summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-06 09:45:22 -0800
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-06 09:45:22 -0800
commit7038f80b05f76c894a83bd7afcfb9ab3e88336dd (patch)
treec7e3a5dafdbf6e3601a0ae65030f90b63b062d55
parent148545f8d9b5394dbee65662dd41db9fecbba6bc (diff)
NormalizeHEADmain
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/53100-8.txt9400
-rw-r--r--old/53100-8.zipbin206444 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/53100-h.zipbin260292 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/53100-h/53100-h.htm12845
-rw-r--r--old/53100-h/images/cover.jpgbin46076 -> 0 bytes
8 files changed, 17 insertions, 22245 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..c2355df
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #53100 (https://www.gutenberg.org/ebooks/53100)
diff --git a/old/53100-8.txt b/old/53100-8.txt
deleted file mode 100644
index a2271d6..0000000
--- a/old/53100-8.txt
+++ /dev/null
@@ -1,9400 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band., by
-Friedrich Gerstäcker
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band.
- Gesammelte Erzählungen
-
-Author: Friedrich Gerstäcker
-
-Release Date: September 20, 2016 [EBook #53100]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN. ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-
-[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ]
-
-
-
-
- Aus zwei Welttheilen.
-
- Gesammelte Erzählungen
- von
- Friedrich Gerstäcker.
-
- Zweiter Band.
-
- Leipzig,
- Arnoldische Buchhandlung.
- 1854.
-
-
-
-
-Inhalt des zweiten Bandes.
-
-
- Seite
-
- Die Tochter der Riccarees 1
-
- Herr Schultze 93
-
- Der Deutsche und sein Kind 109
-
- Schicksale einer Nacht 189
-
- Civilisation und Wildniß 229
-
- Aus dem Briefsacke des Paquetschiffes »Seeschlange« 299
-
- Der Klöppeldistrikt des sächsischen Erzgebirges 369
-
- Die Otterjagd 401
-
-
-
-
-Die Tochter der Riccarees.
-
-Lebensbild aus Louisiana.
-
-
-Eine glühende Septembersonne schoß ihre fast senkrechten Strahlen auf die
-weiten Baumwollen- und Zuckerfelder und ausgedehnten Sümpfe und Prairien
-Louisianas herab. Die ganze Natur ruhte, oder schien vielmehr matt und
-kraftlos, verschmachtet und erschöpft zu liegen, und mit fieberheißen Poren
-den Nachtthau herbeizusehnen, der die lechzenden Lippen der Erde tränken
-und den Bäumen ihre Farbe, den Blumen ihren Duft wiedergeben sollte. Eine
-glühende Septembersonne trieb den weichlichen Pflanzer in das Innere
-seiner kühlen Wohnung zurück, und hinter verschlossenen Jalousien, den
-claretgefüllten Krystallbecher neben sich, lag er träumend in seinem
-geflochtenen Schaukelstuhl und vertrieb sich die Zeit dadurch, das in dem
-Wein rubinartig funkelnde Eis mit dem langen, silbernen Löffel auf- und
-niederzustoßen und zu zerschmelzen.
-
-Draußen aber im Feld, der sengenden Glutenhitze ausgesetzt, die auf ihre
-nackten Schultern niederbrannte, standen in langer Reihe die Negersklaven,
-Männer, Frauen und Kinder mit großen leichten Spahnkörben und sammelten in
-diese die Baumwollenflocken aus den holzigen Kapseln, und im Schatten eines
-nicht fernen Pecanbaums, die große lederne Peitsche in der Hand, lehnte der
-_Overseer_[1] und überschaute gähnend die keuchende Schar, dann und wann
-nur einen flüchtigen Blick hinüberwerfend, nach der nicht fernen Piazza des
-Wohngebäudes, wo allerdings ein freundlicheres, lieblicheres Bild sein Auge
-fesseln konnte.
-
- [1]: =Overseer=, die obersten Aufseher der Neger, meistens Weiße und
- zwar Amerikaner, auch oft Creolen. Die ihnen untergebenen Aufseher,
- gewöhnlich selbst Neger, werden nur =nigger drivers= genannt, wie
- überhaupt =nigger= der verächtliche und sehr oft angewandte Ausdruck
- für Neger ist.
-
-Zehn Stufen führten zu der von hohen Chinabäumen und zwei duftigen
-Magnolien umschatteten Galerie des Herrenhauses empor, und rankende weiße
-Rosen schlängelten sich hier an den buntgeschnitzten Säulen hinauf, bis
-sie oben die wilden Reben erreichten, die, unter dem niederen Schutz- und
-Sonnendache hingezogen, ihre blauen vollen Trauben mitten zwischen den
-zarten Rosenknospen hineinsenkten, als ob sie den Duft aus diesen ziehen
-und ihnen dafür den kühlen Saft ihrer Beeren gewähren wollten. Seltene
-tropische und nordische Gewächse waren dabei rings im Inneren des laubigen
-Raumes aufgestellt und vermischten ihre Wohlgerüche mit denen der sie
-umwuchernden Schlingpflanzen.
-
-Doch nicht nur Blum' und Blüte schmückten den Eingang des reichen Beaufort
-Haus, der als einer der wohlhabendsten Pflanzer am ganzen Fausse Rivière
-bekannt und geachtet war, nicht allein Blum' und Blüte schwankte und wehte
-in dem kaum bemerkbaren Westwind, der von der breiten Wasserfläche des
-»falschen Flusses« herüberzog, sondern noch, aufgehangen zwischen den
-knospen- und fruchtumdrängten Pfeilern schaukelte, durch die Hand
-eines kleinen Negerkindes in Bewegung gehalten, eine bunte, wunderlich
-geflochtene Hängmatte, und darin, das von rabenschwarzen Locken umwogte
-Köpfchen auf den vollen weißen Arm gelehnt, während das zierliche Füßchen
-eben unter dem weiten faltigen Kleide sichtbar wurde, lag des Pflanzers
-holdes Kind, die reizendste Creolin Louisianas, und schaute halb
-sinnend, halb träumend zu der Blütenpracht hinauf, die von buntfarbigen
-Schmetterlingen und diamantfunkelnden Kolibris umflattert und beraubt
-wurde.
-
-Um sie lagen zerstreut theils frisch abgebrochene Blumen, theils große
-sammetne Magnolienblätter, auf deren schneeige Fläche sie mit der Nadel
-Figuren und Namen gezeichnet, und selbst einzelne französische Hefte und
-Journale deckten die Hängmatte und das danebenstehende kleine Tischchen;
-ein Zeichen, wie Mademoiselle _Alles_, selbst das Letzte versucht hatte,
-die Langeweile zu tödten.
-
-Und sandte der sonngebräunte, finstere Aufseher der Schwarzen nach dieser
-holden Blume seine leidenschaftglühenden Blicke herüber? Wagte er es zu der
-schönsten und reichsten Erbin des Landes das Auge zu erheben? Nein -- wohl
-wußte er, wie diese ihn haßte und verabscheute, wohl kannte er die Kluft,
-die zwischen ihm und der Jungfrau in jeder Hinsicht gähnte; nein; er wollte
-nicht girren und schmachten, er wollte _genießen_, und ein anderes Wesen
-als Gabriele Beaufort, hatte sich sein lüsterner Blick ersehen.
-
-Neben der Gebieterin, den breitfaltigen Pfauenwedel in der Hand, mit dem
-sie dem schönen Mädchen nicht allein Kühlung zufächelte, sondern auch die
-umherschwärmenden Insekten verscheuchte, lehnte auf weichem Sitz ein fast
-ebenso liebliches, wenn auch von dem ersten gar sehr verschiedenes Kind. Es
-war eine Indianerin, die dunkle Bronzefarbe der Haut, das lebhaft funkelnde
-Auge, die schneeweißen Zähne und das ganze Wesen, die ganze Haltung des
-Mädchens kündete die Tochter der Wälder, nur das rabenschwarze, sonst lange
-und _straffe_ Haar schien sich, leicht gekräuselt, jener bläulichen Färbung
-nähern zu wollen, die den schönen Quadroonenmädchen, den Mischlingen der
-Weißen und Mulatten, einen so eigenthümlichen Reiz verleiht.
-
-Ihre schlanke Gestalt war in ein weites, luftiges Gewand, nach Art ihres
-Stammes angefertigt, gekleidet, ein buntgestickter Perlengürtel hielt es
-über der Hüfte zusammen und bildete mit zwei gleichen Korallenschnuren,
-eine um den sammetweichen Nacken, die andere um die Schläfe geschlungen,
-den einzigen Schmuck des holden Mädchens. Nur die aus zartgegerbten Fellen
-bereiteten Moccasins, in denen die kleinen zierlichen Füße staken, trugen
-noch die Zeichen der kunstfertigen Hand Nedaunis-Ais' (die kleine Tochter)
-oder Saisens, wie sie der Kürze wegen von Gabrielen genannt ward.
-
-So wunderlieblich und reizend aber auch das Bild der beiden, von einer
-Blumenwelt umgebenen Jungfrauen war, so trübe, wehmüthige Gefühle schienen
-Saisens Busen zu heben und einmal -- ach, sie wandte das Köpfchen ab,
-daß es die Gebieterin nicht bemerken sollte -- streifte sie sogar mit dem
-zarten Finger einen perlenden Tropfen von den langen, seidenen Wimpern und
-ein leiser, leiser Seufzer entrang sich der Brust des armen Kindes.
-
-Was war es aber, das ihr hier, von Pracht und Ueberfluß umgeben, das Herz
-beengte? Dachte sie an das Schicksal ihres Stammes? ihres ganzen Volkes,
-das, von dem Grund und Boden vertrieben der einst sein Eigenthum, durch
-den Stahl und das Feuerwasser der Weißen fast vernichtet, jetzt im weiten
-Westen, fern von den Gräbern der Lieben weilen mußte, während eine seiner
-Töchter dem Abkömmling jener stolzen, trotzigen Race diente, wo sie selbst
-doch eigentlich die Herrin dieses Landes nach Geburt und Recht war? Ach,
-sie hätte Ursache gehabt, darüber zu trauern, und die zwei holden Wesen
-lieferten ein treues, aber darum nur ein so wehmüthigeres Bild der beiden
-Nationen, der Sieger und Besiegten. Doch es war nicht das, auch nicht das
-Gefühl der Dienstbarkeit, denn Gabrielen behandelte sie nicht wie eine
-Dienerin, sondern wie eine Freundin, nein es war wohl die Trennung von
-den theuern Aeltern, denen sie durch teuflische List geraubt worden. Der
-Gedanke an die daheim um sie Trauernden füllte auf's Neue ihre Wimpern und
-diesmal tropfte die Thräne voll und schwer in ihren Schoos hernieder.
-
-Gabriele bemerkte es.
-
-»Saise, meine herzliebe Saise, was fehlt Dir? Warum bist Du immer so
-traurig und willst mich nicht zur Mitwisserin Deines Kummers machen?« frug
-theilnehmend die junge Creolin; »bin ich nicht Deine Freundin, und habe ich
-nicht auch Dir alle meine kleinen Sorgen und Pläne entdeckt und um Deinen
-Rath und Deine Hülfe gebeten?«
-
-Saise drückte der Herrin Hand und schaute ihr wenige Secunden lang
-wehmüthig lächelnd in die klaren treuherzigen Augen, dann aber fiel ihr
-Blick auf das kleine, die Hängematte wiegende Negermädchen und Gabriele,
-den Wink verstehend, sagte:
-
-»Geh hinunter, Piccaninny[2], und zähle die Küchelchen, die im Hof
-herumlaufen; komm aber nicht wieder, bis Du mir genau sagen kannst, wie
-viel es sind«.
-
- [2]: Piccaninny, ein afrikanischer Ausdruck und gewöhnlich für alles
- das gebraucht, was klein und niedlich ist.
-
-Das kleine runde Dingelchen zog den breiten Mund zu einem freundlichen
-Grinsen auseinander und sprang schnell durch den schmalen Eingang die
-Treppe hinab, den Befehl ihrer »Missus« auszuführen. Lächelnd sah ihr
-Gabriele einen Augenblick nach, dann aber, sich theilnehmend zur Gespielin
-wendend, sagte sie herzlich:
-
-»Siehst Du -- das Kind ist fort, nun erzähle mir aber auch offen, was Dich
-drückt -- gewiß kann ich Dir helfen.«
-
-»Du sollst Alles erfahren,« flüsterte Saise, »vielleicht ist es überdieß
-besser, _daß_ Du es weißt, denn wenn« -- sie schwieg plötzlich und barg
-schaudernd ihr Antlitz in den Händen.
-
-»Aber was ist Dir, um aller Heiligen willen,« bat Gabriele, »so hab ich
-Dich nie gesehen.«
-
-»So höre denn,« sagte, sich fassend, die Indianerin, »mit wenig Worten
-kann ich dir Alles vertrauen; ich habe, wenn auch noch jung, doch
-schon Entsetzliches erduldet. Ich bin die einzige Tochter eines
-Riccareehäuptlings, und ein kleiner Theil unseres Stammes -- deine Brüder
-vertilgten fast unsere ganze Nation von der Erde -- hatte sich dicht unter
-den Osagen, zwischen diesen und den Cherokesen niedergelassen. Mein Vater
-war ein Freund der Weißen -- er sah, daß das Wild selten wurde, und fühlte,
-wie uns die bleichen Gesichter an Klugheit und Kunstfertigkeit überlegen
-waren; er glaubte aber auch die einzige Sicherheit für die schwachen
-Ueberreste der Seinigen nur darin finden zu können, daß sich diese den
-Sitten und Gebräuchen ihrer Sieger anschlössen, den Acker bebauten und
-_ein_ Volk mit jenen machten. Deshalb war jeder Weiße in unserer Hütte
-willkommen, und er benahm sich freundlich gegen Alle. Nur einmal erwachte
-in ihm der alte, fast erstorbene Geist des Kriegers wieder, als einst ein
-Weißer, ein rauher, unfreundlicher Mann, herzlich von uns aufgenommen,
-frech und zudringlich gegen mich wurde und zuletzt behauptete, ich dürfe
-gar nicht so spröde thun, denn ich sei ja doch nur, wie mein Haar auch klar
-genug beweise ein kleiner -- Nigger.«
-
-»Hätte ein Pfeil meinen Vater getroffen, er wäre nicht schneller von seinem
-Sitze aufgesprungen. Er war Einer der ersten Krieger seines Stammes und
-meine Mutter die Tochter eines Sioux-Häuptlings gewesen, die er einst bei
-einem Ueberfall geraubt, liebgewonnen und zum Weibe genommen hatte; um so
-entsetzlicher traf daher dieses Wort seinen Stolz, und von Wuth und Ingrimm
-getrieben, riß er den Tomahawk von der Wand und schleuderte ihn nach dem
-Haupt des -- _Gastes_.«
-
-»Der weiße Mann stürzte besinnungslos nieder, aber in demselben Augenblick
-ergriff auch meinen Vater mit peinlichem Schmerz der Gedanke, das Gastrecht
-verletzt zu haben. Er sprang auf den Niedergestürzten zu, untersuchte die
-Wunde und wartete und pflegte ihn nun wie einen Sohn, bis er sich wieder
-erholt hatte und unsere Ansiedlung verlassen konnte.«
-
-»Aber jener Mann war ein Teufel -- der erhaltene Schlag erfüllte sein
-Herz mit Wuth und Rache. Während er noch bei uns seine Genesung abwartete,
-erforschte er lauernd des Hauses und der Nachbarschaft Gelegenheit, und
-schon nach drei Nächten kehrte er mit seinen Helfershelfern heimlich und
-verrätherisch zurück. -- Sie überfielen still und geräuschlos unsere Hütte,
-schlugen meinen alten Vater, der sich den Räubern entgegenwerfen wollte,
-nieder, banden und knebelten mich, hoben mich auf ein Pferd und schleppten
-mich in wilder, unaufhaltsamer Eile dem großen Flusse[3] zu.«
-
- [3]: Mississippi.
-
-»Als ich aus einer langen Ohnmacht erwachte, umgab mich tiefe Nacht und ich
-fühlte nur, wie wir im vollen Galopp auf einem harten, schmalen Weg, unter
-niederen Bäumen und Büschen dahinsprengten, denn der Hufschlag schallte
-weithin durch die stille Wildniß, und dann und wann streiften kleine
-Zweige meine Wangen. Was aber auch meine Räuber mit mir im Sinn gehabt,
-wahrscheinlich fürchteten sie Verfolgung, oder wußten sich wirklich schon
-verfolgt, denn rastlos, unaufhaltsam eilten sie weiter, und ruhten nicht
-eher, bis sie einen, sicherlich schon vorher verabredeten Platz erreicht
-und hier ihre schändlichen Genossen gefunden hatten.«
-
-»Gott allein weiß was später aus meinem alten Vater wurde, ich sah ihn
-nicht wieder, wohl aber einen fremden, finsteren Mann, der in meinem
-Beisein, während ich noch gebunden am Boden lag, einen Handel über mich
-abschloß, von meinem Räuber ein Schreiben -- einen _Kaufbrief_, wie jener
-es nannte -- ausgestellt bekam, und dann Deine arme Saise in ein Canoe trug
-und mit ihr davon ruderte.«
-
-»Hülflos -- verlassen -- verloren lag ich auf dem Boden des schwankenden
-Canoes, aber Alles, was mich bedrohte, stieg in fürchterlichen Bildern vor
-meiner inneren Seele auf.«
-
-»Ich fühlte, wie ich der Willkür dieses Mannes, der seine gierigen Blicke
-fest auf mich gerichtet hielt, gänzlich -- wehrlos überlassen war, wußte,
-daß ich als Sklavin verkauft, kein Erbarmen bei den Weißen mehr zu hoffen
-hatte, und der Gedanke an Selbstmord zuckte da zum ersten Mal durch meine
-fieberhaft schlagenden Pulse.«
-
-»Arme Saise,« sagte Gabriele.
-
-»Das Canoe war einer der gewöhnlichen, aus Holz roh gehauenen Kähne, schmal
-und mit rundem Boden; wenn ich mich nur leise bewegte, fühlte ich wie
-es schwankte, und sah die ängstliche Bewegung des Rudernden, der es im
-Gleichgewicht zu halten strebte; -- ein Ruck -- ein plötzlicher Stoß von
-mir -- es schlug um und ich -- war frei.«
-
-»Kaum hatt' ich diesen Entschluß gefaßt, als ein kalter Schauer mir
-fröstelnd durch die Adern rieselte -- und starr und entsetzt blickte ich zu
-dem weißen Manne empor. Dieser aber, der den ängstlichen Ausdruck in meinen
-Zügen der Furcht zuschreiben mochte, lächelte höhnisch und sagte: »Gräme
-dich nicht, Püppchen; wenn du hübsch brav bist, sollst du meine kleine
-Squaw[4] werden,« und dann lachte er so laut und teuflisch, daß er mir in
-dem Augenblick wirklich wie ein böses, dem finsteren Abgrund entstiegenes
-Wesen vorkam. Das aber befestigte nur noch mehr meinen Entschluß -- ich
-wollte sterben. Nur dann und wann, wenn das Canoe ein wenig zur rechten
-oder linken Seite hinüberschwankte, konnte ich das Ufer erkennen, und sah
-jetzt, daß wir uns unweit einer langen Insel befanden, die, wie es mir
-schien, gerade vor uns lag. Ich kann schwimmen wie ein Fisch, doch die
-Bande, die meine Hände zusammenschnürten, versagten mir jede Bewegung; auf
-keine andere Rettung durfte ich hoffen als die, die der Tod brachte.«
-
- [4]: Der Indianische Name für »Frau«.
-
-»Arme Saise.«
-
-»Noch einmal sandte ich jetzt mein Gebet zu dem Manitou meines Volkes empor
--- noch einmal blickte ich auf zu dem freundlichen Sonnenlicht, das hell
-und strahlend, ach für mich zum _letzten_ Male über die ferne Waldung
-herübergrüßte; noch ein Mal sog ich in langem, langem Athemzuge die
-balsamische Luft der schönen Welt ein -- schloß dann die Augen und warf
-mich, mit plötzlichem Schwung, mit Anstrengung aller meiner Kräfte, gegen
-die Seitenwand des schmalen Fahrzeugs.«
-
-»Halt an! wir sinken! schrie entsetzt der Räuber und versuchte auf der
-anderen Seite das Gleichgewicht wiederherzustellen, doch schnell folgte ich
-seiner Bewegung und im nächsten Augenblick fühlte ich die kühle Fluth über
-mir zusammenschlagen. Das Canoe war umgestürzt.«
-
-»Ob jener Weiße schwimmen konnte, wußte ich nicht, auf jeden Fall wäre er
-in diesem Falle im Stande gewesen, mich, deren Hände noch immer gefesselt,
-zum nicht so fernen Ufer zu ziehn. Doch lebend sollte er mich nie mehr
-berühren, ich tauchte unter und zwar mit dem festen Entschluß, nimmer zur
-Oberfläche zurückzukehren.«
-
-»Gott wollte es anders; von der quellenden Fluth emporgehoben, stieg ich
-wieder dem Licht entgegen, fühlte aber plötzlich, wie ich mit dem Kopf
-gegen einen festen Gegenstand anstieß. Im ersten Augenblick glaubte ich,
-es sei das Canoe, der nächste überzeugte mich aber, daß ich unter Treibholz
-gerathen wäre, und zwar gerade an einer Stelle, wo ich den Grund mit den
-Füßen berührte, und wild übereinandergepreßte Stämme eine kleine Höhlung
-gebildet hatten, in die ich den Kopf bringen und -- athmen konnte. Ich war
-für den Augenblick gerettet; mußte aber nicht der gewaltige Andrang der
-Strömung, die sich rauschend und schäumend nur eine kurze Strecke von
-mir entfernt an den Stämmen und Aesten brach, diese schwache Schutzwehr
-zusammendrängen und mich Zoll für Zoll in die Tiefe wieder zurückdrücken
-und vernichten? Mit unverzagtem Muth hätt' ich dem _raschen_ Tod ins Auge
-geschaut, hier aber langsam, langsam vielleicht zu sterben -- o, es war
-fürchterlich.«
-
-Saise barg wieder, von dem Gedanken ergriffen und zusammenschaudernd, ihr
-Antlitz in ihren Händen.
-
-»Du unglückliches Kind,« flüsterte Gabriele, des schönen Mädchens Stirn an
-ihrem Busen bergend; »Du unglückliches -- liebes -- böses Kind, und warum
-hast Du denn das Alles mir so lang verschwiegen? war das recht von Dir?
-aber wie entgingst Du jener fürchterlichen Gefahr?«
-
-»Stundenlang,« erzählte Saise weiter, »stundenlang harrte ich, denn noch
-schrecklicher als der Tod war mir der Gedanke, das Licht des Tages und
-mit ihm das Antlitz jenes finsteren Mannes wieder zu sehen, ehe ich einen
-Versuch zu meiner Rettung wagte. Selbst dann aber blieb noch immer die
-Ausführung schwer und gefährlich, denn im Wasser hatte ich natürlich die
-Richtung verloren und mußte fürchten, daß ich, unter Wasser fortschwimmend,
-gerade tiefer in das Treibholz hineingerathen würde, Gott da oben hatte
-mich aber bis jetzt geschützt, und ihm vertraute ich. Als ich es überdies
-nicht länger mehr im Wasser aushalten konnte und der Frost meine Glieder
-schüttelte, horchte ich noch einmal genau, von welcher Richtung das
-Anprallen der Strömung tönte, berechnete dann schnell, auf welcher Seite
-der Insel ich mich befinden müsse, und versuchte nun mich der Bande zu
-entledigen, die meine Hände noch immer gefesselt hielten. Und siehe da
--- es gelang. Es waren hirschlederne Riemen und die Nässe hatte sie
-ausgedehnt, meine Hände schlüpften hindurch und -- ich fühlte mich frei.«
-
-»Jetzt fürchtete ich Nichts mehr, jener Mann mußte mich lange ertrunken
-geglaubt und die Stelle verlassen haben -- ich tauchte unter -- strich
-kräftig aus und sah nach wenigen, dem Herzen den Schlag raubenden Secunden
-das liebe herrliche Tageslicht wieder. Doch noch lange wagte ich nicht mich
-zu erheben, denn ich wußte nicht, wie nahe jener Weiße sei; ich kroch nur
-leise und vorsichtig an der flachen, von der Sonne warm beschienenen Bank
-hin, und machte in einem brünstigen Gebet und einem lindernden Thränenstrom
-dem so arg bedrängten Herzen Luft.«
-
-»Alles Uebrige weißt du. Dein Vater fand mich fünf Tage später im Walde
--- ich war heimathlos, -- zu Hause durfte ich nicht wagen wieder zu
-erscheinen, meinen eigenen Vater hatten sie vor meinen Augen erschlagen,
-und wie konnten mich die ärmlichen Ueberreste meines Stammes vor den
-Verfolgungen der Weißen schützen? Du nahmst mich auf, Gabriele, und an
-Deinem Herzen habe ich Schutz und Hülfe gefunden.«
-
-»Aber weshalb denn dieser stete Gram, Du liebes Kind?« sagte die Jungfrau
-schmeichelnd, »sei doch froh wie ich, Du bist ja bei Freunden, die Dir kein
-Leid geschehen lassen; oder drückt Dich noch ein Schmerz?«
-
-»Hast Du heute gesehen?« frug Saise mit ängstlich umherschweifenden
-Blicken, »hast Du gesehen, wie sie das arme Wesen ihrem Herrn auslieferten,
-dem es -- er sagte so -- entflohen war?«
-
-»Aber das war eine Sklavin und er ihr Herr, liebes Kind.«
-
-»Und woher weißt Du, daß er ihr Herr war? schwur sie nicht, sie habe ihn
-ihr Lebtage nicht gesehen?«
-
-»Er hatte ja den Kaufbrief, in dem ihre ganze Person beschrieben stand,«
-lächelte Gabriele; »Du närrisches Kind, was quälst Du Dich denn mit so
-trüben, ängstlichen Bildern ab; wie mag Dich das nur beunruhigen?«
-
-»Er hatte den _Kaufbrief_, in dem ihre ganze Person beschrieben stand, und
-die Leute hier -- großer Gott -- sie lieferten sie ihm aus --« schrie die
-Indianerin, von ihrem Sitze emporspringend.
-
-»Hilf Himmel -- Saise!« rief Gabriele besorgt, denn sie fürchtete für den
-Verstand der Unglücklichen, »was fehlt Dir? was hast Du?«
-
-»Gebunden führte er sie hinweg,« fuhr das Mädchen in entsetzlicher
-Aufregung fort -- »gebunden! und auch über mich -- auch über _mich_ ist ein
-solcher Kaufbrief ausgestellt; auch _meine_ Person, _mein_ Aussehn -- meine
-Haare -- meine Augen -- sogar das Maal auf meiner Schulter beschrieben.
--- O du allgütiger Gott!« -- Sie brach schluchzend zusammen und barg ihr
-Antlitz in den Kissen des neben ihr stehenden Sessels.
-
-Gabriele war erschreckt aus der Hängematte gesprungen und bog sich leise
-zu der Unglücklichen nieder; mit tröstenden Worten wollte sie dabei ihren
-Kummer stillen, aber ach, sie kannte selbst nur zu gut die Gefahr, die
-unter solchen Umständen, wenn sie von jenem Buben wirklich wiederentdeckt
-würde, der armen Verfolgten drohte.
-
-»Komm,« sagte sie dann plötzlich zu der Indianerin, deren Angst sich in
-einer lindernden Thränenfluth gelöst hatte -- »komm, fasse Muth, noch weiß
-ich Rath Dir zu helfen. Du kennst unseren Freund,« fuhr sie fort, als das
-Mädchen mit den großen dunkeln feuchten Augen zu ihr aufschaute, -- »Du
-kennst den jungen Creolen St. Clyde -- er ist uns freundlich gesinnt,
--- Beiden -- Dir sowohl wie mir, und hat sogar selbst lange an den
-südwestlichen Grenzen Missouris, zwischen den Cherokesen wie Osagen
-gelebt -- der muß Rath schaffen; entweder kann er dorthin eilen und Zeugen
-herbeiholen, oder er sendet einen Boten, um das zu bewerkstelligen. Auf
-jeden Fall mußt Du selbst klagbar gegen den Verbrecher auftreten, das ist
-der einzige Ausweg seinen Angriffen zu begegnen.« -- »Cöleste --
-Cöleste,« rief sie dann ihrer kleinen Negerin, die noch immer eifrig unten
-beschäftigt war, die toll und bunt durcheinander laufenden Küchlein zu
-zählen -- »Cöleste, komm schnell herauf und schicke mir vorher Endymion.«
-
-Die Kleine gehorchte dem Befehl und erschien gleich darauf selbst oben an
-der Treppe; die großen dunkeln Augen standen aber voll Thränen, und das
-Gesicht verzog sie zu einer entsetzlich weinerlichen und ernstkomischen
-Miene.
-
-»Was fehlt Dir, Cöleste?« frug Gabriele freundlich.
-
-»O Missus« -- schluchzte nun das Kind, dessen Schmerz sich bei diesen
-freundlichen Worten Bahn brach, »o Missus -- ich -- ich kann -- ich kann
-nicht zählen -- zählen -- die Küchel -- Küchelchen -- sie laufen; -- huhuhu
--- sie laufen so geschwinde.«
-
-»Komisches Kind,« lachte Gabriele -- »geh -- ruf Endymion schnell, und
-laß die Hühner, Hühner sein.« Endymion brauchte aber nicht mehr gerufen zu
-werden, er tauchte eben hinter der Gespielin auf und sagte dann leise:
-
-»Missus will 'Dymion -- hier ist er.«
-
-»Endymion,« rief Gabriele rasch -- »Du weißt, wo Mr. St. Clyde wohnt --
-wie?«
-
-»Massa Clyde -- jes« -- nickte der Schwarze -- »aber, Missus -- ein fremder
-Gentleman ist unten« --
-
-»Schon gut -- schick' ihn zum Vater,« fuhr die Creolin ungeduldig fort --
-»Zu dem reitest Du, und bittest ihn so schnell als möglich, wenn es angeht
-heute Abend noch -- verstehst Du mich, Endymion? heute Abend noch --
-herüberzukommen, ich -- wir -- wir hätten etwas Wichtiges mit ihm zu
-reden.«
-
-»Aber der Fremde, Missus,« unterbrach sie etwas ängstlich Endymion -- »der
-Fremde -- Massa schläft und arme 'Dymion kriegte viel Schläge, wenn ihn
-weckte --«
-
-»So laß ihn unten in die Halle treten, dort liegen Bücher und er mag sich
-die Zeit vertreiben, so gut er kann. Du aber, Endymion, mach rasch und
-füttere zugleich mein Reitpferd, es könnte sein, daß wir es schnell und zu
-einem eiligen Ritt gebrauchten; mach fort, Endymion, und kehre recht bald
-zurück.«
-
-Das volle runde Gesicht des Knaben verschwand plötzlich unter der steilen
-Treppe, und wenige Minuten später hörte man schon am Schallen der Hufe,
-wie er auf flüchtigem Renner, den Fausse Riviere entlang, dem Mississippi
-zuflog.
-
-Saise hatte sich aber indessen durch die neue Hoffnung, bald jeder Furcht
-überhoben zu sein, getröstet; sie wußte -- sie mußte es sich wenigstens
-mit leisem Erröthen gestehen -- St. Clyde würde Alles thun was in seinen
-Kräften stand, sie von jeder Sorge und Gefahr zu befreien, und konnte sie
-selbst als Klägerin auftreten, dann hätte sich Jener erst, wäre er wirklich
-erschienen, vor allen Dingen von jedem auf ihm haftenden Verdachte reinigen
-müssen, und die Beweise ihrer reinen Abstammung konnte sie bis dahin
-bringen. Sie ergriff der Freundin Hand, hob sie leise an ihre Lippen und
-flüsterte:
-
-»Du bist gut -- Du bist engelgut und hast mir mit Deinen freundlichen
-Worten Trost und Ruhe in's Herz gegossen.«
-
-Die Mädchen hatten sich eng umschlungen und Gabriele hielt erst lange das
-Antlitz der holden Tochter der Wälder zwischen den zarten Händen, schaute
-ihr herzlich und liebevoll in die großen dunkeln Augen und drückte dann
-einen heißen, innigen Kuß auf ihre Stirn.
-
-Der Overseer bemerkte von seinem Baum aus die Ankunft des Fremden, und
-schlenderte langsam dem Hause zu.
-
-»Was zum Teufel nur die beiden Mädchen heute so ernstlich zusammen zu
-schwatzen haben,« murmelte er dabei vor sich hin -- »hol mich der Böse,
-wenn ich nicht wünsche, das kleine rothe Ding wäre mein -- verdammt schade,
-daß man rothes Fell nicht ebenso leicht kaufen kann wie schwarzes. -- Wer
-der Fremde nur sein mag? -- Wahrscheinlich ein Baumwollenspekulant aus
-New-Orleans. -- Nun Zeit wär's, daß er käme -- hat wohl gewittert, daß
-unsere Baumwolle noch nicht verschifft ist -- muß die Nachlese nun auch
-mitnehmen.«
-
-Mit diesen leise vor sich hin gemurmelten Bemerkungen schritt er langsam an
-den, in regelmäßigen Reihen errichteten Negerhütten vorbei, dem Herrenhause
-zu, stieg die, zu diesem emporführenden hölzernen Stufen hinauf und stand
-im nächsten Augenblick neben dem eben Eingetroffenen.
-
-»Alle Wetter!« rief er aber hier erstaunt aus -- »Pitwell -- wo zum Henker
-kommt _Ihr_ her?«
-
-»Duxon? -- bei Allem was blau ist -- hier in Louisiana?« entgegnete der
-also Angeredete, dem Overseer freundlich die Hand entgegenstreckend. --
-»Seht, so finden sich alte Freunde nach langen Jahren immer doch einmal
-wieder zusammen. Wo war's doch, daß wir uns zuletzt sahen?«
-
-»Je weniger wir davon sagen desto besser,« lachte Duxon -- »ich meines
-Theils habe wenigstens nie mit der Geschichte geprahlt.«
-
-»Ach -- jetzt erinnere ich mich« -- lächelte Pitwell -- »ja ja, hätte
-den Spaß bald vergessen; aber Unsinn, 's ist jetzt verjährt und der Mann
-längst --« er schwieg plötzlich still und warf seinem Gefährten einen
-schnellen, mißtrauischen Seitenblick zu. »Aber was macht Ihr jetzt?«
-lenkte er in ein anderes Gespräch ein, »haltet Ihr Euch etwa hier zu Euerm
-Vergnügen auf, wie die Loafer in der Kalebouse[5] sagen?«
-
- [5]: Loafer ein Herumstreicher, und Kalebouse das Wachthaus in
- New-Orleans.
-
-»Ich bin Overseer auf der Plantage.«
-
-»Gutes Geschäft das?«
-
-»So ziemlich -- nährt seinen Mann.«
-
-»Der Besitzer?«
-
-»Mr. Beaufort.«
-
-»Wie viel Ballen[6]?«
-
- [6]: Eine gewöhnliche Frage in Louisiana, die sich stets auf die
- Baumwolle bezieht, da der Reichthum der Besitzer nach dieser geschätzt
- wird.
-
-»Hundertachtzig.«
-
-»Alle Wetter!« rief Pitwell erstaunt -- »läßt sich mit dem Mann kein
-Geschäft machen? der muß ja Geld wie spanisch Moos haben --«
-
-»Wenn Ihr Neger hättet -- wir brauchen ein paar tüchtige Arbeiter und eine
-Dirne in's Haus; aber was Hübsches -- der Alte kann die häßlichen Gesichter
-nicht leiden.«
-
-»Neger? hm -- die ließen sich vielleicht anschaffen; bis wann müßt Ihr sie
-haben?«
-
-»Sobald als möglich!«
-
-»Sind die Preise gut?«
-
-»Das geht an; habt Ihr welche?«
-
-»Hm -- ja -- aber apropos -- wer waren die beiden Damen da oben auf der
-Gallerie? die Frau und Tochter vom Hause wahrscheinlich, eh?«
-
-»_Beiden_ Damen? 's ist nur _eine_ Dame im Hause,« sagte der Overseer
-verächtlich -- »das andere ist eine Indianerin, die sich auf Gott weiß
-welche Art hier eingeschlichen hat, und noch dazu merkwürdig stolz und
-spröde thut -- das dumme Ding.«
-
-»So? kann man denn diesen Mr. Beaufort gar nicht einmal zu sehen bekommen?
-ich möchte gern wissen, welche Art von Mann es ist, ehe ich ein Geschäft
-mit ihm mache -- es handelt sich leichter.«
-
-»Ihr könnt den Yankee nicht verleugnen,« lachte Duxon, »aber ich höre ihn
-die Treppe herunterkommen. Unter uns gesagt, geht ihm ein Bischen um
-den Bart mit seiner reizenden Plantage -- mit den herrlichen
-Heerdeneinrichtungen und dergleichen. -- Ihr versteht mich schon.«
-
-»Danke -- danke!« sagte der Fremde freundlich -- »werde nicht ermangeln.«
-
-Mr. Beaufort trat jetzt in's Zimmer, begrüßte den Gast und hieß ihn
-herzlich in seiner Wohnung willkommen. Bald hatte ihn dieser auch in ein
-sehr interessantes Gespräch verwickelt und er lud ihn ein, da überdies der
-Abend nahte, bei ihm zu übernachten, was von jenem bereitwillig angenommen
-wurde.
-
-Beaufort, ein Mann in den Vierzigen und, wie schon erwähnt, der reichste
-Pflanzer am False River oder Fausse Riviere, gehörte mit zu jenen südlichen
-Geldaristokraten, welche das Menschengeschlecht nur in drei Gattungen
-eintheilen: in _Pflanzer_ nämlich, in _keine_ Pflanzer und in _Neger_. Die
-ersteren zerfielen dann freilich wieder in zwei Unterabtheilungen und zwar
-in solche, die über, und solche, die unter funfzig Ballen erbauten. Aus
-der ersten Klasse wählte er sich seinen Umgang. Die zweite Gattung -- die
-Nicht-Pflanzer -- betrachtete er nur als dazu erschaffen, dem Pflanzer
-seine verschiedenen Bedürfnisse zuzuführen, und die dritte, die Neger --
-verabscheute er wie ein ächter Creole. Selbst die fernsten Vermischungen,
-Mestizen und Quadroonen, waren ihm ein Gräuel, und er duldete sie nur in
-sofern um sich, als er sie zu seiner Bedienung bedurfte. Soweit ging dabei
-diese Verachtung der äthiopischen Race, daß er einst in New-Orleans sein
-Messer nach einem armen Teufel von Mestizen warf, den er in der Dunkelheit
-für einen ihm befreundeten Creolen angesehen hatte und mit ihm Arm in Arm
-durch mehre Straßen gegangen war. Die scharfe Klinge fuhr jedoch nur in
-den Schenkel des zum Tode Erschrockenen, ohne diesem weiteren Schaden
-zuzufügen.
-
-_Das_ zur Charakteristik Beaufort's. Sein Gast dagegen stach sowohl im
-Aeußern, wie in seinem ganzen Benehmen gar sehr und zwar keineswegs zu
-seinem Vortheil gegen den Pflanzer ab. Dieser war wohlbeleibt, von gesunder
-Gesichtsfarbe und hatte, den Stolz abgerechnet, ganz gutmüthige Züge; der
-Fremde dagegen sah bleich aus, mit grauen stechenden, aber lebhaften Augen,
-hoher Stirn und etwas gebogener Nase; doch that sein Blick nicht wohl --
-er streifte stets unruhig von einem Gegenstande zum andern, und sprang
-sicherlich im Nu ab, sobald er dem eines andern Auges begegnete. Ihre
-Unterhaltung war aber lebhaft; -- Mr. Pitwell hatte viel gesehen, viel
-erlebt, verstand, wie es schien, den Baumwollenhandel aus dem Grunde
-und besaß selbst, seiner eigenen Aussage nach, am Alabama eine nicht
-unbedeutende Plantage.
-
-So rückte die Zeit des Abendessens heran. Die Sonne war noch nicht
-untergegangen und der Tisch oben auf der Piazza, des kühlen Luftzugs und
-der freundlichen Aussicht über die Felder und benachbarten Plantagen
-wegen, gedeckt. Die Hängematte hing zurückgeschlagen an einem der Pfeiler,
-Gabriele aber lehnte sinnend daneben, und blickte auf die Straße hinaus,
-die dem Mississippi zuführte und auf welcher sie den Boten zurückerwartete.
-Saise saß zu ihren Füßen, hielt schmeichelnd ihre Hand gefaßt, an die
-sie die heiße Wange lehnte und -- folgte den Blicken der Gebieterin und
-Freundin.
-
-Die Schritte der Männer wurden jetzt auf der Treppe gehört.
-
-»Er bleibt lange,« flüsterte Gabriele.
-
-»Recht lange,« sagte Saise und sie fühlte plötzlich, wie der Freundin Augen
-auf ihr hafteten -- aber sie begegnete ihnen nicht, sondern schmiegte sich
-nur inniger und fester an sie an.
-
-»Saise -- bist Du noch nicht beruhigt?« bat Gabriele -- »fehlt Dir noch
-etwas? sieh nur wie feuerroth Du geworden.«
-
-»Guten Abend, Ladies,« sagte die Stimme des Fremden.
-
-»Um Gottes willen, Kind -- was ist Dir? alles Blut flieht aus Deinen
-Wangen?« rief die Creolin erschrocken, die Veränderung in den Zügen der
-Freundin bemerkend.
-
-»Guten Abend, Kinder,« wiederholte Mr. Beaufort -- »Mr. Pitwell, meine
-Tochter und ihre Freundin, eine junge Indianerin. -- Nun, Gabriele -- ist
-Saise krank? was fehlt dem Mädchen?«
-
-»Ich weiß in der That nicht, Vater -- sie erblaßte eben; und zittert jetzt
-so heftig am ganzen Körper -- Saise!«
-
-»Ja,« flüsterte das schöne Mädchen, richtete sich empor, wandte sich gegen
-den Fremden um, blickte ihn einen Augenblick starr an und stürzte dann mit
-einem Mark und Bein zerschneidenden Schrei ohnmächtig zu Boden.
-
-Gabriele, die wie ein Blitzesschlag die Wahrheit durchzuckte, warf ihr Tuch
-über das Antlitz der Freundin -- aber es war zu spät -- Pitwell, durch das
-sonderbare Benehmen aufmerksam gemacht, sprang, kaum wissend was er that,
-auf sie zu, riß das Tuch herunter und rief in höchstem Schreck und Staunen:
-
-»Alle Wetter -- meine ertrunkene Sklavin!«
-
-»Eure _was_?« schrie Beaufort, mit wildem Satz herbeispringend -- »Eure
-_Sklavin_? Mann, seid Ihr des Teufels? -- das ist eine Indianerin, und die
-werden nicht verkauft.«
-
-»Es ist falsch!« stöhnte Gabriele in entsetzlicher Seelenangst, den
-leblosen Körper der Unglücklichen unterstützend -- »es ist eine teuflische
-Lüge -- dies Mädchen ist den Ihrigen geraubt -- ein niederträchtiges
-Bubenstück ist begangen -- Saise ist so frei wie ich selbst -- Ihr dürft
-Euch nicht an ihr vergreifen.«
-
-»Ich fordere mein Eigenthum zurück,« sagte der Fremde finster, und griff
-zugleich in die Tasche, aus der er ein Paket zusammengebundener Papiere
-herausnahm. -- »Hier ist ihr Kaufbrief,« fuhr er dann, sich gegen den
-Pflanzer wendend, fort -- »ihr Vater war Indianer, ihre Mutter war Mulattin
--- seht nur ihr Haar an. Und daß es die rechte ist, dafür bürgt Euch, wenn
-nicht ihr jetziger Schreck, das hier verzeichnete Maal auf ihrer linken
-Schulter.«
-
-Beaufort durchlief schweigend die Schrift und schritt dann auf Saise zu.
-
-»Zurück, Vater -- um Gottes willen zurück« -- rief Gabriele in höchster
-Angst, »Du darfst den Worten jenes Mannes nicht glauben -- sie sind falsch,
-bei dem ewigen Gott da oben.«
-
-»Gabriele,« sagte der Vater freundlich, aber auch sehr ernst -- »dies ist
-ein Geschäft, bei dem Du weiter keine Stimme hast; findet sich das Maal
-_nicht_, wie ich hoffen will, -- denn den _Galgen_ verdient das Ding, wenn
-es Niggerblut in den Adern hat und sich dabei untersteht, mit weißen Leuten
-an einem Tisch zu essen -- so ist die Anklage überdies unbegründet; findet
-es sich aber, dann bleibt die Person keine fünf Minuten mehr unter meinem
-Dache, oder ich will nicht selig werden -- Du weißt, daß ich mein Wort
-halte.«
-
-»Vater -- bei allen Heiligen beschwör' ich Dich -- dieser Kaufbrief
-ist verfälscht -- Saise hat mir Alles entdeckt -- sie ist den Ihrigen
-schändlich geraubt -- ihr Vater erschlagen, sie selbst fortgeschleppt. --«
-
-»Märchen,« lächelte Pitwell kopfschüttelnd. »Haben Sie schon je einen
-weggelaufenen Nigger gesehen, mein Fräulein, der sich nicht irgend eine
-solche glaubwürdige Geschichte ausgedacht hätte?«
-
-»Vater -- Vater!« bat Gabriele, und versuchte ihn zurückzuhalten, er stieß
-sie aber jetzt unwillig bei Seite und rief:
-
-»Nun wird's mir bald zu bunt -- ich thue dem Ding ja Nichts; ist sie eine
-Indianerin, so ist sie so frei wie wir selbst, findet sich aber -- ha --
-beim Teufel -- das ist es -- Mr. Pitwell --«
-
-»Halt!« schrie Gabriele -- deren Blick oft und ängstlich nach der nicht so
-fernen Straße hinübergeschweift war -- »halt! dort kommt Mr. St. Clyde --
-warten Sie seine Ankunft ab, er kann, er _darf_ das nicht zugeben.«
-
-»Mr. St. Clyde soll zum Teufel gehen,« zürnte der alte Pflanzer -- »hat
-sich der in die Rechte eines fremden Mannes zu mischen? Mr. Pitwell, das
-Mädchen ist die Ihrige, und meiner Tochter mag sie's danken, daß sie nicht
-noch vorher eine gehörige Anzahl Peitschenhiebe mitnimmt. Verdammt! ein
-Nigger, der so frech ist sein Fell zu verleugnen!«
-
-»Wir können sie ja bis morgen früh in irgend eine der Negerhütten
-schaffen,« sagte Pitwell, auf sie zugehend und seine Hand nach der immer
-noch Bewußtlosen ausstreckend, »morgen früh« --
-
-Die flüchtigen Schritte eines Mannes wurden auf der Treppe gehört.
-
-»Mr. St. Clyde -- zu Hülfe!« rief Gabriele in letzter Noth. In demselben
-Moment aber daß die Creolin diesen Namen ausstieß und der junge Mann in der
-Thüre erschien, schlug auch Saise die Augen wieder auf. Ein einziger Blick
-sagte ihr Alles -- wenige Secunden lang barg sie ihr Antlitz an der Brust
-der Freundin, dann aber hob sie sich, von Gabriele gehalten, empor
-und schaute, die großen dunkeln Augen weit geöffnet, wild und leise
-zusammenschaudernd im Kreise umher.
-
-»Um Gottes willen -- was ist hier vorgefallen?« rief St. Clyde, indem
-er auf das zitternde Mädchen zusprang und es unterstützte -- »was ist
-geschehen, Miß Beaufort?«
-
-»Retten Sie Saise,« rief die Jungfrau -- »retten Sie Saise vor jenem
-Buben.«
-
-Der Fremde wurde leichenblaß und starrte wild umher.
-
-»Gabriele!« rief aber der Vater, »jetzt hab' ich's satt -- Mr. St. Clyde,
-überlassen Sie den _Nigger_ sich selbst -- es ziemt einem weißen Manne
-nicht --«
-
-»Mr. Beaufort!«
-
-»Allerdings -- das Mädchen ist eine, diesem Gentleman entflohene Sklavin.«
-
-»Das ist eine Lüge,« sagte Saise plötzlich, sich hoch und stolz
-emporrichtend; das Wort _Nigger_ hatte ihr ihre ganze Kraft und Stärke
-wiedergegeben; sie fühlte, wie jetzt der Augenblick gekommen, vor dem sie
-so lange schon gebebt; aber gerade da er gekommen, hatte er auch all' sein
-Fürchterliches verloren. Ihre ganze Seelenstärke war zurückgekehrt und die
-Indianerin, die freie Tochter der Wälder in ihr erwacht. --
-
-Aber vergebens erzählte sie jetzt mit klaren, überzeugenden Worten das
-ganze Bubenstück jenes Schurken, der lächelnd und achselzuckend daneben
-stand, vergebens rief sie Gott zu ihrem Zeugen an -- sie war in _Louisiana_
--- ein _weißer Mann_ hatte sie als seine ihm entflohene Sklavin reclamirt
--- das krause Haar sprach für seine Aussage, mehr aber noch und unantastbar
-fast der _Kaufbrief_ und ihre darin genau verzeichnete Gestalt. War doch
-selbst vor nicht gar langer Zeit ein weißes Mädchen, mit blonden Haaren
-und blauen Augen, aber als die Tochter einer Mestize, hier öffentlich
-versteigert worden, und wenn diese selbst fast weiß sein mochte, blieb
-sie Sklavin; wie viel mehr nun eine Indianerin, deren braune Hautfarbe der
-Amerikaner überdies als der seinen untergeordnet hielt und nur wenig höher
-schätzte, als die äthiopische Race selbst.
-
-Gabriele wollte, als alle Bitten nutzlos blieben, dem Fremden die Freundin
-_abkaufen_, dagegen aber protestirte St. Clyde und zwar mit einer Wärme,
-die, wenn sie nur aus reiner Menschlichkeit entsprang, ihm alle Ehre
-machte.
-
-»Nein!« rief er, »nein -- das hieße bekennen, sie gehöre zu jenem
-verachteten Stamm! rein und frei soll sie dastehen und wenn ich den Beweis
-dazu mit meinem Blute führen sollte. Mr. Pitwell, Sie werden diesen Parish
-nicht wieder verlassen, ehe Sie sich von der gegen Sie erhobenen Anklage
-gereinigt haben --«
-
-»Wer klagt ihn an?« rief Beaufort auffahrend, »wer klagt ihn an, Sir? Ein
-_Nigger_ -- seine eigene Sklavin; sind Sie thöricht genug zu glauben, daß
-das Gericht auf solche Klage eingehen würde? Sie sollten die Gesetze des
-Staates besser kennen.«
-
-»Ich selber klage diesen Mann an,« rief St. Clyde, »ich selber -- nicht
-diese Unglückliche, die seinen Händen bis dahin nicht überliefert werden
-darf.«
-
-»Das möchte Ihnen schwer werden durchzusetzen,« hohnlachte Pitwell,
-»glücklicherweise bin ich vertraut genug mit den hiesigen Gebräuchen. Sie
-können mich anklagen, aber mein Eigenthum dürfen Sie mir indessen nicht
-vorenthalten.«
-
-»Herr, Sie müssen erst beweisen, daß Saise Ihr Eigenthum ist!« rief
-St. Clyde.
-
-»Das _ist_ bewiesen, Mr. St. Clyde!« entgegnete Beaufort kalt -- »und jetzt
-würden Sie mich sehr verbinden, keine weitere Störung hier zu verursachen.«
-
-»Mr. Duxon,« wandte er sich dann an den Overseer, der in diesem Augenblick
-in der Thür erschien, »haben Sie die Güte, diese entflohene Sklavin -- und
-er deutete auf Saise -- in einer der Negerhütten unterzubringen; Sie haften
-mir aber für ihre Sicherheit.«
-
-»Saise?« rief Duxon erstaunt und wollte kaum seinen Ohren und Augen trauen
--- »Saise -- ein Nigger? -- Ei, da muß ja der Teu... --«
-
-»Herr!« rief St. Clyde entrüstet.
-
-»Um Gottes willen!« flehte Saise, seinen Arm ergreifend, »kämpfen Sie jetzt
-nicht gegen die Uebermacht an -- wenden Sie sich an die Gerichte -- die
-müssen mir helfen, ich stehe ja unter dem Schutz der Vereinigten Staaten.
-Mein Vater hat sein Land an diese abgetreten und sie haben versprochen,
-ihm beizustehen. Man soll mich nur so lange gefangen halten, bis ich
-einen Boten zu meinem Stamme schicken kann; Alle werden hierher kommen und
-Zeugniß für mich ablegen, daß ich die Tochter ihres Häuptlings bin. O, wenn
-mein Bruder nur wüßte --«
-
-»Dazu braucht es keine Indianer,« lächelte Pitwell, »das kann ich selbst
-bezeugen; wer aber war Deine Mutter? Eine Mestize -- steht es hier etwa
-anders geschrieben? Diese Mestize gehörte meinem Freund, von dem ich Dich
-gekauft, und wenn der Dich Deinem Vater so lange Jahre ließ, so geschah es
-bloß deshalb, daß er Dich erziehen sollte; seine Sklavin bist Du deshalb
-doch.«
-
-»Meine Mutter war die Tochter eines Siouxhäuptlings,« rief Saise, sich
-stolz emporrichtend, »und wer das Gegentheil behauptet, _lügt_!«
-
-Die Faust des alten Beaufort fällte die Unglückliche mit einem Schlage zu
-Boden.
-
-»Was?« schrie er, »will das Niggerthier noch in meiner Gegenwart einen
-weißen Mann einen Lügner nennen? Ist's nicht genug, daß sie mich erst
-selber anlügen und zum Narren haben mußte?«
-
-Er würde seine Worte kaum so unangefochten beendet haben, denn mit einem
-Racheschrei auf den Lippen sprang St. Clyde auf ihn zu, aber ihm entgegen
-warf sich Gabriele und beschwor ihn bei Allem, was ihm heilig sei, bei
-Allem, was er liebe, ihres Vaters zu schonen. Jetzt trat aber auch der
-Overseer dazwischen und rief dem jungen Manne trotzig zu:
-
-»Herr St. Clyde, ich will Sie hiermit wohlmeinend gewarnt haben, keine
-überflüssigen Worte mehr zu reden. Die Mamsel steht von diesem Augenblick
-an unter _meiner_ Wache und wer meine _Nigger_ gegen mich in Schutz nehmen
-will, dem renne ich einen Fuß kalten Stahl in den Leib!« Und er zog,
-während er diese Worte sprach, sein schweres Bowiemesser unter der Weste
-vor.
-
-Clyde war unbewaffnet, und wußte auch, wie die Gesetze einen Overseer oder
-Sklavenbesitzer schützen, wenn sich ein Fremder in ihre Angelegenheiten
-ungerufen mischt. Noch kürzlich war auf solche Art ein Abolitionist aus
-Ohio erschossen, ohne daß der Mörder mehr Ungelegenheiten als ein etwa
-viertelstündiges Verhör deshalb gehabt hätte; für jetzt mußte er also der
-rohen Gewalt weichen, aber retten wollte er Saisen, das schwur er sich, und
-wenn es sein eigenes Leben kosten solle.
-
-»Mr. Beaufort,« rief er, sich noch einmal an den Pflanzer wendend, »Sie
-werden mir für die Mißhandlung dieser Unglücklichen Rede stehen; jetzt
-habe ich keine Macht, Ihrer Gewaltthat zu begegnen; thun Sie mit dem armen
-Mädchen, was Sie verantworten können, aber der ewige Gott da oben ist mein
-Zeuge, daß ich mich von jetzt an für Saisens Schützer erkläre, und die
-Gesetze des Staates müssen und werden mir beistehen. Leben Sie wohl,
-Fräulein Beaufort, und oh -- verlassen Sie die Arme nicht -- gönnen Sie
-ihr wenigstens den Trost, zu fühlen, daß sie nicht ganz allein auf der Welt
-steht.«
-
-Der Overseer hatte indessen zwei Negern, die eben Handwerkszeug zum Hause
-schafften, heraufzukommen gewinkt und rief diesen nun zu: »Schafft das
-Mädchen da in Mutter Betty's Hütte hinunter, und Du, Ben, stehst Wache
-dabei, Dein schwarzes Fell bürgt mir für sie; ich zieh es Dir lebendig vom
-Leibe, wenn Du sie entwischen läßt.«
-
-»Keine Furcht, Massa« -- sagte der Neger grinsend, »aber welches Mädchen,
-De Lor' bleß you, ich sehe kein Mädchen zum mitnehmen, Missus Saise?«
-
-St. Clyde sprang die Treppe hinab, schwang sich auf sein Pferd und sprengte
-mit verhängten Zügeln dem Mississippi zu; Gabriele bog sich schluchzend zu
-dem armen Kinde nieder und band ihr das eigene Tuch um die blutende Stirn,
-die beiden Neger aber starrten mit weit von einander gerissenen Lippen bald
-den Einen, bald den Andern an und konnten das Vorgefallene nicht begreifen,
-bis sie ihres Vorgesetzten erneuter Ruf und die drohend geschwungene
-Peitsche an die Erfüllung des gegebenen Befehls erinnerte. Sie hoben die
-Indianerin vom Boden auf und verschwanden mit ihr bald nachher in einer der
-niederen, gleichförmigen Negerhütten, die in langen, regelmäßigen Reihen,
-einer kleinen Stadt nicht unähnlich, das Herrenhaus umgaben. Gabriele zog
-sich auf ihr Zimmer zurück, die Männer aber -- der Overseer wurde heute
-ebenfalls von seinem Prinzipal eingeladen zu Tisch zu bleiben -- ließen
-sich an der Tafel nieder, und Beaufort schien mit dem eisigen Claret allen
-Aerger und Verdruß hinunterspülen zu wollen, bedankte sich aber, ehe er
-sein Lager suchte, noch einmal bei dem Fremden, daß er ihn und sein Haus
-von der Schande befreit habe, »verdammtes Niggerblut« neben Weißen zu
-beherbergen.
-
-Mr. Pitwell hatte seine Schlafstelle angewiesen bekommen; da aber die Luft
-kühl war, wie er sagte, so zog er es vor, noch ein Viertelstündchen mit dem
-Overseer am Flusse auf- und abzugehen, stieg also mit diesem hinunter, und
-schritt zwischen einer Allee von China- und Tulpenbäumen hin, dem Eingang
-der Plantage zu, der durch eine dichte Feigen- und Orangenhecke beschattet
-wurde.
-
-»Hört einmal, Pitwell« -- sagte Duxon, hier stehen bleibend -- »habt Ihr
-wieder einen von Euren alten Streichen ausgeübt, he? Ist das Mädchen ein
-Nigger oder ist's keiner?«
-
-»Was geht's Euch an?« brummte Pitwell, sich ängstlich dabei umsehend -- »es
-kann uns doch Niemand hier behorchen?«
-
-»Keine Seele -- aber kommt -- Ihr müßt mir die Sache erzählen; verdammt
-will ich sein, wenn das mit rechten Dingen zugeht. Oh zum Henker, Mann,
-seid doch nicht so verschwiegen; von uns Beiden wird doch wahrhaftig keiner
-den Andern verrathen?«
-
-»Nun gut, Ihr sollt Alles wissen, aber kommt fort von hier, ins Freie
-hinaus,« flüsterte Pitwell, »hier unter den Bäumen ist mir's so unheimlich
-und kommt mir immer vor, als ob mich Jemand behorchte.«
-
-Die beiden würdigen Leute schritten mitsammen an das Ufer des Fausse
-Rivière und wanderten hier Arm in Arm herauf und herunter von der Plantage.
-Pitwell erzählte nun dem Freunde und Bundesgenossen aufrichtig den ganzen
-Hergang, erklärte ihm aber auch, daß er, trotz seiner Sicherheit, doch
-nicht abwarten wolle, bis der junge Laffe -- St. Clyde -- seine Drohungen
-wahr machen könne, sondern morgen mit dem Frühsten aufbrechen werde.
-
-»Das trifft sich herrlich!« sagte der Overseer, »ich bin mit Beaufort
-ebenfalls in Abrechnung begriffen und kann Euch vielleicht, wenn Ihr nur
-noch ein oder zwei Tage bleibt, begleiten. Ueber die jetzige Nachlese läßt
-sich dann leicht ein ungefährer Ueberschlag machen. Mir gefällt's nicht
-mehr hier am Fluß, ich will nach Texas und eine eigene Plantage kaufen.«
-
-»Wie? Schon so viel verdient? Das ist geschwind gegangen,« lachte der
-Fremde.
-
-»Da müßte Einer ein gewaltiger Thor sein,« meinte der Overseer lächelnd,
-»wenn er auf einer _solchen_ Pflanzung nicht in drei Jahren ein Capitälchen
-zurücklegen könnte.«
-
-»Mir wär's recht, so lange zu warten,« sagte Pitwell, »aber ich kann nicht,
-ich muß machen, daß ich das Ding verkaufe; erstlich fühl ich mich
-hier nicht so recht sicher, und dann -- hab ich sonst noch Arbeit. Das
-Wiederfinden hätte mir übrigens nicht gelegener kommen können; weiß nur
-der Teufel, wie das kleine Geschöpf dem Ersaufen entgangen ist; mit
-meinen eigenen Augen hab ich gesehen, wie es unterging, und noch dazu mit
-gebundenen Händen.«
-
-»Die Indianer können schwimmen und tauchen wie die Fische;« lachte Duxon;
-»aber wißt Ihr was, Pitwell, ich kaufe Euch die Kleine ab?«
-
-»Was -- Ihr? -- Aber jener Creole?«
-
-»Mag zum Teufel gehen, ich übernehme jede weitere Verantwortung.«
-
-»Und kauft Ihr sie so, wie ich sie verkaufen kann?« frug vorsichtig der
-Yankee, »wollt Ihr den Verlust tragen, wenn die Indianer kämen und sie als
-die Tochter ihres Häuptlings reclamirten?«
-
-»Ja gewiß,« rief spöttisch der Overseer, »aber dafür muß ich sie auch
-billig haben -- ich gebe Euch zweihundert Dollar.«
-
-»Hallo -- das ist zu wenig -- bedenkt, das Mädchen ist achthundert werth.«
-
-»Wenn ich Euch im Stiche lasse, keine funfzig Cent,« höhnte Duxon.
-
-»Nein, Mann, zweihundert ist bei Gott zu wenig, da ließ ich es doch lieber
-selber darauf ankommen; gebt mir _drei_ und sie ist Euer!«
-
-»Topp -- kommt mit in mein Haus, schreibt den Kaufbrief auf mich über und
-nehmt das Geld in Empfang.«
-
-»Und glaubt Ihr, daß ich noch, ohne Gefahr zu laufen, ein paar Stunden hier
-verweilen kann?«
-
-»Ein paar Jahre, wenn Ihr wollt; hab ich erst einmal das Mädchen, so soll
-sie mir ganz Louisiana nicht mehr entreißen können; die Gesetze müssen
-in allen Sklavenstaaten auf meiner Seite sein, und es giebt dann
-nichts Gefährlicheres auf der Welt, als ihnen, gerade in diesem Punkt,
-widerstreben zu wollen. Kommt, Pitwell, in zehn Minuten muß die schöne
-Indianerin mir gehören, und morgen schon mache ich meine Anrechte auf sie
-geltend; nachher kann ihr ganzer Stamm kommen und schwören -- mir gleich.«
-
-Die beiden Männer schritten eilig in das zwischen den Negerhütten
-stehende, und sich nur durch ein höheres Dach und eine Galerie von diesen
-unterscheidende Haus des Overseers zurück, und schlossen dort den beredeten
-Handel ab. Pitwell empfing das Geld und Saise wurde dem Overseer als
-alleiniges und rechtmäßiges Eigenthum überschrieben. Beaufort selbst sollte
-am nächsten Morgen seinen Namen als Zeuge daruntersetzen.
-
- * * * * *
-
-St. Clyde hatte indessen sein Pferd mit Sporen und Peitsche so angetrieben,
-daß es, als er vor des Richters Thür in Point-Coupee anhielt, ein paar
-Secunden lang hin und her schwankte und dann, matt und aufgerieben, wie es
-war, zusammenbrach; ohne es aber auch nur eines Blickes zu würdigen, flog
-er die Treppe hinauf, stürzte in des Richters Zimmer und rief diesen, ihm
-mit wenigen Worten die Frevelthat erzählend, um Beistand an.
-
-Der Richter war ein wackerer Mann, streng rechtlich und in der Ausübung
-seiner Pflicht menschlich, aber gar bedenklich schüttelte er mit dem Kopfe,
-als er von dem nach Form Rechtens ausgestellten Kaufbriefe hörte. Er kannte
-die Gewalt, die ein solches Schreiben hatte.
-
-»Junger Mann,« sagte er nach langer Pause, während er sinnend, den Kopf
-in die Hand gestützt, zu dem Creolen aufschaute, »das ist eine böse Sache.
-Erstlich scheint es mir freilich, als ob Sie das Ganze ein bischen zu
-romantisch ansähen, dann aber, wäre auch wirklich Alles so, wie Sie es
-schildern, so sehe ich doch nicht ein, auf welche Art es gehoben werden
-könnte; wir dürfen nicht _gegen_ die Gesetze handeln und wenn wir wirklich
-den festen Glauben hätten, dem armen Mädchen geschähe Unrecht.«
-
-»Aber Sie werden doch nicht zugeben, daß eine freie Indianerin aufgegriffen
-und verkauft wird?« rief St. Clyde erzürnt, »dasselbe könnte ja jedem
-Weißen begegnen, wenn sich zwei Buben vereinigten, einen Kaufbrief über ihn
-zu schreiben und zu schwören, daß seine Mutter eine Mestize gewesen sei.«
-
-»Das nun wohl nicht,« lächelte der Richter; »ehe ein Weißer verkauft würde,
-müßten gewaltige Beweise vorliegen, daß er wirklich aus Negerblut abstamme;
-aber Sie dürfen auch nicht allen solchen Erzählungen weggelaufener Neger
-glauben; großer Gott, die lügen Ihnen manchmal das Blaue vom Himmel
-herunter.«
-
-»Wär es denn nicht möglich, die Indianerin den Händen jenes Mannes zu
-entziehen, bis man Zeugen aus ihrem Stamm herbeischaffen könnte?«
-
-»Bester Freund, der Stamm lebt an die sieben bis achthundert Meilen von
-hier entfernt, Mr. Beaufort selbst hat sie über vierhundert Meilen den
-Fluß heruntergebracht; nein, da könnten ja nur alle derartigen, Indianern
-ähnliche Personen, wie zum Beispiel Mulatten und Mestizen, behaupten, es
-flösse rein indianisches Blut in ihren Adern, und uns dann ersuchen, nach
-den Eskimos hinaufzuschicken und Zeugen herunter zu holen. Nein, das geht
-nicht. Hätten wir aber auch wirklich die Zeugen hier, so sind das immer nur
--- Indianer. Das Gescheidteste wäre, Sie _kauften_ das Mädchen, wenn Ihnen
-wirklich so viel daran liegt, als mir vorkommt.«
-
-»_Kaufen?_« rief St. Clyde mit schmerzdurchbebter Stimme, »_kaufen?_ -- und
-sie ist dann wirklich Sklavin? Ist denn kein Ausweg, die Unglückliche von
-dieser Schande zu retten?«
-
-»Ich fürchte -- nein -- auf jeden Fall aber wäre dies das Sicherste, sie
-doch wenigstens für den Augenblick zurückzuhalten. Vielleicht läßt sich
-jener Fremde auch bewegen, vorher nur einen Theil der Zahlung zu nehmen,
-und man kann dann sehen, was weiter in der Sache zu thun ist; was sagen Sie
-dazu?«
-
-»Ach, bester Richter,« seufzte der junge Creole wehmüthig, »Sie wissen
-recht gut, daß ich _arm_ bin. Mein einziges Pferd ist mir eben gestürzt,
-und ich werde kaum Geld genug übrig behalten, mir ein neues zu kaufen. Wie
-sollte ich die Summe auftreiben, die jener Bube für Saise fordern wird?«
-
-»Hören Sie, St. Clyde, ich will Ihnen einen Vorschlag machen, ich selbst
-will das Mädchen kaufen und bei mir behalten; haben Sie sich das Geld
-verdient -- so -- überlaß ich sie Ihnen.«
-
-»_Kaufen_ und immer nur _kaufen_!« stöhnte der Creole.
-
-»Nehmen Sie meinen Vorschlag an,« sagte der Richter herzlich, »sie soll in
-meinem Hause wie eine Tochter behandelt werden.«
-
-»Gut denn, es sei,« rief St. Clyde, »ich muß mich fügen; es rettet sie
-ja wenigstens für den Augenblick; dann aber schaffe ich die Zeugen
-ihrer freien Geburt und wenn ich sie aus den Eisregionen des Nordens
-herunterholen müßte.«
-
-»Es wird Ihnen nicht viel helfen; wollen Sie übrigens schlechterdings nach
-jenem Stamme einen Boten haben, so kann ich Ihnen zufällig die Anweisung
-geben, den zu finden. Heute Morgen waren sieben oder acht Indianer aus
-dem Parish West-Feliciana, von drüben über dem Mississippi, hier in
-Point-Coupee; sie haben Hirschfleisch verkauft und dafür Pulver, Blei und
-Whisky mit hinüber genommen.«
-
-»Von welchem Stamme waren sie?«
-
-»Wahrscheinlich Chocktaws, von denen halten sich stets einige hier in der
-Nähe auf. Doch erst bringen Sie den Handel in Richtigkeit; denn ist dem
-wirklich so, wie Sie glauben, und hat der gute Mann kein recht reines
-Gewissen, so wird er sich schwerlich lange in der hiesigen Nachbarschaft
-aufhalten, sondern seine Beute in Sicherheit bringen wollen. -- So --
-hier dieses Papier geben Sie nur an Mr. Beaufort, er mag den Kauf für mich
-abschließen; meine Frau ist doch jetzt ganz allein und kennt die Indianerin
-auch schon, die Beiden werden sich sicherlich recht gut vertragen.«
-
-»_Doch_, bester Richter, ich muß ein anderes Pferd haben; können Sie mir
-ein's verkaufen?«
-
-»Was wollen Sie d'ran wenden?« frug dieser; denn ein Amerikaner läßt nie
-eine Gelegenheit ungenutzt vorüber, wo er hoffen darf einen Pferdehandel zu
-machen.
-
-»Vierzig Dollar bleiben mir, das Nothwendigste abgerechnet, über.«
-
-»Gut -- ich schaffe Ihnen ein Pferd, aber heute Abend können Sie unmöglich
-noch fort.«
-
-»Gleich! --«
-
-»Unsinn, verderben Sie sich jetzt ihr Spiel nicht selbst durch Ihre Hitze;
-Abends acht Uhr hat der alte Beaufort seine Ladung Claret und geht zu Bett;
-erstlich ist es nachher ein Ding der Unmöglichkeit, ihn munter zu bringen,
-und geläng es Ihnen wirklich, so möchte ich die Laune sehen, in der er sich
-befindet. Vor neun Uhr morgen früh ist er nicht zu sprechen, und reiten Sie
-um acht Uhr hier fort, so treffen Sie ihn gerade beim Frühstück -- das ist
-die beste Zeit. Uebrigens habe ich Beaufort ersucht, die Zahlung drei Tage
-zu verzögern und Saise indessen an sich zu nehmen; vielleicht gelingt es
-mir doch noch, sie zu retten. Ich will morgen mit Beatty, einem unserer
-besten Advokaten hier, sprechen; giebt es eine Art und Weise, auf welche
-wir die Identität der Häuptlingstochter beweisen können, so wird der sie
-schon ausfinden.«
-
-Von neuen Hoffnungen erfüllt, ließ sich St. Clyde endlich durch die Gründe
-des Richters bewegen, auf seine Vorschläge einzugehen und die Nacht bei ihm
-zuzubringen. Als er aber am nächsten Morgen mit dem Brief, der Saise aus
-den Klauen jenes Buben retten sollte, auf der breiten Straße dahinsprengte,
-da ward er es sich erst selbst so recht bewußt und klar, wie er jenes
-unglückliche Mädchen liebe und wie es für ihn auf dieser Welt keinen
-weitern Frieden gebe, als den, den er an ihrer Seite finden konnte. Wohl
-war er arm und hatte Nichts, als seine eigene Kraft und Ausdauer; die
-Tochter der Wälder aber, an Entbehrungen von Jugend auf gewöhnt, würde sich
-wohl schwerlich zu dem civilisirteren Leben der Ansiedlungen zurückgesehnt
-haben, wenn er ihr wirklich, wie er es hoffte und glaubte, nicht
-gleichgültig war; nur erst frei mußte sie sein, frei wieder, wie der Vogel
-der Luft und der Hirsch der Prairie, und diese Angst von ihr genommen
-werden.
-
-Zu schnellerem Trab spornte er sein wackeres Thier an, als er des armen
-Mädchens gedachte, und unter den hohen, schattigen Magnolien flog er
-rasch und fröhlich dahin. Endlich erreichte er die Ansiedlungen des Fausse
-Riviere, durch das kleine Städtchen sprengte er mit verhängten Zügeln --
-an Plantage nach Plantage brauste er vorbei -- schon war er am
-»Poydras-College« vorüber und dort -- dort schimmerte ihm jetzt das hohe,
-glänzende Dach aus dem grünen, schwellenden Laub entgegen. Er hatte die
-Orangenhecke erreicht, sprang vom Pferd, hing den Zügel desselben über
-einen alten, halbverdorrten Feigenbaum und flog die Stufen hinauf, wo er
-wußte, daß Mr. Beaufort allmorgendlich sein Frühstück halte.
-
-»Hallo, St. Clyde,« rief ihm dieser freundlich entgegen, »das ist hübsch
-von Euch, daß Ihr wiederkommt, ich war gestern Abend ein bischen brummig,
-aber der verdammte Nigger hatte mich so geärgert. Nun, kommen Sie her
--- dahinten steht noch ein Stuhl -- Scipio, Canaille, kannst Du nicht
-aufpassen, wenn Gentleman einen Stuhl sucht,« unterbrach er sich dann
-selbst, um einem kleinen, bei Tisch aufwartenden Negerknaben vorher diese
-freundliche Ermahnung zukommen zu lassen.
-
-St. Clyde blickte ängstlich in dem Raum umher, in dem sonst zu dieser Zeit
-Gabriele und Saise nie gefehlt hatten.
-
-»Sie suchen meine Tochter?« frug Beaufort, den Blick bemerkend -- »ist
-nicht recht wohl heute Morgen, läßt sich entschuldigen.«
-
-»Und -- und Saise!«
-
-»Hören Sie, St. Clyde,« sagte der alte Beaufort, sein Messer niederlegend,
-»wenn wir gute Freunde bleiben sollen, so verderben Sie mir mein Frühstück
-nicht und lassen Sie die alte Geschichte ruhen. Die Sache ist abgemacht.«
-
-»Abgemacht? Um Gottes willen, wie? Ist Saise fort?«
-
-»Noch nicht, aber nun thun Sie mir den Gefallen und setzen Sie sich. Der
-Claret ist ausgezeichnet und das Beefsteak vortrefflich.«
-
-»Mr. Beaufort, ich habe diesen Brief vom Richter an Sie abzugeben; er läßt
-Sie dringend bitten, seinem Wunsche zu willfahren!«
-
-»Schön,« sagte Beaufort, das Schreiben, ohne es weiter anzusehen, unter den
-Teller schiebend, »wollen's nachher einmal untersuchen.«
-
-»Es hat Eile, Mr. Beaufort, es hängt das Glück eines Lebens davon ab,« bat
-St. Clyde.
-
-»Nun hab' ich's bald satt,« rief Beaufort halb lachend, halb ärgerlich;
-»glauben Sie denn, ich ließe der ganzen Welt zu Gefallen, mein Beefsteak
-kalt und den Claret warm werden? Was nicht bis nach dem Frühstück Zeit
-hat, bleibt ganz, das ist _mein_ Sprichwort, und nun setzen Sie sich, sonst
-werd' ich ernstlich böse.«
-
-St. Clyde sah wohl daß hier keine weiteren Vorstellungen halfen, er ließ
-sich also neben dem Pflanzer nieder, aber nicht möglich war es ihm einen
-Bissen über die Lippen zu bringen; ein paar Gläser Wein trank er, sein
-kochendes Blut abzukühlen, und ging dann unruhig in der von Blumen und
-Blüten durchdufteten Galerie auf und ab. Mr. Beaufort beendete indessen
-sein Frühstück in aller Behaglichkeit, schlürfte noch langsam den letzten
-Rest Wein hinunter, wischte sich dann den Mund ab, lehnte sich ein wenig im
-Stuhl zurück und sagte mit einem tiefen Athemzug:
-
-»So -- jetzt wollen wir ein bischen hinuntergehen und zusehen, wie --«
-
-»Aber der Brief --«
-
-»Ach ja so -- den hätt' ich beinahe vergessen, nun, was schreibt denn der
-Richter -- -- Lieber Freund -- interessire mich -- da ich dringend bedarf
--- Frau allein -- bitte Sie herzlich mir -- Saise -- beim Himmel wieder
-der verwünschte Nigger -- anzukaufen -- Unsinn, kommt zu spät -- wichtige
-Ursachen -- Auslieferung zu verschieben -- Unsinn, kommt zu spät, sag ich
--- ungemein verbinden -- vollkommenste Hochachtung und Freundschaft -- ja,
-thut mir leid -- kommt zu spät --«
-
-»Aber Sie sagten ja erst vor wenigen Secunden, daß Saise noch nicht fort
-sei? Wie ist es da möglich?«
-
-»Mein Overseer hat sie gekauft,« entgegnete ihm Beaufort, sich die Zähne
-stochernd; »jetzt wenden Sie sich an den und lassen Sie mich mit der Sache
-ungeschoren -- ich hab' es satt, noch länger mit dem Geschöpf geplagt zu
-werden.«
-
-»Aber, Mr. Beaufort, was um des Heilands willen hat Sie nur gegen die
-Unglückliche so hart machen können? Sie behandelten sie ja doch bis jetzt
-immer mehr wie ein Vater, als ein Fremder.«
-
-»Das ist es eben, Herr!« rief der alte Pflanzer entrüstet -- »das ist es
-eben; die Schande vor allen meinen Niggern erleben zu müssen; glauben Sie
-denn nicht, daß sich die Schufte halb todt lachen, weil ihr Herr mit einem
-von ihrer Race so lange an einem Tisch gegessen hat?«
-
-»_Wenn_ aber nun Saise wirklich aus rein indianischem Blute entsprossen
-wäre und Sie, ohne es zu wissen, ein Bubenstück unterstützt hätten?« frug
-St. Clyde, den alten Mann fest ins Auge fassend, »wenn nun jener Fremde
-mit schurkischen Genossen und der Hülfe eines Richters diesen Kaufbrief
-_geschmiedet_ hätte und durch Sie eine Unglückliche, die Sie bis jetzt für
-ihren zweiten Vater hielt, in namenloses Elend gestoßen wäre?«
-
-Beaufort sah den jungen Mann einen Augenblick starr an, dann aber
-schüttelte er ärgerlich mit dem Kopf und rief:
-
-»Thorheit -- Unsinn -- kommen Sie da mit einem ganzen Packet voll _wenn_
-und _aber_ und -- zum Donnerwetter, Herr -- lassen Sie mich jetzt mit
-ihren Lamentationen zufrieden, die Dirne ist verkauft -- ich habe den Brief
-selbst unterzeichnet und damit basta. -- Gehen Sie zum Overseer, wenn Ihnen
-so viel d'ran liegt, mit funfzig Dollar Profit wird er sie wieder ablassen
--- oder -- gehen Sie lieber einmal ins Feld und schicken Sie ihn mir
-herauf, ich habe etwas mit ihm zu sprechen.«
-
-Der alte Mann schritt ins nächste Zimmer und warf ärgerlich die Thüre
-hinter sich ins Schloß. Aber nicht mehr auf den jungen Creolen zürnte er,
-sondern auf sich selbst; zum ersten Mal wurde jetzt der Gedanke in ihm
-wach, daß er doch wohl zu voreilig gewesen und sich von seinem Jähzorn zu
-sehr habe hinreißen lassen. Das Geschehene ließ sich freilich nicht mehr
-ungeschehen machen, aber versuchen wollte er nun, ob er es nicht wenigstens
-verbessern könne. Er gedachte Saise zu kaufen und dann nachzuforschen,
-ob wirklich schwarzes Blut in ihren Adern rolle; bis dahin konnte sie ein
-kleines Haus für sich beziehen, und brauchte mit ihm und seiner Tochter
-nicht in Berührung zu kommen.
-
-Eine Stunde später stand Duxon mit Pitwell wieder am Ufer des Flusses.
-
-»Pitwell,« sagte der Erstere, »ich glaube doch, es ist besser, wir brechen
-schon morgen auf; den alten Beaufort scheint die Sache zu wurmen -- er wird
-bedenklich.«
-
-»Sollte er etwas merken?« frug Pitwell ängstlich.
-
-»Ein Wunder wär's nicht,« knirschte Duxon zwischen den zusammengebissenen
-Zähnen durch, »der Laffe war ja wieder hier und hat ihm wahrscheinlich in
-den Ohren gelegen. Denkt nur, er wollte mir die Dirne wieder abkaufen.«
-
-»Wer? Mr. Beaufort?«
-
-»Ja -- Beide -- erst der Gelbschnabel und dann, wie ich zum Herrn kam,
-dieser selbst. -- Er hatte, während ich mit ihm sprach, einen Brief in der
-Hand, und meinen Hals wollt ich verwetten, daß er vom Richter war. Da ich
-nun hier manche Kleinigkeit an der Kreide habe, so sehe ich gerade nicht
-ein, weshalb wir noch länger zögern sollten. Als ich ihm die Indianerin
-nicht verkaufen wollte, lief ihm wieder, wie gewöhnlich, die Galle über die
-Leber und er sagte, ich möchte in einer Stunde zu ihm kommen und mit ihm
-abrechnen, die Gelegenheit will ich benutzen; eine so schnelle Abrechnung
-erspart überhaupt manches Unangenehme. Meine übrigen Angelegenheiten kann
-ich alle bis morgen früh geordnet haben; bis dahin haltet Ihr Euch auch
-fertig; in vier Tagen müssen wir in Texas sein.«
-
-»Gut!« sagte Pitwell nachsinnend, »aber, Duxon, wir gehen dann in
-Gesellschaft -- ich -- ich habe noch einige Freunde, die mich hinter
-Fischer's Landung erwarten -- Ihr -- Ihr macht Euch ja doch wohl nichts
-daraus, ein wenig schnell zu reisen?«
-
-Duxon sah ihn scharf von der Seite an und frug nach kleiner Pause: »Darf
-ich dann aber auch wissen warum?«
-
-»Und gebt Ihr mir Euer Ehrenwort, daß Ihr schweigen wollt?« flüsterte
-Pitwell, sich vorsichtig umschauend.
-
-»Braucht Ihr mein _Ehrenwort_ dafür?« lächelte der Overseer.
-
-»Nun, ich sehe, Ihr versteht mich, Duxon,« fuhr der Yankee leise fort;
-»ich habe wieder ein kleines Geschäft im Gang, gerade so wie wir es damals
-betrieben. Ein reicher Pflanzer, vom andern Ufer des Mississippi, will
-seine Sklaven gern nach Texas schaffen, da sie in Louisiana zu vielen Werth
-für andere Leute haben, und er bezahlt mir hundert Dollar für den Kopf.
-Unterhalb Waterloo sind wir gestern morgen übergesetzt, und mit Hülfe
-zweier Gefährten habe ich sämmtliche Neger, hundert und funfzehn Mann, in
-den zwischen Fischer's Laden und dem Cutoff liegenden Sumpf gebracht
--- saht Ihr die drei, die heute Morgen hier vorbeizogen? Das waren die
-letzten. Sie haben sämmtlich falsche Pässe. Jetzt wißt Ihr Alles und seid
-Ihr gescheidt, so schließt Ihr Euch nicht allein an uns an, sondern nehmt
-Euch auch noch ein paar -- Begleiter mit. Hat denn Beaufort gar keine
-Neger, denen das Leben in Louisiana nicht länger gefällt? Ihr könnt ihnen
-ja sagen, es ginge in ein besseres Klima.«
-
-»Das wohl,« murmelte Duxon, in tiefem Sinnen vor sich hinstarrend; »aber
-Pitwell, die Sache hat einen andern und zwar sehr bösen Haken. Daß wir
-glücklich fortkommen, daran zweifle ich keinen Augenblick, für Waffen
-werdet Ihr auch schon gesorgt haben, doch -- wenn sich Texas nun an die
-Vereinigten Staaten schließt, wie es überall heißt, wie dann? Dann liefert
-uns die Regierung aus.«
-
-»Du lieber Gott,« lachte Pitwell, »wenn die Regierung darauf eingehen
-wollte, alle die auszuliefern, die irgend etwas verbrochen haben, wer
-sollte denn da das Land bebauen, Heerden ziehen oder gegen die Mexikaner
-und Cumanches fechten? Nein, Duxon, laßt Euch darüber keine grauen Haare
-wachsen, davor sind wir sicher. Das wissen die wackern Burschen auch
-recht gut, sonst hätten sie ja nie selbst für einen Anschluß an die Union
-gestimmt.«
-
-»Ich glaube, Ihr habt Recht,« sagte Duxon, »auf keinen Fall dürfte es
-schwer halten, weiter westlich zu ziehen, wo uns weder Texas, noch Onkel
-Sam[7] etwas anhaben kann; beistehen wird uns, sollte es so weit kommen,
-Mancher.«
-
- [7]: =Uncle Sam=, Scherzname der Vereinigten Staaten nach den
- Anfangsbuchstaben =United States=!
-
-»Sieben Achtel von Texas,« lachte Pitwell.
-
-»Nun gut denn, es sei; ist dem aber so, dann brechen wir morgen früh lieber
-vor Tagesgrauen auf, so daß wir etwa um zehn oder elf Uhr Alle beisammen
-sind. Verfolgung brauchen wir von hier aus nicht zu fürchten, denn Beaufort
-steht nicht so früh auf und ich werde schon dafür sorgen, daß er die
-Fehlenden irgendwo beschäftigt glauben soll. Wird aber Saise gutwillig mit
-uns gehen?«
-
-»Ist das eine Frage von einem Overseer; habt Ihr keine Peitsche?«
-
-Duxon lächelte und sagte höhnisch: »Ihr scheint nicht zu verstehen, wie man
-mit _Damen_ umgeht; doch -- ich habe ein anderes Mittel, ich nehme unsere
-kleine Gig und fahre. Als Entschuldigung mögen die Zurückbleibenden nachher
-dem Herrn sagen, natürlich nicht eher, als er darnach frägt, ich hätte
-meine Sachen an Fischer's Landung geschafft, wo stets Boote anlegen. Aber
-Pest und Gift, ich wollte doch heute bei meiner kleinen -- _Frau_ bleiben
-und werde nun bis morgen früh zu rennen und zu laufen haben, daß ich
-nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Nun beim Teufel, in Texas kann ich's ja
-nachholen, hahaha, sie wird wohl nicht böse darüber werden.«
-
-»Schwerlich!« sagte Pitwell trocken; »also jetzt an's Werk -- habt Ihr
-Waffen?«
-
-»Zwei Büchsen, ein Bowiemesser und drei paar Pistolen -- Ihr wißt, ein
-Overseer muß immer eine kleine Burg aus seinem Haus machen können.«
-
-»Gut, wenn Ihr einen Wagen nehmt, so mögt Ihr nur das Alles mitbringen
--- solche Sachen sind immer nützlich; aber dort kommt der junge Laffe die
-Allee herunter, der sich so gewaltig um die Indianerin anstellt. Die Dame
-vom Haus ist bei ihm; wie heißt sie?«
-
-»Gabriele, ein prächtiges Mädchen, schade, daß Ihr keinen Kaufbrief auf
-_die_ fabriciren könnt, die nähme ich auch.«
-
-Der Yankee warf ihm einen warnenden Blick zu und ging, um nicht weiter mit
-dem Overseer zusammen gesehen zu werden, am Fluß hinauf, während jener
-sein Pferd satteln ließ und auf's Feld hinausritt, dort eine gewisse Anzahl
-Neger aussuchte und diesen befahl, ihre Aexte zu nehmen, um an einem etwas
-entfernteren Theil des Waldes, den er ihnen bezeichnen würde, Holz
-zu fällen. Bald darauf verschwand er mit ihnen in dem die Plantage
-begrenzenden Sumpfland.
-
-St. Clyde und Gabriele schritten neben einander dem Flusse zu.
-
-»Um Gottes willen, Sir!« sagte die Jungfrau, als sie sich der äußeren
-Einfriedigung näherten, »was ist Ihnen? Sie scheinen in fürchterlicher
-Aufregung, so habe ich Sie nie gesehen.«
-
-»Ich muß fort,« flüsterte der junge Mann, die bleiche Hand fest gegen die
-heiße, fieberglühende Stirn gepreßt -- »ich muß fort -- muß Hülfe haben.
-Erst seit dieser unglückseligen Katastrophe fühle ich, wie ich --« er
-schwieg und wandte sich ab --
-
-»Wie Sie Saisen lieben,« flüsterte Gabriele mit leiser, tonloser Stimme
-und blickte starr zu dem Creolen auf, »nicht wahr, St. Clyde -- Sie -- Sie
-lieben die Indianerin.«
-
-»Ja, Miß Beaufort -- ja -- warum sollt ich es Ihnen auch verschweigen,«
-sagte da plötzlich St. Clyde, der stehen blieb und fest in die Augen der
-erbleichenden Jungfrau schaute, »warum sollt ich mich, Ihnen gegenüber,
-scheuen es zu gestehen. Sie waren der Unglücklichen Freundin, so lange
-sie unter Ihrem Schutze stand -- Sie sind selbst gegen mich, den fremden,
-heimatlosen, armen Wanderer immer nur gütig und liebevoll gewesen -- Ihnen
-will ich vertrauen und Sie werden mich auch, so weit es in Ihren Kräften
-steht, unterstützen.«
-
-»Gewiß -- gewiß,« sagte mit kaum hörbarer Stimme Gabriele -- »aber -- aber,
-wenn nun Saise -- doch eine -- eine Negerin wäre? Wenn nun -- ach Gott --
-zürnen Sie mir nicht, ich weiß nicht, was ich rede; nein, nein -- Saise ist
-frei -- muß frei werden und -- glücklich.«
-
-Sie barg ihr Angesicht in den Händen und die hellen, klaren Thränentropfen
-quollen zwischen den zarten Fingern hindurch.
-
-»O, Miß Beaufort!« rief St. Clyde gerührt, »Sie sind so gütig gegen die
-Unglückliche, wie werde ich Ihnen das je danken können?«
-
-Gabriele sammelte sich gewaltsam. »Was wollen Sie thun -- was ist Ihr
-Plan?« frug sie schnell; »wie glauben Sie Saise retten zu können, da Sie
-mir selber sagten, jener Bube habe sie an Duxon verkauft und dieser sich
-mit meinem Vater überworfen. Was können Sie gegen jene Elenden ausrichten,
-die die Gesetze auf ihrer Seite haben?«
-
-»Nichts mehr _durch_ die Gesetze,« sagte St. Clyde mit unterdrückter
-Stimme -- »Alles _ohne_ sie. Der Richter hat mir gestern gesagt, daß am
-Mississippi ein Trupp von Chocktawjägern lagere, die müssen mir beistehen;
-kann ich sie nicht dadurch gewinnen, daß sie eine Tochter ihrer eigenen
-Race von Sklaverei retten sollen, sind sie so verderbt, daß selbst _das_
-keinen Eindruck mehr auf sie macht, dann steht mir ein anderes, für sie
-kräftigeres Mittel zu Gebote -- der _Whiskey_. Ein Grenzindianer ist ja
-durch Whiskey zu jeder Schlechtigkeit zu bewegen, warum nicht auch einmal
-zu einer guten That -- es ist das _letzte_ Mittel.«
-
-»Aber die Gefahr, der Sie sich aussetzen?«
-
-»Gefahr? Giebt es denn eine Gefahr, wo ich nur sterben kann? Nein,
-Miß Beaufort -- _ohne_ Saise, wenn ich sie glücklich wüßte, hätte ich
-vielleicht leben können; mit dem Gefühl aber, daß sie, dem entsetzlichsten
-Verderben preisgegeben, in schmachvollen Fesseln schmachten, die freie
-Tochter der Wälder eine Sklavin -- nein -- nein -- Leben wäre da Wahnsinn.
--- Aber ich muß fort -- die kostbare Zeit verfliegt -- Duxon hat sich mit
-Ihrem Vater gezankt und will fort; die ganze Ansiedlung spricht davon,
-wie er ihn betrogen und sich in den wenigen Jahren, die er hier sei, ein
-Vermögen gewonnen, er wird deshalb nicht säumen, das in Sicherheit zu
-bringen, und geht er zu Schiffe, vielleicht nach New-Orleans, dann wäre
-es unmöglich, den Einzelnen in der ungeheueren Stadt wiederzufinden. Doch
-jetzt meine Bitte, wollen Sie sich Saisens annehmen?«
-
-»Wie kann ich es?« erwiederte mit ängstlich gefalteten Händen Gabriele --
-»Sie ist Duxon's Eigenthum.«
-
-»Ich weiß es, aber Sie haben vielen Einfluß auf Ihren Vater, selbst auf
-jenen Buben; es ist die Gewalt, die stets die Tugend über das Laster übt,
-die Scheu, die der Böse dem Guten gegenüber nicht überwinden kann. Dringen
-Sie darauf, daß Saise ihm heute noch nicht ausgeliefert werde, oder daß
-sie, wenn Sie das nicht verhindern können, diese Nacht noch bei Ihnen, oder
-wenigstens unter dem Schutze jener alten Negerin zubringe.«
-
-»Sie wollen sie entführen?« frug Gabriele bestürzt.
-
-»Nein,« sagte St. Clyde düster, »ihr Kaufbrief würde in den Händen jenes
-Buben, Saise aber in dem Gedanken daran stets elend bleiben; nein -- ich
-muß den _Brief_ in meine Gewalt bekommen; die Gesetze wollen mir nicht
-beistehen, so mag Gott es thun. Versprechen Sie Saisen so lange zu
-beschützen?«
-
-»Ja,« flüsterte Gabriele und reichte ihm mit abgewandtem Antlitz ihre Hand
--- »und Sie wollen?«
-
-»Saise retten oder -- sterben,« erwiederte fest der junge Creole.
-
-»Und dann -- wenn Sie -- wenn Saise die Ihrige ist? --«
-
-»Such ich ein fernes Land, wo nicht Menschen wie Thiere verkauft und
-mißhandelt werden; ich stamme aus Frankreich -- meine Familie soll zu den
-edelsten des Landes gehören; dorthin kehre ich zurück.«
-
-»Mit Saise?«
-
-»Mit meinem Weibe.«
-
-»So leben Sie wohl, St. Clyde, leben Sie wohl; möge Gott Sie schützen und
-schirmen!«
-
-Sie rief's und eilte schnellen Schrittes zum Hause zurück. Auf der Stelle
-aber, wo sie gestanden, lag die weiße Rose, die noch eben an ihrer Brust
-geruht. St. Clyde hob sie auf, küßte sie, barg sie an seinem Herzen, eilte
-dann zu seinem Pferd, schwang sich in den Sattel und sprengte in schnellem
-Galopp die Straße am Strom hinauf. Dort aber angelangt, hielt er sich
-nicht länger auf, als nöthig war die gewöhnliche Flatbootfähre in Stand zu
-setzen, um ihn und sein Roß ans andere Ufer zu bringen, und bald schwamm
-das kleine Boot, von vier rüstigen Armen getrieben, auf der breiten Fläche
-des gewaltigen Stromes dem östlichen Ufer zu.
-
-»Sind gestern Indianer auf dieser Fähre übergesetzt?« frug er nach einer
-Weile den älteren der Beiden, der der Eigenthümer des Fahrzeugs zu sein
-schien.
-
-Dieser sah ihn an und lachte.
-
-»Nein,« sagte er, »habt Ihr schon einmal davon gehört, daß sich ein
-Indianer auf einer Fähre übersetzen läßt? ich nicht; _das_ Geld können sie
-besser gebrauchen; dafür giebt's Whiskey, und wo das rothe Volk für _den_
-Zweck einen Cent ersparen kann, da quält es sich lieber tagelang auf seine
-eigene Art -- das heißt nicht etwa mit Arbeit.«
-
-»Also sie sind nicht hier herüber?« frug St. Clyde erschreckt.
-
-»Doch, allerdings,« entgegnete ihm der Jüngere, »nur nicht auf der Fähre
--- sie saßen Alle in zwei kleinen Canoes, die sie mit von drüben
-herübergebracht, und ließen ihre Pferde am Zügel oder Stricken
-hinterherschwimmen.«
-
-»Und glaubt Ihr, daß ich sie finden werde?«
-
-»Ich sollte nicht denken, daß es schwer halten wird. Sie hatten, wie mir
-Ben sagte, der von oben herunterkam, eine große Menge Whiskeyflaschen bei
-sich, und da sind sie heute wahrhaftig nicht mehr auf die Jagd gegangen.
-Ein kleines Stückchen weiter oben landeten sie, und wenn Ihr Euch nur
-zu dem Haus dort, was Ihr da durch die Weiden und Baumwollenholzbäume
-schimmern seht, bemühen wollt, so denk ich, werden sie Euch da wohl auf die
-rechte Spur bringen.«
-
-Das Boot legte sich in diesem Augenblick am Ufer an, St. Clyde führte sein,
-vorsichtig mit den Hufen nach festem Grund suchendes Pferd hinaus, drückte
-dem Jüngeren, der ebenfalls ans Land gesprungen war, um mit dem Tau die
-Fähre zu halten, das Ueberfahrtsgeld in die Hand, schwang sich in den
-Sattel und trabte rasch dem nicht fernen niederen Wohngebäude zu, das,
-dicht am Fluß errichtet, für den Augenblick noch von hohem üppigen
-Waldwuchs umgeben war, aus welchem aber der neue Ansiedler gerade die
-künftigen Mittel seiner Existenz -- Klafterholz für Dampfboote heraushauen
-wollte.
-
-Der Backwoodsman stand in der Thür.
-
-»Guten Tag, Sir,« rief ihm St. Clyde entgegen, »habt Ihr Nichts von den
-Indianern gesehen, die gestern, unfern von hier, übersetzten?«
-
-Jener horchte, ohne ein Wort auf die Frage zu erwiedern, in den Wald hinein
-und verharrte in dieser Stellung wohl mehre Minuten. St. Clyde jedoch, der
-glauben mochte, daß er seine Frage ganz überhört habe, wiederholte dieselbe
-und bat um Antwort. Wie aus Stein gehauen blieb aber der Amerikaner stehen,
-bis der junge Mann endlich ein ungeduldiges »aber Sir« nicht länger zu
-unterdrücken vermochte.
-
-»Könnt Ihr einen Mann finden, wenn er im Walde sitzt und schreit, was aus
-der Kehle will?« kam jetzt die Gegenfrage, das ziemlich sichere Zeichen des
-Neuengländers.
-
-»Wenn ich nahe genug bin, es zu hören, warum nicht?« rief der Creole
-unmuthig; »aber ich frug Euch, ob Ihr die Indianer --«
-
-»Dort, drin im Walde schreien sie,« sagte der Amerikaner trocken und
-deutete mit seiner kurzen, aus Schilf geschnitzten Tabackspfeife einen
-schmalen Kuhpfad entlang, der gerade in das Dickicht hineinlief.
-
-»Die Indianer?« frug St. Clyde erstaunt.
-
-»Ahem!« nickte jener und fuhr dann, ohne des Fremden weiter zu achten, mit
-Rauchen fort. Der Creole aber, der jetzt einen Augenblick in den stillen
-Wald hineingelauscht hatte, glaubte ebenfalls wild verworrene Töne zu
-hören, rief dem Manne einen kurzen Dank zu und sprengte, so schnell es
-ihm das ziemlich dichte Unterholz gestattete, auf das Toben zu, das immer
-lauter und deutlicher zu ihm herüberschallte. Nach kurzem Ritt erreichte er
-eine Waldblöße, dicht am Rande eines kleinen seeartigen Sumpfes, der durch
-die Ueberschwemmung des Mississippi zurückgeblieben und noch nicht
-ganz wieder ausgetrocknet war, und sah hier ein so pittoreskes als
-eigenthümliches Schauspiel vor sich.
-
-Auf dem üppigen Grasboden ausgestreckt, von einem Halbkreis glimmender,
-qualmender Feuer umgeben, deren Rauch über sie hinzog und dazu dienen
-sollte, die unzähligen auf sie einstürmenden Musquitos abzuhalten, Manche
-mit, Andere ohne ihre Jagdhemden, jeder aber eine ziemlich geleerte
-Whiskeyflasche in der Hand, lagen jubelnd und schreiend, alte Schlacht-
-und Kriegslieder und neu gelernte französische und englische Melodien mehr
-brüllend als singend, sieben rothhäutige Jäger unter den riesenhaften,
-himmelanstrebenden Baumwollenholzbäumen der Niederung und der Eine, der
-der Führer der Bande und noch am nüchternsten zu sein schien, hatte zum
-Tactstock sein spitzes Scalpirmesser genommen, und stach damit fortwährend
-in ziemlich regelmäßigen Zwischenräumen in den grünen Rasen, auf dem er,
-das Antlitz den luftigen Wipfeln zugekehrt, lag, während ihn die Uebrigen
-nicht allein mit ihren Stimmen, sondern auch, ziemlich Alle in derselben
-Stellung oder Lage, mit Hacken und Faust accompagnirten; jeder natürlich
-seiner eigenen ohrenzerreißenden Melodie dabei folgend.
-
-Der Führer der Bande entdeckte, wie es schien, den Fremden zuerst; ohne
-sich aber weiter zu regen, als nöthig war, ihn mit einem flüchtigen Blick
-von oben bis unten zu messen, hielt er ihm, während ein mattes, trunkenes
-Lächeln seine Züge überflog, die Flasche entgegen und stammelte:
-
-»Hier -- Fremder -- hier -- trin -- trinkt einmal!«
-
-»Großer Gott!« stöhnte St. Clyde, erschüttert auf die halbbewußtlosen
-Gestalten der Wilden blickend, »großer allmächtiger Gott -- sind das die
-Menschen, von denen ich mir Hülfe versprach? -- Verloren -- verloren --
-Alles -- Alles verloren!«
-
-Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und saß mehre Secunden lang in
-stillem, sprachlosem Schmerz versunken.
-
-»Trinkt -- =dam it=,« rief der Führer noch einmal -- »denkt Euch zu gut mit
-Indian aus einer Flasche zu trinken, mit armen Indian, eh? Armer Indian
-ist großer Häuptlings Sohn -- =go to Hell=!« Er sank wieder zurück an die
-Wurzel des Baumes und begann seinen Gesang von Neuem.
-
-Der Creole sprang vom Pferde und schritt mit untergeschlagenen Armen und
-fest auf den Boden gehefteten Blicken neben den trunkenen Jägern auf und
-ab, während der wilde Führer mit gläsernen stieren Augen zu dem grünen
-Waldesdom emporblickte und die Verse eines indianischen Schlacht- oder
-Siegesliedes sang:
-
- Ich erschlug den Häuptling der Muskokee;
- Sein Weib -- dort am Stamme verbrannt' ich sie,
- Und bei den Hinterbeinen darauf
- Hing ich den Lieblingshund ihm auf.
- Huh -- huh -- huh, vom Muskokee
- Wah, wah, wah, den Scalp hier sieh!
-
-Bei dem Namen der Muskokee blieb St. Clyde lauschend stehen -- er wußte,
-daß die Riccarees, selbst noch in letzterer Zeit, manche blutige Schlacht
-mit diesem Stamme geschlagen hatten; aber auch die Chocktaws und Muskokees
-bekämpften sich -- das Kriegslied mußte von diesen sein; dennoch wandte er
-sich an den jungen Häuptling und sagte:
-
-»Welchem Stamm gehörst Du an, bist Du ein Chocktaw?«
-
-Der Indianer sang, ohne die Frage zu beachten, weiter --
-
- Ich streift' ihm den Schädel ganz nackt und baar,
- Und hier ist sein Scalp, mit der Scalplockehaar,
- Sein Fleisch ist in des Panthers Magen,
- Seine blutigen Knochen die Wölfe nagen,
- Huh, huh, huh, vom Muskokee,
- Wah, wah, wah, den Scalp hier sieh!
-
-»Bist Du ein Chocktaw, Indianer?« frug der Creole jetzt dringender, indem
-er sich zu ihm niederbog und die Hand auf seine Schulter legte; »rede --
-bist Du ein Chocktaw?«
-
-Der Wilde murmelte einen nur halbverständlichen Fluch und fuhr fort:
-
- Seine Sehnen brauch ich zur Bogenschnur,
- Wenn ich folge der einzelnen Feinde Spur,
- Und es zittert der weibische Muskokee,
- Wie ein Rohr im Orkan, vor dem Riccaree
- Huh, huh, huh, vom Musko --
-
-»Was beim Teufel habt Ihr?« unterbrach er sich da plötzlich selbst,
-als St. Clyde, bei der Nennung jenes Stammes überrascht, mit dem
-Ausruf freudigen Erstaunens: »Ha! Riccaree! -- Ihr seid ein Riccaree!«
-emporzuckte.
-
-»Ihr seid ein Riccaree?« wiederholte er dann nach kurzer Pause noch einmal.
-
-»Nun gut -- was soll's?« war die kurze Antwort des Indianers, der
-sich indeß bestrebte, die durch die Unterbrechung verlorene Melodie
-wiederzufinden, während er gedankenlos dazu mit den Füßen auf dem Grasboden
-trommelte.
-
-»So müßt Ihr mit mir kommen und ein Kind Eures Stammes retten, das sich in
-dringender Gefahr befindet.«
-
-»Mein Stamm ist in Missouri,« murmelte der rothe Sohn der Wälder und summte
-dann wieder leise vor sich hin:
-
- Seine Sehnen brauch ich zur Bogenschnur,
- Wenn ich folge der flüchtigen Feinde Spur --
-
-»Aber sie haben es geraubt!« rief St. Clyde in Verzweiflung. »Mensch, hat
-denn dieser teuflische Whiskey Deine ganzen Sinne verbrannt, daß Du kein
-Mitleiden, kein Gefühl mehr hast?«
-
-»Keinen Whiskey mehr hast?« wiederholte mit lallender Zunge der Jäger --
-»nein -- nichts mehr, nur ein bischen -- gebt welchen.«
-
-»Ha,« sagte der Creole, von einem glücklichen Gedanken ergriffen, »Du
-sollst Whiskey haben, ein ganzes Faß voll, aber komm jetzt mit mir und
-stehe mir bei.«
-
-»Faß voll Whiskey?« murmelte der Indianer, sich halb aufrichtend - »ganz
-Faß voll?« Der Gedanke war zu großartig für ihn, er vermochte nicht ihn auf
-einmal zu fassen. Das Chor der Gefährten brach zuletzt wieder in einen so
-brüllenden Schlachtschrei aus, wobei sie mit den Armen wild in der Luft
-herumfochten, daß ein alter Alligator, der sich kaum hundert Schritte von
-ihnen entfernt auf einem im Wasser schwimmenden Stamme sonnte, erschreckt
-emporsah und dann geräuschlos in das ruhigere Element zurückglitt.
-
-»Faß voll Whiskey?« wiederholte der Indianer nach langer Pause. »Viel
-Whiskey das -- kommt!« und er versuchte sich, wenn auch vergebens,
-emporzurichten.
-
-Der Creole unterstützte ihn nun zwar und brachte ihn mit genauer Noth
-dahin, daß er aufrecht stehen blieb; was aber half ihm das? Was sollte er
-mit dieser bewußtlosen Masse von Gier und roher Sinnlichkeit beginnen? War
-das der Mann, der ihm helfen konnte die Geliebte zu befreien? Er ließ
-ihn los und der junge Häuptling taumelte, mit auf die Brust gesenkter
-Unterkinnlade, an den nächsten Baum an.
-
-»Arme Saise!« seufzte St. Clyde.
-
-»Ais?« stammelte der Indianer mit schwerer Zunge -- »Ais? Wer spricht von
-Nedaunis-Ais? Sie ist todt -- Whiskey will ich -- Whiskey!«
-
-»Whiskey!« jubelte die Bande, die das letzte laut ausgestoßene Wort
-vernommen -- »Whiskey, hupih!«
-
-»_Nedaunis-Ais?_ Du kennst sie?« rief der Creole und sprang auf den
-Taumelnden zu.
-
-»Laßt mich oder ich stoße Euch Eisen in Leib,« knurrte der Wilde -- »=dam
-you=!«
-
-»Nedaunis-Ais _lebt_,« donnerte aber Jener, die Drohung nicht achtend, fort
--- »sie _lebt_ und _Du_ sollst mir helfen, sie zu _retten_ --«
-
-»_Lebt? retten? wo?_« rief der Trunkene, jetzt augenscheinlich bemüht, den
-klaren Sinn der Worte zu fassen, während seine starren Augen fest auf dem
-Fremden hafteten.
-
-Mit kurzen Worten erzählte nun St. Clyde dem aufmerksam Lauschenden die
-Geschichte der Indianerin, während dieser mit fest gegen die Schläfe
-gepreßten Händen dastand und jede Sylbe von seinen Lippen sog. Endlich
-aber, als er anfing zu begreifen, um was es sich handele, und als das
-Schicksal der Unglücklichen in klareren, entschiedneren Farben vor ihm
-auftauchte, da faßte er, von Grimm und Wuth entbrannt, die Flasche, die,
-noch immer ein Drittheil gefüllt, neben ihm lag und schmetterte sie mit
-wildem Wurf gegen den nächsten Stamm.
-
-»Gift -- Gift -- Gift!« schrie er dabei -- »die Schwester verkauft und ich
-trunken -- Gift -- Gift, der Weißen Feuerwasser -- Gift -- Whiskey!«
-
-»Whiskey! hupih!« jubelten die von der Schaar, die noch Besinnung genug
-übrig behalten hatten, die letzten Worte zu verstehen.
-
-»Aber, halt -- halt!« rief der junge Indianer plötzlich, indem er sich die
-langen, schwarzen Haare aus der Stirn strich, »noch ist nicht zu spät --
-noch ist Zeit« -- und sein Jagdhemd und seine Leggins abwerfend, sprang er
-mit einem Satz von dem, an dieser Stelle mehre Fuß hohen Ufer in das Wasser
-hinab, tauchte mehrmals unter und kam dann ans Land geschwommen. Hier lief
-er, ohne sich die Mühe zu nehmen, seine Sachen erst wieder anzuziehen, in
-den Wald hinein, aus dem er nach kaum einer Viertelstunde auf dem Rücken
-eines kleinen schnaubenden Poneys zurückkehrte. Seine Kleider und Waffen
-waren bald zusammengerafft und fast eher noch, als der Creole sein Pferd
-besteigen konnte, winkte er ihm schon zu folgen.
-
-»Aber Deine Kameraden,« sagte St. Clyde jetzt, »was können wir zwei allein
-ausrichten!«
-
-»Komm,« sagte der Sohn der Wälder, »komm; willst Du bis morgen bleiben,
-um sie mit lallender Zunge sprechen zu hören -- _mehr Whiskey_ -- _mehr
-Whiskey_? Es sind Chocktaws -- ich muß fort -- Du kommst mit -- wir zwei
-genug --«
-
-Er wartete gar keine weitere Antwort seines Begleiters ab, sondern sprengte
-mit verhängten Zügeln dem Mississippi zu, warf sich hier noch einmal in die
-Flut, die Wirkung des Feuertranks zu vernichten, und holte dann, nachdem
-er seine wenigen Kleidungsstücke wiederangelegt, ein verborgen gehaltenes
-Canoe aus dem Gebüsch. St. Clyde mußte sich in die Mitte desselben setzen,
-und an beiden Seiten eines der Pferde mit dem Zügel unterstützen, während
-er selbst das Boot schnell und geschickt über den breiten reißenden Strom
-ruderte.
-
-So lange aber war St. Clyde, zuerst von dem Indianer und dann durch das
-Ueberfahren aufgehalten worden, daß die Sonne schon unterging, als sie
-eben das westliche Ufer erreichten, und der Creole mußte nun die Leitung
-übernehmen, und führte den so zufällig gefundenen Bruder Saisens zu dem
-Richter. Unterwegs erzählte ihm dabei Wetako, der Name des Riccaree, daß er
-damals seine entführte Schwester verfolgt und den schändlichen Räuber
-auch eingeholt und erschlagen habe, vergebens aber war sein Monate langes
-Umherstreifen gewesen, eine Spur der Geraubten selbst zu finden, die durch
-die teuflische List jenes Buben seinem rettenden Arm entzogen worden.
-In Verzweiflung darüber hatte er sich endlich einer Schaar von Chocktaws
-angeschlossen, die in den Wäldern Louisianas jagten und das erlegte Wild in
-die benachbarten kleinen Städte schafften. Durch Lebensüberdruß und Schmerz
-aber gleichgültig gegen Alles gemacht, was er sonst hoch und theuer hielt,
-ergab er sich dem Trunk und folgte dabei nur dem Beispiel seines ganzen
-unglücklichen Stammes.
-
-Das doppelte Bad und der jähe Schreck der theils freudigen, theils
-schlimmen Nachricht von dem Leben und der Noth seiner Schwester hatte aber
-jede Spur von Rausch verdrängt; der Indianer, der kalte, besonnene Wilde
-war wieder in ihm erwacht, und mit schnellem Blick übersah er die Gefahren,
-die das Wesen, das er auf Erden am meisten liebte, bedrohten. Zwar kannte
-er nicht die Gesetze der Weißen, aber er wußte, wie schwer, ja wie für
-einen Indianer fast unmöglich es sei, etwas zurückzuerhalten, auf das sie
-erst einmal ihre Hand gelegt, und schien auch von vorn herein gar keinen
-andern Gedanken gehabt zu haben, als Saise durch List oder Gewalt zu
-retten; beides galt ihm gleich, so es nur zum Ziele führte.
-
-Dunkele Nacht war's, als sie das Haus des Richters endlich erreichten;
-wichtige Veränderungen schienen aber in den wenigen Stunden vorgegangen.
-Von den Grenzen des nördlich liegenden Mississippistaates herüber hatten
-sich einzelne Constabel eingefunden, die einen Pflanzer wie seinen
-Helfershelfer verfolgten. Bis nach Waterloo mußten die Flüchtigen auch
-zusammengeblieben sein, von da an schienen sie sich aber getrennt zu haben,
-und zwei der Nachgesandten jagten am Ufer des Flusses hinab, dort alle
-Anstalten zu treffen, ihre weitere Flucht aufzuhalten, während die Uebrigen
-der allerdings stärkeren Spur stromauf folgten, um die Entflohenen wo
-möglich daran zu verhindern, sich in das Innere des Landes zu wenden und
-die texanische Grenze zu erreichen.
-
-Des Richters Verdacht aber, dem ebenfalls Meldung geworden, war
-augenblicklich auf den Fremden gefallen und er hatte noch spät am
-Nachmittag Boten an den Fausse Riviere gesandt, um diesen jetzt, nicht
-wegen der Indianerin, sondern als Ausrede auf den Verdacht hin mit jenen
-Negerdieben im Bunde zu stehen, verhaften zu lassen. Dadurch hoffte er zu
-gleicher Zeit der Wahrheit auf die Spur zu kommen, ob Saise Sklavin oder
-nur schändlich ihrem Stamme geraubt sei.
-
-St. Clyde drang nun darauf, einen Aufschub der Auslieferung Saisens zu
-erhalten, wozu sich der Richter jetzt ebenfalls gern bereit zeigte,
-nur mußte dazu die Rückkunft des Deputysheriffs erwartet werden, da der
-Obersheriff stromauf, die beiden Constabel aber stromab beschäftigt waren,
-und der Creole sah sich zu seinem größten Verdruß gezwungen, dessen Ankunft
-zu erharren. Zwar erbot er sich, das Schreiben selber mit hinüber
-zu nehmen; das wäre aber nicht rechtskräftig gewesen und der Richter
-vertröstete ihn damit, wie die wenigen Stunden sicherlich keinen
-Unterschied machen würden, da er ja trotzdem noch mit Tagesanbruch an
-dem Fausse Riviere sein und das arme Mädchen vor dem Fortschleppen in die
-Gefangenschaft bewahren könne. Aber der Deputysheriff kam nicht -- Stunde
-auf Stunde warteten sie und ängstigten sich, und der Richter rief endlich
-verdrießlich:
-
-»Die Pest über den Burschen -- ich werde mich noch gezwungen sehen darauf
-anzutragen, daß der Sheriff diesen liederlichen Fritz Haydt entläßt; es ist
-gar nichts mehr mit ihm anzufangen; er trinkt sich voll, läßt sich von den
-Mulattinnen an dem Fausse Riviere zum Narren haben und versäumt dann seine
-Pflicht.«
-
-»Ich will ihm entgegengehen,« bat St. Clyde, »vielleicht zögert er
-unterwegs --«
-
-»Das würde Ihnen wenig helfen,« meinte der Richter, »denn _wenn_ er zögert,
-so finden Sie ihn nicht, seine Vergnügungsörter hält er ziemlich geheim.
-Kommt er aber nicht bis morgen früh, so reite ich selbst mit Ihnen hinüber
-und dann machen wir die Sache gleich zusammen ab.«
-
-In Angst und peinlicher Erwartung verbrachten sie die Nacht, und nur der
-Riccaree konnte nicht begreifen, weshalb sie eigentlich zögerten, und
-wollte fortwährend aufbrechen, die Schwester zu befreien und zu rächen.
-
-Da -- es mochte zwei Uhr vorüber sein und das Schweigen der Frösche
-verkündete den nahenden Morgen -- klopfte etwas mit heftigen Schlägen an
-die Thür der Wohnung; der wachthaltende Sklave öffnete, und die Treppe
-herauf stürmte nicht der Deputysheriff, sondern der Constabel, mit wenigen
-Worten jetzt meldend, daß, sicherer Kundschaft zufolge, jener Pitwell der
-besoldete Entführer der sämmtlichen Plantagenneger sei, und auch an dem
-Fausse Riviere nicht mehr gefunden werden könne. Aber Beaufort's Overseer
-müsse ebenfalls mit ihm unter einer Decke stecken, denn auch er sei,
-wahrscheinlich gewarnt, mitten in der Nacht nebst der erst angekauften
-Indianerin aufgebrochen, die ihm aber keineswegs gutwillig gefolgt, sondern
-in einer gewöhnlichen Negerkette forttransportirt wäre.
-
-»Wah! --« rief Wetako, von der Erde emporspringend, auf der er
-niedergekauert bis jetzt gesessen hatte -- »fort -- fort -- wir müssen
-fort.«
-
-Auch St. Clyde griff nach seinem Hut und wollte ihm folgen; der Richter
-trat ihnen aber in den Weg und bat sie noch einen Augenblick zu verweilen.
-Dann stellte er ihnen vor, wie sie durch Gewalt wenig oder gar nichts
-ausrichten könnten, bis nicht eine hinlängliche Anzahl von Pflanzern
-versammelt sei, die ihnen dann gemeinschaftlich folgen müßten; das würde
-aber natürlich wenigstens bis morgen Mittag dauern, und er wolle sie
-deshalb zugleich bitten, ihre Kräfte mit denen seiner Constabels zu
-vereinen, um alle Pflanzungen so schnell wie möglich von dem Vorfall
-in Kenntniß zu setzen. Werde die Rettung auch dadurch um wenige Stunden
-verzögert, so sei sie aber auch mit so viel mehr Gewißheit vorauszusehen.
--- Davon wollte aber weder der Creole noch der Indianer hören.
-
-»Nein,« rief der Letztere, »Nedaunis-Ais in Ketten, und Wetako mit Messer
-und Büchse auf der Spur -- wir wollen fort!«
-
-»Um Gottes willen -- begeht keinen Mord!« rief der Richter ihnen
-erschrocken nach -- »Ihr kennt unsere Gesetze nicht -- lebenslange
-Kerkerstrafe wäre die Folge.«
-
-Der Indianer lächelte grimmig vor sich hin, als er die Worte hörte.
-
-»Warum sperrt Ihr denn den Panther nicht ein, der Nachts Eure jungen Pferde
-raubt?« höhnte er -- »Wetako ist ein Mann und seine Fährten sind tief.
-Folgt ihm, wenn Ihr könnt!«
-
-Er sprang rasch in den Sattel, der Creole ebenfalls, noch einen Gruß warf
-der Letztere zu dem dabei auch ihn ängstlich warnenden Richter hinauf, und
-fort flogen sie in gestrecktem Galopp die Straße entlang und dem Orte zu,
-von wo aus der Overseer aufgebrochen, um dort zuerst die Spur aufnehmen zu
-können.
-
-Schon rötheten die ersten Sonnenstrahlen das dunkelgrüne Laub der
-rauschenden Cypressen, als die Reiter Beaufort's Plantage erreichten; hier
-war aber Alles in Aufruhr. Aus fast sämmtlichen benachbarten Ansiedlungen
-hatten sich die Pflanzer, mit Doppelflinten, Messern und Harpunen
-bewaffnet, eingefunden und _eine_ Abtheilung sollte schon, wie St. Clyde
-hörte, vorausgesprengt sein, die Flüchtigen wenigstens aufzuhalten. Die
-beiden Männer verweilten aber kaum lang genug hier, nur das Nothwendigste
-zu erfahren, frugen schnell, welchen Weg die Gig des Overseers genommen,
-und stürmten dann wie dunkele Rachegötter hinterdrein.
-
-Eben diese Gig war aber die Ursache gewesen, daß man auf der Plantage,
-früher als es Duxon gehofft, Verdacht schöpfte, da er seine Sachen noch an
-demselben Tage, unter der Adresse eines texanischen Handelshauses und
-mit einem gerade dort anlegenden Dampfboot, nach Houston gesandt hatte.
-Einzelne der Neger, die er sonst stets grausam und unmenschlich behandelt,
-meldeten dem Herrn ihre Vermuthungen, wie auch, daß eine gewisse Anzahl
-ihrer Mitsklaven, von denen die meisten des Overseers Spione gewesen,
-ebenfalls vermißt würden und allem Anschein nach entflohen wären.
-
-Duxon war überdies noch am vorigen Tage genöthigt gewesen, seine
-neuangekaufte Sklavin in der Obhut der alten Negerin zu lassen, da Gabriele
-fest darauf bestanden, und er durch zu starres Weigern Verdacht zu erregen
-fürchtete. Dies hielt in der Nacht seine Flucht auf, die er, durch einen
-Boten Pitwell's gewarnt, beschleunigen mußte, und so kam es denn, daß er,
-noch mehre Meilen von dem Versammlungsort entfernt, die gut berittenen
-Verfolger in voller Hetze hinter sich hörte. Kaum vernahm er aber die
-nachdonnernden Hufe auf der hartgetretenen Straße, als er, schnell das Bett
-eines kleinen, ebenfalls trockenen Baches benutzend, von dem Wege abbog.
-Die Neger waren nämlich schon auf Pferden, die sie ihrem Herrn oder den
-Nachbarn geraubt, der ihnen bezeichneten Gegend zugesprengt, und Duxon
-hatte gehofft sie schnell genug einholen zu können. Für den Augenblick
-gelang ihm auch diese Kriegslist vollkommen, denn die Pflanzer, wenig damit
-vertraut einer Fährte zu folgen, bemerkten die Abweichung der Wagenspuren
-nicht eher, bis es zu spät war, und folgten dann der ihnen durch die Neger
-selbst verrathenen Richtung, weil sie nicht umkehren wollten, die Zeit
-zu versäumen. Am Versammlungsort mußten sie ja später doch Aller habhaft
-werden.
-
-Duxon nun, mit jedem Fußbreit Landes in diesen Waldungen und Sümpfen
-vertraut, wußte, daß er, wenn er dem Rande eines kleinen Dickichts folge,
-eine ziemlich offene Holzung finden und nur mit den hindernden Wurzeln
-der Cypressen zu kämpfen haben würde. In kaum einer Viertelmeile von da
-durchschnitt aber eine andere, ebenfalls nach dem Cutoff[8] hinaufführende
-Straße den Sumpf, und sobald er diese erreichte, mußte ihn das aus der Spur
-aller Verfolger bringen.
-
- [8]: Eine Biegung des Mississippi ist so genannt, wo sich dessen
- Strömung eine neue, nähere Bahn gebrochen hat.
-
-Auf _einen_ Widerstand aber hatte er nicht gerechnet, auf den _Saisens_. So
-lange er sich nämlich in der Straße hielt, gab die Unglückliche noch immer
-nicht die Hoffnung auf, von dem Geliebten, denn auch sie hing mit ganzer
-Seele an dem jungen Creolen, eingeholt zu werden; jetzt aber, als sie sich,
-nur von den rauschenden Bäumen des Waldes umgeben, ganz in der Gewalt
-des Menschen fand, den sie, seit sie ihn zum ersten Mal gesehen, auch
-gefürchtet und verabscheut hatte, da glaubte sie ihr Schicksal besiegelt,
-und versuchte nun mit verzweifelter Anstrengung ihre Ketten zu zerreißen
-und sich zu befreien.
-
-»Sitz' still, zum Teufel!« brummte der Overseer, ohnedies nicht in der
-besten Laune, »oder ich klopfe Dir den Peitschenstiel auf den Schädel, daß
-Du Dich ruhig verhältst -- hörst Du?«
-
-Saise hielt einen Augenblick erschöpft inne, dann aber, auf's Neue ihre
-letzte Kraft versuchend, gelang es ihr, wenn auch nicht ihre Ketten, doch
-die Bande zu zerreißen, die ihre Hände niederhielt. In demselben Augenblick
-befreite sie sich auch von dem Knebel, den ihr der Bube der Vorsicht wegen
-angelegt hatte, und stieß nun, von Angst und Verzweiflung getrieben, einen
-Hülfeschrei aus, der so laut und plötzlich in die Ohren des vor die Gig
-gespannten Poneys dröhnte, daß dieses entsetzt zur Seite prallte und
-waldeinwärts rannte. Duxon aber, durch den Hülferuf Saisens ebenfalls
-erschreckt, konnte ihm nicht schnell genug in die Zügel fallen, ja diese
-entglitten sogar seiner Hand, und im nächsten Augenblick schnellte auch
-schon das leichte Fuhrwerk mit einem Rad an einer der Cypressenwurzeln
-hinauf und schlug, den Herrn wie seine Sklavin in ein benachbartes Dickicht
-schleudernd, um.
-
-Zorn und Rache im Blick sprang der Bube empor, das Poney nahm aber zuerst
-seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch -- die Gig enthielt Alles, was er an
-Vermögen besaß, und wenn ihm das Pferd entlief, war er verloren. Dem wild
-Stampfenden fiel er daher rasch in die Zügel, riß es auf die Hinterbeine
-zurück, daß sich der weiße Schaum mit dem Blut des wundgerissenen Maules
-vermischte, und richtete dann, während das erschreckte Pferd zitternd
-stille stand, mit riesiger Kraft die Gig wieder empor.
-
-Nun aber wandte sich auch seine ganze Wuth gegen die Ursache dieses
-Unfalls, denn Saise, von dem Sturz erst fast betäubt, hatte sich jetzt
-wieder gesammelt und ließ auf's Neue den gellenden Hülferuf erschallen.
-
-»Donner und Tod!« schrie er, flog auf die Zurückspringende zu und führte
-mit der umgekehrten und mit Blei gefüllten Peitsche einen Schlag nach ihrem
-Kopfe, der ihr denselben zerschmettert haben würde, wenn er sie traf; die
-gefesselten Arme aber emporhebend, fing sie den Streich auf, der an den
-Kettengliedern unschädlich niederstreifte.
-
-Duxon wollte den Schlag wiederholen, da tönte, wohl noch in weiter Ferne,
-aber klar und deutlich ein scharf ausgestoßener, wilder Laut durch den
-stillen Wald -- er hielt ein, um zu horchen, Saise aber schien in diesem
-Augenblick wie aus Stein gehauen, so starr und regungslos blickte sie nach
-jener Gegend hin, von woher der Ruf geklungen.
-
-»Ha, da kommen ihrer mehr, aber sie sind auf der Straße,« murmelte der
-Overseer vor sich hin; »Pest und Gift, die Sache wird gefährlich; komm,
-mein Täubchen, und sei jetzt vernünftig, der erste Schrei, den Du wieder
-ausstößt, ist Dein Tod!« Und mit den Worten bückte er sich, ergriff das
-einer Statue ähnliche Mädchen und wollte sie in das wieder geordnete
-Fuhrwerk tragen; bei seiner Berührung erwachte aber auch in dieses das,
-durch jenen Ruf fast erstarrte Blut; mit aller Gewalt, deren sie fähig war,
-schwang sie die leichte Kette, die ihre Handgelenke gefesselt hielt,
-empor und schlug sie gegen den Kopf ihres Räubers nieder, daß dieser sie
-halbbetäubt losließ und zurücktaumelte. Wieder aber erschallte da lauter
-und dringender als zuvor der Hülferuf der Unglücklichen, und Duxon, jetzt,
-durch Schmerz und Wuth zum Aeußersten getrieben, hörte kaum das antwortende
-und näher kommende Signal, als er auch sein breites Messer aus der Scheide
-riß, auf die entsetzt Zurückzuckende lossprang und ihr mit fest auf
-einander gebissenen Zähnen den scharfen Stahl in die Brust stieß.
-
-Zum Tode getroffen taumelte Saise nieder in das gelbe Laub, Duxon aber
-flog mit wilden Sätzen zum Wagen, riß eine große Brieftasche heraus, die
-er unter seiner Weste barg, schnitt die Stränge des Poneys durch, warf sich
-die Doppelflinte auf die Schulter, sprang auf das Pferd und verschwand im
-nächsten Augenblick im Dickicht.
-
-Kaum hatten sich aber hinter ihm, auf der einen Seite des kleinen freien
-Platzes die Büsche geschlossen, als auch schon an der anderen zwei Reiter
-auf schäumenden Rossen hervorbrachen, doch hier, wie von einem Blitzstrahl
-getroffen, entsetzt in ihre Zügel griffen. Sie hielten mehre Secunden an.
-Während sich dann aber der Eine mit wildem Schmerzesschrei aus dem
-Sattel und neben dem blutenden Körper des holden unglücklichen Mädchens
-niederwarf, hob sich der Andere auf dem Rücken seines Thieres zu seiner
-vollen Höhe empor und lauschte mit wild stieren, glanzlosen Augen in den
-Wald. Plötzlich mußte ein fernes Geräusch sein Ohr getroffen haben, denn
-ohne die Ermordete weiter eines Blickes zu würdigen, stieß er dem ängstlich
-vor dem Geruch des Blutes zurückschaudernden Thier die Hacken in die Seite,
-setzte mit diesem über das im Wege stehende Gig hinweg und folgte, lautlos
-zwar, aber mit Tod und Verderben sprühenden Blicken dem flüchtigen Mörder.
-
-Keine Sylbe kam über die zitternden Lippen, keinen Blick verwandte er
-von der Spur in der weichen Erde, rasch, mit dem Zügel des Pferdes in der
-einen, der Büchse in der andern Hand, flog er dahin durch den dichten Wald,
-und kaum konnte er fünfhundert Schritte gesprengt sein, als er den Feind
-ansichtig wurde, der eben damit beschäftigt war, einen der in dem Gebüsch
-hängen gebliebenen Stränge loszuhauen, was seine Flucht kurze Zeit
-aufgehalten.
-
-Duxon schaute sich um und erkannte in der reißend schnell näherkommenden
-Gestalt einen Indianer, war aber im ersten Augenblick wirklich ungewiß, ob
-oder ob er nicht einen Feind in ihm zu fürchten habe, denn er selbst hatte
-nie mit Nachkommen jener wilden Stämme verkehrt und wußte, daß sie
-sich selten dazu hergeben, die Streitigkeiten der Weißen untereinander
-auszufechten. Als aber eben der Gedanke an die gemordete Jungfrau, die ja
-auch jenem unglücklichen Volke angehörte, sein Hirn durchzuckte, sah er,
-wie der junge Indianer seinen Zweifeln schon ein Ende machte, denn er hielt
-plötzlich sein Pferd an, hob die Büchse, und der rothe Feuerstrahl zuckte
-durch das geheimnißvolle Dunkel des Urwalds.
-
-Der Overseer fühlte sich verwundet, aber ihm blieb keine Zeit zum
-Nachdenken, der Rächer brauste heran. Zwar hob er selbst jetzt das
-Doppelrohr, diesen niederzuschießen, der vorausgeschleuderte Tomahawk
-traf jedoch seinen linken Ellbogen, und wenn sein Schuß auch in demselben
-Augenblick dem Rohr entfuhr, so erhielt doch dies dadurch eine falsche
-Richtung; nur einzelne Schrote streiften Wetako's Schulter und ehe der
-sich seiner Schuld bewußte Mörder den zweiten Hahn spannen konnte, flog
-der Rächer herbei; der Schlachtruf des Riccarees schallte gellend durch
-den Wald, das Bowiemesser zischte nieder, und heulend brach der Elende
-zusammen.
-
-Das bleiche Haupt der Geliebten an seiner Schulter, kniete indessen der
-junge Creole neben dem verblutenden Körper des schönen, unglücklichen
-Mädchens. Wohl hatte er schnell und vorsichtig die weite, klaffende Wunde
-verbunden, aber es war zu spät und der Todesstoß ihr ins innerste Leben
-gedrungen. Er hörte das Vorbeistürmen der Verfolger, die aus allen Theilen
-der Gegend herbeiströmten, den Negerraub zu verhindern, er hatte den
-Schlachtschrei des Riccaree vernommen, aber er achtete es nicht, sein Auge
-hing an dem rothen entquellenden Lebensstrom des heißgeliebten Mädchens und
-Nacht -- finstere Nacht ward es endlich vor seinen Blicken.
-
-Als er sich wieder erholte, stand der Riccaree an seiner Seite; er hatte
-den Leichnam der Schwester in seine Decke eingehüllt und hob ihn, da er das
-Erwachen des Weißen bemerkte, vor sich auf das Pferd.
-
-»Wetako -- was willst Du thun?« rief der Creole, erschrocken emporfahrend
--- »wo willst Du hin?«
-
-»Will dem Stamme der Riccarees die Ueberreste von seines Häuptlings Tochter
-bringen,« sagte der junge Indianer mit düsterem Lächeln; »ich will sagen,
-es sei die Friedensgabe, die ihnen die Weißen senden. -- Unser Land haben
-sie uns geraubt, hier ist Blut, das neue damit zu düngen -- lebe wohl!«
-
-»Und der Räuber?« frug St. Clyde, immer noch in halber Betäubung auf den
-blutigen Körper blickend, den jener im Arme hielt.
-
-»Der Räuber?« höhnte der Riccaree, während er seinen hirschledernen
-Ueberwurf zurückschlug -- »der gehört _mein_!« und der Creole erkannte mit
-Entsetzen, an dem Gürtel des Wilden, den blutigen Scalp des Erschlagenen.
-Ehe er aber noch ein weiteres Wort äußern konnte, schwang sich jener hinter
-der Leiche in den Sattel, stieß dem schnaubenden Thiere die Hacken in die
-Seite und war im nächsten Augenblick den Augen des Weißen entschwunden.
-
-Die nachsetzenden Pflanzer hatten indessen den schurkigen Negerdieb, jenen
-Pitwell, eingeholt und mit der gewöhnlichen Schnelle, mit welcher alle
-dem ähnliche Verbrechen bestraft wurden, an den nächsten Baum gehangen. In
-seiner Brieftasche fanden sich übrigens hinlängliche Beweise, daß er diesen
-Tod zehnfach verdient, denn auch die reine Abstammung der Indianerin ward
-hier, durch einen Brief der Helfershelfer, außer allen Zweifel gesetzt.
-Als man aber später der Spur des Wagens folgte, um dem Overseer ebenfalls
-nachzusetzen, fand man die Zeichen des Kampfes, wie den kleinen Wagen
-selbst. Unfern von dort aber, bleich und starr an dem Stamm eines jungen
-Baumes gelehnt, lag, in der rechten Hand ein abgeschossenes Pistol, die
-Leiche des Creolen.
-
-
-
-
-Herr Schultze.
-
-Ein Märchen.
-
-
-Die Zeit der Wunder ist vorüber und die Welt glaubt nicht mehr an das
-Ueberirdische, denn sie will Alles in nüchterner hausbackner Wirklichkeit
-haben, um es so recht aus Herzensgrund begreifen, das heißt _betasten_ zu
-können. Kommt dann wirklich einmal etwas Geisterhaftes, zeigt sich
-einmal in stiller Mitternachtsstunde dem Einzelnen, dem Auserwählten,
-ein anständiges ordentliches Gespenst, so könnte dieser später bei allen
-Heiligen, und noch überdies Stein und Bein schwören, es glaubte ihm Niemand
-ein Wort davon. Entweder hieße es: »der gute Mann hat mit wachenden
-Augen geträumt,« oder die lieblose Bruder- und Schwesterschaar urtheilte
-vielleicht noch strenger und sagte am Ende gar: »Er ist ein Narr, daß er
-denken kann, vernünftige Leute sollten sich so etwas weiß machen lassen!«
-
-Was um des Himmels Willen ist nun mit einer solchen Welt anzufangen? -- Gar
-nichts.
-
-In solch ähnlicher Verlegenheit befand sich vor noch nicht so langer
-Zeit der liebe Gott selbst. Auf der Erde, und besonders in den deutschen
-Bundesstaaten sah's in jeder Hinsicht windig und bös aus. Mit der Politik
-der Kammern waren allerdings die Kammer_herrn_ und Kammer_diener_, sonst
-aber auch Niemand zufrieden, die Religion drohte gleichfalls wieder eben
-_aus_ Religion ganz irreligiös zu werden, denn selbst die Laien fühlten
-sich nicht mehr sicher als ganz gewöhnliche Menschen schlafen zu gehn und
-als Apostel wieder aufzustehen -- und was die Ernten betraf, da hörte denn
-nun wirklich Alles auf. Einmal war es zu dürr, einmal zu naß, einmal fiel
-Mehlthau, ein anderes Mal Hagel, kurz es kam in jedem Jahr etwas Anderes,
-was die Getreidepreise hinauftrieb, Brot und Fleisch theuer machte und
-die Armen -- =i. e.= solche, die nicht gewußt hatten reich zu werden -- so
-bedrückte, daß des Betens und Bittstellens kein Ende mehr wurde und sich
-die Nothleidenden theils persönlich an ihn wandten, theils die armen
-Heiligen und Schutzpatrone bis auf's Blut plagten und peinigten.
-
-Dazu kam nun noch, daß die Menschen wirklich anfingen ihm leid zu thun.
-Er hätte ihnen so gern geholfen! -- Wie aber das anfangen? Die Gesetze der
-Natur konnte und wollte er deshalb nicht ändern, und das ungeheure
-Walten jener wirkenden und schaffenden Urkräfte zu stören, wäre, der
-Paar Erdenbewohner wegen, auch etwas viel verlangt gewesen. Aber es gab
-_natürliche_ Mittel und die sollten hier helfen.
-
-Nichts war einfacher als die Religion -- er hatte das Ganze schon früher
-einmal dem Moses in einer Viertelstunde dictirt -- in dieser Hinsicht
-hoffte er bald Frieden zu stiften; auch die Politik mußte in Ordnung
-gebracht werden -- es waren ja Alles seine Kinder und wenn auch die Einen,
-wie das wohl die Geschwister häufig thun, die Anderen unterdrückt und
-sich die Sachen zugeeignet hatten, die gar nicht für sie allein bestimmt
-gewesen, so konnte das -- und dazu hatte er ihnen ja eben die _Vernunft_
-gegeben, bald wieder geregelt werden.
-
-Was denn endlich den vielen Mißwachs der Ernten betraf, so erzeugte die
-Erde selbst in ihrem Inneren Mittel gegen diese Uebelstände, denn sie trug
-und trägt ja in sich selbst den Keim, das Alles zu verbessern und zu seinem
-höchsten Grad der Vollkommenheit zu führen. Nun frug es sich nur, wie es
-möglich sei, dies den Menschen selbst bekannt zu machen, und auf welche Art
-es sich hoffen ließ von ihnen verstanden zu werden?
-
-Durch eine feurige Schrift am Himmel? -- Die Freigeister und Professoren
-hätten eine solche als etwas Natürliches erklärt und die Theologen ihr
-eine ganz andere Auslegung gegeben. Durch eine Stimme von oben? -- Das war
-erstens schon dagewesen und dann würden auch die Leute höchstens gesagt
-haben: »Heute hat es doch einmal gedonnert daß man ordentlich Worte
-verstehen konnte.« -- Es war zum Verzweifeln.
-
-Da beschloß denn Gott Vater, aus unendlicher Liebe für das
-Menschengeschlecht, ein Buch über die zu verbessernden Verhältnisse, und
-besonders über Ackerbau und Viehzucht, für welche beiden Zweige er sich
-vorzugsweise interessirte, zu schreiben und damit selbst auf die Erde
-hinabzusteigen.
-
-Zeit hatte er ja für den Augenblick: die Welt lief im Allgemeinen in
-ihren ewigen Kreisen ruhig fort, und wenn ihm nicht manchmal ein Komet
-durchbrannte und einen Schweif roher Gesellen auf den Hacken, mit
-offenen Laternen und Pechfakeln die stillen Straßen des Firmaments auf
-staatsgefährliche Weise durchtobte, so war keine Unordnung zu fürchten.
-Doch auch selbst hierüber hatten ihn die Berechnungen der besten Astronomen
-beruhigt, die ja die Erscheinung des nächsten noch bis auf =x= Jahre
-hinausgeschoben.
-
-Sein Plan ward also, kaum gewollt, auch schon ausgeführt. Mit
-Gedankenschnelle flogen die Zeilen mit der Enthüllung jener göttlichen, uns
-noch unbekannten Urkräfte des Erdkörpers auf das Papier nieder, und wenn
-sich der liebe Gott auch, seit er damals die zehn Gebote entworfen, nicht
-mehr mit literarischen Arbeiten beschäftigt hatte, so ging die Sache doch
-verhältnißmäßig ungemein schnell.
-
-Das geschehen, rauschte er, die Liebe für seine oft unfolgsamen Kinder im
-treuen Vaterherzen, auf unsere schöne Erde hernieder, um einen Verleger für
-sein Werk zu suchen und stieg, wie sich das von selbst versteht, in Leipzig
-und zwar im ersten Gasthof daselbst ab.
-
-Um aber jedes Aufsehen zu vermeiden, mußte er natürlich die Gestalt des
-Menschen -- die edle schöne Gestalt des Mannes, wie er ihn früher nach
-seinem eigenen Bilde erschaffen, annehmen, und kleidete sich zwar sehr
-einfach, aber doch nach der gerade bestehenden Mode. Vor dem Hotel hielten
-mehrere Droschken und eine derselben brachte ihn denn auch bald zu dem
-Buchhändler _Schmerz_, bei dem er ohne weitere Umstände eintrat und ihm,
-nach wenigen einleitenden Worten, sein fertiges Manuscript anbot.
-
-Herr _Schmerz_ -- ein langer hagerer Mann, mit tiefliegenden, dunkeln
-Augen, nöthigte ihn sehr artig zum Sitzen, las dann den Titel des
-Manuscripts und frug, sich leicht gegen den Fremden verneigend:
-
-»Mit wem hab' ich die Ehre?«
-
-Das war nun allerdings eine sehr natürliche Frage; jeder Buchhändler
-wünscht doch zu wissen, mit wem er es zu thun bekommt. Dem lieben Gott kam
-sie aber nichts desto weniger unerwartet, denn er durfte dem Manne doch
-nicht sagen wer er sei; Herr _Schmerz_ hätte ihm das auch im Leben nicht
-geglaubt. Er faßte sich also kurz und antwortete, indem er, um nicht
-unartig zu scheinen die Verbeugung erwiederte:
-
-»_Schultze!_«
-
-»Ah -- Herr _Schultze_ -- mir sehr angenehm. Und Sie wünschen also dies
-hier drucken zu lassen?«
-
-»Ich wünsche dadurch einem dringenden Bedürfniß abzuhelfen,« sagte der
-liebe Gott, und Herr Schmerz schlug das Manuscript schnell auf, denn
-er glaubte wahrscheinlich, es lauere der Antrag zu einem neuen
-Theatergeschäftsbüreau oder zu einer Illustrirten Zeitung im Innern; bald
-sah er jedoch daß er sich geirrt habe und frug -- schon etwas beruhigt:
-
-»Und über was handelt es? Der Titel ist etwas -- etwas umfassend:
-»Enthüllungen der geheimsten und segensreichsten Urkräfte des Erdballs« --«
-
-»Ueber Alles -- Viehzucht und Ackerbau -- Religion und Politik.«
-
-»Sie sind Literat?«
-
-»Nicht eigentlich; ich bin mehr Oekonom, habe aber dieses Werk aus reiner
-Liebe zur Sache geschrieben, denn ich liebe die Menschen und weiß welchen
-Dienst ich ihnen damit erzeigen werde.«
-
-Herr _Schmerz_ blätterte ein wenig im Manuscript herum, um einzelne Sätze
-daraus zu lesen und schüttelte dabei bedeutend mit dem Kopfe.
-
-»Sehr flüchtig geschrieben das, sehr, Herr -- Herr --«
-
-»_Schultze_,« sagte der liebe Gott.
-
-»Ach ja, Herr Schultze -- sehr flüchtig -- die Setzer beklagen sich so
-immer!«
-
-»Ich sollte denken, es käme hier mehr auf den Inhalt als die Schrift an!«
-sagte der Fremde. »Wie unscheinbar sieht zum Beispiel eine Kartoffel aus,
-und was schließt sie nicht Alles in sich ein? In ihrem Innern lebt und
-wirkt eine kleine, für sich abgeschlossene, aber deßhalb nicht weniger
-kunstvolle Welt; dem Menschen unbekannte Kräfte und Lebenstriebe
-durchströmen sie, und athmende Wesen bewegen sich in dieser festen saftigen
-Fleischmasse mit derselben Leichtigkeit, mit der sich die Menschen durch
-die Luft bewegen, und wenn im Frühjahr die Keime --«
-
-»Sie haben Phantasie, Herr Schultze« -- unterbrach ihn etwas ungeduldig
-Herr Schmerz, -- »aber dürfte ich Sie wohl bitten, mir den Inhalt dieser
-Schrift etwas näher anzugeben!«
-
-»Recht gern. -- Es ist -- wie Ihnen auch der Titel sagt, eine Enthüllung
-geheimer, bis jetzt noch nicht gekannter, vielleicht nicht einmal geahnter
-Naturkräfte, zuerst dem Mißwachs und den Viehseuchen entgegenzuwirken und
-gleichzeitig das moralische Schaffen und Treiben der Menschen -- von denen
-der große Haufe nun doch einmal in den Tag hinein lebt, zu ordnen und
-zu regeln. Was die ersten Kapitel -- Mißwachs und Seuchen betrifft, so
-existirten in früheren Zeiten andere Verhältnisse; die Bevölkerung des
-Erdballs war zu schwach und die Erde erzeugte mehr, als ihre Bewohner
-consumiren konnten. Daher mußte ich diesem Uebelstand durch natürliche
-Mittel abzuhelfen suchen.«
-
-»Wer? Sie?«
-
-»Ich -- meine die _Natur_. Jetzt aber hat jene Ursache aufgehört, und
-deshalb soll auch die Wirkung nachlassen. Das Menschengeschlecht ist
-an Zahl so gewachsen daß es, wenigstens in Europa, Alles braucht was es
-erzeugen kann, und ich wünschte nun dieses zum Nachtheil werdende Hinderniß
-gehoben zu sehen. Das können Sie aber nicht verlangen, daß ich deshalb die
-ewigen Naturgesetze ändern sollte, um --«
-
-»Nein!« sagte Herr Schmerz.
-
-Der liebe Gott sah ihn im ersten Augenblick erstaunt an, besann sich aber
-schnell und lenkte wieder ein: »Um solchen Uebelständen nämlich abzuhelfen,
-kann man also, wie ich sagen wollte, doch nicht verlangen daß die einmal
-bestehenden Gesetze der Natur geändert werden sollten. Dafür liegt aber
-auch in ihren eigenen Kräften, in ihren geheimsten, innersten Lebensfasern
-das Heilmittel gegen diese nicht mehr nöthigen Zuwachsminderungen und
-ich habe das Alles hier kurz und bündig, aber auch leicht faßlich
-niedergeschrieben. Drucken Sie es und geben Sie das dafür übliche Honorar
-in die hiesige Armenkasse. -- Sie werden überdies Nutzen genug davon
-haben.«
-
-Herr Schmerz, vielleicht durch dies keineswegs gewöhnliche Benehmen
-neugierig gemacht, oder auch, weil ihm das ganze Aeußere des Fremden eine
-gewisse Ehrfurcht einflößte, scheute sich augenblicklich eine bestimmte
-Antwort zu geben, und bat nur ihm das Manuscript bis morgen zu lassen, wo
-er sich dann darüber zu entscheiden versprach. --
-
-Zur verabredeten Stunde am nächsten Tag stellte sich der Fremde wieder ein
-und bat um seine Antwort. Herr Schmerz machte indessen heute ein äußerst
-bedenkliches Gesicht und blickte kopfschüttelnd und mit emporgezogenen
-Augenbraunen auf das Manuscript herab, das er in der Hand hielt.
-
-»Ich komme um Ihre Entscheidung über den Druck meines Werkes zu hören,«
-sagte der Fremde.
-
-»Ja sehen Sie -- bester Herr Schultze,« begann endlich der Buchhändler
-nach kurzer Pause, -- »das ist so eine Sache mit dem Druck dieses Heftes.
-Einestheils glaube ich -- aufrichtig gestanden -- gar nicht daß das
-Buch etwas machen wird. Für ein rein wissenschaftliches Werk ist zu viel
-Phantasie, -- für Phantasie zu viel Wissenschaftliches darin und dann --
-druckten wir es nicht äußerst splendid daß es über zwanzig Bogen gäbe, so
-striche uns der Censor die ganze Geschichte. Sie halten sich ja gar nicht
-ein Bischen an das Bestehende, werfen Alles über den Haufen, was nun doch
-einmal da ist und reden von Sachen die über menschliche Begriffe fast
-hinausgehen. Ich habe darin herumgeblättert -- etwas altväterischer Styl
--- nun dergleichen ließe sich abändern -- aber -- das nehmen Sie mir nicht
-übel -- ein Bischen zu prätentiös ist das Ganze auch noch geschrieben. Sie
-reden da in einem fort: das muß _so_ sein und das _so_, hier thue _dies_
-und da thue _das_, die Wirkung wird dann im ersten Jahre _so_ im zweiten
-_so_, und im dritten und den folgenden _so_ sein; die Behandlungsart von A
-wirkt auf B und die Unterlassung würde sich für drei Jahre wieder _so_, und
-für andere zehn wieder _so_ gestalten. Nein, das geht nicht, mein bester
-Herr Schultze, damit kommen wir nicht mehr durch. Ja, in alten Zeiten, da
-ließ man sich das gefallen, damals gehörte nur eine etwas dreiste Stirn
-dazu, der Welt glauben zu machen was man wollte; aber jetzt gehen wir der
-Sache tiefer auf den Grund.«
-
-»Ueberdies erlauben Sie sich auch über Politik und _besonders_ über
-Religion Aeußerungen, die ich selbst nicht einmal unter dem Namen
-_Schultze_ vertreten möchte. Am Ende brauchten wir ja gar keine Priester
-und Prediger mehr; und dann die Beleuchtung Ihrer _socialen_ Verhältnisse
--- nein, mein guter Herr Schultze: würde ich das Buch, das allerdings Geist
-verräth, wirklich drucken, so glaubte uns erstlich kein Mensch ein Wort
-von dem was drinnen steht; dann kämen wir wegen des einen Theils in die
-schönste Kriminaluntersuchung und über den andern Theil fielen nachher die
-Recensenten wie wahnsinnig her. Das Wenigste was sie sagten wäre, ich hätte
-einen neuen hundertjährigen Kalender verlegt. Und wenn sie's dann nur noch
-kauften -- wenn es noch _ginge_! Ich käme aber wahrhaftig nicht einmal auf
-die Kosten, denn ein Leihbibliothekenbuch ist das _nicht_.«
-
-»Nein, allerdings nicht,« sagte der Fremde -- »aber verlegen Sie es nur;
-ich garantire Ihnen daß Sie gute Geschäfte damit machen.«
-
-»Sie garantiren mir das? Welche Bürgschaft könnten Sie mir denn dafür
-geben?«
-
-»Meinen Namen!«
-
-»Bester Herr _Schultze_!« rief Herr Schmerz.
-
-»Ja so!« sagte der liebe Gott -- »Sie wollen es also nicht? Sie weisen es
-zurück?«
-
-»Ich bin Ihnen wirklich für das Vertrauen das Sie in mich gesetzt, ungemein
-verpflichtet, aber ich habe jetzt in der That so viel Manuscript daliegen,
--- eins drängt so das andere; -- mein Nachbar Beißig wird sich aber
-sicherlich ein Vergnügen daraus machen, -- der hat überdies mehrere
-landwirthschaftliche und wissenschaftliche Werke gebracht.«
-
-»Und Sie glauben daß Herr Beißig --«
-
-»Oh, ich bin es fest überzeugt; versuchen Sie es nur! -- Oh -- keine
-Komplimente, bester Herr _Schultze_! -- _Jenes_ ist der Ausgang, wenn ich
-bitten darf; _die_ Thüre hier führt in die Küche; -- habe die Ehre mich
-gehorsam zu empfehlen!«
-
-Der liebe Gott fand sich gleich darauf, mit seinem in Maculatur
-eingeschlagenen Manuskript, auf welchem mit großen Rothstiftbuchstaben »Hr.
-Schultze« geschrieben stand, auf der Straße und blieb im ersten Augenblick
-wirklich etwas überrascht stehen. _Das_ hatte er nicht erwartet! --
-Er wollte die Menschen glücklich machen und trifft dafür auf solche
-Schwierigkeiten. Nun, Herr Beißig wird es auf jeden Fall nehmen!
-
-Aber siehe da -- auch hier schien es als ob er vergebens angeklopft habe;
-neue Schwierigkeiten, neue Entschuldigungen. Wieder wurde er zu einem
-Anderen geschickt und Nachmittags nahm er sich eine Droschke auf eine
-Stunde, um schneller aus einer Verlagshandlung in die andere kommen zu
-können.
-
-Volle sechs Tage hatte er so mit immer gleichem Erfolg auf dem Pflaster
-gelegen, er beschloß also den siebenten zu ruhen und am nächsten Montag
-die noch übrigen fünfundfunfzig Buchhändler aufzusuchen, um sich später
-gar keine Vorwürfe machen zu dürfen. Da klopft es, als die Glocken eben zu
-läuten begannen, leise an seine Thür.
-
-»Herein!« rief er, gerade nicht in der besten Laune.
-
-»Ich habe das Vergnügen mit Herrn Schultze zu sprechen?«
-
-»So nennt man mich hier!«
-
-»Ihren Paß, wenn ich bitten darf!«
-
-»Ich habe dem Wirth schon gesagt daß ich keinen bei mir führe.«
-
-»Dann muß ich Sie freilich bitten mir zu folgen!«
-
-»Aber, mein Herr --«
-
-»Ich bedauere recht sehr, -- aber Sie wissen -- meine Pflicht --«
-
-»Ich gehe auf keinen Fall mit Ihnen!«
-
-»Sie werden sich doch der Obrigkeit nicht widersetzen wollen?«
-
-Was wollte der liebe Gott jetzt machen? An dem ihm selbst geweihten Tage
-Skandal anfangen? Das ging unmöglich; welch ein Beispiel hätte er dadurch
-gegeben! Er setzte seinen Hut auf und folgte.
-
-Im Polizeibureau wurde er freilich mit der größten Artigkeit behandelt,
-denn in seinem ganzen Wesen lag etwas so Edles, Ehrfurcht Einflößendes, das
-ihm überall Freundlichkeit und Zuvorkommenheit sicherte; gegen die einmal
-bestehenden Gesetze ließ sich aber, das wußte er ja aus eigener Erfahrung,
-nichts thun -- einen Paß hatte er nicht -- der von ihm angegebene Ort woher
-er stamme, »Himmelsburg in Engelland,« ließ sich auf keiner Karte Albions
-entdecken und somit mußte ihm denn, wie sich das vorhersehen ließ, die
-Weisung werden, binnen vierundzwanzig Stunden einen Paß zu schaffen oder --
-die Stadt zu verlassen.
-
-Jetzt bekam der liebe Gott die Sache aber auch satt. Blos der Menschen
-wegen hatte er sich alle Diesem unterzogen und nun traten ihm aus jeder
-Ecke neue Hindernisse entgegen. Zwar hätte er sich im Augenblick selbst
-einen Paß herstellen können; durfte er aber das auf einen fremden Namen
-thun? -- Das wäre wieder gegen seine eigenen Gesetze wie die der Menschen
-gewesen. -- Nein, er sah jetzt ein daß es die Sterblichen gar nicht besser
-verdienten; sie _wollten_ das Alles was sie drückte und quälte behalten --;
-sie _wollten_ kein Licht haben, und wenn sie sich die Schädel an den Wänden
-einstießen. So beschloß er denn in den Himmel zurückzukehren und das von
-den Blinden verschmähte Werk im Feuer zu vernichten.
-
-Sein Wille war That. In lodernder Gluth verzehrte sich das göttliche
-Manuscript, -- dieser allein Millionen werthe Autograph -- und jauchzend
-wirbelten die boshaften Luft- und Feuergeister die Aschenatome in das
-reine sonnige Blau des Firmaments, und spielten und tanzten damit im tollen
-wilden Uebermuth hoch, hoch auf zu der endlosen Höhe. Der liebe Gott aber
-schaute ihnen sinnend nach und murmelte endlich gutmüthig lächelnd vor sich
-hin:
-
-»Das hätt' ich mir, wenn ich nicht allwissend wäre, allenfalls denken
-können!«
-
-Dann in Licht zerfließend, stieg er wieder empor zu den reinen, göttlichen
-Räumen des Lichts, zu dem Urquell des strahlendurchflutheten Alls. Rosige
-Wolken drängten sich um ihn her, und hoben und trugen den Gott, Freude
-glühend und Frieden leuchtend hinan -- hinan in das Aethermeer der
-Unendlichkeit, in die kreisenden Sonnenwelten des ewigen Seins.
-
-
-
-
-Der Deutsche und sein Kind.
-
-Aus dem Amerikanischen Leben.
-
-
-Mit dem »gut gekupferten und schnellsegelnden Dreimaster _Rose Bertram_,«
--- wie die Anzeige im Hamburger Börsenblatt gelautet -- das von dieser
-Stadt aus am 15. April 1839 nach New-Orleans in den Vereinigten Staaten
-von Nord-Amerika abging, war auch eine arme Familie, Vater, Mutter und
-zwei Kinder ausgewandert, um in dem Land ihrer Hoffnungen und Träume das zu
-finden, was ihnen die eigene Heimath nicht mehr im Stande war zu bieten --
-eine ruhige sorgenfreie Existenz, und eine gesicherte Zukunft.
-
-Die Reise lief ziemlich glücklich ab, denn sobald sie nur erst einmal den
-englischen Canal hinter sich hatten und in ein südlicheres Klima kamen,
-zeigte auch der Himmel eine fast ununterbrochene Reine, so daß sie, mit
-einem ebenfalls ziemlich günstigen Wind, nach etwa achtwöchentlicher Fahrt,
-die sieben Mündungen des Mississippi im Golf von Mexiko erreichten und
-hier von dem Schleppboot _Herkules_, gegen die mächtige Strömung des
-Riesenflusses an, der »_Königin des Südens_« zugeführt wurden, wie die
-Republikaner ihre Hauptstadt New-Orleans nennen.
-
-Unser Deutscher, Hermann Schwabe aus Baiern, staunte aber nicht wenig, als
-er in dem Amerika -- das er sich bis dahin fast nur als eine einzige große
-Wildniß, _mit Farmen_, gedacht, eine Stadt fand, wie er sie in seinem
-ganzen Leben noch nicht gesehen. Häusermassen dehnten sich ohne erkennbares
-Ende am Ufer hin, das seinerseits wieder von einer ununterbrochenen Kette
-aller Arten Fahrzeuge eingefaßt und umschlossen wurde, während dort wieder
-Omnibus-Wägen und zahllose Güterkarren mit lebensgefährlicher Schnelle
-ein wildes geschäftiges Menschengedränge zu durchschneiden und zu theilen
-schienen.
-
-Trotz dieser Menschenmasse aber, fühlte er sich recht verlassen und allein
--- kein einziges Gesicht war unter dem ganzen Schwarm der wogenden Menge,
-das er gekannt -- keine Hand streckte sich ihm hier zum freundlichen
-Willkommen entgegen und Alle gingen kalt und theilnahmlos an ihm vorüber.
-Es machte einen recht wehmüthigen Eindruck auf ihn, einen Eindruck, der
-nicht beschrieben werden kann, der gefühlt sein will, und obgleich ihn das
-Drängen und Treiben der südlichen Stadt gar sehr ansprach, und Alles was
-ihn hier umgab, neu, fremdartig und deshalb interessant war, so eilte er
-doch soviel als möglich, wieder fortzukommen, und den Ort zu erreichen,
-wo er Freunde zu finden hoffte, ja wo er seine Verwandte wohnen hatte, auf
-deren Briefe er all sein kleines Eigenthum in Europa verkaufte, um mit dem
-daraus gelösten Geld einzig und allein die Ueberfahrt zu bezahlen.
-
-Dieser Verwandte, ein weitläufiger Vetter von ihm, wohnte in Cincinnati am
-Ohio, und Schwabe mußte jetzt vor allen Dingen ein Dampfboot finden, das
-ihn, den Mississippi und Ohio hinauf, seinem neuen Ziele entgegen führte.
-Das war aber nicht schwer -- in dieser Jahreszeit, vor dem Eintreffen des
-gelben Fiebers, laufen fast an jedem Tage fünf bis sechs Boote stromauf
-und zwei oder drei von diesen sind dabei gewiß für den Ohio bestimmt: bald
-hatte er denn auch -- wenn gleich unter nicht geringen Schwierigkeiten, da
-er kein Wort Englisch verstand -- seiner und der Seinigen Passage akkordirt
-und noch an dem nämlichen Nachmittag glitten die Auswanderer auf dem
-keuchenden mächtigen Boot stromauf, gegen die gelbe unheimliche rasch
-dahinströmende Fluth des »Vaters der Wasser« an.
-
-Zwischen reizenden Plantagen schossen sie hin, deren graue Schindeldächer
-gar freundlich zwischen dichten, schattigen Orangenhainen und Granatbüschen
-hervorschimmerten, an breiten gewaltigen Zucker- und Baumwollenfeldern
-vorüber, wo unglückliche Sklavenschaaren den sengenden Strahlen der Sonne
-ausgesetzt und von Peitschenbewehrten Aufsehern überwacht, ihre lange
-Tagesarbeit verrichten.
-
-Als sie weiter hinauf kamen, nahmen aber die offenen Plantagen mehr und
-mehr ab -- der Wald, der bis dahin wohl mehre englische Meilen weit
-durch die urbar gemachten Felder zurückgedrängt wurde, näherte sich immer
-auffallender dem Ufer, und endlich, nach einzelnen waldigen Strecken
-besonders an der linken Seite, drängte er sich ganz dem Rande des
-Mississippi zu, und das graue wehende Moos hing in langen düstern Streifen
-von den weitgespreitzten Aesten herunter und schwankte und schaukelte in
-dem scharfen, stromaufstreichenden Luftzug. Aber auch dieses nahm nach und
-nach ab -- flaches monotones Sumpfland, von riesigen Bäumen bestanden und
-nur hie und da von einem kleinen Städtchen oder einzeln liegenden Holzhaus
-unterbrochen, bildete die Scenerie beider Seiten des Flusses, bis endlich
-oben, von der Mündung des Ohio an, ihre Umgebung einen ganz anderen
-Charakter bekam und jetzt mit Hügeln und Bergen das klarere Wasser des
-»schönen Stroms« einschließend, die an Bord befindlichen Deutschen
-fast wieder in ihre Heimath, an die Gestade des vaterländischen Rheins
-zurückversetzten.
-
-Schnell glitten sie an den reizenden Ufern vorüber; passirten vor
-Louisville -- um die Stromschnellen zu umgehen, den durch Fels gehauenen
-Canal, und kamen am achten Tage nach ihrer Abfahrt, Nachmittags vier Uhr,
-in Cincinnati an.
-
-Auch hier umgab sie wieder ein lebendiges, reges Treiben. Viele stattliche
-Dampfboote lagen an der Landung und schnelle Fährboote, mit kleinen
-rasch puffenden Maschinen glitten zwischen Newport und Covington an der
-Kentuckyseite und Cincinnati im Ohio hin und wieder. -- Unmassen von Gütern
-lagen am Ufer aufgehäuft und die Mannschaften der verschiedenen Boote waren
-gar eifrig beschäftigt, die Fracht aus- oder einzuladen und ihre eigenen
-Fahrzeuge wieder in Stand zu setzen zu neuer Reise.
-
-Der Deutsche konnte sich übrigens, so interessant ihm das auch zu
-jeder andern Zeit gewesen wäre, nicht lange bei der Betrachtung des ihn
-Umgebenden aufhalten, denn der Abend rückte heran und es mußte noch vorher
-für ein Obdach auf die Nacht gesorgt werden. Jetzt galt es daher vor allen
-Dingen, die Wohnung seines Verwandten zu finden, und dessen Adresse stand
-deutlich genug in dem erhaltenen Briefe angegeben.
-
-»Fürchtegott Wagner, Kaffeehaus zur Stadt München, nordöstliche Ecke der
-siebenten und Sycamorestraße Nr. 41 Cincinnati Ohio.«
-
-Das war nicht zu fehlen -- der Brief hatte ihm überhaupt auf dem ganzen Weg
-zum Leitstern gedient, und er überflog auch jetzt noch einmal mit stiller
-Zufriedenheit die Zeilen.
-
-»Komm nur nach Amerika,« stand darin, »Du glaubst gar nicht, wie schnell
-und geschwind es ein armer Teufel hier zu was bringen kann. Du weißt doch,
-daß ich fast mit gar Nichts von zu Hause wegging, und jetzt habe ich in
-Cincinnati, eine der größten Städte in ganz Amerika, ein Kaffeehaus, das
-sie hier =coffeehouse= nennen, alle Tage dreimal Fleisch, und bin
-mein eigener Herr. Und wie lange hat's gedauert, bis ich mir das Alles
-erarbeiten konnte -- anderthalb Jahr -- so lange hab' ich auf der Eisenbahn
-geschafft, mit 16 Dollar die Woche Lohn, und jetzt sitze ich ganz bequem in
-Cincinnati und thue gar nichts mehr.«
-
-Wetter noch einmal, schon ein Kaffeehaus! dachte Schwabe, was muß der
-Mensch für ein Glück gehabt haben -- wie lange müßte man sich da in
-Deutschland schinden und quälen, daß man nur erst eine _Concession_ kriegt
--- Gott sei Dank, daß ich in Amerika bin, jetzt arbeite ich auch ein paar
-Jahre an der Eisenbahn, und dann mache ich's grade so. --
-
-Mit dieser löblichen Ansicht war er vom Boot heruntergegangen, um einen
-Karrenführer zu finden, der ihm sein Gepäck an Ort und Stelle schaffen
-konnte; denn er beabsichtigte, bei seinem Vetter abzusteigen, da in einem
-Kaffeehause doch auch Raum für sie und ihre paar Kasten sein würde. Es bot
-sich ihm auch bald, und zwar ein Deutscher, an, der ihn leicht nach seiner
-ganzen Tracht und Manier für einen Landsmann erkannt hatte, lud seine
-Siebensachen auf, und während Schwabe mit seinem Jungen und seiner Frau,
-die das kleine Mädchen auf dem Arme trug, neben der sogenannten »Dray«
-hergingen, schlenderten sie langsam die berganlaufende Sycamorestraße, die
-neben der Mainstreet der Dampfbootlandung zumündete, hinauf. Schwabe, der
-sich natürlich nicht mit der als nordost bezeichneten Lage vertraut machen
-konnte, hatte auch schon von weitem, als sie nach und nach die vierte,
-fünfte und sechste Straße hinter sich gelassen, ein großes stattlich
-aussehendes Backsteinhaus im Auge, das ihm am ehesten dem Begriffe
-gleichzukommen schien, den er sich bis dahin im Geiste von einem
-amerikanischen Kaffeehause gemacht. Es konnte auch fast kein anderes
-Gebäude von den vier Eckhäusern sein, denn zwei von diesen waren Kaufläden
-und das dritte -- Heiliger Gott -- an dem kleinen, weißangestrichenen
-Breterverschlag klebte ein großes schwarzes Schild, auf dem mit weißen
-Buchstaben -- wachte er denn oder träumte er? --
-
- _=Coffeehouse= zur Stadt München_
-
-stand. Die Buchstaben selber ließen gar keinen Zweifel -- das halb
-Englische halb Deutsche gehörte einem Landsmann an und diese _Breterbude_
-war -- das erwartete Asyl.
-
-»Ist denn das hier das ganze Kaffeehaus?« -- stammelte er fast
-unwillkürlich und ergriff den Arm des Karrenführers, als ob er durch das
-Aufhalten der Fracht auch sein Geschick verzögern könne. --
-
-»Es trifft« -- meinte der Andere trocken, und schien in dem Aeußeren des
-Gebäudes gar nichts Außerordentliches zu finden, -- »hier ist der Ort
--- der Gentleman wird wohl zu Hause sein!« und mit dieser lakonischen
-Bemerkung ließ er die lange Peitsche um des Pferdes Ohren sausen, das,
-theils hierdurch, theils durch das gleich darauf ausgestoßene Tschü
--- Tschü -- wo -- ah! vor die fragliche Thüre einlenkte und mit einem
-plötzlichen Ruck dort Halt machte.
-
-»Fremder Besuch!« rief der Draymann dann, und stieß die kleine niedere
-Pforte auf -- »sollen die Sachen hier hereingeschafft werden?«
-
-Schwabe stand noch immer, kaum eines Entschlusses fähig, auf der Straße und
-konnte die Augen nicht wegwenden von dem schwarzen Schild: =Coffeehouse=
--- das also war ein amerikanisches Kaffeehaus. Die Mutter drückte ihr
-Kind leise an sich, und es mochte ihr jetzt vielleicht zum ersten Mal eine
-Ahnung von dem dämmern, was aus ihren, bis dahin wild aufgebauten Plänen
-wohl etwa werden könne. In der Thür des _Kaffeehauses_ erschien in diesem
-Augenblick Niemand anders, als der wirkliche Schreiber des so folgeschweren
-Briefes, und anstatt nun, -- wie es Schwabe, seit er das wirkliche
-Kaffeehaus gesehen, gar nicht anders erwartet hatte -- bestürzt und
-vernichtet dazustehn und vor Schaam jeden beliebigen Moment bereit zu sein
-in die Erde zu sinken, erkannte er kaum die Deutschen, als er ihnen froh
-erstaunt die Hände entgegenstreckte, dem Mann dann um den Hals fiel und ihn
-und seine Frau herzlich willkommen hieß. Schwaben blieb denn auch jetzt gar
-keine Zeit, weder seine Verwunderung noch seine Bestürzung auszudrücken,
-er sah sich nur gleich darauf mit Sack und Pack in das kleine enge Gemach
-hineingedrängt und hier auch noch so mit Fragen und Erkundigungen über
-die alte Heimath bestürmt, daß er endlich nur froh war, als er erst wieder
-einmal frei und ungehindert aufathmen konnte. Dann aber versäumte er auch
-weiter keine Zeit, in dem unansehnlichen Raum, der sie umgab, umher zu
-schauen, und die natürlichste Frage, die sich ihm jetzt aus vollster Seele
-auf die Lippe drängte war --
-
-»Und das nennst Du ein Kaffeehaus?«
-
-»Jawohl,« sagte der schon etwas amerikanisirte Vetter ganz unbefangen --
-»das ist hier so Sitte -- wo der liebe Gott nur den Arm herausstreckt,
-da wird's gleich _Kaffeehaus_ getauft, und wenn auch ein paar Gläser und
-Flaschen mit Doppelkümmel, Brandy und Whiskey hinter der Baar stehn --
-gerade wie's bei mir der Fall ist, denn ich habe auch nichts weiter. Das
-laßt Euch aber nicht kümmern, und daß Ihr große Rosinen im Topf gehabt,
-geht anderen Leuten auch nicht besser -- damit kommen sie Alle von
-Deutschland herüber. Jetzt heißt's nun fleißig geschafft und gearbeitet,
-und die Hände gerührt, nachher macht sich das Uebrige von selbst.«
-
-Wagner, der Kaffeewirth hatte ganz recht -- es sieht Manches in Amerika,
-von Deutschland aus betrachtet, wie ein Kaffeehaus aus, und kommen wir
-nachher hin, so schreien wir -- »Ach du lieber Gott -- das sind ja lauter
-Lügen und Erfindungen -- das waren Prahlereien und Märchen, das ist ja
-gar kein Kaffeehaus, das ist ja nur eine gewöhnliche Breterbude!« Für den
-Augenblick, und nach _unseren_ Ansichten haben wir auch allerdings recht,
-sobald wir aber nur erst einmal dort eingerichtet sind, und den alten
-deutschen Staub aus den Augen geschüttelt haben, dann sehen wir die Sache
-von einer ganz anderen Seite an, und finden nun plötzlich, daß es doch
-wirklich ein Kaffeehaus ist, oder daß wir's wenigstens _dazu machen dürfen
-und können_, wenn wir nur den recht festen und kräftigen Willen haben, es
-auszuführen. Dann sehen wir ein, daß uns dort nicht, wie hier, die Hände
-gebunden sind zu freier That und lernen uns gern und freudig in das fügen,
-was uns im Anfang, als die Kruste und äußere Schale des Ganzen so herb und
-bitter, so hart und unverdaulich geschienen.
-
-Es ist das aber nicht allein mit den Kaffeehäusern so, nein fast
-durchgängig mit all' den dortigen Verhältnissen und Einrichtungen;
-gewöhnlich werden _übertriebene_ Berichte hierher geschickt, oder wenn auch
-nicht einmal übertriebene, doch wenigstens so gestellte, daß sie, wenn sie
-auch vielleicht _buchstäblich_ wahr sind, der Einbildungskraft einen zu
-freien Spielraum, alles Gute und Vorzügliche ahnen lassen und die Fehler
-und Mängel dabei nicht andeuten. Der Deutsche und besonders der, in dessen
-Kopf die Auswanderung schon wirklich spukt, ist dann nur zu gern
-geneigt, sich Alles das was er hört, in den schönsten, buntesten Farben
-auszuschmücken und zu putzen und kommt er dann an Ort und Stelle und findet
-das Alles, was er sich vielleicht nur selbst hinzugedacht, nicht wirklich
-realisirt -- was beiläufig gesagt, _nie_ geschieht -- so wird er muthlos
-und macht sich selbst und denen, die solche Berichte geschrieben, die
-bittersten Vorwürfe. Es ist schon gefährlich genug, wenn man die dort
-bevorstehenden Unannehmlichkeiten nur erwähnt, und nicht recht besonders
-heraushebt, denn in dem Falle springt der Lesende ebenfalls leicht darüber
-hin, und denkt -- a bah, das sind Kleinigkeiten, die sich schon geben
-werden -- sind auch vielleicht nicht einmal so schlimm wie man sich's hier
-denkt.
-
-Deßhalb sollten es sich die, welche Berichte über Auswanderungen
-schreiben, zur besonderen Pflicht machen, Alles -- auch das Kleinste und
-Unbedeutendste, was sie zum Nachtheil des sonst gepriesenen Landes wissen,
-nicht allein anzuführen, sondern sogar hervorzuheben, und lieber in
-dieser Hinsicht etwas übertreiben als zu wenig thun; die Phantasie der
-Auswanderungslustigen glättet doch die rauhen Kanten ab. Der Europäer
-wird dann nicht, oft gleich bei seinem ersten landen, zurückgeschreckt
-und gerade zu einer Zeit muthlos gemacht, wo er aller seiner Energie
-und Festigkeit am meisten bedarf. Das aber, weshalb Manche den Tadel
-verschweigen, weil sie wissen, daß alles dieß doch immer eigentlich nur
-Unannehmlichkeiten und keine wirklichen Fehler sind, sollte sie gerade im
-Gegentheil antreiben, ihn auszusprechen, denn Amerika bietet dem deutschen
-Auswanderer solche ungeheuere Vortheile, daß man getrost Alles das nennen
-und aufführen kann, was dem Land oder den Sitten jenes Welttheils zum
-Nachtheil gereicht, ohne befürchten zu müssen, den Ackerbauer, den
-eigentlichen Mann für Amerika, dadurch zu schrecken. -- Bleiben nachher die
-geschniegelten und gebügelten Herrchen drüben in Europa, weil sie tausend
-Bequemlichkeiten nicht haben können, tausend Genüsse -- was nämlich für sie
-Genüsse sind, entbehren, ei, so ist das auch nur wieder ein Vortheil
-für Amerika, denn derlei Gesellen, mit parfümirten Taschentüchern und
-wohlfrisirten Locken brauchen sie drüben nicht, die mögen hier ausharren,
-bis sie später einmal, mit dem alten Schlendrian selbst, zu Grunde gehn.
-
-Doch ich komme ganz von meiner, dahin keineswegs hinauszielenden Erzählung
-ab und will lieber wieder so schnell als möglich in's »Kaffeehaus zur Stadt
-München« zurückkehren.
-
-Hier saßen indessen die Deutschen ganz gemüthlich -- nicht etwa bei einer
-Tasse Kaffee, denn der war nur Morgens zum Frühstück zu bekommen, sondern
-bei einem guten Glas Cincinnati-Bier zusammen und plauderten und besprachen
-ihre gegenseitigen Aussichten.
-
-Wagner hatte allerdings in Allem, was er seinem Vetter geschrieben recht
-gehabt; durch eigener Hände Arbeit wußte er sich ein kleines Capital zu
-verdienen und that damit, was in allen Städten Amerikas, besonders aber in
-Cincinnati, die Deutschen nur zu oft thun, er errichtete einen Schenkstand
--- was dort nun einmal ohne seine Schuld _Kaffeehaus_ genannt wird. Wohl
-war der Verdienst jetzt, der ungeheueren Concurrenz wegen, nicht mehr so
-besonders wie früher, er hatte aber doch zu leben, und konnte sogar, da
-er gerade auf seine eigene Bequemlichkeit sehr wenig verwandte, immer noch
-jährlich eine Kleinigkeit zurücklegen.
-
-Was nun seine jetzige Wohnung betraf, die so beschränkt war, daß sie die
-ersten Nächte alle mit einander in einem Zimmer schlafen mußten, so dachte
-er gerade daran, ein größeres Lokal zu nehmen, wie auch sein Geschäft etwas
-mehr auszudehnen, und bot nun Schwaben und seiner Frau an, die erste Zeit
-bei ihm zu bleiben und ihm im Haus und im Geschäft bei allen vorkommenden
-Arbeiten mitzuhelfen. Dafür sollten sie Kost und Logis, und auch noch einen
-kleinen, freilich unbedeutenden Lohn erhalten. Wagner hatte darin aber auch
-ganz recht, daß sie nicht gleich hoffen dürften von vorn herein viel zu
-verdienen, denn sie begännen jetzt eine ganz neue Lauf- und Lebensbahn,
-und darin müsse nun Jeder einmal, es möge sein wer es wolle, sein Lehrgeld
-bezahlen.
-
-Schwabe, der sich nach dem ersten traurigen Anblick des Hauses die Sache
-weit schlimmer gedacht, als sie sich wirklich jetzt herausstellte, war gern
-damit einverstanden und schon in den nächsten Tagen, wo ein Tischler kam
-und den Boden etwas mehr erweiterte, da Wagner seine Wohnung in dem dicht
-danebenliegenden Haus zu nehmen gedachte, begannen die verschiedenen, bei
-solchem Ausräumen nicht zu vermeidenden Arbeiten, denen sich auch beide
-Gatten mit gutem Willen unterzogen, und dadurch mit ihren Verwandten im
-besten Einverständniß blieben.
-
- * * * * *
-
-So vergingen wohl sechs Monate und nichts trübte die Freundschaft und das
-gute Vernehmen der Verwandten; das rege Schaffen und Treiben ließ ihnen
-keine Zeit, auf irgend etwas anderes als ihre Geschäfte zu denken; gar
-verschieden gestaltete sich die Sache aber, als der neue Schenkladen erst
-einmal ordentlich hergerichtet worden, und nun das gleichförmige ruhige
-Leben wieder begann, bei dem sich keineswegs soviel Arbeit herausstellte,
-Alle nun gleichmäßig beschäftigen zu können. Jetzt fielen zuerst, und zwar
-besonders zwischen den beiden Frauen kleine unangenehme Scenen vor und
-einzelne bittere Worte wurden gewechselt. Im Anfang ging man jedoch noch
-leicht darüber hin, eine Versöhnung ward entweder gar nicht für nöthig
-gehalten oder doch bald zu Stande gebracht, und der Gedanke auch, daß sie
-ihren Verwandten doch eigentlich manches verdankten, was sie suchen mußten
-wieder gut zu machen, hielt Schwaben's noch manche Woche in einer Stellung,
-die vielleicht weniger drückend für sie gewesen wäre, hätten sie sich nicht
-immer sagen müssen: »das sind Verwandte, und spielen jetzt die Herren,
-während wir die Knechte machen sollen.«
-
-Schwabe bekleidete nämlich, während der, seinen Leichnam jetzt auf das
-Beste pflegende Wagner ruhig in den Ecken herumsaß und sein eigenes Bier
-trank, die Ausschenkerstelle, und war somit ein förmlicher »=Barkeeber=«
-geworden, die Frau aber, die auch noch nebenbei ihr zweijähriges Kind zu
-besorgen hatte, mußte waschen und bügeln, nähen und stricken, ausbessern
-und alle nur möglichen übrigen häuslichen Arbeiten verrichten, indeß
-_Missis_ Wagner, wie sie sich nur zu gern nennen hörte, nur selten mit
-angriff und, was ihrer Base das peinlichste war, auch schon manchmal begann
-statt des früheren freundlichen Tones, das ganze Wesen einer Gebieterin
-anzunehmen.
-
-Schwaben's wären schon lange fortgezogen und hätten ihr Glück allein, in
-dem weiten fremden Lande gesucht; es kommen ja so Viele glücklich durch,
-warum sollte es ihnen nicht ebenfalls gelingen? Eines nur hielt sie bis
-dahin noch immer von einem solchen Schritt zurück und bannte sie an die
-Stelle, wo sie anfingen, sich recht unbehaglich zu fühlen -- ihr Kind
--- die kleine zweijährige _Louise_ und die Zuneigung die _Wagners_ Frau
-wirklich zu der Kleinen zu haben schien. Sie behandelte sie fast ganz
-wie ihr eigenes Kind, und die Mutter glaubte da schon manches ertragen
-zu müssen, wo es der armen Kleinen ja wieder zu Gute kam. Carl, ihr
-zehnjähriger Knabe machte ihnen weit weniger Sorge; der griff schon
-ordentlich mit zu, verdiente sich das Brod, das er aß, durch dausend kleine
-leichte Arbeiten die er verrichtete, oder Wege die er lief, und wäre ihnen
-auch, so sie wirklich selbstständig in das Leben hinaustraten, gewiß nicht
-zur Last geworden.
-
-Auf solche Art waren sie etwa ein volles Jahr in dem Hause gewesen, das
-jetzt, da sich des Eigenthümers Geschäfte verbesserten, auch seinerseits
-einen etwas vornehmeren Titel annahm, und aus der einfachen »Stadt München«
-zu einem »=city of München=« avancirte. Aber gerade mit diesem zunehmenden
-Wohlstand wich auch der Friede immer mehr, der besonders in den letzten
-Monaten schon so schwankend und zweifelhaft geworden. Wagner's selbst
-mochten das fühlen und es konnte ihnen dabei auch nicht verborgen bleiben,
-was es eigentlich noch sei, das sie in der, ihnen peinlich werdenden Lage
-zurückhielt, und _Missis_ Wagner hatte endlich wenig genug Takt, ihrer Base
-auf halbem Wege entgegenzukommen. Sie bot dieser nämlich eines Morgens an,
-ihr kleines Töchterchen, da sie selbst kinderlos sei, für sie aufzuziehn --
-heißt das natürlich, wenn Schwaben's überhaupt einmal fortziehen sollten --
-und so lange an Kindesstatt zu behalten, bis sie in bessere Umstände,
-und vielleicht zu eigener Selbstständigkeit gelangt, im Stande wären, sie
-wieder abzuholen.
-
-Zwar konnte sich die Mutter nicht gleich dazu entschließen, das Kind,
-wenn auch wohl versorgt, doch gewissermaßen unter fremden Menschen
-zurückzulassen, endlich aber siegten die äußeren, keineswegs günstigen
-Umstände. Schwabe sprach mit seinem Vetter offen über das, was ihn drücke
-und hemme, dieser gab sich keine besondere Mühe ihn zurückzuhalten, und
-nach acht Tagen schon fuhren sie, vorher einen sehr wehmüthigen Abschied
-von dem Kinde nehmend, und dieses der Sorge seiner neuen Pflegeeltern auf
-das dringendste und wärmste an's Herz legend, auf dem Dampfboot »General
-Harrison«, den Ohio stromab, und dem Staate Louisiana zu, wo ihnen, von
-einem Deutschen, der sich kürzlich einige Zeit in Cincinnati aufgehalten,
-günstige Anerbieten gemacht waren.
-
-Viele Jahre hindurch standen die Sachen, wie wir sie im letzten Abschnitt
-verließen. Schwabe fand in St. Francisville, einem kleinen Städtchen unfern
-vom Mississippi, der Ansiedlung von =Pointe coupée= gegenüber, gute und
-lohnende Arbeit; sein Sohn wuchs zu einem kräftigen Burschen heran, der ihn
-bald gar wacker unterstützen konnte, und durch die sparsame Sorglichkeit
-der Frau sah er, wie sich seine Lage mehr und mehr verbesserte und er
-zuletzt sogar darauf denken konnte, selber etwas anzufangen, um, ohne
-gerade immer zu arbeiten, durch die Welt zu kommen.
-
-Seines Vetters Beispiel in Cincinnati mochte viel dazu beitragen ihn auf
-solche Gedanken zu bringen; die Zeiten schienen ebenfalls günstig, --
-Kaffeehäuser gab es in St. Francisville nur sehr wenige und so säumte er
-dann auch nicht lange und schaute bald darauf, wenn er auf der andern
-Seite der Straße an seinem eigenen kleinen Haus vorüber ging, mit ganz
-absonderlichem Vergnügen nach dem großen blauen Schild hinüber, das mit
-goldenen Buchstaben verkündete, wie _Hermann Schwabe_ hier, nicht allein
-ein _Kaffeehaus_, sondern auch »kalte und warme Getränke, frische gebackene
-und marinirte Austern, Pfefferkuchen und Fleischpasteten,« und überdieß
-noch ein »Lager von ächten, in Boston verfertigten Schuhen und Stiefeln und
-Penitentiery Filzhüten« halte.
-
-Was er mit eigener Hände Arbeit, und zwar mit harter, schwerer Arbeit
-begonnen, führte er mit Hülfe einer vorsichtigen aber richtigen Speculation
-weiter, und galt nach gar nicht so langer Zeit, für einen wenn auch nicht
-reichen, doch sicherlich wohlhabenden Bürger des kleinen Städtchens.
-
-Jetzt erwachte aber auch in den Eltern der bis dahin oft gewaltsam
-unterdrückte Wunsch, ihr Kind, ihre kleine Louise wieder zu sich zu nehmen,
-von der sie nun schon eine entsetzlich lange Zeit nicht einmal etwas
-erfahren hatten.
-
-Das Briefschreiben gehörte nämlich zu einer von Schwabes schwachen Seiten,
-er fällte lieber einen vier Fuß im Durchmesser haltenden Baum, als daß er
-eine einzige Seite bekritzelte; immer war es daher sein Entschluß gewesen,
-lieber gleich hinauf nach Cincinnati zu reisen und die Tochter dort selber
-abzuholen; dringende Geschäfte, wie eine plötzliche Krankheit seiner
-Frau, nöthigten ihn aber endlich, entweder seine beabsichtigte Reise noch
-aufzuschieben, oder wirklich zu schreiben. Wie aber war das Kind, unter
-lauter fremden Leuten glücklich nach St. Francisville zu bringen? --
-Durfte man wagen, es Einem der tollkühnen Dampfboots-Capitäne zu übergeben?
-Amerikanische Eltern hätten das augenblicklich gethan, aber die Deutschen
-waren zu ängstlich, und Schwabe fürchtete schon, er würde den so lange
-genährten Wunsch noch länger müssen unbefriedigt lassen, als sich ihm ganz
-unvermuthet ein treffliches Auskunftsmittel bot, das er und seine Frau auch
-mit dankbarer Freude ergriffen.
-
-Ein junger Deutscher aus dem kaum eine Viertelstunde entfernten Bayou
-Sarah, reiste zufälliger Weise gerade in dieser Zeit nach Cincinnati,
-um dort indeß von Deutschland gekommene Verwandte zu treffen und nach
-Louisiana mit zu nehmen. Eine bessere Gelegenheit, Louise ihren Eltern
-wieder zuzuführen, ließ sich kaum denken; Schwabe setzte sich denn auch
-augenblicklich hin und brachte endlich mit vieler Noth und Mühe einen
-ziemlich ausführlichen Brief zu Stande, in welchem er seinen Vetter mit den
-eigenen, bis dahin erlebten Schicksalen bekannt machte, ihm für die treue
-Wahrung seines Kindes dankte, und ihn bat, dasselbe durch den Ueberbringer
-dieses, einen wackern, jungen Mann aus seiner Gegend und guten Freund von
-ihm selber, den sich herzlich nach ihm sehnenden Eltern zurückzuschicken.
-
-Welbauer, wie der junge Mann hieß, ging mit dem nächsten, noch an demselben
-Abende in Bayou Sarah anlangenden Boot stromauf, und Schwabe erwartete
-nun in freudiger Ungeduld die Ankunft der, seit dreizehn Jahren von
-ihnen getrennten Tochter, denn so lange war es schon, daß sie Cincinnati
-verlassen und sich in Louisiana zuerst aufgehalten und später angesiedelt
-hatten. Vor dem Ablauf von wenigstens drei Wochen konnte Welbauer aber kaum
-wieder zurück sein, denn die Entfernung zu Wasser, zwischen Bayou Sarah und
-Cincinnati beträgt 1350 englische Meilen; die Eltern benutzten aber
-diese Zeit, ein kleines, freundliches Stübchen für das erwartete Kind
-herzurichten, damit es sich gleich vom Anfange an recht wohnlich und
-zufrieden im elterlichen Hause fühlen möge und schafften All und Jedes
-herbei, womit sie nur glauben durften, dem lieben, so lange elternlos
-gewesenen Kinde, eine Freude zu machen.
-
-Die bestimmte Zeit war endlich verstrichen, Welbauer aber noch immer nicht
-zurückgekehrt; ja, noch eine vierte Woche verging sogar, ohne daß weder
-ein Brief noch eine andere Nachricht von dem so sehnlich Erwarteten
-eingetroffen wäre. Schwabe, der bis jetzt seine Frau immer nur gebeten
-hatte, Geduld zu haben, da man ja gar nicht wissen könne, was die Rückkehr
-des jungen Mannes vielleicht verzögert hätte, fing nun selber an, ängstlich
-zu werden, und lief des Tages zwei oder dreimal nach Bayou Sarah hinunter,
-um zu hören, was für Boote angekommen wären, und welche man, und woher man
-sie erwartete.
-
-Endlich, in der fünften Woche traf der so heiß Ersehnte mit der »Diana«
-wieder ein, aber -- Schwabe erschrack, als er ihn erblickte und wurde
-todtenbleich -- _allein_ war er -- das Kind war nicht bei ihm und der
-zitternde Vater fürchtete schon das Schlimmste. Das, was ihm im Anfange das
-Herz mit so unendlichem Weh durchzuckt, erwies sich jedoch als unbegründet.
-Welbauer beruhigte ihn bald über das Befinden und Wohlergehen seiner
-Tochter -- er hatte das junge Mädchen gesund und heiter angetroffen,
-sie war gar rasch in die Höhe geschossen, und sollte kräftig und blühend
-aussehen -- das Uebrige aber verkündete ein Brief, den er -- statt dem
-Kinde -- als Antwort mitbrachte.
-
-Schwabe ahnte jetzt fast, was das Schreiben enthielt -- in letzter Zeit,
-als die Erwarteten immer und immer nicht kommen wollten, waren ihm so
-allerlei trübe und häßliche Gedanken durch den Sinn gefahren, die er sich
-ordentlich gefürchtet hatte seiner Frau mitzutheilen, weil er sie doch
-nicht mit nur bloßen vielleicht sogar unbegründeten Vermuthungen ängstigen
-wollte. Rasch erbrach er jetzt den Brief und sah hier seine schlimmen
-Besorgnisse bestätigt. Das Schreiben lautete also:
-
- »Lieber Freund und Vetter« --
-
-»Recht sehr hat es mich gefreut zu hören, daß es Dir wohl geht und Du Dir
-durch Arbeit und Sparsamkeit, wodurch man in Amerika nur allein zu etwas
-kommen kann, ein kleines Vermögen erworben hast. Uns geht es auch hier
-recht gut, und viel besser als damals, wo Du mich zuerst in dem kleinen
-Häuschen an der Ecke der Sykamore-Straße aufsuchtest. Ich bin jetzt auf dem
-Mittelmarkt -- Du weißt ja schon, in der fünften Straße -- gezogen, habe
-ein gutes Boardinghaus[9] errichtet, und mache sehr gute Geschäfte, habe
-aber auch sehr viel zu thun, und weiß kaum wie ich fertig werden soll.«
-
- [9]: Ein Kosthaus, oder eine untergeordnete Art von Hotel.
-
-»Was nun Deine Tochter Louise anbetrifft, so ist die recht gewachsen,
-und ein braves gutes Mädchen geworden, meine Frau hat sich aber so an sie
-gewöhnt, daß sie gar nicht daran denken kann, sich von ihr zu trennen. Seid
-deshalb auch nicht böse, daß ich Euch Euren Wunsch nicht erfülle und sie
-mitschicke. Eigentlich kannst Du es uns auch gar nicht verdenken. Sieh,
-wir haben bis jetzt blos die Noth und Sorge mit dem kleinen Kind gehabt und
-sollen es jetzt, da es groß geworden ist und anfängt, uns für alle die Mühe
-und Auslage zu belohnen, wieder herausgeben. Meine Frau hält es dabei wie
-ihre eigene Tochter. Wir lassen es noch immer in die Schule gehen und geben
-ihm eine ganz gute Erziehung. Was willst Du mehr? Aber trennen möchte
-sich meine Frau nicht wieder von dem Kinde und wir bitten Dich daher recht
-dringend es uns zu lassen.«
-
-»Mit dem Wunsche, daß es Euch in St. Francisville Allen gut geht und Ihr
-manchmal unser gedenkt, unterschreibe ich mich als Dein
-
- Dir treu ergebener Freund und Vetter
-
- _Fürchtegott Wagner_.«
-
- Mittelmarkt -- nordwestliche Ecke von Walnut street.
-
-_Nachschrift._ »Louise läßt schönstens grüßen und Euch Allen Glück und
-Gesundheit wünschen. Was kostet denn bei Euch die Butter -- hier ist sie
-gestern auf zwei Bit gestiegen, das Schweinefleisch ist aber dafür noch
-billiger geworden als wie damals, wie Du hier warst.
-
- _Dein Vetter._«
-
-Der Brief war verworren, der Inhalt desselben aber doch auch wieder einfach
-und deutlich genug, und Schwabe ging wohl eine halbe Stunde lang, wie vor
-dem Kopf geschlagen, an der Dampfbootlandung hin und her. -- Sollte er
-_das_ was hier mit klaren dürren Worten in dem Brief stand, seiner Frau
-mittheilen? -- Aber wie konnte er es ihr auch verheimlichen, hätte sie am
-Ende nicht gar geglaubt es wäre ihrem Kinde irgend ein Unglück zugestoßen?
-_Der Verdacht_ übrigens, den er gegen Wagner hegte, wurde von Welbauer noch
-bestätigt.
-
-Dieser hatte sich nämlich, da er den Eltern doch versprochen, das Kind zu
-bringen und nun dort, wo er es am wenigsten vermuthete, so unverhofften
-Widerstand gefunden, nach den Verhältnissen und dem ganzen Leben und
-Treiben jener Leute genauer und näher erkundigt. Hier erfuhr er nun,
-daß sie allerdings die angenommene Tochter im Hause selbst sehr gut
-behandelten, aber keineswegs so viel in die Schule schickten, als Jener
-hier in dem Brief geschrieben; im Gegentheil mußte das arme Mädchen, wenn
-es auch keine schwere Arbeit zu thun hatte, von Morgens früh bis spät
-Abends auf dem Platze sein, während sich Missis Wagner fast ganz und gar
-von jeder Arbeit zurückgezogen habe, und nur allein die Dame spiele.
-Louise war ihnen dabei durch ihren unausgesetzten Fleiß von ungemeinem,
-ja unbezahlbarem Nutzen. Gaben sie das Mädchen heraus, so mußten sie
-jedenfalls eine fremde Haushälterin annehmen und diese nicht allein mit
-theuerem Gelde bezahlen, sondern ihr auch -- etwas besonderes Gefährliches
-in Amerika, wo die Leute oft, Gott weiß woher, geschneit kommen -- Alles
-und Jedes im Hause anvertrauen. Bei Louisen dagegen, die sich ihrer eigenen
-Mutter kaum noch erinnerte, ihren Pflegeeltern aber mit aller Liebe einer
-wirklichen Tochter anhing, hatten sie das Eine nicht nöthig, das Andere
-nicht zu fürchten, und es ließ sich daher voraussehen, wie sie unter
-diesen Umständen gewiß Alles thun würden, was in ihren Kräften stand, die
-Pflegetochter den vollen Ablauf der gesetzlichen Frist, also bis zu deren
-einundzwanzigstem Jahr bei sich zu behalten.
-
-Gerichtlich konnte Schwabe, wie Wagner ebenfalls gut genug wußte, keine
-Schritte mit nur irgend einer Aussicht auf Erfolg thun, denn ein wirklicher
-Kontrakt war gar nicht abgeschlossen, und wenn es zur Klage kam, so wurde
-dem Verklagten entweder die vorerwähnte gesetzliche Frist zugestanden, oder
-der Kläger hätte eine Kostenberechnung zahlen müssen, die dieses eigene
-Mittel jedenfalls weit überstiegen haben würde. -- -- Der Frau übrigens ein
-Geheimniß daraus zu machen, ging nicht an, über kurz oder lang hätte sie
-es doch erfahren müssen, und gemeinschaftlich konnten sie auch besser
-berathen, welche Schritte jetzt am besten zu thun wären.
-
-Er ging denn auch ohne weiters nach St. Francisville zurück, zeigte ihr
-erst den Brief und ließ sie dann später Alles das, was sie noch zu wissen
-wünschte, von Welbauer selber erfragen. Im Anfange war sie nun, als sie die
-Nachricht wie ein Schlag aus heiterem Himmel traf, außer sich, wollte ohne
-weiters »an die Gerichte gehen,« und meinte, kein Gesetz der Welt dürfe
-ihr solcher Art und widerrechtlich, das eigene Kind gewaltsam zurückhalten.
-Schwabe hatte durch einen dreizehnjährigen Aufenthalt in Amerika die Sitten
-und Gesetze des Landes aber so ziemlich kennen gelernt, und fürchtete nicht
-ohne Grund, durch eine Klage erstlich einmal sein gutes Geld einzubüßen,
-und dann nicht einmal etwas auszurichten.
-
-»Selbst ist der Mann,« reifte endlich der Entschluß in ihm, »einen bloßen
-Brief können sie Dir leicht mit »Nein« beantworten, gehst Du aber als
-_Vater_, und forderst Dein eigenes Kind zurück, so werden sie es Dir,
-wenn sie es auch wirklich vor dem Gesetze dürften, doch nicht länger
-vorenthalten können.«
-
-Jetzt hatte er gerade alle die Geschäfte, die ihm vor mehren Wochen
-noch eine Reise unmöglich gemacht, beendet, er entschloß sich also kurz,
-beruhigte seine Frau, der er fest versprach ihr Kind zu bringen, und wenn
-er es stehlen sollte, und rüstete sich fröhlich zur Fahrt nach Ohio.
-
-»Sei gutes Muthes, Mutter,« lachte er dabei, als er sich zu der rasch
-beschlossenen Fahrt rüstete, »was ist's denn auch weiter! geben sie mir
-mein Kind nicht gutwillig, ei, so thue ich, als wenn ich mich in das
-Unabänderliche füge, verabrede mich aber heimlich mit Louisen, bringe sie
-auf ein Dampfboot und gehe förmlich mit ihr durch. Nachher mögen sie uns
-verfolgen oder gar verklagen, kein Gesetz wird einen Vater verdammen,
-daß er sein eigenes Kind gestohlen, wenn sie es ihm auch vorher nicht
-freiwillig zusprächen.«
-
-Die wenigen Vorbereitungen waren bald getroffen, es galt ja hier auch nur
-eine kurze Fahrt und schnelle Rückkehr; nur etwas gab ihm die Mutter
-noch mit, das sie schon seit vielen Jahren für ihr Kind bestimmt, dessen
-Absendung sie aber bis jetzt noch immer verschoben hatte -- ihr Bild. Ein
-junger deutscher Maler, der vor einigen Jahren mehre Monate lang bei ihnen
-gewohnt und dort krank geworden war, hatte aus Dankbarkeit für die treue
-Pflege der guten Leute, die Miniaturbilder der Beiden gemalt und ihnen zum
-Andenken zurückgelassen, und das ihre schickte jetzt die Mutter dem Kinde.
-Warum? wußte sie selber nicht, erwartete sie ja doch das Heißgeliebte in
-wenigen Tagen, dennoch trug sie dem Vater auf, die Ablieferung desselben ja
-nicht zu vergessen, und es war fast, als ob sie mit dem Bewußtsein, daß
-es bald in den Händen ihrer Louise sein werde, auch ruhiger würde, und der
-Zukunft gefaßter entgegensähe.
-
-Schwabe schiffte sich auf dem nächsten, stromaufgehenden Dampfboote ein,
-ging mit diesem bis nach Kairo, der Mündung des Ohio, benutzte von hier aus
-ein anderes, das gerade Fracht für Pittsburg einnahm, und betrat neun
-Tage später die Stadt wieder, in der er vor vierzehn Jahren, ein armer
-heimathloser Auswanderer, gelandet war, und zuerst Schutz und Aufnahme
-gefunden hatte.
-
-Sonderbarer Weise schlug und klopfte ihm aber jetzt das Herz so bang und
-ängstlich, als ob er irgend eine böse That begangen oder beabsichtige, und
-doch wollte er ja Nichts, gar Nichts auf der weiten Gotteswelt, als sein
-Kind, sein eigenes liebes Kind zurück in die Arme der Mutter führen.
-Das peinliche Gefühl wuchs sogar noch, als er den steilen Landungsplatz
-hinaufstieg, durch die Mainstraße ging und endlich links in den Mittelmarkt
-einbog -- er mußte sogar ein paar Mal stehn bleiben und erst ordentlich
-wieder Athem holen.
-
-Anders wurde es ihm freilich, als er die sonderbare Scheu endlich
-überwunden hatte, das, ihm durch den Brief und von Welbauer bezeichnete
-Haus betrat, und dort sein liebes, lang entbehrtes Kind sehen und in die
-Arme schließen konnte. Da kehrte der alte Muth zurück, frisch und frei
-schoß ihm das Blut wieder durch's Herz und ohne Rückhalt wollte er schon
-seinen Gefühlen, die ihm die Brust zu zersprengen drohten, Raum geben, als
-er merkte, wie ihm die Thränen in die Augen traten -- sie liefen ihm hell
-und klar an den beiden braunen Wangen herunter und das -- das brauchten
-die fremden Menschen nicht zu sehen, die von allen Seiten des Hauses
-herbeieilten und ihn jetzt umstanden. Er riß sich gewaltsam los, drückte
-seinen Hut, den er noch gar nicht abgelegt, fester in die Stirn und zog
-Wagner mit sich fort, in dessen Stube hinauf -- er schämte sich, daß ihn
-die Leute sollten weinen sehn und hoffte sich später schon besser zusammen
-nehmen zu können.
-
-Ein Gespräch mit Wagner allein, wie er es im Anfang gewünscht, sollte ihm
-aber nicht vergönnt werden, denn _Missis_ Wagner, welche behauptete, dieß
-sei eine Sache, bei der sie selbst am meisten und innigsten betheiligt
-wäre, schloß sich ihnen gleich darauf an, und brach augenblicklich jede
-weitere und von Schwabe allerdings vorher beabsichtigte Einleitung dadurch
-ab, daß sie die Absicht seines Besuchs ohne Umstände beim Schopf erfaßte
-und an's Tageslicht zog.
-
-Eines Theils war dieß nun gut, denn Schwabe hatte schon in aller
-Verlegenheit gar nicht gewußt, wie er am Besten beginnen solle, anderen
-Theils gab es ihm aber auch bald die keineswegs ermuthigende Ueberzeugung,
-daß hier, und dieser Frau gegenüber, ein _gütlicher_ Vergleich unmöglich
-sein würde, denn Madame erklärte jetzt rund heraus, mit _ihrer_ Bewilligung
-verließe das Mädchen ihr Haus _nicht_, und _ohne_ ihre Bewilligung wäre
-noch weniger daran zu denken. Dabei gab sie dem armen Vater auch ohne die
-mindeste Schonung zu verstehn, wie freundlich er selbst und seine ganze
-Familie bei ihnen beherbergt worden, mit welcher Sorgfalt sie sich dann
-später selbst eines Kindes angenommen, von dem sie bis seit ganz kurzer
-Zeit, nur Sorge, Mühe und Auslagen, aber nicht den geringsten Nutzen
-gehabt. Jetzt dagegen, wo eben dieses Kind das Alter erreicht habe, in
-welchem sie hoffen durften, das zu erndten, was sie durch lange Zeit
-hinausgesäet, jetzt komme er, der Vater, der Jahre lang nicht einmal nach
-seinem Kinde _gefragt_, zurück und wolle es ohne weiteres abholen und
-mit sich fortnehmen. Daraus würde aber Nichts, so lange noch Recht und
-Gerechtigkeit im Lande existire, und so lange sie selber noch eine Zunge
-zum Reden und eine Hand es zu verhindern habe, sollte das nicht geschehen,
-dafür stehe sie; »_Mister Schwabe_ müsse dann« wie sie mit beißendem Ton
-hinzufügte, »die Kleinigkeit von 3500 Dollar übrig haben, um aufgelaufenes
-Kost- und Schulgeld für seine Tochter zu bezahlen, dann möge er sie
-ihretwegen mitnehmen und wenn das Mädchen nachher wirklich ginge, wirklich
-die verließe, die ihr mehr als eine, wenigstens als _ihre_ Mutter gewesen,
-so wolle sie denken, sie habe eben nur eine undankbare Natter an ihrem
-Busen genährt und müsse sich, ob ihr auch das Herz blute, darüber zufrieden
-geben.«
-
-Was sagte aber die, um deren künftigen Aufenthalt, um deren glückliche oder
-unglückliche Zukunft vielleicht, es sich hier handelte, was sagte Louise zu
-alle dem? nach welcher Seite neigte sich ihr Herz und wie empfing sie den
-Vater, dessen Ankunft sie überraschte, ja erschreckte?
-
-Was konnte das arme Mädchen sagen? -- Von der Zeit an, wo sie ihre Mutter,
-ein kleines, keines Nachdenkens fähiges Kind zurückließ, war sie stets
-gewohnt gewesen, das Wagner'sche Haus als das elterliche -- wenigstens
-als ihre Heimath -- zu betrachten. Hier _wurde_ sie auch heimisch, den
-wirklichen Eltern aber mehr und mehr entfremdet, je mehr die Erinnerung
-an frühere, einzelne Scenen in ihrem jugendlichen Herzen frischeren und
-lebendigeren Eindrücken Raum geben mußte. Selbst den Namen _Mutter_ hatte
-sie vergessen, und nur manchmal, wenn sie ihn von andern Kindern hörte, zog
-es wie fernes liebliches Glockengeläute durch ihre Seele. -- Das war die
-Erinnerung jener Zeit, wo sie den theuren Namen an dem Hals der
-eigenen Mutter selbst gelispelt, aber es war auch eben nur wie fernes
-Glockengeläut, und der Klang zu weich, zu unbestimmt, um ihm nähere,
-erkennbarere Formen geben zu können.
-
-Wagner selbst hatte dabei in letzterer Zeit, und besonders seit Welbauers
-Besuch, nicht versäumt, das arme unwissende Kind, weniger mit klaren Worten
-wie mehr mit hingeworfenen und unbestimmten Aeußerungen ahnen zu lassen,
-daß dort, wohin man es holen wolle, eine keineswegs freudige Existenz
-seiner harre, denn nie würde es irgend ein Mensch wieder so lieb haben,
-wie man es hier, in seiner wirklichen und einzigen Heimath gehabt. Auch
-_Missis_ Wagner schien seit der Zeit viel freundlicher und herzlicher mit
-Louisen zu werden, nannte sie oft _Kind_ und _Tochter_, verbesserte die
-zwar einfache aber doch sonst reichliche und anständige Garderobe derselben
-und ließ ihr weit mehr Freiheit, als das bisher der Fall gewesen. Nichts
-destoweniger klopfte der Armen doch das Herz, als sie vernahm, ihr Vater
-wolle sie sehen -- hatte sie denn nicht schon früher gehört, ihre Eltern
-verlangten sie zurück und war er denn nicht vielleicht gerade zu dem Zweck
-jetzt nach Cincinnati gekommen? Ihre Pulse flogen fieberhaft und eine Angst
-überkam sie, als ob irgend ein gewaltiges Unglück sie bedrohe, das sie
-nahen sehe, dem sie aber nicht entgehen könne.
-
-Schwabe verließ indessen, nach seiner Zusammenkunft mit Wagners, sehr
-betrübt und niedergeschlagen ihr Haus, schlenderte langsam den Mittelmarkt
-hinauf, der katholischen Kirche zu, und dachte mit recht schwerem Herzen
-an die letzten Worte der gereitzten Frau Base -- »daß sie Louisen wie eine
-Natter betrachten werde, die sie in ihrem Busen genährt --« _Undankbar_ --
-der Vorwurf schnitt ihm tief, tief in die ehrliche Seele und langsam, die
-Augen fest auf die Trottoirs geheftet, wanderte er die breite, sonnige
-Straße entlang.
-
-»Halloh, _Schwabe_ -- so wahr ich lebe -- und in tiefen Gedanken?« rief
-ihn da plötzlich eine laute fröhliche Stimme an, »bist doch nicht etwa
-Bankdirector geworden, daß Du so grimmige Gesichter schneid'st, calculirst
-und Deine alten Freunde nicht mehr kennst?«
-
-Schwabe sah rasch auf und erkannte, ebenfalls zu seinem freudigen Erstaunen
-einen alten Bekannten und Schiffsgefährten, der mit ihm von Deutschland
-ausgewandert und nach Cincinnati gefahren, dort aber, anstatt wie Schwabe
-nach Louisiana zurückzukehren, die ganze lange Zeit geblieben war, hier
-eine Brauerei errichtet hatte und sich nun gar wohl befand und glücklich
-fühlte. Er stand gerade in der Thür der Rehfußischen Apotheke und streckte
-dem überrascht vor ihm stehen Bleibenden mit herzlichen Worten die Hand
-entgegen.
-
-»Aber nun sage nur einmal, Alterchen,« frug er den Niedergeschlagenen, als
-die ersten Begrüßungen gewechselt und er den Arm desselben in den seinigen
-gezogen. »Du siehst ja gerade so aus, als ob Dir die Petersilie verhagelt,
-oder sonst ein entsetzliches Unglück passirt wäre -- was giebt's, was hast
-Du und wo willst Du jetzt hin?«
-
-»Nirgends hin,« meinte Schwabe, »ich schlenderte nur hier in Gedanken fort
--- was es aber --«
-
-»Dann kehren wir auch augenblicklich wieder um!« rief der Brauer, und
-schwenkte ohne weiters um. -- »Da draußen haben wir Nichts zu suchen, und
-meine Brauerei und Bierstube liegt hier drinnen, dort mußt Du beichten,
-mein Bursche, und wenn das Uebel nicht gar so tief sitzt, so werden wir
-schon Rath schaffen.«
-
-Schwabe, dem es überdieß lieb war, seinen trüben Gedanken sowohl auf kurze
-Zeit entrissen zu werden, wie auch Jemanden zu haben, gegen den er einmal
-unverholen sein Herz ausschütten konnte, lenkte willig mit ihm ein
-und erzählte nun dem neugefundenen Freunde, in dessen Haus sie endlich
-angelangt waren, umständlich seine ganze Geschichte, die Verbindlichkeiten,
-die er Wagnern schulde, dessen jetzige Meinung, und die Verzweiflung, in
-der seine Frau sein werde, wenn er _ohne_ dem Kinde zurückkehre.
-
-Der Brauer hörte ihm, den Kopf in beide, auf den Tisch gestemmte Arme
-gestützt, aufmerksam zu, unterbrach ihn nicht ein einziges Mal, und that
-nur manchmal lange, mächtige Züge aus dem vor ihm stehenden riesigen
-Blechmaaß, das an die alten deutschen Humpen erinnerte, dann aber, als
-Jener geendet und nur noch das erwähnte, wie ihn der Vorwurf, _undankbar_
-zu sein, so wehe thue und ihn ganz unschlüssig mache, was er thun oder
-lassen solle, da schlug der Brauer so kräftig auf den Tisch, daß die
-Fensterscheiben erschreckt zusammenklirrten und rief: der Wagner sei
-ein _Lump_, das wolle er ihm schriftlich geben, ihm aber werde er jetzt
-beweisen, daß, wenn Jemand wirklich dankbar zu sein hätte, es Niemand
-Anderer als in der That nur Wagner selbst sein müsse, der an dem Mädchen
-die langen Jahre hindurch einen wahren Schatz besessen.
-
-Und nun theilte er dem mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörenden
-Vater mit, was das Kind seit seinem achten Jahre, also jetzt schon beinahe
-ein Zeitraum von wieder achten, gethan und gearbeitet, wie es seit dem
-eilften Jahre die Wirthschaft dort fast ganz allein geführt und bei dem
-Allen fast in keine Schule gekommen, sondern immer nur zu Haus behalten
-sei, um der sogenannten _Missis_ Bequemlichkeit nicht zu stören und zu
-unterbrechen. Dabei habe sie, als diese vor drei Jahren am Tode mit dem
-wüthendsten Nervenfieber gelegen, wochen- und monatelang Tag und Nacht an
-ihrem Bette gewacht, erst im vorigen Jahre wieder eine gleich langwierige,
-wenn auch weniger gefährliche Krankheit bei ihr ausgehalten und überhaupt
-das, was Jene vielleicht an ihr gethan, als sie noch ein kleines Kind war
-und nicht arbeiten konnte, reichlich, ja im Uebermaße vergütet. Wenn also
-Jemand zur Dankbarkeit verpflichtet sein sollte, so wären es Wagner's
-selber, und daß sie damals das kleine Kind zu sich genommen, ei, das hätten
-sie auch eher aus Eigennutz, als aus Menschlichkeit gethan, denn selbst
-kinderlos freuten sie sich des kleinen, muntern Wesens, während es den
-Eltern wehe genug that, es zurückzulassen.
-
-»Das Uebrige Alles bei Seite,« fuhr der Brauer plötzlich in seinen
-Trostworten fort, und etwas leiser redend, bog er sich, die Hände
-herunternehmend, näher zu dem Freund hinüber, »so giebt es doch noch einen
-Grund, über den wir hier in der Stadt, wenn's uns auch nichts anging, schon
-oft gesprochen, und der allein hinreichend wäre, es Euch, Schwabe, sogar
-zur Pflicht zu machen, Euer Kind mit fortzunehmen.«
-
-Schwabe horchte hoch auf, Jener aber, die Stimme zu einem Flüstern
-herunterdrückend, sagte:
-
-»Wenn ich Vater wäre, so nähme ich mein Kind, und besonders ein Mädchen,
-heute noch mit mir fort, das in _dem_ Hause nichts Gutes lernen kann.
-Wovon ist Wagner so rasch und plötzlich ein wohlhabender Mann geworden? Von
-seinem Schenkstande etwa? -- Das soll mir Keiner weiß machen; nein, von
-der heimlichen Spielhölle, die er in seinem Hause, klug genug, so versteckt
-hält, daß ihm die Gerichte, obgleich sie schon dreimal, und zwar ganz
-unerwartete Nachsuche gehalten, doch nicht auf die Spur kommen können. Das
-arme Mädchen nun, da er keinem fremden Barkeeper das Geheimniß anvertrauen
-kann, muß fast jede Nacht bis ein oder zwei Uhr bei diesen rohen Gesellen
-aufsitzen, und wenn auch Wagner ebenfalls im Zimmer bleibt, so hört sie
-doch dort -- denn wie könnte sie's verhindern -- all die gemeinen wüsten
-Reden einer Menschenklasse, die sich in der Leidenschaft des Spiels noch
-unter das Thier erniedrigen. Das arme Kind, seit langen Jahren daran
-gewöhnt, weiß das nun freilich nicht besser; wäre ich aber Vater, mir
-bliebe sie keine Stunde länger in dem Hause.«
-
-»Aber lieber, bester Freund!« sagte Schwabe, hierdurch einestheils von der
-ersten Besorgniß erlöst, aber dann auch wieder mit einer neuen, fast noch
-schwereren auf der Seele -- »wie will ich sie fortbekommen? Fordere ich
-sie dem Manne durch das Gesetz ab, so macht er mir nachher eine
-Kostenberechnung, die ich nach dem, was ich schon von der Frau gehört, gar
-nicht im Stande wäre zu bezahlen.«
-
-»Nein, dahin darfs nicht kommen!« entgegnete rasch der Brauer, »wenigstens
-müßtet Ihr erst den Hauptvortheil vorne weg zu gewinnen suchen, und das
-ist -- das Recht des Besitzes, in dem sich Wagner jetzt befindet. Wer eine
-Sache einmal wirklich hat, dem ist sie hier in Amerika verdammt schwer
-aus den Zähnen zu reißen, selbst wenn er noch weniger anscheinendes Recht
-darauf hätte, als Wagner hier in diesem Falle; verhielt sich aber die Sache
-umgekehrt, wäre die Tochter bei Euch, und wollte sie Wagner nun wieder
-haben, oder die Entschädigungssumme ausgezahlt bekommen, dann müßte er
-klagen und Ihr, in St. Francisville könntet nachher eine Gegenrechnung für
-geleistete Dienste aufsetzen, die sich gewaschen hat.« --
-
-»Dann bleibt mir weiter Nichts übrig, als mein eigenes Kind zu stehlen!«
-rief Schwabe.
-
-»Ganz meiner Meinung!« sagte der Brauer und leerte den letzten Rest des
-Blechmaaßes auf einen Zug -- »ganz meiner Meinung,« wiederholte er, als
-er fertig war, und das Gefäß klappernd auf den Tisch zurückstellte --
-»und Nichts leichter als das! Ich bin heute Morgen mit dem Mailboot von
-Louisville gekommen, und habe unten an der Landung das Sternwheelboot[10]
-Raritan getroffen, das, wie mich der Capitän fest versicherte, morgen früh
-mit dem Schlage Acht, Cincinnati verläßt. Der Raritan geht allerdings nur
-bis zur Mündung des Arkansus, den Mississippi hinunter; das schadet aber
-Nichts, dort langen täglich wenigstens zwei oder drei stromabgehende Boote
-an, und Ihr Beide könnt in fünf bis sechs Tagen in Louisiana sein.«
-
- [10]: Sternwheelboot ist ein Dampfboot, das, gewöhnlich mit zwei
- Maschinen, nur _ein_ großes Rad hinten am sogenannten _Stern_ hat, und
- von diesem also gänzlich vorwärts _geschoben_ wird. Diese Art Boote
- scheinen aber nicht besonders praktisch, und es giebt deren nur sehr
- wenige auf den Amerikanischen Flüssen.
-
-»Aber wie bekomme ich Louise aus Wagner's Händen, ohne daß dieser etwas
-davon merkt?«
-
-»Louisen? Ei, Ihr geht einfach zusammen fort, denn Wagner läßt sich nie
-Morgens vor neun Uhr unten sehen -- so lange schläft er, weil er die Nacht
-so spät aufbleibt, und das arme, junge Mädchen muß schon von sechs Uhr an
-Frühstück und Alles besorgen, dann auf dem Markt einkaufen, die Eier oder
-vielmehr die Bäkereien in Ordnung halten, und Gott weiß, was sonst noch für
-Sachen und Geschäfte verrichten. Du siehst also zu, daß Du heute Abend
-noch einmal Gelegenheit bekommst, mit Deiner Tochter zu sprechen, und das
-Uebrige überlasse mir -- ich bin dort im Hause bekannt wie ein bunter Hund,
-und werde das Alles schon besorgen. Jetzt aber, damit Du keinen
-unnöthigen Verdacht erregst, oder einen vielleicht schon erregten wieder
-beschwichtigst, gehst Du zu Wagner's Haus zurück, und erklärst dorten, daß
-Du sie -- Wagner's, bittest, Deinen Wunsch nochmals zu überlegen und zu
-prüfen, stelle ihnen dabei vor, wie sich die Mutter sonst grämen wird etc.
--- das hilft doch Alles nichts, aber es macht sie sicher -- hiernach theile
-ihnen mit, daß Du gesonnen seist, drei Tage in Cincinnati zu bleiben und
-nach Ablauf dieser Frist wünschest, eine bestimmte Antwort von ihnen zu
-hören -- das sagst Du ihnen übrigens nur, wenn Du allein mit ihnen bist,
-verstehst Du? Ihr braucht dazu gerade keine Zeugen. Apropos, haben sie Dich
-schon eingeladen, bei ihnen zu wohnen?«
-
-»Nein -- sie wissen ja gar nicht, wie lange ich hier bleiben wollte.«
-
-»Gut, desto besser -- thun sie es jetzt, so sagst Du, Du hättest es mir
-schon versprochen; morgen früh hast Du denn weiter nichts zu thun, als in
-_dem_ Augenblick, wo ich das Zeichen von unten herauf bekomme, daß das Boot
-die Springkette losläßt, Dein Kind abzuholen, in Mainstreet soll dann ein
-Wagen für Euch stehn, und daß sie unten nicht eher abfahren bis Ihr an Bord
-seid, dafür will ich auch schon Sorge tragen.«
-
-Alle weiteren Bedenklichkeiten des immer noch nicht recht fest
-Entschlossenen, machte übrigens der wackere Brauer zu Schanden, bewies
-ihm, daß er, wenn er nicht ein wahrer Rabenvater wäre, sein Kind mitnehmen
-_müsse_, und redete ihm so in's Herz hinein, daß sich Schwabe, dessen
-heißester Wunsch das Alles ja von Anfang an selbst gewesen, nur zu gern
-überreden ließ, in jeder Hinsicht dem Rath seines neugefundenen Freundes zu
-folgen, mit dem er auch jetzt die näheren Vorsichtsmaßregeln besprach und
-festsetzte.
-
-Allerdings ging er nun von hier aus wieder nach Wagner's Haus zurück; so
-sehr er sich aber auch bemühte, seine Tochter, und sei es nur auf wenige
-Minuten, allein zu sprechen, so gelang ihm das doch keineswegs, denn
-eine direkte Unterredung mochte er nicht gern verlangen, weil er dadurch
-Verdacht zu erregen fürchtete; ja er hatte sogar schon, um seinen Vetter
-ganz sicher zu machen, diesem gesagt, daß er, da er sich doch jetzt einmal
-in Cincinnati befinde, einen guten Bekannten aufsuchen wolle, der mit ihm
-über See gekommen sei, und etwa zwei Stunden Wegs von der Stadt entfernt
-wohne, er würde daher auch wohl nicht vor morgen früh zehn Uhr zurückkehren
-können. Kaum vermochte er dabei mit dem fortwährend beschäftigten Kinde
-ein paar flüchtige Worte zu wechseln, doch hatten sie das vorausgesehn, und
-dafür schon Vorkehrungen getroffen. Der Brauer sollte nämlich, sobald ihm
-das nicht selbst gelang, den Abend bei Wagner's zubringen, und die Tochter
-bei der ersten sich ihm dort bietenden Gelegenheit auf die beabsichtigte
-morgende Flucht vorbereiten. Der Klugheit Louisens hofften sie dabei
-ebenfalls viel vertrauen zu können und glaubten jetzt die ganze Sache auf
-das vortrefflichste und zweckmäßigste eingeleitet und berathen zu haben.
-
-So brav und ehrlich unser wackerer Brauer aber auch sein mochte, und so gut
-er's sicher in diesem Falle meinte, so war er doch -- das ließ sich kaum
-läugnen -- nichts weniger als ein Diplomat und kam fast nie zum Ziele, wo
-es einiger List und Scharfsinn galt, sondern meistens nur, wo er gerade
-ohne weitere Umstände hinein tappen durfte. So hatte er es denn auch in
-diesem Falle wohl eine volle Stunde lang umsonst versucht, Schwabes Tochter
-nur so viel merken zu lassen, daß er ein Paar Worte an sie allein zu
-richten wünsche. Vergebens blieb er mitten in der Schenkstube, allen Gästen
-im Wege stehen, um sie im Vorbeigehen anzureden, vergeblich verstopfte
-er über eine Viertelstunde durch seine breite, vierschrötige Gestalt die
-Hofthür, sie kam nicht _ein_mal hinaus, und er wurde endlich durch die
-vereinten Bemühungen des Barkeepers und der schwarzen Köchin bei Seite
-geschoben, und bedeutet, daß dieser gerade der allerletzte Platz wäre,
-wo man ihn gern sähe. Er fing schon an, die Aufmerksamkeit der Gäste zu
-erregen, und beschloß nun einen andern, weniger gefährlichen aber gewiß
-sichern Plan zu verfolgen.
-
-Zu diesem Zwecke ließ er sich in einer der am wenigsten beobachteten
-Ecken des Zimmers nieder, und drückte sich hier, seinen Blechkrug und das
-brennende Licht -- denn es war indessen dunkel geworden -- dicht vor sich
-geschoben, fast gewaltsam zwischen die scharfe Tischkante und die hier
-angebrachte, mit mächtigem Gehäus umschlossene Wanduhr. Dadurch gewann er
-den Vortheil, daß er, ohne den Kopf zu wenden, das ganze Zimmer übersehen
-konnte, und sobald er sich jetzt einen Augenblick selber unbeachtet sah,
-schlug er mit der Lichtschere gegen das Blech, was, wie er recht gut wußte,
-Louise im Nu an seine Seite brachte.
-
-Das junge Mädchen sprang rasch auf ihn zu, und streckte die Hand nach dem
-Blechmaaß aus, um es wieder zu füllen; der Brauer hielt das aber mit der
-linken fest, während er mit der rechten ihren Arm ergriff, sie ein wenig zu
-sich hinüberzog und leise, aber schnell flüsterte:
-
-»Erschrick nicht -- er kommt morgen früh!«
-
-Louise erschrak aber über das Plötzliche dieser Warnung und fast eben so
-über das sonderbare Gesicht, das der Brauer dabei machte, dermaßen, daß sie
-einen nur halbunterdrückten Schrei ausstieß.
-
-Eigenthümlich war die Wirkung, die dieser Schrei auf den Brauer ausübte.
-
-In demselben Momente fuhren die Gäste nach dem ziemlich hörbaren Ausruf
-herum und natürlich richteten sich dadurch ihre Blicke auf den in der Ecke
-Sitzenden, dieser aber riß mit einem plötzlichen Ruck beide Hände zurück,
-saß starr und steif da, zog die Backen ein, preßte dabei die Lippen fest
-aneinander, und schnitt ein so ungemein gleichgültiges und nichtsagendes
-Gesicht, daß Louise, die solch wunderbare Veränderung mit Blitzesschnelle
-vor sich gehen sah, in ein lautes Gelächter ausbrach, in das jetzt viele
-der Umstehenden mit einstimmten.
-
-Der Brauer ließ sich nun allerdings nicht durch solche Kleinigkeiten außer
-Fassung bringen, damit war ihm aber auch für den Augenblick der ganze
-Anlauf verdorben, und er mußte wohl eine halbe Stunde vorübergehen lassen,
-ehe er einen neuen Versuch wagen durfte.
-
-Als er zum zweiten Male an das Blech schlug, sah sich Louise allerdings
-wieder nach ihm um, blieb aber stehen, und des Brauers rasch und seltsam
-verzerrte Physiognomie, rief ihr eben so rasch die Grübchen in die Wangen
-zurück, denn sie konnte doch wahrlich nicht ahnen, daß dieses gräuliche
-Gesichterschneiden irgend einen bedeutsamen Zweck für sie haben sollte. Und
-dennoch war das so; der Brauer gab sich die nur erdenklichste Mühe,
-irgend einen mimischen Eindruck auf sie hervorzubringen, sobald er das nur
-irgendwie unbemerkt thun konnte, und die halb schlauen, halb ängstlichen
-Seitenblicke, die er dazwischen im Zimmer und besonders nach rechts und
-links hinüber warf, waren so unwiderstehlich komisch, daß die, zu deren
-Besten der sonst so ernste Mann all diese Muskelverzerrungen vortrug,
-endlich in allen Freuden und dem festen Glauben, »der Brauer habe heute
-einmal einen Schluck über den Durst gethan,« ihren Pflegevater darauf
-aufmerksam machte, und dadurch den ganzen, so schön und pfiffig
-ausgedachten Plan unseres Bierfabrikanten zerstörte. Wagner setzte sich
-bald darauf zu ihm, und der Brauer verließ eine Stunde später, höchst
-ärgerlich auf sich und die ganze Welt, die »=City of München=.«
-
-Dadurch war es den Verbündeten freilich unmöglich geworden, die Tochter
-gehörig vorzubereiten, um am nächsten Morgen nicht zu viel Zeit zu
-verlieren. Nichtsdestoweniger trafen sie alle nöthigen Vorkehrungen, und
-kauften besonders mehre Kleidungsstücke ein, denn Louise sollte unter
-keiner Bedingung auch nur ein Stück der ihr von Wagner geschenkten
-Kleidungsstücke mitnehmen; selbst ein Bonnet und das Nöthigste, was sie
-für den Augenblick brauchte, konnten sie leicht in dem 150 Miles entfernten
-Louisville bekommen, wo sie genug Zeit behielten, Einkäufe zu machen,
-während das Dampfboot langsam durch die Schleusen des Canals gelassen
-wurde.
-
-Der von Schwabe in ängstlicher Ungeduld so sehnlichst herbei gewünschte
-Morgen brach endlich an, und unten an der Landung waren die Feuerleute und
-Deckhands des Raritan schon emsig beschäftigt, die Kessel zu heizen und die
-Verdecke mit unzähligen heraufgeholten Eimern Flußwasser zu scheuern und
-abzuspühlen. Oben in der fünften Straße öffnete der Barkeeper des deutschen
-Kaffeehauses die Laden, fegte das Schenkzimmer aus und ging dann an seine
-gewöhnliche Morgenarbeit, das im Hinterhaus versteckt liegende Spielzimmer
-nach seinem nächtlichen Besuch zu reinigen und zu lüften und zum nächsten
-vielleicht schon sehr baldigen Besuch wieder herzurichten, mit welchem
-Geschäft er selten vor neun oder halb zehn Uhr fertig wurde.
-
-Louise war indessen vorn in der Bar beschäftigt, staubte die Flaschen und
-Tische ab, spülte und wischte die Gläser aus, breitete neue Servietten auf
-die verschiedenen Kaffeebreter, füllte die kleinen Flacons mit Staunton
-Bittres und Pfeffermünzessenz, putzte die blind gewordenen Fensterscheiben
-und that überhaupt Alles, um die Schenkstube in ihrer gewöhnlichen
-Sauberkeit und Reinlichkeit zu halten und war so emsig dabei beschäftigt,
-daß sie gar nicht bemerkte, wie schon ein Mann mehre Minuten lang in der
-geöffneten Thüre stand und ihrem thätigen Schaffen und Treiben sinnend aber
-aufmerksam zuschaute.
-
-Dem armen Mädchen gingen aber auch gar viele trübe und ernste Gedanken im
-Kopf herum -- war nicht, wie ihr Mrs. Wagner gesagt, ihr Vater gekommen,
-und wollte er sie nicht ihrer jetzigen liebgewonnenen Heimath entreißen,
-um sie einer andern -- wie ihre Pflegeeltern sagten -- traurigen und
-freudlosen Existenz entgegen zu führen? war sie gezwungen ihm zu folgen,
-oder durfte sie bleiben, wenn sie ihm verweigert wurde? -- Ja -- _durfte_
-sie in dem Fall wirklich bleiben, oder zwang sie die kindliche Pflicht,
-dem zu folgen, der von der Natur das erste heiligste Recht auf sie erhalten
-hatte? Ach, wer half ihr aus diesen Zweifeln, welcher redliche Freund rieth
-ihr, was sie thun, was sie meiden sollte? --
-
-»Louise!« sagte da eine leise -- zärtliche Stimme -- »mein Kind -- meine
-Tochter.« --
-
-Und Louise, als sie die bekannten Laute hörte, fuhr zusammen, daß ein Glas,
-an welchem sie gerade putzte, ihrer Hand entfiel und auf dem Boden klirrend
-zerbrach. Blitzesschnell fuhr sie herum, vor ihr aber stand, die Arme
-freundlich und liebend nach ihr ausgestreckt -- ihr _Vater_. Das arme Kind
-wurde todtenbleich, zitterte an allen Gliedern und vermochte kein Wort
-über die Lippen zu bringen; Schwabe aber ergriff ihre Hand, zog die kaum
-Widerstrebende langsam an sich und flüsterte, indem er ihr liebkosend die
-Haare aus der Stirn strich:
-
-»Mein Kind -- mein liebes, gutes Kind, nicht wahr, jetzt läßt Du mich nicht
-wieder allein zu Deiner Mutter zurückkehren? der bräche das Herz darüber;
-nein, jetzt, jetzt verläßt Du mich nicht wieder, jetzt bleiben wir
-beisammen, und Du, nicht wahr, meine gute Louise, Du gehst mit mir zu
-Deiner Mutter nach Louisiana?«
-
-»Aber wird mich Missis Wagner fortlassen?« murmelte in Angst und
-Unentschlossenheit das arme Mädchen -- »wird sie --«
-
-»Das sind böse Menschen, die Dich Deinen Eltern vorenthalten wollen,«
-drängte der Vater -- »Du bist in dem Hause hier auch nicht gut aufgehoben,
-der Brauer hat mir Alles erzählt. Doch davon später. Jetzt drängt die
-Zeit, in wenigen Minuten geht das Dampfboot ab -- die Ketten sind schon
-eingenommen, es hängt nur noch an einem einzigen Tau und wartet auf uns.«
-
-»_Jetzt?_« rief Louise erschreckt, und suchte ihren Arm frei zu machen --
-»jetzt soll ich fort -- heimlich fliehen?«
-
-»In die Arme Deiner Eltern sollst Du, Louise -- zu den Deinigen, die Dich
-auf den Händen tragen und für Dich sorgen werden, wie sie es sich schon so
-lange Jahre gewünscht.«
-
-»Und ohne Abschied sollte ich fort von meinen Eltern, fort aus diesem
-Hause?« bat, immer ängstlicher werdend, die Arme -- »Niemand ist hier im
-Laden -- sie haben mich wie ihr Kind behandelt -- sie haben mich lieb und
-ich -- ich --«
-
-Ein starkes Klopfen an den Fensterscheiben schreckte sie wieder empor und
-gleich darauf steckte ein kleiner Negerbursche den Wollkopf in die noch
-offene Thüre herein und rief mit seiner feinen, piepigen Stimme: »Raritan
-geht, Massa -- haben schon =steam= 'nausgelassen, soviel -- Wagen steht an
-der Ecke.«
-
-»Siehst Du, mein Kind -- es ist alles vorbereitet,« flüsterte der Vater
-und zog die Tochter der Thüre zu, »in wenigen Minuten können wir auf dem
-Dampfboote, in fünf Tagen kannst Du in den Armen und an dem Herzen Deiner
-Mutter sein -- komm, komm, Louise!«
-
-»Heiliger Gott! ich kann und darf ja doch nicht wie ein Dieb hier aus dem
-Hause entfliehen, das mir so lange Jahre Schutz und Nahrung gegeben, -- ich
-möchte schon mit Ihnen gehen, Vater, aber -- so -- so nicht, so auf keinen
-Fall.«
-
-»Louise -- mein Kind!« bat noch einmal der Vater, und die Heftigkeit seiner
-Gefühle drohte ihm die Stimme zu ersticken -- »Du wirst und darfst mich
-nicht allein zu Deiner Mutter zurückkehren lassen -- Du _mußt_ mit mir
-gehen -- ich befehle es Dir als Dein Vater.«
-
-»Um Gottes willen, Vater, Sie zerdrücken mir den Arm -- ich darf wahrhaftig
-nicht fort.«
-
-»Holla da, wer will Dich zwingen?« rief plötzlich eine rauhe, finstere
-Stimme, und Wagner, noch im Morgenkostüm, mit verschlafenen Augen und
-hoch aufsträubenden Haaren, trat in die Thüre, wo er -- sobald er sah,
-daß Schwabe bei seinem Erscheinen den Arm der Tochter fast unwillkürlich
-losließ und sich rasch nach ihm umwandte, stehen blieb, und mit höhnischem
-Tone in seiner Rede fortfuhr. »So, Sir -- also ordentlich Versteckens
-wird gespielt, um denen, die uns das eigene Kind lange und schwere Jahre
-hindurch gepflegt und erzogen, dieses, wenn man nachher anfängt seine
-Freude daran zu haben, förmlich zu rauben und zu stehlen? -- da werde ich
-wohl am Besten thun, wenn ich gleich auf's Gericht gehe und die saubere
-Bescheerung anzeige -- ich bin Bürger hier und will doch einmal sehen, ob
-mich das Gesetz nicht in meinem Eigenthum schützen wird.«
-
-»Wagner,« murmelte Schwabe, und hielt noch immer den finsteren Blick auf
-sein Kind geheftet, das, keiner weiteren Bewegung fähig, jetzt, da sich
-sein Schicksal entschieden, an dem Schenktisch lehnte und weinte, als ob
-ihm das Herz brechen wollte -- »Wagner, möge Gott Dir verzeihen, daß Du den
-Eltern das Kind verweigerst -- die Summe, die Du verlangst, bin ich aber,
-das weißt Du recht gut, nicht im Stande zu bezahlen; Du weißt aber auch,
-daß Du die Summe nicht _verdienst_, daß mein Kind mehr für Dich gearbeitet,
-als das Wenige beträgt, was sie verzehrt und womit sie sich gekleidet. Gott
-nur sieht den Menschen in's Herz, ihm werden auch die Mittel bekannt sein,
-die Du angewandt, sein junges Blut gegen mich zu kehren. Daß ich mein Kind
-heimlich mit mir fortnehmen wollte, leugne ich nicht, und hättest Du es
-verhindert, so würde mich das arg geschmerzt haben, aber -- es weigert sich
-selber mitzugehen -- es will von seinen Eltern Nichts mehr wissen, und das
-ist hart, das hatte ich nicht erwartet, und _das_ -- thut auch recht weh,
-weher, als mir je ein Wort von Dir thun konnte, Wagner. So lebt denn hier
-Alle recht wohl -- ich kehre nun wieder nach Cincinnati zurück, Dir aber,
-mein Kind, meine Louise« -- und die herausquellenden Thränen machten seine
-Worte fast unverständlich -- »Dir wünsch ich, daß Du nie fühlen, nie ahnen
-mögest, welchen Schmerz Du Deinen armen Eltern bereitet, die, Gott ist mein
-Zeuge, nur durch ihre Lage gezwungen waren, Dich so lange fremden Händen zu
-überlassen -- lebe wohl, und möge Gott Dich segnen, ich kann nicht böse auf
-Dich sein. Aber halt, hier, das hat mir Deine Mutter für Dich gegeben, ich
-hatte einmal geglaubt, ich würde es nicht abzuliefern brauchen -- gut so,
-es hat so sein sollen -- Deine arme Mutter.«
-
-Er ging auf die Tochter zu, legte ein kleines Paket neben sie auf den
-Schenktisch, drückte sie dann noch einmal rasch und heftig in die Arme,
-einen Kuß auf ihre Stirn und verließ, ehe Louise kaum wußte daß er sie
-losgelassen, das Schenkzimmer, vor dem eben wieder, jetzt aber mit breitem
-Erstaunen in den dunkeln Zügen, das Gesicht des Negerknaben aufgetaucht
-war.
-
-Wie er nach Mainstreet und in den dort harrenden Wagen kam, wußte er nicht
--- in eine Ecke gedrückt, die Hände krampfhaft gegen das Gesicht gepreßt,
-fühlte er nur, wie die leichte _Gig_ blitzesschnell mit ihm die steile
-Straße hinunterrasselte, und bald darauf vor dem wild schnaubenden und
-keuchenden Dampfboot hielt; dort aber kam er erst wieder zur Besinnung
-als der hier harrende Brauer den Kutschenschlag aufriß und ganz verblüfft
-stehen blieb, als er den Freund _allein_ zurückkehren sah. Hier war aber
-nicht lange Zeit mehr zum Besinnen, der ungeduldige Ruf des Capitäns, der
-nun mit ganz außergewöhnlicher Gefälligkeit bis jetzt gewartet, trieb ihn
-an Bord --
-
-»_Sie wollte nicht mit!_« rief der arme Vater nun trauernd dem Freunde zu,
-riß sich von diesem, der ihn noch zurückhalten wollte, los, sprang an Bord
-und keuchend und puffend drängte der Dampfer rückwärts in den Strom hinein,
-und warf die aufgerüttelten Wellen hinauf an das eben verlassene Ufer. In
-der Mitte des Stromes hielt die Maschine einen Augenblick und das Fahrzeug
-trieb eine kurze Strecke mit der Strömung hinunter, schwenkte dann nach der
-Seite hinüber, kehrte den Bug gen Westen und schoß blitzesschnell davon,
-während das eine mächtige Sternrad schäumende und zischende Wassermassen
-hinter sich hinaus schleuderte.
-
-Und Louise? --
-
-Das arme Mädchen war kaum im Stande, den Tag über ihre Geschäfte zu
-besorgen; das Hirn brannte ihr fieberhaft, und ihr war es, als ob sie
-fortwährend in einem Traume wandle, aus dem sie jeden Augenblick erwachen
-müsse. Ihr Vater? -- das war ihr _Vater_ gewesen, der sie hatte mitnehmen,
-zur _Mutter_ mitnehmen wollen -- ihr lebte eine Mutter, aber weit von hier,
-eine Mutter, die sie vielleicht lieb hatte, die ihrer harrte und _sie_?
-O wie dem armen Kind die Pulse flogen, wie seine Augen glühten und
-schmerzten. Sie konnte sich kaum noch aufrecht erhalten und Wagner, dem ihr
-verändertes Aussehen auffiel, schickte sie heute schon mit Dunkelwerden auf
-ihre Kammer.
-
-Hier angelangt, wollte sie sich gleich aufs Bett werfen, da fiel ihr das
-kleine Paket in die Augen, das ihr der Vater heute beim Abschied gegeben.
-Sie zündete ihr Lämpchen an und bei dem matten Schein desselben öffnete sie
-den Faden, der es umschlossen hielt -- Ha -- ein kleines Bild blitzte ihr
-entgegen und ein dicht zusammengefaltetes Briefchen glitt heraus und vor
-ihre Füße nieder. Das Bild? -- das, das mußte ihre Mutter sein -- ihre
-_Mutter_ die sie mit den treuen blauen Augen so freundlich anlächelte
--- und diese Augen -- mußten die sich nicht mit Thränen, mit heißen,
-schmerzlichen Thränen füllen, wenn der Vater, _ohne_ das Kind zurückkehrte,
-und der Mutter sagte -- daß die Tochter -- Nichts von ihr wissen wolle --
-daß sie sich geweigert habe, ihm zu folgen?
-
-Sie stützte den Kopf in die Hand und betrachtete lange und sinnend die
-theueren Züge, zu denen sie als Kind liebend emporgeschaut und den Namen
-»Mutter« hinaufgelispelt hatte. Ihre Augen füllten sich mit Thränen --
-da fiel ihr Blick auf das zusammengefaltete Blatt, sie hob es auf und
-entfaltete es.
-
-»Mein liebes Kind,« lauteten die Zeilen -- »ich kann zwar nicht selber
-schreiben, denn erstens hab' ich's nie gelernt, und dann bin ich jetzt auch
-recht krank und schwach, aus Sehnsucht Dich zu sehn, unser Barkeeper hat
-mir aber den Gefallen gethan, und die paar Zeilen aufgesetzt. Hätte
-ich schreiben gekonnt, ach wie oft hätt' ich an Dich, Du liebes Kind,
-geschrieben. Doch nun schadet es Nichts mehr -- nun kommst Du bald zu uns,
-und dann soll uns Nichts auf der weiten Welt mehr trennen. Ach Du glaubst
-gar nicht, wie ich mich nach Dir sehne; ich glaube ich stürbe, wenn ich
-Dich nicht bald in meine Arme schließen könnte. Ich habe Dich wohl recht
-lange ohne Nachricht von mir gelassen, aber nicht wahr -- Du bist Deiner
-_Mutter_ nicht böse darüber, ach ich will Dich ja jetzt so lieb dafür
-haben. Das dabei ist mein Bild -- es ist _recht_ ähnlich -- ich habe ihm
-tausend Küsse für Dich gegeben -- es mag sie Dir wieder geben, bis ich Dich
-selbst an's Herz drücken kann. Aber jetzt lebe recht wohl -- recht wohl
-meine liebe Tochter und möge Dich Gott recht bald und recht gesund in meine
-Arme führen. Es grüßt und küßt Dich viel hundert tausendmal
-
- Deine Mutter.«
-
-Louise saß lange, lange auf ihrem Bett und starrte auf den Brief nieder;
--- wieder und wieder überflog sie die Zeilen, preßte sich die fieberheiße
-Stirn zwischen die kleinen kalten Hände und blieb dann auf's Neue in dem
-Inhalt dieser, mit bitterem Vorwurf an ihr Herz dringenden Worte verloren.
-Endlich brach sich der nicht länger dammbare Schmerz Bahn -- sie ergriff
-das Bild, preßte es unter einem heißen Thränenstrom an die Lippen und sank
-dann, mit dem leise und schluchzend hervorgerufenen Wehelaut »zu spät -- zu
-spät, -- nun ist Alles vorbei und ich habe die Mutter für ewig verloren!«
-auf ihr Lager zurück.
-
- * * * * *
-
-Wir wollen einen Zeitraum von fünf Monaten überspringen, und wiederum bitte
-ich den Leser, mit mir den etwas steilen aber kurzen Berg hinaufzusteigen,
-der von der äußersten Grenze Bayou Sarahs aus, bis zu den ersten Häusern
-des kleinen Städtchens Francisville hinaufführt.
-
-Dort, gleich linker Hand, wenn wir hinaufkommen, da, wo das breite starke
-Reck die hereinkommenden Pflanzer einladet, ihre Pferde zu befestigen und
-indessen einen kühlen Trunk zu thun, steht noch das freundliche, weiße Haus
-mit den Jalousien und der breiten Veranda, mit dem niederen Dach und der
-gastlichen Bank vor der Thür, aber das Schild -- wo ist das Schild hin, das
-mit den großen goldenen Buchstaben den Namen unseres wackeren Landsmannes
-trug? Wo ist die lange schmale Tafel, die all die Leckerbissen und
-Delikatessen in güldenen Worten aufzählte? Ach lieber Leser, in dem Hause
-sieht's jetzt gar bunt und wild aus, die Schilder sind aus ihren eisernen
-Haken losgerissen, die Wände und Stuben leer und verlassen. Wo sonst das
-gemüthlich stille Stübchen war, da lag jetzt Stroh, einzelne Stückchen
-Packleinewand und kurze Bindfaden, während in der unteren Stube und in
-dem Schenklokale gescheuert und gewaschen wurde, als ob eben erst die eine
-Familie aus, eine andere eingezogen sei. Und das war auch so, denn traurige
-Veränderungen hatten in der selbstgegründeten Heimath unseres wackern
-Deutschen stattgefunden.
-
-Als Schwabe damals ohne sein Kind zurückkehrte, und die arme Mutter nach
-und nach die ganze schreckliche Wahrheit erfuhr, ja erfahren mußte, da
-warf sie der Schmerz und Gram um das Verlorene auf das Krankenlager und
-ein schweres Nervenfieber bedrohte ihr Leben. Freilich siegte die sonst
-kräftige Natur der Frau endlich über den rüttelnden Tod, der frohe Muth war
-aber dahin, und bleich und abgezehrt wankte sie, einer Leiche ähnlicher als
-einem lebenden, fühlenden Wesen, im Haus herum. Auch Schwabe wurde immer
-trauriger, immer niedergeschlagener; er vernachläßigte seine Kunden und
-sein Geschäft, denn es machte ihm keine Freude mehr, und konnte dagegen
-stundenlang hinter dem Tisch sitzen, und in ein und dieselbe Ecke stieren.
-
-Ein paar Monate hielt er das so aus; seiner Frau Krankheit beschäftigte ihn
-auch in der ersten Zeit viel zu sehr, um noch an sich zu denken, endlich
-aber sah er doch wohl ein, daß er so nicht länger fortbestehen könne.
-
-Hier -- ja hier hatte er ein hübsches Besitzthum, das ihn nährte, es
-ging ihm gut, und nichts fehlte ihm, was er zu körperlichem Wohlbefinden
-gebrauchte, was aber half ihm dies Alles, wenn trotzdem ein ewiger
-unvertilgbarer Wurm an seinem Herzen nagen sollte -- wenn er die Frau in
-Sehnsucht nach ihrem Kinde hinsterben sah, und sich selbst am Ende noch
-Vorwürfe, und gegründete Vorwürfe machen mußte. Denn wie lange, wie viele
-Jahre hatten sie sich Beide nicht um die Tochter gekümmert, und konnte
-ihnen das jetzt in ihrem eigenen Gewissen zur Entschuldigung dienen, daß
-sie das Kind bei den wohlhabenden Leuten besser aufgehoben geglaubt, als es
-bei ihnen selbst der Fall gewesen? Nein, denn die Ueberzeugung, die Schwabe
-jetzt und besonders durch des Brauers Worte erhalten, sagte ihm, daß
-sich sein Mädchen dort vielleicht körperlich, aber keineswegs geistig
-wohlbefunden haben könne, wo sie blos als Mittel verwandt wurde, eine
-Haushälterin zu sparen und ihren Erziehern von so großem Nutzen zu sein wie
-möglich. Und darnach hatte er, der Vater, Jahre lang nicht gesehen, darauf
-mußten ihn jetzt erst _fremde_ Menschen aufmerksam machen.
-
-Doch, noch war nicht Alles verloren, noch gab es Gott sei Dank! _ein_
-Mittel, seinen Fehler zu verbessern und das Mittel, es war der erste
-freudige Gedanke, der ihn wieder durchzuckte, das Mittel hatte er sich
-selbst durch seinen eigenen Fleiß erworben und verschafft. Als er hier
-in Amerika zu arbeiten anfing, besaß er wenig oder gar nichts; selbst die
-Erfahrung fehlte ihm, die man in den Vereinigten Staaten gewöhnlich so
-theuer, so ungeheuer theuer erkaufen muß. Jetzt hatte er dagegen lange
-Jahre hindurch Erfahrung gesammelt, und kannte die Sitten und Gebräuche des
-Landes -- mußte ihm nun nicht, und wenn er auch wirklich noch einmal von
-vornherein begann, der Anfang um so bedeutend leichter werden? -- Gewiß!
-und sein Entschluß war gefaßt -- es handelte sich hier nur um Geld, das er
-besaß, von dem er sich trennen konnte, und seine, seiner Frau Ruhe, seines
-Kindes Rückkehr war damit zu erkaufen. Was war es auch weiter, er entsagte
-ja nur einem errungenen Vortheil, einer nach und nach zum Bedürfniß
-gewordenen Bequemlichkeit und jetzt, da er sich überwunden, ja dem festen
-Willen sogar die That augenblicklich folgen ließ und all die hierzu
-nöthigen und erforderlichen Schritte that, da begriff er kaum noch, wie
-es möglich gewesen, daß er früher auch nur einen Augenblick gezaudert, und
-nicht schon lange, ja gleich damals als ihn der erste schmerzliche Schlag
-traf, Alles geopfert habe, was ja in diesem Falle nicht einmal ein Opfer
-genannt werden konnte, wo es das Glück seiner ganzen Familie, all der
-Seinigen betraf.
-
-Er sollte sich auch nicht getäuscht haben, seine Frau schien mit diesem
-Entschluß des Vaters neue Lebenskraft zu gewinnen, -- hier öffnete sich ihr
-auf einmal die Aussicht, ihr Kind -- das schon als todt beweinte -- wieder
-zu gewinnen und fast gewaltsam schüttelte sie von diesem Augenblick Alles
-ab, was ihren Geist noch niederdrücken, ihre Seele befangen und ängstigen
-konnte. Die Hoffnung war eingezogen in das treue Mutterherz, und mit ihr
-wuchs und gedieh auch wieder die Liebe zum Leben, das Vertrauen auf ihres
-Gottes Schutz und Güte, der sie in der letzten schweren Zeit ach! fast
-verlassen.
-
-Hätte es übrigens noch eines Antriebes bedurft, den einmal gefaßten und
-beschlossenen Plan auch auszuführen, so kam der nach etwa vier Monaten
-in der Gestalt eines Briefes, von unserem alten Freund, dem Brauer, der
-Schwaben noch einmal ernsthaft aufforderte, einen zweiten Versuch zu
-machen, sein Kind wieder zu bekommen, wenn es nicht in seinen dortigen
-Verhältnissen an Seel und Leib verderben sollte. Die Spielhölle in
-Wagners Hause, hatte, seiner Aussage nach, einen so gefährlichen Charakter
-angenommen, daß er aus guter Hand wisse, der Magistrat warte jetzt nur noch
-auf eine Gelegenheit, ernsthaft einzuschreiten, und Louise müsse dabei
-über ihre Kräfte angestrengt werden, denn sie sähe bleich und elend aus und
-habe, so oft er nun auch hingekommen sei, immer trübe und verweinte Augen.
-
-Es war hier -- das sah Schwabe aus dem ganzen Brief -- gar keine Zeit mehr
-zu verlieren, den Verkauf seines Grundstücks betrieb er also so viel als
-möglich, und sandte zu gleicher Zeit den, indessen zu einem wackeren,
-braven jungen Mann herangeschossenen Sohn nach dem Westen von Arkansas,
-wo er sich, als ehrlicher Farmer am Fuße der Ozark-Gebirge anzusiedeln
-gedachte. Carl sollte dort einen Platz aussuchen und vorher irgend eine
-kleine Hütte zu ihrem ersten Aufenthalt einrichten, daß sie, so lang die
-nöthigsten Arbeiten dauerten, doch wenigstens ein Obdach hatten. Das
-Andere fand sich später von selber, und dort, in einem Lande, wo man keine
-Ansprüche macht, unnütze Bequemlichkeiten nicht kennt, und sich deshalb
-gerade mit dem wenigen, was die Natur bietet, glücklich fühlt, wurde es
-ihnen auch leichter zu vergessen was sie einst besaßen, wenn sie nur das
-Wenige, _was_ ihnen blieb _mitsammen_ genießen konnten, und sich nicht
-immer sagen mußten, Eines fehle noch -- eines von den Ihren, dessen Glück
-Gott dereinst von ihnen fordern könne und werde.
-
-Manchmal zwar tauchte auch, selbst in diesen Vorbereitungen, noch das
-alte Gespenst der Angst und Ungewißheit auf -- das Kind mag Nichts von den
-Eltern wissen -- es liebt Die nicht, die es so lange vergessen und unter
-fremden Menschen gelassen haben -- es hat ja nicht einmal mit dem Vater zu
-Hause gewollt, obgleich der Mutter fast das Herz darüber gebrochen; aber
-die Mutter selber beschwichtigte alle diese Zweifel.
-
-»Daß sie zu Dir nicht gleich Vertrauen fassen konnte, ist natürlich,« sagte
-sie unter Thränen lächelnd, »komme ich aber selbst zu ihr hinauf, hat sie
-nur einmal am Herzen der _Mutter_ gelegen, dann geht sie von Der auch nicht
-wieder fort, und wenn Du sie gleich dazu zwingen wolltest. Bring Du nur die
-Geldangelegenheit mit Wagner in Ordnung, befriedige dessen Forderungen, und
-ich stehe Dir dafür, wir verlassen Cincinnati so froh und glücklich, als ob
-wir dem Reichthum und Ueberfluß entgegen gingen.«
-
-Man glaubt ja so gerne was man wünscht und Schwabe betrieb die Zurüstung
-mit allem nur möglichen Eifer; sein Haus hatte er auch bald verkauft, es
-lag vorzüglich, war noch neu und in gutem Zustand, da fehlte es nicht
-an Liebhabern. Ein Brief von seinem Sohne meldete ihm ebenfalls, daß in
-Arkansas, in einer reizenden Gegend und auf gutem trefflichen Lande Alles
-vorbereitet und des Pflugs gewärtig sei. Das was er an Gepäck mitzunehmen
-wünschte, stand bereit, und von dem, erst kürzlich eingetroffenen Mail-
-oder Postboot hatte er ebenfalls gehört, daß noch an diesem Tage der, nach
-Cincinnati bestimmte »=Eagle of the West=«, ein rasches wackeres Dampfboot,
-eintreffen würde. Dieses wollten sie benutzen, ihr Aufenthalt in Ohio
-sollte nicht lange dauern, und in gar kurzer Zeit konnten sie friedlich
--- glücklich mitsammen, in den freundlichen Thälern der herrlichen
-Ozarkgebirge ihre Heimath gegründet haben.
-
-Schwabes Frau schien aber mit der neuen freudigen Hoffnung, ihr Kind
-nun bald, recht bald wieder zu sehen, auch ein neues und freudiges Leben
-eingesogen zu haben; ordentlich verjüngt arbeitete sie nach Herzenslust,
-die noch etwa nöthigen kleinen Geschäfte zu besorgen und solche
-Vorbereitungen zu treffen, die ihnen den Aufenthalt im Zwischendeck
-eines Dampfbootes erleichtern konnten. Da hörten sie plötzlich unten vom
-Mississippi aus, eine Glocke und erschraken nicht wenig. Wenn dieß schon
-der =Eagle of the West= war, wie kämen sie dann noch, mit allem dem was sie
-mitzunehmen wünschten, zeitig genug herunter und an seinen Bord, denn die
-Capitäne solcher Boote warten selten lange, selbst auf Cajütenpassagiere,
-vielweniger denn auf »=People=«, das im unteren Deck für wenige Dollar
-mitfahren will.
-
-Schwabe faßte seinen Hut auf, gab rasch einem jungen Deutschen, einem
-Karrenführer, der mit seiner _Dray_ gerade in der Nähe hielt, die nöthigen
-Anweisungen, Frau und Koffer, so schnell ihm das irgend möglich sei,
-nachzuschaffen und eilte dann selber mit flüchtigen Schritten voran, um,
-wenn er das irgend vermöge, das Boot aufzuhalten und noch mit fortzukommen.
-Kaum erreichte er aber den äußersten Stand des steilen Hügels, auf welchem
-St. Francisville steht, und von dem aus er das dicht am Mississippi
-liegende Bayou Sarah wie den ganzen Strom überschauen konnte, als er den
-weiß aufsteigenden Dampf des unten gelandeten Bootes bemerkte, der eben
-wieder durch die ='scape pipe= auspuffte -- gleich darauf wandte sich der
-Bug vom Lande ab, schwenkte nieder, und ging -- den Strom hinunter.
-
-»Gott sei Dank« murmelte Schwabe leise vor sich hin und wandte sich langsam
-gegen sein Haus zurück, »ich glaubte schon, wir hätten das rechte versäumt,
-und müßten noch ein paar Tage länger warten.«
-
-Die Sachen schickte er übrigens ohne weiteres an die Landung, denn um
-keinen Tag mehr zu versäumen, wollte er gar nicht wieder nach Louisiana
-zurückkehren, sondern gleich von Cincinnati aus, ein für den Arkansas
-bestimmtes Boot benutzen.
-
-Die Dray war um die Biegung der Straße und den Berg hinunter, verschwunden,
-Schwabes aber gingen noch einmal in's Haus zurück; theils um zu sehn, ob
-sie in dem ersten eiligen Aufbruch Nichts vergessen hätten, und dann auch,
-um ruhigeren Abschied von dem Ort zu nehmen, der bis jetzt ihre Heimath
-gewesen und den sie nun für immer, auf nimmer Wiederkehren, verlassen
-sollten. Den armen Leuten zuckte es dabei recht durchs Herz -- erst beim
-Scheiden findet man ja nur zu oft, wie lieb man, bis dahin vielleicht nur
-gleichgültig betrachtete Räume und Gegenstände gehabt hat -- der Gedanke
-aber an ihr Kind, das sie sich mit diesem Opfer zurückerkauften, nahm aber
-solchem Gefühl alles Bittere -- sie sprachen kein Wort, sie standen nur
-lange und schweigend neben einander und drückten sich endlich, als Schwabe
-leise zum Aufbruch mahnte, still und herzlich die Hände.
-
-»So komm denn, mein liebes Weib,« bat der Deutsche und zog sie sanft der
-Thüre zu, »komm und mache Dir nicht gar zum Abschied noch trüben Sinn;
-denke, daß wir das Alles ja nur zurücklassen, um mit unserem Kind wieder
-vereint zu leben.«
-
-»Trüben Sinn,« lächelte die Frau unter Thränen, »glaube das ja nicht,
-Schwabe, kein trüber Sinn ist's, der mir das Wasser in die Augen treibt,
-nein, in der Seele wohl thut's mir, _daß_ ich gerade so ruhig und freudig
-von dem Ort fortgehn kann, den ich schon bis an mein einstiges Ende zu
-behalten geglaubt, stolz bin ich darauf, wenn ich --« sie horchte einem
-Geräusch das unten im Hause laut wurde --
-
-»Es ist Nichts -- wahrscheinlich die Packer, die ihr Geräthe mitnehmen,«
-sagte Schwabe.
-
-»Sie müssen oben sein« berichtete die Stimme eines Nachbars, die
-Schwabe kannte, irgend jemand Fremden, »ich habe sie erst vor kaum einer
-Viertelstunde hinaufgehn sehn, und sie sind noch nicht wieder herunter
-gekommen.«
-
-Ein leiser Dank wurde erwiedert, und gleich darauf knarrte die hölzerne
-Stiege; Schwabe wandte sich der Thür zu, die sich in demselben Augenblick
-öffnete. Ein junges Mädchen trat herein. --
-
-»Heiliger Gott!« schrie der Deutsche und fuhr erschreckt empor --
-»Louise!« --
-
-»Louise?« stöhnte kaum hörbar die Frau -- »unser Kind?«
-
-»_Mutter -- Mutter_« rief aber in diesem Augenblick die Tochter und flog in
-die ihr noch halb zweifelnd entgegengestreckten Arme -- »Mutter -- o mein
-Gott!«
-
-Schmerz wie Freude wirken gleich stark, das Uebermaß der Gefühle macht das
-Blut stocken und lähmt die Thätigkeit der Nerven. Aber die Freude tödtet
-nicht so leicht, in ihr selbst liegt schon wieder die Heilung des ersten
-vielleicht zu mächtigen Schlages und der Augenblick des Erwachens ist
-auch der Augenblick der Rettung. Louisens Mutter war, von dem Uebermaß
-des Glückes ohnmächtig zu Boden gesunken, jetzt aber, unter den vereinten
-Bemühungen des Gatten und Kindes, die lachend und weinend die Schläfe der
-Bewußtlosen rieben und alle möglichen anderen Belebungsversuche anwandten,
-kam sie bald wieder zu sich und hielt nun, kaum im Stande ihr Glück zu
-begreifen, ja nur zu glauben, das lang entbehrte und ach, so geliebte Kind
-fest, fest umschlossen, als ob sie es nie im Leben wieder von sich thun und
-lassen wolle.
-
-Doch welche Feder vermöchte die Gefühle der Mutter -- die Empfindungen
-dieser drei Glücklichen zu beschreiben; lange Zeit fanden sie gar keine
-Worte und hielten sich nur still und selig umfaßt. Endlich aber, nach dem
-ersten Sturm der Grüße und Küsse frug Schwabe, was sie denn eigentlich hier
-herunter nach Louisiana gebracht, und wie es gekommen sei, daß sie Wagner
-überhaupt frei gegeben habe? Der Eltern Erstaunen läßt sich denken, als sie
-erfuhren, daß ihr Kind _allein_ den ganzen weiten Weg die beiden mächtigen
-Ströme hinunter, _allein_ auf dem großen Dampfboot, zwischen lauter fremden
-Leuten, zwischen dem rohen Volk des Zwischendecks hierher gekommen sei.
-Aber wir wollen sie selber reden und ihre Flucht erzählen lassen.
-
-»Ach Vater« sagte sie, »wie weh mir um's Herz war, als _Sie_ mich an jenem
-Morgen verließen --«
-
-»Laß den Morgen Kind,« unterbrach sie hier lächelnd der Vater, »laß das
-Vergangene sein, wir haben Dich ja jetzt und alle Noth ist vorüber -- aber
-noch eines -- nicht mit dem kalten höflichen _Sie_ mußt Du uns anreden,
-wie bei vornehmen Leuten Sitte sein mag, ich bin Dein Vater, das ist Deine
-Mutter und Du bist unser Kind; da gehört sich weiter Nichts als Du und Du,
-so haben wir's von je gehalten, und so soll's bleiben.« Die Tochter drückte
-den Eltern mit einem thränengefüllten Blick die Hand und fuhr leise fort:
-
-»Ich muß doch wohl den Morgen noch einmal erwähnen, lieber Vater, denn in
-dem Augenblick, wo ich Dich so erschüttert davoneilen sah und Zeuge sein
-mußte, wie häßlich und unfreundlich Dich Herr Wagner behandelte, da war es,
-als ob ich zum ersten Male fühle, wie unrecht ich gethan hatte, nicht mit
-Dir, zu Euch, zur _Mutter_ zu gehen. Und als ich nun endlich gar Dein
-Bild, liebe Mutter, und Deinen herzlichen Brief fand, und als ich mir sagen
-mußte, wie Du Dich grämen würdest, wenn ich nicht mit dem Vater heim käme,
-da habe ich die Nacht, und die folgende und alle Nächte geweint und
-geweint und wußte mir keines Rathes und hatte Niemand, mit dem ich mich
-aussprechen, gegen den ich mein ganzes Herz ausschütten konnte. Dabei mag
-ich wohl manchmal meine Pflicht versäumt haben, denn es war mir zu weh
-um's Herz und ich dachte an Nichts weiter als an Euch -- und Missis Wagner
-schalt mich und Herr Wagner wurde auch unfreundlich, denn er meinte, die
-Gäste in der Hinterstube würden sich kein Glas mehr von mir einschenken
-lassen, wenn ich immer feuerrothe, verweinte Augen hätte. Unter jenen
-Gästen waren aber auch recht böse Menschen, die ein paar Mal sogar mit
-Messern nach einander stachen, ja einmal trugen sie sogar Einen todt fort,
-und Herr Wagner stieß fürchterliche Drohungen gegen mich aus, wenn ich auch
-nur eine Sylbe darüber redete.«
-
-»Ich glaubte ich wäre verzweifelt, wenn ich länger hätte dort oben bleiben
-müssen, und dennoch wußte ich nicht was ich thun, was ich lassen sollte.
-Da kam zufällig, vor etwa acht Tagen eine Dame von Columbus zu uns, die
-am nächsten Morgen nach New-Orleans wollte und bei uns übernachtete. Das
-Dampfboot ging um 10 Uhr ab, und ich mußte ihr eine Hutschachtel und einen
-Reisesack hinunter tragen: sie hatte sich aber mit dem Anziehn ein wenig
-verspätet, wir kamen kaum noch zur rechten Zeit -- die Planken sollten
-schon eingezogen werden -- ich trug ihr die Sachen in die Cajüte hinauf,
-lief wieder zurück und wollte an's Land. Da, Mutter, da war es mir
-plötzlich, als ob eine Stimme, als ob _Deine_ Stimme mich bittend anrief zu
-bleiben, der Gedanke an Dich, daß mich dieß Boot in wenigen Tagen in Deine
-Arme führen könne, zuckte mir durchs Herz und zaudernd, unschlüssig stand
-ich noch und wußte nicht, ob ich vor oder rückwärts sollte, als die Glocke
-des Bootes zum letzten Mal tönte. In dem nämlichen Moment rissen aber auch
-die Matrosen die Planken ein, die Maschine fing an zu arbeiten und wenige
-Secunden später befand ich mich, jetzt mit keinem freien Entschluß mehr von
-brausenden Wassern umgeben, von meiner bisherigen Heimath fortgerissen, auf
-dem breiten, gewaltigen Strom.«
-
-»Erlaßt mir die Beschreibung dessen, was ich die ersten Tage unter den
-fremden Menschen litt und ausstand. Auf dem Boot waren sie unfreundlich mit
-mir, weil ich die Passage nicht gleich bezahlen konnte, glücklicherweise
-trug ich aber ein kleines goldenes Kreuz, das ich damals von Missis
-Wagner bekommen, als ich sie nach dem Nervenfieber so lange gepflegt. Dies
-verkaufte der Schiffsschreiber in Louisville für mich, bestritt davon
-meine Passage und gab mir auch noch einen Dollar heraus, wofür ich mir Brod
-kaufen konnte, unterwegs davon zu leben. -- Ich mußte eine recht traurige
-Zeit verleben, und bin fast in Angst und Sorge vergangen, jetzt aber --
-jetzt ist Alles gut, ich habe Euch -- Dich meine liebe Mutter, meinen Vater
-wieder und nun -- nicht wahr, nun seid Ihr auch nicht mehr böse auf Euer
-Kind, daß es die _fremden_ Menschen so lange lieber hatte als Euch, und
-nicht fort wollte von ihnen.«
-
-Was braucht es weiterer Schilderung der glücklichen Familie, eine
-Stunde entfloh ihnen im Austausch ihrer Mittheilungen und Gefühle mit
-Zauberschnelle und erst die Meldung, daß der =Eagle of the West= bei
-Waterlow sichtbar wurde, mahnte Schwabe an die beabsichtigte Reise.
-Aber nicht in Cincinnati lag jetzt ihr Ziel, nein in Arkansas, in den
-fruchtbaren Thälern des noch wilden Staates; nicht bis zur Mündung des
-Licking, nur bis zu der des Arkansas hinauf wollten sie mit dem Boote gehn.
-Ohne weiteres Zögern trieb denn auch der Vater zum Aufbruch; ihr Gepäck lag
-schon am Ufer; nur noch die nöthigen Kleidungsstücke für Louise kauften
-sie rasch bei einem der deutschen Juden an der Landung ein, bestiegen das
-gleich darauf heranbrausende Boot, auf dem jetzt Schwabe in aller Freude
-seines Herzens keineswegs Zwischendeck-, sondern Cajütenpassage für sich
-und die Seinigen nahm, und erreichten eilf Tage später das kleine Städtchen
-Ozark, von dem aus sie in kaum vier und zwanzig Stunden ihre neue Heimath
-betreten konnten.
-
- * * * * *
-
-Nun wußte Schwabe, nach all dem Vorhergegangenen wohl gut genug, daß Wagner
-rechtlicher Weise _keine_ Ansprüche mehr auf irgend eine Vergütung für
-seiner Tochter dortigen Aufenthalt machen konnte; er wollte es sich aber
-auch nicht einmal nachsagen lassen, undankbar für etwas gewesen zu sein,
-das ihm doch wenigstens im Anfang als Wohlthat erschienen. Er schrieb
-deshalb, und zwar so bald sie auf ihrer neuen Farm eingetroffen waren,
-einen Brief an Wagner, worin er ihn von seiner Tochter Ankunft in Kenntniß
-setzte und zugleich aufforderte, offen und ehrlich zu sagen, was er glaubte
-für die Erhaltung des Mädchens in den ersten Jahren beanspruchen zu können,
-(denn für die letzten dürfe er schon deßhalb nichts rechnen, weil er sie ja
-nicht einmal gutwillig habe wieder fortlassen wollen). Er versprach dabei
-den Forderungen zu genügen, soweit das in seinen Kräften stände und bat ihn
-auch dem Kinde nicht zu zürnen, das ihn ja nur deshalb verlassen habe, um
-in die Arme seiner Mutter zu eilen.
-
-Auf diesen Brief erhielt er keine Antwort; ebenfalls nicht auf einen
-zweiten und dritten und erst im nächsten Jahre erfuhr er von einem neuen
-Ansiedler, der bis dahin in Cincinnati gelebt und Wagner recht gut gekannt
-hatte, die Ursache dieses räthselhaften Schweigens.
-
-Die Geschichte der in seinem Hause verübten Mordthat, die auch Louise
-schon erwähnt, war ruchbar geworden, andere Klagen trafen noch mit dieser
-zusammen, das Halten einer heimlichen Spielhölle an und für sich unterwarf
-ihn schon der peinlichsten Strafe der Amerikanischen Gesetze und Wagner
-entging nur durch die freundliche Warnung eines Deputy Sheriffs, der
-ebenfalls mit zu dem Spielklubb gehörte, der Verhaftung und vielleicht --
-dem Zuchthaus. Er verschwand in derselben Nacht aus der Stadt und man hat
-nie wieder weder von ihm noch seiner Frau etwas gehört -- sie blieben Beide
-spurlos verschwunden.
-
-Am Fuß der Ozarkgebirge blüthe und gedieh aber indessen eine kleine wackere
-deutsche Colonie. Schwabe hatte sich in jenem herrlichen und noch so
-wenig gekannten Landstrich des fernen Westen niedergelassen, und üppige
-Maisfelder schmiegten sich an den Fuß, saftige Weingärten an die Hänge der
-Berge, zahlreiche Heerden weideten in den nicht fernen Prairien.
-
-Aber ein ganz neuer Geist war auch über den jetzt glücklichen Vater
-gekommen, der mit unermüdlichem Eifer daran ging nicht mehr für sich
-allein, nein jetzt auch für sein Kind, für sein liebes, so lange verlorenes
-Kind eine neue und wohnliche Heimath zu gründen. Hier fand er dazu den
-vollen Spielraum für seine unermüdete Thätigkeit, für sein Schaffen und
-Wirken, und deutscher Fleiß, deutsche Mäßigkeit verwandelte bald das in ein
-Paradies, was noch vor wenigen Jahren öde trostlose Wildniß gewesen.
-
-
-
-
-Schicksale einer Nacht.
-
-
-»Nummero 15 -- Schloßgasse!« rief ich dem am Schlage harrenden Kutscher zu,
-warf meinen Reisesack in die eine, mich selbst in die andere Ecke des kaum
-gepolsterten Wagens und fort ging's über das schauderhafte Pflaster der
-Residenz vom Bahnhofe aus in die innere Stadt, wo ich jetzt eigentlich im
-vollen Ballcostüme -- o, _der_ Gedanke allein schon machte mich rasend
--- beim rauschenden Chor jubelnder Melodien -- sie -- sie im Arme, in
-wirbelnder Seligkeit mich, Salon, Erde, Himmel und Weltall hätte vergessen
-sollen.
-
-Aber nein, da rasselte ich noch in diesem Marterkasten zwischen düstern
-fremdglotzenden Häusermassen hin, denn gerade heute, als ob mir selbst
-die Locomotiven nicht einmal den Gefallen thun könnten schneller als
-Lohnkutscher zu fahren, waren wir erstlich wie die Schnecken über die
-glattbeeisten Schienen hingekrochen, an jeder Station ewig lange haltend,
-und zuletzt gar, um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, in einer
-Schneewehe eine volle Glockenstunde lang stecken geblieben. Deshalb trafen
-wir denn aber auch anstatt um sieben, um halb neun Uhr an Ort und Stelle
-ein, und es ließ sich wohl entschuldigen, daß ich in peinlicher Ungeduld
-zehn Mal unterwegs an die Fenster klopfte und dem Kutscher bald Flüche
-in die Ohren donnerte, bald Trinkgelder bot, bis dieser endlich in voller
-Verzweiflung auf sein darüber zum Höchsten erstauntes Pferd loshieb und wir
-nun, wie ein böhmisches Ungewitter durch die Straßen rollend, »daß Kies und
-Funken stoben,« bald darauf vor dem bezeichneten Hause anhielten.
-
-»Ich habe gar nicht mehr geglaubt, daß Du kämst!« rief mein Freund, der
-erst heute Morgen meinen Brief erhalten hatte und mich jetzt, als er die
-Droschke herantoben hörte, in der Thüre erwartete, »wo hast Du nur so lange
-gesteckt?«
-
-Zu Erklärungen war es aber keine Zeit mehr, rasch faßte ich meinen
-Reisesack, drückte dem Kutscher das schon in Bereitschaft gehaltene Geld in
-die Hand und flog mehr als ich ging die Treppe hinauf und in das von Meier
-bezeichnete Zimmer. Hier warf ich meinen Hut ab und erzählte und klagte dem
-Freunde -- während dem ich den kleinen Reisesackschlüssel in allen Taschen
-mit immer größerer Hast zwei Mal suchte und zuletzt in der, in welcher
-ich angefangen hatte, fand -- wie mich das Unglück verfolgt, ja wie ich
-überhaupt ein solcher Unglücksvogel sei, daß ich die Welt förmlich als
-Pechreisender durchziehen und die glänzendsten Geschäfte machen könne.
-
-Es stand ja aber auch heute gerade mein ganzes Lebensglück auf dem Spiele
--- heute sollte ich, nach zweijähriger Trennung _die_ wieder sehen, ohne
-die ich mir die Welt nur als eine öde trostlose Wildniß denken konnte --
-heute Abend durfte ich ja hoffen von ihren Lippen das süße Geständniß ihrer
-Liebe zu hören oder wenigstens doch in ihren Augen Leben oder Tod für mich
-zu lesen. _Mit_ ihr, Leben in seiner sonnigsten Lust, im Freudenrausche
-wonnetaumelnder Sphären, _ohne_ sie --
-
-»Was zum Teufel hast Du denn da eigentlich in Deinem Reisesacke?« rief
-Meier und ich, der ich, während Himmel und Hölle in meinem Herzen mit
-Hoffnung und banger Todesfurcht rangen, das kleine Schloß des messingenen
-Bügels geöffnet und eben hineingegriffen hatte meine »Unaussprechlichen«
-herauszuziehen -- den Frack trug ich nämlich, um ihn vor dem Zerdrücken zu
-bewahren, schon unter dem Burnus -- ich denke mich rührt der Schlag,
-als ich gleich obenauf einen Schnürleib, ein Paar Schachteln, ein
-Schminkbüchschen und in immer wachsender Verzweiflung und Wuth eine ganze
-Unmasse solchen Plunders herausziehe und um mich her auf Boden und Stühle
-streue.
-
-Meiers dämonisches Lachen brachte mich erst wieder zur Besinnung.
-
-»Hahahaha!« schrie er und die Thränen liefen ihm in ununterdrückbarem Jubel
-über das breite, rothgeschwollene Gesicht -- ich hätte ihn erwürgen können,
-»hahaha -- hast einen falschen Reisesack erwischt -- das ist göttlich --
-das ist unbezahlbar.«
-
-»Da!« rief ich und schleuderte den geleerten nichtswürdigen Reisebeutel mit
-wildem Wurfe hinter den Ofen, »da lieg und verdirb. -- Was fang ich an? Ich
-kann doch wahrhaftig nicht in meinen blau- und graucarrirten den Ballsaal
-betreten? -- Heilige Dreifaltigkeit, habe ich denn nicht recht, wenn ich
-mich für das unglückseligste Geschöpf halte, das zweibeinig zwischen Himmel
-und Erde herumläuft? Jetzt sitze ich hier; Emilie wartet indessen mit ihrer
-Engelsgeduld stundenlang auf mich, den Treulosgeglaubten, kann aber endlich
-den dringenden Bitten nicht länger widerstehen und _muß_ sich zuletzt auf
-den ganzen Abend engagiren.«
-
-»Aber wie war das nur möglich?« fragte Meier, nachdem er sich von seinem
-bestialischen Lachkrampf in etwas erholt. »Jedermann behält doch unterwegs
-seinen Reisesack bei sich und da begreife ich gar nicht --«
-
-»Begreifen -- begreifen,« knurrte ich ärgerlich und lief dabei händeringend
-in der Stube auf und ab, -- ich war damals zwanzig Jahr alt und der Ball
-mir zur Lebensfrage geworden, -- »ich begreife es recht gut. Auf der
-letzten Station, wo man im Wagen schon keine Hand mehr vor den Augen sehen
-konnte, stieg noch eine Dame in unser Coupée und drückte sich, da in der
-Ecke gegenüber ein dickbepelzter vermaledeiter polnischer Jude saß und gar
-nicht daran dachte der Neuhinzukommenden Raum zu machen, dicht neben
-mich. -- Ich bin von diesem Augenblicke an mit Leib und Seele _gegen_ die
-Emancipation. -- Daß sie auch einen Reisesack bei sich hatte, wußte ich
-natürlich gar nicht und als der Zug hielt, sprang ich, in Eile wie ich war
-und jetzt auch noch in der Angst vielleicht nicht einmal eine Droschke
-zu bekommen, rasch und ohne mich weiter um die Dame und ihr Gepäck zu
-bekümmern, aus dem Coupée und dem Droschkenplatze zu. Ich muß dabei
-wahrscheinlich ihren Reisesack erfaßt haben und sie hat dafür den meinigen.
-Meier, es wird bei Gott zu spät. -- Wo bekomme ich andere Ballhosen her?
-wenn ich noch länger zögere ist Emilie auf den ganzen Abend versagt und ich
-kann nachher ihre dicke Tante im Saale herumschleppen.«
-
-»Nun, wenn es weiter nichts ist,« meinte Jener gutmüthig, »da kann
-vielleicht noch Rath werden --, hier mache nur schnell Toilette und
-ich will unterdessen hinausgehen und sehen ob ich Dir nicht aus meiner
-Garderobe ein Paar zur Aushülfe herausfinden kann -- wir sind ja ungefähr
-von einer Größe.«
-
-Guter Mensch, der Meier! ich drückte ihm herzlich die Hand und während
-er hinausging besorgte ich meinen übrigen Anzug, brachte meine etwas in
-Verwirrung gerathenen Haare in Ordnung und war wenige Minuten später bereit
-in jedes Paar Beinkleider hineinzufahren, das sich mir bieten würde. Meier
-kam aber nicht so schnell wieder und ich unterhielt mich indessen damit,
-die Thüre jede halbe Minute zwei Mal auf- und zuzumachen, oder die
-Schachteln und Büchsen zu untersuchen, die mir ein tückisches Schicksal in
-den Weg geschleudert.
-
-_Damenplunder_, Schminke, Puder, ein Paar falsche Locken, getragene
-Handschuhe und Strümpfe.
-
-»Bah!« rief ich und warf den Kram wieder von mir, »ist es denn möglich, daß
-es Esel auf der Welt giebt, die sich durch _solche_ Mittel bethören lassen?
-Ich bin erst zwanzig Jahre, aber so viel weiß ich, würde --«
-
-»Herr Gott, wie riecht das hier verbrannt!« rief Meier, der in diesem
-Augenblicke die Thüre aufriß und mit dem ersehnten Kleidungsstücke
-hereintrat. »Hier muß etwas versengt sein.«
-
-Mir war der Geruch auch schon aufgefallen, doch hatte ich in all' meiner
-Ungeduld nicht darauf geachtet; Meier dagegen zog gleich darauf den
-verhängnißvollen Reisesack hinter dem Ofen vor. Die eine Seite desselben
--- weißer Grund mit rothen Rosen -- ich kann mich noch so deutlich darauf
-besinnen als wenn es gestern gewesen wäre -- war gelbbraun gesengt und zu
-meiner Schande muß ich's gestehen, daß ich eine ordentliche Schadenfreude
-darüber empfand. Was kümmerte mich aber jetzt der Reisesack, ich fuhr nur
--- während Meier alle die diversen umhergestreuten Gegenstände wieder ohne
-große Vorsicht und Ordnung in den Beutel zurückwarf, mit dem Knie, da nicht
-alles bequem hinein wollte, ein Bischen nachdrängte und dann das
-Ganze unter das Bett schob -- mit wahrer Todesverachtung in die
-Unaussprechlichen. -- Herr der Welt, wenn sie nicht gepaßt hätten -- aber
-nein.
-
-»Triumph!« rief ich und that mit beiden Füßen zugleich einen Luftsprung,
-»die Intelligenz siegt!«
-
-Sie saßen wie angegossen -- nur ein klein wenig zu eng, doch that das
-nichts -- der Schnitt war vorzüglich und ich freute mich -- auf mein Bein
-habe ich mir von jeher etwas eingebildet -- wie ein Kind darüber. Kaum nahm
-ich mir jedoch nur zu einer flüchtigen Spiegelpromenade Zeit, denn
-unten knallte schon der von dem Dienstmädchen indeß herbeigeholte
-Droschkenkutscher, warf rasch den Burnus über, ergriff meine Handschuhe,
-drückte meinen Hut auf und wollte fort.
-
-»Halt,« sagte da Meier und faßte meinen Arm, »wann wirst Du denn wohl
-wieder zu Hause sein?«
-
-»Wer? ich? Nun nicht zu spät; wenn meine Dame nach Hause fährt, tanz' ich
-keinen Schritt mehr; auf jeden Fall bin ich um ein oder zwei Uhr spätestens
-wieder hier.«
-
-»Gut, dann nimm den Hausschlüssel,« erwiederte mir Meier; »ich komme
-schwerlich so früh heim, denn wir spielen nachher immer noch ein Paar
-Rubber Whist. -- Schläfst Du fest?«
-
-»Nicht außergewöhnlich.«
-
-»So werde ich gerade unter dem Fenster hier, wo Dein Bett steht, in die
-Hände klatschen -- Du magst dann den Hausschlüssel in Dein Taschentuch
-binden, oder in den Tabaksbeutel dort stecken und herunterwerfen.«
-
-»Habt Ihr denn keinen Hausmann, der auf die Klingel kommt?«
-
-»Der Draht ist heute gerissen und noch nicht wieder gemacht -- Du wirst
-mich schon hören.«
-
-»Aber der verwünscht schwere Schlüssel --«
-
-»Laß ihn im Burnus, da genirt er Dich nicht -- und noch eins -- merke Dir
-die Thüre hier. Wenn Du im Dunkeln die Treppe heraufkommst, so fühle Dich
-nur links gleich an der Wand hin, Du kannst gar nicht fehlen; die erste
-Thüre.«
-
-»Genug -- genug!« Wir sprangen die Treppe hinunter in den Wagen und fort
-ging's, dem Hôtel de Russie zu, wo uns schon von weitem die blendend
-erleuchteten Saalfenster das Fest als begonnen verkündigten.
-
-Wie mir das Herz pochte, als ich die breite teppichbelegte Treppe
-hinaufstieg! war mir's nicht, als ob ich plötzlich Blei in den Füßen habe
-und die Glieder nicht mehr bewegen und heben könne -- mit Gewalt mußte ich
-mich zusammenraffen und wurde erst durch einen der betreßten Lakaien, der
-mir ein Stück Pappe in die Hand drückte und im nächsten Augenblicke mit
-meinem Burnus verschwunden war, zu mir selbst gebracht.
-
-Wir traten ein; aus der geöffneten Saalthüre tönten uns aber schon die
-wilden Töne eines Gallopps entgegen. Ich hatte es mir doch gedacht, drei
-Tänze waren schon vorüber, die Polonaise und zwei Walzer und Emilie
-_mußte_ sich ja auf den ganzen Abend versagt haben -- oder durfte ich etwa
-vernünftiger Weise etwas anderes erwarten?
-
-»Siehst Du,« murmelte ich, die Hand krampfhaft auf dem Herzen geballt, in
-Meiers Ohr, »_das_ ist mein Schicksal, das mich rettungslos verfolgt --
-vierundzwanzig Meilen habe ich jetzt in grimmigster Kälte zurückgelegt --
-riesengroße Schwierigkeiten überwunden und besiegt und jetzt? -- _zu spät_
--- der Fluch, der mir mein ganzes Leben untergraben hat -- Emilie ist für
-mich verloren und ich bin elend -- elend auf ewig.«
-
-»Adolph,« flüsterte mir Meier zu und bog sich zu mir herüber, »Du weißt was
-ich Dir schon tausend Mal gesagt habe, schlag Dir, wenn Du gescheidt bist,
-das Mädchen aus dem Kopfe, Emilie ist älter als Du selbst, über die besten
-Jahre hinaus.« --
-
-»Geh zum Henker!« rief ich unwillig, »Mensch, willst Du mich denn jetzt
-auch noch, wo ich überdies dem Verzweifeln nahe bin, wahnsinnig machen? Du
-weißt, daß ich --«
-
-»Schon gut, die alte Noth, Du _willst_ nicht hören, so gehe denn ruhig
-Deinen Weg. Aber da drüben kommt Emiliens jüngerer Bruder gerade auf uns
-zu, von dem wirst Du augenblicklich erfahren können, wo Du die _Göttliche_
-zu suchen hast.«
-
-Ich wandte mich unwillig von ihm ab, dem Bruder der Geliebten zu; wer aber
-beschreibt mein Erstaunen, ja mein Entzücken, als ich höre, daß Emilie,
-ebenfalls durch eigenthümliche Hindernisse aufgehalten, noch gar nicht
-erschienen ist, aber jeden Augenblick erwartet wird. Ich hätte dem
-liebenswürdigen jungen Manne, einem etwas hochaufgeschossenen Secundaner,
-auf offenem Ballsaale um den Hals fallen können. Daß ich mich jetzt dicht
-an der Saalthüre postirte versteht sich von selbst; allerdings begrüßte ich
-hier in meinem Eifer wohl zehn Mal fremde Damen, hatte mich mehrere Male zu
-entschuldigen und fand endlich, daß Emilie zu einer Nebenthüre eingetreten
-sei, doch was schadete das? durch ihren Bruder geführt, suchte sie selbst
-mich auf und ich vergaß in _dem_ Augenblicke Fahrt, Reisesack, Täuschung
-und langes Harren -- ich vergaß die Welt und lebte, athmete nur in ihr.
-
-Eine Stunde entschwand mir so im Wonnetaumel; was ich getanzt, was ich mit
-ihr gesprochen, wie sollte ich es wissen, ich sah auch nicht, was uns im
-wirbelnden jubelnden Festesdrang umgab, nur in ihre Augen schaute ich und
-in diesen blühte ein Paradies für mich auf, Emilie war nie so freundlich
-mit mir gewesen und ich hätte in diesem Augenblicke mit keinem Gott
-getauscht.
-
-Erst in einer der Pausen gewann ich Zeit mich etwas ruhiger mit ihr zu
-unterhalten; Arm in Arm wanderten wir im Saale auf und ab und ihre kleinen
-rosigen Lippen flüsterten und plapperten mir die süßesten Schmeichelworte
-in die Ohren.
-
-Wir hatten indessen eine der kleinen, an den Seiten angebrachten
-rothgepolsterten Bänke erreicht und ließen uns nieder; Emilie aber
-entschuldigte sich jetzt, daß sie so bleich und angegriffen aussähe. Guter
-Gott, das hatte ich ja noch gar nicht bemerkt, sie sah wirklich bedeutend
-blässer aus als gewöhnlich -- auch in der That etwas verändert -- was war
-ihr geschehen?
-
-»Ach bester Freund,« flüsterte sie auf meine theilnehmenden Fragen, »es war
-gerade nichts von Bedeutung und doch etwas, das mich bald gezwungen hätte,
-dem Vergnügen des Tanzes heute ganz zu entsagen.«
-
-Das Blut strömte mir kalt zum Herzen, als ich nur an die Möglichkeit
-dachte. --
-
-»Aber wie _war_ das möglich? -- Doch nicht etwa Krankheit? Ihre Wangen sind
-heute Abend wirklich auffallend bleich --.«
-
-»Ich war ein Kind,« lächelte sie, »Angst und auch -- Aerger, wenn ich denn
-aufrichtig sein will, sind die eigentlich thörichten Ursachen gewesen.«
-
-»Aerger?«
-
-»Um eine Kleinigkeit -- ich habe jetzt einige Tage bei einer kranken Muhme
-im nächsten Städtchen zugebracht -- mehrere Bekannte hatten dort ebenfalls
-einen kleinen Ball arrangirt; heute Abend kehrte ich erst von dort zurück
-und -- Sie werden mich auslachen, verwechselte im Coupée meinen Reisesack.
-Nun, was erschrecken Sie denn? das ist doch nichts so Fürchterliches,«
-lachte sie, als ich an ihrem Arme zusammenfuhr.
-
-»Nein, in der That nicht,« stotterte ich und sah mich dabei im Saale um,
-ob nicht etwa die Decke niederschlagen wollte, mich zu begraben,
-»verwechselten -- verwechselten Ihren Reisesack -- hahaha -- das ist
-wirklich zu komisch, das ist göttlich -- hahahaha -- das ist kostbar.«
-
-»Aber ich bitte Sie um Gotteswillen, Adolph!« rief Emilie erschreckt, »Sie
-lenken ja die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft auf uns, was fehlt
-Ihnen denn?«
-
-»Bitte tausend Mal um Verzeihung!« stotterte ich ganz verstört, denn ich
-wußte in diesem Augenblick wahrhaftig nicht, stand ich auf dem Kopfe oder
-auf den Füßen. Schminke, Puder, Locken -- heilige Mutter Gottes! Ich drehte
-mich schnell nach ihr um, sie trug beim ewigen Himmel ihre gewöhnlichen
-kastanienbraunen Locken nicht, von denen ich einst mit verrätherischer
-Scheere ein süßes, theures, tausend und tausend Mal geküßtes Andenken
-geraubt. Pest und Cholera -- ich hatte jetzt die übrigen zu Hause in der
-Schachtel. Aber was nun thun? sollte ich ihr gestehen, daß gerade ich jener
-Unglückliche sei, der -- nein das ging beim Himmel nicht, jetzt nicht.
-Und war denn auch der Reisesack nicht versengt, ruinirt, lag er nicht,
-ich durfte gar nicht daran denken, wo und neben wem; meine Sinne fingen
-überhaupt an sich zu verwirren und Brandflecken, Locken, schwarze
-Beinkleider, Schminke, Puder, das Alles drehte sich mir wie ein feuriges
-Räderwerk in tausend tollen bunten, immer neu gestalteten Bildern im Kopfe
-herum.
-
-»Ich begreife Sie gar nicht,« flüsterte Emilie endlich und warf mir einen
-vorwurfsvollen aber doch zärtlichen Blick zu, »was haben Sie nur?«
-
-»Ach, mein Fräulein,« erwiederte ich ihr in aller Verlegenheit und muß in
-dem Augenblicke so roth wie ein gesottener Krebs ausgesehen haben -- »Sie
-glauben gar nicht, wie leid mir Ihr Unfall thut, wenn man nur -- wenn man
-nur herausbekommen könnte wer der unglückselige Vertauscher --«
-
-»Auf jeden Fall ein Herr!« sagte sie rasch, »ich fand gleich oben auf --«
-sie stockte plötzlich und biß sich auf die Lippen.
-
-»Sie haben den fremden Reisesack geöffnet?«
-
-»Ja, allerdings, aus Versehen natürlich, die kleinen Schlösser sind sich
-ja alle gleich und ich sah nicht eher, daß ich mich geirrt, bis ich -- bis
-ich --«
-
-Ich wußte was jetzt kam, was jetzt kommen mußte, sie hatten ja gleich
-obenauf gelegen. --
-
-»Ein kleines Buch fand, einige geheftete Bogen heißt das, mit -- Gedichten.
-Ach Adolph, wenn Sie _die_ Gedichte gelesen hätten« --
-
-Ueberrascht sah ich zu ihr auf; die verdammten Gedichte hatte ich ganz
-vergessen, doch sie gefielen ihr, Emilie schwärmte dafür.
-
-»Todt hätten Sie sich gelacht über das Zeug,« fuhr die junge Dame, die
-sich wieder ganz gesammelt hatte, fort, »manches unsinnige Gedicht habe
-ich schon gelesen, aber solch übernächtigen Mondenschein und Liebesjammer,
-solche Selbstmordphantasie und überschwengliche Winselei noch nie im
-Leben. -- Ich -- wurde etwas aufgehalten und las einige davon, sie waren zu
-komisch.«
-
-»Aber mein Fräulein,« stotterte ich und verbarg mein Gesicht für einen
-Augenblick in mein Taschentuch, mir war es als ob das aus dem Herzen
-herausschießende Blut die Stirnadern zersprengen müßte, »ich weiß doch
-nicht -- fremde Schriften --«
-
-»Eines Kaufmannslehrlings,« unterbrach sie mich lachend, »das hat keine
-Gefahr, die geschnörkelte Handschrift verräth den Dichter,« -- es
-hatte mich einen Thaler fünfundzwanzig Neugroschen gekostet, sie sauber
-abschreiben zu lassen. -- »Sie müssen uns morgen besuchen,« fuhr sie fort,
-»da können Sie den Unsinn selber lesen; ich will den Reisesack später
-zu einer Bekannten schicken, wohin ich die Zeitungsannonce zu richten
-gedenke.«
-
-Das war zu viel, meine Pulse flogen fieberhaft, meine Stirn brannte, das
-Wort lag mir auf der Zunge, mit dem ich sie zu Boden schmettern wollte; mit
-solcher Heftigkeit ergriff ich dabei ihren Arm, daß sie einen leisen Schrei
-ausstieß und erschreckt zu mir aufsah. Da wirbelten die Pauken, da dröhnten
-die Trompeten ihre Jubelfanfare drein, der innere Kreis lichtete sich und
-die Paare flogen zum Antritt an ihre Plätze, ich sprang auf und starrte
-wild umher.
-
-»Kommen Sie, Adolph,« flüsterte da Emilie und drückte leise meine Hand,
-»der Tanz beginnt wieder, wir fehlen sonst in der Française.«
-
-Fast willenlos zog sie mich dem Kreise der jubelnden Schaar zu, mich,
-den Verzweifelnden, mit der Hölle im Herzen; da zuckte es auf in mir, in
-langverhaltenem Grimme; ich riß mich los von der Entsetzlichen, that einen
-Sprung zurück und rief: Nein, -- kein Wort kam über meine Lippen, auch der
-kleinste Laut erstarb mir auf der Zunge, aber ein eiskalter Schauer
-lief mir den Rücken hinab. Heiliger Gott, ich hatte die fremden, _engen_
-Beinkleider vergessen, eine Naht war bei meiner allzufreien Bewegung
-geplatzt, soviel fühlte ich, und fürchtete jetzt das Entsetzlichste. Aller
-Augen richteten sich dabei, wie es mir wenigstens vorkam, auf mich und mir
-war es, als wenn ich vor Schaam hätte in die Erde sinken sollen.
-
-Wenn sie es merkten, wenn ich unter dem höhnischen Lachen dieser Elenden
-den Saal verlassen mußte; doch nein, noch konnten sie den ganzen Umfang
-meines Jammers nicht begriffen haben, noch war es vielleicht möglich,
-mich unbeachtet zu entfernen. Das einzige Mittel blieb ein urplötzliches
-Nasenbluten; ich riß das Taschentuch heraus, hielt es mir vor das Gesicht
-und überflog mit einem schnellen Blicke das Terrain. Aber der ganze Platz
-zwischen uns und der Thüre war von Menschen frei -- nur einzelne Damen
-standen hier und da und unzählige Lichter verliehen ihm Tageshelle; wagte
-ich mich jetzt darüber hin, so setzte ich mich tollkühn selbst einer
-Entdeckung aus; ich mußte einen günstigem Zeitpunkt abwarten.
-
-Ein zweiter Blick überzeugte mich, daß der Platz, auf dem ich vor wenigen
-Minuten mit Emilien gesessen, noch frei sei und auch ziemlich von einer
-neben ihm herunterhängenden Gardine verdeckt und dadurch unbeachtet liege.
-War ich im Stande mich dorthin _unerrathen_ zurückzuziehen, so konnte
-ich nachher meine Zeit abpassen und bei günstiger Gelegenheit die Thüre
-gewinnen.
-
-Daß ich unter diesen Umständen nicht wagen durfte, der Gesellschaft den
-Rücken zu drehen, läßt sich denken; obgleich mir aber Emilie voll Erstaunen
-nachsah, da selbst das vorgehaltene Taschentuch eine solche retrograde
-Bewegung nicht vollkommen entschuldigte, so gelang es doch endlich durch
-äußerst geschicktes Manöveriren und die Deckung eines hochlehnigen
-Stuhles, den Sitz wieder zu erreichen, um von hieraus meine völlige Flucht
-bewerkstelligen zu können.
-
-Zur dringenden Nothwendigkeit war es jetzt geworden die _Größe_ des
-angerichteten Schadens zu ermitteln; wie es schien nahm in diesem Moment
-Niemand weiter Notiz von mir und ich bog, das Tuch jedoch noch immer vor
-der Nase, den Kopf ein klein wenig herunter. Herr des Himmels, ein ganzes
-Stück weißer, verrätherischer Leinwand hing neben mir an der Seite der
-rothgepolsterten Bank herunter; für so entsetzlich hatte ich mein
-Unglück gar nicht gehalten; aber es war nur zu gewiß, auch so ein kaltes
-Gefühl ..... Mein Herz schlug mir wie ein Hammer in der Brust, meine
-Glieder flogen in Fieberfrost. Doch die _Nähe_ der Gefahr giebt ja auch
-den verzagtesten Menschen den Muth zurück; das Unglück war nicht mehr
-hinwegzuleugnen, es mußte _verbessert_ werden. Wäre nur Meier einen
-Augenblick dagewesen, aber nein, der saß gewiß, kalter gefühlloser Mensch,
-ein solcher Jurist! hinter seinem Whisttische und zählte Tricks und Points,
-auf ihn durfte ich nicht rechnen, und eben wollte ich mich, um wenigstens
-das Schlimmste zu redressiren, langsam emporrichten, fast unwillkürlich
-hob ich dabei den Blick, knickte aber auch blitzschnell auf meinen Platz
-zurück, denn zehn Schritte von mir entfernt und gerade auf mich zukommend
-erkannte ich, wen anders als Emilien am Arme des dürren, bleichsüchtigen
-Secundaners, ihres liebenswürdigen Bruders.
-
-Hätte sich die Sammetbank aufgethan und mich verschlungen, ich wäre mit dem
-größtmöglichsten Vergnügen eine unbestimmte Anzahl von Klaftern erdab in
-völlige Dunkelheit hineingefahren; die blieb aber stockstill und regungslos
-stehen und mir kaum Zeit meinen dünnen Frackzipfel über das Gräßliche zu
-breiten als auch schon mein Schicksal in der Gestalt dieser Sirene auf mich
-zutrat und mit leiser freundlich schmeichelnder Stimme fragte:
-
-»Haben Sie Nasenbluten, Adolph?«
-
-Ich machte nur einfach eine stumme bejahende Bewegung.
-
-»Nun das wird bald vorübergehen,« tröstete sie mich, »aber -- dürfte ich
-Sie wohl einmal auf einen Augenblick incommodiren?«
-
-Ich sah überrascht und erschreckt zu ihr auf.
-
-»Sie sitzen auf meinem Taschentuche,« fuhr sie bittend fort, »ich habe es
-vorhin hier liegen lassen.«
-
-»Es -- es liegt kein Taschentuch hier,« versicherte ich hinter
-meinem eigenen Tuche hervor auf das Bestimmteste, »ich habe eben erst
-nachgesehen.«
-
-»Doch, doch, lieber Adolph,« lächelte die Entsetzliche, »Sie sitzen in der
-That darauf, ich -- ich sehe dort sogar den Zipfel,« und ehe ich von dem
-was mir bevorstand auch nur eine entfernte Ahnung hatte, fuhr sie plötzlich
-auf den vermeintlichen Tuchzipfel zu, faßte es und suchte es vorzuziehen.
-
-Wenn ich mir in meinem Leben etwas gewünscht habe, so war es in dem
-Augenblicke ein Gewicht von circa hunderttausend Pfund. Allerdings packte
-ich das sogenannte Tuch so schnell als möglich selbst und hielt es fest,
-meine erbarmungslose Quälerin aber legte sich mit ganzer Macht dagegen
-und da ich nur eine Hand gebrauchen konnte und überdies auf der
-weichgepolsterten Bank nichts weniger als fest saß, fühlte ich, wie sie
-mehr und mehr Raum gewann.
-
-»Aber bester Herr Müller,« winselte da der unglückselige Secundaner und
-legte mit Hand an, »ich begreife wahrhaftig nicht, weshalb Sie das Tuch
-nicht,« er zog aus Leibeskräften, »nicht her -- geben -- wollen.«
-
-Ich sah mein Verderben vor Augen; das Fürchterliche konnte nicht länger
-verborgen bleiben; nur es noch so lange als möglich zu verzögern, da --
-Heiland der Welt, da gab es nach, ich fühlte wie es unter mir vorrutschte,
-die Geschwister sprangen zurück und hielten -- wachte ich denn oder
-träumte ich? -- Emiliens wirkliches Taschentuch in der Hand, ein rascher
-verzweifelter Griff überzeugte mich sogar, daß meine eigene Furcht ganz
-ungegründet gewesen, ob es aber jene Beiden gemerkt, oder ob sie blos über
-das eroberte Tuch jubelten, ich weiß es nicht, unter dem mir teuflisch
-klingenden Hohngelächter schoß ich aus dem Saale, fuhr in toller Eile in
-zwei falsche Burnusse hinein, bekam endlich den rechten, nebst einem Hute,
-der mir bis über die Schläfe in's Gesicht sank, warf den in die Ecke,
-drückte mir das erste beste auf den Kopf was mir passend vorkam und stürmte
-die Treppe hinunter, aus dem Hause in die schneidend kalte, aber meine
-brennende Stirn wie Balsam kühlende Nachtluft hinaus.
-
-Ich war frei und hoch hob sich mir die Brust, und eilenden Laufes floh ich,
-eine Hölle im Herzen, die dunkele zugige Straße hinunter der Schloßgasse
-zu.
-
-Als ich diese endlich erreichte, konnte ich allerdings nicht gleich das
-rechte Haus erkennen; sie sahen sich alle ähnlich mit ihren grauen Erkern
-und düstern Fenstern, glücklicher Weise wußte ich aber die Nummer und fand
-endlich bei dem matten Scheine einer gegenüber düster flackernden Laterne
-die ersehnte 15.
-
-»Morgen mit dem Frühzuge brech' ich wieder auf!« murmelte ich dabei,
-während ich den schweren Schlüssel aus der Tasche holte und in das
-Schlüsselloch zu stecken versuchte. »Ich bin geheilt -- Meier hat recht
--- verrathen war ich, schändlich, niederträchtig, ver -- na, nun schließt
-dieser vermaledeite Schlüssel auch nicht -- weiter fehlte mir gar Nichts
-als jetzt auch noch eine Stunde hier auf der Straße zu stehen.« -- Ich
-probirte, es ging nicht, ich blies den Schlüssel aus, weil ich glaubte es
-könnten sich Krumen hineingesetzt haben -- es ging immer noch nicht.
-
-»Meier!« rief ich, in der trostlosen Hoffnung, daß dieser schon vor mir
-den Ball verlassen haben könnte, bekam aber natürlich keine Antwort und
-versuchte den Schlüssel auf's Neue. Umsonst -- vergebens drückte ich
-zehnmal an die Klinke, vergebens interessirten sich die Nachtwächter und
-ein Paar vorbeikommende Chaisenträger auf das Lebhafteste für mich; hinein
-in das Schlüsselloch brachte ich den Verräther, nachher aber blieb er nicht
-allein regungslos darin stecken, sondern wollte sogar nicht einmal wieder
-heraus. Ich weiß selbst nicht, wie lange ich frierend und fluchend an dem
-unglückseligen Schlosse probirte, endlich rieth mir ein Vorbeigehender
--- denn selbst der Nachtwächter hatte die Sache zuletzt als trost- und
-hoffnungslos aufgegeben -- zu läuten, damit der Hausmann käme und öffne.
-
-Läuten! -- ja er hatte gut reden, war denn nicht der Draht gesprungen? doch
-folgte ich wirklich, eigentlich nur aus Verzweiflung und Grimm dem Rath und
-riß, als ob ich die Klingel hätte mit der Wurzel aus dem steinernen Gewände
-reißen wollen. Es that mir wohl irgend etwas Bewegliches zu haben, an
-dem ich meine Wuth auslassen konnte. Der Zug blieb aber keineswegs so
-erfolglos, als ich es erst geglaubt; drinn im Hause war plötzlich durch
-meine etwas gewaltige Kraftanstrengung eine Glocke in Bewegung gesetzt
-worden, die jetzt ganz urplötzlich nicht allein den merkwürdigsten und
-entsetzlichsten Spektakel auf eigene Hand vollführte, sondern allem
-Anscheine nach auch gar nicht beabsichtigte je wieder aufzuhören. Es
-dauerte denn auch nur kurze Zeit -- und die Riesenglocke läutete dabei noch
-immer fort -- bis ein Paar Pantoffeln in größtmöglichster Eile über den
-steinernen Vorsaal herangeschlappt kamen; der in den Pantoffeln Steckende
-hustete auf sehr bedenkliche Weise und durch das Schlüsselloch fiel
-plötzlich ein einzelner Hoffnung erweckender Lichtstrahl. Inwendig wurde
-ein Schlüssel eingedrückt und herumgedreht, zu meiner Verwunderung aber
-auch noch ein Riegel zurückgeschoben und die schwere Thüre knarrte in ihren
-Angeln.
-
-»Herr du mein Gott!« rief dabei der Alte, der bis über die Ohren in einem
-weißen Schafpelze stak, »wer reißt denn da so fürchterlich an der Glocke?«
-
-»Guten Abend, Alter,« unterbrach ich ihn aber, trat, während ich ihm ein
-Viergroschenstück in den Schlafrock drückte -- denn die Aermel gingen ihm
-bis weit über die Hände -- in's Haus und wollte ohne Weiteres die Treppe
-hinauf, da ich nach der früheren Hitze und durch das lange Stehen vor der
-Thüre bis in's innerste Mark hinein durchfroren war. Der Mann hielt mir
-aber erst seine Laterne unter's Gesicht und sagte, mit einem durch das
-indessen seitwärts besichtigte Viergroschenstück nur theilweise beruhigten
-Blicke:
-
-»Wohnen Sie denn hier?«
-
-»Jawohl, oben beim jungen Herrn.«
-
-»Seit wann denn?«
-
-»Seit heute Abend neun Uhr; wir sind zusammen zum Balle gefahren.«
-
-»Ah so!« nickte der Alte, der damit seiner Hauspflicht genügt zu haben
-glaubte und wandte sich mit einem kurzen »gute Nacht« zum Gehen, mein Blick
-war aber dadurch und als ich mich nach ihm umdrehete, auf die Hausthüre
-gefallen und ich sah dort den Riegel, den er eben wieder vorgeschoben
-hatte.
-
-»Wird denn hier das Haus von innen verriegelt?« fragte ich ihn erstaunt,
-»das habe ich ja gar nicht gewußt, -- da hätte mir ja auch mein Schlüssel
-nichts geholfen.«
-
-»Ja,« meinte der Alte und bekam wieder den bösen Husten, »seit sie hier
--- oho oho oho -- in der Schloßgasse, die -- oho oho oho -- die Frau
-erschlagen haben, oho oho, ist mein Herr ängstlich geworden -- oho oho
-oho.«
-
-»Wie kommt da aber der junge Herr herein?«
-
-»Der klingelt auch!« meinte sehr lakonisch der Brustkranke und zog sich,
-nicht ohne Grund die nachtheiligen Folgen der Zugluft für sich selbst
-fürchtend, mit einem wahren Anfalle von Keuchhusten durch die Hofthüre in
-seine eigenen Apartements zurück.
-
-»Das also ist das Ende meines süßen Traumes!« seufzte ich, als ich die
-breite steinerne Treppe im Dunkeln hinaufstieg und dabei links das
-Geländer hielt, um nicht irgendwo anzulaufen; was kümmerte mich in diesem
-Augenblicke der Riegel? mir gingen andere fürchterlichere Gedanken im Kopfe
-herum. --
-
--- »Das ist das Resultat meiner Reise --, das der Grundstein meines
-künftigen Glücks, auf dem ich Riesenbauten aufgeführt hätte. -- Fort, fort,
-selbst mit der Erinnerung an mein Unglück -- ich will schlafen und wäre es
-bis zum letzten Tage. Ach der Tod müßte jetzt eine Wohlthat sein.«
-
-Wie dunkel das aber auf der Treppe war, nicht einmal die Stufen konnte ich
-erkennen, eine wirklich ägyptische Finsterniß, doch wußte ich ja meinen
-Weg und fühlte mich, als ich die erste Etage erreichte, links dicht an der
-Mauer hin. Da stieß meine Hand an irgend etwas und in demselben Moment,
-in dem ich mir das Knie an einer scharfen Ecke fast zerstieß, klirrte
-mit fürchterlichem Gepolter irgend ein irdenes Gefäß zu Boden und das
-plätschernde Geräusch verrieth mir, daß ich jedenfalls einen nicht
-unbeträchtlichen Wasserkrug heruntergestoßen haben müßte.
-
-Das fehlte mir noch -- ich watete jetzt förmlich; wie aber kam der Krug
-hierher und wo hatte er --? wahrhaftig da stand auch ein Tisch; der mußte
-dorthin gestellt sein seit wir fortgegangen und meine linke Kniescheibe
-trug jetzt die Folgen. Doch hier half weiter kein Besinnen, im Dunkeln
-konnte ich überdies nichts wieder gut machen und beschloß nur Meier, wenn
-ich ihn zu Hause kommen hörte, aus dem Fenster hinaus zu warnen, daß er
-nicht etwa über das indessen die Treppe hinabgeströmte und gefrorene Wasser
-stürze.
-
-Ich tappte jetzt an der linken Wand hin. -- Nun? -- Da sollte doch die
-Thüre sein. -- Ich konnte nichts fühlen als die nackte kalte Mauer; auf
-jeden Fall mußte ich sie gleich im Anfange übergangen haben und suchte
-meinen Weg noch einmal zurück bis zur Treppe, aber keine Thüre war zu sehen
-und ich wußte doch so genau, daß sie sich auf _der_ Seite befand. Wieder
-begann ich meine Wanderung, und die Zähne klapperten mir vor Frost und
-wieder mit nicht besserem Erfolge als zuerst, nur kam ich, als ich mich
-immer weiter hinarbeitete, zu einem Fenster, das in irgend einen dunkeln
-Hof hinausführte. -- Wo war ich jetzt? Was sollte ich thun, was beginnen?
-Ich konnte doch wahrlich nicht die ganze Nacht auf der Treppe bleiben, wäre
-ja auch in meinem dünnen Ballanzuge erfroren. Und sollte ich Lärm hier im
-fremden Hause machen? -- mit was für einem Gesichte durfte ich mich dann
-morgen -- ei zum Henker, Noth bricht Eisen, erfrieren konnte ich auch
-nicht. Uebrigens mußte ja doch auch irgendwo eine Thür sein, und traf ich
-nicht die rechte, so weckte ich wenigstens Menschen, die mir das richtige
-Zimmer öffneten.
-
-Rasch entschlossen ging ich an's Werk und kam glücklicher Weise endlich
-an eine Klinke, die ich zu öffnen versuchte; doch umsonst, sie widerstand
-allen meinen Bemühungen und auf mein mehrmaliges Anpochen erhielt ich
-ebenfalls keine Antwort. Ich ging jetzt weiter, stolperte nochmals über
-einen Stuhl, stieß an einen kleinen Tisch, über dem ich einen Spiegel
-fühlte, und erreichte zuletzt eine zweite Thüre.
-
-Obgleich auch diese mir den Eintritt versagte, so glaubte ich doch ein
-Geräusch wie das eines Schnarchenden zu vernehmen. Ich klopfte herzhaft an
-und horchte -- da regte sich etwas -- eine Bettstelle knarrte, als ob sich
-Jemand darin umdrehe, dann war alles wieder still. -- Ich wiederholte
-mein Pochen, da rief plötzlich eine allem Anscheine nach auf's Aeußerste
-erstaunte Stimme:
-
-»Was zum Henker giebt's denn da draußen? Wer klopft? Johann, bist Du das?«
-
-»Ich bin's, Herr Meier!« erwiederte ich ihm mit schüchterner, aber nichts
-desto weniger lauter Stimme, denn ich mußte natürlich in ihm den Vater
-meines Freundes vermuthen. -- »Adolph Müller ist's, der Freund Ihres
-Sohnes; ich kann meine oder vielmehr seine Stube nicht finden.«
-
-»Donnerwetter, Herr, stören Sie die Menschen nicht im Schlafe!« rief aber
-der vermeintliche Vater mit keineswegs freundlicher Stimme, »ich habe gar
-keinen Sohn -- gehen Sie zum Teufel und lassen Sie mich in Ruhe --«
-
-»Aber bester Herr,« bat ich ihn, »ich stehe hier draußen in der grimmigsten
-Kälte und kann den Tod davon haben; wenn ich nur wenigstens ein Licht
-hätte, daß ich meine Stube finden könnte. In welchem Zimmer wohnt denn nur
-Herr Meier?«
-
-»Ich kenne gar keinen Meier, Herr!« rief die Stimme mit einer
-fürchterlichen Bestimmtheit, »hier im ganzen Gebäude existirt kein Meier.
--- Gute Nacht, schlafen Sie wohl --«
-
-Und ich hörte, wie sich der Unmensch mit aller Gewalt auf die andere Seite
-warf, seine Worte aber waren wie ein Donnerschlag für mich -- kein Meier
-im ganzen Hause! Das konnte ja gar nicht sein -- hatte ich denn nicht die
-Nummer mit eigenen Augen gelesen? -- Doch das Innere des Hauses selbst, die
-ganze Einrichtung war mir in der That fremd -- sollte er recht haben? Doch
-nein, auf jeden Fall wohnte mein Meier hier; der Droschkenkutscher hatte
-mich ja auch gleich vor die richtige Thüre gefahren, ein Beweis, daß ich
-doch damals die Nummer gewußt; an mir lag es daher einen zweiten Versuch zu
-machen um mein Bett zu finden.
-
-Ich schritt, immer weiter rechts, langsam an der Wand hin und erreichte
-endlich einen von außen durch einen Wollbeschlag verwahrten Eingang, der
-auf jeden Fall zu einer Wohn- oder Schlafstube führte; hier mußte übrigens
-die Klinke auf der verkehrten Seite sein, denn ich fühlte erst vergebens
-ringsherum und fand sie endlich in der Mitte. Kaum hatte ich sie jedoch
-berührt und darauf gedrückt, als von innen heraus ein so fürchterlicher
-markdurchschneidender Schrei erscholl, daß ich entsetzt zurückfuhr.
-
-»Herr Meier,« rief ich aber gleich darauf rasch gesammelt und klopfte dabei
-scharf an die Thüre; »mein guter Herr Meier!«
-
-»Mörder -- Diebe -- Spitzbuben! Feuer! Feuer!« gellte als Antwort die
-Stimme und nach dem Hofe zu wurde eine Klingel, die auf jeden Fall mit
-dieser Stube in Verbindung stand, aus Leibeskräften gerissen.
-
-»Aber bester Herr Meier,« bat ich und suchte dadurch den Sturm zu
-beschwichtigen.
-
-»Hülfe -- Hülfe -- Feuer -- Diebe!« tobte das Echo und überall im Hause
-klappten Thüren und wurden ängstliche Stimmen gehört. Wieder, aber dies Mal
-noch in viel ängstlicherer Hast, schlurrten die Pantoffeln des Hustenden
-herbei und ich wußte für den Augenblick wirklich nichts Besseres zu thun,
-als mich diesem auf Gnade und Ungnade zu ergeben.
-
-Ich fühlte meinen Weg, so schnell das gehen wollte, an die Treppe zurück
-und das Geländer hinunter, wo ich mit Freuden das eben wieder in die
-Hofthüre hereinblitzende Licht des Hustenden begrüßte. Dieser aber gewahrte
-kaum meine, wie er nach allem dem Hülfeschreien wahrscheinlich glauben
-mochte, in höchst böswilliger Absicht auf ihn zueilende Gestalt, als
-er blitzschnell, wie die Figur in irgend einer künstlichen Uhr,
-zurückschnellte, die Thüre in's Schloß warf und den Zeter von einer Treppe
-hoch mit
-
-»Faß ihn, Türk, halt ihn fest, Packan, hu hetz hetz, Nero, hu hetz hetz!«
-accompagnirte.
-
-Wohl sprang ich jetzt an die Hausthüre und schob den Riegel zurück, denn es
-wurde mir nun doch klar, daß ich durch das unseligste Mißverständniß in ein
-falsches Gebäude gerathen sei, die verwünschte Thüre ließ mich gegenwärtig
-aber ebensowenig hinaus, als sie mich vorhin hereingelassen hatte und zu
-der Aufregung, in der ich mich überhaupt befand, kam auch noch die Furcht,
-daß der schwindsüchtige Barbar am Ende gar zu guter Letzt eine Meute
-Kettenhunde auf mich losließe, wo ich dann in der engen Hausflur eine Scene
-aus den altheidnischen Thiergefechten hätte aufführen können. Glücklicher
-Weise mußte aber kein Hund auf dem ganzen Hof sein und die drohenden
-Laute sollten wohl blos dazu dienen die vermeintlichen frechen Diebe
-zurückzuschrecken. Ehe ich jedoch im Stande war einen festen Entschluß
-zu fassen und einmal schon wirklich im Begriffe die jetzt ebenfalls
-verschlossene Hofthüre zu sprengen, um mir wenigstens Bahn in des Hausmanns
-warme Stube zu brechen, flog das Thor plötzlich auf und drei entsetzte
-Gestalten mit Heugabeln, Schaufeln und einem großen Küchenmesser bewehrt,
-rückten in verzweifelter Tapferkeit heran und forderten mich mit grimmer
-Stimme zum Niederlegen der Waffen auf.
-
-Es dauerte nun allerdings geraume Zeit, ehe ich im Stande war ihnen meine
-gänzliche Harmlosigkeit darzuthun, noch dazu da die früher gehörte Stimme
-von oben herunter ununterbrochene Drohungen von Galgen, Rad, Zuchthaus und
-Galeeren niederrief, und dadurch das Trifolium natürlich in dem Glauben
-erhielt, es sei Fürchterliches geschehen. Endlich mochte sie mein
-Ballcostüm, in dem ich mich producirte, beruhigen; es war wenigstens nicht
-wahrscheinlich, daß irgend ein vernünftiger Mensch bei solcher Kälte in
-schwarzem Fracke, weißen Glacéhandschuhen und Schuh und Strümpfen versuchen
-solle einzubrechen. Mein Freund im Schafspelze erkannte mich auch wieder,
-wollte sich aber, obgleich ich mich endlich mit den Leuten in soweit
-verständigte, daß sie mich für keinen Raubmörder hielten, in keinerlei
-Weise weiter mit mir einlassen, versicherte, daß er keinen Menschen Namens
-Meier kenne und in seinem Leben gekannt habe, schloß, dabei immer noch mit
-mißtrauischem Seitenblicke, die Hausthüre so schnell als möglich wieder auf
-und ich fand mich wenige Secunden später -- und noch froh nicht etwa gar
-als fremder Ruhestörer irgend einem freundlichen Nachtposten überliefert
-zu sein -- gerade vor derselben Pforte, vor der ich kurze Zeit früher Gott
-weiß was darum gegeben hätte, um nur gleich und schnell hineinzukommen.
-
-Allerdings suchte ich mich jetzt augenblicklich und während innen noch der
-unausbleibliche Riegel mit größter Sorgfalt wieder vorgeschoben wurde, von
-der Identität der Hausnummer zu überzeugen; die letzte Laterne war jedoch
-indeß verlöscht, die Straße menschenleer und der Schnee fiel in großen
-kältenden Flocken nieder; ich selbst aber zitterte vor Frost an allen
-Gliedern und fürchtete wohl nicht ohne Grund eine bösartige Erkältung, wenn
-ich, so leicht bekleidet, auch nur eine Minute länger auf freier Straße
-blieb, als ich nothgedrungen mußte. Unter diesen Umständen blieb mir denn
-also nichts weiter übrig als den Versuch, in solcher Dunkelheit und Kälte
-das rechte Haus zu finden, aufzugeben, und ich lief rasch die Straße hinab,
-das erste Hôtel oder Gasthaus zu benutzen, was sich mir bieten würde.
-
-Glücklicher Weise brauchte ich nicht lange zu suchen; wenige hundert
-Schritte weiter unten erkannte ich die goldglänzenden Riesenbuchstaben
-eines Schildes, die Hausglocke saß an der richtigen Stelle und ich fand
--- wirklich kaum noch im Stande mich auf den Füßen zu erhalten -- ein
-eiskaltes Zimmer, aber ein warmes Bett, in dem ich mich von dem Elend und
-Leid dieser Nacht erholen konnte. Zum Tode erschöpft schlief ich natürlich
-augenblicklich ein und erwachte erst wieder, als mir das helle Tageslicht
-in die Fenster schien und der Kellner mit dem um acht Uhr bestellten Kaffee
-in die Thüre trat.
-
-Wie ein düsteres Traumgebilde lag die Erinnerung der vergangenen Nacht auf
-meinen Nerven, der Kaffee übte jedoch seinen wohlthätigen Einfluß auch
-auf mich aus; ich schüttelte alle bösen Gedanken ab und mit dem festen
-Entschlusse Emilien auf immer zu meiden -- ich bin bis jetzt noch nicht
-recht mit mir im Klaren, ob mich damals die falschen Locken oder die
-bedauernswerthe Ansicht über meine Gedichte am meisten dazu bestimmte --
-zog ich meinen Burnus wieder über, setzte den Hut, den mir das tückische
-Spiel des gestrigen Abends bescheert, auf, bezahlte die kleine Rechnung und
-öffnete meine Thüre, die auf einen schmalen Gang hinausführte.
-
-»Nun, da hätte ich mir allerdings bis heute Morgen die Hände vor meinem
-Fenster wund klatschen können,« sagte in diesem Augenblicke eine Stimme
-dicht neben mir und aus der benachbarten Thüre trat ebenfalls mit Hut und
-Mantel, wer anders als Meier selbst heraus.
-
-»Meier!« rief ich und stand ganz verdutzt über solche wunderbare Begegnung,
-»jetzt bitte ich Dich um Gotteswillen --«
-
-»Weshalb liefst Du denn auf einmal gestern vom Balle fort?« brummte aber
-dieser. »Emilie hat tausend Mal nach Dir gefragt.«
-
-»Emilie!« -- der Name gab mir meine ganze Kraft und Energie wieder. --
-
-»Meier,« sagte ich, griff ihm unter den Arm und führte ihn mit mir die
-Treppe hinab. »Meier, glaubst Du an ein böses Geschick?«
-
-»Ich fange an zu glauben, daß _Du_ eine eigene Fertigkeit besitzest Alles,
-was Du angreifst, verkehrt zu machen,« lautete die mürrische Antwort.
-»Weshalb bist Du denn nicht wie ein anderer vernünftiger Mensch nach
-Hause gegangen, anstatt mit dem einzigen Hausschlüssel in der Tasche in's
-Wirthshaus zu laufen und mich selbst dabei auszuschließen, daß ich nicht
-einmal in mein eigenes Zimmer konnte?«
-
-»Glaubst Du an ein böses Geschick, Meier?«
-
-»Ach laß den Unsinn -- wo hast Du denn eigentlich meinen Schlüssel, und --
-hahaha, wessen Hut trägst Du denn?«
-
-Ich nahm den Hut ab und sah jetzt zum ersten Male, daß eine kleine Cocarde
-mit silbernen Schnüren an der Seite saß; ich hatte gestern Abend in aller
-Eile den Hut irgend eines Bedienten aufgegriffen.
-
-»Meier,« sagte ich und blickte, dadurch nur noch mehr in meinem Entschlusse
-bestärkt, auf den Hut nieder, »weißt Du wem der fremde Reisesack gehört?«
-
-»Einer Dame auf jeden Fall, die sich über die verbrannte Rosenguirlande
-ungemein freuen wird -- wahrscheinlich einer Schauspielerin, weil sie
-Schminke und Perrücken bei sich führt.«
-
-»Hm,« sagte ich und schritt, immer noch den Hut in der Hand, an seiner
-Seite die Straße hinauf seinem Hause zu; da erkannte ich plötzlich die
-Thüre, an der ich gestern Abend gestanden, die Klingel -- ich hatte
-den dicken runden Knopf noch nicht vergessen -- an der ich so fabelhaft
-geläutet und -- Pest und Gift! -- von dem weißen runden Schildchen lächelte
-mir höhnisch eine 13 entgegen, die ich in Nacht und Dunkelheit jeden Falls
-für meine 15 gehalten. Das Maaß meines Ingrimms war gefüllt.
-
-»Meier,« sagte ich, und winkte einer gerade vorbeifahrenden Droschke zu,
-»es giebt Dinge in der Welt, die sich nicht gut mündlich verhandeln lassen,
-ich will Dir meine Geschichte lieber schreiben. Es ist jetzt aber gerade
-ein Viertel auf Zehn; um _halb_ zehn geht der Frühzug ab, sei doch so
-gut und schicke mir mit nächster Gelegenheit mein Gepäck nach. Deine
-Beinkleider kannst Du mir so lange borgen, ich würde sonst, was ich um
-keinen Preis der Welt möchte, den nächsten Zug versäumen.«
-
-»Was? Jetzt willst Du auf einmal wieder fort?« rief Meier nicht wenig
-erstaunt aus, »das geht ja gar nicht, was würde auch Emilie dazu sagen?«
-
-»Die -- grüße schönstens,« murmelte ich mit einem halbverbissenen boshaften
-Lächeln, »grüße sie und -- bitte sie, mir doch gefälligst den Reisesack
-umzutauschen. Halt -- noch eins -- thue mir doch auch die Liebe und
-sieh zu, daß Du den Eigenthümer dieses Hutes wiederfindest, der dafür
-wahrscheinlich den meinigen zurückbehalten hat.«
-
-»Wache ich denn oder träume ich,« rief Meier, »Emilien gehörten jene
-Apparate? -- Aber Adolph, Du kannst doch wahrhaftig nicht im bloßen Kopfe
-reisen --«
-
-»Nein,« erwiederte ich ihm, »auf keinen Fall -- Kutscher -- schlesischer
-Bahnhof -- sind wir in zehn Minuten und noch vor der Abfahrt dort, so
-bekommst Du einen Thaler Trinkgeld -- also adieu Meier -- sei nicht böse,
-daß ich Dir so viele Umstände gemacht, übermorgen spätestens hast Du einen
-Brief von mir.« Damit drückte ich ihm einen herzlichen Kuß auf den Mund,
-nahm ihm den eigenen Hut vom Kopfe und schlug ihn mir selber in die Stirn,
-sprang in den Wagen und im nächsten Augenblicke rasselten wir, ehe Meier
-durch das Schnelle des auf ihn Einstürmenden vielleicht nur eine Ahnung
-dessen hatte, was ich beabsichtigte, in lebensgefährlicher Schnelle über
-das holperige Pflaster dem fernen Bahnhofe zu.
-
-Wir kamen eben noch zur rechten Zeit -- die letzte Glocke läutete als
-wir vor die Thüre des Bureaus klapperten; rasch löste ich mein Billet
-und wenige Secunden später setzte sich der Zug mit schrillem
-markdurchschneidendem Pfeifen in Bewegung. Dann aber erst, als ich in
-die Ecke des warmen Coupées gedrückt, den Schauplatz dieser Nacht mit
-flüchtiger Schnelle verließ, als Feld und Flur und Berg und Wald an mir
-vorbeischwirrten und Meile nach Meile den Raum vergrößerte, da erst fand
-ich mich selbst und meine Ruhe wieder.
-
-An Emilien schrieb ich noch an demselben Abend und von zu Hause aus ein
-Paar Zeilen, gestand ihr meine Unwürdigkeit sie zu besitzen und bat um
-ihre Freundschaft. Meier aber machte ich ebenfalls und versprochener Maßen
-ausführlich mit dem ganzen Umfange meiner damaligen Abenteuer bekannt und
-erhielt drei Tage später durch seine Vermittlung meinen Reisesack mit all'
-meinen früher an Emilien geschriebenen Briefen zurück. --
-
-Nur eines fehlte -- meine Gedichte; ich hatte das Weib gereizt und sollte
-ihre Rache fühlen. -- Drei Wochen später standen sie unter meinem eigenen
-Namen in der Didascalia.
-
-
-
-
-Civilisation und Wildniß.
-
-Skizze aus dem amerikanischen Leben.
-
-
-Im westlichen Theile des Squatterstaates Missouri, unfern vom Flusse
-gleiches Namens, dem =roaring river= oder _rauschenden Strom_, und etwa
-nur zwanzig englische Meilen von der östlichen Gränze des »indianischen
-Territoriums« entfernt, wo nördlich die Kickapoos und südlich von ihnen
-die Delawaren durch die Regierung der Vereinigten Staaten ihre Wohnsitze
-angewiesen bekommen hatten, lag ein kleines, unscheinbares Waldstädtchen,
-in früherer Zeit wohl nur der ergiebigen Bleiminen wegen gegründet, jetzt
-aber, da vielleicht bessere Adern und besser gelegene entdeckt worden, auch
-wieder von einem großen Theile der ersten Ansiedler verlassen.
-
-Das Städtchen selbst bestand eigentlich nur aus einer einzigen Straße und
-darin sich gegenüber liegenden zwölf oder vierzehn Häusern, von denen das
-umfangreichste das Meeting- oder Bethaus, das wohnlichst eingerichtete das
-des Händlers oder Krämers, und das kleinste, einfachste das einer armen
-Witwe, Mrß. Rowland, war, die hier mit ihrer Pflegetochter Rosy still und
-zurückgezogen, aber auch von allen Nachbarn geliebt und geachtet, lebte.
-
-Da sich übrigens meine kleine Erzählung gerade um diese Personen wendet, so
-ist es vielleicht dem Leser lieb, gleich von vorn herein und mit so kurzen
-Worten als möglich das zu erfahren, was zur Verständigung des Ganzen nöthig
-ist und was er nun einmal überhaupt wissen muß.
-
-Mrß. Rowland war die älteste Ansiedlerin im ganzen Orte, und zwar hatte
-ihr Mann hier die ersten Bleiminen auf einem Jagdzuge entdeckt und mitten
-unter, damals feindlichen, Indianern als kühner Pionier und Vorzügler der
-Civilisation die Arbeit begonnen. Aber nicht warnen ließ er sich durch das
-Schicksal tausend Anderer, die vor ihm den rothen Sohn der Wälder in
-seiner Heimath aufgesucht und durch Uebermuth gereizt; auf seine Kraft und
-geschickte Führung der Büchse vertrauend, trotzte er jeder Gefahr, die
-ihm vom Feinde oder Gegner drohen konnte, und -- fiel. Ein Häuptling der
-Delawaren war von ihm beleidigt worden -- wenige Tage später hörte er
-Morgens dicht bei seiner Hütte, den Lockton einer Truthenne, er nahm seine
-Büchse, die vermeintlich leichte Beute zu erlegen, und -- kehrte nie mehr
-zurück. Der Ton mußte eine Schlinge der listigen Wilden gewesen sein --
-wenige Minuten später überfielen die dunkeln entsetzlichen Gestalten das
-jetzt unbeschützte Haus, und als die unglückliche Frau aus ihrer Ohnmacht,
-in die sie der erste Schreck geworfen, erwachte, lag sie vor den qualmenden
-Ueberresten ihrer Hütte unter einem Baume, und ihr Sohn, ihr einziges
-liebes Kind war verschwunden.
-
-Umsonst durchwühlte sie den ganzen langen Tag mit blutenden verbrannten
-Fingern die qualmenden Trümmer ihrer friedlichen Heimath, nicht einmal die
-Gebeine fand sie, um den Ueberresten des Kindes ein Grab zu gewähren.
-Halb wahnsinnig floh sie damals, allein und schutzlos, durch den Wald
-der meilenweit entfernten nächsten Hütte zu, und zog später, in ihrem
-hoffnungslosen Schmerze, nach St. Louis zu einer da wohnenden Schwester.
-Hier lebte sie vierzehn lange Jahre in stiller Zurückgezogenheit; wenn
-aber auch die Zeit den Schmerz gelindert hatte, so vergaß sie doch nie und
-nimmer die theuren Lieben, die ihr durch Mörderhand entrissen worden, und
-das besonders ließ ihr weder Ruhe noch Rast, daß sie nie Gewißheit von des
-_Kindes Tod_ erhalten. Wenn sie _der_ Ueberzeugung auch Raum geben mußte,
-ihr Gatte sei ein Opfer indianischer Rache gefallen, so konnte sie
-sich weder wachend noch träumend des Gedankens erwehren, wie der Knabe,
-vielleicht nur geraubt, vielleicht entflohen, verirrt gewesen und von
-anderen Farmern -- Reisenden möglicher Weise -- aufgenommen sei.
-
-Als sie daher von der Gründung des kleinen Städtchens Boonville hörte, das
-spätere Bleisucher kaum eine Viertelstunde von ihrem früheren Wohnorte ab
-angelegt, da beschloß sie, weil ihre Schwester indessen auch gestorben
-war und sie nun doch allein auf der Welt stand, mit deren hinterlassener
-Stieftochter, einem lieben, holden, damals zwölfjährigen Kinde, nach
-Boonville zu übersiedeln. Dort war sie wenigstens in der Nähe jener Stelle,
-auf der sie fast Alles verloren, was ihr auf Erden lieb und theuer gewesen,
-und dort, meinte sie, müsse auch, wenn je, ihre Hoffnung erfüllt werden.
-Sechs volle Jahre waren aber wieder verflossen, ohne daß sie auch nur eine
-Spur des Verlorenen gefunden, und wenngleich alle Bewohner des kleinen
-Ortes, mit dem Schicksale der armen Mutter bekannt, sich die größte Mühe
-gegeben hatten, ihre Nachforschungen zu unterstützen, so schien doch Alles
-Umsonst -- der Verschwundene blieb verschwunden, und die arme alte Frau
-siechte endlich mit mehr und mehr abnehmenden Körperkräften dem Grabe
-zu, nach dem sie sich ja auch, besonders in den letzten Jahren, als dem
-einzigen Orte, die Ihren wieder zu finden, so heiß und brünstig gesehnt.
-
- * * * * *
-
-Es war ein freundlicher, sonniger Abend im August; von Nord-Osten her wehte
-ein kühler, labender Luftzug, und vor den Thüren der einzelnen Wohnungen,
-theils im Schatten fruchtbeladener Hickorys oder Chesnuts, nicht selten
-auch von Töpfen mit qualmendem Rauch umgeben, die etwas lästigen Mosquitos
-zu verscheuchen, saßen hier und da die Bewohner von Boonville -- die
-Frauen mit irgend einer Nadelarbeit beschäftigt, von der sie nur manchmal
-aufstanden, nach dem innen am Kamin brodelnden Abendessen zu schauen, und
-die Männer im =dolce far niente= an Stücken Holz schnitzelnd, oder auch auf
-ein über freie Erde hingebreitetes Büffelfell müßig ausgestreckt.
-
-Nur der Stuhl vor der Thür des Händlers war leer, denn Madame schaffte
-und arbeitete mit feuergeröthetem Angesichte vor dem geräumigen Kamine
-der Küche, während Zacharias Smith zwei fremde Indianer bediente, die vor
-kurzer Zeit mit ihren Fellbündeln und Wildpret in das Städtchen gekommen
-waren, um hier ihre nöthigsten Bedürfnisse, wie Pulver, Messer, Blechbecher
-und -- Whiskey gegen das Erbeutete einzutauschen.
-
-Es waren ein paar Krieger vom Stamme der Kickapoos, wenn der Name _Krieger_
-überhaupt noch einem Paar der miserabelst aussehenden Subjecte indianischer
-Race beigelegt werden konnte. Die schmutzigen wollenen und zerrissenen
-Decken, die sie um sich herumgeschlagen, verhüllten kaum nothdürftig ihre
-Blöße, und das Haar hing ihnen, nicht mehr bloß in der einzelnen stolzen
-Scalplocke prangend, nein, unbeschnitten, aber auch ungekämmt, wild und
-wirr, an manchen Stellen wie eine Pferdemähne, von Kletten zu festem Zopfe
-zusammen gehalten, um den braunen Nacken. Der Eine trug ein Hemd -- aber
-ob das einst aus weißem Stoffe oder buntem Kattun bestanden, ließ sich
-wahrlich nicht mehr erkennen; das Blut des erlegten Wildes hatte eine
-Art Kruste darüber gelegt, die nur auf der Schulter durch das Tragen
-der ziemlich schweren, unbehülflichen Büchse unterbrochen schien -- ihre
-Leggins waren mit Stücken roher Haut geflickt, und ihre Moccasins sahen
-aus, als ob sie jeden Augenblick auseinander fallen wollten. Ein Gürtel aus
-Hickory-Rinde gedreht, hielt ihre Leggins-Bünde, das kleine Scalpirmesser
-und eine kurze Schilfpfeife, und die ausdruckslosen trägen Züge der
-schmutzigen Gesichter heiterten sich erst wieder auf, als sie in des
-Händlers Laden die rothbestrichenen Whiskey-Fässer sahen.
-
-Der Handel war sehr einfach und deshalb bald abgeschlossen -- das, was sie
-an Pulver nothdürftig haben _mußten_, ließen sie sich geben und füllten
-es in ihre Hörner, den Rest aber verlangten sie natürlich in »Uiski«, und
-damit kauerten sie sich gleich an Ort und Stelle in eine Ecke des
-Ladens zwischen Salz- und Mehlfässer nieder und begannen, ohne weitere
-Vorbereitung, ihr Festmahl.
-
-Sie hatten nur einen Becher mit, und der Eine schaute mit weit
-aufgerissenen, fast aus ihren Höhlen tretenden Augen zu, als der Andere das
-gelbe Feuerwasser aus der erhaltenen Flasche in diesen einsprudeln ließ --
-sein breiter Mund verzog sich zu einem noch breiteren Grinsen, und ein paar
-Reihen blendend weißer Zähne wurden sichtbar -- die eine Hand streckte er
-dabei schon wie unwillkürlich nach dem Göttertrank aus, und ein leises,
-gurgelndes Lachen wurde laut, als sein Gefährte den Becher zuerst an die
-Lippen hob. Das Lächeln verlor sich aber, die Mundwinkel zogen sich wieder
-zusammen, wenn auch die Lippen getrennt blieben, und das Auge nahm einen
-mehr stieren, ängstlichen Ausdruck an, als der Freund, gar nicht mehr
-freundschaftlich, in nicht endendem Zuge mit dem Blechmaß zu verwachsen
-schien.
-
-»Ugh!« sagte da endlich -- nach langem, langem Genusse absetzend -- der
-erste Trinker, und schaute, über das Gefäß hinüber, den Gefährten an --
-dessen Züge aber heiterten sich jetzt urplötzlich wieder auf -- er streckte
-die Hand aus, ergriff den Becher, den er selbst nicht wieder losließ, als
-Jener ihn erst aufs Neue füllte, und schien nun seinerseits _reichliche_
-und volle Rache an dem nehmen zu wollen, der seine Erwartung vorher auf so
-peinliche Folter gespannt.
-
-So tranken sie abwechselnd, Jeder bei dem Genusse des Anderen mit
-athemloser Angst das Abnehmen des verführerischen Giftes beobachtend,
-Jeder, wenn die Reihe an ihn kam, seine früheren Gefühle in dem einen,
-alles andere ausschließenden Bewußtsein seiner Seligkeit vergessend.
-
-Und vor ihnen auf dem Ladentische, das rechte heraufgezogene Knie mit
-seinen beiden Händen gefaßt, den Körper, um das Gleichgewicht zu behaupten,
-etwas zurück gebeugt, und die vergnügt lächelnden Augen fest auf das
-zechende Paar geheftet, saß der Händler Zacharias Smith und hatte, allem
-Anscheine nach, seine herzliche Freude über dasselbe.
-
-So schweigsam und verdrossen die beiden Wilden aber auch im Anfange gewesen
-waren, so munter wurden sie jetzt, als ihnen der Feuertrank erst durch
-die Adern rollte und in diesen mit seinem scharfen, zuerst allerdings
-belebenden Geist, in ihre Köpfe stieg. Sie fingen an kleine Bruchstücke von
-Kriegsliedern zu singen, lobten wahrscheinlich -- denn Smith verstand
-ihre Sprache nur sehr unvollkommen -- ihre eigenen vortrefflichen und
-unübertroffenen Eigenschaften, und es schien überhaupt, als ob ihre tolle
-Lustigkeit in dem Verhältnisse stiege, wie die Fluth in der zwischen ihnen
-stehenden oder vielmehr immer hin und her gehenden Flasche ebbte.
-
-»Ugh!« rief endlich der Eine, als er eben wieder seinen Becher füllen
-wollte und nun zu seinem Entsetzen fand, daß die Flasche, die er gerade
-erst gegen das Licht gehoben und welche danach wohl noch anderthalb Becher
-halten mußte, kaum einen guten Schluck mehr her gab -- »was das? Uiski drin
-und kommt nicht aus.«
-
-Er drehte, während sich der Andere neugierig und bestürzt zu ihm hinüber
-bog, die Flasche um und entdeckte hier zu seiner, ihm nichts weniger als
-angenehmen Ueberraschung die eingedrückte Höhlung.
-
-»_Wah!_« rief er erstaunt aus -- »groß Loch hier -- weißer Mann hat groß
-Loch in Flasche -- ugh -- schlecht -- Indianer kriegt Flasche voll -- in
-Loch nichts.«
-
-»Ugh -- schlecht!« stimmte der Andere bei und bezeugte durch ein den
-Gaumenlaut begleitendes Kopfnicken, daß er ganz vollkommen derselben
-Meinung und eben so mit der gethanen Aeußerung einverstanden sei.
-
-Der Händler erwiederte: »Ei, Indianer, da sieh Dir nur all die anderen
-Flaschen an -- das _Loch_ ist in allen; sie halten nun einmal so ihr Maß
-und sind danach eingerichtet; wäre das Loch nicht, würde die ganze Flasche
-kleiner sein.«
-
-»Ist nicht nöthig,« brummte der Sprecher wieder; »weißer Mann hat Felle
-gekriegt, ganz -- blos Kugelloch drin -- Kugelloch kann wieder gemacht
-werden -- weißer Mann muß das Loch auch machen!« Und er hielt, in
-deutlicher Erklärung dessen, was er meinte, dem Händler die Flasche
-verkehrt hin, damit dieser solcher Art und gewissenhaft das Versäumte
-nachholen könne.
-
-»Ha, ha, ha!« lachte der aber -- »das ist eine verdammt komische Zumuthung
--- wie käm' ich denn dazu oben und unten einzuschenken -- Ihr habt ohnedies
-beide gerade so viel in Euch hinein gegossen, wie Ihr bequemer Weise tragen
-könnt.«
-
-»Schad nichts,« brummte der zweite Indianer und deutete dabei auf die
-Flasche -- »Loch wieder machen!«
-
-»Ei nun, wenn Ihr's nicht anders wollt,« lachte der Händler und sprang,
-nach der Flasche greifend, von dem Ladentische, »so kommt mir's auf die
-paar Tropfen auch nicht an -- hier Kickapoo -- halt denn einmal die Flasche
--- aber steh fest -- Donnerwetter, Bursche, Dir ist ja der Trunk schon
-jetzt in den Kopf gestiegen, und willst noch immer mehr haben?«
-
-»Schad nichts,« grins'te der Wilde; »sehr gut, _mehr_ -- viel besser Wort
-wie _weniger_ -- _weniger_ schlechtes Wort.«
-
-»Also auch nicht weniger heiß -- weniger Hunger -- weniger _Durst_?« lachte
-Smith, während er sich zum Fasse nieder bog.
-
-»Nein, nein!« rief der Kickapoo, und seine Augen verschlangen schon jeden
-einzelnen Tropfen, der ihnen noch zugemessen wurde -- »immer _mehr_ Durst
--- Durst viel gut -- sehr viel gut!«
-
-Das »Loch« hatte freilich nicht so viel gegeben, als die Beiden erwartet
-haben mochten; denn sie hielten den Inhalt, nachdem sie ihn vorher in den
-Becher ausgeschüttet, lange Zeit zwischen sich und schwatzten viel und
-eifrig in ihrer eigenen Sprache mit einander; endlich aber leerten sie ihn
-doch, und als der Händler hiernach unerbittlich blieb, ihnen _noch_ mehr
-auszufüllen, holte Einer von ihnen ein kleines zusammengerolltes Päcktchen
-aus seiner Decke vor, das er aufwickelte und ein fein gegerbtes Otterfell
-zum Vorscheine brachte. Es war augenscheinlich, sie hatten dieses im
-Anfange nicht um Whiskey hingeben, sondern vielleicht irgend andere
-Bedürfnisse, vielleicht für die Squaw[11] daheim, die derlei Arbeiten auch
-gewöhnlich verfertigen, eintauschen wollen; die furchtbare Gier aber,
-die der rothe Sohn der Wälder -- einmal verführt -- nach dem für ihn so
-verderblichen Genuß des Feuerwassers nährt und hegt, ließ den Kampf, den
-in ihrer Brust wahrscheinlich jetzt noch das bessere Gefühl kämpfte, einen
-sehr kurzen sein.
-
- [11]: Squaw, indianische Frauen.
-
-Der Indianer warf das Fell, das der Amerikaner sorgfältig prüfte, auf
-den Ladentisch und verlangte im Anfange »halbe Flasche Uiski -- nachher
-anderes« -- dafür -- sie wollten nur einen Theil des anvertrauten Gutes
-vertrinken. _Mit_ dem Genusse stieg aber auch die Gier danach, und Becher
-nach Becher voll ließen sie sich von dem kopfschüttelnden und keineswegs
-ganz damit einverstandenen Krämer nachgießen, bis auch der letzte Cent
-vertrunken worden und die unersättlichen Kehlen dennoch _mehr_ verlangten.
-
-»Mehr Uiski!« lallte jetzt der Eine mit stieren, glanzlosen Augen und
-streckte den einen Arm mit der Flasche dem Amerikaner entgegen, während er
-mit dem anderen den schwankenden Körper am Ladentische zu stützen suchte --
-»mehr Uiski -- Fell ein Flasche mehr werth.«
-
-»Ihr bekommt _keinen_ Whiskey mehr!« sagte aber, und zwar auf das
-bestimmteste, der Händler; denn er fürchtete nicht mit Unrecht den
-wilden zügellosen Geist seiner Gäste, der sich, so friedlich sie auch im
-nüchternen Zustande sein mochten, im trunkenen nur zu oft die Bahn brach
-und dann zu allem Schlimmen, fähig war -- »Ihr Zwei habt mehr getrunken,
-als Sechsen zuträglich gewesen wäre, und es ist besser jetzt, Ihr legt Euch
-ein paar Stunden aufs Ohr, Euren Rausch auszuschlafen.«
-
-»Rausch? ausschlafen?« lallte der älteste der Beiden, indem er die Flasche
-am Halse ergriff und in die Ecke schleuderte, daß sie in tausend Scherben
-zerbrach -- »hahahaha! weißer Mann -- mehr, Po-co-mo-con nüchtern wie
-junges Waschbär -- weißer Mann, trunken -- wackelt hin und her wie junge
-Birke -- hahaha -- mehr Uiski -- Blaßgesicht -- mehr Uiski -- bei _Gott_!«
-
-»Ihr bekommt keinen Tropfen mehr,« sagte der Händler und deutete nach
-der zerschmetterten Flasche -- »seid Ihr _gute_ Indianer? thun das _gute_
-Indianer? thun das nüchterne Waschbären? Packt Eure Siebensachen zusammen,
-und ich will Euch nebenan in mein Waarenhaus bringen, da könnt Ihr bis zum
-Morgen ausschnarchen, und morgen früh sollt Ihr dann auch noch Jeder einen
-Becher voll auf den Weg haben -- seid Ihr damit zufrieden?«
-
-»Ja!« sagte der Aelteste, »ja, sehr gut, Becher voll, sehr gut -- aber
-_gleich_ trinken -- =dam= morgen, morgen anderen.«
-
-»Du bist gescheidt -- nein, schlaft nur erst aus,« lautete die Antwort.
-
-»=Go to hell!=« knurrte jetzt gereizt der Jüngere -- »Bleichgesicht
-=cheats= -- betrügt rothen Mann -- Bleichgesicht thut nichts umsonst.«
-
-»Würde schon Uiski geben,« lallte der Andere schluckend, »wenn wüßte --
-hick -- wenn wüßte, was ich weiß -- hick!«
-
-»Möglich!« sagte Smith lakonisch.
-
-»Nich _möglich_!« rief, durch die Ruhe des Weißen gereizt, der Indianer;
-»nich -- hick -- nich möglich, _gewiß_! Indian weiß großes Geheimniß für
-weißen Mann, =dam you= -- hick -- großes Geheimniß von Konzas -- hick --
-aber Uiski, mehr Uiski.«
-
-»=No, you d'ont!=« lachte der Händler, der nicht anders glaubte, als der
-Wilde mache ihm hier etwas weiß, um nur noch einen Becher voll Whiskey
-heraus zu pressen; »Du behältst Dein Geheimniß und ich meinen Whiskey, das
-wird das Gescheidteste sein.«
-
-»=Dam you!=« brummte der Wilde; »Ihr gebt ganz Faß voll -- hick -- vor
-Geheimniß -- weißer Mann -- hick -- ugh -- ganz zwei Faß voll -- hick --
-weißer Mann unter Indian -- ugh -- sieht gut -- hick -- sieht gut aus --
-hick -- großer Krieger -- hick -- hahahaha -- wohl auch Faß voll werth --
-hick?«
-
-Der Jüngere, der doch nicht so ganz trunken sein mochte, als sein älterer
-Gefährte, und vielleicht eine Art Ahnung hatte, wie Jener durch sein
-Schwatzen sie beide in Unannehmlichkeiten verwickeln könne, ergriff seinen
-Arm und suchte ihn fort zu ziehen; der aber stieß ihn mit mürrischem Fluche
-von sich.
-
-»=Dam you!= -- mehr _Uiski_ -- _haih!_« Und sein gellender Schlachtschrei
-tönte die ganze Straße hinab, daß die Kinder im Spielen aufhörten und die
-Einzelnen, die in dem mehr und mehr anbrechenden Abend noch draußen vor
-den Thüren weilten, überrascht die Köpfe hoben, dem unheimlichen Tone, der
-vielleicht bei Manchem gar trübe Erinnerungen in's Gedächtniß zurück rief,
-zu lauschen.
-
-Smith war aber auch aufmerksam geworden -- ein Weißer unter den Indianern
-_als_ Indianer -- denn etwas Aehnliches schien unfehlbar die wirre Rede
-anzudeuten -- er wußte selbst nicht, woher es kam, aber fast unwillkürlich
-zuckte ihm der Gedanke an Mrß. Rowland durch den Kopf, und er beschloß
-jetzt, jedenfalls dieser Spur so rasch als möglich zu folgen.
-
-»Hallo Indian -- ist das wahr, was Du da sprichst?« redete er diesen an und
-trat, um den Ladentisch herum, auf ihn zu.
-
-»Aha« -- grins'te die Rothhaut -- »hat Po-co-mo-con Recht? -- hick --
-Bleichgesicht gäb ganz Faß voll -- hick -- für -- hick -- für Geschichte --
-hier Becher.«
-
-Smith füllte kopfschüttelnd den Becher aus einem auf dem Ladentische
-stehenden Krug und schaute dabei forschend und von der Seite den Indianer
-an -- der aber hatte des Guten schon zu viel gethan -- mit gläsernen Augen
-und mattem Lächeln hob er das Gefäß noch einmal an die Lippen -- aber er
-vermochte schon nicht mehr zu schlucken.
-
-»Hick!« lallte er, und der Whiskey strömte über seine braune Brust und das
-blutige Hemd -- »hick -- weißer Mann, gut -- hick -- Uiski besser -- hick
--- sehr bess -- er -- hick!«
-
-Und der Becher entfiel seiner Hand -- Po-co-mo-con that einen Schritt vor,
-um sich im Gleichgewichte zu halten, glitt auf dem nassen Boden aus
-und wäre, hätte ihn der Händler nicht noch gefaßt, auf die Erde
-niedergeschlagen. Aber an Red'-und-Antwort-stehen durfte er an diesem Abend
-nicht mehr denken, selbst der Jüngere schien so trunken, oder stellte
-sich wenigstens so, um vielleicht den Fragen zu entgehen, daß auf eine
-vernünftige Antwort bei allen Beiden nicht mehr zu hoffen war. Smith also
-that das Einzige, was er unter diesen Umständen thun konnte -- er schleppte
-die Bewußtlosen, da es unterdessen überhaupt fast dunkel geworden, ohne
-Weiteres in ein neben seiner Wohnung leer stehendes kleines Gebäude, das
-er zugleich mit als Waarenlager benutzte, warf sie hier auf eine Parthie
-Hirsch- und Bärenhäute, die in der einen Ecke ausgebreitet lagen, und
-verließ sie hier hinter vorsichtig verschlossener Thür, mit dem festen
-Entschlusse, sie am nächsten Morgen nicht eher ziehen zu lassen, bis
-sie auf das genaueste gebeichtet hätten, wie es mit dem Weißen unter den
-Indianern stand, und ob sich die Sache wirklich so verhielt, wie er jetzt
-noch glaubte.
-
-Als aber der nächste Morgen kam und Smith mit dem Frühesten in der Absicht
-hinüberging, seine Gefangenen zu wecken, fand er zu seinem unbegrenzten
-Erstaunen das Nest schon leer und von den Indianern keine Spur; ja, bei
-näherer Untersuchung ergab sich sogar, daß sie durch eine Ecke des
-niederen Daches, wohin sie auf den rauhen Balken leicht gelangen konnten,
-ausgebrochen seien und ihm zwei vortrefflich geräucherte Hirschkeulen, für
-die er erst gestern per Stück einen silbernen Viertel-Dollar bezahlt, als
-Zehrung mitgenommen hatten. Der Verlust der Keulen schmerzte ihn aber am
-wenigsten; sie hatten getrunken, und er würde ihnen auch gern zu essen,
-ja, die Keulen vielleicht mit auf den Weg gegeben haben, wenn er nur gewußt
-hätte, wie es mit dem »Geheimniß« stand. Der Wunsch blieb aber Wunsch, und
-wenn er auch im ersten Augenblick an eine Verfolgung dachte, so gab er den
-Gedanken gleich wieder als unausführbar auf; denn daß die Wilden sich
-alle Mühe geben würden, _keine_ Fährten, wenigstens keine sichtbaren zu
-hinterlassen, ließ sich denken.
-
-Was aber nun thun? Smith zerschnitzte in allem Brüten und Nachdenken
-ein paar Stücke Holz, die ihm bei ruhigem Blut einen ganzen Tag gehalten
-hätten, und kam immer noch zu keinem Resultat; denn Mrß. Rowland etwas von
-der gefundenen Spur zu sagen, ohne ihr eine Gewißheit geben zu können, wäre
-grausam gegen die arme alte Frau gewesen, die nachher in, vielleicht nicht
-einmal befriedigter, Hoffnung vergangen wäre. Denn ließ es sich nicht
-denken, daß der lügnerische Wilde doch am Ende nur ein Märchen erfunden
-haben konnte, um noch einen Schluck Whiskey zu erpressen? Aber der Andere,
-sein jüngerer Gefährte, war augenscheinlich bestürzt geworden, als der
-Aeltere das Thema berührte -- ha -- da ging ein Mann vorüber, der ihm,
-gerade hierin, gar nicht erwünschter hätte kommen können.
-
-»Heda, Tom -- oh, Tom!« rief er, rasch in die Thür tretend.
-
-»Hallo, Smith, was giebt's so früh?« nickte ihm der Angerufene freundlich
-hinüber; »guten Morgen! schon ausgeschlafen?«
-
-Er ging zu dem Hause hinüber und blieb in der Thür, auf seine Büchse
-gestützt, stehen.
-
-Tom Fairfield war eine kräftige, edle Gestalt, ein echter Hinterwäldler,
-Jäger mit Leib und Seele, und nie zufriedener, als wenn er draußen in
-seinem Walde einer Fährte folgen oder eine Falle stellen konnte. Er schien
-auch jetzt wieder unterwegs, trug die Büchse in der Hand, den leichten
-spanischen Packsattel und Zaum auf der Schulter, um sein Pferd draußen
-im Busche zu suchen und zu besteigen, und hatte die wollene Decke
-übergeschnallt, um da zu lagern, wo ihn die Nacht gerade überraschen würde.
-
-»Hört, Tom,« sagte aber Smith mit einem weit ernsthafteren Gesicht, als das
-sonst seine Sache war, und zog dabei den jungen Mann in den Laden herein
--- »Ihr seid doch mit Rowland's gut bekannt -- nun, braucht nicht roth zu
-werden, mein Junge -- hier, nehmt einmal einen Schluck, es ist Dogwood und
-Cherry Bitteres und wird Euch in dem Thaue heute Morgen gut thun -- das
-ganze Städtchen weiß ja doch, daß Ihr Rosy auf unmenschliche Art den Hof
-macht.«
-
-»Unsinn, Smith!« sagte Tom Fairfield und leerte, seine Verlegenheit zu
-verbergen, das dargebotene Glas auf Einen Zug.
-
-»Bah, Mann!« rief aber dieser, »was wollt Ihr da noch läugnen? Aus bloßer
-Freundschaft versorgt Ihr nicht die ganze Wirthschaft mit Feuerholz, Wild
-und Mühlereiten für die Leute, das sollt Ihr mir nicht weiß machen.«
-
-»Und wen hätten denn die allein stehenden Frauen ...«
-
-»Ach, papperlapap -- das sind Redensarten und thun hier auch nichts zur
-Sache. Rosy ist ein liebes, gutes Mädchen, und Ihr seid ein hübscher junger
-Kerl, ein guter Jäger und -- wenn es sein muß -- auch ein guter Arbeiter;
-was sollte Euch also hindern, selber Wirthschaft anzufangen? Doch hier ist
-etwas, um das ich Euch fragen will -- wollt Ihr Rowland's einen großen,
-einen sehr großen Dienst leisten?«
-
-»Rowland's, was ist es, sprecht!« rief Tom, augenscheinlich bestürzt über
-die Feierlichkeit des Mannes: »steht es in meinen Kräften?«
-
-»Das müßt Ihr selbst beurtheilen,« sagte Smith und machte ihn nun in kurzen
-Worten mit dem bekannt, was er sowohl gestern Abend von den Indianern
-gehört, wie auch, was er selber über die Sache denke. Fairfield hörte ihm
-schweigend und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu, er schien jedes
-Wort von den Lippen des Redenden zu nehmen, und nickte nur manchmal, wenn
-der Händler irgend etwas äußerte, das seinen Ideen begegnete, leise mit dem
-Kopf.
-
-»Und Ihr glaubt, daß Mrß. Rowland's Sohn unter den Konzas lebe?« sagte er
-endlich, als der Händler schwieg, und sah diesen fragend an.
-
-»Lieber Gott,« meinte Smith, »man weiß wahrhaftig nicht, _was_ man glauben
-soll; lebt aber wirklich Einer dort _als_ Indianer, und die Rede des
-trunkenen Schufts läßt mich das in der That vermuthen, ei, warum sollte
-es denn nicht eben so gut der junge Rowland, wie irgend wer anders
-sein können? Es käme auf die Reise an; die ist aber allerdings keine
-Kleinigkeit, und ein Mann, wie Ihr gerade seid, gehört dazu, ein so kühnes
-Wagniß auszuführen. Wie weit glaubt Ihr, daß es bis zum Stamm der Konzas
-ist?«
-
-»Auf die Entfernung kommt es da nicht so an,« sagte sinnend der junge
-Jäger, »aber der Stamm der Konzas ist groß und weit verbreitet; die
-Indianer werden dabei, wenn sie es wirklich wissen, nicht so gesprächig
-über einen Fall sein, der sie vielleicht in gefährliche Berührungen mit
-ihren weißen Nachbarn bringen könnte.«
-
-»Wie alt wäre denn der Junge jetzt?« fragte Smith.
-
-»Fünfundzwanzig Jahre; Mrß. Rowland sprach noch gestern von ihm und sagte,
-sein Geburtstag sei an dem Tage gewesen; aber,« setzte er leiser hinzu,
-»sie dürfte keine Sylbe davon erfahren, die Angst und Erwartung würde sie
-tödten.«
-
-»Das ist's ja eben, was mir so im Kopf herumgegangen,« meinte Smith, »und
-deßhalb war mir Euer Anblick heute so willkommen; _die_ Freude aber, wenn
-Ihr mit ihm zurückkehrtet. ...«
-
-Auch vor Tom's innerem Geiste schien ein derartiges Bild vorüber zu
-schweben, er lächelte still vor sich hin und strich sich dann mit der Hand
-leicht über die Stirn.
-
-»Smith,« sagte er und bog sich zu ihm hinüber, »Ihr scheint Euch für die
-Leute zu interessiren, und das freut mich von Euch. Ihr wißt aber nicht,
-Ihr könnt das nicht gut wissen, _wie_ glücklich _mich_ die Erfüllung dieses
-heißen Seelenwunsches der armen alten Frau machen würde, und schon deßhalb
-bin ich Euch zu unendlichem Danke verpflichtet, daß Ihr mir auch nur eine
-Aussicht auf die mögliche Verwirklichung dieser Hoffnung gebt. -- Ich gehe
-zu den Konzas, und das noch in dieser Stunde!«
-
-»Was! jetzt gleich?« rief Smith erstaunt, »das ist ja aber gar nicht
-möglich! Zu einer Reise von wenigstens 120 Meilen müßt Ihr Euch doch
-wahrhaftig mehr vorbereiten, als wenn Ihr bis an den nächsten Wasser-Cours
-einen Bären oder Hirsch schießen geht!«
-
-»Weßhalb?« lachte Tom, »ob ich acht Tage hier in der Nähe oder irgend eine
-Strecke weiter entfernt auslagere, bleibt sich das nicht gleich? Im Walde
-bin ich doch, und was sollt' ich sonst zu meiner Bequemlichkeit noch
-mitnehmen?«
-
-»Doch wenigstens Provisionen.«
-
-»Die liefert mir der Wald selber, meine Decke habe ich auch bei mir und
-mein Kopfkissen« -- er deutete dabei lachend auf den Sattel --, »und was
-braucht's da mehr.«
-
-Kurz, trotz aller Vorstellungen des Händlers ließ sich Tom Fairfield nicht
-mehr von dem einmal beschlossenen Zug abbringen, und alles, wozu er bewogen
-werden konnte, war wenigstens ein Stück Speck und Maisbrod und etwas
-gemahlenen Kaffee mit in seine Decke zu wickeln, und zwar den Speck, um
-etwas Fettes zu dem sonst trockenen Hirsch- und Truthahnfleisch zu haben.
-Eine halbe Stunde später nahm er von dem Händler herzlichen Abschied, bat
-ihn noch einmal, nicht eine Sylbe über die Sache, selbst nicht gegen seine
-Frau zu erwähnen (bei welchem Gedanken, daß er nämlich seiner Frau ein
-Geheimniß anvertrauen werde, Zacharias Smith in ein lautes Gelächter
-ausbrach), und war zehn Minuten später, auf dem kleinen Waldpfad rüstig
-dahin schreitend, gerade da in dem Holze verschwunden, wo ein niederes
-Dickicht von Sassafras und Dogwood ihn rasch den Blicken des Nachschauenden
-entzog.
-
-Smith stand noch eine ganze Weile dicht neben seinem Hause, von wo er den
-freien Platz nach dem Walde zu übersehen konnte, und erst dann, als der
-junge Mann schon lange, lange in den Büschen verschwunden war, und die
-freundlich, hinter ihm über dem Wald aufsteigende Morgensonne seinen
-eigenen Schatten weit und geisterhaft über den Hof und im Zickzack über die
-Lattenfenz warf, kehrte er plötzlich rasch in den Laden zurück, öffnete die
-hintere Thür und rief in die Küche hinaus:
-
-»Mrß. Smith!«
-
-»Sir!« lautete die Antwort.
-
-»Wenn Jemand nach mir fragen sollte, ich bin hinüber nach Cowley's
-gegangen.«
-
-Und Zacharias Smith schritt, die Hände nachdenkend auf dem Rücken gekreuzt,
-langsam die Straße hinunter, dem bezeichneten Hause zu.
-
-»Hm!« sagte gleich darauf Mrß. Smith, und ihre scharfe, von der Kamingluth
-jetzt etwas echauffirte Nase wurde zwischen zwei ärgerlich blitzenden
-grauen Augen sichtbar. »Hm -- bin zu Cowley's gegangen -- das ist immer so
-die Art, wenn Jemand nach mir fragt, ich bin zu Cowley's gegangen, und die
-Frau geht nie zu _Cowley's_, die kann zu Hause sitzen und die Wirthschaft
-besorgen und alle Augenblicke, wenn Jemand kommt, in den Laden springen.
-Na, _das_ Leben hätt' ich satt. Und was jetzt nun wieder im Wind ist --
-mein Mann heute Morgen vor Tagesanbruch aufgestanden -- das ist vor seinem
-Ende -- und diese Geheimnißkrämerei mit der Mrß. Rowland. -- Oh, ich
-hab' es wohl gehört, mein guter Mr. Smith« -- und sie wandte sich in
-triumphirendem Hohn der Himmelsgegend zu, in der sie ihren Ehegatten jetzt
-vermuthete -- »Mrß. Smith hat keine Baumwolle in den Ohren, wenn sie etwas
-hören _will_ --, _Mrß. Rowland sprach von ihm und sagte_ -- und der _junge
-Rowland unter den Indianern_ -- und Mr. _Tom hingeschickt, ihn zu holen_ --
-oho, Mr. Smith, so _ganz_ auf den Kopf sind wir denn doch nicht gefallen,
-daß wir uns da nicht unser Theil heraus studiren könnten. Also haben sie
-den Jungen endlich gefunden -- ein schöner Strick wird das geworden sein --
-und mein Mann steckt mit in der Geschichte drin - giebt sich so jetzt immer
-mit den ekelhaften Indianern ab -- heiliger Gott, war das gestern Abend
-wieder ein Scandal und Flaschenzerschmeißen! Der fromme Vater Billygoat
-wird schön mit dem Kopf schütteln, wenn ich ihm das erzähle. -- Und ich
-erfahre kein Wort von der ganzen Geschichte -- o Gott bewahr! seiner ihm
-ehelich angetrauten Frau sagt der saubere Herr kein Sterbenswörtchen, aber
-zu Cowley's geht er hinüber. Mr. Cowley und Mrß. Cowley, die müssen ihren
-Senf dazu geben, zu jeder Neuigkeit, und ihre Finger in jeden Kuchen
-stecken. Aber warten Sie nur, Mr. Smith, warten Sie nur, =my dear Sir=.
-_Der_ Sache komme ich auf den Grund, und wenn ich zu Mrß. Rowland selber
-hingehen sollte, mich zu erkundigen -- tausend Mal hab' ich mir's gefallen
-lassen, jetzt aber hat meine Geduld ein Ende, und nun will ich doch sehen,
-ob ich mit _meinem_ Kopf nicht durch eine eben so dicke Wand durchdringen
-kann, wie Mr. Smith mit dem seinigen.«
-
-Und mit diesem löblichen Vorsatz tauchte sie urplötzlich wieder in ihre
-Küche unter, und ließ die blechernen Kaffeekannen und eisernen Pfannen und
-Töpfe, die rings an den Wänden herum hingen und standen, in unbegränztem
-Erstaunen über die so schöne und mit solcher Lebhaftigkeit gehaltene Rede
-allein zurück.
-
-Wenn aber auch Mrß. Smith in der ersten Aufregung gekränkter Wißbegierde
-einen so verzweifelten Entschluß gefaßt haben konnte, der Mrß. Rowland
-geradezu ins Haus zu rücken und eine Mittheilung von dem zu verlangen, ja,
-zu fordern, was sie mit ihrem ehelich verbundenen Gatten an Geheimnissen
-zu verhandeln habe, so schien sie doch bei kälterem Blute auch
-gemäßigteren Empfindungen Raum zu geben und versuchte erst einmal ihr
-Ueberredungs-Talent an dem Gatten selber. Der aber blieb zwölf volle Tage
-taub und stumm sowohl gegen die Plänkeleien versteckter Anspielungen, wie
-gegen das schwere Geschütz directer Fragen, und da auch in dieser ganzen
-Zeit Tom Fairfield sich nicht wieder in Boonville sehen ließ, ja, hier und
-da schon Besorgnisse laut wurden, ob ihm nicht gar etwas zugestoßen
-sein könne, kein Mensch aber Aufschluß über seine unerklärliche lange
-Abwesenheit zu geben wußte, so konnte sie ihre Neugierde nicht länger
-zähmen und beschloß nun wirklich, Mrß. Rowland -- sie war ihr das ja doch
-aus nachbarlichen Rücksichten schuldig -- einmal freundlich zu besuchen.
-Sie fühlte sich dabei fest überzeugt, es würde ihr, einmal im Geleise,
-nichts weniger als schwer werden, einen kleinen Ueberblick über die
-näheren, jedenfalls höchst interessanten und jetzt so geheim gehaltenen
-Verhältnisse zu bekommen.
-
-Der vierzehnte Tag nach dem Aufenthalt der beiden Indianer in Boonville war
-es, und der erste im Monat September zugleich, der sich aber mit schwülen
-Gewitterwolken angekündigt hatte und die trüben, schweren Nebelmassen
-bald in zerrissenen grauen und schwarzen Streifen, bald in compacten,
-wetterschwangeren Schichten über die ächzende, schwankende Waldung von Ost
-nach West stürmisch hinüberjagte.
-
-Mrß. Rowland saß in ihrem Stübchen, warm eingehüllt in Betten und Tücher,
-auf einem rohgearbeiteten, aber bequemen Sorgenstuhl, denn der Wind
-strich heute trotz der sonst eigentlich sehr warmen Jahreszeit frisch und
-erkältend über die Lichtung hin, und die alte Frau hatte sich gerade in den
-letzten Tagen wieder unwohler gefühlt, als seit langer Zeit. Zu ihren Füßen
-saß Rosy, das liebe, holde Kind, leise den linken Arm auf der Mutter Knie
-gestützt, und in der Rechten das kleine, zierlich gebundene Testament
-haltend, aus dem sie der mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen
-aufmerksam lauschenden Frau die herrlichen Worte der Bergpredigt, die süßen
-Trost und heilige Zuversicht athmende Rede Christi las.
-
-Sie hatte eben ein Capitel beendet, und eine Thräne glänzte in ihrem Auge,
-als sie das Buch senkte und zu dem bleichen, abgezehrten, kummerschweren
-Angesicht ihrer _mehr_ als Mutter emporschaute -- leise berührte sie ihre
-Hand und flüsterte:
-
-»Soll ich weiter lesen, Mutter?«
-
-»Laß es jetzt, liebes Kind,« sagte die Matrone und legte schmeichelnd die
-abgezehrten Finger auf das gescheitelte Haar der Jungfrau -- »laß es, Du
-hast Dich schon zu viel angestrengt und auch noch andere Sachen zu thun,
-die ebenfalls gethan sein müssen -- wie wär's denn, wenn Du einmal zu
-Cowley's hinüber gingest und ihn bätest, uns seinen Neger auf ein halb
-Stündchen zu schicken, daß er etwas Feuerholz zum Hause schaffte -- nur
-ganz wenig -- Tom kommt gewiß heute wieder.«
-
-»Es ist Feuerholz in Menge da,« sagte Rosy schnell: »ich ging, weil wir
-doch gestern Abend das letzte hereingeschafft, heute Morgen recht früh in
-den Wald und holte einen Arm voll, um die Suppe für Dich zu kochen, und
-als ich wieder kam, hatte Mr. Cowley schon seinen Tim mit einer ganzen
-Wagenladung voll herübergesandt und ging eben daran, es in Kaminlänge zu
-hauen. Er hat mir auch ein großes Rückstück hereingetragen; Du schliefst
-nur noch, Mütterchen.«
-
-»Cowley's sind brave Leute,« flüsterte die Matrone, »Gott vergelte es
-ihnen! Es ist doch bös, wenn man so ganz allein in der Welt steht -- keinen
-Sohn -- keinen Freund ....«
-
-»Mutter!« bat mit vorwurfsvollem Tone Rosy.
-
-»Du hast Recht, mein Kind, ich bin vielleicht ungerecht gegen Tom Fairfield
-gewesen und -- doch wenn auch er nun nicht wiederkehrt -- wenn auch er
-nun -- --. Sei nicht böse, mein Kind,« unterbrach sie sich selber nach
-ziemlich langer Pause, »Du weißt selber, wie trüb und traurig mir gerade
-an dem heutigen Tage zu Muthe sein muß, dem Jahrestage jenes fürchterlichen
-Morgens -- ich sehe da Alles schwärzer, als es vielleicht wirklich ist, und
-begreife dann manchmal fast selber nicht, wie es möglich war, daß ich --
-ich -- alte schwache Frau sie, die Kräftigen alle, alle überleben mußte.
-O, es ist recht hart, nicht sterben zu können, weil man nicht weiß, ob man
-nicht doch noch das Liebste -- das eigene Kind -- allein zurückläßt in der
-Welt -- es ist recht hart, nicht leben zu können, weil das arme Herz
-die Sehnsucht nach den Lieben, wenn sie wirklich schon vorangegangen,
-verzehrt.«
-
-»Mutter!« bat die Tochter, stand auf, barg ihr Antlitz auf der Schulter der
-Kranken und flüsterte mit leiser, von Thränen fast erstickter Stimme: »Wenn
-ich Dir auch den Sohn nicht ersetzen kann, lieb habe ich Dich ja doch wie
-meine eigene Mutter.«
-
-Mrß. Rowland antwortete nichts, aber fest und liebend schlang sie die Arme
-um das blühende Kind und hielt es lange und fest an ihrem Herzen.
-
-Da klopfte es ziemlich lebhaft an ihre Thür, und froh erschreckt und mit
-freudestrahlenden Augen sprang Rosy empor und eilte, zu öffnen; auch Mrß.
-Rowland richtete sich etwas in ihrem Stuhle auf und schaute mit lebhafterem
-Blicke dorthin, denn das Klopfen war ganz so, wie Tom Fairfield bei ihnen
-anzupochen pflegte -- und wie lange schmerzliche Tage hatte Rosy auf das
-Pochen umsonst und mit immer wachsender Angst und Sorge geharrt!
-
-Rasch und mit vor Freude zitternder Hand zog sie den Pflock zurück, der,
-einfach von innen vorgesteckt, die Thür verschloß, und öffnete rasch --
-ein schmerzlich erstauntes »_Ach_« entfuhr aber ihren Lippen, und auch Mrß.
-Rowland wandte sich enttäuscht ab und sank wieder mit leisem Seufzer in
-ihre Kissen zurück, als das zwar gutmüthige, aber doch scharfe und gerade
-heut gewiß nicht willkommene Angesicht der Mrß. Smith auf der Schwelle
-sichtbar wurde. An ein Abweisen war aber gar nicht mehr zu denken -- die
-Lady sah die Bresche kaum offen, als sie auch mit löblichem Eifer herein
-stürmte, sich augenblicklich einen Stuhl neben Mrß. Rowland rückte und
-dann zwischen tausend Entschuldigungen, daß sie hier so ohne alle Anmeldung
-hereinbreche, daß aber das Wetter sie gerade überrascht habe, weil es eben
-an zu regnen fange, und daß sie nach Cowley's eigentlich hinüber gewollt,
-sich aber die Freude unmöglich habe versagen können, diese Gelegenheit,
-wo sie gerade in der Nähe sei -- sie wohnte überhaupt kaum fünfhundert
-Schritte von Mrß. Rowland entfernt --, einmal zu benutzen und zu sehen, wie
-es der »lieben, lieben Kranken« denn eigentlich gehe.
-
-Mrß. Rowland antwortete auf alles das mit leiser Stimme und bündigster
-Kürze; sie hoffte vielleicht dadurch, daß sie Mrß. Smith keinen Anlaß zu
-einer Unterhaltung gab, den Besuch etwas abzukürzen. War das aber wirklich
-ihre Ansicht gewesen, so kannte sie Mrß. Smith ungemein schlecht, oder
-traute ihr wenigstens viel mehr Ungeselligkeit zu, als sie wirklich besaß.
-Die gute Dame fragte nur einmal, und zwar gleich im Anfange, ob sie genire,
-und als sie darauf ein höfliches, wenn auch etwas zögerndes _Nein_ zur
-Antwort erhalten, säumte sie auch keinen Augenblick länger, es sich so
-bequem als möglich zu machen, legte ihre Haube und den großen baumwollenen
-Regenschirm ab, zog die Halbhandschuhe aus, nahm die kurze Schilfpfeife aus
-der Tasche, die sie schon gestopft -- oder geladen, wie Mr. Smith manchmal
-sagte -- bei sich trug, holte sich im Kamin eine glühende Kohle, und befand
-sich, wie sie selber sagte, als sie sich ganz behaglich auf dem Stuhle
-zurecht rückte, so wohl und vergnügt hier, wie zu Hause.
-
-Mrß. Rowland griff dieses ununterbrochene Auf-sie-einreden, selbst wenn sie
-nur wenig oder gar keine Antwort zu geben brauchte, auf die Länge der Zeit
-so an, daß sie endlich bleich und erschöpft in ihren Stuhl zurück sank und
-die Augen schloß. Selbst Mrß. Smith fühlte, daß sie der Kranken erst einige
-Ruhe wieder gönnen müsse, gedachte aber dafür indessen mit dem jungen
-Mädchen zu beginnen, um damit desto sicherer ihrem Ziele entgegen zu
-rücken; denn gerade fragen mochte sie doch auch nicht.
-
-»Es wird nun bald lebendiger hier im Hause werden,« sagte sie, als Rosy der
-Mutter die Kissen zurecht gerückt und ihren Platz wieder neben ihr, oder
-eigentlich zwischen ihr und der Kranken, um den Zungenschwall in etwas
-abzuwehren, eingenommen hatte: »ja, wo so ein Mann ist, geht die Sache
-gleich anders.«
-
-Rosy, das arme Kind, erröthete bis tief in das Halstuch hinein, sah aber
-auch zu gleicher Zeit erstaunt zu der Geschwätzigen auf.
-
-»I nun, Miß,« fuhr Madame -- dadurch, daß sich das junge Mädchen ihrer
-Meinung nach gar so gleichgültig stellte, etwas gereizt -- fort, »Sie
-brauchen nicht so erschrecklich unschuldig zu thun, ich weiß die ganze
-Geschichte -- bei mir ist's aber auch aufgehoben, als ob's im Grabe ruhte
--- von _mir_ erfährt wahrhaftig Niemand eine Sterbens-Sylbe.«
-
-»Aber, beste Mrß. Smith ...«
-
-»Aber, beste Rosy Baywood -- wenn Sie denn einmal selbst nicht gegen mich
-davon sprechen wollen, so habe ich nichts dagegen. Wie lange ist er denn
-aber nun schon eigentlich verloren?«
-
-»Verloren? also glauben auch Sie, daß er verloren ist?« rief jetzt Rosy in
-der Angst um den geliebten Mann -- denn auf diesen mußte sie doch natürlich
-das Gesagte beziehen.
-
-»Ist? _gewesen_ ist, beste Miß,« sagte Mrß. Smith lächelnd: »und das war
-ja noch das Glücklichste, was Sie sich hätten denken können. Aber nach so
-langer Zeit einen Menschen unter den entsetzlichen rothen Wilden wieder zu
-finden, scheint mir doch wirklich etwas erschrecklich Merkwürdiges. Was ich
-doch sagen wollte: wie lange ist es also her, daß ihn Mrß. Rowland verloren
-hat?«
-
-»Mrß. Rowland?« wiederholte, jetzt wieder ganz irre gemacht, das junge
-Mädchen, und die alte Frau, ob nun durch Nennung ihres Namens aus
-ihrem Halbschlaf geweckt, oder schon längst vielleicht den Worten mit
-geschlossenen Augen lauschend, wendete leise den Kopf nach der Redenden und
-schaute zu ihr auf. »Mrß. Rowland? ich weiß gar nicht ...«
-
-»Nun, eine zwanzig Jahre muß es doch gewiß sein,« fuhr die unverwüstliche
-Mrß. Smith, der es jetzt nur darum zu thun schien, die beiden Frauen wissen
-zu lassen, sie kenne die ganzen Verhältnisse genau und sei vollkommen
-vertraut mit denselben, ruhig fort: »ich weiß mir's noch recht gut zu
-erinnern, wie mein Seliger, John Rosbeard von Connecticut, der auch damals
-hier eine Bleimine angelegt oder gefunden hatte, davon sprach. Aber wenn
-sie ihn nur vorher erst abwaschen, ehe sie ihn mit herein bringen -- Jesus,
-meine Zuversicht! so ein gemalter Mensch ist doch was Fürchterliches, wenn
-er blaue Backen, eine gelbe Nase, rothe Ohren und grüne Lippen hat -- und
-die Scalpe! Denken Sie sich, Miß Baywood, wie mir einmal mein Seliger
-das Scalpiren beschrieb und seinen Scalp, der ihm doch noch ganz fest und
-gesund auf dem Kopfe saß, mir zeigte, fiel ich Ihnen wahrhaftig um wie
-ein Stück Holz, so ohnmächtig wurde ich -- wenn sie nur nicht scalpiren
-wollten! das Andere ließe man sich noch immer gefallen, aber das Scalpiren
-ist fürchterlich.«
-
-»Mrß. Smith!« rief da plötzlich Mrß. Rowland, von ihrem Stuhle in Angst und
-peinlicher Ueberraschung emporfahrend, denn der Dame Reden, die so ganz
-zu dem stimmten, über das sie ja den ganzen thränenlangen Tag getrauert,
-trieben ihr das Blut in rasender Schnelle durch die Adern und machten ihr
-Herz fast hörbar klopfen.
-
-»Mutter,« bat Rosy, die bestürzt der Leidenden erregten Zustand erkannte
-und rasch auf sie zusprang, sie zu beruhigen, »Mutter, es ist ja nur ein
-Mißverständniß!«
-
-»Gott bewahre, Mrß. Rowland,« fiel da rasch die Dame ein, »ich glaubte ja
-gar nicht, daß Sie es hören würden; nein, an's Scalpiren wird er nicht
-mehr denken, wenn er das auch früher gethan hat, denn das lassen die
-erschrecklichen Menschen nun einmal nicht -- es sind ihre Sieges-Trophäen,
-wie sie's nennen --; aber Mr. Billygoat wird ihn schon lehren, was guter
-und echter Christen Pflicht ist -- nein, es ist doch ein herrlicher Mann,
-dieser Mr. Billygoat.«
-
-»Mrß. Smith,« sagte die Kranke leise, und die Hand, die Rosy zurück schob,
-zitterte wie in Fieberfrost, »_wer_ wird nicht mehr an's Scalpiren denken?
-_wer_ trägt die Farben und Abzeichen der Wilden -- _wer_ -- großer Gott,
-die ganze Stube dreht sich mit mir -- _wer_ war verloren -- zwanzig Jahre
--- und ist -- und ist wieder gefunden?«
-
-»Aber, liebe Mrß. Rowland,« lächelte gutmüthig die würdige Kaufmannsfrau,
-»was thun Sie denn nur gegen _mich_ so geheimnißvoll? ich weiß ja die ganze
-Geschichte -- ist denn nicht jetzt eben Tom Fairfield fort geritten, ihn
-zu holen? Ich weiß nur noch nicht bei welchem Stamme er ist, denn den Namen
-konnte ich nicht recht verstehen; wenn Sie's aber nicht wollen, will ich ja
-auch wahrhaftig mit keinem Menschenkinde ein Wort darüber wechseln.«
-
-»Tom Fairfield fort, ihn zu holen -- bei welchem Stamme?« wiederholte
-die alte Frau mit zitternder, halblauter Stimme und preßte sich die Stirn
-zwischen die eisigen Hände -- »heiliger Gott! träume ich denn, oder bin ich
-wahnsinnig geworden in Kummer und Gram?«
-
-»Nein, ist mir so eine Frau schon vorgekommen!« sagte Mrß. Smith
-kopfschüttelnd, aber jetzt doch auch durch die Aufregung der Kranken etwas
-besorgt gemacht.
-
-Rosy schrak empor -- eine Ahnung dessen, was geschehen, was vielleicht
-im Werke sein konnte, zuckte ihr durch den Sinn, und einen Blick auf die
-unglückliche alte Frau werfend, winkte sie ängstlich Mrß. Smith zu und bat
-sie durch Zeichen, kein Wort weiter von dem Begonnenen, was es auch sei,
-zu erwähnen. Aber es war zu spät: ehe des Händlers Frau verstand, was sie
-sollte, oder ehe sich Rosy zu ihr überbiegen konnte, sie mit Worten darum
-zu bitten, hob Mrß. Rowland wieder den Kopf, und ihr Auge begegnete in
-demselben Moment dem ängstlich und bittend auf die Schwatzhafte gerichteten
-Blicke der Pflegetochter. Rasch begriff sie dessen Meinung und wurde
-dadurch nur noch mehr in der peinlichen Gewißheit dessen bestärkt, was sie
-nicht einmal auszusprechen wagte, weil sie selbst dadurch schon den
-Zauber zu zerstören fürchtete, der ihr jetzt wie in einem süßen, wenn
-auch ängstlichen Traume die Sinne förmlich gefesselt hielt. Wie aber der
-Wahnsinnige schlau die Wachsamkeit seines Wächters zu täuschen weiß, so
-benutzte auch die Kranke mit fast convulsivischer Hast die Gelegenheit,
-der geschwätzigen Frau das Geheimniß, das für sie Tod oder Leben enthielt,
-abzulocken.
-
-»Sie haben Recht, Mrß. Smith,« sagte sie und versuchte dabei, mit der
-Qual im Herzen, zu lächeln; »wir brauchen Ihnen nichts, gar nichts mehr zu
-verheimlichen.«
-
-»Sehen Sie, beste Mrß. Rowland,« rief die Dame jetzt völlig beruhigt, in
-triumphirender Freude aus, »das habe ich Ihnen ja auch gleich vom Anfange
-an gesagt; aber mein Mann ...«
-
-»Und Tom Fairfield -- ist ausgegangen -- ihn -- ihn zu holen -- hierher
-nach Boonville zu holen.«
-
-»Liebe, beste Mutter,« bat Rosy in ihrer Herzensangst, denn sie fürchtete
-nicht mit Unrecht die bösen Folgen, die solche Aufregung für die Kranke
-haben mußte.
-
-»Laß nur, mein Kind -- laß nur,« beruhigte sie aber die Leidende, »mir ist
-jetzt vollkommen wohl -- recht wohl, Rosy -- und Tom Fairfield, Madame ...«
-
-»Nun der kann doch wahrhaftig nicht lange mehr bleiben; aber -- nicht wahr
--- er soll ihn mitbringen?«
-
-»Ihn? ja -- ja wohl -- nicht wahr -- Sie -- Sie meinen doch ...«
-
-»Nun, Ihren Sohn!«
-
-»_Ha!_« schrie die alte Frau mit einem Laut, der den Beiden durch Mark und
-Seele schnitt -- Rosy warf sich augenblicklich über die zusammenbrechende
-Gestalt und rief nur noch mit vorwurfsvoller Stimme: »O, Mrß. Smith, was
-haben Sie gemacht, Sie haben sie getödtet!« Und diese würdige Dame stand
-im Anfange selbst zum Tode erschrocken, denn noch begriff sie den ganzen
-Zusammenhang nicht, und nur der Gedanke begann allmählich in ihr zu
-dämmern, daß sie doch wohl am Ende einen gewaltig dummen Streich gemacht
-und sich selbst in eine äußerst fatale Sache hinein gearbeitet habe.
-
-Hierin wurde sie auch bald durch Rosy's Erklärung bestätigt, und als sie
-erfuhr, daß sie beide die Ursache von Tom Fairfield's Abwesenheit gar nicht
-gewußt und über den Zweck seiner Sendung keine Ahnung gehabt, war sie außer
-sich. Sonst von Herzen seelengut, und gewiß die Letzte, die irgend einer
-ihrer Nachbarinnen -- und nun noch besonders der wackeren, unglücklichen,
-_kranken_ alten Frau -- mit Willen weh gethan hätte, wurde ihr der Gedanke
-unerträglich, durch ihre Schwatzhaftigkeit, die sie jetzt gar nicht genug
-verwünschen konnte, solches Unheil angerichtet zu haben. Sie wich nun auch
-nicht von Mrß. Rowland's Seite, that alles, was in ihren Kräften stand,
-Rosy die Pflege zu erleichtern, und beruhigte sich nicht eher, als bis
-sie sah, daß sich die Ohnmächtige wieder erholt hatte und, aus Erschöpfung
-wahrscheinlich, in einen tiefen, gesunden Schlaf gefallen war.
-
-Wunderbar war die Veränderung, die, nachdem sie sich wieder erholt, mit ihr
-vorgegangen schien. Rosy hatte schon von der Erinnerung an das Gehörte das
-Schlimmste befürchtet und deshalb auch mit klopfendem Herzen der Mutter
-Erwachen beobachtet -- dem aber gerade entgegengesetzt zeigte sich die
-Kranke vollkommen ruhig und hatte nicht etwa das Geschehene vergessen,
-sondern fing selbst wieder zuerst davon an, indem sie fragte, ob Tom mit
-_ihm_ noch nicht zurück gekommen sei. Rosy wollte ihr jetzt das Ganze noch
-ausreden und meinte, es seien ja doch nur Vermuthungen der Frau -- einzelne
-Worte, welche sie hinter der Thür erhorcht und die wahrscheinlich etwas
-ganz Anderes bedeutet hätten. Mrß. Rowland bat sie aber ruhig, ihr nicht
-durch solche freilich gut gemeinte Reden nur weh zu thun, indem sie ihr
-die einzige Hoffnung zu rauben suche, an der ihr Herz jetzt noch auf dieser
-Welt hange und mit deren Zerstörung es ebenfalls, wie sie das recht gut
-fühle, zu Grunde gehen müsse. Sie war dabei so gefaßt, sprach so vernünftig
-über das Selige und Schmerzliche des ersten Begegnens, daß es Rosy'n, dem
-armen Kinde, ordentlich unheimlich vorkam und sie den Gedanken nicht los
-werden konnte, der Zustand der Kranken sei ein übernatürlich erregter, und
-ihr Körper werde jetzt nur auf kurze Zeit von dem stärkeren Geiste aufrecht
-gehalten.
-
-Wie dem aber auch war, Mrß. Rowland blieb den ganzen Tag so still und
-gefaßt, erkundigte sich mehrere Male, ob _sie_ denn noch nicht gekommen
-seien, und ließ es sich von Rosy fest versprechen, ihr nun, da das
-doch nichts mehr helfen könne, auch die Ankunft der Beiden nicht zu
-verheimlichen -- nur den Namen vermied sie zu nennen -- das Wort Sohn war
-noch nicht über ihre Lippen gekommen.
-
-So mochte es fünf Uhr Nachmittags geworden sein. Mrß. Smith hatte schon
-mehrere Male nachgefragt, wie es der Kranken gehe, und sich eben wieder,
-wohl zum zwanzigsten Mal, über ihr ungeschicktes Benehmen am Morgen
-entschuldigt, als es wieder an die Thür klopfte und Mrß. Rowland mit einem
-kaum unterdrückten Schrei in ihrem Stuhle emporfuhr, denn als sich die nur
-angelehnte Thür öffnete, trat Tom Fairfield herein, aber -- allein.
-
-Rosy erschrak ebenfalls; ehe aber sie oder Tom ein Wort sprechen konnte --
-streckte ihm Mrß. Rowland mit stierem, entsetztem Blick den Arm entgegen
-und rief mit vor innerer Bewegung kaum hörbarer Stimme: »Wo ist _er_?«
-
-»Um Gott!« sagte Tom erschreckt und sah Rosy an, »woher weiß Ihre
-Mutter ...«
-
-»Wo ist _er_? Tom, wenn Ihr mich tödten wollt, so zögert mit der Antwort.«
-
-»Sie weiß Alles,« bestätigte Rosy unter Thränen, und Tom, der bald fand,
-daß es aller der von ihm für nöthig gehaltenen Vorbereitungen gar nicht
-mehr bedürfe, beruhigte, wenn er auch nicht begriff, durch wen sie es
-erfahren haben konnte, die Frau nun wenigstens vor allen Dingen in so weit,
-daß er ihr versicherte, er habe ihren Sohn gefunden und mitgebracht, und
-er sei wohl und gesund, sie aber solle sich heute Abend sammeln und
-vorbereiten, daß er ihr denselben morgen früh herüber bringen könne.
-
-Davon wollte die Mutter aber nichts länger hören -- »morgen? -- weshalb
-nicht heute? -- jetzt? War sie jetzt weniger gesammelt, als sie es morgen
-sein würde? sicherlich nicht -- die lange Nacht der Erwartung würde ihre
-Kräfte nur abspannen, und jetzt, jetzt wollte sie den so lange Jahre
-beweinten Knaben sehen -- nicht morgen.«
-
-Vorstellungen halfen nichts, und da auch Tom selber fühlen mochte, wie
-Recht sie unter diesen Umständen habe, versprach er, ihr den Sohn in einer
-halben Stunde zu bringen, und bat sie nur, dann hübsch ruhig und gefaßt
-zu sein und sich nicht, damit ihr das nicht schade, zu sehr von ihrem
-mütterlichen Gefühle hinreißen zu lassen.
-
-Indessen war Mr. Smith daheim schon emsig beschäftigt, aus dem bei ihm
-eingeführten _Wilden_, der sich nach mehreren, von Mrß. Rowland schon
-früher und oft bezeichneten Merkmalen wirklich als der verloren gegangene
-Sohn herausstellte, wieder einen anständigen weißen Menschen zu machen.
-Vor allen Dingen wurde ihm die bunte Farbe abgewaschen, mit der er sein
-Angesicht noch viel mehr als die Indianer selber bestrichen hatte, um
-die weißere Haut nicht durchschimmern zu lassen; dann mußte er zu seinem
-anscheinenden Leidwesen allen Schmuck ablegen, mit dem er sich behängt
--- besonders alles beseitigen, was an Scalpe und andere dem ähnliche
-Entsetzlichkeiten erinnerte, und zuletzt noch -- und er stellte sich
-ungeschickt genug dabei an -- in »menschliche Hosen,« wie sie Smith nannte,
-und nicht in solch oben abgeschnittene Dinger, die gerade da aufhörten, wo
-anständige Hosen erst recht anfangen sollten, hineinfahren. Auch Weste und
-Rock, Hemd und Schuhe bekam er nun. Wenn er aber auch mit Allem so ziemlich
-einverstanden schien, oder es wenigstens ohne Widerstand über sich ergehen
-ließ, so warf er doch die letzteren augenblicklich wieder ab, weil sie
-ihn drückten und er die Füße darin nicht vom Boden heben konnte, und
-verschmähte auch auf das hartnäckigste den schönen schwarzen Seidenhut,
-den ihm Smith schon mit wirklichem Behagen auf das zottig dunkelbraune Haar
-gedrückt hatte. Jeder Ueberredung hielt er standhafte Weigerung entgegen,
-und es blieb zuletzt nichts übrig, als ihn mit bloßem Kopf und barfuß
-seiner Mutter zuzuführen.
-
-Das Wort _Mutter_ war aber auch der einzige Zauberspruch, der ihn aus
-seinem wilden freien Leben hierher geführt hatte in das »Dorf der Weißen«
--- _Mutter_, der Klang tönte ihm wie eine in der Kindheit gehörte und lang'
-vergessene Harmonie leise, aber mit solcher süßen Gewalt durch die Seele,
-daß er alle seine Herzensfibern erbeben fühlte, und nicht zurückbleiben --
-dem Himmelslaute folgen mußte.
-
-Und jetzt stand er vor der Thür, die ihm die weißen Männer an seiner Seite
-bezeichnet, und scheu wandte er nach rechts und links den Kopf, als ob
-er dem Augenblick, den er mit klopfendem Herzen herbeigesehnt, nun, da er
-endlich erschienen, rasch und ängstlich entfliehen wolle. Krampfhaft und
-wie Hülfe suchend, erfaßte er den Arm Tom's, der dicht an seiner Seite
-ging, und er schämte sich, daß ihn das »Bleichgesicht« in solcher Aufregung
-sehen sollte -- »Ugh -- wie mich friert,« flüsterte er leise und zog sich
-den Rock vorn, wie er das früher mit seiner Decke gewohnt gewesen, fest
-über der Brust zusammen.
-
-Und drinnen im Hause saß, mit von innerer Aufregung frisch gerötheten
-Wangen und lebendigen, glänzenden Augen, die Matrone und hielt der Tochter
-Hand fest in der ihrigen, daß diese sie jetzt, nur jetzt nicht verlasse;
-denn draußen hörte sie Schritte -- Stimmen, und in athemloser Spannung
-lauschte sie den Tönen, ob sie -- heiliger Gott, wie ihr das Herz pochte!
--- die Stimme des Kindes -- des Sohnes nicht zu unterscheiden vermöge.
-
-Und jetzt -- jetzt öffnete sich die Thür, in die mit höflicher,
-freundlicher Verbeugung der Händler trat, und hinter ihm -- Mrß. Rowland
-sah die freie männliche Stirn Tom Fairfield's und -- an seiner Seite --
-einen braunen, unbedeckten Kopf -- sie richtete sich in ihrem Stuhl auf
--- alle Schwäche der Krankheit hatte sie verlassen, stark und allein stand
-sie, von Niemand gehalten, von Niemand unterstützt.
-
-»Meine gute Mrß. Rowland,« sagte Smith; aber die Mutter sah nicht den
-Fremden, der sich zwischen sie und ihr Kind stellte.
-
-»Mein Sohn -- mein Sohn!« rief sie, die Arme streckte sie sehnend, bittend
-nach den Männern aus, und jetzt -- jetzt vermochte auch der Halbwilde
-nicht länger zu schweigen -- er riß sich von Tom, der ihn noch zurückhalten
-wollte, los, schob den Händler bei Seite und flog mit raschem Sprung und
-dem leise -- jubelnd gerufenen Laut: »Mutter!« in die Arme der alten Frau.
-Fest, fest hielt ihn diese umklammert, fest, als ob sie ihn im Leben nicht
-wieder loslassen wollte; aber ihre Kräfte schwanden auch in der einen
-Empfindung seligen Entzückens, und nur noch durch die Arme des Sohnes
-fühlte sie sich gestützt, gehoben.
-
-»Mein Sohn, mein Kind!« rief sie schmeichelnd, als er sie endlich leise auf
-den Stuhl zurückgleiten ließ und, halb unwillkürlich, halb von ihr gezogen,
-vor ihr auf die Kniee niedersank -- »mein liebes, liebes Kind! Und
-doch endlich den Verlornen wieder gefunden -- doch jahrelange Sorge
-und Schmerzen noch belohnt bekommen, ehe das flüchtige Leben den alten
-schwachen Körper verließ -- mein theures, theures Kind!«
-
-John blieb lange und schweigend in ihrer Umarmung, und es war fast, als ob
-er sich schäme, von den »weißen« Männern so schwach und weibisch gesehen
-zu werden -- wenigstens warf er den Blick, als er endlich den Kopf erhob,
-scheu im Zimmer umher -- aber er war allein mit der Mutter. _Alle_ hatten
-das Zimmer verlassen, selbst Mrß. Smith, die jetzt, da ihre Voreiligkeit
-weiter keine bösen Folgen gehabt, wieder guten Muthes hergekommen war,
-dem Wiedersehen beizuwohnen; sie wurde aber, sehr wider ihren Wunsch und
-Willen, von Mr. Smith freundlicher als das sonst gewöhnlich geschah, unter
-den Arm gefaßt und zur Thür hinaus begleitet.
-
-Mutter und Sohn blieben lange allein. Dieser hatte bald auch die letzte
-Scheu überwunden und saß jetzt neben der Mutter, streichelte ihre Hand
-und nannte sie in seinem gebrochenen Englisch mit den süßesten, sanftesten
-Namen, die er finden konnte.
-
-Erst wohl nach Verlauf einer halben Stunde, und als sie sich beide
-vollkommen gesammelt hatten, traten die Uebrigen wieder ein, und Tom mußte
-jetzt vor allen Dingen erzählen, wie er den Verlorenen gefunden und ihn
-bewogen habe, mitzukommen. Er that das, wenn auch nur in sehr kurzen Worten
-und Umrissen.
-
-Den Stamm der Konzas hatte er am vierten Tage nach seiner Abreise von
-Boonville schon erreicht und dort augenblicklich seine Nachforschungen
-begonnen, aber eine bestimmte Antwort konnte er weder von Krieger noch
-Häuptling erhalten -- theils stellten sich alle, an die er sich wandte, als
-ob sie seine Sprache nicht verstehen könnten, theils läugneten sie, irgend
-etwas von einem Weißen in ihrer Nation zu wissen. Aber gerade dieses
-Läugnen bestärkte den Amerikaner nur mehr und mehr in dem Glauben, daß
-diese nicht die Wahrheit sprächen; denn Einige sahen ihn erstaunt an, als
-ob sie nicht begreifen könnten, wie er das erfahren hätte, Andere wurden
-verlegen und sagten, sie wüßten es nicht genau, sie glaubten, es sei einmal
-früher einer bei ihnen gewesen, -- bis er endlich einen Halb-Indianer,
-einen canadischen Franzosen traf, der ihn rasch auf die richtige Spur
-brachte. Noch an dem nämlichen Abend führte er ihn in das Dorf, wo sich
-der »weiße Hirsch,« wie sie ihn nannten, aufhielt, und wenn dieser auch im
-Anfang gar keinen Verkehr mit dem »Bleichgesicht« haben wollte, ja, sich
-sogar hartnäckig weigerte, ein Wort Englisch mit ihm zu sprechen, so ließ
-er sich doch zuletzt wenigstens willig von dem Dorf der Weißen erzählen,
-und fing sogar an, aufmerksam den Worten des Fremden zu lauschen, als
-dieser ihm von der Mutter sagte, die daheim in Sorge und Kummer so lange
-Jahre sehnsüchtig seiner geharrt und auf das Wiedersehen ihres Kindes
-gehofft habe. Besonders und ordentlich auffällig erschütterte ihn aber
-Tom's Rede, als dieser -- wie sich der Verwilderte immer noch nicht bewegen
-ließ, ihm zu folgen -- endlich ausrief: »Und so will denn der weiße Hirsch,
-daß seine kranke alte Mutter daheim _allein_ dem Grabe zusiecht und keinen
-Sohn hat, der ihren Wigwam deckt -- ihr Wild jagt und das erlegte bereitet,
-sie zu stärken? Sollen _Fremde_ ihr Grab graben, daß nicht Wolf und
-Aasgeier ihre Gebeine entheiligen?« -- »Ugh!« hatte er da ausgerufen --
-»weißer Mann hat Recht -- weißer Hirsch böser Sohn« -- und in die Höhe
-sprang er, und eilte hinaus in den Wald.
-
-Tom Fairfield war aber nicht wenig bestürzt, als der »weiße Hirsch« am
-nächsten Morgen verschwunden und auch nirgends aufzufinden war; Hütte bei
-Hütte durchforschte er nach ihm, und manch zorniges Wort, manche finstere
-Drohung ertrug er, wenn er vielleicht den Wigwam eines den Bleichgesichtern
-feindlich gesinnten Kriegers betreten hatte. Schon wollte er die Hoffnung,
-den Entflohenen für jetzt wieder zu finden, als ganz trostlos aufgeben und
-eben sein Pferd besteigen, um zu dem Nachbardorfe, wo der Canadier seinen
-Wigwam aufgeschlagen, zurück zu kehren, als plötzlich der Verschwundene
-völlig gerüstet wie zu Schlacht oder Kriegszug, auf seinem rauhhaarigen
-Poney angesprengt kam und sich erbot, ihn zu begleiten. Allerdings wollten
-sich dem jetzt Einige des Stammes widersetzen und nicht dulden, daß der,
-welcher einer der Ihrigen geworden, auf solche Art ihnen wieder entführt
-werde. Der »weiße Hirsch« schien aber nicht leicht durch irgend eine
-Drohung eingeschüchtert; mit kräftig trotzigen Worten wies er die
-Unzufriedenen zurück, und seine Kriegskeule in der Rechten, in der Linken
-die Büchse, und das Pferd nur mit den Schenkeln regierend, sprengte er
-unerschrocken durch die Schaar, die ihm auch wirklich Raum gab und keinen
-thätlichen Versuch machte, ihn oder seinen Begleiter zurück zu halten.
-
-So kamen Sie nach Boonville, und John Rowland bog sich liebkosend über der
-Mutter Hand hinüber, als ihn diese bat und ihm das Versprechen abnahm, sie
-die wenigen Tage, die sie noch auf dieser Erde zu leben habe, nie -- nie
-wieder zu verlassen.
-
- * * * * *
-
-Ein voller Monat verging so, ohne daß in Boonville irgend etwas Wichtiges
-vorgefallen wäre. Wenn aber auch die Matrone in dem Glück, ihr Kind
-wiedergefunden zu haben, die ersten Wochen wie neu geboren und Schwäche und
-Krankheit gänzlich zu vergessen schien, so kehrte doch bald die natürliche
-Erschöpfung zurück, die solcher Aufregung auch selbst bei gesundem
-Zustand hätte folgen müssen, und sie wurde von Tag zu Tag schwächer und
-hinfälliger.
-
-Was John betraf (denn den Namen »der weiße Hirsch« hatte er gleich
-von Anfang an abgelegt), so fand sich der in das civilisirte Leben der
-»Städter« besser und leichter, als man es wohl hätte erwarten können; er
-trug wenigstens die Kleider, die man ihm angelegt -- ja, nach einiger Zeit
-selbst Schuhe und einen Hut, aß mit am Tische und mit Gabel und Löffel
-und schien sich besonders bei seiner Mutter wohl zu fühlen, bei der er oft
-stundenlang, am liebsten, wenn sie schlief, neben dem Bette saß und ihr
-still und ernst in das bleiche Antlitz schaute. Sonst war aber kein ganz
-gutes Auskommen mit ihm; er war wild und herrisch, wie er das als Krieger
-seit seiner Mannbarkeit ja auch nicht anders gewohnt gewesen, und es jetzt
-nur schwer und ungern ablegen mochte.
-
-Am besten kam noch Rosy mit ihm aus; das liebe sanfte Kind übte den
-größten Einfluß auf das rauhe Wesen des jungen Mannes, und wo er einmal in
-Kleidung, Sitte oder Sprache -- wie das übrigens gar nicht selten geschah
--- in seine alten Gewohnheiten zurücksinken wollte, bedurfte es von Rosy
-nur eines Wortes, ja, oft nur eines Blickes, seinen Sinn, der in einzelnen
-Fällen selbst nicht unbedingt der Mutter nachgab, zu beugen.
-
-Drei Personen lebten aber in Boonville, denen John auswich, wo er nur
-irgend konnte, und auf die er, im Laufe der Zeit, nach und nach selbst eine
-Art von Haß übertrug. Die erste war unsere gute, aber geschwätzige Mrß.
-Smith, die ihn von vorn herein so mit ihren Fragen und Erkundigungen
-gepeinigt hatte, daß er sie ordentlich fürchtete, und einmal sogar
-zum Entsetzen seiner Mutter, die gar nicht begriff, was ihn auf einmal
-anwandle, aus dem Fenster sprang, als jene zur Thür hereintrat.
-
-Die zweite war der ehrwürdige Pastor Billygoat, der es in seinem heiligen
-Eifer für Pflicht und Schuldigkeit hielt, den »armen blinden Heiden« zu
-bekehren. Im Anfang, und besonders weil es seiner Mutter große Freude
-machte, lauschte John mit ziemlicher Aufmerksamkeit dessen Worten, und wenn
-er auch später nur durch Rosy's Bitten dahin gebracht werden konnte, still
-sitzen zu bleiben, sobald der Prediger -- oder der »Medicin-Mann«[12],
-wie er ihn unerschütterlich nannte -- seine Hand einmal auf ihn gelegt
-und seine Worte an ihn gerichtet hatte, so blieb er doch darin ganz der so
-schönen indianischen Sitte treu, daß er den Mann nie unterbrach, sondern
-ihn ruhig ausreden ließ und mit wenigstens äußerer Aufmerksamkeit ihm
-zuhörte. Pastor Billygoat täuschte sich aber gewaltig, wenn er das auch nur
-einen Augenblick für wirkliche Andacht hielt -- John haßte den alten
-Mann wie die Sünde -- und vielleicht noch mehr -- und durch ihn auch die
-Religion, die er ihm predigen wollte. Trotzdem blieben beide im Anfang
-noch auf ziemlich friedlichem Fuß mit einander, und der Prediger
-schien zufrieden, wenn sein neu zu Bekehrender nur ruhig und ohne
-Widersetzlichkeit die gehörige Zeit aushielt.
-
- [12]: Medicin-Männer heißen bei den indianischen Stämmen die Aerzte,
- Zauberer und Priester.
-
-Die dritte Person aber war wunderbarer Weise gerade der Mann, der doch
-als die Hauptursache und das Werkzeug seines jetzigen Hierseins angesehen
-werden mußte -- und zwar Niemand anders, als Tom Fairfield selber. Im
-Anfang schienen die beiden jungen Leute unzertrennlich. Tom gab sich jede
-nur erdenkliche Mühe, den verwilderten Weißen in alle Geheimnisse
-des civilisirten Lebens wieder einzuweihen, und John, wenn auch mit
-augenscheinlichem Widerwillen, fügte sich doch gern jeder Neuerung, die der
-Hinterwäldler, den er überdieß als vortrefflichen Jäger kennen lernte und
-deßhalb achtete, mit ihm vornahm. Je länger er aber in der Mutter Hause
-lebte, wo Tom Fairfield ein täglicher Gast war, desto mehr und mehr zog
-er sich von ihm zurück, antwortete einsilbig auf seine Anreden, mied seine
-Gesellschaft und wurde sogar, was sonst selbst nicht gegen den Prediger
-geschah, unfreundlich, wenn er ihm nicht mehr ausweichen konnte.
-
-Das nahm, je weiter es in den Herbst hinein kam, mehr und mehr überhand,
-da sich besonders in letzter Zeit Mrß. Rowland's Zustand auch immer mehr
-verschlimmert hatte. Die Krankheit der alten Frau schien in den ersten
-Wochen von ihres Sohnes Rückkunft durch die Freude und Aufregung des
-Wiedersehens fast ganz gehoben; nach dieser unnatürlichen Erregung trat
-aber auch eine Erschlaffung ein, die bald das Schlimmste besorgen ließ,
-und Rosy, das arme liebe Kind, fast ausschließlich an die Seite der jetzt
-fortwährend bettlägerigen Kranken bannte. John verließ das Haus ebenfalls
-nur sehr selten und nie anders, als wenn er in den Wald ging, einen Hirsch
-oder Truthahn zu schießen; hatte er aber Fleischvorrath daheim, so schaute
-er oft stundenlang in stummem Brüten zu, wie Rosy die Mutter pflegte
-oder, wenn diese einmal eingeschlafen war, ihre sonstige Arbeit, das große
-surrende Baumwollen-Spinnrad sachte bei Seite schob und sich mit ihrer
-Näherei, die Augen der Kranken zugekehrt, zu Füßen des Bettes setzte.
-
-Der November war indessen angebrochen, und wenn auch der wundervolle Herbst
--- in dieser seiner schönsten Zeit, dem sogenannten indianischen Sommer --
-noch freundliche und selbst warme Tage brachte, so braus'te doch auch schon
-manchmal ein recht ordentlicher Nord-West durch die Wipfel der sich in die
-buntesten Herbsttinten schmückenden Blätter. Und wie das Laub erstarb, wich
-auch die Kraft, das Leben aus dem Herzen der armen alten Frau. Lange Jahre
-hatte sie standhaft und still den Schmerz ertragen, dem Leiden die
-Stirn geboten -- jetzt, mit der einkehrenden Freude, erlag das arme Herz
-Gefühlen, die zu mächtig für es waren und zu erschütternd. Wie der Saft aus
-dem Laub und dem Stamm der Bäume und Pflanzen schwand, so ebbte auch
-der Lebensstrom in ihren Adern, und von Tag zu Tag fühlte sie mehr das
-Herannahen ihrer Auflösung.
-
-Und doch hätte sie gerade jetzt noch so gern gelebt, denn ihrem Scharfblick
-entging es keineswegs, wie der durch so treues Ausharren so theuer erkaufte
-Sohn sich nicht mehr wohl und glücklich in seiner neuen Umgebung fühle.
-An der Mutter hing er, ja -- und mit all der Gewalt kindlicher Liebe, die
-stark genug gewesen war, ihn seinem wilden Leben zu entziehen, bannte es
-ihn an ihr Lager, und ließ ihm nicht Ruhe noch Frieden draußen im Wald,
-seiner sonstigen Heimath. Wie aber sollte das werden, wenn sie einst
-hinüber gegangen und damit auch das Band zerrissen war, das ihn jetzt
-noch an das civilisirte Leben hielt? Nur Eine Möglichkeit gab es, ihn auch
-später zu fesseln, und die sah die arme alte Frau einzig und allein in der
-Vereinigung ihrer Pflegetochter mit dem jungen Tom Fairfield, der sich in
-der letzten Woche in Boonville förmlich niedergelassen und jetzt ordentlich
-und ehrlich um Rosy's Hand angehalten hatte. Bei diesen Beiden konnte John
-bleiben -- in ihnen fand er stets treue und liebende Geschwister, und ihnen
-gelang es auch gewiß, den Sohn von der Rückkehr zu jenem entsetzlichen
-Leben unter den heidnischen Wilden abzuhalten. Ja, selbst Rosy's wegen war
-es gut, vielleicht nöthig, daß sie versorgt ward und eine männliche Stütze
-hatte, ehe sie die Mutter verlor, und das alles ließ Mrß. Rowland wünschen,
-ihre Vereinigung so bald als möglich bewirkt zu sehen.
-
-Eigenthümlich war der Eindruck, den diese Nachricht, die er aus der Mutter
-Mund erfuhr, auf John machte -- keine Sylbe erwiederte er, nicht den Blick
-hob er von der Spitze seines groben Schuhes, den er gegen die leichten
-Moccasins hatte vertauschen müssen, und zwei Mal fragte ihn die Mutter, ob
-er sie gehört und ob er sich nicht freue, daß seine Pflegeschwester einen
-so wackeren Schützer bekäme, der sie gegen die Stürme des Schicksals
-schirmen und wahren könne.
-
-»Und will Rosy weißen Jäger?« sagte er leise, und als ob er die Antwort
-schon eigentlich vorher wisse.
-
-»Sie lieben sich schon seit langen Jahren, und Rosy glaubt glücklich mit
-ihm zu werden.«
-
-»Gut -- John freut sich,« sagte der junge Mann, stand auf und verließ das
-Zimmer -- kehrte auch den ganzen Tag nicht mehr zurück, sondern blieb bis
-spät in die Nacht draußen im Wald, wo er nachher, sein Pony schwer mit Wild
-beladen, zurückkehrte und, ohne Jemanden an dem Abend weiter zu sprechen,
-von außen am Haus hinauf in sein Lager kletterte.
-
-Von dem Tage an war John wie ausgewechselt -- sonst still und friedlich,
-wurde er mürrisch und zanksüchtig, verkehrte, außer mit seiner Mutter und
-Rosy, mit Niemand mehr und ließ jetzt sogar nicht selten seinem wilden
-Muthwillen bei allen denen freien Lauf, die sich in seinen Weg stellten
-oder sonst durch irgend etwas seinen Haß auf sich gelenkt hatten. Gegen die
-würdige Mrß. Smith zeigten sich diese Launen gewöhnlich nur neckischer Art;
-hatte sie ihn einmal zu irgend einer Zeit wieder angeredet oder um etwas
-gefragt, so konnte sie sich fest darauf verlassen, es wurde ihr Abends,
-wenn sie ihr Essen kochte, irgend ein Stein oder Stück Holz durch den Kamin
-in den Topf geworfen, oder durch einen nie zu Ermittelnden, wenn sie nach
-Dunkelwerden auf ihrem gewöhnlichen Platz in der Stube saß, ein Gewehr
-dicht neben ihr abgefeuert, daß sie erschrak und gewöhnlich mit einem
-lauten Aufschrei in die Höhe fuhr -- oder die Hühner flatterten Nachts
-gestört umher, und nicht selten fehlten sogar einzelne von Stellen, wo sie
-weder Eule, noch Opossum geholt haben konnte.
-
-Schlimmer aber ging es dem armen Vater Billygoat, bei dem es jetzt, seiner
-Meinung nach, Ehrensache wurde, den hartnäckigen Heiden zu bekehren. War
-es ihm einmal gelungen, den »störrischen Wilden« so zu fassen, daß er ihm
-nicht mehr entrinnen konnte, und hatte er ihm dann eine recht eindringliche
-Ermahnungs- und Strafpredigt gehalten, dann fing John auf einmal an,
-grimmige und entsetzliche Gesichter zu schneiden, fletschte mit den Zähnen,
-rutschte und glitt dem mehr und mehr geängstigten Prediger immer näher und
-schrie ihm vielleicht zuletzt noch den gellenden Schlachtschrei der Konzas
-so nahe und scharf in die Ohren, daß der fromme Mann entsetzt aus dem
-Zimmer floh und noch weit hinter sich drein das Hohnlachen des Heiden
-hören mußte. Nach jeder solcher Zusammenkunft konnte er sich aber auch fest
-darauf verlassen, daß ihm in derselben Nacht irgend ein Schwein abhanden
-kam, oder seine Fence an irgend einer Seite eingerissen und die Heerde in
-die Felder getrieben wurde, oder auch, wie das sogar einmal geschah, eine
-heimliche Kugel seine beste Kuh traf und tödtete.
-
-Stellten die Leidenden den wahrscheinlichen Thäter zu Rede, so machten sie
-die Sache dadurch nur noch schlimmer, und das ganze Städtchen begann
-schon den »bekehrten Wilden«, wie er im Anfang hieß, als eine Plage zu
-betrachten, die man sich herzlich freuen würde, so bald als möglich wieder
-los zu werden.
-
-Merkwürdig war es dabei, daß John an Tom Fairfield, so feindlich gesinnt er
-ihm sonst auch immer sein mochte, nie einen ähnlichen Muthwillen versuchte;
-ja, im Gegentheil rettete er ihm sogar eines Tages, als er ihn zufällig auf
-der Jagd traf, oder auch vielleicht durch seinen Schuß herbeigelockt war,
-auf die aufopferndste Art das Leben.
-
-Tom hatte nämlich nicht weit von Boonville einen alten Bären beim
-Lappen[13] getroffen, aber, durch eine rasche Bewegung desselben verleitet,
-einen übereilten Schuß gethan, was ihm das angeschossene und gereizte Thier
-mit Blitzesschnelle auf den Hals brachte. Sein Hund war zu schwach, ihm
-wirksamen Beistand zu leisten; sein Messer brach beim ersten, einen Knochen
-treffenden Stoß, und wer weiß, ob er nicht von der Bestie, wenn auch nicht
-getödtet, doch gar arg verwundet worden wäre, hätte sich nicht John in dem
-Augenblicke, da er aus Furcht, den Mann zu treffen, nicht wagen durfte, zu
-schießen, mit keckem Muth auf den zottigen Feind geworfen und diesem sein
-Messer so sicher ins Herz gestoßen, daß er sich wohl noch gegen seinen
-neuen Gegner wenden konnte, gleich darauf aber, auch vom früheren
-Blutverlust schon erschöpft, todt zusammenbrach.
-
- [13]: Lappen der Bären heißt, wenn sie im Herbst nach den reifen
- Früchten und Beeren naschen gehen.
-
-Tom wollte dem jungen Manne danken und streckte ihm mit herzlichen Worten
-die Rechte entgegen -- der aber wandte sich knurrend ab und verschwand,
-sich nicht weiter mehr um Jäger und Beute kümmernd, rasch im nahen
-Dickicht. Zu Hause sprach er auch kein Wort davon, nur als Tom heimkam und
-den Hergang erzählte, und die Mutter ihm mit glänzenden Augen die Wangen
-streichelte, und Rosy unter Thränen seine Hand nahm und ihn ihren lieben,
-lieben Bruder nannte, da wurde er weich, wie er seit lange nicht gewesen,
-und an dem Tage wäre vielleicht selbst Vater Billygoat ungestraft bei einem
-neuen Angriff weggekommen, hätte sich dieser würdige Mann nicht schon seit
-längerer Zeit fest vorgenommen gehabt, den heidnischen Wilden, der eigenen
-Schweine wegen, seinem Schicksale zu überlassen.
-
-So standen die Sachen, als sich die Kranke eines Tages recht schwach und
-unwohl fühlte -- ihre Kinder wichen nicht mehr von ihrer Seite, und John
-besonders saß neben dem Lager und hielt der Mutter Hand fest, fest in der
-seinen. Aber der Sand war abgelaufen, welcher der Leidenden auf dieser
-Erde zugemessen -- die Kräfte wichen, die bis dahin das mürbe Gebäu ihres
-Körpers zusammen gehalten.
-
-»Rosy,« flüsterte sie, als die Abendsonne ihrem Lager gegenüber stand und
-der rothe schimmernde Glanz den todtenbleichen Zügen noch einmal ein,
-ach! trügerisches Leben zu verleihen schien -- »Rosy -- Tom -- mir wird
-so wunderleicht und wohl -- die Glieder fühle ich gar nicht mehr, die mich
-sonst so bleiern an mein Lager bannten -- ich glaube, der Tod naht -- ach!
-dann ist es schön, zu sterben -- aber -- Euch lasse ich noch unvereinigt
-hier zurück, und mein Kind -- meinen John, in Eurem Schutze -- versprecht
-mir -- versprecht mir, ihn stets -- als Euren Bruder zu lieben.«
-
-»Mutter!« schluchzte Rosy und barg das Antlitz an der Schulter der
-Sterbenden.
-
-»Er soll mir wie mein liebster Bruder sein,« sagte Tom mit tiefer Rührung
--- »ja, nicht theurer konnten ihn diese Worte meinem Herzen machen, als er
-es jetzt schon ist -- John soll nie einen anderen Freund brauchen, so lange
-noch ein Tropfen Lebenssaft in diesen Adern quillt.«
-
-»Und, John,« sagte mit leiser Stimme die Mutter, »wird Dir das Grab der
-Mutter so theuer sein, als es die Lebende war?«
-
-John hatte augenscheinlich einen harten Kampf mit sich gekämpft -- er
-schämte sich, in der Gegenwart eines anderen Mannes zu weinen oder
-irgend eine Schwäche zu zeigen, und saß starr und regungslos, die Blicke
-unverwandt in eine Zimmerecke gerichtet; jetzt aber, bei der directen
-Anrede an ihn, wo ihm, der so oft den Tod gesehen, sein Auge sagte, daß das
-theure Leben nur noch wenige Minuten in der alten lieben Hülle weilen werde
--- jetzt konnte er sich nicht länger halten -- am Bett fiel er nieder auf
-die Kniee, den Kopf barg er in der überhangenden Decke, und sein ganzer
-Körper zitterte von der Allgewalt des Schmerzes, der in ihm tobte.
-
-»Guter John,« flüsterte die Mutter, und ihre Hand ruhte segnend auf dem
-Haupte des Sohnes -- »guter -- lieber John!«
-
-»Mutter!« rief Tom Fairfield plötzlich, denn ein eigenes Zucken im Gesichte
-der Kranken -- ein eigenes Erstarren der Züge erschreckte ihn. John fuhr
-schnell empor und heftete seinen Blick nur secundenlang auf das liebe
-Antlitz.
-
-»Meine Mutter!« schluchzte er, und die hellen Thränen netzten seine
-sonngebräunten Wangen: »meine liebe Mutter! und Du gehst?«
-
-Die Sterbende antwortete nicht mehr -- der letzte Druck der Hände galt
-noch dem Kinde -- der Tochter -- ihr brechendes Auge hing an dem sinkenden
-Tagesgestirn, und mit dessen Verschwinden hinter dem goldglänzenden
-Laubnetz des Waldes schlossen sich auch die treuen Augen auf immer.
-
- * * * * *
-
-Am anderen Tage, nach der Mutter Tod, grub John, an derselben Stelle, wo
-früher seines Vaters Hütte gestanden, das Grab für die Verblichene -- sie
-hatte es gewünscht, dort zu ruhen, und fast alle Einwohner des kleinen
-Ortes begleiteten die Leiche zu ihrer letzten stillen Ruhestätte unter den
-rauschenden schwanken Bäumen des Waldes. John blieb dort draußen drei volle
-Tage und Nächte, und als er endlich zurückkehrte, war er ernst und traurig
-und schien sein früheres wildes Wesen ganz verloren zu haben. Sanft wie
-ein Kind zeigte er sich gegen Jedermann, selbst mit dem Prediger war er
-freundlich, so freundlich, daß er den armen Mann im Anfange mehr damit
-erschreckte, als früher mit seiner Wildheit, weil der schon nicht anders
-glaubte, als daß dies nur eine andere Maske sei, unter der er neue Streiche
-auszuführen gedenke. Aber darin hatte er sich geirrt -- John blieb sich
-immer gleich und vermied jetzt nur von Allen gerade die, deren Nähe ihm
-früher so unendlich wohl gethan.
-
-Obgleich er nämlich seine alte Schlafstelle, den oberen Theil von seiner
-Mutter Haus, noch beibehielt, bekam ihn das junge Mädchen fast gar nicht
-mehr zu sehen; nur Morgens vor Tag stand er auf, schaffte Holz herbei,
-zündete das Feuer an und verzehrte im Hause sein Frühstück; dann aber mied
-er Rosy's Nähe den ganzen Tag, und nur Abends hörte sie, wie er von außen
-in seine Kammer wieder hinauf stieg und sein Lager suchte. Wildpret
-genug schaffte er dabei zum Hause, und weiche Felle gerbte er ihr nach
-indianischer Art, und nähte Moccasins und färbte Decken für sie; aber nicht
-daheim that er das, sondern im Walde draußen, wie auch das Wetter war, und
-nur froh konnte sie ihn machen, wenn sie annahm, was er ihr, meist Morgens,
-brachte.
-
-So rückte endlich der, von Tom Fairfield so lang' und heiß ersehnte Tag der
-Verbindung zwischen ihm und seiner holden Braut heran, und Tom hatte alle
-Bekannten und Freunde eingeladen, ihn feiern zu helfen. In festlicher
-Procession zogen die Glücklichen nach des Friedensrichters, Mr. Cowley's
-Haus, und heute schloß sich selbst John nicht aus von der fröhlichen
-Schaar.
-
-An Tom's Seite, gegen den er in letzter Zeit wieder so freundlich gewesen
-war, wie in den ersten Wochen ihres Beisammenseins, betrat er das kleine
-wohnliche Gemach des Richters und war Zeuge der heiligen feierlichen
-Handlung; als aber die Braut das schüchterne und doch so herzfreudige Ja
-gesprochen -- als der _Gatte_ sie leise, leise an sich zog und sie das in
-holder Schaam übergossene Antlitz an seiner männlichen Brust barg -- da
-glitt er unbemerkt und geräuschlos aus dem Zimmer -- aus dem Hause und über
-die Straße hinüber in sein eigenes kleines Gemach.
-
-Nacht war's, und aus Tom Fairfield's neuer Wohnung brachen lichte Strahlen,
-und muntere Violintöne schallten die stille Straße herab; in Hornpipes
-und Quadrillen, in Reels und Jigs und der anderen amerikanischen oder von
-England herüber gebrachten Tänzen schwangen sich die fröhlichen Paare;
-munter ging der Becher im Kreise, und herzlich übertönte das Lachen oft die
-schallenden Geigenklänge.
-
-Draußen aber vorbei, durch den Herbststurm, der jetzt schon recht ingrimmig
-die laublosen Zweige schüttelte, schritt, die Büchse in der Hand, den
-Tomahawk im Gürtel und die Decke auf dem Rücken, ein Jäger, und wollte
-schon rasch vorüber ziehen an dem festlichen Hause, als der silberreine Ton
-einer lachenden Frauenstimme sein Ohr traf. Er blieb stehen, zögerte einen
-Augenblick und näherte sich dann dem Hause; an der Fenz schwang er sich
-hinauf und schaute viele Minuten lang still und ernst durch das kleine
-offene ausgeschnittene Fenster in den inneren hell erleuchteten Raum,
-auf die fröhlichen glücklichen Menschen hin, die in dem engen Gemach sich
-lachend und tanzend hin und herbewegten. Glück und Freude lag auf _allen_
-Gesichtern auf die sein düsterer Blick fiel, aber von allen ab schweifte er
-unbefriedigt, das _eine_ von allen denen zu erkennen das --
-
-Ha -- da trat Rosy in den Kreis -- die frohe junge Frau an des _Gatten_
-Hand, und das Licht der Lampen fiel hell und voll auf die lieben Züge des
-jungen Weibes.
-
-Johns Blick haftete lang und ernst auf der holden Gestalt, aber kein Laut
-entfloh seinen Lippen, keine Bewegung, ein einzelnes fast krampfhaftes
-Zucken seiner Lippen vielleicht ausgenommen, verrieth die Bewegung die in
-ihm kämpfte.
-
-Endlich nickte er, wie Abschied nehmend, aber auch fast seiner unbewußt,
-dort hinüber, wo er jetzt Alles zurückließ, was ihm noch lieb auf dieser
-Welt war, und ihn wohl hätte an ein ruhiges friedliches Leben fesseln
-können -- dann stieg er langsam wieder nieder und warf die Büchse auf die
-Schulter.
-
-Als er den Boden wieder betrat, hatte er ganz die alte Ruhe wieder gewonnen
--- die wollene Decke, die über seine Schultern hing, zog er fest um sich
-her, und den Pfad verfolgend, der an seiner Mutter Grab vorüber gen Westen
-führte, verschwamm seine dunkle Gestalt bald in den düsteren Schatten, mit
-den der Urwald die enge Lichtung fest und dicht umlagerte.
-
-Und wohin führte sein Weg?
-
-Man hat nie wieder von ihm gehört; aber zu den Konzas war er nicht
-zurückgekehrt, denn wenige Wochen später kam von dorther der canadische
-Franzose, der Tom Fairfield früher auf seine Spur gebracht, und wußte
-nichts von ihm. Ja, Tom besuchte im Frühjahr selbst noch einmal den Stamm
--- doch konnte ihm Niemand Kunde geben vom »weißen Hirsch« -- er war und
-blieb spurlos verschwunden.
-
-
-
-
-Aus dem Briefsacke des Paquetschiffes »Seeschlange.«
-
-
-
-
-Erster Theil.
-
-
-Erster Brief.
-
- _New York_, den 12. März 1848.
-
- _Lieber Theodor!_
-
- Motto: Freiheit oder Tod.
-
-_Ich bin in Amerika_ -- o wenn Du begreifen, wenn Du ahnen könntest, mit
-welcher wonneathmenden Seligkeit mich _der_ Gedanke durchfluthet, wenn Dir
-aus dem inneren jauchzenden Jubelmeere meines Herzens nur ein Ton, nur ein
-Accord jener himmelrauschenden Symphonieen an die Seele donnern könnte, die
-mich dieser Erde fast entheben, die mich in sinnverwirrendem Freudenrausche
-nicht ein Mensch mehr, nein ein Engel, ein Gott sein lassen! -- dann
-brauchte ich nicht die kalte Feder zu dem nutzlosen Versuche zu ergreifen,
-das schildern zu wollen, was sich nicht schildern läßt; das mittheilen zu
-wollen, was eben nicht mitgetheilt werden kann, was nur empfunden, gefühlt
-sein will --
-
- »Nenn' es dann wie Du willst -- nenn's Glück, Herz, Liebe, Gott --
- Ich habe keinen Namen dafür, Gefühl ist Alles --
- Nam' ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsgluth.«
-
-_Ich athme amerikanische Luft!_ Begreifst Du das, kalter, theilnahmloser
-Aktenmensch -- Bücherwurm -- Leichenbeschauer Du, der von Haus zu Haus
-kriecht, scheußliche Verwesung und Moder zu besichtigen und rings um sich
-her Gottes freie, herrliche Natur unbeachtet, unbewundert läßt? -- Hier
-komme her -- hier in die Freiheit athmende Welt, hierher in das schöne,
-wundervolle Land, und wenn Dir dann das Herz nicht aufgeht, wenn sich dann
-nicht Dein Geist wie die Lerche in duftiger Frühlingsluft wirbelnd und
-siegestrunken zu Gottes reinen Aetherräumen emporhebt, dann fließt Dir
-Dinte statt rothen warmen Blutes in den Adern und Dein Herz ist nur eine
-Urne mit Aktenstaub und Trübsal angefüllt.
-
-Doch nein, so schlimm steht es noch nicht mit Dir und mit kurzen Worten
-will ich Dir deßhalb das Land meiner Ideale schildern; mit kurzen Worten
-sag' ich, denn wollte ich mich auch nur auf eine einfache Beschreibung
-einlassen, so reichten Bände nicht aus und dazu gestattet mir jetzt weder
-Herz noch Geist die Zeit.
-
-Jeder Schritt hier, so lang ich das Ufer betreten, zeigt deutlich, wie
-wir glücklichen Auswanderer dem Schlendrian und Despotismus des alten
-Vaterlandes endlich enthoben sind -- rege Geschäftigkeit füllt die Straßen
--- der edle Stolz -- »ich bin ein freier Mann« -- spricht schon aus dem
-Blick des Knaben, wie aus dem des erwachsenen Jünglings; keine Zeichen von
-Krone und Tyrannei beleidigen das Auge, indem sie uns an unsere Schmach der
-Knechtschaft erinnern -- kein Bettler kriecht in seinem nackten Elend auf
-offener Straße umher und fleht um ein Almosen, damit er in seinen Ketten
-nicht auch noch verhungere -- keine »königliche Constitution« lügt uns von
-Freiheit vor, während sie uns nur noch, indem sie uns einschläfert, weiter
-und weiter vom wahren Ziel der Freiheit entfernt. »Das Volk ist nicht
-reif,« schreien in Deutschland die Fanatiker der Ruhe -- »es gehören auch
-Republikaner zu einer Republik und die haben wir noch nicht, die müssen wir
-erst heranbilden.« -- Ausflüchte sind's -- feige Angst vor der Krisis,
-die der Umgestaltung vorausgehen muß. Werden etwa die Deutschen, die nach
-Amerika auswandern, plötzlich auf dem Schiffe zu Republikanern, daß sie
-auf einmal reif und ausgebildet hier das Land betreten? oder sind das etwa
-keine Republikaner, diese Millionen von Deutschen und Iren, die -- der
-Whigparthei so fürchterlich -- der demokratischen Sache im freudigen
-Sturmlauf den Sieg gewinnen? Zum Teufel mit den seelenlosen Drahtpuppen,
-die von fürstlichen Händen gezogen, marionettenartig und nach
-»allerhöchstem Verlangen« bald den Arm und bald den Fuß heben oder mit dem
-Kopfe nicken und schütteln.
-
-Noch war ich keine drei Tage hier an's Land gestiegen, als schon ein
-Amerikaner (ein mir wildfremder Mensch, dem es egal sein konnte, ob
-ich existirte oder nicht), zu mir kam und mich in sein Haus aufnahm.
-Uneigennützig -- denn daß ich wirklich Vermögen hatte, konnte er nicht
-wissen -- bot er mir in allen Stücken seine Hülfe an und übergab mir,
-dem Fremden, die Verwaltung einer ganzen Plantage -- sieh, _das_ ist
-ein Republikaner, das ist kein Mann aus einem Polizeistaat, wo jeder
-Staatsbürger schon pflichtschuldigst für einen Spitzbuben und Schuft
-gehalten wird -- weise Du ein solches Beispiel in Deutschland auf?
-
-Hier herrscht auch wahre Religionsfreiheit, um die in Deutschland, trotz
-dessen gerühmten Aufklärung, noch immer gestritten wird -- die Schule
-ist von der Kirche frei -- kein Pfaffe darf in die Erziehung der Kinder
-hineingreifen, und das junge Geschlecht blüht und keimt heran, eine Freude
-der Eltern, ein Stolz ihres herrlichen Vaterlandes.
-
-Doch soll ich jetzt auch nur Stunden verlieren, indem ich hier sitze und
-dem Zauberlande den Rücken kehre, während ich es beschreibe? -- nein --
-selbst Deinetwegen nicht, Theodor, der Du mir sonst das liebste Herz auf
-Gottes Erdboden bist. Aber komm hier herüber, Du Guter, komm hierher und
-schüttle den Staub von Deinen Schuhen, wenn Du dem morschen Regierungswerk
-des »alten Landes,« wie Europa hier mit Recht genannt wird, den Rücken
-kehrst -- komm bald und freudig und mit herzlichem Gruß wird Dir dann die
-Arme entgegenbreiten Dein treuer Bruder
-
- _Carl von Horneck_,
-
- früher -- Gott sei gedankt, daß ich sagen kann
- _früher_ -- Assessor von Gottes Gnaden.
-
-
-Zweiter Brief.
-
- Aus dem Staat _New York_, am 10. März 1848.
-
- _Lieber Vetter!_
-
-Glücklich sind wir vor etwa drei Wochen hier in Amerika angekommen, und
-ich befinde mich jetzt in dem Welttheil, der mich so lange Jahre hat nicht
-ruhig schlafen lassen. Manchmal ist es mir auch sonderbarer Weise noch
-immer wie ein Traum und es geschieht gar nicht selten, daß ich mich selber
-ganz erstaunt frage: »bist Du denn wirklich jetzt in _Amerika_?« Die
-Antwort fällt aber immer bejahend aus.
-
-Ich erinnere mich noch recht gut der Zeit wo ich die Aushängeschilder der
-»Agenturen für Amerika« und das gewöhnlich darauf gemalte Schiff mit einer
-wahren Ehrfurcht betrachtete, daß ich dann immer so eine Art von -- ich
-weiß selber nicht wie ich es nennen soll -- von tragischem Schauer mir über
-die Haut rieseln fühlte; -- jetzt ist das vorbei -- die Seefahrt hat mich
-vollkommen von der Bewunderung für die Schiffe selber geheilt -- denn das
-Zwischendeck ist ein grausenvoller Aufenthalt und das stete Neue meiner
-Umgebung trägt viel dazu bei, mich zu zerstreuen und gegen starke Eindrücke
-abzustumpfen. Ich muß aber auch gestehen, daß ich Amerika keineswegs
-so gefunden, wie ich es erwartete, und ich bin in mancher Hinsicht sehr
-enttäuscht worden -- gebe Gott, daß ich mich geirrt habe. Jene lockenden
-Beschreibungen, die ich vor meiner Abreise gelesen, sind vielleicht, wie
-ich gestehen will, mit die Hauptursache, daß meine Erwartungen zu hoch
-angespannt wurden, dennoch muß ich Dir aufrichtig sagen, daß ich
-mir Manches, auch bei den geringsten Ansprüchen, besser wünsche. Die
-idyllischen Farmerwohnungen schrumpfen z. B. größtentheils in erbärmliche
-Blockhütten zusammen, durch die an allen vier Wänden der Wind hindurch
-zieht, das Vieh läuft zwar wild im Wald umher, aber jeder Schuft, der es
-nur schlau genug anzufangen weiß, kann auch Kühe und Pferde nach Belieben
-stehlen, und was die Schweinezucht anbetrifft, so hat die ihre ganz
-besonderen Schwierigkeiten, denn wenn die Sauen im Walde werfen, und man
-läuft nicht ewig dahinter her und lockt die kleine Brut, wie die Alte, mit
-Händen voll Mais, so werden sie wild wie die Hirsche und der Böse mag sie
-dann haschen, wenn er sie haben will. Auch das Land ist, wenn auch gut,
-doch schwer zu bearbeiten -- die Bäume sind gar so stark und stehn zu
-dicht und die Stümpfe so draußen im Feld zu lassen, daß man mit dem Pflug
-zwischen lauter Holz und Wurzeln herumackert und Vieh und Menschen halb
-zu Tode schindet, das ist eine Wirthschaft, wie sie einem ordentlichen
-Oekonomen nicht zusagt. Der Dünger wird ebenfalls nicht beachtet und die
-liebe Gottes-Gabe bleibt wild zerstreut im Walde herum.
-
-Auch mit der Viehzucht ist's schlecht, man weiß nie wo sein Vieh steckt,
-alle Augenblick hat Wolf oder Panther ein Stück und die Schaafe -- na die
-wünscht ich, daß Du die einmal sehn könntest, wenn sie, die ganze Wolle
-eine einzige Klettenmasse, aus dem Walde kommen.
-
-Und nun das Ungeziefer; Holzböcke und Moskitos oder Mücken fressen
-Einen bald auf -- die Fliegen sind, besonders in kleinen Waldwiesen
-oder Prairieen, in solcher Unmasse vorhanden, ein Pferd förmlich zur
-Verzweiflung zu bringen und Wanzen -- nun die Wanze stammt ja aus Amerika,
-und es braucht uns also nicht zu wundern, wenn wir sie hier heimisch
-finden.
-
-Eines ist es aber noch besonders, was mir das hiesige Bauer- oder
-Farmerleben zuwider macht -- die gänzliche Ungeselligkeit und
-Abgeschiedenheit. Anstatt die Häuser in Dörfern beisammen zu haben, liegen
-sie alle meilenweit von einander entfernt, im Wald, und wenn Einem wirklich
-einmal etwas zustößt, so ist auf schleunige Hülfe gar nicht zu hoffen --
-mir graust es wirklich, wenn ich an irgend eine Krankheit, die mich oder
-die Meinigen betreffen könnte denke, denn der einzige Arzt wohnt sieben
-englische Meilen von mir entfernt, und das schlimmste dabei ist, daß ich
-wünschen muß, er wohnte lieber siebenzig, denn ehe ich mich einem solchen
-Quacksalber in die Hände gebe, der seine Patienten mit Calomel füttert und
-hinopfert, sterbe ich lieber sanft an Kamillenthee und Glaubersalz.
-
-Und mit den Leuten ist es erst eine fürchterliche Noth; Knechte und
-Mägde, was wir darunter verstehn, und wie sie doch zu einer ordentlichen
-Wirthschaft unumgänglich nöthig sind, kann ich gar nicht bekommen -- die
-Leute wollen Alle wie die Herren behandelt sein und gehn und kommen wie
-es ihnen am besten gefällt. Auch ihre Ansprüche sind unverschämt und
-übertrieben -- erstlich unverhältnißmäßigen Lohn, dann dreimal Fleisch den
-Tag und Kaffee und Zucker zum Frühstück, wie Thee oder Milch zum Abendbrod;
-und das genügt ihnen nicht einmal, wollte ich es ihnen dabei an einem
-besondern Tische geben und für mich mit meiner Familie allein essen, --
-thäte ich das, ich glaube ich setzte mich den größten Unannehmlichkeiten
-aus.
-
-Nein, lieber Vetter, wenn Du meinem Rath folgst, so giebst Du Deinen Pacht
-nicht auf, sondern bleibst ruhig in Deutschland -- sind auch die Abgaben
-dort wie andere Scherereien ziemlich bedeutend, so schützen uns doch
-auch die Gesetze wieder vor tausend Unannehmlichkeiten, denen wir hier
-ausgesetzt sind, und das gesellige Leben wiegt wieder viele Mängel auf --
-kann ich meine Farm vortheilhaft verkaufen, so komme ich auf jeden Fall
-wieder zurück und bei einem Glase Bier -- o wie ich mich nach einem
-ordentlichen guten Krug Lagerbier sehne, -- erzähl ich Dir dann, was ich
-hier Alles erlebt, und wie ich so nach und nach und Schritt für Schritt, in
-all meinen schönen Hoffnungen und Plänen enttäuscht wurde.
-
-Daß das recht bald geschehen möge wünscht, mit seinen herzlichen Grüßen an
-Dich und die lieben Deinigen
-
- Dein alter Freund und Vetter
-
- _Christoph Roßberger_.
-
-Meine Frau, die Euch mit den Kindern, ebenfalls herzlich grüßen läßt, klagt
-eben über Frösteln und Kopfweh -- die Nägel fangen ihr auch schon an blau
-zu werden -- das sind die freundlichen Anzeigen des kalten Fiebers.
-
-
-Dritter Brief.
-
- _Nujork_ nich sondern _Kendukki_ wo ich jezd bin.
-
- _Lüber Ludewig!_
-
-Ich bin glicklich hir eingedroffen in Ameriga Dunnerwetter das is en Land
-17 Dage in eine ford gereißt un noch keine Grenze un kein Schandarm un kein
-Bas verlangd un kein Schlachbaum gesen un kein Bolizeidiener worum ich Dich
-eigendlich bitten wolde weil mir das bei den Bolizeidienern die ich nich
-gesen habe einfelld so geh doch einmal zu Lowizki hin Du weist schon --
-und sage ihm hir soll er herkommen hir is des Land vor ihm. Woso aber Du
-glaubsd dass ich nich de Warheid rede die Kühe und Ferde laufen hir frei im
-Walde rum un es kann se jeder nehmen wer will un ich bin iberall die Nachd
-in die schenstden Betten geschlafen und ob sie mich eine 20 Daler Nothe
-wexeln kennten wenn ich se morgens fragde sagden se jedesmal nein was mir
-sehr leid tat Hurrjeh komm nach Ameriga un 3mal Fleisch un Speck un Kafeh
-un Milg und Zuker un saure Gurken un Herr nennen sie Misther wo sie mich
-immer Misther Bomeier nennen. Hür glaub ich aug von wegen Komunismuss is
-das regde Blatz glaub ich un ich un ein guder Freind wir haben uns den
-Mormonen angemagd wie ich sagen wollde wir haben Briderschafd mit sie
-gemagd un allens sollen mir teilen haben sie ferschprochen mir teilen un
-sie teilen un die anderen teilen un da kommen mir gans gut weg dabei aber
-mir missen sie schon mannigmal kleine Freindschafden duhn un Welschkorn
-holen in andere Felder und aus Fersehn eine Sau schlagden un kein Schandarm
-hat einen nichts zu sagen un is keiner zu sehn. Un vile Aeppel in die
-Obstgerten un viele Firsich das eine Bein tut mich noch sähr we von ein
-große Hund -- gottvertamte Krete der Hund Aber ich muss nu schlüßen o
-Ludewig wenn Du wistest was se hir vor Gefengnisse haben lauter Holz und
-kein Boden drin ob se wol unser einem nu Du verstehest mir wol Aber ich
-muss nu schlüßen un die Bauern die nich teilen wollen haben ire Kornkrib
-als wo so ein Welschkornscheune heißt im Freien un keine Hunde dabei wie
-die vertamte Krete. Aber ich muss nu schlüßen un wenn Du hirherkomst un
-ich wone in das Bortinghaus von Samöel Schmit un Du kansd hir aug wohnen
-1 un 3 4tel Dollar die Woche. Aber ich muss nu schlüßen un Du kansd lange
-gut leben denn Du komsd bald hürher von die Schorken die Dich schünden und
-kujjeniren wo es immer geschiht das winscht Dein getreier Bruder
-
- _Eregott Bomaier_.
-
-Wenn Du meine Frau siest sage ihr sie solte jo nich hirher kommen es were
-hir gar nigts vor die Frauen.
-
-
-Vierter Brief.
-
- =New York the 20th of March 48.=
-
- _Theuerer Scharffenstein!_
-
-Du wirst staunen, schon einen Brief von mir zu erhalten, denn Du am besten
-kennst wohl meine Schwäche in Allem was schreiben heißt -- die Hand die
-gewöhnt ist den Degen zu führen, schreckt gewöhnlich vor der Feder zurück
--- doch ich fühle mich hier zu wohl, zu glücklich, um Dir nicht Theil
-an meiner Freude zu gönnen und jeder Tag deshalb, den ich an dieser
-Mittheilung verzögerte, schien mir ein Raub an Deiner Liebe.
-
-Du weißt aus welchen Gründen ich Deutschland verließ -- was half mir meine
-Stellung als Rittmeister -- der Rittmeister verdiente nicht genug den
-Grafen standesgemäß leben zu lassen, und meine Lage wurde drückend. Ich
-muß Dir aber dennoch gestehn, daß ich mit nicht geringen Befürchtungen den
-Amerikanischen Boden betrat -- es war eine _Republik_, und was konnte darin
-der arme Graf erwarten -- hoffen? Schon der erste Blick, den ich in die
-ungeheuere Stadt New York that, bestärkte mich dabei in diesem Gefühl, und
-beengte mir Herz und Geist -- kein Haus ohne ein Geschäft in den unteren
-Räumen, kein freier Raum zwischen Thüren und Fenstern, ohne Schilder,
-Anzeigen und riesige Namenszüge und Buchstaben. Hier -- das ließ sich
-nicht verkennen -- herrschte der Krämer, und der Graf konnte nur eine sehr
-untergeordnete Rolle spielen.
-
-Oder sollte ich etwa als -- Commis in eines dieser Geschäfte treten? --
-Dingen und feilschen, wiegen und messen, und mir mit »ehrlichem Fleiße«
-einen Platz in der menschlichen Gesellschaft mühsam erringen, daß
-ich endlich, nach Jahre langer Arbeit -- auf gleicher Stufe mit den
-Krämerseelen stünde? -- Bah, der Gedanke war demüthigend und odiös und
-trieb mir die Tropfen auf die Stirn.
-
-Der erste Lichtblick, der mich in diesem Chaos meiner Gefühle traf, war
-eine vierspännige Kutsche mit galonnirtem Kutscher vorne und betreßten
-Bedienten -- einen Weißen und einen Neger, hinten auf -- ja auf dem
-Kutschenschlag sogar ein Wappen -- leider konnte ich es nicht erkennen,
-denn sie rollte zu rasch an mir vorüber. Ich war wirklich erstaunt, _das_
-hier in einer der Hauptstädte der Republik zu finden, und Du wirst
-mein Erstaunen theilen, wenn ich Dir sage, daß ich in Zeit von einer
-Viertelstunde fünf oder sechs solche Wappenträger gesehn, doch mit lauter
-mir fremden Schilden.
-
-Am nächsten Tag, als ich die Theile der Stadt durchzog, wohin meine
-Empfehlungen lauteten, betrat ich die Straßen die weniger kaufmännisch und
-schon mehr aristokratisch aussahen. Elegante Gebäude mit Marmortreppen,
-Mahagonithüren und vergoldeten Knöpfen -- hie und da der Wollkopf eines
-schwarzen Portiers sichtbar. Dennoch betrat ich mit einer Art Beklemmung
-die erste Treppe -- der Name John Broadfoot klang gar zu plebejisch und
-sein, wie seiner Gattin Anblick, strafte ihn leider nicht Lügen, obgleich
-sie Beide von Atlas und Gold strotzten -- ich mußte wahrhaftig beim
-ersten Eintritt das Lachen verbeißen -- Gott sei Dank, daß ich nicht
-herausplatzte.
-
-Aber pompös eingerichtet waren die Leute, wahrhaft fürstlich, und Du weißt,
-meine Ansprüche in der Art sind nicht gering -- nur etwas überladen, zu
-viel Gold und lichte Farben, zu wenig Schatten für die Masse blendender
-Strahlen. Von dem Augenblick an begann aber ein neues Leben für mich! ich
-flog aus einer Gesellschaft in die andere; Einladung folgte auf Einladung;
-ich wurde fetirt wie an keinem Orte Deutschlands oder Frankreichs und
-der deutsche Graf, der =german count=, scheint wirklich das Stadtgespräch
-geworden. Beim Himmel, Eugen, ich bin in dieser Republik eher wie ein Gott
-als ein Sterblicher behandelt worden, und wenn in Paris, wo, wie ich eben
-die Nachricht bekomme, das Königthum gestürzt sein soll, die Republikaner
-ebenfalls so rücksichtsvoll gegen Grafen sind, dann werd' ich künftig in
-Paris die Saison und in Amerika meinen Sommer verleben.
-
-Doch lange mag ich nicht mehr der Mittelpunkt aller dieser Feste sein,
-ohne nicht bald selbst einmal etwas ähnliches zu veranstalten; dieser mir
-gezollte Weihrauch macht mich allerdings sehr stolz; ich bin aber auch
-wieder zu stolz, unerwiedert dergleichen fortwährend anzunehmen. Meine
-Casse befindet sich freilich in keinen übermäßig brillanten Umständen,
-soviel aber hält sie hoffentlich aus, denn ist mir wieder auf eine Zeitlang
-hier Bahn gebrochen und rückt der Sommer weiter hinein, nun so ziehe ich in
-die benachbarten Städte Philadelphia, Baltimore, Boston; ein Graf mit einem
-so wackeren Namen wie der meine, wird dort überall nicht allein willkommen
-geheißen, sondern wirklich ersehnt, da es, Gott sei Dank, mit zum guten Ton
-gehört, ihn unter seine »=friends=« zu zählen.
-
-Also =good bye=, mein theuerer Scharffenstein, laß bald selbst einmal etwas
-von Dir hören und sei versichert, daß sich stets Deiner in alter Liebe und
-Freundschaft erinnern wird, Dein
-
- _Hugo_,
-
- Graf von Böllinghausen und Nistadt.
-
-=P. S.= Solltest Du selber noch herüber kommen, so nimm auf dem Dampfschiff
-um Gotteswillen erste Cajüte. Man muß hier, in Amerika selber, allerdings
-mit manchem Plebs verkehren, weil sich das nicht gut vermeiden läßt, auf
-der See aber, und so frisch von der Heimath fort, ist es oft höchst fatal
-und widerwärtig.
-
-
-Fünfter Brief.
-
- Im Staat _Ohio_ am 3ten März 1848.
-
- _Liebe Eltern und lieber Bruder!_
-
-Es freut mich Euch sagen zu können, daß es mir hier gesund und wohl geht.
-Ich habe nämlich die Seereise glücklich überstanden und wenn ich auch lange
-seekrank war, so bin ich doch jetzt wohl und gesund und es fehlt mir an
-meinem Körper gar Nichts. Was aber die Verhältnisse hier anbetrifft, so
-thut es mir leid, Euch gar nichts Bestimmtes und nichts Gutes über mich
-schreiben zu können, denn es geht mir bis jetzt noch hier herzlich schlecht
--- vielleicht wird's einmal später besser. Kommt aber ja nicht jetzt
-heraus, wie ihr es wolltet, liebe Eltern und lieber Bruder -- es ist Alles
-nicht wahr, was uns Siebenhegers im vorigen Jahre geschrieben haben -- und
-wenn es wahr ist, so ist es ganz anders, als wie es im Brief aussieht, und
-wie man es sich dennoch denken muß. Allerdings kann jeder gleich Meister
-werden wer will, und ich bin auch gar nicht faul gewesen wie ich hier
-nach Amerika kam. Ich nahm gleich mein Handwerkszeug, miethete mir einen
-_Schop_, wie sie's hier nennen und fing mit der Tischlerei an, aber lieber
-Gott, arbeiten hätt' ich schon gern gewollt, wenn ich nur was zu arbeiten
-gehabt hätte, und den theueren Miethzins mußt ich dabei bezahlen und das
-Borting, wie sie hier die Wirthshäuser nennen und da wurden die hundert
-Thaler, die ihr mir mitgegeben habt, liebe Eltern, immer weniger, bis ich
-zuletzt einsah, ich müßte endlich verhungern, wenn ich so sitzen bliebe und
-wartete auf Arbeit. Da gab ich mein Werkzeug an einen Freund zum Aufheben
-und ich selbst nahm den Rest von meinem Geld, 37 Dollar und 3 Schilling und
-ging nach Missuri.
-
-Im Lande nun dacht ich könnt's mir gar nicht fehlen, denn in dem Brief
-stand ja, das Vieh liefe hier wild herum und koste beinah gar Nichts, und
-das Welschkorn brauchte man nur zu pflanzen, und Alles was man hätte könnte
-man gleich verkaufen an Butter, Milch, Mais und Wildhäute und das Haus
-helfen Einem die Nachbarn baun -- das stand alles in dem Brief. Und wie ich
-nun hierherkam da hatt ich noch 20 Dollar und 75 Cent, denn das Reisen hier
-ist sehr billig, aber damit konnt ich doch keine Farm kaufen und Arbeit
-konnt ich auch nicht kriegen, denn hier brauchen sie lauter Leute, die
-recht gut mit der Axt umzugehn wissen, und daß wußte ich nicht, und mein
-Handwerkszeug hatt ich auch in Nujork gelassen und wie ich dorthin schrieb
-da sagte der Wirth in dem Bortinghaus dem ich es gegeben hatte, er wüßte
-nichts davon und ich war es los. Für 4 Dollar den Monat und die Kost boten
-sie mir in Anfang Arbeit an, aber ich wollte es nicht annehmen weil ich
-glaubte es wäre zu wenig, und ich verzehrte erst alle meine 20 Dollar und
-dann nahm ich Arbeit für 4 Dollar, weil ich doch nicht hungern wollte und
-ehrlich fortkommen wollte. Und ich bin auch ganz abgerissen an Kleider und
-ich fürchte mich neue zu kaufen, denn ich mochte nicht gerne Geld borgen.
-Ich bin bei Deutschen hier und muß fürchterlich arbeiten, aber ich thu es
-gern, denn ich verdiene doch wenigstens mein täglich Brod, aber sie sagen
-mir, Einer der kein Geld hat, der kann es zu gar nichts bringen und wenn
-ich fleißig bin, wollen sie mir in der Erndte 8 Dollar geben und ein neues
-Hemde. Ich muß auch viel Tischlerarbeit für sie machen und für andere
-Leute, wofür ich aber das Geld nicht kriege, meine Brodherrschaft
-verdient aber nichts dabei, denn die thut es auch sehr billig, mehr aus
-Gefälligkeit, weil sie auch wieder viel Gefälligkeit von den andern Leuten
-erhält.
-
-Das sind nun die schönen Gedanken von 1 Dollar den Tag für Arbeit und immer
-mehr zu thun wie Einer thun könnte. Meine Brodherrschaft, die es sehr gut
-mit mir meint, sagt ich könnte mir gratuliren, daß ich bei ihnen wäre, denn
-viele Leute laufen brodlos rum. Und daß ist auch wahr, ich habe schon
-viele gesprochen, die gerade aus Deutschland kommen, und es geht ihnen
-sehr schlecht. Neulich war ein Mann bei mir aus Hessen Darmstadt -- der
-hat geweint und gesagt seine Familie thäte in einer elenden Blockhütte am
-kalten Fieber liegen und er hätt keinen Groschen um Brod zu kaufen. Der
-Mann heißt Mülzer und ist auch ein Handwerker, aber ein Bäcker und die
-Leute backen sich hier alle selber ihr Brod und was anderes konnte er nicht
-werden, sagte er, weil er nichts anderes gelernt hat.
-
-Doch adje liebe Eltern und lieber Bruder, vielleicht geht mir's noch einmal
-besser hier in Amerika und dann schreib ich Euch wieder, aber jetzt gehts
-noch nicht gut und darum grüßt Euch Euer getreuer Sohn und Bruder
-
- _Traugott Erdmann_.
-
-
-Sechster Brief.
-
- _New York_ den 9ten März 48.
-
- _Mein herzlieber Carl!_
-
-Versprochener Maßen erhältst Du, sobald ich nun hier in dem neuen
-herrlichen Lande einmal zu Athem gekommen, augenblicklich Nachricht von
-mir, und zwar Nachricht, nicht wie es hier im Lande selber steht, denn
-davon weiß ich noch zu wenig, sondern über das besonders, was ich hier thue
-und treibe.
-
-Ich bin beinah alle Tage auf der Jagd gewesen, doch die Jagd um New York
-selbst herum, ist höchst unbedeutend -- eine kleine Rohrdommel und zwei
-Moschusratten bilden den beträchtlichsten Theil meiner Beute, und das
-klingt Dir wahrscheinlich sonderbar, wenn Du Dich an unsere Gespräche über
-Bären, Büffel, Elens, Riesenhirsche und Panther erinnerst. Doch Du mußt
-bedenken, die Jagd ist hier frei, jedes Kind kann mit seiner Flinte
-hinausgehn und schießen, und daß da um eine Stadt wie New York, die, glaub'
-ich, 400,000 Einwohner hat, kein großes eßbares Wild mehr zu finden ist,
-liegt allenfalls auf der Hand.
-
-Gestern traf ich aber glücklicher Weise einen alten Jäger aus Indiana, das
-viele hundert Meilen westlich von hier liegt; der erzählte mir, zufälliger
-Weise wie das Gespräch gerade kam, von dem Wild in seiner Gegend, das
-muß fabelhaft sein. Mir zugeschworen hat er's, daß er die Bären manchmal,
-besonders in kalten mondhellen Nächten, aus seinem Küchenfenster schießt,
-und Hirsche erlegt er nur, wenn er Fleisch für die Hunde braucht. Denke Dir
-wie sich das glücklich trifft, der Mann hatte zufällig, und ich merkte es
-gleich, er wollte im Anfang nicht mit der Sprache heraus, eine kleine Farm,
-ein sogenanntes =improvement= von ein paar Ackern urbargemachten Landes
-zu verkaufen, auf dem ein kleines Wohnhaus und eine Räucherkammer und
-Maisscheune steht. Und weißt Du was das ganze kosten soll? -- Du riethst
-es wahrlich nicht und gingst Du noch so tief hinunter -- denke Dir,
-250 Dollar; -- vier bis fünf Acker urbar gemachtes Land mit den dazu
-gehörigen Gebäuden für 250 Dollar! es ist fabelhaft.
-
-Ich scheute mich wahrhaftig im Anfang ja zu sagen, denn es war
-augenscheinlich, der Mann kam gerade mitten aus dem Walde in die Stadt und
-kannte den Werth seines Besitzthums gar nicht, denn für 250 Dollar schieß
-ich ja allein in der Gegend an Wild heraus, Bärenfett, Honig und Wachs,
-was Alles hier in New York einen ganz guten Preis hat, gar nicht gerechnet.
-Leider sind keine Indianer mehr in der Gegend, doch versicherte mir mein
-Backwoodsman, das sei nur ein sehr großer Vortheil für den Wildstand, dem
-die Indianer, wenn sich viele in der Nachbarschaft aufhielten, gewaltigen
-Abbruch thäten.
-
-Gestern Mittag wurden wir denn handelseinig; d. h. ich schloß den Handel
-nach seinen eigenen Bedingungen mit ihm ab, weil ich Furcht hatte es könnte
-mir sonst ein Andern zuvorkommen. Hol's der Henker, wenn der Mann etwas
-verkaufen will, so muß er auch wissen, was er dafür fordern kann -- er ist
-alt genug und braucht keinen Vormund. Uebrigens habe ich ihm auch noch drei
-Kühe, die auf dem Platz sind, für den allerdings im Verhältniß jener wilden
-Gegend etwas hohen Preis von 12 Dollar =per= Stück abgenommen, auch eine
-Heerde Schweine von 19 Stück mit 3 Dollar =per= Kopf. So bin ich denn auf
-einmal ein Amerikanischer Farmer geworden und will in nächster Woche nach
-meinem neuen Besitzthum aufbrechen; wollte Gott Du wärst jetzt hier und wir
-könnten zusammen dorthin ziehn, ich kann Dir gar nicht sagen wie ich mich
-darauf freue.
-
-Nur das eine ist mir unangenehm, daß der alte Jäger nicht mit mir zu seinem
-früheren Wohnort zurückkehren kann, um mich dort gewissermaßen einzuführen;
-er will aber von hier direkt nach Texas, um von dort aus nach New Mexico
-überzusiedeln und als Pionier den Kern jener Macht mit bilden zu helfen,
-die später als neuer Staat der Union von Nordamerika ein neues Glied jener
-herrlichen Kette werden wird, die in kaum einem halben Jahrhundert den
-ganzen Continent von Amerika umspannen muß. In Texas soll es auch viel Wild
-geben, lange aber nicht so viel, meines Backwoodsmans Aussage nach, als in
-Indiana.
-
-Besonders malerisch hat er mir die Truthahnjagd und die Panterhetzen
-geschildert und das einzige was er gegen das Land dort einzuwenden hat,
-wäre -- denn er sagte mir, er hielte es für seine Pflicht darin aufrichtig
-gegen mich zu sein -- daß eben Panther, Bären und Wölfe einen ordentlichen
-Viehstand schwer aufkommen ließen; besonders bösartig sollten die Bären
-hinter den Schweinen her sein, ja nicht selten sogar in das Maisfeld selber
-brechen und darin beträchtlichen Schaden anrichten. -- Und das sollte
-mich von dem Lande abschrecken, Carl -- ich gebe Dir mein Wort, ich mußte
-ordentlich an mich halten, daß ich nicht laut aufjubelte vor lauter Freude.
--- Bären im eigenen Maisfeld; na wartet, meine schwarzen Burschen, ich will
-Euch das Mahl mit meiner treuen Büchse gesegnen -- zwanzig Kugeln auf's
-Pfund, die machen ein Loch wo sie hinkommen.
-
-Um übrigens den alten Jäger wenigstens in etwas dafür zu entschädigen, daß
-er so billig verkauft, und mir zugleich die Bahn zu dem Ziel meiner Wünsche
-gezeigt und geebnet hat, bin ich heute morgen, als ich ihm sein Geld
-ausgezahlt hatte, durch die Stadt gegangen und habe ihm dort noch eine
-prächtige lange Büchse, die ihm sehr in die Augen zu stechen schien und die
-allerdings 60 Dollar kostete, gekauft. Du hättest sehn sollen, wie mich der
-anschaute, erst griff er voller Eifer darnach, und dann besann er sich eine
-Weile, schüttelte mir die Hand, und wollte sie meiner Seele nicht annehmen,
-wie ich aber endlich ganz fest darauf bestand, ja zuletzt sogar schwur, ich
-würde sie, wenn er sie zurückweise, dem ersten besten Menschen geben, der
-uns auf der Straße begegnete, da warf er sie sich über die Schulter
-und pfiff vor Freude die ganze Straße hinunter. Es ist ein kostbarer
-Menschenschlag, der Amerikanische.
-
-So lebe denn für jetzt wohl, mein Carl, denn die Vorbereitungen zu meiner
-Reise nehmen für den Augenblick meine ganze Zeit in Anspruch; ich will
-nämlich, wenn ich es noch möglich machen kann, schon morgen nach meinem
-kleinen Besitzthum aufbrechen, um gleich Jemanden zu besorgen, der es
-mir dieses Jahr noch ackern und mit Mais bepflanzen kann. Sowie ich dort
-eingerichtet bin, hörst Du sogleich wieder von mir, und des ersten Büffels
-Haut, den ich eigenhändig erlege, soll unter Deinem Schreibtisch als
-Fußdecke prangen.
-
-Bis dahin aber grüßt und küßt Dich herzlich Dein
-
- jetzt wahrhaft glücklicher
-
- _Fritz Sternberg_.
-
-
-Siebenter Brief.
-
- Filadelphia de 10. März 1848.
-
- _Guter Edde und allerbeste Mämme._
-
-Gottes Wunder was hob ich vor ane Raise gemocht hierher in de gewaltige
-Stadt von die Quäkers; lauter Wasser und immer Wasser -- will ich nich
-gesund auf meine Fiße stehn, wenn ich nit glaub' grad dorum nenne se
-den graußen Ocean das Mehr, wails nimmer weniger werd. Und das Bischen
-Seekrankheit unterwegs -- wai geschrien Mämme -- s' wor schauerlich. Speck
-hawe mer esse dirfe, der Rabbiner hets uns über die See erlaubt, weil mer
-de Schiffskost nu emol net kauscher kriege konnt -- aber Gottes Wunder was
-hots uns geholfe? wie hob ich mich uf den Speck gefrait und will ich nich
-gesund auf meine Fiße stehn, wenn ich en nachher auch nur ansehn kunnt --
-gleich wurde mer schlecht.
-
-Ihr wollt wisse was Seekrankheit is? Gottes Wunder -- wie heißt
-Seekrankheit -- nehmt a gute' Handvoll Brechwainstein, und wenns Eich denn
-recht schlecht, recht eklich werd, main, dann setzt Eich in 'ne Schaukel
-un laßt den Itzig schaukle un immer schaukle un je schlechter Eich werd, je
-höher schaukle von den Itzig -- dos is Seekrankheit, und wollt ers nachher
-noch ganz akkerat wisse, dann bleibt in de Schaukel sitze und trinkt ä
-Bissle worm Salzwasser mit Butter nein -- Gott der Gerechte wer kann do an
-Speck denke.
-
-Un das Land? -- wai geschrien wos is des vor e Land -- wie haißt Amerika?
-hätt ich doch mein Lebtag nicht gesehn Amerika -- is dos auch ä Nome fir
-des Land? -- Terkei sillts heiße oder Kosakeland aber nich Amerika. Was hob
-ich profitirt sait ich hier bin -- frogt mich emol was ich profitirt habe?
--- gor nix hab ich profitirt un noch weniger. Quäker, haißts, wären lauter
-in Filadelphia -- ich hob noch nix quäken gehört; will ich nich gesund auf
-meine Fiße stehn, wenn nich mehr Jüdden hier sin wie Quäker -- un da soll a
-Jüdd was profitiren? -- lächerlich.
-
-Rumgelaufe bin ich mit en klainen Kerbche von Haus zu Haus und wos fir
-schaine Sachen hob ich Alles gehabt: Kemmcher, Stecknodeln, Hosenträger,
-Band, Litzen, Zwirn, Fingerhit, Saifen, Haaröl, Stohlfedern und was waiß
-ich Alles -- es is ordentlich a Wunder gewese, wies Alles in dem klainen
-Kerbche hat Platz gehatt -- und was fir Geschäftcher hab ich gemacht? --
-wie haißt Geschäftcher -- in de klaine Haiser bin ich gewesen, sahen se
-alle meine Sachen -- will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, von vorn
-bis hinten an, un wenn se sulten kaufen, hatten sie kain Geld -- un in de
-graußen Haiser? -- geh der Edde mol in die graußen Haiser in Filadelphia --
-Gott der Gerechte, mit schwarze Mohren haben se mich 'naus geschmissen.
-
-Das sin de Geschäftcher in der Stadt, un in's Land drauße? -- geh der Edde
-wol in's Land drauße? im Wald wimmelts von wilde Katzen un Panthers un
-Bären, un Gott der Gerechte, was sin mit Bären für Geschäftcher ze machen?
-ich geh _net_ in's Land werd ich mich fressen lassen. Un wer kennt Einen
-hier? -- wer soll dem Veitel Credit geben? kan Mensch -- der Veitel is hier
-gor nix -- Gott der Gerechte, wär' ich in Bamberg gebliebe, un hätt' ichs
-Geld -- will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, wenn ich nich den Brief
-selber brächt.
-
-Gott behits Mämme un Edde, wenn ich mit die zwai Ducatcher die ich noch
-aingenäht uffm Magen trag in vier Woche nich verhungert bin, schreib ich
-Eich noch e Mol wie mers geht -- grißt mer de Rachel -- soll se froh sein
-daß se is in Bamberg, un dasselbe winscht sich
-
- Eier lieber Sohn _Veitel_.
-
-
-
-
-Zweiter Theil.
-
-
-Erster Brief.
-
- _Cincinnati_, den 16. August 48.
-
- _Lieber Theodor!_
-
-Sei nicht böse, daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe, aber, es ist
-hier ein gar so geschäftiges Leben, und ich selbst bin in so eigenthümliche
-Verhältnisse hineingerathen, daß ich selbst kaum weiß, wie ich Dir das
-Alles mit kurzen Worten schildern soll. Auch bei Euch daheim sind, wie ich
-höre, indessen große Veränderungen vorgegangen; nun, seid nur vorsichtig in
-der Gründung einer Republik und nehmt Euch Amerika zum Muster -- d. h. wie
-Ihr Vieles _nicht_ machen sollt.
-
-Hätt' ich gewußt, daß sich Alles bei Euch so rasch gestalten würde, so
-wär' ich doch lieber noch in Deutschland geblieben -- Amerika hat viel
-vortreffliche Seiten, aber -- es ist doch die Heimath nicht. Die Gesetze
-sind allerdings ausgezeichnet -- die Amerikanische Constitution könnte
-jedem Lande der Welt zum Vorbild dienen und sein Glück sichern -- aber sie
-sollte auch in jeder Beziehung nicht dem Wortlaut, sondern dem Sinn nach
-ausgeführt werden, wie es sich jene edlen Männer bei dem Entwurf derselben
-gedacht haben. Die Gesetze allein können aber ein Land nicht glücklich
-machen, wenn die Regierung nicht auch die Macht hat sie auszuüben, und
-ihnen Achtung zu verschaffen. Das Lynchgesetz giebt davon ein trauriges
-Beispiel, wo das Volk mit den Personen, die seiner Rache einmal, ob gerecht
-oder ungerecht, verfallen sind, angiebt was es ihm beliebt.
-
-Der Amerikaner mag aber noch angehn hier, er ist zwar kalt und
-theilnahmlos, eine schändliche Geldaristokratie läßt Einen manchmal
-wahrhaftig ordentlich den Adel des alten Landes herbeiwünschen, und ewig
-auf kaufmännische List -- ja oft auf wirkliche Betrügereien sinnend,
-versteckt er das hinter der Maske ekelhafter Bigotterie; doch ist er
-wirklich mit Leib und Seele Republikaner, seine Constitution geht ihm über
-Alles, und er würde für ihre Vertheidigung und Aufrechthaltung Leib und
-Leben einsetzen. Aber widerlich wurden mir hier die _Deutschen_, und
-ich muß leider gestehn, ich begreife unter dem Namen die große Mehrzahl
-derselben, die hier in die Republik hineingeschneit sind, sie wissen selbst
-nicht wie, und jetzt, zur Schmach und Schande ihrer Nation, den Partheien
-zum Spielball dienen. Es ist wahr, die meisten sind Demokraten, aber frag'
-sie warum? -- sie wissen es nicht; unklar mit sich über die einfachen
-politischen Fragen des Landes, in dem sie leben, gehen sie mit dem Strom,
-und werden nicht selten in Masse von ein oder der anderen Parthei förmlich
-übergekauft. An eine knechtische Existenz in Deutschland dabei gewöhnt,
-sind sie im Anfang kriechend höflich gegen besser gekleidete, und lernen
-sie erst erkennen, daß sich hier Alle Menschen gleich sein sollen, so
-werden sie gegen Alle, die sie sich an Geist oder Vermögen überlegen
-glauben, grob und ungezogen, um ihnen nur ja zu beweisen, daß sie ihr Recht
-kennen, sich in Amerika eben so viel zu dünken, wie jeder Andere.
-
-Theodor, Theodor, mir bangt, wenn ich in hiesigen Blättern von Euerem
-Streben in Deutschland nach Republik lese, und dann Exemplare der Leute
-hier um mich sehe, mit denen Ihr dort, in der ungeheueren Mehrzahl eine
-Republik gründen müßtet -- es sind Elemente, trefflich geeignet zum
-Zerstören, zum Ansturm gegen einen hartnäckigen feindlichen Widerstand,
-aber zum Aufbau untüchtig, ja gefährlich. Ich habe in Illinois einen
-Prairiebrand gesehen, der nicht allein das trockene Gras verzehrte, das er
-verzehren sollte, sondern auch noch in unzähmbarer Wuth Fenzen, Farmhäuser,
-Scheunen und ganze Waldstrecken zerstörte und in Asche legte, und der
-Strecke, der er nützen sollte, unendlichen Schaden brachte. Es war das in
-einer Zeit, wo ich noch keine Nachricht über Euere deutschen Bewegungen
-hatte, und doch zuckte mir, wunderbarer Weise bei dem Brande der Gedanke an
-eine »deutsche Republik« durch die Seele.
-
-Willst Du übrigens wissen, was der Amerikaner von den »deutschen
-Republikanern« hält, die in ihren deutschen Blättern hier immer von
-Freiheit und Selbstständigkeit, von deutscher Treue und Hochherzigkeit
-prahlen? -- er braucht ihren Namen als Schimpfwort, und besonders ist das
-hier in Cincinnati, wo es viele Tausende von ihnen giebt, der Fall. Das
-Wort »=dutchman=« was Deutscher heißen soll, obgleich es ursprünglich einen
-Holländer bezeichnet, dient zum wirklichen Schimpfwort -- »=you shall call
-me a dutchman=« Du sollst mich einen Deutschen nennen -- ist die empörende
-Versicherung, die ich hier nur zu oft hören mußte »=he fights like a
-dutchman=« wird von Einem gesagt, der bei einer Aussicht auf Kampf die
-Flucht ergreift, und sich nur schlägt, wenn er in einer Ecke eingeklemmt
-ist. =Black dutch= ist ein Schimpfwort, das den Deutschen mit der
-verachtetsten Race, mit dem Neger, in eine Kategorie wirft. Doch genug
-davon, wenn ich sehe, wie meine Landsleute in dem Lande der Freiheit
-verachtet sind, verachtet von Republikanern doch --
-
- »wollt' ich sie alle zusammenschmeißen
- ich könnt' sie doch nicht -- Lügner heißen.«
-
-Zürne mir nicht, wenn meine Worte vielleicht etwas bitter klingen; mir
-ist's nicht gut gegangen seit ich dies Land betreten, und ich habe
-in mancher Hinsicht Unglück gehabt. Gleich im Anfang betrog mich ein
-Amerikaner, der mich anscheinend ganz freundschaftlich und uneigennützig
-aufnahm, um Alles, was ich besaß, indem er mich zum Kauf eines ganz
-werthlosen Gutes verleitete, auf das er noch nicht einmal gegründete
-Ansprüche hatte; ich fiel einem Advokaten in die Hände und sah mich
-nach wenigen Monaten arm wie eine Kirchenmaus in dem fremden Lande.
-Der englischen Sprache vollkommen mächtig, wollte ich mich dann mit
-literarischen Arbeiten beschäftigen. -- Deutsche wie Amerikanische
-Zeitungen erwiesen sich auch gleich bereitwillig, meine Artikel
-abzudrucken, aber -- an Honorar war nicht zu denken.
-
-Als Advokat aufzutreten, wagte ich nicht -- bei der Oeffentlichkeit und
-Mündlichkeit des Gerichtsverfahrens glaubte ich nicht der Aussprache und
-Rede so mächtig zu sein, einigermaßen mein Glück zu machen -- wohl rieth
-man mir dagegen nur dreist und geradezu in der Medicin zu prakticiren, doch
-dazu besaß ich, bei meinen mittelmäßigen Fähigkeiten nicht Frechheit
-genug -- was blieb mir übrig? -- Handarbeit. Aber auch darin zeigten sich
-anscheinend unüberwindliche Schwierigkeiten -- die meiste Arbeit, die hier
-verlangt wird, ist mit der Axt -- mein Arm war darin ungeübt -- was anders
-sollte ich ergreifen? so wurde ich denn -- Du lächelst sicherlich wenn
-Du die Zeilen liest -- Feuermann oder Heizer auf einem der
-Mississippi-Dampfboote.
-
-Erlaß mir die Beschreibung dessen, was ich darauf erlitten, mit schmutzigen
-Negern mußte ich fast unmittelbar Mahl und Lager theilen, der rauhen
-Behandlung der Ingenieure ausgesetzt, auf die Willkühr des Capitäns
-angewiesen, der uns in New Orleans, eine halbe Stunde vorher ehe er abfuhr
-in kaum halbwerthigen Banknoten den sauer verdienten Lohn auszahlte. --
-
-Ich ging allerdings wieder auf ein anderes Boot, wurde aber krank und liege
-nun jetzt hier in Cincinnati in einem erbärmlichen deutschen Boardinghause.
-Komm ich wieder zu Kräften, seh ich mich nach neuer Arbeit um, jedenfalls
-aber schreib mir recht bald, mein theuerer Theodor -- Du glaubst nicht, wie
-ich mich nach einem Brief aus der theueren Heimath sehne. Es grüßt und küßt
-Dich tausendmal Dein
-
- _Carl_ von _Horneck_.
-
-=P. S.= Eben wie ich schreibe, entsteht unten auf der Straße ein Scandal
--- die liebe Jugend hatte in tollem Muthwillen Stroh und Heu mitten in
-=Sycamore street= aufgehäuft und angebrannt, so daß aus den entfernteren
-Theilen der Stadt schon die Spritzen herbeikamen. Nein, was diese
-Amerikanische Jugend für eine Brut ist, davon kann sich, weiß es Gott, kein
-Ausländer einen Begriff machen.
-
-
-Zweiter Brief.
-
- Aus dem Staat _Wisconsin_ am 14. August 1848.
-
- _Lieber Vetter!_
-
-Als ich Dir vor so und so viel Monaten vom Staat New York aus schrieb, da
-war mir's recht häßlich und trüb zu Sinn -- Alles ging contrair, Alles war
-anders wie ich es mir gedacht, Alles anders wie ich es bis dahin gewohnt
-gewesen, und die ganze Welt sah mir deshalb schwarz und düster aus. Es ist
-auch wirklich gar ein böses Ding um die lockenden Beschreibungen, die uns
-alles mit überbunten Farben ausmalen; die Einbildungskraft thut dann
-auch noch das ihrige, und findet man nachher nicht wirklich auch jede
-Kleinigkeit wie man sie sich gedacht, so wird man mürrisch und fängt ohne
-weiteres an, am hellen Tage Gespenster zu sehn.
-
-So war ich z. B. in Deutschland bequeme warme Häuser gewöhnt, und fand
-hier, im Verhältniß zu denen elende Hütten, dachte aber nicht daran, daß
-das ja jedes eigne Schuld ist, wer sich sein Haus nicht so wohnlich und
-behaglich einrichtet wie es ihm gefällt. Auch die Viehzucht stand mir nicht
-an; ja, da war mir vorerzählt, man brauche eine Sau nur in den Wald zu
-lassen und nach der gehörigen Zeit käme sie mit zehn, elf Ferkeln wieder
-zu Hause und die Ferkel kriegten wieder Ferkel und so fort, bis unabsehbare
-Heerden daraus würden. Ja lieber Gott, so bequem ist die Viehzucht
-nicht, aber sie bietet im Verhältniß zu Deutschland doch ungeheuere
-Erleichterungen, und wer da nur mit einigermaßen gemäßigten Ansprüchen
-herkommt, muß sie befriedigt finden.
-
-Auch der Ackerbau ist den hiesigen Bedürfnissen vollkommen entsprechend,
-und die Cultur steigt, wie diese sich vermehren. Mit den wilden Thieren
-ists dabei eben nicht so arg, _der_ Schaden den _die_ thun, kann man
-ertragen und die Insekten, nun ja, das _ist_ verwünschtes Zeug, und ich
-wollte der Böse holte den Schwarm und verwendete sie vielleicht auf irgend
-eine zweckmäßige Art im Fegefeuer -- aber -- es läßt sich eben ertragen --
-vollkommen ist kein Land.
-
-Doch, Du willst in Deinem letzten Briefe wissen wie es mir geht und
-scheinst schon das Schlimmste zu fürchten -- ich habe Dir durch mein
-Schreiben vielleicht Ursache dazu gegeben -- doch sei nicht ängstlich, es
-ist nicht so gefährlich. -- Im Staat Wisconsin, in der Nähe von Milwaudie
-habe ich mir, für einen nach deutschem Maasstab ungemein billigen Preis,
-eine recht hübsche Farm gekauft; auch den Keim zu einer heranwachsenden
-Viehzucht hab' ich gelegt, und Ställe gebaut, in denen meine Heerden im
-Winter Schutz gegen die Kälte finden. Die wild im Wald herumlaufenden
-Schweine machen dem Farmer allerdings oft viel Noth, wenn er nicht einen
-großen Theil derselben einbüßen will, doch mit ein wenig Fleiß läßt sich
-das Alles beseitigen, und meine deutschen Nachbarn versichern mich, sie
-kämen recht gut damit zu Stande. Auch das Ackern, über das ich mich im
-Anfange der vielen Wurzeln und Stümpfe wegen, so ärgerte, geht jetzt recht
-gut -- man muß sich nur erst hineinfinden und nachher sieht man stets, daß
-eines jeden Landes Geräthschaften, Sitten und Kleider auch den Bedürfnissen
-und Eigenthümlichkeiten desselben am besten angepaßt sind und entsprechen.
-Für die schwere Arbeit des Urbarmachens der Waldstrecken und des Bischens
-Unbequemlichkeit beim Pflügen, entschädigt reichlich das herrliche
-fruchtbare Land -- -- wahrhaftig es wäre Verschwendung, wenn man das düngen
-wollte, und ich werde mich nicht auslachen lassen.
-
-Allerdings ist das Leben hier nicht so gesellig wie in Deutschland, doch
-habe ich vortreffliche Nachbarn, und da kommen wir mit unseren Familien oft
-zusammen und sind dann stets recht vergnügt; und selbst das Verhältniß der
-Dienstleute, was mir im Anfang gar nicht behagen wollte, leuchtet mir jetzt
-als ganz vortrefflich ein. Die Leute werden von ihren Arbeitsgebern
-(nicht Arbeits_herrn_, denn das Wort Master wird in dem Sinn nur von
-Sklavenhaltern gebraucht) eben so behandelt, als ob sie mit zur Familie
-gehörten und müssen deßhalb auch ihren freien Willen haben, aber nur so ist
-es auch möglich eine wirklich freie Generation zu erziehn, Republikaner zu
-bilden.
-
-Der Arbeits_geber_ wird deßhalb nicht im mindesten von ihnen geknechtet,
-wie ich das im Anfang glaubte, sie verschwören sich nicht zu einem festen
-Preis um den sie arbeiten wollen und säen dadurch Haß und Zwietracht, Gott
-bewahre, unabhängig in all ihren Bewegungen und ihrer Freiheit sich bewußt,
-gönnen sie die auch jedem anderen und Zeit und Umständen überlassen sie
-Lohn und Verdienst. Haben sie sich dann ein kleines Capital verdient, so
-beginnen sie meistens selbst und die Leute die sie dann miethen, werden
-wieder ebenso behandelt, als ob sie noch zusammen in einer Arbeit stünden.
-
-Sieh, Alterchen, ich will Dich nicht etwa überreden hierher zu kommen,
-wenn Du aber keine zu großen Ansprüche machst, und die Verhältnisse in
-Deutschland wirklich so fatal werden wie Du schreibst -- ei dann glaub ich,
-kömmst Du auch hier durch, und würdest Dich am Ende recht wohl fühlen.
-
-Es ist jetzt hier eine kleine Farm mit guten Steingebäuden, zehn Acker
-urbarem und 310 Acker Holz- und Prairieland, und einem recht hübschen
-Anfang zur Viehzucht, mit 3000 Dollar verkauft worden, und es sind
-billigere wie theuerere Farmen immer zu haben. Die Gebäude darfst Du Dir
-aber nicht etwa groß und prachtvoll denken; sie entsprechen nur einfachen
-Bedürfnissen, doch sind sie wohnlich errichtet. Wir haben jetzt auch eine
-Brauerei hier in der Nähe und stellen ein vortreffliches Bier her.
-
-Meine kleine Familie läßt Euch alle in der Heimath herzlich grüßen -- wir
-hatten und haben noch von Krankheit manches zu dulden, denn die Fieber, die
-in dem neu urbar gemachten Boden ihren Ursprung finden, müssen im Norden
-wie im Süden ertragen werden. Doch geht es jetzt, trotz der ziemlich
-starken Hitze etwas besser, und die Nachbarn, Amerikaner wie Deutsche, sind
-wirklich so theilnehmend, als man es nur wünschen kann. So wenig mir der
-Amerikaner in den Städten gefallen hat, so sehr hat mich sein Charakter
-mit ihm im Lande selber ausgesöhnt; die Backwoodsmen Amerikas sind wirklich
-eine prächtige Menschenrace.
-
-Doch ich komme wieder in's Schwatzen und die Kinder quälen mich, ich soll
-mit ihnen in's Holz gehn und wilde Weintrauben holen. Also leb wohl, mein
-lieber guter Vetter -- nimm nochmals die schönsten Grüße und behalte lieb
-
- Deinen
-
- getreuen Vetter
-
- _Christoph Roßberger_.
-
-Entschließt Du Dich noch dazu hier herüber zu kommen, so laß es mich nur
-recht bald wissen, und ich werde Dir und den Deinen schon ein freundliches
-Plätzchen herrichten.
-
-
-Dritter Brief.
-
- _Lüber Ludewig_
-
-Sondern nach Teksas haben se mich jezt kujenirt un nich mehr in Kendukki
-Hurrjeh is das vor ein Land das Ameriga wenn ich nur erscht wieder raus
-were gesund Die Leite hengen se hür wie gar nix un se bigen man blos einen
-Baum krum und hengen se dran wie bei uns de Maulwirfe. Vor das eine Ferd
-konnt ich gar nix un wenn ich mir aus Fersehn drauf sezte un fort ritt so
-war es nur Unglick das ich den Eigendimer gleich in die Straße begegnen
-musste un _die_ Haue, hurrjeh wenn man einmal fort is soll man aug fort
-sein die vertammten Intianer suchen einem Menschen seine Fußtappen nach wer
-weis wie weit un alles wegen lausiche 20 Dollars und ein baar Stiebeln. Un
-mit di Mormonen na di sollen mich wider kommen na aber hür kommen se nich
-her -- was kans Du denn davor wenn se dir sagen das is mein Land hol mich
-einmal 1 Arm voll Korn un mach 1 Schwein dot? Un denn vor en 1 faches
-Fersehen will mann Einen nich gleich ufhengen wie en Maulwurf un wie ich
-here soll es bei eich in Deitschland jezt regd hibsch sein o wenn ich doch
-Geld hette un hiniber kennte hir felts keinen ein das teilen un doch
-sagen se alle Menschen weren gleich die sin aug grade so wie bei uns de
-Arisdograden hole si alle der Deibel. Was ich habe das gehert aug mein
-Nagbar dass is mein Grundsaz un danag handel ich aber hir lasse se kein
-Menschen seine Grundseze ungeschoren, wenn alles was ich habe mein Nagbar
-gehert so gehert alles was mein Nachbar gehert aug mein dass is doch klar
-aber gottbeware aufbacken bünden un vor Gerücht schleppen is hür eins un in
-Anfang wollte se kurtsen Brozess mit mür machen un alle fassden mit an. Was
-hülft mich denn dass das keine Bolizeidiner un Schandarmen nich da sin wenn
-jeder en Bolizeidiner spilen will es war ein Glick dass se mich noch den
-Scherif hir lißen -- denn Scherif nennen se di Oberschandarmen wo ich nur
-erst geglaubt habe es weren keine da weil se nich 3eckige Hite aufhaben wi
-bei uns; nimand hatte mich nich gesehn un da lißen se mich schweren hurrjeh
-war das en Glick un aug freie Pasasche haben se mich auf en Damfbot gegeben
-nach Teksas -- so, mich kriegen se nich wider nach Kendukki. Lüber Ludewig
-wenn Du in Deitschland wo es jezt regd hibsch sein soll was eribrigsd un
-wenn ihr ans teilen komd so thu mich doch den gefallen un schicke mein teil
-heriber das ich auch nach Deitschland kann wo es jezt so hibsch sein soll
-un meine Frau sage sie megde mir doch 5 Daler schicken oder noch mer wenn
-sie kennte denn es ginge mir hir söhr schlegd un ich hette sie söhr lieb
-must du ihr sagen aber ich muss nu schlüßen. so lebe regd wol un gesund un
-besser wie ich denn ich habe das Füber un das schitteld mich söhr un dieses
-winscht dein getreier Bruder
-
- _Eregott Bomaier_
-
-vergis ja nich mir mein teil zu schiken womit du mir ein großen gefallen
-duhn wirst es soll dein schaden nich sein wenn ich nach Deitschland wider
-komme un meine Frau die 5 Daler.
-
-
-Vierter Brief.
-
- _Theuerer Scharffenstein._
-
-Nur mit wenig Worten möchte ich eine Bitte an Dich richten. Du weißt, daß
-ich außer Dir in ganz Deutschland nur einen einzigen Menschen habe, von
-dem ich hoffen könnte, eine Gefälligkeit erzeigt zu erhalten -- es ist dies
-mein Oheim in Sondershausen -- gehe zu ihm und gieb ihm die einliegende
-Zeichnung -- so sieht der Nachkomme jenes hochgräflichen Hauses, dessen
-Vorväter zu den stolzesten Geschlechtern des deutschen Kaiserreiches
-gehörten, aus -- er wird mich nicht lange in dem Zustand lassen wollen.
-
-Ich bin Feuermann auf einem Dampfboot -- Du staunst? ja wahrlich, Du hast
-Ursache dazu, doch laß mich Dir nicht lange mein ganzes Elend vorerzählen
--- ich müßte es noch einmal durchleben und, Gott weiß es, ich habe keine
-Freude an der Erinnerung.
-
-In meinem letzten Briefe schrieb ich Dir, daß ich selbst gesonnen sei
-ein großes Fest in New-York zu geben, um damit die vielen empfangenen
-Freundlichkeiten zu erwiedern. Ich besaß noch eine Summe die, wie ich Grund
-hatte zu hoffen, nicht allein vollkommen hierzu ausreichen, sondern mir
-auch noch ein kleines Capital zurücklassen würde, mit dem ich -- aber was
-nützt es, Dir die Pläne zu erzählen die ich hatte. -- Während dem Feste
-selbst brach irgend ein Schuft -- wahrscheinlich Einer meiner sogenannten
-Freunde -- bei mir ein, stahl mir Alles, selbst das letzte was ich an
-baarem Gelde in meiner Börse auf dem Tisch vergessen hatte, und als ich am
-nächsten Morgen -- Tod und Pest, ich _will_ den Gedanken nicht noch einmal
-zurückdenken, vielweniger schreiben.
-
-Irgend ein boshafter Mensch, vielleicht der Dieb selber, hatte indessen das
-wahnsinnige Gerücht zu verbreiten gewußt, ich sei nicht allein gar nicht
-von Adel, sondern auch noch von unehrlicher Geburt, kurz es traf Alles
-zusammen mich förmlich in den Staub zu treten. Meine Erzählung des
-Raubes wurde mir jetzt nicht einmal geglaubt und Mr. Broadfoot, der reich
-gewordene Krämers- oder Schneiderssohn, kam am zweiten Morgen zu mir, that
-entsetzlich vornehm und bot mir zwanzig Dollar an, damit ich nur -- ich
-wollte Du könntest die Zornesthräne sehn, die mir jetzt zwischen den
-Wimpern hängt -- recht bald New-York verlassen könnte. Ich warf ihn die
-Treppe hinunter.
-
-Ich überließ den Anordnern meines Festes meine sämmtliche Garderobe und
-Wäsche und Alles was ich mein nannte und behielt nur die vier goldenen
-Spielmarken, die ich zufällig an dem Morgen in meine Westentasche gesteckt.
-
-Verlange nicht das demüthigende meiner Reise ins Innere zu hören -- der
-Amerikaner des Westens staunt wohl, wenn er einen wirklichen lebendigen
-Grafen zu sehen bekommt, aber -- er staunt eben nur und kümmert sich nicht
-weiter um ihn -- das Volk ist selbst noch zu neu, zu erst erschaffen,
-um auch nur möglicher Weise Sinn für das Alterthum, und die Vorrechte
-desselben zu haben. Das wird später wohl auch kommen, aber was nützt das
-mir -- ich erlebe es nicht.
-
-Ich will Dich nicht mit den Einzelnheiten meines Geschicks oder besser
-gesagt meines Mißgeschicks langweilen, es trieb mich zuletzt auf ein
-Dampfschiff und drückte mir die Schürstange in die Hand -- ja wäre noch
-Krieg gewesen -- aber nein, ein ehrlicher Soldatentod wird mir versagt
-und ich muß jetzt hier, um wenigstens noch auf ehrliche Weise mein Brod zu
-verdienen, die elendesten Sklavendienste thun.
-
-Mein Oheim wird Dir eine kleine Summe für mich einhändigen, die wenigstens
-ausreicht mich anständig zu equipiren und meine Reise nach Mexico zu
-bestreiten; ich will dort in mexicanische Dienste treten, möchte das aber
-nicht eher, als ich dort meinem Range angemessen erscheinen kann.
-
-Wären Euere Verhältnisse jetzt nicht so traurig in Deutschland, so kehrte
-ich augenblicklich zurück, was aber ist gegenwärtig dort für einen Mann von
-meinem Stande zu hoffen? -- nein, da lieber noch _hier_ die Schürstange, wo
-mich Niemand kennt.
-
-Schreibe mir recht bald, ich erwarte in heißer Sehnsucht die Rettung aus
-diesem traurigen Zustand.
-
- Dein
-
- _Hugo_.
-
-=P. S.= Meine Adresse ist -- =Mr. Hugo -- care of Bridle & Smith Nro. 8
-Tchapitoulas street New Orleans. U. S.=
-
-Einen Leidensgefährten habe ich auf unserem Boot getroffen -- ebenfalls
-einen deutschen Edelmann Namens v. Horneck, doch verschweige ich ihm
-meinen Namen und halte mich überhaupt von ihm entfernt -- ich theile seine
-Ansichten nicht.
-
-
-Fünfter Brief.
-
- Staat _Indiana_ am 1. August 1848.
-
- _Liebe Eltern und lieber Bruder._
-
-Es freut mich recht herzlich Euch dießmal einen besseren Brief schreiben zu
-können, denn es geht mir lange nicht mehr so schlecht als damals, wie ich
-den letzten Brief an Euch schrieb. Soviel habe ich allerdings eingesehen,
-daß die vielen gewaltig schönen Beschreibungen von Amerika, die uns zu
-Hause das Maul wässrig gemacht haben nach all den guten Sachen, meistens
-nicht wahr, oder doch wenigstens so gestellt sind, daß man sich nicht recht
-hineinfindet, wenn man mit der Sache nicht recht vertraut ist, und sich
-nachher bei allem Schönen noch immer das Schönste dazu denkt. Und die Leute
-thun sehr Unrecht, die solche schönen Beschreibungen hinaus schreiben,
-aber ich weiß auch warum es geschieht, entweder schämen sie sich offen
-einzugestehn wie schlecht es ihnen geht, wo sie doch früher so geprahlt
-haben, oder sie sitzen auch, wie es mir hier die Leute gesagt haben, an so
-einsamen Plätzen und so in Noth, daß sie nur dadurch ihre Lage verbessern
-können, wenn sie noch recht viel andere Menschen auch dort hin ziehn.
-
-Daß ich nun im Anfang um alles betrogen bin was ich hatte, das geht vielen
-Deutschen so und ich kann mich da mit vielen trösten, wer aber hier gesund
-ist und Lust hat zu schaffen, der kommt auch fort und wenn er eben so wenig
-hätte wie mir geblieben war. Aber zu keine Deutschen sollten die deutschen
-Handwerker gehn, wenn sie auswanderten, sondern immer zu Amerikaner. Die
-Deutschen sind erstlich auch nur herübergekommen um ihr Glück zu machen,
-und reich zu werden und die geben am wenigsten her, wenn sie's wirklich
-haben, und besonders an Deutsche, wo sie schon wissen daß die's zu Hause
-schlecht gewohnt sind. Und dann lernt man auch bei Deutschen nie im Leben
-die englische Sprache, die man doch als Handwerker so zu seinem Fortkommen
-braucht, und in deutsche Colonien muß man gewöhnlich was einzahlen, oder
-Land vorauskaufen wodurch man sich an die Stelle bindet, und nachher bleibt
-man gewöhnlich lieber sitzen, ehe man sein Bischen Eingezahltes im Stich
-läßt. Und die Deutschen sind auch nicht immer die besten; die bei denen ich
-arbeitete haben mich recht betrogen und sich viel Geld an mir verdient.
-
-Endlich und nach und nach hab ichs aber gemerkt, und da bin ich zu
-Amerikanern gegangen und da hab ich viel besseren Lohn gekriegt und viel
-bessere Kost, und habe in kurzer Zeit englisch gelernt, so daß ich mich
-schon recht gut verständlich machen kann. Das klingt einmal komisch, liebe
-Eltern, das englisch, und im Anfang kams mir vor als ob die Leute die
-kauderwelschen Worte nur so Hals über Kopf heraussprudelten, daß kein
-Mensch einen Sinn hinein finden konnte, aber wie man sich ein Bischen
-dran gewöhnt, klingts ganz natürlich, und hat alles seinen Sinn, wie das
-Deutsche.
-
-Was nun das betrifft, daß viele Menschen hier brodlos herumlaufen, und
-worüber Du Dich besonders in Deinem letzten Briefe wunderst lieber Vater,
-so hat das auch wohl seinen Grund. Es ist hier in Amerika gar keine Schande
-wenn einer umsattelt, und was anderes wird als was er draußen gelernt hat
--- hier arbeitet jeder was er gelernt hat, und wenn ein Schuster Kleider
-oder ein Schneider Schränke macht, so schadet das gar nichts, wenn er sie
-nur gut macht und Geld für seine Arbeit kriegen kann. Man muß sich auch
-nicht allein auf das setzen wozu man in Deutschland aufgezogen ist, und
-sonst gar nichts thun wollen, sonst kann man leicht brodlos werden. Ein
-armer Mann hat aber hier rechte Gelegenheit es zu was zu bringen und sein
-Auskommen zu haben, viel eher wie in Deutschland, denn wenn er nur ein
-klein Bischen fleißig ist, so kann er sich leicht was zurück legen, und
-wenn er nur einen ganz kleinen Anfang hat, so kann er es nachher leicht zu
-was bringen, denn die Amerikaner unterstützen recht gern arme Leute und die
-Nachbarn helfen ihnen wo das nur immer angeht. Und ein armer Mann, der in
-Deutschland recht viele Kinder hat, der kommt immer mehr in's Unglück, aber
-hier in Amerika, da ists gerade umgekehrt. Hier sind die Kinder ein Segen
-und helfen den Eltern auf, wenn sie alt und schwach werden. Ein armer Mann
-ist hier auch geachtet und es kommt nicht auf den Rock an den ich trage.
-
-Das Land und Vieh ist hier alles sehr billig und gut und man kann mit ein
-weniges eine rechte hübsche Farm kaufen, denn Farm nennen sie hier ein
-Landgut, aber ein Deutscher, der hierherkommt, und der die Sitten und
-Gebräuche noch nicht kennt, der sollte sich doch ja nicht gleich ankaufen,
-denn dann muß er gewöhnlich aus eigener Tasche Lehrgeld zahlen und verliert
-vielleicht alles, was er mitgebracht hat. Am besten ists, er arbeitet
-erst eine ganze Zeit bei Amerikanern und lernt die Axt gebrauchen und den
-Amerikanischen Feldbau, denn der ist ganz verschieden von dem deutschen,
-und wenn er nachher ein oder zwei Jahre im Lande ist, dann kann er sich
-leicht ankaufen, und dann thun ihm 100 Dollar so gut, wie sonst vielleicht
-nicht 500, ehe er Lehrgeld bezahlt hatte. Ich arbeite noch immer bei den
-Amerikanern und ich befinde mich recht wohl, wenn ich aber erst ein kleines
-Gut habe, was gar nicht mehr so lange dauern kann, denn der Amerikaner
-hat mir versprochen, daß er mir helfen will, dann müßt ihr zu mir herüber
-kommen, liebe Eltern und lieber Bruder, und dann wollen wir hier recht
-vergnügt leben auf meinem eigenen Land.
-
-Mit nächstem Jahr kann das vielleicht schon gehn aber ich will noch nichts
-vorher bestimmen, denn es thut einen nachher leid wenn so eine Freude
-zu Wasser wird. Und bis dahin grüßt Euch, liebe Eltern und lieber Bruder
-herzlich und von ganzer Seele
-
- Euer _Traugott Erdmann_.
-
-Den Brief für mich schickt nur nach der Stadt Vincennes in Indiana, da hol
-ich ihn mir schon ab, ihr müßt aber meinen Namen englisch darauf schreiben,
-liebe Eltern, wie sies hier machen. Der Amerikaner wird mirs hier drunter
-schreiben wie es sein soll.
-
- =Mr. Traugott Erdmann
- to be left at Vincennes post office=
-
- =I--a= =U. S.=
-
-
-Sechster Brief.
-
- _Indiana_ den 15. August 1848.
-
- _Mein herzlieber Carl._
-
-Ich hatte geglaubt Dir um diese Zeit, und wenn auch nur wenige Monat
-verflossen waren, schon einen Bogenlangen Brief, mit lauter Jagdabenteuern
-gefüllt, schreiben zu können, aber Du lieber Gott, wie hab' ich mich hier
-in der Amerikanischen Jagd geirrt. Fast schäm' ich mich auch, Dir in
-allen Stücken, besonders was meine eigenen Erlebnisse betrifft, die volle
-Wahrheit zu schreiben, aber -- es kann doch nichts helfen, es muß heraus,
-am Ende kämst Du sonst selber, von meinen früheren Schilderungen verlockt,
-und mit _den_ Hoffnungen müßtest Du Dich in einem Paradiese enttäuscht
-finden.
-
-Um also das Fatalste gleich von vorn herein los zu werden, will ich auch
-ohne Weiteres mit dem beginnen. Denke Dir, dieser einfache ehrliche Farmer,
-den ich für so unschuldig hielt, daß ich mich fürchtete den Handel mit ihm
-abzuschließen, weil ich mich der Sünde scheute ihn zu übervortheilen
--- dieser gutmüthige Bursche, dem ich noch, um ihn ja in jeder Hinsicht
-zufriedenzustellen, eine wundervolle, -- Esel ich -- Büchse für 60 Dollar
-kaufte, war -- ein abgefeimter Hallunke, ein ächter Yankee und Betrüger.
-Der Lump hat mich mit einem erbärmlichen Improvement für 250 Dollar
-angeschmiert, das ich hier mit größter Bequemlichkeit an jedem Tage für
-50 Dollar kaufen könnte. Doch das ist das wenigste, das verzieh ich ihm
-gern, es wäre ein kleines Lehrgeld, wenn all seine sonstigen Aussagen nur
-auf Wahrheit begründet gewesen wären, aber beim Himmel, der Kerl hat kein
-wahres Wort über die Zunge gebracht, und ich glaube meiner Seele, er lügt
-sogar im Traume.
-
-Daß er Bären aus seinem Küchenfenster schießt, ist aus zwei Gründen
-unmöglich -- erstlich hat er in dem Haus gar keine Küche, denn das was
-die Leute hier Küche nennen, ist nur ein Schuppen und hat wieder gar kein
-Fenster, und dann -- wenn wirklich Küche und Fenster da wären, -- giebts
-keine Bären. Keine Bären? -- rufst Du erstaunt, das ist aber noch nicht
-Alles -- auch keine Hirsche, Panther, Truthühner und wie das Zeug sonst
-alles heißen sollte, was hier, des alten Jägers Aussage nach (soll mich der
-Böse holen wenn ich jetzt glaube, daß der Kerl überhaupt ein Jäger war) den
-Wald förmlich durchwimmelte. Opossums oder Beutelratzen schießen sie hier
-manchmal - ekelhaftes Zeug, das hauptsächlich vom Aas lebt, und das man
-auch oft mit dem Stocke todt schlagen kann, also gar kein jagdbares Wild.
--- Truthühner lassen sich in der That manchmal blicken, auch kommt zu
-Zeiten ein Hirsch in die Nähe der Farm, doch, Du lieber Gott, da kann sich
-Einer die Beine ablaufen, ehe er von denen nur etwas zu Gesicht bekommt.
-
-Du kannst Dir übrigens einen Begriff machen wie die Jagd hier bestellt
-ist, wenn ich Dir einen kleinen Auszug aus meinem, wie Du sehn wirst, sehr
-hoffnungsvoll angelegten Beuteregister mittheile; ich thue das übrigens
-auch mehr mir zur eigenen Strafe, als Dir zur Erbauung, denn ich habe mich
-im vorigen Monat, trotz all der gemachten Erfahrung, doch einmal wieder
-nach Canada hinauf zur Bärenjagd sprengen lassen, und natürlich weder etwas
-geschossen, noch überhaupt gesehen:
-
- Bären|Panther|Büffel|Hirsche|Füchse|Truthühner|Anderes Wild
- -- | -- | -- | 1 | -- | 1 |17 Prairiehühner.
- | | | | | |20 Rebhühner.
- | | | | | |13 Kaninchen.
-
-Den einen Hirsch schoß ich am Wabasch und den einen Truthahn Morgens
-dicht bei der Ansiedlung, wohin er sich, Gott weiß wie, verirrt hatte. In
-Illinois war ich einmal drüben und schoß eine hübsche Parthie Prairiehühner
--- Dinger so groß wie unsere Haushühner, aber an größeres Wild, wie Bären,
-Panther und Büffel ist gar nicht zu denken. Büffel sind nun vollends in die
-Möglichkeit weit gen Westen getrieben; ein alter Bär kommt dagegen manchmal
-hier durchgeschlendert, und ist auch im vorigen Jahr einer in der Gegend
-geschossen worden -- das wird aber als Merkwürdigkeit erzählt.
-
-In der Nachbarschaft des Ortes, wo ich auf der Farm des alten Mannes meinen
-Wohnsitz aufgeschlagen habe, ist die Jagd nur höchst mittelmäßig und
-was der Strick, der wahrscheinlich gewittert hatte ich sei ein
-leidenschaftlicher Jäger, von der Gefahr erzählte, in welcher der ganze
-Viehstand durch die Masse der wilden Thiere schwebe, ist eine nichtswürdige
-Fabel. Wölfe giebt es allerdings hier viel, und die Regierung hat eine
-Belohnung auf jeden Wolfsscalp gesetzt, so scheu aber sind sie und so
-schlau, daß ich, der ich in der ersten Zeit besonders den Wald von Morgens
-bis Abends nach allen Richtungen durchstreifte, noch nicht einen einzigen
-Wolf zu Gesicht bekommen, vielweniger erlegt habe.
-
-»Hirsche für die Hunde erlegen,« ei so lüg du und der Teufel, und ich
-dankte jetzt Gott, wenn ich selbst ein Stück Wildpret hätte, aber Gott
-bewahre, trocknes Rindfleisch muß ich kauen oder Speck essen und _will_ ich
-denn nun einmal Wild haben, so sind's Eichhörnchen, die man hier verzehrt,
-und die auch wirklich ausgezeichnet schmecken. Du lieber Gott, wer mir in
-New-York gesagt hätte, daß ich in Indiana, viele hundert Meilen im Westen
-drin, auf die Eichhörnchenjagd gehn würde. Muß der Schuft über mich gelacht
-haben, wie ich ihm die Büchse kaufte, -- nun weiß ich auch weßhalb er
-gepfiffen hat.
-
-Und das sogenannte Improvement ist keine 20 Dollar werth; das beste
-Improvement das ich auf dem ganzen Besitzthum machen könnte, wäre, wenn
-ich die beiden wahnsinnigen Blockhütten die darauf stehn, ansteckte -- thu'
-ichs nicht, so stürzen sie mir doch nächstens einmal auf eigene Faust
-über dem Kopfe zusammen; und _das_ Land -- da könnt' ich wieder von vorn
-anfangen und urbar machen -- Alles ist mit Büschen und Bäumen wieder
-bewachsen und kaum ein Platz von einem halben Acker frei, wo der Schuft
-Kartoffeln hat stehn gehabt. Von den Kühen sind bis jetzt auch erst zwei
-aufzufinden gewesen und mein einziges Vergnügen hab' ich noch an den
-Schweinen -- die sind so wild, daß ich jedesmal förmlich auf die Jagd gehen
-muß, wenn ich eins haben will -- selten komm ich dann in gute Schußnähe
-heran; muß jedoch jedesmal bei solcher Gelegenheit einen Farmer bitten,
-mich zu begleiten, weil ich mein Zeichen oder dem Lump sein Zeichen
-vielmehr nicht aus dem andern heraus erkennen kann. -- Die Schweine sind
-nämlich mit Schlitzen und Löchern im Ohr »gemarkt«. Es hat mir neulich ein
-Nachbar hier für Land und Vieh, wie's daliegt 50 Dollar geboten; wenn
-_der_ Thor genug ist das noch einmal zu thun, hat er's, und mög's ihm wohl
-bekommen.
-
-Doch nun ein Wort zu Dir über Amerikanische Jagd, denn ich sehe Du
-verlangst darnach. Lieber Carl, _die_ Sache habe ich mir ganz anders
-gedacht. Ja Du lieber Gott, in Deutschland hat man davon _ganz_ falsche
-Begriffe. Die Jagd _war_ das in den Vereinigten Staaten, was wir jetzt
-noch von ihr erwarten, aber seit langen Jahren ist ja auf das Wild förmlich
-hineingewüthet, und da muß es wohl einmal dünn werden. Ich habe hier vor
-einigen Tagen einen Jäger aus Arkansas -- dem besten Jagdgrund der Union
-gesprochen, und der hat mir ganz aufrichtig das folgende mitgetheilt.
-
-Es giebt noch Gegenden in Arkansas und überhaupt westlich vom Mississippi,
-wo ein guter Schütze, und besonders einer _der mit dem Wald bekannt ist_
-und sich nicht leicht verlaufen kann, seinen Hirsch und auch manchmal
-einen Bär schießt; auch Truthühner soll es dort noch an gewissen Plätzen in
-ziemlicher Anzahl geben, aber _die_ Zeit, wo man die Bären aus den Fenstern
-schoß, ist für die Vereinigten Staaten vorbei. Auch von der Jagd leben, wie
-ich das früher fest geglaubt, kann kein Mensch mehr dort, er verstände denn
-wirklich weiter Nichts als _leben_ darunter, aber was für eine Existenz
-wäre das; Jahraus und ein ununterbrochen im Walde zu liegen und weiter
-keine Abwechslung zu haben, als die, die sich ihm zwischen frischem und
-getrocknetem Fleische bietet.
-
-Was den Verkauf des erlegten Wildes betrifft, so giebt es an den Stellen,
-wo Wildpret überhaupt einen verkäuflichen Werth hat, weder Hirsche noch
-Bären mehr, und wo die noch existiren, da ist man froh, wenn man einmal
-ausnahmsweise für einen ganzen Hirsch acht Groschen kriegt, oder die Keulen
-zum Verkauf trocknen kann. Zu _verdienen_ ist aber mit der Jagd gar Nichts
-und nach alle dem, was ich jetzt darüber gehört -- denn die Aussage des
-Arkansas-Mannes wurde mir von Mehreren bestätigt, bin ich überzeugt, man
-kann, wenn man in noch unbesiedeltem Lande sich niederläßt, dann und wann
-einmal seinen Hirsch oder Truthahn schießen und in sofern, wenn man die
-Jagd als Erholung betrachtet, Nutzen daran haben, indem man das selbst
-verzehrt, was man erlegt, sonst aber als Erwerbszweig ist diese Sache
-Essig.
-
-Doch genug für jetzt, mein guter Carl, ich werde wahrscheinlich weiter
-westlich ziehen, und sobald ich meinen neuen Wohnsitz bestimmt habe, sollst
-Du mehr von mir hören. Bis dahin grüßt Dich herzlich Dein
-
- _Fritz Sternberg_.
-
-
-Siebenter Brief.
-
- _Guter Edde und allerbeste Mämme._
-
-Gott der Gerechte was is das vor a Land, Edde? Nehmt de Mämme und den
-Schmul und den Moses und de Rachel, und bringt se so schnell ihr kennt nach
-Amerika. Wie haißt Amerika -- Canaan sillts haiße -- soll mer Gott helfe
-und will ich nich gesund auf meine Fiße stehn. Seekrankheit? -- wie haißt
-Seekrankheit? -- Cholera, s' böse Wesen und die Pocken -- Alles wär net ze
-viel wenn mer nur kennt damit komme nach Amerika.
-
-Was ich for Geschäftcher gemacht hab, sait ich in Amerika bin? -- frog mich
-der Edde mol noch meine Geschäftcher -- bin ich jetzt drei Monat in's Land
-gewese und was hab ich verdient in die drei Monat? -- will ich nich gesund
-auf meine Fiße stehn -- 700 baare Dollars klingende Münze hab ich verdient,
-un womit hab ich die Geschäftcher gemacht, mechte der Edde wissen? mit
-klaine winzig klaine Paket'ger hob ich se gemacht, un nur getauscht hab ich
-Silber mit Silber wie en ehrlicher Mann.
-
-Nu die Geschicht is gar ainfach -- hab ich mich doch geferchte in Anfang in
-'en Wald ze gehn, aus Forcht vor die wilde Katzen und Bären. -- Wie haißt
-wilde Katzen -- will ich nich gesund auf meine Fiße stehn wenn ich nich
-schon drai Monat im Lande 'rim handle und noch nich gesehn habe an ainzige
-wilde Katz, vielweniger en Kater. Aber was sin das vor Menschen hier im
-Land, in Pensilvanien und Ohio und in Indiana und Kentukki? -- Gott der
-Gerechte, Menschen sind's wie die Kinder, so unschuldig wie die Täubcher.
-Die Mämme hätt' ihre Fraid gehabt, wenn se's hette sehn kenne, wie se den
-Veitel getracktirt haben un in was ver schaine Betten er geschlofen hat.
-Und mit was hat der Veitel hauptsächlich gehandelt? -- Fragt ämol den
-Veitel mit was er gehandelt hat? -- mit Juwelen Bischutterie und silberne
-Leffeln hat er gehandelt, will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, wenn
-er nich gehandelt hat mit Bischutterie und silberne Leffeln.
-
-Aber den Edde muß ich vorher in's Gehaimniß lasse -- das Englisch is
-nemlich a ganz firtreffliche Sprach -- un 's drickt die Sach so gnau aus,
-wo's sie beschreibt, daß mer's im Dunklen erkennen kennt. In Daitschland
-haißt's Argentan oder Neisilber -- wie haißt Neisilber -- was thu ich demit
-ob's nei oder alt is? wos vor a verständiger Mann is devor der Amerikaner
--- der nennt's deitsches Silber, _Dschermen Silwer_ wie se hier sagen,
-un wenn ich gekommen bin zu die Lait und hab ihne gebracht Leffeln von
-Dschermen Silwer so habe se mich gewehnlich gefragt -- wie haißt Dschermen
-Silwer -- is das was besonderes oder was anderes als Amerikanisches Silber?
-»Gott der Gerechte« hab ich denn aber gesagt -- »muß doch Silber haißen
-wenn es in Dschermani is, Dschermen Silber und wenn es in Amerika is,
-Amerikanisches Silber, will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, wenn da
-waiter en Unterschied is als der Prais -- wir Deitsche nehmen mit wenig
-Verdienst vorlieb -- aber mer sin reell.« Gott der Gerechte sill mer
-beistehn wann ich nich habe gehabt 700 Procentchen un die ainzige
-Unbequemlichkait in der waiten Gotteswelt, daß ich nich bin wieder gekommen
-ganz genau in die Gegend.
-
-Un hab ich immer geglaubt, 's wär ä Unglick daß uns Kainer kennt hier und
-mer net Credit hättet -- wo so Unglick g'rod des Gegenthail ist's -- Gottes
-Wunder was wir Jüdden hier vor en Credit haben -- 's geht ins Hebräische
-hinain und immer waiter, immer waiter. Im Anfang en klans bissel un nachher
-immer greßer und der Itzig Löwenhaupt hat schon 5 Städte, wie er sogt, wo
-er nich mehr hinkommen derf, bei mir fangts aber erst an un der Itzig is
-schon a angesehener raicher Mann.
-
-Gott der Gerechte, wenn ich doch de Rachel hier hätte, was hat mer hier en
-Feld vor Geschäftcher, und den Edde und die Mämme aber se alle missen
-noch her kommen nach Amerika. -- Wie haißt Bamberg? -- was thu ich mit
-Bamberg --? net abgemolt mecht' ich sain in Bamberg.
-
-Un frogt ämol den Veitel wo er sain klan Kerbche hindahn hot, mit dem er is
-schachere gange, un wo ihn die Lait haben uf die Stroß gesetzt, geschwinder
-als er is hinain gekomme? -- Gottes Wunder, wie haißt Kerbche jetzt? un der
-Veitel hat ä klan's Wägelche un ä lebendiges Pfärd, un oben druff sitzt er
-mit seine Packjes und kutschirt im Lande herim wie ä Färscht -- frogt ämol
-den Veitel wo er sain klan Kerbche hindahn hot.
-
-Gott behit's Edde und Mämme -- macht Eich kaine Sorg' um den Veitel, es
-geht Eirem Jingelche gut -- so grißt mer de Rachel un der Simon soll riber
-kommen mit sain klain Handel und der Stern und der Rosengarten -- aber
-sogt en nix von die Leffeln, Edde -- wo ich gewese bin kenne se doch nix
-verdiene un setzen sich nur Unannehmlichkeiten aus -- und wo ich nich
-gewesen bin -- Gottes Wunder, was brauch ich do den Stern und den Simon und
-den Rosengarten? do geh ich selber hin.
-
-Gott behits noch e mol, Edde und Mämme und es grißt Eich herzlich
-
- Eier lieber Sohn
-
- _Veitel_.
-
-
-
-
-Der Klöppeldistrict des sächsischen Erzgebirges.
-
-
-Es ist seit langen Jahren, und besonders seit der Zeit, wo ich
-die Vereinigten Staaten von Nordamerika kennen gelernt, immer ein
-Lieblingswunsch von mir gewesen, die unglücklichen Proletarier unseres so
-sehr übervölkerten Vaterlandes nach jenen fruchtbaren Gefilden der neuen
-Welt hinübergeschafft und sie so ihrem fürchterlichen Elende gewissermaßen
-mit einem Gewaltstreich entrissen zu sehen. Bis jetzt ist das freilich
-noch ein frommer Wunsch geblieben; die Idee einer solchen Auswanderung
-durchzuckte mir auch nur manchmal in form- und gestaltlosen Bildern das
-Hirn, ich hatte mir selbst noch keine Rechenschaft darüber gegeben oder das
-Für und Wider solcher That geprüft und erwogen. Als uns aber der wieder
-und immerwieder kehrende Jammer jener Gegend stets zu neuer Hülfe und
-Unterstützung rief, als ein Nothschrei nach dem andern aus den Bergen
-drang, da stieg der alte Wunsch in mir immer lebendiger und kräftiger
-auf und im Geiste sah ich schon die Schaaren fröhlicher Auswanderer auf
-wogender See einem neuen, glücklichen Leben entgegeneilen.
-
-Wohl sprach ich mich jetzt gegen Freunde und Bekannte darüber aus und
-suchte zu erfahren, auf welche Art ein solcher Schritt möglicher Weise
-zu realisiren wäre; die Leute schüttelten aber fast Alle mit dem Kopf und
-sagten einfach: »Das geht nicht -- das thut's in den Gebirgen nicht --
-der Bergbewohner klebt an der Scholle und ist nicht fortzubringen, ja kann
-nicht einmal in seiner nächsten Umgebung verwendet werden; überdies sind
-sie schwächlich und entnervt und würden unmöglich die schwere Arbeit des
-Landurbarmachens ertragen können.« -- Und gleich danach kamen unzählige
-Beispiele von Dienstmädchen, die es wundergut bei ihren Herrschaften hatten
-und doch nicht aushielten, sondern wieder zurück in's alte Elend liefen, --
-von Knechten, die entweder ihrer Arbeit nicht gewachsen, oder aus anderen
-Gründen nicht zu bewegen gewesen waren außer dem Gebirge auszuhalten, und
-das Resultat blieb stets das nämliche: ein solcher Versuch wäre unnütz --
-die Leute hielten es nicht aus.
-
-Dem konnte ich nicht mehr widersprechen, denn ich kannte die Menschen ja
-nicht, über die ich solches Urtheil hörte; der Gedanke ließ mir aber keine
-Ruhe und ich beschloß einmal selbst hinauf zu wandern und mich an Ort
-und Stelle von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen. Allerdings war es
-damals gerade Winter und das Erzgebirge wird in dieser Jahreszeit von den
-Bewohnern des flachen Landes gewöhnlich für eine Art von Sibirien gehalten.
-Das schien mir aber auch in sofern die passende Zeit, als ich die
-Familien mehr zusammenfand und mich eher davon überzeugen konnte, ob die
-»Stubenhocker« auch wirklich für jede andere Arbeit untüchtig und verloren
-wären. Angenehm war es mir, daß ich mit einem Spitzenhändler Hrn. H.,
-die Reise wenigstens zum Theil gemeinschaftlich machen konnte; ich wurde
-dadurch gewissermaßen in jene Gegend eingeführt und brauchte meine Zeit
-nicht mit langem Suchen zu verlieren.
-
-Am ersten Tag erreichten wir Eibenstock, eine aus lauter Eckhäusern
-bestehende Stadt, und ich fand mich hier, wenn auch noch nicht mitten unter
-ihnen, doch schon im Bereich der Unseligen, die den Titanenkampf gegen
-englische Fabrikate kämpfen.
-
-In und um Eibenstock wohnen eigentlich mehr die Tambourirer als Klöppler,
-aber auch hier hat das Elend schon seine Vertreter; bleiche abgemagerte
-Gestalten, die von Morgens, bis Abends spät, über dem Stickrahmen beugen
-und mit geschäftigen Händen die Erhaltung ihres Lebens, wenige Neugroschen,
-zu erstreben suchen. Durch den freundlichen Eifer des Herrn Oberförster
-Thiersch ist erst jetzt ein Arbeitshaus errichtet, wo die Kinder ganz armer
-Eltern wenigstens in warmer Stube und bei freiem Lichte arbeiten können.
-Manches arme Kind, das bis dahin bettelte, verdient doch jetzt wenigstens
-etwas die Woche; aber die Preise sind heruntergedrückt, eine gute
-Arbeiterin kann mit aller Noth wirklich nur wenige _Groschen_ verdienen,
-und Sorge und Mangel furcht die bleichen farblosen Wangen.
-
-Auch eine Schwefelholzfabrick -- von lauter _Kindern_ -- ist in Eibenstock.
-Hier werden Streichhölzchen fabricirt -- die gewöhnlichen Streichhölzchen
-in Papierkapseln, unten mit Sand beklebt. -- Die Kapsel, die vielleicht
-60 bis 80 Stück enthält, zu -- _einem_ Pfennig. Und die Kinder leben und
-athmen die ganze Zeit in dem Phosphordampf -- einzelne Eltern behielten
-sogar die Kleinen zu Hause, weil sie »den Geruch nicht aushalten konnten,«
-den jene mitbrachten; -- die Noth zwang sie aber doch bald wieder dazu, sie
-an die Arbeit zu schicken und -- sie gewöhnten sich endlich daran.
-
-Von Eibenstock brachte uns am nächsten Tage ein vierstündiger Marsch, oder
-eigentlich mehr Spatziergang, durch prächtigen schneegefüllten Nadelwald
-und malerische Schluchten und Thäler, bergauf und ab nach Breitenbrunn.
-Aber schon unterwegs kamen wir durch einzelne Klöppeldörfer und die Fenster
-füllten sich überall, wie sie die fremden Männer vorbeigehen sahen, mit
-einer wahren Unmasse von kleinen Köpfen. Jedes einzelne Haus sah aus, als
-ob es eine Kinderbewahranstalt wäre.
-
-Mir graute es im Anfang davor, eines derselben zu betreten; die niederen
-Stuben sahen von Außen alle so dumpfig und gedrückt aus; wie erstaunte ich
-aber, als ich mich endlich überwand, über die Reinlichkeit und Ordnung, die
-in diesen Räumen der Noth und des Elends herrschten. Das erste derartige
-Zimmer, was ich sah, war in Sosa, einem kleinen Dorfe zwischen Eibenstock
-und Breitenbrunn. Mehre Familien, wie das im Erzgebirge gewöhnlich der
-Fall ist, wohnten darin, und ein paar junge Mädchen waren noch mit ihren
-Tambourir- und Stickrahmen aus der Nachbarschaft zum Besuch gekommen --
-d. h. nicht etwa zum Kaffee und zum Plaudern, die Armen haben keine unnütze
-Zeit zu versäumen und keinen Kaffee zu trinken, sondern um gemeinschaftlich
-im warmen Zimmer die mühsame Arbeit zu fördern. Nur einige von diesen
-tambourirten, die übrigen klöppelten, und ich hörte hier zum ersten Male
-das monotone, unheimlich raschelnde Geräusch der hin und hergeworfenen
-Klöppel.
-
-Es waren weiche, schwächliche Gestalten, aber ihre Gesichter sahen nur
-bleich, nicht kränklich aus -- die Stubenluft und die sitzende Arbeit
-_lähmte_ ihnen nur die Körper- und Geisteskraft, und hatte sie noch nicht
-ertödtet. -- Die unheilvolle Ursache einmal beseitigt, und nicht ausbleiben
-würde die segensreichste Wirkung; nur das gutmüthige Lächeln, mit dem sie
-die Fremden empfingen, hatte etwas Leidendes. Das Ganze war mir aber noch
-zu neu -- ich schämte mich zu fragen, ich hielt es für Sünde, diese Armen,
-Unglücklichen auch noch durch, wie sie doch jedenfalls glauben mußten,
-bloße _Neugierde_ zu kränken; erst später verlor sich das, als ich Hütte
-nach Hütte betrat und an den Jammer gewöhnt, endlich auch Worte fand,
-seinen Grund zu erfahren, ohne mehr zu fürchten, den Gefragten wehe zu
-thun.
-
-In Hütte nach Hütte aber fand ich dieselben Gestalten, fand ich dasselbe
-Leid -- ein Dorf glich darin dem anderen, und nur manchmal, wo das Elend
-seinen höchsten Grad erreicht, wo die Unglücklichen nicht allein kein Bett,
-sondern nicht einmal einen Platz hatten ihr Stroh trocken hinzulegen, auf
-dem sie Nachts die erschöpften Glieder ausstrecken, so daß dieses also
-in den Stuben bleiben mußte, sahen dieselben unordentlich und dadurch
-unreinlich aus. Die natürliche Folge davon aber ist, daß der Staub und
-Schmutz ihre Arbeit unansehnlich macht, und sie nun auch noch mit den
-Preisen gedrückt werden.
-
-Die Klöppelarbeit erfordert nämlich die größte und möglichste Reinlichkeit,
-da die Spitzen nicht mehr gewaschen werden, sondern gleich von den Kissen
-weg zum Verkauf kommen; die Klöppler und Klöpplerinnen haben denn auch
-feine weiße Hände, ihre wohl oft zerissene und tausendmal geflickte Wäsche
-ist schneeweiß, die Diele und das Hausgeräth auf das Sauberste gescheuert
--- keine Spinnenwebe in der Stube, kein Schmutz unter dem Ofen oder in den
-Ecken, auch das wenige irdene Geschirr -- Gott weiß es, es ist wenig genug
--- reinlich aufgewaschen und an seinen gehörigem Ort.
-
-Rührend ist es dabei, mit welcher Liebe der arme Erzgebirger an seiner
-Heimath hängt; Jeder, der mit ihm nur je in Verbindung kam, weiß Beispiele
-zu erzählen, wie die Söhne und Töchter der ärmsten und elendesten Familien
-doch nicht unter besseren Verhältnissen, aber von den Ihrigen getrennt,
-aushalten wollten, und lieber wieder in den alten Jammer zurück flohen,
-lieber das Leid zu Hause mit den Ihrigen theilten. Mir kommt das aber, was
-bei diesen Menschen Heimweh genannt wird, eher wie eine Krankheit, wie eine
-Angst vor, die sie in der ihnen fremden Umgebung erfaßt. Es ist das Alles
-wahr, daß die Erzgebirger nicht unter fremden Leuten ausharren wollen, daß
-Knechte wie Mägde guten Lohn und nahrhafte Kost verlassen und lieber an
-ihren Klöppelkissen oder bei der heimischen Arbeit, aber mit den Ihrigen
-doch zusammen, hungern und Noth leiden. Aber nicht Faulheit ist daran
-Schuld, wie es ihnen nur zu oft aufgebürdet wird, nicht Widerwillen ist die
-Schuld, den sie gegen härtere, als die gewohnte Arbeit, fühlen sollen, denn
-die Klöpplerin arbeitet auch von Morgens früh bis spät in die Nacht,
-und der Mann verrichtet im Sommer die gewiß nicht leichte Waldarbeit und
-bestellt sein Feld. Nein, es ist einestheils die Furcht, die das Mädchen
-wieder aus ihrem Dienst treibt, sich die weichen Hände zu verderben und
-dann zum Klöppeln nicht mehr tauglich, für immer aus ihrem Familienkreis
-ausgeschlossen zu bleiben; es ist das unbehagliche Gefühl, das den Knecht
-ergreift, wenn er sich seines linkischen ungeschickten Benehmens wegen
-verlacht und verachtet sieht oder auch nur glaubt, und dann in der That
-nicht im Stande ist, mit seinem, durch keine gesunde Nahrung gekräftigten
-Körper eben so viel und so gute Arbeit liefern zu können, als seine
-Kameraden. Ist dann auch der Herr nachsichtig mit ihm, will er ihn nach und
-nach gewöhnen und heranziehen, so fühlt der Erzgebirger nur zu gut, wie er
-indessen von seinen Mitarbeitern verachtet wird, und muß vielleicht auch
-noch rohe Reden darüber hören, daß er eben so viel ißt, eben so viel Lohn
-erhält als ein Anderer und nur halb so viel dafür leistet.
-
-Woher kommt aber diese Weichlichkeit des Geschlechts? Woher kommt dieser
-abhängige, schüchterne Charakter eines Bergvolkes? Noth und Mangel hat es
-nach und nach entnervt. Die ewige vegetabilische Nahrung, und diese nicht
-einmal in einem gesunden und genießbaren Zustand, hat an seinem Mark und
-Leben gezehrt. Und _haben_ diese Leute denn eigentlich wirklich gelebt?
-heißt das ein Leben führen? sind das mit Vernunft und Gefühl begabte Wesen,
-wie sie da bei dem monotonen Klappern der hölzernen Klöppel zusammenkauern
-und Woche aus und ein für wenige Groschen an einem vorgezeichneten Muster
-arbeiten, nur um zu existiren? Nein, es sind nur lebendige Maschinen, die
-blos da zu sein scheinen, eine gewisse Quantität Spitzen -- so und so viele
-hundert Ellen -- anzufertigen, um dann wieder zu denen, die sie zu Mangel
-und Jammer der Welt gegeben, in die steinige Erde gelegt zu werden.
-
-Und _könnten_ sie noch wirklich dabei existiren -- -- wären sie im Stande,
-wenigstens so viel zu verdienen, daß sie nicht allein das Leid, nein auch
-die Freude des Lebens genössen, so möchte es noch sein; aber so blieb
-ihnen selbst nicht einmal Zeit in ihrer Jugend mehr als die einfachsten
-Schulkenntnisse zu erwerben, denn sie müssen ja schon zu Hause, selbst als
-Kinder, mit an dem ganzen gemeinschaftlichen Tagewerke schaffen, um nicht
-gemeinschaftlich mit zu verhungern. Allerdings ist von der Regierung viel
-für Schulen gethan, so viel vielleicht, als es für einen so ausgebreiteten
-Strich des Elends möglich war; aber diesen Versuchen einer wohlthätigen
-Belehrung haben die Verhältnisse selbst, und leider mit nur zu vielem
-Erfolg, entgegengearbeitet.
-
-Die Dörfer des Erzgebirges, besonders die ärmsten, wie Breitenbrunn und
-vorzüglich Rittersgrün, liegen über weite Bergflächen zerstreut und es ist
-z. B. in dem letzteren Dorfe den armen Kleinen dadurch förmlich unmöglich
-gemacht, bei tiefem Schnee die unten im Thal liegende Schule zu besuchen --
-selbst wenn sie, was leider nur zu oft nicht der Fall ist, Kleidung
-hätten, die sie vor Wind und Wetter schützte. Aber auch wirklich den Fall
-angenommen, _daß_ sie im Stande wären, die Schule, und zwar regelmäßig zu
-besuchen, was haben die armen, durch ihre sonstige Umgebung in keiner Weise
-angeregten Kinder dann gelernt? nothdürftiger Weise etwas Lesen, Schreiben,
-Rechnen und -- Bibel- und Katechismusverse. -- Die letzteren sagten
-ihnen auch am meisten zu -- das Hersagen solcher Verse und Lieder und
-das einförmige Geräusch der Klöppel paßte vortrefflich zu einander, aber
-dadurch zog sich der kaum entzündete Funke von Geist wieder mehr und mehr
-in sich zurück, und verlöschte endlich nach kurzer Zeit in dem weiten Meer
-des Elends, wo er mit dem Ringen nach einem Lebensunterhalte langsam aber
-sicher versank und keine Spur mehr in den bleichen ausdruckslosen Zügen
-zurück ließ.
-
-Welchen Begriff hat ein solcher Unglücklicher von der Welt? keinen -- er
-kennt nur den Jammer der ihn umgiebt, und nicht einmal die Hoffnung kann
-ihn trösten, denn was soll er hoffen? das Grab -- nur im künftigen Leben,
-hat ihm sein Pfarrer gesagt, blüht der Lohn für sein _Ausdauern_ und
-_Harren_ und er harrt, -- aber dauert nicht aus, denn er geht nach und nach
-physisch und moralisch zu Grunde.
-
-In _Breitenbrunn_, wo wir bei dem dortigen Pastor Hrn. Uhlmann freundliche
-Aufnahme fanden, besuchte ich Abends die Klöppelschule. Am Tag arbeiten
-dort auch Erwachsene, so spät aber trafen wir nur noch _Kinder_; Kinder von
-sieben bis zwölf und vierzehn Jahren, meistens Mädchen. Je sechse saßen
-auf einer Art von Fußbänken um einen hölzernen Schämel herum, auf dem
-eine einfache Blechlampe brannte; sie hatten nicht das Gesicht dem Schämel
-zugedreht, sondern hockten von der Seite immer Eine hinter der Anderen im
-Kreis, während eben so viele mit Wasser gefüllte Glaskugeln, wie sie die
-Schuhmacher bei ihrer Nachtarbeit gebrauchen, den scharfen, blendenden,
-aber schmalen Lichtstrahl nur eben auf den Punkt ihrer Klöppelarbeit
-warfen, wo sie ihn gebrauchten. Und so sitzen diese Kinder Tag aus Tag ein;
-des Morgens haben sie einige Stunden Schulunterricht, der Nachmittag findet
-sie wieder im lauten Geklapper ihrer Arbeit. Spiel und Erholung kennen sie
-nicht -- sie rasten nicht -- und doch -- doch rasten sie manchmal -- der
-Klöppellehrer erzählte uns mit leiser Stimme, »die armen kleinen Dinger
-hätten schon mehr male mit Arbeiten aufgehört und gemeint: sie könnten
-nicht mehr -- _sie wären so hungrig_.« Der arme Teufel konnte ihnen selbst
-nichts geben, er verdient mit seiner Frau auch nur 2½ Thlr. die Woche und
-hat fünf Kinder.
-
-Und doch sind diese Klöppelschulen ein Segen für die Unglücklichen -- sie
-haben doch wenigstens eine warme Stube und freies Licht und bekommen Geld
-für ihre Arbeit. Aber nicht in allen Klöppelschulen ist das der Fall -- das
-teuflische Drucksystem fängt auch im Erzgebirge wieder an aufzublühn, und
-das fehlt jetzt nur noch, die Bewohner desselben ganz zur Verzweiflung zu
-bringen. Fast alle die Factoren oder Verleger von Spitzen legen dort oben
-noch neben ihrem Geschäft kleine Ausschnittläden an, und wenn auch Manche
-brave rechtliche Leute sind, die keinen Mißbrauch damit treiben, so giebt
-es doch auch wieder gewissenlose Menschen unter ihnen, welche die Noth der
-Armen benutzen, nicht allein die Preise herunter zu drücken, sondern
-ihnen auch noch werthlose Waare aufzudringen, mit der sie nachher Tagelang
-umherlaufen müssen, um sie nur, natürlich wieder mit Verlust, anzubringen.
-
-Breitenbrunn wie Rittersgrün sind mit die ärmsten Dörfer des Erzgebirges;
-Hunderte von armen Familien leben dort, ja das letzte Dorf besteht
-fast einzig und allein, und mit nur sehr wenigen Ausnahmen, aus solchen
-Unglücklichen. Die Pastoren derselben sind denn auch in der That mehr
-Armenpfleger als Seelenhirten; sie müssen mehr Zeit darauf verwenden, die
-Körper als den Geist ihrer Beichtkinder zusammen zu halten, denn der
-Arme hat ja weiter Niemanden als gerade seinen Pastor, der ihm die ewige
-Barmherzigkeit Gottes predigt -- dieser allein giebt ihm eine, wenn auch
-weit hinaus geschobene Hoffnung auf ein künftiges Leben -- ach es ist die
-_Einzige_, die der Unglückliche kennt, und er blickt nun vertrauend zu dem
-Mann empor, der ihn zu trösten und aufzurichten sucht.
-
-Die Pastoren könnten hier von vielem und großem Einfluß sein, und Manche
-sind es auch, andere aber wieder, und vielleicht in ganz guter Absicht,
-quälen ihre Pfarrkinder noch mit dem, was eigentlich freiwillig aus
-innerstem Herzen springen sollte, mit der Religion und dringen darauf,
-daß »Gottes Tempel« nicht allein in »gutem Zustande« sei, sondern auch
-»anständig aussehe.« In den ärmsten Dörfern, wo Hunderte von Einwohnern wie
-die Schafe zusammengepfercht und in elenden Hütten, oft ohne Betten liegen,
-wird das stets unter die »nothwendigsten Ausgaben« gerechnet, daß die
-Kirche restaurirt werde. Sogar in Rittersgrün, wo mir der Pastor selber
-sagte, daß sein ganzes Dorf wie ein einziges Armenhaus dastehe, verlangt
-er zwölf- oder vierzehnhundert Thaler für die Herstellung der etwas
-baufälligen Kirche, und wollte zu diesem Zweck eine Pfennigsteuer erheben.
-Die Menschen können auf faulem Stroh liegen, aber der liebe Gott darf
-nicht mit einem gewöhnlichen und billig hergestellten Bethaus, wie ich
-es vorschlug, abgespeist werden. -- »Das Dorf kann doch nicht ohne Kirche
-sein?« rief er erstaunt. Und der Mann meint es sicherlich gut, denn er
-hat schon unendlich viel für die Armen gethan, wenn er auch die etwas
-bevorzugt, die am regelmäßigsten zur Communion gehen und die Kirche
-besuchen.
-
-Die Erzgebirger sind arm, aber ehrlich, Diebstähle fallen nur höchst selten
-bei ihnen vor; _selten_, aber doch _manchmal_. So war ich in Rittersgrün in
-einer Hütte, wo auch Gott weiß wie viel Personen in einem engen Käfterchen
-zusammenstaken, die übrigens Alle zu einer Familie, wenigstens zu einer
-Verwandtschaft gehörten; unter diesen saß eine schwangere Frau, vielleicht
-acht und zwanzig Jahre alt -- oder wohl auch jünger, denn die Noth altert
-vor der Zeit -- der liefen aber die Thränen über die Backen, als der
-Pastor, der uns begleitete, ein paar Worte mit ihr sprach. Böse Menschen
-(in Rittersgrün meinten sie, die Diebe müßten von der nicht fernen
-böhmischen Grenze herübergekommen sein) hatten ihr vor einigen Tagen das
-einzige Bett gestohlen, was sie mit ihren Kindern bis dahin getheilt. --
-Schwanger -- unausgesetzte Arbeit den Tag über, Hunger und Sorge um die
-Kinder -- und nicht einmal ein Bett, auf dem sie Abends die müden Glieder
-ausstrecken konnte. Vor der Thür der Hütte lagen auf dem Schnee drei
-weißgewaschene Hemden zum Trocknen; weiß gewaschen waren sie wohl, aber nur
-mit Mühe hielten noch die unzähligen kleinen Lumpen zusammen.
-
-Mit Sonnenuntergang verließen wir Rittersgrün und wanderten durch eine
-Gegend, die im Sommer paradiesisch sein muß, am Schwarzwasser entlang auf
-Raschau zu.
-
-Am nächsten Morgen trennte ich mich von meinem bisherigen Reisegefährten
-und wanderte allein das Dorf entlang, der Straße nach Annaberg folgend. Ich
-weiß nicht, wie die Dörfer zu anderer Zeit dreinschauen mögen; aber jetzt,
-von dem weißen blendenden Schnee umgeben, sahen sie alle mit ihren blank
-gehaltenen Fensterscheiben reinlich und sauber aus; der hie und da vom Eis
-befreite Bach rauschte und murmelte dabei fröhlich durch's Dorf hin und
-neugierige Kindergesichter blickten hie und da aus den Fenstern zu
-mir herüber, immer jedoch augenblicklich wieder und blitzesschnell
-verschwindend, sobald ich nur den Kopf zu ihnen hinwandte. Raschau kam
-mir im Ganzen nicht so ärmlich vor, als die früheren Orte die ich gesehen,
-dennoch fehlte es wahrlich nicht an den Hütten der Noth und des Elends. In
-einer von diesen fand ich eine freundliche Familie beisammen -- die Mutter
-mit zwei erwachsenen Töchtern und drei oder vier anderen kleineren Kindern.
-
-Die Leute schienen wenigstens das Nothdürftigste zu haben, die Stube war
-hell und geräumig, ihr Anzug, wenn auch einfach, doch wenig geflickt und
-von größter Sauberkeit, und die Kinder sahen, wenn auch bleich, doch nicht
-gerade so hohläugig darein, wie ich das leider bei so vielen gefunden.
-Der Mann war Bergmann und stak jetzt irgendwo in der Erde, die Frauen
-aber saßen gar eifrig an ihren Klöppelkissen und förderten die klappernden
-Spuhlen. Und was verdienten sie mit dieser Arbeit? -- Für drei Viertel Zoll
-breite, sauber geklöppelte Spitzen bekommen sie von dem Händler für _zehn
-Ellen_ fünf gute Groschen vier Pfennige, für _zehn Ellen_, an denen eine
-erwachsene Person mehrere Tage arbeiten und auch noch das Leinengarn
-zugeben muß. Die Leute hielten mich für einen Spitzenhändler und boten mir
-ihre Waare, als ich sagte, daß ich eine Kleinigkeit zu kaufen wünsche,
-um diesen Preis an. Ich kaufte an demselben Tag noch schmalere Spitzen --
-etwas über ein Drittel Zoll breit, die mir die Frau für _fünf Neugroschen
-für zwanzig Ellen_ anbot. Als sie hörte, daß ich kein Spitzenhändler sei
-und nur ein einzelnes Stück kaufen wollte, setzte sie dann schüchtern
-hinzu: »so dürfen Sie mir schon ein paar Pfennige mehr geben -- es ist gar
-wenig.«
-
-In Oberscheibe, links und rechts zwischen ärmlichen Gebäuden hin, sah ich
-einen bleichen, krank aussehenden Mann, der mit einer Axt auf der
-Schulter eben in eine niedere Thür eintreten wollte; er blieb, als er
-mich herankommen sah, stehen und es kam mir vor, als ob er mich anzureden
-beabsichtigte -- wenn das aber wirklich der Fall gewesen, so müßte er sich
-anders besonnen haben, denn er grüßte nur und verschwand in der Thür. Der
-Mann sah recht leidend aus -- er hinkte auch, wie mir vorkam -- die Männer
-waren sonst alle größtentheils auswärts an irgend einer Arbeit -- ich hatte
-noch wenige zu Hause getroffen und beschloß diesem zu folgen. Rasch trat
-ich nach ihm in einen engen dunkeln Gang, der in den hinteren Theil des
-Gebäudes führte; er blieb stehen und sah sich erstaunt nach mir um, als er
-mich kommen hörte.
-
-»Darf ich einmal mit Euch eintreten, Freund, und einige Worte mit Euch
-sprechen?«
-
-»Ach Gott ja,« sagte der Mann und sah mich verlegen an; »aber -- es ist gar
-eng bei uns und -- und sieht nicht besonders aus --.«
-
-»Schadet nichts, will nur einen Augenblick bleiben -- gehe gleich wieder
-fort.«
-
-Er öffnete eine Thür dicht vor uns und ich fand mich gleich darauf in einem
-kleinen, kaum vier Schritt im Quadrat haltenden Zimmer. An dem Tisch saßen
-die Frau und zwei erwachsene Töchter von etwa sechzehn und siebzehn Jahren,
-rechts davon, nach dem Ofen zu noch ein paar kleinere Kinder und ein
-anderes, vielleicht zwölf oder vierzehn Monate altes, lag in einem Kasten,
-der ihm als Bettchen und Wiege diente. Die fürchterlichste Armuth herrschte
-in diesem Gemach, nicht einmal reinlich waren die Leute im Stande es
-zu halten, denn das Stroh, auf dem sie Nachts lagen, mußte in der Stube
-bleiben, sie hatten keinen andern Raum dafür. Die Frauen rückten schüchtern
-zusammen, als ich eintrat und der Mann schob mir einen der hölzernen Stühle
-hin, von denen zwei im Zimmer standen, sonst waren Bänke an den Wänden.
-
-»Wie geht es Euch denn, Ihr Leute,« frug ich endlich, nachdem ich den
-Jammer, der mich umgab, wenige Secunden schweigend überblickt hatte; »wie
-geht es mit den Preisen, mit der Arbeit, mit den Lebensmitteln?«
-
-»Ih nun,« sagte der Mann seufzend und schaute gar wehmüthig ernst vor sich
-nieder, »es geht _recht_ schlecht -- es kann nicht mehr viel schlechter
-werden.«
-
-Die Frauen klöppelten eifrig fort und redeten keine Sylbe -- sie waren
-so reinlich, wie das der enge Raum und das Zusammenleben mit den Kindern
-gestattete, angezogen, ihre Kleidung bestand aber aus fast lauter
-zusammengeflickten Lumpen. Es war ein peinliches Schweigen, das keiner
-brechen mochte.
-
-»Sie sind wohl ein Spitzenhändler?« sagte die Frau endlich mit leiser
-Stimme und wandte sich halb nach mir um -- ich verneinte es und der Mann
-fuhr fast mehr mit sich selber sprechend, als zu mir gewandt fort:
-
-»Die Preise werden immer schlechter, die Kartoffeln sind verdorben und --
-aufgezehrt -- ich wollte es wäre Sommer, aber damit hat's noch lange Zeit.«
-
-»Und es ist keine Aussicht, daß die Preise wieder steigen.«
-
-»Wenn sie nur einmal in England aufhörten Spitzen zu machen,« murmelte der
-Mann; »die Engländer haben doch viel auf dem Gewissen.«
-
-»Aber Ihr wollt es ja auch nicht anders haben?« sagte ich jetzt; »warum
-hört Ihr nicht auf, warum klebt Ihr hier in den Bergen und zieht nicht
-fort, weit fort, wo es andere Arbeit und etwas zu verdienen giebt; lieber
-Gott, wenn Niemand Eure Spitzen mehr kaufen will, weshalb macht Ihr sie
-denn noch unausgesetzt und verhungert und verkommt dabei?«
-
-»Fortziehn?« rief der Mann und sein Gesicht nahm eine etwas lebhaftere
-Farbe an; »fortziehn? ach Du guter Herr Gott, ja, wohin es ist und wenn's
-nach Amerika wäre -- überall hin, wo wir nur nicht verhungern -- aber
-wovon? fort _betteln_ kann man sich doch nicht mit Weib und Kind, und das
-wäre die einzige Art, wie man daran denken könnte.«
-
-»Aber warum gehn Eure Töchter nicht in irgend einen Dienst, sie kämen aus
-der Noth heraus und könnten etwas mehr verdienen.«
-
-Die Mutter schüttelte mit dem Kopfe.
-
-»Ja,« sagte sie, »aus der Noth kämen sie heraus, was aber kriegt so ein
-armes Ding, das weiter nichts gelernt hat als Klöppeln, für einen Lohn --
-es könnte selber nur nothdürftig davon leben, und hier zu Hause ging es
-nur noch schlimmer, wenn die großen Mädchen fort wären, die doch jetzt noch
-etwas verdienen -- mein Mann ist krank, und wenn ich's auch von Herzen gern
-wollte, ich _kann_ die übrigen Kinder nicht alle von den zehn oder zwölf
-Groschen erhalten, die ich die Woche verdiene. Und dann, wenn sie's nun
-nicht draußen aushielten, oder wenn ich auch krank würde und sie zurück
-müßten, dann haben sie sich ihre Hände zum Klöppeln verdorben und wovon
-_dann_ leben? Aber ich sehe schon, es wird doch nichts anderes übrig
-bleiben, wenn nur der Winter erst vorbei ist, dann mögen sie hinaus gehen
-und sehen, wie's der liebe Gott mit ihnen fügen wird.«
-
-»Ach ich ginge ja so gern,« flüsterte die Aelteste und sah mit stierem
-Blick auf ihr Klöppelkissen, »wenn ich nur einen Dienst wüßte, wo ich gut
-behandelt werde, -- an mir sollt es nicht fehlen.«
-
-»Sie sind gewiß ein Spitzenhändler?« sagte die Frau noch einmal und blickte
-mich dabei halb schüchtern an.
-
-Ich sah mich in der Stube um -- neben dem Ofen standen mehrere Töpfe, aber
-alle leer, -- keine Spur von Lebensmitteln war im Zimmer und doch verrieth
-die ganze Umgebung, daß dieser eine Raum ihr Alles umschloß, was sie das
-Ihre nennen konnten.
-
-»Habt Ihr kein Brod Ihr Leute?«
-
-»Nein,« sagte er kopfschüttelnd; »wir haben bis jetzt von Kartoffeln
-gelebt.«
-
-»Aber Brod ist dieß Jahr so billig.«
-
-»Ach ja,« erwiederte der Mann, -- »es ist viel billiger als voriges Jahr,
--- aber -- wir sind hier gar viele Mägen.«
-
-Das kleine Kind fing an zu schreien; die Mutter stand von ihrer Arbeit auf,
-nahm es in die Höhe und schaukelte es auf dem Arme, -- in der Stube konnte
-sie nicht auf und ab mit ihm gehen, der Platz, wo sie stand, war der
-einzige freie Raum. Ich mochte den stillen Jammer nicht mehr länger
-ertragen, stand auf, legte etwas Geld auf den Tisch und wollte fort.
-
-»Da -- kauft Euch Brod,« sagte ich, -- »es wird schon einmal eine bessere
-Zeit kommen.«
-
-Der Mann sah überrascht das Geld an und griff nach meiner Hand; -- bis
-dahin war keine Klage weiter, -- keine Bitte um Unterstützung über seine
-Lippen gekommen, jetzt aber brach sich der gewaltsam zurückgehaltene Jammer
-Luft und die Thränen stürzten ihm aus den Augen.
-
-»Wir haben seit gestern Mittag keinen Bissen gegessen,« flüsterte er, --
-»mein Bein ist offen und entzündet, aber ich war eben aus, Arbeit zu suchen
-um nur ein paar Groschen für Brod zu bekommen, vergebens --.«
-
-Es war noch viel, viel, was er sagte und auch die Frauen fingen an zu
-weinen; -- bis jetzt hatten sie sich vor dem Fremden gescheut, nun war das
-Eis gebrochen und ihr Schmerz ließ sich nicht länger zurückdämmen. Das Kind
-schrie auch mit hinein in diesen Jammer, aber die Mutter drückte es freudig
-an die Brust. --
-
-»Sei ruhig mein Herzchen, Du bekommst jetzt Brod --.«
-
-Ringsum steigen freundliche Berge empor, dunkelgrüne Waldesschatten
-schmiegen sich an die breitlehnigen Kuppen an, -- weite, im sonnigen
-Lichte blitzende und funkelnde Schneeflächen decken die Halden und leichte
-durchsichtige Nebelwolken ziehen sich wie duftige Schleier am scharfen
-Abhang der Schluchten hin. Munter sprudelt der Bach dazwischen durch und
-das blaue ätherreine Firmament umschließt wie mit liebenden Armen das
-herrliche Land. Der Habicht streicht in langsam bedächtigen Kreisen über
-die Flur, -- die Krähe sitzt gesättigt oben in den Zweigen des Apfelbaumes
-und wetzt an dem rauhen Aste den Schnabel -- und der Mensch? --
-
-Geht in die Hütten und seht wie sie zusammenkauern; hebt den Deckel von dem
-irdenen Topfe, der in der Röhre steht und einen widerlich dumpfigen Geruch
-verbreitet; -- aus was besteht die Nahrung, die sich der Erzgebirger
-zusammengeknetet hat, sein und der Seinigen Leben zu fristen? Faule, kranke
-Kartoffeln zu Muß gedrückt und mit etwas schwarzem Mehl angerührt, -- Salz
-hat er nur selten, -- etwas Häringslauche muß dem Stoffe eine Art Geschmack
-geben, und _will_ er verschwenderisch sein, so vertritt Lampenöl die
-Stelle des zu theuren Fettes. Und das sind Menschen, -- denkende, fühlende
-Menschen, von Gott mit denselben Anrechten an dieses Leben ausgestattet,
-wie wir selbst, das sind Menschen, die hier rettungslos ihrem sicheren
-Verderben entgegengehen. Rettungslos, wenn nicht bald etwas geschieht, sie
-dem fürchterlichsten Elend zu entreißen.
-
-Die Klöppelarbeit ist kaum noch im Stande ihr elendes Leben zu stiften, und
-in den englischen Spitzenmanufacturen ihnen ein Feind erstanden, mit dem
-sie den verzweifelten Kampf um die Existenz nur noch wenige Jahre werden
-bestehen können. Die Preise der Spitzen fallen wirklich jährlich, und es
-ist Thatsache, daß die Leute im Gebirge in diesem Jahr (1848), trotz des
-_billigen_ Brodes, doch nicht _mehr_ für ihre Arbeit bekamen, als das
-vorige. Die Leute vegetiren also dieses Jahr eben so wie das vorige; wie
-aber nun, wenn wiederum, was doch jeden Augenblick geschehen kann, eine
-neue Theuerung die Brodpreise hinauftreiben sollte? Die Arbeitspreise
-steigen _nicht_ wieder, und die Klöppler sind dann einem Verderben nahe,
-dessen Ahnung schon jetzt ihr Herz mit Schrecken erfüllt.
-
-»Wenn das Brod wieder theuer wird, müssen sie uns todtschlagen,« sagte ein
-junger bleicher Bursche, der in Scheibenberg auf einer Hobelbank saß und
-faule Kartoffeln kaute. -- Es liegt eine fürchterliche Wahrheit in den
-Worten, _man kann doch die Leute nicht langsam verhungern lassen_.
-
-»Aber warum verlassen sie das Gebirge nicht?« -- rufen die Tausende --
-»warum gehn sie nicht in's flache Land -- im Gebirge selbst und in der
-nächsten Nachbarschaft müssen die Bauern baierische Dienstboten nehmen,
-weil die Gebirger nicht aushalten, selbst an den Wegen, die der Staat hat
-fast nutzlos anlegen lassen, nur um den Unglücklichen zu helfen, haben sie
-nicht länger arbeiten mögen -- sie _wollen_ ja zu Grunde gehen -- warum
-ergreifen sie nicht etwas Anderes, wenn das alte Geschäft nicht mehr geht?«
-
-Dort ist Jemand in einen Fluß gefallen -- er schlägt mit Armen und Füßen
-um sich -- aber er sinkt -- er hebt sich noch einige Mal -- dreht sich eine
-Zeit lang auf derselben Stelle im Kreise herum und sinkt immer und immer
-wieder. »Warum schwimmt der Mensch nicht -- er braucht ja nur mit Armen und
-Beinen gleichmäßig auszutreten, -- nur gerade so, wie es ihm die Leute,
-die da in Herzensangst am Ufer stehen, vormachen -- er braucht nur den
-Kopf dann zu heben und dem nächsten Ufer zuzuarbeiten, so kann er ja nicht
-untergehen.« -- Ei ja wohl, wäre ihm das in seiner Jugend gelehrt, so
-könnte er das allerdings -- wüßte er, _wie_ er seine Kräfte gebrauchen
-soll, er würde auch nicht untergehen; aber die Leute am Ufer, die alle auf
-ihn einschreien und ihm zuwinken, kleine Stückchen Holz nach ihm werfen,
-auf denen er sich einen Augenblick ausruhen soll, machen ihn nur noch mehr
-irre und bringen ihn ganz außer Fassung. -- _Guter Rath_ und _schwache_
-That kommen hier zu spät, hier bedarf es eines _kräftigen_ Mittels, das
-ihm die Hand reichen und vom Verderben zurückreißen muß, dem er sonst im
-nächsten Augenblick zu erliegen droht.
-
-Der Erzgebirger ist entnervt und erschlafft, aber weniger noch an
-körperlichen, als an geistigen Kräften; jetzt geschieht allerdings was
-möglich ist, um nur in etwas seine Energie zu wecken; die Schulen werden
-überall vermehrt und verbessert, man sucht die Einzelnen ihrem Jammer zu
-entziehen und mit dem wirklichen Leben bekannt zu machen, bedeutende Summen
-werden vom Staat und von Privaten daran gewandt, der augenblicklichen Noth
-zu steuern -- aber es ist auch nur die augenblickliche Noth, und solche
-Hülfe genügt nicht mehr allein. Die Wunde, die vielleicht in früherer
-Zeit mit leichten Umschlägen und Salben geheilt gewesen wäre, ist
-jetzt geeitert, der Brand ist hinzugetreten und jede Verzögerung einer
-ernstlichen Cur macht sie nur noch schmerzhafter und noch gefährlicher.
-Dem Erzgebirger sind seine Berge die Welt; kommt er in das flache Land, so
-stellt er sich linkisch und ungeschickt an, -- aber das ist's nicht allein
--- durch eine Nahrung, wie sie bei uns kein Hund verzehren würde, ist er
-auch schwach und kraftlos geworden. Haben ihn auch nun wirklich Bauern
-als Knecht einmal angenommen und ihm denselben Lohn, wie ihren andern
-Arbeitern, gegeben, so vermochte er natürlich nicht von allem Anfang so
-auch zu arbeiten, das Alles zu leisten, was jene wirklich leisteten. War
-dann auch der Herr vernünftig und gutmüthig genug, das Alles nachzusehen,
-wollte er den Unglücklichen eher zurechtweisen als einschüchtern, so fand
-dieser dagegen bei seinem ihm fremden _rohen_ Cameraden -- denn unsere
-Arbeiter sind _leider_ in der Mehrzahl roh -- keine so freundliche
-Gesinnung. Wer das Verhältniß der Knechte und Dienstleute zu einander
-kennt, wird mir recht geben; erst verspotten sie den Fremdling, besonders
-wenn er sich etwas täppisch und unbeholfen zeigt, oder gar nach einem
-anderen Dialekt redet, und machen sich über ihn lustig, äffen ihm auch wohl
-die Worte nach; dann aber auch murren sie und werden gehässig, wenn ein
-Anderer, der mit ihnen auf gleicher Stufe steht und dieselben Pflichten hat
-wie sie, nicht auch alles das leisten kann oder wirklich leistet, was man
-von ihnen selbst fordert.
-
-Der Erzgebirger aber, nur in seinem innersten Familienkreise aufgezogen
-und groß geworden, ist zu weichlich, zu schüchtern, dem Allen begegnen zu
-können, die geistige Energie fehlt ihm, jetzt einmal doch zu zeigen, daß er
-ein Mann ist und den _Feind_, der sich ihm zeigt, zu bekämpfen. Nein, das
-Heimweh faßt ihn nach seinen Bergen; dort mußte er wohl hungern und Noth
-leiden, aber dort lachte ihn auch keiner aus, dort war er nicht verspottet
-und verachtet. Der geringe Funke von Geist, der noch in ihm schlummerte,
-wurde dort nicht mit Füßen getreten, und zurück flieht er mit aller Hast
-und Angst zu den Seinen und theilt lieber Jammer und Elend mit ihnen.
-Ebenso, nur in einem fast noch stärkeren Grade, war es mit den Mädchen,
-die sich in's flache Land ausmiethen wollten. -- Nichts auf der Gotteswelt
-haben sie daheim gelernt, als ihre Klöppel zu führen und höchstens einmal,
-und selbst das noch mangelhaft, ihre Kleider auszubessern und herzurichten
--- jetzt auf einmal verlangt man lauter fremde unbekannte Sachen von ihnen,
-und dieselbe Scheu treibt auch sie zu den Ihren zurück.
-
-Wohl wäre es vielleicht auch jetzt noch Zeit, auf die Jugend mit allen
-nur zu Gebote stehenden Mitteln einzuwirken, daß wenigstens diese einer so
-fürchterlichen und gefährlichen Lethargie entrissen wird, -- es muß sogar
-wirklich geschehen, wenn nicht der ganze Stamm doch verderben soll. -- Die
-Unglücklichen haben sich aber gegenwärtig dem Abgrund, der sie verschlingen
-muß, so fürchterlich genähert, daß -- und zwar rasch und ohne Zögern --
-etwas Gewaltiges, etwas Durchgreifendes geschehen muß, wenn nicht _jede_
-Hülfe zu spät kommen soll.
-
-Jener fürchterlich übervölkerte Gebirgsdistrikt, dessen Bewohner mit einer
-Hartnäckigkeit an ihrer Beschäftigung hängen, die der der Schaafe gleicht,
-wenn sie, befreit, in den brennenden Stall zurückstürzen -- jener Distrikt
-muß gelichtet und auf eine Art gelichtet werden, die den Zurückbleibenden
-Luft giebt und ihnen freier zu athmen gestattet. Durch keine bürgerliche
-Hülfe kann dies aber allein geschehen, und wäre sie auch zehnmal größer,
-als sie Sachsen zu bieten vermag. Der _moralische Trieb_ dieser Menschen
-muß geweckt werden, und nur dann ist es möglich, an eine wirkliche Rettung
-derselben zu glauben.
-
-Das ist aber wieder nur durch eine _Auswanderung_ möglich, und nicht
-etwa durch die Auswanderung Einzelner, die immer nur auf ihren engen
-Familienkreis zurückwirken, nein, durch die vom Staate selbst geleitete
-Auswanderung von _Tausenden_, für die man in den Vereinigten Staaten von
-Nordamerika eine neue Heimath gründet. _Zwanzigtausend Menschen_ müssen
-übersiedelt werden, oder _Hunderttausende_ gehen rettungslos zu Grunde. Wie
-das geschehen könne, ist hier nicht Raum genug zu erörtern, aber dadurch
-wird nur die Möglichkeit hergestellt, erstlich für den Augenblick die
-zwanzig Tausend der Noth zu entreißen und den Zurückbleibenden in den
-ersten Jahren eine Concurrenz zu nehmen, die sie freier aufathmen läßt.
-Abgerechnet von all dem materiellen Nutzen, den eine solche That für
-Gehende und Bleibende haben muß, von dem Lande, was frei wird, von den
-gewonnenen Producten, die nicht mehr in die kleinsten Atome vertheilt
-werden müssen, von den gelieferten Arbeiten, die jetzt doch wenigstens
-regelmäßig ihre Käufer finden, wenn sie auch keinen höhern Preis erreichen
--- abgesehen von alle diesem ist es aber besonders der _moralische
-Einfluß_, den eine solche Auswanderung auf den übrigen Theil der Gebirge
-üben wird und muß. Bis jetzt erschien ihnen selbst das außer ihrer nächsten
-Umgebung Liegende wie eine fremde Welt -- daß man ohne Klöppeln existiren
-konnte begriffen sie nicht -- selbst die Einzelnen, die es tollkühn
-versucht hatten, in das »Ausland«, nach Leipzig, Dresden, ja selbst
-Chemnitz zu gehen, kamen fast sämmtlich wieder zurück und kauerten lieber
-an ihrem Klöppelkissen -- da hatten sie den Beweis -- es ging draußen
-für sie nicht an -- sie gehörten nicht da hinaus und mit ängstlicher
-verderblicher Scheu hielten sie selbst ihre Kinder davon zurück. Dann aber
-wäre die Bahn gebrochen -- Tausende sind plötzlich über tausend Meilen
-weit, über das Meer sogar, nach einem fremden Lande gezogen -- der Gebirger
-hat auf das Aeußerste gespannt -- in Angst und Sorge um die Tollkühnen,
-einer Nachricht von ihnen gelauscht -- da plötzlich treffen Briefe auf
-Briefe ein -- in alle Theile des Gebirges zweigen sie aus -- solche
-Schreiben laufen von Hand zu Hand, jede Familie drängt sich herzu, wenn der
-Vater oder Schullehrer die ersehnte Kunde meldet, und eine neue Welt geht
-plötzlich vor ihren Augen auf, als sie das Jubelgeschrei der Ihren aus der
-Ferne hören -- als sie mit Staunen und Verwunderung hören, daß Jene nicht
-mehr zu hungern und zu frieren brauchen, daß sie mit mäßiger Arbeit einen
-Ueberfluß von Nahrung und Kleidung verdienen können und jetzt zum ersten
-Male steigt der _freiwillige_ und durch nichts anderes geweckte Wunsch in
-ihrer Brust auf -- »könntest Du dorthin.«
-
-Mit dem Wunsche aber denkt der Gebirger auch schon an die Möglichkeit der
-Ausführung, und jetzt, jetzt ist die Zeit gekommen, seinen verkümmerten
-Geist mit allen Waffen der gesunden Vernunft anzugreifen und aus seinem
-Traume mit aufrütteln zu helfen. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo dem im
-alten Schlamme noch Versunkenen der Fortschritt der Welt gezeigt und
-er selbst zum thätigen Mitwirken daran aufgefordert werden muß. Aeußere
-Umstände kommen dann noch dazu, die Einwirkung zu vermehren; bis dahin wird
-das Klöppeln durch die sich immer mehr verbessernden englischen Spitzen
-fast ganz vernichtet und zu Grunde gerichtet sein; der Gebirger, aus seinem
-Stumpfsinn erwacht, sieht auf der einen Seite seinen alten Erwerbszweig,
-an den er wie an ein Evangelium geglaubt, zerstört, auf der anderen dagegen
-Sachen möglich gemacht, die er bis dahin nur für tolle Märchen gehalten,
-und er wird dann, wenn der alte Zauber erst einmal gebrochen, auch nicht
-allein ein Mensch werden, sondern was noch viel wichtiger und für ihn
-nothwendiger sein muß, _fühlen_, daß er wirklich ein Mensch _ist_.
-
-Der dortigen fürchterlichen Noth kann auf keine andere Art möglicher Weise
-abgeholfen werden -- eine Auswanderung ist meiner Meinung nach das Einzige.
-Mag aber da der Staat nicht durch eine scheinbare Verantwortlichkeit
-zurückschrecken, eine Verantwortlichkeit, die nur in der Idee existirt.
-Bei einer Auswanderung werden wohl Manche sterben, Manche dort, statt der
-gehofften Heimath, ein _Grab_ finden; hier aber gehen die Leute _gewiß_,
-und wie die Aussicht jetzt ist, alle zu Grunde. Jenes sind dann auch nicht
-Folgen der Auswanderung, nein, es sind noch die Folgen des fürchterlichen
-Elends, das hier ihren Körper aufgerieben und vergiftet -- der Keim des
-Todes ist es, der hier schon durch widernatürliche Nahrungsmittel und
-Lebensart gepflanzt und gepflegt wurde. Und was für ein Unterschied
-zwischen dem Tode eines Vaters _dort_ und _hier_. Dort weiß er die Seinigen
-versorgt, oder die Hoffnung versüßt wenigstens seine letzten Stunden -- ein
-gemeinsames Unternehmen hat sie in seinen Schutz genommen, er fühlt, daß
-sie nicht hülflos untergehen werden -- und hier? -- wenn er hier stirbt
--- wenn er noch einmal auf die bleichen elenden Gestalten sieht, die sein
-hartes Lager umstehn -- wenn er weiß, _wie_ er sein ganzes Leben verbracht
-hat, weiß, daß all die Seinen auch nur Aehnliches, vielleicht jetzt noch
-größeres Elend erwartet -- muß ein solcher Augenblick nicht alle Qualen der
-Hölle in sich schließen, und kann da noch von einer Verantwortlichkeit
-die Rede sein? Nein, wahrlich nicht, die alte Generation wird freilich
-aussterben, ohne viel Heil und Segen von der Uebersiedelung gehabt, ohne
-die Vortheile alle genossen zu haben, die man für sie beabsichtigte; aber
-die Kinder, die hier nur dem sicheren Elend entgegen gingen, sind gerettet.
-Der Erzgebirger, der den Anwuchs seiner Familie bis dahin nur als einen
-Fluch betrachtete und betrachten _mußte_, sieht plötzlich, daß er ihm dort,
-in den freien Wäldern einer neuen Welt zum _Segen_ wird. Die erzgebirgische
-Mutter, die bei dem Tode eines Kindes wohlhabender Eltern mit stierem
-Blicke sagte: »_Mir stirbt keins!_« findet Brod für die Kleinen, und die
-natürliche Liebe, die durch Noth und Elend gewaltsam erstickt worden, wacht
-wieder auf in ihrem fast erkalteten Herzen.
-
-Auch _der_ Einwand kann keine Geltung finden, daß die Armen zu schwach und
-entkräftet wären und die schweren Arbeiten des dortigen Ackerbaues nicht
-aushalten würden. Die Erzgebirger, wenigstens ein großer Theil derselben,
-arbeiten hier auch in Wald und Feld und würden mit Freuden noch mehr
-arbeiten, wenn sich ihnen nur die Gelegenheit böte. Ist er aber auch
-schwach und entkräftet, so sind das nur ganz natürliche Folgen seines
-elenden Lebens, die sich mit einer Aenderung desselben ebenfalls ändern
-werden. Und gehört denn nicht wirklich eine Riesennatur dazu, eine solche
-Noth so lange Jahre hindurch zu _ertragen_? Ueberdies sollen solche
-Uebersiedelten im Anfang, und ehe sie sich ganz erholt und gekräftigt
-hätten, aber auch gar keine so übermäßig anstrengenden Arbeiten verrichten,
--- sie sollen in den ersten Jahren nur so viel bauen, als sie zum
-einfachsten Leben, aber an gesunder nahrhafter Kost brauchen, und
-Gott weiß, sie brauchen wenig genug. Mit der Zeit mögen sie dann an
-Verbesserungen, an den Absatz ihrer Producte und an die Zukunft denken,
-dann werden sie auch im Stande sein, derartige Pläne nicht allein
-auszuführen, sondern auch _fassen_ zu können -- früher, wo ihnen die Kraft
-und Fähigkeit sowohl zum Einen wie zum Andern fehlt, haben sie das gar
-nicht nöthig.
-
-Schafft sie nur erst hinüber, die Unglücklichen, gebt ihnen nur erst
-die Gelegenheit, sich emporzuraffen, wählt nur das rechte Mittel, sie zu
-_Menschen_ zu machen, und sie werden Euch beweisen, was sie vermögen. --
-Heil und Segen wird dem Unternehmen folgen, aber mit Ernst muß es auch
-angegriffen werden, mit Lust und Liebe zur schönen That, und starke Opfer
-dürfen nicht gescheut werden, dann aber läßt sich auch wirkliche Hülfe,
-nicht eine bloße Galgenfrist bleichen Hungertodes erwarten, und der alte
-Krebsschaden, der jetzt an unserm schönen Sachsenlande zehrt und nagt, wird
-endlich einmal, so bald die kranken Theile herausgeschnitten sind, heilen
-und gesunden.
-
-Mir war von all dem Elend so weh geworden, daß ich kaum weiß, wie ich diese
-Hütte verließ, und doch fand ich in vielen andern, die ich an diesem Morgen
-noch besuchte, immer nur dasselbe Leid, denselben Jammer, der wie ein
-düsteres Trauertuch das ganze Land bedeckte. Und doch _leben_ diese
-Menschen noch -- wo nur noch eine Aussicht auf Existenz blieb, da schien
-auch die Hoffnung nicht ganz erstorben zu sein -- sie kannten den Umfang
-ihres Elendes selbst zu wenig, und eine _Voraussicht_ auf die Zukunft haben
-diese Menschen nicht, sie sind wie unmündige Kinder und müssen auch wie
-solche geführt werden. -- An den meisten Orten war aber der Jammer doch
-schon so groß und nachhaltig gewesen, daß sie auf meine Fragen, ob sie
-denn die Gebirge verlassen würden, wenn sich ihnen eine Aussicht böte, mit
-thränenden Augen und wie schon früher antworteten:
-
-»Ja -- ach Gott, ja -- nur nicht verhungern!«
-
-Und auch ich rufe das: -- Fort mit den Unglücklichen -- fort mit ihnen nach
-einem Orte, wo sie _nicht verhungern_. -- Was nützen die Palliativmittel,
-mit denen wir uns vorlügen, wir hätten eine Noth gelindert, einen Schmerz
-gestillt? Der flüchtige Moment war es, den wir beschwichtigten, und der
-nicht einmal, denn in dem nämlichen Athemzug erwacht auch schon die Angst
-für die nächste Stunde. Ernste, durchgreifende That muß hier reifen
-und schnell reifen, wenn nicht die nächsten Jahre schon auf ein Elend
-herabsehen sollen, wie es uns aus den Bergen Oberschlesiens in scheußlichem
-Hohn entgegengrinste -- mit dem Angstgeschrei der Sterbenden mischt sich
-dann ihr Fluch und _die_ Verantwortung dann wäre fürchterlich.
-
-Doch genug von all diesem entsetzlichen Jammer -- mir schnürte er die Brust
-zusammen, und ich floh, so schnell ich konnte, zurück in's flache Land. --
-
-
-
-
-Die Otter-Jagd.
-
-
-Die Zeiten, die schönen Zeiten sind vorüber, wo der Mann noch auf männliche
-Art sein Vergnügen suchte; wo er mit Speer und Messer, mit Wurfgeschoß oder
-Büchse den Wald durchstreifte, den Bär im eigenen Lager angriff, und dem
-Eber auf schäumendem Rappen durch Dickicht und Unterholz folgte.
-
-Die schönen Zeiten der edlen, männlichen Jagd sind vorbei; jetzt höchstens
-gehn die jungen Herren mit Jagdfrack nach neuestem Schnitt, und sauberen,
-eng anschließenden Kamaschen, die Hände in einem Muff, den Hals dicht und
-warm in wollene Shawls eingeschlagen, hinaus und stellen sich an (und Gott
-weiß es, _wie_ sie sich manchmal dazu anstellen). Die Bauern müssen ihnen
-dann das arme, unglückliche, verrathene und verkaufte Wild herbeitreiben,
-und wenn kein Unglück passirt, das heißt, wenn der Hahn wirklich
-aufgezogen, oder die Sicherheit nicht vorgeschoben, oder die Flinte nicht
-verladen, oder das Zündhütchen nicht »schändlicher Weise« herabgefallen,
-oder die Brille verloren ist, der Gewehrriemen nicht »gerade als man zielen
-will« über dem Lauf liegt, oder der Schuß nicht nachbrennt, als man das
-Wild »so herrlich auf dem Korn hatte«, oder der Hase zu weit oder zu
-schnell läuft, oder wenn tausend andere Oder und unvorhergesehene Zufälle
-nicht dazwischen kommen und besonders das Haupt-Oder -- ihnen keinen Strich
-durch die Rechnung macht, wenn sie nämlich nicht effectiv fehlen -- dann
-schießen sie wohl ihr Häschen oder ihre unglückliche Ricke, die sie in
-der Eile, »weil sie nicht aus den Büschen heraus _wollte_«, für einen Bock
-angesehen haben.
-
-Das nennen sie nachher Jagd.
-
-Die Otterjagd ist vielleicht die einzige, der, in England wenigstens, bis
-auf unsre Tage viel Eigenthümliches und Kräftiges geblieben.
-
-Noch halten sich manche Edelleute ihre Ottermeuten und verfolgen Tage
-lang mit einer, unsren Jägern gewiß unbegreiflichen Mißachtung jeder
-Feuchtigkeit das flüchtige Thier durch Bäche und kleine flache Ströme; ihre
-Blüthenzeit ist aber auch vorüber, und wirklich interessante Jagden werden
-mit jedem Jahre seltener.
-
-Der Pomp und die Umständlichkeit der alten Jagden gaben an sich schon dem
-Ganzen einen eigenthümlichen Reiz, und die Otterjäger hatten nicht allein
-ihre verschiedenen Sitten und Gebräuche, sondern auch eine ganz besondere
-Tracht. Ihre kurzschößigen Jacken waren grün, mit Scharlach, ihre
-Pelzmützen mit Goldbändern besetzt, und mit Straußenfedern geziert.
-Stiefeln, ziemlich nach Art unsrer jetzigen hohen Wasserstiefeln, reichten
-bis zu ihren Hüften hinauf, und trugen oben goldene oder silberne Franzen.
-Ihre Speere zeichneten sich ebenfalls durch ihre reichen Verzierungen
-und ihre geschnitzte Arbeit aus, und der Anblick eines Zuges vollständig
-ausgerüsteter Otterjäger war zu gleicher Zeit so pittoresk als imposant.
-Mit der Verringerung der Ottern hat aber auch zu gleicher Zeit ihre Jagd
-sich vereinfacht, doch war selbst noch zu Ende des letzten Jahrhunderts
-die Otterjagd in England eine der betriebensten und volksthümlichsten.
-Regelmäßige Ottermeuten wurden gehalten, und die Landleute schienen
-damals von ihren Otterspeeren so unzertrennlich, wie jetzt von ihren
-Spazierstöcken.
-
-Zu eben dieser Zeit war übrigens der Otterspeer einfacher als er jetzt
-ist, und er bestand nur aus einer gewöhnlichen, geraden Eschenstange mit
-einfachen oder doppelten Harpunen oder Pfeilspitzen. Jetzt hat eine
-neuere und wohl auch zweckmäßigere Erfindung den gewöhnlichen Widerhaken
-verdrängt, und die Stahlspitze ist so gearbeitet, daß sie erst dann,
-wenn in den Körper des Thieres getrieben, zwei Haken ausläßt, die es dem
-verwundeten Otter unmöglich machen, sich von der tödtlichen Waffe wieder zu
-befreien.
-
-Ich will dem Leser eine solche Otterjagd beschreiben.
-
-Es hatte sich eine Gesellschaft von sieben Jägern zusammengefunden, um in
-einem kleinen Flusse, Namens Tiesie, eine am vorigen Abend durch den Squire
-selbst aufgefundene Otterfährte zu verfolgen und wo möglich den schlauen
-Fischdieb zu erlegen. Der Tiesie läuft eine lange Strecke durch flaches,
-etwas sumpfiges Land, dort aber, wo er zuerst seinen Lauf in wenn auch
-niedere, aber dennoch seine Ufer steil begrenzende Hügel lenkte, hatte Mr.
-Halway die Spuren entdeckt, und als am nächsten Morgen die Gesellschaft
-mit ihren Speeren und einer tüchtigen Meute Hunde den Platz erreichte,
-bezeugten mehrere frische Gräten, die an der linken Uferbank unter einer
-kleinen Lindengruppe lagen, seine Nähe.
-
-Die Hunde wurden, kaum den Platz erreicht, schon unruhig, und Nell und
-Boney, ein Paar ausgezeichnete Otterfänger, schienen es besonders auf
-ein kleines Schilfdickicht abgesehen zu haben, das sich der Lindengruppe
-gegenüber befand.
-
-Halway stimmte dafür, daß ein Theil der Jäger hinüber an's andere Ufer
-waten, und dort die Hunde unterstützen solle, es war aber noch beim Beginn
-der Jagd und Alles -- _trocken_, und da meinten denn Mehrere: »der Otter
-sei wahrscheinlich an dieser Seite«, wo ja auch die Gräten alle lagen und
-die meisten Spuren waren; der gegenüberliegende Platz blieb also von den
-Jägern unbesetzt, und am hohen Flußrande hingehend munterten sie durch
-Zurufe und den fröhlichen Jagdschrei die immer hitziger und eifriger
-werdenden Hunde auf, den Feind zu finden, damit sie ihn mit ihren Speeren
-verfolgen und erlegen könnten.
-
-»S'ist nur ein Glück,« meinte Dickson, einer von Halway's Nachbarn, »daß
-sich der Otter nicht ein Paar hundert Schritte weiter oben aufhält, der
-kleine See dort würde alle unsre weiteren Versuche, seiner habhaft zu
-werden, unnütz gemacht haben, denn der Grund ist so schlammig, daß es
-wahrhaftig mit Lebensgefahr verknüpft ist, sich nur bis an die Knie
-hineinzuwagen.«
-
-»Hahaha« lachte Merville, »davon weiß Dickson eine Geschichte zu erzählen.
-Als wir das letzte Mal hier waren, stak er in dem Sumpfe drinnen und unsrer
-Sechse haben mit Stricken und Seilen wohl eine Viertelstunde lang gezogen,
-bis wir ihn wieder heraus und auf's Trockene brachten.«
-
-»Ha -- was hat Nell dort?« rief Blower -- ein anderer Gutsbesitzer aus der
-Gegend -- »Wahrhaftig, Halway, ich glaube, Ihr habt Recht, der Otter sitzt
-da drüben, ich werde hinüber waten.«
-
-Er war im Begriff, seinen Entschluß augenblicklich in's Werk zu setzen,
-aber zu spät. Der Otter hatte wirklich in jenem Schilfdickicht gelegen
-und wahrscheinlich die um ihn herumsuchenden Hunde vorbeilassen, und dann
-zurück zu dem schützenden See schwimmen wollen, wo jede weitere Verfolgung
-vergeblich gewesen wäre, das wurde aber durch die Aufmerksamkeit Boney's,
-der durch derartige Kunstgriffe schon mehrere Male getäuscht worden und
-nicht gesonnen schien, sich auf's Neue anführen zu lassen, vereitelt,
-denn er und Nell hielten sich fortwährend ziemlich hoch im Schilfe, und
-überließen es den anderen Hunden, den schlauen Feind aufzustöbern und
-flüchtig zu machen.
-
-Dieser sah auch kaum, wie jeder Versuch, das tiefe Wasser zu erreichen,
-vergeblich war, als er das dichte Schilf verließ und, über den hier mehrere
-hundert Schritt breiten Wasserspiegel hinwegschwimmend, erst entschlossen
-schien, den Fluß mit aller nur möglichen Schnelle stromab zu gehen, dann
-aber wieder links einbog und in einem rechten Winkel eine seichte Stelle
-erreichte, wo das Wasser etwa drei Fuß tief, den Hunden nicht erlaubte
-Grund zu fassen, und der Otter selbst, unter dem dichten Wurzelwerk und
-Rohr verborgen, vor ihnen geschützt blieb und auch dann und wann, ohne
-fürchten zu müssen entdeckt zu werden, an die Oberfläche kommen und Luft
-schöpfen konnte.
-
-»Hier hilft kein Zaudern mehr« schrie aber Halway jetzt, selbst bis unter
-die Arme in das Wasser springend -- »von dort heraus bringen ihn die Hunde
-nicht, und wenn wir nicht mit unsren Speeren die Bestie heraustreiben, so
-können wir die Jagd nur aufgeben.«
-
-Merville sprang dicht hinter ihm her, und auch Blower folgte, Dickson aber,
-als er die drei der Stelle zu waten sah, während die Hunde einen Heidenlärm
-vollführten und bellend und winselnd ihren Herren nachplätscherten, dachte
-bei sich, daß zum Vortreiben vollkommen genug Menschen im Wasser säßen,
-suchte sich daher eine seichte, kaum wenige Zoll tiefe Stelle aus, und
-schritt an das andere Ufer hinüber, wo er auf einem vorragenden, steilen
-Felsblock die Jagd übersehen und auch augenblicklich stromab das niedere
-Ufer wieder erreichen konnte, wenn das verfolgte Thier, wie es fast nicht
-anders konnte, die Flucht durch die weiter unterhalb liegende Stromschnelle
-und über einen kleinen Fall, versuchen sollte.
-
-Halway hatte übrigens Recht gehabt, die Hunde vermochten nichts gegen
-ihren listigen Feind auszurichten, der nur dann und wann, in irgend einem
-ungangbaren Gebüsch, die bärtige Schnautze über die Oberfläche des Wassers
-hob, um die nöthige Luft zu schöpfen, und dann schnell und geräuschlos
-wieder untertauchte in sein sicheres Versteck.
-
-Die drei Jäger fanden bald, daß auch sie hier ihre Hilfe leihen mußten,
-langsam also, und in gleicher Linie das schmale und kaum hundert achtzig
-Schritt lange Schilfdickicht durchwatend, stießen sie höchst aufmerksam in
-alle die Stellen mit den umgekehrten Speeren hinein, unter denen möglicher
-Weise der Fischdieb verborgen liegen konnte. Schon näherten sie sich
-indessen dem Ende des seichten Platzes und die Hunde fingen an wieder
-zurückzusuchen, während Halway selbst zu glauben begann sie hätten ihre
-Beute übergangen, als diese plötzlich, höchst unverhofft zum Vorschein kam.
-
-Merville hatte nämlich eben mit der Stange in ein besonders dichtes Gewirr
-von Wurzelwerk und Wasserpflanzen hineingefühlt, als Nell, der seinen
-Standpunkt überhalb des Schilfbruches noch immer nicht verlassen, die
-Nase prüfend in die Höhe hob und im nächsten Augenblick auch schon, eifrig
-schnaubend auf die Stelle zuschwamm, wo Merville noch immer stand, und
-den Hund beobachtete. Da tauchten, nur wenige Schritte von ihm entfernt,
-einzelne kleine Luftblasen in die Höhe, und er wußte, dort müßte der Otter
-sein. Die Tiefe des Wassers, in dem er sich selbst befand, also schnell
-berechnend, schwang er den Speer hoch empor, und stieß ihn mit rascher,
-sicherer Hand nieder auf den Grund des Flusses, wo sich der listige
-Flüchtling verborgen hielt.
-
-Aber wehe! in allem Eifer hatte er vergessen, den Speer, den er noch
-verkehrt in der Hand trug, umzudrehen, und als der mit ausgezeichneter
-Geschicklichkeit geführte Stoß, denn Merville war ein guter Otterjäger,
-niederfuhr, kam er in höchst unsanfte Berührung mit dem wirklich dort
-lauernden Thier, brachte aber demselben leider keinen weiteren Schaden, als
-daß er es bedeutend erschreckte, aus seiner bisherigen Sicherheit auf und
-zu dem höchst unbesonnenen Entschluß trieb, die Rettung in offener Flucht
-zu suchen.
-
-Instinctmäßig wandte sich der Otter nun zwar stromauf, der sicheren Bahn
-zu, hier aber begegnete er den beiden offenen Rachen von Nell und Boney,
-die gierig nach ihm schnappend, ihre Beute schon gefaßt wähnten. So leicht
-sollte ihnen aber der Sieg nicht werden.
-
-Jener, die Seichtheit des Wassers fürchtend, in welchem er, wenigstens an
-dieser Stelle, nicht wagen durfte zu tauchen, schien schnell entschlossen
-das andere Ufer des Flusses zu erreichen, und ehe Merville, der jetzt
-natürlich seine Waffe schnell genug wandte, wieder festen Fuß fassen, und
-sich von seinem Schreck erholen konnte, strich er schon wie ein Aal, die
-ganze Länge des Körpers außer dem Wasser zeigend, von der Schilfinsel fort,
-und schräg über den Fluß hinüber dem steilen Vorsprung zu, auf welchem
-Dickson, an seine Waffe gelehnt, dem Kampfe bis jetzt behaglich zugeschaut
-hatte.
-
-Kaum merkte dieser aber, wie sich der Schauplatz der Hetze auf seine Seite
-verlegen würde, als er, so schnell ihn seine Füße trugen, von der Höhe
-heruntersprang, und das Ufer gerade in demselben Augenblicke erreichte,
-in welchem der Verfolgte das feste Land betreten und, argbedrängt von
-den Hunden, wahrscheinlich über die in den Fluß hinauslaufende Landspitze
-hinweg schlüpfen und das auf der unteren Seite befindliche ruhige
-und tiefere Wasser erreichen wollte. Durch den unvorsichtig auf ihn
-Einstürmenden aber geängstigt, änderte er seinen Plan und wandte sich
-wieder; da schallte ein Triumphruf von der gegenüber liegenden Seite und
-selbst Dickson hielt ihn für verloren, denn dicht, dicht hinter ihm, kaum
-wenige Zoll von seiner bärtigen Schnauze entfernt, schnappte Boney, schon
-im Vorgenuß der ihn erwartenden Seligkeit, gierig mit den Fängen und
-öffnete den weiten Rachen.
-
-»Hurrah!« schrie Halway vom anderen Ufer aus -- »Hurrah Hunde -- faßt ihn
--- faßt ihn!«
-
-Boney hörte den Zuruf seines Herrn und fuhr, schwerlich noch einer
-Anreizung bedürfend, mit wildem Biß nach dem Nacken des Thieres, doch
-war es nichts als Wasser, was ihm, im wahren Sinne des Wortes, im Maule
-zusammenlief, der Otter tauchte in demselben Moment, als ihn Dickson schon
-zwischen den Fängen des Hundes glaubte, blitzschnell nieder, glitt unter
-dem Bauche seines Feindes fort, und schoß nun, wieder zur Oberfläche
-emporkommend, mit aller ihm nur zu Gebote stehenden Schnelle stromab.
-
-»Hinüber -- hinüber noch Einer von Euch!« schrie Halway jetzt erregt --
-»die Bestie will über den Fall hinunter und in die tiefe Stelle, kaum
-hundert Schritte unterhalb. Fünf Ottern haben wir schon bis zu dem Platz
-verfolgt, und dann regelmäßig aufgeben müssen. Jetzt nur hinunter an die
-Fälle, so schnell wir können.«
-
-Hawkins leistete dem Rufe Folge und watete schnell zu Dickson hinüber, die
-Uebrigen jedoch glaubten auf der Seite, auf welcher sie sich befanden, am
-Ersten zum Wurf kommen zu können und eilten Halway nach, der, so schnell es
-ihm der weiche, schlammige Boden gestattete, unter der Felswand fortlief,
-die hier das Flußthal überhing und sein Bestes versuchte, einen kleinen mit
-hohem Schilfgras bewachsenen Vorsprung zu erreichen, der sich, von mehreren
-Fichten überschattet, gerade über dem Fall befand, so daß der Otter, wollte
-er hier durch, dicht an ihm vorbeidefiliren mußte.
-
-»Wie kam's, daß Ihr den Otter fehltet, Merville?« rief er diesem zu, als er
-ihn eben eingeholt hatte -- »er lag Euch doch dicht vor den Füßen.«
-
-»O zum Teufel -- ich hielt den Speer verkehrt.«
-
-»Unsinn« lachte Halway, »ein so alter Otterjäger, wie Ihr, wird mit dem
-verkehrten Speer stoßen.«
-
-»Ich gebe Euch mein Wort darauf,« betheuerte Merville im vollen Laufen,
-um neben dem schnellfüßigern Halway zu bleiben, der ihn schon zurücklassen
-wollte -- »ich fürchtete mit dem Widerhaken im Schilfe hängen zu bleiben
-und --«
-
-»Dort ist er,« schrie Halway, und überflog mit einem Satze eine schmale
-sich hier hineindrängende Bucht, arbeitete sich mit verzweifelter
-Anstrengung durch das hohe Rohr, und stand im nächsten Augenblick auf der
-ersehnten Stelle. Es war aber auch die höchste Zeit, denn der Otter, durch
-das viele Tauchen ermüdet, hatte es aufgegeben, im Dickicht augenblickliche
-Zuflucht zu finden, und wußte nun, das in dem tiefen Wasser seine alleinige
-Rettung lag; den Fall also einmal passirt, trug ihn schon die Strömung
-des Flusses in wenigen Secunden dorthin, und eine am rechten Ufer liegende
-Schilfgrasecke nun dazu benutzend, die dicht folgenden Hunde irre zu führen
-oder aufzuhalten, schnitt er wieder hinüber, und näherte sich reißend
-schnell dem niedern Wassersturz.
-
-Nell und Boney, mit der größeren Schwimmfertigkeit ihres Feindes wohl
-bekannt, sahen kaum, wie dieser in offener Flucht und den mit Speeren
-bewaffneten Jägern so weit voraus, sein Heil suchte, als sie auch schon,
-wie verabredet, dem ihnen am nächsten liegenden linken Ufer zuschwammen,
-dieses erreichten, und nun schnellen, flüchtigen Laufes darauf hinstürmten,
-dem Schwimmenden den Weg abzuschneiden. Dicht über dem Fall aber, von
-Dickson's wüthendem Schreien zum Aeußersten getrieben, sprangen sie wieder,
-jetzt dicht hinter dem Otter, in's Wasser, während die Anderen der Meute
-ebenfalls in nur wenigen Schritten Entfernung kleffend und winselnd
-folgten.
-
-Wo der Otter zum letzten Male in's Schilf gekrochen war, hatte er mehrere
-junge Hunde verleitet, ihn immer noch dort zu glauben, und eifrig nach
-ihm das dichte Gestrüpp zu durchwühlen, was, Einem besonders, fast sehr
-schlecht bekommen wäre, da Hawkins, der im ersten Augenblick, als er sich
-Etwas bewegen sah, glaubte, es sei der Otter, schon zum tödtlichen Stoße
-ausholte, seinen Irrthum aber noch glücklicher Weise zeitig genug einsah.
-
-Schlimmer erging es Dickson, der, jetzt Nässe und Feuchtigkeit verachtend,
-in das seichte Wasser sprang und mit der Linken den Hut um den Kopf
-schwenkte, die Meute durch immer grellere und ohrenzerreißendere Töne zu
-fast wahnsinniger Wuth antrieb, während er selbst der Jagd nachzukommen
-versuchte. Aber wehe -- der nächste Schritt, den er that, brachte ihn
-mit dem Fuß in ein tiefes Senkloch -- er verlor das Gleichgewicht,
-und verschwand im nächsten Moment unter der über ihn wieder friedlich
-zusammenschießenden Fluth, wenig von den Jägern, und noch weniger von den
-Hunden beachtet, die wild und theilnahmlos vorbeistürmten.
-
-Jetzt hatte aber auch der Otter den Fall erreicht, und glitt mit
-Blitzesschnelle darüber hin -- doch kaum zehn Schritt von ihm entfernt,
-stand Halway, den Speer hoch erhoben und ruhig und kaltblütig den Zeitpunkt
-abwartend, der ihm einen sichern Wurf gestatten würde, denn kaum durfte er
-hoffen, seine Waffe in diesem Augenblick mit Erfolg schleudern zu können.
-Er sollte auch nicht lange harren -- in der nächsten Secunde verschwand der
-Otter in den schäumenden Sprudelwellen, die hier seit Jahrtausenden gegen
-den Fall ankämpften, und gleich darauf stieg er korkähnlich wieder daraus
-hervor.
-
-Dies war aber das einzige Moment, in dem Halway hoffen durfte, seinen Wurf
-anzubringen; und er wußte das. -- Schnell zuckte noch einmal der schon
-gehobene Arm zu kräftigerem Schwunge zurück, und dann, von der starken Hand
-gesandt, zischte er nieder in die schäumende Fluth, aus welcher eben das
-bärtige Gesicht des armen, gehetzten Thiers aufgetaucht war.
-
-Wie mit Zauberschnelle verschwand Otter und Harpune unter Wasser, jetzt
-aber glitten auch, kühn und unerschrocken, die beiden Hunde über den Fall,
-und als der zum Tode Getroffene zuckend und sich sträubend wieder an die
-Oberfläche kam, erfaßten ihn die treuen Rüden, und zerrten ihn, winselnd
-und mit den Schwänzen wedelnd an's Ufer.
-
-Dickson war indessen ebenfalls seinem nassen Bade entstiegen, und Merville,
-der jetzt, freilich etwas spät, auf dem Kampfplatz erschien, half die
-Beute auf's Trockene ziehen und wehrte die übrige Meute ab, die kleffend
-herbeistürmte und ihre Freude wenigstens durch einige wohlangebrachte Bisse
-kund zu thun wünschte.
-
-Nach und nach versammelte sich nun die ganze Jägerschaar um das glücklich
-erlegte Thier, und nachdem es gemessen war -- es maß vier Fuß fünf Zoll
-vom Kopf bis zum Schwanzende -- zog sie jubelnd dem nicht weit entfernten
-Farmhof Halway's zu, um sich dort bei Speise und Trank von den gehabten
-Anstrengungen zu erholen.
-
-Dickson aber und Merville waren an diesem Tage die beiden unglücklichen
-Schlachtopfer aller Jägerscherze.
-
-
-Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
-werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=
-hervorgehoben.
-
-Der Halbtitel wurde entfernt.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich absichtlich fehlender Satzzeichen in den beiden
-"Bomaier"-Auswandererbriefen, sowie uneinheitlicher Schreibweisen wie
-beispielsweise "Arkansas" -- "Arkansus", "Barkeeber" -- "Barkeeper",
-"dausend" -- "tausend", "dies" -- "dieß", "Riviere -- "Rivière",
-
-mit folgenden Ausnahmen,
-
- im Inhaltsverzeichnis:
- "224" geändert in "229"
- (Civilisation und Wildniß      229)
-
- Seite 6:
- "Gabrieln" geändert in "Gabrielen"
- (denn Gabrielen behandelte sie nicht wie eine Dienerin)
-
- Seite 8:
- "«" und "»" eingefügt
- (um aller Heiligen willen,« bat Gabriele, »so hab ich Dich)
-
- Seite 16:
- "«" eingefügt
- (habe ich Schutz und Hülfe gefunden.«)
-
- Seite 22:
- "Schade" geändert in "schade"
- (verdammt schade, daß man rothes Fell)
-
- Seite 23:
- "mistrauischen" geändert in "mißtrauischen"
- (seinem Gefährten einen schnellen, mißtrauischen Seitenblick)
-
- Seite 32:
- "Gariele" geändert in "Gabriele"
- (»Gabriele!« rief aber der Vater)
-
- Seite 37:
- "einem" geändert in "einen"
- (wie die Gesetze einen Overseer)
-
- Seite 37:
- "Mishandlung" geändert in "Mißhandlung"
- (für die Mißhandlung dieser Unglücklichen)
-
- Seite 42:
- "«" hinter "Duxon." entfernt und hinter "Cent," eingefügt
- (keine funfzig Cent,« höhnte Duxon.)
-
- Seite 45:
- "machmal" geändert in "manchmal"
- (lügen Ihnen manchmal das Blaue vom Himmel)
-
- Seite 45:
- "Gescheideste" geändert in "Gescheidteste"
- (Das Gescheidteste wäre)
-
- Seite 68:
- "aufgetrocknet" geändert in "ausgetrocknet"
- (noch nicht ganz wieder ausgetrocknet war)
-
- Seite 69:
- "«" hinter "St. Clyde," entfernt und hinter "Gott!" eingefügt
- (»Großer Gott!« stöhnte St. Clyde, erschüttert auf die)
-
- Seite 75:
- "Cocktaws" geändert in "Chocktaws"
- (Es sind Chocktaws -- ich muß fort)
-
- Seite 87:
- "los ließ" geändert in "losließ"
- (dieser sie halbbetäubt losließ)
-
- Seite 90:
- "den" geändert in "denn"
- (ein Ende machte, denn er hielt plötzlich sein Pferd an)
-
- Seite 93:
- "Überirdische" geändert in "Ueberirdische"
- (glaubt nicht mehr an das Ueberirdische)
-
- Seite 93:
- "»" vor "oder" entfernt und "«" hinter "geträumt," eingefügt
- (mit wachenden Augen geträumt,« oder die lieblose)
-
- Seite 98:
- "laß" geändert in "las"
- (nöthigte ihn sehr artig zum Sitzen, las dann den Titel)
-
- Seite 108:
- "ewigens" geändert in "ewigen"
- (in die kreisenden Sonnenwelten des ewigen Seins)
-
- Seite 110:
- "ganzem" geändert in "ganzen"
- (er sie in seinem ganzen Leben noch nicht)
-
- Seite 113:
- "Fahrboote" geändert in "Fährboote"
- (schnelle Fährboote, mit kleinen rasch puffenden Maschinen)
-
- Seite 113:
- "Frucht" geändert in "Fracht"
- (eifrig beschäftigt, die Fracht aus- oder einzuladen)
-
- Seite 124:
- "das" geändert in "daß"
- (und der Gedanke auch, daß sie ihren Verwandten)
-
- Seite 127:
- "Umständen" geändert in "Umstände"
- (siegten die äußeren, keineswegs günstigen Umstände)
-
- Seite 130:
- "ihn" geändert in "ihm"
- (ihm für die treue Wahrung seines Kindes dankte)
-
- Seite 135:
- "." eingefügt
- (an der Dampfbootlandung hin und her. -- Sollte er)
-
- Seite 136:
- "abhing" geändert in "anhing"
- (mit aller Liebe einer wirklichen Tochter anhing)
-
- Seite 139:
- "so gar" geändert in "sogar"
- (mußte sogar ein paar Mal stehn bleiben)
-
- Seite 143:
- "das" geändert in "daß"
- (ahnen zu lassen, daß dort, wohin man)
-
- Seite 150:
- "des" geändert in "das"
- (habe unten an der Landung das Sternwheelboot)
-
- Seite 152:
- "fur" geändert in "für"
- (in Mainstreet soll dann ein Wagen für Euch stehn)
-
- Seite 152:
- "«" eingefügt
- (dafür will ich auch schon Sorge tragen.«)
-
- Seite 157:
- "halbschlauen" geändert in "halb schlauen"
- (die halb schlauen, halb ängstlichen Seitenblicke)
-
- Seite 166:
- "den" geändert in "gen"
- (Bug gen Westen und schoß blitzesschnell davon)
-
- Seite 171:
- "körperlichen" geändert in "körperlichem"
- (was er zu körperlichem Wohlbefinden gebrauchte)
-
- Seite 172:
- "erungenen" geändert in "errungenen"
- (er entsagte ja nur einem errungenen Vortheil)
-
- Seite 176:
- "-" eingefügt
- (kürzlich eingetroffenen Mail- oder Postboot)
-
- Seite 176:
- "," eingefügt
- (»=Eagle of the West=«, ein rasches wackeres Dampfboot)
-
- Seite 187:
- "unermüdlichen" geändert in "unermüdlichem"
- (der mit unermüdlichem Eifer daran ging)
-
- Seite 190:
- "halten" geändert in "haltend"
- (an jeder Station ewig lange haltend, und zuletzt gar)
-
- Seite 203:
- "«" hinter "Lippen." entfernt
- (und biß sich auf die Lippen.)
-
- Seite 217:
- "wiederstand" geändert in "widerstand"
- (sie widerstand allen meinen Bemühungen)
-
- Seite 230:
- "-" eingefügt
- (das Meeting- oder Bethaus)
-
- Seite 242:
- "»" eingefügt
- (»hahahaha! weißer Mann -- mehr)
-
- Seite 251:
- "«" hinter "gewesen;" entfernt und hinter "aber," eingefügt
- (an dem Tage gewesen; aber,« setzte er leiser hinzu)
-
- Seite 258:
- "«" hinter "lesen," entfernt und hinter "Mutter?" eingefügt
- (»Soll ich weiter lesen, Mutter?«)
-
- Seite 259:
- "«" eingefügt
- (keinen Sohn -- keinen Freund ....«)
-
- Seite 263:
- "»" vor "denn" und "«" hinter "beziehen." entfernt
- (denn auf diesen mußte sie doch natürlich das Gesagte beziehen.)
-
- Seite 263:
- "Sich" geändert in "sich"
- (was Sie sich hätten denken können)
-
- Seite 264:
- "»" vor "fuhr" entfernt und "«" hinter "sein," eingefügt
- (muß es doch gewiß sein,« fuhr die unverwüstliche)
-
- Seite 264:
- "Sich" geändert in "sich"
- (Denken Sie sich, Miß Baywood)
-
- Seite 267:
- "demselbem" geändert in "demselben"
- (ihr Auge begegnete in demselben Moment)
-
- Seite 268:
- "hieher" geändert in "hierher"
- (hierher nach Boonville zu holen)
-
- Seite 279:
- "ihn" geändert in "ihm"
- (Hütte bei Hütte durchforschte er nach ihm)
-
- Seite 302:
- "Drathpuppen" geändert in "Drahtpuppen"
- (Zum Teufel mit den seelenlosen Drahtpuppen)
-
- Seite 332:
- "den" geändert in "der"
- (Heizer auf einem der Mississippi-Dampfboote)
-
- Seite 376:
- "großen" geändert in "großem"
- (von vielem und großem Einfluß sein)
-
- Seite 366:
- "Papierkabseln" geändert in "Papierkapseln"
- (die gewöhnlichen Streichhölzchen in Papierkapseln)
-
- Seite 379:
- "freundlich" geändert in "freundliche"
- (fand ich eine freundliche Familie beisammen)
-
- Seite 410:
- "Scherck" geändert in "Schreck"
- (sich von seinem Schreck erholen konnte)
-
- Seite 411:
- "»" eingefügt
- (vom anderen Ufer aus -- »Hurrah Hunde -- faßt ihn)
-
- Seite 412:
- "«" eingefügt
- (»Wie kam's, daß Ihr den Otter fehltet, Merville?«)
-
- Seite 412:
- "»" eingefügt
- (»er lag Euch doch dicht vor den Füßen.«)
-
- Seite 413:
- "»Nell und Boney«" geändert in "Nell und Boney,"
- (Nell und Boney, mit der größeren Schwimmfertigkeit)
-
-
- sowie jeweils "«," geändert in ",«"
-
- auf Seite 405:
- (»S'ist nur ein Glück,« meinte Dickson)
-
- und Seite 412:
- (»Ich gebe Euch mein Wort darauf,« betheuerte Merville)]
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band., by
-Friedrich Gerstäcker
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN. ***
-
-***** This file should be named 53100-8.txt or 53100-8.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/3/1/0/53100/
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/53100-8.zip b/old/53100-8.zip
deleted file mode 100644
index fd0f2c8..0000000
--- a/old/53100-8.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/53100-h.zip b/old/53100-h.zip
deleted file mode 100644
index 25db4bb..0000000
--- a/old/53100-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/53100-h/53100-h.htm b/old/53100-h/53100-h.htm
deleted file mode 100644
index 3066bed..0000000
--- a/old/53100-h/53100-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,12845 +0,0 @@
-
-
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
- "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
-
-<head>
-<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=iso-8859-1" />
-<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
-
-<title>The Project Gutenberg eBook of
-Aus zwei Welttheilen, Zweiter Band,
-by Friedrich Gerstäcker</title>
-
-<link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
-<style type="text/css">
-
-body {margin-left: 10%; margin-right: 10%;}
-
-h1 {font-size: 200%; text-align: center; font-weight: normal; margin-top: 2em; line-height: 1.5;}
-h2 {font-size: 110%; text-align: center; font-weight: bold; margin-top: 6em; margin-bottom: 1.5em; line-height: 1.5;}
-h3 {font-size: 105%; text-align: center; font-weight: bold; margin-top: 4em; margin-bottom: 1.5em; line-height: 1.5;}
-h4 {font-size: 100%; text-align: center; font-weight: bold; margin-top: 3em; margin-bottom: 1.5em; line-height: 1;}
-
-.subheader {display: inline;font-weight: normal; font-size: 85%; margin-top: 1.5em;}
-
-p {text-indent: 1em; text-align: justify; margin-top: 0.75em; margin-bottom: 0.75em;}
-
-hr {width: 10%; margin-top: 1.5em; margin-bottom: 1.5em; page-break-before: avoid;}
-
-.ce {text-align: center; text-indent: 0;}
-.ci {margin-left: 5%; margin-right: 5%; text-indent: 0;}
-.si {text-align: right; text-indent: 0; page-break-before: avoid;}
-.ge {font-style: normal; letter-spacing: .12em; padding-left: .12em;}
-.in0 {text-indent: 0;}
-.in2 {text-indent: 2em;}
-.top {vertical-align: top; font-size: .75em;}
-.nd {text-decoration: none;}
-.lh2 {line-height: 2;}
-
-.fsl {font-size: 125%;}
-.fss {font-size: 85%;}
-.fsxs {font-size: 75%;}
-
-.mb1 {margin-bottom: 1.5em;}
-
-.mr2 {margin-right: 2em;}
-.mr4 {margin-right: 4em;}
-.mr10 {margin-right: 10em;}
-
-.mt1 {margin-top: 1.5em;}
-.mt2 {margin-top: 2em;}
-
-.poetry-container {text-align: center; margin-top: 1em;}
-.poetry {display: inline-block; text-align: left;}
-@media handheld {.poetry {display: block; margin-left: 2em; text-align: left;}}
-.stanza {line-height: 1.3; font-size: 90%; margin-bottom: 0.7em; page-break-inside: avoid;}
-.verse {text-align: left; text-indent: -2em; padding-left: 2em;}
-
-table {margin-left: auto; margin-right: auto;}
-.tdc {text-align: center; vertical-align: top;}
-.tdl {text-align: left; padding-left: 2em; text-indent: -2em;}
-.tdr {text-align: right; vertical-align: bottom; white-space: nowrap;}
-.bor {border-right: 1px solid black;}
-
-a[title].pagenum {position: absolute; right:3%;}
-
-a[title].pagenum:after {
- content: attr(title);
- border: 1px solid silver;
- display: inline;
- font-size: x-small;
- text-align: right;
- color: #808080;
- background-color: inherit;
- font-style: normal;
- padding: 1px 4px 1px 4px;
- font-variant: normal;
- font-weight: normal;
- text-decoration: none;
- text-indent: 0;
- letter-spacing: 0;
-}
-
-</style>
-</head>
-
-
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band., by
-Friedrich Gerstäcker
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band.
- Gesammelte Erzählungen
-
-Author: Friedrich Gerstäcker
-
-Release Date: September 20, 2016 [EBook #53100]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN. ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-<h1>Aus zwei Welttheilen.</h1>
-
-<p class="ce mt2 lh2 fsl">Gesammelte Erzählungen<br />
-<span class="fss">von</span><br />
-<b>Friedrich Gerstäcker.</b></p>
-
-<p class="ce mt2 lh2 fsl">Zweiter Band.</p>
-
-<p class="ce mt2 lh2 fsl"><b>Leipzig,</b><br />
-Arnoldische Buchhandlung.<br />
-1854.</p>
-
-
-
-
-<h2>Inhalt des zweiten Bandes.</h2>
-
-
-<div class="ce">
-<table summary="" border="0" cellpadding="2">
-<tr>
- <td class="tdr fss" colspan="2">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">Die Tochter der Riccarees</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_001">1</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">Herr Schultze</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_093">93</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">Der Deutsche und sein Kind</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_109">109</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">Schicksale einer Nacht</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_189">189</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">Civilisation und Wildniß</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_229">229</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">Aus dem Briefsacke des Paquetschiffes »Seeschlange«&emsp;</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_299">299</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">Der Klöppeldistrikt des sächsischen Erzgebirges</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_369">369</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">Die Otterjagd</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_401">401</a></td>
-</tr>
-</table>
-</div>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a>
-Die Tochter der Riccarees.<br />
-
-<span class="subheader">Lebensbild aus Louisiana.</span></h2>
-
-
-<p>Eine glühende Septembersonne schoß ihre fast senkrechten
-Strahlen auf die weiten Baumwollen- und
-Zuckerfelder und ausgedehnten Sümpfe und Prairien
-Louisianas herab. Die ganze Natur ruhte, oder schien
-vielmehr matt und kraftlos, verschmachtet und erschöpft
-zu liegen, und mit fieberheißen Poren den
-Nachtthau herbeizusehnen, der die lechzenden Lippen
-der Erde tränken und den Bäumen ihre Farbe, den
-Blumen ihren Duft wiedergeben sollte. Eine glühende
-Septembersonne trieb den weichlichen Pflanzer in das
-Innere seiner kühlen Wohnung zurück, und hinter
-verschlossenen Jalousien, den claretgefüllten Krystallbecher
-neben sich, lag er träumend in seinem geflochtenen
-Schaukelstuhl und vertrieb sich die Zeit dadurch,
-das in dem Wein rubinartig funkelnde Eis mit dem
-<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a>
-langen, silbernen Löffel auf- und niederzustoßen und
-zu zerschmelzen.</p>
-
-<p>Draußen aber im Feld, der sengenden Glutenhitze
-ausgesetzt, die auf ihre nackten Schultern niederbrannte,
-standen in langer Reihe die Negersklaven,
-Männer, Frauen und Kinder mit großen leichten
-Spahnkörben und sammelten in diese die Baumwollenflocken
-aus den holzigen Kapseln, und im Schatten
-eines nicht fernen Pecanbaums, die große lederne
-Peitsche in der Hand, lehnte der <em class="ge">Overseer</em><span class="top">[1]</span> und
-überschaute gähnend die keuchende Schar, dann und
-wann nur einen flüchtigen Blick hinüberwerfend, nach
-der nicht fernen Piazza des Wohngebäudes, wo allerdings
-ein freundlicheres, lieblicheres Bild sein Auge
-fesseln konnte.</p>
-
-<p class="ci fss">[1]: <i>Overseer</i>, die obersten Aufseher der Neger, meistens Weiße
-und zwar Amerikaner, auch oft Creolen. Die ihnen untergebenen
-Aufseher, gewöhnlich selbst Neger, werden nur <i>nigger drivers</i>
-genannt, wie überhaupt <i>nigger</i> der verächtliche und sehr oft angewandte
-Ausdruck für Neger ist.</p>
-
-<p>Zehn Stufen führten zu der von hohen Chinabäumen
-und zwei duftigen Magnolien umschatteten
-Galerie des Herrenhauses empor, und rankende weiße
-Rosen schlängelten sich hier an den buntgeschnitzten
-Säulen hinauf, bis sie oben die wilden Reben erreichten,
-<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-die, unter dem niederen Schutz- und Sonnendache
-hingezogen, ihre blauen vollen Trauben mitten
-zwischen den zarten Rosenknospen hineinsenkten, als
-ob sie den Duft aus diesen ziehen und ihnen dafür
-den kühlen Saft ihrer Beeren gewähren wollten.
-Seltene tropische und nordische Gewächse waren dabei
-rings im Inneren des laubigen Raumes aufgestellt und
-vermischten ihre Wohlgerüche mit denen der sie umwuchernden
-Schlingpflanzen.</p>
-
-<p>Doch nicht nur Blum' und Blüte schmückten
-den Eingang des reichen Beaufort Haus, der als
-einer der wohlhabendsten Pflanzer am ganzen Fausse
-Rivière bekannt und geachtet war, nicht allein Blum'
-und Blüte schwankte und wehte in dem kaum bemerkbaren
-Westwind, der von der breiten Wasserfläche des
-»falschen Flusses« herüberzog, sondern noch, aufgehangen
-zwischen den knospen- und fruchtumdrängten
-Pfeilern schaukelte, durch die Hand eines kleinen
-Negerkindes in Bewegung gehalten, eine bunte, wunderlich
-geflochtene Hängmatte, und darin, das von
-rabenschwarzen Locken umwogte Köpfchen auf den
-vollen weißen Arm gelehnt, während das zierliche
-Füßchen eben unter dem weiten faltigen Kleide sichtbar
-wurde, lag des Pflanzers holdes Kind, die reizendste
-Creolin Louisianas, und schaute halb sinnend, halb
-<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-träumend zu der Blütenpracht hinauf, die von buntfarbigen
-Schmetterlingen und diamantfunkelnden
-Kolibris umflattert und beraubt wurde.</p>
-
-<p>Um sie lagen zerstreut theils frisch abgebrochene
-Blumen, theils große sammetne Magnolienblätter,
-auf deren schneeige Fläche sie mit der Nadel Figuren
-und Namen gezeichnet, und selbst einzelne französische
-Hefte und Journale deckten die Hängmatte und das
-danebenstehende kleine Tischchen; ein Zeichen, wie
-Mademoiselle <em class="ge">Alles</em>, selbst das Letzte versucht hatte,
-die Langeweile zu tödten.</p>
-
-<p>Und sandte der sonngebräunte, finstere Aufseher
-der Schwarzen nach dieser holden Blume seine leidenschaftglühenden
-Blicke herüber? Wagte er es zu der
-schönsten und reichsten Erbin des Landes das Auge zu
-erheben? Nein &ndash; wohl wußte er, wie diese ihn haßte
-und verabscheute, wohl kannte er die Kluft, die zwischen
-ihm und der Jungfrau in jeder Hinsicht gähnte;
-nein; er wollte nicht girren und schmachten, er wollte
-<em class="ge">genießen</em>, und ein anderes Wesen als Gabriele
-Beaufort, hatte sich sein lüsterner Blick ersehen.</p>
-
-<p>Neben der Gebieterin, den breitfaltigen Pfauenwedel
-in der Hand, mit dem sie dem schönen Mädchen
-nicht allein Kühlung zufächelte, sondern auch die
-umherschwärmenden Insekten verscheuchte, lehnte auf
-<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-weichem Sitz ein fast ebenso liebliches, wenn auch von
-dem ersten gar sehr verschiedenes Kind. Es war eine
-Indianerin, die dunkle Bronzefarbe der Haut, das
-lebhaft funkelnde Auge, die schneeweißen Zähne und
-das ganze Wesen, die ganze Haltung des Mädchens
-kündete die Tochter der Wälder, nur das rabenschwarze,
-sonst lange und <em class="ge">straffe</em> Haar schien sich,
-leicht gekräuselt, jener bläulichen Färbung nähern zu
-wollen, die den schönen Quadroonenmädchen, den
-Mischlingen der Weißen und Mulatten, einen so eigenthümlichen
-Reiz verleiht.</p>
-
-<p>Ihre schlanke Gestalt war in ein weites, luftiges
-Gewand, nach Art ihres Stammes angefertigt, gekleidet,
-ein buntgestickter Perlengürtel hielt es über der
-Hüfte zusammen und bildete mit zwei gleichen Korallenschnuren,
-eine um den sammetweichen Nacken, die
-andere um die Schläfe geschlungen, den einzigen
-Schmuck des holden Mädchens. Nur die aus zartgegerbten
-Fellen bereiteten Moccasins, in denen die
-kleinen zierlichen Füße staken, trugen noch die Zeichen
-der kunstfertigen Hand Nedaunis-Ais' (die kleine
-Tochter) oder Saisens, wie sie der Kürze wegen von
-Gabrielen genannt ward.</p>
-
-<p>So wunderlieblich und reizend aber auch das Bild
-der beiden, von einer Blumenwelt umgebenen Jungfrauen
-<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-war, so trübe, wehmüthige Gefühle schienen
-Saisens Busen zu heben und einmal &ndash; ach, sie
-wandte das Köpfchen ab, daß es die Gebieterin nicht
-bemerken sollte &ndash; streifte sie sogar mit dem zarten
-Finger einen perlenden Tropfen von den langen, seidenen
-Wimpern und ein leiser, leiser Seufzer entrang
-sich der Brust des armen Kindes.</p>
-
-<p>Was war es aber, das ihr hier, von Pracht und
-Ueberfluß umgeben, das Herz beengte? Dachte sie an
-das Schicksal ihres Stammes? ihres ganzen Volkes,
-das, von dem Grund und Boden vertrieben der einst
-sein Eigenthum, durch den Stahl und das Feuerwasser
-der Weißen fast vernichtet, jetzt im weiten Westen,
-fern von den Gräbern der Lieben weilen mußte, während
-eine seiner Töchter dem Abkömmling jener stolzen,
-trotzigen Race diente, wo sie selbst doch eigentlich die
-Herrin dieses Landes nach Geburt und Recht war?
-Ach, sie hätte Ursache gehabt, darüber zu trauern,
-und die zwei holden Wesen lieferten ein treues, aber
-darum nur ein so wehmüthigeres Bild der beiden
-Nationen, der Sieger und Besiegten. Doch es war
-nicht das, auch nicht das Gefühl der Dienstbarkeit,
-denn Gabrielen behandelte sie nicht wie eine Dienerin,
-sondern wie eine Freundin, nein es war wohl die
-Trennung von den theuern Aeltern, denen sie durch
-<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-teuflische List geraubt worden. Der Gedanke an die
-daheim um sie Trauernden füllte auf's Neue ihre
-Wimpern und diesmal tropfte die Thräne voll und
-schwer in ihren Schoos hernieder.</p>
-
-<p>Gabriele bemerkte es.</p>
-
-<p>»Saise, meine herzliebe Saise, was fehlt Dir?
-Warum bist Du immer so traurig und willst mich nicht
-zur Mitwisserin Deines Kummers machen?« frug theilnehmend
-die junge Creolin; »bin ich nicht Deine Freundin,
-und habe ich nicht auch Dir alle meine kleinen
-Sorgen und Pläne entdeckt und um Deinen Rath und
-Deine Hülfe gebeten?«</p>
-
-<p>Saise drückte der Herrin Hand und schaute ihr
-wenige Secunden lang wehmüthig lächelnd in die
-klaren treuherzigen Augen, dann aber fiel ihr Blick
-auf das kleine, die Hängematte wiegende Negermädchen
-und Gabriele, den Wink verstehend, sagte:</p>
-
-<p>»Geh hinunter, Piccaninny<span class="top">[2]</span>, und zähle die
-Küchelchen, die im Hof herumlaufen; komm aber
-nicht wieder, bis Du mir genau sagen kannst, wie viel
-es sind«.</p>
-
-<p class="ci fss">[2]: Piccaninny, ein afrikanischer Ausdruck und gewöhnlich für
-alles das gebraucht, was klein und niedlich ist.</p>
-
-<p>Das kleine runde Dingelchen zog den breiten
-<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-Mund zu einem freundlichen Grinsen auseinander
-und sprang schnell durch den schmalen Eingang die
-Treppe hinab, den Befehl ihrer »Missus« auszuführen.
-Lächelnd sah ihr Gabriele einen Augenblick nach,
-dann aber, sich theilnehmend zur Gespielin wendend,
-sagte sie herzlich:</p>
-
-<p>»Siehst Du &ndash; das Kind ist fort, nun erzähle mir
-aber auch offen, was Dich drückt &ndash; gewiß kann ich
-Dir helfen.«</p>
-
-<p>»Du sollst Alles erfahren,« flüsterte Saise, »vielleicht
-ist es überdieß besser, <em class="ge">daß</em> Du es weißt, denn wenn«
-&ndash; sie schwieg plötzlich und barg schaudernd ihr Antlitz
-in den Händen.</p>
-
-<p>»Aber was ist Dir, um aller Heiligen willen,« bat
-Gabriele, »so hab ich Dich nie gesehen.«</p>
-
-<p>»So höre denn,« sagte, sich fassend, die Indianerin,
-»mit wenig Worten kann ich dir Alles vertrauen; ich
-habe, wenn auch noch jung, doch schon Entsetzliches
-erduldet. Ich bin die einzige Tochter eines Riccareehäuptlings,
-und ein kleiner Theil unseres Stammes &ndash;
-deine Brüder vertilgten fast unsere ganze Nation von
-der Erde &ndash; hatte sich dicht unter den Osagen, zwischen
-diesen und den Cherokesen niedergelassen. Mein
-Vater war ein Freund der Weißen &ndash; er sah, daß das
-Wild selten wurde, und fühlte, wie uns die bleichen
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-Gesichter an Klugheit und Kunstfertigkeit überlegen
-waren; er glaubte aber auch die einzige Sicherheit für
-die schwachen Ueberreste der Seinigen nur darin finden
-zu können, daß sich diese den Sitten und Gebräuchen
-ihrer Sieger anschlössen, den Acker bebauten und <em class="ge">ein</em>
-Volk mit jenen machten. Deshalb war jeder Weiße
-in unserer Hütte willkommen, und er benahm sich
-freundlich gegen Alle. Nur einmal erwachte in ihm der
-alte, fast erstorbene Geist des Kriegers wieder, als
-einst ein Weißer, ein rauher, unfreundlicher Mann,
-herzlich von uns aufgenommen, frech und zudringlich
-gegen mich wurde und zuletzt behauptete, ich dürfe
-gar nicht so spröde thun, denn ich sei ja doch nur, wie
-mein Haar auch klar genug beweise ein kleiner &ndash;
-Nigger.«</p>
-
-<p>»Hätte ein Pfeil meinen Vater getroffen, er wäre
-nicht schneller von seinem Sitze aufgesprungen. Er
-war Einer der ersten Krieger seines Stammes und
-meine Mutter die Tochter eines Sioux-Häuptlings
-gewesen, die er einst bei einem Ueberfall geraubt, liebgewonnen
-und zum Weibe genommen hatte; um so
-entsetzlicher traf daher dieses Wort seinen Stolz, und
-von Wuth und Ingrimm getrieben, riß er den Tomahawk
-von der Wand und schleuderte ihn nach dem
-Haupt des &ndash; <em class="ge">Gastes</em>.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-»Der weiße Mann stürzte besinnungslos nieder,
-aber in demselben Augenblick ergriff auch meinen Vater
-mit peinlichem Schmerz der Gedanke, das Gastrecht
-verletzt zu haben. Er sprang auf den Niedergestürzten
-zu, untersuchte die Wunde und wartete und pflegte
-ihn nun wie einen Sohn, bis er sich wieder erholt
-hatte und unsere Ansiedlung verlassen konnte.«</p>
-
-<p>»Aber jener Mann war ein Teufel &ndash; der erhaltene
-Schlag erfüllte sein Herz mit Wuth und Rache.
-Während er noch bei uns seine Genesung abwartete,
-erforschte er lauernd des Hauses und der Nachbarschaft
-Gelegenheit, und schon nach drei Nächten kehrte
-er mit seinen Helfershelfern heimlich und verrätherisch
-zurück. &ndash; Sie überfielen still und geräuschlos unsere
-Hütte, schlugen meinen alten Vater, der sich den
-Räubern entgegenwerfen wollte, nieder, banden und
-knebelten mich, hoben mich auf ein Pferd und schleppten
-mich in wilder, unaufhaltsamer Eile dem großen
-Flusse<span class="top">[3]</span> zu.«</p>
-
-<p class="ci fss">[3]: Mississippi.</p>
-
-<p>»Als ich aus einer langen Ohnmacht erwachte,
-umgab mich tiefe Nacht und ich fühlte nur, wie wir
-im vollen Galopp auf einem harten, schmalen Weg,
-unter niederen Bäumen und Büschen dahinsprengten,
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-denn der Hufschlag schallte weithin durch die stille
-Wildniß, und dann und wann streiften kleine Zweige
-meine Wangen. Was aber auch meine Räuber mit
-mir im Sinn gehabt, wahrscheinlich fürchteten sie
-Verfolgung, oder wußten sich wirklich schon verfolgt,
-denn rastlos, unaufhaltsam eilten sie weiter, und ruhten
-nicht eher, bis sie einen, sicherlich schon vorher
-verabredeten Platz erreicht und hier ihre schändlichen
-Genossen gefunden hatten.«</p>
-
-<p>»Gott allein weiß was später aus meinem alten
-Vater wurde, ich sah ihn nicht wieder, wohl aber
-einen fremden, finsteren Mann, der in meinem Beisein,
-während ich noch gebunden am Boden lag, einen
-Handel über mich abschloß, von meinem Räuber ein
-Schreiben &ndash; einen <em class="ge">Kaufbrief</em>, wie jener es nannte
-&ndash; ausgestellt bekam, und dann Deine arme Saise in
-ein Canoe trug und mit ihr davon ruderte.«</p>
-
-<p>»Hülflos &ndash; verlassen &ndash; verloren lag ich auf dem
-Boden des schwankenden Canoes, aber Alles, was
-mich bedrohte, stieg in fürchterlichen Bildern vor meiner
-inneren Seele auf.«</p>
-
-<p>»Ich fühlte, wie ich der Willkür dieses Mannes,
-der seine gierigen Blicke fest auf mich gerichtet hielt,
-gänzlich &ndash; wehrlos überlassen war, wußte, daß ich
-als Sklavin verkauft, kein Erbarmen bei den Weißen
-<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-mehr zu hoffen hatte, und der Gedanke an Selbstmord
-zuckte da zum ersten Mal durch meine fieberhaft schlagenden
-Pulse.«</p>
-
-<p>»Arme Saise,« sagte Gabriele.</p>
-
-<p>»Das Canoe war einer der gewöhnlichen, aus
-Holz roh gehauenen Kähne, schmal und mit rundem
-Boden; wenn ich mich nur leise bewegte, fühlte ich
-wie es schwankte, und sah die ängstliche Bewegung
-des Rudernden, der es im Gleichgewicht zu halten
-strebte; &ndash; ein Ruck &ndash; ein plötzlicher Stoß von mir
-&ndash; es schlug um und ich &ndash; war frei.«</p>
-
-<p>»Kaum hatt' ich diesen Entschluß gefaßt, als ein
-kalter Schauer mir fröstelnd durch die Adern rieselte
-&ndash; und starr und entsetzt blickte ich zu dem weißen
-Manne empor. Dieser aber, der den ängstlichen Ausdruck
-in meinen Zügen der Furcht zuschreiben mochte,
-lächelte höhnisch und sagte: »Gräme dich nicht, Püppchen;
-wenn du hübsch brav bist, sollst du meine kleine
-Squaw<span class="top">[4]</span> werden,« und dann lachte er so laut und
-teuflisch, daß er mir in dem Augenblick wirklich wie
-ein böses, dem finsteren Abgrund entstiegenes Wesen
-vorkam. Das aber befestigte nur noch mehr meinen
-Entschluß &ndash; ich wollte sterben. Nur dann und wann,
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-wenn das Canoe ein wenig zur rechten oder linken
-Seite hinüberschwankte, konnte ich das Ufer erkennen,
-und sah jetzt, daß wir uns unweit einer langen Insel
-befanden, die, wie es mir schien, gerade vor uns lag.
-Ich kann schwimmen wie ein Fisch, doch die Bande,
-die meine Hände zusammenschnürten, versagten mir
-jede Bewegung; auf keine andere Rettung durfte ich
-hoffen als die, die der Tod brachte.«</p>
-
-<p class="ci fss">[4]: Der Indianische Name für »Frau«.</p>
-
-<p>»Arme Saise.«</p>
-
-<p>»Noch einmal sandte ich jetzt mein Gebet zu dem
-Manitou meines Volkes empor &ndash; noch einmal blickte
-ich auf zu dem freundlichen Sonnenlicht, das hell und
-strahlend, ach für mich zum <em class="ge">letzten</em> Male über die
-ferne Waldung herübergrüßte; noch ein Mal sog ich
-in langem, langem Athemzuge die balsamische Luft
-der schönen Welt ein &ndash; schloß dann die Augen und
-warf mich, mit plötzlichem Schwung, mit Anstrengung
-aller meiner Kräfte, gegen die Seitenwand des
-schmalen Fahrzeugs.«</p>
-
-<p>»Halt an! wir sinken! schrie entsetzt der Räuber
-und versuchte auf der anderen Seite das Gleichgewicht
-wiederherzustellen, doch schnell folgte ich seiner Bewegung
-und im nächsten Augenblick fühlte ich die
-kühle Fluth über mir zusammenschlagen. Das Canoe
-war umgestürzt.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-»Ob jener Weiße schwimmen konnte, wußte ich
-nicht, auf jeden Fall wäre er in diesem Falle im
-Stande gewesen, mich, deren Hände noch immer gefesselt,
-zum nicht so fernen Ufer zu ziehn. Doch lebend
-sollte er mich nie mehr berühren, ich tauchte unter
-und zwar mit dem festen Entschluß, nimmer zur
-Oberfläche zurückzukehren.«</p>
-
-<p>»Gott wollte es anders; von der quellenden Fluth
-emporgehoben, stieg ich wieder dem Licht entgegen,
-fühlte aber plötzlich, wie ich mit dem Kopf gegen einen
-festen Gegenstand anstieß. Im ersten Augenblick
-glaubte ich, es sei das Canoe, der nächste überzeugte
-mich aber, daß ich unter Treibholz gerathen wäre,
-und zwar gerade an einer Stelle, wo ich den Grund
-mit den Füßen berührte, und wild übereinandergepreßte
-Stämme eine kleine Höhlung gebildet hatten,
-in die ich den Kopf bringen und &ndash; athmen konnte.
-Ich war für den Augenblick gerettet; mußte aber nicht
-der gewaltige Andrang der Strömung, die sich rauschend
-und schäumend nur eine kurze Strecke von mir
-entfernt an den Stämmen und Aesten brach, diese
-schwache Schutzwehr zusammendrängen und mich Zoll
-für Zoll in die Tiefe wieder zurückdrücken und vernichten?
-Mit unverzagtem Muth hätt' ich dem
-<em class="ge">raschen</em> Tod ins Auge geschaut, hier aber langsam,
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-langsam vielleicht zu sterben &ndash; o, es war
-fürchterlich.«</p>
-
-<p>Saise barg wieder, von dem Gedanken ergriffen
-und zusammenschaudernd, ihr Antlitz in ihren Händen.</p>
-
-<p>»Du unglückliches Kind,« flüsterte Gabriele, des
-schönen Mädchens Stirn an ihrem Busen bergend; »Du
-unglückliches &ndash; liebes &ndash; böses Kind, und warum
-hast Du denn das Alles mir so lang verschwiegen? war
-das recht von Dir? aber wie entgingst Du jener fürchterlichen
-Gefahr?«</p>
-
-<p>»Stundenlang,« erzählte Saise weiter, »stundenlang
-harrte ich, denn noch schrecklicher als der Tod war
-mir der Gedanke, das Licht des Tages und mit ihm
-das Antlitz jenes finsteren Mannes wieder zu sehen,
-ehe ich einen Versuch zu meiner Rettung wagte. Selbst
-dann aber blieb noch immer die Ausführung schwer
-und gefährlich, denn im Wasser hatte ich natürlich die
-Richtung verloren und mußte fürchten, daß ich, unter
-Wasser fortschwimmend, gerade tiefer in das Treibholz
-hineingerathen würde, Gott da oben hatte mich
-aber bis jetzt geschützt, und ihm vertraute ich. Als ich
-es überdies nicht länger mehr im Wasser aushalten
-konnte und der Frost meine Glieder schüttelte, horchte
-ich noch einmal genau, von welcher Richtung das Anprallen
-der Strömung tönte, berechnete dann schnell,
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-auf welcher Seite der Insel ich mich befinden müsse,
-und versuchte nun mich der Bande zu entledigen, die
-meine Hände noch immer gefesselt hielten. Und siehe
-da &ndash; es gelang. Es waren hirschlederne Riemen und
-die Nässe hatte sie ausgedehnt, meine Hände schlüpften
-hindurch und &ndash; ich fühlte mich frei.«</p>
-
-<p>»Jetzt fürchtete ich Nichts mehr, jener Mann mußte
-mich lange ertrunken geglaubt und die Stelle verlassen
-haben &ndash; ich tauchte unter &ndash; strich kräftig aus und
-sah nach wenigen, dem Herzen den Schlag raubenden
-Secunden das liebe herrliche Tageslicht wieder. Doch
-noch lange wagte ich nicht mich zu erheben, denn ich
-wußte nicht, wie nahe jener Weiße sei; ich kroch nur
-leise und vorsichtig an der flachen, von der Sonne warm
-beschienenen Bank hin, und machte in einem brünstigen
-Gebet und einem lindernden Thränenstrom dem so arg
-bedrängten Herzen Luft.«</p>
-
-<p>»Alles Uebrige weißt du. Dein Vater fand mich
-fünf Tage später im Walde &ndash; ich war heimathlos,
-&ndash; zu Hause durfte ich nicht wagen wieder zu erscheinen,
-meinen eigenen Vater hatten sie vor meinen
-Augen erschlagen, und wie konnten mich die ärmlichen
-Ueberreste meines Stammes vor den Verfolgungen der
-Weißen schützen? Du nahmst mich auf, Gabriele, und
-an Deinem Herzen habe ich Schutz und Hülfe gefunden.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-»Aber weshalb denn dieser stete Gram, Du liebes
-Kind?« sagte die Jungfrau schmeichelnd, »sei doch froh
-wie ich, Du bist ja bei Freunden, die Dir kein Leid geschehen
-lassen; oder drückt Dich noch ein Schmerz?«</p>
-
-<p>»Hast Du heute gesehen?« frug Saise mit ängstlich
-umherschweifenden Blicken, »hast Du gesehen, wie sie
-das arme Wesen ihrem Herrn auslieferten, dem es
-&ndash; er sagte so &ndash; entflohen war?«</p>
-
-<p>»Aber das war eine Sklavin und er ihr Herr,
-liebes Kind.«</p>
-
-<p>»Und woher weißt Du, daß er ihr Herr war?
-schwur sie nicht, sie habe ihn ihr Lebtage nicht gesehen?«</p>
-
-<p>»Er hatte ja den Kaufbrief, in dem ihre ganze Person
-beschrieben stand,« lächelte Gabriele; »Du närrisches
-Kind, was quälst Du Dich denn mit so trüben, ängstlichen
-Bildern ab; wie mag Dich das nur beunruhigen?«</p>
-
-<p>»Er hatte den <em class="ge">Kaufbrief</em>, in dem ihre ganze
-Person beschrieben stand, und die Leute hier &ndash; großer
-Gott &ndash; sie lieferten sie ihm aus&nbsp;&ndash;« schrie die Indianerin,
-von ihrem Sitze emporspringend.</p>
-
-<p>»Hilf Himmel &ndash; Saise!« rief Gabriele besorgt,
-denn sie fürchtete für den Verstand der Unglücklichen,
-»was fehlt Dir? was hast Du?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-»Gebunden führte er sie hinweg,« fuhr das Mädchen
-in entsetzlicher Aufregung fort &ndash; »gebunden! und
-auch über mich &ndash; auch über <em class="ge">mich</em> ist ein solcher Kaufbrief
-ausgestellt; auch <em class="ge">meine</em> Person, <em class="ge">mein</em> Aussehn
-&ndash; meine Haare &ndash; meine Augen &ndash; sogar das
-Maal auf meiner Schulter beschrieben. &ndash; O du allgütiger
-Gott!« &ndash; Sie brach schluchzend zusammen
-und barg ihr Antlitz in den Kissen des neben ihr stehenden
-Sessels.</p>
-
-<p>Gabriele war erschreckt aus der Hängematte gesprungen
-und bog sich leise zu der Unglücklichen nieder;
-mit tröstenden Worten wollte sie dabei ihren Kummer
-stillen, aber ach, sie kannte selbst nur zu gut die
-Gefahr, die unter solchen Umständen, wenn sie von
-jenem Buben wirklich wiederentdeckt würde, der
-armen Verfolgten drohte.</p>
-
-<p>»Komm,« sagte sie dann plötzlich zu der Indianerin,
-deren Angst sich in einer lindernden Thränenfluth gelöst
-hatte &ndash; »komm, fasse Muth, noch weiß ich Rath
-Dir zu helfen. Du kennst unseren Freund,« fuhr sie
-fort, als das Mädchen mit den großen dunkeln feuchten
-Augen zu ihr aufschaute, &ndash; »Du kennst den jungen
-Creolen St.&nbsp;Clyde &ndash; er ist uns freundlich gesinnt,
-&ndash; Beiden &ndash; Dir sowohl wie mir, und hat sogar selbst
-lange an den südwestlichen Grenzen Missouris, zwischen
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-den Cherokesen wie Osagen gelebt &ndash; der muß
-Rath schaffen; entweder kann er dorthin eilen und Zeugen
-herbeiholen, oder er sendet einen Boten, um das
-zu bewerkstelligen. Auf jeden Fall mußt Du selbst
-klagbar gegen den Verbrecher auftreten, das ist der
-einzige Ausweg seinen Angriffen zu begegnen.« &ndash;
-»Cöleste &ndash; Cöleste,« rief sie dann ihrer kleinen Negerin,
-die noch immer eifrig unten beschäftigt war, die
-toll und bunt durcheinander laufenden Küchlein zu
-zählen &ndash; »Cöleste, komm schnell herauf und schicke
-mir vorher Endymion.«</p>
-
-<p>Die Kleine gehorchte dem Befehl und erschien
-gleich darauf selbst oben an der Treppe; die großen
-dunkeln Augen standen aber voll Thränen, und das
-Gesicht verzog sie zu einer entsetzlich weinerlichen und
-ernstkomischen Miene.</p>
-
-<p>»Was fehlt Dir, Cöleste?« frug Gabriele freundlich.</p>
-
-<p>»O Missus« &ndash; schluchzte nun das Kind, dessen
-Schmerz sich bei diesen freundlichen Worten Bahn
-brach, »o Missus &ndash; ich &ndash; ich kann &ndash; ich kann nicht
-zählen &ndash; zählen &ndash; die Küchel &ndash; Küchelchen &ndash; sie
-laufen; &ndash; huhuhu &ndash; sie laufen so geschwinde.«</p>
-
-<p>»Komisches Kind,« lachte Gabriele &ndash; »geh &ndash; ruf
-Endymion schnell, und laß die Hühner, Hühner sein.«
-Endymion brauchte aber nicht mehr gerufen zu werden,
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-er tauchte eben hinter der Gespielin auf und
-sagte dann leise:</p>
-
-<p>»Missus will 'Dymion &ndash; hier ist er.«</p>
-
-<p>»Endymion,« rief Gabriele rasch &ndash; »Du weißt, wo
-Mr. St.&nbsp;Clyde wohnt &ndash; wie?«</p>
-
-<p>»Massa Clyde &ndash; jes« &ndash; nickte der Schwarze &ndash;
-»aber, Missus &ndash; ein fremder Gentleman ist unten«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Schon gut &ndash; schick' ihn zum Vater,« fuhr die
-Creolin ungeduldig fort &ndash; »Zu dem reitest Du, und
-bittest ihn so schnell als möglich, wenn es angeht
-heute Abend noch &ndash; verstehst Du mich, Endymion?
-heute Abend noch &ndash; herüberzukommen, ich &ndash; wir &ndash;
-wir hätten etwas Wichtiges mit ihm zu reden.«</p>
-
-<p>»Aber der Fremde, Missus,« unterbrach sie etwas
-ängstlich Endymion &ndash; »der Fremde &ndash; Massa schläft
-und arme 'Dymion kriegte viel Schläge, wenn ihn
-weckte&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»So laß ihn unten in die Halle treten, dort liegen
-Bücher und er mag sich die Zeit vertreiben, so gut er
-kann. Du aber, Endymion, mach rasch und füttere
-zugleich mein Reitpferd, es könnte sein, daß wir es
-schnell und zu einem eiligen Ritt gebrauchten; mach
-fort, Endymion, und kehre recht bald zurück.«</p>
-
-<p>Das volle runde Gesicht des Knaben verschwand
-plötzlich unter der steilen Treppe, und wenige Minuten
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-später hörte man schon am Schallen der Hufe, wie er
-auf flüchtigem Renner, den Fausse Riviere entlang,
-dem Mississippi zuflog.</p>
-
-<p>Saise hatte sich aber indessen durch die neue Hoffnung,
-bald jeder Furcht überhoben zu sein, getröstet;
-sie wußte &ndash; sie mußte es sich wenigstens mit leisem
-Erröthen gestehen &ndash; St.&nbsp;Clyde würde Alles thun was
-in seinen Kräften stand, sie von jeder Sorge und Gefahr
-zu befreien, und konnte sie selbst als Klägerin auftreten,
-dann hätte sich Jener erst, wäre er wirklich erschienen,
-vor allen Dingen von jedem auf ihm haftenden
-Verdachte reinigen müssen, und die Beweise
-ihrer reinen Abstammung konnte sie bis dahin bringen.
-Sie ergriff der Freundin Hand, hob sie leise an
-ihre Lippen und flüsterte:</p>
-
-<p>»Du bist gut &ndash; Du bist engelgut und hast mir mit
-Deinen freundlichen Worten Trost und Ruhe in's Herz
-gegossen.«</p>
-
-<p>Die Mädchen hatten sich eng umschlungen und
-Gabriele hielt erst lange das Antlitz der holden Tochter
-der Wälder zwischen den zarten Händen, schaute ihr
-herzlich und liebevoll in die großen dunkeln Augen
-und drückte dann einen heißen, innigen Kuß auf ihre
-Stirn.</p>
-
-<p>Der Overseer bemerkte von seinem Baum aus die
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-Ankunft des Fremden, und schlenderte langsam dem
-Hause zu.</p>
-
-<p>»Was zum Teufel nur die beiden Mädchen heute
-so ernstlich zusammen zu schwatzen haben,« murmelte
-er dabei vor sich hin &ndash; »hol mich der Böse, wenn ich
-nicht wünsche, das kleine rothe Ding wäre mein &ndash;
-verdammt schade, daß man rothes Fell nicht ebenso
-leicht kaufen kann wie schwarzes. &ndash; Wer der Fremde
-nur sein mag? &ndash; Wahrscheinlich ein Baumwollenspekulant
-aus New-Orleans. &ndash; Nun Zeit wär's, daß
-er käme &ndash; hat wohl gewittert, daß unsere Baumwolle
-noch nicht verschifft ist &ndash; muß die Nachlese nun
-auch mitnehmen.«</p>
-
-<p>Mit diesen leise vor sich hin gemurmelten Bemerkungen
-schritt er langsam an den, in regelmäßigen Reihen
-errichteten Negerhütten vorbei, dem Herrenhause
-zu, stieg die, zu diesem emporführenden hölzernen
-Stufen hinauf und stand im nächsten Augenblick neben
-dem eben Eingetroffenen.</p>
-
-<p>»Alle Wetter!« rief er aber hier erstaunt aus &ndash;
-»Pitwell &ndash; wo zum Henker kommt <em class="ge">Ihr</em> her?«</p>
-
-<p>»Duxon? &ndash; bei Allem was blau ist &ndash; hier in
-Louisiana?« entgegnete der also Angeredete, dem Overseer
-freundlich die Hand entgegenstreckend. &ndash; »Seht,
-so finden sich alte Freunde nach langen Jahren immer
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-doch einmal wieder zusammen. Wo war's doch, daß
-wir uns zuletzt sahen?«</p>
-
-<p>»Je weniger wir davon sagen desto besser,« lachte
-Duxon &ndash; »ich meines Theils habe wenigstens nie mit
-der Geschichte geprahlt.«</p>
-
-<p>»Ach &ndash; jetzt erinnere ich mich« &ndash; lächelte Pitwell &ndash;
-»ja ja, hätte den Spaß bald vergessen; aber Unsinn,
-'s&nbsp;ist jetzt verjährt und der Mann längst&nbsp;&ndash;« er schwieg
-plötzlich still und warf seinem Gefährten einen schnellen,
-mißtrauischen Seitenblick zu. »Aber was macht
-Ihr jetzt?« lenkte er in ein anderes Gespräch ein, »haltet
-Ihr Euch etwa hier zu Euerm Vergnügen auf,
-wie die Loafer in der Kalebouse<span class="top">[5]</span> sagen?«</p>
-
-<p class="ci fss">[5]: Loafer ein Herumstreicher, und Kalebouse das Wachthaus
-in New-Orleans.</p>
-
-<p>»Ich bin Overseer auf der Plantage.«</p>
-
-<p>»Gutes Geschäft das?«</p>
-
-<p>»So ziemlich &ndash; nährt seinen Mann.«</p>
-
-<p>»Der Besitzer?«</p>
-
-<p>»Mr. Beaufort.«</p>
-
-<p>»Wie viel Ballen<span class="top">[6]</span>?«</p>
-
-<p class="ci fss">[6]: Eine gewöhnliche Frage in Louisiana, die sich stets auf
-die Baumwolle bezieht, da der Reichthum der Besitzer nach dieser
-geschätzt wird.</p>
-
-<p>»Hundertachtzig.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-»Alle Wetter!« rief Pitwell erstaunt &ndash; »läßt sich mit
-dem Mann kein Geschäft machen? der muß ja Geld
-wie spanisch Moos haben&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wenn Ihr Neger hättet &ndash; wir brauchen ein paar
-tüchtige Arbeiter und eine Dirne in's Haus; aber
-was Hübsches &ndash; der Alte kann die häßlichen Gesichter
-nicht leiden.«</p>
-
-<p>»Neger? hm &ndash; die ließen sich vielleicht anschaffen;
-bis wann müßt Ihr sie haben?«</p>
-
-<p>»Sobald als möglich!«</p>
-
-<p>»Sind die Preise gut?«</p>
-
-<p>»Das geht an; habt Ihr welche?«</p>
-
-<p>»Hm &ndash; ja &ndash; aber apropos &ndash; wer waren die
-beiden Damen da oben auf der Gallerie? die Frau
-und Tochter vom Hause wahrscheinlich, eh?«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Beiden</em> Damen? 's&nbsp;ist nur <em class="ge">eine</em> Dame im
-Hause,« sagte der Overseer verächtlich &ndash; »das andere
-ist eine Indianerin, die sich auf Gott weiß welche Art
-hier eingeschlichen hat, und noch dazu merkwürdig
-stolz und spröde thut &ndash; das dumme Ding.«</p>
-
-<p>»So? kann man denn diesen Mr. Beaufort gar
-nicht einmal zu sehen bekommen? ich möchte gern
-wissen, welche Art von Mann es ist, ehe ich ein Geschäft
-mit ihm mache &ndash; es handelt sich leichter.«</p>
-
-<p>»Ihr könnt den Yankee nicht verleugnen,« lachte
-<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-Duxon, »aber ich höre ihn die Treppe herunterkommen.
-Unter uns gesagt, geht ihm ein Bischen um den
-Bart mit seiner reizenden Plantage &ndash; mit den herrlichen
-Heerdeneinrichtungen und dergleichen. &ndash; Ihr
-versteht mich schon.«</p>
-
-<p>»Danke &ndash; danke!« sagte der Fremde freundlich &ndash;
-»werde nicht ermangeln.«</p>
-
-<p>Mr. Beaufort trat jetzt in's Zimmer, begrüßte
-den Gast und hieß ihn herzlich in seiner Wohnung
-willkommen. Bald hatte ihn dieser auch in ein sehr
-interessantes Gespräch verwickelt und er lud ihn ein,
-da überdies der Abend nahte, bei ihm zu übernachten,
-was von jenem bereitwillig angenommen wurde.</p>
-
-<p>Beaufort, ein Mann in den Vierzigen und, wie
-schon erwähnt, der reichste Pflanzer am False River
-oder Fausse Riviere, gehörte mit zu jenen südlichen
-Geldaristokraten, welche das Menschengeschlecht nur
-in drei Gattungen eintheilen: in <em class="ge">Pflanzer</em> nämlich,
-in <em class="ge">keine</em> Pflanzer und in <em class="ge">Neger</em>. Die ersteren zerfielen
-dann freilich wieder in zwei Unterabtheilungen
-und zwar in solche, die über, und solche, die unter
-funfzig Ballen erbauten. Aus der ersten Klasse wählte er
-sich seinen Umgang. Die zweite Gattung &ndash; die Nicht-Pflanzer
-&ndash; betrachtete er nur als dazu erschaffen, dem
-Pflanzer seine verschiedenen Bedürfnisse zuzuführen,
-<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-und die dritte, die Neger &ndash; verabscheute er wie ein
-ächter Creole. Selbst die fernsten Vermischungen,
-Mestizen und Quadroonen, waren ihm ein Gräuel,
-und er duldete sie nur in sofern um sich, als er sie zu
-seiner Bedienung bedurfte. Soweit ging dabei diese
-Verachtung der äthiopischen Race, daß er einst in
-New-Orleans sein Messer nach einem armen Teufel
-von Mestizen warf, den er in der Dunkelheit für einen
-ihm befreundeten Creolen angesehen hatte und mit
-ihm Arm in Arm durch mehre Straßen gegangen war.
-Die scharfe Klinge fuhr jedoch nur in den Schenkel
-des zum Tode Erschrockenen, ohne diesem weiteren
-Schaden zuzufügen.</p>
-
-<p><em class="ge">Das</em> zur Charakteristik Beaufort's. Sein Gast
-dagegen stach sowohl im Aeußern, wie in seinem
-ganzen Benehmen gar sehr und zwar keineswegs zu
-seinem Vortheil gegen den Pflanzer ab. Dieser war
-wohlbeleibt, von gesunder Gesichtsfarbe und hatte,
-den Stolz abgerechnet, ganz gutmüthige Züge; der
-Fremde dagegen sah bleich aus, mit grauen stechenden,
-aber lebhaften Augen, hoher Stirn und etwas gebogener
-Nase; doch that sein Blick nicht wohl &ndash; er
-streifte stets unruhig von einem Gegenstande zum
-andern, und sprang sicherlich im Nu ab, sobald er dem
-eines andern Auges begegnete. Ihre Unterhaltung
-<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-war aber lebhaft; &ndash; Mr. Pitwell hatte viel gesehen,
-viel erlebt, verstand, wie es schien, den Baumwollenhandel
-aus dem Grunde und besaß selbst, seiner eigenen
-Aussage nach, am Alabama eine nicht unbedeutende
-Plantage.</p>
-
-<p>So rückte die Zeit des Abendessens heran. Die
-Sonne war noch nicht untergegangen und der Tisch
-oben auf der Piazza, des kühlen Luftzugs und der
-freundlichen Aussicht über die Felder und benachbarten
-Plantagen wegen, gedeckt. Die Hängematte hing zurückgeschlagen
-an einem der Pfeiler, Gabriele aber
-lehnte sinnend daneben, und blickte auf die Straße
-hinaus, die dem Mississippi zuführte und auf welcher
-sie den Boten zurückerwartete. Saise saß zu ihren
-Füßen, hielt schmeichelnd ihre Hand gefaßt, an die
-sie die heiße Wange lehnte und &ndash; folgte den Blicken
-der Gebieterin und Freundin.</p>
-
-<p>Die Schritte der Männer wurden jetzt auf der
-Treppe gehört.</p>
-
-<p>»Er bleibt lange,« flüsterte Gabriele.</p>
-
-<p>»Recht lange,« sagte Saise und sie fühlte plötzlich,
-wie der Freundin Augen auf ihr hafteten &ndash; aber sie
-begegnete ihnen nicht, sondern schmiegte sich nur inniger
-und fester an sie an.</p>
-
-<p>»Saise &ndash; bist Du noch nicht beruhigt?« bat Gabriele
-<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-&ndash; »fehlt Dir noch etwas? sieh nur wie feuerroth Du
-geworden.«</p>
-
-<p>»Guten Abend, Ladies,« sagte die Stimme des
-Fremden.</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, Kind &ndash; was ist Dir? alles
-Blut flieht aus Deinen Wangen?« rief die Creolin
-erschrocken, die Veränderung in den Zügen der
-Freundin bemerkend.</p>
-
-<p>»Guten Abend, Kinder,« wiederholte Mr. Beaufort
-&ndash; »Mr. Pitwell, meine Tochter und ihre Freundin,
-eine junge Indianerin. &ndash; Nun, Gabriele &ndash; ist
-Saise krank? was fehlt dem Mädchen?«</p>
-
-<p>»Ich weiß in der That nicht, Vater &ndash; sie erblaßte
-eben; und zittert jetzt so heftig am ganzen Körper &ndash;
-Saise!«</p>
-
-<p>»Ja,« flüsterte das schöne Mädchen, richtete sich
-empor, wandte sich gegen den Fremden um, blickte
-ihn einen Augenblick starr an und stürzte dann mit
-einem Mark und Bein zerschneidenden Schrei ohnmächtig
-zu Boden.</p>
-
-<p>Gabriele, die wie ein Blitzesschlag die Wahrheit
-durchzuckte, warf ihr Tuch über das Antlitz der Freundin
-&ndash; aber es war zu spät &ndash; Pitwell, durch das
-sonderbare Benehmen aufmerksam gemacht, sprang,
-kaum wissend was er that, auf sie zu, riß das
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-Tuch herunter und rief in höchstem Schreck und
-Staunen:</p>
-
-<p>»Alle Wetter &ndash; meine ertrunkene Sklavin!«</p>
-
-<p>»Eure <em class="ge">was</em>?« schrie Beaufort, mit wildem Satz
-herbeispringend &ndash; »Eure <em class="ge">Sklavin</em>? Mann, seid Ihr
-des Teufels? &ndash; das ist eine Indianerin, und die
-werden nicht verkauft.«</p>
-
-<p>»Es ist falsch!« stöhnte Gabriele in entsetzlicher
-Seelenangst, den leblosen Körper der Unglücklichen
-unterstützend &ndash; »es ist eine teuflische Lüge &ndash; dies
-Mädchen ist den Ihrigen geraubt &ndash; ein niederträchtiges
-Bubenstück ist begangen &ndash; Saise ist so frei wie
-ich selbst &ndash; Ihr dürft Euch nicht an ihr vergreifen.«</p>
-
-<p>»Ich fordere mein Eigenthum zurück,« sagte der
-Fremde finster, und griff zugleich in die Tasche, aus
-der er ein Paket zusammengebundener Papiere herausnahm.
-&ndash; »Hier ist ihr Kaufbrief,« fuhr er dann,
-sich gegen den Pflanzer wendend, fort &ndash; »ihr Vater
-war Indianer, ihre Mutter war Mulattin &ndash; seht
-nur ihr Haar an. Und daß es die rechte ist, dafür
-bürgt Euch, wenn nicht ihr jetziger Schreck, das hier
-verzeichnete Maal auf ihrer linken Schulter.«</p>
-
-<p>Beaufort durchlief schweigend die Schrift und
-schritt dann auf Saise zu.</p>
-
-<p>»Zurück, Vater &ndash; um Gottes willen zurück« &ndash; rief
-<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-Gabriele in höchster Angst, »Du darfst den Worten jenes
-Mannes nicht glauben &ndash; sie sind falsch, bei dem ewigen
-Gott da oben.«</p>
-
-<p>»Gabriele,« sagte der Vater freundlich, aber auch
-sehr ernst &ndash; »dies ist ein Geschäft, bei dem Du weiter
-keine Stimme hast; findet sich das Maal <em class="ge">nicht</em>, wie
-ich hoffen will, &ndash; denn den <em class="ge">Galgen</em> verdient das
-Ding, wenn es Niggerblut in den Adern hat und sich
-dabei untersteht, mit weißen Leuten an einem Tisch zu
-essen &ndash; so ist die Anklage überdies unbegründet; findet
-es sich aber, dann bleibt die Person keine fünf
-Minuten mehr unter meinem Dache, oder ich will
-nicht selig werden &ndash; Du weißt, daß ich mein Wort
-halte.«</p>
-
-<p>»Vater &ndash; bei allen Heiligen beschwör' ich Dich &ndash;
-dieser Kaufbrief ist verfälscht &ndash; Saise hat mir Alles
-entdeckt &ndash; sie ist den Ihrigen schändlich geraubt &ndash;
-ihr Vater erschlagen, sie selbst fortgeschleppt.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Märchen,« lächelte Pitwell kopfschüttelnd. »Haben
-Sie schon je einen weggelaufenen Nigger gesehen,
-mein Fräulein, der sich nicht irgend eine solche glaubwürdige
-Geschichte ausgedacht hätte?«</p>
-
-<p>»Vater &ndash; Vater!« bat Gabriele, und versuchte ihn
-zurückzuhalten, er stieß sie aber jetzt unwillig bei
-Seite und rief:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-»Nun wird's mir bald zu bunt &ndash; ich thue dem
-Ding ja Nichts; ist sie eine Indianerin, so ist sie so
-frei wie wir selbst, findet sich aber &ndash; ha &ndash; beim
-Teufel &ndash; das ist es &ndash; Mr. Pitwell&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Halt!« schrie Gabriele &ndash; deren Blick oft und
-ängstlich nach der nicht so fernen Straße hinübergeschweift
-war &ndash; »halt! dort kommt Mr. St.&nbsp;Clyde &ndash;
-warten Sie seine Ankunft ab, er kann, er <em class="ge">darf</em> das
-nicht zugeben.«</p>
-
-<p>»Mr. St.&nbsp;Clyde soll zum Teufel gehen,« zürnte der
-alte Pflanzer &ndash; »hat sich der in die Rechte eines fremden
-Mannes zu mischen? Mr. Pitwell, das Mädchen
-ist die Ihrige, und meiner Tochter mag sie's danken,
-daß sie nicht noch vorher eine gehörige Anzahl Peitschenhiebe
-mitnimmt. Verdammt! ein Nigger, der so
-frech ist sein Fell zu verleugnen!«</p>
-
-<p>»Wir können sie ja bis morgen früh in irgend eine
-der Negerhütten schaffen,« sagte Pitwell, auf sie zugehend
-und seine Hand nach der immer noch Bewußtlosen
-ausstreckend, »morgen früh«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die flüchtigen Schritte eines Mannes wurden auf
-der Treppe gehört.</p>
-
-<p>»Mr. St.&nbsp;Clyde &ndash; zu Hülfe!« rief Gabriele in
-letzter Noth. In demselben Moment aber daß die
-Creolin diesen Namen ausstieß und der junge Mann
-<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-in der Thüre erschien, schlug auch Saise die Augen
-wieder auf. Ein einziger Blick sagte ihr Alles &ndash; wenige
-Secunden lang barg sie ihr Antlitz an der Brust
-der Freundin, dann aber hob sie sich, von Gabriele
-gehalten, empor und schaute, die großen dunkeln Augen
-weit geöffnet, wild und leise zusammenschaudernd
-im Kreise umher.</p>
-
-<p>»Um Gottes willen &ndash; was ist hier vorgefallen?«
-rief St.&nbsp;Clyde, indem er auf das zitternde Mädchen
-zusprang und es unterstützte &ndash; »was ist geschehen,
-Miß Beaufort?«</p>
-
-<p>»Retten Sie Saise,« rief die Jungfrau &ndash; »retten
-Sie Saise vor jenem Buben.«</p>
-
-<p>Der Fremde wurde leichenblaß und starrte wild
-umher.</p>
-
-<p>»Gabriele!« rief aber der Vater, »jetzt hab' ich's
-satt &ndash; Mr. St.&nbsp;Clyde, überlassen Sie den <em class="ge">Nigger</em>
-sich selbst &ndash; es ziemt einem weißen Manne nicht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Mr. Beaufort!«</p>
-
-<p>»Allerdings &ndash; das Mädchen ist eine, diesem
-Gentleman entflohene Sklavin.«</p>
-
-<p>»Das ist eine Lüge,« sagte Saise plötzlich, sich
-hoch und stolz emporrichtend; das Wort <em class="ge">Nigger</em>
-hatte ihr ihre ganze Kraft und Stärke wiedergegeben;
-sie fühlte, wie jetzt der Augenblick gekommen, vor dem
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-sie so lange schon gebebt; aber gerade da er gekommen,
-hatte er auch all' sein Fürchterliches verloren.
-Ihre ganze Seelenstärke war zurückgekehrt und die
-Indianerin, die freie Tochter der Wälder in ihr erwacht.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aber vergebens erzählte sie jetzt mit klaren, überzeugenden
-Worten das ganze Bubenstück jenes Schurken,
-der lächelnd und achselzuckend daneben stand, vergebens
-rief sie Gott zu ihrem Zeugen an &ndash; sie war
-in <em class="ge">Louisiana</em> &ndash; ein <em class="ge">weißer Mann</em> hatte sie als
-seine ihm entflohene Sklavin reclamirt &ndash; das krause
-Haar sprach für seine Aussage, mehr aber noch und
-unantastbar fast der <em class="ge">Kaufbrief</em> und ihre darin genau
-verzeichnete Gestalt. War doch selbst vor nicht gar
-langer Zeit ein weißes Mädchen, mit blonden Haaren
-und blauen Augen, aber als die Tochter einer Mestize,
-hier öffentlich versteigert worden, und wenn diese
-selbst fast weiß sein mochte, blieb sie Sklavin; wie
-viel mehr nun eine Indianerin, deren braune Hautfarbe
-der Amerikaner überdies als der seinen untergeordnet
-hielt und nur wenig höher schätzte, als die
-äthiopische Race selbst.</p>
-
-<p>Gabriele wollte, als alle Bitten nutzlos blieben,
-dem Fremden die Freundin <em class="ge">abkaufen</em>, dagegen aber
-protestirte St.&nbsp;Clyde und zwar mit einer Wärme,
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-die, wenn sie nur aus reiner Menschlichkeit entsprang,
-ihm alle Ehre machte.</p>
-
-<p>»Nein!« rief er, »nein &ndash; das hieße bekennen, sie
-gehöre zu jenem verachteten Stamm! rein und frei
-soll sie dastehen und wenn ich den Beweis dazu mit
-meinem Blute führen sollte. Mr. Pitwell, Sie
-werden diesen Parish nicht wieder verlassen, ehe Sie
-sich von der gegen Sie erhobenen Anklage gereinigt
-haben&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wer klagt ihn an?« rief Beaufort auffahrend, »wer
-klagt ihn an, Sir? Ein <em class="ge">Nigger</em> &ndash; seine eigene
-Sklavin; sind Sie thöricht genug zu glauben, daß
-das Gericht auf solche Klage eingehen würde? Sie
-sollten die Gesetze des Staates besser kennen.«</p>
-
-<p>»Ich selber klage diesen Mann an,« rief St.&nbsp;Clyde,
-»ich selber &ndash; nicht diese Unglückliche, die seinen Händen
-bis dahin nicht überliefert werden darf.«</p>
-
-<p>»Das möchte Ihnen schwer werden durchzusetzen,«
-hohnlachte Pitwell, »glücklicherweise bin ich vertraut
-genug mit den hiesigen Gebräuchen. Sie können mich
-anklagen, aber mein Eigenthum dürfen Sie mir indessen
-nicht vorenthalten.«</p>
-
-<p>»Herr, Sie müssen erst beweisen, daß Saise Ihr
-Eigenthum ist!« rief St.&nbsp;Clyde.</p>
-
-<p>»Das <em class="ge">ist</em> bewiesen, Mr. St.&nbsp;Clyde!« entgegnete
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-Beaufort kalt &ndash; »und jetzt würden Sie mich sehr verbinden,
-keine weitere Störung hier zu verursachen.«</p>
-
-<p>»Mr. Duxon,« wandte er sich dann an den Overseer,
-der in diesem Augenblick in der Thür erschien, »haben
-Sie die Güte, diese entflohene Sklavin &ndash; und er
-deutete auf Saise &ndash; in einer der Negerhütten unterzubringen;
-Sie haften mir aber für ihre Sicherheit.«</p>
-
-<p>»Saise?« rief Duxon erstaunt und wollte kaum seinen
-Ohren und Augen trauen &ndash; »Saise &ndash; ein Nigger?
-&ndash; Ei, da muß ja der Teu...&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Herr!« rief St.&nbsp;Clyde entrüstet.</p>
-
-<p>»Um Gottes willen!« flehte Saise, seinen Arm ergreifend,
-»kämpfen Sie jetzt nicht gegen die Uebermacht
-an &ndash; wenden Sie sich an die Gerichte &ndash; die müssen
-mir helfen, ich stehe ja unter dem Schutz der Vereinigten
-Staaten. Mein Vater hat sein Land an diese
-abgetreten und sie haben versprochen, ihm beizustehen.
-Man soll mich nur so lange gefangen halten, bis ich
-einen Boten zu meinem Stamme schicken kann; Alle
-werden hierher kommen und Zeugniß für mich ablegen,
-daß ich die Tochter ihres Häuptlings bin. O,
-wenn mein Bruder nur wüßte&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Dazu braucht es keine Indianer,« lächelte Pitwell,
-»das kann ich selbst bezeugen; wer aber war Deine
-Mutter? Eine Mestize &ndash; steht es hier etwa anders
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-geschrieben? Diese Mestize gehörte meinem Freund,
-von dem ich Dich gekauft, und wenn der Dich Deinem
-Vater so lange Jahre ließ, so geschah es bloß deshalb,
-daß er Dich erziehen sollte; seine Sklavin bist
-Du deshalb doch.«</p>
-
-<p>»Meine Mutter war die Tochter eines Siouxhäuptlings,«
-rief Saise, sich stolz emporrichtend, »und wer
-das Gegentheil behauptet, <em class="ge">lügt</em>!«</p>
-
-<p>Die Faust des alten Beaufort fällte die Unglückliche
-mit einem Schlage zu Boden.</p>
-
-<p>»Was?« schrie er, »will das Niggerthier noch in
-meiner Gegenwart einen weißen Mann einen Lügner
-nennen? Ist's nicht genug, daß sie mich erst selber
-anlügen und zum Narren haben mußte?«</p>
-
-<p>Er würde seine Worte kaum so unangefochten beendet
-haben, denn mit einem Racheschrei auf den Lippen
-sprang St.&nbsp;Clyde auf ihn zu, aber ihm entgegen
-warf sich Gabriele und beschwor ihn bei Allem, was
-ihm heilig sei, bei Allem, was er liebe, ihres Vaters
-zu schonen. Jetzt trat aber auch der Overseer dazwischen
-und rief dem jungen Manne trotzig zu:</p>
-
-<p>»Herr St.&nbsp;Clyde, ich will Sie hiermit wohlmeinend
-gewarnt haben, keine überflüssigen Worte mehr
-zu reden. Die Mamsel steht von diesem Augenblick
-an unter <em class="ge">meiner</em> Wache und wer meine <em class="ge">Nigger</em>
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-gegen mich in Schutz nehmen will, dem renne ich einen
-Fuß kalten Stahl in den Leib!« Und er zog, während
-er diese Worte sprach, sein schweres Bowiemesser
-unter der Weste vor.</p>
-
-<p>Clyde war unbewaffnet, und wußte auch, wie die
-Gesetze einen Overseer oder Sklavenbesitzer schützen,
-wenn sich ein Fremder in ihre Angelegenheiten ungerufen
-mischt. Noch kürzlich war auf solche Art ein
-Abolitionist aus Ohio erschossen, ohne daß der Mörder
-mehr Ungelegenheiten als ein etwa viertelstündiges
-Verhör deshalb gehabt hätte; für jetzt mußte er also
-der rohen Gewalt weichen, aber retten wollte er
-Saisen, das schwur er sich, und wenn es sein eigenes
-Leben kosten solle.</p>
-
-<p>»Mr. Beaufort,« rief er, sich noch einmal an den
-Pflanzer wendend, »Sie werden mir für die Mißhandlung
-dieser Unglücklichen Rede stehen; jetzt habe
-ich keine Macht, Ihrer Gewaltthat zu begegnen; thun
-Sie mit dem armen Mädchen, was Sie verantworten
-können, aber der ewige Gott da oben ist
-mein Zeuge, daß ich mich von jetzt an für Saisens
-Schützer erkläre, und die Gesetze des Staates müssen
-und werden mir beistehen. Leben Sie wohl, Fräulein
-Beaufort, und oh &ndash; verlassen Sie die Arme
-nicht &ndash; gönnen Sie ihr wenigstens den Trost, zu
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-fühlen, daß sie nicht ganz allein auf der Welt
-steht.«</p>
-
-<p>Der Overseer hatte indessen zwei Negern, die
-eben Handwerkszeug zum Hause schafften, heraufzukommen
-gewinkt und rief diesen nun zu: »Schafft
-das Mädchen da in Mutter Betty's Hütte hinunter,
-und Du, Ben, stehst Wache dabei, Dein schwarzes
-Fell bürgt mir für sie; ich zieh es Dir lebendig vom
-Leibe, wenn Du sie entwischen läßt.«</p>
-
-<p>»Keine Furcht, Massa« &ndash; sagte der Neger grinsend,
-»aber welches Mädchen, De Lor' bleß you,
-ich sehe kein Mädchen zum mitnehmen, Missus
-Saise?«</p>
-
-<p>St.&nbsp;Clyde sprang die Treppe hinab, schwang
-sich auf sein Pferd und sprengte mit verhängten Zügeln
-dem Mississippi zu; Gabriele bog sich schluchzend
-zu dem armen Kinde nieder und band ihr das
-eigene Tuch um die blutende Stirn, die beiden Neger
-aber starrten mit weit von einander gerissenen Lippen
-bald den Einen, bald den Andern an und konnten
-das Vorgefallene nicht begreifen, bis sie ihres Vorgesetzten
-erneuter Ruf und die drohend geschwungene
-Peitsche an die Erfüllung des gegebenen Befehls
-erinnerte. Sie hoben die Indianerin vom Boden
-auf und verschwanden mit ihr bald nachher in einer
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-der niederen, gleichförmigen Negerhütten, die in
-langen, regelmäßigen Reihen, einer kleinen Stadt
-nicht unähnlich, das Herrenhaus umgaben. Gabriele
-zog sich auf ihr Zimmer zurück, die Männer aber &ndash;
-der Overseer wurde heute ebenfalls von seinem Prinzipal
-eingeladen zu Tisch zu bleiben &ndash; ließen sich
-an der Tafel nieder, und Beaufort schien mit dem
-eisigen Claret allen Aerger und Verdruß hinunterspülen
-zu wollen, bedankte sich aber, ehe er sein Lager
-suchte, noch einmal bei dem Fremden, daß er
-ihn und sein Haus von der Schande befreit habe,
-»verdammtes Niggerblut« neben Weißen zu beherbergen.</p>
-
-<p>Mr. Pitwell hatte seine Schlafstelle angewiesen
-bekommen; da aber die Luft kühl war, wie er sagte,
-so zog er es vor, noch ein Viertelstündchen mit dem
-Overseer am Flusse auf- und abzugehen, stieg also
-mit diesem hinunter, und schritt zwischen einer Allee
-von China- und Tulpenbäumen hin, dem Eingang
-der Plantage zu, der durch eine dichte Feigen- und
-Orangenhecke beschattet wurde.</p>
-
-<p>»Hört einmal, Pitwell« &ndash; sagte Duxon, hier
-stehen bleibend &ndash; »habt Ihr wieder einen von Euren
-alten Streichen ausgeübt, he? Ist das Mädchen ein
-Nigger oder ist's keiner?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-»Was geht's Euch an?« brummte Pitwell, sich
-ängstlich dabei umsehend &ndash; »es kann uns doch Niemand
-hier behorchen?«</p>
-
-<p>»Keine Seele &ndash; aber kommt &ndash; Ihr müßt mir die
-Sache erzählen; verdammt will ich sein, wenn das
-mit rechten Dingen zugeht. Oh zum Henker, Mann,
-seid doch nicht so verschwiegen; von uns Beiden wird
-doch wahrhaftig keiner den Andern verrathen?«</p>
-
-<p>»Nun gut, Ihr sollt Alles wissen, aber kommt fort
-von hier, ins Freie hinaus,« flüsterte Pitwell, »hier
-unter den Bäumen ist mir's so unheimlich und kommt
-mir immer vor, als ob mich Jemand behorchte.«</p>
-
-<p>Die beiden würdigen Leute schritten mitsammen
-an das Ufer des Fausse Rivière und wanderten hier
-Arm in Arm herauf und herunter von der Plantage.
-Pitwell erzählte nun dem Freunde und Bundesgenossen
-aufrichtig den ganzen Hergang, erklärte ihm aber
-auch, daß er, trotz seiner Sicherheit, doch nicht abwarten
-wolle, bis der junge Laffe &ndash; St.&nbsp;Clyde &ndash;
-seine Drohungen wahr machen könne, sondern morgen
-mit dem Frühsten aufbrechen werde.</p>
-
-<p>»Das trifft sich herrlich!« sagte der Overseer, »ich
-bin mit Beaufort ebenfalls in Abrechnung begriffen
-und kann Euch vielleicht, wenn Ihr nur noch ein
-oder zwei Tage bleibt, begleiten. Ueber die jetzige
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-Nachlese läßt sich dann leicht ein ungefährer Ueberschlag
-machen. Mir gefällt's nicht mehr hier am Fluß,
-ich will nach Texas und eine eigene Plantage kaufen.«</p>
-
-<p>»Wie? Schon so viel verdient? Das ist geschwind
-gegangen,« lachte der Fremde.</p>
-
-<p>»Da müßte Einer ein gewaltiger Thor sein,«
-meinte der Overseer lächelnd, »wenn er auf einer
-<em class="ge">solchen</em> Pflanzung nicht in drei Jahren ein Capitälchen
-zurücklegen könnte.«</p>
-
-<p>»Mir wär's recht, so lange zu warten,« sagte
-Pitwell, »aber ich kann nicht, ich muß machen, daß
-ich das Ding verkaufe; erstlich fühl ich mich hier
-nicht so recht sicher, und dann &ndash; hab ich sonst noch
-Arbeit. Das Wiederfinden hätte mir übrigens nicht
-gelegener kommen können; weiß nur der Teufel, wie
-das kleine Geschöpf dem Ersaufen entgangen ist; mit
-meinen eigenen Augen hab ich gesehen, wie es unterging,
-und noch dazu mit gebundenen Händen.«</p>
-
-<p>»Die Indianer können schwimmen und tauchen
-wie die Fische;« lachte Duxon; »aber wißt Ihr was,
-Pitwell, ich kaufe Euch die Kleine ab?«</p>
-
-<p>»Was &ndash; Ihr? &ndash; Aber jener Creole?«</p>
-
-<p>»Mag zum Teufel gehen, ich übernehme jede weitere
-Verantwortung.«</p>
-
-<p>»Und kauft Ihr sie so, wie ich sie verkaufen
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-kann?« frug vorsichtig der Yankee, »wollt Ihr den
-Verlust tragen, wenn die Indianer kämen und sie als
-die Tochter ihres Häuptlings reclamirten?«</p>
-
-<p>»Ja gewiß,« rief spöttisch der Overseer, »aber dafür
-muß ich sie auch billig haben &ndash; ich gebe Euch zweihundert
-Dollar.«</p>
-
-<p>»Hallo &ndash; das ist zu wenig &ndash; bedenkt, das Mädchen
-ist achthundert werth.«</p>
-
-<p>»Wenn ich Euch im Stiche lasse, keine funfzig
-Cent,« höhnte Duxon.</p>
-
-<p>»Nein, Mann, zweihundert ist bei Gott zu wenig,
-da ließ ich es doch lieber selber darauf ankommen;
-gebt mir <em class="ge">drei</em> und sie ist Euer!«</p>
-
-<p>»Topp &ndash; kommt mit in mein Haus, schreibt den
-Kaufbrief auf mich über und nehmt das Geld in
-Empfang.«</p>
-
-<p>»Und glaubt Ihr, daß ich noch, ohne Gefahr zu
-laufen, ein paar Stunden hier verweilen kann?«</p>
-
-<p>»Ein paar Jahre, wenn Ihr wollt; hab ich erst
-einmal das Mädchen, so soll sie mir ganz Louisiana
-nicht mehr entreißen können; die Gesetze müssen in
-allen Sklavenstaaten auf meiner Seite sein, und es
-giebt dann nichts Gefährlicheres auf der Welt, als
-ihnen, gerade in diesem Punkt, widerstreben zu wollen.
-Kommt, Pitwell, in zehn Minuten muß die schöne
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-Indianerin mir gehören, und morgen schon mache ich
-meine Anrechte auf sie geltend; nachher kann ihr
-ganzer Stamm kommen und schwören &ndash; mir gleich.«</p>
-
-<p>Die beiden Männer schritten eilig in das zwischen
-den Negerhütten stehende, und sich nur durch ein höheres
-Dach und eine Galerie von diesen unterscheidende
-Haus des Overseers zurück, und schlossen dort den
-beredeten Handel ab. Pitwell empfing das Geld und
-Saise wurde dem Overseer als alleiniges und rechtmäßiges
-Eigenthum überschrieben. Beaufort selbst
-sollte am nächsten Morgen seinen Namen als Zeuge
-daruntersetzen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>St.&nbsp;Clyde hatte indessen sein Pferd mit Sporen
-und Peitsche so angetrieben, daß es, als er vor des
-Richters Thür in Point-Coupee anhielt, ein paar
-Secunden lang hin und her schwankte und dann,
-matt und aufgerieben, wie es war, zusammenbrach;
-ohne es aber auch nur eines Blickes zu würdigen,
-flog er die Treppe hinauf, stürzte in des Richters
-Zimmer und rief diesen, ihm mit wenigen Worten
-die Frevelthat erzählend, um Beistand an.</p>
-
-<p>Der Richter war ein wackerer Mann, streng rechtlich
-und in der Ausübung seiner Pflicht menschlich,
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-aber gar bedenklich schüttelte er mit dem Kopfe, als er
-von dem nach Form Rechtens ausgestellten Kaufbriefe
-hörte. Er kannte die Gewalt, die ein solches Schreiben
-hatte.</p>
-
-<p>»Junger Mann,« sagte er nach langer Pause,
-während er sinnend, den Kopf in die Hand gestützt,
-zu dem Creolen aufschaute, »das ist eine böse Sache.
-Erstlich scheint es mir freilich, als ob Sie das Ganze
-ein bischen zu romantisch ansähen, dann aber, wäre
-auch wirklich Alles so, wie Sie es schildern, so sehe
-ich doch nicht ein, auf welche Art es gehoben werden
-könnte; wir dürfen nicht <em class="ge">gegen</em> die Gesetze handeln
-und wenn wir wirklich den festen Glauben hätten, dem
-armen Mädchen geschähe Unrecht.«</p>
-
-<p>»Aber Sie werden doch nicht zugeben, daß eine
-freie Indianerin aufgegriffen und verkauft wird?« rief
-St.&nbsp;Clyde erzürnt, »dasselbe könnte ja jedem Weißen
-begegnen, wenn sich zwei Buben vereinigten, einen
-Kaufbrief über ihn zu schreiben und zu schwören, daß
-seine Mutter eine Mestize gewesen sei.«</p>
-
-<p>»Das nun wohl nicht,« lächelte der Richter; »ehe
-ein Weißer verkauft würde, müßten gewaltige Beweise
-vorliegen, daß er wirklich aus Negerblut abstamme;
-aber Sie dürfen auch nicht allen solchen Erzählungen
-weggelaufener Neger glauben; großer Gott, die
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-lügen Ihnen manchmal das Blaue vom Himmel herunter.«</p>
-
-<p>»Wär es denn nicht möglich, die Indianerin den
-Händen jenes Mannes zu entziehen, bis man Zeugen
-aus ihrem Stamm herbeischaffen könnte?«</p>
-
-<p>»Bester Freund, der Stamm lebt an die sieben bis
-achthundert Meilen von hier entfernt, Mr. Beaufort
-selbst hat sie über vierhundert Meilen den Fluß heruntergebracht;
-nein, da könnten ja nur alle derartigen,
-Indianern ähnliche Personen, wie zum Beispiel
-Mulatten und Mestizen, behaupten, es flösse rein
-indianisches Blut in ihren Adern, und uns dann
-ersuchen, nach den Eskimos hinaufzuschicken und
-Zeugen herunter zu holen. Nein, das geht nicht.
-Hätten wir aber auch wirklich die Zeugen hier, so
-sind das immer nur &ndash; Indianer. Das Gescheidteste wäre,
-Sie <em class="ge">kauften</em> das Mädchen, wenn Ihnen wirklich so
-viel daran liegt, als mir vorkommt.«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Kaufen?</em>« rief St.&nbsp;Clyde mit schmerzdurchbebter
-Stimme, »<em class="ge">kaufen?</em> &ndash; und sie ist dann wirklich
-Sklavin? Ist denn kein Ausweg, die Unglückliche von
-dieser Schande zu retten?«</p>
-
-<p>»Ich fürchte &ndash; nein &ndash; auf jeden Fall aber wäre
-dies das Sicherste, sie doch wenigstens für den Augenblick
-zurückzuhalten. Vielleicht läßt sich jener Fremde
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-auch bewegen, vorher nur einen Theil der Zahlung
-zu nehmen, und man kann dann sehen, was weiter in
-der Sache zu thun ist; was sagen Sie dazu?«</p>
-
-<p>»Ach, bester Richter,« seufzte der junge Creole
-wehmüthig, »Sie wissen recht gut, daß ich <em class="ge">arm</em> bin.
-Mein einziges Pferd ist mir eben gestürzt, und ich
-werde kaum Geld genug übrig behalten, mir ein neues
-zu kaufen. Wie sollte ich die Summe auftreiben, die
-jener Bube für Saise fordern wird?«</p>
-
-<p>»Hören Sie, St.&nbsp;Clyde, ich will Ihnen einen
-Vorschlag machen, ich selbst will das Mädchen kaufen
-und bei mir behalten; haben Sie sich das Geld verdient
-&ndash; so &ndash; überlaß ich sie Ihnen.«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Kaufen</em> und immer nur <em class="ge">kaufen</em>!« stöhnte der
-Creole.</p>
-
-<p>»Nehmen Sie meinen Vorschlag an,« sagte der
-Richter herzlich, »sie soll in meinem Hause wie eine
-Tochter behandelt werden.«</p>
-
-<p>»Gut denn, es sei,« rief St.&nbsp;Clyde, »ich muß mich
-fügen; es rettet sie ja wenigstens für den Augenblick;
-dann aber schaffe ich die Zeugen ihrer freien Geburt
-und wenn ich sie aus den Eisregionen des Nordens
-herunterholen müßte.«</p>
-
-<p>»Es wird Ihnen nicht viel helfen; wollen Sie
-übrigens schlechterdings nach jenem Stamme einen
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-Boten haben, so kann ich Ihnen zufällig die Anweisung
-geben, den zu finden. Heute Morgen waren sieben
-oder acht Indianer aus dem Parish West-Feliciana,
-von drüben über dem Mississippi, hier in Point-Coupee;
-sie haben Hirschfleisch verkauft und dafür Pulver,
-Blei und Whisky mit hinüber genommen.«</p>
-
-<p>»Von welchem Stamme waren sie?«</p>
-
-<p>»Wahrscheinlich Chocktaws, von denen halten sich
-stets einige hier in der Nähe auf. Doch erst bringen
-Sie den Handel in Richtigkeit; denn ist dem wirklich
-so, wie Sie glauben, und hat der gute Mann kein
-recht reines Gewissen, so wird er sich schwerlich lange
-in der hiesigen Nachbarschaft aufhalten, sondern seine
-Beute in Sicherheit bringen wollen. &ndash; So &ndash; hier
-dieses Papier geben Sie nur an Mr. Beaufort, er
-mag den Kauf für mich abschließen; meine Frau ist
-doch jetzt ganz allein und kennt die Indianerin auch
-schon, die Beiden werden sich sicherlich recht gut vertragen.«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Doch</em>, bester Richter, ich muß ein anderes Pferd
-haben; können Sie mir ein's verkaufen?«</p>
-
-<p>»Was wollen Sie d'ran wenden?« frug dieser;
-denn ein Amerikaner läßt nie eine Gelegenheit ungenutzt
-vorüber, wo er hoffen darf einen Pferdehandel
-zu machen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-»Vierzig Dollar bleiben mir, das Nothwendigste
-abgerechnet, über.«</p>
-
-<p>»Gut &ndash; ich schaffe Ihnen ein Pferd, aber heute
-Abend können Sie unmöglich noch fort.«</p>
-
-<p>»Gleich!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Unsinn, verderben Sie sich jetzt ihr Spiel nicht
-selbst durch Ihre Hitze; Abends acht Uhr hat der alte
-Beaufort seine Ladung Claret und geht zu Bett; erstlich
-ist es nachher ein Ding der Unmöglichkeit, ihn
-munter zu bringen, und geläng es Ihnen wirklich, so
-möchte ich die Laune sehen, in der er sich befindet.
-Vor neun Uhr morgen früh ist er nicht zu sprechen,
-und reiten Sie um acht Uhr hier fort, so treffen Sie
-ihn gerade beim Frühstück &ndash; das ist die beste Zeit.
-Uebrigens habe ich Beaufort ersucht, die Zahlung
-drei Tage zu verzögern und Saise indessen an sich zu
-nehmen; vielleicht gelingt es mir doch noch, sie zu
-retten. Ich will morgen mit Beatty, einem unserer
-besten Advokaten hier, sprechen; giebt es eine Art
-und Weise, auf welche wir die Identität der Häuptlingstochter
-beweisen können, so wird der sie schon
-ausfinden.«</p>
-
-<p>Von neuen Hoffnungen erfüllt, ließ sich St.&nbsp;Clyde
-endlich durch die Gründe des Richters bewegen, auf
-seine Vorschläge einzugehen und die Nacht bei ihm
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-zuzubringen. Als er aber am nächsten Morgen mit
-dem Brief, der Saise aus den Klauen jenes Buben
-retten sollte, auf der breiten Straße dahinsprengte,
-da ward er es sich erst selbst so recht bewußt und klar,
-wie er jenes unglückliche Mädchen liebe und wie es
-für ihn auf dieser Welt keinen weitern Frieden gebe,
-als den, den er an ihrer Seite finden konnte. Wohl
-war er arm und hatte Nichts, als seine eigene Kraft
-und Ausdauer; die Tochter der Wälder aber, an
-Entbehrungen von Jugend auf gewöhnt, würde sich
-wohl schwerlich zu dem civilisirteren Leben der Ansiedlungen
-zurückgesehnt haben, wenn er ihr wirklich, wie
-er es hoffte und glaubte, nicht gleichgültig war; nur
-erst frei mußte sie sein, frei wieder, wie der Vogel der
-Luft und der Hirsch der Prairie, und diese Angst von
-ihr genommen werden.</p>
-
-<p>Zu schnellerem Trab spornte er sein wackeres Thier
-an, als er des armen Mädchens gedachte, und unter
-den hohen, schattigen Magnolien flog er rasch und
-fröhlich dahin. Endlich erreichte er die Ansiedlungen
-des Fausse Riviere, durch das kleine Städtchen sprengte
-er mit verhängten Zügeln &ndash; an Plantage nach Plantage
-brauste er vorbei &ndash; schon war er am »Poydras-College«
-vorüber und dort &ndash; dort schimmerte ihm
-jetzt das hohe, glänzende Dach aus dem grünen,
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-schwellenden Laub entgegen. Er hatte die Orangenhecke
-erreicht, sprang vom Pferd, hing den Zügel desselben
-über einen alten, halbverdorrten Feigenbaum und flog
-die Stufen hinauf, wo er wußte, daß Mr. Beaufort
-allmorgendlich sein Frühstück halte.</p>
-
-<p>»Hallo, St.&nbsp;Clyde,« rief ihm dieser freundlich
-entgegen, »das ist hübsch von Euch, daß Ihr wiederkommt,
-ich war gestern Abend ein bischen brummig,
-aber der verdammte Nigger hatte mich so geärgert. Nun,
-kommen Sie her &ndash; dahinten steht noch ein Stuhl
-&ndash; Scipio, Canaille, kannst Du nicht aufpassen, wenn
-Gentleman einen Stuhl sucht,« unterbrach er sich dann
-selbst, um einem kleinen, bei Tisch aufwartenden Negerknaben
-vorher diese freundliche Ermahnung zukommen
-zu lassen.</p>
-
-<p>St.&nbsp;Clyde blickte ängstlich in dem Raum umher,
-in dem sonst zu dieser Zeit Gabriele und Saise nie
-gefehlt hatten.</p>
-
-<p>»Sie suchen meine Tochter?« frug Beaufort, den
-Blick bemerkend &ndash; »ist nicht recht wohl heute Morgen,
-läßt sich entschuldigen.«</p>
-
-<p>»Und &ndash; und Saise!«</p>
-
-<p>»Hören Sie, St.&nbsp;Clyde,« sagte der alte Beaufort,
-sein Messer niederlegend, »wenn wir gute Freunde
-bleiben sollen, so verderben Sie mir mein Frühstück
-<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-nicht und lassen Sie die alte Geschichte ruhen. Die
-Sache ist abgemacht.«</p>
-
-<p>»Abgemacht? Um Gottes willen, wie? Ist Saise
-fort?«</p>
-
-<p>»Noch nicht, aber nun thun Sie mir den Gefallen
-und setzen Sie sich. Der Claret ist ausgezeichnet und
-das Beefsteak vortrefflich.«</p>
-
-<p>»Mr. Beaufort, ich habe diesen Brief vom Richter
-an Sie abzugeben; er läßt Sie dringend bitten, seinem
-Wunsche zu willfahren!«</p>
-
-<p>»Schön,« sagte Beaufort, das Schreiben, ohne es
-weiter anzusehen, unter den Teller schiebend, »wollen's
-nachher einmal untersuchen.«</p>
-
-<p>»Es hat Eile, Mr. Beaufort, es hängt das Glück
-eines Lebens davon ab,« bat St.&nbsp;Clyde.</p>
-
-<p>»Nun hab' ich's bald satt,« rief Beaufort halb
-lachend, halb ärgerlich; »glauben Sie denn, ich ließe
-der ganzen Welt zu Gefallen, mein Beefsteak kalt und
-den Claret warm werden? Was nicht bis nach dem
-Frühstück Zeit hat, bleibt ganz, das ist <em class="ge">mein</em> Sprichwort,
-und nun setzen Sie sich, sonst werd' ich ernstlich
-böse.«</p>
-
-<p>St.&nbsp;Clyde sah wohl daß hier keine weiteren Vorstellungen
-halfen, er ließ sich also neben dem Pflanzer
-nieder, aber nicht möglich war es ihm einen Bissen
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-über die Lippen zu bringen; ein paar Gläser Wein
-trank er, sein kochendes Blut abzukühlen, und ging
-dann unruhig in der von Blumen und Blüten durchdufteten
-Galerie auf und ab. Mr. Beaufort beendete
-indessen sein Frühstück in aller Behaglichkeit, schlürfte
-noch langsam den letzten Rest Wein hinunter, wischte
-sich dann den Mund ab, lehnte sich ein wenig im
-Stuhl zurück und sagte mit einem tiefen Athemzug:</p>
-
-<p>»So &ndash; jetzt wollen wir ein bischen hinuntergehen
-und zusehen, wie&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber der Brief&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ach ja so &ndash; den hätt' ich beinahe vergessen,
-nun, was schreibt denn der Richter &ndash;&nbsp;&ndash; Lieber
-Freund &ndash; interessire mich &ndash; da ich dringend bedarf
-&ndash; Frau allein &ndash; bitte Sie herzlich mir &ndash; Saise &ndash;
-beim Himmel wieder der verwünschte Nigger &ndash; anzukaufen
-&ndash; Unsinn, kommt zu spät &ndash; wichtige Ursachen
-&ndash; Auslieferung zu verschieben &ndash; Unsinn,
-kommt zu spät, sag ich &ndash; ungemein verbinden &ndash;
-vollkommenste Hochachtung und Freundschaft &ndash; ja,
-thut mir leid &ndash; kommt zu spät&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber Sie sagten ja erst vor wenigen Secunden,
-daß Saise noch nicht fort sei? Wie ist es da möglich?«</p>
-
-<p>»Mein Overseer hat sie gekauft,« entgegnete ihm
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-Beaufort, sich die Zähne stochernd; »jetzt wenden Sie
-sich an den und lassen Sie mich mit der Sache ungeschoren
-&ndash; ich hab' es satt, noch länger mit dem Geschöpf
-geplagt zu werden.«</p>
-
-<p>»Aber, Mr. Beaufort, was um des Heilands
-willen hat Sie nur gegen die Unglückliche so hart
-machen können? Sie behandelten sie ja doch bis jetzt
-immer mehr wie ein Vater, als ein Fremder.«</p>
-
-<p>»Das ist es eben, Herr!« rief der alte Pflanzer
-entrüstet &ndash; »das ist es eben; die Schande vor allen
-meinen Niggern erleben zu müssen; glauben Sie denn
-nicht, daß sich die Schufte halb todt lachen, weil ihr
-Herr mit einem von ihrer Race so lange an einem
-Tisch gegessen hat?«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Wenn</em> aber nun Saise wirklich aus rein indianischem
-Blute entsprossen wäre und Sie, ohne es zu
-wissen, ein Bubenstück unterstützt hätten?« frug St.&nbsp;Clyde,
-den alten Mann fest ins Auge fassend, »wenn
-nun jener Fremde mit schurkischen Genossen und der
-Hülfe eines Richters diesen Kaufbrief <em class="ge">geschmiedet</em>
-hätte und durch Sie eine Unglückliche, die Sie bis
-jetzt für ihren zweiten Vater hielt, in namenloses
-Elend gestoßen wäre?«</p>
-
-<p>Beaufort sah den jungen Mann einen Augenblick starr
-an, dann aber schüttelte er ärgerlich mit dem Kopf und rief:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-»Thorheit &ndash; Unsinn &ndash; kommen Sie da mit
-einem ganzen Packet voll <em class="ge">wenn</em> und <em class="ge">aber</em> und &ndash;
-zum Donnerwetter, Herr &ndash; lassen Sie mich jetzt mit
-ihren Lamentationen zufrieden, die Dirne ist verkauft
-&ndash; ich habe den Brief selbst unterzeichnet und damit
-basta. &ndash; Gehen Sie zum Overseer, wenn Ihnen so
-viel d'ran liegt, mit funfzig Dollar Profit wird er
-sie wieder ablassen &ndash; oder &ndash; gehen Sie lieber einmal
-ins Feld und schicken Sie ihn mir herauf, ich
-habe etwas mit ihm zu sprechen.«</p>
-
-<p>Der alte Mann schritt ins nächste Zimmer und
-warf ärgerlich die Thüre hinter sich ins Schloß. Aber
-nicht mehr auf den jungen Creolen zürnte er, sondern
-auf sich selbst; zum ersten Mal wurde jetzt der Gedanke
-in ihm wach, daß er doch wohl zu voreilig gewesen
-und sich von seinem Jähzorn zu sehr habe hinreißen
-lassen. Das Geschehene ließ sich freilich nicht
-mehr ungeschehen machen, aber versuchen wollte er nun,
-ob er es nicht wenigstens verbessern könne. Er gedachte
-Saise zu kaufen und dann nachzuforschen, ob wirklich
-schwarzes Blut in ihren Adern rolle; bis dahin konnte sie
-ein kleines Haus für sich beziehen, und brauchte mit ihm
-und seiner Tochter nicht in Berührung zu kommen.</p>
-
-<p>Eine Stunde später stand Duxon mit Pitwell
-wieder am Ufer des Flusses.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-»Pitwell,« sagte der Erstere, »ich glaube doch, es
-ist besser, wir brechen schon morgen auf; den alten
-Beaufort scheint die Sache zu wurmen &ndash; er wird bedenklich.«</p>
-
-<p>»Sollte er etwas merken?« frug Pitwell ängstlich.</p>
-
-<p>»Ein Wunder wär's nicht,« knirschte Duxon zwischen
-den zusammengebissenen Zähnen durch, »der
-Laffe war ja wieder hier und hat ihm wahrscheinlich
-in den Ohren gelegen. Denkt nur, er wollte mir die
-Dirne wieder abkaufen.«</p>
-
-<p>»Wer? Mr. Beaufort?«</p>
-
-<p>»Ja &ndash; Beide &ndash; erst der Gelbschnabel und dann,
-wie ich zum Herrn kam, dieser selbst. &ndash; Er hatte,
-während ich mit ihm sprach, einen Brief in der
-Hand, und meinen Hals wollt ich verwetten, daß er
-vom Richter war. Da ich nun hier manche Kleinigkeit
-an der Kreide habe, so sehe ich gerade nicht ein,
-weshalb wir noch länger zögern sollten. Als ich ihm
-die Indianerin nicht verkaufen wollte, lief ihm wieder,
-wie gewöhnlich, die Galle über die Leber und er
-sagte, ich möchte in einer Stunde zu ihm kommen
-und mit ihm abrechnen, die Gelegenheit will ich benutzen;
-eine so schnelle Abrechnung erspart überhaupt
-manches Unangenehme. Meine übrigen Angelegenheiten
-kann ich alle bis morgen früh geordnet haben; bis
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-dahin haltet Ihr Euch auch fertig; in vier Tagen
-müssen wir in Texas sein.«</p>
-
-<p>»Gut!« sagte Pitwell nachsinnend, »aber, Duxon,
-wir gehen dann in Gesellschaft &ndash; ich &ndash; ich habe
-noch einige Freunde, die mich hinter Fischer's Landung
-erwarten &ndash; Ihr &ndash; Ihr macht Euch ja doch wohl
-nichts daraus, ein wenig schnell zu reisen?«</p>
-
-<p>Duxon sah ihn scharf von der Seite an und frug
-nach kleiner Pause: »Darf ich dann aber auch wissen
-warum?«</p>
-
-<p>»Und gebt Ihr mir Euer Ehrenwort, daß Ihr
-schweigen wollt?« flüsterte Pitwell, sich vorsichtig umschauend.</p>
-
-<p>»Braucht Ihr mein <em class="ge">Ehrenwort</em> dafür?« lächelte
-der Overseer.</p>
-
-<p>»Nun, ich sehe, Ihr versteht mich, Duxon,« fuhr
-der Yankee leise fort; »ich habe wieder ein kleines Geschäft
-im Gang, gerade so wie wir es damals betrieben.
-Ein reicher Pflanzer, vom andern Ufer des
-Mississippi, will seine Sklaven gern nach Texas
-schaffen, da sie in Louisiana zu vielen Werth für andere
-Leute haben, und er bezahlt mir hundert Dollar
-für den Kopf. Unterhalb Waterloo sind wir gestern
-morgen übergesetzt, und mit Hülfe zweier Gefährten
-habe ich sämmtliche Neger, hundert und funfzehn
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-Mann, in den zwischen Fischer's Laden und dem Cutoff
-liegenden Sumpf gebracht &ndash; saht Ihr die drei,
-die heute Morgen hier vorbeizogen? Das waren die
-letzten. Sie haben sämmtlich falsche Pässe. Jetzt wißt
-Ihr Alles und seid Ihr gescheidt, so schließt Ihr Euch
-nicht allein an uns an, sondern nehmt Euch auch noch
-ein paar &ndash; Begleiter mit. Hat denn Beaufort gar
-keine Neger, denen das Leben in Louisiana nicht länger
-gefällt? Ihr könnt ihnen ja sagen, es ginge in
-ein besseres Klima.«</p>
-
-<p>»Das wohl,« murmelte Duxon, in tiefem Sinnen
-vor sich hinstarrend; »aber Pitwell, die Sache hat
-einen andern und zwar sehr bösen Haken. Daß wir
-glücklich fortkommen, daran zweifle ich keinen Augenblick,
-für Waffen werdet Ihr auch schon gesorgt
-haben, doch &ndash; wenn sich Texas nun an die Vereinigten
-Staaten schließt, wie es überall heißt, wie dann?
-Dann liefert uns die Regierung aus.«</p>
-
-<p>»Du lieber Gott,« lachte Pitwell, »wenn die Regierung
-darauf eingehen wollte, alle die auszuliefern,
-die irgend etwas verbrochen haben, wer sollte denn
-da das Land bebauen, Heerden ziehen oder gegen die
-Mexikaner und Cumanches fechten? Nein, Duxon,
-laßt Euch darüber keine grauen Haare wachsen, davor
-sind wir sicher. Das wissen die wackern Burschen auch
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-recht gut, sonst hätten sie ja nie selbst für einen Anschluß
-an die Union gestimmt.«</p>
-
-<p>»Ich glaube, Ihr habt Recht,« sagte Duxon, »auf
-keinen Fall dürfte es schwer halten, weiter westlich zu
-ziehen, wo uns weder Texas, noch Onkel Sam<span class="top">[7]</span>
-etwas anhaben kann; beistehen wird uns, sollte es
-so weit kommen, Mancher.«</p>
-
-<p class="ci fss">[7]: <i>Uncle Sam</i>, Scherzname der Vereinigten Staaten nach
-den Anfangsbuchstaben <i>United States</i>!</p>
-
-<p>»Sieben Achtel von Texas,« lachte Pitwell.</p>
-
-<p>»Nun gut denn, es sei; ist dem aber so, dann
-brechen wir morgen früh lieber vor Tagesgrauen auf,
-so daß wir etwa um zehn oder elf Uhr Alle beisammen
-sind. Verfolgung brauchen wir von hier aus nicht zu
-fürchten, denn Beaufort steht nicht so früh auf und
-ich werde schon dafür sorgen, daß er die Fehlenden
-irgendwo beschäftigt glauben soll. Wird aber Saise
-gutwillig mit uns gehen?«</p>
-
-<p>»Ist das eine Frage von einem Overseer; habt
-Ihr keine Peitsche?«</p>
-
-<p>Duxon lächelte und sagte höhnisch: »Ihr scheint nicht
-zu verstehen, wie man mit <em class="ge">Damen</em> umgeht; doch &ndash;
-ich habe ein anderes Mittel, ich nehme unsere kleine
-Gig und fahre. Als Entschuldigung mögen die Zurückbleibenden
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-nachher dem Herrn sagen, natürlich nicht
-eher, als er darnach frägt, ich hätte meine Sachen an
-Fischer's Landung geschafft, wo stets Boote anlegen.
-Aber Pest und Gift, ich wollte doch heute bei meiner
-kleinen &ndash; <em class="ge">Frau</em> bleiben und werde nun bis morgen
-früh zu rennen und zu laufen haben, daß ich nicht
-weiß, wo mir der Kopf steht. Nun beim Teufel, in
-Texas kann ich's ja nachholen, hahaha, sie wird wohl
-nicht böse darüber werden.«</p>
-
-<p>»Schwerlich!« sagte Pitwell trocken; »also jetzt
-an's Werk &ndash; habt Ihr Waffen?«</p>
-
-<p>»Zwei Büchsen, ein Bowiemesser und drei paar
-Pistolen &ndash; Ihr wißt, ein Overseer muß immer eine
-kleine Burg aus seinem Haus machen können.«</p>
-
-<p>»Gut, wenn Ihr einen Wagen nehmt, so mögt
-Ihr nur das Alles mitbringen &ndash; solche Sachen sind
-immer nützlich; aber dort kommt der junge Laffe die
-Allee herunter, der sich so gewaltig um die Indianerin
-anstellt. Die Dame vom Haus ist bei ihm; wie
-heißt sie?«</p>
-
-<p>»Gabriele, ein prächtiges Mädchen, schade, daß
-Ihr keinen Kaufbrief auf <em class="ge">die</em> fabriciren könnt, die
-nähme ich auch.«</p>
-
-<p>Der Yankee warf ihm einen warnenden Blick zu
-und ging, um nicht weiter mit dem Overseer zusammen
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-gesehen zu werden, am Fluß hinauf, während jener
-sein Pferd satteln ließ und auf's Feld hinausritt,
-dort eine gewisse Anzahl Neger aussuchte und diesen
-befahl, ihre Aexte zu nehmen, um an einem etwas
-entfernteren Theil des Waldes, den er ihnen bezeichnen
-würde, Holz zu fällen. Bald darauf verschwand
-er mit ihnen in dem die Plantage begrenzenden
-Sumpfland.</p>
-
-<p>St.&nbsp;Clyde und Gabriele schritten neben einander
-dem Flusse zu.</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, Sir!« sagte die Jungfrau,
-als sie sich der äußeren Einfriedigung näherten, »was
-ist Ihnen? Sie scheinen in fürchterlicher Aufregung,
-so habe ich Sie nie gesehen.«</p>
-
-<p>»Ich muß fort,« flüsterte der junge Mann, die
-bleiche Hand fest gegen die heiße, fieberglühende Stirn
-gepreßt &ndash; »ich muß fort &ndash; muß Hülfe haben. Erst
-seit dieser unglückseligen Katastrophe fühle ich, wie
-ich&nbsp;&ndash;« er schwieg und wandte sich ab&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wie Sie Saisen lieben,« flüsterte Gabriele mit
-leiser, tonloser Stimme und blickte starr zu dem Creolen
-auf, »nicht wahr, St.&nbsp;Clyde &ndash; Sie &ndash; Sie lieben
-die Indianerin.«</p>
-
-<p>»Ja, Miß Beaufort &ndash; ja &ndash; warum sollt ich es
-Ihnen auch verschweigen,« sagte da plötzlich St.&nbsp;Clyde,
-<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-der stehen blieb und fest in die Augen der erbleichenden
-Jungfrau schaute, »warum sollt ich mich, Ihnen gegenüber,
-scheuen es zu gestehen. Sie waren der Unglücklichen
-Freundin, so lange sie unter Ihrem Schutze
-stand &ndash; Sie sind selbst gegen mich, den fremden,
-heimatlosen, armen Wanderer immer nur gütig und
-liebevoll gewesen &ndash; Ihnen will ich vertrauen und
-Sie werden mich auch, so weit es in Ihren Kräften
-steht, unterstützen.«</p>
-
-<p>»Gewiß &ndash; gewiß,« sagte mit kaum hörbarer
-Stimme Gabriele &ndash; »aber &ndash; aber, wenn nun Saise
-&ndash; doch eine &ndash; eine Negerin wäre? Wenn nun &ndash;
-ach Gott &ndash; zürnen Sie mir nicht, ich weiß nicht,
-was ich rede; nein, nein &ndash; Saise ist frei &ndash; muß
-frei werden und &ndash; glücklich.«</p>
-
-<p>Sie barg ihr Angesicht in den Händen und die
-hellen, klaren Thränentropfen quollen zwischen den
-zarten Fingern hindurch.</p>
-
-<p>»O, Miß Beaufort!« rief St.&nbsp;Clyde gerührt,
-»Sie sind so gütig gegen die Unglückliche, wie werde
-ich Ihnen das je danken können?«</p>
-
-<p>Gabriele sammelte sich gewaltsam. »Was wollen
-Sie thun &ndash; was ist Ihr Plan?« frug sie schnell;
-»wie glauben Sie Saise retten zu können, da Sie mir
-selber sagten, jener Bube habe sie an Duxon verkauft
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-und dieser sich mit meinem Vater überworfen. Was
-können Sie gegen jene Elenden ausrichten, die die
-Gesetze auf ihrer Seite haben?«</p>
-
-<p>»Nichts mehr <em class="ge">durch</em> die Gesetze,« sagte St.&nbsp;Clyde
-mit unterdrückter Stimme &ndash; »Alles <em class="ge">ohne</em> sie. Der
-Richter hat mir gestern gesagt, daß am Mississippi ein
-Trupp von Chocktawjägern lagere, die müssen mir
-beistehen; kann ich sie nicht dadurch gewinnen, daß
-sie eine Tochter ihrer eigenen Race von Sklaverei
-retten sollen, sind sie so verderbt, daß selbst <em class="ge">das</em> keinen
-Eindruck mehr auf sie macht, dann steht mir ein
-anderes, für sie kräftigeres Mittel zu Gebote &ndash; der
-<em class="ge">Whiskey</em>. Ein Grenzindianer ist ja durch Whiskey
-zu jeder Schlechtigkeit zu bewegen, warum nicht auch
-einmal zu einer guten That &ndash; es ist das <em class="ge">letzte</em>
-Mittel.«</p>
-
-<p>»Aber die Gefahr, der Sie sich aussetzen?«</p>
-
-<p>»Gefahr? Giebt es denn eine Gefahr, wo ich nur
-sterben kann? Nein, Miß Beaufort &ndash; <em class="ge">ohne</em> Saise,
-wenn ich sie glücklich wüßte, hätte ich vielleicht leben
-können; mit dem Gefühl aber, daß sie, dem entsetzlichsten
-Verderben preisgegeben, in schmachvollen Fesseln
-schmachten, die freie Tochter der Wälder eine
-Sklavin &ndash; nein &ndash; nein &ndash; Leben wäre da Wahnsinn.
-&ndash; Aber ich muß fort &ndash; die kostbare Zeit verfliegt
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-&ndash; Duxon hat sich mit Ihrem Vater gezankt und will
-fort; die ganze Ansiedlung spricht davon, wie er ihn
-betrogen und sich in den wenigen Jahren, die er hier
-sei, ein Vermögen gewonnen, er wird deshalb nicht
-säumen, das in Sicherheit zu bringen, und geht er
-zu Schiffe, vielleicht nach New-Orleans, dann wäre
-es unmöglich, den Einzelnen in der ungeheueren Stadt
-wiederzufinden. Doch jetzt meine Bitte, wollen Sie
-sich Saisens annehmen?«</p>
-
-<p>»Wie kann ich es?« erwiederte mit ängstlich gefalteten
-Händen Gabriele &ndash; »Sie ist Duxon's Eigenthum.«</p>
-
-<p>»Ich weiß es, aber Sie haben vielen Einfluß auf
-Ihren Vater, selbst auf jenen Buben; es ist die Gewalt,
-die stets die Tugend über das Laster übt, die
-Scheu, die der Böse dem Guten gegenüber nicht überwinden
-kann. Dringen Sie darauf, daß Saise ihm
-heute noch nicht ausgeliefert werde, oder daß sie, wenn
-Sie das nicht verhindern können, diese Nacht noch bei
-Ihnen, oder wenigstens unter dem Schutze jener alten
-Negerin zubringe.«</p>
-
-<p>»Sie wollen sie entführen?« frug Gabriele bestürzt.</p>
-
-<p>»Nein,« sagte St.&nbsp;Clyde düster, »ihr Kaufbrief
-würde in den Händen jenes Buben, Saise aber in
-dem Gedanken daran stets elend bleiben; nein &ndash; ich
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-muß den <em class="ge">Brief</em> in meine Gewalt bekommen; die
-Gesetze wollen mir nicht beistehen, so mag Gott es
-thun. Versprechen Sie Saisen so lange zu beschützen?«</p>
-
-<p>»Ja,« flüsterte Gabriele und reichte ihm mit abgewandtem
-Antlitz ihre Hand &ndash; »und Sie wollen?«</p>
-
-<p>»Saise retten oder &ndash; sterben,« erwiederte fest der
-junge Creole.</p>
-
-<p>»Und dann &ndash; wenn Sie &ndash; wenn Saise die
-Ihrige ist?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Such ich ein fernes Land, wo nicht Menschen
-wie Thiere verkauft und mißhandelt werden; ich stamme
-aus Frankreich &ndash; meine Familie soll zu den edelsten
-des Landes gehören; dorthin kehre ich zurück.«</p>
-
-<p>»Mit Saise?«</p>
-
-<p>»Mit meinem Weibe.«</p>
-
-<p>»So leben Sie wohl, St.&nbsp;Clyde, leben Sie
-wohl; möge Gott Sie schützen und schirmen!«</p>
-
-<p>Sie rief's und eilte schnellen Schrittes zum Hause
-zurück. Auf der Stelle aber, wo sie gestanden, lag die
-weiße Rose, die noch eben an ihrer Brust geruht.
-St.&nbsp;Clyde hob sie auf, küßte sie, barg sie an seinem
-Herzen, eilte dann zu seinem Pferd, schwang sich in den
-Sattel und sprengte in schnellem Galopp die Straße
-am Strom hinauf. Dort aber angelangt, hielt er
-sich nicht länger auf, als nöthig war die gewöhnliche
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-Flatbootfähre in Stand zu setzen, um ihn und sein
-Roß ans andere Ufer zu bringen, und bald schwamm
-das kleine Boot, von vier rüstigen Armen getrieben,
-auf der breiten Fläche des gewaltigen Stromes dem
-östlichen Ufer zu.</p>
-
-<p>»Sind gestern Indianer auf dieser Fähre übergesetzt?«
-frug er nach einer Weile den älteren der Beiden,
-der der Eigenthümer des Fahrzeugs zu sein
-schien.</p>
-
-<p>Dieser sah ihn an und lachte.</p>
-
-<p>»Nein,« sagte er, »habt Ihr schon einmal davon
-gehört, daß sich ein Indianer auf einer Fähre übersetzen
-läßt? ich nicht; <em class="ge">das</em> Geld können sie besser gebrauchen;
-dafür giebt's Whiskey, und wo das rothe
-Volk für <em class="ge">den</em> Zweck einen Cent ersparen kann, da
-quält es sich lieber tagelang auf seine eigene Art &ndash;
-das heißt nicht etwa mit Arbeit.«</p>
-
-<p>»Also sie sind nicht hier herüber?« frug St.&nbsp;Clyde
-erschreckt.</p>
-
-<p>»Doch, allerdings,« entgegnete ihm der Jüngere,
-»nur nicht auf der Fähre &ndash; sie saßen Alle in zwei
-kleinen Canoes, die sie mit von drüben herübergebracht,
-und ließen ihre Pferde am Zügel oder
-Stricken hinterherschwimmen.«</p>
-
-<p>»Und glaubt Ihr, daß ich sie finden werde?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-»Ich sollte nicht denken, daß es schwer halten wird.
-Sie hatten, wie mir Ben sagte, der von oben herunterkam,
-eine große Menge Whiskeyflaschen bei sich,
-und da sind sie heute wahrhaftig nicht mehr auf die
-Jagd gegangen. Ein kleines Stückchen weiter oben
-landeten sie, und wenn Ihr Euch nur zu dem Haus
-dort, was Ihr da durch die Weiden und Baumwollenholzbäume
-schimmern seht, bemühen wollt, so denk ich,
-werden sie Euch da wohl auf die rechte Spur bringen.«</p>
-
-<p>Das Boot legte sich in diesem Augenblick am Ufer
-an, St.&nbsp;Clyde führte sein, vorsichtig mit den Hufen
-nach festem Grund suchendes Pferd hinaus, drückte
-dem Jüngeren, der ebenfalls ans Land gesprungen
-war, um mit dem Tau die Fähre zu halten, das
-Ueberfahrtsgeld in die Hand, schwang sich in den
-Sattel und trabte rasch dem nicht fernen niederen
-Wohngebäude zu, das, dicht am Fluß errichtet, für
-den Augenblick noch von hohem üppigen Waldwuchs
-umgeben war, aus welchem aber der neue Ansiedler
-gerade die künftigen Mittel seiner Existenz &ndash; Klafterholz
-für Dampfboote heraushauen wollte.</p>
-
-<p>Der Backwoodsman stand in der Thür.</p>
-
-<p>»Guten Tag, Sir,« rief ihm St.&nbsp;Clyde entgegen,
-»habt Ihr Nichts von den Indianern gesehen, die
-gestern, unfern von hier, übersetzten?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-Jener horchte, ohne ein Wort auf die Frage zu
-erwiedern, in den Wald hinein und verharrte in dieser
-Stellung wohl mehre Minuten. St.&nbsp;Clyde jedoch,
-der glauben mochte, daß er seine Frage ganz überhört
-habe, wiederholte dieselbe und bat um Antwort. Wie
-aus Stein gehauen blieb aber der Amerikaner stehen,
-bis der junge Mann endlich ein ungeduldiges »aber
-Sir« nicht länger zu unterdrücken vermochte.</p>
-
-<p>»Könnt Ihr einen Mann finden, wenn er im
-Walde sitzt und schreit, was aus der Kehle will?« kam
-jetzt die Gegenfrage, das ziemlich sichere Zeichen des
-Neuengländers.</p>
-
-<p>»Wenn ich nahe genug bin, es zu hören, warum
-nicht?« rief der Creole unmuthig; »aber ich frug Euch,
-ob Ihr die Indianer&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Dort, drin im Walde schreien sie,« sagte der
-Amerikaner trocken und deutete mit seiner kurzen, aus
-Schilf geschnitzten Tabackspfeife einen schmalen Kuhpfad
-entlang, der gerade in das Dickicht hineinlief.</p>
-
-<p>»Die Indianer?« frug St.&nbsp;Clyde erstaunt.</p>
-
-<p>»Ahem!« nickte jener und fuhr dann, ohne des
-Fremden weiter zu achten, mit Rauchen fort. Der
-Creole aber, der jetzt einen Augenblick in den stillen
-Wald hineingelauscht hatte, glaubte ebenfalls wild
-verworrene Töne zu hören, rief dem Manne einen
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-kurzen Dank zu und sprengte, so schnell es ihm das
-ziemlich dichte Unterholz gestattete, auf das Toben
-zu, das immer lauter und deutlicher zu ihm herüberschallte.
-Nach kurzem Ritt erreichte er eine Waldblöße,
-dicht am Rande eines kleinen seeartigen Sumpfes,
-der durch die Ueberschwemmung des Mississippi zurückgeblieben
-und noch nicht ganz wieder ausgetrocknet
-war, und sah hier ein so pittoreskes als eigenthümliches
-Schauspiel vor sich.</p>
-
-<p>Auf dem üppigen Grasboden ausgestreckt, von
-einem Halbkreis glimmender, qualmender Feuer umgeben,
-deren Rauch über sie hinzog und dazu dienen
-sollte, die unzähligen auf sie einstürmenden Musquitos
-abzuhalten, Manche mit, Andere ohne ihre Jagdhemden,
-jeder aber eine ziemlich geleerte Whiskeyflasche
-in der Hand, lagen jubelnd und schreiend, alte
-Schlacht- und Kriegslieder und neu gelernte französische
-und englische Melodien mehr brüllend als singend,
-sieben rothhäutige Jäger unter den riesenhaften,
-himmelanstrebenden Baumwollenholzbäumen der Niederung
-und der Eine, der der Führer der Bande und
-noch am nüchternsten zu sein schien, hatte zum Tactstock
-sein spitzes Scalpirmesser genommen, und stach
-damit fortwährend in ziemlich regelmäßigen Zwischenräumen
-in den grünen Rasen, auf dem er, das Antlitz
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-den luftigen Wipfeln zugekehrt, lag, während ihn die
-Uebrigen nicht allein mit ihren Stimmen, sondern
-auch, ziemlich Alle in derselben Stellung oder Lage,
-mit Hacken und Faust accompagnirten; jeder natürlich
-seiner eigenen ohrenzerreißenden Melodie dabei
-folgend.</p>
-
-<p>Der Führer der Bande entdeckte, wie es schien,
-den Fremden zuerst; ohne sich aber weiter zu regen,
-als nöthig war, ihn mit einem flüchtigen Blick von
-oben bis unten zu messen, hielt er ihm, während ein
-mattes, trunkenes Lächeln seine Züge überflog, die
-Flasche entgegen und stammelte:</p>
-
-<p>»Hier &ndash; Fremder &ndash; hier &ndash; trin &ndash; trinkt einmal!«</p>
-
-<p>»Großer Gott!« stöhnte St.&nbsp;Clyde, erschüttert auf
-die halbbewußtlosen Gestalten der Wilden blickend,
-»großer allmächtiger Gott &ndash; sind das die Menschen,
-von denen ich mir Hülfe versprach? &ndash; Verloren &ndash;
-verloren &ndash; Alles &ndash; Alles verloren!«</p>
-
-<p>Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und saß
-mehre Secunden lang in stillem, sprachlosem Schmerz
-versunken.</p>
-
-<p>»Trinkt &ndash; <i>dam it</i>,« rief der Führer noch einmal
-&ndash; »denkt Euch zu gut mit Indian aus einer Flasche
-zu trinken, mit armen Indian, eh? Armer Indian ist
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-großer Häuptlings Sohn &ndash; <i>go to Hell</i>!« Er sank
-wieder zurück an die Wurzel des Baumes und begann
-seinen Gesang von Neuem.</p>
-
-<p>Der Creole sprang vom Pferde und schritt mit
-untergeschlagenen Armen und fest auf den Boden gehefteten
-Blicken neben den trunkenen Jägern auf und
-ab, während der wilde Führer mit gläsernen stieren Augen
-zu dem grünen Waldesdom emporblickte und die Verse
-eines indianischen Schlacht- oder Siegesliedes sang:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Ich erschlug den Häuptling der Muskokee;</div>
- <div class="verse">Sein Weib &ndash; dort am Stamme verbrannt' ich sie,</div>
- <div class="verse">Und bei den Hinterbeinen darauf</div>
- <div class="verse">Hing ich den Lieblingshund ihm auf.</div>
- <div class="verse">&emsp;Huh &ndash; huh &ndash; huh, vom Muskokee</div>
- <div class="verse">&emsp;Wah, wah, wah, den Scalp hier sieh!</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Bei dem Namen der Muskokee blieb St.&nbsp;Clyde
-lauschend stehen &ndash; er wußte, daß die Riccarees, selbst
-noch in letzterer Zeit, manche blutige Schlacht mit diesem
-Stamme geschlagen hatten; aber auch die Chocktaws
-und Muskokees bekämpften sich &ndash; das Kriegslied
-mußte von diesen sein; dennoch wandte er sich an
-den jungen Häuptling und sagte:</p>
-
-<p>»Welchem Stamm gehörst Du an, bist Du ein
-Chocktaw?«</p>
-
-<p>Der Indianer sang, ohne die Frage zu beachten,
-weiter&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Ich streift' ihm den Schädel ganz nackt und baar,<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a></div>
- <div class="verse">Und hier ist sein Scalp, mit der Scalplockehaar,</div>
- <div class="verse">Sein Fleisch ist in des Panthers Magen,</div>
- <div class="verse">Seine blutigen Knochen die Wölfe nagen,</div>
- <div class="verse">&emsp;Huh, huh, huh, vom Muskokee,</div>
- <div class="verse">&emsp;Wah, wah, wah, den Scalp hier sieh!</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>»Bist Du ein Chocktaw, Indianer?« frug der
-Creole jetzt dringender, indem er sich zu ihm niederbog
-und die Hand auf seine Schulter legte; »rede &ndash;
-bist Du ein Chocktaw?«</p>
-
-<p>Der Wilde murmelte einen nur halbverständlichen
-Fluch und fuhr fort:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Seine Sehnen brauch ich zur Bogenschnur,</div>
- <div class="verse">Wenn ich folge der einzelnen Feinde Spur,</div>
- <div class="verse">Und es zittert der weibische Muskokee,</div>
- <div class="verse">Wie ein Rohr im Orkan, vor dem Riccaree</div>
- <div class="verse">&emsp;Huh, huh, huh, vom Musko &ndash;</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>»Was beim Teufel habt Ihr?« unterbrach er sich
-da plötzlich selbst, als St.&nbsp;Clyde, bei der Nennung
-jenes Stammes überrascht, mit dem Ausruf freudigen
-Erstaunens: »Ha! Riccaree! &ndash; Ihr seid ein Riccaree!«
-emporzuckte.</p>
-
-<p>»Ihr seid ein Riccaree?« wiederholte er dann nach
-kurzer Pause noch einmal.</p>
-
-<p>»Nun gut &ndash; was soll's?« war die kurze Antwort
-des Indianers, der sich indeß bestrebte, die durch die
-Unterbrechung verlorene Melodie wiederzufinden,
-<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-während er gedankenlos dazu mit den Füßen auf dem
-Grasboden trommelte.</p>
-
-<p>»So müßt Ihr mit mir kommen und ein Kind
-Eures Stammes retten, das sich in dringender Gefahr
-befindet.«</p>
-
-<p>»Mein Stamm ist in Missouri,« murmelte der
-rothe Sohn der Wälder und summte dann wieder leise
-vor sich hin:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Seine Sehnen brauch ich zur Bogenschnur,</div>
- <div class="verse">Wenn ich folge der flüchtigen Feinde Spur &ndash;</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>»Aber sie haben es geraubt!« rief St.&nbsp;Clyde in
-Verzweiflung. »Mensch, hat denn dieser teuflische
-Whiskey Deine ganzen Sinne verbrannt, daß Du kein
-Mitleiden, kein Gefühl mehr hast?«</p>
-
-<p>»Keinen Whiskey mehr hast?« wiederholte mit
-lallender Zunge der Jäger &ndash; »nein &ndash; nichts mehr,
-nur ein bischen &ndash; gebt welchen.«</p>
-
-<p>»Ha,« sagte der Creole, von einem glücklichen Gedanken
-ergriffen, »Du sollst Whiskey haben, ein ganzes
-Faß voll, aber komm jetzt mit mir und stehe mir bei.«</p>
-
-<p>»Faß voll Whiskey?« murmelte der Indianer, sich
-halb aufrichtend - »ganz Faß voll?« Der Gedanke
-war zu großartig für ihn, er vermochte nicht ihn auf
-einmal zu fassen. Das Chor der Gefährten brach zuletzt
-wieder in einen so brüllenden Schlachtschrei aus,
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-wobei sie mit den Armen wild in der Luft herumfochten,
-daß ein alter Alligator, der sich kaum hundert
-Schritte von ihnen entfernt auf einem im Wasser
-schwimmenden Stamme sonnte, erschreckt emporsah
-und dann geräuschlos in das ruhigere Element zurückglitt.</p>
-
-<p>»Faß voll Whiskey?« wiederholte der Indianer
-nach langer Pause. »Viel Whiskey das &ndash; kommt!«
-und er versuchte sich, wenn auch vergebens, emporzurichten.</p>
-
-<p>Der Creole unterstützte ihn nun zwar und brachte
-ihn mit genauer Noth dahin, daß er aufrecht stehen
-blieb; was aber half ihm das? Was sollte er mit
-dieser bewußtlosen Masse von Gier und roher Sinnlichkeit
-beginnen? War das der Mann, der ihm helfen
-konnte die Geliebte zu befreien? Er ließ ihn los und
-der junge Häuptling taumelte, mit auf die Brust gesenkter
-Unterkinnlade, an den nächsten Baum an.</p>
-
-<p>»Arme Saise!« seufzte St.&nbsp;Clyde.</p>
-
-<p>»Ais?« stammelte der Indianer mit schwerer
-Zunge &ndash; »Ais? Wer spricht von Nedaunis-Ais?
-Sie ist todt &ndash; Whiskey will ich &ndash; Whiskey!«</p>
-
-<p>»Whiskey!« jubelte die Bande, die das letzte
-laut ausgestoßene Wort vernommen &ndash; »Whiskey,
-hupih!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-»<em class="ge">Nedaunis-Ais?</em> Du kennst sie?« rief der
-Creole und sprang auf den Taumelnden zu.</p>
-
-<p>»Laßt mich oder ich stoße Euch Eisen in Leib,«
-knurrte der Wilde &ndash; »<i>dam you</i>!«</p>
-
-<p>»Nedaunis-Ais <em class="ge">lebt</em>,« donnerte aber Jener, die
-Drohung nicht achtend, fort &ndash; »sie <em class="ge">lebt</em> und <em class="ge">Du</em>
-sollst mir helfen, sie zu <em class="ge">retten</em>&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Lebt? retten? wo?</em>« rief der Trunkene, jetzt
-augenscheinlich bemüht, den klaren Sinn der Worte
-zu fassen, während seine starren Augen fest auf dem
-Fremden hafteten.</p>
-
-<p>Mit kurzen Worten erzählte nun St.&nbsp;Clyde dem
-aufmerksam Lauschenden die Geschichte der Indianerin,
-während dieser mit fest gegen die Schläfe gepreßten
-Händen dastand und jede Sylbe von seinen Lippen
-sog. Endlich aber, als er anfing zu begreifen, um
-was es sich handele, und als das Schicksal der Unglücklichen
-in klareren, entschiedneren Farben vor ihm
-auftauchte, da faßte er, von Grimm und Wuth entbrannt,
-die Flasche, die, noch immer ein Drittheil
-gefüllt, neben ihm lag und schmetterte sie mit wildem
-Wurf gegen den nächsten Stamm.</p>
-
-<p>»Gift &ndash; Gift &ndash; Gift!« schrie er dabei &ndash; »die
-Schwester verkauft und ich trunken &ndash; Gift &ndash; Gift,
-der Weißen Feuerwasser &ndash; Gift &ndash; Whiskey!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-»Whiskey! hupih!« jubelten die von der Schaar,
-die noch Besinnung genug übrig behalten hatten, die
-letzten Worte zu verstehen.</p>
-
-<p>»Aber, halt &ndash; halt!« rief der junge Indianer
-plötzlich, indem er sich die langen, schwarzen Haare
-aus der Stirn strich, »noch ist nicht zu spät &ndash; noch ist
-Zeit« &ndash; und sein Jagdhemd und seine Leggins abwerfend,
-sprang er mit einem Satz von dem, an dieser
-Stelle mehre Fuß hohen Ufer in das Wasser hinab,
-tauchte mehrmals unter und kam dann ans Land
-geschwommen. Hier lief er, ohne sich die Mühe zu
-nehmen, seine Sachen erst wieder anzuziehen, in den
-Wald hinein, aus dem er nach kaum einer Viertelstunde
-auf dem Rücken eines kleinen schnaubenden
-Poneys zurückkehrte. Seine Kleider und Waffen
-waren bald zusammengerafft und fast eher noch, als
-der Creole sein Pferd besteigen konnte, winkte er ihm
-schon zu folgen.</p>
-
-<p>»Aber Deine Kameraden,« sagte St.&nbsp;Clyde jetzt,
-»was können wir zwei allein ausrichten!«</p>
-
-<p>»Komm,« sagte der Sohn der Wälder, »komm;
-willst Du bis morgen bleiben, um sie mit lallender
-Zunge sprechen zu hören &ndash; <em class="ge">mehr Whiskey</em> &ndash;
-<em class="ge">mehr Whiskey</em>? Es sind Chocktaws &ndash; ich muß
-fort &ndash; Du kommst mit &ndash; wir zwei genug&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-Er wartete gar keine weitere Antwort seines Begleiters
-ab, sondern sprengte mit verhängten Zügeln
-dem Mississippi zu, warf sich hier noch einmal in die
-Flut, die Wirkung des Feuertranks zu vernichten, und
-holte dann, nachdem er seine wenigen Kleidungsstücke
-wiederangelegt, ein verborgen gehaltenes Canoe aus
-dem Gebüsch. St.&nbsp;Clyde mußte sich in die Mitte
-desselben setzen, und an beiden Seiten eines der Pferde
-mit dem Zügel unterstützen, während er selbst das
-Boot schnell und geschickt über den breiten reißenden
-Strom ruderte.</p>
-
-<p>So lange aber war St.&nbsp;Clyde, zuerst von dem
-Indianer und dann durch das Ueberfahren aufgehalten
-worden, daß die Sonne schon unterging, als sie
-eben das westliche Ufer erreichten, und der Creole
-mußte nun die Leitung übernehmen, und führte den
-so zufällig gefundenen Bruder Saisens zu dem Richter.
-Unterwegs erzählte ihm dabei Wetako, der Name
-des Riccaree, daß er damals seine entführte Schwester
-verfolgt und den schändlichen Räuber auch eingeholt
-und erschlagen habe, vergebens aber war sein
-Monate langes Umherstreifen gewesen, eine Spur
-der Geraubten selbst zu finden, die durch die teuflische
-List jenes Buben seinem rettenden Arm entzogen worden.
-In Verzweiflung darüber hatte er sich endlich
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-einer Schaar von Chocktaws angeschlossen, die in den
-Wäldern Louisianas jagten und das erlegte Wild in
-die benachbarten kleinen Städte schafften. Durch Lebensüberdruß
-und Schmerz aber gleichgültig gegen
-Alles gemacht, was er sonst hoch und theuer hielt,
-ergab er sich dem Trunk und folgte dabei nur dem
-Beispiel seines ganzen unglücklichen Stammes.</p>
-
-<p>Das doppelte Bad und der jähe Schreck der theils
-freudigen, theils schlimmen Nachricht von dem Leben
-und der Noth seiner Schwester hatte aber jede Spur
-von Rausch verdrängt; der Indianer, der kalte, besonnene
-Wilde war wieder in ihm erwacht, und mit
-schnellem Blick übersah er die Gefahren, die das Wesen,
-das er auf Erden am meisten liebte, bedrohten.
-Zwar kannte er nicht die Gesetze der Weißen, aber er
-wußte, wie schwer, ja wie für einen Indianer fast
-unmöglich es sei, etwas zurückzuerhalten, auf das sie
-erst einmal ihre Hand gelegt, und schien auch von
-vorn herein gar keinen andern Gedanken gehabt zu
-haben, als Saise durch List oder Gewalt zu retten;
-beides galt ihm gleich, so es nur zum Ziele führte.</p>
-
-<p>Dunkele Nacht war's, als sie das Haus des Richters
-endlich erreichten; wichtige Veränderungen schienen
-aber in den wenigen Stunden vorgegangen. Von
-den Grenzen des nördlich liegenden Mississippistaates
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-herüber hatten sich einzelne Constabel eingefunden, die
-einen Pflanzer wie seinen Helfershelfer verfolgten.
-Bis nach Waterloo mußten die Flüchtigen auch zusammengeblieben
-sein, von da an schienen sie sich aber
-getrennt zu haben, und zwei der Nachgesandten jagten
-am Ufer des Flusses hinab, dort alle Anstalten zu
-treffen, ihre weitere Flucht aufzuhalten, während die
-Uebrigen der allerdings stärkeren Spur stromauf folgten,
-um die Entflohenen wo möglich daran zu verhindern,
-sich in das Innere des Landes zu wenden
-und die texanische Grenze zu erreichen.</p>
-
-<p>Des Richters Verdacht aber, dem ebenfalls Meldung
-geworden, war augenblicklich auf den Fremden
-gefallen und er hatte noch spät am Nachmittag Boten
-an den Fausse Riviere gesandt, um diesen jetzt, nicht
-wegen der Indianerin, sondern als Ausrede auf den
-Verdacht hin mit jenen Negerdieben im Bunde zu
-stehen, verhaften zu lassen. Dadurch hoffte er zu gleicher
-Zeit der Wahrheit auf die Spur zu kommen, ob
-Saise Sklavin oder nur schändlich ihrem Stamme
-geraubt sei.</p>
-
-<p>St.&nbsp;Clyde drang nun darauf, einen Aufschub der
-Auslieferung Saisens zu erhalten, wozu sich der
-Richter jetzt ebenfalls gern bereit zeigte, nur mußte
-dazu die Rückkunft des Deputysheriffs erwartet werden,
-<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-da der Obersheriff stromauf, die beiden Constabel
-aber stromab beschäftigt waren, und der Creole sah
-sich zu seinem größten Verdruß gezwungen, dessen
-Ankunft zu erharren. Zwar erbot er sich, das Schreiben
-selber mit hinüber zu nehmen; das wäre aber
-nicht rechtskräftig gewesen und der Richter vertröstete
-ihn damit, wie die wenigen Stunden sicherlich keinen
-Unterschied machen würden, da er ja trotzdem noch mit
-Tagesanbruch an dem Fausse Riviere sein und das
-arme Mädchen vor dem Fortschleppen in die Gefangenschaft
-bewahren könne. Aber der Deputysheriff
-kam nicht &ndash; Stunde auf Stunde warteten sie und
-ängstigten sich, und der Richter rief endlich verdrießlich:</p>
-
-<p>»Die Pest über den Burschen &ndash; ich werde mich
-noch gezwungen sehen darauf anzutragen, daß der
-Sheriff diesen liederlichen Fritz Haydt entläßt; es ist
-gar nichts mehr mit ihm anzufangen; er trinkt sich
-voll, läßt sich von den Mulattinnen an dem Fausse
-Riviere zum Narren haben und versäumt dann seine
-Pflicht.«</p>
-
-<p>»Ich will ihm entgegengehen,« bat St.&nbsp;Clyde,
-»vielleicht zögert er unterwegs&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Das würde Ihnen wenig helfen,« meinte der
-Richter, »denn <em class="ge">wenn</em> er zögert, so finden Sie ihn nicht,
-seine Vergnügungsörter hält er ziemlich geheim.
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-Kommt er aber nicht bis morgen früh, so reite ich
-selbst mit Ihnen hinüber und dann machen wir die
-Sache gleich zusammen ab.«</p>
-
-<p>In Angst und peinlicher Erwartung verbrachten
-sie die Nacht, und nur der Riccaree konnte nicht begreifen,
-weshalb sie eigentlich zögerten, und wollte
-fortwährend aufbrechen, die Schwester zu befreien
-und zu rächen.</p>
-
-<p>Da &ndash; es mochte zwei Uhr vorüber sein und das
-Schweigen der Frösche verkündete den nahenden Morgen
-&ndash; klopfte etwas mit heftigen Schlägen an die
-Thür der Wohnung; der wachthaltende Sklave öffnete,
-und die Treppe herauf stürmte nicht der Deputysheriff,
-sondern der Constabel, mit wenigen Worten jetzt
-meldend, daß, sicherer Kundschaft zufolge, jener Pitwell
-der besoldete Entführer der sämmtlichen Plantagenneger
-sei, und auch an dem Fausse Riviere nicht
-mehr gefunden werden könne. Aber Beaufort's Overseer
-müsse ebenfalls mit ihm unter einer Decke stecken,
-denn auch er sei, wahrscheinlich gewarnt, mitten in der
-Nacht nebst der erst angekauften Indianerin aufgebrochen,
-die ihm aber keineswegs gutwillig gefolgt,
-sondern in einer gewöhnlichen Negerkette forttransportirt
-wäre.</p>
-
-<p>»Wah!&nbsp;&ndash;« rief Wetako, von der Erde emporspringend,
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-auf der er niedergekauert bis jetzt gesessen
-hatte &ndash; »fort &ndash; fort &ndash; wir müssen fort.«</p>
-
-<p>Auch St.&nbsp;Clyde griff nach seinem Hut und wollte
-ihm folgen; der Richter trat ihnen aber in den Weg
-und bat sie noch einen Augenblick zu verweilen. Dann
-stellte er ihnen vor, wie sie durch Gewalt wenig oder
-gar nichts ausrichten könnten, bis nicht eine hinlängliche
-Anzahl von Pflanzern versammelt sei, die ihnen
-dann gemeinschaftlich folgen müßten; das würde
-aber natürlich wenigstens bis morgen Mittag dauern,
-und er wolle sie deshalb zugleich bitten, ihre Kräfte
-mit denen seiner Constabels zu vereinen, um alle
-Pflanzungen so schnell wie möglich von dem Vorfall
-in Kenntniß zu setzen. Werde die Rettung auch dadurch
-um wenige Stunden verzögert, so sei sie aber auch
-mit so viel mehr Gewißheit vorauszusehen. &ndash; Davon
-wollte aber weder der Creole noch der Indianer hören.</p>
-
-<p>»Nein,« rief der Letztere, »Nedaunis-Ais in Ketten,
-und Wetako mit Messer und Büchse auf der Spur &ndash;
-wir wollen fort!«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen &ndash; begeht keinen Mord!« rief
-der Richter ihnen erschrocken nach &ndash; »Ihr kennt unsere
-Gesetze nicht &ndash; lebenslange Kerkerstrafe wäre die Folge.«</p>
-
-<p>Der Indianer lächelte grimmig vor sich hin, als
-er die Worte hörte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-»Warum sperrt Ihr denn den Panther nicht ein,
-der Nachts Eure jungen Pferde raubt?« höhnte er &ndash;
-»Wetako ist ein Mann und seine Fährten sind tief.
-Folgt ihm, wenn Ihr könnt!«</p>
-
-<p>Er sprang rasch in den Sattel, der Creole ebenfalls,
-noch einen Gruß warf der Letztere zu dem dabei
-auch ihn ängstlich warnenden Richter hinauf, und
-fort flogen sie in gestrecktem Galopp die Straße entlang
-und dem Orte zu, von wo aus der Overseer
-aufgebrochen, um dort zuerst die Spur aufnehmen zu
-können.</p>
-
-<p>Schon rötheten die ersten Sonnenstrahlen das
-dunkelgrüne Laub der rauschenden Cypressen, als die
-Reiter Beaufort's Plantage erreichten; hier war aber
-Alles in Aufruhr. Aus fast sämmtlichen benachbarten
-Ansiedlungen hatten sich die Pflanzer, mit Doppelflinten,
-Messern und Harpunen bewaffnet, eingefunden
-und <em class="ge">eine</em> Abtheilung sollte schon, wie St.&nbsp;Clyde
-hörte, vorausgesprengt sein, die Flüchtigen wenigstens
-aufzuhalten. Die beiden Männer verweilten aber kaum
-lang genug hier, nur das Nothwendigste zu erfahren,
-frugen schnell, welchen Weg die Gig des Overseers
-genommen, und stürmten dann wie dunkele Rachegötter
-hinterdrein.</p>
-
-<p>Eben diese Gig war aber die Ursache gewesen,
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-daß man auf der Plantage, früher als es Duxon gehofft,
-Verdacht schöpfte, da er seine Sachen noch an
-demselben Tage, unter der Adresse eines texanischen
-Handelshauses und mit einem gerade dort anlegenden
-Dampfboot, nach Houston gesandt hatte. Einzelne der
-Neger, die er sonst stets grausam und unmenschlich
-behandelt, meldeten dem Herrn ihre Vermuthungen,
-wie auch, daß eine gewisse Anzahl ihrer Mitsklaven,
-von denen die meisten des Overseers Spione gewesen,
-ebenfalls vermißt würden und allem Anschein nach
-entflohen wären.</p>
-
-<p>Duxon war überdies noch am vorigen Tage genöthigt
-gewesen, seine neuangekaufte Sklavin in der
-Obhut der alten Negerin zu lassen, da Gabriele fest
-darauf bestanden, und er durch zu starres Weigern
-Verdacht zu erregen fürchtete. Dies hielt in der Nacht
-seine Flucht auf, die er, durch einen Boten Pitwell's
-gewarnt, beschleunigen mußte, und so kam es denn,
-daß er, noch mehre Meilen von dem Versammlungsort
-entfernt, die gut berittenen Verfolger in voller
-Hetze hinter sich hörte. Kaum vernahm er aber die
-nachdonnernden Hufe auf der hartgetretenen Straße,
-als er, schnell das Bett eines kleinen, ebenfalls trockenen
-Baches benutzend, von dem Wege abbog. Die
-Neger waren nämlich schon auf Pferden, die sie ihrem
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-Herrn oder den Nachbarn geraubt, der ihnen bezeichneten
-Gegend zugesprengt, und Duxon hatte gehofft
-sie schnell genug einholen zu können. Für den Augenblick
-gelang ihm auch diese Kriegslist vollkommen,
-denn die Pflanzer, wenig damit vertraut einer Fährte
-zu folgen, bemerkten die Abweichung der Wagenspuren
-nicht eher, bis es zu spät war, und folgten dann der
-ihnen durch die Neger selbst verrathenen Richtung,
-weil sie nicht umkehren wollten, die Zeit zu versäumen.
-Am Versammlungsort mußten sie ja später doch
-Aller habhaft werden.</p>
-
-<p>Duxon nun, mit jedem Fußbreit Landes in diesen
-Waldungen und Sümpfen vertraut, wußte, daß er,
-wenn er dem Rande eines kleinen Dickichts folge, eine
-ziemlich offene Holzung finden und nur mit den hindernden
-Wurzeln der Cypressen zu kämpfen haben
-würde. In kaum einer Viertelmeile von da durchschnitt
-aber eine andere, ebenfalls nach dem Cutoff<span class="top">[8]</span>
-hinaufführende Straße den Sumpf, und sobald er
-diese erreichte, mußte ihn das aus der Spur aller
-Verfolger bringen.</p>
-
-<p class="ci fss">[8]: Eine Biegung des Mississippi ist so genannt, wo sich dessen
-Strömung eine neue, nähere Bahn gebrochen hat.</p>
-
-<p>Auf <em class="ge">einen</em> Widerstand aber hatte er nicht gerechnet,
-<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-auf den <em class="ge">Saisens</em>. So lange er sich nämlich in
-der Straße hielt, gab die Unglückliche noch immer
-nicht die Hoffnung auf, von dem Geliebten, denn
-auch sie hing mit ganzer Seele an dem jungen Creolen,
-eingeholt zu werden; jetzt aber, als sie sich, nur
-von den rauschenden Bäumen des Waldes umgeben,
-ganz in der Gewalt des Menschen fand, den sie, seit
-sie ihn zum ersten Mal gesehen, auch gefürchtet und
-verabscheut hatte, da glaubte sie ihr Schicksal besiegelt,
-und versuchte nun mit verzweifelter Anstrengung ihre
-Ketten zu zerreißen und sich zu befreien.</p>
-
-<p>»Sitz' still, zum Teufel!« brummte der Overseer,
-ohnedies nicht in der besten Laune, »oder ich klopfe
-Dir den Peitschenstiel auf den Schädel, daß Du Dich
-ruhig verhältst &ndash; hörst Du?«</p>
-
-<p>Saise hielt einen Augenblick erschöpft inne, dann
-aber, auf's Neue ihre letzte Kraft versuchend, gelang
-es ihr, wenn auch nicht ihre Ketten, doch die Bande
-zu zerreißen, die ihre Hände niederhielt. In demselben
-Augenblick befreite sie sich auch von dem Knebel, den
-ihr der Bube der Vorsicht wegen angelegt hatte, und
-stieß nun, von Angst und Verzweiflung getrieben,
-einen Hülfeschrei aus, der so laut und plötzlich in die
-Ohren des vor die Gig gespannten Poneys dröhnte,
-daß dieses entsetzt zur Seite prallte und waldeinwärts
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-rannte. Duxon aber, durch den Hülferuf Saisens
-ebenfalls erschreckt, konnte ihm nicht schnell genug in
-die Zügel fallen, ja diese entglitten sogar seiner Hand,
-und im nächsten Augenblick schnellte auch schon das
-leichte Fuhrwerk mit einem Rad an einer der Cypressenwurzeln
-hinauf und schlug, den Herrn wie seine
-Sklavin in ein benachbartes Dickicht schleudernd, um.</p>
-
-<p>Zorn und Rache im Blick sprang der Bube empor,
-das Poney nahm aber zuerst seine ganze Aufmerksamkeit
-in Anspruch &ndash; die Gig enthielt Alles, was er an
-Vermögen besaß, und wenn ihm das Pferd entlief,
-war er verloren. Dem wild Stampfenden fiel er daher
-rasch in die Zügel, riß es auf die Hinterbeine zurück,
-daß sich der weiße Schaum mit dem Blut des wundgerissenen
-Maules vermischte, und richtete dann,
-während das erschreckte Pferd zitternd stille stand, mit
-riesiger Kraft die Gig wieder empor.</p>
-
-<p>Nun aber wandte sich auch seine ganze Wuth
-gegen die Ursache dieses Unfalls, denn Saise, von dem
-Sturz erst fast betäubt, hatte sich jetzt wieder gesammelt
-und ließ auf's Neue den gellenden Hülferuf
-erschallen.</p>
-
-<p>»Donner und Tod!« schrie er, flog auf die Zurückspringende
-zu und führte mit der umgekehrten und mit
-Blei gefüllten Peitsche einen Schlag nach ihrem Kopfe,
-<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-der ihr denselben zerschmettert haben würde, wenn er
-sie traf; die gefesselten Arme aber emporhebend, fing
-sie den Streich auf, der an den Kettengliedern unschädlich
-niederstreifte.</p>
-
-<p>Duxon wollte den Schlag wiederholen, da
-tönte, wohl noch in weiter Ferne, aber klar und deutlich
-ein scharf ausgestoßener, wilder Laut durch den
-stillen Wald &ndash; er hielt ein, um zu horchen,
-Saise aber schien in diesem Augenblick wie aus Stein
-gehauen, so starr und regungslos blickte sie nach jener
-Gegend hin, von woher der Ruf geklungen.</p>
-
-<p>»Ha, da kommen ihrer mehr, aber sie sind auf der
-Straße,« murmelte der Overseer vor sich hin; »Pest
-und Gift, die Sache wird gefährlich; komm, mein
-Täubchen, und sei jetzt vernünftig, der erste Schrei, den
-Du wieder ausstößt, ist Dein Tod!« Und mit den Worten
-bückte er sich, ergriff das einer Statue ähnliche
-Mädchen und wollte sie in das wieder geordnete Fuhrwerk
-tragen; bei seiner Berührung erwachte aber
-auch in dieses das, durch jenen Ruf fast erstarrte
-Blut; mit aller Gewalt, deren sie fähig war,
-schwang sie die leichte Kette, die ihre Handgelenke
-gefesselt hielt, empor und schlug sie gegen den Kopf
-ihres Räubers nieder, daß dieser sie halbbetäubt losließ
-und zurücktaumelte. Wieder aber erschallte da
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-lauter und dringender als zuvor der Hülferuf der
-Unglücklichen, und Duxon, jetzt, durch Schmerz und
-Wuth zum Aeußersten getrieben, hörte kaum das antwortende
-und näher kommende Signal, als er auch
-sein breites Messer aus der Scheide riß, auf die entsetzt
-Zurückzuckende lossprang und ihr mit fest auf
-einander gebissenen Zähnen den scharfen Stahl in die
-Brust stieß.</p>
-
-<p>Zum Tode getroffen taumelte Saise nieder in das
-gelbe Laub, Duxon aber flog mit wilden Sätzen zum
-Wagen, riß eine große Brieftasche heraus, die er
-unter seiner Weste barg, schnitt die Stränge des
-Poneys durch, warf sich die Doppelflinte auf die
-Schulter, sprang auf das Pferd und verschwand
-im nächsten Augenblick im Dickicht.</p>
-
-<p>Kaum hatten sich aber hinter ihm, auf der einen
-Seite des kleinen freien Platzes die Büsche geschlossen,
-als auch schon an der anderen zwei Reiter auf
-schäumenden Rossen hervorbrachen, doch hier, wie
-von einem Blitzstrahl getroffen, entsetzt in ihre Zügel
-griffen. Sie hielten mehre Secunden an. Während
-sich dann aber der Eine mit wildem Schmerzesschrei
-aus dem Sattel und neben dem blutenden Körper des
-holden unglücklichen Mädchens niederwarf, hob sich
-der Andere auf dem Rücken seines Thieres zu seiner
-<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-vollen Höhe empor und lauschte mit wild stieren, glanzlosen
-Augen in den Wald. Plötzlich mußte ein fernes
-Geräusch sein Ohr getroffen haben, denn ohne die Ermordete
-weiter eines Blickes zu würdigen, stieß er dem
-ängstlich vor dem Geruch des Blutes zurückschaudernden
-Thier die Hacken in die Seite, setzte mit diesem
-über das im Wege stehende Gig hinweg und folgte,
-lautlos zwar, aber mit Tod und Verderben sprühenden
-Blicken dem flüchtigen Mörder.</p>
-
-<p>Keine Sylbe kam über die zitternden Lippen, keinen
-Blick verwandte er von der Spur in der weichen
-Erde, rasch, mit dem Zügel des Pferdes in der einen,
-der Büchse in der andern Hand, flog er dahin durch
-den dichten Wald, und kaum konnte er fünfhundert
-Schritte gesprengt sein, als er den Feind ansichtig
-wurde, der eben damit beschäftigt war, einen der in
-dem Gebüsch hängen gebliebenen Stränge loszuhauen,
-was seine Flucht kurze Zeit aufgehalten.</p>
-
-<p>Duxon schaute sich um und erkannte in der reißend
-schnell näherkommenden Gestalt einen Indianer, war
-aber im ersten Augenblick wirklich ungewiß, ob oder
-ob er nicht einen Feind in ihm zu fürchten habe, denn
-er selbst hatte nie mit Nachkommen jener wilden Stämme
-verkehrt und wußte, daß sie sich selten dazu hergeben,
-die Streitigkeiten der Weißen untereinander auszufechten.
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-Als aber eben der Gedanke an die gemordete Jungfrau,
-die ja auch jenem unglücklichen Volke angehörte,
-sein Hirn durchzuckte, sah er, wie der junge Indianer
-seinen Zweifeln schon ein Ende machte, denn er hielt
-plötzlich sein Pferd an, hob die Büchse, und der rothe
-Feuerstrahl zuckte durch das geheimnißvolle Dunkel
-des Urwalds.</p>
-
-<p>Der Overseer fühlte sich verwundet, aber ihm blieb
-keine Zeit zum Nachdenken, der Rächer brauste heran.
-Zwar hob er selbst jetzt das Doppelrohr, diesen niederzuschießen,
-der vorausgeschleuderte Tomahawk traf
-jedoch seinen linken Ellbogen, und wenn sein Schuß
-auch in demselben Augenblick dem Rohr entfuhr, so
-erhielt doch dies dadurch eine falsche Richtung; nur einzelne
-Schrote streiften Wetako's Schulter und ehe der
-sich seiner Schuld bewußte Mörder den zweiten Hahn
-spannen konnte, flog der Rächer herbei; der Schlachtruf
-des Riccarees schallte gellend durch den Wald, das
-Bowiemesser zischte nieder, und heulend brach der
-Elende zusammen.</p>
-
-<p>Das bleiche Haupt der Geliebten an seiner Schulter,
-kniete indessen der junge Creole neben dem verblutenden
-Körper des schönen, unglücklichen Mädchens. Wohl
-hatte er schnell und vorsichtig die weite, klaffende Wunde
-verbunden, aber es war zu spät und der Todesstoß ihr
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-ins innerste Leben gedrungen. Er hörte das Vorbeistürmen
-der Verfolger, die aus allen Theilen der Gegend
-herbeiströmten, den Negerraub zu verhindern, er hatte
-den Schlachtschrei des Riccaree vernommen, aber er
-achtete es nicht, sein Auge hing an dem rothen entquellenden
-Lebensstrom des heißgeliebten Mädchens
-und Nacht &ndash; finstere Nacht ward es endlich vor seinen
-Blicken.</p>
-
-<p>Als er sich wieder erholte, stand der Riccaree an
-seiner Seite; er hatte den Leichnam der Schwester in
-seine Decke eingehüllt und hob ihn, da er das Erwachen
-des Weißen bemerkte, vor sich auf das Pferd.</p>
-
-<p>»Wetako &ndash; was willst Du thun?« rief der Creole,
-erschrocken emporfahrend &ndash; »wo willst Du hin?«</p>
-
-<p>»Will dem Stamme der Riccarees die Ueberreste
-von seines Häuptlings Tochter bringen,« sagte der
-junge Indianer mit düsterem Lächeln; »ich will sagen,
-es sei die Friedensgabe, die ihnen die Weißen senden.
-&ndash; Unser Land haben sie uns geraubt, hier ist Blut,
-das neue damit zu düngen &ndash; lebe wohl!«</p>
-
-<p>»Und der Räuber?« frug St.&nbsp;Clyde, immer noch
-in halber Betäubung auf den blutigen Körper blickend,
-den jener im Arme hielt.</p>
-
-<p>»Der Räuber?« höhnte der Riccaree, während er
-seinen hirschledernen Ueberwurf zurückschlug &ndash; »der
-<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-gehört <em class="ge">mein</em>!« und der Creole erkannte mit Entsetzen,
-an dem Gürtel des Wilden, den blutigen Scalp des
-Erschlagenen. Ehe er aber noch ein weiteres Wort
-äußern konnte, schwang sich jener hinter der Leiche in
-den Sattel, stieß dem schnaubenden Thiere die Hacken
-in die Seite und war im nächsten Augenblick den Augen
-des Weißen entschwunden.</p>
-
-<p>Die nachsetzenden Pflanzer hatten indessen den
-schurkigen Negerdieb, jenen Pitwell, eingeholt und
-mit der gewöhnlichen Schnelle, mit welcher alle dem
-ähnliche Verbrechen bestraft wurden, an den nächsten
-Baum gehangen. In seiner Brieftasche fanden sich
-übrigens hinlängliche Beweise, daß er diesen Tod
-zehnfach verdient, denn auch die reine Abstammung
-der Indianerin ward hier, durch einen Brief der Helfershelfer,
-außer allen Zweifel gesetzt. Als man aber
-später der Spur des Wagens folgte, um dem Overseer
-ebenfalls nachzusetzen, fand man die Zeichen des
-Kampfes, wie den kleinen Wagen selbst. Unfern von
-dort aber, bleich und starr an dem Stamm eines jungen
-Baumes gelehnt, lag, in der rechten Hand ein
-abgeschossenes Pistol, die Leiche des Creolen.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-Herr Schultze.<br />
-
-<span class="subheader">Ein Märchen.</span></h2>
-
-
-<p>Die Zeit der Wunder ist vorüber und die Welt glaubt
-nicht mehr an das Ueberirdische, denn sie will Alles
-in nüchterner hausbackner Wirklichkeit haben, um es
-so recht aus Herzensgrund begreifen, das heißt <em class="ge">betasten</em>
-zu können. Kommt dann wirklich einmal
-etwas Geisterhaftes, zeigt sich einmal in stiller Mitternachtsstunde
-dem Einzelnen, dem Auserwählten,
-ein anständiges ordentliches Gespenst, so könnte dieser
-später bei allen Heiligen, und noch überdies Stein
-und Bein schwören, es glaubte ihm Niemand ein Wort
-davon. Entweder hieße es: »der gute Mann hat mit
-wachenden Augen geträumt,« oder die lieblose Bruder-
-und Schwesterschaar urtheilte vielleicht noch strenger
-und sagte am Ende gar: »Er ist ein Narr, daß er
-denken kann, vernünftige Leute sollten sich so etwas
-weiß machen lassen!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-Was um des Himmels Willen ist nun mit einer
-solchen Welt anzufangen? &ndash; Gar nichts.</p>
-
-<p>In solch ähnlicher Verlegenheit befand sich vor
-noch nicht so langer Zeit der liebe Gott selbst. Auf
-der Erde, und besonders in den deutschen Bundesstaaten
-sah's in jeder Hinsicht windig und bös aus. Mit
-der Politik der Kammern waren allerdings die Kammer<em class="ge">herrn</em>
-und Kammer<em class="ge">diener</em>, sonst aber auch
-Niemand zufrieden, die Religion drohte gleichfalls
-wieder eben <em class="ge">aus</em> Religion ganz irreligiös zu werden,
-denn selbst die Laien fühlten sich nicht mehr sicher als
-ganz gewöhnliche Menschen schlafen zu gehn und als
-Apostel wieder aufzustehen &ndash; und was die Ernten betraf,
-da hörte denn nun wirklich Alles auf. Einmal
-war es zu dürr, einmal zu naß, einmal fiel Mehlthau,
-ein anderes Mal Hagel, kurz es kam in jedem
-Jahr etwas Anderes, was die Getreidepreise hinauftrieb,
-Brot und Fleisch theuer machte und die Armen
-&ndash; <i>i.&nbsp;e.</i> solche, die nicht gewußt hatten reich zu
-werden &ndash; so bedrückte, daß des Betens und Bittstellens
-kein Ende mehr wurde und sich die Nothleidenden
-theils persönlich an ihn wandten, theils
-die armen Heiligen und Schutzpatrone bis auf's
-Blut plagten und peinigten.</p>
-
-<p>Dazu kam nun noch, daß die Menschen wirklich
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-anfingen ihm leid zu thun. Er hätte ihnen so gern
-geholfen! &ndash; Wie aber das anfangen? Die Gesetze
-der Natur konnte und wollte er deshalb nicht ändern,
-und das ungeheure Walten jener wirkenden und
-schaffenden Urkräfte zu stören, wäre, der Paar Erdenbewohner
-wegen, auch etwas viel verlangt gewesen.
-Aber es gab <em class="ge">natürliche</em> Mittel und die sollten hier
-helfen.</p>
-
-<p>Nichts war einfacher als die Religion &ndash; er hatte
-das Ganze schon früher einmal dem Moses in einer
-Viertelstunde dictirt &ndash; in dieser Hinsicht hoffte er
-bald Frieden zu stiften; auch die Politik mußte in
-Ordnung gebracht werden &ndash; es waren ja Alles
-seine Kinder und wenn auch die Einen, wie das
-wohl die Geschwister häufig thun, die Anderen unterdrückt
-und sich die Sachen zugeeignet hatten, die gar
-nicht für sie allein bestimmt gewesen, so konnte das
-&ndash; und dazu hatte er ihnen ja eben die <em class="ge">Vernunft</em>
-gegeben, bald wieder geregelt werden.</p>
-
-<p>Was denn endlich den vielen Mißwachs der
-Ernten betraf, so erzeugte die Erde selbst in ihrem
-Inneren Mittel gegen diese Uebelstände, denn sie
-trug und trägt ja in sich selbst den Keim, das Alles
-zu verbessern und zu seinem höchsten Grad der Vollkommenheit
-zu führen. Nun frug es sich nur, wie es
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-möglich sei, dies den Menschen selbst bekannt zu
-machen, und auf welche Art es sich hoffen ließ von
-ihnen verstanden zu werden?</p>
-
-<p>Durch eine feurige Schrift am Himmel? &ndash; Die
-Freigeister und Professoren hätten eine solche als
-etwas Natürliches erklärt und die Theologen ihr
-eine ganz andere Auslegung gegeben. Durch eine
-Stimme von oben? &ndash; Das war erstens schon dagewesen
-und dann würden auch die Leute höchstens
-gesagt haben: »Heute hat es doch einmal gedonnert
-daß man ordentlich Worte verstehen konnte.« &ndash; Es
-war zum Verzweifeln.</p>
-
-<p>Da beschloß denn Gott Vater, aus unendlicher
-Liebe für das Menschengeschlecht, ein Buch über die
-zu verbessernden Verhältnisse, und besonders über
-Ackerbau und Viehzucht, für welche beiden Zweige
-er sich vorzugsweise interessirte, zu schreiben und
-damit selbst auf die Erde hinabzusteigen.</p>
-
-<p>Zeit hatte er ja für den Augenblick: die Welt lief
-im Allgemeinen in ihren ewigen Kreisen ruhig fort,
-und wenn ihm nicht manchmal ein Komet durchbrannte
-und einen Schweif roher Gesellen auf den
-Hacken, mit offenen Laternen und Pechfakeln die
-stillen Straßen des Firmaments auf staatsgefährliche
-Weise durchtobte, so war keine Unordnung zu
-<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-fürchten. Doch auch selbst hierüber hatten ihn die
-Berechnungen der besten Astronomen beruhigt, die ja
-die Erscheinung des nächsten noch bis auf <i>x</i> Jahre
-hinausgeschoben.</p>
-
-<p>Sein Plan ward also, kaum gewollt, auch
-schon ausgeführt. Mit Gedankenschnelle flogen die
-Zeilen mit der Enthüllung jener göttlichen, uns noch
-unbekannten Urkräfte des Erdkörpers auf das Papier
-nieder, und wenn sich der liebe Gott auch, seit er
-damals die zehn Gebote entworfen, nicht mehr mit
-literarischen Arbeiten beschäftigt hatte, so ging die
-Sache doch verhältnißmäßig ungemein schnell.</p>
-
-<p>Das geschehen, rauschte er, die Liebe für seine
-oft unfolgsamen Kinder im treuen Vaterherzen, auf
-unsere schöne Erde hernieder, um einen Verleger für
-sein Werk zu suchen und stieg, wie sich das von selbst
-versteht, in Leipzig und zwar im ersten Gasthof
-daselbst ab.</p>
-
-<p>Um aber jedes Aufsehen zu vermeiden, mußte er
-natürlich die Gestalt des Menschen &ndash; die edle schöne
-Gestalt des Mannes, wie er ihn früher nach seinem
-eigenen Bilde erschaffen, annehmen, und kleidete sich
-zwar sehr einfach, aber doch nach der gerade bestehenden
-Mode. Vor dem Hotel hielten mehrere Droschken
-und eine derselben brachte ihn denn auch bald zu dem
-<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-Buchhändler <em class="ge">Schmerz</em>, bei dem er ohne weitere
-Umstände eintrat und ihm, nach wenigen einleitenden
-Worten, sein fertiges Manuscript anbot.</p>
-
-<p>Herr <em class="ge">Schmerz</em> &ndash; ein langer hagerer Mann,
-mit tiefliegenden, dunkeln Augen, nöthigte ihn sehr
-artig zum Sitzen, las dann den Titel des Manuscripts
-und frug, sich leicht gegen den Fremden verneigend:</p>
-
-<p>»Mit wem hab' ich die Ehre?«</p>
-
-<p>Das war nun allerdings eine sehr natürliche
-Frage; jeder Buchhändler wünscht doch zu wissen,
-mit wem er es zu thun bekommt. Dem lieben Gott
-kam sie aber nichts desto weniger unerwartet, denn er
-durfte dem Manne doch nicht sagen wer er sei; Herr
-<em class="ge">Schmerz</em> hätte ihm das auch im Leben nicht geglaubt.
-Er faßte sich also kurz und antwortete, indem
-er, um nicht unartig zu scheinen die Verbeugung
-erwiederte:</p>
-
-<p>»<em class="ge">Schultze!</em>«</p>
-
-<p>»Ah &ndash; Herr <em class="ge">Schultze</em> &ndash; mir sehr angenehm.
-Und Sie wünschen also dies hier drucken zu lassen?«</p>
-
-<p>»Ich wünsche dadurch einem dringenden Bedürfniß
-abzuhelfen,« sagte der liebe Gott, und Herr
-Schmerz schlug das Manuscript schnell auf, denn er
-glaubte wahrscheinlich, es lauere der Antrag zu
-<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-einem neuen Theatergeschäftsbüreau oder zu einer
-Illustrirten Zeitung im Innern; bald sah er jedoch
-daß er sich geirrt habe und frug &ndash; schon etwas
-beruhigt:</p>
-
-<p>»Und über was handelt es? Der Titel ist etwas
-&ndash; etwas umfassend: »Enthüllungen der geheimsten
-und segensreichsten Urkräfte des Erdballs«&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ueber Alles &ndash; Viehzucht und Ackerbau &ndash;
-Religion und Politik.«</p>
-
-<p>»Sie sind Literat?«</p>
-
-<p>»Nicht eigentlich; ich bin mehr Oekonom, habe
-aber dieses Werk aus reiner Liebe zur Sache geschrieben,
-denn ich liebe die Menschen und weiß welchen
-Dienst ich ihnen damit erzeigen werde.«</p>
-
-<p>Herr <em class="ge">Schmerz</em> blätterte ein wenig im Manuscript
-herum, um einzelne Sätze daraus zu lesen und
-schüttelte dabei bedeutend mit dem Kopfe.</p>
-
-<p>»Sehr flüchtig geschrieben das, sehr, Herr &ndash;
-Herr&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Schultze</em>,« sagte der liebe Gott.</p>
-
-<p>»Ach ja, Herr Schultze &ndash; sehr flüchtig &ndash; die
-Setzer beklagen sich so immer!«</p>
-
-<p>»Ich sollte denken, es käme hier mehr auf den
-Inhalt als die Schrift an!« sagte der Fremde. »Wie
-unscheinbar sieht zum Beispiel eine Kartoffel aus,
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-und was schließt sie nicht Alles in sich ein? In ihrem
-Innern lebt und wirkt eine kleine, für sich abgeschlossene,
-aber deßhalb nicht weniger kunstvolle
-Welt; dem Menschen unbekannte Kräfte und Lebenstriebe
-durchströmen sie, und athmende Wesen bewegen
-sich in dieser festen saftigen Fleischmasse mit
-derselben Leichtigkeit, mit der sich die Menschen durch
-die Luft bewegen, und wenn im Frühjahr die
-Keime&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sie haben Phantasie, Herr Schultze« &ndash; unterbrach
-ihn etwas ungeduldig Herr Schmerz, &ndash; »aber
-dürfte ich Sie wohl bitten, mir den Inhalt dieser
-Schrift etwas näher anzugeben!«</p>
-
-<p>»Recht gern. &ndash; Es ist &ndash; wie Ihnen auch der
-Titel sagt, eine Enthüllung geheimer, bis jetzt noch
-nicht gekannter, vielleicht nicht einmal geahnter
-Naturkräfte, zuerst dem Mißwachs und den Viehseuchen
-entgegenzuwirken und gleichzeitig das moralische
-Schaffen und Treiben der Menschen &ndash; von
-denen der große Haufe nun doch einmal in den Tag
-hinein lebt, zu ordnen und zu regeln. Was die ersten
-Kapitel &ndash; Mißwachs und Seuchen betrifft, so
-existirten in früheren Zeiten andere Verhältnisse; die
-Bevölkerung des Erdballs war zu schwach und die
-Erde erzeugte mehr, als ihre Bewohner consumiren
-<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-konnten. Daher mußte ich diesem Uebelstand durch
-natürliche Mittel abzuhelfen suchen.«</p>
-
-<p>»Wer? Sie?«</p>
-
-<p>»Ich &ndash; meine die <em class="ge">Natur</em>. Jetzt aber hat jene
-Ursache aufgehört, und deshalb soll auch die Wirkung
-nachlassen. Das Menschengeschlecht ist an Zahl
-so gewachsen daß es, wenigstens in Europa, Alles
-braucht was es erzeugen kann, und ich wünschte nun
-dieses zum Nachtheil werdende Hinderniß gehoben
-zu sehen. Das können Sie aber nicht verlangen, daß
-ich deshalb die ewigen Naturgesetze ändern sollte,
-um&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein!« sagte Herr Schmerz.</p>
-
-<p>Der liebe Gott sah ihn im ersten Augenblick erstaunt
-an, besann sich aber schnell und lenkte wieder
-ein: »Um solchen Uebelständen nämlich abzuhelfen,
-kann man also, wie ich sagen wollte, doch nicht
-verlangen daß die einmal bestehenden Gesetze der
-Natur geändert werden sollten. Dafür liegt aber auch
-in ihren eigenen Kräften, in ihren geheimsten, innersten
-Lebensfasern das Heilmittel gegen diese
-nicht mehr nöthigen Zuwachsminderungen und ich
-habe das Alles hier kurz und bündig, aber auch
-leicht faßlich niedergeschrieben. Drucken Sie es und
-geben Sie das dafür übliche Honorar in die hiesige
-<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-Armenkasse. &ndash; Sie werden überdies Nutzen genug
-davon haben.«</p>
-
-<p>Herr Schmerz, vielleicht durch dies keineswegs
-gewöhnliche Benehmen neugierig gemacht, oder auch,
-weil ihm das ganze Aeußere des Fremden eine gewisse
-Ehrfurcht einflößte, scheute sich augenblicklich eine bestimmte
-Antwort zu geben, und bat nur ihm das
-Manuscript bis morgen zu lassen, wo er sich dann
-darüber zu entscheiden versprach.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Zur verabredeten Stunde am nächsten Tag stellte
-sich der Fremde wieder ein und bat um seine Antwort.
-Herr Schmerz machte indessen heute ein äußerst bedenkliches
-Gesicht und blickte kopfschüttelnd und mit
-emporgezogenen Augenbraunen auf das Manuscript
-herab, das er in der Hand hielt.</p>
-
-<p>»Ich komme um Ihre Entscheidung über den Druck
-meines Werkes zu hören,« sagte der Fremde.</p>
-
-<p>»Ja sehen Sie &ndash; bester Herr Schultze,« begann
-endlich der Buchhändler nach kurzer Pause, &ndash; »das
-ist so eine Sache mit dem Druck dieses Heftes. Einestheils
-glaube ich &ndash; aufrichtig gestanden &ndash; gar nicht
-daß das Buch etwas machen wird. Für ein rein wissenschaftliches
-Werk ist zu viel Phantasie, &ndash; für
-Phantasie zu viel Wissenschaftliches darin und dann
-&ndash; druckten wir es nicht äußerst splendid daß es über
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-zwanzig Bogen gäbe, so striche uns der Censor die
-ganze Geschichte. Sie halten sich ja gar nicht ein Bischen
-an das Bestehende, werfen Alles über den Haufen,
-was nun doch einmal da ist und reden von
-Sachen die über menschliche Begriffe fast hinausgehen.
-Ich habe darin herumgeblättert &ndash; etwas altväterischer
-Styl &ndash; nun dergleichen ließe sich abändern
-&ndash; aber &ndash; das nehmen Sie mir nicht übel &ndash; ein
-Bischen zu prätentiös ist das Ganze auch noch geschrieben.
-Sie reden da in einem fort: das muß <em class="ge">so</em>
-sein und das <em class="ge">so</em>, hier thue <em class="ge">dies</em> und da thue <em class="ge">das</em>, die
-Wirkung wird dann im ersten Jahre <em class="ge">so</em> im zweiten <em class="ge">so</em>,
-und im dritten und den folgenden <em class="ge">so</em> sein; die Behandlungsart
-von A wirkt auf B und die Unterlassung würde
-sich für drei Jahre wieder <em class="ge">so</em>, und für andere zehn
-wieder <em class="ge">so</em> gestalten. Nein, das geht nicht, mein bester
-Herr Schultze, damit kommen wir nicht mehr durch.
-Ja, in alten Zeiten, da ließ man sich das gefallen,
-damals gehörte nur eine etwas dreiste Stirn dazu,
-der Welt glauben zu machen was man wollte; aber
-jetzt gehen wir der Sache tiefer auf den Grund.«</p>
-
-<p>»Ueberdies erlauben Sie sich auch über Politik und
-<em class="ge">besonders</em> über Religion Aeußerungen, die ich selbst
-nicht einmal unter dem Namen <em class="ge">Schultze</em> vertreten
-möchte. Am Ende brauchten wir ja gar keine Priester
-<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-und Prediger mehr; und dann die Beleuchtung Ihrer
-<em class="ge">socialen</em> Verhältnisse &ndash; nein, mein guter Herr
-Schultze: würde ich das Buch, das allerdings Geist
-verräth, wirklich drucken, so glaubte uns erstlich kein
-Mensch ein Wort von dem was drinnen steht; dann
-kämen wir wegen des einen Theils in die schönste
-Kriminaluntersuchung und über den andern Theil fielen
-nachher die Recensenten wie wahnsinnig her. Das
-Wenigste was sie sagten wäre, ich hätte einen neuen
-hundertjährigen Kalender verlegt. Und wenn sie's
-dann nur noch kauften &ndash; wenn es noch <em class="ge">ginge</em>! Ich
-käme aber wahrhaftig nicht einmal auf die Kosten,
-denn ein Leihbibliothekenbuch ist das <em class="ge">nicht</em>.«</p>
-
-<p>»Nein, allerdings nicht,« sagte der Fremde &ndash;
-»aber verlegen Sie es nur; ich garantire Ihnen daß
-Sie gute Geschäfte damit machen.«</p>
-
-<p>»Sie garantiren mir das? Welche Bürgschaft
-könnten Sie mir denn dafür geben?«</p>
-
-<p>»Meinen Namen!«</p>
-
-<p>»Bester Herr <em class="ge">Schultze</em>!« rief Herr Schmerz.</p>
-
-<p>»Ja so!« sagte der liebe Gott &ndash; »Sie wollen es
-also nicht? Sie weisen es zurück?«</p>
-
-<p>»Ich bin Ihnen wirklich für das Vertrauen das
-Sie in mich gesetzt, ungemein verpflichtet, aber ich
-habe jetzt in der That so viel Manuscript daliegen, &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-eins drängt so das andere; &ndash; mein Nachbar Beißig
-wird sich aber sicherlich ein Vergnügen daraus machen,
-&ndash; der hat überdies mehrere landwirthschaftliche und
-wissenschaftliche Werke gebracht.«</p>
-
-<p>»Und Sie glauben daß Herr Beißig&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Oh, ich bin es fest überzeugt; versuchen Sie es
-nur! &ndash; Oh &ndash; keine Komplimente, bester Herr
-<em class="ge">Schultze</em>! &ndash; <em class="ge">Jenes</em> ist der Ausgang, wenn ich
-bitten darf; <em class="ge">die</em> Thüre hier führt in die Küche; &ndash;
-habe die Ehre mich gehorsam zu empfehlen!«</p>
-
-<p>Der liebe Gott fand sich gleich darauf, mit seinem
-in Maculatur eingeschlagenen Manuskript, auf welchem
-mit großen Rothstiftbuchstaben »Hr. Schultze«
-geschrieben stand, auf der Straße und blieb im ersten
-Augenblick wirklich etwas überrascht stehen. <em class="ge">Das</em> hatte
-er nicht erwartet! &ndash; Er wollte die Menschen glücklich
-machen und trifft dafür auf solche Schwierigkeiten.
-Nun, Herr Beißig wird es auf jeden Fall nehmen!</p>
-
-<p>Aber siehe da &ndash; auch hier schien es als ob er
-vergebens angeklopft habe; neue Schwierigkeiten,
-neue Entschuldigungen. Wieder wurde er zu einem
-Anderen geschickt und Nachmittags nahm er sich eine
-Droschke auf eine Stunde, um schneller aus einer
-Verlagshandlung in die andere kommen zu können.</p>
-
-<p>Volle sechs Tage hatte er so mit immer gleichem
-<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-Erfolg auf dem Pflaster gelegen, er beschloß also den
-siebenten zu ruhen und am nächsten Montag die noch
-übrigen fünfundfunfzig Buchhändler aufzusuchen, um
-sich später gar keine Vorwürfe machen zu dürfen. Da
-klopft es, als die Glocken eben zu läuten begannen,
-leise an seine Thür.</p>
-
-<p>»Herein!« rief er, gerade nicht in der besten Laune.</p>
-
-<p>»Ich habe das Vergnügen mit Herrn Schultze zu
-sprechen?«</p>
-
-<p>»So nennt man mich hier!«</p>
-
-<p>»Ihren Paß, wenn ich bitten darf!«</p>
-
-<p>»Ich habe dem Wirth schon gesagt daß ich keinen
-bei mir führe.«</p>
-
-<p>»Dann muß ich Sie freilich bitten mir zu folgen!«</p>
-
-<p>»Aber, mein Herr&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich bedauere recht sehr, &ndash; aber Sie wissen &ndash;
-meine Pflicht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich gehe auf keinen Fall mit Ihnen!«</p>
-
-<p>»Sie werden sich doch der Obrigkeit nicht widersetzen
-wollen?«</p>
-
-<p>Was wollte der liebe Gott jetzt machen? An dem
-ihm selbst geweihten Tage Skandal anfangen? Das
-ging unmöglich; welch ein Beispiel hätte er dadurch
-gegeben! Er setzte seinen Hut auf und folgte.</p>
-
-<p>Im Polizeibureau wurde er freilich mit der größten
-<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-Artigkeit behandelt, denn in seinem ganzen Wesen lag
-etwas so Edles, Ehrfurcht Einflößendes, das ihm überall
-Freundlichkeit und Zuvorkommenheit sicherte; gegen
-die einmal bestehenden Gesetze ließ sich aber, das
-wußte er ja aus eigener Erfahrung, nichts thun &ndash;
-einen Paß hatte er nicht &ndash; der von ihm angegebene
-Ort woher er stamme, »Himmelsburg in Engelland,«
-ließ sich auf keiner Karte Albions entdecken und somit
-mußte ihm denn, wie sich das vorhersehen ließ, die
-Weisung werden, binnen vierundzwanzig Stunden einen
-Paß zu schaffen oder &ndash; die Stadt zu verlassen.</p>
-
-<p>Jetzt bekam der liebe Gott die Sache aber auch satt.
-Blos der Menschen wegen hatte er sich alle Diesem unterzogen
-und nun traten ihm aus jeder Ecke neue Hindernisse
-entgegen. Zwar hätte er sich im Augenblick selbst
-einen Paß herstellen können; durfte er aber das auf
-einen fremden Namen thun? &ndash; Das wäre wieder gegen
-seine eigenen Gesetze wie die der Menschen gewesen.
-&ndash; Nein, er sah jetzt ein daß es die Sterblichen gar
-nicht besser verdienten; sie <em class="ge">wollten</em> das Alles was sie
-drückte und quälte behalten&nbsp;&ndash;; sie <em class="ge">wollten</em> kein Licht
-haben, und wenn sie sich die Schädel an den Wänden
-einstießen. So beschloß er denn in den Himmel zurückzukehren
-und das von den Blinden verschmähte Werk
-im Feuer zu vernichten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-Sein Wille war That. In lodernder Gluth verzehrte
-sich das göttliche Manuscript, &ndash; dieser allein Millionen
-werthe Autograph &ndash; und jauchzend wirbelten die
-boshaften Luft- und Feuergeister die Aschenatome in
-das reine sonnige Blau des Firmaments, und spielten
-und tanzten damit im tollen wilden Uebermuth hoch,
-hoch auf zu der endlosen Höhe. Der liebe Gott aber
-schaute ihnen sinnend nach und murmelte endlich gutmüthig
-lächelnd vor sich hin:</p>
-
-<p>»Das hätt' ich mir, wenn ich nicht allwissend
-wäre, allenfalls denken können!«</p>
-
-<p>Dann in Licht zerfließend, stieg er wieder empor
-zu den reinen, göttlichen Räumen des Lichts, zu dem
-Urquell des strahlendurchflutheten Alls. Rosige Wolken
-drängten sich um ihn her, und hoben und trugen
-den Gott, Freude glühend und Frieden leuchtend hinan
-&ndash; hinan in das Aethermeer der Unendlichkeit, in die
-kreisenden Sonnenwelten des ewigen Seins.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-Der Deutsche und sein Kind.<br />
-
-<span class="subheader">Aus dem Amerikanischen Leben.</span></h2>
-
-
-<p>Mit dem »gut gekupferten und schnellsegelnden Dreimaster
-<em class="ge">Rose Bertram</em>,« &ndash; wie die Anzeige im
-Hamburger Börsenblatt gelautet &ndash; das von dieser
-Stadt aus am 15.&nbsp;April 1839 nach New-Orleans in
-den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika abging,
-war auch eine arme Familie, Vater, Mutter und zwei
-Kinder ausgewandert, um in dem Land ihrer Hoffnungen
-und Träume das zu finden, was ihnen die
-eigene Heimath nicht mehr im Stande war zu bieten
-&ndash; eine ruhige sorgenfreie Existenz, und eine gesicherte
-Zukunft.</p>
-
-<p>Die Reise lief ziemlich glücklich ab, denn sobald
-sie nur erst einmal den englischen Canal hinter sich
-hatten und in ein südlicheres Klima kamen, zeigte auch
-der Himmel eine fast ununterbrochene Reine, so daß
-sie, mit einem ebenfalls ziemlich günstigen Wind, nach
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-etwa achtwöchentlicher Fahrt, die sieben Mündungen
-des Mississippi im Golf von Mexiko erreichten und
-hier von dem Schleppboot <em class="ge">Herkules</em>, gegen die
-mächtige Strömung des Riesenflusses an, der »<em class="ge">Königin
-des Südens</em>« zugeführt wurden, wie die
-Republikaner ihre Hauptstadt New-Orleans nennen.</p>
-
-<p>Unser Deutscher, Hermann Schwabe aus Baiern,
-staunte aber nicht wenig, als er in dem Amerika &ndash;
-das er sich bis dahin fast nur als eine einzige große
-Wildniß, <em class="ge">mit Farmen</em>, gedacht, eine Stadt fand,
-wie er sie in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen.
-Häusermassen dehnten sich ohne erkennbares Ende am
-Ufer hin, das seinerseits wieder von einer ununterbrochenen
-Kette aller Arten Fahrzeuge eingefaßt und
-umschlossen wurde, während dort wieder Omnibus-Wägen
-und zahllose Güterkarren mit lebensgefährlicher
-Schnelle ein wildes geschäftiges Menschengedränge zu
-durchschneiden und zu theilen schienen.</p>
-
-<p>Trotz dieser Menschenmasse aber, fühlte er sich
-recht verlassen und allein &ndash; kein einziges Gesicht war
-unter dem ganzen Schwarm der wogenden Menge,
-das er gekannt &ndash; keine Hand streckte sich ihm hier
-zum freundlichen Willkommen entgegen und Alle gingen
-kalt und theilnahmlos an ihm vorüber. Es machte
-einen recht wehmüthigen Eindruck auf ihn, einen
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-Eindruck, der nicht beschrieben werden kann, der gefühlt
-sein will, und obgleich ihn das Drängen und Treiben
-der südlichen Stadt gar sehr ansprach, und Alles was
-ihn hier umgab, neu, fremdartig und deshalb interessant
-war, so eilte er doch soviel als möglich, wieder
-fortzukommen, und den Ort zu erreichen, wo er Freunde
-zu finden hoffte, ja wo er seine Verwandte wohnen
-hatte, auf deren Briefe er all sein kleines Eigenthum
-in Europa verkaufte, um mit dem daraus gelösten Geld
-einzig und allein die Ueberfahrt zu bezahlen.</p>
-
-<p>Dieser Verwandte, ein weitläufiger Vetter von
-ihm, wohnte in Cincinnati am Ohio, und Schwabe
-mußte jetzt vor allen Dingen ein Dampfboot finden,
-das ihn, den Mississippi und Ohio hinauf, seinem
-neuen Ziele entgegen führte. Das war aber nicht
-schwer &ndash; in dieser Jahreszeit, vor dem Eintreffen
-des gelben Fiebers, laufen fast an jedem Tage fünf
-bis sechs Boote stromauf und zwei oder drei von
-diesen sind dabei gewiß für den Ohio bestimmt: bald
-hatte er denn auch &ndash; wenn gleich unter nicht geringen
-Schwierigkeiten, da er kein Wort Englisch
-verstand &ndash; seiner und der Seinigen Passage
-akkordirt und noch an dem nämlichen Nachmittag
-glitten die Auswanderer auf dem keuchenden
-mächtigen Boot stromauf, gegen die gelbe unheimliche
-<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-rasch dahinströmende Fluth des »Vaters der
-Wasser« an.</p>
-
-<p>Zwischen reizenden Plantagen schossen sie hin,
-deren graue Schindeldächer gar freundlich zwischen
-dichten, schattigen Orangenhainen und Granatbüschen
-hervorschimmerten, an breiten gewaltigen Zucker- und
-Baumwollenfeldern vorüber, wo unglückliche Sklavenschaaren
-den sengenden Strahlen der Sonne
-ausgesetzt und von Peitschenbewehrten Aufsehern überwacht,
-ihre lange Tagesarbeit verrichten.</p>
-
-<p>Als sie weiter hinauf kamen, nahmen aber die
-offenen Plantagen mehr und mehr ab &ndash; der Wald,
-der bis dahin wohl mehre englische Meilen weit durch
-die urbar gemachten Felder zurückgedrängt wurde,
-näherte sich immer auffallender dem Ufer, und endlich,
-nach einzelnen waldigen Strecken besonders an der
-linken Seite, drängte er sich ganz dem Rande des
-Mississippi zu, und das graue wehende Moos hing
-in langen düstern Streifen von den weitgespreitzten
-Aesten herunter und schwankte und schaukelte in dem
-scharfen, stromaufstreichenden Luftzug. Aber auch
-dieses nahm nach und nach ab &ndash; flaches monotones
-Sumpfland, von riesigen Bäumen bestanden und nur
-hie und da von einem kleinen Städtchen oder einzeln
-liegenden Holzhaus unterbrochen, bildete die Scenerie
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-beider Seiten des Flusses, bis endlich oben, von der
-Mündung des Ohio an, ihre Umgebung einen ganz
-anderen Charakter bekam und jetzt mit Hügeln und
-Bergen das klarere Wasser des »schönen Stroms«
-einschließend, die an Bord befindlichen Deutschen fast
-wieder in ihre Heimath, an die Gestade des vaterländischen
-Rheins zurückversetzten.</p>
-
-<p>Schnell glitten sie an den reizenden Ufern vorüber;
-passirten vor Louisville &ndash; um die Stromschnellen
-zu umgehen, den durch Fels gehauenen Canal,
-und kamen am achten Tage nach ihrer Abfahrt, Nachmittags
-vier Uhr, in Cincinnati an.</p>
-
-<p>Auch hier umgab sie wieder ein lebendiges, reges
-Treiben. Viele stattliche Dampfboote lagen an der
-Landung und schnelle Fährboote, mit kleinen rasch
-puffenden Maschinen glitten zwischen Newport und
-Covington an der Kentuckyseite und Cincinnati im
-Ohio hin und wieder. &ndash; Unmassen von Gütern lagen
-am Ufer aufgehäuft und die Mannschaften der verschiedenen
-Boote waren gar eifrig beschäftigt, die
-Fracht aus- oder einzuladen und ihre eigenen Fahrzeuge
-wieder in Stand zu setzen zu neuer Reise.</p>
-
-<p>Der Deutsche konnte sich übrigens, so interessant
-ihm das auch zu jeder andern Zeit gewesen wäre,
-nicht lange bei der Betrachtung des ihn Umgebenden
-<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-aufhalten, denn der Abend rückte heran und es mußte
-noch vorher für ein Obdach auf die Nacht gesorgt
-werden. Jetzt galt es daher vor allen Dingen, die
-Wohnung seines Verwandten zu finden, und dessen
-Adresse stand deutlich genug in dem erhaltenen Briefe
-angegeben.</p>
-
-<p>»Fürchtegott Wagner, Kaffeehaus zur Stadt
-München, nordöstliche Ecke der siebenten und Sycamorestraße
-Nr.&nbsp;41 Cincinnati Ohio.«</p>
-
-<p>Das war nicht zu fehlen &ndash; der Brief hatte ihm
-überhaupt auf dem ganzen Weg zum Leitstern gedient,
-und er überflog auch jetzt noch einmal mit stiller Zufriedenheit
-die Zeilen.</p>
-
-<p>»Komm nur nach Amerika,« stand darin, »Du
-glaubst gar nicht, wie schnell und geschwind es ein
-armer Teufel hier zu was bringen kann. Du weißt
-doch, daß ich fast mit gar Nichts von zu Hause wegging,
-und jetzt habe ich in Cincinnati, eine der größten
-Städte in ganz Amerika, ein Kaffeehaus, das sie hier
-<i>coffeehouse</i> nennen, alle Tage dreimal Fleisch, und
-bin mein eigener Herr. Und wie lange hat's gedauert,
-bis ich mir das Alles erarbeiten konnte &ndash; anderthalb
-Jahr &ndash; so lange hab' ich auf der Eisenbahn geschafft,
-mit 16&nbsp;Dollar die Woche Lohn, und jetzt sitze ich ganz
-bequem in Cincinnati und thue gar nichts mehr.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-Wetter noch einmal, schon ein Kaffeehaus! dachte
-Schwabe, was muß der Mensch für ein Glück gehabt
-haben &ndash; wie lange müßte man sich da in Deutschland
-schinden und quälen, daß man nur erst eine <em class="ge">Concession</em>
-kriegt &ndash; Gott sei Dank, daß ich in Amerika
-bin, jetzt arbeite ich auch ein paar Jahre an der Eisenbahn,
-und dann mache ich's grade so.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mit dieser löblichen Ansicht war er vom Boot
-heruntergegangen, um einen Karrenführer zu finden,
-der ihm sein Gepäck an Ort und Stelle schaffen konnte;
-denn er beabsichtigte, bei seinem Vetter abzusteigen,
-da in einem Kaffeehause doch auch Raum für sie
-und ihre paar Kasten sein würde. Es bot sich ihm auch
-bald, und zwar ein Deutscher, an, der ihn leicht nach
-seiner ganzen Tracht und Manier für einen Landsmann
-erkannt hatte, lud seine Siebensachen auf, und
-während Schwabe mit seinem Jungen und seiner
-Frau, die das kleine Mädchen auf dem Arme trug,
-neben der sogenannten »Dray« hergingen, schlenderten
-sie langsam die berganlaufende Sycamorestraße, die
-neben der Mainstreet der Dampfbootlandung zumündete,
-hinauf. Schwabe, der sich natürlich nicht mit
-der als nordost bezeichneten Lage vertraut machen
-konnte, hatte auch schon von weitem, als sie nach und
-nach die vierte, fünfte und sechste Straße hinter sich
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-gelassen, ein großes stattlich aussehendes Backsteinhaus
-im Auge, das ihm am ehesten dem Begriffe
-gleichzukommen schien, den er sich bis dahin im Geiste
-von einem amerikanischen Kaffeehause gemacht. Es
-konnte auch fast kein anderes Gebäude von den vier
-Eckhäusern sein, denn zwei von diesen waren Kaufläden
-und das dritte &ndash; Heiliger Gott &ndash; an dem
-kleinen, weißangestrichenen Breterverschlag klebte ein
-großes schwarzes Schild, auf dem mit weißen Buchstaben
-&ndash; wachte er denn oder träumte er?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p class="ce"><em class="ge"><i>Coffeehouse</i> zur Stadt München</em></p>
-
-<p class="in0">stand. Die Buchstaben selber ließen gar keinen Zweifel
-&ndash; das halb Englische halb Deutsche gehörte einem
-Landsmann an und diese <em class="ge">Breterbude</em> war &ndash; das
-erwartete Asyl.</p>
-
-<p>»Ist denn das hier das ganze Kaffeehaus?« &ndash; stammelte
-er fast unwillkürlich und ergriff den Arm des
-Karrenführers, als ob er durch das Aufhalten der
-Fracht auch sein Geschick verzögern könne.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Es trifft« &ndash; meinte der Andere trocken, und
-schien in dem Aeußeren des Gebäudes gar nichts
-Außerordentliches zu finden, &ndash; »hier ist der Ort &ndash;
-der Gentleman wird wohl zu Hause sein!« und mit
-dieser lakonischen Bemerkung ließ er die lange Peitsche
-um des Pferdes Ohren sausen, das, theils hierdurch,
-<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-theils durch das gleich darauf ausgestoßene Tschü &ndash;
-Tschü &ndash; wo &ndash; ah! vor die fragliche Thüre einlenkte
-und mit einem plötzlichen Ruck dort Halt machte.</p>
-
-<p>»Fremder Besuch!« rief der Draymann dann, und
-stieß die kleine niedere Pforte auf &ndash; »sollen die Sachen
-hier hereingeschafft werden?«</p>
-
-<p>Schwabe stand noch immer, kaum eines Entschlusses
-fähig, auf der Straße und konnte die Augen
-nicht wegwenden von dem schwarzen Schild: <i>Coffeehouse</i>
-&ndash; das also war ein amerikanisches Kaffeehaus.
-Die Mutter drückte ihr Kind leise an sich, und
-es mochte ihr jetzt vielleicht zum ersten Mal eine Ahnung
-von dem dämmern, was aus ihren, bis dahin
-wild aufgebauten Plänen wohl etwa werden könne.
-In der Thür des <em class="ge">Kaffeehauses</em> erschien in diesem
-Augenblick Niemand anders, als der wirkliche Schreiber
-des so folgeschweren Briefes, und anstatt nun, &ndash;
-wie es Schwabe, seit er das wirkliche Kaffeehaus gesehen,
-gar nicht anders erwartet hatte &ndash; bestürzt
-und vernichtet dazustehn und vor Schaam jeden beliebigen
-Moment bereit zu sein in die Erde zu sinken,
-erkannte er kaum die Deutschen, als er ihnen froh
-erstaunt die Hände entgegenstreckte, dem Mann dann
-um den Hals fiel und ihn und seine Frau herzlich
-willkommen hieß. Schwaben blieb denn auch jetzt gar
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-keine Zeit, weder seine Verwunderung noch seine Bestürzung
-auszudrücken, er sah sich nur gleich darauf
-mit Sack und Pack in das kleine enge Gemach hineingedrängt
-und hier auch noch so mit Fragen und Erkundigungen
-über die alte Heimath bestürmt, daß er
-endlich nur froh war, als er erst wieder einmal frei
-und ungehindert aufathmen konnte. Dann aber versäumte
-er auch weiter keine Zeit, in dem unansehnlichen
-Raum, der sie umgab, umher zu schauen, und die
-natürlichste Frage, die sich ihm jetzt aus vollster Seele
-auf die Lippe drängte war&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Und das nennst Du ein Kaffeehaus?«</p>
-
-<p>»Jawohl,« sagte der schon etwas amerikanisirte
-Vetter ganz unbefangen &ndash; »das ist hier so Sitte &ndash;
-wo der liebe Gott nur den Arm herausstreckt, da
-wird's gleich <em class="ge">Kaffeehaus</em> getauft, und wenn auch
-ein paar Gläser und Flaschen mit Doppelkümmel,
-Brandy und Whiskey hinter der Baar stehn &ndash; gerade
-wie's bei mir der Fall ist, denn ich habe auch
-nichts weiter. Das laßt Euch aber nicht kümmern,
-und daß Ihr große Rosinen im Topf gehabt, geht
-anderen Leuten auch nicht besser &ndash; damit kommen sie
-Alle von Deutschland herüber. Jetzt heißt's nun fleißig
-geschafft und gearbeitet, und die Hände gerührt,
-nachher macht sich das Uebrige von selbst.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-Wagner, der Kaffeewirth hatte ganz recht &ndash; es
-sieht Manches in Amerika, von Deutschland aus betrachtet,
-wie ein Kaffeehaus aus, und kommen wir
-nachher hin, so schreien wir &ndash; »Ach du lieber Gott &ndash;
-das sind ja lauter Lügen und Erfindungen &ndash; das
-waren Prahlereien und Märchen, das ist ja gar kein
-Kaffeehaus, das ist ja nur eine gewöhnliche Breterbude!«
-Für den Augenblick, und nach <em class="ge">unseren</em> Ansichten
-haben wir auch allerdings recht, sobald wir
-aber nur erst einmal dort eingerichtet sind, und den
-alten deutschen Staub aus den Augen geschüttelt
-haben, dann sehen wir die Sache von einer ganz anderen
-Seite an, und finden nun plötzlich, daß es doch
-wirklich ein Kaffeehaus ist, oder daß wir's wenigstens
-<em class="ge">dazu machen dürfen und können</em>, wenn wir nur
-den recht festen und kräftigen Willen haben, es auszuführen.
-Dann sehen wir ein, daß uns dort nicht,
-wie hier, die Hände gebunden sind zu freier That und
-lernen uns gern und freudig in das fügen, was uns
-im Anfang, als die Kruste und äußere Schale des
-Ganzen so herb und bitter, so hart und unverdaulich
-geschienen.</p>
-
-<p>Es ist das aber nicht allein mit den Kaffeehäusern
-so, nein fast durchgängig mit all' den dortigen Verhältnissen
-und Einrichtungen; gewöhnlich werden
-<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-<em class="ge">übertriebene</em> Berichte hierher geschickt, oder wenn
-auch nicht einmal übertriebene, doch wenigstens so
-gestellte, daß sie, wenn sie auch vielleicht <em class="ge">buchstäblich</em>
-wahr sind, der Einbildungskraft einen zu freien
-Spielraum, alles Gute und Vorzügliche ahnen lassen
-und die Fehler und Mängel dabei nicht andeuten.
-Der Deutsche und besonders der, in dessen Kopf die
-Auswanderung schon wirklich spukt, ist dann nur zu
-gern geneigt, sich Alles das was er hört, in den schönsten,
-buntesten Farben auszuschmücken und zu putzen
-und kommt er dann an Ort und Stelle und findet das
-Alles, was er sich vielleicht nur selbst hinzugedacht,
-nicht wirklich realisirt &ndash; was beiläufig gesagt, <em class="ge">nie</em>
-geschieht &ndash; so wird er muthlos und macht sich selbst
-und denen, die solche Berichte geschrieben, die bittersten
-Vorwürfe. Es ist schon gefährlich genug, wenn
-man die dort bevorstehenden Unannehmlichkeiten nur
-erwähnt, und nicht recht besonders heraushebt, denn
-in dem Falle springt der Lesende ebenfalls leicht darüber
-hin, und denkt &ndash; a bah, das sind Kleinigkeiten,
-die sich schon geben werden &ndash; sind auch vielleicht
-nicht einmal so schlimm wie man sich's hier denkt.</p>
-
-<p>Deßhalb sollten es sich die, welche Berichte über
-Auswanderungen schreiben, zur besonderen Pflicht
-machen, Alles &ndash; auch das Kleinste und Unbedeutendste,
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-was sie zum Nachtheil des sonst gepriesenen
-Landes wissen, nicht allein anzuführen, sondern sogar
-hervorzuheben, und lieber in dieser Hinsicht etwas
-übertreiben als zu wenig thun; die Phantasie der
-Auswanderungslustigen glättet doch die rauhen Kanten
-ab. Der Europäer wird dann nicht, oft gleich bei
-seinem ersten landen, zurückgeschreckt und gerade zu
-einer Zeit muthlos gemacht, wo er aller seiner Energie
-und Festigkeit am meisten bedarf. Das aber, weshalb
-Manche den Tadel verschweigen, weil sie wissen,
-daß alles dieß doch immer eigentlich nur Unannehmlichkeiten
-und keine wirklichen Fehler sind, sollte sie
-gerade im Gegentheil antreiben, ihn auszusprechen,
-denn Amerika bietet dem deutschen Auswanderer solche
-ungeheuere Vortheile, daß man getrost Alles das
-nennen und aufführen kann, was dem Land oder den
-Sitten jenes Welttheils zum Nachtheil gereicht, ohne
-befürchten zu müssen, den Ackerbauer, den eigentlichen
-Mann für Amerika, dadurch zu schrecken. &ndash; Bleiben
-nachher die geschniegelten und gebügelten Herrchen
-drüben in Europa, weil sie tausend Bequemlichkeiten
-nicht haben können, tausend Genüsse &ndash; was nämlich
-für sie Genüsse sind, entbehren, ei, so ist das auch
-nur wieder ein Vortheil für Amerika, denn derlei
-Gesellen, mit parfümirten Taschentüchern und wohlfrisirten
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-Locken brauchen sie drüben nicht, die mögen
-hier ausharren, bis sie später einmal, mit dem alten
-Schlendrian selbst, zu Grunde gehn.</p>
-
-<p>Doch ich komme ganz von meiner, dahin keineswegs
-hinauszielenden Erzählung ab und will lieber
-wieder so schnell als möglich in's »Kaffeehaus zur
-Stadt München« zurückkehren.</p>
-
-<p>Hier saßen indessen die Deutschen ganz gemüthlich
-&ndash; nicht etwa bei einer Tasse Kaffee, denn der
-war nur Morgens zum Frühstück zu bekommen, sondern
-bei einem guten Glas Cincinnati-Bier zusammen
-und plauderten und besprachen ihre gegenseitigen Aussichten.</p>
-
-<p>Wagner hatte allerdings in Allem, was er seinem
-Vetter geschrieben recht gehabt; durch eigener Hände
-Arbeit wußte er sich ein kleines Capital zu verdienen
-und that damit, was in allen Städten Amerikas,
-besonders aber in Cincinnati, die Deutschen nur zu
-oft thun, er errichtete einen Schenkstand &ndash; was dort
-nun einmal ohne seine Schuld <em class="ge">Kaffeehaus</em> genannt
-wird. Wohl war der Verdienst jetzt, der ungeheueren
-Concurrenz wegen, nicht mehr so besonders wie früher,
-er hatte aber doch zu leben, und konnte sogar, da er
-gerade auf seine eigene Bequemlichkeit sehr wenig verwandte,
-immer noch jährlich eine Kleinigkeit zurücklegen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-Was nun seine jetzige Wohnung betraf, die so
-beschränkt war, daß sie die ersten Nächte alle mit einander
-in einem Zimmer schlafen mußten, so dachte
-er gerade daran, ein größeres Lokal zu nehmen, wie
-auch sein Geschäft etwas mehr auszudehnen, und
-bot nun Schwaben und seiner Frau an, die erste Zeit
-bei ihm zu bleiben und ihm im Haus und im Geschäft
-bei allen vorkommenden Arbeiten mitzuhelfen.
-Dafür sollten sie Kost und Logis, und auch noch einen
-kleinen, freilich unbedeutenden Lohn erhalten. Wagner
-hatte darin aber auch ganz recht, daß sie nicht gleich
-hoffen dürften von vorn herein viel zu verdienen,
-denn sie begännen jetzt eine ganz neue Lauf- und
-Lebensbahn, und darin müsse nun Jeder einmal, es
-möge sein wer es wolle, sein Lehrgeld bezahlen.</p>
-
-<p>Schwabe, der sich nach dem ersten traurigen
-Anblick des Hauses die Sache weit schlimmer gedacht,
-als sie sich wirklich jetzt herausstellte, war gern damit
-einverstanden und schon in den nächsten Tagen, wo
-ein Tischler kam und den Boden etwas mehr erweiterte,
-da Wagner seine Wohnung in dem dicht
-danebenliegenden Haus zu nehmen gedachte, begannen
-die verschiedenen, bei solchem Ausräumen nicht
-zu vermeidenden Arbeiten, denen sich auch beide
-Gatten mit gutem Willen unterzogen, und dadurch
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-mit ihren Verwandten im besten Einverständniß
-blieben.</p>
-
-<hr />
-
-<p>So vergingen wohl sechs Monate und nichts
-trübte die Freundschaft und das gute Vernehmen
-der Verwandten; das rege Schaffen und Treiben
-ließ ihnen keine Zeit, auf irgend etwas anderes als
-ihre Geschäfte zu denken; gar verschieden gestaltete
-sich die Sache aber, als der neue Schenkladen erst
-einmal ordentlich hergerichtet worden, und nun das
-gleichförmige ruhige Leben wieder begann, bei dem
-sich keineswegs soviel Arbeit herausstellte, Alle nun
-gleichmäßig beschäftigen zu können. Jetzt fielen zuerst,
-und zwar besonders zwischen den beiden Frauen
-kleine unangenehme Scenen vor und einzelne bittere
-Worte wurden gewechselt. Im Anfang ging man
-jedoch noch leicht darüber hin, eine Versöhnung ward
-entweder gar nicht für nöthig gehalten oder doch
-bald zu Stande gebracht, und der Gedanke auch, daß
-sie ihren Verwandten doch eigentlich manches verdankten,
-was sie suchen mußten wieder gut zu machen,
-hielt Schwaben's noch manche Woche in einer
-Stellung, die vielleicht weniger drückend für sie gewesen
-wäre, hätten sie sich nicht immer sagen müssen:
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-»das sind Verwandte, und spielen jetzt die Herren,
-während wir die Knechte machen sollen.«</p>
-
-<p>Schwabe bekleidete nämlich, während der, seinen
-Leichnam jetzt auf das Beste pflegende Wagner ruhig
-in den Ecken herumsaß und sein eigenes Bier trank,
-die Ausschenkerstelle, und war somit ein förmlicher
-»<i>Barkeeber</i>« geworden, die Frau aber, die auch noch
-nebenbei ihr zweijähriges Kind zu besorgen hatte,
-mußte waschen und bügeln, nähen und stricken, ausbessern
-und alle nur möglichen übrigen häuslichen
-Arbeiten verrichten, indeß <em class="ge">Missis</em> Wagner, wie sie
-sich nur zu gern nennen hörte, nur selten mit angriff
-und, was ihrer Base das peinlichste war, auch schon
-manchmal begann statt des früheren freundlichen
-Tones, das ganze Wesen einer Gebieterin anzunehmen.</p>
-
-<p>Schwaben's wären schon lange fortgezogen und
-hätten ihr Glück allein, in dem weiten fremden Lande
-gesucht; es kommen ja so Viele glücklich durch,
-warum sollte es ihnen nicht ebenfalls gelingen? Eines
-nur hielt sie bis dahin noch immer von einem solchen
-Schritt zurück und bannte sie an die Stelle, wo sie
-anfingen, sich recht unbehaglich zu fühlen &ndash; ihr
-Kind &ndash; die kleine zweijährige <em class="ge">Louise</em> und die Zuneigung
-die <em class="ge">Wagners</em> Frau wirklich zu der Kleinen
-<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-zu haben schien. Sie behandelte sie fast ganz
-wie ihr eigenes Kind, und die Mutter glaubte da
-schon manches ertragen zu müssen, wo es der armen
-Kleinen ja wieder zu Gute kam. Carl, ihr zehnjähriger
-Knabe machte ihnen weit weniger Sorge; der
-griff schon ordentlich mit zu, verdiente sich das Brod,
-das er aß, durch dausend kleine leichte Arbeiten die
-er verrichtete, oder Wege die er lief, und wäre ihnen
-auch, so sie wirklich selbstständig in das Leben hinaustraten,
-gewiß nicht zur Last geworden.</p>
-
-<p>Auf solche Art waren sie etwa ein volles Jahr
-in dem Hause gewesen, das jetzt, da sich des Eigenthümers
-Geschäfte verbesserten, auch seinerseits einen
-etwas vornehmeren Titel annahm, und aus der einfachen
-»Stadt München« zu einem »<i>city of München</i>«
-avancirte. Aber gerade mit diesem zunehmenden
-Wohlstand wich auch der Friede immer mehr, der
-besonders in den letzten Monaten schon so schwankend
-und zweifelhaft geworden. Wagner's selbst mochten
-das fühlen und es konnte ihnen dabei auch nicht
-verborgen bleiben, was es eigentlich noch sei, das
-sie in der, ihnen peinlich werdenden Lage zurückhielt,
-und <em class="ge">Missis</em> Wagner hatte endlich wenig genug
-Takt, ihrer Base auf halbem Wege entgegenzukommen.
-Sie bot dieser nämlich eines Morgens an,
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-ihr kleines Töchterchen, da sie selbst kinderlos sei, für
-sie aufzuziehn &ndash; heißt das natürlich, wenn Schwaben's
-überhaupt einmal fortziehen sollten &ndash; und so
-lange an Kindesstatt zu behalten, bis sie in bessere
-Umstände, und vielleicht zu eigener Selbstständigkeit
-gelangt, im Stande wären, sie wieder abzuholen.</p>
-
-<p>Zwar konnte sich die Mutter nicht gleich dazu
-entschließen, das Kind, wenn auch wohl versorgt,
-doch gewissermaßen unter fremden Menschen zurückzulassen,
-endlich aber siegten die äußeren, keineswegs
-günstigen Umstände. Schwabe sprach mit seinem
-Vetter offen über das, was ihn drücke und hemme,
-dieser gab sich keine besondere Mühe ihn zurückzuhalten,
-und nach acht Tagen schon fuhren sie, vorher
-einen sehr wehmüthigen Abschied von dem Kinde
-nehmend, und dieses der Sorge seiner neuen Pflegeeltern
-auf das dringendste und wärmste an's Herz
-legend, auf dem Dampfboot »General Harrison«, den
-Ohio stromab, und dem Staate Louisiana zu, wo
-ihnen, von einem Deutschen, der sich kürzlich einige
-Zeit in Cincinnati aufgehalten, günstige Anerbieten
-gemacht waren.</p>
-
-<p>Viele Jahre hindurch standen die Sachen, wie wir
-sie im letzten Abschnitt verließen. Schwabe fand in
-St.&nbsp;Francisville, einem kleinen Städtchen unfern
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-vom Mississippi, der Ansiedlung von <i>Pointe coupée</i>
-gegenüber, gute und lohnende Arbeit; sein Sohn
-wuchs zu einem kräftigen Burschen heran, der ihn
-bald gar wacker unterstützen konnte, und durch die
-sparsame Sorglichkeit der Frau sah er, wie sich seine
-Lage mehr und mehr verbesserte und er zuletzt sogar
-darauf denken konnte, selber etwas anzufangen, um,
-ohne gerade immer zu arbeiten, durch die Welt zu
-kommen.</p>
-
-<p>Seines Vetters Beispiel in Cincinnati mochte
-viel dazu beitragen ihn auf solche Gedanken zu
-bringen; die Zeiten schienen ebenfalls günstig, &ndash;
-Kaffeehäuser gab es in St.&nbsp;Francisville nur sehr
-wenige und so säumte er dann auch nicht lange und
-schaute bald darauf, wenn er auf der andern Seite
-der Straße an seinem eigenen kleinen Haus vorüber
-ging, mit ganz absonderlichem Vergnügen nach dem
-großen blauen Schild hinüber, das mit goldenen
-Buchstaben verkündete, wie <em class="ge">Hermann Schwabe</em>
-hier, nicht allein ein <em class="ge">Kaffeehaus</em>, sondern auch
-»kalte und warme Getränke, frische gebackene und
-marinirte Austern, Pfefferkuchen und Fleischpasteten,«
-und überdieß noch ein »Lager von ächten, in Boston
-verfertigten Schuhen und Stiefeln und Penitentiery
-Filzhüten« halte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-Was er mit eigener Hände Arbeit, und zwar
-mit harter, schwerer Arbeit begonnen, führte er mit
-Hülfe einer vorsichtigen aber richtigen Speculation
-weiter, und galt nach gar nicht so langer Zeit, für
-einen wenn auch nicht reichen, doch sicherlich wohlhabenden
-Bürger des kleinen Städtchens.</p>
-
-<p>Jetzt erwachte aber auch in den Eltern der bis
-dahin oft gewaltsam unterdrückte Wunsch, ihr Kind,
-ihre kleine Louise wieder zu sich zu nehmen, von der
-sie nun schon eine entsetzlich lange Zeit nicht einmal
-etwas erfahren hatten.</p>
-
-<p>Das Briefschreiben gehörte nämlich zu einer von
-Schwabes schwachen Seiten, er fällte lieber einen
-vier Fuß im Durchmesser haltenden Baum, als daß
-er eine einzige Seite bekritzelte; immer war es daher
-sein Entschluß gewesen, lieber gleich hinauf nach
-Cincinnati zu reisen und die Tochter dort selber abzuholen;
-dringende Geschäfte, wie eine plötzliche
-Krankheit seiner Frau, nöthigten ihn aber endlich,
-entweder seine beabsichtigte Reise noch aufzuschieben,
-oder wirklich zu schreiben. Wie aber war das Kind,
-unter lauter fremden Leuten glücklich nach St.&nbsp;Francisville
-zu bringen? &ndash; Durfte man wagen, es Einem
-der tollkühnen Dampfboots-Capitäne zu übergeben?
-Amerikanische Eltern hätten das augenblicklich gethan,
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-aber die Deutschen waren zu ängstlich, und Schwabe
-fürchtete schon, er würde den so lange genährten
-Wunsch noch länger müssen unbefriedigt lassen, als
-sich ihm ganz unvermuthet ein treffliches Auskunftsmittel
-bot, das er und seine Frau auch mit dankbarer
-Freude ergriffen.</p>
-
-<p>Ein junger Deutscher aus dem kaum eine Viertelstunde
-entfernten Bayou Sarah, reiste zufälliger
-Weise gerade in dieser Zeit nach Cincinnati, um dort
-indeß von Deutschland gekommene Verwandte zu
-treffen und nach Louisiana mit zu nehmen. Eine
-bessere Gelegenheit, Louise ihren Eltern wieder zuzuführen,
-ließ sich kaum denken; Schwabe setzte sich
-denn auch augenblicklich hin und brachte endlich mit
-vieler Noth und Mühe einen ziemlich ausführlichen
-Brief zu Stande, in welchem er seinen Vetter mit
-den eigenen, bis dahin erlebten Schicksalen bekannt
-machte, ihm für die treue Wahrung seines Kindes
-dankte, und ihn bat, dasselbe durch den Ueberbringer
-dieses, einen wackern, jungen Mann aus seiner Gegend
-und guten Freund von ihm selber, den sich
-herzlich nach ihm sehnenden Eltern zurückzuschicken.</p>
-
-<p>Welbauer, wie der junge Mann hieß, ging mit
-dem nächsten, noch an demselben Abende in Bayou
-Sarah anlangenden Boot stromauf, und Schwabe
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-erwartete nun in freudiger Ungeduld die Ankunft der,
-seit dreizehn Jahren von ihnen getrennten Tochter,
-denn so lange war es schon, daß sie Cincinnati verlassen
-und sich in Louisiana zuerst aufgehalten und
-später angesiedelt hatten. Vor dem Ablauf von
-wenigstens drei Wochen konnte Welbauer aber kaum
-wieder zurück sein, denn die Entfernung zu Wasser,
-zwischen Bayou Sarah und Cincinnati beträgt 1350
-englische Meilen; die Eltern benutzten aber diese
-Zeit, ein kleines, freundliches Stübchen für das erwartete
-Kind herzurichten, damit es sich gleich vom
-Anfange an recht wohnlich und zufrieden im elterlichen
-Hause fühlen möge und schafften All und
-Jedes herbei, womit sie nur glauben durften, dem
-lieben, so lange elternlos gewesenen Kinde, eine
-Freude zu machen.</p>
-
-<p>Die bestimmte Zeit war endlich verstrichen, Welbauer
-aber noch immer nicht zurückgekehrt; ja, noch
-eine vierte Woche verging sogar, ohne daß weder ein
-Brief noch eine andere Nachricht von dem so sehnlich
-Erwarteten eingetroffen wäre. Schwabe, der bis
-jetzt seine Frau immer nur gebeten hatte, Geduld zu
-haben, da man ja gar nicht wissen könne, was die
-Rückkehr des jungen Mannes vielleicht verzögert
-hätte, fing nun selber an, ängstlich zu werden, und
-<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-lief des Tages zwei oder dreimal nach Bayou Sarah
-hinunter, um zu hören, was für Boote angekommen
-wären, und welche man, und woher man sie erwartete.</p>
-
-<p>Endlich, in der fünften Woche traf der so heiß
-Ersehnte mit der »Diana« wieder ein, aber &ndash;
-Schwabe erschrack, als er ihn erblickte und wurde
-todtenbleich &ndash; <em class="ge">allein</em> war er &ndash; das Kind war
-nicht bei ihm und der zitternde Vater fürchtete schon
-das Schlimmste. Das, was ihm im Anfange das
-Herz mit so unendlichem Weh durchzuckt, erwies sich
-jedoch als unbegründet. Welbauer beruhigte ihn bald
-über das Befinden und Wohlergehen seiner Tochter
-&ndash; er hatte das junge Mädchen gesund und heiter
-angetroffen, sie war gar rasch in die Höhe
-geschossen, und sollte kräftig und blühend aussehen
-&ndash; das Uebrige aber verkündete ein Brief, den er &ndash;
-statt dem Kinde &ndash; als Antwort mitbrachte.</p>
-
-<p>Schwabe ahnte jetzt fast, was das Schreiben
-enthielt &ndash; in letzter Zeit, als die Erwarteten immer
-und immer nicht kommen wollten, waren ihm so
-allerlei trübe und häßliche Gedanken durch den Sinn
-gefahren, die er sich ordentlich gefürchtet hatte seiner
-Frau mitzutheilen, weil er sie doch nicht mit nur
-bloßen vielleicht sogar unbegründeten Vermuthungen
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-ängstigen wollte. Rasch erbrach er jetzt den Brief und
-sah hier seine schlimmen Besorgnisse bestätigt. Das
-Schreiben lautete also:</p>
-
-<p class="in2 mt1">»Lieber Freund und Vetter« &ndash;</p>
-
-<p>»Recht sehr hat es mich gefreut zu hören, daß es
-Dir wohl geht und Du Dir durch Arbeit und Sparsamkeit,
-wodurch man in Amerika nur allein zu
-etwas kommen kann, ein kleines Vermögen erworben
-hast. Uns geht es auch hier recht gut, und viel besser
-als damals, wo Du mich zuerst in dem kleinen
-Häuschen an der Ecke der Sykamore-Straße aufsuchtest.
-Ich bin jetzt auf dem Mittelmarkt &ndash; Du
-weißt ja schon, in der fünften Straße &ndash; gezogen, habe
-ein gutes Boardinghaus<span class="top">[9]</span> errichtet, und mache sehr
-gute Geschäfte, habe aber auch sehr viel zu thun, und
-weiß kaum wie ich fertig werden soll.«</p>
-
-<p class="ci fss">[9]: Ein Kosthaus, oder eine untergeordnete Art von Hotel.</p>
-
-<p>»Was nun Deine Tochter Louise anbetrifft, so ist
-die recht gewachsen, und ein braves gutes Mädchen
-geworden, meine Frau hat sich aber so an sie gewöhnt,
-daß sie gar nicht daran denken kann, sich von ihr zu
-trennen. Seid deshalb auch nicht böse, daß ich Euch
-Euren Wunsch nicht erfülle und sie mitschicke. Eigentlich
-kannst Du es uns auch gar nicht verdenken. Sieh,
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-wir haben bis jetzt blos die Noth und Sorge mit
-dem kleinen Kind gehabt und sollen es jetzt, da es
-groß geworden ist und anfängt, uns für alle die Mühe
-und Auslage zu belohnen, wieder herausgeben.
-Meine Frau hält es dabei wie ihre eigene Tochter.
-Wir lassen es noch immer in die Schule gehen und
-geben ihm eine ganz gute Erziehung. Was willst Du
-mehr? Aber trennen möchte sich meine Frau nicht
-wieder von dem Kinde und wir bitten Dich daher recht
-dringend es uns zu lassen.«</p>
-
-<p>»Mit dem Wunsche, daß es Euch in St.&nbsp;Francisville
-Allen gut geht und Ihr manchmal unser gedenkt,
-unterschreibe ich mich als Dein</p>
-
-<p class="si">Dir treu ergebener Freund und Vetter</p>
-
-<p class="si mr2"><em class="ge">Fürchtegott Wagner</em>.«</p>
-
-<p class="in0">Mittelmarkt &ndash; nordwestliche Ecke von Walnut street.</p>
-
-<p><em class="ge">Nachschrift.</em> »Louise läßt schönstens grüßen und
-Euch Allen Glück und Gesundheit wünschen. Was
-kostet denn bei Euch die Butter &ndash; hier ist sie gestern
-auf zwei Bit gestiegen, das Schweinefleisch ist aber
-dafür noch billiger geworden als wie damals, wie Du
-hier warst.</p>
-
-<p class="si mr2 mb1"><em class="ge">Dein Vetter.</em>«</p>
-
-<p>Der Brief war verworren, der Inhalt desselben
-aber doch auch wieder einfach und deutlich genug, und
-Schwabe ging wohl eine halbe Stunde lang, wie vor
-<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-dem Kopf geschlagen, an der Dampfbootlandung hin
-und her. &ndash; Sollte er <em class="ge">das</em> was hier mit klaren dürren
-Worten in dem Brief stand, seiner Frau mittheilen?
-&ndash; Aber wie konnte er es ihr auch verheimlichen,
-hätte sie am Ende nicht gar geglaubt es wäre ihrem
-Kinde irgend ein Unglück zugestoßen? <em class="ge">Der Verdacht</em>
-übrigens, den er gegen Wagner hegte, wurde
-von Welbauer noch bestätigt.</p>
-
-<p>Dieser hatte sich nämlich, da er den Eltern doch
-versprochen, das Kind zu bringen und nun dort, wo
-er es am wenigsten vermuthete, so unverhofften Widerstand
-gefunden, nach den Verhältnissen und dem ganzen
-Leben und Treiben jener Leute genauer und näher
-erkundigt. Hier erfuhr er nun, daß sie allerdings die
-angenommene Tochter im Hause selbst sehr gut behandelten,
-aber keineswegs so viel in die Schule schickten,
-als Jener hier in dem Brief geschrieben; im Gegentheil
-mußte das arme Mädchen, wenn es auch keine schwere
-Arbeit zu thun hatte, von Morgens früh bis spät
-Abends auf dem Platze sein, während sich Missis Wagner
-fast ganz und gar von jeder Arbeit zurückgezogen
-habe, und nur allein die Dame spiele. Louise war ihnen
-dabei durch ihren unausgesetzten Fleiß von ungemeinem,
-ja unbezahlbarem Nutzen. Gaben sie das Mädchen
-heraus, so mußten sie jedenfalls eine fremde
-<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-Haushälterin annehmen und diese nicht allein mit
-theuerem Gelde bezahlen, sondern ihr auch &ndash;
-etwas besonderes Gefährliches in Amerika, wo die
-Leute oft, Gott weiß woher, geschneit kommen &ndash;
-Alles und Jedes im Hause anvertrauen. Bei Louisen
-dagegen, die sich ihrer eigenen Mutter kaum noch
-erinnerte, ihren Pflegeeltern aber mit aller Liebe einer
-wirklichen Tochter anhing, hatten sie das Eine nicht
-nöthig, das Andere nicht zu fürchten, und es ließ sich
-daher voraussehen, wie sie unter diesen Umständen
-gewiß Alles thun würden, was in ihren Kräften stand,
-die Pflegetochter den vollen Ablauf der gesetzlichen
-Frist, also bis zu deren einundzwanzigstem Jahr bei
-sich zu behalten.</p>
-
-<p>Gerichtlich konnte Schwabe, wie Wagner ebenfalls
-gut genug wußte, keine Schritte mit nur irgend einer
-Aussicht auf Erfolg thun, denn ein wirklicher Kontrakt
-war gar nicht abgeschlossen, und wenn es zur Klage
-kam, so wurde dem Verklagten entweder die vorerwähnte
-gesetzliche Frist zugestanden, oder der Kläger
-hätte eine Kostenberechnung zahlen müssen, die dieses
-eigene Mittel jedenfalls weit überstiegen haben würde.
-&ndash;&nbsp;&ndash; Der Frau übrigens ein Geheimniß daraus zu
-machen, ging nicht an, über kurz oder lang hätte sie
-es doch erfahren müssen, und gemeinschaftlich konnten
-<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-sie auch besser berathen, welche Schritte jetzt am besten
-zu thun wären.</p>
-
-<p>Er ging denn auch ohne weiters nach St.&nbsp;Francisville
-zurück, zeigte ihr erst den Brief und ließ sie dann
-später Alles das, was sie noch zu wissen wünschte,
-von Welbauer selber erfragen. Im Anfange war sie
-nun, als sie die Nachricht wie ein Schlag aus heiterem
-Himmel traf, außer sich, wollte ohne weiters »an die
-Gerichte gehen,« und meinte, kein Gesetz der Welt
-dürfe ihr solcher Art und widerrechtlich, das eigene
-Kind gewaltsam zurückhalten. Schwabe hatte durch
-einen dreizehnjährigen Aufenthalt in Amerika die Sitten
-und Gesetze des Landes aber so ziemlich kennen gelernt,
-und fürchtete nicht ohne Grund, durch eine Klage erstlich
-einmal sein gutes Geld einzubüßen, und dann
-nicht einmal etwas auszurichten.</p>
-
-<p>»Selbst ist der Mann,« reifte endlich der Entschluß
-in ihm, »einen bloßen Brief können sie Dir leicht mit
-»Nein« beantworten, gehst Du aber als <em class="ge">Vater</em>, und
-forderst Dein eigenes Kind zurück, so werden sie es
-Dir, wenn sie es auch wirklich vor dem Gesetze dürften,
-doch nicht länger vorenthalten können.«</p>
-
-<p>Jetzt hatte er gerade alle die Geschäfte, die ihm
-vor mehren Wochen noch eine Reise unmöglich gemacht,
-beendet, er entschloß sich also kurz, beruhigte
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-seine Frau, der er fest versprach ihr Kind zu bringen,
-und wenn er es stehlen sollte, und rüstete sich fröhlich
-zur Fahrt nach Ohio.</p>
-
-<p>»Sei gutes Muthes, Mutter,« lachte er dabei, als
-er sich zu der rasch beschlossenen Fahrt rüstete, »was
-ist's denn auch weiter! geben sie mir mein Kind nicht
-gutwillig, ei, so thue ich, als wenn ich mich in das
-Unabänderliche füge, verabrede mich aber heimlich mit
-Louisen, bringe sie auf ein Dampfboot und gehe förmlich
-mit ihr durch. Nachher mögen sie uns verfolgen
-oder gar verklagen, kein Gesetz wird einen Vater verdammen,
-daß er sein eigenes Kind gestohlen, wenn sie
-es ihm auch vorher nicht freiwillig zusprächen.«</p>
-
-<p>Die wenigen Vorbereitungen waren bald getroffen,
-es galt ja hier auch nur eine kurze Fahrt und
-schnelle Rückkehr; nur etwas gab ihm die Mutter noch
-mit, das sie schon seit vielen Jahren für ihr Kind bestimmt,
-dessen Absendung sie aber bis jetzt noch immer
-verschoben hatte &ndash; ihr Bild. Ein junger deutscher
-Maler, der vor einigen Jahren mehre Monate lang
-bei ihnen gewohnt und dort krank geworden war,
-hatte aus Dankbarkeit für die treue Pflege der guten
-Leute, die Miniaturbilder der Beiden gemalt und
-ihnen zum Andenken zurückgelassen, und das ihre
-schickte jetzt die Mutter dem Kinde. Warum? wußte
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-sie selber nicht, erwartete sie ja doch das Heißgeliebte
-in wenigen Tagen, dennoch trug sie dem Vater auf,
-die Ablieferung desselben ja nicht zu vergessen, und es
-war fast, als ob sie mit dem Bewußtsein, daß es
-bald in den Händen ihrer Louise sein werde, auch
-ruhiger würde, und der Zukunft gefaßter entgegensähe.</p>
-
-<p>Schwabe schiffte sich auf dem nächsten, stromaufgehenden
-Dampfboote ein, ging mit diesem bis nach
-Kairo, der Mündung des Ohio, benutzte von hier
-aus ein anderes, das gerade Fracht für Pittsburg
-einnahm, und betrat neun Tage später die Stadt
-wieder, in der er vor vierzehn Jahren, ein armer
-heimathloser Auswanderer, gelandet war, und zuerst
-Schutz und Aufnahme gefunden hatte.</p>
-
-<p>Sonderbarer Weise schlug und klopfte ihm aber
-jetzt das Herz so bang und ängstlich, als ob er irgend
-eine böse That begangen oder beabsichtige, und doch
-wollte er ja Nichts, gar Nichts auf der weiten Gotteswelt,
-als sein Kind, sein eigenes liebes Kind zurück
-in die Arme der Mutter führen. Das peinliche
-Gefühl wuchs sogar noch, als er den steilen Landungsplatz
-hinaufstieg, durch die Mainstraße ging
-und endlich links in den Mittelmarkt einbog &ndash; er
-mußte sogar ein paar Mal stehn bleiben und erst
-ordentlich wieder Athem holen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-Anders wurde es ihm freilich, als er die sonderbare
-Scheu endlich überwunden hatte, das, ihm
-durch den Brief und von Welbauer bezeichnete Haus
-betrat, und dort sein liebes, lang entbehrtes Kind
-sehen und in die Arme schließen konnte. Da kehrte der
-alte Muth zurück, frisch und frei schoß ihm das Blut
-wieder durch's Herz und ohne Rückhalt wollte er schon
-seinen Gefühlen, die ihm die Brust zu zersprengen drohten,
-Raum geben, als er merkte, wie ihm die Thränen
-in die Augen traten &ndash; sie liefen ihm hell und klar
-an den beiden braunen Wangen herunter und das &ndash;
-das brauchten die fremden Menschen nicht zu sehen, die
-von allen Seiten des Hauses herbeieilten und ihn
-jetzt umstanden. Er riß sich gewaltsam los, drückte
-seinen Hut, den er noch gar nicht abgelegt, fester in
-die Stirn und zog Wagner mit sich fort, in dessen
-Stube hinauf &ndash; er schämte sich, daß ihn die Leute
-sollten weinen sehn und hoffte sich später schon besser
-zusammen nehmen zu können.</p>
-
-<p>Ein Gespräch mit Wagner allein, wie er es im
-Anfang gewünscht, sollte ihm aber nicht vergönnt
-werden, denn <em class="ge">Missis</em> Wagner, welche behauptete,
-dieß sei eine Sache, bei der sie selbst am meisten und
-innigsten betheiligt wäre, schloß sich ihnen gleich
-darauf an, und brach augenblicklich jede weitere und
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-von Schwabe allerdings vorher beabsichtigte Einleitung
-dadurch ab, daß sie die Absicht seines Besuchs
-ohne Umstände beim Schopf erfaßte und an's Tageslicht
-zog.</p>
-
-<p>Eines Theils war dieß nun gut, denn Schwabe
-hatte schon in aller Verlegenheit gar nicht gewußt,
-wie er am Besten beginnen solle, anderen Theils
-gab es ihm aber auch bald die keineswegs ermuthigende
-Ueberzeugung, daß hier, und dieser Frau
-gegenüber, ein <em class="ge">gütlicher</em> Vergleich unmöglich sein
-würde, denn Madame erklärte jetzt rund heraus,
-mit <em class="ge">ihrer</em> Bewilligung verließe das Mädchen ihr
-Haus <em class="ge">nicht</em>, und <em class="ge">ohne</em> ihre Bewilligung wäre noch
-weniger daran zu denken. Dabei gab sie dem armen
-Vater auch ohne die mindeste Schonung zu verstehn,
-wie freundlich er selbst und seine ganze Familie bei
-ihnen beherbergt worden, mit welcher Sorgfalt sie
-sich dann später selbst eines Kindes angenommen,
-von dem sie bis seit ganz kurzer Zeit, nur Sorge,
-Mühe und Auslagen, aber nicht den geringsten
-Nutzen gehabt. Jetzt dagegen, wo eben dieses Kind
-das Alter erreicht habe, in welchem sie hoffen durften,
-das zu erndten, was sie durch lange Zeit hinausgesäet,
-jetzt komme er, der Vater, der Jahre lang nicht
-einmal nach seinem Kinde <em class="ge">gefragt</em>, zurück und
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-wolle es ohne weiteres abholen und mit sich fortnehmen.
-Daraus würde aber Nichts, so lange noch
-Recht und Gerechtigkeit im Lande existire, und so
-lange sie selber noch eine Zunge zum Reden und eine
-Hand es zu verhindern habe, sollte das nicht geschehen,
-dafür stehe sie; »<em class="ge">Mister Schwabe</em> müsse
-dann« wie sie mit beißendem Ton hinzufügte, »die
-Kleinigkeit von 3500 Dollar übrig haben, um aufgelaufenes
-Kost- und Schulgeld für seine Tochter zu
-bezahlen, dann möge er sie ihretwegen mitnehmen
-und wenn das Mädchen nachher wirklich ginge,
-wirklich die verließe, die ihr mehr als eine, wenigstens
-als <em class="ge">ihre</em> Mutter gewesen, so wolle sie denken, sie habe
-eben nur eine undankbare Natter an ihrem Busen
-genährt und müsse sich, ob ihr auch das Herz blute,
-darüber zufrieden geben.«</p>
-
-<p>Was sagte aber die, um deren künftigen Aufenthalt,
-um deren glückliche oder unglückliche Zukunft
-vielleicht, es sich hier handelte, was sagte
-Louise zu alle dem? nach welcher Seite neigte sich ihr
-Herz und wie empfing sie den Vater, dessen Ankunft
-sie überraschte, ja erschreckte?</p>
-
-<p>Was konnte das arme Mädchen sagen? &ndash; Von
-der Zeit an, wo sie ihre Mutter, ein kleines, keines
-Nachdenkens fähiges Kind zurückließ, war sie stets
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-gewohnt gewesen, das Wagner'sche Haus als das
-elterliche &ndash; wenigstens als ihre Heimath &ndash; zu betrachten.
-Hier <em class="ge">wurde</em> sie auch heimisch, den wirklichen
-Eltern aber mehr und mehr entfremdet, je mehr
-die Erinnerung an frühere, einzelne Scenen in ihrem
-jugendlichen Herzen frischeren und lebendigeren Eindrücken
-Raum geben mußte. Selbst den Namen
-<em class="ge">Mutter</em> hatte sie vergessen, und nur manchmal,
-wenn sie ihn von andern Kindern hörte, zog es wie
-fernes liebliches Glockengeläute durch ihre Seele. &ndash;
-Das war die Erinnerung jener Zeit, wo sie den
-theuren Namen an dem Hals der eigenen Mutter
-selbst gelispelt, aber es war auch eben nur wie fernes
-Glockengeläut, und der Klang zu weich, zu unbestimmt,
-um ihm nähere, erkennbarere Formen geben
-zu können.</p>
-
-<p>Wagner selbst hatte dabei in letzterer Zeit, und
-besonders seit Welbauers Besuch, nicht versäumt,
-das arme unwissende Kind, weniger mit klaren Worten
-wie mehr mit hingeworfenen und unbestimmten
-Aeußerungen ahnen zu lassen, daß dort, wohin man
-es holen wolle, eine keineswegs freudige Existenz
-seiner harre, denn nie würde es irgend ein Mensch
-wieder so lieb haben, wie man es hier, in seiner
-wirklichen und einzigen Heimath gehabt. Auch
-<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-<em class="ge">Missis</em> Wagner schien seit der Zeit viel freundlicher
-und herzlicher mit Louisen zu werden, nannte sie oft
-<em class="ge">Kind</em> und <em class="ge">Tochter</em>, verbesserte die zwar einfache
-aber doch sonst reichliche und anständige Garderobe
-derselben und ließ ihr weit mehr Freiheit, als das
-bisher der Fall gewesen. Nichts destoweniger klopfte
-der Armen doch das Herz, als sie vernahm, ihr Vater
-wolle sie sehen &ndash; hatte sie denn nicht schon früher
-gehört, ihre Eltern verlangten sie zurück und war er
-denn nicht vielleicht gerade zu dem Zweck jetzt nach
-Cincinnati gekommen? Ihre Pulse flogen fieberhaft
-und eine Angst überkam sie, als ob irgend ein
-gewaltiges Unglück sie bedrohe, das sie nahen sehe,
-dem sie aber nicht entgehen könne.</p>
-
-<p>Schwabe verließ indessen, nach seiner Zusammenkunft
-mit Wagners, sehr betrübt und niedergeschlagen
-ihr Haus, schlenderte langsam den Mittelmarkt
-hinauf, der katholischen Kirche zu, und dachte mit
-recht schwerem Herzen an die letzten Worte der gereitzten
-Frau Base &ndash; »daß sie Louisen wie eine
-Natter betrachten werde, die sie in ihrem Busen genährt&nbsp;&ndash;«
-<em class="ge">Undankbar</em> &ndash; der Vorwurf schnitt ihm
-tief, tief in die ehrliche Seele und langsam, die
-Augen fest auf die Trottoirs geheftet, wanderte er
-die breite, sonnige Straße entlang.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-»Halloh, <em class="ge">Schwabe</em> &ndash; so wahr ich lebe &ndash; und
-in tiefen Gedanken?« rief ihn da plötzlich eine laute
-fröhliche Stimme an, »bist doch nicht etwa Bankdirector
-geworden, daß Du so grimmige Gesichter schneid'st, calculirst
-und Deine alten Freunde nicht mehr kennst?«</p>
-
-<p>Schwabe sah rasch auf und erkannte, ebenfalls zu
-seinem freudigen Erstaunen einen alten Bekannten
-und Schiffsgefährten, der mit ihm von Deutschland
-ausgewandert und nach Cincinnati gefahren, dort
-aber, anstatt wie Schwabe nach Louisiana zurückzukehren,
-die ganze lange Zeit geblieben war, hier eine
-Brauerei errichtet hatte und sich nun gar wohl befand
-und glücklich fühlte. Er stand gerade in der Thür der
-Rehfußischen Apotheke und streckte dem überrascht vor
-ihm stehen Bleibenden mit herzlichen Worten die
-Hand entgegen.</p>
-
-<p>»Aber nun sage nur einmal, Alterchen,« frug er
-den Niedergeschlagenen, als die ersten Begrüßungen
-gewechselt und er den Arm desselben in den seinigen
-gezogen. »Du siehst ja gerade so aus, als ob Dir die
-Petersilie verhagelt, oder sonst ein entsetzliches Unglück
-passirt wäre &ndash; was giebt's, was hast Du und
-wo willst Du jetzt hin?«</p>
-
-<p>»Nirgends hin,« meinte Schwabe, »ich schlenderte
-nur hier in Gedanken fort &ndash; was es aber&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-»Dann kehren wir auch augenblicklich wieder um!«
-rief der Brauer, und schwenkte ohne weiters um. &ndash;
-»Da draußen haben wir Nichts zu suchen, und meine
-Brauerei und Bierstube liegt hier drinnen, dort mußt
-Du beichten, mein Bursche, und wenn das Uebel nicht
-gar so tief sitzt, so werden wir schon Rath schaffen.«</p>
-
-<p>Schwabe, dem es überdieß lieb war, seinen trüben
-Gedanken sowohl auf kurze Zeit entrissen zu werden,
-wie auch Jemanden zu haben, gegen den er einmal
-unverholen sein Herz ausschütten konnte, lenkte willig
-mit ihm ein und erzählte nun dem neugefundenen
-Freunde, in dessen Haus sie endlich angelangt waren,
-umständlich seine ganze Geschichte, die Verbindlichkeiten,
-die er Wagnern schulde, dessen jetzige Meinung,
-und die Verzweiflung, in der seine Frau sein
-werde, wenn er <em class="ge">ohne</em> dem Kinde zurückkehre.</p>
-
-<p>Der Brauer hörte ihm, den Kopf in beide, auf
-den Tisch gestemmte Arme gestützt, aufmerksam zu,
-unterbrach ihn nicht ein einziges Mal, und that nur
-manchmal lange, mächtige Züge aus dem vor ihm
-stehenden riesigen Blechmaaß, das an die alten deutschen
-Humpen erinnerte, dann aber, als Jener geendet
-und nur noch das erwähnte, wie ihn der Vorwurf,
-<em class="ge">undankbar</em> zu sein, so wehe thue und ihn
-ganz unschlüssig mache, was er thun oder lassen solle,
-<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-da schlug der Brauer so kräftig auf den Tisch, daß die
-Fensterscheiben erschreckt zusammenklirrten und rief:
-der Wagner sei ein <em class="ge">Lump</em>, das wolle er ihm schriftlich
-geben, ihm aber werde er jetzt beweisen, daß,
-wenn Jemand wirklich dankbar zu sein hätte, es Niemand
-Anderer als in der That nur Wagner selbst sein
-müsse, der an dem Mädchen die langen Jahre hindurch
-einen wahren Schatz besessen.</p>
-
-<p>Und nun theilte er dem mit der gespanntesten Aufmerksamkeit
-zuhörenden Vater mit, was das Kind
-seit seinem achten Jahre, also jetzt schon beinahe ein
-Zeitraum von wieder achten, gethan und gearbeitet,
-wie es seit dem eilften Jahre die Wirthschaft dort fast
-ganz allein geführt und bei dem Allen fast in keine
-Schule gekommen, sondern immer nur zu Haus behalten
-sei, um der sogenannten <em class="ge">Missis</em> Bequemlichkeit
-nicht zu stören und zu unterbrechen. Dabei habe
-sie, als diese vor drei Jahren am Tode mit dem
-wüthendsten Nervenfieber gelegen, wochen- und
-monatelang Tag und Nacht an ihrem Bette gewacht,
-erst im vorigen Jahre wieder eine gleich langwierige,
-wenn auch weniger gefährliche Krankheit bei ihr ausgehalten
-und überhaupt das, was Jene vielleicht an
-ihr gethan, als sie noch ein kleines Kind war und
-nicht arbeiten konnte, reichlich, ja im Uebermaße vergütet.
-<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-Wenn also Jemand zur Dankbarkeit verpflichtet
-sein sollte, so wären es Wagner's selber, und daß sie
-damals das kleine Kind zu sich genommen, ei, das
-hätten sie auch eher aus Eigennutz, als aus Menschlichkeit
-gethan, denn selbst kinderlos freuten sie sich
-des kleinen, muntern Wesens, während es den Eltern
-wehe genug that, es zurückzulassen.</p>
-
-<p>»Das Uebrige Alles bei Seite,« fuhr der Brauer plötzlich
-in seinen Trostworten fort, und etwas leiser
-redend, bog er sich, die Hände herunternehmend, näher
-zu dem Freund hinüber, »so giebt es doch noch einen
-Grund, über den wir hier in der Stadt, wenn's uns
-auch nichts anging, schon oft gesprochen, und der allein
-hinreichend wäre, es Euch, Schwabe, sogar zur Pflicht
-zu machen, Euer Kind mit fortzunehmen.«</p>
-
-<p>Schwabe horchte hoch auf, Jener aber, die Stimme
-zu einem Flüstern herunterdrückend, sagte:</p>
-
-<p>»Wenn ich Vater wäre, so nähme ich mein
-Kind, und besonders ein Mädchen, heute noch mit
-mir fort, das in <em class="ge">dem</em> Hause nichts Gutes lernen
-kann. Wovon ist Wagner so rasch und plötzlich
-ein wohlhabender Mann geworden? Von seinem
-Schenkstande etwa? &ndash; Das soll mir Keiner weiß
-machen; nein, von der heimlichen Spielhölle, die er
-in seinem Hause, klug genug, so versteckt hält, daß
-<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-ihm die Gerichte, obgleich sie schon dreimal, und
-zwar ganz unerwartete Nachsuche gehalten, doch nicht
-auf die Spur kommen können. Das arme Mädchen
-nun, da er keinem fremden Barkeeper das Geheimniß
-anvertrauen kann, muß fast jede Nacht bis ein oder
-zwei Uhr bei diesen rohen Gesellen aufsitzen, und wenn
-auch Wagner ebenfalls im Zimmer bleibt, so hört sie
-doch dort &ndash; denn wie könnte sie's verhindern &ndash; all
-die gemeinen wüsten Reden einer Menschenklasse, die
-sich in der Leidenschaft des Spiels noch unter das
-Thier erniedrigen. Das arme Kind, seit langen Jahren
-daran gewöhnt, weiß das nun freilich nicht besser;
-wäre ich aber Vater, mir bliebe sie keine Stunde länger
-in dem Hause.«</p>
-
-<p>»Aber lieber, bester Freund!« sagte Schwabe, hierdurch
-einestheils von der ersten Besorgniß erlöst, aber
-dann auch wieder mit einer neuen, fast noch schwereren
-auf der Seele &ndash; »wie will ich sie fortbekommen?
-Fordere ich sie dem Manne durch das Gesetz ab, so macht
-er mir nachher eine Kostenberechnung, die ich nach dem,
-was ich schon von der Frau gehört, gar nicht im
-Stande wäre zu bezahlen.«</p>
-
-<p>»Nein, dahin darfs nicht kommen!« entgegnete
-rasch der Brauer, »wenigstens müßtet Ihr erst den
-Hauptvortheil vorne weg zu gewinnen suchen, und
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-das ist &ndash; das Recht des Besitzes, in dem sich Wagner
-jetzt befindet. Wer eine Sache einmal wirklich hat,
-dem ist sie hier in Amerika verdammt schwer aus den
-Zähnen zu reißen, selbst wenn er noch weniger anscheinendes
-Recht darauf hätte, als Wagner hier in diesem
-Falle; verhielt sich aber die Sache umgekehrt, wäre
-die Tochter bei Euch, und wollte sie Wagner nun
-wieder haben, oder die Entschädigungssumme ausgezahlt
-bekommen, dann müßte er klagen und Ihr, in
-St.&nbsp;Francisville könntet nachher eine Gegenrechnung für
-geleistete Dienste aufsetzen, die sich gewaschen hat.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Dann bleibt mir weiter Nichts übrig, als mein
-eigenes Kind zu stehlen!« rief Schwabe.</p>
-
-<p>»Ganz meiner Meinung!« sagte der Brauer und
-leerte den letzten Rest des Blechmaaßes auf einen Zug
-&ndash; »ganz meiner Meinung,« wiederholte er, als er
-fertig war, und das Gefäß klappernd auf den Tisch
-zurückstellte &ndash; »und Nichts leichter als das! Ich bin
-heute Morgen mit dem Mailboot von Louisville gekommen,
-und habe unten an der Landung das Sternwheelboot<span class="top">[10]</span>
-Raritan getroffen, das, wie mich der
-<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-Capitän fest versicherte, morgen früh mit dem Schlage
-Acht, Cincinnati verläßt. Der Raritan geht allerdings
-nur bis zur Mündung des Arkansus, den Mississippi
-hinunter; das schadet aber Nichts, dort langen täglich
-wenigstens zwei oder drei stromabgehende Boote
-an, und Ihr Beide könnt in fünf bis sechs Tagen in
-Louisiana sein.«</p>
-
-<p class="ci fss">[10]: Sternwheelboot ist ein Dampfboot, das, gewöhnlich mit
-zwei Maschinen, nur <em class="ge">ein</em> großes Rad hinten am sogenannten
-<em class="ge">Stern</em> hat, und von diesem also gänzlich vorwärts <em class="ge">geschoben</em>
-wird. Diese Art Boote scheinen aber nicht besonders praktisch, und
-es giebt deren nur sehr wenige auf den Amerikanischen Flüssen.</p>
-
-<p>»Aber wie bekomme ich Louise aus Wagner's
-Händen, ohne daß dieser etwas davon merkt?«</p>
-
-<p>»Louisen? Ei, Ihr geht einfach zusammen fort,
-denn Wagner läßt sich nie Morgens vor neun Uhr
-unten sehen &ndash; so lange schläft er, weil er die Nacht
-so spät aufbleibt, und das arme, junge Mädchen
-muß schon von sechs Uhr an Frühstück und Alles
-besorgen, dann auf dem Markt einkaufen, die Eier
-oder vielmehr die Bäkereien in Ordnung halten, und
-Gott weiß, was sonst noch für Sachen und Geschäfte
-verrichten. Du siehst also zu, daß Du heute Abend
-noch einmal Gelegenheit bekommst, mit Deiner
-Tochter zu sprechen, und das Uebrige überlasse mir
-&ndash; ich bin dort im Hause bekannt wie ein bunter
-Hund, und werde das Alles schon besorgen. Jetzt
-aber, damit Du keinen unnöthigen Verdacht erregst,
-oder einen vielleicht schon erregten wieder beschwichtigst,
-gehst Du zu Wagner's Haus zurück, und erklärst
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-dorten, daß Du sie &ndash; Wagner's, bittest, Deinen
-Wunsch nochmals zu überlegen und zu prüfen,
-stelle ihnen dabei vor, wie sich die Mutter sonst
-grämen wird etc. &ndash; das hilft doch Alles nichts, aber
-es macht sie sicher &ndash; hiernach theile ihnen mit, daß
-Du gesonnen seist, drei Tage in Cincinnati zu bleiben
-und nach Ablauf dieser Frist wünschest, eine bestimmte
-Antwort von ihnen zu hören &ndash; das sagst Du ihnen
-übrigens nur, wenn Du allein mit ihnen bist, verstehst
-Du? Ihr braucht dazu gerade keine Zeugen.
-Apropos, haben sie Dich schon eingeladen, bei ihnen
-zu wohnen?«</p>
-
-<p>»Nein &ndash; sie wissen ja gar nicht, wie lange ich
-hier bleiben wollte.«</p>
-
-<p>»Gut, desto besser &ndash; thun sie es jetzt, so sagst
-Du, Du hättest es mir schon versprochen; morgen
-früh hast Du denn weiter nichts zu thun, als in <em class="ge">dem</em>
-Augenblick, wo ich das Zeichen von unten herauf
-bekomme, daß das Boot die Springkette losläßt,
-Dein Kind abzuholen, in Mainstreet soll dann ein
-Wagen für Euch stehn, und daß sie unten nicht eher
-abfahren bis Ihr an Bord seid, dafür will ich auch
-schon Sorge tragen.«</p>
-
-<p>Alle weiteren Bedenklichkeiten des immer noch
-nicht recht fest Entschlossenen, machte übrigens der
-<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-wackere Brauer zu Schanden, bewies ihm, daß er,
-wenn er nicht ein wahrer Rabenvater wäre, sein Kind
-mitnehmen <em class="ge">müsse</em>, und redete ihm so in's Herz
-hinein, daß sich Schwabe, dessen heißester Wunsch
-das Alles ja von Anfang an selbst gewesen, nur zu
-gern überreden ließ, in jeder Hinsicht dem Rath
-seines neugefundenen Freundes zu folgen, mit dem er
-auch jetzt die näheren Vorsichtsmaßregeln besprach
-und festsetzte.</p>
-
-<p>Allerdings ging er nun von hier aus wieder nach
-Wagner's Haus zurück; so sehr er sich aber auch bemühte,
-seine Tochter, und sei es nur auf wenige Minuten,
-allein zu sprechen, so gelang ihm das doch
-keineswegs, denn eine direkte Unterredung mochte er
-nicht gern verlangen, weil er dadurch Verdacht zu
-erregen fürchtete; ja er hatte sogar schon, um seinen
-Vetter ganz sicher zu machen, diesem gesagt, daß er,
-da er sich doch jetzt einmal in Cincinnati befinde,
-einen guten Bekannten aufsuchen wolle, der mit ihm
-über See gekommen sei, und etwa zwei Stunden
-Wegs von der Stadt entfernt wohne, er würde daher
-auch wohl nicht vor morgen früh zehn Uhr zurückkehren
-können. Kaum vermochte er dabei mit dem
-fortwährend beschäftigten Kinde ein paar flüchtige
-Worte zu wechseln, doch hatten sie das vorausgesehn,
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-und dafür schon Vorkehrungen getroffen. Der Brauer
-sollte nämlich, sobald ihm das nicht selbst gelang,
-den Abend bei Wagner's zubringen, und die Tochter
-bei der ersten sich ihm dort bietenden Gelegenheit auf
-die beabsichtigte morgende Flucht vorbereiten. Der
-Klugheit Louisens hofften sie dabei ebenfalls viel
-vertrauen zu können und glaubten jetzt die ganze Sache
-auf das vortrefflichste und zweckmäßigste eingeleitet
-und berathen zu haben.</p>
-
-<p>So brav und ehrlich unser wackerer Brauer aber
-auch sein mochte, und so gut er's sicher in diesem
-Falle meinte, so war er doch &ndash; das ließ sich kaum
-läugnen &ndash; nichts weniger als ein Diplomat und
-kam fast nie zum Ziele, wo es einiger List und
-Scharfsinn galt, sondern meistens nur, wo er gerade
-ohne weitere Umstände hinein tappen durfte. So
-hatte er es denn auch in diesem Falle wohl eine volle
-Stunde lang umsonst versucht, Schwabes Tochter
-nur so viel merken zu lassen, daß er ein Paar Worte
-an sie allein zu richten wünsche. Vergebens blieb er
-mitten in der Schenkstube, allen Gästen im Wege
-stehen, um sie im Vorbeigehen anzureden, vergeblich
-verstopfte er über eine Viertelstunde durch seine breite,
-vierschrötige Gestalt die Hofthür, sie kam nicht <em class="ge">ein</em>mal
-hinaus, und er wurde endlich durch die vereinten
-<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-Bemühungen des Barkeepers und der schwarzen
-Köchin bei Seite geschoben, und bedeutet, daß dieser
-gerade der allerletzte Platz wäre, wo man ihn gern
-sähe. Er fing schon an, die Aufmerksamkeit der Gäste
-zu erregen, und beschloß nun einen andern, weniger
-gefährlichen aber gewiß sichern Plan zu verfolgen.</p>
-
-<p>Zu diesem Zwecke ließ er sich in einer der am
-wenigsten beobachteten Ecken des Zimmers nieder,
-und drückte sich hier, seinen Blechkrug und das
-brennende Licht &ndash; denn es war indessen dunkel
-geworden &ndash; dicht vor sich geschoben, fast gewaltsam
-zwischen die scharfe Tischkante und die hier angebrachte,
-mit mächtigem Gehäus umschlossene Wanduhr.
-Dadurch gewann er den Vortheil, daß er, ohne
-den Kopf zu wenden, das ganze Zimmer übersehen
-konnte, und sobald er sich jetzt einen Augenblick selber
-unbeachtet sah, schlug er mit der Lichtschere gegen das
-Blech, was, wie er recht gut wußte, Louise im Nu an
-seine Seite brachte.</p>
-
-<p>Das junge Mädchen sprang rasch auf ihn zu, und
-streckte die Hand nach dem Blechmaaß aus, um es
-wieder zu füllen; der Brauer hielt das aber mit der
-linken fest, während er mit der rechten ihren Arm ergriff,
-sie ein wenig zu sich hinüberzog und leise, aber schnell
-flüsterte:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-»Erschrick nicht &ndash; er kommt morgen früh!«</p>
-
-<p>Louise erschrak aber über das Plötzliche dieser Warnung
-und fast eben so über das sonderbare Gesicht,
-das der Brauer dabei machte, dermaßen, daß sie einen
-nur halbunterdrückten Schrei ausstieß.</p>
-
-<p>Eigenthümlich war die Wirkung, die dieser Schrei
-auf den Brauer ausübte.</p>
-
-<p>In demselben Momente fuhren die Gäste nach dem
-ziemlich hörbaren Ausruf herum und natürlich richteten
-sich dadurch ihre Blicke auf den in der Ecke Sitzenden,
-dieser aber riß mit einem plötzlichen Ruck beide
-Hände zurück, saß starr und steif da, zog die Backen
-ein, preßte dabei die Lippen fest aneinander, und schnitt
-ein so ungemein gleichgültiges und nichtsagendes Gesicht,
-daß Louise, die solch wunderbare Veränderung
-mit Blitzesschnelle vor sich gehen sah, in ein lautes
-Gelächter ausbrach, in das jetzt viele der Umstehenden
-mit einstimmten.</p>
-
-<p>Der Brauer ließ sich nun allerdings nicht durch
-solche Kleinigkeiten außer Fassung bringen, damit war
-ihm aber auch für den Augenblick der ganze Anlauf
-verdorben, und er mußte wohl eine halbe Stunde
-vorübergehen lassen, ehe er einen neuen Versuch wagen
-durfte.</p>
-
-<p>Als er zum zweiten Male an das Blech schlug, sah
-<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-sich Louise allerdings wieder nach ihm um, blieb aber
-stehen, und des Brauers rasch und seltsam verzerrte
-Physiognomie, rief ihr eben so rasch die Grübchen
-in die Wangen zurück, denn sie konnte doch wahrlich
-nicht ahnen, daß dieses gräuliche Gesichterschneiden
-irgend einen bedeutsamen Zweck für sie haben sollte.
-Und dennoch war das so; der Brauer gab sich die
-nur erdenklichste Mühe, irgend einen mimischen Eindruck
-auf sie hervorzubringen, sobald er das nur
-irgendwie unbemerkt thun konnte, und die halb schlauen,
-halb ängstlichen Seitenblicke, die er dazwischen
-im Zimmer und besonders nach rechts und links
-hinüber warf, waren so unwiderstehlich komisch, daß
-die, zu deren Besten der sonst so ernste Mann all
-diese Muskelverzerrungen vortrug, endlich in allen
-Freuden und dem festen Glauben, »der Brauer habe
-heute einmal einen Schluck über den Durst gethan,«
-ihren Pflegevater darauf aufmerksam machte, und
-dadurch den ganzen, so schön und pfiffig ausgedachten
-Plan unseres Bierfabrikanten zerstörte. Wagner
-setzte sich bald darauf zu ihm, und der Brauer verließ
-eine Stunde später, höchst ärgerlich auf sich und
-die ganze Welt, die »<i>City of München</i>.«</p>
-
-<p>Dadurch war es den Verbündeten freilich unmöglich
-geworden, die Tochter gehörig vorzubereiten,
-<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-um am nächsten Morgen nicht zu viel Zeit zu verlieren.
-Nichtsdestoweniger trafen sie alle nöthigen
-Vorkehrungen, und kauften besonders mehre Kleidungsstücke
-ein, denn Louise sollte unter keiner Bedingung
-auch nur ein Stück der ihr von Wagner
-geschenkten Kleidungsstücke mitnehmen; selbst ein
-Bonnet und das Nöthigste, was sie für den Augenblick
-brauchte, konnten sie leicht in dem 150&nbsp;Miles
-entfernten Louisville bekommen, wo sie genug Zeit
-behielten, Einkäufe zu machen, während das Dampfboot
-langsam durch die Schleusen des Canals gelassen
-wurde.</p>
-
-<p>Der von Schwabe in ängstlicher Ungeduld so
-sehnlichst herbei gewünschte Morgen brach endlich an,
-und unten an der Landung waren die Feuerleute und
-Deckhands des Raritan schon emsig beschäftigt, die
-Kessel zu heizen und die Verdecke mit unzähligen
-heraufgeholten Eimern Flußwasser zu scheuern und
-abzuspühlen. Oben in der fünften Straße öffnete der
-Barkeeper des deutschen Kaffeehauses die Laden,
-fegte das Schenkzimmer aus und ging dann an seine
-gewöhnliche Morgenarbeit, das im Hinterhaus versteckt
-liegende Spielzimmer nach seinem nächtlichen
-Besuch zu reinigen und zu lüften und zum nächsten
-vielleicht schon sehr baldigen Besuch wieder herzurichten,
-<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-mit welchem Geschäft er selten vor neun oder
-halb zehn Uhr fertig wurde.</p>
-
-<p>Louise war indessen vorn in der Bar beschäftigt,
-staubte die Flaschen und Tische ab, spülte und wischte
-die Gläser aus, breitete neue Servietten auf die verschiedenen
-Kaffeebreter, füllte die kleinen Flacons
-mit Staunton Bittres und Pfeffermünzessenz, putzte
-die blind gewordenen Fensterscheiben und that überhaupt
-Alles, um die Schenkstube in ihrer gewöhnlichen
-Sauberkeit und Reinlichkeit zu halten und war
-so emsig dabei beschäftigt, daß sie gar nicht bemerkte,
-wie schon ein Mann mehre Minuten lang in der geöffneten
-Thüre stand und ihrem thätigen Schaffen
-und Treiben sinnend aber aufmerksam zuschaute.</p>
-
-<p>Dem armen Mädchen gingen aber auch gar viele
-trübe und ernste Gedanken im Kopf herum &ndash; war
-nicht, wie ihr Mrs. Wagner gesagt, ihr Vater gekommen,
-und wollte er sie nicht ihrer jetzigen liebgewonnenen
-Heimath entreißen, um sie einer andern &ndash;
-wie ihre Pflegeeltern sagten &ndash; traurigen und freudlosen
-Existenz entgegen zu führen? war sie gezwungen
-ihm zu folgen, oder durfte sie bleiben, wenn sie ihm
-verweigert wurde? &ndash; Ja &ndash; <em class="ge">durfte</em> sie in dem Fall
-wirklich bleiben, oder zwang sie die kindliche Pflicht,
-dem zu folgen, der von der Natur das erste heiligste
-<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a>
-Recht auf sie erhalten hatte? Ach, wer half ihr aus
-diesen Zweifeln, welcher redliche Freund rieth ihr,
-was sie thun, was sie meiden sollte?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Louise!« sagte da eine leise &ndash; zärtliche Stimme
-&ndash; »mein Kind &ndash; meine Tochter.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und Louise, als sie die bekannten Laute hörte,
-fuhr zusammen, daß ein Glas, an welchem sie gerade
-putzte, ihrer Hand entfiel und auf dem Boden klirrend
-zerbrach. Blitzesschnell fuhr sie herum, vor ihr aber
-stand, die Arme freundlich und liebend nach ihr ausgestreckt
-&ndash; ihr <em class="ge">Vater</em>. Das arme Kind wurde
-todtenbleich, zitterte an allen Gliedern und vermochte
-kein Wort über die Lippen zu bringen; Schwabe aber
-ergriff ihre Hand, zog die kaum Widerstrebende langsam
-an sich und flüsterte, indem er ihr liebkosend die
-Haare aus der Stirn strich:</p>
-
-<p>»Mein Kind &ndash; mein liebes, gutes Kind, nicht
-wahr, jetzt läßt Du mich nicht wieder allein zu Deiner
-Mutter zurückkehren? der bräche das Herz darüber; nein,
-jetzt, jetzt verläßt Du mich nicht wieder, jetzt bleiben wir
-beisammen, und Du, nicht wahr, meine gute Louise,
-Du gehst mit mir zu Deiner Mutter nach Louisiana?«</p>
-
-<p>»Aber wird mich Missis Wagner fortlassen?«
-murmelte in Angst und Unentschlossenheit das arme
-Mädchen &ndash; »wird sie&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-»Das sind böse Menschen, die Dich Deinen
-Eltern vorenthalten wollen,« drängte der Vater &ndash;
-»Du bist in dem Hause hier auch nicht gut aufgehoben,
-der Brauer hat mir Alles erzählt. Doch davon
-später. Jetzt drängt die Zeit, in wenigen Minuten
-geht das Dampfboot ab &ndash; die Ketten sind schon eingenommen,
-es hängt nur noch an einem einzigen Tau
-und wartet auf uns.«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Jetzt?</em>« rief Louise erschreckt, und suchte ihren Arm
-frei zu machen &ndash; »jetzt soll ich fort &ndash; heimlich fliehen?«</p>
-
-<p>»In die Arme Deiner Eltern sollst Du, Louise &ndash;
-zu den Deinigen, die Dich auf den Händen tragen
-und für Dich sorgen werden, wie sie es sich schon so
-lange Jahre gewünscht.«</p>
-
-<p>»Und ohne Abschied sollte ich fort von meinen
-Eltern, fort aus diesem Hause?« bat, immer ängstlicher
-werdend, die Arme &ndash; »Niemand ist hier im
-Laden &ndash; sie haben mich wie ihr Kind behandelt &ndash;
-sie haben mich lieb und ich &ndash; ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ein starkes Klopfen an den Fensterscheiben schreckte
-sie wieder empor und gleich darauf steckte ein kleiner
-Negerbursche den Wollkopf in die noch offene Thüre
-herein und rief mit seiner feinen, piepigen Stimme:
-»Raritan geht, Massa &ndash; haben schon <i>steam</i> 'nausgelassen,
-soviel &ndash; Wagen steht an der Ecke.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-»Siehst Du, mein Kind &ndash; es ist alles vorbereitet,«
-flüsterte der Vater und zog die Tochter der Thüre
-zu, »in wenigen Minuten können wir auf dem Dampfboote,
-in fünf Tagen kannst Du in den Armen und
-an dem Herzen Deiner Mutter sein &ndash; komm, komm,
-Louise!«</p>
-
-<p>»Heiliger Gott! ich kann und darf ja doch nicht
-wie ein Dieb hier aus dem Hause entfliehen, das mir
-so lange Jahre Schutz und Nahrung gegeben, &ndash; ich
-möchte schon mit Ihnen gehen, Vater, aber &ndash; so &ndash;
-so nicht, so auf keinen Fall.«</p>
-
-<p>»Louise &ndash; mein Kind!« bat noch einmal der
-Vater, und die Heftigkeit seiner Gefühle drohte ihm
-die Stimme zu ersticken &ndash; »Du wirst und darfst mich
-nicht allein zu Deiner Mutter zurückkehren lassen &ndash;
-Du <em class="ge">mußt</em> mit mir gehen &ndash; ich befehle es Dir als
-Dein Vater.«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, Vater, Sie zerdrücken mir
-den Arm &ndash; ich darf wahrhaftig nicht fort.«</p>
-
-<p>»Holla da, wer will Dich zwingen?« rief plötzlich
-eine rauhe, finstere Stimme, und Wagner, noch im
-Morgenkostüm, mit verschlafenen Augen und hoch
-aufsträubenden Haaren, trat in die Thüre, wo er &ndash;
-sobald er sah, daß Schwabe bei seinem Erscheinen
-den Arm der Tochter fast unwillkürlich losließ und
-<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-sich rasch nach ihm umwandte, stehen blieb, und mit
-höhnischem Tone in seiner Rede fortfuhr. »So, Sir
-&ndash; also ordentlich Versteckens wird gespielt, um
-denen, die uns das eigene Kind lange und schwere
-Jahre hindurch gepflegt und erzogen, dieses, wenn
-man nachher anfängt seine Freude daran zu haben,
-förmlich zu rauben und zu stehlen? &ndash; da werde ich
-wohl am Besten thun, wenn ich gleich auf's Gericht
-gehe und die saubere Bescheerung anzeige &ndash; ich bin
-Bürger hier und will doch einmal sehen, ob mich das
-Gesetz nicht in meinem Eigenthum schützen wird.«</p>
-
-<p>»Wagner,« murmelte Schwabe, und hielt noch
-immer den finsteren Blick auf sein Kind geheftet, das,
-keiner weiteren Bewegung fähig, jetzt, da sich sein
-Schicksal entschieden, an dem Schenktisch lehnte und
-weinte, als ob ihm das Herz brechen wollte &ndash;
-»Wagner, möge Gott Dir verzeihen, daß Du den
-Eltern das Kind verweigerst &ndash; die Summe, die Du
-verlangst, bin ich aber, das weißt Du recht gut, nicht
-im Stande zu bezahlen; Du weißt aber auch, daß
-Du die Summe nicht <em class="ge">verdienst</em>, daß mein Kind
-mehr für Dich gearbeitet, als das Wenige beträgt,
-was sie verzehrt und womit sie sich gekleidet. Gott
-nur sieht den Menschen in's Herz, ihm werden auch
-die Mittel bekannt sein, die Du angewandt, sein
-<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-junges Blut gegen mich zu kehren. Daß ich mein
-Kind heimlich mit mir fortnehmen wollte, leugne ich
-nicht, und hättest Du es verhindert, so würde mich
-das arg geschmerzt haben, aber &ndash; es weigert sich
-selber mitzugehen &ndash; es will von seinen Eltern Nichts
-mehr wissen, und das ist hart, das hatte ich nicht erwartet,
-und <em class="ge">das</em> &ndash; thut auch recht weh, weher, als mir
-je ein Wort von Dir thun konnte, Wagner. So lebt
-denn hier Alle recht wohl &ndash; ich kehre nun wieder
-nach Cincinnati zurück, Dir aber, mein Kind, meine
-Louise« &ndash; und die herausquellenden Thränen machten
-seine Worte fast unverständlich &ndash; »Dir wünsch ich,
-daß Du nie fühlen, nie ahnen mögest, welchen
-Schmerz Du Deinen armen Eltern bereitet, die,
-Gott ist mein Zeuge, nur durch ihre Lage gezwungen
-waren, Dich so lange fremden Händen zu überlassen
-&ndash; lebe wohl, und möge Gott Dich segnen, ich kann
-nicht böse auf Dich sein. Aber halt, hier, das hat
-mir Deine Mutter für Dich gegeben, ich hatte einmal
-geglaubt, ich würde es nicht abzuliefern brauchen &ndash;
-gut so, es hat so sein sollen &ndash; Deine arme Mutter.«</p>
-
-<p>Er ging auf die Tochter zu, legte ein kleines
-Paket neben sie auf den Schenktisch, drückte sie dann
-noch einmal rasch und heftig in die Arme, einen Kuß
-auf ihre Stirn und verließ, ehe Louise kaum wußte
-<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-daß er sie losgelassen, das Schenkzimmer, vor dem
-eben wieder, jetzt aber mit breitem Erstaunen in den
-dunkeln Zügen, das Gesicht des Negerknaben aufgetaucht
-war.</p>
-
-<p>Wie er nach Mainstreet und in den dort harrenden
-Wagen kam, wußte er nicht &ndash; in eine Ecke gedrückt,
-die Hände krampfhaft gegen das Gesicht gepreßt,
-fühlte er nur, wie die leichte <em class="ge">Gig</em> blitzesschnell
-mit ihm die steile Straße hinunterrasselte, und bald
-darauf vor dem wild schnaubenden und keuchenden
-Dampfboot hielt; dort aber kam er erst wieder zur
-Besinnung als der hier harrende Brauer den Kutschenschlag
-aufriß und ganz verblüfft stehen blieb, als
-er den Freund <em class="ge">allein</em> zurückkehren sah. Hier war
-aber nicht lange Zeit mehr zum Besinnen, der ungeduldige
-Ruf des Capitäns, der nun mit ganz außergewöhnlicher
-Gefälligkeit bis jetzt gewartet, trieb ihn
-an Bord&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»<em class="ge">Sie wollte nicht mit!</em>« rief der arme Vater
-nun trauernd dem Freunde zu, riß sich von diesem,
-der ihn noch zurückhalten wollte, los, sprang an Bord
-und keuchend und puffend drängte der Dampfer rückwärts
-in den Strom hinein, und warf die aufgerüttelten
-Wellen hinauf an das eben verlassene Ufer. In
-der Mitte des Stromes hielt die Maschine einen
-<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-Augenblick und das Fahrzeug trieb eine kurze Strecke
-mit der Strömung hinunter, schwenkte dann nach der
-Seite hinüber, kehrte den Bug gen Westen und schoß
-blitzesschnell davon, während das eine mächtige Sternrad
-schäumende und zischende Wassermassen hinter sich
-hinaus schleuderte.</p>
-
-<p>Und Louise?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das arme Mädchen war kaum im Stande, den
-Tag über ihre Geschäfte zu besorgen; das Hirn
-brannte ihr fieberhaft, und ihr war es, als ob sie
-fortwährend in einem Traume wandle, aus dem sie jeden
-Augenblick erwachen müsse. Ihr Vater? &ndash; das war
-ihr <em class="ge">Vater</em> gewesen, der sie hatte mitnehmen, zur
-<em class="ge">Mutter</em> mitnehmen wollen &ndash; ihr lebte eine Mutter,
-aber weit von hier, eine Mutter, die sie vielleicht lieb
-hatte, die ihrer harrte und <em class="ge">sie</em>? O wie dem armen
-Kind die Pulse flogen, wie seine Augen glühten und
-schmerzten. Sie konnte sich kaum noch aufrecht erhalten
-und Wagner, dem ihr verändertes Aussehen auffiel,
-schickte sie heute schon mit Dunkelwerden auf ihre
-Kammer.</p>
-
-<p>Hier angelangt, wollte sie sich gleich aufs Bett
-werfen, da fiel ihr das kleine Paket in die Augen, das
-ihr der Vater heute beim Abschied gegeben. Sie zündete
-ihr Lämpchen an und bei dem matten Schein desselben
-<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-öffnete sie den Faden, der es umschlossen hielt &ndash; Ha
-&ndash; ein kleines Bild blitzte ihr entgegen und ein dicht
-zusammengefaltetes Briefchen glitt heraus und vor
-ihre Füße nieder. Das Bild? &ndash; das, das mußte ihre
-Mutter sein &ndash; ihre <em class="ge">Mutter</em> die sie mit den treuen
-blauen Augen so freundlich anlächelte &ndash; und diese
-Augen &ndash; mußten die sich nicht mit Thränen, mit
-heißen, schmerzlichen Thränen füllen, wenn der Vater,
-<em class="ge">ohne</em> das Kind zurückkehrte, und der Mutter sagte
-&ndash; daß die Tochter &ndash; Nichts von ihr wissen wolle &ndash;
-daß sie sich geweigert habe, ihm zu folgen?</p>
-
-<p>Sie stützte den Kopf in die Hand und betrachtete
-lange und sinnend die theueren Züge, zu denen sie
-als Kind liebend emporgeschaut und den Namen
-»Mutter« hinaufgelispelt hatte. Ihre Augen füllten
-sich mit Thränen &ndash; da fiel ihr Blick auf das zusammengefaltete
-Blatt, sie hob es auf und entfaltete es.</p>
-
-<p>»Mein liebes Kind,« lauteten die Zeilen &ndash; »ich
-kann zwar nicht selber schreiben, denn erstens hab'
-ich's nie gelernt, und dann bin ich jetzt auch recht krank
-und schwach, aus Sehnsucht Dich zu sehn, unser Barkeeper
-hat mir aber den Gefallen gethan, und die
-paar Zeilen aufgesetzt. Hätte ich schreiben gekonnt,
-ach wie oft hätt' ich an Dich, Du liebes Kind, geschrieben.
-Doch nun schadet es Nichts mehr &ndash; nun kommst
-<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
-Du bald zu uns, und dann soll uns Nichts auf der
-weiten Welt mehr trennen. Ach Du glaubst gar nicht,
-wie ich mich nach Dir sehne; ich glaube ich stürbe,
-wenn ich Dich nicht bald in meine Arme schließen
-könnte. Ich habe Dich wohl recht lange ohne Nachricht
-von mir gelassen, aber nicht wahr &ndash; Du bist Deiner
-<em class="ge">Mutter</em> nicht böse darüber, ach ich will Dich ja jetzt
-so lieb dafür haben. Das dabei ist mein Bild &ndash; es
-ist <em class="ge">recht</em> ähnlich &ndash; ich habe ihm tausend Küsse für
-Dich gegeben &ndash; es mag sie Dir wieder geben, bis
-ich Dich selbst an's Herz drücken kann. Aber jetzt lebe
-recht wohl &ndash; recht wohl meine liebe Tochter und
-möge Dich Gott recht bald und recht gesund in meine
-Arme führen. Es grüßt und küßt Dich viel hundert
-tausendmal</p>
-
-<p class="si mr2 mb1">Deine Mutter.«</p>
-
-<p>Louise saß lange, lange auf ihrem Bett und starrte
-auf den Brief nieder; &ndash; wieder und wieder überflog
-sie die Zeilen, preßte sich die fieberheiße Stirn zwischen
-die kleinen kalten Hände und blieb dann auf's Neue
-in dem Inhalt dieser, mit bitterem Vorwurf an ihr
-Herz dringenden Worte verloren. Endlich brach sich
-der nicht länger dammbare Schmerz Bahn &ndash; sie ergriff
-das Bild, preßte es unter einem heißen Thränenstrom
-an die Lippen und sank dann, mit dem leise
-und schluchzend hervorgerufenen Wehelaut »zu spät &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-zu spät, &ndash; nun ist Alles vorbei und ich habe die Mutter
-für ewig verloren!« auf ihr Lager zurück.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wir wollen einen Zeitraum von fünf Monaten
-überspringen, und wiederum bitte ich den Leser, mit
-mir den etwas steilen aber kurzen Berg hinaufzusteigen,
-der von der äußersten Grenze Bayou Sarahs
-aus, bis zu den ersten Häusern des kleinen Städtchens
-Francisville hinaufführt.</p>
-
-<p>Dort, gleich linker Hand, wenn wir hinaufkommen,
-da, wo das breite starke Reck die hereinkommenden
-Pflanzer einladet, ihre Pferde zu befestigen und
-indessen einen kühlen Trunk zu thun, steht noch das
-freundliche, weiße Haus mit den Jalousien und der
-breiten Veranda, mit dem niederen Dach und der
-gastlichen Bank vor der Thür, aber das Schild &ndash;
-wo ist das Schild hin, das mit den großen goldenen
-Buchstaben den Namen unseres wackeren Landsmannes
-trug? Wo ist die lange schmale Tafel, die all die
-Leckerbissen und Delikatessen in güldenen Worten aufzählte?
-Ach lieber Leser, in dem Hause sieht's jetzt gar
-bunt und wild aus, die Schilder sind aus ihren eisernen
-Haken losgerissen, die Wände und Stuben leer
-und verlassen. Wo sonst das gemüthlich stille Stübchen
-war, da lag jetzt Stroh, einzelne Stückchen
-<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a>
-Packleinewand und kurze Bindfaden, während in der
-unteren Stube und in dem Schenklokale gescheuert
-und gewaschen wurde, als ob eben erst die eine Familie
-aus, eine andere eingezogen sei. Und das war
-auch so, denn traurige Veränderungen hatten in der
-selbstgegründeten Heimath unseres wackern Deutschen
-stattgefunden.</p>
-
-<p>Als Schwabe damals ohne sein Kind zurückkehrte,
-und die arme Mutter nach und nach die ganze schreckliche
-Wahrheit erfuhr, ja erfahren mußte, da warf sie
-der Schmerz und Gram um das Verlorene auf das
-Krankenlager und ein schweres Nervenfieber bedrohte
-ihr Leben. Freilich siegte die sonst kräftige Natur der
-Frau endlich über den rüttelnden Tod, der frohe Muth
-war aber dahin, und bleich und abgezehrt wankte sie,
-einer Leiche ähnlicher als einem lebenden, fühlenden
-Wesen, im Haus herum. Auch Schwabe wurde
-immer trauriger, immer niedergeschlagener; er vernachläßigte
-seine Kunden und sein Geschäft, denn es
-machte ihm keine Freude mehr, und konnte dagegen
-stundenlang hinter dem Tisch sitzen, und in ein und
-dieselbe Ecke stieren.</p>
-
-<p>Ein paar Monate hielt er das so aus; seiner
-Frau Krankheit beschäftigte ihn auch in der ersten Zeit
-viel zu sehr, um noch an sich zu denken, endlich aber
-<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-sah er doch wohl ein, daß er so nicht länger fortbestehen
-könne.</p>
-
-<p>Hier &ndash; ja hier hatte er ein hübsches Besitzthum,
-das ihn nährte, es ging ihm gut, und nichts fehlte
-ihm, was er zu körperlichem Wohlbefinden gebrauchte,
-was aber half ihm dies Alles, wenn trotzdem ein
-ewiger unvertilgbarer Wurm an seinem Herzen nagen
-sollte &ndash; wenn er die Frau in Sehnsucht nach ihrem
-Kinde hinsterben sah, und sich selbst am Ende noch
-Vorwürfe, und gegründete Vorwürfe machen mußte.
-Denn wie lange, wie viele Jahre hatten sie sich Beide
-nicht um die Tochter gekümmert, und konnte ihnen
-das jetzt in ihrem eigenen Gewissen zur Entschuldigung
-dienen, daß sie das Kind bei den wohlhabenden
-Leuten besser aufgehoben geglaubt, als es bei ihnen
-selbst der Fall gewesen? Nein, denn die Ueberzeugung,
-die Schwabe jetzt und besonders durch des Brauers
-Worte erhalten, sagte ihm, daß sich sein Mädchen
-dort vielleicht körperlich, aber keineswegs geistig wohlbefunden
-haben könne, wo sie blos als Mittel verwandt
-wurde, eine Haushälterin zu sparen und ihren
-Erziehern von so großem Nutzen zu sein wie möglich.
-Und darnach hatte er, der Vater, Jahre lang nicht
-gesehen, darauf mußten ihn jetzt erst <em class="ge">fremde</em> Menschen
-aufmerksam machen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
-Doch, noch war nicht Alles verloren, noch gab
-es Gott sei Dank! <em class="ge">ein</em> Mittel, seinen Fehler zu verbessern
-und das Mittel, es war der erste freudige Gedanke,
-der ihn wieder durchzuckte, das Mittel hatte
-er sich selbst durch seinen eigenen Fleiß erworben und
-verschafft. Als er hier in Amerika zu arbeiten anfing,
-besaß er wenig oder gar nichts; selbst die Erfahrung
-fehlte ihm, die man in den Vereinigten Staaten gewöhnlich
-so theuer, so ungeheuer theuer erkaufen muß.
-Jetzt hatte er dagegen lange Jahre hindurch Erfahrung
-gesammelt, und kannte die Sitten und Gebräuche des
-Landes &ndash; mußte ihm nun nicht, und wenn er auch
-wirklich noch einmal von vornherein begann, der Anfang
-um so bedeutend leichter werden? &ndash; Gewiß!
-und sein Entschluß war gefaßt &ndash; es handelte sich
-hier nur um Geld, das er besaß, von dem er sich
-trennen konnte, und seine, seiner Frau Ruhe, seines
-Kindes Rückkehr war damit zu erkaufen. Was war es
-auch weiter, er entsagte ja nur einem errungenen Vortheil,
-einer nach und nach zum Bedürfniß gewordenen
-Bequemlichkeit und jetzt, da er sich überwunden, ja
-dem festen Willen sogar die That augenblicklich folgen
-ließ und all die hierzu nöthigen und erforderlichen
-Schritte that, da begriff er kaum noch, wie es möglich
-gewesen, daß er früher auch nur einen Augenblick
-<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
-gezaudert, und nicht schon lange, ja gleich damals
-als ihn der erste schmerzliche Schlag traf, Alles geopfert
-habe, was ja in diesem Falle nicht einmal ein
-Opfer genannt werden konnte, wo es das Glück seiner
-ganzen Familie, all der Seinigen betraf.</p>
-
-<p>Er sollte sich auch nicht getäuscht haben, seine
-Frau schien mit diesem Entschluß des Vaters neue
-Lebenskraft zu gewinnen, &ndash; hier öffnete sich ihr auf
-einmal die Aussicht, ihr Kind &ndash; das schon als todt
-beweinte &ndash; wieder zu gewinnen und fast gewaltsam
-schüttelte sie von diesem Augenblick Alles ab, was
-ihren Geist noch niederdrücken, ihre Seele befangen
-und ängstigen konnte. Die Hoffnung war eingezogen
-in das treue Mutterherz, und mit ihr wuchs und gedieh
-auch wieder die Liebe zum Leben, das Vertrauen
-auf ihres Gottes Schutz und Güte, der sie in der
-letzten schweren Zeit ach! fast verlassen.</p>
-
-<p>Hätte es übrigens noch eines Antriebes bedurft,
-den einmal gefaßten und beschlossenen Plan auch auszuführen,
-so kam der nach etwa vier Monaten in der
-Gestalt eines Briefes, von unserem alten Freund,
-dem Brauer, der Schwaben noch einmal ernsthaft
-aufforderte, einen zweiten Versuch zu machen, sein
-Kind wieder zu bekommen, wenn es nicht in seinen
-dortigen Verhältnissen an Seel und Leib verderben
-<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-sollte. Die Spielhölle in Wagners Hause, hatte, seiner
-Aussage nach, einen so gefährlichen Charakter
-angenommen, daß er aus guter Hand wisse, der
-Magistrat warte jetzt nur noch auf eine Gelegenheit,
-ernsthaft einzuschreiten, und Louise müsse dabei über
-ihre Kräfte angestrengt werden, denn sie sähe bleich
-und elend aus und habe, so oft er nun auch hingekommen
-sei, immer trübe und verweinte Augen.</p>
-
-<p>Es war hier &ndash; das sah Schwabe aus dem ganzen
-Brief &ndash; gar keine Zeit mehr zu verlieren, den
-Verkauf seines Grundstücks betrieb er also so viel als
-möglich, und sandte zu gleicher Zeit den, indessen zu
-einem wackeren, braven jungen Mann herangeschossenen
-Sohn nach dem Westen von Arkansas, wo er
-sich, als ehrlicher Farmer am Fuße der Ozark-Gebirge
-anzusiedeln gedachte. Carl sollte dort einen Platz aussuchen
-und vorher irgend eine kleine Hütte zu ihrem
-ersten Aufenthalt einrichten, daß sie, so lang die
-nöthigsten Arbeiten dauerten, doch wenigstens ein
-Obdach hatten. Das Andere fand sich später von selber,
-und dort, in einem Lande, wo man keine Ansprüche
-macht, unnütze Bequemlichkeiten nicht kennt,
-und sich deshalb gerade mit dem wenigen, was die
-Natur bietet, glücklich fühlt, wurde es ihnen auch
-leichter zu vergessen was sie einst besaßen, wenn sie
-<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
-nur das Wenige, <em class="ge">was</em> ihnen blieb <em class="ge">mitsammen</em>
-genießen konnten, und sich nicht immer sagen
-mußten, Eines fehle noch &ndash; eines von den Ihren,
-dessen Glück Gott dereinst von ihnen fordern könne
-und werde.</p>
-
-<p>Manchmal zwar tauchte auch, selbst in diesen Vorbereitungen,
-noch das alte Gespenst der Angst und
-Ungewißheit auf &ndash; das Kind mag Nichts von den
-Eltern wissen &ndash; es liebt Die nicht, die es so lange
-vergessen und unter fremden Menschen gelassen haben
-&ndash; es hat ja nicht einmal mit dem Vater zu Hause
-gewollt, obgleich der Mutter fast das Herz darüber
-gebrochen; aber die Mutter selber beschwichtigte alle
-diese Zweifel.</p>
-
-<p>»Daß sie zu Dir nicht gleich Vertrauen fassen
-konnte, ist natürlich,« sagte sie unter Thränen lächelnd,
-»komme ich aber selbst zu ihr hinauf, hat sie nur einmal
-am Herzen der <em class="ge">Mutter</em> gelegen, dann geht sie von Der
-auch nicht wieder fort, und wenn Du sie gleich dazu
-zwingen wolltest. Bring Du nur die Geldangelegenheit
-mit Wagner in Ordnung, befriedige dessen Forderungen,
-und ich stehe Dir dafür, wir verlassen
-Cincinnati so froh und glücklich, als ob wir dem
-Reichthum und Ueberfluß entgegen gingen.«</p>
-
-<p>Man glaubt ja so gerne was man wünscht und
-<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
-Schwabe betrieb die Zurüstung mit allem nur möglichen
-Eifer; sein Haus hatte er auch bald verkauft,
-es lag vorzüglich, war noch neu und in gutem Zustand,
-da fehlte es nicht an Liebhabern. Ein Brief
-von seinem Sohne meldete ihm ebenfalls, daß in
-Arkansas, in einer reizenden Gegend und auf gutem
-trefflichen Lande Alles vorbereitet und des Pflugs
-gewärtig sei. Das was er an Gepäck mitzunehmen
-wünschte, stand bereit, und von dem, erst kürzlich eingetroffenen
-Mail- oder Postboot hatte er ebenfalls
-gehört, daß noch an diesem Tage der, nach Cincinnati
-bestimmte »<i>Eagle of the West</i>«, ein rasches wackeres
-Dampfboot, eintreffen würde. Dieses wollten sie
-benutzen, ihr Aufenthalt in Ohio sollte nicht lange
-dauern, und in gar kurzer Zeit konnten sie friedlich &ndash;
-glücklich mitsammen, in den freundlichen Thälern der
-herrlichen Ozarkgebirge ihre Heimath gegründet haben.</p>
-
-<p>Schwabes Frau schien aber mit der neuen freudigen
-Hoffnung, ihr Kind nun bald, recht bald wieder
-zu sehen, auch ein neues und freudiges Leben eingesogen
-zu haben; ordentlich verjüngt arbeitete sie nach
-Herzenslust, die noch etwa nöthigen kleinen Geschäfte
-zu besorgen und solche Vorbereitungen zu treffen, die
-ihnen den Aufenthalt im Zwischendeck eines Dampfbootes
-erleichtern konnten. Da hörten sie plötzlich
-<a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
-unten vom Mississippi aus, eine Glocke und erschraken
-nicht wenig. Wenn dieß schon der <i>Eagle of the West</i>
-war, wie kämen sie dann noch, mit allem dem was
-sie mitzunehmen wünschten, zeitig genug herunter und
-an seinen Bord, denn die Capitäne solcher Boote
-warten selten lange, selbst auf Cajütenpassagiere,
-vielweniger denn auf »<i>People</i>«, das im unteren Deck
-für wenige Dollar mitfahren will.</p>
-
-<p>Schwabe faßte seinen Hut auf, gab rasch einem
-jungen Deutschen, einem Karrenführer, der mit seiner
-<em class="ge">Dray</em> gerade in der Nähe hielt, die nöthigen Anweisungen,
-Frau und Koffer, so schnell ihm das irgend
-möglich sei, nachzuschaffen und eilte dann selber mit
-flüchtigen Schritten voran, um, wenn er das irgend
-vermöge, das Boot aufzuhalten und noch mit fortzukommen.
-Kaum erreichte er aber den äußersten Stand
-des steilen Hügels, auf welchem St.&nbsp;Francisville steht,
-und von dem aus er das dicht am Mississippi liegende
-Bayou Sarah wie den ganzen Strom überschauen
-konnte, als er den weiß aufsteigenden Dampf des
-unten gelandeten Bootes bemerkte, der eben wieder
-durch die <i>'scape pipe</i> auspuffte &ndash; gleich darauf
-wandte sich der Bug vom Lande ab, schwenkte nieder,
-und ging &ndash; den Strom hinunter.</p>
-
-<p>»Gott sei Dank« murmelte Schwabe leise vor sich
-<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
-hin und wandte sich langsam gegen sein Haus zurück,
-»ich glaubte schon, wir hätten das rechte versäumt,
-und müßten noch ein paar Tage länger warten.«</p>
-
-<p>Die Sachen schickte er übrigens ohne weiteres an
-die Landung, denn um keinen Tag mehr zu versäumen,
-wollte er gar nicht wieder nach Louisiana zurückkehren,
-sondern gleich von Cincinnati aus, ein für den Arkansas
-bestimmtes Boot benutzen.</p>
-
-<p>Die Dray war um die Biegung der Straße und
-den Berg hinunter, verschwunden, Schwabes aber
-gingen noch einmal in's Haus zurück; theils um zu
-sehn, ob sie in dem ersten eiligen Aufbruch Nichts vergessen
-hätten, und dann auch, um ruhigeren Abschied
-von dem Ort zu nehmen, der bis jetzt ihre Heimath
-gewesen und den sie nun für immer, auf nimmer
-Wiederkehren, verlassen sollten. Den armen Leuten
-zuckte es dabei recht durchs Herz &ndash; erst beim Scheiden
-findet man ja nur zu oft, wie lieb man, bis dahin
-vielleicht nur gleichgültig betrachtete Räume und Gegenstände
-gehabt hat &ndash; der Gedanke aber an ihr
-Kind, das sie sich mit diesem Opfer zurückerkauften,
-nahm aber solchem Gefühl alles Bittere &ndash; sie sprachen
-kein Wort, sie standen nur lange und schweigend neben
-einander und drückten sich endlich, als Schwabe leise
-zum Aufbruch mahnte, still und herzlich die Hände.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a>
-»So komm denn, mein liebes Weib,« bat der
-Deutsche und zog sie sanft der Thüre zu, »komm und
-mache Dir nicht gar zum Abschied noch trüben Sinn;
-denke, daß wir das Alles ja nur zurücklassen, um mit
-unserem Kind wieder vereint zu leben.«</p>
-
-<p>»Trüben Sinn,« lächelte die Frau unter Thränen,
-»glaube das ja nicht, Schwabe, kein trüber Sinn
-ist's, der mir das Wasser in die Augen treibt, nein,
-in der Seele wohl thut's mir, <em class="ge">daß</em> ich gerade so ruhig
-und freudig von dem Ort fortgehn kann, den ich
-schon bis an mein einstiges Ende zu behalten
-geglaubt, stolz bin ich darauf, wenn ich&nbsp;&ndash;«
-sie horchte einem Geräusch das unten im Hause laut
-wurde&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Es ist Nichts &ndash; wahrscheinlich die Packer, die
-ihr Geräthe mitnehmen,« sagte Schwabe.</p>
-
-<p>»Sie müssen oben sein« berichtete die Stimme
-eines Nachbars, die Schwabe kannte, irgend jemand
-Fremden, »ich habe sie erst vor kaum einer Viertelstunde
-hinaufgehn sehn, und sie sind noch nicht wieder
-herunter gekommen.«</p>
-
-<p>Ein leiser Dank wurde erwiedert, und gleich
-darauf knarrte die hölzerne Stiege; Schwabe wandte
-sich der Thür zu, die sich in demselben Augenblick
-öffnete. Ein junges Mädchen trat herein.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
-»Heiliger Gott!« schrie der Deutsche und fuhr
-erschreckt empor &ndash; »Louise!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Louise?« stöhnte kaum hörbar die Frau &ndash; »unser
-Kind?«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Mutter &ndash; Mutter</em>« rief aber in diesem Augenblick
-die Tochter und flog in die ihr noch halb zweifelnd
-entgegengestreckten Arme &ndash; »Mutter &ndash; o mein
-Gott!«</p>
-
-<p>Schmerz wie Freude wirken gleich stark, das
-Uebermaß der Gefühle macht das Blut stocken und
-lähmt die Thätigkeit der Nerven. Aber die Freude
-tödtet nicht so leicht, in ihr selbst liegt schon wieder
-die Heilung des ersten vielleicht zu mächtigen Schlages
-und der Augenblick des Erwachens ist auch der Augenblick
-der Rettung. Louisens Mutter war, von dem
-Uebermaß des Glückes ohnmächtig zu Boden gesunken,
-jetzt aber, unter den vereinten Bemühungen
-des Gatten und Kindes, die lachend und weinend die
-Schläfe der Bewußtlosen rieben und alle möglichen
-anderen Belebungsversuche anwandten, kam sie bald
-wieder zu sich und hielt nun, kaum im Stande ihr
-Glück zu begreifen, ja nur zu glauben, das lang entbehrte
-und ach, so geliebte Kind fest, fest umschlossen,
-als ob sie es nie im Leben wieder von sich thun und
-lassen wolle.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
-Doch welche Feder vermöchte die Gefühle der
-Mutter &ndash; die Empfindungen dieser drei Glücklichen
-zu beschreiben; lange Zeit fanden sie gar keine Worte
-und hielten sich nur still und selig umfaßt. Endlich
-aber, nach dem ersten Sturm der Grüße und Küsse
-frug Schwabe, was sie denn eigentlich hier herunter
-nach Louisiana gebracht, und wie es gekommen sei,
-daß sie Wagner überhaupt frei gegeben habe? Der
-Eltern Erstaunen läßt sich denken, als sie erfuhren,
-daß ihr Kind <em class="ge">allein</em> den ganzen weiten Weg die
-beiden mächtigen Ströme hinunter, <em class="ge">allein</em> auf dem
-großen Dampfboot, zwischen lauter fremden Leuten,
-zwischen dem rohen Volk des Zwischendecks hierher
-gekommen sei. Aber wir wollen sie selber reden und
-ihre Flucht erzählen lassen.</p>
-
-<p>»Ach Vater« sagte sie, »wie weh mir um's Herz
-war, als <em class="ge">Sie</em> mich an jenem Morgen verließen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Laß den Morgen Kind,« unterbrach sie hier
-lächelnd der Vater, »laß das Vergangene sein, wir
-haben Dich ja jetzt und alle Noth ist vorüber &ndash; aber
-noch eines &ndash; nicht mit dem kalten höflichen <em class="ge">Sie</em>
-mußt Du uns anreden, wie bei vornehmen Leuten
-Sitte sein mag, ich bin Dein Vater, das ist Deine
-Mutter und Du bist unser Kind; da gehört sich weiter
-Nichts als Du und Du, so haben wir's von je gehalten,
-<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a>
-und so soll's bleiben.« Die Tochter drückte den
-Eltern mit einem thränengefüllten Blick die Hand
-und fuhr leise fort:</p>
-
-<p>»Ich muß doch wohl den Morgen noch einmal
-erwähnen, lieber Vater, denn in dem Augenblick, wo
-ich Dich so erschüttert davoneilen sah und Zeuge sein
-mußte, wie häßlich und unfreundlich Dich Herr Wagner
-behandelte, da war es, als ob ich zum ersten
-Male fühle, wie unrecht ich gethan hatte, nicht mit
-Dir, zu Euch, zur <em class="ge">Mutter</em> zu gehen. Und als ich
-nun endlich gar Dein Bild, liebe Mutter, und Deinen
-herzlichen Brief fand, und als ich mir sagen mußte,
-wie Du Dich grämen würdest, wenn ich nicht mit
-dem Vater heim käme, da habe ich die Nacht, und die
-folgende und alle Nächte geweint und geweint und
-wußte mir keines Rathes und hatte Niemand, mit
-dem ich mich aussprechen, gegen den ich mein ganzes
-Herz ausschütten konnte. Dabei mag ich wohl manchmal
-meine Pflicht versäumt haben, denn es war mir
-zu weh um's Herz und ich dachte an Nichts weiter
-als an Euch &ndash; und Missis Wagner schalt mich und
-Herr Wagner wurde auch unfreundlich, denn er
-meinte, die Gäste in der Hinterstube würden sich kein
-Glas mehr von mir einschenken lassen, wenn ich
-immer feuerrothe, verweinte Augen hätte. Unter
-<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a>
-jenen Gästen waren aber auch recht böse Menschen,
-die ein paar Mal sogar mit Messern nach einander
-stachen, ja einmal trugen sie sogar Einen todt fort,
-und Herr Wagner stieß fürchterliche Drohungen gegen
-mich aus, wenn ich auch nur eine Sylbe darüber
-redete.«</p>
-
-<p>»Ich glaubte ich wäre verzweifelt, wenn ich länger
-hätte dort oben bleiben müssen, und dennoch wußte
-ich nicht was ich thun, was ich lassen sollte. Da kam
-zufällig, vor etwa acht Tagen eine Dame von Columbus
-zu uns, die am nächsten Morgen nach New-Orleans
-wollte und bei uns übernachtete. Das
-Dampfboot ging um 10&nbsp;Uhr ab, und ich mußte ihr
-eine Hutschachtel und einen Reisesack hinunter tragen:
-sie hatte sich aber mit dem Anziehn ein wenig verspätet,
-wir kamen kaum noch zur rechten Zeit &ndash; die
-Planken sollten schon eingezogen werden &ndash; ich trug
-ihr die Sachen in die Cajüte hinauf, lief wieder
-zurück und wollte an's Land. Da, Mutter, da war
-es mir plötzlich, als ob eine Stimme, als ob <em class="ge">Deine</em>
-Stimme mich bittend anrief zu bleiben, der Gedanke
-an Dich, daß mich dieß Boot in wenigen Tagen in
-Deine Arme führen könne, zuckte mir durchs Herz
-und zaudernd, unschlüssig stand ich noch und wußte
-nicht, ob ich vor oder rückwärts sollte, als die Glocke
-<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
-des Bootes zum letzten Mal tönte. In dem nämlichen
-Moment rissen aber auch die Matrosen die Planken
-ein, die Maschine fing an zu arbeiten und wenige
-Secunden später befand ich mich, jetzt mit keinem
-freien Entschluß mehr von brausenden Wassern umgeben,
-von meiner bisherigen Heimath fortgerissen,
-auf dem breiten, gewaltigen Strom.«</p>
-
-<p>»Erlaßt mir die Beschreibung dessen, was ich die
-ersten Tage unter den fremden Menschen litt und
-ausstand. Auf dem Boot waren sie unfreundlich mit
-mir, weil ich die Passage nicht gleich bezahlen konnte,
-glücklicherweise trug ich aber ein kleines goldenes
-Kreuz, das ich damals von Missis Wagner bekommen,
-als ich sie nach dem Nervenfieber so lange gepflegt.
-Dies verkaufte der Schiffsschreiber in Louisville
-für mich, bestritt davon meine Passage und gab
-mir auch noch einen Dollar heraus, wofür ich mir
-Brod kaufen konnte, unterwegs davon zu leben. &ndash;
-Ich mußte eine recht traurige Zeit verleben, und bin
-fast in Angst und Sorge vergangen, jetzt aber &ndash;
-jetzt ist Alles gut, ich habe Euch &ndash; Dich meine liebe
-Mutter, meinen Vater wieder und nun &ndash; nicht wahr,
-nun seid Ihr auch nicht mehr böse auf Euer Kind,
-daß es die <em class="ge">fremden</em> Menschen so lange lieber hatte
-als Euch, und nicht fort wollte von ihnen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a>
-Was braucht es weiterer Schilderung der glücklichen
-Familie, eine Stunde entfloh ihnen im Austausch
-ihrer Mittheilungen und Gefühle mit Zauberschnelle
-und erst die Meldung, daß der <i>Eagle of the
-West</i> bei Waterlow sichtbar wurde, mahnte Schwabe
-an die beabsichtigte Reise. Aber nicht in Cincinnati
-lag jetzt ihr Ziel, nein in Arkansas, in den fruchtbaren
-Thälern des noch wilden Staates; nicht bis zur
-Mündung des Licking, nur bis zu der des Arkansas
-hinauf wollten sie mit dem Boote gehn. Ohne weiteres
-Zögern trieb denn auch der Vater zum Aufbruch;
-ihr Gepäck lag schon am Ufer; nur noch die nöthigen
-Kleidungsstücke für Louise kauften sie rasch bei einem
-der deutschen Juden an der Landung ein, bestiegen
-das gleich darauf heranbrausende Boot, auf dem jetzt
-Schwabe in aller Freude seines Herzens keineswegs
-Zwischendeck-, sondern Cajütenpassage für sich und
-die Seinigen nahm, und erreichten eilf Tage später
-das kleine Städtchen Ozark, von dem aus sie in kaum
-vier und zwanzig Stunden ihre neue Heimath betreten
-konnten.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Nun wußte Schwabe, nach all dem Vorhergegangenen
-wohl gut genug, daß Wagner rechtlicher
-<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a>
-Weise <em class="ge">keine</em> Ansprüche mehr auf irgend eine Vergütung
-für seiner Tochter dortigen Aufenthalt machen
-konnte; er wollte es sich aber auch nicht einmal nachsagen
-lassen, undankbar für etwas gewesen zu sein,
-das ihm doch wenigstens im Anfang als Wohlthat
-erschienen. Er schrieb deshalb, und zwar so bald sie
-auf ihrer neuen Farm eingetroffen waren, einen Brief
-an Wagner, worin er ihn von seiner Tochter Ankunft
-in Kenntniß setzte und zugleich aufforderte, offen
-und ehrlich zu sagen, was er glaubte für die Erhaltung
-des Mädchens in den ersten Jahren beanspruchen
-zu können, (denn für die letzten dürfe er schon deßhalb
-nichts rechnen, weil er sie ja nicht einmal gutwillig
-habe wieder fortlassen wollen). Er versprach
-dabei den Forderungen zu genügen, soweit das in
-seinen Kräften stände und bat ihn auch dem Kinde
-nicht zu zürnen, das ihn ja nur deshalb verlassen
-habe, um in die Arme seiner Mutter zu eilen.</p>
-
-<p>Auf diesen Brief erhielt er keine Antwort; ebenfalls
-nicht auf einen zweiten und dritten und erst im
-nächsten Jahre erfuhr er von einem neuen Ansiedler,
-der bis dahin in Cincinnati gelebt und Wagner recht
-gut gekannt hatte, die Ursache dieses räthselhaften
-Schweigens.</p>
-
-<p>Die Geschichte der in seinem Hause verübten
-<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a>
-Mordthat, die auch Louise schon erwähnt, war ruchbar
-geworden, andere Klagen trafen noch mit dieser
-zusammen, das Halten einer heimlichen Spielhölle an
-und für sich unterwarf ihn schon der peinlichsten Strafe
-der Amerikanischen Gesetze und Wagner entging nur
-durch die freundliche Warnung eines Deputy Sheriffs,
-der ebenfalls mit zu dem Spielklubb gehörte, der
-Verhaftung und vielleicht &ndash; dem Zuchthaus. Er
-verschwand in derselben Nacht aus der Stadt
-und man hat nie wieder weder von ihm noch seiner
-Frau etwas gehört &ndash; sie blieben Beide spurlos verschwunden.</p>
-
-<p>Am Fuß der Ozarkgebirge blüthe und gedieh aber
-indessen eine kleine wackere deutsche Colonie. Schwabe
-hatte sich in jenem herrlichen und noch so wenig
-gekannten Landstrich des fernen Westen niedergelassen,
-und üppige Maisfelder schmiegten sich an den
-Fuß, saftige Weingärten an die Hänge der Berge,
-zahlreiche Heerden weideten in den nicht fernen
-Prairien.</p>
-
-<p>Aber ein ganz neuer Geist war auch über den jetzt
-glücklichen Vater gekommen, der mit unermüdlichem
-Eifer daran ging nicht mehr für sich allein, nein jetzt
-auch für sein Kind, für sein liebes, so lange verlorenes
-Kind eine neue und wohnliche Heimath zu gründen.
-<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a>
-Hier fand er dazu den vollen Spielraum für
-seine unermüdete Thätigkeit, für sein Schaffen und
-Wirken, und deutscher Fleiß, deutsche Mäßigkeit verwandelte
-bald das in ein Paradies, was noch vor
-wenigen Jahren öde trostlose Wildniß gewesen.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a>
-Schicksale einer Nacht.</h2>
-
-
-<p>»Nummero&nbsp;15 &ndash; Schloßgasse!« rief ich dem am
-Schlage harrenden Kutscher zu, warf meinen Reisesack
-in die eine, mich selbst in die andere Ecke des kaum
-gepolsterten Wagens und fort ging's über das schauderhafte
-Pflaster der Residenz vom Bahnhofe aus in
-die innere Stadt, wo ich jetzt eigentlich im vollen
-Ballcostüme &ndash; o, <em class="ge">der</em> Gedanke allein schon machte
-mich rasend &ndash; beim rauschenden Chor jubelnder
-Melodien &ndash; sie &ndash; sie im Arme, in wirbelnder Seligkeit
-mich, Salon, Erde, Himmel und Weltall hätte
-vergessen sollen.</p>
-
-<p>Aber nein, da rasselte ich noch in diesem Marterkasten
-zwischen düstern fremdglotzenden Häusermassen
-hin, denn gerade heute, als ob mir selbst die Locomotiven
-nicht einmal den Gefallen thun könnten schneller
-<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a>
-als Lohnkutscher zu fahren, waren wir erstlich wie die
-Schnecken über die glattbeeisten Schienen hingekrochen,
-an jeder Station ewig lange haltend, und zuletzt gar,
-um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, in einer
-Schneewehe eine volle Glockenstunde lang stecken geblieben.
-Deshalb trafen wir denn aber auch anstatt
-um sieben, um halb neun Uhr an Ort und Stelle
-ein, und es ließ sich wohl entschuldigen, daß ich in
-peinlicher Ungeduld zehn Mal unterwegs an die Fenster
-klopfte und dem Kutscher bald Flüche in die Ohren
-donnerte, bald Trinkgelder bot, bis dieser endlich in
-voller Verzweiflung auf sein darüber zum Höchsten
-erstauntes Pferd loshieb und wir nun, wie ein böhmisches
-Ungewitter durch die Straßen rollend, »daß
-Kies und Funken stoben,« bald darauf vor dem bezeichneten
-Hause anhielten.</p>
-
-<p>»Ich habe gar nicht mehr geglaubt, daß Du
-kämst!« rief mein Freund, der erst heute Morgen
-meinen Brief erhalten hatte und mich jetzt, als er
-die Droschke herantoben hörte, in der Thüre erwartete,
-»wo hast Du nur so lange gesteckt?«</p>
-
-<p>Zu Erklärungen war es aber keine Zeit mehr,
-rasch faßte ich meinen Reisesack, drückte dem Kutscher
-das schon in Bereitschaft gehaltene Geld in die Hand
-und flog mehr als ich ging die Treppe hinauf und in
-<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
-das von Meier bezeichnete Zimmer. Hier warf ich
-meinen Hut ab und erzählte und klagte dem Freunde
-&ndash; während dem ich den kleinen Reisesackschlüssel in
-allen Taschen mit immer größerer Hast zwei Mal
-suchte und zuletzt in der, in welcher ich angefangen
-hatte, fand &ndash; wie mich das Unglück verfolgt, ja wie
-ich überhaupt ein solcher Unglücksvogel sei, daß ich
-die Welt förmlich als Pechreisender durchziehen und
-die glänzendsten Geschäfte machen könne.</p>
-
-<p>Es stand ja aber auch heute gerade mein ganzes
-Lebensglück auf dem Spiele &ndash; heute sollte ich, nach
-zweijähriger Trennung <em class="ge">die</em> wieder sehen, ohne die
-ich mir die Welt nur als eine öde trostlose Wildniß
-denken konnte &ndash; heute Abend durfte ich ja hoffen
-von ihren Lippen das süße Geständniß ihrer Liebe
-zu hören oder wenigstens doch in ihren Augen Leben
-oder Tod für mich zu lesen. <em class="ge">Mit</em> ihr, Leben in
-seiner sonnigsten Lust, im Freudenrausche wonnetaumelnder
-Sphären, <em class="ge">ohne</em> sie&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Was zum Teufel hast Du denn da eigentlich
-in Deinem Reisesacke?« rief Meier und ich, der ich,
-während Himmel und Hölle in meinem Herzen mit
-Hoffnung und banger Todesfurcht rangen, das kleine
-Schloß des messingenen Bügels geöffnet und eben
-hineingegriffen hatte meine »Unaussprechlichen« herauszuziehen
-<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
-&ndash; den Frack trug ich nämlich, um ihn
-vor dem Zerdrücken zu bewahren, schon unter dem
-Burnus &ndash; ich denke mich rührt der Schlag, als ich
-gleich obenauf einen Schnürleib, ein Paar Schachteln,
-ein Schminkbüchschen und in immer wachsender Verzweiflung
-und Wuth eine ganze Unmasse solchen
-Plunders herausziehe und um mich her auf Boden
-und Stühle streue.</p>
-
-<p>Meiers dämonisches Lachen brachte mich erst wieder
-zur Besinnung.</p>
-
-<p>»Hahahaha!« schrie er und die Thränen liefen
-ihm in ununterdrückbarem Jubel über das breite,
-rothgeschwollene Gesicht &ndash; ich hätte ihn erwürgen
-können, »hahaha &ndash; hast einen falschen Reisesack
-erwischt &ndash; das ist göttlich &ndash; das ist unbezahlbar.«</p>
-
-<p>»Da!« rief ich und schleuderte den geleerten nichtswürdigen
-Reisebeutel mit wildem Wurfe hinter den
-Ofen, »da lieg und verdirb. &ndash; Was fang ich an?
-Ich kann doch wahrhaftig nicht in meinen blau- und
-graucarrirten den Ballsaal betreten? &ndash; Heilige Dreifaltigkeit,
-habe ich denn nicht recht, wenn ich mich für
-das unglückseligste Geschöpf halte, das zweibeinig
-zwischen Himmel und Erde herumläuft? Jetzt sitze ich
-hier; Emilie wartet indessen mit ihrer Engelsgeduld
-stundenlang auf mich, den Treulosgeglaubten, kann
-<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
-aber endlich den dringenden Bitten nicht länger widerstehen
-und <em class="ge">muß</em> sich zuletzt auf den ganzen Abend
-engagiren.«</p>
-
-<p>»Aber wie war das nur möglich?« fragte Meier,
-nachdem er sich von seinem bestialischen Lachkrampf in
-etwas erholt. »Jedermann behält doch unterwegs
-seinen Reisesack bei sich und da begreife ich gar
-nicht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Begreifen &ndash; begreifen,« knurrte ich ärgerlich
-und lief dabei händeringend in der Stube auf und
-ab, &ndash; ich war damals zwanzig Jahr alt und der
-Ball mir zur Lebensfrage geworden, &ndash; »ich begreife
-es recht gut. Auf der letzten Station, wo man im
-Wagen schon keine Hand mehr vor den Augen sehen
-konnte, stieg noch eine Dame in unser Coupée und
-drückte sich, da in der Ecke gegenüber ein dickbepelzter
-vermaledeiter polnischer Jude saß und gar nicht daran
-dachte der Neuhinzukommenden Raum zu machen,
-dicht neben mich. &ndash; Ich bin von diesem Augenblicke
-an mit Leib und Seele <em class="ge">gegen</em> die Emancipation. &ndash;
-Daß sie auch einen Reisesack bei sich hatte, wußte ich
-natürlich gar nicht und als der Zug hielt, sprang ich,
-in Eile wie ich war und jetzt auch noch in der Angst
-vielleicht nicht einmal eine Droschke zu bekommen,
-rasch und ohne mich weiter um die Dame und ihr
-<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
-Gepäck zu bekümmern, aus dem Coupée und dem
-Droschkenplatze zu. Ich muß dabei wahrscheinlich
-ihren Reisesack erfaßt haben und sie hat dafür den
-meinigen. Meier, es wird bei Gott zu spät. &ndash; Wo bekomme
-ich andere Ballhosen her? wenn ich noch länger
-zögere ist Emilie auf den ganzen Abend versagt und
-ich kann nachher ihre dicke Tante im Saale herumschleppen.«</p>
-
-<p>»Nun, wenn es weiter nichts ist,« meinte Jener
-gutmüthig, »da kann vielleicht noch Rath werden&nbsp;&ndash;,
-hier mache nur schnell Toilette und ich will
-unterdessen hinausgehen und sehen ob ich Dir nicht
-aus meiner Garderobe ein Paar zur Aushülfe herausfinden
-kann &ndash; wir sind ja ungefähr von einer Größe.«</p>
-
-<p>Guter Mensch, der Meier! ich drückte ihm herzlich
-die Hand und während er hinausging besorgte
-ich meinen übrigen Anzug, brachte meine etwas in
-Verwirrung gerathenen Haare in Ordnung und war
-wenige Minuten später bereit in jedes Paar Beinkleider
-hineinzufahren, das sich mir bieten würde.
-Meier kam aber nicht so schnell wieder und ich unterhielt
-mich indessen damit, die Thüre jede halbe Minute
-zwei Mal auf- und zuzumachen, oder die Schachteln
-und Büchsen zu untersuchen, die mir ein tückisches
-Schicksal in den Weg geschleudert.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a>
-<em class="ge">Damenplunder</em>, Schminke, Puder, ein
-Paar falsche Locken, getragene Handschuhe und
-Strümpfe.</p>
-
-<p>»Bah!« rief ich und warf den Kram wieder von
-mir, »ist es denn möglich, daß es Esel auf der Welt
-giebt, die sich durch <em class="ge">solche</em> Mittel bethören lassen?
-Ich bin erst zwanzig Jahre, aber so viel weiß ich,
-würde&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Herr Gott, wie riecht das hier verbrannt!« rief
-Meier, der in diesem Augenblicke die Thüre aufriß
-und mit dem ersehnten Kleidungsstücke hereintrat.
-»Hier muß etwas versengt sein.«</p>
-
-<p>Mir war der Geruch auch schon aufgefallen,
-doch hatte ich in all' meiner Ungeduld nicht darauf
-geachtet; Meier dagegen zog gleich darauf den verhängnißvollen
-Reisesack hinter dem Ofen vor. Die
-eine Seite desselben &ndash; weißer Grund mit rothen Rosen
-&ndash; ich kann mich noch so deutlich darauf besinnen als
-wenn es gestern gewesen wäre &ndash; war gelbbraun gesengt
-und zu meiner Schande muß ich's gestehen, daß
-ich eine ordentliche Schadenfreude darüber empfand.
-Was kümmerte mich aber jetzt der Reisesack, ich fuhr
-nur &ndash; während Meier alle die diversen umhergestreuten
-Gegenstände wieder ohne große Vorsicht und Ordnung
-in den Beutel zurückwarf, mit dem Knie, da
-<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
-nicht alles bequem hinein wollte, ein Bischen nachdrängte
-und dann das Ganze unter das Bett schob &ndash;
-mit wahrer Todesverachtung in die Unaussprechlichen.
-&ndash; Herr der Welt, wenn sie nicht gepaßt hätten &ndash;
-aber nein.</p>
-
-<p>»Triumph!« rief ich und that mit beiden Füßen
-zugleich einen Luftsprung, »die Intelligenz siegt!«</p>
-
-<p>Sie saßen wie angegossen &ndash; nur ein klein wenig
-zu eng, doch that das nichts &ndash; der Schnitt war vorzüglich
-und ich freute mich &ndash; auf mein Bein habe
-ich mir von jeher etwas eingebildet &ndash; wie ein Kind
-darüber. Kaum nahm ich mir jedoch nur zu einer
-flüchtigen Spiegelpromenade Zeit, denn unten knallte
-schon der von dem Dienstmädchen indeß herbeigeholte
-Droschkenkutscher, warf rasch den Burnus über, ergriff
-meine Handschuhe, drückte meinen Hut auf und
-wollte fort.</p>
-
-<p>»Halt,« sagte da Meier und faßte meinen
-Arm, »wann wirst Du denn wohl wieder zu Hause
-sein?«</p>
-
-<p>»Wer? ich? Nun nicht zu spät; wenn meine Dame
-nach Hause fährt, tanz' ich keinen Schritt mehr; auf
-jeden Fall bin ich um ein oder zwei Uhr spätestens
-wieder hier.«</p>
-
-<p>»Gut, dann nimm den Hausschlüssel,« erwiederte
-<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a>
-mir Meier; »ich komme schwerlich so früh heim, denn
-wir spielen nachher immer noch ein Paar Rubber
-Whist. &ndash; Schläfst Du fest?«</p>
-
-<p>»Nicht außergewöhnlich.«</p>
-
-<p>»So werde ich gerade unter dem Fenster hier, wo
-Dein Bett steht, in die Hände klatschen &ndash; Du magst
-dann den Hausschlüssel in Dein Taschentuch binden,
-oder in den Tabaksbeutel dort stecken und herunterwerfen.«</p>
-
-<p>»Habt Ihr denn keinen Hausmann, der auf die
-Klingel kommt?«</p>
-
-<p>»Der Draht ist heute gerissen und noch nicht wieder
-gemacht &ndash; Du wirst mich schon hören.«</p>
-
-<p>»Aber der verwünscht schwere Schlüssel&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Laß ihn im Burnus, da genirt er Dich nicht &ndash;
-und noch eins &ndash; merke Dir die Thüre hier. Wenn
-Du im Dunkeln die Treppe heraufkommst, so fühle
-Dich nur links gleich an der Wand hin, Du kannst
-gar nicht fehlen; die erste Thüre.«</p>
-
-<p>»Genug &ndash; genug!« Wir sprangen die Treppe
-hinunter in den Wagen und fort ging's, dem Hôtel
-de Russie zu, wo uns schon von weitem die blendend
-erleuchteten Saalfenster das Fest als begonnen verkündigten.</p>
-
-<p>Wie mir das Herz pochte, als ich die breite
-<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
-teppichbelegte Treppe hinaufstieg! war mir's nicht,
-als ob ich plötzlich Blei in den Füßen habe und die
-Glieder nicht mehr bewegen und heben könne &ndash; mit
-Gewalt mußte ich mich zusammenraffen und wurde
-erst durch einen der betreßten Lakaien, der mir ein
-Stück Pappe in die Hand drückte und im nächsten
-Augenblicke mit meinem Burnus verschwunden war,
-zu mir selbst gebracht.</p>
-
-<p>Wir traten ein; aus der geöffneten Saalthüre
-tönten uns aber schon die wilden Töne eines Gallopps
-entgegen. Ich hatte es mir doch gedacht, drei Tänze
-waren schon vorüber, die Polonaise und zwei Walzer
-und Emilie <em class="ge">mußte</em> sich ja auf den ganzen Abend versagt
-haben &ndash; oder durfte ich etwa vernünftiger Weise
-etwas anderes erwarten?</p>
-
-<p>»Siehst Du,« murmelte ich, die Hand krampfhaft
-auf dem Herzen geballt, in Meiers Ohr, »<em class="ge">das</em> ist
-mein Schicksal, das mich rettungslos verfolgt &ndash;
-vierundzwanzig Meilen habe ich jetzt in grimmigster
-Kälte zurückgelegt &ndash; riesengroße Schwierigkeiten
-überwunden und besiegt und jetzt? &ndash; <em class="ge">zu spät</em> &ndash; der
-Fluch, der mir mein ganzes Leben untergraben hat
-&ndash; Emilie ist für mich verloren und ich bin elend &ndash;
-elend auf ewig.«</p>
-
-<p>»Adolph,« flüsterte mir Meier zu und bog sich zu
-<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
-mir herüber, »Du weißt was ich Dir schon tausend
-Mal gesagt habe, schlag Dir, wenn Du gescheidt bist,
-das Mädchen aus dem Kopfe, Emilie ist älter als
-Du selbst, über die besten Jahre hinaus.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Geh zum Henker!« rief ich unwillig, »Mensch,
-willst Du mich denn jetzt auch noch, wo ich überdies
-dem Verzweifeln nahe bin, wahnsinnig machen? Du
-weißt, daß ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Schon gut, die alte Noth, Du <em class="ge">willst</em> nicht
-hören, so gehe denn ruhig Deinen Weg. Aber da drüben
-kommt Emiliens jüngerer Bruder gerade auf uns
-zu, von dem wirst Du augenblicklich erfahren können,
-wo Du die <em class="ge">Göttliche</em> zu suchen hast.«</p>
-
-<p>Ich wandte mich unwillig von ihm ab, dem
-Bruder der Geliebten zu; wer aber beschreibt mein
-Erstaunen, ja mein Entzücken, als ich höre, daß
-Emilie, ebenfalls durch eigenthümliche Hindernisse
-aufgehalten, noch gar nicht erschienen ist, aber jeden
-Augenblick erwartet wird. Ich hätte dem liebenswürdigen
-jungen Manne, einem etwas hochaufgeschossenen
-Secundaner, auf offenem Ballsaale um den Hals
-fallen können. Daß ich mich jetzt dicht an der Saalthüre
-postirte versteht sich von selbst; allerdings begrüßte
-ich hier in meinem Eifer wohl zehn Mal
-fremde Damen, hatte mich mehrere Male zu entschuldigen
-<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a>
-und fand endlich, daß Emilie zu einer
-Nebenthüre eingetreten sei, doch was schadete das?
-durch ihren Bruder geführt, suchte sie selbst mich
-auf und ich vergaß in <em class="ge">dem</em> Augenblicke Fahrt, Reisesack,
-Täuschung und langes Harren &ndash; ich vergaß
-die Welt und lebte, athmete nur in ihr.</p>
-
-<p>Eine Stunde entschwand mir so im Wonnetaumel;
-was ich getanzt, was ich mit ihr gesprochen,
-wie sollte ich es wissen, ich sah auch nicht, was uns
-im wirbelnden jubelnden Festesdrang umgab, nur in
-ihre Augen schaute ich und in diesen blühte ein Paradies
-für mich auf, Emilie war nie so freundlich
-mit mir gewesen und ich hätte in diesem Augenblicke
-mit keinem Gott getauscht.</p>
-
-<p>Erst in einer der Pausen gewann ich Zeit mich
-etwas ruhiger mit ihr zu unterhalten; Arm in Arm
-wanderten wir im Saale auf und ab und ihre kleinen
-rosigen Lippen flüsterten und plapperten mir die süßesten
-Schmeichelworte in die Ohren.</p>
-
-<p>Wir hatten indessen eine der kleinen, an den
-Seiten angebrachten rothgepolsterten Bänke erreicht
-und ließen uns nieder; Emilie aber entschuldigte sich
-jetzt, daß sie so bleich und angegriffen aussähe. Guter
-Gott, das hatte ich ja noch gar nicht bemerkt,
-sie sah wirklich bedeutend blässer aus als gewöhnlich &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a>
-auch in der That etwas verändert &ndash; was war ihr
-geschehen?</p>
-
-<p>»Ach bester Freund,« flüsterte sie auf meine theilnehmenden
-Fragen, »es war gerade nichts von Bedeutung
-und doch etwas, das mich bald gezwungen hätte,
-dem Vergnügen des Tanzes heute ganz zu entsagen.«</p>
-
-<p>Das Blut strömte mir kalt zum Herzen, als ich
-nur an die Möglichkeit dachte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Aber wie <em class="ge">war</em> das möglich? &ndash; Doch nicht
-etwa Krankheit? Ihre Wangen sind heute Abend
-wirklich auffallend bleich&nbsp;&ndash;.«</p>
-
-<p>»Ich war ein Kind,« lächelte sie, »Angst und auch
-&ndash; Aerger, wenn ich denn aufrichtig sein will, sind die
-eigentlich thörichten Ursachen gewesen.«</p>
-
-<p>»Aerger?«</p>
-
-<p>»Um eine Kleinigkeit &ndash; ich habe jetzt einige
-Tage bei einer kranken Muhme im nächsten Städtchen
-zugebracht &ndash; mehrere Bekannte hatten dort
-ebenfalls einen kleinen Ball arrangirt; heute Abend
-kehrte ich erst von dort zurück und &ndash; Sie werden
-mich auslachen, verwechselte im Coupée meinen Reisesack.
-Nun, was erschrecken Sie denn? das ist doch
-nichts so Fürchterliches,« lachte sie, als ich an ihrem
-Arme zusammenfuhr.</p>
-
-<p>»Nein, in der That nicht,« stotterte ich und sah
-<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
-mich dabei im Saale um, ob nicht etwa die Decke
-niederschlagen wollte, mich zu begraben, »verwechselten
-&ndash; verwechselten Ihren Reisesack &ndash; hahaha &ndash;
-das ist wirklich zu komisch, das ist göttlich &ndash; hahahaha
-&ndash; das ist kostbar.«</p>
-
-<p>»Aber ich bitte Sie um Gotteswillen, Adolph!«
-rief Emilie erschreckt, »Sie lenken ja die Aufmerksamkeit
-der ganzen Gesellschaft auf uns, was fehlt
-Ihnen denn?«</p>
-
-<p>»Bitte tausend Mal um Verzeihung!« stotterte
-ich ganz verstört, denn ich wußte in diesem Augenblick
-wahrhaftig nicht, stand ich auf dem Kopfe oder
-auf den Füßen. Schminke, Puder, Locken &ndash; heilige
-Mutter Gottes! Ich drehte mich schnell nach ihr um,
-sie trug beim ewigen Himmel ihre gewöhnlichen kastanienbraunen
-Locken nicht, von denen ich einst mit
-verrätherischer Scheere ein süßes, theures, tausend
-und tausend Mal geküßtes Andenken geraubt. Pest
-und Cholera &ndash; ich hatte jetzt die übrigen zu Hause
-in der Schachtel. Aber was nun thun? sollte ich ihr
-gestehen, daß gerade ich jener Unglückliche sei, der
-&ndash; nein das ging beim Himmel nicht, jetzt nicht.
-Und war denn auch der Reisesack nicht versengt, ruinirt,
-lag er nicht, ich durfte gar nicht daran denken,
-wo und neben wem; meine Sinne fingen überhaupt
-<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a>
-an sich zu verwirren und Brandflecken, Locken, schwarze
-Beinkleider, Schminke, Puder, das Alles drehte sich
-mir wie ein feuriges Räderwerk in tausend tollen
-bunten, immer neu gestalteten Bildern im Kopfe
-herum.</p>
-
-<p>»Ich begreife Sie gar nicht,« flüsterte Emilie
-endlich und warf mir einen vorwurfsvollen aber doch
-zärtlichen Blick zu, »was haben Sie nur?«</p>
-
-<p>»Ach, mein Fräulein,« erwiederte ich ihr in aller
-Verlegenheit und muß in dem Augenblicke so roth
-wie ein gesottener Krebs ausgesehen haben &ndash; »Sie
-glauben gar nicht, wie leid mir Ihr Unfall thut,
-wenn man nur &ndash; wenn man nur herausbekommen
-könnte wer der unglückselige Vertauscher&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Auf jeden Fall ein Herr!« sagte sie rasch, »ich
-fand gleich oben auf&nbsp;&ndash;« sie stockte plötzlich und biß
-sich auf die Lippen.</p>
-
-<p>»Sie haben den fremden Reisesack geöffnet?«</p>
-
-<p>»Ja, allerdings, aus Versehen natürlich, die
-kleinen Schlösser sind sich ja alle gleich und ich sah
-nicht eher, daß ich mich geirrt, bis ich &ndash; bis
-ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ich wußte was jetzt kam, was jetzt kommen
-mußte, sie hatten ja gleich obenauf gelegen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ein kleines Buch fand, einige geheftete Bogen
-<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a>
-heißt das, mit &ndash; Gedichten. Ach Adolph, wenn
-Sie <em class="ge">die</em> Gedichte gelesen hätten«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ueberrascht sah ich zu ihr auf; die verdammten
-Gedichte hatte ich ganz vergessen, doch sie gefielen
-ihr, Emilie schwärmte dafür.</p>
-
-<p>»Todt hätten Sie sich gelacht über das Zeug,«
-fuhr die junge Dame, die sich wieder ganz gesammelt
-hatte, fort, »manches unsinnige Gedicht habe
-ich schon gelesen, aber solch übernächtigen Mondenschein
-und Liebesjammer, solche Selbstmordphantasie
-und überschwengliche Winselei noch nie im Leben. &ndash;
-Ich &ndash; wurde etwas aufgehalten und las einige davon,
-sie waren zu komisch.«</p>
-
-<p>»Aber mein Fräulein,« stotterte ich und verbarg
-mein Gesicht für einen Augenblick in mein Taschentuch,
-mir war es als ob das aus dem Herzen herausschießende
-Blut die Stirnadern zersprengen müßte,
-»ich weiß doch nicht &ndash; fremde Schriften&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Eines Kaufmannslehrlings,« unterbrach sie mich
-lachend, »das hat keine Gefahr, die geschnörkelte
-Handschrift verräth den Dichter,« &ndash; es hatte mich
-einen Thaler fünfundzwanzig Neugroschen gekostet,
-sie sauber abschreiben zu lassen. &ndash; »Sie müssen uns
-morgen besuchen,« fuhr sie fort, »da können Sie den
-Unsinn selber lesen; ich will den Reisesack später zu
-<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a>
-einer Bekannten schicken, wohin ich die Zeitungsannonce
-zu richten gedenke.«</p>
-
-<p>Das war zu viel, meine Pulse flogen fieberhaft,
-meine Stirn brannte, das Wort lag mir auf der
-Zunge, mit dem ich sie zu Boden schmettern wollte;
-mit solcher Heftigkeit ergriff ich dabei ihren Arm,
-daß sie einen leisen Schrei ausstieß und erschreckt zu
-mir aufsah. Da wirbelten die Pauken, da dröhnten
-die Trompeten ihre Jubelfanfare drein, der innere
-Kreis lichtete sich und die Paare flogen zum Antritt
-an ihre Plätze, ich sprang auf und starrte wild
-umher.</p>
-
-<p>»Kommen Sie, Adolph,« flüsterte da Emilie und
-drückte leise meine Hand, »der Tanz beginnt wieder,
-wir fehlen sonst in der Française.«</p>
-
-<p>Fast willenlos zog sie mich dem Kreise der jubelnden
-Schaar zu, mich, den Verzweifelnden, mit
-der Hölle im Herzen; da zuckte es auf in mir, in
-langverhaltenem Grimme; ich riß mich los von der
-Entsetzlichen, that einen Sprung zurück und rief:
-Nein, &ndash; kein Wort kam über meine Lippen, auch
-der kleinste Laut erstarb mir auf der Zunge, aber
-ein eiskalter Schauer lief mir den Rücken hinab.
-Heiliger Gott, ich hatte die fremden, <em class="ge">engen</em> Beinkleider
-vergessen, eine Naht war bei meiner allzufreien
-<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a>
-Bewegung geplatzt, soviel fühlte ich, und fürchtete
-jetzt das Entsetzlichste. Aller Augen richteten sich
-dabei, wie es mir wenigstens vorkam, auf mich und
-mir war es, als wenn ich vor Schaam hätte in die
-Erde sinken sollen.</p>
-
-<p>Wenn sie es merkten, wenn ich unter dem höhnischen
-Lachen dieser Elenden den Saal verlassen
-mußte; doch nein, noch konnten sie den ganzen Umfang
-meines Jammers nicht begriffen haben, noch
-war es vielleicht möglich, mich unbeachtet zu entfernen.
-Das einzige Mittel blieb ein urplötzliches
-Nasenbluten; ich riß das Taschentuch heraus, hielt
-es mir vor das Gesicht und überflog mit einem schnellen
-Blicke das Terrain. Aber der ganze Platz zwischen
-uns und der Thüre war von Menschen frei &ndash;
-nur einzelne Damen standen hier und da und unzählige
-Lichter verliehen ihm Tageshelle; wagte ich
-mich jetzt darüber hin, so setzte ich mich tollkühn selbst
-einer Entdeckung aus; ich mußte einen günstigem
-Zeitpunkt abwarten.</p>
-
-<p>Ein zweiter Blick überzeugte mich, daß der Platz,
-auf dem ich vor wenigen Minuten mit Emilien gesessen,
-noch frei sei und auch ziemlich von einer neben
-ihm herunterhängenden Gardine verdeckt und dadurch
-unbeachtet liege. War ich im Stande mich dorthin
-<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a>
-<em class="ge">unerrathen</em> zurückzuziehen, so konnte ich nachher
-meine Zeit abpassen und bei günstiger Gelegenheit
-die Thüre gewinnen.</p>
-
-<p>Daß ich unter diesen Umständen nicht wagen
-durfte, der Gesellschaft den Rücken zu drehen, läßt
-sich denken; obgleich mir aber Emilie voll Erstaunen
-nachsah, da selbst das vorgehaltene Taschentuch eine
-solche retrograde Bewegung nicht vollkommen entschuldigte,
-so gelang es doch endlich durch äußerst
-geschicktes Manöveriren und die Deckung eines hochlehnigen
-Stuhles, den Sitz wieder zu erreichen, um
-von hieraus meine völlige Flucht bewerkstelligen zu
-können.</p>
-
-<p>Zur dringenden Nothwendigkeit war es jetzt geworden
-die <em class="ge">Größe</em> des angerichteten Schadens zu
-ermitteln; wie es schien nahm in diesem Moment
-Niemand weiter Notiz von mir und ich bog, das Tuch
-jedoch noch immer vor der Nase, den Kopf ein klein
-wenig herunter. Herr des Himmels, ein ganzes Stück
-weißer, verrätherischer Leinwand hing neben mir an
-der Seite der rothgepolsterten Bank herunter; für so
-entsetzlich hatte ich mein Unglück gar nicht gehalten;
-aber es war nur zu gewiß, auch so ein kaltes Gefühl&nbsp;.....
-Mein Herz schlug mir wie ein Hammer in
-der Brust, meine Glieder flogen in Fieberfrost. Doch
-<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a>
-die <em class="ge">Nähe</em> der Gefahr giebt ja auch den verzagtesten
-Menschen den Muth zurück; das Unglück war nicht
-mehr hinwegzuleugnen, es mußte <em class="ge">verbessert</em> werden.
-Wäre nur Meier einen Augenblick dagewesen,
-aber nein, der saß gewiß, kalter gefühlloser Mensch,
-ein solcher Jurist! hinter seinem Whisttische und zählte
-Tricks und Points, auf ihn durfte ich nicht rechnen,
-und eben wollte ich mich, um wenigstens das Schlimmste
-zu redressiren, langsam emporrichten, fast unwillkürlich
-hob ich dabei den Blick, knickte aber auch blitzschnell
-auf meinen Platz zurück, denn zehn Schritte von
-mir entfernt und gerade auf mich zukommend erkannte
-ich, wen anders als Emilien am Arme des
-dürren, bleichsüchtigen Secundaners, ihres liebenswürdigen
-Bruders.</p>
-
-<p>Hätte sich die Sammetbank aufgethan und mich
-verschlungen, ich wäre mit dem größtmöglichsten Vergnügen
-eine unbestimmte Anzahl von Klaftern erdab
-in völlige Dunkelheit hineingefahren; die blieb aber
-stockstill und regungslos stehen und mir kaum Zeit
-meinen dünnen Frackzipfel über das Gräßliche zu
-breiten als auch schon mein Schicksal in der Gestalt
-dieser Sirene auf mich zutrat und mit leiser freundlich
-schmeichelnder Stimme fragte:</p>
-
-<p>»Haben Sie Nasenbluten, Adolph?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a>
-Ich machte nur einfach eine stumme bejahende
-Bewegung.</p>
-
-<p>»Nun das wird bald vorübergehen,« tröstete sie
-mich, »aber &ndash; dürfte ich Sie wohl einmal auf einen
-Augenblick incommodiren?«</p>
-
-<p>Ich sah überrascht und erschreckt zu ihr auf.</p>
-
-<p>»Sie sitzen auf meinem Taschentuche,« fuhr
-sie bittend fort, »ich habe es vorhin hier liegen
-lassen.«</p>
-
-<p>»Es &ndash; es liegt kein Taschentuch hier,« versicherte
-ich hinter meinem eigenen Tuche hervor auf
-das Bestimmteste, »ich habe eben erst nachgesehen.«</p>
-
-<p>»Doch, doch, lieber Adolph,« lächelte die Entsetzliche,
-»Sie sitzen in der That darauf, ich &ndash; ich
-sehe dort sogar den Zipfel,« und ehe ich von dem was
-mir bevorstand auch nur eine entfernte Ahnung
-hatte, fuhr sie plötzlich auf den vermeintlichen Tuchzipfel
-zu, faßte es und suchte es vorzuziehen.</p>
-
-<p>Wenn ich mir in meinem Leben etwas gewünscht
-habe, so war es in dem Augenblicke ein Gewicht von
-circa hunderttausend Pfund. Allerdings packte ich das
-sogenannte Tuch so schnell als möglich selbst und hielt
-es fest, meine erbarmungslose Quälerin aber legte
-sich mit ganzer Macht dagegen und da ich nur eine
-Hand gebrauchen konnte und überdies auf der weichgepolsterten
-<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a>
-Bank nichts weniger als fest saß, fühlte
-ich, wie sie mehr und mehr Raum gewann.</p>
-
-<p>»Aber bester Herr Müller,« winselte da der unglückselige
-Secundaner und legte mit Hand an, »ich
-begreife wahrhaftig nicht, weshalb Sie das Tuch
-nicht,« er zog aus Leibeskräften, »nicht her&nbsp;&ndash; geben
-&ndash; wollen.«</p>
-
-<p>Ich sah mein Verderben vor Augen; das Fürchterliche
-konnte nicht länger verborgen bleiben; nur es
-noch so lange als möglich zu verzögern, da &ndash; Heiland
-der Welt, da gab es nach, ich fühlte wie es unter
-mir vorrutschte, die Geschwister sprangen zurück und
-hielten &ndash; wachte ich denn oder träumte ich? &ndash; Emiliens
-wirkliches Taschentuch in der Hand, ein rascher
-verzweifelter Griff überzeugte mich sogar, daß meine
-eigene Furcht ganz ungegründet gewesen, ob es aber
-jene Beiden gemerkt, oder ob sie blos über das eroberte
-Tuch jubelten, ich weiß es nicht, unter dem
-mir teuflisch klingenden Hohngelächter schoß ich aus
-dem Saale, fuhr in toller Eile in zwei falsche Burnusse
-hinein, bekam endlich den rechten, nebst einem
-Hute, der mir bis über die Schläfe in's Gesicht sank,
-warf den in die Ecke, drückte mir das erste beste auf
-den Kopf was mir passend vorkam und stürmte die
-Treppe hinunter, aus dem Hause in die schneidend
-<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a>
-kalte, aber meine brennende Stirn wie Balsam kühlende
-Nachtluft hinaus.</p>
-
-<p>Ich war frei und hoch hob sich mir die Brust,
-und eilenden Laufes floh ich, eine Hölle im Herzen,
-die dunkele zugige Straße hinunter der Schloßgasse zu.</p>
-
-<p>Als ich diese endlich erreichte, konnte ich allerdings
-nicht gleich das rechte Haus erkennen; sie sahen
-sich alle ähnlich mit ihren grauen Erkern und
-düstern Fenstern, glücklicher Weise wußte ich aber die
-Nummer und fand endlich bei dem matten Scheine
-einer gegenüber düster flackernden Laterne die ersehnte
-15.</p>
-
-<p>»Morgen mit dem Frühzuge brech' ich wieder auf!«
-murmelte ich dabei, während ich den schweren Schlüssel
-aus der Tasche holte und in das Schlüsselloch zu stecken
-versuchte. »Ich bin geheilt &ndash; Meier hat recht &ndash;
-verrathen war ich, schändlich, niederträchtig, ver&nbsp;&ndash;
-na, nun schließt dieser vermaledeite Schlüssel auch
-nicht &ndash; weiter fehlte mir gar Nichts als jetzt auch
-noch eine Stunde hier auf der Straße zu stehen.« &ndash;
-Ich probirte, es ging nicht, ich blies den Schlüssel
-aus, weil ich glaubte es könnten sich Krumen hineingesetzt
-haben &ndash; es ging immer noch nicht.</p>
-
-<p>»Meier!« rief ich, in der trostlosen Hoffnung, daß
-dieser schon vor mir den Ball verlassen haben könnte,
-<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a>
-bekam aber natürlich keine Antwort und versuchte den
-Schlüssel auf's Neue. Umsonst &ndash; vergebens drückte
-ich zehnmal an die Klinke, vergebens interessirten sich
-die Nachtwächter und ein Paar vorbeikommende Chaisenträger
-auf das Lebhafteste für mich; hinein in das
-Schlüsselloch brachte ich den Verräther, nachher aber
-blieb er nicht allein regungslos darin stecken, sondern
-wollte sogar nicht einmal wieder heraus. Ich weiß
-selbst nicht, wie lange ich frierend und fluchend an dem
-unglückseligen Schlosse probirte, endlich rieth mir ein
-Vorbeigehender &ndash; denn selbst der Nachtwächter hatte
-die Sache zuletzt als trost- und hoffnungslos aufgegeben
-&ndash; zu läuten, damit der Hausmann käme und
-öffne.</p>
-
-<p>Läuten! &ndash; ja er hatte gut reden, war denn nicht
-der Draht gesprungen? doch folgte ich wirklich,
-eigentlich nur aus Verzweiflung und Grimm dem
-Rath und riß, als ob ich die Klingel hätte mit der
-Wurzel aus dem steinernen Gewände reißen wollen.
-Es that mir wohl irgend etwas Bewegliches zu haben,
-an dem ich meine Wuth auslassen konnte. Der
-Zug blieb aber keineswegs so erfolglos, als ich es
-erst geglaubt; drinn im Hause war plötzlich durch
-meine etwas gewaltige Kraftanstrengung eine Glocke
-in Bewegung gesetzt worden, die jetzt ganz urplötzlich
-<a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a>
-nicht allein den merkwürdigsten und entsetzlichsten
-Spektakel auf eigene Hand vollführte, sondern allem
-Anscheine nach auch gar nicht beabsichtigte je wieder
-aufzuhören. Es dauerte denn auch nur kurze Zeit &ndash;
-und die Riesenglocke läutete dabei noch immer fort &ndash;
-bis ein Paar Pantoffeln in größtmöglichster Eile
-über den steinernen Vorsaal herangeschlappt kamen;
-der in den Pantoffeln Steckende hustete auf sehr bedenkliche
-Weise und durch das Schlüsselloch fiel plötzlich
-ein einzelner Hoffnung erweckender Lichtstrahl.
-Inwendig wurde ein Schlüssel eingedrückt und herumgedreht,
-zu meiner Verwunderung aber auch noch
-ein Riegel zurückgeschoben und die schwere Thüre
-knarrte in ihren Angeln.</p>
-
-<p>»Herr du mein Gott!« rief dabei der Alte, der
-bis über die Ohren in einem weißen Schafpelze stak,
-»wer reißt denn da so fürchterlich an der Glocke?«</p>
-
-<p>»Guten Abend, Alter,« unterbrach ich ihn aber,
-trat, während ich ihm ein Viergroschenstück in den
-Schlafrock drückte &ndash; denn die Aermel gingen ihm
-bis weit über die Hände &ndash; in's Haus und wollte
-ohne Weiteres die Treppe hinauf, da ich nach der
-früheren Hitze und durch das lange Stehen vor der Thüre
-bis in's innerste Mark hinein durchfroren war. Der
-Mann hielt mir aber erst seine Laterne unter's Gesicht
-<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a>
-und sagte, mit einem durch das indessen seitwärts
-besichtigte Viergroschenstück nur theilweise beruhigten
-Blicke:</p>
-
-<p>»Wohnen Sie denn hier?«</p>
-
-<p>»Jawohl, oben beim jungen Herrn.«</p>
-
-<p>»Seit wann denn?«</p>
-
-<p>»Seit heute Abend neun Uhr; wir sind zusammen
-zum Balle gefahren.«</p>
-
-<p>»Ah so!« nickte der Alte, der damit seiner Hauspflicht
-genügt zu haben glaubte und wandte sich mit
-einem kurzen »gute Nacht« zum Gehen, mein Blick
-war aber dadurch und als ich mich nach ihm umdrehete,
-auf die Hausthüre gefallen und ich sah dort den
-Riegel, den er eben wieder vorgeschoben hatte.</p>
-
-<p>»Wird denn hier das Haus von innen verriegelt?«
-fragte ich ihn erstaunt, »das habe ich ja gar
-nicht gewußt, &ndash; da hätte mir ja auch mein Schlüssel
-nichts geholfen.«</p>
-
-<p>»Ja,« meinte der Alte und bekam wieder den
-bösen Husten, »seit sie hier &ndash; oho oho oho &ndash; in
-der Schloßgasse, die &ndash; oho oho oho &ndash; die Frau
-erschlagen haben, oho oho, ist mein Herr ängstlich
-geworden &ndash; oho oho oho.«</p>
-
-<p>»Wie kommt da aber der junge Herr herein?«</p>
-
-<p>»Der klingelt auch!« meinte sehr lakonisch der
-<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a>
-Brustkranke und zog sich, nicht ohne Grund die nachtheiligen
-Folgen der Zugluft für sich selbst fürchtend,
-mit einem wahren Anfalle von Keuchhusten durch die
-Hofthüre in seine eigenen Apartements zurück.</p>
-
-<p>»Das also ist das Ende meines süßen Traumes!«
-seufzte ich, als ich die breite steinerne Treppe im
-Dunkeln hinaufstieg und dabei links das Geländer
-hielt, um nicht irgendwo anzulaufen; was kümmerte
-mich in diesem Augenblicke der Riegel? mir gingen
-andere fürchterlichere Gedanken im Kopfe herum.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>&ndash; »Das ist das Resultat meiner Reise&nbsp;&ndash;, das der
-Grundstein meines künftigen Glücks, auf dem ich
-Riesenbauten aufgeführt hätte. &ndash; Fort, fort, selbst
-mit der Erinnerung an mein Unglück &ndash; ich will
-schlafen und wäre es bis zum letzten Tage. Ach der
-Tod müßte jetzt eine Wohlthat sein.«</p>
-
-<p>Wie dunkel das aber auf der Treppe war, nicht
-einmal die Stufen konnte ich erkennen, eine wirklich
-ägyptische Finsterniß, doch wußte ich ja meinen Weg
-und fühlte mich, als ich die erste Etage erreichte,
-links dicht an der Mauer hin. Da stieß meine Hand
-an irgend etwas und in demselben Moment, in dem
-ich mir das Knie an einer scharfen Ecke fast zerstieß,
-klirrte mit fürchterlichem Gepolter irgend ein irdenes
-Gefäß zu Boden und das plätschernde Geräusch verrieth
-<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a>
-mir, daß ich jedenfalls einen nicht unbeträchtlichen
-Wasserkrug heruntergestoßen haben müßte.</p>
-
-<p>Das fehlte mir noch &ndash; ich watete jetzt förmlich;
-wie aber kam der Krug hierher und wo hatte er&nbsp;&ndash;?
-wahrhaftig da stand auch ein Tisch; der mußte dorthin
-gestellt sein seit wir fortgegangen und meine
-linke Kniescheibe trug jetzt die Folgen. Doch hier
-half weiter kein Besinnen, im Dunkeln konnte ich
-überdies nichts wieder gut machen und beschloß nur
-Meier, wenn ich ihn zu Hause kommen hörte, aus
-dem Fenster hinaus zu warnen, daß er nicht etwa
-über das indessen die Treppe hinabgeströmte und gefrorene
-Wasser stürze.</p>
-
-<p>Ich tappte jetzt an der linken Wand hin. &ndash;
-Nun? &ndash; Da sollte doch die Thüre sein. &ndash; Ich konnte
-nichts fühlen als die nackte kalte Mauer; auf jeden
-Fall mußte ich sie gleich im Anfange übergangen
-haben und suchte meinen Weg noch einmal zurück
-bis zur Treppe, aber keine Thüre war zu sehen und
-ich wußte doch so genau, daß sie sich auf <em class="ge">der</em> Seite
-befand. Wieder begann ich meine Wanderung, und
-die Zähne klapperten mir vor Frost und wieder mit
-nicht besserem Erfolge als zuerst, nur kam ich, als
-ich mich immer weiter hinarbeitete, zu einem Fenster,
-das in irgend einen dunkeln Hof hinausführte. &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a>
-Wo war ich jetzt? Was sollte ich thun, was beginnen?
-Ich konnte doch wahrlich nicht die ganze
-Nacht auf der Treppe bleiben, wäre ja auch in meinem
-dünnen Ballanzuge erfroren. Und sollte ich
-Lärm hier im fremden Hause machen? &ndash; mit was
-für einem Gesichte durfte ich mich dann morgen &ndash;
-ei zum Henker, Noth bricht Eisen, erfrieren konnte
-ich auch nicht. Uebrigens mußte ja doch auch irgendwo
-eine Thür sein, und traf ich nicht die rechte, so
-weckte ich wenigstens Menschen, die mir das richtige
-Zimmer öffneten.</p>
-
-<p>Rasch entschlossen ging ich an's Werk und kam
-glücklicher Weise endlich an eine Klinke, die ich zu
-öffnen versuchte; doch umsonst, sie widerstand allen
-meinen Bemühungen und auf mein mehrmaliges
-Anpochen erhielt ich ebenfalls keine Antwort. Ich
-ging jetzt weiter, stolperte nochmals über einen Stuhl,
-stieß an einen kleinen Tisch, über dem ich einen Spiegel
-fühlte, und erreichte zuletzt eine zweite Thüre.</p>
-
-<p>Obgleich auch diese mir den Eintritt versagte,
-so glaubte ich doch ein Geräusch wie das eines
-Schnarchenden zu vernehmen. Ich klopfte herzhaft
-an und horchte &ndash; da regte sich etwas &ndash; eine Bettstelle
-knarrte, als ob sich Jemand darin umdrehe,
-dann war alles wieder still. &ndash; Ich wiederholte mein
-<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a>
-Pochen, da rief plötzlich eine allem Anscheine nach
-auf's Aeußerste erstaunte Stimme:</p>
-
-<p>»Was zum Henker giebt's denn da draußen?
-Wer klopft? Johann, bist Du das?«</p>
-
-<p>»Ich bin's, Herr Meier!« erwiederte ich ihm mit
-schüchterner, aber nichts desto weniger lauter Stimme,
-denn ich mußte natürlich in ihm den Vater meines
-Freundes vermuthen. &ndash; »Adolph Müller ist's, der
-Freund Ihres Sohnes; ich kann meine oder vielmehr
-seine Stube nicht finden.«</p>
-
-<p>»Donnerwetter, Herr, stören Sie die Menschen
-nicht im Schlafe!« rief aber der vermeintliche Vater mit
-keineswegs freundlicher Stimme, »ich habe gar keinen
-Sohn &ndash; gehen Sie zum Teufel und lassen Sie mich
-in Ruhe&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber bester Herr,« bat ich ihn, »ich stehe hier
-draußen in der grimmigsten Kälte und kann den Tod
-davon haben; wenn ich nur wenigstens ein Licht
-hätte, daß ich meine Stube finden könnte. In welchem
-Zimmer wohnt denn nur Herr Meier?«</p>
-
-<p>»Ich kenne gar keinen Meier, Herr!« rief die
-Stimme mit einer fürchterlichen Bestimmtheit, »hier
-im ganzen Gebäude existirt kein Meier. &ndash; Gute Nacht,
-schlafen Sie wohl&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Und ich hörte, wie sich der Unmensch mit aller
-<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a>
-Gewalt auf die andere Seite warf, seine Worte aber
-waren wie ein Donnerschlag für mich &ndash; kein Meier
-im ganzen Hause! Das konnte ja gar nicht sein &ndash;
-hatte ich denn nicht die Nummer mit eigenen Augen
-gelesen? &ndash; Doch das Innere des Hauses selbst, die
-ganze Einrichtung war mir in der That fremd &ndash;
-sollte er recht haben? Doch nein, auf jeden Fall
-wohnte mein Meier hier; der Droschkenkutscher hatte
-mich ja auch gleich vor die richtige Thüre gefahren,
-ein Beweis, daß ich doch damals die Nummer gewußt;
-an mir lag es daher einen zweiten Versuch
-zu machen um mein Bett zu finden.</p>
-
-<p>Ich schritt, immer weiter rechts, langsam an der
-Wand hin und erreichte endlich einen von außen durch
-einen Wollbeschlag verwahrten Eingang, der auf jeden
-Fall zu einer Wohn- oder Schlafstube führte; hier
-mußte übrigens die Klinke auf der verkehrten Seite
-sein, denn ich fühlte erst vergebens ringsherum und
-fand sie endlich in der Mitte. Kaum hatte ich sie
-jedoch berührt und darauf gedrückt, als von innen
-heraus ein so fürchterlicher markdurchschneidender
-Schrei erscholl, daß ich entsetzt zurückfuhr.</p>
-
-<p>»Herr Meier,« rief ich aber gleich darauf rasch
-gesammelt und klopfte dabei scharf an die Thüre;
-»mein guter Herr Meier!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a>
-»Mörder &ndash; Diebe &ndash; Spitzbuben! Feuer! Feuer!«
-gellte als Antwort die Stimme und nach dem Hofe zu
-wurde eine Klingel, die auf jeden Fall mit dieser Stube
-in Verbindung stand, aus Leibeskräften gerissen.</p>
-
-<p>»Aber bester Herr Meier,« bat ich und suchte dadurch
-den Sturm zu beschwichtigen.</p>
-
-<p>»Hülfe &ndash; Hülfe &ndash; Feuer &ndash; Diebe!« tobte
-das Echo und überall im Hause klappten Thüren und
-wurden ängstliche Stimmen gehört. Wieder, aber
-dies Mal noch in viel ängstlicherer Hast, schlurrten
-die Pantoffeln des Hustenden herbei und ich wußte für
-den Augenblick wirklich nichts Besseres zu thun, als
-mich diesem auf Gnade und Ungnade zu ergeben.</p>
-
-<p>Ich fühlte meinen Weg, so schnell das gehen
-wollte, an die Treppe zurück und das Geländer hinunter,
-wo ich mit Freuden das eben wieder in die
-Hofthüre hereinblitzende Licht des Hustenden begrüßte.
-Dieser aber gewahrte kaum meine, wie er nach allem
-dem Hülfeschreien wahrscheinlich glauben mochte, in
-höchst böswilliger Absicht auf ihn zueilende Gestalt,
-als er blitzschnell, wie die Figur in irgend einer künstlichen
-Uhr, zurückschnellte, die Thüre in's Schloß
-warf und den Zeter von einer Treppe hoch mit</p>
-
-<p>»Faß ihn, Türk, halt ihn fest, Packan, hu hetz
-hetz, Nero, hu hetz hetz!« accompagnirte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a>
-Wohl sprang ich jetzt an die Hausthüre und
-schob den Riegel zurück, denn es wurde mir nun
-doch klar, daß ich durch das unseligste Mißverständniß
-in ein falsches Gebäude gerathen sei, die
-verwünschte Thüre ließ mich gegenwärtig aber ebensowenig
-hinaus, als sie mich vorhin hereingelassen hatte
-und zu der Aufregung, in der ich mich überhaupt
-befand, kam auch noch die Furcht, daß der schwindsüchtige
-Barbar am Ende gar zu guter Letzt eine Meute
-Kettenhunde auf mich losließe, wo ich dann in der engen
-Hausflur eine Scene aus den altheidnischen Thiergefechten
-hätte aufführen können. Glücklicher Weise
-mußte aber kein Hund auf dem ganzen Hof sein und
-die drohenden Laute sollten wohl blos dazu dienen
-die vermeintlichen frechen Diebe zurückzuschrecken.
-Ehe ich jedoch im Stande war einen festen Entschluß
-zu fassen und einmal schon wirklich im Begriffe die
-jetzt ebenfalls verschlossene Hofthüre zu sprengen, um
-mir wenigstens Bahn in des Hausmanns warme
-Stube zu brechen, flog das Thor plötzlich auf und
-drei entsetzte Gestalten mit Heugabeln, Schaufeln
-und einem großen Küchenmesser bewehrt, rückten in
-verzweifelter Tapferkeit heran und forderten mich mit
-grimmer Stimme zum Niederlegen der Waffen auf.</p>
-
-<p>Es dauerte nun allerdings geraume Zeit, ehe ich
-<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a>
-im Stande war ihnen meine gänzliche Harmlosigkeit
-darzuthun, noch dazu da die früher gehörte Stimme
-von oben herunter ununterbrochene Drohungen von
-Galgen, Rad, Zuchthaus und Galeeren niederrief,
-und dadurch das Trifolium natürlich in dem Glauben
-erhielt, es sei Fürchterliches geschehen. Endlich mochte
-sie mein Ballcostüm, in dem ich mich producirte, beruhigen;
-es war wenigstens nicht wahrscheinlich, daß
-irgend ein vernünftiger Mensch bei solcher Kälte in
-schwarzem Fracke, weißen Glacéhandschuhen und
-Schuh und Strümpfen versuchen solle einzubrechen.
-Mein Freund im Schafspelze erkannte mich auch wieder,
-wollte sich aber, obgleich ich mich endlich mit den
-Leuten in soweit verständigte, daß sie mich für keinen
-Raubmörder hielten, in keinerlei Weise weiter mit mir
-einlassen, versicherte, daß er keinen Menschen Namens
-Meier kenne und in seinem Leben gekannt habe,
-schloß, dabei immer noch mit mißtrauischem Seitenblicke,
-die Hausthüre so schnell als möglich wieder
-auf und ich fand mich wenige Secunden später &ndash;
-und noch froh nicht etwa gar als fremder Ruhestörer
-irgend einem freundlichen Nachtposten überliefert zu
-sein &ndash; gerade vor derselben Pforte, vor der ich kurze
-Zeit früher Gott weiß was darum gegeben hätte, um
-nur gleich und schnell hineinzukommen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a>
-Allerdings suchte ich mich jetzt augenblicklich und
-während innen noch der unausbleibliche Riegel mit
-größter Sorgfalt wieder vorgeschoben wurde, von der
-Identität der Hausnummer zu überzeugen; die letzte
-Laterne war jedoch indeß verlöscht, die Straße menschenleer
-und der Schnee fiel in großen kältenden
-Flocken nieder; ich selbst aber zitterte vor Frost an
-allen Gliedern und fürchtete wohl nicht ohne Grund
-eine bösartige Erkältung, wenn ich, so leicht bekleidet,
-auch nur eine Minute länger auf freier Straße blieb,
-als ich nothgedrungen mußte. Unter diesen Umständen
-blieb mir denn also nichts weiter übrig als den
-Versuch, in solcher Dunkelheit und Kälte das rechte
-Haus zu finden, aufzugeben, und ich lief rasch die
-Straße hinab, das erste Hôtel oder Gasthaus zu benutzen,
-was sich mir bieten würde.</p>
-
-<p>Glücklicher Weise brauchte ich nicht lange zu
-suchen; wenige hundert Schritte weiter unten erkannte
-ich die goldglänzenden Riesenbuchstaben eines Schildes,
-die Hausglocke saß an der richtigen Stelle und
-ich fand &ndash; wirklich kaum noch im Stande mich auf
-den Füßen zu erhalten &ndash; ein eiskaltes Zimmer, aber
-ein warmes Bett, in dem ich mich von dem Elend und
-Leid dieser Nacht erholen konnte. Zum Tode erschöpft
-schlief ich natürlich augenblicklich ein und erwachte erst
-<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a>
-wieder, als mir das helle Tageslicht in die Fenster
-schien und der Kellner mit dem um acht Uhr bestellten
-Kaffee in die Thüre trat.</p>
-
-<p>Wie ein düsteres Traumgebilde lag die Erinnerung
-der vergangenen Nacht auf meinen Nerven, der
-Kaffee übte jedoch seinen wohlthätigen Einfluß auch
-auf mich aus; ich schüttelte alle bösen Gedanken ab
-und mit dem festen Entschlusse Emilien auf immer zu
-meiden &ndash; ich bin bis jetzt noch nicht recht mit mir im
-Klaren, ob mich damals die falschen Locken oder die
-bedauernswerthe Ansicht über meine Gedichte am meisten
-dazu bestimmte &ndash; zog ich meinen Burnus wieder
-über, setzte den Hut, den mir das tückische Spiel des
-gestrigen Abends bescheert, auf, bezahlte die kleine
-Rechnung und öffnete meine Thüre, die auf einen
-schmalen Gang hinausführte.</p>
-
-<p>»Nun, da hätte ich mir allerdings bis heute
-Morgen die Hände vor meinem Fenster wund klatschen
-können,« sagte in diesem Augenblicke eine Stimme
-dicht neben mir und aus der benachbarten Thüre trat
-ebenfalls mit Hut und Mantel, wer anders als Meier
-selbst heraus.</p>
-
-<p>»Meier!« rief ich und stand ganz verdutzt über
-solche wunderbare Begegnung, »jetzt bitte ich Dich um
-Gotteswillen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a>
-»Weshalb liefst Du denn auf einmal gestern vom
-Balle fort?« brummte aber dieser. »Emilie hat tausend
-Mal nach Dir gefragt.«</p>
-
-<p>»Emilie!« &ndash; der Name gab mir meine ganze
-Kraft und Energie wieder.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Meier,« sagte ich, griff ihm unter den Arm und
-führte ihn mit mir die Treppe hinab. »Meier, glaubst
-Du an ein böses Geschick?«</p>
-
-<p>»Ich fange an zu glauben, daß <em class="ge">Du</em> eine eigene
-Fertigkeit besitzest Alles, was Du angreifst, verkehrt
-zu machen,« lautete die mürrische Antwort. »Weshalb
-bist Du denn nicht wie ein anderer vernünftiger
-Mensch nach Hause gegangen, anstatt mit dem einzigen
-Hausschlüssel in der Tasche in's Wirthshaus zu
-laufen und mich selbst dabei auszuschließen, daß ich
-nicht einmal in mein eigenes Zimmer konnte?«</p>
-
-<p>»Glaubst Du an ein böses Geschick, Meier?«</p>
-
-<p>»Ach laß den Unsinn &ndash; wo hast Du denn eigentlich
-meinen Schlüssel, und &ndash; hahaha, wessen Hut trägst
-Du denn?«</p>
-
-<p>Ich nahm den Hut ab und sah jetzt zum ersten
-Male, daß eine kleine Cocarde mit silbernen Schnüren
-an der Seite saß; ich hatte gestern Abend in aller Eile
-den Hut irgend eines Bedienten aufgegriffen.</p>
-
-<p>»Meier,« sagte ich und blickte, dadurch nur noch
-<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a>
-mehr in meinem Entschlusse bestärkt, auf den Hut
-nieder, »weißt Du wem der fremde Reisesack gehört?«</p>
-
-<p>»Einer Dame auf jeden Fall, die sich über die
-verbrannte Rosenguirlande ungemein freuen wird &ndash;
-wahrscheinlich einer Schauspielerin, weil sie Schminke
-und Perrücken bei sich führt.«</p>
-
-<p>»Hm,« sagte ich und schritt, immer noch den Hut
-in der Hand, an seiner Seite die Straße hinauf seinem
-Hause zu; da erkannte ich plötzlich die Thüre, an
-der ich gestern Abend gestanden, die Klingel &ndash; ich
-hatte den dicken runden Knopf noch nicht vergessen &ndash;
-an der ich so fabelhaft geläutet und &ndash; Pest und Gift!
-&ndash; von dem weißen runden Schildchen lächelte mir
-höhnisch eine 13 entgegen, die ich in Nacht und Dunkelheit
-jeden Falls für meine 15 gehalten. Das Maaß
-meines Ingrimms war gefüllt.</p>
-
-<p>»Meier,« sagte ich, und winkte einer gerade vorbeifahrenden
-Droschke zu, »es giebt Dinge in der
-Welt, die sich nicht gut mündlich verhandeln lassen,
-ich will Dir meine Geschichte lieber schreiben. Es ist
-jetzt aber gerade ein Viertel auf Zehn; um <em class="ge">halb</em> zehn
-geht der Frühzug ab, sei doch so gut und schicke mir
-mit nächster Gelegenheit mein Gepäck nach. Deine
-Beinkleider kannst Du mir so lange borgen, ich würde
-<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a>
-sonst, was ich um keinen Preis der Welt möchte, den
-nächsten Zug versäumen.«</p>
-
-<p>»Was? Jetzt willst Du auf einmal wieder fort?«
-rief Meier nicht wenig erstaunt aus, »das geht ja gar
-nicht, was würde auch Emilie dazu sagen?«</p>
-
-<p>»Die &ndash; grüße schönstens,« murmelte ich mit einem
-halbverbissenen boshaften Lächeln, »grüße sie und &ndash; bitte
-sie, mir doch gefälligst den Reisesack umzutauschen. Halt
-&ndash; noch eins &ndash; thue mir doch auch die Liebe und sieh zu,
-daß Du den Eigenthümer dieses Hutes wiederfindest, der
-dafür wahrscheinlich den meinigen zurückbehalten hat.«</p>
-
-<p>»Wache ich denn oder träume ich,« rief Meier,
-»Emilien gehörten jene Apparate? &ndash; Aber Adolph, Du
-kannst doch wahrhaftig nicht im bloßen Kopfe reisen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein,« erwiederte ich ihm, »auf keinen Fall &ndash;
-Kutscher &ndash; schlesischer Bahnhof &ndash; sind wir in zehn
-Minuten und noch vor der Abfahrt dort, so bekommst
-Du einen Thaler Trinkgeld &ndash; also adieu Meier &ndash;
-sei nicht böse, daß ich Dir so viele Umstände gemacht,
-übermorgen spätestens hast Du einen Brief von mir.«
-Damit drückte ich ihm einen herzlichen Kuß auf den
-Mund, nahm ihm den eigenen Hut vom Kopfe und
-schlug ihn mir selber in die Stirn, sprang in den
-Wagen und im nächsten Augenblicke rasselten wir, ehe
-Meier durch das Schnelle des auf ihn Einstürmenden
-<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a>
-vielleicht nur eine Ahnung dessen hatte, was ich beabsichtigte,
-in lebensgefährlicher Schnelle über das holperige
-Pflaster dem fernen Bahnhofe zu.</p>
-
-<p>Wir kamen eben noch zur rechten Zeit &ndash; die letzte
-Glocke läutete als wir vor die Thüre des Bureaus
-klapperten; rasch löste ich mein Billet und wenige
-Secunden später setzte sich der Zug mit schrillem markdurchschneidendem
-Pfeifen in Bewegung. Dann aber
-erst, als ich in die Ecke des warmen Coupées gedrückt,
-den Schauplatz dieser Nacht mit flüchtiger Schnelle
-verließ, als Feld und Flur und Berg und Wald an mir
-vorbeischwirrten und Meile nach Meile den Raum vergrößerte,
-da erst fand ich mich selbst und meine Ruhe wieder.</p>
-
-<p>An Emilien schrieb ich noch an demselben Abend
-und von zu Hause aus ein Paar Zeilen, gestand ihr
-meine Unwürdigkeit sie zu besitzen und bat um ihre Freundschaft.
-Meier aber machte ich ebenfalls und versprochener
-Maßen ausführlich mit dem ganzen Umfange meiner damaligen
-Abenteuer bekannt und erhielt drei Tage später
-durch seine Vermittlung meinen Reisesack mit all' meinen
-früher an Emilien geschriebenen Briefen zurück.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nur eines fehlte &ndash; meine Gedichte; ich hatte das
-Weib gereizt und sollte ihre Rache fühlen. &ndash; Drei
-Wochen später standen sie unter meinem eigenen Namen
-in der Didascalia.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a>
-Civilisation und Wildniß.<br />
-
-<span class="subheader">Skizze aus dem amerikanischen Leben.</span></h2>
-
-
-<p>Im westlichen Theile des Squatterstaates Missouri,
-unfern vom Flusse gleiches Namens, dem <i>roaring
-river</i> oder <em class="ge">rauschenden Strom</em>, und etwa nur
-zwanzig englische Meilen von der östlichen Gränze
-des »indianischen Territoriums« entfernt, wo nördlich
-die Kickapoos und südlich von ihnen die Delawaren
-durch die Regierung der Vereinigten Staaten ihre
-Wohnsitze angewiesen bekommen hatten, lag ein kleines,
-unscheinbares Waldstädtchen, in früherer Zeit
-wohl nur der ergiebigen Bleiminen wegen gegründet,
-jetzt aber, da vielleicht bessere Adern und besser gelegene
-entdeckt worden, auch wieder von einem großen
-Theile der ersten Ansiedler verlassen.</p>
-
-<p>Das Städtchen selbst bestand eigentlich nur aus
-einer einzigen Straße und darin sich gegenüber liegenden
-<a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a>
-zwölf oder vierzehn Häusern, von denen das umfangreichste
-das Meeting- oder Bethaus, das wohnlichst
-eingerichtete das des Händlers oder Krämers,
-und das kleinste, einfachste das einer armen Witwe,
-Mrß. Rowland, war, die hier mit ihrer Pflegetochter
-Rosy still und zurückgezogen, aber auch von allen
-Nachbarn geliebt und geachtet, lebte.</p>
-
-<p>Da sich übrigens meine kleine Erzählung gerade
-um diese Personen wendet, so ist es vielleicht dem
-Leser lieb, gleich von vorn herein und mit so kurzen
-Worten als möglich das zu erfahren, was zur Verständigung
-des Ganzen nöthig ist und was er nun
-einmal überhaupt wissen muß.</p>
-
-<p>Mrß. Rowland war die älteste Ansiedlerin im
-ganzen Orte, und zwar hatte ihr Mann hier die ersten
-Bleiminen auf einem Jagdzuge entdeckt und mitten
-unter, damals feindlichen, Indianern als kühner Pionier
-und Vorzügler der Civilisation die Arbeit begonnen.
-Aber nicht warnen ließ er sich durch das Schicksal
-tausend Anderer, die vor ihm den rothen Sohn der
-Wälder in seiner Heimath aufgesucht und durch
-Uebermuth gereizt; auf seine Kraft und geschickte
-Führung der Büchse vertrauend, trotzte er jeder Gefahr,
-die ihm vom Feinde oder Gegner drohen konnte,
-und &ndash; fiel. Ein Häuptling der Delawaren war von
-<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a>
-ihm beleidigt worden &ndash; wenige Tage später hörte er
-Morgens dicht bei seiner Hütte, den Lockton einer
-Truthenne, er nahm seine Büchse, die vermeintlich
-leichte Beute zu erlegen, und &ndash; kehrte nie mehr zurück.
-Der Ton mußte eine Schlinge der listigen Wilden
-gewesen sein &ndash; wenige Minuten später überfielen die
-dunkeln entsetzlichen Gestalten das jetzt unbeschützte
-Haus, und als die unglückliche Frau aus ihrer Ohnmacht,
-in die sie der erste Schreck geworfen, erwachte,
-lag sie vor den qualmenden Ueberresten ihrer Hütte
-unter einem Baume, und ihr Sohn, ihr einziges liebes
-Kind war verschwunden.</p>
-
-<p>Umsonst durchwühlte sie den ganzen langen Tag
-mit blutenden verbrannten Fingern die qualmenden
-Trümmer ihrer friedlichen Heimath, nicht einmal die
-Gebeine fand sie, um den Ueberresten des Kindes ein
-Grab zu gewähren. Halb wahnsinnig floh sie damals,
-allein und schutzlos, durch den Wald der meilenweit
-entfernten nächsten Hütte zu, und zog später, in ihrem
-hoffnungslosen Schmerze, nach St.&nbsp;Louis zu einer
-da wohnenden Schwester. Hier lebte sie vierzehn
-lange Jahre in stiller Zurückgezogenheit; wenn aber
-auch die Zeit den Schmerz gelindert hatte, so vergaß
-sie doch nie und nimmer die theuren Lieben, die ihr
-durch Mörderhand entrissen worden, und das besonders
-<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a>
-ließ ihr weder Ruhe noch Rast, daß sie nie Gewißheit
-von des <em class="ge">Kindes Tod</em> erhalten. Wenn sie <em class="ge">der</em> Ueberzeugung
-auch Raum geben mußte, ihr Gatte sei ein
-Opfer indianischer Rache gefallen, so konnte sie sich
-weder wachend noch träumend des Gedankens erwehren,
-wie der Knabe, vielleicht nur geraubt, vielleicht
-entflohen, verirrt gewesen und von anderen Farmern
-&ndash; Reisenden möglicher Weise &ndash; aufgenommen sei.</p>
-
-<p>Als sie daher von der Gründung des kleinen Städtchens
-Boonville hörte, das spätere Bleisucher kaum
-eine Viertelstunde von ihrem früheren Wohnorte ab
-angelegt, da beschloß sie, weil ihre Schwester indessen
-auch gestorben war und sie nun doch allein auf der
-Welt stand, mit deren hinterlassener Stieftochter,
-einem lieben, holden, damals zwölfjährigen Kinde,
-nach Boonville zu übersiedeln. Dort war sie wenigstens
-in der Nähe jener Stelle, auf der sie fast Alles verloren,
-was ihr auf Erden lieb und theuer gewesen,
-und dort, meinte sie, müsse auch, wenn je, ihre Hoffnung
-erfüllt werden. Sechs volle Jahre waren aber
-wieder verflossen, ohne daß sie auch nur eine Spur
-des Verlorenen gefunden, und wenngleich alle Bewohner
-des kleinen Ortes, mit dem Schicksale der armen
-Mutter bekannt, sich die größte Mühe gegeben hatten,
-ihre Nachforschungen zu unterstützen, so schien doch
-<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a>
-Alles Umsonst &ndash; der Verschwundene blieb verschwunden,
-und die arme alte Frau siechte endlich mit mehr
-und mehr abnehmenden Körperkräften dem Grabe zu,
-nach dem sie sich ja auch, besonders in den letzten
-Jahren, als dem einzigen Orte, die Ihren wieder zu
-finden, so heiß und brünstig gesehnt.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Es war ein freundlicher, sonniger Abend im
-August; von Nord-Osten her wehte ein kühler, labender
-Luftzug, und vor den Thüren der einzelnen
-Wohnungen, theils im Schatten fruchtbeladener
-Hickorys oder Chesnuts, nicht selten auch von Töpfen
-mit qualmendem Rauch umgeben, die etwas lästigen
-Mosquitos zu verscheuchen, saßen hier und da die
-Bewohner von Boonville &ndash; die Frauen mit irgend
-einer Nadelarbeit beschäftigt, von der sie nur manchmal
-aufstanden, nach dem innen am Kamin brodelnden
-Abendessen zu schauen, und die Männer im
-<i>dolce far niente</i> an Stücken Holz schnitzelnd, oder
-auch auf ein über freie Erde hingebreitetes Büffelfell
-müßig ausgestreckt.</p>
-
-<p>Nur der Stuhl vor der Thür des Händlers war
-leer, denn Madame schaffte und arbeitete mit feuergeröthetem
-Angesichte vor dem geräumigen Kamine
-<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a>
-der Küche, während Zacharias Smith zwei fremde
-Indianer bediente, die vor kurzer Zeit mit ihren Fellbündeln
-und Wildpret in das Städtchen gekommen
-waren, um hier ihre nöthigsten Bedürfnisse, wie
-Pulver, Messer, Blechbecher und &ndash; Whiskey gegen
-das Erbeutete einzutauschen.</p>
-
-<p>Es waren ein paar Krieger vom Stamme der
-Kickapoos, wenn der Name <em class="ge">Krieger</em> überhaupt noch
-einem Paar der miserabelst aussehenden Subjecte
-indianischer Race beigelegt werden konnte. Die
-schmutzigen wollenen und zerrissenen Decken, die sie
-um sich herumgeschlagen, verhüllten kaum nothdürftig
-ihre Blöße, und das Haar hing ihnen, nicht mehr
-bloß in der einzelnen stolzen Scalplocke prangend,
-nein, unbeschnitten, aber auch ungekämmt, wild und
-wirr, an manchen Stellen wie eine Pferdemähne,
-von Kletten zu festem Zopfe zusammen gehalten, um
-den braunen Nacken. Der Eine trug ein Hemd &ndash;
-aber ob das einst aus weißem Stoffe oder buntem
-Kattun bestanden, ließ sich wahrlich nicht mehr
-erkennen; das Blut des erlegten Wildes hatte eine
-Art Kruste darüber gelegt, die nur auf der Schulter
-durch das Tragen der ziemlich schweren, unbehülflichen
-Büchse unterbrochen schien &ndash; ihre Leggins
-waren mit Stücken roher Haut geflickt, und ihre
-<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a>
-Moccasins sahen aus, als ob sie jeden Augenblick auseinander
-fallen wollten. Ein Gürtel aus Hickory-Rinde
-gedreht, hielt ihre Leggins-Bünde, das kleine
-Scalpirmesser und eine kurze Schilfpfeife, und die
-ausdruckslosen trägen Züge der schmutzigen Gesichter
-heiterten sich erst wieder auf, als sie in des Händlers
-Laden die rothbestrichenen Whiskey-Fässer sahen.</p>
-
-<p>Der Handel war sehr einfach und deshalb bald
-abgeschlossen &ndash; das, was sie an Pulver nothdürftig
-haben <em class="ge">mußten</em>, ließen sie sich geben und füllten es
-in ihre Hörner, den Rest aber verlangten sie natürlich
-in »Uiski«, und damit kauerten sie sich gleich an
-Ort und Stelle in eine Ecke des Ladens zwischen
-Salz- und Mehlfässer nieder und begannen, ohne
-weitere Vorbereitung, ihr Festmahl.</p>
-
-<p>Sie hatten nur einen Becher mit, und der Eine
-schaute mit weit aufgerissenen, fast aus ihren Höhlen
-tretenden Augen zu, als der Andere das gelbe Feuerwasser
-aus der erhaltenen Flasche in diesen einsprudeln
-ließ &ndash; sein breiter Mund verzog sich zu einem
-noch breiteren Grinsen, und ein paar Reihen blendend
-weißer Zähne wurden sichtbar &ndash; die eine Hand
-streckte er dabei schon wie unwillkürlich nach dem
-Göttertrank aus, und ein leises, gurgelndes Lachen
-wurde laut, als sein Gefährte den Becher zuerst an
-<a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a>
-die Lippen hob. Das Lächeln verlor sich aber, die
-Mundwinkel zogen sich wieder zusammen, wenn auch
-die Lippen getrennt blieben, und das Auge nahm
-einen mehr stieren, ängstlichen Ausdruck an, als
-der Freund, gar nicht mehr freundschaftlich, in nicht
-endendem Zuge mit dem Blechmaß zu verwachsen
-schien.</p>
-
-<p>»Ugh!« sagte da endlich &ndash; nach langem, langem
-Genusse absetzend &ndash; der erste Trinker, und schaute,
-über das Gefäß hinüber, den Gefährten an &ndash; dessen
-Züge aber heiterten sich jetzt urplötzlich wieder auf &ndash;
-er streckte die Hand aus, ergriff den Becher, den er
-selbst nicht wieder losließ, als Jener ihn erst aufs
-Neue füllte, und schien nun seinerseits <em class="ge">reichliche</em>
-und volle Rache an dem nehmen zu wollen, der seine
-Erwartung vorher auf so peinliche Folter gespannt.</p>
-
-<p>So tranken sie abwechselnd, Jeder bei dem Genusse
-des Anderen mit athemloser Angst das Abnehmen
-des verführerischen Giftes beobachtend, Jeder,
-wenn die Reihe an ihn kam, seine früheren Gefühle
-in dem einen, alles andere ausschließenden Bewußtsein
-seiner Seligkeit vergessend.</p>
-
-<p>Und vor ihnen auf dem Ladentische, das rechte
-heraufgezogene Knie mit seinen beiden Händen gefaßt,
-den Körper, um das Gleichgewicht zu behaupten,
-<a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a>
-etwas zurück gebeugt, und die vergnügt lächelnden
-Augen fest auf das zechende Paar geheftet, saß
-der Händler Zacharias Smith und hatte, allem Anscheine
-nach, seine herzliche Freude über dasselbe.</p>
-
-<p>So schweigsam und verdrossen die beiden Wilden
-aber auch im Anfange gewesen waren, so munter
-wurden sie jetzt, als ihnen der Feuertrank erst durch
-die Adern rollte und in diesen mit seinem scharfen,
-zuerst allerdings belebenden Geist, in ihre Köpfe stieg.
-Sie fingen an kleine Bruchstücke von Kriegsliedern
-zu singen, lobten wahrscheinlich &ndash; denn Smith verstand
-ihre Sprache nur sehr unvollkommen &ndash; ihre
-eigenen vortrefflichen und unübertroffenen Eigenschaften,
-und es schien überhaupt, als ob ihre tolle
-Lustigkeit in dem Verhältnisse stiege, wie die Fluth in
-der zwischen ihnen stehenden oder vielmehr immer hin
-und her gehenden Flasche ebbte.</p>
-
-<p>»Ugh!« rief endlich der Eine, als er eben wieder
-seinen Becher füllen wollte und nun zu seinem Entsetzen
-fand, daß die Flasche, die er gerade erst gegen
-das Licht gehoben und welche danach wohl noch
-anderthalb Becher halten mußte, kaum einen guten
-Schluck mehr her gab &ndash; »was das? Uiski drin und
-kommt nicht aus.«</p>
-
-<p>Er drehte, während sich der Andere neugierig und
-<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a>
-bestürzt zu ihm hinüber bog, die Flasche um und entdeckte
-hier zu seiner, ihm nichts weniger als angenehmen
-Ueberraschung die eingedrückte Höhlung.</p>
-
-<p>»<em class="ge">Wah!</em>« rief er erstaunt aus &ndash; »groß Loch hier
-&ndash; weißer Mann hat groß Loch in Flasche &ndash; ugh &ndash;
-schlecht &ndash; Indianer kriegt Flasche voll &ndash; in Loch
-nichts.«</p>
-
-<p>»Ugh &ndash; schlecht!« stimmte der Andere bei und
-bezeugte durch ein den Gaumenlaut begleitendes
-Kopfnicken, daß er ganz vollkommen derselben
-Meinung und eben so mit der gethanen Aeußerung
-einverstanden sei.</p>
-
-<p>Der Händler erwiederte: »Ei, Indianer, da sieh
-Dir nur all die anderen Flaschen an &ndash; das <em class="ge">Loch</em> ist in
-allen; sie halten nun einmal so ihr Maß und sind
-danach eingerichtet; wäre das Loch nicht, würde die
-ganze Flasche kleiner sein.«</p>
-
-<p>»Ist nicht nöthig,« brummte der Sprecher wieder;
-»weißer Mann hat Felle gekriegt, ganz &ndash; blos Kugelloch
-drin &ndash; Kugelloch kann wieder gemacht werden
-&ndash; weißer Mann muß das Loch auch machen!« Und
-er hielt, in deutlicher Erklärung dessen, was er
-meinte, dem Händler die Flasche verkehrt hin, damit
-dieser solcher Art und gewissenhaft das Versäumte
-nachholen könne.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a>
-»Ha, ha, ha!« lachte der aber &ndash; »das ist eine
-verdammt komische Zumuthung &ndash; wie käm' ich denn
-dazu oben und unten einzuschenken &ndash; Ihr habt
-ohnedies beide gerade so viel in Euch hinein gegossen,
-wie Ihr bequemer Weise tragen könnt.«</p>
-
-<p>»Schad nichts,« brummte der zweite Indianer und
-deutete dabei auf die Flasche &ndash; »Loch wieder machen!«</p>
-
-<p>»Ei nun, wenn Ihr's nicht anders wollt,« lachte
-der Händler und sprang, nach der Flasche greifend,
-von dem Ladentische, »so kommt mir's auf die paar
-Tropfen auch nicht an &ndash; hier Kickapoo &ndash; halt denn
-einmal die Flasche &ndash; aber steh fest &ndash; Donnerwetter,
-Bursche, Dir ist ja der Trunk schon jetzt in den Kopf
-gestiegen, und willst noch immer mehr haben?«</p>
-
-<p>»Schad nichts,« grins'te der Wilde; »sehr gut,
-<em class="ge">mehr</em> &ndash; viel besser Wort wie <em class="ge">weniger</em> &ndash; <em class="ge">weniger</em>
-schlechtes Wort.«</p>
-
-<p>»Also auch nicht weniger heiß &ndash; weniger Hunger
-&ndash; weniger <em class="ge">Durst</em>?« lachte Smith, während er sich
-zum Fasse nieder bog.</p>
-
-<p>»Nein, nein!« rief der Kickapoo, und seine Augen
-verschlangen schon jeden einzelnen Tropfen, der ihnen
-noch zugemessen wurde &ndash; »immer <em class="ge">mehr</em> Durst &ndash;
-Durst viel gut &ndash; sehr viel gut!«</p>
-
-<p>Das »Loch« hatte freilich nicht so viel gegeben,
-<a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a>
-als die Beiden erwartet haben mochten; denn sie
-hielten den Inhalt, nachdem sie ihn vorher in den
-Becher ausgeschüttet, lange Zeit zwischen sich und
-schwatzten viel und eifrig in ihrer eigenen Sprache
-mit einander; endlich aber leerten sie ihn doch, und
-als der Händler hiernach unerbittlich blieb, ihnen
-<em class="ge">noch</em> mehr auszufüllen, holte Einer von ihnen ein
-kleines zusammengerolltes Päcktchen aus seiner Decke
-vor, das er aufwickelte und ein fein gegerbtes Otterfell
-zum Vorscheine brachte. Es war augenscheinlich,
-sie hatten dieses im Anfange nicht um Whiskey hingeben,
-sondern vielleicht irgend andere Bedürfnisse,
-vielleicht für die Squaw<span class="top">[11]</span> daheim, die derlei Arbeiten
-auch gewöhnlich verfertigen, eintauschen wollen;
-die furchtbare Gier aber, die der rothe Sohn der
-Wälder &ndash; einmal verführt &ndash; nach dem für ihn so
-verderblichen Genuß des Feuerwassers nährt und hegt,
-ließ den Kampf, den in ihrer Brust wahrscheinlich
-jetzt noch das bessere Gefühl kämpfte, einen sehr
-kurzen sein.</p>
-
-<p class="ci fss">[11]: Squaw, indianische Frauen.</p>
-
-<p>Der Indianer warf das Fell, das der Amerikaner
-sorgfältig prüfte, auf den Ladentisch und verlangte im
-Anfange »halbe Flasche Uiski &ndash; nachher anderes« &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a>
-dafür &ndash; sie wollten nur einen Theil des anvertrauten
-Gutes vertrinken. <em class="ge">Mit</em> dem Genusse stieg aber
-auch die Gier danach, und Becher nach Becher voll
-ließen sie sich von dem kopfschüttelnden und keineswegs
-ganz damit einverstandenen Krämer nachgießen, bis
-auch der letzte Cent vertrunken worden und die unersättlichen
-Kehlen dennoch <em class="ge">mehr</em> verlangten.</p>
-
-<p>»Mehr Uiski!« lallte jetzt der Eine mit stieren, glanzlosen
-Augen und streckte den einen Arm mit der Flasche
-dem Amerikaner entgegen, während er mit dem anderen
-den schwankenden Körper am Ladentische zu stützen suchte
-&ndash; »mehr Uiski &ndash; Fell ein Flasche mehr werth.«</p>
-
-<p>»Ihr bekommt <em class="ge">keinen</em> Whiskey mehr!« sagte
-aber, und zwar auf das bestimmteste, der Händler;
-denn er fürchtete nicht mit Unrecht den wilden zügellosen
-Geist seiner Gäste, der sich, so friedlich sie auch
-im nüchternen Zustande sein mochten, im trunkenen
-nur zu oft die Bahn brach und dann zu allem Schlimmen,
-fähig war &ndash; »Ihr Zwei habt mehr getrunken,
-als Sechsen zuträglich gewesen wäre, und es ist besser
-jetzt, Ihr legt Euch ein paar Stunden aufs Ohr,
-Euren Rausch auszuschlafen.«</p>
-
-<p>»Rausch? ausschlafen?« lallte der älteste der Beiden,
-indem er die Flasche am Halse ergriff und in die
-Ecke schleuderte, daß sie in tausend Scherben zerbrach
-<a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a>
-&ndash; »hahahaha! weißer Mann &ndash; mehr, Po-co-mo-con
-nüchtern wie junges Waschbär &ndash; weißer
-Mann, trunken &ndash; wackelt hin und her wie junge
-Birke &ndash; hahaha &ndash; mehr Uiski &ndash; Blaßgesicht &ndash;
-mehr Uiski &ndash; bei <em class="ge">Gott</em>!«</p>
-
-<p>»Ihr bekommt keinen Tropfen mehr,« sagte der
-Händler und deutete nach der zerschmetterten Flasche
-&ndash; »seid Ihr <em class="ge">gute</em> Indianer? thun das <em class="ge">gute</em> Indianer?
-thun das nüchterne Waschbären? Packt Eure
-Siebensachen zusammen, und ich will Euch nebenan
-in mein Waarenhaus bringen, da könnt Ihr bis zum
-Morgen ausschnarchen, und morgen früh sollt Ihr
-dann auch noch Jeder einen Becher voll auf den Weg
-haben &ndash; seid Ihr damit zufrieden?«</p>
-
-<p>»Ja!« sagte der Aelteste, »ja, sehr gut, Becher
-voll, sehr gut &ndash; aber <em class="ge">gleich</em> trinken &ndash; <i>dam</i> morgen,
-morgen anderen.«</p>
-
-<p>»Du bist gescheidt &ndash; nein, schlaft nur erst aus,«
-lautete die Antwort.</p>
-
-<p>»<i>Go to hell!</i>« knurrte jetzt gereizt der Jüngere &ndash;
-»Bleichgesicht <i>cheats</i> &ndash; betrügt rothen Mann &ndash; Bleichgesicht
-thut nichts umsonst.«</p>
-
-<p>»Würde schon Uiski geben,« lallte der Andere
-schluckend, »wenn wüßte &ndash; hick &ndash; wenn wüßte, was
-ich weiß &ndash; hick!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a>
-»Möglich!« sagte Smith lakonisch.</p>
-
-<p>»Nich <em class="ge">möglich</em>!« rief, durch die Ruhe des Weißen
-gereizt, der Indianer; »nich &ndash; hick &ndash; nich möglich,
-<em class="ge">gewiß</em>! Indian weiß großes Geheimniß für weißen
-Mann, <i>dam you</i> &ndash; hick &ndash; großes Geheimniß von
-Konzas &ndash; hick &ndash; aber Uiski, mehr Uiski.«</p>
-
-<p>»<i>No, you d'ont!</i>« lachte der Händler, der nicht
-anders glaubte, als der Wilde mache ihm hier etwas
-weiß, um nur noch einen Becher voll Whiskey heraus
-zu pressen; »Du behältst Dein Geheimniß und ich meinen
-Whiskey, das wird das Gescheidteste sein.«</p>
-
-<p>»<i>Dam you!</i>« brummte der Wilde; »Ihr gebt
-ganz Faß voll &ndash; hick &ndash; vor Geheimniß &ndash; weißer
-Mann &ndash; hick &ndash; ugh &ndash; ganz zwei Faß voll &ndash; hick
-&ndash; weißer Mann unter Indian &ndash; ugh &ndash; sieht gut
-&ndash; hick &ndash; sieht gut aus &ndash; hick &ndash; großer Krieger &ndash;
-hick &ndash; hahahaha &ndash; wohl auch Faß voll werth &ndash;
-hick?«</p>
-
-<p>Der Jüngere, der doch nicht so ganz trunken sein
-mochte, als sein älterer Gefährte, und vielleicht eine
-Art Ahnung hatte, wie Jener durch sein Schwatzen
-sie beide in Unannehmlichkeiten verwickeln könne, ergriff
-seinen Arm und suchte ihn fort zu ziehen; der
-aber stieß ihn mit mürrischem Fluche von sich.</p>
-
-<p>»<i>Dam you!</i> &ndash; mehr <em class="ge">Uiski</em> &ndash; <em class="ge">haih!</em>« Und
-<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a>
-sein gellender Schlachtschrei tönte die ganze Straße
-hinab, daß die Kinder im Spielen aufhörten und die
-Einzelnen, die in dem mehr und mehr anbrechenden
-Abend noch draußen vor den Thüren weilten, überrascht
-die Köpfe hoben, dem unheimlichen Tone, der
-vielleicht bei Manchem gar trübe Erinnerungen in's
-Gedächtniß zurück rief, zu lauschen.</p>
-
-<p>Smith war aber auch aufmerksam geworden &ndash;
-ein Weißer unter den Indianern <em class="ge">als</em> Indianer &ndash;
-denn etwas Aehnliches schien unfehlbar die wirre Rede
-anzudeuten &ndash; er wußte selbst nicht, woher es kam,
-aber fast unwillkürlich zuckte ihm der Gedanke an
-Mrß. Rowland durch den Kopf, und er beschloß jetzt,
-jedenfalls dieser Spur so rasch als möglich zu folgen.</p>
-
-<p>»Hallo Indian &ndash; ist das wahr, was Du da
-sprichst?« redete er diesen an und trat, um den Ladentisch
-herum, auf ihn zu.</p>
-
-<p>»Aha« &ndash; grins'te die Rothhaut &ndash; »hat Po-co-mo-con
-Recht? &ndash; hick &ndash; Bleichgesicht gäb ganz
-Faß voll &ndash; hick &ndash; für &ndash; hick &ndash; für Geschichte &ndash;
-hier Becher.«</p>
-
-<p>Smith füllte kopfschüttelnd den Becher aus einem
-auf dem Ladentische stehenden Krug und schaute dabei
-forschend und von der Seite den Indianer an &ndash; der
-aber hatte des Guten schon zu viel gethan &ndash; mit
-<a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a>
-gläsernen Augen und mattem Lächeln hob er das Gefäß
-noch einmal an die Lippen &ndash; aber er vermochte schon
-nicht mehr zu schlucken.</p>
-
-<p>»Hick!« lallte er, und der Whiskey strömte über seine
-braune Brust und das blutige Hemd &ndash; »hick &ndash; weißer
-Mann, gut &ndash; hick &ndash; Uiski besser &ndash; hick &ndash; sehr
-bess &ndash; er &ndash; hick!«</p>
-
-<p>Und der Becher entfiel seiner Hand &ndash; Po-co-mo-con
-that einen Schritt vor, um sich im
-Gleichgewichte zu halten, glitt auf dem nassen Boden
-aus und wäre, hätte ihn der Händler nicht noch gefaßt,
-auf die Erde niedergeschlagen. Aber an Red'-und-Antwort-stehen
-durfte er an diesem Abend nicht
-mehr denken, selbst der Jüngere schien so trunken,
-oder stellte sich wenigstens so, um vielleicht den Fragen
-zu entgehen, daß auf eine vernünftige Antwort
-bei allen Beiden nicht mehr zu hoffen war. Smith
-also that das Einzige, was er unter diesen Umständen
-thun konnte &ndash; er schleppte die Bewußtlosen, da es
-unterdessen überhaupt fast dunkel geworden, ohne
-Weiteres in ein neben seiner Wohnung leer stehendes
-kleines Gebäude, das er zugleich mit als Waarenlager
-benutzte, warf sie hier auf eine Parthie Hirsch-
-und Bärenhäute, die in der einen Ecke ausgebreitet
-lagen, und verließ sie hier hinter vorsichtig verschlossener
-<a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a>
-Thür, mit dem festen Entschlusse, sie am
-nächsten Morgen nicht eher ziehen zu lassen, bis
-sie auf das genaueste gebeichtet hätten, wie es mit
-dem Weißen unter den Indianern stand, und ob sich
-die Sache wirklich so verhielt, wie er jetzt noch
-glaubte.</p>
-
-<p>Als aber der nächste Morgen kam und Smith mit
-dem Frühesten in der Absicht hinüberging, seine Gefangenen
-zu wecken, fand er zu seinem unbegrenzten
-Erstaunen das Nest schon leer und von den Indianern
-keine Spur; ja, bei näherer Untersuchung ergab sich
-sogar, daß sie durch eine Ecke des niederen Daches,
-wohin sie auf den rauhen Balken leicht gelangen
-konnten, ausgebrochen seien und ihm zwei vortrefflich
-geräucherte Hirschkeulen, für die er erst gestern per Stück
-einen silbernen Viertel-Dollar bezahlt, als Zehrung
-mitgenommen hatten. Der Verlust der Keulen schmerzte
-ihn aber am wenigsten; sie hatten getrunken, und er
-würde ihnen auch gern zu essen, ja, die Keulen vielleicht
-mit auf den Weg gegeben haben, wenn er nur
-gewußt hätte, wie es mit dem »Geheimniß« stand.
-Der Wunsch blieb aber Wunsch, und wenn er auch im
-ersten Augenblick an eine Verfolgung dachte, so gab
-er den Gedanken gleich wieder als unausführbar auf;
-denn daß die Wilden sich alle Mühe geben würden,
-<a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a>
-<em class="ge">keine</em> Fährten, wenigstens keine sichtbaren zu hinterlassen,
-ließ sich denken.</p>
-
-<p>Was aber nun thun? Smith zerschnitzte in allem
-Brüten und Nachdenken ein paar Stücke Holz, die
-ihm bei ruhigem Blut einen ganzen Tag gehalten
-hätten, und kam immer noch zu keinem Resultat; denn
-Mrß. Rowland etwas von der gefundenen Spur zu
-sagen, ohne ihr eine Gewißheit geben zu können,
-wäre grausam gegen die arme alte Frau gewesen, die
-nachher in, vielleicht nicht einmal befriedigter, Hoffnung
-vergangen wäre. Denn ließ es sich nicht denken,
-daß der lügnerische Wilde doch am Ende nur ein
-Märchen erfunden haben konnte, um noch einen
-Schluck Whiskey zu erpressen? Aber der Andere, sein
-jüngerer Gefährte, war augenscheinlich bestürzt geworden,
-als der Aeltere das Thema berührte &ndash; ha
-&ndash; da ging ein Mann vorüber, der ihm, gerade hierin,
-gar nicht erwünschter hätte kommen können.</p>
-
-<p>»Heda, Tom &ndash; oh, Tom!« rief er, rasch in die
-Thür tretend.</p>
-
-<p>»Hallo, Smith, was giebt's so früh?« nickte ihm
-der Angerufene freundlich hinüber; »guten Morgen!
-schon ausgeschlafen?«</p>
-
-<p>Er ging zu dem Hause hinüber und blieb in der
-Thür, auf seine Büchse gestützt, stehen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a>
-Tom Fairfield war eine kräftige, edle Gestalt,
-ein echter Hinterwäldler, Jäger mit Leib und Seele,
-und nie zufriedener, als wenn er draußen in seinem
-Walde einer Fährte folgen oder eine Falle stellen
-konnte. Er schien auch jetzt wieder unterwegs, trug
-die Büchse in der Hand, den leichten spanischen Packsattel
-und Zaum auf der Schulter, um sein Pferd
-draußen im Busche zu suchen und zu besteigen, und
-hatte die wollene Decke übergeschnallt, um da zu
-lagern, wo ihn die Nacht gerade überraschen würde.</p>
-
-<p>»Hört, Tom,« sagte aber Smith mit einem weit
-ernsthafteren Gesicht, als das sonst seine Sache war,
-und zog dabei den jungen Mann in den Laden herein
-&ndash; »Ihr seid doch mit Rowland's gut bekannt &ndash;
-nun, braucht nicht roth zu werden, mein Junge &ndash;
-hier, nehmt einmal einen Schluck, es ist Dogwood
-und Cherry Bitteres und wird Euch in dem Thaue
-heute Morgen gut thun &ndash; das ganze Städtchen weiß
-ja doch, daß Ihr Rosy auf unmenschliche Art den Hof
-macht.«</p>
-
-<p>»Unsinn, Smith!« sagte Tom Fairfield und leerte,
-seine Verlegenheit zu verbergen, das dargebotene Glas
-auf Einen Zug.</p>
-
-<p>»Bah, Mann!« rief aber dieser, »was wollt Ihr
-da noch läugnen? Aus bloßer Freundschaft versorgt
-<a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a>
-Ihr nicht die ganze Wirthschaft mit Feuerholz, Wild
-und Mühlereiten für die Leute, das sollt Ihr mir
-nicht weiß machen.«</p>
-
-<p>»Und wen hätten denn die allein stehenden
-Frauen&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Ach, papperlapap &ndash; das sind Redensarten und
-thun hier auch nichts zur Sache. Rosy ist ein liebes,
-gutes Mädchen, und Ihr seid ein hübscher junger
-Kerl, ein guter Jäger und &ndash; wenn es sein muß &ndash;
-auch ein guter Arbeiter; was sollte Euch also hindern,
-selber Wirthschaft anzufangen? Doch hier ist etwas,
-um das ich Euch fragen will &ndash; wollt Ihr Rowland's
-einen großen, einen sehr großen Dienst leisten?«</p>
-
-<p>»Rowland's, was ist es, sprecht!« rief Tom,
-augenscheinlich bestürzt über die Feierlichkeit des
-Mannes: »steht es in meinen Kräften?«</p>
-
-<p>»Das müßt Ihr selbst beurtheilen,« sagte Smith
-und machte ihn nun in kurzen Worten mit dem bekannt,
-was er sowohl gestern Abend von den Indianern
-gehört, wie auch, was er selber über die Sache
-denke. Fairfield hörte ihm schweigend und mit der gespanntesten
-Aufmerksamkeit zu, er schien jedes Wort
-von den Lippen des Redenden zu nehmen, und nickte nur
-manchmal, wenn der Händler irgend etwas äußerte,
-das seinen Ideen begegnete, leise mit dem Kopf.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a>
-»Und Ihr glaubt, daß Mrß. Rowland's Sohn
-unter den Konzas lebe?« sagte er endlich, als der
-Händler schwieg, und sah diesen fragend an.</p>
-
-<p>»Lieber Gott,« meinte Smith, »man weiß wahrhaftig
-nicht, <em class="ge">was</em> man glauben soll; lebt aber wirklich
-Einer dort <em class="ge">als</em> Indianer, und die Rede des
-trunkenen Schufts läßt mich das in der That vermuthen,
-ei, warum sollte es denn nicht eben so gut der
-junge Rowland, wie irgend wer anders sein können?
-Es käme auf die Reise an; die ist aber allerdings keine
-Kleinigkeit, und ein Mann, wie Ihr gerade seid, gehört
-dazu, ein so kühnes Wagniß auszuführen. Wie
-weit glaubt Ihr, daß es bis zum Stamm der Konzas
-ist?«</p>
-
-<p>»Auf die Entfernung kommt es da nicht so an,«
-sagte sinnend der junge Jäger, »aber der Stamm der
-Konzas ist groß und weit verbreitet; die Indianer
-werden dabei, wenn sie es wirklich wissen, nicht so gesprächig
-über einen Fall sein, der sie vielleicht in gefährliche
-Berührungen mit ihren weißen Nachbarn
-bringen könnte.«</p>
-
-<p>»Wie alt wäre denn der Junge jetzt?« fragte
-Smith.</p>
-
-<p>»Fünfundzwanzig Jahre; Mrß. Rowland sprach
-noch gestern von ihm und sagte, sein Geburtstag sei
-<a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a>
-an dem Tage gewesen; aber,« setzte er leiser hinzu,
-»sie dürfte keine Sylbe davon erfahren, die Angst und
-Erwartung würde sie tödten.«</p>
-
-<p>»Das ist's ja eben, was mir so im Kopf herumgegangen,«
-meinte Smith, »und deßhalb war mir
-Euer Anblick heute so willkommen; <em class="ge">die</em> Freude aber,
-wenn Ihr mit ihm zurückkehrtet.&nbsp;...«</p>
-
-<p>Auch vor Tom's innerem Geiste schien ein derartiges
-Bild vorüber zu schweben, er lächelte still vor
-sich hin und strich sich dann mit der Hand leicht über
-die Stirn.</p>
-
-<p>»Smith,« sagte er und bog sich zu ihm hinüber,
-»Ihr scheint Euch für die Leute zu interessiren, und
-das freut mich von Euch. Ihr wißt aber nicht, Ihr
-könnt das nicht gut wissen, <em class="ge">wie</em> glücklich <em class="ge">mich</em> die
-Erfüllung dieses heißen Seelenwunsches der armen
-alten Frau machen würde, und schon deßhalb bin ich
-Euch zu unendlichem Danke verpflichtet, daß Ihr mir
-auch nur eine Aussicht auf die mögliche Verwirklichung
-dieser Hoffnung gebt. &ndash; Ich gehe zu den Konzas,
-und das noch in dieser Stunde!«</p>
-
-<p>»Was! jetzt gleich?« rief Smith erstaunt, »das ist
-ja aber gar nicht möglich! Zu einer Reise von wenigstens
-120&nbsp;Meilen müßt Ihr Euch doch wahrhaftig
-mehr vorbereiten, als wenn Ihr bis an den nächsten
-<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a>
-Wasser-Cours einen Bären oder Hirsch schießen
-geht!«</p>
-
-<p>»Weßhalb?« lachte Tom, »ob ich acht Tage hier
-in der Nähe oder irgend eine Strecke weiter entfernt
-auslagere, bleibt sich das nicht gleich? Im Walde bin
-ich doch, und was sollt' ich sonst zu meiner Bequemlichkeit
-noch mitnehmen?«</p>
-
-<p>»Doch wenigstens Provisionen.«</p>
-
-<p>»Die liefert mir der Wald selber, meine Decke
-habe ich auch bei mir und mein Kopfkissen« &ndash; er
-deutete dabei lachend auf den Sattel&nbsp;&ndash;, »und was
-braucht's da mehr.«</p>
-
-<p>Kurz, trotz aller Vorstellungen des Händlers ließ
-sich Tom Fairfield nicht mehr von dem einmal beschlossenen
-Zug abbringen, und alles, wozu er bewogen
-werden konnte, war wenigstens ein Stück Speck
-und Maisbrod und etwas gemahlenen Kaffee mit in
-seine Decke zu wickeln, und zwar den Speck, um etwas
-Fettes zu dem sonst trockenen Hirsch- und Truthahnfleisch
-zu haben. Eine halbe Stunde später nahm er
-von dem Händler herzlichen Abschied, bat ihn noch
-einmal, nicht eine Sylbe über die Sache, selbst nicht
-gegen seine Frau zu erwähnen (bei welchem Gedanken,
-daß er nämlich seiner Frau ein Geheimniß anvertrauen
-werde, Zacharias Smith in ein lautes Gelächter
-<a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a>
-ausbrach), und war zehn Minuten später, auf dem
-kleinen Waldpfad rüstig dahin schreitend, gerade da in
-dem Holze verschwunden, wo ein niederes Dickicht
-von Sassafras und Dogwood ihn rasch den Blicken
-des Nachschauenden entzog.</p>
-
-<p>Smith stand noch eine ganze Weile dicht neben
-seinem Hause, von wo er den freien Platz nach dem
-Walde zu übersehen konnte, und erst dann, als der
-junge Mann schon lange, lange in den Büschen verschwunden
-war, und die freundlich, hinter ihm über
-dem Wald aufsteigende Morgensonne seinen eigenen
-Schatten weit und geisterhaft über den Hof und im
-Zickzack über die Lattenfenz warf, kehrte er plötzlich
-rasch in den Laden zurück, öffnete die hintere Thür
-und rief in die Küche hinaus:</p>
-
-<p>»Mrß. Smith!«</p>
-
-<p>»Sir!« lautete die Antwort.</p>
-
-<p>»Wenn Jemand nach mir fragen sollte, ich bin
-hinüber nach Cowley's gegangen.«</p>
-
-<p>Und Zacharias Smith schritt, die Hände nachdenkend
-auf dem Rücken gekreuzt, langsam die Straße
-hinunter, dem bezeichneten Hause zu.</p>
-
-<p>»Hm!« sagte gleich darauf Mrß. Smith, und
-ihre scharfe, von der Kamingluth jetzt etwas echauffirte
-Nase wurde zwischen zwei ärgerlich blitzenden
-<a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a>
-grauen Augen sichtbar. »Hm &ndash; bin zu Cowley's
-gegangen &ndash; das ist immer so die Art, wenn Jemand
-nach mir fragt, ich bin zu Cowley's gegangen, und
-die Frau geht nie zu <em class="ge">Cowley's</em>, die kann zu Hause
-sitzen und die Wirthschaft besorgen und alle Augenblicke,
-wenn Jemand kommt, in den Laden springen.
-Na, <em class="ge">das</em> Leben hätt' ich satt. Und was jetzt nun
-wieder im Wind ist &ndash; mein Mann heute Morgen
-vor Tagesanbruch aufgestanden &ndash; das ist vor seinem
-Ende &ndash; und diese Geheimnißkrämerei mit der Mrß.
-Rowland. &ndash; Oh, ich hab' es wohl gehört, mein
-guter Mr. Smith« &ndash; und sie wandte sich in triumphirendem
-Hohn der Himmelsgegend zu, in der sie
-ihren Ehegatten jetzt vermuthete &ndash; »Mrß. Smith hat
-keine Baumwolle in den Ohren, wenn sie etwas hören
-<em class="ge">will</em>&nbsp;&ndash;, <em class="ge">Mrß. Rowland sprach von ihm und
-sagte</em> &ndash; und der <em class="ge">junge Rowland unter den
-Indianern</em> &ndash; und Mr. <em class="ge">Tom hingeschickt,
-ihn zu holen</em> &ndash; oho, Mr. Smith, so <em class="ge">ganz</em> auf
-den Kopf sind wir denn doch nicht gefallen, daß wir
-uns da nicht unser Theil heraus studiren könnten.
-Also haben sie den Jungen endlich gefunden &ndash; ein
-schöner Strick wird das geworden sein &ndash; und mein
-Mann steckt mit in der Geschichte drin - giebt sich so
-jetzt immer mit den ekelhaften Indianern ab &ndash; heiliger
-<a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a>
-Gott, war das gestern Abend wieder ein Scandal
-und Flaschenzerschmeißen! Der fromme Vater Billygoat
-wird schön mit dem Kopf schütteln, wenn ich
-ihm das erzähle. &ndash; Und ich erfahre kein Wort von
-der ganzen Geschichte &ndash; o Gott bewahr! seiner ihm
-ehelich angetrauten Frau sagt der saubere Herr kein
-Sterbenswörtchen, aber zu Cowley's geht er hinüber.
-Mr. Cowley und Mrß. Cowley, die müssen ihren
-Senf dazu geben, zu jeder Neuigkeit, und ihre Finger
-in jeden Kuchen stecken. Aber warten Sie nur, Mr.
-Smith, warten Sie nur, <i>my dear Sir</i>. <em class="ge">Der</em> Sache
-komme ich auf den Grund, und wenn ich zu Mrß.
-Rowland selber hingehen sollte, mich zu erkundigen
-&ndash; tausend Mal hab' ich mir's gefallen lassen, jetzt
-aber hat meine Geduld ein Ende, und nun will ich
-doch sehen, ob ich mit <em class="ge">meinem</em> Kopf nicht durch eine
-eben so dicke Wand durchdringen kann, wie Mr. Smith
-mit dem seinigen.«</p>
-
-<p>Und mit diesem löblichen Vorsatz tauchte sie urplötzlich
-wieder in ihre Küche unter, und ließ die
-blechernen Kaffeekannen und eisernen Pfannen und
-Töpfe, die rings an den Wänden herum hingen und
-standen, in unbegränztem Erstaunen über die so schöne
-und mit solcher Lebhaftigkeit gehaltene Rede allein
-zurück.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_256" title="256"> </a>
-Wenn aber auch Mrß. Smith in der ersten Aufregung
-gekränkter Wißbegierde einen so verzweifelten
-Entschluß gefaßt haben konnte, der Mrß. Rowland
-geradezu ins Haus zu rücken und eine Mittheilung
-von dem zu verlangen, ja, zu fordern, was sie mit
-ihrem ehelich verbundenen Gatten an Geheimnissen
-zu verhandeln habe, so schien sie doch bei kälterem
-Blute auch gemäßigteren Empfindungen Raum zu
-geben und versuchte erst einmal ihr Ueberredungs-Talent
-an dem Gatten selber. Der aber blieb zwölf
-volle Tage taub und stumm sowohl gegen die Plänkeleien
-versteckter Anspielungen, wie gegen das schwere
-Geschütz directer Fragen, und da auch in dieser ganzen
-Zeit Tom Fairfield sich nicht wieder in Boonville
-sehen ließ, ja, hier und da schon Besorgnisse laut
-wurden, ob ihm nicht gar etwas zugestoßen sein
-könne, kein Mensch aber Aufschluß über seine unerklärliche
-lange Abwesenheit zu geben wußte, so
-konnte sie ihre Neugierde nicht länger zähmen und
-beschloß nun wirklich, Mrß. Rowland &ndash; sie war ihr
-das ja doch aus nachbarlichen Rücksichten schuldig &ndash;
-einmal freundlich zu besuchen. Sie fühlte sich dabei
-fest überzeugt, es würde ihr, einmal im Geleise,
-nichts weniger als schwer werden, einen kleinen Ueberblick
-über die näheren, jedenfalls höchst interessanten
-<a class="pagenum" id="page_257" title="257"> </a>
-und jetzt so geheim gehaltenen Verhältnisse zu bekommen.</p>
-
-<p>Der vierzehnte Tag nach dem Aufenthalt der
-beiden Indianer in Boonville war es, und der erste im
-Monat September zugleich, der sich aber mit schwülen
-Gewitterwolken angekündigt hatte und die trüben,
-schweren Nebelmassen bald in zerrissenen grauen
-und schwarzen Streifen, bald in compacten, wetterschwangeren
-Schichten über die ächzende, schwankende
-Waldung von Ost nach West stürmisch hinüberjagte.</p>
-
-<p>Mrß. Rowland saß in ihrem Stübchen, warm
-eingehüllt in Betten und Tücher, auf einem rohgearbeiteten,
-aber bequemen Sorgenstuhl, denn der Wind
-strich heute trotz der sonst eigentlich sehr warmen
-Jahreszeit frisch und erkältend über die Lichtung hin,
-und die alte Frau hatte sich gerade in den letzten
-Tagen wieder unwohler gefühlt, als seit langer Zeit.
-Zu ihren Füßen saß Rosy, das liebe, holde Kind,
-leise den linken Arm auf der Mutter Knie gestützt,
-und in der Rechten das kleine, zierlich gebundene
-Testament haltend, aus dem sie der mit geschlossenen
-Augen und gefalteten Händen aufmerksam lauschenden
-Frau die herrlichen Worte der Bergpredigt, die
-süßen Trost und heilige Zuversicht athmende Rede
-Christi las.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_258" title="258"> </a>
-Sie hatte eben ein Capitel beendet, und eine
-Thräne glänzte in ihrem Auge, als sie das Buch
-senkte und zu dem bleichen, abgezehrten, kummerschweren
-Angesicht ihrer <em class="ge">mehr</em> als Mutter emporschaute
-&ndash; leise berührte sie ihre Hand und flüsterte:</p>
-
-<p>»Soll ich weiter lesen, Mutter?«</p>
-
-<p>»Laß es jetzt, liebes Kind,« sagte die Matrone
-und legte schmeichelnd die abgezehrten Finger auf das
-gescheitelte Haar der Jungfrau &ndash; »laß es, Du hast
-Dich schon zu viel angestrengt und auch noch andere
-Sachen zu thun, die ebenfalls gethan sein müssen &ndash;
-wie wär's denn, wenn Du einmal zu Cowley's hinüber
-gingest und ihn bätest, uns seinen Neger auf
-ein halb Stündchen zu schicken, daß er etwas Feuerholz
-zum Hause schaffte &ndash; nur ganz wenig &ndash; Tom
-kommt gewiß heute wieder.«</p>
-
-<p>»Es ist Feuerholz in Menge da,« sagte Rosy
-schnell: »ich ging, weil wir doch gestern Abend das
-letzte hereingeschafft, heute Morgen recht früh in den
-Wald und holte einen Arm voll, um die Suppe für
-Dich zu kochen, und als ich wieder kam, hatte Mr.
-Cowley schon seinen Tim mit einer ganzen Wagenladung
-voll herübergesandt und ging eben daran, es in
-Kaminlänge zu hauen. Er hat mir auch ein großes Rückstück
-hereingetragen; Du schliefst nur noch, Mütterchen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_259" title="259"> </a>
-»Cowley's sind brave Leute,« flüsterte die Matrone,
-»Gott vergelte es ihnen! Es ist doch bös,
-wenn man so ganz allein in der Welt steht &ndash; keinen
-Sohn &ndash; keinen Freund&nbsp;....«</p>
-
-<p>»Mutter!« bat mit vorwurfsvollem Tone Rosy.</p>
-
-<p>»Du hast Recht, mein Kind, ich bin vielleicht ungerecht
-gegen Tom Fairfield gewesen und &ndash; doch wenn
-auch er nun nicht wiederkehrt &ndash; wenn auch er nun&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;.
-Sei nicht böse, mein Kind,« unterbrach sie sich selber
-nach ziemlich langer Pause, »Du weißt selber, wie
-trüb und traurig mir gerade an dem heutigen Tage
-zu Muthe sein muß, dem Jahrestage jenes fürchterlichen
-Morgens &ndash; ich sehe da Alles schwärzer, als
-es vielleicht wirklich ist, und begreife dann manchmal
-fast selber nicht, wie es möglich war, daß ich &ndash;
-ich &ndash; alte schwache Frau sie, die Kräftigen alle, alle
-überleben mußte. O, es ist recht hart, nicht sterben
-zu können, weil man nicht weiß, ob man nicht doch
-noch das Liebste &ndash; das eigene Kind &ndash; allein zurückläßt
-in der Welt &ndash; es ist recht hart, nicht leben zu können,
-weil das arme Herz die Sehnsucht nach den
-Lieben, wenn sie wirklich schon vorangegangen,
-verzehrt.«</p>
-
-<p>»Mutter!« bat die Tochter, stand auf, barg ihr
-Antlitz auf der Schulter der Kranken und flüsterte mit
-<a class="pagenum" id="page_260" title="260"> </a>
-leiser, von Thränen fast erstickter Stimme: »Wenn
-ich Dir auch den Sohn nicht ersetzen kann, lieb habe
-ich Dich ja doch wie meine eigene Mutter.«</p>
-
-<p>Mrß. Rowland antwortete nichts, aber fest und
-liebend schlang sie die Arme um das blühende Kind
-und hielt es lange und fest an ihrem Herzen.</p>
-
-<p>Da klopfte es ziemlich lebhaft an ihre Thür, und
-froh erschreckt und mit freudestrahlenden Augen sprang
-Rosy empor und eilte, zu öffnen; auch Mrß. Rowland
-richtete sich etwas in ihrem Stuhle auf und
-schaute mit lebhafterem Blicke dorthin, denn das
-Klopfen war ganz so, wie Tom Fairfield bei ihnen
-anzupochen pflegte &ndash; und wie lange schmerzliche
-Tage hatte Rosy auf das Pochen umsonst und mit
-immer wachsender Angst und Sorge geharrt!</p>
-
-<p>Rasch und mit vor Freude zitternder Hand zog sie
-den Pflock zurück, der, einfach von innen vorgesteckt,
-die Thür verschloß, und öffnete rasch &ndash; ein schmerzlich
-erstauntes »<em class="ge">Ach</em>« entfuhr aber ihren Lippen, und
-auch Mrß. Rowland wandte sich enttäuscht ab und
-sank wieder mit leisem Seufzer in ihre Kissen zurück,
-als das zwar gutmüthige, aber doch scharfe und gerade
-heut gewiß nicht willkommene Angesicht der
-Mrß. Smith auf der Schwelle sichtbar wurde. An
-ein Abweisen war aber gar nicht mehr zu denken &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_261" title="261"> </a>
-die Lady sah die Bresche kaum offen, als sie auch mit
-löblichem Eifer herein stürmte, sich augenblicklich
-einen Stuhl neben Mrß. Rowland rückte und dann
-zwischen tausend Entschuldigungen, daß sie hier so
-ohne alle Anmeldung hereinbreche, daß aber das
-Wetter sie gerade überrascht habe, weil es eben an
-zu regnen fange, und daß sie nach Cowley's eigentlich
-hinüber gewollt, sich aber die Freude unmöglich
-habe versagen können, diese Gelegenheit, wo sie gerade
-in der Nähe sei &ndash; sie wohnte überhaupt kaum
-fünfhundert Schritte von Mrß. Rowland entfernt&nbsp;&ndash;,
-einmal zu benutzen und zu sehen, wie es der »lieben,
-lieben Kranken« denn eigentlich gehe.</p>
-
-<p>Mrß. Rowland antwortete auf alles das mit leiser
-Stimme und bündigster Kürze; sie hoffte vielleicht
-dadurch, daß sie Mrß. Smith keinen Anlaß zu einer
-Unterhaltung gab, den Besuch etwas abzukürzen.
-War das aber wirklich ihre Ansicht gewesen, so kannte
-sie Mrß. Smith ungemein schlecht, oder traute ihr
-wenigstens viel mehr Ungeselligkeit zu, als sie wirklich
-besaß. Die gute Dame fragte nur einmal, und zwar
-gleich im Anfange, ob sie genire, und als sie darauf
-ein höfliches, wenn auch etwas zögerndes <em class="ge">Nein</em> zur
-Antwort erhalten, säumte sie auch keinen Augenblick
-länger, es sich so bequem als möglich zu machen, legte
-<a class="pagenum" id="page_262" title="262"> </a>
-ihre Haube und den großen baumwollenen Regenschirm
-ab, zog die Halbhandschuhe aus, nahm die kurze Schilfpfeife
-aus der Tasche, die sie schon gestopft &ndash; oder
-geladen, wie Mr. Smith manchmal sagte &ndash; bei sich
-trug, holte sich im Kamin eine glühende Kohle, und
-befand sich, wie sie selber sagte, als sie sich ganz behaglich
-auf dem Stuhle zurecht rückte, so wohl und vergnügt
-hier, wie zu Hause.</p>
-
-<p>Mrß. Rowland griff dieses ununterbrochene Auf-sie-einreden,
-selbst wenn sie nur wenig oder gar keine
-Antwort zu geben brauchte, auf die Länge der Zeit so
-an, daß sie endlich bleich und erschöpft in ihren Stuhl
-zurück sank und die Augen schloß. Selbst Mrß. Smith
-fühlte, daß sie der Kranken erst einige Ruhe wieder
-gönnen müsse, gedachte aber dafür indessen mit dem
-jungen Mädchen zu beginnen, um damit desto sicherer
-ihrem Ziele entgegen zu rücken; denn gerade fragen
-mochte sie doch auch nicht.</p>
-
-<p>»Es wird nun bald lebendiger hier im Hause
-werden,« sagte sie, als Rosy der Mutter die Kissen
-zurecht gerückt und ihren Platz wieder neben ihr, oder
-eigentlich zwischen ihr und der Kranken, um den Zungenschwall
-in etwas abzuwehren, eingenommen
-hatte: »ja, wo so ein Mann ist, geht die Sache gleich
-anders.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_263" title="263"> </a>
-Rosy, das arme Kind, erröthete bis tief in das
-Halstuch hinein, sah aber auch zu gleicher Zeit erstaunt
-zu der Geschwätzigen auf.</p>
-
-<p>»I nun, Miß,« fuhr Madame &ndash; dadurch, daß
-sich das junge Mädchen ihrer Meinung nach gar so
-gleichgültig stellte, etwas gereizt &ndash; fort, »Sie brauchen
-nicht so erschrecklich unschuldig zu thun, ich weiß
-die ganze Geschichte &ndash; bei mir ist's aber auch aufgehoben,
-als ob's im Grabe ruhte &ndash; von <em class="ge">mir</em> erfährt
-wahrhaftig Niemand eine Sterbens-Sylbe.«</p>
-
-<p>»Aber, beste Mrß. Smith&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Aber, beste Rosy Baywood &ndash; wenn Sie denn
-einmal selbst nicht gegen mich davon sprechen wollen,
-so habe ich nichts dagegen. Wie lange ist er denn aber
-nun schon eigentlich verloren?«</p>
-
-<p>»Verloren? also glauben auch Sie, daß er verloren
-ist?« rief jetzt Rosy in der Angst um den geliebten
-Mann &ndash; denn auf diesen mußte sie doch natürlich
-das Gesagte beziehen.</p>
-
-<p>»Ist? <em class="ge">gewesen</em> ist, beste Miß,« sagte Mrß. Smith
-lächelnd: »und das war ja noch das Glücklichste, was
-Sie sich hätten denken können. Aber nach so langer
-Zeit einen Menschen unter den entsetzlichen rothen
-Wilden wieder zu finden, scheint mir doch wirklich
-etwas erschrecklich Merkwürdiges. Was ich doch sagen
-<a class="pagenum" id="page_264" title="264"> </a>
-wollte: wie lange ist es also her, daß ihn Mrß. Rowland
-verloren hat?«</p>
-
-<p>»Mrß. Rowland?« wiederholte, jetzt wieder ganz
-irre gemacht, das junge Mädchen, und die alte Frau,
-ob nun durch Nennung ihres Namens aus ihrem
-Halbschlaf geweckt, oder schon längst vielleicht den
-Worten mit geschlossenen Augen lauschend, wendete
-leise den Kopf nach der Redenden und schaute zu ihr
-auf. »Mrß. Rowland? ich weiß gar nicht&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Nun, eine zwanzig Jahre muß es doch gewiß
-sein,« fuhr die unverwüstliche Mrß. Smith, der es jetzt
-nur darum zu thun schien, die beiden Frauen wissen
-zu lassen, sie kenne die ganzen Verhältnisse genau und
-sei vollkommen vertraut mit denselben, ruhig fort:
-»ich weiß mir's noch recht gut zu erinnern, wie mein
-Seliger, John Rosbeard von Connecticut, der auch
-damals hier eine Bleimine angelegt oder gefunden
-hatte, davon sprach. Aber wenn sie ihn nur vorher
-erst abwaschen, ehe sie ihn mit herein bringen &ndash; Jesus,
-meine Zuversicht! so ein gemalter Mensch ist
-doch was Fürchterliches, wenn er blaue Backen, eine
-gelbe Nase, rothe Ohren und grüne Lippen hat &ndash;
-und die Scalpe! Denken Sie sich, Miß Baywood,
-wie mir einmal mein Seliger das Scalpiren beschrieb
-und seinen Scalp, der ihm doch noch ganz fest und
-<a class="pagenum" id="page_265" title="265"> </a>
-gesund auf dem Kopfe saß, mir zeigte, fiel ich Ihnen
-wahrhaftig um wie ein Stück Holz, so ohnmächtig
-wurde ich &ndash; wenn sie nur nicht scalpiren wollten!
-das Andere ließe man sich noch immer gefallen, aber
-das Scalpiren ist fürchterlich.«</p>
-
-<p>»Mrß. Smith!« rief da plötzlich Mrß. Rowland,
-von ihrem Stuhle in Angst und peinlicher Ueberraschung
-emporfahrend, denn der Dame Reden, die
-so ganz zu dem stimmten, über das sie ja den ganzen
-thränenlangen Tag getrauert, trieben ihr das Blut
-in rasender Schnelle durch die Adern und machten ihr
-Herz fast hörbar klopfen.</p>
-
-<p>»Mutter,« bat Rosy, die bestürzt der Leidenden
-erregten Zustand erkannte und rasch auf sie zusprang,
-sie zu beruhigen, »Mutter, es ist ja nur ein Mißverständniß!«</p>
-
-<p>»Gott bewahre, Mrß. Rowland,« fiel da rasch
-die Dame ein, »ich glaubte ja gar nicht, daß Sie es
-hören würden; nein, an's Scalpiren wird er nicht
-mehr denken, wenn er das auch früher gethan hat,
-denn das lassen die erschrecklichen Menschen nun einmal
-nicht &ndash; es sind ihre Sieges-Trophäen, wie sie's
-nennen&nbsp;&ndash;; aber Mr. Billygoat wird ihn schon lehren,
-was guter und echter Christen Pflicht ist &ndash; nein,
-es ist doch ein herrlicher Mann, dieser Mr. Billygoat.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_266" title="266"> </a>
-»Mrß. Smith,« sagte die Kranke leise, und die
-Hand, die Rosy zurück schob, zitterte wie in Fieberfrost,
-»<em class="ge">wer</em> wird nicht mehr an's Scalpiren denken?
-<em class="ge">wer</em> trägt die Farben und Abzeichen der Wilden &ndash;
-<em class="ge">wer</em> &ndash; großer Gott, die ganze Stube dreht sich mit
-mir &ndash; <em class="ge">wer</em> war verloren &ndash; zwanzig Jahre &ndash; und
-ist &ndash; und ist wieder gefunden?«</p>
-
-<p>»Aber, liebe Mrß. Rowland,« lächelte gutmüthig
-die würdige Kaufmannsfrau, »was thun Sie denn
-nur gegen <em class="ge">mich</em> so geheimnißvoll? ich weiß ja die
-ganze Geschichte &ndash; ist denn nicht jetzt eben Tom
-Fairfield fort geritten, ihn zu holen? Ich weiß nur
-noch nicht bei welchem Stamme er ist, denn den
-Namen konnte ich nicht recht verstehen; wenn Sie's
-aber nicht wollen, will ich ja auch wahrhaftig mit
-keinem Menschenkinde ein Wort darüber wechseln.«</p>
-
-<p>»Tom Fairfield fort, ihn zu holen &ndash; bei welchem
-Stamme?« wiederholte die alte Frau mit zitternder,
-halblauter Stimme und preßte sich die Stirn zwischen
-die eisigen Hände &ndash; »heiliger Gott! träume ich
-denn, oder bin ich wahnsinnig geworden in Kummer
-und Gram?«</p>
-
-<p>»Nein, ist mir so eine Frau schon vorgekommen!« sagte
-Mrß. Smith kopfschüttelnd, aber jetzt doch auch durch
-die Aufregung der Kranken etwas besorgt gemacht.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_267" title="267"> </a>
-Rosy schrak empor &ndash; eine Ahnung dessen, was
-geschehen, was vielleicht im Werke sein konnte, zuckte
-ihr durch den Sinn, und einen Blick auf die unglückliche
-alte Frau werfend, winkte sie ängstlich Mrß. Smith
-zu und bat sie durch Zeichen, kein Wort weiter von
-dem Begonnenen, was es auch sei, zu erwähnen.
-Aber es war zu spät: ehe des Händlers Frau verstand,
-was sie sollte, oder ehe sich Rosy zu ihr überbiegen
-konnte, sie mit Worten darum zu bitten, hob Mrß.
-Rowland wieder den Kopf, und ihr Auge begegnete
-in demselben Moment dem ängstlich und bittend auf
-die Schwatzhafte gerichteten Blicke der Pflegetochter.
-Rasch begriff sie dessen Meinung und wurde dadurch
-nur noch mehr in der peinlichen Gewißheit dessen
-bestärkt, was sie nicht einmal auszusprechen wagte,
-weil sie selbst dadurch schon den Zauber zu zerstören
-fürchtete, der ihr jetzt wie in einem süßen, wenn auch
-ängstlichen Traume die Sinne förmlich gefesselt hielt.
-Wie aber der Wahnsinnige schlau die Wachsamkeit
-seines Wächters zu täuschen weiß, so benutzte auch
-die Kranke mit fast convulsivischer Hast die Gelegenheit,
-der geschwätzigen Frau das Geheimniß, das für
-sie Tod oder Leben enthielt, abzulocken.</p>
-
-<p>»Sie haben Recht, Mrß. Smith,« sagte sie und
-versuchte dabei, mit der Qual im Herzen, zu lächeln;
-<a class="pagenum" id="page_268" title="268"> </a>
-»wir brauchen Ihnen nichts, gar nichts mehr zu verheimlichen.«</p>
-
-<p>»Sehen Sie, beste Mrß. Rowland,« rief die Dame
-jetzt völlig beruhigt, in triumphirender Freude aus,
-»das habe ich Ihnen ja auch gleich vom Anfange an
-gesagt; aber mein Mann&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Und Tom Fairfield &ndash; ist ausgegangen &ndash; ihn
-&ndash; ihn zu holen &ndash; hierher nach Boonville zu holen.«</p>
-
-<p>»Liebe, beste Mutter,« bat Rosy in ihrer Herzensangst,
-denn sie fürchtete nicht mit Unrecht die bösen
-Folgen, die solche Aufregung für die Kranke haben
-mußte.</p>
-
-<p>»Laß nur, mein Kind &ndash; laß nur,« beruhigte sie
-aber die Leidende, »mir ist jetzt vollkommen wohl &ndash;
-recht wohl, Rosy &ndash; und Tom Fairfield, Madame&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Nun der kann doch wahrhaftig nicht lange mehr
-bleiben; aber &ndash; nicht wahr &ndash; er soll ihn mitbringen?«</p>
-
-<p>»Ihn? ja &ndash; ja wohl &ndash; nicht wahr &ndash; Sie &ndash;
-Sie meinen doch&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Nun, Ihren Sohn!«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Ha!</em>« schrie die alte Frau mit einem Laut, der
-den Beiden durch Mark und Seele schnitt &ndash; Rosy
-warf sich augenblicklich über die zusammenbrechende
-Gestalt und rief nur noch mit vorwurfsvoller Stimme:
-»O, Mrß. Smith, was haben Sie gemacht, Sie
-<a class="pagenum" id="page_269" title="269"> </a>
-haben sie getödtet!« Und diese würdige Dame stand
-im Anfange selbst zum Tode erschrocken, denn noch
-begriff sie den ganzen Zusammenhang nicht, und nur
-der Gedanke begann allmählich in ihr zu dämmern,
-daß sie doch wohl am Ende einen gewaltig dummen
-Streich gemacht und sich selbst in eine äußerst fatale
-Sache hinein gearbeitet habe.</p>
-
-<p>Hierin wurde sie auch bald durch Rosy's Erklärung
-bestätigt, und als sie erfuhr, daß sie beide die Ursache
-von Tom Fairfield's Abwesenheit gar nicht gewußt
-und über den Zweck seiner Sendung keine Ahnung
-gehabt, war sie außer sich. Sonst von Herzen seelengut,
-und gewiß die Letzte, die irgend einer ihrer Nachbarinnen
-&ndash; und nun noch besonders der wackeren,
-unglücklichen, <em class="ge">kranken</em> alten Frau &ndash; mit Willen
-weh gethan hätte, wurde ihr der Gedanke unerträglich,
-durch ihre Schwatzhaftigkeit, die sie jetzt gar nicht
-genug verwünschen konnte, solches Unheil angerichtet
-zu haben. Sie wich nun auch nicht von Mrß. Rowland's
-Seite, that alles, was in ihren Kräften stand,
-Rosy die Pflege zu erleichtern, und beruhigte sich nicht
-eher, als bis sie sah, daß sich die Ohnmächtige wieder
-erholt hatte und, aus Erschöpfung wahrscheinlich, in
-einen tiefen, gesunden Schlaf gefallen war.</p>
-
-<p>Wunderbar war die Veränderung, die, nachdem
-<a class="pagenum" id="page_270" title="270"> </a>
-sie sich wieder erholt, mit ihr vorgegangen schien.
-Rosy hatte schon von der Erinnerung an das Gehörte
-das Schlimmste befürchtet und deshalb auch mit
-klopfendem Herzen der Mutter Erwachen beobachtet
-&ndash; dem aber gerade entgegengesetzt zeigte sich die
-Kranke vollkommen ruhig und hatte nicht etwa das
-Geschehene vergessen, sondern fing selbst wieder zuerst
-davon an, indem sie fragte, ob Tom mit <em class="ge">ihm</em> noch
-nicht zurück gekommen sei. Rosy wollte ihr jetzt das
-Ganze noch ausreden und meinte, es seien ja doch
-nur Vermuthungen der Frau &ndash; einzelne Worte,
-welche sie hinter der Thür erhorcht und die wahrscheinlich
-etwas ganz Anderes bedeutet hätten. Mrß. Rowland
-bat sie aber ruhig, ihr nicht durch solche freilich
-gut gemeinte Reden nur weh zu thun, indem sie ihr
-die einzige Hoffnung zu rauben suche, an der ihr Herz
-jetzt noch auf dieser Welt hange und mit deren Zerstörung
-es ebenfalls, wie sie das recht gut fühle, zu
-Grunde gehen müsse. Sie war dabei so gefaßt, sprach
-so vernünftig über das Selige und Schmerzliche des
-ersten Begegnens, daß es Rosy'n, dem armen Kinde,
-ordentlich unheimlich vorkam und sie den Gedanken nicht
-los werden konnte, der Zustand der Kranken sei ein übernatürlich
-erregter, und ihr Körper werde jetzt nur auf kurze
-Zeit von dem stärkeren Geiste aufrecht gehalten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_271" title="271"> </a>
-Wie dem aber auch war, Mrß. Rowland blieb
-den ganzen Tag so still und gefaßt, erkundigte sich
-mehrere Male, ob <em class="ge">sie</em> denn noch nicht gekommen
-seien, und ließ es sich von Rosy fest versprechen, ihr
-nun, da das doch nichts mehr helfen könne, auch die
-Ankunft der Beiden nicht zu verheimlichen &ndash; nur den
-Namen vermied sie zu nennen &ndash; das Wort Sohn
-war noch nicht über ihre Lippen gekommen.</p>
-
-<p>So mochte es fünf Uhr Nachmittags geworden
-sein. Mrß. Smith hatte schon mehrere Male nachgefragt,
-wie es der Kranken gehe, und sich eben wieder,
-wohl zum zwanzigsten Mal, über ihr ungeschicktes
-Benehmen am Morgen entschuldigt, als es wieder an
-die Thür klopfte und Mrß. Rowland mit einem kaum
-unterdrückten Schrei in ihrem Stuhle emporfuhr, denn
-als sich die nur angelehnte Thür öffnete, trat Tom
-Fairfield herein, aber &ndash; allein.</p>
-
-<p>Rosy erschrak ebenfalls; ehe aber sie oder Tom ein
-Wort sprechen konnte &ndash; streckte ihm Mrß. Rowland mit
-stierem, entsetztem Blick den Arm entgegen und rief mit vor
-innerer Bewegung kaum hörbarer Stimme: »Wo ist <em class="ge">er</em>?«</p>
-
-<p>»Um Gott!« sagte Tom erschreckt und sah Rosy
-an, »woher weiß Ihre Mutter&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Wo ist <em class="ge">er</em>? Tom, wenn Ihr mich tödten wollt,
-so zögert mit der Antwort.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_272" title="272"> </a>
-»Sie weiß Alles,« bestätigte Rosy unter Thränen,
-und Tom, der bald fand, daß es aller der von ihm
-für nöthig gehaltenen Vorbereitungen gar nicht mehr
-bedürfe, beruhigte, wenn er auch nicht begriff, durch
-wen sie es erfahren haben konnte, die Frau nun wenigstens
-vor allen Dingen in so weit, daß er ihr versicherte,
-er habe ihren Sohn gefunden und mitgebracht,
-und er sei wohl und gesund, sie aber solle sich heute
-Abend sammeln und vorbereiten, daß er ihr denselben
-morgen früh herüber bringen könne.</p>
-
-<p>Davon wollte die Mutter aber nichts länger hören
-&ndash; »morgen? &ndash; weshalb nicht heute? &ndash; jetzt? War
-sie jetzt weniger gesammelt, als sie es morgen sein
-würde? sicherlich nicht &ndash; die lange Nacht der Erwartung
-würde ihre Kräfte nur abspannen, und jetzt,
-jetzt wollte sie den so lange Jahre beweinten Knaben
-sehen &ndash; nicht morgen.«</p>
-
-<p>Vorstellungen halfen nichts, und da auch Tom
-selber fühlen mochte, wie Recht sie unter diesen Umständen
-habe, versprach er, ihr den Sohn in einer
-halben Stunde zu bringen, und bat sie nur, dann
-hübsch ruhig und gefaßt zu sein und sich nicht, damit
-ihr das nicht schade, zu sehr von ihrem mütterlichen
-Gefühle hinreißen zu lassen.</p>
-
-<p>Indessen war Mr. Smith daheim schon emsig
-<a class="pagenum" id="page_273" title="273"> </a>
-beschäftigt, aus dem bei ihm eingeführten <em class="ge">Wilden</em>,
-der sich nach mehreren, von Mrß. Rowland schon
-früher und oft bezeichneten Merkmalen wirklich als
-der verloren gegangene Sohn herausstellte, wieder
-einen anständigen weißen Menschen zu machen. Vor
-allen Dingen wurde ihm die bunte Farbe abgewaschen,
-mit der er sein Angesicht noch viel mehr als
-die Indianer selber bestrichen hatte, um die weißere
-Haut nicht durchschimmern zu lassen; dann mußte er
-zu seinem anscheinenden Leidwesen allen Schmuck ablegen,
-mit dem er sich behängt &ndash; besonders alles beseitigen,
-was an Scalpe und andere dem ähnliche
-Entsetzlichkeiten erinnerte, und zuletzt noch &ndash; und er
-stellte sich ungeschickt genug dabei an &ndash; in »menschliche
-Hosen,« wie sie Smith nannte, und nicht in
-solch oben abgeschnittene Dinger, die gerade da aufhörten,
-wo anständige Hosen erst recht anfangen sollten,
-hineinfahren. Auch Weste und Rock, Hemd und
-Schuhe bekam er nun. Wenn er aber auch mit Allem so
-ziemlich einverstanden schien, oder es wenigstens ohne
-Widerstand über sich ergehen ließ, so warf er doch die
-letzteren augenblicklich wieder ab, weil sie ihn drückten
-und er die Füße darin nicht vom Boden heben konnte,
-und verschmähte auch auf das hartnäckigste den schönen
-schwarzen Seidenhut, den ihm Smith schon mit
-<a class="pagenum" id="page_274" title="274"> </a>
-wirklichem Behagen auf das zottig dunkelbraune Haar
-gedrückt hatte. Jeder Ueberredung hielt er standhafte
-Weigerung entgegen, und es blieb zuletzt nichts übrig,
-als ihn mit bloßem Kopf und barfuß seiner Mutter
-zuzuführen.</p>
-
-<p>Das Wort <em class="ge">Mutter</em> war aber auch der einzige
-Zauberspruch, der ihn aus seinem wilden freien Leben
-hierher geführt hatte in das »Dorf der Weißen« &ndash;
-<em class="ge">Mutter</em>, der Klang tönte ihm wie eine in der Kindheit
-gehörte und lang' vergessene Harmonie leise,
-aber mit solcher süßen Gewalt durch die Seele, daß
-er alle seine Herzensfibern erbeben fühlte, und nicht
-zurückbleiben &ndash; dem Himmelslaute folgen mußte.</p>
-
-<p>Und jetzt stand er vor der Thür, die ihm die weißen
-Männer an seiner Seite bezeichnet, und scheu
-wandte er nach rechts und links den Kopf, als ob er
-dem Augenblick, den er mit klopfendem Herzen herbeigesehnt,
-nun, da er endlich erschienen, rasch und
-ängstlich entfliehen wolle. Krampfhaft und wie Hülfe
-suchend, erfaßte er den Arm Tom's, der dicht an
-seiner Seite ging, und er schämte sich, daß ihn das
-»Bleichgesicht« in solcher Aufregung sehen sollte &ndash;
-»Ugh &ndash; wie mich friert,« flüsterte er leise und zog sich
-den Rock vorn, wie er das früher mit seiner Decke
-gewohnt gewesen, fest über der Brust zusammen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_275" title="275"> </a>
-Und drinnen im Hause saß, mit von innerer
-Aufregung frisch gerötheten Wangen und lebendigen,
-glänzenden Augen, die Matrone und hielt der Tochter
-Hand fest in der ihrigen, daß diese sie jetzt, nur jetzt
-nicht verlasse; denn draußen hörte sie Schritte &ndash;
-Stimmen, und in athemloser Spannung lauschte sie
-den Tönen, ob sie &ndash; heiliger Gott, wie ihr das
-Herz pochte! &ndash; die Stimme des Kindes &ndash; des
-Sohnes nicht zu unterscheiden vermöge.</p>
-
-<p>Und jetzt &ndash; jetzt öffnete sich die Thür, in die mit
-höflicher, freundlicher Verbeugung der Händler trat,
-und hinter ihm &ndash; Mrß. Rowland sah die freie
-männliche Stirn Tom Fairfield's und &ndash; an seiner
-Seite &ndash; einen braunen, unbedeckten Kopf &ndash; sie
-richtete sich in ihrem Stuhl auf &ndash; alle Schwäche der
-Krankheit hatte sie verlassen, stark und allein stand
-sie, von Niemand gehalten, von Niemand unterstützt.</p>
-
-<p>»Meine gute Mrß. Rowland,« sagte Smith;
-aber die Mutter sah nicht den Fremden, der sich zwischen
-sie und ihr Kind stellte.</p>
-
-<p>»Mein Sohn &ndash; mein Sohn!« rief sie, die Arme
-streckte sie sehnend, bittend nach den Männern aus,
-und jetzt &ndash; jetzt vermochte auch der Halbwilde nicht
-länger zu schweigen &ndash; er riß sich von Tom, der ihn
-<a class="pagenum" id="page_276" title="276"> </a>
-noch zurückhalten wollte, los, schob den Händler bei
-Seite und flog mit raschem Sprung und dem leise &ndash;
-jubelnd gerufenen Laut: »Mutter!« in die Arme der
-alten Frau. Fest, fest hielt ihn diese umklammert, fest,
-als ob sie ihn im Leben nicht wieder loslassen wollte;
-aber ihre Kräfte schwanden auch in der einen Empfindung
-seligen Entzückens, und nur noch durch die
-Arme des Sohnes fühlte sie sich gestützt, gehoben.</p>
-
-<p>»Mein Sohn, mein Kind!« rief sie schmeichelnd,
-als er sie endlich leise auf den Stuhl zurückgleiten ließ
-und, halb unwillkürlich, halb von ihr gezogen, vor
-ihr auf die Kniee niedersank &ndash; »mein liebes, liebes
-Kind! Und doch endlich den Verlornen wieder gefunden
-&ndash; doch jahrelange Sorge und Schmerzen
-noch belohnt bekommen, ehe das flüchtige Leben den
-alten schwachen Körper verließ &ndash; mein theures,
-theures Kind!«</p>
-
-<p>John blieb lange und schweigend in ihrer Umarmung,
-und es war fast, als ob er sich schäme, von
-den »weißen« Männern so schwach und weibisch gesehen
-zu werden &ndash; wenigstens warf er den Blick, als er endlich
-den Kopf erhob, scheu im Zimmer umher &ndash; aber er
-war allein mit der Mutter. <em class="ge">Alle</em> hatten das Zimmer
-verlassen, selbst Mrß. Smith, die jetzt, da ihre Voreiligkeit
-weiter keine bösen Folgen gehabt, wieder guten
-<a class="pagenum" id="page_277" title="277"> </a>
-Muthes hergekommen war, dem Wiedersehen
-beizuwohnen; sie wurde aber, sehr wider ihren
-Wunsch und Willen, von Mr. Smith freundlicher
-als das sonst gewöhnlich geschah, unter den Arm gefaßt
-und zur Thür hinaus begleitet.</p>
-
-<p>Mutter und Sohn blieben lange allein. Dieser
-hatte bald auch die letzte Scheu überwunden und
-saß jetzt neben der Mutter, streichelte ihre Hand und
-nannte sie in seinem gebrochenen Englisch mit den
-süßesten, sanftesten Namen, die er finden konnte.</p>
-
-<p>Erst wohl nach Verlauf einer halben Stunde, und
-als sie sich beide vollkommen gesammelt hatten, traten
-die Uebrigen wieder ein, und Tom mußte jetzt vor
-allen Dingen erzählen, wie er den Verlorenen gefunden
-und ihn bewogen habe, mitzukommen. Er that
-das, wenn auch nur in sehr kurzen Worten und Umrissen.</p>
-
-<p>Den Stamm der Konzas hatte er am vierten Tage
-nach seiner Abreise von Boonville schon erreicht und
-dort augenblicklich seine Nachforschungen begonnen,
-aber eine bestimmte Antwort konnte er weder von
-Krieger noch Häuptling erhalten &ndash; theils stellten sich
-alle, an die er sich wandte, als ob sie seine Sprache
-nicht verstehen könnten, theils läugneten sie, irgend
-etwas von einem Weißen in ihrer Nation zu wissen.
-<a class="pagenum" id="page_278" title="278"> </a>
-Aber gerade dieses Läugnen bestärkte den Amerikaner
-nur mehr und mehr in dem Glauben, daß diese nicht
-die Wahrheit sprächen; denn Einige sahen ihn erstaunt
-an, als ob sie nicht begreifen könnten, wie er das erfahren
-hätte, Andere wurden verlegen und sagten, sie
-wüßten es nicht genau, sie glaubten, es sei einmal
-früher einer bei ihnen gewesen, &ndash; bis er endlich
-einen Halb-Indianer, einen canadischen Franzosen
-traf, der ihn rasch auf die richtige Spur brachte. Noch
-an dem nämlichen Abend führte er ihn in das Dorf,
-wo sich der »weiße Hirsch,« wie sie ihn nannten, aufhielt,
-und wenn dieser auch im Anfang gar keinen
-Verkehr mit dem »Bleichgesicht« haben wollte, ja, sich
-sogar hartnäckig weigerte, ein Wort Englisch mit ihm
-zu sprechen, so ließ er sich doch zuletzt wenigstens
-willig von dem Dorf der Weißen erzählen, und fing
-sogar an, aufmerksam den Worten des Fremden zu
-lauschen, als dieser ihm von der Mutter sagte, die
-daheim in Sorge und Kummer so lange Jahre sehnsüchtig
-seiner geharrt und auf das Wiedersehen ihres
-Kindes gehofft habe. Besonders und ordentlich auffällig
-erschütterte ihn aber Tom's Rede, als dieser &ndash;
-wie sich der Verwilderte immer noch nicht bewegen
-ließ, ihm zu folgen &ndash; endlich ausrief: »Und so will
-denn der weiße Hirsch, daß seine kranke alte Mutter
-<a class="pagenum" id="page_279" title="279"> </a>
-daheim <em class="ge">allein</em> dem Grabe zusiecht und keinen Sohn
-hat, der ihren Wigwam deckt &ndash; ihr Wild jagt und
-das erlegte bereitet, sie zu stärken? Sollen <em class="ge">Fremde</em>
-ihr Grab graben, daß nicht Wolf und Aasgeier ihre
-Gebeine entheiligen?« &ndash; »Ugh!« hatte er da ausgerufen
-&ndash; »weißer Mann hat Recht &ndash; weißer Hirsch
-böser Sohn« &ndash; und in die Höhe sprang er, und eilte
-hinaus in den Wald.</p>
-
-<p>Tom Fairfield war aber nicht wenig bestürzt, als
-der »weiße Hirsch« am nächsten Morgen verschwunden
-und auch nirgends aufzufinden war; Hütte bei Hütte
-durchforschte er nach ihm, und manch zorniges Wort,
-manche finstere Drohung ertrug er, wenn er vielleicht
-den Wigwam eines den Bleichgesichtern feindlich gesinnten
-Kriegers betreten hatte. Schon wollte er die
-Hoffnung, den Entflohenen für jetzt wieder zu finden,
-als ganz trostlos aufgeben und eben sein Pferd besteigen,
-um zu dem Nachbardorfe, wo der Canadier
-seinen Wigwam aufgeschlagen, zurück zu kehren, als
-plötzlich der Verschwundene völlig gerüstet wie zu
-Schlacht oder Kriegszug, auf seinem rauhhaarigen
-Poney angesprengt kam und sich erbot, ihn zu begleiten.
-Allerdings wollten sich dem jetzt Einige des
-Stammes widersetzen und nicht dulden, daß der,
-welcher einer der Ihrigen geworden, auf solche Art
-<a class="pagenum" id="page_280" title="280"> </a>
-ihnen wieder entführt werde. Der »weiße Hirsch«
-schien aber nicht leicht durch irgend eine Drohung
-eingeschüchtert; mit kräftig trotzigen Worten wies er
-die Unzufriedenen zurück, und seine Kriegskeule in der
-Rechten, in der Linken die Büchse, und das Pferd
-nur mit den Schenkeln regierend, sprengte er unerschrocken
-durch die Schaar, die ihm auch wirklich
-Raum gab und keinen thätlichen Versuch machte, ihn
-oder seinen Begleiter zurück zu halten.</p>
-
-<p>So kamen Sie nach Boonville, und John Rowland
-bog sich liebkosend über der Mutter Hand hinüber,
-als ihn diese bat und ihm das Versprechen abnahm,
-sie die wenigen Tage, die sie noch auf dieser
-Erde zu leben habe, nie &ndash; nie wieder zu verlassen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ein voller Monat verging so, ohne daß in
-Boonville irgend etwas Wichtiges vorgefallen wäre.
-Wenn aber auch die Matrone in dem Glück, ihr
-Kind wiedergefunden zu haben, die ersten Wochen
-wie neu geboren und Schwäche und Krankheit gänzlich
-zu vergessen schien, so kehrte doch bald die natürliche
-Erschöpfung zurück, die solcher Aufregung auch
-selbst bei gesundem Zustand hätte folgen müssen, und
-sie wurde von Tag zu Tag schwächer und hinfälliger.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_281" title="281"> </a>
-Was John betraf (denn den Namen »der weiße
-Hirsch« hatte er gleich von Anfang an abgelegt), so
-fand sich der in das civilisirte Leben der »Städter«
-besser und leichter, als man es wohl hätte erwarten
-können; er trug wenigstens die Kleider, die man ihm
-angelegt &ndash; ja, nach einiger Zeit selbst Schuhe und
-einen Hut, aß mit am Tische und mit Gabel und
-Löffel und schien sich besonders bei seiner Mutter
-wohl zu fühlen, bei der er oft stundenlang, am liebsten,
-wenn sie schlief, neben dem Bette saß und ihr
-still und ernst in das bleiche Antlitz schaute. Sonst
-war aber kein ganz gutes Auskommen mit ihm; er
-war wild und herrisch, wie er das als Krieger seit
-seiner Mannbarkeit ja auch nicht anders gewohnt gewesen,
-und es jetzt nur schwer und ungern ablegen
-mochte.</p>
-
-<p>Am besten kam noch Rosy mit ihm aus; das
-liebe sanfte Kind übte den größten Einfluß auf das
-rauhe Wesen des jungen Mannes, und wo er einmal
-in Kleidung, Sitte oder Sprache &ndash; wie das
-übrigens gar nicht selten geschah &ndash; in seine alten
-Gewohnheiten zurücksinken wollte, bedurfte es von
-Rosy nur eines Wortes, ja, oft nur eines Blickes,
-seinen Sinn, der in einzelnen Fällen selbst nicht unbedingt
-der Mutter nachgab, zu beugen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_282" title="282"> </a>
-Drei Personen lebten aber in Boonville, denen
-John auswich, wo er nur irgend konnte, und auf
-die er, im Laufe der Zeit, nach und nach selbst eine
-Art von Haß übertrug. Die erste war unsere gute,
-aber geschwätzige Mrß. Smith, die ihn von vorn
-herein so mit ihren Fragen und Erkundigungen gepeinigt
-hatte, daß er sie ordentlich fürchtete, und einmal
-sogar zum Entsetzen seiner Mutter, die gar nicht
-begriff, was ihn auf einmal anwandle, aus dem
-Fenster sprang, als jene zur Thür hereintrat.</p>
-
-<p>Die zweite war der ehrwürdige Pastor Billygoat,
-der es in seinem heiligen Eifer für Pflicht und Schuldigkeit
-hielt, den »armen blinden Heiden« zu bekehren.
-Im Anfang, und besonders weil es seiner Mutter
-große Freude machte, lauschte John mit ziemlicher Aufmerksamkeit
-dessen Worten, und wenn er auch später
-nur durch Rosy's Bitten dahin gebracht werden konnte,
-still sitzen zu bleiben, sobald der Prediger &ndash; oder der
-»Medicin-Mann«<span class="top">[12]</span>, wie er ihn unerschütterlich nannte
-&ndash; seine Hand einmal auf ihn gelegt und seine Worte
-an ihn gerichtet hatte, so blieb er doch darin ganz der so
-schönen indianischen Sitte treu, daß er den Mann nie
-<a class="pagenum" id="page_283" title="283"> </a>
-unterbrach, sondern ihn ruhig ausreden ließ und mit
-wenigstens äußerer Aufmerksamkeit ihm zuhörte.
-Pastor Billygoat täuschte sich aber gewaltig, wenn
-er das auch nur einen Augenblick für wirkliche Andacht
-hielt &ndash; John haßte den alten Mann wie die
-Sünde &ndash; und vielleicht noch mehr &ndash; und durch ihn
-auch die Religion, die er ihm predigen wollte. Trotzdem
-blieben beide im Anfang noch auf ziemlich friedlichem
-Fuß mit einander, und der Prediger schien zufrieden,
-wenn sein neu zu Bekehrender nur ruhig und
-ohne Widersetzlichkeit die gehörige Zeit aushielt.</p>
-
-<p class="ci fss">[12]: Medicin-Männer heißen bei den indianischen Stämmen
-die Aerzte, Zauberer und Priester.</p>
-
-<p>Die dritte Person aber war wunderbarer Weise
-gerade der Mann, der doch als die Hauptursache
-und das Werkzeug seines jetzigen Hierseins angesehen
-werden mußte &ndash; und zwar Niemand anders, als
-Tom Fairfield selber. Im Anfang schienen die beiden
-jungen Leute unzertrennlich. Tom gab sich jede nur
-erdenkliche Mühe, den verwilderten Weißen in alle
-Geheimnisse des civilisirten Lebens wieder einzuweihen,
-und John, wenn auch mit augenscheinlichem
-Widerwillen, fügte sich doch gern jeder Neuerung,
-die der Hinterwäldler, den er überdieß als vortrefflichen
-Jäger kennen lernte und deßhalb achtete, mit
-ihm vornahm. Je länger er aber in der Mutter Hause
-lebte, wo Tom Fairfield ein täglicher Gast war, desto
-<a class="pagenum" id="page_284" title="284"> </a>
-mehr und mehr zog er sich von ihm zurück, antwortete
-einsilbig auf seine Anreden, mied seine Gesellschaft
-und wurde sogar, was sonst selbst nicht gegen
-den Prediger geschah, unfreundlich, wenn er ihm
-nicht mehr ausweichen konnte.</p>
-
-<p>Das nahm, je weiter es in den Herbst hinein
-kam, mehr und mehr überhand, da sich besonders in
-letzter Zeit Mrß. Rowland's Zustand auch immer
-mehr verschlimmert hatte. Die Krankheit der alten
-Frau schien in den ersten Wochen von ihres Sohnes
-Rückkunft durch die Freude und Aufregung des
-Wiedersehens fast ganz gehoben; nach dieser unnatürlichen
-Erregung trat aber auch eine Erschlaffung ein,
-die bald das Schlimmste besorgen ließ, und Rosy,
-das arme liebe Kind, fast ausschließlich an die Seite
-der jetzt fortwährend bettlägerigen Kranken bannte.
-John verließ das Haus ebenfalls nur sehr selten und
-nie anders, als wenn er in den Wald ging, einen
-Hirsch oder Truthahn zu schießen; hatte er aber
-Fleischvorrath daheim, so schaute er oft stundenlang
-in stummem Brüten zu, wie Rosy die Mutter pflegte
-oder, wenn diese einmal eingeschlafen war, ihre sonstige
-Arbeit, das große surrende Baumwollen-Spinnrad
-sachte bei Seite schob und sich mit ihrer Näherei, die Augen
-der Kranken zugekehrt, zu Füßen des Bettes setzte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_285" title="285"> </a>
-Der November war indessen angebrochen, und
-wenn auch der wundervolle Herbst &ndash; in dieser seiner
-schönsten Zeit, dem sogenannten indianischen Sommer
-&ndash; noch freundliche und selbst warme Tage
-brachte, so braus'te doch auch schon manchmal ein
-recht ordentlicher Nord-West durch die Wipfel der sich
-in die buntesten Herbsttinten schmückenden Blätter.
-Und wie das Laub erstarb, wich auch die Kraft, das
-Leben aus dem Herzen der armen alten Frau. Lange
-Jahre hatte sie standhaft und still den Schmerz ertragen,
-dem Leiden die Stirn geboten &ndash; jetzt, mit
-der einkehrenden Freude, erlag das arme Herz Gefühlen,
-die zu mächtig für es waren und zu erschütternd.
-Wie der Saft aus dem Laub und dem Stamm
-der Bäume und Pflanzen schwand, so ebbte auch der
-Lebensstrom in ihren Adern, und von Tag zu Tag
-fühlte sie mehr das Herannahen ihrer Auflösung.</p>
-
-<p>Und doch hätte sie gerade jetzt noch so gern gelebt,
-denn ihrem Scharfblick entging es keineswegs, wie
-der durch so treues Ausharren so theuer erkaufte
-Sohn sich nicht mehr wohl und glücklich in seiner
-neuen Umgebung fühle. An der Mutter hing er, ja
-&ndash; und mit all der Gewalt kindlicher Liebe, die stark
-genug gewesen war, ihn seinem wilden Leben zu
-entziehen, bannte es ihn an ihr Lager, und ließ ihm
-<a class="pagenum" id="page_286" title="286"> </a>
-nicht Ruhe noch Frieden draußen im Wald, seiner
-sonstigen Heimath. Wie aber sollte das werden,
-wenn sie einst hinüber gegangen und damit auch das
-Band zerrissen war, das ihn jetzt noch an das civilisirte
-Leben hielt? Nur Eine Möglichkeit gab es, ihn
-auch später zu fesseln, und die sah die arme alte Frau
-einzig und allein in der Vereinigung ihrer Pflegetochter
-mit dem jungen Tom Fairfield, der sich in der
-letzten Woche in Boonville förmlich niedergelassen
-und jetzt ordentlich und ehrlich um Rosy's Hand angehalten
-hatte. Bei diesen Beiden konnte John bleiben
-&ndash; in ihnen fand er stets treue und liebende
-Geschwister, und ihnen gelang es auch gewiß, den
-Sohn von der Rückkehr zu jenem entsetzlichen Leben
-unter den heidnischen Wilden abzuhalten. Ja, selbst
-Rosy's wegen war es gut, vielleicht nöthig, daß sie
-versorgt ward und eine männliche Stütze hatte, ehe
-sie die Mutter verlor, und das alles ließ Mrß. Rowland
-wünschen, ihre Vereinigung so bald als möglich
-bewirkt zu sehen.</p>
-
-<p>Eigenthümlich war der Eindruck, den diese Nachricht,
-die er aus der Mutter Mund erfuhr, auf John
-machte &ndash; keine Sylbe erwiederte er, nicht den Blick
-hob er von der Spitze seines groben Schuhes, den
-er gegen die leichten Moccasins hatte vertauschen
-<a class="pagenum" id="page_287" title="287"> </a>
-müssen, und zwei Mal fragte ihn die Mutter, ob er
-sie gehört und ob er sich nicht freue, daß seine
-Pflegeschwester einen so wackeren Schützer bekäme,
-der sie gegen die Stürme des Schicksals schirmen und
-wahren könne.</p>
-
-<p>»Und will Rosy weißen Jäger?« sagte er leise,
-und als ob er die Antwort schon eigentlich vorher
-wisse.</p>
-
-<p>»Sie lieben sich schon seit langen Jahren, und
-Rosy glaubt glücklich mit ihm zu werden.«</p>
-
-<p>»Gut &ndash; John freut sich,« sagte der junge Mann,
-stand auf und verließ das Zimmer &ndash; kehrte auch den
-ganzen Tag nicht mehr zurück, sondern blieb bis spät
-in die Nacht draußen im Wald, wo er nachher, sein
-Pony schwer mit Wild beladen, zurückkehrte und,
-ohne Jemanden an dem Abend weiter zu sprechen,
-von außen am Haus hinauf in sein Lager kletterte.</p>
-
-<p>Von dem Tage an war John wie ausgewechselt
-&ndash; sonst still und friedlich, wurde er mürrisch und
-zanksüchtig, verkehrte, außer mit seiner Mutter und
-Rosy, mit Niemand mehr und ließ jetzt sogar nicht
-selten seinem wilden Muthwillen bei allen denen
-freien Lauf, die sich in seinen Weg stellten oder sonst
-durch irgend etwas seinen Haß auf sich gelenkt hatten.
-Gegen die würdige Mrß. Smith zeigten sich diese
-<a class="pagenum" id="page_288" title="288"> </a>
-Launen gewöhnlich nur neckischer Art; hatte sie ihn
-einmal zu irgend einer Zeit wieder angeredet oder um
-etwas gefragt, so konnte sie sich fest darauf verlassen,
-es wurde ihr Abends, wenn sie ihr Essen kochte,
-irgend ein Stein oder Stück Holz durch den Kamin
-in den Topf geworfen, oder durch einen nie zu Ermittelnden,
-wenn sie nach Dunkelwerden auf ihrem
-gewöhnlichen Platz in der Stube saß, ein Gewehr
-dicht neben ihr abgefeuert, daß sie erschrak und gewöhnlich
-mit einem lauten Aufschrei in die Höhe fuhr
-&ndash; oder die Hühner flatterten Nachts gestört umher,
-und nicht selten fehlten sogar einzelne von Stellen,
-wo sie weder Eule, noch Opossum geholt haben
-konnte.</p>
-
-<p>Schlimmer aber ging es dem armen Vater Billygoat,
-bei dem es jetzt, seiner Meinung nach, Ehrensache
-wurde, den hartnäckigen Heiden zu bekehren.
-War es ihm einmal gelungen, den »störrischen Wilden«
-so zu fassen, daß er ihm nicht mehr entrinnen
-konnte, und hatte er ihm dann eine recht eindringliche
-Ermahnungs- und Strafpredigt gehalten, dann fing
-John auf einmal an, grimmige und entsetzliche Gesichter
-zu schneiden, fletschte mit den Zähnen, rutschte
-und glitt dem mehr und mehr geängstigten Prediger
-immer näher und schrie ihm vielleicht zuletzt noch den
-<a class="pagenum" id="page_289" title="289"> </a>
-gellenden Schlachtschrei der Konzas so nahe und scharf
-in die Ohren, daß der fromme Mann entsetzt aus dem
-Zimmer floh und noch weit hinter sich drein das
-Hohnlachen des Heiden hören mußte. Nach jeder solcher
-Zusammenkunft konnte er sich aber auch fest darauf
-verlassen, daß ihm in derselben Nacht irgend ein
-Schwein abhanden kam, oder seine Fence an irgend
-einer Seite eingerissen und die Heerde in die Felder
-getrieben wurde, oder auch, wie das sogar einmal
-geschah, eine heimliche Kugel seine beste Kuh traf und
-tödtete.</p>
-
-<p>Stellten die Leidenden den wahrscheinlichen Thäter
-zu Rede, so machten sie die Sache dadurch nur
-noch schlimmer, und das ganze Städtchen begann
-schon den »bekehrten Wilden«, wie er im Anfang hieß,
-als eine Plage zu betrachten, die man sich herzlich
-freuen würde, so bald als möglich wieder los zu
-werden.</p>
-
-<p>Merkwürdig war es dabei, daß John an Tom
-Fairfield, so feindlich gesinnt er ihm sonst auch immer
-sein mochte, nie einen ähnlichen Muthwillen versuchte;
-ja, im Gegentheil rettete er ihm sogar eines Tages,
-als er ihn zufällig auf der Jagd traf, oder auch vielleicht
-durch seinen Schuß herbeigelockt war, auf die
-aufopferndste Art das Leben.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_290" title="290"> </a>
-Tom hatte nämlich nicht weit von Boonville
-einen alten Bären beim Lappen<span class="top">[13]</span> getroffen, aber,
-durch eine rasche Bewegung desselben verleitet, einen
-übereilten Schuß gethan, was ihm das angeschossene
-und gereizte Thier mit Blitzesschnelle auf den Hals
-brachte. Sein Hund war zu schwach, ihm wirksamen
-Beistand zu leisten; sein Messer brach beim ersten,
-einen Knochen treffenden Stoß, und wer weiß, ob er
-nicht von der Bestie, wenn auch nicht getödtet, doch
-gar arg verwundet worden wäre, hätte sich nicht
-John in dem Augenblicke, da er aus Furcht, den
-Mann zu treffen, nicht wagen durfte, zu schießen, mit
-keckem Muth auf den zottigen Feind geworfen und
-diesem sein Messer so sicher ins Herz gestoßen, daß er
-sich wohl noch gegen seinen neuen Gegner wenden
-konnte, gleich darauf aber, auch vom früheren Blutverlust
-schon erschöpft, todt zusammenbrach.</p>
-
-<p class="ci fss">[13]: Lappen der Bären heißt, wenn sie im Herbst nach den reifen
-Früchten und Beeren naschen gehen.</p>
-
-<p>Tom wollte dem jungen Manne danken und streckte
-ihm mit herzlichen Worten die Rechte entgegen &ndash; der
-aber wandte sich knurrend ab und verschwand, sich
-nicht weiter mehr um Jäger und Beute kümmernd,
-rasch im nahen Dickicht. Zu Hause sprach er auch kein
-<a class="pagenum" id="page_291" title="291"> </a>
-Wort davon, nur als Tom heimkam und den Hergang
-erzählte, und die Mutter ihm mit glänzenden
-Augen die Wangen streichelte, und Rosy unter Thränen
-seine Hand nahm und ihn ihren lieben, lieben
-Bruder nannte, da wurde er weich, wie er seit lange
-nicht gewesen, und an dem Tage wäre vielleicht selbst
-Vater Billygoat ungestraft bei einem neuen Angriff
-weggekommen, hätte sich dieser würdige Mann nicht
-schon seit längerer Zeit fest vorgenommen gehabt, den
-heidnischen Wilden, der eigenen Schweine wegen,
-seinem Schicksale zu überlassen.</p>
-
-<p>So standen die Sachen, als sich die Kranke eines
-Tages recht schwach und unwohl fühlte &ndash; ihre Kinder
-wichen nicht mehr von ihrer Seite, und John besonders
-saß neben dem Lager und hielt der Mutter
-Hand fest, fest in der seinen. Aber der Sand war abgelaufen,
-welcher der Leidenden auf dieser Erde zugemessen
-&ndash; die Kräfte wichen, die bis dahin das mürbe
-Gebäu ihres Körpers zusammen gehalten.</p>
-
-<p>»Rosy,« flüsterte sie, als die Abendsonne ihrem
-Lager gegenüber stand und der rothe schimmernde
-Glanz den todtenbleichen Zügen noch einmal ein, ach!
-trügerisches Leben zu verleihen schien &ndash; »Rosy &ndash;
-Tom &ndash; mir wird so wunderleicht und wohl &ndash; die
-Glieder fühle ich gar nicht mehr, die mich sonst so
-<a class="pagenum" id="page_292" title="292"> </a>
-bleiern an mein Lager bannten &ndash; ich glaube, der
-Tod naht &ndash; ach! dann ist es schön, zu sterben &ndash;
-aber &ndash; Euch lasse ich noch unvereinigt hier zurück,
-und mein Kind &ndash; meinen John, in Eurem Schutze
-&ndash; versprecht mir &ndash; versprecht mir, ihn stets &ndash; als
-Euren Bruder zu lieben.«</p>
-
-<p>»Mutter!« schluchzte Rosy und barg das Antlitz
-an der Schulter der Sterbenden.</p>
-
-<p>»Er soll mir wie mein liebster Bruder sein,« sagte
-Tom mit tiefer Rührung &ndash; »ja, nicht theurer konnten
-ihn diese Worte meinem Herzen machen, als er
-es jetzt schon ist &ndash; John soll nie einen anderen
-Freund brauchen, so lange noch ein Tropfen Lebenssaft
-in diesen Adern quillt.«</p>
-
-<p>»Und, John,« sagte mit leiser Stimme die Mutter,
-»wird Dir das Grab der Mutter so theuer sein,
-als es die Lebende war?«</p>
-
-<p>John hatte augenscheinlich einen harten Kampf
-mit sich gekämpft &ndash; er schämte sich, in der Gegenwart
-eines anderen Mannes zu weinen oder irgend
-eine Schwäche zu zeigen, und saß starr und regungslos,
-die Blicke unverwandt in eine Zimmerecke gerichtet;
-jetzt aber, bei der directen Anrede an ihn, wo
-ihm, der so oft den Tod gesehen, sein Auge sagte,
-daß das theure Leben nur noch wenige Minuten in
-<a class="pagenum" id="page_293" title="293"> </a>
-der alten lieben Hülle weilen werde &ndash; jetzt konnte er
-sich nicht länger halten &ndash; am Bett fiel er nieder auf
-die Kniee, den Kopf barg er in der überhangenden
-Decke, und sein ganzer Körper zitterte von der Allgewalt
-des Schmerzes, der in ihm tobte.</p>
-
-<p>»Guter John,« flüsterte die Mutter, und ihre
-Hand ruhte segnend auf dem Haupte des Sohnes &ndash;
-»guter &ndash; lieber John!«</p>
-
-<p>»Mutter!« rief Tom Fairfield plötzlich, denn ein
-eigenes Zucken im Gesichte der Kranken &ndash; ein eigenes
-Erstarren der Züge erschreckte ihn. John fuhr schnell
-empor und heftete seinen Blick nur secundenlang auf
-das liebe Antlitz.</p>
-
-<p>»Meine Mutter!« schluchzte er, und die hellen
-Thränen netzten seine sonngebräunten Wangen:
-»meine liebe Mutter! und Du gehst?«</p>
-
-<p>Die Sterbende antwortete nicht mehr &ndash; der letzte
-Druck der Hände galt noch dem Kinde &ndash; der Tochter
-&ndash; ihr brechendes Auge hing an dem sinkenden Tagesgestirn,
-und mit dessen Verschwinden hinter dem goldglänzenden
-Laubnetz des Waldes schlossen sich auch die
-treuen Augen auf immer.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Am anderen Tage, nach der Mutter Tod, grub
-John, an derselben Stelle, wo früher seines Vaters
-<a class="pagenum" id="page_294" title="294"> </a>
-Hütte gestanden, das Grab für die Verblichene &ndash; sie
-hatte es gewünscht, dort zu ruhen, und fast alle Einwohner
-des kleinen Ortes begleiteten die Leiche zu
-ihrer letzten stillen Ruhestätte unter den rauschenden
-schwanken Bäumen des Waldes. John blieb dort
-draußen drei volle Tage und Nächte, und als er endlich
-zurückkehrte, war er ernst und traurig und schien
-sein früheres wildes Wesen ganz verloren zu haben.
-Sanft wie ein Kind zeigte er sich gegen Jedermann,
-selbst mit dem Prediger war er freundlich, so freundlich,
-daß er den armen Mann im Anfange mehr damit
-erschreckte, als früher mit seiner Wildheit, weil der
-schon nicht anders glaubte, als daß dies nur eine andere
-Maske sei, unter der er neue Streiche auszuführen
-gedenke. Aber darin hatte er sich geirrt &ndash;
-John blieb sich immer gleich und vermied jetzt nur
-von Allen gerade die, deren Nähe ihm früher so
-unendlich wohl gethan.</p>
-
-<p>Obgleich er nämlich seine alte Schlafstelle, den
-oberen Theil von seiner Mutter Haus, noch beibehielt,
-bekam ihn das junge Mädchen fast gar nicht
-mehr zu sehen; nur Morgens vor Tag stand er auf,
-schaffte Holz herbei, zündete das Feuer an und verzehrte
-im Hause sein Frühstück; dann aber mied er
-Rosy's Nähe den ganzen Tag, und nur Abends hörte
-<a class="pagenum" id="page_295" title="295"> </a>
-sie, wie er von außen in seine Kammer wieder hinauf
-stieg und sein Lager suchte. Wildpret genug schaffte er
-dabei zum Hause, und weiche Felle gerbte er ihr nach
-indianischer Art, und nähte Moccasins und färbte
-Decken für sie; aber nicht daheim that er das, sondern
-im Walde draußen, wie auch das Wetter war, und
-nur froh konnte sie ihn machen, wenn sie annahm,
-was er ihr, meist Morgens, brachte.</p>
-
-<p>So rückte endlich der, von Tom Fairfield so lang'
-und heiß ersehnte Tag der Verbindung zwischen ihm
-und seiner holden Braut heran, und Tom hatte alle
-Bekannten und Freunde eingeladen, ihn feiern zu helfen.
-In festlicher Procession zogen die Glücklichen
-nach des Friedensrichters, Mr. Cowley's Haus, und
-heute schloß sich selbst John nicht aus von der fröhlichen
-Schaar.</p>
-
-<p>An Tom's Seite, gegen den er in letzter Zeit
-wieder so freundlich gewesen war, wie in den ersten
-Wochen ihres Beisammenseins, betrat er das kleine
-wohnliche Gemach des Richters und war Zeuge der
-heiligen feierlichen Handlung; als aber die Braut
-das schüchterne und doch so herzfreudige Ja gesprochen
-&ndash; als der <em class="ge">Gatte</em> sie leise, leise an sich zog und sie
-das in holder Schaam übergossene Antlitz an seiner
-männlichen Brust barg &ndash; da glitt er unbemerkt und
-<a class="pagenum" id="page_296" title="296"> </a>
-geräuschlos aus dem Zimmer &ndash; aus dem Hause
-und über die Straße hinüber in sein eigenes kleines
-Gemach.</p>
-
-<p>Nacht war's, und aus Tom Fairfield's neuer
-Wohnung brachen lichte Strahlen, und muntere Violintöne
-schallten die stille Straße herab; in Hornpipes
-und Quadrillen, in Reels und Jigs und der anderen
-amerikanischen oder von England herüber gebrachten
-Tänzen schwangen sich die fröhlichen Paare; munter
-ging der Becher im Kreise, und herzlich übertönte das
-Lachen oft die schallenden Geigenklänge.</p>
-
-<p>Draußen aber vorbei, durch den Herbststurm, der
-jetzt schon recht ingrimmig die laublosen Zweige
-schüttelte, schritt, die Büchse in der Hand, den Tomahawk
-im Gürtel und die Decke auf dem Rücken, ein
-Jäger, und wollte schon rasch vorüber ziehen an dem festlichen
-Hause, als der silberreine Ton einer lachenden
-Frauenstimme sein Ohr traf. Er blieb stehen, zögerte
-einen Augenblick und näherte sich dann dem Hause;
-an der Fenz schwang er sich hinauf und schaute viele
-Minuten lang still und ernst durch das kleine offene
-ausgeschnittene Fenster in den inneren hell erleuchteten
-Raum, auf die fröhlichen glücklichen Menschen hin,
-die in dem engen Gemach sich lachend und tanzend
-hin und herbewegten. Glück und Freude lag auf <em class="ge">allen</em>
-<a class="pagenum" id="page_297" title="297"> </a>
-Gesichtern auf die sein düsterer Blick fiel, aber von
-allen ab schweifte er unbefriedigt, das <em class="ge">eine</em> von allen
-denen zu erkennen das&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ha &ndash; da trat Rosy in den Kreis &ndash; die frohe junge
-Frau an des <em class="ge">Gatten</em> Hand, und das Licht der Lampen
-fiel hell und voll auf die lieben Züge des jungen
-Weibes.</p>
-
-<p>Johns Blick haftete lang und ernst auf der holden
-Gestalt, aber kein Laut entfloh seinen Lippen, keine
-Bewegung, ein einzelnes fast krampfhaftes Zucken
-seiner Lippen vielleicht ausgenommen, verrieth die
-Bewegung die in ihm kämpfte.</p>
-
-<p>Endlich nickte er, wie Abschied nehmend, aber
-auch fast seiner unbewußt, dort hinüber, wo er jetzt
-Alles zurückließ, was ihm noch lieb auf dieser Welt
-war, und ihn wohl hätte an ein ruhiges friedliches
-Leben fesseln können &ndash; dann stieg er langsam wieder
-nieder und warf die Büchse auf die Schulter.</p>
-
-<p>Als er den Boden wieder betrat, hatte er ganz die
-alte Ruhe wieder gewonnen &ndash; die wollene Decke, die
-über seine Schultern hing, zog er fest um sich her,
-und den Pfad verfolgend, der an seiner Mutter Grab
-vorüber gen Westen führte, verschwamm seine dunkle
-Gestalt bald in den düsteren Schatten, mit den der
-Urwald die enge Lichtung fest und dicht umlagerte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_298" title="298"> </a>
-Und wohin führte sein Weg?</p>
-
-<p>Man hat nie wieder von ihm gehört; aber zu den
-Konzas war er nicht zurückgekehrt, denn wenige Wochen
-später kam von dorther der canadische Franzose,
-der Tom Fairfield früher auf seine Spur gebracht,
-und wußte nichts von ihm. Ja, Tom besuchte im
-Frühjahr selbst noch einmal den Stamm &ndash; doch
-konnte ihm Niemand Kunde geben vom »weißen Hirsch«
-&ndash; er war und blieb spurlos verschwunden.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_299" title="299"> </a>
-Aus dem Briefsacke des Paquetschiffes
-»Seeschlange.«</h2>
-
-
-<h3><span class="ge">Erster Theil.</span></h3>
-
-
-<h4>Erster Brief.</h4>
-
-<p class="si fss"><em class="ge">New York</em>, den 12.&nbsp;März 1848.</p>
-
-<p class="in2"><em class="ge">Lieber Theodor!</em></p>
-
-<p class="si fsxs">Motto: Freiheit oder Tod.</p>
-
-<p><em class="ge">Ich bin in Amerika</em> &ndash; o wenn Du begreifen,
-wenn Du ahnen könntest, mit welcher wonneathmenden
-Seligkeit mich <em class="ge">der</em> Gedanke durchfluthet, wenn
-Dir aus dem inneren jauchzenden Jubelmeere meines
-Herzens nur ein Ton, nur ein Accord jener himmelrauschenden
-Symphonieen an die Seele donnern
-könnte, die mich dieser Erde fast entheben, die mich
-in sinnverwirrendem Freudenrausche nicht ein Mensch
-mehr, nein ein Engel, ein Gott sein lassen! &ndash; dann
-brauchte ich nicht die kalte Feder zu dem nutzlosen
-<a class="pagenum" id="page_300" title="300"> </a>
-Versuche zu ergreifen, das schildern zu wollen, was
-sich nicht schildern läßt; das mittheilen zu wollen,
-was eben nicht mitgetheilt werden kann, was nur
-empfunden, gefühlt sein will&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Nenn' es dann wie Du willst &ndash; nenn's Glück, Herz, Liebe, Gott &ndash;</div>
- <div class="verse">Ich habe keinen Namen dafür, Gefühl ist Alles &ndash;</div>
- <div class="verse">Nam' ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsgluth.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><em class="ge">Ich athme amerikanische Luft!</em> Begreifst
-Du das, kalter, theilnahmloser Aktenmensch &ndash;
-Bücherwurm &ndash; Leichenbeschauer Du, der von
-Haus zu Haus kriecht, scheußliche Verwesung und
-Moder zu besichtigen und rings um sich her Gottes
-freie, herrliche Natur unbeachtet, unbewundert läßt?
-&ndash; Hier komme her &ndash; hier in die Freiheit athmende
-Welt, hierher in das schöne, wundervolle Land, und
-wenn Dir dann das Herz nicht aufgeht, wenn sich
-dann nicht Dein Geist wie die Lerche in duftiger
-Frühlingsluft wirbelnd und siegestrunken zu Gottes
-reinen Aetherräumen emporhebt, dann fließt Dir
-Dinte statt rothen warmen Blutes in den Adern
-und Dein Herz ist nur eine Urne mit Aktenstaub und
-Trübsal angefüllt.</p>
-
-<p>Doch nein, so schlimm steht es noch nicht mit
-Dir und mit kurzen Worten will ich Dir deßhalb das
-Land meiner Ideale schildern; mit kurzen Worten
-<a class="pagenum" id="page_301" title="301"> </a>
-sag' ich, denn wollte ich mich auch nur auf eine einfache
-Beschreibung einlassen, so reichten Bände nicht
-aus und dazu gestattet mir jetzt weder Herz noch Geist
-die Zeit.</p>
-
-<p>Jeder Schritt hier, so lang ich das Ufer betreten,
-zeigt deutlich, wie wir glücklichen Auswanderer dem
-Schlendrian und Despotismus des alten Vaterlandes
-endlich enthoben sind &ndash; rege Geschäftigkeit füllt die
-Straßen &ndash; der edle Stolz &ndash; »ich bin ein freier Mann« &ndash;
-spricht schon aus dem Blick des Knaben, wie aus
-dem des erwachsenen Jünglings; keine Zeichen von
-Krone und Tyrannei beleidigen das Auge, indem sie
-uns an unsere Schmach der Knechtschaft erinnern &ndash;
-kein Bettler kriecht in seinem nackten Elend auf offener
-Straße umher und fleht um ein Almosen, damit er
-in seinen Ketten nicht auch noch verhungere &ndash; keine
-»königliche Constitution« lügt uns von Freiheit vor,
-während sie uns nur noch, indem sie uns einschläfert,
-weiter und weiter vom wahren Ziel der Freiheit
-entfernt. »Das Volk ist nicht reif,« schreien in
-Deutschland die Fanatiker der Ruhe &ndash; »es gehören
-auch Republikaner zu einer Republik und die haben
-wir noch nicht, die müssen wir erst heranbilden.« &ndash;
-Ausflüchte sind's &ndash; feige Angst vor der Krisis, die
-der Umgestaltung vorausgehen muß. Werden etwa
-<a class="pagenum" id="page_302" title="302"> </a>
-die Deutschen, die nach Amerika auswandern, plötzlich
-auf dem Schiffe zu Republikanern, daß sie auf
-einmal reif und ausgebildet hier das Land betreten?
-oder sind das etwa keine Republikaner, diese Millionen
-von Deutschen und Iren, die &ndash; der Whigparthei
-so fürchterlich &ndash; der demokratischen Sache im
-freudigen Sturmlauf den Sieg gewinnen? Zum
-Teufel mit den seelenlosen Drahtpuppen, die von
-fürstlichen Händen gezogen, marionettenartig und
-nach »allerhöchstem Verlangen« bald den Arm und
-bald den Fuß heben oder mit dem Kopfe nicken und
-schütteln.</p>
-
-<p>Noch war ich keine drei Tage hier an's Land gestiegen,
-als schon ein Amerikaner (ein mir wildfremder
-Mensch, dem es egal sein konnte, ob ich existirte oder
-nicht), zu mir kam und mich in sein Haus aufnahm.
-Uneigennützig &ndash; denn daß ich wirklich Vermögen
-hatte, konnte er nicht wissen &ndash; bot er mir in allen
-Stücken seine Hülfe an und übergab mir, dem Fremden,
-die Verwaltung einer ganzen Plantage &ndash; sieh,
-<em class="ge">das</em> ist ein Republikaner, das ist kein Mann aus
-einem Polizeistaat, wo jeder Staatsbürger schon
-pflichtschuldigst für einen Spitzbuben und Schuft gehalten
-wird &ndash; weise Du ein solches Beispiel in
-Deutschland auf?</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_303" title="303"> </a>
-Hier herrscht auch wahre Religionsfreiheit, um
-die in Deutschland, trotz dessen gerühmten Aufklärung,
-noch immer gestritten wird &ndash; die Schule ist von der
-Kirche frei &ndash; kein Pfaffe darf in die Erziehung der
-Kinder hineingreifen, und das junge Geschlecht blüht
-und keimt heran, eine Freude der Eltern, ein Stolz
-ihres herrlichen Vaterlandes.</p>
-
-<p>Doch soll ich jetzt auch nur Stunden verlieren,
-indem ich hier sitze und dem Zauberlande den Rücken
-kehre, während ich es beschreibe? &ndash; nein &ndash; selbst
-Deinetwegen nicht, Theodor, der Du mir sonst das
-liebste Herz auf Gottes Erdboden bist. Aber komm hier
-herüber, Du Guter, komm hierher und schüttle den
-Staub von Deinen Schuhen, wenn Du dem morschen
-Regierungswerk des »alten Landes,« wie Europa hier
-mit Recht genannt wird, den Rücken kehrst &ndash; komm bald
-und freudig und mit herzlichem Gruß wird Dir dann
-die Arme entgegenbreiten Dein treuer Bruder</p>
-
-<p class="si mr2"><em class="ge">Carl von Horneck</em>,</p>
-
-<p class="si fss">früher &ndash; Gott sei gedankt, daß ich sagen kann<br />
-<em class="ge">früher</em> &ndash; Assessor von Gottes Gnaden.&emsp;&nbsp;</p>
-
-
-<h4><a class="pagenum" id="page_304" title="304"> </a>
-Zweiter Brief.</h4>
-
-<p class="si fss">Aus dem Staat <em class="ge">New York</em>, am 10.&nbsp;März 1848.</p>
-
-<p class="in2"><em class="ge">Lieber Vetter!</em></p>
-
-<p>Glücklich sind wir vor etwa drei Wochen hier in
-Amerika angekommen, und ich befinde mich jetzt in
-dem Welttheil, der mich so lange Jahre hat nicht
-ruhig schlafen lassen. Manchmal ist es mir auch sonderbarer
-Weise noch immer wie ein Traum und es
-geschieht gar nicht selten, daß ich mich selber ganz
-erstaunt frage: »bist Du denn wirklich jetzt in <em class="ge">Amerika</em>?«
-Die Antwort fällt aber immer bejahend aus.</p>
-
-<p>Ich erinnere mich noch recht gut der Zeit wo ich
-die Aushängeschilder der »Agenturen für Amerika«
-und das gewöhnlich darauf gemalte Schiff mit einer
-wahren Ehrfurcht betrachtete, daß ich dann immer so
-eine Art von &ndash; ich weiß selber nicht wie ich es nennen
-soll &ndash; von tragischem Schauer mir über die
-Haut rieseln fühlte; &ndash; jetzt ist das vorbei &ndash; die
-Seefahrt hat mich vollkommen von der Bewunderung
-für die Schiffe selber geheilt &ndash; denn das Zwischendeck
-ist ein grausenvoller Aufenthalt und das stete
-Neue meiner Umgebung trägt viel dazu bei, mich zu
-zerstreuen und gegen starke Eindrücke abzustumpfen.
-Ich muß aber auch gestehen, daß ich Amerika keineswegs
-so gefunden, wie ich es erwartete, und ich bin
-<a class="pagenum" id="page_305" title="305"> </a>
-in mancher Hinsicht sehr enttäuscht worden &ndash; gebe
-Gott, daß ich mich geirrt habe. Jene lockenden Beschreibungen,
-die ich vor meiner Abreise gelesen, sind
-vielleicht, wie ich gestehen will, mit die Hauptursache,
-daß meine Erwartungen zu hoch angespannt
-wurden, dennoch muß ich Dir aufrichtig sagen, daß
-ich mir Manches, auch bei den geringsten Ansprüchen,
-besser wünsche. Die idyllischen Farmerwohnungen
-schrumpfen z.&nbsp;B. größtentheils in erbärmliche Blockhütten
-zusammen, durch die an allen vier Wänden
-der Wind hindurch zieht, das Vieh läuft zwar wild
-im Wald umher, aber jeder Schuft, der es nur
-schlau genug anzufangen weiß, kann auch Kühe und
-Pferde nach Belieben stehlen, und was die Schweinezucht
-anbetrifft, so hat die ihre ganz besonderen Schwierigkeiten,
-denn wenn die Sauen im Walde werfen, und
-man läuft nicht ewig dahinter her und lockt die kleine
-Brut, wie die Alte, mit Händen voll Mais, so werden
-sie wild wie die Hirsche und der Böse mag sie dann
-haschen, wenn er sie haben will. Auch das Land ist,
-wenn auch gut, doch schwer zu bearbeiten &ndash; die
-Bäume sind gar so stark und stehn zu dicht und die
-Stümpfe so draußen im Feld zu lassen, daß man mit
-dem Pflug zwischen lauter Holz und Wurzeln herumackert
-und Vieh und Menschen halb zu Tode schindet,
-<a class="pagenum" id="page_306" title="306"> </a>
-das ist eine Wirthschaft, wie sie einem ordentlichen
-Oekonomen nicht zusagt. Der Dünger wird ebenfalls
-nicht beachtet und die liebe Gottes-Gabe bleibt wild
-zerstreut im Walde herum.</p>
-
-<p>Auch mit der Viehzucht ist's schlecht, man weiß
-nie wo sein Vieh steckt, alle Augenblick hat Wolf
-oder Panther ein Stück und die Schaafe &ndash; na die
-wünscht ich, daß Du die einmal sehn könntest, wenn
-sie, die ganze Wolle eine einzige Klettenmasse, aus
-dem Walde kommen.</p>
-
-<p>Und nun das Ungeziefer; Holzböcke und Moskitos
-oder Mücken fressen Einen bald auf &ndash; die Fliegen
-sind, besonders in kleinen Waldwiesen oder
-Prairieen, in solcher Unmasse vorhanden, ein Pferd
-förmlich zur Verzweiflung zu bringen und Wanzen &ndash;
-nun die Wanze stammt ja aus Amerika, und es
-braucht uns also nicht zu wundern, wenn wir sie
-hier heimisch finden.</p>
-
-<p>Eines ist es aber noch besonders, was mir das
-hiesige Bauer- oder Farmerleben zuwider macht &ndash;
-die gänzliche Ungeselligkeit und Abgeschiedenheit. Anstatt
-die Häuser in Dörfern beisammen zu haben,
-liegen sie alle meilenweit von einander entfernt, im
-Wald, und wenn Einem wirklich einmal etwas zustößt,
-so ist auf schleunige Hülfe gar nicht zu hoffen
-<a class="pagenum" id="page_307" title="307"> </a>
-&ndash; mir graust es wirklich, wenn ich an irgend eine
-Krankheit, die mich oder die Meinigen betreffen könnte
-denke, denn der einzige Arzt wohnt sieben englische
-Meilen von mir entfernt, und das schlimmste dabei
-ist, daß ich wünschen muß, er wohnte lieber siebenzig,
-denn ehe ich mich einem solchen Quacksalber in die
-Hände gebe, der seine Patienten mit Calomel füttert
-und hinopfert, sterbe ich lieber sanft an Kamillenthee
-und Glaubersalz.</p>
-
-<p>Und mit den Leuten ist es erst eine fürchterliche
-Noth; Knechte und Mägde, was wir darunter verstehn,
-und wie sie doch zu einer ordentlichen Wirthschaft
-unumgänglich nöthig sind, kann ich gar nicht
-bekommen &ndash; die Leute wollen Alle wie die Herren
-behandelt sein und gehn und kommen wie es ihnen
-am besten gefällt. Auch ihre Ansprüche sind unverschämt
-und übertrieben &ndash; erstlich unverhältnißmäßigen
-Lohn, dann dreimal Fleisch den Tag und Kaffee
-und Zucker zum Frühstück, wie Thee oder Milch zum
-Abendbrod; und das genügt ihnen nicht einmal,
-wollte ich es ihnen dabei an einem besondern Tische
-geben und für mich mit meiner Familie allein essen,
-&ndash; thäte ich das, ich glaube ich setzte mich den größten
-Unannehmlichkeiten aus.</p>
-
-<p>Nein, lieber Vetter, wenn Du meinem Rath folgst,
-<a class="pagenum" id="page_308" title="308"> </a>
-so giebst Du Deinen Pacht nicht auf, sondern bleibst
-ruhig in Deutschland &ndash; sind auch die Abgaben dort
-wie andere Scherereien ziemlich bedeutend, so schützen
-uns doch auch die Gesetze wieder vor tausend Unannehmlichkeiten,
-denen wir hier ausgesetzt sind, und
-das gesellige Leben wiegt wieder viele Mängel auf &ndash;
-kann ich meine Farm vortheilhaft verkaufen, so komme
-ich auf jeden Fall wieder zurück und bei einem Glase
-Bier &ndash; o wie ich mich nach einem ordentlichen guten
-Krug Lagerbier sehne, &ndash; erzähl ich Dir dann, was
-ich hier Alles erlebt, und wie ich so nach und nach
-und Schritt für Schritt, in all meinen schönen Hoffnungen
-und Plänen enttäuscht wurde.</p>
-
-<p>Daß das recht bald geschehen möge wünscht, mit
-seinen herzlichen Grüßen an Dich und die lieben
-Deinigen</p>
-
-<p class="si mr2">Dein alter Freund und Vetter</p>
-
-<p class="si mr2"><em class="ge">Christoph Roßberger</em>.</p>
-
-<p>Meine Frau, die Euch mit den Kindern, ebenfalls
-herzlich grüßen läßt, klagt eben über Frösteln und
-Kopfweh &ndash; die Nägel fangen ihr auch schon an blau
-zu werden &ndash; das sind die freundlichen Anzeigen des
-kalten Fiebers.</p>
-
-
-<h4><a class="pagenum" id="page_309" title="309"> </a>
-Dritter Brief.</h4>
-
-<p class="si fss"><em class="ge">Nujork</em> nich sondern <em class="ge">Kendukki</em> wo ich jezd bin.</p>
-
-<p class="in2"><em class="ge">Lüber Ludewig!</em></p>
-
-<p>Ich bin glicklich hir eingedroffen in Ameriga
-Dunnerwetter das is en Land 17&nbsp;Dage in eine ford
-gereißt un noch keine Grenze un kein Schandarm un
-kein Bas verlangd un kein Schlachbaum gesen un kein
-Bolizeidiener worum ich Dich eigendlich bitten wolde
-weil mir das bei den Bolizeidienern die ich nich gesen
-habe einfelld so geh doch einmal zu Lowizki hin Du
-weist schon &ndash; und sage ihm hir soll er herkommen
-hir is des Land vor ihm. Woso aber Du glaubsd
-dass ich nich de Warheid rede die Kühe und Ferde
-laufen hir frei im Walde rum un es kann se jeder
-nehmen wer will un ich bin iberall die Nachd in die
-schenstden Betten geschlafen und ob sie mich eine 20&nbsp;Daler
-Nothe wexeln kennten wenn ich se morgens
-fragde sagden se jedesmal nein was mir sehr leid tat
-Hurrjeh komm nach Ameriga un 3mal Fleisch un
-Speck un Kafeh un Milg und Zuker un saure Gurken
-un Herr nennen sie Misther wo sie mich immer Misther
-Bomeier nennen. Hür glaub ich aug von wegen
-Komunismuss is das regde Blatz glaub ich un ich un
-ein guder Freind wir haben uns den Mormonen angemagd
-wie ich sagen wollde wir haben Briderschafd
-<a class="pagenum" id="page_310" title="310"> </a>
-mit sie gemagd un allens sollen mir teilen haben sie
-ferschprochen mir teilen un sie teilen un die anderen teilen
-un da kommen mir gans gut weg dabei aber mir missen sie
-schon mannigmal kleine Freindschafden duhn un Welschkorn
-holen in andere Felder und aus Fersehn eine Sau
-schlagden un kein Schandarm hat einen nichts zu
-sagen un is keiner zu sehn. Un vile Aeppel in die
-Obstgerten un viele Firsich das eine Bein tut mich
-noch sähr we von ein große Hund &ndash; gottvertamte
-Krete der Hund Aber ich muss nu schlüßen o Ludewig
-wenn Du wistest was se hir vor Gefengnisse haben
-lauter Holz und kein Boden drin ob se wol unser
-einem nu Du verstehest mir wol Aber ich muss nu
-schlüßen un die Bauern die nich teilen wollen haben
-ire Kornkrib als wo so ein Welschkornscheune heißt
-im Freien un keine Hunde dabei wie die vertamte
-Krete. Aber ich muss nu schlüßen un wenn Du hirherkomst
-un ich wone in das Bortinghaus von Samöel
-Schmit un Du kansd hir aug wohnen 1&nbsp;un&nbsp;3&nbsp;4tel
-Dollar die Woche. Aber ich muss nu schlüßen un Du
-kansd lange gut leben denn Du komsd bald hürher
-von die Schorken die Dich schünden und kujjeniren
-wo es immer geschiht das winscht Dein getreier
-Bruder</p>
-
-<p class="si mr2"><em class="ge">Eregott Bomaier</em>.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_311" title="311"> </a>
-Wenn Du meine Frau siest sage ihr sie solte jo
-nich hirher kommen es were hir gar nigts vor die
-Frauen.</p>
-
-
-<h4>Vierter Brief.</h4>
-
-<p class="si fss"><i>New York the 20<span class="top">th</span> of March 48.</i></p>
-
-<p class="in2"><em class="ge">Theuerer Scharffenstein!</em></p>
-
-<p>Du wirst staunen, schon einen Brief von mir zu
-erhalten, denn Du am besten kennst wohl meine
-Schwäche in Allem was schreiben heißt &ndash; die Hand
-die gewöhnt ist den Degen zu führen, schreckt gewöhnlich
-vor der Feder zurück &ndash; doch ich fühle mich hier
-zu wohl, zu glücklich, um Dir nicht Theil an meiner
-Freude zu gönnen und jeder Tag deshalb, den ich an
-dieser Mittheilung verzögerte, schien mir ein Raub an
-Deiner Liebe.</p>
-
-<p>Du weißt aus welchen Gründen ich Deutschland
-verließ &ndash; was half mir meine Stellung als Rittmeister
-&ndash; der Rittmeister verdiente nicht genug den Grafen
-standesgemäß leben zu lassen, und meine Lage
-wurde drückend. Ich muß Dir aber dennoch gestehn,
-daß ich mit nicht geringen Befürchtungen den Amerikanischen
-Boden betrat &ndash; es war eine <em class="ge">Republik</em>,
-und was konnte darin der arme Graf erwarten &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_312" title="312"> </a>
-hoffen? Schon der erste Blick, den ich in die ungeheuere
-Stadt New York that, bestärkte mich dabei in
-diesem Gefühl, und beengte mir Herz und Geist &ndash;
-kein Haus ohne ein Geschäft in den unteren Räumen,
-kein freier Raum zwischen Thüren und Fenstern, ohne
-Schilder, Anzeigen und riesige Namenszüge und
-Buchstaben. Hier &ndash; das ließ sich nicht verkennen &ndash;
-herrschte der Krämer, und der Graf konnte nur eine
-sehr untergeordnete Rolle spielen.</p>
-
-<p>Oder sollte ich etwa als &ndash; Commis in eines dieser
-Geschäfte treten? &ndash; Dingen und feilschen, wiegen
-und messen, und mir mit »ehrlichem Fleiße« einen
-Platz in der menschlichen Gesellschaft mühsam erringen,
-daß ich endlich, nach Jahre langer Arbeit &ndash; auf
-gleicher Stufe mit den Krämerseelen stünde? &ndash; Bah,
-der Gedanke war demüthigend und odiös und trieb
-mir die Tropfen auf die Stirn.</p>
-
-<p>Der erste Lichtblick, der mich in diesem Chaos
-meiner Gefühle traf, war eine vierspännige Kutsche
-mit galonnirtem Kutscher vorne und betreßten Bedienten
-&ndash; einen Weißen und einen Neger, hinten auf &ndash;
-ja auf dem Kutschenschlag sogar ein Wappen &ndash; leider
-konnte ich es nicht erkennen, denn sie rollte zu rasch
-an mir vorüber. Ich war wirklich erstaunt, <em class="ge">das</em> hier
-in einer der Hauptstädte der Republik zu finden, und
-<a class="pagenum" id="page_313" title="313"> </a>
-Du wirst mein Erstaunen theilen, wenn ich Dir sage,
-daß ich in Zeit von einer Viertelstunde fünf oder sechs
-solche Wappenträger gesehn, doch mit lauter mir
-fremden Schilden.</p>
-
-<p>Am nächsten Tag, als ich die Theile der Stadt
-durchzog, wohin meine Empfehlungen lauteten, betrat
-ich die Straßen die weniger kaufmännisch und
-schon mehr aristokratisch aussahen. Elegante Gebäude
-mit Marmortreppen, Mahagonithüren und vergoldeten
-Knöpfen &ndash; hie und da der Wollkopf eines
-schwarzen Portiers sichtbar. Dennoch betrat ich mit
-einer Art Beklemmung die erste Treppe &ndash; der Name
-John Broadfoot klang gar zu plebejisch und sein, wie
-seiner Gattin Anblick, strafte ihn leider nicht Lügen,
-obgleich sie Beide von Atlas und Gold strotzten &ndash; ich
-mußte wahrhaftig beim ersten Eintritt das Lachen
-verbeißen &ndash; Gott sei Dank, daß ich nicht herausplatzte.</p>
-
-<p>Aber pompös eingerichtet waren die Leute, wahrhaft
-fürstlich, und Du weißt, meine Ansprüche in der
-Art sind nicht gering &ndash; nur etwas überladen, zu viel
-Gold und lichte Farben, zu wenig Schatten für die
-Masse blendender Strahlen. Von dem Augenblick an
-begann aber ein neues Leben für mich! ich flog aus
-einer Gesellschaft in die andere; Einladung folgte auf
-<a class="pagenum" id="page_314" title="314"> </a>
-Einladung; ich wurde fetirt wie an keinem Orte
-Deutschlands oder Frankreichs und der deutsche Graf,
-der <i>german count</i>, scheint wirklich das Stadtgespräch
-geworden. Beim Himmel, Eugen, ich bin in dieser
-Republik eher wie ein Gott als ein Sterblicher behandelt
-worden, und wenn in Paris, wo, wie ich
-eben die Nachricht bekomme, das Königthum gestürzt
-sein soll, die Republikaner ebenfalls so rücksichtsvoll
-gegen Grafen sind, dann werd' ich künftig in Paris
-die Saison und in Amerika meinen Sommer verleben.</p>
-
-<p>Doch lange mag ich nicht mehr der Mittelpunkt
-aller dieser Feste sein, ohne nicht bald selbst einmal
-etwas ähnliches zu veranstalten; dieser mir gezollte
-Weihrauch macht mich allerdings sehr stolz; ich bin
-aber auch wieder zu stolz, unerwiedert dergleichen fortwährend
-anzunehmen. Meine Casse befindet sich freilich
-in keinen übermäßig brillanten Umständen, soviel
-aber hält sie hoffentlich aus, denn ist mir wieder auf
-eine Zeitlang hier Bahn gebrochen und rückt der
-Sommer weiter hinein, nun so ziehe ich in die benachbarten
-Städte Philadelphia, Baltimore, Boston; ein
-Graf mit einem so wackeren Namen wie der meine,
-wird dort überall nicht allein willkommen geheißen,
-sondern wirklich ersehnt, da es, Gott sei Dank, mit zum
-guten Ton gehört, ihn unter seine »<i>friends</i>« zu zählen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_315" title="315"> </a>
-Also <i>good bye</i>, mein theuerer Scharffenstein, laß
-bald selbst einmal etwas von Dir hören und sei versichert,
-daß sich stets Deiner in alter Liebe und Freundschaft
-erinnern wird, Dein</p>
-
-<p class="si mr2"><em class="ge">Hugo</em>,</p>
-
-<p class="si fss">Graf von Böllinghausen und Nistadt.</p>
-
-<p><i>P.&nbsp;S.</i> Solltest Du selber noch herüber kommen,
-so nimm auf dem Dampfschiff um Gotteswillen erste
-Cajüte. Man muß hier, in Amerika selber, allerdings
-mit manchem Plebs verkehren, weil sich das nicht gut
-vermeiden läßt, auf der See aber, und so frisch von der
-Heimath fort, ist es oft höchst fatal und widerwärtig.</p>
-
-
-<h4>Fünfter Brief.</h4>
-
-<p class="si fss">Im Staat <em class="ge">Ohio</em> am 3ten März 1848.</p>
-
-<p class="in2"><em class="ge">Liebe Eltern und lieber Bruder!</em></p>
-
-<p>Es freut mich Euch sagen zu können, daß es mir
-hier gesund und wohl geht. Ich habe nämlich die Seereise
-glücklich überstanden und wenn ich auch lange
-seekrank war, so bin ich doch jetzt wohl und gesund
-und es fehlt mir an meinem Körper gar Nichts. Was
-aber die Verhältnisse hier anbetrifft, so thut es mir
-leid, Euch gar nichts Bestimmtes und nichts Gutes
-über mich schreiben zu können, denn es geht mir bis
-<a class="pagenum" id="page_316" title="316"> </a>
-jetzt noch hier herzlich schlecht &ndash; vielleicht wird's einmal
-später besser. Kommt aber ja nicht jetzt heraus, wie ihr
-es wolltet, liebe Eltern und lieber Bruder &ndash; es ist Alles
-nicht wahr, was uns Siebenhegers im vorigen Jahre
-geschrieben haben &ndash; und wenn es wahr ist, so ist es ganz
-anders, als wie es im Brief aussieht, und wie man es
-sich dennoch denken muß. Allerdings kann jeder gleich
-Meister werden wer will, und ich bin auch gar nicht
-faul gewesen wie ich hier nach Amerika kam. Ich nahm
-gleich mein Handwerkszeug, miethete mir einen <em class="ge">Schop</em>,
-wie sie's hier nennen und fing mit der Tischlerei an,
-aber lieber Gott, arbeiten hätt' ich schon gern gewollt,
-wenn ich nur was zu arbeiten gehabt hätte,
-und den theueren Miethzins mußt ich dabei bezahlen
-und das Borting, wie sie hier die Wirthshäuser
-nennen und da wurden die hundert Thaler, die ihr
-mir mitgegeben habt, liebe Eltern, immer weniger,
-bis ich zuletzt einsah, ich müßte endlich verhungern,
-wenn ich so sitzen bliebe und wartete auf Arbeit. Da
-gab ich mein Werkzeug an einen Freund zum Aufheben
-und ich selbst nahm den Rest von meinem Geld,
-37&nbsp;Dollar und 3&nbsp;Schilling und ging nach Missuri.</p>
-
-<p>Im Lande nun dacht ich könnt's mir gar nicht
-fehlen, denn in dem Brief stand ja, das Vieh liefe
-hier wild herum und koste beinah gar Nichts, und das
-<a class="pagenum" id="page_317" title="317"> </a>
-Welschkorn brauchte man nur zu pflanzen, und Alles
-was man hätte könnte man gleich verkaufen an
-Butter, Milch, Mais und Wildhäute und das Haus
-helfen Einem die Nachbarn baun &ndash; das stand alles
-in dem Brief. Und wie ich nun hierherkam da hatt ich
-noch 20&nbsp;Dollar und 75&nbsp;Cent, denn das Reisen hier
-ist sehr billig, aber damit konnt ich doch keine Farm
-kaufen und Arbeit konnt ich auch nicht kriegen, denn
-hier brauchen sie lauter Leute, die recht gut mit der
-Axt umzugehn wissen, und daß wußte ich nicht, und
-mein Handwerkszeug hatt ich auch in Nujork gelassen
-und wie ich dorthin schrieb da sagte der Wirth in dem
-Bortinghaus dem ich es gegeben hatte, er wüßte
-nichts davon und ich war es los. Für 4&nbsp;Dollar den
-Monat und die Kost boten sie mir in Anfang Arbeit
-an, aber ich wollte es nicht annehmen weil ich
-glaubte es wäre zu wenig, und ich verzehrte erst alle
-meine 20&nbsp;Dollar und dann nahm ich Arbeit für
-4&nbsp;Dollar, weil ich doch nicht hungern wollte und
-ehrlich fortkommen wollte. Und ich bin auch ganz abgerissen
-an Kleider und ich fürchte mich neue zu kaufen,
-denn ich mochte nicht gerne Geld borgen. Ich bin bei
-Deutschen hier und muß fürchterlich arbeiten, aber
-ich thu es gern, denn ich verdiene doch wenigstens
-mein täglich Brod, aber sie sagen mir, Einer der kein
-<a class="pagenum" id="page_318" title="318"> </a>
-Geld hat, der kann es zu gar nichts bringen und
-wenn ich fleißig bin, wollen sie mir in der Erndte
-8&nbsp;Dollar geben und ein neues Hemde. Ich muß auch
-viel Tischlerarbeit für sie machen und für andere
-Leute, wofür ich aber das Geld nicht kriege, meine
-Brodherrschaft verdient aber nichts dabei, denn die
-thut es auch sehr billig, mehr aus Gefälligkeit, weil
-sie auch wieder viel Gefälligkeit von den andern Leuten
-erhält.</p>
-
-<p>Das sind nun die schönen Gedanken von 1&nbsp;Dollar
-den Tag für Arbeit und immer mehr zu thun wie
-Einer thun könnte. Meine Brodherrschaft, die es sehr
-gut mit mir meint, sagt ich könnte mir gratuliren,
-daß ich bei ihnen wäre, denn viele Leute laufen brodlos
-rum. Und daß ist auch wahr, ich habe schon viele
-gesprochen, die gerade aus Deutschland kommen, und
-es geht ihnen sehr schlecht. Neulich war ein Mann
-bei mir aus Hessen Darmstadt &ndash; der hat geweint
-und gesagt seine Familie thäte in einer elenden Blockhütte
-am kalten Fieber liegen und er hätt keinen
-Groschen um Brod zu kaufen. Der Mann heißt
-Mülzer und ist auch ein Handwerker, aber ein Bäcker
-und die Leute backen sich hier alle selber ihr Brod und
-was anderes konnte er nicht werden, sagte er, weil
-er nichts anderes gelernt hat.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_319" title="319"> </a>
-Doch adje liebe Eltern und lieber Bruder, vielleicht
-geht mir's noch einmal besser hier in Amerika
-und dann schreib ich Euch wieder, aber jetzt gehts
-noch nicht gut und darum grüßt Euch Euer getreuer
-Sohn und Bruder</p>
-
-<p class="si mr2"><em class="ge">Traugott Erdmann</em>.</p>
-
-
-<h4>Sechster Brief.</h4>
-
-<p class="si fss"><em class="ge">New York</em> den 9ten März 48.</p>
-
-<p class="in2"><em class="ge">Mein herzlieber Carl!</em></p>
-
-<p>Versprochener Maßen erhältst Du, sobald ich nun
-hier in dem neuen herrlichen Lande einmal zu Athem
-gekommen, augenblicklich Nachricht von mir, und
-zwar Nachricht, nicht wie es hier im Lande selber
-steht, denn davon weiß ich noch zu wenig, sondern
-über das besonders, was ich hier thue und treibe.</p>
-
-<p>Ich bin beinah alle Tage auf der Jagd gewesen,
-doch die Jagd um New York selbst herum, ist höchst
-unbedeutend &ndash; eine kleine Rohrdommel und zwei
-Moschusratten bilden den beträchtlichsten Theil meiner
-Beute, und das klingt Dir wahrscheinlich sonderbar,
-wenn Du Dich an unsere Gespräche über Bären,
-Büffel, Elens, Riesenhirsche und Panther erinnerst.
-Doch Du mußt bedenken, die Jagd ist hier frei, jedes
-<a class="pagenum" id="page_320" title="320"> </a>
-Kind kann mit seiner Flinte hinausgehn und schießen,
-und daß da um eine Stadt wie New York, die, glaub'
-ich, 400,000 Einwohner hat, kein großes eßbares
-Wild mehr zu finden ist, liegt allenfalls auf der
-Hand.</p>
-
-<p>Gestern traf ich aber glücklicher Weise einen alten
-Jäger aus Indiana, das viele hundert Meilen westlich
-von hier liegt; der erzählte mir, zufälliger Weise
-wie das Gespräch gerade kam, von dem Wild in
-seiner Gegend, das muß fabelhaft sein. Mir zugeschworen
-hat er's, daß er die Bären manchmal, besonders
-in kalten mondhellen Nächten, aus seinem
-Küchenfenster schießt, und Hirsche erlegt er nur, wenn
-er Fleisch für die Hunde braucht. Denke Dir wie sich
-das glücklich trifft, der Mann hatte zufällig, und ich
-merkte es gleich, er wollte im Anfang nicht mit der
-Sprache heraus, eine kleine Farm, ein sogenanntes
-<i>improvement</i> von ein paar Ackern urbargemachten
-Landes zu verkaufen, auf dem ein kleines Wohnhaus
-und eine Räucherkammer und Maisscheune steht.
-Und weißt Du was das ganze kosten soll? &ndash; Du
-riethst es wahrlich nicht und gingst Du noch so tief
-hinunter &ndash; denke Dir, 250&nbsp;Dollar; &ndash; vier bis fünf
-Acker urbar gemachtes Land mit den dazu gehörigen
-Gebäuden für 250&nbsp;Dollar! es ist fabelhaft.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_321" title="321"> </a>
-Ich scheute mich wahrhaftig im Anfang ja zu
-sagen, denn es war augenscheinlich, der Mann kam
-gerade mitten aus dem Walde in die Stadt und
-kannte den Werth seines Besitzthums gar nicht, denn
-für 250&nbsp;Dollar schieß ich ja allein in der Gegend an
-Wild heraus, Bärenfett, Honig und Wachs, was
-Alles hier in New York einen ganz guten Preis hat,
-gar nicht gerechnet. Leider sind keine Indianer mehr
-in der Gegend, doch versicherte mir mein Backwoodsman,
-das sei nur ein sehr großer Vortheil für den
-Wildstand, dem die Indianer, wenn sich viele in der
-Nachbarschaft aufhielten, gewaltigen Abbruch thäten.</p>
-
-<p>Gestern Mittag wurden wir denn handelseinig;
-d.&nbsp;h. ich schloß den Handel nach seinen eigenen Bedingungen
-mit ihm ab, weil ich Furcht hatte es
-könnte mir sonst ein Andern zuvorkommen. Hol's der
-Henker, wenn der Mann etwas verkaufen will, so
-muß er auch wissen, was er dafür fordern kann &ndash;
-er ist alt genug und braucht keinen Vormund. Uebrigens
-habe ich ihm auch noch drei Kühe, die auf dem
-Platz sind, für den allerdings im Verhältniß jener
-wilden Gegend etwas hohen Preis von 12&nbsp;Dollar
-<i>per</i> Stück abgenommen, auch eine Heerde Schweine
-von 19&nbsp;Stück mit 3&nbsp;Dollar <i>per</i> Kopf. So bin ich
-denn auf einmal ein Amerikanischer Farmer geworden
-<a class="pagenum" id="page_322" title="322"> </a>
-und will in nächster Woche nach meinem neuen Besitzthum
-aufbrechen; wollte Gott Du wärst jetzt hier
-und wir könnten zusammen dorthin ziehn, ich kann
-Dir gar nicht sagen wie ich mich darauf freue.</p>
-
-<p>Nur das eine ist mir unangenehm, daß der alte
-Jäger nicht mit mir zu seinem früheren Wohnort zurückkehren
-kann, um mich dort gewissermaßen einzuführen;
-er will aber von hier direkt nach Texas, um
-von dort aus nach New Mexico überzusiedeln und
-als Pionier den Kern jener Macht mit bilden zu
-helfen, die später als neuer Staat der Union von
-Nordamerika ein neues Glied jener herrlichen Kette
-werden wird, die in kaum einem halben Jahrhundert
-den ganzen Continent von Amerika umspannen muß.
-In Texas soll es auch viel Wild geben, lange aber
-nicht so viel, meines Backwoodsmans Aussage nach,
-als in Indiana.</p>
-
-<p>Besonders malerisch hat er mir die Truthahnjagd
-und die Panterhetzen geschildert und das einzige was
-er gegen das Land dort einzuwenden hat, wäre &ndash;
-denn er sagte mir, er hielte es für seine Pflicht darin
-aufrichtig gegen mich zu sein &ndash; daß eben Panther,
-Bären und Wölfe einen ordentlichen Viehstand schwer
-aufkommen ließen; besonders bösartig sollten die
-Bären hinter den Schweinen her sein, ja nicht selten
-<a class="pagenum" id="page_323" title="323"> </a>
-sogar in das Maisfeld selber brechen und darin beträchtlichen
-Schaden anrichten. &ndash; Und das sollte
-mich von dem Lande abschrecken, Carl &ndash; ich gebe
-Dir mein Wort, ich mußte ordentlich an mich halten,
-daß ich nicht laut aufjubelte vor lauter Freude. &ndash;
-Bären im eigenen Maisfeld; na wartet, meine
-schwarzen Burschen, ich will Euch das Mahl mit
-meiner treuen Büchse gesegnen &ndash; zwanzig Kugeln
-auf's Pfund, die machen ein Loch wo sie hinkommen.</p>
-
-<p>Um übrigens den alten Jäger wenigstens in etwas
-dafür zu entschädigen, daß er so billig verkauft, und
-mir zugleich die Bahn zu dem Ziel meiner Wünsche
-gezeigt und geebnet hat, bin ich heute morgen, als
-ich ihm sein Geld ausgezahlt hatte, durch die Stadt
-gegangen und habe ihm dort noch eine prächtige lange
-Büchse, die ihm sehr in die Augen zu stechen schien
-und die allerdings 60&nbsp;Dollar kostete, gekauft. Du
-hättest sehn sollen, wie mich der anschaute, erst griff
-er voller Eifer darnach, und dann besann er sich eine
-Weile, schüttelte mir die Hand, und wollte sie meiner
-Seele nicht annehmen, wie ich aber endlich ganz fest
-darauf bestand, ja zuletzt sogar schwur, ich würde sie,
-wenn er sie zurückweise, dem ersten besten Menschen
-geben, der uns auf der Straße begegnete, da warf er
-sie sich über die Schulter und pfiff vor Freude die
-<a class="pagenum" id="page_324" title="324"> </a>
-ganze Straße hinunter. Es ist ein kostbarer Menschenschlag,
-der Amerikanische.</p>
-
-<p>So lebe denn für jetzt wohl, mein Carl, denn die
-Vorbereitungen zu meiner Reise nehmen für den Augenblick
-meine ganze Zeit in Anspruch; ich will nämlich,
-wenn ich es noch möglich machen kann, schon
-morgen nach meinem kleinen Besitzthum aufbrechen,
-um gleich Jemanden zu besorgen, der es mir dieses
-Jahr noch ackern und mit Mais bepflanzen kann.
-Sowie ich dort eingerichtet bin, hörst Du sogleich
-wieder von mir, und des ersten Büffels Haut, den ich
-eigenhändig erlege, soll unter Deinem Schreibtisch
-als Fußdecke prangen.</p>
-
-<p>Bis dahin aber grüßt und küßt Dich herzlich Dein</p>
-
-<p class="si">jetzt wahrhaft glücklicher</p>
-
-<p class="si mr2"><em class="ge">Fritz Sternberg</em>.</p>
-
-
-<h4>Siebenter Brief.</h4>
-
-<p class="si fss">Filadelphia de 10.&nbsp;März 1848.</p>
-
-<p class="in2"><em class="ge">Guter Edde und allerbeste Mämme.</em></p>
-
-<p>Gottes Wunder was hob ich vor ane Raise gemocht
-hierher in de gewaltige Stadt von die Quäkers;
-lauter Wasser und immer Wasser &ndash; will ich
-nich gesund auf meine Fiße stehn, wenn ich nit glaub'
-<a class="pagenum" id="page_325" title="325"> </a>
-grad dorum nenne se den graußen Ocean das Mehr,
-wails nimmer weniger werd. Und das Bischen Seekrankheit
-unterwegs &ndash; wai geschrien Mämme &ndash; s'&nbsp;wor
-schauerlich. Speck hawe mer esse dirfe, der Rabbiner
-hets uns über die See erlaubt, weil mer de
-Schiffskost nu emol net kauscher kriege konnt &ndash; aber
-Gottes Wunder was hots uns geholfe? wie hob ich
-mich uf den Speck gefrait und will ich nich gesund auf
-meine Fiße stehn, wenn ich en nachher auch nur ansehn
-kunnt &ndash; gleich wurde mer schlecht.</p>
-
-<p>Ihr wollt wisse was Seekrankheit is? Gottes
-Wunder &ndash; wie heißt Seekrankheit &ndash; nehmt a gute'
-Handvoll Brechwainstein, und wenns Eich denn recht
-schlecht, recht eklich werd, main, dann setzt Eich in 'ne
-Schaukel un laßt den Itzig schaukle un immer schaukle un
-je schlechter Eich werd, je höher schaukle von den Itzig
-&ndash; dos is Seekrankheit, und wollt ers nachher noch
-ganz akkerat wisse, dann bleibt in de Schaukel sitze
-und trinkt ä Bissle worm Salzwasser mit Butter nein
-&ndash; Gott der Gerechte wer kann do an Speck denke.</p>
-
-<p>Un das Land? &ndash; wai geschrien wos is des vor e
-Land &ndash; wie haißt Amerika? hätt ich doch mein Lebtag
-nicht gesehn Amerika &ndash; is dos auch ä Nome fir
-des Land? &ndash; Terkei sillts heiße oder Kosakeland aber
-nich Amerika. Was hob ich profitirt sait ich hier bin
-<a class="pagenum" id="page_326" title="326"> </a>
-&ndash; frogt mich emol was ich profitirt habe? &ndash; gor nix
-hab ich profitirt un noch weniger. Quäker, haißts,
-wären lauter in Filadelphia &ndash; ich hob noch nix quäken
-gehört; will ich nich gesund auf meine Fiße stehn,
-wenn nich mehr Jüdden hier sin wie Quäker &ndash; un
-da soll a Jüdd was profitiren? &ndash; lächerlich.</p>
-
-<p>Rumgelaufe bin ich mit en klainen Kerbche von
-Haus zu Haus und wos fir schaine Sachen hob ich
-Alles gehabt: Kemmcher, Stecknodeln, Hosenträger,
-Band, Litzen, Zwirn, Fingerhit, Saifen, Haaröl,
-Stohlfedern und was waiß ich Alles &ndash; es is ordentlich
-a Wunder gewese, wies Alles in dem klainen
-Kerbche hat Platz gehatt &ndash; und was fir Geschäftcher
-hab ich gemacht? &ndash; wie haißt Geschäftcher &ndash; in de
-klaine Haiser bin ich gewesen, sahen se alle meine
-Sachen &ndash; will ich nich gesund auf meine Fiße stehn,
-von vorn bis hinten an, un wenn se sulten kaufen,
-hatten sie kain Geld &ndash; un in de graußen Haiser? &ndash;
-geh der Edde mol in die graußen Haiser in Filadelphia
-&ndash; Gott der Gerechte, mit schwarze Mohren
-haben se mich 'naus geschmissen.</p>
-
-<p>Das sin de Geschäftcher in der Stadt, un in's
-Land drauße? &ndash; geh der Edde wol in's Land
-drauße? im Wald wimmelts von wilde Katzen un
-Panthers un Bären, un Gott der Gerechte, was sin
-<a class="pagenum" id="page_327" title="327"> </a>
-mit Bären für Geschäftcher ze machen? ich geh <em class="ge">net</em>
-in's Land werd ich mich fressen lassen. Un wer kennt
-Einen hier? &ndash; wer soll dem Veitel Credit geben? kan
-Mensch &ndash; der Veitel is hier gor nix &ndash; Gott der
-Gerechte, wär' ich in Bamberg gebliebe, un hätt'
-ichs Geld &ndash; will ich nich gesund auf meine Fiße
-stehn, wenn ich nich den Brief selber brächt.</p>
-
-<p>Gott behits Mämme un Edde, wenn ich mit die
-zwai Ducatcher die ich noch aingenäht uffm Magen
-trag in vier Woche nich verhungert bin, schreib ich
-Eich noch e Mol wie mers geht &ndash; grißt mer de
-Rachel &ndash; soll se froh sein daß se is in Bamberg, un
-dasselbe winscht sich</p>
-
-<p class="si mr2">Eier lieber Sohn <em class="ge">Veitel</em>.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="ge">Zweiter Theil.</span></h3>
-
-
-<h4>Erster Brief.</h4>
-
-<p class="si fss"><em class="ge">Cincinnati</em>, den 16.&nbsp;August 48.</p>
-
-<p class="in2"><em class="ge">Lieber Theodor!</em></p>
-
-<p>Sei nicht böse, daß ich Dir so lange nicht geschrieben
-habe, aber, es ist hier ein gar so geschäftiges
-Leben, und ich selbst bin in so eigenthümliche Verhältnisse
-hineingerathen, daß ich selbst kaum weiß, wie ich
-<a class="pagenum" id="page_328" title="328"> </a>
-Dir das Alles mit kurzen Worten schildern soll. Auch
-bei Euch daheim sind, wie ich höre, indessen große
-Veränderungen vorgegangen; nun, seid nur vorsichtig
-in der Gründung einer Republik und nehmt Euch
-Amerika zum Muster &ndash; d.&nbsp;h. wie Ihr Vieles <em class="ge">nicht</em>
-machen sollt.</p>
-
-<p>Hätt' ich gewußt, daß sich Alles bei Euch so rasch
-gestalten würde, so wär' ich doch lieber noch in
-Deutschland geblieben &ndash; Amerika hat viel vortreffliche
-Seiten, aber &ndash; es ist doch die Heimath nicht.
-Die Gesetze sind allerdings ausgezeichnet &ndash; die Amerikanische
-Constitution könnte jedem Lande der Welt
-zum Vorbild dienen und sein Glück sichern &ndash; aber sie
-sollte auch in jeder Beziehung nicht dem Wortlaut,
-sondern dem Sinn nach ausgeführt werden, wie es
-sich jene edlen Männer bei dem Entwurf derselben gedacht
-haben. Die Gesetze allein können aber ein Land
-nicht glücklich machen, wenn die Regierung nicht auch
-die Macht hat sie auszuüben, und ihnen Achtung zu
-verschaffen. Das Lynchgesetz giebt davon ein trauriges
-Beispiel, wo das Volk mit den Personen, die seiner
-Rache einmal, ob gerecht oder ungerecht, verfallen
-sind, angiebt was es ihm beliebt.</p>
-
-<p>Der Amerikaner mag aber noch angehn hier, er ist
-zwar kalt und theilnahmlos, eine schändliche Geldaristokratie
-<a class="pagenum" id="page_329" title="329"> </a>
-läßt Einen manchmal wahrhaftig ordentlich
-den Adel des alten Landes herbeiwünschen, und ewig
-auf kaufmännische List &ndash; ja oft auf wirkliche Betrügereien
-sinnend, versteckt er das hinter der Maske ekelhafter
-Bigotterie; doch ist er wirklich mit Leib und Seele
-Republikaner, seine Constitution geht ihm über Alles,
-und er würde für ihre Vertheidigung und Aufrechthaltung
-Leib und Leben einsetzen. Aber widerlich wurden
-mir hier die <em class="ge">Deutschen</em>, und ich muß leider gestehn,
-ich begreife unter dem Namen die große Mehrzahl
-derselben, die hier in die Republik hineingeschneit
-sind, sie wissen selbst nicht wie, und jetzt, zur Schmach
-und Schande ihrer Nation, den Partheien zum Spielball
-dienen. Es ist wahr, die meisten sind Demokraten,
-aber frag' sie warum? &ndash; sie wissen es nicht;
-unklar mit sich über die einfachen politischen Fragen
-des Landes, in dem sie leben, gehen sie mit dem Strom,
-und werden nicht selten in Masse von ein oder der
-anderen Parthei förmlich übergekauft. An eine knechtische
-Existenz in Deutschland dabei gewöhnt, sind sie
-im Anfang kriechend höflich gegen besser gekleidete,
-und lernen sie erst erkennen, daß sich hier Alle Menschen
-gleich sein sollen, so werden sie gegen Alle, die
-sie sich an Geist oder Vermögen überlegen glauben,
-grob und ungezogen, um ihnen nur ja zu beweisen,
-<a class="pagenum" id="page_330" title="330"> </a>
-daß sie ihr Recht kennen, sich in Amerika eben so viel
-zu dünken, wie jeder Andere.</p>
-
-<p>Theodor, Theodor, mir bangt, wenn ich in hiesigen
-Blättern von Euerem Streben in Deutschland nach
-Republik lese, und dann Exemplare der Leute hier um
-mich sehe, mit denen Ihr dort, in der ungeheueren
-Mehrzahl eine Republik gründen müßtet &ndash; es sind
-Elemente, trefflich geeignet zum Zerstören, zum Ansturm
-gegen einen hartnäckigen feindlichen Widerstand, aber
-zum Aufbau untüchtig, ja gefährlich. Ich habe in
-Illinois einen Prairiebrand gesehen, der nicht allein
-das trockene Gras verzehrte, das er verzehren sollte,
-sondern auch noch in unzähmbarer Wuth Fenzen,
-Farmhäuser, Scheunen und ganze Waldstrecken zerstörte
-und in Asche legte, und der Strecke, der er
-nützen sollte, unendlichen Schaden brachte. Es war
-das in einer Zeit, wo ich noch keine Nachricht über
-Euere deutschen Bewegungen hatte, und doch zuckte
-mir, wunderbarer Weise bei dem Brande der Gedanke
-an eine »deutsche Republik« durch die Seele.</p>
-
-<p>Willst Du übrigens wissen, was der Amerikaner
-von den »deutschen Republikanern« hält, die in ihren
-deutschen Blättern hier immer von Freiheit und
-Selbstständigkeit, von deutscher Treue und Hochherzigkeit
-prahlen? &ndash; er braucht ihren Namen als
-<a class="pagenum" id="page_331" title="331"> </a>
-Schimpfwort, und besonders ist das hier in Cincinnati,
-wo es viele Tausende von ihnen giebt, der Fall.
-Das Wort »<i>dutchman</i>« was Deutscher heißen soll,
-obgleich es ursprünglich einen Holländer bezeichnet,
-dient zum wirklichen Schimpfwort &ndash; »<i>you shall call
-me a dutchman</i>« Du sollst mich einen Deutschen
-nennen &ndash; ist die empörende Versicherung, die ich
-hier nur zu oft hören mußte »<i>he fights like a
-dutchman</i>« wird von Einem gesagt, der bei einer
-Aussicht auf Kampf die Flucht ergreift, und sich nur
-schlägt, wenn er in einer Ecke eingeklemmt ist.
-<i>Black dutch</i> ist ein Schimpfwort, das den Deutschen
-mit der verachtetsten Race, mit dem Neger, in eine
-Kategorie wirft. Doch genug davon, wenn ich sehe,
-wie meine Landsleute in dem Lande der Freiheit verachtet
-sind, verachtet von Republikanern doch&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»wollt' ich sie alle zusammenschmeißen</div>
- <div class="verse">ich könnt' sie doch nicht &ndash; Lügner heißen.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Zürne mir nicht, wenn meine Worte vielleicht
-etwas bitter klingen; mir ist's nicht gut gegangen seit
-ich dies Land betreten, und ich habe in mancher Hinsicht
-Unglück gehabt. Gleich im Anfang betrog mich
-ein Amerikaner, der mich anscheinend ganz freundschaftlich
-und uneigennützig aufnahm, um Alles, was
-ich besaß, indem er mich zum Kauf eines ganz werthlosen
-<a class="pagenum" id="page_332" title="332"> </a>
-Gutes verleitete, auf das er noch nicht einmal
-gegründete Ansprüche hatte; ich fiel einem Advokaten
-in die Hände und sah mich nach wenigen Monaten
-arm wie eine Kirchenmaus in dem fremden Lande.
-Der englischen Sprache vollkommen mächtig, wollte
-ich mich dann mit literarischen Arbeiten beschäftigen.
-&ndash; Deutsche wie Amerikanische Zeitungen erwiesen sich
-auch gleich bereitwillig, meine Artikel abzudrucken,
-aber &ndash; an Honorar war nicht zu denken.</p>
-
-<p>Als Advokat aufzutreten, wagte ich nicht &ndash; bei
-der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des Gerichtsverfahrens
-glaubte ich nicht der Aussprache und Rede so
-mächtig zu sein, einigermaßen mein Glück zu machen
-&ndash; wohl rieth man mir dagegen nur dreist und geradezu
-in der Medicin zu prakticiren, doch dazu besaß
-ich, bei meinen mittelmäßigen Fähigkeiten nicht
-Frechheit genug &ndash; was blieb mir übrig? &ndash; Handarbeit.
-Aber auch darin zeigten sich anscheinend unüberwindliche
-Schwierigkeiten &ndash; die meiste Arbeit,
-die hier verlangt wird, ist mit der Axt &ndash; mein Arm
-war darin ungeübt &ndash; was anders sollte ich ergreifen?
-so wurde ich denn &ndash; Du lächelst sicherlich wenn
-Du die Zeilen liest &ndash; Feuermann oder Heizer auf
-einem der Mississippi-Dampfboote.</p>
-
-<p>Erlaß mir die Beschreibung dessen, was ich darauf
-<a class="pagenum" id="page_333" title="333"> </a>
-erlitten, mit schmutzigen Negern mußte ich fast unmittelbar
-Mahl und Lager theilen, der rauhen Behandlung
-der Ingenieure ausgesetzt, auf die Willkühr des
-Capitäns angewiesen, der uns in New Orleans, eine
-halbe Stunde vorher ehe er abfuhr in kaum halbwerthigen
-Banknoten den sauer verdienten Lohn auszahlte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich ging allerdings wieder auf ein anderes Boot,
-wurde aber krank und liege nun jetzt hier in Cincinnati
-in einem erbärmlichen deutschen Boardinghause.
-Komm ich wieder zu Kräften, seh ich mich nach neuer
-Arbeit um, jedenfalls aber schreib mir recht bald,
-mein theuerer Theodor &ndash; Du glaubst nicht, wie ich
-mich nach einem Brief aus der theueren Heimath
-sehne. Es grüßt und küßt Dich tausendmal Dein</p>
-
-<p class="si mr2"><em class="ge">Carl</em> von <em class="ge">Horneck</em>.</p>
-
-<p><i>P.&nbsp;S.</i> Eben wie ich schreibe, entsteht unten auf
-der Straße ein Scandal &ndash; die liebe Jugend hatte in
-tollem Muthwillen Stroh und Heu mitten in <i>Sycamore
-street</i> aufgehäuft und angebrannt, so daß aus den
-entfernteren Theilen der Stadt schon die Spritzen herbeikamen.
-Nein, was diese Amerikanische Jugend für
-eine Brut ist, davon kann sich, weiß es Gott, kein
-Ausländer einen Begriff machen.</p>
-
-
-<h4><a class="pagenum" id="page_334" title="334"> </a>
-Zweiter Brief.</h4>
-
-<p class="si fss">Aus dem Staat <em class="ge">Wisconsin</em> am 14.&nbsp;August 1848.</p>
-
-<p class="in2"><em class="ge">Lieber Vetter!</em></p>
-
-<p>Als ich Dir vor so und so viel Monaten vom Staat
-New York aus schrieb, da war mir's recht häßlich und
-trüb zu Sinn &ndash; Alles ging contrair, Alles war anders
-wie ich es mir gedacht, Alles anders wie ich es
-bis dahin gewohnt gewesen, und die ganze Welt sah
-mir deshalb schwarz und düster aus. Es ist auch wirklich
-gar ein böses Ding um die lockenden Beschreibungen,
-die uns alles mit überbunten Farben ausmalen;
-die Einbildungskraft thut dann auch noch das ihrige,
-und findet man nachher nicht wirklich auch jede Kleinigkeit
-wie man sie sich gedacht, so wird man mürrisch
-und fängt ohne weiteres an, am hellen Tage Gespenster
-zu sehn.</p>
-
-<p>So war ich z.&nbsp;B. in Deutschland bequeme warme
-Häuser gewöhnt, und fand hier, im Verhältniß zu
-denen elende Hütten, dachte aber nicht daran, daß
-das ja jedes eigne Schuld ist, wer sich sein Haus
-nicht so wohnlich und behaglich einrichtet wie es ihm
-gefällt. Auch die Viehzucht stand mir nicht an; ja,
-da war mir vorerzählt, man brauche eine Sau nur in
-den Wald zu lassen und nach der gehörigen Zeit käme
-<a class="pagenum" id="page_335" title="335"> </a>
-sie mit zehn, elf Ferkeln wieder zu Hause und die Ferkel
-kriegten wieder Ferkel und so fort, bis unabsehbare
-Heerden daraus würden. Ja lieber Gott, so bequem
-ist die Viehzucht nicht, aber sie bietet im Verhältniß
-zu Deutschland doch ungeheuere Erleichterungen, und
-wer da nur mit einigermaßen gemäßigten Ansprüchen
-herkommt, muß sie befriedigt finden.</p>
-
-<p>Auch der Ackerbau ist den hiesigen Bedürfnissen
-vollkommen entsprechend, und die Cultur steigt, wie
-diese sich vermehren. Mit den wilden Thieren ists
-dabei eben nicht so arg, <em class="ge">der</em> Schaden den <em class="ge">die</em> thun,
-kann man ertragen und die Insekten, nun ja, das
-<em class="ge">ist</em> verwünschtes Zeug, und ich wollte der Böse holte
-den Schwarm und verwendete sie vielleicht auf irgend
-eine zweckmäßige Art im Fegefeuer &ndash; aber &ndash; es läßt
-sich eben ertragen &ndash; vollkommen ist kein Land.</p>
-
-<p>Doch, Du willst in Deinem letzten Briefe wissen wie
-es mir geht und scheinst schon das Schlimmste zu fürchten
-&ndash; ich habe Dir durch mein Schreiben vielleicht Ursache
-dazu gegeben &ndash; doch sei nicht ängstlich, es ist nicht so gefährlich.
-&ndash; Im Staat Wisconsin, in der Nähe von Milwaudie
-habe ich mir, für einen nach deutschem Maasstab
-ungemein billigen Preis, eine recht hübsche Farm gekauft;
-auch den Keim zu einer heranwachsenden Viehzucht
-hab' ich gelegt, und Ställe gebaut, in denen meine
-<a class="pagenum" id="page_336" title="336"> </a>
-Heerden im Winter Schutz gegen die Kälte finden.
-Die wild im Wald herumlaufenden Schweine machen
-dem Farmer allerdings oft viel Noth, wenn er nicht
-einen großen Theil derselben einbüßen will, doch mit
-ein wenig Fleiß läßt sich das Alles beseitigen, und
-meine deutschen Nachbarn versichern mich, sie kämen
-recht gut damit zu Stande. Auch das Ackern, über
-das ich mich im Anfange der vielen Wurzeln und
-Stümpfe wegen, so ärgerte, geht jetzt recht gut &ndash;
-man muß sich nur erst hineinfinden und nachher sieht
-man stets, daß eines jeden Landes Geräthschaften,
-Sitten und Kleider auch den Bedürfnissen und Eigenthümlichkeiten
-desselben am besten angepaßt sind und
-entsprechen. Für die schwere Arbeit des Urbarmachens
-der Waldstrecken und des Bischens Unbequemlichkeit
-beim Pflügen, entschädigt reichlich das herrliche fruchtbare
-Land &ndash;&nbsp;&ndash; wahrhaftig es wäre Verschwendung,
-wenn man das düngen wollte, und ich werde mich
-nicht auslachen lassen.</p>
-
-<p>Allerdings ist das Leben hier nicht so gesellig wie
-in Deutschland, doch habe ich vortreffliche Nachbarn,
-und da kommen wir mit unseren Familien oft zusammen
-und sind dann stets recht vergnügt; und selbst
-das Verhältniß der Dienstleute, was mir im Anfang
-gar nicht behagen wollte, leuchtet mir jetzt als ganz
-<a class="pagenum" id="page_337" title="337"> </a>
-vortrefflich ein. Die Leute werden von ihren Arbeitsgebern
-(nicht Arbeits<em class="ge">herrn</em>, denn das Wort Master
-wird in dem Sinn nur von Sklavenhaltern gebraucht)
-eben so behandelt, als ob sie mit zur Familie gehörten
-und müssen deßhalb auch ihren freien Willen
-haben, aber nur so ist es auch möglich eine wirklich
-freie Generation zu erziehn, Republikaner zu bilden.</p>
-
-<p>Der Arbeits<em class="ge">geber</em> wird deßhalb nicht im mindesten
-von ihnen geknechtet, wie ich das im Anfang
-glaubte, sie verschwören sich nicht zu einem festen Preis
-um den sie arbeiten wollen und säen dadurch Haß und
-Zwietracht, Gott bewahre, unabhängig in all ihren
-Bewegungen und ihrer Freiheit sich bewußt, gönnen
-sie die auch jedem anderen und Zeit und Umständen
-überlassen sie Lohn und Verdienst. Haben sie sich dann
-ein kleines Capital verdient, so beginnen sie meistens
-selbst und die Leute die sie dann miethen, werden wieder
-ebenso behandelt, als ob sie noch zusammen in
-einer Arbeit stünden.</p>
-
-<p>Sieh, Alterchen, ich will Dich nicht etwa überreden
-hierher zu kommen, wenn Du aber keine zu großen Ansprüche
-machst, und die Verhältnisse in Deutschland
-wirklich so fatal werden wie Du schreibst &ndash; ei dann
-glaub ich, kömmst Du auch hier durch, und würdest
-Dich am Ende recht wohl fühlen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_338" title="338"> </a>
-Es ist jetzt hier eine kleine Farm mit guten Steingebäuden,
-zehn Acker urbarem und 310&nbsp;Acker Holz- und
-Prairieland, und einem recht hübschen Anfang zur
-Viehzucht, mit 3000 Dollar verkauft worden, und es
-sind billigere wie theuerere Farmen immer zu haben.
-Die Gebäude darfst Du Dir aber nicht etwa groß und
-prachtvoll denken; sie entsprechen nur einfachen Bedürfnissen,
-doch sind sie wohnlich errichtet. Wir haben
-jetzt auch eine Brauerei hier in der Nähe und stellen
-ein vortreffliches Bier her.</p>
-
-<p>Meine kleine Familie läßt Euch alle in der Heimath
-herzlich grüßen &ndash; wir hatten und haben noch von
-Krankheit manches zu dulden, denn die Fieber, die in
-dem neu urbar gemachten Boden ihren Ursprung finden,
-müssen im Norden wie im Süden ertragen werden.
-Doch geht es jetzt, trotz der ziemlich starken Hitze etwas
-besser, und die Nachbarn, Amerikaner wie Deutsche,
-sind wirklich so theilnehmend, als man es nur wünschen
-kann. So wenig mir der Amerikaner in den Städten
-gefallen hat, so sehr hat mich sein Charakter mit ihm
-im Lande selber ausgesöhnt; die Backwoodsmen Amerikas
-sind wirklich eine prächtige Menschenrace.</p>
-
-<p>Doch ich komme wieder in's Schwatzen und die
-Kinder quälen mich, ich soll mit ihnen in's Holz gehn
-und wilde Weintrauben holen. Also leb wohl, mein
-<a class="pagenum" id="page_339" title="339"> </a>
-lieber guter Vetter &ndash; nimm nochmals die schönsten
-Grüße und behalte lieb</p>
-
-<p class="si mr10">Deinen</p>
-
-<p class="si mr2">getreuen Vetter</p>
-
-<p class="si"><em class="ge">Christoph Roßberger</em>.</p>
-
-<p>Entschließt Du Dich noch dazu hier herüber zu
-kommen, so laß es mich nur recht bald wissen, und
-ich werde Dir und den Deinen schon ein freundliches
-Plätzchen herrichten.</p>
-
-
-<h4>Dritter Brief.</h4>
-
-<p class="in2"><em class="ge">Lüber Ludewig</em></p>
-
-<p>Sondern nach Teksas haben se mich jezt kujenirt
-un nich mehr in Kendukki Hurrjeh is das vor ein Land
-das Ameriga wenn ich nur erscht wieder raus were
-gesund Die Leite hengen se hür wie gar nix un se
-bigen man blos einen Baum krum und hengen se dran
-wie bei uns de Maulwirfe. Vor das eine Ferd konnt
-ich gar nix un wenn ich mir aus Fersehn drauf sezte
-un fort ritt so war es nur Unglick das ich den Eigendimer
-gleich in die Straße begegnen musste un <em class="ge">die</em>
-Haue, hurrjeh wenn man einmal fort is soll man aug
-fort sein die vertammten Intianer suchen einem Menschen
-seine Fußtappen nach wer weis wie weit un
-alles wegen lausiche 20&nbsp;Dollars und ein baar Stiebeln.
-<a class="pagenum" id="page_340" title="340"> </a>
-Un mit di Mormonen na di sollen mich wider
-kommen na aber hür kommen se nich her &ndash; was kans
-Du denn davor wenn se dir sagen das is mein Land
-hol mich einmal 1&nbsp;Arm voll Korn un mach 1&nbsp;Schwein
-dot? Un denn vor en 1&nbsp;faches Fersehen will mann Einen
-nich gleich ufhengen wie en Maulwurf un wie ich here
-soll es bei eich in Deitschland jezt regd hibsch sein o
-wenn ich doch Geld hette un hiniber kennte hir felts
-keinen ein das teilen un doch sagen se alle Menschen
-weren gleich die sin aug grade so wie bei uns de Arisdograden
-hole si alle der Deibel. Was ich habe das
-gehert aug mein Nagbar dass is mein Grundsaz un
-danag handel ich aber hir lasse se kein Menschen seine
-Grundseze ungeschoren, wenn alles was ich habe mein
-Nagbar gehert so gehert alles was mein Nachbar gehert
-aug mein dass is doch klar aber gottbeware aufbacken
-bünden un vor Gerücht schleppen is hür eins
-un in Anfang wollte se kurtsen Brozess mit mür
-machen un alle fassden mit an. Was hülft mich denn
-dass das keine Bolizeidiner un Schandarmen nich da
-sin wenn jeder en Bolizeidiner spilen will es war ein
-Glick dass se mich noch den Scherif hir lißen &ndash; denn
-Scherif nennen se di Oberschandarmen wo ich nur erst
-geglaubt habe es weren keine da weil se nich 3eckige
-Hite aufhaben wi bei uns; nimand hatte mich nich
-<a class="pagenum" id="page_341" title="341"> </a>
-gesehn un da lißen se mich schweren hurrjeh war das
-en Glick un aug freie Pasasche haben se mich auf en
-Damfbot gegeben nach Teksas &ndash; so, mich kriegen se
-nich wider nach Kendukki. Lüber Ludewig wenn Du
-in Deitschland wo es jezt regd hibsch sein soll was
-eribrigsd un wenn ihr ans teilen komd so thu mich
-doch den gefallen un schicke mein teil heriber das ich
-auch nach Deitschland kann wo es jezt so hibsch
-sein soll un meine Frau sage sie megde mir doch 5&nbsp;Daler
-schicken oder noch mer wenn sie kennte denn es
-ginge mir hir söhr schlegd un ich hette sie söhr lieb
-must du ihr sagen aber ich muss nu schlüßen. so lebe
-regd wol un gesund un besser wie ich denn ich habe
-das Füber un das schitteld mich söhr un dieses
-winscht dein getreier Bruder</p>
-
-<p class="si mr2"><em class="ge">Eregott Bomaier</em></p>
-
-<p>vergis ja nich mir mein teil zu schiken womit du
-mir ein großen gefallen duhn wirst es soll dein schaden
-nich sein wenn ich nach Deitschland wider komme
-un meine Frau die 5&nbsp;Daler.</p>
-
-
-<h4>Vierter Brief.</h4>
-
-<p class="in2"><em class="ge">Theuerer Scharffenstein.</em></p>
-
-<p>Nur mit wenig Worten möchte ich eine Bitte an
-Dich richten. Du weißt, daß ich außer Dir in ganz
-<a class="pagenum" id="page_342" title="342"> </a>
-Deutschland nur einen einzigen Menschen habe, von
-dem ich hoffen könnte, eine Gefälligkeit erzeigt zu erhalten
-&ndash; es ist dies mein Oheim in Sondershausen
-&ndash; gehe zu ihm und gieb ihm die einliegende Zeichnung
-&ndash; so sieht der Nachkomme jenes hochgräflichen Hauses,
-dessen Vorväter zu den stolzesten Geschlechtern des
-deutschen Kaiserreiches gehörten, aus &ndash; er wird mich
-nicht lange in dem Zustand lassen wollen.</p>
-
-<p>Ich bin Feuermann auf einem Dampfboot &ndash; Du
-staunst? ja wahrlich, Du hast Ursache dazu, doch laß
-mich Dir nicht lange mein ganzes Elend vorerzählen
-&ndash; ich müßte es noch einmal durchleben und,
-Gott weiß es, ich habe keine Freude an der Erinnerung.</p>
-
-<p>In meinem letzten Briefe schrieb ich Dir, daß ich
-selbst gesonnen sei ein großes Fest in New-York zu
-geben, um damit die vielen empfangenen Freundlichkeiten
-zu erwiedern. Ich besaß noch eine Summe die,
-wie ich Grund hatte zu hoffen, nicht allein vollkommen
-hierzu ausreichen, sondern mir auch noch ein
-kleines Capital zurücklassen würde, mit dem ich &ndash;
-aber was nützt es, Dir die Pläne zu erzählen die ich
-hatte. &ndash; Während dem Feste selbst brach irgend ein
-Schuft &ndash; wahrscheinlich Einer meiner sogenannten
-Freunde &ndash; bei mir ein, stahl mir Alles, selbst das
-<a class="pagenum" id="page_343" title="343"> </a>
-letzte was ich an baarem Gelde in meiner Börse auf
-dem Tisch vergessen hatte, und als ich am nächsten
-Morgen &ndash; Tod und Pest, ich <em class="ge">will</em> den Gedanken
-nicht noch einmal zurückdenken, vielweniger schreiben.</p>
-
-<p>Irgend ein boshafter Mensch, vielleicht der Dieb
-selber, hatte indessen das wahnsinnige Gerücht zu verbreiten
-gewußt, ich sei nicht allein gar nicht von Adel,
-sondern auch noch von unehrlicher Geburt, kurz es
-traf Alles zusammen mich förmlich in den Staub zu
-treten. Meine Erzählung des Raubes wurde mir jetzt
-nicht einmal geglaubt und Mr. Broadfoot, der reich
-gewordene Krämers- oder Schneiderssohn, kam am
-zweiten Morgen zu mir, that entsetzlich vornehm und
-bot mir zwanzig Dollar an, damit ich nur &ndash; ich
-wollte Du könntest die Zornesthräne sehn, die mir
-jetzt zwischen den Wimpern hängt &ndash; recht bald New-York
-verlassen könnte. Ich warf ihn die Treppe hinunter.</p>
-
-<p>Ich überließ den Anordnern meines Festes meine
-sämmtliche Garderobe und Wäsche und Alles was ich
-mein nannte und behielt nur die vier goldenen Spielmarken,
-die ich zufällig an dem Morgen in meine
-Westentasche gesteckt.</p>
-
-<p>Verlange nicht das demüthigende meiner Reise ins
-Innere zu hören &ndash; der Amerikaner des Westens
-<a class="pagenum" id="page_344" title="344"> </a>
-staunt wohl, wenn er einen wirklichen lebendigen
-Grafen zu sehen bekommt, aber &ndash; er staunt eben nur
-und kümmert sich nicht weiter um ihn &ndash; das Volk ist
-selbst noch zu neu, zu erst erschaffen, um auch nur
-möglicher Weise Sinn für das Alterthum, und die
-Vorrechte desselben zu haben. Das wird später wohl
-auch kommen, aber was nützt das mir &ndash; ich erlebe
-es nicht.</p>
-
-<p>Ich will Dich nicht mit den Einzelnheiten meines
-Geschicks oder besser gesagt meines Mißgeschicks langweilen,
-es trieb mich zuletzt auf ein Dampfschiff und
-drückte mir die Schürstange in die Hand &ndash; ja wäre
-noch Krieg gewesen &ndash; aber nein, ein ehrlicher Soldatentod
-wird mir versagt und ich muß jetzt hier, um
-wenigstens noch auf ehrliche Weise mein Brod zu verdienen,
-die elendesten Sklavendienste thun.</p>
-
-<p>Mein Oheim wird Dir eine kleine Summe für
-mich einhändigen, die wenigstens ausreicht mich anständig
-zu equipiren und meine Reise nach Mexico
-zu bestreiten; ich will dort in mexicanische Dienste
-treten, möchte das aber nicht eher, als ich dort
-meinem Range angemessen erscheinen kann.</p>
-
-<p>Wären Euere Verhältnisse jetzt nicht so traurig in
-Deutschland, so kehrte ich augenblicklich zurück, was
-aber ist gegenwärtig dort für einen Mann von meinem
-<a class="pagenum" id="page_345" title="345"> </a>
-Stande zu hoffen? &ndash; nein, da lieber noch <em class="ge">hier</em> die
-Schürstange, wo mich Niemand kennt.</p>
-
-<p>Schreibe mir recht bald, ich erwarte in heißer
-Sehnsucht die Rettung aus diesem traurigen Zustand.</p>
-
-<p class="si mr10">Dein</p>
-
-<p class="si mr2"><em class="ge">Hugo</em>.</p>
-
-<p><i>P.&nbsp;S.</i> Meine Adresse ist &ndash; <i>Mr. Hugo &ndash; care
-of Bridle &amp; Smith Nro.&nbsp;8 Tchapitoulas street
-New Orleans. U.&nbsp;S.</i></p>
-
-<p>Einen Leidensgefährten habe ich auf unserem
-Boot getroffen &ndash; ebenfalls einen deutschen Edelmann
-Namens v.&nbsp;Horneck, doch verschweige ich ihm meinen
-Namen und halte mich überhaupt von ihm entfernt
-&ndash; ich theile seine Ansichten nicht.</p>
-
-
-<h4>Fünfter Brief.</h4>
-
-<p class="si fss">Staat <em class="ge">Indiana</em> am 1.&nbsp;August 1848.</p>
-
-<p class="in2"><em class="ge">Liebe Eltern und lieber Bruder.</em></p>
-
-<p>Es freut mich recht herzlich Euch dießmal einen
-besseren Brief schreiben zu können, denn es geht mir
-lange nicht mehr so schlecht als damals, wie ich den
-letzten Brief an Euch schrieb. Soviel habe ich allerdings
-eingesehen, daß die vielen gewaltig schönen
-Beschreibungen von Amerika, die uns zu Hause das
-Maul wässrig gemacht haben nach all den guten
-<a class="pagenum" id="page_346" title="346"> </a>
-Sachen, meistens nicht wahr, oder doch wenigstens so
-gestellt sind, daß man sich nicht recht hineinfindet,
-wenn man mit der Sache nicht recht vertraut ist, und
-sich nachher bei allem Schönen noch immer das Schönste
-dazu denkt. Und die Leute thun sehr Unrecht, die solche
-schönen Beschreibungen hinaus schreiben, aber ich weiß
-auch warum es geschieht, entweder schämen sie sich
-offen einzugestehn wie schlecht es ihnen geht, wo sie
-doch früher so geprahlt haben, oder sie sitzen auch, wie
-es mir hier die Leute gesagt haben, an so einsamen
-Plätzen und so in Noth, daß sie nur dadurch ihre Lage
-verbessern können, wenn sie noch recht viel andere
-Menschen auch dort hin ziehn.</p>
-
-<p>Daß ich nun im Anfang um alles betrogen bin
-was ich hatte, das geht vielen Deutschen so und ich
-kann mich da mit vielen trösten, wer aber hier gesund
-ist und Lust hat zu schaffen, der kommt auch fort und
-wenn er eben so wenig hätte wie mir geblieben war.
-Aber zu keine Deutschen sollten die deutschen Handwerker
-gehn, wenn sie auswanderten, sondern immer
-zu Amerikaner. Die Deutschen sind erstlich auch nur
-herübergekommen um ihr Glück zu machen, und reich
-zu werden und die geben am wenigsten her, wenn sie's
-wirklich haben, und besonders an Deutsche, wo sie schon
-wissen daß die's zu Hause schlecht gewohnt sind. Und
-<a class="pagenum" id="page_347" title="347"> </a>
-dann lernt man auch bei Deutschen nie im Leben die
-englische Sprache, die man doch als Handwerker so
-zu seinem Fortkommen braucht, und in deutsche Colonien
-muß man gewöhnlich was einzahlen, oder Land
-vorauskaufen wodurch man sich an die Stelle bindet,
-und nachher bleibt man gewöhnlich lieber sitzen, ehe
-man sein Bischen Eingezahltes im Stich läßt. Und
-die Deutschen sind auch nicht immer die besten; die bei
-denen ich arbeitete haben mich recht betrogen und sich
-viel Geld an mir verdient.</p>
-
-<p>Endlich und nach und nach hab ichs aber gemerkt,
-und da bin ich zu Amerikanern gegangen und da hab
-ich viel besseren Lohn gekriegt und viel bessere Kost, und
-habe in kurzer Zeit englisch gelernt, so daß ich mich
-schon recht gut verständlich machen kann. Das klingt
-einmal komisch, liebe Eltern, das englisch, und im
-Anfang kams mir vor als ob die Leute die kauderwelschen
-Worte nur so Hals über Kopf heraussprudelten,
-daß kein Mensch einen Sinn hinein finden konnte, aber
-wie man sich ein Bischen dran gewöhnt, klingts ganz
-natürlich, und hat alles seinen Sinn, wie das
-Deutsche.</p>
-
-<p>Was nun das betrifft, daß viele Menschen hier
-brodlos herumlaufen, und worüber Du Dich besonders
-in Deinem letzten Briefe wunderst lieber Vater, so hat
-<a class="pagenum" id="page_348" title="348"> </a>
-das auch wohl seinen Grund. Es ist hier in Amerika
-gar keine Schande wenn einer umsattelt, und was
-anderes wird als was er draußen gelernt hat &ndash; hier
-arbeitet jeder was er gelernt hat, und wenn ein Schuster
-Kleider oder ein Schneider Schränke macht, so
-schadet das gar nichts, wenn er sie nur gut macht und
-Geld für seine Arbeit kriegen kann. Man muß sich
-auch nicht allein auf das setzen wozu man in Deutschland
-aufgezogen ist, und sonst gar nichts thun wollen,
-sonst kann man leicht brodlos werden. Ein armer
-Mann hat aber hier rechte Gelegenheit es zu was zu
-bringen und sein Auskommen zu haben, viel eher wie
-in Deutschland, denn wenn er nur ein klein Bischen
-fleißig ist, so kann er sich leicht was zurück legen, und
-wenn er nur einen ganz kleinen Anfang hat, so kann
-er es nachher leicht zu was bringen, denn die Amerikaner
-unterstützen recht gern arme Leute und die Nachbarn
-helfen ihnen wo das nur immer angeht. Und
-ein armer Mann, der in Deutschland recht viele Kinder
-hat, der kommt immer mehr in's Unglück, aber hier in
-Amerika, da ists gerade umgekehrt. Hier sind die Kinder
-ein Segen und helfen den Eltern auf, wenn sie alt
-und schwach werden. Ein armer Mann ist hier auch
-geachtet und es kommt nicht auf den Rock an den ich
-trage.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_349" title="349"> </a>
-Das Land und Vieh ist hier alles sehr billig und
-gut und man kann mit ein weniges eine rechte hübsche
-Farm kaufen, denn Farm nennen sie hier ein Landgut,
-aber ein Deutscher, der hierherkommt, und der die
-Sitten und Gebräuche noch nicht kennt, der sollte sich
-doch ja nicht gleich ankaufen, denn dann muß er gewöhnlich
-aus eigener Tasche Lehrgeld zahlen und verliert
-vielleicht alles, was er mitgebracht hat. Am besten
-ists, er arbeitet erst eine ganze Zeit bei Amerikanern
-und lernt die Axt gebrauchen und den Amerikanischen
-Feldbau, denn der ist ganz verschieden von dem deutschen,
-und wenn er nachher ein oder zwei Jahre im
-Lande ist, dann kann er sich leicht ankaufen, und dann
-thun ihm 100&nbsp;Dollar so gut, wie sonst vielleicht nicht
-500, ehe er Lehrgeld bezahlt hatte. Ich arbeite noch
-immer bei den Amerikanern und ich befinde mich recht
-wohl, wenn ich aber erst ein kleines Gut habe, was
-gar nicht mehr so lange dauern kann, denn der Amerikaner
-hat mir versprochen, daß er mir helfen will,
-dann müßt ihr zu mir herüber kommen, liebe Eltern
-und lieber Bruder, und dann wollen wir hier recht
-vergnügt leben auf meinem eigenen Land.</p>
-
-<p>Mit nächstem Jahr kann das vielleicht schon gehn
-aber ich will noch nichts vorher bestimmen, denn es
-thut einen nachher leid wenn so eine Freude zu Wasser
-<a class="pagenum" id="page_350" title="350"> </a>
-wird. Und bis dahin grüßt Euch, liebe Eltern und
-lieber Bruder herzlich und von ganzer Seele</p>
-
-<p class="si mr2">Euer <em class="ge">Traugott Erdmann</em>.</p>
-
-<p>Den Brief für mich schickt nur nach der Stadt
-Vincennes in Indiana, da hol ich ihn mir schon ab,
-ihr müßt aber meinen Namen englisch darauf schreiben,
-liebe Eltern, wie sies hier machen. Der Amerikaner
-wird mirs hier drunter schreiben wie es sein soll.</p>
-
-<p class="ce"><i>Mr. Traugott Erdmann<br />
-to be left at Vincennes post office</i><br />
-<i>I&ndash;a</i>&emsp;&emsp;&emsp;&emsp;<i>U.&nbsp;S.</i></p>
-
-
-<h4>Sechster Brief.</h4>
-
-<p class="si fss"><em class="ge">Indiana</em> den 15.&nbsp;August 1848.</p>
-
-<p class="in2"><em class="ge">Mein herzlieber Carl.</em></p>
-
-<p>Ich hatte geglaubt Dir um diese Zeit, und wenn
-auch nur wenige Monat verflossen waren, schon einen
-Bogenlangen Brief, mit lauter Jagdabenteuern gefüllt,
-schreiben zu können, aber Du lieber Gott, wie hab'
-ich mich hier in der Amerikanischen Jagd geirrt. Fast
-schäm' ich mich auch, Dir in allen Stücken, besonders
-was meine eigenen Erlebnisse betrifft, die volle Wahrheit
-zu schreiben, aber &ndash; es kann doch nichts helfen,
-<a class="pagenum" id="page_351" title="351"> </a>
-es muß heraus, am Ende kämst Du sonst selber, von
-meinen früheren Schilderungen verlockt, und mit <em class="ge">den</em>
-Hoffnungen müßtest Du Dich in einem Paradiese enttäuscht
-finden.</p>
-
-<p>Um also das Fatalste gleich von vorn herein los
-zu werden, will ich auch ohne Weiteres mit dem beginnen.
-Denke Dir, dieser einfache ehrliche Farmer,
-den ich für so unschuldig hielt, daß ich mich fürchtete
-den Handel mit ihm abzuschließen, weil ich mich der
-Sünde scheute ihn zu übervortheilen &ndash; dieser gutmüthige
-Bursche, dem ich noch, um ihn ja in jeder
-Hinsicht zufriedenzustellen, eine wundervolle, &ndash; Esel
-ich &ndash; Büchse für 60&nbsp;Dollar kaufte, war &ndash; ein abgefeimter
-Hallunke, ein ächter Yankee und Betrüger.
-Der Lump hat mich mit einem erbärmlichen Improvement
-für 250&nbsp;Dollar angeschmiert, das ich hier mit
-größter Bequemlichkeit an jedem Tage für 50&nbsp;Dollar
-kaufen könnte. Doch das ist das wenigste, das verzieh
-ich ihm gern, es wäre ein kleines Lehrgeld, wenn all
-seine sonstigen Aussagen nur auf Wahrheit begründet
-gewesen wären, aber beim Himmel, der Kerl hat kein
-wahres Wort über die Zunge gebracht, und ich glaube
-meiner Seele, er lügt sogar im Traume.</p>
-
-<p>Daß er Bären aus seinem Küchenfenster schießt,
-ist aus zwei Gründen unmöglich &ndash; erstlich hat er in
-<a class="pagenum" id="page_352" title="352"> </a>
-dem Haus gar keine Küche, denn das was die Leute
-hier Küche nennen, ist nur ein Schuppen und hat
-wieder gar kein Fenster, und dann &ndash; wenn wirklich
-Küche und Fenster da wären, &ndash; giebts keine Bären.
-Keine Bären? &ndash; rufst Du erstaunt, das ist aber noch
-nicht Alles &ndash; auch keine Hirsche, Panther, Truthühner
-und wie das Zeug sonst alles heißen sollte,
-was hier, des alten Jägers Aussage nach (soll mich
-der Böse holen wenn ich jetzt glaube, daß der Kerl
-überhaupt ein Jäger war) den Wald förmlich durchwimmelte.
-Opossums oder Beutelratzen schießen sie
-hier manchmal - ekelhaftes Zeug, das hauptsächlich
-vom Aas lebt, und das man auch oft mit dem Stocke
-todt schlagen kann, also gar kein jagdbares Wild. &ndash;
-Truthühner lassen sich in der That manchmal blicken,
-auch kommt zu Zeiten ein Hirsch in die Nähe der
-Farm, doch, Du lieber Gott, da kann sich Einer die
-Beine ablaufen, ehe er von denen nur etwas zu Gesicht
-bekommt.</p>
-
-<p>Du kannst Dir übrigens einen Begriff machen wie
-die Jagd hier bestellt ist, wenn ich Dir einen kleinen
-Auszug aus meinem, wie Du sehn wirst, sehr hoffnungsvoll
-angelegten Beuteregister mittheile; ich thue
-das übrigens auch mehr mir zur eigenen Strafe, als
-Dir zur Erbauung, denn ich habe mich im vorigen
-<a class="pagenum" id="page_353" title="353"> </a>
-Monat, trotz all der gemachten Erfahrung, doch einmal
-wieder nach Canada hinauf zur Bärenjagd sprengen
-lassen, und natürlich weder etwas geschossen, noch
-überhaupt gesehen:</p>
-
-<div class="ce">
-<table summary="" cellpadding="2" border="0">
-<tr>
- <td class="tdc bor fss">Bären</td>
- <td class="tdc bor fss">Panther</td>
- <td class="tdc bor fss">Büffel</td>
- <td class="tdc bor fss">Hirsche</td>
- <td class="tdc bor fss">Füchse</td>
- <td class="tdc bor fss ">Truthühner</td>
- <td class="tdc fss">Anderes Wild</td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdc bor fss">&mdash;</td>
- <td class="tdc bor fss">&mdash;</td>
- <td class="tdc bor fss">&mdash;</td>
- <td class="tdc bor fss">1</td>
- <td class="tdc bor fss">&mdash;</td>
- <td class="tdc bor fss">1</td>
- <td class="tdc fss">17 Prairiehühner.<br />20 Rebhühner.<br />13 Kaninchen.</td>
-</tr>
-</table>
-</div>
-
-<p>Den einen Hirsch schoß ich am Wabasch und den
-einen Truthahn Morgens dicht bei der Ansiedlung,
-wohin er sich, Gott weiß wie, verirrt hatte. In Illinois
-war ich einmal drüben und schoß eine hübsche
-Parthie Prairiehühner &ndash; Dinger so groß wie unsere
-Haushühner, aber an größeres Wild, wie Bären,
-Panther und Büffel ist gar nicht zu denken. Büffel
-sind nun vollends in die Möglichkeit weit gen Westen
-getrieben; ein alter Bär kommt dagegen manchmal
-hier durchgeschlendert, und ist auch im vorigen Jahr
-einer in der Gegend geschossen worden &ndash; das wird
-aber als Merkwürdigkeit erzählt.</p>
-
-<p>In der Nachbarschaft des Ortes, wo ich auf der
-Farm des alten Mannes meinen Wohnsitz aufgeschlagen
-habe, ist die Jagd nur höchst mittelmäßig und
-was der Strick, der wahrscheinlich gewittert hatte ich
-sei ein leidenschaftlicher Jäger, von der Gefahr erzählte,
-<a class="pagenum" id="page_354" title="354"> </a>
-in welcher der ganze Viehstand durch die Masse der
-wilden Thiere schwebe, ist eine nichtswürdige Fabel.
-Wölfe giebt es allerdings hier viel, und die Regierung
-hat eine Belohnung auf jeden Wolfsscalp gesetzt, so
-scheu aber sind sie und so schlau, daß ich, der ich in
-der ersten Zeit besonders den Wald von Morgens bis
-Abends nach allen Richtungen durchstreifte, noch nicht
-einen einzigen Wolf zu Gesicht bekommen, vielweniger
-erlegt habe.</p>
-
-<p>»Hirsche für die Hunde erlegen,« ei so lüg du und
-der Teufel, und ich dankte jetzt Gott, wenn ich selbst
-ein Stück Wildpret hätte, aber Gott bewahre, trocknes
-Rindfleisch muß ich kauen oder Speck essen und
-<em class="ge">will</em> ich denn nun einmal Wild haben, so sind's
-Eichhörnchen, die man hier verzehrt, und die auch
-wirklich ausgezeichnet schmecken. Du lieber Gott, wer
-mir in New-York gesagt hätte, daß ich in Indiana,
-viele hundert Meilen im Westen drin, auf die Eichhörnchenjagd
-gehn würde. Muß der Schuft über mich
-gelacht haben, wie ich ihm die Büchse kaufte, &ndash; nun
-weiß ich auch weßhalb er gepfiffen hat.</p>
-
-<p>Und das sogenannte Improvement ist keine 20&nbsp;Dollar
-werth; das beste Improvement das ich auf
-dem ganzen Besitzthum machen könnte, wäre, wenn
-ich die beiden wahnsinnigen Blockhütten die darauf
-<a class="pagenum" id="page_355" title="355"> </a>
-stehn, ansteckte &ndash; thu' ichs nicht, so stürzen sie mir
-doch nächstens einmal auf eigene Faust über dem Kopfe
-zusammen; und <em class="ge">das</em> Land &ndash; da könnt' ich wieder
-von vorn anfangen und urbar machen &ndash; Alles ist mit
-Büschen und Bäumen wieder bewachsen und kaum ein
-Platz von einem halben Acker frei, wo der Schuft
-Kartoffeln hat stehn gehabt. Von den Kühen sind bis
-jetzt auch erst zwei aufzufinden gewesen und mein einziges
-Vergnügen hab' ich noch an den Schweinen &ndash;
-die sind so wild, daß ich jedesmal förmlich auf die
-Jagd gehen muß, wenn ich eins haben will &ndash; selten
-komm ich dann in gute Schußnähe heran; muß jedoch
-jedesmal bei solcher Gelegenheit einen Farmer bitten,
-mich zu begleiten, weil ich mein Zeichen oder dem
-Lump sein Zeichen vielmehr nicht aus dem andern
-heraus erkennen kann. &ndash; Die Schweine sind nämlich
-mit Schlitzen und Löchern im Ohr »gemarkt«. Es hat
-mir neulich ein Nachbar hier für Land und Vieh, wie's
-daliegt 50&nbsp;Dollar geboten; wenn <em class="ge">der</em> Thor genug ist
-das noch einmal zu thun, hat er's, und mög's ihm
-wohl bekommen.</p>
-
-<p>Doch nun ein Wort zu Dir über Amerikanische
-Jagd, denn ich sehe Du verlangst darnach. Lieber
-Carl, <em class="ge">die</em> Sache habe ich mir ganz anders gedacht.
-Ja Du lieber Gott, in Deutschland hat man davon
-<a class="pagenum" id="page_356" title="356"> </a>
-<em class="ge">ganz</em> falsche Begriffe. Die Jagd <em class="ge">war</em> das in den
-Vereinigten Staaten, was wir jetzt noch von ihr erwarten,
-aber seit langen Jahren ist ja auf das Wild
-förmlich hineingewüthet, und da muß es wohl einmal
-dünn werden. Ich habe hier vor einigen Tagen einen
-Jäger aus Arkansas &ndash; dem besten Jagdgrund der
-Union gesprochen, und der hat mir ganz aufrichtig
-das folgende mitgetheilt.</p>
-
-<p>Es giebt noch Gegenden in Arkansas und überhaupt
-westlich vom Mississippi, wo ein guter Schütze,
-und besonders einer <em class="ge">der mit dem Wald bekannt
-ist</em> und sich nicht leicht verlaufen kann, seinen Hirsch
-und auch manchmal einen Bär schießt; auch Truthühner
-soll es dort noch an gewissen Plätzen in ziemlicher
-Anzahl geben, aber <em class="ge">die</em> Zeit, wo man die
-Bären aus den Fenstern schoß, ist für die Vereinigten
-Staaten vorbei. Auch von der Jagd leben, wie ich
-das früher fest geglaubt, kann kein Mensch mehr dort,
-er verstände denn wirklich weiter Nichts als <em class="ge">leben</em>
-darunter, aber was für eine Existenz wäre das; Jahraus
-und ein ununterbrochen im Walde zu liegen und
-weiter keine Abwechslung zu haben, als die, die
-sich ihm zwischen frischem und getrocknetem Fleische
-bietet.</p>
-
-<p>Was den Verkauf des erlegten Wildes betrifft, so
-<a class="pagenum" id="page_357" title="357"> </a>
-giebt es an den Stellen, wo Wildpret überhaupt einen
-verkäuflichen Werth hat, weder Hirsche noch Bären
-mehr, und wo die noch existiren, da ist man froh,
-wenn man einmal ausnahmsweise für einen ganzen
-Hirsch acht Groschen kriegt, oder die Keulen zum
-Verkauf trocknen kann. Zu <em class="ge">verdienen</em> ist aber mit
-der Jagd gar Nichts und nach alle dem, was ich jetzt
-darüber gehört &ndash; denn die Aussage des Arkansas-Mannes
-wurde mir von Mehreren bestätigt, bin ich
-überzeugt, man kann, wenn man in noch unbesiedeltem
-Lande sich niederläßt, dann und wann einmal seinen
-Hirsch oder Truthahn schießen und in sofern,
-wenn man die Jagd als Erholung betrachtet, Nutzen
-daran haben, indem man das selbst verzehrt, was
-man erlegt, sonst aber als Erwerbszweig ist diese
-Sache Essig.</p>
-
-<p>Doch genug für jetzt, mein guter Carl, ich werde
-wahrscheinlich weiter westlich ziehen, und sobald ich
-meinen neuen Wohnsitz bestimmt habe, sollst Du
-mehr von mir hören. Bis dahin grüßt Dich herzlich
-Dein</p>
-
-<p class="si mr2"><em class="ge">Fritz Sternberg</em>.</p>
-
-
-<h4><a class="pagenum" id="page_358" title="358"> </a>
-Siebenter Brief.</h4>
-
-<p class="in2"><em class="ge">Guter Edde und allerbeste Mämme.</em></p>
-
-<p>Gott der Gerechte was is das vor a Land, Edde?
-Nehmt de Mämme und den Schmul und den Moses
-und de Rachel, und bringt se so schnell ihr kennt nach
-Amerika. Wie haißt Amerika &ndash; Canaan sillts haiße
-&ndash; soll mer Gott helfe und will ich nich gesund auf
-meine Fiße stehn. Seekrankheit? &ndash; wie haißt Seekrankheit?
-&ndash; Cholera, s'&nbsp;böse Wesen und die Pocken
-&ndash; Alles wär net ze viel wenn mer nur kennt damit
-komme nach Amerika.</p>
-
-<p>Was ich for Geschäftcher gemacht hab, sait ich in
-Amerika bin? &ndash; frog mich der Edde mol noch meine
-Geschäftcher &ndash; bin ich jetzt drei Monat in's Land gewese
-und was hab ich verdient in die drei Monat? &ndash;
-will ich nich gesund auf meine Fiße stehn &ndash; 700 baare
-Dollars klingende Münze hab ich verdient, un womit
-hab ich die Geschäftcher gemacht, mechte der Edde
-wissen? mit klaine winzig klaine Paket'ger hob ich se
-gemacht, un nur getauscht hab ich Silber mit Silber
-wie en ehrlicher Mann.</p>
-
-<p>Nu die Geschicht is gar ainfach &ndash; hab ich mich
-doch geferchte in Anfang in 'en Wald ze gehn, aus
-Forcht vor die wilde Katzen und Bären. &ndash; Wie haißt
-<a class="pagenum" id="page_359" title="359"> </a>
-wilde Katzen &ndash; will ich nich gesund auf meine Fiße
-stehn wenn ich nich schon drai Monat im Lande 'rim
-handle und noch nich gesehn habe an ainzige wilde
-Katz, vielweniger en Kater. Aber was sin das vor
-Menschen hier im Land, in Pensilvanien und Ohio
-und in Indiana und Kentukki? &ndash; Gott der Gerechte,
-Menschen sind's wie die Kinder, so unschuldig wie die
-Täubcher. Die Mämme hätt' ihre Fraid gehabt, wenn
-se's hette sehn kenne, wie se den Veitel getracktirt
-haben un in was ver schaine Betten er geschlofen hat.
-Und mit was hat der Veitel hauptsächlich gehandelt?
-&ndash; Fragt ämol den Veitel mit was er gehandelt hat?
-&ndash; mit Juwelen Bischutterie und silberne Leffeln hat
-er gehandelt, will ich nich gesund auf meine Fiße
-stehn, wenn er nich gehandelt hat mit Bischutterie und
-silberne Leffeln.</p>
-
-<p>Aber den Edde muß ich vorher in's Gehaimniß
-lasse &ndash; das Englisch is nemlich a ganz firtreffliche
-Sprach &ndash; un 's&nbsp;drickt die Sach so gnau aus, wo's
-sie beschreibt, daß mer's im Dunklen erkennen kennt.
-In Daitschland haißt's Argentan oder Neisilber &ndash;
-wie haißt Neisilber &ndash; was thu ich demit ob's nei oder
-alt is? wos vor a verständiger Mann is devor der
-Amerikaner &ndash; der nennt's deitsches Silber, <em class="ge">Dschermen
-Silwer</em> wie se hier sagen, un wenn ich gekommen
-<a class="pagenum" id="page_360" title="360"> </a>
-bin zu die Lait und hab ihne gebracht Leffeln
-von Dschermen Silwer so habe se mich gewehnlich gefragt
-&ndash; wie haißt Dschermen Silwer &ndash; is das was
-besonderes oder was anderes als Amerikanisches Silber?
-»Gott der Gerechte« hab ich denn aber gesagt &ndash;
-»muß doch Silber haißen wenn es in Dschermani is,
-Dschermen Silber und wenn es in Amerika is, Amerikanisches
-Silber, will ich nich gesund auf meine Fiße
-stehn, wenn da waiter en Unterschied is als der Prais
-&ndash; wir Deitsche nehmen mit wenig Verdienst vorlieb
-&ndash; aber mer sin reell.« Gott der Gerechte sill mer beistehn
-wann ich nich habe gehabt 700 Procentchen un
-die ainzige Unbequemlichkait in der waiten Gotteswelt,
-daß ich nich bin wieder gekommen ganz genau
-in die Gegend.</p>
-
-<p>Un hab ich immer geglaubt, 's&nbsp;wär ä Unglick daß
-uns Kainer kennt hier und mer net Credit hättet &ndash;
-wo so Unglick g'rod des Gegenthail ist's &ndash; Gottes
-Wunder was wir Jüdden hier vor en Credit haben
-&ndash; 's&nbsp;geht ins Hebräische hinain und immer waiter,
-immer waiter. Im Anfang en klans bissel un nachher
-immer greßer und der Itzig Löwenhaupt hat schon 5
-Städte, wie er sogt, wo er nich mehr hinkommen
-derf, bei mir fangts aber erst an un der Itzig is schon
-a angesehener raicher Mann.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_361" title="361"> </a>
-Gott der Gerechte, wenn ich doch de Rachel hier
-hätte, was hat mer hier en Feld vor Geschäftcher, und
-den Edde und die Mämme aber se alle missen noch her
-kommen nach Amerika. &ndash; Wie haißt Bamberg? &ndash;
-was thu ich mit Bamberg&nbsp;&ndash;? net abgemolt mecht'
-ich sain in Bamberg.</p>
-
-<p>Un frogt ämol den Veitel wo er sain klan
-Kerbche hindahn hot, mit dem er is schachere gange,
-un wo ihn die Lait haben uf die Stroß gesetzt,
-geschwinder als er is hinain gekomme? &ndash;
-Gottes Wunder, wie haißt Kerbche jetzt? un der
-Veitel hat ä klan's Wägelche un ä lebendiges
-Pfärd, un oben druff sitzt er mit seine Packjes
-und kutschirt im Lande herim wie ä Färscht &ndash; frogt
-ämol den Veitel wo er sain klan Kerbche hindahn
-hot.</p>
-
-<p>Gott behit's Edde und Mämme &ndash; macht Eich
-kaine Sorg' um den Veitel, es geht Eirem Jingelche
-gut &ndash; so grißt mer de Rachel un der Simon soll
-riber kommen mit sain klain Handel und der Stern
-und der Rosengarten &ndash; aber sogt en nix von
-die Leffeln, Edde &ndash; wo ich gewese bin kenne
-se doch nix verdiene un setzen sich nur Unannehmlichkeiten
-aus &ndash; und wo ich nich gewesen bin
-&ndash; Gottes Wunder, was brauch ich do den Stern
-<a class="pagenum" id="page_362" title="362"> </a>
-und den Simon und den Rosengarten? do geh ich
-selber hin.</p>
-
-<p>Gott behits noch e mol, Edde und Mämme und
-es grißt Eich herzlich</p>
-
-<p class="si mr2">Eier lieber Sohn</p>
-
-<p class="si mr4"><em class="ge">Veitel</em>.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_363" title="363"> </a>
-Der Klöppeldistrict des sächsischen
-Erzgebirges.</h2>
-
-
-<p>Es ist seit langen Jahren, und besonders seit der
-Zeit, wo ich die Vereinigten Staaten von Nordamerika
-kennen gelernt, immer ein Lieblingswunsch von
-mir gewesen, die unglücklichen Proletarier unseres so
-sehr übervölkerten Vaterlandes nach jenen fruchtbaren
-Gefilden der neuen Welt hinübergeschafft und sie so
-ihrem fürchterlichen Elende gewissermaßen mit einem
-Gewaltstreich entrissen zu sehen. Bis jetzt ist das
-freilich noch ein frommer Wunsch geblieben; die Idee
-einer solchen Auswanderung durchzuckte mir auch nur
-manchmal in form- und gestaltlosen Bildern das
-Hirn, ich hatte mir selbst noch keine Rechenschaft
-darüber gegeben oder das Für und Wider solcher That
-geprüft und erwogen. Als uns aber der wieder und
-<a class="pagenum" id="page_364" title="364"> </a>
-immerwieder kehrende Jammer jener Gegend stets zu
-neuer Hülfe und Unterstützung rief, als ein Nothschrei
-nach dem andern aus den Bergen drang, da
-stieg der alte Wunsch in mir immer lebendiger und
-kräftiger auf und im Geiste sah ich schon die Schaaren
-fröhlicher Auswanderer auf wogender See einem
-neuen, glücklichen Leben entgegeneilen.</p>
-
-<p>Wohl sprach ich mich jetzt gegen Freunde und
-Bekannte darüber aus und suchte zu erfahren, auf
-welche Art ein solcher Schritt möglicher Weise zu
-realisiren wäre; die Leute schüttelten aber fast Alle
-mit dem Kopf und sagten einfach: »Das geht nicht
-&ndash; das thut's in den Gebirgen nicht &ndash; der Bergbewohner
-klebt an der Scholle und ist nicht fortzubringen,
-ja kann nicht einmal in seiner nächsten Umgebung
-verwendet werden; überdies sind sie schwächlich
-und entnervt und würden unmöglich die schwere
-Arbeit des Landurbarmachens ertragen können.« &ndash;
-Und gleich danach kamen unzählige Beispiele von
-Dienstmädchen, die es wundergut bei ihren Herrschaften
-hatten und doch nicht aushielten, sondern
-wieder zurück in's alte Elend liefen, &ndash; von Knechten,
-die entweder ihrer Arbeit nicht gewachsen, oder aus
-anderen Gründen nicht zu bewegen gewesen waren
-außer dem Gebirge auszuhalten, und das Resultat
-<a class="pagenum" id="page_365" title="365"> </a>
-blieb stets das nämliche: ein solcher Versuch wäre
-unnütz &ndash; die Leute hielten es nicht aus.</p>
-
-<p>Dem konnte ich nicht mehr widersprechen, denn
-ich kannte die Menschen ja nicht, über die ich solches
-Urtheil hörte; der Gedanke ließ mir aber keine Ruhe
-und ich beschloß einmal selbst hinauf zu wandern und
-mich an Ort und Stelle von der Wahrheit des Gesagten
-zu überzeugen. Allerdings war es damals
-gerade Winter und das Erzgebirge wird in dieser
-Jahreszeit von den Bewohnern des flachen Landes
-gewöhnlich für eine Art von Sibirien gehalten. Das
-schien mir aber auch in sofern die passende Zeit, als
-ich die Familien mehr zusammenfand und mich eher
-davon überzeugen konnte, ob die »Stubenhocker« auch
-wirklich für jede andere Arbeit untüchtig und verloren
-wären. Angenehm war es mir, daß ich mit einem
-Spitzenhändler Hrn.&nbsp;H., die Reise wenigstens zum
-Theil gemeinschaftlich machen konnte; ich wurde dadurch
-gewissermaßen in jene Gegend eingeführt und brauchte
-meine Zeit nicht mit langem Suchen zu verlieren.</p>
-
-<p>Am ersten Tag erreichten wir Eibenstock, eine aus
-lauter Eckhäusern bestehende Stadt, und ich fand mich
-hier, wenn auch noch nicht mitten unter ihnen, doch
-schon im Bereich der Unseligen, die den Titanenkampf
-gegen englische Fabrikate kämpfen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_366" title="366"> </a>
-In und um Eibenstock wohnen eigentlich mehr die
-Tambourirer als Klöppler, aber auch hier hat das
-Elend schon seine Vertreter; bleiche abgemagerte Gestalten,
-die von Morgens, bis Abends spät, über dem
-Stickrahmen beugen und mit geschäftigen Händen die
-Erhaltung ihres Lebens, wenige Neugroschen, zu erstreben
-suchen. Durch den freundlichen Eifer des
-Herrn Oberförster Thiersch ist erst jetzt ein Arbeitshaus
-errichtet, wo die Kinder ganz armer Eltern
-wenigstens in warmer Stube und bei freiem Lichte
-arbeiten können. Manches arme Kind, das bis dahin
-bettelte, verdient doch jetzt wenigstens etwas die
-Woche; aber die Preise sind heruntergedrückt, eine
-gute Arbeiterin kann mit aller Noth wirklich nur
-wenige <em class="ge">Groschen</em> verdienen, und Sorge und
-Mangel furcht die bleichen farblosen Wangen.</p>
-
-<p>Auch eine Schwefelholzfabrick &ndash; von lauter
-<em class="ge">Kindern</em> &ndash; ist in Eibenstock. Hier werden
-Streichhölzchen fabricirt &ndash; die gewöhnlichen Streichhölzchen
-in Papierkapseln, unten mit Sand beklebt.
-&ndash; Die Kapsel, die vielleicht 60 bis 80 Stück enthält,
-zu &ndash; <em class="ge">einem</em> Pfennig. Und die Kinder leben und athmen
-die ganze Zeit in dem Phosphordampf &ndash; einzelne
-Eltern behielten sogar die Kleinen zu Hause, weil
-sie »den Geruch nicht aushalten konnten,« den jene
-<a class="pagenum" id="page_367" title="367"> </a>
-mitbrachten; &ndash; die Noth zwang sie aber doch bald
-wieder dazu, sie an die Arbeit zu schicken und &ndash; sie
-gewöhnten sich endlich daran.</p>
-
-<p>Von Eibenstock brachte uns am nächsten Tage ein
-vierstündiger Marsch, oder eigentlich mehr Spatziergang,
-durch prächtigen schneegefüllten Nadelwald
-und malerische Schluchten und Thäler, bergauf und
-ab nach Breitenbrunn. Aber schon unterwegs kamen
-wir durch einzelne Klöppeldörfer und die Fenster
-füllten sich überall, wie sie die fremden Männer vorbeigehen
-sahen, mit einer wahren Unmasse von
-kleinen Köpfen. Jedes einzelne Haus sah aus, als
-ob es eine Kinderbewahranstalt wäre.</p>
-
-<p>Mir graute es im Anfang davor, eines derselben
-zu betreten; die niederen Stuben sahen von Außen
-alle so dumpfig und gedrückt aus; wie erstaunte ich
-aber, als ich mich endlich überwand, über die Reinlichkeit
-und Ordnung, die in diesen Räumen der Noth
-und des Elends herrschten. Das erste derartige Zimmer,
-was ich sah, war in Sosa, einem kleinen
-Dorfe zwischen Eibenstock und Breitenbrunn. Mehre
-Familien, wie das im Erzgebirge gewöhnlich der
-Fall ist, wohnten darin, und ein paar junge Mädchen
-waren noch mit ihren Tambourir- und Stickrahmen
-aus der Nachbarschaft zum Besuch gekommen
-<a class="pagenum" id="page_368" title="368"> </a>
-&ndash; d.&nbsp;h. nicht etwa zum Kaffee und zum Plaudern,
-die Armen haben keine unnütze Zeit zu versäumen und
-keinen Kaffee zu trinken, sondern um gemeinschaftlich
-im warmen Zimmer die mühsame Arbeit zu fördern.
-Nur einige von diesen tambourirten, die übrigen
-klöppelten, und ich hörte hier zum ersten Male das
-monotone, unheimlich raschelnde Geräusch der hin
-und hergeworfenen Klöppel.</p>
-
-<p>Es waren weiche, schwächliche Gestalten, aber
-ihre Gesichter sahen nur bleich, nicht kränklich aus &ndash;
-die Stubenluft und die sitzende Arbeit <em class="ge">lähmte</em> ihnen
-nur die Körper- und Geisteskraft, und hatte sie noch
-nicht ertödtet. &ndash; Die unheilvolle Ursache einmal
-beseitigt, und nicht ausbleiben würde die segensreichste
-Wirkung; nur das gutmüthige Lächeln, mit dem sie
-die Fremden empfingen, hatte etwas Leidendes. Das
-Ganze war mir aber noch zu neu &ndash; ich schämte mich
-zu fragen, ich hielt es für Sünde, diese Armen, Unglücklichen
-auch noch durch, wie sie doch jedenfalls
-glauben mußten, bloße <em class="ge">Neugierde</em> zu kränken; erst
-später verlor sich das, als ich Hütte nach Hütte betrat
-und an den Jammer gewöhnt, endlich auch
-Worte fand, seinen Grund zu erfahren, ohne mehr
-zu fürchten, den Gefragten wehe zu thun.</p>
-
-<p>In Hütte nach Hütte aber fand ich dieselben
-<a class="pagenum" id="page_369" title="369"> </a>
-Gestalten, fand ich dasselbe Leid &ndash; ein Dorf glich darin
-dem anderen, und nur manchmal, wo das Elend
-seinen höchsten Grad erreicht, wo die Unglücklichen
-nicht allein kein Bett, sondern nicht einmal einen
-Platz hatten ihr Stroh trocken hinzulegen, auf dem
-sie Nachts die erschöpften Glieder ausstrecken, so daß
-dieses also in den Stuben bleiben mußte, sahen dieselben
-unordentlich und dadurch unreinlich aus. Die
-natürliche Folge davon aber ist, daß der Staub und
-Schmutz ihre Arbeit unansehnlich macht, und sie nun
-auch noch mit den Preisen gedrückt werden.</p>
-
-<p>Die Klöppelarbeit erfordert nämlich die größte
-und möglichste Reinlichkeit, da die Spitzen nicht mehr
-gewaschen werden, sondern gleich von den Kissen weg
-zum Verkauf kommen; die Klöppler und Klöpplerinnen
-haben denn auch feine weiße Hände, ihre
-wohl oft zerissene und tausendmal geflickte Wäsche ist
-schneeweiß, die Diele und das Hausgeräth auf das
-Sauberste gescheuert &ndash; keine Spinnenwebe in der
-Stube, kein Schmutz unter dem Ofen oder in den
-Ecken, auch das wenige irdene Geschirr &ndash; Gott weiß
-es, es ist wenig genug &ndash; reinlich aufgewaschen
-und an seinen gehörigem Ort.</p>
-
-<p>Rührend ist es dabei, mit welcher Liebe der arme
-Erzgebirger an seiner Heimath hängt; Jeder, der mit
-<a class="pagenum" id="page_370" title="370"> </a>
-ihm nur je in Verbindung kam, weiß Beispiele zu
-erzählen, wie die Söhne und Töchter der ärmsten
-und elendesten Familien doch nicht unter besseren
-Verhältnissen, aber von den Ihrigen getrennt, aushalten
-wollten, und lieber wieder in den alten Jammer
-zurück flohen, lieber das Leid zu Hause mit den
-Ihrigen theilten. Mir kommt das aber, was bei
-diesen Menschen Heimweh genannt wird, eher wie
-eine Krankheit, wie eine Angst vor, die sie in der
-ihnen fremden Umgebung erfaßt. Es ist das Alles
-wahr, daß die Erzgebirger nicht unter fremden Leuten
-ausharren wollen, daß Knechte wie Mägde guten
-Lohn und nahrhafte Kost verlassen und lieber an ihren
-Klöppelkissen oder bei der heimischen Arbeit, aber
-mit den Ihrigen doch zusammen, hungern und Noth
-leiden. Aber nicht Faulheit ist daran Schuld, wie es
-ihnen nur zu oft aufgebürdet wird, nicht Widerwillen
-ist die Schuld, den sie gegen härtere, als die gewohnte
-Arbeit, fühlen sollen, denn die Klöpplerin
-arbeitet auch von Morgens früh bis spät in die Nacht,
-und der Mann verrichtet im Sommer die gewiß nicht
-leichte Waldarbeit und bestellt sein Feld. Nein, es ist
-einestheils die Furcht, die das Mädchen wieder aus
-ihrem Dienst treibt, sich die weichen Hände zu verderben
-und dann zum Klöppeln nicht mehr tauglich,
-<a class="pagenum" id="page_371" title="371"> </a>
-für immer aus ihrem Familienkreis ausgeschlossen zu
-bleiben; es ist das unbehagliche Gefühl, das den
-Knecht ergreift, wenn er sich seines linkischen ungeschickten
-Benehmens wegen verlacht und verachtet
-sieht oder auch nur glaubt, und dann in der That
-nicht im Stande ist, mit seinem, durch keine gesunde
-Nahrung gekräftigten Körper eben so viel und so gute
-Arbeit liefern zu können, als seine Kameraden. Ist
-dann auch der Herr nachsichtig mit ihm, will er ihn
-nach und nach gewöhnen und heranziehen, so fühlt
-der Erzgebirger nur zu gut, wie er indessen von seinen
-Mitarbeitern verachtet wird, und muß vielleicht auch
-noch rohe Reden darüber hören, daß er eben so viel
-ißt, eben so viel Lohn erhält als ein Anderer und nur
-halb so viel dafür leistet.</p>
-
-<p>Woher kommt aber diese Weichlichkeit des Geschlechts?
-Woher kommt dieser abhängige, schüchterne
-Charakter eines Bergvolkes? Noth und Mangel hat
-es nach und nach entnervt. Die ewige vegetabilische
-Nahrung, und diese nicht einmal in einem gesunden
-und genießbaren Zustand, hat an seinem Mark und
-Leben gezehrt. Und <em class="ge">haben</em> diese Leute denn eigentlich
-wirklich gelebt? heißt das ein Leben führen? sind das
-mit Vernunft und Gefühl begabte Wesen, wie sie da
-bei dem monotonen Klappern der hölzernen Klöppel
-<a class="pagenum" id="page_372" title="372"> </a>
-zusammenkauern und Woche aus und ein für wenige
-Groschen an einem vorgezeichneten Muster arbeiten,
-nur um zu existiren? Nein, es sind nur lebendige
-Maschinen, die blos da zu sein scheinen, eine gewisse
-Quantität Spitzen &ndash; so und so viele hundert Ellen
-&ndash; anzufertigen, um dann wieder zu denen, die sie
-zu Mangel und Jammer der Welt gegeben, in die
-steinige Erde gelegt zu werden.</p>
-
-<p>Und <em class="ge">könnten</em> sie noch wirklich dabei existiren &ndash;
-&ndash; wären sie im Stande, wenigstens so viel zu verdienen,
-daß sie nicht allein das Leid, nein auch die Freude
-des Lebens genössen, so möchte es noch sein; aber so
-blieb ihnen selbst nicht einmal Zeit in ihrer Jugend
-mehr als die einfachsten Schulkenntnisse zu erwerben,
-denn sie müssen ja schon zu Hause, selbst als Kinder,
-mit an dem ganzen gemeinschaftlichen Tagewerke
-schaffen, um nicht gemeinschaftlich mit zu verhungern.
-Allerdings ist von der Regierung viel für Schulen
-gethan, so viel vielleicht, als es für einen so ausgebreiteten
-Strich des Elends möglich war; aber diesen
-Versuchen einer wohlthätigen Belehrung haben die
-Verhältnisse selbst, und leider mit nur zu vielem Erfolg,
-entgegengearbeitet.</p>
-
-<p>Die Dörfer des Erzgebirges, besonders die ärmsten,
-wie Breitenbrunn und vorzüglich Rittersgrün, liegen
-<a class="pagenum" id="page_373" title="373"> </a>
-über weite Bergflächen zerstreut und es ist z.&nbsp;B. in
-dem letzteren Dorfe den armen Kleinen dadurch förmlich
-unmöglich gemacht, bei tiefem Schnee die unten im
-Thal liegende Schule zu besuchen &ndash; selbst wenn sie,
-was leider nur zu oft nicht der Fall ist, Kleidung
-hätten, die sie vor Wind und Wetter schützte.
-Aber auch wirklich den Fall angenommen, <em class="ge">daß</em> sie im
-Stande wären, die Schule, und zwar regelmäßig zu
-besuchen, was haben die armen, durch ihre sonstige
-Umgebung in keiner Weise angeregten Kinder dann
-gelernt? nothdürftiger Weise etwas Lesen, Schreiben,
-Rechnen und &ndash; Bibel- und Katechismusverse. &ndash;
-Die letzteren sagten ihnen auch am meisten zu &ndash; das
-Hersagen solcher Verse und Lieder und das einförmige
-Geräusch der Klöppel paßte vortrefflich zu einander,
-aber dadurch zog sich der kaum entzündete Funke von
-Geist wieder mehr und mehr in sich zurück, und verlöschte
-endlich nach kurzer Zeit in dem weiten Meer
-des Elends, wo er mit dem Ringen nach einem Lebensunterhalte
-langsam aber sicher versank und keine
-Spur mehr in den bleichen ausdruckslosen Zügen
-zurück ließ.</p>
-
-<p>Welchen Begriff hat ein solcher Unglücklicher von
-der Welt? keinen &ndash; er kennt nur den Jammer der
-ihn umgiebt, und nicht einmal die Hoffnung kann ihn
-<a class="pagenum" id="page_374" title="374"> </a>
-trösten, denn was soll er hoffen? das Grab &ndash; nur
-im künftigen Leben, hat ihm sein Pfarrer gesagt, blüht
-der Lohn für sein <em class="ge">Ausdauern</em> und <em class="ge">Harren</em> und er
-harrt, &ndash; aber dauert nicht aus, denn er geht nach und
-nach physisch und moralisch zu Grunde.</p>
-
-<p>In <em class="ge">Breitenbrunn</em>, wo wir bei dem dortigen
-Pastor Hrn. Uhlmann freundliche Aufnahme fanden,
-besuchte ich Abends die Klöppelschule. Am Tag arbeiten
-dort auch Erwachsene, so spät aber trafen wir nur
-noch <em class="ge">Kinder</em>; Kinder von sieben bis zwölf und vierzehn
-Jahren, meistens Mädchen. Je sechse saßen auf
-einer Art von Fußbänken um einen hölzernen Schämel
-herum, auf dem eine einfache Blechlampe brannte; sie
-hatten nicht das Gesicht dem Schämel zugedreht, sondern
-hockten von der Seite immer Eine hinter der Anderen
-im Kreis, während eben so viele mit Wasser
-gefüllte Glaskugeln, wie sie die Schuhmacher bei ihrer
-Nachtarbeit gebrauchen, den scharfen, blendenden, aber
-schmalen Lichtstrahl nur eben auf den Punkt ihrer
-Klöppelarbeit warfen, wo sie ihn gebrauchten. Und
-so sitzen diese Kinder Tag aus Tag ein; des Morgens
-haben sie einige Stunden Schulunterricht, der Nachmittag
-findet sie wieder im lauten Geklapper ihrer
-Arbeit. Spiel und Erholung kennen sie nicht &ndash; sie
-rasten nicht &ndash; und doch &ndash; doch rasten sie manchmal
-<a class="pagenum" id="page_375" title="375"> </a>
-&ndash; der Klöppellehrer erzählte uns mit leiser Stimme,
-»die armen kleinen Dinger hätten schon mehr male
-mit Arbeiten aufgehört und gemeint: sie könnten nicht
-mehr &ndash; <em class="ge">sie wären so hungrig</em>.« Der arme Teufel
-konnte ihnen selbst nichts geben, er verdient mit
-seiner Frau auch nur 2½&nbsp;Thlr. die Woche und hat
-fünf Kinder.</p>
-
-<p>Und doch sind diese Klöppelschulen ein Segen für
-die Unglücklichen &ndash; sie haben doch wenigstens eine
-warme Stube und freies Licht und bekommen Geld
-für ihre Arbeit. Aber nicht in allen Klöppelschulen ist
-das der Fall &ndash; das teuflische Drucksystem fängt auch
-im Erzgebirge wieder an aufzublühn, und das fehlt
-jetzt nur noch, die Bewohner desselben ganz zur Verzweiflung
-zu bringen. Fast alle die Factoren oder
-Verleger von Spitzen legen dort oben noch neben
-ihrem Geschäft kleine Ausschnittläden an, und wenn
-auch Manche brave rechtliche Leute sind, die keinen
-Mißbrauch damit treiben, so giebt es doch auch wieder
-gewissenlose Menschen unter ihnen, welche die
-Noth der Armen benutzen, nicht allein die Preise herunter
-zu drücken, sondern ihnen auch noch werthlose
-Waare aufzudringen, mit der sie nachher Tagelang
-umherlaufen müssen, um sie nur, natürlich wieder mit
-Verlust, anzubringen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_376" title="376"> </a>
-Breitenbrunn wie Rittersgrün sind mit die ärmsten
-Dörfer des Erzgebirges; Hunderte von armen
-Familien leben dort, ja das letzte Dorf besteht fast
-einzig und allein, und mit nur sehr wenigen Ausnahmen,
-aus solchen Unglücklichen. Die Pastoren derselben
-sind denn auch in der That mehr Armenpfleger
-als Seelenhirten; sie müssen mehr Zeit darauf verwenden,
-die Körper als den Geist ihrer Beichtkinder
-zusammen zu halten, denn der Arme hat ja weiter
-Niemanden als gerade seinen Pastor, der ihm die
-ewige Barmherzigkeit Gottes predigt &ndash; dieser allein
-giebt ihm eine, wenn auch weit hinaus geschobene
-Hoffnung auf ein künftiges Leben &ndash; ach es ist die
-<em class="ge">Einzige</em>, die der Unglückliche kennt, und er blickt
-nun vertrauend zu dem Mann empor, der ihn zu trösten
-und aufzurichten sucht.</p>
-
-<p>Die Pastoren könnten hier von vielem und großem
-Einfluß sein, und Manche sind es auch, andere aber
-wieder, und vielleicht in ganz guter Absicht, quälen
-ihre Pfarrkinder noch mit dem, was eigentlich freiwillig
-aus innerstem Herzen springen sollte, mit der
-Religion und dringen darauf, daß »Gottes Tempel«
-nicht allein in »gutem Zustande« sei, sondern auch
-»anständig aussehe.« In den ärmsten Dörfern, wo
-Hunderte von Einwohnern wie die Schafe zusammengepfercht
-<a class="pagenum" id="page_377" title="377"> </a>
-und in elenden Hütten, oft ohne Betten liegen,
-wird das stets unter die »nothwendigsten Ausgaben«
-gerechnet, daß die Kirche restaurirt werde. Sogar in
-Rittersgrün, wo mir der Pastor selber sagte, daß sein
-ganzes Dorf wie ein einziges Armenhaus dastehe,
-verlangt er zwölf- oder vierzehnhundert Thaler für die
-Herstellung der etwas baufälligen Kirche, und wollte
-zu diesem Zweck eine Pfennigsteuer erheben. Die Menschen
-können auf faulem Stroh liegen, aber der liebe
-Gott darf nicht mit einem gewöhnlichen und billig
-hergestellten Bethaus, wie ich es vorschlug, abgespeist
-werden. &ndash; »Das Dorf kann doch nicht ohne Kirche
-sein?« rief er erstaunt. Und der Mann meint es sicherlich
-gut, denn er hat schon unendlich viel für die
-Armen gethan, wenn er auch die etwas bevorzugt,
-die am regelmäßigsten zur Communion gehen und die
-Kirche besuchen.</p>
-
-<p>Die Erzgebirger sind arm, aber ehrlich, Diebstähle
-fallen nur höchst selten bei ihnen vor; <em class="ge">selten</em>, aber
-doch <em class="ge">manchmal</em>. So war ich in Rittersgrün in einer
-Hütte, wo auch Gott weiß wie viel Personen in einem
-engen Käfterchen zusammenstaken, die übrigens Alle
-zu einer Familie, wenigstens zu einer Verwandtschaft
-gehörten; unter diesen saß eine schwangere Frau, vielleicht
-acht und zwanzig Jahre alt &ndash; oder wohl auch
-<a class="pagenum" id="page_378" title="378"> </a>
-jünger, denn die Noth altert vor der Zeit &ndash; der liefen
-aber die Thränen über die Backen, als der Pastor,
-der uns begleitete, ein paar Worte mit ihr sprach.
-Böse Menschen (in Rittersgrün meinten sie, die Diebe
-müßten von der nicht fernen böhmischen Grenze herübergekommen
-sein) hatten ihr vor einigen Tagen das
-einzige Bett gestohlen, was sie mit ihren Kindern bis
-dahin getheilt. &ndash; Schwanger &ndash; unausgesetzte Arbeit
-den Tag über, Hunger und Sorge um die Kinder &ndash;
-und nicht einmal ein Bett, auf dem sie Abends die
-müden Glieder ausstrecken konnte. Vor der Thür
-der Hütte lagen auf dem Schnee drei weißgewaschene
-Hemden zum Trocknen; weiß gewaschen waren sie
-wohl, aber nur mit Mühe hielten noch die unzähligen
-kleinen Lumpen zusammen.</p>
-
-<p>Mit Sonnenuntergang verließen wir Rittersgrün
-und wanderten durch eine Gegend, die im Sommer
-paradiesisch sein muß, am Schwarzwasser entlang auf
-Raschau zu.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen trennte ich mich von meinem
-bisherigen Reisegefährten und wanderte allein das
-Dorf entlang, der Straße nach Annaberg folgend.
-Ich weiß nicht, wie die Dörfer zu anderer Zeit dreinschauen
-mögen; aber jetzt, von dem weißen blendenden
-Schnee umgeben, sahen sie alle mit ihren blank
-<a class="pagenum" id="page_379" title="379"> </a>
-gehaltenen Fensterscheiben reinlich und sauber aus;
-der hie und da vom Eis befreite Bach rauschte und
-murmelte dabei fröhlich durch's Dorf hin und neugierige
-Kindergesichter blickten hie und da aus den Fenstern
-zu mir herüber, immer jedoch augenblicklich wieder
-und blitzesschnell verschwindend, sobald ich nur
-den Kopf zu ihnen hinwandte. Raschau kam mir im
-Ganzen nicht so ärmlich vor, als die früheren Orte
-die ich gesehen, dennoch fehlte es wahrlich nicht an
-den Hütten der Noth und des Elends. In einer von
-diesen fand ich eine freundliche Familie beisammen &ndash;
-die Mutter mit zwei erwachsenen Töchtern und drei
-oder vier anderen kleineren Kindern.</p>
-
-<p>Die Leute schienen wenigstens das Nothdürftigste
-zu haben, die Stube war hell und geräumig, ihr
-Anzug, wenn auch einfach, doch wenig geflickt und
-von größter Sauberkeit, und die Kinder sahen, wenn
-auch bleich, doch nicht gerade so hohläugig darein,
-wie ich das leider bei so vielen gefunden. Der Mann
-war Bergmann und stak jetzt irgendwo in der Erde,
-die Frauen aber saßen gar eifrig an ihren Klöppelkissen
-und förderten die klappernden Spuhlen. Und was
-verdienten sie mit dieser Arbeit? &ndash; Für drei Viertel
-Zoll breite, sauber geklöppelte Spitzen bekommen sie
-von dem Händler für <em class="ge">zehn Ellen</em> fünf gute Groschen
-<a class="pagenum" id="page_380" title="380"> </a>
-vier Pfennige, für <em class="ge">zehn Ellen</em>, an denen
-eine erwachsene Person mehrere Tage arbeiten und
-auch noch das Leinengarn zugeben muß. Die Leute
-hielten mich für einen Spitzenhändler und boten mir
-ihre Waare, als ich sagte, daß ich eine Kleinigkeit zu
-kaufen wünsche, um diesen Preis an. Ich kaufte an
-demselben Tag noch schmalere Spitzen &ndash; etwas über
-ein Drittel Zoll breit, die mir die Frau für <em class="ge">fünf
-Neugroschen für zwanzig Ellen</em> anbot. Als
-sie hörte, daß ich kein Spitzenhändler sei und nur ein
-einzelnes Stück kaufen wollte, setzte sie dann schüchtern
-hinzu: »so dürfen Sie mir schon ein paar Pfennige
-mehr geben &ndash; es ist gar wenig.«</p>
-
-<p>In Oberscheibe, links und rechts zwischen ärmlichen
-Gebäuden hin, sah ich einen bleichen, krank aussehenden
-Mann, der mit einer Axt auf der Schulter
-eben in eine niedere Thür eintreten wollte; er blieb,
-als er mich herankommen sah, stehen und es kam mir
-vor, als ob er mich anzureden beabsichtigte &ndash; wenn
-das aber wirklich der Fall gewesen, so müßte er sich
-anders besonnen haben, denn er grüßte nur und verschwand
-in der Thür. Der Mann sah recht leidend
-aus &ndash; er hinkte auch, wie mir vorkam &ndash; die Männer
-waren sonst alle größtentheils auswärts an irgend
-einer Arbeit &ndash; ich hatte noch wenige zu Hause getroffen
-<a class="pagenum" id="page_381" title="381"> </a>
-und beschloß diesem zu folgen. Rasch trat ich nach
-ihm in einen engen dunkeln Gang, der in den hinteren
-Theil des Gebäudes führte; er blieb stehen und sah
-sich erstaunt nach mir um, als er mich kommen hörte.</p>
-
-<p>»Darf ich einmal mit Euch eintreten, Freund, und
-einige Worte mit Euch sprechen?«</p>
-
-<p>»Ach Gott ja,« sagte der Mann und sah mich verlegen
-an; »aber &ndash; es ist gar eng bei uns und &ndash;
-und sieht nicht besonders aus&nbsp;&ndash;.«</p>
-
-<p>»Schadet nichts, will nur einen Augenblick bleiben
-&ndash; gehe gleich wieder fort.«</p>
-
-<p>Er öffnete eine Thür dicht vor uns und ich fand
-mich gleich darauf in einem kleinen, kaum vier Schritt
-im Quadrat haltenden Zimmer. An dem Tisch saßen
-die Frau und zwei erwachsene Töchter von etwa sechzehn
-und siebzehn Jahren, rechts davon, nach dem Ofen
-zu noch ein paar kleinere Kinder und ein anderes,
-vielleicht zwölf oder vierzehn Monate altes, lag in
-einem Kasten, der ihm als Bettchen und Wiege diente.
-Die fürchterlichste Armuth herrschte in diesem Gemach,
-nicht einmal reinlich waren die Leute im Stande es
-zu halten, denn das Stroh, auf dem sie Nachts lagen,
-mußte in der Stube bleiben, sie hatten keinen andern
-Raum dafür. Die Frauen rückten schüchtern zusammen,
-als ich eintrat und der Mann schob mir einen der
-<a class="pagenum" id="page_382" title="382"> </a>
-hölzernen Stühle hin, von denen zwei im Zimmer
-standen, sonst waren Bänke an den Wänden.</p>
-
-<p>»Wie geht es Euch denn, Ihr Leute,« frug ich
-endlich, nachdem ich den Jammer, der mich umgab,
-wenige Secunden schweigend überblickt hatte; »wie
-geht es mit den Preisen, mit der Arbeit, mit den
-Lebensmitteln?«</p>
-
-<p>»Ih nun,« sagte der Mann seufzend und schaute
-gar wehmüthig ernst vor sich nieder, »es geht <em class="ge">recht</em>
-schlecht &ndash; es kann nicht mehr viel schlechter werden.«</p>
-
-<p>Die Frauen klöppelten eifrig fort und redeten keine
-Sylbe &ndash; sie waren so reinlich, wie das der enge Raum
-und das Zusammenleben mit den Kindern gestattete,
-angezogen, ihre Kleidung bestand aber aus fast lauter
-zusammengeflickten Lumpen. Es war ein peinliches
-Schweigen, das keiner brechen mochte.</p>
-
-<p>»Sie sind wohl ein Spitzenhändler?« sagte die
-Frau endlich mit leiser Stimme und wandte sich halb
-nach mir um &ndash; ich verneinte es und der Mann fuhr fast
-mehr mit sich selber sprechend, als zu mir gewandt fort:</p>
-
-<p>»Die Preise werden immer schlechter, die Kartoffeln
-sind verdorben und &ndash; aufgezehrt &ndash; ich wollte es wäre
-Sommer, aber damit hat's noch lange Zeit.«</p>
-
-<p>»Und es ist keine Aussicht, daß die Preise wieder
-steigen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_383" title="383"> </a>
-»Wenn sie nur einmal in England aufhörten Spitzen
-zu machen,« murmelte der Mann; »die Engländer
-haben doch viel auf dem Gewissen.«</p>
-
-<p>»Aber Ihr wollt es ja auch nicht anders haben?« sagte
-ich jetzt; »warum hört Ihr nicht auf, warum klebt
-Ihr hier in den Bergen und zieht nicht fort, weit
-fort, wo es andere Arbeit und etwas zu verdienen
-giebt; lieber Gott, wenn Niemand Eure Spitzen
-mehr kaufen will, weshalb macht Ihr sie denn noch
-unausgesetzt und verhungert und verkommt dabei?«</p>
-
-<p>»Fortziehn?« rief der Mann und sein Gesicht nahm
-eine etwas lebhaftere Farbe an; »fortziehn? ach Du
-guter Herr Gott, ja, wohin es ist und wenn's nach
-Amerika wäre &ndash; überall hin, wo wir nur nicht verhungern
-&ndash; aber wovon? fort <em class="ge">betteln</em> kann man
-sich doch nicht mit Weib und Kind, und das wäre die
-einzige Art, wie man daran denken könnte.«</p>
-
-<p>»Aber warum gehn Eure Töchter nicht in irgend
-einen Dienst, sie kämen aus der Noth heraus und
-könnten etwas mehr verdienen.«</p>
-
-<p>Die Mutter schüttelte mit dem Kopfe.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte sie, »aus der Noth kämen sie heraus,
-was aber kriegt so ein armes Ding, das weiter nichts
-gelernt hat als Klöppeln, für einen Lohn &ndash; es könnte
-selber nur nothdürftig davon leben, und hier zu Hause
-<a class="pagenum" id="page_384" title="384"> </a>
-ging es nur noch schlimmer, wenn die großen Mädchen
-fort wären, die doch jetzt noch etwas verdienen
-&ndash; mein Mann ist krank, und wenn ich's auch von
-Herzen gern wollte, ich <em class="ge">kann</em> die übrigen Kinder nicht
-alle von den zehn oder zwölf Groschen erhalten, die
-ich die Woche verdiene. Und dann, wenn sie's nun
-nicht draußen aushielten, oder wenn ich auch krank würde
-und sie zurück müßten, dann haben sie sich ihre Hände
-zum Klöppeln verdorben und wovon <em class="ge">dann</em> leben?
-Aber ich sehe schon, es wird doch nichts anderes übrig
-bleiben, wenn nur der Winter erst vorbei ist, dann
-mögen sie hinaus gehen und sehen, wie's der liebe
-Gott mit ihnen fügen wird.«</p>
-
-<p>»Ach ich ginge ja so gern,« flüsterte die Aelteste
-und sah mit stierem Blick auf ihr Klöppelkissen, »wenn
-ich nur einen Dienst wüßte, wo ich gut behandelt
-werde, &ndash; an mir sollt es nicht fehlen.«</p>
-
-<p>»Sie sind gewiß ein Spitzenhändler?« sagte die
-Frau noch einmal und blickte mich dabei halb schüchtern
-an.</p>
-
-<p>Ich sah mich in der Stube um &ndash; neben dem Ofen
-standen mehrere Töpfe, aber alle leer, &ndash; keine Spur
-von Lebensmitteln war im Zimmer und doch verrieth
-die ganze Umgebung, daß dieser eine Raum ihr Alles
-umschloß, was sie das Ihre nennen konnten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_385" title="385"> </a>
-»Habt Ihr kein Brod Ihr Leute?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte er kopfschüttelnd; »wir haben bis
-jetzt von Kartoffeln gelebt.«</p>
-
-<p>»Aber Brod ist dieß Jahr so billig.«</p>
-
-<p>»Ach ja,« erwiederte der Mann, &ndash; »es ist viel
-billiger als voriges Jahr, &ndash; aber &ndash; wir sind hier
-gar viele Mägen.«</p>
-
-<p>Das kleine Kind fing an zu schreien; die Mutter
-stand von ihrer Arbeit auf, nahm es in die Höhe und
-schaukelte es auf dem Arme, &ndash; in der Stube konnte
-sie nicht auf und ab mit ihm gehen, der Platz, wo sie
-stand, war der einzige freie Raum. Ich mochte den
-stillen Jammer nicht mehr länger ertragen, stand auf,
-legte etwas Geld auf den Tisch und wollte fort.</p>
-
-<p>»Da &ndash; kauft Euch Brod,« sagte ich, &ndash; »es wird
-schon einmal eine bessere Zeit kommen.«</p>
-
-<p>Der Mann sah überrascht das Geld an und griff
-nach meiner Hand; &ndash; bis dahin war keine Klage
-weiter, &ndash; keine Bitte um Unterstützung über seine
-Lippen gekommen, jetzt aber brach sich der gewaltsam
-zurückgehaltene Jammer Luft und die Thränen stürzten
-ihm aus den Augen.</p>
-
-<p>»Wir haben seit gestern Mittag keinen Bissen
-gegessen,« flüsterte er, &ndash; »mein Bein ist offen und
-entzündet, aber ich war eben aus, Arbeit zu suchen
-<a class="pagenum" id="page_386" title="386"> </a>
-um nur ein paar Groschen für Brod zu bekommen,
-vergebens&nbsp;&ndash;.«</p>
-
-<p>Es war noch viel, viel, was er sagte und auch
-die Frauen fingen an zu weinen; &ndash; bis jetzt hatten
-sie sich vor dem Fremden gescheut, nun war das Eis
-gebrochen und ihr Schmerz ließ sich nicht länger zurückdämmen.
-Das Kind schrie auch mit hinein in
-diesen Jammer, aber die Mutter drückte es freudig an
-die Brust.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Sei ruhig mein Herzchen, Du bekommst jetzt
-Brod&nbsp;&ndash;.«</p>
-
-<p>Ringsum steigen freundliche Berge empor, dunkelgrüne
-Waldesschatten schmiegen sich an die breitlehnigen
-Kuppen an, &ndash; weite, im sonnigen Lichte
-blitzende und funkelnde Schneeflächen decken die
-Halden und leichte durchsichtige Nebelwolken ziehen
-sich wie duftige Schleier am scharfen Abhang der
-Schluchten hin. Munter sprudelt der Bach dazwischen
-durch und das blaue ätherreine Firmament umschließt
-wie mit liebenden Armen das herrliche Land. Der
-Habicht streicht in langsam bedächtigen Kreisen über
-die Flur, &ndash; die Krähe sitzt gesättigt oben in den
-Zweigen des Apfelbaumes und wetzt an dem rauhen
-Aste den Schnabel &ndash; und der Mensch?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Geht in die Hütten und seht wie sie zusammenkauern;
-hebt den Deckel von dem irdenen Topfe, der
-<a class="pagenum" id="page_387" title="387"> </a>
-in der Röhre steht und einen widerlich dumpfigen
-Geruch verbreitet; &ndash; aus was besteht die Nahrung,
-die sich der Erzgebirger zusammengeknetet hat, sein
-und der Seinigen Leben zu fristen? Faule, kranke
-Kartoffeln zu Muß gedrückt und mit etwas schwarzem
-Mehl angerührt, &ndash; Salz hat er nur selten, &ndash; etwas
-Häringslauche muß dem Stoffe eine Art Geschmack
-geben, und <em class="ge">will</em> er verschwenderisch sein, so vertritt
-Lampenöl die Stelle des zu theuren Fettes. Und das
-sind Menschen, &ndash; denkende, fühlende Menschen,
-von Gott mit denselben Anrechten an dieses Leben
-ausgestattet, wie wir selbst, das sind Menschen, die
-hier rettungslos ihrem sicheren Verderben entgegengehen.
-Rettungslos, wenn nicht bald etwas geschieht,
-sie dem fürchterlichsten Elend zu entreißen.</p>
-
-<p>Die Klöppelarbeit ist kaum noch im Stande ihr
-elendes Leben zu stiften, und in den englischen
-Spitzenmanufacturen ihnen ein Feind erstanden, mit
-dem sie den verzweifelten Kampf um die Existenz nur
-noch wenige Jahre werden bestehen können. Die
-Preise der Spitzen fallen wirklich jährlich, und es ist
-Thatsache, daß die Leute im Gebirge in diesem Jahr
-(1848), trotz des <em class="ge">billigen</em> Brodes, doch nicht <em class="ge">mehr</em>
-für ihre Arbeit bekamen, als das vorige. Die
-Leute vegetiren also dieses Jahr eben so wie das
-vorige; wie aber nun, wenn wiederum, was doch
-<a class="pagenum" id="page_388" title="388"> </a>
-jeden Augenblick geschehen kann, eine neue Theuerung
-die Brodpreise hinauftreiben sollte? Die Arbeitspreise
-steigen <em class="ge">nicht</em> wieder, und die Klöppler sind dann
-einem Verderben nahe, dessen Ahnung schon jetzt ihr
-Herz mit Schrecken erfüllt.</p>
-
-<p>»Wenn das Brod wieder theuer wird, müssen sie
-uns todtschlagen,« sagte ein junger bleicher Bursche,
-der in Scheibenberg auf einer Hobelbank saß und
-faule Kartoffeln kaute. &ndash; Es liegt eine fürchterliche
-Wahrheit in den Worten, <em class="ge">man kann doch die
-Leute nicht langsam verhungern lassen</em>.</p>
-
-<p>»Aber warum verlassen sie das Gebirge nicht?« &ndash;
-rufen die Tausende &ndash; »warum gehn sie nicht in's
-flache Land &ndash; im Gebirge selbst und in der nächsten
-Nachbarschaft müssen die Bauern baierische Dienstboten
-nehmen, weil die Gebirger nicht aushalten,
-selbst an den Wegen, die der Staat hat fast nutzlos
-anlegen lassen, nur um den Unglücklichen zu helfen,
-haben sie nicht länger arbeiten mögen &ndash; sie <em class="ge">wollen</em>
-ja zu Grunde gehen &ndash; warum ergreifen sie nicht
-etwas Anderes, wenn das alte Geschäft nicht mehr
-geht?«</p>
-
-<p>Dort ist Jemand in einen Fluß gefallen &ndash; er
-schlägt mit Armen und Füßen um sich &ndash; aber er
-sinkt &ndash; er hebt sich noch einige Mal &ndash; dreht sich
-eine Zeit lang auf derselben Stelle im Kreise herum
-<a class="pagenum" id="page_389" title="389"> </a>
-und sinkt immer und immer wieder. »Warum schwimmt
-der Mensch nicht &ndash; er braucht ja nur mit Armen
-und Beinen gleichmäßig auszutreten, &ndash; nur gerade
-so, wie es ihm die Leute, die da in Herzensangst am
-Ufer stehen, vormachen &ndash; er braucht nur den Kopf
-dann zu heben und dem nächsten Ufer zuzuarbeiten,
-so kann er ja nicht untergehen.« &ndash; Ei ja wohl, wäre
-ihm das in seiner Jugend gelehrt, so könnte er das
-allerdings &ndash; wüßte er, <em class="ge">wie</em> er seine Kräfte gebrauchen
-soll, er würde auch nicht untergehen; aber
-die Leute am Ufer, die alle auf ihn einschreien und
-ihm zuwinken, kleine Stückchen Holz nach ihm werfen,
-auf denen er sich einen Augenblick ausruhen soll,
-machen ihn nur noch mehr irre und bringen ihn ganz
-außer Fassung. &ndash; <em class="ge">Guter Rath</em> und <em class="ge">schwache</em>
-That kommen hier zu spät, hier bedarf es eines
-<em class="ge">kräftigen</em> Mittels, das ihm die Hand reichen und
-vom Verderben zurückreißen muß, dem er sonst im
-nächsten Augenblick zu erliegen droht.</p>
-
-<p>Der Erzgebirger ist entnervt und erschlafft, aber
-weniger noch an körperlichen, als an geistigen Kräften;
-jetzt geschieht allerdings was möglich ist, um
-nur in etwas seine Energie zu wecken; die Schulen
-werden überall vermehrt und verbessert, man sucht
-die Einzelnen ihrem Jammer zu entziehen und mit
-dem wirklichen Leben bekannt zu machen, bedeutende
-<a class="pagenum" id="page_390" title="390"> </a>
-Summen werden vom Staat und von Privaten
-daran gewandt, der augenblicklichen Noth zu steuern
-&ndash; aber es ist auch nur die augenblickliche Noth, und
-solche Hülfe genügt nicht mehr allein. Die Wunde,
-die vielleicht in früherer Zeit mit leichten Umschlägen
-und Salben geheilt gewesen wäre, ist jetzt geeitert,
-der Brand ist hinzugetreten und jede Verzögerung
-einer ernstlichen Cur macht sie nur noch schmerzhafter
-und noch gefährlicher. Dem Erzgebirger sind seine
-Berge die Welt; kommt er in das flache Land, so
-stellt er sich linkisch und ungeschickt an, &ndash; aber das
-ist's nicht allein &ndash; durch eine Nahrung, wie sie bei
-uns kein Hund verzehren würde, ist er auch schwach
-und kraftlos geworden. Haben ihn auch nun wirklich
-Bauern als Knecht einmal angenommen und ihm
-denselben Lohn, wie ihren andern Arbeitern, gegeben,
-so vermochte er natürlich nicht von allem Anfang so
-auch zu arbeiten, das Alles zu leisten, was jene
-wirklich leisteten. War dann auch der Herr vernünftig
-und gutmüthig genug, das Alles nachzusehen, wollte
-er den Unglücklichen eher zurechtweisen als einschüchtern,
-so fand dieser dagegen bei seinem ihm fremden
-<em class="ge">rohen</em> Cameraden &ndash; denn unsere Arbeiter sind
-<em class="ge">leider</em> in der Mehrzahl roh &ndash; keine so freundliche
-Gesinnung. Wer das Verhältniß der Knechte und
-Dienstleute zu einander kennt, wird mir recht geben;
-<a class="pagenum" id="page_391" title="391"> </a>
-erst verspotten sie den Fremdling, besonders wenn er
-sich etwas täppisch und unbeholfen zeigt, oder gar
-nach einem anderen Dialekt redet, und machen sich
-über ihn lustig, äffen ihm auch wohl die Worte
-nach; dann aber auch murren sie und werden gehässig,
-wenn ein Anderer, der mit ihnen auf gleicher
-Stufe steht und dieselben Pflichten hat wie sie, nicht
-auch alles das leisten kann oder wirklich leistet, was
-man von ihnen selbst fordert.</p>
-
-<p>Der Erzgebirger aber, nur in seinem innersten
-Familienkreise aufgezogen und groß geworden, ist zu
-weichlich, zu schüchtern, dem Allen begegnen zu
-können, die geistige Energie fehlt ihm, jetzt einmal
-doch zu zeigen, daß er ein Mann ist und den <em class="ge">Feind</em>,
-der sich ihm zeigt, zu bekämpfen. Nein, das Heimweh
-faßt ihn nach seinen Bergen; dort mußte er
-wohl hungern und Noth leiden, aber dort lachte
-ihn auch keiner aus, dort war er nicht verspottet
-und verachtet. Der geringe Funke von Geist, der
-noch in ihm schlummerte, wurde dort nicht mit
-Füßen getreten, und zurück flieht er mit aller Hast
-und Angst zu den Seinen und theilt lieber Jammer
-und Elend mit ihnen. Ebenso, nur in einem fast
-noch stärkeren Grade, war es mit den Mädchen, die
-sich in's flache Land ausmiethen wollten. &ndash; Nichts
-auf der Gotteswelt haben sie daheim gelernt, als
-<a class="pagenum" id="page_392" title="392"> </a>
-ihre Klöppel zu führen und höchstens einmal, und
-selbst das noch mangelhaft, ihre Kleider auszubessern
-und herzurichten &ndash; jetzt auf einmal verlangt man
-lauter fremde unbekannte Sachen von ihnen, und
-dieselbe Scheu treibt auch sie zu den Ihren zurück.</p>
-
-<p>Wohl wäre es vielleicht auch jetzt noch Zeit, auf
-die Jugend mit allen nur zu Gebote stehenden Mitteln
-einzuwirken, daß wenigstens diese einer so fürchterlichen
-und gefährlichen Lethargie entrissen wird, &ndash;
-es muß sogar wirklich geschehen, wenn nicht der
-ganze Stamm doch verderben soll. &ndash; Die Unglücklichen
-haben sich aber gegenwärtig dem Abgrund, der sie
-verschlingen muß, so fürchterlich genähert, daß &ndash;
-und zwar rasch und ohne Zögern &ndash; etwas Gewaltiges,
-etwas Durchgreifendes geschehen muß, wenn
-nicht <em class="ge">jede</em> Hülfe zu spät kommen soll.</p>
-
-<p>Jener fürchterlich übervölkerte Gebirgsdistrikt,
-dessen Bewohner mit einer Hartnäckigkeit an ihrer
-Beschäftigung hängen, die der der Schaafe gleicht,
-wenn sie, befreit, in den brennenden Stall zurückstürzen
-&ndash; jener Distrikt muß gelichtet und auf eine
-Art gelichtet werden, die den Zurückbleibenden Luft
-giebt und ihnen freier zu athmen gestattet. Durch
-keine bürgerliche Hülfe kann dies aber allein geschehen,
-und wäre sie auch zehnmal größer, als sie
-Sachsen zu bieten vermag. Der <em class="ge">moralische Trieb</em>
-<a class="pagenum" id="page_393" title="393"> </a>
-dieser Menschen muß geweckt werden, und nur dann ist es
-möglich, an eine wirkliche Rettung derselben zu glauben.</p>
-
-<p>Das ist aber wieder nur durch eine <em class="ge">Auswanderung</em>
-möglich, und nicht etwa durch die Auswanderung
-Einzelner, die immer nur auf ihren engen
-Familienkreis zurückwirken, nein, durch die vom
-Staate selbst geleitete Auswanderung von <em class="ge">Tausenden</em>,
-für die man in den Vereinigten Staaten von
-Nordamerika eine neue Heimath gründet. <em class="ge">Zwanzigtausend
-Menschen</em> müssen übersiedelt werden,
-oder <em class="ge">Hunderttausende</em> gehen rettungslos zu
-Grunde. Wie das geschehen könne, ist hier nicht
-Raum genug zu erörtern, aber dadurch wird nur die
-Möglichkeit hergestellt, erstlich für den Augenblick die
-zwanzig Tausend der Noth zu entreißen und den
-Zurückbleibenden in den ersten Jahren eine Concurrenz
-zu nehmen, die sie freier aufathmen läßt. Abgerechnet
-von all dem materiellen Nutzen, den eine solche That
-für Gehende und Bleibende haben muß, von dem
-Lande, was frei wird, von den gewonnenen Producten,
-die nicht mehr in die kleinsten Atome vertheilt
-werden müssen, von den gelieferten Arbeiten, die
-jetzt doch wenigstens regelmäßig ihre Käufer finden,
-wenn sie auch keinen höhern Preis erreichen &ndash; abgesehen
-von alle diesem ist es aber besonders der <em class="ge">moralische
-Einfluß</em>, den eine solche Auswanderung auf
-<a class="pagenum" id="page_394" title="394"> </a>
-den übrigen Theil der Gebirge üben wird und muß.
-Bis jetzt erschien ihnen selbst das außer ihrer nächsten
-Umgebung Liegende wie eine fremde Welt &ndash; daß
-man ohne Klöppeln existiren konnte begriffen sie nicht
-&ndash; selbst die Einzelnen, die es tollkühn versucht
-hatten, in das »Ausland«, nach Leipzig, Dresden,
-ja selbst Chemnitz zu gehen, kamen fast sämmtlich
-wieder zurück und kauerten lieber an ihrem Klöppelkissen
-&ndash; da hatten sie den Beweis &ndash; es ging draußen
-für sie nicht an &ndash; sie gehörten nicht da hinaus
-und mit ängstlicher verderblicher Scheu hielten sie
-selbst ihre Kinder davon zurück. Dann aber wäre die
-Bahn gebrochen &ndash; Tausende sind plötzlich über
-tausend Meilen weit, über das Meer sogar, nach
-einem fremden Lande gezogen &ndash; der Gebirger hat
-auf das Aeußerste gespannt &ndash; in Angst und Sorge
-um die Tollkühnen, einer Nachricht von ihnen gelauscht
-&ndash; da plötzlich treffen Briefe auf Briefe ein
-&ndash; in alle Theile des Gebirges zweigen sie aus &ndash;
-solche Schreiben laufen von Hand zu Hand, jede
-Familie drängt sich herzu, wenn der Vater oder
-Schullehrer die ersehnte Kunde meldet, und eine
-neue Welt geht plötzlich vor ihren Augen auf, als sie
-das Jubelgeschrei der Ihren aus der Ferne hören &ndash;
-als sie mit Staunen und Verwunderung hören, daß
-Jene nicht mehr zu hungern und zu frieren brauchen, daß
-<a class="pagenum" id="page_395" title="395"> </a>
-sie mit mäßiger Arbeit einen Ueberfluß von Nahrung und
-Kleidung verdienen können und jetzt zum ersten Male steigt
-der <em class="ge">freiwillige</em> und durch nichts anderes geweckte
-Wunsch in ihrer Brust auf &ndash; »könntest Du dorthin.«</p>
-
-<p>Mit dem Wunsche aber denkt der Gebirger auch
-schon an die Möglichkeit der Ausführung, und jetzt,
-jetzt ist die Zeit gekommen, seinen verkümmerten Geist
-mit allen Waffen der gesunden Vernunft anzugreifen
-und aus seinem Traume mit aufrütteln zu helfen. Jetzt
-ist die Zeit gekommen, wo dem im alten Schlamme
-noch Versunkenen der Fortschritt der Welt gezeigt und
-er selbst zum thätigen Mitwirken daran aufgefordert
-werden muß. Aeußere Umstände kommen dann noch
-dazu, die Einwirkung zu vermehren; bis dahin wird
-das Klöppeln durch die sich immer mehr verbessernden
-englischen Spitzen fast ganz vernichtet und zu Grunde
-gerichtet sein; der Gebirger, aus seinem Stumpfsinn
-erwacht, sieht auf der einen Seite seinen alten Erwerbszweig,
-an den er wie an ein Evangelium geglaubt,
-zerstört, auf der anderen dagegen Sachen
-möglich gemacht, die er bis dahin nur für tolle Märchen
-gehalten, und er wird dann, wenn der alte
-Zauber erst einmal gebrochen, auch nicht allein ein
-Mensch werden, sondern was noch viel wichtiger
-und für ihn nothwendiger sein muß, <em class="ge">fühlen</em>, daß
-er wirklich ein Mensch <em class="ge">ist</em>.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_396" title="396"> </a>
-Der dortigen fürchterlichen Noth kann auf keine
-andere Art möglicher Weise abgeholfen werden &ndash;
-eine Auswanderung ist meiner Meinung nach das
-Einzige. Mag aber da der Staat nicht durch eine
-scheinbare Verantwortlichkeit zurückschrecken, eine Verantwortlichkeit,
-die nur in der Idee existirt. Bei einer
-Auswanderung werden wohl Manche sterben, Manche
-dort, statt der gehofften Heimath, ein <em class="ge">Grab</em> finden;
-hier aber gehen die Leute <em class="ge">gewiß</em>, und wie die Aussicht
-jetzt ist, alle zu Grunde. Jenes sind dann auch
-nicht Folgen der Auswanderung, nein, es sind noch
-die Folgen des fürchterlichen Elends, das hier ihren
-Körper aufgerieben und vergiftet &ndash; der Keim des
-Todes ist es, der hier schon durch widernatürliche
-Nahrungsmittel und Lebensart gepflanzt und gepflegt
-wurde. Und was für ein Unterschied zwischen dem
-Tode eines Vaters <em class="ge">dort</em> und <em class="ge">hier</em>. Dort weiß er die
-Seinigen versorgt, oder die Hoffnung versüßt wenigstens
-seine letzten Stunden &ndash; ein gemeinsames Unternehmen
-hat sie in seinen Schutz genommen, er fühlt,
-daß sie nicht hülflos untergehen werden &ndash; und hier?
-&ndash; wenn er hier stirbt &ndash; wenn er noch einmal auf
-die bleichen elenden Gestalten sieht, die sein hartes
-Lager umstehn &ndash; wenn er weiß, <em class="ge">wie</em> er sein ganzes
-Leben verbracht hat, weiß, daß all die Seinen auch
-nur Aehnliches, vielleicht jetzt noch größeres Elend
-<a class="pagenum" id="page_397" title="397"> </a>
-erwartet &ndash; muß ein solcher Augenblick nicht alle
-Qualen der Hölle in sich schließen, und kann da noch
-von einer Verantwortlichkeit die Rede sein? Nein,
-wahrlich nicht, die alte Generation wird freilich aussterben,
-ohne viel Heil und Segen von der Uebersiedelung
-gehabt, ohne die Vortheile alle genossen zu
-haben, die man für sie beabsichtigte; aber die Kinder,
-die hier nur dem sicheren Elend entgegen gingen, sind
-gerettet. Der Erzgebirger, der den Anwuchs seiner
-Familie bis dahin nur als einen Fluch betrachtete
-und betrachten <em class="ge">mußte</em>, sieht plötzlich, daß er ihm
-dort, in den freien Wäldern einer neuen Welt zum
-<em class="ge">Segen</em> wird. Die erzgebirgische Mutter, die bei dem
-Tode eines Kindes wohlhabender Eltern mit stierem
-Blicke sagte: »<em class="ge">Mir stirbt keins!</em>« findet Brod für
-die Kleinen, und die natürliche Liebe, die durch Noth
-und Elend gewaltsam erstickt worden, wacht wieder
-auf in ihrem fast erkalteten Herzen.</p>
-
-<p>Auch <em class="ge">der</em> Einwand kann keine Geltung finden,
-daß die Armen zu schwach und entkräftet wären und
-die schweren Arbeiten des dortigen Ackerbaues nicht
-aushalten würden. Die Erzgebirger, wenigstens ein
-großer Theil derselben, arbeiten hier auch in Wald
-und Feld und würden mit Freuden noch mehr arbeiten,
-wenn sich ihnen nur die Gelegenheit böte. Ist er
-aber auch schwach und entkräftet, so sind das nur ganz
-<a class="pagenum" id="page_398" title="398"> </a>
-natürliche Folgen seines elenden Lebens, die sich mit
-einer Aenderung desselben ebenfalls ändern werden.
-Und gehört denn nicht wirklich eine Riesennatur dazu,
-eine solche Noth so lange Jahre hindurch zu <em class="ge">ertragen</em>?
-Ueberdies sollen solche Uebersiedelten im Anfang,
-und ehe sie sich ganz erholt und gekräftigt hätten,
-aber auch gar keine so übermäßig anstrengenden
-Arbeiten verrichten, &ndash; sie sollen in den ersten Jahren
-nur so viel bauen, als sie zum einfachsten Leben, aber
-an gesunder nahrhafter Kost brauchen, und Gott
-weiß, sie brauchen wenig genug. Mit der Zeit mögen
-sie dann an Verbesserungen, an den Absatz ihrer
-Producte und an die Zukunft denken, dann werden
-sie auch im Stande sein, derartige Pläne nicht allein
-auszuführen, sondern auch <em class="ge">fassen</em> zu können &ndash; früher,
-wo ihnen die Kraft und Fähigkeit sowohl zum
-Einen wie zum Andern fehlt, haben sie das gar nicht
-nöthig.</p>
-
-<p>Schafft sie nur erst hinüber, die Unglücklichen,
-gebt ihnen nur erst die Gelegenheit, sich emporzuraffen,
-wählt nur das rechte Mittel, sie zu <em class="ge">Menschen</em>
-zu machen, und sie werden Euch beweisen, was sie
-vermögen. &ndash; Heil und Segen wird dem Unternehmen
-folgen, aber mit Ernst muß es auch angegriffen
-werden, mit Lust und Liebe zur schönen That, und
-starke Opfer dürfen nicht gescheut werden, dann aber
-<a class="pagenum" id="page_399" title="399"> </a>
-läßt sich auch wirkliche Hülfe, nicht eine bloße Galgenfrist
-bleichen Hungertodes erwarten, und der alte
-Krebsschaden, der jetzt an unserm schönen Sachsenlande
-zehrt und nagt, wird endlich einmal, so bald
-die kranken Theile herausgeschnitten sind, heilen und
-gesunden.</p>
-
-<p>Mir war von all dem Elend so weh geworden,
-daß ich kaum weiß, wie ich diese Hütte verließ, und
-doch fand ich in vielen andern, die ich an diesem
-Morgen noch besuchte, immer nur dasselbe Leid, denselben
-Jammer, der wie ein düsteres Trauertuch das
-ganze Land bedeckte. Und doch <em class="ge">leben</em> diese Menschen
-noch &ndash; wo nur noch eine Aussicht auf Existenz blieb,
-da schien auch die Hoffnung nicht ganz erstorben zu
-sein &ndash; sie kannten den Umfang ihres Elendes selbst
-zu wenig, und eine <em class="ge">Voraussicht</em> auf die Zukunft
-haben diese Menschen nicht, sie sind wie unmündige
-Kinder und müssen auch wie solche geführt werden. &ndash;
-An den meisten Orten war aber der Jammer doch
-schon so groß und nachhaltig gewesen, daß sie auf
-meine Fragen, ob sie denn die Gebirge verlassen
-würden, wenn sich ihnen eine Aussicht böte, mit
-thränenden Augen und wie schon früher antworteten:</p>
-
-<p>»Ja &ndash; ach Gott, ja &ndash; nur nicht verhungern!«</p>
-
-<p>Und auch ich rufe das: &ndash; Fort mit den Unglücklichen
-&ndash; fort mit ihnen nach einem Orte, wo sie
-<a class="pagenum" id="page_400" title="400"> </a>
-<em class="ge">nicht verhungern</em>. &ndash; Was nützen die Palliativmittel,
-mit denen wir uns vorlügen, wir hätten eine
-Noth gelindert, einen Schmerz gestillt? Der flüchtige
-Moment war es, den wir beschwichtigten, und der
-nicht einmal, denn in dem nämlichen Athemzug erwacht
-auch schon die Angst für die nächste Stunde.
-Ernste, durchgreifende That muß hier reifen und
-schnell reifen, wenn nicht die nächsten Jahre schon auf
-ein Elend herabsehen sollen, wie es uns aus den Bergen
-Oberschlesiens in scheußlichem Hohn entgegengrinste
-&ndash; mit dem Angstgeschrei der Sterbenden mischt sich
-dann ihr Fluch und <em class="ge">die</em> Verantwortung dann wäre
-fürchterlich.</p>
-
-<p>Doch genug von all diesem entsetzlichen Jammer
-&ndash; mir schnürte er die Brust zusammen, und ich floh,
-so schnell ich konnte, zurück in's flache Land.&nbsp;&ndash;</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_401" title="401"> </a>
-Die Otter-Jagd.</h2>
-
-
-<p>Die Zeiten, die schönen Zeiten sind vorüber, wo der
-Mann noch auf männliche Art sein Vergnügen suchte;
-wo er mit Speer und Messer, mit Wurfgeschoß oder
-Büchse den Wald durchstreifte, den Bär im eigenen
-Lager angriff, und dem Eber auf schäumendem Rappen
-durch Dickicht und Unterholz folgte.</p>
-
-<p>Die schönen Zeiten der edlen, männlichen Jagd
-sind vorbei; jetzt höchstens gehn die jungen Herren
-mit Jagdfrack nach neuestem Schnitt, und sauberen,
-eng anschließenden Kamaschen, die Hände in einem
-Muff, den Hals dicht und warm in wollene Shawls
-eingeschlagen, hinaus und stellen sich an (und Gott
-weiß es, <em class="ge">wie</em> sie sich manchmal dazu anstellen). Die
-Bauern müssen ihnen dann das arme, unglückliche,
-verrathene und verkaufte Wild herbeitreiben, und
-wenn kein Unglück passirt, das heißt, wenn der Hahn
-<a class="pagenum" id="page_402" title="402"> </a>
-wirklich aufgezogen, oder die Sicherheit nicht vorgeschoben,
-oder die Flinte nicht verladen, oder das
-Zündhütchen nicht »schändlicher Weise« herabgefallen,
-oder die Brille verloren ist, der Gewehrriemen nicht
-»gerade als man zielen will« über dem Lauf liegt, oder
-der Schuß nicht nachbrennt, als man das Wild »so
-herrlich auf dem Korn hatte«, oder der Hase zu weit
-oder zu schnell läuft, oder wenn tausend andere Oder
-und unvorhergesehene Zufälle nicht dazwischen kommen
-und besonders das Haupt-Oder &ndash; ihnen keinen Strich
-durch die Rechnung macht, wenn sie nämlich nicht
-effectiv fehlen &ndash; dann schießen sie wohl ihr Häschen
-oder ihre unglückliche Ricke, die sie in der Eile, »weil
-sie nicht aus den Büschen heraus <em class="ge">wollte</em>«, für einen
-Bock angesehen haben.</p>
-
-<p>Das nennen sie nachher Jagd.</p>
-
-<p>Die Otterjagd ist vielleicht die einzige, der, in
-England wenigstens, bis auf unsre Tage viel Eigenthümliches
-und Kräftiges geblieben.</p>
-
-<p>Noch halten sich manche Edelleute ihre Ottermeuten
-und verfolgen Tage lang mit einer, unsren Jägern
-gewiß unbegreiflichen Mißachtung jeder Feuchtigkeit das
-flüchtige Thier durch Bäche und kleine flache Ströme;
-ihre Blüthenzeit ist aber auch vorüber, und wirklich
-interessante Jagden werden mit jedem Jahre seltener.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_403" title="403"> </a>
-Der Pomp und die Umständlichkeit der alten Jagden
-gaben an sich schon dem Ganzen einen eigenthümlichen
-Reiz, und die Otterjäger hatten nicht allein ihre
-verschiedenen Sitten und Gebräuche, sondern auch
-eine ganz besondere Tracht. Ihre kurzschößigen Jacken
-waren grün, mit Scharlach, ihre Pelzmützen mit Goldbändern
-besetzt, und mit Straußenfedern geziert.
-Stiefeln, ziemlich nach Art unsrer jetzigen hohen Wasserstiefeln,
-reichten bis zu ihren Hüften hinauf, und
-trugen oben goldene oder silberne Franzen. Ihre
-Speere zeichneten sich ebenfalls durch ihre reichen Verzierungen
-und ihre geschnitzte Arbeit aus, und der
-Anblick eines Zuges vollständig ausgerüsteter Otterjäger
-war zu gleicher Zeit so pittoresk als imposant.
-Mit der Verringerung der Ottern hat aber auch zu
-gleicher Zeit ihre Jagd sich vereinfacht, doch war selbst
-noch zu Ende des letzten Jahrhunderts die Otterjagd
-in England eine der betriebensten und volksthümlichsten.
-Regelmäßige Ottermeuten wurden gehalten,
-und die Landleute schienen damals von ihren Otterspeeren
-so unzertrennlich, wie jetzt von ihren Spazierstöcken.</p>
-
-<p>Zu eben dieser Zeit war übrigens der Otterspeer
-einfacher als er jetzt ist, und er bestand nur aus einer
-gewöhnlichen, geraden Eschenstange mit einfachen oder
-<a class="pagenum" id="page_404" title="404"> </a>
-doppelten Harpunen oder Pfeilspitzen. Jetzt hat eine
-neuere und wohl auch zweckmäßigere Erfindung den
-gewöhnlichen Widerhaken verdrängt, und die Stahlspitze
-ist so gearbeitet, daß sie erst dann, wenn in
-den Körper des Thieres getrieben, zwei Haken ausläßt,
-die es dem verwundeten Otter unmöglich machen,
-sich von der tödtlichen Waffe wieder zu befreien.</p>
-
-<p>Ich will dem Leser eine solche Otterjagd beschreiben.</p>
-
-<p>Es hatte sich eine Gesellschaft von sieben Jägern
-zusammengefunden, um in einem kleinen Flusse,
-Namens Tiesie, eine am vorigen Abend durch den
-Squire selbst aufgefundene Otterfährte zu verfolgen
-und wo möglich den schlauen Fischdieb zu erlegen.
-Der Tiesie läuft eine lange Strecke durch flaches, etwas
-sumpfiges Land, dort aber, wo er zuerst seinen Lauf
-in wenn auch niedere, aber dennoch seine Ufer steil
-begrenzende Hügel lenkte, hatte Mr. Halway die
-Spuren entdeckt, und als am nächsten Morgen die
-Gesellschaft mit ihren Speeren und einer tüchtigen
-Meute Hunde den Platz erreichte, bezeugten mehrere
-frische Gräten, die an der linken Uferbank unter einer
-kleinen Lindengruppe lagen, seine Nähe.</p>
-
-<p>Die Hunde wurden, kaum den Platz erreicht,
-schon unruhig, und Nell und Boney, ein Paar ausgezeichnete
-<a class="pagenum" id="page_405" title="405"> </a>
-Otterfänger, schienen es besonders auf ein
-kleines Schilfdickicht abgesehen zu haben, das sich der
-Lindengruppe gegenüber befand.</p>
-
-<p>Halway stimmte dafür, daß ein Theil der Jäger
-hinüber an's andere Ufer waten, und dort die Hunde
-unterstützen solle, es war aber noch beim Beginn der
-Jagd und Alles &ndash; <em class="ge">trocken</em>, und da meinten denn
-Mehrere: »der Otter sei wahrscheinlich an dieser
-Seite«, wo ja auch die Gräten alle lagen und die
-meisten Spuren waren; der gegenüberliegende Platz
-blieb also von den Jägern unbesetzt, und am hohen
-Flußrande hingehend munterten sie durch Zurufe und
-den fröhlichen Jagdschrei die immer hitziger und eifriger
-werdenden Hunde auf, den Feind zu finden, damit
-sie ihn mit ihren Speeren verfolgen und erlegen
-könnten.</p>
-
-<p>»S'ist nur ein Glück,« meinte Dickson, einer von
-Halway's Nachbarn, »daß sich der Otter nicht ein
-Paar hundert Schritte weiter oben aufhält, der kleine
-See dort würde alle unsre weiteren Versuche, seiner
-habhaft zu werden, unnütz gemacht haben, denn der
-Grund ist so schlammig, daß es wahrhaftig mit Lebensgefahr
-verknüpft ist, sich nur bis an die Knie
-hineinzuwagen.«</p>
-
-<p>»Hahaha« lachte Merville, »davon weiß Dickson
-<a class="pagenum" id="page_406" title="406"> </a>
-eine Geschichte zu erzählen. Als wir das letzte Mal
-hier waren, stak er in dem Sumpfe drinnen und unsrer
-Sechse haben mit Stricken und Seilen wohl eine Viertelstunde
-lang gezogen, bis wir ihn wieder heraus und
-auf's Trockene brachten.«</p>
-
-<p>»Ha &ndash; was hat Nell dort?« rief Blower &ndash; ein
-anderer Gutsbesitzer aus der Gegend &ndash; »Wahrhaftig,
-Halway, ich glaube, Ihr habt Recht, der Otter sitzt
-da drüben, ich werde hinüber waten.«</p>
-
-<p>Er war im Begriff, seinen Entschluß augenblicklich
-in's Werk zu setzen, aber zu spät. Der Otter hatte
-wirklich in jenem Schilfdickicht gelegen und wahrscheinlich
-die um ihn herumsuchenden Hunde vorbeilassen,
-und dann zurück zu dem schützenden See
-schwimmen wollen, wo jede weitere Verfolgung vergeblich
-gewesen wäre, das wurde aber durch die Aufmerksamkeit
-Boney's, der durch derartige Kunstgriffe
-schon mehrere Male getäuscht worden und nicht gesonnen
-schien, sich auf's Neue anführen zu lassen,
-vereitelt, denn er und Nell hielten sich fortwährend
-ziemlich hoch im Schilfe, und überließen es den anderen
-Hunden, den schlauen Feind aufzustöbern und
-flüchtig zu machen.</p>
-
-<p>Dieser sah auch kaum, wie jeder Versuch, das tiefe
-Wasser zu erreichen, vergeblich war, als er das dichte
-<a class="pagenum" id="page_407" title="407"> </a>
-Schilf verließ und, über den hier mehrere hundert
-Schritt breiten Wasserspiegel hinwegschwimmend, erst
-entschlossen schien, den Fluß mit aller nur möglichen
-Schnelle stromab zu gehen, dann aber wieder links
-einbog und in einem rechten Winkel eine seichte Stelle
-erreichte, wo das Wasser etwa drei Fuß tief, den Hunden
-nicht erlaubte Grund zu fassen, und der Otter
-selbst, unter dem dichten Wurzelwerk und Rohr verborgen,
-vor ihnen geschützt blieb und auch dann und
-wann, ohne fürchten zu müssen entdeckt zu werden,
-an die Oberfläche kommen und Luft schöpfen konnte.</p>
-
-<p>»Hier hilft kein Zaudern mehr« schrie aber Halway
-jetzt, selbst bis unter die Arme in das Wasser springend
-&ndash; »von dort heraus bringen ihn die Hunde nicht,
-und wenn wir nicht mit unsren Speeren die Bestie
-heraustreiben, so können wir die Jagd nur aufgeben.«</p>
-
-<p>Merville sprang dicht hinter ihm her, und auch
-Blower folgte, Dickson aber, als er die drei der Stelle
-zu waten sah, während die Hunde einen Heidenlärm
-vollführten und bellend und winselnd ihren Herren
-nachplätscherten, dachte bei sich, daß zum Vortreiben
-vollkommen genug Menschen im Wasser säßen, suchte
-sich daher eine seichte, kaum wenige Zoll tiefe Stelle
-aus, und schritt an das andere Ufer hinüber, wo er
-auf einem vorragenden, steilen Felsblock die Jagd
-<a class="pagenum" id="page_408" title="408"> </a>
-übersehen und auch augenblicklich stromab das niedere
-Ufer wieder erreichen konnte, wenn das verfolgte
-Thier, wie es fast nicht anders konnte, die Flucht
-durch die weiter unterhalb liegende Stromschnelle und
-über einen kleinen Fall, versuchen sollte.</p>
-
-<p>Halway hatte übrigens Recht gehabt, die Hunde
-vermochten nichts gegen ihren listigen Feind auszurichten,
-der nur dann und wann, in irgend einem
-ungangbaren Gebüsch, die bärtige Schnautze über
-die Oberfläche des Wassers hob, um die nöthige Luft
-zu schöpfen, und dann schnell und geräuschlos wieder
-untertauchte in sein sicheres Versteck.</p>
-
-<p>Die drei Jäger fanden bald, daß auch sie hier
-ihre Hilfe leihen mußten, langsam also, und in
-gleicher Linie das schmale und kaum hundert achtzig
-Schritt lange Schilfdickicht durchwatend, stießen sie
-höchst aufmerksam in alle die Stellen mit den umgekehrten
-Speeren hinein, unter denen möglicher Weise
-der Fischdieb verborgen liegen konnte. Schon näherten
-sie sich indessen dem Ende des seichten Platzes und
-die Hunde fingen an wieder zurückzusuchen, während
-Halway selbst zu glauben begann sie hätten ihre
-Beute übergangen, als diese plötzlich, höchst unverhofft
-zum Vorschein kam.</p>
-
-<p>Merville hatte nämlich eben mit der Stange in
-<a class="pagenum" id="page_409" title="409"> </a>
-ein besonders dichtes Gewirr von Wurzelwerk und
-Wasserpflanzen hineingefühlt, als Nell, der seinen
-Standpunkt überhalb des Schilfbruches noch immer
-nicht verlassen, die Nase prüfend in die Höhe hob
-und im nächsten Augenblick auch schon, eifrig schnaubend
-auf die Stelle zuschwamm, wo Merville noch
-immer stand, und den Hund beobachtete. Da tauchten,
-nur wenige Schritte von ihm entfernt, einzelne
-kleine Luftblasen in die Höhe, und er wußte, dort
-müßte der Otter sein. Die Tiefe des Wassers, in dem
-er sich selbst befand, also schnell berechnend, schwang
-er den Speer hoch empor, und stieß ihn mit rascher,
-sicherer Hand nieder auf den Grund des Flusses, wo
-sich der listige Flüchtling verborgen hielt.</p>
-
-<p>Aber wehe! in allem Eifer hatte er vergessen, den
-Speer, den er noch verkehrt in der Hand trug, umzudrehen,
-und als der mit ausgezeichneter Geschicklichkeit
-geführte Stoß, denn Merville war ein guter
-Otterjäger, niederfuhr, kam er in höchst unsanfte
-Berührung mit dem wirklich dort lauernden Thier,
-brachte aber demselben leider keinen weiteren Schaden,
-als daß er es bedeutend erschreckte, aus seiner bisherigen
-Sicherheit auf und zu dem höchst unbesonnenen
-Entschluß trieb, die Rettung in offener Flucht
-zu suchen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_410" title="410"> </a>
-Instinctmäßig wandte sich der Otter nun zwar
-stromauf, der sicheren Bahn zu, hier aber begegnete
-er den beiden offenen Rachen von Nell und Boney,
-die gierig nach ihm schnappend, ihre Beute schon gefaßt
-wähnten. So leicht sollte ihnen aber der Sieg
-nicht werden.</p>
-
-<p>Jener, die Seichtheit des Wassers fürchtend, in
-welchem er, wenigstens an dieser Stelle, nicht wagen
-durfte zu tauchen, schien schnell entschlossen das andere
-Ufer des Flusses zu erreichen, und ehe Merville, der
-jetzt natürlich seine Waffe schnell genug wandte, wieder
-festen Fuß fassen, und sich von seinem Schreck
-erholen konnte, strich er schon wie ein Aal, die ganze
-Länge des Körpers außer dem Wasser zeigend, von
-der Schilfinsel fort, und schräg über den Fluß hinüber
-dem steilen Vorsprung zu, auf welchem Dickson, an
-seine Waffe gelehnt, dem Kampfe bis jetzt behaglich
-zugeschaut hatte.</p>
-
-<p>Kaum merkte dieser aber, wie sich der Schauplatz
-der Hetze auf seine Seite verlegen würde, als er, so
-schnell ihn seine Füße trugen, von der Höhe heruntersprang,
-und das Ufer gerade in demselben Augenblicke
-erreichte, in welchem der Verfolgte das feste Land
-betreten und, argbedrängt von den Hunden, wahrscheinlich
-über die in den Fluß hinauslaufende Landspitze
-<a class="pagenum" id="page_411" title="411"> </a>
-hinweg schlüpfen und das auf der unteren Seite
-befindliche ruhige und tiefere Wasser erreichen wollte.
-Durch den unvorsichtig auf ihn Einstürmenden aber
-geängstigt, änderte er seinen Plan und wandte sich
-wieder; da schallte ein Triumphruf von der gegenüber
-liegenden Seite und selbst Dickson hielt ihn für verloren,
-denn dicht, dicht hinter ihm, kaum wenige Zoll
-von seiner bärtigen Schnauze entfernt, schnappte Boney,
-schon im Vorgenuß der ihn erwartenden Seligkeit,
-gierig mit den Fängen und öffnete den weiten
-Rachen.</p>
-
-<p>»Hurrah!« schrie Halway vom anderen Ufer aus
-&ndash; »Hurrah Hunde &ndash; faßt ihn &ndash; faßt ihn!«</p>
-
-<p>Boney hörte den Zuruf seines Herrn und fuhr,
-schwerlich noch einer Anreizung bedürfend, mit wildem
-Biß nach dem Nacken des Thieres, doch war es nichts
-als Wasser, was ihm, im wahren Sinne des Wortes,
-im Maule zusammenlief, der Otter tauchte in demselben
-Moment, als ihn Dickson schon zwischen den
-Fängen des Hundes glaubte, blitzschnell nieder, glitt
-unter dem Bauche seines Feindes fort, und schoß nun,
-wieder zur Oberfläche emporkommend, mit aller ihm
-nur zu Gebote stehenden Schnelle stromab.</p>
-
-<p>»Hinüber &ndash; hinüber noch Einer von Euch!«
-schrie Halway jetzt erregt &ndash; »die Bestie will über den
-<a class="pagenum" id="page_412" title="412"> </a>
-Fall hinunter und in die tiefe Stelle, kaum hundert
-Schritte unterhalb. Fünf Ottern haben wir schon bis
-zu dem Platz verfolgt, und dann regelmäßig aufgeben
-müssen. Jetzt nur hinunter an die Fälle, so schnell
-wir können.«</p>
-
-<p>Hawkins leistete dem Rufe Folge und watete
-schnell zu Dickson hinüber, die Uebrigen jedoch glaubten
-auf der Seite, auf welcher sie sich befanden, am
-Ersten zum Wurf kommen zu können und eilten Halway
-nach, der, so schnell es ihm der weiche, schlammige
-Boden gestattete, unter der Felswand fortlief,
-die hier das Flußthal überhing und sein Bestes versuchte,
-einen kleinen mit hohem Schilfgras bewachsenen
-Vorsprung zu erreichen, der sich, von mehreren
-Fichten überschattet, gerade über dem Fall befand, so
-daß der Otter, wollte er hier durch, dicht an ihm
-vorbeidefiliren mußte.</p>
-
-<p>»Wie kam's, daß Ihr den Otter fehltet, Merville?«
-rief er diesem zu, als er ihn eben eingeholt hatte &ndash;
-»er lag Euch doch dicht vor den Füßen.«</p>
-
-<p>»O zum Teufel &ndash; ich hielt den Speer verkehrt.«</p>
-
-<p>»Unsinn« lachte Halway, »ein so alter Otterjäger,
-wie Ihr, wird mit dem verkehrten Speer stoßen.«</p>
-
-<p>»Ich gebe Euch mein Wort darauf,« betheuerte
-Merville im vollen Laufen, um neben dem schnellfüßigern
-<a class="pagenum" id="page_413" title="413"> </a>
-Halway zu bleiben, der ihn schon zurücklassen
-wollte &ndash; »ich fürchtete mit dem Widerhaken im
-Schilfe hängen zu bleiben und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Dort ist er,« schrie Halway, und überflog mit
-einem Satze eine schmale sich hier hineindrängende
-Bucht, arbeitete sich mit verzweifelter Anstrengung
-durch das hohe Rohr, und stand im nächsten Augenblick
-auf der ersehnten Stelle. Es war aber auch die
-höchste Zeit, denn der Otter, durch das viele Tauchen
-ermüdet, hatte es aufgegeben, im Dickicht augenblickliche
-Zuflucht zu finden, und wußte nun, das in dem
-tiefen Wasser seine alleinige Rettung lag; den Fall
-also einmal passirt, trug ihn schon die Strömung des
-Flusses in wenigen Secunden dorthin, und eine am
-rechten Ufer liegende Schilfgrasecke nun dazu benutzend,
-die dicht folgenden Hunde irre zu führen oder aufzuhalten,
-schnitt er wieder hinüber, und näherte sich
-reißend schnell dem niedern Wassersturz.</p>
-
-<p>Nell und Boney, mit der größeren Schwimmfertigkeit
-ihres Feindes wohl bekannt, sahen kaum, wie
-dieser in offener Flucht und den mit Speeren bewaffneten
-Jägern so weit voraus, sein Heil suchte, als sie
-auch schon, wie verabredet, dem ihnen am nächsten
-liegenden linken Ufer zuschwammen, dieses erreichten,
-und nun schnellen, flüchtigen Laufes darauf hinstürmten,
-<a class="pagenum" id="page_414" title="414"> </a>
-dem Schwimmenden den Weg abzuschneiden. Dicht
-über dem Fall aber, von Dickson's wüthendem Schreien
-zum Aeußersten getrieben, sprangen sie wieder, jetzt
-dicht hinter dem Otter, in's Wasser, während die
-Anderen der Meute ebenfalls in nur wenigen Schritten
-Entfernung kleffend und winselnd folgten.</p>
-
-<p>Wo der Otter zum letzten Male in's Schilf gekrochen
-war, hatte er mehrere junge Hunde verleitet,
-ihn immer noch dort zu glauben, und eifrig nach ihm
-das dichte Gestrüpp zu durchwühlen, was, Einem
-besonders, fast sehr schlecht bekommen wäre, da Hawkins,
-der im ersten Augenblick, als er sich Etwas bewegen
-sah, glaubte, es sei der Otter, schon zum tödtlichen
-Stoße ausholte, seinen Irrthum aber noch glücklicher
-Weise zeitig genug einsah.</p>
-
-<p>Schlimmer erging es Dickson, der, jetzt Nässe und
-Feuchtigkeit verachtend, in das seichte Wasser sprang
-und mit der Linken den Hut um den Kopf schwenkte,
-die Meute durch immer grellere und ohrenzerreißendere
-Töne zu fast wahnsinniger Wuth antrieb, während er
-selbst der Jagd nachzukommen versuchte. Aber wehe
-&ndash; der nächste Schritt, den er that, brachte ihn mit
-dem Fuß in ein tiefes Senkloch &ndash; er verlor das
-Gleichgewicht, und verschwand im nächsten Moment
-unter der über ihn wieder friedlich zusammenschießenden
-<a class="pagenum" id="page_415" title="415"> </a>
-Fluth, wenig von den Jägern, und noch weniger
-von den Hunden beachtet, die wild und theilnahmlos
-vorbeistürmten.</p>
-
-<p>Jetzt hatte aber auch der Otter den Fall erreicht,
-und glitt mit Blitzesschnelle darüber hin &ndash; doch kaum
-zehn Schritt von ihm entfernt, stand Halway, den
-Speer hoch erhoben und ruhig und kaltblütig den Zeitpunkt
-abwartend, der ihm einen sichern Wurf gestatten
-würde, denn kaum durfte er hoffen, seine Waffe in
-diesem Augenblick mit Erfolg schleudern zu können.
-Er sollte auch nicht lange harren &ndash; in der nächsten
-Secunde verschwand der Otter in den schäumenden
-Sprudelwellen, die hier seit Jahrtausenden gegen den
-Fall ankämpften, und gleich darauf stieg er korkähnlich
-wieder daraus hervor.</p>
-
-<p>Dies war aber das einzige Moment, in dem Halway
-hoffen durfte, seinen Wurf anzubringen; und er
-wußte das. &ndash; Schnell zuckte noch einmal der schon
-gehobene Arm zu kräftigerem Schwunge zurück, und
-dann, von der starken Hand gesandt, zischte er nieder
-in die schäumende Fluth, aus welcher eben das bärtige
-Gesicht des armen, gehetzten Thiers aufgetaucht war.</p>
-
-<p>Wie mit Zauberschnelle verschwand Otter und
-Harpune unter Wasser, jetzt aber glitten auch, kühn
-und unerschrocken, die beiden Hunde über den Fall,
-<a class="pagenum" id="page_416" title="416"> </a>
-und als der zum Tode Getroffene zuckend und sich
-sträubend wieder an die Oberfläche kam, erfaßten ihn
-die treuen Rüden, und zerrten ihn, winselnd und mit
-den Schwänzen wedelnd an's Ufer.</p>
-
-<p>Dickson war indessen ebenfalls seinem nassen Bade
-entstiegen, und Merville, der jetzt, freilich etwas
-spät, auf dem Kampfplatz erschien, half die Beute
-auf's Trockene ziehen und wehrte die übrige Meute
-ab, die kleffend herbeistürmte und ihre Freude wenigstens
-durch einige wohlangebrachte Bisse kund zu
-thun wünschte.</p>
-
-<p>Nach und nach versammelte sich nun die ganze
-Jägerschaar um das glücklich erlegte Thier, und nachdem
-es gemessen war &ndash; es maß vier Fuß fünf Zoll
-vom Kopf bis zum Schwanzende &ndash; zog sie jubelnd
-dem nicht weit entfernten Farmhof Halway's zu, um
-sich dort bei Speise und Trank von den gehabten Anstrengungen
-zu erholen.</p>
-
-<p>Dickson aber und Merville waren an diesem Tage
-die beiden unglücklichen Schlachtopfer aller Jägerscherze.</p>
-
-
-<p class="ce mt2"><span class="fss">Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.</span></p>
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
-werden <em class="ge">gesperrt</em> gesetzte Schrift sowie Textanteile in <i>Antiqua-Schrift</i> hervorgehoben.</p>
-
-<p class="in0">Der Halbtitel wurde entfernt.</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
-absichtlich fehlender Satzzeichen in den beiden "Bomaier"-Auswandererbriefen,
-sowie uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Arkansas" &ndash; "Arkansus",
-"Barkeeber" &ndash; "Barkeeper", "dausend" &ndash; "tausend", "dies" &ndash; "dieß", "Riviere &ndash; "Rivière",</p>
-
-<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">im Inhaltsverzeichnis:
-"224" geändert in "229"<br />
-(Civilisation und Wildniß&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;229)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_006">6</a>:<br />
-"Gabrieln" geändert in "Gabrielen"<br />
-(denn Gabrielen behandelte sie nicht wie eine Dienerin)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_008">8</a>:<br />
-"«" und "»" eingefügt<br />
-(um aller Heiligen willen,« bat Gabriele, »so hab ich Dich)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_016">16</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(habe ich Schutz und Hülfe gefunden.«) </p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_022">22</a>:<br />
-"Schade" geändert in "schade"<br />
-(verdammt schade, daß man rothes Fell)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_023">23</a>:<br />
-"mistrauischen" geändert in "mißtrauischen"<br />
-(seinem Gefährten einen schnellen, mißtrauischen Seitenblick)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_032">32</a>:<br />
-"Gariele" geändert in "Gabriele"<br />
-(»Gabriele!« rief aber der Vater)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_037">37</a>:<br />
-"einem" geändert in "einen"<br />
-(wie die Gesetze einen Overseer)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_037">37</a>:<br />
-"Mishandlung" geändert in "Mißhandlung"<br />
-(für die Mißhandlung dieser Unglücklichen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_042">42</a>:<br />
-"«" hinter "Duxon." entfernt und hinter "Cent," eingefügt<br />
-(keine funfzig Cent,« höhnte Duxon.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_045">45</a>:<br />
-"machmal" geändert in "manchmal"<br />
-(lügen Ihnen manchmal das Blaue vom Himmel)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_045">45</a>:<br />
-"Gescheideste" geändert in "Gescheidteste"<br />
-(Das Gescheidteste wäre)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_068">68</a>:<br />
-"aufgetrocknet" geändert in "ausgetrocknet"<br />
-(noch nicht ganz wieder ausgetrocknet war)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_069">69</a>:<br />
-"«" hinter "St.&nbsp;Clyde," entfernt und hinter "Gott!" eingefügt<br />
-(»Großer Gott!« stöhnte St.&nbsp;Clyde, erschüttert auf die)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_075">75</a>:<br />
-"Cocktaws" geändert in "Chocktaws"<br />
-(Es sind Chocktaws &ndash; ich muß fort)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_087">87</a>:<br />
-"los ließ" geändert in "losließ"<br />
-(dieser sie halbbetäubt losließ)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_090">90</a>:<br />
-"den" geändert in "denn"<br />
-(ein Ende machte, denn er hielt plötzlich sein Pferd an)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_093">93</a>:<br />
-"Überirdische" geändert in "Ueberirdische"<br />
-(glaubt nicht mehr an das Ueberirdische)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_093">93</a>:<br />
-"»" vor "oder" entfernt und "«" hinter "geträumt," eingefügt<br />
-(mit wachenden Augen geträumt,« oder die lieblose)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_098">98</a>:<br />
-"laß" geändert in "las"<br />
-(nöthigte ihn sehr artig zum Sitzen, las dann den Titel)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_108">108</a>:<br />
-"ewigens" geändert in "ewigen"<br />
-(in die kreisenden Sonnenwelten des ewigen Seins)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_110">110</a>:<br />
-"ganzem" geändert in "ganzen"<br />
-(er sie in seinem ganzen Leben noch nicht)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_113">113</a>:<br />
-"Fahrboote" geändert in "Fährboote"<br />
-(schnelle Fährboote, mit kleinen rasch puffenden Maschinen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_113">113</a>:<br />
-"Frucht" geändert in "Fracht"<br />
-(eifrig beschäftigt, die Fracht aus- oder einzuladen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_124">124</a>:<br />
-"das" geändert in "daß"<br />
-(und der Gedanke auch, daß sie ihren Verwandten)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_127">127</a>:<br />
-"Umständen" geändert in "Umstände"<br />
-(siegten die äußeren, keineswegs günstigen Umstände)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_130">130</a>:<br />
-"ihn" geändert in "ihm"<br />
-(ihm für die treue Wahrung seines Kindes dankte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_135">135</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(an der Dampfbootlandung hin und her. &ndash; Sollte er)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_136">136</a>:<br />
-"abhing" geändert in "anhing"<br />
-(mit aller Liebe einer wirklichen Tochter anhing)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_139">139</a>:<br />
-"so gar" geändert in "sogar"<br />
-(mußte sogar ein paar Mal stehn bleiben)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_143">143</a>:<br />
-"das" geändert in "daß"<br />
-(ahnen zu lassen, daß dort, wohin man)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_150">150</a>:<br />
-"des" geändert in "das"<br />
-(habe unten an der Landung das Sternwheelboot)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_152">152</a>:<br />
-"fur" geändert in "für"<br />
-(in Mainstreet soll dann ein Wagen für Euch stehn)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_152">152</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(dafür will ich auch schon Sorge tragen.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_157">157</a>:<br />
-"halbschlauen" geändert in "halb schlauen"<br />
-(die halb schlauen, halb ängstlichen Seitenblicke)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_166">166</a>:<br />
-"den" geändert in "gen"<br />
-(Bug gen Westen und schoß blitzesschnell davon)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_171">171</a>:<br />
-"körperlichen" geändert in "körperlichem"<br />
-(was er zu körperlichem Wohlbefinden gebrauchte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_172">172</a>:<br />
-"erungenen" geändert in "errungenen"<br />
-(er entsagte ja nur einem errungenen Vortheil)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_176">176</a>:<br />
-"-" eingefügt<br />
-(kürzlich eingetroffenen Mail- oder Postboot)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_176">176</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(»<i>Eagle of the West</i>«, ein rasches wackeres Dampfboot)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_187">187</a>:<br />
-"unermüdlichen" geändert in "unermüdlichem"<br />
-(der mit unermüdlichem Eifer daran ging)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_190">190</a>:<br />
-"halten" geändert in "haltend"<br />
-(an jeder Station ewig lange haltend, und zuletzt gar)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_203">203</a>:<br />
-"«" hinter "Lippen." entfernt<br />
-(und biß sich auf die Lippen.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_217">217</a>:<br />
-"wiederstand" geändert in "widerstand"<br />
-(sie widerstand allen meinen Bemühungen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_230">230</a>:<br />
-"-" eingefügt<br />
-(das Meeting- oder Bethaus)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_242">242</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»hahahaha! weißer Mann &ndash; mehr)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_251">251</a>:<br />
-"«" hinter "gewesen;" entfernt und hinter "aber," eingefügt<br />
-(an dem Tage gewesen; aber,« setzte er leiser hinzu)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_258">258</a>:<br />
-"«" hinter "lesen," entfernt und hinter "Mutter?" eingefügt<br />
-(»Soll ich weiter lesen, Mutter?«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_259">259</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(keinen Sohn &ndash; keinen Freund&nbsp;....«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_263">263</a>:<br />
-"»" vor "denn" und "«" hinter "beziehen." entfernt<br />
-(denn auf diesen mußte sie doch natürlich das Gesagte beziehen.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_263">263</a>:<br />
-"Sich" geändert in "sich"<br />
-(was Sie sich hätten denken können)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_264">264</a>:<br />
-"»" vor "fuhr" entfernt und "«" hinter "sein," eingefügt<br />
-(muß es doch gewiß sein,« fuhr die unverwüstliche)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_264">264</a>:<br />
-"Sich" geändert in "sich"<br />
-(Denken Sie sich, Miß Baywood)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_267">267</a>:<br />
-"demselbem" geändert in "demselben"<br />
-(ihr Auge begegnete in demselben Moment)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_268">268</a>:<br />
-"hieher" geändert in "hierher"<br />
-(hierher nach Boonville zu holen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_279">279</a>:<br />
-"ihn" geändert in "ihm"<br />
-(Hütte bei Hütte durchforschte er nach ihm)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_302">302</a>:<br />
-"Drathpuppen" geändert in "Drahtpuppen"<br />
-(Zum Teufel mit den seelenlosen Drahtpuppen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_332">332</a>:<br />
-"den" geändert in "der"<br />
-(Heizer auf einem der Mississippi-Dampfboote)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_376">376</a>:<br />
-"großen" geändert in "großem"<br />
-(von vielem und großem Einfluß sein)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_366">366</a>:<br />
-"Papierkabseln" geändert in "Papierkapseln"<br />
-(die gewöhnlichen Streichhölzchen in Papierkapseln)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_379">379</a>:<br />
-"freundlich" geändert in "freundliche"<br />
-(fand ich eine freundliche Familie beisammen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_410">410</a>:<br />
-"Scherck" geändert in "Schreck"<br />
-(sich von seinem Schreck erholen konnte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_411">411</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(vom anderen Ufer aus &ndash; »Hurrah Hunde &ndash; faßt ihn)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_412">412</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(»Wie kam's, daß Ihr den Otter fehltet, Merville?«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_412">412</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»er lag Euch doch dicht vor den Füßen.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_413">413</a>:<br />
-"»Nell und Boney«" geändert in "Nell und Boney,"<br />
-(Nell und Boney, mit der größeren Schwimmfertigkeit)</p>
-
-
-<p class="ci mt2">sowie jeweils "«," geändert in ",«"</p>
-
-<p class="ci">auf Seite <a class="nd" href="#page_405">405</a>:<br />
-(»S'ist nur ein Glück,« meinte Dickson)</p>
-
-<p class="ci">und Seite <a class="nd" href="#page_412">412</a>:<br />
-(»Ich gebe Euch mein Wort darauf,« betheuerte Merville)</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band., by
-Friedrich Gerstäcker
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN. ***
-
-***** This file should be named 53100-h.htm or 53100-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/3/1/0/53100/
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
-
-
diff --git a/old/53100-h/images/cover.jpg b/old/53100-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index 7976950..0000000
--- a/old/53100-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ