -Ihrem Vater gezankt und will fort; die ganze Ansiedlung spricht davon, -wie er ihn betrogen und sich in den wenigen Jahren, die er hier sei, ein -Vermögen gewonnen, er wird deshalb nicht säumen, das in Sicherheit zu -bringen, und geht er zu Schiffe, vielleicht nach New-Orleans, dann wäre -es unmöglich, den Einzelnen in der ungeheueren Stadt wiederzufinden. Doch -jetzt meine Bitte, wollen Sie sich Saisens annehmen?« - -»Wie kann ich es?« erwiederte mit ängstlich gefalteten Händen Gabriele -- -»Sie ist Duxon's Eigenthum.« - -»Ich weiß es, aber Sie haben vielen Einfluß auf Ihren Vater, selbst auf -jenen Buben; es ist die Gewalt, die stets die Tugend über das Laster übt, -die Scheu, die der Böse dem Guten gegenüber nicht überwinden kann. Dringen -Sie darauf, daß Saise ihm heute noch nicht ausgeliefert werde, oder daß -sie, wenn Sie das nicht verhindern können, diese Nacht noch bei Ihnen, oder -wenigstens unter dem Schutze jener alten Negerin zubringe.« - -»Sie wollen sie entführen?« frug Gabriele bestürzt. - -»Nein,« sagte St. Clyde düster, »ihr Kaufbrief würde in den Händen jenes -Buben, Saise aber in dem Gedanken daran stets elend bleiben; nein -- ich -muß den _Brief_ in meine Gewalt bekommen; die Gesetze wollen mir nicht -beistehen, so mag Gott es thun. Versprechen Sie Saisen so lange zu -beschützen?« - -»Ja,« flüsterte Gabriele und reichte ihm mit abgewandtem Antlitz ihre Hand --- »und Sie wollen?« - -»Saise retten oder -- sterben,« erwiederte fest der junge Creole. - -»Und dann -- wenn Sie -- wenn Saise die Ihrige ist? --« - -»Such ich ein fernes Land, wo nicht Menschen wie Thiere verkauft und -mißhandelt werden; ich stamme aus Frankreich -- meine Familie soll zu den -edelsten des Landes gehören; dorthin kehre ich zurück.« - -»Mit Saise?« - -»Mit meinem Weibe.« - -»So leben Sie wohl, St. Clyde, leben Sie wohl; möge Gott Sie schützen und -schirmen!« - -Sie rief's und eilte schnellen Schrittes zum Hause zurück. Auf der Stelle -aber, wo sie gestanden, lag die weiße Rose, die noch eben an ihrer Brust -geruht. St. Clyde hob sie auf, küßte sie, barg sie an seinem Herzen, eilte -dann zu seinem Pferd, schwang sich in den Sattel und sprengte in schnellem -Galopp die Straße am Strom hinauf. Dort aber angelangt, hielt er sich -nicht länger auf, als nöthig war die gewöhnliche Flatbootfähre in Stand zu -setzen, um ihn und sein Roß ans andere Ufer zu bringen, und bald schwamm -das kleine Boot, von vier rüstigen Armen getrieben, auf der breiten Fläche -des gewaltigen Stromes dem östlichen Ufer zu. - -»Sind gestern Indianer auf dieser Fähre übergesetzt?« frug er nach einer -Weile den älteren der Beiden, der der Eigenthümer des Fahrzeugs zu sein -schien. - -Dieser sah ihn an und lachte. - -»Nein,« sagte er, »habt Ihr schon einmal davon gehört, daß sich ein -Indianer auf einer Fähre übersetzen läßt? ich nicht; _das_ Geld können sie -besser gebrauchen; dafür giebt's Whiskey, und wo das rothe Volk für _den_ -Zweck einen Cent ersparen kann, da quält es sich lieber tagelang auf seine -eigene Art -- das heißt nicht etwa mit Arbeit.« - -»Also sie sind nicht hier herüber?« frug St. Clyde erschreckt. - -»Doch, allerdings,« entgegnete ihm der Jüngere, »nur nicht auf der Fähre --- sie saßen Alle in zwei kleinen Canoes, die sie mit von drüben -herübergebracht, und ließen ihre Pferde am Zügel oder Stricken -hinterherschwimmen.« - -»Und glaubt Ihr, daß ich sie finden werde?« - -»Ich sollte nicht denken, daß es schwer halten wird. Sie hatten, wie mir -Ben sagte, der von oben herunterkam, eine große Menge Whiskeyflaschen bei -sich, und da sind sie heute wahrhaftig nicht mehr auf die Jagd gegangen. -Ein kleines Stückchen weiter oben landeten sie, und wenn Ihr Euch nur -zu dem Haus dort, was Ihr da durch die Weiden und Baumwollenholzbäume -schimmern seht, bemühen wollt, so denk ich, werden sie Euch da wohl auf die -rechte Spur bringen.« - -Das Boot legte sich in diesem Augenblick am Ufer an, St. Clyde führte sein, -vorsichtig mit den Hufen nach festem Grund suchendes Pferd hinaus, drückte -dem Jüngeren, der ebenfalls ans Land gesprungen war, um mit dem Tau die -Fähre zu halten, das Ueberfahrtsgeld in die Hand, schwang sich in den -Sattel und trabte rasch dem nicht fernen niederen Wohngebäude zu, das, -dicht am Fluß errichtet, für den Augenblick noch von hohem üppigen -Waldwuchs umgeben war, aus welchem aber der neue Ansiedler gerade die -künftigen Mittel seiner Existenz -- Klafterholz für Dampfboote heraushauen -wollte. - -Der Backwoodsman stand in der Thür. - -»Guten Tag, Sir,« rief ihm St. Clyde entgegen, »habt Ihr Nichts von den -Indianern gesehen, die gestern, unfern von hier, übersetzten?« - -Jener horchte, ohne ein Wort auf die Frage zu erwiedern, in den Wald hinein -und verharrte in dieser Stellung wohl mehre Minuten. St. Clyde jedoch, der -glauben mochte, daß er seine Frage ganz überhört habe, wiederholte dieselbe -und bat um Antwort. Wie aus Stein gehauen blieb aber der Amerikaner stehen, -bis der junge Mann endlich ein ungeduldiges »aber Sir« nicht länger zu -unterdrücken vermochte. - -»Könnt Ihr einen Mann finden, wenn er im Walde sitzt und schreit, was aus -der Kehle will?« kam jetzt die Gegenfrage, das ziemlich sichere Zeichen des -Neuengländers. - -»Wenn ich nahe genug bin, es zu hören, warum nicht?« rief der Creole -unmuthig; »aber ich frug Euch, ob Ihr die Indianer --« - -»Dort, drin im Walde schreien sie,« sagte der Amerikaner trocken und -deutete mit seiner kurzen, aus Schilf geschnitzten Tabackspfeife einen -schmalen Kuhpfad entlang, der gerade in das Dickicht hineinlief. - -»Die Indianer?« frug St. Clyde erstaunt. - -»Ahem!« nickte jener und fuhr dann, ohne des Fremden weiter zu achten, mit -Rauchen fort. Der Creole aber, der jetzt einen Augenblick in den stillen -Wald hineingelauscht hatte, glaubte ebenfalls wild verworrene Töne zu -hören, rief dem Manne einen kurzen Dank zu und sprengte, so schnell es -ihm das ziemlich dichte Unterholz gestattete, auf das Toben zu, das immer -lauter und deutlicher zu ihm herüberschallte. Nach kurzem Ritt erreichte er -eine Waldblöße, dicht am Rande eines kleinen seeartigen Sumpfes, der durch -die Ueberschwemmung des Mississippi zurückgeblieben und noch nicht -ganz wieder ausgetrocknet war, und sah hier ein so pittoreskes als -eigenthümliches Schauspiel vor sich. - -Auf dem üppigen Grasboden ausgestreckt, von einem Halbkreis glimmender, -qualmender Feuer umgeben, deren Rauch über sie hinzog und dazu dienen -sollte, die unzähligen auf sie einstürmenden Musquitos abzuhalten, Manche -mit, Andere ohne ihre Jagdhemden, jeder aber eine ziemlich geleerte -Whiskeyflasche in der Hand, lagen jubelnd und schreiend, alte Schlacht- -und Kriegslieder und neu gelernte französische und englische Melodien mehr -brüllend als singend, sieben rothhäutige Jäger unter den riesenhaften, -himmelanstrebenden Baumwollenholzbäumen der Niederung und der Eine, der -der Führer der Bande und noch am nüchternsten zu sein schien, hatte zum -Tactstock sein spitzes Scalpirmesser genommen, und stach damit fortwährend -in ziemlich regelmäßigen Zwischenräumen in den grünen Rasen, auf dem er, -das Antlitz den luftigen Wipfeln zugekehrt, lag, während ihn die Uebrigen -nicht allein mit ihren Stimmen, sondern auch, ziemlich Alle in derselben -Stellung oder Lage, mit Hacken und Faust accompagnirten; jeder natürlich -seiner eigenen ohrenzerreißenden Melodie dabei folgend. - -Der Führer der Bande entdeckte, wie es schien, den Fremden zuerst; ohne -sich aber weiter zu regen, als nöthig war, ihn mit einem flüchtigen Blick -von oben bis unten zu messen, hielt er ihm, während ein mattes, trunkenes -Lächeln seine Züge überflog, die Flasche entgegen und stammelte: - -»Hier -- Fremder -- hier -- trin -- trinkt einmal!« - -»Großer Gott!« stöhnte St. Clyde, erschüttert auf die halbbewußtlosen -Gestalten der Wilden blickend, »großer allmächtiger Gott -- sind das die -Menschen, von denen ich mir Hülfe versprach? -- Verloren -- verloren -- -Alles -- Alles verloren!« - -Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und saß mehre Secunden lang in -stillem, sprachlosem Schmerz versunken. - -»Trinkt -- =dam it=,« rief der Führer noch einmal -- »denkt Euch zu gut mit -Indian aus einer Flasche zu trinken, mit armen Indian, eh? Armer Indian -ist großer Häuptlings Sohn -- =go to Hell=!« Er sank wieder zurück an die -Wurzel des Baumes und begann seinen Gesang von Neuem. - -Der Creole sprang vom Pferde und schritt mit untergeschlagenen Armen und -fest auf den Boden gehefteten Blicken neben den trunkenen Jägern auf und -ab, während der wilde Führer mit gläsernen stieren Augen zu dem grünen -Waldesdom emporblickte und die Verse eines indianischen Schlacht- oder -Siegesliedes sang: - - Ich erschlug den Häuptling der Muskokee; - Sein Weib -- dort am Stamme verbrannt' ich sie, - Und bei den Hinterbeinen darauf - Hing ich den Lieblingshund ihm auf. - Huh -- huh -- huh, vom Muskokee - Wah, wah, wah, den Scalp hier sieh! - -Bei dem Namen der Muskokee blieb St. Clyde lauschend stehen -- er wußte, -daß die Riccarees, selbst noch in letzterer Zeit, manche blutige Schlacht -mit diesem Stamme geschlagen hatten; aber auch die Chocktaws und Muskokees -bekämpften sich -- das Kriegslied mußte von diesen sein; dennoch wandte er -sich an den jungen Häuptling und sagte: - -»Welchem Stamm gehörst Du an, bist Du ein Chocktaw?« - -Der Indianer sang, ohne die Frage zu beachten, weiter -- - - Ich streift' ihm den Schädel ganz nackt und baar, - Und hier ist sein Scalp, mit der Scalplockehaar, - Sein Fleisch ist in des Panthers Magen, - Seine blutigen Knochen die Wölfe nagen, - Huh, huh, huh, vom Muskokee, - Wah, wah, wah, den Scalp hier sieh! - -»Bist Du ein Chocktaw, Indianer?« frug der Creole jetzt dringender, indem -er sich zu ihm niederbog und die Hand auf seine Schulter legte; »rede -- -bist Du ein Chocktaw?« - -Der Wilde murmelte einen nur halbverständlichen Fluch und fuhr fort: - - Seine Sehnen brauch ich zur Bogenschnur, - Wenn ich folge der einzelnen Feinde Spur, - Und es zittert der weibische Muskokee, - Wie ein Rohr im Orkan, vor dem Riccaree - Huh, huh, huh, vom Musko -- - -»Was beim Teufel habt Ihr?« unterbrach er sich da plötzlich selbst, -als St. Clyde, bei der Nennung jenes Stammes überrascht, mit dem -Ausruf freudigen Erstaunens: »Ha! Riccaree! -- Ihr seid ein Riccaree!« -emporzuckte. - -»Ihr seid ein Riccaree?« wiederholte er dann nach kurzer Pause noch einmal. - -»Nun gut -- was soll's?« war die kurze Antwort des Indianers, der -sich indeß bestrebte, die durch die Unterbrechung verlorene Melodie -wiederzufinden, während er gedankenlos dazu mit den Füßen auf dem Grasboden -trommelte. - -»So müßt Ihr mit mir kommen und ein Kind Eures Stammes retten, das sich in -dringender Gefahr befindet.« - -»Mein Stamm ist in Missouri,« murmelte der rothe Sohn der Wälder und summte -dann wieder leise vor sich hin: - - Seine Sehnen brauch ich zur Bogenschnur, - Wenn ich folge der flüchtigen Feinde Spur -- - -»Aber sie haben es geraubt!« rief St. Clyde in Verzweiflung. »Mensch, hat -denn dieser teuflische Whiskey Deine ganzen Sinne verbrannt, daß Du kein -Mitleiden, kein Gefühl mehr hast?« - -»Keinen Whiskey mehr hast?« wiederholte mit lallender Zunge der Jäger -- -»nein -- nichts mehr, nur ein bischen -- gebt welchen.« - -»Ha,« sagte der Creole, von einem glücklichen Gedanken ergriffen, »Du -sollst Whiskey haben, ein ganzes Faß voll, aber komm jetzt mit mir und -stehe mir bei.« - -»Faß voll Whiskey?« murmelte der Indianer, sich halb aufrichtend - »ganz -Faß voll?« Der Gedanke war zu großartig für ihn, er vermochte nicht ihn auf -einmal zu fassen. Das Chor der Gefährten brach zuletzt wieder in einen so -brüllenden Schlachtschrei aus, wobei sie mit den Armen wild in der Luft -herumfochten, daß ein alter Alligator, der sich kaum hundert Schritte von -ihnen entfernt auf einem im Wasser schwimmenden Stamme sonnte, erschreckt -emporsah und dann geräuschlos in das ruhigere Element zurückglitt. - -»Faß voll Whiskey?« wiederholte der Indianer nach langer Pause. »Viel -Whiskey das -- kommt!« und er versuchte sich, wenn auch vergebens, -emporzurichten. - -Der Creole unterstützte ihn nun zwar und brachte ihn mit genauer Noth -dahin, daß er aufrecht stehen blieb; was aber half ihm das? Was sollte er -mit dieser bewußtlosen Masse von Gier und roher Sinnlichkeit beginnen? War -das der Mann, der ihm helfen konnte die Geliebte zu befreien? Er ließ -ihn los und der junge Häuptling taumelte, mit auf die Brust gesenkter -Unterkinnlade, an den nächsten Baum an. - -»Arme Saise!« seufzte St. Clyde. - -»Ais?« stammelte der Indianer mit schwerer Zunge -- »Ais? Wer spricht von -Nedaunis-Ais? Sie ist todt -- Whiskey will ich -- Whiskey!« - -»Whiskey!« jubelte die Bande, die das letzte laut ausgestoßene Wort -vernommen -- »Whiskey, hupih!« - -»_Nedaunis-Ais?_ Du kennst sie?« rief der Creole und sprang auf den -Taumelnden zu. - -»Laßt mich oder ich stoße Euch Eisen in Leib,« knurrte der Wilde -- »=dam -you=!« - -»Nedaunis-Ais _lebt_,« donnerte aber Jener, die Drohung nicht achtend, fort --- »sie _lebt_ und _Du_ sollst mir helfen, sie zu _retten_ --« - -»_Lebt? retten? wo?_« rief der Trunkene, jetzt augenscheinlich bemüht, den -klaren Sinn der Worte zu fassen, während seine starren Augen fest auf dem -Fremden hafteten. - -Mit kurzen Worten erzählte nun St. Clyde dem aufmerksam Lauschenden die -Geschichte der Indianerin, während dieser mit fest gegen die Schläfe -gepreßten Händen dastand und jede Sylbe von seinen Lippen sog. Endlich -aber, als er anfing zu begreifen, um was es sich handele, und als das -Schicksal der Unglücklichen in klareren, entschiedneren Farben vor ihm -auftauchte, da faßte er, von Grimm und Wuth entbrannt, die Flasche, die, -noch immer ein Drittheil gefüllt, neben ihm lag und schmetterte sie mit -wildem Wurf gegen den nächsten Stamm. - -»Gift -- Gift -- Gift!« schrie er dabei -- »die Schwester verkauft und ich -trunken -- Gift -- Gift, der Weißen Feuerwasser -- Gift -- Whiskey!« - -»Whiskey! hupih!« jubelten die von der Schaar, die noch Besinnung genug -übrig behalten hatten, die letzten Worte zu verstehen. - -»Aber, halt -- halt!« rief der junge Indianer plötzlich, indem er sich die -langen, schwarzen Haare aus der Stirn strich, »noch ist nicht zu spät -- -noch ist Zeit« -- und sein Jagdhemd und seine Leggins abwerfend, sprang er -mit einem Satz von dem, an dieser Stelle mehre Fuß hohen Ufer in das Wasser -hinab, tauchte mehrmals unter und kam dann ans Land geschwommen. Hier lief -er, ohne sich die Mühe zu nehmen, seine Sachen erst wieder anzuziehen, in -den Wald hinein, aus dem er nach kaum einer Viertelstunde auf dem Rücken -eines kleinen schnaubenden Poneys zurückkehrte. Seine Kleider und Waffen -waren bald zusammengerafft und fast eher noch, als der Creole sein Pferd -besteigen konnte, winkte er ihm schon zu folgen. - -»Aber Deine Kameraden,« sagte St. Clyde jetzt, »was können wir zwei allein -ausrichten!« - -»Komm,« sagte der Sohn der Wälder, »komm; willst Du bis morgen bleiben, -um sie mit lallender Zunge sprechen zu hören -- _mehr Whiskey_ -- _mehr -Whiskey_? Es sind Chocktaws -- ich muß fort -- Du kommst mit -- wir zwei -genug --« - -Er wartete gar keine weitere Antwort seines Begleiters ab, sondern sprengte -mit verhängten Zügeln dem Mississippi zu, warf sich hier noch einmal in die -Flut, die Wirkung des Feuertranks zu vernichten, und holte dann, nachdem -er seine wenigen Kleidungsstücke wiederangelegt, ein verborgen gehaltenes -Canoe aus dem Gebüsch. St. Clyde mußte sich in die Mitte desselben setzen, -und an beiden Seiten eines der Pferde mit dem Zügel unterstützen, während -er selbst das Boot schnell und geschickt über den breiten reißenden Strom -ruderte. - -So lange aber war St. Clyde, zuerst von dem Indianer und dann durch das -Ueberfahren aufgehalten worden, daß die Sonne schon unterging, als sie -eben das westliche Ufer erreichten, und der Creole mußte nun die Leitung -übernehmen, und führte den so zufällig gefundenen Bruder Saisens zu dem -Richter. Unterwegs erzählte ihm dabei Wetako, der Name des Riccaree, daß er -damals seine entführte Schwester verfolgt und den schändlichen Räuber -auch eingeholt und erschlagen habe, vergebens aber war sein Monate langes -Umherstreifen gewesen, eine Spur der Geraubten selbst zu finden, die durch -die teuflische List jenes Buben seinem rettenden Arm entzogen worden. -In Verzweiflung darüber hatte er sich endlich einer Schaar von Chocktaws -angeschlossen, die in den Wäldern Louisianas jagten und das erlegte Wild in -die benachbarten kleinen Städte schafften. Durch Lebensüberdruß und Schmerz -aber gleichgültig gegen Alles gemacht, was er sonst hoch und theuer hielt, -ergab er sich dem Trunk und folgte dabei nur dem Beispiel seines ganzen -unglücklichen Stammes. - -Das doppelte Bad und der jähe Schreck der theils freudigen, theils -schlimmen Nachricht von dem Leben und der Noth seiner Schwester hatte aber -jede Spur von Rausch verdrängt; der Indianer, der kalte, besonnene Wilde -war wieder in ihm erwacht, und mit schnellem Blick übersah er die Gefahren, -die das Wesen, das er auf Erden am meisten liebte, bedrohten. Zwar kannte -er nicht die Gesetze der Weißen, aber er wußte, wie schwer, ja wie für -einen Indianer fast unmöglich es sei, etwas zurückzuerhalten, auf das sie -erst einmal ihre Hand gelegt, und schien auch von vorn herein gar keinen -andern Gedanken gehabt zu haben, als Saise durch List oder Gewalt zu -retten; beides galt ihm gleich, so es nur zum Ziele führte. - -Dunkele Nacht war's, als sie das Haus des Richters endlich erreichten; -wichtige Veränderungen schienen aber in den wenigen Stunden vorgegangen. -Von den Grenzen des nördlich liegenden Mississippistaates herüber hatten -sich einzelne Constabel eingefunden, die einen Pflanzer wie seinen -Helfershelfer verfolgten. Bis nach Waterloo mußten die Flüchtigen auch -zusammengeblieben sein, von da an schienen sie sich aber getrennt zu haben, -und zwei der Nachgesandten jagten am Ufer des Flusses hinab, dort alle -Anstalten zu treffen, ihre weitere Flucht aufzuhalten, während die Uebrigen -der allerdings stärkeren Spur stromauf folgten, um die Entflohenen wo -möglich daran zu verhindern, sich in das Innere des Landes zu wenden und -die texanische Grenze zu erreichen. - -Des Richters Verdacht aber, dem ebenfalls Meldung geworden, war -augenblicklich auf den Fremden gefallen und er hatte noch spät am -Nachmittag Boten an den Fausse Riviere gesandt, um diesen jetzt, nicht -wegen der Indianerin, sondern als Ausrede auf den Verdacht hin mit jenen -Negerdieben im Bunde zu stehen, verhaften zu lassen. Dadurch hoffte er zu -gleicher Zeit der Wahrheit auf die Spur zu kommen, ob Saise Sklavin oder -nur schändlich ihrem Stamme geraubt sei. - -St. Clyde drang nun darauf, einen Aufschub der Auslieferung Saisens zu -erhalten, wozu sich der Richter jetzt ebenfalls gern bereit zeigte, -nur mußte dazu die Rückkunft des Deputysheriffs erwartet werden, da der -Obersheriff stromauf, die beiden Constabel aber stromab beschäftigt waren, -und der Creole sah sich zu seinem größten Verdruß gezwungen, dessen Ankunft -zu erharren. Zwar erbot er sich, das Schreiben selber mit hinüber -zu nehmen; das wäre aber nicht rechtskräftig gewesen und der Richter -vertröstete ihn damit, wie die wenigen Stunden sicherlich keinen -Unterschied machen würden, da er ja trotzdem noch mit Tagesanbruch an -dem Fausse Riviere sein und das arme Mädchen vor dem Fortschleppen in die -Gefangenschaft bewahren könne. Aber der Deputysheriff kam nicht -- Stunde -auf Stunde warteten sie und ängstigten sich, und der Richter rief endlich -verdrießlich: - -»Die Pest über den Burschen -- ich werde mich noch gezwungen sehen darauf -anzutragen, daß der Sheriff diesen liederlichen Fritz Haydt entläßt; es ist -gar nichts mehr mit ihm anzufangen; er trinkt sich voll, läßt sich von den -Mulattinnen an dem Fausse Riviere zum Narren haben und versäumt dann seine -Pflicht.« - -»Ich will ihm entgegengehen,« bat St. Clyde, »vielleicht zögert er -unterwegs --« - -»Das würde Ihnen wenig helfen,« meinte der Richter, »denn _wenn_ er zögert, -so finden Sie ihn nicht, seine Vergnügungsörter hält er ziemlich geheim. -Kommt er aber nicht bis morgen früh, so reite ich selbst mit Ihnen hinüber -und dann machen wir die Sache gleich zusammen ab.« - -In Angst und peinlicher Erwartung verbrachten sie die Nacht, und nur der -Riccaree konnte nicht begreifen, weshalb sie eigentlich zögerten, und -wollte fortwährend aufbrechen, die Schwester zu befreien und zu rächen. - -Da -- es mochte zwei Uhr vorüber sein und das Schweigen der Frösche -verkündete den nahenden Morgen -- klopfte etwas mit heftigen Schlägen an -die Thür der Wohnung; der wachthaltende Sklave öffnete, und die Treppe -herauf stürmte nicht der Deputysheriff, sondern der Constabel, mit wenigen -Worten jetzt meldend, daß, sicherer Kundschaft zufolge, jener Pitwell der -besoldete Entführer der sämmtlichen Plantagenneger sei, und auch an dem -Fausse Riviere nicht mehr gefunden werden könne. Aber Beaufort's Overseer -müsse ebenfalls mit ihm unter einer Decke stecken, denn auch er sei, -wahrscheinlich gewarnt, mitten in der Nacht nebst der erst angekauften -Indianerin aufgebrochen, die ihm aber keineswegs gutwillig gefolgt, sondern -in einer gewöhnlichen Negerkette forttransportirt wäre. - -»Wah! --« rief Wetako, von der Erde emporspringend, auf der er -niedergekauert bis jetzt gesessen hatte -- »fort -- fort -- wir müssen -fort.« - -Auch St. Clyde griff nach seinem Hut und wollte ihm folgen; der Richter -trat ihnen aber in den Weg und bat sie noch einen Augenblick zu verweilen. -Dann stellte er ihnen vor, wie sie durch Gewalt wenig oder gar nichts -ausrichten könnten, bis nicht eine hinlängliche Anzahl von Pflanzern -versammelt sei, die ihnen dann gemeinschaftlich folgen müßten; das würde -aber natürlich wenigstens bis morgen Mittag dauern, und er wolle sie -deshalb zugleich bitten, ihre Kräfte mit denen seiner Constabels zu -vereinen, um alle Pflanzungen so schnell wie möglich von dem Vorfall -in Kenntniß zu setzen. Werde die Rettung auch dadurch um wenige Stunden -verzögert, so sei sie aber auch mit so viel mehr Gewißheit vorauszusehen. --- Davon wollte aber weder der Creole noch der Indianer hören. - -»Nein,« rief der Letztere, »Nedaunis-Ais in Ketten, und Wetako mit Messer -und Büchse auf der Spur -- wir wollen fort!« - -»Um Gottes willen -- begeht keinen Mord!« rief der Richter ihnen -erschrocken nach -- »Ihr kennt unsere Gesetze nicht -- lebenslange -Kerkerstrafe wäre die Folge.« - -Der Indianer lächelte grimmig vor sich hin, als er die Worte hörte. - -»Warum sperrt Ihr denn den Panther nicht ein, der Nachts Eure jungen Pferde -raubt?« höhnte er -- »Wetako ist ein Mann und seine Fährten sind tief. -Folgt ihm, wenn Ihr könnt!« - -Er sprang rasch in den Sattel, der Creole ebenfalls, noch einen Gruß warf -der Letztere zu dem dabei auch ihn ängstlich warnenden Richter hinauf, und -fort flogen sie in gestrecktem Galopp die Straße entlang und dem Orte zu, -von wo aus der Overseer aufgebrochen, um dort zuerst die Spur aufnehmen zu -können. - -Schon rötheten die ersten Sonnenstrahlen das dunkelgrüne Laub der -rauschenden Cypressen, als die Reiter Beaufort's Plantage erreichten; hier -war aber Alles in Aufruhr. Aus fast sämmtlichen benachbarten Ansiedlungen -hatten sich die Pflanzer, mit Doppelflinten, Messern und Harpunen -bewaffnet, eingefunden und _eine_ Abtheilung sollte schon, wie St. Clyde -hörte, vorausgesprengt sein, die Flüchtigen wenigstens aufzuhalten. Die -beiden Männer verweilten aber kaum lang genug hier, nur das Nothwendigste -zu erfahren, frugen schnell, welchen Weg die Gig des Overseers genommen, -und stürmten dann wie dunkele Rachegötter hinterdrein. - -Eben diese Gig war aber die Ursache gewesen, daß man auf der Plantage, -früher als es Duxon gehofft, Verdacht schöpfte, da er seine Sachen noch an -demselben Tage, unter der Adresse eines texanischen Handelshauses und -mit einem gerade dort anlegenden Dampfboot, nach Houston gesandt hatte. -Einzelne der Neger, die er sonst stets grausam und unmenschlich behandelt, -meldeten dem Herrn ihre Vermuthungen, wie auch, daß eine gewisse Anzahl -ihrer Mitsklaven, von denen die meisten des Overseers Spione gewesen, -ebenfalls vermißt würden und allem Anschein nach entflohen wären. - -Duxon war überdies noch am vorigen Tage genöthigt gewesen, seine -neuangekaufte Sklavin in der Obhut der alten Negerin zu lassen, da Gabriele -fest darauf bestanden, und er durch zu starres Weigern Verdacht zu erregen -fürchtete. Dies hielt in der Nacht seine Flucht auf, die er, durch einen -Boten Pitwell's gewarnt, beschleunigen mußte, und so kam es denn, daß er, -noch mehre Meilen von dem Versammlungsort entfernt, die gut berittenen -Verfolger in voller Hetze hinter sich hörte. Kaum vernahm er aber die -nachdonnernden Hufe auf der hartgetretenen Straße, als er, schnell das Bett -eines kleinen, ebenfalls trockenen Baches benutzend, von dem Wege abbog. -Die Neger waren nämlich schon auf Pferden, die sie ihrem Herrn oder den -Nachbarn geraubt, der ihnen bezeichneten Gegend zugesprengt, und Duxon -hatte gehofft sie schnell genug einholen zu können. Für den Augenblick -gelang ihm auch diese Kriegslist vollkommen, denn die Pflanzer, wenig damit -vertraut einer Fährte zu folgen, bemerkten die Abweichung der Wagenspuren -nicht eher, bis es zu spät war, und folgten dann der ihnen durch die Neger -selbst verrathenen Richtung, weil sie nicht umkehren wollten, die Zeit -zu versäumen. Am Versammlungsort mußten sie ja später doch Aller habhaft -werden. - -Duxon nun, mit jedem Fußbreit Landes in diesen Waldungen und Sümpfen -vertraut, wußte, daß er, wenn er dem Rande eines kleinen Dickichts folge, -eine ziemlich offene Holzung finden und nur mit den hindernden Wurzeln -der Cypressen zu kämpfen haben würde. In kaum einer Viertelmeile von da -durchschnitt aber eine andere, ebenfalls nach dem Cutoff[8] hinaufführende -Straße den Sumpf, und sobald er diese erreichte, mußte ihn das aus der Spur -aller Verfolger bringen. - - [8]: Eine Biegung des Mississippi ist so genannt, wo sich dessen - Strömung eine neue, nähere Bahn gebrochen hat. - -Auf _einen_ Widerstand aber hatte er nicht gerechnet, auf den _Saisens_. So -lange er sich nämlich in der Straße hielt, gab die Unglückliche noch immer -nicht die Hoffnung auf, von dem Geliebten, denn auch sie hing mit ganzer -Seele an dem jungen Creolen, eingeholt zu werden; jetzt aber, als sie sich, -nur von den rauschenden Bäumen des Waldes umgeben, ganz in der Gewalt -des Menschen fand, den sie, seit sie ihn zum ersten Mal gesehen, auch -gefürchtet und verabscheut hatte, da glaubte sie ihr Schicksal besiegelt, -und versuchte nun mit verzweifelter Anstrengung ihre Ketten zu zerreißen -und sich zu befreien. - -»Sitz' still, zum Teufel!« brummte der Overseer, ohnedies nicht in der -besten Laune, »oder ich klopfe Dir den Peitschenstiel auf den Schädel, daß -Du Dich ruhig verhältst -- hörst Du?« - -Saise hielt einen Augenblick erschöpft inne, dann aber, auf's Neue ihre -letzte Kraft versuchend, gelang es ihr, wenn auch nicht ihre Ketten, doch -die Bande zu zerreißen, die ihre Hände niederhielt. In demselben Augenblick -befreite sie sich auch von dem Knebel, den ihr der Bube der Vorsicht wegen -angelegt hatte, und stieß nun, von Angst und Verzweiflung getrieben, einen -Hülfeschrei aus, der so laut und plötzlich in die Ohren des vor die Gig -gespannten Poneys dröhnte, daß dieses entsetzt zur Seite prallte und -waldeinwärts rannte. Duxon aber, durch den Hülferuf Saisens ebenfalls -erschreckt, konnte ihm nicht schnell genug in die Zügel fallen, ja diese -entglitten sogar seiner Hand, und im nächsten Augenblick schnellte auch -schon das leichte Fuhrwerk mit einem Rad an einer der Cypressenwurzeln -hinauf und schlug, den Herrn wie seine Sklavin in ein benachbartes Dickicht -schleudernd, um. - -Zorn und Rache im Blick sprang der Bube empor, das Poney nahm aber zuerst -seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch -- die Gig enthielt Alles, was er an -Vermögen besaß, und wenn ihm das Pferd entlief, war er verloren. Dem wild -Stampfenden fiel er daher rasch in die Zügel, riß es auf die Hinterbeine -zurück, daß sich der weiße Schaum mit dem Blut des wundgerissenen Maules -vermischte, und richtete dann, während das erschreckte Pferd zitternd -stille stand, mit riesiger Kraft die Gig wieder empor. - -Nun aber wandte sich auch seine ganze Wuth gegen die Ursache dieses -Unfalls, denn Saise, von dem Sturz erst fast betäubt, hatte sich jetzt -wieder gesammelt und ließ auf's Neue den gellenden Hülferuf erschallen. - -»Donner und Tod!« schrie er, flog auf die Zurückspringende zu und führte -mit der umgekehrten und mit Blei gefüllten Peitsche einen Schlag nach ihrem -Kopfe, der ihr denselben zerschmettert haben würde, wenn er sie traf; die -gefesselten Arme aber emporhebend, fing sie den Streich auf, der an den -Kettengliedern unschädlich niederstreifte. - -Duxon wollte den Schlag wiederholen, da tönte, wohl noch in weiter Ferne, -aber klar und deutlich ein scharf ausgestoßener, wilder Laut durch den -stillen Wald -- er hielt ein, um zu horchen, Saise aber schien in diesem -Augenblick wie aus Stein gehauen, so starr und regungslos blickte sie nach -jener Gegend hin, von woher der Ruf geklungen. - -»Ha, da kommen ihrer mehr, aber sie sind auf der Straße,« murmelte der -Overseer vor sich hin; »Pest und Gift, die Sache wird gefährlich; komm, -mein Täubchen, und sei jetzt vernünftig, der erste Schrei, den Du wieder -ausstößt, ist Dein Tod!« Und mit den Worten bückte er sich, ergriff das -einer Statue ähnliche Mädchen und wollte sie in das wieder geordnete -Fuhrwerk tragen; bei seiner Berührung erwachte aber auch in dieses das, -durch jenen Ruf fast erstarrte Blut; mit aller Gewalt, deren sie fähig war, -schwang sie die leichte Kette, die ihre Handgelenke gefesselt hielt, -empor und schlug sie gegen den Kopf ihres Räubers nieder, daß dieser sie -halbbetäubt losließ und zurücktaumelte. Wieder aber erschallte da lauter -und dringender als zuvor der Hülferuf der Unglücklichen, und Duxon, jetzt, -durch Schmerz und Wuth zum Aeußersten getrieben, hörte kaum das antwortende -und näher kommende Signal, als er auch sein breites Messer aus der Scheide -riß, auf die entsetzt Zurückzuckende lossprang und ihr mit fest auf -einander gebissenen Zähnen den scharfen Stahl in die Brust stieß. - -Zum Tode getroffen taumelte Saise nieder in das gelbe Laub, Duxon aber -flog mit wilden Sätzen zum Wagen, riß eine große Brieftasche heraus, die -er unter seiner Weste barg, schnitt die Stränge des Poneys durch, warf sich -die Doppelflinte auf die Schulter, sprang auf das Pferd und verschwand im -nächsten Augenblick im Dickicht. - -Kaum hatten sich aber hinter ihm, auf der einen Seite des kleinen freien -Platzes die Büsche geschlossen, als auch schon an der anderen zwei Reiter -auf schäumenden Rossen hervorbrachen, doch hier, wie von einem Blitzstrahl -getroffen, entsetzt in ihre Zügel griffen. Sie hielten mehre Secunden an. -Während sich dann aber der Eine mit wildem Schmerzesschrei aus dem -Sattel und neben dem blutenden Körper des holden unglücklichen Mädchens -niederwarf, hob sich der Andere auf dem Rücken seines Thieres zu seiner -vollen Höhe empor und lauschte mit wild stieren, glanzlosen Augen in den -Wald. Plötzlich mußte ein fernes Geräusch sein Ohr getroffen haben, denn -ohne die Ermordete weiter eines Blickes zu würdigen, stieß er dem ängstlich -vor dem Geruch des Blutes zurückschaudernden Thier die Hacken in die Seite, -setzte mit diesem über das im Wege stehende Gig hinweg und folgte, lautlos -zwar, aber mit Tod und Verderben sprühenden Blicken dem flüchtigen Mörder. - -Keine Sylbe kam über die zitternden Lippen, keinen Blick verwandte er -von der Spur in der weichen Erde, rasch, mit dem Zügel des Pferdes in der -einen, der Büchse in der andern Hand, flog er dahin durch den dichten Wald, -und kaum konnte er fünfhundert Schritte gesprengt sein, als er den Feind -ansichtig wurde, der eben damit beschäftigt war, einen der in dem Gebüsch -hängen gebliebenen Stränge loszuhauen, was seine Flucht kurze Zeit -aufgehalten. - -Duxon schaute sich um und erkannte in der reißend schnell näherkommenden -Gestalt einen Indianer, war aber im ersten Augenblick wirklich ungewiß, ob -oder ob er nicht einen Feind in ihm zu fürchten habe, denn er selbst hatte -nie mit Nachkommen jener wilden Stämme verkehrt und wußte, daß sie -sich selten dazu hergeben, die Streitigkeiten der Weißen untereinander -auszufechten. Als aber eben der Gedanke an die gemordete Jungfrau, die ja -auch jenem unglücklichen Volke angehörte, sein Hirn durchzuckte, sah er, -wie der junge Indianer seinen Zweifeln schon ein Ende machte, denn er hielt -plötzlich sein Pferd an, hob die Büchse, und der rothe Feuerstrahl zuckte -durch das geheimnißvolle Dunkel des Urwalds. - -Der Overseer fühlte sich verwundet, aber ihm blieb keine Zeit zum -Nachdenken, der Rächer brauste heran. Zwar hob er selbst jetzt das -Doppelrohr, diesen niederzuschießen, der vorausgeschleuderte Tomahawk -traf jedoch seinen linken Ellbogen, und wenn sein Schuß auch in demselben -Augenblick dem Rohr entfuhr, so erhielt doch dies dadurch eine falsche -Richtung; nur einzelne Schrote streiften Wetako's Schulter und ehe der -sich seiner Schuld bewußte Mörder den zweiten Hahn spannen konnte, flog -der Rächer herbei; der Schlachtruf des Riccarees schallte gellend durch -den Wald, das Bowiemesser zischte nieder, und heulend brach der Elende -zusammen. - -Das bleiche Haupt der Geliebten an seiner Schulter, kniete indessen der -junge Creole neben dem verblutenden Körper des schönen, unglücklichen -Mädchens. Wohl hatte er schnell und vorsichtig die weite, klaffende Wunde -verbunden, aber es war zu spät und der Todesstoß ihr ins innerste Leben -gedrungen. Er hörte das Vorbeistürmen der Verfolger, die aus allen Theilen -der Gegend herbeiströmten, den Negerraub zu verhindern, er hatte den -Schlachtschrei des Riccaree vernommen, aber er achtete es nicht, sein Auge -hing an dem rothen entquellenden Lebensstrom des heißgeliebten Mädchens und -Nacht -- finstere Nacht ward es endlich vor seinen Blicken. - -Als er sich wieder erholte, stand der Riccaree an seiner Seite; er hatte -den Leichnam der Schwester in seine Decke eingehüllt und hob ihn, da er das -Erwachen des Weißen bemerkte, vor sich auf das Pferd. - -»Wetako -- was willst Du thun?« rief der Creole, erschrocken emporfahrend --- »wo willst Du hin?« - -»Will dem Stamme der Riccarees die Ueberreste von seines Häuptlings Tochter -bringen,« sagte der junge Indianer mit düsterem Lächeln; »ich will sagen, -es sei die Friedensgabe, die ihnen die Weißen senden. -- Unser Land haben -sie uns geraubt, hier ist Blut, das neue damit zu düngen -- lebe wohl!« - -»Und der Räuber?« frug St. Clyde, immer noch in halber Betäubung auf den -blutigen Körper blickend, den jener im Arme hielt. - -»Der Räuber?« höhnte der Riccaree, während er seinen hirschledernen -Ueberwurf zurückschlug -- »der gehört _mein_!« und der Creole erkannte mit -Entsetzen, an dem Gürtel des Wilden, den blutigen Scalp des Erschlagenen. -Ehe er aber noch ein weiteres Wort äußern konnte, schwang sich jener hinter -der Leiche in den Sattel, stieß dem schnaubenden Thiere die Hacken in die -Seite und war im nächsten Augenblick den Augen des Weißen entschwunden. - -Die nachsetzenden Pflanzer hatten indessen den schurkigen Negerdieb, jenen -Pitwell, eingeholt und mit der gewöhnlichen Schnelle, mit welcher alle -dem ähnliche Verbrechen bestraft wurden, an den nächsten Baum gehangen. In -seiner Brieftasche fanden sich übrigens hinlängliche Beweise, daß er diesen -Tod zehnfach verdient, denn auch die reine Abstammung der Indianerin ward -hier, durch einen Brief der Helfershelfer, außer allen Zweifel gesetzt. -Als man aber später der Spur des Wagens folgte, um dem Overseer ebenfalls -nachzusetzen, fand man die Zeichen des Kampfes, wie den kleinen Wagen -selbst. Unfern von dort aber, bleich und starr an dem Stamm eines jungen -Baumes gelehnt, lag, in der rechten Hand ein abgeschossenes Pistol, die -Leiche des Creolen. - - - - -Herr Schultze. - -Ein Märchen. - - -Die Zeit der Wunder ist vorüber und die Welt glaubt nicht mehr an das -Ueberirdische, denn sie will Alles in nüchterner hausbackner Wirklichkeit -haben, um es so recht aus Herzensgrund begreifen, das heißt _betasten_ zu -können. Kommt dann wirklich einmal etwas Geisterhaftes, zeigt sich -einmal in stiller Mitternachtsstunde dem Einzelnen, dem Auserwählten, -ein anständiges ordentliches Gespenst, so könnte dieser später bei allen -Heiligen, und noch überdies Stein und Bein schwören, es glaubte ihm Niemand -ein Wort davon. Entweder hieße es: »der gute Mann hat mit wachenden -Augen geträumt,« oder die lieblose Bruder- und Schwesterschaar urtheilte -vielleicht noch strenger und sagte am Ende gar: »Er ist ein Narr, daß er -denken kann, vernünftige Leute sollten sich so etwas weiß machen lassen!« - -Was um des Himmels Willen ist nun mit einer solchen Welt anzufangen? -- Gar -nichts. - -In solch ähnlicher Verlegenheit befand sich vor noch nicht so langer -Zeit der liebe Gott selbst. Auf der Erde, und besonders in den deutschen -Bundesstaaten sah's in jeder Hinsicht windig und bös aus. Mit der Politik -der Kammern waren allerdings die Kammer_herrn_ und Kammer_diener_, sonst -aber auch Niemand zufrieden, die Religion drohte gleichfalls wieder eben -_aus_ Religion ganz irreligiös zu werden, denn selbst die Laien fühlten -sich nicht mehr sicher als ganz gewöhnliche Menschen schlafen zu gehn und -als Apostel wieder aufzustehen -- und was die Ernten betraf, da hörte denn -nun wirklich Alles auf. Einmal war es zu dürr, einmal zu naß, einmal fiel -Mehlthau, ein anderes Mal Hagel, kurz es kam in jedem Jahr etwas Anderes, -was die Getreidepreise hinauftrieb, Brot und Fleisch theuer machte und -die Armen -- =i. e.= solche, die nicht gewußt hatten reich zu werden -- so -bedrückte, daß des Betens und Bittstellens kein Ende mehr wurde und sich -die Nothleidenden theils persönlich an ihn wandten, theils die armen -Heiligen und Schutzpatrone bis auf's Blut plagten und peinigten. - -Dazu kam nun noch, daß die Menschen wirklich anfingen ihm leid zu thun. -Er hätte ihnen so gern geholfen! -- Wie aber das anfangen? Die Gesetze der -Natur konnte und wollte er deshalb nicht ändern, und das ungeheure -Walten jener wirkenden und schaffenden Urkräfte zu stören, wäre, der -Paar Erdenbewohner wegen, auch etwas viel verlangt gewesen. Aber es gab -_natürliche_ Mittel und die sollten hier helfen. - -Nichts war einfacher als die Religion -- er hatte das Ganze schon früher -einmal dem Moses in einer Viertelstunde dictirt -- in dieser Hinsicht -hoffte er bald Frieden zu stiften; auch die Politik mußte in Ordnung -gebracht werden -- es waren ja Alles seine Kinder und wenn auch die Einen, -wie das wohl die Geschwister häufig thun, die Anderen unterdrückt und -sich die Sachen zugeeignet hatten, die gar nicht für sie allein bestimmt -gewesen, so konnte das -- und dazu hatte er ihnen ja eben die _Vernunft_ -gegeben, bald wieder geregelt werden. - -Was denn endlich den vielen Mißwachs der Ernten betraf, so erzeugte die -Erde selbst in ihrem Inneren Mittel gegen diese Uebelstände, denn sie trug -und trägt ja in sich selbst den Keim, das Alles zu verbessern und zu seinem -höchsten Grad der Vollkommenheit zu führen. Nun frug es sich nur, wie es -möglich sei, dies den Menschen selbst bekannt zu machen, und auf welche Art -es sich hoffen ließ von ihnen verstanden zu werden? - -Durch eine feurige Schrift am Himmel? -- Die Freigeister und Professoren -hätten eine solche als etwas Natürliches erklärt und die Theologen ihr -eine ganz andere Auslegung gegeben. Durch eine Stimme von oben? -- Das war -erstens schon dagewesen und dann würden auch die Leute höchstens gesagt -haben: »Heute hat es doch einmal gedonnert daß man ordentlich Worte -verstehen konnte.« -- Es war zum Verzweifeln. - -Da beschloß denn Gott Vater, aus unendlicher Liebe für das -Menschengeschlecht, ein Buch über die zu verbessernden Verhältnisse, und -besonders über Ackerbau und Viehzucht, für welche beiden Zweige er sich -vorzugsweise interessirte, zu schreiben und damit selbst auf die Erde -hinabzusteigen. - -Zeit hatte er ja für den Augenblick: die Welt lief im Allgemeinen in -ihren ewigen Kreisen ruhig fort, und wenn ihm nicht manchmal ein Komet -durchbrannte und einen Schweif roher Gesellen auf den Hacken, mit -offenen Laternen und Pechfakeln die stillen Straßen des Firmaments auf -staatsgefährliche Weise durchtobte, so war keine Unordnung zu fürchten. -Doch auch selbst hierüber hatten ihn die Berechnungen der besten Astronomen -beruhigt, die ja die Erscheinung des nächsten noch bis auf =x= Jahre -hinausgeschoben. - -Sein Plan ward also, kaum gewollt, auch schon ausgeführt. Mit -Gedankenschnelle flogen die Zeilen mit der Enthüllung jener göttlichen, uns -noch unbekannten Urkräfte des Erdkörpers auf das Papier nieder, und wenn -sich der liebe Gott auch, seit er damals die zehn Gebote entworfen, nicht -mehr mit literarischen Arbeiten beschäftigt hatte, so ging die Sache doch -verhältnißmäßig ungemein schnell. - -Das geschehen, rauschte er, die Liebe für seine oft unfolgsamen Kinder im -treuen Vaterherzen, auf unsere schöne Erde hernieder, um einen Verleger für -sein Werk zu suchen und stieg, wie sich das von selbst versteht, in Leipzig -und zwar im ersten Gasthof daselbst ab. - -Um aber jedes Aufsehen zu vermeiden, mußte er natürlich die Gestalt des -Menschen -- die edle schöne Gestalt des Mannes, wie er ihn früher nach -seinem eigenen Bilde erschaffen, annehmen, und kleidete sich zwar sehr -einfach, aber doch nach der gerade bestehenden Mode. Vor dem Hotel hielten -mehrere Droschken und eine derselben brachte ihn denn auch bald zu dem -Buchhändler _Schmerz_, bei dem er ohne weitere Umstände eintrat und ihm, -nach wenigen einleitenden Worten, sein fertiges Manuscript anbot. - -Herr _Schmerz_ -- ein langer hagerer Mann, mit tiefliegenden, dunkeln -Augen, nöthigte ihn sehr artig zum Sitzen, las dann den Titel des -Manuscripts und frug, sich leicht gegen den Fremden verneigend: - -»Mit wem hab' ich die Ehre?« - -Das war nun allerdings eine sehr natürliche Frage; jeder Buchhändler -wünscht doch zu wissen, mit wem er es zu thun bekommt. Dem lieben Gott kam -sie aber nichts desto weniger unerwartet, denn er durfte dem Manne doch -nicht sagen wer er sei; Herr _Schmerz_ hätte ihm das auch im Leben nicht -geglaubt. Er faßte sich also kurz und antwortete, indem er, um nicht -unartig zu scheinen die Verbeugung erwiederte: - -»_Schultze!_« - -»Ah -- Herr _Schultze_ -- mir sehr angenehm. Und Sie wünschen also dies -hier drucken zu lassen?« - -»Ich wünsche dadurch einem dringenden Bedürfniß abzuhelfen,« sagte der -liebe Gott, und Herr Schmerz schlug das Manuscript schnell auf, denn -er glaubte wahrscheinlich, es lauere der Antrag zu einem neuen -Theatergeschäftsbüreau oder zu einer Illustrirten Zeitung im Innern; bald -sah er jedoch daß er sich geirrt habe und frug -- schon etwas beruhigt: - -»Und über was handelt es? Der Titel ist etwas -- etwas umfassend: -»Enthüllungen der geheimsten und segensreichsten Urkräfte des Erdballs« --« - -»Ueber Alles -- Viehzucht und Ackerbau -- Religion und Politik.« - -»Sie sind Literat?« - -»Nicht eigentlich; ich bin mehr Oekonom, habe aber dieses Werk aus reiner -Liebe zur Sache geschrieben, denn ich liebe die Menschen und weiß welchen -Dienst ich ihnen damit erzeigen werde.« - -Herr _Schmerz_ blätterte ein wenig im Manuscript herum, um einzelne Sätze -daraus zu lesen und schüttelte dabei bedeutend mit dem Kopfe. - -»Sehr flüchtig geschrieben das, sehr, Herr -- Herr --« - -»_Schultze_,« sagte der liebe Gott. - -»Ach ja, Herr Schultze -- sehr flüchtig -- die Setzer beklagen sich so -immer!« - -»Ich sollte denken, es käme hier mehr auf den Inhalt als die Schrift an!« -sagte der Fremde. »Wie unscheinbar sieht zum Beispiel eine Kartoffel aus, -und was schließt sie nicht Alles in sich ein? In ihrem Innern lebt und -wirkt eine kleine, für sich abgeschlossene, aber deßhalb nicht weniger -kunstvolle Welt; dem Menschen unbekannte Kräfte und Lebenstriebe -durchströmen sie, und athmende Wesen bewegen sich in dieser festen saftigen -Fleischmasse mit derselben Leichtigkeit, mit der sich die Menschen durch -die Luft bewegen, und wenn im Frühjahr die Keime --« - -»Sie haben Phantasie, Herr Schultze« -- unterbrach ihn etwas ungeduldig -Herr Schmerz, -- »aber dürfte ich Sie wohl bitten, mir den Inhalt dieser -Schrift etwas näher anzugeben!« - -»Recht gern. -- Es ist -- wie Ihnen auch der Titel sagt, eine Enthüllung -geheimer, bis jetzt noch nicht gekannter, vielleicht nicht einmal geahnter -Naturkräfte, zuerst dem Mißwachs und den Viehseuchen entgegenzuwirken und -gleichzeitig das moralische Schaffen und Treiben der Menschen -- von denen -der große Haufe nun doch einmal in den Tag hinein lebt, zu ordnen und -zu regeln. Was die ersten Kapitel -- Mißwachs und Seuchen betrifft, so -existirten in früheren Zeiten andere Verhältnisse; die Bevölkerung des -Erdballs war zu schwach und die Erde erzeugte mehr, als ihre Bewohner -consumiren konnten. Daher mußte ich diesem Uebelstand durch natürliche -Mittel abzuhelfen suchen.« - -»Wer? Sie?« - -»Ich -- meine die _Natur_. Jetzt aber hat jene Ursache aufgehört, und -deshalb soll auch die Wirkung nachlassen. Das Menschengeschlecht ist -an Zahl so gewachsen daß es, wenigstens in Europa, Alles braucht was es -erzeugen kann, und ich wünschte nun dieses zum Nachtheil werdende Hinderniß -gehoben zu sehen. Das können Sie aber nicht verlangen, daß ich deshalb die -ewigen Naturgesetze ändern sollte, um --« - -»Nein!« sagte Herr Schmerz. - -Der liebe Gott sah ihn im ersten Augenblick erstaunt an, besann sich aber -schnell und lenkte wieder ein: »Um solchen Uebelständen nämlich abzuhelfen, -kann man also, wie ich sagen wollte, doch nicht verlangen daß die einmal -bestehenden Gesetze der Natur geändert werden sollten. Dafür liegt aber -auch in ihren eigenen Kräften, in ihren geheimsten, innersten Lebensfasern -das Heilmittel gegen diese nicht mehr nöthigen Zuwachsminderungen und -ich habe das Alles hier kurz und bündig, aber auch leicht faßlich -niedergeschrieben. Drucken Sie es und geben Sie das dafür übliche Honorar -in die hiesige Armenkasse. -- Sie werden überdies Nutzen genug davon -haben.« - -Herr Schmerz, vielleicht durch dies keineswegs gewöhnliche Benehmen -neugierig gemacht, oder auch, weil ihm das ganze Aeußere des Fremden eine -gewisse Ehrfurcht einflößte, scheute sich augenblicklich eine bestimmte -Antwort zu geben, und bat nur ihm das Manuscript bis morgen zu lassen, wo -er sich dann darüber zu entscheiden versprach. -- - -Zur verabredeten Stunde am nächsten Tag stellte sich der Fremde wieder ein -und bat um seine Antwort. Herr Schmerz machte indessen heute ein äußerst -bedenkliches Gesicht und blickte kopfschüttelnd und mit emporgezogenen -Augenbraunen auf das Manuscript herab, das er in der Hand hielt. - -»Ich komme um Ihre Entscheidung über den Druck meines Werkes zu hören,« -sagte der Fremde. - -»Ja sehen Sie -- bester Herr Schultze,« begann endlich der Buchhändler -nach kurzer Pause, -- »das ist so eine Sache mit dem Druck dieses Heftes. -Einestheils glaube ich -- aufrichtig gestanden -- gar nicht daß das -Buch etwas machen wird. Für ein rein wissenschaftliches Werk ist zu viel -Phantasie, -- für Phantasie zu viel Wissenschaftliches darin und dann -- -druckten wir es nicht äußerst splendid daß es über zwanzig Bogen gäbe, so -striche uns der Censor die ganze Geschichte. Sie halten sich ja gar nicht -ein Bischen an das Bestehende, werfen Alles über den Haufen, was nun doch -einmal da ist und reden von Sachen die über menschliche Begriffe fast -hinausgehen. Ich habe darin herumgeblättert -- etwas altväterischer Styl --- nun dergleichen ließe sich abändern -- aber -- das nehmen Sie mir nicht -übel -- ein Bischen zu prätentiös ist das Ganze auch noch geschrieben. Sie -reden da in einem fort: das muß _so_ sein und das _so_, hier thue _dies_ -und da thue _das_, die Wirkung wird dann im ersten Jahre _so_ im zweiten -_so_, und im dritten und den folgenden _so_ sein; die Behandlungsart von A -wirkt auf B und die Unterlassung würde sich für drei Jahre wieder _so_, und -für andere zehn wieder _so_ gestalten. Nein, das geht nicht, mein bester -Herr Schultze, damit kommen wir nicht mehr durch. Ja, in alten Zeiten, da -ließ man sich das gefallen, damals gehörte nur eine etwas dreiste Stirn -dazu, der Welt glauben zu machen was man wollte; aber jetzt gehen wir der -Sache tiefer auf den Grund.« - -»Ueberdies erlauben Sie sich auch über Politik und _besonders_ über -Religion Aeußerungen, die ich selbst nicht einmal unter dem Namen -_Schultze_ vertreten möchte. Am Ende brauchten wir ja gar keine Priester -und Prediger mehr; und dann die Beleuchtung Ihrer _socialen_ Verhältnisse --- nein, mein guter Herr Schultze: würde ich das Buch, das allerdings Geist -verräth, wirklich drucken, so glaubte uns erstlich kein Mensch ein Wort -von dem was drinnen steht; dann kämen wir wegen des einen Theils in die -schönste Kriminaluntersuchung und über den andern Theil fielen nachher die -Recensenten wie wahnsinnig her. Das Wenigste was sie sagten wäre, ich hätte -einen neuen hundertjährigen Kalender verlegt. Und wenn sie's dann nur noch -kauften -- wenn es noch _ginge_! Ich käme aber wahrhaftig nicht einmal auf -die Kosten, denn ein Leihbibliothekenbuch ist das _nicht_.« - -»Nein, allerdings nicht,« sagte der Fremde -- »aber verlegen Sie es nur; -ich garantire Ihnen daß Sie gute Geschäfte damit machen.« - -»Sie garantiren mir das? Welche Bürgschaft könnten Sie mir denn dafür -geben?« - -»Meinen Namen!« - -»Bester Herr _Schultze_!« rief Herr Schmerz. - -»Ja so!« sagte der liebe Gott -- »Sie wollen es also nicht? Sie weisen es -zurück?« - -»Ich bin Ihnen wirklich für das Vertrauen das Sie in mich gesetzt, ungemein -verpflichtet, aber ich habe jetzt in der That so viel Manuscript daliegen, --- eins drängt so das andere; -- mein Nachbar Beißig wird sich aber -sicherlich ein Vergnügen daraus machen, -- der hat überdies mehrere -landwirthschaftliche und wissenschaftliche Werke gebracht.« - -»Und Sie glauben daß Herr Beißig --« - -»Oh, ich bin es fest überzeugt; versuchen Sie es nur! -- Oh -- keine -Komplimente, bester Herr _Schultze_! -- _Jenes_ ist der Ausgang, wenn ich -bitten darf; _die_ Thüre hier führt in die Küche; -- habe die Ehre mich -gehorsam zu empfehlen!« - -Der liebe Gott fand sich gleich darauf, mit seinem in Maculatur -eingeschlagenen Manuskript, auf welchem mit großen Rothstiftbuchstaben »Hr. -Schultze« geschrieben stand, auf der Straße und blieb im ersten Augenblick -wirklich etwas überrascht stehen. _Das_ hatte er nicht erwartet! -- -Er wollte die Menschen glücklich machen und trifft dafür auf solche -Schwierigkeiten. Nun, Herr Beißig wird es auf jeden Fall nehmen! - -Aber siehe da -- auch hier schien es als ob er vergebens angeklopft habe; -neue Schwierigkeiten, neue Entschuldigungen. Wieder wurde er zu einem -Anderen geschickt und Nachmittags nahm er sich eine Droschke auf eine -Stunde, um schneller aus einer Verlagshandlung in die andere kommen zu -können. - -Volle sechs Tage hatte er so mit immer gleichem Erfolg auf dem Pflaster -gelegen, er beschloß also den siebenten zu ruhen und am nächsten Montag -die noch übrigen fünfundfunfzig Buchhändler aufzusuchen, um sich später -gar keine Vorwürfe machen zu dürfen. Da klopft es, als die Glocken eben zu -läuten begannen, leise an seine Thür. - -»Herein!« rief er, gerade nicht in der besten Laune. - -»Ich habe das Vergnügen mit Herrn Schultze zu sprechen?« - -»So nennt man mich hier!« - -»Ihren Paß, wenn ich bitten darf!« - -»Ich habe dem Wirth schon gesagt daß ich keinen bei mir führe.« - -»Dann muß ich Sie freilich bitten mir zu folgen!« - -»Aber, mein Herr --« - -»Ich bedauere recht sehr, -- aber Sie wissen -- meine Pflicht --« - -»Ich gehe auf keinen Fall mit Ihnen!« - -»Sie werden sich doch der Obrigkeit nicht widersetzen wollen?« - -Was wollte der liebe Gott jetzt machen? An dem ihm selbst geweihten Tage -Skandal anfangen? Das ging unmöglich; welch ein Beispiel hätte er dadurch -gegeben! Er setzte seinen Hut auf und folgte. - -Im Polizeibureau wurde er freilich mit der größten Artigkeit behandelt, -denn in seinem ganzen Wesen lag etwas so Edles, Ehrfurcht Einflößendes, das -ihm überall Freundlichkeit und Zuvorkommenheit sicherte; gegen die einmal -bestehenden Gesetze ließ sich aber, das wußte er ja aus eigener Erfahrung, -nichts thun -- einen Paß hatte er nicht -- der von ihm angegebene Ort woher -er stamme, »Himmelsburg in Engelland,« ließ sich auf keiner Karte Albions -entdecken und somit mußte ihm denn, wie sich das vorhersehen ließ, die -Weisung werden, binnen vierundzwanzig Stunden einen Paß zu schaffen oder -- -die Stadt zu verlassen. - -Jetzt bekam der liebe Gott die Sache aber auch satt. Blos der Menschen -wegen hatte er sich alle Diesem unterzogen und nun traten ihm aus jeder -Ecke neue Hindernisse entgegen. Zwar hätte er sich im Augenblick selbst -einen Paß herstellen können; durfte er aber das auf einen fremden Namen -thun? -- Das wäre wieder gegen seine eigenen Gesetze wie die der Menschen -gewesen. -- Nein, er sah jetzt ein daß es die Sterblichen gar nicht besser -verdienten; sie _wollten_ das Alles was sie drückte und quälte behalten --; -sie _wollten_ kein Licht haben, und wenn sie sich die Schädel an den Wänden -einstießen. So beschloß er denn in den Himmel zurückzukehren und das von -den Blinden verschmähte Werk im Feuer zu vernichten. - -Sein Wille war That. In lodernder Gluth verzehrte sich das göttliche -Manuscript, -- dieser allein Millionen werthe Autograph -- und jauchzend -wirbelten die boshaften Luft- und Feuergeister die Aschenatome in das -reine sonnige Blau des Firmaments, und spielten und tanzten damit im tollen -wilden Uebermuth hoch, hoch auf zu der endlosen Höhe. Der liebe Gott aber -schaute ihnen sinnend nach und murmelte endlich gutmüthig lächelnd vor sich -hin: - -»Das hätt' ich mir, wenn ich nicht allwissend wäre, allenfalls denken -können!« - -Dann in Licht zerfließend, stieg er wieder empor zu den reinen, göttlichen -Räumen des Lichts, zu dem Urquell des strahlendurchflutheten Alls. Rosige -Wolken drängten sich um ihn her, und hoben und trugen den Gott, Freude -glühend und Frieden leuchtend hinan -- hinan in das Aethermeer der -Unendlichkeit, in die kreisenden Sonnenwelten des ewigen Seins. - - - - -Der Deutsche und sein Kind. - -Aus dem Amerikanischen Leben. - - -Mit dem »gut gekupferten und schnellsegelnden Dreimaster _Rose Bertram_,« --- wie die Anzeige im Hamburger Börsenblatt gelautet -- das von dieser -Stadt aus am 15. April 1839 nach New-Orleans in den Vereinigten Staaten -von Nord-Amerika abging, war auch eine arme Familie, Vater, Mutter und -zwei Kinder ausgewandert, um in dem Land ihrer Hoffnungen und Träume das zu -finden, was ihnen die eigene Heimath nicht mehr im Stande war zu bieten -- -eine ruhige sorgenfreie Existenz, und eine gesicherte Zukunft. - -Die Reise lief ziemlich glücklich ab, denn sobald sie nur erst einmal den -englischen Canal hinter sich hatten und in ein südlicheres Klima kamen, -zeigte auch der Himmel eine fast ununterbrochene Reine, so daß sie, mit -einem ebenfalls ziemlich günstigen Wind, nach etwa achtwöchentlicher Fahrt, -die sieben Mündungen des Mississippi im Golf von Mexiko erreichten und -hier von dem Schleppboot _Herkules_, gegen die mächtige Strömung des -Riesenflusses an, der »_Königin des Südens_« zugeführt wurden, wie die -Republikaner ihre Hauptstadt New-Orleans nennen. - -Unser Deutscher, Hermann Schwabe aus Baiern, staunte aber nicht wenig, als -er in dem Amerika -- das er sich bis dahin fast nur als eine einzige große -Wildniß, _mit Farmen_, gedacht, eine Stadt fand, wie er sie in seinem -ganzen Leben noch nicht gesehen. Häusermassen dehnten sich ohne erkennbares -Ende am Ufer hin, das seinerseits wieder von einer ununterbrochenen Kette -aller Arten Fahrzeuge eingefaßt und umschlossen wurde, während dort wieder -Omnibus-Wägen und zahllose Güterkarren mit lebensgefährlicher Schnelle -ein wildes geschäftiges Menschengedränge zu durchschneiden und zu theilen -schienen. - -Trotz dieser Menschenmasse aber, fühlte er sich recht verlassen und allein --- kein einziges Gesicht war unter dem ganzen Schwarm der wogenden Menge, -das er gekannt -- keine Hand streckte sich ihm hier zum freundlichen -Willkommen entgegen und Alle gingen kalt und theilnahmlos an ihm vorüber. -Es machte einen recht wehmüthigen Eindruck auf ihn, einen Eindruck, der -nicht beschrieben werden kann, der gefühlt sein will, und obgleich ihn das -Drängen und Treiben der südlichen Stadt gar sehr ansprach, und Alles was -ihn hier umgab, neu, fremdartig und deshalb interessant war, so eilte er -doch soviel als möglich, wieder fortzukommen, und den Ort zu erreichen, -wo er Freunde zu finden hoffte, ja wo er seine Verwandte wohnen hatte, auf -deren Briefe er all sein kleines Eigenthum in Europa verkaufte, um mit dem -daraus gelösten Geld einzig und allein die Ueberfahrt zu bezahlen. - -Dieser Verwandte, ein weitläufiger Vetter von ihm, wohnte in Cincinnati am -Ohio, und Schwabe mußte jetzt vor allen Dingen ein Dampfboot finden, das -ihn, den Mississippi und Ohio hinauf, seinem neuen Ziele entgegen führte. -Das war aber nicht schwer -- in dieser Jahreszeit, vor dem Eintreffen des -gelben Fiebers, laufen fast an jedem Tage fünf bis sechs Boote stromauf -und zwei oder drei von diesen sind dabei gewiß für den Ohio bestimmt: bald -hatte er denn auch -- wenn gleich unter nicht geringen Schwierigkeiten, da -er kein Wort Englisch verstand -- seiner und der Seinigen Passage akkordirt -und noch an dem nämlichen Nachmittag glitten die Auswanderer auf dem -keuchenden mächtigen Boot stromauf, gegen die gelbe unheimliche rasch -dahinströmende Fluth des »Vaters der Wasser« an. - -Zwischen reizenden Plantagen schossen sie hin, deren graue Schindeldächer -gar freundlich zwischen dichten, schattigen Orangenhainen und Granatbüschen -hervorschimmerten, an breiten gewaltigen Zucker- und Baumwollenfeldern -vorüber, wo unglückliche Sklavenschaaren den sengenden Strahlen der Sonne -ausgesetzt und von Peitschenbewehrten Aufsehern überwacht, ihre lange -Tagesarbeit verrichten. - -Als sie weiter hinauf kamen, nahmen aber die offenen Plantagen mehr und -mehr ab -- der Wald, der bis dahin wohl mehre englische Meilen weit -durch die urbar gemachten Felder zurückgedrängt wurde, näherte sich immer -auffallender dem Ufer, und endlich, nach einzelnen waldigen Strecken -besonders an der linken Seite, drängte er sich ganz dem Rande des -Mississippi zu, und das graue wehende Moos hing in langen düstern Streifen -von den weitgespreitzten Aesten herunter und schwankte und schaukelte in -dem scharfen, stromaufstreichenden Luftzug. Aber auch dieses nahm nach und -nach ab -- flaches monotones Sumpfland, von riesigen Bäumen bestanden und -nur hie und da von einem kleinen Städtchen oder einzeln liegenden Holzhaus -unterbrochen, bildete die Scenerie beider Seiten des Flusses, bis endlich -oben, von der Mündung des Ohio an, ihre Umgebung einen ganz anderen -Charakter bekam und jetzt mit Hügeln und Bergen das klarere Wasser des -»schönen Stroms« einschließend, die an Bord befindlichen Deutschen -fast wieder in ihre Heimath, an die Gestade des vaterländischen Rheins -zurückversetzten. - -Schnell glitten sie an den reizenden Ufern vorüber; passirten vor -Louisville -- um die Stromschnellen zu umgehen, den durch Fels gehauenen -Canal, und kamen am achten Tage nach ihrer Abfahrt, Nachmittags vier Uhr, -in Cincinnati an. - -Auch hier umgab sie wieder ein lebendiges, reges Treiben. Viele stattliche -Dampfboote lagen an der Landung und schnelle Fährboote, mit kleinen -rasch puffenden Maschinen glitten zwischen Newport und Covington an der -Kentuckyseite und Cincinnati im Ohio hin und wieder. -- Unmassen von Gütern -lagen am Ufer aufgehäuft und die Mannschaften der verschiedenen Boote waren -gar eifrig beschäftigt, die Fracht aus- oder einzuladen und ihre eigenen -Fahrzeuge wieder in Stand zu setzen zu neuer Reise. - -Der Deutsche konnte sich übrigens, so interessant ihm das auch zu -jeder andern Zeit gewesen wäre, nicht lange bei der Betrachtung des ihn -Umgebenden aufhalten, denn der Abend rückte heran und es mußte noch vorher -für ein Obdach auf die Nacht gesorgt werden. Jetzt galt es daher vor allen -Dingen, die Wohnung seines Verwandten zu finden, und dessen Adresse stand -deutlich genug in dem erhaltenen Briefe angegeben. - -»Fürchtegott Wagner, Kaffeehaus zur Stadt München, nordöstliche Ecke der -siebenten und Sycamorestraße Nr. 41 Cincinnati Ohio.« - -Das war nicht zu fehlen -- der Brief hatte ihm überhaupt auf dem ganzen Weg -zum Leitstern gedient, und er überflog auch jetzt noch einmal mit stiller -Zufriedenheit die Zeilen. - -»Komm nur nach Amerika,« stand darin, »Du glaubst gar nicht, wie schnell -und geschwind es ein armer Teufel hier zu was bringen kann. Du weißt doch, -daß ich fast mit gar Nichts von zu Hause wegging, und jetzt habe ich in -Cincinnati, eine der größten Städte in ganz Amerika, ein Kaffeehaus, das -sie hier =coffeehouse= nennen, alle Tage dreimal Fleisch, und bin -mein eigener Herr. Und wie lange hat's gedauert, bis ich mir das Alles -erarbeiten konnte -- anderthalb Jahr -- so lange hab' ich auf der Eisenbahn -geschafft, mit 16 Dollar die Woche Lohn, und jetzt sitze ich ganz bequem in -Cincinnati und thue gar nichts mehr.« - -Wetter noch einmal, schon ein Kaffeehaus! dachte Schwabe, was muß der -Mensch für ein Glück gehabt haben -- wie lange müßte man sich da in -Deutschland schinden und quälen, daß man nur erst eine _Concession_ kriegt --- Gott sei Dank, daß ich in Amerika bin, jetzt arbeite ich auch ein paar -Jahre an der Eisenbahn, und dann mache ich's grade so. -- - -Mit dieser löblichen Ansicht war er vom Boot heruntergegangen, um einen -Karrenführer zu finden, der ihm sein Gepäck an Ort und Stelle schaffen -konnte; denn er beabsichtigte, bei seinem Vetter abzusteigen, da in einem -Kaffeehause doch auch Raum für sie und ihre paar Kasten sein würde. Es bot -sich ihm auch bald, und zwar ein Deutscher, an, der ihn leicht nach seiner -ganzen Tracht und Manier für einen Landsmann erkannt hatte, lud seine -Siebensachen auf, und während Schwabe mit seinem Jungen und seiner Frau, -die das kleine Mädchen auf dem Arme trug, neben der sogenannten »Dray« -hergingen, schlenderten sie langsam die berganlaufende Sycamorestraße, die -neben der Mainstreet der Dampfbootlandung zumündete, hinauf. Schwabe, der -sich natürlich nicht mit der als nordost bezeichneten Lage vertraut machen -konnte, hatte auch schon von weitem, als sie nach und nach die vierte, -fünfte und sechste Straße hinter sich gelassen, ein großes stattlich -aussehendes Backsteinhaus im Auge, das ihm am ehesten dem Begriffe -gleichzukommen schien, den er sich bis dahin im Geiste von einem -amerikanischen Kaffeehause gemacht. Es konnte auch fast kein anderes -Gebäude von den vier Eckhäusern sein, denn zwei von diesen waren Kaufläden -und das dritte -- Heiliger Gott -- an dem kleinen, weißangestrichenen -Breterverschlag klebte ein großes schwarzes Schild, auf dem mit weißen -Buchstaben -- wachte er denn oder träumte er? -- - - _=Coffeehouse= zur Stadt München_ - -stand. Die Buchstaben selber ließen gar keinen Zweifel -- das halb -Englische halb Deutsche gehörte einem Landsmann an und diese _Breterbude_ -war -- das erwartete Asyl. - -»Ist denn das hier das ganze Kaffeehaus?« -- stammelte er fast -unwillkürlich und ergriff den Arm des Karrenführers, als ob er durch das -Aufhalten der Fracht auch sein Geschick verzögern könne. -- - -»Es trifft« -- meinte der Andere trocken, und schien in dem Aeußeren des -Gebäudes gar nichts Außerordentliches zu finden, -- »hier ist der Ort --- der Gentleman wird wohl zu Hause sein!« und mit dieser lakonischen -Bemerkung ließ er die lange Peitsche um des Pferdes Ohren sausen, das, -theils hierdurch, theils durch das gleich darauf ausgestoßene Tschü --- Tschü -- wo -- ah! vor die fragliche Thüre einlenkte und mit einem -plötzlichen Ruck dort Halt machte. - -»Fremder Besuch!« rief der Draymann dann, und stieß die kleine niedere -Pforte auf -- »sollen die Sachen hier hereingeschafft werden?« - -Schwabe stand noch immer, kaum eines Entschlusses fähig, auf der Straße und -konnte die Augen nicht wegwenden von dem schwarzen Schild: =Coffeehouse= --- das also war ein amerikanisches Kaffeehaus. Die Mutter drückte ihr -Kind leise an sich, und es mochte ihr jetzt vielleicht zum ersten Mal eine -Ahnung von dem dämmern, was aus ihren, bis dahin wild aufgebauten Plänen -wohl etwa werden könne. In der Thür des _Kaffeehauses_ erschien in diesem -Augenblick Niemand anders, als der wirkliche Schreiber des so folgeschweren -Briefes, und anstatt nun, -- wie es Schwabe, seit er das wirkliche -Kaffeehaus gesehen, gar nicht anders erwartet hatte -- bestürzt und -vernichtet dazustehn und vor Schaam jeden beliebigen Moment bereit zu sein -in die Erde zu sinken, erkannte er kaum die Deutschen, als er ihnen froh -erstaunt die Hände entgegenstreckte, dem Mann dann um den Hals fiel und ihn -und seine Frau herzlich willkommen hieß. Schwaben blieb denn auch jetzt gar -keine Zeit, weder seine Verwunderung noch seine Bestürzung auszudrücken, -er sah sich nur gleich darauf mit Sack und Pack in das kleine enge Gemach -hineingedrängt und hier auch noch so mit Fragen und Erkundigungen über -die alte Heimath bestürmt, daß er endlich nur froh war, als er erst wieder -einmal frei und ungehindert aufathmen konnte. Dann aber versäumte er auch -weiter keine Zeit, in dem unansehnlichen Raum, der sie umgab, umher zu -schauen, und die natürlichste Frage, die sich ihm jetzt aus vollster Seele -auf die Lippe drängte war -- - -»Und das nennst Du ein Kaffeehaus?« - -»Jawohl,« sagte der schon etwas amerikanisirte Vetter ganz unbefangen -- -»das ist hier so Sitte -- wo der liebe Gott nur den Arm herausstreckt, -da wird's gleich _Kaffeehaus_ getauft, und wenn auch ein paar Gläser und -Flaschen mit Doppelkümmel, Brandy und Whiskey hinter der Baar stehn -- -gerade wie's bei mir der Fall ist, denn ich habe auch nichts weiter. Das -laßt Euch aber nicht kümmern, und daß Ihr große Rosinen im Topf gehabt, -geht anderen Leuten auch nicht besser -- damit kommen sie Alle von -Deutschland herüber. Jetzt heißt's nun fleißig geschafft und gearbeitet, -und die Hände gerührt, nachher macht sich das Uebrige von selbst.« - -Wagner, der Kaffeewirth hatte ganz recht -- es sieht Manches in Amerika, -von Deutschland aus betrachtet, wie ein Kaffeehaus aus, und kommen wir -nachher hin, so schreien wir -- »Ach du lieber Gott -- das sind ja lauter -Lügen und Erfindungen -- das waren Prahlereien und Märchen, das ist ja -gar kein Kaffeehaus, das ist ja nur eine gewöhnliche Breterbude!« Für den -Augenblick, und nach _unseren_ Ansichten haben wir auch allerdings recht, -sobald wir aber nur erst einmal dort eingerichtet sind, und den alten -deutschen Staub aus den Augen geschüttelt haben, dann sehen wir die Sache -von einer ganz anderen Seite an, und finden nun plötzlich, daß es doch -wirklich ein Kaffeehaus ist, oder daß wir's wenigstens _dazu machen dürfen -und können_, wenn wir nur den recht festen und kräftigen Willen haben, es -auszuführen. Dann sehen wir ein, daß uns dort nicht, wie hier, die Hände -gebunden sind zu freier That und lernen uns gern und freudig in das fügen, -was uns im Anfang, als die Kruste und äußere Schale des Ganzen so herb und -bitter, so hart und unverdaulich geschienen. - -Es ist das aber nicht allein mit den Kaffeehäusern so, nein fast -durchgängig mit all' den dortigen Verhältnissen und Einrichtungen; -gewöhnlich werden _übertriebene_ Berichte hierher geschickt, oder wenn auch -nicht einmal übertriebene, doch wenigstens so gestellte, daß sie, wenn sie -auch vielleicht _buchstäblich_ wahr sind, der Einbildungskraft einen zu -freien Spielraum, alles Gute und Vorzügliche ahnen lassen und die Fehler -und Mängel dabei nicht andeuten. Der Deutsche und besonders der, in dessen -Kopf die Auswanderung schon wirklich spukt, ist dann nur zu gern -geneigt, sich Alles das was er hört, in den schönsten, buntesten Farben -auszuschmücken und zu putzen und kommt er dann an Ort und Stelle und findet -das Alles, was er sich vielleicht nur selbst hinzugedacht, nicht wirklich -realisirt -- was beiläufig gesagt, _nie_ geschieht -- so wird er muthlos -und macht sich selbst und denen, die solche Berichte geschrieben, die -bittersten Vorwürfe. Es ist schon gefährlich genug, wenn man die dort -bevorstehenden Unannehmlichkeiten nur erwähnt, und nicht recht besonders -heraushebt, denn in dem Falle springt der Lesende ebenfalls leicht darüber -hin, und denkt -- a bah, das sind Kleinigkeiten, die sich schon geben -werden -- sind auch vielleicht nicht einmal so schlimm wie man sich's hier -denkt. - -Deßhalb sollten es sich die, welche Berichte über Auswanderungen -schreiben, zur besonderen Pflicht machen, Alles -- auch das Kleinste und -Unbedeutendste, was sie zum Nachtheil des sonst gepriesenen Landes wissen, -nicht allein anzuführen, sondern sogar hervorzuheben, und lieber in -dieser Hinsicht etwas übertreiben als zu wenig thun; die Phantasie der -Auswanderungslustigen glättet doch die rauhen Kanten ab. Der Europäer -wird dann nicht, oft gleich bei seinem ersten landen, zurückgeschreckt -und gerade zu einer Zeit muthlos gemacht, wo er aller seiner Energie -und Festigkeit am meisten bedarf. Das aber, weshalb Manche den Tadel -verschweigen, weil sie wissen, daß alles dieß doch immer eigentlich nur -Unannehmlichkeiten und keine wirklichen Fehler sind, sollte sie gerade im -Gegentheil antreiben, ihn auszusprechen, denn Amerika bietet dem deutschen -Auswanderer solche ungeheuere Vortheile, daß man getrost Alles das nennen -und aufführen kann, was dem Land oder den Sitten jenes Welttheils zum -Nachtheil gereicht, ohne befürchten zu müssen, den Ackerbauer, den -eigentlichen Mann für Amerika, dadurch zu schrecken. -- Bleiben nachher die -geschniegelten und gebügelten Herrchen drüben in Europa, weil sie tausend -Bequemlichkeiten nicht haben können, tausend Genüsse -- was nämlich für sie -Genüsse sind, entbehren, ei, so ist das auch nur wieder ein Vortheil -für Amerika, denn derlei Gesellen, mit parfümirten Taschentüchern und -wohlfrisirten Locken brauchen sie drüben nicht, die mögen hier ausharren, -bis sie später einmal, mit dem alten Schlendrian selbst, zu Grunde gehn. - -Doch ich komme ganz von meiner, dahin keineswegs hinauszielenden Erzählung -ab und will lieber wieder so schnell als möglich in's »Kaffeehaus zur Stadt -München« zurückkehren. - -Hier saßen indessen die Deutschen ganz gemüthlich -- nicht etwa bei einer -Tasse Kaffee, denn der war nur Morgens zum Frühstück zu bekommen, sondern -bei einem guten Glas Cincinnati-Bier zusammen und plauderten und besprachen -ihre gegenseitigen Aussichten. - -Wagner hatte allerdings in Allem, was er seinem Vetter geschrieben recht -gehabt; durch eigener Hände Arbeit wußte er sich ein kleines Capital zu -verdienen und that damit, was in allen Städten Amerikas, besonders aber in -Cincinnati, die Deutschen nur zu oft thun, er errichtete einen Schenkstand --- was dort nun einmal ohne seine Schuld _Kaffeehaus_ genannt wird. Wohl -war der Verdienst jetzt, der ungeheueren Concurrenz wegen, nicht mehr so -besonders wie früher, er hatte aber doch zu leben, und konnte sogar, da -er gerade auf seine eigene Bequemlichkeit sehr wenig verwandte, immer noch -jährlich eine Kleinigkeit zurücklegen. - -Was nun seine jetzige Wohnung betraf, die so beschränkt war, daß sie die -ersten Nächte alle mit einander in einem Zimmer schlafen mußten, so dachte -er gerade daran, ein größeres Lokal zu nehmen, wie auch sein Geschäft etwas -mehr auszudehnen, und bot nun Schwaben und seiner Frau an, die erste Zeit -bei ihm zu bleiben und ihm im Haus und im Geschäft bei allen vorkommenden -Arbeiten mitzuhelfen. Dafür sollten sie Kost und Logis, und auch noch einen -kleinen, freilich unbedeutenden Lohn erhalten. Wagner hatte darin aber auch -ganz recht, daß sie nicht gleich hoffen dürften von vorn herein viel zu -verdienen, denn sie begännen jetzt eine ganz neue Lauf- und Lebensbahn, -und darin müsse nun Jeder einmal, es möge sein wer es wolle, sein Lehrgeld -bezahlen. - -Schwabe, der sich nach dem ersten traurigen Anblick des Hauses die Sache -weit schlimmer gedacht, als sie sich wirklich jetzt herausstellte, war gern -damit einverstanden und schon in den nächsten Tagen, wo ein Tischler kam -und den Boden etwas mehr erweiterte, da Wagner seine Wohnung in dem dicht -danebenliegenden Haus zu nehmen gedachte, begannen die verschiedenen, bei -solchem Ausräumen nicht zu vermeidenden Arbeiten, denen sich auch beide -Gatten mit gutem Willen unterzogen, und dadurch mit ihren Verwandten im -besten Einverständniß blieben. - - * * * * * - -So vergingen wohl sechs Monate und nichts trübte die Freundschaft und das -gute Vernehmen der Verwandten; das rege Schaffen und Treiben ließ ihnen -keine Zeit, auf irgend etwas anderes als ihre Geschäfte zu denken; gar -verschieden gestaltete sich die Sache aber, als der neue Schenkladen erst -einmal ordentlich hergerichtet worden, und nun das gleichförmige ruhige -Leben wieder begann, bei dem sich keineswegs soviel Arbeit herausstellte, -Alle nun gleichmäßig beschäftigen zu können. Jetzt fielen zuerst, und zwar -besonders zwischen den beiden Frauen kleine unangenehme Scenen vor und -einzelne bittere Worte wurden gewechselt. Im Anfang ging man jedoch noch -leicht darüber hin, eine Versöhnung ward entweder gar nicht für nöthig -gehalten oder doch bald zu Stande gebracht, und der Gedanke auch, daß sie -ihren Verwandten doch eigentlich manches verdankten, was sie suchen mußten -wieder gut zu machen, hielt Schwaben's noch manche Woche in einer Stellung, -die vielleicht weniger drückend für sie gewesen wäre, hätten sie sich nicht -immer sagen müssen: »das sind Verwandte, und spielen jetzt die Herren, -während wir die Knechte machen sollen.« - -Schwabe bekleidete nämlich, während der, seinen Leichnam jetzt auf das -Beste pflegende Wagner ruhig in den Ecken herumsaß und sein eigenes Bier -trank, die Ausschenkerstelle, und war somit ein förmlicher »=Barkeeber=« -geworden, die Frau aber, die auch noch nebenbei ihr zweijähriges Kind zu -besorgen hatte, mußte waschen und bügeln, nähen und stricken, ausbessern -und alle nur möglichen übrigen häuslichen Arbeiten verrichten, indeß -_Missis_ Wagner, wie sie sich nur zu gern nennen hörte, nur selten mit -angriff und, was ihrer Base das peinlichste war, auch schon manchmal begann -statt des früheren freundlichen Tones, das ganze Wesen einer Gebieterin -anzunehmen. - -Schwaben's wären schon lange fortgezogen und hätten ihr Glück allein, in -dem weiten fremden Lande gesucht; es kommen ja so Viele glücklich durch, -warum sollte es ihnen nicht ebenfalls gelingen? Eines nur hielt sie bis -dahin noch immer von einem solchen Schritt zurück und bannte sie an die -Stelle, wo sie anfingen, sich recht unbehaglich zu fühlen -- ihr Kind --- die kleine zweijährige _Louise_ und die Zuneigung die _Wagners_ Frau -wirklich zu der Kleinen zu haben schien. Sie behandelte sie fast ganz -wie ihr eigenes Kind, und die Mutter glaubte da schon manches ertragen -zu müssen, wo es der armen Kleinen ja wieder zu Gute kam. Carl, ihr -zehnjähriger Knabe machte ihnen weit weniger Sorge; der griff schon -ordentlich mit zu, verdiente sich das Brod, das er aß, durch dausend kleine -leichte Arbeiten die er verrichtete, oder Wege die er lief, und wäre ihnen -auch, so sie wirklich selbstständig in das Leben hinaustraten, gewiß nicht -zur Last geworden. - -Auf solche Art waren sie etwa ein volles Jahr in dem Hause gewesen, das -jetzt, da sich des Eigenthümers Geschäfte verbesserten, auch seinerseits -einen etwas vornehmeren Titel annahm, und aus der einfachen »Stadt München« -zu einem »=city of München=« avancirte. Aber gerade mit diesem zunehmenden -Wohlstand wich auch der Friede immer mehr, der besonders in den letzten -Monaten schon so schwankend und zweifelhaft geworden. Wagner's selbst -mochten das fühlen und es konnte ihnen dabei auch nicht verborgen bleiben, -was es eigentlich noch sei, das sie in der, ihnen peinlich werdenden Lage -zurückhielt, und _Missis_ Wagner hatte endlich wenig genug Takt, ihrer Base -auf halbem Wege entgegenzukommen. Sie bot dieser nämlich eines Morgens an, -ihr kleines Töchterchen, da sie selbst kinderlos sei, für sie aufzuziehn -- -heißt das natürlich, wenn Schwaben's überhaupt einmal fortziehen sollten -- -und so lange an Kindesstatt zu behalten, bis sie in bessere Umstände, -und vielleicht zu eigener Selbstständigkeit gelangt, im Stande wären, sie -wieder abzuholen. - -Zwar konnte sich die Mutter nicht gleich dazu entschließen, das Kind, -wenn auch wohl versorgt, doch gewissermaßen unter fremden Menschen -zurückzulassen, endlich aber siegten die äußeren, keineswegs günstigen -Umstände. Schwabe sprach mit seinem Vetter offen über das, was ihn drücke -und hemme, dieser gab sich keine besondere Mühe ihn zurückzuhalten, und -nach acht Tagen schon fuhren sie, vorher einen sehr wehmüthigen Abschied -von dem Kinde nehmend, und dieses der Sorge seiner neuen Pflegeeltern auf -das dringendste und wärmste an's Herz legend, auf dem Dampfboot »General -Harrison«, den Ohio stromab, und dem Staate Louisiana zu, wo ihnen, von -einem Deutschen, der sich kürzlich einige Zeit in Cincinnati aufgehalten, -günstige Anerbieten gemacht waren. - -Viele Jahre hindurch standen die Sachen, wie wir sie im letzten Abschnitt -verließen. Schwabe fand in St. Francisville, einem kleinen Städtchen unfern -vom Mississippi, der Ansiedlung von =Pointe coupée= gegenüber, gute und -lohnende Arbeit; sein Sohn wuchs zu einem kräftigen Burschen heran, der ihn -bald gar wacker unterstützen konnte, und durch die sparsame Sorglichkeit -der Frau sah er, wie sich seine Lage mehr und mehr verbesserte und er -zuletzt sogar darauf denken konnte, selber etwas anzufangen, um, ohne -gerade immer zu arbeiten, durch die Welt zu kommen. - -Seines Vetters Beispiel in Cincinnati mochte viel dazu beitragen ihn auf -solche Gedanken zu bringen; die Zeiten schienen ebenfalls günstig, -- -Kaffeehäuser gab es in St. Francisville nur sehr wenige und so säumte er -dann auch nicht lange und schaute bald darauf, wenn er auf der andern -Seite der Straße an seinem eigenen kleinen Haus vorüber ging, mit ganz -absonderlichem Vergnügen nach dem großen blauen Schild hinüber, das mit -goldenen Buchstaben verkündete, wie _Hermann Schwabe_ hier, nicht allein -ein _Kaffeehaus_, sondern auch »kalte und warme Getränke, frische gebackene -und marinirte Austern, Pfefferkuchen und Fleischpasteten,« und überdieß -noch ein »Lager von ächten, in Boston verfertigten Schuhen und Stiefeln und -Penitentiery Filzhüten« halte. - -Was er mit eigener Hände Arbeit, und zwar mit harter, schwerer Arbeit -begonnen, führte er mit Hülfe einer vorsichtigen aber richtigen Speculation -weiter, und galt nach gar nicht so langer Zeit, für einen wenn auch nicht -reichen, doch sicherlich wohlhabenden Bürger des kleinen Städtchens. - -Jetzt erwachte aber auch in den Eltern der bis dahin oft gewaltsam -unterdrückte Wunsch, ihr Kind, ihre kleine Louise wieder zu sich zu nehmen, -von der sie nun schon eine entsetzlich lange Zeit nicht einmal etwas -erfahren hatten. - -Das Briefschreiben gehörte nämlich zu einer von Schwabes schwachen Seiten, -er fällte lieber einen vier Fuß im Durchmesser haltenden Baum, als daß er -eine einzige Seite bekritzelte; immer war es daher sein Entschluß gewesen, -lieber gleich hinauf nach Cincinnati zu reisen und die Tochter dort selber -abzuholen; dringende Geschäfte, wie eine plötzliche Krankheit seiner -Frau, nöthigten ihn aber endlich, entweder seine beabsichtigte Reise noch -aufzuschieben, oder wirklich zu schreiben. Wie aber war das Kind, unter -lauter fremden Leuten glücklich nach St. Francisville zu bringen? -- -Durfte man wagen, es Einem der tollkühnen Dampfboots-Capitäne zu übergeben? -Amerikanische Eltern hätten das augenblicklich gethan, aber die Deutschen -waren zu ängstlich, und Schwabe fürchtete schon, er würde den so lange -genährten Wunsch noch länger müssen unbefriedigt lassen, als sich ihm ganz -unvermuthet ein treffliches Auskunftsmittel bot, das er und seine Frau auch -mit dankbarer Freude ergriffen. - -Ein junger Deutscher aus dem kaum eine Viertelstunde entfernten Bayou -Sarah, reiste zufälliger Weise gerade in dieser Zeit nach Cincinnati, -um dort indeß von Deutschland gekommene Verwandte zu treffen und nach -Louisiana mit zu nehmen. Eine bessere Gelegenheit, Louise ihren Eltern -wieder zuzuführen, ließ sich kaum denken; Schwabe setzte sich denn auch -augenblicklich hin und brachte endlich mit vieler Noth und Mühe einen -ziemlich ausführlichen Brief zu Stande, in welchem er seinen Vetter mit den -eigenen, bis dahin erlebten Schicksalen bekannt machte, ihm für die treue -Wahrung seines Kindes dankte, und ihn bat, dasselbe durch den Ueberbringer -dieses, einen wackern, jungen Mann aus seiner Gegend und guten Freund von -ihm selber, den sich herzlich nach ihm sehnenden Eltern zurückzuschicken. - -Welbauer, wie der junge Mann hieß, ging mit dem nächsten, noch an demselben -Abende in Bayou Sarah anlangenden Boot stromauf, und Schwabe erwartete -nun in freudiger Ungeduld die Ankunft der, seit dreizehn Jahren von -ihnen getrennten Tochter, denn so lange war es schon, daß sie Cincinnati -verlassen und sich in Louisiana zuerst aufgehalten und später angesiedelt -hatten. Vor dem Ablauf von wenigstens drei Wochen konnte Welbauer aber kaum -wieder zurück sein, denn die Entfernung zu Wasser, zwischen Bayou Sarah und -Cincinnati beträgt 1350 englische Meilen; die Eltern benutzten aber -diese Zeit, ein kleines, freundliches Stübchen für das erwartete Kind -herzurichten, damit es sich gleich vom Anfange an recht wohnlich und -zufrieden im elterlichen Hause fühlen möge und schafften All und Jedes -herbei, womit sie nur glauben durften, dem lieben, so lange elternlos -gewesenen Kinde, eine Freude zu machen. - -Die bestimmte Zeit war endlich verstrichen, Welbauer aber noch immer nicht -zurückgekehrt; ja, noch eine vierte Woche verging sogar, ohne daß weder -ein Brief noch eine andere Nachricht von dem so sehnlich Erwarteten -eingetroffen wäre. Schwabe, der bis jetzt seine Frau immer nur gebeten -hatte, Geduld zu haben, da man ja gar nicht wissen könne, was die Rückkehr -des jungen Mannes vielleicht verzögert hätte, fing nun selber an, ängstlich -zu werden, und lief des Tages zwei oder dreimal nach Bayou Sarah hinunter, -um zu hören, was für Boote angekommen wären, und welche man, und woher man -sie erwartete. - -Endlich, in der fünften Woche traf der so heiß Ersehnte mit der »Diana« -wieder ein, aber -- Schwabe erschrack, als er ihn erblickte und wurde -todtenbleich -- _allein_ war er -- das Kind war nicht bei ihm und der -zitternde Vater fürchtete schon das Schlimmste. Das, was ihm im Anfange das -Herz mit so unendlichem Weh durchzuckt, erwies sich jedoch als unbegründet. -Welbauer beruhigte ihn bald über das Befinden und Wohlergehen seiner -Tochter -- er hatte das junge Mädchen gesund und heiter angetroffen, -sie war gar rasch in die Höhe geschossen, und sollte kräftig und blühend -aussehen -- das Uebrige aber verkündete ein Brief, den er -- statt dem -Kinde -- als Antwort mitbrachte. - -Schwabe ahnte jetzt fast, was das Schreiben enthielt -- in letzter Zeit, -als die Erwarteten immer und immer nicht kommen wollten, waren ihm so -allerlei trübe und häßliche Gedanken durch den Sinn gefahren, die er sich -ordentlich gefürchtet hatte seiner Frau mitzutheilen, weil er sie doch -nicht mit nur bloßen vielleicht sogar unbegründeten Vermuthungen ängstigen -wollte. Rasch erbrach er jetzt den Brief und sah hier seine schlimmen -Besorgnisse bestätigt. Das Schreiben lautete also: - - »Lieber Freund und Vetter« -- - -»Recht sehr hat es mich gefreut zu hören, daß es Dir wohl geht und Du Dir -durch Arbeit und Sparsamkeit, wodurch man in Amerika nur allein zu etwas -kommen kann, ein kleines Vermögen erworben hast. Uns geht es auch hier -recht gut, und viel besser als damals, wo Du mich zuerst in dem kleinen -Häuschen an der Ecke der Sykamore-Straße aufsuchtest. Ich bin jetzt auf dem -Mittelmarkt -- Du weißt ja schon, in der fünften Straße -- gezogen, habe -ein gutes Boardinghaus[9] errichtet, und mache sehr gute Geschäfte, habe -aber auch sehr viel zu thun, und weiß kaum wie ich fertig werden soll.« - - [9]: Ein Kosthaus, oder eine untergeordnete Art von Hotel. - -»Was nun Deine Tochter Louise anbetrifft, so ist die recht gewachsen, -und ein braves gutes Mädchen geworden, meine Frau hat sich aber so an sie -gewöhnt, daß sie gar nicht daran denken kann, sich von ihr zu trennen. Seid -deshalb auch nicht böse, daß ich Euch Euren Wunsch nicht erfülle und sie -mitschicke. Eigentlich kannst Du es uns auch gar nicht verdenken. Sieh, -wir haben bis jetzt blos die Noth und Sorge mit dem kleinen Kind gehabt und -sollen es jetzt, da es groß geworden ist und anfängt, uns für alle die Mühe -und Auslage zu belohnen, wieder herausgeben. Meine Frau hält es dabei wie -ihre eigene Tochter. Wir lassen es noch immer in die Schule gehen und geben -ihm eine ganz gute Erziehung. Was willst Du mehr? Aber trennen möchte -sich meine Frau nicht wieder von dem Kinde und wir bitten Dich daher recht -dringend es uns zu lassen.« - -»Mit dem Wunsche, daß es Euch in St. Francisville Allen gut geht und Ihr -manchmal unser gedenkt, unterschreibe ich mich als Dein - - Dir treu ergebener Freund und Vetter - - _Fürchtegott Wagner_.« - - Mittelmarkt -- nordwestliche Ecke von Walnut street. - -_Nachschrift._ »Louise läßt schönstens grüßen und Euch Allen Glück und -Gesundheit wünschen. Was kostet denn bei Euch die Butter -- hier ist sie -gestern auf zwei Bit gestiegen, das Schweinefleisch ist aber dafür noch -billiger geworden als wie damals, wie Du hier warst. - - _Dein Vetter._« - -Der Brief war verworren, der Inhalt desselben aber doch auch wieder einfach -und deutlich genug, und Schwabe ging wohl eine halbe Stunde lang, wie vor -dem Kopf geschlagen, an der Dampfbootlandung hin und her. -- Sollte er -_das_ was hier mit klaren dürren Worten in dem Brief stand, seiner Frau -mittheilen? -- Aber wie konnte er es ihr auch verheimlichen, hätte sie am -Ende nicht gar geglaubt es wäre ihrem Kinde irgend ein Unglück zugestoßen? -_Der Verdacht_ übrigens, den er gegen Wagner hegte, wurde von Welbauer noch -bestätigt. - -Dieser hatte sich nämlich, da er den Eltern doch versprochen, das Kind zu -bringen und nun dort, wo er es am wenigsten vermuthete, so unverhofften -Widerstand gefunden, nach den Verhältnissen und dem ganzen Leben und -Treiben jener Leute genauer und näher erkundigt. Hier erfuhr er nun, -daß sie allerdings die angenommene Tochter im Hause selbst sehr gut -behandelten, aber keineswegs so viel in die Schule schickten, als Jener -hier in dem Brief geschrieben; im Gegentheil mußte das arme Mädchen, wenn -es auch keine schwere Arbeit zu thun hatte, von Morgens früh bis spät -Abends auf dem Platze sein, während sich Missis Wagner fast ganz und gar -von jeder Arbeit zurückgezogen habe, und nur allein die Dame spiele. -Louise war ihnen dabei durch ihren unausgesetzten Fleiß von ungemeinem, -ja unbezahlbarem Nutzen. Gaben sie das Mädchen heraus, so mußten sie -jedenfalls eine fremde Haushälterin annehmen und diese nicht allein mit -theuerem Gelde bezahlen, sondern ihr auch -- etwas besonderes Gefährliches -in Amerika, wo die Leute oft, Gott weiß woher, geschneit kommen -- Alles -und Jedes im Hause anvertrauen. Bei Louisen dagegen, die sich ihrer eigenen -Mutter kaum noch erinnerte, ihren Pflegeeltern aber mit aller Liebe einer -wirklichen Tochter anhing, hatten sie das Eine nicht nöthig, das Andere -nicht zu fürchten, und es ließ sich daher voraussehen, wie sie unter -diesen Umständen gewiß Alles thun würden, was in ihren Kräften stand, die -Pflegetochter den vollen Ablauf der gesetzlichen Frist, also bis zu deren -einundzwanzigstem Jahr bei sich zu behalten. - -Gerichtlich konnte Schwabe, wie Wagner ebenfalls gut genug wußte, keine -Schritte mit nur irgend einer Aussicht auf Erfolg thun, denn ein wirklicher -Kontrakt war gar nicht abgeschlossen, und wenn es zur Klage kam, so wurde -dem Verklagten entweder die vorerwähnte gesetzliche Frist zugestanden, oder -der Kläger hätte eine Kostenberechnung zahlen müssen, die dieses eigene -Mittel jedenfalls weit überstiegen haben würde. -- -- Der Frau übrigens ein -Geheimniß daraus zu machen, ging nicht an, über kurz oder lang hätte sie -es doch erfahren müssen, und gemeinschaftlich konnten sie auch besser -berathen, welche Schritte jetzt am besten zu thun wären. - -Er ging denn auch ohne weiters nach St. Francisville zurück, zeigte ihr -erst den Brief und ließ sie dann später Alles das, was sie noch zu wissen -wünschte, von Welbauer selber erfragen. Im Anfange war sie nun, als sie die -Nachricht wie ein Schlag aus heiterem Himmel traf, außer sich, wollte ohne -weiters »an die Gerichte gehen,« und meinte, kein Gesetz der Welt dürfe -ihr solcher Art und widerrechtlich, das eigene Kind gewaltsam zurückhalten. -Schwabe hatte durch einen dreizehnjährigen Aufenthalt in Amerika die Sitten -und Gesetze des Landes aber so ziemlich kennen gelernt, und fürchtete nicht -ohne Grund, durch eine Klage erstlich einmal sein gutes Geld einzubüßen, -und dann nicht einmal etwas auszurichten. - -»Selbst ist der Mann,« reifte endlich der Entschluß in ihm, »einen bloßen -Brief können sie Dir leicht mit »Nein« beantworten, gehst Du aber als -_Vater_, und forderst Dein eigenes Kind zurück, so werden sie es Dir, -wenn sie es auch wirklich vor dem Gesetze dürften, doch nicht länger -vorenthalten können.« - -Jetzt hatte er gerade alle die Geschäfte, die ihm vor mehren Wochen -noch eine Reise unmöglich gemacht, beendet, er entschloß sich also kurz, -beruhigte seine Frau, der er fest versprach ihr Kind zu bringen, und wenn -er es stehlen sollte, und rüstete sich fröhlich zur Fahrt nach Ohio. - -»Sei gutes Muthes, Mutter,« lachte er dabei, als er sich zu der rasch -beschlossenen Fahrt rüstete, »was ist's denn auch weiter! geben sie mir -mein Kind nicht gutwillig, ei, so thue ich, als wenn ich mich in das -Unabänderliche füge, verabrede mich aber heimlich mit Louisen, bringe sie -auf ein Dampfboot und gehe förmlich mit ihr durch. Nachher mögen sie uns -verfolgen oder gar verklagen, kein Gesetz wird einen Vater verdammen, -daß er sein eigenes Kind gestohlen, wenn sie es ihm auch vorher nicht -freiwillig zusprächen.« - -Die wenigen Vorbereitungen waren bald getroffen, es galt ja hier auch nur -eine kurze Fahrt und schnelle Rückkehr; nur etwas gab ihm die Mutter -noch mit, das sie schon seit vielen Jahren für ihr Kind bestimmt, dessen -Absendung sie aber bis jetzt noch immer verschoben hatte -- ihr Bild. Ein -junger deutscher Maler, der vor einigen Jahren mehre Monate lang bei ihnen -gewohnt und dort krank geworden war, hatte aus Dankbarkeit für die treue -Pflege der guten Leute, die Miniaturbilder der Beiden gemalt und ihnen zum -Andenken zurückgelassen, und das ihre schickte jetzt die Mutter dem Kinde. -Warum? wußte sie selber nicht, erwartete sie ja doch das Heißgeliebte in -wenigen Tagen, dennoch trug sie dem Vater auf, die Ablieferung desselben ja -nicht zu vergessen, und es war fast, als ob sie mit dem Bewußtsein, daß -es bald in den Händen ihrer Louise sein werde, auch ruhiger würde, und der -Zukunft gefaßter entgegensähe. - -Schwabe schiffte sich auf dem nächsten, stromaufgehenden Dampfboote ein, -ging mit diesem bis nach Kairo, der Mündung des Ohio, benutzte von hier aus -ein anderes, das gerade Fracht für Pittsburg einnahm, und betrat neun -Tage später die Stadt wieder, in der er vor vierzehn Jahren, ein armer -heimathloser Auswanderer, gelandet war, und zuerst Schutz und Aufnahme -gefunden hatte. - -Sonderbarer Weise schlug und klopfte ihm aber jetzt das Herz so bang und -ängstlich, als ob er irgend eine böse That begangen oder beabsichtige, und -doch wollte er ja Nichts, gar Nichts auf der weiten Gotteswelt, als sein -Kind, sein eigenes liebes Kind zurück in die Arme der Mutter führen. -Das peinliche Gefühl wuchs sogar noch, als er den steilen Landungsplatz -hinaufstieg, durch die Mainstraße ging und endlich links in den Mittelmarkt -einbog -- er mußte sogar ein paar Mal stehn bleiben und erst ordentlich -wieder Athem holen. - -Anders wurde es ihm freilich, als er die sonderbare Scheu endlich -überwunden hatte, das, ihm durch den Brief und von Welbauer bezeichnete -Haus betrat, und dort sein liebes, lang entbehrtes Kind sehen und in die -Arme schließen konnte. Da kehrte der alte Muth zurück, frisch und frei -schoß ihm das Blut wieder durch's Herz und ohne Rückhalt wollte er schon -seinen Gefühlen, die ihm die Brust zu zersprengen drohten, Raum geben, als -er merkte, wie ihm die Thränen in die Augen traten -- sie liefen ihm hell -und klar an den beiden braunen Wangen herunter und das -- das brauchten -die fremden Menschen nicht zu sehen, die von allen Seiten des Hauses -herbeieilten und ihn jetzt umstanden. Er riß sich gewaltsam los, drückte -seinen Hut, den er noch gar nicht abgelegt, fester in die Stirn und zog -Wagner mit sich fort, in dessen Stube hinauf -- er schämte sich, daß ihn -die Leute sollten weinen sehn und hoffte sich später schon besser zusammen -nehmen zu können. - -Ein Gespräch mit Wagner allein, wie er es im Anfang gewünscht, sollte ihm -aber nicht vergönnt werden, denn _Missis_ Wagner, welche behauptete, dieß -sei eine Sache, bei der sie selbst am meisten und innigsten betheiligt -wäre, schloß sich ihnen gleich darauf an, und brach augenblicklich jede -weitere und von Schwabe allerdings vorher beabsichtigte Einleitung dadurch -ab, daß sie die Absicht seines Besuchs ohne Umstände beim Schopf erfaßte -und an's Tageslicht zog. - -Eines Theils war dieß nun gut, denn Schwabe hatte schon in aller -Verlegenheit gar nicht gewußt, wie er am Besten beginnen solle, anderen -Theils gab es ihm aber auch bald die keineswegs ermuthigende Ueberzeugung, -daß hier, und dieser Frau gegenüber, ein _gütlicher_ Vergleich unmöglich -sein würde, denn Madame erklärte jetzt rund heraus, mit _ihrer_ Bewilligung -verließe das Mädchen ihr Haus _nicht_, und _ohne_ ihre Bewilligung wäre -noch weniger daran zu denken. Dabei gab sie dem armen Vater auch ohne die -mindeste Schonung zu verstehn, wie freundlich er selbst und seine ganze -Familie bei ihnen beherbergt worden, mit welcher Sorgfalt sie sich dann -später selbst eines Kindes angenommen, von dem sie bis seit ganz kurzer -Zeit, nur Sorge, Mühe und Auslagen, aber nicht den geringsten Nutzen -gehabt. Jetzt dagegen, wo eben dieses Kind das Alter erreicht habe, in -welchem sie hoffen durften, das zu erndten, was sie durch lange Zeit -hinausgesäet, jetzt komme er, der Vater, der Jahre lang nicht einmal nach -seinem Kinde _gefragt_, zurück und wolle es ohne weiteres abholen und -mit sich fortnehmen. Daraus würde aber Nichts, so lange noch Recht und -Gerechtigkeit im Lande existire, und so lange sie selber noch eine Zunge -zum Reden und eine Hand es zu verhindern habe, sollte das nicht geschehen, -dafür stehe sie; »_Mister Schwabe_ müsse dann« wie sie mit beißendem Ton -hinzufügte, »die Kleinigkeit von 3500 Dollar übrig haben, um aufgelaufenes -Kost- und Schulgeld für seine Tochter zu bezahlen, dann möge er sie -ihretwegen mitnehmen und wenn das Mädchen nachher wirklich ginge, wirklich -die verließe, die ihr mehr als eine, wenigstens als _ihre_ Mutter gewesen, -so wolle sie denken, sie habe eben nur eine undankbare Natter an ihrem -Busen genährt und müsse sich, ob ihr auch das Herz blute, darüber zufrieden -geben.« - -Was sagte aber die, um deren künftigen Aufenthalt, um deren glückliche oder -unglückliche Zukunft vielleicht, es sich hier handelte, was sagte Louise zu -alle dem? nach welcher Seite neigte sich ihr Herz und wie empfing sie den -Vater, dessen Ankunft sie überraschte, ja erschreckte? - -Was konnte das arme Mädchen sagen? -- Von der Zeit an, wo sie ihre Mutter, -ein kleines, keines Nachdenkens fähiges Kind zurückließ, war sie stets -gewohnt gewesen, das Wagner'sche Haus als das elterliche -- wenigstens -als ihre Heimath -- zu betrachten. Hier _wurde_ sie auch heimisch, den -wirklichen Eltern aber mehr und mehr entfremdet, je mehr die Erinnerung -an frühere, einzelne Scenen in ihrem jugendlichen Herzen frischeren und -lebendigeren Eindrücken Raum geben mußte. Selbst den Namen _Mutter_ hatte -sie vergessen, und nur manchmal, wenn sie ihn von andern Kindern hörte, zog -es wie fernes liebliches Glockengeläute durch ihre Seele. -- Das war die -Erinnerung jener Zeit, wo sie den theuren Namen an dem Hals der -eigenen Mutter selbst gelispelt, aber es war auch eben nur wie fernes -Glockengeläut, und der Klang zu weich, zu unbestimmt, um ihm nähere, -erkennbarere Formen geben zu können. - -Wagner selbst hatte dabei in letzterer Zeit, und besonders seit Welbauers -Besuch, nicht versäumt, das arme unwissende Kind, weniger mit klaren Worten -wie mehr mit hingeworfenen und unbestimmten Aeußerungen ahnen zu lassen, -daß dort, wohin man es holen wolle, eine keineswegs freudige Existenz -seiner harre, denn nie würde es irgend ein Mensch wieder so lieb haben, -wie man es hier, in seiner wirklichen und einzigen Heimath gehabt. Auch -_Missis_ Wagner schien seit der Zeit viel freundlicher und herzlicher mit -Louisen zu werden, nannte sie oft _Kind_ und _Tochter_, verbesserte die -zwar einfache aber doch sonst reichliche und anständige Garderobe derselben -und ließ ihr weit mehr Freiheit, als das bisher der Fall gewesen. Nichts -destoweniger klopfte der Armen doch das Herz, als sie vernahm, ihr Vater -wolle sie sehen -- hatte sie denn nicht schon früher gehört, ihre Eltern -verlangten sie zurück und war er denn nicht vielleicht gerade zu dem Zweck -jetzt nach Cincinnati gekommen? Ihre Pulse flogen fieberhaft und eine Angst -überkam sie, als ob irgend ein gewaltiges Unglück sie bedrohe, das sie -nahen sehe, dem sie aber nicht entgehen könne. - -Schwabe verließ indessen, nach seiner Zusammenkunft mit Wagners, sehr -betrübt und niedergeschlagen ihr Haus, schlenderte langsam den Mittelmarkt -hinauf, der katholischen Kirche zu, und dachte mit recht schwerem Herzen -an die letzten Worte der gereitzten Frau Base -- »daß sie Louisen wie eine -Natter betrachten werde, die sie in ihrem Busen genährt --« _Undankbar_ -- -der Vorwurf schnitt ihm tief, tief in die ehrliche Seele und langsam, die -Augen fest auf die Trottoirs geheftet, wanderte er die breite, sonnige -Straße entlang. - -»Halloh, _Schwabe_ -- so wahr ich lebe -- und in tiefen Gedanken?« rief -ihn da plötzlich eine laute fröhliche Stimme an, »bist doch nicht etwa -Bankdirector geworden, daß Du so grimmige Gesichter schneid'st, calculirst -und Deine alten Freunde nicht mehr kennst?« - -Schwabe sah rasch auf und erkannte, ebenfalls zu seinem freudigen Erstaunen -einen alten Bekannten und Schiffsgefährten, der mit ihm von Deutschland -ausgewandert und nach Cincinnati gefahren, dort aber, anstatt wie Schwabe -nach Louisiana zurückzukehren, die ganze lange Zeit geblieben war, hier -eine Brauerei errichtet hatte und sich nun gar wohl befand und glücklich -fühlte. Er stand gerade in der Thür der Rehfußischen Apotheke und streckte -dem überrascht vor ihm stehen Bleibenden mit herzlichen Worten die Hand -entgegen. - -»Aber nun sage nur einmal, Alterchen,« frug er den Niedergeschlagenen, als -die ersten Begrüßungen gewechselt und er den Arm desselben in den seinigen -gezogen. »Du siehst ja gerade so aus, als ob Dir die Petersilie verhagelt, -oder sonst ein entsetzliches Unglück passirt wäre -- was giebt's, was hast -Du und wo willst Du jetzt hin?« - -»Nirgends hin,« meinte Schwabe, »ich schlenderte nur hier in Gedanken fort --- was es aber --« - -»Dann kehren wir auch augenblicklich wieder um!« rief der Brauer, und -schwenkte ohne weiters um. -- »Da draußen haben wir Nichts zu suchen, und -meine Brauerei und Bierstube liegt hier drinnen, dort mußt Du beichten, -mein Bursche, und wenn das Uebel nicht gar so tief sitzt, so werden wir -schon Rath schaffen.« - -Schwabe, dem es überdieß lieb war, seinen trüben Gedanken sowohl auf kurze -Zeit entrissen zu werden, wie auch Jemanden zu haben, gegen den er einmal -unverholen sein Herz ausschütten konnte, lenkte willig mit ihm ein -und erzählte nun dem neugefundenen Freunde, in dessen Haus sie endlich -angelangt waren, umständlich seine ganze Geschichte, die Verbindlichkeiten, -die er Wagnern schulde, dessen jetzige Meinung, und die Verzweiflung, in -der seine Frau sein werde, wenn er _ohne_ dem Kinde zurückkehre. - -Der Brauer hörte ihm, den Kopf in beide, auf den Tisch gestemmte Arme -gestützt, aufmerksam zu, unterbrach ihn nicht ein einziges Mal, und that -nur manchmal lange, mächtige Züge aus dem vor ihm stehenden riesigen -Blechmaaß, das an die alten deutschen Humpen erinnerte, dann aber, als -Jener geendet und nur noch das erwähnte, wie ihn der Vorwurf, _undankbar_ -zu sein, so wehe thue und ihn ganz unschlüssig mache, was er thun oder -lassen solle, da schlug der Brauer so kräftig auf den Tisch, daß die -Fensterscheiben erschreckt zusammenklirrten und rief: der Wagner sei -ein _Lump_, das wolle er ihm schriftlich geben, ihm aber werde er jetzt -beweisen, daß, wenn Jemand wirklich dankbar zu sein hätte, es Niemand -Anderer als in der That nur Wagner selbst sein müsse, der an dem Mädchen -die langen Jahre hindurch einen wahren Schatz besessen. - -Und nun theilte er dem mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörenden -Vater mit, was das Kind seit seinem achten Jahre, also jetzt schon beinahe -ein Zeitraum von wieder achten, gethan und gearbeitet, wie es seit dem -eilften Jahre die Wirthschaft dort fast ganz allein geführt und bei dem -Allen fast in keine Schule gekommen, sondern immer nur zu Haus behalten -sei, um der sogenannten _Missis_ Bequemlichkeit nicht zu stören und zu -unterbrechen. Dabei habe sie, als diese vor drei Jahren am Tode mit dem -wüthendsten Nervenfieber gelegen, wochen- und monatelang Tag und Nacht an -ihrem Bette gewacht, erst im vorigen Jahre wieder eine gleich langwierige, -wenn auch weniger gefährliche Krankheit bei ihr ausgehalten und überhaupt -das, was Jene vielleicht an ihr gethan, als sie noch ein kleines Kind war -und nicht arbeiten konnte, reichlich, ja im Uebermaße vergütet. Wenn also -Jemand zur Dankbarkeit verpflichtet sein sollte, so wären es Wagner's -selber, und daß sie damals das kleine Kind zu sich genommen, ei, das hätten -sie auch eher aus Eigennutz, als aus Menschlichkeit gethan, denn selbst -kinderlos freuten sie sich des kleinen, muntern Wesens, während es den -Eltern wehe genug that, es zurückzulassen. - -»Das Uebrige Alles bei Seite,« fuhr der Brauer plötzlich in seinen -Trostworten fort, und etwas leiser redend, bog er sich, die Hände -herunternehmend, näher zu dem Freund hinüber, »so giebt es doch noch einen -Grund, über den wir hier in der Stadt, wenn's uns auch nichts anging, schon -oft gesprochen, und der allein hinreichend wäre, es Euch, Schwabe, sogar -zur Pflicht zu machen, Euer Kind mit fortzunehmen.« - -Schwabe horchte hoch auf, Jener aber, die Stimme zu einem Flüstern -herunterdrückend, sagte: - -»Wenn ich Vater wäre, so nähme ich mein Kind, und besonders ein Mädchen, -heute noch mit mir fort, das in _dem_ Hause nichts Gutes lernen kann. -Wovon ist Wagner so rasch und plötzlich ein wohlhabender Mann geworden? Von -seinem Schenkstande etwa? -- Das soll mir Keiner weiß machen; nein, von -der heimlichen Spielhölle, die er in seinem Hause, klug genug, so versteckt -hält, daß ihm die Gerichte, obgleich sie schon dreimal, und zwar ganz -unerwartete Nachsuche gehalten, doch nicht auf die Spur kommen können. Das -arme Mädchen nun, da er keinem fremden Barkeeper das Geheimniß anvertrauen -kann, muß fast jede Nacht bis ein oder zwei Uhr bei diesen rohen Gesellen -aufsitzen, und wenn auch Wagner ebenfalls im Zimmer bleibt, so hört sie -doch dort -- denn wie könnte sie's verhindern -- all die gemeinen wüsten -Reden einer Menschenklasse, die sich in der Leidenschaft des Spiels noch -unter das Thier erniedrigen. Das arme Kind, seit langen Jahren daran -gewöhnt, weiß das nun freilich nicht besser; wäre ich aber Vater, mir -bliebe sie keine Stunde länger in dem Hause.« - -»Aber lieber, bester Freund!« sagte Schwabe, hierdurch einestheils von der -ersten Besorgniß erlöst, aber dann auch wieder mit einer neuen, fast noch -schwereren auf der Seele -- »wie will ich sie fortbekommen? Fordere ich -sie dem Manne durch das Gesetz ab, so macht er mir nachher eine -Kostenberechnung, die ich nach dem, was ich schon von der Frau gehört, gar -nicht im Stande wäre zu bezahlen.« - -»Nein, dahin darfs nicht kommen!« entgegnete rasch der Brauer, »wenigstens -müßtet Ihr erst den Hauptvortheil vorne weg zu gewinnen suchen, und das -ist -- das Recht des Besitzes, in dem sich Wagner jetzt befindet. Wer eine -Sache einmal wirklich hat, dem ist sie hier in Amerika verdammt schwer -aus den Zähnen zu reißen, selbst wenn er noch weniger anscheinendes Recht -darauf hätte, als Wagner hier in diesem Falle; verhielt sich aber die Sache -umgekehrt, wäre die Tochter bei Euch, und wollte sie Wagner nun wieder -haben, oder die Entschädigungssumme ausgezahlt bekommen, dann müßte er -klagen und Ihr, in St. Francisville könntet nachher eine Gegenrechnung für -geleistete Dienste aufsetzen, die sich gewaschen hat.« -- - -»Dann bleibt mir weiter Nichts übrig, als mein eigenes Kind zu stehlen!« -rief Schwabe. - -»Ganz meiner Meinung!« sagte der Brauer und leerte den letzten Rest des -Blechmaaßes auf einen Zug -- »ganz meiner Meinung,« wiederholte er, als -er fertig war, und das Gefäß klappernd auf den Tisch zurückstellte -- -»und Nichts leichter als das! Ich bin heute Morgen mit dem Mailboot von -Louisville gekommen, und habe unten an der Landung das Sternwheelboot[10] -Raritan getroffen, das, wie mich der Capitän fest versicherte, morgen früh -mit dem Schlage Acht, Cincinnati verläßt. Der Raritan geht allerdings nur -bis zur Mündung des Arkansus, den Mississippi hinunter; das schadet aber -Nichts, dort langen täglich wenigstens zwei oder drei stromabgehende Boote -an, und Ihr Beide könnt in fünf bis sechs Tagen in Louisiana sein.« - - [10]: Sternwheelboot ist ein Dampfboot, das, gewöhnlich mit zwei - Maschinen, nur _ein_ großes Rad hinten am sogenannten _Stern_ hat, und - von diesem also gänzlich vorwärts _geschoben_ wird. Diese Art Boote - scheinen aber nicht besonders praktisch, und es giebt deren nur sehr - wenige auf den Amerikanischen Flüssen. - -»Aber wie bekomme ich Louise aus Wagner's Händen, ohne daß dieser etwas -davon merkt?« - -»Louisen? Ei, Ihr geht einfach zusammen fort, denn Wagner läßt sich nie -Morgens vor neun Uhr unten sehen -- so lange schläft er, weil er die Nacht -so spät aufbleibt, und das arme, junge Mädchen muß schon von sechs Uhr an -Frühstück und Alles besorgen, dann auf dem Markt einkaufen, die Eier oder -vielmehr die Bäkereien in Ordnung halten, und Gott weiß, was sonst noch für -Sachen und Geschäfte verrichten. Du siehst also zu, daß Du heute Abend -noch einmal Gelegenheit bekommst, mit Deiner Tochter zu sprechen, und das -Uebrige überlasse mir -- ich bin dort im Hause bekannt wie ein bunter Hund, -und werde das Alles schon besorgen. Jetzt aber, damit Du keinen -unnöthigen Verdacht erregst, oder einen vielleicht schon erregten wieder -beschwichtigst, gehst Du zu Wagner's Haus zurück, und erklärst dorten, daß -Du sie -- Wagner's, bittest, Deinen Wunsch nochmals zu überlegen und zu -prüfen, stelle ihnen dabei vor, wie sich die Mutter sonst grämen wird etc. --- das hilft doch Alles nichts, aber es macht sie sicher -- hiernach theile -ihnen mit, daß Du gesonnen seist, drei Tage in Cincinnati zu bleiben und -nach Ablauf dieser Frist wünschest, eine bestimmte Antwort von ihnen zu -hören -- das sagst Du ihnen übrigens nur, wenn Du allein mit ihnen bist, -verstehst Du? Ihr braucht dazu gerade keine Zeugen. Apropos, haben sie Dich -schon eingeladen, bei ihnen zu wohnen?« - -»Nein -- sie wissen ja gar nicht, wie lange ich hier bleiben wollte.« - -»Gut, desto besser -- thun sie es jetzt, so sagst Du, Du hättest es mir -schon versprochen; morgen früh hast Du denn weiter nichts zu thun, als in -_dem_ Augenblick, wo ich das Zeichen von unten herauf bekomme, daß das Boot -die Springkette losläßt, Dein Kind abzuholen, in Mainstreet soll dann ein -Wagen für Euch stehn, und daß sie unten nicht eher abfahren bis Ihr an Bord -seid, dafür will ich auch schon Sorge tragen.« - -Alle weiteren Bedenklichkeiten des immer noch nicht recht fest -Entschlossenen, machte übrigens der wackere Brauer zu Schanden, bewies -ihm, daß er, wenn er nicht ein wahrer Rabenvater wäre, sein Kind mitnehmen -_müsse_, und redete ihm so in's Herz hinein, daß sich Schwabe, dessen -heißester Wunsch das Alles ja von Anfang an selbst gewesen, nur zu gern -überreden ließ, in jeder Hinsicht dem Rath seines neugefundenen Freundes zu -folgen, mit dem er auch jetzt die näheren Vorsichtsmaßregeln besprach und -festsetzte. - -Allerdings ging er nun von hier aus wieder nach Wagner's Haus zurück; so -sehr er sich aber auch bemühte, seine Tochter, und sei es nur auf wenige -Minuten, allein zu sprechen, so gelang ihm das doch keineswegs, denn -eine direkte Unterredung mochte er nicht gern verlangen, weil er dadurch -Verdacht zu erregen fürchtete; ja er hatte sogar schon, um seinen Vetter -ganz sicher zu machen, diesem gesagt, daß er, da er sich doch jetzt einmal -in Cincinnati befinde, einen guten Bekannten aufsuchen wolle, der mit ihm -über See gekommen sei, und etwa zwei Stunden Wegs von der Stadt entfernt -wohne, er würde daher auch wohl nicht vor morgen früh zehn Uhr zurückkehren -können. Kaum vermochte er dabei mit dem fortwährend beschäftigten Kinde -ein paar flüchtige Worte zu wechseln, doch hatten sie das vorausgesehn, und -dafür schon Vorkehrungen getroffen. Der Brauer sollte nämlich, sobald ihm -das nicht selbst gelang, den Abend bei Wagner's zubringen, und die Tochter -bei der ersten sich ihm dort bietenden Gelegenheit auf die beabsichtigte -morgende Flucht vorbereiten. Der Klugheit Louisens hofften sie dabei -ebenfalls viel vertrauen zu können und glaubten jetzt die ganze Sache auf -das vortrefflichste und zweckmäßigste eingeleitet und berathen zu haben. - -So brav und ehrlich unser wackerer Brauer aber auch sein mochte, und so gut -er's sicher in diesem Falle meinte, so war er doch -- das ließ sich kaum -läugnen -- nichts weniger als ein Diplomat und kam fast nie zum Ziele, wo -es einiger List und Scharfsinn galt, sondern meistens nur, wo er gerade -ohne weitere Umstände hinein tappen durfte. So hatte er es denn auch in -diesem Falle wohl eine volle Stunde lang umsonst versucht, Schwabes Tochter -nur so viel merken zu lassen, daß er ein Paar Worte an sie allein zu -richten wünsche. Vergebens blieb er mitten in der Schenkstube, allen Gästen -im Wege stehen, um sie im Vorbeigehen anzureden, vergeblich verstopfte -er über eine Viertelstunde durch seine breite, vierschrötige Gestalt die -Hofthür, sie kam nicht _ein_mal hinaus, und er wurde endlich durch die -vereinten Bemühungen des Barkeepers und der schwarzen Köchin bei Seite -geschoben, und bedeutet, daß dieser gerade der allerletzte Platz wäre, -wo man ihn gern sähe. Er fing schon an, die Aufmerksamkeit der Gäste zu -erregen, und beschloß nun einen andern, weniger gefährlichen aber gewiß -sichern Plan zu verfolgen. - -Zu diesem Zwecke ließ er sich in einer der am wenigsten beobachteten -Ecken des Zimmers nieder, und drückte sich hier, seinen Blechkrug und das -brennende Licht -- denn es war indessen dunkel geworden -- dicht vor sich -geschoben, fast gewaltsam zwischen die scharfe Tischkante und die hier -angebrachte, mit mächtigem Gehäus umschlossene Wanduhr. Dadurch gewann er -den Vortheil, daß er, ohne den Kopf zu wenden, das ganze Zimmer übersehen -konnte, und sobald er sich jetzt einen Augenblick selber unbeachtet sah, -schlug er mit der Lichtschere gegen das Blech, was, wie er recht gut wußte, -Louise im Nu an seine Seite brachte. - -Das junge Mädchen sprang rasch auf ihn zu, und streckte die Hand nach dem -Blechmaaß aus, um es wieder zu füllen; der Brauer hielt das aber mit der -linken fest, während er mit der rechten ihren Arm ergriff, sie ein wenig zu -sich hinüberzog und leise, aber schnell flüsterte: - -»Erschrick nicht -- er kommt morgen früh!« - -Louise erschrak aber über das Plötzliche dieser Warnung und fast eben so -über das sonderbare Gesicht, das der Brauer dabei machte, dermaßen, daß sie -einen nur halbunterdrückten Schrei ausstieß. - -Eigenthümlich war die Wirkung, die dieser Schrei auf den Brauer ausübte. - -In demselben Momente fuhren die Gäste nach dem ziemlich hörbaren Ausruf -herum und natürlich richteten sich dadurch ihre Blicke auf den in der Ecke -Sitzenden, dieser aber riß mit einem plötzlichen Ruck beide Hände zurück, -saß starr und steif da, zog die Backen ein, preßte dabei die Lippen fest -aneinander, und schnitt ein so ungemein gleichgültiges und nichtsagendes -Gesicht, daß Louise, die solch wunderbare Veränderung mit Blitzesschnelle -vor sich gehen sah, in ein lautes Gelächter ausbrach, in das jetzt viele -der Umstehenden mit einstimmten. - -Der Brauer ließ sich nun allerdings nicht durch solche Kleinigkeiten außer -Fassung bringen, damit war ihm aber auch für den Augenblick der ganze -Anlauf verdorben, und er mußte wohl eine halbe Stunde vorübergehen lassen, -ehe er einen neuen Versuch wagen durfte. - -Als er zum zweiten Male an das Blech schlug, sah sich Louise allerdings -wieder nach ihm um, blieb aber stehen, und des Brauers rasch und seltsam -verzerrte Physiognomie, rief ihr eben so rasch die Grübchen in die Wangen -zurück, denn sie konnte doch wahrlich nicht ahnen, daß dieses gräuliche -Gesichterschneiden irgend einen bedeutsamen Zweck für sie haben sollte. Und -dennoch war das so; der Brauer gab sich die nur erdenklichste Mühe, -irgend einen mimischen Eindruck auf sie hervorzubringen, sobald er das nur -irgendwie unbemerkt thun konnte, und die halb schlauen, halb ängstlichen -Seitenblicke, die er dazwischen im Zimmer und besonders nach rechts und -links hinüber warf, waren so unwiderstehlich komisch, daß die, zu deren -Besten der sonst so ernste Mann all diese Muskelverzerrungen vortrug, -endlich in allen Freuden und dem festen Glauben, »der Brauer habe heute -einmal einen Schluck über den Durst gethan,« ihren Pflegevater darauf -aufmerksam machte, und dadurch den ganzen, so schön und pfiffig -ausgedachten Plan unseres Bierfabrikanten zerstörte. Wagner setzte sich -bald darauf zu ihm, und der Brauer verließ eine Stunde später, höchst -ärgerlich auf sich und die ganze Welt, die »=City of München=.« - -Dadurch war es den Verbündeten freilich unmöglich geworden, die Tochter -gehörig vorzubereiten, um am nächsten Morgen nicht zu viel Zeit zu -verlieren. Nichtsdestoweniger trafen sie alle nöthigen Vorkehrungen, und -kauften besonders mehre Kleidungsstücke ein, denn Louise sollte unter -keiner Bedingung auch nur ein Stück der ihr von Wagner geschenkten -Kleidungsstücke mitnehmen; selbst ein Bonnet und das Nöthigste, was sie -für den Augenblick brauchte, konnten sie leicht in dem 150 Miles entfernten -Louisville bekommen, wo sie genug Zeit behielten, Einkäufe zu machen, -während das Dampfboot langsam durch die Schleusen des Canals gelassen -wurde. - -Der von Schwabe in ängstlicher Ungeduld so sehnlichst herbei gewünschte -Morgen brach endlich an, und unten an der Landung waren die Feuerleute und -Deckhands des Raritan schon emsig beschäftigt, die Kessel zu heizen und die -Verdecke mit unzähligen heraufgeholten Eimern Flußwasser zu scheuern und -abzuspühlen. Oben in der fünften Straße öffnete der Barkeeper des deutschen -Kaffeehauses die Laden, fegte das Schenkzimmer aus und ging dann an seine -gewöhnliche Morgenarbeit, das im Hinterhaus versteckt liegende Spielzimmer -nach seinem nächtlichen Besuch zu reinigen und zu lüften und zum nächsten -vielleicht schon sehr baldigen Besuch wieder herzurichten, mit welchem -Geschäft er selten vor neun oder halb zehn Uhr fertig wurde. - -Louise war indessen vorn in der Bar beschäftigt, staubte die Flaschen und -Tische ab, spülte und wischte die Gläser aus, breitete neue Servietten auf -die verschiedenen Kaffeebreter, füllte die kleinen Flacons mit Staunton -Bittres und Pfeffermünzessenz, putzte die blind gewordenen Fensterscheiben -und that überhaupt Alles, um die Schenkstube in ihrer gewöhnlichen -Sauberkeit und Reinlichkeit zu halten und war so emsig dabei beschäftigt, -daß sie gar nicht bemerkte, wie schon ein Mann mehre Minuten lang in der -geöffneten Thüre stand und ihrem thätigen Schaffen und Treiben sinnend aber -aufmerksam zuschaute. - -Dem armen Mädchen gingen aber auch gar viele trübe und ernste Gedanken im -Kopf herum -- war nicht, wie ihr Mrs. Wagner gesagt, ihr Vater gekommen, -und wollte er sie nicht ihrer jetzigen liebgewonnenen Heimath entreißen, -um sie einer andern -- wie ihre Pflegeeltern sagten -- traurigen und -freudlosen Existenz entgegen zu führen? war sie gezwungen ihm zu folgen, -oder durfte sie bleiben, wenn sie ihm verweigert wurde? -- Ja -- _durfte_ -sie in dem Fall wirklich bleiben, oder zwang sie die kindliche Pflicht, -dem zu folgen, der von der Natur das erste heiligste Recht auf sie erhalten -hatte? Ach, wer half ihr aus diesen Zweifeln, welcher redliche Freund rieth -ihr, was sie thun, was sie meiden sollte? -- - -»Louise!« sagte da eine leise -- zärtliche Stimme -- »mein Kind -- meine -Tochter.« -- - -Und Louise, als sie die bekannten Laute hörte, fuhr zusammen, daß ein Glas, -an welchem sie gerade putzte, ihrer Hand entfiel und auf dem Boden klirrend -zerbrach. Blitzesschnell fuhr sie herum, vor ihr aber stand, die Arme -freundlich und liebend nach ihr ausgestreckt -- ihr _Vater_. Das arme Kind -wurde todtenbleich, zitterte an allen Gliedern und vermochte kein Wort -über die Lippen zu bringen; Schwabe aber ergriff ihre Hand, zog die kaum -Widerstrebende langsam an sich und flüsterte, indem er ihr liebkosend die -Haare aus der Stirn strich: - -»Mein Kind -- mein liebes, gutes Kind, nicht wahr, jetzt läßt Du mich nicht -wieder allein zu Deiner Mutter zurückkehren? der bräche das Herz darüber; -nein, jetzt, jetzt verläßt Du mich nicht wieder, jetzt bleiben wir -beisammen, und Du, nicht wahr, meine gute Louise, Du gehst mit mir zu -Deiner Mutter nach Louisiana?« - -»Aber wird mich Missis Wagner fortlassen?« murmelte in Angst und -Unentschlossenheit das arme Mädchen -- »wird sie --« - -»Das sind böse Menschen, die Dich Deinen Eltern vorenthalten wollen,« -drängte der Vater -- »Du bist in dem Hause hier auch nicht gut aufgehoben, -der Brauer hat mir Alles erzählt. Doch davon später. Jetzt drängt die -Zeit, in wenigen Minuten geht das Dampfboot ab -- die Ketten sind schon -eingenommen, es hängt nur noch an einem einzigen Tau und wartet auf uns.« - -»_Jetzt?_« rief Louise erschreckt, und suchte ihren Arm frei zu machen -- -»jetzt soll ich fort -- heimlich fliehen?« - -»In die Arme Deiner Eltern sollst Du, Louise -- zu den Deinigen, die Dich -auf den Händen tragen und für Dich sorgen werden, wie sie es sich schon so -lange Jahre gewünscht.« - -»Und ohne Abschied sollte ich fort von meinen Eltern, fort aus diesem -Hause?« bat, immer ängstlicher werdend, die Arme -- »Niemand ist hier im -Laden -- sie haben mich wie ihr Kind behandelt -- sie haben mich lieb und -ich -- ich --« - -Ein starkes Klopfen an den Fensterscheiben schreckte sie wieder empor und -gleich darauf steckte ein kleiner Negerbursche den Wollkopf in die noch -offene Thüre herein und rief mit seiner feinen, piepigen Stimme: »Raritan -geht, Massa -- haben schon =steam= 'nausgelassen, soviel -- Wagen steht an -der Ecke.« - -»Siehst Du, mein Kind -- es ist alles vorbereitet,« flüsterte der Vater -und zog die Tochter der Thüre zu, »in wenigen Minuten können wir auf dem -Dampfboote, in fünf Tagen kannst Du in den Armen und an dem Herzen Deiner -Mutter sein -- komm, komm, Louise!« - -»Heiliger Gott! ich kann und darf ja doch nicht wie ein Dieb hier aus dem -Hause entfliehen, das mir so lange Jahre Schutz und Nahrung gegeben, -- ich -möchte schon mit Ihnen gehen, Vater, aber -- so -- so nicht, so auf keinen -Fall.« - -»Louise -- mein Kind!« bat noch einmal der Vater, und die Heftigkeit seiner -Gefühle drohte ihm die Stimme zu ersticken -- »Du wirst und darfst mich -nicht allein zu Deiner Mutter zurückkehren lassen -- Du _mußt_ mit mir -gehen -- ich befehle es Dir als Dein Vater.« - -»Um Gottes willen, Vater, Sie zerdrücken mir den Arm -- ich darf wahrhaftig -nicht fort.« - -»Holla da, wer will Dich zwingen?« rief plötzlich eine rauhe, finstere -Stimme, und Wagner, noch im Morgenkostüm, mit verschlafenen Augen und -hoch aufsträubenden Haaren, trat in die Thüre, wo er -- sobald er sah, -daß Schwabe bei seinem Erscheinen den Arm der Tochter fast unwillkürlich -losließ und sich rasch nach ihm umwandte, stehen blieb, und mit höhnischem -Tone in seiner Rede fortfuhr. »So, Sir -- also ordentlich Versteckens -wird gespielt, um denen, die uns das eigene Kind lange und schwere Jahre -hindurch gepflegt und erzogen, dieses, wenn man nachher anfängt seine -Freude daran zu haben, förmlich zu rauben und zu stehlen? -- da werde ich -wohl am Besten thun, wenn ich gleich auf's Gericht gehe und die saubere -Bescheerung anzeige -- ich bin Bürger hier und will doch einmal sehen, ob -mich das Gesetz nicht in meinem Eigenthum schützen wird.« - -»Wagner,« murmelte Schwabe, und hielt noch immer den finsteren Blick auf -sein Kind geheftet, das, keiner weiteren Bewegung fähig, jetzt, da sich -sein Schicksal entschieden, an dem Schenktisch lehnte und weinte, als ob -ihm das Herz brechen wollte -- »Wagner, möge Gott Dir verzeihen, daß Du den -Eltern das Kind verweigerst -- die Summe, die Du verlangst, bin ich aber, -das weißt Du recht gut, nicht im Stande zu bezahlen; Du weißt aber auch, -daß Du die Summe nicht _verdienst_, daß mein Kind mehr für Dich gearbeitet, -als das Wenige beträgt, was sie verzehrt und womit sie sich gekleidet. Gott -nur sieht den Menschen in's Herz, ihm werden auch die Mittel bekannt sein, -die Du angewandt, sein junges Blut gegen mich zu kehren. Daß ich mein Kind -heimlich mit mir fortnehmen wollte, leugne ich nicht, und hättest Du es -verhindert, so würde mich das arg geschmerzt haben, aber -- es weigert sich -selber mitzugehen -- es will von seinen Eltern Nichts mehr wissen, und das -ist hart, das hatte ich nicht erwartet, und _das_ -- thut auch recht weh, -weher, als mir je ein Wort von Dir thun konnte, Wagner. So lebt denn hier -Alle recht wohl -- ich kehre nun wieder nach Cincinnati zurück, Dir aber, -mein Kind, meine Louise« -- und die herausquellenden Thränen machten seine -Worte fast unverständlich -- »Dir wünsch ich, daß Du nie fühlen, nie ahnen -mögest, welchen Schmerz Du Deinen armen Eltern bereitet, die, Gott ist mein -Zeuge, nur durch ihre Lage gezwungen waren, Dich so lange fremden Händen zu -überlassen -- lebe wohl, und möge Gott Dich segnen, ich kann nicht böse auf -Dich sein. Aber halt, hier, das hat mir Deine Mutter für Dich gegeben, ich -hatte einmal geglaubt, ich würde es nicht abzuliefern brauchen -- gut so, -es hat so sein sollen -- Deine arme Mutter.« - -Er ging auf die Tochter zu, legte ein kleines Paket neben sie auf den -Schenktisch, drückte sie dann noch einmal rasch und heftig in die Arme, -einen Kuß auf ihre Stirn und verließ, ehe Louise kaum wußte daß er sie -losgelassen, das Schenkzimmer, vor dem eben wieder, jetzt aber mit breitem -Erstaunen in den dunkeln Zügen, das Gesicht des Negerknaben aufgetaucht -war. - -Wie er nach Mainstreet und in den dort harrenden Wagen kam, wußte er nicht --- in eine Ecke gedrückt, die Hände krampfhaft gegen das Gesicht gepreßt, -fühlte er nur, wie die leichte _Gig_ blitzesschnell mit ihm die steile -Straße hinunterrasselte, und bald darauf vor dem wild schnaubenden und -keuchenden Dampfboot hielt; dort aber kam er erst wieder zur Besinnung -als der hier harrende Brauer den Kutschenschlag aufriß und ganz verblüfft -stehen blieb, als er den Freund _allein_ zurückkehren sah. Hier war aber -nicht lange Zeit mehr zum Besinnen, der ungeduldige Ruf des Capitäns, der -nun mit ganz außergewöhnlicher Gefälligkeit bis jetzt gewartet, trieb ihn -an Bord -- - -»_Sie wollte nicht mit!_« rief der arme Vater nun trauernd dem Freunde zu, -riß sich von diesem, der ihn noch zurückhalten wollte, los, sprang an Bord -und keuchend und puffend drängte der Dampfer rückwärts in den Strom hinein, -und warf die aufgerüttelten Wellen hinauf an das eben verlassene Ufer. In -der Mitte des Stromes hielt die Maschine einen Augenblick und das Fahrzeug -trieb eine kurze Strecke mit der Strömung hinunter, schwenkte dann nach der -Seite hinüber, kehrte den Bug gen Westen und schoß blitzesschnell davon, -während das eine mächtige Sternrad schäumende und zischende Wassermassen -hinter sich hinaus schleuderte. - -Und Louise? -- - -Das arme Mädchen war kaum im Stande, den Tag über ihre Geschäfte zu -besorgen; das Hirn brannte ihr fieberhaft, und ihr war es, als ob sie -fortwährend in einem Traume wandle, aus dem sie jeden Augenblick erwachen -müsse. Ihr Vater? -- das war ihr _Vater_ gewesen, der sie hatte mitnehmen, -zur _Mutter_ mitnehmen wollen -- ihr lebte eine Mutter, aber weit von hier, -eine Mutter, die sie vielleicht lieb hatte, die ihrer harrte und _sie_? -O wie dem armen Kind die Pulse flogen, wie seine Augen glühten und -schmerzten. Sie konnte sich kaum noch aufrecht erhalten und Wagner, dem ihr -verändertes Aussehen auffiel, schickte sie heute schon mit Dunkelwerden auf -ihre Kammer. - -Hier angelangt, wollte sie sich gleich aufs Bett werfen, da fiel ihr das -kleine Paket in die Augen, das ihr der Vater heute beim Abschied gegeben. -Sie zündete ihr Lämpchen an und bei dem matten Schein desselben öffnete sie -den Faden, der es umschlossen hielt -- Ha -- ein kleines Bild blitzte ihr -entgegen und ein dicht zusammengefaltetes Briefchen glitt heraus und vor -ihre Füße nieder. Das Bild? -- das, das mußte ihre Mutter sein -- ihre -_Mutter_ die sie mit den treuen blauen Augen so freundlich anlächelte --- und diese Augen -- mußten die sich nicht mit Thränen, mit heißen, -schmerzlichen Thränen füllen, wenn der Vater, _ohne_ das Kind zurückkehrte, -und der Mutter sagte -- daß die Tochter -- Nichts von ihr wissen wolle -- -daß sie sich geweigert habe, ihm zu folgen? - -Sie stützte den Kopf in die Hand und betrachtete lange und sinnend die -theueren Züge, zu denen sie als Kind liebend emporgeschaut und den Namen -»Mutter« hinaufgelispelt hatte. Ihre Augen füllten sich mit Thränen -- -da fiel ihr Blick auf das zusammengefaltete Blatt, sie hob es auf und -entfaltete es. - -»Mein liebes Kind,« lauteten die Zeilen -- »ich kann zwar nicht selber -schreiben, denn erstens hab' ich's nie gelernt, und dann bin ich jetzt auch -recht krank und schwach, aus Sehnsucht Dich zu sehn, unser Barkeeper hat -mir aber den Gefallen gethan, und die paar Zeilen aufgesetzt. Hätte -ich schreiben gekonnt, ach wie oft hätt' ich an Dich, Du liebes Kind, -geschrieben. Doch nun schadet es Nichts mehr -- nun kommst Du bald zu uns, -und dann soll uns Nichts auf der weiten Welt mehr trennen. Ach Du glaubst -gar nicht, wie ich mich nach Dir sehne; ich glaube ich stürbe, wenn ich -Dich nicht bald in meine Arme schließen könnte. Ich habe Dich wohl recht -lange ohne Nachricht von mir gelassen, aber nicht wahr -- Du bist Deiner -_Mutter_ nicht böse darüber, ach ich will Dich ja jetzt so lieb dafür -haben. Das dabei ist mein Bild -- es ist _recht_ ähnlich -- ich habe ihm -tausend Küsse für Dich gegeben -- es mag sie Dir wieder geben, bis ich Dich -selbst an's Herz drücken kann. Aber jetzt lebe recht wohl -- recht wohl -meine liebe Tochter und möge Dich Gott recht bald und recht gesund in meine -Arme führen. Es grüßt und küßt Dich viel hundert tausendmal - - Deine Mutter.« - -Louise saß lange, lange auf ihrem Bett und starrte auf den Brief nieder; --- wieder und wieder überflog sie die Zeilen, preßte sich die fieberheiße -Stirn zwischen die kleinen kalten Hände und blieb dann auf's Neue in dem -Inhalt dieser, mit bitterem Vorwurf an ihr Herz dringenden Worte verloren. -Endlich brach sich der nicht länger dammbare Schmerz Bahn -- sie ergriff -das Bild, preßte es unter einem heißen Thränenstrom an die Lippen und sank -dann, mit dem leise und schluchzend hervorgerufenen Wehelaut »zu spät -- zu -spät, -- nun ist Alles vorbei und ich habe die Mutter für ewig verloren!« -auf ihr Lager zurück. - - * * * * * - -Wir wollen einen Zeitraum von fünf Monaten überspringen, und wiederum bitte -ich den Leser, mit mir den etwas steilen aber kurzen Berg hinaufzusteigen, -der von der äußersten Grenze Bayou Sarahs aus, bis zu den ersten Häusern -des kleinen Städtchens Francisville hinaufführt. - -Dort, gleich linker Hand, wenn wir hinaufkommen, da, wo das breite starke -Reck die hereinkommenden Pflanzer einladet, ihre Pferde zu befestigen und -indessen einen kühlen Trunk zu thun, steht noch das freundliche, weiße Haus -mit den Jalousien und der breiten Veranda, mit dem niederen Dach und der -gastlichen Bank vor der Thür, aber das Schild -- wo ist das Schild hin, das -mit den großen goldenen Buchstaben den Namen unseres wackeren Landsmannes -trug? Wo ist die lange schmale Tafel, die all die Leckerbissen und -Delikatessen in güldenen Worten aufzählte? Ach lieber Leser, in dem Hause -sieht's jetzt gar bunt und wild aus, die Schilder sind aus ihren eisernen -Haken losgerissen, die Wände und Stuben leer und verlassen. Wo sonst das -gemüthlich stille Stübchen war, da lag jetzt Stroh, einzelne Stückchen -Packleinewand und kurze Bindfaden, während in der unteren Stube und in -dem Schenklokale gescheuert und gewaschen wurde, als ob eben erst die eine -Familie aus, eine andere eingezogen sei. Und das war auch so, denn traurige -Veränderungen hatten in der selbstgegründeten Heimath unseres wackern -Deutschen stattgefunden. - -Als Schwabe damals ohne sein Kind zurückkehrte, und die arme Mutter nach -und nach die ganze schreckliche Wahrheit erfuhr, ja erfahren mußte, da -warf sie der Schmerz und Gram um das Verlorene auf das Krankenlager und -ein schweres Nervenfieber bedrohte ihr Leben. Freilich siegte die sonst -kräftige Natur der Frau endlich über den rüttelnden Tod, der frohe Muth war -aber dahin, und bleich und abgezehrt wankte sie, einer Leiche ähnlicher als -einem lebenden, fühlenden Wesen, im Haus herum. Auch Schwabe wurde immer -trauriger, immer niedergeschlagener; er vernachläßigte seine Kunden und -sein Geschäft, denn es machte ihm keine Freude mehr, und konnte dagegen -stundenlang hinter dem Tisch sitzen, und in ein und dieselbe Ecke stieren. - -Ein paar Monate hielt er das so aus; seiner Frau Krankheit beschäftigte ihn -auch in der ersten Zeit viel zu sehr, um noch an sich zu denken, endlich -aber sah er doch wohl ein, daß er so nicht länger fortbestehen könne. - -Hier -- ja hier hatte er ein hübsches Besitzthum, das ihn nährte, es -ging ihm gut, und nichts fehlte ihm, was er zu körperlichem Wohlbefinden -gebrauchte, was aber half ihm dies Alles, wenn trotzdem ein ewiger -unvertilgbarer Wurm an seinem Herzen nagen sollte -- wenn er die Frau in -Sehnsucht nach ihrem Kinde hinsterben sah, und sich selbst am Ende noch -Vorwürfe, und gegründete Vorwürfe machen mußte. Denn wie lange, wie viele -Jahre hatten sie sich Beide nicht um die Tochter gekümmert, und konnte -ihnen das jetzt in ihrem eigenen Gewissen zur Entschuldigung dienen, daß -sie das Kind bei den wohlhabenden Leuten besser aufgehoben geglaubt, als es -bei ihnen selbst der Fall gewesen? Nein, denn die Ueberzeugung, die Schwabe -jetzt und besonders durch des Brauers Worte erhalten, sagte ihm, daß -sich sein Mädchen dort vielleicht körperlich, aber keineswegs geistig -wohlbefunden haben könne, wo sie blos als Mittel verwandt wurde, eine -Haushälterin zu sparen und ihren Erziehern von so großem Nutzen zu sein wie -möglich. Und darnach hatte er, der Vater, Jahre lang nicht gesehen, darauf -mußten ihn jetzt erst _fremde_ Menschen aufmerksam machen. - -Doch, noch war nicht Alles verloren, noch gab es Gott sei Dank! _ein_ -Mittel, seinen Fehler zu verbessern und das Mittel, es war der erste -freudige Gedanke, der ihn wieder durchzuckte, das Mittel hatte er sich -selbst durch seinen eigenen Fleiß erworben und verschafft. Als er hier -in Amerika zu arbeiten anfing, besaß er wenig oder gar nichts; selbst die -Erfahrung fehlte ihm, die man in den Vereinigten Staaten gewöhnlich so -theuer, so ungeheuer theuer erkaufen muß. Jetzt hatte er dagegen lange -Jahre hindurch Erfahrung gesammelt, und kannte die Sitten und Gebräuche des -Landes -- mußte ihm nun nicht, und wenn er auch wirklich noch einmal von -vornherein begann, der Anfang um so bedeutend leichter werden? -- Gewiß! -und sein Entschluß war gefaßt -- es handelte sich hier nur um Geld, das er -besaß, von dem er sich trennen konnte, und seine, seiner Frau Ruhe, seines -Kindes Rückkehr war damit zu erkaufen. Was war es auch weiter, er entsagte -ja nur einem errungenen Vortheil, einer nach und nach zum Bedürfniß -gewordenen Bequemlichkeit und jetzt, da er sich überwunden, ja dem festen -Willen sogar die That augenblicklich folgen ließ und all die hierzu -nöthigen und erforderlichen Schritte that, da begriff er kaum noch, wie -es möglich gewesen, daß er früher auch nur einen Augenblick gezaudert, und -nicht schon lange, ja gleich damals als ihn der erste schmerzliche Schlag -traf, Alles geopfert habe, was ja in diesem Falle nicht einmal ein Opfer -genannt werden konnte, wo es das Glück seiner ganzen Familie, all der -Seinigen betraf. - -Er sollte sich auch nicht getäuscht haben, seine Frau schien mit diesem -Entschluß des Vaters neue Lebenskraft zu gewinnen, -- hier öffnete sich ihr -auf einmal die Aussicht, ihr Kind -- das schon als todt beweinte -- wieder -zu gewinnen und fast gewaltsam schüttelte sie von diesem Augenblick Alles -ab, was ihren Geist noch niederdrücken, ihre Seele befangen und ängstigen -konnte. Die Hoffnung war eingezogen in das treue Mutterherz, und mit ihr -wuchs und gedieh auch wieder die Liebe zum Leben, das Vertrauen auf ihres -Gottes Schutz und Güte, der sie in der letzten schweren Zeit ach! fast -verlassen. - -Hätte es übrigens noch eines Antriebes bedurft, den einmal gefaßten und -beschlossenen Plan auch auszuführen, so kam der nach etwa vier Monaten -in der Gestalt eines Briefes, von unserem alten Freund, dem Brauer, der -Schwaben noch einmal ernsthaft aufforderte, einen zweiten Versuch zu -machen, sein Kind wieder zu bekommen, wenn es nicht in seinen dortigen -Verhältnissen an Seel und Leib verderben sollte. Die Spielhölle in -Wagners Hause, hatte, seiner Aussage nach, einen so gefährlichen Charakter -angenommen, daß er aus guter Hand wisse, der Magistrat warte jetzt nur noch -auf eine Gelegenheit, ernsthaft einzuschreiten, und Louise müsse dabei -über ihre Kräfte angestrengt werden, denn sie sähe bleich und elend aus und -habe, so oft er nun auch hingekommen sei, immer trübe und verweinte Augen. - -Es war hier -- das sah Schwabe aus dem ganzen Brief -- gar keine Zeit mehr -zu verlieren, den Verkauf seines Grundstücks betrieb er also so viel als -möglich, und sandte zu gleicher Zeit den, indessen zu einem wackeren, -braven jungen Mann herangeschossenen Sohn nach dem Westen von Arkansas, -wo er sich, als ehrlicher Farmer am Fuße der Ozark-Gebirge anzusiedeln -gedachte. Carl sollte dort einen Platz aussuchen und vorher irgend eine -kleine Hütte zu ihrem ersten Aufenthalt einrichten, daß sie, so lang die -nöthigsten Arbeiten dauerten, doch wenigstens ein Obdach hatten. Das -Andere fand sich später von selber, und dort, in einem Lande, wo man keine -Ansprüche macht, unnütze Bequemlichkeiten nicht kennt, und sich deshalb -gerade mit dem wenigen, was die Natur bietet, glücklich fühlt, wurde es -ihnen auch leichter zu vergessen was sie einst besaßen, wenn sie nur das -Wenige, _was_ ihnen blieb _mitsammen_ genießen konnten, und sich nicht -immer sagen mußten, Eines fehle noch -- eines von den Ihren, dessen Glück -Gott dereinst von ihnen fordern könne und werde. - -Manchmal zwar tauchte auch, selbst in diesen Vorbereitungen, noch das -alte Gespenst der Angst und Ungewißheit auf -- das Kind mag Nichts von den -Eltern wissen -- es liebt Die nicht, die es so lange vergessen und unter -fremden Menschen gelassen haben -- es hat ja nicht einmal mit dem Vater zu -Hause gewollt, obgleich der Mutter fast das Herz darüber gebrochen; aber -die Mutter selber beschwichtigte alle diese Zweifel. - -»Daß sie zu Dir nicht gleich Vertrauen fassen konnte, ist natürlich,« sagte -sie unter Thränen lächelnd, »komme ich aber selbst zu ihr hinauf, hat sie -nur einmal am Herzen der _Mutter_ gelegen, dann geht sie von Der auch nicht -wieder fort, und wenn Du sie gleich dazu zwingen wolltest. Bring Du nur die -Geldangelegenheit mit Wagner in Ordnung, befriedige dessen Forderungen, und -ich stehe Dir dafür, wir verlassen Cincinnati so froh und glücklich, als ob -wir dem Reichthum und Ueberfluß entgegen gingen.« - -Man glaubt ja so gerne was man wünscht und Schwabe betrieb die Zurüstung -mit allem nur möglichen Eifer; sein Haus hatte er auch bald verkauft, es -lag vorzüglich, war noch neu und in gutem Zustand, da fehlte es nicht -an Liebhabern. Ein Brief von seinem Sohne meldete ihm ebenfalls, daß in -Arkansas, in einer reizenden Gegend und auf gutem trefflichen Lande Alles -vorbereitet und des Pflugs gewärtig sei. Das was er an Gepäck mitzunehmen -wünschte, stand bereit, und von dem, erst kürzlich eingetroffenen Mail- -oder Postboot hatte er ebenfalls gehört, daß noch an diesem Tage der, nach -Cincinnati bestimmte »=Eagle of the West=«, ein rasches wackeres Dampfboot, -eintreffen würde. Dieses wollten sie benutzen, ihr Aufenthalt in Ohio -sollte nicht lange dauern, und in gar kurzer Zeit konnten sie friedlich --- glücklich mitsammen, in den freundlichen Thälern der herrlichen -Ozarkgebirge ihre Heimath gegründet haben. - -Schwabes Frau schien aber mit der neuen freudigen Hoffnung, ihr Kind -nun bald, recht bald wieder zu sehen, auch ein neues und freudiges Leben -eingesogen zu haben; ordentlich verjüngt arbeitete sie nach Herzenslust, -die noch etwa nöthigen kleinen Geschäfte zu besorgen und solche -Vorbereitungen zu treffen, die ihnen den Aufenthalt im Zwischendeck -eines Dampfbootes erleichtern konnten. Da hörten sie plötzlich unten vom -Mississippi aus, eine Glocke und erschraken nicht wenig. Wenn dieß schon -der =Eagle of the West= war, wie kämen sie dann noch, mit allem dem was sie -mitzunehmen wünschten, zeitig genug herunter und an seinen Bord, denn die -Capitäne solcher Boote warten selten lange, selbst auf Cajütenpassagiere, -vielweniger denn auf »=People=«, das im unteren Deck für wenige Dollar -mitfahren will. - -Schwabe faßte seinen Hut auf, gab rasch einem jungen Deutschen, einem -Karrenführer, der mit seiner _Dray_ gerade in der Nähe hielt, die nöthigen -Anweisungen, Frau und Koffer, so schnell ihm das irgend möglich sei, -nachzuschaffen und eilte dann selber mit flüchtigen Schritten voran, um, -wenn er das irgend vermöge, das Boot aufzuhalten und noch mit fortzukommen. -Kaum erreichte er aber den äußersten Stand des steilen Hügels, auf welchem -St. Francisville steht, und von dem aus er das dicht am Mississippi -liegende Bayou Sarah wie den ganzen Strom überschauen konnte, als er den -weiß aufsteigenden Dampf des unten gelandeten Bootes bemerkte, der eben -wieder durch die ='scape pipe= auspuffte -- gleich darauf wandte sich der -Bug vom Lande ab, schwenkte nieder, und ging -- den Strom hinunter. - -»Gott sei Dank« murmelte Schwabe leise vor sich hin und wandte sich langsam -gegen sein Haus zurück, »ich glaubte schon, wir hätten das rechte versäumt, -und müßten noch ein paar Tage länger warten.« - -Die Sachen schickte er übrigens ohne weiteres an die Landung, denn um -keinen Tag mehr zu versäumen, wollte er gar nicht wieder nach Louisiana -zurückkehren, sondern gleich von Cincinnati aus, ein für den Arkansas -bestimmtes Boot benutzen. - -Die Dray war um die Biegung der Straße und den Berg hinunter, verschwunden, -Schwabes aber gingen noch einmal in's Haus zurück; theils um zu sehn, ob -sie in dem ersten eiligen Aufbruch Nichts vergessen hätten, und dann auch, -um ruhigeren Abschied von dem Ort zu nehmen, der bis jetzt ihre Heimath -gewesen und den sie nun für immer, auf nimmer Wiederkehren, verlassen -sollten. Den armen Leuten zuckte es dabei recht durchs Herz -- erst beim -Scheiden findet man ja nur zu oft, wie lieb man, bis dahin vielleicht nur -gleichgültig betrachtete Räume und Gegenstände gehabt hat -- der Gedanke -aber an ihr Kind, das sie sich mit diesem Opfer zurückerkauften, nahm aber -solchem Gefühl alles Bittere -- sie sprachen kein Wort, sie standen nur -lange und schweigend neben einander und drückten sich endlich, als Schwabe -leise zum Aufbruch mahnte, still und herzlich die Hände. - -»So komm denn, mein liebes Weib,« bat der Deutsche und zog sie sanft der -Thüre zu, »komm und mache Dir nicht gar zum Abschied noch trüben Sinn; -denke, daß wir das Alles ja nur zurücklassen, um mit unserem Kind wieder -vereint zu leben.« - -»Trüben Sinn,« lächelte die Frau unter Thränen, »glaube das ja nicht, -Schwabe, kein trüber Sinn ist's, der mir das Wasser in die Augen treibt, -nein, in der Seele wohl thut's mir, _daß_ ich gerade so ruhig und freudig -von dem Ort fortgehn kann, den ich schon bis an mein einstiges Ende zu -behalten geglaubt, stolz bin ich darauf, wenn ich --« sie horchte einem -Geräusch das unten im Hause laut wurde -- - -»Es ist Nichts -- wahrscheinlich die Packer, die ihr Geräthe mitnehmen,« -sagte Schwabe. - -»Sie müssen oben sein« berichtete die Stimme eines Nachbars, die -Schwabe kannte, irgend jemand Fremden, »ich habe sie erst vor kaum einer -Viertelstunde hinaufgehn sehn, und sie sind noch nicht wieder herunter -gekommen.« - -Ein leiser Dank wurde erwiedert, und gleich darauf knarrte die hölzerne -Stiege; Schwabe wandte sich der Thür zu, die sich in demselben Augenblick -öffnete. Ein junges Mädchen trat herein. -- - -»Heiliger Gott!« schrie der Deutsche und fuhr erschreckt empor -- -»Louise!« -- - -»Louise?« stöhnte kaum hörbar die Frau -- »unser Kind?« - -»_Mutter -- Mutter_« rief aber in diesem Augenblick die Tochter und flog in -die ihr noch halb zweifelnd entgegengestreckten Arme -- »Mutter -- o mein -Gott!« - -Schmerz wie Freude wirken gleich stark, das Uebermaß der Gefühle macht das -Blut stocken und lähmt die Thätigkeit der Nerven. Aber die Freude tödtet -nicht so leicht, in ihr selbst liegt schon wieder die Heilung des ersten -vielleicht zu mächtigen Schlages und der Augenblick des Erwachens ist -auch der Augenblick der Rettung. Louisens Mutter war, von dem Uebermaß -des Glückes ohnmächtig zu Boden gesunken, jetzt aber, unter den vereinten -Bemühungen des Gatten und Kindes, die lachend und weinend die Schläfe der -Bewußtlosen rieben und alle möglichen anderen Belebungsversuche anwandten, -kam sie bald wieder zu sich und hielt nun, kaum im Stande ihr Glück zu -begreifen, ja nur zu glauben, das lang entbehrte und ach, so geliebte Kind -fest, fest umschlossen, als ob sie es nie im Leben wieder von sich thun und -lassen wolle. - -Doch welche Feder vermöchte die Gefühle der Mutter -- die Empfindungen -dieser drei Glücklichen zu beschreiben; lange Zeit fanden sie gar keine -Worte und hielten sich nur still und selig umfaßt. Endlich aber, nach dem -ersten Sturm der Grüße und Küsse frug Schwabe, was sie denn eigentlich hier -herunter nach Louisiana gebracht, und wie es gekommen sei, daß sie Wagner -überhaupt frei gegeben habe? Der Eltern Erstaunen läßt sich denken, als sie -erfuhren, daß ihr Kind _allein_ den ganzen weiten Weg die beiden mächtigen -Ströme hinunter, _allein_ auf dem großen Dampfboot, zwischen lauter fremden -Leuten, zwischen dem rohen Volk des Zwischendecks hierher gekommen sei. -Aber wir wollen sie selber reden und ihre Flucht erzählen lassen. - -»Ach Vater« sagte sie, »wie weh mir um's Herz war, als _Sie_ mich an jenem -Morgen verließen --« - -»Laß den Morgen Kind,« unterbrach sie hier lächelnd der Vater, »laß das -Vergangene sein, wir haben Dich ja jetzt und alle Noth ist vorüber -- aber -noch eines -- nicht mit dem kalten höflichen _Sie_ mußt Du uns anreden, -wie bei vornehmen Leuten Sitte sein mag, ich bin Dein Vater, das ist Deine -Mutter und Du bist unser Kind; da gehört sich weiter Nichts als Du und Du, -so haben wir's von je gehalten, und so soll's bleiben.« Die Tochter drückte -den Eltern mit einem thränengefüllten Blick die Hand und fuhr leise fort: - -»Ich muß doch wohl den Morgen noch einmal erwähnen, lieber Vater, denn in -dem Augenblick, wo ich Dich so erschüttert davoneilen sah und Zeuge sein -mußte, wie häßlich und unfreundlich Dich Herr Wagner behandelte, da war es, -als ob ich zum ersten Male fühle, wie unrecht ich gethan hatte, nicht mit -Dir, zu Euch, zur _Mutter_ zu gehen. Und als ich nun endlich gar Dein -Bild, liebe Mutter, und Deinen herzlichen Brief fand, und als ich mir sagen -mußte, wie Du Dich grämen würdest, wenn ich nicht mit dem Vater heim käme, -da habe ich die Nacht, und die folgende und alle Nächte geweint und -geweint und wußte mir keines Rathes und hatte Niemand, mit dem ich mich -aussprechen, gegen den ich mein ganzes Herz ausschütten konnte. Dabei mag -ich wohl manchmal meine Pflicht versäumt haben, denn es war mir zu weh -um's Herz und ich dachte an Nichts weiter als an Euch -- und Missis Wagner -schalt mich und Herr Wagner wurde auch unfreundlich, denn er meinte, die -Gäste in der Hinterstube würden sich kein Glas mehr von mir einschenken -lassen, wenn ich immer feuerrothe, verweinte Augen hätte. Unter jenen -Gästen waren aber auch recht böse Menschen, die ein paar Mal sogar mit -Messern nach einander stachen, ja einmal trugen sie sogar Einen todt fort, -und Herr Wagner stieß fürchterliche Drohungen gegen mich aus, wenn ich auch -nur eine Sylbe darüber redete.« - -»Ich glaubte ich wäre verzweifelt, wenn ich länger hätte dort oben bleiben -müssen, und dennoch wußte ich nicht was ich thun, was ich lassen sollte. -Da kam zufällig, vor etwa acht Tagen eine Dame von Columbus zu uns, die -am nächsten Morgen nach New-Orleans wollte und bei uns übernachtete. Das -Dampfboot ging um 10 Uhr ab, und ich mußte ihr eine Hutschachtel und einen -Reisesack hinunter tragen: sie hatte sich aber mit dem Anziehn ein wenig -verspätet, wir kamen kaum noch zur rechten Zeit -- die Planken sollten -schon eingezogen werden -- ich trug ihr die Sachen in die Cajüte hinauf, -lief wieder zurück und wollte an's Land. Da, Mutter, da war es mir -plötzlich, als ob eine Stimme, als ob _Deine_ Stimme mich bittend anrief zu -bleiben, der Gedanke an Dich, daß mich dieß Boot in wenigen Tagen in Deine -Arme führen könne, zuckte mir durchs Herz und zaudernd, unschlüssig stand -ich noch und wußte nicht, ob ich vor oder rückwärts sollte, als die Glocke -des Bootes zum letzten Mal tönte. In dem nämlichen Moment rissen aber auch -die Matrosen die Planken ein, die Maschine fing an zu arbeiten und wenige -Secunden später befand ich mich, jetzt mit keinem freien Entschluß mehr von -brausenden Wassern umgeben, von meiner bisherigen Heimath fortgerissen, auf -dem breiten, gewaltigen Strom.« - -»Erlaßt mir die Beschreibung dessen, was ich die ersten Tage unter den -fremden Menschen litt und ausstand. Auf dem Boot waren sie unfreundlich mit -mir, weil ich die Passage nicht gleich bezahlen konnte, glücklicherweise -trug ich aber ein kleines goldenes Kreuz, das ich damals von Missis -Wagner bekommen, als ich sie nach dem Nervenfieber so lange gepflegt. Dies -verkaufte der Schiffsschreiber in Louisville für mich, bestritt davon -meine Passage und gab mir auch noch einen Dollar heraus, wofür ich mir Brod -kaufen konnte, unterwegs davon zu leben. -- Ich mußte eine recht traurige -Zeit verleben, und bin fast in Angst und Sorge vergangen, jetzt aber -- -jetzt ist Alles gut, ich habe Euch -- Dich meine liebe Mutter, meinen Vater -wieder und nun -- nicht wahr, nun seid Ihr auch nicht mehr böse auf Euer -Kind, daß es die _fremden_ Menschen so lange lieber hatte als Euch, und -nicht fort wollte von ihnen.« - -Was braucht es weiterer Schilderung der glücklichen Familie, eine -Stunde entfloh ihnen im Austausch ihrer Mittheilungen und Gefühle mit -Zauberschnelle und erst die Meldung, daß der =Eagle of the West= bei -Waterlow sichtbar wurde, mahnte Schwabe an die beabsichtigte Reise. -Aber nicht in Cincinnati lag jetzt ihr Ziel, nein in Arkansas, in den -fruchtbaren Thälern des noch wilden Staates; nicht bis zur Mündung des -Licking, nur bis zu der des Arkansas hinauf wollten sie mit dem Boote gehn. -Ohne weiteres Zögern trieb denn auch der Vater zum Aufbruch; ihr Gepäck lag -schon am Ufer; nur noch die nöthigen Kleidungsstücke für Louise kauften -sie rasch bei einem der deutschen Juden an der Landung ein, bestiegen das -gleich darauf heranbrausende Boot, auf dem jetzt Schwabe in aller Freude -seines Herzens keineswegs Zwischendeck-, sondern Cajütenpassage für sich -und die Seinigen nahm, und erreichten eilf Tage später das kleine Städtchen -Ozark, von dem aus sie in kaum vier und zwanzig Stunden ihre neue Heimath -betreten konnten. - - * * * * * - -Nun wußte Schwabe, nach all dem Vorhergegangenen wohl gut genug, daß Wagner -rechtlicher Weise _keine_ Ansprüche mehr auf irgend eine Vergütung für -seiner Tochter dortigen Aufenthalt machen konnte; er wollte es sich aber -auch nicht einmal nachsagen lassen, undankbar für etwas gewesen zu sein, -das ihm doch wenigstens im Anfang als Wohlthat erschienen. Er schrieb -deshalb, und zwar so bald sie auf ihrer neuen Farm eingetroffen waren, -einen Brief an Wagner, worin er ihn von seiner Tochter Ankunft in Kenntniß -setzte und zugleich aufforderte, offen und ehrlich zu sagen, was er glaubte -für die Erhaltung des Mädchens in den ersten Jahren beanspruchen zu können, -(denn für die letzten dürfe er schon deßhalb nichts rechnen, weil er sie ja -nicht einmal gutwillig habe wieder fortlassen wollen). Er versprach dabei -den Forderungen zu genügen, soweit das in seinen Kräften stände und bat ihn -auch dem Kinde nicht zu zürnen, das ihn ja nur deshalb verlassen habe, um -in die Arme seiner Mutter zu eilen. - -Auf diesen Brief erhielt er keine Antwort; ebenfalls nicht auf einen -zweiten und dritten und erst im nächsten Jahre erfuhr er von einem neuen -Ansiedler, der bis dahin in Cincinnati gelebt und Wagner recht gut gekannt -hatte, die Ursache dieses räthselhaften Schweigens. - -Die Geschichte der in seinem Hause verübten Mordthat, die auch Louise -schon erwähnt, war ruchbar geworden, andere Klagen trafen noch mit dieser -zusammen, das Halten einer heimlichen Spielhölle an und für sich unterwarf -ihn schon der peinlichsten Strafe der Amerikanischen Gesetze und Wagner -entging nur durch die freundliche Warnung eines Deputy Sheriffs, der -ebenfalls mit zu dem Spielklubb gehörte, der Verhaftung und vielleicht -- -dem Zuchthaus. Er verschwand in derselben Nacht aus der Stadt und man hat -nie wieder weder von ihm noch seiner Frau etwas gehört -- sie blieben Beide -spurlos verschwunden. - -Am Fuß der Ozarkgebirge blüthe und gedieh aber indessen eine kleine wackere -deutsche Colonie. Schwabe hatte sich in jenem herrlichen und noch so -wenig gekannten Landstrich des fernen Westen niedergelassen, und üppige -Maisfelder schmiegten sich an den Fuß, saftige Weingärten an die Hänge der -Berge, zahlreiche Heerden weideten in den nicht fernen Prairien. - -Aber ein ganz neuer Geist war auch über den jetzt glücklichen Vater -gekommen, der mit unermüdlichem Eifer daran ging nicht mehr für sich -allein, nein jetzt auch für sein Kind, für sein liebes, so lange verlorenes -Kind eine neue und wohnliche Heimath zu gründen. Hier fand er dazu den -vollen Spielraum für seine unermüdete Thätigkeit, für sein Schaffen und -Wirken, und deutscher Fleiß, deutsche Mäßigkeit verwandelte bald das in ein -Paradies, was noch vor wenigen Jahren öde trostlose Wildniß gewesen. - - - - -Schicksale einer Nacht. - - -»Nummero 15 -- Schloßgasse!« rief ich dem am Schlage harrenden Kutscher zu, -warf meinen Reisesack in die eine, mich selbst in die andere Ecke des kaum -gepolsterten Wagens und fort ging's über das schauderhafte Pflaster der -Residenz vom Bahnhofe aus in die innere Stadt, wo ich jetzt eigentlich im -vollen Ballcostüme -- o, _der_ Gedanke allein schon machte mich rasend --- beim rauschenden Chor jubelnder Melodien -- sie -- sie im Arme, in -wirbelnder Seligkeit mich, Salon, Erde, Himmel und Weltall hätte vergessen -sollen. - -Aber nein, da rasselte ich noch in diesem Marterkasten zwischen düstern -fremdglotzenden Häusermassen hin, denn gerade heute, als ob mir selbst -die Locomotiven nicht einmal den Gefallen thun könnten schneller als -Lohnkutscher zu fahren, waren wir erstlich wie die Schnecken über die -glattbeeisten Schienen hingekrochen, an jeder Station ewig lange haltend, -und zuletzt gar, um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, in einer -Schneewehe eine volle Glockenstunde lang stecken geblieben. Deshalb trafen -wir denn aber auch anstatt um sieben, um halb neun Uhr an Ort und Stelle -ein, und es ließ sich wohl entschuldigen, daß ich in peinlicher Ungeduld -zehn Mal unterwegs an die Fenster klopfte und dem Kutscher bald Flüche -in die Ohren donnerte, bald Trinkgelder bot, bis dieser endlich in voller -Verzweiflung auf sein darüber zum Höchsten erstauntes Pferd loshieb und wir -nun, wie ein böhmisches Ungewitter durch die Straßen rollend, »daß Kies und -Funken stoben,« bald darauf vor dem bezeichneten Hause anhielten. - -»Ich habe gar nicht mehr geglaubt, daß Du kämst!« rief mein Freund, der -erst heute Morgen meinen Brief erhalten hatte und mich jetzt, als er die -Droschke herantoben hörte, in der Thüre erwartete, »wo hast Du nur so lange -gesteckt?« - -Zu Erklärungen war es aber keine Zeit mehr, rasch faßte ich meinen -Reisesack, drückte dem Kutscher das schon in Bereitschaft gehaltene Geld in -die Hand und flog mehr als ich ging die Treppe hinauf und in das von Meier -bezeichnete Zimmer. Hier warf ich meinen Hut ab und erzählte und klagte dem -Freunde -- während dem ich den kleinen Reisesackschlüssel in allen Taschen -mit immer größerer Hast zwei Mal suchte und zuletzt in der, in welcher -ich angefangen hatte, fand -- wie mich das Unglück verfolgt, ja wie ich -überhaupt ein solcher Unglücksvogel sei, daß ich die Welt förmlich als -Pechreisender durchziehen und die glänzendsten Geschäfte machen könne. - -Es stand ja aber auch heute gerade mein ganzes Lebensglück auf dem Spiele --- heute sollte ich, nach zweijähriger Trennung _die_ wieder sehen, ohne -die ich mir die Welt nur als eine öde trostlose Wildniß denken konnte -- -heute Abend durfte ich ja hoffen von ihren Lippen das süße Geständniß ihrer -Liebe zu hören oder wenigstens doch in ihren Augen Leben oder Tod für mich -zu lesen. _Mit_ ihr, Leben in seiner sonnigsten Lust, im Freudenrausche -wonnetaumelnder Sphären, _ohne_ sie -- - -»Was zum Teufel hast Du denn da eigentlich in Deinem Reisesacke?« rief -Meier und ich, der ich, während Himmel und Hölle in meinem Herzen mit -Hoffnung und banger Todesfurcht rangen, das kleine Schloß des messingenen -Bügels geöffnet und eben hineingegriffen hatte meine »Unaussprechlichen« -herauszuziehen -- den Frack trug ich nämlich, um ihn vor dem Zerdrücken zu -bewahren, schon unter dem Burnus -- ich denke mich rührt der Schlag, -als ich gleich obenauf einen Schnürleib, ein Paar Schachteln, ein -Schminkbüchschen und in immer wachsender Verzweiflung und Wuth eine ganze -Unmasse solchen Plunders herausziehe und um mich her auf Boden und Stühle -streue. - -Meiers dämonisches Lachen brachte mich erst wieder zur Besinnung. - -»Hahahaha!« schrie er und die Thränen liefen ihm in ununterdrückbarem Jubel -über das breite, rothgeschwollene Gesicht -- ich hätte ihn erwürgen können, -»hahaha -- hast einen falschen Reisesack erwischt -- das ist göttlich -- -das ist unbezahlbar.« - -»Da!« rief ich und schleuderte den geleerten nichtswürdigen Reisebeutel mit -wildem Wurfe hinter den Ofen, »da lieg und verdirb. -- Was fang ich an? Ich -kann doch wahrhaftig nicht in meinen blau- und graucarrirten den Ballsaal -betreten? -- Heilige Dreifaltigkeit, habe ich denn nicht recht, wenn ich -mich für das unglückseligste Geschöpf halte, das zweibeinig zwischen Himmel -und Erde herumläuft? Jetzt sitze ich hier; Emilie wartet indessen mit ihrer -Engelsgeduld stundenlang auf mich, den Treulosgeglaubten, kann aber endlich -den dringenden Bitten nicht länger widerstehen und _muß_ sich zuletzt auf -den ganzen Abend engagiren.« - -»Aber wie war das nur möglich?« fragte Meier, nachdem er sich von seinem -bestialischen Lachkrampf in etwas erholt. »Jedermann behält doch unterwegs -seinen Reisesack bei sich und da begreife ich gar nicht --« - -»Begreifen -- begreifen,« knurrte ich ärgerlich und lief dabei händeringend -in der Stube auf und ab, -- ich war damals zwanzig Jahr alt und der Ball -mir zur Lebensfrage geworden, -- »ich begreife es recht gut. Auf der -letzten Station, wo man im Wagen schon keine Hand mehr vor den Augen sehen -konnte, stieg noch eine Dame in unser Coupée und drückte sich, da in der -Ecke gegenüber ein dickbepelzter vermaledeiter polnischer Jude saß und gar -nicht daran dachte der Neuhinzukommenden Raum zu machen, dicht neben -mich. -- Ich bin von diesem Augenblicke an mit Leib und Seele _gegen_ die -Emancipation. -- Daß sie auch einen Reisesack bei sich hatte, wußte ich -natürlich gar nicht und als der Zug hielt, sprang ich, in Eile wie ich war -und jetzt auch noch in der Angst vielleicht nicht einmal eine Droschke -zu bekommen, rasch und ohne mich weiter um die Dame und ihr Gepäck zu -bekümmern, aus dem Coupée und dem Droschkenplatze zu. Ich muß dabei -wahrscheinlich ihren Reisesack erfaßt haben und sie hat dafür den meinigen. -Meier, es wird bei Gott zu spät. -- Wo bekomme ich andere Ballhosen her? -wenn ich noch länger zögere ist Emilie auf den ganzen Abend versagt und ich -kann nachher ihre dicke Tante im Saale herumschleppen.« - -»Nun, wenn es weiter nichts ist,« meinte Jener gutmüthig, »da kann -vielleicht noch Rath werden --, hier mache nur schnell Toilette und -ich will unterdessen hinausgehen und sehen ob ich Dir nicht aus meiner -Garderobe ein Paar zur Aushülfe herausfinden kann -- wir sind ja ungefähr -von einer Größe.« - -Guter Mensch, der Meier! ich drückte ihm herzlich die Hand und während -er hinausging besorgte ich meinen übrigen Anzug, brachte meine etwas in -Verwirrung gerathenen Haare in Ordnung und war wenige Minuten später bereit -in jedes Paar Beinkleider hineinzufahren, das sich mir bieten würde. Meier -kam aber nicht so schnell wieder und ich unterhielt mich indessen damit, -die Thüre jede halbe Minute zwei Mal auf- und zuzumachen, oder die -Schachteln und Büchsen zu untersuchen, die mir ein tückisches Schicksal in -den Weg geschleudert. - -_Damenplunder_, Schminke, Puder, ein Paar falsche Locken, getragene -Handschuhe und Strümpfe. - -»Bah!« rief ich und warf den Kram wieder von mir, »ist es denn möglich, daß -es Esel auf der Welt giebt, die sich durch _solche_ Mittel bethören lassen? -Ich bin erst zwanzig Jahre, aber so viel weiß ich, würde --« - -»Herr Gott, wie riecht das hier verbrannt!« rief Meier, der in diesem -Augenblicke die Thüre aufriß und mit dem ersehnten Kleidungsstücke -hereintrat. »Hier muß etwas versengt sein.« - -Mir war der Geruch auch schon aufgefallen, doch hatte ich in all' meiner -Ungeduld nicht darauf geachtet; Meier dagegen zog gleich darauf den -verhängnißvollen Reisesack hinter dem Ofen vor. Die eine Seite desselben --- weißer Grund mit rothen Rosen -- ich kann mich noch so deutlich darauf -besinnen als wenn es gestern gewesen wäre -- war gelbbraun gesengt und zu -meiner Schande muß ich's gestehen, daß ich eine ordentliche Schadenfreude -darüber empfand. Was kümmerte mich aber jetzt der Reisesack, ich fuhr nur --- während Meier alle die diversen umhergestreuten Gegenstände wieder ohne -große Vorsicht und Ordnung in den Beutel zurückwarf, mit dem Knie, da nicht -alles bequem hinein wollte, ein Bischen nachdrängte und dann das -Ganze unter das Bett schob -- mit wahrer Todesverachtung in die -Unaussprechlichen. -- Herr der Welt, wenn sie nicht gepaßt hätten -- aber -nein. - -»Triumph!« rief ich und that mit beiden Füßen zugleich einen Luftsprung, -»die Intelligenz siegt!« - -Sie saßen wie angegossen -- nur ein klein wenig zu eng, doch that das -nichts -- der Schnitt war vorzüglich und ich freute mich -- auf mein Bein -habe ich mir von jeher etwas eingebildet -- wie ein Kind darüber. Kaum nahm -ich mir jedoch nur zu einer flüchtigen Spiegelpromenade Zeit, denn -unten knallte schon der von dem Dienstmädchen indeß herbeigeholte -Droschkenkutscher, warf rasch den Burnus über, ergriff meine Handschuhe, -drückte meinen Hut auf und wollte fort. - -»Halt,« sagte da Meier und faßte meinen Arm, »wann wirst Du denn wohl -wieder zu Hause sein?« - -»Wer? ich? Nun nicht zu spät; wenn meine Dame nach Hause fährt, tanz' ich -keinen Schritt mehr; auf jeden Fall bin ich um ein oder zwei Uhr spätestens -wieder hier.« - -»Gut, dann nimm den Hausschlüssel,« erwiederte mir Meier; »ich komme -schwerlich so früh heim, denn wir spielen nachher immer noch ein Paar -Rubber Whist. -- Schläfst Du fest?« - -»Nicht außergewöhnlich.« - -»So werde ich gerade unter dem Fenster hier, wo Dein Bett steht, in die -Hände klatschen -- Du magst dann den Hausschlüssel in Dein Taschentuch -binden, oder in den Tabaksbeutel dort stecken und herunterwerfen.« - -»Habt Ihr denn keinen Hausmann, der auf die Klingel kommt?« - -»Der Draht ist heute gerissen und noch nicht wieder gemacht -- Du wirst -mich schon hören.« - -»Aber der verwünscht schwere Schlüssel --« - -»Laß ihn im Burnus, da genirt er Dich nicht -- und noch eins -- merke Dir -die Thüre hier. Wenn Du im Dunkeln die Treppe heraufkommst, so fühle Dich -nur links gleich an der Wand hin, Du kannst gar nicht fehlen; die erste -Thüre.« - -»Genug -- genug!« Wir sprangen die Treppe hinunter in den Wagen und fort -ging's, dem Hôtel de Russie zu, wo uns schon von weitem die blendend -erleuchteten Saalfenster das Fest als begonnen verkündigten. - -Wie mir das Herz pochte, als ich die breite teppichbelegte Treppe -hinaufstieg! war mir's nicht, als ob ich plötzlich Blei in den Füßen habe -und die Glieder nicht mehr bewegen und heben könne -- mit Gewalt mußte ich -mich zusammenraffen und wurde erst durch einen der betreßten Lakaien, der -mir ein Stück Pappe in die Hand drückte und im nächsten Augenblicke mit -meinem Burnus verschwunden war, zu mir selbst gebracht. - -Wir traten ein; aus der geöffneten Saalthüre tönten uns aber schon die -wilden Töne eines Gallopps entgegen. Ich hatte es mir doch gedacht, drei -Tänze waren schon vorüber, die Polonaise und zwei Walzer und Emilie -_mußte_ sich ja auf den ganzen Abend versagt haben -- oder durfte ich etwa -vernünftiger Weise etwas anderes erwarten? - -»Siehst Du,« murmelte ich, die Hand krampfhaft auf dem Herzen geballt, in -Meiers Ohr, »_das_ ist mein Schicksal, das mich rettungslos verfolgt -- -vierundzwanzig Meilen habe ich jetzt in grimmigster Kälte zurückgelegt -- -riesengroße Schwierigkeiten überwunden und besiegt und jetzt? -- _zu spät_ --- der Fluch, der mir mein ganzes Leben untergraben hat -- Emilie ist für -mich verloren und ich bin elend -- elend auf ewig.« - -»Adolph,« flüsterte mir Meier zu und bog sich zu mir herüber, »Du weißt was -ich Dir schon tausend Mal gesagt habe, schlag Dir, wenn Du gescheidt bist, -das Mädchen aus dem Kopfe, Emilie ist älter als Du selbst, über die besten -Jahre hinaus.« -- - -»Geh zum Henker!« rief ich unwillig, »Mensch, willst Du mich denn jetzt -auch noch, wo ich überdies dem Verzweifeln nahe bin, wahnsinnig machen? Du -weißt, daß ich --« - -»Schon gut, die alte Noth, Du _willst_ nicht hören, so gehe denn ruhig -Deinen Weg. Aber da drüben kommt Emiliens jüngerer Bruder gerade auf uns -zu, von dem wirst Du augenblicklich erfahren können, wo Du die _Göttliche_ -zu suchen hast.« - -Ich wandte mich unwillig von ihm ab, dem Bruder der Geliebten zu; wer aber -beschreibt mein Erstaunen, ja mein Entzücken, als ich höre, daß Emilie, -ebenfalls durch eigenthümliche Hindernisse aufgehalten, noch gar nicht -erschienen ist, aber jeden Augenblick erwartet wird. Ich hätte dem -liebenswürdigen jungen Manne, einem etwas hochaufgeschossenen Secundaner, -auf offenem Ballsaale um den Hals fallen können. Daß ich mich jetzt dicht -an der Saalthüre postirte versteht sich von selbst; allerdings begrüßte ich -hier in meinem Eifer wohl zehn Mal fremde Damen, hatte mich mehrere Male zu -entschuldigen und fand endlich, daß Emilie zu einer Nebenthüre eingetreten -sei, doch was schadete das? durch ihren Bruder geführt, suchte sie selbst -mich auf und ich vergaß in _dem_ Augenblicke Fahrt, Reisesack, Täuschung -und langes Harren -- ich vergaß die Welt und lebte, athmete nur in ihr. - -Eine Stunde entschwand mir so im Wonnetaumel; was ich getanzt, was ich mit -ihr gesprochen, wie sollte ich es wissen, ich sah auch nicht, was uns im -wirbelnden jubelnden Festesdrang umgab, nur in ihre Augen schaute ich und -in diesen blühte ein Paradies für mich auf, Emilie war nie so freundlich -mit mir gewesen und ich hätte in diesem Augenblicke mit keinem Gott -getauscht. - -Erst in einer der Pausen gewann ich Zeit mich etwas ruhiger mit ihr zu -unterhalten; Arm in Arm wanderten wir im Saale auf und ab und ihre kleinen -rosigen Lippen flüsterten und plapperten mir die süßesten Schmeichelworte -in die Ohren. - -Wir hatten indessen eine der kleinen, an den Seiten angebrachten -rothgepolsterten Bänke erreicht und ließen uns nieder; Emilie aber -entschuldigte sich jetzt, daß sie so bleich und angegriffen aussähe. Guter -Gott, das hatte ich ja noch gar nicht bemerkt, sie sah wirklich bedeutend -blässer aus als gewöhnlich -- auch in der That etwas verändert -- was war -ihr geschehen? - -»Ach bester Freund,« flüsterte sie auf meine theilnehmenden Fragen, »es war -gerade nichts von Bedeutung und doch etwas, das mich bald gezwungen hätte, -dem Vergnügen des Tanzes heute ganz zu entsagen.« - -Das Blut strömte mir kalt zum Herzen, als ich nur an die Möglichkeit -dachte. -- - -»Aber wie _war_ das möglich? -- Doch nicht etwa Krankheit? Ihre Wangen sind -heute Abend wirklich auffallend bleich --.« - -»Ich war ein Kind,« lächelte sie, »Angst und auch -- Aerger, wenn ich denn -aufrichtig sein will, sind die eigentlich thörichten Ursachen gewesen.« - -»Aerger?« - -»Um eine Kleinigkeit -- ich habe jetzt einige Tage bei einer kranken Muhme -im nächsten Städtchen zugebracht -- mehrere Bekannte hatten dort ebenfalls -einen kleinen Ball arrangirt; heute Abend kehrte ich erst von dort zurück -und -- Sie werden mich auslachen, verwechselte im Coupée meinen Reisesack. -Nun, was erschrecken Sie denn? das ist doch nichts so Fürchterliches,« -lachte sie, als ich an ihrem Arme zusammenfuhr. - -»Nein, in der That nicht,« stotterte ich und sah mich dabei im Saale um, -ob nicht etwa die Decke niederschlagen wollte, mich zu begraben, -»verwechselten -- verwechselten Ihren Reisesack -- hahaha -- das ist -wirklich zu komisch, das ist göttlich -- hahahaha -- das ist kostbar.« - -»Aber ich bitte Sie um Gotteswillen, Adolph!« rief Emilie erschreckt, »Sie -lenken ja die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft auf uns, was fehlt -Ihnen denn?« - -»Bitte tausend Mal um Verzeihung!« stotterte ich ganz verstört, denn ich -wußte in diesem Augenblick wahrhaftig nicht, stand ich auf dem Kopfe oder -auf den Füßen. Schminke, Puder, Locken -- heilige Mutter Gottes! Ich drehte -mich schnell nach ihr um, sie trug beim ewigen Himmel ihre gewöhnlichen -kastanienbraunen Locken nicht, von denen ich einst mit verrätherischer -Scheere ein süßes, theures, tausend und tausend Mal geküßtes Andenken -geraubt. Pest und Cholera -- ich hatte jetzt die übrigen zu Hause in der -Schachtel. Aber was nun thun? sollte ich ihr gestehen, daß gerade ich jener -Unglückliche sei, der -- nein das ging beim Himmel nicht, jetzt nicht. -Und war denn auch der Reisesack nicht versengt, ruinirt, lag er nicht, -ich durfte gar nicht daran denken, wo und neben wem; meine Sinne fingen -überhaupt an sich zu verwirren und Brandflecken, Locken, schwarze -Beinkleider, Schminke, Puder, das Alles drehte sich mir wie ein feuriges -Räderwerk in tausend tollen bunten, immer neu gestalteten Bildern im Kopfe -herum. - -»Ich begreife Sie gar nicht,« flüsterte Emilie endlich und warf mir einen -vorwurfsvollen aber doch zärtlichen Blick zu, »was haben Sie nur?« - -»Ach, mein Fräulein,« erwiederte ich ihr in aller Verlegenheit und muß in -dem Augenblicke so roth wie ein gesottener Krebs ausgesehen haben -- »Sie -glauben gar nicht, wie leid mir Ihr Unfall thut, wenn man nur -- wenn man -nur herausbekommen könnte wer der unglückselige Vertauscher --« - -»Auf jeden Fall ein Herr!« sagte sie rasch, »ich fand gleich oben auf --« -sie stockte plötzlich und biß sich auf die Lippen. - -»Sie haben den fremden Reisesack geöffnet?« - -»Ja, allerdings, aus Versehen natürlich, die kleinen Schlösser sind sich -ja alle gleich und ich sah nicht eher, daß ich mich geirrt, bis ich -- bis -ich --« - -Ich wußte was jetzt kam, was jetzt kommen mußte, sie hatten ja gleich -obenauf gelegen. -- - -»Ein kleines Buch fand, einige geheftete Bogen heißt das, mit -- Gedichten. -Ach Adolph, wenn Sie _die_ Gedichte gelesen hätten« -- - -Ueberrascht sah ich zu ihr auf; die verdammten Gedichte hatte ich ganz -vergessen, doch sie gefielen ihr, Emilie schwärmte dafür. - -»Todt hätten Sie sich gelacht über das Zeug,« fuhr die junge Dame, die -sich wieder ganz gesammelt hatte, fort, »manches unsinnige Gedicht habe -ich schon gelesen, aber solch übernächtigen Mondenschein und Liebesjammer, -solche Selbstmordphantasie und überschwengliche Winselei noch nie im -Leben. -- Ich -- wurde etwas aufgehalten und las einige davon, sie waren zu -komisch.« - -»Aber mein Fräulein,« stotterte ich und verbarg mein Gesicht für einen -Augenblick in mein Taschentuch, mir war es als ob das aus dem Herzen -herausschießende Blut die Stirnadern zersprengen müßte, »ich weiß doch -nicht -- fremde Schriften --« - -»Eines Kaufmannslehrlings,« unterbrach sie mich lachend, »das hat keine -Gefahr, die geschnörkelte Handschrift verräth den Dichter,« -- es -hatte mich einen Thaler fünfundzwanzig Neugroschen gekostet, sie sauber -abschreiben zu lassen. -- »Sie müssen uns morgen besuchen,« fuhr sie fort, -»da können Sie den Unsinn selber lesen; ich will den Reisesack später -zu einer Bekannten schicken, wohin ich die Zeitungsannonce zu richten -gedenke.« - -Das war zu viel, meine Pulse flogen fieberhaft, meine Stirn brannte, das -Wort lag mir auf der Zunge, mit dem ich sie zu Boden schmettern wollte; mit -solcher Heftigkeit ergriff ich dabei ihren Arm, daß sie einen leisen Schrei -ausstieß und erschreckt zu mir aufsah. Da wirbelten die Pauken, da dröhnten -die Trompeten ihre Jubelfanfare drein, der innere Kreis lichtete sich und -die Paare flogen zum Antritt an ihre Plätze, ich sprang auf und starrte -wild umher. - -»Kommen Sie, Adolph,« flüsterte da Emilie und drückte leise meine Hand, -»der Tanz beginnt wieder, wir fehlen sonst in der Française.« - -Fast willenlos zog sie mich dem Kreise der jubelnden Schaar zu, mich, -den Verzweifelnden, mit der Hölle im Herzen; da zuckte es auf in mir, in -langverhaltenem Grimme; ich riß mich los von der Entsetzlichen, that einen -Sprung zurück und rief: Nein, -- kein Wort kam über meine Lippen, auch der -kleinste Laut erstarb mir auf der Zunge, aber ein eiskalter Schauer -lief mir den Rücken hinab. Heiliger Gott, ich hatte die fremden, _engen_ -Beinkleider vergessen, eine Naht war bei meiner allzufreien Bewegung -geplatzt, soviel fühlte ich, und fürchtete jetzt das Entsetzlichste. Aller -Augen richteten sich dabei, wie es mir wenigstens vorkam, auf mich und mir -war es, als wenn ich vor Schaam hätte in die Erde sinken sollen. - -Wenn sie es merkten, wenn ich unter dem höhnischen Lachen dieser Elenden -den Saal verlassen mußte; doch nein, noch konnten sie den ganzen Umfang -meines Jammers nicht begriffen haben, noch war es vielleicht möglich, -mich unbeachtet zu entfernen. Das einzige Mittel blieb ein urplötzliches -Nasenbluten; ich riß das Taschentuch heraus, hielt es mir vor das Gesicht -und überflog mit einem schnellen Blicke das Terrain. Aber der ganze Platz -zwischen uns und der Thüre war von Menschen frei -- nur einzelne Damen -standen hier und da und unzählige Lichter verliehen ihm Tageshelle; wagte -ich mich jetzt darüber hin, so setzte ich mich tollkühn selbst einer -Entdeckung aus; ich mußte einen günstigem Zeitpunkt abwarten. - -Ein zweiter Blick überzeugte mich, daß der Platz, auf dem ich vor wenigen -Minuten mit Emilien gesessen, noch frei sei und auch ziemlich von einer -neben ihm herunterhängenden Gardine verdeckt und dadurch unbeachtet liege. -War ich im Stande mich dorthin _unerrathen_ zurückzuziehen, so konnte -ich nachher meine Zeit abpassen und bei günstiger Gelegenheit die Thüre -gewinnen. - -Daß ich unter diesen Umständen nicht wagen durfte, der Gesellschaft den -Rücken zu drehen, läßt sich denken; obgleich mir aber Emilie voll Erstaunen -nachsah, da selbst das vorgehaltene Taschentuch eine solche retrograde -Bewegung nicht vollkommen entschuldigte, so gelang es doch endlich durch -äußerst geschicktes Manöveriren und die Deckung eines hochlehnigen -Stuhles, den Sitz wieder zu erreichen, um von hieraus meine völlige Flucht -bewerkstelligen zu können. - -Zur dringenden Nothwendigkeit war es jetzt geworden die _Größe_ des -angerichteten Schadens zu ermitteln; wie es schien nahm in diesem Moment -Niemand weiter Notiz von mir und ich bog, das Tuch jedoch noch immer vor -der Nase, den Kopf ein klein wenig herunter. Herr des Himmels, ein ganzes -Stück weißer, verrätherischer Leinwand hing neben mir an der Seite der -rothgepolsterten Bank herunter; für so entsetzlich hatte ich mein -Unglück gar nicht gehalten; aber es war nur zu gewiß, auch so ein kaltes -Gefühl ..... Mein Herz schlug mir wie ein Hammer in der Brust, meine -Glieder flogen in Fieberfrost. Doch die _Nähe_ der Gefahr giebt ja auch -den verzagtesten Menschen den Muth zurück; das Unglück war nicht mehr -hinwegzuleugnen, es mußte _verbessert_ werden. Wäre nur Meier einen -Augenblick dagewesen, aber nein, der saß gewiß, kalter gefühlloser Mensch, -ein solcher Jurist! hinter seinem Whisttische und zählte Tricks und Points, -auf ihn durfte ich nicht rechnen, und eben wollte ich mich, um wenigstens -das Schlimmste zu redressiren, langsam emporrichten, fast unwillkürlich -hob ich dabei den Blick, knickte aber auch blitzschnell auf meinen Platz -zurück, denn zehn Schritte von mir entfernt und gerade auf mich zukommend -erkannte ich, wen anders als Emilien am Arme des dürren, bleichsüchtigen -Secundaners, ihres liebenswürdigen Bruders. - -Hätte sich die Sammetbank aufgethan und mich verschlungen, ich wäre mit dem -größtmöglichsten Vergnügen eine unbestimmte Anzahl von Klaftern erdab in -völlige Dunkelheit hineingefahren; die blieb aber stockstill und regungslos -stehen und mir kaum Zeit meinen dünnen Frackzipfel über das Gräßliche zu -breiten als auch schon mein Schicksal in der Gestalt dieser Sirene auf mich -zutrat und mit leiser freundlich schmeichelnder Stimme fragte: - -»Haben Sie Nasenbluten, Adolph?« - -Ich machte nur einfach eine stumme bejahende Bewegung. - -»Nun das wird bald vorübergehen,« tröstete sie mich, »aber -- dürfte ich -Sie wohl einmal auf einen Augenblick incommodiren?« - -Ich sah überrascht und erschreckt zu ihr auf. - -»Sie sitzen auf meinem Taschentuche,« fuhr sie bittend fort, »ich habe es -vorhin hier liegen lassen.« - -»Es -- es liegt kein Taschentuch hier,« versicherte ich hinter -meinem eigenen Tuche hervor auf das Bestimmteste, »ich habe eben erst -nachgesehen.« - -»Doch, doch, lieber Adolph,« lächelte die Entsetzliche, »Sie sitzen in der -That darauf, ich -- ich sehe dort sogar den Zipfel,« und ehe ich von dem -was mir bevorstand auch nur eine entfernte Ahnung hatte, fuhr sie plötzlich -auf den vermeintlichen Tuchzipfel zu, faßte es und suchte es vorzuziehen. - -Wenn ich mir in meinem Leben etwas gewünscht habe, so war es in dem -Augenblicke ein Gewicht von circa hunderttausend Pfund. Allerdings packte -ich das sogenannte Tuch so schnell als möglich selbst und hielt es fest, -meine erbarmungslose Quälerin aber legte sich mit ganzer Macht dagegen -und da ich nur eine Hand gebrauchen konnte und überdies auf der -weichgepolsterten Bank nichts weniger als fest saß, fühlte ich, wie sie -mehr und mehr Raum gewann. - -»Aber bester Herr Müller,« winselte da der unglückselige Secundaner und -legte mit Hand an, »ich begreife wahrhaftig nicht, weshalb Sie das Tuch -nicht,« er zog aus Leibeskräften, »nicht her -- geben -- wollen.« - -Ich sah mein Verderben vor Augen; das Fürchterliche konnte nicht länger -verborgen bleiben; nur es noch so lange als möglich zu verzögern, da -- -Heiland der Welt, da gab es nach, ich fühlte wie es unter mir vorrutschte, -die Geschwister sprangen zurück und hielten -- wachte ich denn oder -träumte ich? -- Emiliens wirkliches Taschentuch in der Hand, ein rascher -verzweifelter Griff überzeugte mich sogar, daß meine eigene Furcht ganz -ungegründet gewesen, ob es aber jene Beiden gemerkt, oder ob sie blos über -das eroberte Tuch jubelten, ich weiß es nicht, unter dem mir teuflisch -klingenden Hohngelächter schoß ich aus dem Saale, fuhr in toller Eile in -zwei falsche Burnusse hinein, bekam endlich den rechten, nebst einem Hute, -der mir bis über die Schläfe in's Gesicht sank, warf den in die Ecke, -drückte mir das erste beste auf den Kopf was mir passend vorkam und stürmte -die Treppe hinunter, aus dem Hause in die schneidend kalte, aber meine -brennende Stirn wie Balsam kühlende Nachtluft hinaus. - -Ich war frei und hoch hob sich mir die Brust, und eilenden Laufes floh ich, -eine Hölle im Herzen, die dunkele zugige Straße hinunter der Schloßgasse -zu. - -Als ich diese endlich erreichte, konnte ich allerdings nicht gleich das -rechte Haus erkennen; sie sahen sich alle ähnlich mit ihren grauen Erkern -und düstern Fenstern, glücklicher Weise wußte ich aber die Nummer und fand -endlich bei dem matten Scheine einer gegenüber düster flackernden Laterne -die ersehnte 15. - -»Morgen mit dem Frühzuge brech' ich wieder auf!« murmelte ich dabei, -während ich den schweren Schlüssel aus der Tasche holte und in das -Schlüsselloch zu stecken versuchte. »Ich bin geheilt -- Meier hat recht --- verrathen war ich, schändlich, niederträchtig, ver -- na, nun schließt -dieser vermaledeite Schlüssel auch nicht -- weiter fehlte mir gar Nichts -als jetzt auch noch eine Stunde hier auf der Straße zu stehen.« -- Ich -probirte, es ging nicht, ich blies den Schlüssel aus, weil ich glaubte es -könnten sich Krumen hineingesetzt haben -- es ging immer noch nicht. - -»Meier!« rief ich, in der trostlosen Hoffnung, daß dieser schon vor mir -den Ball verlassen haben könnte, bekam aber natürlich keine Antwort und -versuchte den Schlüssel auf's Neue. Umsonst -- vergebens drückte ich -zehnmal an die Klinke, vergebens interessirten sich die Nachtwächter und -ein Paar vorbeikommende Chaisenträger auf das Lebhafteste für mich; hinein -in das Schlüsselloch brachte ich den Verräther, nachher aber blieb er nicht -allein regungslos darin stecken, sondern wollte sogar nicht einmal wieder -heraus. Ich weiß selbst nicht, wie lange ich frierend und fluchend an dem -unglückseligen Schlosse probirte, endlich rieth mir ein Vorbeigehender --- denn selbst der Nachtwächter hatte die Sache zuletzt als trost- und -hoffnungslos aufgegeben -- zu läuten, damit der Hausmann käme und öffne. - -Läuten! -- ja er hatte gut reden, war denn nicht der Draht gesprungen? doch -folgte ich wirklich, eigentlich nur aus Verzweiflung und Grimm dem Rath und -riß, als ob ich die Klingel hätte mit der Wurzel aus dem steinernen Gewände -reißen wollen. Es that mir wohl irgend etwas Bewegliches zu haben, an -dem ich meine Wuth auslassen konnte. Der Zug blieb aber keineswegs so -erfolglos, als ich es erst geglaubt; drinn im Hause war plötzlich durch -meine etwas gewaltige Kraftanstrengung eine Glocke in Bewegung gesetzt -worden, die jetzt ganz urplötzlich nicht allein den merkwürdigsten und -entsetzlichsten Spektakel auf eigene Hand vollführte, sondern allem -Anscheine nach auch gar nicht beabsichtigte je wieder aufzuhören. Es -dauerte denn auch nur kurze Zeit -- und die Riesenglocke läutete dabei noch -immer fort -- bis ein Paar Pantoffeln in größtmöglichster Eile über den -steinernen Vorsaal herangeschlappt kamen; der in den Pantoffeln Steckende -hustete auf sehr bedenkliche Weise und durch das Schlüsselloch fiel -plötzlich ein einzelner Hoffnung erweckender Lichtstrahl. Inwendig wurde -ein Schlüssel eingedrückt und herumgedreht, zu meiner Verwunderung aber -auch noch ein Riegel zurückgeschoben und die schwere Thüre knarrte in ihren -Angeln. - -»Herr du mein Gott!« rief dabei der Alte, der bis über die Ohren in einem -weißen Schafpelze stak, »wer reißt denn da so fürchterlich an der Glocke?« - -»Guten Abend, Alter,« unterbrach ich ihn aber, trat, während ich ihm ein -Viergroschenstück in den Schlafrock drückte -- denn die Aermel gingen ihm -bis weit über die Hände -- in's Haus und wollte ohne Weiteres die Treppe -hinauf, da ich nach der früheren Hitze und durch das lange Stehen vor der -Thüre bis in's innerste Mark hinein durchfroren war. Der Mann hielt mir -aber erst seine Laterne unter's Gesicht und sagte, mit einem durch das -indessen seitwärts besichtigte Viergroschenstück nur theilweise beruhigten -Blicke: - -»Wohnen Sie denn hier?« - -»Jawohl, oben beim jungen Herrn.« - -»Seit wann denn?« - -»Seit heute Abend neun Uhr; wir sind zusammen zum Balle gefahren.« - -»Ah so!« nickte der Alte, der damit seiner Hauspflicht genügt zu haben -glaubte und wandte sich mit einem kurzen »gute Nacht« zum Gehen, mein Blick -war aber dadurch und als ich mich nach ihm umdrehete, auf die Hausthüre -gefallen und ich sah dort den Riegel, den er eben wieder vorgeschoben -hatte. - -»Wird denn hier das Haus von innen verriegelt?« fragte ich ihn erstaunt, -»das habe ich ja gar nicht gewußt, -- da hätte mir ja auch mein Schlüssel -nichts geholfen.« - -»Ja,« meinte der Alte und bekam wieder den bösen Husten, »seit sie hier --- oho oho oho -- in der Schloßgasse, die -- oho oho oho -- die Frau -erschlagen haben, oho oho, ist mein Herr ängstlich geworden -- oho oho -oho.« - -»Wie kommt da aber der junge Herr herein?« - -»Der klingelt auch!« meinte sehr lakonisch der Brustkranke und zog sich, -nicht ohne Grund die nachtheiligen Folgen der Zugluft für sich selbst -fürchtend, mit einem wahren Anfalle von Keuchhusten durch die Hofthüre in -seine eigenen Apartements zurück. - -»Das also ist das Ende meines süßen Traumes!« seufzte ich, als ich die -breite steinerne Treppe im Dunkeln hinaufstieg und dabei links das -Geländer hielt, um nicht irgendwo anzulaufen; was kümmerte mich in diesem -Augenblicke der Riegel? mir gingen andere fürchterlichere Gedanken im Kopfe -herum. -- - --- »Das ist das Resultat meiner Reise --, das der Grundstein meines -künftigen Glücks, auf dem ich Riesenbauten aufgeführt hätte. -- Fort, fort, -selbst mit der Erinnerung an mein Unglück -- ich will schlafen und wäre es -bis zum letzten Tage. Ach der Tod müßte jetzt eine Wohlthat sein.« - -Wie dunkel das aber auf der Treppe war, nicht einmal die Stufen konnte ich -erkennen, eine wirklich ägyptische Finsterniß, doch wußte ich ja meinen -Weg und fühlte mich, als ich die erste Etage erreichte, links dicht an der -Mauer hin. Da stieß meine Hand an irgend etwas und in demselben Moment, -in dem ich mir das Knie an einer scharfen Ecke fast zerstieß, klirrte -mit fürchterlichem Gepolter irgend ein irdenes Gefäß zu Boden und das -plätschernde Geräusch verrieth mir, daß ich jedenfalls einen nicht -unbeträchtlichen Wasserkrug heruntergestoßen haben müßte. - -Das fehlte mir noch -- ich watete jetzt förmlich; wie aber kam der Krug -hierher und wo hatte er --? wahrhaftig da stand auch ein Tisch; der mußte -dorthin gestellt sein seit wir fortgegangen und meine linke Kniescheibe -trug jetzt die Folgen. Doch hier half weiter kein Besinnen, im Dunkeln -konnte ich überdies nichts wieder gut machen und beschloß nur Meier, wenn -ich ihn zu Hause kommen hörte, aus dem Fenster hinaus zu warnen, daß er -nicht etwa über das indessen die Treppe hinabgeströmte und gefrorene Wasser -stürze. - -Ich tappte jetzt an der linken Wand hin. -- Nun? -- Da sollte doch die -Thüre sein. -- Ich konnte nichts fühlen als die nackte kalte Mauer; auf -jeden Fall mußte ich sie gleich im Anfange übergangen haben und suchte -meinen Weg noch einmal zurück bis zur Treppe, aber keine Thüre war zu sehen -und ich wußte doch so genau, daß sie sich auf _der_ Seite befand. Wieder -begann ich meine Wanderung, und die Zähne klapperten mir vor Frost und -wieder mit nicht besserem Erfolge als zuerst, nur kam ich, als ich mich -immer weiter hinarbeitete, zu einem Fenster, das in irgend einen dunkeln -Hof hinausführte. -- Wo war ich jetzt? Was sollte ich thun, was beginnen? -Ich konnte doch wahrlich nicht die ganze Nacht auf der Treppe bleiben, wäre -ja auch in meinem dünnen Ballanzuge erfroren. Und sollte ich Lärm hier im -fremden Hause machen? -- mit was für einem Gesichte durfte ich mich dann -morgen -- ei zum Henker, Noth bricht Eisen, erfrieren konnte ich auch -nicht. Uebrigens mußte ja doch auch irgendwo eine Thür sein, und traf ich -nicht die rechte, so weckte ich wenigstens Menschen, die mir das richtige -Zimmer öffneten. - -Rasch entschlossen ging ich an's Werk und kam glücklicher Weise endlich -an eine Klinke, die ich zu öffnen versuchte; doch umsonst, sie widerstand -allen meinen Bemühungen und auf mein mehrmaliges Anpochen erhielt ich -ebenfalls keine Antwort. Ich ging jetzt weiter, stolperte nochmals über -einen Stuhl, stieß an einen kleinen Tisch, über dem ich einen Spiegel -fühlte, und erreichte zuletzt eine zweite Thüre. - -Obgleich auch diese mir den Eintritt versagte, so glaubte ich doch ein -Geräusch wie das eines Schnarchenden zu vernehmen. Ich klopfte herzhaft an -und horchte -- da regte sich etwas -- eine Bettstelle knarrte, als ob sich -Jemand darin umdrehe, dann war alles wieder still. -- Ich wiederholte -mein Pochen, da rief plötzlich eine allem Anscheine nach auf's Aeußerste -erstaunte Stimme: - -»Was zum Henker giebt's denn da draußen? Wer klopft? Johann, bist Du das?« - -»Ich bin's, Herr Meier!« erwiederte ich ihm mit schüchterner, aber nichts -desto weniger lauter Stimme, denn ich mußte natürlich in ihm den Vater -meines Freundes vermuthen. -- »Adolph Müller ist's, der Freund Ihres -Sohnes; ich kann meine oder vielmehr seine Stube nicht finden.« - -»Donnerwetter, Herr, stören Sie die Menschen nicht im Schlafe!« rief aber -der vermeintliche Vater mit keineswegs freundlicher Stimme, »ich habe gar -keinen Sohn -- gehen Sie zum Teufel und lassen Sie mich in Ruhe --« - -»Aber bester Herr,« bat ich ihn, »ich stehe hier draußen in der grimmigsten -Kälte und kann den Tod davon haben; wenn ich nur wenigstens ein Licht -hätte, daß ich meine Stube finden könnte. In welchem Zimmer wohnt denn nur -Herr Meier?« - -»Ich kenne gar keinen Meier, Herr!« rief die Stimme mit einer -fürchterlichen Bestimmtheit, »hier im ganzen Gebäude existirt kein Meier. --- Gute Nacht, schlafen Sie wohl --« - -Und ich hörte, wie sich der Unmensch mit aller Gewalt auf die andere Seite -warf, seine Worte aber waren wie ein Donnerschlag für mich -- kein Meier -im ganzen Hause! Das konnte ja gar nicht sein -- hatte ich denn nicht die -Nummer mit eigenen Augen gelesen? -- Doch das Innere des Hauses selbst, die -ganze Einrichtung war mir in der That fremd -- sollte er recht haben? Doch -nein, auf jeden Fall wohnte mein Meier hier; der Droschkenkutscher hatte -mich ja auch gleich vor die richtige Thüre gefahren, ein Beweis, daß ich -doch damals die Nummer gewußt; an mir lag es daher einen zweiten Versuch zu -machen um mein Bett zu finden. - -Ich schritt, immer weiter rechts, langsam an der Wand hin und erreichte -endlich einen von außen durch einen Wollbeschlag verwahrten Eingang, der -auf jeden Fall zu einer Wohn- oder Schlafstube führte; hier mußte übrigens -die Klinke auf der verkehrten Seite sein, denn ich fühlte erst vergebens -ringsherum und fand sie endlich in der Mitte. Kaum hatte ich sie jedoch -berührt und darauf gedrückt, als von innen heraus ein so fürchterlicher -markdurchschneidender Schrei erscholl, daß ich entsetzt zurückfuhr. - -»Herr Meier,« rief ich aber gleich darauf rasch gesammelt und klopfte dabei -scharf an die Thüre; »mein guter Herr Meier!« - -»Mörder -- Diebe -- Spitzbuben! Feuer! Feuer!« gellte als Antwort die -Stimme und nach dem Hofe zu wurde eine Klingel, die auf jeden Fall mit -dieser Stube in Verbindung stand, aus Leibeskräften gerissen. - -»Aber bester Herr Meier,« bat ich und suchte dadurch den Sturm zu -beschwichtigen. - -»Hülfe -- Hülfe -- Feuer -- Diebe!« tobte das Echo und überall im Hause -klappten Thüren und wurden ängstliche Stimmen gehört. Wieder, aber dies Mal -noch in viel ängstlicherer Hast, schlurrten die Pantoffeln des Hustenden -herbei und ich wußte für den Augenblick wirklich nichts Besseres zu thun, -als mich diesem auf Gnade und Ungnade zu ergeben. - -Ich fühlte meinen Weg, so schnell das gehen wollte, an die Treppe zurück -und das Geländer hinunter, wo ich mit Freuden das eben wieder in die -Hofthüre hereinblitzende Licht des Hustenden begrüßte. Dieser aber gewahrte -kaum meine, wie er nach allem dem Hülfeschreien wahrscheinlich glauben -mochte, in höchst böswilliger Absicht auf ihn zueilende Gestalt, als -er blitzschnell, wie die Figur in irgend einer künstlichen Uhr, -zurückschnellte, die Thüre in's Schloß warf und den Zeter von einer Treppe -hoch mit - -»Faß ihn, Türk, halt ihn fest, Packan, hu hetz hetz, Nero, hu hetz hetz!« -accompagnirte. - -Wohl sprang ich jetzt an die Hausthüre und schob den Riegel zurück, denn es -wurde mir nun doch klar, daß ich durch das unseligste Mißverständniß in ein -falsches Gebäude gerathen sei, die verwünschte Thüre ließ mich gegenwärtig -aber ebensowenig hinaus, als sie mich vorhin hereingelassen hatte und zu -der Aufregung, in der ich mich überhaupt befand, kam auch noch die Furcht, -daß der schwindsüchtige Barbar am Ende gar zu guter Letzt eine Meute -Kettenhunde auf mich losließe, wo ich dann in der engen Hausflur eine Scene -aus den altheidnischen Thiergefechten hätte aufführen können. Glücklicher -Weise mußte aber kein Hund auf dem ganzen Hof sein und die drohenden -Laute sollten wohl blos dazu dienen die vermeintlichen frechen Diebe -zurückzuschrecken. Ehe ich jedoch im Stande war einen festen Entschluß -zu fassen und einmal schon wirklich im Begriffe die jetzt ebenfalls -verschlossene Hofthüre zu sprengen, um mir wenigstens Bahn in des Hausmanns -warme Stube zu brechen, flog das Thor plötzlich auf und drei entsetzte -Gestalten mit Heugabeln, Schaufeln und einem großen Küchenmesser bewehrt, -rückten in verzweifelter Tapferkeit heran und forderten mich mit grimmer -Stimme zum Niederlegen der Waffen auf. - -Es dauerte nun allerdings geraume Zeit, ehe ich im Stande war ihnen meine -gänzliche Harmlosigkeit darzuthun, noch dazu da die früher gehörte Stimme -von oben herunter ununterbrochene Drohungen von Galgen, Rad, Zuchthaus und -Galeeren niederrief, und dadurch das Trifolium natürlich in dem Glauben -erhielt, es sei Fürchterliches geschehen. Endlich mochte sie mein -Ballcostüm, in dem ich mich producirte, beruhigen; es war wenigstens nicht -wahrscheinlich, daß irgend ein vernünftiger Mensch bei solcher Kälte in -schwarzem Fracke, weißen Glacéhandschuhen und Schuh und Strümpfen versuchen -solle einzubrechen. Mein Freund im Schafspelze erkannte mich auch wieder, -wollte sich aber, obgleich ich mich endlich mit den Leuten in soweit -verständigte, daß sie mich für keinen Raubmörder hielten, in keinerlei -Weise weiter mit mir einlassen, versicherte, daß er keinen Menschen Namens -Meier kenne und in seinem Leben gekannt habe, schloß, dabei immer noch mit -mißtrauischem Seitenblicke, die Hausthüre so schnell als möglich wieder auf -und ich fand mich wenige Secunden später -- und noch froh nicht etwa gar -als fremder Ruhestörer irgend einem freundlichen Nachtposten überliefert -zu sein -- gerade vor derselben Pforte, vor der ich kurze Zeit früher Gott -weiß was darum gegeben hätte, um nur gleich und schnell hineinzukommen. - -Allerdings suchte ich mich jetzt augenblicklich und während innen noch der -unausbleibliche Riegel mit größter Sorgfalt wieder vorgeschoben wurde, von -der Identität der Hausnummer zu überzeugen; die letzte Laterne war jedoch -indeß verlöscht, die Straße menschenleer und der Schnee fiel in großen -kältenden Flocken nieder; ich selbst aber zitterte vor Frost an allen -Gliedern und fürchtete wohl nicht ohne Grund eine bösartige Erkältung, wenn -ich, so leicht bekleidet, auch nur eine Minute länger auf freier Straße -blieb, als ich nothgedrungen mußte. Unter diesen Umständen blieb mir denn -also nichts weiter übrig als den Versuch, in solcher Dunkelheit und Kälte -das rechte Haus zu finden, aufzugeben, und ich lief rasch die Straße hinab, -das erste Hôtel oder Gasthaus zu benutzen, was sich mir bieten würde. - -Glücklicher Weise brauchte ich nicht lange zu suchen; wenige hundert -Schritte weiter unten erkannte ich die goldglänzenden Riesenbuchstaben -eines Schildes, die Hausglocke saß an der richtigen Stelle und ich fand --- wirklich kaum noch im Stande mich auf den Füßen zu erhalten -- ein -eiskaltes Zimmer, aber ein warmes Bett, in dem ich mich von dem Elend und -Leid dieser Nacht erholen konnte. Zum Tode erschöpft schlief ich natürlich -augenblicklich ein und erwachte erst wieder, als mir das helle Tageslicht -in die Fenster schien und der Kellner mit dem um acht Uhr bestellten Kaffee -in die Thüre trat. - -Wie ein düsteres Traumgebilde lag die Erinnerung der vergangenen Nacht auf -meinen Nerven, der Kaffee übte jedoch seinen wohlthätigen Einfluß auch -auf mich aus; ich schüttelte alle bösen Gedanken ab und mit dem festen -Entschlusse Emilien auf immer zu meiden -- ich bin bis jetzt noch nicht -recht mit mir im Klaren, ob mich damals die falschen Locken oder die -bedauernswerthe Ansicht über meine Gedichte am meisten dazu bestimmte -- -zog ich meinen Burnus wieder über, setzte den Hut, den mir das tückische -Spiel des gestrigen Abends bescheert, auf, bezahlte die kleine Rechnung und -öffnete meine Thüre, die auf einen schmalen Gang hinausführte. - -»Nun, da hätte ich mir allerdings bis heute Morgen die Hände vor meinem -Fenster wund klatschen können,« sagte in diesem Augenblicke eine Stimme -dicht neben mir und aus der benachbarten Thüre trat ebenfalls mit Hut und -Mantel, wer anders als Meier selbst heraus. - -»Meier!« rief ich und stand ganz verdutzt über solche wunderbare Begegnung, -»jetzt bitte ich Dich um Gotteswillen --« - -»Weshalb liefst Du denn auf einmal gestern vom Balle fort?« brummte aber -dieser. »Emilie hat tausend Mal nach Dir gefragt.« - -»Emilie!« -- der Name gab mir meine ganze Kraft und Energie wieder. -- - -»Meier,« sagte ich, griff ihm unter den Arm und führte ihn mit mir die -Treppe hinab. »Meier, glaubst Du an ein böses Geschick?« - -»Ich fange an zu glauben, daß _Du_ eine eigene Fertigkeit besitzest Alles, -was Du angreifst, verkehrt zu machen,« lautete die mürrische Antwort. -»Weshalb bist Du denn nicht wie ein anderer vernünftiger Mensch nach -Hause gegangen, anstatt mit dem einzigen Hausschlüssel in der Tasche in's -Wirthshaus zu laufen und mich selbst dabei auszuschließen, daß ich nicht -einmal in mein eigenes Zimmer konnte?« - -»Glaubst Du an ein böses Geschick, Meier?« - -»Ach laß den Unsinn -- wo hast Du denn eigentlich meinen Schlüssel, und -- -hahaha, wessen Hut trägst Du denn?« - -Ich nahm den Hut ab und sah jetzt zum ersten Male, daß eine kleine Cocarde -mit silbernen Schnüren an der Seite saß; ich hatte gestern Abend in aller -Eile den Hut irgend eines Bedienten aufgegriffen. - -»Meier,« sagte ich und blickte, dadurch nur noch mehr in meinem Entschlusse -bestärkt, auf den Hut nieder, »weißt Du wem der fremde Reisesack gehört?« - -»Einer Dame auf jeden Fall, die sich über die verbrannte Rosenguirlande -ungemein freuen wird -- wahrscheinlich einer Schauspielerin, weil sie -Schminke und Perrücken bei sich führt.« - -»Hm,« sagte ich und schritt, immer noch den Hut in der Hand, an seiner -Seite die Straße hinauf seinem Hause zu; da erkannte ich plötzlich die -Thüre, an der ich gestern Abend gestanden, die Klingel -- ich hatte -den dicken runden Knopf noch nicht vergessen -- an der ich so fabelhaft -geläutet und -- Pest und Gift! -- von dem weißen runden Schildchen lächelte -mir höhnisch eine 13 entgegen, die ich in Nacht und Dunkelheit jeden Falls -für meine 15 gehalten. Das Maaß meines Ingrimms war gefüllt. - -»Meier,« sagte ich, und winkte einer gerade vorbeifahrenden Droschke zu, -»es giebt Dinge in der Welt, die sich nicht gut mündlich verhandeln lassen, -ich will Dir meine Geschichte lieber schreiben. Es ist jetzt aber gerade -ein Viertel auf Zehn; um _halb_ zehn geht der Frühzug ab, sei doch so -gut und schicke mir mit nächster Gelegenheit mein Gepäck nach. Deine -Beinkleider kannst Du mir so lange borgen, ich würde sonst, was ich um -keinen Preis der Welt möchte, den nächsten Zug versäumen.« - -»Was? Jetzt willst Du auf einmal wieder fort?« rief Meier nicht wenig -erstaunt aus, »das geht ja gar nicht, was würde auch Emilie dazu sagen?« - -»Die -- grüße schönstens,« murmelte ich mit einem halbverbissenen boshaften -Lächeln, »grüße sie und -- bitte sie, mir doch gefälligst den Reisesack -umzutauschen. Halt -- noch eins -- thue mir doch auch die Liebe und -sieh zu, daß Du den Eigenthümer dieses Hutes wiederfindest, der dafür -wahrscheinlich den meinigen zurückbehalten hat.« - -»Wache ich denn oder träume ich,« rief Meier, »Emilien gehörten jene -Apparate? -- Aber Adolph, Du kannst doch wahrhaftig nicht im bloßen Kopfe -reisen --« - -»Nein,« erwiederte ich ihm, »auf keinen Fall -- Kutscher -- schlesischer -Bahnhof -- sind wir in zehn Minuten und noch vor der Abfahrt dort, so -bekommst Du einen Thaler Trinkgeld -- also adieu Meier -- sei nicht böse, -daß ich Dir so viele Umstände gemacht, übermorgen spätestens hast Du einen -Brief von mir.« Damit drückte ich ihm einen herzlichen Kuß auf den Mund, -nahm ihm den eigenen Hut vom Kopfe und schlug ihn mir selber in die Stirn, -sprang in den Wagen und im nächsten Augenblicke rasselten wir, ehe Meier -durch das Schnelle des auf ihn Einstürmenden vielleicht nur eine Ahnung -dessen hatte, was ich beabsichtigte, in lebensgefährlicher Schnelle über -das holperige Pflaster dem fernen Bahnhofe zu. - -Wir kamen eben noch zur rechten Zeit -- die letzte Glocke läutete als -wir vor die Thüre des Bureaus klapperten; rasch löste ich mein Billet -und wenige Secunden später setzte sich der Zug mit schrillem -markdurchschneidendem Pfeifen in Bewegung. Dann aber erst, als ich in -die Ecke des warmen Coupées gedrückt, den Schauplatz dieser Nacht mit -flüchtiger Schnelle verließ, als Feld und Flur und Berg und Wald an mir -vorbeischwirrten und Meile nach Meile den Raum vergrößerte, da erst fand -ich mich selbst und meine Ruhe wieder. - -An Emilien schrieb ich noch an demselben Abend und von zu Hause aus ein -Paar Zeilen, gestand ihr meine Unwürdigkeit sie zu besitzen und bat um -ihre Freundschaft. Meier aber machte ich ebenfalls und versprochener Maßen -ausführlich mit dem ganzen Umfange meiner damaligen Abenteuer bekannt und -erhielt drei Tage später durch seine Vermittlung meinen Reisesack mit all' -meinen früher an Emilien geschriebenen Briefen zurück. -- - -Nur eines fehlte -- meine Gedichte; ich hatte das Weib gereizt und sollte -ihre Rache fühlen. -- Drei Wochen später standen sie unter meinem eigenen -Namen in der Didascalia. - - - - -Civilisation und Wildniß. - -Skizze aus dem amerikanischen Leben. - - -Im westlichen Theile des Squatterstaates Missouri, unfern vom Flusse -gleiches Namens, dem =roaring river= oder _rauschenden Strom_, und etwa -nur zwanzig englische Meilen von der östlichen Gränze des »indianischen -Territoriums« entfernt, wo nördlich die Kickapoos und südlich von ihnen -die Delawaren durch die Regierung der Vereinigten Staaten ihre Wohnsitze -angewiesen bekommen hatten, lag ein kleines, unscheinbares Waldstädtchen, -in früherer Zeit wohl nur der ergiebigen Bleiminen wegen gegründet, jetzt -aber, da vielleicht bessere Adern und besser gelegene entdeckt worden, auch -wieder von einem großen Theile der ersten Ansiedler verlassen. - -Das Städtchen selbst bestand eigentlich nur aus einer einzigen Straße und -darin sich gegenüber liegenden zwölf oder vierzehn Häusern, von denen das -umfangreichste das Meeting- oder Bethaus, das wohnlichst eingerichtete das -des Händlers oder Krämers, und das kleinste, einfachste das einer armen -Witwe, Mrß. Rowland, war, die hier mit ihrer Pflegetochter Rosy still und -zurückgezogen, aber auch von allen Nachbarn geliebt und geachtet, lebte. - -Da sich übrigens meine kleine Erzählung gerade um diese Personen wendet, so -ist es vielleicht dem Leser lieb, gleich von vorn herein und mit so kurzen -Worten als möglich das zu erfahren, was zur Verständigung des Ganzen nöthig -ist und was er nun einmal überhaupt wissen muß. - -Mrß. Rowland war die älteste Ansiedlerin im ganzen Orte, und zwar hatte -ihr Mann hier die ersten Bleiminen auf einem Jagdzuge entdeckt und mitten -unter, damals feindlichen, Indianern als kühner Pionier und Vorzügler der -Civilisation die Arbeit begonnen. Aber nicht warnen ließ er sich durch das -Schicksal tausend Anderer, die vor ihm den rothen Sohn der Wälder in -seiner Heimath aufgesucht und durch Uebermuth gereizt; auf seine Kraft und -geschickte Führung der Büchse vertrauend, trotzte er jeder Gefahr, die -ihm vom Feinde oder Gegner drohen konnte, und -- fiel. Ein Häuptling der -Delawaren war von ihm beleidigt worden -- wenige Tage später hörte er -Morgens dicht bei seiner Hütte, den Lockton einer Truthenne, er nahm seine -Büchse, die vermeintlich leichte Beute zu erlegen, und -- kehrte nie mehr -zurück. Der Ton mußte eine Schlinge der listigen Wilden gewesen sein -- -wenige Minuten später überfielen die dunkeln entsetzlichen Gestalten das -jetzt unbeschützte Haus, und als die unglückliche Frau aus ihrer Ohnmacht, -in die sie der erste Schreck geworfen, erwachte, lag sie vor den qualmenden -Ueberresten ihrer Hütte unter einem Baume, und ihr Sohn, ihr einziges -liebes Kind war verschwunden. - -Umsonst durchwühlte sie den ganzen langen Tag mit blutenden verbrannten -Fingern die qualmenden Trümmer ihrer friedlichen Heimath, nicht einmal die -Gebeine fand sie, um den Ueberresten des Kindes ein Grab zu gewähren. -Halb wahnsinnig floh sie damals, allein und schutzlos, durch den Wald -der meilenweit entfernten nächsten Hütte zu, und zog später, in ihrem -hoffnungslosen Schmerze, nach St. Louis zu einer da wohnenden Schwester. -Hier lebte sie vierzehn lange Jahre in stiller Zurückgezogenheit; wenn -aber auch die Zeit den Schmerz gelindert hatte, so vergaß sie doch nie und -nimmer die theuren Lieben, die ihr durch Mörderhand entrissen worden, und -das besonders ließ ihr weder Ruhe noch Rast, daß sie nie Gewißheit von des -_Kindes Tod_ erhalten. Wenn sie _der_ Ueberzeugung auch Raum geben mußte, -ihr Gatte sei ein Opfer indianischer Rache gefallen, so konnte sie -sich weder wachend noch träumend des Gedankens erwehren, wie der Knabe, -vielleicht nur geraubt, vielleicht entflohen, verirrt gewesen und von -anderen Farmern -- Reisenden möglicher Weise -- aufgenommen sei. - -Als sie daher von der Gründung des kleinen Städtchens Boonville hörte, das -spätere Bleisucher kaum eine Viertelstunde von ihrem früheren Wohnorte ab -angelegt, da beschloß sie, weil ihre Schwester indessen auch gestorben -war und sie nun doch allein auf der Welt stand, mit deren hinterlassener -Stieftochter, einem lieben, holden, damals zwölfjährigen Kinde, nach -Boonville zu übersiedeln. Dort war sie wenigstens in der Nähe jener Stelle, -auf der sie fast Alles verloren, was ihr auf Erden lieb und theuer gewesen, -und dort, meinte sie, müsse auch, wenn je, ihre Hoffnung erfüllt werden. -Sechs volle Jahre waren aber wieder verflossen, ohne daß sie auch nur eine -Spur des Verlorenen gefunden, und wenngleich alle Bewohner des kleinen -Ortes, mit dem Schicksale der armen Mutter bekannt, sich die größte Mühe -gegeben hatten, ihre Nachforschungen zu unterstützen, so schien doch Alles -Umsonst -- der Verschwundene blieb verschwunden, und die arme alte Frau -siechte endlich mit mehr und mehr abnehmenden Körperkräften dem Grabe -zu, nach dem sie sich ja auch, besonders in den letzten Jahren, als dem -einzigen Orte, die Ihren wieder zu finden, so heiß und brünstig gesehnt. - - * * * * * - -Es war ein freundlicher, sonniger Abend im August; von Nord-Osten her wehte -ein kühler, labender Luftzug, und vor den Thüren der einzelnen Wohnungen, -theils im Schatten fruchtbeladener Hickorys oder Chesnuts, nicht selten -auch von Töpfen mit qualmendem Rauch umgeben, die etwas lästigen Mosquitos -zu verscheuchen, saßen hier und da die Bewohner von Boonville -- die -Frauen mit irgend einer Nadelarbeit beschäftigt, von der sie nur manchmal -aufstanden, nach dem innen am Kamin brodelnden Abendessen zu schauen, und -die Männer im =dolce far niente= an Stücken Holz schnitzelnd, oder auch auf -ein über freie Erde hingebreitetes Büffelfell müßig ausgestreckt. - -Nur der Stuhl vor der Thür des Händlers war leer, denn Madame schaffte -und arbeitete mit feuergeröthetem Angesichte vor dem geräumigen Kamine -der Küche, während Zacharias Smith zwei fremde Indianer bediente, die vor -kurzer Zeit mit ihren Fellbündeln und Wildpret in das Städtchen gekommen -waren, um hier ihre nöthigsten Bedürfnisse, wie Pulver, Messer, Blechbecher -und -- Whiskey gegen das Erbeutete einzutauschen. - -Es waren ein paar Krieger vom Stamme der Kickapoos, wenn der Name _Krieger_ -überhaupt noch einem Paar der miserabelst aussehenden Subjecte indianischer -Race beigelegt werden konnte. Die schmutzigen wollenen und zerrissenen -Decken, die sie um sich herumgeschlagen, verhüllten kaum nothdürftig ihre -Blöße, und das Haar hing ihnen, nicht mehr bloß in der einzelnen stolzen -Scalplocke prangend, nein, unbeschnitten, aber auch ungekämmt, wild und -wirr, an manchen Stellen wie eine Pferdemähne, von Kletten zu festem Zopfe -zusammen gehalten, um den braunen Nacken. Der Eine trug ein Hemd -- aber -ob das einst aus weißem Stoffe oder buntem Kattun bestanden, ließ sich -wahrlich nicht mehr erkennen; das Blut des erlegten Wildes hatte eine -Art Kruste darüber gelegt, die nur auf der Schulter durch das Tragen -der ziemlich schweren, unbehülflichen Büchse unterbrochen schien -- ihre -Leggins waren mit Stücken roher Haut geflickt, und ihre Moccasins sahen -aus, als ob sie jeden Augenblick auseinander fallen wollten. Ein Gürtel aus -Hickory-Rinde gedreht, hielt ihre Leggins-Bünde, das kleine Scalpirmesser -und eine kurze Schilfpfeife, und die ausdruckslosen trägen Züge der -schmutzigen Gesichter heiterten sich erst wieder auf, als sie in des -Händlers Laden die rothbestrichenen Whiskey-Fässer sahen. - -Der Handel war sehr einfach und deshalb bald abgeschlossen -- das, was sie -an Pulver nothdürftig haben _mußten_, ließen sie sich geben und füllten -es in ihre Hörner, den Rest aber verlangten sie natürlich in »Uiski«, und -damit kauerten sie sich gleich an Ort und Stelle in eine Ecke des -Ladens zwischen Salz- und Mehlfässer nieder und begannen, ohne weitere -Vorbereitung, ihr Festmahl. - -Sie hatten nur einen Becher mit, und der Eine schaute mit weit -aufgerissenen, fast aus ihren Höhlen tretenden Augen zu, als der Andere das -gelbe Feuerwasser aus der erhaltenen Flasche in diesen einsprudeln ließ -- -sein breiter Mund verzog sich zu einem noch breiteren Grinsen, und ein paar -Reihen blendend weißer Zähne wurden sichtbar -- die eine Hand streckte er -dabei schon wie unwillkürlich nach dem Göttertrank aus, und ein leises, -gurgelndes Lachen wurde laut, als sein Gefährte den Becher zuerst an die -Lippen hob. Das Lächeln verlor sich aber, die Mundwinkel zogen sich wieder -zusammen, wenn auch die Lippen getrennt blieben, und das Auge nahm einen -mehr stieren, ängstlichen Ausdruck an, als der Freund, gar nicht mehr -freundschaftlich, in nicht endendem Zuge mit dem Blechmaß zu verwachsen -schien. - -»Ugh!« sagte da endlich -- nach langem, langem Genusse absetzend -- der -erste Trinker, und schaute, über das Gefäß hinüber, den Gefährten an -- -dessen Züge aber heiterten sich jetzt urplötzlich wieder auf -- er streckte -die Hand aus, ergriff den Becher, den er selbst nicht wieder losließ, als -Jener ihn erst aufs Neue füllte, und schien nun seinerseits _reichliche_ -und volle Rache an dem nehmen zu wollen, der seine Erwartung vorher auf so -peinliche Folter gespannt. - -So tranken sie abwechselnd, Jeder bei dem Genusse des Anderen mit -athemloser Angst das Abnehmen des verführerischen Giftes beobachtend, -Jeder, wenn die Reihe an ihn kam, seine früheren Gefühle in dem einen, -alles andere ausschließenden Bewußtsein seiner Seligkeit vergessend. - -Und vor ihnen auf dem Ladentische, das rechte heraufgezogene Knie mit -seinen beiden Händen gefaßt, den Körper, um das Gleichgewicht zu behaupten, -etwas zurück gebeugt, und die vergnügt lächelnden Augen fest auf das -zechende Paar geheftet, saß der Händler Zacharias Smith und hatte, allem -Anscheine nach, seine herzliche Freude über dasselbe. - -So schweigsam und verdrossen die beiden Wilden aber auch im Anfange gewesen -waren, so munter wurden sie jetzt, als ihnen der Feuertrank erst durch -die Adern rollte und in diesen mit seinem scharfen, zuerst allerdings -belebenden Geist, in ihre Köpfe stieg. Sie fingen an kleine Bruchstücke von -Kriegsliedern zu singen, lobten wahrscheinlich -- denn Smith verstand -ihre Sprache nur sehr unvollkommen -- ihre eigenen vortrefflichen und -unübertroffenen Eigenschaften, und es schien überhaupt, als ob ihre tolle -Lustigkeit in dem Verhältnisse stiege, wie die Fluth in der zwischen ihnen -stehenden oder vielmehr immer hin und her gehenden Flasche ebbte. - -»Ugh!« rief endlich der Eine, als er eben wieder seinen Becher füllen -wollte und nun zu seinem Entsetzen fand, daß die Flasche, die er gerade -erst gegen das Licht gehoben und welche danach wohl noch anderthalb Becher -halten mußte, kaum einen guten Schluck mehr her gab -- »was das? Uiski drin -und kommt nicht aus.« - -Er drehte, während sich der Andere neugierig und bestürzt zu ihm hinüber -bog, die Flasche um und entdeckte hier zu seiner, ihm nichts weniger als -angenehmen Ueberraschung die eingedrückte Höhlung. - -»_Wah!_« rief er erstaunt aus -- »groß Loch hier -- weißer Mann hat groß -Loch in Flasche -- ugh -- schlecht -- Indianer kriegt Flasche voll -- in -Loch nichts.« - -»Ugh -- schlecht!« stimmte der Andere bei und bezeugte durch ein den -Gaumenlaut begleitendes Kopfnicken, daß er ganz vollkommen derselben -Meinung und eben so mit der gethanen Aeußerung einverstanden sei. - -Der Händler erwiederte: »Ei, Indianer, da sieh Dir nur all die anderen -Flaschen an -- das _Loch_ ist in allen; sie halten nun einmal so ihr Maß -und sind danach eingerichtet; wäre das Loch nicht, würde die ganze Flasche -kleiner sein.« - -»Ist nicht nöthig,« brummte der Sprecher wieder; »weißer Mann hat Felle -gekriegt, ganz -- blos Kugelloch drin -- Kugelloch kann wieder gemacht -werden -- weißer Mann muß das Loch auch machen!« Und er hielt, in -deutlicher Erklärung dessen, was er meinte, dem Händler die Flasche -verkehrt hin, damit dieser solcher Art und gewissenhaft das Versäumte -nachholen könne. - -»Ha, ha, ha!« lachte der aber -- »das ist eine verdammt komische Zumuthung --- wie käm' ich denn dazu oben und unten einzuschenken -- Ihr habt ohnedies -beide gerade so viel in Euch hinein gegossen, wie Ihr bequemer Weise tragen -könnt.« - -»Schad nichts,« brummte der zweite Indianer und deutete dabei auf die -Flasche -- »Loch wieder machen!« - -»Ei nun, wenn Ihr's nicht anders wollt,« lachte der Händler und sprang, -nach der Flasche greifend, von dem Ladentische, »so kommt mir's auf die -paar Tropfen auch nicht an -- hier Kickapoo -- halt denn einmal die Flasche --- aber steh fest -- Donnerwetter, Bursche, Dir ist ja der Trunk schon -jetzt in den Kopf gestiegen, und willst noch immer mehr haben?« - -»Schad nichts,« grins'te der Wilde; »sehr gut, _mehr_ -- viel besser Wort -wie _weniger_ -- _weniger_ schlechtes Wort.« - -»Also auch nicht weniger heiß -- weniger Hunger -- weniger _Durst_?« lachte -Smith, während er sich zum Fasse nieder bog. - -»Nein, nein!« rief der Kickapoo, und seine Augen verschlangen schon jeden -einzelnen Tropfen, der ihnen noch zugemessen wurde -- »immer _mehr_ Durst --- Durst viel gut -- sehr viel gut!« - -Das »Loch« hatte freilich nicht so viel gegeben, als die Beiden erwartet -haben mochten; denn sie hielten den Inhalt, nachdem sie ihn vorher in den -Becher ausgeschüttet, lange Zeit zwischen sich und schwatzten viel und -eifrig in ihrer eigenen Sprache mit einander; endlich aber leerten sie ihn -doch, und als der Händler hiernach unerbittlich blieb, ihnen _noch_ mehr -auszufüllen, holte Einer von ihnen ein kleines zusammengerolltes Päcktchen -aus seiner Decke vor, das er aufwickelte und ein fein gegerbtes Otterfell -zum Vorscheine brachte. Es war augenscheinlich, sie hatten dieses im -Anfange nicht um Whiskey hingeben, sondern vielleicht irgend andere -Bedürfnisse, vielleicht für die Squaw[11] daheim, die derlei Arbeiten auch -gewöhnlich verfertigen, eintauschen wollen; die furchtbare Gier aber, -die der rothe Sohn der Wälder -- einmal verführt -- nach dem für ihn so -verderblichen Genuß des Feuerwassers nährt und hegt, ließ den Kampf, den -in ihrer Brust wahrscheinlich jetzt noch das bessere Gefühl kämpfte, einen -sehr kurzen sein. - - [11]: Squaw, indianische Frauen. - -Der Indianer warf das Fell, das der Amerikaner sorgfältig prüfte, auf -den Ladentisch und verlangte im Anfange »halbe Flasche Uiski -- nachher -anderes« -- dafür -- sie wollten nur einen Theil des anvertrauten Gutes -vertrinken. _Mit_ dem Genusse stieg aber auch die Gier danach, und Becher -nach Becher voll ließen sie sich von dem kopfschüttelnden und keineswegs -ganz damit einverstandenen Krämer nachgießen, bis auch der letzte Cent -vertrunken worden und die unersättlichen Kehlen dennoch _mehr_ verlangten. - -»Mehr Uiski!« lallte jetzt der Eine mit stieren, glanzlosen Augen und -streckte den einen Arm mit der Flasche dem Amerikaner entgegen, während er -mit dem anderen den schwankenden Körper am Ladentische zu stützen suchte -- -»mehr Uiski -- Fell ein Flasche mehr werth.« - -»Ihr bekommt _keinen_ Whiskey mehr!« sagte aber, und zwar auf das -bestimmteste, der Händler; denn er fürchtete nicht mit Unrecht den -wilden zügellosen Geist seiner Gäste, der sich, so friedlich sie auch im -nüchternen Zustande sein mochten, im trunkenen nur zu oft die Bahn brach -und dann zu allem Schlimmen, fähig war -- »Ihr Zwei habt mehr getrunken, -als Sechsen zuträglich gewesen wäre, und es ist besser jetzt, Ihr legt Euch -ein paar Stunden aufs Ohr, Euren Rausch auszuschlafen.« - -»Rausch? ausschlafen?« lallte der älteste der Beiden, indem er die Flasche -am Halse ergriff und in die Ecke schleuderte, daß sie in tausend Scherben -zerbrach -- »hahahaha! weißer Mann -- mehr, Po-co-mo-con nüchtern wie -junges Waschbär -- weißer Mann, trunken -- wackelt hin und her wie junge -Birke -- hahaha -- mehr Uiski -- Blaßgesicht -- mehr Uiski -- bei _Gott_!« - -»Ihr bekommt keinen Tropfen mehr,« sagte der Händler und deutete nach -der zerschmetterten Flasche -- »seid Ihr _gute_ Indianer? thun das _gute_ -Indianer? thun das nüchterne Waschbären? Packt Eure Siebensachen zusammen, -und ich will Euch nebenan in mein Waarenhaus bringen, da könnt Ihr bis zum -Morgen ausschnarchen, und morgen früh sollt Ihr dann auch noch Jeder einen -Becher voll auf den Weg haben -- seid Ihr damit zufrieden?« - -»Ja!« sagte der Aelteste, »ja, sehr gut, Becher voll, sehr gut -- aber -_gleich_ trinken -- =dam= morgen, morgen anderen.« - -»Du bist gescheidt -- nein, schlaft nur erst aus,« lautete die Antwort. - -»=Go to hell!=« knurrte jetzt gereizt der Jüngere -- »Bleichgesicht -=cheats= -- betrügt rothen Mann -- Bleichgesicht thut nichts umsonst.« - -»Würde schon Uiski geben,« lallte der Andere schluckend, »wenn wüßte -- -hick -- wenn wüßte, was ich weiß -- hick!« - -»Möglich!« sagte Smith lakonisch. - -»Nich _möglich_!« rief, durch die Ruhe des Weißen gereizt, der Indianer; -»nich -- hick -- nich möglich, _gewiß_! Indian weiß großes Geheimniß für -weißen Mann, =dam you= -- hick -- großes Geheimniß von Konzas -- hick -- -aber Uiski, mehr Uiski.« - -»=No, you d'ont!=« lachte der Händler, der nicht anders glaubte, als der -Wilde mache ihm hier etwas weiß, um nur noch einen Becher voll Whiskey -heraus zu pressen; »Du behältst Dein Geheimniß und ich meinen Whiskey, das -wird das Gescheidteste sein.« - -»=Dam you!=« brummte der Wilde; »Ihr gebt ganz Faß voll -- hick -- vor -Geheimniß -- weißer Mann -- hick -- ugh -- ganz zwei Faß voll -- hick -- -weißer Mann unter Indian -- ugh -- sieht gut -- hick -- sieht gut aus -- -hick -- großer Krieger -- hick -- hahahaha -- wohl auch Faß voll werth -- -hick?« - -Der Jüngere, der doch nicht so ganz trunken sein mochte, als sein älterer -Gefährte, und vielleicht eine Art Ahnung hatte, wie Jener durch sein -Schwatzen sie beide in Unannehmlichkeiten verwickeln könne, ergriff seinen -Arm und suchte ihn fort zu ziehen; der aber stieß ihn mit mürrischem Fluche -von sich. - -»=Dam you!= -- mehr _Uiski_ -- _haih!_« Und sein gellender Schlachtschrei -tönte die ganze Straße hinab, daß die Kinder im Spielen aufhörten und die -Einzelnen, die in dem mehr und mehr anbrechenden Abend noch draußen vor -den Thüren weilten, überrascht die Köpfe hoben, dem unheimlichen Tone, der -vielleicht bei Manchem gar trübe Erinnerungen in's Gedächtniß zurück rief, -zu lauschen. - -Smith war aber auch aufmerksam geworden -- ein Weißer unter den Indianern -_als_ Indianer -- denn etwas Aehnliches schien unfehlbar die wirre Rede -anzudeuten -- er wußte selbst nicht, woher es kam, aber fast unwillkürlich -zuckte ihm der Gedanke an Mrß. Rowland durch den Kopf, und er beschloß -jetzt, jedenfalls dieser Spur so rasch als möglich zu folgen. - -»Hallo Indian -- ist das wahr, was Du da sprichst?« redete er diesen an und -trat, um den Ladentisch herum, auf ihn zu. - -»Aha« -- grins'te die Rothhaut -- »hat Po-co-mo-con Recht? -- hick -- -Bleichgesicht gäb ganz Faß voll -- hick -- für -- hick -- für Geschichte -- -hier Becher.« - -Smith füllte kopfschüttelnd den Becher aus einem auf dem Ladentische -stehenden Krug und schaute dabei forschend und von der Seite den Indianer -an -- der aber hatte des Guten schon zu viel gethan -- mit gläsernen Augen -und mattem Lächeln hob er das Gefäß noch einmal an die Lippen -- aber er -vermochte schon nicht mehr zu schlucken. - -»Hick!« lallte er, und der Whiskey strömte über seine braune Brust und das -blutige Hemd -- »hick -- weißer Mann, gut -- hick -- Uiski besser -- hick --- sehr bess -- er -- hick!« - -Und der Becher entfiel seiner Hand -- Po-co-mo-con that einen Schritt vor, -um sich im Gleichgewichte zu halten, glitt auf dem nassen Boden aus -und wäre, hätte ihn der Händler nicht noch gefaßt, auf die Erde -niedergeschlagen. Aber an Red'-und-Antwort-stehen durfte er an diesem Abend -nicht mehr denken, selbst der Jüngere schien so trunken, oder stellte -sich wenigstens so, um vielleicht den Fragen zu entgehen, daß auf eine -vernünftige Antwort bei allen Beiden nicht mehr zu hoffen war. Smith also -that das Einzige, was er unter diesen Umständen thun konnte -- er schleppte -die Bewußtlosen, da es unterdessen überhaupt fast dunkel geworden, ohne -Weiteres in ein neben seiner Wohnung leer stehendes kleines Gebäude, das -er zugleich mit als Waarenlager benutzte, warf sie hier auf eine Parthie -Hirsch- und Bärenhäute, die in der einen Ecke ausgebreitet lagen, und -verließ sie hier hinter vorsichtig verschlossener Thür, mit dem festen -Entschlusse, sie am nächsten Morgen nicht eher ziehen zu lassen, bis -sie auf das genaueste gebeichtet hätten, wie es mit dem Weißen unter den -Indianern stand, und ob sich die Sache wirklich so verhielt, wie er jetzt -noch glaubte. - -Als aber der nächste Morgen kam und Smith mit dem Frühesten in der Absicht -hinüberging, seine Gefangenen zu wecken, fand er zu seinem unbegrenzten -Erstaunen das Nest schon leer und von den Indianern keine Spur; ja, bei -näherer Untersuchung ergab sich sogar, daß sie durch eine Ecke des -niederen Daches, wohin sie auf den rauhen Balken leicht gelangen konnten, -ausgebrochen seien und ihm zwei vortrefflich geräucherte Hirschkeulen, für -die er erst gestern per Stück einen silbernen Viertel-Dollar bezahlt, als -Zehrung mitgenommen hatten. Der Verlust der Keulen schmerzte ihn aber am -wenigsten; sie hatten getrunken, und er würde ihnen auch gern zu essen, -ja, die Keulen vielleicht mit auf den Weg gegeben haben, wenn er nur gewußt -hätte, wie es mit dem »Geheimniß« stand. Der Wunsch blieb aber Wunsch, und -wenn er auch im ersten Augenblick an eine Verfolgung dachte, so gab er den -Gedanken gleich wieder als unausführbar auf; denn daß die Wilden sich -alle Mühe geben würden, _keine_ Fährten, wenigstens keine sichtbaren zu -hinterlassen, ließ sich denken. - -Was aber nun thun? Smith zerschnitzte in allem Brüten und Nachdenken -ein paar Stücke Holz, die ihm bei ruhigem Blut einen ganzen Tag gehalten -hätten, und kam immer noch zu keinem Resultat; denn Mrß. Rowland etwas von -der gefundenen Spur zu sagen, ohne ihr eine Gewißheit geben zu können, wäre -grausam gegen die arme alte Frau gewesen, die nachher in, vielleicht nicht -einmal befriedigter, Hoffnung vergangen wäre. Denn ließ es sich nicht -denken, daß der lügnerische Wilde doch am Ende nur ein Märchen erfunden -haben konnte, um noch einen Schluck Whiskey zu erpressen? Aber der Andere, -sein jüngerer Gefährte, war augenscheinlich bestürzt geworden, als der -Aeltere das Thema berührte -- ha -- da ging ein Mann vorüber, der ihm, -gerade hierin, gar nicht erwünschter hätte kommen können. - -»Heda, Tom -- oh, Tom!« rief er, rasch in die Thür tretend. - -»Hallo, Smith, was giebt's so früh?« nickte ihm der Angerufene freundlich -hinüber; »guten Morgen! schon ausgeschlafen?« - -Er ging zu dem Hause hinüber und blieb in der Thür, auf seine Büchse -gestützt, stehen. - -Tom Fairfield war eine kräftige, edle Gestalt, ein echter Hinterwäldler, -Jäger mit Leib und Seele, und nie zufriedener, als wenn er draußen in -seinem Walde einer Fährte folgen oder eine Falle stellen konnte. Er schien -auch jetzt wieder unterwegs, trug die Büchse in der Hand, den leichten -spanischen Packsattel und Zaum auf der Schulter, um sein Pferd draußen -im Busche zu suchen und zu besteigen, und hatte die wollene Decke -übergeschnallt, um da zu lagern, wo ihn die Nacht gerade überraschen würde. - -»Hört, Tom,« sagte aber Smith mit einem weit ernsthafteren Gesicht, als das -sonst seine Sache war, und zog dabei den jungen Mann in den Laden herein --- »Ihr seid doch mit Rowland's gut bekannt -- nun, braucht nicht roth zu -werden, mein Junge -- hier, nehmt einmal einen Schluck, es ist Dogwood und -Cherry Bitteres und wird Euch in dem Thaue heute Morgen gut thun -- das -ganze Städtchen weiß ja doch, daß Ihr Rosy auf unmenschliche Art den Hof -macht.« - -»Unsinn, Smith!« sagte Tom Fairfield und leerte, seine Verlegenheit zu -verbergen, das dargebotene Glas auf Einen Zug. - -»Bah, Mann!« rief aber dieser, »was wollt Ihr da noch läugnen? Aus bloßer -Freundschaft versorgt Ihr nicht die ganze Wirthschaft mit Feuerholz, Wild -und Mühlereiten für die Leute, das sollt Ihr mir nicht weiß machen.« - -»Und wen hätten denn die allein stehenden Frauen ...« - -»Ach, papperlapap -- das sind Redensarten und thun hier auch nichts zur -Sache. Rosy ist ein liebes, gutes Mädchen, und Ihr seid ein hübscher junger -Kerl, ein guter Jäger und -- wenn es sein muß -- auch ein guter Arbeiter; -was sollte Euch also hindern, selber Wirthschaft anzufangen? Doch hier ist -etwas, um das ich Euch fragen will -- wollt Ihr Rowland's einen großen, -einen sehr großen Dienst leisten?« - -»Rowland's, was ist es, sprecht!« rief Tom, augenscheinlich bestürzt über -die Feierlichkeit des Mannes: »steht es in meinen Kräften?« - -»Das müßt Ihr selbst beurtheilen,« sagte Smith und machte ihn nun in kurzen -Worten mit dem bekannt, was er sowohl gestern Abend von den Indianern -gehört, wie auch, was er selber über die Sache denke. Fairfield hörte ihm -schweigend und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu, er schien jedes -Wort von den Lippen des Redenden zu nehmen, und nickte nur manchmal, wenn -der Händler irgend etwas äußerte, das seinen Ideen begegnete, leise mit dem -Kopf. - -»Und Ihr glaubt, daß Mrß. Rowland's Sohn unter den Konzas lebe?« sagte er -endlich, als der Händler schwieg, und sah diesen fragend an. - -»Lieber Gott,« meinte Smith, »man weiß wahrhaftig nicht, _was_ man glauben -soll; lebt aber wirklich Einer dort _als_ Indianer, und die Rede des -trunkenen Schufts läßt mich das in der That vermuthen, ei, warum sollte -es denn nicht eben so gut der junge Rowland, wie irgend wer anders -sein können? Es käme auf die Reise an; die ist aber allerdings keine -Kleinigkeit, und ein Mann, wie Ihr gerade seid, gehört dazu, ein so kühnes -Wagniß auszuführen. Wie weit glaubt Ihr, daß es bis zum Stamm der Konzas -ist?« - -»Auf die Entfernung kommt es da nicht so an,« sagte sinnend der junge -Jäger, »aber der Stamm der Konzas ist groß und weit verbreitet; die -Indianer werden dabei, wenn sie es wirklich wissen, nicht so gesprächig -über einen Fall sein, der sie vielleicht in gefährliche Berührungen mit -ihren weißen Nachbarn bringen könnte.« - -»Wie alt wäre denn der Junge jetzt?« fragte Smith. - -»Fünfundzwanzig Jahre; Mrß. Rowland sprach noch gestern von ihm und sagte, -sein Geburtstag sei an dem Tage gewesen; aber,« setzte er leiser hinzu, -»sie dürfte keine Sylbe davon erfahren, die Angst und Erwartung würde sie -tödten.« - -»Das ist's ja eben, was mir so im Kopf herumgegangen,« meinte Smith, »und -deßhalb war mir Euer Anblick heute so willkommen; _die_ Freude aber, wenn -Ihr mit ihm zurückkehrtet. ...« - -Auch vor Tom's innerem Geiste schien ein derartiges Bild vorüber zu -schweben, er lächelte still vor sich hin und strich sich dann mit der Hand -leicht über die Stirn. - -»Smith,« sagte er und bog sich zu ihm hinüber, »Ihr scheint Euch für die -Leute zu interessiren, und das freut mich von Euch. Ihr wißt aber nicht, -Ihr könnt das nicht gut wissen, _wie_ glücklich _mich_ die Erfüllung dieses -heißen Seelenwunsches der armen alten Frau machen würde, und schon deßhalb -bin ich Euch zu unendlichem Danke verpflichtet, daß Ihr mir auch nur eine -Aussicht auf die mögliche Verwirklichung dieser Hoffnung gebt. -- Ich gehe -zu den Konzas, und das noch in dieser Stunde!« - -»Was! jetzt gleich?« rief Smith erstaunt, »das ist ja aber gar nicht -möglich! Zu einer Reise von wenigstens 120 Meilen müßt Ihr Euch doch -wahrhaftig mehr vorbereiten, als wenn Ihr bis an den nächsten Wasser-Cours -einen Bären oder Hirsch schießen geht!« - -»Weßhalb?« lachte Tom, »ob ich acht Tage hier in der Nähe oder irgend eine -Strecke weiter entfernt auslagere, bleibt sich das nicht gleich? Im Walde -bin ich doch, und was sollt' ich sonst zu meiner Bequemlichkeit noch -mitnehmen?« - -»Doch wenigstens Provisionen.« - -»Die liefert mir der Wald selber, meine Decke habe ich auch bei mir und -mein Kopfkissen« -- er deutete dabei lachend auf den Sattel --, »und was -braucht's da mehr.« - -Kurz, trotz aller Vorstellungen des Händlers ließ sich Tom Fairfield nicht -mehr von dem einmal beschlossenen Zug abbringen, und alles, wozu er bewogen -werden konnte, war wenigstens ein Stück Speck und Maisbrod und etwas -gemahlenen Kaffee mit in seine Decke zu wickeln, und zwar den Speck, um -etwas Fettes zu dem sonst trockenen Hirsch- und Truthahnfleisch zu haben. -Eine halbe Stunde später nahm er von dem Händler herzlichen Abschied, bat -ihn noch einmal, nicht eine Sylbe über die Sache, selbst nicht gegen seine -Frau zu erwähnen (bei welchem Gedanken, daß er nämlich seiner Frau ein -Geheimniß anvertrauen werde, Zacharias Smith in ein lautes Gelächter -ausbrach), und war zehn Minuten später, auf dem kleinen Waldpfad rüstig -dahin schreitend, gerade da in dem Holze verschwunden, wo ein niederes -Dickicht von Sassafras und Dogwood ihn rasch den Blicken des Nachschauenden -entzog. - -Smith stand noch eine ganze Weile dicht neben seinem Hause, von wo er den -freien Platz nach dem Walde zu übersehen konnte, und erst dann, als der -junge Mann schon lange, lange in den Büschen verschwunden war, und die -freundlich, hinter ihm über dem Wald aufsteigende Morgensonne seinen -eigenen Schatten weit und geisterhaft über den Hof und im Zickzack über die -Lattenfenz warf, kehrte er plötzlich rasch in den Laden zurück, öffnete die -hintere Thür und rief in die Küche hinaus: - -»Mrß. Smith!« - -»Sir!« lautete die Antwort. - -»Wenn Jemand nach mir fragen sollte, ich bin hinüber nach Cowley's -gegangen.« - -Und Zacharias Smith schritt, die Hände nachdenkend auf dem Rücken gekreuzt, -langsam die Straße hinunter, dem bezeichneten Hause zu. - -»Hm!« sagte gleich darauf Mrß. Smith, und ihre scharfe, von der Kamingluth -jetzt etwas echauffirte Nase wurde zwischen zwei ärgerlich blitzenden -grauen Augen sichtbar. »Hm -- bin zu Cowley's gegangen -- das ist immer so -die Art, wenn Jemand nach mir fragt, ich bin zu Cowley's gegangen, und die -Frau geht nie zu _Cowley's_, die kann zu Hause sitzen und die Wirthschaft -besorgen und alle Augenblicke, wenn Jemand kommt, in den Laden springen. -Na, _das_ Leben hätt' ich satt. Und was jetzt nun wieder im Wind ist -- -mein Mann heute Morgen vor Tagesanbruch aufgestanden -- das ist vor seinem -Ende -- und diese Geheimnißkrämerei mit der Mrß. Rowland. -- Oh, ich -hab' es wohl gehört, mein guter Mr. Smith« -- und sie wandte sich in -triumphirendem Hohn der Himmelsgegend zu, in der sie ihren Ehegatten jetzt -vermuthete -- »Mrß. Smith hat keine Baumwolle in den Ohren, wenn sie etwas -hören _will_ --, _Mrß. Rowland sprach von ihm und sagte_ -- und der _junge -Rowland unter den Indianern_ -- und Mr. _Tom hingeschickt, ihn zu holen_ -- -oho, Mr. Smith, so _ganz_ auf den Kopf sind wir denn doch nicht gefallen, -daß wir uns da nicht unser Theil heraus studiren könnten. Also haben sie -den Jungen endlich gefunden -- ein schöner Strick wird das geworden sein -- -und mein Mann steckt mit in der Geschichte drin - giebt sich so jetzt immer -mit den ekelhaften Indianern ab -- heiliger Gott, war das gestern Abend -wieder ein Scandal und Flaschenzerschmeißen! Der fromme Vater Billygoat -wird schön mit dem Kopf schütteln, wenn ich ihm das erzähle. -- Und ich -erfahre kein Wort von der ganzen Geschichte -- o Gott bewahr! seiner ihm -ehelich angetrauten Frau sagt der saubere Herr kein Sterbenswörtchen, aber -zu Cowley's geht er hinüber. Mr. Cowley und Mrß. Cowley, die müssen ihren -Senf dazu geben, zu jeder Neuigkeit, und ihre Finger in jeden Kuchen -stecken. Aber warten Sie nur, Mr. Smith, warten Sie nur, =my dear Sir=. -_Der_ Sache komme ich auf den Grund, und wenn ich zu Mrß. Rowland selber -hingehen sollte, mich zu erkundigen -- tausend Mal hab' ich mir's gefallen -lassen, jetzt aber hat meine Geduld ein Ende, und nun will ich doch sehen, -ob ich mit _meinem_ Kopf nicht durch eine eben so dicke Wand durchdringen -kann, wie Mr. Smith mit dem seinigen.« - -Und mit diesem löblichen Vorsatz tauchte sie urplötzlich wieder in ihre -Küche unter, und ließ die blechernen Kaffeekannen und eisernen Pfannen und -Töpfe, die rings an den Wänden herum hingen und standen, in unbegränztem -Erstaunen über die so schöne und mit solcher Lebhaftigkeit gehaltene Rede -allein zurück. - -Wenn aber auch Mrß. Smith in der ersten Aufregung gekränkter Wißbegierde -einen so verzweifelten Entschluß gefaßt haben konnte, der Mrß. Rowland -geradezu ins Haus zu rücken und eine Mittheilung von dem zu verlangen, ja, -zu fordern, was sie mit ihrem ehelich verbundenen Gatten an Geheimnissen -zu verhandeln habe, so schien sie doch bei kälterem Blute auch -gemäßigteren Empfindungen Raum zu geben und versuchte erst einmal ihr -Ueberredungs-Talent an dem Gatten selber. Der aber blieb zwölf volle Tage -taub und stumm sowohl gegen die Plänkeleien versteckter Anspielungen, wie -gegen das schwere Geschütz directer Fragen, und da auch in dieser ganzen -Zeit Tom Fairfield sich nicht wieder in Boonville sehen ließ, ja, hier und -da schon Besorgnisse laut wurden, ob ihm nicht gar etwas zugestoßen -sein könne, kein Mensch aber Aufschluß über seine unerklärliche lange -Abwesenheit zu geben wußte, so konnte sie ihre Neugierde nicht länger -zähmen und beschloß nun wirklich, Mrß. Rowland -- sie war ihr das ja doch -aus nachbarlichen Rücksichten schuldig -- einmal freundlich zu besuchen. -Sie fühlte sich dabei fest überzeugt, es würde ihr, einmal im Geleise, -nichts weniger als schwer werden, einen kleinen Ueberblick über die -näheren, jedenfalls höchst interessanten und jetzt so geheim gehaltenen -Verhältnisse zu bekommen. - -Der vierzehnte Tag nach dem Aufenthalt der beiden Indianer in Boonville war -es, und der erste im Monat September zugleich, der sich aber mit schwülen -Gewitterwolken angekündigt hatte und die trüben, schweren Nebelmassen -bald in zerrissenen grauen und schwarzen Streifen, bald in compacten, -wetterschwangeren Schichten über die ächzende, schwankende Waldung von Ost -nach West stürmisch hinüberjagte. - -Mrß. Rowland saß in ihrem Stübchen, warm eingehüllt in Betten und Tücher, -auf einem rohgearbeiteten, aber bequemen Sorgenstuhl, denn der Wind -strich heute trotz der sonst eigentlich sehr warmen Jahreszeit frisch und -erkältend über die Lichtung hin, und die alte Frau hatte sich gerade in den -letzten Tagen wieder unwohler gefühlt, als seit langer Zeit. Zu ihren Füßen -saß Rosy, das liebe, holde Kind, leise den linken Arm auf der Mutter Knie -gestützt, und in der Rechten das kleine, zierlich gebundene Testament -haltend, aus dem sie der mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen -aufmerksam lauschenden Frau die herrlichen Worte der Bergpredigt, die süßen -Trost und heilige Zuversicht athmende Rede Christi las. - -Sie hatte eben ein Capitel beendet, und eine Thräne glänzte in ihrem Auge, -als sie das Buch senkte und zu dem bleichen, abgezehrten, kummerschweren -Angesicht ihrer _mehr_ als Mutter emporschaute -- leise berührte sie ihre -Hand und flüsterte: - -»Soll ich weiter lesen, Mutter?« - -»Laß es jetzt, liebes Kind,« sagte die Matrone und legte schmeichelnd die -abgezehrten Finger auf das gescheitelte Haar der Jungfrau -- »laß es, Du -hast Dich schon zu viel angestrengt und auch noch andere Sachen zu thun, -die ebenfalls gethan sein müssen -- wie wär's denn, wenn Du einmal zu -Cowley's hinüber gingest und ihn bätest, uns seinen Neger auf ein halb -Stündchen zu schicken, daß er etwas Feuerholz zum Hause schaffte -- nur -ganz wenig -- Tom kommt gewiß heute wieder.« - -»Es ist Feuerholz in Menge da,« sagte Rosy schnell: »ich ging, weil wir -doch gestern Abend das letzte hereingeschafft, heute Morgen recht früh in -den Wald und holte einen Arm voll, um die Suppe für Dich zu kochen, und -als ich wieder kam, hatte Mr. Cowley schon seinen Tim mit einer ganzen -Wagenladung voll herübergesandt und ging eben daran, es in Kaminlänge zu -hauen. Er hat mir auch ein großes Rückstück hereingetragen; Du schliefst -nur noch, Mütterchen.« - -»Cowley's sind brave Leute,« flüsterte die Matrone, »Gott vergelte es -ihnen! Es ist doch bös, wenn man so ganz allein in der Welt steht -- keinen -Sohn -- keinen Freund ....« - -»Mutter!« bat mit vorwurfsvollem Tone Rosy. - -»Du hast Recht, mein Kind, ich bin vielleicht ungerecht gegen Tom Fairfield -gewesen und -- doch wenn auch er nun nicht wiederkehrt -- wenn auch er -nun -- --. Sei nicht böse, mein Kind,« unterbrach sie sich selber nach -ziemlich langer Pause, »Du weißt selber, wie trüb und traurig mir gerade -an dem heutigen Tage zu Muthe sein muß, dem Jahrestage jenes fürchterlichen -Morgens -- ich sehe da Alles schwärzer, als es vielleicht wirklich ist, und -begreife dann manchmal fast selber nicht, wie es möglich war, daß ich -- -ich -- alte schwache Frau sie, die Kräftigen alle, alle überleben mußte. -O, es ist recht hart, nicht sterben zu können, weil man nicht weiß, ob man -nicht doch noch das Liebste -- das eigene Kind -- allein zurückläßt in der -Welt -- es ist recht hart, nicht leben zu können, weil das arme Herz -die Sehnsucht nach den Lieben, wenn sie wirklich schon vorangegangen, -verzehrt.« - -»Mutter!« bat die Tochter, stand auf, barg ihr Antlitz auf der Schulter der -Kranken und flüsterte mit leiser, von Thränen fast erstickter Stimme: »Wenn -ich Dir auch den Sohn nicht ersetzen kann, lieb habe ich Dich ja doch wie -meine eigene Mutter.« - -Mrß. Rowland antwortete nichts, aber fest und liebend schlang sie die Arme -um das blühende Kind und hielt es lange und fest an ihrem Herzen. - -Da klopfte es ziemlich lebhaft an ihre Thür, und froh erschreckt und mit -freudestrahlenden Augen sprang Rosy empor und eilte, zu öffnen; auch Mrß. -Rowland richtete sich etwas in ihrem Stuhle auf und schaute mit lebhafterem -Blicke dorthin, denn das Klopfen war ganz so, wie Tom Fairfield bei ihnen -anzupochen pflegte -- und wie lange schmerzliche Tage hatte Rosy auf das -Pochen umsonst und mit immer wachsender Angst und Sorge geharrt! - -Rasch und mit vor Freude zitternder Hand zog sie den Pflock zurück, der, -einfach von innen vorgesteckt, die Thür verschloß, und öffnete rasch -- -ein schmerzlich erstauntes »_Ach_« entfuhr aber ihren Lippen, und auch Mrß. -Rowland wandte sich enttäuscht ab und sank wieder mit leisem Seufzer in -ihre Kissen zurück, als das zwar gutmüthige, aber doch scharfe und gerade -heut gewiß nicht willkommene Angesicht der Mrß. Smith auf der Schwelle -sichtbar wurde. An ein Abweisen war aber gar nicht mehr zu denken -- die -Lady sah die Bresche kaum offen, als sie auch mit löblichem Eifer herein -stürmte, sich augenblicklich einen Stuhl neben Mrß. Rowland rückte und -dann zwischen tausend Entschuldigungen, daß sie hier so ohne alle Anmeldung -hereinbreche, daß aber das Wetter sie gerade überrascht habe, weil es eben -an zu regnen fange, und daß sie nach Cowley's eigentlich hinüber gewollt, -sich aber die Freude unmöglich habe versagen können, diese Gelegenheit, -wo sie gerade in der Nähe sei -- sie wohnte überhaupt kaum fünfhundert -Schritte von Mrß. Rowland entfernt --, einmal zu benutzen und zu sehen, wie -es der »lieben, lieben Kranken« denn eigentlich gehe. - -Mrß. Rowland antwortete auf alles das mit leiser Stimme und bündigster -Kürze; sie hoffte vielleicht dadurch, daß sie Mrß. Smith keinen Anlaß zu -einer Unterhaltung gab, den Besuch etwas abzukürzen. War das aber wirklich -ihre Ansicht gewesen, so kannte sie Mrß. Smith ungemein schlecht, oder -traute ihr wenigstens viel mehr Ungeselligkeit zu, als sie wirklich besaß. -Die gute Dame fragte nur einmal, und zwar gleich im Anfange, ob sie genire, -und als sie darauf ein höfliches, wenn auch etwas zögerndes _Nein_ zur -Antwort erhalten, säumte sie auch keinen Augenblick länger, es sich so -bequem als möglich zu machen, legte ihre Haube und den großen baumwollenen -Regenschirm ab, zog die Halbhandschuhe aus, nahm die kurze Schilfpfeife aus -der Tasche, die sie schon gestopft -- oder geladen, wie Mr. Smith manchmal -sagte -- bei sich trug, holte sich im Kamin eine glühende Kohle, und befand -sich, wie sie selber sagte, als sie sich ganz behaglich auf dem Stuhle -zurecht rückte, so wohl und vergnügt hier, wie zu Hause. - -Mrß. Rowland griff dieses ununterbrochene Auf-sie-einreden, selbst wenn sie -nur wenig oder gar keine Antwort zu geben brauchte, auf die Länge der Zeit -so an, daß sie endlich bleich und erschöpft in ihren Stuhl zurück sank und -die Augen schloß. Selbst Mrß. Smith fühlte, daß sie der Kranken erst einige -Ruhe wieder gönnen müsse, gedachte aber dafür indessen mit dem jungen -Mädchen zu beginnen, um damit desto sicherer ihrem Ziele entgegen zu -rücken; denn gerade fragen mochte sie doch auch nicht. - -»Es wird nun bald lebendiger hier im Hause werden,« sagte sie, als Rosy der -Mutter die Kissen zurecht gerückt und ihren Platz wieder neben ihr, oder -eigentlich zwischen ihr und der Kranken, um den Zungenschwall in etwas -abzuwehren, eingenommen hatte: »ja, wo so ein Mann ist, geht die Sache -gleich anders.« - -Rosy, das arme Kind, erröthete bis tief in das Halstuch hinein, sah aber -auch zu gleicher Zeit erstaunt zu der Geschwätzigen auf. - -»I nun, Miß,« fuhr Madame -- dadurch, daß sich das junge Mädchen ihrer -Meinung nach gar so gleichgültig stellte, etwas gereizt -- fort, »Sie -brauchen nicht so erschrecklich unschuldig zu thun, ich weiß die ganze -Geschichte -- bei mir ist's aber auch aufgehoben, als ob's im Grabe ruhte --- von _mir_ erfährt wahrhaftig Niemand eine Sterbens-Sylbe.« - -»Aber, beste Mrß. Smith ...« - -»Aber, beste Rosy Baywood -- wenn Sie denn einmal selbst nicht gegen mich -davon sprechen wollen, so habe ich nichts dagegen. Wie lange ist er denn -aber nun schon eigentlich verloren?« - -»Verloren? also glauben auch Sie, daß er verloren ist?« rief jetzt Rosy in -der Angst um den geliebten Mann -- denn auf diesen mußte sie doch natürlich -das Gesagte beziehen. - -»Ist? _gewesen_ ist, beste Miß,« sagte Mrß. Smith lächelnd: »und das war -ja noch das Glücklichste, was Sie sich hätten denken können. Aber nach so -langer Zeit einen Menschen unter den entsetzlichen rothen Wilden wieder zu -finden, scheint mir doch wirklich etwas erschrecklich Merkwürdiges. Was ich -doch sagen wollte: wie lange ist es also her, daß ihn Mrß. Rowland verloren -hat?« - -»Mrß. Rowland?« wiederholte, jetzt wieder ganz irre gemacht, das junge -Mädchen, und die alte Frau, ob nun durch Nennung ihres Namens aus -ihrem Halbschlaf geweckt, oder schon längst vielleicht den Worten mit -geschlossenen Augen lauschend, wendete leise den Kopf nach der Redenden und -schaute zu ihr auf. »Mrß. Rowland? ich weiß gar nicht ...« - -»Nun, eine zwanzig Jahre muß es doch gewiß sein,« fuhr die unverwüstliche -Mrß. Smith, der es jetzt nur darum zu thun schien, die beiden Frauen wissen -zu lassen, sie kenne die ganzen Verhältnisse genau und sei vollkommen -vertraut mit denselben, ruhig fort: »ich weiß mir's noch recht gut zu -erinnern, wie mein Seliger, John Rosbeard von Connecticut, der auch damals -hier eine Bleimine angelegt oder gefunden hatte, davon sprach. Aber wenn -sie ihn nur vorher erst abwaschen, ehe sie ihn mit herein bringen -- Jesus, -meine Zuversicht! so ein gemalter Mensch ist doch was Fürchterliches, wenn -er blaue Backen, eine gelbe Nase, rothe Ohren und grüne Lippen hat -- und -die Scalpe! Denken Sie sich, Miß Baywood, wie mir einmal mein Seliger -das Scalpiren beschrieb und seinen Scalp, der ihm doch noch ganz fest und -gesund auf dem Kopfe saß, mir zeigte, fiel ich Ihnen wahrhaftig um wie -ein Stück Holz, so ohnmächtig wurde ich -- wenn sie nur nicht scalpiren -wollten! das Andere ließe man sich noch immer gefallen, aber das Scalpiren -ist fürchterlich.« - -»Mrß. Smith!« rief da plötzlich Mrß. Rowland, von ihrem Stuhle in Angst und -peinlicher Ueberraschung emporfahrend, denn der Dame Reden, die so ganz -zu dem stimmten, über das sie ja den ganzen thränenlangen Tag getrauert, -trieben ihr das Blut in rasender Schnelle durch die Adern und machten ihr -Herz fast hörbar klopfen. - -»Mutter,« bat Rosy, die bestürzt der Leidenden erregten Zustand erkannte -und rasch auf sie zusprang, sie zu beruhigen, »Mutter, es ist ja nur ein -Mißverständniß!« - -»Gott bewahre, Mrß. Rowland,« fiel da rasch die Dame ein, »ich glaubte ja -gar nicht, daß Sie es hören würden; nein, an's Scalpiren wird er nicht -mehr denken, wenn er das auch früher gethan hat, denn das lassen die -erschrecklichen Menschen nun einmal nicht -- es sind ihre Sieges-Trophäen, -wie sie's nennen --; aber Mr. Billygoat wird ihn schon lehren, was guter -und echter Christen Pflicht ist -- nein, es ist doch ein herrlicher Mann, -dieser Mr. Billygoat.« - -»Mrß. Smith,« sagte die Kranke leise, und die Hand, die Rosy zurück schob, -zitterte wie in Fieberfrost, »_wer_ wird nicht mehr an's Scalpiren denken? -_wer_ trägt die Farben und Abzeichen der Wilden -- _wer_ -- großer Gott, -die ganze Stube dreht sich mit mir -- _wer_ war verloren -- zwanzig Jahre --- und ist -- und ist wieder gefunden?« - -»Aber, liebe Mrß. Rowland,« lächelte gutmüthig die würdige Kaufmannsfrau, -»was thun Sie denn nur gegen _mich_ so geheimnißvoll? ich weiß ja die ganze -Geschichte -- ist denn nicht jetzt eben Tom Fairfield fort geritten, ihn -zu holen? Ich weiß nur noch nicht bei welchem Stamme er ist, denn den Namen -konnte ich nicht recht verstehen; wenn Sie's aber nicht wollen, will ich ja -auch wahrhaftig mit keinem Menschenkinde ein Wort darüber wechseln.« - -»Tom Fairfield fort, ihn zu holen -- bei welchem Stamme?« wiederholte -die alte Frau mit zitternder, halblauter Stimme und preßte sich die Stirn -zwischen die eisigen Hände -- »heiliger Gott! träume ich denn, oder bin ich -wahnsinnig geworden in Kummer und Gram?« - -»Nein, ist mir so eine Frau schon vorgekommen!« sagte Mrß. Smith -kopfschüttelnd, aber jetzt doch auch durch die Aufregung der Kranken etwas -besorgt gemacht. - -Rosy schrak empor -- eine Ahnung dessen, was geschehen, was vielleicht -im Werke sein konnte, zuckte ihr durch den Sinn, und einen Blick auf die -unglückliche alte Frau werfend, winkte sie ängstlich Mrß. Smith zu und bat -sie durch Zeichen, kein Wort weiter von dem Begonnenen, was es auch sei, -zu erwähnen. Aber es war zu spät: ehe des Händlers Frau verstand, was sie -sollte, oder ehe sich Rosy zu ihr überbiegen konnte, sie mit Worten darum -zu bitten, hob Mrß. Rowland wieder den Kopf, und ihr Auge begegnete in -demselben Moment dem ängstlich und bittend auf die Schwatzhafte gerichteten -Blicke der Pflegetochter. Rasch begriff sie dessen Meinung und wurde -dadurch nur noch mehr in der peinlichen Gewißheit dessen bestärkt, was sie -nicht einmal auszusprechen wagte, weil sie selbst dadurch schon den -Zauber zu zerstören fürchtete, der ihr jetzt wie in einem süßen, wenn -auch ängstlichen Traume die Sinne förmlich gefesselt hielt. Wie aber der -Wahnsinnige schlau die Wachsamkeit seines Wächters zu täuschen weiß, so -benutzte auch die Kranke mit fast convulsivischer Hast die Gelegenheit, -der geschwätzigen Frau das Geheimniß, das für sie Tod oder Leben enthielt, -abzulocken. - -»Sie haben Recht, Mrß. Smith,« sagte sie und versuchte dabei, mit der -Qual im Herzen, zu lächeln; »wir brauchen Ihnen nichts, gar nichts mehr zu -verheimlichen.« - -»Sehen Sie, beste Mrß. Rowland,« rief die Dame jetzt völlig beruhigt, in -triumphirender Freude aus, »das habe ich Ihnen ja auch gleich vom Anfange -an gesagt; aber mein Mann ...« - -»Und Tom Fairfield -- ist ausgegangen -- ihn -- ihn zu holen -- hierher -nach Boonville zu holen.« - -»Liebe, beste Mutter,« bat Rosy in ihrer Herzensangst, denn sie fürchtete -nicht mit Unrecht die bösen Folgen, die solche Aufregung für die Kranke -haben mußte. - -»Laß nur, mein Kind -- laß nur,« beruhigte sie aber die Leidende, »mir ist -jetzt vollkommen wohl -- recht wohl, Rosy -- und Tom Fairfield, Madame ...« - -»Nun der kann doch wahrhaftig nicht lange mehr bleiben; aber -- nicht wahr --- er soll ihn mitbringen?« - -»Ihn? ja -- ja wohl -- nicht wahr -- Sie -- Sie meinen doch ...« - -»Nun, Ihren Sohn!« - -»_Ha!_« schrie die alte Frau mit einem Laut, der den Beiden durch Mark und -Seele schnitt -- Rosy warf sich augenblicklich über die zusammenbrechende -Gestalt und rief nur noch mit vorwurfsvoller Stimme: »O, Mrß. Smith, was -haben Sie gemacht, Sie haben sie getödtet!« Und diese würdige Dame stand -im Anfange selbst zum Tode erschrocken, denn noch begriff sie den ganzen -Zusammenhang nicht, und nur der Gedanke begann allmählich in ihr zu -dämmern, daß sie doch wohl am Ende einen gewaltig dummen Streich gemacht -und sich selbst in eine äußerst fatale Sache hinein gearbeitet habe. - -Hierin wurde sie auch bald durch Rosy's Erklärung bestätigt, und als sie -erfuhr, daß sie beide die Ursache von Tom Fairfield's Abwesenheit gar nicht -gewußt und über den Zweck seiner Sendung keine Ahnung gehabt, war sie außer -sich. Sonst von Herzen seelengut, und gewiß die Letzte, die irgend einer -ihrer Nachbarinnen -- und nun noch besonders der wackeren, unglücklichen, -_kranken_ alten Frau -- mit Willen weh gethan hätte, wurde ihr der Gedanke -unerträglich, durch ihre Schwatzhaftigkeit, die sie jetzt gar nicht genug -verwünschen konnte, solches Unheil angerichtet zu haben. Sie wich nun auch -nicht von Mrß. Rowland's Seite, that alles, was in ihren Kräften stand, -Rosy die Pflege zu erleichtern, und beruhigte sich nicht eher, als bis -sie sah, daß sich die Ohnmächtige wieder erholt hatte und, aus Erschöpfung -wahrscheinlich, in einen tiefen, gesunden Schlaf gefallen war. - -Wunderbar war die Veränderung, die, nachdem sie sich wieder erholt, mit ihr -vorgegangen schien. Rosy hatte schon von der Erinnerung an das Gehörte das -Schlimmste befürchtet und deshalb auch mit klopfendem Herzen der Mutter -Erwachen beobachtet -- dem aber gerade entgegengesetzt zeigte sich die -Kranke vollkommen ruhig und hatte nicht etwa das Geschehene vergessen, -sondern fing selbst wieder zuerst davon an, indem sie fragte, ob Tom mit -_ihm_ noch nicht zurück gekommen sei. Rosy wollte ihr jetzt das Ganze noch -ausreden und meinte, es seien ja doch nur Vermuthungen der Frau -- einzelne -Worte, welche sie hinter der Thür erhorcht und die wahrscheinlich etwas -ganz Anderes bedeutet hätten. Mrß. Rowland bat sie aber ruhig, ihr nicht -durch solche freilich gut gemeinte Reden nur weh zu thun, indem sie ihr -die einzige Hoffnung zu rauben suche, an der ihr Herz jetzt noch auf dieser -Welt hange und mit deren Zerstörung es ebenfalls, wie sie das recht gut -fühle, zu Grunde gehen müsse. Sie war dabei so gefaßt, sprach so vernünftig -über das Selige und Schmerzliche des ersten Begegnens, daß es Rosy'n, dem -armen Kinde, ordentlich unheimlich vorkam und sie den Gedanken nicht los -werden konnte, der Zustand der Kranken sei ein übernatürlich erregter, und -ihr Körper werde jetzt nur auf kurze Zeit von dem stärkeren Geiste aufrecht -gehalten. - -Wie dem aber auch war, Mrß. Rowland blieb den ganzen Tag so still und -gefaßt, erkundigte sich mehrere Male, ob _sie_ denn noch nicht gekommen -seien, und ließ es sich von Rosy fest versprechen, ihr nun, da das -doch nichts mehr helfen könne, auch die Ankunft der Beiden nicht zu -verheimlichen -- nur den Namen vermied sie zu nennen -- das Wort Sohn war -noch nicht über ihre Lippen gekommen. - -So mochte es fünf Uhr Nachmittags geworden sein. Mrß. Smith hatte schon -mehrere Male nachgefragt, wie es der Kranken gehe, und sich eben wieder, -wohl zum zwanzigsten Mal, über ihr ungeschicktes Benehmen am Morgen -entschuldigt, als es wieder an die Thür klopfte und Mrß. Rowland mit einem -kaum unterdrückten Schrei in ihrem Stuhle emporfuhr, denn als sich die nur -angelehnte Thür öffnete, trat Tom Fairfield herein, aber -- allein. - -Rosy erschrak ebenfalls; ehe aber sie oder Tom ein Wort sprechen konnte -- -streckte ihm Mrß. Rowland mit stierem, entsetztem Blick den Arm entgegen -und rief mit vor innerer Bewegung kaum hörbarer Stimme: »Wo ist _er_?« - -»Um Gott!« sagte Tom erschreckt und sah Rosy an, »woher weiß Ihre -Mutter ...« - -»Wo ist _er_? Tom, wenn Ihr mich tödten wollt, so zögert mit der Antwort.« - -»Sie weiß Alles,« bestätigte Rosy unter Thränen, und Tom, der bald fand, -daß es aller der von ihm für nöthig gehaltenen Vorbereitungen gar nicht -mehr bedürfe, beruhigte, wenn er auch nicht begriff, durch wen sie es -erfahren haben konnte, die Frau nun wenigstens vor allen Dingen in so weit, -daß er ihr versicherte, er habe ihren Sohn gefunden und mitgebracht, und -er sei wohl und gesund, sie aber solle sich heute Abend sammeln und -vorbereiten, daß er ihr denselben morgen früh herüber bringen könne. - -Davon wollte die Mutter aber nichts länger hören -- »morgen? -- weshalb -nicht heute? -- jetzt? War sie jetzt weniger gesammelt, als sie es morgen -sein würde? sicherlich nicht -- die lange Nacht der Erwartung würde ihre -Kräfte nur abspannen, und jetzt, jetzt wollte sie den so lange Jahre -beweinten Knaben sehen -- nicht morgen.« - -Vorstellungen halfen nichts, und da auch Tom selber fühlen mochte, wie -Recht sie unter diesen Umständen habe, versprach er, ihr den Sohn in einer -halben Stunde zu bringen, und bat sie nur, dann hübsch ruhig und gefaßt -zu sein und sich nicht, damit ihr das nicht schade, zu sehr von ihrem -mütterlichen Gefühle hinreißen zu lassen. - -Indessen war Mr. Smith daheim schon emsig beschäftigt, aus dem bei ihm -eingeführten _Wilden_, der sich nach mehreren, von Mrß. Rowland schon -früher und oft bezeichneten Merkmalen wirklich als der verloren gegangene -Sohn herausstellte, wieder einen anständigen weißen Menschen zu machen. -Vor allen Dingen wurde ihm die bunte Farbe abgewaschen, mit der er sein -Angesicht noch viel mehr als die Indianer selber bestrichen hatte, um -die weißere Haut nicht durchschimmern zu lassen; dann mußte er zu seinem -anscheinenden Leidwesen allen Schmuck ablegen, mit dem er sich behängt --- besonders alles beseitigen, was an Scalpe und andere dem ähnliche -Entsetzlichkeiten erinnerte, und zuletzt noch -- und er stellte sich -ungeschickt genug dabei an -- in »menschliche Hosen,« wie sie Smith nannte, -und nicht in solch oben abgeschnittene Dinger, die gerade da aufhörten, wo -anständige Hosen erst recht anfangen sollten, hineinfahren. Auch Weste und -Rock, Hemd und Schuhe bekam er nun. Wenn er aber auch mit Allem so ziemlich -einverstanden schien, oder es wenigstens ohne Widerstand über sich ergehen -ließ, so warf er doch die letzteren augenblicklich wieder ab, weil sie -ihn drückten und er die Füße darin nicht vom Boden heben konnte, und -verschmähte auch auf das hartnäckigste den schönen schwarzen Seidenhut, -den ihm Smith schon mit wirklichem Behagen auf das zottig dunkelbraune Haar -gedrückt hatte. Jeder Ueberredung hielt er standhafte Weigerung entgegen, -und es blieb zuletzt nichts übrig, als ihn mit bloßem Kopf und barfuß -seiner Mutter zuzuführen. - -Das Wort _Mutter_ war aber auch der einzige Zauberspruch, der ihn aus -seinem wilden freien Leben hierher geführt hatte in das »Dorf der Weißen« --- _Mutter_, der Klang tönte ihm wie eine in der Kindheit gehörte und lang' -vergessene Harmonie leise, aber mit solcher süßen Gewalt durch die Seele, -daß er alle seine Herzensfibern erbeben fühlte, und nicht zurückbleiben -- -dem Himmelslaute folgen mußte. - -Und jetzt stand er vor der Thür, die ihm die weißen Männer an seiner Seite -bezeichnet, und scheu wandte er nach rechts und links den Kopf, als ob -er dem Augenblick, den er mit klopfendem Herzen herbeigesehnt, nun, da er -endlich erschienen, rasch und ängstlich entfliehen wolle. Krampfhaft und -wie Hülfe suchend, erfaßte er den Arm Tom's, der dicht an seiner Seite -ging, und er schämte sich, daß ihn das »Bleichgesicht« in solcher Aufregung -sehen sollte -- »Ugh -- wie mich friert,« flüsterte er leise und zog sich -den Rock vorn, wie er das früher mit seiner Decke gewohnt gewesen, fest -über der Brust zusammen. - -Und drinnen im Hause saß, mit von innerer Aufregung frisch gerötheten -Wangen und lebendigen, glänzenden Augen, die Matrone und hielt der Tochter -Hand fest in der ihrigen, daß diese sie jetzt, nur jetzt nicht verlasse; -denn draußen hörte sie Schritte -- Stimmen, und in athemloser Spannung -lauschte sie den Tönen, ob sie -- heiliger Gott, wie ihr das Herz pochte! --- die Stimme des Kindes -- des Sohnes nicht zu unterscheiden vermöge. - -Und jetzt -- jetzt öffnete sich die Thür, in die mit höflicher, -freundlicher Verbeugung der Händler trat, und hinter ihm -- Mrß. Rowland -sah die freie männliche Stirn Tom Fairfield's und -- an seiner Seite -- -einen braunen, unbedeckten Kopf -- sie richtete sich in ihrem Stuhl auf --- alle Schwäche der Krankheit hatte sie verlassen, stark und allein stand -sie, von Niemand gehalten, von Niemand unterstützt. - -»Meine gute Mrß. Rowland,« sagte Smith; aber die Mutter sah nicht den -Fremden, der sich zwischen sie und ihr Kind stellte. - -»Mein Sohn -- mein Sohn!« rief sie, die Arme streckte sie sehnend, bittend -nach den Männern aus, und jetzt -- jetzt vermochte auch der Halbwilde -nicht länger zu schweigen -- er riß sich von Tom, der ihn noch zurückhalten -wollte, los, schob den Händler bei Seite und flog mit raschem Sprung und -dem leise -- jubelnd gerufenen Laut: »Mutter!« in die Arme der alten Frau. -Fest, fest hielt ihn diese umklammert, fest, als ob sie ihn im Leben nicht -wieder loslassen wollte; aber ihre Kräfte schwanden auch in der einen -Empfindung seligen Entzückens, und nur noch durch die Arme des Sohnes -fühlte sie sich gestützt, gehoben. - -»Mein Sohn, mein Kind!« rief sie schmeichelnd, als er sie endlich leise auf -den Stuhl zurückgleiten ließ und, halb unwillkürlich, halb von ihr gezogen, -vor ihr auf die Kniee niedersank -- »mein liebes, liebes Kind! Und -doch endlich den Verlornen wieder gefunden -- doch jahrelange Sorge -und Schmerzen noch belohnt bekommen, ehe das flüchtige Leben den alten -schwachen Körper verließ -- mein theures, theures Kind!« - -John blieb lange und schweigend in ihrer Umarmung, und es war fast, als ob -er sich schäme, von den »weißen« Männern so schwach und weibisch gesehen -zu werden -- wenigstens warf er den Blick, als er endlich den Kopf erhob, -scheu im Zimmer umher -- aber er war allein mit der Mutter. _Alle_ hatten -das Zimmer verlassen, selbst Mrß. Smith, die jetzt, da ihre Voreiligkeit -weiter keine bösen Folgen gehabt, wieder guten Muthes hergekommen war, -dem Wiedersehen beizuwohnen; sie wurde aber, sehr wider ihren Wunsch und -Willen, von Mr. Smith freundlicher als das sonst gewöhnlich geschah, unter -den Arm gefaßt und zur Thür hinaus begleitet. - -Mutter und Sohn blieben lange allein. Dieser hatte bald auch die letzte -Scheu überwunden und saß jetzt neben der Mutter, streichelte ihre Hand -und nannte sie in seinem gebrochenen Englisch mit den süßesten, sanftesten -Namen, die er finden konnte. - -Erst wohl nach Verlauf einer halben Stunde, und als sie sich beide -vollkommen gesammelt hatten, traten die Uebrigen wieder ein, und Tom mußte -jetzt vor allen Dingen erzählen, wie er den Verlorenen gefunden und ihn -bewogen habe, mitzukommen. Er that das, wenn auch nur in sehr kurzen Worten -und Umrissen. - -Den Stamm der Konzas hatte er am vierten Tage nach seiner Abreise von -Boonville schon erreicht und dort augenblicklich seine Nachforschungen -begonnen, aber eine bestimmte Antwort konnte er weder von Krieger noch -Häuptling erhalten -- theils stellten sich alle, an die er sich wandte, als -ob sie seine Sprache nicht verstehen könnten, theils läugneten sie, irgend -etwas von einem Weißen in ihrer Nation zu wissen. Aber gerade dieses -Läugnen bestärkte den Amerikaner nur mehr und mehr in dem Glauben, daß -diese nicht die Wahrheit sprächen; denn Einige sahen ihn erstaunt an, als -ob sie nicht begreifen könnten, wie er das erfahren hätte, Andere wurden -verlegen und sagten, sie wüßten es nicht genau, sie glaubten, es sei einmal -früher einer bei ihnen gewesen, -- bis er endlich einen Halb-Indianer, -einen canadischen Franzosen traf, der ihn rasch auf die richtige Spur -brachte. Noch an dem nämlichen Abend führte er ihn in das Dorf, wo sich -der »weiße Hirsch,« wie sie ihn nannten, aufhielt, und wenn dieser auch im -Anfang gar keinen Verkehr mit dem »Bleichgesicht« haben wollte, ja, sich -sogar hartnäckig weigerte, ein Wort Englisch mit ihm zu sprechen, so ließ -er sich doch zuletzt wenigstens willig von dem Dorf der Weißen erzählen, -und fing sogar an, aufmerksam den Worten des Fremden zu lauschen, als -dieser ihm von der Mutter sagte, die daheim in Sorge und Kummer so lange -Jahre sehnsüchtig seiner geharrt und auf das Wiedersehen ihres Kindes -gehofft habe. Besonders und ordentlich auffällig erschütterte ihn aber -Tom's Rede, als dieser -- wie sich der Verwilderte immer noch nicht bewegen -ließ, ihm zu folgen -- endlich ausrief: »Und so will denn der weiße Hirsch, -daß seine kranke alte Mutter daheim _allein_ dem Grabe zusiecht und keinen -Sohn hat, der ihren Wigwam deckt -- ihr Wild jagt und das erlegte bereitet, -sie zu stärken? Sollen _Fremde_ ihr Grab graben, daß nicht Wolf und -Aasgeier ihre Gebeine entheiligen?« -- »Ugh!« hatte er da ausgerufen -- -»weißer Mann hat Recht -- weißer Hirsch böser Sohn« -- und in die Höhe -sprang er, und eilte hinaus in den Wald. - -Tom Fairfield war aber nicht wenig bestürzt, als der »weiße Hirsch« am -nächsten Morgen verschwunden und auch nirgends aufzufinden war; Hütte bei -Hütte durchforschte er nach ihm, und manch zorniges Wort, manche finstere -Drohung ertrug er, wenn er vielleicht den Wigwam eines den Bleichgesichtern -feindlich gesinnten Kriegers betreten hatte. Schon wollte er die Hoffnung, -den Entflohenen für jetzt wieder zu finden, als ganz trostlos aufgeben und -eben sein Pferd besteigen, um zu dem Nachbardorfe, wo der Canadier seinen -Wigwam aufgeschlagen, zurück zu kehren, als plötzlich der Verschwundene -völlig gerüstet wie zu Schlacht oder Kriegszug, auf seinem rauhhaarigen -Poney angesprengt kam und sich erbot, ihn zu begleiten. Allerdings wollten -sich dem jetzt Einige des Stammes widersetzen und nicht dulden, daß der, -welcher einer der Ihrigen geworden, auf solche Art ihnen wieder entführt -werde. Der »weiße Hirsch« schien aber nicht leicht durch irgend eine -Drohung eingeschüchtert; mit kräftig trotzigen Worten wies er die -Unzufriedenen zurück, und seine Kriegskeule in der Rechten, in der Linken -die Büchse, und das Pferd nur mit den Schenkeln regierend, sprengte er -unerschrocken durch die Schaar, die ihm auch wirklich Raum gab und keinen -thätlichen Versuch machte, ihn oder seinen Begleiter zurück zu halten. - -So kamen Sie nach Boonville, und John Rowland bog sich liebkosend über der -Mutter Hand hinüber, als ihn diese bat und ihm das Versprechen abnahm, sie -die wenigen Tage, die sie noch auf dieser Erde zu leben habe, nie -- nie -wieder zu verlassen. - - * * * * * - -Ein voller Monat verging so, ohne daß in Boonville irgend etwas Wichtiges -vorgefallen wäre. Wenn aber auch die Matrone in dem Glück, ihr Kind -wiedergefunden zu haben, die ersten Wochen wie neu geboren und Schwäche und -Krankheit gänzlich zu vergessen schien, so kehrte doch bald die natürliche -Erschöpfung zurück, die solcher Aufregung auch selbst bei gesundem -Zustand hätte folgen müssen, und sie wurde von Tag zu Tag schwächer und -hinfälliger. - -Was John betraf (denn den Namen »der weiße Hirsch« hatte er gleich -von Anfang an abgelegt), so fand sich der in das civilisirte Leben der -»Städter« besser und leichter, als man es wohl hätte erwarten können; er -trug wenigstens die Kleider, die man ihm angelegt -- ja, nach einiger Zeit -selbst Schuhe und einen Hut, aß mit am Tische und mit Gabel und Löffel -und schien sich besonders bei seiner Mutter wohl zu fühlen, bei der er oft -stundenlang, am liebsten, wenn sie schlief, neben dem Bette saß und ihr -still und ernst in das bleiche Antlitz schaute. Sonst war aber kein ganz -gutes Auskommen mit ihm; er war wild und herrisch, wie er das als Krieger -seit seiner Mannbarkeit ja auch nicht anders gewohnt gewesen, und es jetzt -nur schwer und ungern ablegen mochte. - -Am besten kam noch Rosy mit ihm aus; das liebe sanfte Kind übte den -größten Einfluß auf das rauhe Wesen des jungen Mannes, und wo er einmal in -Kleidung, Sitte oder Sprache -- wie das übrigens gar nicht selten geschah --- in seine alten Gewohnheiten zurücksinken wollte, bedurfte es von Rosy -nur eines Wortes, ja, oft nur eines Blickes, seinen Sinn, der in einzelnen -Fällen selbst nicht unbedingt der Mutter nachgab, zu beugen. - -Drei Personen lebten aber in Boonville, denen John auswich, wo er nur -irgend konnte, und auf die er, im Laufe der Zeit, nach und nach selbst eine -Art von Haß übertrug. Die erste war unsere gute, aber geschwätzige Mrß. -Smith, die ihn von vorn herein so mit ihren Fragen und Erkundigungen -gepeinigt hatte, daß er sie ordentlich fürchtete, und einmal sogar -zum Entsetzen seiner Mutter, die gar nicht begriff, was ihn auf einmal -anwandle, aus dem Fenster sprang, als jene zur Thür hereintrat. - -Die zweite war der ehrwürdige Pastor Billygoat, der es in seinem heiligen -Eifer für Pflicht und Schuldigkeit hielt, den »armen blinden Heiden« zu -bekehren. Im Anfang, und besonders weil es seiner Mutter große Freude -machte, lauschte John mit ziemlicher Aufmerksamkeit dessen Worten, und wenn -er auch später nur durch Rosy's Bitten dahin gebracht werden konnte, still -sitzen zu bleiben, sobald der Prediger -- oder der »Medicin-Mann«[12], -wie er ihn unerschütterlich nannte -- seine Hand einmal auf ihn gelegt -und seine Worte an ihn gerichtet hatte, so blieb er doch darin ganz der so -schönen indianischen Sitte treu, daß er den Mann nie unterbrach, sondern -ihn ruhig ausreden ließ und mit wenigstens äußerer Aufmerksamkeit ihm -zuhörte. Pastor Billygoat täuschte sich aber gewaltig, wenn er das auch nur -einen Augenblick für wirkliche Andacht hielt -- John haßte den alten -Mann wie die Sünde -- und vielleicht noch mehr -- und durch ihn auch die -Religion, die er ihm predigen wollte. Trotzdem blieben beide im Anfang -noch auf ziemlich friedlichem Fuß mit einander, und der Prediger -schien zufrieden, wenn sein neu zu Bekehrender nur ruhig und ohne -Widersetzlichkeit die gehörige Zeit aushielt. - - [12]: Medicin-Männer heißen bei den indianischen Stämmen die Aerzte, - Zauberer und Priester. - -Die dritte Person aber war wunderbarer Weise gerade der Mann, der doch -als die Hauptursache und das Werkzeug seines jetzigen Hierseins angesehen -werden mußte -- und zwar Niemand anders, als Tom Fairfield selber. Im -Anfang schienen die beiden jungen Leute unzertrennlich. Tom gab sich jede -nur erdenkliche Mühe, den verwilderten Weißen in alle Geheimnisse -des civilisirten Lebens wieder einzuweihen, und John, wenn auch mit -augenscheinlichem Widerwillen, fügte sich doch gern jeder Neuerung, die der -Hinterwäldler, den er überdieß als vortrefflichen Jäger kennen lernte und -deßhalb achtete, mit ihm vornahm. Je länger er aber in der Mutter Hause -lebte, wo Tom Fairfield ein täglicher Gast war, desto mehr und mehr zog -er sich von ihm zurück, antwortete einsilbig auf seine Anreden, mied seine -Gesellschaft und wurde sogar, was sonst selbst nicht gegen den Prediger -geschah, unfreundlich, wenn er ihm nicht mehr ausweichen konnte. - -Das nahm, je weiter es in den Herbst hinein kam, mehr und mehr überhand, -da sich besonders in letzter Zeit Mrß. Rowland's Zustand auch immer mehr -verschlimmert hatte. Die Krankheit der alten Frau schien in den ersten -Wochen von ihres Sohnes Rückkunft durch die Freude und Aufregung des -Wiedersehens fast ganz gehoben; nach dieser unnatürlichen Erregung trat -aber auch eine Erschlaffung ein, die bald das Schlimmste besorgen ließ, -und Rosy, das arme liebe Kind, fast ausschließlich an die Seite der jetzt -fortwährend bettlägerigen Kranken bannte. John verließ das Haus ebenfalls -nur sehr selten und nie anders, als wenn er in den Wald ging, einen Hirsch -oder Truthahn zu schießen; hatte er aber Fleischvorrath daheim, so schaute -er oft stundenlang in stummem Brüten zu, wie Rosy die Mutter pflegte -oder, wenn diese einmal eingeschlafen war, ihre sonstige Arbeit, das große -surrende Baumwollen-Spinnrad sachte bei Seite schob und sich mit ihrer -Näherei, die Augen der Kranken zugekehrt, zu Füßen des Bettes setzte. - -Der November war indessen angebrochen, und wenn auch der wundervolle Herbst --- in dieser seiner schönsten Zeit, dem sogenannten indianischen Sommer -- -noch freundliche und selbst warme Tage brachte, so braus'te doch auch schon -manchmal ein recht ordentlicher Nord-West durch die Wipfel der sich in die -buntesten Herbsttinten schmückenden Blätter. Und wie das Laub erstarb, wich -auch die Kraft, das Leben aus dem Herzen der armen alten Frau. Lange Jahre -hatte sie standhaft und still den Schmerz ertragen, dem Leiden die -Stirn geboten -- jetzt, mit der einkehrenden Freude, erlag das arme Herz -Gefühlen, die zu mächtig für es waren und zu erschütternd. Wie der Saft aus -dem Laub und dem Stamm der Bäume und Pflanzen schwand, so ebbte auch -der Lebensstrom in ihren Adern, und von Tag zu Tag fühlte sie mehr das -Herannahen ihrer Auflösung. - -Und doch hätte sie gerade jetzt noch so gern gelebt, denn ihrem Scharfblick -entging es keineswegs, wie der durch so treues Ausharren so theuer erkaufte -Sohn sich nicht mehr wohl und glücklich in seiner neuen Umgebung fühle. -An der Mutter hing er, ja -- und mit all der Gewalt kindlicher Liebe, die -stark genug gewesen war, ihn seinem wilden Leben zu entziehen, bannte es -ihn an ihr Lager, und ließ ihm nicht Ruhe noch Frieden draußen im Wald, -seiner sonstigen Heimath. Wie aber sollte das werden, wenn sie einst -hinüber gegangen und damit auch das Band zerrissen war, das ihn jetzt -noch an das civilisirte Leben hielt? Nur Eine Möglichkeit gab es, ihn auch -später zu fesseln, und die sah die arme alte Frau einzig und allein in der -Vereinigung ihrer Pflegetochter mit dem jungen Tom Fairfield, der sich in -der letzten Woche in Boonville förmlich niedergelassen und jetzt ordentlich -und ehrlich um Rosy's Hand angehalten hatte. Bei diesen Beiden konnte John -bleiben -- in ihnen fand er stets treue und liebende Geschwister, und ihnen -gelang es auch gewiß, den Sohn von der Rückkehr zu jenem entsetzlichen -Leben unter den heidnischen Wilden abzuhalten. Ja, selbst Rosy's wegen war -es gut, vielleicht nöthig, daß sie versorgt ward und eine männliche Stütze -hatte, ehe sie die Mutter verlor, und das alles ließ Mrß. Rowland wünschen, -ihre Vereinigung so bald als möglich bewirkt zu sehen. - -Eigenthümlich war der Eindruck, den diese Nachricht, die er aus der Mutter -Mund erfuhr, auf John machte -- keine Sylbe erwiederte er, nicht den Blick -hob er von der Spitze seines groben Schuhes, den er gegen die leichten -Moccasins hatte vertauschen müssen, und zwei Mal fragte ihn die Mutter, ob -er sie gehört und ob er sich nicht freue, daß seine Pflegeschwester einen -so wackeren Schützer bekäme, der sie gegen die Stürme des Schicksals -schirmen und wahren könne. - -»Und will Rosy weißen Jäger?« sagte er leise, und als ob er die Antwort -schon eigentlich vorher wisse. - -»Sie lieben sich schon seit langen Jahren, und Rosy glaubt glücklich mit -ihm zu werden.« - -»Gut -- John freut sich,« sagte der junge Mann, stand auf und verließ das -Zimmer -- kehrte auch den ganzen Tag nicht mehr zurück, sondern blieb bis -spät in die Nacht draußen im Wald, wo er nachher, sein Pony schwer mit Wild -beladen, zurückkehrte und, ohne Jemanden an dem Abend weiter zu sprechen, -von außen am Haus hinauf in sein Lager kletterte. - -Von dem Tage an war John wie ausgewechselt -- sonst still und friedlich, -wurde er mürrisch und zanksüchtig, verkehrte, außer mit seiner Mutter und -Rosy, mit Niemand mehr und ließ jetzt sogar nicht selten seinem wilden -Muthwillen bei allen denen freien Lauf, die sich in seinen Weg stellten -oder sonst durch irgend etwas seinen Haß auf sich gelenkt hatten. Gegen die -würdige Mrß. Smith zeigten sich diese Launen gewöhnlich nur neckischer Art; -hatte sie ihn einmal zu irgend einer Zeit wieder angeredet oder um etwas -gefragt, so konnte sie sich fest darauf verlassen, es wurde ihr Abends, -wenn sie ihr Essen kochte, irgend ein Stein oder Stück Holz durch den Kamin -in den Topf geworfen, oder durch einen nie zu Ermittelnden, wenn sie nach -Dunkelwerden auf ihrem gewöhnlichen Platz in der Stube saß, ein Gewehr -dicht neben ihr abgefeuert, daß sie erschrak und gewöhnlich mit einem -lauten Aufschrei in die Höhe fuhr -- oder die Hühner flatterten Nachts -gestört umher, und nicht selten fehlten sogar einzelne von Stellen, wo sie -weder Eule, noch Opossum geholt haben konnte. - -Schlimmer aber ging es dem armen Vater Billygoat, bei dem es jetzt, seiner -Meinung nach, Ehrensache wurde, den hartnäckigen Heiden zu bekehren. War -es ihm einmal gelungen, den »störrischen Wilden« so zu fassen, daß er ihm -nicht mehr entrinnen konnte, und hatte er ihm dann eine recht eindringliche -Ermahnungs- und Strafpredigt gehalten, dann fing John auf einmal an, -grimmige und entsetzliche Gesichter zu schneiden, fletschte mit den Zähnen, -rutschte und glitt dem mehr und mehr geängstigten Prediger immer näher und -schrie ihm vielleicht zuletzt noch den gellenden Schlachtschrei der Konzas -so nahe und scharf in die Ohren, daß der fromme Mann entsetzt aus dem -Zimmer floh und noch weit hinter sich drein das Hohnlachen des Heiden -hören mußte. Nach jeder solcher Zusammenkunft konnte er sich aber auch fest -darauf verlassen, daß ihm in derselben Nacht irgend ein Schwein abhanden -kam, oder seine Fence an irgend einer Seite eingerissen und die Heerde in -die Felder getrieben wurde, oder auch, wie das sogar einmal geschah, eine -heimliche Kugel seine beste Kuh traf und tödtete. - -Stellten die Leidenden den wahrscheinlichen Thäter zu Rede, so machten sie -die Sache dadurch nur noch schlimmer, und das ganze Städtchen begann -schon den »bekehrten Wilden«, wie er im Anfang hieß, als eine Plage zu -betrachten, die man sich herzlich freuen würde, so bald als möglich wieder -los zu werden. - -Merkwürdig war es dabei, daß John an Tom Fairfield, so feindlich gesinnt er -ihm sonst auch immer sein mochte, nie einen ähnlichen Muthwillen versuchte; -ja, im Gegentheil rettete er ihm sogar eines Tages, als er ihn zufällig auf -der Jagd traf, oder auch vielleicht durch seinen Schuß herbeigelockt war, -auf die aufopferndste Art das Leben. - -Tom hatte nämlich nicht weit von Boonville einen alten Bären beim -Lappen[13] getroffen, aber, durch eine rasche Bewegung desselben verleitet, -einen übereilten Schuß gethan, was ihm das angeschossene und gereizte Thier -mit Blitzesschnelle auf den Hals brachte. Sein Hund war zu schwach, ihm -wirksamen Beistand zu leisten; sein Messer brach beim ersten, einen Knochen -treffenden Stoß, und wer weiß, ob er nicht von der Bestie, wenn auch nicht -getödtet, doch gar arg verwundet worden wäre, hätte sich nicht John in dem -Augenblicke, da er aus Furcht, den Mann zu treffen, nicht wagen durfte, zu -schießen, mit keckem Muth auf den zottigen Feind geworfen und diesem sein -Messer so sicher ins Herz gestoßen, daß er sich wohl noch gegen seinen -neuen Gegner wenden konnte, gleich darauf aber, auch vom früheren -Blutverlust schon erschöpft, todt zusammenbrach. - - [13]: Lappen der Bären heißt, wenn sie im Herbst nach den reifen - Früchten und Beeren naschen gehen. - -Tom wollte dem jungen Manne danken und streckte ihm mit herzlichen Worten -die Rechte entgegen -- der aber wandte sich knurrend ab und verschwand, -sich nicht weiter mehr um Jäger und Beute kümmernd, rasch im nahen -Dickicht. Zu Hause sprach er auch kein Wort davon, nur als Tom heimkam und -den Hergang erzählte, und die Mutter ihm mit glänzenden Augen die Wangen -streichelte, und Rosy unter Thränen seine Hand nahm und ihn ihren lieben, -lieben Bruder nannte, da wurde er weich, wie er seit lange nicht gewesen, -und an dem Tage wäre vielleicht selbst Vater Billygoat ungestraft bei einem -neuen Angriff weggekommen, hätte sich dieser würdige Mann nicht schon seit -längerer Zeit fest vorgenommen gehabt, den heidnischen Wilden, der eigenen -Schweine wegen, seinem Schicksale zu überlassen. - -So standen die Sachen, als sich die Kranke eines Tages recht schwach und -unwohl fühlte -- ihre Kinder wichen nicht mehr von ihrer Seite, und John -besonders saß neben dem Lager und hielt der Mutter Hand fest, fest in der -seinen. Aber der Sand war abgelaufen, welcher der Leidenden auf dieser -Erde zugemessen -- die Kräfte wichen, die bis dahin das mürbe Gebäu ihres -Körpers zusammen gehalten. - -»Rosy,« flüsterte sie, als die Abendsonne ihrem Lager gegenüber stand und -der rothe schimmernde Glanz den todtenbleichen Zügen noch einmal ein, -ach! trügerisches Leben zu verleihen schien -- »Rosy -- Tom -- mir wird -so wunderleicht und wohl -- die Glieder fühle ich gar nicht mehr, die mich -sonst so bleiern an mein Lager bannten -- ich glaube, der Tod naht -- ach! -dann ist es schön, zu sterben -- aber -- Euch lasse ich noch unvereinigt -hier zurück, und mein Kind -- meinen John, in Eurem Schutze -- versprecht -mir -- versprecht mir, ihn stets -- als Euren Bruder zu lieben.« - -»Mutter!« schluchzte Rosy und barg das Antlitz an der Schulter der -Sterbenden. - -»Er soll mir wie mein liebster Bruder sein,« sagte Tom mit tiefer Rührung --- »ja, nicht theurer konnten ihn diese Worte meinem Herzen machen, als er -es jetzt schon ist -- John soll nie einen anderen Freund brauchen, so lange -noch ein Tropfen Lebenssaft in diesen Adern quillt.« - -»Und, John,« sagte mit leiser Stimme die Mutter, »wird Dir das Grab der -Mutter so theuer sein, als es die Lebende war?« - -John hatte augenscheinlich einen harten Kampf mit sich gekämpft -- er -schämte sich, in der Gegenwart eines anderen Mannes zu weinen oder -irgend eine Schwäche zu zeigen, und saß starr und regungslos, die Blicke -unverwandt in eine Zimmerecke gerichtet; jetzt aber, bei der directen -Anrede an ihn, wo ihm, der so oft den Tod gesehen, sein Auge sagte, daß das -theure Leben nur noch wenige Minuten in der alten lieben Hülle weilen werde --- jetzt konnte er sich nicht länger halten -- am Bett fiel er nieder auf -die Kniee, den Kopf barg er in der überhangenden Decke, und sein ganzer -Körper zitterte von der Allgewalt des Schmerzes, der in ihm tobte. - -»Guter John,« flüsterte die Mutter, und ihre Hand ruhte segnend auf dem -Haupte des Sohnes -- »guter -- lieber John!« - -»Mutter!« rief Tom Fairfield plötzlich, denn ein eigenes Zucken im Gesichte -der Kranken -- ein eigenes Erstarren der Züge erschreckte ihn. John fuhr -schnell empor und heftete seinen Blick nur secundenlang auf das liebe -Antlitz. - -»Meine Mutter!« schluchzte er, und die hellen Thränen netzten seine -sonngebräunten Wangen: »meine liebe Mutter! und Du gehst?« - -Die Sterbende antwortete nicht mehr -- der letzte Druck der Hände galt -noch dem Kinde -- der Tochter -- ihr brechendes Auge hing an dem sinkenden -Tagesgestirn, und mit dessen Verschwinden hinter dem goldglänzenden -Laubnetz des Waldes schlossen sich auch die treuen Augen auf immer. - - * * * * * - -Am anderen Tage, nach der Mutter Tod, grub John, an derselben Stelle, wo -früher seines Vaters Hütte gestanden, das Grab für die Verblichene -- sie -hatte es gewünscht, dort zu ruhen, und fast alle Einwohner des kleinen -Ortes begleiteten die Leiche zu ihrer letzten stillen Ruhestätte unter den -rauschenden schwanken Bäumen des Waldes. John blieb dort draußen drei volle -Tage und Nächte, und als er endlich zurückkehrte, war er ernst und traurig -und schien sein früheres wildes Wesen ganz verloren zu haben. Sanft wie -ein Kind zeigte er sich gegen Jedermann, selbst mit dem Prediger war er -freundlich, so freundlich, daß er den armen Mann im Anfange mehr damit -erschreckte, als früher mit seiner Wildheit, weil der schon nicht anders -glaubte, als daß dies nur eine andere Maske sei, unter der er neue Streiche -auszuführen gedenke. Aber darin hatte er sich geirrt -- John blieb sich -immer gleich und vermied jetzt nur von Allen gerade die, deren Nähe ihm -früher so unendlich wohl gethan. - -Obgleich er nämlich seine alte Schlafstelle, den oberen Theil von seiner -Mutter Haus, noch beibehielt, bekam ihn das junge Mädchen fast gar nicht -mehr zu sehen; nur Morgens vor Tag stand er auf, schaffte Holz herbei, -zündete das Feuer an und verzehrte im Hause sein Frühstück; dann aber mied -er Rosy's Nähe den ganzen Tag, und nur Abends hörte sie, wie er von außen -in seine Kammer wieder hinauf stieg und sein Lager suchte. Wildpret -genug schaffte er dabei zum Hause, und weiche Felle gerbte er ihr nach -indianischer Art, und nähte Moccasins und färbte Decken für sie; aber nicht -daheim that er das, sondern im Walde draußen, wie auch das Wetter war, und -nur froh konnte sie ihn machen, wenn sie annahm, was er ihr, meist Morgens, -brachte. - -So rückte endlich der, von Tom Fairfield so lang' und heiß ersehnte Tag der -Verbindung zwischen ihm und seiner holden Braut heran, und Tom hatte alle -Bekannten und Freunde eingeladen, ihn feiern zu helfen. In festlicher -Procession zogen die Glücklichen nach des Friedensrichters, Mr. Cowley's -Haus, und heute schloß sich selbst John nicht aus von der fröhlichen -Schaar. - -An Tom's Seite, gegen den er in letzter Zeit wieder so freundlich gewesen -war, wie in den ersten Wochen ihres Beisammenseins, betrat er das kleine -wohnliche Gemach des Richters und war Zeuge der heiligen feierlichen -Handlung; als aber die Braut das schüchterne und doch so herzfreudige Ja -gesprochen -- als der _Gatte_ sie leise, leise an sich zog und sie das in -holder Schaam übergossene Antlitz an seiner männlichen Brust barg -- da -glitt er unbemerkt und geräuschlos aus dem Zimmer -- aus dem Hause und über -die Straße hinüber in sein eigenes kleines Gemach. - -Nacht war's, und aus Tom Fairfield's neuer Wohnung brachen lichte Strahlen, -und muntere Violintöne schallten die stille Straße herab; in Hornpipes -und Quadrillen, in Reels und Jigs und der anderen amerikanischen oder von -England herüber gebrachten Tänzen schwangen sich die fröhlichen Paare; -munter ging der Becher im Kreise, und herzlich übertönte das Lachen oft die -schallenden Geigenklänge. - -Draußen aber vorbei, durch den Herbststurm, der jetzt schon recht ingrimmig -die laublosen Zweige schüttelte, schritt, die Büchse in der Hand, den -Tomahawk im Gürtel und die Decke auf dem Rücken, ein Jäger, und wollte -schon rasch vorüber ziehen an dem festlichen Hause, als der silberreine Ton -einer lachenden Frauenstimme sein Ohr traf. Er blieb stehen, zögerte einen -Augenblick und näherte sich dann dem Hause; an der Fenz schwang er sich -hinauf und schaute viele Minuten lang still und ernst durch das kleine -offene ausgeschnittene Fenster in den inneren hell erleuchteten Raum, -auf die fröhlichen glücklichen Menschen hin, die in dem engen Gemach sich -lachend und tanzend hin und herbewegten. Glück und Freude lag auf _allen_ -Gesichtern auf die sein düsterer Blick fiel, aber von allen ab schweifte er -unbefriedigt, das _eine_ von allen denen zu erkennen das -- - -Ha -- da trat Rosy in den Kreis -- die frohe junge Frau an des _Gatten_ -Hand, und das Licht der Lampen fiel hell und voll auf die lieben Züge des -jungen Weibes. - -Johns Blick haftete lang und ernst auf der holden Gestalt, aber kein Laut -entfloh seinen Lippen, keine Bewegung, ein einzelnes fast krampfhaftes -Zucken seiner Lippen vielleicht ausgenommen, verrieth die Bewegung die in -ihm kämpfte. - -Endlich nickte er, wie Abschied nehmend, aber auch fast seiner unbewußt, -dort hinüber, wo er jetzt Alles zurückließ, was ihm noch lieb auf dieser -Welt war, und ihn wohl hätte an ein ruhiges friedliches Leben fesseln -können -- dann stieg er langsam wieder nieder und warf die Büchse auf die -Schulter. - -Als er den Boden wieder betrat, hatte er ganz die alte Ruhe wieder gewonnen --- die wollene Decke, die über seine Schultern hing, zog er fest um sich -her, und den Pfad verfolgend, der an seiner Mutter Grab vorüber gen Westen -führte, verschwamm seine dunkle Gestalt bald in den düsteren Schatten, mit -den der Urwald die enge Lichtung fest und dicht umlagerte. - -Und wohin führte sein Weg? - -Man hat nie wieder von ihm gehört; aber zu den Konzas war er nicht -zurückgekehrt, denn wenige Wochen später kam von dorther der canadische -Franzose, der Tom Fairfield früher auf seine Spur gebracht, und wußte -nichts von ihm. Ja, Tom besuchte im Frühjahr selbst noch einmal den Stamm --- doch konnte ihm Niemand Kunde geben vom »weißen Hirsch« -- er war und -blieb spurlos verschwunden. - - - - -Aus dem Briefsacke des Paquetschiffes »Seeschlange.« - - - - -Erster Theil. - - -Erster Brief. - - _New York_, den 12. März 1848. - - _Lieber Theodor!_ - - Motto: Freiheit oder Tod. - -_Ich bin in Amerika_ -- o wenn Du begreifen, wenn Du ahnen könntest, mit -welcher wonneathmenden Seligkeit mich _der_ Gedanke durchfluthet, wenn Dir -aus dem inneren jauchzenden Jubelmeere meines Herzens nur ein Ton, nur ein -Accord jener himmelrauschenden Symphonieen an die Seele donnern könnte, die -mich dieser Erde fast entheben, die mich in sinnverwirrendem Freudenrausche -nicht ein Mensch mehr, nein ein Engel, ein Gott sein lassen! -- dann -brauchte ich nicht die kalte Feder zu dem nutzlosen Versuche zu ergreifen, -das schildern zu wollen, was sich nicht schildern läßt; das mittheilen zu -wollen, was eben nicht mitgetheilt werden kann, was nur empfunden, gefühlt -sein will -- - - »Nenn' es dann wie Du willst -- nenn's Glück, Herz, Liebe, Gott -- - Ich habe keinen Namen dafür, Gefühl ist Alles -- - Nam' ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsgluth.« - -_Ich athme amerikanische Luft!_ Begreifst Du das, kalter, theilnahmloser -Aktenmensch -- Bücherwurm -- Leichenbeschauer Du, der von Haus zu Haus -kriecht, scheußliche Verwesung und Moder zu besichtigen und rings um sich -her Gottes freie, herrliche Natur unbeachtet, unbewundert läßt? -- Hier -komme her -- hier in die Freiheit athmende Welt, hierher in das schöne, -wundervolle Land, und wenn Dir dann das Herz nicht aufgeht, wenn sich dann -nicht Dein Geist wie die Lerche in duftiger Frühlingsluft wirbelnd und -siegestrunken zu Gottes reinen Aetherräumen emporhebt, dann fließt Dir -Dinte statt rothen warmen Blutes in den Adern und Dein Herz ist nur eine -Urne mit Aktenstaub und Trübsal angefüllt. - -Doch nein, so schlimm steht es noch nicht mit Dir und mit kurzen Worten -will ich Dir deßhalb das Land meiner Ideale schildern; mit kurzen Worten -sag' ich, denn wollte ich mich auch nur auf eine einfache Beschreibung -einlassen, so reichten Bände nicht aus und dazu gestattet mir jetzt weder -Herz noch Geist die Zeit. - -Jeder Schritt hier, so lang ich das Ufer betreten, zeigt deutlich, wie -wir glücklichen Auswanderer dem Schlendrian und Despotismus des alten -Vaterlandes endlich enthoben sind -- rege Geschäftigkeit füllt die Straßen --- der edle Stolz -- »ich bin ein freier Mann« -- spricht schon aus dem -Blick des Knaben, wie aus dem des erwachsenen Jünglings; keine Zeichen von -Krone und Tyrannei beleidigen das Auge, indem sie uns an unsere Schmach der -Knechtschaft erinnern -- kein Bettler kriecht in seinem nackten Elend auf -offener Straße umher und fleht um ein Almosen, damit er in seinen Ketten -nicht auch noch verhungere -- keine »königliche Constitution« lügt uns von -Freiheit vor, während sie uns nur noch, indem sie uns einschläfert, weiter -und weiter vom wahren Ziel der Freiheit entfernt. »Das Volk ist nicht -reif,« schreien in Deutschland die Fanatiker der Ruhe -- »es gehören auch -Republikaner zu einer Republik und die haben wir noch nicht, die müssen wir -erst heranbilden.« -- Ausflüchte sind's -- feige Angst vor der Krisis, -die der Umgestaltung vorausgehen muß. Werden etwa die Deutschen, die nach -Amerika auswandern, plötzlich auf dem Schiffe zu Republikanern, daß sie -auf einmal reif und ausgebildet hier das Land betreten? oder sind das etwa -keine Republikaner, diese Millionen von Deutschen und Iren, die -- der -Whigparthei so fürchterlich -- der demokratischen Sache im freudigen -Sturmlauf den Sieg gewinnen? Zum Teufel mit den seelenlosen Drahtpuppen, -die von fürstlichen Händen gezogen, marionettenartig und nach -»allerhöchstem Verlangen« bald den Arm und bald den Fuß heben oder mit dem -Kopfe nicken und schütteln. - -Noch war ich keine drei Tage hier an's Land gestiegen, als schon ein -Amerikaner (ein mir wildfremder Mensch, dem es egal sein konnte, ob -ich existirte oder nicht), zu mir kam und mich in sein Haus aufnahm. -Uneigennützig -- denn daß ich wirklich Vermögen hatte, konnte er nicht -wissen -- bot er mir in allen Stücken seine Hülfe an und übergab mir, -dem Fremden, die Verwaltung einer ganzen Plantage -- sieh, _das_ ist -ein Republikaner, das ist kein Mann aus einem Polizeistaat, wo jeder -Staatsbürger schon pflichtschuldigst für einen Spitzbuben und Schuft -gehalten wird -- weise Du ein solches Beispiel in Deutschland auf? - -Hier herrscht auch wahre Religionsfreiheit, um die in Deutschland, trotz -dessen gerühmten Aufklärung, noch immer gestritten wird -- die Schule -ist von der Kirche frei -- kein Pfaffe darf in die Erziehung der Kinder -hineingreifen, und das junge Geschlecht blüht und keimt heran, eine Freude -der Eltern, ein Stolz ihres herrlichen Vaterlandes. - -Doch soll ich jetzt auch nur Stunden verlieren, indem ich hier sitze und -dem Zauberlande den Rücken kehre, während ich es beschreibe? -- nein -- -selbst Deinetwegen nicht, Theodor, der Du mir sonst das liebste Herz auf -Gottes Erdboden bist. Aber komm hier herüber, Du Guter, komm hierher und -schüttle den Staub von Deinen Schuhen, wenn Du dem morschen Regierungswerk -des »alten Landes,« wie Europa hier mit Recht genannt wird, den Rücken -kehrst -- komm bald und freudig und mit herzlichem Gruß wird Dir dann die -Arme entgegenbreiten Dein treuer Bruder - - _Carl von Horneck_, - - früher -- Gott sei gedankt, daß ich sagen kann - _früher_ -- Assessor von Gottes Gnaden. - - -Zweiter Brief. - - Aus dem Staat _New York_, am 10. März 1848. - - _Lieber Vetter!_ - -Glücklich sind wir vor etwa drei Wochen hier in Amerika angekommen, und -ich befinde mich jetzt in dem Welttheil, der mich so lange Jahre hat nicht -ruhig schlafen lassen. Manchmal ist es mir auch sonderbarer Weise noch -immer wie ein Traum und es geschieht gar nicht selten, daß ich mich selber -ganz erstaunt frage: »bist Du denn wirklich jetzt in _Amerika_?« Die -Antwort fällt aber immer bejahend aus. - -Ich erinnere mich noch recht gut der Zeit wo ich die Aushängeschilder der -»Agenturen für Amerika« und das gewöhnlich darauf gemalte Schiff mit einer -wahren Ehrfurcht betrachtete, daß ich dann immer so eine Art von -- ich -weiß selber nicht wie ich es nennen soll -- von tragischem Schauer mir über -die Haut rieseln fühlte; -- jetzt ist das vorbei -- die Seefahrt hat mich -vollkommen von der Bewunderung für die Schiffe selber geheilt -- denn das -Zwischendeck ist ein grausenvoller Aufenthalt und das stete Neue meiner -Umgebung trägt viel dazu bei, mich zu zerstreuen und gegen starke Eindrücke -abzustumpfen. Ich muß aber auch gestehen, daß ich Amerika keineswegs -so gefunden, wie ich es erwartete, und ich bin in mancher Hinsicht sehr -enttäuscht worden -- gebe Gott, daß ich mich geirrt habe. Jene lockenden -Beschreibungen, die ich vor meiner Abreise gelesen, sind vielleicht, wie -ich gestehen will, mit die Hauptursache, daß meine Erwartungen zu hoch -angespannt wurden, dennoch muß ich Dir aufrichtig sagen, daß ich -mir Manches, auch bei den geringsten Ansprüchen, besser wünsche. Die -idyllischen Farmerwohnungen schrumpfen z. B. größtentheils in erbärmliche -Blockhütten zusammen, durch die an allen vier Wänden der Wind hindurch -zieht, das Vieh läuft zwar wild im Wald umher, aber jeder Schuft, der es -nur schlau genug anzufangen weiß, kann auch Kühe und Pferde nach Belieben -stehlen, und was die Schweinezucht anbetrifft, so hat die ihre ganz -besonderen Schwierigkeiten, denn wenn die Sauen im Walde werfen, und man -läuft nicht ewig dahinter her und lockt die kleine Brut, wie die Alte, mit -Händen voll Mais, so werden sie wild wie die Hirsche und der Böse mag sie -dann haschen, wenn er sie haben will. Auch das Land ist, wenn auch gut, -doch schwer zu bearbeiten -- die Bäume sind gar so stark und stehn zu -dicht und die Stümpfe so draußen im Feld zu lassen, daß man mit dem Pflug -zwischen lauter Holz und Wurzeln herumackert und Vieh und Menschen halb -zu Tode schindet, das ist eine Wirthschaft, wie sie einem ordentlichen -Oekonomen nicht zusagt. Der Dünger wird ebenfalls nicht beachtet und die -liebe Gottes-Gabe bleibt wild zerstreut im Walde herum. - -Auch mit der Viehzucht ist's schlecht, man weiß nie wo sein Vieh steckt, -alle Augenblick hat Wolf oder Panther ein Stück und die Schaafe -- na die -wünscht ich, daß Du die einmal sehn könntest, wenn sie, die ganze Wolle -eine einzige Klettenmasse, aus dem Walde kommen. - -Und nun das Ungeziefer; Holzböcke und Moskitos oder Mücken fressen -Einen bald auf -- die Fliegen sind, besonders in kleinen Waldwiesen -oder Prairieen, in solcher Unmasse vorhanden, ein Pferd förmlich zur -Verzweiflung zu bringen und Wanzen -- nun die Wanze stammt ja aus Amerika, -und es braucht uns also nicht zu wundern, wenn wir sie hier heimisch -finden. - -Eines ist es aber noch besonders, was mir das hiesige Bauer- oder -Farmerleben zuwider macht -- die gänzliche Ungeselligkeit und -Abgeschiedenheit. Anstatt die Häuser in Dörfern beisammen zu haben, liegen -sie alle meilenweit von einander entfernt, im Wald, und wenn Einem wirklich -einmal etwas zustößt, so ist auf schleunige Hülfe gar nicht zu hoffen -- -mir graust es wirklich, wenn ich an irgend eine Krankheit, die mich oder -die Meinigen betreffen könnte denke, denn der einzige Arzt wohnt sieben -englische Meilen von mir entfernt, und das schlimmste dabei ist, daß ich -wünschen muß, er wohnte lieber siebenzig, denn ehe ich mich einem solchen -Quacksalber in die Hände gebe, der seine Patienten mit Calomel füttert und -hinopfert, sterbe ich lieber sanft an Kamillenthee und Glaubersalz. - -Und mit den Leuten ist es erst eine fürchterliche Noth; Knechte und -Mägde, was wir darunter verstehn, und wie sie doch zu einer ordentlichen -Wirthschaft unumgänglich nöthig sind, kann ich gar nicht bekommen -- die -Leute wollen Alle wie die Herren behandelt sein und gehn und kommen wie -es ihnen am besten gefällt. Auch ihre Ansprüche sind unverschämt und -übertrieben -- erstlich unverhältnißmäßigen Lohn, dann dreimal Fleisch den -Tag und Kaffee und Zucker zum Frühstück, wie Thee oder Milch zum Abendbrod; -und das genügt ihnen nicht einmal, wollte ich es ihnen dabei an einem -besondern Tische geben und für mich mit meiner Familie allein essen, -- -thäte ich das, ich glaube ich setzte mich den größten Unannehmlichkeiten -aus. - -Nein, lieber Vetter, wenn Du meinem Rath folgst, so giebst Du Deinen Pacht -nicht auf, sondern bleibst ruhig in Deutschland -- sind auch die Abgaben -dort wie andere Scherereien ziemlich bedeutend, so schützen uns doch -auch die Gesetze wieder vor tausend Unannehmlichkeiten, denen wir hier -ausgesetzt sind, und das gesellige Leben wiegt wieder viele Mängel auf -- -kann ich meine Farm vortheilhaft verkaufen, so komme ich auf jeden Fall -wieder zurück und bei einem Glase Bier -- o wie ich mich nach einem -ordentlichen guten Krug Lagerbier sehne, -- erzähl ich Dir dann, was ich -hier Alles erlebt, und wie ich so nach und nach und Schritt für Schritt, in -all meinen schönen Hoffnungen und Plänen enttäuscht wurde. - -Daß das recht bald geschehen möge wünscht, mit seinen herzlichen Grüßen an -Dich und die lieben Deinigen - - Dein alter Freund und Vetter - - _Christoph Roßberger_. - -Meine Frau, die Euch mit den Kindern, ebenfalls herzlich grüßen läßt, klagt -eben über Frösteln und Kopfweh -- die Nägel fangen ihr auch schon an blau -zu werden -- das sind die freundlichen Anzeigen des kalten Fiebers. - - -Dritter Brief. - - _Nujork_ nich sondern _Kendukki_ wo ich jezd bin. - - _Lüber Ludewig!_ - -Ich bin glicklich hir eingedroffen in Ameriga Dunnerwetter das is en Land -17 Dage in eine ford gereißt un noch keine Grenze un kein Schandarm un kein -Bas verlangd un kein Schlachbaum gesen un kein Bolizeidiener worum ich Dich -eigendlich bitten wolde weil mir das bei den Bolizeidienern die ich nich -gesen habe einfelld so geh doch einmal zu Lowizki hin Du weist schon -- -und sage ihm hir soll er herkommen hir is des Land vor ihm. Woso aber Du -glaubsd dass ich nich de Warheid rede die Kühe und Ferde laufen hir frei im -Walde rum un es kann se jeder nehmen wer will un ich bin iberall die Nachd -in die schenstden Betten geschlafen und ob sie mich eine 20 Daler Nothe -wexeln kennten wenn ich se morgens fragde sagden se jedesmal nein was mir -sehr leid tat Hurrjeh komm nach Ameriga un 3mal Fleisch un Speck un Kafeh -un Milg und Zuker un saure Gurken un Herr nennen sie Misther wo sie mich -immer Misther Bomeier nennen. Hür glaub ich aug von wegen Komunismuss is -das regde Blatz glaub ich un ich un ein guder Freind wir haben uns den -Mormonen angemagd wie ich sagen wollde wir haben Briderschafd mit sie -gemagd un allens sollen mir teilen haben sie ferschprochen mir teilen un -sie teilen un die anderen teilen un da kommen mir gans gut weg dabei aber -mir missen sie schon mannigmal kleine Freindschafden duhn un Welschkorn -holen in andere Felder und aus Fersehn eine Sau schlagden un kein Schandarm -hat einen nichts zu sagen un is keiner zu sehn. Un vile Aeppel in die -Obstgerten un viele Firsich das eine Bein tut mich noch sähr we von ein -große Hund -- gottvertamte Krete der Hund Aber ich muss nu schlüßen o -Ludewig wenn Du wistest was se hir vor Gefengnisse haben lauter Holz und -kein Boden drin ob se wol unser einem nu Du verstehest mir wol Aber ich -muss nu schlüßen un die Bauern die nich teilen wollen haben ire Kornkrib -als wo so ein Welschkornscheune heißt im Freien un keine Hunde dabei wie -die vertamte Krete. Aber ich muss nu schlüßen un wenn Du hirherkomst un -ich wone in das Bortinghaus von Samöel Schmit un Du kansd hir aug wohnen -1 un 3 4tel Dollar die Woche. Aber ich muss nu schlüßen un Du kansd lange -gut leben denn Du komsd bald hürher von die Schorken die Dich schünden und -kujjeniren wo es immer geschiht das winscht Dein getreier Bruder - - _Eregott Bomaier_. - -Wenn Du meine Frau siest sage ihr sie solte jo nich hirher kommen es were -hir gar nigts vor die Frauen. - - -Vierter Brief. - - =New York the 20th of March 48.= - - _Theuerer Scharffenstein!_ - -Du wirst staunen, schon einen Brief von mir zu erhalten, denn Du am besten -kennst wohl meine Schwäche in Allem was schreiben heißt -- die Hand die -gewöhnt ist den Degen zu führen, schreckt gewöhnlich vor der Feder zurück --- doch ich fühle mich hier zu wohl, zu glücklich, um Dir nicht Theil -an meiner Freude zu gönnen und jeder Tag deshalb, den ich an dieser -Mittheilung verzögerte, schien mir ein Raub an Deiner Liebe. - -Du weißt aus welchen Gründen ich Deutschland verließ -- was half mir meine -Stellung als Rittmeister -- der Rittmeister verdiente nicht genug den -Grafen standesgemäß leben zu lassen, und meine Lage wurde drückend. Ich -muß Dir aber dennoch gestehn, daß ich mit nicht geringen Befürchtungen den -Amerikanischen Boden betrat -- es war eine _Republik_, und was konnte darin -der arme Graf erwarten -- hoffen? Schon der erste Blick, den ich in die -ungeheuere Stadt New York that, bestärkte mich dabei in diesem Gefühl, und -beengte mir Herz und Geist -- kein Haus ohne ein Geschäft in den unteren -Räumen, kein freier Raum zwischen Thüren und Fenstern, ohne Schilder, -Anzeigen und riesige Namenszüge und Buchstaben. Hier -- das ließ sich -nicht verkennen -- herrschte der Krämer, und der Graf konnte nur eine sehr -untergeordnete Rolle spielen. - -Oder sollte ich etwa als -- Commis in eines dieser Geschäfte treten? -- -Dingen und feilschen, wiegen und messen, und mir mit »ehrlichem Fleiße« -einen Platz in der menschlichen Gesellschaft mühsam erringen, daß -ich endlich, nach Jahre langer Arbeit -- auf gleicher Stufe mit den -Krämerseelen stünde? -- Bah, der Gedanke war demüthigend und odiös und -trieb mir die Tropfen auf die Stirn. - -Der erste Lichtblick, der mich in diesem Chaos meiner Gefühle traf, war -eine vierspännige Kutsche mit galonnirtem Kutscher vorne und betreßten -Bedienten -- einen Weißen und einen Neger, hinten auf -- ja auf dem -Kutschenschlag sogar ein Wappen -- leider konnte ich es nicht erkennen, -denn sie rollte zu rasch an mir vorüber. Ich war wirklich erstaunt, _das_ -hier in einer der Hauptstädte der Republik zu finden, und Du wirst -mein Erstaunen theilen, wenn ich Dir sage, daß ich in Zeit von einer -Viertelstunde fünf oder sechs solche Wappenträger gesehn, doch mit lauter -mir fremden Schilden. - -Am nächsten Tag, als ich die Theile der Stadt durchzog, wohin meine -Empfehlungen lauteten, betrat ich die Straßen die weniger kaufmännisch und -schon mehr aristokratisch aussahen. Elegante Gebäude mit Marmortreppen, -Mahagonithüren und vergoldeten Knöpfen -- hie und da der Wollkopf eines -schwarzen Portiers sichtbar. Dennoch betrat ich mit einer Art Beklemmung -die erste Treppe -- der Name John Broadfoot klang gar zu plebejisch und -sein, wie seiner Gattin Anblick, strafte ihn leider nicht Lügen, obgleich -sie Beide von Atlas und Gold strotzten -- ich mußte wahrhaftig beim -ersten Eintritt das Lachen verbeißen -- Gott sei Dank, daß ich nicht -herausplatzte. - -Aber pompös eingerichtet waren die Leute, wahrhaft fürstlich, und Du weißt, -meine Ansprüche in der Art sind nicht gering -- nur etwas überladen, zu -viel Gold und lichte Farben, zu wenig Schatten für die Masse blendender -Strahlen. Von dem Augenblick an begann aber ein neues Leben für mich! ich -flog aus einer Gesellschaft in die andere; Einladung folgte auf Einladung; -ich wurde fetirt wie an keinem Orte Deutschlands oder Frankreichs und -der deutsche Graf, der =german count=, scheint wirklich das Stadtgespräch -geworden. Beim Himmel, Eugen, ich bin in dieser Republik eher wie ein Gott -als ein Sterblicher behandelt worden, und wenn in Paris, wo, wie ich eben -die Nachricht bekomme, das Königthum gestürzt sein soll, die Republikaner -ebenfalls so rücksichtsvoll gegen Grafen sind, dann werd' ich künftig in -Paris die Saison und in Amerika meinen Sommer verleben. - -Doch lange mag ich nicht mehr der Mittelpunkt aller dieser Feste sein, -ohne nicht bald selbst einmal etwas ähnliches zu veranstalten; dieser mir -gezollte Weihrauch macht mich allerdings sehr stolz; ich bin aber auch -wieder zu stolz, unerwiedert dergleichen fortwährend anzunehmen. Meine -Casse befindet sich freilich in keinen übermäßig brillanten Umständen, -soviel aber hält sie hoffentlich aus, denn ist mir wieder auf eine Zeitlang -hier Bahn gebrochen und rückt der Sommer weiter hinein, nun so ziehe ich in -die benachbarten Städte Philadelphia, Baltimore, Boston; ein Graf mit einem -so wackeren Namen wie der meine, wird dort überall nicht allein willkommen -geheißen, sondern wirklich ersehnt, da es, Gott sei Dank, mit zum guten Ton -gehört, ihn unter seine »=friends=« zu zählen. - -Also =good bye=, mein theuerer Scharffenstein, laß bald selbst einmal etwas -von Dir hören und sei versichert, daß sich stets Deiner in alter Liebe und -Freundschaft erinnern wird, Dein - - _Hugo_, - - Graf von Böllinghausen und Nistadt. - -=P. S.= Solltest Du selber noch herüber kommen, so nimm auf dem Dampfschiff -um Gotteswillen erste Cajüte. Man muß hier, in Amerika selber, allerdings -mit manchem Plebs verkehren, weil sich das nicht gut vermeiden läßt, auf -der See aber, und so frisch von der Heimath fort, ist es oft höchst fatal -und widerwärtig. - - -Fünfter Brief. - - Im Staat _Ohio_ am 3ten März 1848. - - _Liebe Eltern und lieber Bruder!_ - -Es freut mich Euch sagen zu können, daß es mir hier gesund und wohl geht. -Ich habe nämlich die Seereise glücklich überstanden und wenn ich auch lange -seekrank war, so bin ich doch jetzt wohl und gesund und es fehlt mir an -meinem Körper gar Nichts. Was aber die Verhältnisse hier anbetrifft, so -thut es mir leid, Euch gar nichts Bestimmtes und nichts Gutes über mich -schreiben zu können, denn es geht mir bis jetzt noch hier herzlich schlecht --- vielleicht wird's einmal später besser. Kommt aber ja nicht jetzt -heraus, wie ihr es wolltet, liebe Eltern und lieber Bruder -- es ist Alles -nicht wahr, was uns Siebenhegers im vorigen Jahre geschrieben haben -- und -wenn es wahr ist, so ist es ganz anders, als wie es im Brief aussieht, und -wie man es sich dennoch denken muß. Allerdings kann jeder gleich Meister -werden wer will, und ich bin auch gar nicht faul gewesen wie ich hier -nach Amerika kam. Ich nahm gleich mein Handwerkszeug, miethete mir einen -_Schop_, wie sie's hier nennen und fing mit der Tischlerei an, aber lieber -Gott, arbeiten hätt' ich schon gern gewollt, wenn ich nur was zu arbeiten -gehabt hätte, und den theueren Miethzins mußt ich dabei bezahlen und das -Borting, wie sie hier die Wirthshäuser nennen und da wurden die hundert -Thaler, die ihr mir mitgegeben habt, liebe Eltern, immer weniger, bis ich -zuletzt einsah, ich müßte endlich verhungern, wenn ich so sitzen bliebe und -wartete auf Arbeit. Da gab ich mein Werkzeug an einen Freund zum Aufheben -und ich selbst nahm den Rest von meinem Geld, 37 Dollar und 3 Schilling und -ging nach Missuri. - -Im Lande nun dacht ich könnt's mir gar nicht fehlen, denn in dem Brief -stand ja, das Vieh liefe hier wild herum und koste beinah gar Nichts, und -das Welschkorn brauchte man nur zu pflanzen, und Alles was man hätte könnte -man gleich verkaufen an Butter, Milch, Mais und Wildhäute und das Haus -helfen Einem die Nachbarn baun -- das stand alles in dem Brief. Und wie ich -nun hierherkam da hatt ich noch 20 Dollar und 75 Cent, denn das Reisen hier -ist sehr billig, aber damit konnt ich doch keine Farm kaufen und Arbeit -konnt ich auch nicht kriegen, denn hier brauchen sie lauter Leute, die -recht gut mit der Axt umzugehn wissen, und daß wußte ich nicht, und mein -Handwerkszeug hatt ich auch in Nujork gelassen und wie ich dorthin schrieb -da sagte der Wirth in dem Bortinghaus dem ich es gegeben hatte, er wüßte -nichts davon und ich war es los. Für 4 Dollar den Monat und die Kost boten -sie mir in Anfang Arbeit an, aber ich wollte es nicht annehmen weil ich -glaubte es wäre zu wenig, und ich verzehrte erst alle meine 20 Dollar und -dann nahm ich Arbeit für 4 Dollar, weil ich doch nicht hungern wollte und -ehrlich fortkommen wollte. Und ich bin auch ganz abgerissen an Kleider und -ich fürchte mich neue zu kaufen, denn ich mochte nicht gerne Geld borgen. -Ich bin bei Deutschen hier und muß fürchterlich arbeiten, aber ich thu es -gern, denn ich verdiene doch wenigstens mein täglich Brod, aber sie sagen -mir, Einer der kein Geld hat, der kann es zu gar nichts bringen und wenn -ich fleißig bin, wollen sie mir in der Erndte 8 Dollar geben und ein neues -Hemde. Ich muß auch viel Tischlerarbeit für sie machen und für andere -Leute, wofür ich aber das Geld nicht kriege, meine Brodherrschaft -verdient aber nichts dabei, denn die thut es auch sehr billig, mehr aus -Gefälligkeit, weil sie auch wieder viel Gefälligkeit von den andern Leuten -erhält. - -Das sind nun die schönen Gedanken von 1 Dollar den Tag für Arbeit und immer -mehr zu thun wie Einer thun könnte. Meine Brodherrschaft, die es sehr gut -mit mir meint, sagt ich könnte mir gratuliren, daß ich bei ihnen wäre, denn -viele Leute laufen brodlos rum. Und daß ist auch wahr, ich habe schon -viele gesprochen, die gerade aus Deutschland kommen, und es geht ihnen -sehr schlecht. Neulich war ein Mann bei mir aus Hessen Darmstadt -- der -hat geweint und gesagt seine Familie thäte in einer elenden Blockhütte am -kalten Fieber liegen und er hätt keinen Groschen um Brod zu kaufen. Der -Mann heißt Mülzer und ist auch ein Handwerker, aber ein Bäcker und die -Leute backen sich hier alle selber ihr Brod und was anderes konnte er nicht -werden, sagte er, weil er nichts anderes gelernt hat. - -Doch adje liebe Eltern und lieber Bruder, vielleicht geht mir's noch einmal -besser hier in Amerika und dann schreib ich Euch wieder, aber jetzt gehts -noch nicht gut und darum grüßt Euch Euer getreuer Sohn und Bruder - - _Traugott Erdmann_. - - -Sechster Brief. - - _New York_ den 9ten März 48. - - _Mein herzlieber Carl!_ - -Versprochener Maßen erhältst Du, sobald ich nun hier in dem neuen -herrlichen Lande einmal zu Athem gekommen, augenblicklich Nachricht von -mir, und zwar Nachricht, nicht wie es hier im Lande selber steht, denn -davon weiß ich noch zu wenig, sondern über das besonders, was ich hier thue -und treibe. - -Ich bin beinah alle Tage auf der Jagd gewesen, doch die Jagd um New York -selbst herum, ist höchst unbedeutend -- eine kleine Rohrdommel und zwei -Moschusratten bilden den beträchtlichsten Theil meiner Beute, und das -klingt Dir wahrscheinlich sonderbar, wenn Du Dich an unsere Gespräche über -Bären, Büffel, Elens, Riesenhirsche und Panther erinnerst. Doch Du mußt -bedenken, die Jagd ist hier frei, jedes Kind kann mit seiner Flinte -hinausgehn und schießen, und daß da um eine Stadt wie New York, die, glaub' -ich, 400,000 Einwohner hat, kein großes eßbares Wild mehr zu finden ist, -liegt allenfalls auf der Hand. - -Gestern traf ich aber glücklicher Weise einen alten Jäger aus Indiana, das -viele hundert Meilen westlich von hier liegt; der erzählte mir, zufälliger -Weise wie das Gespräch gerade kam, von dem Wild in seiner Gegend, das -muß fabelhaft sein. Mir zugeschworen hat er's, daß er die Bären manchmal, -besonders in kalten mondhellen Nächten, aus seinem Küchenfenster schießt, -und Hirsche erlegt er nur, wenn er Fleisch für die Hunde braucht. Denke Dir -wie sich das glücklich trifft, der Mann hatte zufällig, und ich merkte es -gleich, er wollte im Anfang nicht mit der Sprache heraus, eine kleine Farm, -ein sogenanntes =improvement= von ein paar Ackern urbargemachten Landes -zu verkaufen, auf dem ein kleines Wohnhaus und eine Räucherkammer und -Maisscheune steht. Und weißt Du was das ganze kosten soll? -- Du riethst -es wahrlich nicht und gingst Du noch so tief hinunter -- denke Dir, -250 Dollar; -- vier bis fünf Acker urbar gemachtes Land mit den dazu -gehörigen Gebäuden für 250 Dollar! es ist fabelhaft. - -Ich scheute mich wahrhaftig im Anfang ja zu sagen, denn es war -augenscheinlich, der Mann kam gerade mitten aus dem Walde in die Stadt und -kannte den Werth seines Besitzthums gar nicht, denn für 250 Dollar schieß -ich ja allein in der Gegend an Wild heraus, Bärenfett, Honig und Wachs, -was Alles hier in New York einen ganz guten Preis hat, gar nicht gerechnet. -Leider sind keine Indianer mehr in der Gegend, doch versicherte mir mein -Backwoodsman, das sei nur ein sehr großer Vortheil für den Wildstand, dem -die Indianer, wenn sich viele in der Nachbarschaft aufhielten, gewaltigen -Abbruch thäten. - -Gestern Mittag wurden wir denn handelseinig; d. h. ich schloß den Handel -nach seinen eigenen Bedingungen mit ihm ab, weil ich Furcht hatte es könnte -mir sonst ein Andern zuvorkommen. Hol's der Henker, wenn der Mann etwas -verkaufen will, so muß er auch wissen, was er dafür fordern kann -- er ist -alt genug und braucht keinen Vormund. Uebrigens habe ich ihm auch noch drei -Kühe, die auf dem Platz sind, für den allerdings im Verhältniß jener wilden -Gegend etwas hohen Preis von 12 Dollar =per= Stück abgenommen, auch eine -Heerde Schweine von 19 Stück mit 3 Dollar =per= Kopf. So bin ich denn auf -einmal ein Amerikanischer Farmer geworden und will in nächster Woche nach -meinem neuen Besitzthum aufbrechen; wollte Gott Du wärst jetzt hier und wir -könnten zusammen dorthin ziehn, ich kann Dir gar nicht sagen wie ich mich -darauf freue. - -Nur das eine ist mir unangenehm, daß der alte Jäger nicht mit mir zu seinem -früheren Wohnort zurückkehren kann, um mich dort gewissermaßen einzuführen; -er will aber von hier direkt nach Texas, um von dort aus nach New Mexico -überzusiedeln und als Pionier den Kern jener Macht mit bilden zu helfen, -die später als neuer Staat der Union von Nordamerika ein neues Glied jener -herrlichen Kette werden wird, die in kaum einem halben Jahrhundert den -ganzen Continent von Amerika umspannen muß. In Texas soll es auch viel Wild -geben, lange aber nicht so viel, meines Backwoodsmans Aussage nach, als in -Indiana. - -Besonders malerisch hat er mir die Truthahnjagd und die Panterhetzen -geschildert und das einzige was er gegen das Land dort einzuwenden hat, -wäre -- denn er sagte mir, er hielte es für seine Pflicht darin aufrichtig -gegen mich zu sein -- daß eben Panther, Bären und Wölfe einen ordentlichen -Viehstand schwer aufkommen ließen; besonders bösartig sollten die Bären -hinter den Schweinen her sein, ja nicht selten sogar in das Maisfeld selber -brechen und darin beträchtlichen Schaden anrichten. -- Und das sollte -mich von dem Lande abschrecken, Carl -- ich gebe Dir mein Wort, ich mußte -ordentlich an mich halten, daß ich nicht laut aufjubelte vor lauter Freude. --- Bären im eigenen Maisfeld; na wartet, meine schwarzen Burschen, ich will -Euch das Mahl mit meiner treuen Büchse gesegnen -- zwanzig Kugeln auf's -Pfund, die machen ein Loch wo sie hinkommen. - -Um übrigens den alten Jäger wenigstens in etwas dafür zu entschädigen, daß -er so billig verkauft, und mir zugleich die Bahn zu dem Ziel meiner Wünsche -gezeigt und geebnet hat, bin ich heute morgen, als ich ihm sein Geld -ausgezahlt hatte, durch die Stadt gegangen und habe ihm dort noch eine -prächtige lange Büchse, die ihm sehr in die Augen zu stechen schien und die -allerdings 60 Dollar kostete, gekauft. Du hättest sehn sollen, wie mich der -anschaute, erst griff er voller Eifer darnach, und dann besann er sich eine -Weile, schüttelte mir die Hand, und wollte sie meiner Seele nicht annehmen, -wie ich aber endlich ganz fest darauf bestand, ja zuletzt sogar schwur, ich -würde sie, wenn er sie zurückweise, dem ersten besten Menschen geben, der -uns auf der Straße begegnete, da warf er sie sich über die Schulter -und pfiff vor Freude die ganze Straße hinunter. Es ist ein kostbarer -Menschenschlag, der Amerikanische. - -So lebe denn für jetzt wohl, mein Carl, denn die Vorbereitungen zu meiner -Reise nehmen für den Augenblick meine ganze Zeit in Anspruch; ich will -nämlich, wenn ich es noch möglich machen kann, schon morgen nach meinem -kleinen Besitzthum aufbrechen, um gleich Jemanden zu besorgen, der es -mir dieses Jahr noch ackern und mit Mais bepflanzen kann. Sowie ich dort -eingerichtet bin, hörst Du sogleich wieder von mir, und des ersten Büffels -Haut, den ich eigenhändig erlege, soll unter Deinem Schreibtisch als -Fußdecke prangen. - -Bis dahin aber grüßt und küßt Dich herzlich Dein - - jetzt wahrhaft glücklicher - - _Fritz Sternberg_. - - -Siebenter Brief. - - Filadelphia de 10. März 1848. - - _Guter Edde und allerbeste Mämme._ - -Gottes Wunder was hob ich vor ane Raise gemocht hierher in de gewaltige -Stadt von die Quäkers; lauter Wasser und immer Wasser -- will ich nich -gesund auf meine Fiße stehn, wenn ich nit glaub' grad dorum nenne se -den graußen Ocean das Mehr, wails nimmer weniger werd. Und das Bischen -Seekrankheit unterwegs -- wai geschrien Mämme -- s' wor schauerlich. Speck -hawe mer esse dirfe, der Rabbiner hets uns über die See erlaubt, weil mer -de Schiffskost nu emol net kauscher kriege konnt -- aber Gottes Wunder was -hots uns geholfe? wie hob ich mich uf den Speck gefrait und will ich nich -gesund auf meine Fiße stehn, wenn ich en nachher auch nur ansehn kunnt -- -gleich wurde mer schlecht. - -Ihr wollt wisse was Seekrankheit is? Gottes Wunder -- wie heißt -Seekrankheit -- nehmt a gute' Handvoll Brechwainstein, und wenns Eich denn -recht schlecht, recht eklich werd, main, dann setzt Eich in 'ne Schaukel -un laßt den Itzig schaukle un immer schaukle un je schlechter Eich werd, je -höher schaukle von den Itzig -- dos is Seekrankheit, und wollt ers nachher -noch ganz akkerat wisse, dann bleibt in de Schaukel sitze und trinkt ä -Bissle worm Salzwasser mit Butter nein -- Gott der Gerechte wer kann do an -Speck denke. - -Un das Land? -- wai geschrien wos is des vor e Land -- wie haißt Amerika? -hätt ich doch mein Lebtag nicht gesehn Amerika -- is dos auch ä Nome fir -des Land? -- Terkei sillts heiße oder Kosakeland aber nich Amerika. Was hob -ich profitirt sait ich hier bin -- frogt mich emol was ich profitirt habe? --- gor nix hab ich profitirt un noch weniger. Quäker, haißts, wären lauter -in Filadelphia -- ich hob noch nix quäken gehört; will ich nich gesund auf -meine Fiße stehn, wenn nich mehr Jüdden hier sin wie Quäker -- un da soll a -Jüdd was profitiren? -- lächerlich. - -Rumgelaufe bin ich mit en klainen Kerbche von Haus zu Haus und wos fir -schaine Sachen hob ich Alles gehabt: Kemmcher, Stecknodeln, Hosenträger, -Band, Litzen, Zwirn, Fingerhit, Saifen, Haaröl, Stohlfedern und was waiß -ich Alles -- es is ordentlich a Wunder gewese, wies Alles in dem klainen -Kerbche hat Platz gehatt -- und was fir Geschäftcher hab ich gemacht? -- -wie haißt Geschäftcher -- in de klaine Haiser bin ich gewesen, sahen se -alle meine Sachen -- will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, von vorn -bis hinten an, un wenn se sulten kaufen, hatten sie kain Geld -- un in de -graußen Haiser? -- geh der Edde mol in die graußen Haiser in Filadelphia -- -Gott der Gerechte, mit schwarze Mohren haben se mich 'naus geschmissen. - -Das sin de Geschäftcher in der Stadt, un in's Land drauße? -- geh der Edde -wol in's Land drauße? im Wald wimmelts von wilde Katzen un Panthers un -Bären, un Gott der Gerechte, was sin mit Bären für Geschäftcher ze machen? -ich geh _net_ in's Land werd ich mich fressen lassen. Un wer kennt Einen -hier? -- wer soll dem Veitel Credit geben? kan Mensch -- der Veitel is hier -gor nix -- Gott der Gerechte, wär' ich in Bamberg gebliebe, un hätt' ichs -Geld -- will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, wenn ich nich den Brief -selber brächt. - -Gott behits Mämme un Edde, wenn ich mit die zwai Ducatcher die ich noch -aingenäht uffm Magen trag in vier Woche nich verhungert bin, schreib ich -Eich noch e Mol wie mers geht -- grißt mer de Rachel -- soll se froh sein -daß se is in Bamberg, un dasselbe winscht sich - - Eier lieber Sohn _Veitel_. - - - - -Zweiter Theil. - - -Erster Brief. - - _Cincinnati_, den 16. August 48. - - _Lieber Theodor!_ - -Sei nicht böse, daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe, aber, es ist -hier ein gar so geschäftiges Leben, und ich selbst bin in so eigenthümliche -Verhältnisse hineingerathen, daß ich selbst kaum weiß, wie ich Dir das -Alles mit kurzen Worten schildern soll. Auch bei Euch daheim sind, wie ich -höre, indessen große Veränderungen vorgegangen; nun, seid nur vorsichtig in -der Gründung einer Republik und nehmt Euch Amerika zum Muster -- d. h. wie -Ihr Vieles _nicht_ machen sollt. - -Hätt' ich gewußt, daß sich Alles bei Euch so rasch gestalten würde, so -wär' ich doch lieber noch in Deutschland geblieben -- Amerika hat viel -vortreffliche Seiten, aber -- es ist doch die Heimath nicht. Die Gesetze -sind allerdings ausgezeichnet -- die Amerikanische Constitution könnte -jedem Lande der Welt zum Vorbild dienen und sein Glück sichern -- aber sie -sollte auch in jeder Beziehung nicht dem Wortlaut, sondern dem Sinn nach -ausgeführt werden, wie es sich jene edlen Männer bei dem Entwurf derselben -gedacht haben. Die Gesetze allein können aber ein Land nicht glücklich -machen, wenn die Regierung nicht auch die Macht hat sie auszuüben, und -ihnen Achtung zu verschaffen. Das Lynchgesetz giebt davon ein trauriges -Beispiel, wo das Volk mit den Personen, die seiner Rache einmal, ob gerecht -oder ungerecht, verfallen sind, angiebt was es ihm beliebt. - -Der Amerikaner mag aber noch angehn hier, er ist zwar kalt und -theilnahmlos, eine schändliche Geldaristokratie läßt Einen manchmal -wahrhaftig ordentlich den Adel des alten Landes herbeiwünschen, und ewig -auf kaufmännische List -- ja oft auf wirkliche Betrügereien sinnend, -versteckt er das hinter der Maske ekelhafter Bigotterie; doch ist er -wirklich mit Leib und Seele Republikaner, seine Constitution geht ihm über -Alles, und er würde für ihre Vertheidigung und Aufrechthaltung Leib und -Leben einsetzen. Aber widerlich wurden mir hier die _Deutschen_, und -ich muß leider gestehn, ich begreife unter dem Namen die große Mehrzahl -derselben, die hier in die Republik hineingeschneit sind, sie wissen selbst -nicht wie, und jetzt, zur Schmach und Schande ihrer Nation, den Partheien -zum Spielball dienen. Es ist wahr, die meisten sind Demokraten, aber frag' -sie warum? -- sie wissen es nicht; unklar mit sich über die einfachen -politischen Fragen des Landes, in dem sie leben, gehen sie mit dem Strom, -und werden nicht selten in Masse von ein oder der anderen Parthei förmlich -übergekauft. An eine knechtische Existenz in Deutschland dabei gewöhnt, -sind sie im Anfang kriechend höflich gegen besser gekleidete, und lernen -sie erst erkennen, daß sich hier Alle Menschen gleich sein sollen, so -werden sie gegen Alle, die sie sich an Geist oder Vermögen überlegen -glauben, grob und ungezogen, um ihnen nur ja zu beweisen, daß sie ihr Recht -kennen, sich in Amerika eben so viel zu dünken, wie jeder Andere. - -Theodor, Theodor, mir bangt, wenn ich in hiesigen Blättern von Euerem -Streben in Deutschland nach Republik lese, und dann Exemplare der Leute -hier um mich sehe, mit denen Ihr dort, in der ungeheueren Mehrzahl eine -Republik gründen müßtet -- es sind Elemente, trefflich geeignet zum -Zerstören, zum Ansturm gegen einen hartnäckigen feindlichen Widerstand, -aber zum Aufbau untüchtig, ja gefährlich. Ich habe in Illinois einen -Prairiebrand gesehen, der nicht allein das trockene Gras verzehrte, das er -verzehren sollte, sondern auch noch in unzähmbarer Wuth Fenzen, Farmhäuser, -Scheunen und ganze Waldstrecken zerstörte und in Asche legte, und der -Strecke, der er nützen sollte, unendlichen Schaden brachte. Es war das in -einer Zeit, wo ich noch keine Nachricht über Euere deutschen Bewegungen -hatte, und doch zuckte mir, wunderbarer Weise bei dem Brande der Gedanke an -eine »deutsche Republik« durch die Seele. - -Willst Du übrigens wissen, was der Amerikaner von den »deutschen -Republikanern« hält, die in ihren deutschen Blättern hier immer von -Freiheit und Selbstständigkeit, von deutscher Treue und Hochherzigkeit -prahlen? -- er braucht ihren Namen als Schimpfwort, und besonders ist das -hier in Cincinnati, wo es viele Tausende von ihnen giebt, der Fall. Das -Wort »=dutchman=« was Deutscher heißen soll, obgleich es ursprünglich einen -Holländer bezeichnet, dient zum wirklichen Schimpfwort -- »=you shall call -me a dutchman=« Du sollst mich einen Deutschen nennen -- ist die empörende -Versicherung, die ich hier nur zu oft hören mußte »=he fights like a -dutchman=« wird von Einem gesagt, der bei einer Aussicht auf Kampf die -Flucht ergreift, und sich nur schlägt, wenn er in einer Ecke eingeklemmt -ist. =Black dutch= ist ein Schimpfwort, das den Deutschen mit der -verachtetsten Race, mit dem Neger, in eine Kategorie wirft. Doch genug -davon, wenn ich sehe, wie meine Landsleute in dem Lande der Freiheit -verachtet sind, verachtet von Republikanern doch -- - - »wollt' ich sie alle zusammenschmeißen - ich könnt' sie doch nicht -- Lügner heißen.« - -Zürne mir nicht, wenn meine Worte vielleicht etwas bitter klingen; mir -ist's nicht gut gegangen seit ich dies Land betreten, und ich habe -in mancher Hinsicht Unglück gehabt. Gleich im Anfang betrog mich ein -Amerikaner, der mich anscheinend ganz freundschaftlich und uneigennützig -aufnahm, um Alles, was ich besaß, indem er mich zum Kauf eines ganz -werthlosen Gutes verleitete, auf das er noch nicht einmal gegründete -Ansprüche hatte; ich fiel einem Advokaten in die Hände und sah mich -nach wenigen Monaten arm wie eine Kirchenmaus in dem fremden Lande. -Der englischen Sprache vollkommen mächtig, wollte ich mich dann mit -literarischen Arbeiten beschäftigen. -- Deutsche wie Amerikanische -Zeitungen erwiesen sich auch gleich bereitwillig, meine Artikel -abzudrucken, aber -- an Honorar war nicht zu denken. - -Als Advokat aufzutreten, wagte ich nicht -- bei der Oeffentlichkeit und -Mündlichkeit des Gerichtsverfahrens glaubte ich nicht der Aussprache und -Rede so mächtig zu sein, einigermaßen mein Glück zu machen -- wohl rieth -man mir dagegen nur dreist und geradezu in der Medicin zu prakticiren, doch -dazu besaß ich, bei meinen mittelmäßigen Fähigkeiten nicht Frechheit -genug -- was blieb mir übrig? -- Handarbeit. Aber auch darin zeigten sich -anscheinend unüberwindliche Schwierigkeiten -- die meiste Arbeit, die hier -verlangt wird, ist mit der Axt -- mein Arm war darin ungeübt -- was anders -sollte ich ergreifen? so wurde ich denn -- Du lächelst sicherlich wenn -Du die Zeilen liest -- Feuermann oder Heizer auf einem der -Mississippi-Dampfboote. - -Erlaß mir die Beschreibung dessen, was ich darauf erlitten, mit schmutzigen -Negern mußte ich fast unmittelbar Mahl und Lager theilen, der rauhen -Behandlung der Ingenieure ausgesetzt, auf die Willkühr des Capitäns -angewiesen, der uns in New Orleans, eine halbe Stunde vorher ehe er abfuhr -in kaum halbwerthigen Banknoten den sauer verdienten Lohn auszahlte. -- - -Ich ging allerdings wieder auf ein anderes Boot, wurde aber krank und liege -nun jetzt hier in Cincinnati in einem erbärmlichen deutschen Boardinghause. -Komm ich wieder zu Kräften, seh ich mich nach neuer Arbeit um, jedenfalls -aber schreib mir recht bald, mein theuerer Theodor -- Du glaubst nicht, wie -ich mich nach einem Brief aus der theueren Heimath sehne. Es grüßt und küßt -Dich tausendmal Dein - - _Carl_ von _Horneck_. - -=P. S.= Eben wie ich schreibe, entsteht unten auf der Straße ein Scandal --- die liebe Jugend hatte in tollem Muthwillen Stroh und Heu mitten in -=Sycamore street= aufgehäuft und angebrannt, so daß aus den entfernteren -Theilen der Stadt schon die Spritzen herbeikamen. Nein, was diese -Amerikanische Jugend für eine Brut ist, davon kann sich, weiß es Gott, kein -Ausländer einen Begriff machen. - - -Zweiter Brief. - - Aus dem Staat _Wisconsin_ am 14. August 1848. - - _Lieber Vetter!_ - -Als ich Dir vor so und so viel Monaten vom Staat New York aus schrieb, da -war mir's recht häßlich und trüb zu Sinn -- Alles ging contrair, Alles war -anders wie ich es mir gedacht, Alles anders wie ich es bis dahin gewohnt -gewesen, und die ganze Welt sah mir deshalb schwarz und düster aus. Es ist -auch wirklich gar ein böses Ding um die lockenden Beschreibungen, die uns -alles mit überbunten Farben ausmalen; die Einbildungskraft thut dann -auch noch das ihrige, und findet man nachher nicht wirklich auch jede -Kleinigkeit wie man sie sich gedacht, so wird man mürrisch und fängt ohne -weiteres an, am hellen Tage Gespenster zu sehn. - -So war ich z. B. in Deutschland bequeme warme Häuser gewöhnt, und fand -hier, im Verhältniß zu denen elende Hütten, dachte aber nicht daran, daß -das ja jedes eigne Schuld ist, wer sich sein Haus nicht so wohnlich und -behaglich einrichtet wie es ihm gefällt. Auch die Viehzucht stand mir nicht -an; ja, da war mir vorerzählt, man brauche eine Sau nur in den Wald zu -lassen und nach der gehörigen Zeit käme sie mit zehn, elf Ferkeln wieder -zu Hause und die Ferkel kriegten wieder Ferkel und so fort, bis unabsehbare -Heerden daraus würden. Ja lieber Gott, so bequem ist die Viehzucht -nicht, aber sie bietet im Verhältniß zu Deutschland doch ungeheuere -Erleichterungen, und wer da nur mit einigermaßen gemäßigten Ansprüchen -herkommt, muß sie befriedigt finden. - -Auch der Ackerbau ist den hiesigen Bedürfnissen vollkommen entsprechend, -und die Cultur steigt, wie diese sich vermehren. Mit den wilden Thieren -ists dabei eben nicht so arg, _der_ Schaden den _die_ thun, kann man -ertragen und die Insekten, nun ja, das _ist_ verwünschtes Zeug, und ich -wollte der Böse holte den Schwarm und verwendete sie vielleicht auf irgend -eine zweckmäßige Art im Fegefeuer -- aber -- es läßt sich eben ertragen -- -vollkommen ist kein Land. - -Doch, Du willst in Deinem letzten Briefe wissen wie es mir geht und -scheinst schon das Schlimmste zu fürchten -- ich habe Dir durch mein -Schreiben vielleicht Ursache dazu gegeben -- doch sei nicht ängstlich, es -ist nicht so gefährlich. -- Im Staat Wisconsin, in der Nähe von Milwaudie -habe ich mir, für einen nach deutschem Maasstab ungemein billigen Preis, -eine recht hübsche Farm gekauft; auch den Keim zu einer heranwachsenden -Viehzucht hab' ich gelegt, und Ställe gebaut, in denen meine Heerden im -Winter Schutz gegen die Kälte finden. Die wild im Wald herumlaufenden -Schweine machen dem Farmer allerdings oft viel Noth, wenn er nicht einen -großen Theil derselben einbüßen will, doch mit ein wenig Fleiß läßt sich -das Alles beseitigen, und meine deutschen Nachbarn versichern mich, sie -kämen recht gut damit zu Stande. Auch das Ackern, über das ich mich im -Anfange der vielen Wurzeln und Stümpfe wegen, so ärgerte, geht jetzt recht -gut -- man muß sich nur erst hineinfinden und nachher sieht man stets, daß -eines jeden Landes Geräthschaften, Sitten und Kleider auch den Bedürfnissen -und Eigenthümlichkeiten desselben am besten angepaßt sind und entsprechen. -Für die schwere Arbeit des Urbarmachens der Waldstrecken und des Bischens -Unbequemlichkeit beim Pflügen, entschädigt reichlich das herrliche -fruchtbare Land -- -- wahrhaftig es wäre Verschwendung, wenn man das düngen -wollte, und ich werde mich nicht auslachen lassen. - -Allerdings ist das Leben hier nicht so gesellig wie in Deutschland, doch -habe ich vortreffliche Nachbarn, und da kommen wir mit unseren Familien oft -zusammen und sind dann stets recht vergnügt; und selbst das Verhältniß der -Dienstleute, was mir im Anfang gar nicht behagen wollte, leuchtet mir jetzt -als ganz vortrefflich ein. Die Leute werden von ihren Arbeitsgebern -(nicht Arbeits_herrn_, denn das Wort Master wird in dem Sinn nur von -Sklavenhaltern gebraucht) eben so behandelt, als ob sie mit zur Familie -gehörten und müssen deßhalb auch ihren freien Willen haben, aber nur so ist -es auch möglich eine wirklich freie Generation zu erziehn, Republikaner zu -bilden. - -Der Arbeits_geber_ wird deßhalb nicht im mindesten von ihnen geknechtet, -wie ich das im Anfang glaubte, sie verschwören sich nicht zu einem festen -Preis um den sie arbeiten wollen und säen dadurch Haß und Zwietracht, Gott -bewahre, unabhängig in all ihren Bewegungen und ihrer Freiheit sich bewußt, -gönnen sie die auch jedem anderen und Zeit und Umständen überlassen sie -Lohn und Verdienst. Haben sie sich dann ein kleines Capital verdient, so -beginnen sie meistens selbst und die Leute die sie dann miethen, werden -wieder ebenso behandelt, als ob sie noch zusammen in einer Arbeit stünden. - -Sieh, Alterchen, ich will Dich nicht etwa überreden hierher zu kommen, -wenn Du aber keine zu großen Ansprüche machst, und die Verhältnisse in -Deutschland wirklich so fatal werden wie Du schreibst -- ei dann glaub ich, -kömmst Du auch hier durch, und würdest Dich am Ende recht wohl fühlen. - -Es ist jetzt hier eine kleine Farm mit guten Steingebäuden, zehn Acker -urbarem und 310 Acker Holz- und Prairieland, und einem recht hübschen -Anfang zur Viehzucht, mit 3000 Dollar verkauft worden, und es sind -billigere wie theuerere Farmen immer zu haben. Die Gebäude darfst Du Dir -aber nicht etwa groß und prachtvoll denken; sie entsprechen nur einfachen -Bedürfnissen, doch sind sie wohnlich errichtet. Wir haben jetzt auch eine -Brauerei hier in der Nähe und stellen ein vortreffliches Bier her. - -Meine kleine Familie läßt Euch alle in der Heimath herzlich grüßen -- wir -hatten und haben noch von Krankheit manches zu dulden, denn die Fieber, die -in dem neu urbar gemachten Boden ihren Ursprung finden, müssen im Norden -wie im Süden ertragen werden. Doch geht es jetzt, trotz der ziemlich -starken Hitze etwas besser, und die Nachbarn, Amerikaner wie Deutsche, sind -wirklich so theilnehmend, als man es nur wünschen kann. So wenig mir der -Amerikaner in den Städten gefallen hat, so sehr hat mich sein Charakter -mit ihm im Lande selber ausgesöhnt; die Backwoodsmen Amerikas sind wirklich -eine prächtige Menschenrace. - -Doch ich komme wieder in's Schwatzen und die Kinder quälen mich, ich soll -mit ihnen in's Holz gehn und wilde Weintrauben holen. Also leb wohl, mein -lieber guter Vetter -- nimm nochmals die schönsten Grüße und behalte lieb - - Deinen - - getreuen Vetter - - _Christoph Roßberger_. - -Entschließt Du Dich noch dazu hier herüber zu kommen, so laß es mich nur -recht bald wissen, und ich werde Dir und den Deinen schon ein freundliches -Plätzchen herrichten. - - -Dritter Brief. - - _Lüber Ludewig_ - -Sondern nach Teksas haben se mich jezt kujenirt un nich mehr in Kendukki -Hurrjeh is das vor ein Land das Ameriga wenn ich nur erscht wieder raus -were gesund Die Leite hengen se hür wie gar nix un se bigen man blos einen -Baum krum und hengen se dran wie bei uns de Maulwirfe. Vor das eine Ferd -konnt ich gar nix un wenn ich mir aus Fersehn drauf sezte un fort ritt so -war es nur Unglick das ich den Eigendimer gleich in die Straße begegnen -musste un _die_ Haue, hurrjeh wenn man einmal fort is soll man aug fort -sein die vertammten Intianer suchen einem Menschen seine Fußtappen nach wer -weis wie weit un alles wegen lausiche 20 Dollars und ein baar Stiebeln. Un -mit di Mormonen na di sollen mich wider kommen na aber hür kommen se nich -her -- was kans Du denn davor wenn se dir sagen das is mein Land hol mich -einmal 1 Arm voll Korn un mach 1 Schwein dot? Un denn vor en 1 faches -Fersehen will mann Einen nich gleich ufhengen wie en Maulwurf un wie ich -here soll es bei eich in Deitschland jezt regd hibsch sein o wenn ich doch -Geld hette un hiniber kennte hir felts keinen ein das teilen un doch -sagen se alle Menschen weren gleich die sin aug grade so wie bei uns de -Arisdograden hole si alle der Deibel. Was ich habe das gehert aug mein -Nagbar dass is mein Grundsaz un danag handel ich aber hir lasse se kein -Menschen seine Grundseze ungeschoren, wenn alles was ich habe mein Nagbar -gehert so gehert alles was mein Nachbar gehert aug mein dass is doch klar -aber gottbeware aufbacken bünden un vor Gerücht schleppen is hür eins un in -Anfang wollte se kurtsen Brozess mit mür machen un alle fassden mit an. Was -hülft mich denn dass das keine Bolizeidiner un Schandarmen nich da sin wenn -jeder en Bolizeidiner spilen will es war ein Glick dass se mich noch den -Scherif hir lißen -- denn Scherif nennen se di Oberschandarmen wo ich nur -erst geglaubt habe es weren keine da weil se nich 3eckige Hite aufhaben wi -bei uns; nimand hatte mich nich gesehn un da lißen se mich schweren hurrjeh -war das en Glick un aug freie Pasasche haben se mich auf en Damfbot gegeben -nach Teksas -- so, mich kriegen se nich wider nach Kendukki. Lüber Ludewig -wenn Du in Deitschland wo es jezt regd hibsch sein soll was eribrigsd un -wenn ihr ans teilen komd so thu mich doch den gefallen un schicke mein teil -heriber das ich auch nach Deitschland kann wo es jezt so hibsch sein soll -un meine Frau sage sie megde mir doch 5 Daler schicken oder noch mer wenn -sie kennte denn es ginge mir hir söhr schlegd un ich hette sie söhr lieb -must du ihr sagen aber ich muss nu schlüßen. so lebe regd wol un gesund un -besser wie ich denn ich habe das Füber un das schitteld mich söhr un dieses -winscht dein getreier Bruder - - _Eregott Bomaier_ - -vergis ja nich mir mein teil zu schiken womit du mir ein großen gefallen -duhn wirst es soll dein schaden nich sein wenn ich nach Deitschland wider -komme un meine Frau die 5 Daler. - - -Vierter Brief. - - _Theuerer Scharffenstein._ - -Nur mit wenig Worten möchte ich eine Bitte an Dich richten. Du weißt, daß -ich außer Dir in ganz Deutschland nur einen einzigen Menschen habe, von -dem ich hoffen könnte, eine Gefälligkeit erzeigt zu erhalten -- es ist dies -mein Oheim in Sondershausen -- gehe zu ihm und gieb ihm die einliegende -Zeichnung -- so sieht der Nachkomme jenes hochgräflichen Hauses, dessen -Vorväter zu den stolzesten Geschlechtern des deutschen Kaiserreiches -gehörten, aus -- er wird mich nicht lange in dem Zustand lassen wollen. - -Ich bin Feuermann auf einem Dampfboot -- Du staunst? ja wahrlich, Du hast -Ursache dazu, doch laß mich Dir nicht lange mein ganzes Elend vorerzählen --- ich müßte es noch einmal durchleben und, Gott weiß es, ich habe keine -Freude an der Erinnerung. - -In meinem letzten Briefe schrieb ich Dir, daß ich selbst gesonnen sei -ein großes Fest in New-York zu geben, um damit die vielen empfangenen -Freundlichkeiten zu erwiedern. Ich besaß noch eine Summe die, wie ich Grund -hatte zu hoffen, nicht allein vollkommen hierzu ausreichen, sondern mir -auch noch ein kleines Capital zurücklassen würde, mit dem ich -- aber was -nützt es, Dir die Pläne zu erzählen die ich hatte. -- Während dem Feste -selbst brach irgend ein Schuft -- wahrscheinlich Einer meiner sogenannten -Freunde -- bei mir ein, stahl mir Alles, selbst das letzte was ich an -baarem Gelde in meiner Börse auf dem Tisch vergessen hatte, und als ich am -nächsten Morgen -- Tod und Pest, ich _will_ den Gedanken nicht noch einmal -zurückdenken, vielweniger schreiben. - -Irgend ein boshafter Mensch, vielleicht der Dieb selber, hatte indessen das -wahnsinnige Gerücht zu verbreiten gewußt, ich sei nicht allein gar nicht -von Adel, sondern auch noch von unehrlicher Geburt, kurz es traf Alles -zusammen mich förmlich in den Staub zu treten. Meine Erzählung des -Raubes wurde mir jetzt nicht einmal geglaubt und Mr. Broadfoot, der reich -gewordene Krämers- oder Schneiderssohn, kam am zweiten Morgen zu mir, that -entsetzlich vornehm und bot mir zwanzig Dollar an, damit ich nur -- ich -wollte Du könntest die Zornesthräne sehn, die mir jetzt zwischen den -Wimpern hängt -- recht bald New-York verlassen könnte. Ich warf ihn die -Treppe hinunter. - -Ich überließ den Anordnern meines Festes meine sämmtliche Garderobe und -Wäsche und Alles was ich mein nannte und behielt nur die vier goldenen -Spielmarken, die ich zufällig an dem Morgen in meine Westentasche gesteckt. - -Verlange nicht das demüthigende meiner Reise ins Innere zu hören -- der -Amerikaner des Westens staunt wohl, wenn er einen wirklichen lebendigen -Grafen zu sehen bekommt, aber -- er staunt eben nur und kümmert sich nicht -weiter um ihn -- das Volk ist selbst noch zu neu, zu erst erschaffen, -um auch nur möglicher Weise Sinn für das Alterthum, und die Vorrechte -desselben zu haben. Das wird später wohl auch kommen, aber was nützt das -mir -- ich erlebe es nicht. - -Ich will Dich nicht mit den Einzelnheiten meines Geschicks oder besser -gesagt meines Mißgeschicks langweilen, es trieb mich zuletzt auf ein -Dampfschiff und drückte mir die Schürstange in die Hand -- ja wäre noch -Krieg gewesen -- aber nein, ein ehrlicher Soldatentod wird mir versagt -und ich muß jetzt hier, um wenigstens noch auf ehrliche Weise mein Brod zu -verdienen, die elendesten Sklavendienste thun. - -Mein Oheim wird Dir eine kleine Summe für mich einhändigen, die wenigstens -ausreicht mich anständig zu equipiren und meine Reise nach Mexico zu -bestreiten; ich will dort in mexicanische Dienste treten, möchte das aber -nicht eher, als ich dort meinem Range angemessen erscheinen kann. - -Wären Euere Verhältnisse jetzt nicht so traurig in Deutschland, so kehrte -ich augenblicklich zurück, was aber ist gegenwärtig dort für einen Mann von -meinem Stande zu hoffen? -- nein, da lieber noch _hier_ die Schürstange, wo -mich Niemand kennt. - -Schreibe mir recht bald, ich erwarte in heißer Sehnsucht die Rettung aus -diesem traurigen Zustand. - - Dein - - _Hugo_. - -=P. S.= Meine Adresse ist -- =Mr. Hugo -- care of Bridle & Smith Nro. 8 -Tchapitoulas street New Orleans. U. S.= - -Einen Leidensgefährten habe ich auf unserem Boot getroffen -- ebenfalls -einen deutschen Edelmann Namens v. Horneck, doch verschweige ich ihm -meinen Namen und halte mich überhaupt von ihm entfernt -- ich theile seine -Ansichten nicht. - - -Fünfter Brief. - - Staat _Indiana_ am 1. August 1848. - - _Liebe Eltern und lieber Bruder._ - -Es freut mich recht herzlich Euch dießmal einen besseren Brief schreiben zu -können, denn es geht mir lange nicht mehr so schlecht als damals, wie ich -den letzten Brief an Euch schrieb. Soviel habe ich allerdings eingesehen, -daß die vielen gewaltig schönen Beschreibungen von Amerika, die uns zu -Hause das Maul wässrig gemacht haben nach all den guten Sachen, meistens -nicht wahr, oder doch wenigstens so gestellt sind, daß man sich nicht recht -hineinfindet, wenn man mit der Sache nicht recht vertraut ist, und sich -nachher bei allem Schönen noch immer das Schönste dazu denkt. Und die Leute -thun sehr Unrecht, die solche schönen Beschreibungen hinaus schreiben, -aber ich weiß auch warum es geschieht, entweder schämen sie sich offen -einzugestehn wie schlecht es ihnen geht, wo sie doch früher so geprahlt -haben, oder sie sitzen auch, wie es mir hier die Leute gesagt haben, an so -einsamen Plätzen und so in Noth, daß sie nur dadurch ihre Lage verbessern -können, wenn sie noch recht viel andere Menschen auch dort hin ziehn. - -Daß ich nun im Anfang um alles betrogen bin was ich hatte, das geht vielen -Deutschen so und ich kann mich da mit vielen trösten, wer aber hier gesund -ist und Lust hat zu schaffen, der kommt auch fort und wenn er eben so wenig -hätte wie mir geblieben war. Aber zu keine Deutschen sollten die deutschen -Handwerker gehn, wenn sie auswanderten, sondern immer zu Amerikaner. Die -Deutschen sind erstlich auch nur herübergekommen um ihr Glück zu machen, -und reich zu werden und die geben am wenigsten her, wenn sie's wirklich -haben, und besonders an Deutsche, wo sie schon wissen daß die's zu Hause -schlecht gewohnt sind. Und dann lernt man auch bei Deutschen nie im Leben -die englische Sprache, die man doch als Handwerker so zu seinem Fortkommen -braucht, und in deutsche Colonien muß man gewöhnlich was einzahlen, oder -Land vorauskaufen wodurch man sich an die Stelle bindet, und nachher bleibt -man gewöhnlich lieber sitzen, ehe man sein Bischen Eingezahltes im Stich -läßt. Und die Deutschen sind auch nicht immer die besten; die bei denen ich -arbeitete haben mich recht betrogen und sich viel Geld an mir verdient. - -Endlich und nach und nach hab ichs aber gemerkt, und da bin ich zu -Amerikanern gegangen und da hab ich viel besseren Lohn gekriegt und viel -bessere Kost, und habe in kurzer Zeit englisch gelernt, so daß ich mich -schon recht gut verständlich machen kann. Das klingt einmal komisch, liebe -Eltern, das englisch, und im Anfang kams mir vor als ob die Leute die -kauderwelschen Worte nur so Hals über Kopf heraussprudelten, daß kein -Mensch einen Sinn hinein finden konnte, aber wie man sich ein Bischen -dran gewöhnt, klingts ganz natürlich, und hat alles seinen Sinn, wie das -Deutsche. - -Was nun das betrifft, daß viele Menschen hier brodlos herumlaufen, und -worüber Du Dich besonders in Deinem letzten Briefe wunderst lieber Vater, -so hat das auch wohl seinen Grund. Es ist hier in Amerika gar keine Schande -wenn einer umsattelt, und was anderes wird als was er draußen gelernt hat --- hier arbeitet jeder was er gelernt hat, und wenn ein Schuster Kleider -oder ein Schneider Schränke macht, so schadet das gar nichts, wenn er sie -nur gut macht und Geld für seine Arbeit kriegen kann. Man muß sich auch -nicht allein auf das setzen wozu man in Deutschland aufgezogen ist, und -sonst gar nichts thun wollen, sonst kann man leicht brodlos werden. Ein -armer Mann hat aber hier rechte Gelegenheit es zu was zu bringen und sein -Auskommen zu haben, viel eher wie in Deutschland, denn wenn er nur ein -klein Bischen fleißig ist, so kann er sich leicht was zurück legen, und -wenn er nur einen ganz kleinen Anfang hat, so kann er es nachher leicht zu -was bringen, denn die Amerikaner unterstützen recht gern arme Leute und die -Nachbarn helfen ihnen wo das nur immer angeht. Und ein armer Mann, der in -Deutschland recht viele Kinder hat, der kommt immer mehr in's Unglück, aber -hier in Amerika, da ists gerade umgekehrt. Hier sind die Kinder ein Segen -und helfen den Eltern auf, wenn sie alt und schwach werden. Ein armer Mann -ist hier auch geachtet und es kommt nicht auf den Rock an den ich trage. - -Das Land und Vieh ist hier alles sehr billig und gut und man kann mit ein -weniges eine rechte hübsche Farm kaufen, denn Farm nennen sie hier ein -Landgut, aber ein Deutscher, der hierherkommt, und der die Sitten und -Gebräuche noch nicht kennt, der sollte sich doch ja nicht gleich ankaufen, -denn dann muß er gewöhnlich aus eigener Tasche Lehrgeld zahlen und verliert -vielleicht alles, was er mitgebracht hat. Am besten ists, er arbeitet -erst eine ganze Zeit bei Amerikanern und lernt die Axt gebrauchen und den -Amerikanischen Feldbau, denn der ist ganz verschieden von dem deutschen, -und wenn er nachher ein oder zwei Jahre im Lande ist, dann kann er sich -leicht ankaufen, und dann thun ihm 100 Dollar so gut, wie sonst vielleicht -nicht 500, ehe er Lehrgeld bezahlt hatte. Ich arbeite noch immer bei den -Amerikanern und ich befinde mich recht wohl, wenn ich aber erst ein kleines -Gut habe, was gar nicht mehr so lange dauern kann, denn der Amerikaner -hat mir versprochen, daß er mir helfen will, dann müßt ihr zu mir herüber -kommen, liebe Eltern und lieber Bruder, und dann wollen wir hier recht -vergnügt leben auf meinem eigenen Land. - -Mit nächstem Jahr kann das vielleicht schon gehn aber ich will noch nichts -vorher bestimmen, denn es thut einen nachher leid wenn so eine Freude -zu Wasser wird. Und bis dahin grüßt Euch, liebe Eltern und lieber Bruder -herzlich und von ganzer Seele - - Euer _Traugott Erdmann_. - -Den Brief für mich schickt nur nach der Stadt Vincennes in Indiana, da hol -ich ihn mir schon ab, ihr müßt aber meinen Namen englisch darauf schreiben, -liebe Eltern, wie sies hier machen. Der Amerikaner wird mirs hier drunter -schreiben wie es sein soll. - - =Mr. Traugott Erdmann - to be left at Vincennes post office= - - =I--a= =U. S.= - - -Sechster Brief. - - _Indiana_ den 15. August 1848. - - _Mein herzlieber Carl._ - -Ich hatte geglaubt Dir um diese Zeit, und wenn auch nur wenige Monat -verflossen waren, schon einen Bogenlangen Brief, mit lauter Jagdabenteuern -gefüllt, schreiben zu können, aber Du lieber Gott, wie hab' ich mich hier -in der Amerikanischen Jagd geirrt. Fast schäm' ich mich auch, Dir in -allen Stücken, besonders was meine eigenen Erlebnisse betrifft, die volle -Wahrheit zu schreiben, aber -- es kann doch nichts helfen, es muß heraus, -am Ende kämst Du sonst selber, von meinen früheren Schilderungen verlockt, -und mit _den_ Hoffnungen müßtest Du Dich in einem Paradiese enttäuscht -finden. - -Um also das Fatalste gleich von vorn herein los zu werden, will ich auch -ohne Weiteres mit dem beginnen. Denke Dir, dieser einfache ehrliche Farmer, -den ich für so unschuldig hielt, daß ich mich fürchtete den Handel mit ihm -abzuschließen, weil ich mich der Sünde scheute ihn zu übervortheilen --- dieser gutmüthige Bursche, dem ich noch, um ihn ja in jeder Hinsicht -zufriedenzustellen, eine wundervolle, -- Esel ich -- Büchse für 60 Dollar -kaufte, war -- ein abgefeimter Hallunke, ein ächter Yankee und Betrüger. -Der Lump hat mich mit einem erbärmlichen Improvement für 250 Dollar -angeschmiert, das ich hier mit größter Bequemlichkeit an jedem Tage für -50 Dollar kaufen könnte. Doch das ist das wenigste, das verzieh ich ihm -gern, es wäre ein kleines Lehrgeld, wenn all seine sonstigen Aussagen nur -auf Wahrheit begründet gewesen wären, aber beim Himmel, der Kerl hat kein -wahres Wort über die Zunge gebracht, und ich glaube meiner Seele, er lügt -sogar im Traume. - -Daß er Bären aus seinem Küchenfenster schießt, ist aus zwei Gründen -unmöglich -- erstlich hat er in dem Haus gar keine Küche, denn das was -die Leute hier Küche nennen, ist nur ein Schuppen und hat wieder gar kein -Fenster, und dann -- wenn wirklich Küche und Fenster da wären, -- giebts -keine Bären. Keine Bären? -- rufst Du erstaunt, das ist aber noch nicht -Alles -- auch keine Hirsche, Panther, Truthühner und wie das Zeug sonst -alles heißen sollte, was hier, des alten Jägers Aussage nach (soll mich der -Böse holen wenn ich jetzt glaube, daß der Kerl überhaupt ein Jäger war) den -Wald förmlich durchwimmelte. Opossums oder Beutelratzen schießen sie hier -manchmal - ekelhaftes Zeug, das hauptsächlich vom Aas lebt, und das man -auch oft mit dem Stocke todt schlagen kann, also gar kein jagdbares Wild. --- Truthühner lassen sich in der That manchmal blicken, auch kommt zu -Zeiten ein Hirsch in die Nähe der Farm, doch, Du lieber Gott, da kann sich -Einer die Beine ablaufen, ehe er von denen nur etwas zu Gesicht bekommt. - -Du kannst Dir übrigens einen Begriff machen wie die Jagd hier bestellt -ist, wenn ich Dir einen kleinen Auszug aus meinem, wie Du sehn wirst, sehr -hoffnungsvoll angelegten Beuteregister mittheile; ich thue das übrigens -auch mehr mir zur eigenen Strafe, als Dir zur Erbauung, denn ich habe mich -im vorigen Monat, trotz all der gemachten Erfahrung, doch einmal wieder -nach Canada hinauf zur Bärenjagd sprengen lassen, und natürlich weder etwas -geschossen, noch überhaupt gesehen: - - Bären|Panther|Büffel|Hirsche|Füchse|Truthühner|Anderes Wild - -- | -- | -- | 1 | -- | 1 |17 Prairiehühner. - | | | | | |20 Rebhühner. - | | | | | |13 Kaninchen. - -Den einen Hirsch schoß ich am Wabasch und den einen Truthahn Morgens -dicht bei der Ansiedlung, wohin er sich, Gott weiß wie, verirrt hatte. In -Illinois war ich einmal drüben und schoß eine hübsche Parthie Prairiehühner --- Dinger so groß wie unsere Haushühner, aber an größeres Wild, wie Bären, -Panther und Büffel ist gar nicht zu denken. Büffel sind nun vollends in die -Möglichkeit weit gen Westen getrieben; ein alter Bär kommt dagegen manchmal -hier durchgeschlendert, und ist auch im vorigen Jahr einer in der Gegend -geschossen worden -- das wird aber als Merkwürdigkeit erzählt. - -In der Nachbarschaft des Ortes, wo ich auf der Farm des alten Mannes meinen -Wohnsitz aufgeschlagen habe, ist die Jagd nur höchst mittelmäßig und -was der Strick, der wahrscheinlich gewittert hatte ich sei ein -leidenschaftlicher Jäger, von der Gefahr erzählte, in welcher der ganze -Viehstand durch die Masse der wilden Thiere schwebe, ist eine nichtswürdige -Fabel. Wölfe giebt es allerdings hier viel, und die Regierung hat eine -Belohnung auf jeden Wolfsscalp gesetzt, so scheu aber sind sie und so -schlau, daß ich, der ich in der ersten Zeit besonders den Wald von Morgens -bis Abends nach allen Richtungen durchstreifte, noch nicht einen einzigen -Wolf zu Gesicht bekommen, vielweniger erlegt habe. - -»Hirsche für die Hunde erlegen,« ei so lüg du und der Teufel, und ich -dankte jetzt Gott, wenn ich selbst ein Stück Wildpret hätte, aber Gott -bewahre, trocknes Rindfleisch muß ich kauen oder Speck essen und _will_ ich -denn nun einmal Wild haben, so sind's Eichhörnchen, die man hier verzehrt, -und die auch wirklich ausgezeichnet schmecken. Du lieber Gott, wer mir in -New-York gesagt hätte, daß ich in Indiana, viele hundert Meilen im Westen -drin, auf die Eichhörnchenjagd gehn würde. Muß der Schuft über mich gelacht -haben, wie ich ihm die Büchse kaufte, -- nun weiß ich auch weßhalb er -gepfiffen hat. - -Und das sogenannte Improvement ist keine 20 Dollar werth; das beste -Improvement das ich auf dem ganzen Besitzthum machen könnte, wäre, wenn -ich die beiden wahnsinnigen Blockhütten die darauf stehn, ansteckte -- thu' -ichs nicht, so stürzen sie mir doch nächstens einmal auf eigene Faust -über dem Kopfe zusammen; und _das_ Land -- da könnt' ich wieder von vorn -anfangen und urbar machen -- Alles ist mit Büschen und Bäumen wieder -bewachsen und kaum ein Platz von einem halben Acker frei, wo der Schuft -Kartoffeln hat stehn gehabt. Von den Kühen sind bis jetzt auch erst zwei -aufzufinden gewesen und mein einziges Vergnügen hab' ich noch an den -Schweinen -- die sind so wild, daß ich jedesmal förmlich auf die Jagd gehen -muß, wenn ich eins haben will -- selten komm ich dann in gute Schußnähe -heran; muß jedoch jedesmal bei solcher Gelegenheit einen Farmer bitten, -mich zu begleiten, weil ich mein Zeichen oder dem Lump sein Zeichen -vielmehr nicht aus dem andern heraus erkennen kann. -- Die Schweine sind -nämlich mit Schlitzen und Löchern im Ohr »gemarkt«. Es hat mir neulich ein -Nachbar hier für Land und Vieh, wie's daliegt 50 Dollar geboten; wenn -_der_ Thor genug ist das noch einmal zu thun, hat er's, und mög's ihm wohl -bekommen. - -Doch nun ein Wort zu Dir über Amerikanische Jagd, denn ich sehe Du -verlangst darnach. Lieber Carl, _die_ Sache habe ich mir ganz anders -gedacht. Ja Du lieber Gott, in Deutschland hat man davon _ganz_ falsche -Begriffe. Die Jagd _war_ das in den Vereinigten Staaten, was wir jetzt -noch von ihr erwarten, aber seit langen Jahren ist ja auf das Wild förmlich -hineingewüthet, und da muß es wohl einmal dünn werden. Ich habe hier vor -einigen Tagen einen Jäger aus Arkansas -- dem besten Jagdgrund der Union -gesprochen, und der hat mir ganz aufrichtig das folgende mitgetheilt. - -Es giebt noch Gegenden in Arkansas und überhaupt westlich vom Mississippi, -wo ein guter Schütze, und besonders einer _der mit dem Wald bekannt ist_ -und sich nicht leicht verlaufen kann, seinen Hirsch und auch manchmal -einen Bär schießt; auch Truthühner soll es dort noch an gewissen Plätzen in -ziemlicher Anzahl geben, aber _die_ Zeit, wo man die Bären aus den Fenstern -schoß, ist für die Vereinigten Staaten vorbei. Auch von der Jagd leben, wie -ich das früher fest geglaubt, kann kein Mensch mehr dort, er verstände denn -wirklich weiter Nichts als _leben_ darunter, aber was für eine Existenz -wäre das; Jahraus und ein ununterbrochen im Walde zu liegen und weiter -keine Abwechslung zu haben, als die, die sich ihm zwischen frischem und -getrocknetem Fleische bietet. - -Was den Verkauf des erlegten Wildes betrifft, so giebt es an den Stellen, -wo Wildpret überhaupt einen verkäuflichen Werth hat, weder Hirsche noch -Bären mehr, und wo die noch existiren, da ist man froh, wenn man einmal -ausnahmsweise für einen ganzen Hirsch acht Groschen kriegt, oder die Keulen -zum Verkauf trocknen kann. Zu _verdienen_ ist aber mit der Jagd gar Nichts -und nach alle dem, was ich jetzt darüber gehört -- denn die Aussage des -Arkansas-Mannes wurde mir von Mehreren bestätigt, bin ich überzeugt, man -kann, wenn man in noch unbesiedeltem Lande sich niederläßt, dann und wann -einmal seinen Hirsch oder Truthahn schießen und in sofern, wenn man die -Jagd als Erholung betrachtet, Nutzen daran haben, indem man das selbst -verzehrt, was man erlegt, sonst aber als Erwerbszweig ist diese Sache -Essig. - -Doch genug für jetzt, mein guter Carl, ich werde wahrscheinlich weiter -westlich ziehen, und sobald ich meinen neuen Wohnsitz bestimmt habe, sollst -Du mehr von mir hören. Bis dahin grüßt Dich herzlich Dein - - _Fritz Sternberg_. - - -Siebenter Brief. - - _Guter Edde und allerbeste Mämme._ - -Gott der Gerechte was is das vor a Land, Edde? Nehmt de Mämme und den -Schmul und den Moses und de Rachel, und bringt se so schnell ihr kennt nach -Amerika. Wie haißt Amerika -- Canaan sillts haiße -- soll mer Gott helfe -und will ich nich gesund auf meine Fiße stehn. Seekrankheit? -- wie haißt -Seekrankheit? -- Cholera, s' böse Wesen und die Pocken -- Alles wär net ze -viel wenn mer nur kennt damit komme nach Amerika. - -Was ich for Geschäftcher gemacht hab, sait ich in Amerika bin? -- frog mich -der Edde mol noch meine Geschäftcher -- bin ich jetzt drei Monat in's Land -gewese und was hab ich verdient in die drei Monat? -- will ich nich gesund -auf meine Fiße stehn -- 700 baare Dollars klingende Münze hab ich verdient, -un womit hab ich die Geschäftcher gemacht, mechte der Edde wissen? mit -klaine winzig klaine Paket'ger hob ich se gemacht, un nur getauscht hab ich -Silber mit Silber wie en ehrlicher Mann. - -Nu die Geschicht is gar ainfach -- hab ich mich doch geferchte in Anfang in -'en Wald ze gehn, aus Forcht vor die wilde Katzen und Bären. -- Wie haißt -wilde Katzen -- will ich nich gesund auf meine Fiße stehn wenn ich nich -schon drai Monat im Lande 'rim handle und noch nich gesehn habe an ainzige -wilde Katz, vielweniger en Kater. Aber was sin das vor Menschen hier im -Land, in Pensilvanien und Ohio und in Indiana und Kentukki? -- Gott der -Gerechte, Menschen sind's wie die Kinder, so unschuldig wie die Täubcher. -Die Mämme hätt' ihre Fraid gehabt, wenn se's hette sehn kenne, wie se den -Veitel getracktirt haben un in was ver schaine Betten er geschlofen hat. -Und mit was hat der Veitel hauptsächlich gehandelt? -- Fragt ämol den -Veitel mit was er gehandelt hat? -- mit Juwelen Bischutterie und silberne -Leffeln hat er gehandelt, will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, wenn -er nich gehandelt hat mit Bischutterie und silberne Leffeln. - -Aber den Edde muß ich vorher in's Gehaimniß lasse -- das Englisch is -nemlich a ganz firtreffliche Sprach -- un 's drickt die Sach so gnau aus, -wo's sie beschreibt, daß mer's im Dunklen erkennen kennt. In Daitschland -haißt's Argentan oder Neisilber -- wie haißt Neisilber -- was thu ich demit -ob's nei oder alt is? wos vor a verständiger Mann is devor der Amerikaner --- der nennt's deitsches Silber, _Dschermen Silwer_ wie se hier sagen, -un wenn ich gekommen bin zu die Lait und hab ihne gebracht Leffeln von -Dschermen Silwer so habe se mich gewehnlich gefragt -- wie haißt Dschermen -Silwer -- is das was besonderes oder was anderes als Amerikanisches Silber? -»Gott der Gerechte« hab ich denn aber gesagt -- »muß doch Silber haißen -wenn es in Dschermani is, Dschermen Silber und wenn es in Amerika is, -Amerikanisches Silber, will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, wenn da -waiter en Unterschied is als der Prais -- wir Deitsche nehmen mit wenig -Verdienst vorlieb -- aber mer sin reell.« Gott der Gerechte sill mer -beistehn wann ich nich habe gehabt 700 Procentchen un die ainzige -Unbequemlichkait in der waiten Gotteswelt, daß ich nich bin wieder gekommen -ganz genau in die Gegend. - -Un hab ich immer geglaubt, 's wär ä Unglick daß uns Kainer kennt hier und -mer net Credit hättet -- wo so Unglick g'rod des Gegenthail ist's -- Gottes -Wunder was wir Jüdden hier vor en Credit haben -- 's geht ins Hebräische -hinain und immer waiter, immer waiter. Im Anfang en klans bissel un nachher -immer greßer und der Itzig Löwenhaupt hat schon 5 Städte, wie er sogt, wo -er nich mehr hinkommen derf, bei mir fangts aber erst an un der Itzig is -schon a angesehener raicher Mann. - -Gott der Gerechte, wenn ich doch de Rachel hier hätte, was hat mer hier en -Feld vor Geschäftcher, und den Edde und die Mämme aber se alle missen -noch her kommen nach Amerika. -- Wie haißt Bamberg? -- was thu ich mit -Bamberg --? net abgemolt mecht' ich sain in Bamberg. - -Un frogt ämol den Veitel wo er sain klan Kerbche hindahn hot, mit dem er is -schachere gange, un wo ihn die Lait haben uf die Stroß gesetzt, geschwinder -als er is hinain gekomme? -- Gottes Wunder, wie haißt Kerbche jetzt? un der -Veitel hat ä klan's Wägelche un ä lebendiges Pfärd, un oben druff sitzt er -mit seine Packjes und kutschirt im Lande herim wie ä Färscht -- frogt ämol -den Veitel wo er sain klan Kerbche hindahn hot. - -Gott behit's Edde und Mämme -- macht Eich kaine Sorg' um den Veitel, es -geht Eirem Jingelche gut -- so grißt mer de Rachel un der Simon soll riber -kommen mit sain klain Handel und der Stern und der Rosengarten -- aber -sogt en nix von die Leffeln, Edde -- wo ich gewese bin kenne se doch nix -verdiene un setzen sich nur Unannehmlichkeiten aus -- und wo ich nich -gewesen bin -- Gottes Wunder, was brauch ich do den Stern und den Simon und -den Rosengarten? do geh ich selber hin. - -Gott behits noch e mol, Edde und Mämme und es grißt Eich herzlich - - Eier lieber Sohn - - _Veitel_. - - - - -Der Klöppeldistrict des sächsischen Erzgebirges. - - -Es ist seit langen Jahren, und besonders seit der Zeit, wo ich -die Vereinigten Staaten von Nordamerika kennen gelernt, immer ein -Lieblingswunsch von mir gewesen, die unglücklichen Proletarier unseres so -sehr übervölkerten Vaterlandes nach jenen fruchtbaren Gefilden der neuen -Welt hinübergeschafft und sie so ihrem fürchterlichen Elende gewissermaßen -mit einem Gewaltstreich entrissen zu sehen. Bis jetzt ist das freilich -noch ein frommer Wunsch geblieben; die Idee einer solchen Auswanderung -durchzuckte mir auch nur manchmal in form- und gestaltlosen Bildern das -Hirn, ich hatte mir selbst noch keine Rechenschaft darüber gegeben oder das -Für und Wider solcher That geprüft und erwogen. Als uns aber der wieder -und immerwieder kehrende Jammer jener Gegend stets zu neuer Hülfe und -Unterstützung rief, als ein Nothschrei nach dem andern aus den Bergen -drang, da stieg der alte Wunsch in mir immer lebendiger und kräftiger -auf und im Geiste sah ich schon die Schaaren fröhlicher Auswanderer auf -wogender See einem neuen, glücklichen Leben entgegeneilen. - -Wohl sprach ich mich jetzt gegen Freunde und Bekannte darüber aus und -suchte zu erfahren, auf welche Art ein solcher Schritt möglicher Weise -zu realisiren wäre; die Leute schüttelten aber fast Alle mit dem Kopf und -sagten einfach: »Das geht nicht -- das thut's in den Gebirgen nicht -- -der Bergbewohner klebt an der Scholle und ist nicht fortzubringen, ja kann -nicht einmal in seiner nächsten Umgebung verwendet werden; überdies sind -sie schwächlich und entnervt und würden unmöglich die schwere Arbeit des -Landurbarmachens ertragen können.« -- Und gleich danach kamen unzählige -Beispiele von Dienstmädchen, die es wundergut bei ihren Herrschaften hatten -und doch nicht aushielten, sondern wieder zurück in's alte Elend liefen, -- -von Knechten, die entweder ihrer Arbeit nicht gewachsen, oder aus anderen -Gründen nicht zu bewegen gewesen waren außer dem Gebirge auszuhalten, und -das Resultat blieb stets das nämliche: ein solcher Versuch wäre unnütz -- -die Leute hielten es nicht aus. - -Dem konnte ich nicht mehr widersprechen, denn ich kannte die Menschen ja -nicht, über die ich solches Urtheil hörte; der Gedanke ließ mir aber keine -Ruhe und ich beschloß einmal selbst hinauf zu wandern und mich an Ort -und Stelle von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen. Allerdings war es -damals gerade Winter und das Erzgebirge wird in dieser Jahreszeit von den -Bewohnern des flachen Landes gewöhnlich für eine Art von Sibirien gehalten. -Das schien mir aber auch in sofern die passende Zeit, als ich die -Familien mehr zusammenfand und mich eher davon überzeugen konnte, ob die -»Stubenhocker« auch wirklich für jede andere Arbeit untüchtig und verloren -wären. Angenehm war es mir, daß ich mit einem Spitzenhändler Hrn. H., -die Reise wenigstens zum Theil gemeinschaftlich machen konnte; ich wurde -dadurch gewissermaßen in jene Gegend eingeführt und brauchte meine Zeit -nicht mit langem Suchen zu verlieren. - -Am ersten Tag erreichten wir Eibenstock, eine aus lauter Eckhäusern -bestehende Stadt, und ich fand mich hier, wenn auch noch nicht mitten unter -ihnen, doch schon im Bereich der Unseligen, die den Titanenkampf gegen -englische Fabrikate kämpfen. - -In und um Eibenstock wohnen eigentlich mehr die Tambourirer als Klöppler, -aber auch hier hat das Elend schon seine Vertreter; bleiche abgemagerte -Gestalten, die von Morgens, bis Abends spät, über dem Stickrahmen beugen -und mit geschäftigen Händen die Erhaltung ihres Lebens, wenige Neugroschen, -zu erstreben suchen. Durch den freundlichen Eifer des Herrn Oberförster -Thiersch ist erst jetzt ein Arbeitshaus errichtet, wo die Kinder ganz armer -Eltern wenigstens in warmer Stube und bei freiem Lichte arbeiten können. -Manches arme Kind, das bis dahin bettelte, verdient doch jetzt wenigstens -etwas die Woche; aber die Preise sind heruntergedrückt, eine gute -Arbeiterin kann mit aller Noth wirklich nur wenige _Groschen_ verdienen, -und Sorge und Mangel furcht die bleichen farblosen Wangen. - -Auch eine Schwefelholzfabrick -- von lauter _Kindern_ -- ist in Eibenstock. -Hier werden Streichhölzchen fabricirt -- die gewöhnlichen Streichhölzchen -in Papierkapseln, unten mit Sand beklebt. -- Die Kapsel, die vielleicht -60 bis 80 Stück enthält, zu -- _einem_ Pfennig. Und die Kinder leben und -athmen die ganze Zeit in dem Phosphordampf -- einzelne Eltern behielten -sogar die Kleinen zu Hause, weil sie »den Geruch nicht aushalten konnten,« -den jene mitbrachten; -- die Noth zwang sie aber doch bald wieder dazu, sie -an die Arbeit zu schicken und -- sie gewöhnten sich endlich daran. - -Von Eibenstock brachte uns am nächsten Tage ein vierstündiger Marsch, oder -eigentlich mehr Spatziergang, durch prächtigen schneegefüllten Nadelwald -und malerische Schluchten und Thäler, bergauf und ab nach Breitenbrunn. -Aber schon unterwegs kamen wir durch einzelne Klöppeldörfer und die Fenster -füllten sich überall, wie sie die fremden Männer vorbeigehen sahen, mit -einer wahren Unmasse von kleinen Köpfen. Jedes einzelne Haus sah aus, als -ob es eine Kinderbewahranstalt wäre. - -Mir graute es im Anfang davor, eines derselben zu betreten; die niederen -Stuben sahen von Außen alle so dumpfig und gedrückt aus; wie erstaunte ich -aber, als ich mich endlich überwand, über die Reinlichkeit und Ordnung, die -in diesen Räumen der Noth und des Elends herrschten. Das erste derartige -Zimmer, was ich sah, war in Sosa, einem kleinen Dorfe zwischen Eibenstock -und Breitenbrunn. Mehre Familien, wie das im Erzgebirge gewöhnlich der -Fall ist, wohnten darin, und ein paar junge Mädchen waren noch mit ihren -Tambourir- und Stickrahmen aus der Nachbarschaft zum Besuch gekommen -- -d. h. nicht etwa zum Kaffee und zum Plaudern, die Armen haben keine unnütze -Zeit zu versäumen und keinen Kaffee zu trinken, sondern um gemeinschaftlich -im warmen Zimmer die mühsame Arbeit zu fördern. Nur einige von diesen -tambourirten, die übrigen klöppelten, und ich hörte hier zum ersten Male -das monotone, unheimlich raschelnde Geräusch der hin und hergeworfenen -Klöppel. - -Es waren weiche, schwächliche Gestalten, aber ihre Gesichter sahen nur -bleich, nicht kränklich aus -- die Stubenluft und die sitzende Arbeit -_lähmte_ ihnen nur die Körper- und Geisteskraft, und hatte sie noch nicht -ertödtet. -- Die unheilvolle Ursache einmal beseitigt, und nicht ausbleiben -würde die segensreichste Wirkung; nur das gutmüthige Lächeln, mit dem sie -die Fremden empfingen, hatte etwas Leidendes. Das Ganze war mir aber noch -zu neu -- ich schämte mich zu fragen, ich hielt es für Sünde, diese Armen, -Unglücklichen auch noch durch, wie sie doch jedenfalls glauben mußten, -bloße _Neugierde_ zu kränken; erst später verlor sich das, als ich Hütte -nach Hütte betrat und an den Jammer gewöhnt, endlich auch Worte fand, -seinen Grund zu erfahren, ohne mehr zu fürchten, den Gefragten wehe zu -thun. - -In Hütte nach Hütte aber fand ich dieselben Gestalten, fand ich dasselbe -Leid -- ein Dorf glich darin dem anderen, und nur manchmal, wo das Elend -seinen höchsten Grad erreicht, wo die Unglücklichen nicht allein kein Bett, -sondern nicht einmal einen Platz hatten ihr Stroh trocken hinzulegen, auf -dem sie Nachts die erschöpften Glieder ausstrecken, so daß dieses also -in den Stuben bleiben mußte, sahen dieselben unordentlich und dadurch -unreinlich aus. Die natürliche Folge davon aber ist, daß der Staub und -Schmutz ihre Arbeit unansehnlich macht, und sie nun auch noch mit den -Preisen gedrückt werden. - -Die Klöppelarbeit erfordert nämlich die größte und möglichste Reinlichkeit, -da die Spitzen nicht mehr gewaschen werden, sondern gleich von den Kissen -weg zum Verkauf kommen; die Klöppler und Klöpplerinnen haben denn auch -feine weiße Hände, ihre wohl oft zerissene und tausendmal geflickte Wäsche -ist schneeweiß, die Diele und das Hausgeräth auf das Sauberste gescheuert --- keine Spinnenwebe in der Stube, kein Schmutz unter dem Ofen oder in den -Ecken, auch das wenige irdene Geschirr -- Gott weiß es, es ist wenig genug --- reinlich aufgewaschen und an seinen gehörigem Ort. - -Rührend ist es dabei, mit welcher Liebe der arme Erzgebirger an seiner -Heimath hängt; Jeder, der mit ihm nur je in Verbindung kam, weiß Beispiele -zu erzählen, wie die Söhne und Töchter der ärmsten und elendesten Familien -doch nicht unter besseren Verhältnissen, aber von den Ihrigen getrennt, -aushalten wollten, und lieber wieder in den alten Jammer zurück flohen, -lieber das Leid zu Hause mit den Ihrigen theilten. Mir kommt das aber, was -bei diesen Menschen Heimweh genannt wird, eher wie eine Krankheit, wie eine -Angst vor, die sie in der ihnen fremden Umgebung erfaßt. Es ist das Alles -wahr, daß die Erzgebirger nicht unter fremden Leuten ausharren wollen, daß -Knechte wie Mägde guten Lohn und nahrhafte Kost verlassen und lieber an -ihren Klöppelkissen oder bei der heimischen Arbeit, aber mit den Ihrigen -doch zusammen, hungern und Noth leiden. Aber nicht Faulheit ist daran -Schuld, wie es ihnen nur zu oft aufgebürdet wird, nicht Widerwillen ist die -Schuld, den sie gegen härtere, als die gewohnte Arbeit, fühlen sollen, denn -die Klöpplerin arbeitet auch von Morgens früh bis spät in die Nacht, -und der Mann verrichtet im Sommer die gewiß nicht leichte Waldarbeit und -bestellt sein Feld. Nein, es ist einestheils die Furcht, die das Mädchen -wieder aus ihrem Dienst treibt, sich die weichen Hände zu verderben und -dann zum Klöppeln nicht mehr tauglich, für immer aus ihrem Familienkreis -ausgeschlossen zu bleiben; es ist das unbehagliche Gefühl, das den Knecht -ergreift, wenn er sich seines linkischen ungeschickten Benehmens wegen -verlacht und verachtet sieht oder auch nur glaubt, und dann in der That -nicht im Stande ist, mit seinem, durch keine gesunde Nahrung gekräftigten -Körper eben so viel und so gute Arbeit liefern zu können, als seine -Kameraden. Ist dann auch der Herr nachsichtig mit ihm, will er ihn nach und -nach gewöhnen und heranziehen, so fühlt der Erzgebirger nur zu gut, wie er -indessen von seinen Mitarbeitern verachtet wird, und muß vielleicht auch -noch rohe Reden darüber hören, daß er eben so viel ißt, eben so viel Lohn -erhält als ein Anderer und nur halb so viel dafür leistet. - -Woher kommt aber diese Weichlichkeit des Geschlechts? Woher kommt dieser -abhängige, schüchterne Charakter eines Bergvolkes? Noth und Mangel hat es -nach und nach entnervt. Die ewige vegetabilische Nahrung, und diese nicht -einmal in einem gesunden und genießbaren Zustand, hat an seinem Mark und -Leben gezehrt. Und _haben_ diese Leute denn eigentlich wirklich gelebt? -heißt das ein Leben führen? sind das mit Vernunft und Gefühl begabte Wesen, -wie sie da bei dem monotonen Klappern der hölzernen Klöppel zusammenkauern -und Woche aus und ein für wenige Groschen an einem vorgezeichneten Muster -arbeiten, nur um zu existiren? Nein, es sind nur lebendige Maschinen, die -blos da zu sein scheinen, eine gewisse Quantität Spitzen -- so und so viele -hundert Ellen -- anzufertigen, um dann wieder zu denen, die sie zu Mangel -und Jammer der Welt gegeben, in die steinige Erde gelegt zu werden. - -Und _könnten_ sie noch wirklich dabei existiren -- -- wären sie im Stande, -wenigstens so viel zu verdienen, daß sie nicht allein das Leid, nein auch -die Freude des Lebens genössen, so möchte es noch sein; aber so blieb -ihnen selbst nicht einmal Zeit in ihrer Jugend mehr als die einfachsten -Schulkenntnisse zu erwerben, denn sie müssen ja schon zu Hause, selbst als -Kinder, mit an dem ganzen gemeinschaftlichen Tagewerke schaffen, um nicht -gemeinschaftlich mit zu verhungern. Allerdings ist von der Regierung viel -für Schulen gethan, so viel vielleicht, als es für einen so ausgebreiteten -Strich des Elends möglich war; aber diesen Versuchen einer wohlthätigen -Belehrung haben die Verhältnisse selbst, und leider mit nur zu vielem -Erfolg, entgegengearbeitet. - -Die Dörfer des Erzgebirges, besonders die ärmsten, wie Breitenbrunn und -vorzüglich Rittersgrün, liegen über weite Bergflächen zerstreut und es ist -z. B. in dem letzteren Dorfe den armen Kleinen dadurch förmlich unmöglich -gemacht, bei tiefem Schnee die unten im Thal liegende Schule zu besuchen -- -selbst wenn sie, was leider nur zu oft nicht der Fall ist, Kleidung -hätten, die sie vor Wind und Wetter schützte. Aber auch wirklich den Fall -angenommen, _daß_ sie im Stande wären, die Schule, und zwar regelmäßig zu -besuchen, was haben die armen, durch ihre sonstige Umgebung in keiner Weise -angeregten Kinder dann gelernt? nothdürftiger Weise etwas Lesen, Schreiben, -Rechnen und -- Bibel- und Katechismusverse. -- Die letzteren sagten -ihnen auch am meisten zu -- das Hersagen solcher Verse und Lieder und -das einförmige Geräusch der Klöppel paßte vortrefflich zu einander, aber -dadurch zog sich der kaum entzündete Funke von Geist wieder mehr und mehr -in sich zurück, und verlöschte endlich nach kurzer Zeit in dem weiten Meer -des Elends, wo er mit dem Ringen nach einem Lebensunterhalte langsam aber -sicher versank und keine Spur mehr in den bleichen ausdruckslosen Zügen -zurück ließ. - -Welchen Begriff hat ein solcher Unglücklicher von der Welt? keinen -- er -kennt nur den Jammer der ihn umgiebt, und nicht einmal die Hoffnung kann -ihn trösten, denn was soll er hoffen? das Grab -- nur im künftigen Leben, -hat ihm sein Pfarrer gesagt, blüht der Lohn für sein _Ausdauern_ und -_Harren_ und er harrt, -- aber dauert nicht aus, denn er geht nach und nach -physisch und moralisch zu Grunde. - -In _Breitenbrunn_, wo wir bei dem dortigen Pastor Hrn. Uhlmann freundliche -Aufnahme fanden, besuchte ich Abends die Klöppelschule. Am Tag arbeiten -dort auch Erwachsene, so spät aber trafen wir nur noch _Kinder_; Kinder von -sieben bis zwölf und vierzehn Jahren, meistens Mädchen. Je sechse saßen -auf einer Art von Fußbänken um einen hölzernen Schämel herum, auf dem -eine einfache Blechlampe brannte; sie hatten nicht das Gesicht dem Schämel -zugedreht, sondern hockten von der Seite immer Eine hinter der Anderen im -Kreis, während eben so viele mit Wasser gefüllte Glaskugeln, wie sie die -Schuhmacher bei ihrer Nachtarbeit gebrauchen, den scharfen, blendenden, -aber schmalen Lichtstrahl nur eben auf den Punkt ihrer Klöppelarbeit -warfen, wo sie ihn gebrauchten. Und so sitzen diese Kinder Tag aus Tag ein; -des Morgens haben sie einige Stunden Schulunterricht, der Nachmittag findet -sie wieder im lauten Geklapper ihrer Arbeit. Spiel und Erholung kennen sie -nicht -- sie rasten nicht -- und doch -- doch rasten sie manchmal -- der -Klöppellehrer erzählte uns mit leiser Stimme, »die armen kleinen Dinger -hätten schon mehr male mit Arbeiten aufgehört und gemeint: sie könnten -nicht mehr -- _sie wären so hungrig_.« Der arme Teufel konnte ihnen selbst -nichts geben, er verdient mit seiner Frau auch nur 2½ Thlr. die Woche und -hat fünf Kinder. - -Und doch sind diese Klöppelschulen ein Segen für die Unglücklichen -- sie -haben doch wenigstens eine warme Stube und freies Licht und bekommen Geld -für ihre Arbeit. Aber nicht in allen Klöppelschulen ist das der Fall -- das -teuflische Drucksystem fängt auch im Erzgebirge wieder an aufzublühn, und -das fehlt jetzt nur noch, die Bewohner desselben ganz zur Verzweiflung zu -bringen. Fast alle die Factoren oder Verleger von Spitzen legen dort oben -noch neben ihrem Geschäft kleine Ausschnittläden an, und wenn auch Manche -brave rechtliche Leute sind, die keinen Mißbrauch damit treiben, so giebt -es doch auch wieder gewissenlose Menschen unter ihnen, welche die Noth der -Armen benutzen, nicht allein die Preise herunter zu drücken, sondern -ihnen auch noch werthlose Waare aufzudringen, mit der sie nachher Tagelang -umherlaufen müssen, um sie nur, natürlich wieder mit Verlust, anzubringen. - -Breitenbrunn wie Rittersgrün sind mit die ärmsten Dörfer des Erzgebirges; -Hunderte von armen Familien leben dort, ja das letzte Dorf besteht -fast einzig und allein, und mit nur sehr wenigen Ausnahmen, aus solchen -Unglücklichen. Die Pastoren derselben sind denn auch in der That mehr -Armenpfleger als Seelenhirten; sie müssen mehr Zeit darauf verwenden, die -Körper als den Geist ihrer Beichtkinder zusammen zu halten, denn der -Arme hat ja weiter Niemanden als gerade seinen Pastor, der ihm die ewige -Barmherzigkeit Gottes predigt -- dieser allein giebt ihm eine, wenn auch -weit hinaus geschobene Hoffnung auf ein künftiges Leben -- ach es ist die -_Einzige_, die der Unglückliche kennt, und er blickt nun vertrauend zu dem -Mann empor, der ihn zu trösten und aufzurichten sucht. - -Die Pastoren könnten hier von vielem und großem Einfluß sein, und Manche -sind es auch, andere aber wieder, und vielleicht in ganz guter Absicht, -quälen ihre Pfarrkinder noch mit dem, was eigentlich freiwillig aus -innerstem Herzen springen sollte, mit der Religion und dringen darauf, -daß »Gottes Tempel« nicht allein in »gutem Zustande« sei, sondern auch -»anständig aussehe.« In den ärmsten Dörfern, wo Hunderte von Einwohnern wie -die Schafe zusammengepfercht und in elenden Hütten, oft ohne Betten liegen, -wird das stets unter die »nothwendigsten Ausgaben« gerechnet, daß die -Kirche restaurirt werde. Sogar in Rittersgrün, wo mir der Pastor selber -sagte, daß sein ganzes Dorf wie ein einziges Armenhaus dastehe, verlangt -er zwölf- oder vierzehnhundert Thaler für die Herstellung der etwas -baufälligen Kirche, und wollte zu diesem Zweck eine Pfennigsteuer erheben. -Die Menschen können auf faulem Stroh liegen, aber der liebe Gott darf -nicht mit einem gewöhnlichen und billig hergestellten Bethaus, wie ich -es vorschlug, abgespeist werden. -- »Das Dorf kann doch nicht ohne Kirche -sein?« rief er erstaunt. Und der Mann meint es sicherlich gut, denn er -hat schon unendlich viel für die Armen gethan, wenn er auch die etwas -bevorzugt, die am regelmäßigsten zur Communion gehen und die Kirche -besuchen. - -Die Erzgebirger sind arm, aber ehrlich, Diebstähle fallen nur höchst selten -bei ihnen vor; _selten_, aber doch _manchmal_. So war ich in Rittersgrün in -einer Hütte, wo auch Gott weiß wie viel Personen in einem engen Käfterchen -zusammenstaken, die übrigens Alle zu einer Familie, wenigstens zu einer -Verwandtschaft gehörten; unter diesen saß eine schwangere Frau, vielleicht -acht und zwanzig Jahre alt -- oder wohl auch jünger, denn die Noth altert -vor der Zeit -- der liefen aber die Thränen über die Backen, als der -Pastor, der uns begleitete, ein paar Worte mit ihr sprach. Böse Menschen -(in Rittersgrün meinten sie, die Diebe müßten von der nicht fernen -böhmischen Grenze herübergekommen sein) hatten ihr vor einigen Tagen das -einzige Bett gestohlen, was sie mit ihren Kindern bis dahin getheilt. -- -Schwanger -- unausgesetzte Arbeit den Tag über, Hunger und Sorge um die -Kinder -- und nicht einmal ein Bett, auf dem sie Abends die müden Glieder -ausstrecken konnte. Vor der Thür der Hütte lagen auf dem Schnee drei -weißgewaschene Hemden zum Trocknen; weiß gewaschen waren sie wohl, aber nur -mit Mühe hielten noch die unzähligen kleinen Lumpen zusammen. - -Mit Sonnenuntergang verließen wir Rittersgrün und wanderten durch eine -Gegend, die im Sommer paradiesisch sein muß, am Schwarzwasser entlang auf -Raschau zu. - -Am nächsten Morgen trennte ich mich von meinem bisherigen Reisegefährten -und wanderte allein das Dorf entlang, der Straße nach Annaberg folgend. Ich -weiß nicht, wie die Dörfer zu anderer Zeit dreinschauen mögen; aber jetzt, -von dem weißen blendenden Schnee umgeben, sahen sie alle mit ihren blank -gehaltenen Fensterscheiben reinlich und sauber aus; der hie und da vom Eis -befreite Bach rauschte und murmelte dabei fröhlich durch's Dorf hin und -neugierige Kindergesichter blickten hie und da aus den Fenstern zu -mir herüber, immer jedoch augenblicklich wieder und blitzesschnell -verschwindend, sobald ich nur den Kopf zu ihnen hinwandte. Raschau kam -mir im Ganzen nicht so ärmlich vor, als die früheren Orte die ich gesehen, -dennoch fehlte es wahrlich nicht an den Hütten der Noth und des Elends. In -einer von diesen fand ich eine freundliche Familie beisammen -- die Mutter -mit zwei erwachsenen Töchtern und drei oder vier anderen kleineren Kindern. - -Die Leute schienen wenigstens das Nothdürftigste zu haben, die Stube war -hell und geräumig, ihr Anzug, wenn auch einfach, doch wenig geflickt und -von größter Sauberkeit, und die Kinder sahen, wenn auch bleich, doch nicht -gerade so hohläugig darein, wie ich das leider bei so vielen gefunden. -Der Mann war Bergmann und stak jetzt irgendwo in der Erde, die Frauen -aber saßen gar eifrig an ihren Klöppelkissen und förderten die klappernden -Spuhlen. Und was verdienten sie mit dieser Arbeit? -- Für drei Viertel Zoll -breite, sauber geklöppelte Spitzen bekommen sie von dem Händler für _zehn -Ellen_ fünf gute Groschen vier Pfennige, für _zehn Ellen_, an denen eine -erwachsene Person mehrere Tage arbeiten und auch noch das Leinengarn -zugeben muß. Die Leute hielten mich für einen Spitzenhändler und boten mir -ihre Waare, als ich sagte, daß ich eine Kleinigkeit zu kaufen wünsche, -um diesen Preis an. Ich kaufte an demselben Tag noch schmalere Spitzen -- -etwas über ein Drittel Zoll breit, die mir die Frau für _fünf Neugroschen -für zwanzig Ellen_ anbot. Als sie hörte, daß ich kein Spitzenhändler sei -und nur ein einzelnes Stück kaufen wollte, setzte sie dann schüchtern -hinzu: »so dürfen Sie mir schon ein paar Pfennige mehr geben -- es ist gar -wenig.« - -In Oberscheibe, links und rechts zwischen ärmlichen Gebäuden hin, sah ich -einen bleichen, krank aussehenden Mann, der mit einer Axt auf der -Schulter eben in eine niedere Thür eintreten wollte; er blieb, als er -mich herankommen sah, stehen und es kam mir vor, als ob er mich anzureden -beabsichtigte -- wenn das aber wirklich der Fall gewesen, so müßte er sich -anders besonnen haben, denn er grüßte nur und verschwand in der Thür. Der -Mann sah recht leidend aus -- er hinkte auch, wie mir vorkam -- die Männer -waren sonst alle größtentheils auswärts an irgend einer Arbeit -- ich hatte -noch wenige zu Hause getroffen und beschloß diesem zu folgen. Rasch trat -ich nach ihm in einen engen dunkeln Gang, der in den hinteren Theil des -Gebäudes führte; er blieb stehen und sah sich erstaunt nach mir um, als er -mich kommen hörte. - -»Darf ich einmal mit Euch eintreten, Freund, und einige Worte mit Euch -sprechen?« - -»Ach Gott ja,« sagte der Mann und sah mich verlegen an; »aber -- es ist gar -eng bei uns und -- und sieht nicht besonders aus --.« - -»Schadet nichts, will nur einen Augenblick bleiben -- gehe gleich wieder -fort.« - -Er öffnete eine Thür dicht vor uns und ich fand mich gleich darauf in einem -kleinen, kaum vier Schritt im Quadrat haltenden Zimmer. An dem Tisch saßen -die Frau und zwei erwachsene Töchter von etwa sechzehn und siebzehn Jahren, -rechts davon, nach dem Ofen zu noch ein paar kleinere Kinder und ein -anderes, vielleicht zwölf oder vierzehn Monate altes, lag in einem Kasten, -der ihm als Bettchen und Wiege diente. Die fürchterlichste Armuth herrschte -in diesem Gemach, nicht einmal reinlich waren die Leute im Stande es -zu halten, denn das Stroh, auf dem sie Nachts lagen, mußte in der Stube -bleiben, sie hatten keinen andern Raum dafür. Die Frauen rückten schüchtern -zusammen, als ich eintrat und der Mann schob mir einen der hölzernen Stühle -hin, von denen zwei im Zimmer standen, sonst waren Bänke an den Wänden. - -»Wie geht es Euch denn, Ihr Leute,« frug ich endlich, nachdem ich den -Jammer, der mich umgab, wenige Secunden schweigend überblickt hatte; »wie -geht es mit den Preisen, mit der Arbeit, mit den Lebensmitteln?« - -»Ih nun,« sagte der Mann seufzend und schaute gar wehmüthig ernst vor sich -nieder, »es geht _recht_ schlecht -- es kann nicht mehr viel schlechter -werden.« - -Die Frauen klöppelten eifrig fort und redeten keine Sylbe -- sie waren -so reinlich, wie das der enge Raum und das Zusammenleben mit den Kindern -gestattete, angezogen, ihre Kleidung bestand aber aus fast lauter -zusammengeflickten Lumpen. Es war ein peinliches Schweigen, das keiner -brechen mochte. - -»Sie sind wohl ein Spitzenhändler?« sagte die Frau endlich mit leiser -Stimme und wandte sich halb nach mir um -- ich verneinte es und der Mann -fuhr fast mehr mit sich selber sprechend, als zu mir gewandt fort: - -»Die Preise werden immer schlechter, die Kartoffeln sind verdorben und -- -aufgezehrt -- ich wollte es wäre Sommer, aber damit hat's noch lange Zeit.« - -»Und es ist keine Aussicht, daß die Preise wieder steigen.« - -»Wenn sie nur einmal in England aufhörten Spitzen zu machen,« murmelte der -Mann; »die Engländer haben doch viel auf dem Gewissen.« - -»Aber Ihr wollt es ja auch nicht anders haben?« sagte ich jetzt; »warum -hört Ihr nicht auf, warum klebt Ihr hier in den Bergen und zieht nicht -fort, weit fort, wo es andere Arbeit und etwas zu verdienen giebt; lieber -Gott, wenn Niemand Eure Spitzen mehr kaufen will, weshalb macht Ihr sie -denn noch unausgesetzt und verhungert und verkommt dabei?« - -»Fortziehn?« rief der Mann und sein Gesicht nahm eine etwas lebhaftere -Farbe an; »fortziehn? ach Du guter Herr Gott, ja, wohin es ist und wenn's -nach Amerika wäre -- überall hin, wo wir nur nicht verhungern -- aber -wovon? fort _betteln_ kann man sich doch nicht mit Weib und Kind, und das -wäre die einzige Art, wie man daran denken könnte.« - -»Aber warum gehn Eure Töchter nicht in irgend einen Dienst, sie kämen aus -der Noth heraus und könnten etwas mehr verdienen.« - -Die Mutter schüttelte mit dem Kopfe. - -»Ja,« sagte sie, »aus der Noth kämen sie heraus, was aber kriegt so ein -armes Ding, das weiter nichts gelernt hat als Klöppeln, für einen Lohn -- -es könnte selber nur nothdürftig davon leben, und hier zu Hause ging es -nur noch schlimmer, wenn die großen Mädchen fort wären, die doch jetzt noch -etwas verdienen -- mein Mann ist krank, und wenn ich's auch von Herzen gern -wollte, ich _kann_ die übrigen Kinder nicht alle von den zehn oder zwölf -Groschen erhalten, die ich die Woche verdiene. Und dann, wenn sie's nun -nicht draußen aushielten, oder wenn ich auch krank würde und sie zurück -müßten, dann haben sie sich ihre Hände zum Klöppeln verdorben und wovon -_dann_ leben? Aber ich sehe schon, es wird doch nichts anderes übrig -bleiben, wenn nur der Winter erst vorbei ist, dann mögen sie hinaus gehen -und sehen, wie's der liebe Gott mit ihnen fügen wird.« - -»Ach ich ginge ja so gern,« flüsterte die Aelteste und sah mit stierem -Blick auf ihr Klöppelkissen, »wenn ich nur einen Dienst wüßte, wo ich gut -behandelt werde, -- an mir sollt es nicht fehlen.« - -»Sie sind gewiß ein Spitzenhändler?« sagte die Frau noch einmal und blickte -mich dabei halb schüchtern an. - -Ich sah mich in der Stube um -- neben dem Ofen standen mehrere Töpfe, aber -alle leer, -- keine Spur von Lebensmitteln war im Zimmer und doch verrieth -die ganze Umgebung, daß dieser eine Raum ihr Alles umschloß, was sie das -Ihre nennen konnten. - -»Habt Ihr kein Brod Ihr Leute?« - -»Nein,« sagte er kopfschüttelnd; »wir haben bis jetzt von Kartoffeln -gelebt.« - -»Aber Brod ist dieß Jahr so billig.« - -»Ach ja,« erwiederte der Mann, -- »es ist viel billiger als voriges Jahr, --- aber -- wir sind hier gar viele Mägen.« - -Das kleine Kind fing an zu schreien; die Mutter stand von ihrer Arbeit auf, -nahm es in die Höhe und schaukelte es auf dem Arme, -- in der Stube konnte -sie nicht auf und ab mit ihm gehen, der Platz, wo sie stand, war der -einzige freie Raum. Ich mochte den stillen Jammer nicht mehr länger -ertragen, stand auf, legte etwas Geld auf den Tisch und wollte fort. - -»Da -- kauft Euch Brod,« sagte ich, -- »es wird schon einmal eine bessere -Zeit kommen.« - -Der Mann sah überrascht das Geld an und griff nach meiner Hand; -- bis -dahin war keine Klage weiter, -- keine Bitte um Unterstützung über seine -Lippen gekommen, jetzt aber brach sich der gewaltsam zurückgehaltene Jammer -Luft und die Thränen stürzten ihm aus den Augen. - -»Wir haben seit gestern Mittag keinen Bissen gegessen,« flüsterte er, -- -»mein Bein ist offen und entzündet, aber ich war eben aus, Arbeit zu suchen -um nur ein paar Groschen für Brod zu bekommen, vergebens --.« - -Es war noch viel, viel, was er sagte und auch die Frauen fingen an zu -weinen; -- bis jetzt hatten sie sich vor dem Fremden gescheut, nun war das -Eis gebrochen und ihr Schmerz ließ sich nicht länger zurückdämmen. Das Kind -schrie auch mit hinein in diesen Jammer, aber die Mutter drückte es freudig -an die Brust. -- - -»Sei ruhig mein Herzchen, Du bekommst jetzt Brod --.« - -Ringsum steigen freundliche Berge empor, dunkelgrüne Waldesschatten -schmiegen sich an die breitlehnigen Kuppen an, -- weite, im sonnigen -Lichte blitzende und funkelnde Schneeflächen decken die Halden und leichte -durchsichtige Nebelwolken ziehen sich wie duftige Schleier am scharfen -Abhang der Schluchten hin. Munter sprudelt der Bach dazwischen durch und -das blaue ätherreine Firmament umschließt wie mit liebenden Armen das -herrliche Land. Der Habicht streicht in langsam bedächtigen Kreisen über -die Flur, -- die Krähe sitzt gesättigt oben in den Zweigen des Apfelbaumes -und wetzt an dem rauhen Aste den Schnabel -- und der Mensch? -- - -Geht in die Hütten und seht wie sie zusammenkauern; hebt den Deckel von dem -irdenen Topfe, der in der Röhre steht und einen widerlich dumpfigen Geruch -verbreitet; -- aus was besteht die Nahrung, die sich der Erzgebirger -zusammengeknetet hat, sein und der Seinigen Leben zu fristen? Faule, kranke -Kartoffeln zu Muß gedrückt und mit etwas schwarzem Mehl angerührt, -- Salz -hat er nur selten, -- etwas Häringslauche muß dem Stoffe eine Art Geschmack -geben, und _will_ er verschwenderisch sein, so vertritt Lampenöl die -Stelle des zu theuren Fettes. Und das sind Menschen, -- denkende, fühlende -Menschen, von Gott mit denselben Anrechten an dieses Leben ausgestattet, -wie wir selbst, das sind Menschen, die hier rettungslos ihrem sicheren -Verderben entgegengehen. Rettungslos, wenn nicht bald etwas geschieht, sie -dem fürchterlichsten Elend zu entreißen. - -Die Klöppelarbeit ist kaum noch im Stande ihr elendes Leben zu stiften, und -in den englischen Spitzenmanufacturen ihnen ein Feind erstanden, mit dem -sie den verzweifelten Kampf um die Existenz nur noch wenige Jahre werden -bestehen können. Die Preise der Spitzen fallen wirklich jährlich, und es -ist Thatsache, daß die Leute im Gebirge in diesem Jahr (1848), trotz des -_billigen_ Brodes, doch nicht _mehr_ für ihre Arbeit bekamen, als das -vorige. Die Leute vegetiren also dieses Jahr eben so wie das vorige; wie -aber nun, wenn wiederum, was doch jeden Augenblick geschehen kann, eine -neue Theuerung die Brodpreise hinauftreiben sollte? Die Arbeitspreise -steigen _nicht_ wieder, und die Klöppler sind dann einem Verderben nahe, -dessen Ahnung schon jetzt ihr Herz mit Schrecken erfüllt. - -»Wenn das Brod wieder theuer wird, müssen sie uns todtschlagen,« sagte ein -junger bleicher Bursche, der in Scheibenberg auf einer Hobelbank saß und -faule Kartoffeln kaute. -- Es liegt eine fürchterliche Wahrheit in den -Worten, _man kann doch die Leute nicht langsam verhungern lassen_. - -»Aber warum verlassen sie das Gebirge nicht?« -- rufen die Tausende -- -»warum gehn sie nicht in's flache Land -- im Gebirge selbst und in der -nächsten Nachbarschaft müssen die Bauern baierische Dienstboten nehmen, -weil die Gebirger nicht aushalten, selbst an den Wegen, die der Staat hat -fast nutzlos anlegen lassen, nur um den Unglücklichen zu helfen, haben sie -nicht länger arbeiten mögen -- sie _wollen_ ja zu Grunde gehen -- warum -ergreifen sie nicht etwas Anderes, wenn das alte Geschäft nicht mehr geht?« - -Dort ist Jemand in einen Fluß gefallen -- er schlägt mit Armen und Füßen -um sich -- aber er sinkt -- er hebt sich noch einige Mal -- dreht sich eine -Zeit lang auf derselben Stelle im Kreise herum und sinkt immer und immer -wieder. »Warum schwimmt der Mensch nicht -- er braucht ja nur mit Armen und -Beinen gleichmäßig auszutreten, -- nur gerade so, wie es ihm die Leute, -die da in Herzensangst am Ufer stehen, vormachen -- er braucht nur den -Kopf dann zu heben und dem nächsten Ufer zuzuarbeiten, so kann er ja nicht -untergehen.« -- Ei ja wohl, wäre ihm das in seiner Jugend gelehrt, so -könnte er das allerdings -- wüßte er, _wie_ er seine Kräfte gebrauchen -soll, er würde auch nicht untergehen; aber die Leute am Ufer, die alle auf -ihn einschreien und ihm zuwinken, kleine Stückchen Holz nach ihm werfen, -auf denen er sich einen Augenblick ausruhen soll, machen ihn nur noch mehr -irre und bringen ihn ganz außer Fassung. -- _Guter Rath_ und _schwache_ -That kommen hier zu spät, hier bedarf es eines _kräftigen_ Mittels, das -ihm die Hand reichen und vom Verderben zurückreißen muß, dem er sonst im -nächsten Augenblick zu erliegen droht. - -Der Erzgebirger ist entnervt und erschlafft, aber weniger noch an -körperlichen, als an geistigen Kräften; jetzt geschieht allerdings was -möglich ist, um nur in etwas seine Energie zu wecken; die Schulen werden -überall vermehrt und verbessert, man sucht die Einzelnen ihrem Jammer zu -entziehen und mit dem wirklichen Leben bekannt zu machen, bedeutende Summen -werden vom Staat und von Privaten daran gewandt, der augenblicklichen Noth -zu steuern -- aber es ist auch nur die augenblickliche Noth, und solche -Hülfe genügt nicht mehr allein. Die Wunde, die vielleicht in früherer -Zeit mit leichten Umschlägen und Salben geheilt gewesen wäre, ist -jetzt geeitert, der Brand ist hinzugetreten und jede Verzögerung einer -ernstlichen Cur macht sie nur noch schmerzhafter und noch gefährlicher. -Dem Erzgebirger sind seine Berge die Welt; kommt er in das flache Land, so -stellt er sich linkisch und ungeschickt an, -- aber das ist's nicht allein --- durch eine Nahrung, wie sie bei uns kein Hund verzehren würde, ist er -auch schwach und kraftlos geworden. Haben ihn auch nun wirklich Bauern -als Knecht einmal angenommen und ihm denselben Lohn, wie ihren andern -Arbeitern, gegeben, so vermochte er natürlich nicht von allem Anfang so -auch zu arbeiten, das Alles zu leisten, was jene wirklich leisteten. War -dann auch der Herr vernünftig und gutmüthig genug, das Alles nachzusehen, -wollte er den Unglücklichen eher zurechtweisen als einschüchtern, so fand -dieser dagegen bei seinem ihm fremden _rohen_ Cameraden -- denn unsere -Arbeiter sind _leider_ in der Mehrzahl roh -- keine so freundliche -Gesinnung. Wer das Verhältniß der Knechte und Dienstleute zu einander -kennt, wird mir recht geben; erst verspotten sie den Fremdling, besonders -wenn er sich etwas täppisch und unbeholfen zeigt, oder gar nach einem -anderen Dialekt redet, und machen sich über ihn lustig, äffen ihm auch wohl -die Worte nach; dann aber auch murren sie und werden gehässig, wenn ein -Anderer, der mit ihnen auf gleicher Stufe steht und dieselben Pflichten hat -wie sie, nicht auch alles das leisten kann oder wirklich leistet, was man -von ihnen selbst fordert. - -Der Erzgebirger aber, nur in seinem innersten Familienkreise aufgezogen -und groß geworden, ist zu weichlich, zu schüchtern, dem Allen begegnen zu -können, die geistige Energie fehlt ihm, jetzt einmal doch zu zeigen, daß er -ein Mann ist und den _Feind_, der sich ihm zeigt, zu bekämpfen. Nein, das -Heimweh faßt ihn nach seinen Bergen; dort mußte er wohl hungern und Noth -leiden, aber dort lachte ihn auch keiner aus, dort war er nicht verspottet -und verachtet. Der geringe Funke von Geist, der noch in ihm schlummerte, -wurde dort nicht mit Füßen getreten, und zurück flieht er mit aller Hast -und Angst zu den Seinen und theilt lieber Jammer und Elend mit ihnen. -Ebenso, nur in einem fast noch stärkeren Grade, war es mit den Mädchen, -die sich in's flache Land ausmiethen wollten. -- Nichts auf der Gotteswelt -haben sie daheim gelernt, als ihre Klöppel zu führen und höchstens einmal, -und selbst das noch mangelhaft, ihre Kleider auszubessern und herzurichten --- jetzt auf einmal verlangt man lauter fremde unbekannte Sachen von ihnen, -und dieselbe Scheu treibt auch sie zu den Ihren zurück. - -Wohl wäre es vielleicht auch jetzt noch Zeit, auf die Jugend mit allen -nur zu Gebote stehenden Mitteln einzuwirken, daß wenigstens diese einer so -fürchterlichen und gefährlichen Lethargie entrissen wird, -- es muß sogar -wirklich geschehen, wenn nicht der ganze Stamm doch verderben soll. -- Die -Unglücklichen haben sich aber gegenwärtig dem Abgrund, der sie verschlingen -muß, so fürchterlich genähert, daß -- und zwar rasch und ohne Zögern -- -etwas Gewaltiges, etwas Durchgreifendes geschehen muß, wenn nicht _jede_ -Hülfe zu spät kommen soll. - -Jener fürchterlich übervölkerte Gebirgsdistrikt, dessen Bewohner mit einer -Hartnäckigkeit an ihrer Beschäftigung hängen, die der der Schaafe gleicht, -wenn sie, befreit, in den brennenden Stall zurückstürzen -- jener Distrikt -muß gelichtet und auf eine Art gelichtet werden, die den Zurückbleibenden -Luft giebt und ihnen freier zu athmen gestattet. Durch keine bürgerliche -Hülfe kann dies aber allein geschehen, und wäre sie auch zehnmal größer, -als sie Sachsen zu bieten vermag. Der _moralische Trieb_ dieser Menschen -muß geweckt werden, und nur dann ist es möglich, an eine wirkliche Rettung -derselben zu glauben. - -Das ist aber wieder nur durch eine _Auswanderung_ möglich, und nicht -etwa durch die Auswanderung Einzelner, die immer nur auf ihren engen -Familienkreis zurückwirken, nein, durch die vom Staate selbst geleitete -Auswanderung von _Tausenden_, für die man in den Vereinigten Staaten von -Nordamerika eine neue Heimath gründet. _Zwanzigtausend Menschen_ müssen -übersiedelt werden, oder _Hunderttausende_ gehen rettungslos zu Grunde. Wie -das geschehen könne, ist hier nicht Raum genug zu erörtern, aber dadurch -wird nur die Möglichkeit hergestellt, erstlich für den Augenblick die -zwanzig Tausend der Noth zu entreißen und den Zurückbleibenden in den -ersten Jahren eine Concurrenz zu nehmen, die sie freier aufathmen läßt. -Abgerechnet von all dem materiellen Nutzen, den eine solche That für -Gehende und Bleibende haben muß, von dem Lande, was frei wird, von den -gewonnenen Producten, die nicht mehr in die kleinsten Atome vertheilt -werden müssen, von den gelieferten Arbeiten, die jetzt doch wenigstens -regelmäßig ihre Käufer finden, wenn sie auch keinen höhern Preis erreichen --- abgesehen von alle diesem ist es aber besonders der _moralische -Einfluß_, den eine solche Auswanderung auf den übrigen Theil der Gebirge -üben wird und muß. Bis jetzt erschien ihnen selbst das außer ihrer nächsten -Umgebung Liegende wie eine fremde Welt -- daß man ohne Klöppeln existiren -konnte begriffen sie nicht -- selbst die Einzelnen, die es tollkühn -versucht hatten, in das »Ausland«, nach Leipzig, Dresden, ja selbst -Chemnitz zu gehen, kamen fast sämmtlich wieder zurück und kauerten lieber -an ihrem Klöppelkissen -- da hatten sie den Beweis -- es ging draußen -für sie nicht an -- sie gehörten nicht da hinaus und mit ängstlicher -verderblicher Scheu hielten sie selbst ihre Kinder davon zurück. Dann aber -wäre die Bahn gebrochen -- Tausende sind plötzlich über tausend Meilen -weit, über das Meer sogar, nach einem fremden Lande gezogen -- der Gebirger -hat auf das Aeußerste gespannt -- in Angst und Sorge um die Tollkühnen, -einer Nachricht von ihnen gelauscht -- da plötzlich treffen Briefe auf -Briefe ein -- in alle Theile des Gebirges zweigen sie aus -- solche -Schreiben laufen von Hand zu Hand, jede Familie drängt sich herzu, wenn der -Vater oder Schullehrer die ersehnte Kunde meldet, und eine neue Welt geht -plötzlich vor ihren Augen auf, als sie das Jubelgeschrei der Ihren aus der -Ferne hören -- als sie mit Staunen und Verwunderung hören, daß Jene nicht -mehr zu hungern und zu frieren brauchen, daß sie mit mäßiger Arbeit einen -Ueberfluß von Nahrung und Kleidung verdienen können und jetzt zum ersten -Male steigt der _freiwillige_ und durch nichts anderes geweckte Wunsch in -ihrer Brust auf -- »könntest Du dorthin.« - -Mit dem Wunsche aber denkt der Gebirger auch schon an die Möglichkeit der -Ausführung, und jetzt, jetzt ist die Zeit gekommen, seinen verkümmerten -Geist mit allen Waffen der gesunden Vernunft anzugreifen und aus seinem -Traume mit aufrütteln zu helfen. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo dem im -alten Schlamme noch Versunkenen der Fortschritt der Welt gezeigt und -er selbst zum thätigen Mitwirken daran aufgefordert werden muß. Aeußere -Umstände kommen dann noch dazu, die Einwirkung zu vermehren; bis dahin wird -das Klöppeln durch die sich immer mehr verbessernden englischen Spitzen -fast ganz vernichtet und zu Grunde gerichtet sein; der Gebirger, aus seinem -Stumpfsinn erwacht, sieht auf der einen Seite seinen alten Erwerbszweig, -an den er wie an ein Evangelium geglaubt, zerstört, auf der anderen dagegen -Sachen möglich gemacht, die er bis dahin nur für tolle Märchen gehalten, -und er wird dann, wenn der alte Zauber erst einmal gebrochen, auch nicht -allein ein Mensch werden, sondern was noch viel wichtiger und für ihn -nothwendiger sein muß, _fühlen_, daß er wirklich ein Mensch _ist_. - -Der dortigen fürchterlichen Noth kann auf keine andere Art möglicher Weise -abgeholfen werden -- eine Auswanderung ist meiner Meinung nach das Einzige. -Mag aber da der Staat nicht durch eine scheinbare Verantwortlichkeit -zurückschrecken, eine Verantwortlichkeit, die nur in der Idee existirt. -Bei einer Auswanderung werden wohl Manche sterben, Manche dort, statt der -gehofften Heimath, ein _Grab_ finden; hier aber gehen die Leute _gewiß_, -und wie die Aussicht jetzt ist, alle zu Grunde. Jenes sind dann auch nicht -Folgen der Auswanderung, nein, es sind noch die Folgen des fürchterlichen -Elends, das hier ihren Körper aufgerieben und vergiftet -- der Keim des -Todes ist es, der hier schon durch widernatürliche Nahrungsmittel und -Lebensart gepflanzt und gepflegt wurde. Und was für ein Unterschied -zwischen dem Tode eines Vaters _dort_ und _hier_. Dort weiß er die Seinigen -versorgt, oder die Hoffnung versüßt wenigstens seine letzten Stunden -- ein -gemeinsames Unternehmen hat sie in seinen Schutz genommen, er fühlt, daß -sie nicht hülflos untergehen werden -- und hier? -- wenn er hier stirbt --- wenn er noch einmal auf die bleichen elenden Gestalten sieht, die sein -hartes Lager umstehn -- wenn er weiß, _wie_ er sein ganzes Leben verbracht -hat, weiß, daß all die Seinen auch nur Aehnliches, vielleicht jetzt noch -größeres Elend erwartet -- muß ein solcher Augenblick nicht alle Qualen der -Hölle in sich schließen, und kann da noch von einer Verantwortlichkeit -die Rede sein? Nein, wahrlich nicht, die alte Generation wird freilich -aussterben, ohne viel Heil und Segen von der Uebersiedelung gehabt, ohne -die Vortheile alle genossen zu haben, die man für sie beabsichtigte; aber -die Kinder, die hier nur dem sicheren Elend entgegen gingen, sind gerettet. -Der Erzgebirger, der den Anwuchs seiner Familie bis dahin nur als einen -Fluch betrachtete und betrachten _mußte_, sieht plötzlich, daß er ihm dort, -in den freien Wäldern einer neuen Welt zum _Segen_ wird. Die erzgebirgische -Mutter, die bei dem Tode eines Kindes wohlhabender Eltern mit stierem -Blicke sagte: »_Mir stirbt keins!_« findet Brod für die Kleinen, und die -natürliche Liebe, die durch Noth und Elend gewaltsam erstickt worden, wacht -wieder auf in ihrem fast erkalteten Herzen. - -Auch _der_ Einwand kann keine Geltung finden, daß die Armen zu schwach und -entkräftet wären und die schweren Arbeiten des dortigen Ackerbaues nicht -aushalten würden. Die Erzgebirger, wenigstens ein großer Theil derselben, -arbeiten hier auch in Wald und Feld und würden mit Freuden noch mehr -arbeiten, wenn sich ihnen nur die Gelegenheit böte. Ist er aber auch -schwach und entkräftet, so sind das nur ganz natürliche Folgen seines -elenden Lebens, die sich mit einer Aenderung desselben ebenfalls ändern -werden. Und gehört denn nicht wirklich eine Riesennatur dazu, eine solche -Noth so lange Jahre hindurch zu _ertragen_? Ueberdies sollen solche -Uebersiedelten im Anfang, und ehe sie sich ganz erholt und gekräftigt -hätten, aber auch gar keine so übermäßig anstrengenden Arbeiten verrichten, --- sie sollen in den ersten Jahren nur so viel bauen, als sie zum -einfachsten Leben, aber an gesunder nahrhafter Kost brauchen, und -Gott weiß, sie brauchen wenig genug. Mit der Zeit mögen sie dann an -Verbesserungen, an den Absatz ihrer Producte und an die Zukunft denken, -dann werden sie auch im Stande sein, derartige Pläne nicht allein -auszuführen, sondern auch _fassen_ zu können -- früher, wo ihnen die Kraft -und Fähigkeit sowohl zum Einen wie zum Andern fehlt, haben sie das gar -nicht nöthig. - -Schafft sie nur erst hinüber, die Unglücklichen, gebt ihnen nur erst -die Gelegenheit, sich emporzuraffen, wählt nur das rechte Mittel, sie zu -_Menschen_ zu machen, und sie werden Euch beweisen, was sie vermögen. -- -Heil und Segen wird dem Unternehmen folgen, aber mit Ernst muß es auch -angegriffen werden, mit Lust und Liebe zur schönen That, und starke Opfer -dürfen nicht gescheut werden, dann aber läßt sich auch wirkliche Hülfe, -nicht eine bloße Galgenfrist bleichen Hungertodes erwarten, und der alte -Krebsschaden, der jetzt an unserm schönen Sachsenlande zehrt und nagt, wird -endlich einmal, so bald die kranken Theile herausgeschnitten sind, heilen -und gesunden. - -Mir war von all dem Elend so weh geworden, daß ich kaum weiß, wie ich diese -Hütte verließ, und doch fand ich in vielen andern, die ich an diesem Morgen -noch besuchte, immer nur dasselbe Leid, denselben Jammer, der wie ein -düsteres Trauertuch das ganze Land bedeckte. Und doch _leben_ diese -Menschen noch -- wo nur noch eine Aussicht auf Existenz blieb, da schien -auch die Hoffnung nicht ganz erstorben zu sein -- sie kannten den Umfang -ihres Elendes selbst zu wenig, und eine _Voraussicht_ auf die Zukunft haben -diese Menschen nicht, sie sind wie unmündige Kinder und müssen auch wie -solche geführt werden. -- An den meisten Orten war aber der Jammer doch -schon so groß und nachhaltig gewesen, daß sie auf meine Fragen, ob sie -denn die Gebirge verlassen würden, wenn sich ihnen eine Aussicht böte, mit -thränenden Augen und wie schon früher antworteten: - -»Ja -- ach Gott, ja -- nur nicht verhungern!« - -Und auch ich rufe das: -- Fort mit den Unglücklichen -- fort mit ihnen nach -einem Orte, wo sie _nicht verhungern_. -- Was nützen die Palliativmittel, -mit denen wir uns vorlügen, wir hätten eine Noth gelindert, einen Schmerz -gestillt? Der flüchtige Moment war es, den wir beschwichtigten, und der -nicht einmal, denn in dem nämlichen Athemzug erwacht auch schon die Angst -für die nächste Stunde. Ernste, durchgreifende That muß hier reifen -und schnell reifen, wenn nicht die nächsten Jahre schon auf ein Elend -herabsehen sollen, wie es uns aus den Bergen Oberschlesiens in scheußlichem -Hohn entgegengrinste -- mit dem Angstgeschrei der Sterbenden mischt sich -dann ihr Fluch und _die_ Verantwortung dann wäre fürchterlich. - -Doch genug von all diesem entsetzlichen Jammer -- mir schnürte er die Brust -zusammen, und ich floh, so schnell ich konnte, zurück in's flache Land. -- - - - - -Die Otter-Jagd. - - -Die Zeiten, die schönen Zeiten sind vorüber, wo der Mann noch auf männliche -Art sein Vergnügen suchte; wo er mit Speer und Messer, mit Wurfgeschoß oder -Büchse den Wald durchstreifte, den Bär im eigenen Lager angriff, und dem -Eber auf schäumendem Rappen durch Dickicht und Unterholz folgte. - -Die schönen Zeiten der edlen, männlichen Jagd sind vorbei; jetzt höchstens -gehn die jungen Herren mit Jagdfrack nach neuestem Schnitt, und sauberen, -eng anschließenden Kamaschen, die Hände in einem Muff, den Hals dicht und -warm in wollene Shawls eingeschlagen, hinaus und stellen sich an (und Gott -weiß es, _wie_ sie sich manchmal dazu anstellen). Die Bauern müssen ihnen -dann das arme, unglückliche, verrathene und verkaufte Wild herbeitreiben, -und wenn kein Unglück passirt, das heißt, wenn der Hahn wirklich -aufgezogen, oder die Sicherheit nicht vorgeschoben, oder die Flinte nicht -verladen, oder das Zündhütchen nicht »schändlicher Weise« herabgefallen, -oder die Brille verloren ist, der Gewehrriemen nicht »gerade als man zielen -will« über dem Lauf liegt, oder der Schuß nicht nachbrennt, als man das -Wild »so herrlich auf dem Korn hatte«, oder der Hase zu weit oder zu -schnell läuft, oder wenn tausend andere Oder und unvorhergesehene Zufälle -nicht dazwischen kommen und besonders das Haupt-Oder -- ihnen keinen Strich -durch die Rechnung macht, wenn sie nämlich nicht effectiv fehlen -- dann -schießen sie wohl ihr Häschen oder ihre unglückliche Ricke, die sie in -der Eile, »weil sie nicht aus den Büschen heraus _wollte_«, für einen Bock -angesehen haben. - -Das nennen sie nachher Jagd. - -Die Otterjagd ist vielleicht die einzige, der, in England wenigstens, bis -auf unsre Tage viel Eigenthümliches und Kräftiges geblieben. - -Noch halten sich manche Edelleute ihre Ottermeuten und verfolgen Tage -lang mit einer, unsren Jägern gewiß unbegreiflichen Mißachtung jeder -Feuchtigkeit das flüchtige Thier durch Bäche und kleine flache Ströme; ihre -Blüthenzeit ist aber auch vorüber, und wirklich interessante Jagden werden -mit jedem Jahre seltener. - -Der Pomp und die Umständlichkeit der alten Jagden gaben an sich schon dem -Ganzen einen eigenthümlichen Reiz, und die Otterjäger hatten nicht allein -ihre verschiedenen Sitten und Gebräuche, sondern auch eine ganz besondere -Tracht. Ihre kurzschößigen Jacken waren grün, mit Scharlach, ihre -Pelzmützen mit Goldbändern besetzt, und mit Straußenfedern geziert. -Stiefeln, ziemlich nach Art unsrer jetzigen hohen Wasserstiefeln, reichten -bis zu ihren Hüften hinauf, und trugen oben goldene oder silberne Franzen. -Ihre Speere zeichneten sich ebenfalls durch ihre reichen Verzierungen -und ihre geschnitzte Arbeit aus, und der Anblick eines Zuges vollständig -ausgerüsteter Otterjäger war zu gleicher Zeit so pittoresk als imposant. -Mit der Verringerung der Ottern hat aber auch zu gleicher Zeit ihre Jagd -sich vereinfacht, doch war selbst noch zu Ende des letzten Jahrhunderts -die Otterjagd in England eine der betriebensten und volksthümlichsten. -Regelmäßige Ottermeuten wurden gehalten, und die Landleute schienen -damals von ihren Otterspeeren so unzertrennlich, wie jetzt von ihren -Spazierstöcken. - -Zu eben dieser Zeit war übrigens der Otterspeer einfacher als er jetzt -ist, und er bestand nur aus einer gewöhnlichen, geraden Eschenstange mit -einfachen oder doppelten Harpunen oder Pfeilspitzen. Jetzt hat eine -neuere und wohl auch zweckmäßigere Erfindung den gewöhnlichen Widerhaken -verdrängt, und die Stahlspitze ist so gearbeitet, daß sie erst dann, -wenn in den Körper des Thieres getrieben, zwei Haken ausläßt, die es dem -verwundeten Otter unmöglich machen, sich von der tödtlichen Waffe wieder zu -befreien. - -Ich will dem Leser eine solche Otterjagd beschreiben. - -Es hatte sich eine Gesellschaft von sieben Jägern zusammengefunden, um in -einem kleinen Flusse, Namens Tiesie, eine am vorigen Abend durch den Squire -selbst aufgefundene Otterfährte zu verfolgen und wo möglich den schlauen -Fischdieb zu erlegen. Der Tiesie läuft eine lange Strecke durch flaches, -etwas sumpfiges Land, dort aber, wo er zuerst seinen Lauf in wenn auch -niedere, aber dennoch seine Ufer steil begrenzende Hügel lenkte, hatte Mr. -Halway die Spuren entdeckt, und als am nächsten Morgen die Gesellschaft -mit ihren Speeren und einer tüchtigen Meute Hunde den Platz erreichte, -bezeugten mehrere frische Gräten, die an der linken Uferbank unter einer -kleinen Lindengruppe lagen, seine Nähe. - -Die Hunde wurden, kaum den Platz erreicht, schon unruhig, und Nell und -Boney, ein Paar ausgezeichnete Otterfänger, schienen es besonders auf -ein kleines Schilfdickicht abgesehen zu haben, das sich der Lindengruppe -gegenüber befand. - -Halway stimmte dafür, daß ein Theil der Jäger hinüber an's andere Ufer -waten, und dort die Hunde unterstützen solle, es war aber noch beim Beginn -der Jagd und Alles -- _trocken_, und da meinten denn Mehrere: »der Otter -sei wahrscheinlich an dieser Seite«, wo ja auch die Gräten alle lagen und -die meisten Spuren waren; der gegenüberliegende Platz blieb also von den -Jägern unbesetzt, und am hohen Flußrande hingehend munterten sie durch -Zurufe und den fröhlichen Jagdschrei die immer hitziger und eifriger -werdenden Hunde auf, den Feind zu finden, damit sie ihn mit ihren Speeren -verfolgen und erlegen könnten. - -»S'ist nur ein Glück,« meinte Dickson, einer von Halway's Nachbarn, »daß -sich der Otter nicht ein Paar hundert Schritte weiter oben aufhält, der -kleine See dort würde alle unsre weiteren Versuche, seiner habhaft zu -werden, unnütz gemacht haben, denn der Grund ist so schlammig, daß es -wahrhaftig mit Lebensgefahr verknüpft ist, sich nur bis an die Knie -hineinzuwagen.« - -»Hahaha« lachte Merville, »davon weiß Dickson eine Geschichte zu erzählen. -Als wir das letzte Mal hier waren, stak er in dem Sumpfe drinnen und unsrer -Sechse haben mit Stricken und Seilen wohl eine Viertelstunde lang gezogen, -bis wir ihn wieder heraus und auf's Trockene brachten.« - -»Ha -- was hat Nell dort?« rief Blower -- ein anderer Gutsbesitzer aus der -Gegend -- »Wahrhaftig, Halway, ich glaube, Ihr habt Recht, der Otter sitzt -da drüben, ich werde hinüber waten.« - -Er war im Begriff, seinen Entschluß augenblicklich in's Werk zu setzen, -aber zu spät. Der Otter hatte wirklich in jenem Schilfdickicht gelegen -und wahrscheinlich die um ihn herumsuchenden Hunde vorbeilassen, und dann -zurück zu dem schützenden See schwimmen wollen, wo jede weitere Verfolgung -vergeblich gewesen wäre, das wurde aber durch die Aufmerksamkeit Boney's, -der durch derartige Kunstgriffe schon mehrere Male getäuscht worden und -nicht gesonnen schien, sich auf's Neue anführen zu lassen, vereitelt, -denn er und Nell hielten sich fortwährend ziemlich hoch im Schilfe, und -überließen es den anderen Hunden, den schlauen Feind aufzustöbern und -flüchtig zu machen. - -Dieser sah auch kaum, wie jeder Versuch, das tiefe Wasser zu erreichen, -vergeblich war, als er das dichte Schilf verließ und, über den hier mehrere -hundert Schritt breiten Wasserspiegel hinwegschwimmend, erst entschlossen -schien, den Fluß mit aller nur möglichen Schnelle stromab zu gehen, dann -aber wieder links einbog und in einem rechten Winkel eine seichte Stelle -erreichte, wo das Wasser etwa drei Fuß tief, den Hunden nicht erlaubte -Grund zu fassen, und der Otter selbst, unter dem dichten Wurzelwerk und -Rohr verborgen, vor ihnen geschützt blieb und auch dann und wann, ohne -fürchten zu müssen entdeckt zu werden, an die Oberfläche kommen und Luft -schöpfen konnte. - -»Hier hilft kein Zaudern mehr« schrie aber Halway jetzt, selbst bis unter -die Arme in das Wasser springend -- »von dort heraus bringen ihn die Hunde -nicht, und wenn wir nicht mit unsren Speeren die Bestie heraustreiben, so -können wir die Jagd nur aufgeben.« - -Merville sprang dicht hinter ihm her, und auch Blower folgte, Dickson aber, -als er die drei der Stelle zu waten sah, während die Hunde einen Heidenlärm -vollführten und bellend und winselnd ihren Herren nachplätscherten, dachte -bei sich, daß zum Vortreiben vollkommen genug Menschen im Wasser säßen, -suchte sich daher eine seichte, kaum wenige Zoll tiefe Stelle aus, und -schritt an das andere Ufer hinüber, wo er auf einem vorragenden, steilen -Felsblock die Jagd übersehen und auch augenblicklich stromab das niedere -Ufer wieder erreichen konnte, wenn das verfolgte Thier, wie es fast nicht -anders konnte, die Flucht durch die weiter unterhalb liegende Stromschnelle -und über einen kleinen Fall, versuchen sollte. - -Halway hatte übrigens Recht gehabt, die Hunde vermochten nichts gegen -ihren listigen Feind auszurichten, der nur dann und wann, in irgend einem -ungangbaren Gebüsch, die bärtige Schnautze über die Oberfläche des Wassers -hob, um die nöthige Luft zu schöpfen, und dann schnell und geräuschlos -wieder untertauchte in sein sicheres Versteck. - -Die drei Jäger fanden bald, daß auch sie hier ihre Hilfe leihen mußten, -langsam also, und in gleicher Linie das schmale und kaum hundert achtzig -Schritt lange Schilfdickicht durchwatend, stießen sie höchst aufmerksam in -alle die Stellen mit den umgekehrten Speeren hinein, unter denen möglicher -Weise der Fischdieb verborgen liegen konnte. Schon näherten sie sich -indessen dem Ende des seichten Platzes und die Hunde fingen an wieder -zurückzusuchen, während Halway selbst zu glauben begann sie hätten ihre -Beute übergangen, als diese plötzlich, höchst unverhofft zum Vorschein kam. - -Merville hatte nämlich eben mit der Stange in ein besonders dichtes Gewirr -von Wurzelwerk und Wasserpflanzen hineingefühlt, als Nell, der seinen -Standpunkt überhalb des Schilfbruches noch immer nicht verlassen, die -Nase prüfend in die Höhe hob und im nächsten Augenblick auch schon, eifrig -schnaubend auf die Stelle zuschwamm, wo Merville noch immer stand, und -den Hund beobachtete. Da tauchten, nur wenige Schritte von ihm entfernt, -einzelne kleine Luftblasen in die Höhe, und er wußte, dort müßte der Otter -sein. Die Tiefe des Wassers, in dem er sich selbst befand, also schnell -berechnend, schwang er den Speer hoch empor, und stieß ihn mit rascher, -sicherer Hand nieder auf den Grund des Flusses, wo sich der listige -Flüchtling verborgen hielt. - -Aber wehe! in allem Eifer hatte er vergessen, den Speer, den er noch -verkehrt in der Hand trug, umzudrehen, und als der mit ausgezeichneter -Geschicklichkeit geführte Stoß, denn Merville war ein guter Otterjäger, -niederfuhr, kam er in höchst unsanfte Berührung mit dem wirklich dort -lauernden Thier, brachte aber demselben leider keinen weiteren Schaden, als -daß er es bedeutend erschreckte, aus seiner bisherigen Sicherheit auf und -zu dem höchst unbesonnenen Entschluß trieb, die Rettung in offener Flucht -zu suchen. - -Instinctmäßig wandte sich der Otter nun zwar stromauf, der sicheren Bahn -zu, hier aber begegnete er den beiden offenen Rachen von Nell und Boney, -die gierig nach ihm schnappend, ihre Beute schon gefaßt wähnten. So leicht -sollte ihnen aber der Sieg nicht werden. - -Jener, die Seichtheit des Wassers fürchtend, in welchem er, wenigstens an -dieser Stelle, nicht wagen durfte zu tauchen, schien schnell entschlossen -das andere Ufer des Flusses zu erreichen, und ehe Merville, der jetzt -natürlich seine Waffe schnell genug wandte, wieder festen Fuß fassen, und -sich von seinem Schreck erholen konnte, strich er schon wie ein Aal, die -ganze Länge des Körpers außer dem Wasser zeigend, von der Schilfinsel fort, -und schräg über den Fluß hinüber dem steilen Vorsprung zu, auf welchem -Dickson, an seine Waffe gelehnt, dem Kampfe bis jetzt behaglich zugeschaut -hatte. - -Kaum merkte dieser aber, wie sich der Schauplatz der Hetze auf seine Seite -verlegen würde, als er, so schnell ihn seine Füße trugen, von der Höhe -heruntersprang, und das Ufer gerade in demselben Augenblicke erreichte, -in welchem der Verfolgte das feste Land betreten und, argbedrängt von -den Hunden, wahrscheinlich über die in den Fluß hinauslaufende Landspitze -hinweg schlüpfen und das auf der unteren Seite befindliche ruhige -und tiefere Wasser erreichen wollte. Durch den unvorsichtig auf ihn -Einstürmenden aber geängstigt, änderte er seinen Plan und wandte sich -wieder; da schallte ein Triumphruf von der gegenüber liegenden Seite und -selbst Dickson hielt ihn für verloren, denn dicht, dicht hinter ihm, kaum -wenige Zoll von seiner bärtigen Schnauze entfernt, schnappte Boney, schon -im Vorgenuß der ihn erwartenden Seligkeit, gierig mit den Fängen und -öffnete den weiten Rachen. - -»Hurrah!« schrie Halway vom anderen Ufer aus -- »Hurrah Hunde -- faßt ihn --- faßt ihn!« - -Boney hörte den Zuruf seines Herrn und fuhr, schwerlich noch einer -Anreizung bedürfend, mit wildem Biß nach dem Nacken des Thieres, doch -war es nichts als Wasser, was ihm, im wahren Sinne des Wortes, im Maule -zusammenlief, der Otter tauchte in demselben Moment, als ihn Dickson schon -zwischen den Fängen des Hundes glaubte, blitzschnell nieder, glitt unter -dem Bauche seines Feindes fort, und schoß nun, wieder zur Oberfläche -emporkommend, mit aller ihm nur zu Gebote stehenden Schnelle stromab. - -»Hinüber -- hinüber noch Einer von Euch!« schrie Halway jetzt erregt -- -»die Bestie will über den Fall hinunter und in die tiefe Stelle, kaum -hundert Schritte unterhalb. Fünf Ottern haben wir schon bis zu dem Platz -verfolgt, und dann regelmäßig aufgeben müssen. Jetzt nur hinunter an die -Fälle, so schnell wir können.« - -Hawkins leistete dem Rufe Folge und watete schnell zu Dickson hinüber, die -Uebrigen jedoch glaubten auf der Seite, auf welcher sie sich befanden, am -Ersten zum Wurf kommen zu können und eilten Halway nach, der, so schnell es -ihm der weiche, schlammige Boden gestattete, unter der Felswand fortlief, -die hier das Flußthal überhing und sein Bestes versuchte, einen kleinen mit -hohem Schilfgras bewachsenen Vorsprung zu erreichen, der sich, von mehreren -Fichten überschattet, gerade über dem Fall befand, so daß der Otter, wollte -er hier durch, dicht an ihm vorbeidefiliren mußte. - -»Wie kam's, daß Ihr den Otter fehltet, Merville?« rief er diesem zu, als er -ihn eben eingeholt hatte -- »er lag Euch doch dicht vor den Füßen.« - -»O zum Teufel -- ich hielt den Speer verkehrt.« - -»Unsinn« lachte Halway, »ein so alter Otterjäger, wie Ihr, wird mit dem -verkehrten Speer stoßen.« - -»Ich gebe Euch mein Wort darauf,« betheuerte Merville im vollen Laufen, -um neben dem schnellfüßigern Halway zu bleiben, der ihn schon zurücklassen -wollte -- »ich fürchtete mit dem Widerhaken im Schilfe hängen zu bleiben -und --« - -»Dort ist er,« schrie Halway, und überflog mit einem Satze eine schmale -sich hier hineindrängende Bucht, arbeitete sich mit verzweifelter -Anstrengung durch das hohe Rohr, und stand im nächsten Augenblick auf der -ersehnten Stelle. Es war aber auch die höchste Zeit, denn der Otter, durch -das viele Tauchen ermüdet, hatte es aufgegeben, im Dickicht augenblickliche -Zuflucht zu finden, und wußte nun, das in dem tiefen Wasser seine alleinige -Rettung lag; den Fall also einmal passirt, trug ihn schon die Strömung -des Flusses in wenigen Secunden dorthin, und eine am rechten Ufer liegende -Schilfgrasecke nun dazu benutzend, die dicht folgenden Hunde irre zu führen -oder aufzuhalten, schnitt er wieder hinüber, und näherte sich reißend -schnell dem niedern Wassersturz. - -Nell und Boney, mit der größeren Schwimmfertigkeit ihres Feindes wohl -bekannt, sahen kaum, wie dieser in offener Flucht und den mit Speeren -bewaffneten Jägern so weit voraus, sein Heil suchte, als sie auch schon, -wie verabredet, dem ihnen am nächsten liegenden linken Ufer zuschwammen, -dieses erreichten, und nun schnellen, flüchtigen Laufes darauf hinstürmten, -dem Schwimmenden den Weg abzuschneiden. Dicht über dem Fall aber, von -Dickson's wüthendem Schreien zum Aeußersten getrieben, sprangen sie wieder, -jetzt dicht hinter dem Otter, in's Wasser, während die Anderen der Meute -ebenfalls in nur wenigen Schritten Entfernung kleffend und winselnd -folgten. - -Wo der Otter zum letzten Male in's Schilf gekrochen war, hatte er mehrere -junge Hunde verleitet, ihn immer noch dort zu glauben, und eifrig nach -ihm das dichte Gestrüpp zu durchwühlen, was, Einem besonders, fast sehr -schlecht bekommen wäre, da Hawkins, der im ersten Augenblick, als er sich -Etwas bewegen sah, glaubte, es sei der Otter, schon zum tödtlichen Stoße -ausholte, seinen Irrthum aber noch glücklicher Weise zeitig genug einsah. - -Schlimmer erging es Dickson, der, jetzt Nässe und Feuchtigkeit verachtend, -in das seichte Wasser sprang und mit der Linken den Hut um den Kopf -schwenkte, die Meute durch immer grellere und ohrenzerreißendere Töne zu -fast wahnsinniger Wuth antrieb, während er selbst der Jagd nachzukommen -versuchte. Aber wehe -- der nächste Schritt, den er that, brachte ihn -mit dem Fuß in ein tiefes Senkloch -- er verlor das Gleichgewicht, -und verschwand im nächsten Moment unter der über ihn wieder friedlich -zusammenschießenden Fluth, wenig von den Jägern, und noch weniger von den -Hunden beachtet, die wild und theilnahmlos vorbeistürmten. - -Jetzt hatte aber auch der Otter den Fall erreicht, und glitt mit -Blitzesschnelle darüber hin -- doch kaum zehn Schritt von ihm entfernt, -stand Halway, den Speer hoch erhoben und ruhig und kaltblütig den Zeitpunkt -abwartend, der ihm einen sichern Wurf gestatten würde, denn kaum durfte er -hoffen, seine Waffe in diesem Augenblick mit Erfolg schleudern zu können. -Er sollte auch nicht lange harren -- in der nächsten Secunde verschwand der -Otter in den schäumenden Sprudelwellen, die hier seit Jahrtausenden gegen -den Fall ankämpften, und gleich darauf stieg er korkähnlich wieder daraus -hervor. - -Dies war aber das einzige Moment, in dem Halway hoffen durfte, seinen Wurf -anzubringen; und er wußte das. -- Schnell zuckte noch einmal der schon -gehobene Arm zu kräftigerem Schwunge zurück, und dann, von der starken Hand -gesandt, zischte er nieder in die schäumende Fluth, aus welcher eben das -bärtige Gesicht des armen, gehetzten Thiers aufgetaucht war. - -Wie mit Zauberschnelle verschwand Otter und Harpune unter Wasser, jetzt -aber glitten auch, kühn und unerschrocken, die beiden Hunde über den Fall, -und als der zum Tode Getroffene zuckend und sich sträubend wieder an die -Oberfläche kam, erfaßten ihn die treuen Rüden, und zerrten ihn, winselnd -und mit den Schwänzen wedelnd an's Ufer. - -Dickson war indessen ebenfalls seinem nassen Bade entstiegen, und Merville, -der jetzt, freilich etwas spät, auf dem Kampfplatz erschien, half die -Beute auf's Trockene ziehen und wehrte die übrige Meute ab, die kleffend -herbeistürmte und ihre Freude wenigstens durch einige wohlangebrachte Bisse -kund zu thun wünschte. - -Nach und nach versammelte sich nun die ganze Jägerschaar um das glücklich -erlegte Thier, und nachdem es gemessen war -- es maß vier Fuß fünf Zoll -vom Kopf bis zum Schwanzende -- zog sie jubelnd dem nicht weit entfernten -Farmhof Halway's zu, um sich dort bei Speise und Trank von den gehabten -Anstrengungen zu erholen. - -Dickson aber und Merville waren an diesem Tage die beiden unglücklichen -Schlachtopfer aller Jägerscherze. - - -Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription -werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift= -hervorgehoben. - -Der Halbtitel wurde entfernt. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, -einschließlich absichtlich fehlender Satzzeichen in den beiden -"Bomaier"-Auswandererbriefen, sowie uneinheitlicher Schreibweisen wie -beispielsweise "Arkansas" -- "Arkansus", "Barkeeber" -- "Barkeeper", -"dausend" -- "tausend", "dies" -- "dieß", "Riviere -- "Rivière", - -mit folgenden Ausnahmen, - - im Inhaltsverzeichnis: - "224" geändert in "229" - (Civilisation und Wildniß 229) - - Seite 6: - "Gabrieln" geändert in "Gabrielen" - (denn Gabrielen behandelte sie nicht wie eine Dienerin) - - Seite 8: - "«" und "»" eingefügt - (um aller Heiligen willen,« bat Gabriele, »so hab ich Dich) - - Seite 16: - "«" eingefügt - (habe ich Schutz und Hülfe gefunden.«) - - Seite 22: - "Schade" geändert in "schade" - (verdammt schade, daß man rothes Fell) - - Seite 23: - "mistrauischen" geändert in "mißtrauischen" - (seinem Gefährten einen schnellen, mißtrauischen Seitenblick) - - Seite 32: - "Gariele" geändert in "Gabriele" - (»Gabriele!« rief aber der Vater) - - Seite 37: - "einem" geändert in "einen" - (wie die Gesetze einen Overseer) - - Seite 37: - "Mishandlung" geändert in "Mißhandlung" - (für die Mißhandlung dieser Unglücklichen) - - Seite 42: - "«" hinter "Duxon." entfernt und hinter "Cent," eingefügt - (keine funfzig Cent,« höhnte Duxon.) - - Seite 45: - "machmal" geändert in "manchmal" - (lügen Ihnen manchmal das Blaue vom Himmel) - - Seite 45: - "Gescheideste" geändert in "Gescheidteste" - (Das Gescheidteste wäre) - - Seite 68: - "aufgetrocknet" geändert in "ausgetrocknet" - (noch nicht ganz wieder ausgetrocknet war) - - Seite 69: - "«" hinter "St. Clyde," entfernt und hinter "Gott!" eingefügt - (»Großer Gott!« stöhnte St. Clyde, erschüttert auf die) - - Seite 75: - "Cocktaws" geändert in "Chocktaws" - (Es sind Chocktaws -- ich muß fort) - - Seite 87: - "los ließ" geändert in "losließ" - (dieser sie halbbetäubt losließ) - - Seite 90: - "den" geändert in "denn" - (ein Ende machte, denn er hielt plötzlich sein Pferd an) - - Seite 93: - "Überirdische" geändert in "Ueberirdische" - (glaubt nicht mehr an das Ueberirdische) - - Seite 93: - "»" vor "oder" entfernt und "«" hinter "geträumt," eingefügt - (mit wachenden Augen geträumt,« oder die lieblose) - - Seite 98: - "laß" geändert in "las" - (nöthigte ihn sehr artig zum Sitzen, las dann den Titel) - - Seite 108: - "ewigens" geändert in "ewigen" - (in die kreisenden Sonnenwelten des ewigen Seins) - - Seite 110: - "ganzem" geändert in "ganzen" - (er sie in seinem ganzen Leben noch nicht) - - Seite 113: - "Fahrboote" geändert in "Fährboote" - (schnelle Fährboote, mit kleinen rasch puffenden Maschinen) - - Seite 113: - "Frucht" geändert in "Fracht" - (eifrig beschäftigt, die Fracht aus- oder einzuladen) - - Seite 124: - "das" geändert in "daß" - (und der Gedanke auch, daß sie ihren Verwandten) - - Seite 127: - "Umständen" geändert in "Umstände" - (siegten die äußeren, keineswegs günstigen Umstände) - - Seite 130: - "ihn" geändert in "ihm" - (ihm für die treue Wahrung seines Kindes dankte) - - Seite 135: - "." eingefügt - (an der Dampfbootlandung hin und her. -- Sollte er) - - Seite 136: - "abhing" geändert in "anhing" - (mit aller Liebe einer wirklichen Tochter anhing) - - Seite 139: - "so gar" geändert in "sogar" - (mußte sogar ein paar Mal stehn bleiben) - - Seite 143: - "das" geändert in "daß" - (ahnen zu lassen, daß dort, wohin man) - - Seite 150: - "des" geändert in "das" - (habe unten an der Landung das Sternwheelboot) - - Seite 152: - "fur" geändert in "für" - (in Mainstreet soll dann ein Wagen für Euch stehn) - - Seite 152: - "«" eingefügt - (dafür will ich auch schon Sorge tragen.«) - - Seite 157: - "halbschlauen" geändert in "halb schlauen" - (die halb schlauen, halb ängstlichen Seitenblicke) - - Seite 166: - "den" geändert in "gen" - (Bug gen Westen und schoß blitzesschnell davon) - - Seite 171: - "körperlichen" geändert in "körperlichem" - (was er zu körperlichem Wohlbefinden gebrauchte) - - Seite 172: - "erungenen" geändert in "errungenen" - (er entsagte ja nur einem errungenen Vortheil) - - Seite 176: - "-" eingefügt - (kürzlich eingetroffenen Mail- oder Postboot) - - Seite 176: - "," eingefügt - (»=Eagle of the West=«, ein rasches wackeres Dampfboot) - - Seite 187: - "unermüdlichen" geändert in "unermüdlichem" - (der mit unermüdlichem Eifer daran ging) - - Seite 190: - "halten" geändert in "haltend" - (an jeder Station ewig lange haltend, und zuletzt gar) - - Seite 203: - "«" hinter "Lippen." entfernt - (und biß sich auf die Lippen.) - - Seite 217: - "wiederstand" geändert in "widerstand" - (sie widerstand allen meinen Bemühungen) - - Seite 230: - "-" eingefügt - (das Meeting- oder Bethaus) - - Seite 242: - "»" eingefügt - (»hahahaha! weißer Mann -- mehr) - - Seite 251: - "«" hinter "gewesen;" entfernt und hinter "aber," eingefügt - (an dem Tage gewesen; aber,« setzte er leiser hinzu) - - Seite 258: - "«" hinter "lesen," entfernt und hinter "Mutter?" eingefügt - (»Soll ich weiter lesen, Mutter?«) - - Seite 259: - "«" eingefügt - (keinen Sohn -- keinen Freund ....«) - - Seite 263: - "»" vor "denn" und "«" hinter "beziehen." entfernt - (denn auf diesen mußte sie doch natürlich das Gesagte beziehen.) - - Seite 263: - "Sich" geändert in "sich" - (was Sie sich hätten denken können) - - Seite 264: - "»" vor "fuhr" entfernt und "«" hinter "sein," eingefügt - (muß es doch gewiß sein,« fuhr die unverwüstliche) - - Seite 264: - "Sich" geändert in "sich" - (Denken Sie sich, Miß Baywood) - - Seite 267: - "demselbem" geändert in "demselben" - (ihr Auge begegnete in demselben Moment) - - Seite 268: - "hieher" geändert in "hierher" - (hierher nach Boonville zu holen) - - Seite 279: - "ihn" geändert in "ihm" - (Hütte bei Hütte durchforschte er nach ihm) - - Seite 302: - "Drathpuppen" geändert in "Drahtpuppen" - (Zum Teufel mit den seelenlosen Drahtpuppen) - - Seite 332: - "den" geändert in "der" - (Heizer auf einem der Mississippi-Dampfboote) - - Seite 376: - "großen" geändert in "großem" - (von vielem und großem Einfluß sein) - - Seite 366: - "Papierkabseln" geändert in "Papierkapseln" - (die gewöhnlichen Streichhölzchen in Papierkapseln) - - Seite 379: - "freundlich" geändert in "freundliche" - (fand ich eine freundliche Familie beisammen) - - Seite 410: - "Scherck" geändert in "Schreck" - (sich von seinem Schreck erholen konnte) - - Seite 411: - "»" eingefügt - (vom anderen Ufer aus -- »Hurrah Hunde -- faßt ihn) - - Seite 412: - "«" eingefügt - (»Wie kam's, daß Ihr den Otter fehltet, Merville?«) - - Seite 412: - "»" eingefügt - (»er lag Euch doch dicht vor den Füßen.«) - - Seite 413: - "»Nell und Boney«" geändert in "Nell und Boney," - (Nell und Boney, mit der größeren Schwimmfertigkeit) - - - sowie jeweils "«," geändert in ",«" - - auf Seite 405: - (»S'ist nur ein Glück,« meinte Dickson) - - und Seite 412: - (»Ich gebe Euch mein Wort darauf,« betheuerte Merville)] - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band., by -Friedrich Gerstäcker - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN. *** - -***** This file should be named 53100-8.txt or 53100-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/1/0/53100/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Zweiter Band., by -Friedrich Gerstäcker - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band. - Gesammelte Erzählungen - -Author: Friedrich Gerstäcker - -Release Date: September 20, 2016 [EBook #53100] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN. *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - -</pre> - - - -<h1>Aus zwei Welttheilen.</h1> - -<p class="ce mt2 lh2 fsl">Gesammelte Erzählungen<br /> -<span class="fss">von</span><br /> -<b>Friedrich Gerstäcker.</b></p> - -<p class="ce mt2 lh2 fsl">Zweiter Band.</p> - -<p class="ce mt2 lh2 fsl"><b>Leipzig,</b><br /> -Arnoldische Buchhandlung.<br /> -1854.</p> - - - - -<h2>Inhalt des zweiten Bandes.</h2> - - -<div class="ce"> -<table summary="" border="0" cellpadding="2"> -<tr> - <td class="tdr fss" colspan="2">Seite</td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">Die Tochter der Riccarees</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_001">1</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">Herr Schultze</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_093">93</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">Der Deutsche und sein Kind</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_109">109</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">Schicksale einer Nacht</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_189">189</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">Civilisation und Wildniß</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_229">229</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">Aus dem Briefsacke des Paquetschiffes »Seeschlange« </td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_299">299</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">Der Klöppeldistrikt des sächsischen Erzgebirges</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_369">369</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">Die Otterjagd</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_401">401</a></td> -</tr> -</table> -</div> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a> -Die Tochter der Riccarees.<br /> - -<span class="subheader">Lebensbild aus Louisiana.</span></h2> - - -<p>Eine glühende Septembersonne schoß ihre fast senkrechten -Strahlen auf die weiten Baumwollen- und -Zuckerfelder und ausgedehnten Sümpfe und Prairien -Louisianas herab. Die ganze Natur ruhte, oder schien -vielmehr matt und kraftlos, verschmachtet und erschöpft -zu liegen, und mit fieberheißen Poren den -Nachtthau herbeizusehnen, der die lechzenden Lippen -der Erde tränken und den Bäumen ihre Farbe, den -Blumen ihren Duft wiedergeben sollte. Eine glühende -Septembersonne trieb den weichlichen Pflanzer in das -Innere seiner kühlen Wohnung zurück, und hinter -verschlossenen Jalousien, den claretgefüllten Krystallbecher -neben sich, lag er träumend in seinem geflochtenen -Schaukelstuhl und vertrieb sich die Zeit dadurch, -das in dem Wein rubinartig funkelnde Eis mit dem -<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a> -langen, silbernen Löffel auf- und niederzustoßen und -zu zerschmelzen.</p> - -<p>Draußen aber im Feld, der sengenden Glutenhitze -ausgesetzt, die auf ihre nackten Schultern niederbrannte, -standen in langer Reihe die Negersklaven, -Männer, Frauen und Kinder mit großen leichten -Spahnkörben und sammelten in diese die Baumwollenflocken -aus den holzigen Kapseln, und im Schatten -eines nicht fernen Pecanbaums, die große lederne -Peitsche in der Hand, lehnte der <em class="ge">Overseer</em><span class="top">[1]</span> und -überschaute gähnend die keuchende Schar, dann und -wann nur einen flüchtigen Blick hinüberwerfend, nach -der nicht fernen Piazza des Wohngebäudes, wo allerdings -ein freundlicheres, lieblicheres Bild sein Auge -fesseln konnte.</p> - -<p class="ci fss">[1]: <i>Overseer</i>, die obersten Aufseher der Neger, meistens Weiße -und zwar Amerikaner, auch oft Creolen. Die ihnen untergebenen -Aufseher, gewöhnlich selbst Neger, werden nur <i>nigger drivers</i> -genannt, wie überhaupt <i>nigger</i> der verächtliche und sehr oft angewandte -Ausdruck für Neger ist.</p> - -<p>Zehn Stufen führten zu der von hohen Chinabäumen -und zwei duftigen Magnolien umschatteten -Galerie des Herrenhauses empor, und rankende weiße -Rosen schlängelten sich hier an den buntgeschnitzten -Säulen hinauf, bis sie oben die wilden Reben erreichten, -<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -die, unter dem niederen Schutz- und Sonnendache -hingezogen, ihre blauen vollen Trauben mitten -zwischen den zarten Rosenknospen hineinsenkten, als -ob sie den Duft aus diesen ziehen und ihnen dafür -den kühlen Saft ihrer Beeren gewähren wollten. -Seltene tropische und nordische Gewächse waren dabei -rings im Inneren des laubigen Raumes aufgestellt und -vermischten ihre Wohlgerüche mit denen der sie umwuchernden -Schlingpflanzen.</p> - -<p>Doch nicht nur Blum' und Blüte schmückten -den Eingang des reichen Beaufort Haus, der als -einer der wohlhabendsten Pflanzer am ganzen Fausse -Rivière bekannt und geachtet war, nicht allein Blum' -und Blüte schwankte und wehte in dem kaum bemerkbaren -Westwind, der von der breiten Wasserfläche des -»falschen Flusses« herüberzog, sondern noch, aufgehangen -zwischen den knospen- und fruchtumdrängten -Pfeilern schaukelte, durch die Hand eines kleinen -Negerkindes in Bewegung gehalten, eine bunte, wunderlich -geflochtene Hängmatte, und darin, das von -rabenschwarzen Locken umwogte Köpfchen auf den -vollen weißen Arm gelehnt, während das zierliche -Füßchen eben unter dem weiten faltigen Kleide sichtbar -wurde, lag des Pflanzers holdes Kind, die reizendste -Creolin Louisianas, und schaute halb sinnend, halb -<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -träumend zu der Blütenpracht hinauf, die von buntfarbigen -Schmetterlingen und diamantfunkelnden -Kolibris umflattert und beraubt wurde.</p> - -<p>Um sie lagen zerstreut theils frisch abgebrochene -Blumen, theils große sammetne Magnolienblätter, -auf deren schneeige Fläche sie mit der Nadel Figuren -und Namen gezeichnet, und selbst einzelne französische -Hefte und Journale deckten die Hängmatte und das -danebenstehende kleine Tischchen; ein Zeichen, wie -Mademoiselle <em class="ge">Alles</em>, selbst das Letzte versucht hatte, -die Langeweile zu tödten.</p> - -<p>Und sandte der sonngebräunte, finstere Aufseher -der Schwarzen nach dieser holden Blume seine leidenschaftglühenden -Blicke herüber? Wagte er es zu der -schönsten und reichsten Erbin des Landes das Auge zu -erheben? Nein – wohl wußte er, wie diese ihn haßte -und verabscheute, wohl kannte er die Kluft, die zwischen -ihm und der Jungfrau in jeder Hinsicht gähnte; -nein; er wollte nicht girren und schmachten, er wollte -<em class="ge">genießen</em>, und ein anderes Wesen als Gabriele -Beaufort, hatte sich sein lüsterner Blick ersehen.</p> - -<p>Neben der Gebieterin, den breitfaltigen Pfauenwedel -in der Hand, mit dem sie dem schönen Mädchen -nicht allein Kühlung zufächelte, sondern auch die -umherschwärmenden Insekten verscheuchte, lehnte auf -<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -weichem Sitz ein fast ebenso liebliches, wenn auch von -dem ersten gar sehr verschiedenes Kind. Es war eine -Indianerin, die dunkle Bronzefarbe der Haut, das -lebhaft funkelnde Auge, die schneeweißen Zähne und -das ganze Wesen, die ganze Haltung des Mädchens -kündete die Tochter der Wälder, nur das rabenschwarze, -sonst lange und <em class="ge">straffe</em> Haar schien sich, -leicht gekräuselt, jener bläulichen Färbung nähern zu -wollen, die den schönen Quadroonenmädchen, den -Mischlingen der Weißen und Mulatten, einen so eigenthümlichen -Reiz verleiht.</p> - -<p>Ihre schlanke Gestalt war in ein weites, luftiges -Gewand, nach Art ihres Stammes angefertigt, gekleidet, -ein buntgestickter Perlengürtel hielt es über der -Hüfte zusammen und bildete mit zwei gleichen Korallenschnuren, -eine um den sammetweichen Nacken, die -andere um die Schläfe geschlungen, den einzigen -Schmuck des holden Mädchens. Nur die aus zartgegerbten -Fellen bereiteten Moccasins, in denen die -kleinen zierlichen Füße staken, trugen noch die Zeichen -der kunstfertigen Hand Nedaunis-Ais' (die kleine -Tochter) oder Saisens, wie sie der Kürze wegen von -Gabrielen genannt ward.</p> - -<p>So wunderlieblich und reizend aber auch das Bild -der beiden, von einer Blumenwelt umgebenen Jungfrauen -<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -war, so trübe, wehmüthige Gefühle schienen -Saisens Busen zu heben und einmal – ach, sie -wandte das Köpfchen ab, daß es die Gebieterin nicht -bemerken sollte – streifte sie sogar mit dem zarten -Finger einen perlenden Tropfen von den langen, seidenen -Wimpern und ein leiser, leiser Seufzer entrang -sich der Brust des armen Kindes.</p> - -<p>Was war es aber, das ihr hier, von Pracht und -Ueberfluß umgeben, das Herz beengte? Dachte sie an -das Schicksal ihres Stammes? ihres ganzen Volkes, -das, von dem Grund und Boden vertrieben der einst -sein Eigenthum, durch den Stahl und das Feuerwasser -der Weißen fast vernichtet, jetzt im weiten Westen, -fern von den Gräbern der Lieben weilen mußte, während -eine seiner Töchter dem Abkömmling jener stolzen, -trotzigen Race diente, wo sie selbst doch eigentlich die -Herrin dieses Landes nach Geburt und Recht war? -Ach, sie hätte Ursache gehabt, darüber zu trauern, -und die zwei holden Wesen lieferten ein treues, aber -darum nur ein so wehmüthigeres Bild der beiden -Nationen, der Sieger und Besiegten. Doch es war -nicht das, auch nicht das Gefühl der Dienstbarkeit, -denn Gabrielen behandelte sie nicht wie eine Dienerin, -sondern wie eine Freundin, nein es war wohl die -Trennung von den theuern Aeltern, denen sie durch -<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -teuflische List geraubt worden. Der Gedanke an die -daheim um sie Trauernden füllte auf's Neue ihre -Wimpern und diesmal tropfte die Thräne voll und -schwer in ihren Schoos hernieder.</p> - -<p>Gabriele bemerkte es.</p> - -<p>»Saise, meine herzliebe Saise, was fehlt Dir? -Warum bist Du immer so traurig und willst mich nicht -zur Mitwisserin Deines Kummers machen?« frug theilnehmend -die junge Creolin; »bin ich nicht Deine Freundin, -und habe ich nicht auch Dir alle meine kleinen -Sorgen und Pläne entdeckt und um Deinen Rath und -Deine Hülfe gebeten?«</p> - -<p>Saise drückte der Herrin Hand und schaute ihr -wenige Secunden lang wehmüthig lächelnd in die -klaren treuherzigen Augen, dann aber fiel ihr Blick -auf das kleine, die Hängematte wiegende Negermädchen -und Gabriele, den Wink verstehend, sagte:</p> - -<p>»Geh hinunter, Piccaninny<span class="top">[2]</span>, und zähle die -Küchelchen, die im Hof herumlaufen; komm aber -nicht wieder, bis Du mir genau sagen kannst, wie viel -es sind«.</p> - -<p class="ci fss">[2]: Piccaninny, ein afrikanischer Ausdruck und gewöhnlich für -alles das gebraucht, was klein und niedlich ist.</p> - -<p>Das kleine runde Dingelchen zog den breiten -<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -Mund zu einem freundlichen Grinsen auseinander -und sprang schnell durch den schmalen Eingang die -Treppe hinab, den Befehl ihrer »Missus« auszuführen. -Lächelnd sah ihr Gabriele einen Augenblick nach, -dann aber, sich theilnehmend zur Gespielin wendend, -sagte sie herzlich:</p> - -<p>»Siehst Du – das Kind ist fort, nun erzähle mir -aber auch offen, was Dich drückt – gewiß kann ich -Dir helfen.«</p> - -<p>»Du sollst Alles erfahren,« flüsterte Saise, »vielleicht -ist es überdieß besser, <em class="ge">daß</em> Du es weißt, denn wenn« -– sie schwieg plötzlich und barg schaudernd ihr Antlitz -in den Händen.</p> - -<p>»Aber was ist Dir, um aller Heiligen willen,« bat -Gabriele, »so hab ich Dich nie gesehen.«</p> - -<p>»So höre denn,« sagte, sich fassend, die Indianerin, -»mit wenig Worten kann ich dir Alles vertrauen; ich -habe, wenn auch noch jung, doch schon Entsetzliches -erduldet. Ich bin die einzige Tochter eines Riccareehäuptlings, -und ein kleiner Theil unseres Stammes – -deine Brüder vertilgten fast unsere ganze Nation von -der Erde – hatte sich dicht unter den Osagen, zwischen -diesen und den Cherokesen niedergelassen. Mein -Vater war ein Freund der Weißen – er sah, daß das -Wild selten wurde, und fühlte, wie uns die bleichen -<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -Gesichter an Klugheit und Kunstfertigkeit überlegen -waren; er glaubte aber auch die einzige Sicherheit für -die schwachen Ueberreste der Seinigen nur darin finden -zu können, daß sich diese den Sitten und Gebräuchen -ihrer Sieger anschlössen, den Acker bebauten und <em class="ge">ein</em> -Volk mit jenen machten. Deshalb war jeder Weiße -in unserer Hütte willkommen, und er benahm sich -freundlich gegen Alle. Nur einmal erwachte in ihm der -alte, fast erstorbene Geist des Kriegers wieder, als -einst ein Weißer, ein rauher, unfreundlicher Mann, -herzlich von uns aufgenommen, frech und zudringlich -gegen mich wurde und zuletzt behauptete, ich dürfe -gar nicht so spröde thun, denn ich sei ja doch nur, wie -mein Haar auch klar genug beweise ein kleiner – -Nigger.«</p> - -<p>»Hätte ein Pfeil meinen Vater getroffen, er wäre -nicht schneller von seinem Sitze aufgesprungen. Er -war Einer der ersten Krieger seines Stammes und -meine Mutter die Tochter eines Sioux-Häuptlings -gewesen, die er einst bei einem Ueberfall geraubt, liebgewonnen -und zum Weibe genommen hatte; um so -entsetzlicher traf daher dieses Wort seinen Stolz, und -von Wuth und Ingrimm getrieben, riß er den Tomahawk -von der Wand und schleuderte ihn nach dem -Haupt des – <em class="ge">Gastes</em>.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -»Der weiße Mann stürzte besinnungslos nieder, -aber in demselben Augenblick ergriff auch meinen Vater -mit peinlichem Schmerz der Gedanke, das Gastrecht -verletzt zu haben. Er sprang auf den Niedergestürzten -zu, untersuchte die Wunde und wartete und pflegte -ihn nun wie einen Sohn, bis er sich wieder erholt -hatte und unsere Ansiedlung verlassen konnte.«</p> - -<p>»Aber jener Mann war ein Teufel – der erhaltene -Schlag erfüllte sein Herz mit Wuth und Rache. -Während er noch bei uns seine Genesung abwartete, -erforschte er lauernd des Hauses und der Nachbarschaft -Gelegenheit, und schon nach drei Nächten kehrte -er mit seinen Helfershelfern heimlich und verrätherisch -zurück. – Sie überfielen still und geräuschlos unsere -Hütte, schlugen meinen alten Vater, der sich den -Räubern entgegenwerfen wollte, nieder, banden und -knebelten mich, hoben mich auf ein Pferd und schleppten -mich in wilder, unaufhaltsamer Eile dem großen -Flusse<span class="top">[3]</span> zu.«</p> - -<p class="ci fss">[3]: Mississippi.</p> - -<p>»Als ich aus einer langen Ohnmacht erwachte, -umgab mich tiefe Nacht und ich fühlte nur, wie wir -im vollen Galopp auf einem harten, schmalen Weg, -unter niederen Bäumen und Büschen dahinsprengten, -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -denn der Hufschlag schallte weithin durch die stille -Wildniß, und dann und wann streiften kleine Zweige -meine Wangen. Was aber auch meine Räuber mit -mir im Sinn gehabt, wahrscheinlich fürchteten sie -Verfolgung, oder wußten sich wirklich schon verfolgt, -denn rastlos, unaufhaltsam eilten sie weiter, und ruhten -nicht eher, bis sie einen, sicherlich schon vorher -verabredeten Platz erreicht und hier ihre schändlichen -Genossen gefunden hatten.«</p> - -<p>»Gott allein weiß was später aus meinem alten -Vater wurde, ich sah ihn nicht wieder, wohl aber -einen fremden, finsteren Mann, der in meinem Beisein, -während ich noch gebunden am Boden lag, einen -Handel über mich abschloß, von meinem Räuber ein -Schreiben – einen <em class="ge">Kaufbrief</em>, wie jener es nannte -– ausgestellt bekam, und dann Deine arme Saise in -ein Canoe trug und mit ihr davon ruderte.«</p> - -<p>»Hülflos – verlassen – verloren lag ich auf dem -Boden des schwankenden Canoes, aber Alles, was -mich bedrohte, stieg in fürchterlichen Bildern vor meiner -inneren Seele auf.«</p> - -<p>»Ich fühlte, wie ich der Willkür dieses Mannes, -der seine gierigen Blicke fest auf mich gerichtet hielt, -gänzlich – wehrlos überlassen war, wußte, daß ich -als Sklavin verkauft, kein Erbarmen bei den Weißen -<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -mehr zu hoffen hatte, und der Gedanke an Selbstmord -zuckte da zum ersten Mal durch meine fieberhaft schlagenden -Pulse.«</p> - -<p>»Arme Saise,« sagte Gabriele.</p> - -<p>»Das Canoe war einer der gewöhnlichen, aus -Holz roh gehauenen Kähne, schmal und mit rundem -Boden; wenn ich mich nur leise bewegte, fühlte ich -wie es schwankte, und sah die ängstliche Bewegung -des Rudernden, der es im Gleichgewicht zu halten -strebte; – ein Ruck – ein plötzlicher Stoß von mir -– es schlug um und ich – war frei.«</p> - -<p>»Kaum hatt' ich diesen Entschluß gefaßt, als ein -kalter Schauer mir fröstelnd durch die Adern rieselte -– und starr und entsetzt blickte ich zu dem weißen -Manne empor. Dieser aber, der den ängstlichen Ausdruck -in meinen Zügen der Furcht zuschreiben mochte, -lächelte höhnisch und sagte: »Gräme dich nicht, Püppchen; -wenn du hübsch brav bist, sollst du meine kleine -Squaw<span class="top">[4]</span> werden,« und dann lachte er so laut und -teuflisch, daß er mir in dem Augenblick wirklich wie -ein böses, dem finsteren Abgrund entstiegenes Wesen -vorkam. Das aber befestigte nur noch mehr meinen -Entschluß – ich wollte sterben. Nur dann und wann, -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -wenn das Canoe ein wenig zur rechten oder linken -Seite hinüberschwankte, konnte ich das Ufer erkennen, -und sah jetzt, daß wir uns unweit einer langen Insel -befanden, die, wie es mir schien, gerade vor uns lag. -Ich kann schwimmen wie ein Fisch, doch die Bande, -die meine Hände zusammenschnürten, versagten mir -jede Bewegung; auf keine andere Rettung durfte ich -hoffen als die, die der Tod brachte.«</p> - -<p class="ci fss">[4]: Der Indianische Name für »Frau«.</p> - -<p>»Arme Saise.«</p> - -<p>»Noch einmal sandte ich jetzt mein Gebet zu dem -Manitou meines Volkes empor – noch einmal blickte -ich auf zu dem freundlichen Sonnenlicht, das hell und -strahlend, ach für mich zum <em class="ge">letzten</em> Male über die -ferne Waldung herübergrüßte; noch ein Mal sog ich -in langem, langem Athemzuge die balsamische Luft -der schönen Welt ein – schloß dann die Augen und -warf mich, mit plötzlichem Schwung, mit Anstrengung -aller meiner Kräfte, gegen die Seitenwand des -schmalen Fahrzeugs.«</p> - -<p>»Halt an! wir sinken! schrie entsetzt der Räuber -und versuchte auf der anderen Seite das Gleichgewicht -wiederherzustellen, doch schnell folgte ich seiner Bewegung -und im nächsten Augenblick fühlte ich die -kühle Fluth über mir zusammenschlagen. Das Canoe -war umgestürzt.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -»Ob jener Weiße schwimmen konnte, wußte ich -nicht, auf jeden Fall wäre er in diesem Falle im -Stande gewesen, mich, deren Hände noch immer gefesselt, -zum nicht so fernen Ufer zu ziehn. Doch lebend -sollte er mich nie mehr berühren, ich tauchte unter -und zwar mit dem festen Entschluß, nimmer zur -Oberfläche zurückzukehren.«</p> - -<p>»Gott wollte es anders; von der quellenden Fluth -emporgehoben, stieg ich wieder dem Licht entgegen, -fühlte aber plötzlich, wie ich mit dem Kopf gegen einen -festen Gegenstand anstieß. Im ersten Augenblick -glaubte ich, es sei das Canoe, der nächste überzeugte -mich aber, daß ich unter Treibholz gerathen wäre, -und zwar gerade an einer Stelle, wo ich den Grund -mit den Füßen berührte, und wild übereinandergepreßte -Stämme eine kleine Höhlung gebildet hatten, -in die ich den Kopf bringen und – athmen konnte. -Ich war für den Augenblick gerettet; mußte aber nicht -der gewaltige Andrang der Strömung, die sich rauschend -und schäumend nur eine kurze Strecke von mir -entfernt an den Stämmen und Aesten brach, diese -schwache Schutzwehr zusammendrängen und mich Zoll -für Zoll in die Tiefe wieder zurückdrücken und vernichten? -Mit unverzagtem Muth hätt' ich dem -<em class="ge">raschen</em> Tod ins Auge geschaut, hier aber langsam, -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -langsam vielleicht zu sterben – o, es war -fürchterlich.«</p> - -<p>Saise barg wieder, von dem Gedanken ergriffen -und zusammenschaudernd, ihr Antlitz in ihren Händen.</p> - -<p>»Du unglückliches Kind,« flüsterte Gabriele, des -schönen Mädchens Stirn an ihrem Busen bergend; »Du -unglückliches – liebes – böses Kind, und warum -hast Du denn das Alles mir so lang verschwiegen? war -das recht von Dir? aber wie entgingst Du jener fürchterlichen -Gefahr?«</p> - -<p>»Stundenlang,« erzählte Saise weiter, »stundenlang -harrte ich, denn noch schrecklicher als der Tod war -mir der Gedanke, das Licht des Tages und mit ihm -das Antlitz jenes finsteren Mannes wieder zu sehen, -ehe ich einen Versuch zu meiner Rettung wagte. Selbst -dann aber blieb noch immer die Ausführung schwer -und gefährlich, denn im Wasser hatte ich natürlich die -Richtung verloren und mußte fürchten, daß ich, unter -Wasser fortschwimmend, gerade tiefer in das Treibholz -hineingerathen würde, Gott da oben hatte mich -aber bis jetzt geschützt, und ihm vertraute ich. Als ich -es überdies nicht länger mehr im Wasser aushalten -konnte und der Frost meine Glieder schüttelte, horchte -ich noch einmal genau, von welcher Richtung das Anprallen -der Strömung tönte, berechnete dann schnell, -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -auf welcher Seite der Insel ich mich befinden müsse, -und versuchte nun mich der Bande zu entledigen, die -meine Hände noch immer gefesselt hielten. Und siehe -da – es gelang. Es waren hirschlederne Riemen und -die Nässe hatte sie ausgedehnt, meine Hände schlüpften -hindurch und – ich fühlte mich frei.«</p> - -<p>»Jetzt fürchtete ich Nichts mehr, jener Mann mußte -mich lange ertrunken geglaubt und die Stelle verlassen -haben – ich tauchte unter – strich kräftig aus und -sah nach wenigen, dem Herzen den Schlag raubenden -Secunden das liebe herrliche Tageslicht wieder. Doch -noch lange wagte ich nicht mich zu erheben, denn ich -wußte nicht, wie nahe jener Weiße sei; ich kroch nur -leise und vorsichtig an der flachen, von der Sonne warm -beschienenen Bank hin, und machte in einem brünstigen -Gebet und einem lindernden Thränenstrom dem so arg -bedrängten Herzen Luft.«</p> - -<p>»Alles Uebrige weißt du. Dein Vater fand mich -fünf Tage später im Walde – ich war heimathlos, -– zu Hause durfte ich nicht wagen wieder zu erscheinen, -meinen eigenen Vater hatten sie vor meinen -Augen erschlagen, und wie konnten mich die ärmlichen -Ueberreste meines Stammes vor den Verfolgungen der -Weißen schützen? Du nahmst mich auf, Gabriele, und -an Deinem Herzen habe ich Schutz und Hülfe gefunden.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -»Aber weshalb denn dieser stete Gram, Du liebes -Kind?« sagte die Jungfrau schmeichelnd, »sei doch froh -wie ich, Du bist ja bei Freunden, die Dir kein Leid geschehen -lassen; oder drückt Dich noch ein Schmerz?«</p> - -<p>»Hast Du heute gesehen?« frug Saise mit ängstlich -umherschweifenden Blicken, »hast Du gesehen, wie sie -das arme Wesen ihrem Herrn auslieferten, dem es -– er sagte so – entflohen war?«</p> - -<p>»Aber das war eine Sklavin und er ihr Herr, -liebes Kind.«</p> - -<p>»Und woher weißt Du, daß er ihr Herr war? -schwur sie nicht, sie habe ihn ihr Lebtage nicht gesehen?«</p> - -<p>»Er hatte ja den Kaufbrief, in dem ihre ganze Person -beschrieben stand,« lächelte Gabriele; »Du närrisches -Kind, was quälst Du Dich denn mit so trüben, ängstlichen -Bildern ab; wie mag Dich das nur beunruhigen?«</p> - -<p>»Er hatte den <em class="ge">Kaufbrief</em>, in dem ihre ganze -Person beschrieben stand, und die Leute hier – großer -Gott – sie lieferten sie ihm aus –« schrie die Indianerin, -von ihrem Sitze emporspringend.</p> - -<p>»Hilf Himmel – Saise!« rief Gabriele besorgt, -denn sie fürchtete für den Verstand der Unglücklichen, -»was fehlt Dir? was hast Du?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -»Gebunden führte er sie hinweg,« fuhr das Mädchen -in entsetzlicher Aufregung fort – »gebunden! und -auch über mich – auch über <em class="ge">mich</em> ist ein solcher Kaufbrief -ausgestellt; auch <em class="ge">meine</em> Person, <em class="ge">mein</em> Aussehn -– meine Haare – meine Augen – sogar das -Maal auf meiner Schulter beschrieben. – O du allgütiger -Gott!« – Sie brach schluchzend zusammen -und barg ihr Antlitz in den Kissen des neben ihr stehenden -Sessels.</p> - -<p>Gabriele war erschreckt aus der Hängematte gesprungen -und bog sich leise zu der Unglücklichen nieder; -mit tröstenden Worten wollte sie dabei ihren Kummer -stillen, aber ach, sie kannte selbst nur zu gut die -Gefahr, die unter solchen Umständen, wenn sie von -jenem Buben wirklich wiederentdeckt würde, der -armen Verfolgten drohte.</p> - -<p>»Komm,« sagte sie dann plötzlich zu der Indianerin, -deren Angst sich in einer lindernden Thränenfluth gelöst -hatte – »komm, fasse Muth, noch weiß ich Rath -Dir zu helfen. Du kennst unseren Freund,« fuhr sie -fort, als das Mädchen mit den großen dunkeln feuchten -Augen zu ihr aufschaute, – »Du kennst den jungen -Creolen St. Clyde – er ist uns freundlich gesinnt, -– Beiden – Dir sowohl wie mir, und hat sogar selbst -lange an den südwestlichen Grenzen Missouris, zwischen -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -den Cherokesen wie Osagen gelebt – der muß -Rath schaffen; entweder kann er dorthin eilen und Zeugen -herbeiholen, oder er sendet einen Boten, um das -zu bewerkstelligen. Auf jeden Fall mußt Du selbst -klagbar gegen den Verbrecher auftreten, das ist der -einzige Ausweg seinen Angriffen zu begegnen.« – -»Cöleste – Cöleste,« rief sie dann ihrer kleinen Negerin, -die noch immer eifrig unten beschäftigt war, die -toll und bunt durcheinander laufenden Küchlein zu -zählen – »Cöleste, komm schnell herauf und schicke -mir vorher Endymion.«</p> - -<p>Die Kleine gehorchte dem Befehl und erschien -gleich darauf selbst oben an der Treppe; die großen -dunkeln Augen standen aber voll Thränen, und das -Gesicht verzog sie zu einer entsetzlich weinerlichen und -ernstkomischen Miene.</p> - -<p>»Was fehlt Dir, Cöleste?« frug Gabriele freundlich.</p> - -<p>»O Missus« – schluchzte nun das Kind, dessen -Schmerz sich bei diesen freundlichen Worten Bahn -brach, »o Missus – ich – ich kann – ich kann nicht -zählen – zählen – die Küchel – Küchelchen – sie -laufen; – huhuhu – sie laufen so geschwinde.«</p> - -<p>»Komisches Kind,« lachte Gabriele – »geh – ruf -Endymion schnell, und laß die Hühner, Hühner sein.« -Endymion brauchte aber nicht mehr gerufen zu werden, -<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -er tauchte eben hinter der Gespielin auf und -sagte dann leise:</p> - -<p>»Missus will 'Dymion – hier ist er.«</p> - -<p>»Endymion,« rief Gabriele rasch – »Du weißt, wo -Mr. St. Clyde wohnt – wie?«</p> - -<p>»Massa Clyde – jes« – nickte der Schwarze – -»aber, Missus – ein fremder Gentleman ist unten« –</p> - -<p>»Schon gut – schick' ihn zum Vater,« fuhr die -Creolin ungeduldig fort – »Zu dem reitest Du, und -bittest ihn so schnell als möglich, wenn es angeht -heute Abend noch – verstehst Du mich, Endymion? -heute Abend noch – herüberzukommen, ich – wir – -wir hätten etwas Wichtiges mit ihm zu reden.«</p> - -<p>»Aber der Fremde, Missus,« unterbrach sie etwas -ängstlich Endymion – »der Fremde – Massa schläft -und arme 'Dymion kriegte viel Schläge, wenn ihn -weckte –«</p> - -<p>»So laß ihn unten in die Halle treten, dort liegen -Bücher und er mag sich die Zeit vertreiben, so gut er -kann. Du aber, Endymion, mach rasch und füttere -zugleich mein Reitpferd, es könnte sein, daß wir es -schnell und zu einem eiligen Ritt gebrauchten; mach -fort, Endymion, und kehre recht bald zurück.«</p> - -<p>Das volle runde Gesicht des Knaben verschwand -plötzlich unter der steilen Treppe, und wenige Minuten -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -später hörte man schon am Schallen der Hufe, wie er -auf flüchtigem Renner, den Fausse Riviere entlang, -dem Mississippi zuflog.</p> - -<p>Saise hatte sich aber indessen durch die neue Hoffnung, -bald jeder Furcht überhoben zu sein, getröstet; -sie wußte – sie mußte es sich wenigstens mit leisem -Erröthen gestehen – St. Clyde würde Alles thun was -in seinen Kräften stand, sie von jeder Sorge und Gefahr -zu befreien, und konnte sie selbst als Klägerin auftreten, -dann hätte sich Jener erst, wäre er wirklich erschienen, -vor allen Dingen von jedem auf ihm haftenden -Verdachte reinigen müssen, und die Beweise -ihrer reinen Abstammung konnte sie bis dahin bringen. -Sie ergriff der Freundin Hand, hob sie leise an -ihre Lippen und flüsterte:</p> - -<p>»Du bist gut – Du bist engelgut und hast mir mit -Deinen freundlichen Worten Trost und Ruhe in's Herz -gegossen.«</p> - -<p>Die Mädchen hatten sich eng umschlungen und -Gabriele hielt erst lange das Antlitz der holden Tochter -der Wälder zwischen den zarten Händen, schaute ihr -herzlich und liebevoll in die großen dunkeln Augen -und drückte dann einen heißen, innigen Kuß auf ihre -Stirn.</p> - -<p>Der Overseer bemerkte von seinem Baum aus die -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -Ankunft des Fremden, und schlenderte langsam dem -Hause zu.</p> - -<p>»Was zum Teufel nur die beiden Mädchen heute -so ernstlich zusammen zu schwatzen haben,« murmelte -er dabei vor sich hin – »hol mich der Böse, wenn ich -nicht wünsche, das kleine rothe Ding wäre mein – -verdammt schade, daß man rothes Fell nicht ebenso -leicht kaufen kann wie schwarzes. – Wer der Fremde -nur sein mag? – Wahrscheinlich ein Baumwollenspekulant -aus New-Orleans. – Nun Zeit wär's, daß -er käme – hat wohl gewittert, daß unsere Baumwolle -noch nicht verschifft ist – muß die Nachlese nun -auch mitnehmen.«</p> - -<p>Mit diesen leise vor sich hin gemurmelten Bemerkungen -schritt er langsam an den, in regelmäßigen Reihen -errichteten Negerhütten vorbei, dem Herrenhause -zu, stieg die, zu diesem emporführenden hölzernen -Stufen hinauf und stand im nächsten Augenblick neben -dem eben Eingetroffenen.</p> - -<p>»Alle Wetter!« rief er aber hier erstaunt aus – -»Pitwell – wo zum Henker kommt <em class="ge">Ihr</em> her?«</p> - -<p>»Duxon? – bei Allem was blau ist – hier in -Louisiana?« entgegnete der also Angeredete, dem Overseer -freundlich die Hand entgegenstreckend. – »Seht, -so finden sich alte Freunde nach langen Jahren immer -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -doch einmal wieder zusammen. Wo war's doch, daß -wir uns zuletzt sahen?«</p> - -<p>»Je weniger wir davon sagen desto besser,« lachte -Duxon – »ich meines Theils habe wenigstens nie mit -der Geschichte geprahlt.«</p> - -<p>»Ach – jetzt erinnere ich mich« – lächelte Pitwell – -»ja ja, hätte den Spaß bald vergessen; aber Unsinn, -'s ist jetzt verjährt und der Mann längst –« er schwieg -plötzlich still und warf seinem Gefährten einen schnellen, -mißtrauischen Seitenblick zu. »Aber was macht -Ihr jetzt?« lenkte er in ein anderes Gespräch ein, »haltet -Ihr Euch etwa hier zu Euerm Vergnügen auf, -wie die Loafer in der Kalebouse<span class="top">[5]</span> sagen?«</p> - -<p class="ci fss">[5]: Loafer ein Herumstreicher, und Kalebouse das Wachthaus -in New-Orleans.</p> - -<p>»Ich bin Overseer auf der Plantage.«</p> - -<p>»Gutes Geschäft das?«</p> - -<p>»So ziemlich – nährt seinen Mann.«</p> - -<p>»Der Besitzer?«</p> - -<p>»Mr. Beaufort.«</p> - -<p>»Wie viel Ballen<span class="top">[6]</span>?«</p> - -<p class="ci fss">[6]: Eine gewöhnliche Frage in Louisiana, die sich stets auf -die Baumwolle bezieht, da der Reichthum der Besitzer nach dieser -geschätzt wird.</p> - -<p>»Hundertachtzig.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -»Alle Wetter!« rief Pitwell erstaunt – »läßt sich mit -dem Mann kein Geschäft machen? der muß ja Geld -wie spanisch Moos haben –«</p> - -<p>»Wenn Ihr Neger hättet – wir brauchen ein paar -tüchtige Arbeiter und eine Dirne in's Haus; aber -was Hübsches – der Alte kann die häßlichen Gesichter -nicht leiden.«</p> - -<p>»Neger? hm – die ließen sich vielleicht anschaffen; -bis wann müßt Ihr sie haben?«</p> - -<p>»Sobald als möglich!«</p> - -<p>»Sind die Preise gut?«</p> - -<p>»Das geht an; habt Ihr welche?«</p> - -<p>»Hm – ja – aber apropos – wer waren die -beiden Damen da oben auf der Gallerie? die Frau -und Tochter vom Hause wahrscheinlich, eh?«</p> - -<p>»<em class="ge">Beiden</em> Damen? 's ist nur <em class="ge">eine</em> Dame im -Hause,« sagte der Overseer verächtlich – »das andere -ist eine Indianerin, die sich auf Gott weiß welche Art -hier eingeschlichen hat, und noch dazu merkwürdig -stolz und spröde thut – das dumme Ding.«</p> - -<p>»So? kann man denn diesen Mr. Beaufort gar -nicht einmal zu sehen bekommen? ich möchte gern -wissen, welche Art von Mann es ist, ehe ich ein Geschäft -mit ihm mache – es handelt sich leichter.«</p> - -<p>»Ihr könnt den Yankee nicht verleugnen,« lachte -<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -Duxon, »aber ich höre ihn die Treppe herunterkommen. -Unter uns gesagt, geht ihm ein Bischen um den -Bart mit seiner reizenden Plantage – mit den herrlichen -Heerdeneinrichtungen und dergleichen. – Ihr -versteht mich schon.«</p> - -<p>»Danke – danke!« sagte der Fremde freundlich – -»werde nicht ermangeln.«</p> - -<p>Mr. Beaufort trat jetzt in's Zimmer, begrüßte -den Gast und hieß ihn herzlich in seiner Wohnung -willkommen. Bald hatte ihn dieser auch in ein sehr -interessantes Gespräch verwickelt und er lud ihn ein, -da überdies der Abend nahte, bei ihm zu übernachten, -was von jenem bereitwillig angenommen wurde.</p> - -<p>Beaufort, ein Mann in den Vierzigen und, wie -schon erwähnt, der reichste Pflanzer am False River -oder Fausse Riviere, gehörte mit zu jenen südlichen -Geldaristokraten, welche das Menschengeschlecht nur -in drei Gattungen eintheilen: in <em class="ge">Pflanzer</em> nämlich, -in <em class="ge">keine</em> Pflanzer und in <em class="ge">Neger</em>. Die ersteren zerfielen -dann freilich wieder in zwei Unterabtheilungen -und zwar in solche, die über, und solche, die unter -funfzig Ballen erbauten. Aus der ersten Klasse wählte er -sich seinen Umgang. Die zweite Gattung – die Nicht-Pflanzer -– betrachtete er nur als dazu erschaffen, dem -Pflanzer seine verschiedenen Bedürfnisse zuzuführen, -<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -und die dritte, die Neger – verabscheute er wie ein -ächter Creole. Selbst die fernsten Vermischungen, -Mestizen und Quadroonen, waren ihm ein Gräuel, -und er duldete sie nur in sofern um sich, als er sie zu -seiner Bedienung bedurfte. Soweit ging dabei diese -Verachtung der äthiopischen Race, daß er einst in -New-Orleans sein Messer nach einem armen Teufel -von Mestizen warf, den er in der Dunkelheit für einen -ihm befreundeten Creolen angesehen hatte und mit -ihm Arm in Arm durch mehre Straßen gegangen war. -Die scharfe Klinge fuhr jedoch nur in den Schenkel -des zum Tode Erschrockenen, ohne diesem weiteren -Schaden zuzufügen.</p> - -<p><em class="ge">Das</em> zur Charakteristik Beaufort's. Sein Gast -dagegen stach sowohl im Aeußern, wie in seinem -ganzen Benehmen gar sehr und zwar keineswegs zu -seinem Vortheil gegen den Pflanzer ab. Dieser war -wohlbeleibt, von gesunder Gesichtsfarbe und hatte, -den Stolz abgerechnet, ganz gutmüthige Züge; der -Fremde dagegen sah bleich aus, mit grauen stechenden, -aber lebhaften Augen, hoher Stirn und etwas gebogener -Nase; doch that sein Blick nicht wohl – er -streifte stets unruhig von einem Gegenstande zum -andern, und sprang sicherlich im Nu ab, sobald er dem -eines andern Auges begegnete. Ihre Unterhaltung -<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -war aber lebhaft; – Mr. Pitwell hatte viel gesehen, -viel erlebt, verstand, wie es schien, den Baumwollenhandel -aus dem Grunde und besaß selbst, seiner eigenen -Aussage nach, am Alabama eine nicht unbedeutende -Plantage.</p> - -<p>So rückte die Zeit des Abendessens heran. Die -Sonne war noch nicht untergegangen und der Tisch -oben auf der Piazza, des kühlen Luftzugs und der -freundlichen Aussicht über die Felder und benachbarten -Plantagen wegen, gedeckt. Die Hängematte hing zurückgeschlagen -an einem der Pfeiler, Gabriele aber -lehnte sinnend daneben, und blickte auf die Straße -hinaus, die dem Mississippi zuführte und auf welcher -sie den Boten zurückerwartete. Saise saß zu ihren -Füßen, hielt schmeichelnd ihre Hand gefaßt, an die -sie die heiße Wange lehnte und – folgte den Blicken -der Gebieterin und Freundin.</p> - -<p>Die Schritte der Männer wurden jetzt auf der -Treppe gehört.</p> - -<p>»Er bleibt lange,« flüsterte Gabriele.</p> - -<p>»Recht lange,« sagte Saise und sie fühlte plötzlich, -wie der Freundin Augen auf ihr hafteten – aber sie -begegnete ihnen nicht, sondern schmiegte sich nur inniger -und fester an sie an.</p> - -<p>»Saise – bist Du noch nicht beruhigt?« bat Gabriele -<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -– »fehlt Dir noch etwas? sieh nur wie feuerroth Du -geworden.«</p> - -<p>»Guten Abend, Ladies,« sagte die Stimme des -Fremden.</p> - -<p>»Um Gottes willen, Kind – was ist Dir? alles -Blut flieht aus Deinen Wangen?« rief die Creolin -erschrocken, die Veränderung in den Zügen der -Freundin bemerkend.</p> - -<p>»Guten Abend, Kinder,« wiederholte Mr. Beaufort -– »Mr. Pitwell, meine Tochter und ihre Freundin, -eine junge Indianerin. – Nun, Gabriele – ist -Saise krank? was fehlt dem Mädchen?«</p> - -<p>»Ich weiß in der That nicht, Vater – sie erblaßte -eben; und zittert jetzt so heftig am ganzen Körper – -Saise!«</p> - -<p>»Ja,« flüsterte das schöne Mädchen, richtete sich -empor, wandte sich gegen den Fremden um, blickte -ihn einen Augenblick starr an und stürzte dann mit -einem Mark und Bein zerschneidenden Schrei ohnmächtig -zu Boden.</p> - -<p>Gabriele, die wie ein Blitzesschlag die Wahrheit -durchzuckte, warf ihr Tuch über das Antlitz der Freundin -– aber es war zu spät – Pitwell, durch das -sonderbare Benehmen aufmerksam gemacht, sprang, -kaum wissend was er that, auf sie zu, riß das -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -Tuch herunter und rief in höchstem Schreck und -Staunen:</p> - -<p>»Alle Wetter – meine ertrunkene Sklavin!«</p> - -<p>»Eure <em class="ge">was</em>?« schrie Beaufort, mit wildem Satz -herbeispringend – »Eure <em class="ge">Sklavin</em>? Mann, seid Ihr -des Teufels? – das ist eine Indianerin, und die -werden nicht verkauft.«</p> - -<p>»Es ist falsch!« stöhnte Gabriele in entsetzlicher -Seelenangst, den leblosen Körper der Unglücklichen -unterstützend – »es ist eine teuflische Lüge – dies -Mädchen ist den Ihrigen geraubt – ein niederträchtiges -Bubenstück ist begangen – Saise ist so frei wie -ich selbst – Ihr dürft Euch nicht an ihr vergreifen.«</p> - -<p>»Ich fordere mein Eigenthum zurück,« sagte der -Fremde finster, und griff zugleich in die Tasche, aus -der er ein Paket zusammengebundener Papiere herausnahm. -– »Hier ist ihr Kaufbrief,« fuhr er dann, -sich gegen den Pflanzer wendend, fort – »ihr Vater -war Indianer, ihre Mutter war Mulattin – seht -nur ihr Haar an. Und daß es die rechte ist, dafür -bürgt Euch, wenn nicht ihr jetziger Schreck, das hier -verzeichnete Maal auf ihrer linken Schulter.«</p> - -<p>Beaufort durchlief schweigend die Schrift und -schritt dann auf Saise zu.</p> - -<p>»Zurück, Vater – um Gottes willen zurück« – rief -<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -Gabriele in höchster Angst, »Du darfst den Worten jenes -Mannes nicht glauben – sie sind falsch, bei dem ewigen -Gott da oben.«</p> - -<p>»Gabriele,« sagte der Vater freundlich, aber auch -sehr ernst – »dies ist ein Geschäft, bei dem Du weiter -keine Stimme hast; findet sich das Maal <em class="ge">nicht</em>, wie -ich hoffen will, – denn den <em class="ge">Galgen</em> verdient das -Ding, wenn es Niggerblut in den Adern hat und sich -dabei untersteht, mit weißen Leuten an einem Tisch zu -essen – so ist die Anklage überdies unbegründet; findet -es sich aber, dann bleibt die Person keine fünf -Minuten mehr unter meinem Dache, oder ich will -nicht selig werden – Du weißt, daß ich mein Wort -halte.«</p> - -<p>»Vater – bei allen Heiligen beschwör' ich Dich – -dieser Kaufbrief ist verfälscht – Saise hat mir Alles -entdeckt – sie ist den Ihrigen schändlich geraubt – -ihr Vater erschlagen, sie selbst fortgeschleppt. –«</p> - -<p>»Märchen,« lächelte Pitwell kopfschüttelnd. »Haben -Sie schon je einen weggelaufenen Nigger gesehen, -mein Fräulein, der sich nicht irgend eine solche glaubwürdige -Geschichte ausgedacht hätte?«</p> - -<p>»Vater – Vater!« bat Gabriele, und versuchte ihn -zurückzuhalten, er stieß sie aber jetzt unwillig bei -Seite und rief:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -»Nun wird's mir bald zu bunt – ich thue dem -Ding ja Nichts; ist sie eine Indianerin, so ist sie so -frei wie wir selbst, findet sich aber – ha – beim -Teufel – das ist es – Mr. Pitwell –«</p> - -<p>»Halt!« schrie Gabriele – deren Blick oft und -ängstlich nach der nicht so fernen Straße hinübergeschweift -war – »halt! dort kommt Mr. St. Clyde – -warten Sie seine Ankunft ab, er kann, er <em class="ge">darf</em> das -nicht zugeben.«</p> - -<p>»Mr. St. Clyde soll zum Teufel gehen,« zürnte der -alte Pflanzer – »hat sich der in die Rechte eines fremden -Mannes zu mischen? Mr. Pitwell, das Mädchen -ist die Ihrige, und meiner Tochter mag sie's danken, -daß sie nicht noch vorher eine gehörige Anzahl Peitschenhiebe -mitnimmt. Verdammt! ein Nigger, der so -frech ist sein Fell zu verleugnen!«</p> - -<p>»Wir können sie ja bis morgen früh in irgend eine -der Negerhütten schaffen,« sagte Pitwell, auf sie zugehend -und seine Hand nach der immer noch Bewußtlosen -ausstreckend, »morgen früh« –</p> - -<p>Die flüchtigen Schritte eines Mannes wurden auf -der Treppe gehört.</p> - -<p>»Mr. St. Clyde – zu Hülfe!« rief Gabriele in -letzter Noth. In demselben Moment aber daß die -Creolin diesen Namen ausstieß und der junge Mann -<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -in der Thüre erschien, schlug auch Saise die Augen -wieder auf. Ein einziger Blick sagte ihr Alles – wenige -Secunden lang barg sie ihr Antlitz an der Brust -der Freundin, dann aber hob sie sich, von Gabriele -gehalten, empor und schaute, die großen dunkeln Augen -weit geöffnet, wild und leise zusammenschaudernd -im Kreise umher.</p> - -<p>»Um Gottes willen – was ist hier vorgefallen?« -rief St. Clyde, indem er auf das zitternde Mädchen -zusprang und es unterstützte – »was ist geschehen, -Miß Beaufort?«</p> - -<p>»Retten Sie Saise,« rief die Jungfrau – »retten -Sie Saise vor jenem Buben.«</p> - -<p>Der Fremde wurde leichenblaß und starrte wild -umher.</p> - -<p>»Gabriele!« rief aber der Vater, »jetzt hab' ich's -satt – Mr. St. Clyde, überlassen Sie den <em class="ge">Nigger</em> -sich selbst – es ziemt einem weißen Manne nicht –«</p> - -<p>»Mr. Beaufort!«</p> - -<p>»Allerdings – das Mädchen ist eine, diesem -Gentleman entflohene Sklavin.«</p> - -<p>»Das ist eine Lüge,« sagte Saise plötzlich, sich -hoch und stolz emporrichtend; das Wort <em class="ge">Nigger</em> -hatte ihr ihre ganze Kraft und Stärke wiedergegeben; -sie fühlte, wie jetzt der Augenblick gekommen, vor dem -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -sie so lange schon gebebt; aber gerade da er gekommen, -hatte er auch all' sein Fürchterliches verloren. -Ihre ganze Seelenstärke war zurückgekehrt und die -Indianerin, die freie Tochter der Wälder in ihr erwacht. –</p> - -<p>Aber vergebens erzählte sie jetzt mit klaren, überzeugenden -Worten das ganze Bubenstück jenes Schurken, -der lächelnd und achselzuckend daneben stand, vergebens -rief sie Gott zu ihrem Zeugen an – sie war -in <em class="ge">Louisiana</em> – ein <em class="ge">weißer Mann</em> hatte sie als -seine ihm entflohene Sklavin reclamirt – das krause -Haar sprach für seine Aussage, mehr aber noch und -unantastbar fast der <em class="ge">Kaufbrief</em> und ihre darin genau -verzeichnete Gestalt. War doch selbst vor nicht gar -langer Zeit ein weißes Mädchen, mit blonden Haaren -und blauen Augen, aber als die Tochter einer Mestize, -hier öffentlich versteigert worden, und wenn diese -selbst fast weiß sein mochte, blieb sie Sklavin; wie -viel mehr nun eine Indianerin, deren braune Hautfarbe -der Amerikaner überdies als der seinen untergeordnet -hielt und nur wenig höher schätzte, als die -äthiopische Race selbst.</p> - -<p>Gabriele wollte, als alle Bitten nutzlos blieben, -dem Fremden die Freundin <em class="ge">abkaufen</em>, dagegen aber -protestirte St. Clyde und zwar mit einer Wärme, -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -die, wenn sie nur aus reiner Menschlichkeit entsprang, -ihm alle Ehre machte.</p> - -<p>»Nein!« rief er, »nein – das hieße bekennen, sie -gehöre zu jenem verachteten Stamm! rein und frei -soll sie dastehen und wenn ich den Beweis dazu mit -meinem Blute führen sollte. Mr. Pitwell, Sie -werden diesen Parish nicht wieder verlassen, ehe Sie -sich von der gegen Sie erhobenen Anklage gereinigt -haben –«</p> - -<p>»Wer klagt ihn an?« rief Beaufort auffahrend, »wer -klagt ihn an, Sir? Ein <em class="ge">Nigger</em> – seine eigene -Sklavin; sind Sie thöricht genug zu glauben, daß -das Gericht auf solche Klage eingehen würde? Sie -sollten die Gesetze des Staates besser kennen.«</p> - -<p>»Ich selber klage diesen Mann an,« rief St. Clyde, -»ich selber – nicht diese Unglückliche, die seinen Händen -bis dahin nicht überliefert werden darf.«</p> - -<p>»Das möchte Ihnen schwer werden durchzusetzen,« -hohnlachte Pitwell, »glücklicherweise bin ich vertraut -genug mit den hiesigen Gebräuchen. Sie können mich -anklagen, aber mein Eigenthum dürfen Sie mir indessen -nicht vorenthalten.«</p> - -<p>»Herr, Sie müssen erst beweisen, daß Saise Ihr -Eigenthum ist!« rief St. Clyde.</p> - -<p>»Das <em class="ge">ist</em> bewiesen, Mr. St. Clyde!« entgegnete -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -Beaufort kalt – »und jetzt würden Sie mich sehr verbinden, -keine weitere Störung hier zu verursachen.«</p> - -<p>»Mr. Duxon,« wandte er sich dann an den Overseer, -der in diesem Augenblick in der Thür erschien, »haben -Sie die Güte, diese entflohene Sklavin – und er -deutete auf Saise – in einer der Negerhütten unterzubringen; -Sie haften mir aber für ihre Sicherheit.«</p> - -<p>»Saise?« rief Duxon erstaunt und wollte kaum seinen -Ohren und Augen trauen – »Saise – ein Nigger? -– Ei, da muß ja der Teu... –«</p> - -<p>»Herr!« rief St. Clyde entrüstet.</p> - -<p>»Um Gottes willen!« flehte Saise, seinen Arm ergreifend, -»kämpfen Sie jetzt nicht gegen die Uebermacht -an – wenden Sie sich an die Gerichte – die müssen -mir helfen, ich stehe ja unter dem Schutz der Vereinigten -Staaten. Mein Vater hat sein Land an diese -abgetreten und sie haben versprochen, ihm beizustehen. -Man soll mich nur so lange gefangen halten, bis ich -einen Boten zu meinem Stamme schicken kann; Alle -werden hierher kommen und Zeugniß für mich ablegen, -daß ich die Tochter ihres Häuptlings bin. O, -wenn mein Bruder nur wüßte –«</p> - -<p>»Dazu braucht es keine Indianer,« lächelte Pitwell, -»das kann ich selbst bezeugen; wer aber war Deine -Mutter? Eine Mestize – steht es hier etwa anders -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -geschrieben? Diese Mestize gehörte meinem Freund, -von dem ich Dich gekauft, und wenn der Dich Deinem -Vater so lange Jahre ließ, so geschah es bloß deshalb, -daß er Dich erziehen sollte; seine Sklavin bist -Du deshalb doch.«</p> - -<p>»Meine Mutter war die Tochter eines Siouxhäuptlings,« -rief Saise, sich stolz emporrichtend, »und wer -das Gegentheil behauptet, <em class="ge">lügt</em>!«</p> - -<p>Die Faust des alten Beaufort fällte die Unglückliche -mit einem Schlage zu Boden.</p> - -<p>»Was?« schrie er, »will das Niggerthier noch in -meiner Gegenwart einen weißen Mann einen Lügner -nennen? Ist's nicht genug, daß sie mich erst selber -anlügen und zum Narren haben mußte?«</p> - -<p>Er würde seine Worte kaum so unangefochten beendet -haben, denn mit einem Racheschrei auf den Lippen -sprang St. Clyde auf ihn zu, aber ihm entgegen -warf sich Gabriele und beschwor ihn bei Allem, was -ihm heilig sei, bei Allem, was er liebe, ihres Vaters -zu schonen. Jetzt trat aber auch der Overseer dazwischen -und rief dem jungen Manne trotzig zu:</p> - -<p>»Herr St. Clyde, ich will Sie hiermit wohlmeinend -gewarnt haben, keine überflüssigen Worte mehr -zu reden. Die Mamsel steht von diesem Augenblick -an unter <em class="ge">meiner</em> Wache und wer meine <em class="ge">Nigger</em> -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -gegen mich in Schutz nehmen will, dem renne ich einen -Fuß kalten Stahl in den Leib!« Und er zog, während -er diese Worte sprach, sein schweres Bowiemesser -unter der Weste vor.</p> - -<p>Clyde war unbewaffnet, und wußte auch, wie die -Gesetze einen Overseer oder Sklavenbesitzer schützen, -wenn sich ein Fremder in ihre Angelegenheiten ungerufen -mischt. Noch kürzlich war auf solche Art ein -Abolitionist aus Ohio erschossen, ohne daß der Mörder -mehr Ungelegenheiten als ein etwa viertelstündiges -Verhör deshalb gehabt hätte; für jetzt mußte er also -der rohen Gewalt weichen, aber retten wollte er -Saisen, das schwur er sich, und wenn es sein eigenes -Leben kosten solle.</p> - -<p>»Mr. Beaufort,« rief er, sich noch einmal an den -Pflanzer wendend, »Sie werden mir für die Mißhandlung -dieser Unglücklichen Rede stehen; jetzt habe -ich keine Macht, Ihrer Gewaltthat zu begegnen; thun -Sie mit dem armen Mädchen, was Sie verantworten -können, aber der ewige Gott da oben ist -mein Zeuge, daß ich mich von jetzt an für Saisens -Schützer erkläre, und die Gesetze des Staates müssen -und werden mir beistehen. Leben Sie wohl, Fräulein -Beaufort, und oh – verlassen Sie die Arme -nicht – gönnen Sie ihr wenigstens den Trost, zu -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -fühlen, daß sie nicht ganz allein auf der Welt -steht.«</p> - -<p>Der Overseer hatte indessen zwei Negern, die -eben Handwerkszeug zum Hause schafften, heraufzukommen -gewinkt und rief diesen nun zu: »Schafft -das Mädchen da in Mutter Betty's Hütte hinunter, -und Du, Ben, stehst Wache dabei, Dein schwarzes -Fell bürgt mir für sie; ich zieh es Dir lebendig vom -Leibe, wenn Du sie entwischen läßt.«</p> - -<p>»Keine Furcht, Massa« – sagte der Neger grinsend, -»aber welches Mädchen, De Lor' bleß you, -ich sehe kein Mädchen zum mitnehmen, Missus -Saise?«</p> - -<p>St. Clyde sprang die Treppe hinab, schwang -sich auf sein Pferd und sprengte mit verhängten Zügeln -dem Mississippi zu; Gabriele bog sich schluchzend -zu dem armen Kinde nieder und band ihr das -eigene Tuch um die blutende Stirn, die beiden Neger -aber starrten mit weit von einander gerissenen Lippen -bald den Einen, bald den Andern an und konnten -das Vorgefallene nicht begreifen, bis sie ihres Vorgesetzten -erneuter Ruf und die drohend geschwungene -Peitsche an die Erfüllung des gegebenen Befehls -erinnerte. Sie hoben die Indianerin vom Boden -auf und verschwanden mit ihr bald nachher in einer -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -der niederen, gleichförmigen Negerhütten, die in -langen, regelmäßigen Reihen, einer kleinen Stadt -nicht unähnlich, das Herrenhaus umgaben. Gabriele -zog sich auf ihr Zimmer zurück, die Männer aber – -der Overseer wurde heute ebenfalls von seinem Prinzipal -eingeladen zu Tisch zu bleiben – ließen sich -an der Tafel nieder, und Beaufort schien mit dem -eisigen Claret allen Aerger und Verdruß hinunterspülen -zu wollen, bedankte sich aber, ehe er sein Lager -suchte, noch einmal bei dem Fremden, daß er -ihn und sein Haus von der Schande befreit habe, -»verdammtes Niggerblut« neben Weißen zu beherbergen.</p> - -<p>Mr. Pitwell hatte seine Schlafstelle angewiesen -bekommen; da aber die Luft kühl war, wie er sagte, -so zog er es vor, noch ein Viertelstündchen mit dem -Overseer am Flusse auf- und abzugehen, stieg also -mit diesem hinunter, und schritt zwischen einer Allee -von China- und Tulpenbäumen hin, dem Eingang -der Plantage zu, der durch eine dichte Feigen- und -Orangenhecke beschattet wurde.</p> - -<p>»Hört einmal, Pitwell« – sagte Duxon, hier -stehen bleibend – »habt Ihr wieder einen von Euren -alten Streichen ausgeübt, he? Ist das Mädchen ein -Nigger oder ist's keiner?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -»Was geht's Euch an?« brummte Pitwell, sich -ängstlich dabei umsehend – »es kann uns doch Niemand -hier behorchen?«</p> - -<p>»Keine Seele – aber kommt – Ihr müßt mir die -Sache erzählen; verdammt will ich sein, wenn das -mit rechten Dingen zugeht. Oh zum Henker, Mann, -seid doch nicht so verschwiegen; von uns Beiden wird -doch wahrhaftig keiner den Andern verrathen?«</p> - -<p>»Nun gut, Ihr sollt Alles wissen, aber kommt fort -von hier, ins Freie hinaus,« flüsterte Pitwell, »hier -unter den Bäumen ist mir's so unheimlich und kommt -mir immer vor, als ob mich Jemand behorchte.«</p> - -<p>Die beiden würdigen Leute schritten mitsammen -an das Ufer des Fausse Rivière und wanderten hier -Arm in Arm herauf und herunter von der Plantage. -Pitwell erzählte nun dem Freunde und Bundesgenossen -aufrichtig den ganzen Hergang, erklärte ihm aber -auch, daß er, trotz seiner Sicherheit, doch nicht abwarten -wolle, bis der junge Laffe – St. Clyde – -seine Drohungen wahr machen könne, sondern morgen -mit dem Frühsten aufbrechen werde.</p> - -<p>»Das trifft sich herrlich!« sagte der Overseer, »ich -bin mit Beaufort ebenfalls in Abrechnung begriffen -und kann Euch vielleicht, wenn Ihr nur noch ein -oder zwei Tage bleibt, begleiten. Ueber die jetzige -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -Nachlese läßt sich dann leicht ein ungefährer Ueberschlag -machen. Mir gefällt's nicht mehr hier am Fluß, -ich will nach Texas und eine eigene Plantage kaufen.«</p> - -<p>»Wie? Schon so viel verdient? Das ist geschwind -gegangen,« lachte der Fremde.</p> - -<p>»Da müßte Einer ein gewaltiger Thor sein,« -meinte der Overseer lächelnd, »wenn er auf einer -<em class="ge">solchen</em> Pflanzung nicht in drei Jahren ein Capitälchen -zurücklegen könnte.«</p> - -<p>»Mir wär's recht, so lange zu warten,« sagte -Pitwell, »aber ich kann nicht, ich muß machen, daß -ich das Ding verkaufe; erstlich fühl ich mich hier -nicht so recht sicher, und dann – hab ich sonst noch -Arbeit. Das Wiederfinden hätte mir übrigens nicht -gelegener kommen können; weiß nur der Teufel, wie -das kleine Geschöpf dem Ersaufen entgangen ist; mit -meinen eigenen Augen hab ich gesehen, wie es unterging, -und noch dazu mit gebundenen Händen.«</p> - -<p>»Die Indianer können schwimmen und tauchen -wie die Fische;« lachte Duxon; »aber wißt Ihr was, -Pitwell, ich kaufe Euch die Kleine ab?«</p> - -<p>»Was – Ihr? – Aber jener Creole?«</p> - -<p>»Mag zum Teufel gehen, ich übernehme jede weitere -Verantwortung.«</p> - -<p>»Und kauft Ihr sie so, wie ich sie verkaufen -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -kann?« frug vorsichtig der Yankee, »wollt Ihr den -Verlust tragen, wenn die Indianer kämen und sie als -die Tochter ihres Häuptlings reclamirten?«</p> - -<p>»Ja gewiß,« rief spöttisch der Overseer, »aber dafür -muß ich sie auch billig haben – ich gebe Euch zweihundert -Dollar.«</p> - -<p>»Hallo – das ist zu wenig – bedenkt, das Mädchen -ist achthundert werth.«</p> - -<p>»Wenn ich Euch im Stiche lasse, keine funfzig -Cent,« höhnte Duxon.</p> - -<p>»Nein, Mann, zweihundert ist bei Gott zu wenig, -da ließ ich es doch lieber selber darauf ankommen; -gebt mir <em class="ge">drei</em> und sie ist Euer!«</p> - -<p>»Topp – kommt mit in mein Haus, schreibt den -Kaufbrief auf mich über und nehmt das Geld in -Empfang.«</p> - -<p>»Und glaubt Ihr, daß ich noch, ohne Gefahr zu -laufen, ein paar Stunden hier verweilen kann?«</p> - -<p>»Ein paar Jahre, wenn Ihr wollt; hab ich erst -einmal das Mädchen, so soll sie mir ganz Louisiana -nicht mehr entreißen können; die Gesetze müssen in -allen Sklavenstaaten auf meiner Seite sein, und es -giebt dann nichts Gefährlicheres auf der Welt, als -ihnen, gerade in diesem Punkt, widerstreben zu wollen. -Kommt, Pitwell, in zehn Minuten muß die schöne -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -Indianerin mir gehören, und morgen schon mache ich -meine Anrechte auf sie geltend; nachher kann ihr -ganzer Stamm kommen und schwören – mir gleich.«</p> - -<p>Die beiden Männer schritten eilig in das zwischen -den Negerhütten stehende, und sich nur durch ein höheres -Dach und eine Galerie von diesen unterscheidende -Haus des Overseers zurück, und schlossen dort den -beredeten Handel ab. Pitwell empfing das Geld und -Saise wurde dem Overseer als alleiniges und rechtmäßiges -Eigenthum überschrieben. Beaufort selbst -sollte am nächsten Morgen seinen Namen als Zeuge -daruntersetzen.</p> - -<hr /> - -<p>St. Clyde hatte indessen sein Pferd mit Sporen -und Peitsche so angetrieben, daß es, als er vor des -Richters Thür in Point-Coupee anhielt, ein paar -Secunden lang hin und her schwankte und dann, -matt und aufgerieben, wie es war, zusammenbrach; -ohne es aber auch nur eines Blickes zu würdigen, -flog er die Treppe hinauf, stürzte in des Richters -Zimmer und rief diesen, ihm mit wenigen Worten -die Frevelthat erzählend, um Beistand an.</p> - -<p>Der Richter war ein wackerer Mann, streng rechtlich -und in der Ausübung seiner Pflicht menschlich, -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -aber gar bedenklich schüttelte er mit dem Kopfe, als er -von dem nach Form Rechtens ausgestellten Kaufbriefe -hörte. Er kannte die Gewalt, die ein solches Schreiben -hatte.</p> - -<p>»Junger Mann,« sagte er nach langer Pause, -während er sinnend, den Kopf in die Hand gestützt, -zu dem Creolen aufschaute, »das ist eine böse Sache. -Erstlich scheint es mir freilich, als ob Sie das Ganze -ein bischen zu romantisch ansähen, dann aber, wäre -auch wirklich Alles so, wie Sie es schildern, so sehe -ich doch nicht ein, auf welche Art es gehoben werden -könnte; wir dürfen nicht <em class="ge">gegen</em> die Gesetze handeln -und wenn wir wirklich den festen Glauben hätten, dem -armen Mädchen geschähe Unrecht.«</p> - -<p>»Aber Sie werden doch nicht zugeben, daß eine -freie Indianerin aufgegriffen und verkauft wird?« rief -St. Clyde erzürnt, »dasselbe könnte ja jedem Weißen -begegnen, wenn sich zwei Buben vereinigten, einen -Kaufbrief über ihn zu schreiben und zu schwören, daß -seine Mutter eine Mestize gewesen sei.«</p> - -<p>»Das nun wohl nicht,« lächelte der Richter; »ehe -ein Weißer verkauft würde, müßten gewaltige Beweise -vorliegen, daß er wirklich aus Negerblut abstamme; -aber Sie dürfen auch nicht allen solchen Erzählungen -weggelaufener Neger glauben; großer Gott, die -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -lügen Ihnen manchmal das Blaue vom Himmel herunter.«</p> - -<p>»Wär es denn nicht möglich, die Indianerin den -Händen jenes Mannes zu entziehen, bis man Zeugen -aus ihrem Stamm herbeischaffen könnte?«</p> - -<p>»Bester Freund, der Stamm lebt an die sieben bis -achthundert Meilen von hier entfernt, Mr. Beaufort -selbst hat sie über vierhundert Meilen den Fluß heruntergebracht; -nein, da könnten ja nur alle derartigen, -Indianern ähnliche Personen, wie zum Beispiel -Mulatten und Mestizen, behaupten, es flösse rein -indianisches Blut in ihren Adern, und uns dann -ersuchen, nach den Eskimos hinaufzuschicken und -Zeugen herunter zu holen. Nein, das geht nicht. -Hätten wir aber auch wirklich die Zeugen hier, so -sind das immer nur – Indianer. Das Gescheidteste wäre, -Sie <em class="ge">kauften</em> das Mädchen, wenn Ihnen wirklich so -viel daran liegt, als mir vorkommt.«</p> - -<p>»<em class="ge">Kaufen?</em>« rief St. Clyde mit schmerzdurchbebter -Stimme, »<em class="ge">kaufen?</em> – und sie ist dann wirklich -Sklavin? Ist denn kein Ausweg, die Unglückliche von -dieser Schande zu retten?«</p> - -<p>»Ich fürchte – nein – auf jeden Fall aber wäre -dies das Sicherste, sie doch wenigstens für den Augenblick -zurückzuhalten. Vielleicht läßt sich jener Fremde -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -auch bewegen, vorher nur einen Theil der Zahlung -zu nehmen, und man kann dann sehen, was weiter in -der Sache zu thun ist; was sagen Sie dazu?«</p> - -<p>»Ach, bester Richter,« seufzte der junge Creole -wehmüthig, »Sie wissen recht gut, daß ich <em class="ge">arm</em> bin. -Mein einziges Pferd ist mir eben gestürzt, und ich -werde kaum Geld genug übrig behalten, mir ein neues -zu kaufen. Wie sollte ich die Summe auftreiben, die -jener Bube für Saise fordern wird?«</p> - -<p>»Hören Sie, St. Clyde, ich will Ihnen einen -Vorschlag machen, ich selbst will das Mädchen kaufen -und bei mir behalten; haben Sie sich das Geld verdient -– so – überlaß ich sie Ihnen.«</p> - -<p>»<em class="ge">Kaufen</em> und immer nur <em class="ge">kaufen</em>!« stöhnte der -Creole.</p> - -<p>»Nehmen Sie meinen Vorschlag an,« sagte der -Richter herzlich, »sie soll in meinem Hause wie eine -Tochter behandelt werden.«</p> - -<p>»Gut denn, es sei,« rief St. Clyde, »ich muß mich -fügen; es rettet sie ja wenigstens für den Augenblick; -dann aber schaffe ich die Zeugen ihrer freien Geburt -und wenn ich sie aus den Eisregionen des Nordens -herunterholen müßte.«</p> - -<p>»Es wird Ihnen nicht viel helfen; wollen Sie -übrigens schlechterdings nach jenem Stamme einen -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -Boten haben, so kann ich Ihnen zufällig die Anweisung -geben, den zu finden. Heute Morgen waren sieben -oder acht Indianer aus dem Parish West-Feliciana, -von drüben über dem Mississippi, hier in Point-Coupee; -sie haben Hirschfleisch verkauft und dafür Pulver, -Blei und Whisky mit hinüber genommen.«</p> - -<p>»Von welchem Stamme waren sie?«</p> - -<p>»Wahrscheinlich Chocktaws, von denen halten sich -stets einige hier in der Nähe auf. Doch erst bringen -Sie den Handel in Richtigkeit; denn ist dem wirklich -so, wie Sie glauben, und hat der gute Mann kein -recht reines Gewissen, so wird er sich schwerlich lange -in der hiesigen Nachbarschaft aufhalten, sondern seine -Beute in Sicherheit bringen wollen. – So – hier -dieses Papier geben Sie nur an Mr. Beaufort, er -mag den Kauf für mich abschließen; meine Frau ist -doch jetzt ganz allein und kennt die Indianerin auch -schon, die Beiden werden sich sicherlich recht gut vertragen.«</p> - -<p>»<em class="ge">Doch</em>, bester Richter, ich muß ein anderes Pferd -haben; können Sie mir ein's verkaufen?«</p> - -<p>»Was wollen Sie d'ran wenden?« frug dieser; -denn ein Amerikaner läßt nie eine Gelegenheit ungenutzt -vorüber, wo er hoffen darf einen Pferdehandel -zu machen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -»Vierzig Dollar bleiben mir, das Nothwendigste -abgerechnet, über.«</p> - -<p>»Gut – ich schaffe Ihnen ein Pferd, aber heute -Abend können Sie unmöglich noch fort.«</p> - -<p>»Gleich! –«</p> - -<p>»Unsinn, verderben Sie sich jetzt ihr Spiel nicht -selbst durch Ihre Hitze; Abends acht Uhr hat der alte -Beaufort seine Ladung Claret und geht zu Bett; erstlich -ist es nachher ein Ding der Unmöglichkeit, ihn -munter zu bringen, und geläng es Ihnen wirklich, so -möchte ich die Laune sehen, in der er sich befindet. -Vor neun Uhr morgen früh ist er nicht zu sprechen, -und reiten Sie um acht Uhr hier fort, so treffen Sie -ihn gerade beim Frühstück – das ist die beste Zeit. -Uebrigens habe ich Beaufort ersucht, die Zahlung -drei Tage zu verzögern und Saise indessen an sich zu -nehmen; vielleicht gelingt es mir doch noch, sie zu -retten. Ich will morgen mit Beatty, einem unserer -besten Advokaten hier, sprechen; giebt es eine Art -und Weise, auf welche wir die Identität der Häuptlingstochter -beweisen können, so wird der sie schon -ausfinden.«</p> - -<p>Von neuen Hoffnungen erfüllt, ließ sich St. Clyde -endlich durch die Gründe des Richters bewegen, auf -seine Vorschläge einzugehen und die Nacht bei ihm -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -zuzubringen. Als er aber am nächsten Morgen mit -dem Brief, der Saise aus den Klauen jenes Buben -retten sollte, auf der breiten Straße dahinsprengte, -da ward er es sich erst selbst so recht bewußt und klar, -wie er jenes unglückliche Mädchen liebe und wie es -für ihn auf dieser Welt keinen weitern Frieden gebe, -als den, den er an ihrer Seite finden konnte. Wohl -war er arm und hatte Nichts, als seine eigene Kraft -und Ausdauer; die Tochter der Wälder aber, an -Entbehrungen von Jugend auf gewöhnt, würde sich -wohl schwerlich zu dem civilisirteren Leben der Ansiedlungen -zurückgesehnt haben, wenn er ihr wirklich, wie -er es hoffte und glaubte, nicht gleichgültig war; nur -erst frei mußte sie sein, frei wieder, wie der Vogel der -Luft und der Hirsch der Prairie, und diese Angst von -ihr genommen werden.</p> - -<p>Zu schnellerem Trab spornte er sein wackeres Thier -an, als er des armen Mädchens gedachte, und unter -den hohen, schattigen Magnolien flog er rasch und -fröhlich dahin. Endlich erreichte er die Ansiedlungen -des Fausse Riviere, durch das kleine Städtchen sprengte -er mit verhängten Zügeln – an Plantage nach Plantage -brauste er vorbei – schon war er am »Poydras-College« -vorüber und dort – dort schimmerte ihm -jetzt das hohe, glänzende Dach aus dem grünen, -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -schwellenden Laub entgegen. Er hatte die Orangenhecke -erreicht, sprang vom Pferd, hing den Zügel desselben -über einen alten, halbverdorrten Feigenbaum und flog -die Stufen hinauf, wo er wußte, daß Mr. Beaufort -allmorgendlich sein Frühstück halte.</p> - -<p>»Hallo, St. Clyde,« rief ihm dieser freundlich -entgegen, »das ist hübsch von Euch, daß Ihr wiederkommt, -ich war gestern Abend ein bischen brummig, -aber der verdammte Nigger hatte mich so geärgert. Nun, -kommen Sie her – dahinten steht noch ein Stuhl -– Scipio, Canaille, kannst Du nicht aufpassen, wenn -Gentleman einen Stuhl sucht,« unterbrach er sich dann -selbst, um einem kleinen, bei Tisch aufwartenden Negerknaben -vorher diese freundliche Ermahnung zukommen -zu lassen.</p> - -<p>St. Clyde blickte ängstlich in dem Raum umher, -in dem sonst zu dieser Zeit Gabriele und Saise nie -gefehlt hatten.</p> - -<p>»Sie suchen meine Tochter?« frug Beaufort, den -Blick bemerkend – »ist nicht recht wohl heute Morgen, -läßt sich entschuldigen.«</p> - -<p>»Und – und Saise!«</p> - -<p>»Hören Sie, St. Clyde,« sagte der alte Beaufort, -sein Messer niederlegend, »wenn wir gute Freunde -bleiben sollen, so verderben Sie mir mein Frühstück -<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -nicht und lassen Sie die alte Geschichte ruhen. Die -Sache ist abgemacht.«</p> - -<p>»Abgemacht? Um Gottes willen, wie? Ist Saise -fort?«</p> - -<p>»Noch nicht, aber nun thun Sie mir den Gefallen -und setzen Sie sich. Der Claret ist ausgezeichnet und -das Beefsteak vortrefflich.«</p> - -<p>»Mr. Beaufort, ich habe diesen Brief vom Richter -an Sie abzugeben; er läßt Sie dringend bitten, seinem -Wunsche zu willfahren!«</p> - -<p>»Schön,« sagte Beaufort, das Schreiben, ohne es -weiter anzusehen, unter den Teller schiebend, »wollen's -nachher einmal untersuchen.«</p> - -<p>»Es hat Eile, Mr. Beaufort, es hängt das Glück -eines Lebens davon ab,« bat St. Clyde.</p> - -<p>»Nun hab' ich's bald satt,« rief Beaufort halb -lachend, halb ärgerlich; »glauben Sie denn, ich ließe -der ganzen Welt zu Gefallen, mein Beefsteak kalt und -den Claret warm werden? Was nicht bis nach dem -Frühstück Zeit hat, bleibt ganz, das ist <em class="ge">mein</em> Sprichwort, -und nun setzen Sie sich, sonst werd' ich ernstlich -böse.«</p> - -<p>St. Clyde sah wohl daß hier keine weiteren Vorstellungen -halfen, er ließ sich also neben dem Pflanzer -nieder, aber nicht möglich war es ihm einen Bissen -<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -über die Lippen zu bringen; ein paar Gläser Wein -trank er, sein kochendes Blut abzukühlen, und ging -dann unruhig in der von Blumen und Blüten durchdufteten -Galerie auf und ab. Mr. Beaufort beendete -indessen sein Frühstück in aller Behaglichkeit, schlürfte -noch langsam den letzten Rest Wein hinunter, wischte -sich dann den Mund ab, lehnte sich ein wenig im -Stuhl zurück und sagte mit einem tiefen Athemzug:</p> - -<p>»So – jetzt wollen wir ein bischen hinuntergehen -und zusehen, wie –«</p> - -<p>»Aber der Brief –«</p> - -<p>»Ach ja so – den hätt' ich beinahe vergessen, -nun, was schreibt denn der Richter – – Lieber -Freund – interessire mich – da ich dringend bedarf -– Frau allein – bitte Sie herzlich mir – Saise – -beim Himmel wieder der verwünschte Nigger – anzukaufen -– Unsinn, kommt zu spät – wichtige Ursachen -– Auslieferung zu verschieben – Unsinn, -kommt zu spät, sag ich – ungemein verbinden – -vollkommenste Hochachtung und Freundschaft – ja, -thut mir leid – kommt zu spät –«</p> - -<p>»Aber Sie sagten ja erst vor wenigen Secunden, -daß Saise noch nicht fort sei? Wie ist es da möglich?«</p> - -<p>»Mein Overseer hat sie gekauft,« entgegnete ihm -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -Beaufort, sich die Zähne stochernd; »jetzt wenden Sie -sich an den und lassen Sie mich mit der Sache ungeschoren -– ich hab' es satt, noch länger mit dem Geschöpf -geplagt zu werden.«</p> - -<p>»Aber, Mr. Beaufort, was um des Heilands -willen hat Sie nur gegen die Unglückliche so hart -machen können? Sie behandelten sie ja doch bis jetzt -immer mehr wie ein Vater, als ein Fremder.«</p> - -<p>»Das ist es eben, Herr!« rief der alte Pflanzer -entrüstet – »das ist es eben; die Schande vor allen -meinen Niggern erleben zu müssen; glauben Sie denn -nicht, daß sich die Schufte halb todt lachen, weil ihr -Herr mit einem von ihrer Race so lange an einem -Tisch gegessen hat?«</p> - -<p>»<em class="ge">Wenn</em> aber nun Saise wirklich aus rein indianischem -Blute entsprossen wäre und Sie, ohne es zu -wissen, ein Bubenstück unterstützt hätten?« frug St. Clyde, -den alten Mann fest ins Auge fassend, »wenn -nun jener Fremde mit schurkischen Genossen und der -Hülfe eines Richters diesen Kaufbrief <em class="ge">geschmiedet</em> -hätte und durch Sie eine Unglückliche, die Sie bis -jetzt für ihren zweiten Vater hielt, in namenloses -Elend gestoßen wäre?«</p> - -<p>Beaufort sah den jungen Mann einen Augenblick starr -an, dann aber schüttelte er ärgerlich mit dem Kopf und rief:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -»Thorheit – Unsinn – kommen Sie da mit -einem ganzen Packet voll <em class="ge">wenn</em> und <em class="ge">aber</em> und – -zum Donnerwetter, Herr – lassen Sie mich jetzt mit -ihren Lamentationen zufrieden, die Dirne ist verkauft -– ich habe den Brief selbst unterzeichnet und damit -basta. – Gehen Sie zum Overseer, wenn Ihnen so -viel d'ran liegt, mit funfzig Dollar Profit wird er -sie wieder ablassen – oder – gehen Sie lieber einmal -ins Feld und schicken Sie ihn mir herauf, ich -habe etwas mit ihm zu sprechen.«</p> - -<p>Der alte Mann schritt ins nächste Zimmer und -warf ärgerlich die Thüre hinter sich ins Schloß. Aber -nicht mehr auf den jungen Creolen zürnte er, sondern -auf sich selbst; zum ersten Mal wurde jetzt der Gedanke -in ihm wach, daß er doch wohl zu voreilig gewesen -und sich von seinem Jähzorn zu sehr habe hinreißen -lassen. Das Geschehene ließ sich freilich nicht -mehr ungeschehen machen, aber versuchen wollte er nun, -ob er es nicht wenigstens verbessern könne. Er gedachte -Saise zu kaufen und dann nachzuforschen, ob wirklich -schwarzes Blut in ihren Adern rolle; bis dahin konnte sie -ein kleines Haus für sich beziehen, und brauchte mit ihm -und seiner Tochter nicht in Berührung zu kommen.</p> - -<p>Eine Stunde später stand Duxon mit Pitwell -wieder am Ufer des Flusses.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -»Pitwell,« sagte der Erstere, »ich glaube doch, es -ist besser, wir brechen schon morgen auf; den alten -Beaufort scheint die Sache zu wurmen – er wird bedenklich.«</p> - -<p>»Sollte er etwas merken?« frug Pitwell ängstlich.</p> - -<p>»Ein Wunder wär's nicht,« knirschte Duxon zwischen -den zusammengebissenen Zähnen durch, »der -Laffe war ja wieder hier und hat ihm wahrscheinlich -in den Ohren gelegen. Denkt nur, er wollte mir die -Dirne wieder abkaufen.«</p> - -<p>»Wer? Mr. Beaufort?«</p> - -<p>»Ja – Beide – erst der Gelbschnabel und dann, -wie ich zum Herrn kam, dieser selbst. – Er hatte, -während ich mit ihm sprach, einen Brief in der -Hand, und meinen Hals wollt ich verwetten, daß er -vom Richter war. Da ich nun hier manche Kleinigkeit -an der Kreide habe, so sehe ich gerade nicht ein, -weshalb wir noch länger zögern sollten. Als ich ihm -die Indianerin nicht verkaufen wollte, lief ihm wieder, -wie gewöhnlich, die Galle über die Leber und er -sagte, ich möchte in einer Stunde zu ihm kommen -und mit ihm abrechnen, die Gelegenheit will ich benutzen; -eine so schnelle Abrechnung erspart überhaupt -manches Unangenehme. Meine übrigen Angelegenheiten -kann ich alle bis morgen früh geordnet haben; bis -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -dahin haltet Ihr Euch auch fertig; in vier Tagen -müssen wir in Texas sein.«</p> - -<p>»Gut!« sagte Pitwell nachsinnend, »aber, Duxon, -wir gehen dann in Gesellschaft – ich – ich habe -noch einige Freunde, die mich hinter Fischer's Landung -erwarten – Ihr – Ihr macht Euch ja doch wohl -nichts daraus, ein wenig schnell zu reisen?«</p> - -<p>Duxon sah ihn scharf von der Seite an und frug -nach kleiner Pause: »Darf ich dann aber auch wissen -warum?«</p> - -<p>»Und gebt Ihr mir Euer Ehrenwort, daß Ihr -schweigen wollt?« flüsterte Pitwell, sich vorsichtig umschauend.</p> - -<p>»Braucht Ihr mein <em class="ge">Ehrenwort</em> dafür?« lächelte -der Overseer.</p> - -<p>»Nun, ich sehe, Ihr versteht mich, Duxon,« fuhr -der Yankee leise fort; »ich habe wieder ein kleines Geschäft -im Gang, gerade so wie wir es damals betrieben. -Ein reicher Pflanzer, vom andern Ufer des -Mississippi, will seine Sklaven gern nach Texas -schaffen, da sie in Louisiana zu vielen Werth für andere -Leute haben, und er bezahlt mir hundert Dollar -für den Kopf. Unterhalb Waterloo sind wir gestern -morgen übergesetzt, und mit Hülfe zweier Gefährten -habe ich sämmtliche Neger, hundert und funfzehn -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -Mann, in den zwischen Fischer's Laden und dem Cutoff -liegenden Sumpf gebracht – saht Ihr die drei, -die heute Morgen hier vorbeizogen? Das waren die -letzten. Sie haben sämmtlich falsche Pässe. Jetzt wißt -Ihr Alles und seid Ihr gescheidt, so schließt Ihr Euch -nicht allein an uns an, sondern nehmt Euch auch noch -ein paar – Begleiter mit. Hat denn Beaufort gar -keine Neger, denen das Leben in Louisiana nicht länger -gefällt? Ihr könnt ihnen ja sagen, es ginge in -ein besseres Klima.«</p> - -<p>»Das wohl,« murmelte Duxon, in tiefem Sinnen -vor sich hinstarrend; »aber Pitwell, die Sache hat -einen andern und zwar sehr bösen Haken. Daß wir -glücklich fortkommen, daran zweifle ich keinen Augenblick, -für Waffen werdet Ihr auch schon gesorgt -haben, doch – wenn sich Texas nun an die Vereinigten -Staaten schließt, wie es überall heißt, wie dann? -Dann liefert uns die Regierung aus.«</p> - -<p>»Du lieber Gott,« lachte Pitwell, »wenn die Regierung -darauf eingehen wollte, alle die auszuliefern, -die irgend etwas verbrochen haben, wer sollte denn -da das Land bebauen, Heerden ziehen oder gegen die -Mexikaner und Cumanches fechten? Nein, Duxon, -laßt Euch darüber keine grauen Haare wachsen, davor -sind wir sicher. Das wissen die wackern Burschen auch -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -recht gut, sonst hätten sie ja nie selbst für einen Anschluß -an die Union gestimmt.«</p> - -<p>»Ich glaube, Ihr habt Recht,« sagte Duxon, »auf -keinen Fall dürfte es schwer halten, weiter westlich zu -ziehen, wo uns weder Texas, noch Onkel Sam<span class="top">[7]</span> -etwas anhaben kann; beistehen wird uns, sollte es -so weit kommen, Mancher.«</p> - -<p class="ci fss">[7]: <i>Uncle Sam</i>, Scherzname der Vereinigten Staaten nach -den Anfangsbuchstaben <i>United States</i>!</p> - -<p>»Sieben Achtel von Texas,« lachte Pitwell.</p> - -<p>»Nun gut denn, es sei; ist dem aber so, dann -brechen wir morgen früh lieber vor Tagesgrauen auf, -so daß wir etwa um zehn oder elf Uhr Alle beisammen -sind. Verfolgung brauchen wir von hier aus nicht zu -fürchten, denn Beaufort steht nicht so früh auf und -ich werde schon dafür sorgen, daß er die Fehlenden -irgendwo beschäftigt glauben soll. Wird aber Saise -gutwillig mit uns gehen?«</p> - -<p>»Ist das eine Frage von einem Overseer; habt -Ihr keine Peitsche?«</p> - -<p>Duxon lächelte und sagte höhnisch: »Ihr scheint nicht -zu verstehen, wie man mit <em class="ge">Damen</em> umgeht; doch – -ich habe ein anderes Mittel, ich nehme unsere kleine -Gig und fahre. Als Entschuldigung mögen die Zurückbleibenden -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -nachher dem Herrn sagen, natürlich nicht -eher, als er darnach frägt, ich hätte meine Sachen an -Fischer's Landung geschafft, wo stets Boote anlegen. -Aber Pest und Gift, ich wollte doch heute bei meiner -kleinen – <em class="ge">Frau</em> bleiben und werde nun bis morgen -früh zu rennen und zu laufen haben, daß ich nicht -weiß, wo mir der Kopf steht. Nun beim Teufel, in -Texas kann ich's ja nachholen, hahaha, sie wird wohl -nicht böse darüber werden.«</p> - -<p>»Schwerlich!« sagte Pitwell trocken; »also jetzt -an's Werk – habt Ihr Waffen?«</p> - -<p>»Zwei Büchsen, ein Bowiemesser und drei paar -Pistolen – Ihr wißt, ein Overseer muß immer eine -kleine Burg aus seinem Haus machen können.«</p> - -<p>»Gut, wenn Ihr einen Wagen nehmt, so mögt -Ihr nur das Alles mitbringen – solche Sachen sind -immer nützlich; aber dort kommt der junge Laffe die -Allee herunter, der sich so gewaltig um die Indianerin -anstellt. Die Dame vom Haus ist bei ihm; wie -heißt sie?«</p> - -<p>»Gabriele, ein prächtiges Mädchen, schade, daß -Ihr keinen Kaufbrief auf <em class="ge">die</em> fabriciren könnt, die -nähme ich auch.«</p> - -<p>Der Yankee warf ihm einen warnenden Blick zu -und ging, um nicht weiter mit dem Overseer zusammen -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -gesehen zu werden, am Fluß hinauf, während jener -sein Pferd satteln ließ und auf's Feld hinausritt, -dort eine gewisse Anzahl Neger aussuchte und diesen -befahl, ihre Aexte zu nehmen, um an einem etwas -entfernteren Theil des Waldes, den er ihnen bezeichnen -würde, Holz zu fällen. Bald darauf verschwand -er mit ihnen in dem die Plantage begrenzenden -Sumpfland.</p> - -<p>St. Clyde und Gabriele schritten neben einander -dem Flusse zu.</p> - -<p>»Um Gottes willen, Sir!« sagte die Jungfrau, -als sie sich der äußeren Einfriedigung näherten, »was -ist Ihnen? Sie scheinen in fürchterlicher Aufregung, -so habe ich Sie nie gesehen.«</p> - -<p>»Ich muß fort,« flüsterte der junge Mann, die -bleiche Hand fest gegen die heiße, fieberglühende Stirn -gepreßt – »ich muß fort – muß Hülfe haben. Erst -seit dieser unglückseligen Katastrophe fühle ich, wie -ich –« er schwieg und wandte sich ab –</p> - -<p>»Wie Sie Saisen lieben,« flüsterte Gabriele mit -leiser, tonloser Stimme und blickte starr zu dem Creolen -auf, »nicht wahr, St. Clyde – Sie – Sie lieben -die Indianerin.«</p> - -<p>»Ja, Miß Beaufort – ja – warum sollt ich es -Ihnen auch verschweigen,« sagte da plötzlich St. Clyde, -<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -der stehen blieb und fest in die Augen der erbleichenden -Jungfrau schaute, »warum sollt ich mich, Ihnen gegenüber, -scheuen es zu gestehen. Sie waren der Unglücklichen -Freundin, so lange sie unter Ihrem Schutze -stand – Sie sind selbst gegen mich, den fremden, -heimatlosen, armen Wanderer immer nur gütig und -liebevoll gewesen – Ihnen will ich vertrauen und -Sie werden mich auch, so weit es in Ihren Kräften -steht, unterstützen.«</p> - -<p>»Gewiß – gewiß,« sagte mit kaum hörbarer -Stimme Gabriele – »aber – aber, wenn nun Saise -– doch eine – eine Negerin wäre? Wenn nun – -ach Gott – zürnen Sie mir nicht, ich weiß nicht, -was ich rede; nein, nein – Saise ist frei – muß -frei werden und – glücklich.«</p> - -<p>Sie barg ihr Angesicht in den Händen und die -hellen, klaren Thränentropfen quollen zwischen den -zarten Fingern hindurch.</p> - -<p>»O, Miß Beaufort!« rief St. Clyde gerührt, -»Sie sind so gütig gegen die Unglückliche, wie werde -ich Ihnen das je danken können?«</p> - -<p>Gabriele sammelte sich gewaltsam. »Was wollen -Sie thun – was ist Ihr Plan?« frug sie schnell; -»wie glauben Sie Saise retten zu können, da Sie mir -selber sagten, jener Bube habe sie an Duxon verkauft -<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -und dieser sich mit meinem Vater überworfen. Was -können Sie gegen jene Elenden ausrichten, die die -Gesetze auf ihrer Seite haben?«</p> - -<p>»Nichts mehr <em class="ge">durch</em> die Gesetze,« sagte St. Clyde -mit unterdrückter Stimme – »Alles <em class="ge">ohne</em> sie. Der -Richter hat mir gestern gesagt, daß am Mississippi ein -Trupp von Chocktawjägern lagere, die müssen mir -beistehen; kann ich sie nicht dadurch gewinnen, daß -sie eine Tochter ihrer eigenen Race von Sklaverei -retten sollen, sind sie so verderbt, daß selbst <em class="ge">das</em> keinen -Eindruck mehr auf sie macht, dann steht mir ein -anderes, für sie kräftigeres Mittel zu Gebote – der -<em class="ge">Whiskey</em>. Ein Grenzindianer ist ja durch Whiskey -zu jeder Schlechtigkeit zu bewegen, warum nicht auch -einmal zu einer guten That – es ist das <em class="ge">letzte</em> -Mittel.«</p> - -<p>»Aber die Gefahr, der Sie sich aussetzen?«</p> - -<p>»Gefahr? Giebt es denn eine Gefahr, wo ich nur -sterben kann? Nein, Miß Beaufort – <em class="ge">ohne</em> Saise, -wenn ich sie glücklich wüßte, hätte ich vielleicht leben -können; mit dem Gefühl aber, daß sie, dem entsetzlichsten -Verderben preisgegeben, in schmachvollen Fesseln -schmachten, die freie Tochter der Wälder eine -Sklavin – nein – nein – Leben wäre da Wahnsinn. -– Aber ich muß fort – die kostbare Zeit verfliegt -<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -– Duxon hat sich mit Ihrem Vater gezankt und will -fort; die ganze Ansiedlung spricht davon, wie er ihn -betrogen und sich in den wenigen Jahren, die er hier -sei, ein Vermögen gewonnen, er wird deshalb nicht -säumen, das in Sicherheit zu bringen, und geht er -zu Schiffe, vielleicht nach New-Orleans, dann wäre -es unmöglich, den Einzelnen in der ungeheueren Stadt -wiederzufinden. Doch jetzt meine Bitte, wollen Sie -sich Saisens annehmen?«</p> - -<p>»Wie kann ich es?« erwiederte mit ängstlich gefalteten -Händen Gabriele – »Sie ist Duxon's Eigenthum.«</p> - -<p>»Ich weiß es, aber Sie haben vielen Einfluß auf -Ihren Vater, selbst auf jenen Buben; es ist die Gewalt, -die stets die Tugend über das Laster übt, die -Scheu, die der Böse dem Guten gegenüber nicht überwinden -kann. Dringen Sie darauf, daß Saise ihm -heute noch nicht ausgeliefert werde, oder daß sie, wenn -Sie das nicht verhindern können, diese Nacht noch bei -Ihnen, oder wenigstens unter dem Schutze jener alten -Negerin zubringe.«</p> - -<p>»Sie wollen sie entführen?« frug Gabriele bestürzt.</p> - -<p>»Nein,« sagte St. Clyde düster, »ihr Kaufbrief -würde in den Händen jenes Buben, Saise aber in -dem Gedanken daran stets elend bleiben; nein – ich -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -muß den <em class="ge">Brief</em> in meine Gewalt bekommen; die -Gesetze wollen mir nicht beistehen, so mag Gott es -thun. Versprechen Sie Saisen so lange zu beschützen?«</p> - -<p>»Ja,« flüsterte Gabriele und reichte ihm mit abgewandtem -Antlitz ihre Hand – »und Sie wollen?«</p> - -<p>»Saise retten oder – sterben,« erwiederte fest der -junge Creole.</p> - -<p>»Und dann – wenn Sie – wenn Saise die -Ihrige ist? –«</p> - -<p>»Such ich ein fernes Land, wo nicht Menschen -wie Thiere verkauft und mißhandelt werden; ich stamme -aus Frankreich – meine Familie soll zu den edelsten -des Landes gehören; dorthin kehre ich zurück.«</p> - -<p>»Mit Saise?«</p> - -<p>»Mit meinem Weibe.«</p> - -<p>»So leben Sie wohl, St. Clyde, leben Sie -wohl; möge Gott Sie schützen und schirmen!«</p> - -<p>Sie rief's und eilte schnellen Schrittes zum Hause -zurück. Auf der Stelle aber, wo sie gestanden, lag die -weiße Rose, die noch eben an ihrer Brust geruht. -St. Clyde hob sie auf, küßte sie, barg sie an seinem -Herzen, eilte dann zu seinem Pferd, schwang sich in den -Sattel und sprengte in schnellem Galopp die Straße -am Strom hinauf. Dort aber angelangt, hielt er -sich nicht länger auf, als nöthig war die gewöhnliche -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -Flatbootfähre in Stand zu setzen, um ihn und sein -Roß ans andere Ufer zu bringen, und bald schwamm -das kleine Boot, von vier rüstigen Armen getrieben, -auf der breiten Fläche des gewaltigen Stromes dem -östlichen Ufer zu.</p> - -<p>»Sind gestern Indianer auf dieser Fähre übergesetzt?« -frug er nach einer Weile den älteren der Beiden, -der der Eigenthümer des Fahrzeugs zu sein -schien.</p> - -<p>Dieser sah ihn an und lachte.</p> - -<p>»Nein,« sagte er, »habt Ihr schon einmal davon -gehört, daß sich ein Indianer auf einer Fähre übersetzen -läßt? ich nicht; <em class="ge">das</em> Geld können sie besser gebrauchen; -dafür giebt's Whiskey, und wo das rothe -Volk für <em class="ge">den</em> Zweck einen Cent ersparen kann, da -quält es sich lieber tagelang auf seine eigene Art – -das heißt nicht etwa mit Arbeit.«</p> - -<p>»Also sie sind nicht hier herüber?« frug St. Clyde -erschreckt.</p> - -<p>»Doch, allerdings,« entgegnete ihm der Jüngere, -»nur nicht auf der Fähre – sie saßen Alle in zwei -kleinen Canoes, die sie mit von drüben herübergebracht, -und ließen ihre Pferde am Zügel oder -Stricken hinterherschwimmen.«</p> - -<p>»Und glaubt Ihr, daß ich sie finden werde?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -»Ich sollte nicht denken, daß es schwer halten wird. -Sie hatten, wie mir Ben sagte, der von oben herunterkam, -eine große Menge Whiskeyflaschen bei sich, -und da sind sie heute wahrhaftig nicht mehr auf die -Jagd gegangen. Ein kleines Stückchen weiter oben -landeten sie, und wenn Ihr Euch nur zu dem Haus -dort, was Ihr da durch die Weiden und Baumwollenholzbäume -schimmern seht, bemühen wollt, so denk ich, -werden sie Euch da wohl auf die rechte Spur bringen.«</p> - -<p>Das Boot legte sich in diesem Augenblick am Ufer -an, St. Clyde führte sein, vorsichtig mit den Hufen -nach festem Grund suchendes Pferd hinaus, drückte -dem Jüngeren, der ebenfalls ans Land gesprungen -war, um mit dem Tau die Fähre zu halten, das -Ueberfahrtsgeld in die Hand, schwang sich in den -Sattel und trabte rasch dem nicht fernen niederen -Wohngebäude zu, das, dicht am Fluß errichtet, für -den Augenblick noch von hohem üppigen Waldwuchs -umgeben war, aus welchem aber der neue Ansiedler -gerade die künftigen Mittel seiner Existenz – Klafterholz -für Dampfboote heraushauen wollte.</p> - -<p>Der Backwoodsman stand in der Thür.</p> - -<p>»Guten Tag, Sir,« rief ihm St. Clyde entgegen, -»habt Ihr Nichts von den Indianern gesehen, die -gestern, unfern von hier, übersetzten?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -Jener horchte, ohne ein Wort auf die Frage zu -erwiedern, in den Wald hinein und verharrte in dieser -Stellung wohl mehre Minuten. St. Clyde jedoch, -der glauben mochte, daß er seine Frage ganz überhört -habe, wiederholte dieselbe und bat um Antwort. Wie -aus Stein gehauen blieb aber der Amerikaner stehen, -bis der junge Mann endlich ein ungeduldiges »aber -Sir« nicht länger zu unterdrücken vermochte.</p> - -<p>»Könnt Ihr einen Mann finden, wenn er im -Walde sitzt und schreit, was aus der Kehle will?« kam -jetzt die Gegenfrage, das ziemlich sichere Zeichen des -Neuengländers.</p> - -<p>»Wenn ich nahe genug bin, es zu hören, warum -nicht?« rief der Creole unmuthig; »aber ich frug Euch, -ob Ihr die Indianer –«</p> - -<p>»Dort, drin im Walde schreien sie,« sagte der -Amerikaner trocken und deutete mit seiner kurzen, aus -Schilf geschnitzten Tabackspfeife einen schmalen Kuhpfad -entlang, der gerade in das Dickicht hineinlief.</p> - -<p>»Die Indianer?« frug St. Clyde erstaunt.</p> - -<p>»Ahem!« nickte jener und fuhr dann, ohne des -Fremden weiter zu achten, mit Rauchen fort. Der -Creole aber, der jetzt einen Augenblick in den stillen -Wald hineingelauscht hatte, glaubte ebenfalls wild -verworrene Töne zu hören, rief dem Manne einen -<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -kurzen Dank zu und sprengte, so schnell es ihm das -ziemlich dichte Unterholz gestattete, auf das Toben -zu, das immer lauter und deutlicher zu ihm herüberschallte. -Nach kurzem Ritt erreichte er eine Waldblöße, -dicht am Rande eines kleinen seeartigen Sumpfes, -der durch die Ueberschwemmung des Mississippi zurückgeblieben -und noch nicht ganz wieder ausgetrocknet -war, und sah hier ein so pittoreskes als eigenthümliches -Schauspiel vor sich.</p> - -<p>Auf dem üppigen Grasboden ausgestreckt, von -einem Halbkreis glimmender, qualmender Feuer umgeben, -deren Rauch über sie hinzog und dazu dienen -sollte, die unzähligen auf sie einstürmenden Musquitos -abzuhalten, Manche mit, Andere ohne ihre Jagdhemden, -jeder aber eine ziemlich geleerte Whiskeyflasche -in der Hand, lagen jubelnd und schreiend, alte -Schlacht- und Kriegslieder und neu gelernte französische -und englische Melodien mehr brüllend als singend, -sieben rothhäutige Jäger unter den riesenhaften, -himmelanstrebenden Baumwollenholzbäumen der Niederung -und der Eine, der der Führer der Bande und -noch am nüchternsten zu sein schien, hatte zum Tactstock -sein spitzes Scalpirmesser genommen, und stach -damit fortwährend in ziemlich regelmäßigen Zwischenräumen -in den grünen Rasen, auf dem er, das Antlitz -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -den luftigen Wipfeln zugekehrt, lag, während ihn die -Uebrigen nicht allein mit ihren Stimmen, sondern -auch, ziemlich Alle in derselben Stellung oder Lage, -mit Hacken und Faust accompagnirten; jeder natürlich -seiner eigenen ohrenzerreißenden Melodie dabei -folgend.</p> - -<p>Der Führer der Bande entdeckte, wie es schien, -den Fremden zuerst; ohne sich aber weiter zu regen, -als nöthig war, ihn mit einem flüchtigen Blick von -oben bis unten zu messen, hielt er ihm, während ein -mattes, trunkenes Lächeln seine Züge überflog, die -Flasche entgegen und stammelte:</p> - -<p>»Hier – Fremder – hier – trin – trinkt einmal!«</p> - -<p>»Großer Gott!« stöhnte St. Clyde, erschüttert auf -die halbbewußtlosen Gestalten der Wilden blickend, -»großer allmächtiger Gott – sind das die Menschen, -von denen ich mir Hülfe versprach? – Verloren – -verloren – Alles – Alles verloren!«</p> - -<p>Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und saß -mehre Secunden lang in stillem, sprachlosem Schmerz -versunken.</p> - -<p>»Trinkt – <i>dam it</i>,« rief der Führer noch einmal -– »denkt Euch zu gut mit Indian aus einer Flasche -zu trinken, mit armen Indian, eh? Armer Indian ist -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -großer Häuptlings Sohn – <i>go to Hell</i>!« Er sank -wieder zurück an die Wurzel des Baumes und begann -seinen Gesang von Neuem.</p> - -<p>Der Creole sprang vom Pferde und schritt mit -untergeschlagenen Armen und fest auf den Boden gehefteten -Blicken neben den trunkenen Jägern auf und -ab, während der wilde Führer mit gläsernen stieren Augen -zu dem grünen Waldesdom emporblickte und die Verse -eines indianischen Schlacht- oder Siegesliedes sang:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Ich erschlug den Häuptling der Muskokee;</div> - <div class="verse">Sein Weib – dort am Stamme verbrannt' ich sie,</div> - <div class="verse">Und bei den Hinterbeinen darauf</div> - <div class="verse">Hing ich den Lieblingshund ihm auf.</div> - <div class="verse"> Huh – huh – huh, vom Muskokee</div> - <div class="verse"> Wah, wah, wah, den Scalp hier sieh!</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Bei dem Namen der Muskokee blieb St. Clyde -lauschend stehen – er wußte, daß die Riccarees, selbst -noch in letzterer Zeit, manche blutige Schlacht mit diesem -Stamme geschlagen hatten; aber auch die Chocktaws -und Muskokees bekämpften sich – das Kriegslied -mußte von diesen sein; dennoch wandte er sich an -den jungen Häuptling und sagte:</p> - -<p>»Welchem Stamm gehörst Du an, bist Du ein -Chocktaw?«</p> - -<p>Der Indianer sang, ohne die Frage zu beachten, -weiter –</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Ich streift' ihm den Schädel ganz nackt und baar,<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a></div> - <div class="verse">Und hier ist sein Scalp, mit der Scalplockehaar,</div> - <div class="verse">Sein Fleisch ist in des Panthers Magen,</div> - <div class="verse">Seine blutigen Knochen die Wölfe nagen,</div> - <div class="verse"> Huh, huh, huh, vom Muskokee,</div> - <div class="verse"> Wah, wah, wah, den Scalp hier sieh!</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>»Bist Du ein Chocktaw, Indianer?« frug der -Creole jetzt dringender, indem er sich zu ihm niederbog -und die Hand auf seine Schulter legte; »rede – -bist Du ein Chocktaw?«</p> - -<p>Der Wilde murmelte einen nur halbverständlichen -Fluch und fuhr fort:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Seine Sehnen brauch ich zur Bogenschnur,</div> - <div class="verse">Wenn ich folge der einzelnen Feinde Spur,</div> - <div class="verse">Und es zittert der weibische Muskokee,</div> - <div class="verse">Wie ein Rohr im Orkan, vor dem Riccaree</div> - <div class="verse"> Huh, huh, huh, vom Musko –</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>»Was beim Teufel habt Ihr?« unterbrach er sich -da plötzlich selbst, als St. Clyde, bei der Nennung -jenes Stammes überrascht, mit dem Ausruf freudigen -Erstaunens: »Ha! Riccaree! – Ihr seid ein Riccaree!« -emporzuckte.</p> - -<p>»Ihr seid ein Riccaree?« wiederholte er dann nach -kurzer Pause noch einmal.</p> - -<p>»Nun gut – was soll's?« war die kurze Antwort -des Indianers, der sich indeß bestrebte, die durch die -Unterbrechung verlorene Melodie wiederzufinden, -<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -während er gedankenlos dazu mit den Füßen auf dem -Grasboden trommelte.</p> - -<p>»So müßt Ihr mit mir kommen und ein Kind -Eures Stammes retten, das sich in dringender Gefahr -befindet.«</p> - -<p>»Mein Stamm ist in Missouri,« murmelte der -rothe Sohn der Wälder und summte dann wieder leise -vor sich hin:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Seine Sehnen brauch ich zur Bogenschnur,</div> - <div class="verse">Wenn ich folge der flüchtigen Feinde Spur –</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>»Aber sie haben es geraubt!« rief St. Clyde in -Verzweiflung. »Mensch, hat denn dieser teuflische -Whiskey Deine ganzen Sinne verbrannt, daß Du kein -Mitleiden, kein Gefühl mehr hast?«</p> - -<p>»Keinen Whiskey mehr hast?« wiederholte mit -lallender Zunge der Jäger – »nein – nichts mehr, -nur ein bischen – gebt welchen.«</p> - -<p>»Ha,« sagte der Creole, von einem glücklichen Gedanken -ergriffen, »Du sollst Whiskey haben, ein ganzes -Faß voll, aber komm jetzt mit mir und stehe mir bei.«</p> - -<p>»Faß voll Whiskey?« murmelte der Indianer, sich -halb aufrichtend - »ganz Faß voll?« Der Gedanke -war zu großartig für ihn, er vermochte nicht ihn auf -einmal zu fassen. Das Chor der Gefährten brach zuletzt -wieder in einen so brüllenden Schlachtschrei aus, -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -wobei sie mit den Armen wild in der Luft herumfochten, -daß ein alter Alligator, der sich kaum hundert -Schritte von ihnen entfernt auf einem im Wasser -schwimmenden Stamme sonnte, erschreckt emporsah -und dann geräuschlos in das ruhigere Element zurückglitt.</p> - -<p>»Faß voll Whiskey?« wiederholte der Indianer -nach langer Pause. »Viel Whiskey das – kommt!« -und er versuchte sich, wenn auch vergebens, emporzurichten.</p> - -<p>Der Creole unterstützte ihn nun zwar und brachte -ihn mit genauer Noth dahin, daß er aufrecht stehen -blieb; was aber half ihm das? Was sollte er mit -dieser bewußtlosen Masse von Gier und roher Sinnlichkeit -beginnen? War das der Mann, der ihm helfen -konnte die Geliebte zu befreien? Er ließ ihn los und -der junge Häuptling taumelte, mit auf die Brust gesenkter -Unterkinnlade, an den nächsten Baum an.</p> - -<p>»Arme Saise!« seufzte St. Clyde.</p> - -<p>»Ais?« stammelte der Indianer mit schwerer -Zunge – »Ais? Wer spricht von Nedaunis-Ais? -Sie ist todt – Whiskey will ich – Whiskey!«</p> - -<p>»Whiskey!« jubelte die Bande, die das letzte -laut ausgestoßene Wort vernommen – »Whiskey, -hupih!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -»<em class="ge">Nedaunis-Ais?</em> Du kennst sie?« rief der -Creole und sprang auf den Taumelnden zu.</p> - -<p>»Laßt mich oder ich stoße Euch Eisen in Leib,« -knurrte der Wilde – »<i>dam you</i>!«</p> - -<p>»Nedaunis-Ais <em class="ge">lebt</em>,« donnerte aber Jener, die -Drohung nicht achtend, fort – »sie <em class="ge">lebt</em> und <em class="ge">Du</em> -sollst mir helfen, sie zu <em class="ge">retten</em> –«</p> - -<p>»<em class="ge">Lebt? retten? wo?</em>« rief der Trunkene, jetzt -augenscheinlich bemüht, den klaren Sinn der Worte -zu fassen, während seine starren Augen fest auf dem -Fremden hafteten.</p> - -<p>Mit kurzen Worten erzählte nun St. Clyde dem -aufmerksam Lauschenden die Geschichte der Indianerin, -während dieser mit fest gegen die Schläfe gepreßten -Händen dastand und jede Sylbe von seinen Lippen -sog. Endlich aber, als er anfing zu begreifen, um -was es sich handele, und als das Schicksal der Unglücklichen -in klareren, entschiedneren Farben vor ihm -auftauchte, da faßte er, von Grimm und Wuth entbrannt, -die Flasche, die, noch immer ein Drittheil -gefüllt, neben ihm lag und schmetterte sie mit wildem -Wurf gegen den nächsten Stamm.</p> - -<p>»Gift – Gift – Gift!« schrie er dabei – »die -Schwester verkauft und ich trunken – Gift – Gift, -der Weißen Feuerwasser – Gift – Whiskey!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -»Whiskey! hupih!« jubelten die von der Schaar, -die noch Besinnung genug übrig behalten hatten, die -letzten Worte zu verstehen.</p> - -<p>»Aber, halt – halt!« rief der junge Indianer -plötzlich, indem er sich die langen, schwarzen Haare -aus der Stirn strich, »noch ist nicht zu spät – noch ist -Zeit« – und sein Jagdhemd und seine Leggins abwerfend, -sprang er mit einem Satz von dem, an dieser -Stelle mehre Fuß hohen Ufer in das Wasser hinab, -tauchte mehrmals unter und kam dann ans Land -geschwommen. Hier lief er, ohne sich die Mühe zu -nehmen, seine Sachen erst wieder anzuziehen, in den -Wald hinein, aus dem er nach kaum einer Viertelstunde -auf dem Rücken eines kleinen schnaubenden -Poneys zurückkehrte. Seine Kleider und Waffen -waren bald zusammengerafft und fast eher noch, als -der Creole sein Pferd besteigen konnte, winkte er ihm -schon zu folgen.</p> - -<p>»Aber Deine Kameraden,« sagte St. Clyde jetzt, -»was können wir zwei allein ausrichten!«</p> - -<p>»Komm,« sagte der Sohn der Wälder, »komm; -willst Du bis morgen bleiben, um sie mit lallender -Zunge sprechen zu hören – <em class="ge">mehr Whiskey</em> – -<em class="ge">mehr Whiskey</em>? Es sind Chocktaws – ich muß -fort – Du kommst mit – wir zwei genug –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -Er wartete gar keine weitere Antwort seines Begleiters -ab, sondern sprengte mit verhängten Zügeln -dem Mississippi zu, warf sich hier noch einmal in die -Flut, die Wirkung des Feuertranks zu vernichten, und -holte dann, nachdem er seine wenigen Kleidungsstücke -wiederangelegt, ein verborgen gehaltenes Canoe aus -dem Gebüsch. St. Clyde mußte sich in die Mitte -desselben setzen, und an beiden Seiten eines der Pferde -mit dem Zügel unterstützen, während er selbst das -Boot schnell und geschickt über den breiten reißenden -Strom ruderte.</p> - -<p>So lange aber war St. Clyde, zuerst von dem -Indianer und dann durch das Ueberfahren aufgehalten -worden, daß die Sonne schon unterging, als sie -eben das westliche Ufer erreichten, und der Creole -mußte nun die Leitung übernehmen, und führte den -so zufällig gefundenen Bruder Saisens zu dem Richter. -Unterwegs erzählte ihm dabei Wetako, der Name -des Riccaree, daß er damals seine entführte Schwester -verfolgt und den schändlichen Räuber auch eingeholt -und erschlagen habe, vergebens aber war sein -Monate langes Umherstreifen gewesen, eine Spur -der Geraubten selbst zu finden, die durch die teuflische -List jenes Buben seinem rettenden Arm entzogen worden. -In Verzweiflung darüber hatte er sich endlich -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -einer Schaar von Chocktaws angeschlossen, die in den -Wäldern Louisianas jagten und das erlegte Wild in -die benachbarten kleinen Städte schafften. Durch Lebensüberdruß -und Schmerz aber gleichgültig gegen -Alles gemacht, was er sonst hoch und theuer hielt, -ergab er sich dem Trunk und folgte dabei nur dem -Beispiel seines ganzen unglücklichen Stammes.</p> - -<p>Das doppelte Bad und der jähe Schreck der theils -freudigen, theils schlimmen Nachricht von dem Leben -und der Noth seiner Schwester hatte aber jede Spur -von Rausch verdrängt; der Indianer, der kalte, besonnene -Wilde war wieder in ihm erwacht, und mit -schnellem Blick übersah er die Gefahren, die das Wesen, -das er auf Erden am meisten liebte, bedrohten. -Zwar kannte er nicht die Gesetze der Weißen, aber er -wußte, wie schwer, ja wie für einen Indianer fast -unmöglich es sei, etwas zurückzuerhalten, auf das sie -erst einmal ihre Hand gelegt, und schien auch von -vorn herein gar keinen andern Gedanken gehabt zu -haben, als Saise durch List oder Gewalt zu retten; -beides galt ihm gleich, so es nur zum Ziele führte.</p> - -<p>Dunkele Nacht war's, als sie das Haus des Richters -endlich erreichten; wichtige Veränderungen schienen -aber in den wenigen Stunden vorgegangen. Von -den Grenzen des nördlich liegenden Mississippistaates -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -herüber hatten sich einzelne Constabel eingefunden, die -einen Pflanzer wie seinen Helfershelfer verfolgten. -Bis nach Waterloo mußten die Flüchtigen auch zusammengeblieben -sein, von da an schienen sie sich aber -getrennt zu haben, und zwei der Nachgesandten jagten -am Ufer des Flusses hinab, dort alle Anstalten zu -treffen, ihre weitere Flucht aufzuhalten, während die -Uebrigen der allerdings stärkeren Spur stromauf folgten, -um die Entflohenen wo möglich daran zu verhindern, -sich in das Innere des Landes zu wenden -und die texanische Grenze zu erreichen.</p> - -<p>Des Richters Verdacht aber, dem ebenfalls Meldung -geworden, war augenblicklich auf den Fremden -gefallen und er hatte noch spät am Nachmittag Boten -an den Fausse Riviere gesandt, um diesen jetzt, nicht -wegen der Indianerin, sondern als Ausrede auf den -Verdacht hin mit jenen Negerdieben im Bunde zu -stehen, verhaften zu lassen. Dadurch hoffte er zu gleicher -Zeit der Wahrheit auf die Spur zu kommen, ob -Saise Sklavin oder nur schändlich ihrem Stamme -geraubt sei.</p> - -<p>St. Clyde drang nun darauf, einen Aufschub der -Auslieferung Saisens zu erhalten, wozu sich der -Richter jetzt ebenfalls gern bereit zeigte, nur mußte -dazu die Rückkunft des Deputysheriffs erwartet werden, -<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -da der Obersheriff stromauf, die beiden Constabel -aber stromab beschäftigt waren, und der Creole sah -sich zu seinem größten Verdruß gezwungen, dessen -Ankunft zu erharren. Zwar erbot er sich, das Schreiben -selber mit hinüber zu nehmen; das wäre aber -nicht rechtskräftig gewesen und der Richter vertröstete -ihn damit, wie die wenigen Stunden sicherlich keinen -Unterschied machen würden, da er ja trotzdem noch mit -Tagesanbruch an dem Fausse Riviere sein und das -arme Mädchen vor dem Fortschleppen in die Gefangenschaft -bewahren könne. Aber der Deputysheriff -kam nicht – Stunde auf Stunde warteten sie und -ängstigten sich, und der Richter rief endlich verdrießlich:</p> - -<p>»Die Pest über den Burschen – ich werde mich -noch gezwungen sehen darauf anzutragen, daß der -Sheriff diesen liederlichen Fritz Haydt entläßt; es ist -gar nichts mehr mit ihm anzufangen; er trinkt sich -voll, läßt sich von den Mulattinnen an dem Fausse -Riviere zum Narren haben und versäumt dann seine -Pflicht.«</p> - -<p>»Ich will ihm entgegengehen,« bat St. Clyde, -»vielleicht zögert er unterwegs –«</p> - -<p>»Das würde Ihnen wenig helfen,« meinte der -Richter, »denn <em class="ge">wenn</em> er zögert, so finden Sie ihn nicht, -seine Vergnügungsörter hält er ziemlich geheim. -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -Kommt er aber nicht bis morgen früh, so reite ich -selbst mit Ihnen hinüber und dann machen wir die -Sache gleich zusammen ab.«</p> - -<p>In Angst und peinlicher Erwartung verbrachten -sie die Nacht, und nur der Riccaree konnte nicht begreifen, -weshalb sie eigentlich zögerten, und wollte -fortwährend aufbrechen, die Schwester zu befreien -und zu rächen.</p> - -<p>Da – es mochte zwei Uhr vorüber sein und das -Schweigen der Frösche verkündete den nahenden Morgen -– klopfte etwas mit heftigen Schlägen an die -Thür der Wohnung; der wachthaltende Sklave öffnete, -und die Treppe herauf stürmte nicht der Deputysheriff, -sondern der Constabel, mit wenigen Worten jetzt -meldend, daß, sicherer Kundschaft zufolge, jener Pitwell -der besoldete Entführer der sämmtlichen Plantagenneger -sei, und auch an dem Fausse Riviere nicht -mehr gefunden werden könne. Aber Beaufort's Overseer -müsse ebenfalls mit ihm unter einer Decke stecken, -denn auch er sei, wahrscheinlich gewarnt, mitten in der -Nacht nebst der erst angekauften Indianerin aufgebrochen, -die ihm aber keineswegs gutwillig gefolgt, -sondern in einer gewöhnlichen Negerkette forttransportirt -wäre.</p> - -<p>»Wah! –« rief Wetako, von der Erde emporspringend, -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -auf der er niedergekauert bis jetzt gesessen -hatte – »fort – fort – wir müssen fort.«</p> - -<p>Auch St. Clyde griff nach seinem Hut und wollte -ihm folgen; der Richter trat ihnen aber in den Weg -und bat sie noch einen Augenblick zu verweilen. Dann -stellte er ihnen vor, wie sie durch Gewalt wenig oder -gar nichts ausrichten könnten, bis nicht eine hinlängliche -Anzahl von Pflanzern versammelt sei, die ihnen -dann gemeinschaftlich folgen müßten; das würde -aber natürlich wenigstens bis morgen Mittag dauern, -und er wolle sie deshalb zugleich bitten, ihre Kräfte -mit denen seiner Constabels zu vereinen, um alle -Pflanzungen so schnell wie möglich von dem Vorfall -in Kenntniß zu setzen. Werde die Rettung auch dadurch -um wenige Stunden verzögert, so sei sie aber auch -mit so viel mehr Gewißheit vorauszusehen. – Davon -wollte aber weder der Creole noch der Indianer hören.</p> - -<p>»Nein,« rief der Letztere, »Nedaunis-Ais in Ketten, -und Wetako mit Messer und Büchse auf der Spur – -wir wollen fort!«</p> - -<p>»Um Gottes willen – begeht keinen Mord!« rief -der Richter ihnen erschrocken nach – »Ihr kennt unsere -Gesetze nicht – lebenslange Kerkerstrafe wäre die Folge.«</p> - -<p>Der Indianer lächelte grimmig vor sich hin, als -er die Worte hörte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -»Warum sperrt Ihr denn den Panther nicht ein, -der Nachts Eure jungen Pferde raubt?« höhnte er – -»Wetako ist ein Mann und seine Fährten sind tief. -Folgt ihm, wenn Ihr könnt!«</p> - -<p>Er sprang rasch in den Sattel, der Creole ebenfalls, -noch einen Gruß warf der Letztere zu dem dabei -auch ihn ängstlich warnenden Richter hinauf, und -fort flogen sie in gestrecktem Galopp die Straße entlang -und dem Orte zu, von wo aus der Overseer -aufgebrochen, um dort zuerst die Spur aufnehmen zu -können.</p> - -<p>Schon rötheten die ersten Sonnenstrahlen das -dunkelgrüne Laub der rauschenden Cypressen, als die -Reiter Beaufort's Plantage erreichten; hier war aber -Alles in Aufruhr. Aus fast sämmtlichen benachbarten -Ansiedlungen hatten sich die Pflanzer, mit Doppelflinten, -Messern und Harpunen bewaffnet, eingefunden -und <em class="ge">eine</em> Abtheilung sollte schon, wie St. Clyde -hörte, vorausgesprengt sein, die Flüchtigen wenigstens -aufzuhalten. Die beiden Männer verweilten aber kaum -lang genug hier, nur das Nothwendigste zu erfahren, -frugen schnell, welchen Weg die Gig des Overseers -genommen, und stürmten dann wie dunkele Rachegötter -hinterdrein.</p> - -<p>Eben diese Gig war aber die Ursache gewesen, -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -daß man auf der Plantage, früher als es Duxon gehofft, -Verdacht schöpfte, da er seine Sachen noch an -demselben Tage, unter der Adresse eines texanischen -Handelshauses und mit einem gerade dort anlegenden -Dampfboot, nach Houston gesandt hatte. Einzelne der -Neger, die er sonst stets grausam und unmenschlich -behandelt, meldeten dem Herrn ihre Vermuthungen, -wie auch, daß eine gewisse Anzahl ihrer Mitsklaven, -von denen die meisten des Overseers Spione gewesen, -ebenfalls vermißt würden und allem Anschein nach -entflohen wären.</p> - -<p>Duxon war überdies noch am vorigen Tage genöthigt -gewesen, seine neuangekaufte Sklavin in der -Obhut der alten Negerin zu lassen, da Gabriele fest -darauf bestanden, und er durch zu starres Weigern -Verdacht zu erregen fürchtete. Dies hielt in der Nacht -seine Flucht auf, die er, durch einen Boten Pitwell's -gewarnt, beschleunigen mußte, und so kam es denn, -daß er, noch mehre Meilen von dem Versammlungsort -entfernt, die gut berittenen Verfolger in voller -Hetze hinter sich hörte. Kaum vernahm er aber die -nachdonnernden Hufe auf der hartgetretenen Straße, -als er, schnell das Bett eines kleinen, ebenfalls trockenen -Baches benutzend, von dem Wege abbog. Die -Neger waren nämlich schon auf Pferden, die sie ihrem -<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -Herrn oder den Nachbarn geraubt, der ihnen bezeichneten -Gegend zugesprengt, und Duxon hatte gehofft -sie schnell genug einholen zu können. Für den Augenblick -gelang ihm auch diese Kriegslist vollkommen, -denn die Pflanzer, wenig damit vertraut einer Fährte -zu folgen, bemerkten die Abweichung der Wagenspuren -nicht eher, bis es zu spät war, und folgten dann der -ihnen durch die Neger selbst verrathenen Richtung, -weil sie nicht umkehren wollten, die Zeit zu versäumen. -Am Versammlungsort mußten sie ja später doch -Aller habhaft werden.</p> - -<p>Duxon nun, mit jedem Fußbreit Landes in diesen -Waldungen und Sümpfen vertraut, wußte, daß er, -wenn er dem Rande eines kleinen Dickichts folge, eine -ziemlich offene Holzung finden und nur mit den hindernden -Wurzeln der Cypressen zu kämpfen haben -würde. In kaum einer Viertelmeile von da durchschnitt -aber eine andere, ebenfalls nach dem Cutoff<span class="top">[8]</span> -hinaufführende Straße den Sumpf, und sobald er -diese erreichte, mußte ihn das aus der Spur aller -Verfolger bringen.</p> - -<p class="ci fss">[8]: Eine Biegung des Mississippi ist so genannt, wo sich dessen -Strömung eine neue, nähere Bahn gebrochen hat.</p> - -<p>Auf <em class="ge">einen</em> Widerstand aber hatte er nicht gerechnet, -<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -auf den <em class="ge">Saisens</em>. So lange er sich nämlich in -der Straße hielt, gab die Unglückliche noch immer -nicht die Hoffnung auf, von dem Geliebten, denn -auch sie hing mit ganzer Seele an dem jungen Creolen, -eingeholt zu werden; jetzt aber, als sie sich, nur -von den rauschenden Bäumen des Waldes umgeben, -ganz in der Gewalt des Menschen fand, den sie, seit -sie ihn zum ersten Mal gesehen, auch gefürchtet und -verabscheut hatte, da glaubte sie ihr Schicksal besiegelt, -und versuchte nun mit verzweifelter Anstrengung ihre -Ketten zu zerreißen und sich zu befreien.</p> - -<p>»Sitz' still, zum Teufel!« brummte der Overseer, -ohnedies nicht in der besten Laune, »oder ich klopfe -Dir den Peitschenstiel auf den Schädel, daß Du Dich -ruhig verhältst – hörst Du?«</p> - -<p>Saise hielt einen Augenblick erschöpft inne, dann -aber, auf's Neue ihre letzte Kraft versuchend, gelang -es ihr, wenn auch nicht ihre Ketten, doch die Bande -zu zerreißen, die ihre Hände niederhielt. In demselben -Augenblick befreite sie sich auch von dem Knebel, den -ihr der Bube der Vorsicht wegen angelegt hatte, und -stieß nun, von Angst und Verzweiflung getrieben, -einen Hülfeschrei aus, der so laut und plötzlich in die -Ohren des vor die Gig gespannten Poneys dröhnte, -daß dieses entsetzt zur Seite prallte und waldeinwärts -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -rannte. Duxon aber, durch den Hülferuf Saisens -ebenfalls erschreckt, konnte ihm nicht schnell genug in -die Zügel fallen, ja diese entglitten sogar seiner Hand, -und im nächsten Augenblick schnellte auch schon das -leichte Fuhrwerk mit einem Rad an einer der Cypressenwurzeln -hinauf und schlug, den Herrn wie seine -Sklavin in ein benachbartes Dickicht schleudernd, um.</p> - -<p>Zorn und Rache im Blick sprang der Bube empor, -das Poney nahm aber zuerst seine ganze Aufmerksamkeit -in Anspruch – die Gig enthielt Alles, was er an -Vermögen besaß, und wenn ihm das Pferd entlief, -war er verloren. Dem wild Stampfenden fiel er daher -rasch in die Zügel, riß es auf die Hinterbeine zurück, -daß sich der weiße Schaum mit dem Blut des wundgerissenen -Maules vermischte, und richtete dann, -während das erschreckte Pferd zitternd stille stand, mit -riesiger Kraft die Gig wieder empor.</p> - -<p>Nun aber wandte sich auch seine ganze Wuth -gegen die Ursache dieses Unfalls, denn Saise, von dem -Sturz erst fast betäubt, hatte sich jetzt wieder gesammelt -und ließ auf's Neue den gellenden Hülferuf -erschallen.</p> - -<p>»Donner und Tod!« schrie er, flog auf die Zurückspringende -zu und führte mit der umgekehrten und mit -Blei gefüllten Peitsche einen Schlag nach ihrem Kopfe, -<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -der ihr denselben zerschmettert haben würde, wenn er -sie traf; die gefesselten Arme aber emporhebend, fing -sie den Streich auf, der an den Kettengliedern unschädlich -niederstreifte.</p> - -<p>Duxon wollte den Schlag wiederholen, da -tönte, wohl noch in weiter Ferne, aber klar und deutlich -ein scharf ausgestoßener, wilder Laut durch den -stillen Wald – er hielt ein, um zu horchen, -Saise aber schien in diesem Augenblick wie aus Stein -gehauen, so starr und regungslos blickte sie nach jener -Gegend hin, von woher der Ruf geklungen.</p> - -<p>»Ha, da kommen ihrer mehr, aber sie sind auf der -Straße,« murmelte der Overseer vor sich hin; »Pest -und Gift, die Sache wird gefährlich; komm, mein -Täubchen, und sei jetzt vernünftig, der erste Schrei, den -Du wieder ausstößt, ist Dein Tod!« Und mit den Worten -bückte er sich, ergriff das einer Statue ähnliche -Mädchen und wollte sie in das wieder geordnete Fuhrwerk -tragen; bei seiner Berührung erwachte aber -auch in dieses das, durch jenen Ruf fast erstarrte -Blut; mit aller Gewalt, deren sie fähig war, -schwang sie die leichte Kette, die ihre Handgelenke -gefesselt hielt, empor und schlug sie gegen den Kopf -ihres Räubers nieder, daß dieser sie halbbetäubt losließ -und zurücktaumelte. Wieder aber erschallte da -<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -lauter und dringender als zuvor der Hülferuf der -Unglücklichen, und Duxon, jetzt, durch Schmerz und -Wuth zum Aeußersten getrieben, hörte kaum das antwortende -und näher kommende Signal, als er auch -sein breites Messer aus der Scheide riß, auf die entsetzt -Zurückzuckende lossprang und ihr mit fest auf -einander gebissenen Zähnen den scharfen Stahl in die -Brust stieß.</p> - -<p>Zum Tode getroffen taumelte Saise nieder in das -gelbe Laub, Duxon aber flog mit wilden Sätzen zum -Wagen, riß eine große Brieftasche heraus, die er -unter seiner Weste barg, schnitt die Stränge des -Poneys durch, warf sich die Doppelflinte auf die -Schulter, sprang auf das Pferd und verschwand -im nächsten Augenblick im Dickicht.</p> - -<p>Kaum hatten sich aber hinter ihm, auf der einen -Seite des kleinen freien Platzes die Büsche geschlossen, -als auch schon an der anderen zwei Reiter auf -schäumenden Rossen hervorbrachen, doch hier, wie -von einem Blitzstrahl getroffen, entsetzt in ihre Zügel -griffen. Sie hielten mehre Secunden an. Während -sich dann aber der Eine mit wildem Schmerzesschrei -aus dem Sattel und neben dem blutenden Körper des -holden unglücklichen Mädchens niederwarf, hob sich -der Andere auf dem Rücken seines Thieres zu seiner -<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -vollen Höhe empor und lauschte mit wild stieren, glanzlosen -Augen in den Wald. Plötzlich mußte ein fernes -Geräusch sein Ohr getroffen haben, denn ohne die Ermordete -weiter eines Blickes zu würdigen, stieß er dem -ängstlich vor dem Geruch des Blutes zurückschaudernden -Thier die Hacken in die Seite, setzte mit diesem -über das im Wege stehende Gig hinweg und folgte, -lautlos zwar, aber mit Tod und Verderben sprühenden -Blicken dem flüchtigen Mörder.</p> - -<p>Keine Sylbe kam über die zitternden Lippen, keinen -Blick verwandte er von der Spur in der weichen -Erde, rasch, mit dem Zügel des Pferdes in der einen, -der Büchse in der andern Hand, flog er dahin durch -den dichten Wald, und kaum konnte er fünfhundert -Schritte gesprengt sein, als er den Feind ansichtig -wurde, der eben damit beschäftigt war, einen der in -dem Gebüsch hängen gebliebenen Stränge loszuhauen, -was seine Flucht kurze Zeit aufgehalten.</p> - -<p>Duxon schaute sich um und erkannte in der reißend -schnell näherkommenden Gestalt einen Indianer, war -aber im ersten Augenblick wirklich ungewiß, ob oder -ob er nicht einen Feind in ihm zu fürchten habe, denn -er selbst hatte nie mit Nachkommen jener wilden Stämme -verkehrt und wußte, daß sie sich selten dazu hergeben, -die Streitigkeiten der Weißen untereinander auszufechten. -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -Als aber eben der Gedanke an die gemordete Jungfrau, -die ja auch jenem unglücklichen Volke angehörte, -sein Hirn durchzuckte, sah er, wie der junge Indianer -seinen Zweifeln schon ein Ende machte, denn er hielt -plötzlich sein Pferd an, hob die Büchse, und der rothe -Feuerstrahl zuckte durch das geheimnißvolle Dunkel -des Urwalds.</p> - -<p>Der Overseer fühlte sich verwundet, aber ihm blieb -keine Zeit zum Nachdenken, der Rächer brauste heran. -Zwar hob er selbst jetzt das Doppelrohr, diesen niederzuschießen, -der vorausgeschleuderte Tomahawk traf -jedoch seinen linken Ellbogen, und wenn sein Schuß -auch in demselben Augenblick dem Rohr entfuhr, so -erhielt doch dies dadurch eine falsche Richtung; nur einzelne -Schrote streiften Wetako's Schulter und ehe der -sich seiner Schuld bewußte Mörder den zweiten Hahn -spannen konnte, flog der Rächer herbei; der Schlachtruf -des Riccarees schallte gellend durch den Wald, das -Bowiemesser zischte nieder, und heulend brach der -Elende zusammen.</p> - -<p>Das bleiche Haupt der Geliebten an seiner Schulter, -kniete indessen der junge Creole neben dem verblutenden -Körper des schönen, unglücklichen Mädchens. Wohl -hatte er schnell und vorsichtig die weite, klaffende Wunde -verbunden, aber es war zu spät und der Todesstoß ihr -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -ins innerste Leben gedrungen. Er hörte das Vorbeistürmen -der Verfolger, die aus allen Theilen der Gegend -herbeiströmten, den Negerraub zu verhindern, er hatte -den Schlachtschrei des Riccaree vernommen, aber er -achtete es nicht, sein Auge hing an dem rothen entquellenden -Lebensstrom des heißgeliebten Mädchens -und Nacht – finstere Nacht ward es endlich vor seinen -Blicken.</p> - -<p>Als er sich wieder erholte, stand der Riccaree an -seiner Seite; er hatte den Leichnam der Schwester in -seine Decke eingehüllt und hob ihn, da er das Erwachen -des Weißen bemerkte, vor sich auf das Pferd.</p> - -<p>»Wetako – was willst Du thun?« rief der Creole, -erschrocken emporfahrend – »wo willst Du hin?«</p> - -<p>»Will dem Stamme der Riccarees die Ueberreste -von seines Häuptlings Tochter bringen,« sagte der -junge Indianer mit düsterem Lächeln; »ich will sagen, -es sei die Friedensgabe, die ihnen die Weißen senden. -– Unser Land haben sie uns geraubt, hier ist Blut, -das neue damit zu düngen – lebe wohl!«</p> - -<p>»Und der Räuber?« frug St. Clyde, immer noch -in halber Betäubung auf den blutigen Körper blickend, -den jener im Arme hielt.</p> - -<p>»Der Räuber?« höhnte der Riccaree, während er -seinen hirschledernen Ueberwurf zurückschlug – »der -<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -gehört <em class="ge">mein</em>!« und der Creole erkannte mit Entsetzen, -an dem Gürtel des Wilden, den blutigen Scalp des -Erschlagenen. Ehe er aber noch ein weiteres Wort -äußern konnte, schwang sich jener hinter der Leiche in -den Sattel, stieß dem schnaubenden Thiere die Hacken -in die Seite und war im nächsten Augenblick den Augen -des Weißen entschwunden.</p> - -<p>Die nachsetzenden Pflanzer hatten indessen den -schurkigen Negerdieb, jenen Pitwell, eingeholt und -mit der gewöhnlichen Schnelle, mit welcher alle dem -ähnliche Verbrechen bestraft wurden, an den nächsten -Baum gehangen. In seiner Brieftasche fanden sich -übrigens hinlängliche Beweise, daß er diesen Tod -zehnfach verdient, denn auch die reine Abstammung -der Indianerin ward hier, durch einen Brief der Helfershelfer, -außer allen Zweifel gesetzt. Als man aber -später der Spur des Wagens folgte, um dem Overseer -ebenfalls nachzusetzen, fand man die Zeichen des -Kampfes, wie den kleinen Wagen selbst. Unfern von -dort aber, bleich und starr an dem Stamm eines jungen -Baumes gelehnt, lag, in der rechten Hand ein -abgeschossenes Pistol, die Leiche des Creolen.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -Herr Schultze.<br /> - -<span class="subheader">Ein Märchen.</span></h2> - - -<p>Die Zeit der Wunder ist vorüber und die Welt glaubt -nicht mehr an das Ueberirdische, denn sie will Alles -in nüchterner hausbackner Wirklichkeit haben, um es -so recht aus Herzensgrund begreifen, das heißt <em class="ge">betasten</em> -zu können. Kommt dann wirklich einmal -etwas Geisterhaftes, zeigt sich einmal in stiller Mitternachtsstunde -dem Einzelnen, dem Auserwählten, -ein anständiges ordentliches Gespenst, so könnte dieser -später bei allen Heiligen, und noch überdies Stein -und Bein schwören, es glaubte ihm Niemand ein Wort -davon. Entweder hieße es: »der gute Mann hat mit -wachenden Augen geträumt,« oder die lieblose Bruder- -und Schwesterschaar urtheilte vielleicht noch strenger -und sagte am Ende gar: »Er ist ein Narr, daß er -denken kann, vernünftige Leute sollten sich so etwas -weiß machen lassen!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -Was um des Himmels Willen ist nun mit einer -solchen Welt anzufangen? – Gar nichts.</p> - -<p>In solch ähnlicher Verlegenheit befand sich vor -noch nicht so langer Zeit der liebe Gott selbst. Auf -der Erde, und besonders in den deutschen Bundesstaaten -sah's in jeder Hinsicht windig und bös aus. Mit -der Politik der Kammern waren allerdings die Kammer<em class="ge">herrn</em> -und Kammer<em class="ge">diener</em>, sonst aber auch -Niemand zufrieden, die Religion drohte gleichfalls -wieder eben <em class="ge">aus</em> Religion ganz irreligiös zu werden, -denn selbst die Laien fühlten sich nicht mehr sicher als -ganz gewöhnliche Menschen schlafen zu gehn und als -Apostel wieder aufzustehen – und was die Ernten betraf, -da hörte denn nun wirklich Alles auf. Einmal -war es zu dürr, einmal zu naß, einmal fiel Mehlthau, -ein anderes Mal Hagel, kurz es kam in jedem -Jahr etwas Anderes, was die Getreidepreise hinauftrieb, -Brot und Fleisch theuer machte und die Armen -– <i>i. e.</i> solche, die nicht gewußt hatten reich zu -werden – so bedrückte, daß des Betens und Bittstellens -kein Ende mehr wurde und sich die Nothleidenden -theils persönlich an ihn wandten, theils -die armen Heiligen und Schutzpatrone bis auf's -Blut plagten und peinigten.</p> - -<p>Dazu kam nun noch, daß die Menschen wirklich -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -anfingen ihm leid zu thun. Er hätte ihnen so gern -geholfen! – Wie aber das anfangen? Die Gesetze -der Natur konnte und wollte er deshalb nicht ändern, -und das ungeheure Walten jener wirkenden und -schaffenden Urkräfte zu stören, wäre, der Paar Erdenbewohner -wegen, auch etwas viel verlangt gewesen. -Aber es gab <em class="ge">natürliche</em> Mittel und die sollten hier -helfen.</p> - -<p>Nichts war einfacher als die Religion – er hatte -das Ganze schon früher einmal dem Moses in einer -Viertelstunde dictirt – in dieser Hinsicht hoffte er -bald Frieden zu stiften; auch die Politik mußte in -Ordnung gebracht werden – es waren ja Alles -seine Kinder und wenn auch die Einen, wie das -wohl die Geschwister häufig thun, die Anderen unterdrückt -und sich die Sachen zugeeignet hatten, die gar -nicht für sie allein bestimmt gewesen, so konnte das -– und dazu hatte er ihnen ja eben die <em class="ge">Vernunft</em> -gegeben, bald wieder geregelt werden.</p> - -<p>Was denn endlich den vielen Mißwachs der -Ernten betraf, so erzeugte die Erde selbst in ihrem -Inneren Mittel gegen diese Uebelstände, denn sie -trug und trägt ja in sich selbst den Keim, das Alles -zu verbessern und zu seinem höchsten Grad der Vollkommenheit -zu führen. Nun frug es sich nur, wie es -<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -möglich sei, dies den Menschen selbst bekannt zu -machen, und auf welche Art es sich hoffen ließ von -ihnen verstanden zu werden?</p> - -<p>Durch eine feurige Schrift am Himmel? – Die -Freigeister und Professoren hätten eine solche als -etwas Natürliches erklärt und die Theologen ihr -eine ganz andere Auslegung gegeben. Durch eine -Stimme von oben? – Das war erstens schon dagewesen -und dann würden auch die Leute höchstens -gesagt haben: »Heute hat es doch einmal gedonnert -daß man ordentlich Worte verstehen konnte.« – Es -war zum Verzweifeln.</p> - -<p>Da beschloß denn Gott Vater, aus unendlicher -Liebe für das Menschengeschlecht, ein Buch über die -zu verbessernden Verhältnisse, und besonders über -Ackerbau und Viehzucht, für welche beiden Zweige -er sich vorzugsweise interessirte, zu schreiben und -damit selbst auf die Erde hinabzusteigen.</p> - -<p>Zeit hatte er ja für den Augenblick: die Welt lief -im Allgemeinen in ihren ewigen Kreisen ruhig fort, -und wenn ihm nicht manchmal ein Komet durchbrannte -und einen Schweif roher Gesellen auf den -Hacken, mit offenen Laternen und Pechfakeln die -stillen Straßen des Firmaments auf staatsgefährliche -Weise durchtobte, so war keine Unordnung zu -<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -fürchten. Doch auch selbst hierüber hatten ihn die -Berechnungen der besten Astronomen beruhigt, die ja -die Erscheinung des nächsten noch bis auf <i>x</i> Jahre -hinausgeschoben.</p> - -<p>Sein Plan ward also, kaum gewollt, auch -schon ausgeführt. Mit Gedankenschnelle flogen die -Zeilen mit der Enthüllung jener göttlichen, uns noch -unbekannten Urkräfte des Erdkörpers auf das Papier -nieder, und wenn sich der liebe Gott auch, seit er -damals die zehn Gebote entworfen, nicht mehr mit -literarischen Arbeiten beschäftigt hatte, so ging die -Sache doch verhältnißmäßig ungemein schnell.</p> - -<p>Das geschehen, rauschte er, die Liebe für seine -oft unfolgsamen Kinder im treuen Vaterherzen, auf -unsere schöne Erde hernieder, um einen Verleger für -sein Werk zu suchen und stieg, wie sich das von selbst -versteht, in Leipzig und zwar im ersten Gasthof -daselbst ab.</p> - -<p>Um aber jedes Aufsehen zu vermeiden, mußte er -natürlich die Gestalt des Menschen – die edle schöne -Gestalt des Mannes, wie er ihn früher nach seinem -eigenen Bilde erschaffen, annehmen, und kleidete sich -zwar sehr einfach, aber doch nach der gerade bestehenden -Mode. Vor dem Hotel hielten mehrere Droschken -und eine derselben brachte ihn denn auch bald zu dem -<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -Buchhändler <em class="ge">Schmerz</em>, bei dem er ohne weitere -Umstände eintrat und ihm, nach wenigen einleitenden -Worten, sein fertiges Manuscript anbot.</p> - -<p>Herr <em class="ge">Schmerz</em> – ein langer hagerer Mann, -mit tiefliegenden, dunkeln Augen, nöthigte ihn sehr -artig zum Sitzen, las dann den Titel des Manuscripts -und frug, sich leicht gegen den Fremden verneigend:</p> - -<p>»Mit wem hab' ich die Ehre?«</p> - -<p>Das war nun allerdings eine sehr natürliche -Frage; jeder Buchhändler wünscht doch zu wissen, -mit wem er es zu thun bekommt. Dem lieben Gott -kam sie aber nichts desto weniger unerwartet, denn er -durfte dem Manne doch nicht sagen wer er sei; Herr -<em class="ge">Schmerz</em> hätte ihm das auch im Leben nicht geglaubt. -Er faßte sich also kurz und antwortete, indem -er, um nicht unartig zu scheinen die Verbeugung -erwiederte:</p> - -<p>»<em class="ge">Schultze!</em>«</p> - -<p>»Ah – Herr <em class="ge">Schultze</em> – mir sehr angenehm. -Und Sie wünschen also dies hier drucken zu lassen?«</p> - -<p>»Ich wünsche dadurch einem dringenden Bedürfniß -abzuhelfen,« sagte der liebe Gott, und Herr -Schmerz schlug das Manuscript schnell auf, denn er -glaubte wahrscheinlich, es lauere der Antrag zu -<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -einem neuen Theatergeschäftsbüreau oder zu einer -Illustrirten Zeitung im Innern; bald sah er jedoch -daß er sich geirrt habe und frug – schon etwas -beruhigt:</p> - -<p>»Und über was handelt es? Der Titel ist etwas -– etwas umfassend: »Enthüllungen der geheimsten -und segensreichsten Urkräfte des Erdballs« –«</p> - -<p>»Ueber Alles – Viehzucht und Ackerbau – -Religion und Politik.«</p> - -<p>»Sie sind Literat?«</p> - -<p>»Nicht eigentlich; ich bin mehr Oekonom, habe -aber dieses Werk aus reiner Liebe zur Sache geschrieben, -denn ich liebe die Menschen und weiß welchen -Dienst ich ihnen damit erzeigen werde.«</p> - -<p>Herr <em class="ge">Schmerz</em> blätterte ein wenig im Manuscript -herum, um einzelne Sätze daraus zu lesen und -schüttelte dabei bedeutend mit dem Kopfe.</p> - -<p>»Sehr flüchtig geschrieben das, sehr, Herr – -Herr –«</p> - -<p>»<em class="ge">Schultze</em>,« sagte der liebe Gott.</p> - -<p>»Ach ja, Herr Schultze – sehr flüchtig – die -Setzer beklagen sich so immer!«</p> - -<p>»Ich sollte denken, es käme hier mehr auf den -Inhalt als die Schrift an!« sagte der Fremde. »Wie -unscheinbar sieht zum Beispiel eine Kartoffel aus, -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -und was schließt sie nicht Alles in sich ein? In ihrem -Innern lebt und wirkt eine kleine, für sich abgeschlossene, -aber deßhalb nicht weniger kunstvolle -Welt; dem Menschen unbekannte Kräfte und Lebenstriebe -durchströmen sie, und athmende Wesen bewegen -sich in dieser festen saftigen Fleischmasse mit -derselben Leichtigkeit, mit der sich die Menschen durch -die Luft bewegen, und wenn im Frühjahr die -Keime –«</p> - -<p>»Sie haben Phantasie, Herr Schultze« – unterbrach -ihn etwas ungeduldig Herr Schmerz, – »aber -dürfte ich Sie wohl bitten, mir den Inhalt dieser -Schrift etwas näher anzugeben!«</p> - -<p>»Recht gern. – Es ist – wie Ihnen auch der -Titel sagt, eine Enthüllung geheimer, bis jetzt noch -nicht gekannter, vielleicht nicht einmal geahnter -Naturkräfte, zuerst dem Mißwachs und den Viehseuchen -entgegenzuwirken und gleichzeitig das moralische -Schaffen und Treiben der Menschen – von -denen der große Haufe nun doch einmal in den Tag -hinein lebt, zu ordnen und zu regeln. Was die ersten -Kapitel – Mißwachs und Seuchen betrifft, so -existirten in früheren Zeiten andere Verhältnisse; die -Bevölkerung des Erdballs war zu schwach und die -Erde erzeugte mehr, als ihre Bewohner consumiren -<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -konnten. Daher mußte ich diesem Uebelstand durch -natürliche Mittel abzuhelfen suchen.«</p> - -<p>»Wer? Sie?«</p> - -<p>»Ich – meine die <em class="ge">Natur</em>. Jetzt aber hat jene -Ursache aufgehört, und deshalb soll auch die Wirkung -nachlassen. Das Menschengeschlecht ist an Zahl -so gewachsen daß es, wenigstens in Europa, Alles -braucht was es erzeugen kann, und ich wünschte nun -dieses zum Nachtheil werdende Hinderniß gehoben -zu sehen. Das können Sie aber nicht verlangen, daß -ich deshalb die ewigen Naturgesetze ändern sollte, -um –«</p> - -<p>»Nein!« sagte Herr Schmerz.</p> - -<p>Der liebe Gott sah ihn im ersten Augenblick erstaunt -an, besann sich aber schnell und lenkte wieder -ein: »Um solchen Uebelständen nämlich abzuhelfen, -kann man also, wie ich sagen wollte, doch nicht -verlangen daß die einmal bestehenden Gesetze der -Natur geändert werden sollten. Dafür liegt aber auch -in ihren eigenen Kräften, in ihren geheimsten, innersten -Lebensfasern das Heilmittel gegen diese -nicht mehr nöthigen Zuwachsminderungen und ich -habe das Alles hier kurz und bündig, aber auch -leicht faßlich niedergeschrieben. Drucken Sie es und -geben Sie das dafür übliche Honorar in die hiesige -<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -Armenkasse. – Sie werden überdies Nutzen genug -davon haben.«</p> - -<p>Herr Schmerz, vielleicht durch dies keineswegs -gewöhnliche Benehmen neugierig gemacht, oder auch, -weil ihm das ganze Aeußere des Fremden eine gewisse -Ehrfurcht einflößte, scheute sich augenblicklich eine bestimmte -Antwort zu geben, und bat nur ihm das -Manuscript bis morgen zu lassen, wo er sich dann -darüber zu entscheiden versprach. –</p> - -<p>Zur verabredeten Stunde am nächsten Tag stellte -sich der Fremde wieder ein und bat um seine Antwort. -Herr Schmerz machte indessen heute ein äußerst bedenkliches -Gesicht und blickte kopfschüttelnd und mit -emporgezogenen Augenbraunen auf das Manuscript -herab, das er in der Hand hielt.</p> - -<p>»Ich komme um Ihre Entscheidung über den Druck -meines Werkes zu hören,« sagte der Fremde.</p> - -<p>»Ja sehen Sie – bester Herr Schultze,« begann -endlich der Buchhändler nach kurzer Pause, – »das -ist so eine Sache mit dem Druck dieses Heftes. Einestheils -glaube ich – aufrichtig gestanden – gar nicht -daß das Buch etwas machen wird. Für ein rein wissenschaftliches -Werk ist zu viel Phantasie, – für -Phantasie zu viel Wissenschaftliches darin und dann -– druckten wir es nicht äußerst splendid daß es über -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -zwanzig Bogen gäbe, so striche uns der Censor die -ganze Geschichte. Sie halten sich ja gar nicht ein Bischen -an das Bestehende, werfen Alles über den Haufen, -was nun doch einmal da ist und reden von -Sachen die über menschliche Begriffe fast hinausgehen. -Ich habe darin herumgeblättert – etwas altväterischer -Styl – nun dergleichen ließe sich abändern -– aber – das nehmen Sie mir nicht übel – ein -Bischen zu prätentiös ist das Ganze auch noch geschrieben. -Sie reden da in einem fort: das muß <em class="ge">so</em> -sein und das <em class="ge">so</em>, hier thue <em class="ge">dies</em> und da thue <em class="ge">das</em>, die -Wirkung wird dann im ersten Jahre <em class="ge">so</em> im zweiten <em class="ge">so</em>, -und im dritten und den folgenden <em class="ge">so</em> sein; die Behandlungsart -von A wirkt auf B und die Unterlassung würde -sich für drei Jahre wieder <em class="ge">so</em>, und für andere zehn -wieder <em class="ge">so</em> gestalten. Nein, das geht nicht, mein bester -Herr Schultze, damit kommen wir nicht mehr durch. -Ja, in alten Zeiten, da ließ man sich das gefallen, -damals gehörte nur eine etwas dreiste Stirn dazu, -der Welt glauben zu machen was man wollte; aber -jetzt gehen wir der Sache tiefer auf den Grund.«</p> - -<p>»Ueberdies erlauben Sie sich auch über Politik und -<em class="ge">besonders</em> über Religion Aeußerungen, die ich selbst -nicht einmal unter dem Namen <em class="ge">Schultze</em> vertreten -möchte. Am Ende brauchten wir ja gar keine Priester -<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -und Prediger mehr; und dann die Beleuchtung Ihrer -<em class="ge">socialen</em> Verhältnisse – nein, mein guter Herr -Schultze: würde ich das Buch, das allerdings Geist -verräth, wirklich drucken, so glaubte uns erstlich kein -Mensch ein Wort von dem was drinnen steht; dann -kämen wir wegen des einen Theils in die schönste -Kriminaluntersuchung und über den andern Theil fielen -nachher die Recensenten wie wahnsinnig her. Das -Wenigste was sie sagten wäre, ich hätte einen neuen -hundertjährigen Kalender verlegt. Und wenn sie's -dann nur noch kauften – wenn es noch <em class="ge">ginge</em>! Ich -käme aber wahrhaftig nicht einmal auf die Kosten, -denn ein Leihbibliothekenbuch ist das <em class="ge">nicht</em>.«</p> - -<p>»Nein, allerdings nicht,« sagte der Fremde – -»aber verlegen Sie es nur; ich garantire Ihnen daß -Sie gute Geschäfte damit machen.«</p> - -<p>»Sie garantiren mir das? Welche Bürgschaft -könnten Sie mir denn dafür geben?«</p> - -<p>»Meinen Namen!«</p> - -<p>»Bester Herr <em class="ge">Schultze</em>!« rief Herr Schmerz.</p> - -<p>»Ja so!« sagte der liebe Gott – »Sie wollen es -also nicht? Sie weisen es zurück?«</p> - -<p>»Ich bin Ihnen wirklich für das Vertrauen das -Sie in mich gesetzt, ungemein verpflichtet, aber ich -habe jetzt in der That so viel Manuscript daliegen, – -<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -eins drängt so das andere; – mein Nachbar Beißig -wird sich aber sicherlich ein Vergnügen daraus machen, -– der hat überdies mehrere landwirthschaftliche und -wissenschaftliche Werke gebracht.«</p> - -<p>»Und Sie glauben daß Herr Beißig –«</p> - -<p>»Oh, ich bin es fest überzeugt; versuchen Sie es -nur! – Oh – keine Komplimente, bester Herr -<em class="ge">Schultze</em>! – <em class="ge">Jenes</em> ist der Ausgang, wenn ich -bitten darf; <em class="ge">die</em> Thüre hier führt in die Küche; – -habe die Ehre mich gehorsam zu empfehlen!«</p> - -<p>Der liebe Gott fand sich gleich darauf, mit seinem -in Maculatur eingeschlagenen Manuskript, auf welchem -mit großen Rothstiftbuchstaben »Hr. Schultze« -geschrieben stand, auf der Straße und blieb im ersten -Augenblick wirklich etwas überrascht stehen. <em class="ge">Das</em> hatte -er nicht erwartet! – Er wollte die Menschen glücklich -machen und trifft dafür auf solche Schwierigkeiten. -Nun, Herr Beißig wird es auf jeden Fall nehmen!</p> - -<p>Aber siehe da – auch hier schien es als ob er -vergebens angeklopft habe; neue Schwierigkeiten, -neue Entschuldigungen. Wieder wurde er zu einem -Anderen geschickt und Nachmittags nahm er sich eine -Droschke auf eine Stunde, um schneller aus einer -Verlagshandlung in die andere kommen zu können.</p> - -<p>Volle sechs Tage hatte er so mit immer gleichem -<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -Erfolg auf dem Pflaster gelegen, er beschloß also den -siebenten zu ruhen und am nächsten Montag die noch -übrigen fünfundfunfzig Buchhändler aufzusuchen, um -sich später gar keine Vorwürfe machen zu dürfen. Da -klopft es, als die Glocken eben zu läuten begannen, -leise an seine Thür.</p> - -<p>»Herein!« rief er, gerade nicht in der besten Laune.</p> - -<p>»Ich habe das Vergnügen mit Herrn Schultze zu -sprechen?«</p> - -<p>»So nennt man mich hier!«</p> - -<p>»Ihren Paß, wenn ich bitten darf!«</p> - -<p>»Ich habe dem Wirth schon gesagt daß ich keinen -bei mir führe.«</p> - -<p>»Dann muß ich Sie freilich bitten mir zu folgen!«</p> - -<p>»Aber, mein Herr –«</p> - -<p>»Ich bedauere recht sehr, – aber Sie wissen – -meine Pflicht –«</p> - -<p>»Ich gehe auf keinen Fall mit Ihnen!«</p> - -<p>»Sie werden sich doch der Obrigkeit nicht widersetzen -wollen?«</p> - -<p>Was wollte der liebe Gott jetzt machen? An dem -ihm selbst geweihten Tage Skandal anfangen? Das -ging unmöglich; welch ein Beispiel hätte er dadurch -gegeben! Er setzte seinen Hut auf und folgte.</p> - -<p>Im Polizeibureau wurde er freilich mit der größten -<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -Artigkeit behandelt, denn in seinem ganzen Wesen lag -etwas so Edles, Ehrfurcht Einflößendes, das ihm überall -Freundlichkeit und Zuvorkommenheit sicherte; gegen -die einmal bestehenden Gesetze ließ sich aber, das -wußte er ja aus eigener Erfahrung, nichts thun – -einen Paß hatte er nicht – der von ihm angegebene -Ort woher er stamme, »Himmelsburg in Engelland,« -ließ sich auf keiner Karte Albions entdecken und somit -mußte ihm denn, wie sich das vorhersehen ließ, die -Weisung werden, binnen vierundzwanzig Stunden einen -Paß zu schaffen oder – die Stadt zu verlassen.</p> - -<p>Jetzt bekam der liebe Gott die Sache aber auch satt. -Blos der Menschen wegen hatte er sich alle Diesem unterzogen -und nun traten ihm aus jeder Ecke neue Hindernisse -entgegen. Zwar hätte er sich im Augenblick selbst -einen Paß herstellen können; durfte er aber das auf -einen fremden Namen thun? – Das wäre wieder gegen -seine eigenen Gesetze wie die der Menschen gewesen. -– Nein, er sah jetzt ein daß es die Sterblichen gar -nicht besser verdienten; sie <em class="ge">wollten</em> das Alles was sie -drückte und quälte behalten –; sie <em class="ge">wollten</em> kein Licht -haben, und wenn sie sich die Schädel an den Wänden -einstießen. So beschloß er denn in den Himmel zurückzukehren -und das von den Blinden verschmähte Werk -im Feuer zu vernichten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -Sein Wille war That. In lodernder Gluth verzehrte -sich das göttliche Manuscript, – dieser allein Millionen -werthe Autograph – und jauchzend wirbelten die -boshaften Luft- und Feuergeister die Aschenatome in -das reine sonnige Blau des Firmaments, und spielten -und tanzten damit im tollen wilden Uebermuth hoch, -hoch auf zu der endlosen Höhe. Der liebe Gott aber -schaute ihnen sinnend nach und murmelte endlich gutmüthig -lächelnd vor sich hin:</p> - -<p>»Das hätt' ich mir, wenn ich nicht allwissend -wäre, allenfalls denken können!«</p> - -<p>Dann in Licht zerfließend, stieg er wieder empor -zu den reinen, göttlichen Räumen des Lichts, zu dem -Urquell des strahlendurchflutheten Alls. Rosige Wolken -drängten sich um ihn her, und hoben und trugen -den Gott, Freude glühend und Frieden leuchtend hinan -– hinan in das Aethermeer der Unendlichkeit, in die -kreisenden Sonnenwelten des ewigen Seins.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -Der Deutsche und sein Kind.<br /> - -<span class="subheader">Aus dem Amerikanischen Leben.</span></h2> - - -<p>Mit dem »gut gekupferten und schnellsegelnden Dreimaster -<em class="ge">Rose Bertram</em>,« – wie die Anzeige im -Hamburger Börsenblatt gelautet – das von dieser -Stadt aus am 15. April 1839 nach New-Orleans in -den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika abging, -war auch eine arme Familie, Vater, Mutter und zwei -Kinder ausgewandert, um in dem Land ihrer Hoffnungen -und Träume das zu finden, was ihnen die -eigene Heimath nicht mehr im Stande war zu bieten -– eine ruhige sorgenfreie Existenz, und eine gesicherte -Zukunft.</p> - -<p>Die Reise lief ziemlich glücklich ab, denn sobald -sie nur erst einmal den englischen Canal hinter sich -hatten und in ein südlicheres Klima kamen, zeigte auch -der Himmel eine fast ununterbrochene Reine, so daß -sie, mit einem ebenfalls ziemlich günstigen Wind, nach -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -etwa achtwöchentlicher Fahrt, die sieben Mündungen -des Mississippi im Golf von Mexiko erreichten und -hier von dem Schleppboot <em class="ge">Herkules</em>, gegen die -mächtige Strömung des Riesenflusses an, der »<em class="ge">Königin -des Südens</em>« zugeführt wurden, wie die -Republikaner ihre Hauptstadt New-Orleans nennen.</p> - -<p>Unser Deutscher, Hermann Schwabe aus Baiern, -staunte aber nicht wenig, als er in dem Amerika – -das er sich bis dahin fast nur als eine einzige große -Wildniß, <em class="ge">mit Farmen</em>, gedacht, eine Stadt fand, -wie er sie in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen. -Häusermassen dehnten sich ohne erkennbares Ende am -Ufer hin, das seinerseits wieder von einer ununterbrochenen -Kette aller Arten Fahrzeuge eingefaßt und -umschlossen wurde, während dort wieder Omnibus-Wägen -und zahllose Güterkarren mit lebensgefährlicher -Schnelle ein wildes geschäftiges Menschengedränge zu -durchschneiden und zu theilen schienen.</p> - -<p>Trotz dieser Menschenmasse aber, fühlte er sich -recht verlassen und allein – kein einziges Gesicht war -unter dem ganzen Schwarm der wogenden Menge, -das er gekannt – keine Hand streckte sich ihm hier -zum freundlichen Willkommen entgegen und Alle gingen -kalt und theilnahmlos an ihm vorüber. Es machte -einen recht wehmüthigen Eindruck auf ihn, einen -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -Eindruck, der nicht beschrieben werden kann, der gefühlt -sein will, und obgleich ihn das Drängen und Treiben -der südlichen Stadt gar sehr ansprach, und Alles was -ihn hier umgab, neu, fremdartig und deshalb interessant -war, so eilte er doch soviel als möglich, wieder -fortzukommen, und den Ort zu erreichen, wo er Freunde -zu finden hoffte, ja wo er seine Verwandte wohnen -hatte, auf deren Briefe er all sein kleines Eigenthum -in Europa verkaufte, um mit dem daraus gelösten Geld -einzig und allein die Ueberfahrt zu bezahlen.</p> - -<p>Dieser Verwandte, ein weitläufiger Vetter von -ihm, wohnte in Cincinnati am Ohio, und Schwabe -mußte jetzt vor allen Dingen ein Dampfboot finden, -das ihn, den Mississippi und Ohio hinauf, seinem -neuen Ziele entgegen führte. Das war aber nicht -schwer – in dieser Jahreszeit, vor dem Eintreffen -des gelben Fiebers, laufen fast an jedem Tage fünf -bis sechs Boote stromauf und zwei oder drei von -diesen sind dabei gewiß für den Ohio bestimmt: bald -hatte er denn auch – wenn gleich unter nicht geringen -Schwierigkeiten, da er kein Wort Englisch -verstand – seiner und der Seinigen Passage -akkordirt und noch an dem nämlichen Nachmittag -glitten die Auswanderer auf dem keuchenden -mächtigen Boot stromauf, gegen die gelbe unheimliche -<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -rasch dahinströmende Fluth des »Vaters der -Wasser« an.</p> - -<p>Zwischen reizenden Plantagen schossen sie hin, -deren graue Schindeldächer gar freundlich zwischen -dichten, schattigen Orangenhainen und Granatbüschen -hervorschimmerten, an breiten gewaltigen Zucker- und -Baumwollenfeldern vorüber, wo unglückliche Sklavenschaaren -den sengenden Strahlen der Sonne -ausgesetzt und von Peitschenbewehrten Aufsehern überwacht, -ihre lange Tagesarbeit verrichten.</p> - -<p>Als sie weiter hinauf kamen, nahmen aber die -offenen Plantagen mehr und mehr ab – der Wald, -der bis dahin wohl mehre englische Meilen weit durch -die urbar gemachten Felder zurückgedrängt wurde, -näherte sich immer auffallender dem Ufer, und endlich, -nach einzelnen waldigen Strecken besonders an der -linken Seite, drängte er sich ganz dem Rande des -Mississippi zu, und das graue wehende Moos hing -in langen düstern Streifen von den weitgespreitzten -Aesten herunter und schwankte und schaukelte in dem -scharfen, stromaufstreichenden Luftzug. Aber auch -dieses nahm nach und nach ab – flaches monotones -Sumpfland, von riesigen Bäumen bestanden und nur -hie und da von einem kleinen Städtchen oder einzeln -liegenden Holzhaus unterbrochen, bildete die Scenerie -<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -beider Seiten des Flusses, bis endlich oben, von der -Mündung des Ohio an, ihre Umgebung einen ganz -anderen Charakter bekam und jetzt mit Hügeln und -Bergen das klarere Wasser des »schönen Stroms« -einschließend, die an Bord befindlichen Deutschen fast -wieder in ihre Heimath, an die Gestade des vaterländischen -Rheins zurückversetzten.</p> - -<p>Schnell glitten sie an den reizenden Ufern vorüber; -passirten vor Louisville – um die Stromschnellen -zu umgehen, den durch Fels gehauenen Canal, -und kamen am achten Tage nach ihrer Abfahrt, Nachmittags -vier Uhr, in Cincinnati an.</p> - -<p>Auch hier umgab sie wieder ein lebendiges, reges -Treiben. Viele stattliche Dampfboote lagen an der -Landung und schnelle Fährboote, mit kleinen rasch -puffenden Maschinen glitten zwischen Newport und -Covington an der Kentuckyseite und Cincinnati im -Ohio hin und wieder. – Unmassen von Gütern lagen -am Ufer aufgehäuft und die Mannschaften der verschiedenen -Boote waren gar eifrig beschäftigt, die -Fracht aus- oder einzuladen und ihre eigenen Fahrzeuge -wieder in Stand zu setzen zu neuer Reise.</p> - -<p>Der Deutsche konnte sich übrigens, so interessant -ihm das auch zu jeder andern Zeit gewesen wäre, -nicht lange bei der Betrachtung des ihn Umgebenden -<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -aufhalten, denn der Abend rückte heran und es mußte -noch vorher für ein Obdach auf die Nacht gesorgt -werden. Jetzt galt es daher vor allen Dingen, die -Wohnung seines Verwandten zu finden, und dessen -Adresse stand deutlich genug in dem erhaltenen Briefe -angegeben.</p> - -<p>»Fürchtegott Wagner, Kaffeehaus zur Stadt -München, nordöstliche Ecke der siebenten und Sycamorestraße -Nr. 41 Cincinnati Ohio.«</p> - -<p>Das war nicht zu fehlen – der Brief hatte ihm -überhaupt auf dem ganzen Weg zum Leitstern gedient, -und er überflog auch jetzt noch einmal mit stiller Zufriedenheit -die Zeilen.</p> - -<p>»Komm nur nach Amerika,« stand darin, »Du -glaubst gar nicht, wie schnell und geschwind es ein -armer Teufel hier zu was bringen kann. Du weißt -doch, daß ich fast mit gar Nichts von zu Hause wegging, -und jetzt habe ich in Cincinnati, eine der größten -Städte in ganz Amerika, ein Kaffeehaus, das sie hier -<i>coffeehouse</i> nennen, alle Tage dreimal Fleisch, und -bin mein eigener Herr. Und wie lange hat's gedauert, -bis ich mir das Alles erarbeiten konnte – anderthalb -Jahr – so lange hab' ich auf der Eisenbahn geschafft, -mit 16 Dollar die Woche Lohn, und jetzt sitze ich ganz -bequem in Cincinnati und thue gar nichts mehr.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -Wetter noch einmal, schon ein Kaffeehaus! dachte -Schwabe, was muß der Mensch für ein Glück gehabt -haben – wie lange müßte man sich da in Deutschland -schinden und quälen, daß man nur erst eine <em class="ge">Concession</em> -kriegt – Gott sei Dank, daß ich in Amerika -bin, jetzt arbeite ich auch ein paar Jahre an der Eisenbahn, -und dann mache ich's grade so. –</p> - -<p>Mit dieser löblichen Ansicht war er vom Boot -heruntergegangen, um einen Karrenführer zu finden, -der ihm sein Gepäck an Ort und Stelle schaffen konnte; -denn er beabsichtigte, bei seinem Vetter abzusteigen, -da in einem Kaffeehause doch auch Raum für sie -und ihre paar Kasten sein würde. Es bot sich ihm auch -bald, und zwar ein Deutscher, an, der ihn leicht nach -seiner ganzen Tracht und Manier für einen Landsmann -erkannt hatte, lud seine Siebensachen auf, und -während Schwabe mit seinem Jungen und seiner -Frau, die das kleine Mädchen auf dem Arme trug, -neben der sogenannten »Dray« hergingen, schlenderten -sie langsam die berganlaufende Sycamorestraße, die -neben der Mainstreet der Dampfbootlandung zumündete, -hinauf. Schwabe, der sich natürlich nicht mit -der als nordost bezeichneten Lage vertraut machen -konnte, hatte auch schon von weitem, als sie nach und -nach die vierte, fünfte und sechste Straße hinter sich -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -gelassen, ein großes stattlich aussehendes Backsteinhaus -im Auge, das ihm am ehesten dem Begriffe -gleichzukommen schien, den er sich bis dahin im Geiste -von einem amerikanischen Kaffeehause gemacht. Es -konnte auch fast kein anderes Gebäude von den vier -Eckhäusern sein, denn zwei von diesen waren Kaufläden -und das dritte – Heiliger Gott – an dem -kleinen, weißangestrichenen Breterverschlag klebte ein -großes schwarzes Schild, auf dem mit weißen Buchstaben -– wachte er denn oder träumte er? –</p> - -<p class="ce"><em class="ge"><i>Coffeehouse</i> zur Stadt München</em></p> - -<p class="in0">stand. Die Buchstaben selber ließen gar keinen Zweifel -– das halb Englische halb Deutsche gehörte einem -Landsmann an und diese <em class="ge">Breterbude</em> war – das -erwartete Asyl.</p> - -<p>»Ist denn das hier das ganze Kaffeehaus?« – stammelte -er fast unwillkürlich und ergriff den Arm des -Karrenführers, als ob er durch das Aufhalten der -Fracht auch sein Geschick verzögern könne. –</p> - -<p>»Es trifft« – meinte der Andere trocken, und -schien in dem Aeußeren des Gebäudes gar nichts -Außerordentliches zu finden, – »hier ist der Ort – -der Gentleman wird wohl zu Hause sein!« und mit -dieser lakonischen Bemerkung ließ er die lange Peitsche -um des Pferdes Ohren sausen, das, theils hierdurch, -<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -theils durch das gleich darauf ausgestoßene Tschü – -Tschü – wo – ah! vor die fragliche Thüre einlenkte -und mit einem plötzlichen Ruck dort Halt machte.</p> - -<p>»Fremder Besuch!« rief der Draymann dann, und -stieß die kleine niedere Pforte auf – »sollen die Sachen -hier hereingeschafft werden?«</p> - -<p>Schwabe stand noch immer, kaum eines Entschlusses -fähig, auf der Straße und konnte die Augen -nicht wegwenden von dem schwarzen Schild: <i>Coffeehouse</i> -– das also war ein amerikanisches Kaffeehaus. -Die Mutter drückte ihr Kind leise an sich, und -es mochte ihr jetzt vielleicht zum ersten Mal eine Ahnung -von dem dämmern, was aus ihren, bis dahin -wild aufgebauten Plänen wohl etwa werden könne. -In der Thür des <em class="ge">Kaffeehauses</em> erschien in diesem -Augenblick Niemand anders, als der wirkliche Schreiber -des so folgeschweren Briefes, und anstatt nun, – -wie es Schwabe, seit er das wirkliche Kaffeehaus gesehen, -gar nicht anders erwartet hatte – bestürzt -und vernichtet dazustehn und vor Schaam jeden beliebigen -Moment bereit zu sein in die Erde zu sinken, -erkannte er kaum die Deutschen, als er ihnen froh -erstaunt die Hände entgegenstreckte, dem Mann dann -um den Hals fiel und ihn und seine Frau herzlich -willkommen hieß. Schwaben blieb denn auch jetzt gar -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -keine Zeit, weder seine Verwunderung noch seine Bestürzung -auszudrücken, er sah sich nur gleich darauf -mit Sack und Pack in das kleine enge Gemach hineingedrängt -und hier auch noch so mit Fragen und Erkundigungen -über die alte Heimath bestürmt, daß er -endlich nur froh war, als er erst wieder einmal frei -und ungehindert aufathmen konnte. Dann aber versäumte -er auch weiter keine Zeit, in dem unansehnlichen -Raum, der sie umgab, umher zu schauen, und die -natürlichste Frage, die sich ihm jetzt aus vollster Seele -auf die Lippe drängte war –</p> - -<p>»Und das nennst Du ein Kaffeehaus?«</p> - -<p>»Jawohl,« sagte der schon etwas amerikanisirte -Vetter ganz unbefangen – »das ist hier so Sitte – -wo der liebe Gott nur den Arm herausstreckt, da -wird's gleich <em class="ge">Kaffeehaus</em> getauft, und wenn auch -ein paar Gläser und Flaschen mit Doppelkümmel, -Brandy und Whiskey hinter der Baar stehn – gerade -wie's bei mir der Fall ist, denn ich habe auch -nichts weiter. Das laßt Euch aber nicht kümmern, -und daß Ihr große Rosinen im Topf gehabt, geht -anderen Leuten auch nicht besser – damit kommen sie -Alle von Deutschland herüber. Jetzt heißt's nun fleißig -geschafft und gearbeitet, und die Hände gerührt, -nachher macht sich das Uebrige von selbst.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -Wagner, der Kaffeewirth hatte ganz recht – es -sieht Manches in Amerika, von Deutschland aus betrachtet, -wie ein Kaffeehaus aus, und kommen wir -nachher hin, so schreien wir – »Ach du lieber Gott – -das sind ja lauter Lügen und Erfindungen – das -waren Prahlereien und Märchen, das ist ja gar kein -Kaffeehaus, das ist ja nur eine gewöhnliche Breterbude!« -Für den Augenblick, und nach <em class="ge">unseren</em> Ansichten -haben wir auch allerdings recht, sobald wir -aber nur erst einmal dort eingerichtet sind, und den -alten deutschen Staub aus den Augen geschüttelt -haben, dann sehen wir die Sache von einer ganz anderen -Seite an, und finden nun plötzlich, daß es doch -wirklich ein Kaffeehaus ist, oder daß wir's wenigstens -<em class="ge">dazu machen dürfen und können</em>, wenn wir nur -den recht festen und kräftigen Willen haben, es auszuführen. -Dann sehen wir ein, daß uns dort nicht, -wie hier, die Hände gebunden sind zu freier That und -lernen uns gern und freudig in das fügen, was uns -im Anfang, als die Kruste und äußere Schale des -Ganzen so herb und bitter, so hart und unverdaulich -geschienen.</p> - -<p>Es ist das aber nicht allein mit den Kaffeehäusern -so, nein fast durchgängig mit all' den dortigen Verhältnissen -und Einrichtungen; gewöhnlich werden -<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -<em class="ge">übertriebene</em> Berichte hierher geschickt, oder wenn -auch nicht einmal übertriebene, doch wenigstens so -gestellte, daß sie, wenn sie auch vielleicht <em class="ge">buchstäblich</em> -wahr sind, der Einbildungskraft einen zu freien -Spielraum, alles Gute und Vorzügliche ahnen lassen -und die Fehler und Mängel dabei nicht andeuten. -Der Deutsche und besonders der, in dessen Kopf die -Auswanderung schon wirklich spukt, ist dann nur zu -gern geneigt, sich Alles das was er hört, in den schönsten, -buntesten Farben auszuschmücken und zu putzen -und kommt er dann an Ort und Stelle und findet das -Alles, was er sich vielleicht nur selbst hinzugedacht, -nicht wirklich realisirt – was beiläufig gesagt, <em class="ge">nie</em> -geschieht – so wird er muthlos und macht sich selbst -und denen, die solche Berichte geschrieben, die bittersten -Vorwürfe. Es ist schon gefährlich genug, wenn -man die dort bevorstehenden Unannehmlichkeiten nur -erwähnt, und nicht recht besonders heraushebt, denn -in dem Falle springt der Lesende ebenfalls leicht darüber -hin, und denkt – a bah, das sind Kleinigkeiten, -die sich schon geben werden – sind auch vielleicht -nicht einmal so schlimm wie man sich's hier denkt.</p> - -<p>Deßhalb sollten es sich die, welche Berichte über -Auswanderungen schreiben, zur besonderen Pflicht -machen, Alles – auch das Kleinste und Unbedeutendste, -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -was sie zum Nachtheil des sonst gepriesenen -Landes wissen, nicht allein anzuführen, sondern sogar -hervorzuheben, und lieber in dieser Hinsicht etwas -übertreiben als zu wenig thun; die Phantasie der -Auswanderungslustigen glättet doch die rauhen Kanten -ab. Der Europäer wird dann nicht, oft gleich bei -seinem ersten landen, zurückgeschreckt und gerade zu -einer Zeit muthlos gemacht, wo er aller seiner Energie -und Festigkeit am meisten bedarf. Das aber, weshalb -Manche den Tadel verschweigen, weil sie wissen, -daß alles dieß doch immer eigentlich nur Unannehmlichkeiten -und keine wirklichen Fehler sind, sollte sie -gerade im Gegentheil antreiben, ihn auszusprechen, -denn Amerika bietet dem deutschen Auswanderer solche -ungeheuere Vortheile, daß man getrost Alles das -nennen und aufführen kann, was dem Land oder den -Sitten jenes Welttheils zum Nachtheil gereicht, ohne -befürchten zu müssen, den Ackerbauer, den eigentlichen -Mann für Amerika, dadurch zu schrecken. – Bleiben -nachher die geschniegelten und gebügelten Herrchen -drüben in Europa, weil sie tausend Bequemlichkeiten -nicht haben können, tausend Genüsse – was nämlich -für sie Genüsse sind, entbehren, ei, so ist das auch -nur wieder ein Vortheil für Amerika, denn derlei -Gesellen, mit parfümirten Taschentüchern und wohlfrisirten -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -Locken brauchen sie drüben nicht, die mögen -hier ausharren, bis sie später einmal, mit dem alten -Schlendrian selbst, zu Grunde gehn.</p> - -<p>Doch ich komme ganz von meiner, dahin keineswegs -hinauszielenden Erzählung ab und will lieber -wieder so schnell als möglich in's »Kaffeehaus zur -Stadt München« zurückkehren.</p> - -<p>Hier saßen indessen die Deutschen ganz gemüthlich -– nicht etwa bei einer Tasse Kaffee, denn der -war nur Morgens zum Frühstück zu bekommen, sondern -bei einem guten Glas Cincinnati-Bier zusammen -und plauderten und besprachen ihre gegenseitigen Aussichten.</p> - -<p>Wagner hatte allerdings in Allem, was er seinem -Vetter geschrieben recht gehabt; durch eigener Hände -Arbeit wußte er sich ein kleines Capital zu verdienen -und that damit, was in allen Städten Amerikas, -besonders aber in Cincinnati, die Deutschen nur zu -oft thun, er errichtete einen Schenkstand – was dort -nun einmal ohne seine Schuld <em class="ge">Kaffeehaus</em> genannt -wird. Wohl war der Verdienst jetzt, der ungeheueren -Concurrenz wegen, nicht mehr so besonders wie früher, -er hatte aber doch zu leben, und konnte sogar, da er -gerade auf seine eigene Bequemlichkeit sehr wenig verwandte, -immer noch jährlich eine Kleinigkeit zurücklegen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -Was nun seine jetzige Wohnung betraf, die so -beschränkt war, daß sie die ersten Nächte alle mit einander -in einem Zimmer schlafen mußten, so dachte -er gerade daran, ein größeres Lokal zu nehmen, wie -auch sein Geschäft etwas mehr auszudehnen, und -bot nun Schwaben und seiner Frau an, die erste Zeit -bei ihm zu bleiben und ihm im Haus und im Geschäft -bei allen vorkommenden Arbeiten mitzuhelfen. -Dafür sollten sie Kost und Logis, und auch noch einen -kleinen, freilich unbedeutenden Lohn erhalten. Wagner -hatte darin aber auch ganz recht, daß sie nicht gleich -hoffen dürften von vorn herein viel zu verdienen, -denn sie begännen jetzt eine ganz neue Lauf- und -Lebensbahn, und darin müsse nun Jeder einmal, es -möge sein wer es wolle, sein Lehrgeld bezahlen.</p> - -<p>Schwabe, der sich nach dem ersten traurigen -Anblick des Hauses die Sache weit schlimmer gedacht, -als sie sich wirklich jetzt herausstellte, war gern damit -einverstanden und schon in den nächsten Tagen, wo -ein Tischler kam und den Boden etwas mehr erweiterte, -da Wagner seine Wohnung in dem dicht -danebenliegenden Haus zu nehmen gedachte, begannen -die verschiedenen, bei solchem Ausräumen nicht -zu vermeidenden Arbeiten, denen sich auch beide -Gatten mit gutem Willen unterzogen, und dadurch -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -mit ihren Verwandten im besten Einverständniß -blieben.</p> - -<hr /> - -<p>So vergingen wohl sechs Monate und nichts -trübte die Freundschaft und das gute Vernehmen -der Verwandten; das rege Schaffen und Treiben -ließ ihnen keine Zeit, auf irgend etwas anderes als -ihre Geschäfte zu denken; gar verschieden gestaltete -sich die Sache aber, als der neue Schenkladen erst -einmal ordentlich hergerichtet worden, und nun das -gleichförmige ruhige Leben wieder begann, bei dem -sich keineswegs soviel Arbeit herausstellte, Alle nun -gleichmäßig beschäftigen zu können. Jetzt fielen zuerst, -und zwar besonders zwischen den beiden Frauen -kleine unangenehme Scenen vor und einzelne bittere -Worte wurden gewechselt. Im Anfang ging man -jedoch noch leicht darüber hin, eine Versöhnung ward -entweder gar nicht für nöthig gehalten oder doch -bald zu Stande gebracht, und der Gedanke auch, daß -sie ihren Verwandten doch eigentlich manches verdankten, -was sie suchen mußten wieder gut zu machen, -hielt Schwaben's noch manche Woche in einer -Stellung, die vielleicht weniger drückend für sie gewesen -wäre, hätten sie sich nicht immer sagen müssen: -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -»das sind Verwandte, und spielen jetzt die Herren, -während wir die Knechte machen sollen.«</p> - -<p>Schwabe bekleidete nämlich, während der, seinen -Leichnam jetzt auf das Beste pflegende Wagner ruhig -in den Ecken herumsaß und sein eigenes Bier trank, -die Ausschenkerstelle, und war somit ein förmlicher -»<i>Barkeeber</i>« geworden, die Frau aber, die auch noch -nebenbei ihr zweijähriges Kind zu besorgen hatte, -mußte waschen und bügeln, nähen und stricken, ausbessern -und alle nur möglichen übrigen häuslichen -Arbeiten verrichten, indeß <em class="ge">Missis</em> Wagner, wie sie -sich nur zu gern nennen hörte, nur selten mit angriff -und, was ihrer Base das peinlichste war, auch schon -manchmal begann statt des früheren freundlichen -Tones, das ganze Wesen einer Gebieterin anzunehmen.</p> - -<p>Schwaben's wären schon lange fortgezogen und -hätten ihr Glück allein, in dem weiten fremden Lande -gesucht; es kommen ja so Viele glücklich durch, -warum sollte es ihnen nicht ebenfalls gelingen? Eines -nur hielt sie bis dahin noch immer von einem solchen -Schritt zurück und bannte sie an die Stelle, wo sie -anfingen, sich recht unbehaglich zu fühlen – ihr -Kind – die kleine zweijährige <em class="ge">Louise</em> und die Zuneigung -die <em class="ge">Wagners</em> Frau wirklich zu der Kleinen -<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -zu haben schien. Sie behandelte sie fast ganz -wie ihr eigenes Kind, und die Mutter glaubte da -schon manches ertragen zu müssen, wo es der armen -Kleinen ja wieder zu Gute kam. Carl, ihr zehnjähriger -Knabe machte ihnen weit weniger Sorge; der -griff schon ordentlich mit zu, verdiente sich das Brod, -das er aß, durch dausend kleine leichte Arbeiten die -er verrichtete, oder Wege die er lief, und wäre ihnen -auch, so sie wirklich selbstständig in das Leben hinaustraten, -gewiß nicht zur Last geworden.</p> - -<p>Auf solche Art waren sie etwa ein volles Jahr -in dem Hause gewesen, das jetzt, da sich des Eigenthümers -Geschäfte verbesserten, auch seinerseits einen -etwas vornehmeren Titel annahm, und aus der einfachen -»Stadt München« zu einem »<i>city of München</i>« -avancirte. Aber gerade mit diesem zunehmenden -Wohlstand wich auch der Friede immer mehr, der -besonders in den letzten Monaten schon so schwankend -und zweifelhaft geworden. Wagner's selbst mochten -das fühlen und es konnte ihnen dabei auch nicht -verborgen bleiben, was es eigentlich noch sei, das -sie in der, ihnen peinlich werdenden Lage zurückhielt, -und <em class="ge">Missis</em> Wagner hatte endlich wenig genug -Takt, ihrer Base auf halbem Wege entgegenzukommen. -Sie bot dieser nämlich eines Morgens an, -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -ihr kleines Töchterchen, da sie selbst kinderlos sei, für -sie aufzuziehn – heißt das natürlich, wenn Schwaben's -überhaupt einmal fortziehen sollten – und so -lange an Kindesstatt zu behalten, bis sie in bessere -Umstände, und vielleicht zu eigener Selbstständigkeit -gelangt, im Stande wären, sie wieder abzuholen.</p> - -<p>Zwar konnte sich die Mutter nicht gleich dazu -entschließen, das Kind, wenn auch wohl versorgt, -doch gewissermaßen unter fremden Menschen zurückzulassen, -endlich aber siegten die äußeren, keineswegs -günstigen Umstände. Schwabe sprach mit seinem -Vetter offen über das, was ihn drücke und hemme, -dieser gab sich keine besondere Mühe ihn zurückzuhalten, -und nach acht Tagen schon fuhren sie, vorher -einen sehr wehmüthigen Abschied von dem Kinde -nehmend, und dieses der Sorge seiner neuen Pflegeeltern -auf das dringendste und wärmste an's Herz -legend, auf dem Dampfboot »General Harrison«, den -Ohio stromab, und dem Staate Louisiana zu, wo -ihnen, von einem Deutschen, der sich kürzlich einige -Zeit in Cincinnati aufgehalten, günstige Anerbieten -gemacht waren.</p> - -<p>Viele Jahre hindurch standen die Sachen, wie wir -sie im letzten Abschnitt verließen. Schwabe fand in -St. Francisville, einem kleinen Städtchen unfern -<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -vom Mississippi, der Ansiedlung von <i>Pointe coupée</i> -gegenüber, gute und lohnende Arbeit; sein Sohn -wuchs zu einem kräftigen Burschen heran, der ihn -bald gar wacker unterstützen konnte, und durch die -sparsame Sorglichkeit der Frau sah er, wie sich seine -Lage mehr und mehr verbesserte und er zuletzt sogar -darauf denken konnte, selber etwas anzufangen, um, -ohne gerade immer zu arbeiten, durch die Welt zu -kommen.</p> - -<p>Seines Vetters Beispiel in Cincinnati mochte -viel dazu beitragen ihn auf solche Gedanken zu -bringen; die Zeiten schienen ebenfalls günstig, – -Kaffeehäuser gab es in St. Francisville nur sehr -wenige und so säumte er dann auch nicht lange und -schaute bald darauf, wenn er auf der andern Seite -der Straße an seinem eigenen kleinen Haus vorüber -ging, mit ganz absonderlichem Vergnügen nach dem -großen blauen Schild hinüber, das mit goldenen -Buchstaben verkündete, wie <em class="ge">Hermann Schwabe</em> -hier, nicht allein ein <em class="ge">Kaffeehaus</em>, sondern auch -»kalte und warme Getränke, frische gebackene und -marinirte Austern, Pfefferkuchen und Fleischpasteten,« -und überdieß noch ein »Lager von ächten, in Boston -verfertigten Schuhen und Stiefeln und Penitentiery -Filzhüten« halte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -Was er mit eigener Hände Arbeit, und zwar -mit harter, schwerer Arbeit begonnen, führte er mit -Hülfe einer vorsichtigen aber richtigen Speculation -weiter, und galt nach gar nicht so langer Zeit, für -einen wenn auch nicht reichen, doch sicherlich wohlhabenden -Bürger des kleinen Städtchens.</p> - -<p>Jetzt erwachte aber auch in den Eltern der bis -dahin oft gewaltsam unterdrückte Wunsch, ihr Kind, -ihre kleine Louise wieder zu sich zu nehmen, von der -sie nun schon eine entsetzlich lange Zeit nicht einmal -etwas erfahren hatten.</p> - -<p>Das Briefschreiben gehörte nämlich zu einer von -Schwabes schwachen Seiten, er fällte lieber einen -vier Fuß im Durchmesser haltenden Baum, als daß -er eine einzige Seite bekritzelte; immer war es daher -sein Entschluß gewesen, lieber gleich hinauf nach -Cincinnati zu reisen und die Tochter dort selber abzuholen; -dringende Geschäfte, wie eine plötzliche -Krankheit seiner Frau, nöthigten ihn aber endlich, -entweder seine beabsichtigte Reise noch aufzuschieben, -oder wirklich zu schreiben. Wie aber war das Kind, -unter lauter fremden Leuten glücklich nach St. Francisville -zu bringen? – Durfte man wagen, es Einem -der tollkühnen Dampfboots-Capitäne zu übergeben? -Amerikanische Eltern hätten das augenblicklich gethan, -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -aber die Deutschen waren zu ängstlich, und Schwabe -fürchtete schon, er würde den so lange genährten -Wunsch noch länger müssen unbefriedigt lassen, als -sich ihm ganz unvermuthet ein treffliches Auskunftsmittel -bot, das er und seine Frau auch mit dankbarer -Freude ergriffen.</p> - -<p>Ein junger Deutscher aus dem kaum eine Viertelstunde -entfernten Bayou Sarah, reiste zufälliger -Weise gerade in dieser Zeit nach Cincinnati, um dort -indeß von Deutschland gekommene Verwandte zu -treffen und nach Louisiana mit zu nehmen. Eine -bessere Gelegenheit, Louise ihren Eltern wieder zuzuführen, -ließ sich kaum denken; Schwabe setzte sich -denn auch augenblicklich hin und brachte endlich mit -vieler Noth und Mühe einen ziemlich ausführlichen -Brief zu Stande, in welchem er seinen Vetter mit -den eigenen, bis dahin erlebten Schicksalen bekannt -machte, ihm für die treue Wahrung seines Kindes -dankte, und ihn bat, dasselbe durch den Ueberbringer -dieses, einen wackern, jungen Mann aus seiner Gegend -und guten Freund von ihm selber, den sich -herzlich nach ihm sehnenden Eltern zurückzuschicken.</p> - -<p>Welbauer, wie der junge Mann hieß, ging mit -dem nächsten, noch an demselben Abende in Bayou -Sarah anlangenden Boot stromauf, und Schwabe -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -erwartete nun in freudiger Ungeduld die Ankunft der, -seit dreizehn Jahren von ihnen getrennten Tochter, -denn so lange war es schon, daß sie Cincinnati verlassen -und sich in Louisiana zuerst aufgehalten und -später angesiedelt hatten. Vor dem Ablauf von -wenigstens drei Wochen konnte Welbauer aber kaum -wieder zurück sein, denn die Entfernung zu Wasser, -zwischen Bayou Sarah und Cincinnati beträgt 1350 -englische Meilen; die Eltern benutzten aber diese -Zeit, ein kleines, freundliches Stübchen für das erwartete -Kind herzurichten, damit es sich gleich vom -Anfange an recht wohnlich und zufrieden im elterlichen -Hause fühlen möge und schafften All und -Jedes herbei, womit sie nur glauben durften, dem -lieben, so lange elternlos gewesenen Kinde, eine -Freude zu machen.</p> - -<p>Die bestimmte Zeit war endlich verstrichen, Welbauer -aber noch immer nicht zurückgekehrt; ja, noch -eine vierte Woche verging sogar, ohne daß weder ein -Brief noch eine andere Nachricht von dem so sehnlich -Erwarteten eingetroffen wäre. Schwabe, der bis -jetzt seine Frau immer nur gebeten hatte, Geduld zu -haben, da man ja gar nicht wissen könne, was die -Rückkehr des jungen Mannes vielleicht verzögert -hätte, fing nun selber an, ängstlich zu werden, und -<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -lief des Tages zwei oder dreimal nach Bayou Sarah -hinunter, um zu hören, was für Boote angekommen -wären, und welche man, und woher man sie erwartete.</p> - -<p>Endlich, in der fünften Woche traf der so heiß -Ersehnte mit der »Diana« wieder ein, aber – -Schwabe erschrack, als er ihn erblickte und wurde -todtenbleich – <em class="ge">allein</em> war er – das Kind war -nicht bei ihm und der zitternde Vater fürchtete schon -das Schlimmste. Das, was ihm im Anfange das -Herz mit so unendlichem Weh durchzuckt, erwies sich -jedoch als unbegründet. Welbauer beruhigte ihn bald -über das Befinden und Wohlergehen seiner Tochter -– er hatte das junge Mädchen gesund und heiter -angetroffen, sie war gar rasch in die Höhe -geschossen, und sollte kräftig und blühend aussehen -– das Uebrige aber verkündete ein Brief, den er – -statt dem Kinde – als Antwort mitbrachte.</p> - -<p>Schwabe ahnte jetzt fast, was das Schreiben -enthielt – in letzter Zeit, als die Erwarteten immer -und immer nicht kommen wollten, waren ihm so -allerlei trübe und häßliche Gedanken durch den Sinn -gefahren, die er sich ordentlich gefürchtet hatte seiner -Frau mitzutheilen, weil er sie doch nicht mit nur -bloßen vielleicht sogar unbegründeten Vermuthungen -<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -ängstigen wollte. Rasch erbrach er jetzt den Brief und -sah hier seine schlimmen Besorgnisse bestätigt. Das -Schreiben lautete also:</p> - -<p class="in2 mt1">»Lieber Freund und Vetter« –</p> - -<p>»Recht sehr hat es mich gefreut zu hören, daß es -Dir wohl geht und Du Dir durch Arbeit und Sparsamkeit, -wodurch man in Amerika nur allein zu -etwas kommen kann, ein kleines Vermögen erworben -hast. Uns geht es auch hier recht gut, und viel besser -als damals, wo Du mich zuerst in dem kleinen -Häuschen an der Ecke der Sykamore-Straße aufsuchtest. -Ich bin jetzt auf dem Mittelmarkt – Du -weißt ja schon, in der fünften Straße – gezogen, habe -ein gutes Boardinghaus<span class="top">[9]</span> errichtet, und mache sehr -gute Geschäfte, habe aber auch sehr viel zu thun, und -weiß kaum wie ich fertig werden soll.«</p> - -<p class="ci fss">[9]: Ein Kosthaus, oder eine untergeordnete Art von Hotel.</p> - -<p>»Was nun Deine Tochter Louise anbetrifft, so ist -die recht gewachsen, und ein braves gutes Mädchen -geworden, meine Frau hat sich aber so an sie gewöhnt, -daß sie gar nicht daran denken kann, sich von ihr zu -trennen. Seid deshalb auch nicht böse, daß ich Euch -Euren Wunsch nicht erfülle und sie mitschicke. Eigentlich -kannst Du es uns auch gar nicht verdenken. Sieh, -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -wir haben bis jetzt blos die Noth und Sorge mit -dem kleinen Kind gehabt und sollen es jetzt, da es -groß geworden ist und anfängt, uns für alle die Mühe -und Auslage zu belohnen, wieder herausgeben. -Meine Frau hält es dabei wie ihre eigene Tochter. -Wir lassen es noch immer in die Schule gehen und -geben ihm eine ganz gute Erziehung. Was willst Du -mehr? Aber trennen möchte sich meine Frau nicht -wieder von dem Kinde und wir bitten Dich daher recht -dringend es uns zu lassen.«</p> - -<p>»Mit dem Wunsche, daß es Euch in St. Francisville -Allen gut geht und Ihr manchmal unser gedenkt, -unterschreibe ich mich als Dein</p> - -<p class="si">Dir treu ergebener Freund und Vetter</p> - -<p class="si mr2"><em class="ge">Fürchtegott Wagner</em>.«</p> - -<p class="in0">Mittelmarkt – nordwestliche Ecke von Walnut street.</p> - -<p><em class="ge">Nachschrift.</em> »Louise läßt schönstens grüßen und -Euch Allen Glück und Gesundheit wünschen. Was -kostet denn bei Euch die Butter – hier ist sie gestern -auf zwei Bit gestiegen, das Schweinefleisch ist aber -dafür noch billiger geworden als wie damals, wie Du -hier warst.</p> - -<p class="si mr2 mb1"><em class="ge">Dein Vetter.</em>«</p> - -<p>Der Brief war verworren, der Inhalt desselben -aber doch auch wieder einfach und deutlich genug, und -Schwabe ging wohl eine halbe Stunde lang, wie vor -<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -dem Kopf geschlagen, an der Dampfbootlandung hin -und her. – Sollte er <em class="ge">das</em> was hier mit klaren dürren -Worten in dem Brief stand, seiner Frau mittheilen? -– Aber wie konnte er es ihr auch verheimlichen, -hätte sie am Ende nicht gar geglaubt es wäre ihrem -Kinde irgend ein Unglück zugestoßen? <em class="ge">Der Verdacht</em> -übrigens, den er gegen Wagner hegte, wurde -von Welbauer noch bestätigt.</p> - -<p>Dieser hatte sich nämlich, da er den Eltern doch -versprochen, das Kind zu bringen und nun dort, wo -er es am wenigsten vermuthete, so unverhofften Widerstand -gefunden, nach den Verhältnissen und dem ganzen -Leben und Treiben jener Leute genauer und näher -erkundigt. Hier erfuhr er nun, daß sie allerdings die -angenommene Tochter im Hause selbst sehr gut behandelten, -aber keineswegs so viel in die Schule schickten, -als Jener hier in dem Brief geschrieben; im Gegentheil -mußte das arme Mädchen, wenn es auch keine schwere -Arbeit zu thun hatte, von Morgens früh bis spät -Abends auf dem Platze sein, während sich Missis Wagner -fast ganz und gar von jeder Arbeit zurückgezogen -habe, und nur allein die Dame spiele. Louise war ihnen -dabei durch ihren unausgesetzten Fleiß von ungemeinem, -ja unbezahlbarem Nutzen. Gaben sie das Mädchen -heraus, so mußten sie jedenfalls eine fremde -<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -Haushälterin annehmen und diese nicht allein mit -theuerem Gelde bezahlen, sondern ihr auch – -etwas besonderes Gefährliches in Amerika, wo die -Leute oft, Gott weiß woher, geschneit kommen – -Alles und Jedes im Hause anvertrauen. Bei Louisen -dagegen, die sich ihrer eigenen Mutter kaum noch -erinnerte, ihren Pflegeeltern aber mit aller Liebe einer -wirklichen Tochter anhing, hatten sie das Eine nicht -nöthig, das Andere nicht zu fürchten, und es ließ sich -daher voraussehen, wie sie unter diesen Umständen -gewiß Alles thun würden, was in ihren Kräften stand, -die Pflegetochter den vollen Ablauf der gesetzlichen -Frist, also bis zu deren einundzwanzigstem Jahr bei -sich zu behalten.</p> - -<p>Gerichtlich konnte Schwabe, wie Wagner ebenfalls -gut genug wußte, keine Schritte mit nur irgend einer -Aussicht auf Erfolg thun, denn ein wirklicher Kontrakt -war gar nicht abgeschlossen, und wenn es zur Klage -kam, so wurde dem Verklagten entweder die vorerwähnte -gesetzliche Frist zugestanden, oder der Kläger -hätte eine Kostenberechnung zahlen müssen, die dieses -eigene Mittel jedenfalls weit überstiegen haben würde. -– – Der Frau übrigens ein Geheimniß daraus zu -machen, ging nicht an, über kurz oder lang hätte sie -es doch erfahren müssen, und gemeinschaftlich konnten -<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -sie auch besser berathen, welche Schritte jetzt am besten -zu thun wären.</p> - -<p>Er ging denn auch ohne weiters nach St. Francisville -zurück, zeigte ihr erst den Brief und ließ sie dann -später Alles das, was sie noch zu wissen wünschte, -von Welbauer selber erfragen. Im Anfange war sie -nun, als sie die Nachricht wie ein Schlag aus heiterem -Himmel traf, außer sich, wollte ohne weiters »an die -Gerichte gehen,« und meinte, kein Gesetz der Welt -dürfe ihr solcher Art und widerrechtlich, das eigene -Kind gewaltsam zurückhalten. Schwabe hatte durch -einen dreizehnjährigen Aufenthalt in Amerika die Sitten -und Gesetze des Landes aber so ziemlich kennen gelernt, -und fürchtete nicht ohne Grund, durch eine Klage erstlich -einmal sein gutes Geld einzubüßen, und dann -nicht einmal etwas auszurichten.</p> - -<p>»Selbst ist der Mann,« reifte endlich der Entschluß -in ihm, »einen bloßen Brief können sie Dir leicht mit -»Nein« beantworten, gehst Du aber als <em class="ge">Vater</em>, und -forderst Dein eigenes Kind zurück, so werden sie es -Dir, wenn sie es auch wirklich vor dem Gesetze dürften, -doch nicht länger vorenthalten können.«</p> - -<p>Jetzt hatte er gerade alle die Geschäfte, die ihm -vor mehren Wochen noch eine Reise unmöglich gemacht, -beendet, er entschloß sich also kurz, beruhigte -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -seine Frau, der er fest versprach ihr Kind zu bringen, -und wenn er es stehlen sollte, und rüstete sich fröhlich -zur Fahrt nach Ohio.</p> - -<p>»Sei gutes Muthes, Mutter,« lachte er dabei, als -er sich zu der rasch beschlossenen Fahrt rüstete, »was -ist's denn auch weiter! geben sie mir mein Kind nicht -gutwillig, ei, so thue ich, als wenn ich mich in das -Unabänderliche füge, verabrede mich aber heimlich mit -Louisen, bringe sie auf ein Dampfboot und gehe förmlich -mit ihr durch. Nachher mögen sie uns verfolgen -oder gar verklagen, kein Gesetz wird einen Vater verdammen, -daß er sein eigenes Kind gestohlen, wenn sie -es ihm auch vorher nicht freiwillig zusprächen.«</p> - -<p>Die wenigen Vorbereitungen waren bald getroffen, -es galt ja hier auch nur eine kurze Fahrt und -schnelle Rückkehr; nur etwas gab ihm die Mutter noch -mit, das sie schon seit vielen Jahren für ihr Kind bestimmt, -dessen Absendung sie aber bis jetzt noch immer -verschoben hatte – ihr Bild. Ein junger deutscher -Maler, der vor einigen Jahren mehre Monate lang -bei ihnen gewohnt und dort krank geworden war, -hatte aus Dankbarkeit für die treue Pflege der guten -Leute, die Miniaturbilder der Beiden gemalt und -ihnen zum Andenken zurückgelassen, und das ihre -schickte jetzt die Mutter dem Kinde. Warum? wußte -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -sie selber nicht, erwartete sie ja doch das Heißgeliebte -in wenigen Tagen, dennoch trug sie dem Vater auf, -die Ablieferung desselben ja nicht zu vergessen, und es -war fast, als ob sie mit dem Bewußtsein, daß es -bald in den Händen ihrer Louise sein werde, auch -ruhiger würde, und der Zukunft gefaßter entgegensähe.</p> - -<p>Schwabe schiffte sich auf dem nächsten, stromaufgehenden -Dampfboote ein, ging mit diesem bis nach -Kairo, der Mündung des Ohio, benutzte von hier -aus ein anderes, das gerade Fracht für Pittsburg -einnahm, und betrat neun Tage später die Stadt -wieder, in der er vor vierzehn Jahren, ein armer -heimathloser Auswanderer, gelandet war, und zuerst -Schutz und Aufnahme gefunden hatte.</p> - -<p>Sonderbarer Weise schlug und klopfte ihm aber -jetzt das Herz so bang und ängstlich, als ob er irgend -eine böse That begangen oder beabsichtige, und doch -wollte er ja Nichts, gar Nichts auf der weiten Gotteswelt, -als sein Kind, sein eigenes liebes Kind zurück -in die Arme der Mutter führen. Das peinliche -Gefühl wuchs sogar noch, als er den steilen Landungsplatz -hinaufstieg, durch die Mainstraße ging -und endlich links in den Mittelmarkt einbog – er -mußte sogar ein paar Mal stehn bleiben und erst -ordentlich wieder Athem holen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -Anders wurde es ihm freilich, als er die sonderbare -Scheu endlich überwunden hatte, das, ihm -durch den Brief und von Welbauer bezeichnete Haus -betrat, und dort sein liebes, lang entbehrtes Kind -sehen und in die Arme schließen konnte. Da kehrte der -alte Muth zurück, frisch und frei schoß ihm das Blut -wieder durch's Herz und ohne Rückhalt wollte er schon -seinen Gefühlen, die ihm die Brust zu zersprengen drohten, -Raum geben, als er merkte, wie ihm die Thränen -in die Augen traten – sie liefen ihm hell und klar -an den beiden braunen Wangen herunter und das – -das brauchten die fremden Menschen nicht zu sehen, die -von allen Seiten des Hauses herbeieilten und ihn -jetzt umstanden. Er riß sich gewaltsam los, drückte -seinen Hut, den er noch gar nicht abgelegt, fester in -die Stirn und zog Wagner mit sich fort, in dessen -Stube hinauf – er schämte sich, daß ihn die Leute -sollten weinen sehn und hoffte sich später schon besser -zusammen nehmen zu können.</p> - -<p>Ein Gespräch mit Wagner allein, wie er es im -Anfang gewünscht, sollte ihm aber nicht vergönnt -werden, denn <em class="ge">Missis</em> Wagner, welche behauptete, -dieß sei eine Sache, bei der sie selbst am meisten und -innigsten betheiligt wäre, schloß sich ihnen gleich -darauf an, und brach augenblicklich jede weitere und -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -von Schwabe allerdings vorher beabsichtigte Einleitung -dadurch ab, daß sie die Absicht seines Besuchs -ohne Umstände beim Schopf erfaßte und an's Tageslicht -zog.</p> - -<p>Eines Theils war dieß nun gut, denn Schwabe -hatte schon in aller Verlegenheit gar nicht gewußt, -wie er am Besten beginnen solle, anderen Theils -gab es ihm aber auch bald die keineswegs ermuthigende -Ueberzeugung, daß hier, und dieser Frau -gegenüber, ein <em class="ge">gütlicher</em> Vergleich unmöglich sein -würde, denn Madame erklärte jetzt rund heraus, -mit <em class="ge">ihrer</em> Bewilligung verließe das Mädchen ihr -Haus <em class="ge">nicht</em>, und <em class="ge">ohne</em> ihre Bewilligung wäre noch -weniger daran zu denken. Dabei gab sie dem armen -Vater auch ohne die mindeste Schonung zu verstehn, -wie freundlich er selbst und seine ganze Familie bei -ihnen beherbergt worden, mit welcher Sorgfalt sie -sich dann später selbst eines Kindes angenommen, -von dem sie bis seit ganz kurzer Zeit, nur Sorge, -Mühe und Auslagen, aber nicht den geringsten -Nutzen gehabt. Jetzt dagegen, wo eben dieses Kind -das Alter erreicht habe, in welchem sie hoffen durften, -das zu erndten, was sie durch lange Zeit hinausgesäet, -jetzt komme er, der Vater, der Jahre lang nicht -einmal nach seinem Kinde <em class="ge">gefragt</em>, zurück und -<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -wolle es ohne weiteres abholen und mit sich fortnehmen. -Daraus würde aber Nichts, so lange noch -Recht und Gerechtigkeit im Lande existire, und so -lange sie selber noch eine Zunge zum Reden und eine -Hand es zu verhindern habe, sollte das nicht geschehen, -dafür stehe sie; »<em class="ge">Mister Schwabe</em> müsse -dann« wie sie mit beißendem Ton hinzufügte, »die -Kleinigkeit von 3500 Dollar übrig haben, um aufgelaufenes -Kost- und Schulgeld für seine Tochter zu -bezahlen, dann möge er sie ihretwegen mitnehmen -und wenn das Mädchen nachher wirklich ginge, -wirklich die verließe, die ihr mehr als eine, wenigstens -als <em class="ge">ihre</em> Mutter gewesen, so wolle sie denken, sie habe -eben nur eine undankbare Natter an ihrem Busen -genährt und müsse sich, ob ihr auch das Herz blute, -darüber zufrieden geben.«</p> - -<p>Was sagte aber die, um deren künftigen Aufenthalt, -um deren glückliche oder unglückliche Zukunft -vielleicht, es sich hier handelte, was sagte -Louise zu alle dem? nach welcher Seite neigte sich ihr -Herz und wie empfing sie den Vater, dessen Ankunft -sie überraschte, ja erschreckte?</p> - -<p>Was konnte das arme Mädchen sagen? – Von -der Zeit an, wo sie ihre Mutter, ein kleines, keines -Nachdenkens fähiges Kind zurückließ, war sie stets -<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -gewohnt gewesen, das Wagner'sche Haus als das -elterliche – wenigstens als ihre Heimath – zu betrachten. -Hier <em class="ge">wurde</em> sie auch heimisch, den wirklichen -Eltern aber mehr und mehr entfremdet, je mehr -die Erinnerung an frühere, einzelne Scenen in ihrem -jugendlichen Herzen frischeren und lebendigeren Eindrücken -Raum geben mußte. Selbst den Namen -<em class="ge">Mutter</em> hatte sie vergessen, und nur manchmal, -wenn sie ihn von andern Kindern hörte, zog es wie -fernes liebliches Glockengeläute durch ihre Seele. – -Das war die Erinnerung jener Zeit, wo sie den -theuren Namen an dem Hals der eigenen Mutter -selbst gelispelt, aber es war auch eben nur wie fernes -Glockengeläut, und der Klang zu weich, zu unbestimmt, -um ihm nähere, erkennbarere Formen geben -zu können.</p> - -<p>Wagner selbst hatte dabei in letzterer Zeit, und -besonders seit Welbauers Besuch, nicht versäumt, -das arme unwissende Kind, weniger mit klaren Worten -wie mehr mit hingeworfenen und unbestimmten -Aeußerungen ahnen zu lassen, daß dort, wohin man -es holen wolle, eine keineswegs freudige Existenz -seiner harre, denn nie würde es irgend ein Mensch -wieder so lieb haben, wie man es hier, in seiner -wirklichen und einzigen Heimath gehabt. Auch -<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -<em class="ge">Missis</em> Wagner schien seit der Zeit viel freundlicher -und herzlicher mit Louisen zu werden, nannte sie oft -<em class="ge">Kind</em> und <em class="ge">Tochter</em>, verbesserte die zwar einfache -aber doch sonst reichliche und anständige Garderobe -derselben und ließ ihr weit mehr Freiheit, als das -bisher der Fall gewesen. Nichts destoweniger klopfte -der Armen doch das Herz, als sie vernahm, ihr Vater -wolle sie sehen – hatte sie denn nicht schon früher -gehört, ihre Eltern verlangten sie zurück und war er -denn nicht vielleicht gerade zu dem Zweck jetzt nach -Cincinnati gekommen? Ihre Pulse flogen fieberhaft -und eine Angst überkam sie, als ob irgend ein -gewaltiges Unglück sie bedrohe, das sie nahen sehe, -dem sie aber nicht entgehen könne.</p> - -<p>Schwabe verließ indessen, nach seiner Zusammenkunft -mit Wagners, sehr betrübt und niedergeschlagen -ihr Haus, schlenderte langsam den Mittelmarkt -hinauf, der katholischen Kirche zu, und dachte mit -recht schwerem Herzen an die letzten Worte der gereitzten -Frau Base – »daß sie Louisen wie eine -Natter betrachten werde, die sie in ihrem Busen genährt –« -<em class="ge">Undankbar</em> – der Vorwurf schnitt ihm -tief, tief in die ehrliche Seele und langsam, die -Augen fest auf die Trottoirs geheftet, wanderte er -die breite, sonnige Straße entlang.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -»Halloh, <em class="ge">Schwabe</em> – so wahr ich lebe – und -in tiefen Gedanken?« rief ihn da plötzlich eine laute -fröhliche Stimme an, »bist doch nicht etwa Bankdirector -geworden, daß Du so grimmige Gesichter schneid'st, calculirst -und Deine alten Freunde nicht mehr kennst?«</p> - -<p>Schwabe sah rasch auf und erkannte, ebenfalls zu -seinem freudigen Erstaunen einen alten Bekannten -und Schiffsgefährten, der mit ihm von Deutschland -ausgewandert und nach Cincinnati gefahren, dort -aber, anstatt wie Schwabe nach Louisiana zurückzukehren, -die ganze lange Zeit geblieben war, hier eine -Brauerei errichtet hatte und sich nun gar wohl befand -und glücklich fühlte. Er stand gerade in der Thür der -Rehfußischen Apotheke und streckte dem überrascht vor -ihm stehen Bleibenden mit herzlichen Worten die -Hand entgegen.</p> - -<p>»Aber nun sage nur einmal, Alterchen,« frug er -den Niedergeschlagenen, als die ersten Begrüßungen -gewechselt und er den Arm desselben in den seinigen -gezogen. »Du siehst ja gerade so aus, als ob Dir die -Petersilie verhagelt, oder sonst ein entsetzliches Unglück -passirt wäre – was giebt's, was hast Du und -wo willst Du jetzt hin?«</p> - -<p>»Nirgends hin,« meinte Schwabe, »ich schlenderte -nur hier in Gedanken fort – was es aber –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -»Dann kehren wir auch augenblicklich wieder um!« -rief der Brauer, und schwenkte ohne weiters um. – -»Da draußen haben wir Nichts zu suchen, und meine -Brauerei und Bierstube liegt hier drinnen, dort mußt -Du beichten, mein Bursche, und wenn das Uebel nicht -gar so tief sitzt, so werden wir schon Rath schaffen.«</p> - -<p>Schwabe, dem es überdieß lieb war, seinen trüben -Gedanken sowohl auf kurze Zeit entrissen zu werden, -wie auch Jemanden zu haben, gegen den er einmal -unverholen sein Herz ausschütten konnte, lenkte willig -mit ihm ein und erzählte nun dem neugefundenen -Freunde, in dessen Haus sie endlich angelangt waren, -umständlich seine ganze Geschichte, die Verbindlichkeiten, -die er Wagnern schulde, dessen jetzige Meinung, -und die Verzweiflung, in der seine Frau sein -werde, wenn er <em class="ge">ohne</em> dem Kinde zurückkehre.</p> - -<p>Der Brauer hörte ihm, den Kopf in beide, auf -den Tisch gestemmte Arme gestützt, aufmerksam zu, -unterbrach ihn nicht ein einziges Mal, und that nur -manchmal lange, mächtige Züge aus dem vor ihm -stehenden riesigen Blechmaaß, das an die alten deutschen -Humpen erinnerte, dann aber, als Jener geendet -und nur noch das erwähnte, wie ihn der Vorwurf, -<em class="ge">undankbar</em> zu sein, so wehe thue und ihn -ganz unschlüssig mache, was er thun oder lassen solle, -<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -da schlug der Brauer so kräftig auf den Tisch, daß die -Fensterscheiben erschreckt zusammenklirrten und rief: -der Wagner sei ein <em class="ge">Lump</em>, das wolle er ihm schriftlich -geben, ihm aber werde er jetzt beweisen, daß, -wenn Jemand wirklich dankbar zu sein hätte, es Niemand -Anderer als in der That nur Wagner selbst sein -müsse, der an dem Mädchen die langen Jahre hindurch -einen wahren Schatz besessen.</p> - -<p>Und nun theilte er dem mit der gespanntesten Aufmerksamkeit -zuhörenden Vater mit, was das Kind -seit seinem achten Jahre, also jetzt schon beinahe ein -Zeitraum von wieder achten, gethan und gearbeitet, -wie es seit dem eilften Jahre die Wirthschaft dort fast -ganz allein geführt und bei dem Allen fast in keine -Schule gekommen, sondern immer nur zu Haus behalten -sei, um der sogenannten <em class="ge">Missis</em> Bequemlichkeit -nicht zu stören und zu unterbrechen. Dabei habe -sie, als diese vor drei Jahren am Tode mit dem -wüthendsten Nervenfieber gelegen, wochen- und -monatelang Tag und Nacht an ihrem Bette gewacht, -erst im vorigen Jahre wieder eine gleich langwierige, -wenn auch weniger gefährliche Krankheit bei ihr ausgehalten -und überhaupt das, was Jene vielleicht an -ihr gethan, als sie noch ein kleines Kind war und -nicht arbeiten konnte, reichlich, ja im Uebermaße vergütet. -<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> -Wenn also Jemand zur Dankbarkeit verpflichtet -sein sollte, so wären es Wagner's selber, und daß sie -damals das kleine Kind zu sich genommen, ei, das -hätten sie auch eher aus Eigennutz, als aus Menschlichkeit -gethan, denn selbst kinderlos freuten sie sich -des kleinen, muntern Wesens, während es den Eltern -wehe genug that, es zurückzulassen.</p> - -<p>»Das Uebrige Alles bei Seite,« fuhr der Brauer plötzlich -in seinen Trostworten fort, und etwas leiser -redend, bog er sich, die Hände herunternehmend, näher -zu dem Freund hinüber, »so giebt es doch noch einen -Grund, über den wir hier in der Stadt, wenn's uns -auch nichts anging, schon oft gesprochen, und der allein -hinreichend wäre, es Euch, Schwabe, sogar zur Pflicht -zu machen, Euer Kind mit fortzunehmen.«</p> - -<p>Schwabe horchte hoch auf, Jener aber, die Stimme -zu einem Flüstern herunterdrückend, sagte:</p> - -<p>»Wenn ich Vater wäre, so nähme ich mein -Kind, und besonders ein Mädchen, heute noch mit -mir fort, das in <em class="ge">dem</em> Hause nichts Gutes lernen -kann. Wovon ist Wagner so rasch und plötzlich -ein wohlhabender Mann geworden? Von seinem -Schenkstande etwa? – Das soll mir Keiner weiß -machen; nein, von der heimlichen Spielhölle, die er -in seinem Hause, klug genug, so versteckt hält, daß -<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -ihm die Gerichte, obgleich sie schon dreimal, und -zwar ganz unerwartete Nachsuche gehalten, doch nicht -auf die Spur kommen können. Das arme Mädchen -nun, da er keinem fremden Barkeeper das Geheimniß -anvertrauen kann, muß fast jede Nacht bis ein oder -zwei Uhr bei diesen rohen Gesellen aufsitzen, und wenn -auch Wagner ebenfalls im Zimmer bleibt, so hört sie -doch dort – denn wie könnte sie's verhindern – all -die gemeinen wüsten Reden einer Menschenklasse, die -sich in der Leidenschaft des Spiels noch unter das -Thier erniedrigen. Das arme Kind, seit langen Jahren -daran gewöhnt, weiß das nun freilich nicht besser; -wäre ich aber Vater, mir bliebe sie keine Stunde länger -in dem Hause.«</p> - -<p>»Aber lieber, bester Freund!« sagte Schwabe, hierdurch -einestheils von der ersten Besorgniß erlöst, aber -dann auch wieder mit einer neuen, fast noch schwereren -auf der Seele – »wie will ich sie fortbekommen? -Fordere ich sie dem Manne durch das Gesetz ab, so macht -er mir nachher eine Kostenberechnung, die ich nach dem, -was ich schon von der Frau gehört, gar nicht im -Stande wäre zu bezahlen.«</p> - -<p>»Nein, dahin darfs nicht kommen!« entgegnete -rasch der Brauer, »wenigstens müßtet Ihr erst den -Hauptvortheil vorne weg zu gewinnen suchen, und -<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a> -das ist – das Recht des Besitzes, in dem sich Wagner -jetzt befindet. Wer eine Sache einmal wirklich hat, -dem ist sie hier in Amerika verdammt schwer aus den -Zähnen zu reißen, selbst wenn er noch weniger anscheinendes -Recht darauf hätte, als Wagner hier in diesem -Falle; verhielt sich aber die Sache umgekehrt, wäre -die Tochter bei Euch, und wollte sie Wagner nun -wieder haben, oder die Entschädigungssumme ausgezahlt -bekommen, dann müßte er klagen und Ihr, in -St. Francisville könntet nachher eine Gegenrechnung für -geleistete Dienste aufsetzen, die sich gewaschen hat.« –</p> - -<p>»Dann bleibt mir weiter Nichts übrig, als mein -eigenes Kind zu stehlen!« rief Schwabe.</p> - -<p>»Ganz meiner Meinung!« sagte der Brauer und -leerte den letzten Rest des Blechmaaßes auf einen Zug -– »ganz meiner Meinung,« wiederholte er, als er -fertig war, und das Gefäß klappernd auf den Tisch -zurückstellte – »und Nichts leichter als das! Ich bin -heute Morgen mit dem Mailboot von Louisville gekommen, -und habe unten an der Landung das Sternwheelboot<span class="top">[10]</span> -Raritan getroffen, das, wie mich der -<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -Capitän fest versicherte, morgen früh mit dem Schlage -Acht, Cincinnati verläßt. Der Raritan geht allerdings -nur bis zur Mündung des Arkansus, den Mississippi -hinunter; das schadet aber Nichts, dort langen täglich -wenigstens zwei oder drei stromabgehende Boote -an, und Ihr Beide könnt in fünf bis sechs Tagen in -Louisiana sein.«</p> - -<p class="ci fss">[10]: Sternwheelboot ist ein Dampfboot, das, gewöhnlich mit -zwei Maschinen, nur <em class="ge">ein</em> großes Rad hinten am sogenannten -<em class="ge">Stern</em> hat, und von diesem also gänzlich vorwärts <em class="ge">geschoben</em> -wird. Diese Art Boote scheinen aber nicht besonders praktisch, und -es giebt deren nur sehr wenige auf den Amerikanischen Flüssen.</p> - -<p>»Aber wie bekomme ich Louise aus Wagner's -Händen, ohne daß dieser etwas davon merkt?«</p> - -<p>»Louisen? Ei, Ihr geht einfach zusammen fort, -denn Wagner läßt sich nie Morgens vor neun Uhr -unten sehen – so lange schläft er, weil er die Nacht -so spät aufbleibt, und das arme, junge Mädchen -muß schon von sechs Uhr an Frühstück und Alles -besorgen, dann auf dem Markt einkaufen, die Eier -oder vielmehr die Bäkereien in Ordnung halten, und -Gott weiß, was sonst noch für Sachen und Geschäfte -verrichten. Du siehst also zu, daß Du heute Abend -noch einmal Gelegenheit bekommst, mit Deiner -Tochter zu sprechen, und das Uebrige überlasse mir -– ich bin dort im Hause bekannt wie ein bunter -Hund, und werde das Alles schon besorgen. Jetzt -aber, damit Du keinen unnöthigen Verdacht erregst, -oder einen vielleicht schon erregten wieder beschwichtigst, -gehst Du zu Wagner's Haus zurück, und erklärst -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -dorten, daß Du sie – Wagner's, bittest, Deinen -Wunsch nochmals zu überlegen und zu prüfen, -stelle ihnen dabei vor, wie sich die Mutter sonst -grämen wird etc. – das hilft doch Alles nichts, aber -es macht sie sicher – hiernach theile ihnen mit, daß -Du gesonnen seist, drei Tage in Cincinnati zu bleiben -und nach Ablauf dieser Frist wünschest, eine bestimmte -Antwort von ihnen zu hören – das sagst Du ihnen -übrigens nur, wenn Du allein mit ihnen bist, verstehst -Du? Ihr braucht dazu gerade keine Zeugen. -Apropos, haben sie Dich schon eingeladen, bei ihnen -zu wohnen?«</p> - -<p>»Nein – sie wissen ja gar nicht, wie lange ich -hier bleiben wollte.«</p> - -<p>»Gut, desto besser – thun sie es jetzt, so sagst -Du, Du hättest es mir schon versprochen; morgen -früh hast Du denn weiter nichts zu thun, als in <em class="ge">dem</em> -Augenblick, wo ich das Zeichen von unten herauf -bekomme, daß das Boot die Springkette losläßt, -Dein Kind abzuholen, in Mainstreet soll dann ein -Wagen für Euch stehn, und daß sie unten nicht eher -abfahren bis Ihr an Bord seid, dafür will ich auch -schon Sorge tragen.«</p> - -<p>Alle weiteren Bedenklichkeiten des immer noch -nicht recht fest Entschlossenen, machte übrigens der -<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -wackere Brauer zu Schanden, bewies ihm, daß er, -wenn er nicht ein wahrer Rabenvater wäre, sein Kind -mitnehmen <em class="ge">müsse</em>, und redete ihm so in's Herz -hinein, daß sich Schwabe, dessen heißester Wunsch -das Alles ja von Anfang an selbst gewesen, nur zu -gern überreden ließ, in jeder Hinsicht dem Rath -seines neugefundenen Freundes zu folgen, mit dem er -auch jetzt die näheren Vorsichtsmaßregeln besprach -und festsetzte.</p> - -<p>Allerdings ging er nun von hier aus wieder nach -Wagner's Haus zurück; so sehr er sich aber auch bemühte, -seine Tochter, und sei es nur auf wenige Minuten, -allein zu sprechen, so gelang ihm das doch -keineswegs, denn eine direkte Unterredung mochte er -nicht gern verlangen, weil er dadurch Verdacht zu -erregen fürchtete; ja er hatte sogar schon, um seinen -Vetter ganz sicher zu machen, diesem gesagt, daß er, -da er sich doch jetzt einmal in Cincinnati befinde, -einen guten Bekannten aufsuchen wolle, der mit ihm -über See gekommen sei, und etwa zwei Stunden -Wegs von der Stadt entfernt wohne, er würde daher -auch wohl nicht vor morgen früh zehn Uhr zurückkehren -können. Kaum vermochte er dabei mit dem -fortwährend beschäftigten Kinde ein paar flüchtige -Worte zu wechseln, doch hatten sie das vorausgesehn, -<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -und dafür schon Vorkehrungen getroffen. Der Brauer -sollte nämlich, sobald ihm das nicht selbst gelang, -den Abend bei Wagner's zubringen, und die Tochter -bei der ersten sich ihm dort bietenden Gelegenheit auf -die beabsichtigte morgende Flucht vorbereiten. Der -Klugheit Louisens hofften sie dabei ebenfalls viel -vertrauen zu können und glaubten jetzt die ganze Sache -auf das vortrefflichste und zweckmäßigste eingeleitet -und berathen zu haben.</p> - -<p>So brav und ehrlich unser wackerer Brauer aber -auch sein mochte, und so gut er's sicher in diesem -Falle meinte, so war er doch – das ließ sich kaum -läugnen – nichts weniger als ein Diplomat und -kam fast nie zum Ziele, wo es einiger List und -Scharfsinn galt, sondern meistens nur, wo er gerade -ohne weitere Umstände hinein tappen durfte. So -hatte er es denn auch in diesem Falle wohl eine volle -Stunde lang umsonst versucht, Schwabes Tochter -nur so viel merken zu lassen, daß er ein Paar Worte -an sie allein zu richten wünsche. Vergebens blieb er -mitten in der Schenkstube, allen Gästen im Wege -stehen, um sie im Vorbeigehen anzureden, vergeblich -verstopfte er über eine Viertelstunde durch seine breite, -vierschrötige Gestalt die Hofthür, sie kam nicht <em class="ge">ein</em>mal -hinaus, und er wurde endlich durch die vereinten -<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -Bemühungen des Barkeepers und der schwarzen -Köchin bei Seite geschoben, und bedeutet, daß dieser -gerade der allerletzte Platz wäre, wo man ihn gern -sähe. Er fing schon an, die Aufmerksamkeit der Gäste -zu erregen, und beschloß nun einen andern, weniger -gefährlichen aber gewiß sichern Plan zu verfolgen.</p> - -<p>Zu diesem Zwecke ließ er sich in einer der am -wenigsten beobachteten Ecken des Zimmers nieder, -und drückte sich hier, seinen Blechkrug und das -brennende Licht – denn es war indessen dunkel -geworden – dicht vor sich geschoben, fast gewaltsam -zwischen die scharfe Tischkante und die hier angebrachte, -mit mächtigem Gehäus umschlossene Wanduhr. -Dadurch gewann er den Vortheil, daß er, ohne -den Kopf zu wenden, das ganze Zimmer übersehen -konnte, und sobald er sich jetzt einen Augenblick selber -unbeachtet sah, schlug er mit der Lichtschere gegen das -Blech, was, wie er recht gut wußte, Louise im Nu an -seine Seite brachte.</p> - -<p>Das junge Mädchen sprang rasch auf ihn zu, und -streckte die Hand nach dem Blechmaaß aus, um es -wieder zu füllen; der Brauer hielt das aber mit der -linken fest, während er mit der rechten ihren Arm ergriff, -sie ein wenig zu sich hinüberzog und leise, aber schnell -flüsterte:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -»Erschrick nicht – er kommt morgen früh!«</p> - -<p>Louise erschrak aber über das Plötzliche dieser Warnung -und fast eben so über das sonderbare Gesicht, -das der Brauer dabei machte, dermaßen, daß sie einen -nur halbunterdrückten Schrei ausstieß.</p> - -<p>Eigenthümlich war die Wirkung, die dieser Schrei -auf den Brauer ausübte.</p> - -<p>In demselben Momente fuhren die Gäste nach dem -ziemlich hörbaren Ausruf herum und natürlich richteten -sich dadurch ihre Blicke auf den in der Ecke Sitzenden, -dieser aber riß mit einem plötzlichen Ruck beide -Hände zurück, saß starr und steif da, zog die Backen -ein, preßte dabei die Lippen fest aneinander, und schnitt -ein so ungemein gleichgültiges und nichtsagendes Gesicht, -daß Louise, die solch wunderbare Veränderung -mit Blitzesschnelle vor sich gehen sah, in ein lautes -Gelächter ausbrach, in das jetzt viele der Umstehenden -mit einstimmten.</p> - -<p>Der Brauer ließ sich nun allerdings nicht durch -solche Kleinigkeiten außer Fassung bringen, damit war -ihm aber auch für den Augenblick der ganze Anlauf -verdorben, und er mußte wohl eine halbe Stunde -vorübergehen lassen, ehe er einen neuen Versuch wagen -durfte.</p> - -<p>Als er zum zweiten Male an das Blech schlug, sah -<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -sich Louise allerdings wieder nach ihm um, blieb aber -stehen, und des Brauers rasch und seltsam verzerrte -Physiognomie, rief ihr eben so rasch die Grübchen -in die Wangen zurück, denn sie konnte doch wahrlich -nicht ahnen, daß dieses gräuliche Gesichterschneiden -irgend einen bedeutsamen Zweck für sie haben sollte. -Und dennoch war das so; der Brauer gab sich die -nur erdenklichste Mühe, irgend einen mimischen Eindruck -auf sie hervorzubringen, sobald er das nur -irgendwie unbemerkt thun konnte, und die halb schlauen, -halb ängstlichen Seitenblicke, die er dazwischen -im Zimmer und besonders nach rechts und links -hinüber warf, waren so unwiderstehlich komisch, daß -die, zu deren Besten der sonst so ernste Mann all -diese Muskelverzerrungen vortrug, endlich in allen -Freuden und dem festen Glauben, »der Brauer habe -heute einmal einen Schluck über den Durst gethan,« -ihren Pflegevater darauf aufmerksam machte, und -dadurch den ganzen, so schön und pfiffig ausgedachten -Plan unseres Bierfabrikanten zerstörte. Wagner -setzte sich bald darauf zu ihm, und der Brauer verließ -eine Stunde später, höchst ärgerlich auf sich und -die ganze Welt, die »<i>City of München</i>.«</p> - -<p>Dadurch war es den Verbündeten freilich unmöglich -geworden, die Tochter gehörig vorzubereiten, -<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -um am nächsten Morgen nicht zu viel Zeit zu verlieren. -Nichtsdestoweniger trafen sie alle nöthigen -Vorkehrungen, und kauften besonders mehre Kleidungsstücke -ein, denn Louise sollte unter keiner Bedingung -auch nur ein Stück der ihr von Wagner -geschenkten Kleidungsstücke mitnehmen; selbst ein -Bonnet und das Nöthigste, was sie für den Augenblick -brauchte, konnten sie leicht in dem 150 Miles -entfernten Louisville bekommen, wo sie genug Zeit -behielten, Einkäufe zu machen, während das Dampfboot -langsam durch die Schleusen des Canals gelassen -wurde.</p> - -<p>Der von Schwabe in ängstlicher Ungeduld so -sehnlichst herbei gewünschte Morgen brach endlich an, -und unten an der Landung waren die Feuerleute und -Deckhands des Raritan schon emsig beschäftigt, die -Kessel zu heizen und die Verdecke mit unzähligen -heraufgeholten Eimern Flußwasser zu scheuern und -abzuspühlen. Oben in der fünften Straße öffnete der -Barkeeper des deutschen Kaffeehauses die Laden, -fegte das Schenkzimmer aus und ging dann an seine -gewöhnliche Morgenarbeit, das im Hinterhaus versteckt -liegende Spielzimmer nach seinem nächtlichen -Besuch zu reinigen und zu lüften und zum nächsten -vielleicht schon sehr baldigen Besuch wieder herzurichten, -<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -mit welchem Geschäft er selten vor neun oder -halb zehn Uhr fertig wurde.</p> - -<p>Louise war indessen vorn in der Bar beschäftigt, -staubte die Flaschen und Tische ab, spülte und wischte -die Gläser aus, breitete neue Servietten auf die verschiedenen -Kaffeebreter, füllte die kleinen Flacons -mit Staunton Bittres und Pfeffermünzessenz, putzte -die blind gewordenen Fensterscheiben und that überhaupt -Alles, um die Schenkstube in ihrer gewöhnlichen -Sauberkeit und Reinlichkeit zu halten und war -so emsig dabei beschäftigt, daß sie gar nicht bemerkte, -wie schon ein Mann mehre Minuten lang in der geöffneten -Thüre stand und ihrem thätigen Schaffen -und Treiben sinnend aber aufmerksam zuschaute.</p> - -<p>Dem armen Mädchen gingen aber auch gar viele -trübe und ernste Gedanken im Kopf herum – war -nicht, wie ihr Mrs. Wagner gesagt, ihr Vater gekommen, -und wollte er sie nicht ihrer jetzigen liebgewonnenen -Heimath entreißen, um sie einer andern – -wie ihre Pflegeeltern sagten – traurigen und freudlosen -Existenz entgegen zu führen? war sie gezwungen -ihm zu folgen, oder durfte sie bleiben, wenn sie ihm -verweigert wurde? – Ja – <em class="ge">durfte</em> sie in dem Fall -wirklich bleiben, oder zwang sie die kindliche Pflicht, -dem zu folgen, der von der Natur das erste heiligste -<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a> -Recht auf sie erhalten hatte? Ach, wer half ihr aus -diesen Zweifeln, welcher redliche Freund rieth ihr, -was sie thun, was sie meiden sollte? –</p> - -<p>»Louise!« sagte da eine leise – zärtliche Stimme -– »mein Kind – meine Tochter.« –</p> - -<p>Und Louise, als sie die bekannten Laute hörte, -fuhr zusammen, daß ein Glas, an welchem sie gerade -putzte, ihrer Hand entfiel und auf dem Boden klirrend -zerbrach. Blitzesschnell fuhr sie herum, vor ihr aber -stand, die Arme freundlich und liebend nach ihr ausgestreckt -– ihr <em class="ge">Vater</em>. Das arme Kind wurde -todtenbleich, zitterte an allen Gliedern und vermochte -kein Wort über die Lippen zu bringen; Schwabe aber -ergriff ihre Hand, zog die kaum Widerstrebende langsam -an sich und flüsterte, indem er ihr liebkosend die -Haare aus der Stirn strich:</p> - -<p>»Mein Kind – mein liebes, gutes Kind, nicht -wahr, jetzt läßt Du mich nicht wieder allein zu Deiner -Mutter zurückkehren? der bräche das Herz darüber; nein, -jetzt, jetzt verläßt Du mich nicht wieder, jetzt bleiben wir -beisammen, und Du, nicht wahr, meine gute Louise, -Du gehst mit mir zu Deiner Mutter nach Louisiana?«</p> - -<p>»Aber wird mich Missis Wagner fortlassen?« -murmelte in Angst und Unentschlossenheit das arme -Mädchen – »wird sie –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -»Das sind böse Menschen, die Dich Deinen -Eltern vorenthalten wollen,« drängte der Vater – -»Du bist in dem Hause hier auch nicht gut aufgehoben, -der Brauer hat mir Alles erzählt. Doch davon -später. Jetzt drängt die Zeit, in wenigen Minuten -geht das Dampfboot ab – die Ketten sind schon eingenommen, -es hängt nur noch an einem einzigen Tau -und wartet auf uns.«</p> - -<p>»<em class="ge">Jetzt?</em>« rief Louise erschreckt, und suchte ihren Arm -frei zu machen – »jetzt soll ich fort – heimlich fliehen?«</p> - -<p>»In die Arme Deiner Eltern sollst Du, Louise – -zu den Deinigen, die Dich auf den Händen tragen -und für Dich sorgen werden, wie sie es sich schon so -lange Jahre gewünscht.«</p> - -<p>»Und ohne Abschied sollte ich fort von meinen -Eltern, fort aus diesem Hause?« bat, immer ängstlicher -werdend, die Arme – »Niemand ist hier im -Laden – sie haben mich wie ihr Kind behandelt – -sie haben mich lieb und ich – ich –«</p> - -<p>Ein starkes Klopfen an den Fensterscheiben schreckte -sie wieder empor und gleich darauf steckte ein kleiner -Negerbursche den Wollkopf in die noch offene Thüre -herein und rief mit seiner feinen, piepigen Stimme: -»Raritan geht, Massa – haben schon <i>steam</i> 'nausgelassen, -soviel – Wagen steht an der Ecke.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a> -»Siehst Du, mein Kind – es ist alles vorbereitet,« -flüsterte der Vater und zog die Tochter der Thüre -zu, »in wenigen Minuten können wir auf dem Dampfboote, -in fünf Tagen kannst Du in den Armen und -an dem Herzen Deiner Mutter sein – komm, komm, -Louise!«</p> - -<p>»Heiliger Gott! ich kann und darf ja doch nicht -wie ein Dieb hier aus dem Hause entfliehen, das mir -so lange Jahre Schutz und Nahrung gegeben, – ich -möchte schon mit Ihnen gehen, Vater, aber – so – -so nicht, so auf keinen Fall.«</p> - -<p>»Louise – mein Kind!« bat noch einmal der -Vater, und die Heftigkeit seiner Gefühle drohte ihm -die Stimme zu ersticken – »Du wirst und darfst mich -nicht allein zu Deiner Mutter zurückkehren lassen – -Du <em class="ge">mußt</em> mit mir gehen – ich befehle es Dir als -Dein Vater.«</p> - -<p>»Um Gottes willen, Vater, Sie zerdrücken mir -den Arm – ich darf wahrhaftig nicht fort.«</p> - -<p>»Holla da, wer will Dich zwingen?« rief plötzlich -eine rauhe, finstere Stimme, und Wagner, noch im -Morgenkostüm, mit verschlafenen Augen und hoch -aufsträubenden Haaren, trat in die Thüre, wo er – -sobald er sah, daß Schwabe bei seinem Erscheinen -den Arm der Tochter fast unwillkürlich losließ und -<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a> -sich rasch nach ihm umwandte, stehen blieb, und mit -höhnischem Tone in seiner Rede fortfuhr. »So, Sir -– also ordentlich Versteckens wird gespielt, um -denen, die uns das eigene Kind lange und schwere -Jahre hindurch gepflegt und erzogen, dieses, wenn -man nachher anfängt seine Freude daran zu haben, -förmlich zu rauben und zu stehlen? – da werde ich -wohl am Besten thun, wenn ich gleich auf's Gericht -gehe und die saubere Bescheerung anzeige – ich bin -Bürger hier und will doch einmal sehen, ob mich das -Gesetz nicht in meinem Eigenthum schützen wird.«</p> - -<p>»Wagner,« murmelte Schwabe, und hielt noch -immer den finsteren Blick auf sein Kind geheftet, das, -keiner weiteren Bewegung fähig, jetzt, da sich sein -Schicksal entschieden, an dem Schenktisch lehnte und -weinte, als ob ihm das Herz brechen wollte – -»Wagner, möge Gott Dir verzeihen, daß Du den -Eltern das Kind verweigerst – die Summe, die Du -verlangst, bin ich aber, das weißt Du recht gut, nicht -im Stande zu bezahlen; Du weißt aber auch, daß -Du die Summe nicht <em class="ge">verdienst</em>, daß mein Kind -mehr für Dich gearbeitet, als das Wenige beträgt, -was sie verzehrt und womit sie sich gekleidet. Gott -nur sieht den Menschen in's Herz, ihm werden auch -die Mittel bekannt sein, die Du angewandt, sein -<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a> -junges Blut gegen mich zu kehren. Daß ich mein -Kind heimlich mit mir fortnehmen wollte, leugne ich -nicht, und hättest Du es verhindert, so würde mich -das arg geschmerzt haben, aber – es weigert sich -selber mitzugehen – es will von seinen Eltern Nichts -mehr wissen, und das ist hart, das hatte ich nicht erwartet, -und <em class="ge">das</em> – thut auch recht weh, weher, als mir -je ein Wort von Dir thun konnte, Wagner. So lebt -denn hier Alle recht wohl – ich kehre nun wieder -nach Cincinnati zurück, Dir aber, mein Kind, meine -Louise« – und die herausquellenden Thränen machten -seine Worte fast unverständlich – »Dir wünsch ich, -daß Du nie fühlen, nie ahnen mögest, welchen -Schmerz Du Deinen armen Eltern bereitet, die, -Gott ist mein Zeuge, nur durch ihre Lage gezwungen -waren, Dich so lange fremden Händen zu überlassen -– lebe wohl, und möge Gott Dich segnen, ich kann -nicht böse auf Dich sein. Aber halt, hier, das hat -mir Deine Mutter für Dich gegeben, ich hatte einmal -geglaubt, ich würde es nicht abzuliefern brauchen – -gut so, es hat so sein sollen – Deine arme Mutter.«</p> - -<p>Er ging auf die Tochter zu, legte ein kleines -Paket neben sie auf den Schenktisch, drückte sie dann -noch einmal rasch und heftig in die Arme, einen Kuß -auf ihre Stirn und verließ, ehe Louise kaum wußte -<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a> -daß er sie losgelassen, das Schenkzimmer, vor dem -eben wieder, jetzt aber mit breitem Erstaunen in den -dunkeln Zügen, das Gesicht des Negerknaben aufgetaucht -war.</p> - -<p>Wie er nach Mainstreet und in den dort harrenden -Wagen kam, wußte er nicht – in eine Ecke gedrückt, -die Hände krampfhaft gegen das Gesicht gepreßt, -fühlte er nur, wie die leichte <em class="ge">Gig</em> blitzesschnell -mit ihm die steile Straße hinunterrasselte, und bald -darauf vor dem wild schnaubenden und keuchenden -Dampfboot hielt; dort aber kam er erst wieder zur -Besinnung als der hier harrende Brauer den Kutschenschlag -aufriß und ganz verblüfft stehen blieb, als -er den Freund <em class="ge">allein</em> zurückkehren sah. Hier war -aber nicht lange Zeit mehr zum Besinnen, der ungeduldige -Ruf des Capitäns, der nun mit ganz außergewöhnlicher -Gefälligkeit bis jetzt gewartet, trieb ihn -an Bord –</p> - -<p>»<em class="ge">Sie wollte nicht mit!</em>« rief der arme Vater -nun trauernd dem Freunde zu, riß sich von diesem, -der ihn noch zurückhalten wollte, los, sprang an Bord -und keuchend und puffend drängte der Dampfer rückwärts -in den Strom hinein, und warf die aufgerüttelten -Wellen hinauf an das eben verlassene Ufer. In -der Mitte des Stromes hielt die Maschine einen -<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a> -Augenblick und das Fahrzeug trieb eine kurze Strecke -mit der Strömung hinunter, schwenkte dann nach der -Seite hinüber, kehrte den Bug gen Westen und schoß -blitzesschnell davon, während das eine mächtige Sternrad -schäumende und zischende Wassermassen hinter sich -hinaus schleuderte.</p> - -<p>Und Louise? –</p> - -<p>Das arme Mädchen war kaum im Stande, den -Tag über ihre Geschäfte zu besorgen; das Hirn -brannte ihr fieberhaft, und ihr war es, als ob sie -fortwährend in einem Traume wandle, aus dem sie jeden -Augenblick erwachen müsse. Ihr Vater? – das war -ihr <em class="ge">Vater</em> gewesen, der sie hatte mitnehmen, zur -<em class="ge">Mutter</em> mitnehmen wollen – ihr lebte eine Mutter, -aber weit von hier, eine Mutter, die sie vielleicht lieb -hatte, die ihrer harrte und <em class="ge">sie</em>? O wie dem armen -Kind die Pulse flogen, wie seine Augen glühten und -schmerzten. Sie konnte sich kaum noch aufrecht erhalten -und Wagner, dem ihr verändertes Aussehen auffiel, -schickte sie heute schon mit Dunkelwerden auf ihre -Kammer.</p> - -<p>Hier angelangt, wollte sie sich gleich aufs Bett -werfen, da fiel ihr das kleine Paket in die Augen, das -ihr der Vater heute beim Abschied gegeben. Sie zündete -ihr Lämpchen an und bei dem matten Schein desselben -<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a> -öffnete sie den Faden, der es umschlossen hielt – Ha -– ein kleines Bild blitzte ihr entgegen und ein dicht -zusammengefaltetes Briefchen glitt heraus und vor -ihre Füße nieder. Das Bild? – das, das mußte ihre -Mutter sein – ihre <em class="ge">Mutter</em> die sie mit den treuen -blauen Augen so freundlich anlächelte – und diese -Augen – mußten die sich nicht mit Thränen, mit -heißen, schmerzlichen Thränen füllen, wenn der Vater, -<em class="ge">ohne</em> das Kind zurückkehrte, und der Mutter sagte -– daß die Tochter – Nichts von ihr wissen wolle – -daß sie sich geweigert habe, ihm zu folgen?</p> - -<p>Sie stützte den Kopf in die Hand und betrachtete -lange und sinnend die theueren Züge, zu denen sie -als Kind liebend emporgeschaut und den Namen -»Mutter« hinaufgelispelt hatte. Ihre Augen füllten -sich mit Thränen – da fiel ihr Blick auf das zusammengefaltete -Blatt, sie hob es auf und entfaltete es.</p> - -<p>»Mein liebes Kind,« lauteten die Zeilen – »ich -kann zwar nicht selber schreiben, denn erstens hab' -ich's nie gelernt, und dann bin ich jetzt auch recht krank -und schwach, aus Sehnsucht Dich zu sehn, unser Barkeeper -hat mir aber den Gefallen gethan, und die -paar Zeilen aufgesetzt. Hätte ich schreiben gekonnt, -ach wie oft hätt' ich an Dich, Du liebes Kind, geschrieben. -Doch nun schadet es Nichts mehr – nun kommst -<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a> -Du bald zu uns, und dann soll uns Nichts auf der -weiten Welt mehr trennen. Ach Du glaubst gar nicht, -wie ich mich nach Dir sehne; ich glaube ich stürbe, -wenn ich Dich nicht bald in meine Arme schließen -könnte. Ich habe Dich wohl recht lange ohne Nachricht -von mir gelassen, aber nicht wahr – Du bist Deiner -<em class="ge">Mutter</em> nicht böse darüber, ach ich will Dich ja jetzt -so lieb dafür haben. Das dabei ist mein Bild – es -ist <em class="ge">recht</em> ähnlich – ich habe ihm tausend Küsse für -Dich gegeben – es mag sie Dir wieder geben, bis -ich Dich selbst an's Herz drücken kann. Aber jetzt lebe -recht wohl – recht wohl meine liebe Tochter und -möge Dich Gott recht bald und recht gesund in meine -Arme führen. Es grüßt und küßt Dich viel hundert -tausendmal</p> - -<p class="si mr2 mb1">Deine Mutter.«</p> - -<p>Louise saß lange, lange auf ihrem Bett und starrte -auf den Brief nieder; – wieder und wieder überflog -sie die Zeilen, preßte sich die fieberheiße Stirn zwischen -die kleinen kalten Hände und blieb dann auf's Neue -in dem Inhalt dieser, mit bitterem Vorwurf an ihr -Herz dringenden Worte verloren. Endlich brach sich -der nicht länger dammbare Schmerz Bahn – sie ergriff -das Bild, preßte es unter einem heißen Thränenstrom -an die Lippen und sank dann, mit dem leise -und schluchzend hervorgerufenen Wehelaut »zu spät – -<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a> -zu spät, – nun ist Alles vorbei und ich habe die Mutter -für ewig verloren!« auf ihr Lager zurück.</p> - -<hr /> - -<p>Wir wollen einen Zeitraum von fünf Monaten -überspringen, und wiederum bitte ich den Leser, mit -mir den etwas steilen aber kurzen Berg hinaufzusteigen, -der von der äußersten Grenze Bayou Sarahs -aus, bis zu den ersten Häusern des kleinen Städtchens -Francisville hinaufführt.</p> - -<p>Dort, gleich linker Hand, wenn wir hinaufkommen, -da, wo das breite starke Reck die hereinkommenden -Pflanzer einladet, ihre Pferde zu befestigen und -indessen einen kühlen Trunk zu thun, steht noch das -freundliche, weiße Haus mit den Jalousien und der -breiten Veranda, mit dem niederen Dach und der -gastlichen Bank vor der Thür, aber das Schild – -wo ist das Schild hin, das mit den großen goldenen -Buchstaben den Namen unseres wackeren Landsmannes -trug? Wo ist die lange schmale Tafel, die all die -Leckerbissen und Delikatessen in güldenen Worten aufzählte? -Ach lieber Leser, in dem Hause sieht's jetzt gar -bunt und wild aus, die Schilder sind aus ihren eisernen -Haken losgerissen, die Wände und Stuben leer -und verlassen. Wo sonst das gemüthlich stille Stübchen -war, da lag jetzt Stroh, einzelne Stückchen -<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a> -Packleinewand und kurze Bindfaden, während in der -unteren Stube und in dem Schenklokale gescheuert -und gewaschen wurde, als ob eben erst die eine Familie -aus, eine andere eingezogen sei. Und das war -auch so, denn traurige Veränderungen hatten in der -selbstgegründeten Heimath unseres wackern Deutschen -stattgefunden.</p> - -<p>Als Schwabe damals ohne sein Kind zurückkehrte, -und die arme Mutter nach und nach die ganze schreckliche -Wahrheit erfuhr, ja erfahren mußte, da warf sie -der Schmerz und Gram um das Verlorene auf das -Krankenlager und ein schweres Nervenfieber bedrohte -ihr Leben. Freilich siegte die sonst kräftige Natur der -Frau endlich über den rüttelnden Tod, der frohe Muth -war aber dahin, und bleich und abgezehrt wankte sie, -einer Leiche ähnlicher als einem lebenden, fühlenden -Wesen, im Haus herum. Auch Schwabe wurde -immer trauriger, immer niedergeschlagener; er vernachläßigte -seine Kunden und sein Geschäft, denn es -machte ihm keine Freude mehr, und konnte dagegen -stundenlang hinter dem Tisch sitzen, und in ein und -dieselbe Ecke stieren.</p> - -<p>Ein paar Monate hielt er das so aus; seiner -Frau Krankheit beschäftigte ihn auch in der ersten Zeit -viel zu sehr, um noch an sich zu denken, endlich aber -<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a> -sah er doch wohl ein, daß er so nicht länger fortbestehen -könne.</p> - -<p>Hier – ja hier hatte er ein hübsches Besitzthum, -das ihn nährte, es ging ihm gut, und nichts fehlte -ihm, was er zu körperlichem Wohlbefinden gebrauchte, -was aber half ihm dies Alles, wenn trotzdem ein -ewiger unvertilgbarer Wurm an seinem Herzen nagen -sollte – wenn er die Frau in Sehnsucht nach ihrem -Kinde hinsterben sah, und sich selbst am Ende noch -Vorwürfe, und gegründete Vorwürfe machen mußte. -Denn wie lange, wie viele Jahre hatten sie sich Beide -nicht um die Tochter gekümmert, und konnte ihnen -das jetzt in ihrem eigenen Gewissen zur Entschuldigung -dienen, daß sie das Kind bei den wohlhabenden -Leuten besser aufgehoben geglaubt, als es bei ihnen -selbst der Fall gewesen? Nein, denn die Ueberzeugung, -die Schwabe jetzt und besonders durch des Brauers -Worte erhalten, sagte ihm, daß sich sein Mädchen -dort vielleicht körperlich, aber keineswegs geistig wohlbefunden -haben könne, wo sie blos als Mittel verwandt -wurde, eine Haushälterin zu sparen und ihren -Erziehern von so großem Nutzen zu sein wie möglich. -Und darnach hatte er, der Vater, Jahre lang nicht -gesehen, darauf mußten ihn jetzt erst <em class="ge">fremde</em> Menschen -aufmerksam machen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a> -Doch, noch war nicht Alles verloren, noch gab -es Gott sei Dank! <em class="ge">ein</em> Mittel, seinen Fehler zu verbessern -und das Mittel, es war der erste freudige Gedanke, -der ihn wieder durchzuckte, das Mittel hatte -er sich selbst durch seinen eigenen Fleiß erworben und -verschafft. Als er hier in Amerika zu arbeiten anfing, -besaß er wenig oder gar nichts; selbst die Erfahrung -fehlte ihm, die man in den Vereinigten Staaten gewöhnlich -so theuer, so ungeheuer theuer erkaufen muß. -Jetzt hatte er dagegen lange Jahre hindurch Erfahrung -gesammelt, und kannte die Sitten und Gebräuche des -Landes – mußte ihm nun nicht, und wenn er auch -wirklich noch einmal von vornherein begann, der Anfang -um so bedeutend leichter werden? – Gewiß! -und sein Entschluß war gefaßt – es handelte sich -hier nur um Geld, das er besaß, von dem er sich -trennen konnte, und seine, seiner Frau Ruhe, seines -Kindes Rückkehr war damit zu erkaufen. Was war es -auch weiter, er entsagte ja nur einem errungenen Vortheil, -einer nach und nach zum Bedürfniß gewordenen -Bequemlichkeit und jetzt, da er sich überwunden, ja -dem festen Willen sogar die That augenblicklich folgen -ließ und all die hierzu nöthigen und erforderlichen -Schritte that, da begriff er kaum noch, wie es möglich -gewesen, daß er früher auch nur einen Augenblick -<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a> -gezaudert, und nicht schon lange, ja gleich damals -als ihn der erste schmerzliche Schlag traf, Alles geopfert -habe, was ja in diesem Falle nicht einmal ein -Opfer genannt werden konnte, wo es das Glück seiner -ganzen Familie, all der Seinigen betraf.</p> - -<p>Er sollte sich auch nicht getäuscht haben, seine -Frau schien mit diesem Entschluß des Vaters neue -Lebenskraft zu gewinnen, – hier öffnete sich ihr auf -einmal die Aussicht, ihr Kind – das schon als todt -beweinte – wieder zu gewinnen und fast gewaltsam -schüttelte sie von diesem Augenblick Alles ab, was -ihren Geist noch niederdrücken, ihre Seele befangen -und ängstigen konnte. Die Hoffnung war eingezogen -in das treue Mutterherz, und mit ihr wuchs und gedieh -auch wieder die Liebe zum Leben, das Vertrauen -auf ihres Gottes Schutz und Güte, der sie in der -letzten schweren Zeit ach! fast verlassen.</p> - -<p>Hätte es übrigens noch eines Antriebes bedurft, -den einmal gefaßten und beschlossenen Plan auch auszuführen, -so kam der nach etwa vier Monaten in der -Gestalt eines Briefes, von unserem alten Freund, -dem Brauer, der Schwaben noch einmal ernsthaft -aufforderte, einen zweiten Versuch zu machen, sein -Kind wieder zu bekommen, wenn es nicht in seinen -dortigen Verhältnissen an Seel und Leib verderben -<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a> -sollte. Die Spielhölle in Wagners Hause, hatte, seiner -Aussage nach, einen so gefährlichen Charakter -angenommen, daß er aus guter Hand wisse, der -Magistrat warte jetzt nur noch auf eine Gelegenheit, -ernsthaft einzuschreiten, und Louise müsse dabei über -ihre Kräfte angestrengt werden, denn sie sähe bleich -und elend aus und habe, so oft er nun auch hingekommen -sei, immer trübe und verweinte Augen.</p> - -<p>Es war hier – das sah Schwabe aus dem ganzen -Brief – gar keine Zeit mehr zu verlieren, den -Verkauf seines Grundstücks betrieb er also so viel als -möglich, und sandte zu gleicher Zeit den, indessen zu -einem wackeren, braven jungen Mann herangeschossenen -Sohn nach dem Westen von Arkansas, wo er -sich, als ehrlicher Farmer am Fuße der Ozark-Gebirge -anzusiedeln gedachte. Carl sollte dort einen Platz aussuchen -und vorher irgend eine kleine Hütte zu ihrem -ersten Aufenthalt einrichten, daß sie, so lang die -nöthigsten Arbeiten dauerten, doch wenigstens ein -Obdach hatten. Das Andere fand sich später von selber, -und dort, in einem Lande, wo man keine Ansprüche -macht, unnütze Bequemlichkeiten nicht kennt, -und sich deshalb gerade mit dem wenigen, was die -Natur bietet, glücklich fühlt, wurde es ihnen auch -leichter zu vergessen was sie einst besaßen, wenn sie -<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a> -nur das Wenige, <em class="ge">was</em> ihnen blieb <em class="ge">mitsammen</em> -genießen konnten, und sich nicht immer sagen -mußten, Eines fehle noch – eines von den Ihren, -dessen Glück Gott dereinst von ihnen fordern könne -und werde.</p> - -<p>Manchmal zwar tauchte auch, selbst in diesen Vorbereitungen, -noch das alte Gespenst der Angst und -Ungewißheit auf – das Kind mag Nichts von den -Eltern wissen – es liebt Die nicht, die es so lange -vergessen und unter fremden Menschen gelassen haben -– es hat ja nicht einmal mit dem Vater zu Hause -gewollt, obgleich der Mutter fast das Herz darüber -gebrochen; aber die Mutter selber beschwichtigte alle -diese Zweifel.</p> - -<p>»Daß sie zu Dir nicht gleich Vertrauen fassen -konnte, ist natürlich,« sagte sie unter Thränen lächelnd, -»komme ich aber selbst zu ihr hinauf, hat sie nur einmal -am Herzen der <em class="ge">Mutter</em> gelegen, dann geht sie von Der -auch nicht wieder fort, und wenn Du sie gleich dazu -zwingen wolltest. Bring Du nur die Geldangelegenheit -mit Wagner in Ordnung, befriedige dessen Forderungen, -und ich stehe Dir dafür, wir verlassen -Cincinnati so froh und glücklich, als ob wir dem -Reichthum und Ueberfluß entgegen gingen.«</p> - -<p>Man glaubt ja so gerne was man wünscht und -<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a> -Schwabe betrieb die Zurüstung mit allem nur möglichen -Eifer; sein Haus hatte er auch bald verkauft, -es lag vorzüglich, war noch neu und in gutem Zustand, -da fehlte es nicht an Liebhabern. Ein Brief -von seinem Sohne meldete ihm ebenfalls, daß in -Arkansas, in einer reizenden Gegend und auf gutem -trefflichen Lande Alles vorbereitet und des Pflugs -gewärtig sei. Das was er an Gepäck mitzunehmen -wünschte, stand bereit, und von dem, erst kürzlich eingetroffenen -Mail- oder Postboot hatte er ebenfalls -gehört, daß noch an diesem Tage der, nach Cincinnati -bestimmte »<i>Eagle of the West</i>«, ein rasches wackeres -Dampfboot, eintreffen würde. Dieses wollten sie -benutzen, ihr Aufenthalt in Ohio sollte nicht lange -dauern, und in gar kurzer Zeit konnten sie friedlich – -glücklich mitsammen, in den freundlichen Thälern der -herrlichen Ozarkgebirge ihre Heimath gegründet haben.</p> - -<p>Schwabes Frau schien aber mit der neuen freudigen -Hoffnung, ihr Kind nun bald, recht bald wieder -zu sehen, auch ein neues und freudiges Leben eingesogen -zu haben; ordentlich verjüngt arbeitete sie nach -Herzenslust, die noch etwa nöthigen kleinen Geschäfte -zu besorgen und solche Vorbereitungen zu treffen, die -ihnen den Aufenthalt im Zwischendeck eines Dampfbootes -erleichtern konnten. Da hörten sie plötzlich -<a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a> -unten vom Mississippi aus, eine Glocke und erschraken -nicht wenig. Wenn dieß schon der <i>Eagle of the West</i> -war, wie kämen sie dann noch, mit allem dem was -sie mitzunehmen wünschten, zeitig genug herunter und -an seinen Bord, denn die Capitäne solcher Boote -warten selten lange, selbst auf Cajütenpassagiere, -vielweniger denn auf »<i>People</i>«, das im unteren Deck -für wenige Dollar mitfahren will.</p> - -<p>Schwabe faßte seinen Hut auf, gab rasch einem -jungen Deutschen, einem Karrenführer, der mit seiner -<em class="ge">Dray</em> gerade in der Nähe hielt, die nöthigen Anweisungen, -Frau und Koffer, so schnell ihm das irgend -möglich sei, nachzuschaffen und eilte dann selber mit -flüchtigen Schritten voran, um, wenn er das irgend -vermöge, das Boot aufzuhalten und noch mit fortzukommen. -Kaum erreichte er aber den äußersten Stand -des steilen Hügels, auf welchem St. Francisville steht, -und von dem aus er das dicht am Mississippi liegende -Bayou Sarah wie den ganzen Strom überschauen -konnte, als er den weiß aufsteigenden Dampf des -unten gelandeten Bootes bemerkte, der eben wieder -durch die <i>'scape pipe</i> auspuffte – gleich darauf -wandte sich der Bug vom Lande ab, schwenkte nieder, -und ging – den Strom hinunter.</p> - -<p>»Gott sei Dank« murmelte Schwabe leise vor sich -<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a> -hin und wandte sich langsam gegen sein Haus zurück, -»ich glaubte schon, wir hätten das rechte versäumt, -und müßten noch ein paar Tage länger warten.«</p> - -<p>Die Sachen schickte er übrigens ohne weiteres an -die Landung, denn um keinen Tag mehr zu versäumen, -wollte er gar nicht wieder nach Louisiana zurückkehren, -sondern gleich von Cincinnati aus, ein für den Arkansas -bestimmtes Boot benutzen.</p> - -<p>Die Dray war um die Biegung der Straße und -den Berg hinunter, verschwunden, Schwabes aber -gingen noch einmal in's Haus zurück; theils um zu -sehn, ob sie in dem ersten eiligen Aufbruch Nichts vergessen -hätten, und dann auch, um ruhigeren Abschied -von dem Ort zu nehmen, der bis jetzt ihre Heimath -gewesen und den sie nun für immer, auf nimmer -Wiederkehren, verlassen sollten. Den armen Leuten -zuckte es dabei recht durchs Herz – erst beim Scheiden -findet man ja nur zu oft, wie lieb man, bis dahin -vielleicht nur gleichgültig betrachtete Räume und Gegenstände -gehabt hat – der Gedanke aber an ihr -Kind, das sie sich mit diesem Opfer zurückerkauften, -nahm aber solchem Gefühl alles Bittere – sie sprachen -kein Wort, sie standen nur lange und schweigend neben -einander und drückten sich endlich, als Schwabe leise -zum Aufbruch mahnte, still und herzlich die Hände.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a> -»So komm denn, mein liebes Weib,« bat der -Deutsche und zog sie sanft der Thüre zu, »komm und -mache Dir nicht gar zum Abschied noch trüben Sinn; -denke, daß wir das Alles ja nur zurücklassen, um mit -unserem Kind wieder vereint zu leben.«</p> - -<p>»Trüben Sinn,« lächelte die Frau unter Thränen, -»glaube das ja nicht, Schwabe, kein trüber Sinn -ist's, der mir das Wasser in die Augen treibt, nein, -in der Seele wohl thut's mir, <em class="ge">daß</em> ich gerade so ruhig -und freudig von dem Ort fortgehn kann, den ich -schon bis an mein einstiges Ende zu behalten -geglaubt, stolz bin ich darauf, wenn ich –« -sie horchte einem Geräusch das unten im Hause laut -wurde –</p> - -<p>»Es ist Nichts – wahrscheinlich die Packer, die -ihr Geräthe mitnehmen,« sagte Schwabe.</p> - -<p>»Sie müssen oben sein« berichtete die Stimme -eines Nachbars, die Schwabe kannte, irgend jemand -Fremden, »ich habe sie erst vor kaum einer Viertelstunde -hinaufgehn sehn, und sie sind noch nicht wieder -herunter gekommen.«</p> - -<p>Ein leiser Dank wurde erwiedert, und gleich -darauf knarrte die hölzerne Stiege; Schwabe wandte -sich der Thür zu, die sich in demselben Augenblick -öffnete. Ein junges Mädchen trat herein. –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a> -»Heiliger Gott!« schrie der Deutsche und fuhr -erschreckt empor – »Louise!« –</p> - -<p>»Louise?« stöhnte kaum hörbar die Frau – »unser -Kind?«</p> - -<p>»<em class="ge">Mutter – Mutter</em>« rief aber in diesem Augenblick -die Tochter und flog in die ihr noch halb zweifelnd -entgegengestreckten Arme – »Mutter – o mein -Gott!«</p> - -<p>Schmerz wie Freude wirken gleich stark, das -Uebermaß der Gefühle macht das Blut stocken und -lähmt die Thätigkeit der Nerven. Aber die Freude -tödtet nicht so leicht, in ihr selbst liegt schon wieder -die Heilung des ersten vielleicht zu mächtigen Schlages -und der Augenblick des Erwachens ist auch der Augenblick -der Rettung. Louisens Mutter war, von dem -Uebermaß des Glückes ohnmächtig zu Boden gesunken, -jetzt aber, unter den vereinten Bemühungen -des Gatten und Kindes, die lachend und weinend die -Schläfe der Bewußtlosen rieben und alle möglichen -anderen Belebungsversuche anwandten, kam sie bald -wieder zu sich und hielt nun, kaum im Stande ihr -Glück zu begreifen, ja nur zu glauben, das lang entbehrte -und ach, so geliebte Kind fest, fest umschlossen, -als ob sie es nie im Leben wieder von sich thun und -lassen wolle.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a> -Doch welche Feder vermöchte die Gefühle der -Mutter – die Empfindungen dieser drei Glücklichen -zu beschreiben; lange Zeit fanden sie gar keine Worte -und hielten sich nur still und selig umfaßt. Endlich -aber, nach dem ersten Sturm der Grüße und Küsse -frug Schwabe, was sie denn eigentlich hier herunter -nach Louisiana gebracht, und wie es gekommen sei, -daß sie Wagner überhaupt frei gegeben habe? Der -Eltern Erstaunen läßt sich denken, als sie erfuhren, -daß ihr Kind <em class="ge">allein</em> den ganzen weiten Weg die -beiden mächtigen Ströme hinunter, <em class="ge">allein</em> auf dem -großen Dampfboot, zwischen lauter fremden Leuten, -zwischen dem rohen Volk des Zwischendecks hierher -gekommen sei. Aber wir wollen sie selber reden und -ihre Flucht erzählen lassen.</p> - -<p>»Ach Vater« sagte sie, »wie weh mir um's Herz -war, als <em class="ge">Sie</em> mich an jenem Morgen verließen –«</p> - -<p>»Laß den Morgen Kind,« unterbrach sie hier -lächelnd der Vater, »laß das Vergangene sein, wir -haben Dich ja jetzt und alle Noth ist vorüber – aber -noch eines – nicht mit dem kalten höflichen <em class="ge">Sie</em> -mußt Du uns anreden, wie bei vornehmen Leuten -Sitte sein mag, ich bin Dein Vater, das ist Deine -Mutter und Du bist unser Kind; da gehört sich weiter -Nichts als Du und Du, so haben wir's von je gehalten, -<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a> -und so soll's bleiben.« Die Tochter drückte den -Eltern mit einem thränengefüllten Blick die Hand -und fuhr leise fort:</p> - -<p>»Ich muß doch wohl den Morgen noch einmal -erwähnen, lieber Vater, denn in dem Augenblick, wo -ich Dich so erschüttert davoneilen sah und Zeuge sein -mußte, wie häßlich und unfreundlich Dich Herr Wagner -behandelte, da war es, als ob ich zum ersten -Male fühle, wie unrecht ich gethan hatte, nicht mit -Dir, zu Euch, zur <em class="ge">Mutter</em> zu gehen. Und als ich -nun endlich gar Dein Bild, liebe Mutter, und Deinen -herzlichen Brief fand, und als ich mir sagen mußte, -wie Du Dich grämen würdest, wenn ich nicht mit -dem Vater heim käme, da habe ich die Nacht, und die -folgende und alle Nächte geweint und geweint und -wußte mir keines Rathes und hatte Niemand, mit -dem ich mich aussprechen, gegen den ich mein ganzes -Herz ausschütten konnte. Dabei mag ich wohl manchmal -meine Pflicht versäumt haben, denn es war mir -zu weh um's Herz und ich dachte an Nichts weiter -als an Euch – und Missis Wagner schalt mich und -Herr Wagner wurde auch unfreundlich, denn er -meinte, die Gäste in der Hinterstube würden sich kein -Glas mehr von mir einschenken lassen, wenn ich -immer feuerrothe, verweinte Augen hätte. Unter -<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a> -jenen Gästen waren aber auch recht böse Menschen, -die ein paar Mal sogar mit Messern nach einander -stachen, ja einmal trugen sie sogar Einen todt fort, -und Herr Wagner stieß fürchterliche Drohungen gegen -mich aus, wenn ich auch nur eine Sylbe darüber -redete.«</p> - -<p>»Ich glaubte ich wäre verzweifelt, wenn ich länger -hätte dort oben bleiben müssen, und dennoch wußte -ich nicht was ich thun, was ich lassen sollte. Da kam -zufällig, vor etwa acht Tagen eine Dame von Columbus -zu uns, die am nächsten Morgen nach New-Orleans -wollte und bei uns übernachtete. Das -Dampfboot ging um 10 Uhr ab, und ich mußte ihr -eine Hutschachtel und einen Reisesack hinunter tragen: -sie hatte sich aber mit dem Anziehn ein wenig verspätet, -wir kamen kaum noch zur rechten Zeit – die -Planken sollten schon eingezogen werden – ich trug -ihr die Sachen in die Cajüte hinauf, lief wieder -zurück und wollte an's Land. Da, Mutter, da war -es mir plötzlich, als ob eine Stimme, als ob <em class="ge">Deine</em> -Stimme mich bittend anrief zu bleiben, der Gedanke -an Dich, daß mich dieß Boot in wenigen Tagen in -Deine Arme führen könne, zuckte mir durchs Herz -und zaudernd, unschlüssig stand ich noch und wußte -nicht, ob ich vor oder rückwärts sollte, als die Glocke -<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a> -des Bootes zum letzten Mal tönte. In dem nämlichen -Moment rissen aber auch die Matrosen die Planken -ein, die Maschine fing an zu arbeiten und wenige -Secunden später befand ich mich, jetzt mit keinem -freien Entschluß mehr von brausenden Wassern umgeben, -von meiner bisherigen Heimath fortgerissen, -auf dem breiten, gewaltigen Strom.«</p> - -<p>»Erlaßt mir die Beschreibung dessen, was ich die -ersten Tage unter den fremden Menschen litt und -ausstand. Auf dem Boot waren sie unfreundlich mit -mir, weil ich die Passage nicht gleich bezahlen konnte, -glücklicherweise trug ich aber ein kleines goldenes -Kreuz, das ich damals von Missis Wagner bekommen, -als ich sie nach dem Nervenfieber so lange gepflegt. -Dies verkaufte der Schiffsschreiber in Louisville -für mich, bestritt davon meine Passage und gab -mir auch noch einen Dollar heraus, wofür ich mir -Brod kaufen konnte, unterwegs davon zu leben. – -Ich mußte eine recht traurige Zeit verleben, und bin -fast in Angst und Sorge vergangen, jetzt aber – -jetzt ist Alles gut, ich habe Euch – Dich meine liebe -Mutter, meinen Vater wieder und nun – nicht wahr, -nun seid Ihr auch nicht mehr böse auf Euer Kind, -daß es die <em class="ge">fremden</em> Menschen so lange lieber hatte -als Euch, und nicht fort wollte von ihnen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a> -Was braucht es weiterer Schilderung der glücklichen -Familie, eine Stunde entfloh ihnen im Austausch -ihrer Mittheilungen und Gefühle mit Zauberschnelle -und erst die Meldung, daß der <i>Eagle of the -West</i> bei Waterlow sichtbar wurde, mahnte Schwabe -an die beabsichtigte Reise. Aber nicht in Cincinnati -lag jetzt ihr Ziel, nein in Arkansas, in den fruchtbaren -Thälern des noch wilden Staates; nicht bis zur -Mündung des Licking, nur bis zu der des Arkansas -hinauf wollten sie mit dem Boote gehn. Ohne weiteres -Zögern trieb denn auch der Vater zum Aufbruch; -ihr Gepäck lag schon am Ufer; nur noch die nöthigen -Kleidungsstücke für Louise kauften sie rasch bei einem -der deutschen Juden an der Landung ein, bestiegen -das gleich darauf heranbrausende Boot, auf dem jetzt -Schwabe in aller Freude seines Herzens keineswegs -Zwischendeck-, sondern Cajütenpassage für sich und -die Seinigen nahm, und erreichten eilf Tage später -das kleine Städtchen Ozark, von dem aus sie in kaum -vier und zwanzig Stunden ihre neue Heimath betreten -konnten.</p> - -<hr /> - -<p>Nun wußte Schwabe, nach all dem Vorhergegangenen -wohl gut genug, daß Wagner rechtlicher -<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a> -Weise <em class="ge">keine</em> Ansprüche mehr auf irgend eine Vergütung -für seiner Tochter dortigen Aufenthalt machen -konnte; er wollte es sich aber auch nicht einmal nachsagen -lassen, undankbar für etwas gewesen zu sein, -das ihm doch wenigstens im Anfang als Wohlthat -erschienen. Er schrieb deshalb, und zwar so bald sie -auf ihrer neuen Farm eingetroffen waren, einen Brief -an Wagner, worin er ihn von seiner Tochter Ankunft -in Kenntniß setzte und zugleich aufforderte, offen -und ehrlich zu sagen, was er glaubte für die Erhaltung -des Mädchens in den ersten Jahren beanspruchen -zu können, (denn für die letzten dürfe er schon deßhalb -nichts rechnen, weil er sie ja nicht einmal gutwillig -habe wieder fortlassen wollen). Er versprach -dabei den Forderungen zu genügen, soweit das in -seinen Kräften stände und bat ihn auch dem Kinde -nicht zu zürnen, das ihn ja nur deshalb verlassen -habe, um in die Arme seiner Mutter zu eilen.</p> - -<p>Auf diesen Brief erhielt er keine Antwort; ebenfalls -nicht auf einen zweiten und dritten und erst im -nächsten Jahre erfuhr er von einem neuen Ansiedler, -der bis dahin in Cincinnati gelebt und Wagner recht -gut gekannt hatte, die Ursache dieses räthselhaften -Schweigens.</p> - -<p>Die Geschichte der in seinem Hause verübten -<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a> -Mordthat, die auch Louise schon erwähnt, war ruchbar -geworden, andere Klagen trafen noch mit dieser -zusammen, das Halten einer heimlichen Spielhölle an -und für sich unterwarf ihn schon der peinlichsten Strafe -der Amerikanischen Gesetze und Wagner entging nur -durch die freundliche Warnung eines Deputy Sheriffs, -der ebenfalls mit zu dem Spielklubb gehörte, der -Verhaftung und vielleicht – dem Zuchthaus. Er -verschwand in derselben Nacht aus der Stadt -und man hat nie wieder weder von ihm noch seiner -Frau etwas gehört – sie blieben Beide spurlos verschwunden.</p> - -<p>Am Fuß der Ozarkgebirge blüthe und gedieh aber -indessen eine kleine wackere deutsche Colonie. Schwabe -hatte sich in jenem herrlichen und noch so wenig -gekannten Landstrich des fernen Westen niedergelassen, -und üppige Maisfelder schmiegten sich an den -Fuß, saftige Weingärten an die Hänge der Berge, -zahlreiche Heerden weideten in den nicht fernen -Prairien.</p> - -<p>Aber ein ganz neuer Geist war auch über den jetzt -glücklichen Vater gekommen, der mit unermüdlichem -Eifer daran ging nicht mehr für sich allein, nein jetzt -auch für sein Kind, für sein liebes, so lange verlorenes -Kind eine neue und wohnliche Heimath zu gründen. -<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a> -Hier fand er dazu den vollen Spielraum für -seine unermüdete Thätigkeit, für sein Schaffen und -Wirken, und deutscher Fleiß, deutsche Mäßigkeit verwandelte -bald das in ein Paradies, was noch vor -wenigen Jahren öde trostlose Wildniß gewesen.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a> -Schicksale einer Nacht.</h2> - - -<p>»Nummero 15 – Schloßgasse!« rief ich dem am -Schlage harrenden Kutscher zu, warf meinen Reisesack -in die eine, mich selbst in die andere Ecke des kaum -gepolsterten Wagens und fort ging's über das schauderhafte -Pflaster der Residenz vom Bahnhofe aus in -die innere Stadt, wo ich jetzt eigentlich im vollen -Ballcostüme – o, <em class="ge">der</em> Gedanke allein schon machte -mich rasend – beim rauschenden Chor jubelnder -Melodien – sie – sie im Arme, in wirbelnder Seligkeit -mich, Salon, Erde, Himmel und Weltall hätte -vergessen sollen.</p> - -<p>Aber nein, da rasselte ich noch in diesem Marterkasten -zwischen düstern fremdglotzenden Häusermassen -hin, denn gerade heute, als ob mir selbst die Locomotiven -nicht einmal den Gefallen thun könnten schneller -<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a> -als Lohnkutscher zu fahren, waren wir erstlich wie die -Schnecken über die glattbeeisten Schienen hingekrochen, -an jeder Station ewig lange haltend, und zuletzt gar, -um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, in einer -Schneewehe eine volle Glockenstunde lang stecken geblieben. -Deshalb trafen wir denn aber auch anstatt -um sieben, um halb neun Uhr an Ort und Stelle -ein, und es ließ sich wohl entschuldigen, daß ich in -peinlicher Ungeduld zehn Mal unterwegs an die Fenster -klopfte und dem Kutscher bald Flüche in die Ohren -donnerte, bald Trinkgelder bot, bis dieser endlich in -voller Verzweiflung auf sein darüber zum Höchsten -erstauntes Pferd loshieb und wir nun, wie ein böhmisches -Ungewitter durch die Straßen rollend, »daß -Kies und Funken stoben,« bald darauf vor dem bezeichneten -Hause anhielten.</p> - -<p>»Ich habe gar nicht mehr geglaubt, daß Du -kämst!« rief mein Freund, der erst heute Morgen -meinen Brief erhalten hatte und mich jetzt, als er -die Droschke herantoben hörte, in der Thüre erwartete, -»wo hast Du nur so lange gesteckt?«</p> - -<p>Zu Erklärungen war es aber keine Zeit mehr, -rasch faßte ich meinen Reisesack, drückte dem Kutscher -das schon in Bereitschaft gehaltene Geld in die Hand -und flog mehr als ich ging die Treppe hinauf und in -<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a> -das von Meier bezeichnete Zimmer. Hier warf ich -meinen Hut ab und erzählte und klagte dem Freunde -– während dem ich den kleinen Reisesackschlüssel in -allen Taschen mit immer größerer Hast zwei Mal -suchte und zuletzt in der, in welcher ich angefangen -hatte, fand – wie mich das Unglück verfolgt, ja wie -ich überhaupt ein solcher Unglücksvogel sei, daß ich -die Welt förmlich als Pechreisender durchziehen und -die glänzendsten Geschäfte machen könne.</p> - -<p>Es stand ja aber auch heute gerade mein ganzes -Lebensglück auf dem Spiele – heute sollte ich, nach -zweijähriger Trennung <em class="ge">die</em> wieder sehen, ohne die -ich mir die Welt nur als eine öde trostlose Wildniß -denken konnte – heute Abend durfte ich ja hoffen -von ihren Lippen das süße Geständniß ihrer Liebe -zu hören oder wenigstens doch in ihren Augen Leben -oder Tod für mich zu lesen. <em class="ge">Mit</em> ihr, Leben in -seiner sonnigsten Lust, im Freudenrausche wonnetaumelnder -Sphären, <em class="ge">ohne</em> sie –</p> - -<p>»Was zum Teufel hast Du denn da eigentlich -in Deinem Reisesacke?« rief Meier und ich, der ich, -während Himmel und Hölle in meinem Herzen mit -Hoffnung und banger Todesfurcht rangen, das kleine -Schloß des messingenen Bügels geöffnet und eben -hineingegriffen hatte meine »Unaussprechlichen« herauszuziehen -<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a> -– den Frack trug ich nämlich, um ihn -vor dem Zerdrücken zu bewahren, schon unter dem -Burnus – ich denke mich rührt der Schlag, als ich -gleich obenauf einen Schnürleib, ein Paar Schachteln, -ein Schminkbüchschen und in immer wachsender Verzweiflung -und Wuth eine ganze Unmasse solchen -Plunders herausziehe und um mich her auf Boden -und Stühle streue.</p> - -<p>Meiers dämonisches Lachen brachte mich erst wieder -zur Besinnung.</p> - -<p>»Hahahaha!« schrie er und die Thränen liefen -ihm in ununterdrückbarem Jubel über das breite, -rothgeschwollene Gesicht – ich hätte ihn erwürgen -können, »hahaha – hast einen falschen Reisesack -erwischt – das ist göttlich – das ist unbezahlbar.«</p> - -<p>»Da!« rief ich und schleuderte den geleerten nichtswürdigen -Reisebeutel mit wildem Wurfe hinter den -Ofen, »da lieg und verdirb. – Was fang ich an? -Ich kann doch wahrhaftig nicht in meinen blau- und -graucarrirten den Ballsaal betreten? – Heilige Dreifaltigkeit, -habe ich denn nicht recht, wenn ich mich für -das unglückseligste Geschöpf halte, das zweibeinig -zwischen Himmel und Erde herumläuft? Jetzt sitze ich -hier; Emilie wartet indessen mit ihrer Engelsgeduld -stundenlang auf mich, den Treulosgeglaubten, kann -<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a> -aber endlich den dringenden Bitten nicht länger widerstehen -und <em class="ge">muß</em> sich zuletzt auf den ganzen Abend -engagiren.«</p> - -<p>»Aber wie war das nur möglich?« fragte Meier, -nachdem er sich von seinem bestialischen Lachkrampf in -etwas erholt. »Jedermann behält doch unterwegs -seinen Reisesack bei sich und da begreife ich gar -nicht –«</p> - -<p>»Begreifen – begreifen,« knurrte ich ärgerlich -und lief dabei händeringend in der Stube auf und -ab, – ich war damals zwanzig Jahr alt und der -Ball mir zur Lebensfrage geworden, – »ich begreife -es recht gut. Auf der letzten Station, wo man im -Wagen schon keine Hand mehr vor den Augen sehen -konnte, stieg noch eine Dame in unser Coupée und -drückte sich, da in der Ecke gegenüber ein dickbepelzter -vermaledeiter polnischer Jude saß und gar nicht daran -dachte der Neuhinzukommenden Raum zu machen, -dicht neben mich. – Ich bin von diesem Augenblicke -an mit Leib und Seele <em class="ge">gegen</em> die Emancipation. – -Daß sie auch einen Reisesack bei sich hatte, wußte ich -natürlich gar nicht und als der Zug hielt, sprang ich, -in Eile wie ich war und jetzt auch noch in der Angst -vielleicht nicht einmal eine Droschke zu bekommen, -rasch und ohne mich weiter um die Dame und ihr -<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a> -Gepäck zu bekümmern, aus dem Coupée und dem -Droschkenplatze zu. Ich muß dabei wahrscheinlich -ihren Reisesack erfaßt haben und sie hat dafür den -meinigen. Meier, es wird bei Gott zu spät. – Wo bekomme -ich andere Ballhosen her? wenn ich noch länger -zögere ist Emilie auf den ganzen Abend versagt und -ich kann nachher ihre dicke Tante im Saale herumschleppen.«</p> - -<p>»Nun, wenn es weiter nichts ist,« meinte Jener -gutmüthig, »da kann vielleicht noch Rath werden –, -hier mache nur schnell Toilette und ich will -unterdessen hinausgehen und sehen ob ich Dir nicht -aus meiner Garderobe ein Paar zur Aushülfe herausfinden -kann – wir sind ja ungefähr von einer Größe.«</p> - -<p>Guter Mensch, der Meier! ich drückte ihm herzlich -die Hand und während er hinausging besorgte -ich meinen übrigen Anzug, brachte meine etwas in -Verwirrung gerathenen Haare in Ordnung und war -wenige Minuten später bereit in jedes Paar Beinkleider -hineinzufahren, das sich mir bieten würde. -Meier kam aber nicht so schnell wieder und ich unterhielt -mich indessen damit, die Thüre jede halbe Minute -zwei Mal auf- und zuzumachen, oder die Schachteln -und Büchsen zu untersuchen, die mir ein tückisches -Schicksal in den Weg geschleudert.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a> -<em class="ge">Damenplunder</em>, Schminke, Puder, ein -Paar falsche Locken, getragene Handschuhe und -Strümpfe.</p> - -<p>»Bah!« rief ich und warf den Kram wieder von -mir, »ist es denn möglich, daß es Esel auf der Welt -giebt, die sich durch <em class="ge">solche</em> Mittel bethören lassen? -Ich bin erst zwanzig Jahre, aber so viel weiß ich, -würde –«</p> - -<p>»Herr Gott, wie riecht das hier verbrannt!« rief -Meier, der in diesem Augenblicke die Thüre aufriß -und mit dem ersehnten Kleidungsstücke hereintrat. -»Hier muß etwas versengt sein.«</p> - -<p>Mir war der Geruch auch schon aufgefallen, -doch hatte ich in all' meiner Ungeduld nicht darauf -geachtet; Meier dagegen zog gleich darauf den verhängnißvollen -Reisesack hinter dem Ofen vor. Die -eine Seite desselben – weißer Grund mit rothen Rosen -– ich kann mich noch so deutlich darauf besinnen als -wenn es gestern gewesen wäre – war gelbbraun gesengt -und zu meiner Schande muß ich's gestehen, daß -ich eine ordentliche Schadenfreude darüber empfand. -Was kümmerte mich aber jetzt der Reisesack, ich fuhr -nur – während Meier alle die diversen umhergestreuten -Gegenstände wieder ohne große Vorsicht und Ordnung -in den Beutel zurückwarf, mit dem Knie, da -<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a> -nicht alles bequem hinein wollte, ein Bischen nachdrängte -und dann das Ganze unter das Bett schob – -mit wahrer Todesverachtung in die Unaussprechlichen. -– Herr der Welt, wenn sie nicht gepaßt hätten – -aber nein.</p> - -<p>»Triumph!« rief ich und that mit beiden Füßen -zugleich einen Luftsprung, »die Intelligenz siegt!«</p> - -<p>Sie saßen wie angegossen – nur ein klein wenig -zu eng, doch that das nichts – der Schnitt war vorzüglich -und ich freute mich – auf mein Bein habe -ich mir von jeher etwas eingebildet – wie ein Kind -darüber. Kaum nahm ich mir jedoch nur zu einer -flüchtigen Spiegelpromenade Zeit, denn unten knallte -schon der von dem Dienstmädchen indeß herbeigeholte -Droschkenkutscher, warf rasch den Burnus über, ergriff -meine Handschuhe, drückte meinen Hut auf und -wollte fort.</p> - -<p>»Halt,« sagte da Meier und faßte meinen -Arm, »wann wirst Du denn wohl wieder zu Hause -sein?«</p> - -<p>»Wer? ich? Nun nicht zu spät; wenn meine Dame -nach Hause fährt, tanz' ich keinen Schritt mehr; auf -jeden Fall bin ich um ein oder zwei Uhr spätestens -wieder hier.«</p> - -<p>»Gut, dann nimm den Hausschlüssel,« erwiederte -<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a> -mir Meier; »ich komme schwerlich so früh heim, denn -wir spielen nachher immer noch ein Paar Rubber -Whist. – Schläfst Du fest?«</p> - -<p>»Nicht außergewöhnlich.«</p> - -<p>»So werde ich gerade unter dem Fenster hier, wo -Dein Bett steht, in die Hände klatschen – Du magst -dann den Hausschlüssel in Dein Taschentuch binden, -oder in den Tabaksbeutel dort stecken und herunterwerfen.«</p> - -<p>»Habt Ihr denn keinen Hausmann, der auf die -Klingel kommt?«</p> - -<p>»Der Draht ist heute gerissen und noch nicht wieder -gemacht – Du wirst mich schon hören.«</p> - -<p>»Aber der verwünscht schwere Schlüssel –«</p> - -<p>»Laß ihn im Burnus, da genirt er Dich nicht – -und noch eins – merke Dir die Thüre hier. Wenn -Du im Dunkeln die Treppe heraufkommst, so fühle -Dich nur links gleich an der Wand hin, Du kannst -gar nicht fehlen; die erste Thüre.«</p> - -<p>»Genug – genug!« Wir sprangen die Treppe -hinunter in den Wagen und fort ging's, dem Hôtel -de Russie zu, wo uns schon von weitem die blendend -erleuchteten Saalfenster das Fest als begonnen verkündigten.</p> - -<p>Wie mir das Herz pochte, als ich die breite -<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a> -teppichbelegte Treppe hinaufstieg! war mir's nicht, -als ob ich plötzlich Blei in den Füßen habe und die -Glieder nicht mehr bewegen und heben könne – mit -Gewalt mußte ich mich zusammenraffen und wurde -erst durch einen der betreßten Lakaien, der mir ein -Stück Pappe in die Hand drückte und im nächsten -Augenblicke mit meinem Burnus verschwunden war, -zu mir selbst gebracht.</p> - -<p>Wir traten ein; aus der geöffneten Saalthüre -tönten uns aber schon die wilden Töne eines Gallopps -entgegen. Ich hatte es mir doch gedacht, drei Tänze -waren schon vorüber, die Polonaise und zwei Walzer -und Emilie <em class="ge">mußte</em> sich ja auf den ganzen Abend versagt -haben – oder durfte ich etwa vernünftiger Weise -etwas anderes erwarten?</p> - -<p>»Siehst Du,« murmelte ich, die Hand krampfhaft -auf dem Herzen geballt, in Meiers Ohr, »<em class="ge">das</em> ist -mein Schicksal, das mich rettungslos verfolgt – -vierundzwanzig Meilen habe ich jetzt in grimmigster -Kälte zurückgelegt – riesengroße Schwierigkeiten -überwunden und besiegt und jetzt? – <em class="ge">zu spät</em> – der -Fluch, der mir mein ganzes Leben untergraben hat -– Emilie ist für mich verloren und ich bin elend – -elend auf ewig.«</p> - -<p>»Adolph,« flüsterte mir Meier zu und bog sich zu -<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a> -mir herüber, »Du weißt was ich Dir schon tausend -Mal gesagt habe, schlag Dir, wenn Du gescheidt bist, -das Mädchen aus dem Kopfe, Emilie ist älter als -Du selbst, über die besten Jahre hinaus.« –</p> - -<p>»Geh zum Henker!« rief ich unwillig, »Mensch, -willst Du mich denn jetzt auch noch, wo ich überdies -dem Verzweifeln nahe bin, wahnsinnig machen? Du -weißt, daß ich –«</p> - -<p>»Schon gut, die alte Noth, Du <em class="ge">willst</em> nicht -hören, so gehe denn ruhig Deinen Weg. Aber da drüben -kommt Emiliens jüngerer Bruder gerade auf uns -zu, von dem wirst Du augenblicklich erfahren können, -wo Du die <em class="ge">Göttliche</em> zu suchen hast.«</p> - -<p>Ich wandte mich unwillig von ihm ab, dem -Bruder der Geliebten zu; wer aber beschreibt mein -Erstaunen, ja mein Entzücken, als ich höre, daß -Emilie, ebenfalls durch eigenthümliche Hindernisse -aufgehalten, noch gar nicht erschienen ist, aber jeden -Augenblick erwartet wird. Ich hätte dem liebenswürdigen -jungen Manne, einem etwas hochaufgeschossenen -Secundaner, auf offenem Ballsaale um den Hals -fallen können. Daß ich mich jetzt dicht an der Saalthüre -postirte versteht sich von selbst; allerdings begrüßte -ich hier in meinem Eifer wohl zehn Mal -fremde Damen, hatte mich mehrere Male zu entschuldigen -<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a> -und fand endlich, daß Emilie zu einer -Nebenthüre eingetreten sei, doch was schadete das? -durch ihren Bruder geführt, suchte sie selbst mich -auf und ich vergaß in <em class="ge">dem</em> Augenblicke Fahrt, Reisesack, -Täuschung und langes Harren – ich vergaß -die Welt und lebte, athmete nur in ihr.</p> - -<p>Eine Stunde entschwand mir so im Wonnetaumel; -was ich getanzt, was ich mit ihr gesprochen, -wie sollte ich es wissen, ich sah auch nicht, was uns -im wirbelnden jubelnden Festesdrang umgab, nur in -ihre Augen schaute ich und in diesen blühte ein Paradies -für mich auf, Emilie war nie so freundlich -mit mir gewesen und ich hätte in diesem Augenblicke -mit keinem Gott getauscht.</p> - -<p>Erst in einer der Pausen gewann ich Zeit mich -etwas ruhiger mit ihr zu unterhalten; Arm in Arm -wanderten wir im Saale auf und ab und ihre kleinen -rosigen Lippen flüsterten und plapperten mir die süßesten -Schmeichelworte in die Ohren.</p> - -<p>Wir hatten indessen eine der kleinen, an den -Seiten angebrachten rothgepolsterten Bänke erreicht -und ließen uns nieder; Emilie aber entschuldigte sich -jetzt, daß sie so bleich und angegriffen aussähe. Guter -Gott, das hatte ich ja noch gar nicht bemerkt, -sie sah wirklich bedeutend blässer aus als gewöhnlich – -<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a> -auch in der That etwas verändert – was war ihr -geschehen?</p> - -<p>»Ach bester Freund,« flüsterte sie auf meine theilnehmenden -Fragen, »es war gerade nichts von Bedeutung -und doch etwas, das mich bald gezwungen hätte, -dem Vergnügen des Tanzes heute ganz zu entsagen.«</p> - -<p>Das Blut strömte mir kalt zum Herzen, als ich -nur an die Möglichkeit dachte. –</p> - -<p>»Aber wie <em class="ge">war</em> das möglich? – Doch nicht -etwa Krankheit? Ihre Wangen sind heute Abend -wirklich auffallend bleich –.«</p> - -<p>»Ich war ein Kind,« lächelte sie, »Angst und auch -– Aerger, wenn ich denn aufrichtig sein will, sind die -eigentlich thörichten Ursachen gewesen.«</p> - -<p>»Aerger?«</p> - -<p>»Um eine Kleinigkeit – ich habe jetzt einige -Tage bei einer kranken Muhme im nächsten Städtchen -zugebracht – mehrere Bekannte hatten dort -ebenfalls einen kleinen Ball arrangirt; heute Abend -kehrte ich erst von dort zurück und – Sie werden -mich auslachen, verwechselte im Coupée meinen Reisesack. -Nun, was erschrecken Sie denn? das ist doch -nichts so Fürchterliches,« lachte sie, als ich an ihrem -Arme zusammenfuhr.</p> - -<p>»Nein, in der That nicht,« stotterte ich und sah -<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a> -mich dabei im Saale um, ob nicht etwa die Decke -niederschlagen wollte, mich zu begraben, »verwechselten -– verwechselten Ihren Reisesack – hahaha – -das ist wirklich zu komisch, das ist göttlich – hahahaha -– das ist kostbar.«</p> - -<p>»Aber ich bitte Sie um Gotteswillen, Adolph!« -rief Emilie erschreckt, »Sie lenken ja die Aufmerksamkeit -der ganzen Gesellschaft auf uns, was fehlt -Ihnen denn?«</p> - -<p>»Bitte tausend Mal um Verzeihung!« stotterte -ich ganz verstört, denn ich wußte in diesem Augenblick -wahrhaftig nicht, stand ich auf dem Kopfe oder -auf den Füßen. Schminke, Puder, Locken – heilige -Mutter Gottes! Ich drehte mich schnell nach ihr um, -sie trug beim ewigen Himmel ihre gewöhnlichen kastanienbraunen -Locken nicht, von denen ich einst mit -verrätherischer Scheere ein süßes, theures, tausend -und tausend Mal geküßtes Andenken geraubt. Pest -und Cholera – ich hatte jetzt die übrigen zu Hause -in der Schachtel. Aber was nun thun? sollte ich ihr -gestehen, daß gerade ich jener Unglückliche sei, der -– nein das ging beim Himmel nicht, jetzt nicht. -Und war denn auch der Reisesack nicht versengt, ruinirt, -lag er nicht, ich durfte gar nicht daran denken, -wo und neben wem; meine Sinne fingen überhaupt -<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a> -an sich zu verwirren und Brandflecken, Locken, schwarze -Beinkleider, Schminke, Puder, das Alles drehte sich -mir wie ein feuriges Räderwerk in tausend tollen -bunten, immer neu gestalteten Bildern im Kopfe -herum.</p> - -<p>»Ich begreife Sie gar nicht,« flüsterte Emilie -endlich und warf mir einen vorwurfsvollen aber doch -zärtlichen Blick zu, »was haben Sie nur?«</p> - -<p>»Ach, mein Fräulein,« erwiederte ich ihr in aller -Verlegenheit und muß in dem Augenblicke so roth -wie ein gesottener Krebs ausgesehen haben – »Sie -glauben gar nicht, wie leid mir Ihr Unfall thut, -wenn man nur – wenn man nur herausbekommen -könnte wer der unglückselige Vertauscher –«</p> - -<p>»Auf jeden Fall ein Herr!« sagte sie rasch, »ich -fand gleich oben auf –« sie stockte plötzlich und biß -sich auf die Lippen.</p> - -<p>»Sie haben den fremden Reisesack geöffnet?«</p> - -<p>»Ja, allerdings, aus Versehen natürlich, die -kleinen Schlösser sind sich ja alle gleich und ich sah -nicht eher, daß ich mich geirrt, bis ich – bis -ich –«</p> - -<p>Ich wußte was jetzt kam, was jetzt kommen -mußte, sie hatten ja gleich obenauf gelegen. –</p> - -<p>»Ein kleines Buch fand, einige geheftete Bogen -<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a> -heißt das, mit – Gedichten. Ach Adolph, wenn -Sie <em class="ge">die</em> Gedichte gelesen hätten« –</p> - -<p>Ueberrascht sah ich zu ihr auf; die verdammten -Gedichte hatte ich ganz vergessen, doch sie gefielen -ihr, Emilie schwärmte dafür.</p> - -<p>»Todt hätten Sie sich gelacht über das Zeug,« -fuhr die junge Dame, die sich wieder ganz gesammelt -hatte, fort, »manches unsinnige Gedicht habe -ich schon gelesen, aber solch übernächtigen Mondenschein -und Liebesjammer, solche Selbstmordphantasie -und überschwengliche Winselei noch nie im Leben. – -Ich – wurde etwas aufgehalten und las einige davon, -sie waren zu komisch.«</p> - -<p>»Aber mein Fräulein,« stotterte ich und verbarg -mein Gesicht für einen Augenblick in mein Taschentuch, -mir war es als ob das aus dem Herzen herausschießende -Blut die Stirnadern zersprengen müßte, -»ich weiß doch nicht – fremde Schriften –«</p> - -<p>»Eines Kaufmannslehrlings,« unterbrach sie mich -lachend, »das hat keine Gefahr, die geschnörkelte -Handschrift verräth den Dichter,« – es hatte mich -einen Thaler fünfundzwanzig Neugroschen gekostet, -sie sauber abschreiben zu lassen. – »Sie müssen uns -morgen besuchen,« fuhr sie fort, »da können Sie den -Unsinn selber lesen; ich will den Reisesack später zu -<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a> -einer Bekannten schicken, wohin ich die Zeitungsannonce -zu richten gedenke.«</p> - -<p>Das war zu viel, meine Pulse flogen fieberhaft, -meine Stirn brannte, das Wort lag mir auf der -Zunge, mit dem ich sie zu Boden schmettern wollte; -mit solcher Heftigkeit ergriff ich dabei ihren Arm, -daß sie einen leisen Schrei ausstieß und erschreckt zu -mir aufsah. Da wirbelten die Pauken, da dröhnten -die Trompeten ihre Jubelfanfare drein, der innere -Kreis lichtete sich und die Paare flogen zum Antritt -an ihre Plätze, ich sprang auf und starrte wild -umher.</p> - -<p>»Kommen Sie, Adolph,« flüsterte da Emilie und -drückte leise meine Hand, »der Tanz beginnt wieder, -wir fehlen sonst in der Française.«</p> - -<p>Fast willenlos zog sie mich dem Kreise der jubelnden -Schaar zu, mich, den Verzweifelnden, mit -der Hölle im Herzen; da zuckte es auf in mir, in -langverhaltenem Grimme; ich riß mich los von der -Entsetzlichen, that einen Sprung zurück und rief: -Nein, – kein Wort kam über meine Lippen, auch -der kleinste Laut erstarb mir auf der Zunge, aber -ein eiskalter Schauer lief mir den Rücken hinab. -Heiliger Gott, ich hatte die fremden, <em class="ge">engen</em> Beinkleider -vergessen, eine Naht war bei meiner allzufreien -<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a> -Bewegung geplatzt, soviel fühlte ich, und fürchtete -jetzt das Entsetzlichste. Aller Augen richteten sich -dabei, wie es mir wenigstens vorkam, auf mich und -mir war es, als wenn ich vor Schaam hätte in die -Erde sinken sollen.</p> - -<p>Wenn sie es merkten, wenn ich unter dem höhnischen -Lachen dieser Elenden den Saal verlassen -mußte; doch nein, noch konnten sie den ganzen Umfang -meines Jammers nicht begriffen haben, noch -war es vielleicht möglich, mich unbeachtet zu entfernen. -Das einzige Mittel blieb ein urplötzliches -Nasenbluten; ich riß das Taschentuch heraus, hielt -es mir vor das Gesicht und überflog mit einem schnellen -Blicke das Terrain. Aber der ganze Platz zwischen -uns und der Thüre war von Menschen frei – -nur einzelne Damen standen hier und da und unzählige -Lichter verliehen ihm Tageshelle; wagte ich -mich jetzt darüber hin, so setzte ich mich tollkühn selbst -einer Entdeckung aus; ich mußte einen günstigem -Zeitpunkt abwarten.</p> - -<p>Ein zweiter Blick überzeugte mich, daß der Platz, -auf dem ich vor wenigen Minuten mit Emilien gesessen, -noch frei sei und auch ziemlich von einer neben -ihm herunterhängenden Gardine verdeckt und dadurch -unbeachtet liege. War ich im Stande mich dorthin -<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a> -<em class="ge">unerrathen</em> zurückzuziehen, so konnte ich nachher -meine Zeit abpassen und bei günstiger Gelegenheit -die Thüre gewinnen.</p> - -<p>Daß ich unter diesen Umständen nicht wagen -durfte, der Gesellschaft den Rücken zu drehen, läßt -sich denken; obgleich mir aber Emilie voll Erstaunen -nachsah, da selbst das vorgehaltene Taschentuch eine -solche retrograde Bewegung nicht vollkommen entschuldigte, -so gelang es doch endlich durch äußerst -geschicktes Manöveriren und die Deckung eines hochlehnigen -Stuhles, den Sitz wieder zu erreichen, um -von hieraus meine völlige Flucht bewerkstelligen zu -können.</p> - -<p>Zur dringenden Nothwendigkeit war es jetzt geworden -die <em class="ge">Größe</em> des angerichteten Schadens zu -ermitteln; wie es schien nahm in diesem Moment -Niemand weiter Notiz von mir und ich bog, das Tuch -jedoch noch immer vor der Nase, den Kopf ein klein -wenig herunter. Herr des Himmels, ein ganzes Stück -weißer, verrätherischer Leinwand hing neben mir an -der Seite der rothgepolsterten Bank herunter; für so -entsetzlich hatte ich mein Unglück gar nicht gehalten; -aber es war nur zu gewiß, auch so ein kaltes Gefühl ..... -Mein Herz schlug mir wie ein Hammer in -der Brust, meine Glieder flogen in Fieberfrost. Doch -<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a> -die <em class="ge">Nähe</em> der Gefahr giebt ja auch den verzagtesten -Menschen den Muth zurück; das Unglück war nicht -mehr hinwegzuleugnen, es mußte <em class="ge">verbessert</em> werden. -Wäre nur Meier einen Augenblick dagewesen, -aber nein, der saß gewiß, kalter gefühlloser Mensch, -ein solcher Jurist! hinter seinem Whisttische und zählte -Tricks und Points, auf ihn durfte ich nicht rechnen, -und eben wollte ich mich, um wenigstens das Schlimmste -zu redressiren, langsam emporrichten, fast unwillkürlich -hob ich dabei den Blick, knickte aber auch blitzschnell -auf meinen Platz zurück, denn zehn Schritte von -mir entfernt und gerade auf mich zukommend erkannte -ich, wen anders als Emilien am Arme des -dürren, bleichsüchtigen Secundaners, ihres liebenswürdigen -Bruders.</p> - -<p>Hätte sich die Sammetbank aufgethan und mich -verschlungen, ich wäre mit dem größtmöglichsten Vergnügen -eine unbestimmte Anzahl von Klaftern erdab -in völlige Dunkelheit hineingefahren; die blieb aber -stockstill und regungslos stehen und mir kaum Zeit -meinen dünnen Frackzipfel über das Gräßliche zu -breiten als auch schon mein Schicksal in der Gestalt -dieser Sirene auf mich zutrat und mit leiser freundlich -schmeichelnder Stimme fragte:</p> - -<p>»Haben Sie Nasenbluten, Adolph?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a> -Ich machte nur einfach eine stumme bejahende -Bewegung.</p> - -<p>»Nun das wird bald vorübergehen,« tröstete sie -mich, »aber – dürfte ich Sie wohl einmal auf einen -Augenblick incommodiren?«</p> - -<p>Ich sah überrascht und erschreckt zu ihr auf.</p> - -<p>»Sie sitzen auf meinem Taschentuche,« fuhr -sie bittend fort, »ich habe es vorhin hier liegen -lassen.«</p> - -<p>»Es – es liegt kein Taschentuch hier,« versicherte -ich hinter meinem eigenen Tuche hervor auf -das Bestimmteste, »ich habe eben erst nachgesehen.«</p> - -<p>»Doch, doch, lieber Adolph,« lächelte die Entsetzliche, -»Sie sitzen in der That darauf, ich – ich -sehe dort sogar den Zipfel,« und ehe ich von dem was -mir bevorstand auch nur eine entfernte Ahnung -hatte, fuhr sie plötzlich auf den vermeintlichen Tuchzipfel -zu, faßte es und suchte es vorzuziehen.</p> - -<p>Wenn ich mir in meinem Leben etwas gewünscht -habe, so war es in dem Augenblicke ein Gewicht von -circa hunderttausend Pfund. Allerdings packte ich das -sogenannte Tuch so schnell als möglich selbst und hielt -es fest, meine erbarmungslose Quälerin aber legte -sich mit ganzer Macht dagegen und da ich nur eine -Hand gebrauchen konnte und überdies auf der weichgepolsterten -<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a> -Bank nichts weniger als fest saß, fühlte -ich, wie sie mehr und mehr Raum gewann.</p> - -<p>»Aber bester Herr Müller,« winselte da der unglückselige -Secundaner und legte mit Hand an, »ich -begreife wahrhaftig nicht, weshalb Sie das Tuch -nicht,« er zog aus Leibeskräften, »nicht her – geben -– wollen.«</p> - -<p>Ich sah mein Verderben vor Augen; das Fürchterliche -konnte nicht länger verborgen bleiben; nur es -noch so lange als möglich zu verzögern, da – Heiland -der Welt, da gab es nach, ich fühlte wie es unter -mir vorrutschte, die Geschwister sprangen zurück und -hielten – wachte ich denn oder träumte ich? – Emiliens -wirkliches Taschentuch in der Hand, ein rascher -verzweifelter Griff überzeugte mich sogar, daß meine -eigene Furcht ganz ungegründet gewesen, ob es aber -jene Beiden gemerkt, oder ob sie blos über das eroberte -Tuch jubelten, ich weiß es nicht, unter dem -mir teuflisch klingenden Hohngelächter schoß ich aus -dem Saale, fuhr in toller Eile in zwei falsche Burnusse -hinein, bekam endlich den rechten, nebst einem -Hute, der mir bis über die Schläfe in's Gesicht sank, -warf den in die Ecke, drückte mir das erste beste auf -den Kopf was mir passend vorkam und stürmte die -Treppe hinunter, aus dem Hause in die schneidend -<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a> -kalte, aber meine brennende Stirn wie Balsam kühlende -Nachtluft hinaus.</p> - -<p>Ich war frei und hoch hob sich mir die Brust, -und eilenden Laufes floh ich, eine Hölle im Herzen, -die dunkele zugige Straße hinunter der Schloßgasse zu.</p> - -<p>Als ich diese endlich erreichte, konnte ich allerdings -nicht gleich das rechte Haus erkennen; sie sahen -sich alle ähnlich mit ihren grauen Erkern und -düstern Fenstern, glücklicher Weise wußte ich aber die -Nummer und fand endlich bei dem matten Scheine -einer gegenüber düster flackernden Laterne die ersehnte -15.</p> - -<p>»Morgen mit dem Frühzuge brech' ich wieder auf!« -murmelte ich dabei, während ich den schweren Schlüssel -aus der Tasche holte und in das Schlüsselloch zu stecken -versuchte. »Ich bin geheilt – Meier hat recht – -verrathen war ich, schändlich, niederträchtig, ver – -na, nun schließt dieser vermaledeite Schlüssel auch -nicht – weiter fehlte mir gar Nichts als jetzt auch -noch eine Stunde hier auf der Straße zu stehen.« – -Ich probirte, es ging nicht, ich blies den Schlüssel -aus, weil ich glaubte es könnten sich Krumen hineingesetzt -haben – es ging immer noch nicht.</p> - -<p>»Meier!« rief ich, in der trostlosen Hoffnung, daß -dieser schon vor mir den Ball verlassen haben könnte, -<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a> -bekam aber natürlich keine Antwort und versuchte den -Schlüssel auf's Neue. Umsonst – vergebens drückte -ich zehnmal an die Klinke, vergebens interessirten sich -die Nachtwächter und ein Paar vorbeikommende Chaisenträger -auf das Lebhafteste für mich; hinein in das -Schlüsselloch brachte ich den Verräther, nachher aber -blieb er nicht allein regungslos darin stecken, sondern -wollte sogar nicht einmal wieder heraus. Ich weiß -selbst nicht, wie lange ich frierend und fluchend an dem -unglückseligen Schlosse probirte, endlich rieth mir ein -Vorbeigehender – denn selbst der Nachtwächter hatte -die Sache zuletzt als trost- und hoffnungslos aufgegeben -– zu läuten, damit der Hausmann käme und -öffne.</p> - -<p>Läuten! – ja er hatte gut reden, war denn nicht -der Draht gesprungen? doch folgte ich wirklich, -eigentlich nur aus Verzweiflung und Grimm dem -Rath und riß, als ob ich die Klingel hätte mit der -Wurzel aus dem steinernen Gewände reißen wollen. -Es that mir wohl irgend etwas Bewegliches zu haben, -an dem ich meine Wuth auslassen konnte. Der -Zug blieb aber keineswegs so erfolglos, als ich es -erst geglaubt; drinn im Hause war plötzlich durch -meine etwas gewaltige Kraftanstrengung eine Glocke -in Bewegung gesetzt worden, die jetzt ganz urplötzlich -<a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a> -nicht allein den merkwürdigsten und entsetzlichsten -Spektakel auf eigene Hand vollführte, sondern allem -Anscheine nach auch gar nicht beabsichtigte je wieder -aufzuhören. Es dauerte denn auch nur kurze Zeit – -und die Riesenglocke läutete dabei noch immer fort – -bis ein Paar Pantoffeln in größtmöglichster Eile -über den steinernen Vorsaal herangeschlappt kamen; -der in den Pantoffeln Steckende hustete auf sehr bedenkliche -Weise und durch das Schlüsselloch fiel plötzlich -ein einzelner Hoffnung erweckender Lichtstrahl. -Inwendig wurde ein Schlüssel eingedrückt und herumgedreht, -zu meiner Verwunderung aber auch noch -ein Riegel zurückgeschoben und die schwere Thüre -knarrte in ihren Angeln.</p> - -<p>»Herr du mein Gott!« rief dabei der Alte, der -bis über die Ohren in einem weißen Schafpelze stak, -»wer reißt denn da so fürchterlich an der Glocke?«</p> - -<p>»Guten Abend, Alter,« unterbrach ich ihn aber, -trat, während ich ihm ein Viergroschenstück in den -Schlafrock drückte – denn die Aermel gingen ihm -bis weit über die Hände – in's Haus und wollte -ohne Weiteres die Treppe hinauf, da ich nach der -früheren Hitze und durch das lange Stehen vor der Thüre -bis in's innerste Mark hinein durchfroren war. Der -Mann hielt mir aber erst seine Laterne unter's Gesicht -<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a> -und sagte, mit einem durch das indessen seitwärts -besichtigte Viergroschenstück nur theilweise beruhigten -Blicke:</p> - -<p>»Wohnen Sie denn hier?«</p> - -<p>»Jawohl, oben beim jungen Herrn.«</p> - -<p>»Seit wann denn?«</p> - -<p>»Seit heute Abend neun Uhr; wir sind zusammen -zum Balle gefahren.«</p> - -<p>»Ah so!« nickte der Alte, der damit seiner Hauspflicht -genügt zu haben glaubte und wandte sich mit -einem kurzen »gute Nacht« zum Gehen, mein Blick -war aber dadurch und als ich mich nach ihm umdrehete, -auf die Hausthüre gefallen und ich sah dort den -Riegel, den er eben wieder vorgeschoben hatte.</p> - -<p>»Wird denn hier das Haus von innen verriegelt?« -fragte ich ihn erstaunt, »das habe ich ja gar -nicht gewußt, – da hätte mir ja auch mein Schlüssel -nichts geholfen.«</p> - -<p>»Ja,« meinte der Alte und bekam wieder den -bösen Husten, »seit sie hier – oho oho oho – in -der Schloßgasse, die – oho oho oho – die Frau -erschlagen haben, oho oho, ist mein Herr ängstlich -geworden – oho oho oho.«</p> - -<p>»Wie kommt da aber der junge Herr herein?«</p> - -<p>»Der klingelt auch!« meinte sehr lakonisch der -<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a> -Brustkranke und zog sich, nicht ohne Grund die nachtheiligen -Folgen der Zugluft für sich selbst fürchtend, -mit einem wahren Anfalle von Keuchhusten durch die -Hofthüre in seine eigenen Apartements zurück.</p> - -<p>»Das also ist das Ende meines süßen Traumes!« -seufzte ich, als ich die breite steinerne Treppe im -Dunkeln hinaufstieg und dabei links das Geländer -hielt, um nicht irgendwo anzulaufen; was kümmerte -mich in diesem Augenblicke der Riegel? mir gingen -andere fürchterlichere Gedanken im Kopfe herum. –</p> - -<p>– »Das ist das Resultat meiner Reise –, das der -Grundstein meines künftigen Glücks, auf dem ich -Riesenbauten aufgeführt hätte. – Fort, fort, selbst -mit der Erinnerung an mein Unglück – ich will -schlafen und wäre es bis zum letzten Tage. Ach der -Tod müßte jetzt eine Wohlthat sein.«</p> - -<p>Wie dunkel das aber auf der Treppe war, nicht -einmal die Stufen konnte ich erkennen, eine wirklich -ägyptische Finsterniß, doch wußte ich ja meinen Weg -und fühlte mich, als ich die erste Etage erreichte, -links dicht an der Mauer hin. Da stieß meine Hand -an irgend etwas und in demselben Moment, in dem -ich mir das Knie an einer scharfen Ecke fast zerstieß, -klirrte mit fürchterlichem Gepolter irgend ein irdenes -Gefäß zu Boden und das plätschernde Geräusch verrieth -<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a> -mir, daß ich jedenfalls einen nicht unbeträchtlichen -Wasserkrug heruntergestoßen haben müßte.</p> - -<p>Das fehlte mir noch – ich watete jetzt förmlich; -wie aber kam der Krug hierher und wo hatte er –? -wahrhaftig da stand auch ein Tisch; der mußte dorthin -gestellt sein seit wir fortgegangen und meine -linke Kniescheibe trug jetzt die Folgen. Doch hier -half weiter kein Besinnen, im Dunkeln konnte ich -überdies nichts wieder gut machen und beschloß nur -Meier, wenn ich ihn zu Hause kommen hörte, aus -dem Fenster hinaus zu warnen, daß er nicht etwa -über das indessen die Treppe hinabgeströmte und gefrorene -Wasser stürze.</p> - -<p>Ich tappte jetzt an der linken Wand hin. – -Nun? – Da sollte doch die Thüre sein. – Ich konnte -nichts fühlen als die nackte kalte Mauer; auf jeden -Fall mußte ich sie gleich im Anfange übergangen -haben und suchte meinen Weg noch einmal zurück -bis zur Treppe, aber keine Thüre war zu sehen und -ich wußte doch so genau, daß sie sich auf <em class="ge">der</em> Seite -befand. Wieder begann ich meine Wanderung, und -die Zähne klapperten mir vor Frost und wieder mit -nicht besserem Erfolge als zuerst, nur kam ich, als -ich mich immer weiter hinarbeitete, zu einem Fenster, -das in irgend einen dunkeln Hof hinausführte. – -<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a> -Wo war ich jetzt? Was sollte ich thun, was beginnen? -Ich konnte doch wahrlich nicht die ganze -Nacht auf der Treppe bleiben, wäre ja auch in meinem -dünnen Ballanzuge erfroren. Und sollte ich -Lärm hier im fremden Hause machen? – mit was -für einem Gesichte durfte ich mich dann morgen – -ei zum Henker, Noth bricht Eisen, erfrieren konnte -ich auch nicht. Uebrigens mußte ja doch auch irgendwo -eine Thür sein, und traf ich nicht die rechte, so -weckte ich wenigstens Menschen, die mir das richtige -Zimmer öffneten.</p> - -<p>Rasch entschlossen ging ich an's Werk und kam -glücklicher Weise endlich an eine Klinke, die ich zu -öffnen versuchte; doch umsonst, sie widerstand allen -meinen Bemühungen und auf mein mehrmaliges -Anpochen erhielt ich ebenfalls keine Antwort. Ich -ging jetzt weiter, stolperte nochmals über einen Stuhl, -stieß an einen kleinen Tisch, über dem ich einen Spiegel -fühlte, und erreichte zuletzt eine zweite Thüre.</p> - -<p>Obgleich auch diese mir den Eintritt versagte, -so glaubte ich doch ein Geräusch wie das eines -Schnarchenden zu vernehmen. Ich klopfte herzhaft -an und horchte – da regte sich etwas – eine Bettstelle -knarrte, als ob sich Jemand darin umdrehe, -dann war alles wieder still. – Ich wiederholte mein -<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a> -Pochen, da rief plötzlich eine allem Anscheine nach -auf's Aeußerste erstaunte Stimme:</p> - -<p>»Was zum Henker giebt's denn da draußen? -Wer klopft? Johann, bist Du das?«</p> - -<p>»Ich bin's, Herr Meier!« erwiederte ich ihm mit -schüchterner, aber nichts desto weniger lauter Stimme, -denn ich mußte natürlich in ihm den Vater meines -Freundes vermuthen. – »Adolph Müller ist's, der -Freund Ihres Sohnes; ich kann meine oder vielmehr -seine Stube nicht finden.«</p> - -<p>»Donnerwetter, Herr, stören Sie die Menschen -nicht im Schlafe!« rief aber der vermeintliche Vater mit -keineswegs freundlicher Stimme, »ich habe gar keinen -Sohn – gehen Sie zum Teufel und lassen Sie mich -in Ruhe –«</p> - -<p>»Aber bester Herr,« bat ich ihn, »ich stehe hier -draußen in der grimmigsten Kälte und kann den Tod -davon haben; wenn ich nur wenigstens ein Licht -hätte, daß ich meine Stube finden könnte. In welchem -Zimmer wohnt denn nur Herr Meier?«</p> - -<p>»Ich kenne gar keinen Meier, Herr!« rief die -Stimme mit einer fürchterlichen Bestimmtheit, »hier -im ganzen Gebäude existirt kein Meier. – Gute Nacht, -schlafen Sie wohl –«</p> - -<p>Und ich hörte, wie sich der Unmensch mit aller -<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a> -Gewalt auf die andere Seite warf, seine Worte aber -waren wie ein Donnerschlag für mich – kein Meier -im ganzen Hause! Das konnte ja gar nicht sein – -hatte ich denn nicht die Nummer mit eigenen Augen -gelesen? – Doch das Innere des Hauses selbst, die -ganze Einrichtung war mir in der That fremd – -sollte er recht haben? Doch nein, auf jeden Fall -wohnte mein Meier hier; der Droschkenkutscher hatte -mich ja auch gleich vor die richtige Thüre gefahren, -ein Beweis, daß ich doch damals die Nummer gewußt; -an mir lag es daher einen zweiten Versuch -zu machen um mein Bett zu finden.</p> - -<p>Ich schritt, immer weiter rechts, langsam an der -Wand hin und erreichte endlich einen von außen durch -einen Wollbeschlag verwahrten Eingang, der auf jeden -Fall zu einer Wohn- oder Schlafstube führte; hier -mußte übrigens die Klinke auf der verkehrten Seite -sein, denn ich fühlte erst vergebens ringsherum und -fand sie endlich in der Mitte. Kaum hatte ich sie -jedoch berührt und darauf gedrückt, als von innen -heraus ein so fürchterlicher markdurchschneidender -Schrei erscholl, daß ich entsetzt zurückfuhr.</p> - -<p>»Herr Meier,« rief ich aber gleich darauf rasch -gesammelt und klopfte dabei scharf an die Thüre; -»mein guter Herr Meier!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a> -»Mörder – Diebe – Spitzbuben! Feuer! Feuer!« -gellte als Antwort die Stimme und nach dem Hofe zu -wurde eine Klingel, die auf jeden Fall mit dieser Stube -in Verbindung stand, aus Leibeskräften gerissen.</p> - -<p>»Aber bester Herr Meier,« bat ich und suchte dadurch -den Sturm zu beschwichtigen.</p> - -<p>»Hülfe – Hülfe – Feuer – Diebe!« tobte -das Echo und überall im Hause klappten Thüren und -wurden ängstliche Stimmen gehört. Wieder, aber -dies Mal noch in viel ängstlicherer Hast, schlurrten -die Pantoffeln des Hustenden herbei und ich wußte für -den Augenblick wirklich nichts Besseres zu thun, als -mich diesem auf Gnade und Ungnade zu ergeben.</p> - -<p>Ich fühlte meinen Weg, so schnell das gehen -wollte, an die Treppe zurück und das Geländer hinunter, -wo ich mit Freuden das eben wieder in die -Hofthüre hereinblitzende Licht des Hustenden begrüßte. -Dieser aber gewahrte kaum meine, wie er nach allem -dem Hülfeschreien wahrscheinlich glauben mochte, in -höchst böswilliger Absicht auf ihn zueilende Gestalt, -als er blitzschnell, wie die Figur in irgend einer künstlichen -Uhr, zurückschnellte, die Thüre in's Schloß -warf und den Zeter von einer Treppe hoch mit</p> - -<p>»Faß ihn, Türk, halt ihn fest, Packan, hu hetz -hetz, Nero, hu hetz hetz!« accompagnirte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a> -Wohl sprang ich jetzt an die Hausthüre und -schob den Riegel zurück, denn es wurde mir nun -doch klar, daß ich durch das unseligste Mißverständniß -in ein falsches Gebäude gerathen sei, die -verwünschte Thüre ließ mich gegenwärtig aber ebensowenig -hinaus, als sie mich vorhin hereingelassen hatte -und zu der Aufregung, in der ich mich überhaupt -befand, kam auch noch die Furcht, daß der schwindsüchtige -Barbar am Ende gar zu guter Letzt eine Meute -Kettenhunde auf mich losließe, wo ich dann in der engen -Hausflur eine Scene aus den altheidnischen Thiergefechten -hätte aufführen können. Glücklicher Weise -mußte aber kein Hund auf dem ganzen Hof sein und -die drohenden Laute sollten wohl blos dazu dienen -die vermeintlichen frechen Diebe zurückzuschrecken. -Ehe ich jedoch im Stande war einen festen Entschluß -zu fassen und einmal schon wirklich im Begriffe die -jetzt ebenfalls verschlossene Hofthüre zu sprengen, um -mir wenigstens Bahn in des Hausmanns warme -Stube zu brechen, flog das Thor plötzlich auf und -drei entsetzte Gestalten mit Heugabeln, Schaufeln -und einem großen Küchenmesser bewehrt, rückten in -verzweifelter Tapferkeit heran und forderten mich mit -grimmer Stimme zum Niederlegen der Waffen auf.</p> - -<p>Es dauerte nun allerdings geraume Zeit, ehe ich -<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a> -im Stande war ihnen meine gänzliche Harmlosigkeit -darzuthun, noch dazu da die früher gehörte Stimme -von oben herunter ununterbrochene Drohungen von -Galgen, Rad, Zuchthaus und Galeeren niederrief, -und dadurch das Trifolium natürlich in dem Glauben -erhielt, es sei Fürchterliches geschehen. Endlich mochte -sie mein Ballcostüm, in dem ich mich producirte, beruhigen; -es war wenigstens nicht wahrscheinlich, daß -irgend ein vernünftiger Mensch bei solcher Kälte in -schwarzem Fracke, weißen Glacéhandschuhen und -Schuh und Strümpfen versuchen solle einzubrechen. -Mein Freund im Schafspelze erkannte mich auch wieder, -wollte sich aber, obgleich ich mich endlich mit den -Leuten in soweit verständigte, daß sie mich für keinen -Raubmörder hielten, in keinerlei Weise weiter mit mir -einlassen, versicherte, daß er keinen Menschen Namens -Meier kenne und in seinem Leben gekannt habe, -schloß, dabei immer noch mit mißtrauischem Seitenblicke, -die Hausthüre so schnell als möglich wieder -auf und ich fand mich wenige Secunden später – -und noch froh nicht etwa gar als fremder Ruhestörer -irgend einem freundlichen Nachtposten überliefert zu -sein – gerade vor derselben Pforte, vor der ich kurze -Zeit früher Gott weiß was darum gegeben hätte, um -nur gleich und schnell hineinzukommen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a> -Allerdings suchte ich mich jetzt augenblicklich und -während innen noch der unausbleibliche Riegel mit -größter Sorgfalt wieder vorgeschoben wurde, von der -Identität der Hausnummer zu überzeugen; die letzte -Laterne war jedoch indeß verlöscht, die Straße menschenleer -und der Schnee fiel in großen kältenden -Flocken nieder; ich selbst aber zitterte vor Frost an -allen Gliedern und fürchtete wohl nicht ohne Grund -eine bösartige Erkältung, wenn ich, so leicht bekleidet, -auch nur eine Minute länger auf freier Straße blieb, -als ich nothgedrungen mußte. Unter diesen Umständen -blieb mir denn also nichts weiter übrig als den -Versuch, in solcher Dunkelheit und Kälte das rechte -Haus zu finden, aufzugeben, und ich lief rasch die -Straße hinab, das erste Hôtel oder Gasthaus zu benutzen, -was sich mir bieten würde.</p> - -<p>Glücklicher Weise brauchte ich nicht lange zu -suchen; wenige hundert Schritte weiter unten erkannte -ich die goldglänzenden Riesenbuchstaben eines Schildes, -die Hausglocke saß an der richtigen Stelle und -ich fand – wirklich kaum noch im Stande mich auf -den Füßen zu erhalten – ein eiskaltes Zimmer, aber -ein warmes Bett, in dem ich mich von dem Elend und -Leid dieser Nacht erholen konnte. Zum Tode erschöpft -schlief ich natürlich augenblicklich ein und erwachte erst -<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a> -wieder, als mir das helle Tageslicht in die Fenster -schien und der Kellner mit dem um acht Uhr bestellten -Kaffee in die Thüre trat.</p> - -<p>Wie ein düsteres Traumgebilde lag die Erinnerung -der vergangenen Nacht auf meinen Nerven, der -Kaffee übte jedoch seinen wohlthätigen Einfluß auch -auf mich aus; ich schüttelte alle bösen Gedanken ab -und mit dem festen Entschlusse Emilien auf immer zu -meiden – ich bin bis jetzt noch nicht recht mit mir im -Klaren, ob mich damals die falschen Locken oder die -bedauernswerthe Ansicht über meine Gedichte am meisten -dazu bestimmte – zog ich meinen Burnus wieder -über, setzte den Hut, den mir das tückische Spiel des -gestrigen Abends bescheert, auf, bezahlte die kleine -Rechnung und öffnete meine Thüre, die auf einen -schmalen Gang hinausführte.</p> - -<p>»Nun, da hätte ich mir allerdings bis heute -Morgen die Hände vor meinem Fenster wund klatschen -können,« sagte in diesem Augenblicke eine Stimme -dicht neben mir und aus der benachbarten Thüre trat -ebenfalls mit Hut und Mantel, wer anders als Meier -selbst heraus.</p> - -<p>»Meier!« rief ich und stand ganz verdutzt über -solche wunderbare Begegnung, »jetzt bitte ich Dich um -Gotteswillen –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a> -»Weshalb liefst Du denn auf einmal gestern vom -Balle fort?« brummte aber dieser. »Emilie hat tausend -Mal nach Dir gefragt.«</p> - -<p>»Emilie!« – der Name gab mir meine ganze -Kraft und Energie wieder. –</p> - -<p>»Meier,« sagte ich, griff ihm unter den Arm und -führte ihn mit mir die Treppe hinab. »Meier, glaubst -Du an ein böses Geschick?«</p> - -<p>»Ich fange an zu glauben, daß <em class="ge">Du</em> eine eigene -Fertigkeit besitzest Alles, was Du angreifst, verkehrt -zu machen,« lautete die mürrische Antwort. »Weshalb -bist Du denn nicht wie ein anderer vernünftiger -Mensch nach Hause gegangen, anstatt mit dem einzigen -Hausschlüssel in der Tasche in's Wirthshaus zu -laufen und mich selbst dabei auszuschließen, daß ich -nicht einmal in mein eigenes Zimmer konnte?«</p> - -<p>»Glaubst Du an ein böses Geschick, Meier?«</p> - -<p>»Ach laß den Unsinn – wo hast Du denn eigentlich -meinen Schlüssel, und – hahaha, wessen Hut trägst -Du denn?«</p> - -<p>Ich nahm den Hut ab und sah jetzt zum ersten -Male, daß eine kleine Cocarde mit silbernen Schnüren -an der Seite saß; ich hatte gestern Abend in aller Eile -den Hut irgend eines Bedienten aufgegriffen.</p> - -<p>»Meier,« sagte ich und blickte, dadurch nur noch -<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a> -mehr in meinem Entschlusse bestärkt, auf den Hut -nieder, »weißt Du wem der fremde Reisesack gehört?«</p> - -<p>»Einer Dame auf jeden Fall, die sich über die -verbrannte Rosenguirlande ungemein freuen wird – -wahrscheinlich einer Schauspielerin, weil sie Schminke -und Perrücken bei sich führt.«</p> - -<p>»Hm,« sagte ich und schritt, immer noch den Hut -in der Hand, an seiner Seite die Straße hinauf seinem -Hause zu; da erkannte ich plötzlich die Thüre, an -der ich gestern Abend gestanden, die Klingel – ich -hatte den dicken runden Knopf noch nicht vergessen – -an der ich so fabelhaft geläutet und – Pest und Gift! -– von dem weißen runden Schildchen lächelte mir -höhnisch eine 13 entgegen, die ich in Nacht und Dunkelheit -jeden Falls für meine 15 gehalten. Das Maaß -meines Ingrimms war gefüllt.</p> - -<p>»Meier,« sagte ich, und winkte einer gerade vorbeifahrenden -Droschke zu, »es giebt Dinge in der -Welt, die sich nicht gut mündlich verhandeln lassen, -ich will Dir meine Geschichte lieber schreiben. Es ist -jetzt aber gerade ein Viertel auf Zehn; um <em class="ge">halb</em> zehn -geht der Frühzug ab, sei doch so gut und schicke mir -mit nächster Gelegenheit mein Gepäck nach. Deine -Beinkleider kannst Du mir so lange borgen, ich würde -<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a> -sonst, was ich um keinen Preis der Welt möchte, den -nächsten Zug versäumen.«</p> - -<p>»Was? Jetzt willst Du auf einmal wieder fort?« -rief Meier nicht wenig erstaunt aus, »das geht ja gar -nicht, was würde auch Emilie dazu sagen?«</p> - -<p>»Die – grüße schönstens,« murmelte ich mit einem -halbverbissenen boshaften Lächeln, »grüße sie und – bitte -sie, mir doch gefälligst den Reisesack umzutauschen. Halt -– noch eins – thue mir doch auch die Liebe und sieh zu, -daß Du den Eigenthümer dieses Hutes wiederfindest, der -dafür wahrscheinlich den meinigen zurückbehalten hat.«</p> - -<p>»Wache ich denn oder träume ich,« rief Meier, -»Emilien gehörten jene Apparate? – Aber Adolph, Du -kannst doch wahrhaftig nicht im bloßen Kopfe reisen –«</p> - -<p>»Nein,« erwiederte ich ihm, »auf keinen Fall – -Kutscher – schlesischer Bahnhof – sind wir in zehn -Minuten und noch vor der Abfahrt dort, so bekommst -Du einen Thaler Trinkgeld – also adieu Meier – -sei nicht böse, daß ich Dir so viele Umstände gemacht, -übermorgen spätestens hast Du einen Brief von mir.« -Damit drückte ich ihm einen herzlichen Kuß auf den -Mund, nahm ihm den eigenen Hut vom Kopfe und -schlug ihn mir selber in die Stirn, sprang in den -Wagen und im nächsten Augenblicke rasselten wir, ehe -Meier durch das Schnelle des auf ihn Einstürmenden -<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a> -vielleicht nur eine Ahnung dessen hatte, was ich beabsichtigte, -in lebensgefährlicher Schnelle über das holperige -Pflaster dem fernen Bahnhofe zu.</p> - -<p>Wir kamen eben noch zur rechten Zeit – die letzte -Glocke läutete als wir vor die Thüre des Bureaus -klapperten; rasch löste ich mein Billet und wenige -Secunden später setzte sich der Zug mit schrillem markdurchschneidendem -Pfeifen in Bewegung. Dann aber -erst, als ich in die Ecke des warmen Coupées gedrückt, -den Schauplatz dieser Nacht mit flüchtiger Schnelle -verließ, als Feld und Flur und Berg und Wald an mir -vorbeischwirrten und Meile nach Meile den Raum vergrößerte, -da erst fand ich mich selbst und meine Ruhe wieder.</p> - -<p>An Emilien schrieb ich noch an demselben Abend -und von zu Hause aus ein Paar Zeilen, gestand ihr -meine Unwürdigkeit sie zu besitzen und bat um ihre Freundschaft. -Meier aber machte ich ebenfalls und versprochener -Maßen ausführlich mit dem ganzen Umfange meiner damaligen -Abenteuer bekannt und erhielt drei Tage später -durch seine Vermittlung meinen Reisesack mit all' meinen -früher an Emilien geschriebenen Briefen zurück. –</p> - -<p>Nur eines fehlte – meine Gedichte; ich hatte das -Weib gereizt und sollte ihre Rache fühlen. – Drei -Wochen später standen sie unter meinem eigenen Namen -in der Didascalia.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a> -Civilisation und Wildniß.<br /> - -<span class="subheader">Skizze aus dem amerikanischen Leben.</span></h2> - - -<p>Im westlichen Theile des Squatterstaates Missouri, -unfern vom Flusse gleiches Namens, dem <i>roaring -river</i> oder <em class="ge">rauschenden Strom</em>, und etwa nur -zwanzig englische Meilen von der östlichen Gränze -des »indianischen Territoriums« entfernt, wo nördlich -die Kickapoos und südlich von ihnen die Delawaren -durch die Regierung der Vereinigten Staaten ihre -Wohnsitze angewiesen bekommen hatten, lag ein kleines, -unscheinbares Waldstädtchen, in früherer Zeit -wohl nur der ergiebigen Bleiminen wegen gegründet, -jetzt aber, da vielleicht bessere Adern und besser gelegene -entdeckt worden, auch wieder von einem großen -Theile der ersten Ansiedler verlassen.</p> - -<p>Das Städtchen selbst bestand eigentlich nur aus -einer einzigen Straße und darin sich gegenüber liegenden -<a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a> -zwölf oder vierzehn Häusern, von denen das umfangreichste -das Meeting- oder Bethaus, das wohnlichst -eingerichtete das des Händlers oder Krämers, -und das kleinste, einfachste das einer armen Witwe, -Mrß. Rowland, war, die hier mit ihrer Pflegetochter -Rosy still und zurückgezogen, aber auch von allen -Nachbarn geliebt und geachtet, lebte.</p> - -<p>Da sich übrigens meine kleine Erzählung gerade -um diese Personen wendet, so ist es vielleicht dem -Leser lieb, gleich von vorn herein und mit so kurzen -Worten als möglich das zu erfahren, was zur Verständigung -des Ganzen nöthig ist und was er nun -einmal überhaupt wissen muß.</p> - -<p>Mrß. Rowland war die älteste Ansiedlerin im -ganzen Orte, und zwar hatte ihr Mann hier die ersten -Bleiminen auf einem Jagdzuge entdeckt und mitten -unter, damals feindlichen, Indianern als kühner Pionier -und Vorzügler der Civilisation die Arbeit begonnen. -Aber nicht warnen ließ er sich durch das Schicksal -tausend Anderer, die vor ihm den rothen Sohn der -Wälder in seiner Heimath aufgesucht und durch -Uebermuth gereizt; auf seine Kraft und geschickte -Führung der Büchse vertrauend, trotzte er jeder Gefahr, -die ihm vom Feinde oder Gegner drohen konnte, -und – fiel. Ein Häuptling der Delawaren war von -<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a> -ihm beleidigt worden – wenige Tage später hörte er -Morgens dicht bei seiner Hütte, den Lockton einer -Truthenne, er nahm seine Büchse, die vermeintlich -leichte Beute zu erlegen, und – kehrte nie mehr zurück. -Der Ton mußte eine Schlinge der listigen Wilden -gewesen sein – wenige Minuten später überfielen die -dunkeln entsetzlichen Gestalten das jetzt unbeschützte -Haus, und als die unglückliche Frau aus ihrer Ohnmacht, -in die sie der erste Schreck geworfen, erwachte, -lag sie vor den qualmenden Ueberresten ihrer Hütte -unter einem Baume, und ihr Sohn, ihr einziges liebes -Kind war verschwunden.</p> - -<p>Umsonst durchwühlte sie den ganzen langen Tag -mit blutenden verbrannten Fingern die qualmenden -Trümmer ihrer friedlichen Heimath, nicht einmal die -Gebeine fand sie, um den Ueberresten des Kindes ein -Grab zu gewähren. Halb wahnsinnig floh sie damals, -allein und schutzlos, durch den Wald der meilenweit -entfernten nächsten Hütte zu, und zog später, in ihrem -hoffnungslosen Schmerze, nach St. Louis zu einer -da wohnenden Schwester. Hier lebte sie vierzehn -lange Jahre in stiller Zurückgezogenheit; wenn aber -auch die Zeit den Schmerz gelindert hatte, so vergaß -sie doch nie und nimmer die theuren Lieben, die ihr -durch Mörderhand entrissen worden, und das besonders -<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a> -ließ ihr weder Ruhe noch Rast, daß sie nie Gewißheit -von des <em class="ge">Kindes Tod</em> erhalten. Wenn sie <em class="ge">der</em> Ueberzeugung -auch Raum geben mußte, ihr Gatte sei ein -Opfer indianischer Rache gefallen, so konnte sie sich -weder wachend noch träumend des Gedankens erwehren, -wie der Knabe, vielleicht nur geraubt, vielleicht -entflohen, verirrt gewesen und von anderen Farmern -– Reisenden möglicher Weise – aufgenommen sei.</p> - -<p>Als sie daher von der Gründung des kleinen Städtchens -Boonville hörte, das spätere Bleisucher kaum -eine Viertelstunde von ihrem früheren Wohnorte ab -angelegt, da beschloß sie, weil ihre Schwester indessen -auch gestorben war und sie nun doch allein auf der -Welt stand, mit deren hinterlassener Stieftochter, -einem lieben, holden, damals zwölfjährigen Kinde, -nach Boonville zu übersiedeln. Dort war sie wenigstens -in der Nähe jener Stelle, auf der sie fast Alles verloren, -was ihr auf Erden lieb und theuer gewesen, -und dort, meinte sie, müsse auch, wenn je, ihre Hoffnung -erfüllt werden. Sechs volle Jahre waren aber -wieder verflossen, ohne daß sie auch nur eine Spur -des Verlorenen gefunden, und wenngleich alle Bewohner -des kleinen Ortes, mit dem Schicksale der armen -Mutter bekannt, sich die größte Mühe gegeben hatten, -ihre Nachforschungen zu unterstützen, so schien doch -<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a> -Alles Umsonst – der Verschwundene blieb verschwunden, -und die arme alte Frau siechte endlich mit mehr -und mehr abnehmenden Körperkräften dem Grabe zu, -nach dem sie sich ja auch, besonders in den letzten -Jahren, als dem einzigen Orte, die Ihren wieder zu -finden, so heiß und brünstig gesehnt.</p> - -<hr /> - -<p>Es war ein freundlicher, sonniger Abend im -August; von Nord-Osten her wehte ein kühler, labender -Luftzug, und vor den Thüren der einzelnen -Wohnungen, theils im Schatten fruchtbeladener -Hickorys oder Chesnuts, nicht selten auch von Töpfen -mit qualmendem Rauch umgeben, die etwas lästigen -Mosquitos zu verscheuchen, saßen hier und da die -Bewohner von Boonville – die Frauen mit irgend -einer Nadelarbeit beschäftigt, von der sie nur manchmal -aufstanden, nach dem innen am Kamin brodelnden -Abendessen zu schauen, und die Männer im -<i>dolce far niente</i> an Stücken Holz schnitzelnd, oder -auch auf ein über freie Erde hingebreitetes Büffelfell -müßig ausgestreckt.</p> - -<p>Nur der Stuhl vor der Thür des Händlers war -leer, denn Madame schaffte und arbeitete mit feuergeröthetem -Angesichte vor dem geräumigen Kamine -<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a> -der Küche, während Zacharias Smith zwei fremde -Indianer bediente, die vor kurzer Zeit mit ihren Fellbündeln -und Wildpret in das Städtchen gekommen -waren, um hier ihre nöthigsten Bedürfnisse, wie -Pulver, Messer, Blechbecher und – Whiskey gegen -das Erbeutete einzutauschen.</p> - -<p>Es waren ein paar Krieger vom Stamme der -Kickapoos, wenn der Name <em class="ge">Krieger</em> überhaupt noch -einem Paar der miserabelst aussehenden Subjecte -indianischer Race beigelegt werden konnte. Die -schmutzigen wollenen und zerrissenen Decken, die sie -um sich herumgeschlagen, verhüllten kaum nothdürftig -ihre Blöße, und das Haar hing ihnen, nicht mehr -bloß in der einzelnen stolzen Scalplocke prangend, -nein, unbeschnitten, aber auch ungekämmt, wild und -wirr, an manchen Stellen wie eine Pferdemähne, -von Kletten zu festem Zopfe zusammen gehalten, um -den braunen Nacken. Der Eine trug ein Hemd – -aber ob das einst aus weißem Stoffe oder buntem -Kattun bestanden, ließ sich wahrlich nicht mehr -erkennen; das Blut des erlegten Wildes hatte eine -Art Kruste darüber gelegt, die nur auf der Schulter -durch das Tragen der ziemlich schweren, unbehülflichen -Büchse unterbrochen schien – ihre Leggins -waren mit Stücken roher Haut geflickt, und ihre -<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a> -Moccasins sahen aus, als ob sie jeden Augenblick auseinander -fallen wollten. Ein Gürtel aus Hickory-Rinde -gedreht, hielt ihre Leggins-Bünde, das kleine -Scalpirmesser und eine kurze Schilfpfeife, und die -ausdruckslosen trägen Züge der schmutzigen Gesichter -heiterten sich erst wieder auf, als sie in des Händlers -Laden die rothbestrichenen Whiskey-Fässer sahen.</p> - -<p>Der Handel war sehr einfach und deshalb bald -abgeschlossen – das, was sie an Pulver nothdürftig -haben <em class="ge">mußten</em>, ließen sie sich geben und füllten es -in ihre Hörner, den Rest aber verlangten sie natürlich -in »Uiski«, und damit kauerten sie sich gleich an -Ort und Stelle in eine Ecke des Ladens zwischen -Salz- und Mehlfässer nieder und begannen, ohne -weitere Vorbereitung, ihr Festmahl.</p> - -<p>Sie hatten nur einen Becher mit, und der Eine -schaute mit weit aufgerissenen, fast aus ihren Höhlen -tretenden Augen zu, als der Andere das gelbe Feuerwasser -aus der erhaltenen Flasche in diesen einsprudeln -ließ – sein breiter Mund verzog sich zu einem -noch breiteren Grinsen, und ein paar Reihen blendend -weißer Zähne wurden sichtbar – die eine Hand -streckte er dabei schon wie unwillkürlich nach dem -Göttertrank aus, und ein leises, gurgelndes Lachen -wurde laut, als sein Gefährte den Becher zuerst an -<a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a> -die Lippen hob. Das Lächeln verlor sich aber, die -Mundwinkel zogen sich wieder zusammen, wenn auch -die Lippen getrennt blieben, und das Auge nahm -einen mehr stieren, ängstlichen Ausdruck an, als -der Freund, gar nicht mehr freundschaftlich, in nicht -endendem Zuge mit dem Blechmaß zu verwachsen -schien.</p> - -<p>»Ugh!« sagte da endlich – nach langem, langem -Genusse absetzend – der erste Trinker, und schaute, -über das Gefäß hinüber, den Gefährten an – dessen -Züge aber heiterten sich jetzt urplötzlich wieder auf – -er streckte die Hand aus, ergriff den Becher, den er -selbst nicht wieder losließ, als Jener ihn erst aufs -Neue füllte, und schien nun seinerseits <em class="ge">reichliche</em> -und volle Rache an dem nehmen zu wollen, der seine -Erwartung vorher auf so peinliche Folter gespannt.</p> - -<p>So tranken sie abwechselnd, Jeder bei dem Genusse -des Anderen mit athemloser Angst das Abnehmen -des verführerischen Giftes beobachtend, Jeder, -wenn die Reihe an ihn kam, seine früheren Gefühle -in dem einen, alles andere ausschließenden Bewußtsein -seiner Seligkeit vergessend.</p> - -<p>Und vor ihnen auf dem Ladentische, das rechte -heraufgezogene Knie mit seinen beiden Händen gefaßt, -den Körper, um das Gleichgewicht zu behaupten, -<a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a> -etwas zurück gebeugt, und die vergnügt lächelnden -Augen fest auf das zechende Paar geheftet, saß -der Händler Zacharias Smith und hatte, allem Anscheine -nach, seine herzliche Freude über dasselbe.</p> - -<p>So schweigsam und verdrossen die beiden Wilden -aber auch im Anfange gewesen waren, so munter -wurden sie jetzt, als ihnen der Feuertrank erst durch -die Adern rollte und in diesen mit seinem scharfen, -zuerst allerdings belebenden Geist, in ihre Köpfe stieg. -Sie fingen an kleine Bruchstücke von Kriegsliedern -zu singen, lobten wahrscheinlich – denn Smith verstand -ihre Sprache nur sehr unvollkommen – ihre -eigenen vortrefflichen und unübertroffenen Eigenschaften, -und es schien überhaupt, als ob ihre tolle -Lustigkeit in dem Verhältnisse stiege, wie die Fluth in -der zwischen ihnen stehenden oder vielmehr immer hin -und her gehenden Flasche ebbte.</p> - -<p>»Ugh!« rief endlich der Eine, als er eben wieder -seinen Becher füllen wollte und nun zu seinem Entsetzen -fand, daß die Flasche, die er gerade erst gegen -das Licht gehoben und welche danach wohl noch -anderthalb Becher halten mußte, kaum einen guten -Schluck mehr her gab – »was das? Uiski drin und -kommt nicht aus.«</p> - -<p>Er drehte, während sich der Andere neugierig und -<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a> -bestürzt zu ihm hinüber bog, die Flasche um und entdeckte -hier zu seiner, ihm nichts weniger als angenehmen -Ueberraschung die eingedrückte Höhlung.</p> - -<p>»<em class="ge">Wah!</em>« rief er erstaunt aus – »groß Loch hier -– weißer Mann hat groß Loch in Flasche – ugh – -schlecht – Indianer kriegt Flasche voll – in Loch -nichts.«</p> - -<p>»Ugh – schlecht!« stimmte der Andere bei und -bezeugte durch ein den Gaumenlaut begleitendes -Kopfnicken, daß er ganz vollkommen derselben -Meinung und eben so mit der gethanen Aeußerung -einverstanden sei.</p> - -<p>Der Händler erwiederte: »Ei, Indianer, da sieh -Dir nur all die anderen Flaschen an – das <em class="ge">Loch</em> ist in -allen; sie halten nun einmal so ihr Maß und sind -danach eingerichtet; wäre das Loch nicht, würde die -ganze Flasche kleiner sein.«</p> - -<p>»Ist nicht nöthig,« brummte der Sprecher wieder; -»weißer Mann hat Felle gekriegt, ganz – blos Kugelloch -drin – Kugelloch kann wieder gemacht werden -– weißer Mann muß das Loch auch machen!« Und -er hielt, in deutlicher Erklärung dessen, was er -meinte, dem Händler die Flasche verkehrt hin, damit -dieser solcher Art und gewissenhaft das Versäumte -nachholen könne.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a> -»Ha, ha, ha!« lachte der aber – »das ist eine -verdammt komische Zumuthung – wie käm' ich denn -dazu oben und unten einzuschenken – Ihr habt -ohnedies beide gerade so viel in Euch hinein gegossen, -wie Ihr bequemer Weise tragen könnt.«</p> - -<p>»Schad nichts,« brummte der zweite Indianer und -deutete dabei auf die Flasche – »Loch wieder machen!«</p> - -<p>»Ei nun, wenn Ihr's nicht anders wollt,« lachte -der Händler und sprang, nach der Flasche greifend, -von dem Ladentische, »so kommt mir's auf die paar -Tropfen auch nicht an – hier Kickapoo – halt denn -einmal die Flasche – aber steh fest – Donnerwetter, -Bursche, Dir ist ja der Trunk schon jetzt in den Kopf -gestiegen, und willst noch immer mehr haben?«</p> - -<p>»Schad nichts,« grins'te der Wilde; »sehr gut, -<em class="ge">mehr</em> – viel besser Wort wie <em class="ge">weniger</em> – <em class="ge">weniger</em> -schlechtes Wort.«</p> - -<p>»Also auch nicht weniger heiß – weniger Hunger -– weniger <em class="ge">Durst</em>?« lachte Smith, während er sich -zum Fasse nieder bog.</p> - -<p>»Nein, nein!« rief der Kickapoo, und seine Augen -verschlangen schon jeden einzelnen Tropfen, der ihnen -noch zugemessen wurde – »immer <em class="ge">mehr</em> Durst – -Durst viel gut – sehr viel gut!«</p> - -<p>Das »Loch« hatte freilich nicht so viel gegeben, -<a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a> -als die Beiden erwartet haben mochten; denn sie -hielten den Inhalt, nachdem sie ihn vorher in den -Becher ausgeschüttet, lange Zeit zwischen sich und -schwatzten viel und eifrig in ihrer eigenen Sprache -mit einander; endlich aber leerten sie ihn doch, und -als der Händler hiernach unerbittlich blieb, ihnen -<em class="ge">noch</em> mehr auszufüllen, holte Einer von ihnen ein -kleines zusammengerolltes Päcktchen aus seiner Decke -vor, das er aufwickelte und ein fein gegerbtes Otterfell -zum Vorscheine brachte. Es war augenscheinlich, -sie hatten dieses im Anfange nicht um Whiskey hingeben, -sondern vielleicht irgend andere Bedürfnisse, -vielleicht für die Squaw<span class="top">[11]</span> daheim, die derlei Arbeiten -auch gewöhnlich verfertigen, eintauschen wollen; -die furchtbare Gier aber, die der rothe Sohn der -Wälder – einmal verführt – nach dem für ihn so -verderblichen Genuß des Feuerwassers nährt und hegt, -ließ den Kampf, den in ihrer Brust wahrscheinlich -jetzt noch das bessere Gefühl kämpfte, einen sehr -kurzen sein.</p> - -<p class="ci fss">[11]: Squaw, indianische Frauen.</p> - -<p>Der Indianer warf das Fell, das der Amerikaner -sorgfältig prüfte, auf den Ladentisch und verlangte im -Anfange »halbe Flasche Uiski – nachher anderes« – -<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a> -dafür – sie wollten nur einen Theil des anvertrauten -Gutes vertrinken. <em class="ge">Mit</em> dem Genusse stieg aber -auch die Gier danach, und Becher nach Becher voll -ließen sie sich von dem kopfschüttelnden und keineswegs -ganz damit einverstandenen Krämer nachgießen, bis -auch der letzte Cent vertrunken worden und die unersättlichen -Kehlen dennoch <em class="ge">mehr</em> verlangten.</p> - -<p>»Mehr Uiski!« lallte jetzt der Eine mit stieren, glanzlosen -Augen und streckte den einen Arm mit der Flasche -dem Amerikaner entgegen, während er mit dem anderen -den schwankenden Körper am Ladentische zu stützen suchte -– »mehr Uiski – Fell ein Flasche mehr werth.«</p> - -<p>»Ihr bekommt <em class="ge">keinen</em> Whiskey mehr!« sagte -aber, und zwar auf das bestimmteste, der Händler; -denn er fürchtete nicht mit Unrecht den wilden zügellosen -Geist seiner Gäste, der sich, so friedlich sie auch -im nüchternen Zustande sein mochten, im trunkenen -nur zu oft die Bahn brach und dann zu allem Schlimmen, -fähig war – »Ihr Zwei habt mehr getrunken, -als Sechsen zuträglich gewesen wäre, und es ist besser -jetzt, Ihr legt Euch ein paar Stunden aufs Ohr, -Euren Rausch auszuschlafen.«</p> - -<p>»Rausch? ausschlafen?« lallte der älteste der Beiden, -indem er die Flasche am Halse ergriff und in die -Ecke schleuderte, daß sie in tausend Scherben zerbrach -<a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a> -– »hahahaha! weißer Mann – mehr, Po-co-mo-con -nüchtern wie junges Waschbär – weißer -Mann, trunken – wackelt hin und her wie junge -Birke – hahaha – mehr Uiski – Blaßgesicht – -mehr Uiski – bei <em class="ge">Gott</em>!«</p> - -<p>»Ihr bekommt keinen Tropfen mehr,« sagte der -Händler und deutete nach der zerschmetterten Flasche -– »seid Ihr <em class="ge">gute</em> Indianer? thun das <em class="ge">gute</em> Indianer? -thun das nüchterne Waschbären? Packt Eure -Siebensachen zusammen, und ich will Euch nebenan -in mein Waarenhaus bringen, da könnt Ihr bis zum -Morgen ausschnarchen, und morgen früh sollt Ihr -dann auch noch Jeder einen Becher voll auf den Weg -haben – seid Ihr damit zufrieden?«</p> - -<p>»Ja!« sagte der Aelteste, »ja, sehr gut, Becher -voll, sehr gut – aber <em class="ge">gleich</em> trinken – <i>dam</i> morgen, -morgen anderen.«</p> - -<p>»Du bist gescheidt – nein, schlaft nur erst aus,« -lautete die Antwort.</p> - -<p>»<i>Go to hell!</i>« knurrte jetzt gereizt der Jüngere – -»Bleichgesicht <i>cheats</i> – betrügt rothen Mann – Bleichgesicht -thut nichts umsonst.«</p> - -<p>»Würde schon Uiski geben,« lallte der Andere -schluckend, »wenn wüßte – hick – wenn wüßte, was -ich weiß – hick!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a> -»Möglich!« sagte Smith lakonisch.</p> - -<p>»Nich <em class="ge">möglich</em>!« rief, durch die Ruhe des Weißen -gereizt, der Indianer; »nich – hick – nich möglich, -<em class="ge">gewiß</em>! Indian weiß großes Geheimniß für weißen -Mann, <i>dam you</i> – hick – großes Geheimniß von -Konzas – hick – aber Uiski, mehr Uiski.«</p> - -<p>»<i>No, you d'ont!</i>« lachte der Händler, der nicht -anders glaubte, als der Wilde mache ihm hier etwas -weiß, um nur noch einen Becher voll Whiskey heraus -zu pressen; »Du behältst Dein Geheimniß und ich meinen -Whiskey, das wird das Gescheidteste sein.«</p> - -<p>»<i>Dam you!</i>« brummte der Wilde; »Ihr gebt -ganz Faß voll – hick – vor Geheimniß – weißer -Mann – hick – ugh – ganz zwei Faß voll – hick -– weißer Mann unter Indian – ugh – sieht gut -– hick – sieht gut aus – hick – großer Krieger – -hick – hahahaha – wohl auch Faß voll werth – -hick?«</p> - -<p>Der Jüngere, der doch nicht so ganz trunken sein -mochte, als sein älterer Gefährte, und vielleicht eine -Art Ahnung hatte, wie Jener durch sein Schwatzen -sie beide in Unannehmlichkeiten verwickeln könne, ergriff -seinen Arm und suchte ihn fort zu ziehen; der -aber stieß ihn mit mürrischem Fluche von sich.</p> - -<p>»<i>Dam you!</i> – mehr <em class="ge">Uiski</em> – <em class="ge">haih!</em>« Und -<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a> -sein gellender Schlachtschrei tönte die ganze Straße -hinab, daß die Kinder im Spielen aufhörten und die -Einzelnen, die in dem mehr und mehr anbrechenden -Abend noch draußen vor den Thüren weilten, überrascht -die Köpfe hoben, dem unheimlichen Tone, der -vielleicht bei Manchem gar trübe Erinnerungen in's -Gedächtniß zurück rief, zu lauschen.</p> - -<p>Smith war aber auch aufmerksam geworden – -ein Weißer unter den Indianern <em class="ge">als</em> Indianer – -denn etwas Aehnliches schien unfehlbar die wirre Rede -anzudeuten – er wußte selbst nicht, woher es kam, -aber fast unwillkürlich zuckte ihm der Gedanke an -Mrß. Rowland durch den Kopf, und er beschloß jetzt, -jedenfalls dieser Spur so rasch als möglich zu folgen.</p> - -<p>»Hallo Indian – ist das wahr, was Du da -sprichst?« redete er diesen an und trat, um den Ladentisch -herum, auf ihn zu.</p> - -<p>»Aha« – grins'te die Rothhaut – »hat Po-co-mo-con -Recht? – hick – Bleichgesicht gäb ganz -Faß voll – hick – für – hick – für Geschichte – -hier Becher.«</p> - -<p>Smith füllte kopfschüttelnd den Becher aus einem -auf dem Ladentische stehenden Krug und schaute dabei -forschend und von der Seite den Indianer an – der -aber hatte des Guten schon zu viel gethan – mit -<a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a> -gläsernen Augen und mattem Lächeln hob er das Gefäß -noch einmal an die Lippen – aber er vermochte schon -nicht mehr zu schlucken.</p> - -<p>»Hick!« lallte er, und der Whiskey strömte über seine -braune Brust und das blutige Hemd – »hick – weißer -Mann, gut – hick – Uiski besser – hick – sehr -bess – er – hick!«</p> - -<p>Und der Becher entfiel seiner Hand – Po-co-mo-con -that einen Schritt vor, um sich im -Gleichgewichte zu halten, glitt auf dem nassen Boden -aus und wäre, hätte ihn der Händler nicht noch gefaßt, -auf die Erde niedergeschlagen. Aber an Red'-und-Antwort-stehen -durfte er an diesem Abend nicht -mehr denken, selbst der Jüngere schien so trunken, -oder stellte sich wenigstens so, um vielleicht den Fragen -zu entgehen, daß auf eine vernünftige Antwort -bei allen Beiden nicht mehr zu hoffen war. Smith -also that das Einzige, was er unter diesen Umständen -thun konnte – er schleppte die Bewußtlosen, da es -unterdessen überhaupt fast dunkel geworden, ohne -Weiteres in ein neben seiner Wohnung leer stehendes -kleines Gebäude, das er zugleich mit als Waarenlager -benutzte, warf sie hier auf eine Parthie Hirsch- -und Bärenhäute, die in der einen Ecke ausgebreitet -lagen, und verließ sie hier hinter vorsichtig verschlossener -<a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a> -Thür, mit dem festen Entschlusse, sie am -nächsten Morgen nicht eher ziehen zu lassen, bis -sie auf das genaueste gebeichtet hätten, wie es mit -dem Weißen unter den Indianern stand, und ob sich -die Sache wirklich so verhielt, wie er jetzt noch -glaubte.</p> - -<p>Als aber der nächste Morgen kam und Smith mit -dem Frühesten in der Absicht hinüberging, seine Gefangenen -zu wecken, fand er zu seinem unbegrenzten -Erstaunen das Nest schon leer und von den Indianern -keine Spur; ja, bei näherer Untersuchung ergab sich -sogar, daß sie durch eine Ecke des niederen Daches, -wohin sie auf den rauhen Balken leicht gelangen -konnten, ausgebrochen seien und ihm zwei vortrefflich -geräucherte Hirschkeulen, für die er erst gestern per Stück -einen silbernen Viertel-Dollar bezahlt, als Zehrung -mitgenommen hatten. Der Verlust der Keulen schmerzte -ihn aber am wenigsten; sie hatten getrunken, und er -würde ihnen auch gern zu essen, ja, die Keulen vielleicht -mit auf den Weg gegeben haben, wenn er nur -gewußt hätte, wie es mit dem »Geheimniß« stand. -Der Wunsch blieb aber Wunsch, und wenn er auch im -ersten Augenblick an eine Verfolgung dachte, so gab -er den Gedanken gleich wieder als unausführbar auf; -denn daß die Wilden sich alle Mühe geben würden, -<a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a> -<em class="ge">keine</em> Fährten, wenigstens keine sichtbaren zu hinterlassen, -ließ sich denken.</p> - -<p>Was aber nun thun? Smith zerschnitzte in allem -Brüten und Nachdenken ein paar Stücke Holz, die -ihm bei ruhigem Blut einen ganzen Tag gehalten -hätten, und kam immer noch zu keinem Resultat; denn -Mrß. Rowland etwas von der gefundenen Spur zu -sagen, ohne ihr eine Gewißheit geben zu können, -wäre grausam gegen die arme alte Frau gewesen, die -nachher in, vielleicht nicht einmal befriedigter, Hoffnung -vergangen wäre. Denn ließ es sich nicht denken, -daß der lügnerische Wilde doch am Ende nur ein -Märchen erfunden haben konnte, um noch einen -Schluck Whiskey zu erpressen? Aber der Andere, sein -jüngerer Gefährte, war augenscheinlich bestürzt geworden, -als der Aeltere das Thema berührte – ha -– da ging ein Mann vorüber, der ihm, gerade hierin, -gar nicht erwünschter hätte kommen können.</p> - -<p>»Heda, Tom – oh, Tom!« rief er, rasch in die -Thür tretend.</p> - -<p>»Hallo, Smith, was giebt's so früh?« nickte ihm -der Angerufene freundlich hinüber; »guten Morgen! -schon ausgeschlafen?«</p> - -<p>Er ging zu dem Hause hinüber und blieb in der -Thür, auf seine Büchse gestützt, stehen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a> -Tom Fairfield war eine kräftige, edle Gestalt, -ein echter Hinterwäldler, Jäger mit Leib und Seele, -und nie zufriedener, als wenn er draußen in seinem -Walde einer Fährte folgen oder eine Falle stellen -konnte. Er schien auch jetzt wieder unterwegs, trug -die Büchse in der Hand, den leichten spanischen Packsattel -und Zaum auf der Schulter, um sein Pferd -draußen im Busche zu suchen und zu besteigen, und -hatte die wollene Decke übergeschnallt, um da zu -lagern, wo ihn die Nacht gerade überraschen würde.</p> - -<p>»Hört, Tom,« sagte aber Smith mit einem weit -ernsthafteren Gesicht, als das sonst seine Sache war, -und zog dabei den jungen Mann in den Laden herein -– »Ihr seid doch mit Rowland's gut bekannt – -nun, braucht nicht roth zu werden, mein Junge – -hier, nehmt einmal einen Schluck, es ist Dogwood -und Cherry Bitteres und wird Euch in dem Thaue -heute Morgen gut thun – das ganze Städtchen weiß -ja doch, daß Ihr Rosy auf unmenschliche Art den Hof -macht.«</p> - -<p>»Unsinn, Smith!« sagte Tom Fairfield und leerte, -seine Verlegenheit zu verbergen, das dargebotene Glas -auf Einen Zug.</p> - -<p>»Bah, Mann!« rief aber dieser, »was wollt Ihr -da noch läugnen? Aus bloßer Freundschaft versorgt -<a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a> -Ihr nicht die ganze Wirthschaft mit Feuerholz, Wild -und Mühlereiten für die Leute, das sollt Ihr mir -nicht weiß machen.«</p> - -<p>»Und wen hätten denn die allein stehenden -Frauen ...«</p> - -<p>»Ach, papperlapap – das sind Redensarten und -thun hier auch nichts zur Sache. Rosy ist ein liebes, -gutes Mädchen, und Ihr seid ein hübscher junger -Kerl, ein guter Jäger und – wenn es sein muß – -auch ein guter Arbeiter; was sollte Euch also hindern, -selber Wirthschaft anzufangen? Doch hier ist etwas, -um das ich Euch fragen will – wollt Ihr Rowland's -einen großen, einen sehr großen Dienst leisten?«</p> - -<p>»Rowland's, was ist es, sprecht!« rief Tom, -augenscheinlich bestürzt über die Feierlichkeit des -Mannes: »steht es in meinen Kräften?«</p> - -<p>»Das müßt Ihr selbst beurtheilen,« sagte Smith -und machte ihn nun in kurzen Worten mit dem bekannt, -was er sowohl gestern Abend von den Indianern -gehört, wie auch, was er selber über die Sache -denke. Fairfield hörte ihm schweigend und mit der gespanntesten -Aufmerksamkeit zu, er schien jedes Wort -von den Lippen des Redenden zu nehmen, und nickte nur -manchmal, wenn der Händler irgend etwas äußerte, -das seinen Ideen begegnete, leise mit dem Kopf.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a> -»Und Ihr glaubt, daß Mrß. Rowland's Sohn -unter den Konzas lebe?« sagte er endlich, als der -Händler schwieg, und sah diesen fragend an.</p> - -<p>»Lieber Gott,« meinte Smith, »man weiß wahrhaftig -nicht, <em class="ge">was</em> man glauben soll; lebt aber wirklich -Einer dort <em class="ge">als</em> Indianer, und die Rede des -trunkenen Schufts läßt mich das in der That vermuthen, -ei, warum sollte es denn nicht eben so gut der -junge Rowland, wie irgend wer anders sein können? -Es käme auf die Reise an; die ist aber allerdings keine -Kleinigkeit, und ein Mann, wie Ihr gerade seid, gehört -dazu, ein so kühnes Wagniß auszuführen. Wie -weit glaubt Ihr, daß es bis zum Stamm der Konzas -ist?«</p> - -<p>»Auf die Entfernung kommt es da nicht so an,« -sagte sinnend der junge Jäger, »aber der Stamm der -Konzas ist groß und weit verbreitet; die Indianer -werden dabei, wenn sie es wirklich wissen, nicht so gesprächig -über einen Fall sein, der sie vielleicht in gefährliche -Berührungen mit ihren weißen Nachbarn -bringen könnte.«</p> - -<p>»Wie alt wäre denn der Junge jetzt?« fragte -Smith.</p> - -<p>»Fünfundzwanzig Jahre; Mrß. Rowland sprach -noch gestern von ihm und sagte, sein Geburtstag sei -<a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a> -an dem Tage gewesen; aber,« setzte er leiser hinzu, -»sie dürfte keine Sylbe davon erfahren, die Angst und -Erwartung würde sie tödten.«</p> - -<p>»Das ist's ja eben, was mir so im Kopf herumgegangen,« -meinte Smith, »und deßhalb war mir -Euer Anblick heute so willkommen; <em class="ge">die</em> Freude aber, -wenn Ihr mit ihm zurückkehrtet. ...«</p> - -<p>Auch vor Tom's innerem Geiste schien ein derartiges -Bild vorüber zu schweben, er lächelte still vor -sich hin und strich sich dann mit der Hand leicht über -die Stirn.</p> - -<p>»Smith,« sagte er und bog sich zu ihm hinüber, -»Ihr scheint Euch für die Leute zu interessiren, und -das freut mich von Euch. Ihr wißt aber nicht, Ihr -könnt das nicht gut wissen, <em class="ge">wie</em> glücklich <em class="ge">mich</em> die -Erfüllung dieses heißen Seelenwunsches der armen -alten Frau machen würde, und schon deßhalb bin ich -Euch zu unendlichem Danke verpflichtet, daß Ihr mir -auch nur eine Aussicht auf die mögliche Verwirklichung -dieser Hoffnung gebt. – Ich gehe zu den Konzas, -und das noch in dieser Stunde!«</p> - -<p>»Was! jetzt gleich?« rief Smith erstaunt, »das ist -ja aber gar nicht möglich! Zu einer Reise von wenigstens -120 Meilen müßt Ihr Euch doch wahrhaftig -mehr vorbereiten, als wenn Ihr bis an den nächsten -<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a> -Wasser-Cours einen Bären oder Hirsch schießen -geht!«</p> - -<p>»Weßhalb?« lachte Tom, »ob ich acht Tage hier -in der Nähe oder irgend eine Strecke weiter entfernt -auslagere, bleibt sich das nicht gleich? Im Walde bin -ich doch, und was sollt' ich sonst zu meiner Bequemlichkeit -noch mitnehmen?«</p> - -<p>»Doch wenigstens Provisionen.«</p> - -<p>»Die liefert mir der Wald selber, meine Decke -habe ich auch bei mir und mein Kopfkissen« – er -deutete dabei lachend auf den Sattel –, »und was -braucht's da mehr.«</p> - -<p>Kurz, trotz aller Vorstellungen des Händlers ließ -sich Tom Fairfield nicht mehr von dem einmal beschlossenen -Zug abbringen, und alles, wozu er bewogen -werden konnte, war wenigstens ein Stück Speck -und Maisbrod und etwas gemahlenen Kaffee mit in -seine Decke zu wickeln, und zwar den Speck, um etwas -Fettes zu dem sonst trockenen Hirsch- und Truthahnfleisch -zu haben. Eine halbe Stunde später nahm er -von dem Händler herzlichen Abschied, bat ihn noch -einmal, nicht eine Sylbe über die Sache, selbst nicht -gegen seine Frau zu erwähnen (bei welchem Gedanken, -daß er nämlich seiner Frau ein Geheimniß anvertrauen -werde, Zacharias Smith in ein lautes Gelächter -<a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a> -ausbrach), und war zehn Minuten später, auf dem -kleinen Waldpfad rüstig dahin schreitend, gerade da in -dem Holze verschwunden, wo ein niederes Dickicht -von Sassafras und Dogwood ihn rasch den Blicken -des Nachschauenden entzog.</p> - -<p>Smith stand noch eine ganze Weile dicht neben -seinem Hause, von wo er den freien Platz nach dem -Walde zu übersehen konnte, und erst dann, als der -junge Mann schon lange, lange in den Büschen verschwunden -war, und die freundlich, hinter ihm über -dem Wald aufsteigende Morgensonne seinen eigenen -Schatten weit und geisterhaft über den Hof und im -Zickzack über die Lattenfenz warf, kehrte er plötzlich -rasch in den Laden zurück, öffnete die hintere Thür -und rief in die Küche hinaus:</p> - -<p>»Mrß. Smith!«</p> - -<p>»Sir!« lautete die Antwort.</p> - -<p>»Wenn Jemand nach mir fragen sollte, ich bin -hinüber nach Cowley's gegangen.«</p> - -<p>Und Zacharias Smith schritt, die Hände nachdenkend -auf dem Rücken gekreuzt, langsam die Straße -hinunter, dem bezeichneten Hause zu.</p> - -<p>»Hm!« sagte gleich darauf Mrß. Smith, und -ihre scharfe, von der Kamingluth jetzt etwas echauffirte -Nase wurde zwischen zwei ärgerlich blitzenden -<a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a> -grauen Augen sichtbar. »Hm – bin zu Cowley's -gegangen – das ist immer so die Art, wenn Jemand -nach mir fragt, ich bin zu Cowley's gegangen, und -die Frau geht nie zu <em class="ge">Cowley's</em>, die kann zu Hause -sitzen und die Wirthschaft besorgen und alle Augenblicke, -wenn Jemand kommt, in den Laden springen. -Na, <em class="ge">das</em> Leben hätt' ich satt. Und was jetzt nun -wieder im Wind ist – mein Mann heute Morgen -vor Tagesanbruch aufgestanden – das ist vor seinem -Ende – und diese Geheimnißkrämerei mit der Mrß. -Rowland. – Oh, ich hab' es wohl gehört, mein -guter Mr. Smith« – und sie wandte sich in triumphirendem -Hohn der Himmelsgegend zu, in der sie -ihren Ehegatten jetzt vermuthete – »Mrß. Smith hat -keine Baumwolle in den Ohren, wenn sie etwas hören -<em class="ge">will</em> –, <em class="ge">Mrß. Rowland sprach von ihm und -sagte</em> – und der <em class="ge">junge Rowland unter den -Indianern</em> – und Mr. <em class="ge">Tom hingeschickt, -ihn zu holen</em> – oho, Mr. Smith, so <em class="ge">ganz</em> auf -den Kopf sind wir denn doch nicht gefallen, daß wir -uns da nicht unser Theil heraus studiren könnten. -Also haben sie den Jungen endlich gefunden – ein -schöner Strick wird das geworden sein – und mein -Mann steckt mit in der Geschichte drin - giebt sich so -jetzt immer mit den ekelhaften Indianern ab – heiliger -<a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a> -Gott, war das gestern Abend wieder ein Scandal -und Flaschenzerschmeißen! Der fromme Vater Billygoat -wird schön mit dem Kopf schütteln, wenn ich -ihm das erzähle. – Und ich erfahre kein Wort von -der ganzen Geschichte – o Gott bewahr! seiner ihm -ehelich angetrauten Frau sagt der saubere Herr kein -Sterbenswörtchen, aber zu Cowley's geht er hinüber. -Mr. Cowley und Mrß. Cowley, die müssen ihren -Senf dazu geben, zu jeder Neuigkeit, und ihre Finger -in jeden Kuchen stecken. Aber warten Sie nur, Mr. -Smith, warten Sie nur, <i>my dear Sir</i>. <em class="ge">Der</em> Sache -komme ich auf den Grund, und wenn ich zu Mrß. -Rowland selber hingehen sollte, mich zu erkundigen -– tausend Mal hab' ich mir's gefallen lassen, jetzt -aber hat meine Geduld ein Ende, und nun will ich -doch sehen, ob ich mit <em class="ge">meinem</em> Kopf nicht durch eine -eben so dicke Wand durchdringen kann, wie Mr. Smith -mit dem seinigen.«</p> - -<p>Und mit diesem löblichen Vorsatz tauchte sie urplötzlich -wieder in ihre Küche unter, und ließ die -blechernen Kaffeekannen und eisernen Pfannen und -Töpfe, die rings an den Wänden herum hingen und -standen, in unbegränztem Erstaunen über die so schöne -und mit solcher Lebhaftigkeit gehaltene Rede allein -zurück.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_256" title="256"> </a> -Wenn aber auch Mrß. Smith in der ersten Aufregung -gekränkter Wißbegierde einen so verzweifelten -Entschluß gefaßt haben konnte, der Mrß. Rowland -geradezu ins Haus zu rücken und eine Mittheilung -von dem zu verlangen, ja, zu fordern, was sie mit -ihrem ehelich verbundenen Gatten an Geheimnissen -zu verhandeln habe, so schien sie doch bei kälterem -Blute auch gemäßigteren Empfindungen Raum zu -geben und versuchte erst einmal ihr Ueberredungs-Talent -an dem Gatten selber. Der aber blieb zwölf -volle Tage taub und stumm sowohl gegen die Plänkeleien -versteckter Anspielungen, wie gegen das schwere -Geschütz directer Fragen, und da auch in dieser ganzen -Zeit Tom Fairfield sich nicht wieder in Boonville -sehen ließ, ja, hier und da schon Besorgnisse laut -wurden, ob ihm nicht gar etwas zugestoßen sein -könne, kein Mensch aber Aufschluß über seine unerklärliche -lange Abwesenheit zu geben wußte, so -konnte sie ihre Neugierde nicht länger zähmen und -beschloß nun wirklich, Mrß. Rowland – sie war ihr -das ja doch aus nachbarlichen Rücksichten schuldig – -einmal freundlich zu besuchen. Sie fühlte sich dabei -fest überzeugt, es würde ihr, einmal im Geleise, -nichts weniger als schwer werden, einen kleinen Ueberblick -über die näheren, jedenfalls höchst interessanten -<a class="pagenum" id="page_257" title="257"> </a> -und jetzt so geheim gehaltenen Verhältnisse zu bekommen.</p> - -<p>Der vierzehnte Tag nach dem Aufenthalt der -beiden Indianer in Boonville war es, und der erste im -Monat September zugleich, der sich aber mit schwülen -Gewitterwolken angekündigt hatte und die trüben, -schweren Nebelmassen bald in zerrissenen grauen -und schwarzen Streifen, bald in compacten, wetterschwangeren -Schichten über die ächzende, schwankende -Waldung von Ost nach West stürmisch hinüberjagte.</p> - -<p>Mrß. Rowland saß in ihrem Stübchen, warm -eingehüllt in Betten und Tücher, auf einem rohgearbeiteten, -aber bequemen Sorgenstuhl, denn der Wind -strich heute trotz der sonst eigentlich sehr warmen -Jahreszeit frisch und erkältend über die Lichtung hin, -und die alte Frau hatte sich gerade in den letzten -Tagen wieder unwohler gefühlt, als seit langer Zeit. -Zu ihren Füßen saß Rosy, das liebe, holde Kind, -leise den linken Arm auf der Mutter Knie gestützt, -und in der Rechten das kleine, zierlich gebundene -Testament haltend, aus dem sie der mit geschlossenen -Augen und gefalteten Händen aufmerksam lauschenden -Frau die herrlichen Worte der Bergpredigt, die -süßen Trost und heilige Zuversicht athmende Rede -Christi las.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_258" title="258"> </a> -Sie hatte eben ein Capitel beendet, und eine -Thräne glänzte in ihrem Auge, als sie das Buch -senkte und zu dem bleichen, abgezehrten, kummerschweren -Angesicht ihrer <em class="ge">mehr</em> als Mutter emporschaute -– leise berührte sie ihre Hand und flüsterte:</p> - -<p>»Soll ich weiter lesen, Mutter?«</p> - -<p>»Laß es jetzt, liebes Kind,« sagte die Matrone -und legte schmeichelnd die abgezehrten Finger auf das -gescheitelte Haar der Jungfrau – »laß es, Du hast -Dich schon zu viel angestrengt und auch noch andere -Sachen zu thun, die ebenfalls gethan sein müssen – -wie wär's denn, wenn Du einmal zu Cowley's hinüber -gingest und ihn bätest, uns seinen Neger auf -ein halb Stündchen zu schicken, daß er etwas Feuerholz -zum Hause schaffte – nur ganz wenig – Tom -kommt gewiß heute wieder.«</p> - -<p>»Es ist Feuerholz in Menge da,« sagte Rosy -schnell: »ich ging, weil wir doch gestern Abend das -letzte hereingeschafft, heute Morgen recht früh in den -Wald und holte einen Arm voll, um die Suppe für -Dich zu kochen, und als ich wieder kam, hatte Mr. -Cowley schon seinen Tim mit einer ganzen Wagenladung -voll herübergesandt und ging eben daran, es in -Kaminlänge zu hauen. Er hat mir auch ein großes Rückstück -hereingetragen; Du schliefst nur noch, Mütterchen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_259" title="259"> </a> -»Cowley's sind brave Leute,« flüsterte die Matrone, -»Gott vergelte es ihnen! Es ist doch bös, -wenn man so ganz allein in der Welt steht – keinen -Sohn – keinen Freund ....«</p> - -<p>»Mutter!« bat mit vorwurfsvollem Tone Rosy.</p> - -<p>»Du hast Recht, mein Kind, ich bin vielleicht ungerecht -gegen Tom Fairfield gewesen und – doch wenn -auch er nun nicht wiederkehrt – wenn auch er nun – –. -Sei nicht böse, mein Kind,« unterbrach sie sich selber -nach ziemlich langer Pause, »Du weißt selber, wie -trüb und traurig mir gerade an dem heutigen Tage -zu Muthe sein muß, dem Jahrestage jenes fürchterlichen -Morgens – ich sehe da Alles schwärzer, als -es vielleicht wirklich ist, und begreife dann manchmal -fast selber nicht, wie es möglich war, daß ich – -ich – alte schwache Frau sie, die Kräftigen alle, alle -überleben mußte. O, es ist recht hart, nicht sterben -zu können, weil man nicht weiß, ob man nicht doch -noch das Liebste – das eigene Kind – allein zurückläßt -in der Welt – es ist recht hart, nicht leben zu können, -weil das arme Herz die Sehnsucht nach den -Lieben, wenn sie wirklich schon vorangegangen, -verzehrt.«</p> - -<p>»Mutter!« bat die Tochter, stand auf, barg ihr -Antlitz auf der Schulter der Kranken und flüsterte mit -<a class="pagenum" id="page_260" title="260"> </a> -leiser, von Thränen fast erstickter Stimme: »Wenn -ich Dir auch den Sohn nicht ersetzen kann, lieb habe -ich Dich ja doch wie meine eigene Mutter.«</p> - -<p>Mrß. Rowland antwortete nichts, aber fest und -liebend schlang sie die Arme um das blühende Kind -und hielt es lange und fest an ihrem Herzen.</p> - -<p>Da klopfte es ziemlich lebhaft an ihre Thür, und -froh erschreckt und mit freudestrahlenden Augen sprang -Rosy empor und eilte, zu öffnen; auch Mrß. Rowland -richtete sich etwas in ihrem Stuhle auf und -schaute mit lebhafterem Blicke dorthin, denn das -Klopfen war ganz so, wie Tom Fairfield bei ihnen -anzupochen pflegte – und wie lange schmerzliche -Tage hatte Rosy auf das Pochen umsonst und mit -immer wachsender Angst und Sorge geharrt!</p> - -<p>Rasch und mit vor Freude zitternder Hand zog sie -den Pflock zurück, der, einfach von innen vorgesteckt, -die Thür verschloß, und öffnete rasch – ein schmerzlich -erstauntes »<em class="ge">Ach</em>« entfuhr aber ihren Lippen, und -auch Mrß. Rowland wandte sich enttäuscht ab und -sank wieder mit leisem Seufzer in ihre Kissen zurück, -als das zwar gutmüthige, aber doch scharfe und gerade -heut gewiß nicht willkommene Angesicht der -Mrß. Smith auf der Schwelle sichtbar wurde. An -ein Abweisen war aber gar nicht mehr zu denken – -<a class="pagenum" id="page_261" title="261"> </a> -die Lady sah die Bresche kaum offen, als sie auch mit -löblichem Eifer herein stürmte, sich augenblicklich -einen Stuhl neben Mrß. Rowland rückte und dann -zwischen tausend Entschuldigungen, daß sie hier so -ohne alle Anmeldung hereinbreche, daß aber das -Wetter sie gerade überrascht habe, weil es eben an -zu regnen fange, und daß sie nach Cowley's eigentlich -hinüber gewollt, sich aber die Freude unmöglich -habe versagen können, diese Gelegenheit, wo sie gerade -in der Nähe sei – sie wohnte überhaupt kaum -fünfhundert Schritte von Mrß. Rowland entfernt –, -einmal zu benutzen und zu sehen, wie es der »lieben, -lieben Kranken« denn eigentlich gehe.</p> - -<p>Mrß. Rowland antwortete auf alles das mit leiser -Stimme und bündigster Kürze; sie hoffte vielleicht -dadurch, daß sie Mrß. Smith keinen Anlaß zu einer -Unterhaltung gab, den Besuch etwas abzukürzen. -War das aber wirklich ihre Ansicht gewesen, so kannte -sie Mrß. Smith ungemein schlecht, oder traute ihr -wenigstens viel mehr Ungeselligkeit zu, als sie wirklich -besaß. Die gute Dame fragte nur einmal, und zwar -gleich im Anfange, ob sie genire, und als sie darauf -ein höfliches, wenn auch etwas zögerndes <em class="ge">Nein</em> zur -Antwort erhalten, säumte sie auch keinen Augenblick -länger, es sich so bequem als möglich zu machen, legte -<a class="pagenum" id="page_262" title="262"> </a> -ihre Haube und den großen baumwollenen Regenschirm -ab, zog die Halbhandschuhe aus, nahm die kurze Schilfpfeife -aus der Tasche, die sie schon gestopft – oder -geladen, wie Mr. Smith manchmal sagte – bei sich -trug, holte sich im Kamin eine glühende Kohle, und -befand sich, wie sie selber sagte, als sie sich ganz behaglich -auf dem Stuhle zurecht rückte, so wohl und vergnügt -hier, wie zu Hause.</p> - -<p>Mrß. Rowland griff dieses ununterbrochene Auf-sie-einreden, -selbst wenn sie nur wenig oder gar keine -Antwort zu geben brauchte, auf die Länge der Zeit so -an, daß sie endlich bleich und erschöpft in ihren Stuhl -zurück sank und die Augen schloß. Selbst Mrß. Smith -fühlte, daß sie der Kranken erst einige Ruhe wieder -gönnen müsse, gedachte aber dafür indessen mit dem -jungen Mädchen zu beginnen, um damit desto sicherer -ihrem Ziele entgegen zu rücken; denn gerade fragen -mochte sie doch auch nicht.</p> - -<p>»Es wird nun bald lebendiger hier im Hause -werden,« sagte sie, als Rosy der Mutter die Kissen -zurecht gerückt und ihren Platz wieder neben ihr, oder -eigentlich zwischen ihr und der Kranken, um den Zungenschwall -in etwas abzuwehren, eingenommen -hatte: »ja, wo so ein Mann ist, geht die Sache gleich -anders.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_263" title="263"> </a> -Rosy, das arme Kind, erröthete bis tief in das -Halstuch hinein, sah aber auch zu gleicher Zeit erstaunt -zu der Geschwätzigen auf.</p> - -<p>»I nun, Miß,« fuhr Madame – dadurch, daß -sich das junge Mädchen ihrer Meinung nach gar so -gleichgültig stellte, etwas gereizt – fort, »Sie brauchen -nicht so erschrecklich unschuldig zu thun, ich weiß -die ganze Geschichte – bei mir ist's aber auch aufgehoben, -als ob's im Grabe ruhte – von <em class="ge">mir</em> erfährt -wahrhaftig Niemand eine Sterbens-Sylbe.«</p> - -<p>»Aber, beste Mrß. Smith ...«</p> - -<p>»Aber, beste Rosy Baywood – wenn Sie denn -einmal selbst nicht gegen mich davon sprechen wollen, -so habe ich nichts dagegen. Wie lange ist er denn aber -nun schon eigentlich verloren?«</p> - -<p>»Verloren? also glauben auch Sie, daß er verloren -ist?« rief jetzt Rosy in der Angst um den geliebten -Mann – denn auf diesen mußte sie doch natürlich -das Gesagte beziehen.</p> - -<p>»Ist? <em class="ge">gewesen</em> ist, beste Miß,« sagte Mrß. Smith -lächelnd: »und das war ja noch das Glücklichste, was -Sie sich hätten denken können. Aber nach so langer -Zeit einen Menschen unter den entsetzlichen rothen -Wilden wieder zu finden, scheint mir doch wirklich -etwas erschrecklich Merkwürdiges. Was ich doch sagen -<a class="pagenum" id="page_264" title="264"> </a> -wollte: wie lange ist es also her, daß ihn Mrß. Rowland -verloren hat?«</p> - -<p>»Mrß. Rowland?« wiederholte, jetzt wieder ganz -irre gemacht, das junge Mädchen, und die alte Frau, -ob nun durch Nennung ihres Namens aus ihrem -Halbschlaf geweckt, oder schon längst vielleicht den -Worten mit geschlossenen Augen lauschend, wendete -leise den Kopf nach der Redenden und schaute zu ihr -auf. »Mrß. Rowland? ich weiß gar nicht ...«</p> - -<p>»Nun, eine zwanzig Jahre muß es doch gewiß -sein,« fuhr die unverwüstliche Mrß. Smith, der es jetzt -nur darum zu thun schien, die beiden Frauen wissen -zu lassen, sie kenne die ganzen Verhältnisse genau und -sei vollkommen vertraut mit denselben, ruhig fort: -»ich weiß mir's noch recht gut zu erinnern, wie mein -Seliger, John Rosbeard von Connecticut, der auch -damals hier eine Bleimine angelegt oder gefunden -hatte, davon sprach. Aber wenn sie ihn nur vorher -erst abwaschen, ehe sie ihn mit herein bringen – Jesus, -meine Zuversicht! so ein gemalter Mensch ist -doch was Fürchterliches, wenn er blaue Backen, eine -gelbe Nase, rothe Ohren und grüne Lippen hat – -und die Scalpe! Denken Sie sich, Miß Baywood, -wie mir einmal mein Seliger das Scalpiren beschrieb -und seinen Scalp, der ihm doch noch ganz fest und -<a class="pagenum" id="page_265" title="265"> </a> -gesund auf dem Kopfe saß, mir zeigte, fiel ich Ihnen -wahrhaftig um wie ein Stück Holz, so ohnmächtig -wurde ich – wenn sie nur nicht scalpiren wollten! -das Andere ließe man sich noch immer gefallen, aber -das Scalpiren ist fürchterlich.«</p> - -<p>»Mrß. Smith!« rief da plötzlich Mrß. Rowland, -von ihrem Stuhle in Angst und peinlicher Ueberraschung -emporfahrend, denn der Dame Reden, die -so ganz zu dem stimmten, über das sie ja den ganzen -thränenlangen Tag getrauert, trieben ihr das Blut -in rasender Schnelle durch die Adern und machten ihr -Herz fast hörbar klopfen.</p> - -<p>»Mutter,« bat Rosy, die bestürzt der Leidenden -erregten Zustand erkannte und rasch auf sie zusprang, -sie zu beruhigen, »Mutter, es ist ja nur ein Mißverständniß!«</p> - -<p>»Gott bewahre, Mrß. Rowland,« fiel da rasch -die Dame ein, »ich glaubte ja gar nicht, daß Sie es -hören würden; nein, an's Scalpiren wird er nicht -mehr denken, wenn er das auch früher gethan hat, -denn das lassen die erschrecklichen Menschen nun einmal -nicht – es sind ihre Sieges-Trophäen, wie sie's -nennen –; aber Mr. Billygoat wird ihn schon lehren, -was guter und echter Christen Pflicht ist – nein, -es ist doch ein herrlicher Mann, dieser Mr. Billygoat.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_266" title="266"> </a> -»Mrß. Smith,« sagte die Kranke leise, und die -Hand, die Rosy zurück schob, zitterte wie in Fieberfrost, -»<em class="ge">wer</em> wird nicht mehr an's Scalpiren denken? -<em class="ge">wer</em> trägt die Farben und Abzeichen der Wilden – -<em class="ge">wer</em> – großer Gott, die ganze Stube dreht sich mit -mir – <em class="ge">wer</em> war verloren – zwanzig Jahre – und -ist – und ist wieder gefunden?«</p> - -<p>»Aber, liebe Mrß. Rowland,« lächelte gutmüthig -die würdige Kaufmannsfrau, »was thun Sie denn -nur gegen <em class="ge">mich</em> so geheimnißvoll? ich weiß ja die -ganze Geschichte – ist denn nicht jetzt eben Tom -Fairfield fort geritten, ihn zu holen? Ich weiß nur -noch nicht bei welchem Stamme er ist, denn den -Namen konnte ich nicht recht verstehen; wenn Sie's -aber nicht wollen, will ich ja auch wahrhaftig mit -keinem Menschenkinde ein Wort darüber wechseln.«</p> - -<p>»Tom Fairfield fort, ihn zu holen – bei welchem -Stamme?« wiederholte die alte Frau mit zitternder, -halblauter Stimme und preßte sich die Stirn zwischen -die eisigen Hände – »heiliger Gott! träume ich -denn, oder bin ich wahnsinnig geworden in Kummer -und Gram?«</p> - -<p>»Nein, ist mir so eine Frau schon vorgekommen!« sagte -Mrß. Smith kopfschüttelnd, aber jetzt doch auch durch -die Aufregung der Kranken etwas besorgt gemacht.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_267" title="267"> </a> -Rosy schrak empor – eine Ahnung dessen, was -geschehen, was vielleicht im Werke sein konnte, zuckte -ihr durch den Sinn, und einen Blick auf die unglückliche -alte Frau werfend, winkte sie ängstlich Mrß. Smith -zu und bat sie durch Zeichen, kein Wort weiter von -dem Begonnenen, was es auch sei, zu erwähnen. -Aber es war zu spät: ehe des Händlers Frau verstand, -was sie sollte, oder ehe sich Rosy zu ihr überbiegen -konnte, sie mit Worten darum zu bitten, hob Mrß. -Rowland wieder den Kopf, und ihr Auge begegnete -in demselben Moment dem ängstlich und bittend auf -die Schwatzhafte gerichteten Blicke der Pflegetochter. -Rasch begriff sie dessen Meinung und wurde dadurch -nur noch mehr in der peinlichen Gewißheit dessen -bestärkt, was sie nicht einmal auszusprechen wagte, -weil sie selbst dadurch schon den Zauber zu zerstören -fürchtete, der ihr jetzt wie in einem süßen, wenn auch -ängstlichen Traume die Sinne förmlich gefesselt hielt. -Wie aber der Wahnsinnige schlau die Wachsamkeit -seines Wächters zu täuschen weiß, so benutzte auch -die Kranke mit fast convulsivischer Hast die Gelegenheit, -der geschwätzigen Frau das Geheimniß, das für -sie Tod oder Leben enthielt, abzulocken.</p> - -<p>»Sie haben Recht, Mrß. Smith,« sagte sie und -versuchte dabei, mit der Qual im Herzen, zu lächeln; -<a class="pagenum" id="page_268" title="268"> </a> -»wir brauchen Ihnen nichts, gar nichts mehr zu verheimlichen.«</p> - -<p>»Sehen Sie, beste Mrß. Rowland,« rief die Dame -jetzt völlig beruhigt, in triumphirender Freude aus, -»das habe ich Ihnen ja auch gleich vom Anfange an -gesagt; aber mein Mann ...«</p> - -<p>»Und Tom Fairfield – ist ausgegangen – ihn -– ihn zu holen – hierher nach Boonville zu holen.«</p> - -<p>»Liebe, beste Mutter,« bat Rosy in ihrer Herzensangst, -denn sie fürchtete nicht mit Unrecht die bösen -Folgen, die solche Aufregung für die Kranke haben -mußte.</p> - -<p>»Laß nur, mein Kind – laß nur,« beruhigte sie -aber die Leidende, »mir ist jetzt vollkommen wohl – -recht wohl, Rosy – und Tom Fairfield, Madame ...«</p> - -<p>»Nun der kann doch wahrhaftig nicht lange mehr -bleiben; aber – nicht wahr – er soll ihn mitbringen?«</p> - -<p>»Ihn? ja – ja wohl – nicht wahr – Sie – -Sie meinen doch ...«</p> - -<p>»Nun, Ihren Sohn!«</p> - -<p>»<em class="ge">Ha!</em>« schrie die alte Frau mit einem Laut, der -den Beiden durch Mark und Seele schnitt – Rosy -warf sich augenblicklich über die zusammenbrechende -Gestalt und rief nur noch mit vorwurfsvoller Stimme: -»O, Mrß. Smith, was haben Sie gemacht, Sie -<a class="pagenum" id="page_269" title="269"> </a> -haben sie getödtet!« Und diese würdige Dame stand -im Anfange selbst zum Tode erschrocken, denn noch -begriff sie den ganzen Zusammenhang nicht, und nur -der Gedanke begann allmählich in ihr zu dämmern, -daß sie doch wohl am Ende einen gewaltig dummen -Streich gemacht und sich selbst in eine äußerst fatale -Sache hinein gearbeitet habe.</p> - -<p>Hierin wurde sie auch bald durch Rosy's Erklärung -bestätigt, und als sie erfuhr, daß sie beide die Ursache -von Tom Fairfield's Abwesenheit gar nicht gewußt -und über den Zweck seiner Sendung keine Ahnung -gehabt, war sie außer sich. Sonst von Herzen seelengut, -und gewiß die Letzte, die irgend einer ihrer Nachbarinnen -– und nun noch besonders der wackeren, -unglücklichen, <em class="ge">kranken</em> alten Frau – mit Willen -weh gethan hätte, wurde ihr der Gedanke unerträglich, -durch ihre Schwatzhaftigkeit, die sie jetzt gar nicht -genug verwünschen konnte, solches Unheil angerichtet -zu haben. Sie wich nun auch nicht von Mrß. Rowland's -Seite, that alles, was in ihren Kräften stand, -Rosy die Pflege zu erleichtern, und beruhigte sich nicht -eher, als bis sie sah, daß sich die Ohnmächtige wieder -erholt hatte und, aus Erschöpfung wahrscheinlich, in -einen tiefen, gesunden Schlaf gefallen war.</p> - -<p>Wunderbar war die Veränderung, die, nachdem -<a class="pagenum" id="page_270" title="270"> </a> -sie sich wieder erholt, mit ihr vorgegangen schien. -Rosy hatte schon von der Erinnerung an das Gehörte -das Schlimmste befürchtet und deshalb auch mit -klopfendem Herzen der Mutter Erwachen beobachtet -– dem aber gerade entgegengesetzt zeigte sich die -Kranke vollkommen ruhig und hatte nicht etwa das -Geschehene vergessen, sondern fing selbst wieder zuerst -davon an, indem sie fragte, ob Tom mit <em class="ge">ihm</em> noch -nicht zurück gekommen sei. Rosy wollte ihr jetzt das -Ganze noch ausreden und meinte, es seien ja doch -nur Vermuthungen der Frau – einzelne Worte, -welche sie hinter der Thür erhorcht und die wahrscheinlich -etwas ganz Anderes bedeutet hätten. Mrß. Rowland -bat sie aber ruhig, ihr nicht durch solche freilich -gut gemeinte Reden nur weh zu thun, indem sie ihr -die einzige Hoffnung zu rauben suche, an der ihr Herz -jetzt noch auf dieser Welt hange und mit deren Zerstörung -es ebenfalls, wie sie das recht gut fühle, zu -Grunde gehen müsse. Sie war dabei so gefaßt, sprach -so vernünftig über das Selige und Schmerzliche des -ersten Begegnens, daß es Rosy'n, dem armen Kinde, -ordentlich unheimlich vorkam und sie den Gedanken nicht -los werden konnte, der Zustand der Kranken sei ein übernatürlich -erregter, und ihr Körper werde jetzt nur auf kurze -Zeit von dem stärkeren Geiste aufrecht gehalten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_271" title="271"> </a> -Wie dem aber auch war, Mrß. Rowland blieb -den ganzen Tag so still und gefaßt, erkundigte sich -mehrere Male, ob <em class="ge">sie</em> denn noch nicht gekommen -seien, und ließ es sich von Rosy fest versprechen, ihr -nun, da das doch nichts mehr helfen könne, auch die -Ankunft der Beiden nicht zu verheimlichen – nur den -Namen vermied sie zu nennen – das Wort Sohn -war noch nicht über ihre Lippen gekommen.</p> - -<p>So mochte es fünf Uhr Nachmittags geworden -sein. Mrß. Smith hatte schon mehrere Male nachgefragt, -wie es der Kranken gehe, und sich eben wieder, -wohl zum zwanzigsten Mal, über ihr ungeschicktes -Benehmen am Morgen entschuldigt, als es wieder an -die Thür klopfte und Mrß. Rowland mit einem kaum -unterdrückten Schrei in ihrem Stuhle emporfuhr, denn -als sich die nur angelehnte Thür öffnete, trat Tom -Fairfield herein, aber – allein.</p> - -<p>Rosy erschrak ebenfalls; ehe aber sie oder Tom ein -Wort sprechen konnte – streckte ihm Mrß. Rowland mit -stierem, entsetztem Blick den Arm entgegen und rief mit vor -innerer Bewegung kaum hörbarer Stimme: »Wo ist <em class="ge">er</em>?«</p> - -<p>»Um Gott!« sagte Tom erschreckt und sah Rosy -an, »woher weiß Ihre Mutter ...«</p> - -<p>»Wo ist <em class="ge">er</em>? Tom, wenn Ihr mich tödten wollt, -so zögert mit der Antwort.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_272" title="272"> </a> -»Sie weiß Alles,« bestätigte Rosy unter Thränen, -und Tom, der bald fand, daß es aller der von ihm -für nöthig gehaltenen Vorbereitungen gar nicht mehr -bedürfe, beruhigte, wenn er auch nicht begriff, durch -wen sie es erfahren haben konnte, die Frau nun wenigstens -vor allen Dingen in so weit, daß er ihr versicherte, -er habe ihren Sohn gefunden und mitgebracht, -und er sei wohl und gesund, sie aber solle sich heute -Abend sammeln und vorbereiten, daß er ihr denselben -morgen früh herüber bringen könne.</p> - -<p>Davon wollte die Mutter aber nichts länger hören -– »morgen? – weshalb nicht heute? – jetzt? War -sie jetzt weniger gesammelt, als sie es morgen sein -würde? sicherlich nicht – die lange Nacht der Erwartung -würde ihre Kräfte nur abspannen, und jetzt, -jetzt wollte sie den so lange Jahre beweinten Knaben -sehen – nicht morgen.«</p> - -<p>Vorstellungen halfen nichts, und da auch Tom -selber fühlen mochte, wie Recht sie unter diesen Umständen -habe, versprach er, ihr den Sohn in einer -halben Stunde zu bringen, und bat sie nur, dann -hübsch ruhig und gefaßt zu sein und sich nicht, damit -ihr das nicht schade, zu sehr von ihrem mütterlichen -Gefühle hinreißen zu lassen.</p> - -<p>Indessen war Mr. Smith daheim schon emsig -<a class="pagenum" id="page_273" title="273"> </a> -beschäftigt, aus dem bei ihm eingeführten <em class="ge">Wilden</em>, -der sich nach mehreren, von Mrß. Rowland schon -früher und oft bezeichneten Merkmalen wirklich als -der verloren gegangene Sohn herausstellte, wieder -einen anständigen weißen Menschen zu machen. Vor -allen Dingen wurde ihm die bunte Farbe abgewaschen, -mit der er sein Angesicht noch viel mehr als -die Indianer selber bestrichen hatte, um die weißere -Haut nicht durchschimmern zu lassen; dann mußte er -zu seinem anscheinenden Leidwesen allen Schmuck ablegen, -mit dem er sich behängt – besonders alles beseitigen, -was an Scalpe und andere dem ähnliche -Entsetzlichkeiten erinnerte, und zuletzt noch – und er -stellte sich ungeschickt genug dabei an – in »menschliche -Hosen,« wie sie Smith nannte, und nicht in -solch oben abgeschnittene Dinger, die gerade da aufhörten, -wo anständige Hosen erst recht anfangen sollten, -hineinfahren. Auch Weste und Rock, Hemd und -Schuhe bekam er nun. Wenn er aber auch mit Allem so -ziemlich einverstanden schien, oder es wenigstens ohne -Widerstand über sich ergehen ließ, so warf er doch die -letzteren augenblicklich wieder ab, weil sie ihn drückten -und er die Füße darin nicht vom Boden heben konnte, -und verschmähte auch auf das hartnäckigste den schönen -schwarzen Seidenhut, den ihm Smith schon mit -<a class="pagenum" id="page_274" title="274"> </a> -wirklichem Behagen auf das zottig dunkelbraune Haar -gedrückt hatte. Jeder Ueberredung hielt er standhafte -Weigerung entgegen, und es blieb zuletzt nichts übrig, -als ihn mit bloßem Kopf und barfuß seiner Mutter -zuzuführen.</p> - -<p>Das Wort <em class="ge">Mutter</em> war aber auch der einzige -Zauberspruch, der ihn aus seinem wilden freien Leben -hierher geführt hatte in das »Dorf der Weißen« – -<em class="ge">Mutter</em>, der Klang tönte ihm wie eine in der Kindheit -gehörte und lang' vergessene Harmonie leise, -aber mit solcher süßen Gewalt durch die Seele, daß -er alle seine Herzensfibern erbeben fühlte, und nicht -zurückbleiben – dem Himmelslaute folgen mußte.</p> - -<p>Und jetzt stand er vor der Thür, die ihm die weißen -Männer an seiner Seite bezeichnet, und scheu -wandte er nach rechts und links den Kopf, als ob er -dem Augenblick, den er mit klopfendem Herzen herbeigesehnt, -nun, da er endlich erschienen, rasch und -ängstlich entfliehen wolle. Krampfhaft und wie Hülfe -suchend, erfaßte er den Arm Tom's, der dicht an -seiner Seite ging, und er schämte sich, daß ihn das -»Bleichgesicht« in solcher Aufregung sehen sollte – -»Ugh – wie mich friert,« flüsterte er leise und zog sich -den Rock vorn, wie er das früher mit seiner Decke -gewohnt gewesen, fest über der Brust zusammen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_275" title="275"> </a> -Und drinnen im Hause saß, mit von innerer -Aufregung frisch gerötheten Wangen und lebendigen, -glänzenden Augen, die Matrone und hielt der Tochter -Hand fest in der ihrigen, daß diese sie jetzt, nur jetzt -nicht verlasse; denn draußen hörte sie Schritte – -Stimmen, und in athemloser Spannung lauschte sie -den Tönen, ob sie – heiliger Gott, wie ihr das -Herz pochte! – die Stimme des Kindes – des -Sohnes nicht zu unterscheiden vermöge.</p> - -<p>Und jetzt – jetzt öffnete sich die Thür, in die mit -höflicher, freundlicher Verbeugung der Händler trat, -und hinter ihm – Mrß. Rowland sah die freie -männliche Stirn Tom Fairfield's und – an seiner -Seite – einen braunen, unbedeckten Kopf – sie -richtete sich in ihrem Stuhl auf – alle Schwäche der -Krankheit hatte sie verlassen, stark und allein stand -sie, von Niemand gehalten, von Niemand unterstützt.</p> - -<p>»Meine gute Mrß. Rowland,« sagte Smith; -aber die Mutter sah nicht den Fremden, der sich zwischen -sie und ihr Kind stellte.</p> - -<p>»Mein Sohn – mein Sohn!« rief sie, die Arme -streckte sie sehnend, bittend nach den Männern aus, -und jetzt – jetzt vermochte auch der Halbwilde nicht -länger zu schweigen – er riß sich von Tom, der ihn -<a class="pagenum" id="page_276" title="276"> </a> -noch zurückhalten wollte, los, schob den Händler bei -Seite und flog mit raschem Sprung und dem leise – -jubelnd gerufenen Laut: »Mutter!« in die Arme der -alten Frau. Fest, fest hielt ihn diese umklammert, fest, -als ob sie ihn im Leben nicht wieder loslassen wollte; -aber ihre Kräfte schwanden auch in der einen Empfindung -seligen Entzückens, und nur noch durch die -Arme des Sohnes fühlte sie sich gestützt, gehoben.</p> - -<p>»Mein Sohn, mein Kind!« rief sie schmeichelnd, -als er sie endlich leise auf den Stuhl zurückgleiten ließ -und, halb unwillkürlich, halb von ihr gezogen, vor -ihr auf die Kniee niedersank – »mein liebes, liebes -Kind! Und doch endlich den Verlornen wieder gefunden -– doch jahrelange Sorge und Schmerzen -noch belohnt bekommen, ehe das flüchtige Leben den -alten schwachen Körper verließ – mein theures, -theures Kind!«</p> - -<p>John blieb lange und schweigend in ihrer Umarmung, -und es war fast, als ob er sich schäme, von -den »weißen« Männern so schwach und weibisch gesehen -zu werden – wenigstens warf er den Blick, als er endlich -den Kopf erhob, scheu im Zimmer umher – aber er -war allein mit der Mutter. <em class="ge">Alle</em> hatten das Zimmer -verlassen, selbst Mrß. Smith, die jetzt, da ihre Voreiligkeit -weiter keine bösen Folgen gehabt, wieder guten -<a class="pagenum" id="page_277" title="277"> </a> -Muthes hergekommen war, dem Wiedersehen -beizuwohnen; sie wurde aber, sehr wider ihren -Wunsch und Willen, von Mr. Smith freundlicher -als das sonst gewöhnlich geschah, unter den Arm gefaßt -und zur Thür hinaus begleitet.</p> - -<p>Mutter und Sohn blieben lange allein. Dieser -hatte bald auch die letzte Scheu überwunden und -saß jetzt neben der Mutter, streichelte ihre Hand und -nannte sie in seinem gebrochenen Englisch mit den -süßesten, sanftesten Namen, die er finden konnte.</p> - -<p>Erst wohl nach Verlauf einer halben Stunde, und -als sie sich beide vollkommen gesammelt hatten, traten -die Uebrigen wieder ein, und Tom mußte jetzt vor -allen Dingen erzählen, wie er den Verlorenen gefunden -und ihn bewogen habe, mitzukommen. Er that -das, wenn auch nur in sehr kurzen Worten und Umrissen.</p> - -<p>Den Stamm der Konzas hatte er am vierten Tage -nach seiner Abreise von Boonville schon erreicht und -dort augenblicklich seine Nachforschungen begonnen, -aber eine bestimmte Antwort konnte er weder von -Krieger noch Häuptling erhalten – theils stellten sich -alle, an die er sich wandte, als ob sie seine Sprache -nicht verstehen könnten, theils läugneten sie, irgend -etwas von einem Weißen in ihrer Nation zu wissen. -<a class="pagenum" id="page_278" title="278"> </a> -Aber gerade dieses Läugnen bestärkte den Amerikaner -nur mehr und mehr in dem Glauben, daß diese nicht -die Wahrheit sprächen; denn Einige sahen ihn erstaunt -an, als ob sie nicht begreifen könnten, wie er das erfahren -hätte, Andere wurden verlegen und sagten, sie -wüßten es nicht genau, sie glaubten, es sei einmal -früher einer bei ihnen gewesen, – bis er endlich -einen Halb-Indianer, einen canadischen Franzosen -traf, der ihn rasch auf die richtige Spur brachte. Noch -an dem nämlichen Abend führte er ihn in das Dorf, -wo sich der »weiße Hirsch,« wie sie ihn nannten, aufhielt, -und wenn dieser auch im Anfang gar keinen -Verkehr mit dem »Bleichgesicht« haben wollte, ja, sich -sogar hartnäckig weigerte, ein Wort Englisch mit ihm -zu sprechen, so ließ er sich doch zuletzt wenigstens -willig von dem Dorf der Weißen erzählen, und fing -sogar an, aufmerksam den Worten des Fremden zu -lauschen, als dieser ihm von der Mutter sagte, die -daheim in Sorge und Kummer so lange Jahre sehnsüchtig -seiner geharrt und auf das Wiedersehen ihres -Kindes gehofft habe. Besonders und ordentlich auffällig -erschütterte ihn aber Tom's Rede, als dieser – -wie sich der Verwilderte immer noch nicht bewegen -ließ, ihm zu folgen – endlich ausrief: »Und so will -denn der weiße Hirsch, daß seine kranke alte Mutter -<a class="pagenum" id="page_279" title="279"> </a> -daheim <em class="ge">allein</em> dem Grabe zusiecht und keinen Sohn -hat, der ihren Wigwam deckt – ihr Wild jagt und -das erlegte bereitet, sie zu stärken? Sollen <em class="ge">Fremde</em> -ihr Grab graben, daß nicht Wolf und Aasgeier ihre -Gebeine entheiligen?« – »Ugh!« hatte er da ausgerufen -– »weißer Mann hat Recht – weißer Hirsch -böser Sohn« – und in die Höhe sprang er, und eilte -hinaus in den Wald.</p> - -<p>Tom Fairfield war aber nicht wenig bestürzt, als -der »weiße Hirsch« am nächsten Morgen verschwunden -und auch nirgends aufzufinden war; Hütte bei Hütte -durchforschte er nach ihm, und manch zorniges Wort, -manche finstere Drohung ertrug er, wenn er vielleicht -den Wigwam eines den Bleichgesichtern feindlich gesinnten -Kriegers betreten hatte. Schon wollte er die -Hoffnung, den Entflohenen für jetzt wieder zu finden, -als ganz trostlos aufgeben und eben sein Pferd besteigen, -um zu dem Nachbardorfe, wo der Canadier -seinen Wigwam aufgeschlagen, zurück zu kehren, als -plötzlich der Verschwundene völlig gerüstet wie zu -Schlacht oder Kriegszug, auf seinem rauhhaarigen -Poney angesprengt kam und sich erbot, ihn zu begleiten. -Allerdings wollten sich dem jetzt Einige des -Stammes widersetzen und nicht dulden, daß der, -welcher einer der Ihrigen geworden, auf solche Art -<a class="pagenum" id="page_280" title="280"> </a> -ihnen wieder entführt werde. Der »weiße Hirsch« -schien aber nicht leicht durch irgend eine Drohung -eingeschüchtert; mit kräftig trotzigen Worten wies er -die Unzufriedenen zurück, und seine Kriegskeule in der -Rechten, in der Linken die Büchse, und das Pferd -nur mit den Schenkeln regierend, sprengte er unerschrocken -durch die Schaar, die ihm auch wirklich -Raum gab und keinen thätlichen Versuch machte, ihn -oder seinen Begleiter zurück zu halten.</p> - -<p>So kamen Sie nach Boonville, und John Rowland -bog sich liebkosend über der Mutter Hand hinüber, -als ihn diese bat und ihm das Versprechen abnahm, -sie die wenigen Tage, die sie noch auf dieser -Erde zu leben habe, nie – nie wieder zu verlassen.</p> - -<hr /> - -<p>Ein voller Monat verging so, ohne daß in -Boonville irgend etwas Wichtiges vorgefallen wäre. -Wenn aber auch die Matrone in dem Glück, ihr -Kind wiedergefunden zu haben, die ersten Wochen -wie neu geboren und Schwäche und Krankheit gänzlich -zu vergessen schien, so kehrte doch bald die natürliche -Erschöpfung zurück, die solcher Aufregung auch -selbst bei gesundem Zustand hätte folgen müssen, und -sie wurde von Tag zu Tag schwächer und hinfälliger.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_281" title="281"> </a> -Was John betraf (denn den Namen »der weiße -Hirsch« hatte er gleich von Anfang an abgelegt), so -fand sich der in das civilisirte Leben der »Städter« -besser und leichter, als man es wohl hätte erwarten -können; er trug wenigstens die Kleider, die man ihm -angelegt – ja, nach einiger Zeit selbst Schuhe und -einen Hut, aß mit am Tische und mit Gabel und -Löffel und schien sich besonders bei seiner Mutter -wohl zu fühlen, bei der er oft stundenlang, am liebsten, -wenn sie schlief, neben dem Bette saß und ihr -still und ernst in das bleiche Antlitz schaute. Sonst -war aber kein ganz gutes Auskommen mit ihm; er -war wild und herrisch, wie er das als Krieger seit -seiner Mannbarkeit ja auch nicht anders gewohnt gewesen, -und es jetzt nur schwer und ungern ablegen -mochte.</p> - -<p>Am besten kam noch Rosy mit ihm aus; das -liebe sanfte Kind übte den größten Einfluß auf das -rauhe Wesen des jungen Mannes, und wo er einmal -in Kleidung, Sitte oder Sprache – wie das -übrigens gar nicht selten geschah – in seine alten -Gewohnheiten zurücksinken wollte, bedurfte es von -Rosy nur eines Wortes, ja, oft nur eines Blickes, -seinen Sinn, der in einzelnen Fällen selbst nicht unbedingt -der Mutter nachgab, zu beugen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_282" title="282"> </a> -Drei Personen lebten aber in Boonville, denen -John auswich, wo er nur irgend konnte, und auf -die er, im Laufe der Zeit, nach und nach selbst eine -Art von Haß übertrug. Die erste war unsere gute, -aber geschwätzige Mrß. Smith, die ihn von vorn -herein so mit ihren Fragen und Erkundigungen gepeinigt -hatte, daß er sie ordentlich fürchtete, und einmal -sogar zum Entsetzen seiner Mutter, die gar nicht -begriff, was ihn auf einmal anwandle, aus dem -Fenster sprang, als jene zur Thür hereintrat.</p> - -<p>Die zweite war der ehrwürdige Pastor Billygoat, -der es in seinem heiligen Eifer für Pflicht und Schuldigkeit -hielt, den »armen blinden Heiden« zu bekehren. -Im Anfang, und besonders weil es seiner Mutter -große Freude machte, lauschte John mit ziemlicher Aufmerksamkeit -dessen Worten, und wenn er auch später -nur durch Rosy's Bitten dahin gebracht werden konnte, -still sitzen zu bleiben, sobald der Prediger – oder der -»Medicin-Mann«<span class="top">[12]</span>, wie er ihn unerschütterlich nannte -– seine Hand einmal auf ihn gelegt und seine Worte -an ihn gerichtet hatte, so blieb er doch darin ganz der so -schönen indianischen Sitte treu, daß er den Mann nie -<a class="pagenum" id="page_283" title="283"> </a> -unterbrach, sondern ihn ruhig ausreden ließ und mit -wenigstens äußerer Aufmerksamkeit ihm zuhörte. -Pastor Billygoat täuschte sich aber gewaltig, wenn -er das auch nur einen Augenblick für wirkliche Andacht -hielt – John haßte den alten Mann wie die -Sünde – und vielleicht noch mehr – und durch ihn -auch die Religion, die er ihm predigen wollte. Trotzdem -blieben beide im Anfang noch auf ziemlich friedlichem -Fuß mit einander, und der Prediger schien zufrieden, -wenn sein neu zu Bekehrender nur ruhig und -ohne Widersetzlichkeit die gehörige Zeit aushielt.</p> - -<p class="ci fss">[12]: Medicin-Männer heißen bei den indianischen Stämmen -die Aerzte, Zauberer und Priester.</p> - -<p>Die dritte Person aber war wunderbarer Weise -gerade der Mann, der doch als die Hauptursache -und das Werkzeug seines jetzigen Hierseins angesehen -werden mußte – und zwar Niemand anders, als -Tom Fairfield selber. Im Anfang schienen die beiden -jungen Leute unzertrennlich. Tom gab sich jede nur -erdenkliche Mühe, den verwilderten Weißen in alle -Geheimnisse des civilisirten Lebens wieder einzuweihen, -und John, wenn auch mit augenscheinlichem -Widerwillen, fügte sich doch gern jeder Neuerung, -die der Hinterwäldler, den er überdieß als vortrefflichen -Jäger kennen lernte und deßhalb achtete, mit -ihm vornahm. Je länger er aber in der Mutter Hause -lebte, wo Tom Fairfield ein täglicher Gast war, desto -<a class="pagenum" id="page_284" title="284"> </a> -mehr und mehr zog er sich von ihm zurück, antwortete -einsilbig auf seine Anreden, mied seine Gesellschaft -und wurde sogar, was sonst selbst nicht gegen -den Prediger geschah, unfreundlich, wenn er ihm -nicht mehr ausweichen konnte.</p> - -<p>Das nahm, je weiter es in den Herbst hinein -kam, mehr und mehr überhand, da sich besonders in -letzter Zeit Mrß. Rowland's Zustand auch immer -mehr verschlimmert hatte. Die Krankheit der alten -Frau schien in den ersten Wochen von ihres Sohnes -Rückkunft durch die Freude und Aufregung des -Wiedersehens fast ganz gehoben; nach dieser unnatürlichen -Erregung trat aber auch eine Erschlaffung ein, -die bald das Schlimmste besorgen ließ, und Rosy, -das arme liebe Kind, fast ausschließlich an die Seite -der jetzt fortwährend bettlägerigen Kranken bannte. -John verließ das Haus ebenfalls nur sehr selten und -nie anders, als wenn er in den Wald ging, einen -Hirsch oder Truthahn zu schießen; hatte er aber -Fleischvorrath daheim, so schaute er oft stundenlang -in stummem Brüten zu, wie Rosy die Mutter pflegte -oder, wenn diese einmal eingeschlafen war, ihre sonstige -Arbeit, das große surrende Baumwollen-Spinnrad -sachte bei Seite schob und sich mit ihrer Näherei, die Augen -der Kranken zugekehrt, zu Füßen des Bettes setzte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_285" title="285"> </a> -Der November war indessen angebrochen, und -wenn auch der wundervolle Herbst – in dieser seiner -schönsten Zeit, dem sogenannten indianischen Sommer -– noch freundliche und selbst warme Tage -brachte, so braus'te doch auch schon manchmal ein -recht ordentlicher Nord-West durch die Wipfel der sich -in die buntesten Herbsttinten schmückenden Blätter. -Und wie das Laub erstarb, wich auch die Kraft, das -Leben aus dem Herzen der armen alten Frau. Lange -Jahre hatte sie standhaft und still den Schmerz ertragen, -dem Leiden die Stirn geboten – jetzt, mit -der einkehrenden Freude, erlag das arme Herz Gefühlen, -die zu mächtig für es waren und zu erschütternd. -Wie der Saft aus dem Laub und dem Stamm -der Bäume und Pflanzen schwand, so ebbte auch der -Lebensstrom in ihren Adern, und von Tag zu Tag -fühlte sie mehr das Herannahen ihrer Auflösung.</p> - -<p>Und doch hätte sie gerade jetzt noch so gern gelebt, -denn ihrem Scharfblick entging es keineswegs, wie -der durch so treues Ausharren so theuer erkaufte -Sohn sich nicht mehr wohl und glücklich in seiner -neuen Umgebung fühle. An der Mutter hing er, ja -– und mit all der Gewalt kindlicher Liebe, die stark -genug gewesen war, ihn seinem wilden Leben zu -entziehen, bannte es ihn an ihr Lager, und ließ ihm -<a class="pagenum" id="page_286" title="286"> </a> -nicht Ruhe noch Frieden draußen im Wald, seiner -sonstigen Heimath. Wie aber sollte das werden, -wenn sie einst hinüber gegangen und damit auch das -Band zerrissen war, das ihn jetzt noch an das civilisirte -Leben hielt? Nur Eine Möglichkeit gab es, ihn -auch später zu fesseln, und die sah die arme alte Frau -einzig und allein in der Vereinigung ihrer Pflegetochter -mit dem jungen Tom Fairfield, der sich in der -letzten Woche in Boonville förmlich niedergelassen -und jetzt ordentlich und ehrlich um Rosy's Hand angehalten -hatte. Bei diesen Beiden konnte John bleiben -– in ihnen fand er stets treue und liebende -Geschwister, und ihnen gelang es auch gewiß, den -Sohn von der Rückkehr zu jenem entsetzlichen Leben -unter den heidnischen Wilden abzuhalten. Ja, selbst -Rosy's wegen war es gut, vielleicht nöthig, daß sie -versorgt ward und eine männliche Stütze hatte, ehe -sie die Mutter verlor, und das alles ließ Mrß. Rowland -wünschen, ihre Vereinigung so bald als möglich -bewirkt zu sehen.</p> - -<p>Eigenthümlich war der Eindruck, den diese Nachricht, -die er aus der Mutter Mund erfuhr, auf John -machte – keine Sylbe erwiederte er, nicht den Blick -hob er von der Spitze seines groben Schuhes, den -er gegen die leichten Moccasins hatte vertauschen -<a class="pagenum" id="page_287" title="287"> </a> -müssen, und zwei Mal fragte ihn die Mutter, ob er -sie gehört und ob er sich nicht freue, daß seine -Pflegeschwester einen so wackeren Schützer bekäme, -der sie gegen die Stürme des Schicksals schirmen und -wahren könne.</p> - -<p>»Und will Rosy weißen Jäger?« sagte er leise, -und als ob er die Antwort schon eigentlich vorher -wisse.</p> - -<p>»Sie lieben sich schon seit langen Jahren, und -Rosy glaubt glücklich mit ihm zu werden.«</p> - -<p>»Gut – John freut sich,« sagte der junge Mann, -stand auf und verließ das Zimmer – kehrte auch den -ganzen Tag nicht mehr zurück, sondern blieb bis spät -in die Nacht draußen im Wald, wo er nachher, sein -Pony schwer mit Wild beladen, zurückkehrte und, -ohne Jemanden an dem Abend weiter zu sprechen, -von außen am Haus hinauf in sein Lager kletterte.</p> - -<p>Von dem Tage an war John wie ausgewechselt -– sonst still und friedlich, wurde er mürrisch und -zanksüchtig, verkehrte, außer mit seiner Mutter und -Rosy, mit Niemand mehr und ließ jetzt sogar nicht -selten seinem wilden Muthwillen bei allen denen -freien Lauf, die sich in seinen Weg stellten oder sonst -durch irgend etwas seinen Haß auf sich gelenkt hatten. -Gegen die würdige Mrß. Smith zeigten sich diese -<a class="pagenum" id="page_288" title="288"> </a> -Launen gewöhnlich nur neckischer Art; hatte sie ihn -einmal zu irgend einer Zeit wieder angeredet oder um -etwas gefragt, so konnte sie sich fest darauf verlassen, -es wurde ihr Abends, wenn sie ihr Essen kochte, -irgend ein Stein oder Stück Holz durch den Kamin -in den Topf geworfen, oder durch einen nie zu Ermittelnden, -wenn sie nach Dunkelwerden auf ihrem -gewöhnlichen Platz in der Stube saß, ein Gewehr -dicht neben ihr abgefeuert, daß sie erschrak und gewöhnlich -mit einem lauten Aufschrei in die Höhe fuhr -– oder die Hühner flatterten Nachts gestört umher, -und nicht selten fehlten sogar einzelne von Stellen, -wo sie weder Eule, noch Opossum geholt haben -konnte.</p> - -<p>Schlimmer aber ging es dem armen Vater Billygoat, -bei dem es jetzt, seiner Meinung nach, Ehrensache -wurde, den hartnäckigen Heiden zu bekehren. -War es ihm einmal gelungen, den »störrischen Wilden« -so zu fassen, daß er ihm nicht mehr entrinnen -konnte, und hatte er ihm dann eine recht eindringliche -Ermahnungs- und Strafpredigt gehalten, dann fing -John auf einmal an, grimmige und entsetzliche Gesichter -zu schneiden, fletschte mit den Zähnen, rutschte -und glitt dem mehr und mehr geängstigten Prediger -immer näher und schrie ihm vielleicht zuletzt noch den -<a class="pagenum" id="page_289" title="289"> </a> -gellenden Schlachtschrei der Konzas so nahe und scharf -in die Ohren, daß der fromme Mann entsetzt aus dem -Zimmer floh und noch weit hinter sich drein das -Hohnlachen des Heiden hören mußte. Nach jeder solcher -Zusammenkunft konnte er sich aber auch fest darauf -verlassen, daß ihm in derselben Nacht irgend ein -Schwein abhanden kam, oder seine Fence an irgend -einer Seite eingerissen und die Heerde in die Felder -getrieben wurde, oder auch, wie das sogar einmal -geschah, eine heimliche Kugel seine beste Kuh traf und -tödtete.</p> - -<p>Stellten die Leidenden den wahrscheinlichen Thäter -zu Rede, so machten sie die Sache dadurch nur -noch schlimmer, und das ganze Städtchen begann -schon den »bekehrten Wilden«, wie er im Anfang hieß, -als eine Plage zu betrachten, die man sich herzlich -freuen würde, so bald als möglich wieder los zu -werden.</p> - -<p>Merkwürdig war es dabei, daß John an Tom -Fairfield, so feindlich gesinnt er ihm sonst auch immer -sein mochte, nie einen ähnlichen Muthwillen versuchte; -ja, im Gegentheil rettete er ihm sogar eines Tages, -als er ihn zufällig auf der Jagd traf, oder auch vielleicht -durch seinen Schuß herbeigelockt war, auf die -aufopferndste Art das Leben.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_290" title="290"> </a> -Tom hatte nämlich nicht weit von Boonville -einen alten Bären beim Lappen<span class="top">[13]</span> getroffen, aber, -durch eine rasche Bewegung desselben verleitet, einen -übereilten Schuß gethan, was ihm das angeschossene -und gereizte Thier mit Blitzesschnelle auf den Hals -brachte. Sein Hund war zu schwach, ihm wirksamen -Beistand zu leisten; sein Messer brach beim ersten, -einen Knochen treffenden Stoß, und wer weiß, ob er -nicht von der Bestie, wenn auch nicht getödtet, doch -gar arg verwundet worden wäre, hätte sich nicht -John in dem Augenblicke, da er aus Furcht, den -Mann zu treffen, nicht wagen durfte, zu schießen, mit -keckem Muth auf den zottigen Feind geworfen und -diesem sein Messer so sicher ins Herz gestoßen, daß er -sich wohl noch gegen seinen neuen Gegner wenden -konnte, gleich darauf aber, auch vom früheren Blutverlust -schon erschöpft, todt zusammenbrach.</p> - -<p class="ci fss">[13]: Lappen der Bären heißt, wenn sie im Herbst nach den reifen -Früchten und Beeren naschen gehen.</p> - -<p>Tom wollte dem jungen Manne danken und streckte -ihm mit herzlichen Worten die Rechte entgegen – der -aber wandte sich knurrend ab und verschwand, sich -nicht weiter mehr um Jäger und Beute kümmernd, -rasch im nahen Dickicht. Zu Hause sprach er auch kein -<a class="pagenum" id="page_291" title="291"> </a> -Wort davon, nur als Tom heimkam und den Hergang -erzählte, und die Mutter ihm mit glänzenden -Augen die Wangen streichelte, und Rosy unter Thränen -seine Hand nahm und ihn ihren lieben, lieben -Bruder nannte, da wurde er weich, wie er seit lange -nicht gewesen, und an dem Tage wäre vielleicht selbst -Vater Billygoat ungestraft bei einem neuen Angriff -weggekommen, hätte sich dieser würdige Mann nicht -schon seit längerer Zeit fest vorgenommen gehabt, den -heidnischen Wilden, der eigenen Schweine wegen, -seinem Schicksale zu überlassen.</p> - -<p>So standen die Sachen, als sich die Kranke eines -Tages recht schwach und unwohl fühlte – ihre Kinder -wichen nicht mehr von ihrer Seite, und John besonders -saß neben dem Lager und hielt der Mutter -Hand fest, fest in der seinen. Aber der Sand war abgelaufen, -welcher der Leidenden auf dieser Erde zugemessen -– die Kräfte wichen, die bis dahin das mürbe -Gebäu ihres Körpers zusammen gehalten.</p> - -<p>»Rosy,« flüsterte sie, als die Abendsonne ihrem -Lager gegenüber stand und der rothe schimmernde -Glanz den todtenbleichen Zügen noch einmal ein, ach! -trügerisches Leben zu verleihen schien – »Rosy – -Tom – mir wird so wunderleicht und wohl – die -Glieder fühle ich gar nicht mehr, die mich sonst so -<a class="pagenum" id="page_292" title="292"> </a> -bleiern an mein Lager bannten – ich glaube, der -Tod naht – ach! dann ist es schön, zu sterben – -aber – Euch lasse ich noch unvereinigt hier zurück, -und mein Kind – meinen John, in Eurem Schutze -– versprecht mir – versprecht mir, ihn stets – als -Euren Bruder zu lieben.«</p> - -<p>»Mutter!« schluchzte Rosy und barg das Antlitz -an der Schulter der Sterbenden.</p> - -<p>»Er soll mir wie mein liebster Bruder sein,« sagte -Tom mit tiefer Rührung – »ja, nicht theurer konnten -ihn diese Worte meinem Herzen machen, als er -es jetzt schon ist – John soll nie einen anderen -Freund brauchen, so lange noch ein Tropfen Lebenssaft -in diesen Adern quillt.«</p> - -<p>»Und, John,« sagte mit leiser Stimme die Mutter, -»wird Dir das Grab der Mutter so theuer sein, -als es die Lebende war?«</p> - -<p>John hatte augenscheinlich einen harten Kampf -mit sich gekämpft – er schämte sich, in der Gegenwart -eines anderen Mannes zu weinen oder irgend -eine Schwäche zu zeigen, und saß starr und regungslos, -die Blicke unverwandt in eine Zimmerecke gerichtet; -jetzt aber, bei der directen Anrede an ihn, wo -ihm, der so oft den Tod gesehen, sein Auge sagte, -daß das theure Leben nur noch wenige Minuten in -<a class="pagenum" id="page_293" title="293"> </a> -der alten lieben Hülle weilen werde – jetzt konnte er -sich nicht länger halten – am Bett fiel er nieder auf -die Kniee, den Kopf barg er in der überhangenden -Decke, und sein ganzer Körper zitterte von der Allgewalt -des Schmerzes, der in ihm tobte.</p> - -<p>»Guter John,« flüsterte die Mutter, und ihre -Hand ruhte segnend auf dem Haupte des Sohnes – -»guter – lieber John!«</p> - -<p>»Mutter!« rief Tom Fairfield plötzlich, denn ein -eigenes Zucken im Gesichte der Kranken – ein eigenes -Erstarren der Züge erschreckte ihn. John fuhr schnell -empor und heftete seinen Blick nur secundenlang auf -das liebe Antlitz.</p> - -<p>»Meine Mutter!« schluchzte er, und die hellen -Thränen netzten seine sonngebräunten Wangen: -»meine liebe Mutter! und Du gehst?«</p> - -<p>Die Sterbende antwortete nicht mehr – der letzte -Druck der Hände galt noch dem Kinde – der Tochter -– ihr brechendes Auge hing an dem sinkenden Tagesgestirn, -und mit dessen Verschwinden hinter dem goldglänzenden -Laubnetz des Waldes schlossen sich auch die -treuen Augen auf immer.</p> - -<hr /> - -<p>Am anderen Tage, nach der Mutter Tod, grub -John, an derselben Stelle, wo früher seines Vaters -<a class="pagenum" id="page_294" title="294"> </a> -Hütte gestanden, das Grab für die Verblichene – sie -hatte es gewünscht, dort zu ruhen, und fast alle Einwohner -des kleinen Ortes begleiteten die Leiche zu -ihrer letzten stillen Ruhestätte unter den rauschenden -schwanken Bäumen des Waldes. John blieb dort -draußen drei volle Tage und Nächte, und als er endlich -zurückkehrte, war er ernst und traurig und schien -sein früheres wildes Wesen ganz verloren zu haben. -Sanft wie ein Kind zeigte er sich gegen Jedermann, -selbst mit dem Prediger war er freundlich, so freundlich, -daß er den armen Mann im Anfange mehr damit -erschreckte, als früher mit seiner Wildheit, weil der -schon nicht anders glaubte, als daß dies nur eine andere -Maske sei, unter der er neue Streiche auszuführen -gedenke. Aber darin hatte er sich geirrt – -John blieb sich immer gleich und vermied jetzt nur -von Allen gerade die, deren Nähe ihm früher so -unendlich wohl gethan.</p> - -<p>Obgleich er nämlich seine alte Schlafstelle, den -oberen Theil von seiner Mutter Haus, noch beibehielt, -bekam ihn das junge Mädchen fast gar nicht -mehr zu sehen; nur Morgens vor Tag stand er auf, -schaffte Holz herbei, zündete das Feuer an und verzehrte -im Hause sein Frühstück; dann aber mied er -Rosy's Nähe den ganzen Tag, und nur Abends hörte -<a class="pagenum" id="page_295" title="295"> </a> -sie, wie er von außen in seine Kammer wieder hinauf -stieg und sein Lager suchte. Wildpret genug schaffte er -dabei zum Hause, und weiche Felle gerbte er ihr nach -indianischer Art, und nähte Moccasins und färbte -Decken für sie; aber nicht daheim that er das, sondern -im Walde draußen, wie auch das Wetter war, und -nur froh konnte sie ihn machen, wenn sie annahm, -was er ihr, meist Morgens, brachte.</p> - -<p>So rückte endlich der, von Tom Fairfield so lang' -und heiß ersehnte Tag der Verbindung zwischen ihm -und seiner holden Braut heran, und Tom hatte alle -Bekannten und Freunde eingeladen, ihn feiern zu helfen. -In festlicher Procession zogen die Glücklichen -nach des Friedensrichters, Mr. Cowley's Haus, und -heute schloß sich selbst John nicht aus von der fröhlichen -Schaar.</p> - -<p>An Tom's Seite, gegen den er in letzter Zeit -wieder so freundlich gewesen war, wie in den ersten -Wochen ihres Beisammenseins, betrat er das kleine -wohnliche Gemach des Richters und war Zeuge der -heiligen feierlichen Handlung; als aber die Braut -das schüchterne und doch so herzfreudige Ja gesprochen -– als der <em class="ge">Gatte</em> sie leise, leise an sich zog und sie -das in holder Schaam übergossene Antlitz an seiner -männlichen Brust barg – da glitt er unbemerkt und -<a class="pagenum" id="page_296" title="296"> </a> -geräuschlos aus dem Zimmer – aus dem Hause -und über die Straße hinüber in sein eigenes kleines -Gemach.</p> - -<p>Nacht war's, und aus Tom Fairfield's neuer -Wohnung brachen lichte Strahlen, und muntere Violintöne -schallten die stille Straße herab; in Hornpipes -und Quadrillen, in Reels und Jigs und der anderen -amerikanischen oder von England herüber gebrachten -Tänzen schwangen sich die fröhlichen Paare; munter -ging der Becher im Kreise, und herzlich übertönte das -Lachen oft die schallenden Geigenklänge.</p> - -<p>Draußen aber vorbei, durch den Herbststurm, der -jetzt schon recht ingrimmig die laublosen Zweige -schüttelte, schritt, die Büchse in der Hand, den Tomahawk -im Gürtel und die Decke auf dem Rücken, ein -Jäger, und wollte schon rasch vorüber ziehen an dem festlichen -Hause, als der silberreine Ton einer lachenden -Frauenstimme sein Ohr traf. Er blieb stehen, zögerte -einen Augenblick und näherte sich dann dem Hause; -an der Fenz schwang er sich hinauf und schaute viele -Minuten lang still und ernst durch das kleine offene -ausgeschnittene Fenster in den inneren hell erleuchteten -Raum, auf die fröhlichen glücklichen Menschen hin, -die in dem engen Gemach sich lachend und tanzend -hin und herbewegten. Glück und Freude lag auf <em class="ge">allen</em> -<a class="pagenum" id="page_297" title="297"> </a> -Gesichtern auf die sein düsterer Blick fiel, aber von -allen ab schweifte er unbefriedigt, das <em class="ge">eine</em> von allen -denen zu erkennen das –</p> - -<p>Ha – da trat Rosy in den Kreis – die frohe junge -Frau an des <em class="ge">Gatten</em> Hand, und das Licht der Lampen -fiel hell und voll auf die lieben Züge des jungen -Weibes.</p> - -<p>Johns Blick haftete lang und ernst auf der holden -Gestalt, aber kein Laut entfloh seinen Lippen, keine -Bewegung, ein einzelnes fast krampfhaftes Zucken -seiner Lippen vielleicht ausgenommen, verrieth die -Bewegung die in ihm kämpfte.</p> - -<p>Endlich nickte er, wie Abschied nehmend, aber -auch fast seiner unbewußt, dort hinüber, wo er jetzt -Alles zurückließ, was ihm noch lieb auf dieser Welt -war, und ihn wohl hätte an ein ruhiges friedliches -Leben fesseln können – dann stieg er langsam wieder -nieder und warf die Büchse auf die Schulter.</p> - -<p>Als er den Boden wieder betrat, hatte er ganz die -alte Ruhe wieder gewonnen – die wollene Decke, die -über seine Schultern hing, zog er fest um sich her, -und den Pfad verfolgend, der an seiner Mutter Grab -vorüber gen Westen führte, verschwamm seine dunkle -Gestalt bald in den düsteren Schatten, mit den der -Urwald die enge Lichtung fest und dicht umlagerte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_298" title="298"> </a> -Und wohin führte sein Weg?</p> - -<p>Man hat nie wieder von ihm gehört; aber zu den -Konzas war er nicht zurückgekehrt, denn wenige Wochen -später kam von dorther der canadische Franzose, -der Tom Fairfield früher auf seine Spur gebracht, -und wußte nichts von ihm. Ja, Tom besuchte im -Frühjahr selbst noch einmal den Stamm – doch -konnte ihm Niemand Kunde geben vom »weißen Hirsch« -– er war und blieb spurlos verschwunden.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_299" title="299"> </a> -Aus dem Briefsacke des Paquetschiffes -»Seeschlange.«</h2> - - -<h3><span class="ge">Erster Theil.</span></h3> - - -<h4>Erster Brief.</h4> - -<p class="si fss"><em class="ge">New York</em>, den 12. März 1848.</p> - -<p class="in2"><em class="ge">Lieber Theodor!</em></p> - -<p class="si fsxs">Motto: Freiheit oder Tod.</p> - -<p><em class="ge">Ich bin in Amerika</em> – o wenn Du begreifen, -wenn Du ahnen könntest, mit welcher wonneathmenden -Seligkeit mich <em class="ge">der</em> Gedanke durchfluthet, wenn -Dir aus dem inneren jauchzenden Jubelmeere meines -Herzens nur ein Ton, nur ein Accord jener himmelrauschenden -Symphonieen an die Seele donnern -könnte, die mich dieser Erde fast entheben, die mich -in sinnverwirrendem Freudenrausche nicht ein Mensch -mehr, nein ein Engel, ein Gott sein lassen! – dann -brauchte ich nicht die kalte Feder zu dem nutzlosen -<a class="pagenum" id="page_300" title="300"> </a> -Versuche zu ergreifen, das schildern zu wollen, was -sich nicht schildern läßt; das mittheilen zu wollen, -was eben nicht mitgetheilt werden kann, was nur -empfunden, gefühlt sein will –</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Nenn' es dann wie Du willst – nenn's Glück, Herz, Liebe, Gott –</div> - <div class="verse">Ich habe keinen Namen dafür, Gefühl ist Alles –</div> - <div class="verse">Nam' ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsgluth.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><em class="ge">Ich athme amerikanische Luft!</em> Begreifst -Du das, kalter, theilnahmloser Aktenmensch – -Bücherwurm – Leichenbeschauer Du, der von -Haus zu Haus kriecht, scheußliche Verwesung und -Moder zu besichtigen und rings um sich her Gottes -freie, herrliche Natur unbeachtet, unbewundert läßt? -– Hier komme her – hier in die Freiheit athmende -Welt, hierher in das schöne, wundervolle Land, und -wenn Dir dann das Herz nicht aufgeht, wenn sich -dann nicht Dein Geist wie die Lerche in duftiger -Frühlingsluft wirbelnd und siegestrunken zu Gottes -reinen Aetherräumen emporhebt, dann fließt Dir -Dinte statt rothen warmen Blutes in den Adern -und Dein Herz ist nur eine Urne mit Aktenstaub und -Trübsal angefüllt.</p> - -<p>Doch nein, so schlimm steht es noch nicht mit -Dir und mit kurzen Worten will ich Dir deßhalb das -Land meiner Ideale schildern; mit kurzen Worten -<a class="pagenum" id="page_301" title="301"> </a> -sag' ich, denn wollte ich mich auch nur auf eine einfache -Beschreibung einlassen, so reichten Bände nicht -aus und dazu gestattet mir jetzt weder Herz noch Geist -die Zeit.</p> - -<p>Jeder Schritt hier, so lang ich das Ufer betreten, -zeigt deutlich, wie wir glücklichen Auswanderer dem -Schlendrian und Despotismus des alten Vaterlandes -endlich enthoben sind – rege Geschäftigkeit füllt die -Straßen – der edle Stolz – »ich bin ein freier Mann« – -spricht schon aus dem Blick des Knaben, wie aus -dem des erwachsenen Jünglings; keine Zeichen von -Krone und Tyrannei beleidigen das Auge, indem sie -uns an unsere Schmach der Knechtschaft erinnern – -kein Bettler kriecht in seinem nackten Elend auf offener -Straße umher und fleht um ein Almosen, damit er -in seinen Ketten nicht auch noch verhungere – keine -»königliche Constitution« lügt uns von Freiheit vor, -während sie uns nur noch, indem sie uns einschläfert, -weiter und weiter vom wahren Ziel der Freiheit -entfernt. »Das Volk ist nicht reif,« schreien in -Deutschland die Fanatiker der Ruhe – »es gehören -auch Republikaner zu einer Republik und die haben -wir noch nicht, die müssen wir erst heranbilden.« – -Ausflüchte sind's – feige Angst vor der Krisis, die -der Umgestaltung vorausgehen muß. Werden etwa -<a class="pagenum" id="page_302" title="302"> </a> -die Deutschen, die nach Amerika auswandern, plötzlich -auf dem Schiffe zu Republikanern, daß sie auf -einmal reif und ausgebildet hier das Land betreten? -oder sind das etwa keine Republikaner, diese Millionen -von Deutschen und Iren, die – der Whigparthei -so fürchterlich – der demokratischen Sache im -freudigen Sturmlauf den Sieg gewinnen? Zum -Teufel mit den seelenlosen Drahtpuppen, die von -fürstlichen Händen gezogen, marionettenartig und -nach »allerhöchstem Verlangen« bald den Arm und -bald den Fuß heben oder mit dem Kopfe nicken und -schütteln.</p> - -<p>Noch war ich keine drei Tage hier an's Land gestiegen, -als schon ein Amerikaner (ein mir wildfremder -Mensch, dem es egal sein konnte, ob ich existirte oder -nicht), zu mir kam und mich in sein Haus aufnahm. -Uneigennützig – denn daß ich wirklich Vermögen -hatte, konnte er nicht wissen – bot er mir in allen -Stücken seine Hülfe an und übergab mir, dem Fremden, -die Verwaltung einer ganzen Plantage – sieh, -<em class="ge">das</em> ist ein Republikaner, das ist kein Mann aus -einem Polizeistaat, wo jeder Staatsbürger schon -pflichtschuldigst für einen Spitzbuben und Schuft gehalten -wird – weise Du ein solches Beispiel in -Deutschland auf?</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_303" title="303"> </a> -Hier herrscht auch wahre Religionsfreiheit, um -die in Deutschland, trotz dessen gerühmten Aufklärung, -noch immer gestritten wird – die Schule ist von der -Kirche frei – kein Pfaffe darf in die Erziehung der -Kinder hineingreifen, und das junge Geschlecht blüht -und keimt heran, eine Freude der Eltern, ein Stolz -ihres herrlichen Vaterlandes.</p> - -<p>Doch soll ich jetzt auch nur Stunden verlieren, -indem ich hier sitze und dem Zauberlande den Rücken -kehre, während ich es beschreibe? – nein – selbst -Deinetwegen nicht, Theodor, der Du mir sonst das -liebste Herz auf Gottes Erdboden bist. Aber komm hier -herüber, Du Guter, komm hierher und schüttle den -Staub von Deinen Schuhen, wenn Du dem morschen -Regierungswerk des »alten Landes,« wie Europa hier -mit Recht genannt wird, den Rücken kehrst – komm bald -und freudig und mit herzlichem Gruß wird Dir dann -die Arme entgegenbreiten Dein treuer Bruder</p> - -<p class="si mr2"><em class="ge">Carl von Horneck</em>,</p> - -<p class="si fss">früher – Gott sei gedankt, daß ich sagen kann<br /> -<em class="ge">früher</em> – Assessor von Gottes Gnaden.  </p> - - -<h4><a class="pagenum" id="page_304" title="304"> </a> -Zweiter Brief.</h4> - -<p class="si fss">Aus dem Staat <em class="ge">New York</em>, am 10. März 1848.</p> - -<p class="in2"><em class="ge">Lieber Vetter!</em></p> - -<p>Glücklich sind wir vor etwa drei Wochen hier in -Amerika angekommen, und ich befinde mich jetzt in -dem Welttheil, der mich so lange Jahre hat nicht -ruhig schlafen lassen. Manchmal ist es mir auch sonderbarer -Weise noch immer wie ein Traum und es -geschieht gar nicht selten, daß ich mich selber ganz -erstaunt frage: »bist Du denn wirklich jetzt in <em class="ge">Amerika</em>?« -Die Antwort fällt aber immer bejahend aus.</p> - -<p>Ich erinnere mich noch recht gut der Zeit wo ich -die Aushängeschilder der »Agenturen für Amerika« -und das gewöhnlich darauf gemalte Schiff mit einer -wahren Ehrfurcht betrachtete, daß ich dann immer so -eine Art von – ich weiß selber nicht wie ich es nennen -soll – von tragischem Schauer mir über die -Haut rieseln fühlte; – jetzt ist das vorbei – die -Seefahrt hat mich vollkommen von der Bewunderung -für die Schiffe selber geheilt – denn das Zwischendeck -ist ein grausenvoller Aufenthalt und das stete -Neue meiner Umgebung trägt viel dazu bei, mich zu -zerstreuen und gegen starke Eindrücke abzustumpfen. -Ich muß aber auch gestehen, daß ich Amerika keineswegs -so gefunden, wie ich es erwartete, und ich bin -<a class="pagenum" id="page_305" title="305"> </a> -in mancher Hinsicht sehr enttäuscht worden – gebe -Gott, daß ich mich geirrt habe. Jene lockenden Beschreibungen, -die ich vor meiner Abreise gelesen, sind -vielleicht, wie ich gestehen will, mit die Hauptursache, -daß meine Erwartungen zu hoch angespannt -wurden, dennoch muß ich Dir aufrichtig sagen, daß -ich mir Manches, auch bei den geringsten Ansprüchen, -besser wünsche. Die idyllischen Farmerwohnungen -schrumpfen z. B. größtentheils in erbärmliche Blockhütten -zusammen, durch die an allen vier Wänden -der Wind hindurch zieht, das Vieh läuft zwar wild -im Wald umher, aber jeder Schuft, der es nur -schlau genug anzufangen weiß, kann auch Kühe und -Pferde nach Belieben stehlen, und was die Schweinezucht -anbetrifft, so hat die ihre ganz besonderen Schwierigkeiten, -denn wenn die Sauen im Walde werfen, und -man läuft nicht ewig dahinter her und lockt die kleine -Brut, wie die Alte, mit Händen voll Mais, so werden -sie wild wie die Hirsche und der Böse mag sie dann -haschen, wenn er sie haben will. Auch das Land ist, -wenn auch gut, doch schwer zu bearbeiten – die -Bäume sind gar so stark und stehn zu dicht und die -Stümpfe so draußen im Feld zu lassen, daß man mit -dem Pflug zwischen lauter Holz und Wurzeln herumackert -und Vieh und Menschen halb zu Tode schindet, -<a class="pagenum" id="page_306" title="306"> </a> -das ist eine Wirthschaft, wie sie einem ordentlichen -Oekonomen nicht zusagt. Der Dünger wird ebenfalls -nicht beachtet und die liebe Gottes-Gabe bleibt wild -zerstreut im Walde herum.</p> - -<p>Auch mit der Viehzucht ist's schlecht, man weiß -nie wo sein Vieh steckt, alle Augenblick hat Wolf -oder Panther ein Stück und die Schaafe – na die -wünscht ich, daß Du die einmal sehn könntest, wenn -sie, die ganze Wolle eine einzige Klettenmasse, aus -dem Walde kommen.</p> - -<p>Und nun das Ungeziefer; Holzböcke und Moskitos -oder Mücken fressen Einen bald auf – die Fliegen -sind, besonders in kleinen Waldwiesen oder -Prairieen, in solcher Unmasse vorhanden, ein Pferd -förmlich zur Verzweiflung zu bringen und Wanzen – -nun die Wanze stammt ja aus Amerika, und es -braucht uns also nicht zu wundern, wenn wir sie -hier heimisch finden.</p> - -<p>Eines ist es aber noch besonders, was mir das -hiesige Bauer- oder Farmerleben zuwider macht – -die gänzliche Ungeselligkeit und Abgeschiedenheit. Anstatt -die Häuser in Dörfern beisammen zu haben, -liegen sie alle meilenweit von einander entfernt, im -Wald, und wenn Einem wirklich einmal etwas zustößt, -so ist auf schleunige Hülfe gar nicht zu hoffen -<a class="pagenum" id="page_307" title="307"> </a> -– mir graust es wirklich, wenn ich an irgend eine -Krankheit, die mich oder die Meinigen betreffen könnte -denke, denn der einzige Arzt wohnt sieben englische -Meilen von mir entfernt, und das schlimmste dabei -ist, daß ich wünschen muß, er wohnte lieber siebenzig, -denn ehe ich mich einem solchen Quacksalber in die -Hände gebe, der seine Patienten mit Calomel füttert -und hinopfert, sterbe ich lieber sanft an Kamillenthee -und Glaubersalz.</p> - -<p>Und mit den Leuten ist es erst eine fürchterliche -Noth; Knechte und Mägde, was wir darunter verstehn, -und wie sie doch zu einer ordentlichen Wirthschaft -unumgänglich nöthig sind, kann ich gar nicht -bekommen – die Leute wollen Alle wie die Herren -behandelt sein und gehn und kommen wie es ihnen -am besten gefällt. Auch ihre Ansprüche sind unverschämt -und übertrieben – erstlich unverhältnißmäßigen -Lohn, dann dreimal Fleisch den Tag und Kaffee -und Zucker zum Frühstück, wie Thee oder Milch zum -Abendbrod; und das genügt ihnen nicht einmal, -wollte ich es ihnen dabei an einem besondern Tische -geben und für mich mit meiner Familie allein essen, -– thäte ich das, ich glaube ich setzte mich den größten -Unannehmlichkeiten aus.</p> - -<p>Nein, lieber Vetter, wenn Du meinem Rath folgst, -<a class="pagenum" id="page_308" title="308"> </a> -so giebst Du Deinen Pacht nicht auf, sondern bleibst -ruhig in Deutschland – sind auch die Abgaben dort -wie andere Scherereien ziemlich bedeutend, so schützen -uns doch auch die Gesetze wieder vor tausend Unannehmlichkeiten, -denen wir hier ausgesetzt sind, und -das gesellige Leben wiegt wieder viele Mängel auf – -kann ich meine Farm vortheilhaft verkaufen, so komme -ich auf jeden Fall wieder zurück und bei einem Glase -Bier – o wie ich mich nach einem ordentlichen guten -Krug Lagerbier sehne, – erzähl ich Dir dann, was -ich hier Alles erlebt, und wie ich so nach und nach -und Schritt für Schritt, in all meinen schönen Hoffnungen -und Plänen enttäuscht wurde.</p> - -<p>Daß das recht bald geschehen möge wünscht, mit -seinen herzlichen Grüßen an Dich und die lieben -Deinigen</p> - -<p class="si mr2">Dein alter Freund und Vetter</p> - -<p class="si mr2"><em class="ge">Christoph Roßberger</em>.</p> - -<p>Meine Frau, die Euch mit den Kindern, ebenfalls -herzlich grüßen läßt, klagt eben über Frösteln und -Kopfweh – die Nägel fangen ihr auch schon an blau -zu werden – das sind die freundlichen Anzeigen des -kalten Fiebers.</p> - - -<h4><a class="pagenum" id="page_309" title="309"> </a> -Dritter Brief.</h4> - -<p class="si fss"><em class="ge">Nujork</em> nich sondern <em class="ge">Kendukki</em> wo ich jezd bin.</p> - -<p class="in2"><em class="ge">Lüber Ludewig!</em></p> - -<p>Ich bin glicklich hir eingedroffen in Ameriga -Dunnerwetter das is en Land 17 Dage in eine ford -gereißt un noch keine Grenze un kein Schandarm un -kein Bas verlangd un kein Schlachbaum gesen un kein -Bolizeidiener worum ich Dich eigendlich bitten wolde -weil mir das bei den Bolizeidienern die ich nich gesen -habe einfelld so geh doch einmal zu Lowizki hin Du -weist schon – und sage ihm hir soll er herkommen -hir is des Land vor ihm. Woso aber Du glaubsd -dass ich nich de Warheid rede die Kühe und Ferde -laufen hir frei im Walde rum un es kann se jeder -nehmen wer will un ich bin iberall die Nachd in die -schenstden Betten geschlafen und ob sie mich eine 20 Daler -Nothe wexeln kennten wenn ich se morgens -fragde sagden se jedesmal nein was mir sehr leid tat -Hurrjeh komm nach Ameriga un 3mal Fleisch un -Speck un Kafeh un Milg und Zuker un saure Gurken -un Herr nennen sie Misther wo sie mich immer Misther -Bomeier nennen. Hür glaub ich aug von wegen -Komunismuss is das regde Blatz glaub ich un ich un -ein guder Freind wir haben uns den Mormonen angemagd -wie ich sagen wollde wir haben Briderschafd -<a class="pagenum" id="page_310" title="310"> </a> -mit sie gemagd un allens sollen mir teilen haben sie -ferschprochen mir teilen un sie teilen un die anderen teilen -un da kommen mir gans gut weg dabei aber mir missen sie -schon mannigmal kleine Freindschafden duhn un Welschkorn -holen in andere Felder und aus Fersehn eine Sau -schlagden un kein Schandarm hat einen nichts zu -sagen un is keiner zu sehn. Un vile Aeppel in die -Obstgerten un viele Firsich das eine Bein tut mich -noch sähr we von ein große Hund – gottvertamte -Krete der Hund Aber ich muss nu schlüßen o Ludewig -wenn Du wistest was se hir vor Gefengnisse haben -lauter Holz und kein Boden drin ob se wol unser -einem nu Du verstehest mir wol Aber ich muss nu -schlüßen un die Bauern die nich teilen wollen haben -ire Kornkrib als wo so ein Welschkornscheune heißt -im Freien un keine Hunde dabei wie die vertamte -Krete. Aber ich muss nu schlüßen un wenn Du hirherkomst -un ich wone in das Bortinghaus von Samöel -Schmit un Du kansd hir aug wohnen 1 un 3 4tel -Dollar die Woche. Aber ich muss nu schlüßen un Du -kansd lange gut leben denn Du komsd bald hürher -von die Schorken die Dich schünden und kujjeniren -wo es immer geschiht das winscht Dein getreier -Bruder</p> - -<p class="si mr2"><em class="ge">Eregott Bomaier</em>.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_311" title="311"> </a> -Wenn Du meine Frau siest sage ihr sie solte jo -nich hirher kommen es were hir gar nigts vor die -Frauen.</p> - - -<h4>Vierter Brief.</h4> - -<p class="si fss"><i>New York the 20<span class="top">th</span> of March 48.</i></p> - -<p class="in2"><em class="ge">Theuerer Scharffenstein!</em></p> - -<p>Du wirst staunen, schon einen Brief von mir zu -erhalten, denn Du am besten kennst wohl meine -Schwäche in Allem was schreiben heißt – die Hand -die gewöhnt ist den Degen zu führen, schreckt gewöhnlich -vor der Feder zurück – doch ich fühle mich hier -zu wohl, zu glücklich, um Dir nicht Theil an meiner -Freude zu gönnen und jeder Tag deshalb, den ich an -dieser Mittheilung verzögerte, schien mir ein Raub an -Deiner Liebe.</p> - -<p>Du weißt aus welchen Gründen ich Deutschland -verließ – was half mir meine Stellung als Rittmeister -– der Rittmeister verdiente nicht genug den Grafen -standesgemäß leben zu lassen, und meine Lage -wurde drückend. Ich muß Dir aber dennoch gestehn, -daß ich mit nicht geringen Befürchtungen den Amerikanischen -Boden betrat – es war eine <em class="ge">Republik</em>, -und was konnte darin der arme Graf erwarten – -<a class="pagenum" id="page_312" title="312"> </a> -hoffen? Schon der erste Blick, den ich in die ungeheuere -Stadt New York that, bestärkte mich dabei in -diesem Gefühl, und beengte mir Herz und Geist – -kein Haus ohne ein Geschäft in den unteren Räumen, -kein freier Raum zwischen Thüren und Fenstern, ohne -Schilder, Anzeigen und riesige Namenszüge und -Buchstaben. Hier – das ließ sich nicht verkennen – -herrschte der Krämer, und der Graf konnte nur eine -sehr untergeordnete Rolle spielen.</p> - -<p>Oder sollte ich etwa als – Commis in eines dieser -Geschäfte treten? – Dingen und feilschen, wiegen -und messen, und mir mit »ehrlichem Fleiße« einen -Platz in der menschlichen Gesellschaft mühsam erringen, -daß ich endlich, nach Jahre langer Arbeit – auf -gleicher Stufe mit den Krämerseelen stünde? – Bah, -der Gedanke war demüthigend und odiös und trieb -mir die Tropfen auf die Stirn.</p> - -<p>Der erste Lichtblick, der mich in diesem Chaos -meiner Gefühle traf, war eine vierspännige Kutsche -mit galonnirtem Kutscher vorne und betreßten Bedienten -– einen Weißen und einen Neger, hinten auf – -ja auf dem Kutschenschlag sogar ein Wappen – leider -konnte ich es nicht erkennen, denn sie rollte zu rasch -an mir vorüber. Ich war wirklich erstaunt, <em class="ge">das</em> hier -in einer der Hauptstädte der Republik zu finden, und -<a class="pagenum" id="page_313" title="313"> </a> -Du wirst mein Erstaunen theilen, wenn ich Dir sage, -daß ich in Zeit von einer Viertelstunde fünf oder sechs -solche Wappenträger gesehn, doch mit lauter mir -fremden Schilden.</p> - -<p>Am nächsten Tag, als ich die Theile der Stadt -durchzog, wohin meine Empfehlungen lauteten, betrat -ich die Straßen die weniger kaufmännisch und -schon mehr aristokratisch aussahen. Elegante Gebäude -mit Marmortreppen, Mahagonithüren und vergoldeten -Knöpfen – hie und da der Wollkopf eines -schwarzen Portiers sichtbar. Dennoch betrat ich mit -einer Art Beklemmung die erste Treppe – der Name -John Broadfoot klang gar zu plebejisch und sein, wie -seiner Gattin Anblick, strafte ihn leider nicht Lügen, -obgleich sie Beide von Atlas und Gold strotzten – ich -mußte wahrhaftig beim ersten Eintritt das Lachen -verbeißen – Gott sei Dank, daß ich nicht herausplatzte.</p> - -<p>Aber pompös eingerichtet waren die Leute, wahrhaft -fürstlich, und Du weißt, meine Ansprüche in der -Art sind nicht gering – nur etwas überladen, zu viel -Gold und lichte Farben, zu wenig Schatten für die -Masse blendender Strahlen. Von dem Augenblick an -begann aber ein neues Leben für mich! ich flog aus -einer Gesellschaft in die andere; Einladung folgte auf -<a class="pagenum" id="page_314" title="314"> </a> -Einladung; ich wurde fetirt wie an keinem Orte -Deutschlands oder Frankreichs und der deutsche Graf, -der <i>german count</i>, scheint wirklich das Stadtgespräch -geworden. Beim Himmel, Eugen, ich bin in dieser -Republik eher wie ein Gott als ein Sterblicher behandelt -worden, und wenn in Paris, wo, wie ich -eben die Nachricht bekomme, das Königthum gestürzt -sein soll, die Republikaner ebenfalls so rücksichtsvoll -gegen Grafen sind, dann werd' ich künftig in Paris -die Saison und in Amerika meinen Sommer verleben.</p> - -<p>Doch lange mag ich nicht mehr der Mittelpunkt -aller dieser Feste sein, ohne nicht bald selbst einmal -etwas ähnliches zu veranstalten; dieser mir gezollte -Weihrauch macht mich allerdings sehr stolz; ich bin -aber auch wieder zu stolz, unerwiedert dergleichen fortwährend -anzunehmen. Meine Casse befindet sich freilich -in keinen übermäßig brillanten Umständen, soviel -aber hält sie hoffentlich aus, denn ist mir wieder auf -eine Zeitlang hier Bahn gebrochen und rückt der -Sommer weiter hinein, nun so ziehe ich in die benachbarten -Städte Philadelphia, Baltimore, Boston; ein -Graf mit einem so wackeren Namen wie der meine, -wird dort überall nicht allein willkommen geheißen, -sondern wirklich ersehnt, da es, Gott sei Dank, mit zum -guten Ton gehört, ihn unter seine »<i>friends</i>« zu zählen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_315" title="315"> </a> -Also <i>good bye</i>, mein theuerer Scharffenstein, laß -bald selbst einmal etwas von Dir hören und sei versichert, -daß sich stets Deiner in alter Liebe und Freundschaft -erinnern wird, Dein</p> - -<p class="si mr2"><em class="ge">Hugo</em>,</p> - -<p class="si fss">Graf von Böllinghausen und Nistadt.</p> - -<p><i>P. S.</i> Solltest Du selber noch herüber kommen, -so nimm auf dem Dampfschiff um Gotteswillen erste -Cajüte. Man muß hier, in Amerika selber, allerdings -mit manchem Plebs verkehren, weil sich das nicht gut -vermeiden läßt, auf der See aber, und so frisch von der -Heimath fort, ist es oft höchst fatal und widerwärtig.</p> - - -<h4>Fünfter Brief.</h4> - -<p class="si fss">Im Staat <em class="ge">Ohio</em> am 3ten März 1848.</p> - -<p class="in2"><em class="ge">Liebe Eltern und lieber Bruder!</em></p> - -<p>Es freut mich Euch sagen zu können, daß es mir -hier gesund und wohl geht. Ich habe nämlich die Seereise -glücklich überstanden und wenn ich auch lange -seekrank war, so bin ich doch jetzt wohl und gesund -und es fehlt mir an meinem Körper gar Nichts. Was -aber die Verhältnisse hier anbetrifft, so thut es mir -leid, Euch gar nichts Bestimmtes und nichts Gutes -über mich schreiben zu können, denn es geht mir bis -<a class="pagenum" id="page_316" title="316"> </a> -jetzt noch hier herzlich schlecht – vielleicht wird's einmal -später besser. Kommt aber ja nicht jetzt heraus, wie ihr -es wolltet, liebe Eltern und lieber Bruder – es ist Alles -nicht wahr, was uns Siebenhegers im vorigen Jahre -geschrieben haben – und wenn es wahr ist, so ist es ganz -anders, als wie es im Brief aussieht, und wie man es -sich dennoch denken muß. Allerdings kann jeder gleich -Meister werden wer will, und ich bin auch gar nicht -faul gewesen wie ich hier nach Amerika kam. Ich nahm -gleich mein Handwerkszeug, miethete mir einen <em class="ge">Schop</em>, -wie sie's hier nennen und fing mit der Tischlerei an, -aber lieber Gott, arbeiten hätt' ich schon gern gewollt, -wenn ich nur was zu arbeiten gehabt hätte, -und den theueren Miethzins mußt ich dabei bezahlen -und das Borting, wie sie hier die Wirthshäuser -nennen und da wurden die hundert Thaler, die ihr -mir mitgegeben habt, liebe Eltern, immer weniger, -bis ich zuletzt einsah, ich müßte endlich verhungern, -wenn ich so sitzen bliebe und wartete auf Arbeit. Da -gab ich mein Werkzeug an einen Freund zum Aufheben -und ich selbst nahm den Rest von meinem Geld, -37 Dollar und 3 Schilling und ging nach Missuri.</p> - -<p>Im Lande nun dacht ich könnt's mir gar nicht -fehlen, denn in dem Brief stand ja, das Vieh liefe -hier wild herum und koste beinah gar Nichts, und das -<a class="pagenum" id="page_317" title="317"> </a> -Welschkorn brauchte man nur zu pflanzen, und Alles -was man hätte könnte man gleich verkaufen an -Butter, Milch, Mais und Wildhäute und das Haus -helfen Einem die Nachbarn baun – das stand alles -in dem Brief. Und wie ich nun hierherkam da hatt ich -noch 20 Dollar und 75 Cent, denn das Reisen hier -ist sehr billig, aber damit konnt ich doch keine Farm -kaufen und Arbeit konnt ich auch nicht kriegen, denn -hier brauchen sie lauter Leute, die recht gut mit der -Axt umzugehn wissen, und daß wußte ich nicht, und -mein Handwerkszeug hatt ich auch in Nujork gelassen -und wie ich dorthin schrieb da sagte der Wirth in dem -Bortinghaus dem ich es gegeben hatte, er wüßte -nichts davon und ich war es los. Für 4 Dollar den -Monat und die Kost boten sie mir in Anfang Arbeit -an, aber ich wollte es nicht annehmen weil ich -glaubte es wäre zu wenig, und ich verzehrte erst alle -meine 20 Dollar und dann nahm ich Arbeit für -4 Dollar, weil ich doch nicht hungern wollte und -ehrlich fortkommen wollte. Und ich bin auch ganz abgerissen -an Kleider und ich fürchte mich neue zu kaufen, -denn ich mochte nicht gerne Geld borgen. Ich bin bei -Deutschen hier und muß fürchterlich arbeiten, aber -ich thu es gern, denn ich verdiene doch wenigstens -mein täglich Brod, aber sie sagen mir, Einer der kein -<a class="pagenum" id="page_318" title="318"> </a> -Geld hat, der kann es zu gar nichts bringen und -wenn ich fleißig bin, wollen sie mir in der Erndte -8 Dollar geben und ein neues Hemde. Ich muß auch -viel Tischlerarbeit für sie machen und für andere -Leute, wofür ich aber das Geld nicht kriege, meine -Brodherrschaft verdient aber nichts dabei, denn die -thut es auch sehr billig, mehr aus Gefälligkeit, weil -sie auch wieder viel Gefälligkeit von den andern Leuten -erhält.</p> - -<p>Das sind nun die schönen Gedanken von 1 Dollar -den Tag für Arbeit und immer mehr zu thun wie -Einer thun könnte. Meine Brodherrschaft, die es sehr -gut mit mir meint, sagt ich könnte mir gratuliren, -daß ich bei ihnen wäre, denn viele Leute laufen brodlos -rum. Und daß ist auch wahr, ich habe schon viele -gesprochen, die gerade aus Deutschland kommen, und -es geht ihnen sehr schlecht. Neulich war ein Mann -bei mir aus Hessen Darmstadt – der hat geweint -und gesagt seine Familie thäte in einer elenden Blockhütte -am kalten Fieber liegen und er hätt keinen -Groschen um Brod zu kaufen. Der Mann heißt -Mülzer und ist auch ein Handwerker, aber ein Bäcker -und die Leute backen sich hier alle selber ihr Brod und -was anderes konnte er nicht werden, sagte er, weil -er nichts anderes gelernt hat.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_319" title="319"> </a> -Doch adje liebe Eltern und lieber Bruder, vielleicht -geht mir's noch einmal besser hier in Amerika -und dann schreib ich Euch wieder, aber jetzt gehts -noch nicht gut und darum grüßt Euch Euer getreuer -Sohn und Bruder</p> - -<p class="si mr2"><em class="ge">Traugott Erdmann</em>.</p> - - -<h4>Sechster Brief.</h4> - -<p class="si fss"><em class="ge">New York</em> den 9ten März 48.</p> - -<p class="in2"><em class="ge">Mein herzlieber Carl!</em></p> - -<p>Versprochener Maßen erhältst Du, sobald ich nun -hier in dem neuen herrlichen Lande einmal zu Athem -gekommen, augenblicklich Nachricht von mir, und -zwar Nachricht, nicht wie es hier im Lande selber -steht, denn davon weiß ich noch zu wenig, sondern -über das besonders, was ich hier thue und treibe.</p> - -<p>Ich bin beinah alle Tage auf der Jagd gewesen, -doch die Jagd um New York selbst herum, ist höchst -unbedeutend – eine kleine Rohrdommel und zwei -Moschusratten bilden den beträchtlichsten Theil meiner -Beute, und das klingt Dir wahrscheinlich sonderbar, -wenn Du Dich an unsere Gespräche über Bären, -Büffel, Elens, Riesenhirsche und Panther erinnerst. -Doch Du mußt bedenken, die Jagd ist hier frei, jedes -<a class="pagenum" id="page_320" title="320"> </a> -Kind kann mit seiner Flinte hinausgehn und schießen, -und daß da um eine Stadt wie New York, die, glaub' -ich, 400,000 Einwohner hat, kein großes eßbares -Wild mehr zu finden ist, liegt allenfalls auf der -Hand.</p> - -<p>Gestern traf ich aber glücklicher Weise einen alten -Jäger aus Indiana, das viele hundert Meilen westlich -von hier liegt; der erzählte mir, zufälliger Weise -wie das Gespräch gerade kam, von dem Wild in -seiner Gegend, das muß fabelhaft sein. Mir zugeschworen -hat er's, daß er die Bären manchmal, besonders -in kalten mondhellen Nächten, aus seinem -Küchenfenster schießt, und Hirsche erlegt er nur, wenn -er Fleisch für die Hunde braucht. Denke Dir wie sich -das glücklich trifft, der Mann hatte zufällig, und ich -merkte es gleich, er wollte im Anfang nicht mit der -Sprache heraus, eine kleine Farm, ein sogenanntes -<i>improvement</i> von ein paar Ackern urbargemachten -Landes zu verkaufen, auf dem ein kleines Wohnhaus -und eine Räucherkammer und Maisscheune steht. -Und weißt Du was das ganze kosten soll? – Du -riethst es wahrlich nicht und gingst Du noch so tief -hinunter – denke Dir, 250 Dollar; – vier bis fünf -Acker urbar gemachtes Land mit den dazu gehörigen -Gebäuden für 250 Dollar! es ist fabelhaft.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_321" title="321"> </a> -Ich scheute mich wahrhaftig im Anfang ja zu -sagen, denn es war augenscheinlich, der Mann kam -gerade mitten aus dem Walde in die Stadt und -kannte den Werth seines Besitzthums gar nicht, denn -für 250 Dollar schieß ich ja allein in der Gegend an -Wild heraus, Bärenfett, Honig und Wachs, was -Alles hier in New York einen ganz guten Preis hat, -gar nicht gerechnet. Leider sind keine Indianer mehr -in der Gegend, doch versicherte mir mein Backwoodsman, -das sei nur ein sehr großer Vortheil für den -Wildstand, dem die Indianer, wenn sich viele in der -Nachbarschaft aufhielten, gewaltigen Abbruch thäten.</p> - -<p>Gestern Mittag wurden wir denn handelseinig; -d. h. ich schloß den Handel nach seinen eigenen Bedingungen -mit ihm ab, weil ich Furcht hatte es -könnte mir sonst ein Andern zuvorkommen. Hol's der -Henker, wenn der Mann etwas verkaufen will, so -muß er auch wissen, was er dafür fordern kann – -er ist alt genug und braucht keinen Vormund. Uebrigens -habe ich ihm auch noch drei Kühe, die auf dem -Platz sind, für den allerdings im Verhältniß jener -wilden Gegend etwas hohen Preis von 12 Dollar -<i>per</i> Stück abgenommen, auch eine Heerde Schweine -von 19 Stück mit 3 Dollar <i>per</i> Kopf. So bin ich -denn auf einmal ein Amerikanischer Farmer geworden -<a class="pagenum" id="page_322" title="322"> </a> -und will in nächster Woche nach meinem neuen Besitzthum -aufbrechen; wollte Gott Du wärst jetzt hier -und wir könnten zusammen dorthin ziehn, ich kann -Dir gar nicht sagen wie ich mich darauf freue.</p> - -<p>Nur das eine ist mir unangenehm, daß der alte -Jäger nicht mit mir zu seinem früheren Wohnort zurückkehren -kann, um mich dort gewissermaßen einzuführen; -er will aber von hier direkt nach Texas, um -von dort aus nach New Mexico überzusiedeln und -als Pionier den Kern jener Macht mit bilden zu -helfen, die später als neuer Staat der Union von -Nordamerika ein neues Glied jener herrlichen Kette -werden wird, die in kaum einem halben Jahrhundert -den ganzen Continent von Amerika umspannen muß. -In Texas soll es auch viel Wild geben, lange aber -nicht so viel, meines Backwoodsmans Aussage nach, -als in Indiana.</p> - -<p>Besonders malerisch hat er mir die Truthahnjagd -und die Panterhetzen geschildert und das einzige was -er gegen das Land dort einzuwenden hat, wäre – -denn er sagte mir, er hielte es für seine Pflicht darin -aufrichtig gegen mich zu sein – daß eben Panther, -Bären und Wölfe einen ordentlichen Viehstand schwer -aufkommen ließen; besonders bösartig sollten die -Bären hinter den Schweinen her sein, ja nicht selten -<a class="pagenum" id="page_323" title="323"> </a> -sogar in das Maisfeld selber brechen und darin beträchtlichen -Schaden anrichten. – Und das sollte -mich von dem Lande abschrecken, Carl – ich gebe -Dir mein Wort, ich mußte ordentlich an mich halten, -daß ich nicht laut aufjubelte vor lauter Freude. – -Bären im eigenen Maisfeld; na wartet, meine -schwarzen Burschen, ich will Euch das Mahl mit -meiner treuen Büchse gesegnen – zwanzig Kugeln -auf's Pfund, die machen ein Loch wo sie hinkommen.</p> - -<p>Um übrigens den alten Jäger wenigstens in etwas -dafür zu entschädigen, daß er so billig verkauft, und -mir zugleich die Bahn zu dem Ziel meiner Wünsche -gezeigt und geebnet hat, bin ich heute morgen, als -ich ihm sein Geld ausgezahlt hatte, durch die Stadt -gegangen und habe ihm dort noch eine prächtige lange -Büchse, die ihm sehr in die Augen zu stechen schien -und die allerdings 60 Dollar kostete, gekauft. Du -hättest sehn sollen, wie mich der anschaute, erst griff -er voller Eifer darnach, und dann besann er sich eine -Weile, schüttelte mir die Hand, und wollte sie meiner -Seele nicht annehmen, wie ich aber endlich ganz fest -darauf bestand, ja zuletzt sogar schwur, ich würde sie, -wenn er sie zurückweise, dem ersten besten Menschen -geben, der uns auf der Straße begegnete, da warf er -sie sich über die Schulter und pfiff vor Freude die -<a class="pagenum" id="page_324" title="324"> </a> -ganze Straße hinunter. Es ist ein kostbarer Menschenschlag, -der Amerikanische.</p> - -<p>So lebe denn für jetzt wohl, mein Carl, denn die -Vorbereitungen zu meiner Reise nehmen für den Augenblick -meine ganze Zeit in Anspruch; ich will nämlich, -wenn ich es noch möglich machen kann, schon -morgen nach meinem kleinen Besitzthum aufbrechen, -um gleich Jemanden zu besorgen, der es mir dieses -Jahr noch ackern und mit Mais bepflanzen kann. -Sowie ich dort eingerichtet bin, hörst Du sogleich -wieder von mir, und des ersten Büffels Haut, den ich -eigenhändig erlege, soll unter Deinem Schreibtisch -als Fußdecke prangen.</p> - -<p>Bis dahin aber grüßt und küßt Dich herzlich Dein</p> - -<p class="si">jetzt wahrhaft glücklicher</p> - -<p class="si mr2"><em class="ge">Fritz Sternberg</em>.</p> - - -<h4>Siebenter Brief.</h4> - -<p class="si fss">Filadelphia de 10. März 1848.</p> - -<p class="in2"><em class="ge">Guter Edde und allerbeste Mämme.</em></p> - -<p>Gottes Wunder was hob ich vor ane Raise gemocht -hierher in de gewaltige Stadt von die Quäkers; -lauter Wasser und immer Wasser – will ich -nich gesund auf meine Fiße stehn, wenn ich nit glaub' -<a class="pagenum" id="page_325" title="325"> </a> -grad dorum nenne se den graußen Ocean das Mehr, -wails nimmer weniger werd. Und das Bischen Seekrankheit -unterwegs – wai geschrien Mämme – s' wor -schauerlich. Speck hawe mer esse dirfe, der Rabbiner -hets uns über die See erlaubt, weil mer de -Schiffskost nu emol net kauscher kriege konnt – aber -Gottes Wunder was hots uns geholfe? wie hob ich -mich uf den Speck gefrait und will ich nich gesund auf -meine Fiße stehn, wenn ich en nachher auch nur ansehn -kunnt – gleich wurde mer schlecht.</p> - -<p>Ihr wollt wisse was Seekrankheit is? Gottes -Wunder – wie heißt Seekrankheit – nehmt a gute' -Handvoll Brechwainstein, und wenns Eich denn recht -schlecht, recht eklich werd, main, dann setzt Eich in 'ne -Schaukel un laßt den Itzig schaukle un immer schaukle un -je schlechter Eich werd, je höher schaukle von den Itzig -– dos is Seekrankheit, und wollt ers nachher noch -ganz akkerat wisse, dann bleibt in de Schaukel sitze -und trinkt ä Bissle worm Salzwasser mit Butter nein -– Gott der Gerechte wer kann do an Speck denke.</p> - -<p>Un das Land? – wai geschrien wos is des vor e -Land – wie haißt Amerika? hätt ich doch mein Lebtag -nicht gesehn Amerika – is dos auch ä Nome fir -des Land? – Terkei sillts heiße oder Kosakeland aber -nich Amerika. Was hob ich profitirt sait ich hier bin -<a class="pagenum" id="page_326" title="326"> </a> -– frogt mich emol was ich profitirt habe? – gor nix -hab ich profitirt un noch weniger. Quäker, haißts, -wären lauter in Filadelphia – ich hob noch nix quäken -gehört; will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, -wenn nich mehr Jüdden hier sin wie Quäker – un -da soll a Jüdd was profitiren? – lächerlich.</p> - -<p>Rumgelaufe bin ich mit en klainen Kerbche von -Haus zu Haus und wos fir schaine Sachen hob ich -Alles gehabt: Kemmcher, Stecknodeln, Hosenträger, -Band, Litzen, Zwirn, Fingerhit, Saifen, Haaröl, -Stohlfedern und was waiß ich Alles – es is ordentlich -a Wunder gewese, wies Alles in dem klainen -Kerbche hat Platz gehatt – und was fir Geschäftcher -hab ich gemacht? – wie haißt Geschäftcher – in de -klaine Haiser bin ich gewesen, sahen se alle meine -Sachen – will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, -von vorn bis hinten an, un wenn se sulten kaufen, -hatten sie kain Geld – un in de graußen Haiser? – -geh der Edde mol in die graußen Haiser in Filadelphia -– Gott der Gerechte, mit schwarze Mohren -haben se mich 'naus geschmissen.</p> - -<p>Das sin de Geschäftcher in der Stadt, un in's -Land drauße? – geh der Edde wol in's Land -drauße? im Wald wimmelts von wilde Katzen un -Panthers un Bären, un Gott der Gerechte, was sin -<a class="pagenum" id="page_327" title="327"> </a> -mit Bären für Geschäftcher ze machen? ich geh <em class="ge">net</em> -in's Land werd ich mich fressen lassen. Un wer kennt -Einen hier? – wer soll dem Veitel Credit geben? kan -Mensch – der Veitel is hier gor nix – Gott der -Gerechte, wär' ich in Bamberg gebliebe, un hätt' -ichs Geld – will ich nich gesund auf meine Fiße -stehn, wenn ich nich den Brief selber brächt.</p> - -<p>Gott behits Mämme un Edde, wenn ich mit die -zwai Ducatcher die ich noch aingenäht uffm Magen -trag in vier Woche nich verhungert bin, schreib ich -Eich noch e Mol wie mers geht – grißt mer de -Rachel – soll se froh sein daß se is in Bamberg, un -dasselbe winscht sich</p> - -<p class="si mr2">Eier lieber Sohn <em class="ge">Veitel</em>.</p> - - - - -<h3><span class="ge">Zweiter Theil.</span></h3> - - -<h4>Erster Brief.</h4> - -<p class="si fss"><em class="ge">Cincinnati</em>, den 16. August 48.</p> - -<p class="in2"><em class="ge">Lieber Theodor!</em></p> - -<p>Sei nicht böse, daß ich Dir so lange nicht geschrieben -habe, aber, es ist hier ein gar so geschäftiges -Leben, und ich selbst bin in so eigenthümliche Verhältnisse -hineingerathen, daß ich selbst kaum weiß, wie ich -<a class="pagenum" id="page_328" title="328"> </a> -Dir das Alles mit kurzen Worten schildern soll. Auch -bei Euch daheim sind, wie ich höre, indessen große -Veränderungen vorgegangen; nun, seid nur vorsichtig -in der Gründung einer Republik und nehmt Euch -Amerika zum Muster – d. h. wie Ihr Vieles <em class="ge">nicht</em> -machen sollt.</p> - -<p>Hätt' ich gewußt, daß sich Alles bei Euch so rasch -gestalten würde, so wär' ich doch lieber noch in -Deutschland geblieben – Amerika hat viel vortreffliche -Seiten, aber – es ist doch die Heimath nicht. -Die Gesetze sind allerdings ausgezeichnet – die Amerikanische -Constitution könnte jedem Lande der Welt -zum Vorbild dienen und sein Glück sichern – aber sie -sollte auch in jeder Beziehung nicht dem Wortlaut, -sondern dem Sinn nach ausgeführt werden, wie es -sich jene edlen Männer bei dem Entwurf derselben gedacht -haben. Die Gesetze allein können aber ein Land -nicht glücklich machen, wenn die Regierung nicht auch -die Macht hat sie auszuüben, und ihnen Achtung zu -verschaffen. Das Lynchgesetz giebt davon ein trauriges -Beispiel, wo das Volk mit den Personen, die seiner -Rache einmal, ob gerecht oder ungerecht, verfallen -sind, angiebt was es ihm beliebt.</p> - -<p>Der Amerikaner mag aber noch angehn hier, er ist -zwar kalt und theilnahmlos, eine schändliche Geldaristokratie -<a class="pagenum" id="page_329" title="329"> </a> -läßt Einen manchmal wahrhaftig ordentlich -den Adel des alten Landes herbeiwünschen, und ewig -auf kaufmännische List – ja oft auf wirkliche Betrügereien -sinnend, versteckt er das hinter der Maske ekelhafter -Bigotterie; doch ist er wirklich mit Leib und Seele -Republikaner, seine Constitution geht ihm über Alles, -und er würde für ihre Vertheidigung und Aufrechthaltung -Leib und Leben einsetzen. Aber widerlich wurden -mir hier die <em class="ge">Deutschen</em>, und ich muß leider gestehn, -ich begreife unter dem Namen die große Mehrzahl -derselben, die hier in die Republik hineingeschneit -sind, sie wissen selbst nicht wie, und jetzt, zur Schmach -und Schande ihrer Nation, den Partheien zum Spielball -dienen. Es ist wahr, die meisten sind Demokraten, -aber frag' sie warum? – sie wissen es nicht; -unklar mit sich über die einfachen politischen Fragen -des Landes, in dem sie leben, gehen sie mit dem Strom, -und werden nicht selten in Masse von ein oder der -anderen Parthei förmlich übergekauft. An eine knechtische -Existenz in Deutschland dabei gewöhnt, sind sie -im Anfang kriechend höflich gegen besser gekleidete, -und lernen sie erst erkennen, daß sich hier Alle Menschen -gleich sein sollen, so werden sie gegen Alle, die -sie sich an Geist oder Vermögen überlegen glauben, -grob und ungezogen, um ihnen nur ja zu beweisen, -<a class="pagenum" id="page_330" title="330"> </a> -daß sie ihr Recht kennen, sich in Amerika eben so viel -zu dünken, wie jeder Andere.</p> - -<p>Theodor, Theodor, mir bangt, wenn ich in hiesigen -Blättern von Euerem Streben in Deutschland nach -Republik lese, und dann Exemplare der Leute hier um -mich sehe, mit denen Ihr dort, in der ungeheueren -Mehrzahl eine Republik gründen müßtet – es sind -Elemente, trefflich geeignet zum Zerstören, zum Ansturm -gegen einen hartnäckigen feindlichen Widerstand, aber -zum Aufbau untüchtig, ja gefährlich. Ich habe in -Illinois einen Prairiebrand gesehen, der nicht allein -das trockene Gras verzehrte, das er verzehren sollte, -sondern auch noch in unzähmbarer Wuth Fenzen, -Farmhäuser, Scheunen und ganze Waldstrecken zerstörte -und in Asche legte, und der Strecke, der er -nützen sollte, unendlichen Schaden brachte. Es war -das in einer Zeit, wo ich noch keine Nachricht über -Euere deutschen Bewegungen hatte, und doch zuckte -mir, wunderbarer Weise bei dem Brande der Gedanke -an eine »deutsche Republik« durch die Seele.</p> - -<p>Willst Du übrigens wissen, was der Amerikaner -von den »deutschen Republikanern« hält, die in ihren -deutschen Blättern hier immer von Freiheit und -Selbstständigkeit, von deutscher Treue und Hochherzigkeit -prahlen? – er braucht ihren Namen als -<a class="pagenum" id="page_331" title="331"> </a> -Schimpfwort, und besonders ist das hier in Cincinnati, -wo es viele Tausende von ihnen giebt, der Fall. -Das Wort »<i>dutchman</i>« was Deutscher heißen soll, -obgleich es ursprünglich einen Holländer bezeichnet, -dient zum wirklichen Schimpfwort – »<i>you shall call -me a dutchman</i>« Du sollst mich einen Deutschen -nennen – ist die empörende Versicherung, die ich -hier nur zu oft hören mußte »<i>he fights like a -dutchman</i>« wird von Einem gesagt, der bei einer -Aussicht auf Kampf die Flucht ergreift, und sich nur -schlägt, wenn er in einer Ecke eingeklemmt ist. -<i>Black dutch</i> ist ein Schimpfwort, das den Deutschen -mit der verachtetsten Race, mit dem Neger, in eine -Kategorie wirft. Doch genug davon, wenn ich sehe, -wie meine Landsleute in dem Lande der Freiheit verachtet -sind, verachtet von Republikanern doch –</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»wollt' ich sie alle zusammenschmeißen</div> - <div class="verse">ich könnt' sie doch nicht – Lügner heißen.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Zürne mir nicht, wenn meine Worte vielleicht -etwas bitter klingen; mir ist's nicht gut gegangen seit -ich dies Land betreten, und ich habe in mancher Hinsicht -Unglück gehabt. Gleich im Anfang betrog mich -ein Amerikaner, der mich anscheinend ganz freundschaftlich -und uneigennützig aufnahm, um Alles, was -ich besaß, indem er mich zum Kauf eines ganz werthlosen -<a class="pagenum" id="page_332" title="332"> </a> -Gutes verleitete, auf das er noch nicht einmal -gegründete Ansprüche hatte; ich fiel einem Advokaten -in die Hände und sah mich nach wenigen Monaten -arm wie eine Kirchenmaus in dem fremden Lande. -Der englischen Sprache vollkommen mächtig, wollte -ich mich dann mit literarischen Arbeiten beschäftigen. -– Deutsche wie Amerikanische Zeitungen erwiesen sich -auch gleich bereitwillig, meine Artikel abzudrucken, -aber – an Honorar war nicht zu denken.</p> - -<p>Als Advokat aufzutreten, wagte ich nicht – bei -der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des Gerichtsverfahrens -glaubte ich nicht der Aussprache und Rede so -mächtig zu sein, einigermaßen mein Glück zu machen -– wohl rieth man mir dagegen nur dreist und geradezu -in der Medicin zu prakticiren, doch dazu besaß -ich, bei meinen mittelmäßigen Fähigkeiten nicht -Frechheit genug – was blieb mir übrig? – Handarbeit. -Aber auch darin zeigten sich anscheinend unüberwindliche -Schwierigkeiten – die meiste Arbeit, -die hier verlangt wird, ist mit der Axt – mein Arm -war darin ungeübt – was anders sollte ich ergreifen? -so wurde ich denn – Du lächelst sicherlich wenn -Du die Zeilen liest – Feuermann oder Heizer auf -einem der Mississippi-Dampfboote.</p> - -<p>Erlaß mir die Beschreibung dessen, was ich darauf -<a class="pagenum" id="page_333" title="333"> </a> -erlitten, mit schmutzigen Negern mußte ich fast unmittelbar -Mahl und Lager theilen, der rauhen Behandlung -der Ingenieure ausgesetzt, auf die Willkühr des -Capitäns angewiesen, der uns in New Orleans, eine -halbe Stunde vorher ehe er abfuhr in kaum halbwerthigen -Banknoten den sauer verdienten Lohn auszahlte. –</p> - -<p>Ich ging allerdings wieder auf ein anderes Boot, -wurde aber krank und liege nun jetzt hier in Cincinnati -in einem erbärmlichen deutschen Boardinghause. -Komm ich wieder zu Kräften, seh ich mich nach neuer -Arbeit um, jedenfalls aber schreib mir recht bald, -mein theuerer Theodor – Du glaubst nicht, wie ich -mich nach einem Brief aus der theueren Heimath -sehne. Es grüßt und küßt Dich tausendmal Dein</p> - -<p class="si mr2"><em class="ge">Carl</em> von <em class="ge">Horneck</em>.</p> - -<p><i>P. S.</i> Eben wie ich schreibe, entsteht unten auf -der Straße ein Scandal – die liebe Jugend hatte in -tollem Muthwillen Stroh und Heu mitten in <i>Sycamore -street</i> aufgehäuft und angebrannt, so daß aus den -entfernteren Theilen der Stadt schon die Spritzen herbeikamen. -Nein, was diese Amerikanische Jugend für -eine Brut ist, davon kann sich, weiß es Gott, kein -Ausländer einen Begriff machen.</p> - - -<h4><a class="pagenum" id="page_334" title="334"> </a> -Zweiter Brief.</h4> - -<p class="si fss">Aus dem Staat <em class="ge">Wisconsin</em> am 14. August 1848.</p> - -<p class="in2"><em class="ge">Lieber Vetter!</em></p> - -<p>Als ich Dir vor so und so viel Monaten vom Staat -New York aus schrieb, da war mir's recht häßlich und -trüb zu Sinn – Alles ging contrair, Alles war anders -wie ich es mir gedacht, Alles anders wie ich es -bis dahin gewohnt gewesen, und die ganze Welt sah -mir deshalb schwarz und düster aus. Es ist auch wirklich -gar ein böses Ding um die lockenden Beschreibungen, -die uns alles mit überbunten Farben ausmalen; -die Einbildungskraft thut dann auch noch das ihrige, -und findet man nachher nicht wirklich auch jede Kleinigkeit -wie man sie sich gedacht, so wird man mürrisch -und fängt ohne weiteres an, am hellen Tage Gespenster -zu sehn.</p> - -<p>So war ich z. B. in Deutschland bequeme warme -Häuser gewöhnt, und fand hier, im Verhältniß zu -denen elende Hütten, dachte aber nicht daran, daß -das ja jedes eigne Schuld ist, wer sich sein Haus -nicht so wohnlich und behaglich einrichtet wie es ihm -gefällt. Auch die Viehzucht stand mir nicht an; ja, -da war mir vorerzählt, man brauche eine Sau nur in -den Wald zu lassen und nach der gehörigen Zeit käme -<a class="pagenum" id="page_335" title="335"> </a> -sie mit zehn, elf Ferkeln wieder zu Hause und die Ferkel -kriegten wieder Ferkel und so fort, bis unabsehbare -Heerden daraus würden. Ja lieber Gott, so bequem -ist die Viehzucht nicht, aber sie bietet im Verhältniß -zu Deutschland doch ungeheuere Erleichterungen, und -wer da nur mit einigermaßen gemäßigten Ansprüchen -herkommt, muß sie befriedigt finden.</p> - -<p>Auch der Ackerbau ist den hiesigen Bedürfnissen -vollkommen entsprechend, und die Cultur steigt, wie -diese sich vermehren. Mit den wilden Thieren ists -dabei eben nicht so arg, <em class="ge">der</em> Schaden den <em class="ge">die</em> thun, -kann man ertragen und die Insekten, nun ja, das -<em class="ge">ist</em> verwünschtes Zeug, und ich wollte der Böse holte -den Schwarm und verwendete sie vielleicht auf irgend -eine zweckmäßige Art im Fegefeuer – aber – es läßt -sich eben ertragen – vollkommen ist kein Land.</p> - -<p>Doch, Du willst in Deinem letzten Briefe wissen wie -es mir geht und scheinst schon das Schlimmste zu fürchten -– ich habe Dir durch mein Schreiben vielleicht Ursache -dazu gegeben – doch sei nicht ängstlich, es ist nicht so gefährlich. -– Im Staat Wisconsin, in der Nähe von Milwaudie -habe ich mir, für einen nach deutschem Maasstab -ungemein billigen Preis, eine recht hübsche Farm gekauft; -auch den Keim zu einer heranwachsenden Viehzucht -hab' ich gelegt, und Ställe gebaut, in denen meine -<a class="pagenum" id="page_336" title="336"> </a> -Heerden im Winter Schutz gegen die Kälte finden. -Die wild im Wald herumlaufenden Schweine machen -dem Farmer allerdings oft viel Noth, wenn er nicht -einen großen Theil derselben einbüßen will, doch mit -ein wenig Fleiß läßt sich das Alles beseitigen, und -meine deutschen Nachbarn versichern mich, sie kämen -recht gut damit zu Stande. Auch das Ackern, über -das ich mich im Anfange der vielen Wurzeln und -Stümpfe wegen, so ärgerte, geht jetzt recht gut – -man muß sich nur erst hineinfinden und nachher sieht -man stets, daß eines jeden Landes Geräthschaften, -Sitten und Kleider auch den Bedürfnissen und Eigenthümlichkeiten -desselben am besten angepaßt sind und -entsprechen. Für die schwere Arbeit des Urbarmachens -der Waldstrecken und des Bischens Unbequemlichkeit -beim Pflügen, entschädigt reichlich das herrliche fruchtbare -Land – – wahrhaftig es wäre Verschwendung, -wenn man das düngen wollte, und ich werde mich -nicht auslachen lassen.</p> - -<p>Allerdings ist das Leben hier nicht so gesellig wie -in Deutschland, doch habe ich vortreffliche Nachbarn, -und da kommen wir mit unseren Familien oft zusammen -und sind dann stets recht vergnügt; und selbst -das Verhältniß der Dienstleute, was mir im Anfang -gar nicht behagen wollte, leuchtet mir jetzt als ganz -<a class="pagenum" id="page_337" title="337"> </a> -vortrefflich ein. Die Leute werden von ihren Arbeitsgebern -(nicht Arbeits<em class="ge">herrn</em>, denn das Wort Master -wird in dem Sinn nur von Sklavenhaltern gebraucht) -eben so behandelt, als ob sie mit zur Familie gehörten -und müssen deßhalb auch ihren freien Willen -haben, aber nur so ist es auch möglich eine wirklich -freie Generation zu erziehn, Republikaner zu bilden.</p> - -<p>Der Arbeits<em class="ge">geber</em> wird deßhalb nicht im mindesten -von ihnen geknechtet, wie ich das im Anfang -glaubte, sie verschwören sich nicht zu einem festen Preis -um den sie arbeiten wollen und säen dadurch Haß und -Zwietracht, Gott bewahre, unabhängig in all ihren -Bewegungen und ihrer Freiheit sich bewußt, gönnen -sie die auch jedem anderen und Zeit und Umständen -überlassen sie Lohn und Verdienst. Haben sie sich dann -ein kleines Capital verdient, so beginnen sie meistens -selbst und die Leute die sie dann miethen, werden wieder -ebenso behandelt, als ob sie noch zusammen in -einer Arbeit stünden.</p> - -<p>Sieh, Alterchen, ich will Dich nicht etwa überreden -hierher zu kommen, wenn Du aber keine zu großen Ansprüche -machst, und die Verhältnisse in Deutschland -wirklich so fatal werden wie Du schreibst – ei dann -glaub ich, kömmst Du auch hier durch, und würdest -Dich am Ende recht wohl fühlen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_338" title="338"> </a> -Es ist jetzt hier eine kleine Farm mit guten Steingebäuden, -zehn Acker urbarem und 310 Acker Holz- und -Prairieland, und einem recht hübschen Anfang zur -Viehzucht, mit 3000 Dollar verkauft worden, und es -sind billigere wie theuerere Farmen immer zu haben. -Die Gebäude darfst Du Dir aber nicht etwa groß und -prachtvoll denken; sie entsprechen nur einfachen Bedürfnissen, -doch sind sie wohnlich errichtet. Wir haben -jetzt auch eine Brauerei hier in der Nähe und stellen -ein vortreffliches Bier her.</p> - -<p>Meine kleine Familie läßt Euch alle in der Heimath -herzlich grüßen – wir hatten und haben noch von -Krankheit manches zu dulden, denn die Fieber, die in -dem neu urbar gemachten Boden ihren Ursprung finden, -müssen im Norden wie im Süden ertragen werden. -Doch geht es jetzt, trotz der ziemlich starken Hitze etwas -besser, und die Nachbarn, Amerikaner wie Deutsche, -sind wirklich so theilnehmend, als man es nur wünschen -kann. So wenig mir der Amerikaner in den Städten -gefallen hat, so sehr hat mich sein Charakter mit ihm -im Lande selber ausgesöhnt; die Backwoodsmen Amerikas -sind wirklich eine prächtige Menschenrace.</p> - -<p>Doch ich komme wieder in's Schwatzen und die -Kinder quälen mich, ich soll mit ihnen in's Holz gehn -und wilde Weintrauben holen. Also leb wohl, mein -<a class="pagenum" id="page_339" title="339"> </a> -lieber guter Vetter – nimm nochmals die schönsten -Grüße und behalte lieb</p> - -<p class="si mr10">Deinen</p> - -<p class="si mr2">getreuen Vetter</p> - -<p class="si"><em class="ge">Christoph Roßberger</em>.</p> - -<p>Entschließt Du Dich noch dazu hier herüber zu -kommen, so laß es mich nur recht bald wissen, und -ich werde Dir und den Deinen schon ein freundliches -Plätzchen herrichten.</p> - - -<h4>Dritter Brief.</h4> - -<p class="in2"><em class="ge">Lüber Ludewig</em></p> - -<p>Sondern nach Teksas haben se mich jezt kujenirt -un nich mehr in Kendukki Hurrjeh is das vor ein Land -das Ameriga wenn ich nur erscht wieder raus were -gesund Die Leite hengen se hür wie gar nix un se -bigen man blos einen Baum krum und hengen se dran -wie bei uns de Maulwirfe. Vor das eine Ferd konnt -ich gar nix un wenn ich mir aus Fersehn drauf sezte -un fort ritt so war es nur Unglick das ich den Eigendimer -gleich in die Straße begegnen musste un <em class="ge">die</em> -Haue, hurrjeh wenn man einmal fort is soll man aug -fort sein die vertammten Intianer suchen einem Menschen -seine Fußtappen nach wer weis wie weit un -alles wegen lausiche 20 Dollars und ein baar Stiebeln. -<a class="pagenum" id="page_340" title="340"> </a> -Un mit di Mormonen na di sollen mich wider -kommen na aber hür kommen se nich her – was kans -Du denn davor wenn se dir sagen das is mein Land -hol mich einmal 1 Arm voll Korn un mach 1 Schwein -dot? Un denn vor en 1 faches Fersehen will mann Einen -nich gleich ufhengen wie en Maulwurf un wie ich here -soll es bei eich in Deitschland jezt regd hibsch sein o -wenn ich doch Geld hette un hiniber kennte hir felts -keinen ein das teilen un doch sagen se alle Menschen -weren gleich die sin aug grade so wie bei uns de Arisdograden -hole si alle der Deibel. Was ich habe das -gehert aug mein Nagbar dass is mein Grundsaz un -danag handel ich aber hir lasse se kein Menschen seine -Grundseze ungeschoren, wenn alles was ich habe mein -Nagbar gehert so gehert alles was mein Nachbar gehert -aug mein dass is doch klar aber gottbeware aufbacken -bünden un vor Gerücht schleppen is hür eins -un in Anfang wollte se kurtsen Brozess mit mür -machen un alle fassden mit an. Was hülft mich denn -dass das keine Bolizeidiner un Schandarmen nich da -sin wenn jeder en Bolizeidiner spilen will es war ein -Glick dass se mich noch den Scherif hir lißen – denn -Scherif nennen se di Oberschandarmen wo ich nur erst -geglaubt habe es weren keine da weil se nich 3eckige -Hite aufhaben wi bei uns; nimand hatte mich nich -<a class="pagenum" id="page_341" title="341"> </a> -gesehn un da lißen se mich schweren hurrjeh war das -en Glick un aug freie Pasasche haben se mich auf en -Damfbot gegeben nach Teksas – so, mich kriegen se -nich wider nach Kendukki. Lüber Ludewig wenn Du -in Deitschland wo es jezt regd hibsch sein soll was -eribrigsd un wenn ihr ans teilen komd so thu mich -doch den gefallen un schicke mein teil heriber das ich -auch nach Deitschland kann wo es jezt so hibsch -sein soll un meine Frau sage sie megde mir doch 5 Daler -schicken oder noch mer wenn sie kennte denn es -ginge mir hir söhr schlegd un ich hette sie söhr lieb -must du ihr sagen aber ich muss nu schlüßen. so lebe -regd wol un gesund un besser wie ich denn ich habe -das Füber un das schitteld mich söhr un dieses -winscht dein getreier Bruder</p> - -<p class="si mr2"><em class="ge">Eregott Bomaier</em></p> - -<p>vergis ja nich mir mein teil zu schiken womit du -mir ein großen gefallen duhn wirst es soll dein schaden -nich sein wenn ich nach Deitschland wider komme -un meine Frau die 5 Daler.</p> - - -<h4>Vierter Brief.</h4> - -<p class="in2"><em class="ge">Theuerer Scharffenstein.</em></p> - -<p>Nur mit wenig Worten möchte ich eine Bitte an -Dich richten. Du weißt, daß ich außer Dir in ganz -<a class="pagenum" id="page_342" title="342"> </a> -Deutschland nur einen einzigen Menschen habe, von -dem ich hoffen könnte, eine Gefälligkeit erzeigt zu erhalten -– es ist dies mein Oheim in Sondershausen -– gehe zu ihm und gieb ihm die einliegende Zeichnung -– so sieht der Nachkomme jenes hochgräflichen Hauses, -dessen Vorväter zu den stolzesten Geschlechtern des -deutschen Kaiserreiches gehörten, aus – er wird mich -nicht lange in dem Zustand lassen wollen.</p> - -<p>Ich bin Feuermann auf einem Dampfboot – Du -staunst? ja wahrlich, Du hast Ursache dazu, doch laß -mich Dir nicht lange mein ganzes Elend vorerzählen -– ich müßte es noch einmal durchleben und, -Gott weiß es, ich habe keine Freude an der Erinnerung.</p> - -<p>In meinem letzten Briefe schrieb ich Dir, daß ich -selbst gesonnen sei ein großes Fest in New-York zu -geben, um damit die vielen empfangenen Freundlichkeiten -zu erwiedern. Ich besaß noch eine Summe die, -wie ich Grund hatte zu hoffen, nicht allein vollkommen -hierzu ausreichen, sondern mir auch noch ein -kleines Capital zurücklassen würde, mit dem ich – -aber was nützt es, Dir die Pläne zu erzählen die ich -hatte. – Während dem Feste selbst brach irgend ein -Schuft – wahrscheinlich Einer meiner sogenannten -Freunde – bei mir ein, stahl mir Alles, selbst das -<a class="pagenum" id="page_343" title="343"> </a> -letzte was ich an baarem Gelde in meiner Börse auf -dem Tisch vergessen hatte, und als ich am nächsten -Morgen – Tod und Pest, ich <em class="ge">will</em> den Gedanken -nicht noch einmal zurückdenken, vielweniger schreiben.</p> - -<p>Irgend ein boshafter Mensch, vielleicht der Dieb -selber, hatte indessen das wahnsinnige Gerücht zu verbreiten -gewußt, ich sei nicht allein gar nicht von Adel, -sondern auch noch von unehrlicher Geburt, kurz es -traf Alles zusammen mich förmlich in den Staub zu -treten. Meine Erzählung des Raubes wurde mir jetzt -nicht einmal geglaubt und Mr. Broadfoot, der reich -gewordene Krämers- oder Schneiderssohn, kam am -zweiten Morgen zu mir, that entsetzlich vornehm und -bot mir zwanzig Dollar an, damit ich nur – ich -wollte Du könntest die Zornesthräne sehn, die mir -jetzt zwischen den Wimpern hängt – recht bald New-York -verlassen könnte. Ich warf ihn die Treppe hinunter.</p> - -<p>Ich überließ den Anordnern meines Festes meine -sämmtliche Garderobe und Wäsche und Alles was ich -mein nannte und behielt nur die vier goldenen Spielmarken, -die ich zufällig an dem Morgen in meine -Westentasche gesteckt.</p> - -<p>Verlange nicht das demüthigende meiner Reise ins -Innere zu hören – der Amerikaner des Westens -<a class="pagenum" id="page_344" title="344"> </a> -staunt wohl, wenn er einen wirklichen lebendigen -Grafen zu sehen bekommt, aber – er staunt eben nur -und kümmert sich nicht weiter um ihn – das Volk ist -selbst noch zu neu, zu erst erschaffen, um auch nur -möglicher Weise Sinn für das Alterthum, und die -Vorrechte desselben zu haben. Das wird später wohl -auch kommen, aber was nützt das mir – ich erlebe -es nicht.</p> - -<p>Ich will Dich nicht mit den Einzelnheiten meines -Geschicks oder besser gesagt meines Mißgeschicks langweilen, -es trieb mich zuletzt auf ein Dampfschiff und -drückte mir die Schürstange in die Hand – ja wäre -noch Krieg gewesen – aber nein, ein ehrlicher Soldatentod -wird mir versagt und ich muß jetzt hier, um -wenigstens noch auf ehrliche Weise mein Brod zu verdienen, -die elendesten Sklavendienste thun.</p> - -<p>Mein Oheim wird Dir eine kleine Summe für -mich einhändigen, die wenigstens ausreicht mich anständig -zu equipiren und meine Reise nach Mexico -zu bestreiten; ich will dort in mexicanische Dienste -treten, möchte das aber nicht eher, als ich dort -meinem Range angemessen erscheinen kann.</p> - -<p>Wären Euere Verhältnisse jetzt nicht so traurig in -Deutschland, so kehrte ich augenblicklich zurück, was -aber ist gegenwärtig dort für einen Mann von meinem -<a class="pagenum" id="page_345" title="345"> </a> -Stande zu hoffen? – nein, da lieber noch <em class="ge">hier</em> die -Schürstange, wo mich Niemand kennt.</p> - -<p>Schreibe mir recht bald, ich erwarte in heißer -Sehnsucht die Rettung aus diesem traurigen Zustand.</p> - -<p class="si mr10">Dein</p> - -<p class="si mr2"><em class="ge">Hugo</em>.</p> - -<p><i>P. S.</i> Meine Adresse ist – <i>Mr. Hugo – care -of Bridle & Smith Nro. 8 Tchapitoulas street -New Orleans. U. S.</i></p> - -<p>Einen Leidensgefährten habe ich auf unserem -Boot getroffen – ebenfalls einen deutschen Edelmann -Namens v. Horneck, doch verschweige ich ihm meinen -Namen und halte mich überhaupt von ihm entfernt -– ich theile seine Ansichten nicht.</p> - - -<h4>Fünfter Brief.</h4> - -<p class="si fss">Staat <em class="ge">Indiana</em> am 1. August 1848.</p> - -<p class="in2"><em class="ge">Liebe Eltern und lieber Bruder.</em></p> - -<p>Es freut mich recht herzlich Euch dießmal einen -besseren Brief schreiben zu können, denn es geht mir -lange nicht mehr so schlecht als damals, wie ich den -letzten Brief an Euch schrieb. Soviel habe ich allerdings -eingesehen, daß die vielen gewaltig schönen -Beschreibungen von Amerika, die uns zu Hause das -Maul wässrig gemacht haben nach all den guten -<a class="pagenum" id="page_346" title="346"> </a> -Sachen, meistens nicht wahr, oder doch wenigstens so -gestellt sind, daß man sich nicht recht hineinfindet, -wenn man mit der Sache nicht recht vertraut ist, und -sich nachher bei allem Schönen noch immer das Schönste -dazu denkt. Und die Leute thun sehr Unrecht, die solche -schönen Beschreibungen hinaus schreiben, aber ich weiß -auch warum es geschieht, entweder schämen sie sich -offen einzugestehn wie schlecht es ihnen geht, wo sie -doch früher so geprahlt haben, oder sie sitzen auch, wie -es mir hier die Leute gesagt haben, an so einsamen -Plätzen und so in Noth, daß sie nur dadurch ihre Lage -verbessern können, wenn sie noch recht viel andere -Menschen auch dort hin ziehn.</p> - -<p>Daß ich nun im Anfang um alles betrogen bin -was ich hatte, das geht vielen Deutschen so und ich -kann mich da mit vielen trösten, wer aber hier gesund -ist und Lust hat zu schaffen, der kommt auch fort und -wenn er eben so wenig hätte wie mir geblieben war. -Aber zu keine Deutschen sollten die deutschen Handwerker -gehn, wenn sie auswanderten, sondern immer -zu Amerikaner. Die Deutschen sind erstlich auch nur -herübergekommen um ihr Glück zu machen, und reich -zu werden und die geben am wenigsten her, wenn sie's -wirklich haben, und besonders an Deutsche, wo sie schon -wissen daß die's zu Hause schlecht gewohnt sind. Und -<a class="pagenum" id="page_347" title="347"> </a> -dann lernt man auch bei Deutschen nie im Leben die -englische Sprache, die man doch als Handwerker so -zu seinem Fortkommen braucht, und in deutsche Colonien -muß man gewöhnlich was einzahlen, oder Land -vorauskaufen wodurch man sich an die Stelle bindet, -und nachher bleibt man gewöhnlich lieber sitzen, ehe -man sein Bischen Eingezahltes im Stich läßt. Und -die Deutschen sind auch nicht immer die besten; die bei -denen ich arbeitete haben mich recht betrogen und sich -viel Geld an mir verdient.</p> - -<p>Endlich und nach und nach hab ichs aber gemerkt, -und da bin ich zu Amerikanern gegangen und da hab -ich viel besseren Lohn gekriegt und viel bessere Kost, und -habe in kurzer Zeit englisch gelernt, so daß ich mich -schon recht gut verständlich machen kann. Das klingt -einmal komisch, liebe Eltern, das englisch, und im -Anfang kams mir vor als ob die Leute die kauderwelschen -Worte nur so Hals über Kopf heraussprudelten, -daß kein Mensch einen Sinn hinein finden konnte, aber -wie man sich ein Bischen dran gewöhnt, klingts ganz -natürlich, und hat alles seinen Sinn, wie das -Deutsche.</p> - -<p>Was nun das betrifft, daß viele Menschen hier -brodlos herumlaufen, und worüber Du Dich besonders -in Deinem letzten Briefe wunderst lieber Vater, so hat -<a class="pagenum" id="page_348" title="348"> </a> -das auch wohl seinen Grund. Es ist hier in Amerika -gar keine Schande wenn einer umsattelt, und was -anderes wird als was er draußen gelernt hat – hier -arbeitet jeder was er gelernt hat, und wenn ein Schuster -Kleider oder ein Schneider Schränke macht, so -schadet das gar nichts, wenn er sie nur gut macht und -Geld für seine Arbeit kriegen kann. Man muß sich -auch nicht allein auf das setzen wozu man in Deutschland -aufgezogen ist, und sonst gar nichts thun wollen, -sonst kann man leicht brodlos werden. Ein armer -Mann hat aber hier rechte Gelegenheit es zu was zu -bringen und sein Auskommen zu haben, viel eher wie -in Deutschland, denn wenn er nur ein klein Bischen -fleißig ist, so kann er sich leicht was zurück legen, und -wenn er nur einen ganz kleinen Anfang hat, so kann -er es nachher leicht zu was bringen, denn die Amerikaner -unterstützen recht gern arme Leute und die Nachbarn -helfen ihnen wo das nur immer angeht. Und -ein armer Mann, der in Deutschland recht viele Kinder -hat, der kommt immer mehr in's Unglück, aber hier in -Amerika, da ists gerade umgekehrt. Hier sind die Kinder -ein Segen und helfen den Eltern auf, wenn sie alt -und schwach werden. Ein armer Mann ist hier auch -geachtet und es kommt nicht auf den Rock an den ich -trage.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_349" title="349"> </a> -Das Land und Vieh ist hier alles sehr billig und -gut und man kann mit ein weniges eine rechte hübsche -Farm kaufen, denn Farm nennen sie hier ein Landgut, -aber ein Deutscher, der hierherkommt, und der die -Sitten und Gebräuche noch nicht kennt, der sollte sich -doch ja nicht gleich ankaufen, denn dann muß er gewöhnlich -aus eigener Tasche Lehrgeld zahlen und verliert -vielleicht alles, was er mitgebracht hat. Am besten -ists, er arbeitet erst eine ganze Zeit bei Amerikanern -und lernt die Axt gebrauchen und den Amerikanischen -Feldbau, denn der ist ganz verschieden von dem deutschen, -und wenn er nachher ein oder zwei Jahre im -Lande ist, dann kann er sich leicht ankaufen, und dann -thun ihm 100 Dollar so gut, wie sonst vielleicht nicht -500, ehe er Lehrgeld bezahlt hatte. Ich arbeite noch -immer bei den Amerikanern und ich befinde mich recht -wohl, wenn ich aber erst ein kleines Gut habe, was -gar nicht mehr so lange dauern kann, denn der Amerikaner -hat mir versprochen, daß er mir helfen will, -dann müßt ihr zu mir herüber kommen, liebe Eltern -und lieber Bruder, und dann wollen wir hier recht -vergnügt leben auf meinem eigenen Land.</p> - -<p>Mit nächstem Jahr kann das vielleicht schon gehn -aber ich will noch nichts vorher bestimmen, denn es -thut einen nachher leid wenn so eine Freude zu Wasser -<a class="pagenum" id="page_350" title="350"> </a> -wird. Und bis dahin grüßt Euch, liebe Eltern und -lieber Bruder herzlich und von ganzer Seele</p> - -<p class="si mr2">Euer <em class="ge">Traugott Erdmann</em>.</p> - -<p>Den Brief für mich schickt nur nach der Stadt -Vincennes in Indiana, da hol ich ihn mir schon ab, -ihr müßt aber meinen Namen englisch darauf schreiben, -liebe Eltern, wie sies hier machen. Der Amerikaner -wird mirs hier drunter schreiben wie es sein soll.</p> - -<p class="ce"><i>Mr. Traugott Erdmann<br /> -to be left at Vincennes post office</i><br /> -<i>I–a</i>    <i>U. S.</i></p> - - -<h4>Sechster Brief.</h4> - -<p class="si fss"><em class="ge">Indiana</em> den 15. August 1848.</p> - -<p class="in2"><em class="ge">Mein herzlieber Carl.</em></p> - -<p>Ich hatte geglaubt Dir um diese Zeit, und wenn -auch nur wenige Monat verflossen waren, schon einen -Bogenlangen Brief, mit lauter Jagdabenteuern gefüllt, -schreiben zu können, aber Du lieber Gott, wie hab' -ich mich hier in der Amerikanischen Jagd geirrt. Fast -schäm' ich mich auch, Dir in allen Stücken, besonders -was meine eigenen Erlebnisse betrifft, die volle Wahrheit -zu schreiben, aber – es kann doch nichts helfen, -<a class="pagenum" id="page_351" title="351"> </a> -es muß heraus, am Ende kämst Du sonst selber, von -meinen früheren Schilderungen verlockt, und mit <em class="ge">den</em> -Hoffnungen müßtest Du Dich in einem Paradiese enttäuscht -finden.</p> - -<p>Um also das Fatalste gleich von vorn herein los -zu werden, will ich auch ohne Weiteres mit dem beginnen. -Denke Dir, dieser einfache ehrliche Farmer, -den ich für so unschuldig hielt, daß ich mich fürchtete -den Handel mit ihm abzuschließen, weil ich mich der -Sünde scheute ihn zu übervortheilen – dieser gutmüthige -Bursche, dem ich noch, um ihn ja in jeder -Hinsicht zufriedenzustellen, eine wundervolle, – Esel -ich – Büchse für 60 Dollar kaufte, war – ein abgefeimter -Hallunke, ein ächter Yankee und Betrüger. -Der Lump hat mich mit einem erbärmlichen Improvement -für 250 Dollar angeschmiert, das ich hier mit -größter Bequemlichkeit an jedem Tage für 50 Dollar -kaufen könnte. Doch das ist das wenigste, das verzieh -ich ihm gern, es wäre ein kleines Lehrgeld, wenn all -seine sonstigen Aussagen nur auf Wahrheit begründet -gewesen wären, aber beim Himmel, der Kerl hat kein -wahres Wort über die Zunge gebracht, und ich glaube -meiner Seele, er lügt sogar im Traume.</p> - -<p>Daß er Bären aus seinem Küchenfenster schießt, -ist aus zwei Gründen unmöglich – erstlich hat er in -<a class="pagenum" id="page_352" title="352"> </a> -dem Haus gar keine Küche, denn das was die Leute -hier Küche nennen, ist nur ein Schuppen und hat -wieder gar kein Fenster, und dann – wenn wirklich -Küche und Fenster da wären, – giebts keine Bären. -Keine Bären? – rufst Du erstaunt, das ist aber noch -nicht Alles – auch keine Hirsche, Panther, Truthühner -und wie das Zeug sonst alles heißen sollte, -was hier, des alten Jägers Aussage nach (soll mich -der Böse holen wenn ich jetzt glaube, daß der Kerl -überhaupt ein Jäger war) den Wald förmlich durchwimmelte. -Opossums oder Beutelratzen schießen sie -hier manchmal - ekelhaftes Zeug, das hauptsächlich -vom Aas lebt, und das man auch oft mit dem Stocke -todt schlagen kann, also gar kein jagdbares Wild. – -Truthühner lassen sich in der That manchmal blicken, -auch kommt zu Zeiten ein Hirsch in die Nähe der -Farm, doch, Du lieber Gott, da kann sich Einer die -Beine ablaufen, ehe er von denen nur etwas zu Gesicht -bekommt.</p> - -<p>Du kannst Dir übrigens einen Begriff machen wie -die Jagd hier bestellt ist, wenn ich Dir einen kleinen -Auszug aus meinem, wie Du sehn wirst, sehr hoffnungsvoll -angelegten Beuteregister mittheile; ich thue -das übrigens auch mehr mir zur eigenen Strafe, als -Dir zur Erbauung, denn ich habe mich im vorigen -<a class="pagenum" id="page_353" title="353"> </a> -Monat, trotz all der gemachten Erfahrung, doch einmal -wieder nach Canada hinauf zur Bärenjagd sprengen -lassen, und natürlich weder etwas geschossen, noch -überhaupt gesehen:</p> - -<div class="ce"> -<table summary="" cellpadding="2" border="0"> -<tr> - <td class="tdc bor fss">Bären</td> - <td class="tdc bor fss">Panther</td> - <td class="tdc bor fss">Büffel</td> - <td class="tdc bor fss">Hirsche</td> - <td class="tdc bor fss">Füchse</td> - <td class="tdc bor fss ">Truthühner</td> - <td class="tdc fss">Anderes Wild</td> -</tr> -<tr> - <td class="tdc bor fss">—</td> - <td class="tdc bor fss">—</td> - <td class="tdc bor fss">—</td> - <td class="tdc bor fss">1</td> - <td class="tdc bor fss">—</td> - <td class="tdc bor fss">1</td> - <td class="tdc fss">17 Prairiehühner.<br />20 Rebhühner.<br />13 Kaninchen.</td> -</tr> -</table> -</div> - -<p>Den einen Hirsch schoß ich am Wabasch und den -einen Truthahn Morgens dicht bei der Ansiedlung, -wohin er sich, Gott weiß wie, verirrt hatte. In Illinois -war ich einmal drüben und schoß eine hübsche -Parthie Prairiehühner – Dinger so groß wie unsere -Haushühner, aber an größeres Wild, wie Bären, -Panther und Büffel ist gar nicht zu denken. Büffel -sind nun vollends in die Möglichkeit weit gen Westen -getrieben; ein alter Bär kommt dagegen manchmal -hier durchgeschlendert, und ist auch im vorigen Jahr -einer in der Gegend geschossen worden – das wird -aber als Merkwürdigkeit erzählt.</p> - -<p>In der Nachbarschaft des Ortes, wo ich auf der -Farm des alten Mannes meinen Wohnsitz aufgeschlagen -habe, ist die Jagd nur höchst mittelmäßig und -was der Strick, der wahrscheinlich gewittert hatte ich -sei ein leidenschaftlicher Jäger, von der Gefahr erzählte, -<a class="pagenum" id="page_354" title="354"> </a> -in welcher der ganze Viehstand durch die Masse der -wilden Thiere schwebe, ist eine nichtswürdige Fabel. -Wölfe giebt es allerdings hier viel, und die Regierung -hat eine Belohnung auf jeden Wolfsscalp gesetzt, so -scheu aber sind sie und so schlau, daß ich, der ich in -der ersten Zeit besonders den Wald von Morgens bis -Abends nach allen Richtungen durchstreifte, noch nicht -einen einzigen Wolf zu Gesicht bekommen, vielweniger -erlegt habe.</p> - -<p>»Hirsche für die Hunde erlegen,« ei so lüg du und -der Teufel, und ich dankte jetzt Gott, wenn ich selbst -ein Stück Wildpret hätte, aber Gott bewahre, trocknes -Rindfleisch muß ich kauen oder Speck essen und -<em class="ge">will</em> ich denn nun einmal Wild haben, so sind's -Eichhörnchen, die man hier verzehrt, und die auch -wirklich ausgezeichnet schmecken. Du lieber Gott, wer -mir in New-York gesagt hätte, daß ich in Indiana, -viele hundert Meilen im Westen drin, auf die Eichhörnchenjagd -gehn würde. Muß der Schuft über mich -gelacht haben, wie ich ihm die Büchse kaufte, – nun -weiß ich auch weßhalb er gepfiffen hat.</p> - -<p>Und das sogenannte Improvement ist keine 20 Dollar -werth; das beste Improvement das ich auf -dem ganzen Besitzthum machen könnte, wäre, wenn -ich die beiden wahnsinnigen Blockhütten die darauf -<a class="pagenum" id="page_355" title="355"> </a> -stehn, ansteckte – thu' ichs nicht, so stürzen sie mir -doch nächstens einmal auf eigene Faust über dem Kopfe -zusammen; und <em class="ge">das</em> Land – da könnt' ich wieder -von vorn anfangen und urbar machen – Alles ist mit -Büschen und Bäumen wieder bewachsen und kaum ein -Platz von einem halben Acker frei, wo der Schuft -Kartoffeln hat stehn gehabt. Von den Kühen sind bis -jetzt auch erst zwei aufzufinden gewesen und mein einziges -Vergnügen hab' ich noch an den Schweinen – -die sind so wild, daß ich jedesmal förmlich auf die -Jagd gehen muß, wenn ich eins haben will – selten -komm ich dann in gute Schußnähe heran; muß jedoch -jedesmal bei solcher Gelegenheit einen Farmer bitten, -mich zu begleiten, weil ich mein Zeichen oder dem -Lump sein Zeichen vielmehr nicht aus dem andern -heraus erkennen kann. – Die Schweine sind nämlich -mit Schlitzen und Löchern im Ohr »gemarkt«. Es hat -mir neulich ein Nachbar hier für Land und Vieh, wie's -daliegt 50 Dollar geboten; wenn <em class="ge">der</em> Thor genug ist -das noch einmal zu thun, hat er's, und mög's ihm -wohl bekommen.</p> - -<p>Doch nun ein Wort zu Dir über Amerikanische -Jagd, denn ich sehe Du verlangst darnach. Lieber -Carl, <em class="ge">die</em> Sache habe ich mir ganz anders gedacht. -Ja Du lieber Gott, in Deutschland hat man davon -<a class="pagenum" id="page_356" title="356"> </a> -<em class="ge">ganz</em> falsche Begriffe. Die Jagd <em class="ge">war</em> das in den -Vereinigten Staaten, was wir jetzt noch von ihr erwarten, -aber seit langen Jahren ist ja auf das Wild -förmlich hineingewüthet, und da muß es wohl einmal -dünn werden. Ich habe hier vor einigen Tagen einen -Jäger aus Arkansas – dem besten Jagdgrund der -Union gesprochen, und der hat mir ganz aufrichtig -das folgende mitgetheilt.</p> - -<p>Es giebt noch Gegenden in Arkansas und überhaupt -westlich vom Mississippi, wo ein guter Schütze, -und besonders einer <em class="ge">der mit dem Wald bekannt -ist</em> und sich nicht leicht verlaufen kann, seinen Hirsch -und auch manchmal einen Bär schießt; auch Truthühner -soll es dort noch an gewissen Plätzen in ziemlicher -Anzahl geben, aber <em class="ge">die</em> Zeit, wo man die -Bären aus den Fenstern schoß, ist für die Vereinigten -Staaten vorbei. Auch von der Jagd leben, wie ich -das früher fest geglaubt, kann kein Mensch mehr dort, -er verstände denn wirklich weiter Nichts als <em class="ge">leben</em> -darunter, aber was für eine Existenz wäre das; Jahraus -und ein ununterbrochen im Walde zu liegen und -weiter keine Abwechslung zu haben, als die, die -sich ihm zwischen frischem und getrocknetem Fleische -bietet.</p> - -<p>Was den Verkauf des erlegten Wildes betrifft, so -<a class="pagenum" id="page_357" title="357"> </a> -giebt es an den Stellen, wo Wildpret überhaupt einen -verkäuflichen Werth hat, weder Hirsche noch Bären -mehr, und wo die noch existiren, da ist man froh, -wenn man einmal ausnahmsweise für einen ganzen -Hirsch acht Groschen kriegt, oder die Keulen zum -Verkauf trocknen kann. Zu <em class="ge">verdienen</em> ist aber mit -der Jagd gar Nichts und nach alle dem, was ich jetzt -darüber gehört – denn die Aussage des Arkansas-Mannes -wurde mir von Mehreren bestätigt, bin ich -überzeugt, man kann, wenn man in noch unbesiedeltem -Lande sich niederläßt, dann und wann einmal seinen -Hirsch oder Truthahn schießen und in sofern, -wenn man die Jagd als Erholung betrachtet, Nutzen -daran haben, indem man das selbst verzehrt, was -man erlegt, sonst aber als Erwerbszweig ist diese -Sache Essig.</p> - -<p>Doch genug für jetzt, mein guter Carl, ich werde -wahrscheinlich weiter westlich ziehen, und sobald ich -meinen neuen Wohnsitz bestimmt habe, sollst Du -mehr von mir hören. Bis dahin grüßt Dich herzlich -Dein</p> - -<p class="si mr2"><em class="ge">Fritz Sternberg</em>.</p> - - -<h4><a class="pagenum" id="page_358" title="358"> </a> -Siebenter Brief.</h4> - -<p class="in2"><em class="ge">Guter Edde und allerbeste Mämme.</em></p> - -<p>Gott der Gerechte was is das vor a Land, Edde? -Nehmt de Mämme und den Schmul und den Moses -und de Rachel, und bringt se so schnell ihr kennt nach -Amerika. Wie haißt Amerika – Canaan sillts haiße -– soll mer Gott helfe und will ich nich gesund auf -meine Fiße stehn. Seekrankheit? – wie haißt Seekrankheit? -– Cholera, s' böse Wesen und die Pocken -– Alles wär net ze viel wenn mer nur kennt damit -komme nach Amerika.</p> - -<p>Was ich for Geschäftcher gemacht hab, sait ich in -Amerika bin? – frog mich der Edde mol noch meine -Geschäftcher – bin ich jetzt drei Monat in's Land gewese -und was hab ich verdient in die drei Monat? – -will ich nich gesund auf meine Fiße stehn – 700 baare -Dollars klingende Münze hab ich verdient, un womit -hab ich die Geschäftcher gemacht, mechte der Edde -wissen? mit klaine winzig klaine Paket'ger hob ich se -gemacht, un nur getauscht hab ich Silber mit Silber -wie en ehrlicher Mann.</p> - -<p>Nu die Geschicht is gar ainfach – hab ich mich -doch geferchte in Anfang in 'en Wald ze gehn, aus -Forcht vor die wilde Katzen und Bären. – Wie haißt -<a class="pagenum" id="page_359" title="359"> </a> -wilde Katzen – will ich nich gesund auf meine Fiße -stehn wenn ich nich schon drai Monat im Lande 'rim -handle und noch nich gesehn habe an ainzige wilde -Katz, vielweniger en Kater. Aber was sin das vor -Menschen hier im Land, in Pensilvanien und Ohio -und in Indiana und Kentukki? – Gott der Gerechte, -Menschen sind's wie die Kinder, so unschuldig wie die -Täubcher. Die Mämme hätt' ihre Fraid gehabt, wenn -se's hette sehn kenne, wie se den Veitel getracktirt -haben un in was ver schaine Betten er geschlofen hat. -Und mit was hat der Veitel hauptsächlich gehandelt? -– Fragt ämol den Veitel mit was er gehandelt hat? -– mit Juwelen Bischutterie und silberne Leffeln hat -er gehandelt, will ich nich gesund auf meine Fiße -stehn, wenn er nich gehandelt hat mit Bischutterie und -silberne Leffeln.</p> - -<p>Aber den Edde muß ich vorher in's Gehaimniß -lasse – das Englisch is nemlich a ganz firtreffliche -Sprach – un 's drickt die Sach so gnau aus, wo's -sie beschreibt, daß mer's im Dunklen erkennen kennt. -In Daitschland haißt's Argentan oder Neisilber – -wie haißt Neisilber – was thu ich demit ob's nei oder -alt is? wos vor a verständiger Mann is devor der -Amerikaner – der nennt's deitsches Silber, <em class="ge">Dschermen -Silwer</em> wie se hier sagen, un wenn ich gekommen -<a class="pagenum" id="page_360" title="360"> </a> -bin zu die Lait und hab ihne gebracht Leffeln -von Dschermen Silwer so habe se mich gewehnlich gefragt -– wie haißt Dschermen Silwer – is das was -besonderes oder was anderes als Amerikanisches Silber? -»Gott der Gerechte« hab ich denn aber gesagt – -»muß doch Silber haißen wenn es in Dschermani is, -Dschermen Silber und wenn es in Amerika is, Amerikanisches -Silber, will ich nich gesund auf meine Fiße -stehn, wenn da waiter en Unterschied is als der Prais -– wir Deitsche nehmen mit wenig Verdienst vorlieb -– aber mer sin reell.« Gott der Gerechte sill mer beistehn -wann ich nich habe gehabt 700 Procentchen un -die ainzige Unbequemlichkait in der waiten Gotteswelt, -daß ich nich bin wieder gekommen ganz genau -in die Gegend.</p> - -<p>Un hab ich immer geglaubt, 's wär ä Unglick daß -uns Kainer kennt hier und mer net Credit hättet – -wo so Unglick g'rod des Gegenthail ist's – Gottes -Wunder was wir Jüdden hier vor en Credit haben -– 's geht ins Hebräische hinain und immer waiter, -immer waiter. Im Anfang en klans bissel un nachher -immer greßer und der Itzig Löwenhaupt hat schon 5 -Städte, wie er sogt, wo er nich mehr hinkommen -derf, bei mir fangts aber erst an un der Itzig is schon -a angesehener raicher Mann.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_361" title="361"> </a> -Gott der Gerechte, wenn ich doch de Rachel hier -hätte, was hat mer hier en Feld vor Geschäftcher, und -den Edde und die Mämme aber se alle missen noch her -kommen nach Amerika. – Wie haißt Bamberg? – -was thu ich mit Bamberg –? net abgemolt mecht' -ich sain in Bamberg.</p> - -<p>Un frogt ämol den Veitel wo er sain klan -Kerbche hindahn hot, mit dem er is schachere gange, -un wo ihn die Lait haben uf die Stroß gesetzt, -geschwinder als er is hinain gekomme? – -Gottes Wunder, wie haißt Kerbche jetzt? un der -Veitel hat ä klan's Wägelche un ä lebendiges -Pfärd, un oben druff sitzt er mit seine Packjes -und kutschirt im Lande herim wie ä Färscht – frogt -ämol den Veitel wo er sain klan Kerbche hindahn -hot.</p> - -<p>Gott behit's Edde und Mämme – macht Eich -kaine Sorg' um den Veitel, es geht Eirem Jingelche -gut – so grißt mer de Rachel un der Simon soll -riber kommen mit sain klain Handel und der Stern -und der Rosengarten – aber sogt en nix von -die Leffeln, Edde – wo ich gewese bin kenne -se doch nix verdiene un setzen sich nur Unannehmlichkeiten -aus – und wo ich nich gewesen bin -– Gottes Wunder, was brauch ich do den Stern -<a class="pagenum" id="page_362" title="362"> </a> -und den Simon und den Rosengarten? do geh ich -selber hin.</p> - -<p>Gott behits noch e mol, Edde und Mämme und -es grißt Eich herzlich</p> - -<p class="si mr2">Eier lieber Sohn</p> - -<p class="si mr4"><em class="ge">Veitel</em>.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_363" title="363"> </a> -Der Klöppeldistrict des sächsischen -Erzgebirges.</h2> - - -<p>Es ist seit langen Jahren, und besonders seit der -Zeit, wo ich die Vereinigten Staaten von Nordamerika -kennen gelernt, immer ein Lieblingswunsch von -mir gewesen, die unglücklichen Proletarier unseres so -sehr übervölkerten Vaterlandes nach jenen fruchtbaren -Gefilden der neuen Welt hinübergeschafft und sie so -ihrem fürchterlichen Elende gewissermaßen mit einem -Gewaltstreich entrissen zu sehen. Bis jetzt ist das -freilich noch ein frommer Wunsch geblieben; die Idee -einer solchen Auswanderung durchzuckte mir auch nur -manchmal in form- und gestaltlosen Bildern das -Hirn, ich hatte mir selbst noch keine Rechenschaft -darüber gegeben oder das Für und Wider solcher That -geprüft und erwogen. Als uns aber der wieder und -<a class="pagenum" id="page_364" title="364"> </a> -immerwieder kehrende Jammer jener Gegend stets zu -neuer Hülfe und Unterstützung rief, als ein Nothschrei -nach dem andern aus den Bergen drang, da -stieg der alte Wunsch in mir immer lebendiger und -kräftiger auf und im Geiste sah ich schon die Schaaren -fröhlicher Auswanderer auf wogender See einem -neuen, glücklichen Leben entgegeneilen.</p> - -<p>Wohl sprach ich mich jetzt gegen Freunde und -Bekannte darüber aus und suchte zu erfahren, auf -welche Art ein solcher Schritt möglicher Weise zu -realisiren wäre; die Leute schüttelten aber fast Alle -mit dem Kopf und sagten einfach: »Das geht nicht -– das thut's in den Gebirgen nicht – der Bergbewohner -klebt an der Scholle und ist nicht fortzubringen, -ja kann nicht einmal in seiner nächsten Umgebung -verwendet werden; überdies sind sie schwächlich -und entnervt und würden unmöglich die schwere -Arbeit des Landurbarmachens ertragen können.« – -Und gleich danach kamen unzählige Beispiele von -Dienstmädchen, die es wundergut bei ihren Herrschaften -hatten und doch nicht aushielten, sondern -wieder zurück in's alte Elend liefen, – von Knechten, -die entweder ihrer Arbeit nicht gewachsen, oder aus -anderen Gründen nicht zu bewegen gewesen waren -außer dem Gebirge auszuhalten, und das Resultat -<a class="pagenum" id="page_365" title="365"> </a> -blieb stets das nämliche: ein solcher Versuch wäre -unnütz – die Leute hielten es nicht aus.</p> - -<p>Dem konnte ich nicht mehr widersprechen, denn -ich kannte die Menschen ja nicht, über die ich solches -Urtheil hörte; der Gedanke ließ mir aber keine Ruhe -und ich beschloß einmal selbst hinauf zu wandern und -mich an Ort und Stelle von der Wahrheit des Gesagten -zu überzeugen. Allerdings war es damals -gerade Winter und das Erzgebirge wird in dieser -Jahreszeit von den Bewohnern des flachen Landes -gewöhnlich für eine Art von Sibirien gehalten. Das -schien mir aber auch in sofern die passende Zeit, als -ich die Familien mehr zusammenfand und mich eher -davon überzeugen konnte, ob die »Stubenhocker« auch -wirklich für jede andere Arbeit untüchtig und verloren -wären. Angenehm war es mir, daß ich mit einem -Spitzenhändler Hrn. H., die Reise wenigstens zum -Theil gemeinschaftlich machen konnte; ich wurde dadurch -gewissermaßen in jene Gegend eingeführt und brauchte -meine Zeit nicht mit langem Suchen zu verlieren.</p> - -<p>Am ersten Tag erreichten wir Eibenstock, eine aus -lauter Eckhäusern bestehende Stadt, und ich fand mich -hier, wenn auch noch nicht mitten unter ihnen, doch -schon im Bereich der Unseligen, die den Titanenkampf -gegen englische Fabrikate kämpfen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_366" title="366"> </a> -In und um Eibenstock wohnen eigentlich mehr die -Tambourirer als Klöppler, aber auch hier hat das -Elend schon seine Vertreter; bleiche abgemagerte Gestalten, -die von Morgens, bis Abends spät, über dem -Stickrahmen beugen und mit geschäftigen Händen die -Erhaltung ihres Lebens, wenige Neugroschen, zu erstreben -suchen. Durch den freundlichen Eifer des -Herrn Oberförster Thiersch ist erst jetzt ein Arbeitshaus -errichtet, wo die Kinder ganz armer Eltern -wenigstens in warmer Stube und bei freiem Lichte -arbeiten können. Manches arme Kind, das bis dahin -bettelte, verdient doch jetzt wenigstens etwas die -Woche; aber die Preise sind heruntergedrückt, eine -gute Arbeiterin kann mit aller Noth wirklich nur -wenige <em class="ge">Groschen</em> verdienen, und Sorge und -Mangel furcht die bleichen farblosen Wangen.</p> - -<p>Auch eine Schwefelholzfabrick – von lauter -<em class="ge">Kindern</em> – ist in Eibenstock. Hier werden -Streichhölzchen fabricirt – die gewöhnlichen Streichhölzchen -in Papierkapseln, unten mit Sand beklebt. -– Die Kapsel, die vielleicht 60 bis 80 Stück enthält, -zu – <em class="ge">einem</em> Pfennig. Und die Kinder leben und athmen -die ganze Zeit in dem Phosphordampf – einzelne -Eltern behielten sogar die Kleinen zu Hause, weil -sie »den Geruch nicht aushalten konnten,« den jene -<a class="pagenum" id="page_367" title="367"> </a> -mitbrachten; – die Noth zwang sie aber doch bald -wieder dazu, sie an die Arbeit zu schicken und – sie -gewöhnten sich endlich daran.</p> - -<p>Von Eibenstock brachte uns am nächsten Tage ein -vierstündiger Marsch, oder eigentlich mehr Spatziergang, -durch prächtigen schneegefüllten Nadelwald -und malerische Schluchten und Thäler, bergauf und -ab nach Breitenbrunn. Aber schon unterwegs kamen -wir durch einzelne Klöppeldörfer und die Fenster -füllten sich überall, wie sie die fremden Männer vorbeigehen -sahen, mit einer wahren Unmasse von -kleinen Köpfen. Jedes einzelne Haus sah aus, als -ob es eine Kinderbewahranstalt wäre.</p> - -<p>Mir graute es im Anfang davor, eines derselben -zu betreten; die niederen Stuben sahen von Außen -alle so dumpfig und gedrückt aus; wie erstaunte ich -aber, als ich mich endlich überwand, über die Reinlichkeit -und Ordnung, die in diesen Räumen der Noth -und des Elends herrschten. Das erste derartige Zimmer, -was ich sah, war in Sosa, einem kleinen -Dorfe zwischen Eibenstock und Breitenbrunn. Mehre -Familien, wie das im Erzgebirge gewöhnlich der -Fall ist, wohnten darin, und ein paar junge Mädchen -waren noch mit ihren Tambourir- und Stickrahmen -aus der Nachbarschaft zum Besuch gekommen -<a class="pagenum" id="page_368" title="368"> </a> -– d. h. nicht etwa zum Kaffee und zum Plaudern, -die Armen haben keine unnütze Zeit zu versäumen und -keinen Kaffee zu trinken, sondern um gemeinschaftlich -im warmen Zimmer die mühsame Arbeit zu fördern. -Nur einige von diesen tambourirten, die übrigen -klöppelten, und ich hörte hier zum ersten Male das -monotone, unheimlich raschelnde Geräusch der hin -und hergeworfenen Klöppel.</p> - -<p>Es waren weiche, schwächliche Gestalten, aber -ihre Gesichter sahen nur bleich, nicht kränklich aus – -die Stubenluft und die sitzende Arbeit <em class="ge">lähmte</em> ihnen -nur die Körper- und Geisteskraft, und hatte sie noch -nicht ertödtet. – Die unheilvolle Ursache einmal -beseitigt, und nicht ausbleiben würde die segensreichste -Wirkung; nur das gutmüthige Lächeln, mit dem sie -die Fremden empfingen, hatte etwas Leidendes. Das -Ganze war mir aber noch zu neu – ich schämte mich -zu fragen, ich hielt es für Sünde, diese Armen, Unglücklichen -auch noch durch, wie sie doch jedenfalls -glauben mußten, bloße <em class="ge">Neugierde</em> zu kränken; erst -später verlor sich das, als ich Hütte nach Hütte betrat -und an den Jammer gewöhnt, endlich auch -Worte fand, seinen Grund zu erfahren, ohne mehr -zu fürchten, den Gefragten wehe zu thun.</p> - -<p>In Hütte nach Hütte aber fand ich dieselben -<a class="pagenum" id="page_369" title="369"> </a> -Gestalten, fand ich dasselbe Leid – ein Dorf glich darin -dem anderen, und nur manchmal, wo das Elend -seinen höchsten Grad erreicht, wo die Unglücklichen -nicht allein kein Bett, sondern nicht einmal einen -Platz hatten ihr Stroh trocken hinzulegen, auf dem -sie Nachts die erschöpften Glieder ausstrecken, so daß -dieses also in den Stuben bleiben mußte, sahen dieselben -unordentlich und dadurch unreinlich aus. Die -natürliche Folge davon aber ist, daß der Staub und -Schmutz ihre Arbeit unansehnlich macht, und sie nun -auch noch mit den Preisen gedrückt werden.</p> - -<p>Die Klöppelarbeit erfordert nämlich die größte -und möglichste Reinlichkeit, da die Spitzen nicht mehr -gewaschen werden, sondern gleich von den Kissen weg -zum Verkauf kommen; die Klöppler und Klöpplerinnen -haben denn auch feine weiße Hände, ihre -wohl oft zerissene und tausendmal geflickte Wäsche ist -schneeweiß, die Diele und das Hausgeräth auf das -Sauberste gescheuert – keine Spinnenwebe in der -Stube, kein Schmutz unter dem Ofen oder in den -Ecken, auch das wenige irdene Geschirr – Gott weiß -es, es ist wenig genug – reinlich aufgewaschen -und an seinen gehörigem Ort.</p> - -<p>Rührend ist es dabei, mit welcher Liebe der arme -Erzgebirger an seiner Heimath hängt; Jeder, der mit -<a class="pagenum" id="page_370" title="370"> </a> -ihm nur je in Verbindung kam, weiß Beispiele zu -erzählen, wie die Söhne und Töchter der ärmsten -und elendesten Familien doch nicht unter besseren -Verhältnissen, aber von den Ihrigen getrennt, aushalten -wollten, und lieber wieder in den alten Jammer -zurück flohen, lieber das Leid zu Hause mit den -Ihrigen theilten. Mir kommt das aber, was bei -diesen Menschen Heimweh genannt wird, eher wie -eine Krankheit, wie eine Angst vor, die sie in der -ihnen fremden Umgebung erfaßt. Es ist das Alles -wahr, daß die Erzgebirger nicht unter fremden Leuten -ausharren wollen, daß Knechte wie Mägde guten -Lohn und nahrhafte Kost verlassen und lieber an ihren -Klöppelkissen oder bei der heimischen Arbeit, aber -mit den Ihrigen doch zusammen, hungern und Noth -leiden. Aber nicht Faulheit ist daran Schuld, wie es -ihnen nur zu oft aufgebürdet wird, nicht Widerwillen -ist die Schuld, den sie gegen härtere, als die gewohnte -Arbeit, fühlen sollen, denn die Klöpplerin -arbeitet auch von Morgens früh bis spät in die Nacht, -und der Mann verrichtet im Sommer die gewiß nicht -leichte Waldarbeit und bestellt sein Feld. Nein, es ist -einestheils die Furcht, die das Mädchen wieder aus -ihrem Dienst treibt, sich die weichen Hände zu verderben -und dann zum Klöppeln nicht mehr tauglich, -<a class="pagenum" id="page_371" title="371"> </a> -für immer aus ihrem Familienkreis ausgeschlossen zu -bleiben; es ist das unbehagliche Gefühl, das den -Knecht ergreift, wenn er sich seines linkischen ungeschickten -Benehmens wegen verlacht und verachtet -sieht oder auch nur glaubt, und dann in der That -nicht im Stande ist, mit seinem, durch keine gesunde -Nahrung gekräftigten Körper eben so viel und so gute -Arbeit liefern zu können, als seine Kameraden. Ist -dann auch der Herr nachsichtig mit ihm, will er ihn -nach und nach gewöhnen und heranziehen, so fühlt -der Erzgebirger nur zu gut, wie er indessen von seinen -Mitarbeitern verachtet wird, und muß vielleicht auch -noch rohe Reden darüber hören, daß er eben so viel -ißt, eben so viel Lohn erhält als ein Anderer und nur -halb so viel dafür leistet.</p> - -<p>Woher kommt aber diese Weichlichkeit des Geschlechts? -Woher kommt dieser abhängige, schüchterne -Charakter eines Bergvolkes? Noth und Mangel hat -es nach und nach entnervt. Die ewige vegetabilische -Nahrung, und diese nicht einmal in einem gesunden -und genießbaren Zustand, hat an seinem Mark und -Leben gezehrt. Und <em class="ge">haben</em> diese Leute denn eigentlich -wirklich gelebt? heißt das ein Leben führen? sind das -mit Vernunft und Gefühl begabte Wesen, wie sie da -bei dem monotonen Klappern der hölzernen Klöppel -<a class="pagenum" id="page_372" title="372"> </a> -zusammenkauern und Woche aus und ein für wenige -Groschen an einem vorgezeichneten Muster arbeiten, -nur um zu existiren? Nein, es sind nur lebendige -Maschinen, die blos da zu sein scheinen, eine gewisse -Quantität Spitzen – so und so viele hundert Ellen -– anzufertigen, um dann wieder zu denen, die sie -zu Mangel und Jammer der Welt gegeben, in die -steinige Erde gelegt zu werden.</p> - -<p>Und <em class="ge">könnten</em> sie noch wirklich dabei existiren – -– wären sie im Stande, wenigstens so viel zu verdienen, -daß sie nicht allein das Leid, nein auch die Freude -des Lebens genössen, so möchte es noch sein; aber so -blieb ihnen selbst nicht einmal Zeit in ihrer Jugend -mehr als die einfachsten Schulkenntnisse zu erwerben, -denn sie müssen ja schon zu Hause, selbst als Kinder, -mit an dem ganzen gemeinschaftlichen Tagewerke -schaffen, um nicht gemeinschaftlich mit zu verhungern. -Allerdings ist von der Regierung viel für Schulen -gethan, so viel vielleicht, als es für einen so ausgebreiteten -Strich des Elends möglich war; aber diesen -Versuchen einer wohlthätigen Belehrung haben die -Verhältnisse selbst, und leider mit nur zu vielem Erfolg, -entgegengearbeitet.</p> - -<p>Die Dörfer des Erzgebirges, besonders die ärmsten, -wie Breitenbrunn und vorzüglich Rittersgrün, liegen -<a class="pagenum" id="page_373" title="373"> </a> -über weite Bergflächen zerstreut und es ist z. B. in -dem letzteren Dorfe den armen Kleinen dadurch förmlich -unmöglich gemacht, bei tiefem Schnee die unten im -Thal liegende Schule zu besuchen – selbst wenn sie, -was leider nur zu oft nicht der Fall ist, Kleidung -hätten, die sie vor Wind und Wetter schützte. -Aber auch wirklich den Fall angenommen, <em class="ge">daß</em> sie im -Stande wären, die Schule, und zwar regelmäßig zu -besuchen, was haben die armen, durch ihre sonstige -Umgebung in keiner Weise angeregten Kinder dann -gelernt? nothdürftiger Weise etwas Lesen, Schreiben, -Rechnen und – Bibel- und Katechismusverse. – -Die letzteren sagten ihnen auch am meisten zu – das -Hersagen solcher Verse und Lieder und das einförmige -Geräusch der Klöppel paßte vortrefflich zu einander, -aber dadurch zog sich der kaum entzündete Funke von -Geist wieder mehr und mehr in sich zurück, und verlöschte -endlich nach kurzer Zeit in dem weiten Meer -des Elends, wo er mit dem Ringen nach einem Lebensunterhalte -langsam aber sicher versank und keine -Spur mehr in den bleichen ausdruckslosen Zügen -zurück ließ.</p> - -<p>Welchen Begriff hat ein solcher Unglücklicher von -der Welt? keinen – er kennt nur den Jammer der -ihn umgiebt, und nicht einmal die Hoffnung kann ihn -<a class="pagenum" id="page_374" title="374"> </a> -trösten, denn was soll er hoffen? das Grab – nur -im künftigen Leben, hat ihm sein Pfarrer gesagt, blüht -der Lohn für sein <em class="ge">Ausdauern</em> und <em class="ge">Harren</em> und er -harrt, – aber dauert nicht aus, denn er geht nach und -nach physisch und moralisch zu Grunde.</p> - -<p>In <em class="ge">Breitenbrunn</em>, wo wir bei dem dortigen -Pastor Hrn. Uhlmann freundliche Aufnahme fanden, -besuchte ich Abends die Klöppelschule. Am Tag arbeiten -dort auch Erwachsene, so spät aber trafen wir nur -noch <em class="ge">Kinder</em>; Kinder von sieben bis zwölf und vierzehn -Jahren, meistens Mädchen. Je sechse saßen auf -einer Art von Fußbänken um einen hölzernen Schämel -herum, auf dem eine einfache Blechlampe brannte; sie -hatten nicht das Gesicht dem Schämel zugedreht, sondern -hockten von der Seite immer Eine hinter der Anderen -im Kreis, während eben so viele mit Wasser -gefüllte Glaskugeln, wie sie die Schuhmacher bei ihrer -Nachtarbeit gebrauchen, den scharfen, blendenden, aber -schmalen Lichtstrahl nur eben auf den Punkt ihrer -Klöppelarbeit warfen, wo sie ihn gebrauchten. Und -so sitzen diese Kinder Tag aus Tag ein; des Morgens -haben sie einige Stunden Schulunterricht, der Nachmittag -findet sie wieder im lauten Geklapper ihrer -Arbeit. Spiel und Erholung kennen sie nicht – sie -rasten nicht – und doch – doch rasten sie manchmal -<a class="pagenum" id="page_375" title="375"> </a> -– der Klöppellehrer erzählte uns mit leiser Stimme, -»die armen kleinen Dinger hätten schon mehr male -mit Arbeiten aufgehört und gemeint: sie könnten nicht -mehr – <em class="ge">sie wären so hungrig</em>.« Der arme Teufel -konnte ihnen selbst nichts geben, er verdient mit -seiner Frau auch nur 2½ Thlr. die Woche und hat -fünf Kinder.</p> - -<p>Und doch sind diese Klöppelschulen ein Segen für -die Unglücklichen – sie haben doch wenigstens eine -warme Stube und freies Licht und bekommen Geld -für ihre Arbeit. Aber nicht in allen Klöppelschulen ist -das der Fall – das teuflische Drucksystem fängt auch -im Erzgebirge wieder an aufzublühn, und das fehlt -jetzt nur noch, die Bewohner desselben ganz zur Verzweiflung -zu bringen. Fast alle die Factoren oder -Verleger von Spitzen legen dort oben noch neben -ihrem Geschäft kleine Ausschnittläden an, und wenn -auch Manche brave rechtliche Leute sind, die keinen -Mißbrauch damit treiben, so giebt es doch auch wieder -gewissenlose Menschen unter ihnen, welche die -Noth der Armen benutzen, nicht allein die Preise herunter -zu drücken, sondern ihnen auch noch werthlose -Waare aufzudringen, mit der sie nachher Tagelang -umherlaufen müssen, um sie nur, natürlich wieder mit -Verlust, anzubringen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_376" title="376"> </a> -Breitenbrunn wie Rittersgrün sind mit die ärmsten -Dörfer des Erzgebirges; Hunderte von armen -Familien leben dort, ja das letzte Dorf besteht fast -einzig und allein, und mit nur sehr wenigen Ausnahmen, -aus solchen Unglücklichen. Die Pastoren derselben -sind denn auch in der That mehr Armenpfleger -als Seelenhirten; sie müssen mehr Zeit darauf verwenden, -die Körper als den Geist ihrer Beichtkinder -zusammen zu halten, denn der Arme hat ja weiter -Niemanden als gerade seinen Pastor, der ihm die -ewige Barmherzigkeit Gottes predigt – dieser allein -giebt ihm eine, wenn auch weit hinaus geschobene -Hoffnung auf ein künftiges Leben – ach es ist die -<em class="ge">Einzige</em>, die der Unglückliche kennt, und er blickt -nun vertrauend zu dem Mann empor, der ihn zu trösten -und aufzurichten sucht.</p> - -<p>Die Pastoren könnten hier von vielem und großem -Einfluß sein, und Manche sind es auch, andere aber -wieder, und vielleicht in ganz guter Absicht, quälen -ihre Pfarrkinder noch mit dem, was eigentlich freiwillig -aus innerstem Herzen springen sollte, mit der -Religion und dringen darauf, daß »Gottes Tempel« -nicht allein in »gutem Zustande« sei, sondern auch -»anständig aussehe.« In den ärmsten Dörfern, wo -Hunderte von Einwohnern wie die Schafe zusammengepfercht -<a class="pagenum" id="page_377" title="377"> </a> -und in elenden Hütten, oft ohne Betten liegen, -wird das stets unter die »nothwendigsten Ausgaben« -gerechnet, daß die Kirche restaurirt werde. Sogar in -Rittersgrün, wo mir der Pastor selber sagte, daß sein -ganzes Dorf wie ein einziges Armenhaus dastehe, -verlangt er zwölf- oder vierzehnhundert Thaler für die -Herstellung der etwas baufälligen Kirche, und wollte -zu diesem Zweck eine Pfennigsteuer erheben. Die Menschen -können auf faulem Stroh liegen, aber der liebe -Gott darf nicht mit einem gewöhnlichen und billig -hergestellten Bethaus, wie ich es vorschlug, abgespeist -werden. – »Das Dorf kann doch nicht ohne Kirche -sein?« rief er erstaunt. Und der Mann meint es sicherlich -gut, denn er hat schon unendlich viel für die -Armen gethan, wenn er auch die etwas bevorzugt, -die am regelmäßigsten zur Communion gehen und die -Kirche besuchen.</p> - -<p>Die Erzgebirger sind arm, aber ehrlich, Diebstähle -fallen nur höchst selten bei ihnen vor; <em class="ge">selten</em>, aber -doch <em class="ge">manchmal</em>. So war ich in Rittersgrün in einer -Hütte, wo auch Gott weiß wie viel Personen in einem -engen Käfterchen zusammenstaken, die übrigens Alle -zu einer Familie, wenigstens zu einer Verwandtschaft -gehörten; unter diesen saß eine schwangere Frau, vielleicht -acht und zwanzig Jahre alt – oder wohl auch -<a class="pagenum" id="page_378" title="378"> </a> -jünger, denn die Noth altert vor der Zeit – der liefen -aber die Thränen über die Backen, als der Pastor, -der uns begleitete, ein paar Worte mit ihr sprach. -Böse Menschen (in Rittersgrün meinten sie, die Diebe -müßten von der nicht fernen böhmischen Grenze herübergekommen -sein) hatten ihr vor einigen Tagen das -einzige Bett gestohlen, was sie mit ihren Kindern bis -dahin getheilt. – Schwanger – unausgesetzte Arbeit -den Tag über, Hunger und Sorge um die Kinder – -und nicht einmal ein Bett, auf dem sie Abends die -müden Glieder ausstrecken konnte. Vor der Thür -der Hütte lagen auf dem Schnee drei weißgewaschene -Hemden zum Trocknen; weiß gewaschen waren sie -wohl, aber nur mit Mühe hielten noch die unzähligen -kleinen Lumpen zusammen.</p> - -<p>Mit Sonnenuntergang verließen wir Rittersgrün -und wanderten durch eine Gegend, die im Sommer -paradiesisch sein muß, am Schwarzwasser entlang auf -Raschau zu.</p> - -<p>Am nächsten Morgen trennte ich mich von meinem -bisherigen Reisegefährten und wanderte allein das -Dorf entlang, der Straße nach Annaberg folgend. -Ich weiß nicht, wie die Dörfer zu anderer Zeit dreinschauen -mögen; aber jetzt, von dem weißen blendenden -Schnee umgeben, sahen sie alle mit ihren blank -<a class="pagenum" id="page_379" title="379"> </a> -gehaltenen Fensterscheiben reinlich und sauber aus; -der hie und da vom Eis befreite Bach rauschte und -murmelte dabei fröhlich durch's Dorf hin und neugierige -Kindergesichter blickten hie und da aus den Fenstern -zu mir herüber, immer jedoch augenblicklich wieder -und blitzesschnell verschwindend, sobald ich nur -den Kopf zu ihnen hinwandte. Raschau kam mir im -Ganzen nicht so ärmlich vor, als die früheren Orte -die ich gesehen, dennoch fehlte es wahrlich nicht an -den Hütten der Noth und des Elends. In einer von -diesen fand ich eine freundliche Familie beisammen – -die Mutter mit zwei erwachsenen Töchtern und drei -oder vier anderen kleineren Kindern.</p> - -<p>Die Leute schienen wenigstens das Nothdürftigste -zu haben, die Stube war hell und geräumig, ihr -Anzug, wenn auch einfach, doch wenig geflickt und -von größter Sauberkeit, und die Kinder sahen, wenn -auch bleich, doch nicht gerade so hohläugig darein, -wie ich das leider bei so vielen gefunden. Der Mann -war Bergmann und stak jetzt irgendwo in der Erde, -die Frauen aber saßen gar eifrig an ihren Klöppelkissen -und förderten die klappernden Spuhlen. Und was -verdienten sie mit dieser Arbeit? – Für drei Viertel -Zoll breite, sauber geklöppelte Spitzen bekommen sie -von dem Händler für <em class="ge">zehn Ellen</em> fünf gute Groschen -<a class="pagenum" id="page_380" title="380"> </a> -vier Pfennige, für <em class="ge">zehn Ellen</em>, an denen -eine erwachsene Person mehrere Tage arbeiten und -auch noch das Leinengarn zugeben muß. Die Leute -hielten mich für einen Spitzenhändler und boten mir -ihre Waare, als ich sagte, daß ich eine Kleinigkeit zu -kaufen wünsche, um diesen Preis an. Ich kaufte an -demselben Tag noch schmalere Spitzen – etwas über -ein Drittel Zoll breit, die mir die Frau für <em class="ge">fünf -Neugroschen für zwanzig Ellen</em> anbot. Als -sie hörte, daß ich kein Spitzenhändler sei und nur ein -einzelnes Stück kaufen wollte, setzte sie dann schüchtern -hinzu: »so dürfen Sie mir schon ein paar Pfennige -mehr geben – es ist gar wenig.«</p> - -<p>In Oberscheibe, links und rechts zwischen ärmlichen -Gebäuden hin, sah ich einen bleichen, krank aussehenden -Mann, der mit einer Axt auf der Schulter -eben in eine niedere Thür eintreten wollte; er blieb, -als er mich herankommen sah, stehen und es kam mir -vor, als ob er mich anzureden beabsichtigte – wenn -das aber wirklich der Fall gewesen, so müßte er sich -anders besonnen haben, denn er grüßte nur und verschwand -in der Thür. Der Mann sah recht leidend -aus – er hinkte auch, wie mir vorkam – die Männer -waren sonst alle größtentheils auswärts an irgend -einer Arbeit – ich hatte noch wenige zu Hause getroffen -<a class="pagenum" id="page_381" title="381"> </a> -und beschloß diesem zu folgen. Rasch trat ich nach -ihm in einen engen dunkeln Gang, der in den hinteren -Theil des Gebäudes führte; er blieb stehen und sah -sich erstaunt nach mir um, als er mich kommen hörte.</p> - -<p>»Darf ich einmal mit Euch eintreten, Freund, und -einige Worte mit Euch sprechen?«</p> - -<p>»Ach Gott ja,« sagte der Mann und sah mich verlegen -an; »aber – es ist gar eng bei uns und – -und sieht nicht besonders aus –.«</p> - -<p>»Schadet nichts, will nur einen Augenblick bleiben -– gehe gleich wieder fort.«</p> - -<p>Er öffnete eine Thür dicht vor uns und ich fand -mich gleich darauf in einem kleinen, kaum vier Schritt -im Quadrat haltenden Zimmer. An dem Tisch saßen -die Frau und zwei erwachsene Töchter von etwa sechzehn -und siebzehn Jahren, rechts davon, nach dem Ofen -zu noch ein paar kleinere Kinder und ein anderes, -vielleicht zwölf oder vierzehn Monate altes, lag in -einem Kasten, der ihm als Bettchen und Wiege diente. -Die fürchterlichste Armuth herrschte in diesem Gemach, -nicht einmal reinlich waren die Leute im Stande es -zu halten, denn das Stroh, auf dem sie Nachts lagen, -mußte in der Stube bleiben, sie hatten keinen andern -Raum dafür. Die Frauen rückten schüchtern zusammen, -als ich eintrat und der Mann schob mir einen der -<a class="pagenum" id="page_382" title="382"> </a> -hölzernen Stühle hin, von denen zwei im Zimmer -standen, sonst waren Bänke an den Wänden.</p> - -<p>»Wie geht es Euch denn, Ihr Leute,« frug ich -endlich, nachdem ich den Jammer, der mich umgab, -wenige Secunden schweigend überblickt hatte; »wie -geht es mit den Preisen, mit der Arbeit, mit den -Lebensmitteln?«</p> - -<p>»Ih nun,« sagte der Mann seufzend und schaute -gar wehmüthig ernst vor sich nieder, »es geht <em class="ge">recht</em> -schlecht – es kann nicht mehr viel schlechter werden.«</p> - -<p>Die Frauen klöppelten eifrig fort und redeten keine -Sylbe – sie waren so reinlich, wie das der enge Raum -und das Zusammenleben mit den Kindern gestattete, -angezogen, ihre Kleidung bestand aber aus fast lauter -zusammengeflickten Lumpen. Es war ein peinliches -Schweigen, das keiner brechen mochte.</p> - -<p>»Sie sind wohl ein Spitzenhändler?« sagte die -Frau endlich mit leiser Stimme und wandte sich halb -nach mir um – ich verneinte es und der Mann fuhr fast -mehr mit sich selber sprechend, als zu mir gewandt fort:</p> - -<p>»Die Preise werden immer schlechter, die Kartoffeln -sind verdorben und – aufgezehrt – ich wollte es wäre -Sommer, aber damit hat's noch lange Zeit.«</p> - -<p>»Und es ist keine Aussicht, daß die Preise wieder -steigen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_383" title="383"> </a> -»Wenn sie nur einmal in England aufhörten Spitzen -zu machen,« murmelte der Mann; »die Engländer -haben doch viel auf dem Gewissen.«</p> - -<p>»Aber Ihr wollt es ja auch nicht anders haben?« sagte -ich jetzt; »warum hört Ihr nicht auf, warum klebt -Ihr hier in den Bergen und zieht nicht fort, weit -fort, wo es andere Arbeit und etwas zu verdienen -giebt; lieber Gott, wenn Niemand Eure Spitzen -mehr kaufen will, weshalb macht Ihr sie denn noch -unausgesetzt und verhungert und verkommt dabei?«</p> - -<p>»Fortziehn?« rief der Mann und sein Gesicht nahm -eine etwas lebhaftere Farbe an; »fortziehn? ach Du -guter Herr Gott, ja, wohin es ist und wenn's nach -Amerika wäre – überall hin, wo wir nur nicht verhungern -– aber wovon? fort <em class="ge">betteln</em> kann man -sich doch nicht mit Weib und Kind, und das wäre die -einzige Art, wie man daran denken könnte.«</p> - -<p>»Aber warum gehn Eure Töchter nicht in irgend -einen Dienst, sie kämen aus der Noth heraus und -könnten etwas mehr verdienen.«</p> - -<p>Die Mutter schüttelte mit dem Kopfe.</p> - -<p>»Ja,« sagte sie, »aus der Noth kämen sie heraus, -was aber kriegt so ein armes Ding, das weiter nichts -gelernt hat als Klöppeln, für einen Lohn – es könnte -selber nur nothdürftig davon leben, und hier zu Hause -<a class="pagenum" id="page_384" title="384"> </a> -ging es nur noch schlimmer, wenn die großen Mädchen -fort wären, die doch jetzt noch etwas verdienen -– mein Mann ist krank, und wenn ich's auch von -Herzen gern wollte, ich <em class="ge">kann</em> die übrigen Kinder nicht -alle von den zehn oder zwölf Groschen erhalten, die -ich die Woche verdiene. Und dann, wenn sie's nun -nicht draußen aushielten, oder wenn ich auch krank würde -und sie zurück müßten, dann haben sie sich ihre Hände -zum Klöppeln verdorben und wovon <em class="ge">dann</em> leben? -Aber ich sehe schon, es wird doch nichts anderes übrig -bleiben, wenn nur der Winter erst vorbei ist, dann -mögen sie hinaus gehen und sehen, wie's der liebe -Gott mit ihnen fügen wird.«</p> - -<p>»Ach ich ginge ja so gern,« flüsterte die Aelteste -und sah mit stierem Blick auf ihr Klöppelkissen, »wenn -ich nur einen Dienst wüßte, wo ich gut behandelt -werde, – an mir sollt es nicht fehlen.«</p> - -<p>»Sie sind gewiß ein Spitzenhändler?« sagte die -Frau noch einmal und blickte mich dabei halb schüchtern -an.</p> - -<p>Ich sah mich in der Stube um – neben dem Ofen -standen mehrere Töpfe, aber alle leer, – keine Spur -von Lebensmitteln war im Zimmer und doch verrieth -die ganze Umgebung, daß dieser eine Raum ihr Alles -umschloß, was sie das Ihre nennen konnten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_385" title="385"> </a> -»Habt Ihr kein Brod Ihr Leute?«</p> - -<p>»Nein,« sagte er kopfschüttelnd; »wir haben bis -jetzt von Kartoffeln gelebt.«</p> - -<p>»Aber Brod ist dieß Jahr so billig.«</p> - -<p>»Ach ja,« erwiederte der Mann, – »es ist viel -billiger als voriges Jahr, – aber – wir sind hier -gar viele Mägen.«</p> - -<p>Das kleine Kind fing an zu schreien; die Mutter -stand von ihrer Arbeit auf, nahm es in die Höhe und -schaukelte es auf dem Arme, – in der Stube konnte -sie nicht auf und ab mit ihm gehen, der Platz, wo sie -stand, war der einzige freie Raum. Ich mochte den -stillen Jammer nicht mehr länger ertragen, stand auf, -legte etwas Geld auf den Tisch und wollte fort.</p> - -<p>»Da – kauft Euch Brod,« sagte ich, – »es wird -schon einmal eine bessere Zeit kommen.«</p> - -<p>Der Mann sah überrascht das Geld an und griff -nach meiner Hand; – bis dahin war keine Klage -weiter, – keine Bitte um Unterstützung über seine -Lippen gekommen, jetzt aber brach sich der gewaltsam -zurückgehaltene Jammer Luft und die Thränen stürzten -ihm aus den Augen.</p> - -<p>»Wir haben seit gestern Mittag keinen Bissen -gegessen,« flüsterte er, – »mein Bein ist offen und -entzündet, aber ich war eben aus, Arbeit zu suchen -<a class="pagenum" id="page_386" title="386"> </a> -um nur ein paar Groschen für Brod zu bekommen, -vergebens –.«</p> - -<p>Es war noch viel, viel, was er sagte und auch -die Frauen fingen an zu weinen; – bis jetzt hatten -sie sich vor dem Fremden gescheut, nun war das Eis -gebrochen und ihr Schmerz ließ sich nicht länger zurückdämmen. -Das Kind schrie auch mit hinein in -diesen Jammer, aber die Mutter drückte es freudig an -die Brust. –</p> - -<p>»Sei ruhig mein Herzchen, Du bekommst jetzt -Brod –.«</p> - -<p>Ringsum steigen freundliche Berge empor, dunkelgrüne -Waldesschatten schmiegen sich an die breitlehnigen -Kuppen an, – weite, im sonnigen Lichte -blitzende und funkelnde Schneeflächen decken die -Halden und leichte durchsichtige Nebelwolken ziehen -sich wie duftige Schleier am scharfen Abhang der -Schluchten hin. Munter sprudelt der Bach dazwischen -durch und das blaue ätherreine Firmament umschließt -wie mit liebenden Armen das herrliche Land. Der -Habicht streicht in langsam bedächtigen Kreisen über -die Flur, – die Krähe sitzt gesättigt oben in den -Zweigen des Apfelbaumes und wetzt an dem rauhen -Aste den Schnabel – und der Mensch? –</p> - -<p>Geht in die Hütten und seht wie sie zusammenkauern; -hebt den Deckel von dem irdenen Topfe, der -<a class="pagenum" id="page_387" title="387"> </a> -in der Röhre steht und einen widerlich dumpfigen -Geruch verbreitet; – aus was besteht die Nahrung, -die sich der Erzgebirger zusammengeknetet hat, sein -und der Seinigen Leben zu fristen? Faule, kranke -Kartoffeln zu Muß gedrückt und mit etwas schwarzem -Mehl angerührt, – Salz hat er nur selten, – etwas -Häringslauche muß dem Stoffe eine Art Geschmack -geben, und <em class="ge">will</em> er verschwenderisch sein, so vertritt -Lampenöl die Stelle des zu theuren Fettes. Und das -sind Menschen, – denkende, fühlende Menschen, -von Gott mit denselben Anrechten an dieses Leben -ausgestattet, wie wir selbst, das sind Menschen, die -hier rettungslos ihrem sicheren Verderben entgegengehen. -Rettungslos, wenn nicht bald etwas geschieht, -sie dem fürchterlichsten Elend zu entreißen.</p> - -<p>Die Klöppelarbeit ist kaum noch im Stande ihr -elendes Leben zu stiften, und in den englischen -Spitzenmanufacturen ihnen ein Feind erstanden, mit -dem sie den verzweifelten Kampf um die Existenz nur -noch wenige Jahre werden bestehen können. Die -Preise der Spitzen fallen wirklich jährlich, und es ist -Thatsache, daß die Leute im Gebirge in diesem Jahr -(1848), trotz des <em class="ge">billigen</em> Brodes, doch nicht <em class="ge">mehr</em> -für ihre Arbeit bekamen, als das vorige. Die -Leute vegetiren also dieses Jahr eben so wie das -vorige; wie aber nun, wenn wiederum, was doch -<a class="pagenum" id="page_388" title="388"> </a> -jeden Augenblick geschehen kann, eine neue Theuerung -die Brodpreise hinauftreiben sollte? Die Arbeitspreise -steigen <em class="ge">nicht</em> wieder, und die Klöppler sind dann -einem Verderben nahe, dessen Ahnung schon jetzt ihr -Herz mit Schrecken erfüllt.</p> - -<p>»Wenn das Brod wieder theuer wird, müssen sie -uns todtschlagen,« sagte ein junger bleicher Bursche, -der in Scheibenberg auf einer Hobelbank saß und -faule Kartoffeln kaute. – Es liegt eine fürchterliche -Wahrheit in den Worten, <em class="ge">man kann doch die -Leute nicht langsam verhungern lassen</em>.</p> - -<p>»Aber warum verlassen sie das Gebirge nicht?« – -rufen die Tausende – »warum gehn sie nicht in's -flache Land – im Gebirge selbst und in der nächsten -Nachbarschaft müssen die Bauern baierische Dienstboten -nehmen, weil die Gebirger nicht aushalten, -selbst an den Wegen, die der Staat hat fast nutzlos -anlegen lassen, nur um den Unglücklichen zu helfen, -haben sie nicht länger arbeiten mögen – sie <em class="ge">wollen</em> -ja zu Grunde gehen – warum ergreifen sie nicht -etwas Anderes, wenn das alte Geschäft nicht mehr -geht?«</p> - -<p>Dort ist Jemand in einen Fluß gefallen – er -schlägt mit Armen und Füßen um sich – aber er -sinkt – er hebt sich noch einige Mal – dreht sich -eine Zeit lang auf derselben Stelle im Kreise herum -<a class="pagenum" id="page_389" title="389"> </a> -und sinkt immer und immer wieder. »Warum schwimmt -der Mensch nicht – er braucht ja nur mit Armen -und Beinen gleichmäßig auszutreten, – nur gerade -so, wie es ihm die Leute, die da in Herzensangst am -Ufer stehen, vormachen – er braucht nur den Kopf -dann zu heben und dem nächsten Ufer zuzuarbeiten, -so kann er ja nicht untergehen.« – Ei ja wohl, wäre -ihm das in seiner Jugend gelehrt, so könnte er das -allerdings – wüßte er, <em class="ge">wie</em> er seine Kräfte gebrauchen -soll, er würde auch nicht untergehen; aber -die Leute am Ufer, die alle auf ihn einschreien und -ihm zuwinken, kleine Stückchen Holz nach ihm werfen, -auf denen er sich einen Augenblick ausruhen soll, -machen ihn nur noch mehr irre und bringen ihn ganz -außer Fassung. – <em class="ge">Guter Rath</em> und <em class="ge">schwache</em> -That kommen hier zu spät, hier bedarf es eines -<em class="ge">kräftigen</em> Mittels, das ihm die Hand reichen und -vom Verderben zurückreißen muß, dem er sonst im -nächsten Augenblick zu erliegen droht.</p> - -<p>Der Erzgebirger ist entnervt und erschlafft, aber -weniger noch an körperlichen, als an geistigen Kräften; -jetzt geschieht allerdings was möglich ist, um -nur in etwas seine Energie zu wecken; die Schulen -werden überall vermehrt und verbessert, man sucht -die Einzelnen ihrem Jammer zu entziehen und mit -dem wirklichen Leben bekannt zu machen, bedeutende -<a class="pagenum" id="page_390" title="390"> </a> -Summen werden vom Staat und von Privaten -daran gewandt, der augenblicklichen Noth zu steuern -– aber es ist auch nur die augenblickliche Noth, und -solche Hülfe genügt nicht mehr allein. Die Wunde, -die vielleicht in früherer Zeit mit leichten Umschlägen -und Salben geheilt gewesen wäre, ist jetzt geeitert, -der Brand ist hinzugetreten und jede Verzögerung -einer ernstlichen Cur macht sie nur noch schmerzhafter -und noch gefährlicher. Dem Erzgebirger sind seine -Berge die Welt; kommt er in das flache Land, so -stellt er sich linkisch und ungeschickt an, – aber das -ist's nicht allein – durch eine Nahrung, wie sie bei -uns kein Hund verzehren würde, ist er auch schwach -und kraftlos geworden. Haben ihn auch nun wirklich -Bauern als Knecht einmal angenommen und ihm -denselben Lohn, wie ihren andern Arbeitern, gegeben, -so vermochte er natürlich nicht von allem Anfang so -auch zu arbeiten, das Alles zu leisten, was jene -wirklich leisteten. War dann auch der Herr vernünftig -und gutmüthig genug, das Alles nachzusehen, wollte -er den Unglücklichen eher zurechtweisen als einschüchtern, -so fand dieser dagegen bei seinem ihm fremden -<em class="ge">rohen</em> Cameraden – denn unsere Arbeiter sind -<em class="ge">leider</em> in der Mehrzahl roh – keine so freundliche -Gesinnung. Wer das Verhältniß der Knechte und -Dienstleute zu einander kennt, wird mir recht geben; -<a class="pagenum" id="page_391" title="391"> </a> -erst verspotten sie den Fremdling, besonders wenn er -sich etwas täppisch und unbeholfen zeigt, oder gar -nach einem anderen Dialekt redet, und machen sich -über ihn lustig, äffen ihm auch wohl die Worte -nach; dann aber auch murren sie und werden gehässig, -wenn ein Anderer, der mit ihnen auf gleicher -Stufe steht und dieselben Pflichten hat wie sie, nicht -auch alles das leisten kann oder wirklich leistet, was -man von ihnen selbst fordert.</p> - -<p>Der Erzgebirger aber, nur in seinem innersten -Familienkreise aufgezogen und groß geworden, ist zu -weichlich, zu schüchtern, dem Allen begegnen zu -können, die geistige Energie fehlt ihm, jetzt einmal -doch zu zeigen, daß er ein Mann ist und den <em class="ge">Feind</em>, -der sich ihm zeigt, zu bekämpfen. Nein, das Heimweh -faßt ihn nach seinen Bergen; dort mußte er -wohl hungern und Noth leiden, aber dort lachte -ihn auch keiner aus, dort war er nicht verspottet -und verachtet. Der geringe Funke von Geist, der -noch in ihm schlummerte, wurde dort nicht mit -Füßen getreten, und zurück flieht er mit aller Hast -und Angst zu den Seinen und theilt lieber Jammer -und Elend mit ihnen. Ebenso, nur in einem fast -noch stärkeren Grade, war es mit den Mädchen, die -sich in's flache Land ausmiethen wollten. – Nichts -auf der Gotteswelt haben sie daheim gelernt, als -<a class="pagenum" id="page_392" title="392"> </a> -ihre Klöppel zu führen und höchstens einmal, und -selbst das noch mangelhaft, ihre Kleider auszubessern -und herzurichten – jetzt auf einmal verlangt man -lauter fremde unbekannte Sachen von ihnen, und -dieselbe Scheu treibt auch sie zu den Ihren zurück.</p> - -<p>Wohl wäre es vielleicht auch jetzt noch Zeit, auf -die Jugend mit allen nur zu Gebote stehenden Mitteln -einzuwirken, daß wenigstens diese einer so fürchterlichen -und gefährlichen Lethargie entrissen wird, – -es muß sogar wirklich geschehen, wenn nicht der -ganze Stamm doch verderben soll. – Die Unglücklichen -haben sich aber gegenwärtig dem Abgrund, der sie -verschlingen muß, so fürchterlich genähert, daß – -und zwar rasch und ohne Zögern – etwas Gewaltiges, -etwas Durchgreifendes geschehen muß, wenn -nicht <em class="ge">jede</em> Hülfe zu spät kommen soll.</p> - -<p>Jener fürchterlich übervölkerte Gebirgsdistrikt, -dessen Bewohner mit einer Hartnäckigkeit an ihrer -Beschäftigung hängen, die der der Schaafe gleicht, -wenn sie, befreit, in den brennenden Stall zurückstürzen -– jener Distrikt muß gelichtet und auf eine -Art gelichtet werden, die den Zurückbleibenden Luft -giebt und ihnen freier zu athmen gestattet. Durch -keine bürgerliche Hülfe kann dies aber allein geschehen, -und wäre sie auch zehnmal größer, als sie -Sachsen zu bieten vermag. Der <em class="ge">moralische Trieb</em> -<a class="pagenum" id="page_393" title="393"> </a> -dieser Menschen muß geweckt werden, und nur dann ist es -möglich, an eine wirkliche Rettung derselben zu glauben.</p> - -<p>Das ist aber wieder nur durch eine <em class="ge">Auswanderung</em> -möglich, und nicht etwa durch die Auswanderung -Einzelner, die immer nur auf ihren engen -Familienkreis zurückwirken, nein, durch die vom -Staate selbst geleitete Auswanderung von <em class="ge">Tausenden</em>, -für die man in den Vereinigten Staaten von -Nordamerika eine neue Heimath gründet. <em class="ge">Zwanzigtausend -Menschen</em> müssen übersiedelt werden, -oder <em class="ge">Hunderttausende</em> gehen rettungslos zu -Grunde. Wie das geschehen könne, ist hier nicht -Raum genug zu erörtern, aber dadurch wird nur die -Möglichkeit hergestellt, erstlich für den Augenblick die -zwanzig Tausend der Noth zu entreißen und den -Zurückbleibenden in den ersten Jahren eine Concurrenz -zu nehmen, die sie freier aufathmen läßt. Abgerechnet -von all dem materiellen Nutzen, den eine solche That -für Gehende und Bleibende haben muß, von dem -Lande, was frei wird, von den gewonnenen Producten, -die nicht mehr in die kleinsten Atome vertheilt -werden müssen, von den gelieferten Arbeiten, die -jetzt doch wenigstens regelmäßig ihre Käufer finden, -wenn sie auch keinen höhern Preis erreichen – abgesehen -von alle diesem ist es aber besonders der <em class="ge">moralische -Einfluß</em>, den eine solche Auswanderung auf -<a class="pagenum" id="page_394" title="394"> </a> -den übrigen Theil der Gebirge üben wird und muß. -Bis jetzt erschien ihnen selbst das außer ihrer nächsten -Umgebung Liegende wie eine fremde Welt – daß -man ohne Klöppeln existiren konnte begriffen sie nicht -– selbst die Einzelnen, die es tollkühn versucht -hatten, in das »Ausland«, nach Leipzig, Dresden, -ja selbst Chemnitz zu gehen, kamen fast sämmtlich -wieder zurück und kauerten lieber an ihrem Klöppelkissen -– da hatten sie den Beweis – es ging draußen -für sie nicht an – sie gehörten nicht da hinaus -und mit ängstlicher verderblicher Scheu hielten sie -selbst ihre Kinder davon zurück. Dann aber wäre die -Bahn gebrochen – Tausende sind plötzlich über -tausend Meilen weit, über das Meer sogar, nach -einem fremden Lande gezogen – der Gebirger hat -auf das Aeußerste gespannt – in Angst und Sorge -um die Tollkühnen, einer Nachricht von ihnen gelauscht -– da plötzlich treffen Briefe auf Briefe ein -– in alle Theile des Gebirges zweigen sie aus – -solche Schreiben laufen von Hand zu Hand, jede -Familie drängt sich herzu, wenn der Vater oder -Schullehrer die ersehnte Kunde meldet, und eine -neue Welt geht plötzlich vor ihren Augen auf, als sie -das Jubelgeschrei der Ihren aus der Ferne hören – -als sie mit Staunen und Verwunderung hören, daß -Jene nicht mehr zu hungern und zu frieren brauchen, daß -<a class="pagenum" id="page_395" title="395"> </a> -sie mit mäßiger Arbeit einen Ueberfluß von Nahrung und -Kleidung verdienen können und jetzt zum ersten Male steigt -der <em class="ge">freiwillige</em> und durch nichts anderes geweckte -Wunsch in ihrer Brust auf – »könntest Du dorthin.«</p> - -<p>Mit dem Wunsche aber denkt der Gebirger auch -schon an die Möglichkeit der Ausführung, und jetzt, -jetzt ist die Zeit gekommen, seinen verkümmerten Geist -mit allen Waffen der gesunden Vernunft anzugreifen -und aus seinem Traume mit aufrütteln zu helfen. Jetzt -ist die Zeit gekommen, wo dem im alten Schlamme -noch Versunkenen der Fortschritt der Welt gezeigt und -er selbst zum thätigen Mitwirken daran aufgefordert -werden muß. Aeußere Umstände kommen dann noch -dazu, die Einwirkung zu vermehren; bis dahin wird -das Klöppeln durch die sich immer mehr verbessernden -englischen Spitzen fast ganz vernichtet und zu Grunde -gerichtet sein; der Gebirger, aus seinem Stumpfsinn -erwacht, sieht auf der einen Seite seinen alten Erwerbszweig, -an den er wie an ein Evangelium geglaubt, -zerstört, auf der anderen dagegen Sachen -möglich gemacht, die er bis dahin nur für tolle Märchen -gehalten, und er wird dann, wenn der alte -Zauber erst einmal gebrochen, auch nicht allein ein -Mensch werden, sondern was noch viel wichtiger -und für ihn nothwendiger sein muß, <em class="ge">fühlen</em>, daß -er wirklich ein Mensch <em class="ge">ist</em>.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_396" title="396"> </a> -Der dortigen fürchterlichen Noth kann auf keine -andere Art möglicher Weise abgeholfen werden – -eine Auswanderung ist meiner Meinung nach das -Einzige. Mag aber da der Staat nicht durch eine -scheinbare Verantwortlichkeit zurückschrecken, eine Verantwortlichkeit, -die nur in der Idee existirt. Bei einer -Auswanderung werden wohl Manche sterben, Manche -dort, statt der gehofften Heimath, ein <em class="ge">Grab</em> finden; -hier aber gehen die Leute <em class="ge">gewiß</em>, und wie die Aussicht -jetzt ist, alle zu Grunde. Jenes sind dann auch -nicht Folgen der Auswanderung, nein, es sind noch -die Folgen des fürchterlichen Elends, das hier ihren -Körper aufgerieben und vergiftet – der Keim des -Todes ist es, der hier schon durch widernatürliche -Nahrungsmittel und Lebensart gepflanzt und gepflegt -wurde. Und was für ein Unterschied zwischen dem -Tode eines Vaters <em class="ge">dort</em> und <em class="ge">hier</em>. Dort weiß er die -Seinigen versorgt, oder die Hoffnung versüßt wenigstens -seine letzten Stunden – ein gemeinsames Unternehmen -hat sie in seinen Schutz genommen, er fühlt, -daß sie nicht hülflos untergehen werden – und hier? -– wenn er hier stirbt – wenn er noch einmal auf -die bleichen elenden Gestalten sieht, die sein hartes -Lager umstehn – wenn er weiß, <em class="ge">wie</em> er sein ganzes -Leben verbracht hat, weiß, daß all die Seinen auch -nur Aehnliches, vielleicht jetzt noch größeres Elend -<a class="pagenum" id="page_397" title="397"> </a> -erwartet – muß ein solcher Augenblick nicht alle -Qualen der Hölle in sich schließen, und kann da noch -von einer Verantwortlichkeit die Rede sein? Nein, -wahrlich nicht, die alte Generation wird freilich aussterben, -ohne viel Heil und Segen von der Uebersiedelung -gehabt, ohne die Vortheile alle genossen zu -haben, die man für sie beabsichtigte; aber die Kinder, -die hier nur dem sicheren Elend entgegen gingen, sind -gerettet. Der Erzgebirger, der den Anwuchs seiner -Familie bis dahin nur als einen Fluch betrachtete -und betrachten <em class="ge">mußte</em>, sieht plötzlich, daß er ihm -dort, in den freien Wäldern einer neuen Welt zum -<em class="ge">Segen</em> wird. Die erzgebirgische Mutter, die bei dem -Tode eines Kindes wohlhabender Eltern mit stierem -Blicke sagte: »<em class="ge">Mir stirbt keins!</em>« findet Brod für -die Kleinen, und die natürliche Liebe, die durch Noth -und Elend gewaltsam erstickt worden, wacht wieder -auf in ihrem fast erkalteten Herzen.</p> - -<p>Auch <em class="ge">der</em> Einwand kann keine Geltung finden, -daß die Armen zu schwach und entkräftet wären und -die schweren Arbeiten des dortigen Ackerbaues nicht -aushalten würden. Die Erzgebirger, wenigstens ein -großer Theil derselben, arbeiten hier auch in Wald -und Feld und würden mit Freuden noch mehr arbeiten, -wenn sich ihnen nur die Gelegenheit böte. Ist er -aber auch schwach und entkräftet, so sind das nur ganz -<a class="pagenum" id="page_398" title="398"> </a> -natürliche Folgen seines elenden Lebens, die sich mit -einer Aenderung desselben ebenfalls ändern werden. -Und gehört denn nicht wirklich eine Riesennatur dazu, -eine solche Noth so lange Jahre hindurch zu <em class="ge">ertragen</em>? -Ueberdies sollen solche Uebersiedelten im Anfang, -und ehe sie sich ganz erholt und gekräftigt hätten, -aber auch gar keine so übermäßig anstrengenden -Arbeiten verrichten, – sie sollen in den ersten Jahren -nur so viel bauen, als sie zum einfachsten Leben, aber -an gesunder nahrhafter Kost brauchen, und Gott -weiß, sie brauchen wenig genug. Mit der Zeit mögen -sie dann an Verbesserungen, an den Absatz ihrer -Producte und an die Zukunft denken, dann werden -sie auch im Stande sein, derartige Pläne nicht allein -auszuführen, sondern auch <em class="ge">fassen</em> zu können – früher, -wo ihnen die Kraft und Fähigkeit sowohl zum -Einen wie zum Andern fehlt, haben sie das gar nicht -nöthig.</p> - -<p>Schafft sie nur erst hinüber, die Unglücklichen, -gebt ihnen nur erst die Gelegenheit, sich emporzuraffen, -wählt nur das rechte Mittel, sie zu <em class="ge">Menschen</em> -zu machen, und sie werden Euch beweisen, was sie -vermögen. – Heil und Segen wird dem Unternehmen -folgen, aber mit Ernst muß es auch angegriffen -werden, mit Lust und Liebe zur schönen That, und -starke Opfer dürfen nicht gescheut werden, dann aber -<a class="pagenum" id="page_399" title="399"> </a> -läßt sich auch wirkliche Hülfe, nicht eine bloße Galgenfrist -bleichen Hungertodes erwarten, und der alte -Krebsschaden, der jetzt an unserm schönen Sachsenlande -zehrt und nagt, wird endlich einmal, so bald -die kranken Theile herausgeschnitten sind, heilen und -gesunden.</p> - -<p>Mir war von all dem Elend so weh geworden, -daß ich kaum weiß, wie ich diese Hütte verließ, und -doch fand ich in vielen andern, die ich an diesem -Morgen noch besuchte, immer nur dasselbe Leid, denselben -Jammer, der wie ein düsteres Trauertuch das -ganze Land bedeckte. Und doch <em class="ge">leben</em> diese Menschen -noch – wo nur noch eine Aussicht auf Existenz blieb, -da schien auch die Hoffnung nicht ganz erstorben zu -sein – sie kannten den Umfang ihres Elendes selbst -zu wenig, und eine <em class="ge">Voraussicht</em> auf die Zukunft -haben diese Menschen nicht, sie sind wie unmündige -Kinder und müssen auch wie solche geführt werden. – -An den meisten Orten war aber der Jammer doch -schon so groß und nachhaltig gewesen, daß sie auf -meine Fragen, ob sie denn die Gebirge verlassen -würden, wenn sich ihnen eine Aussicht böte, mit -thränenden Augen und wie schon früher antworteten:</p> - -<p>»Ja – ach Gott, ja – nur nicht verhungern!«</p> - -<p>Und auch ich rufe das: – Fort mit den Unglücklichen -– fort mit ihnen nach einem Orte, wo sie -<a class="pagenum" id="page_400" title="400"> </a> -<em class="ge">nicht verhungern</em>. – Was nützen die Palliativmittel, -mit denen wir uns vorlügen, wir hätten eine -Noth gelindert, einen Schmerz gestillt? Der flüchtige -Moment war es, den wir beschwichtigten, und der -nicht einmal, denn in dem nämlichen Athemzug erwacht -auch schon die Angst für die nächste Stunde. -Ernste, durchgreifende That muß hier reifen und -schnell reifen, wenn nicht die nächsten Jahre schon auf -ein Elend herabsehen sollen, wie es uns aus den Bergen -Oberschlesiens in scheußlichem Hohn entgegengrinste -– mit dem Angstgeschrei der Sterbenden mischt sich -dann ihr Fluch und <em class="ge">die</em> Verantwortung dann wäre -fürchterlich.</p> - -<p>Doch genug von all diesem entsetzlichen Jammer -– mir schnürte er die Brust zusammen, und ich floh, -so schnell ich konnte, zurück in's flache Land. –</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_401" title="401"> </a> -Die Otter-Jagd.</h2> - - -<p>Die Zeiten, die schönen Zeiten sind vorüber, wo der -Mann noch auf männliche Art sein Vergnügen suchte; -wo er mit Speer und Messer, mit Wurfgeschoß oder -Büchse den Wald durchstreifte, den Bär im eigenen -Lager angriff, und dem Eber auf schäumendem Rappen -durch Dickicht und Unterholz folgte.</p> - -<p>Die schönen Zeiten der edlen, männlichen Jagd -sind vorbei; jetzt höchstens gehn die jungen Herren -mit Jagdfrack nach neuestem Schnitt, und sauberen, -eng anschließenden Kamaschen, die Hände in einem -Muff, den Hals dicht und warm in wollene Shawls -eingeschlagen, hinaus und stellen sich an (und Gott -weiß es, <em class="ge">wie</em> sie sich manchmal dazu anstellen). Die -Bauern müssen ihnen dann das arme, unglückliche, -verrathene und verkaufte Wild herbeitreiben, und -wenn kein Unglück passirt, das heißt, wenn der Hahn -<a class="pagenum" id="page_402" title="402"> </a> -wirklich aufgezogen, oder die Sicherheit nicht vorgeschoben, -oder die Flinte nicht verladen, oder das -Zündhütchen nicht »schändlicher Weise« herabgefallen, -oder die Brille verloren ist, der Gewehrriemen nicht -»gerade als man zielen will« über dem Lauf liegt, oder -der Schuß nicht nachbrennt, als man das Wild »so -herrlich auf dem Korn hatte«, oder der Hase zu weit -oder zu schnell läuft, oder wenn tausend andere Oder -und unvorhergesehene Zufälle nicht dazwischen kommen -und besonders das Haupt-Oder – ihnen keinen Strich -durch die Rechnung macht, wenn sie nämlich nicht -effectiv fehlen – dann schießen sie wohl ihr Häschen -oder ihre unglückliche Ricke, die sie in der Eile, »weil -sie nicht aus den Büschen heraus <em class="ge">wollte</em>«, für einen -Bock angesehen haben.</p> - -<p>Das nennen sie nachher Jagd.</p> - -<p>Die Otterjagd ist vielleicht die einzige, der, in -England wenigstens, bis auf unsre Tage viel Eigenthümliches -und Kräftiges geblieben.</p> - -<p>Noch halten sich manche Edelleute ihre Ottermeuten -und verfolgen Tage lang mit einer, unsren Jägern -gewiß unbegreiflichen Mißachtung jeder Feuchtigkeit das -flüchtige Thier durch Bäche und kleine flache Ströme; -ihre Blüthenzeit ist aber auch vorüber, und wirklich -interessante Jagden werden mit jedem Jahre seltener.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_403" title="403"> </a> -Der Pomp und die Umständlichkeit der alten Jagden -gaben an sich schon dem Ganzen einen eigenthümlichen -Reiz, und die Otterjäger hatten nicht allein ihre -verschiedenen Sitten und Gebräuche, sondern auch -eine ganz besondere Tracht. Ihre kurzschößigen Jacken -waren grün, mit Scharlach, ihre Pelzmützen mit Goldbändern -besetzt, und mit Straußenfedern geziert. -Stiefeln, ziemlich nach Art unsrer jetzigen hohen Wasserstiefeln, -reichten bis zu ihren Hüften hinauf, und -trugen oben goldene oder silberne Franzen. Ihre -Speere zeichneten sich ebenfalls durch ihre reichen Verzierungen -und ihre geschnitzte Arbeit aus, und der -Anblick eines Zuges vollständig ausgerüsteter Otterjäger -war zu gleicher Zeit so pittoresk als imposant. -Mit der Verringerung der Ottern hat aber auch zu -gleicher Zeit ihre Jagd sich vereinfacht, doch war selbst -noch zu Ende des letzten Jahrhunderts die Otterjagd -in England eine der betriebensten und volksthümlichsten. -Regelmäßige Ottermeuten wurden gehalten, -und die Landleute schienen damals von ihren Otterspeeren -so unzertrennlich, wie jetzt von ihren Spazierstöcken.</p> - -<p>Zu eben dieser Zeit war übrigens der Otterspeer -einfacher als er jetzt ist, und er bestand nur aus einer -gewöhnlichen, geraden Eschenstange mit einfachen oder -<a class="pagenum" id="page_404" title="404"> </a> -doppelten Harpunen oder Pfeilspitzen. Jetzt hat eine -neuere und wohl auch zweckmäßigere Erfindung den -gewöhnlichen Widerhaken verdrängt, und die Stahlspitze -ist so gearbeitet, daß sie erst dann, wenn in -den Körper des Thieres getrieben, zwei Haken ausläßt, -die es dem verwundeten Otter unmöglich machen, -sich von der tödtlichen Waffe wieder zu befreien.</p> - -<p>Ich will dem Leser eine solche Otterjagd beschreiben.</p> - -<p>Es hatte sich eine Gesellschaft von sieben Jägern -zusammengefunden, um in einem kleinen Flusse, -Namens Tiesie, eine am vorigen Abend durch den -Squire selbst aufgefundene Otterfährte zu verfolgen -und wo möglich den schlauen Fischdieb zu erlegen. -Der Tiesie läuft eine lange Strecke durch flaches, etwas -sumpfiges Land, dort aber, wo er zuerst seinen Lauf -in wenn auch niedere, aber dennoch seine Ufer steil -begrenzende Hügel lenkte, hatte Mr. Halway die -Spuren entdeckt, und als am nächsten Morgen die -Gesellschaft mit ihren Speeren und einer tüchtigen -Meute Hunde den Platz erreichte, bezeugten mehrere -frische Gräten, die an der linken Uferbank unter einer -kleinen Lindengruppe lagen, seine Nähe.</p> - -<p>Die Hunde wurden, kaum den Platz erreicht, -schon unruhig, und Nell und Boney, ein Paar ausgezeichnete -<a class="pagenum" id="page_405" title="405"> </a> -Otterfänger, schienen es besonders auf ein -kleines Schilfdickicht abgesehen zu haben, das sich der -Lindengruppe gegenüber befand.</p> - -<p>Halway stimmte dafür, daß ein Theil der Jäger -hinüber an's andere Ufer waten, und dort die Hunde -unterstützen solle, es war aber noch beim Beginn der -Jagd und Alles – <em class="ge">trocken</em>, und da meinten denn -Mehrere: »der Otter sei wahrscheinlich an dieser -Seite«, wo ja auch die Gräten alle lagen und die -meisten Spuren waren; der gegenüberliegende Platz -blieb also von den Jägern unbesetzt, und am hohen -Flußrande hingehend munterten sie durch Zurufe und -den fröhlichen Jagdschrei die immer hitziger und eifriger -werdenden Hunde auf, den Feind zu finden, damit -sie ihn mit ihren Speeren verfolgen und erlegen -könnten.</p> - -<p>»S'ist nur ein Glück,« meinte Dickson, einer von -Halway's Nachbarn, »daß sich der Otter nicht ein -Paar hundert Schritte weiter oben aufhält, der kleine -See dort würde alle unsre weiteren Versuche, seiner -habhaft zu werden, unnütz gemacht haben, denn der -Grund ist so schlammig, daß es wahrhaftig mit Lebensgefahr -verknüpft ist, sich nur bis an die Knie -hineinzuwagen.«</p> - -<p>»Hahaha« lachte Merville, »davon weiß Dickson -<a class="pagenum" id="page_406" title="406"> </a> -eine Geschichte zu erzählen. Als wir das letzte Mal -hier waren, stak er in dem Sumpfe drinnen und unsrer -Sechse haben mit Stricken und Seilen wohl eine Viertelstunde -lang gezogen, bis wir ihn wieder heraus und -auf's Trockene brachten.«</p> - -<p>»Ha – was hat Nell dort?« rief Blower – ein -anderer Gutsbesitzer aus der Gegend – »Wahrhaftig, -Halway, ich glaube, Ihr habt Recht, der Otter sitzt -da drüben, ich werde hinüber waten.«</p> - -<p>Er war im Begriff, seinen Entschluß augenblicklich -in's Werk zu setzen, aber zu spät. Der Otter hatte -wirklich in jenem Schilfdickicht gelegen und wahrscheinlich -die um ihn herumsuchenden Hunde vorbeilassen, -und dann zurück zu dem schützenden See -schwimmen wollen, wo jede weitere Verfolgung vergeblich -gewesen wäre, das wurde aber durch die Aufmerksamkeit -Boney's, der durch derartige Kunstgriffe -schon mehrere Male getäuscht worden und nicht gesonnen -schien, sich auf's Neue anführen zu lassen, -vereitelt, denn er und Nell hielten sich fortwährend -ziemlich hoch im Schilfe, und überließen es den anderen -Hunden, den schlauen Feind aufzustöbern und -flüchtig zu machen.</p> - -<p>Dieser sah auch kaum, wie jeder Versuch, das tiefe -Wasser zu erreichen, vergeblich war, als er das dichte -<a class="pagenum" id="page_407" title="407"> </a> -Schilf verließ und, über den hier mehrere hundert -Schritt breiten Wasserspiegel hinwegschwimmend, erst -entschlossen schien, den Fluß mit aller nur möglichen -Schnelle stromab zu gehen, dann aber wieder links -einbog und in einem rechten Winkel eine seichte Stelle -erreichte, wo das Wasser etwa drei Fuß tief, den Hunden -nicht erlaubte Grund zu fassen, und der Otter -selbst, unter dem dichten Wurzelwerk und Rohr verborgen, -vor ihnen geschützt blieb und auch dann und -wann, ohne fürchten zu müssen entdeckt zu werden, -an die Oberfläche kommen und Luft schöpfen konnte.</p> - -<p>»Hier hilft kein Zaudern mehr« schrie aber Halway -jetzt, selbst bis unter die Arme in das Wasser springend -– »von dort heraus bringen ihn die Hunde nicht, -und wenn wir nicht mit unsren Speeren die Bestie -heraustreiben, so können wir die Jagd nur aufgeben.«</p> - -<p>Merville sprang dicht hinter ihm her, und auch -Blower folgte, Dickson aber, als er die drei der Stelle -zu waten sah, während die Hunde einen Heidenlärm -vollführten und bellend und winselnd ihren Herren -nachplätscherten, dachte bei sich, daß zum Vortreiben -vollkommen genug Menschen im Wasser säßen, suchte -sich daher eine seichte, kaum wenige Zoll tiefe Stelle -aus, und schritt an das andere Ufer hinüber, wo er -auf einem vorragenden, steilen Felsblock die Jagd -<a class="pagenum" id="page_408" title="408"> </a> -übersehen und auch augenblicklich stromab das niedere -Ufer wieder erreichen konnte, wenn das verfolgte -Thier, wie es fast nicht anders konnte, die Flucht -durch die weiter unterhalb liegende Stromschnelle und -über einen kleinen Fall, versuchen sollte.</p> - -<p>Halway hatte übrigens Recht gehabt, die Hunde -vermochten nichts gegen ihren listigen Feind auszurichten, -der nur dann und wann, in irgend einem -ungangbaren Gebüsch, die bärtige Schnautze über -die Oberfläche des Wassers hob, um die nöthige Luft -zu schöpfen, und dann schnell und geräuschlos wieder -untertauchte in sein sicheres Versteck.</p> - -<p>Die drei Jäger fanden bald, daß auch sie hier -ihre Hilfe leihen mußten, langsam also, und in -gleicher Linie das schmale und kaum hundert achtzig -Schritt lange Schilfdickicht durchwatend, stießen sie -höchst aufmerksam in alle die Stellen mit den umgekehrten -Speeren hinein, unter denen möglicher Weise -der Fischdieb verborgen liegen konnte. Schon näherten -sie sich indessen dem Ende des seichten Platzes und -die Hunde fingen an wieder zurückzusuchen, während -Halway selbst zu glauben begann sie hätten ihre -Beute übergangen, als diese plötzlich, höchst unverhofft -zum Vorschein kam.</p> - -<p>Merville hatte nämlich eben mit der Stange in -<a class="pagenum" id="page_409" title="409"> </a> -ein besonders dichtes Gewirr von Wurzelwerk und -Wasserpflanzen hineingefühlt, als Nell, der seinen -Standpunkt überhalb des Schilfbruches noch immer -nicht verlassen, die Nase prüfend in die Höhe hob -und im nächsten Augenblick auch schon, eifrig schnaubend -auf die Stelle zuschwamm, wo Merville noch -immer stand, und den Hund beobachtete. Da tauchten, -nur wenige Schritte von ihm entfernt, einzelne -kleine Luftblasen in die Höhe, und er wußte, dort -müßte der Otter sein. Die Tiefe des Wassers, in dem -er sich selbst befand, also schnell berechnend, schwang -er den Speer hoch empor, und stieß ihn mit rascher, -sicherer Hand nieder auf den Grund des Flusses, wo -sich der listige Flüchtling verborgen hielt.</p> - -<p>Aber wehe! in allem Eifer hatte er vergessen, den -Speer, den er noch verkehrt in der Hand trug, umzudrehen, -und als der mit ausgezeichneter Geschicklichkeit -geführte Stoß, denn Merville war ein guter -Otterjäger, niederfuhr, kam er in höchst unsanfte -Berührung mit dem wirklich dort lauernden Thier, -brachte aber demselben leider keinen weiteren Schaden, -als daß er es bedeutend erschreckte, aus seiner bisherigen -Sicherheit auf und zu dem höchst unbesonnenen -Entschluß trieb, die Rettung in offener Flucht -zu suchen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_410" title="410"> </a> -Instinctmäßig wandte sich der Otter nun zwar -stromauf, der sicheren Bahn zu, hier aber begegnete -er den beiden offenen Rachen von Nell und Boney, -die gierig nach ihm schnappend, ihre Beute schon gefaßt -wähnten. So leicht sollte ihnen aber der Sieg -nicht werden.</p> - -<p>Jener, die Seichtheit des Wassers fürchtend, in -welchem er, wenigstens an dieser Stelle, nicht wagen -durfte zu tauchen, schien schnell entschlossen das andere -Ufer des Flusses zu erreichen, und ehe Merville, der -jetzt natürlich seine Waffe schnell genug wandte, wieder -festen Fuß fassen, und sich von seinem Schreck -erholen konnte, strich er schon wie ein Aal, die ganze -Länge des Körpers außer dem Wasser zeigend, von -der Schilfinsel fort, und schräg über den Fluß hinüber -dem steilen Vorsprung zu, auf welchem Dickson, an -seine Waffe gelehnt, dem Kampfe bis jetzt behaglich -zugeschaut hatte.</p> - -<p>Kaum merkte dieser aber, wie sich der Schauplatz -der Hetze auf seine Seite verlegen würde, als er, so -schnell ihn seine Füße trugen, von der Höhe heruntersprang, -und das Ufer gerade in demselben Augenblicke -erreichte, in welchem der Verfolgte das feste Land -betreten und, argbedrängt von den Hunden, wahrscheinlich -über die in den Fluß hinauslaufende Landspitze -<a class="pagenum" id="page_411" title="411"> </a> -hinweg schlüpfen und das auf der unteren Seite -befindliche ruhige und tiefere Wasser erreichen wollte. -Durch den unvorsichtig auf ihn Einstürmenden aber -geängstigt, änderte er seinen Plan und wandte sich -wieder; da schallte ein Triumphruf von der gegenüber -liegenden Seite und selbst Dickson hielt ihn für verloren, -denn dicht, dicht hinter ihm, kaum wenige Zoll -von seiner bärtigen Schnauze entfernt, schnappte Boney, -schon im Vorgenuß der ihn erwartenden Seligkeit, -gierig mit den Fängen und öffnete den weiten -Rachen.</p> - -<p>»Hurrah!« schrie Halway vom anderen Ufer aus -– »Hurrah Hunde – faßt ihn – faßt ihn!«</p> - -<p>Boney hörte den Zuruf seines Herrn und fuhr, -schwerlich noch einer Anreizung bedürfend, mit wildem -Biß nach dem Nacken des Thieres, doch war es nichts -als Wasser, was ihm, im wahren Sinne des Wortes, -im Maule zusammenlief, der Otter tauchte in demselben -Moment, als ihn Dickson schon zwischen den -Fängen des Hundes glaubte, blitzschnell nieder, glitt -unter dem Bauche seines Feindes fort, und schoß nun, -wieder zur Oberfläche emporkommend, mit aller ihm -nur zu Gebote stehenden Schnelle stromab.</p> - -<p>»Hinüber – hinüber noch Einer von Euch!« -schrie Halway jetzt erregt – »die Bestie will über den -<a class="pagenum" id="page_412" title="412"> </a> -Fall hinunter und in die tiefe Stelle, kaum hundert -Schritte unterhalb. Fünf Ottern haben wir schon bis -zu dem Platz verfolgt, und dann regelmäßig aufgeben -müssen. Jetzt nur hinunter an die Fälle, so schnell -wir können.«</p> - -<p>Hawkins leistete dem Rufe Folge und watete -schnell zu Dickson hinüber, die Uebrigen jedoch glaubten -auf der Seite, auf welcher sie sich befanden, am -Ersten zum Wurf kommen zu können und eilten Halway -nach, der, so schnell es ihm der weiche, schlammige -Boden gestattete, unter der Felswand fortlief, -die hier das Flußthal überhing und sein Bestes versuchte, -einen kleinen mit hohem Schilfgras bewachsenen -Vorsprung zu erreichen, der sich, von mehreren -Fichten überschattet, gerade über dem Fall befand, so -daß der Otter, wollte er hier durch, dicht an ihm -vorbeidefiliren mußte.</p> - -<p>»Wie kam's, daß Ihr den Otter fehltet, Merville?« -rief er diesem zu, als er ihn eben eingeholt hatte – -»er lag Euch doch dicht vor den Füßen.«</p> - -<p>»O zum Teufel – ich hielt den Speer verkehrt.«</p> - -<p>»Unsinn« lachte Halway, »ein so alter Otterjäger, -wie Ihr, wird mit dem verkehrten Speer stoßen.«</p> - -<p>»Ich gebe Euch mein Wort darauf,« betheuerte -Merville im vollen Laufen, um neben dem schnellfüßigern -<a class="pagenum" id="page_413" title="413"> </a> -Halway zu bleiben, der ihn schon zurücklassen -wollte – »ich fürchtete mit dem Widerhaken im -Schilfe hängen zu bleiben und –«</p> - -<p>»Dort ist er,« schrie Halway, und überflog mit -einem Satze eine schmale sich hier hineindrängende -Bucht, arbeitete sich mit verzweifelter Anstrengung -durch das hohe Rohr, und stand im nächsten Augenblick -auf der ersehnten Stelle. Es war aber auch die -höchste Zeit, denn der Otter, durch das viele Tauchen -ermüdet, hatte es aufgegeben, im Dickicht augenblickliche -Zuflucht zu finden, und wußte nun, das in dem -tiefen Wasser seine alleinige Rettung lag; den Fall -also einmal passirt, trug ihn schon die Strömung des -Flusses in wenigen Secunden dorthin, und eine am -rechten Ufer liegende Schilfgrasecke nun dazu benutzend, -die dicht folgenden Hunde irre zu führen oder aufzuhalten, -schnitt er wieder hinüber, und näherte sich -reißend schnell dem niedern Wassersturz.</p> - -<p>Nell und Boney, mit der größeren Schwimmfertigkeit -ihres Feindes wohl bekannt, sahen kaum, wie -dieser in offener Flucht und den mit Speeren bewaffneten -Jägern so weit voraus, sein Heil suchte, als sie -auch schon, wie verabredet, dem ihnen am nächsten -liegenden linken Ufer zuschwammen, dieses erreichten, -und nun schnellen, flüchtigen Laufes darauf hinstürmten, -<a class="pagenum" id="page_414" title="414"> </a> -dem Schwimmenden den Weg abzuschneiden. Dicht -über dem Fall aber, von Dickson's wüthendem Schreien -zum Aeußersten getrieben, sprangen sie wieder, jetzt -dicht hinter dem Otter, in's Wasser, während die -Anderen der Meute ebenfalls in nur wenigen Schritten -Entfernung kleffend und winselnd folgten.</p> - -<p>Wo der Otter zum letzten Male in's Schilf gekrochen -war, hatte er mehrere junge Hunde verleitet, -ihn immer noch dort zu glauben, und eifrig nach ihm -das dichte Gestrüpp zu durchwühlen, was, Einem -besonders, fast sehr schlecht bekommen wäre, da Hawkins, -der im ersten Augenblick, als er sich Etwas bewegen -sah, glaubte, es sei der Otter, schon zum tödtlichen -Stoße ausholte, seinen Irrthum aber noch glücklicher -Weise zeitig genug einsah.</p> - -<p>Schlimmer erging es Dickson, der, jetzt Nässe und -Feuchtigkeit verachtend, in das seichte Wasser sprang -und mit der Linken den Hut um den Kopf schwenkte, -die Meute durch immer grellere und ohrenzerreißendere -Töne zu fast wahnsinniger Wuth antrieb, während er -selbst der Jagd nachzukommen versuchte. Aber wehe -– der nächste Schritt, den er that, brachte ihn mit -dem Fuß in ein tiefes Senkloch – er verlor das -Gleichgewicht, und verschwand im nächsten Moment -unter der über ihn wieder friedlich zusammenschießenden -<a class="pagenum" id="page_415" title="415"> </a> -Fluth, wenig von den Jägern, und noch weniger -von den Hunden beachtet, die wild und theilnahmlos -vorbeistürmten.</p> - -<p>Jetzt hatte aber auch der Otter den Fall erreicht, -und glitt mit Blitzesschnelle darüber hin – doch kaum -zehn Schritt von ihm entfernt, stand Halway, den -Speer hoch erhoben und ruhig und kaltblütig den Zeitpunkt -abwartend, der ihm einen sichern Wurf gestatten -würde, denn kaum durfte er hoffen, seine Waffe in -diesem Augenblick mit Erfolg schleudern zu können. -Er sollte auch nicht lange harren – in der nächsten -Secunde verschwand der Otter in den schäumenden -Sprudelwellen, die hier seit Jahrtausenden gegen den -Fall ankämpften, und gleich darauf stieg er korkähnlich -wieder daraus hervor.</p> - -<p>Dies war aber das einzige Moment, in dem Halway -hoffen durfte, seinen Wurf anzubringen; und er -wußte das. – Schnell zuckte noch einmal der schon -gehobene Arm zu kräftigerem Schwunge zurück, und -dann, von der starken Hand gesandt, zischte er nieder -in die schäumende Fluth, aus welcher eben das bärtige -Gesicht des armen, gehetzten Thiers aufgetaucht war.</p> - -<p>Wie mit Zauberschnelle verschwand Otter und -Harpune unter Wasser, jetzt aber glitten auch, kühn -und unerschrocken, die beiden Hunde über den Fall, -<a class="pagenum" id="page_416" title="416"> </a> -und als der zum Tode Getroffene zuckend und sich -sträubend wieder an die Oberfläche kam, erfaßten ihn -die treuen Rüden, und zerrten ihn, winselnd und mit -den Schwänzen wedelnd an's Ufer.</p> - -<p>Dickson war indessen ebenfalls seinem nassen Bade -entstiegen, und Merville, der jetzt, freilich etwas -spät, auf dem Kampfplatz erschien, half die Beute -auf's Trockene ziehen und wehrte die übrige Meute -ab, die kleffend herbeistürmte und ihre Freude wenigstens -durch einige wohlangebrachte Bisse kund zu -thun wünschte.</p> - -<p>Nach und nach versammelte sich nun die ganze -Jägerschaar um das glücklich erlegte Thier, und nachdem -es gemessen war – es maß vier Fuß fünf Zoll -vom Kopf bis zum Schwanzende – zog sie jubelnd -dem nicht weit entfernten Farmhof Halway's zu, um -sich dort bei Speise und Trank von den gehabten Anstrengungen -zu erholen.</p> - -<p>Dickson aber und Merville waren an diesem Tage -die beiden unglücklichen Schlachtopfer aller Jägerscherze.</p> - - -<p class="ce mt2"><span class="fss">Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.</span></p> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription -werden <em class="ge">gesperrt</em> gesetzte Schrift sowie Textanteile in <i>Antiqua-Schrift</i> hervorgehoben.</p> - -<p class="in0">Der Halbtitel wurde entfernt.</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich -absichtlich fehlender Satzzeichen in den beiden "Bomaier"-Auswandererbriefen, -sowie uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Arkansas" – "Arkansus", -"Barkeeber" – "Barkeeper", "dausend" – "tausend", "dies" – "dieß", "Riviere – "Rivière",</p> - -<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">im Inhaltsverzeichnis: -"224" geändert in "229"<br /> -(Civilisation und Wildniß 229)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_006">6</a>:<br /> -"Gabrieln" geändert in "Gabrielen"<br /> -(denn Gabrielen behandelte sie nicht wie eine Dienerin)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_008">8</a>:<br /> -"«" und "»" eingefügt<br /> -(um aller Heiligen willen,« bat Gabriele, »so hab ich Dich)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_016">16</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(habe ich Schutz und Hülfe gefunden.«) </p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_022">22</a>:<br /> -"Schade" geändert in "schade"<br /> -(verdammt schade, daß man rothes Fell)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_023">23</a>:<br /> -"mistrauischen" geändert in "mißtrauischen"<br /> -(seinem Gefährten einen schnellen, mißtrauischen Seitenblick)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_032">32</a>:<br /> -"Gariele" geändert in "Gabriele"<br /> -(»Gabriele!« rief aber der Vater)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_037">37</a>:<br /> -"einem" geändert in "einen"<br /> -(wie die Gesetze einen Overseer)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_037">37</a>:<br /> -"Mishandlung" geändert in "Mißhandlung"<br /> -(für die Mißhandlung dieser Unglücklichen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_042">42</a>:<br /> -"«" hinter "Duxon." entfernt und hinter "Cent," eingefügt<br /> -(keine funfzig Cent,« höhnte Duxon.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_045">45</a>:<br /> -"machmal" geändert in "manchmal"<br /> -(lügen Ihnen manchmal das Blaue vom Himmel)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_045">45</a>:<br /> -"Gescheideste" geändert in "Gescheidteste"<br /> -(Das Gescheidteste wäre)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_068">68</a>:<br /> -"aufgetrocknet" geändert in "ausgetrocknet"<br /> -(noch nicht ganz wieder ausgetrocknet war)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_069">69</a>:<br /> -"«" hinter "St. Clyde," entfernt und hinter "Gott!" eingefügt<br /> -(»Großer Gott!« stöhnte St. Clyde, erschüttert auf die)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_075">75</a>:<br /> -"Cocktaws" geändert in "Chocktaws"<br /> -(Es sind Chocktaws – ich muß fort)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_087">87</a>:<br /> -"los ließ" geändert in "losließ"<br /> -(dieser sie halbbetäubt losließ)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_090">90</a>:<br /> -"den" geändert in "denn"<br /> -(ein Ende machte, denn er hielt plötzlich sein Pferd an)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_093">93</a>:<br /> -"Überirdische" geändert in "Ueberirdische"<br /> -(glaubt nicht mehr an das Ueberirdische)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_093">93</a>:<br /> -"»" vor "oder" entfernt und "«" hinter "geträumt," eingefügt<br /> -(mit wachenden Augen geträumt,« oder die lieblose)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_098">98</a>:<br /> -"laß" geändert in "las"<br /> -(nöthigte ihn sehr artig zum Sitzen, las dann den Titel)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_108">108</a>:<br /> -"ewigens" geändert in "ewigen"<br /> -(in die kreisenden Sonnenwelten des ewigen Seins)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_110">110</a>:<br /> -"ganzem" geändert in "ganzen"<br /> -(er sie in seinem ganzen Leben noch nicht)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_113">113</a>:<br /> -"Fahrboote" geändert in "Fährboote"<br /> -(schnelle Fährboote, mit kleinen rasch puffenden Maschinen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_113">113</a>:<br /> -"Frucht" geändert in "Fracht"<br /> -(eifrig beschäftigt, die Fracht aus- oder einzuladen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_124">124</a>:<br /> -"das" geändert in "daß"<br /> -(und der Gedanke auch, daß sie ihren Verwandten)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_127">127</a>:<br /> -"Umständen" geändert in "Umstände"<br /> -(siegten die äußeren, keineswegs günstigen Umstände)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_130">130</a>:<br /> -"ihn" geändert in "ihm"<br /> -(ihm für die treue Wahrung seines Kindes dankte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_135">135</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(an der Dampfbootlandung hin und her. – Sollte er)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_136">136</a>:<br /> -"abhing" geändert in "anhing"<br /> -(mit aller Liebe einer wirklichen Tochter anhing)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_139">139</a>:<br /> -"so gar" geändert in "sogar"<br /> -(mußte sogar ein paar Mal stehn bleiben)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_143">143</a>:<br /> -"das" geändert in "daß"<br /> -(ahnen zu lassen, daß dort, wohin man)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_150">150</a>:<br /> -"des" geändert in "das"<br /> -(habe unten an der Landung das Sternwheelboot)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_152">152</a>:<br /> -"fur" geändert in "für"<br /> -(in Mainstreet soll dann ein Wagen für Euch stehn)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_152">152</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(dafür will ich auch schon Sorge tragen.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_157">157</a>:<br /> -"halbschlauen" geändert in "halb schlauen"<br /> -(die halb schlauen, halb ängstlichen Seitenblicke)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_166">166</a>:<br /> -"den" geändert in "gen"<br /> -(Bug gen Westen und schoß blitzesschnell davon)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_171">171</a>:<br /> -"körperlichen" geändert in "körperlichem"<br /> -(was er zu körperlichem Wohlbefinden gebrauchte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_172">172</a>:<br /> -"erungenen" geändert in "errungenen"<br /> -(er entsagte ja nur einem errungenen Vortheil)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_176">176</a>:<br /> -"-" eingefügt<br /> -(kürzlich eingetroffenen Mail- oder Postboot)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_176">176</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(»<i>Eagle of the West</i>«, ein rasches wackeres Dampfboot)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_187">187</a>:<br /> -"unermüdlichen" geändert in "unermüdlichem"<br /> -(der mit unermüdlichem Eifer daran ging)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_190">190</a>:<br /> -"halten" geändert in "haltend"<br /> -(an jeder Station ewig lange haltend, und zuletzt gar)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_203">203</a>:<br /> -"«" hinter "Lippen." entfernt<br /> -(und biß sich auf die Lippen.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_217">217</a>:<br /> -"wiederstand" geändert in "widerstand"<br /> -(sie widerstand allen meinen Bemühungen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_230">230</a>:<br /> -"-" eingefügt<br /> -(das Meeting- oder Bethaus)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_242">242</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»hahahaha! weißer Mann – mehr)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_251">251</a>:<br /> -"«" hinter "gewesen;" entfernt und hinter "aber," eingefügt<br /> -(an dem Tage gewesen; aber,« setzte er leiser hinzu)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_258">258</a>:<br /> -"«" hinter "lesen," entfernt und hinter "Mutter?" eingefügt<br /> -(»Soll ich weiter lesen, Mutter?«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_259">259</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(keinen Sohn – keinen Freund ....«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_263">263</a>:<br /> -"»" vor "denn" und "«" hinter "beziehen." entfernt<br /> -(denn auf diesen mußte sie doch natürlich das Gesagte beziehen.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_263">263</a>:<br /> -"Sich" geändert in "sich"<br /> -(was Sie sich hätten denken können)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_264">264</a>:<br /> -"»" vor "fuhr" entfernt und "«" hinter "sein," eingefügt<br /> -(muß es doch gewiß sein,« fuhr die unverwüstliche)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_264">264</a>:<br /> -"Sich" geändert in "sich"<br /> -(Denken Sie sich, Miß Baywood)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_267">267</a>:<br /> -"demselbem" geändert in "demselben"<br /> -(ihr Auge begegnete in demselben Moment)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_268">268</a>:<br /> -"hieher" geändert in "hierher"<br /> -(hierher nach Boonville zu holen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_279">279</a>:<br /> -"ihn" geändert in "ihm"<br /> -(Hütte bei Hütte durchforschte er nach ihm)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_302">302</a>:<br /> -"Drathpuppen" geändert in "Drahtpuppen"<br /> -(Zum Teufel mit den seelenlosen Drahtpuppen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_332">332</a>:<br /> -"den" geändert in "der"<br /> -(Heizer auf einem der Mississippi-Dampfboote)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_376">376</a>:<br /> -"großen" geändert in "großem"<br /> -(von vielem und großem Einfluß sein)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_366">366</a>:<br /> -"Papierkabseln" geändert in "Papierkapseln"<br /> -(die gewöhnlichen Streichhölzchen in Papierkapseln)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_379">379</a>:<br /> -"freundlich" geändert in "freundliche"<br /> -(fand ich eine freundliche Familie beisammen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_410">410</a>:<br /> -"Scherck" geändert in "Schreck"<br /> -(sich von seinem Schreck erholen konnte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_411">411</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(vom anderen Ufer aus – »Hurrah Hunde – faßt ihn)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_412">412</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(»Wie kam's, daß Ihr den Otter fehltet, Merville?«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_412">412</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»er lag Euch doch dicht vor den Füßen.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_413">413</a>:<br /> -"»Nell und Boney«" geändert in "Nell und Boney,"<br /> -(Nell und Boney, mit der größeren Schwimmfertigkeit)</p> - - -<p class="ci mt2">sowie jeweils "«," geändert in ",«"</p> - -<p class="ci">auf Seite <a class="nd" href="#page_405">405</a>:<br /> -(»S'ist nur ein Glück,« meinte Dickson)</p> - -<p class="ci">und Seite <a class="nd" href="#page_412">412</a>:<br /> -(»Ich gebe Euch mein Wort darauf,« betheuerte Merville)</p> - -<hr /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band., by -Friedrich Gerstäcker - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN. *** - -***** This file should be named 53100-h.htm or 53100-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/1/0/53100/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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