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-The Project Gutenberg EBook of Humoristische Erinnerungen aus meinem
-academischen Leben in Heidelberg und , by Theodor von Kobbe
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819
- Erstes Bändchen
-
-Author: Theodor von Kobbe
-
-Release Date: September 16, 2016 [EBook #53060]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1840 erschienenen Ausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
- und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
- korrigiert, auch wurden vereinzelte grammatische Korrekturen
- vorgenommen, wenn ansonsten der Sinn des Textes verfälscht würde.
-
- Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten,
- insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder
- im Text mehrfach auftreten. Fremdsprachliche Begriffe und Zitate
- wurden nicht korrigiert; einzelne unleserliche Buchstaben wurden
- aber sinngemäß ergänzt.
-
- Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.
-
- Für die von der im Originaltext verwendeten Frakturschrift
- abweichenden Schriftschnitte wurden die folgenden Sonderzeichen
- verwendet:
-
- fett: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: _Unterstriche_
-
- Das Zeichen für ‚Pfund‘ wird in der vorliegenden Version durch die
- Abkürzung ‚lb.‘ ersetzt.
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Humoristische Erinnerungen
-
- aus meinem
-
- academischen Leben
-
- in
-
- Heidelberg und Kiel
-
- +in den Jahren+ 1817-1819
-
- von
-
- Theodor von Kobbe.
-
- Erstes Bändchen.
-
- Bremen,
- Verlag von Wilhelm Kaiser.
-
- 1840.
-
-
-
-
- Druck von F. W. Buschmann.
-
-
-
-
- +Meinen+
-
- Universitätsfreunden
-
- voll unsterblicher
-
- +Erinnerung+
-
- gewidmet.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Vorwort. I
-
- Erstes Kapitel. 1
-
- Zweites Kapitel. 13
-
- Drittes Kapitel. 39
-
- Viertes Kapitel. 79
-
- Fünftes Kapitel. 105
-
- Sechstes Kapitel. 126
-
- Siebentes Kapitel. 145
-
- Beglaubigte Abschrift der Protocolle, gehalten in der
- Abgeordneten-Versammlung zu Jena. 187
-
-
-
-
-+Vorwort.+
-
-_Smollis_ Ihr Herren!
-
-
-Während des Drucks der ersten acht Bogen brauchte ich die Wasserkur in
-Gräfenberg. In dieser Zeit ist mir auf dem grünen Felde der Erinnerung
-mancher ärgerlicher Druckfehler erwachsen und leider! keine Zeit zur
-totalen Vertilgung durch Umdruck, der nur partiell geschehen konnte,
-mehr vorhanden. Vor allen Dingen bitte ich Seite 19 Zeile 14 und Seite
-34 Zeile 9, +negierend+ statt +regierend+, S. 20. Z. 12, +Hirschhorn+
-für +Hirschhern+. S. 16. Z. 21, +Choragen+ für +Choragee+. S. 151. Z.
-21, +Jena’s+ für +Jonas+ zu lesen, und hie und da sogar ein Wort zu
-suppliren.
-
-Ihr lieben Commilitonen werdet mir dies schon vergeben, und da Ihr wohl
-instruirte Leute seid, doch das Richtige heraus lesen. Aber auch von
-Euch, Ihr gestrengen Recensenten! und von Euch, Ihr griesgrämlichen
-Philister! und vor Allen vom wohlgesinnten Leser erbitte ich mir
-+Amnestie+, welches ja auch ein so schöner gesuchter Artikel unserer
-humanen Zeit ist. Ich wende mich vertraulich an Euch alle und es ist
-mir schon als ob meine Ohren die gewünschte Antwort vernehmen:
-
- _Fiducit!_
-
- +Oldenburg+
- im Großherzogthum Oldenburg
- im August 1840.
-
- Theodor von Kobbe.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
- Weinheim. Graf M. -- J. Der Hecht. Thibaut. Der badische Hof. Die
- Burschenschaft. Ms. Duell. -- Js Rappierjunge.
-
-
-»Wie heißt diese Station?«
-
-»Weinheim. -- Sie ist die letzte vor Heidelberg.«
-
-»Nun dann ist das Ziel der Reise bald erreicht. Nicht wahr M. und J.
-darauf wollen wir eine Flaschen leeren?«
-
-M. nickte bejahend. J. sagte burschikos: »Das ist klar, das ist Natur.«
-Ich: »Herr Postmeister! Wir bitten um eine Bouteille Wein.«
-
-»Ich habe keine Schenke meine Herren! Ein Glas Wasser steht zu Dienst,«
-lautete die Antwort.
-
-»Wasser das ist klar, das ist Natur!« bemerkte ich J. parodirend.
-
-»Und denn will sich der Ort noch +Weinheim+ nennen. Die einzigste
-Station von Hamburg her, wo einen nicht einmal schlechter Wein gereicht
-wird. +Wasserheim+ sollte es heißen.« rief J. verdrießlich.
-
-»Sie können es in Heidelberg nachholen,« lächelte der Posthalter, als
-wir die mit Extrapostpferden bespannte Chaise bestiegen um zu dem Ort
-unserer Bestimmung zu gelangen.
-
-»Der Philister will witzig sein und hat nicht einmal Wein, was der
-schlechteste Witz von der Welt ist,« brummte J. in sich hinein.
-
-Graf M. und ich hatten die Hamburger Schule besucht. -- Wir waren dort
-Freunde und Studiengenossen gewesen. Er hatte einigen Freunden und
-mir ein Collegium über den Homer, ich den Herrn eins über den Terenz
-gelesen. Gleichwol stand ich ihm an Schulkenntnissen weit nach. Unser
-dritter Reisegefährte war ein gewisser J. aus Westphalen, der auf der
-Altonaer Schule erzogen war und sich zu uns gesellt hatte.
-
-Das erste was wir nach der Ueberfahrt über die Elbe außer Solavee, der
-Guirlande Haarburgs, sahen, waren drei Maulthiere, die ein alter Kerl
-vor sich her trieb.
-
-»+Maulthier+,« so heißt ein Exprimaner der zur Universität geht, in der
-Burschensprache.
-
-Wir beschlossen den Studententitel zu erfrühen. Nach langen Debatten
-war derselbe jedoch nur unserm Freunde J., welcher früher auf der
-Kieler Schule gewesen war, und seinem rothen mit Höllenstein gefärbten
-Backenbart, wie einem erst kürzlich überstandenen Nervenfieber sein
-älteres Aussehen verdankte, -- und zwar dahin bewilligt, daß er
-behaupten dürfe, ein halbes Jahr bereits in Kiel studirt zu haben.
-
-J. hatte dies oft auf der Reise zu der Bemerkung benutzt, daß wir junge
-Schüler seien, welche er auf die Universität führe. Dazu hatten wir
-schweigen müssen. Allein Nemesis rächte uns.
-
-Als wir den Lutherberg hinter Hannoversch Münden, aus Mitleid gegen
-unsere Pferde zu Fuße erklommen, sahen wir einen kräftigen Mann von
-mittleren Jahren, der es, wie wir, mit seiner Chaise machte.
-
-»Wenn ich nicht irre, sind die Herren Studenten,« rief er uns zu.
-
-M. und ich schoben J. als solchen vor. Von uns selbst berichteten wir
-die Wahrheit, daß wir nur noch burschikose Embrionen seien.
-
-»Lassen Sie uns die Reise gemeinschaftlich machen, wenigstens bis
-Marburg, wo ich meinen Vater besuchen will. Ich zahle für zwei Pferde
-das Postgeld, wir lassen dann viere anspannen und fahren mit sechszehn
-Beinen,« beanfragte der Fremde.
-
-Wir acceptirten diesen annehmlichen Vorschlag und fanden auch später
-keinen Grund dies zu bedauern. Unser Reisegefährte war der Professor
-Bucher aus Erlangen, ein Mann von Kopf und Herz, dem ich hier das
-Zeugniß geben muß, daß ich keinen seiner Collegen kennen gelernt habe,
-der mir so liebenswürdig vorgekommen ist wie er. -- Ist es mir doch
-noch, wie gestern, daß er mir das Städchen vom Wagen uns zur Linken
-zeigte, in welchem er seine jetzige Frau zum ersten Male gesehen hatte.
-Seine Züge verklärten sich schon beim Anblick des Kirchthurms, jede
-Miene seines Gesichtes wurde zum Liede. Es ist ein herzerhebender
-Anblick, wenn ein kräftiger Mann in der Erinnerung an die göttliche
-Zeit der Ideale schwelgt.
-
-Der an Menschenkenntniß reiche Professor hatte uns bald durchschaut.
-J. hatte er durch die lustigste Folter von der Welt, indem seine
-peinliche Frage hauptsächlich in einer Erkundigung nach den
-Collegien, die J. gehört haben wollte, bestand, -- zum Geständniß
-seiner noch nicht geschehenen Immatriculation gebracht. Er hatte ihm
-darauf das Prognosticon eines armen Renommisten, der noch manche
-Unannehmlichkeiten in der Welt bestehen würde, gestellt. Dem Graf M.
-sagte er eine hohe Stellung in der Welt voraus, die dieser auch jetzt
-einnimmt. --
-
-Was er mir verkündete, ist erst theilweise eingetroffen. -- Sobald es
-Alles in Erfüllung gegangen ist, will ich den Seher loben. -- Aber
-das sagte ich ihm damals voraus, daß ich seiner Liebenswürdigkeit
-ewig gedenken, und daß, wenn ich einmal das Glück haben würde, ein
-Schriftsteller meiner Universitätsjahre zu werden, ich dieser unserer
-Reise mit Dankbarkeit gegen ihn öffentlich gedenken wollte.
-
-Ich habe hiermit mein Versprechen erfüllt.
-
-Wir fuhren die Bergstraße hinauf unter blühenden Bäumen. Die Natur
-hatte ihre reizendsten Gewänder angelegt. Wie pupperten unsre
-Primanerherzen vor Freude! Ich begreife noch zu dieser Stunde nicht,
-das mir das meine nicht vor Lust gebrochen ist.
-
-Ich sang in Einem fort Studentenlieder bis ich vor Heiserkeit nicht
-weiter konnte. --
-
-Da ertönte plötzlich ein Ha! aus jeder Kehle.
-
-Wir waren um die Ecke bei Neuenheim gebogen. Wir hatten Heidelberg
-erblickt, an das Gebirg gelehnt, zu seinen Füßen den munter dahin
-fließenden Neckar, auf seinem Haupte die Schloßruine als Krone, die
-Umgebungen, überall mit Weinbergsträußern geschmückt.
-
-Der Eindruck war unbeschreiblich.
-
-Der Postillon führte uns zum goldenen +Hecht+, auf ausdrückliches
-Verlangen unsers Freundes J., der sich aus Zarachias Renommisten der
-Stelle:
-
- »Zum blauen +Hecht+ trug ihn Kalmucks geschwinder Lauf.«
-
-dabei erinnerte.
-
-M. und ich kleideten uns an, um Thibaut aufzuwarten. J. ging seiner
-Wege, ich glaube er wollte sich nach den Befugnissen der Polizei in
-Heidelberg erkundigen.
-
-Thibaut, ein genauer Freund von Ms. Vater empfing uns sehr freundlich
-in seinem Garten. Er selbst war Enthusiast für die Gegend und das Klima
-Heidelbergs.
-
-»Fühlen Sie einmal die Luft.« das waren die Worte, womit er uns mit
-ausgestreckter Hand anredete.
-
-Später ging er mit uns und zeigte M. die für ihn gemiethete Wohnung.
-Dann miethete er für mich bei dem alten Licentiaten B... in der
-Mittelbadgasse ein Logis. Noch denke ich mit Schauder an die drei
-bildhäßlichen Töchter des Hauses, sie kommen mir wieder im Schlaf vor,
-wenn ich Unverdauliches gegessen habe.
-
-»Sie bezahlen eigentlich eine Pistole zuviel,« lächelte der
-Geheimerath, »allein sie können die Häßlichkeit der Töchter auch wieder
-höher als eine Pistole anschlagen.«
-
-Ich bin Thibaut wohl für seine Artigkeit und für seine väterliche
-Präventionstheorie, nicht aber für dies Quartier dankbar. -- Ich habe
-viel Verdruß durch meine Leichtgläubigkeit gehabt, -- doch weg mit
-allen Klatschereien, sie sind alle todt, _requiescant in pace_.
-
-Von den ersten drei Tagen meines Burschenlebens in Heidelberg weiß ich
-fast nichts mehr zu referiren. Es flimmert mir sogleich vor den Augen,
-wenn ich daran denke. Ich lebte den Zustand eines opiumberauschten
-Türken.
-
-Ich war den ganzen Tag über auf den Burschenkneipen, studirte jedes
-Gesicht und versuchte mit Jedem ein Gespräch anzuknüpfen, was gerade
-im Anfang jedes Semesters leicht wurde, besonders da alle Partheien
-einen Neuling an sich zu ziehen suchten. Ich war alle drei Abende
-nacheinander bei Thibaut eingeladen, ließ mich aber jedes Mal
-entschuldigen.
-
-Graf M. sprach ich täglich nur einige Minuten. Er hatte sich in den
-ersten Tagen größtentheils bei Thibaut aufgehalten, dann aber die
-Kneipe seiner Landsleute, die damals zu den Westphalen gehörten,
-besucht, auch auf besondere Verwendung dieser, mit ihnen den
-Mittagstisch genommen.
-
- * * * * *
-
-Es war nämlich im Frühling 1817 eine halbe Hungersnoth in Heidelberg.
-Mancher arme Schelm wurde mit Gras im Munde, am Hungerstod gestorben,
-im Walde gefunden. Ein Laib fast ungenießbares Brod von vier Pfund,
-kostete 40½ Kreuzer, die Kreuzerwecke konnte mit unbewaffnetem Auge
-fast nicht wahrgenommen werden. Alle Studententische waren geschlossen,
-da die Wirthe, welche Schaden bei dem gewöhnlichen Pränumerationspreise
-hatten, zwar in Erwartung einer guten, später auch eintretenden Erndte,
-zwar diesen nicht erhöhen aber auch nicht mehr Abonnenten haben wollten.
-
- * * * * *
-
-Eine travestirte Laona irrte ich mit meinem Hunger von Table d’hote zu
-Table d’hote umher. Ich mußte zwei Monate in den Gasthäusern wie ein
-durchreisender Fremder täglich einen Gulden für mein Couvert bezahlen
-bis Herr Hellwerth, der Wirth des Badischen Hofes, mich als wirklichen
-Stammgast um einen ermäßigten Preis, und wahrlich nicht zu seinen
-Schaden, annahm. --
-
-Wenn ich mit M. zusammen kam, so lenkte sich das Gespräch natürlich
-bald auf die wichtige Frage, ob wir überall in eine und in welche
-Verbindung wir treten wollten. -- Ich hatte von den Burschenschaftlern
-die Arndtschen Lieder:
-
-»Was ist des Deutschen Vaterland?«
-
-»Sind wird vereint zur frohen Stunde!«
-
-so wie das Körnersche:
-
-»Wie wir so treu beisammen stehn.«
-
-gehört, jede Faser meines Leibes war von dieser Vaterlandsglut
-durchströmt, nur in der Burschenschaft glaubte ich mein Heil finden zu
-können. --
-
-Ich eröffnete dies M.
-
-Dieser aber erklärte, bei dem Glauben seiner Landsleute bleiben und das
-Grün-Schwarz-Weiß der Westphalen zu seiner Leibfarbe machen zu wollen.
-
-Ich trat in die Burschenschaft.
-
-Unser Umgang wurde dadurch seltener, jeder war für seine Verbindung zu
-sehr enragirt, indessen M. noch viel mehr als ich. --
-
-Ein Jahr später sah ich auf der Hirschgasse meinen Freund M.,
-mit einer klaffenden Wunde in der Brust. -- Ein feindlicher
-Burschenschaftschläger, geführt von dem trefflichen S. aus N.,
-war ihm zwischen der dritten und vierten Rippe in die Seite
-gefahren. Er sah mich mit seinen sterbenden Blicken traurig aber mit
-Freundeszärtlichkeit an. Das Ganze war um einen nichtswürdigen Kerl
-hergekommen und Ms. Duell mit eine sogenannte Nachstürzerei, in welche
-auch ich verwickelt war.
-
-Die Mißverhältnisse mit den Landsleuten, die nothwendige Vermeidung
-einer Rührung, machten es unmöglich zu ihm zu gehen.
-
-In derselben Stunde verließ ich von Schmerz zerknirscht mit S. aus
-verschiedenen Thoren Heidelberg. Es war mir unmöglich mit dem tödtlich
-verwundeten Jugendfreunde in Einem Ort zu leben ohne ihn sehen zu
-können. Ich floh nach Rastadt, wo ich jeden Morgen durch meinen treuen
-Freund v. P. ein Gesundheitsbulletin über M. empfing.
-
-Ich verlebte eine höchst qualvolle Zeit. Noch jetzt habe ich einen
-Brief von v. P., an einen andern in Rastadt Lebenden in Händen, der die
-Furcht ausspricht, ich würde vor Schmerz verrückt werden.
-
-Sein Gegner S. lief bewußtlos nach Rheinbaiern. Er sank hier unter
-einem Apfelbaum und schlief ermüdet ein. Hier erschien ihm ein Engel im
-Traum und sprach zu ihm: »Dein Gebet wird erhört, M. wird genesen. Kehr
-zurück nach Heidelberg.«
-
-S. that wie ihm der Engel geheißen.
-
-+Chelius+ aber hat ein Meisterstück an M. verübt. Nachdem er fast zwei
-Jahre an derselben hoffnungslos gelegen und seine Brust täglich eine
-Masse Eiter ergossen hatte, ist M. ein starker kräftiger Mann geworden.
-
-Erst, als er gerettet war, durfte ich ihn wieder sehen.
-
-Hol’ der Teufel Landsmannschaft und Burschenschaft wenn die solche
-Freunde kosten, dachte ich, und denke seitdem noch so. --
-
-Unserm dritten Reisegefährten J. erging es wie Bucher vorhergesagt
-hatte. --
-
-Er war kaum vierzehn Tage in Heidelberg, als er sich gegen einen alten
-Burschen einen unanständigen ledernen Witz über dessen Schwester, die
-er gar nicht kannte, erlaubt hatte.
-
-R -- bemerkte »Fuchs, solch ein schnöder Witz ist einen Rappierjungen
-werth.«
-
-Unter dem Wort Rappierjunge versteht man ein Duell mit ungeschärften
-Rappieren.
-
-»Ich wette«, versetzte J., welcher sich viel darauf zu Gute that,
-einigen Fechtunterricht von einem Dänischen Unterofficier in Altona
-erhalten zu haben, »daß ich Dir eher zwei Hiebe beibringe, als Du mir
-einen.«
-
-»Du Fuchs!« lachte N.
-
-N. war der beste Schläger in Heidelberg. Er dachte sich es doch ein
-wenig sicher nehmen zu müssen, damit der Fuchs ihn nicht blamire. Er
-nahm ihn daher sich »_sûr_« wie die Studenten es nennen.
-
-Beide traten auf die Mensur. J. schlug eine Terz. N. parirte und schlug
-eine Quart nach. »Herr Jesus!« rief J.
-
-N. hatte ihm fast alle Zähne, seine einzige physikalische Zierde, aus
-dem Munde geschlagen.
-
-Die meisten Nerven lagen entblößt. Er hat, so lange er in Heidelberg
-war, entsetzlich am Zahnweh gelitten.
-
-Wo J. geblieben ist, weiß ich nicht.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
- Göthe, Ludwig Robert, Carl Thorbecke, Massenbach, August Wilhelm
- Schlegel, Jean Paul, Martens, Heinrich Voß, Joh. Heinrich Voß,
- Wambold, Morstadt, Uexküll.
-
-
-Zu den Fremden, welche gar oft Heidelberg besuchten, gehörte auch
-+Göthe+, den ich freilich nicht mehr dort gesehen, weil er, wenn ich
-nicht irre, zum letzten Male im Jahre 1815, das Neckar-Athen besucht
-hatte. -- Göthe, daran gewöhnt von allen Dingen Nutzen zu ziehen,
-sowohl von der Natur als wie von der Kunst, hatte die Huldigungen,
-welche die Professoren seinem großen Genius brachten, sofort dazu
-benutzt, sich von jedem irgend ein Collegium lesen zu lassen. Der
-Mephisto, _sit venia verbo_, hatte die Gestalt des Schülers angenommen
-und sich, indem er nur lernte, nicht aber lehrte, fortwährend, so zu
-sagen, geistig tractiren lassen. Als ich dem Dichterfürsten im Jahre
-1818 in der Tanne vor Jena aufwartete, schien er mit einiger Wärme
-nach dem Professor Schelver, dem damals renomirtesten Magnetiseur in
-Süddeutschland sich zu erkundigen, von dem ich noch später reden werde.
-
-Was aber Göthe wol am Meisten nach Heidelberg gezogen hat, das mögen
-die +Boißerée+schen Bilder gewesen sein, welche er stundenlang,
-mit dem innigsten Entzücken betrachtet, und oft in Bezug auf ihre
-Urheber ausgerufen haben soll: +Das waren noch Dichter!+ Bei dieser
-Gelegenheit mag eine wenig, vielleicht nur durch meine Humoristischen
-Blätter bekannt gewordene Erzählung hier einen Platz finden, welche
-der geschwätzige Erklärer der Boißeréeschen Bilder, Herr Bertram, bei
-Vorzeigung eines Gemäldes, sicher mehr aus einer localen Erinnerung,
-als aus Causal-Zusammenhang, denn das Bild stellte den Tod der Maria
-vor, zum Besten zu geben pflegte:
-
- »Zu der Zeit, als die verbündeten Heere in Frankreich auf ihren
- Lorbeeren ruhten, war Göthe, wie fast alljährig in jener Zeit,
- bei uns in Heidelberg zum Besuch. Eines Morgens, als der Alte
- noch im Bette lag, wurde ihm ein Preußischer Officier, einer
- seiner blindesten Enthusiasten, gemeldet. Er habe, ließ er den
- Poeten sagen, einen Umweg von zwanzig Meilen gemacht, um seinen
- Lebenswunsch »Göthe von Angesicht zu Angesicht zu schauen,«
- erreichen zu können. +Wolfgang+ erklärte aber rundweg, er wolle den
- Fremden nicht sehen. Der Officier wiederholte den achselzuckenden
- Kammerdiener seine Bitte mit dem Anfügen, daß seine Bewunderung
- des Dichterfürsten ihm die schwerste Strafe zuziehen könne, wenn
- sein Abweichen von der Marschroute an den Tag käme, er rührte
- durch seine Mienen den Kleinbotschafter sogar, der wiederholt für
- den _envagé_ seines Herrn bei diesem interredirte, alle Versuche
- waren aber vergebens. +Göthe+ blieb regierend im Bette liegen. Da
- verkehrte sich seines Verehrers Liebe in Zorn. Zur Seite stieß er
- den Kammerdiener, dann eilte er mit gezücktem Schwerdte an des
- Dichters Lager, indem er ausrief: »»Noch hab ich jede Schanze auf
- die ich losstürmte gewonnen, und das Bett eines eigensinnigen
- Poeten sollte mir verborgen bleiben.«« Was that der erstürmte
- Göthe? Kaum trat der Officier an sein Lager, als bald durch die
- heilige Nähe des Sehers, wie durch die Erreichung seines Wunsches
- calmirt, als der Herr Geheime Rath anfing, successive dermaßen
- Gesichter zu schneiden, daß der Krieger, der ohnehin nicht lange
- warten konnte, nur die Züge eines Grimaciers, nichts aber von den
- Göttermienen des Verfassers der Iphigenia, des Tasso’s und des
- Faust’s erkennen konnte.«
-
-Zu den interessantesten Literaten seiner Zeit ist +Ludwig Robert+ gewiß
-mit Recht zu zählen. Von jüdischen Eltern geboren, der Bruder +Rahels+,
-hatte er eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und war vor allen
-Dingen ein gründlicher Denker, wenn er gleich noch im Fichteschen
-»+Ich+« befangen war. Die Wärme des Christenthums hatte sein Herz
-durchdrungen, er war ein wohlwollender uneigennütziger Mensch. -- Welch
-einen gewaltigen Einfluß aber die ersten Eindrücke der Jugend auf
-uns äußern, davon gab er mir einmal ein scherzhaftes Beispiel. »Mein
-Vater war sehr reich,« erzählte er mir eines Tages, »indessen war die
-Wohlthätigkeit meiner Mutter unverhältnißmäßig viel größer, als des
-Vaters Vermögen. Sie gab ohne sein Wissen, jährlich wol tausend, +ja
-was will ich sagen, tausend, gewiß eilfhundert Thaler an die Armen+« --
-Ein geborner Christ, nicht als ob die Wohlthätigkeit nicht mehr bei den
-Juden zu Hause wäre als bei uns, hätte unmöglich soviel arithmetische
-Reflexionen in einen solchen Passus gebracht, sein Klimax wäre gewiß
-von tausend auf zweitausend, und wenn er selbst Mann vom Fach, Kaufmann
-gewesen wäre, doch wenigstens auf funfzehnhundert gestiegen. --
-
-Als Robert Heidelberg verließ, bat ich ihn um ein Stammblatt, und zwar
-um einige Verse. Er antwortete mir: »Einen schlechten Spruch in Versen
-für +Sie+ zu schreiben, geziemt uns nicht.«
-
-»Zur Nutzanwendung mögte der 38jährige gern dem 19jahrigen etwas
-aufzeichnen, aber das, was er ihm am Liebsten in der Art sagte, darf
-er ihm nicht sagen; daher wird +Robert+, weil er +Kobbe+ sehr lieb
-gewonnen hat ihm zuweilen schreiben und sich nach seinem Thun und
-Treiben freundlich und herzlich erkundigen. Glauben Sie mich nie unwahr.
-
- Ihr Robert«
-
-Heidelberg, den 31. Decbr. 1817.
-
-Robert war meinen poetischen Bestrebungen sehr gewogen. -- Freilich
-demüthigte er mich auch oft, indessen hat er mich dadurch von jedem
-schriftstellerischen Hochmuth bewahrt. So besinne ich mich unter
-Anderm, daß er mir zwei Akte eines von mir geschriebenen Trauerspiels
-mit der niederschlagenden Ermunterung zurück gab! »Schreiben Sie frisch
-darauf los, noch sechs solche Trauerspiele, verbrennen Sie aber ja
-alle, dann werden Sie Glück mit dem siebenten haben. Wenn nur alle
-jungen Dichter diese Sybillenweisheit beherzigten.«
-
-Es ist mir allezeit auffallend gewesen, warum die Schriften Ludwig
-Roberts so wenig =Epoche= gemacht haben, und selbst jetzt selten
-genannt werden. Das Erste läßt sich am leichtesten begreifen. -- Denn
-in der Zeit seiner meisten Productionen war das Publicum nur ganz
-+Jahnisch+ und +Arendtsch+; ein Poet durfte nur Körnersche Lieder vor
-die Augen der Leser bringen. Roberts »+Kämpfe der Zeit+« erregten einen
-rauschenden aber bald verklingenden Beifall. Von seinen dramatischen
-Sachen hat sich »die Macht der Verhältnisse« fortwährend auf der
-Bühne erhalten. Obgleich unsere chinesischen Vorurtheile keineswegs
-sich verringert haben, vielmehr in trägen Frieden sich tagtäglich
-vergrößern, das Stück mithin nur zu sehr die Interessen des Tages
-anregt, woher auch seine fortwährende Geltung rühren mag, so ist in
-demselben doch kein tragisches Element zu finden. Die Miserabilitäten
-der Standesvorurtheile zu bekämpfen, dafür haben wir das Lustspiel,
-dessen Haupttypus immer der sich aufblähende, einem Ochsen gleichen
-wollende, und endlich zerspringende Frosch bleibt. -- Wenig bekannt ist
-Roberts Drama »die Gleichgültigen oder die Nichtigen,« ein kostbares
-Lustspiel, was wahrscheinlich nur um seiner treffenden Wahrheit
-willen, und weil es alle Stände unerbittlich züchtigt, sich nicht ein
-Beifall zollendes Publikum erworben hat.
-
-An der Wirthstafel des Badischen Hofes zu Heidelberg lernte Robert in
-demselben Jahre seine künftige Gattin kennen, das schönste Weib, das
-meine Augen je erblickt haben. Die Ironie des Schicksals hatte diese
-Dame, ein würdiges Modell zu einer Madonna, in traurige unwürdige
-eheliche Verhältnisse gebracht, von denen Robert sie nicht ohne große
-pecuniäre Opfer erlößte. -- Die schöne Frau wurde dadurch zum dankbaren
-Clärchen gegen ihren Erretter. Noch später hat mir die liebenswürdige
-Haizinger, ihre getreue Freundin, von der schwärmerischen Liebe
-erzählt, womit die Gattin Roberts an ihn hing. -- Ihr Herz brach mit
-seinen Augen, wenige Tage nachher wurde auch sie zur Erde bestattet.
-Von freudigen Gedanken an das Wiedersehn des liebenswürdigen Ehepaars
-erfüllt, vergesse ich nie die Erschütterung, welche die Antwort einer
-weinenden Frau in mir hervorbrachte die ich bei der Annäherung des
-Leichenzugs um den Namen des Todten befragte. »Es ischt halt ä Engel
-die Wittwe von de Herr Dichter Robert.«
-
-Unvergeßlich bleibt mir ein Doctor Carl Thorbecke aus Osnabrück,
-welcher damals in Heidelberg privatisirte. Unglück, vielleicht auch
-eigne Schuld haben ihn später in das Verderben gestürtzt und ich
-zweifle, ob er noch unter den Lebenden wandelt. Nie hab ich einen
-Sterblichen gekannt welcher eine solche Macht auf die Stimmung der
-Menschen übte, die er mit einer fast elementarischen neidischen
-Koboldskraft fast immer dazu anwandte, den Heitern mit Traurigkeit,
-den Betrübten mit Frohsinn zu erfüllen. Einem Studenten, welcher
-unter Bürgschaft eines Professors eine Summe Geldes von dem Banquier
-+Hirschhern+ zu leihen hoffen konnte, aber im Begriff war, diesen
-Termin zu versäumen schrieb er folgende jocose Verse:
-
- »+Hirschhern+ kräftig gegen Schwindel,
- Wenn man weiß nicht aus noch ein,
- Muß verwahrt mit einem Spündel,
- Alsobald verschlossen sein.
- Darum halt ihn fest im Glase,
- Jenen Geist, der sonst verfliegt;
- Sonst behältst Du wohl die Nase,
- Aber nichts woran sie riecht.«
-
-Ein andermal dichtete er folgendes schöne Lied, das zum Beleg seiner
-wunderbaren Kühleborn-Natur dienen mag.
-
- »Was willst du singen?
- Willst Du singen ein lustig Lied?
- Kein lustig Lied! Ich fliege nicht auf dem Wasser
- Geschwind, geschwind mit Well’ und Freude,
- Lustig Lied ist wie ’ne Wasserfahrt,
- Das Schiff läuft aus,
- Kommt wieder nach Haus.
- Ich fliege nicht auf dem Wasser
- Mit Well’ und Freude.
- Was willst du singen!
- Willst du singen ein traurig Lied?
- Kein traurig Lied! Ich stehe nicht am Ufer
- Und schau hinab, ich senke nicht mein Herz
- Wie einen Eimer in die Tiefe,
- Verlorenes zu schöpfen:
- Sänger traurigen Liedes
- Stehet im segelnden Schiffe still,
- Meinet, meinet nicht fortzugehn.
- Kein lustig Lied, kein traurig Lied
- Willst du singen?
- Schweigen will mein Herz?
- Nicht schweigen!
- Singen will es sehnend Lied!
- Wer singet ein sehnend Lied,
- Solche Stille Schauer erfährt,
- Als wer von Land und Freunden schied
- Und das weite Meer befährt,
- Lustig Lied ist wie ’ne Wasserfahrt,
- Traurig Lied hält das segelnde Schiff an,
- Sehnend Lied ist mitten auf der See:
- Unten Liebe oben Himmel,
- Nirgends Land;
- Und aus Wolken und aus Wasser
- Eine ausgestreckte Hand.
- Auf einander Wellen reiten,
- Gegen einander Winde streiten,
- Sausen, Brausen,
- O wie schön, schön
- Zwischen Himmel und Liebe vergehn!«
-
-Noch ein anderes Gedicht Thorbeckens, welches der Vergessenheit
-entrissen zu werden verdient, möge hier seinen Platz finden:
-
-=Im Walde.=
-
- Im Wald ist es herrlich!
- Im Wald ist es herrlich,
- Am Abend ist schön im Walde gehn,
- Die Bäume wie stille Freunde stehn,
- Aus jedem Strauch die Liebste tritt,
- Liebe faßen, Liebe lassen ist jeder Schritt,
- Und Bäume und Liebste und Mond gehn mit!
- Welch wonniglich Graun,
- Da hinnein zu schaun!
- Der Wind durch die Zweige sehnend streicht
- Und Seel’ und Aug’ und Mond ist feucht,
- Und auf dem Feuchten ein Lichtlein schwimmt
- Taucht nieder, kommt wieder herauf und glimmt
- Und Nachtigall voll die Kehle nimmt.
- Als ging’s im Himmel hinnein
- Ist hier mit der Liebsten seyn,
- Schneller kann keine Reise geschehn,
- Als mit dem Monde zu gehn.
- Aber ach, wie entsetzlich, entsetzlich weit
- Ist die ganze reiche Herrlichkeit,
- Wenn die liebste Liebste sich anderswo freut.
-
-Die Politik war Thorbecke durchaus verhaßt, er empfand eine förmliche
-Idiosynkrasie dagegen und bildete darin einen schreienden Contrast
-mit dem unglücklichen Obersten +Massenbach+, welcher sich vor seiner
-Vertreibung aus dem Badischen und vor seiner Gefangennehmung in
-Frankfurt eine Zeitlang in Heidelberg aufhielt. -- »Mein Gott, wie kann
-man so wenig Interesse an dem öffentlichen Wohl nehmen,« rief einst
-Massenbach mit seinen blitzenden, achtzehnjährigen Augen, als Thorbecke
-die vom Kellner ihm präsentirten neuen Zeitungen auf einen Nebentisch
-warf, welches der Poet kalt mit der Bemerkung beantwortete: »Herr
-Oberst! wie muß man innerlich zerfallen sein, wenn man sich mit dem
-Tranke eitler Politik erlaben und erfreuen will.«
-
-Im Jahre 1818 vollzog August Wilhelm Schlegel, unter den Studenten
-gewiß mit Recht spottweise »Fräulein Schlegel« genannt, sein Beylager
-mit der Tochter des Kirchenraths Paulus, seine Flitterhochzeit ohne
-Flitterwochen.
-
- »Ich hin sonst allen Menschen gut
- Aber seine Gegenwart bewegt mir das Blut.«
-
-möchte ich bei der Erinnerung an diesen gepriesenen Schriftsteller
-ausrufen, über den ich weiter kein Urtheil fällen will, wider den
-ich aber die stärkste Abneigung fühle, die ich gegen einen Menschen
-empfunden habe.
-
-Die Bonner Studenten haben mir im Jahre 1838 folgende sehr glaubliche
-Thatsache von August Wilhelm Schlegel mitgetheilt, daß er dann und
-wann Damengesellschaften gebe, vorher aber seine eignen Büsten, die
-allein seinen Salon zieren solle, bekränzen lasse; dann aber wenn alle
-versammelt seien, eintrete, beim Anblick der Büsten stutze, und sich
-bei den Damen, als die Bekränzung von ihnen herrührend, mit versuchten
-Erröthen, bedanke. --
-
-Jean Paul schien meine Idiosynkrasie zu theilen; er hatte eine
-Scheidung von Tisch -- wie Schlegel mit seiner Frau vom Bett, mit dem
-Kammerherrn und Kammerdiener der Frau von Staël stillschweigend mit
-ihm verabredet. Beide logirten in Karlsberg, alternirten aber jeden
-Tag an der Wirthstafel, und zwangen die neugierigen Studenten, welche
-gerne die beiden »Haupthähne« der Literatur kennen lernen wollten, zwei
-Mittagsessen zu bezahlen, weil Jeder der Poeten der Anderswoseiende des
-Gegenwärtigen war.
-
-Die Burschenschaft hatte gar bald die Idee gefaßt, dem großen Jean
-Paul +Richter+, dem Dichter der Unschuld und der Armen, wie ihn der
-geistreiche +Börne+ in seiner unübertrefflichen Lobrede nennt, ein
-würdiges Lebehoch zu bringen. Sie hatten sich sogar deshalb den
-Landsmannschaften genähert. Allein das ungerechte Verlangen dieser,
-die etwa aus hundert und funfzig bestehende Burschenschaft, solle nur
-als ein einziges Corps, also equal der aus einem Schweizer bestehenden
-Landsmannschaft sein, und hienach das Contingent der Marschälle,
-Festordner, Adjudanten und _Chapeaux d’honneur_ bilden, wurde von der
-Burschenschaft verworfen, die billig genug, nach physischen Köpfen,
-die verhältnißmäßige Vertheilung der Ehrenstellen verlangt hatte.
-Die desfalsigen Verhandlungen erregten indessen bei den Vätern der
-Universität gerechte Unruhe. Es wurde ein Placat erlassen und die
-Feierlichkeit verboten, weil sich die Herren Studiosen über die
-Ausführung derselben nicht vereinigen könnten.
-
-Die Landsmanschaften lachten, denn Wenigen lag in der That daran, dem
-edelsten Herzblut, das auf der Erde schlug, zu huldigen. -- Andere
-Gefühle erweckte diese Verordnung bei der Burschenschaft, die sich
-noch an demselben Abende in der Hirschgasse versammelte, und nach
-einer ergreifenden Rede des Sprechers, sich sofort zu einem Fackelzuge
-vereinigte und denselben in Bewegung setzte. Wie es nicht ungewöhnlich
-ist, daß man bei einer ungesetzlichen Handlung alle übrigen Formen
-genau beachtet, so ward auch diesmal der Sperrkreuzer am Neckarthore
-gewissenhafter als je, zur kopfschüttelnden Verwundrung des ergrauten
-Thorwärters bezahlt, und das Licht der Liebe zog in Gestalt von
-Pechfackeln vor den Hecht, unausgeblasen von dem Pedellen und von dem
-an dem andern Tage Schiffer schreckenden Gott der Winde. Es ertönten
-die Worte: Es lebe +Jean Paul+[1], der große Dichter, der deutsche
-Mann! dann ein Gesang gedichtet von Carové, in Ermanglung eigner
-Melodie auf die Töne des »_God save the king_« gepfropft. Jean Paul
-erschien beim ersten gehörten Ausruf. -- Die breite Stirn, das nur vom
-Anblick der Götter erblindete blaue göttliche Auge, die kräftige wenn
-gleich nicht große Gestalt, das deutsche, auf den Nacken hinabwallende
-Haar ergriff die Troßbuben und Knappen des poetischen Lebens und
-nicht wenige vergossen seit ihrem Abschied aus dem Vaterhaus die
-ersten Thränen. Aber auch Jean Paul entfielen Perlen aus den Wogen
-eines unsterblichen Gefühls. Kaum hatten die letzten Töne die mit des
-Dichters Locken spielenden Lüfte durchzittert, als er ausrief: »Mit dem
-großen Dichter irrt Ihr Euch meine Kinder, aber nicht mit dem Deutschen
-Mann. Diese Ehre konnte mir nur die Heidelberger Burschenschaft anthun,
-dafür habe ich während Eures Liedes Gott gebeten, daß er Euch Alle
-segne. Ich wollte, ich wäre Briareus der Hundertarmige, um Euch mit
-reichlichen Händedruck Eure Liebe zu vergelten.«
-
-Nachdem Jean Paul diese Worte geredet hatte, ging er in dem ihn immer
-enger umziehenden Kreise umher, jedem die Hände reichend aus denen
-schon so viele Segnungen auf die Menschheit geströmt waren. Es war
-als ob ihnen magnetische Funken entsprühten, deshalb konnte ich nicht
-umhin, meinen Platz im Kreise zu verlassen, um noch einige Mal den
-Humoristen zu berühren. Als ich ihm aber das dritte Mal die Hand
-reichte fiel mir mein Unrecht ein, die subjective Freiheit nicht mehr
-zum Wohl Aller beschränkt zu haben, und fast kleinlaut rief ich dem
-großen Dichter zu: »Vergeben Sie, ich habe Sie schon zwei Mal um einen
-Händedruck betrogen.« »Thut nichts junger Freund,« lächelte Jean Paul,
-»hier ist noch der vierte und fünfte Händedruck.«
-
-Man bildete jetzt ein Spalier. »Auf die Hirschgasse,« riefen einige
-Musensöhne, »da ist ein gutes Bier,« wohl wissend wie sehr der alte
-Dichter ein solches Getränk zu würdigen verstand. »Ich gehe mit
-Euch,« rief Jean Paul und schritt mit unbedecktem Haupte vorwärts.
-Allein Carrové und Ferdinand Walter wußten wol wie schwierig es sei,
-den alten Barden mit ziemlicher Rede zu bewirthen und welchen tollen
-Begeisterungen er ausgesetzt werde. Sie beredeten ihn daher zur
-Rückkehr. -- Am andern Morgen ließ uns Jean Paul durch seinen Freund,
-den liebenswürdigen Professor Heinrich Voß sagen: Er habe in der
-vorigen Nacht vor Freude nicht geschlafen, er hoffe in der nächsten
-übrigens den Fackelzug noch einmal im Traume zu erleben.
-
-In jener Zeit war ein _Clair-voyant_ in Heidelberg, welcher ein sehr
-großes Aufsehen und namentlich Jean Pauls Aufmerksamkeit erregte. Der
-Mann hieß wenn ich nicht irre »+Auth+,« war der Sohn eines Quacksalbers
-und mochte in seiner Jugend von allerhand Medicamenten, namentlich
-aus dem Reiche der Vegetabilien gehört haben, welche er in seinem
-magnetischen Schlafe gar häufig verschrieb. Er saß alsdann auf einem
-etwas erhöheten Platze, in einem großen Kreise zu dem Grafen und
-Fürstinnen sich eingefunden hatten. Jean Paul, Carrové und mehrere
-Andere verzeichneten als Schnellschreiber seine Orakelsprüche, welche
-der Professor Schelver, sein Magnetiseur, ihm abfragte. Mir waren
-fortwährend seine vielen barbarischen gramatikalischen Fehler anstößig,
-und gerieth ich schon damals zu der festen Überzeugung, daß der Zustand
-des Hellsehens zwar alles Erlernte, scheinbar Vergessene wieder beleben
-und dem Geiste vorführen kann, daß er aber nicht im Stande ist,
-ein noch nicht angeeignetes Wissen plötzlich in den Clairvoyant zu
-verpflanzen, wodurch man denn zu dem Schluß kommt, daß man nur Ärzte,
-als Männer von Fach in der höchsten Potenz magnetisiren sollte.
-
-Man trug sich damals allgemein mit folgender Historie herum. Das
-Collegium _medicum_ und namentlich der Professor Tiedemann sei
-beauftragt worden den Zustand des Clairvoyants +Auth+ zu untersuchen
-und sich zu vergewissern, daß derselbe kein Betrüger sei. Einer der
-Commissionsherren, selbst ein Dilettant im Magnetisiren, habe sich mit
-+Auth+ auch wirklich in Rapport gesetzt und in den magnetischen Schlaf
-gebracht. Als man nun aber Fragen an den Patienten gerichtet habe,
-sei dieser in Zuckungen verfallen und habe sich ein so großes Gewächs
-am Halse, jede Minute mehr anschwellend erhoben, daß man Schelver
-haben rufen müßen, der mit zwei Strichen, Krämpfe und Gewächs habe
-verschwinden lassen.
-
-Jean Paul setzte die Möglichkeit sich in magnetischen Rapport mit einem
-Andern zu versetzen, lediglich in den Willen des Anderen, des Stärkern.
-Ich erlaubte mir ihm dagegen zu bemerken, daß wenn dies in Wahrheit
-gegründet sei, der Wille manches Menschen gewiß seinen Regenten schon
-in magnetischen Schlaf versetzt hätte, worüber der Dichter lächelte und
-in die beste Laune gerieth.
-
-Ein andermal ging ich in seiner und einer größern Gesellschaft
-in den Ruinen des Heidelberger Schlosses umher. Plötzlich blieb
-er gedankenvoll bei einer Blume stehen, die eine Spinne mit
-ihrem schnellgefertigten Netze umspann. Als die Geschäftige die
-Blumenfinsterniß vollendet hatte, und gleich darauf einige Fliegen
-fing, rief der große Humorist mir lächelnd zu: »Das ist das leibhaftige
-Bild des Recensenten.« Am andern Tage ging ich, über diese geistreiche
-Bemerkung nachsinnend, allein zu der recensirten Blume Wohnung. Ein
-Regenstrom hatte das Gewebe getrennt und die erquickte Rose strahlte
-schöner als gestern. Freilich war die Spinne ein Recensent, guter Jean
-Paul! aber der Regen war auch der Strom der Zeit und der andere Tag
-bildete die Nachwelt.
-
- * * * * *
-
-In demselben Hause worin Jean Paul wohnte, wohnte auch ein Student,
-den ich +Meier+ nennen will, und der immer mit den größten
-Männern seiner Zeit zusammengewürfelt wurde. Meier hatte auch einmal
-Göthe besucht und den Platz neben dem Dichter im Sopha eingenommen.
-Plötzlich ging die Thür auf. Göthe, der alte Geheimerath von Göthe ging
-dem Freunde entgegen; der Bursch, welcher den Ankommling wie er sich
-nachher ausdrückte für einen Jenaer Philister gehalten hatte, blieb
-ruhig gegen alle Regeln der Lebensart auf dem Sopha sitzen. Der Fremde
-nahm Göthe’s Platz neben dem künftigen Doctor ein. Der Vater Faust’s
-und Mephistopheles aber sagte freundlich: »Ich muß die Herren doch mit
-einander bekannt machen: Der Herr Studiosus Meier, Seine königliche
-Hoheit der Großherzog von Sachsen-Weimar.«
-
-»Jean Paul besucht mich alle Tage,« pflegte Meier wol zu renommiren,
-»ich weiß selbst nicht was er an mir findet, aber ich muß ihm immer
-erzählen. Nur von Poesie und namentlich von seinen Schriften darf ich
-bei Strafe seines höchsten Zornes nicht mit ihm reden. Ich mag den
-Kerl, wo man sich so viel ausmacht, nicht erzürnen.«
-
-Es wäre interessant, die Studien, welche Jean Paul damals an Meier
-gemacht hat in seinen späteren Werken aufzusuchen. Ich behalte mir
-dieses Privatvergnügen vor und will den guten Meier je anpaulianisirt
-schon auffinden.
-
-Jean Pauls intimster Freund in Heidelberg war der Professor Heinrich
-Voß, Sohn des alten Dichters »Johann Heinrich,« der in seiner reichlich
-vergeltenden Gegenfreundschaft so weit ging, daß er gewöhnlich als Jean
-Paulscher Agent kleine Zettelchen bei sich trug, auf welche er gute
-Einfälle, die er aussprechen hörte, verzeichnete, und dabei bemerkte,
-das ist etwas für meinen Jean Paul. Wirklich soll dieser eine Menge
-solcher Witzfunken auf einzelnen Blättchen gehabt, und wie bei jenem
-chinesischen Brettspiel die einzelnen Pflöcke, die einzelnen Witze zu
-einem Ganzen vereint haben. Das ist freilich denn oft auch in des
-Dichters Schriften zu bemerken, dessen Gedankenfügung nicht immer
-Mosaik-Arbeit, sondern oft durch lange ermüdende Brücken vereinigt ist.
--- Interessant sollen die Unterredungen zwischen Hegel und Jean Paul
-gewesen sein. Dieser, immer überwunden von dem Feldherrn der Gedanken,
-soll zur großen Ergötzlichkeit des Philosophen sehr geschickt in die
-Höhlen der Vorstellung geflohen sein.
-
-+Heinrich Voß+ war ein köstliches Gemüth, schade für ihn, daß es bei
-ihm nie zum Durchbruch aus dem Familienleben, zur Emancipation aus
-der väterlichen Gewalt, zur Selbstständigkeit und zu dem sittlichen
-Moment der Ehe kam. Er war und blieb, wie Wolf ihn, freilich in einem
-andern Sinne nannte, das _puer heidelbergensis_. Von sechs bis zwölf
-arbeitete er, damals größtentheils an der Shakespearschen Übersetzung,
-dann ging er zum Vater und las dem seine _pensa_ vor. Sein ganzes
-Leben war den ganzen Tag über das Thun und Treiben eines unter der
-strengsten väterlichen Gewalt stehenden, kaum confirmirten Knaben. Er
-kannte bloß den Willen seiner Eltern. Nur am späten Abend liebte er
-eine heitere Gesellschaft, in der er, ohne Vorwissen seiner Eltern,
-stets der Letzte verweilte, und die er durch köstlichen Humor, vor
-Allen zu würzen verstand. Nichts desto weniger, obgleich er oft
-erst mit dem Mond zu Bette ging, begrüßte er stets die Sonne beim
-Lever. Solche Anstrengungen so wie der Mangel an Bewegung mußten den
-Tod des corpulenten Mannes erfrühen. -- Einer der Genossen seiner
-Abendtafel war der jetzt gleichfalls verstorbene an der Heidelberger
-Schule angestellte Professor +Martens+, ein wohldenkender aber stets
-regierender Mann, welcher positiv nur seinen Lehrer, den alten Voß,
-noch mehr aber den dänischen Dichter +Holberg+ anerkannte, den er, wie
-ein guter Theolog die Bibel, in jedem Lebensverhältniß zu citiren und
-zum Schiedsrichter zu machen verstand. Sein höchstwitziges Spottgedicht
-in Hexametern, auf die Manheimer Schneider, welche dem Kaiser Alexander
-die Krenk’ wünschen, weil dieser bei einem Heidelberger Kleidermacher
-einen Frack hatte machen lassen, ist mir leider abhanden gekommen.
-
-Unter mehreren Briefen, welche ich von ihm besessen, finde ich nur noch
-einen einzigen, der freilich von nicht großem allgemeinen Interesse
-ist, aber doch von der bodenlosen Gutmüthigkeit zeugen mag, womit
-derselbe zu helfen bereit war.
-
- Heidelberg, den 18. October 1817.
-
- »Unser Freund M. hat mir gesagt, daß Sie wegen der Ferne Ihres
- Wohnortes und der gegenwärtigen Abwesenheit des Herrn von H. nicht
- sogleich die Summe von zweihundert Gulden aufzubringen wüßten, und
- mich gebeten, Ihnen solche vorstrecken. Wie gerne ich dies auf der
- Stelle gethan hätte, wissen Sie, aber gerade jetzt kann ich es
- nicht. Ich bitte Sie also die Summe von einem Andern aufzunehmen,
- verbürge mich hiermit, daß Sie solche am ersten Januar 1818 sammt
- der üblichen Vergütung wieder bezahlen werden, und leiste die
- Bürgschaft mit derselben Freude, wie ich sie meinem eignen Bruder
- würde geleistet haben. Sollten Ihre Gläubiger meine Handschrift
- nicht kennen, so bin ich jede Stunde bereit mich zu stellen,
- wenn Sie es fodern und mich als der Schreiber dieser Zeilen zu
- legitimiren. Auch bin ich erbötig, den von Ihnen zu schreibenden
- Schein über die Empfangssumme mit meiner Namensunterschrift zu
- unterzeichnen.«
-
- =_Dr._ Heinrich Voß=,
- Professor der Philosophie auf der
- hiesigen Universität.
-
-Zu den interessantesten Tischgästen, welche damals im Badischen Hofe
-dinirten, ist ein Domherr v. +Wambold+ zu rechnen, ein Epikuräer,
-im edelsten Sinne des Worts, der seinen Stand schon im Heidenthum
-gegründet hätte; dann -- +Morstadt+ mein alter Freund, dieses
-Universalgenie, dessen Gehirn gewiß eben so viel Brei wie Cüvier,
-und wenigstens _esprit pour quatre_, hat, und ein origineller
-Liefländischer Baron Uexküll, der seinen 3jährigen Urlaub als Adelicher
-im Auslande schon seit zwanzig Jahren in Deutschland zu benutzen
-schien. Ich habe mit diesen Herrn die interessantesten Diners und
-Soupers meines Lebens verlebt.
-
-Heinrich Voß hatte mich lieb gewonnen. Jeden wärmsten Momenten
-seiner Freundschaft pflegte der gute Sohn, mir wie einen Knaben von
-einer Weihnachtsbescheerung von dem Glück zu erzählen, seinem Vater
-vorgestellt zu werden. Schon um des Sohnes willen, aber auch von
-dem abgesehen, war mir die Bekanntschaft des berühmten und in so
-vieler Hinsicht verdienten Mannes erwünscht, welche mir noch dadurch
-erleichtert wurde, daß der alte Herr sich über eine Idylle, welche ich
-auf Geßners Leier schon auf der Hamburger Schule gedichtet, und die
-sich in meiner »Leier des Meisters in den Händen des Jüngers« befindet,
-günstig geäußert hatte.
-
-Der alte Voß empfing mich in seinem mit einer hohen steinernen Mauer
-umgebenen Garten, in dessen Mitte seine Wohnung lag. Ich kann
-nicht sagen, daß sein Anblick auf mich einen günstigen Eindruck
-machte, ich fühlte mich um vier Jahre verjüngt von einem fremden
-Schulmonarchen stehend, der mir Horazens Kochsatiren erklärte. Denn nur
-+Speisen+, und wie man in Heidelberg die Zubereitung derselben
-nicht gehörig verstehe, waren der Inhalt seiner Anrede. Namentlich
-wurde Hegels Kohl als sehr blähend getadelt. -- Dann ging der alte
-Herr auf seine Werke über und klagte, wie ihn sein Verleger von der
-Übersetzung irgend eines Autors, rücksichtlich der Zahl der gedruckten
-Exemplare betrogen, und im vorigen Jahre zu einer Reise in den Norden
-bewogen habe. -- »Ich wußte es wohl,« redete er, »daß eine Schelmerei
-dahinter stecken mußte. Denn ich habe es noch nie erlebt, daß meine
-Bücher Ladenhüter geworden sind.« Zum Schluß erzählte Voß von Zacharias
-Werner, der katholisch geworden sei, obgleich er ihm, Voß, dem dieser
-Übertritt geahnet, so fest das Gegentheil versprochen habe. -- Er zog
-jetzt mit allen Gründen gegen Werner zu Felde und endete dann mit dem
-mir unvergeßlichen Gevatterschnack: »Aber was sollte man auch von ihm
-erwarten? Als er das letzte Mal in meinem Hause war, hatte er, wie
-ich mit Bestimmtheit erfahren, im rothen Ochsen, wo er logirte, eine
-bedeutende Quantität Wein getrunken. Nichts desto weniger trank er
-so viel Wein bei mir, daß meine Ernestina, welche sonst nicht daran
-gewöhnt ist, ihren Gästen den Wem nachzuzählen, trippelnd zu mir kam,
-sprechend: Väterchen, Väterchen! sieh einmal wie der Mann trinkt.« --
-Diese Worte, denen Voß nicht die Thatsache hinzuzufügen vermochte, daß
-Werner berauscht mithin seiner Aufnahme unwürdig geworden sei, machten
-einen üblen Eindruck auf mich und veranlaßten mich der schließlichen
-Einladung des alten gewiß in so mancher Hinsicht verdienten und
-respectabeln Herrn, sein Hausfreund zu werden, nicht zu folgen. Ich
-habe ihm nie wieder gesehen, und hatte alle meine List nöthig um den
-Sohn, der jetzt Einladung auf Einladung zu seinen Eltern folgen ließ
-ausweichend zu bescheiden.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
- Die Burschenschaft. Das Ehrengericht. Die Landsmannschaft. Die
- Cerevisia. Die Kurländer. Die Holsteiner und Schleswiger. Die
- Meklenburger. Die Schwedisch-Pommeraner. Die Schweizer. Die
- Hansestädter. Das Hazardspiel. Die Hanoveraner. Die Westphalen.
- Peter Fix. Die Würtemberger. Ruhs.
-
-
-Die Burschenschaft war in Heidelberg kurz nach den Feldzügen
-entstanden. Der größte Theil derselben hatte den Freiheitskrieg
-mitgemacht. Die Verehrung womit Körner das Haus Habsburg besungen
-hatte, durchzitterte noch die Brust aller Burschen; Liedern zur
-Verherrlichung Scharnhorst’s und Blücher’s, folgte ein Toast zu Ehren
-des Preußischen Königs. Es war allen bundestagsmäßig zu Muthe, wie die
-Auszüge aus den Protocollen der burschenschaftlichen Verhandlungen
-in Jena auch ergeben werden, man wollte das Gefühl Deutscher
-Nationalität so lange als möglich erhalten, und fast Jeder glaubte, die
-Burschenschaft sei auf Universitäten das einzige Vehikel hiezu. -- Eine
-strafbare Tendenz hat die Heidelberger Burschenschaft bis zum Jahre
-1819 nicht im Entferntesten gehabt. Die Emissaire der Schwarzen aus
-Giessen und einzelne politische Schwärmer aus allen Ständen fanden in
-der Burschenschaft keinen Anklang. Wäre man meinem Rathe gefolgt, den
-ich zu Hundert Malen öffentlich ausgesprochen habe, alle Verhandlungen
-dem academischen Senate vorzulegen, die Burschenschaft würde bis auf
-den heutigen Tag eine tolerirte Verbindung sein. Denn welche Regierung
-könne es verantworten ein Institut zu zerstören, welches Sittlichkeit
-den Studenten zur Bedingung machte, die Scheidemauern unvernünftiger
-und unsittlicher Landsmannschaften stürtzte, Liebe und Versöhnung
-predigte, jeden Zweikampf erst vor ein Ehrengericht zur Sühne brachte
-und sich gegenseitig den Zweck, weshalb man auf Universitäten ist, »das
-Lernen,« stets in das Gedächtniß rief. -- Hier sind übrigens die großen
-Verdienste nicht zu übersehen, welche Hegel sich um die jungen Gemüther
-erwarb. Seine phylosophische Rechtswissenschaft, seine Lehre von Staat
-als der wirklichen sittlichen Idee, trat zwar nur vor das Bewußtsein
-weniger, aber doch größtentheils der besten Köpfe, denn diese fühlten
-wie Verrina sagt, etwas von dem alten Meister, »+was man Respect
-nennt+,« und übertrugen ihre Empfindung unwillkührlich auf die
-Übrigen, indem sie sie überzeugten, daß man erst gar Vieles lernen
-müsse, bis man die Welt verbessern könne.
-
-Durch das Ehrengericht sind zu meiner Zeit viele Duelle verhütet
-worden. Der Zufall will, daß ich ein von mir selbst aufgenommenes
-Protocoll noch besitze, dessen Aufnahme freilich höchst mangelhaft ist,
-welches aber doch hier seinen Platz finden mag.
-
- =Sitzung des Ehrengerichts den 19. März 1818.=
-
- In der heutigen Abendsitzung wobei N... fehlte, war Sch... als
- Substitut eingetreten. R... war für den abwesenden Sprecher N...
- als Sprecher gewählt.
-
- von L... erschien und erklärte:
-
- »Als er heute auf der Gutmannei Whist mit N... aus Schwaben und
- Z. gespielt habe, sei ihm N... 1 fl 30 Xr. schuldig geworden. Fr.
- von L... habe darauf gesagt, ich will dir morgen das Geld zahlen,
- da ihm aber eingefallen sei, daß N... ihm noch acht Köpfe oder 2
- fl 12 Xr. schuldig sei habe er zu N... gesagt: da du mir noch
- Geld schuldig bist, so will ich das davon abrechnen. Hierauf habe
- N... dies geleugnet und als Z. von v. L... als Zeuge dieser Schuld
- angerufen, diese bestätigt habe, zum N... gesagt, daß er diese
- Schuld abrechnen müsse. Darauf habe N... gesagt: »»Du sollst mir
- das Geld auf der Stelle geben.«« v. L... habe darauf erwiedert:
- »»Jetzt gerade thu ich es nicht«« sei aufgestanden und weggegangen.
- Darauf, habe N... gesagt, dies sei eine »+Büberei+.« Da v.
- L... diese Worte nicht genau verstanden, habe er den Z. zum N...
- geschickt und ihn deshalb constituiren und in den Fall, daß N...
- das Wort »+Büberei+« gesagt, ihn auf Pistolen fordern lassen.
- -- N... habe das Gesagte gegen Z. bestätigt und ihn morgen halb
- drei Uhr, auf die Hirschgasse bestimmt.«
-
- von L... erklärte dabei, daß er den N... deshalb auf Pistolen
- gefodert habe, weil er sich wohl erinnere wie sehr er gegen N... im
- Kampfe mit dem Schläger im Nachtheil sei.
-
- N... leugnet, daß v. L... gesagt habe er wolle morgen das Geld
- geben, derselbe sei vielmehr mitten im Spiel aufgestanden. Das Wort
- »+Büberei+« habe er im Unmuth aber nicht im beleidigenden
- Sinne ausgesprochen.
-
- Das Ehrengericht berieth sich über diesen Punct und erkannte:
-
- Daß v. L... zu seiner Pistolenforderung einen unzulässigen Grund,
- nämlich den, daß N... ihm als Schläger überlegen sei, gehabt habe.
- Das Ehrengericht finde daher für keinen Fall gut, das Pistolenduell
- als von ihm bewilligt zuzulassen, und ertheile dem v. L... daher
- hiemit die Weisung diese Foderung zurückzunehmen. -- Da das
- Ehrengericht aber dafür halte, daß N... keineswegs einen Grund zu
- dem Worte +Büberei+, welchem übrigens in diesem Lande auch
- nicht der beleidigende Sinn wie in Norddeutschland, da es hier nur
- +Kinderei+ bedeute, beizulegen sei, so erwarte es, daß sobald
- v. L... die Pistolenforderung, auch N... das Wort »Büberei« als in
- der Hitze ausgestoßen, zurücknehme.
-
- V. L... nahm hierauf die Pistolenforderung, N... das Wort »Büberei«
- zurück.
-
- Es folgen die Unterschriften der Ehrenrichter.
-
-Wenn nun gleich das Ehrengericht nur vermittelnd eintrat, so sind
-doch während meines fast zweijährigen Aufenthaltes in Heidelberg nur
-zwei Duelle in der Burschenschaft consumirt worden, während mit den
-Corpsburschen täglich zwei Kämpfe vorfielen.
-
-Die Contrerevolution äußerte auch unter den Studenten ihre
-unausbleiblichen Wirkungen, sie paralisirte die Burschenschaft
-zum Corps und vereinigte umgekehrt die Landsmannschaft zu einer
-burschenschaftlichen Verbindung. Früher war dies anders, da trieb die
-Göttin Eris ihren Apfelhandel unter den Landsmanschaften selbst, die
-ohne Gegenwirkung nur sich vereinigten, wenn es galt, einem Professor
-die Fenster einzuwerfen oder einen Philister in Verruf zu bringen. Zwar
-gehörte ihnen die ganze Welt, und hatte früher auf der Seniorenconvent
-die ganze Erde so getheilt, daß Nassau Amerika, Westphalen Asien,
-Kurland Afrika und jedes Corps nach Verhältniß seiner Größe einen
-bedeutenden Placken aus der Gemeinheit der Erde erhalten hatte. Ein
-Senior hatte sogar vorgeschlagen die Sterne zu vertheilen, das war
-aber noch bisher unterblieben. -- Aber ein unglücklicher Neuseeländer,
-den die Diplomatik der Studiosen zum Schweizer bestimmt hatten, war
-kaum ohne Erlaubniß unter die Nassauer gegangen, als er sich mit einem
-Schweizer, der gerade damals allein gegen den Grundsatz _tres faciunt
-collegium_ seine Landsmannschaft repräsentirte, auf Tod und Leben
-schlagen mußte. Den Helvetier traf ein Hieb in die allzukühne linke
-Hand, die Nassauer wurden stolz auf ihren neuen Landsmann, und der
-Überwundene trank »_smollis_« mit dem Neuseeländer, indem er ausrief:
-Welch ein Verlust für die Schweiz, daß du Neuseeländer ein Nassauer
-geworden bist.
-
-Das Biersaufen war damals zu einer grauenerregenden Höhe gestiegen. Es
-gab sogenannte »Staats-Bierschwaben,« welche es bei einem Commersch
-bis auf zwei und siebenzig Schoppen, also bis auf sechs und dreißig
-Bouteillen brachten. Dabei war das Bier wie noch jetzt, im Durchschnitt
-schlecht, und wenn gleich berauschend, geistlos. Vergebens ließen die
-Professoren der Medizin fast in allen Stücken ihr »Wehe« über ein
-solches unmäßiges Trinken ertönen, umsonst wollten sie gewissermaßen
-accordiren, indem sie eine Quantität als höchstes Maaß bewilligten,
-daß schon jede Grenze überschritt, die Schüler des Hypokrates selbst,
-hielten sich keinesweges selbst, viel weniger ihre Commilitonen in
-Schranken. Ja, es passirte sogar einmal das Unglaubliche, daß sieben,
-freilich größtentheils verkommene Studenten, die ich alle namhaft
-machen könnte, sich das Ehrenwort gaben, sich zu Tode zu trinken, oder
-wenigstens beim _Pereat_, (auch Lustig meine Sieben; besonders in
-Jena, genannt,) einem Kartenspiel, wobei stets gesungen und gezecht
-wird, die Ewigkeit zu belauern. Sie begaben sich Alle nach Neuenheim
-zu den Gastwirth +Freund+, wo sie ihre Parthie, die mit Vieren
-gespielt wird, abwechselnd, vier Tage und fünf Nächte _uno tenore_
-durchhielten, während die drei Unbeschäftigten, bis sie wieder
-berufen wurden, auf Stroh ruhten. Die academische Polizei kam endlich
-hinter den Skandal, zu welcher Kenntniß ich beigetragen zu haben, mir
-schmeicheln darf und zersprengte die Bierherren, von denen sie sogar
-einige consilirte.
-
-War auch in der Burschenschaft der Genuß des Bieres noch »Trinken« zu
-nennen, so überschritt er doch das Maaß. -- Der Gedanke, den Biergenuß
-zu regeln, dabei die jungen Sprudelköpfe vor demagogische Umtriebe zu
-behüten, veranlaßte mich der ich eigentlich in jenen Jahren das Bier
-gar nicht liebte, der Stifter einer +Cerevisia+ zu werden, die im
-humoristischen Gewande alle gefährliche Elemente des Burschenlebens
-unschädlich machen sollte. Ich erfand die Bier-Mythe, daß ich der
-Sohn der Biervernunft sei, die sich so zu sagen in mir verkörpert
-habe und legte mir den Titel »+Eminenz+« bei. Zu gleicher Zeit erließ
-ich ein Gesetz der Zwölf Tafeln, wovon das Erste; _Eminentia errare
-nequit_ (die Eminenz kann nicht irren) schon auf die Tendenz der
-andern schließen läßt. Ich führte Orden ein, den »_pour le merite_,«
-den »Sanct Kannen-Orden« und den »Orden des Biervließes,« welche
-durch Jasminen, Weinblätter und rothe Rosen repräsentirt, und noch
-auf der schon verwitternden Platte, welche bei der Hirschgasse in
-den Steinwall gesetzt worden ist, mit der Inschrift, _Eminentibus_,
-_Eminentia_ (den Vortrefflichen die Eminenz) zu sehen sind. Die Grade
-waren »Junker, Ritter, Vicecommandeure, Commandeure und Großkreutze.«
-Da ein jeder Eintretende den Bieradel und einen Biernamen erhielt,
-so wurde dadurch das Fuchsprellen beseitigt, weil oft ein Fuchs,
-(Studenten im ersten Semester) einen höheren Grad als der alte Bursch
-bekleidete. -- Jeder Rausch führte eine Degradation herbei, wurde daher
-sorgfältig vermieden. Einen armen Theologen, der sich nach erhaltenem
-ersten Graden diesen Fehler zu Schulden kommen lassen, weigerte ich die
-Wiederaufnahme, weil ich ihn für schwindsüchtig und alles Bier für ihn
-schädlich hielt. Ich hatte mich nicht geirrt, einige Tage nach meinem
-Scheiden von Heidelberg segnete er das Zeitliche, wie er mich in der
-Abschiedsstunde mit den schriftlichen Worten gebenedeit hatte:
-
- »Sind wir auch vielleicht auf immer getrennt, so hält uns doch das
- Band der Biervernunft zusammen und gerne bleibe ich treu bis in den
- Tod der Biervernunft und Eminenzen.«
-
-Die größere Hälfte der etwa aus 150 Mitgliedern bestehenden
-Burschenschaft schwor zur Bierfahne. Dadurch gewann natürlich mein
-Einfluß bei allen Beratungen. Denn es gab allerdings manche noch
-wirklich in Bier befangene unter meinen Getreuen, welche nur im
-Allgemeinen blindlings der Eminenz beitraten, als demjenigen der
-in allen Dingen das Biervernünftigste sage. Ja ich habe oft in mir
-lächeln müssen, wenn ich, was alle Jahre zwei Mal geschah, unter den
-Hopfenkranz im Cerevishäuschen trat, in welchem Moment die Biervernunft
-in mir verkörperte, und einige meiner Unterthanen mich mit Überzeugung
-von meiner Apotheosirung wie einen Dalei Lama ehrfurchtsvoll
-anstarrten, und den diese hohe Ceremonie begleitenden Vers:
-
- Nimm jetzt des Bieres Glas
- Biere es aus fürbaß,
- Biere mit Eil’
- Daß Dich das Bier bewegt
- Zur Biervernunft Dich trägt,
- Daß Dein Herz bierig schlägt
- Biervernunft Heil!
-
-mit wahrer Andacht, ja selbst unter hervorstürzenden Thränen sangen.
-Ein ächter Cerevisianer, trank, wenn ihm der Arzt das Bier durchaus
-untersagt halte, nie sein Glas Wasser in meiner Gegenwart, ohne
-sich von mir den Cerevissegen: _Sit aqua tua cerevisia_ (Dein Wasser
-sei Bier) geholt zu haben. Auch schlug sich selten einer ohne meine
-Benediction und kurios genug, der Zufall hat gewollt, daß niemals
-ein von mir Gesegneter eine Wunde bekommen hat. Als ich vor einigen
-Jahren in Heidelberg einige ehemalige Cerevisianer wieder in demselben
-Häuschen versammelte, hatte ich decretirt, es solle angenommen
-werden, daß alle Vergangenheit dahin aufgehoben sei, daß unsere
-Universitätsjahre +vorgestern+ -- unsere zwanzig Jahre der Trennung
-+gestern+, und endlich unsere Zusammenkunft das frohe +Heute+ sein
-sollte. Man gehorchte mir mit Heiterkeit, und so begab es sich denn,
-daß Mancher nicht wußte, wohin sein Flaus, den er vorgestern getragen,
-gerathen, und daß er referirte, seine Frau habe ihm +gestern+ zehn
-Kinder geboren.
-
-Kurz nach Errichtung der Cerevisia versuchte man meine Souverainität
-zu stürzen, indem man eine bierständische Verfassung verlangte.
-Meine Lage war um so kritischer als einige meiner Großkreutze, die
-Rädelsführer der gottlosen Parthei waren. Ich versprach die Einführung,
-sobald die Cerevisianer dafür reif seien, stellte ihnen vor wie ich
-der Burschenschaft dafür verantwortlich sei, ein gesittetes Ganzes zu
-erhalten, kurz ich temporisirte, ich hielt die Sache so lange hin, wie
-möglich. -- Die Großkreutze gewann ich durch Freigebigkeit und einige
-neu ornirte Ehrenstellen, wie die eines +Biervaters+, +Bierkanzlers+
-und +Adoption+ eines +Königlichen Sohnes+, und als ich endlich meiner
-Sache gewiß war, erklärte ich, daß es von nun an bei Strafe der
-Bieracht verboten werde, von bierständischer Verfassung zu reden. In
-diesem Sinne handelte ich sofort, ich führte eine geheime Bierpolizei
-ein, welches natürlich zu vielen humoristischen Denunciationen und
-Debatten Anlaß gab, unsere Zusammenkünfte würzte, und erlebte endlich
-das hohe Glück, mich als souverainer unumschränkter Bierfürst anerkannt
-zu sehen.
-
-Im Wesentlichen aber war mein Zweck so erreicht. Ich gab meinen
-Bierstaat der Lächerlichkeit mit Selbstverspottung Preis, und bewahrte
-dadurch meine Freunde vor politischen Träumereien, welche in späteren
-Zeiten eine so grausame Nemesis erfahren haben. Noch jetzt strömen mir
-jährlich von ergrauenden Familienvätern die Danksagungen zu, daß ich
-sie durch meine humoristische Cerevisia vor bürgerlichem und geistigem
-Tode bewahrt habe.
-
-Wenn es bei unsern Commerschen Mitternacht geworden war, durfte kein
-Tropfen Bier eine ganze Stunde bis Ein Uhr getrunken werden. Die Mythe
-lehrte, dann habe die Cerevisia keine Eminenz. Diese sei wie einst
-Numa Pompilius bei der Nymphe Egeria im Hain, im Odenwald bei der
-Biervernunft. -- Dies hatte die Folge, daß die Kopfwehbegabten nüchtern
-wurden, oder was noch besser war zu Hause gingen, _eventualiter_ aber
-einen großen Hemmschuh beim Trinken anlegen mußten. -- Bemerkenswerth
-ist, daß sich in der Cerevisia nie ein Streit unter den jungen
-Flammenköpfen entsponnen hat, der eine, unter den Studenten so leicht
-entstehende Foderung zur Folge gehabt hätte.
-
-Bei den Schwaben befand sich dermalen ein gewisser X., der in
-den letzten beiden Semestern sich endlich entschloß, sich mit
-seiner Fachwissenschaft bekannt zu machen. Er fing nun zwar an bei
-verschlossenen Thüren zu studiren, aber bei seinem Höpfner _Thibaut_
-und _corpus juris_ standen stets einige Bierkrüge, welche er zum
-Anderssein seiner Selbst gemacht hatte. Er trank sich regelmäßig alle
-Stunden mit folgenden Worten vor: »X. einen Schoppen vor -- Gut war
-die Selbst-Antwort, einen Schoppen nach und wieder einen vor.« -- Dies
-Vor- und Nachtrinken mußte nun bei Strafe des Bierverrufs innerhalb
-fünf Minuten geschehen. -- Als nun X. einmal von Kameraden, die an der
-Thür gehorcht und in das Zimmer gedrungen waren, zwischen dem Vor- und
-Nachtrinken gestört, und durch diese höhere Macht, so wie durch sein
-Schamgefühl in den unverdienten Bierverruf gekommen war, dachte der
-ehrwürdige Cerevisianer, nachdem ihn die Landsleute verlassen, edel
-genug, diesen Bierschimpf nicht ertragen zu wollen, und die Größe X.
-paukte die Nichtgröße X. mutterseelen allein, auf eigne Hand, mit einer
-ungeheuren Quantität _Gèrevis_ aus dem Status der Schande.
-
-Um den Freunden der Karten einen Genuß zu bereiten, hatte ich ein
-Spiel erfunden, das nur um Bier und Ehre gespielt, und wozu, wie
-bei dem »Pernat,« gesungen wurde. Die Idee war, daß des _Careau_
-König die +Eminenz+ sei, die andern Könige »+Großkreutze+,« welche
-sich unter einander stachen und auch bedient werden mußten, wenn die
-Eminenz ausgespielt wurde. _Careau_ König stach Alles, _Careau_ Dame,
-(das Bierfräulein) den _Careau_ Buben, (den Bierjunker) die übrigen
-_Careaus_ Cerevisianer stachen sich wie im Whist, aus alle andern
-Farben. Die Coeurs als »Bierrenoncen,« stachen die schwarzen Farben. Im
-Uebrigen zählte Alles in Mariage. Hätte ich Zeit dazu, ich würde das
-Spiel weiter ausbilden, da diese mir aber gar sehr mangelt, so will
-ich diese Arbeit einem Tage- oder Abend-Dieb überlassen. Das Spiel
-hatte übrigens viele Combinationen und Regeln, die ich zum Theil selbst
-schon vergessen hatte. Zwei und zwei spielten zusammen wie ein Whist.
-Diejenige Parthei, welche zuerst hundert zählen konnte, hatte gewonnen.
-Jedes bedeutende Ereigniß wurde mit Couplets begleitet. Sobald die
-Bierdame vom König gestochen wurde, sang man:
-
- (Melodie: _Gaudeamus_.)
-
- _Venit, virgo hilaris
- Casum nullum timens
- Sed puella rapitur
- Et a rege capitur
- Vah! puella cadit._
-
-Das Kobbeschef (von _jeu_) wurde in dem Local der Hirschgasse zuweilen
-an zwanzig Tischen, also von achtzig Menschen gespielt.
-
-Die Kurländer waren unter den Landsmanschaften die gefürchtesten, und
-eine gewisse Tüchtigkeit, ein persönlicher Muth und eine pecuniäre
-Aufopferung ihnen nicht abzusprechen. Die letzte war übrigens mehr
-angeeignet als angeboren; denn da die Väter, wegen der später weiten
-Entfernung den abreisenden Söhnen oft den Betrag der Studienkosten
-für mehrere Jahre mitgaben, so war ein solcher Neuling eine sehr
-willkommene Erscheinung. Der arme Fuchs mußte aber gar bald sein Geld
-hergeben und war oft in einigen Tagen seines ganzen Vorraths beraubt.
-Dafür aber hatte er wieder seine Ansprüche an die nachfolgenden
-Füchse, denen die Freigebigkeit auch bald incoulirt wurde. -- Schlimm
-für den, der einmal Schelmletzt spielen mußte, doch war dies nicht
-leicht zu fürchten, da die Curonen, wenn sie relegirt wurden, gleich
-den Ratzen ihren Wohnort in Compagnie zu verlassen pflegten. Übrigens
-mißfielen mir die Meisten, in deren Riesenkörper meistens perfide,
-grau grüne Augen steckten. Es waren zum Theil übermüthige Junkersöhne,
-die nur darauf ausgingen die Zahl der tollen Streiche, welche ihre
-Väter auf Universitäten begangen hatten, würdig zu vermehren. _Gloriam
-quam pepere majores, digne studeat servare posteritas._ Ein gewisser
-C. schoß sich, -- eine feindliche Kugel bog seine Baarschaft, vier
-Sechsbögner und einen Kronthaler, die auf dem Herzen des Pauckanten
-lagen krumm, ohne den C. zu verwunden, der fast nur höflich gegen die
-Vorsehung die Worte ausstieß: +Weiß der Teufel ich glaube es ist ein
-Gott+!
-
-Der verst. v. M. Senior der Holsteinschen Landsmanschaft in Göttingen
-glaubte, daß sein Corps nicht genug in Ansehen bei den deutschen
-Russen stehe. Nichts desto weniger nahm er eine Einladung zu
-einer Spazierfahrt wie zu einem Commersch von ihnen an, genoß nach
-Herzenslust, bedankte sich aber nach Beendigung der Fête mit den
-Worten: »+So nun erkläre ich Euch Alle für dumme Jungen+.« Diese
-unerhörte Renommage brachte übrigens keinesweges eine Unzufriedenheit
-bei den Kurländern hervor, vielmehr nannten sie den v. M. »einen
-liebenswürdigen Menschen, einen kleinen fidelen Kerl, vor dem,
-wie vor seinem Corps, dessen Senior er sei, man die unbedingteste
-Hochachtung haben müsse.« Auf den Mensuren, bei den Duellen, sprachen
-sie gewöhnlich ihr Lettisch, dem wir Pomeraner, Mecklenburger und
-Holsteiner unser schwarzbrodmäßigstes Plattdeutsch zu ihrem großen
-Verdruß entgegen setzten. Verschieden von den Kurländern waren die
-Liefländer, meistens geborne Salonmenschen, von denen ich mit einigen
-befreundet war. Die Namen _Gulefoky_ und _Porten_ sind mir in das Herz
-gegraben. Doch habe ich zu vielen wegen ihres reservirten Wesens nie
-recht Muth fassen können.
-
-Das originellste Völkchen bildeten, wie auf allen Hochschulen, die
-Schleswiger und Holsteiner. Die ersten, welche einen wunderbaren
-Dialect haben, einen didactischen, der an den eines Schulmeisters
-oder Irrenarztes erinnert, stimmten mit den Holsteinern in ihrer
-humoristischen Selbstverspottung so wie auch darin überein, daß sie
-durchaus kein sogen. Genie unter sich aufkommen ließen, vielmehr wenn
-es emportauchen wollte, wie sie es nannten, gehörig +duckten+. Man
-konnte unter ihnen nur gehörig Posto fassen, wenn man sich fortwährend
-demüthigte und selbst die komischen Seiten des Landsmannes den man
-verhöhnen wollte, sich selber andichtete. Singulär war dabei das
-Heimweh dieser Hyperboräer im himmlischen Baden, wo die meisten
-einstimmten, wenn einer auf der Schloßterrasse ausrief: -- »Aber!
-meine Seel, das ist hier doch nix, ich wollte ich wäre so Gott!
-(Schleswigsche Betheuerungsformel) in Düsternbrock bei Bruhe und äße
-rothe Grütze.« Wie die Holsteiner den grünen Schweizerkäse, (den
-Schabziager) den Glarnern täuschend nachmachen, so ist ihr Heimweh auch
-von dem eidgenössischen nicht zu unterscheiden.
-
-Der Sinn für Deutschheit, welcher sich jetzt in den Herzogthümern so
-mächtig regt, war damals noch nicht in den Deutsch-Dänen zu einer
-Geltung gekommen, sie hingen alle mit bewundernswürdiger Pietät an
-ihrem durch politisches Unglück so hart heimgesuchten König Friedrich
-den Sechsten, wenn sie nebenbei auch keine große Sympathie für die
-einzeln in Heidelberg studirenden Dänen entwickelten. Diese waren
-auch größtentheils wunderliche Gesellen, welche behaupten, Göthe habe
-Plagiate an Oehlenschlägers Schriften begangen, Dänemark sei ein
-Normalstaat, Holberg das größte poetische _ingenium_ der Schöpfung
-und nichts schwerer als +paa+ (auf) Doctor und Poet in Copenhagen zu
-studiren. Wahr ist es, daß man in einem solchen Examen ein gewaltiger
-_Petrus á memoria_ sein mußte, indessen ist Rath dazu da, ein solcher
-zu werden. Es giebt nämlich in Kopenhagen einige Leithammel in jeder
-Facultät, bei denen man so zu sagen, wie bei einem Schneider ein Kleid,
-sich einen Character, den ersten, zweiten oder dritten anmessen lassen
-kann, der auch höchst selten verpaßt wird. -- Jetzt nimmt Einen der
-Magister in die Lehre, instruirt ihn sowohl vorwärts wie rückwärts, und
-schickt seinen Schüler nicht eher in die Examenschlacht, bis er ihn
-so gewappnet hat, um des bestellten Grades sicher zu sein. -- Würde
-übrigens sein Schüler einen schlechten Grad bekommen, so wäre dies ein
-sehr großer Schade für den Lehrer selbst, der in diesem Falle seines
-ganzen Honorars verlustig geht.
-
-In jener Zeit besuchten der geistreiche Dichter Ingemann aus Soron
-und ein alter ehrwürdiger Probst Schmidt aus Norwegen, Heidelberg
-auf ihrer Reise nach Italien. Ich führte beide Herren in unseren
-Versammlungen, welchen dieselben mit der größten Theilnahme beiwohnten,
-ja den Skalden zu einem vortrefflichen dänischen Gedichte veranlaßte,
-daß ich verdeutsch geben werde, wenn es mir gelingt das zu ängstlich
-Verwahrte vor dem Drucke dieser Zeilen wieder aufzufinden.
-
-Der Holsteinische Adel war zu meiner Zeit der respectabelste und zeigte
-sich als solcher auch in seinen Musensöhnen. Allenthalben Tüchtigkeit
-der Gesinnung, wie sich jetzt auch in den Vätern manifestirt,
-wissenschaftliches Streben und Urbanität. Die auguste Pferdeliebhaberei
-der neuern Zeit hat freilich Manches verdorben, die Götter und Menschen
-betreffende Conversation ist nur zu häufig eine vierbeinige, indessen
-ist der Typus stehen geblieben und thut die Adelszeitung in der That
-wohl daran ihre Beispiele »+von edlen Handlungen illustrer Personen+«
-unterm Schleswig-Holsteinischen Adel zu sammeln und sich zu diesem
-Zwecke dort einen Agenten zu halten. Merkwürdig ist, daß da wo ein
-Stolz, wie in der wohlbekannten Grafenfamilie doch sichtbar wird, er
-mehr als +Familien-+ denn +Adelsstolz+ hervortritt, sich mithin auch
-gegen seines Gleichen geltend macht.
-
-Die Mecklenburger waren brave Leute, nur zuweilen unangenehme Copien
-der Kurländer, geborne Gegner der Holsteiner, wozu die Schlacht bei
-Sahnstedt in dem Befreiungskriege viel beigetragen haben mochte, und
-mir zu sehr Pferdeliebhaber. Die Spaltung zwischen Adel und Bürger war
-auf der Universität schon fühlbar. Ihr Sinn ist schon in der Jugend auf
-das Practische gerichtet, ich habe keinen Schwachkopf aber auch kein
-poetisches Gemüth unter ihnen gefunden.
-
-Ihre Nachbarn, die Schwedisch-Pommeraner bildeten den mir liebsten
-deutschen Volksstamm. Ich glaube nicht, daß sie ihrer längern
-Verbindung mit Schweden ihre Biederkeit verdanken, sie war aber zu
-meiner Zeit auf eine überraschende Weise in ihnen vorhanden. Sie
-hafteten Alle _in solidum_ unter sich, war Einer schwer erkrankt,
-so schienen sie alle +plurig+, war Einer beleidigt, so schien die
-deutsche Blutrache aufzuleben, war Einer schuldig, so schossen die
-Andern für ihn zusammen, ja als Einer sich sogar einmal blamirte,
-schienen sie alle verwirrt und mit blamirt. Es war dies ein Fall wo der
-gute musikalische X. im, durch Weinlaune und Neckerei herbeigeführten
-Zorn, die Hand nach einem Freunde ausgestreckt, dieser aber die
-Realinjurie sehr geschickt mit den Worten abgelenkt hatte: »Solche
-Pöbelhaftigkeiten verbitte ich mir selbst im Spaß.« Die Sache kam zur
-Untersuchung, es wurde auf den Verruf des Beleidigers angetragen, und
-ich von den Pommeranern zum Vertheidiger ihres Landsmannes gewählt.
-Meine Defension gelang mir so gut, daß X. der inzwischen mit seinem
-Gegner auf Schlägerei und ohne Binden, losgegangen war, zum großen
-Jubel seiner Landsleute, die mir so herzlich die Hand drückten, frei
-gesprochen wurde. --
-
-Nie verließ den Pommer eine gewisse Ruhe, womit er Alles selbst das
-Begeisternde angriff. -- Als Typus hiefür diene folgende Anekdote: Der
-ehrliche v. S., welcher sich einen derben Rausch geholt hatte, trug
-eine Leiter ins Freie indem er den ihn Fragenden wohin er wolle, ruhig
-antwortete: Ich will in den Himmel steigen.
-
-Unter den Preußischen Pommeranern entsinne ich mich einen Hr. v. G.,
-der mir gegenüber in dem Fahrbachschen Hause wohnte, wo die ungeheuren
-Pfeifenquäste eines relegirten Kurländers den Griff an dem Klingelzug
-des Zimmers bildeten. Als ich mich einmal in der Winterzeit zur
-Beschaffung einiger Arbeiten, eine Zeitlang um fünf Uhr Morgens wecken
-ließ, erregte dies einiges Aufsehen unter meinen Freunden, welche meine
-Nicodemus-Natur nur zu wohl kannten. Da ich indessen Beharrlichkeit
-zeigte machte ich bald einige Proseliten, und namentlich bat mich
-G. ihm als meinem Übernachbar, -- bei meinem Lever sofort seinen
-Namen zu rufen. -- Das geschah denn auch regelmäßig, indessen nicht
-lange Zeit mit Effect für meinen Freund, der sich bald an mein Rufen
-gewöhnt hatte, wie ich früher an das Rauschen des Brunnens in der
-Mittelbadgasse.
-
-Ich hatte bemerkt, daß kurz nach meinem Rufe, die Schallern
-(Fensterladen) der ganzen Kettengasse sich successive öffneten,
-indessen kein Arg weiter daraus gehabt. -- Nun begab es sich, daß nicht
-gar lange nachher, zwei auf einander folgende Kommersche mich erst um
-Vier Uhr Morgens zu Hause führten. Meine Laune wollte es indeß, daß
-ich jedes Mal meinem Freunde G. noch vor dem Niederlegen seinen Namen
-zurief und dann mich auf mein Lager warf.
-
-Als ich am zweiten Abend in die sogenannte Kolonie zu dem Bäcker und
-Weinwirth Schwarz etwa um 8 Uhr zum Nachtessen kam, fand ich denselben
-auf seinen Arm gestützt, schlafend. -- »Ei was Herr Schwarz!« hub ich
-an, »erst zu Nacht gespeißt, und dann geschlafen. Wer schläft denn so
-früh?« »Sie haben gut spreche Herr Baron,« erwiederte der aus seinem
-Schlummer hervortauchende Weinwirth. »Sie habe uns zwei Tage gut
-gehabt. Ich parire die ganze Kettegaß’ und die ganze Hauptstraß’ auf
-dieser Seit’ ist hundsmüd!«
-
-»Aber wie kann ich daran Schuld sein?«
-
-»Sehe Sie Herr Baron,« fuhr Schwarz fort, »Sie wohnen ins Silberschmidt
-Soise. Die Frau ischt ä akkerate Frau und die weckt Ihne meinetwege um
-fünf wann de Frankfurter Poschtkarre komme. Itzt sind Sie ufgestande
-und habe aus Ihne Ihr Fenschter den Herrn Baron v. G. gerufe. Das habe
-mir Nachbare bemerkt und allemal sein mir ufgestanden, wonn Sie G.
-gerufe habe. Itzt habe Sie uns Alle mit ihrem G. Rufen aber zwei Morge
-um drei Stunde früher aus dem Bett getrieben. Ischt des Recht, mir
-lasse uns holt aber nicht wieder anführe.«
-
-»Ei Ihr verwünschten Philister!« entgegnete ich lachend aber voll
-Burschenstolz. »Wie könnt Ihr denn verlangen, daß ich euer Haushahn
-oder gar Euer Wecker sein soll.«
-
-Meine Geschichte aber erregte einen entsetzlichen Trödel unter den
-Burschen.
-
-Die Schweizer saßen bei einem Conditor in der Mittelbadgasse zusammen
-und tranken im +Kaffeehause+ ihr Bier. -- Mir fällt dabei ein,
-daß im Süden namentlich in Carlsruhe das Wort Kaffeehaus ein eben
-so unpassender Name ist, wie die Ableitung des »_lusus_« _a non
-lucendo_. Wie in einigen Städten das Schauspielhaus oft das einzige
-Haus ist worin nicht geklatscht wird, trinkt der Fremde im ganzen
-Jahre vielleicht nicht eine einzige Tasse Kaffee, obgleich das
-Wirthshausschild den vorüber Gehenden zu einem solchen Tranke einladet.
-
-Die meisten Schweizer waren in der Burschenschaft ohne sich im
-Ganzen lebhaft dafür zu interessiren. Sie stritten sich lieber unter
-einander beim Conditor, wo sie ihre Cantone durch politische Zwiste
-würdig repräsentirten. Der vorzüglichste unter ihnen, ein Mann von
-edlem Herzen und klarem Kopfe, der einzigste auf den die Hegelsche
-Disciplin schon damals sichtlich einwirkte, ist vielleicht jetzt der
-ausgezeichnetste Schweizer, der allbeliebte Landamman +Schindler+ in
-Glarus. -- Zwei unzertrennbaren Freunden, Rauschenbach und Stünze
-überkam kurz nach einander der Tod auf eine seltsame Weise. Dem ersten
-flog beim freundschaftlichen Rappiren[2] ein Stück der abspringenden
-Klinge seines Gegners in den Schädel. Kein Trepan konnte ihn retten, er
-starb nach wenigen Stunden. Rauschenbach der Schinzmacher schnitt sich,
-obgleich er Mediciner war, ungeschickt einen Leichdorn. Die Wunde wurde
-gefährlich, der kalte Brand trat dazu und unser athlestischster Student
-mußte elendiglich umkommen, da er zu spät in eine Amputation des Beines
-gewilligt hatte.
-
-Rauschenbach war der beste Schläger unserer Burschenschaft, während die
-Landsmanschaften in dem Kurländer W. ihren Haupthahn hatten. Ein jedes
-Mitglied der einen Parthei hätte seinen ganzen Wechsel für ihren Heros
-verwettet, und so mußte es am Ende denn ja kommen, daß sich die beiden
-Herren befehdeten. Sie contrahirten:
-
-»Morgen gehen Rauschenbach und W. auf der Hirschgasse mit einander
-los,« so hieß es eines Tages, und zwar in den Ferien, wo zwar kaum die
-Hälfte der Musensöhne in Heidelberg war aber von diesen wiederum kein
-Einziger in der Kampfhalle fehlte. --
-
-So standen sich wie einst die Horatier und Kuriatier entgegen, jeder
-Theil für den Ruhm seines Kämpfers zitternd.
-
-Allein der vierte Gang entschied zum Nachtheil der Burschenschaft.
-Rauschenbach schien durch die klobigen Schläge seines Gegners verwirrt,
-seine schnell erwiederten Hiebe fielen nur flach, er selbst aber bekam
-eine Wunde in den Arm. Da er der Beleidiger war, so war das Duell durch
-seine Verwundung beendigt.
-
-Die naive Bemerkung des Überwundenen gegen seinen Gegner: »Mit
-Schlägern können Sie mir wohl etwas beibringen, allein ich fodre
-Sie, wenn meine Wunde einmal geheilt ist, auf einen Rappierjungen,«
-versetzte mich in eine humoristische Stimmung, nicht aber alle
-Burschenschaftlern, welche glaubten, Rauschenbach habe sich ein Dementi
-dadurch gegeben, weil er die Ehre der Fechtkunst höher als die der
-Burschenschaft setze. --
-
-Diese Äußerung wurde auch von den Corps sehr malitiös, als die eines
-Manschottarii gedeutet, man lachte, wir nahmen hingegen natürlich
-die Parthie unseres Besiegten. In zehn Minuten waren vierzig Duelle
-contrahirt, welche indessen später durch die academische Polizei
-annullirt wurden.
-
-Spaßhaft war die Beschreibung der Trauer eines sehr vornehmen Baseler,
-worin seine und jede vornehme Familie in dieser Kaufmannsstadt versetzt
-wird, wenn ein Sprößling derselben auf die Idee kommt, zu studiren.
-Es wird kein Mittel unversucht gelassen, um den Schwärmer von seiner
-unglücklichen Idee abzubringen. Zuletzt verspricht man ihm baldige
-Aufnahme in die Firma und wenn es gar nicht anders ist eine reiche
-Cousine. Ist alles vergeblich, so wird in einer Art Familienrath der
-bürgerlich Todte bei einer Tasse Thee beweint und über den Verfall der
-guten alten Zeit geseufzt.
-
-Unter den freien Städtern gefielen mir die Frankfurter am meisten. Wer
-erinnert sich nicht des lustigen Sängers vom Prinzen Eugenius? Wer
-nicht des kräftigen O., des biedern F.? -- Der liebenswürdige Bremer
-Castendyck ist schon vor mehreren Jahren als Amtmann in Bremerhafen
-gestorben. Von den Hamburgern sind diejenigen, welche überall etwas vom
-Studentenleben durchmachten, die Chargen der zufriedenen Unzufriedenen
-geworden. Unter den Aristokraten war schon damals oft ein Hauptstreit,
-wie viel +Mark+ der und oder habe, ob der Commerz-Deputation +löblich+
-oder +wohllöblich+ gebühre, u. dergl. m. Von den Hamburger Juristen
-ist zu sagen, daß sie viel für ihr Fach gelernt haben. Allein sie
-ergreifen auch größtentheils nur die practische Seite. Die lyrischen
-Anlagen im Menschen verlangen zu ihrer Entfaltung etwas Hunger und
-Unglück[3] sie weichen nur zu leicht von dem materiellen reichen
-Hamburger, bei dem nach der Börse ein glänzendes Abendessen einer
-reichbesetzten Mittagstafel folgt, welche nur durch einige Rubber
-Whist getrennt wird, etwa wie Hamburg und Altona nur durch die kurze
-Straße des Hamburger Berges geschieden sind. -- Der geistvolle +Bluhme+
-mein alter Schulcamerad besuchte mich mit dem jetzt auch verstorbenen
-+Siemsen+ in Heidelberg und verlebte frohe Tage bei uns, die ihn viel
-mehr anheimelten als sein Aufenthalt in Göttingen, wo man dermalen zwar
-sich nur selten nach neun Uhr in öffentlichen Wirthshäusern zeigte
-indessen desto mehr Verbotenes auf den einzelnen Kneipen trieb. --
-
-Diese Sünden waren während meines ersten Semesters in Heidelberg
-unbekannt; erst der Göttinger Auszug, welcher im Herbst 1817 die Zahl
-der Studenten in Heidelberg verdoppelte, vergifteten das Burschenleben
-daselbst, das sich bis dahin in der That in einem liebenswürdigen
-Zustande der Unschuld befunden hatte. Namentlich riß das Dreikartspiel
-(Zwicken mit Fiduz) das Landsknecht, (französisch _lansquene_) und vor
-allen Dingen das sogenannte _L’hombré_ mit Ohren, das Pharospiel ein.
--- Ein einziger Student, welcher gewöhnlich eine Bank von einer Pistole
-auflegte die er stets erneuerte, wogegen er aber wenn er gesprengt
-wurde nicht für alle Sätze haftete, nahm den Studenten vielleicht in
-einem Jahre fünfzehnhundert Thaler ab. --
-
-Man hätte ihn gewiß consilirt und er hätte es zehnmal verdient, wenn
-er nicht der Neveu eines hochansehnlichen Professors gewesen wäre. Der
-gute Mann führte übrigens ein wunderliches Leben. Er secondirte fast in
-jedem Duell, oft mit Lebensgefahr, also etwa eine Stunde, legte jeden
-Abend zwei Stunden Bank auf, war aber dabei der fleißigste Student
-in Heidelberg, da er sonst Tag und Nacht studirte. »Man muß sich für
-seine Freunde aufopfern,« pflegte er zu sagen, sowol wenn er die Karten
-zum Abschlag, so wie wenn er den sogenannten Secondirprügel, ein dazu
-bestimmtes Rappier, zum Abmessen der Mensur ergriff.
-
-Der Churhesse G. war dazu bestimmt, uns an den Goliath der Kurländer,
-dem übermüthigen W. zu rächen. Eine kräftige Quart trennte mit der
-Geschicklichkeit eines Friseurs die große Unschuldslocke, welche
-über der Wange des Gegners hing, vom bemoosten Burschenhaupt und
-fuhr dazu noch ziemlich tief in die fleischige Backe. Dies Ereigniß
-erregte allgemeinen Jubel und ist auch in der fünften Scene meines
-Burschenerdenwallens besungen worden. Ich ernannte G. der eigentlich
-kein Bier zu trinken gewohnt war, sofort auf dem Schlachtfelde zum
-Biergrafen von Schwernoth wie zum Großkrenz des _Cerevisia_.
-
-Von den Hannoveranern ist wenig zu referiren. Außer den vortrefflichen
-Gebrüdern v. P., dem unglücklichen K. sind selbst meinem treuen
-Gedächtniß fast keine mehr erinnerlich. Ich gestehe, daß ich
-überhaupt wenig für diesen Volkstamm im Ganzen portirt bin. Ein alter
-hannoverscher Oberamtmann aus alter Zeit ist für mich immer, wenn auch
-ein Typus einer gewissen Diensttreue, doch auch der personificirten
-Langeweile und einer widerlichen Beamtenaristocratie gewesen. Es
-gedeihen dort keine Dichter, jede Genialität scheint verpönt, ich
-habe im ganzen Hannoverschen, wie oft ich dort gewesen bin, manches
-Belehrende aber nie eine einzige geistvolle Bemerkung gehört. Gegen
-zehn Uhr ist fast ein jeder Hannoveraner todt müde und es ihm fast
-nicht möglich, die zwölfte Stunde heran zu wachen. Er erinnert dann oft
-an eine Geisenheiner Uhr die nur zwei und zwanzig Stunden geht.
-
-Mein Urtheil ist gewiß im Ganzen nicht scharf zu nennen, wenigstens
-von den poetischen und von dem humoristischen Standpunct aus
-gerechtfertigt. -- Daß das Hannoversche ein tüchtiges, kerniges,
-arbeitsames Volk, und den besten Regenten werth ist, ja daß meine Regel
-auch vor rühmlichen Ausnahmen verspottet wird, wer kann das leugnen?
-Allein es giebt für einen Fremden keinen langweiligeren Ort als die
-Residenz Hannover und ihre Bewohner, und von diesen will ich hier
-eigentlich nur geredet haben. Daß ich vor allen Dingen die jovialen
-Osnabrücker hier ausnehme, versteht sich von selbst.
-
-Merkwürdig ist es, daß in Hannover das Familienglück der Mittelstände
-durch eine ganz singulaire, in allen andern Orten total unbekannte
-Leidenschaft untergraben wird. In München vertrinkt man den Verstand
-in Bier, in Hamburg verfrißt man ihn durch schwere Fleischmassen, in
-Baden Baden verspielt man ihn am Roulett, in Elberfeld verbetet man
-ihn, in Paris opfert man denselben der Wollust, aber in Hannover,
-ja in Hannover, -- es ist schauderhaft es zu sagen, aber +wahr,
-verschlickert+ man ihn, in Kuchen. -- -- -- -- --
-
-Ein jeder Reisender kann sich von dieser tiefen unumstößlichen Wahrheit
-überzeugen, wenn er einige Stunden bei einem Conditor zubringen will.
-Es ist fabelhaft, wenn ich erzählen wollte, welche Menge süßer Sachen
-dort von einem Einzigen verzehrt werden. Ich habe es gesehen, daß ein
-junger Herr an einem einzigen Morgen, bloß für Süßigkeiten anderthalb
-Thaler preußisch Courant verzehrte und dabei bemerkte, daß er noch
-mehr Krollkuchen vertilgt haben würde wenn er nicht am Morgen zu viel
-Chocolade getrunken hätte. Ernste ältliche Männer verkneipen dort in
-»Sprößgebackenem, Windsortorten, spanischen Wind, Krollkuchen u. dergl.
-m.« ihre ganze Gage, während Frau und Kind kaum das trockene Brod zu
-Hause haben. Oft kämpft zwar ein solcher Familienvater sichtlich --
-wie Hercules am Scheidewege, aber nur selten erfaßt er eine Zeitung
-oder seinen Hut anstatt der Makrone, -- er wird fast nie ein Märtyrer,
-gewöhnlich nimmt er noch für einen Matir. --
-
- * * * * *
-
-Solche wiederholte Kraftanstrengungen, solche geistige Kämpfe führen
-am Ende unausbleiblich zum Stumpfsinn, der im letzten Stadio keinen
-warnenden Genius, sondern nur Sprößgebackenes sieht. -- Selbst
-Blumenhagen der Dichter, war nicht frei von dieser eines Mannes
-unwürdigen Leidenschaft für Kuchen.
-
-Ich habe diese Bemerkung vor einigen Wochen meinen Oldenburger Freunden
-an einer _table d’hôte_ zum Besten gegeben. Während diese
-lächelten, rief ein zufällig anwesender Bewohner der Residenz Hannover
-ganz ernsthaft und mit einem andächtigen Gesicht -- die Worte aus:
-»Jawohl Sie haben Recht mein Herr! Hannover wird untergehen durch alle
-seine Conditorläden.«
-
-Man thut dem Hannoverschen Dialect eine zu große Ehre an, wenn man,
-wie sehr häufig geschieht behauptet, daß er der beste, und namentlich
-der Celler, der vorzüglichste in Deutschland sei. Es ist dies ein
-arger Irrthum und mag derselbe wol dadurch entstanden sein, daß jeder
-Buchstabe gleich betont wird, mithin das Hannoversche zuerst bescheiden
-und anspruchlos an das Ohr fluthet. -- Die Worte erinnern dann an die
-Hofmänner von denen Jean Paul sagt, sie wollen sich nur gleich von
-Serenissimus, ohne daß Jemanden von ihnen der Vorzug gegeben wird,
-behandelt sehen, und sind zufrieden, wenn der Fürst auf sie, wie auf
-das Getäfel seines Vorzimmers nur gleichmäßig tritt. -- Genießt man
-diese Conversation aber längere Zeit, so bekommt sie den Rang eines
-Wasserfalls, der Klang überwältigt den Sinn der Rede -- und man
-schläft ein, was die Hannoveraner auch in der That unter sich früher
-thun, als jeder andere Deutsche Volksstamm.
-
-Hat man das wol gesehen? lautet im wohlklingendsten Hannoverschen wie:
-
-»Hatten dos wohhl jesehn.«
-
-Beiläufig mag hier gesagt werden, daß wenn man nicht den bei Weitem
-am Wohlkingendsten Allemannischen Dialect als den besten unseres
-Vaterlandes ansehen will, man dem gebildeten Oldenburger oder
-Holsteiner, und namentlich dem letzteren im Fürstenthum Eutin, ohne
-alle Frage den Preis in dieser Hinsicht zuerkennen muß.
-
-Ein großes Lob, welches übrigens die Hannoveraner trifft, ist die
-Nüchternheit und Mäßigkeit, welche dieselben im Allgemeinen durch den
-Nichtgebrauch geistiger Getränke beweisen. Namentlich gilt dies _par
-excellence_ von der Klasse der Staatsdiener, und überhaupt von den
-Residenzbewohnern Hannovers.
-
-Unter den Landsmanschaften zeichneten sich vor allen Dingen die
-»schwarz grün weißen Brüder« die »Westphalen« aus, welche sich im
-Jahr 1818 von den Holsteinern trennten, mit denen sie bis dahin seit
-vielen Jahren ein gemeinschaftliches Corps gebildet hatten. Ihr Chef
-war der gelehrte und herzensgute Holsteiner St., der durch den Tod
-seines Hundes »+Peter Fix+« in eine fast wahnsinnige Betrübniß gesetzt
-wurde. St. hatte Alles als Peripatheticker gelernt, hatte in der
-Schweiz, wo er sieben Male gewesen, zwei Male die Pandecten, drei Male
-das Criminalrecht, einmal das Lehnrecht, und so alle Wissenschaften
-durchgemacht. Dabei hatte Peter Fix seinen Herrn überall begleitet,
-sich wie dieser wacker durchgebissen. Ja im Nachtquartier hatte er
-sich sogar daran gewöhnt, mit seinem Herrn einige Töne zu heulen,
-welches St. mit großen Euphemismus, ein +Duett+ nannte. Tief ergriff
-den Überlebenden daher der Tod des getreuen Vierfüßlers und nicht ohne
-Rührung ließ er sich ein Requiem vorsingen, das ich auf seinen Hund
-gedichtet hatte und wovon mir nur noch diese Strophen erinnerlich sind:
-
- _Chorus Guestphalorum._
-
- _Moestus noster flet praefectus
- Et dolore est confectus,
- Quia Canis interfectus._
-
- _St._
-
- _Tu mi canis, quem amisi
- Quocum cecini et risi,
- Mente adsis, faveas,
- Neque canes occurentes
- Tibi instant nune et dentes,
- Terram levem habeas._
-
- _Chorus Guestphalorum._
-
- _Petre Fixe! the clamamus.
- Justa tibi ut solvamus,
- Et quae decent, tribuamus._
-
-Nächst den Pommeranern haben mir übrigens die Würtemberger am meisten
-gefallen, wenn auch die Grazie ihnen zuweilen mangelt. Erscheinungen
-wie »Strauß« und »Justinus Kerner« sind Beweise, welch einen ungeheuren
-geistigen Umfang dies kleine Volk im Reich der Gedanken, wie in der
-Vorstellung hat. -- Jeder Würtembergsche Pastor kann die meisten
-unserer norddeutschen Generalsuperintendenten in Grund und Boden
-examiniren, und auf gleiche Weise ist der Würtemberger in +allen+
-Disciplinen gründlich zu Hause. Unbegreiflich ist es dabei mir immer
-gewesen, daß sich in einer solchen Stadt wie Stuttgart, wo dazu ein
-Cotta neben mehreren anderen höchst ehrenwerthen Buchhandlungen
-residirt, eine solche Menge Buchhändlerischer Schwindeler eingefunden
-haben, die mir mit ihren abentheuerlichen unausführbaren Pfenningsideen
-immer wie uneheliche Söhne eines aufgehängten Nachdruckers und eines
-verhungerten Harfenmädchens vorkommen. Sie schaden den Schriftstellern
-ungemein, indem sie vielen, ohnehin unmündigen Lesern mit ihren
-wohlfeilen, verstümmelten Groschenausgaben die wenigen Groschen
-ablocken, welche diese vielleicht für ein besseres oder wenigstens
-originales nicht gestohlenes Werk der neuen Literatur zu geben hätten.
-
-Will man das Würtembergsche Volk in socialer Hinsicht lieb gewinnen,
-so muß man den Koppenhöfer besuchen der über Stuttgart liegt, und
-eine reizende Aussicht darbietet, welche noch um Vieles erhöht werden
-würde, wenn der Neckar einmal die Erlaubniß erhielte von dem nahe
-gelegenen Kannstadt aus die Residenz zu begrüßen. Hier sieht man im
-buntesten Gemisch alle Stände zusammen, oft an demselben Tisch, in
-der unverkümmersten anständigsten Unterhaltung, als wolle man die
-Conversation des tausendjährigen Reiches einstudiren, das nach der
-Prophezeiung des Tübinger Professors +Bengel+ freilich schon 1836
-hätte beginnen sollen, wozu aber wenigstens in Norddeutschland die Welt
-noch nicht völlig reif zu sein scheint.
-
-Die Preußen waren schon damals von viel zu vielerlei Fleisch, als daß
-sie man generell characterisiren könnte. Sie scheinen ihre Aufgabe, die
-Repräsentanten der politischen und religiösen Freiheit und somit des
-Protestantismus zu sein, noch nicht ganz gelöst zu haben. Ich glaube es
-fehlt ihnen auch ein allgemeiner Dialect, wozu ich wol einen, nur nicht
-den Berliner Nanteaccent, der wirklich den höchst gestellten Leuten
-durch einen etwas zu geselligen (das Wort ist von Gesell gemacht)
-Anstrich verleiht, vorschlagen möchte. Indessen giebt es am Ende keinen
-Ton, der als Generalnenner für die nachfolgenden höchst verschiedenen
-Mundarten dienen könnte, welche in dieser Geschichte zusammen gewürfelt
-sind. Einem sehr vornehmen Mann in Berlin wurden nach dieser Anecdote
-vier junge edelmännische Militairs aus den verschiedenen Preußischen
-Provinzen; aus Pommern, Sachsen, Westphalen und der Rheingegend
-vorgestellt:
-
-»Wie heißen Sie?« lautete die Frage, worauf der Pommeraner:
-
-»+Ich nenne mir+ _Lottum_.«
-
-Der Sachse:
-
-»Ich heeße Musemeischel.«
-
-Der Westphale:
-
-»Ich schreibe mich Sgade (Schade) und bin von Mesgede.« (Meschede.)
-
-Der Rheinländer:
-
-»Ick sin ein sicherer von der Straß Cölle am Rhi« geantwortet haben
-soll.
-
-Ein Holländer +Ruhs+, der schönste und kräftigste Student seiner
-Zeit, ein famöser Schläger, kam in seinem zwanzigsten Semester auch
-nach Heidelberg. Man betrachtete ihn mit großer Ehrfurcht. Er selbst
-meinte aber vom Burschenleben, in den ersten sechs bis sieben Jahren
-mache das Burschenleben viel Scherz, dann aber kriegt man es doch auch
-satt, dann macht es keinen rechten Trödel mehr. --
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
- Die Heidelberger Professoren. Thibaut. Nägeli. Walch. Graf Sponek.
- Creuzer. Hegel. Paulus. Daub. Langsdorf. Schweins. Schlosser.
- Tiedemann. Gmelin. Munke. Konradi. Schelver. v. Leonhard. Die
- Pedelle, Krings und Ritter.
-
-+Thibaut+ ist ein Mann des Verstandes, zu dessen Ehre er oft die
-Empfindung zu demüthigen bestrebt ist. Die Art und Weise wie er über
-den damals empor lodernden Enthusiasmus der Jugend ironisirte, indem
-er vor allen Dingen die Lieblingsideen der Burschen lächerlich zu
-machen suchte, gaben ihn in unseren Augen das Ansehn eines kalten
-gefühllosen Mannes und vielleicht nicht ganz mit Unrecht. In Heidelberg
-selbst war die Petition der Bürger noch nicht vergessen, welche Martin
-mit unterzeichnet, Thibaut aber als strafbar desavouirt hatte.
-Durch diesen Umstand ward Thibauts bedeutender Einfluß in Carlsruhe
-gegründet, Martin hingegen bewogen, Heidelberg zu verlassen und einem
-Rufe nach Jena zu folgen.
-
-Wenn hingegen von Musik die Rede war, so zeigte sich Thibaut auch
-als Enthusiast. Er lobte aber nur die geistliche, und von dieser die
-Italienische Musik. Man sagte, er halte Agenten in Rom, welche ihm zu
-hohen Preisen aus den verschiedenen Kirchenregistraturen manches Requim
-der trägen Ruhe für das gottseelige Thibautsche Fortepiano entreißen
-mußten, nichts destoweniger war er in dieser Beziehung jedenfalls
-einseitig, da er alle neuere Musik total verwarf, und +Paer+ den
-+Kotzebue+ der Musik nannte. Auf den Letzten schien er es besonders
-nicht zu haben. Er erzählte mit großem Vergnügen eine Historie von
-Schiller und Kotzebue. Der letzte hatte bei dem großen Dichter ein
-von ihm verfertigtes Trauerspiel, ich glaube den Ubaldo einschmuggeln
-gewollt, und zu diesem Ende vorgegeben, er wünsche Schiller das Product
-eines jungen hoffnungsvollen Dichters, und zwar ein Trauerspiel
-vorzulesen. Schiller hatte eingewilligt, indessen hatte Kotzebue
-noch nicht den ersten Act beendigt, als Schiller nicht mehr seine
-krampfhaften Zuckungen beherrschen gekonnt und ausgerufen habe: »Das
-Trauerspiel mag der Teufel auch von einem jungen Dichter sein, das ist
-das Machwerk eines alten keiffigen Theaterscriblers, der die Bühne
-durch und durch kennt, dem aber Phantasie und Gefühl mangelt.« --
-
- * * * * *
-
-Nachdem ich ein halbes Jahr studirt hatte, wurde ich von meinem
-Landsmann, dem gelehrten St. aufgefordert, ihm zu oponiren. Obgleich
-ich die Collegia nicht sehr fleißig besucht hatte, die rücksichtlich
-meines Fachs auch nur auf Institutionen und Rechtsgeschichte beschränkt
-gewesen waren, so nahm ich doch diese Einladung an. Ich hatte die
-Hamburger Schule frequentirt und sprach ziemlich gewandt Latein. Ich
-instruirte mich nach Collegien-Heften über die Personalservituten und
-ob ein Lehn nur durch _dolus_ oder auch durch _culpa_ verloren wird,
-hatte eine kleine lateinische Anrede formirt, und ging dann getrost in
-die Aula.
-
-Aber wie erschrack ich, als ich nur einen einzigen, Thibaut auf den für
-die Professoren bestimmten Sitze gewahrte. Alle meine Vocativi Pluralis
-waren schon auf meiner Zunge, ich konnte ihnen keine Contreorden
-mehr ertheilen. Ich gab daher den neugierigen Musensöhnen allen
-Professorenrang und hub meine Rede etwa mit diesen Worten an:
-
-[4]_Cum primum abste rogarer ut verbis tecum altercandi munus
-susciperem periculosum, nolui primum iniquum certamen inire, et
-certe haud ausus essem nisi spectata tua amicitia ad hoc conandum me
-impulisset. Tu mihi es amicus et popularis, nil habeo quad vereas. Sed
-dicendum est coram tantis +viris+, +quorum+ magna atque divina adeo
-doctrina, satis superque quam sim audax, mihi demonstrat. Detis egitur
-veniam +viri doctissimi+ si +aures+ vestras tam +teneras+ in audiendis
-dissouis latinae linguae vocibus fatigem._
-
-Die Disputation ging glücklich zu Ende, ich schloß mit einigen
-Sapphischen Versen, welche mir doch zu schlecht scheinen, um sie
-wieder zu Papier zu geben und ging dann nicht ohne großes Lob meiner
-Commilitonen zu Hause. Selbst Thibaut, der mich auf der Straße sah,
-ging auf mich zu, drückte mir lächelnd die Hand und bemerkte beifällig:
-»Nun das muß ich sagen, für Einen der nichts gelernt hat, haben sie
-ihre Sache vortrefflich gemacht. Indessen bin ich mir doch vorgekommen,
-wie der Schweizer Winkelried, ich der Einzige, habe alle Ihre _vocativi
-pluralis_ hineinschlucken müssen.«
-
-Wie wenig übrigens oft auf den gesunden Menschenverstand der auf
-Universitäten promovirten Doctoren zu geben ist, mag folgende Erzählung
-lehren:
-
-In Heidelberg war ein Doctor _juris insigni cum laude_ promovirt,
-welcher in der Heimath angekommen, sein Diplom als Visitenkarte
-abgab. »Aber Herr Doctor,«, fragte ihn der schlaue und humoristische
-Bürgermeister seines Geburtsortes. »Sie haben doch nichts für ihre
-Promotiva bezahlt?« »Freilich über vierzig Pistolen,« versetzte
-betreten der Doctor. »Aber da steht ja _publice defendet_ in Ihren
-Diplom.« »Freilich das heißt ja, daß ich öffentlich einige Thesen
-vertheidigen werde.« -- »Lieber Freund,« fuhr der Bürgermeister fort,
-»fordern Sie ihr Geld zurück, »_+publice+_« heißt ja auf Kosten des
-Staates. Ich will Ihnen funfzig Beispiele aus dem Livius zeigen, daß
-_+publice+ institui jussit_ nichts anderes bedeutet, als: »Er ließ
-dies oder das auf Kosten des Staats errichten.« Verblüfft stand der
-_insignicum laude_ geschmückte Doctor da und wähnte so lange sich um
-sein Geld gefoppt, bis das Lachen des Alten ihn belehrte, daß dieser
-ihn nur zum Besten gehabt habe. --
-
-»Polizeiliche Maßregeln müssen schnell ausgeführt werden, sonst kommen
-sie gewöhnlich zu spät,« pflegte Thibaut zu sagen, indem er folgende
-Geschichte erzählte: »Als ich vor einigen Jahren einmal das Amt eines
-Prorectors verwaltet, wurde ich in der Nacht von einem Polen, der
-überhaupt damals fast alle Duelle der Studenten verrieth, obgleich er
-ein Senior war, und bei ihnen das höchste Vertrauen genoß, geweckt,
-der mir anzeigte, daß zwei in Heidelberg studirende norddeutsche
-Edelleute sich morgen früh zu duelliren gedächten. Ich ließ den Pedell
-kommen und noch in der Nacht beide auf den andern Morgen um sieben
-Uhr citiren. Sie erschienen, mit herzlicher Wärme stellte ich ihnen
-das Unvernünftige des Zweikampfs vor, und siehe! versöhnt sanken sie
-einander in die Arme, gaben auch freiwillig das sonst als Urpfede
-erpreßte Ehrenwort, sich nicht zu duelliren.
-
-»Ich freute mich nicht wenig über meine Eloquenz und über die
-Empfänglichkeit junger Gemüther für freundliche Belehrung, aber mit
-Schrecken erfuhr ich am andern Tage, daß sich beide Studenten schon
-gestern um 5 Uhr Morgens duellirt hatten.«
-
-Thibaut blieb sich ziemlich gleich in seinen lebhaften geistvollen
-Vortrag. Nur wenn von den Sponsalien die Rede war, schien er jedesmal
-aufgeregter als sonst. Mit großem Lachen erzählte er, daß nach der
-Meinung aller Juristen die Phrase:
-
- »Herzallerliebstes Schatze mein!«
-
-kein bindendes Eheversprechen enthalte, wol aber der Satz:
-
- »Ich will Dich nehmen, die Leute mögen sagen was sie wollen.«
-
-Einer seiner Hauptfeinde war der Professor Schömann, welcher in der
-Materie über die _culpa_ eine Abhandlung gegen ihn geschrieben und
-wovon er geäußert hatte, diese solle Thibaut unter die Erde bringen.
-Thibaut citirte diese Abhandlung oft mit einem nicht eben angenehmen
-Lächeln: »Todtschlagsdissertation von Schömann.«
-
-Hospitanten litt er nicht, vor allen keine Zuhörer höheren Alters.
-Ich habe ihn einen angesehenen Mann, der ihn um die Erlaubniß seine
-Vorlesung zu besuchen um Gotteswillen bitten gesehen daß er ihm seine
-Unbefangenheit nicht total rauben möge. --
-
-Auf Göttingen war Thibaut übel zu sprechen. Von einem Professor, der
-sehr viel auf Etiquette hielt, pflegte er zu erzählen, daß dieser einem
-Studenten der ihn nicht in Escarpins besucht, mit den Worten empfangen:
-Mit ihrer Kleidung pflegt man nicht honnette Leute zu besuchen, worauf
-der Studio geantwortet habe: »Das thue ich auch nicht.«
-
-Der Geheimerath +Nägeli+ war ein geistvoller jovialer Mann. Er ist
-berühmt geworden namentlich als Accoucheur, hat gezeigt und thut es
-noch, daß man ein sehr gelehrter Mann sein kann ohne die herrschenden
-Ansichten über das »+mir+« und »+mich+« zu theilen. Ich habe ihn nur
-einmal bei Thibaut gesehen und erinnre mich noch einer sehr feinen
-psychologischen Bemerkung, welche er damals zum Besten gab. -- »Immer,«
-sagte er, »wenn ich zu armen Juden gerufen bin, erstaunte ich über
-die Menge des Silbergeschirrs, das in dem Vorzimmer, durch welches
-ich zu der Kammer in welcher das Krankenbett stand, geleitet wurde,
-aufgestellt war. Ich konnte dies anfangs nicht fassen, endlich kam ich
-auf den Grund. Man wollte mich durch die Schätze nur dazu bestimmen,
-mich eben so thätig gegen den Patienten zu beweisen, als ob ich einen
-Rothschild zu behandeln habe.« --
-
-Der Professor +Walch+ war ein grundgelehrter Mann, dem aber alles fremd
-war was nicht im _corpus juris_ stand. Als er einmal Ebbe und Fluth
-nicht begreifen konnte, verdeutlichte sie ihm einer meiner jovialen
-Freunde durch die juristische Formel: Wenn _Cajus_ kommt so geht
-_Sempronius_, und wenn _Sempronius_ kommt so geht _Cajus_. Aha nun
-verstehe ich Sie vollkommen mein Theurer, das Beispiel macht mir die
-Sache klar, versetzte der alte Rechtsgelehrte.
-
-Bei den Forstwissenschaften war ein Graf S. angestellt, der beschuldigt
-wurde, in seine Vorlesungen zuviel von seinen häuslichen Verhältnissen
-zu mischen. Ich habe den alten Herrn nie gesehen, wol aber in einem
-von mir dictirten Heft geblättert wo mir dann die Stelle, als ein
-herrlicher Beitrag für die jetzige Adelszeitung ins Auge fiel:
-
- »Forstmeistern siegeln mit ihren Wappen, Förster mit ihren
- Petschaften.«
-
-Der Oberforstrath von Gatterer war ein sehr angenehmer geschwätziger
-Alter. -- Immer habe ich in mir lächeln müssen, wenn er von seinem
-getreuen und klugen Pferde erzählte und dabei fast Thränen der
-Dankbarkeit vergoß. Er war auf demselben Jahre lang durch den Neckar
-Abends zu Hause geritten, als es diesen Weg, trotz aller Ansporung
-zu nehmen verweigert hatte. Während Gatterer sich im Bette schlaflos
-über den Eigensinn seines sonst so folgsamen Rosses geärgert und eine
-strengere Züchtigung desselben für den folgenden Tag beschlossen hatte,
-war der von ihm verkannte Gaul crepirt. Der Oberforstrath meinte,
-dieser Characterzug des Pferdes, seinen Herrn im nahen Vorgefühl
-des Todes nicht dem Ertrinken im Neckar exponiren gewollt zu haben,
-übertreffe noch die rührendsten Beispiele von Hundetreue und anderer
-wohldenkender Vierfüßler.
-
-In Bezug auf mehrere der Professoren sei es mir erlaubt, einige
-geistvolle Mittheilungen eines meiner Universitätsfreunde hieher zu
-setzen welche ich, da ich nie mit fremden Kalbe pflüge in unveränderten
-Gestalt hieher setzen will.
-
-
-+Meine Lehrer in Heidelberg+ 1817 1818.
-
-Ich weiß nicht, was mich zurückhalten will, über meine Lehrer einige
-Worte zu sagen. Es waren lauter tüchtiger Männer, jeder in seiner Art
-und das Ganze was die Einzelnen bildeten ganz geeignet, in der Jugend
-einen wissenschaftlichen Geist zu entzünden. Die abstracte Identität
-wurde verbannt, Unterschied, Gegensatz und Widerspruch machte das
-Interesse aus und dieses trieb zur regsten Thätigkeit. Zunächst war ich
-an +Creuzer+ gewiesen, der wie jeder Scholarch, denn er dachte gewiß
-an eine Creuzersche philologische Schule, den noch rathlosen Studenten
-ganz ausschließend in seinen Karren spannen wollte. Seine Symbolik
-machte Furore. Er trug sie mit dem Schein der höchsten Begeisterung
-vor, als wenn er selbst eine Incarnation des Wischnu oder Kneph, so
-nannten ihn auch die Seminaristen, wäre. Mit der höchsten Ehrfurcht
-wurde der nordasiatisch schmutzige Naturdienst behandelt und ob er
-gleich unter der rothhaarigen Perrücke die Augen schloß, so wurde er
-doch gewahr, wenn St. Paul lachte und ermangelte nicht eine Abmahnung
-profaner Auffassung einfließen zu lassen. Es benahm der Begeisterung
-nichts, daß das dritte Wort im Citat aus Jablonsky, Zoega, Porphyrius,
-Sylvester de Sacy etc. etc. war, auch nicht daß er in einer Hand die
-Kreide in der andern den Schwamm in die Höhe hob, viel Taback nahm
-und über die _ars poetica_ sprach. Das Komischste war die Überfüllung
-des Locals, so daß kein Gang zwischen ihm und den Subsellien gelassen
-war, der letzt hereingetretene Zuhörer so saß, daß man die Thür nicht
-mehr öffnen konnte und einer sogar seinen Platz im Katheder selber
-neben den Füßen des Meisters hatte. Aus allen Facultäten waren Zuhörer
-da und ließen sich das confuseste Gemisch von Wahrheit und Dichtung
-(oft schon Dichtung bei den Alten, die Creuzer für die Sache selbst
-nahm) ächt philologischen Wissens und der willkürlichsten Etymologie,
-ohne Plan und Zweck als etwa den, alles Höchste und Erleuchtetste des
-Geistes in der vorgeschichtlichen Zeit zu suchen, und das Dasein des
-Menschengeschlechts ins Unendliche der Vergangenheit auszudehnen, die
-Methode ohne Philosophie, die Begeisterung ohne Poesie, und doch beides
-zur Schau tragen wollend, vortragen, verloren sich seine romantischen
-Reflexionen doch nur in trocknen Adversarienkram. +Hegel+ war gerufen
-durch Daub, aber wir Studenten wurden zu Paulus geschickt und durften
-noch bei Schwarz Exegese hören; der treffliche Sohn des Antisymbolikers
-+Voß+, war auch so gut wie verpönt, bei dem man aber die Fülle des
-Griechischen und Lateinischen hätte lernen können, wenn man angeleitet
-worden wäre, es zu benutzen. +Paulus+ stand damals noch frisch in dem
-Rufe, in dem jetzt Strauß steht, etwa im Bund mit dem Teufel zu sein,
-der Christus versucht hatte; aber er meinte es treu wie dieser, und
-war der freundlichste und wohlwollendste würtembergische Magister. Die
-alten in Halle gebildeten rationalistischen Theologen schickten ihre
-Söhne zu ihm und nicht zu Daub. Ich hörte die Exegese der Evangelien,
-also das Leben Jesu, bei ihm mit dem Vorsatze, sobald er auch nur ein
-Wunder nicht natürlich zu machen wüßte, meinen Glauben an die Wunder
-nicht aufzugeben. Diese Bedingung wurde denn auch bald erfüllt, als
-mir diese und jene Erklärung nicht genügend schien. Überall wurde
-Geist und Poesie ausgetrieben und an ihre Stelle der platte Verstand
-und die nackteste Prosa gesetzt. Der Widerspruch war zu grell, als
-daß er einem mystischen Gemüthe und einer sinnigen Reflexion, deren
-Bedürfniß er gar nicht erfüllte, hätte etwas anhaben können. Dieses
-Denken schien mir von Gott verlassen, trostlos und willkürlich, denn
-Alles was er hatte, selbst die Geschichte, war selbstgemachtes. So
-auch in der Kirchengeschichte, Pentateuch, Jesaias. Das Pabstthum und
-die Hierarchie wurde in allen Zeiten mit dem modernen Maßstab der
-Aufklärung gemessen; die mosaische Verfassung für das klügste Machwerk
-eines ägyptischen Priesterlehrlings ausgelegt. Überhaupt wurde alles
-nur getrieben, um es in seiner Nichtigkeit als Subjectives aufzuzeigen,
-denn Objectives gab es gar nicht, um zuletzt bei dem Subject und
-seiner Sichselbstgleichheit, abstracten Identität, Überzeugungstreue
-genannt stehen zu bleiben, wobei es natürlich auf den Inhalt ankam,
-der wahr oder falsch, gut oder böse sein konnte. -- Wenn +Paulus+
-für uns ideenlose und bildungsarme Studenten klar wie Wasser war und
-die Schnitte seines scharfen kritischen Messers zu ihrer Auffassung
-keiner Sonde bedurften, aber auch eben so schnell wieder heilten, so
-war es entgegengesetzt bei dem andern Würtemberger +Hegel+, der sich
-um unser Verständniß gar nicht bekümmern konnte, dessen kritisches
-Messer in die Tiefe ging ohne daß wir es fühlten, ja ohne daß wir
-es ahneten. Da war keine Polemik der Personen und Thaten, und die
-tiefste Polemik des Denkens gegen jene schlechten Weisen zu existiren
-war uns gänzlich verhüllt. Wir saßen im Trüben bis zum Schwindel und
-blieben leer. Nur wenige hatten eine Ahnung von dem, was vorging und
-ließen sich durch das Vertrauen zur Vernunft halten. Die Leerheit der
-zuhörenden Köpfe, welche auf der einen Seite hinderlich war, hatte auf
-der andern den Vortheil der _tabula rasa_, die nun sogleich mit dem
-rechten und gediegensten beschrieben werden konnte, Hegel hatte eine zu
-anspruchlose Persönlichkeit, als daß er sich an besondern Seiten, als
-der seines Vortrages hätte auffassen lassen. Die Synthesis allein in
-ihrer Geläufigkeit veranlaßte, daß er jeden dritten Theil eines Satzes
-oder jeden dritten Satz mit »also« begann, so daß es Hohlköpfe in
-seinem Auditorio gab, welche sich damit unterhielten, bei jeden »also«
-einen Strich zu machen. Diese trugen dann immer ein artiges Sümmchen
-davon, wenn wir andern ganz leer ausgingen. Der Reiz dennoch so lange
-die Nacht auszuhalten bis der Tag anbrach, kann nur die Dämmrung
-gewesen sein, die uns doch vergönnt war zu bemerken; sonst wäre es bei
-dem gleichsam lungenkranken Vortrag, den unbeweglichen hängenden Zügen
-des Gesichts, den matten in sich gekehrten Augen und der einfachen Ruhe
-der Hände nicht möglich gewesen. Die nur des Nutzens wegen hingingen,
-denen es gar nicht dämmerte, gingen auch wieder davon.
-
-Der interessanteste meiner Lehrer war +Carl Daub+, ein Kurhesse, also
-Landsmann von Creuzer. Ein Denker, streng und gewandt wie Hegel,
-der eigentlich für Philosophie nach Heidelberg berufen wurde, aber
-sogleich theologische Vorlesungen zu übernehmen durch die Umstände
-genöthigt wurde. Er hatte alle neuere philosophischen Systeme nicht
-nur studirt, sondern eines nach dem andern zu seinem Eigenthum gemacht
-und auf die Theologie angewendet, als Methode deren Wahrheit ihm die
-Theologie war. Bis auf Hegel ist er aus dem reflectirenden Denken nicht
-hinaus gekommen, und mußte darum consequent die Philosophie für das
-Subordinirte jenes Philosophirens über den Inhalt der Religion oder des
-religiösen Bewußtseins, das er Theologie nannte, halten, und heftig
-gegen die Philosophie abwehrend polemisiren. Dies fiel noch in die
-Periode meiner ersten Studienjahre oder auch nur Curse, denn innerhalb
-derselben ließ Hegel seine Encyclopädie drucken, und machte dadurch
-das ganze System überschaulich, wodurch mithin auch die Stelle der
-Religion bestimmt wurde. Daub hatte den Ruf Hegels veranlaßt, trieb
-die Theologen in seinen Hörsaal, und studirte dies System eifrig. Den
-Zufall und das Böse hatte er bisher abstract als die einfache Negation
-festgehalten und in diesem dualistischen Sinne den ersten Theil
-seines Ischarioth drucken lassen. Den verwarf er jetzt zuerst als ein
-schlechtes Buch, und erklärte dem Buchhändler, den zweiten Theil nicht
-schreiben zu wollen. Es bedurfte nur geringe Aufklärung über seine
-Differenz mit Hegel, und er war durchaus versöhnt mit diesem System, in
-dessen Licht nun sein ganzes theologisches Wissen eine andere Gestalt
-gewinnen mußte. In diese trübe Gährung, dieses Ringen und Kämpfen mit
-dem Begriff, fielen nun gerade die Vorlesungen über Dogmatik, die
-ich drei Jahr lang bei ihm hörte, ohne nur den dritten Theil der
-Lehre vom Geiste zu bekommen. Da er das Beste unmittelbar auf dem
-Katheder schuf in der objectiven Stimmung die er mitgebracht und in der
-subjectiven die ihm seine Zuhörer gaben, so waren diese Vorträge das
-interessanteste was man hören konnte. So lange ich sie besuchte fing
-Daub nicht eher an, als bis ich gekommen war, saß, und zum Schreiben
-gerüstet war. Nie vergesse ich die ernste hohe Gestalt dieses Priesters
-der Weisheit, mit den vorstrebenden Augen, das kahle Haupt mit den
-schwarzen Mützchen bedeckt unter dem die dünnen Locken herabwallten,
-wie er das Taschentuch zu knoten anfing und im tiefsten Basse murmelnd:
-meine Herren! seine dialektischen mäandrischen Entwickelungen begann,
-erhoben über alle Endlichkeit des Seins und Denkens, denn es giebt auch
-ein endliches Denken. Der freie Vortrag war demnach so feierlich und
-arbeitend, daß die fertige Feder auch jedes Wort nachschreiben konnte.
-Einer der Zuhörer erwies ihm wohl den Dienst die Vorlesung auch für
-ihn noch einmal abzuschreiben. Große Episoden in derselben waren der
-Darstellung der Kantischen, Schellingischen und Hegelschen Philosophie
-gewidmet. Löste er in der schärfsten Säure der Kritik den Rationalismus
-auf, dann hatte er immer seinen Collegen Paulus vor Augen. Von Hegel
-sprach er damals mit der höchsten Achtung und Bewundrung. Und
-obgleich es außer Hegel gewiß damals keinen tieferen Denker als Daub
-mehr gab, so meinte er doch, wir jungen Schüler Hegels seien in der
-Dialektik gewandter als er, was freilich Ironie oder Irrthum war,
-aber doch Zeugniß gab, wie schwer es auch einem alten geübten Denker
-ankam, Hegels Schriften zu verstehen, von denen es damals nur Logik,
-Phänumenologie, Encyclopädie und Naturrecht gab. Manchmal löste eine
-Stelle aus meinen Hegelschen Heften einen Anstand, über den er nicht
-hinaus konnte. Außer kritischen Arbeiten ließ er nichts mehr drucken
-und lebte nicht mehr lange genug, um auf die gährende Theologie den
-klärenden Einfluß zu haben, den er als Lehrer durch das lebendige Wort
-gehabt hat. Was er sich gewünscht, geschah auch; er begann auf dem
-Katheder zu sterben, und mußte von seinen Schülern weggetragen werden.
--- Den Hofrath +Langsdorff+ kannte ich nicht als Lehrer, denn er hat zu
-unserer Zeit nicht mehr gelesen. Als Mathematiker war sein Ruf größer
-als seine Leistungen, die schon verschollen sind. +Schweins+ dagegen
-hat die Mathematik in einer ansprechenden Nimbus zerstreuenden Methode
-vorgetragen und lebt in einer Schule junger Mathematiker fort, mit
-denen er aber, sobald sie etwas drucken lassen, in öffentlichen Streit
-geräth wegen vermeintlichen Plagiat’s. Es ist dies eine Schwachheit
-von ihm. Er stand in Heidelberg ganz allein, und hat sich hungernd
-herauf gearbeitet. Nach unserer Zeit heirathete er hülfsbedürftig seine
-gesetzte Köchin, und hat noch ein Mädchen gezeugt. Seine Kränklichkeit,
-Halsleiden, machten ihn sehr pedantisch, so daß er wohl keine Suppe
-aß, ohne vorher das Thermometer eingetaucht zu haben. Ließen ihn die
-Schmerzen nicht schlafen, so arbeitete er die ganze Nacht und ich
-hatte im Winter früh 7 Uhr bei Licht ein Collegium bei ihm, wo ich ihn
-antraf, als einen Übernächtigten. Mit seinen Collegen konnte er sich
-nie vertragen, desto besser machte er den Vater und Rather der jungen
-Leute unter denen er am besten mit den Burschenschaften harmonirte, und
-sich am liebsten der politisch Gravirten annahm. Angehende Schüler hing
-er immer mit älteren oder geübteren zusammen, so mußte ich der Lehrer
-von 3-4 sein, während zwei Jahren. Ohne einen Anfang in der Mathematik,
-brachte ich sie in 2 Jahren vollständig genug bei ihm durch, und in
-der schwersten Parthie gab er mir unentgeldlich Privatissima, die ich
-auf das fleißigste benutzte. Eine Sonderbarkeit in seinem Vortrag
-war, daß er so viel thunlich deutsche Termini gebrauchte. So sagte
-er: vervielfachen statt multipliciren, theilen, messen (schöner
-Unterschied) statt dividiren, -- Verbindungen statt Combinationen; die
-Trigonometrie heißt bei ihm: Kreisfunctionen, die Arithmetik nannte er:
-Größenlehre, und eine wissenschaftliche Begründung derselben: Theorie
-der Zahlen. Er ist ein Franzosenfeind und beweiset, daß ein _Lacroix_
-und _Laplace_ ihr Bestes von Euler haben, nur hätten sie’s verdorben.
-
-Und noch habe ich des Professors von Jever nicht erwähnt, des
-als Mensch und Gelehrten so ausgezeichneten +Schlosser+. Dieser,
-der so gern mit seinen Zuhörern verkehrte, und niemals von ihnen
-gelangweilt wurde, hatte mich besonders angezogen, so daß ich ihm
-seine wunderlichen Vorlesungen vergab. Auffallenderes als diese gab
-es nicht. Er sprach sehr schnell in einem fremdartigen Idiom, und mit
-einer Aussprache der Namen, daß auch die gewöhnlichsten unverständlich
-blieben; nahm einen Anlauf mit einem Satze, fand in der Mitte desselben
-zur Erläuterung eine kleine Abschweifung für nothwendig, begann darum
-einen neuen Satz, in welchem ihn wieder etwas zur Bildung eines neuen
-Satzes verleitete, und brachte so eine Stunde lang keinen Satz zu
-Ende, bald in die Vergangenheit, bald in die Zukunft, bald in die
-gleichzeitige Geschichte sich verlierend. Lehrer und Zuhörer befanden
-sich in einem wirbelnden Gewirre, welches sinnbetäubend war. Bei
-der Gewissenhaftigkeit, mit welcher er übrigens seine Hefte schrieb
-war es kein Wunder, daß er eine ausführliche Weltgeschichte drucken
-lassen konnte, die übrigens eben so wenig ein Kunstwerk wurde, wie
-seine Vorlesung, aber mit ächt historischem Tacte die Data der Quellen
-auffaßt und in Reih und Glied stellt. Feind aller Declamation, jedes
-Nebenzweckes, jeder Willkürlichkeit, alles pragmatischen Geschwätzes,
-welches für alle Zeiten und Nationen nur einen Maßstab fertig hält,
-ist Schlosser doch nichts weniger, als objectiv, und hat für Alles
-seine eigene Meinung, was auf die Wahl des Materials, welches er
-zusammen reihen will, einen entschiedenen Einfluß übt. Er scheut
-die Philosophie, und erfreut sich der Virtuosität des Denkens eines
-Plato’s und Aristoteles, denn diese lassen ihm Spielraum für seine
-christlichen Meinungen, die natürlich auch von dem Inhalte des
-gläubigen Bewußtseins abweichen. Sein edles Gemüth, sein Erglühen für
-alles Gute, Große und Schöne und seine unverhüllte Verachtung und Ekel
-vor allem Schlechten und Gemeinen, sein ächt patriotischer Sinn und
-deutsche Männlichkeit machen ihn Schiller ähnlich; allein über die
-stille That der Häuslichkeit und über das vertrauliche Urtheil und
-die literarische Wirksamkeit geht es bei ihm nicht hinaus, und mit
-weiblicher Weichheit vermeidet er Conflict und Schmerz des Lebens. Er
-versäumt nicht zu jedem Bande seiner Werke eine Vorrede zu schreiben,
-und in dieselbe seine Überzeugung und Selbstbekenntniß niederzulegen,
-die denn an Voß erinnern. In seiner freisinnigen Geschichte des
-achtzehnten Jahrhunderts wird er ein Spittler und Paulus gegen die
-Könige und Fürsten, wie jene gegen die Päbste, und sucht damit in die
-Bewegung der Zeit einzugreifen, die doch eines Heilmittels gegen den
-Königshaß bedurfte. Die Bank der Naturforscher in Heidelberg besetzt
-von Tiedemann, Gmelin, Munke, damals auch Konradi, Schelver und den
-Hofrath und Ritter v. Leonhard, ist ohne Zweifel in dem Empirismus sehr
-tüchtig und nur in dem Puncte sehr bornirt und für die Universität
-als Pflegerin aller Wissenschaften nachtheilig, weil sie die ärgsten
-Feinde der Philosophie sind, die sie freilich nicht kennen, die in
-ihren Köpfen eine nur vorgestellte Existenz hat. Die Schellingianer mit
-denen für diese Leute nun alle Philosophie indentificirt wird, haben
-mit ihren willkürlichen Constructionen einen zu üblen Eindruck auf die
-Naturwissenschaft gemacht, als daß sie nicht alles Denken als etwas die
-Natur meisterndes und verkehrendes sich vorstellen sollten. Auch haben
-sie von Hegel nichts verstanden, als seine großen Ausfällen zu §. 320
-der Encyclopädie und beurtheilen nun darnach die ganze Philosophie, die
-sie in feindseliger Tendenz gegen die Empirie begriffen wähnen. Munke
-wurde von einem Schweizer nur der Taschenspieler genannt, obgleich er
-keine Ähnlichkeit mit Döbler hat, denn es gelingt ihm keines seiner
-Experimente, und im Rechnen ist er auch kein Hexenmeister, da der
-Schweizer sein Exempel im Kopf ausrechnete und vor ihm das Resultat
-hatte, während das seinige falsch wurde. Darin war er aber einem
-Taschenspieler ähnlich, daß er seine Experimente wie Kunststücke
-behandelte, womit man die unkundigen jungen Leute in Erstaunen setzen
-müsse. Die größte Zeit brachte er mit der Einleitung zu, wo er lehrte,
-daß die Naturlehre die Lehre von der Natur sei. Auch Tiedemann begann
-seine Zoologie mit der Etymologie des Wortes Zoologie, dessen Theile er
-griechisch an die Tafel schrieb. Ein wahrer Hexenmeister ist +Gmelin+,
-der in einem halben Jahre 6 St. wöchentlich die dicken Bände seiner
-Chemie durcheilte, nichts Wesentliches überging und dabei beständig
-experimentirte. Wir Philosophen wünschten uns nur auch eine solche
-Anatomie, die aber Tiedemann nur für Mediciner, also zu breit gab,
-Leonhards Vortrag über Mineralogie, Vulkane, Geognosie ist unterstützt
-durch seine autoptische Virtuosität im Erkennen der Mineralogie, durch
-eine köstliche, vollständige auch krystallographische Sammlung durch
-Modelle und Abbildungen. -- +Schelver+, der Magnetiseur, war mehr im
-magnetischen Rapport mit der Geschichte (so nannte er die Entwicklung)
-der Pflanzen, als stark in der Kenntniß einzelner Pflanzen, von
-denen ihn hin und wieder die aus seinem eignen botanischen Garten in
-Verlegenheit setzten.
-
-Soweit mein norddeutscher verstorbener Freund.
-
-Der Pedell +Krings+ war ein höchst merkwürdiger Gegensatz seines
-gutmüthigen Collegen +Ritter+, der fortwährend an den Don Juanschen
-Gerichtsdiener erinnerte und sein Amt auch bis zu einem recht hohen
-Alter in steter Unbesinnlichkeit verwaltet hat. Krings kannte die
-Studenten durch und durch, ihre Duelle, ihre Liebschaften, ihre
-Väter, ihre etwaigen Erblasser, und heimlich zusteckenden Oheime und
-Großmütter, so wie ihre Kenntnisse. Er verlieh viel Geld, nahm zwar
-eine ziemliche Provision, aber mäßige Zinsen, im Gegensatz zu dem
-Wucherer M. am Markte, der sich kaum mit zwanzig Procent begnügte und
-sich dabei das Ehrenwort zur Hypothek setzen ließ.
-
-»Ich werde,« pflegte Krings z. B. von Diesem oder Jenem zu sagen,
-»vielleicht erst mein Geld in acht Jahren bekommen. Dann wird Herr v.
-F. mehrere gute Examina gemacht haben und durch eine gute Anstellung
-in den Stand gesetzt sein, mir Alles mit Zinsen zu vergüten. Herr R.
-wird wol nicht sein Examen machen, aber den halten die Frauenzimmer
-über Wasser, Herr L. hat viel zu viel Verstand, um nicht einmal sein
-rüdes Leben aufzugeben und dann noch Kopf und Kraft genug, allen seinen
-Landsleuten im Lernen und Wissen zu vorzu kommen.« Von dem reichen
-unglücklichen v. W. sagte er schon damals die später über ihn verhängte
-Kuratel voraus. Ich werde mich im Himmel danach sofort erkundigen,
-was er von mir gesagt, wenn er sich darüber gegen keiner meiner
-damaligen Freunde ausgesprochen hat, der es mir vor meiner Sterbestunde
-offenbart. -- Damals scheute ich mich vor seiner Prädestinationsgabe. --
-
-Wenn Krings ein Duell witterte, so war er redlich bemüht, dasselbe zu
-vereiteln. Seine körperlichen Anstrengungen, um einen Zweikampf auf
-Pistolen bei Neckarsteinnach zu vereiteln, der aber doch später bei
-Speier vollzogen wurde, und ein dadurch sich fixirender Rheumatismus
-der sich später auf seine Lungen warf, sind die frühen Ursachen seines
-Todes geworden. Indessen war die Confiscation der Schläger zu seinem
-Benefiz auch sehr ermunternd für seine Menschenrettung. Es war oft
-sehr komisch, wenn man einen Paukanten in voller Rüstung mit farbiger
-Binde, den Schläger in der Hand, bergauf in den Odenwald hinein vor dem
-ihm nachsetzenden Pedell wie einen Neger vor einem Bluthund fliehen
-sah. --
-
-Bei einer Gelegenheit, wo er nur ein Duell vermuthete, aber sonst
-keine Indicien hatte, war er klug genug, von dreien, zur Hirschgasse
-wandelnden Musensöhnen den Mittelsten heraus zu nehmen und ihn auf
-gut Glück als den einen der Kämpfer in dem bevorstehenden Duell zu
-+arretiren+ oder besser gesagt, zum +Prorector+ zu +entbieten+.
-Krings hatte sich nicht geirrt. Ich dachte es mir gleich, sagte der
-große Psychologe, daß der Paukant in der Mitte gehe. Es liegt in
-der menschlichen Natur, daß die feurige Einbildungskraft der Herren
-Studenten einen Duellanten wie einen Abreisenden betrachtet. --
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
- Der Lieutenant J. Die Familie Ditteney. Die Tänzer auf der
- Hirschgasse. Die blonde Lisette. Die Bäcker- und Schmiedetöchter.
- Fränzchen. Selmy. Eine Weinlese in Heidelberg. Die Eberbächer,
- Säckbrenner und Kukuksfresser. Adam. Müller. Drais.
-
-
-Nicht ohne Frösteln denke ich an ein unheimliches Nachtstück unter den
-Heidelbergern Philistern, an den pensionirten Lieutnant J., welcher
-zuweilen, aber immer nur in der Mitternachtsstunde in unsern frohen
-Cirkel trat. Von athletischer Gestalt, mit einem durchschneidenden
-Blick, stets begleitet von einem ungeheuren Wolfshund und im halben
-Rausch, erschien er mir allezeit immer wie ein böser Dämon. In Spanien
-war ihm sein rechter Arm schwer verwundet und endlich amputirt. Er
-hatte dann das abgelös’te Glied nochmals geküßt und ausgerufen:
-»Du bist eine brave Pfote, Du hast manchen Pfaffen erwürgt.« Auf
-seinem Leibe trug J. einen Strick, von dem er behauptete, daß er
-ein und zwanzig Spanische Pfaffen damit aufgeknüpft habe. Soldaten,
-welche unter ihm gedient hatten, bestätigten auf meine Anfrage die
-vollkommene Wahrheit der Anfuhr. -- Wenn J. auf die Hirschgasse kam, wo
-ein gewaltiger Kettenhund lag, brachte er jedesmal einen nach seinem
-Dafürhalten stärkern Hund mit, und foderte den Sohn meines Wirthes auf,
-den großen »Türk« mit seiner Bestie kämpfen zu lassen. Das geschah denn
-gewöhnlich, aber Türk blieb fortwährend Sieger und J. zog jedesmal
-zähneknirschend und fluchend mit seinem halb todt gebissenen Vierfüßler
-von dannen, um ein noch kräftigeres Thier aufzusuchen. Es ist ihm, wie
-ich höre, späterhin auch gelungen, den armen Türk besiegen zu lassen.
-Wenn Alexanders Dumas und vornämlich Victor Hugo den J. gekannt hätten,
-er wäre ihnen eine vortreffliche Studie geworden. Vielleicht ist J.
-der Vorläufer des Hugoschen _Johann von Island_, jener Ausgeburt der
-Phantasie, welche Entsetzen erregend documentirt, auf welcher tiefen
-Stufe sich die am höchsten gestellten Französischen Dichter befinden.
-
-Fast jeden Abend, bevor J. uns verließ, nachdem er von Mord, Blut
-und Feuersbrunst erzählt, und unsere Träume gewissermaßen ausgesäet
-hatte, zog er ein Messer aus der Brusttasche, besah es und rief: »Dein
-Maaß ist halt noch nicht voll.« Wir erfuhren, daß J. damit schon in
-seiner zarten Jugend, nach einem Wortstreit fast von seinem Bruder
-erstochen sei. Dieser habe nach überstandener Strafe das Instrument zu
-sich genommen, übrigens vor einigen Jahren als seine Eltern nicht in
-die Verbindung mit einem etwas verrufenen Frauenzimmer haben willigen
-gewollt, sich in Gegenwart seiner ganzen Familie, mit demselben Messer,
-das der Überlebende auf dem Herzen trug, erstochen.
-
-Aber wie komme ich zu so gräßlichen Schilderungen, die meiner Natur
-fremd sind. -- Ich sehe mich im Zimmer umher, da fällt mir der Kalender
-in das Auge, es ist heute Schalttag, der 29. Febr. -- Nun ist Alles
-klar.
-
-Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, Heidelberg schon Michaelis 1818
-zu verlassen. Indessen verzögerte sich dieses Ereigniß bis Ausgangs
-Januar 1819 und hatte ich in dieser Zeit die Hirschgasse bezogen.
-Mein Wirth der alte Ditteney war nach meiner Wissenschaft von ihm,
-ein braver aber auch finsterer Mann von vielen Erfahrungen, an den
-alle Ereignisse des Lebens, nur nicht das Glück sich versucht hatten.
-Er erzählte gern von den Kriegszügen, welche so oft sein Eigenthum
-verheert und beschädigt, von Schinderhannes, der auch bei Heidelberg
-mit einer Bande sein Unwesen getrieben und ihm nach dem Leben
-gestanden, weil Ditteney ein Depot gestohlener Waaren, das über seinem
-Hause auf der Engelwiese eingegraben war, gefunden und der Polizei
-verrathen hatte. Er hatte einen ganzen Winter hindurch wegen mehrerer
-in das Haus gefallener Schüsse sich so setzen gemußt, das man nicht
-von außen auf ihn zielen gekonnt hätte. Eine Base von Überrhein, wo
-das ganz ähnliche Bild des Räubers in jedem Hause zur Warnung hing,
-hatte den Schinderhannes eines Tages während seiner Anwesenheit in der
-Hirschgasse erkannt, und den Vettern veranlaßt, sich einige Nachbarn
-zum Schutz herbeiholen zu lassen.
-
-Wenn die Familie Ditteney am Abend dem erzählenden Vater, oder dem
-Sohne, einen Metzger, der in Östreich condicionirt hatte, zuhorchte,
-schnitten die rüstigen Söhne Faßbänder in der Hoffnung einer
-glücklichen Weinlese. Dazwischen ertönten die schnurrenden Spinnräder
-der Hausfrau, Töchter und der beiden Dienstmädchen, von denen das
-eine die goldgelockte wunderschöne Maria E r. aus dem benachbarten
-Odenwalde mit ihrer silberhellen Stimme begleitete. Nie vergesse ich
-den Eindruck, welchen eine Ballade, (im Sinne des Pfarrers Tochter zu
-Taubenhain) mit den langsam gezogenen Refrain, in mir erweckte:
-
- »Und als er ein Stück gereiset war,
- Sieht er sechs Gräber graben.
- Wiederum dum da, wiederum dum da,
- Sieht er sechs Gräber graben,
- Ach liebste liebste Gräber mein
- Was grabt Ihr da für’n Grabe,
- Wiederum u. s. w.
- Was grabt Ihr da für’n Grabe.
- Das graben wir für Seine Braut,
- Die ist diese Nacht gestorben.
- Wiederum u. s. w.
- Die ist diese Nacht gestorben.«
-
-Während dieser Zeit brannte der älteste Sohn Joseph, der kräftigste
-Mann, den ich in meinem Leben gesehen habe, den sogenannten
-Quetschen- (Zwetschen-) Branntwein in einem nahe gelegenen Stalle.
-Diese Arbeit verrichtete er, es klingt unglaublich, den ganzen
-Winter hindurch von Abends eilf bis Morgens sechs Uhr und ging dann
-wieder, ohne der Ruhe zu pflegen, an seine Arbeit. Nur die Nacht auf
-den Sonntag und zwei Stunde Schlummer im Lehnstuhl am Abend gönnte
-sich der fleißige Haussohn. Das geht noch über die Vigilanz des
-Oldenburgischen Schauspiel-Directors Gerber, der bekanntlich sich nur
-drei von vier und zwanzig Stunden Ruhe gönnt.
-
-Der alte Ditteney besaß das Geheimniß, fließendes Blut zu besprechen.
-Joseph hatte eine große Narbe auf dem Fuß und behauptete, der Hieb
-eines Beiles habe einst alle Adern zerschnitten. Auf den Zauberspruch
-seines Vaters sei der Lauf des Bluts indessen plötzlich gehemmt,
-dasselbe Experiment habe er übrigens mit gar vielen Leuten gemacht. Ich
-lachte, wie begreiflich über diese Thorheiten an die ich noch nicht
-glaube. -- Aber das kann ich bezeugen, daß als die alte achtzigjährige
-Tante Philippine einst in der Abendsoirée vom Stuhl und sich ein Loch
-in den Kopf fiel, der alte Ditteney aber auf den Zuruf: »Vetter still
-er mir das Blut, er kann es ja,« herbei eilte, bei der Berührung des
-Zauberers die Blutströmung aufhielt und sich der letzte Tropfen mit den
-Haaren vercopulirte. Mich wollte er die Zauberformel nicht lehren, da
-er behauptete, ich müßte sie von einem Frauenzimmer erlernen, und den
-Umweg des Unterrichts durch seine Töchter nicht gestatten.
-
-Nach sechszehn Jahren sah ich die Familie Ditteney wieder. Das Glück
-hatte sie damals noch mehr verlassen, als während meiner Burschenzeit.
-Der Alte fiel mir um den Hals und schien vor Freude närrisch zu werden,
-die Mutter war zum Kretin geworden. Der Schlag hatte sie gerührt,
-ihre Tochter Babette hatte sie so eben, wie ein Stück Bettzeug in die
-Sonne gelegt, welche Alles, nur nicht die Empfindungslose ruhig vor
-sich Hinstarrende, belebte. -- Und doch passirte bei meinem Anblick
-das Unglaubliche, daß die seit drei Jahren total Stumme, auf meine
-Anrede, mich mit den gespenstigsten Augen, welche ich je, sei es im
-Leben oder auf einem Bilde gesehen, anstarrte, meinen Namen wenn gleich
-schwer, doch deutlich aussprach, -- dann aber mit grinsenden Lächeln
-wieder in ihren Stumpfsinn versank, aus der sie erst vor zwei Jahren
-der Todesengel erlöst hat. --Der alte Papa Ditteney ist ihr schon
-mehrere Jahre vorangeeilt, Joseph noch Besitzer der Hirschgasse, Vater
-vieler Kinder und durch die Abfindung seiner zahlreichen Geschwister
-nicht in den besten finanziellen Umständen. Mein Anerbieten, eine
-öffentliche Auffoderung zu seiner Unterstützung an unsere reichen
-Universitätsfreunde ergehen zu lassen, von denen man doch nicht
-annehmen könne, daß alle ihre Herzen verknöchert und dem Teufel
-verfallen seien, lehnte er bestimmt ab. »Ich habe schon alschfort
-Zutraue zu meine Herre, wo fort seye, aber ich will lieber verhungern,
-als des mer sagen soll, der Joseph Ditteney habe bei seine alte Herre
-gebettelt.«
-
-Außer den städtischen Cassinos, auf welchen es im Durchschnitt ziemlich
-langweilig zuging, wurde am Sonntag gewöhnlich vor allen Thoren
-getanzt, auf der Hirschgasse drehte sich aber der Burschenschaftler, in
-Neuenheim der Corpsbursche in dem damals beliebten Cotillon, zu welchem
-bei uns Babette Ditteney den zaghaften schwindeligen Fuchs einzutanzen
-pflegte. Kam ein Student von einer andern Parthei in das Tanzrevier
-des Andern, so hatte das gewöhnlich eine Herausfoderung zur Folge, es
-wurde wie man zu sagen pflegte, +contrahirt+. Der Bruch zwischen den
-Burschen aber wirkte begreiflicher Weise auch auf die Priesterinnen der
-Terpsichore. Wenn die Heidelberger Mädel Sonntags über die Neckarbrücke
-zogen, da ertönte es am Ende vor der sogenannten _Clarina_: »Kattel,
-kumm mit, wie machst Du mit de wüste Kurländer tanze?« Ei was frage
-ich darnach, sakramentsche, sodiramentische Altdeutsche, entgegnete
-die landsmanschaftlich Gesinnte, und Heidelbergs Töchter gingen jede
-nach ihrer Überzeugung, bald links, bald rechts. Nur die blonde dicke
-Lisette war neutraler, speculativer Natur, sie vereinigte Realität mit
-Begriff. Sie ging bald zur Hirschgasse bald nach Neuenheim, nur nicht
-dorthin, wo nicht getanzt wurde. -- »Ich tanze mit alle Herre Juriste
-mit alle Herre wo brav sein,« war ihr neutraler Ausspruch.
-
-Nie, nie hätte ich mir gedacht, daß die blonde ruhige Lisette, je
-eines so hochfahrenden Selbstmordes fähig geworden wäre. Und doch
-ist es wahr, daß sie von demselben Thurme, von dem ihr Geliebter,
-ein Schieferdecker, durch einen Zufall sich den Tod gegeben, --
-aus Verzweiflung hierüber, ihr mit Kummergedanken erfülltes Gehirn
-zerschellt hat. --
-
-Zu den Sonntagstänzen fand sich wie in Gräfenberg, wo Fürsten und
-Handschuhmachergesellen, kirchhofsmäßig gesellt mit einander diniren,
-außer den Studenten, Alles ein, was tanzen wollte, Bürgersöhne und
-Handwerksgesellen, Bürgertöchter und Dienstmädchen. Um die Gesellschaft
-ein wenig aristocratischer zu machen, recitificirten die beiden G.--
-(v. B. der bekannte Pharaobanquier und der Besieger der Kurländer) und
-ich diesen Tanzbesuch an einem Wochentage dahin, daß nur Bürgertöchter
-und Studenten zugelassen wurden, an welche das billige Verlangen
-gestellt wurde, +ohne Hunde+, ohne +brennende Pfeife+ und wenn derselbe
-kein _alibo_ behaupte, auch im +Frack+ zu erscheinen.
-
-Diese ungeheure Reform war nicht ohne bedeutende Folgen. -- Jetzt
-fingen die Bürgertöchter an wieder Subdivisionen zu machen, denn
-die Schmiede- und Bäckertöchter, ob durch den Reichthum der Eltern,
-was wenigstens bei dem Reichthum der Letztern begreiflich war, da
-diese alle zugleich Weinhandel trieben, oder durch sonst einen mir
-unbekannten Umstand, alliirt, erklärten sich für die einzigen Cassino
-fähigen Damen, welche nur ausnahmsweise andern Handwerkstöchtern
-dann und wann ein Eingeladenwerden zugestehen wollten. Und kann man
-sich es denken? die Bäcker- und Schmiedetöchter standen oft geputzt
-in ihrer Kammer und harrten der Botschaft ihrer von der Hirschgasse
-zurückkehrenden Dienstmädchen, welche erst durch das Saalfenster
-hatten gucken und sich überzeugen müssen, ob auch eine Schneider- oder
-gar Schustertochter auf das neue Cassino gegangen sei. Erfuhren sie
-das, so legten sie lieber weinend ihren Ballstaat ab, als daß sie in
-die Schand’ und Bosheit gewilligt hätten, mit den Pariatöchtern des
-Handwerksstandes zu tanzen. -- Damals schüttelte ich ärgerlich den Kopf
-über solche Standesvorurtheile, durch das Leben bin ich freilich anders
-belehrt. Ich habe gelernt, daß es nur gar wenige hochherzige Menschen
-giebt, welche aus der Sphäre ihrer individuellen Aristokratie sich
-erheben können, daß dies gescheute Leute sind, welche aus Anerkennung
-fremden Verdienstes, vor jeder Selbstüberhebung zurückbeben und dabei
-vor Liebe nicht hassen und verachten können. -- Ist es mir doch später
-einmal mit meinem eignen Stiefelwichser passirt, das er mir von seiner
-durch Trunksucht getödteten Frau erzählte und hinzusetzte: »Ich kann
-nicht begreifen, wie meine Frau so sehr an den Trunk gekommen ist.
-Sie ist von zu angesehener Familie. Ihr Großvater war der erste und
-einzigste Stiefelwichser seiner Zeit, der vier und dreißig Herren zu
-bedienen hatte.«
-
-Heidelberg hatte gegen die Regel der Universitäten, wonach die Mädchen
-häufig nur zu frühe verblühen, viele hübsche Mädchen[5], welche
-übrigens die Vergänglichkeit der Studentenliebe wohl zu würdigen wußten
-und die zu heftigen Galanterien mit den Worten abzuweisen pflegten:
-»Ach des wissen wir schon, von denn Herrn Juriste nimmt unter zehen
-einer des Mädchen nit, wann er ihr die Eh’ auch versprochen hat.«
-
-Ich hatte das Unglück in der Kettengasse zu wohnen, in welcher
-damals die beiden ersten Schönheiten des Stadtcassinos _vis a vis_
-residirten. Ich habe dermalen viel von Ständchen gelitten, wovon eins
-das andere mit Flötentönen und Gesang gebracht wurde. Oft rief ich
-ihm des Schlesiers D. auf mich gerichteten Witz zu: »Wenn du singst
-klingt es schön, wenn du aufhörst noch besser,« es giebt nichts
-unverbesserlicheres als einen verliebten Studenten.
-
-Das rosige kindliche +Fränzchen+, die Jugendliebe meines theuersten
-Freundes St., hat den Lohn ausdauernder Treue gegeben und empfangen.
-Die himmlische Seligkeit der Erde war für sie zu groß. Die treue
-Gattin hat nach wenigen Jahren der reinsten ehelichen gegenseitigen
-Zärtlichkeit das Irdische gesegnet, nachdem sie ihm einen Sohn geboren,
-der mein lieber Pathe geworden ist.
-
-Die anmuthige veilchengleiche S. R. ist an einen angesehenen Badischen
-Beamten verheirathet. Ich bin mehre Male Zeuge ihres häuslichen Glückes
-gewesen und habe über die Natur lächeln müssen, wie diese bemüht ist,
-die Züge der lieblichen Mutter trotz aller Variation in den Gesichtern
-der blühenden Kinder zu reproduciren.
-
-Es mag mir hier vergönnt sein, eine kleine Episode einzuschalten, die
-vielleicht meinen Lesern bereits zu Gesichte gekommen, da sie aus
-einer frühern Erzählung genommen und von den literarischen Raubblättern
-mit Telegraphenschnelle verbreitet ist. Sie gehört aber zum Ganzen
-und glaube ich doch auch mehr Recht als ein Anderer zu haben, meine
-eignen emancipirten Kinder in meinem neu erbauten Hause meinen Gästen
-vorzustellen.
-
-Als ich vor etwa sieben Jahren Heidelberg zum ersten Male wiedergesehn,
-besuchte ich den Wolfsbrunnen, das Schloß und den heiligen Berg; ich
-fand die schöne Natur unverändert und warf mich voll süßer Erinnerung
-an ihren unsichtbaren Busen. Auf der Schloßterrasse stiegen mir Eure
-Bilder, Du trefflicher Ammon, Du Bruderpaar Papa, Du, in Griechenland
-gefallener unglücklicher Ditmar, Du ewig gleicher Knobel, vor meiner
-Seele auf. Die Zeit hat unsere Körper getrennt, manche hat sogar der
-unerbittliche Tod geraubt, aber mit unsterblicher Flammenschrift
-strahlt ihr in dem vielleicht auch bald unter der Lebenslast brechenden
-Herzen. Wie wenig ist von unsern Träumen wahr geworden!!! Da fielst
-auch Du mir ein, süße +Selmy+! Du schönes Mädchen aus N., Du meine
-erste meine schüchterne Liebe, die Du im väterlichen Posthause, unter
-den vielen schönen Worten, die aus den Lippen der Musensöhne zu Deinen
-Ohren flutheten, wohl mein Herzenspochen überhört hast, aber mich
-doch, um meiner Bescheidenheit willen, den wilderen Gesellen vorzogst.
-Du warst damals schon Braut und konntest daher auf mich wirken wie
-eine Heilige. Ach! wärest Du in der Nähe, ich würde zu Dir eilen und
-Dich an die frohen Abende erinnern, die wir kurz vor der Abreise in
-Deinem väterlichen Hause zubrachten. Nie war ich so zufrieden mit
-meinen Versen, als wenn Deine Rosenlippen ihnen Beifall lächelten. Doch
-Du bist in der Schweiz, eine glückliche Hausfrau, die Gattin eines
-hoffentlich Deiner würdigen Mannes, die Mutter blühender Kinder. So
-weit geht mein Ziel nicht; meine Verse trogen, wenn ich Dir versprach,
-einst auf einer Schweizerreise an Deiner Pforte anzuklopfen. -- --
-
-Noch immer mich im Geiste auf dem Schloßberge wähnend, saß ich schon
-vor dem zweiten Gericht an der Abendtafel des Herrn Holwerth, als mich
-bei dem leise mir entquollenen Ausruf: »Selmy!« ein alter Süddeutscher
-Universitätsbekannter mit der Bemerkung aus meinen Träumen weckte:
-»Aha! Sie meinen die schöne Selmy aus N.? Nun die ist zu haben. Nach
-einer unglücklichen Ehe, die endlich der Tod ihres seit sechs Jahren
-vor seinem Ende schrecklich wahnsinnigen Mannes beschloß, ist sie
-zurückgekehrt nach N., lebt dort still und eingezogen, aber entstellt
-durch Kummer und Noth keinem ihrer früheren Bekannten mehr kenntlich.«
---
-
-Ein heftiges Feuer durchbebte mein Inneres bei diesen Worten. Die
-träge Nacht schwand mir in süßen Wachen und in kurzen noch süßeren
-Träumen. Hormuths Schimmel hatten bald ihre Aufgabe gelös’t, und die
-zehnte Stunde des folgenden Tages führte mich an den Ort, wo mein
-Herz beim Gedanken an das Wiedersehen so süß erbebte. Ich verlangte
-kein jugendliches Wesen, nur die Seele, wenn ich mich so ausdrücken
-darf, meiner liebenswürdigen heitern Selmy wieder zu sehen. Nur ihr
-freundlicher Blick war es, der meinen Geiste vorlächelte.
-
-»Wohnt hier die Räthin N. N.?« fragte ich eine übelgestaltete Magd,
-die mit grinsendem Lächeln die Thür mit den Worten öffnete, die Frau
-Räthin sey drinnen. Hastig folgte ich dem dürren Zeigefinger, aber
-nicht ohne Schmerz und Erstaunen trat ich zurück, als ich in der mir
-gezeigten Dame ein altes Mütterchen erblickte, an der nur noch die,
-selbst im Erlöschen noch strahlenden Augensterne an meine geliebte
-Selmy mich erinnerten. Und sie schien mich nicht einmal zu erkennen.
-»Sind Sie Selmy?« fragte ich, ihre Hand ergreifend. Sie aber verneigte
-sich bejahend, mich fremd, fast mit Opheliablicken betrachtend.
-»Kennen Sie mich nicht mehr?« fragte ich fast ängstlich; »denken Sie
-sich einmal um siebenzehn Jahre zurück.« -- »Sie haben vielleicht
-dermalen in Heidelberg studirt,« fuhr die Gefragte fort, »allein ich
-entsinne mich Ihrer nicht mehr.« -- »Besinnen Sie sich einmal, ich
-bin ein Holsteiner,« fragte ich mit steigender Unruhe. -- »Heißen Sie
-von Ahlefeldt?« - »Nein, das nicht.« Da fiel mir Geängstigtem Selmy’s
-Stammblatt ein, das ich seit sechszehn Jahren in meiner Brieftasche
-trug. Zitternd überreichte ich es, wie ein Jude einen Wechsel, dessen
-Abläugnung er fürchtet, »Haben Sie das geschrieben?« -- »Ja!« versetzte
-die Frau mit starren Blicken, dann aber setzte sie bewegt hinzu: »Ach
-Sie haben gewiß viel von mir gehalten in der Zeit meiner Jugend und
-meines Glücks; ich habe durch entsetzliche Leiden alle meine Erinnerung
-daran verloren; diese beginnt erst in dem Momente, da der Priester
-meine Hand in die meines Mannes legte. Haben Sie mich darum nur lieb,
-wenn Sie es je gehabt haben; der schwere Schleier, der auf meinem
-Gedächtnisse ruht, wird dereinst schon fallen, und ich werde Sie
-erkennen.« -- »Selmy!« rief ich und nannte ihr meinen Namen, »kennen
-Sie mich noch nicht? Sie müssen ein Stammblatt von mir besitzen.« --
-»Nein,« entgegnete sie, »Ihr Name ist mir nicht erinnerlich, allein
-ich besaß ein Blatt, daß mein Mann in einem Anfall von Wahnsinn zerriß;
-ich barg nur noch einige Reihen, Sie lauten:
-
- »Klopf ich an deine Pforte an,
- Einst im Verlauf des Lebens,
- So sei es nicht vergebens.«
-
-Das war mir zu viel. Thränen entstürzten meinen Augen; ich enteilte
-dem Hause. Vergebens bat mich Selmy zu bleiben oder wieder zu kommen.
-Nicht ohne feuchten Blick rief sie: »Ich will mich besinnen auf Sie,
-seien Sie nicht böse!« Schweigend eilte ich ins Wirthshaus, ließ meinen
-Kutscher anspannen und mit den Worten, welche ich mir oft wiederholte:
-»Die Menschheit vergißt innerhalb fünf Minuten Freundschaft und Liebe
-und will unsterblich sein!« warf ich mich in den Wagen, der meine Laune
-sehr verändert, mich nach Heidelberg zurücktrug. -- --
-
-Ich habe nur eine Weinlese in Heidelberg und zwar im Jahre 1818
-erlebt. Die Freude in der Pfalz und am ganzen Rhein war ungemein.
-Die Trauben wurden unter Gesang und Jubel geschnitten, jedem Fremden
-davon gereicht, derselbe aber, wenn er alle Beeren pflückte und nicht
-mindestens nach altem Herkommen drei am Stiel gelassen hatte, wenn er
-denselben wegwarf, von den Winzerinnen mit einer hölzernen Pritsche
-unter dem lauten Zuruf »+Herbschthau+« gepritscht, und mußte sich
-durch ein Geschenk der ferneren Strafe entziehen. -- Bald wurde der
-Übermuth in den Weinbergen allgemein, und da hatten die armen Schiffer,
-größtentheils Bewohner des Städtchens +Eberbach+, welche auf dem trägen
-Neckar sich langsam in den Kähnen fortbewegten, es am Schlimmsten,
-da sie stets von den lustigen Weinbergleuten mit den Spottnamen:
-»+Eberbächer Kukuksfresser+,« »+Eberbächer Säckbrenner+!« u. dgl.
-beehrt wurden. Zur Erklärung dieser Spitzworte muß ich bemerken,
-daß +Eberbach+ ungefähr den Rang von +Schöppenstedt+, +Schilda+,
-+Krähwinkel+ und +Buxtehude+ hat und daß von seinem Magistrate erzählt
-wird, daß er einmal bei einem Spaßvogel, welcher ihm ein Gastgebot
-gegeben, im guten Glauben einen Kukuk für eine Schnepfe verspeist habe.
-Auch soll er bei einer andren Gelegenheit eine Menge neuer Rathssäcke
-zeichnen gewollt, sich dabei aber eines annoch zu glühenden Eisens
-bedient und so alle Säcke durchbrannt haben.
-
-Sehr wenige ruhige Odenwäldische Schiffer fuhren wohl vorbei
-und thaten, als ob sie ihre Schande und das Gekicher der jungen
-Winzerinnen nicht hörten, allein wir sind alle Menschen, die nur
-bis zu einem gewissen Grade zu reizen sind. Machte Windstille und
-das plauderhafte Echo von der andern Seite zu sehr Compagnie mit den
-Spöttern; so hielten die Schiffer an, formirten wie die Franzosen
-heutigen Tages eine _colonne mobile_, erstürmten die Weinberge, wo sie
-sich entweder noch Schläge überher oder, wenn die großmäuligen Winzer
-wegen zu kleiner Anzahl geflohen waren, gezwungen erpreßte Küsse und
-Weintrauben holten.
-
- * * * * *
-
-Sobald der Wein in Gährung gekommen ist, etwa nach einem halben Jahre,
-wird er trinkbar und unter den Namen »+ä Schoppe neie+« gefordert.
-Er sieht dann aus als ob Kupfer in ihm aufgelös’t sei, ist sehr
-berauschend, scharf und bildet ein Mittelding von Wein und Schnapps.
--- Er war bei den rechten Trinkern ungemein beliebt und besonders nach
-oft fehlgeschlagenen Weinlesen sehr gesucht. Daher war es auch ganz
-erklärlich, daß kurz vor der Erndte einmal die Ziegelhäuser auf der
-Hirschgasse überlegten, wer sich in den nächsten neuen Wein wohl todt
-saufen würde. Gieb Acht Herr Special! den verwirgt der neie Wein hieß
-es dann von dem Einen wie von dem Andern, wogegen denn zuweilen etwa
-das Bedenken gemacht wurde: -- »Eine Herbscht hält der Josep de neie
-wol aus, aber länger nit.«
-
-Und es begab sich, daß, ein Jahr später, dieselben Leutchen wieder
-zusammen saßen. Jetzt recapitulirten sie ihre Reden, und wunderbar!
-alle die von ihnen dem Weintode Geweihten, selbst der Josep, hatten
-sich todt getrunken.
-
-+Adam Müller+, jener bekannte Exprophet, lebte damals unfern
-Heidelberg, ich glaube, in Bretten. Wir, die Mitglieder der _table
-d’hôte_ im Badischen Hofe, ließen ihn einmal kommen, um die Zukunft
-von ihm zu erfahren. Allein er verrieth nichts, indem er sich damit
-entschuldigte, daß er nur prophezeien könne, wenn der Geist es
-ihm eingebe. -- Adam Müller affectirte zwar eine Jacob Böhmische
-Qualirung, einen gewissen Geistesdrang, kokettirte dabei aber noch
-mehr mit den Sechsbäznern, welche für ihn gesammelt wurden. -- Der
-Pfarrer seiner Gemeinde, der einige Tage später mit uns zu Mittag
-speiste, bewahrheitete das Sprichwort, daß der Prophet nicht in
-seinem Vaterlande gelte, indem er den von Kaiser und Königen so hoch
-geschätzten Adam Müller für das faulste und unnützeste Mitglied seiner
-Gemeinde erklärte.
-
-Zu jener Zeit kamen auch die Draisinen auf, deren Vater ein Herr
-von Drais aus Manheim war. Die Franzosen nannten die Erfindung
-witzig: »_maniere de faire un voyage de quatorze lieues en quinze
-jours_«, indessen bewegte sich der Erfinder darauf selbst mit einer
-bewundrungswürdigen Schnelligkeit. Man schmeichelte seine Eitelkeit auf
-eine fast spöttische Weise, indem man ihn zu Thees einladete, wo er
-sich im Saal auf seiner Maschine producirte. Namentlich war dies in der
-Routs bei Herr v. B. der Fall, in jenem kleinen Hause, wo eine Menge
-Gäste die Grundsätze des Raumes verspottete. Herr v. B. suchte freilich
-diesen Übelstand durch Rangerhöhung seiner Gesellschaft auszumerzen.
-Denn ein jeder Gast ward wenigstens adelich, wie in meiner Cerevisia,
-der Herr von »Baron,« der Baron, Graf. Nur mit den Grafen kam er in
-Verlegenheit, wenn der Prinz von Hildburghausen zugegen war, der
-indessen zur Entschädigung für die abgetretene Durchlaucht in solcher
-Fülle eine Königliche Hoheit erhielt.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
- Der Odenwald. Erbach. Eilbach. Der Bäcker aus Nürnberg. Der
- Wolfsbrunnen. Neckargemünd. Neckarsteinnach. Weinheim. Manheim.
- Lieutnant L. Erinnerung an B. Suite in Manheim mit einem Officier.
- Metzger Eisengrein.
-
-»O Du Wald, Du sollst mein Erbtheil sein!« soll die Kronprinzessin
-Emma ausgerufen haben, als sie mit ihrem Geliebten Eginhard, dem
-Geheimschreiber Karls des Großen, des Vaters Rache fürchtend, die
-dunkele Waldgegend durcheilte, welcher die spätere Zeit den Namen
-+Odenwald+ gegeben hat, die aber von unsern Schulmeistern als Odins
-Wald dem Gedächtnisse der Jugend einverleibt wird. Mag immerhin diese
-Erklärung mehr historische Wahrscheinlichkeit haben als jene, ich
-war selbst im Odenwalde und zweifle nicht an der unumstößlichen
-Richtigkeit der ersten. Nur in jener menschenleeren, aber
-geisterreichen Gegend, wo der wilde Jäger sein Wesen treibt, und ein
-Adam Müller in der höchsten Potenz, im Jahre 1811, vielen Bauern den
-Russischen Feldzug durch ein Ohrenspiel deutlich verkündigte, welches
-von den Amtmann in Zwugenberg, nachher protocollirt, und von Napoleon,
-der Kälte, und den Kosacken bestätigt wurde, leben noch Dryaden, und
-die übrigen Gottheiten der jetzt nur den Dichter und seine Klienten
-beherrschenden, kümmerlich aus dem Schutt der Vergangenheit ihr Haupt
-erhebenden, südlichen und nördlichen Religionen. Aber die vertriebenen
-hohen Herrschaft regieren auch noch nach alter Weise, sie verlassen
-ihr Elba nicht, und leben hier in der Erinnerung einer mächtigen
-Vergangenheit eine heitere Gegenwart. Jeder Baum spricht mit dem
-vorübergehenden am Sonntag geborenen Wanderer, die Quellen plätschern
-geisterartige Lieder, die man erst recht versteht, wenn man an ihrer
-Seite, auf den bemoosten Felsstücken eingeschlafen ist, die Steine
-blicken in das Herz und selbst die alten Felsen nicken freundlich,
-wenn sie nicht gar anfangen in ihrem Meere um die Riesensäule umher
-zu schwimmen. Auch der wilde Jäger, welcher auf dem Schnellert wohnt,
-meint es gut mit der armen Welt, welcher er die traurige Zukunft
-verkündet. Nur ist er ein Feind von vielen Komplimenten, und ich rathe
-Dir, lieber Wanderer! wenn Du ermüdet und erhitzt die steilen Anhöhen
-der wellenförmig, bergigten Gegend erklimmst, und in seine rauschende
-Nähe kommst nicht außer Respect gegen den Prinzen Hussa von Halloh dein
-Haupt zu lüften; der gestrenge Herr ist ein Schelm, er küßt Dir dann
-zwar vergeltend das Haupthaar, aber gar bald saust er als Zahnschmerz
-oder Ohrenpein in Deinem höflichen Kopfe.
-
-Das Völkchen des Odenwaldes, das von drei mediatisirten Grafen von
-Erbach zunächst beherrscht wird, ist von besonderer Eigenthümlichkeit.
-Auferzogen mit den Gottheiten und Gespenstern, kennen die Bewohner das
-Buch der Bücher dennoch sehr wohl, wenigstens handeln sie darnach. Sie
-haben keine andere Spitzbuben unter sich, als die aus den Gefängnissen
-benachbarten Städte springen, die sie kleiden, ernähren, und mit
-maurischer Gastfreiheit schützen, bis der Arm der Gerechtigkeit ihren
-spendenden Händen wehrt, und die Gäste gefesselt entführt. --
-
-Die Arbeit ist den Odenwaldern ein Sporn zur Fröhlichkeit, sie
-genießen wie wir die Freuden des Spiels und des Tanzes, wenngleich im
-verkleinertem Maaßstabe, nur mit dem Unterschiede, daß sie ihre Lust
-Spartanisch durch vorhergangene Arbeit würzen. Von ihren Kartenspielen
-weiß ich wenig zu sagen, nur daß der +König+ der +Schuldenmacher+ bei
-ihnen heißt, und daß sie ein Spiel haben, in welchem derselbe die
-geringste Karte ist. Merkwürdig aber sind ihre Kirchweihen. In dem
-oft nur aus vier von einander liegenden Häusern bestehenden Dorfe
-versammeln sich an einem solchen Tage die Bewohner der Umgegend.
-Es giebt dort keinen Thränenwinkel; denn alles tanzt, wenn auch
-die bunte Reihe zuweilen durch ein doppeltes Frauzimmer entstellt
-wird. Nicht an Erfrischungen fehlt es, die aus Bier, Kartoffeln- und
-Zwetschenbranntwein bestehen, wol aber an der ersten Requisite unserer
-Bälle, an Musikern. Auf vier Häuser darf man nur einen Fiedler rechnen,
-der auch nicht einmal immer der Bundesversammlung ihr gehöriges
-Seitencontingent zu stellen vermag. Nirgends aber erscheint das
-Sprichwort:
-
-»Wer gern tanzt, dem ist auch leicht gepfiffen« -- so wahr als hier.
-Denn kaum hat der Paganini des Odenwaldes die Geige ergriffen und an
-den Hals gelegt, -- so beginnt das ganze Haus seinen Tanz. Er bestätigt
-eigentlich die Tanzenden nur in ihrem Beginnen; denn nach Verlauf
-einer halben Minute eilt er schon zum Nachbarhause und prüft hier die
-Taktmäßigkeit der Tänzer, wie im ersten Salon. So geht er in seinem
-Sprengel umher, bis alle seine Tanzkinder mit Musik versorgt sind, Berg
-auf, Berg ab, als hätte er den Wahlspruch:
-
- In meine Seiten greif ich ein,
- Sie müssen alle hinter drein.
-
-Seine fernere Arbeit besteht alsdann nur darin, das Tactfeuer
-anzuschüren, wenn es zu erlöschen droht.
-
-Der Graf von +Erbach+ war ein kurioser Antiquitätenkrämer. Zu den
-vielen Rüstungen, welche er in einem Saale aufgespeichert, hatte sich
-auch der Helm eines der vierzigtausend Römer gesellt, welche in der
-Schlacht bei Cannä, den Landsleuten der heutigen Kabylen unterlegen
-sind. Noch singulärer und höchst unpoetisch waren einige Knochen des
-unglücklichen Abälards und seiner geliebten Heloise, ich glaube die
-Fistula und die Tibia dieses renommirten Brautpaars, Theile, welche
-doch wol der Kirchhof _pére la Chaise_ bei Paris, wo bekanntlich
-die anderen Überreste der unglücklichen Liebenden dem jüngsten
-Tage entgegenschlummern, nach den Grundsätzen der Pertinenzien und
-Accessionen requiriren könnte. --
-
-In +Eilbach+, etwa eine Meile davon, besaß der Graf sein Lustschloß,
-welches von innen und außen mit Geweihen verziert war. Ein einziger
-Saal enthielt lauter Abnormitäten dieses thierischen Kopfputzes.
-Vor allem prangte aber ein Hirschgeweih, als das größte der jetzt
-entdeckten Welt, ich glaube es war ein Acht und sechszig- oder gar ein
-hundert acht und zwanzig Ender. Seine Erlaucht hatte dies Monstrum
-(nach genaueren Nachforschungen wahrscheinlich das Geweih der Actäoe)
-von einem +Bäcker+ u. Weinwirth in +Nürnberg+ erstanden, welcher aber
-bald diesen unseligen Kauf verwünscht hatte. Denn seine Kunden hatten
-den Verkauf des Achtundsechszigenders sehr übel genommen und ihm ihre
-Unzufriedenheit durch allgemeines Wegbleiben von seinem Weinschank
-bitter intimirt. --
-
-Der Bäcker, ein nicht bemittelter Mann, hatte bald die Erbachschen
-Carolinen zugesetzt und riskirte am Ende gänzliche Verarmung.
-
-Um dieser zuvor zu kommen, ergriff er das Symbol derselben, einen
-weißen Stab und pilgerte damit zum Grafen nach Erbach.
-
-Allein wie Napoleon den Bitten der schönsten Frauen widerstand, wenn
-es darauf ankam, eine Festung abzugeben, so erklärte der Herr Graf
-sich gegen den Bäcker für moralisch unfähig, das gewissermaßen tief
-in seine Seele verzweigte Geweih wieder auszukehren. Er +schenkte+
-dem weinenden Bäcker aber ohne alle Renumeration sein Hirschgeweih
-_accessit_, das zweite, sein _ci devant_ Bestes, dem nur zwei Zacken
-gemangelt haben sollen, um dem Nürnberger zu gleichen, und soll
-dadurch dem so restituirten Wirth auch bei der Nürnberger Bürgerschaft
-Verzeihung und eine volle Weinstube wieder verschafft haben.
-
-Eine sehr gewöhnliche Ausflucht der Studenten bestand alljährlich in
-einer Tour nach Baden-Baden, den reizendsten Kurort, den meine Augen
-je sahen. Leider ging hier ein beträchtlicher Theil der Studienkosten
-alljährlich verloren, und die oft projectirten weitern Reisen durch
-den Schwarzwald und in die Schweiz fanden an dem Todtentische des
-Roulets oder des _trente et quarante_, welches mit seinem trügerischen
-Grün so viele Leute anlockt, ihre Grenze. Man sollte die Tische
-wenigstens mit schwarzem Tuch bedecken und Todtenköpfe auf seine Ecken
-heften. Es befanden sich in Baden-Baden allezeit einige Studenten,
-welche ohne alle Baarschaft waren, gegen Abend auf die Chaussee nach
-Rastadt hingingen, -- und von den ankommenden Landleuten, die mit
-Hoffnungen und Kronthalern versehen ankamen, einige Gulden liehen, --
-um dieselben noch an demselben Abend zu verlieren und wieder in ihr
-pauvres Nichts zurück zu sinken, bis sie nach mehreren Wiederholungen
-verschuldet, wortlos, erschöpft und mismuthig, physisch und moralisch
-verdorben in das Neckarathen zurückkehrten. -- Ein ähnliches
-Spielinstitut hielten Sonntags zwei Darmstädter Juden in Auerbach,
-einem kleinen unbedeutenden Bade, etwa acht Stunden von Heidelberg. --
-Heut zu Tage findet sich die Verführung Heidelberg noch näher, in dem
-Schwefelbad Langenbrück, wo ein Bruchsaler Tabulettkrämer, mit einer
-solchen Satansschlinge die in großer Anzahl durchpassirenden oder dahin
-wallfahrenden Heidelberger Studenten die kostbarere Reise nach Baden
-zu ersparen, indem er sie auszuziehen pflegt, wie dies kaum auf einer
-Italienischen Reise die Wegelagerer thun. --
-
-Ich wiederhole hier mein Catonisches »_caeterum censeo_« das wie ein
-rother Faden, durch alle meine Schriften laufen soll. Wann werden
-endlich einmal diese priveligirten Satanskünste, diese Garküchen der
-Hölle ausgerottet werden? -- Man rechnet Louis Philipp manches, was
-sehr problematisch ist, zum Verdienst an; aber die Aufhebung der
-Spielhäuser in Paris sichert ihm allein einen ehrenvollen Platz im
-Pantheon.
-
-Der +Wolfsbrunnen+, das Neckarthal überhaupt, ganz bis Heilbronn hin,
-tragen einen so merkwürdigen Character, daß man weder im Rheingau noch
-in den andern Thälern Badens etwas Ähnliches sieht. Die Fahrt nach
-+Neckargemünd+, +Neckarsteinnach+ und seinen vier Schwesterburgen,
-wurde gewöhnlich einmal im Jahre zu Schiffe und Abends bei Fackelschein
-und Musik zurückgemacht, welches einen reizenden magischen Anblick,
-besonders von der Neckarbrücke aus, gewährte.
-
-Indessen welch einen Abstecher man auch von Heidelberg machte, so mußte
-man, wenn man wieder heim gekommen war, doch gestehen, daß man auf den
-schönsten Punct zurück gekehrt sei. Unvergleichlich reizend ist auch
-das Birkenauer Thal bei +Weinheim+ so wie die ganze Gegend um dieses
-Städtchen herum. Als ich vor einigen Jahren hier meinen Freund Bender
-und seine liebenswürdige Gattin in dem neu erbauten Hause unterhalb
-des Städtchens auf dem Hügel besuchte, wo ein besserer Wein reift, als
-ihn der ganze Rheingau aufzuweisen hat, -- da bekam ich die Idee, daß
-hier einstens das Paradies gewesen, welches das liebenswürdige Ehepaar
-wieder aufgefunden habe. Hätte ich nicht so viel Anderes zu thun, ich
-würde mich längst bemüht haben, diese Ansicht historisch zu begründen.
-
-Drei Male in der Woche war in +Manheim+ Schauspiel, wohin man
-gewöhnlich nach dem Mittagsessen in einer Hormuthschen Kutsche fuhr.
-Das Personal war nur mittelmäßig, jedoch entsinne ich mich noch des
-alten Thürnagels als eines sehr wackern Schauspielers und mehrerer
-artistischen Rudera aus der Ifflandischen Zeit. In der Oper glänzten
-Nieser als Tenorist und die Discantstimme der Demoiselle Gollmann.
--- Nach der Vorstellung zog man gewöhnlich in die Restauration eines
-alten Ehepaars Namens »+Sauerwein+«, die keine andere Kinder als ihren
-Rebensaft der ihren Namen zu tragen verdiente, aber eine so schöne wie
-züchtige Pflegetochter als Kellnerin hatten, daß sich die Hälfte des
-eintretenden Dutzend Studenten auf der Stelle in sie verliebten. -- Das
-gab denn komische Scenen, Einige wurden schüchtern, Andere gefällig,
-noch Andere tiefsinnig, die Weinstube bekam durch diese Affectionen,
-den ansäuerlichen Geschmack eines Irrenhauses, während die liebreizende
-Kellnerin mit ewig gleicher Freundlichkeit Keinem einen Vorzug gebend,
-allen Respect einflößend, das Verlangte credenzte. Für Dich lieber S.,
-dem eine liebliche Gattin, umblüht von rosigten Kindern vielleicht
-diese Zeilen vorlies’t, der Du, wie L. und St. jeder besonders mir an
-einem und demselben Tage vertrautest, daß Du kein größeres Erdenglück
-kanntest, als an Sauerweins Adoptivtochter Hand durch das Leben zu
-wallen, der Du schon im Begriff warst, die väterliche Einwilligung
-in die Verbindung zu suchen und es gethan haben würdest wenn Dich
-der blondköpfige L. nicht fortwährend so eifersüchtig gemacht hätte,
-und Dir L. und St. und K., und für Euch andern Verehrer der schönen
-Kellnerin, deren Namen ich nicht einmal verblümt angeben will, diene
-zur Nachricht, daß, als ich vor einigen Jahren einen alten Gegennachbar
-der Colonade nach den alten Sauerweins und nach der süßen Kellnerin
-fragte, welche in dem, jetzt einem Hutmacher eingeräumten Locale vor
-zwanzig Jahren gewohnt hatten, mir dieser erwiedert hat: »Die beide
-alte Sauerweins seien schon neunzehn Jahre todt, aber de schöne Madel
-wo sie gehabt, ischt sehr gut daran, sie hat ä brave reiche Mann und
-neun wackere Bube und wohnt im Elsaß.«
-
-Das Badische Militair bestand aus sehr erfahrenen gescheuten
-Offizieren, man konnte aber von ihnen sagen, daß die Hälfte derselben
-in Rußland halb erfroren, die andere Hälfte in Spanien halb verbrannt
-war. Mancher der letzteren trug auch noch unverkennbare Spuren
-versuchter Vergiftung. -- Die meisten lagen in Manheim wo sie einen
-Clubb hatten, in dem Einem Alles +spanisch+ vorkam, da dort wo
-möglich, +spanisch+ gegessen, getrunken und geredet wurde. So erscheint
-die traurigste und mühseligste Vergangenheit rosigt. (_Acti labores
-jacundae_.)
-
-Ein +Lieutenant+ L. hatte den Feldzug in Rußland mit gemacht. Bei
-der Retirade war er mit ganz erfrornen Händen in das Hauptquartier
-nach Wilna gekommen, woselbst aus irgend einer Französischen Kasse
-den meisten Flüchtlingen Geld, das man wol nicht in die Hände der
-Russen fallen lassen wollte, gegen Schein ausbezahlt wurde. Auch L.
-hatte hier funfzig Silberrubel bekommen. Ein mitleidiger General, der
-die bejammernswerthen Hände des L. gesehen, hatte seinen Wundarzt
-gerufen, und dieser sofortige Amputation beider Hände als das einzige
-Rettungsmittel verordnet. -- L. hatte geschwankt, endlich aber die
-Operation verweigert, weil ein alter ergrauter Kamerad ihm immer leise,
-aber eindringlich das Wort »+Terpentin+« in die Ohren geraunt hatte.
-Der Flüsterer hatte dieses nach ihrer Entfernung aus dem Hauptquartier
-auch sofort gekauft; dem L. die Haut der Finger zerschnitten, das Öl
-hineingegossen und es mit Lappen umwunden.
-
-»Als wir vor Wilna kamen« fuhr L. fort, »sahen wir einen polnischen
-Juden, der von einem Wägelchen Bröde das Stück für Einen Silberrubel
-verkaufte. Leider entschloß ich mich erst zuletzt zum Ankauf, nachdem
-schon Alle meine Kameraden verproviantirt des Weges gezogen waren. Im
-Zustande meiner Hülflosigkeit mußte ich den Juden bitten mir zwei Bröde
-in meinen Schnappsacke zu stecken, dann aber aus meiner Tasche sich mit
-zwei Silberrubeln bezahlt zu machen. -- Und siehe der Bösewicht leerte
-mir meine ganze Tasche unbarmherzig. Aber dennoch segne ich ihn, denn
-er ließ mir die zwei Bröde, ohne welche ich gewiß verhungert wäre.«
-
-Der liebenswürdige L. ist jetzt Hauptmann in Carlsruhe. Von seinen
-Fingern fehlen zwei, welche das Terpentinöl nicht restituirt, nicht
-wieder von ihrem Scheintode in das Leben gerufen hat. Der Gerettete
-ist sonst ohne Spur von der Russischen Campagne, ja, die unversehrt
-gebliebene Hand könnte Bildhauern und, Wachsboissirern als Muster
-dienen.
-
-Das Betragen der Badischen Offiziere gegen die Studenten war durchaus
-freundlich und zuvorkommend. Wie gewöhnlich werden alle, wenn auch
-selten sich ereignende Zwistigkeiten mit den Musensöhnen, durch die
-Studenten veranlaßt, welche gewöhnlich zur großen Beschämung der
-letztern endeten. Der gute B. fragte im Rausch in Schwetzingen einen
-alten spanischen Offizier, wie er sich erlauben könne das Bild des
-Kaisers Napoleon auf der Pfeife zu tragen, und erhielt dafür die
-demüthigende Antwort: »Ich trage den Großherzog von Baden im Herzen und
-Napoleon auf der Pfeife und wer etwas dagegen hat ist ein Hundsfott.«
--- Die Sache wurde zwar noch so gut als möglich ohne Pistolenduell
-vermittelt, indessen zur einigen Beschämung des sonst so gutmüthigen
-blonden B. aus A. Jetzt drückt sie ihn nicht mehr, er schläft schon
-seit zehn Jahren im Friedhofe. Er ist nach unsäglichen Leiden, an
-einem fürchterlichen Uebel, am Markschwamm im Kopfe 1826 gestorben.
-Ein langes körperliches Leiden hat den heitern Lebensmenschen zum
-Dichter gemacht. Für seine theilnehmenden Freunde setze ich die tief
-erschütternden, nach seinem Tode gefundenen Verse hierher, welche mir
-sein Bruder nach seinem Tode mitgetheilt hat.
-
-Letzter Wunsch eines lebensmüden Unglücklichen.
-
- »O daß ich tief
- Im Grünwald schlief
- Von wehenden Bäumen umschattet,
- Im Erdenschooß
- Des Jammers los,
- Worunter das Leben ermattet.
- Die Thrän’ versiegt
- In Ruh’ gewiegt
- So lieg ich auf kühlendem Bette;
- Im Abendschein
- Strahl’n Perlenreih’n,
- Und schmücken die ruhige Stätte.
- Kein Leichenstein
- Auf mein Gebein!
- Der Fremde vorüber mag wallen,
- Im Frühlingsblau
- Im Himmelsthau
- So will ich die Ruhstätt’ vor Allen.
- O daß ich tief
- Im Grünwald schlief
- Von wehenden Bäumen umschattet,
- Im Erdenschooß,
- Des Jammers los,
- Worunter das Leben ermattet.«
-
-Wunderbar, wie das Schicksal oft in anscheinend entgegengesetzten
-Charakteren, Poesie und Prosa weckt. --
-
-Glücklicher war ich selbst in einer Differenz mit dem Badischen
-Militair. Es ist dies das einzige Mal in meinem Leben, daß ich in eine
-Art Conflict mit der Polizei oder einer ihr verwandten Behörde gerathen
-bin, das Ganze dazu eine Jugendsünde die mir eben keine Ehre aber doch
-auch wol keine Schande macht. »Als ich ein Bursch war handelte ich wie
-ein Bursch.« Zudem ist mein Buch für meine alten Universitätsfreunde,
-die ewigen Burschen (_juvenes perpetui_), nicht für die Philister,
-die Prokrustes der Menschheit, geschrieben. -- Also heraus damit:
-
-Mein Freund v. P. und ich wollten den jetzt hochgestellten P.. aus
-Cöthen, der über Manheim zu Hause reis’te, zu +Pferde+ comitiren.
-Vier Chaisen, jede mit vier Menschen erfüllt, gaben ihm ohnehin das
-Geleite. Unbegreiflicher Weise kamen von P.. und ich auf die Idee,
-die wir stets in gehöriger Civilkleidung, in einem blauen Frack,
-einhergingen, sogar einen runden Hut trugen, uns einen Säbel mit
-ledernen Riemen zuzugesellen, und, wie neu ernannte Polizeidiener,
-deren Uniform noch unter Schneiders Händen ist, mit gezogener Klinge an
-dem Kutschenschlage des scheidenden Freundes zu reiten.
-
-Wir waren kaum in Manheim angelangt, als sich in unserm Hotel, dem
-Schaf, ein Officier als Deputirter des Generals v. V. des dermaligen
-Stadtcommandanten einfand, der uns zwar mit außerordentlicher Urbanität
-aber doch mit großer Wichtigkeit eröffnete, wie es gegen Alles
-+Kriegsrecht+ sei, daß Bewaffnete in eine Garnison ohne Erlaubniß des
-Commandanten und namentlich mit gezogener Waffe einritten. Der Herr
-General lasse uns mit dem Ersuchen bedeuten, heute Abend bei dem
-Zuhause ritt, ja unsern Säbel in der Scheide zu lassen, widrigenfalls
-die Besatzung angewiesen sei uns zu verhaften.
-
-Die Antwort auf dieses Manifest, welches ich im Namen unseres
-bewaffneten Duals ertheilte, lautete durchaus friedlich und beruhigend.
-Ich fühlte mich auch von der Gerechtigkeit des Ansinnens überzeugt,
-wie durch die Wichtigkeit, welche man unsern Flambergen beilegte,
-geschmeichelt. Nachdem aber der Abschied von unserm P. einige
-Champagnerpröpfe gelößt, der edle Epercoy und der Trennungskuß von
-unserm scheidenden Freunde unserm Gemüth über die bürgerliche Ordnung
-gehoben unsere klappernden Damascener uns wieder an das Kriegsrecht
-erinnert hatten, bewog ich im kecken Übermuthe den mit mir zu Rosse
-steigenden v P., eine durchbrochene Bohnenstange, die gerade im Hof
-lag, zu theilen, mit welcher Hälfte wir Jeder bei mittelmäßiger
-Beleuchtung, als sei sie ein Sarras durch die schwach erleuchteten
-Straßen ritten. Aber wir waren kaum mit unsern spatbegabten Rossen bis
-vor die Hauptwache gelangt, als wir den Ruf eines donnernden Haltes
-vernahmen und eine große Menge Bayonette zu gleicher Zeit uns entgegen
-starrten.
-
-Ich entsinne mich nie, selbst nicht von der Hannoverschen reitenden
-Artillerie ein Mannöver mit solcher Schnelligkeit ausgeführt gesehen zu
-haben, als diese Umzingelung. Es ist schade, daß sie den Annalen der
-Kriegskunst zu entgehen droht.
-
-»Meine Herren Sie sein Arestanten, weil Sie den Sabel gezogen« rief ein
-hervortretender Schwäbischer Officier. -- »Um Vergebung unser Säbel
-schlummert schon in der Scheide wie wir innerhalb zwei Stunden ein
-Gleiches in Heidelberger Betten zu thun hoffen,« war meine Antwort.
-»Wir führen jeder bloß eine halbe Bohnenstange bei uns, um unsere Gäule
-zur Rückkehr noch mehr anzuspornen. Überzeugen Sie sich selbst Herr
-Lieutnant!« --
-
-Bei diesen Worten übergeben wir die vermeintlichen Säbel zur
-Ocularinspection. Der Lieutnant war Humorist genug, den Scherz launig
-aufzunehmen und durch Nachsicht die rigoristische Ordre des Generals
-auszugleichen. Er lächelte, ließ einrücken und wünschte uns eine gute
-Reise. -- Unser Abentheuer erregte aber doch noch lange _furore_
-unter den Burschen, zumal da es ohne nachfolgende Geldstrafe, Carcer
-oder gar Relegation vollbracht war. --
-
-Ein wahrhaft boshafter Streich wurde von einem gewissen F. an einem
-Heidelberger Philister begangen. Dieser ein Metzger, wenn ich nicht
-irre mit Namen »+Eisengrein+« sollte sich gegen den ersteren einer
-Grobheit schuldig gemacht haben, welche F. fürchterlich zu rächen
-verhieß. Er stiftete zu diesem Ende einen Trinkorden »die Ritterschaft«
-bei welchen das Biertrinken »Lanzenbrechen« hieß, das aber in ein so
-bestialisches Trinken ausartete, daß eben in der Ritterschaft später
-der intendirte Sauf-Selbstmord vorkam, dessen früher gedacht ist.
-
-Jedes Mitglied der Ritterschaft mußte vor der Aufnahme dem Metzger
-Eisengrein einen Possen gespielt haben und dies wöchentlich
-wiederholen. Das Begangene wurde dann beim Gelag wiederholt, wozu der
-Refrain gelautet haben soll.
-
- 1) Wer wird denn wohl der Thäter sein?
- _Chorus._ »Der Metzger Eisengrein.«
- _Calumniare audacter, semper aliquit haeret._
-
-Der ganz beliebte Schlachtermeister Heidelbergs kam gar bald um seinen
-guten Ruf und wenn irgend etwas Übeles verübt worden war, da zischelten
-alsbald die verleiteten Mitbürger sich kopfschüttelnd in die Ohren:
-»Das hat gewiß wieder der malitiöse Schlachter +Eisengrein+ verübt.«
-
-Wenn Eisen greinen könnte, Eisengrein hätte es gewiß gethan.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
- Die Wartburgsfeier. Die Mißgriffe mehrerer academischen Senate.
- Rippel. Reise zum Burschencongreß nach Jena. Gotha. Weimar.
- Schillers Denkmal. Die Pfannkuchen in Kunitz. Der Halbmeister von
- Jena. Ankunft in Jena.
-
-
-Im Jahre 1817 hatte die Jenaer Universität ein großes Ausschreiben
-an alle Deutsche Hochschulen erlassen und dieselben zur Feier des
-+Wartburgfestes+ eingeladen. Schon damals war ich von der Heidelberger
-Burschenschafft zur Gesandschaft designirt. Der Gedanke aber, daß ich
-ein »Brandfuchs« (Student im zweiten Semester) mithin ein gar zu junger
-Botschafter sein würde, veränderte die mir günstige Majorität zu meinem
-Nachtheil. Mein Freund L. erhielt eine Stimme mehr als ich, und reißte
-fort nach Eisenach.
-
-Diese Feier ist vielfach besprochen worden und hat wahrscheinlich
-zuerst die polizeilichen Augen der Regierungen auf die Deutschen
-Hochschulen gelenkt. Das übermüthige Verbrennen eines Hessischen
-Zopfes, einer Russischen Knute, der Schriften einiger hochgestellten
-Minister klang wie eine auf etwas Bestimmten basirte Herausforderung,
-war aber am Ende nichts als ein Hochverrath, den die Hunde am Firmament
-begehen, wenn sie den Mond anbellen. Hätte man sich dahin beschränkt,
-die Verbindungen jedes Studenten mit Leuten aus dem bürgerlichen Leben
-genau zu beachten, und ihn nur zur Verantwortung zu ziehen, wenn er
-auch im Philisterio sich nicht dem allgemeinen Staatswillen unterwerfen
-würde, man hätte einen ewigen polizeilichen Conductor gehabt und
-so manchen talentvollen Jüngling Deutschlands vor einem Unglück
-bewahrt, das eine furchtbare Nemesis ihnen noch in seinen bürgerlichen
-Verhältnissen auf den Hals geschickt hat, nachdem er in der Schule des
-Lebens ganz anderes Sinnes geworden ist. -- Wahrlich! es giebt nichts
-Thörichteres als bei unsern Deutschen staatlichen Einrichtungen von den
-Sprudelköpfen unserer academischen Jugend das Mindeste zu fürchten.
-Die Reichen sind ohnehin die Conservativen, da aber der +Mangel+
-die Leibfarbe fast aller unserer Candidaten ist, so tritt nach dem
-Abgange von der Universität, vielleicht die ersten vier Wochen nach der
-Rückkehr in das väterliche Haus abgerechnet, in welchen der Schneider
-einen neuen Anzug zur Cour bei den Examinatoren angefertigt und von
-dem Exburschen mit einigen seines Gleichen noch eine entsetzliche
-Menge Bier zur Erinnerung an das verlorne Paradies vertilgt wird,
--- ein solcher Katzenjammer, verbunden mit Examensangst, daß man
-veranlaßt werden könnte, den ehemaligen Freiheitshelden für seinen
-ehemaligen Hausphilister zu halten. Ja, ich glaube nicht, daß irgend
-eine homöopatische Verdünnung existirt, welche der gleicht, die ein
-Canzleidirector, Generalsuperintendent oder ein _collegium medicum_, an
-dem allerkräftigsten demagogischen _fluidum_ eines sothanen Candidaten
-durch ihre erste Anrede beschaffen.
-
-Allein in jener Zeit fing man die Sache verkehrt an. Entweder machte
-man das Treiben der Deutschen Studenten, welche aus der reinsten,
-edelsten Empfindung hervorging, lächerlich, oder man wandte zu spät
-eine barbarische Strenge an, und schuf so -- +Zeloten+ und +Märtyrer+.
-Von der Wahrheit meines ersten Satzes liefert der unglückliche Kotzebue
-ein Beispiel, von dem Zweiten die Geschichte fast aller Verurtheilten.
-Dabei ist aber nicht zu übersehen, daß die Schuld nicht eigentlich
-an den Regierungen, sondern an dem zaghaften, eigennützigen und
-schwachen Benehmen der meisten academischen Senate lag. Denn wenn die
-Regierungen nicht das Treiben der Burschenschaft als eine unschädliche
-Kinderei ansehen wollten, so war es die Pflicht aller academischen
-Polizeibehörden, solches sofort auszurotten, was ihnen allerdings
-möglich gewesen wäre, da nichts leichter auszukundschaften ist, als
-die Verbindungen unter den Studenten. Anstatt dessen temporisirten
-viele der Herren Professoren, zum Theil selbst vom demagogischen Kitzel
-angesteckt, der aber nur so lange sie angenehm juckte, bis er auf das
-Terrain der Selbsterhaltung kam, zum Theil ließen sie aus Furcht ihre
-Zuhörer zu verlieren, fünf gerade sein, nahmen eidliche Versicherungen
-der Nichtexistenzen von Verbindungen entgegen, deren Mitglieder ihnen
-alle namentlich bekannt waren, und nur wenn ein mächtiger Erlaß von
-Oben kam, übernahm es einer der Professoren, und zwar dann gewöhnlich
-der rigoristischste, die von ihm selbst genährten und gesäugten
-Schlachtopfer der Hand der Gerechtigkeit zu überliefern.
-
-Schon 1820 habe ich die Universität verlassen, nachdem ich das letzte
-Jahr, fern von aller Verbindung, in Kiel zugebracht hatte. -- Daß
-aber, (+das Verbot einer Verbindung im Allgemeinen ausgenommen+,) bis
-1819, keine im Entferntesten strafbare oder gar hochverrätherische
-Tendenz in den Deutschen Burschenschaften gelegen hat, dies glaube ich
-später mit einer Abschrift der Protocolle, welche im Jahre 1818 zu Jena
-abgehalten wurden, evident belegen zu können.
-
-Es ist ein komisches Ereigniß, das bei dem Wartburgsfest sich ereignete
-und gar wenig bekannt geworden, zu referiren. Ich muß indessen vorher
-bemerken, daß bei dem Vor- oder Nachtrinken, das Wort ein Gelehrter
-einen halben Schoppen, ein Doctor einen ganzen Schoppen, ein +Rippel+
-etwa zwei Drittheil Flaschen, bedeutete, welches Vortrinken sich bis
-zum Pabst hinauf, in einigen mir nicht mehr erinnerlichen Gradationen,
-steigerte. +Rippel+ war aber auch ein Krug, welcher das angegebene
-Quantum faßte und insbesondere in der Weberei von den hübschen Töchtern
-credenzt wurde. Über den historischen Ursprung dieser Namen wußte
-Niemand, selbst nicht die weibliche Ganymede etwas anzugeben.
-
-Als nun an dem Wartburgfeste die meisten Studenten dem Gottesdienst
-beigewohnt, zum Theil auch das heilige Abendmahl genossen, sich sodann
-unfern der Burg Luthers, in einen engen Kreis zusammengescharrt
-hatten, um nach kurzem Gebet ihre Reden fortzusetzen, zertrennte auf
-einmal ein Mann, angethan mit einem ins Schwärzliche übergegangenen,
-ehemaligem weißen Flaus, in fliegendem Haar, gewaltig dicker Pfeife und
-Quästen, welche Ahasverus auf Universitäten getragen haben mochte, den
-engen Chor, indem er ausrief:
-
- »Wo sind die Heidelberger Burschen?
- Die Heidelberger müssen mich sehen.«
-
-Mit einer Art Respect wichen die jungen Musensöhne dem sichtbaren
-_cidevant studio_. Dieser aber hatte kaum die Heidelberger gefunden,
-als er Stille gebot und mit Stentorstimme ausrief:
-
- »Kinder! ich bin »+Rippel+,« ich bin ein +Avantagewort+, ich bin
- +Rippel+, nachdem die Heidelberger Bierkrüge +Rippel+ genannt
- werden.«
-
-Die Wirkung dieses Ausrufs soll zwar höchst originell gewesen
-sein, doch sollen nur die humoristischen Burschen über den ewigen
-Cerevisianer gelacht, viele ihn arg geschmäht haben.
-
-Gegen Ostern 1818 erließ Jena abermals eine Einladung an alle
-Burschenschaften und Landsmannschaften, zu einer allgemeinen
-Burschenschaftsversammlung. Heidelberg wählte mich zu seinem
-Großbotschafter und ich folgte diesem Ruf. Von Frankfurt bis Eisenach
-reis’te ich mit Carrové, gegen den ich in meiner Verblendung eine
-Menge Spottpfeile zur Vernichtung der Hegelschen Philosophie abschoß.
-Unsere Gespräche waren ohne Resultat. Wahrlich! mein Freund Stieffel in
-Carlsruhe hat Recht, wenn er sagt:
-
- »Ein Lehrer der Philosophie kann seinen Schülern, welche so gern in
- der Vorstellung bleiben, die Sinnlichkeit nicht genug austreiben.
- Wenn man sich es am Wenigsten ersieht und meint sie in einem
- Luftballon der Erde entrückt zu haben, da sitzen sie im dichtesten
- Rohr und schneiden Pfeifen.« --
-
-In Gotha fuhr ich mit einem Hauderer in das Thor. Ein Unterofficier
-trat an den Wagen, sah mich an und fragte dann nachlässig: »Doch kein
-Von?« Ich antwortete sehr prägnant »+Zufällig ja+,« weshalb ich nun
-eine Vernehmung _ad personalia_ bestehen mußte. Als ich Gotha verließ,
-geschah dies zu Fuß, ohne daß man einen entfernten Versuch gemacht
-hätte, zu erfragen, ob ich ein Edelmann sei.
-
-Als ich in Weimar angelangt war, fühlte ich das Verlangen, +Schillers+
-Grab zu sehen. Der Todtengräber verstand mich erst nicht als ich den
-Namen des größten Deutschen aussprach. Endlich aber faßte ihn sein
-Ohr doch auf, und er entgegnete: »Ach Sie meinen den Herrn »»+Hofrath+
-von +Schiller+,«« Ja der liegt hier. Der Herr +Hofrath+ muß sehr viele
-Verbindungen in der Welt gehabt, in Geschäftssachen alle seine Kunden
-sehr gut bedient und sehr viel Gutes gethan haben, denn alle Reisende
-fragen nach dem Herrn Hofrath mehr, als nach allen Geheimeräthen.« --
-Damals wunderte ich mich, nachher habe ich in vielen Orten mehrere
-solche Todtengräber kennen gelernt, welche ihre Schriftsteller nur nach
-der Classe und Ordnung kennen, in welche sie das Linne’sche System des
-Staats, die Rangordnung setzt. -- Aber in Weimar mag dies Ignoriren der
-großen Geister überhaupt zu Hause sein. --
-
-»Das Nächste liegt uns oft zu fern.« Erzählt man sich doch von der
-Gemahlin des großen Göthe, daß sie bei dem Anblick eines Gedichts
-ausgerufen haben soll: »Ach das sind Fehrsche (Verse) der Herr
-Keheimerath macht auch +Fehrsche+.«
-
-Von Schillers Nicht-Denkmal zurückkehrend, ging ich in den Erbprinzen,
-wo ich zum ersten Male in den Sächsischen Herzogthümern und zwar durch
-Rebhühner meinen Hunger stillte. Damals kannte ich Jena noch nicht, und
-hatte noch keine Ahndung davon, daß ich mich erst in Göttingen auf
-meiner Rückkehr nach Heidelberg wieder satt essen wurde. Zwar muß ich
-die +Pfannkuchen+ des alten Tyks in Kunitz ausnehmen, von denen ich
-übrigens ein langer ausgehungerter Jüngling von Grenadiergröße, in der
-Zeit des Wachsthums so übermäßig viel genoß, daß ich noch Jahre lang
-nachher den Artikel +_omelette_+ auf den Repertoirs der Restaurants mit
-der Hand bedecken mußte. -- Jetzt bin ich, wie überhaupt mit dem ganzen
-Leben, auch wieder mit den Pfannkuchen versöhnt und rufe gar oft bei
-dem Anblicke leider aus: »_quel bruit pour une omelette_.«
-
-Mein Dejeuner war beendigt, jetzt sollte ich zum Congreß. Bis jetzt
-war ich wegen körperlicher Schwäche +gefahren+. Es schien mir aber
-des Deputirten einer Deutschen Burschenschaft total unwürdig, zu
-Wagen in Jena anzukommen, ich machte mich also auf die Wanderung,
-überhaspelte, wie ich dies auch jetzt noch wol thue, aber besser
-vertragen kann, meine ohnehin flüchtigen Schritte, bei welche mich die
-in mich gesenkten Rebhühner nicht wenig incommodirten, und kam müde und
-athemlos zu +Ketschau+, etwa auf der Hälfte des Weges von Weimar nach
-Jena, an. Vorher aber hatte ich Sorge getragen mir das Ansehen eines
-weitgereis’ten Fußgängers zu geben, indem ich meine ohnehin undeutsche
-Polonica mit Chauseestaub bepudert, die seidenen Schnüre verdeckt und
-ihnen eine gleiche Farbe, wie dem Tuche meines Habits verliehen hatte.
---
-
-Sehr willkommen war es mir daher, als ich vor dem Wirthshause ein
-Wägelchen mit einem Pferde bespannt fand, dessen Kopf nach dem Wege
-gerichtet war, der nach Jena führte. Ich fragte nach dem Eigenthümer
-und, als ich ihn ermittelt, was er verlange, wenn er mich mit nach
-Jena nehme. Auf seine Versicherung, daß er sich eine große Ehre daraus
-mache, wenn ich einen Platz auf seinem Wagen einnehmen wolle, besah
-ich mich im Spiegel, aus Furcht, noch zu aristokratisch philiströs
-auszusehen, folgte aber, in diesem Puncte vollkommen beruhigt, der
-Einladung. Ich lernte aber bald den Grund der Devotion des Fremden
-kennen, sein Chaischen konnte nicht als Triumpfwagen eines, wenn
-auch nur burschikosen Deutschen Bundesgesandten dienen, es gehörte
-dem +Freiknechte+ Jonas. -- Hilf Himmel! das war ein Moment. Stolz
-und Mitleid kämpften alsbald in mir. -- Auf einem solchen Karren als
-Heidelberger Deputirter zu fahren, das wäre, sobald es ausgekommen,
-ein unauslöschbarer Schimpf für meine Burschenschaft gewesen, ich
-hatte ihr einen verächtlichen _characterum indelebilem_ angehängt,
-das Ereigniß wäre zudem eine ewige Fundgrube schlechter Witze für
-die Landsmannschaften in Heidelberg geworden. Denn damals war
-_Jules Janins_ »todter Esel« noch nicht ins Leben gerufen und die
-Lieblingslecture aller Damen geworden. Auf der andern Seite habe ich
-immer das Vorurtheil gehabt keins zu haben, und stets die Ansicht
-gehegt, daß es für den nur »Teufel,« »Mandarinen« und »Parias« gebe,
-der daran glaubt. Ich wollte daher nach der gemachten Entdeckung nicht
-den +Ganzmeister+ im Samariterwesen als +Halbmeister+ demüthigen, und
-ihn nach der Erforschung seines Status nicht sofort verlassen. Habe ich
-es doch nie über das Herz bringen können, undankbar zu sein!
-
-»Aber so hilf Dir doch, ein Deputirter, ein Diplomat, eine Eminenz,«
-raunte mir mein Genius, dann aber die Idee zu, die ich sofort ergriff
-und ausführte.
-
-»Mein Bein ist mir eingeschlafen,« hub ich an »ich muß mich ein wenig
-vertreten und es Ihrem Pferde leichter machen. Doch will ich Ihnen
-zuvor noch ein Histörchen zum Besten geben. Sie gehören einem Stande
-an, in dem Liebe, Freundschaft und Ansehen weder durch Reichthum und
-Fürstenlaune einem Cours unterworfen sind. Die Ehre, welche eigentlich
-nur in der Meinung der Andern besteht, also eigentlich wie ein Buckel
-keine Realität hat.«
-
-»Wie ist das mit dem Buckel zu verstehen?« fragte der Wasenmeister,
-»Wie stehen die beiden Dinge in Verbindung?«
-
-»In der allernächsten,« versetzte ich, »Beide bestehen in der Meinung
-Anderer. Denn da wir aus Erfahrung wissen, daß es keinen Bucklichten
-giebt, der sich seiner Deformität bewußt ist, so sind wir im
-Allgemeinen möglicher Weise auch dieser Selbsttäuschung unterworfen.
-Wer steht sich selbst dafür, daß er nicht einen Buckel hat, wer
-kann über die Ansicht eines Anderen gebieten, wer schafft sich eine
-Anerkennung bei einem verblendeten Volke, das einmal annimmt, daß man
-an Rückenüberfluß oder an Mangel an Ehre leidet? Hieraus ergiebt sich,
-daß Ehre und Buckel keine Wirklichkeit haben, vielmehr nur in der
-Meinung Anderer bestehen.«
-
-Der Freiknecht lächelte. »Aber Ihre Geschichte wenn ich bitten darf.«
-
-»Ja so! Sehen Sie, ich bin ein geborner Holsteiner. Bei mir zu Lande
-nähren die klugen Halbmeister das Vorurtheil der dummen Leute, daß
-sie nicht ehrlich seien. Sie riskiren nicht, daß ihnen irgend ein
-Wollüstling ihre Tochter verführt und leben bei einem reichlichen
-Erwerb lustig und in Freuden. Sie heirathen unter einander wie die
-Fürsten und erhalten ihr Blut reichlich so rein wie diese. Als vor
-etwa sechszig Jahren die humane Dänische Regierung diese Anrührigkeit,
-welche dort auf ihrem Stande lastete, aufheben wollte, supplicirten die
-Freiknechte: »»Seine Majestät der König möge doch von dieser Intention
-abstehen, denn dann könne ja jeder +Esel+ und +Dummkopf+ Halbmeister
-werden.««
-
-Ich habe niemals mit einer Erzählung so viel Glück gemacht als mit
-dieser. Freudenblitze schossen aus den Augen des Wagenlenkers, dann
-folgte ein herzliches Gelächter, und diesem die Versicherung, daß er
-nie eine so vortreffliche Historie gehört habe und zu Hause eilen
-wollen, um sie Weib und Kind mitzutheilen. Ich aber verließ meinen
-dankbaren Fuhrmann und pilgerte auf Jena zu. Endlich zeigte sich die
-Ölmühle und hinter einer Staubwolke ein Rudel Burschen. -- Und hier mag
-es der Ort sein, eine freilich schon von mir, wenn auch bis jetzt nicht
-ganz getreu der Wahrheit gemäß, publicirte Anecdote unverschleiert zu
-erzählen, welche lehrt, daß so gefährlich, ja tödtlich es sein mag,
-viel Bier zu vertilgen, zuweilen doch Eine Flasche Einem das Leben zu
-retten, wenigstens vor großen Unannehmlichkeiten bewahren vermag. --
-
-Die Studenten sahen mir gleich das Congreßmäßige und die
-Burschenqualität an, und ich wurde sofort nach dem in Jena herrschenden
-Generalsmollis, mit einem »Lieber Kerl, wo kommst Du her?« empfangen;
-als man aber hörte, daß ich ein Deputirter sei, wurde ich unter
-Flötenton freudiger Lippen, halb als Arrestant, halb als Triumphator
-auf den Burg-Friedrich (Burgkeller) gebracht, mir der möglichst
-amphitheatralische Platz angewiesen, und zu meiner Labung eine
-köstliche Biersorte versprochen. Jeder wollte dabei seine Geliebte
-recommandiren. Bringt Wölnitzer -- Pfui doch! Schwerstädter -- nein,
-Lichtenhainer -- warum nicht gar! -- Oberweimarisches Bier wird ihm
-munden! Mit diesen und vielen andern ähnlichen Phrasen verwirrten die
-Gastlichen den alten Wirth, »Vetter« genannt, bis dieser auf den Rath
-seiner häßlichen Tochter sich beeilte, eine lebende Probekarte von
-allen Bieren auf den Tisch zu stellen.
-
-Nun ging es an ein Untersuchen. Alle Krüge vergossen ihr Blut, und
-marschirten an meine Mundküste, um sich von mir +köhren+ zu lassen.
-Begierig tranken die einzelnen Blicke der Anhänger der verschiedenen
-Sorten mit meinen Lippen, etwa wie die mütterlichen Augen auf den
-Bällen mit den Füßchen ihrer Töchter tanzen.
-
-Da fiel mein Blick auf ein Dintenmäßiges schwarzes Cerevis, das, in
-ein kleineres Glas geschenkt, verborgen, wie ein Bierveilchen blühte.
-Sein Name war mir nicht genannt; als ich dieses aber, nachdem ich es
-probirt, für das beste erklärte, schlugen meine Freunde die Hände über
-den Kopf zusammen, und zum Erstaunen erfuhr ich, daß dieser schwere
-starke Stoff nur den ärgsten Biersäufern zu munden pflege, daß mein
-Geschmack um so mehr auffalle, weil ich von einer Universität komme, wo
-derzeit immer Wein getrunken wurde.
-
-Während ich mich als diplomatische Person wegen meines Geschmackes zu
-schämen anfing, erhielt ich plötzlich einen sanften Schlag auf die
-Schulter von einem ziemlich ältlichen Burschengesichte, das durch
-seine gelbe Farbe und Zusammengeschrumpftheit einem ledernen Schlauche
-nicht unähnlich sah. Bei meinem Eintreten saß dasselbe still in einer
-Ecke vor einem Kruge des dunkeln Biers, so daß durch die Fäden der
-Erinnerung vielleicht meine Wahl einer gleichen Sorte bestimmt worden
-war. »Du bist ein herrlicher Kerl,« scholl eine heisere, bald mit dem
-Sprechenden verschwindende Stimme, begleitet von einigen leuchtenden
-travestirten Blicken von Stolbergs altem Ritter. »Wer war das?« fragte
-ich unheimlich ergriffen. Das ist der alte sogenannte »Peter General,«
-belehrte mich mein Nachbar.
-
-»Nur seine abgöttische Verehrung des schwarzen Köstritzer Biers und
-Dein diesem gespendetes Lob wird ihn zu dieser Zärtlichkeit gegen Dich
-vermogt haben. Er kennt sonst keinen andern Beruf als Scandale (Duelle)
-und besonders gegen junge Burschenschaftler anzuzetteln, steht dafür
-aber auch bei allen Hallischen Teutonen und einigen blindschleichenden
-Landsmannschaftern in großem Ansehen, bei denen er grade wegen dieser
-moralischen Ansäuerlichkeit Alles vermag.«
-
-Als wir unsere Sitzung aufgehoben, eilten wir auf den Markt, der,
-wie sein College der Neapolitanern, den meisten Jenaer Studenten als
-Wohnung und Kaffeehaus diente. Hier wurde geraucht, conversirt, rappirt
-und gesungen. Eine Kopfbedeckung war keine durchaus gewöhnliche Tracht,
-ich habe Jenaer Studenten gekannt, welche sich diese Ausgabe drei
-Jahre erspart, ja ganze Fußreisen durch das Fichtelgebirge in ihren
-lang herab wallenden Haaren gemacht haben. Der Cynecker Diogenes hätte
-überhaupt vielleicht hie und da Gelegenheit gehabt, seine Laterne auf
-dem Jenaer Markte auszulöschen.
-
-Inzwischen hatten sich am Nachmittage wieder einige Bundestagsgesandte
-ich glaube von Königsberg und Leipzig, eingefunden. Wir wurden von den
-Kümmeltürken (eingeborenen Studenten) angestaunt und umringt, etwa wie
-einst die Weißen von den Indianern, indessen dies doch größtentheils
-nur mit jener Freundlichkeit und Herzlichkeit, welche nur den
-academischen Jahren eigen ist, und die dem Menschen zu einem höheren
-verklärt.
-
-Nur eine Ratte bewegte sich in Knäulform mit grinsendem und spöttischem
-Gesichte, dem man weder Gastlichkeit noch Wohlwollen ansah. Der General
-ihr geistiger Chef, war indessen nicht dabei. Es waren größtentheils
-ehemalige Anhänger der Jenaer und andere Landsmannschaften auf fremden
-Hochschulen, die burschikosen Titanen, welche der ihnen verhaßten,
-damals souverainen Burschenschaft, auf alle mögliche Weise ein Drangsal
-anzuthun suchten. Dazu bot sich nun die paßendste Gelegenheit, wenn
-man einen der Gäste und gar einen Deputirten beleidigte. Ihr Blick war
-auf mich, der ich, eine Hopfenstange über Allen hervorragte, gefallen,
-worauf die malcontenten Verschwornen mir unvorzüglich nahten.
-
-»Ich kann vor der Heidelberger Burschenschaft keinen Respect haben,«
-bemerkte nach kurzer Anrede A., ein Gießener, ziemlich laut prahlend,
-»da Ihr einen Kerl unter Euch gehabt, der eine Gans gestohlen hat.«
-
-Und der wäre?
-
-»Ein gewisser O. aus X., ich will es ihm beweisen, daß er eine Gans
-gestohlen hat.«
-
-O. gehörte nicht zu meinen nähern Bekannten, ich konnte es ihm füglich
-selbst überlassen, diesen ihm angethanen Schimpf von sich abzuwaschen.
-Allein die _levis notae macula_, welche A. der Heidelberger
-Burschenschaft angethan, konnte ich nicht sitzen lassen. Ich foderte
-ihn daher auf, zu erklären, daß wenn sich die Wahrheit seiner
-Behauptung auch herausstelle, die Existenz eines räudigen Schafes in
-unserer Heerde unmöglich unserer Burschenschaft präjudiciren könne.
-Allein darauf wollte sich A. nicht einlassen. »Ich bleibe bei dem was
-ich gesagt habe,« wiederholte er, »und wenn Du dadurch die Heidelberger
-Burschenschaft touchirt glaubst, so kannst Du es nehmen wie Du willst.«
---
-
-»Du bist +gefordert+,« war meine nothgedrungene Antwort. Trotz meiner
-nicht eben angenehmen Situation, mußte ich in dem Augenblick laut
-lachen, was meinen mit seiner Suite scheidenden Gegner zu erbittern
-schien. Mir kam nemlich das Einlagerrecht, in den Sinn, ein im
-Westphälischen Frieden in Deutschland aufgehobenes und nur für die
-Holsteinischen Lande reservirtes Institut, auch +Obstagium+ genannt.
-Man verstand darunter die Verpflichtung, wornach der Schuldner
-versprach, wenn er seine Zusage nicht erfüllen würde, auf erfolgte
-Einmahnung, sich mit einem bestimmten Gefolge an einem gewissen Orte
-einzufinden und denselben bei Strafe der Ehrlosigkeit nicht eher zu
-verlassen, als bis er alles Versprochene geleistet haben würde. Auch
-die Herzöge von Holstein konnten sich auf das Einlager verpflichten,
-wenn sie aber ihre Verbindlichkeit nicht pünctlich erfüllten, so
-durften sie sich remplaciren lassen und mußten alsdann Drei Räthe für
-sie in eine Herberge einreiten, wo immer das +Einlager+ (das auch
-deshalb das +Einreiten+ heißt,) gehalten wurde. Einer dieser Herrn
-Räthe schien ich mir in dem Augenblick zu sein.
-
-Noch an demselben Tage erwählte ich meinen Sekundanten. Da ich aber nur
-den Hieber, mein Gegner den Stoßdegen zu führen gewohnt war, so wurde
-ein Pistolenduell unter ziemlich gefährlichen Auspicien beschlossen.
-
-Die Jenaischen Burschenschaftler fühlten sich tief über diese
-Verletzung der Gastlichkeit an einem Deputirten gekränkt, um so
-mehr jubelten aber ihre Feinde im Stillen, begeistert durch die
-Ermunterungen ihres despotischen Generals.
-
-Eine Stunde vor dem Zweikampf ging ich über den Markt, woselbst mein
-Gegner sich im eifrigsten Gespräche mit seinem Gelichter befand, das
-auf mich, als auf einen Passagier nach Elisum zeigte. Aber siehe,
-plötzlich traf mich der Blick des dermal anwesenden Generals.
-
-»Ist das Dein Gegner?« fragte er den bejahenden Nachbar. »Nun« sagte
-er, »denn wird aus Eurem Kampfe nichts. Diesse Kehrl hät bi de erste
-Pröv von twintig Sorten Beer dat schwarte Köstritzer för dat beste
-erklärt.« (Dieser Kerl hat bei der ersten Probe von zwanzig Sorten Bier
-das schwarze Köstritzer für das Beste erklärt.)
-
-Der General hatte nie so gesprochen, mein erstaunter Gegner aber
-gehorchte mit jesuitischem Gehorsam. Er gab mir eine genügende
-Erklärung und der General trank mit uns eine Flasche Köstritzer Bier
-zur Versöhnung.
-
-Die Jenaer Philister waren mir von Thibaut ganz anders geschildert,
-als ich sie fand. Dieser, welcher dort Professor gewesen, nannte
-sie die demüthigsten Menschen, welche ihm je vorgekommen seien. Er
-behauptete sogar, daß sie sich in der Anrede der Brieftitulaturen
-bedienten, und die lernenden und lehrenden Mitglieder der Academie
-mit »Ew Wohlgeboren, Ew Hochwohlgeboren und Ew Hoch und Wohlgeboren«
-anredeten. Mir kamen sie keineswegs so demüthig vor, vielmehr wie
-enthusiastisch liebende Jungfrauen, welche alle Thorheiten ihres
-Liebhabers (hier der Studenten) vergöttern, oder besser gesagt, wie
-reine Sancho Pansa’s, welche sich ganz nach ihren Don Quichotischen
-Herren gemodelt haben. -- Als ich den alten Kneipier Senfft, in dessen
-Hause die Burschenverhandlungen gehalten wurden, zum ersten Male mit
-zwei anderen Deputirten sah, bat uns dieser um die Erlaubniß Eine
-Frage an uns richten zu dürfen. Da ihm dies gewährt worden, erkundigte
-er sich, was für Landsleute wir seien. Als darauf die Antworten »ein
-Sachse, ein Kurhesse, ein Holsteiner«, ertheilt worden waren, versetzte
-er gravitätisch: »Falsch geantwortet meine Herren! Sie sind alle
-+Deutsche+ und das sollen Sie hier erst recht kennen lernen.«
-
-Der Jenaer Burgkeller bot insbesondere zur Zeit des Mittags- und
-des Abendessens einen besondern Anblick. -- Wenn man in die Thüre
-des Saales trat, der von einem großen Pfeiler in der Mitte getragen
-wurde, sah man rechts an einem Tische einige Privatdocenten, welche
-unter sich das kümmerlichste Mahl verzehrten was einem geboten werden
-kann. Unter ihnen befand sich der Sohn Wielands. Dasselbe Diner wurde
-dem Bruder Studio vorgesetzt, welcher die Mitte und den Hintergrund
-des Saales einnahm, während die linke Seite von Bier und Branntwein
-zechenden Philistern, größtentheils von Frachtfuhrleuten, besetzt war,
-welche ungehindert ihren Kneller pafften, der sich mit den magern
-Speisedämpfen zu einem, den Göttern gewiß nicht gefälligen Rauchopfer
-vereinigte. --
-
-Man speiste von zinnernem Geschirr, die Suppen erinnerten nicht, wie in
-Norddeutschland, an einen Pfauenschwanz, höchstens an einen Cyclopen,
-denn es war in derselben selten ein Fettauge zu bemerken. Die meisten
-Teller boten auf der Kehrseite ein Studium für Alterthumsforscher.
-_Condordia res parvae erescunt -- Gloria virtutis comes. -- Vivat
-circulus fratrum Rhenanorum_, Elise ist ein Engel, gekreuzte Schläger,
-Todtenköpfe. »Falsch ist Jena« »Vivat Jena!« »1763, 1785, 1800,« und
-manche mehr oder wenig verwischte Inscriptionen, waren es die den
-archäologischen Hunger viel mehr als den physischen befriedigten. Der
-räthselkundigste Hosteiner hätte als Oedip auf dem Rathskeller ohne
-Zuflüsterung nicht gerathen, daß das graue Zeug, welches man in Rüben
-verhüllt ihm auftischte, +Rindfleisch+ sein sollte.
-
-Nach Tisch zog eine große Menge der Burschenschaftler gewöhnlich nach
-Ziegenhain. -- Der Wirth war sehr tolerant und verzapfte sein, nach
-meiner Meinung mit betäubenden Kräutern geschwängertes Bier fast Alles
-auf Credit, jedoch mußte man den ersten Krug mit einem Groschen baar
-bezahlen. Dieser Punct war ein präjudizieller. Daher riefen die oft
-alles baaren Geldes entblößten Musensöhne, bevor man von dem Markt
-zog: »Wer hat einen Spieß, daß ich mitgehen kann?« Und fast immer fand
-sich ein Freund in der Noth. --- Sobald aber alle gehörig mit einem
-Spieß bewaffnet waren, ging es im lauten Gesange auf das Dorf. Die
-Landsmannschaftler zogen nach Lichtenhain, wo eine Cerevisia, freilich
-sehr im Anderssein der meinigen haus’te und dermalen ein Bierkönig
-»+Thus der achte+« regierte. Ich bin nie dort gewesen. Abends zog der
-Schwarm brüllend heim, am andern Morgen aber erinnerten die blassen
-Gesichter der Bierhelden, welche nicht so frisch wie die Walhallahelden
-aufgestanden waren, an die Theriakisten, (Opiumesser) der Türken.
-
-Die Jenaer Burschenschaft, so arm sie auch war, bewirthete die
-Deputirten auf eine höchst gastliche Weise. Jeder theilte sein Logis
-mit den Burschen, welche sich zum Congreß eingefunden hatten, es
-wurde nicht allein den Deputirten während ihren ganzen Aufenthaltes
-freie Kost gereicht sondern demselben an den Sessionstagen sogar eine
-Flasche Würzburger vorgesetzt, eine so rührende Gastlichkeit, daß sie
-selbst die Säure des Weines überwand. Ja man ging soweit innerhalb des
-Umkreises von einer Meile jeden Deputiten zu signalisiren und jedem
-Wirth bei Strafe des Verrufs zu verbieten, von einem Deputirten Zahlung
-zu nehmen. --
-
-Mir fiel oft das Sprichwort dort ein -- »Ein Engel löffelt mit dem
-Andern.«
-
-Unter den Deputirten waren Leute, die jetzt einen ausgezeichneten Namen
-und bedeutende Stellungen sich erworben haben. Obgleich ich es für ganz
-unpräjudicirlich für sie halte, dieselben namentlich aufzuführen, da,
-wie ich bereits erwähnt habe, die Acten ergeben, daß jene Versammlung
-nur das Gas entwickelte, welches alle Fürsten Deutschlands von
-Napoleonischem Drucke befreit, daß die Idee eines Deutschen Bundes
-in das Leben gerufen hat, und daß die Fürsten um Gotteswillen zu
-conserviren haben, so scheue ich doch jeden Vorwurf einer Indiscretion,
-und will mich daher begnügen hier nur zweier zu erwähnen, die jetzt
-schon in zweiter und letzter Instanz gerichtet sein werden. Es sind
-dies +Loresen+ und +Sand+. Der Dänische Canzleirath Loresen war damals
-von Kiel deputirt. Ein blonder, breitschulteriger Insulaner imponirte
-er mehr durch seinen Körper, seine Gutmüthigkeit als durch seinen
-Geist. Man kam in Versuch diesen kräftiger zu halten als er war und es
-ist mir ohne allen Zweifel, daß alle seine nachherigen Schritte, von
-denen ich übrigens keinesweges unterrichtet bin, von ihm nur auf fremde
-Einflüsterungen gethan sind. -- Überhaupt ist es nicht zu leugnen, daß
-die Deutschthümlei in jener Zeit sowohl im guten wie im bösen Sinne
-über die Maaßen einseitig und oft nur zu Werkzeugen Anderer machte.
-Gewiß paßte auf Viele damals der bekannte Satz:
-
- »Du glaubst zu schieben und Du wirst geschoben.«
-
-Ein ähnlicher Character war der +Sands+. Die Ermordung Kotzebues war
-lächerlich und deutet hinlänglich auf die partiale Schwachköpfigkeit
-des unglücklichen Mörders. Und dennoch war viel Edles und Großes in
-ihm verborgen. Nicht ohne Rührung sind folgende Worte zu lesen, die er
-mir in das Stammbuch schrieb, als ich voll heiterer fast französischer
-Laune ihm das Epigramm beim Abschiede geweiht hatte:
-
- Lieber Freund, wer Dir vertraut,
- Der hat auf keinen +Sand+ gebaut.
-
-Sand, dem alle Scherze fatal waren, und den ich wenigstens nie lächeln
-sah, antwortete darauf diese ernste Worte:
-
-»Die Kraft, jegliche die Du hast, ist dem Vaterlande, damit du ihm
-selbst heimbezahlen die unerlösliche Schuld für Sprache, Sitte und
-Erziehung für den Boden, worauf Du groß geworden bist und auf welchem
-Du Deine Thaten üben willst, für Alles was Du von ihm hast. Dieses
-wollen wir wohl bedenken, -- aber wollen wir dann noch Wohlgefallen
-haben an der bisherigen Kleinheit, oder suchen wir wieder die Größe und
-Erhabenheit der alten Zeit? Soll uns endlich das ganze deutsche Land
-zum Tummelplatze werden, und wollen wir uns eines Volkes erfreuen, daß
-nach altem Brauche den mächtigen Schiedsrichter in Europa zu machen,
-berufen ist?«
-
-Wir haben Ja gesagt und wollen dem nachleben. --
-
- Jena, am Burschentage vom 29. März
- bis 14. April 1818.
- Dein deutscher Bruder +Carl Sand+,
- G. G. B. aus dem Fichtelgebirge.
-
-Merkwürdig war es, daß, als ich Sand Lebewohl sagen wollte, ich
-denselben auf seinem Sopha liegend fand. Er schien eine Anwandlung von
-Pleuresie zu haben, denn er griff mit der Hand krampfhaft in die Seite
-und rief mir zu: »Lebewohl! ich sterbe an diesem Stich in der Brust.« --
-
-Als ich in Weimar den Postwagen bestieg um über Göttingen den Rückweg
-nach Heidelberg zu machen, war mein Mitpassagier der Sohn Kotzebue’s,
-den allerhand Spöttereien welche man aus Rache seinem Vater, ich
-glaube bei einer maskirten Schlittenfahrt, angethan hatte, von Jena
-vertrieben hatten und der Deutschland verließ, um seine Studien in
-Dorpat zu beendigen. Er war ein liebenswürdiger Mensch und ist eine der
-angenehmsten Bekanntschaften meines Lebens.
-
-Während ich diese Memoiren schreibe und nach einem von mir entworfenen
-Schema die einzelnen Begebenheiten zu einer Schnur zusammen reihe,
-komme ich mir vor wie ein Fährmann der bereits vom Ufer abgestoßen
-ist, von demselben her aber noch immer ein »Heda! nimm mich doch auch
-mit!« vernimmt. Die Erinnerungen tauchen in mir zu Hunderten auf,
-ich muß alle Augenblick verneinen um nicht gar zu viel Überfracht
-zu bekommen. Mir wird dabei ängstlich, wie einem Reisenden, der auf
-der Schnellpost reiset und nur 30 lb. an Bagage frei hat. Und was
-zeigt sich da meinen Blicken? Nichts weniger als ein Todter, ein
-Leichenhemd. Eine Geistergeschichte, die, weil sie erlebt ist und
-wahrscheinlich noch von einem Lebenden außer mir documentirt werden
-kann, wohl berechtigt ist, noch als Passagier in das Schiff meiner
-Erzählung zu steigen. -- Das ganze ist eine sogenannte Vorahnung
-worin ich überhaupt ziemlich stark bin, obgleich ich sonst nicht zu
-den Sonntagskindern gehöre. Das mag indessen in meinem Blute liegen.
-Träumte doch meinem ältesten Bruder, Peter von Kobbe, dem Historiker,
-einem dreizehnjährigen Knaben, in der folgenden Nacht, da sich das
-Ereigniß im mittelländischen Meere zugetragen hat, die Schlacht bei
-Trafalgar, (mit Ausnahme dieses Namens) der Tod Nelsons, die Zahl der
-von ihm eroberten Schiffe, das Datum der Schlacht, die Nummer des
-Hamburger Correspondenten worin diese gemeldet wurde, und der ganze
-Artikel, welcher den Sieg und die Himmelfahrt Nelson’s enthielt. Sah
-er doch in Itzehoe in dem Hause der Generalin +Hedemann+ einen
-Tag vorher die Leiche eines Knaben in jedem Zimmer, der am andern Tage
-aufgefischt und in das Haus der Generalin gebracht wurde. Mein Bruder,
-ein Mann von seltener Gelehrsamkeit, der als rühmlichst bekannter
-Geschichtsforscher dem legitimen Princip ergeben ist, hat für seinen
-Kaßandratact die Undankbarkeit der Fürsten erfahren, welche ihm ehren
-sollten, wie keinen seines Gleichen, und ihm ein Prytaneum bauen. Ich
-bin aus zu luftiger Construction, weder für Aristokraten noch für
-Democraten recht brauchbar, aus viel Respect gegen den Himmel und aus
-viel Verachtung gegen die Erde zusammengesetzt und daher ein Humorist
-geworden, oder besser gesagt, geblieben, habe übrigens meine Qualität
-als Geisterseher, wovon ich noch einige andere merkwürdige Beispiele
-erzählen könnte, wahrscheinlich für dieses Leben verscherzt. Erzogen
-von einem frommen Großvater im sogenannten Mysticismus, wofür ich
-übrigens Gott als Poet noch auf meinen Knieen danke, habe ich alle
-meine Sonntagskindseigenschaft durch eine ganz im Ernste gemeinte
-Bemerkung meines Freundes v. St. verloren, welcher kurzsichtig war und
-nach einer Relation mehrerer Geistergeschichten in einem Kreise von
-Freunden sich höchst naiv über seinen Mangel an Aperception von solchen
-Dingen mit den Worten darüber beklagte: »Ich kann leider! keine Geister
-sehen, weil ich einen Geist nicht von einem Bettlacken zu unterscheiden
-vermag.« Seit dem heftigen Gelächter, worin ich damals über diese
-_crassa minerva_ ausbrach, bin ich kein Seher mehr, sondern nur
-noch höchstens ein Fühler geworden. Ich fordre den Buchhändler Herrn
-Berndt zu Oldenburg hiemit zum Zeugen auf, ob ich ihm nicht im Jahre
-1832 als eine Neuigkeit erzählt habe, +daß ich innerhalb drei Tagen
-ein Bein brechen würde+. Am zweiten Abend hatte ich durch ein bloßes
-Ausgleiten die _tibia_ zersprengt. --
-
-Vielleicht hätte ich übrigens Restitution als Geisterseher bekommen.
-Allein ich habe einen zu rationalistischen Weg eingeschlagen, der mich
-bald ganz um meine Swedenborgschen Eigenschaft bringen wird. Da nämlich
-der Zufall mich auf alle Weise chicanirt, habe ich mich entutirt,
-denselben zu besiegen. Ich habe ihn lieb gewonnen, wie Richard Savage
-seine grausame Mutter, ich lasse nicht von ihm, ich erscheine ihm bald
-als Berliner, bald als Braunschweiger, bald als Osnabrücker, d. h. ich
-spiele häufig in der Lotterie, und verwende alle meine Sehergaben dabei
-um einen großen Gewinn zu ergattern. Ja, mein Streben geht soweit, daß
-wenn ich in stiller Mitternacht zu meiner _villa_ kehre, welche vor
-dem Heiligengeistthore unfern des Kirchhofes liegt, und den Todtenweg
-hinunter wandre, auf dem es bekanntlich in dieser Stunde nicht recht
-richtig ist, -- -- sobald mir irgend ein Geist begegnet, sei es ein
-edler Hingeschiedener im unversehrten Todtengewande oder nur so ein
-Lump in der Form des Bettlakens, ich sogleich rufe: »Bester! oder
-Beste, welche Nummer in der Preußischen oder in der Braunschweigischen
-Lotterie wird das große Loos gewinnen?« Die Verstorbenen müssen
-allerhöchste Ordre haben, auf diese epinöse Frage, vielleicht aus
-Furcht, daß der souveraine Zufall sie doch nachher blamirt, nicht zu
-antworten; sogleich wenden sie sich. Wenn man darauf losgeht sind
-sie verschwunden und man muß sich Mund und Augen wischen, in denen
-sich dann höchstens von der ganzen Erscheinung, noch etwas alter
-Weibersommer befindet.
-
-Doch zur Sache. -- Ich logirte in Jena bei zwei Gebrüder B. aus
-Mecklenburg, welche in der Apotheke am Markt wohnten. Eines Tages
-ging ich mit Sand und einem Andern, dessen Name mir entfallen ist,
-ich glaube aber es war der jetzige Professor +Leo+ in Halle über das
-_forum_ vor das Thor, um einen Platz zu suchen, wo wir am 3. März zur
-Feier der Einnahme von Paris eine Eiche pflanzen wollten, welches
-auch an dem fraglichen Tage mit großer Feierlichkeit vollführt worden
-ist. Ich beklagte mich, daß der Taback schlecht sei und daß ich um
-mich Sächsisch-Weimarsch-Eisenachsch auszudrücken, den +Lausewenzel+
-nicht mehr +bleffen+ möge. »Ei!« bemerkten meine Begleiter, »wenn Du
-sechs gute Groschen für das Viertelpfund anwenden willst, so gehe nur
-in den Kramladen da, dicht neben der Sonne, da kannst Du Hamburger
-+Justus+ bekommen.« »Hängt!« (das lateinische _accipio_) entgegnete
-ich burschikos und ging in das mir bezeichnete Kaufhaus, worin sich
-der Krämer mit seinem Lehrburschen befand. Die Anderen warteten meiner
-draußen. --
-
-Ich foderte den mir bezeichneten Taback. Der Kaufherr erklärte mir,
-daß die fragliche Sorte auf dem Boden liege, daß er sie mir holen
-wolle. Aber in demselben Augenblicke sah ich diesen guten Mann als
-+Leiche+ auf einem Paradebett. Die Vision schwand indessen sogleich und
-beängstigte mich eben auch nicht sehr, denn es war heller Mittag. --
-
-Nichts desto weniger bemerkte ich dem Ladenjungen: »Geben Sie Acht Ihr
-Herr stirbt bald.« »Ei warum entgegnete dieser, er ist ja kerngesund.«
-»Er ist so corpulent,« versetzte ich, hiedurch Entscheidungsgründe für
-mein Gottes-Urtheil suchend.
-
-»O das hat nichts zu bedeuten,« versetzte der Lehrling. »Ich kenne den
-Herrn schon seit vielen Jahren, er hat immer so ausgesehen.«
-
-In dem Augenblicke kam der Kaufmann und überreichte mir das Paquet
-Taback. Ich zahlte, glotzte ihn noch einmal an und fühlte nun wohl daß
-ich mich total geirrt hatte. Er sah in der That kerngesund aus.
-
-Wenn man im Norden einen Bauer fragt: »Freund! wie weit habe ich bis
-zu X.?« so hört man nicht selten die Antwort: »Eine Pfeife Taback.« Es
-wird von den Antwortenden darunter eine gewisse Zeit verstanden. In
-diesem Sinne kann ich von einem Viertelpfund Taback weiter referiren.
-Ich blies meine letzte Pfeife nach wenigen Tagen aus dem zweiten Stock
-der Jenaer Marktapotheke in die Luft, als ich vor dem bereits erwähnten
-Kramladen, dicht an der Sonne, einen Leichenzug halten sah.
-
-Ich gestehe, nie in meinem Leben von einer solchen innern Angst
-ergriffen worden zu sein, als an dem fraglichen Nachmittage. »Seht
-Ihr,« rief ich aus, abermals eine Vision wähnend, mit dem Finger nach
-dem Kramladen zeigend, »seht Ihr was dort vorgeht?«
-
-»Es ist ein Leichenzug,« war die, aus dem Munde der Gegenwärtigen
-einstimmig hervordringende Antwort.
-
-In Bremen lebt ein geistreicher Schiffsmackler Namens +Heineken+, der
-erste und vielleicht der einzigste, welcher nach einem Compaß von
-Schwedisch nach Russisch Lappland gesteuert ist. Zehn Tage und zehn
-Nächte hat derselbe sich mit gefrorner Milch und Fleisch vom Rennthier
-und mit Branntwein genährt, und schon die Hoffnung aufgegeben, je
-wieder menschliche Wohnungen in diesen Schnee- und Eisgefilden zu
-finden, als er endlich am eilften an einem Tannengehölz gekommen ist,
-aus dem ein Hundegebell ihm die Nähe von bald gefundenen Menschen
-verkündigt hat. »Nie,« pflegte er oft zu sagen, »hat mich eine
-menschliche Stimme, nie der Ton einer Sängerin so entzückt, wie dies
-Wau-Wau eines unvernünftigen Thieres.«
-
-So war auch mir zu Muthe, als ich merkte, daß meine Erscheinung kein
-Spuck sei, sondern diesmal wirklich Realität hatte. Neugierde und
-Tabacksbedürfniß führten mich indessen noch an demselben Tage in das
-Haus des Krämers, dessen Tod mir die Nachbarn bestätigt hatten. Im
-Anfang gab der Bursch mir sorglos die verlangte _herba nicotiana_;
-als ich ihn aber an meinen prophetischen Spruch erinnerte, wurde er
-kreidebleich und rief aus: »I Herr Jesus es ist wahr, Sie haben den
-Tod meines Herrn vorausgesagt, er ist noch an demselben Abend, da Sie
-zuletzt hier waren am Schlagfluß gestorben.«
-
-Ich überlasse die nähere Anatomie dieser Geschichte den Medizinern,
-Philosophen und selbst den, bald hiezu berechtigt werdenden
-Wassertrinkern, wahr ist sie auf Cerevis und Ehrenwort. Überhaupt
-lüge ich nie, habe es auch nicht nöthig. Denn warum? Es wäre dies
-ein abscheulicher Luxus. Mir passirt Gott sei Dank! und Gott leider!
-vielmehr, als sich die tollste Fieberphantasie auszubrüten vermag, und
-vor allen auf Reisen; ich brauche oft nur das Erlebte zu schildern um
-zu riskiren, daß man mich für einen Münchhausen hält. Zwar gilt von mir
-auch der Göthische Vers:
-
- »Das Geisterreich ist nicht verschlossen;
- Dein Sinn ist zu, Dein Herz ist todt,
- Auf Schüler! bade unverdrossen
- Die ird’sche Brust im Morgenroth.«
-
-Ich bin vigilant und _Vigilantibus_, »_jura sunt scripta_« sagen
-wir Juristen. Zudem versäume ich nicht leicht eine Gelegenheit, um
-meinen Abentheuerschatz zu bereichern. Wenn ich reise und es bricht in
-dem Orte wo ich mich befinde, sei es auch in der weit entferntesten
-Vorstadt, Feuer aus, so stehe ich auf und eile hin, wie ein guter
-Landesherr, weil ich mich für einen humoristischen Prinzen von Geblüt
-ansehe, dem zu Ehren das Feuerwerk gegeben wird.
-
-Hiebei fällt mir wieder eine Erzählung aus dem Philisterio ein, die an
-das Unglaubliche gränzt und meinen Satz schlagend bewahrheitet. Also
-wieder ein Passagier der in mein Schiff springt.
-
-Ich besitze das Talent, so ziemlich jeden Dialect zu copiren, und ein
-wie schlechtes musicalisches Ohr ich auch habe, so scharf und sicher
-höre ich doch aus jeder Rede des einzelnen Deutschen den Ort seiner
-Geburt oder besser gesagt, seiner Erziehung, und bin dabei im Stande
-die meisten gehörten Idiome zu reproduciren.
-
-Hiebei will ich eine Historie zum Besten geben, welche der
-Vergangenheit entrissen zu werden verdient. --
-
-Vor ungefähr 6 bis 8 Jahren saß ich in den Gasthof _hôtel de Russie_ in
-Oldenburg an der _table d’hôte_, mir zur Rechten der noch lebende Agent
-Herr +Jürgens+, am Ende der Tafel ein Hannoverscher Officier Herr Major
-+Magius+, welcher mit seinem Nachbar sich über Paganini unterhielt.
-
-»Können Sie nun wohl rathen, was der Officier für ein Landsmann ist?
-raunte mir mein Nachbar zu.« --
-
-Ich besann mich, auf die Rede des Majors horchend, dann aber sage ich:
-»Der Herr spricht wie ein +Lübecker+.«
-
-»Wollen Sie eine Flasche Wein darauf wetten?« lächelte Herr Jürgens
-scherzend.
-
-»Die ist gehalten,« entgegnete ich.
-
-Ich wartete nun bis Herr Magius einen Punct in der Rede hatte und bat
-ihn dann da wir eben eine Wette gemacht hätten, um Bescheid was er für
-ein Landsmann sei.
-
-»Das werden Sie nun und nimmer rathen,« versetzte der Herr Major
-ablehnend, und gab dann eine Menge, mich freilich nicht von meiner
-Juryüberzeugung abbringende Gründe an, weshalb es unmöglich sei, daß
-ich seine Heimath errathe. Mir ist nur der, seines längern Aufenthaltes
-in Italien vor allen noch erinnerlich. --
-
-Endlich schloß der Redner: »Ich will Ihnen nur sagen, daß ich ein
-geborner +Lübecker+ bin.«
-
-»Ich danke Herr Major! ich habe meine Wette gewonnen.«
-
-Während mein Treffer dem Herrn Magius wol etwas magisch vorkommen
-mochte, ich hingegen mich des Triumphzuges meines Steckenpferdes
-freute, erhob sich ein jüdischer Kaufmann, welcher mir die viel
-kitzlichere Frage stellte ob ich wol merken könne woher er denn sei.
-
-Das war eine sehr schwere Nuß. Man weiß, daß der Dialect der Juden eben
-so selten wie ihr Herz an einer Provinz gebunden ist, und wenn der
-Frager auch zu den Gebildeten seines Volkes gehörte, so war er doch
-nicht frei von der mosaischen Pronunciation. -- Indessen gab ein Gott
-mir doch folgende Antwort in die Seele:
-
-»Ich kann aus Ihrem angebornen Dialect nicht recht klug werden. Bald
-reden Sie wie ein Nordhesse, bald wie ein Hamburger.«
-
-»Wunderbar!« rief der besiegte Sphinx, »Ich bin in Bückeburg geboren
-und erzogen, allein seit zehn Jahren in Hamburg etablirt.«
-
-Mit diesem Knalleffect ist meine Geschichte noch nicht aus.
-
-Sie kam mir nämlich etwa anderthalb Jahre später, an einer Abendtafel
-in demselben Hause, als von Dialecten die Rede war, wieder in den Sinn.
-Ich erzählte sie den um mich her sitzenden Oldenburgern.
-
-Der Obergerichtsanwald Herr +Hahne+ bemerkte scherzend, daß man wol
-daran gewöhnt sei, nie eine Unwahrheit zu hören, daß diese Geschichte
-mit dem Bückeburger Juden doch zu sehr in das Gebiet des Unglaublichen
-gehe, und wenigstens auf einer Täuschung beruhen müsse.
-
-Leider war Herr Jürgens nicht zugegen. --
-
-Die Möglichkeit eines Zweifels an meiner Rede jagte mir das Blut in das
-Gesicht. --
-
-Das Roth aber ist die Farbe der Schuld wie der Unschuld. Es ist die
-Leibfarbe des Defensors wie des Anklägers.
-
-Man schien dem meinigen eine böse Deutung zu geben.
-
-Der Gedanke war höchst peinigend.
-
-Da erhob sich ein _deus ex machina_ im Hintergrunde an der Wirthstafel.
-
-»Ich kann die Geschichte eidlich bezeugen,« rief es aus, »sie ist mir
-passirt.« -- Und siehe! ich erkannte meinen bis dahin nicht beachteten
-Bückeburger-Hamburger, dessen Persönlichkeit bereits aus meinem
-Gedächtniß desertirt war.
-
-Schon während der ersten Tage meiner Ankunft in Jena war Wit v. Dörring
-als Fuchs dort angelangt. Es waren schon unterweges Zeichen und Wunder
-mit ihm geschehen, man hatte ihm in Erfurt seinen ganzen Wechsel
-gestohlen.
-
-Dieser rubricirte Exdemagoge, der in den neuern Zeiten eine so
-verschiedene Beurtheilung erfahren hat, verrieth schon in seiner
-Jugend seltene Anlagen. In seinem vierten Jahre hielt er vor seiner
-vortrefflichen, jetzt verstorbenen Mutter ganze Predigten aus dem
-Stegreife. Seine Mitschüler, zu denen ich auch gehörte, liebten ihn. Zu
-allen Aufopferungen bereit, zeigte er ein liebenswürdiges Herz. Sein
-Hang zum Mysticismus aber blieb in seiner Seele und er redete oft
-wie ein Missionär. Das aber verdroß den alten Doctor +Gurlitt+, der
-damals Director des Johannei in Hamburg war, welches Wit von Altona aus
-frequentirte. Gurlitt sprach oft von orthodoxen Rindfleischseelen, und
-pflegte die Mystiker Hechte zu nennen.
-
-Ein Tag in jedem Monat war zu öffentlichen Redeübungen in den
-verschiedenen Sprachen bestimmt. Wit hatte das Thema: »Wer die Gottheit
-fassen will, der ist verloren,« gewählt und sprach mit ergreifenden
-Worten, aber manche dunkle Deutung war in seine blumenreiche Rede
-gewirkt. Mit komischem Ernste betrachtete ihn der alte Schulmonarch.
-Zitternd ging er zu ihm als er geendet hatte, und eine große Thräne
-entperlte den Augen des gutmeinenden Greises. »Liebes Kind, ich fürchte
-am Ende, Sie glauben an den Teufel?« rief er bebend. »Ja, Herr Doctor,«
-versetzte Wit sich verbeugend: »den lasse ich mir nicht nehmen!« »Armer
-junger Mensch,« versetzte Gurlitt betrübt: »wie oft werden Sie noch die
-Alten vertiren und revertiren müssen, ehe Sie zur richtigen Ansicht in
-der Religion gelangen!«
-
-Nach wenigen Tagen hatten sich sämmtliche Abgeordnete eingefunden.
-In dem Burschenhause, dessen Wirth der altdeutsch gewordene +Senft+
-war und zu dem man durch ein enges Gäßchen vom Markt aus geht, wurden
-unsere Versammlungen vom 29. März bis zum 3. April 1818 gehalten. Wir
-saßen an einem Tisch der mit schwarzem Tuch behangen, welches mit
-goldenen und rothen Frangen, unsern Farben, verbrämt war. Die Sitzungen
-waren öffentlich, doch trennte eine Barriere die Deputirten von den
-Zuhörern, welchen zwar auch zu reden vergönnt war aber erst dann, wenn
-der Präsident ihnen das Wort bewilligt hatte. --
-
-Vor zehn Jahren habe ich die Verhandlungen, welche ich der Heidelberger
-Burschenschaft übergeben, ohne daß ich eine Abschrift davon behalten
-hatte -- in einem kleinen Hannoverschen Ort, bei einem jungen
-Staatsdiener zu meiner großen Freude wiedergefunden und zum Geschenk
-erhalten. Ich stehe nicht an dieselben mitzutheilen, theils um jene
-Gerüchte zu wiederlegen, als habe jener Burschencongreß die geringste
-revolutionäre Tendenz gehabt, theils um darzuthun, daß man im Anfang
-durch Mißgriffe die Studenten wie schon erwähnt zu Zeloten und
-Märtyrern gemacht hat.
-
-Wahrlich! ich verpflichte mich unter Garantie meines Kopfs, eine ganze
-Universität von funfzehnhundert Studenten, in der besten Ordnung in
-der loyalsten Stimmung und ferne von jeder Aufregung zu halten, ihre
-Phantasie zu beschäftigen ohne sie zu verbrennen und durch die Burschen
-fortwährend selbst von ihren geheimsten Gedanken in Kenntniß gesetzt
-zu werden. Aber man muß auch das Gemüth haben auf die Jugend zu wirken
-und sie ruhig gewähren lassen, wenn sie in die Sackgassen der Phantasie
-laufen. Sie kommen schon von selbst zurück und schlagen dann beschämt
-die Augen nieder.
-
-»_Pueri sunt pueri, pueri puerilia tractant._«
-
-
-
-
-Beglaubigte Abschrift der Protocolle, gehalten in der
-Abgeordneten-Versammlung zu Jena.
-
-
-+=Protocoll,=+
-
-+gehalten in der Versammlung der Abgeordneten verschiedener Deutscher
-Hochschulen, zu Jena am 29. März 1818.+
-
-1) Es wurden die Vollmachten der durch Abgeordnete an der Versammlung
-Theil nehmenden Hochschulen Berlin, Halle, Heidelberg, Jena, Kiel,
-Königsberg, Leipzig, Marburg und Rostock, mündlich oder schriftlich
-bekannt gemacht.
-
-2) Veranlaßt durch die Abgeordneten des Berliner Burschenvereins
-und den erwählten Abgesandten derjenigen nicht verbündeten Berliner
-Burschen, welche auf ihrer Hochschule eine allgemeine Burschenschaft
-nach Zweck und Form gegründet sehn wünschen, entstand die Frage, ob der
-Abgeordnete des Letztern eine entscheidende Stimme haben könne, welche
-Frage durch Stimmenmehrheit mit »nein« beantwortet wurde.
-
-3) Wurde von den sämmtlichen stimmenfähigen Burschenabgeordneten,
-erstens R. aus Jena zum Sprecher, zweitens W. zum Schreiber in den
-Versammlungen gewählt.
-
-4) Nach einer Ermahnung von R., den Zweck der Versammlung im Auge
-habend, Ruhe, Ordnung und Bestimmtheit zu zeigen, wurde beschlossen,
-alle Verhandlungen nach Stimmenmehrheit zu entscheiden, und vom
-Sprecher rechts abzustimmen, jedoch mit Vorbehalt, daß alle Beschlüsse
-nur dann gültig wären, für die Hochschulen, wenn sie sich mit den
-Vollmachten der Abgeordneten derselben vereinigen ließen.
-
-5) Wurden die angekommenen abschlägigen Antworten von einigen Deutschen
-Hochschulen verlesen. Göttingen, Tübingen und Erlangen hatten entweder
-keine Abgeordnete stellen wollen oder können, und dieß schriftlich
-erklärt.
-
-6) K. aus Heidelberg forderte auf Vergessen aller Selbst und
-Partheisucht, den großen Zweck der Versammlung zu erfassen und in
-reiner Liebe zum Wahren und Guten so zu reden und zu handeln, wie jeder
-es verantworten könne vor Gott und seinem Gewissen.
-
-7) Wurden die Angelegenheiten der Halleschen Burschenschaft, an sich,
-und in Verhältniß und Gegensatz der sogen. Sulphuria verhandelt. Es
-wurde beschlossen, daß diejenigen, welche sich mit ihrem Ehrenworte
-verpflichtet hatten, wegen der Unterdrückung der dortigen Teutonia
-Halle zu verlassen, nachher aber diese Verbindlichkeit nicht erfüllten,
-weil manche Gründe zu ihrer Entschuldigung vorhanden waren, nicht
-streng nach den Buchstaben des Gesetzes gerichtet werden sollten,
-sondern alle die von ihnen als ehrliche und wehrliche Burschen
-anzuerkennen wären, deren Entschuldigungsgründe von der Halleschen
-Burschenschaft als triftig entweder schon anerkannt wären, oder noch
-würden, sie aber durch eine von der sämmtlichen Versammlung des
-Abgeordneten zu unterschreibende Urkunde ihrer Übereilung und ihres
-Leichtsinnes wegen eine Rüge erhalten sollten. Hierdurch wurde zugleich
-die Hallesche Burschenschaft, in welcher sich einige von den genannten
-Burschen befanden, als rechtmäßig anerkannt.
-
-+Anmerkung.+ K. aus Heidelberg bat zu bemerken, daß er deswegen
-vorzüglich auf Anerkennung und Verweis gestimmt habe, weil K. die
-Versicherung gegeben, daß ihm von einem ehemaligen Teutonen gesagt
-sei, er habe an dem bekannten Abende einige Hallesche Burschen blos
-zu einer +bedingten+ Unterschrift aufgefordert. K. meinte daher, daß
-dieses von einem jeden gehört sein könne, oder auch von denen, die es
-gehört hätten, verbreitet, also die Präsumtion für Straflosigkeit sei,
-und ein Verweis genüge.
-
-Die Halleschen Sulpfuristen betreffend, wurde durch Stimmenmehrheit
-ausgemacht, daß, da die von ihnen am meisten Beleidigten um Milde für
-sie baten, ferner wohl zu wünschen stand, daß auch in Halle wiederum
-ein kräftiges und einiges Burschenleben sich gestalte und gedeihe,
-ihnen eine allgemeine Verzeihung und Erlösung vom Banne gewährt werde,
-wenn sie folgende Bedingungen eingehen würden:
-
- _a_) Daß sie nach Namhaftmachung aller ihrer Mitglieder mit dem
- Ehrenworte sich verbürgten, die unter ihnen bestehende Verbindung
- aufzuheben.
-
- _b_) Sich verpflichteten, die Hallesche Burschenschaft und ihren
- Brauch anzuerkennen.
-
- _c_) Sich gefallen lassen wollten, daß bei dem Wunsche einzelner,
- von ihnen, in die Hallische Burschenschaft, oder in eine auf andern
- Hochschulen bestehende Verbindung einzutreten, über diese erst
- abgestimmt werde.
-
-+Anmerkung+ _a_) K. von Heidelberg erklärte, daß er im Namen seiner
-Burschenschaft den Verruf nicht eigentlich aufheben könne, indem
-derselbe bisher von ihr noch nicht ausgesprochen sei, und zwar aus dem
-Grunde, weil Heidelberg noch nicht im Cartel mit Halle, beschlossen
-habe, die Sache selbst zu untersuchen. Er hebe aber im Namen
-Heidelbergs den Vorbehalt der näheren Untersuchung auf, und trete oben
-genannten Bestimmungen bei.
-
-+Anmerkung+ _b_) Marburg stimmte obiger Meinung aus dem besondern
-Grunde bei, daß diejenigen nicht namhaft gemacht werden könnten, durch
-welche die Teutonia bei der Regierung angeklagt sei.
-
-+Anmerkung+ _c_) In Königsberg war die Acht über die Sulpfuria nicht
-ausgesprochen, weil die Partheiungen in Halle dort nicht genug bekannt
-geworden waren.
-
- R. -- Sprecher.
-
- W. -- Schreiber.
-
- Graf v. K. -- für +Jena+.
-
- L. -- }
- } für +Kiel+.
- R. -- }
-
- F. D. -- }
- } für +Königsberg+.
- L. L. -- }
-
- C. F. L. -- }
- } für +Leipzig+.
- D. E. -- }
-
- E. B. -- für +Marburg+.
-
- A. B. -- }
- } für +Berlin+.
- A. v. B. -- }
-
- T. v. K. -- für +Heidelberg+.
-
- F. S. -- }
- } für +Halle+.
- D. -- }
-
- W. W. -- für +Rostock+.
-
- Folgen die Unterschriften.
-
-
-Protocoll,
-
-gehalten in der Versammlung der Abgeordneten Morgens den 30. März.
-
-1) Zu den für die Theilnehmer der Hallischen Sulpfuria zu bestimmenden
-Puncten und Bedingungen wurde noch hinzu gefügt, daß sie selbst jeden
-von ihnen, der die abgefaßte Schrift nicht unterschreiben wolle,
-als Verrufenen anerkennen und gegen ihn verfahren wollten, wie der
-Burschenbrauch der Hallischen Burschenschaft bestimme.
-
-2) Es erschienen die Bevollmächtigten der Hallischen Sulpfuria und
-unterschrieben die verlangten Puncte, und es war also für ihre Person
-der Bann aufgehoben.[6]
-
-3) Ein aus Leipzig angekommener Brief wurde verlesen. Der
-Seniorenconvent erklärte darin, daß man zur Förderung aller guten
-Zwecke bereit sei, daß aber nach seiner Meinung eine allgemeine
-Burschenschaft in Leipzig nicht leicht errichtet werden könne.
-
-4) Es wurden die mündlichen und schriftlichen Klagepuncte des
-ehemaligen Breslauer Burschen U. (jetzt in Berlin) gegen die Polen in
-Breslau gehört, und beschlossen, er solle den Thatbestand schriftlich
-aufsetzen, damit dann, nachdem auch jene gehört wären, in der Sache ein
-Weiteres bestimmt werden könne.[7]
-
-5) Nachdem auf diese Weise die auf Brauchssachen Bezug habenden
-Angelegenheiten abgemacht waren, wurde zur Besprechung über die
-Grundidee einer allgemeinen Deutschen Burschenschaft geschritten. J.,
-Abgeordneter von mehreren Burschenschaften aus Berlin, die eine solche
-wünschten, erkannte, auf Befragen den erwählten Sprecher und Schreiber
-an.
-
-6) Es wurden von R. 19 Puncte als Grundlage zu einer allgemeinen
-Burschenschaft verlesen, und über dieselben einzeln abgestimmt. Leipzig
-begab sich seine Stimme, weil dort noch Landsmannschaften beständen.
-
-Punct 1.[8] wurde von allen Deutschen Hochschulen anerkannt.
-
-Punct 2. gleichfalls anerkannt. K. behielt sich nähere Erläuterung bei
-§ 4. vor.
-
-+Anmerkung.+ Es wurde bestimmt, daß eine Deutsche Burschenschaft
-Ausländer unter sich aufnehmen +könne+, wenn sie nur von ihnen
-überzeugt sei, daß sie dem Zwecke einer allgemeinen Deutschen
-Burschenschaft nicht schädlich, sondern eher förderlich sein würden,
-daß dieselben auch Ausländern eine eigene Verbindung neben sich
-gestatten könne, wenn nur diese ihr untergeordnet blieben, +allein+ in
-Brauchssachen entscheidend stimmfähig sei, jedoch so, daß die Deutsche
-Burschenschaft wenigstens immer ⅔ der Stimmen erhalte.
-
-K. für Heidelberg erklärte, daß die Burschenschaft sich, wegen
-der Zwistigkeiten und Vereine, die noch außer der Burschenschaft
-in Heidelberg beständen, aller Rechte auf Renoncen und
-Nicht-Burschenschaftsmitglieder enthalte, wenn sie nicht mit ihnen in
-Collision käme.
-
-Die Kieler Abgeordneten behielten der Entscheidung ihrer Burschenschaft
-vor, ob der von ihr anerkannte Burschenbrauch in allen seinen
-Beziehungen auch für die nicht Verbündeten verpflichtend sein solle.
-
- F. d. U.
-
-
-+=Protocoll,=+
-
-+Abends am 30. gehalten.+
-
-§. 1. K. wurde auf Verlangen sein Freund L. aus Heidelberg als
-Rathgeber in schwierigen Fällen zugesellt.
-
-§. 2. Weitere Berathung über die vorgeschlagenen Puncte:
-
-§. 3. wurde allgemein anerkannt.
-
-§. 4. wurde nach §. 2. eingeschränkt.
-
-K. bezieht sich auf die gemachten Modificationen. V. B. und L.
-erkannten dies und das nachfolgende nur in so weit an, als es sich mit
-ihren Vollmachten vereinigen ließ.
-
-§. 5. Hiebei wurde vor dem Worte öffentlich »wo möglich« eingeschaltet.
-
-Das Wort unauflöslich wurde weggelassen. D. erklärte es dahin, daß
-er glaube, die Verbindung müsse geistig unauflöslich, auch fürs
-bürgerliche Leben fortbestehen.
-
-§. 6. beschränkt sich auf §. 2. Ob Nichtchristen aufzunehmen seien,
-wurde der Entscheidung der einzelnen Burschenschaften überlassen.
-
-§. 7. wurde mit der Bemerkung angenommen, daß es jeder Burschenschaft
-frei stehe zu bestimmen, ob nach der Exmatrikulation jemand von
-ihr noch als Bursch anzusehen sei, oder nicht. Die Königsberqer
-Abgeordneten behielten sich vor, daß die darüber in ihrem Brauch
-enthaltenen nähern Bestimmungen in Kraft bleiben sollten.
-
-§. 8. 9. und 10. wurde angenommen.
-
-§. 11. von den Meisten gebilligt.
-
-Heidelberg stimmt in der Idee dem §. 11. alsdann bei, wenn jeder
-ehrenhafte Bursch aufnahmsfähig ist. Die Verhältnisse selbst haben die
-Realisirung dieser Idee dort noch nicht gestattet. -- Kiel bezog sich
-auf seine Anmerkung nach §. 2.
-
-§. 12. angenommen. -- Kiel erklärte, da bis her dort keine Wilden
-gewesen seien, sei noch nicht bestimmt worden, in wie fern der
-Burschenbrauch auch für Nichtverbündete gelte.
-
-§. 13. angenommen.
-
-§. 14. Hiebei verwiesen nur die Kieler auf das oben in dieser Beziehung
-Gesagte.
-
- F. d. U.
-
-
-+=Protocoll,=+
-
-+gehalten den 31. März.+
-
-1) Wurden die von U. abgefaßten Klagepuncte verlesen und beschlossen,
-es solle in Breslau Aufhebung des Verrufes und Rechtfertigung wegen des
-Überfalls verlangt, U. aber so lange ganz schuldlos angesehen werden.
-
-2) Wurde angezeigt, daß die Gießner geschrieben hätten, sie wären
-verhindert worden Abgeordnete nach Jena zu senden, indem der Senat
-allen solchen Relegationen angedroht habe.
-
-3) Es wurde in der abgebrochenen Berathung wieder fortgeschritten.
-
-§. 15. angenommen.
-
-§. 16. wurde folgendermaßen abgeändert. Es bleibt der gesammten
-Deutschen Burschenschaft das Recht, die Verfassungen der einzelnen
-Hochschulen, wo Burschenschaften sind, einzusehn und zu beurtheilen,
-ob, und in wie fern sie der Grundidee entsprechen, und bei etwanigen
-anstößigen dieselbe um Abstellung derselben anzugehn.
-
-§. 17. Hier wurde die Bestimmung hinzugefügt, daß wenn die Casse
-einer, oder mehrerer Burschenschaften zu den Kosten der Reise nicht
-hinreiche, eine allgemeine Casse nach Verhältniß des Einkommens der
-Burschenschaften eingerichtet, und dadurch die Reise erleichtert werden
-solle.
-
-§. 18. Hier wurde Eisenach vorläufig als Versammlungsort bestimmt.
-
-§. 19. Es wurde hinzugefügt, daß bei den genannten Berathungen ⅔ der
-Stimmen entscheiden sollten.
-
-4) Der Vorschlag, alle Jahre am 18. Juni ein Fest zu feiern, wobei
-man sich vorzüglich der Brüder an andern Orten in traulicher Liebe
-erinnere, wurde gebilligt.
-
-5) Die Abgeordneten der Leipziger Hochschule behielten sich vor, daß,
-wenn bei ihnen gleichfalls eine allgemeine Burschenschaft zu Stande
-gekommen wäre, auch ihr das hier den einzelnen Hochschulen gegebenes
-Recht, den verlesenen Puncten Anmerkungen hinzuzufügen, aufgehoben
-bleiben solle, und es wurde dieß allgemein gebilligt.
-
- F. d. U.
-
-
-+=Protocoll,=+
-
-+vom 1. April 1818.+
-
-1) L. aus Königsberg zeigte an, daß, da sein Mitabgeordneter D. unwohl
-sei, er seine Stimme mit übernommen habe, D. sich aber etwanige
-Bemerkungen noch vorbehalte.
-
-2) B. für Marburg dankte den Jenaern für die Abfassung der 19 Puncte,
-bemühte sich darauf, auseinanderzusetzen, wodurch wir etwa den
-darin aufgestellten Zweck erreichen möchten, wobei er vor allen zur
-Erlangung wahrer vaterländischer Bildung, Streben nach umfassender
-Kenntniß, Ehrenhaftigkeit, und Freiheit, aber was die Burschenschaften
-auszeichnend unterscheiden solle, rücksichtslosen Gemeingeist und
-möglichste Gleichheit der Rechte empfahl. Es wurde von R. antwortend
-auf den 10. Punct verwiesen, wo schon zum Theil darüber verhandelt
-sei. Nur wurde noch in Betreff der Gleichheit vor dem Rechte folgendes
-Nähere verhandelt.
-
-Es entstand:
-
- _a_)[9] Die Frage, ob ein Fuchs zum Vorsteher erwählt werden könne,
- welche im Allgemeinen verneint wurde.
-
- _b_) Ob einem Fuchs Stimmrecht zuzuerkennen sei.
-
-Die übrigen Hochschulen bejahten die Frage; Jena, Kiel, Königsberg und
-Marburg aber, deren Bevollmächtigte noch nicht von ihrer Verfassung
-abgehen konnten, behielten sich Berathung mit ihren Burschenschaften
-vor. -- Es wurde noch der Vorschlag gemacht, ob nicht diejenigen
-Burschenschaften, welche Füchse entweder nicht sogleich aufnehmen,
-oder denselben nach der Aufnahme keine Stimmfähigkeit zuerkennen
-würden, allen den Füchsen, welche einzutreten wünschten, Erlaubniß
-und Veranlassung geben wollten, vor der Aufnahme eine gewisse Anzahl
-von Versammlungen zu besuchen, damit auf der einen Seite dieselben
-Gelegenheit bekämen, die Eigenthümlichkeit des Lebens auf den
-Hochschulen kennen zu lernen, auf der andern Seite aber das peinliche
-Gefühl bei ihnen vermieden werde, einem Ganzen anzugehören, über dessen
-Wohl ihnen keine entscheidende Stimme zustehe, und so das Gesetz der
-möglichsten Gleichheit der Rechte nicht gekränkt werde.
-
-+Anmerkung.+ K. für Heidelberg bemerkte, daß er um des Allgemeinen
-willen von der Wahlfähigkeit zum Vorsteheramte für sogen. Füchse
-abstehe, wenn die anderen Hochschulen sich zur Stimmfähigkeit für Alle
-verstehen wollten.
-
-Und es geschehe dies besonders der Einheit des Gesetzes willen.
-
-3) Wurde der Wunsch geäußert, daß bei der Aufnahme alle Abstimmung
-durch bloßes Ja oder Nein wegfallen möge, sondern laut und mit
-Anführung der etwanigen Gründe gegen den Aufzunehmenden gestimmt werde,
-wobei auf §. 9. und 10. verwiesen wurde. -- Rostock behielt sich hiebei
-Berathung mit ihrer Burschenschaft vor.
-
-4) Wurde als zum Wesen der Burschenschaft gehörig anerkannt, daß
-kein Zweikampf zwischen den einzelnen Burschenschaften, als solchen,
-statt finden dürfe, sondern jeder unter ihnen obwaltende Streit
-schiedsrichterlich ausgeglichen werden müsse.
-
-5) Wurde festgesetzt, es solle in dieser Versammlung der Abgeordneten
-noch kein förmliches Cartel, oder eine Verfassungsurkunde der
-großen allgemeinen Deutschen Burschenschaft verfaßt, sondern blos
-einige Grundgesetze derselben vorläufig entworfen werden, damit die
-Abgeordneten sie zur Berathung ihrer Burschenschaft mitnehmen könnten.
-Die vollständige Ausarbeitung müsse bis zur Versammlung am 18. Oktober
-ausgesetzt bleiben.
-
-6) Sollte auch an die Hochschulen, welche keine Abgeordnete hierher
-gesandt, der Entwurf dieser Gesetze, die 19 Puncte zugleich mit einer
-Schrift, welche die Ansichten der Abgeordneten von dem Wesen der
-Burschenschaft näher ausspräche, so wie auch eine Aufforderung, dem
-hier gebilligten Grundsätzen beizutreten, übersandt werden.
-
-+Anmerkung.+ Berlin behielt sich vor, zu dieser Aufforderung nur dann
-mitzuwirken, wenn ihr Verein als Burschenschaft anerkannt würde.
-
- F. d. U.
-
-
-+=Protocoll,=+
-
-+gehalten Nachmittags am 1. April.+
-
-1) Die Verfassungsurkunde des Berliner Burschenvereins wurde verlesen
-und nach mannigfachen Verhandlungen, theils über seine innere
-Einrichtungen, theils über seine Verhältnisse zu den Nichtverbündeten,
-wurde das Urtheil der Abgeordneten gefordert, ob der Berliner
-Burschenverein nach Zweck und Form eine Burschenschaft zu nennen sei.
-
-_a_) Jena erklärte sich dahin, dieser Verein entspreche nicht der Idee
-einer allgemeinen Burschenschaft, weil:
-
- 1) Die Eintheilung nach Provinzen zu Partheiung, Eifersucht und
- Kastengeist Anlaß geben könne.
-
- 2) Hinsichtlich der Abstimmung der einzelnen Landsmannschaften für
- sich, der Begriff der Gerechtigkeit dadurch gefährdet werde, daß
- Fälle möglich blieben, wo wenige über viele entscheiden könnten.
-
- 3) Die Privatinstitution jeder Landsmannschaft dem Gemeingeiste
- hinderlich sein müsse.
-
-_b_) Die Kieler Abgeordneten stimmten im Ganzen der obigen Erklärung
-bei, glaubten aber, daß es nur geringer Veränderungen bedürfe, um
-die genannte Verfassung der Idee einer allgemeinen Burschenschaft
-entsprechend zu machen.
-
-_c_) Königsberg meinte, daß gegen diesen Verein noch besonders zu
-erinnern sein möchte, daß der Entschluß, für eigne volksthümliche
-Bildung zu wirken, in der vorgelesenen Urkunde nicht genug
-hervorgehoben sei.
-
-_d_) Marburg bezog sich auf die von Jena gemachte Bemerkung in
-Hinsicht auf das Abstimmen nach einzelnen Landsmannschaften, und
-führte gegen diese Eintheilung überhaupt die Erfahrung an, daß solche
-stehende Abtheilungen der allgemein zu fördernden Eintracht durch
-unvorherzusehende Vorfälle nur zu leicht gefährlich würden.
-
-_e_) Halle erklärte sich dahin, es stimme im Allgemeinen mit der
-vorigen Bemerkung überein und fürchte besonders Hervortreten von
-Eifersucht bei dieser landsmannschaftlichen Eintheilung.
-
-_f_) Heidelberg urtheilt, daß nach provisorischer Annahme der bekannten
-19 Puncte der Geist des Berliner Burschenvereins als Deutscher
-Burschenschaftsgeist anzuerkennen sei, daß diese Idee aber vernichtet
-werden müsse:
-
- 1) Durch die Einrichtung, daß nicht _viritim_ gestimmt werde.
-
- 2) Durch Unwandelbarkeit und Ungleichheit der Mitgliederzahl der
- einzelnen Abtheilungen.
-
- 3) Durch Beibehalt der Privatinstitutionen und hält
-
- 4) noch für nützlich, wenn für diese Abtheilungen ein andrer Name
- angenommen werde.
-
-_g_) Rostock erklärte, es glaube, daß die Verfassung der Berliner
-Verbindung aus der Grundidee einer allgemeinen Deutschen Burschenschaft
-hervorgegangen sei, bei Einrichtung der Form aber einiges dieser
-Form nicht genau Entsprechende vielleicht aus etwas zu ängstlicher
-Berücksichtigung der Schwierigkeiten, welche örtliche Verhältnisse
-ergaben, entsprungen sei, und deßhalb gewiß leicht abgestellt werden
-könne.
-
-_h_) J. meinte, daß zur Ausführung der Grundidee einer allgemeinen
-Deutschen Burschenschaft auch allgemeine Versammlungen unerläßlich
-seien.
-
-2) Die Abgeordneten faßten den Beschluß, es solle von ihnen der
-Berliner Burschenverein freundlich gebeten werden, nach den 19 Puncten
-und den darüber im Protocoll bei Gelegenheit der Verhandlungen
-über Wesen und Form des Berliner Burschenvereins eingeschalteten
-Bestimmungen und Erläuterungen ihre Verfassung umzuändern und so sich
-den übrigen Deutschen Burschenschaften näher anzuschließen. Zugleich
-solle diesem Vereine der Vorschlag gemacht werden, ob sie nicht, wenn
-sie auf obige Bitte eingehen würden, bei Berathungen über diese Sache
-einen Abgeordneten von denen zulassen wollten, welche außer ihrer
-Verbindung eine allgemeine Burschenschaft begründet zu sehen wünschten.
-
-3) Wurde ausgemacht, daß alle Deutschen Hochschulen aufgefordert werden
-sollten, so lange die Regierungen eine ordentliche Burschenzeitung noch
-nicht gestatteten, Aufsätze über Burschenangelegenheiten nach Jena
-einzusenden, damit sie dort, wo es am leichtesten ausführbar sei, unter
-erlaubtem Namen und erlaubter Form zum Druck gefördert würden.[10]
-
- F. d. U.
-
-
-+=Protocoll= den 2. April.+
-
-1) Verlas R. den an die Breslauer abgefaßten Brief. Er wurde gebilligt
-und es wurde bestimmt, daß die Breslauer Burschenschaft ersucht werden
-solle, die Antwort an diejenigen Hochschulen gelangen zu lassen, welche
-für das laufende Jahr zu Geschäftsführenden würden erwählt werden.
-
-2) Es wurde hierauf zugleich jene Wahl vorgenommen und der
-Burschenschaft zu Jena zuerst das Amt der Geschäftsführung in
-allgemeinen Burschenangelegenheiten übertragen.
-
-3) K. verlas einen vorläufigen Entwurf des sogen. Cartels und gab
-dieses Veranlaßung zur näheren Berathung über einige Gesetze für die
-Verfassungsurkunde der allgemeinen Deutschen Burschenschaft. Folgende
-Bestimmungen, die sich aus den Vorschlägen der Einzelnen ergaben,
-wurden als zweckmäßig anerkannt.
-
- _a_) Es ist Hauptgrundsatz, daß alle Deutsche Burschenschaften in
- der Idee +ein Ganzes ausmachen+.
-
- _b_) Hieraus ergiebt sich, daß die Verfassung jeder einzelnen
- Burschenschaft der Grundidee des Ganzen entsprechen müsse.
-
- _c_) Es bleibt also auch der allgemeinen Deutschen Burschenschaft
- die Entscheidung überlassen, ob eine Vereinigung auf einer
- Hochschule als Burschenschaft anzuerkennen sei, oder nicht.
-
- _d_) Zur Darstellung der Idee des Ganzen ist eine allgemeine
- Bundessitzung nothwendig.
-
- _e_) Jede Deutsche Burschenschaft schickt daher zu einer bestimmten
- Zeit Abgeordnete nach einem zu erwählenden Ort, um über allgemeine
- Angelegenheiten zu berathen und zu entscheiden.
-
- _f_) Dem Beschlusse dieses Bundestages muß sich jede Burschenschaft
- unterwerfen, jedoch mit Vorbehalt aller hierher gehörenden in den
- Protocollacten gemachten näheren Bestimmungen und anderer noch zu
- entwerfenden Beschränkungen.
-
- _g_) Die Bundessitzung ist noch besonders schiedsrichterlicher
- Behörde in Streitigkeiten einzelner Burschenschaften.
-
- _h_) Ihr bleibt die oberste Leitung der Geschäftsführung überlassen.
-
- _i_) Es ist vorläufig diejenige als eine Deutsche Burschenschaft
- anzuerkennen, welche die 19 aufgestellten Puncte, wie sie durch
- Erläuterungen und Zusätze im Protocolle bedingt worden sind, als
- gültig für ihren Verein annimmt.
-
- _k_) Die Vollmacht der zur Bundessitzung zu sendenden Abgeordneten
- muß möglichst uneingeschränkt und die Zahl derselben 3 sein.
-
- _l_) Es wird dringend gewünscht, daß auf dem nächsten allgemeinen
- Bundestage von jeder Hochschule ein Verfassungsentwurf der großen
- allgemeinen Deutschen Burschenschaft mitgebracht werde, damit
- daraus ein allgemein gültiges Ganze hervorgehe.
-
- _m_) Alle Angelegenheiten, welche sich auf die Bundessitzung
- beziehen, werden von der geschäftsführenden Burschenschaft
- geleitet, und ist also jetzt alles hierher Gehörige nach Jena
- einzusenden.
-
-4) Kiel machte in Hinsicht des Burschenbrauchs Vorschläge zur
-allgemeinen Annahme, als z. B. Gleichheit der Waffen auf allen
-Hochschulen; Vermeidung des Ehrenwortes bei Spielschulden,[11] worüber
-aber der Beschluß bis zur Bundessitzung verschoben werden mußte, so
-wie auch der Antrag von derselben Hochschule, das für alle 3 Jahre ein
-Wartburgsfest beschlossen werde.
-
-5) Den letzten Vorschlag, so wie den zur Gleichheit der Waffen
-hatte auch Königsberg und fügte noch den Wunsch hinzu, daß für eine
-allgemeine Volkstracht, so weit es im Wirkungskreise der Hochschulen
-läge, etwas geschehen möge.
-
-6) Marburg schlug gleichfalls Deutsche Tracht und Waffengleichheit vor
-und erhielt, so wie auch Königsberg gleiche Antwort mit Kiel.
-
-7) Halle schlug gemeinschaftliche Farbe und Wahlspruch vor. Über das
-erstere sollte der Bundestag sich erklären. Zum Wahlspruch wurde
-vorläufig: »Gott, Freiheit, Vaterland« vorgeschlagen.
-
-8) Heidelberg hält für die Aufrechthaltung der wahren Burschenehre
-und Gerechtigkeit für nothwendig, daß sich auf jeder Deutschen
-Hochschule ein Schiedsgericht befinde, welches unmöglich mache, daß die
-Beleidigung, welche offenbar ganz auf der einen Seite sei, durch den
-Zweikampf ausgemacht werde, sondern daß dagegen eine Renomageerklärung
-Statt finde. Auch sollte dieses Schiedsgericht den Zweck haben, wo
-möglich Streitigkeiten zu vermitteln, und erst nach geschehenem
-Versuche den Zweikampf zulassen. -- Es wurde dies zu weit ausgedehnt
-gefunden und dafür vorgeschlagen, es solle auf jeder Hochschule
-eine Behörde sein, welche, so viel möglich, unzulässige Zweikämpfe
-verhindere; der muthwillige Beleidiger solle gezwungen werden, die
-Beleidigung wenigstens zurückzunehmen, dem Beleidigten aber überlassen
-bleiben, ob er noch weitere Genugthuung fordern wolle, oder nicht.
-
-9) Es wurde vorgeschlagen, daß der immerwährende Verruf und die Strafe
-der Hetzpeitsche gänzlich aufgehoben werde.
-
-10) Folgte der Antrag, daß die Versammlung des Bundestages schon den
-10. October 1818 beginnen möge, welcher allgemein angenommen wurde.
-
-11) Wurde der Beschluß gefaßt, daß an alle Hochschulen, wo Verbindungen
-sind, theils Abschriften des Protocolls und der 19 Puncte, theils der
-Aufsatz über Wesen und Form der Burschenschaften nebst freundlicher
-Aufforderung zur Einrichtung einer solchen übersandt werden solle.
-In Betreff Gießens vereinte man sich dahin, daß man beide daselbst
-bestehende Partheien zur Vereinigung auffordern und ihnen gleichfalls
-das oben Genannte übersenden wolle.
-
-Es waren also zusammen Briefe zu senden nach Berlin, Breslau, Erlangen,
-Freiburg, Gießen, Greifswalde, Göttingen, Landshut, Leipzig, Würzburg
-und Tübingen. Für Heidelberg wurde bestimmt, daß die Burschenschaft den
-Landsmannschaften daselbst oben erwähnte Schriften überreichen möchte.
-
- F. d. U.
-
-
-Protocoll,
-
-gehalten am 3. April.
-
-1) Wurde die Disposition der Schrift verlesen, welche an einige
-Hochschulen gesandt werden sollte, um dort die Ansicht der Abgeordneten
-vom Zweck und Form der Burschenschaften darzustellen. Sie wurde
-gebilligt und zur weitern Ausarbeitung übergeben.
-
-2) Ein Brief vom Vorsteher H. aus Breslau wurde bekannt gemacht. H.
-bemühte sich darin, nähere Aufklärung über U.’s Sache zu geben.
-Dieser Brief konnte aber als nicht von der Verbindung ausgehend nicht
-als Ausspruch ihrer Meinung angesehen werden. Das Schreiben an die
-Breslauer Burschenschaft wurde daher demnach nöthig gefunden, und
-war dabei jetzt nur noch die erforderliche Rücksicht auf den Brief
-von H. zu nehmen. U. suchte sich gegen die in dem Briefe enthaltenen
-Beschuldigungen zu rechtfertigen und verlangte, daß H. zu näherer
-Erklärung besonders über den ihm von demselben Schuld gegebenen Bruch
-des Ehrenwortes veranlaßt werden möge. -- Endlicher Beschluß in dieser
-Sache war, es solle die Breslauer Burschenschaft nicht nur um ihre
-Bestätigung und Widerlegung der in dem Briefe von S. enthaltenen
-Klagepuncte ersucht, sondern sie noch ferner gebeten werden, abgesehn
-von ihrer jetzigen Meinung, den ganzen Thatbestand auszumitteln, und
-hieher mitzutheilen.
-
-3) Trugen die Hallischen Abgeordneten auf einen Beschluß der
-Versammlung darüber an, ob die von mehreren Hochschulen für Halle
-erkannte Strafe, daß die Zeit, wo kein eigentlicher Burschenbrauch
-einer Verbindung daselbst bestanden habe, rücksichtlich des
-Burschenalters der in Halle damals Studirenden nicht gerechnet werden
-solle, jetzt durch die über die dortigen Angelegenheiten gemachten
-Bestimmungen aufgehoben sei, oder nicht. Die Versammlung beschloß
-einstimmig Aufhebung jenes Ausspruches.
-
-4) Wurde beschlossen, daß wenn von irgend einem Gerichte wegen dieser
-Versammlung eine Untersuchung verhängt werden sollte, erst dann, allein
-wenn die Sache nicht mehr zu verheimlichen sei,[12] eingestanden werden
-dürfe, es wären hier einige Burschen zusammengekommen, um auf einzelnen
-Hochschulen bestehende Streitigkeiten gütlich zu vermitteln; wobei aber
-weder die Namen der Abgeordneten anderer Hochschulen genannt, noch
-überhaupt von einem geführten Protocolle geredet werden sollte, und
-zwar dieß alles, weil es sich neuerdings vielfach bestätigt habe, wie
-sehr manche Regierungen allen Verbindungen auf Hochschulen entgegen
-wären.
-
-Göthe, welcher damals seinen _procès monstre_ mit dem Großherzog von
-Weimar gehabt hatte, hielt sich in Jena auf. Ich konnte nicht umhin dem
-großen Dichterfürsten aufzuwarten. Er wohnte jenseits der Saale vor der
-Stadt, in der sogenannten Tanne, welche neben dem Geleitshause liegt.
-
-»Wollen Sie den Staatsminister sprechen?« fragte mich den Eintretenden
-ein kleiner altkluger Knabe, in dem breitesten Sächsischen Dialect,
-welchen mein Ohr je vernommen hat. Ich nickte bejahend, indessen nicht
-ohne einige unheimliche Empfindung, da mir der kleine Bursch von hinten
-etwas zwergmäßig vorkam. Er mag auch wol nur ein Luftgebild aus Göthes
-Hirn gewesen sein und überall keine Realität gehabt haben. Denn er war
-in der That auf eine bewundrungswürdig schnelle Weise meinen Blicken
-entschwunden. Verdutzt sahe ich mich auf der Diele umher, der Zwerg
-wurde nicht wieder sichtbar. Ich kuckte in alle Ritzen und Spalten,
-Alles war vergebens. Da hörte ich ein Geräusch, Trepp ab. Es nahte
-ein Bedienter, der nach meinem Begehren und Namen fragte, und nach
-erhaltener Antwort mich sodann bei Göthe anzumelden versprach. »Es
-soll dem Herrn Geheimerath sehr angenehm sein,« berichtete er, und
-ich folgte. -- Ich habe mein ganz Leben hindurch in Gegenwart großer
-Menschen sehr lebendig das Gefühl gehabt, was Verrina »+Respekt+«
-nennt, eine Empfindung welche dem Geist wohlthut, wie der Frost der
-Erde zur Winterszeit. Sie tödtet das Unkraut der Eitelkeit auf die
-probateste Weise.
-
-Aber Göthe’s Antlitz zu sehen, -- ich fühlte das meine schon im voraus
-verbrannt, wie das der armen Fräulein Semele bei Jupiters Anblick.
--- Und siehe! schon auf dem Corridor begegnete mir der große Mann.
-Ich kreutzte meine Arme, verbeugte mich tief, blieb aber dann, ein
-travestirter Paganini, noch lange auf der G Saite der Conversation,
-indem ich nur sehr mühsam und stotternd, »mein Herr Ge- Ge- Ge-
-heimerath« heraus brachte.
-
-Excellenz oder besser: »_Ecce Lenz_« wäre überhaupt passender gewesen,
-denn der Angeredete schob an mir vorbei und sagte fast mürrisch: »Ich
-bin nicht der Geheimerath.« --
-
-Ich hatte mich geirrt, es war der Mineraloge +Lenz+.
-
-Der lächelnde Bediente öffnete eine Thür. Ich trat ein und sah Göthe am
-Ende des Zimmers am Fenster stehend.
-
-Ich weiß nicht recht woher es kam, aber drei Vergleiche drängten sich
-bei seinem Anblick solidarisch in meine Vorstellung. -- Bald glaubte
-ich den Apoll von Belvedere, bald einen Pfau, bald die Ruinen des
-Heidelberger Schlosses vor mir zu sehen. Das schöne Auge schien mir
-etwas gebrochen. -- Daher mag der letzte Vergleich der paßendste sein.
-»Treten Sie an dieses Fenster,« commandirte fast der Dichter, »Sehen
-Sie sich hier ringsumher. Wie gefällt ihnen die Gegend? Sie ist die
-schönste, welche ich auf die Dauer gekannt habe.« --
-
-Ich stimmte bei, obgleich den Bergen wol eine grüne Grasatzel zu
-wünschen gewesen wäre. Sie sind entsetzlich kahl. -- Dann brachte ich
-das Gespräch auf die See und erzählte, daß mein Vater zur Zeit meiner
-Geburt die Stelle eines Landsvogts auf der dänischen Insel Föhr in der
-Nordsee bekleidet habe. Ich schilderte den Anblick des Weltmeers, als
-den erhabensten, den die Natur darbietet, und bediente mich, da Göthe
-Beifall zu schmunzeln schien, wenn ich nicht irre, sogar mehrerer
-poetischen Floskeln dabei. Ich wollte, nachdem ich den ersten Schock
-der eingebildeten und wahren Bekanntschaft Göthe’s überwunden hatte,
-ihm zu verstehen geben, daß ich auch ein Jünger der Musen sei und
-wenigstens dadurch die Dreistigkeit meines Besuches entschuldigen. Aber
-auf einmal thaten der Herr Geheimerath eine fatale Frage an mich. Sie
-geruhten sich zu erkundigen, wie +groß Föhr+ sei.
-
-Obgleich Gaspari, als er 1804 in Wandsbeck lebte, trotz seiner
-Menschenscheu mich als kleinen Knaben fortwährend auf den Arm
-getragen hat, obgleich ich wohl weiß, daß Fabris Geographie mit
-dem humoristischen Grundsatz: »Ohne Geographie ist der Mensch ein
-Maulwurf,« beginnt, so muß ich doch gestehen, daß diese Wissenschaft
-diejenige ist, die sich mir von jeher am fernsten gehalten hat.
-
-Ich sah den alten Herrn etwas verblüfft an, dann aber antwortete ich,
-wie ein Geschworner ohne Rechtskenntniß in Rechtssachen, -- in dieser
-geographischen Klemme, nach meiner moralischen Überzeugung: »+Eine
-Quadratmeile.+«
-
-Göthe schien sich dabei erst nicht beruhigen und an einige Bücher auf
-dem Repositorio appelliren zu wollen, was mich in der That verlegen
-machte. -- Das Gespräch tournirte sich indessen auf Heidelberg. Mit
-Wärme schien der Dichter von dem bereits erwähnten Schelver zu reden.
-Im Uebrigen sprach er ziemlich vornehm über die andern Professoren. Von
-Thibaut sagte er: »Er ist ein guter Freund von« -- verwandelte aber als
-ob er schon zu viel gethan habe, das schon hervorquillende +mir+ in
-uns; Jetzt schien mir Göthe der wieder auf die Insel Föhr zurück kam,
-mit der Durchsicht einiger geographischen Compendien doch Ernst machen
-zu wollen. -- Ich empfahl mich daher.
-
-Dieser Act schien Göthe am Meisten zu gefallen. Uebrigens mußte ich dem
-alten Herrn zu meiner allergrößten Verwunderung versprechen ihn bald
-wieder zu besuchen.
-
-Er verlangte das in einem durchaus herzlichen Tone, was ich mir
-übrigens noch bis auf diese Stunde auf keine Art und Weise erklären
-kann. --
-
-Indessen war es mir unter den Burschen eine große Satisfaction bei
-Göthe gewesen zu sein. Man beneidete mich um diese Ehre wie Mädchen
-sich einander um einen neuen Hut scheel ansehen.
-
-Zu dieser Zeit passirte Göthe auch eine, wenig bekannte, höchst
-ergötzliche Anecdote.
-
-Eine Dame ließ sich bei ihm melden. Göthe, der den Besuch des schönen
-Geschlechts nur sehr bedingt liebte, ließ seiner Bewunderin, aller
-Bitten ungeachtet, drei Male die Audienz durch seinen Bedienten
-verweigern. Allein die Dame wollte sich nicht abweisen lassen, folgte
-dem Bedienten, dem sie noch eine Bestellung an seinen Herrn aufgetragen
-hatte, in den Garten, wo sie Göthe erblickte, dem sie sogleich zu Füßen
-stürzte, indem sie seine ergriffene Hand mit Küssen bedeckte.
-
-»Aber Madam! so stehen Sie doch auf,« rief Göthe von dieser hündischen
-Verzweiflung zwar geschmeichelt aber doch auch verwirrt.
-
-»Nein großer Dichter!« rief die in den Staub gesunkene Verehrerin. »Wie
-glücklich bin ich, daß meine Augen Dich erblicken. Ich komme mir vor
-wie die Glocke, wovon es in Deinem schönen Liede heißt:
-
- »Fest gemauert in der Erden
- Steht die Form aus Lehm gebrannt.«
-
-Göthe hat noch oft in späten Jahren herzlich über diese seine
-Verwechslung mit Schiller gelacht.
-
-Das Rednertalent, welches außer in England so wenig cultivirt wird,
-wurde in Jena wenigstens oft in Uebung gesetzt. Wenn die Bruder Studios
-rudelweise Abends durch die Gassen schlenderten und einen ihrer Freunde
-noch in seinem erleuchteten Zimmer zu Hause fanden, so wurde demselben
-gar häufig ein Vivat gebracht, dem das Verlangen einer »+Standrede+«
-folgte.
-
-Der Gefeierte mußte nun sein Fenster öffnen den Raum mit einigen
-Lichtern erhellen und in der häufigen Ermanglung dieser, die
-schwerfällige Studierlampe auf die Fensterbank postiren, dann aber
-eine Rede halten, welche oft an die Neapolitanischen Improvisatoren
-erinnerte. -- Vorzüglich stark war in solchem aus dem Steggreifreden
-der Meklenburger W. -- Seinem Nachbar, einem Professor, waren vierzehn
-Tage vorher die Fenster eingeworfen. Während er sich nun für die ihm
-wiederfahrene Ehre auf das Allerwärmste bedankte, beklagte er seinen
-gelehrten Nachbar, der nicht das Glück habe in einer so guten Meinung
-bei den Herrn Studenten zu stehen wie er, und ermahnte die Herren
-Akademiker, sich künftig nie wieder solche Excesse gegen Professoren
-zu Schulden kommen zu lassen. Die Art und Weise wie er abwechselnd den
-lustigen Schalk, dann wieder den ehrenwerthen Philister sprechen ließ,
-war in der That ungemein humoristisch.
-
-Die Collegien in Heidelberg fingen in wenigen Tagen wieder an. Mit
-dem Bewußtsein meine Burschenpflicht erfüllt zu haben, trat ich meine
-Rückreise über Erfurt und Göttingen an, wo ich in einer Nacht ein Paar
-Studenten, welche im Rausch »Bursch heraus« gerufen hatten, dadurch der
-Arrestation entriß und vor öffentlicher Relegation schützte, daß ich
-(vielleicht die einzige Lüge meines Lebens) mich für den Sohn eines
-Hannoverschen Ministers ausgab, und den nachgiebigen Pedellen meine
-hohe Protection versprach.
-
-In Göttingen war ich verdammt, den Tod meines liebsten Jugendfreundes,
-Christian Kirchhof aus Uetersen zu erfahren, welcher zu Charkow in
-Südrußland, einige Tage vor seiner Rückkehr in die Heimath, nachdem
-er als Hauslehrer sich bei einem Grafen +d’Olonne+ die erforderlichen
-Studienkosten verdient hatte, durch ein Nervenfieber weggerafft war.
-Sein Tod ergriff mich fürchterlich. Schlaflos und weinend langte ich
-nach einigen Tagen wieder in Heidelberg an. -- Christian hat das
-Versprechen, mir nach dem Tode zu erscheinen, nicht gehalten.
-
-
-+Ende des ersten Bändchens.+
-
-
-
-
-Fußnoten:
-
-[1] Ich glaube man rief aus Deutschthümelei: »Johann« anstatt »Jean!«
-
-[2] Es ist ein großes Wunder, daß mit dem Abspringen der Rappierklinge
-nicht größeres Unheil angerichtet, als bisher geschehen ist. -- Die
-Fechtmeister, welche bei dem Debit derselben verdienen, sind gewöhnlich
-eigennützig genug, das beste Präservativ dagegen nicht anzurathen,
-welches darin besteht, daß man vor dem Fechten die Klingen wärmt. Im
-Sommer zerspringt nicht der sechste Theil von denen, die im Winter
-entzwei gehen.
-
-[3]
-
- »Wer nie sein Brod mit Thränen aß,
- Der kennt euch nicht ihr himmlischen Mächte.«
-
-
-[4] »Als ich zuerst von dir gebeten wurde, das gefährliche Geschäft
-einer Disputation mit Dir zu unternehmen, wollte ich mich zuerst
-nicht auf den ungleichen Kampf einlassen, und hätte es gewißlich
-nicht gewagt, wenn mich nicht Deine erprobte Freundschaft gegen mich
-zu diesem Unternehmen angetrieben hätte. Du bist mein Freund mein
-Landsmann, ich fürchte daher nichts. Aber reden muß ich vor bedeutenden
-Männern, deren große und göttliche Gelehrsamkeit mir zeigt, wie kühn
-ich bin. Vergebt daher gelehrte Männer! wenn ich Euren Ohren, die so
-zart sind, hier bei Anhörung von übel klingenden lateinischen Phrasen,
-Zwang anthue.«
-
-[5] In Jena waren im Jahre 1818 nur zwei hübsche Mädchen, von denen die
-Eine zu stark, die Andere zu mager war.
-
-[6] Es waren dies drei Studenten, welche den Feldzug mitgemacht hatten,
-und mit dem Erinnerungszeichen daran geschmückt, vor die Barriere
-traten, wo sie als ehrliche und wahrhafte Burschen rehabilitirt wurden.
-Unser Präsident trug aber auch das eiserne Kreutz. --
-
-[7] Die Polen hatten diesen Schlesier durch schändliche Mißhandlungen
-so erbittert, daß er nur den Namen »_furioso_« trug. Er sprach immer
-nur von einem Polen vergleichend. »Ein Pole oder ein Schurke« u.
-dgl. m. Bei einer solchen Phrase erhob sich dann allemal der sanfte
-Deputirte L. und foderte eine Ehrenerklärung für die Polinnen, da seine
-Mutter eine solche sei, welche _Furioso_ allemal wenn auch ungern
-ertheilte.
-
-[8] Diese neunzehn Punkte sind leider nicht mehr in meinem Besitz -- Um
-das Sitzungsprotocoll in seiner ganzen Vollkommenheit zu geben, habe
-ich die Verhandlungen über jene Puncte hier indessen nicht auslassen zu
-dürfen geglaubt.
-
-[9] In der Heidelberger Burschenschaft war das Fuchswesen ganz
-aufgehoben, der Student im ersten Halbjahre hatte gleiche Rechte mit
-den älteren Burschen.
-
-[10] Wie wenig Verstecktes wie so gar nichts Revolutionäres lag
-damals in den Deutschen Burschenschaften! Wie hätte sich der junge
-Deutsche Pegasus zügeln und reiten lassen, wenn einige unvorsichtige
-Stallknechte ihn nicht durch Verketzerungen zu hartmaulig gemacht
-hätten.
-
-[11] Ein löblicher Vorschlag, nicht wahr?
-
-[12] Das war freilich ein sehr einfältiger Beschluß, gegen den ich
-vor allen Dingen protestirte. Ich rief stets, »wir haben ja nichts
-zu verheimlichen, laßt uns die Protocolle sogleich allen Regierungen
-vorlegen. Ein Geheimniß für 100 ist ohnehin ein Unsinn.« Allein ich
-wurde nicht gehört und ich bedauere es nur, daß meine Protestation
-damals nicht mit zu Protocoll genommen ist. Ich könnte indessen den
-Beweis durch Zeugen führen, wenn dies überall der Mühe werth wäre.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Humoristische Erinnerungen aus meinem
-academischen Leben in Heidelberg und , by Theodor von Kobbe
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN ***
-
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- The Project Gutenberg eBook of Humoristische Erinnerungen aus meinem
- academischen Leben, erstes Bändchen, by Theodor von Kobbe.
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-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Humoristische Erinnerungen aus meinem
-academischen Leben in Heidelberg und , by Theodor von Kobbe
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
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-
-
-
-Title: Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819
- Erstes Bändchen
-
-Author: Theodor von Kobbe
-
-Release Date: September 16, 2016 [EBook #53060]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1840 erschienenen
-Ausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
-und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
-korrigiert, auch wurden vereinzelte grammatische Korrekturen
-vorgenommen, wenn ansonsten der Sinn des Textes verfälscht würde.</p>
-
-<p class="p0">Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden
-beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren
-oder im Text mehrfach auftreten. Fremdsprachliche Begriffe und Zitate
-wurden nicht korrigiert; einzelne unleserliche Buchstaben wurden aber
-sinngemäß ergänzt.</p>
-
-<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.</p>
-
-<p class="p0">Antiquaschrift in der Originalausgabe wird hier durch
-<em class="antiqua">kursive</em> Schrift dargestellt.</p>
-
-<p class="p0 htmlnoshow"> Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät
-installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten
-Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos
-als auch gesperrt erscheinen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="front">
-
-<h1><span class="s6"><b>Humoristische Erinnerungen</b></span><br />
-
-<span class="s7">aus meinem</span><br />
-
-<b>academischen Leben</b><br />
-
-<span class="s7">in</span><br />
-
-<span class="s6"><b>Heidelberg und Kiel</b></span><br />
-
-<span class="s7"><em class="gesperrt">in den Jahren</em>
-<b class="mleft1">1817&ndash;1819</b></span></h1>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="s2 center mtop1"><b><em class="gesperrt">Theodor von Kobbe.</em></b></p>
-
-<hr class="band" />
-
-<p class="s4 center">Erstes Bändchen.</p>
-
-<hr class="band" />
-
-<p class="s4 center"><b>Bremen,</b><br />
-Verlag von Wilhelm Kaiser.</p>
-
-<p class="s4 center"><b>1840.</b></p>
-
-<p class="s5 center padtop5 break-before">Druck von F. W. Buschmann.</p>
-
-<p class="s4 center padtop5 break-before"><em class="gesperrt">Meinen</em></p>
-
-<p class="s2 center"><b>Universitätsfreunden</b></p>
-
-<p class="s4 center">voll unsterblicher</p>
-
-<p class="s3 center"><b><em class="gesperrt">Erinnerung</em></b></p>
-
-<p class="s4 center">gewidmet.</p>
-
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2>
-
-</div>
-
-<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="tdl vat padr1">
- Vorwort.
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_i">I</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat padr1">
- Erstes Kapitel.
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_1">1</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat padr1">
- Zweites Kapitel.
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_13">13</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat padr1">
- Drittes Kapitel.
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_39">39</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat padr1">
- Viertes Kapitel.
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_79">79</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat padr1">
- Fünftes Kapitel.
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_105">105</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat padr1">
- Sechstes Kapitel.
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_126">126</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat padr1">
- Siebentes Kapitel.
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_145">145</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat padr1">
- Beglaubigte Abschrift der Protocolle, gehalten in der
- Abgeordneten-Versammlung zu Jena.
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_187">187</a>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_i" id="Seite_i">&nbsp;I&nbsp;</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1"><em class="antiqua">Smollis</em> Ihr Herren!</p>
-
-<p><span class="initial">W</span>ährend des Drucks der ersten acht Bogen brauchte ich die Wasserkur in
-Gräfenberg. In dieser Zeit ist mir auf dem grünen Felde der Erinnerung
-mancher ärgerlicher Druckfehler erwachsen und leider! keine Zeit zur
-totalen Vertilgung durch Umdruck, der nur partiell geschehen konnte,
-mehr vorhanden. Vor allen Dingen bitte ich Seite 19 Zeile 14 und Seite
-34 Zeile 9, <em class="gesperrt">negierend</em> statt <em class="gesperrt">regierend</em>, S. 20. Z. 12,
-<em class="gesperrt">Hirschhorn</em> für <em class="gesperrt">Hirschhern</em>. S. 16. Z. 21, <em class="gesperrt">Choragen</em>
-für <em class="gesperrt">Choragee</em>. S. 151. Z. 21, <em class="gesperrt">Jena’s</em> für <em class="gesperrt">Jonas</em> zu
-lesen, und hie und da sogar ein Wort zu suppliren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_ii" id="Seite_ii">&nbsp;II&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Ihr lieben Commilitonen werdet mir dies schon vergeben, und da Ihr wohl
-instruirte Leute seid, doch das Richtige heraus lesen. Aber auch von
-Euch, Ihr gestrengen Recensenten! und von Euch, Ihr griesgrämlichen
-Philister! und vor Allen vom wohlgesinnten Leser erbitte ich mir
-<em class="gesperrt">Amnestie</em>, welches ja auch ein so schöner gesuchter Artikel
-unserer humanen Zeit ist. Ich wende mich vertraulich an Euch alle und
-es ist mir schon als ob meine Ohren die gewünschte Antwort vernehmen:</p>
-
-<p class="mleft6 mbot2"><em class="antiqua">Fiducit!</em></p>
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt mleft3">Oldenburg</em><br />
-im Großherzogthum Oldenburg<br />
-<span class="mleft3">im August 1840.</span></p>
-
-<p class="right mright2 mtop1">Theodor von Kobbe.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">&nbsp;1&nbsp;</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="untertitel">Weinheim. Graf M.&nbsp;&mdash; J. Der Hecht. Thibaut. Der badische Hof. Die
-Burschenschaft. Ms. Duell.&nbsp;&mdash; Js Rappierjunge.</p>
-
-<p>»Wie heißt diese Station?«</p>
-
-<p>»Weinheim.&nbsp;&mdash; Sie ist die letzte vor Heidelberg.«</p>
-
-<p>»Nun dann ist das Ziel der Reise bald erreicht. Nicht wahr M. und J.
-darauf wollen wir eine Flaschen leeren?«</p>
-
-<p>M. nickte bejahend. J. sagte burschikos: »Das ist klar, das ist Natur.«
-Ich: »Herr Postmeister! Wir bitten um eine Bouteille Wein.«</p>
-
-<p>»Ich habe keine Schenke meine Herren! Ein Glas Wasser steht zu Dienst,«
-lautete die Antwort.</p>
-
-<p>»Wasser das ist klar, das ist Natur!« bemerkte ich J. parodirend.</p>
-
-<p>»Und denn will sich der Ort noch <em class="gesperrt">Weinheim</em><span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">&nbsp;2&nbsp;</a></span> nennen. Die einzigste
-Station von Hamburg her, wo einen nicht einmal schlechter Wein gereicht
-wird. <em class="gesperrt">Wasserheim</em> sollte es heißen.« rief J. verdrießlich.</p>
-
-<p>»Sie können es in Heidelberg nachholen,« lächelte der Posthalter, als
-wir die mit Extrapostpferden bespannte Chaise bestiegen um zu dem Ort
-unserer Bestimmung zu gelangen.</p>
-
-<p>»Der Philister will witzig sein und hat nicht einmal Wein, was der
-schlechteste Witz von der Welt ist,« brummte J. in sich hinein.</p>
-
-<p>Graf M. und ich hatten die Hamburger Schule besucht.&nbsp;&mdash; Wir waren dort
-Freunde und Studiengenossen gewesen. Er hatte einigen Freunden und
-mir ein Collegium über den Homer, ich den Herrn eins über den Terenz
-gelesen. Gleichwol stand ich ihm an Schulkenntnissen weit nach. Unser
-dritter Reisegefährte war ein gewisser J. aus Westphalen, der auf der
-Altonaer Schule erzogen war und sich zu uns gesellt hatte.</p>
-
-<p>Das erste was wir nach der Ueberfahrt über die Elbe außer Solavee, der
-Guirlande Haarburgs, sahen, waren drei Maulthiere, die ein alter Kerl
-vor sich her trieb.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Maulthier</em>,« so heißt ein Exprimaner der zur Universität geht,
-in der Burschensprache.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">&nbsp;3&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Wir beschlossen den Studententitel zu erfrühen. Nach langen Debatten
-war derselbe jedoch nur unserm Freunde J., welcher früher auf der
-Kieler Schule gewesen war, und seinem rothen mit Höllenstein gefärbten
-Backenbart, wie einem erst kürzlich überstandenen Nervenfieber sein
-älteres Aussehen verdankte,&nbsp;&mdash; und zwar dahin bewilligt, daß er
-behaupten dürfe, ein halbes Jahr bereits in Kiel studirt zu haben.</p>
-
-<p>J. hatte dies oft auf der Reise zu der Bemerkung benutzt, daß wir junge
-Schüler seien, welche er auf die Universität führe. Dazu hatten wir
-schweigen müssen. Allein Nemesis rächte uns.</p>
-
-<p>Als wir den Lutherberg hinter Hannoversch Münden, aus Mitleid gegen
-unsere Pferde zu Fuße erklommen, sahen wir einen kräftigen Mann von
-mittleren Jahren, der es, wie wir, mit seiner Chaise machte.</p>
-
-<p>»Wenn ich nicht irre, sind die Herren Studenten,« rief er uns zu.</p>
-
-<p>M. und ich schoben J. als solchen vor. Von uns selbst berichteten wir
-die Wahrheit, daß wir nur noch burschikose Embrionen seien.</p>
-
-<p>»Lassen Sie uns die Reise gemeinschaftlich machen, wenigstens bis
-Marburg, wo ich meinen Vater besuchen will. Ich zahle für zwei Pferde<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">&nbsp;4&nbsp;</a></span>
-das Postgeld, wir lassen dann viere anspannen und fahren mit sechszehn
-Beinen,« beanfragte der Fremde.</p>
-
-<p>Wir acceptirten diesen annehmlichen Vorschlag und fanden auch später
-keinen Grund dies zu bedauern. Unser Reisegefährte war der Professor
-Bucher aus Erlangen, ein Mann von Kopf und Herz, dem ich hier das
-Zeugniß geben muß, daß ich keinen seiner Collegen kennen gelernt habe,
-der mir so liebenswürdig vorgekommen ist wie er.&nbsp;&mdash; Ist es mir doch
-noch, wie gestern, daß er mir das Städchen vom Wagen uns zur Linken
-zeigte, in welchem er seine jetzige Frau zum ersten Male gesehen hatte.
-Seine Züge verklärten sich schon beim Anblick des Kirchthurms, jede
-Miene seines Gesichtes wurde zum Liede. Es ist ein herzerhebender
-Anblick, wenn ein kräftiger Mann in der Erinnerung an die göttliche
-Zeit der Ideale schwelgt.</p>
-
-<p>Der an Menschenkenntniß reiche Professor hatte uns bald durchschaut.
-J. hatte er durch die lustigste Folter von der Welt, indem seine
-peinliche Frage hauptsächlich in einer Erkundigung nach den
-Collegien, die J. gehört haben wollte, bestand,&nbsp;&mdash; zum Geständniß
-seiner noch nicht geschehenen Immatriculation gebracht. Er hatte ihm
-darauf das Prognosticon eines armen Renommisten, der noch manche<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">&nbsp;5&nbsp;</a></span>
-Unannehmlichkeiten in der Welt bestehen würde, gestellt. Dem Graf M.
-sagte er eine hohe Stellung in der Welt voraus, die dieser auch jetzt
-einnimmt.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Was er mir verkündete, ist erst theilweise eingetroffen.&nbsp;&mdash; Sobald es
-Alles in Erfüllung gegangen ist, will ich den Seher loben.&nbsp;&mdash; Aber
-das sagte ich ihm damals voraus, daß ich seiner Liebenswürdigkeit
-ewig gedenken, und daß, wenn ich einmal das Glück haben würde, ein
-Schriftsteller meiner Universitätsjahre zu werden, ich dieser unserer
-Reise mit Dankbarkeit gegen ihn öffentlich gedenken wollte.</p>
-
-<p>Ich habe hiermit mein Versprechen erfüllt.</p>
-
-<p>Wir fuhren die Bergstraße hinauf unter blühenden Bäumen. Die Natur
-hatte ihre reizendsten Gewänder angelegt. Wie pupperten unsre
-Primanerherzen vor Freude! Ich begreife noch zu dieser Stunde nicht,
-das mir das meine nicht vor Lust gebrochen ist.</p>
-
-<p>Ich sang in Einem fort Studentenlieder bis ich vor Heiserkeit nicht
-weiter konnte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Da ertönte plötzlich ein Ha! aus jeder Kehle.</p>
-
-<p>Wir waren um die Ecke bei Neuenheim gebogen. Wir hatten Heidelberg
-erblickt, an das Gebirg gelehnt, zu seinen Füßen den munter dahin
-fließenden Neckar, auf seinem Haupte die Schloßruine als<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">&nbsp;6&nbsp;</a></span> Krone, die
-Umgebungen, überall mit Weinbergsträußern geschmückt.</p>
-
-<p>Der Eindruck war unbeschreiblich.</p>
-
-<p>Der Postillon führte uns zum goldenen <em class="gesperrt">Hecht</em>, auf ausdrückliches
-Verlangen unsers Freundes J., der sich aus Zarachias Renommisten der
-Stelle:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»Zum blauen <em class="gesperrt">Hecht</em> trug ihn Kalmucks geschwinder Lauf.«</p></div>
-
-<p>dabei erinnerte.</p>
-
-<p>M. und ich kleideten uns an, um Thibaut aufzuwarten. J. ging seiner
-Wege, ich glaube er wollte sich nach den Befugnissen der Polizei in
-Heidelberg erkundigen.</p>
-
-<p>Thibaut, ein genauer Freund von Ms. Vater empfing uns sehr freundlich
-in seinem Garten. Er selbst war Enthusiast für die Gegend und das Klima
-Heidelbergs.</p>
-
-<p>»Fühlen Sie einmal die Luft.« das waren die Worte, womit er uns mit
-ausgestreckter Hand anredete.</p>
-
-<p>Später ging er mit uns und zeigte M. die für ihn gemiethete Wohnung.
-Dann miethete er für mich bei dem alten Licentiaten B... in der
-Mittelbadgasse ein Logis. Noch denke ich mit Schauder an die drei
-bildhäßlichen Töchter des Hauses,<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">&nbsp;7&nbsp;</a></span> sie kommen mir wieder im Schlaf vor,
-wenn ich Unverdauliches gegessen habe.</p>
-
-<p>»Sie bezahlen eigentlich eine Pistole zuviel,« lächelte der
-Geheimerath, »allein sie können die Häßlichkeit der Töchter auch wieder
-höher als eine Pistole anschlagen.«</p>
-
-<p>Ich bin Thibaut wohl für seine Artigkeit und für seine väterliche
-Präventionstheorie, nicht aber für dies Quartier dankbar.&nbsp;&mdash; Ich habe
-viel Verdruß durch meine Leichtgläubigkeit gehabt,&nbsp;&mdash; doch weg mit
-allen Klatschereien, sie sind alle todt, <em class="antiqua">requiescant in pace</em>.</p>
-
-<p>Von den ersten drei Tagen meines Burschenlebens in Heidelberg weiß ich
-fast nichts mehr zu referiren. Es flimmert mir sogleich vor den Augen,
-wenn ich daran denke. Ich lebte den Zustand eines opiumberauschten
-Türken.</p>
-
-<p>Ich war den ganzen Tag über auf den Burschenkneipen, studirte jedes
-Gesicht und versuchte mit Jedem ein Gespräch anzuknüpfen, was gerade
-im Anfang jedes Semesters leicht wurde, besonders da alle Partheien
-einen Neuling an sich zu ziehen suchten. Ich war alle drei Abende
-nacheinander bei Thibaut eingeladen, ließ mich aber jedes Mal
-entschuldigen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">&nbsp;8&nbsp;</a></span></p>
-
-<p class="mbot2">Graf M. sprach ich täglich nur einige Minuten. Er hatte sich in den
-ersten Tagen größtentheils bei Thibaut aufgehalten, dann aber die
-Kneipe seiner Landsleute, die damals zu den Westphalen gehörten,
-besucht, auch auf besondere Verwendung dieser, mit ihnen den
-Mittagstisch genommen.</p>
-
-<p class="mbot2">Es war nämlich im Frühling 1817 eine halbe Hungersnoth in Heidelberg.
-Mancher arme Schelm wurde mit Gras im Munde, am Hungerstod gestorben,
-im Walde gefunden. Ein Laib fast ungenießbares Brod von vier Pfund,
-kostete 40½ Kreuzer, die Kreuzerwecke konnte mit unbewaffnetem Auge
-fast nicht wahrgenommen werden. Alle Studententische waren geschlossen,
-da die Wirthe, welche Schaden bei dem gewöhnlichen Pränumerationspreise
-hatten, zwar in Erwartung einer guten, später auch eintretenden Erndte,
-zwar diesen nicht erhöhen aber auch nicht mehr Abonnenten haben wollten.</p>
-
-<p>Eine travestirte Laona irrte ich mit meinem Hunger von Table d’hote zu
-Table d’hote umher. Ich mußte zwei Monate in den Gasthäusern wie ein
-durchreisender Fremder täglich einen Gulden für mein Couvert bezahlen
-bis Herr Hellwerth, der Wirth des Badischen Hofes, mich als wirklichen<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">&nbsp;9&nbsp;</a></span>
-Stammgast um einen ermäßigten Preis, und wahrlich nicht zu seinen
-Schaden, annahm.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Wenn ich mit M. zusammen kam, so lenkte sich das Gespräch natürlich
-bald auf die wichtige Frage, ob wir überall in eine und in welche
-Verbindung wir treten wollten.&nbsp;&mdash; Ich hatte von den Burschenschaftlern
-die Arndtschen Lieder:</p>
-
-<p>»Was ist des Deutschen Vaterland?«</p>
-
-<p>»Sind wird vereint zur frohen Stunde!«</p>
-
-<p>so wie das Körnersche:</p>
-
-<p>»Wie wir so treu beisammen stehn.«</p>
-
-<p>gehört, jede Faser meines Leibes war von dieser Vaterlandsglut
-durchströmt, nur in der Burschenschaft glaubte ich mein Heil finden zu
-können.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich eröffnete dies M.</p>
-
-<p>Dieser aber erklärte, bei dem Glauben seiner Landsleute bleiben und das
-Grün-Schwarz-Weiß der Westphalen zu seiner Leibfarbe machen zu wollen.</p>
-
-<p>Ich trat in die Burschenschaft.</p>
-
-<p>Unser Umgang wurde dadurch seltener, jeder war für seine Verbindung zu
-sehr enragirt, indessen M. noch viel mehr als ich.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ein Jahr später sah ich auf der Hirschgasse meinen Freund M.,
-mit einer klaffenden Wunde in der Brust.&nbsp;&mdash; Ein feindlicher
-Burschenschaftschläger, geführt von dem trefflichen S. aus N.,
-war ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">&nbsp;10&nbsp;</a></span> zwischen der dritten und vierten Rippe in die Seite
-gefahren. Er sah mich mit seinen sterbenden Blicken traurig aber mit
-Freundeszärtlichkeit an. Das Ganze war um einen nichtswürdigen Kerl
-hergekommen und Ms. Duell mit eine sogenannte Nachstürzerei, in welche
-auch ich verwickelt war.</p>
-
-<p>Die Mißverhältnisse mit den Landsleuten, die nothwendige Vermeidung
-einer Rührung, machten es unmöglich zu ihm zu gehen.</p>
-
-<p>In derselben Stunde verließ ich von Schmerz zerknirscht mit S. aus
-verschiedenen Thoren Heidelberg. Es war mir unmöglich mit dem tödtlich
-verwundeten Jugendfreunde in Einem Ort zu leben ohne ihn sehen zu
-können. Ich floh nach Rastadt, wo ich jeden Morgen durch meinen treuen
-Freund v. P. ein Gesundheitsbulletin über M. empfing.</p>
-
-<p>Ich verlebte eine höchst qualvolle Zeit. Noch jetzt habe ich einen
-Brief von v. P., an einen andern in Rastadt Lebenden in Händen, der die
-Furcht ausspricht, ich würde vor Schmerz verrückt werden.</p>
-
-<p>Sein Gegner S. lief bewußtlos nach Rheinbaiern. Er sank hier unter
-einem Apfelbaum und schlief ermüdet ein. Hier erschien ihm ein Engel im
-Traum und sprach zu ihm: »Dein Gebet wird erhört, M. wird genesen. Kehr
-zurück nach Heidelberg.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">&nbsp;11&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>S. that wie ihm der Engel geheißen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Chelius</em> aber hat ein Meisterstück an M. verübt. Nachdem er fast
-zwei Jahre an derselben hoffnungslos gelegen und seine Brust täglich
-eine Masse Eiter ergossen hatte, ist M. ein starker kräftiger Mann
-geworden.</p>
-
-<p>Erst, als er gerettet war, durfte ich ihn wieder sehen.</p>
-
-<p>Hol’ der Teufel Landsmannschaft und Burschenschaft wenn die solche
-Freunde kosten, dachte ich, und denke seitdem noch so.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Unserm dritten Reisegefährten J. erging es wie Bucher vorhergesagt
-hatte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Er war kaum vierzehn Tage in Heidelberg, als er sich gegen einen alten
-Burschen einen unanständigen ledernen Witz über dessen Schwester, die
-er gar nicht kannte, erlaubt hatte.</p>
-
-<p>R&nbsp;&mdash; bemerkte »Fuchs, solch ein schnöder Witz ist einen Rappierjungen
-werth.«</p>
-
-<p>Unter dem Wort Rappierjunge versteht man ein Duell mit ungeschärften
-Rappieren.</p>
-
-<p>»Ich wette«, versetzte J., welcher sich viel darauf zu Gute that,
-einigen Fechtunterricht von einem Dänischen Unterofficier in Altona
-erhalten zu haben, »daß ich Dir eher zwei Hiebe beibringe, als Du mir
-einen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">&nbsp;12&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>»Du Fuchs!« lachte N.</p>
-
-<p>N. war der beste Schläger in Heidelberg. Er dachte sich es doch ein
-wenig sicher nehmen zu müssen, damit der Fuchs ihn nicht blamire. Er
-nahm ihn daher sich »<em class="antiqua">sûr</em>« wie die Studenten es nennen.</p>
-
-<p>Beide traten auf die Mensur. J. schlug eine Terz. N. parirte und schlug
-eine Quart nach. »Herr Jesus!« rief J.</p>
-
-<p>N. hatte ihm fast alle Zähne, seine einzige physikalische Zierde, aus
-dem Munde geschlagen.</p>
-
-<p>Die meisten Nerven lagen entblößt. Er hat, so lange er in Heidelberg
-war, entsetzlich am Zahnweh gelitten.</p>
-
-<p>Wo J. geblieben ist, weiß ich nicht.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">&nbsp;13&nbsp;</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="untertitel">Göthe, Ludwig Robert, Carl Thorbecke, Massenbach, August Wilhelm
-Schlegel, Jean Paul, Martens, Heinrich Voß, Joh. Heinrich Voß,
-Wambold, Morstadt, Uexküll.</p>
-
-<p>Zu den Fremden, welche gar oft Heidelberg besuchten, gehörte auch
-<em class="gesperrt">Göthe</em>, den ich freilich nicht mehr dort gesehen, weil er, wenn
-ich nicht irre, zum letzten Male im Jahre 1815, das Neckar-Athen
-besucht hatte.&nbsp;&mdash; Göthe, daran gewöhnt von allen Dingen Nutzen
-zu ziehen, sowohl von der Natur als wie von der Kunst, hatte die
-Huldigungen, welche die Professoren seinem großen Genius brachten,
-sofort dazu benutzt, sich von jedem irgend ein Collegium lesen zu
-lassen. Der Mephisto, <em class="antiqua">sit venia verbo</em>, hatte die Gestalt
-des Schülers angenommen und sich, indem er nur lernte, nicht aber
-lehrte, fortwährend, so zu sagen, geistig tractiren lassen. Als ich
-dem Dichterfürsten im Jahre 1818<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">&nbsp;14&nbsp;</a></span> in der Tanne vor Jena aufwartete,
-schien er mit einiger Wärme nach dem Professor Schelver, dem damals
-renomirtesten Magnetiseur in Süddeutschland sich zu erkundigen, von dem
-ich noch später reden werde.</p>
-
-<p>Was aber Göthe wol am Meisten nach Heidelberg gezogen hat, das mögen
-die <em class="gesperrt">Boißerée</em>schen Bilder gewesen sein, welche er stundenlang,
-mit dem innigsten Entzücken betrachtet, und oft in Bezug auf ihre
-Urheber ausgerufen haben soll: <em class="gesperrt">Das waren noch Dichter!</em> Bei
-dieser Gelegenheit mag eine wenig, vielleicht nur durch meine
-Humoristischen Blätter bekannt gewordene Erzählung hier einen Platz
-finden, welche der geschwätzige Erklärer der Boißeréeschen Bilder, Herr
-Bertram, bei Vorzeigung eines Gemäldes, sicher mehr aus einer localen
-Erinnerung, als aus Causal-Zusammenhang, denn das Bild stellte den Tod
-der Maria vor, zum Besten zu geben pflegte:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»Zu der Zeit, als die verbündeten Heere in Frankreich auf ihren
-Lorbeeren ruhten, war Göthe, wie fast alljährig in jener Zeit,
-bei uns in Heidelberg zum Besuch. Eines Morgens, als der Alte
-noch im Bette lag, wurde ihm ein Preußischer Officier, einer
-seiner blindesten Enthusiasten, gemeldet. Er habe, ließ er den<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">&nbsp;15&nbsp;</a></span>
-Poeten sagen, einen Umweg von zwanzig Meilen gemacht, um seinen
-Lebenswunsch »Göthe von Angesicht zu Angesicht zu schauen,«
-erreichen zu können. <em class="gesperrt">Wolfgang</em> erklärte aber rundweg, er
-wolle den Fremden nicht sehen. Der Officier wiederholte den
-achselzuckenden Kammerdiener seine Bitte mit dem Anfügen, daß
-seine Bewunderung des Dichterfürsten ihm die schwerste Strafe
-zuziehen könne, wenn sein Abweichen von der Marschroute an den Tag
-käme, er rührte durch seine Mienen den Kleinbotschafter sogar,
-der wiederholt für den <em class="antiqua">envagé</em> seines Herrn bei diesem
-interredirte, alle Versuche waren aber vergebens. <em class="gesperrt">Göthe</em>
-blieb regierend im Bette liegen. Da verkehrte sich seines Verehrers
-Liebe in Zorn. Zur Seite stieß er den Kammerdiener, dann eilte er
-mit gezücktem Schwerdte an des Dichters Lager, indem er ausrief:
-»»Noch hab ich jede Schanze auf die ich losstürmte gewonnen,
-und das Bett eines eigensinnigen Poeten sollte mir verborgen
-bleiben.«« Was that der erstürmte Göthe? Kaum trat der Officier
-an sein Lager, als bald durch die heilige Nähe des Sehers, wie
-durch die Erreichung seines Wunsches calmirt, als der Herr Geheime
-Rath anfing, successive dermaßen Gesichter zu<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">&nbsp;16&nbsp;</a></span> schneiden, daß der
-Krieger, der ohnehin nicht lange warten konnte, nur die Züge eines
-Grimaciers, nichts aber von den Göttermienen des Verfassers der
-Iphigenia, des Tasso’s und des Faust’s erkennen konnte.«</p></div>
-
-<p>Zu den interessantesten Literaten seiner Zeit ist <em class="gesperrt">Ludwig Robert</em>
-gewiß mit Recht zu zählen. Von jüdischen Eltern geboren, der Bruder
-<em class="gesperrt">Rahels</em>, hatte er eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und
-war vor allen Dingen ein gründlicher Denker, wenn er gleich noch im
-Fichteschen »<em class="gesperrt">Ich</em>« befangen war. Die Wärme des Christenthums
-hatte sein Herz durchdrungen, er war ein wohlwollender uneigennütziger
-Mensch.&nbsp;&mdash; Welch einen gewaltigen Einfluß aber die ersten Eindrücke
-der Jugend auf uns äußern, davon gab er mir einmal ein scherzhaftes
-Beispiel. »Mein Vater war sehr reich,« erzählte er mir eines Tages,
-»indessen war die Wohlthätigkeit meiner Mutter unverhältnißmäßig viel
-größer, als des Vaters Vermögen. Sie gab ohne sein Wissen, jährlich wol
-tausend, <em class="gesperrt">ja was will ich sagen, tausend, gewiß eilfhundert Thaler an
-die Armen</em>«&nbsp;&mdash; Ein geborner Christ, nicht als ob die Wohlthätigkeit
-nicht mehr bei den Juden zu Hause wäre als bei uns, hätte unmöglich
-soviel arithmetische Reflexionen in<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">&nbsp;17&nbsp;</a></span> einen solchen Passus gebracht,
-sein Klimax wäre gewiß von tausend auf zweitausend, und wenn er
-selbst Mann vom Fach, Kaufmann gewesen wäre, doch wenigstens auf
-funfzehnhundert gestiegen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Als Robert Heidelberg verließ, bat ich ihn um ein Stammblatt, und zwar
-um einige Verse. Er antwortete mir: »Einen schlechten Spruch in Versen
-für <em class="gesperrt">Sie</em> zu schreiben, geziemt uns nicht.«</p>
-
-<p>»Zur Nutzanwendung mögte der 38jährige gern dem 19jahrigen etwas
-aufzeichnen, aber das, was er ihm am Liebsten in der Art sagte, darf er
-ihm nicht sagen; daher wird <em class="gesperrt">Robert</em>, weil er <em class="gesperrt">Kobbe</em> sehr
-lieb gewonnen hat ihm zuweilen schreiben und sich nach seinem Thun und
-Treiben freundlich und herzlich erkundigen. Glauben Sie mich nie unwahr.</p>
-
-<p class="right mright2">Ihr Robert«</p>
-
-<p class="p0 mbot1">Heidelberg, den 31. Decbr. 1817.</p>
-
-<p>Robert war meinen poetischen Bestrebungen sehr gewogen.&nbsp;&mdash; Freilich
-demüthigte er mich auch oft, indessen hat er mich dadurch von jedem
-schriftstellerischen Hochmuth bewahrt. So besinne ich mich unter
-Anderm, daß er mir zwei Akte eines von mir geschriebenen Trauerspiels
-mit der niederschlagenden Ermunterung zurück gab! »Schreiben Sie frisch
-darauf los, noch sechs solche Trauerspiele, verbrennen Sie aber ja
-alle, dann werden Sie Glück<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">&nbsp;18&nbsp;</a></span> mit dem siebenten haben. Wenn nur alle
-jungen Dichter diese Sybillenweisheit beherzigten.«</p>
-
-<p>Es ist mir allezeit auffallend gewesen, warum die Schriften Ludwig
-Roberts so wenig Epoche gemacht haben, und selbst jetzt selten
-genannt werden. Das Erste läßt sich am leichtesten begreifen.&nbsp;&mdash; Denn
-in der Zeit seiner meisten Productionen war das Publicum nur ganz
-<em class="gesperrt">Jahnisch</em> und <em class="gesperrt">Arendtsch</em>; ein Poet durfte nur Körnersche
-Lieder vor die Augen der Leser bringen. Roberts »<em class="gesperrt">Kämpfe der
-Zeit</em>« erregten einen rauschenden aber bald verklingenden Beifall.
-Von seinen dramatischen Sachen hat sich »die Macht der Verhältnisse«
-fortwährend auf der Bühne erhalten. Obgleich unsere chinesischen
-Vorurtheile keineswegs sich verringert haben, vielmehr in trägen
-Frieden sich tagtäglich vergrößern, das Stück mithin nur zu sehr die
-Interessen des Tages anregt, woher auch seine fortwährende Geltung
-rühren mag, so ist in demselben doch kein tragisches Element zu finden.
-Die Miserabilitäten der Standesvorurtheile zu bekämpfen, dafür haben
-wir das Lustspiel, dessen Haupttypus immer der sich aufblähende,
-einem Ochsen gleichen wollende, und endlich zerspringende Frosch
-bleibt.&nbsp;&mdash; Wenig bekannt ist Roberts Drama »die Gleichgültigen oder
-die Nichtigen,« ein kostbares Lustspiel,<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">&nbsp;19&nbsp;</a></span> was wahrscheinlich nur um
-seiner treffenden Wahrheit willen, und weil es alle Stände unerbittlich
-züchtigt, sich nicht ein Beifall zollendes Publikum erworben hat.</p>
-
-<p>An der Wirthstafel des Badischen Hofes zu Heidelberg lernte Robert in
-demselben Jahre seine künftige Gattin kennen, das schönste Weib, das
-meine Augen je erblickt haben. Die Ironie des Schicksals hatte diese
-Dame, ein würdiges Modell zu einer Madonna, in traurige unwürdige
-eheliche Verhältnisse gebracht, von denen Robert sie nicht ohne große
-pecuniäre Opfer erlößte.&nbsp;&mdash; Die schöne Frau wurde dadurch zum dankbaren
-Clärchen gegen ihren Erretter. Noch später hat mir die liebenswürdige
-Haizinger, ihre getreue Freundin, von der schwärmerischen Liebe
-erzählt, womit die Gattin Roberts an ihn hing.&nbsp;&mdash; Ihr Herz brach mit
-seinen Augen, wenige Tage nachher wurde auch sie zur Erde bestattet.
-Von freudigen Gedanken an das Wiedersehn des liebenswürdigen Ehepaars
-erfüllt, vergesse ich nie die Erschütterung, welche die Antwort einer
-weinenden Frau in mir hervorbrachte die ich bei der Annäherung des
-Leichenzugs um den Namen des Todten befragte. »Es ischt halt ä Engel
-die Wittwe von de Herr Dichter Robert.«</p>
-
-<p>Unvergeßlich bleibt mir ein Doctor Carl Thor<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">&nbsp;20&nbsp;</a></span>becke aus Osnabrück,
-welcher damals in Heidelberg privatisirte. Unglück, vielleicht auch
-eigne Schuld haben ihn später in das Verderben gestürtzt und ich
-zweifle, ob er noch unter den Lebenden wandelt. Nie hab ich einen
-Sterblichen gekannt welcher eine solche Macht auf die Stimmung der
-Menschen übte, die er mit einer fast elementarischen neidischen
-Koboldskraft fast immer dazu anwandte, den Heitern mit Traurigkeit,
-den Betrübten mit Frohsinn zu erfüllen. Einem Studenten, welcher
-unter Bürgschaft eines Professors eine Summe Geldes von dem Banquier
-<em class="gesperrt">Hirschhern</em> zu leihen hoffen konnte, aber im Begriff war, diesen
-Termin zu versäumen schrieb er folgende jocose Verse:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»<em class="gesperrt">Hirschhern</em> kräftig gegen Schwindel,</div>
- <div class="verse">Wenn man weiß nicht aus noch ein,</div>
- <div class="verse">Muß verwahrt mit einem Spündel,</div>
- <div class="verse">Alsobald verschlossen sein.</div>
- <div class="verse">Darum halt ihn fest im Glase,</div>
- <div class="verse">Jenen Geist, der sonst verfliegt;</div>
- <div class="verse">Sonst behältst Du wohl die Nase,</div>
- <div class="verse">Aber nichts woran sie riecht.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Ein andermal dichtete er folgendes schöne Lied, das zum Beleg seiner
-wunderbaren Kühleborn-Natur dienen mag.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">&nbsp;21&nbsp;</a></span></p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Was willst du singen?</div>
- <div class="verse">Willst Du singen ein lustig Lied?</div>
- <div class="verse">Kein lustig Lied! Ich fliege nicht auf dem Wasser</div>
- <div class="verse">Geschwind, geschwind mit Well’ und Freude,</div>
- <div class="verse">Lustig Lied ist wie ’ne Wasserfahrt,</div>
- <div class="verse mleft3">Das Schiff läuft aus,</div>
- <div class="verse mleft3">Kommt wieder nach Haus.</div>
- <div class="verse">Ich fliege nicht auf dem Wasser</div>
- <div class="verse">Mit Well’ und Freude.</div>
- <div class="verse mleft3">Was willst du singen!</div>
- <div class="verse">Willst du singen ein traurig Lied?</div>
- <div class="verse mleft3">Kein traurig Lied! Ich stehe nicht am Ufer</div>
- <div class="verse">Und schau hinab, ich senke nicht mein Herz</div>
- <div class="verse">Wie einen Eimer in die Tiefe,</div>
- <div class="verse">Verlorenes zu schöpfen:</div>
- <div class="verse">Sänger traurigen Liedes</div>
- <div class="verse">Stehet im segelnden Schiffe still,</div>
- <div class="verse">Meinet, meinet nicht fortzugehn.</div>
- <div class="verse mleft3">Kein lustig Lied, kein traurig Lied</div>
- <div class="verse mleft3">Willst du singen?</div>
- <div class="verse mleft3">Schweigen will mein Herz?</div>
- <div class="verse">Nicht schweigen!</div>
- <div class="verse">Singen will es sehnend Lied!</div>
- <div class="verse">Wer singet ein sehnend Lied,</div>
- <div class="verse">Solche Stille Schauer erfährt,</div>
- <div class="verse">Als wer von Land und Freunden schied</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">&nbsp;22&nbsp;</a></span>
- <div class="verse">Und das weite Meer befährt,</div>
- <div class="verse">Lustig Lied ist wie ’ne Wasserfahrt,</div>
- <div class="verse">Traurig Lied hält das segelnde Schiff an,</div>
- <div class="verse">Sehnend Lied ist mitten auf der See:</div>
- <div class="verse">Unten Liebe oben Himmel,</div>
- <div class="verse">Nirgends Land;</div>
- <div class="verse">Und aus Wolken und aus Wasser</div>
- <div class="verse">Eine ausgestreckte Hand.</div>
- <div class="verse">Auf einander Wellen reiten,</div>
- <div class="verse">Gegen einander Winde streiten,</div>
- <div class="verse">Sausen, Brausen,</div>
- <div class="verse">O wie schön, schön</div>
- <div class="verse">Zwischen Himmel und Liebe vergehn!«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Noch ein anderes Gedicht Thorbeckens, welches der Vergessenheit
-entrissen zu werden verdient, möge hier seinen Platz finden:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3"><b class="mleft3">Im Walde.</b></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Im Wald ist es herrlich!</div>
- <div class="verse">Im Wald ist es herrlich,</div>
- <div class="verse">Am Abend ist schön im Walde gehn,</div>
- <div class="verse">Die Bäume wie stille Freunde stehn,</div>
- <div class="verse">Aus jedem Strauch die Liebste tritt,</div>
- <div class="verse">Liebe faßen, Liebe lassen ist jeder Schritt,</div>
- <div class="verse">Und Bäume und Liebste und Mond gehn mit!</div>
- <div class="verse mleft2">Welch wonniglich Graun,</div>
- <div class="verse">Da hinnein zu schaun!</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">&nbsp;23&nbsp;</a></span>
- <div class="verse">Der Wind durch die Zweige sehnend streicht</div>
- <div class="verse">Und Seel’ und Aug’ und Mond ist feucht,</div>
- <div class="verse">Und auf dem Feuchten ein Lichtlein schwimmt</div>
- <div class="verse">Taucht nieder, kommt wieder herauf und glimmt</div>
- <div class="verse">Und Nachtigall voll die Kehle nimmt.</div>
- <div class="verse mleft2">Als ging’s im Himmel hinnein</div>
- <div class="verse">Ist hier mit der Liebsten seyn,</div>
- <div class="verse">Schneller kann keine Reise geschehn,</div>
- <div class="verse">Als mit dem Monde zu gehn.</div>
- <div class="verse">Aber ach, wie entsetzlich, entsetzlich weit</div>
- <div class="verse">Ist die ganze reiche Herrlichkeit,</div>
- <div class="verse">Wenn die liebste Liebste sich anderswo freut.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Die Politik war Thorbecke durchaus verhaßt, er empfand eine förmliche
-Idiosynkrasie dagegen und bildete darin einen schreienden Contrast
-mit dem unglücklichen Obersten <em class="gesperrt">Massenbach</em>, welcher sich vor
-seiner Vertreibung aus dem Badischen und vor seiner Gefangennehmung in
-Frankfurt eine Zeitlang in Heidelberg aufhielt.&nbsp;&mdash; »Mein Gott, wie kann
-man so wenig Interesse an dem öffentlichen Wohl nehmen,« rief einst
-Massenbach mit seinen blitzenden, achtzehnjährigen Augen, als Thorbecke
-die vom Kellner ihm präsentirten neuen Zeitungen auf einen Nebentisch
-warf, welches der Poet kalt mit der Bemerkung beantwortete: »Herr
-Oberst! wie muß man innerlich zerfallen sein, wenn man sich mit dem<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">&nbsp;24&nbsp;</a></span>
-Tranke eitler Politik erlaben und erfreuen will.«</p>
-
-<p>Im Jahre 1818 vollzog August Wilhelm Schlegel, unter den Studenten
-gewiß mit Recht spottweise »Fräulein Schlegel« genannt, sein Beylager
-mit der Tochter des Kirchenraths Paulus, seine Flitterhochzeit ohne
-Flitterwochen.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Ich hin sonst allen Menschen gut</div>
- <div class="verse">Aber seine Gegenwart bewegt mir das Blut.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">möchte ich bei der Erinnerung an diesen gepriesenen Schriftsteller
-ausrufen, über den ich weiter kein Urtheil fällen will, wider den
-ich aber die stärkste Abneigung fühle, die ich gegen einen Menschen
-empfunden habe.</p>
-
-<p>Die Bonner Studenten haben mir im Jahre 1838 folgende sehr glaubliche
-Thatsache von August Wilhelm Schlegel mitgetheilt, daß er dann und
-wann Damengesellschaften gebe, vorher aber seine eignen Büsten, die
-allein seinen Salon zieren solle, bekränzen lasse; dann aber wenn alle
-versammelt seien, eintrete, beim Anblick der Büsten stutze, und sich
-bei den Damen, als die Bekränzung von ihnen herrührend, mit versuchten
-Erröthen, bedanke.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Jean Paul schien meine Idiosynkrasie zu theilen; er hatte eine
-Scheidung von Tisch&nbsp;&mdash; wie Schlegel mit seiner Frau vom Bett, mit dem
-Kammerherrn und Kammerdiener der Frau von Staël stillschwei<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">&nbsp;25&nbsp;</a></span>gend mit
-ihm verabredet. Beide logirten in Karlsberg, alternirten aber jeden
-Tag an der Wirthstafel, und zwangen die neugierigen Studenten, welche
-gerne die beiden »Haupthähne« der Literatur kennen lernen wollten, zwei
-Mittagsessen zu bezahlen, weil Jeder der Poeten der Anderswoseiende des
-Gegenwärtigen war.</p>
-
-<p>Die Burschenschaft hatte gar bald die Idee gefaßt, dem großen Jean Paul
-<em class="gesperrt">Richter</em>, dem Dichter der Unschuld und der Armen, wie ihn der
-geistreiche <em class="gesperrt">Börne</em> in seiner unübertrefflichen Lobrede nennt,
-ein würdiges Lebehoch zu bringen. Sie hatten sich sogar deshalb den
-Landsmannschaften genähert. Allein das ungerechte Verlangen dieser,
-die etwa aus hundert und funfzig bestehende Burschenschaft, solle nur
-als ein einziges Corps, also equal der aus einem Schweizer bestehenden
-Landsmannschaft sein, und hienach das Contingent der Marschälle,
-Festordner, Adjudanten und <em class="antiqua">Chapeaux d’honneur</em> bilden, wurde
-von der Burschenschaft verworfen, die billig genug, nach physischen
-Köpfen, die verhältnißmäßige Vertheilung der Ehrenstellen verlangt
-hatte. Die desfalsigen Verhandlungen erregten indessen bei den Vätern
-der Universität gerechte Unruhe. Es wurde ein Placat erlassen und
-die Feierlichkeit verboten, weil sich die Herren Stu<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">&nbsp;26&nbsp;</a></span>diosen über die
-Ausführung derselben nicht vereinigen könnten.</p>
-
-<p>Die Landsmanschaften lachten, denn Wenigen lag in der That daran, dem
-edelsten Herzblut, das auf der Erde schlug, zu huldigen.&nbsp;&mdash; Andere
-Gefühle erweckte diese Verordnung bei der Burschenschaft, die sich
-noch an demselben Abende in der Hirschgasse versammelte, und nach
-einer ergreifenden Rede des Sprechers, sich sofort zu einem Fackelzuge
-vereinigte und denselben in Bewegung setzte. Wie es nicht ungewöhnlich
-ist, daß man bei einer ungesetzlichen Handlung alle übrigen Formen
-genau beachtet, so ward auch diesmal der Sperrkreuzer am Neckarthore
-gewissenhafter als je, zur kopfschüttelnden Verwundrung des ergrauten
-Thorwärters bezahlt, und das Licht der Liebe zog in Gestalt von
-Pechfackeln vor den Hecht, unausgeblasen von dem Pedellen und von
-dem an dem andern Tage Schiffer schreckenden Gott der Winde. Es
-ertönten die Worte: Es lebe <em class="gesperrt">Jean Paul</em><a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>, der große Dichter,
-der deutsche Mann! dann ein Gesang gedichtet von Carové, in Ermanglung
-eigner Melodie auf die Töne des »<em class="antiqua">God save the king</em>« gepfropft.
-Jean<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">&nbsp;27&nbsp;</a></span> Paul erschien beim ersten gehörten Ausruf.&nbsp;&mdash; Die breite Stirn,
-das nur vom Anblick der Götter erblindete blaue göttliche Auge, die
-kräftige wenn gleich nicht große Gestalt, das deutsche, auf den Nacken
-hinabwallende Haar ergriff die Troßbuben und Knappen des poetischen
-Lebens und nicht wenige vergossen seit ihrem Abschied aus dem Vaterhaus
-die ersten Thränen. Aber auch Jean Paul entfielen Perlen aus den Wogen
-eines unsterblichen Gefühls. Kaum hatten die letzten Töne die mit des
-Dichters Locken spielenden Lüfte durchzittert, als er ausrief: »Mit dem
-großen Dichter irrt Ihr Euch meine Kinder, aber nicht mit dem Deutschen
-Mann. Diese Ehre konnte mir nur die Heidelberger Burschenschaft anthun,
-dafür habe ich während Eures Liedes Gott gebeten, daß er Euch Alle
-segne. Ich wollte, ich wäre Briareus der Hundertarmige, um Euch mit
-reichlichen Händedruck Eure Liebe zu vergelten.«</p>
-
-<p>Nachdem Jean Paul diese Worte geredet hatte, ging er in dem ihn immer
-enger umziehenden Kreise umher, jedem die Hände reichend aus denen
-schon so viele Segnungen auf die Menschheit geströmt waren. Es war
-als ob ihnen magnetische Funken entsprühten, deshalb konnte ich nicht
-umhin, meinen Platz im Kreise zu verlassen, um noch einige<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">&nbsp;28&nbsp;</a></span> Mal den
-Humoristen zu berühren. Als ich ihm aber das dritte Mal die Hand
-reichte fiel mir mein Unrecht ein, die subjective Freiheit nicht mehr
-zum Wohl Aller beschränkt zu haben, und fast kleinlaut rief ich dem
-großen Dichter zu: »Vergeben Sie, ich habe Sie schon zwei Mal um einen
-Händedruck betrogen.« »Thut nichts junger Freund,« lächelte Jean Paul,
-»hier ist noch der vierte und fünfte Händedruck.«</p>
-
-<p>Man bildete jetzt ein Spalier. »Auf die Hirschgasse,« riefen einige
-Musensöhne, »da ist ein gutes Bier,« wohl wissend wie sehr der alte
-Dichter ein solches Getränk zu würdigen verstand. »Ich gehe mit
-Euch,« rief Jean Paul und schritt mit unbedecktem Haupte vorwärts.
-Allein Carrové und Ferdinand Walter wußten wol wie schwierig es sei,
-den alten Barden mit ziemlicher Rede zu bewirthen und welchen tollen
-Begeisterungen er ausgesetzt werde. Sie beredeten ihn daher zur
-Rückkehr.&nbsp;&mdash; Am andern Morgen ließ uns Jean Paul durch seinen Freund,
-den liebenswürdigen Professor Heinrich Voß sagen: Er habe in der
-vorigen Nacht vor Freude nicht geschlafen, er hoffe in der nächsten
-übrigens den Fackelzug noch einmal im Traume zu erleben.</p>
-
-<p>In jener Zeit war ein <em class="antiqua">Clair-voyant</em> in Hei<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">&nbsp;29&nbsp;</a></span>delberg, welcher ein
-sehr großes Aufsehen und namentlich Jean Pauls Aufmerksamkeit erregte.
-Der Mann hieß wenn ich nicht irre »<em class="gesperrt">Auth</em>,« war der Sohn eines
-Quacksalbers und mochte in seiner Jugend von allerhand Medicamenten,
-namentlich aus dem Reiche der Vegetabilien gehört haben, welche er in
-seinem magnetischen Schlafe gar häufig verschrieb. Er saß alsdann auf
-einem etwas erhöheten Platze, in einem großen Kreise zu dem Grafen und
-Fürstinnen sich eingefunden hatten. Jean Paul, Carrové und mehrere
-Andere verzeichneten als Schnellschreiber seine Orakelsprüche, welche
-der Professor Schelver, sein Magnetiseur, ihm abfragte. Mir waren
-fortwährend seine vielen barbarischen gramatikalischen Fehler anstößig,
-und gerieth ich schon damals zu der festen Überzeugung, daß der Zustand
-des Hellsehens zwar alles Erlernte, scheinbar Vergessene wieder beleben
-und dem Geiste vorführen kann, daß er aber nicht im Stande ist,
-ein noch nicht angeeignetes Wissen plötzlich in den Clairvoyant zu
-verpflanzen, wodurch man denn zu dem Schluß kommt, daß man nur Ärzte,
-als Männer von Fach in der höchsten Potenz magnetisiren sollte.</p>
-
-<p>Man trug sich damals allgemein mit folgender Historie herum. Das
-Collegium <em class="antiqua">medicum</em> und namentlich der Professor Tiedemann
-sei beauftragt<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">&nbsp;30&nbsp;</a></span> worden den Zustand des Clairvoyants <em class="gesperrt">Auth</em> zu
-untersuchen und sich zu vergewissern, daß derselbe kein Betrüger sei.
-Einer der Commissionsherren, selbst ein Dilettant im Magnetisiren,
-habe sich mit <em class="gesperrt">Auth</em> auch wirklich in Rapport gesetzt und in den
-magnetischen Schlaf gebracht. Als man nun aber Fragen an den Patienten
-gerichtet habe, sei dieser in Zuckungen verfallen und habe sich ein so
-großes Gewächs am Halse, jede Minute mehr anschwellend erhoben, daß man
-Schelver haben rufen müßen, der mit zwei Strichen, Krämpfe und Gewächs
-habe verschwinden lassen.</p>
-
-<p>Jean Paul setzte die Möglichkeit sich in magnetischen Rapport mit einem
-Andern zu versetzen, lediglich in den Willen des Anderen, des Stärkern.
-Ich erlaubte mir ihm dagegen zu bemerken, daß wenn dies in Wahrheit
-gegründet sei, der Wille manches Menschen gewiß seinen Regenten schon
-in magnetischen Schlaf versetzt hätte, worüber der Dichter lächelte und
-in die beste Laune gerieth.</p>
-
-<p class="mbot2">Ein andermal ging ich in seiner und einer größern Gesellschaft
-in den Ruinen des Heidelberger Schlosses umher. Plötzlich blieb
-er gedankenvoll bei einer Blume stehen, die eine Spinne mit
-ihrem schnellgefertigten Netze umspann. Als die Geschäftige die
-Blumenfinsterniß vollendet hatte, und gleich<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">&nbsp;31&nbsp;</a></span> darauf einige Fliegen
-fing, rief der große Humorist mir lächelnd zu: »Das ist das leibhaftige
-Bild des Recensenten.« Am andern Tage ging ich, über diese geistreiche
-Bemerkung nachsinnend, allein zu der recensirten Blume Wohnung. Ein
-Regenstrom hatte das Gewebe getrennt und die erquickte Rose strahlte
-schöner als gestern. Freilich war die Spinne ein Recensent, guter Jean
-Paul! aber der Regen war auch der Strom der Zeit und der andere Tag
-bildete die Nachwelt.</p>
-
-<p>In demselben Hause worin Jean Paul wohnte, wohnte auch ein Student,
-den ich <em class="gesperrt">Meier</em> nennen will, und der immer mit den größten
-Männern seiner Zeit zusammengewürfelt wurde. Meier hatte auch einmal
-Göthe besucht und den Platz neben dem Dichter im Sopha eingenommen.
-Plötzlich ging die Thür auf. Göthe, der alte Geheimerath von Göthe ging
-dem Freunde entgegen; der Bursch, welcher den Ankommling wie er sich
-nachher ausdrückte für einen Jenaer Philister gehalten hatte, blieb
-ruhig gegen alle Regeln der Lebensart auf dem Sopha sitzen. Der Fremde
-nahm Göthe’s Platz neben dem künftigen Doctor ein. Der Vater Faust’s
-und Mephistopheles aber sagte freundlich: »Ich muß die Herren doch mit
-einander bekannt machen:<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">&nbsp;32&nbsp;</a></span> Der Herr Studiosus Meier, Seine königliche
-Hoheit der Großherzog von Sachsen-Weimar.«</p>
-
-<p>»Jean Paul besucht mich alle Tage,« pflegte Meier wol zu renommiren,
-»ich weiß selbst nicht was er an mir findet, aber ich muß ihm immer
-erzählen. Nur von Poesie und namentlich von seinen Schriften darf ich
-bei Strafe seines höchsten Zornes nicht mit ihm reden. Ich mag den
-Kerl, wo man sich so viel ausmacht, nicht erzürnen.«</p>
-
-<p>Es wäre interessant, die Studien, welche Jean Paul damals an Meier
-gemacht hat in seinen späteren Werken aufzusuchen. Ich behalte mir
-dieses Privatvergnügen vor und will den guten Meier je anpaulianisirt
-schon auffinden.</p>
-
-<p>Jean Pauls intimster Freund in Heidelberg war der Professor Heinrich
-Voß, Sohn des alten Dichters »Johann Heinrich,« der in seiner reichlich
-vergeltenden Gegenfreundschaft so weit ging, daß er gewöhnlich als Jean
-Paulscher Agent kleine Zettelchen bei sich trug, auf welche er gute
-Einfälle, die er aussprechen hörte, verzeichnete, und dabei bemerkte,
-das ist etwas für meinen Jean Paul. Wirklich soll dieser eine Menge
-solcher Witzfunken auf einzelnen Blättchen gehabt, und wie bei jenem
-chinesischen Brettspiel die einzelnen Pflöcke, die einzelnen Witze zu
-einem Ganzen vereint<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">&nbsp;33&nbsp;</a></span> haben. Das ist freilich denn oft auch in des
-Dichters Schriften zu bemerken, dessen Gedankenfügung nicht immer
-Mosaik-Arbeit, sondern oft durch lange ermüdende Brücken vereinigt ist.
-&mdash; Interessant sollen die Unterredungen zwischen Hegel und Jean Paul
-gewesen sein. Dieser, immer überwunden von dem Feldherrn der Gedanken,
-soll zur großen Ergötzlichkeit des Philosophen sehr geschickt in die
-Höhlen der Vorstellung geflohen sein.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Heinrich Voß</em> war ein köstliches Gemüth, schade für ihn, daß es
-bei ihm nie zum Durchbruch aus dem Familienleben, zur Emancipation aus
-der väterlichen Gewalt, zur Selbstständigkeit und zu dem sittlichen
-Moment der Ehe kam. Er war und blieb, wie Wolf ihn, freilich in einem
-andern Sinne nannte, das <em class="antiqua">puer heidelbergensis</em>. Von sechs bis
-zwölf arbeitete er, damals größtentheils an der Shakespearschen
-Übersetzung, dann ging er zum Vater und las dem seine <em class="antiqua">pensa</em> vor.
-Sein ganzes Leben war den ganzen Tag über das Thun und Treiben eines
-unter der strengsten väterlichen Gewalt stehenden, kaum confirmirten
-Knaben. Er kannte bloß den Willen seiner Eltern. Nur am späten Abend
-liebte er eine heitere Gesellschaft, in der er, ohne Vorwissen seiner
-Eltern, stets der Letzte verweilte, und die er durch köstlichen Humor,
-vor Allen<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">&nbsp;34&nbsp;</a></span> zu würzen verstand. Nichts desto weniger, obgleich er oft
-erst mit dem Mond zu Bette ging, begrüßte er stets die Sonne beim
-Lever. Solche Anstrengungen so wie der Mangel an Bewegung mußten den
-Tod des corpulenten Mannes erfrühen.&nbsp;&mdash; Einer der Genossen seiner
-Abendtafel war der jetzt gleichfalls verstorbene an der Heidelberger
-Schule angestellte Professor <em class="gesperrt">Martens</em>, ein wohldenkender aber
-stets regierender Mann, welcher positiv nur seinen Lehrer, den alten
-Voß, noch mehr aber den dänischen Dichter <em class="gesperrt">Holberg</em> anerkannte,
-den er, wie ein guter Theolog die Bibel, in jedem Lebensverhältniß zu
-citiren und zum Schiedsrichter zu machen verstand. Sein höchstwitziges
-Spottgedicht in Hexametern, auf die Manheimer Schneider, welche
-dem Kaiser Alexander die Krenk’ wünschen, weil dieser bei einem
-Heidelberger Kleidermacher einen Frack hatte machen lassen, ist mir
-leider abhanden gekommen.</p>
-
-<p>Unter mehreren Briefen, welche ich von ihm besessen, finde ich nur noch
-einen einzigen, der freilich von nicht großem allgemeinen Interesse
-ist, aber doch von der bodenlosen Gutmüthigkeit zeugen mag, womit
-derselbe zu helfen bereit war.</p>
-
-<p class="right mright2 mtop1">Heidelberg, den 18. October 1817.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»Unser Freund M. hat mir gesagt, daß Sie <span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">&nbsp;35&nbsp;</a></span>wegen der Ferne Ihres
-Wohnortes und der gegenwärtigen Abwesenheit des Herrn von H. nicht
-sogleich die Summe von zweihundert Gulden aufzubringen wüßten, und
-mich gebeten, Ihnen solche vorstrecken. Wie gerne ich dies auf der
-Stelle gethan hätte, wissen Sie, aber gerade jetzt kann ich es
-nicht. Ich bitte Sie also die Summe von einem Andern aufzunehmen,
-verbürge mich hiermit, daß Sie solche am ersten Januar 1818 sammt
-der üblichen Vergütung wieder bezahlen werden, und leiste die
-Bürgschaft mit derselben Freude, wie ich sie meinem eignen Bruder
-würde geleistet haben. Sollten Ihre Gläubiger meine Handschrift
-nicht kennen, so bin ich jede Stunde bereit mich zu stellen,
-wenn Sie es fodern und mich als der Schreiber dieser Zeilen zu
-legitimiren. Auch bin ich erbötig, den von Ihnen zu schreibenden
-Schein über die Empfangssumme mit meiner Namensunterschrift zu
-unterzeichnen.«</p></div>
-
-<p class="right mbot1"><span class="mright2"><b><em class="antiqua">Dr.</em> Heinrich Voß</b>,</span><br />
-Professor der Philosophie auf der<br />
-<span class="mright2">hiesigen Universität.</span></p>
-
-<p>Zu den interessantesten Tischgästen, welche damals im Badischen Hofe
-dinirten, ist ein Domherr v. <em class="gesperrt">Wambold</em> zu rechnen, ein Epikuräer,
-im edelsten Sinne des Worts, der seinen Stand schon im<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">&nbsp;36&nbsp;</a></span> Heidenthum
-gegründet hätte; dann&nbsp;&mdash; <em class="gesperrt">Morstadt</em> mein alter Freund, dieses
-Universalgenie, dessen Gehirn gewiß eben so viel Brei wie Cüvier,
-und wenigstens <em class="antiqua">esprit pour quatre</em>, hat, und ein origineller
-Liefländischer Baron Uexküll, der seinen 3jährigen Urlaub als Adelicher
-im Auslande schon seit zwanzig Jahren in Deutschland zu benutzen
-schien. Ich habe mit diesen Herrn die interessantesten Diners und
-Soupers meines Lebens verlebt.</p>
-
-<p>Heinrich Voß hatte mich lieb gewonnen. Jeden wärmsten Momenten
-seiner Freundschaft pflegte der gute Sohn, mir wie einen Knaben von
-einer Weihnachtsbescheerung von dem Glück zu erzählen, seinem Vater
-vorgestellt zu werden. Schon um des Sohnes willen, aber auch von
-dem abgesehen, war mir die Bekanntschaft des berühmten und in so
-vieler Hinsicht verdienten Mannes erwünscht, welche mir noch dadurch
-erleichtert wurde, daß der alte Herr sich über eine Idylle, welche ich
-auf Geßners Leier schon auf der Hamburger Schule gedichtet, und die
-sich in meiner »Leier des Meisters in den Händen des Jüngers« befindet,
-günstig geäußert hatte.</p>
-
-<p>Der alte Voß empfing mich in seinem mit einer hohen steinernen Mauer
-umgebenen Garten, in dessen Mitte seine Wohnung lag. Ich kann<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">&nbsp;37&nbsp;</a></span>
-nicht sagen, daß sein Anblick auf mich einen günstigen Eindruck
-machte, ich fühlte mich um vier Jahre verjüngt von einem fremden
-Schulmonarchen stehend, der mir Horazens Kochsatiren erklärte. Denn nur
-<em class="gesperrt">Speisen</em>, und wie man in Heidelberg die Zubereitung derselben
-nicht gehörig verstehe, waren der Inhalt seiner Anrede. Namentlich
-wurde Hegels Kohl als sehr blähend getadelt.&nbsp;&mdash; Dann ging der alte
-Herr auf seine Werke über und klagte, wie ihn sein Verleger von der
-Übersetzung irgend eines Autors, rücksichtlich der Zahl der gedruckten
-Exemplare betrogen, und im vorigen Jahre zu einer Reise in den Norden
-bewogen habe.&nbsp;&mdash; »Ich wußte es wohl,« redete er, »daß eine Schelmerei
-dahinter stecken mußte. Denn ich habe es noch nie erlebt, daß meine
-Bücher Ladenhüter geworden sind.« Zum Schluß erzählte Voß von Zacharias
-Werner, der katholisch geworden sei, obgleich er ihm, Voß, dem dieser
-Übertritt geahnet, so fest das Gegentheil versprochen habe.&nbsp;&mdash; Er zog
-jetzt mit allen Gründen gegen Werner zu Felde und endete dann mit dem
-mir unvergeßlichen Gevatterschnack: »Aber was sollte man auch von ihm
-erwarten? Als er das letzte Mal in meinem Hause war, hatte er, wie
-ich mit Bestimmtheit erfahren, im rothen Ochsen, wo er logirte, eine
-bedeutende Quantität Wein getrunken.<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">&nbsp;38&nbsp;</a></span> Nichts desto weniger trank er
-so viel Wein bei mir, daß meine Ernestina, welche sonst nicht daran
-gewöhnt ist, ihren Gästen den Wem nachzuzählen, trippelnd zu mir kam,
-sprechend: Väterchen, Väterchen! sieh einmal wie der Mann trinkt.«&nbsp;&mdash;
-Diese Worte, denen Voß nicht die Thatsache hinzuzufügen vermochte, daß
-Werner berauscht mithin seiner Aufnahme unwürdig geworden sei, machten
-einen üblen Eindruck auf mich und veranlaßten mich der schließlichen
-Einladung des alten gewiß in so mancher Hinsicht verdienten und
-respectabeln Herrn, sein Hausfreund zu werden, nicht zu folgen. Ich
-habe ihm nie wieder gesehen, und hatte alle meine List nöthig um den
-Sohn, der jetzt Einladung auf Einladung zu seinen Eltern folgen ließ
-ausweichend zu bescheiden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">&nbsp;39&nbsp;</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="untertitel">Die Burschenschaft. Das Ehrengericht. Die Landsmannschaft. Die
-Cerevisia. Die Kurländer. Die Holsteiner und Schleswiger. Die
-Meklenburger. Die Schwedisch-Pommeraner. Die Schweizer. Die
-Hansestädter. Das Hazardspiel. Die Hanoveraner. Die Westphalen.
-Peter Fix. Die Würtemberger. Ruhs.</p>
-
-<p>Die Burschenschaft war in Heidelberg kurz nach den Feldzügen
-entstanden. Der größte Theil derselben hatte den Freiheitskrieg
-mitgemacht. Die Verehrung womit Körner das Haus Habsburg besungen
-hatte, durchzitterte noch die Brust aller Burschen; Liedern zur
-Verherrlichung Scharnhorst’s und Blücher’s, folgte ein Toast zu Ehren
-des Preußischen Königs. Es war allen bundestagsmäßig zu Muthe, wie die
-Auszüge aus den Protocollen der<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">&nbsp;40&nbsp;</a></span> burschenschaftlichen Verhandlungen
-in Jena auch ergeben werden, man wollte das Gefühl Deutscher
-Nationalität so lange als möglich erhalten, und fast Jeder glaubte, die
-Burschenschaft sei auf Universitäten das einzige Vehikel hiezu.&nbsp;&mdash; Eine
-strafbare Tendenz hat die Heidelberger Burschenschaft bis zum Jahre
-1819 nicht im Entferntesten gehabt. Die Emissaire der Schwarzen aus
-Giessen und einzelne politische Schwärmer aus allen Ständen fanden in
-der Burschenschaft keinen Anklang. Wäre man meinem Rathe gefolgt, den
-ich zu Hundert Malen öffentlich ausgesprochen habe, alle Verhandlungen
-dem academischen Senate vorzulegen, die Burschenschaft würde bis auf
-den heutigen Tag eine tolerirte Verbindung sein. Denn welche Regierung
-könne es verantworten ein Institut zu zerstören, welches Sittlichkeit
-den Studenten zur Bedingung machte, die Scheidemauern unvernünftiger
-und unsittlicher Landsmannschaften stürtzte, Liebe und Versöhnung
-predigte, jeden Zweikampf erst vor ein Ehrengericht zur Sühne brachte
-und sich gegenseitig den Zweck, weshalb man auf Universitäten ist, »das
-Lernen,« stets in das Gedächtniß rief.&nbsp;&mdash; Hier sind übrigens die großen
-Verdienste nicht zu übersehen, welche Hegel sich um die jungen Gemüther
-erwarb. Seine phylosophische Rechtswissenschaft, seine Lehre von Staat<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">&nbsp;41&nbsp;</a></span>
-als der wirklichen sittlichen Idee, trat zwar nur vor das Bewußtsein
-weniger, aber doch größtentheils der besten Köpfe, denn diese fühlten
-wie Verrina sagt, etwas von dem alten Meister, »<em class="gesperrt">was man Respect
-nennt</em>,« und übertrugen ihre Empfindung unwillkührlich auf die
-Übrigen, indem sie sie überzeugten, daß man erst gar Vieles lernen
-müsse, bis man die Welt verbessern könne.</p>
-
-<p>Durch das Ehrengericht sind zu meiner Zeit viele Duelle verhütet
-worden. Der Zufall will, daß ich ein von mir selbst aufgenommenes
-Protocoll noch besitze, dessen Aufnahme freilich höchst mangelhaft ist,
-welches aber doch hier seinen Platz finden mag.</p>
-
-<p class="s4 center mtop1"><b>Sitzung des Ehrengerichts den 19. März 1818.</b></p>
-
-<p>In der heutigen Abendsitzung wobei N... fehlte, war Sch... als
-Substitut eingetreten. R... war für den abwesenden Sprecher N...
-als Sprecher gewählt.</p>
-
-<p>von L... erschien und erklärte:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»Als er heute auf der Gutmannei Whist mit N... aus Schwaben und
-Z. gespielt habe, sei ihm N... 1 fl 30 Xr. schuldig geworden. Fr.
-von L... habe darauf gesagt, ich will dir morgen das Geld zahlen,
-da ihm aber eingefallen sei, daß N... ihm noch acht Köpfe oder 2
-fl 12 Xr. schuldig sei<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">&nbsp;42&nbsp;</a></span> habe er zu N... gesagt: da du mir noch
-Geld schuldig bist, so will ich das davon abrechnen. Hierauf habe
-N... dies geleugnet und als Z. von v. L... als Zeuge dieser Schuld
-angerufen, diese bestätigt habe, zum N... gesagt, daß er diese
-Schuld abrechnen müsse. Darauf habe N... gesagt: »»Du sollst mir
-das Geld auf der Stelle geben.«« v. L... habe darauf erwiedert:
-»»Jetzt gerade thu ich es nicht«« sei aufgestanden und weggegangen.
-Darauf, habe N... gesagt, dies sei eine »<em class="gesperrt">Büberei</em>.« Da v.
-L... diese Worte nicht genau verstanden, habe er den Z. zum N...
-geschickt und ihn deshalb constituiren und in den Fall, daß N...
-das Wort »<em class="gesperrt">Büberei</em>« gesagt, ihn auf Pistolen fordern lassen.
-&mdash; N... habe das Gesagte gegen Z. bestätigt und ihn morgen halb
-drei Uhr, auf die Hirschgasse bestimmt.«</p>
-
-</div>
-
-<p>von L... erklärte dabei, daß er den N... deshalb auf Pistolen
-gefodert habe, weil er sich wohl erinnere wie sehr er gegen N... im
-Kampfe mit dem Schläger im Nachtheil sei.</p>
-
-<p class="mtop1">N... leugnet, daß v. L... gesagt habe er wolle morgen das Geld
-geben, derselbe sei vielmehr mitten im Spiel aufgestanden. Das Wort
-»<em class="gesperrt">Büberei</em>« habe er im Unmuth aber nicht im beleidigenden
-Sinne ausgesprochen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">&nbsp;43&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Das Ehrengericht berieth sich über diesen Punct und erkannte:</p>
-
-<p>Daß v. L... zu seiner Pistolenforderung einen unzulässigen Grund,
-nämlich den, daß N... ihm als Schläger überlegen sei, gehabt habe.
-Das Ehrengericht finde daher für keinen Fall gut, das Pistolenduell
-als von ihm bewilligt zuzulassen, und ertheile dem v. L... daher
-hiemit die Weisung diese Foderung zurückzunehmen.&nbsp;&mdash; Da das
-Ehrengericht aber dafür halte, daß N... keineswegs einen Grund zu
-dem Worte <em class="gesperrt">Büberei</em>, welchem übrigens in diesem Lande auch
-nicht der beleidigende Sinn wie in Norddeutschland, da es hier nur
-<em class="gesperrt">Kinderei</em> bedeute, beizulegen sei, so erwarte es, daß sobald
-v. L... die Pistolenforderung, auch N... das Wort »Büberei« als in
-der Hitze ausgestoßen, zurücknehme.</p>
-
-<p>V. L... nahm hierauf die Pistolenforderung, N... das Wort »Büberei«
-zurück.</p>
-
-<p class="mbot1">Es folgen die Unterschriften der Ehrenrichter.</p>
-
-<p>Wenn nun gleich das Ehrengericht nur vermittelnd eintrat, so sind
-doch während meines fast zweijährigen Aufenthaltes in Heidelberg nur
-zwei Duelle in der Burschenschaft consumirt worden, während mit den
-Corpsburschen täglich zwei Kämpfe vorfielen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">&nbsp;44&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Die Contrerevolution äußerte auch unter den Studenten ihre
-unausbleiblichen Wirkungen, sie paralisirte die Burschenschaft
-zum Corps und vereinigte umgekehrt die Landsmannschaft zu einer
-burschenschaftlichen Verbindung. Früher war dies anders, da trieb die
-Göttin Eris ihren Apfelhandel unter den Landsmanschaften selbst, die
-ohne Gegenwirkung nur sich vereinigten, wenn es galt, einem Professor
-die Fenster einzuwerfen oder einen Philister in Verruf zu bringen. Zwar
-gehörte ihnen die ganze Welt, und hatte früher auf der Seniorenconvent
-die ganze Erde so getheilt, daß Nassau Amerika, Westphalen Asien,
-Kurland Afrika und jedes Corps nach Verhältniß seiner Größe einen
-bedeutenden Placken aus der Gemeinheit der Erde erhalten hatte. Ein
-Senior hatte sogar vorgeschlagen die Sterne zu vertheilen, das war
-aber noch bisher unterblieben.&nbsp;&mdash; Aber ein unglücklicher Neuseeländer,
-den die Diplomatik der Studiosen zum Schweizer bestimmt hatten, war
-kaum ohne Erlaubniß unter die Nassauer gegangen, als er sich mit einem
-Schweizer, der gerade damals allein gegen den Grundsatz <em class="antiqua">tres faciunt
-collegium</em> seine Landsmannschaft repräsentirte, auf Tod und Leben
-schlagen mußte. Den Helvetier traf ein Hieb in die allzukühne linke
-Hand, die Nassauer wurden<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">&nbsp;45&nbsp;</a></span> stolz auf ihren neuen Landsmann, und der
-Überwundene trank »<em class="antiqua">smollis</em>« mit dem Neuseeländer, indem er
-ausrief: Welch ein Verlust für die Schweiz, daß du Neuseeländer ein
-Nassauer geworden bist.</p>
-
-<p>Das Biersaufen war damals zu einer grauenerregenden Höhe gestiegen. Es
-gab sogenannte »Staats-Bierschwaben,« welche es bei einem Commersch
-bis auf zwei und siebenzig Schoppen, also bis auf sechs und dreißig
-Bouteillen brachten. Dabei war das Bier wie noch jetzt, im Durchschnitt
-schlecht, und wenn gleich berauschend, geistlos. Vergebens ließen die
-Professoren der Medizin fast in allen Stücken ihr »Wehe« über ein
-solches unmäßiges Trinken ertönen, umsonst wollten sie gewissermaßen
-accordiren, indem sie eine Quantität als höchstes Maaß bewilligten,
-daß schon jede Grenze überschritt, die Schüler des Hypokrates selbst,
-hielten sich keinesweges selbst, viel weniger ihre Commilitonen in
-Schranken. Ja, es passirte sogar einmal das Unglaubliche, daß sieben,
-freilich größtentheils verkommene Studenten, die ich alle namhaft
-machen könnte, sich das Ehrenwort gaben, sich zu Tode zu trinken, oder
-wenigstens beim <em class="antiqua">Pereat</em>, (auch Lustig meine Sieben; besonders in
-Jena, genannt,) einem Kartenspiel, wobei stets gesungen und gezecht
-wird, die Ewigkeit zu belauern. Sie begaben sich<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">&nbsp;46&nbsp;</a></span> Alle nach Neuenheim
-zu den Gastwirth <em class="gesperrt">Freund</em>, wo sie ihre Parthie, die mit Vieren
-gespielt wird, abwechselnd, vier Tage und fünf Nächte <em class="antiqua">uno tenore</em>
-durchhielten, während die drei Unbeschäftigten, bis sie wieder
-berufen wurden, auf Stroh ruhten. Die academische Polizei kam endlich
-hinter den Skandal, zu welcher Kenntniß ich beigetragen zu haben, mir
-schmeicheln darf und zersprengte die Bierherren, von denen sie sogar
-einige consilirte.</p>
-
-<p>War auch in der Burschenschaft der Genuß des Bieres noch »Trinken«
-zu nennen, so überschritt er doch das Maaß.&nbsp;&mdash; Der Gedanke, den
-Biergenuß zu regeln, dabei die jungen Sprudelköpfe vor demagogische
-Umtriebe zu behüten, veranlaßte mich der ich eigentlich in jenen
-Jahren das Bier gar nicht liebte, der Stifter einer <em class="gesperrt">Cerevisia</em>
-zu werden, die im humoristischen Gewande alle gefährliche Elemente des
-Burschenlebens unschädlich machen sollte. Ich erfand die Bier-Mythe,
-daß ich der Sohn der Biervernunft sei, die sich so zu sagen in mir
-verkörpert habe und legte mir den Titel »<em class="gesperrt">Eminenz</em>« bei. Zu
-gleicher Zeit erließ ich ein Gesetz der Zwölf Tafeln, wovon das Erste;
-<em class="antiqua">Eminentia errare nequit</em> (die Eminenz kann nicht irren) schon
-auf die Tendenz der andern schließen läßt. Ich führte Orden ein, den
-»<em class="antiqua">pour le merite</em>,« den »Sanct<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">&nbsp;47&nbsp;</a></span> Kannen-Orden« und den »Orden
-des Biervließes,« welche durch Jasminen, Weinblätter und rothe Rosen
-repräsentirt, und noch auf der schon verwitternden Platte, welche bei
-der Hirschgasse in den Steinwall gesetzt worden ist, mit der Inschrift,
-<em class="antiqua">Eminentibus</em>, <em class="antiqua">Eminentia</em> (den Vortrefflichen die Eminenz)
-zu sehen sind. Die Grade waren »Junker, Ritter, Vicecommandeure,
-Commandeure und Großkreutze.« Da ein jeder Eintretende den Bieradel
-und einen Biernamen erhielt, so wurde dadurch das Fuchsprellen
-beseitigt, weil oft ein Fuchs, (Studenten im ersten Semester) einen
-höheren Grad als der alte Bursch bekleidete.&nbsp;&mdash; Jeder Rausch führte
-eine Degradation herbei, wurde daher sorgfältig vermieden. Einen armen
-Theologen, der sich nach erhaltenem ersten Graden diesen Fehler zu
-Schulden kommen lassen, weigerte ich die Wiederaufnahme, weil ich ihn
-für schwindsüchtig und alles Bier für ihn schädlich hielt. Ich hatte
-mich nicht geirrt, einige Tage nach meinem Scheiden von Heidelberg
-segnete er das Zeitliche, wie er mich in der Abschiedsstunde mit den
-schriftlichen Worten gebenedeit hatte:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»Sind wir auch vielleicht auf immer getrennt, so hält uns doch das
-Band der Biervernunft zusammen und gerne bleibe ich treu bis in den
-Tod der Biervernunft und Eminenzen.«</p></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">&nbsp;48&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Die größere Hälfte der etwa aus 150 Mitgliedern bestehenden
-Burschenschaft schwor zur Bierfahne. Dadurch gewann natürlich mein
-Einfluß bei allen Beratungen. Denn es gab allerdings manche noch
-wirklich in Bier befangene unter meinen Getreuen, welche nur im
-Allgemeinen blindlings der Eminenz beitraten, als demjenigen der
-in allen Dingen das Biervernünftigste sage. Ja ich habe oft in mir
-lächeln müssen, wenn ich, was alle Jahre zwei Mal geschah, unter den
-Hopfenkranz im Cerevishäuschen trat, in welchem Moment die Biervernunft
-in mir verkörperte, und einige meiner Unterthanen mich mit Überzeugung
-von meiner Apotheosirung wie einen Dalei Lama ehrfurchtsvoll
-anstarrten, und den diese hohe Ceremonie begleitenden Vers:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Nimm jetzt des Bieres Glas</div>
- <div class="verse">Biere es aus fürbaß,</div>
- <div class="verse">Biere mit Eil’</div>
- <div class="verse">Daß Dich das Bier bewegt</div>
- <div class="verse">Zur Biervernunft Dich trägt,</div>
- <div class="verse">Daß Dein Herz bierig schlägt</div>
- <div class="verse">Biervernunft Heil!</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">mit wahrer Andacht, ja selbst unter hervorstürzenden Thränen sangen.
-Ein ächter Cerevisianer, trank, wenn ihm der Arzt das Bier durchaus
-untersagt<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">&nbsp;49&nbsp;</a></span> halte, nie sein Glas Wasser in meiner Gegenwart, ohne
-sich von mir den Cerevissegen: <em class="antiqua">Sit aqua tua cerevisia</em> (Dein
-Wasser sei Bier) geholt zu haben. Auch schlug sich selten einer ohne
-meine Benediction und kurios genug, der Zufall hat gewollt, daß
-niemals ein von mir Gesegneter eine Wunde bekommen hat. Als ich vor
-einigen Jahren in Heidelberg einige ehemalige Cerevisianer wieder
-in demselben Häuschen versammelte, hatte ich decretirt, es solle
-angenommen werden, daß alle Vergangenheit dahin aufgehoben sei, daß
-unsere Universitätsjahre <em class="gesperrt">vorgestern</em>&nbsp;&mdash; unsere zwanzig Jahre der
-Trennung <em class="gesperrt">gestern</em>, und endlich unsere Zusammenkunft das frohe
-<em class="gesperrt">Heute</em> sein sollte. Man gehorchte mir mit Heiterkeit, und so
-begab es sich denn, daß Mancher nicht wußte, wohin sein Flaus, den er
-vorgestern getragen, gerathen, und daß er referirte, seine Frau habe
-ihm <em class="gesperrt">gestern</em> zehn Kinder geboren.</p>
-
-<p>Kurz nach Errichtung der Cerevisia versuchte man meine Souverainität
-zu stürzen, indem man eine bierständische Verfassung verlangte.
-Meine Lage war um so kritischer als einige meiner Großkreutze, die
-Rädelsführer der gottlosen Parthei waren. Ich versprach die Einführung,
-sobald die Cerevisianer dafür reif seien, stellte ihnen vor wie ich
-der Burschenschaft dafür verantwortlich sei, ein<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">&nbsp;50&nbsp;</a></span> gesittetes Ganzes
-zu erhalten, kurz ich temporisirte, ich hielt die Sache so lange hin,
-wie möglich.&nbsp;&mdash; Die Großkreutze gewann ich durch Freigebigkeit und
-einige neu ornirte Ehrenstellen, wie die eines <em class="gesperrt">Biervaters</em>,
-<em class="gesperrt">Bierkanzlers</em> und <em class="gesperrt">Adoption</em> eines <em class="gesperrt">Königlichen
-Sohnes</em>, und als ich endlich meiner Sache gewiß war, erklärte
-ich, daß es von nun an bei Strafe der Bieracht verboten werde, von
-bierständischer Verfassung zu reden. In diesem Sinne handelte ich
-sofort, ich führte eine geheime Bierpolizei ein, welches natürlich zu
-vielen humoristischen Denunciationen und Debatten Anlaß gab, unsere
-Zusammenkünfte würzte, und erlebte endlich das hohe Glück, mich als
-souverainer unumschränkter Bierfürst anerkannt zu sehen.</p>
-
-<p>Im Wesentlichen aber war mein Zweck so erreicht. Ich gab meinen
-Bierstaat der Lächerlichkeit mit Selbstverspottung Preis, und bewahrte
-dadurch meine Freunde vor politischen Träumereien, welche in späteren
-Zeiten eine so grausame Nemesis erfahren haben. Noch jetzt strömen mir
-jährlich von ergrauenden Familienvätern die Danksagungen zu, daß ich
-sie durch meine humoristische Cerevisia vor bürgerlichem und geistigem
-Tode bewahrt habe.</p>
-
-<p>Wenn es bei unsern Commerschen Mitternacht geworden war, durfte kein
-Tropfen Bier eine ganze<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">&nbsp;51&nbsp;</a></span> Stunde bis Ein Uhr getrunken werden. Die Mythe
-lehrte, dann habe die Cerevisia keine Eminenz. Diese sei wie einst
-Numa Pompilius bei der Nymphe Egeria im Hain, im Odenwald bei der
-Biervernunft.&nbsp;&mdash; Dies hatte die Folge, daß die Kopfwehbegabten nüchtern
-wurden, oder was noch besser war zu Hause gingen, <em class="antiqua">eventualiter</em>
-aber einen großen Hemmschuh beim Trinken anlegen mußten.&nbsp;&mdash;
-Bemerkenswerth ist, daß sich in der Cerevisia nie ein Streit unter den
-jungen Flammenköpfen entsponnen hat, der eine, unter den Studenten so
-leicht entstehende Foderung zur Folge gehabt hätte.</p>
-
-<p>Bei den Schwaben befand sich dermalen ein gewisser X., der in
-den letzten beiden Semestern sich endlich entschloß, sich mit
-seiner Fachwissenschaft bekannt zu machen. Er fing nun zwar an
-bei verschlossenen Thüren zu studiren, aber bei seinem Höpfner
-<em class="antiqua">Thibaut</em> und <em class="antiqua">corpus juris</em> standen stets einige Bierkrüge,
-welche er zum Anderssein seiner Selbst gemacht hatte. Er trank sich
-regelmäßig alle Stunden mit folgenden Worten vor: »X. einen Schoppen
-vor&nbsp;&mdash; Gut war die Selbst-Antwort, einen Schoppen nach und wieder einen
-vor.«&nbsp;&mdash; Dies Vor- und Nachtrinken mußte nun bei Strafe des Bierverrufs
-innerhalb fünf Minuten geschehen.&nbsp;&mdash; Als nun X. einmal von Kameraden,
-die an der<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">&nbsp;52&nbsp;</a></span> Thür gehorcht und in das Zimmer gedrungen waren, zwischen
-dem Vor- und Nachtrinken gestört, und durch diese höhere Macht, so
-wie durch sein Schamgefühl in den unverdienten Bierverruf gekommen
-war, dachte der ehrwürdige Cerevisianer, nachdem ihn die Landsleute
-verlassen, edel genug, diesen Bierschimpf nicht ertragen zu wollen, und
-die Größe X. paukte die Nichtgröße X. mutterseelen allein, auf eigne
-Hand, mit einer ungeheuren Quantität <em class="antiqua">Gèrevis</em> aus dem Status der
-Schande.</p>
-
-<p>Um den Freunden der Karten einen Genuß zu bereiten, hatte ich ein Spiel
-erfunden, das nur um Bier und Ehre gespielt, und wozu, wie bei dem
-»Pernat,« gesungen wurde. Die Idee war, daß des <em class="antiqua">Careau</em> König die
-<em class="gesperrt">Eminenz</em> sei, die andern Könige »<em class="gesperrt">Großkreutze</em>,« welche sich
-unter einander stachen und auch bedient werden mußten, wenn die Eminenz
-ausgespielt wurde. <em class="antiqua">Careau</em> König stach Alles, <em class="antiqua">Careau</em>
-Dame, (das Bierfräulein) den <em class="antiqua">Careau</em> Buben, (den Bierjunker) die
-übrigen <em class="antiqua">Careaus</em> Cerevisianer stachen sich wie im Whist, aus alle
-andern Farben. Die Coeurs als »Bierrenoncen,« stachen die schwarzen
-Farben. Im Uebrigen zählte Alles in Mariage. Hätte ich Zeit dazu, ich
-würde das Spiel weiter ausbilden, da diese mir aber gar sehr mangelt,
-so will ich diese Arbeit einem Tage- oder<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">&nbsp;53&nbsp;</a></span> Abend-Dieb überlassen. Das
-Spiel hatte übrigens viele Combinationen und Regeln, die ich zum Theil
-selbst schon vergessen hatte. Zwei und zwei spielten zusammen wie ein
-Whist. Diejenige Parthei, welche zuerst hundert zählen konnte, hatte
-gewonnen. Jedes bedeutende Ereigniß wurde mit Couplets begleitet.
-Sobald die Bierdame vom König gestochen wurde, sang man:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">(Melodie: <em class="antiqua">Gaudeamus</em>.)</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse"><em class="antiqua">Venit, virgo hilaris</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Casum nullum timens</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Sed puella rapitur</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Et a rege capitur</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Vah! puella cadit.</em></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Das Kobbeschef (von <em class="antiqua">jeu</em>) wurde in dem Local der Hirschgasse
-zuweilen an zwanzig Tischen, also von achtzig Menschen gespielt.</p>
-
-<p>Die Kurländer waren unter den Landsmanschaften die gefürchtesten, und
-eine gewisse Tüchtigkeit, ein persönlicher Muth und eine pecuniäre
-Aufopferung ihnen nicht abzusprechen. Die letzte war übrigens mehr
-angeeignet als angeboren; denn da die Väter, wegen der später weiten
-Entfernung den abreisenden Söhnen oft den Betrag der Studienkosten
-für mehrere Jahre mitgaben, so war ein solcher Neuling eine sehr
-willkommene Erscheinung.<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">&nbsp;54&nbsp;</a></span> Der arme Fuchs mußte aber gar bald sein Geld
-hergeben und war oft in einigen Tagen seines ganzen Vorraths beraubt.
-Dafür aber hatte er wieder seine Ansprüche an die nachfolgenden Füchse,
-denen die Freigebigkeit auch bald incoulirt wurde.&nbsp;&mdash; Schlimm für den,
-der einmal Schelmletzt spielen mußte, doch war dies nicht leicht zu
-fürchten, da die Curonen, wenn sie relegirt wurden, gleich den Ratzen
-ihren Wohnort in Compagnie zu verlassen pflegten. Übrigens mißfielen
-mir die Meisten, in deren Riesenkörper meistens perfide, grau grüne
-Augen steckten. Es waren zum Theil übermüthige Junkersöhne, die nur
-darauf ausgingen die Zahl der tollen Streiche, welche ihre Väter auf
-Universitäten begangen hatten, würdig zu vermehren. <em class="antiqua">Gloriam quam
-pepere majores, digne studeat servare posteritas.</em> Ein gewisser
-C. schoß sich,&nbsp;&mdash; eine feindliche Kugel bog seine Baarschaft, vier
-Sechsbögner und einen Kronthaler, die auf dem Herzen des Pauckanten
-lagen krumm, ohne den C. zu verwunden, der fast nur höflich gegen die
-Vorsehung die Worte ausstieß: <em class="gesperrt">Weiß der Teufel ich glaube es ist ein
-Gott</em>!</p>
-
-<p>Der verst. v. M. Senior der Holsteinschen Landsmanschaft in Göttingen
-glaubte, daß sein Corps nicht genug in Ansehen bei den deutschen
-Russen stehe. Nichts<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">&nbsp;55&nbsp;</a></span> desto weniger nahm er eine Einladung zu
-einer Spazierfahrt wie zu einem Commersch von ihnen an, genoß nach
-Herzenslust, bedankte sich aber nach Beendigung der Fête mit den
-Worten: »<em class="gesperrt">So nun erkläre ich Euch Alle für dumme Jungen</em>.« Diese
-unerhörte Renommage brachte übrigens keinesweges eine Unzufriedenheit
-bei den Kurländern hervor, vielmehr nannten sie den v. M. »einen
-liebenswürdigen Menschen, einen kleinen fidelen Kerl, vor dem,
-wie vor seinem Corps, dessen Senior er sei, man die unbedingteste
-Hochachtung haben müsse.« Auf den Mensuren, bei den Duellen, sprachen
-sie gewöhnlich ihr Lettisch, dem wir Pomeraner, Mecklenburger und
-Holsteiner unser schwarzbrodmäßigstes Plattdeutsch zu ihrem großen
-Verdruß entgegen setzten. Verschieden von den Kurländern waren die
-Liefländer, meistens geborne Salonmenschen, von denen ich mit einigen
-befreundet war. Die Namen <em class="antiqua">Gulefoky</em> und <em class="antiqua">Porten</em> sind mir
-in das Herz gegraben. Doch habe ich zu vielen wegen ihres reservirten
-Wesens nie recht Muth fassen können.</p>
-
-<p>Das originellste Völkchen bildeten, wie auf allen Hochschulen, die
-Schleswiger und Holsteiner. Die ersten, welche einen wunderbaren
-Dialect haben, einen didactischen, der an den eines Schulmeisters<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">&nbsp;56&nbsp;</a></span>
-oder Irrenarztes erinnert, stimmten mit den Holsteinern in ihrer
-humoristischen Selbstverspottung so wie auch darin überein, daß sie
-durchaus kein sogen. Genie unter sich aufkommen ließen, vielmehr wenn
-es emportauchen wollte, wie sie es nannten, gehörig <em class="gesperrt">duckten</em>.
-Man konnte unter ihnen nur gehörig Posto fassen, wenn man sich
-fortwährend demüthigte und selbst die komischen Seiten des Landsmannes
-den man verhöhnen wollte, sich selber andichtete. Singulär war dabei
-das Heimweh dieser Hyperboräer im himmlischen Baden, wo die meisten
-einstimmten, wenn einer auf der Schloßterrasse ausrief:&nbsp;&mdash; »Aber!
-meine Seel, das ist hier doch nix, ich wollte ich wäre so Gott!
-(Schleswigsche Betheuerungsformel) in Düsternbrock bei Bruhe und äße
-rothe Grütze.« Wie die Holsteiner den grünen Schweizerkäse, (den
-Schabziager) den Glarnern täuschend nachmachen, so ist ihr Heimweh auch
-von dem eidgenössischen nicht zu unterscheiden.</p>
-
-<p>Der Sinn für Deutschheit, welcher sich jetzt in den Herzogthümern so
-mächtig regt, war damals noch nicht in den Deutsch-Dänen zu einer
-Geltung gekommen, sie hingen alle mit bewundernswürdiger Pietät an
-ihrem durch politisches Unglück so hart heimgesuchten König Friedrich
-den Sechsten, wenn sie nebenbei auch keine große Sympathie für die
-einzeln in Heidelberg stu<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">&nbsp;57&nbsp;</a></span>direnden Dänen entwickelten. Diese waren
-auch größtentheils wunderliche Gesellen, welche behaupten, Göthe
-habe Plagiate an Oehlenschlägers Schriften begangen, Dänemark sei
-ein Normalstaat, Holberg das größte poetische <em class="antiqua">ingenium</em> der
-Schöpfung und nichts schwerer als <em class="gesperrt">paa</em> (auf) Doctor und Poet in
-Copenhagen zu studiren. Wahr ist es, daß man in einem solchen Examen
-ein gewaltiger <em class="antiqua">Petrus á memoria</em> sein mußte, indessen ist Rath
-dazu da, ein solcher zu werden. Es giebt nämlich in Kopenhagen einige
-Leithammel in jeder Facultät, bei denen man so zu sagen, wie bei einem
-Schneider ein Kleid, sich einen Character, den ersten, zweiten oder
-dritten anmessen lassen kann, der auch höchst selten verpaßt wird.
-&mdash; Jetzt nimmt Einen der Magister in die Lehre, instruirt ihn sowohl
-vorwärts wie rückwärts, und schickt seinen Schüler nicht eher in die
-Examenschlacht, bis er ihn so gewappnet hat, um des bestellten Grades
-sicher zu sein.&nbsp;&mdash; Würde übrigens sein Schüler einen schlechten Grad
-bekommen, so wäre dies ein sehr großer Schade für den Lehrer selbst,
-der in diesem Falle seines ganzen Honorars verlustig geht.</p>
-
-<p>In jener Zeit besuchten der geistreiche Dichter Ingemann aus Soron
-und ein alter ehrwürdiger Probst Schmidt aus Norwegen, Heidelberg
-auf ih<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">&nbsp;58&nbsp;</a></span>rer Reise nach Italien. Ich führte beide Herren in unseren
-Versammlungen, welchen dieselben mit der größten Theilnahme beiwohnten,
-ja den Skalden zu einem vortrefflichen dänischen Gedichte veranlaßte,
-daß ich verdeutsch geben werde, wenn es mir gelingt das zu ängstlich
-Verwahrte vor dem Drucke dieser Zeilen wieder aufzufinden.</p>
-
-<p>Der Holsteinische Adel war zu meiner Zeit der respectabelste und zeigte
-sich als solcher auch in seinen Musensöhnen. Allenthalben Tüchtigkeit
-der Gesinnung, wie sich jetzt auch in den Vätern manifestirt,
-wissenschaftliches Streben und Urbanität. Die auguste Pferdeliebhaberei
-der neuern Zeit hat freilich Manches verdorben, die Götter und
-Menschen betreffende Conversation ist nur zu häufig eine vierbeinige,
-indessen ist der Typus stehen geblieben und thut die Adelszeitung in
-der That wohl daran ihre Beispiele »<em class="gesperrt">von edlen Handlungen illustrer
-Personen</em>« unterm Schleswig-Holsteinischen Adel zu sammeln und sich
-zu diesem Zwecke dort einen Agenten zu halten. Merkwürdig ist, daß da
-wo ein Stolz, wie in der wohlbekannten Grafenfamilie doch sichtbar
-wird, er mehr als <em class="gesperrt">Familien-</em> denn <em class="gesperrt">Adelsstolz</em> hervortritt,
-sich mithin auch gegen seines Gleichen geltend macht.</p>
-
-<p>Die Mecklenburger waren brave Leute, nur<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">&nbsp;59&nbsp;</a></span> zuweilen unangenehme Copien
-der Kurländer, geborne Gegner der Holsteiner, wozu die Schlacht bei
-Sahnstedt in dem Befreiungskriege viel beigetragen haben mochte, und
-mir zu sehr Pferdeliebhaber. Die Spaltung zwischen Adel und Bürger war
-auf der Universität schon fühlbar. Ihr Sinn ist schon in der Jugend auf
-das Practische gerichtet, ich habe keinen Schwachkopf aber auch kein
-poetisches Gemüth unter ihnen gefunden.</p>
-
-<p>Ihre Nachbarn, die Schwedisch-Pommeraner bildeten den mir liebsten
-deutschen Volksstamm. Ich glaube nicht, daß sie ihrer längern
-Verbindung mit Schweden ihre Biederkeit verdanken, sie war aber zu
-meiner Zeit auf eine überraschende Weise in ihnen vorhanden. Sie
-hafteten Alle <em class="antiqua">in solidum</em> unter sich, war Einer schwer erkrankt,
-so schienen sie alle <em class="gesperrt">plurig</em>, war Einer beleidigt, so schien
-die deutsche Blutrache aufzuleben, war Einer schuldig, so schossen
-die Andern für ihn zusammen, ja als Einer sich sogar einmal blamirte,
-schienen sie alle verwirrt und mit blamirt. Es war dies ein Fall wo der
-gute musikalische X. im, durch Weinlaune und Neckerei herbeigeführten
-Zorn, die Hand nach einem Freunde ausgestreckt, dieser aber die
-Realinjurie sehr geschickt mit den Worten abgelenkt hatte: »Solche
-Pöbelhaftigkeiten verbitte ich mir selbst im Spaß.« Die<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">&nbsp;60&nbsp;</a></span> Sache kam zur
-Untersuchung, es wurde auf den Verruf des Beleidigers angetragen, und
-ich von den Pommeranern zum Vertheidiger ihres Landsmannes gewählt.
-Meine Defension gelang mir so gut, daß X. der inzwischen mit seinem
-Gegner auf Schlägerei und ohne Binden, losgegangen war, zum großen
-Jubel seiner Landsleute, die mir so herzlich die Hand drückten, frei
-gesprochen wurde.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Nie verließ den Pommer eine gewisse Ruhe, womit er Alles selbst das
-Begeisternde angriff.&nbsp;&mdash; Als Typus hiefür diene folgende Anekdote: Der
-ehrliche v. S., welcher sich einen derben Rausch geholt hatte, trug
-eine Leiter ins Freie indem er den ihn Fragenden wohin er wolle, ruhig
-antwortete: Ich will in den Himmel steigen.</p>
-
-<p>Unter den Preußischen Pommeranern entsinne ich mich einen Hr. v. G.,
-der mir gegenüber in dem Fahrbachschen Hause wohnte, wo die ungeheuren
-Pfeifenquäste eines relegirten Kurländers den Griff an dem Klingelzug
-des Zimmers bildeten. Als ich mich einmal in der Winterzeit zur
-Beschaffung einiger Arbeiten, eine Zeitlang um fünf Uhr Morgens wecken
-ließ, erregte dies einiges Aufsehen unter meinen Freunden, welche meine
-Nicodemus-Natur nur zu wohl kannten. Da ich indessen Beharrlichkeit
-zeigte machte ich bald einige Proseliten,<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">&nbsp;61&nbsp;</a></span> und namentlich bat mich
-G. ihm als meinem Übernachbar,&nbsp;&mdash; bei meinem Lever sofort seinen
-Namen zu rufen.&nbsp;&mdash; Das geschah denn auch regelmäßig, indessen nicht
-lange Zeit mit Effect für meinen Freund, der sich bald an mein Rufen
-gewöhnt hatte, wie ich früher an das Rauschen des Brunnens in der
-Mittelbadgasse.</p>
-
-<p>Ich hatte bemerkt, daß kurz nach meinem Rufe, die Schallern
-(Fensterladen) der ganzen Kettengasse sich successive öffneten,
-indessen kein Arg weiter daraus gehabt.&nbsp;&mdash; Nun begab es sich, daß nicht
-gar lange nachher, zwei auf einander folgende Kommersche mich erst um
-Vier Uhr Morgens zu Hause führten. Meine Laune wollte es indeß, daß
-ich jedes Mal meinem Freunde G. noch vor dem Niederlegen seinen Namen
-zurief und dann mich auf mein Lager warf.</p>
-
-<p>Als ich am zweiten Abend in die sogenannte Kolonie zu dem Bäcker und
-Weinwirth Schwarz etwa um 8 Uhr zum Nachtessen kam, fand ich denselben
-auf seinen Arm gestützt, schlafend.&nbsp;&mdash; »Ei was Herr Schwarz!« hub ich
-an, »erst zu Nacht gespeißt, und dann geschlafen. Wer schläft denn so
-früh?« »Sie haben gut spreche Herr Baron,« erwiederte der aus seinem
-Schlummer hervortauchende Weinwirth. »Sie habe uns zwei Tage gut<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">&nbsp;62&nbsp;</a></span>
-gehabt. Ich parire die ganze Kettegaß’ und die ganze Hauptstraß’ auf
-dieser Seit’ ist hundsmüd!«</p>
-
-<p>»Aber wie kann ich daran Schuld sein?«</p>
-
-<p>»Sehe Sie Herr Baron,« fuhr Schwarz fort, »Sie wohnen ins Silberschmidt
-Soise. Die Frau ischt ä akkerate Frau und die weckt Ihne meinetwege um
-fünf wann de Frankfurter Poschtkarre komme. Itzt sind Sie ufgestande
-und habe aus Ihne Ihr Fenschter den Herrn Baron v. G. gerufe. Das habe
-mir Nachbare bemerkt und allemal sein mir ufgestanden, wonn Sie G.
-gerufe habe. Itzt habe Sie uns Alle mit ihrem G. Rufen aber zwei Morge
-um drei Stunde früher aus dem Bett getrieben. Ischt des Recht, mir
-lasse uns holt aber nicht wieder anführe.«</p>
-
-<p>»Ei Ihr verwünschten Philister!« entgegnete ich lachend aber voll
-Burschenstolz. »Wie könnt Ihr denn verlangen, daß ich euer Haushahn
-oder gar Euer Wecker sein soll.«</p>
-
-<p>Meine Geschichte aber erregte einen entsetzlichen Trödel unter den
-Burschen.</p>
-
-<p>Die Schweizer saßen bei einem Conditor in der Mittelbadgasse zusammen
-und tranken im <em class="gesperrt">Kaffeehause</em> ihr Bier.&nbsp;&mdash; Mir fällt dabei ein,
-daß im Süden namentlich in Carlsruhe das Wort Kaffeehaus ein eben
-so unpassender Name ist, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">&nbsp;63&nbsp;</a></span> die Ableitung des »<em class="antiqua">lusus</em>« <em class="antiqua">a
-non lucendo</em>. Wie in einigen Städten das Schauspielhaus oft das
-einzige Haus ist worin nicht geklatscht wird, trinkt der Fremde im
-ganzen Jahre vielleicht nicht eine einzige Tasse Kaffee, obgleich das
-Wirthshausschild den vorüber Gehenden zu einem solchen Tranke einladet.</p>
-
-<p>Die meisten Schweizer waren in der Burschenschaft ohne sich im
-Ganzen lebhaft dafür zu interessiren. Sie stritten sich lieber unter
-einander beim Conditor, wo sie ihre Cantone durch politische Zwiste
-würdig repräsentirten. Der vorzüglichste unter ihnen, ein Mann von
-edlem Herzen und klarem Kopfe, der einzigste auf den die Hegelsche
-Disciplin schon damals sichtlich einwirkte, ist vielleicht jetzt der
-ausgezeichnetste Schweizer, der allbeliebte Landamman <em class="gesperrt">Schindler</em>
-in Glarus.&nbsp;&mdash; Zwei unzertrennbaren Freunden, Rauschenbach und Stünze
-überkam kurz nach einander der Tod auf eine seltsame Weise. Dem ersten
-flog beim freundschaftlichen Rappiren<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> ein Stück der abspringenden<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">&nbsp;64&nbsp;</a></span>
-Klinge seines Gegners in den Schädel. Kein Trepan konnte ihn retten, er
-starb nach wenigen Stunden. Rauschenbach der Schinzmacher schnitt sich,
-obgleich er Mediciner war, ungeschickt einen Leichdorn. Die Wunde wurde
-gefährlich, der kalte Brand trat dazu und unser athlestischster Student
-mußte elendiglich umkommen, da er zu spät in eine Amputation des Beines
-gewilligt hatte.</p>
-
-<p>Rauschenbach war der beste Schläger unserer Burschenschaft, während die
-Landsmanschaften in dem Kurländer W. ihren Haupthahn hatten. Ein jedes
-Mitglied der einen Parthei hätte seinen ganzen Wechsel für ihren Heros
-verwettet, und so mußte es am Ende denn ja kommen, daß sich die beiden
-Herren befehdeten. Sie contrahirten:</p>
-
-<p>»Morgen gehen Rauschenbach und W. auf der Hirschgasse mit einander
-los,« so hieß es eines Tages, und zwar in den Ferien, wo zwar kaum die
-Hälfte der Musensöhne in Heidelberg war aber von diesen wiederum kein
-Einziger in der Kampfhalle fehlte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">&nbsp;65&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>So standen sich wie einst die Horatier und Kuriatier entgegen, jeder
-Theil für den Ruhm seines Kämpfers zitternd.</p>
-
-<p>Allein der vierte Gang entschied zum Nachtheil der Burschenschaft.
-Rauschenbach schien durch die klobigen Schläge seines Gegners verwirrt,
-seine schnell erwiederten Hiebe fielen nur flach, er selbst aber bekam
-eine Wunde in den Arm. Da er der Beleidiger war, so war das Duell durch
-seine Verwundung beendigt.</p>
-
-<p>Die naive Bemerkung des Überwundenen gegen seinen Gegner: »Mit
-Schlägern können Sie mir wohl etwas beibringen, allein ich fodre
-Sie, wenn meine Wunde einmal geheilt ist, auf einen Rappierjungen,«
-versetzte mich in eine humoristische Stimmung, nicht aber alle
-Burschenschaftlern, welche glaubten, Rauschenbach habe sich ein Dementi
-dadurch gegeben, weil er die Ehre der Fechtkunst höher als die der
-Burschenschaft setze.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Diese Äußerung wurde auch von den Corps sehr malitiös, als die eines
-Manschottarii gedeutet, man lachte, wir nahmen hingegen natürlich
-die Parthie unseres Besiegten. In zehn Minuten waren vierzig Duelle
-contrahirt, welche indessen später durch die academische Polizei
-annullirt wurden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">&nbsp;66&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Spaßhaft war die Beschreibung der Trauer eines sehr vornehmen Baseler,
-worin seine und jede vornehme Familie in dieser Kaufmannsstadt versetzt
-wird, wenn ein Sprößling derselben auf die Idee kommt, zu studiren.
-Es wird kein Mittel unversucht gelassen, um den Schwärmer von seiner
-unglücklichen Idee abzubringen. Zuletzt verspricht man ihm baldige
-Aufnahme in die Firma und wenn es gar nicht anders ist eine reiche
-Cousine. Ist alles vergeblich, so wird in einer Art Familienrath der
-bürgerlich Todte bei einer Tasse Thee beweint und über den Verfall der
-guten alten Zeit geseufzt.</p>
-
-<p>Unter den freien Städtern gefielen mir die Frankfurter am meisten. Wer
-erinnert sich nicht des lustigen Sängers vom Prinzen Eugenius? Wer
-nicht des kräftigen O., des biedern F.?&nbsp;&mdash; Der liebenswürdige Bremer
-Castendyck ist schon vor mehreren Jahren als Amtmann in Bremerhafen
-gestorben. Von den Hamburgern sind diejenigen, welche überall etwas vom
-Studentenleben durchmachten, die Chargen der zufriedenen Unzufriedenen
-geworden. Unter den Aristokraten war schon damals oft ein Hauptstreit,
-wie viel <em class="gesperrt">Mark</em> der und oder habe, ob der Commerz-Deputation
-<em class="gesperrt">löblich</em> oder <em class="gesperrt">wohllöblich</em> gebühre, u. dergl. m. Von den
-Hamburger Juristen ist zu sagen, daß sie viel<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">&nbsp;67&nbsp;</a></span> für ihr Fach gelernt
-haben. Allein sie ergreifen auch größtentheils nur die practische
-Seite. Die lyrischen Anlagen im Menschen verlangen zu ihrer Entfaltung
-etwas Hunger und Unglück<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> sie weichen nur zu leicht von dem
-materiellen reichen Hamburger, bei dem nach der Börse ein glänzendes
-Abendessen einer reichbesetzten Mittagstafel folgt, welche nur durch
-einige Rubber Whist getrennt wird, etwa wie Hamburg und Altona nur
-durch die kurze Straße des Hamburger Berges geschieden sind.&nbsp;&mdash; Der
-geistvolle <em class="gesperrt">Bluhme</em> mein alter Schulcamerad besuchte mich mit
-dem jetzt auch verstorbenen <em class="gesperrt">Siemsen</em> in Heidelberg und verlebte
-frohe Tage bei uns, die ihn viel mehr anheimelten als sein Aufenthalt
-in Göttingen, wo man dermalen zwar sich nur selten nach neun Uhr in
-öffentlichen Wirthshäusern zeigte indessen desto mehr Verbotenes auf
-den einzelnen Kneipen trieb.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Diese Sünden waren während meines ersten Semesters in Heidelberg
-unbekannt; erst der Göttinger Auszug, welcher im Herbst 1817 die Zahl
-der Studenten in Heidelberg verdoppelte, vergifteten das Burschenleben
-daselbst, das sich bis dahin in<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">&nbsp;68&nbsp;</a></span> der That in einem liebenswürdigen
-Zustande der Unschuld befunden hatte. Namentlich riß das Dreikartspiel
-(Zwicken mit Fiduz) das Landsknecht, (französisch <em class="antiqua">lansquene</em>)
-und vor allen Dingen das sogenannte <em class="antiqua">L’hombré</em> mit Ohren, das
-Pharospiel ein.&nbsp;&mdash; Ein einziger Student, welcher gewöhnlich eine Bank
-von einer Pistole auflegte die er stets erneuerte, wogegen er aber wenn
-er gesprengt wurde nicht für alle Sätze haftete, nahm den Studenten
-vielleicht in einem Jahre fünfzehnhundert Thaler ab.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Man hätte ihn gewiß consilirt und er hätte es zehnmal verdient, wenn
-er nicht der Neveu eines hochansehnlichen Professors gewesen wäre. Der
-gute Mann führte übrigens ein wunderliches Leben. Er secondirte fast in
-jedem Duell, oft mit Lebensgefahr, also etwa eine Stunde, legte jeden
-Abend zwei Stunden Bank auf, war aber dabei der fleißigste Student
-in Heidelberg, da er sonst Tag und Nacht studirte. »Man muß sich für
-seine Freunde aufopfern,« pflegte er zu sagen, sowol wenn er die Karten
-zum Abschlag, so wie wenn er den sogenannten Secondirprügel, ein dazu
-bestimmtes Rappier, zum Abmessen der Mensur ergriff.</p>
-
-<p>Der Churhesse G. war dazu bestimmt, uns an den Goliath der Kurländer,
-dem übermüthigen W.<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">&nbsp;69&nbsp;</a></span> zu rächen. Eine kräftige Quart trennte mit der
-Geschicklichkeit eines Friseurs die große Unschuldslocke, welche
-über der Wange des Gegners hing, vom bemoosten Burschenhaupt und
-fuhr dazu noch ziemlich tief in die fleischige Backe. Dies Ereigniß
-erregte allgemeinen Jubel und ist auch in der fünften Scene meines
-Burschenerdenwallens besungen worden. Ich ernannte G. der eigentlich
-kein Bier zu trinken gewohnt war, sofort auf dem Schlachtfelde zum
-Biergrafen von Schwernoth wie zum Großkrenz des <em class="antiqua">Cerevisia</em>.</p>
-
-<p>Von den Hannoveranern ist wenig zu referiren. Außer den vortrefflichen
-Gebrüdern v. P., dem unglücklichen K. sind selbst meinem treuen
-Gedächtniß fast keine mehr erinnerlich. Ich gestehe, daß ich
-überhaupt wenig für diesen Volkstamm im Ganzen portirt bin. Ein alter
-hannoverscher Oberamtmann aus alter Zeit ist für mich immer, wenn auch
-ein Typus einer gewissen Diensttreue, doch auch der personificirten
-Langeweile und einer widerlichen Beamtenaristocratie gewesen. Es
-gedeihen dort keine Dichter, jede Genialität scheint verpönt, ich
-habe im ganzen Hannoverschen, wie oft ich dort gewesen bin, manches
-Belehrende aber nie eine einzige geistvolle Bemerkung gehört. Gegen
-zehn Uhr ist fast ein jeder Hannoveraner todt müde und es ihm fast<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">&nbsp;70&nbsp;</a></span>
-nicht möglich, die zwölfte Stunde heran zu wachen. Er erinnert dann oft
-an eine Geisenheiner Uhr die nur zwei und zwanzig Stunden geht.</p>
-
-<p>Mein Urtheil ist gewiß im Ganzen nicht scharf zu nennen, wenigstens
-von den poetischen und von dem humoristischen Standpunct aus
-gerechtfertigt.&nbsp;&mdash; Daß das Hannoversche ein tüchtiges, kerniges,
-arbeitsames Volk, und den besten Regenten werth ist, ja daß meine Regel
-auch vor rühmlichen Ausnahmen verspottet wird, wer kann das leugnen?
-Allein es giebt für einen Fremden keinen langweiligeren Ort als die
-Residenz Hannover und ihre Bewohner, und von diesen will ich hier
-eigentlich nur geredet haben. Daß ich vor allen Dingen die jovialen
-Osnabrücker hier ausnehme, versteht sich von selbst.</p>
-
-<p>Merkwürdig ist es, daß in Hannover das Familienglück der Mittelstände
-durch eine ganz singulaire, in allen andern Orten total unbekannte
-Leidenschaft untergraben wird. In München vertrinkt man den Verstand
-in Bier, in Hamburg verfrißt man ihn durch schwere Fleischmassen, in
-Baden Baden verspielt man ihn am Roulett, in Elberfeld verbetet man
-ihn, in Paris opfert man denselben der Wollust, aber in Hannover,
-ja in Hannover,&nbsp;&mdash; es ist schauderhaft es zu sagen, aber <em class="gesperrt">wahr,
-verschlickert</em> man ihn, in Kuchen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">&nbsp;71&nbsp;</a></span></p>
-
-<p class="mbot2">Ein jeder Reisender kann sich von dieser tiefen unumstößlichen Wahrheit
-überzeugen, wenn er einige Stunden bei einem Conditor zubringen will.
-Es ist fabelhaft, wenn ich erzählen wollte, welche Menge süßer Sachen
-dort von einem Einzigen verzehrt werden. Ich habe es gesehen, daß ein
-junger Herr an einem einzigen Morgen, bloß für Süßigkeiten anderthalb
-Thaler preußisch Courant verzehrte und dabei bemerkte, daß er noch
-mehr Krollkuchen vertilgt haben würde wenn er nicht am Morgen zu viel
-Chocolade getrunken hätte. Ernste ältliche Männer verkneipen dort in
-»Sprößgebackenem, Windsortorten, spanischen Wind, Krollkuchen u. dergl.
-m.« ihre ganze Gage, während Frau und Kind kaum das trockene Brod zu
-Hause haben. Oft kämpft zwar ein solcher Familienvater sichtlich&nbsp;&mdash;
-wie Hercules am Scheidewege, aber nur selten erfaßt er eine Zeitung
-oder seinen Hut anstatt der Makrone,&nbsp;&mdash; er wird fast nie ein Märtyrer,
-gewöhnlich nimmt er noch für einen Matir.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Solche wiederholte Kraftanstrengungen, solche geistige Kämpfe führen
-am Ende unausbleiblich zum Stumpfsinn, der im letzten Stadio keinen
-warnenden Genius, sondern nur Sprößgebackenes sieht.&nbsp;&mdash; Selbst
-Blumenhagen der Dichter, war nicht frei<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">&nbsp;72&nbsp;</a></span> von dieser eines Mannes
-unwürdigen Leidenschaft für Kuchen.</p>
-
-<p>Ich habe diese Bemerkung vor einigen Wochen meinen Oldenburger Freunden
-an einer <em class="antiqua">table d’hôte</em> zum Besten gegeben. Während diese
-lächelten, rief ein zufällig anwesender Bewohner der Residenz Hannover
-ganz ernsthaft und mit einem andächtigen Gesicht&nbsp;&mdash; die Worte aus:
-»Jawohl Sie haben Recht mein Herr! Hannover wird untergehen durch alle
-seine Conditorläden.«</p>
-
-<p>Man thut dem Hannoverschen Dialect eine zu große Ehre an, wenn man,
-wie sehr häufig geschieht behauptet, daß er der beste, und namentlich
-der Celler, der vorzüglichste in Deutschland sei. Es ist dies ein
-arger Irrthum und mag derselbe wol dadurch entstanden sein, daß jeder
-Buchstabe gleich betont wird, mithin das Hannoversche zuerst bescheiden
-und anspruchlos an das Ohr fluthet.&nbsp;&mdash; Die Worte erinnern dann an die
-Hofmänner von denen Jean Paul sagt, sie wollen sich nur gleich von
-Serenissimus, ohne daß Jemanden von ihnen der Vorzug gegeben wird,
-behandelt sehen, und sind zufrieden, wenn der Fürst auf sie, wie auf
-das Getäfel seines Vorzimmers nur gleichmäßig tritt.&nbsp;&mdash; Genießt man
-diese Conversation aber längere Zeit, so bekommt sie den Rang eines
-Wasserfalls, der<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">&nbsp;73&nbsp;</a></span> Klang überwältigt den Sinn der Rede&nbsp;&mdash; und man
-schläft ein, was die Hannoveraner auch in der That unter sich früher
-thun, als jeder andere Deutsche Volksstamm.</p>
-
-<p>Hat man das wol gesehen? lautet im wohlklingendsten Hannoverschen wie:</p>
-
-<p>»Hatten dos wohhl jesehn.«</p>
-
-<p>Beiläufig mag hier gesagt werden, daß wenn man nicht den bei Weitem
-am Wohlkingendsten Allemannischen Dialect als den besten unseres
-Vaterlandes ansehen will, man dem gebildeten Oldenburger oder
-Holsteiner, und namentlich dem letzteren im Fürstenthum Eutin, ohne
-alle Frage den Preis in dieser Hinsicht zuerkennen muß.</p>
-
-<p>Ein großes Lob, welches übrigens die Hannoveraner trifft, ist die
-Nüchternheit und Mäßigkeit, welche dieselben im Allgemeinen durch den
-Nichtgebrauch geistiger Getränke beweisen. Namentlich gilt dies <em class="antiqua">par
-excellence</em> von der Klasse der Staatsdiener, und überhaupt von den
-Residenzbewohnern Hannovers.</p>
-
-<p>Unter den Landsmanschaften zeichneten sich vor allen Dingen die
-»schwarz grün weißen Brüder« die »Westphalen« aus, welche sich im Jahr
-1818 von den Holsteinern trennten, mit denen sie bis dahin seit vielen
-Jahren ein gemeinschaftliches Corps<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">&nbsp;74&nbsp;</a></span> gebildet hatten. Ihr Chef war
-der gelehrte und herzensgute Holsteiner St., der durch den Tod seines
-Hundes »<em class="gesperrt">Peter Fix</em>« in eine fast wahnsinnige Betrübniß gesetzt
-wurde. St. hatte Alles als Peripatheticker gelernt, hatte in der
-Schweiz, wo er sieben Male gewesen, zwei Male die Pandecten, drei Male
-das Criminalrecht, einmal das Lehnrecht, und so alle Wissenschaften
-durchgemacht. Dabei hatte Peter Fix seinen Herrn überall begleitet,
-sich wie dieser wacker durchgebissen. Ja im Nachtquartier hatte er sich
-sogar daran gewöhnt, mit seinem Herrn einige Töne zu heulen, welches
-St. mit großen Euphemismus, ein <em class="gesperrt">Duett</em> nannte. Tief ergriff den
-Überlebenden daher der Tod des getreuen Vierfüßlers und nicht ohne
-Rührung ließ er sich ein Requiem vorsingen, das ich auf seinen Hund
-gedichtet hatte und wovon mir nur noch diese Strophen erinnerlich sind:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1"><em class="antiqua">Chorus Guestphalorum.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse"><em class="antiqua">Moestus noster flet praefectus</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Et dolore est confectus,</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Quia Canis interfectus.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3"><em class="antiqua mleft2">St.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse"><em class="antiqua">Tu mi canis, quem amisi</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Quocum cecini et risi,</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Mente adsis, faveas,</em></div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">&nbsp;75&nbsp;</a></span>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Neque canes occurentes</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Tibi instant nune et dentes,</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Terram levem habeas.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1"><em class="antiqua">Chorus Guestphalorum.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse"><em class="antiqua">Petre Fixe! the clamamus.</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Justa tibi ut solvamus,</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Et quae decent, tribuamus.</em></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Nächst den Pommeranern haben mir übrigens die Würtemberger am meisten
-gefallen, wenn auch die Grazie ihnen zuweilen mangelt. Erscheinungen
-wie »Strauß« und »Justinus Kerner« sind Beweise, welch einen ungeheuren
-geistigen Umfang dies kleine Volk im Reich der Gedanken, wie in der
-Vorstellung hat.&nbsp;&mdash; Jeder Würtembergsche Pastor kann die meisten
-unserer norddeutschen Generalsuperintendenten in Grund und Boden
-examiniren, und auf gleiche Weise ist der Würtemberger in <em class="gesperrt">allen</em>
-Disciplinen gründlich zu Hause. Unbegreiflich ist es dabei mir immer
-gewesen, daß sich in einer solchen Stadt wie Stuttgart, wo dazu ein
-Cotta neben mehreren anderen höchst ehrenwerthen Buchhandlungen
-residirt, eine solche Menge Buchhändlerischer Schwindeler eingefunden
-haben, die mir mit ihren abentheuerlichen unausführbaren Pfenningsideen
-immer wie uneheliche Söhne eines aufgehängten Nachdruckers und eines
-verhungerten Harfenmädchens<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">&nbsp;76&nbsp;</a></span> vorkommen. Sie schaden den Schriftstellern
-ungemein, indem sie vielen, ohnehin unmündigen Lesern mit ihren
-wohlfeilen, verstümmelten Groschenausgaben die wenigen Groschen
-ablocken, welche diese vielleicht für ein besseres oder wenigstens
-originales nicht gestohlenes Werk der neuen Literatur zu geben hätten.</p>
-
-<p>Will man das Würtembergsche Volk in socialer Hinsicht lieb gewinnen,
-so muß man den Koppenhöfer besuchen der über Stuttgart liegt, und
-eine reizende Aussicht darbietet, welche noch um Vieles erhöht werden
-würde, wenn der Neckar einmal die Erlaubniß erhielte von dem nahe
-gelegenen Kannstadt aus die Residenz zu begrüßen. Hier sieht man im
-buntesten Gemisch alle Stände zusammen, oft an demselben Tisch, in
-der unverkümmersten anständigsten Unterhaltung, als wolle man die
-Conversation des tausendjährigen Reiches einstudiren, das nach der
-Prophezeiung des Tübinger Professors <em class="gesperrt">Bengel</em> freilich schon 1836
-hätte beginnen sollen, wozu aber wenigstens in Norddeutschland die Welt
-noch nicht völlig reif zu sein scheint.</p>
-
-<p>Die Preußen waren schon damals von viel zu vielerlei Fleisch, als daß
-sie man generell characterisiren könnte. Sie scheinen ihre Aufgabe, die
-Repräsentanten der politischen und religiösen Freiheit und<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">&nbsp;77&nbsp;</a></span> somit des
-Protestantismus zu sein, noch nicht ganz gelöst zu haben. Ich glaube es
-fehlt ihnen auch ein allgemeiner Dialect, wozu ich wol einen, nur nicht
-den Berliner Nanteaccent, der wirklich den höchst gestellten Leuten
-durch einen etwas zu geselligen (das Wort ist von Gesell gemacht)
-Anstrich verleiht, vorschlagen möchte. Indessen giebt es am Ende keinen
-Ton, der als Generalnenner für die nachfolgenden höchst verschiedenen
-Mundarten dienen könnte, welche in dieser Geschichte zusammen gewürfelt
-sind. Einem sehr vornehmen Mann in Berlin wurden nach dieser Anecdote
-vier junge edelmännische Militairs aus den verschiedenen Preußischen
-Provinzen; aus Pommern, Sachsen, Westphalen und der Rheingegend
-vorgestellt:</p>
-
-<p>»Wie heißen Sie?« lautete die Frage, worauf der Pommeraner:</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Ich nenne mir</em> <em class="antiqua">Lottum</em>.«</p>
-
-<p>Der Sachse:</p>
-
-<p>»Ich heeße Musemeischel.«</p>
-
-<p>Der Westphale:</p>
-
-<p>»Ich schreibe mich Sgade (Schade) und bin von Mesgede.« (Meschede.)</p>
-
-<p>Der Rheinländer:</p>
-
-<p>»Ick sin ein sicherer von der Straß Cölle am Rhi« geantwortet haben
-soll.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">&nbsp;78&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Ein Holländer <em class="gesperrt">Ruhs</em>, der schönste und kräftigste Student seiner
-Zeit, ein famöser Schläger, kam in seinem zwanzigsten Semester auch
-nach Heidelberg. Man betrachtete ihn mit großer Ehrfurcht. Er selbst
-meinte aber vom Burschenleben, in den ersten sechs bis sieben Jahren
-mache das Burschenleben viel Scherz, dann aber kriegt man es doch auch
-satt, dann macht es keinen rechten Trödel mehr.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">&nbsp;79&nbsp;</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="untertitel">Die Heidelberger Professoren. Thibaut. Nägeli. Walch. Graf Sponek.
-Creuzer. Hegel. Paulus. Daub. Langsdorf. Schweins. Schlosser.
-Tiedemann. Gmelin. Munke. Konradi. Schelver. v. Leonhard. Die
-Pedelle, Krings und Ritter.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Thibaut</em> ist ein Mann des Verstandes, zu dessen Ehre er oft
-die Empfindung zu demüthigen bestrebt ist. Die Art und Weise wie er
-über den damals empor lodernden Enthusiasmus der Jugend ironisirte,
-indem er vor allen Dingen die Lieblingsideen der Burschen lächerlich
-zu machen suchte, gaben ihn in unseren Augen das Ansehn eines kalten
-gefühllosen Mannes und vielleicht nicht ganz mit Unrecht. In Heidelberg
-selbst war die Petition der Bürger noch nicht vergessen, welche Martin
-mit unterzeichnet, Thibaut aber als strafbar desavouirt hatte.<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">&nbsp;80&nbsp;</a></span>
-Durch diesen Umstand ward Thibauts bedeutender Einfluß in Carlsruhe
-gegründet, Martin hingegen bewogen, Heidelberg zu verlassen und einem
-Rufe nach Jena zu folgen.</p>
-
-<p class="mbot2">Wenn hingegen von Musik die Rede war, so zeigte sich Thibaut auch
-als Enthusiast. Er lobte aber nur die geistliche, und von dieser die
-Italienische Musik. Man sagte, er halte Agenten in Rom, welche ihm zu
-hohen Preisen aus den verschiedenen Kirchenregistraturen manches Requim
-der trägen Ruhe für das gottseelige Thibautsche Fortepiano entreißen
-mußten, nichts destoweniger war er in dieser Beziehung jedenfalls
-einseitig, da er alle neuere Musik total verwarf, und <em class="gesperrt">Paer</em>
-den <em class="gesperrt">Kotzebue</em> der Musik nannte. Auf den Letzten schien er es
-besonders nicht zu haben. Er erzählte mit großem Vergnügen eine
-Historie von Schiller und Kotzebue. Der letzte hatte bei dem großen
-Dichter ein von ihm verfertigtes Trauerspiel, ich glaube den Ubaldo
-einschmuggeln gewollt, und zu diesem Ende vorgegeben, er wünsche
-Schiller das Product eines jungen hoffnungsvollen Dichters, und zwar
-ein Trauerspiel vorzulesen. Schiller hatte eingewilligt, indessen hatte
-Kotzebue noch nicht den ersten Act beendigt, als Schiller nicht mehr
-seine krampfhaften Zuckungen beherrschen gekonnt und ausgerufen habe:
-»Das<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">&nbsp;81&nbsp;</a></span> Trauerspiel mag der Teufel auch von einem jungen Dichter sein,
-das ist das Machwerk eines alten keiffigen Theaterscriblers, der die
-Bühne durch und durch kennt, dem aber Phantasie und Gefühl mangelt.«&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Nachdem ich ein halbes Jahr studirt hatte, wurde ich von meinem
-Landsmann, dem gelehrten St. aufgefordert, ihm zu oponiren. Obgleich
-ich die Collegia nicht sehr fleißig besucht hatte, die rücksichtlich
-meines Fachs auch nur auf Institutionen und Rechtsgeschichte beschränkt
-gewesen waren, so nahm ich doch diese Einladung an. Ich hatte die
-Hamburger Schule frequentirt und sprach ziemlich gewandt Latein. Ich
-instruirte mich nach Collegien-Heften über die Personalservituten
-und ob ein Lehn nur durch <em class="antiqua">dolus</em> oder auch durch <em class="antiqua">culpa</em>
-verloren wird, hatte eine kleine lateinische Anrede formirt, und ging
-dann getrost in die Aula.</p>
-
-<p>Aber wie erschrack ich, als ich nur einen einzigen, Thibaut auf den für
-die Professoren bestimmten Sitze gewahrte. Alle meine Vocativi Pluralis
-waren schon auf meiner Zunge, ich konnte ihnen keine Contreorden
-mehr ertheilen. Ich gab daher den neugierigen Musensöhnen allen
-Professorenrang und hub meine Rede etwa mit diesen Worten an:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">&nbsp;82&nbsp;</a></span></p>
-
-<p><a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a><em class="antiqua">Cum primum abste rogarer ut verbis tecum altercandi munus
-susciperem periculosum, nolui primum iniquum certamen inire, et
-certe haud ausus essem nisi spectata tua amicitia ad hoc conandum me
-impulisset. Tu mihi es amicus et popularis, nil habeo quad vereas.
-Sed dicendum est coram tantis <em class="gesperrt">viris</em>, <em class="gesperrt">quorum</em> magna atque
-divina adeo doctrina, satis superque quam sim audax, mihi demonstrat.
-Detis egitur veniam <em class="gesperrt">viri doctissimi</em> si <em class="gesperrt">aures</em> vestras
-tam <em class="gesperrt">teneras</em> in audiendis dissouis latinae linguae vocibus
-fatigem.</em></p>
-
-<p>Die Disputation ging glücklich zu Ende, ich schloß mit einigen
-Sapphischen Versen, welche mir<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">&nbsp;83&nbsp;</a></span> doch zu schlecht scheinen, um sie
-wieder zu Papier zu geben und ging dann nicht ohne großes Lob meiner
-Commilitonen zu Hause. Selbst Thibaut, der mich auf der Straße sah,
-ging auf mich zu, drückte mir lächelnd die Hand und bemerkte beifällig:
-»Nun das muß ich sagen, für Einen der nichts gelernt hat, haben sie
-ihre Sache vortrefflich gemacht. Indessen bin ich mir doch vorgekommen,
-wie der Schweizer Winkelried, ich der Einzige, habe alle Ihre
-<em class="antiqua">vocativi pluralis</em> hineinschlucken müssen.«</p>
-
-<p>Wie wenig übrigens oft auf den gesunden Menschenverstand der auf
-Universitäten promovirten Doctoren zu geben ist, mag folgende Erzählung
-lehren:</p>
-
-<p>In Heidelberg war ein Doctor <em class="antiqua">juris insigni cum laude</em> promovirt,
-welcher in der Heimath angekommen, sein Diplom als Visitenkarte
-abgab. »Aber Herr Doctor,«, fragte ihn der schlaue und humoristische
-Bürgermeister seines Geburtsortes. »Sie haben doch nichts für ihre
-Promotiva bezahlt?« »Freilich über vierzig Pistolen,« versetzte
-betreten der Doctor. »Aber da steht ja <em class="antiqua">publice defendet</em> in Ihren
-Diplom.« »Freilich das heißt ja, daß ich öffentlich einige Thesen
-vertheidigen werde.«&nbsp;&mdash; »Lieber Freund,« fuhr der Bürgermeister fort,
-»for<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">&nbsp;84&nbsp;</a></span>dern Sie ihr Geld zurück, »<em class="antiqua"><em class="gesperrt">publice</em></em>« heißt ja auf
-Kosten des Staates. Ich will Ihnen funfzig Beispiele aus dem Livius
-zeigen, daß <em class="antiqua"><em class="gesperrt">publice</em> institui jussit</em> nichts anderes
-bedeutet, als: »Er ließ dies oder das auf Kosten des Staats errichten.«
-Verblüfft stand der <em class="antiqua">insignicum laude</em> geschmückte Doctor da und
-wähnte so lange sich um sein Geld gefoppt, bis das Lachen des Alten ihn
-belehrte, daß dieser ihn nur zum Besten gehabt habe.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>»Polizeiliche Maßregeln müssen schnell ausgeführt werden, sonst kommen
-sie gewöhnlich zu spät,« pflegte Thibaut zu sagen, indem er folgende
-Geschichte erzählte: »Als ich vor einigen Jahren einmal das Amt eines
-Prorectors verwaltet, wurde ich in der Nacht von einem Polen, der
-überhaupt damals fast alle Duelle der Studenten verrieth, obgleich er
-ein Senior war, und bei ihnen das höchste Vertrauen genoß, geweckt,
-der mir anzeigte, daß zwei in Heidelberg studirende norddeutsche
-Edelleute sich morgen früh zu duelliren gedächten. Ich ließ den Pedell
-kommen und noch in der Nacht beide auf den andern Morgen um sieben
-Uhr citiren. Sie erschienen, mit herzlicher Wärme stellte ich ihnen
-das Unvernünftige des Zweikampfs vor, und siehe! versöhnt sanken sie
-einander in die Arme, gaben<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">&nbsp;85&nbsp;</a></span> auch freiwillig das sonst als Urpfede
-erpreßte Ehrenwort, sich nicht zu duelliren.</p>
-
-<p>»Ich freute mich nicht wenig über meine Eloquenz und über die
-Empfänglichkeit junger Gemüther für freundliche Belehrung, aber mit
-Schrecken erfuhr ich am andern Tage, daß sich beide Studenten schon
-gestern um 5 Uhr Morgens duellirt hatten.«</p>
-
-<p>Thibaut blieb sich ziemlich gleich in seinen lebhaften geistvollen
-Vortrag. Nur wenn von den Sponsalien die Rede war, schien er jedesmal
-aufgeregter als sonst. Mit großem Lachen erzählte er, daß nach der
-Meinung aller Juristen die Phrase:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»Herzallerliebstes Schatze mein!«</p></div>
-
-<p class="p0">kein bindendes Eheversprechen enthalte, wol aber der Satz:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»Ich will Dich nehmen, die Leute mögen sagen was sie wollen.«</p></div>
-
-<p>Einer seiner Hauptfeinde war der Professor Schömann, welcher in der
-Materie über die <em class="antiqua">culpa</em> eine Abhandlung gegen ihn geschrieben und
-wovon er geäußert hatte, diese solle Thibaut unter die Erde bringen.
-Thibaut citirte diese Abhandlung oft mit einem nicht eben angenehmen
-Lächeln: »Todtschlagsdissertation von Schömann.«</p>
-
-<p>Hospitanten litt er nicht, vor allen keine Zuhörer höheren Alters.
-Ich habe ihn einen ange<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">&nbsp;86&nbsp;</a></span>sehenen Mann, der ihn um die Erlaubniß seine
-Vorlesung zu besuchen um Gotteswillen bitten gesehen daß er ihm seine
-Unbefangenheit nicht total rauben möge.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Auf Göttingen war Thibaut übel zu sprechen. Von einem Professor, der
-sehr viel auf Etiquette hielt, pflegte er zu erzählen, daß dieser einem
-Studenten der ihn nicht in Escarpins besucht, mit den Worten empfangen:
-Mit ihrer Kleidung pflegt man nicht honnette Leute zu besuchen, worauf
-der Studio geantwortet habe: »Das thue ich auch nicht.«</p>
-
-<p>Der Geheimerath <em class="gesperrt">Nägeli</em> war ein geistvoller jovialer Mann. Er ist
-berühmt geworden namentlich als Accoucheur, hat gezeigt und thut es
-noch, daß man ein sehr gelehrter Mann sein kann ohne die herrschenden
-Ansichten über das »<em class="gesperrt">mir</em>« und »<em class="gesperrt">mich</em>« zu theilen. Ich habe
-ihn nur einmal bei Thibaut gesehen und erinnre mich noch einer sehr
-feinen psychologischen Bemerkung, welche er damals zum Besten gab.&nbsp;&mdash;
-»Immer,« sagte er, »wenn ich zu armen Juden gerufen bin, erstaunte ich
-über die Menge des Silbergeschirrs, das in dem Vorzimmer, durch welches
-ich zu der Kammer in welcher das Krankenbett stand, geleitet wurde,
-aufgestellt war. Ich konnte dies anfangs nicht fassen, endlich kam ich
-auf den Grund. Man wollte mich<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">&nbsp;87&nbsp;</a></span> durch die Schätze nur dazu bestimmen,
-mich eben so thätig gegen den Patienten zu beweisen, als ob ich einen
-Rothschild zu behandeln habe.«&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Der Professor <em class="gesperrt">Walch</em> war ein grundgelehrter Mann, dem aber alles
-fremd war was nicht im <em class="antiqua">corpus juris</em> stand. Als er einmal Ebbe
-und Fluth nicht begreifen konnte, verdeutlichte sie ihm einer meiner
-jovialen Freunde durch die juristische Formel: Wenn <em class="antiqua">Cajus</em> kommt
-so geht <em class="antiqua">Sempronius</em>, und wenn <em class="antiqua">Sempronius</em> kommt so geht
-<em class="antiqua">Cajus</em>. Aha nun verstehe ich Sie vollkommen mein Theurer, das
-Beispiel macht mir die Sache klar, versetzte der alte Rechtsgelehrte.</p>
-
-<p>Bei den Forstwissenschaften war ein Graf S. angestellt, der beschuldigt
-wurde, in seine Vorlesungen zuviel von seinen häuslichen Verhältnissen
-zu mischen. Ich habe den alten Herrn nie gesehen, wol aber in einem
-von mir dictirten Heft geblättert wo mir dann die Stelle, als ein
-herrlicher Beitrag für die jetzige Adelszeitung ins Auge fiel:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»Forstmeistern siegeln mit ihren Wappen, Förster mit ihren
-Petschaften.«</p></div>
-
-<p>Der Oberforstrath von Gatterer war ein sehr angenehmer geschwätziger
-Alter.&nbsp;&mdash; Immer habe ich in mir lächeln müssen, wenn er von seinem
-getreuen und klugen Pferde erzählte und dabei fast<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">&nbsp;88&nbsp;</a></span> Thränen der
-Dankbarkeit vergoß. Er war auf demselben Jahre lang durch den Neckar
-Abends zu Hause geritten, als es diesen Weg, trotz aller Ansporung
-zu nehmen verweigert hatte. Während Gatterer sich im Bette schlaflos
-über den Eigensinn seines sonst so folgsamen Rosses geärgert und eine
-strengere Züchtigung desselben für den folgenden Tag beschlossen hatte,
-war der von ihm verkannte Gaul crepirt. Der Oberforstrath meinte,
-dieser Characterzug des Pferdes, seinen Herrn im nahen Vorgefühl
-des Todes nicht dem Ertrinken im Neckar exponiren gewollt zu haben,
-übertreffe noch die rührendsten Beispiele von Hundetreue und anderer
-wohldenkender Vierfüßler.</p>
-
-<p>In Bezug auf mehrere der Professoren sei es mir erlaubt, einige
-geistvolle Mittheilungen eines meiner Universitätsfreunde hieher zu
-setzen welche ich, da ich nie mit fremden Kalbe pflüge in unveränderten
-Gestalt hieher setzen will.</p>
-
-<p class="center mtop1"><em class="gesperrt">Meine Lehrer in Heidelberg</em> 1817 1818.</p>
-
-<p>Ich weiß nicht, was mich zurückhalten will, über meine Lehrer einige
-Worte zu sagen. Es waren lauter tüchtiger Männer, jeder in seiner
-Art und das Ganze was die Einzelnen bildeten ganz geeignet, in der
-Jugend einen wissenschaftlichen Geist zu entzünden. Die abstracte
-Identität wurde ver<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">&nbsp;89&nbsp;</a></span>bannt, Unterschied, Gegensatz und Widerspruch
-machte das Interesse aus und dieses trieb zur regsten Thätigkeit.
-Zunächst war ich an <em class="gesperrt">Creuzer</em> gewiesen, der wie jeder Scholarch,
-denn er dachte gewiß an eine Creuzersche philologische Schule, den
-noch rathlosen Studenten ganz ausschließend in seinen Karren spannen
-wollte. Seine Symbolik machte Furore. Er trug sie mit dem Schein der
-höchsten Begeisterung vor, als wenn er selbst eine Incarnation des
-Wischnu oder Kneph, so nannten ihn auch die Seminaristen, wäre. Mit
-der höchsten Ehrfurcht wurde der nordasiatisch schmutzige Naturdienst
-behandelt und ob er gleich unter der rothhaarigen Perrücke die Augen
-schloß, so wurde er doch gewahr, wenn St. Paul lachte und ermangelte
-nicht eine Abmahnung profaner Auffassung einfließen zu lassen. Es
-benahm der Begeisterung nichts, daß das dritte Wort im Citat aus
-Jablonsky, Zoega, Porphyrius, Sylvester de Sacy etc. etc. war, auch
-nicht daß er in einer Hand die Kreide in der andern den Schwamm in die
-Höhe hob, viel Taback nahm und über die <em class="antiqua">ars poetica</em> sprach. Das
-Komischste war die Überfüllung des Locals, so daß kein Gang zwischen
-ihm und den Subsellien gelassen war, der letzt hereingetretene Zuhörer
-so saß, daß man die Thür nicht mehr öffnen konnte und einer sogar
-seinen Platz im<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">&nbsp;90&nbsp;</a></span> Katheder selber neben den Füßen des Meisters hatte.
-Aus allen Facultäten waren Zuhörer da und ließen sich das confuseste
-Gemisch von Wahrheit und Dichtung (oft schon Dichtung bei den Alten,
-die Creuzer für die Sache selbst nahm) ächt philologischen Wissens
-und der willkürlichsten Etymologie, ohne Plan und Zweck als etwa den,
-alles Höchste und Erleuchtetste des Geistes in der vorgeschichtlichen
-Zeit zu suchen, und das Dasein des Menschengeschlechts ins Unendliche
-der Vergangenheit auszudehnen, die Methode ohne Philosophie, die
-Begeisterung ohne Poesie, und doch beides zur Schau tragen wollend,
-vortragen, verloren sich seine romantischen Reflexionen doch nur in
-trocknen Adversarienkram. <em class="gesperrt">Hegel</em> war gerufen durch Daub, aber
-wir Studenten wurden zu Paulus geschickt und durften noch bei Schwarz
-Exegese hören; der treffliche Sohn des Antisymbolikers <em class="gesperrt">Voß</em>, war
-auch so gut wie verpönt, bei dem man aber die Fülle des Griechischen
-und Lateinischen hätte lernen können, wenn man angeleitet worden wäre,
-es zu benutzen. <em class="gesperrt">Paulus</em> stand damals noch frisch in dem Rufe,
-in dem jetzt Strauß steht, etwa im Bund mit dem Teufel zu sein, der
-Christus versucht hatte; aber er meinte es treu wie dieser, und war
-der freundlichste und wohlwollendste würtembergische Magister. Die
-alten in Halle gebildeten rationalistischen Theologen<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">&nbsp;91&nbsp;</a></span> schickten ihre
-Söhne zu ihm und nicht zu Daub. Ich hörte die Exegese der Evangelien,
-also das Leben Jesu, bei ihm mit dem Vorsatze, sobald er auch nur ein
-Wunder nicht natürlich zu machen wüßte, meinen Glauben an die Wunder
-nicht aufzugeben. Diese Bedingung wurde denn auch bald erfüllt, als
-mir diese und jene Erklärung nicht genügend schien. Überall wurde
-Geist und Poesie ausgetrieben und an ihre Stelle der platte Verstand
-und die nackteste Prosa gesetzt. Der Widerspruch war zu grell, als
-daß er einem mystischen Gemüthe und einer sinnigen Reflexion, deren
-Bedürfniß er gar nicht erfüllte, hätte etwas anhaben können. Dieses
-Denken schien mir von Gott verlassen, trostlos und willkürlich, denn
-Alles was er hatte, selbst die Geschichte, war selbstgemachtes. So
-auch in der Kirchengeschichte, Pentateuch, Jesaias. Das Pabstthum und
-die Hierarchie wurde in allen Zeiten mit dem modernen Maßstab der
-Aufklärung gemessen; die mosaische Verfassung für das klügste Machwerk
-eines ägyptischen Priesterlehrlings ausgelegt. Überhaupt wurde alles
-nur getrieben, um es in seiner Nichtigkeit als Subjectives aufzuzeigen,
-denn Objectives gab es gar nicht, um zuletzt bei dem Subject und seiner
-Sichselbstgleichheit, abstracten Identität, Überzeugungstreue genannt
-stehen zu bleiben, wobei es natürlich auf<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">&nbsp;92&nbsp;</a></span> den Inhalt ankam, der wahr
-oder falsch, gut oder böse sein konnte.&nbsp;&mdash; Wenn <em class="gesperrt">Paulus</em> für
-uns ideenlose und bildungsarme Studenten klar wie Wasser war und die
-Schnitte seines scharfen kritischen Messers zu ihrer Auffassung keiner
-Sonde bedurften, aber auch eben so schnell wieder heilten, so war es
-entgegengesetzt bei dem andern Würtemberger <em class="gesperrt">Hegel</em>, der sich um
-unser Verständniß gar nicht bekümmern konnte, dessen kritisches Messer
-in die Tiefe ging ohne daß wir es fühlten, ja ohne daß wir es ahneten.
-Da war keine Polemik der Personen und Thaten, und die tiefste Polemik
-des Denkens gegen jene schlechten Weisen zu existiren war uns gänzlich
-verhüllt. Wir saßen im Trüben bis zum Schwindel und blieben leer. Nur
-wenige hatten eine Ahnung von dem, was vorging und ließen sich durch
-das Vertrauen zur Vernunft halten. Die Leerheit der zuhörenden Köpfe,
-welche auf der einen Seite hinderlich war, hatte auf der andern den
-Vortheil der <em class="antiqua">tabula rasa</em>, die nun sogleich mit dem rechten
-und gediegensten beschrieben werden konnte, Hegel hatte eine zu
-anspruchlose Persönlichkeit, als daß er sich an besondern Seiten, als
-der seines Vortrages hätte auffassen lassen. Die Synthesis allein in
-ihrer Geläufigkeit veranlaßte, daß er jeden dritten Theil eines Satzes
-oder jeden dritten Satz mit »also« begann,<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">&nbsp;93&nbsp;</a></span> so daß es Hohlköpfe in
-seinem Auditorio gab, welche sich damit unterhielten, bei jeden »also«
-einen Strich zu machen. Diese trugen dann immer ein artiges Sümmchen
-davon, wenn wir andern ganz leer ausgingen. Der Reiz dennoch so lange
-die Nacht auszuhalten bis der Tag anbrach, kann nur die Dämmrung
-gewesen sein, die uns doch vergönnt war zu bemerken; sonst wäre es bei
-dem gleichsam lungenkranken Vortrag, den unbeweglichen hängenden Zügen
-des Gesichts, den matten in sich gekehrten Augen und der einfachen Ruhe
-der Hände nicht möglich gewesen. Die nur des Nutzens wegen hingingen,
-denen es gar nicht dämmerte, gingen auch wieder davon.</p>
-
-<p>Der interessanteste meiner Lehrer war <em class="gesperrt">Carl Daub</em>, ein Kurhesse,
-also Landsmann von Creuzer. Ein Denker, streng und gewandt wie Hegel,
-der eigentlich für Philosophie nach Heidelberg berufen wurde, aber
-sogleich theologische Vorlesungen zu übernehmen durch die Umstände
-genöthigt wurde. Er hatte alle neuere philosophischen Systeme nicht
-nur studirt, sondern eines nach dem andern zu seinem Eigenthum gemacht
-und auf die Theologie angewendet, als Methode deren Wahrheit ihm die
-Theologie war. Bis auf Hegel ist er aus dem reflectirenden Denken nicht
-hinaus gekommen, und mußte<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">&nbsp;94&nbsp;</a></span> darum consequent die Philosophie für das
-Subordinirte jenes Philosophirens über den Inhalt der Religion oder des
-religiösen Bewußtseins, das er Theologie nannte, halten, und heftig
-gegen die Philosophie abwehrend polemisiren. Dies fiel noch in die
-Periode meiner ersten Studienjahre oder auch nur Curse, denn innerhalb
-derselben ließ Hegel seine Encyclopädie drucken, und machte dadurch
-das ganze System überschaulich, wodurch mithin auch die Stelle der
-Religion bestimmt wurde. Daub hatte den Ruf Hegels veranlaßt, trieb
-die Theologen in seinen Hörsaal, und studirte dies System eifrig. Den
-Zufall und das Böse hatte er bisher abstract als die einfache Negation
-festgehalten und in diesem dualistischen Sinne den ersten Theil
-seines Ischarioth drucken lassen. Den verwarf er jetzt zuerst als ein
-schlechtes Buch, und erklärte dem Buchhändler, den zweiten Theil nicht
-schreiben zu wollen. Es bedurfte nur geringe Aufklärung über seine
-Differenz mit Hegel, und er war durchaus versöhnt mit diesem System, in
-dessen Licht nun sein ganzes theologisches Wissen eine andere Gestalt
-gewinnen mußte. In diese trübe Gährung, dieses Ringen und Kämpfen mit
-dem Begriff, fielen nun gerade die Vorlesungen über Dogmatik, die
-ich drei Jahr lang bei ihm hörte, ohne nur den dritten Theil der<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">&nbsp;95&nbsp;</a></span>
-Lehre vom Geiste zu bekommen. Da er das Beste unmittelbar auf dem
-Katheder schuf in der objectiven Stimmung die er mitgebracht und in der
-subjectiven die ihm seine Zuhörer gaben, so waren diese Vorträge das
-interessanteste was man hören konnte. So lange ich sie besuchte fing
-Daub nicht eher an, als bis ich gekommen war, saß, und zum Schreiben
-gerüstet war. Nie vergesse ich die ernste hohe Gestalt dieses Priesters
-der Weisheit, mit den vorstrebenden Augen, das kahle Haupt mit den
-schwarzen Mützchen bedeckt unter dem die dünnen Locken herabwallten,
-wie er das Taschentuch zu knoten anfing und im tiefsten Basse murmelnd:
-meine Herren! seine dialektischen mäandrischen Entwickelungen begann,
-erhoben über alle Endlichkeit des Seins und Denkens, denn es giebt auch
-ein endliches Denken. Der freie Vortrag war demnach so feierlich und
-arbeitend, daß die fertige Feder auch jedes Wort nachschreiben konnte.
-Einer der Zuhörer erwies ihm wohl den Dienst die Vorlesung auch für
-ihn noch einmal abzuschreiben. Große Episoden in derselben waren der
-Darstellung der Kantischen, Schellingischen und Hegelschen Philosophie
-gewidmet. Löste er in der schärfsten Säure der Kritik den Rationalismus
-auf, dann hatte er immer seinen Collegen Paulus vor Augen. Von Hegel
-sprach er damals mit der höch<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">&nbsp;96&nbsp;</a></span>sten Achtung und Bewundrung. Und
-obgleich es außer Hegel gewiß damals keinen tieferen Denker als Daub
-mehr gab, so meinte er doch, wir jungen Schüler Hegels seien in der
-Dialektik gewandter als er, was freilich Ironie oder Irrthum war,
-aber doch Zeugniß gab, wie schwer es auch einem alten geübten Denker
-ankam, Hegels Schriften zu verstehen, von denen es damals nur Logik,
-Phänumenologie, Encyclopädie und Naturrecht gab. Manchmal löste eine
-Stelle aus meinen Hegelschen Heften einen Anstand, über den er nicht
-hinaus konnte. Außer kritischen Arbeiten ließ er nichts mehr drucken
-und lebte nicht mehr lange genug, um auf die gährende Theologie den
-klärenden Einfluß zu haben, den er als Lehrer durch das lebendige
-Wort gehabt hat. Was er sich gewünscht, geschah auch; er begann auf
-dem Katheder zu sterben, und mußte von seinen Schülern weggetragen
-werden.&nbsp;&mdash; Den Hofrath <em class="gesperrt">Langsdorff</em> kannte ich nicht als Lehrer,
-denn er hat zu unserer Zeit nicht mehr gelesen. Als Mathematiker war
-sein Ruf größer als seine Leistungen, die schon verschollen sind.
-<em class="gesperrt">Schweins</em> dagegen hat die Mathematik in einer ansprechenden
-Nimbus zerstreuenden Methode vorgetragen und lebt in einer Schule
-junger Mathematiker fort, mit denen er aber, sobald sie etwas drucken
-lassen, in öffentlichen Streit geräth<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">&nbsp;97&nbsp;</a></span> wegen vermeintlichen Plagiat’s.
-Es ist dies eine Schwachheit von ihm. Er stand in Heidelberg ganz
-allein, und hat sich hungernd herauf gearbeitet. Nach unserer Zeit
-heirathete er hülfsbedürftig seine gesetzte Köchin, und hat noch
-ein Mädchen gezeugt. Seine Kränklichkeit, Halsleiden, machten ihn
-sehr pedantisch, so daß er wohl keine Suppe aß, ohne vorher das
-Thermometer eingetaucht zu haben. Ließen ihn die Schmerzen nicht
-schlafen, so arbeitete er die ganze Nacht und ich hatte im Winter früh
-7 Uhr bei Licht ein Collegium bei ihm, wo ich ihn antraf, als einen
-Übernächtigten. Mit seinen Collegen konnte er sich nie vertragen, desto
-besser machte er den Vater und Rather der jungen Leute unter denen er
-am besten mit den Burschenschaften harmonirte, und sich am liebsten der
-politisch Gravirten annahm. Angehende Schüler hing er immer mit älteren
-oder geübteren zusammen, so mußte ich der Lehrer von 3&ndash;4 sein, während
-zwei Jahren. Ohne einen Anfang in der Mathematik, brachte ich sie in 2
-Jahren vollständig genug bei ihm durch, und in der schwersten Parthie
-gab er mir unentgeldlich Privatissima, die ich auf das fleißigste
-benutzte. Eine Sonderbarkeit in seinem Vortrag war, daß er so viel
-thunlich deutsche Termini gebrauchte. So sagte er: vervielfachen statt
-multipliciren, thei<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">&nbsp;98&nbsp;</a></span>len, messen (schöner Unterschied) statt dividiren,
-&mdash; Verbindungen statt Combinationen; die Trigonometrie heißt bei ihm:
-Kreisfunctionen, die Arithmetik nannte er: Größenlehre, und eine
-wissenschaftliche Begründung derselben: Theorie der Zahlen. Er ist ein
-Franzosenfeind und beweiset, daß ein <em class="antiqua">Lacroix</em> und <em class="antiqua">Laplace</em>
-ihr Bestes von Euler haben, nur hätten sie’s verdorben.</p>
-
-<p>Und noch habe ich des Professors von Jever nicht erwähnt, des als
-Mensch und Gelehrten so ausgezeichneten <em class="gesperrt">Schlosser</em>. Dieser,
-der so gern mit seinen Zuhörern verkehrte, und niemals von ihnen
-gelangweilt wurde, hatte mich besonders angezogen, so daß ich ihm
-seine wunderlichen Vorlesungen vergab. Auffallenderes als diese gab
-es nicht. Er sprach sehr schnell in einem fremdartigen Idiom, und mit
-einer Aussprache der Namen, daß auch die gewöhnlichsten unverständlich
-blieben; nahm einen Anlauf mit einem Satze, fand in der Mitte desselben
-zur Erläuterung eine kleine Abschweifung für nothwendig, begann darum
-einen neuen Satz, in welchem ihn wieder etwas zur Bildung eines neuen
-Satzes verleitete, und brachte so eine Stunde lang keinen Satz zu
-Ende, bald in die Vergangenheit, bald in die Zukunft, bald in die
-gleichzeitige Geschichte sich verlierend. Lehrer und Zuhörer befanden
-sich in einem wirbelnden Gewirre,<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">&nbsp;99&nbsp;</a></span> welches sinnbetäubend war. Bei
-der Gewissenhaftigkeit, mit welcher er übrigens seine Hefte schrieb
-war es kein Wunder, daß er eine ausführliche Weltgeschichte drucken
-lassen konnte, die übrigens eben so wenig ein Kunstwerk wurde, wie
-seine Vorlesung, aber mit ächt historischem Tacte die Data der Quellen
-auffaßt und in Reih und Glied stellt. Feind aller Declamation, jedes
-Nebenzweckes, jeder Willkürlichkeit, alles pragmatischen Geschwätzes,
-welches für alle Zeiten und Nationen nur einen Maßstab fertig hält,
-ist Schlosser doch nichts weniger, als objectiv, und hat für Alles
-seine eigene Meinung, was auf die Wahl des Materials, welches er
-zusammen reihen will, einen entschiedenen Einfluß übt. Er scheut
-die Philosophie, und erfreut sich der Virtuosität des Denkens eines
-Plato’s und Aristoteles, denn diese lassen ihm Spielraum für seine
-christlichen Meinungen, die natürlich auch von dem Inhalte des
-gläubigen Bewußtseins abweichen. Sein edles Gemüth, sein Erglühen für
-alles Gute, Große und Schöne und seine unverhüllte Verachtung und Ekel
-vor allem Schlechten und Gemeinen, sein ächt patriotischer Sinn und
-deutsche Männlichkeit machen ihn Schiller ähnlich; allein über die
-stille That der Häuslichkeit und über das vertrauliche Urtheil und
-die literarische Wirksamkeit geht es bei ihm nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">&nbsp;100&nbsp;</a></span> hinaus, und mit
-weiblicher Weichheit vermeidet er Conflict und Schmerz des Lebens. Er
-versäumt nicht zu jedem Bande seiner Werke eine Vorrede zu schreiben,
-und in dieselbe seine Überzeugung und Selbstbekenntniß niederzulegen,
-die denn an Voß erinnern. In seiner freisinnigen Geschichte des
-achtzehnten Jahrhunderts wird er ein Spittler und Paulus gegen die
-Könige und Fürsten, wie jene gegen die Päbste, und sucht damit in die
-Bewegung der Zeit einzugreifen, die doch eines Heilmittels gegen den
-Königshaß bedurfte. Die Bank der Naturforscher in Heidelberg besetzt
-von Tiedemann, Gmelin, Munke, damals auch Konradi, Schelver und den
-Hofrath und Ritter v. Leonhard, ist ohne Zweifel in dem Empirismus sehr
-tüchtig und nur in dem Puncte sehr bornirt und für die Universität
-als Pflegerin aller Wissenschaften nachtheilig, weil sie die ärgsten
-Feinde der Philosophie sind, die sie freilich nicht kennen, die in
-ihren Köpfen eine nur vorgestellte Existenz hat. Die Schellingianer mit
-denen für diese Leute nun alle Philosophie indentificirt wird, haben
-mit ihren willkürlichen Constructionen einen zu üblen Eindruck auf die
-Naturwissenschaft gemacht, als daß sie nicht alles Denken als etwas die
-Natur meisterndes und verkehrendes sich vorstellen sollten. Auch haben
-sie von Hegel nichts verstanden, als seine<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">&nbsp;101&nbsp;</a></span> großen Ausfällen zu §. 320
-der Encyclopädie und beurtheilen nun darnach die ganze Philosophie, die
-sie in feindseliger Tendenz gegen die Empirie begriffen wähnen. Munke
-wurde von einem Schweizer nur der Taschenspieler genannt, obgleich er
-keine Ähnlichkeit mit Döbler hat, denn es gelingt ihm keines seiner
-Experimente, und im Rechnen ist er auch kein Hexenmeister, da der
-Schweizer sein Exempel im Kopf ausrechnete und vor ihm das Resultat
-hatte, während das seinige falsch wurde. Darin war er aber einem
-Taschenspieler ähnlich, daß er seine Experimente wie Kunststücke
-behandelte, womit man die unkundigen jungen Leute in Erstaunen setzen
-müsse. Die größte Zeit brachte er mit der Einleitung zu, wo er lehrte,
-daß die Naturlehre die Lehre von der Natur sei. Auch Tiedemann
-begann seine Zoologie mit der Etymologie des Wortes Zoologie, dessen
-Theile er griechisch an die Tafel schrieb. Ein wahrer Hexenmeister
-ist <em class="gesperrt">Gmelin</em>, der in einem halben Jahre 6 St. wöchentlich die
-dicken Bände seiner Chemie durcheilte, nichts Wesentliches überging
-und dabei beständig experimentirte. Wir Philosophen wünschten uns
-nur auch eine solche Anatomie, die aber Tiedemann nur für Mediciner,
-also zu breit gab, Leonhards Vortrag über Mineralogie, Vulkane,
-Geognosie ist unterstützt durch seine autoptische Virtu<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">&nbsp;102&nbsp;</a></span>osität im
-Erkennen der Mineralogie, durch eine köstliche, vollständige auch
-krystallographische Sammlung durch Modelle und Abbildungen.&nbsp;&mdash;
-<em class="gesperrt">Schelver</em>, der Magnetiseur, war mehr im magnetischen Rapport mit
-der Geschichte (so nannte er die Entwicklung) der Pflanzen, als stark
-in der Kenntniß einzelner Pflanzen, von denen ihn hin und wieder die
-aus seinem eignen botanischen Garten in Verlegenheit setzten.</p>
-
-<p>Soweit mein norddeutscher verstorbener Freund.</p>
-
-<p>Der Pedell <em class="gesperrt">Krings</em> war ein höchst merkwürdiger Gegensatz seines
-gutmüthigen Collegen <em class="gesperrt">Ritter</em>, der fortwährend an den Don
-Juanschen Gerichtsdiener erinnerte und sein Amt auch bis zu einem recht
-hohen Alter in steter Unbesinnlichkeit verwaltet hat. Krings kannte
-die Studenten durch und durch, ihre Duelle, ihre Liebschaften, ihre
-Väter, ihre etwaigen Erblasser, und heimlich zusteckenden Oheime und
-Großmütter, so wie ihre Kenntnisse. Er verlieh viel Geld, nahm zwar
-eine ziemliche Provision, aber mäßige Zinsen, im Gegensatz zu dem
-Wucherer M. am Markte, der sich kaum mit zwanzig Procent begnügte und
-sich dabei das Ehrenwort zur Hypothek setzen ließ.</p>
-
-<p>»Ich werde,« pflegte Krings z. B. von Diesem oder Jenem zu sagen,
-»vielleicht erst mein Geld in acht Jahren bekommen. Dann wird Herr v.
-F. mehrere gute Examina gemacht haben und durch<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">&nbsp;103&nbsp;</a></span> eine gute Anstellung
-in den Stand gesetzt sein, mir Alles mit Zinsen zu vergüten. Herr R.
-wird wol nicht sein Examen machen, aber den halten die Frauenzimmer
-über Wasser, Herr L. hat viel zu viel Verstand, um nicht einmal sein
-rüdes Leben aufzugeben und dann noch Kopf und Kraft genug, allen seinen
-Landsleuten im Lernen und Wissen zu vorzu kommen.« Von dem reichen
-unglücklichen v. W. sagte er schon damals die später über ihn verhängte
-Kuratel voraus. Ich werde mich im Himmel danach sofort erkundigen,
-was er von mir gesagt, wenn er sich darüber gegen keiner meiner
-damaligen Freunde ausgesprochen hat, der es mir vor meiner Sterbestunde
-offenbart.&nbsp;&mdash; Damals scheute ich mich vor seiner Prädestinationsgabe.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Wenn Krings ein Duell witterte, so war er redlich bemüht, dasselbe zu
-vereiteln. Seine körperlichen Anstrengungen, um einen Zweikampf auf
-Pistolen bei Neckarsteinnach zu vereiteln, der aber doch später bei
-Speier vollzogen wurde, und ein dadurch sich fixirender Rheumatismus
-der sich später auf seine Lungen warf, sind die frühen Ursachen seines
-Todes geworden. Indessen war die Confiscation der Schläger zu seinem
-Benefiz auch sehr ermunternd für seine Menschenrettung. Es war oft
-sehr komisch,<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">&nbsp;104&nbsp;</a></span> wenn man einen Paukanten in voller Rüstung mit farbiger
-Binde, den Schläger in der Hand, bergauf in den Odenwald hinein vor dem
-ihm nachsetzenden Pedell wie einen Neger vor einem Bluthund fliehen
-sah.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Bei einer Gelegenheit, wo er nur ein Duell vermuthete, aber sonst
-keine Indicien hatte, war er klug genug, von dreien, zur Hirschgasse
-wandelnden Musensöhnen den Mittelsten heraus zu nehmen und ihn auf
-gut Glück als den einen der Kämpfer in dem bevorstehenden Duell
-zu <em class="gesperrt">arretiren</em> oder besser gesagt, zum <em class="gesperrt">Prorector</em> zu
-<em class="gesperrt">entbieten</em>. Krings hatte sich nicht geirrt. Ich dachte es mir
-gleich, sagte der große Psychologe, daß der Paukant in der Mitte gehe.
-Es liegt in der menschlichen Natur, daß die feurige Einbildungskraft
-der Herren Studenten einen Duellanten wie einen Abreisenden betrachtet.
-&mdash;</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">&nbsp;105&nbsp;</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="untertitel">Der Lieutenant J. Die Familie Ditteney. Die Tänzer auf der
-Hirschgasse. Die blonde Lisette. Die Bäcker- und Schmiedetöchter.
-Fränzchen. Selmy. Eine Weinlese in Heidelberg. Die Eberbächer,
-Säckbrenner und Kukuksfresser. Adam. Müller. Drais.</p>
-
-<p>Nicht ohne Frösteln denke ich an ein unheimliches Nachtstück unter den
-Heidelbergern Philistern, an den pensionirten Lieutnant J., welcher
-zuweilen, aber immer nur in der Mitternachtsstunde in unsern frohen
-Cirkel trat. Von athletischer Gestalt, mit einem durchschneidenden
-Blick, stets begleitet von einem ungeheuren Wolfshund und im halben
-Rausch, erschien er mir allezeit immer wie ein böser Dämon. In Spanien
-war ihm sein rechter Arm schwer verwundet und endlich amputirt. Er
-hatte dann das abgelös’te Glied nochmals geküßt und<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">&nbsp;106&nbsp;</a></span> ausgerufen:
-»Du bist eine brave Pfote, Du hast manchen Pfaffen erwürgt.« Auf
-seinem Leibe trug J. einen Strick, von dem er behauptete, daß er
-ein und zwanzig Spanische Pfaffen damit aufgeknüpft habe. Soldaten,
-welche unter ihm gedient hatten, bestätigten auf meine Anfrage die
-vollkommene Wahrheit der Anfuhr.&nbsp;&mdash; Wenn J. auf die Hirschgasse kam, wo
-ein gewaltiger Kettenhund lag, brachte er jedesmal einen nach seinem
-Dafürhalten stärkern Hund mit, und foderte den Sohn meines Wirthes auf,
-den großen »Türk« mit seiner Bestie kämpfen zu lassen. Das geschah denn
-gewöhnlich, aber Türk blieb fortwährend Sieger und J. zog jedesmal
-zähneknirschend und fluchend mit seinem halb todt gebissenen Vierfüßler
-von dannen, um ein noch kräftigeres Thier aufzusuchen. Es ist ihm, wie
-ich höre, späterhin auch gelungen, den armen Türk besiegen zu lassen.
-Wenn Alexanders Dumas und vornämlich Victor Hugo den J. gekannt hätten,
-er wäre ihnen eine vortreffliche Studie geworden. Vielleicht ist J. der
-Vorläufer des Hugoschen <em class="antiqua">Johann von Island</em>, jener Ausgeburt der
-Phantasie, welche Entsetzen erregend documentirt, auf welcher tiefen
-Stufe sich die am höchsten gestellten Französischen Dichter befinden.</p>
-
-<p>Fast jeden Abend, bevor J. uns verließ, nach<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">&nbsp;107&nbsp;</a></span>dem er von Mord, Blut
-und Feuersbrunst erzählt, und unsere Träume gewissermaßen ausgesäet
-hatte, zog er ein Messer aus der Brusttasche, besah es und rief: »Dein
-Maaß ist halt noch nicht voll.« Wir erfuhren, daß J. damit schon in
-seiner zarten Jugend, nach einem Wortstreit fast von seinem Bruder
-erstochen sei. Dieser habe nach überstandener Strafe das Instrument zu
-sich genommen, übrigens vor einigen Jahren als seine Eltern nicht in
-die Verbindung mit einem etwas verrufenen Frauenzimmer haben willigen
-gewollt, sich in Gegenwart seiner ganzen Familie, mit demselben Messer,
-das der Überlebende auf dem Herzen trug, erstochen.</p>
-
-<p>Aber wie komme ich zu so gräßlichen Schilderungen, die meiner Natur
-fremd sind.&nbsp;&mdash; Ich sehe mich im Zimmer umher, da fällt mir der Kalender
-in das Auge, es ist heute Schalttag, der 29. Febr.&nbsp;&mdash; Nun ist Alles
-klar.</p>
-
-<p>Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, Heidelberg schon Michaelis 1818
-zu verlassen. Indessen verzögerte sich dieses Ereigniß bis Ausgangs
-Januar 1819 und hatte ich in dieser Zeit die Hirschgasse bezogen.
-Mein Wirth der alte Ditteney war nach meiner Wissenschaft von ihm,
-ein braver aber auch finsterer Mann von vielen Erfahrungen, an den
-alle Ereignisse des Lebens, nur nicht das Glück sich<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">&nbsp;108&nbsp;</a></span> versucht hatten.
-Er erzählte gern von den Kriegszügen, welche so oft sein Eigenthum
-verheert und beschädigt, von Schinderhannes, der auch bei Heidelberg
-mit einer Bande sein Unwesen getrieben und ihm nach dem Leben
-gestanden, weil Ditteney ein Depot gestohlener Waaren, das über seinem
-Hause auf der Engelwiese eingegraben war, gefunden und der Polizei
-verrathen hatte. Er hatte einen ganzen Winter hindurch wegen mehrerer
-in das Haus gefallener Schüsse sich so setzen gemußt, das man nicht
-von außen auf ihn zielen gekonnt hätte. Eine Base von Überrhein, wo
-das ganz ähnliche Bild des Räubers in jedem Hause zur Warnung hing,
-hatte den Schinderhannes eines Tages während seiner Anwesenheit in der
-Hirschgasse erkannt, und den Vettern veranlaßt, sich einige Nachbarn
-zum Schutz herbeiholen zu lassen.</p>
-
-<p>Wenn die Familie Ditteney am Abend dem erzählenden Vater, oder dem
-Sohne, einen Metzger, der in Östreich condicionirt hatte, zuhorchte,
-schnitten die rüstigen Söhne Faßbänder in der Hoffnung einer
-glücklichen Weinlese. Dazwischen ertönten die schnurrenden Spinnräder
-der Hausfrau, Töchter und der beiden Dienstmädchen, von denen das
-eine die goldgelockte wunderschöne Maria E r. aus dem benachbarten
-Odenwalde mit ihrer silberhellen Stimme<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">&nbsp;109&nbsp;</a></span> begleitete. Nie vergesse ich
-den Eindruck, welchen eine Ballade, (im Sinne des Pfarrers Tochter zu
-Taubenhain) mit den langsam gezogenen Refrain, in mir erweckte:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Und als er ein Stück gereiset war,</div>
- <div class="verse">Sieht er sechs Gräber graben.</div>
- <div class="verse">Wiederum dum da, wiederum dum da,</div>
- <div class="verse">Sieht er sechs Gräber graben,</div>
- <div class="verse">Ach liebste liebste Gräber mein</div>
- <div class="verse">Was grabt Ihr da für’n Grabe,</div>
- <div class="verse">Wiederum u. s. w.</div>
- <div class="verse">Was grabt Ihr da für’n Grabe.</div>
- <div class="verse">Das graben wir für Seine Braut,</div>
- <div class="verse">Die ist diese Nacht gestorben.</div>
- <div class="verse">Wiederum u. s. w.</div>
- <div class="verse">Die ist diese Nacht gestorben.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Während dieser Zeit brannte der älteste Sohn Joseph, der kräftigste
-Mann, den ich in meinem Leben gesehen habe, den sogenannten
-Quetschen- (Zwetschen-) Branntwein in einem nahe gelegenen Stalle.
-Diese Arbeit verrichtete er, es klingt unglaublich, den ganzen
-Winter hindurch von Abends eilf bis Morgens sechs Uhr und ging dann
-wieder, ohne der Ruhe zu pflegen, an seine Arbeit. Nur die Nacht auf
-den Sonntag und zwei Stunde Schlummer im Lehnstuhl am Abend gönnte
-sich der<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">&nbsp;110&nbsp;</a></span> fleißige Haussohn. Das geht noch über die Vigilanz des
-Oldenburgischen Schauspiel-Directors Gerber, der bekanntlich sich nur
-drei von vier und zwanzig Stunden Ruhe gönnt.</p>
-
-<p>Der alte Ditteney besaß das Geheimniß, fließendes Blut zu besprechen.
-Joseph hatte eine große Narbe auf dem Fuß und behauptete, der Hieb
-eines Beiles habe einst alle Adern zerschnitten. Auf den Zauberspruch
-seines Vaters sei der Lauf des Bluts indessen plötzlich gehemmt,
-dasselbe Experiment habe er übrigens mit gar vielen Leuten gemacht. Ich
-lachte, wie begreiflich über diese Thorheiten an die ich noch nicht
-glaube.&nbsp;&mdash; Aber das kann ich bezeugen, daß als die alte achtzigjährige
-Tante Philippine einst in der Abendsoirée vom Stuhl und sich ein Loch
-in den Kopf fiel, der alte Ditteney aber auf den Zuruf: »Vetter still
-er mir das Blut, er kann es ja,« herbei eilte, bei der Berührung des
-Zauberers die Blutströmung aufhielt und sich der letzte Tropfen mit den
-Haaren vercopulirte. Mich wollte er die Zauberformel nicht lehren, da
-er behauptete, ich müßte sie von einem Frauenzimmer erlernen, und den
-Umweg des Unterrichts durch seine Töchter nicht gestatten.</p>
-
-<p>Nach sechszehn Jahren sah ich die Familie Ditteney wieder. Das Glück
-hatte sie damals noch<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">&nbsp;111&nbsp;</a></span> mehr verlassen, als während meiner Burschenzeit.
-Der Alte fiel mir um den Hals und schien vor Freude närrisch zu werden,
-die Mutter war zum Kretin geworden. Der Schlag hatte sie gerührt,
-ihre Tochter Babette hatte sie so eben, wie ein Stück Bettzeug in die
-Sonne gelegt, welche Alles, nur nicht die Empfindungslose ruhig vor
-sich Hinstarrende, belebte.&nbsp;&mdash; Und doch passirte bei meinem Anblick
-das Unglaubliche, daß die seit drei Jahren total Stumme, auf meine
-Anrede, mich mit den gespenstigsten Augen, welche ich je, sei es im
-Leben oder auf einem Bilde gesehen, anstarrte, meinen Namen wenn gleich
-schwer, doch deutlich aussprach,&nbsp;&mdash; dann aber mit grinsenden Lächeln
-wieder in ihren Stumpfsinn versank, aus der sie erst vor zwei Jahren
-der Todesengel erlöst hat.&nbsp;&mdash;Der alte Papa Ditteney ist ihr schon
-mehrere Jahre vorangeeilt, Joseph noch Besitzer der Hirschgasse, Vater
-vieler Kinder und durch die Abfindung seiner zahlreichen Geschwister
-nicht in den besten finanziellen Umständen. Mein Anerbieten, eine
-öffentliche Auffoderung zu seiner Unterstützung an unsere reichen
-Universitätsfreunde ergehen zu lassen, von denen man doch nicht
-annehmen könne, daß alle ihre Herzen verknöchert und dem Teufel
-verfallen seien, lehnte er bestimmt ab. »Ich habe schon alschfort
-Zutraue zu meine<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">&nbsp;112&nbsp;</a></span> Herre, wo fort seye, aber ich will lieber verhungern,
-als des mer sagen soll, der Joseph Ditteney habe bei seine alte Herre
-gebettelt.«</p>
-
-<p>Außer den städtischen Cassinos, auf welchen es im Durchschnitt ziemlich
-langweilig zuging, wurde am Sonntag gewöhnlich vor allen Thoren
-getanzt, auf der Hirschgasse drehte sich aber der Burschenschaftler, in
-Neuenheim der Corpsbursche in dem damals beliebten Cotillon, zu welchem
-bei uns Babette Ditteney den zaghaften schwindeligen Fuchs einzutanzen
-pflegte. Kam ein Student von einer andern Parthei in das Tanzrevier des
-Andern, so hatte das gewöhnlich eine Herausfoderung zur Folge, es wurde
-wie man zu sagen pflegte, <em class="gesperrt">contrahirt</em>. Der Bruch zwischen den
-Burschen aber wirkte begreiflicher Weise auch auf die Priesterinnen der
-Terpsichore. Wenn die Heidelberger Mädel Sonntags über die Neckarbrücke
-zogen, da ertönte es am Ende vor der sogenannten <em class="antiqua">Clarina</em>:
-»Kattel, kumm mit, wie machst Du mit de wüste Kurländer tanze?« Ei
-was frage ich darnach, sakramentsche, sodiramentische Altdeutsche,
-entgegnete die landsmanschaftlich Gesinnte, und Heidelbergs Töchter
-gingen jede nach ihrer Überzeugung, bald links, bald rechts. Nur die
-blonde dicke Lisette war neutraler, speculativer Natur, sie vereinigte
-Realität mit Begriff.<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">&nbsp;113&nbsp;</a></span> Sie ging bald zur Hirschgasse bald nach
-Neuenheim, nur nicht dorthin, wo nicht getanzt wurde.&nbsp;&mdash; »Ich tanze
-mit alle Herre Juriste mit alle Herre wo brav sein,« war ihr neutraler
-Ausspruch.</p>
-
-<p>Nie, nie hätte ich mir gedacht, daß die blonde ruhige Lisette, je
-eines so hochfahrenden Selbstmordes fähig geworden wäre. Und doch
-ist es wahr, daß sie von demselben Thurme, von dem ihr Geliebter,
-ein Schieferdecker, durch einen Zufall sich den Tod gegeben,&nbsp;&mdash;
-aus Verzweiflung hierüber, ihr mit Kummergedanken erfülltes Gehirn
-zerschellt hat.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Zu den Sonntagstänzen fand sich wie in Gräfenberg, wo Fürsten und
-Handschuhmachergesellen, kirchhofsmäßig gesellt mit einander diniren,
-außer den Studenten, Alles ein, was tanzen wollte, Bürgersöhne und
-Handwerksgesellen, Bürgertöchter und Dienstmädchen. Um die Gesellschaft
-ein wenig aristocratischer zu machen, recitificirten die beiden G.&mdash;
-(v. B. der bekannte Pharaobanquier und der Besieger der Kurländer) und
-ich diesen Tanzbesuch an einem Wochentage dahin, daß nur Bürgertöchter
-und Studenten zugelassen wurden, an welche das billige Verlangen
-gestellt wurde, <em class="gesperrt">ohne Hunde</em>, ohne <em class="gesperrt">brennende Pfeife</em> und
-wenn derselbe kein <em class="antiqua">alibo</em> behaupte, auch im <em class="gesperrt">Frack</em> zu
-erscheinen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">&nbsp;114&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Diese ungeheure Reform war nicht ohne bedeutende Folgen.&nbsp;&mdash; Jetzt
-fingen die Bürgertöchter an wieder Subdivisionen zu machen, denn
-die Schmiede- und Bäckertöchter, ob durch den Reichthum der Eltern,
-was wenigstens bei dem Reichthum der Letztern begreiflich war, da
-diese alle zugleich Weinhandel trieben, oder durch sonst einen mir
-unbekannten Umstand, alliirt, erklärten sich für die einzigen Cassino
-fähigen Damen, welche nur ausnahmsweise andern Handwerkstöchtern
-dann und wann ein Eingeladenwerden zugestehen wollten. Und kann man
-sich es denken? die Bäcker- und Schmiedetöchter standen oft geputzt
-in ihrer Kammer und harrten der Botschaft ihrer von der Hirschgasse
-zurückkehrenden Dienstmädchen, welche erst durch das Saalfenster
-hatten gucken und sich überzeugen müssen, ob auch eine Schneider- oder
-gar Schustertochter auf das neue Cassino gegangen sei. Erfuhren sie
-das, so legten sie lieber weinend ihren Ballstaat ab, als daß sie in
-die Schand’ und Bosheit gewilligt hätten, mit den Pariatöchtern des
-Handwerksstandes zu tanzen.&nbsp;&mdash; Damals schüttelte ich ärgerlich den Kopf
-über solche Standesvorurtheile, durch das Leben bin ich freilich anders
-belehrt. Ich habe gelernt, daß es nur gar wenige hochherzige Menschen
-giebt, welche aus der Sphäre ihrer indi<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">&nbsp;115&nbsp;</a></span>viduellen Aristokratie sich
-erheben können, daß dies gescheute Leute sind, welche aus Anerkennung
-fremden Verdienstes, vor jeder Selbstüberhebung zurückbeben und dabei
-vor Liebe nicht hassen und verachten können.&nbsp;&mdash; Ist es mir doch später
-einmal mit meinem eignen Stiefelwichser passirt, das er mir von seiner
-durch Trunksucht getödteten Frau erzählte und hinzusetzte: »Ich kann
-nicht begreifen, wie meine Frau so sehr an den Trunk gekommen ist.
-Sie ist von zu angesehener Familie. Ihr Großvater war der erste und
-einzigste Stiefelwichser seiner Zeit, der vier und dreißig Herren zu
-bedienen hatte.«</p>
-
-<p>Heidelberg hatte gegen die Regel der Universitäten, wonach die Mädchen
-häufig nur zu frühe verblühen, viele hübsche Mädchen<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>, welche
-übrigens die Vergänglichkeit der Studentenliebe wohl zu würdigen wußten
-und die zu heftigen Galanterien mit den Worten abzuweisen pflegten:
-»Ach des wissen wir schon, von denn Herrn Juriste nimmt unter zehen
-einer des Mädchen nit, wann er ihr die Eh’ auch versprochen hat.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">&nbsp;116&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Ich hatte das Unglück in der Kettengasse zu wohnen, in welcher damals
-die beiden ersten Schönheiten des Stadtcassinos <em class="antiqua">vis a vis</em>
-residirten. Ich habe dermalen viel von Ständchen gelitten, wovon eins
-das andere mit Flötentönen und Gesang gebracht wurde. Oft rief ich
-ihm des Schlesiers D. auf mich gerichteten Witz zu: »Wenn du singst
-klingt es schön, wenn du aufhörst noch besser,« es giebt nichts
-unverbesserlicheres als einen verliebten Studenten.</p>
-
-<p>Das rosige kindliche <em class="gesperrt">Fränzchen</em>, die Jugendliebe meines
-theuersten Freundes St., hat den Lohn ausdauernder Treue gegeben und
-empfangen. Die himmlische Seligkeit der Erde war für sie zu groß.
-Die treue Gattin hat nach wenigen Jahren der reinsten ehelichen
-gegenseitigen Zärtlichkeit das Irdische gesegnet, nachdem sie ihm einen
-Sohn geboren, der mein lieber Pathe geworden ist.</p>
-
-<p>Die anmuthige veilchengleiche S. R. ist an einen angesehenen Badischen
-Beamten verheirathet. Ich bin mehre Male Zeuge ihres häuslichen Glückes
-gewesen und habe über die Natur lächeln müssen, wie diese bemüht ist,
-die Züge der lieblichen Mutter trotz aller Variation in den Gesichtern
-der blühenden Kinder zu reproduciren.</p>
-
-<p>Es mag mir hier vergönnt sein, eine kleine Episode einzuschalten, die
-vielleicht meinen Lesern<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">&nbsp;117&nbsp;</a></span> bereits zu Gesichte gekommen, da sie aus
-einer frühern Erzählung genommen und von den literarischen Raubblättern
-mit Telegraphenschnelle verbreitet ist. Sie gehört aber zum Ganzen
-und glaube ich doch auch mehr Recht als ein Anderer zu haben, meine
-eignen emancipirten Kinder in meinem neu erbauten Hause meinen Gästen
-vorzustellen.</p>
-
-<p>Als ich vor etwa sieben Jahren Heidelberg zum ersten Male wiedergesehn,
-besuchte ich den Wolfsbrunnen, das Schloß und den heiligen Berg; ich
-fand die schöne Natur unverändert und warf mich voll süßer Erinnerung
-an ihren unsichtbaren Busen. Auf der Schloßterrasse stiegen mir Eure
-Bilder, Du trefflicher Ammon, Du Bruderpaar Papa, Du, in Griechenland
-gefallener unglücklicher Ditmar, Du ewig gleicher Knobel, vor meiner
-Seele auf. Die Zeit hat unsere Körper getrennt, manche hat sogar der
-unerbittliche Tod geraubt, aber mit unsterblicher Flammenschrift
-strahlt ihr in dem vielleicht auch bald unter der Lebenslast brechenden
-Herzen. Wie wenig ist von unsern Träumen wahr geworden!!! Da fielst
-auch Du mir ein, süße <em class="gesperrt">Selmy</em>! Du schönes Mädchen aus N., Du meine
-erste meine schüchterne Liebe, die Du im väterlichen Posthause, unter
-den vielen schönen Worten, die aus den Lippen der Musensöhne zu Deinen
-Ohren<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">&nbsp;118&nbsp;</a></span> flutheten, wohl mein Herzenspochen überhört hast, aber mich
-doch, um meiner Bescheidenheit willen, den wilderen Gesellen vorzogst.
-Du warst damals schon Braut und konntest daher auf mich wirken wie
-eine Heilige. Ach! wärest Du in der Nähe, ich würde zu Dir eilen und
-Dich an die frohen Abende erinnern, die wir kurz vor der Abreise in
-Deinem väterlichen Hause zubrachten. Nie war ich so zufrieden mit
-meinen Versen, als wenn Deine Rosenlippen ihnen Beifall lächelten. Doch
-Du bist in der Schweiz, eine glückliche Hausfrau, die Gattin eines
-hoffentlich Deiner würdigen Mannes, die Mutter blühender Kinder. So
-weit geht mein Ziel nicht; meine Verse trogen, wenn ich Dir versprach,
-einst auf einer Schweizerreise an Deiner Pforte anzuklopfen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Noch immer mich im Geiste auf dem Schloßberge wähnend, saß ich schon
-vor dem zweiten Gericht an der Abendtafel des Herrn Holwerth, als mich
-bei dem leise mir entquollenen Ausruf: »Selmy!« ein alter Süddeutscher
-Universitätsbekannter mit der Bemerkung aus meinen Träumen weckte:
-»Aha! Sie meinen die schöne Selmy aus N.? Nun die ist zu haben. Nach
-einer unglücklichen Ehe, die endlich der Tod ihres seit sechs Jahren
-vor seinem Ende schrecklich wahnsinnigen Mannes beschloß, ist<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">&nbsp;119&nbsp;</a></span> sie
-zurückgekehrt nach N., lebt dort still und eingezogen, aber entstellt
-durch Kummer und Noth keinem ihrer früheren Bekannten mehr kenntlich.«
-&mdash;</p>
-
-<p>Ein heftiges Feuer durchbebte mein Inneres bei diesen Worten. Die
-träge Nacht schwand mir in süßen Wachen und in kurzen noch süßeren
-Träumen. Hormuths Schimmel hatten bald ihre Aufgabe gelös’t, und die
-zehnte Stunde des folgenden Tages führte mich an den Ort, wo mein
-Herz beim Gedanken an das Wiedersehen so süß erbebte. Ich verlangte
-kein jugendliches Wesen, nur die Seele, wenn ich mich so ausdrücken
-darf, meiner liebenswürdigen heitern Selmy wieder zu sehen. Nur ihr
-freundlicher Blick war es, der meinen Geiste vorlächelte.</p>
-
-<p>»Wohnt hier die Räthin N. N.?« fragte ich eine übelgestaltete Magd,
-die mit grinsendem Lächeln die Thür mit den Worten öffnete, die Frau
-Räthin sey drinnen. Hastig folgte ich dem dürren Zeigefinger, aber
-nicht ohne Schmerz und Erstaunen trat ich zurück, als ich in der mir
-gezeigten Dame ein altes Mütterchen erblickte, an der nur noch die,
-selbst im Erlöschen noch strahlenden Augensterne an meine geliebte
-Selmy mich erinnerten. Und sie schien mich nicht einmal zu erkennen.
-»Sind Sie Selmy?« fragte ich, ihre Hand ergreifend. Sie aber verneigte
-sich bejahend, mich fremd, fast mit<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">&nbsp;120&nbsp;</a></span> Opheliablicken betrachtend.
-»Kennen Sie mich nicht mehr?« fragte ich fast ängstlich; »denken Sie
-sich einmal um siebenzehn Jahre zurück.«&nbsp;&mdash; »Sie haben vielleicht
-dermalen in Heidelberg studirt,« fuhr die Gefragte fort, »allein ich
-entsinne mich Ihrer nicht mehr.«&nbsp;&mdash; »Besinnen Sie sich einmal, ich
-bin ein Holsteiner,« fragte ich mit steigender Unruhe.&nbsp;&mdash; »Heißen Sie
-von Ahlefeldt?« - »Nein, das nicht.« Da fiel mir Geängstigtem Selmy’s
-Stammblatt ein, das ich seit sechszehn Jahren in meiner Brieftasche
-trug. Zitternd überreichte ich es, wie ein Jude einen Wechsel, dessen
-Abläugnung er fürchtet, »Haben Sie das geschrieben?«&nbsp;&mdash; »Ja!« versetzte
-die Frau mit starren Blicken, dann aber setzte sie bewegt hinzu: »Ach
-Sie haben gewiß viel von mir gehalten in der Zeit meiner Jugend und
-meines Glücks; ich habe durch entsetzliche Leiden alle meine Erinnerung
-daran verloren; diese beginnt erst in dem Momente, da der Priester
-meine Hand in die meines Mannes legte. Haben Sie mich darum nur lieb,
-wenn Sie es je gehabt haben; der schwere Schleier, der auf meinem
-Gedächtnisse ruht, wird dereinst schon fallen, und ich werde Sie
-erkennen.«&nbsp;&mdash; »Selmy!« rief ich und nannte ihr meinen Namen, »kennen
-Sie mich noch nicht? Sie müssen ein Stammblatt von mir besitzen.«&nbsp;&mdash;
-»Nein,« ent<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">&nbsp;121&nbsp;</a></span>gegnete sie, »Ihr Name ist mir nicht erinnerlich, allein
-ich besaß ein Blatt, daß mein Mann in einem Anfall von Wahnsinn zerriß;
-ich barg nur noch einige Reihen, Sie lauten:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Klopf ich an deine Pforte an,</div>
- <div class="verse">Einst im Verlauf des Lebens,</div>
- <div class="verse">So sei es nicht vergebens.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Das war mir zu viel. Thränen entstürzten meinen Augen; ich enteilte
-dem Hause. Vergebens bat mich Selmy zu bleiben oder wieder zu kommen.
-Nicht ohne feuchten Blick rief sie: »Ich will mich besinnen auf Sie,
-seien Sie nicht böse!« Schweigend eilte ich ins Wirthshaus, ließ meinen
-Kutscher anspannen und mit den Worten, welche ich mir oft wiederholte:
-»Die Menschheit vergißt innerhalb fünf Minuten Freundschaft und Liebe
-und will unsterblich sein!« warf ich mich in den Wagen, der meine Laune
-sehr verändert, mich nach Heidelberg zurücktrug.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich habe nur eine Weinlese in Heidelberg und zwar im Jahre 1818
-erlebt. Die Freude in der Pfalz und am ganzen Rhein war ungemein.
-Die Trauben wurden unter Gesang und Jubel geschnitten, jedem Fremden
-davon gereicht, derselbe aber, wenn er alle Beeren pflückte und
-nicht mindestens nach altem Herkommen drei am Stiel gelassen<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">&nbsp;122&nbsp;</a></span> hatte,
-wenn er denselben wegwarf, von den Winzerinnen mit einer hölzernen
-Pritsche unter dem lauten Zuruf »<em class="gesperrt">Herbschthau</em>« gepritscht,
-und mußte sich durch ein Geschenk der ferneren Strafe entziehen.
-&mdash; Bald wurde der Übermuth in den Weinbergen allgemein, und da
-hatten die armen Schiffer, größtentheils Bewohner des Städtchens
-<em class="gesperrt">Eberbach</em>, welche auf dem trägen Neckar sich langsam in den
-Kähnen fortbewegten, es am Schlimmsten, da sie stets von den lustigen
-Weinbergleuten mit den Spottnamen: »<em class="gesperrt">Eberbächer Kukuksfresser</em>,«
-»<em class="gesperrt">Eberbächer Säckbrenner</em>!« u. dgl. beehrt wurden. Zur Erklärung
-dieser Spitzworte muß ich bemerken, daß <em class="gesperrt">Eberbach</em> ungefähr den
-Rang von <em class="gesperrt">Schöppenstedt</em>, <em class="gesperrt">Schilda</em>, <em class="gesperrt">Krähwinkel</em> und
-<em class="gesperrt">Buxtehude</em> hat und daß von seinem Magistrate erzählt wird, daß er
-einmal bei einem Spaßvogel, welcher ihm ein Gastgebot gegeben, im guten
-Glauben einen Kukuk für eine Schnepfe verspeist habe. Auch soll er bei
-einer andren Gelegenheit eine Menge neuer Rathssäcke zeichnen gewollt,
-sich dabei aber eines annoch zu glühenden Eisens bedient und so alle
-Säcke durchbrannt haben.</p>
-
-<p class="mbot2">Sehr wenige ruhige Odenwäldische Schiffer fuhren wohl vorbei
-und thaten, als ob sie ihre Schande und das Gekicher der jungen
-Winzerinnen<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">&nbsp;123&nbsp;</a></span> nicht hörten, allein wir sind alle Menschen, die nur
-bis zu einem gewissen Grade zu reizen sind. Machte Windstille und
-das plauderhafte Echo von der andern Seite zu sehr Compagnie mit den
-Spöttern; so hielten die Schiffer an, formirten wie die Franzosen
-heutigen Tages eine <em class="antiqua">colonne mobile</em>, erstürmten die Weinberge,
-wo sie sich entweder noch Schläge überher oder, wenn die großmäuligen
-Winzer wegen zu kleiner Anzahl geflohen waren, gezwungen erpreßte Küsse
-und Weintrauben holten.</p>
-
-<p>Sobald der Wein in Gährung gekommen ist, etwa nach einem halben Jahre,
-wird er trinkbar und unter den Namen »<em class="gesperrt">ä Schoppe neie</em>« gefordert.
-Er sieht dann aus als ob Kupfer in ihm aufgelös’t sei, ist sehr
-berauschend, scharf und bildet ein Mittelding von Wein und Schnapps.
-&mdash; Er war bei den rechten Trinkern ungemein beliebt und besonders nach
-oft fehlgeschlagenen Weinlesen sehr gesucht. Daher war es auch ganz
-erklärlich, daß kurz vor der Erndte einmal die Ziegelhäuser auf der
-Hirschgasse überlegten, wer sich in den nächsten neuen Wein wohl todt
-saufen würde. Gieb Acht Herr Special! den verwirgt der neie Wein hieß
-es dann von dem Einen wie von dem Andern, wogegen denn zuweilen etwa
-das Bedenken gemacht<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">&nbsp;124&nbsp;</a></span> wurde:&nbsp;&mdash; »Eine Herbscht hält der Josep de neie
-wol aus, aber länger nit.«</p>
-
-<p>Und es begab sich, daß, ein Jahr später, dieselben Leutchen wieder
-zusammen saßen. Jetzt recapitulirten sie ihre Reden, und wunderbar!
-alle die von ihnen dem Weintode Geweihten, selbst der Josep, hatten
-sich todt getrunken.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Adam Müller</em>, jener bekannte Exprophet, lebte damals unfern
-Heidelberg, ich glaube, in Bretten. Wir, die Mitglieder der <em class="antiqua">table
-d’hôte</em> im Badischen Hofe, ließen ihn einmal kommen, um die
-Zukunft von ihm zu erfahren. Allein er verrieth nichts, indem er sich
-damit entschuldigte, daß er nur prophezeien könne, wenn der Geist
-es ihm eingebe.&nbsp;&mdash; Adam Müller affectirte zwar eine Jacob Böhmische
-Qualirung, einen gewissen Geistesdrang, kokettirte dabei aber noch
-mehr mit den Sechsbäznern, welche für ihn gesammelt wurden.&nbsp;&mdash; Der
-Pfarrer seiner Gemeinde, der einige Tage später mit uns zu Mittag
-speiste, bewahrheitete das Sprichwort, daß der Prophet nicht in
-seinem Vaterlande gelte, indem er den von Kaiser und Königen so hoch
-geschätzten Adam Müller für das faulste und unnützeste Mitglied seiner
-Gemeinde erklärte.</p>
-
-<p>Zu jener Zeit kamen auch die Draisinen auf, deren Vater ein Herr
-von Drais aus Man<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">&nbsp;125&nbsp;</a></span>heim war. Die Franzosen nannten die Erfindung
-witzig: »<em class="antiqua">maniere de faire un voyage de quatorze lieues en quinze
-jours</em>«, indessen bewegte sich der Erfinder darauf selbst mit einer
-bewundrungswürdigen Schnelligkeit. Man schmeichelte seine Eitelkeit auf
-eine fast spöttische Weise, indem man ihn zu Thees einladete, wo er
-sich im Saal auf seiner Maschine producirte. Namentlich war dies in der
-Routs bei Herr v. B. der Fall, in jenem kleinen Hause, wo eine Menge
-Gäste die Grundsätze des Raumes verspottete. Herr v. B. suchte freilich
-diesen Übelstand durch Rangerhöhung seiner Gesellschaft auszumerzen.
-Denn ein jeder Gast ward wenigstens adelich, wie in meiner Cerevisia,
-der Herr von »Baron,« der Baron, Graf. Nur mit den Grafen kam er in
-Verlegenheit, wenn der Prinz von Hildburghausen zugegen war, der
-indessen zur Entschädigung für die abgetretene Durchlaucht in solcher
-Fülle eine Königliche Hoheit erhielt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">&nbsp;126&nbsp;</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="untertitel">Der Odenwald. Erbach. Eilbach. Der Bäcker aus Nürnberg. Der
-Wolfsbrunnen. Neckargemünd. Neckarsteinnach. Weinheim. Manheim.
-Lieutnant L. Erinnerung an B. Suite in Manheim mit einem Officier.
-Metzger Eisengrein.</p>
-
-<p>»O Du Wald, Du sollst mein Erbtheil sein!« soll die Kronprinzessin
-Emma ausgerufen haben, als sie mit ihrem Geliebten Eginhard, dem
-Geheimschreiber Karls des Großen, des Vaters Rache fürchtend, die
-dunkele Waldgegend durcheilte, welcher die spätere Zeit den Namen
-<em class="gesperrt">Odenwald</em> gegeben hat, die aber von unsern Schulmeistern als
-Odins Wald dem Gedächtnisse der Jugend einverleibt wird. Mag immerhin
-diese Erklärung mehr historische Wahrscheinlichkeit haben als jene,
-ich war selbst im Oden<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">&nbsp;127&nbsp;</a></span>walde und zweifle nicht an der unumstößlichen
-Richtigkeit der ersten. Nur in jener menschenleeren, aber
-geisterreichen Gegend, wo der wilde Jäger sein Wesen treibt, und ein
-Adam Müller in der höchsten Potenz, im Jahre 1811, vielen Bauern den
-Russischen Feldzug durch ein Ohrenspiel deutlich verkündigte, welches
-von den Amtmann in Zwugenberg, nachher protocollirt, und von Napoleon,
-der Kälte, und den Kosacken bestätigt wurde, leben noch Dryaden, und
-die übrigen Gottheiten der jetzt nur den Dichter und seine Klienten
-beherrschenden, kümmerlich aus dem Schutt der Vergangenheit ihr Haupt
-erhebenden, südlichen und nördlichen Religionen. Aber die vertriebenen
-hohen Herrschaft regieren auch noch nach alter Weise, sie verlassen
-ihr Elba nicht, und leben hier in der Erinnerung einer mächtigen
-Vergangenheit eine heitere Gegenwart. Jeder Baum spricht mit dem
-vorübergehenden am Sonntag geborenen Wanderer, die Quellen plätschern
-geisterartige Lieder, die man erst recht versteht, wenn man an ihrer
-Seite, auf den bemoosten Felsstücken eingeschlafen ist, die Steine
-blicken in das Herz und selbst die alten Felsen nicken freundlich,
-wenn sie nicht gar anfangen in ihrem Meere um die Riesensäule umher
-zu schwimmen. Auch der wilde Jäger, welcher auf dem Schnellert wohnt,
-meint es gut<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">&nbsp;128&nbsp;</a></span> mit der armen Welt, welcher er die traurige Zukunft
-verkündet. Nur ist er ein Feind von vielen Komplimenten, und ich rathe
-Dir, lieber Wanderer! wenn Du ermüdet und erhitzt die steilen Anhöhen
-der wellenförmig, bergigten Gegend erklimmst, und in seine rauschende
-Nähe kommst nicht außer Respect gegen den Prinzen Hussa von Halloh dein
-Haupt zu lüften; der gestrenge Herr ist ein Schelm, er küßt Dir dann
-zwar vergeltend das Haupthaar, aber gar bald saust er als Zahnschmerz
-oder Ohrenpein in Deinem höflichen Kopfe.</p>
-
-<p>Das Völkchen des Odenwaldes, das von drei mediatisirten Grafen von
-Erbach zunächst beherrscht wird, ist von besonderer Eigenthümlichkeit.
-Auferzogen mit den Gottheiten und Gespenstern, kennen die Bewohner das
-Buch der Bücher dennoch sehr wohl, wenigstens handeln sie darnach. Sie
-haben keine andere Spitzbuben unter sich, als die aus den Gefängnissen
-benachbarten Städte springen, die sie kleiden, ernähren, und mit
-maurischer Gastfreiheit schützen, bis der Arm der Gerechtigkeit ihren
-spendenden Händen wehrt, und die Gäste gefesselt entführt.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die Arbeit ist den Odenwaldern ein Sporn zur Fröhlichkeit, sie
-genießen wie wir die Freuden des Spiels und des Tanzes, wenngleich
-im ver<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">&nbsp;129&nbsp;</a></span>kleinertem Maaßstabe, nur mit dem Unterschiede, daß sie
-ihre Lust Spartanisch durch vorhergangene Arbeit würzen. Von ihren
-Kartenspielen weiß ich wenig zu sagen, nur daß der <em class="gesperrt">König</em> der
-<em class="gesperrt">Schuldenmacher</em> bei ihnen heißt, und daß sie ein Spiel haben,
-in welchem derselbe die geringste Karte ist. Merkwürdig aber sind
-ihre Kirchweihen. In dem oft nur aus vier von einander liegenden
-Häusern bestehenden Dorfe versammeln sich an einem solchen Tage die
-Bewohner der Umgegend. Es giebt dort keinen Thränenwinkel; denn
-alles tanzt, wenn auch die bunte Reihe zuweilen durch ein doppeltes
-Frauzimmer entstellt wird. Nicht an Erfrischungen fehlt es, die aus
-Bier, Kartoffeln- und Zwetschenbranntwein bestehen, wol aber an
-der ersten Requisite unserer Bälle, an Musikern. Auf vier Häuser
-darf man nur einen Fiedler rechnen, der auch nicht einmal immer der
-Bundesversammlung ihr gehöriges Seitencontingent zu stellen vermag.
-Nirgends aber erscheint das Sprichwort:</p>
-
-<p>»Wer gern tanzt, dem ist auch leicht gepfiffen«&nbsp;&mdash; so wahr als hier.
-Denn kaum hat der Paganini des Odenwaldes die Geige ergriffen und an
-den Hals gelegt,&nbsp;&mdash; so beginnt das ganze Haus seinen Tanz. Er bestätigt
-eigentlich die Tanzenden nur in ihrem Beginnen; denn nach Verlauf
-einer<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">&nbsp;130&nbsp;</a></span> halben Minute eilt er schon zum Nachbarhause und prüft hier die
-Taktmäßigkeit der Tänzer, wie im ersten Salon. So geht er in seinem
-Sprengel umher, bis alle seine Tanzkinder mit Musik versorgt sind, Berg
-auf, Berg ab, als hätte er den Wahlspruch:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">In meine Seiten greif ich ein,</div>
- <div class="verse">Sie müssen alle hinter drein.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Seine fernere Arbeit besteht alsdann nur darin, das Tactfeuer
-anzuschüren, wenn es zu erlöschen droht.</p>
-
-<p>Der Graf von <em class="gesperrt">Erbach</em> war ein kurioser Antiquitätenkrämer. Zu den
-vielen Rüstungen, welche er in einem Saale aufgespeichert, hatte sich
-auch der Helm eines der vierzigtausend Römer gesellt, welche in der
-Schlacht bei Cannä, den Landsleuten der heutigen Kabylen unterlegen
-sind. Noch singulärer und höchst unpoetisch waren einige Knochen des
-unglücklichen Abälards und seiner geliebten Heloise, ich glaube die
-Fistula und die Tibia dieses renommirten Brautpaars, Theile, welche
-doch wol der Kirchhof <em class="antiqua">pére la Chaise</em> bei Paris, wo bekanntlich
-die anderen Überreste der unglücklichen Liebenden dem jüngsten
-Tage entgegenschlummern, nach den Grundsätzen der Pertinenzien und
-Accessionen requiriren könnte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">&nbsp;131&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>In <em class="gesperrt">Eilbach</em>, etwa eine Meile davon, besaß der Graf sein
-Lustschloß, welches von innen und außen mit Geweihen verziert war.
-Ein einziger Saal enthielt lauter Abnormitäten dieses thierischen
-Kopfputzes. Vor allem prangte aber ein Hirschgeweih, als das größte
-der jetzt entdeckten Welt, ich glaube es war ein Acht und sechszig-
-oder gar ein hundert acht und zwanzig Ender. Seine Erlaucht hatte dies
-Monstrum (nach genaueren Nachforschungen wahrscheinlich das Geweih
-der Actäoe) von einem <em class="gesperrt">Bäcker</em> u. Weinwirth in <em class="gesperrt">Nürnberg</em>
-erstanden, welcher aber bald diesen unseligen Kauf verwünscht hatte.
-Denn seine Kunden hatten den Verkauf des Achtundsechszigenders sehr
-übel genommen und ihm ihre Unzufriedenheit durch allgemeines Wegbleiben
-von seinem Weinschank bitter intimirt.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Der Bäcker, ein nicht bemittelter Mann, hatte bald die Erbachschen
-Carolinen zugesetzt und riskirte am Ende gänzliche Verarmung.</p>
-
-<p>Um dieser zuvor zu kommen, ergriff er das Symbol derselben, einen
-weißen Stab und pilgerte damit zum Grafen nach Erbach.</p>
-
-<p>Allein wie Napoleon den Bitten der schönsten Frauen widerstand, wenn es
-darauf ankam, eine Festung abzugeben, so erklärte der Herr Graf sich
-gegen den Bäcker für moralisch unfähig, das gewis<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">&nbsp;132&nbsp;</a></span>sermaßen tief in
-seine Seele verzweigte Geweih wieder auszukehren. Er <em class="gesperrt">schenkte</em>
-dem weinenden Bäcker aber ohne alle Renumeration sein Hirschgeweih
-<em class="antiqua">accessit</em>, das zweite, sein <em class="antiqua">ci devant</em> Bestes, dem nur zwei
-Zacken gemangelt haben sollen, um dem Nürnberger zu gleichen, und soll
-dadurch dem so restituirten Wirth auch bei der Nürnberger Bürgerschaft
-Verzeihung und eine volle Weinstube wieder verschafft haben.</p>
-
-<p>Eine sehr gewöhnliche Ausflucht der Studenten bestand alljährlich in
-einer Tour nach Baden-Baden, den reizendsten Kurort, den meine Augen
-je sahen. Leider ging hier ein beträchtlicher Theil der Studienkosten
-alljährlich verloren, und die oft projectirten weitern Reisen durch den
-Schwarzwald und in die Schweiz fanden an dem Todtentische des Roulets
-oder des <em class="antiqua">trente et quarante</em>, welches mit seinem trügerischen
-Grün so viele Leute anlockt, ihre Grenze. Man sollte die Tische
-wenigstens mit schwarzem Tuch bedecken und Todtenköpfe auf seine Ecken
-heften. Es befanden sich in Baden-Baden allezeit einige Studenten,
-welche ohne alle Baarschaft waren, gegen Abend auf die Chaussee nach
-Rastadt hingingen,&nbsp;&mdash; und von den ankommenden Landleuten, die mit
-Hoffnungen und Kronthalern versehen ankamen, einige Gulden liehen,&nbsp;&mdash;
-um dieselben<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">&nbsp;133&nbsp;</a></span> noch an demselben Abend zu verlieren und wieder in ihr
-pauvres Nichts zurück zu sinken, bis sie nach mehreren Wiederholungen
-verschuldet, wortlos, erschöpft und mismuthig, physisch und moralisch
-verdorben in das Neckarathen zurückkehrten.&nbsp;&mdash; Ein ähnliches
-Spielinstitut hielten Sonntags zwei Darmstädter Juden in Auerbach,
-einem kleinen unbedeutenden Bade, etwa acht Stunden von Heidelberg.&nbsp;&mdash;
-Heut zu Tage findet sich die Verführung Heidelberg noch näher, in dem
-Schwefelbad Langenbrück, wo ein Bruchsaler Tabulettkrämer, mit einer
-solchen Satansschlinge die in großer Anzahl durchpassirenden oder dahin
-wallfahrenden Heidelberger Studenten die kostbarere Reise nach Baden
-zu ersparen, indem er sie auszuziehen pflegt, wie dies kaum auf einer
-Italienischen Reise die Wegelagerer thun.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich wiederhole hier mein Catonisches »<em class="antiqua">caeterum censeo</em>« das wie
-ein rother Faden, durch alle meine Schriften laufen soll. Wann werden
-endlich einmal diese priveligirten Satanskünste, diese Garküchen der
-Hölle ausgerottet werden?&nbsp;&mdash; Man rechnet Louis Philipp manches, was
-sehr problematisch ist, zum Verdienst an; aber die Aufhebung der
-Spielhäuser in Paris sichert ihm allein einen ehrenvollen Platz im
-Pantheon.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">&nbsp;134&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Wolfsbrunnen</em>, das Neckarthal überhaupt, ganz bis Heilbronn
-hin, tragen einen so merkwürdigen Character, daß man weder im Rheingau
-noch in den andern Thälern Badens etwas Ähnliches sieht. Die Fahrt
-nach <em class="gesperrt">Neckargemünd</em>, <em class="gesperrt">Neckarsteinnach</em> und seinen vier
-Schwesterburgen, wurde gewöhnlich einmal im Jahre zu Schiffe und Abends
-bei Fackelschein und Musik zurückgemacht, welches einen reizenden
-magischen Anblick, besonders von der Neckarbrücke aus, gewährte.</p>
-
-<p>Indessen welch einen Abstecher man auch von Heidelberg machte, so mußte
-man, wenn man wieder heim gekommen war, doch gestehen, daß man auf
-den schönsten Punct zurück gekehrt sei. Unvergleichlich reizend ist
-auch das Birkenauer Thal bei <em class="gesperrt">Weinheim</em> so wie die ganze Gegend
-um dieses Städtchen herum. Als ich vor einigen Jahren hier meinen
-Freund Bender und seine liebenswürdige Gattin in dem neu erbauten
-Hause unterhalb des Städtchens auf dem Hügel besuchte, wo ein besserer
-Wein reift, als ihn der ganze Rheingau aufzuweisen hat,&nbsp;&mdash; da bekam
-ich die Idee, daß hier einstens das Paradies gewesen, welches das
-liebenswürdige Ehepaar wieder aufgefunden habe. Hätte ich nicht so viel
-Anderes zu thun, ich würde mich längst bemüht haben, diese Ansicht
-historisch zu begründen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">&nbsp;135&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Drei Male in der Woche war in <em class="gesperrt">Manheim</em> Schauspiel, wohin man
-gewöhnlich nach dem Mittagsessen in einer Hormuthschen Kutsche fuhr.
-Das Personal war nur mittelmäßig, jedoch entsinne ich mich noch des
-alten Thürnagels als eines sehr wackern Schauspielers und mehrerer
-artistischen Rudera aus der Ifflandischen Zeit. In der Oper glänzten
-Nieser als Tenorist und die Discantstimme der Demoiselle Gollmann.&nbsp;&mdash;
-Nach der Vorstellung zog man gewöhnlich in die Restauration eines alten
-Ehepaars Namens »<em class="gesperrt">Sauerwein</em>«, die keine andere Kinder als ihren
-Rebensaft der ihren Namen zu tragen verdiente, aber eine so schöne wie
-züchtige Pflegetochter als Kellnerin hatten, daß sich die Hälfte des
-eintretenden Dutzend Studenten auf der Stelle in sie verliebten.&nbsp;&mdash; Das
-gab denn komische Scenen, Einige wurden schüchtern, Andere gefällig,
-noch Andere tiefsinnig, die Weinstube bekam durch diese Affectionen,
-den ansäuerlichen Geschmack eines Irrenhauses, während die liebreizende
-Kellnerin mit ewig gleicher Freundlichkeit Keinem einen Vorzug gebend,
-allen Respect einflößend, das Verlangte credenzte. Für Dich lieber S.,
-dem eine liebliche Gattin, umblüht von rosigten Kindern vielleicht
-diese Zeilen vorlies’t, der Du, wie L. und St. jeder besonders mir an
-einem und demselben Tage vertrau<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">&nbsp;136&nbsp;</a></span>test, daß Du kein größeres Erdenglück
-kanntest, als an Sauerweins Adoptivtochter Hand durch das Leben zu
-wallen, der Du schon im Begriff warst, die väterliche Einwilligung
-in die Verbindung zu suchen und es gethan haben würdest wenn Dich
-der blondköpfige L. nicht fortwährend so eifersüchtig gemacht hätte,
-und Dir L. und St. und K., und für Euch andern Verehrer der schönen
-Kellnerin, deren Namen ich nicht einmal verblümt angeben will, diene
-zur Nachricht, daß, als ich vor einigen Jahren einen alten Gegennachbar
-der Colonade nach den alten Sauerweins und nach der süßen Kellnerin
-fragte, welche in dem, jetzt einem Hutmacher eingeräumten Locale vor
-zwanzig Jahren gewohnt hatten, mir dieser erwiedert hat: »Die beide
-alte Sauerweins seien schon neunzehn Jahre todt, aber de schöne Madel
-wo sie gehabt, ischt sehr gut daran, sie hat ä brave reiche Mann und
-neun wackere Bube und wohnt im Elsaß.«</p>
-
-<p>Das Badische Militair bestand aus sehr erfahrenen gescheuten
-Offizieren, man konnte aber von ihnen sagen, daß die Hälfte derselben
-in Rußland halb erfroren, die andere Hälfte in Spanien halb verbrannt
-war. Mancher der letzteren trug auch noch unverkennbare Spuren
-versuchter Vergiftung.&nbsp;&mdash; Die meisten lagen in Manheim wo sie einen
-Clubb hatten, in dem Einem Alles <em class="gesperrt">spanisch</em> vorkam, da dort<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">&nbsp;137&nbsp;</a></span> wo
-möglich, <em class="gesperrt">spanisch</em> gegessen, getrunken und geredet wurde. So
-erscheint die traurigste und mühseligste Vergangenheit rosigt. (<em class="antiqua">Acti
-labores jacundae</em>.)</p>
-
-<p>Ein <em class="gesperrt">Lieutenant</em> L. hatte den Feldzug in Rußland mit gemacht. Bei
-der Retirade war er mit ganz erfrornen Händen in das Hauptquartier
-nach Wilna gekommen, woselbst aus irgend einer Französischen Kasse
-den meisten Flüchtlingen Geld, das man wol nicht in die Hände der
-Russen fallen lassen wollte, gegen Schein ausbezahlt wurde. Auch L.
-hatte hier funfzig Silberrubel bekommen. Ein mitleidiger General, der
-die bejammernswerthen Hände des L. gesehen, hatte seinen Wundarzt
-gerufen, und dieser sofortige Amputation beider Hände als das einzige
-Rettungsmittel verordnet.&nbsp;&mdash; L. hatte geschwankt, endlich aber die
-Operation verweigert, weil ein alter ergrauter Kamerad ihm immer
-leise, aber eindringlich das Wort »<em class="gesperrt">Terpentin</em>« in die Ohren
-geraunt hatte. Der Flüsterer hatte dieses nach ihrer Entfernung aus
-dem Hauptquartier auch sofort gekauft; dem L. die Haut der Finger
-zerschnitten, das Öl hineingegossen und es mit Lappen umwunden.</p>
-
-<p>»Als wir vor Wilna kamen« fuhr L. fort, »sahen wir einen polnischen
-Juden, der von einem Wägelchen Bröde das Stück für Einen Silberrubel
-verkaufte. Leider entschloß ich mich erst zuletzt<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">&nbsp;138&nbsp;</a></span> zum Ankauf, nachdem
-schon Alle meine Kameraden verproviantirt des Weges gezogen waren. Im
-Zustande meiner Hülflosigkeit mußte ich den Juden bitten mir zwei Bröde
-in meinen Schnappsacke zu stecken, dann aber aus meiner Tasche sich mit
-zwei Silberrubeln bezahlt zu machen.&nbsp;&mdash; Und siehe der Bösewicht leerte
-mir meine ganze Tasche unbarmherzig. Aber dennoch segne ich ihn, denn
-er ließ mir die zwei Bröde, ohne welche ich gewiß verhungert wäre.«</p>
-
-<p>Der liebenswürdige L. ist jetzt Hauptmann in Carlsruhe. Von seinen
-Fingern fehlen zwei, welche das Terpentinöl nicht restituirt, nicht
-wieder von ihrem Scheintode in das Leben gerufen hat. Der Gerettete
-ist sonst ohne Spur von der Russischen Campagne, ja, die unversehrt
-gebliebene Hand könnte Bildhauern und, Wachsboissirern als Muster
-dienen.</p>
-
-<p>Das Betragen der Badischen Offiziere gegen die Studenten war durchaus
-freundlich und zuvorkommend. Wie gewöhnlich werden alle, wenn auch
-selten sich ereignende Zwistigkeiten mit den Musensöhnen, durch die
-Studenten veranlaßt, welche gewöhnlich zur großen Beschämung der
-letztern endeten. Der gute B. fragte im Rausch in Schwetzingen einen
-alten spanischen Offizier, wie er sich erlauben könne das Bild des
-Kaisers Napoleon auf<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">&nbsp;139&nbsp;</a></span> der Pfeife zu tragen, und erhielt dafür die
-demüthigende Antwort: »Ich trage den Großherzog von Baden im Herzen und
-Napoleon auf der Pfeife und wer etwas dagegen hat ist ein Hundsfott.«
-&mdash; Die Sache wurde zwar noch so gut als möglich ohne Pistolenduell
-vermittelt, indessen zur einigen Beschämung des sonst so gutmüthigen
-blonden B. aus A. Jetzt drückt sie ihn nicht mehr, er schläft schon
-seit zehn Jahren im Friedhofe. Er ist nach unsäglichen Leiden, an
-einem fürchterlichen Uebel, am Markschwamm im Kopfe 1826 gestorben.
-Ein langes körperliches Leiden hat den heitern Lebensmenschen zum
-Dichter gemacht. Für seine theilnehmenden Freunde setze ich die tief
-erschütternden, nach seinem Tode gefundenen Verse hierher, welche mir
-sein Bruder nach seinem Tode mitgetheilt hat.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Letzter Wunsch eines lebensmüden Unglücklichen.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3">»O daß ich tief</div>
- <div class="verse mleft2">Im Grünwald schlief</div>
- <div class="verse mleft2">Von wehenden Bäumen umschattet,</div>
- <div class="verse mleft2">Im Erdenschooß</div>
- <div class="verse mleft2">Des Jammers los,</div>
- <div class="verse mleft2">Worunter das Leben ermattet.</div>
- <div class="verse mleft3">Die Thrän’ versiegt</div>
- <div class="verse mleft2">In Ruh’ gewiegt</div>
- <div class="verse mleft2">So lieg ich auf kühlendem Bette;</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">&nbsp;140&nbsp;</a></span>
- <div class="verse mleft2">Im Abendschein</div>
- <div class="verse mleft2">Strahl’n Perlenreih’n,</div>
- <div class="verse mleft2">Und schmücken die ruhige Stätte.</div>
- <div class="verse mleft3">Kein Leichenstein</div>
- <div class="verse mleft2">Auf mein Gebein!</div>
- <div class="verse mleft2">Der Fremde vorüber mag wallen,</div>
- <div class="verse mleft2">Im Frühlingsblau</div>
- <div class="verse mleft2">Im Himmelsthau</div>
- <div class="verse mleft2">So will ich die Ruhstätt’ vor Allen.</div>
- <div class="verse mleft3">O daß ich tief</div>
- <div class="verse mleft2">Im Grünwald schlief</div>
- <div class="verse mleft2">Von wehenden Bäumen umschattet,</div>
- <div class="verse mleft2">Im Erdenschooß,</div>
- <div class="verse mleft2">Des Jammers los,</div>
- <div class="verse mleft2">Worunter das Leben ermattet.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Wunderbar, wie das Schicksal oft in anscheinend entgegengesetzten
-Charakteren, Poesie und Prosa weckt.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Glücklicher war ich selbst in einer Differenz mit dem Badischen
-Militair. Es ist dies das einzige Mal in meinem Leben, daß ich in eine
-Art Conflict mit der Polizei oder einer ihr verwandten Behörde gerathen
-bin, das Ganze dazu eine Jugendsünde die mir eben keine Ehre aber doch
-auch wol keine Schande macht. »Als ich ein Bursch war handelte ich wie
-ein Bursch.« Zudem ist mein Buch für<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">&nbsp;141&nbsp;</a></span> meine alten Universitätsfreunde,
-die ewigen Burschen (<em class="antiqua">juvenes perpetui</em>), nicht für die Philister,
-die Prokrustes der Menschheit, geschrieben.&nbsp;&mdash; Also heraus damit:</p>
-
-<p>Mein Freund v. P. und ich wollten den jetzt hochgestellten P.. aus
-Cöthen, der über Manheim zu Hause reis’te, zu <em class="gesperrt">Pferde</em> comitiren.
-Vier Chaisen, jede mit vier Menschen erfüllt, gaben ihm ohnehin das
-Geleite. Unbegreiflicher Weise kamen von P.. und ich auf die Idee,
-die wir stets in gehöriger Civilkleidung, in einem blauen Frack,
-einhergingen, sogar einen runden Hut trugen, uns einen Säbel mit
-ledernen Riemen zuzugesellen, und, wie neu ernannte Polizeidiener,
-deren Uniform noch unter Schneiders Händen ist, mit gezogener Klinge an
-dem Kutschenschlage des scheidenden Freundes zu reiten.</p>
-
-<p>Wir waren kaum in Manheim angelangt, als sich in unserm Hotel, dem
-Schaf, ein Officier als Deputirter des Generals v. V. des dermaligen
-Stadtcommandanten einfand, der uns zwar mit außerordentlicher Urbanität
-aber doch mit großer Wichtigkeit eröffnete, wie es gegen Alles
-<em class="gesperrt">Kriegsrecht</em> sei, daß Bewaffnete in eine Garnison ohne Erlaubniß
-des Commandanten und namentlich mit gezogener Waffe einritten. Der
-Herr General lasse<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">&nbsp;142&nbsp;</a></span> uns mit dem Ersuchen bedeuten, heute Abend bei dem
-Zuhause ritt, ja unsern Säbel in der Scheide zu lassen, widrigenfalls
-die Besatzung angewiesen sei uns zu verhaften.</p>
-
-<p>Die Antwort auf dieses Manifest, welches ich im Namen unseres
-bewaffneten Duals ertheilte, lautete durchaus friedlich und beruhigend.
-Ich fühlte mich auch von der Gerechtigkeit des Ansinnens überzeugt,
-wie durch die Wichtigkeit, welche man unsern Flambergen beilegte,
-geschmeichelt. Nachdem aber der Abschied von unserm P. einige
-Champagnerpröpfe gelößt, der edle Epercoy und der Trennungskuß von
-unserm scheidenden Freunde unserm Gemüth über die bürgerliche Ordnung
-gehoben unsere klappernden Damascener uns wieder an das Kriegsrecht
-erinnert hatten, bewog ich im kecken Übermuthe den mit mir zu Rosse
-steigenden v P., eine durchbrochene Bohnenstange, die gerade im Hof
-lag, zu theilen, mit welcher Hälfte wir Jeder bei mittelmäßiger
-Beleuchtung, als sei sie ein Sarras durch die schwach erleuchteten
-Straßen ritten. Aber wir waren kaum mit unsern spatbegabten Rossen bis
-vor die Hauptwache gelangt, als wir den Ruf eines donnernden Haltes
-vernahmen und eine große Menge Bayonette zu gleicher Zeit uns entgegen
-starrten.</p>
-
-<p>Ich entsinne mich nie, selbst nicht von der<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">&nbsp;143&nbsp;</a></span> Hannoverschen reitenden
-Artillerie ein Mannöver mit solcher Schnelligkeit ausgeführt gesehen zu
-haben, als diese Umzingelung. Es ist schade, daß sie den Annalen der
-Kriegskunst zu entgehen droht.</p>
-
-<p>»Meine Herren Sie sein Arestanten, weil Sie den Sabel gezogen« rief ein
-hervortretender Schwäbischer Officier.&nbsp;&mdash; »Um Vergebung unser Säbel
-schlummert schon in der Scheide wie wir innerhalb zwei Stunden ein
-Gleiches in Heidelberger Betten zu thun hoffen,« war meine Antwort.
-»Wir führen jeder bloß eine halbe Bohnenstange bei uns, um unsere Gäule
-zur Rückkehr noch mehr anzuspornen. Überzeugen Sie sich selbst Herr
-Lieutnant!«&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Bei diesen Worten übergeben wir die vermeintlichen Säbel zur
-Ocularinspection. Der Lieutnant war Humorist genug, den Scherz launig
-aufzunehmen und durch Nachsicht die rigoristische Ordre des Generals
-auszugleichen. Er lächelte, ließ einrücken und wünschte uns eine gute
-Reise.&nbsp;&mdash; Unser Abentheuer erregte aber doch noch lange <em class="antiqua">furore</em>
-unter den Burschen, zumal da es ohne nachfolgende Geldstrafe, Carcer
-oder gar Relegation vollbracht war.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ein wahrhaft boshafter Streich wurde von einem gewissen F. an einem
-Heidelberger Philister begangen. Dieser ein Metzger, wenn ich nicht
-irre<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">&nbsp;144&nbsp;</a></span> mit Namen »<em class="gesperrt">Eisengrein</em>« sollte sich gegen den ersteren
-einer Grobheit schuldig gemacht haben, welche F. fürchterlich zu rächen
-verhieß. Er stiftete zu diesem Ende einen Trinkorden »die Ritterschaft«
-bei welchen das Biertrinken »Lanzenbrechen« hieß, das aber in ein so
-bestialisches Trinken ausartete, daß eben in der Ritterschaft später
-der intendirte Sauf-Selbstmord vorkam, dessen früher gedacht ist.</p>
-
-<p>Jedes Mitglied der Ritterschaft mußte vor der Aufnahme dem Metzger
-Eisengrein einen Possen gespielt haben und dies wöchentlich
-wiederholen. Das Begangene wurde dann beim Gelag wiederholt, wozu der
-Refrain gelautet haben soll.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">1) Wer wird denn wohl der Thäter sein?</div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Chorus.</em> »Der Metzger Eisengrein.«</div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Calumniare audacter, semper aliquit haeret.</em></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Der ganz beliebte Schlachtermeister Heidelbergs kam gar bald um seinen
-guten Ruf und wenn irgend etwas Übeles verübt worden war, da zischelten
-alsbald die verleiteten Mitbürger sich kopfschüttelnd in die Ohren:
-»Das hat gewiß wieder der malitiöse Schlachter <em class="gesperrt">Eisengrein</em>
-verübt.«</p>
-
-<p>Wenn Eisen greinen könnte, Eisengrein hätte es gewiß gethan.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">&nbsp;145&nbsp;</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="untertitel">Die Wartburgsfeier. Die Mißgriffe mehrerer academischen Senate.
-Rippel. Reise zum Burschencongreß nach Jena. Gotha. Weimar.
-Schillers Denkmal. Die Pfannkuchen in Kunitz. Der Halbmeister von
-Jena. Ankunft in Jena.</p>
-
-<p>Im Jahre 1817 hatte die Jenaer Universität ein großes Ausschreiben
-an alle Deutsche Hochschulen erlassen und dieselben zur Feier des
-<em class="gesperrt">Wartburgfestes</em> eingeladen. Schon damals war ich von der
-Heidelberger Burschenschafft zur Gesandschaft designirt. Der Gedanke
-aber, daß ich ein »Brandfuchs« (Student im zweiten Semester) mithin
-ein gar zu junger Botschafter sein würde, veränderte die mir günstige
-Majorität zu meinem Nachtheil. Mein Freund L. erhielt eine Stimme mehr
-als ich, und reißte fort nach Eisenach.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">&nbsp;146&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Diese Feier ist vielfach besprochen worden und hat wahrscheinlich
-zuerst die polizeilichen Augen der Regierungen auf die Deutschen
-Hochschulen gelenkt. Das übermüthige Verbrennen eines Hessischen
-Zopfes, einer Russischen Knute, der Schriften einiger hochgestellten
-Minister klang wie eine auf etwas Bestimmten basirte Herausforderung,
-war aber am Ende nichts als ein Hochverrath, den die Hunde am Firmament
-begehen, wenn sie den Mond anbellen. Hätte man sich dahin beschränkt,
-die Verbindungen jedes Studenten mit Leuten aus dem bürgerlichen Leben
-genau zu beachten, und ihn nur zur Verantwortung zu ziehen, wenn er
-auch im Philisterio sich nicht dem allgemeinen Staatswillen unterwerfen
-würde, man hätte einen ewigen polizeilichen Conductor gehabt und
-so manchen talentvollen Jüngling Deutschlands vor einem Unglück
-bewahrt, das eine furchtbare Nemesis ihnen noch in seinen bürgerlichen
-Verhältnissen auf den Hals geschickt hat, nachdem er in der Schule
-des Lebens ganz anderes Sinnes geworden ist.&nbsp;&mdash; Wahrlich! es giebt
-nichts Thörichteres als bei unsern Deutschen staatlichen Einrichtungen
-von den Sprudelköpfen unserer academischen Jugend das Mindeste zu
-fürchten. Die Reichen sind ohnehin die Conservativen, da aber der
-<em class="gesperrt">Mangel</em> die Leibfarbe fast aller unserer Candidaten<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">&nbsp;147&nbsp;</a></span> ist, so
-tritt nach dem Abgange von der Universität, vielleicht die ersten
-vier Wochen nach der Rückkehr in das väterliche Haus abgerechnet, in
-welchen der Schneider einen neuen Anzug zur Cour bei den Examinatoren
-angefertigt und von dem Exburschen mit einigen seines Gleichen noch
-eine entsetzliche Menge Bier zur Erinnerung an das verlorne Paradies
-vertilgt wird,&nbsp;&mdash; ein solcher Katzenjammer, verbunden mit Examensangst,
-daß man veranlaßt werden könnte, den ehemaligen Freiheitshelden für
-seinen ehemaligen Hausphilister zu halten. Ja, ich glaube nicht, daß
-irgend eine homöopatische Verdünnung existirt, welche der gleicht,
-die ein Canzleidirector, Generalsuperintendent oder ein <em class="antiqua">collegium
-medicum</em>, an dem allerkräftigsten demagogischen <em class="antiqua">fluidum</em> eines
-sothanen Candidaten durch ihre erste Anrede beschaffen.</p>
-
-<p>Allein in jener Zeit fing man die Sache verkehrt an. Entweder machte
-man das Treiben der Deutschen Studenten, welche aus der reinsten,
-edelsten Empfindung hervorging, lächerlich, oder man wandte zu spät
-eine barbarische Strenge an, und schuf so&nbsp;&mdash; <em class="gesperrt">Zeloten</em> und
-<em class="gesperrt">Märtyrer</em>. Von der Wahrheit meines ersten Satzes liefert der
-unglückliche Kotzebue ein Beispiel, von dem Zweiten die Geschichte
-fast aller Verurtheilten. Dabei ist aber<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">&nbsp;148&nbsp;</a></span> nicht zu übersehen, daß die
-Schuld nicht eigentlich an den Regierungen, sondern an dem zaghaften,
-eigennützigen und schwachen Benehmen der meisten academischen Senate
-lag. Denn wenn die Regierungen nicht das Treiben der Burschenschaft als
-eine unschädliche Kinderei ansehen wollten, so war es die Pflicht aller
-academischen Polizeibehörden, solches sofort auszurotten, was ihnen
-allerdings möglich gewesen wäre, da nichts leichter auszukundschaften
-ist, als die Verbindungen unter den Studenten. Anstatt dessen
-temporisirten viele der Herren Professoren, zum Theil selbst vom
-demagogischen Kitzel angesteckt, der aber nur so lange sie angenehm
-juckte, bis er auf das Terrain der Selbsterhaltung kam, zum Theil
-ließen sie aus Furcht ihre Zuhörer zu verlieren, fünf gerade sein,
-nahmen eidliche Versicherungen der Nichtexistenzen von Verbindungen
-entgegen, deren Mitglieder ihnen alle namentlich bekannt waren, und
-nur wenn ein mächtiger Erlaß von Oben kam, übernahm es einer der
-Professoren, und zwar dann gewöhnlich der rigoristischste, die von ihm
-selbst genährten und gesäugten Schlachtopfer der Hand der Gerechtigkeit
-zu überliefern.</p>
-
-<p>Schon 1820 habe ich die Universität verlassen, nachdem ich das letzte
-Jahr, fern von aller Verbindung, in Kiel zugebracht hatte.&nbsp;&mdash; Daß
-aber,<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">&nbsp;149&nbsp;</a></span> (<em class="gesperrt">das Verbot einer Verbindung im Allgemeinen ausgenommen</em>,)
-bis 1819, keine im Entferntesten strafbare oder gar hochverrätherische
-Tendenz in den Deutschen Burschenschaften gelegen hat, dies glaube ich
-später mit einer Abschrift der Protocolle, welche im Jahre 1818 zu Jena
-abgehalten wurden, evident belegen zu können.</p>
-
-<p>Es ist ein komisches Ereigniß, das bei dem Wartburgsfest sich ereignete
-und gar wenig bekannt geworden, zu referiren. Ich muß indessen
-vorher bemerken, daß bei dem Vor- oder Nachtrinken, das Wort ein
-Gelehrter einen halben Schoppen, ein Doctor einen ganzen Schoppen,
-ein <em class="gesperrt">Rippel</em> etwa zwei Drittheil Flaschen, bedeutete, welches
-Vortrinken sich bis zum Pabst hinauf, in einigen mir nicht mehr
-erinnerlichen Gradationen, steigerte. <em class="gesperrt">Rippel</em> war aber auch ein
-Krug, welcher das angegebene Quantum faßte und insbesondere in der
-Weberei von den hübschen Töchtern credenzt wurde. Über den historischen
-Ursprung dieser Namen wußte Niemand, selbst nicht die weibliche
-Ganymede etwas anzugeben.</p>
-
-<p>Als nun an dem Wartburgfeste die meisten Studenten dem Gottesdienst
-beigewohnt, zum Theil auch das heilige Abendmahl genossen, sich sodann
-unfern der Burg Luthers, in einen engen Kreis<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">&nbsp;150&nbsp;</a></span> zusammengescharrt
-hatten, um nach kurzem Gebet ihre Reden fortzusetzen, zertrennte auf
-einmal ein Mann, angethan mit einem ins Schwärzliche übergegangenen,
-ehemaligem weißen Flaus, in fliegendem Haar, gewaltig dicker Pfeife und
-Quästen, welche Ahasverus auf Universitäten getragen haben mochte, den
-engen Chor, indem er ausrief:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Wo sind die Heidelberger Burschen?</div>
- <div class="verse">Die Heidelberger müssen mich sehen.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Mit einer Art Respect wichen die jungen Musensöhne dem sichtbaren
-<em class="antiqua">cidevant studio</em>. Dieser aber hatte kaum die Heidelberger
-gefunden, als er Stille gebot und mit Stentorstimme ausrief:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="p0">»Kinder! ich bin »<em class="gesperrt">Rippel</em>,« ich bin ein <em class="gesperrt">Avantagewort</em>,
-ich bin <em class="gesperrt">Rippel</em>, nachdem die Heidelberger Bierkrüge
-<em class="gesperrt">Rippel</em> genannt werden.«</p></div>
-
-<p>Die Wirkung dieses Ausrufs soll zwar höchst originell gewesen
-sein, doch sollen nur die humoristischen Burschen über den ewigen
-Cerevisianer gelacht, viele ihn arg geschmäht haben.</p>
-
-<p>Gegen Ostern 1818 erließ Jena abermals eine Einladung an alle
-Burschenschaften und Landsmannschaften, zu einer allgemeinen
-Burschenschaftsversammlung. Heidelberg wählte mich zu seinem
-Großbotschafter und ich folgte diesem Ruf. Von Frankfurt<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">&nbsp;151&nbsp;</a></span> bis Eisenach
-reis’te ich mit Carrové, gegen den ich in meiner Verblendung eine
-Menge Spottpfeile zur Vernichtung der Hegelschen Philosophie abschoß.
-Unsere Gespräche waren ohne Resultat. Wahrlich! mein Freund Stieffel in
-Carlsruhe hat Recht, wenn er sagt:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»Ein Lehrer der Philosophie kann seinen Schülern, welche so gern in
-der Vorstellung bleiben, die Sinnlichkeit nicht genug austreiben.
-Wenn man sich es am Wenigsten ersieht und meint sie in einem
-Luftballon der Erde entrückt zu haben, da sitzen sie im dichtesten
-Rohr und schneiden Pfeifen.«&nbsp;&mdash;</p></div>
-
-<p>In Gotha fuhr ich mit einem Hauderer in das Thor. Ein Unterofficier
-trat an den Wagen, sah mich an und fragte dann nachlässig: »Doch kein
-Von?« Ich antwortete sehr prägnant »<em class="gesperrt">Zufällig ja</em>,« weshalb ich
-nun eine Vernehmung <em class="antiqua">ad personalia</em> bestehen mußte. Als ich Gotha
-verließ, geschah dies zu Fuß, ohne daß man einen entfernten Versuch
-gemacht hätte, zu erfragen, ob ich ein Edelmann sei.</p>
-
-<p>Als ich in Weimar angelangt war, fühlte ich das Verlangen,
-<em class="gesperrt">Schillers</em> Grab zu sehen. Der Todtengräber verstand mich erst
-nicht als ich den Namen des größten Deutschen aussprach. Endlich aber
-faßte<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">&nbsp;152&nbsp;</a></span> ihn sein Ohr doch auf, und er entgegnete: »Ach Sie meinen den
-Herrn »»<em class="gesperrt">Hofrath</em> von <em class="gesperrt">Schiller</em>,«« Ja der liegt hier. Der
-Herr <em class="gesperrt">Hofrath</em> muß sehr viele Verbindungen in der Welt gehabt, in
-Geschäftssachen alle seine Kunden sehr gut bedient und sehr viel Gutes
-gethan haben, denn alle Reisende fragen nach dem Herrn Hofrath mehr,
-als nach allen Geheimeräthen.«&nbsp;&mdash; Damals wunderte ich mich, nachher
-habe ich in vielen Orten mehrere solche Todtengräber kennen gelernt,
-welche ihre Schriftsteller nur nach der Classe und Ordnung kennen, in
-welche sie das Linne’sche System des Staats, die Rangordnung setzt.&nbsp;&mdash;
-Aber in Weimar mag dies Ignoriren der großen Geister überhaupt zu Hause
-sein.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>»Das Nächste liegt uns oft zu fern.« Erzählt man sich doch von der
-Gemahlin des großen Göthe, daß sie bei dem Anblick eines Gedichts
-ausgerufen haben soll: »Ach das sind Fehrsche (Verse) der Herr
-Keheimerath macht auch <em class="gesperrt">Fehrsche</em>.«</p>
-
-<p>Von Schillers Nicht-Denkmal zurückkehrend, ging ich in den Erbprinzen,
-wo ich zum ersten Male in den Sächsischen Herzogthümern und zwar durch
-Rebhühner meinen Hunger stillte. Damals kannte ich Jena noch nicht, und
-hatte noch keine Ahndung davon, daß ich mich erst in Göttingen<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">&nbsp;153&nbsp;</a></span> auf
-meiner Rückkehr nach Heidelberg wieder satt essen wurde. Zwar muß ich
-die <em class="gesperrt">Pfannkuchen</em> des alten Tyks in Kunitz ausnehmen, von denen
-ich übrigens ein langer ausgehungerter Jüngling von Grenadiergröße, in
-der Zeit des Wachsthums so übermäßig viel genoß, daß ich noch Jahre
-lang nachher den Artikel <em class="gesperrt"><em class="antiqua">omelette</em></em> auf den Repertoirs
-der Restaurants mit der Hand bedecken mußte.&nbsp;&mdash; Jetzt bin ich, wie
-überhaupt mit dem ganzen Leben, auch wieder mit den Pfannkuchen
-versöhnt und rufe gar oft bei dem Anblicke leider aus: »<em class="antiqua">quel bruit
-pour une omelette</em>.«</p>
-
-<p>Mein Dejeuner war beendigt, jetzt sollte ich zum Congreß. Bis jetzt
-war ich wegen körperlicher Schwäche <em class="gesperrt">gefahren</em>. Es schien mir
-aber des Deputirten einer Deutschen Burschenschaft total unwürdig,
-zu Wagen in Jena anzukommen, ich machte mich also auf die Wanderung,
-überhaspelte, wie ich dies auch jetzt noch wol thue, aber besser
-vertragen kann, meine ohnehin flüchtigen Schritte, bei welche mich die
-in mich gesenkten Rebhühner nicht wenig incommodirten, und kam müde und
-athemlos zu <em class="gesperrt">Ketschau</em>, etwa auf der Hälfte des Weges von Weimar
-nach Jena, an. Vorher aber hatte ich Sorge getragen mir das Ansehen
-eines weitgereis’ten Fußgängers zu geben, indem ich meine ohnehin
-un<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">&nbsp;154&nbsp;</a></span>deutsche Polonica mit Chauseestaub bepudert, die seidenen Schnüre
-verdeckt und ihnen eine gleiche Farbe, wie dem Tuche meines Habits
-verliehen hatte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sehr willkommen war es mir daher, als ich vor dem Wirthshause ein
-Wägelchen mit einem Pferde bespannt fand, dessen Kopf nach dem Wege
-gerichtet war, der nach Jena führte. Ich fragte nach dem Eigenthümer
-und, als ich ihn ermittelt, was er verlange, wenn er mich mit nach
-Jena nehme. Auf seine Versicherung, daß er sich eine große Ehre daraus
-mache, wenn ich einen Platz auf seinem Wagen einnehmen wolle, besah
-ich mich im Spiegel, aus Furcht, noch zu aristokratisch philiströs
-auszusehen, folgte aber, in diesem Puncte vollkommen beruhigt, der
-Einladung. Ich lernte aber bald den Grund der Devotion des Fremden
-kennen, sein Chaischen konnte nicht als Triumpfwagen eines, wenn auch
-nur burschikosen Deutschen Bundesgesandten dienen, es gehörte dem
-<em class="gesperrt">Freiknechte</em> Jonas.&nbsp;&mdash; Hilf Himmel! das war ein Moment. Stolz
-und Mitleid kämpften alsbald in mir.&nbsp;&mdash; Auf einem solchen Karren als
-Heidelberger Deputirter zu fahren, das wäre, sobald es ausgekommen,
-ein unauslöschbarer Schimpf für meine Burschenschaft gewesen, ich
-hatte ihr einen verächt<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">&nbsp;155&nbsp;</a></span>lichen <em class="antiqua">characterum indelebilem</em>
-angehängt, das Ereigniß wäre zudem eine ewige Fundgrube schlechter
-Witze für die Landsmannschaften in Heidelberg geworden. Denn damals
-war <em class="antiqua">Jules Janins</em> »todter Esel« noch nicht ins Leben gerufen
-und die Lieblingslecture aller Damen geworden. Auf der andern Seite
-habe ich immer das Vorurtheil gehabt keins zu haben, und stets die
-Ansicht gehegt, daß es für den nur »Teufel,« »Mandarinen« und »Parias«
-gebe, der daran glaubt. Ich wollte daher nach der gemachten Entdeckung
-nicht den <em class="gesperrt">Ganzmeister</em> im Samariterwesen als <em class="gesperrt">Halbmeister</em>
-demüthigen, und ihn nach der Erforschung seines Status nicht sofort
-verlassen. Habe ich es doch nie über das Herz bringen können, undankbar
-zu sein!</p>
-
-<p>»Aber so hilf Dir doch, ein Deputirter, ein Diplomat, eine Eminenz,«
-raunte mir mein Genius, dann aber die Idee zu, die ich sofort ergriff
-und ausführte.</p>
-
-<p>»Mein Bein ist mir eingeschlafen,« hub ich an »ich muß mich ein wenig
-vertreten und es Ihrem Pferde leichter machen. Doch will ich Ihnen
-zuvor noch ein Histörchen zum Besten geben. Sie gehören einem Stande
-an, in dem Liebe, Freundschaft und Ansehen weder durch Reichthum und
-Fürstenlaune einem Cours unterworfen sind. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">&nbsp;156&nbsp;</a></span> Ehre, welche eigentlich
-nur in der Meinung der Andern besteht, also eigentlich wie ein Buckel
-keine Realität hat.«</p>
-
-<p>»Wie ist das mit dem Buckel zu verstehen?« fragte der Wasenmeister,
-»Wie stehen die beiden Dinge in Verbindung?«</p>
-
-<p>»In der allernächsten,« versetzte ich, »Beide bestehen in der Meinung
-Anderer. Denn da wir aus Erfahrung wissen, daß es keinen Bucklichten
-giebt, der sich seiner Deformität bewußt ist, so sind wir im
-Allgemeinen möglicher Weise auch dieser Selbsttäuschung unterworfen.
-Wer steht sich selbst dafür, daß er nicht einen Buckel hat, wer
-kann über die Ansicht eines Anderen gebieten, wer schafft sich eine
-Anerkennung bei einem verblendeten Volke, das einmal annimmt, daß man
-an Rückenüberfluß oder an Mangel an Ehre leidet? Hieraus ergiebt sich,
-daß Ehre und Buckel keine Wirklichkeit haben, vielmehr nur in der
-Meinung Anderer bestehen.«</p>
-
-<p>Der Freiknecht lächelte. »Aber Ihre Geschichte wenn ich bitten darf.«</p>
-
-<p>»Ja so! Sehen Sie, ich bin ein geborner Holsteiner. Bei mir zu Lande
-nähren die klugen Halbmeister das Vorurtheil der dummen Leute, daß
-sie nicht ehrlich seien. Sie riskiren nicht, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">&nbsp;157&nbsp;</a></span> ihnen irgend ein
-Wollüstling ihre Tochter verführt und leben bei einem reichlichen
-Erwerb lustig und in Freuden. Sie heirathen unter einander wie die
-Fürsten und erhalten ihr Blut reichlich so rein wie diese. Als vor
-etwa sechszig Jahren die humane Dänische Regierung diese Anrührigkeit,
-welche dort auf ihrem Stande lastete, aufheben wollte, supplicirten die
-Freiknechte: »»Seine Majestät der König möge doch von dieser Intention
-abstehen, denn dann könne ja jeder <em class="gesperrt">Esel</em> und <em class="gesperrt">Dummkopf</em>
-Halbmeister werden.««</p>
-
-<p>Ich habe niemals mit einer Erzählung so viel Glück gemacht als mit
-dieser. Freudenblitze schossen aus den Augen des Wagenlenkers, dann
-folgte ein herzliches Gelächter, und diesem die Versicherung, daß er
-nie eine so vortreffliche Historie gehört habe und zu Hause eilen
-wollen, um sie Weib und Kind mitzutheilen. Ich aber verließ meinen
-dankbaren Fuhrmann und pilgerte auf Jena zu. Endlich zeigte sich die
-Ölmühle und hinter einer Staubwolke ein Rudel Burschen.&nbsp;&mdash; Und hier mag
-es der Ort sein, eine freilich schon von mir, wenn auch bis jetzt nicht
-ganz getreu der Wahrheit gemäß, publicirte Anecdote unverschleiert zu
-erzählen, welche lehrt, daß so gefährlich, ja tödtlich es sein mag,
-viel Bier zu vertilgen, zuweilen doch Eine Flasche<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">&nbsp;158&nbsp;</a></span> Einem das Leben zu
-retten, wenigstens vor großen Unannehmlichkeiten bewahren vermag.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die Studenten sahen mir gleich das Congreßmäßige und die
-Burschenqualität an, und ich wurde sofort nach dem in Jena herrschenden
-Generalsmollis, mit einem »Lieber Kerl, wo kommst Du her?« empfangen;
-als man aber hörte, daß ich ein Deputirter sei, wurde ich unter
-Flötenton freudiger Lippen, halb als Arrestant, halb als Triumphator
-auf den Burg-Friedrich (Burgkeller) gebracht, mir der möglichst
-amphitheatralische Platz angewiesen, und zu meiner Labung eine
-köstliche Biersorte versprochen. Jeder wollte dabei seine Geliebte
-recommandiren. Bringt Wölnitzer&nbsp;&mdash; Pfui doch! Schwerstädter&nbsp;&mdash; nein,
-Lichtenhainer&nbsp;&mdash; warum nicht gar!&nbsp;&mdash; Oberweimarisches Bier wird ihm
-munden! Mit diesen und vielen andern ähnlichen Phrasen verwirrten die
-Gastlichen den alten Wirth, »Vetter« genannt, bis dieser auf den Rath
-seiner häßlichen Tochter sich beeilte, eine lebende Probekarte von
-allen Bieren auf den Tisch zu stellen.</p>
-
-<p>Nun ging es an ein Untersuchen. Alle Krüge vergossen ihr Blut,
-und marschirten an meine Mundküste, um sich von mir <em class="gesperrt">köhren</em>
-zu lassen. Begierig tranken die einzelnen Blicke der Anhänger der
-verschiedenen Sorten mit meinen Lippen, etwa wie<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">&nbsp;159&nbsp;</a></span> die mütterlichen
-Augen auf den Bällen mit den Füßchen ihrer Töchter tanzen.</p>
-
-<p>Da fiel mein Blick auf ein Dintenmäßiges schwarzes Cerevis, das, in
-ein kleineres Glas geschenkt, verborgen, wie ein Bierveilchen blühte.
-Sein Name war mir nicht genannt; als ich dieses aber, nachdem ich es
-probirt, für das beste erklärte, schlugen meine Freunde die Hände über
-den Kopf zusammen, und zum Erstaunen erfuhr ich, daß dieser schwere
-starke Stoff nur den ärgsten Biersäufern zu munden pflege, daß mein
-Geschmack um so mehr auffalle, weil ich von einer Universität komme, wo
-derzeit immer Wein getrunken wurde.</p>
-
-<p>Während ich mich als diplomatische Person wegen meines Geschmackes zu
-schämen anfing, erhielt ich plötzlich einen sanften Schlag auf die
-Schulter von einem ziemlich ältlichen Burschengesichte, das durch
-seine gelbe Farbe und Zusammengeschrumpftheit einem ledernen Schlauche
-nicht unähnlich sah. Bei meinem Eintreten saß dasselbe still in einer
-Ecke vor einem Kruge des dunkeln Biers, so daß durch die Fäden der
-Erinnerung vielleicht meine Wahl einer gleichen Sorte bestimmt worden
-war. »Du bist ein herrlicher Kerl,« scholl eine heisere, bald mit dem
-Sprechenden verschwindende Stimme, begleitet von einigen leuchtenden
-travestirten Blicken von Stolbergs altem<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">&nbsp;160&nbsp;</a></span> Ritter. »Wer war das?« fragte
-ich unheimlich ergriffen. Das ist der alte sogenannte »Peter General,«
-belehrte mich mein Nachbar.</p>
-
-<p>»Nur seine abgöttische Verehrung des schwarzen Köstritzer Biers und
-Dein diesem gespendetes Lob wird ihn zu dieser Zärtlichkeit gegen Dich
-vermogt haben. Er kennt sonst keinen andern Beruf als Scandale (Duelle)
-und besonders gegen junge Burschenschaftler anzuzetteln, steht dafür
-aber auch bei allen Hallischen Teutonen und einigen blindschleichenden
-Landsmannschaftern in großem Ansehen, bei denen er grade wegen dieser
-moralischen Ansäuerlichkeit Alles vermag.«</p>
-
-<p>Als wir unsere Sitzung aufgehoben, eilten wir auf den Markt, der,
-wie sein College der Neapolitanern, den meisten Jenaer Studenten als
-Wohnung und Kaffeehaus diente. Hier wurde geraucht, conversirt, rappirt
-und gesungen. Eine Kopfbedeckung war keine durchaus gewöhnliche Tracht,
-ich habe Jenaer Studenten gekannt, welche sich diese Ausgabe drei
-Jahre erspart, ja ganze Fußreisen durch das Fichtelgebirge in ihren
-lang herab wallenden Haaren gemacht haben. Der Cynecker Diogenes hätte
-überhaupt vielleicht hie und da Gelegenheit gehabt, seine Laterne auf
-dem Jenaer Markte auszulöschen.</p>
-
-<p>Inzwischen hatten sich am Nachmittage wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">&nbsp;161&nbsp;</a></span> einige Bundestagsgesandte
-ich glaube von Königsberg und Leipzig, eingefunden. Wir wurden von den
-Kümmeltürken (eingeborenen Studenten) angestaunt und umringt, etwa wie
-einst die Weißen von den Indianern, indessen dies doch größtentheils
-nur mit jener Freundlichkeit und Herzlichkeit, welche nur den
-academischen Jahren eigen ist, und die dem Menschen zu einem höheren
-verklärt.</p>
-
-<p>Nur eine Ratte bewegte sich in Knäulform mit grinsendem und spöttischem
-Gesichte, dem man weder Gastlichkeit noch Wohlwollen ansah. Der General
-ihr geistiger Chef, war indessen nicht dabei. Es waren größtentheils
-ehemalige Anhänger der Jenaer und andere Landsmannschaften auf fremden
-Hochschulen, die burschikosen Titanen, welche der ihnen verhaßten,
-damals souverainen Burschenschaft, auf alle mögliche Weise ein Drangsal
-anzuthun suchten. Dazu bot sich nun die paßendste Gelegenheit, wenn
-man einen der Gäste und gar einen Deputirten beleidigte. Ihr Blick war
-auf mich, der ich, eine Hopfenstange über Allen hervorragte, gefallen,
-worauf die malcontenten Verschwornen mir unvorzüglich nahten.</p>
-
-<p>»Ich kann vor der Heidelberger Burschenschaft keinen Respect haben,«
-bemerkte nach kurzer Anrede A., ein Gießener, ziemlich laut prahlend,
-»da<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">&nbsp;162&nbsp;</a></span> Ihr einen Kerl unter Euch gehabt, der eine Gans gestohlen hat.«</p>
-
-<p>Und der wäre?</p>
-
-<p>»Ein gewisser O. aus X., ich will es ihm beweisen, daß er eine Gans
-gestohlen hat.«</p>
-
-<p>O. gehörte nicht zu meinen nähern Bekannten, ich konnte es ihm füglich
-selbst überlassen, diesen ihm angethanen Schimpf von sich abzuwaschen.
-Allein die <em class="antiqua">levis notae macula</em>, welche A. der Heidelberger
-Burschenschaft angethan, konnte ich nicht sitzen lassen. Ich foderte
-ihn daher auf, zu erklären, daß wenn sich die Wahrheit seiner
-Behauptung auch herausstelle, die Existenz eines räudigen Schafes in
-unserer Heerde unmöglich unserer Burschenschaft präjudiciren könne.
-Allein darauf wollte sich A. nicht einlassen. »Ich bleibe bei dem was
-ich gesagt habe,« wiederholte er, »und wenn Du dadurch die Heidelberger
-Burschenschaft touchirt glaubst, so kannst Du es nehmen wie Du willst.«
-&mdash;</p>
-
-<p>»Du bist <em class="gesperrt">gefordert</em>,« war meine nothgedrungene Antwort. Trotz
-meiner nicht eben angenehmen Situation, mußte ich in dem Augenblick
-laut lachen, was meinen mit seiner Suite scheidenden Gegner zu
-erbittern schien. Mir kam nemlich das Einlagerrecht, in den Sinn, ein
-im Westphäli<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">&nbsp;163&nbsp;</a></span>schen Frieden in Deutschland aufgehobenes und nur für
-die Holsteinischen Lande reservirtes Institut, auch <em class="gesperrt">Obstagium</em>
-genannt. Man verstand darunter die Verpflichtung, wornach der Schuldner
-versprach, wenn er seine Zusage nicht erfüllen würde, auf erfolgte
-Einmahnung, sich mit einem bestimmten Gefolge an einem gewissen Orte
-einzufinden und denselben bei Strafe der Ehrlosigkeit nicht eher zu
-verlassen, als bis er alles Versprochene geleistet haben würde. Auch
-die Herzöge von Holstein konnten sich auf das Einlager verpflichten,
-wenn sie aber ihre Verbindlichkeit nicht pünctlich erfüllten, so
-durften sie sich remplaciren lassen und mußten alsdann Drei Räthe für
-sie in eine Herberge einreiten, wo immer das <em class="gesperrt">Einlager</em> (das auch
-deshalb das <em class="gesperrt">Einreiten</em> heißt,) gehalten wurde. Einer dieser Herrn
-Räthe schien ich mir in dem Augenblick zu sein.</p>
-
-<p>Noch an demselben Tage erwählte ich meinen Sekundanten. Da ich aber nur
-den Hieber, mein Gegner den Stoßdegen zu führen gewohnt war, so wurde
-ein Pistolenduell unter ziemlich gefährlichen Auspicien beschlossen.</p>
-
-<p>Die Jenaischen Burschenschaftler fühlten sich tief über diese
-Verletzung der Gastlichkeit an einem Deputirten gekränkt, um so
-mehr jubelten aber ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">&nbsp;164&nbsp;</a></span> Feinde im Stillen, begeistert durch die
-Ermunterungen ihres despotischen Generals.</p>
-
-<p>Eine Stunde vor dem Zweikampf ging ich über den Markt, woselbst mein
-Gegner sich im eifrigsten Gespräche mit seinem Gelichter befand, das
-auf mich, als auf einen Passagier nach Elisum zeigte. Aber siehe,
-plötzlich traf mich der Blick des dermal anwesenden Generals.</p>
-
-<p>»Ist das Dein Gegner?« fragte er den bejahenden Nachbar. »Nun« sagte
-er, »denn wird aus Eurem Kampfe nichts. Diesse Kehrl hät bi de erste
-Pröv von twintig Sorten Beer dat schwarte Köstritzer för dat beste
-erklärt.« (Dieser Kerl hat bei der ersten Probe von zwanzig Sorten Bier
-das schwarze Köstritzer für das Beste erklärt.)</p>
-
-<p>Der General hatte nie so gesprochen, mein erstaunter Gegner aber
-gehorchte mit jesuitischem Gehorsam. Er gab mir eine genügende
-Erklärung und der General trank mit uns eine Flasche Köstritzer Bier
-zur Versöhnung.</p>
-
-<p>Die Jenaer Philister waren mir von Thibaut ganz anders geschildert,
-als ich sie fand. Dieser, welcher dort Professor gewesen, nannte
-sie die demüthigsten Menschen, welche ihm je vorgekommen seien. Er
-behauptete sogar, daß sie sich in der Anrede der Brieftitulaturen
-bedienten, und die lernenden und<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">&nbsp;165&nbsp;</a></span> lehrenden Mitglieder der Academie
-mit »Ew Wohlgeboren, Ew Hochwohlgeboren und Ew Hoch und Wohlgeboren«
-anredeten. Mir kamen sie keineswegs so demüthig vor, vielmehr wie
-enthusiastisch liebende Jungfrauen, welche alle Thorheiten ihres
-Liebhabers (hier der Studenten) vergöttern, oder besser gesagt, wie
-reine Sancho Pansa’s, welche sich ganz nach ihren Don Quichotischen
-Herren gemodelt haben.&nbsp;&mdash; Als ich den alten Kneipier Senfft, in dessen
-Hause die Burschenverhandlungen gehalten wurden, zum ersten Male mit
-zwei anderen Deputirten sah, bat uns dieser um die Erlaubniß Eine
-Frage an uns richten zu dürfen. Da ihm dies gewährt worden, erkundigte
-er sich, was für Landsleute wir seien. Als darauf die Antworten »ein
-Sachse, ein Kurhesse, ein Holsteiner«, ertheilt worden waren, versetzte
-er gravitätisch: »Falsch geantwortet meine Herren! Sie sind alle
-<em class="gesperrt">Deutsche</em> und das sollen Sie hier erst recht kennen lernen.«</p>
-
-<p>Der Jenaer Burgkeller bot insbesondere zur Zeit des Mittags- und
-des Abendessens einen besondern Anblick.&nbsp;&mdash; Wenn man in die Thüre
-des Saales trat, der von einem großen Pfeiler in der Mitte getragen
-wurde, sah man rechts an einem Tische einige Privatdocenten, welche
-unter sich das kümmerlichste Mahl verzehrten was einem geboten wer<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">&nbsp;166&nbsp;</a></span>den
-kann. Unter ihnen befand sich der Sohn Wielands. Dasselbe Diner wurde
-dem Bruder Studio vorgesetzt, welcher die Mitte und den Hintergrund
-des Saales einnahm, während die linke Seite von Bier und Branntwein
-zechenden Philistern, größtentheils von Frachtfuhrleuten, besetzt war,
-welche ungehindert ihren Kneller pafften, der sich mit den magern
-Speisedämpfen zu einem, den Göttern gewiß nicht gefälligen Rauchopfer
-vereinigte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Man speiste von zinnernem Geschirr, die Suppen erinnerten nicht, wie in
-Norddeutschland, an einen Pfauenschwanz, höchstens an einen Cyclopen,
-denn es war in derselben selten ein Fettauge zu bemerken. Die meisten
-Teller boten auf der Kehrseite ein Studium für Alterthumsforscher.
-<em class="antiqua">Condordia res parvae erescunt&nbsp;&mdash; Gloria virtutis comes.&nbsp;&mdash; Vivat
-circulus fratrum Rhenanorum</em>, Elise ist ein Engel, gekreuzte
-Schläger, Todtenköpfe. »Falsch ist Jena« »Vivat Jena!« »1763, 1785,
-1800,« und manche mehr oder wenig verwischte Inscriptionen, waren
-es die den archäologischen Hunger viel mehr als den physischen
-befriedigten. Der räthselkundigste Hosteiner hätte als Oedip auf dem
-Rathskeller ohne Zuflüsterung nicht gerathen, daß das graue Zeug,
-welches man in Rüben verhüllt ihm auftischte, <em class="gesperrt">Rindfleisch</em> sein
-sollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">&nbsp;167&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Nach Tisch zog eine große Menge der Burschenschaftler gewöhnlich nach
-Ziegenhain.&nbsp;&mdash; Der Wirth war sehr tolerant und verzapfte sein, nach
-meiner Meinung mit betäubenden Kräutern geschwängertes Bier fast Alles
-auf Credit, jedoch mußte man den ersten Krug mit einem Groschen baar
-bezahlen. Dieser Punct war ein präjudizieller. Daher riefen die oft
-alles baaren Geldes entblößten Musensöhne, bevor man von dem Markt
-zog: »Wer hat einen Spieß, daß ich mitgehen kann?« Und fast immer fand
-sich ein Freund in der Noth.&nbsp;&mdash;- Sobald aber alle gehörig mit einem
-Spieß bewaffnet waren, ging es im lauten Gesange auf das Dorf. Die
-Landsmannschaftler zogen nach Lichtenhain, wo eine Cerevisia, freilich
-sehr im Anderssein der meinigen haus’te und dermalen ein Bierkönig
-»<em class="gesperrt">Thus der achte</em>« regierte. Ich bin nie dort gewesen. Abends zog
-der Schwarm brüllend heim, am andern Morgen aber erinnerten die blassen
-Gesichter der Bierhelden, welche nicht so frisch wie die Walhallahelden
-aufgestanden waren, an die Theriakisten, (Opiumesser) der Türken.</p>
-
-<p>Die Jenaer Burschenschaft, so arm sie auch war, bewirthete die
-Deputirten auf eine höchst gastliche Weise. Jeder theilte sein Logis
-mit den Burschen, welche sich zum Congreß eingefunden hatten,<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">&nbsp;168&nbsp;</a></span> es
-wurde nicht allein den Deputirten während ihren ganzen Aufenthaltes
-freie Kost gereicht sondern demselben an den Sessionstagen sogar eine
-Flasche Würzburger vorgesetzt, eine so rührende Gastlichkeit, daß sie
-selbst die Säure des Weines überwand. Ja man ging soweit innerhalb des
-Umkreises von einer Meile jeden Deputiten zu signalisiren und jedem
-Wirth bei Strafe des Verrufs zu verbieten, von einem Deputirten Zahlung
-zu nehmen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Mir fiel oft das Sprichwort dort ein&nbsp;&mdash; »Ein Engel löffelt mit dem
-Andern.«</p>
-
-<p>Unter den Deputirten waren Leute, die jetzt einen ausgezeichneten Namen
-und bedeutende Stellungen sich erworben haben. Obgleich ich es für ganz
-unpräjudicirlich für sie halte, dieselben namentlich aufzuführen, da,
-wie ich bereits erwähnt habe, die Acten ergeben, daß jene Versammlung
-nur das Gas entwickelte, welches alle Fürsten Deutschlands von
-Napoleonischem Drucke befreit, daß die Idee eines Deutschen Bundes
-in das Leben gerufen hat, und daß die Fürsten um Gotteswillen zu
-conserviren haben, so scheue ich doch jeden Vorwurf einer Indiscretion,
-und will mich daher begnügen hier nur zweier zu erwähnen, die jetzt
-schon in zweiter und letzter Instanz gerichtet sein werden. Es sind
-dies <em class="gesperrt">Loresen</em> und <em class="gesperrt">Sand</em>. Der Dänische Canzlei<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">&nbsp;169&nbsp;</a></span>rath Loresen
-war damals von Kiel deputirt. Ein blonder, breitschulteriger Insulaner
-imponirte er mehr durch seinen Körper, seine Gutmüthigkeit als durch
-seinen Geist. Man kam in Versuch diesen kräftiger zu halten als er
-war und es ist mir ohne allen Zweifel, daß alle seine nachherigen
-Schritte, von denen ich übrigens keinesweges unterrichtet bin, von ihm
-nur auf fremde Einflüsterungen gethan sind.&nbsp;&mdash; Überhaupt ist es nicht
-zu leugnen, daß die Deutschthümlei in jener Zeit sowohl im guten wie im
-bösen Sinne über die Maaßen einseitig und oft nur zu Werkzeugen Anderer
-machte. Gewiß paßte auf Viele damals der bekannte Satz:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Du glaubst zu schieben und Du wirst geschoben.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Ein ähnlicher Character war der <em class="gesperrt">Sands</em>. Die Ermordung
-Kotzebues war lächerlich und deutet hinlänglich auf die partiale
-Schwachköpfigkeit des unglücklichen Mörders. Und dennoch war viel Edles
-und Großes in ihm verborgen. Nicht ohne Rührung sind folgende Worte zu
-lesen, die er mir in das Stammbuch schrieb, als ich voll heiterer fast
-französischer Laune ihm das Epigramm beim Abschiede geweiht hatte:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Lieber Freund, wer Dir vertraut,</div>
- <div class="verse">Der hat auf keinen <em class="gesperrt">Sand</em> gebaut.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">&nbsp;170&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Sand, dem alle Scherze fatal waren, und den ich wenigstens nie lächeln
-sah, antwortete darauf diese ernste Worte:</p>
-
-<p>»Die Kraft, jegliche die Du hast, ist dem Vaterlande, damit du ihm
-selbst heimbezahlen die unerlösliche Schuld für Sprache, Sitte und
-Erziehung für den Boden, worauf Du groß geworden bist und auf welchem
-Du Deine Thaten üben willst, für Alles was Du von ihm hast. Dieses
-wollen wir wohl bedenken,&nbsp;&mdash; aber wollen wir dann noch Wohlgefallen
-haben an der bisherigen Kleinheit, oder suchen wir wieder die Größe und
-Erhabenheit der alten Zeit? Soll uns endlich das ganze deutsche Land
-zum Tummelplatze werden, und wollen wir uns eines Volkes erfreuen, daß
-nach altem Brauche den mächtigen Schiedsrichter in Europa zu machen,
-berufen ist?«</p>
-
-<p>Wir haben Ja gesagt und wollen dem nachleben.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center">Jena, am Burschentage vom 29. März<br />
-bis 14. April 1818.</p>
-
-<p class="center">Dein deutscher Bruder <em class="gesperrt">Carl Sand</em>,<br />
-G. G. B. aus dem Fichtelgebirge.</p>
-
-<p>Merkwürdig war es, daß, als ich Sand Lebewohl sagen wollte, ich
-denselben auf seinem Sopha liegend fand. Er schien eine Anwandlung von<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">&nbsp;171&nbsp;</a></span>
-Pleuresie zu haben, denn er griff mit der Hand krampfhaft in die Seite
-und rief mir zu: »Lebewohl! ich sterbe an diesem Stich in der Brust.«&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Als ich in Weimar den Postwagen bestieg um über Göttingen den Rückweg
-nach Heidelberg zu machen, war mein Mitpassagier der Sohn Kotzebue’s,
-den allerhand Spöttereien welche man aus Rache seinem Vater, ich
-glaube bei einer maskirten Schlittenfahrt, angethan hatte, von Jena
-vertrieben hatten und der Deutschland verließ, um seine Studien in
-Dorpat zu beendigen. Er war ein liebenswürdiger Mensch und ist eine der
-angenehmsten Bekanntschaften meines Lebens.</p>
-
-<p>Während ich diese Memoiren schreibe und nach einem von mir entworfenen
-Schema die einzelnen Begebenheiten zu einer Schnur zusammen reihe,
-komme ich mir vor wie ein Fährmann der bereits vom Ufer abgestoßen
-ist, von demselben her aber noch immer ein »Heda! nimm mich doch auch
-mit!« vernimmt. Die Erinnerungen tauchen in mir zu Hunderten auf,
-ich muß alle Augenblick verneinen um nicht gar zu viel Überfracht
-zu bekommen. Mir wird dabei ängstlich, wie einem Reisenden, der auf
-der Schnellpost reiset und nur 30 l̶b an Bagage frei hat. Und was
-zeigt sich da meinen Blicken? Nichts weniger als ein Todter, ein
-Leichenhemd.<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">&nbsp;172&nbsp;</a></span> Eine Geistergeschichte, die, weil sie erlebt ist und
-wahrscheinlich noch von einem Lebenden außer mir documentirt werden
-kann, wohl berechtigt ist, noch als Passagier in das Schiff meiner
-Erzählung zu steigen.&nbsp;&mdash; Das ganze ist eine sogenannte Vorahnung
-worin ich überhaupt ziemlich stark bin, obgleich ich sonst nicht zu
-den Sonntagskindern gehöre. Das mag indessen in meinem Blute liegen.
-Träumte doch meinem ältesten Bruder, Peter von Kobbe, dem Historiker,
-einem dreizehnjährigen Knaben, in der folgenden Nacht, da sich das
-Ereigniß im mittelländischen Meere zugetragen hat, die Schlacht bei
-Trafalgar, (mit Ausnahme dieses Namens) der Tod Nelsons, die Zahl der
-von ihm eroberten Schiffe, das Datum der Schlacht, die Nummer des
-Hamburger Correspondenten worin diese gemeldet wurde, und der ganze
-Artikel, welcher den Sieg und die Himmelfahrt Nelson’s enthielt. Sah
-er doch in Itzehoe in dem Hause der Generalin <em class="gesperrt">Hedemann</em> einen
-Tag vorher die Leiche eines Knaben in jedem Zimmer, der am andern Tage
-aufgefischt und in das Haus der Generalin gebracht wurde. Mein Bruder,
-ein Mann von seltener Gelehrsamkeit, der als rühmlichst bekannter
-Geschichtsforscher dem legitimen Princip ergeben ist, hat für seinen
-Kaßandratact die Undankbarkeit der Fürsten erfahren, welche<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">&nbsp;173&nbsp;</a></span> ihm ehren
-sollten, wie keinen seines Gleichen, und ihm ein Prytaneum bauen. Ich
-bin aus zu luftiger Construction, weder für Aristokraten noch für
-Democraten recht brauchbar, aus viel Respect gegen den Himmel und aus
-viel Verachtung gegen die Erde zusammengesetzt und daher ein Humorist
-geworden, oder besser gesagt, geblieben, habe übrigens meine Qualität
-als Geisterseher, wovon ich noch einige andere merkwürdige Beispiele
-erzählen könnte, wahrscheinlich für dieses Leben verscherzt. Erzogen
-von einem frommen Großvater im sogenannten Mysticismus, wofür ich
-übrigens Gott als Poet noch auf meinen Knieen danke, habe ich alle
-meine Sonntagskindseigenschaft durch eine ganz im Ernste gemeinte
-Bemerkung meines Freundes v. St. verloren, welcher kurzsichtig war und
-nach einer Relation mehrerer Geistergeschichten in einem Kreise von
-Freunden sich höchst naiv über seinen Mangel an Aperception von solchen
-Dingen mit den Worten darüber beklagte: »Ich kann leider! keine Geister
-sehen, weil ich einen Geist nicht von einem Bettlacken zu unterscheiden
-vermag.« Seit dem heftigen Gelächter, worin ich damals über diese
-<em class="antiqua">crassa minerva</em> ausbrach, bin ich kein Seher mehr, sondern nur
-noch höchstens ein Fühler geworden. Ich fordre den Buchhändler Herrn
-Berndt zu Oldenburg hiemit zum Zeugen<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">&nbsp;174&nbsp;</a></span> auf, ob ich ihm nicht im Jahre
-1832 als eine Neuigkeit erzählt habe, <em class="gesperrt">daß ich innerhalb drei Tagen
-ein Bein brechen würde</em>. Am zweiten Abend hatte ich durch ein bloßes
-Ausgleiten die <em class="antiqua">tibia</em> zersprengt.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Vielleicht hätte ich übrigens Restitution als Geisterseher bekommen.
-Allein ich habe einen zu rationalistischen Weg eingeschlagen, der mich
-bald ganz um meine Swedenborgschen Eigenschaft bringen wird. Da nämlich
-der Zufall mich auf alle Weise chicanirt, habe ich mich entutirt,
-denselben zu besiegen. Ich habe ihn lieb gewonnen, wie Richard Savage
-seine grausame Mutter, ich lasse nicht von ihm, ich erscheine ihm bald
-als Berliner, bald als Braunschweiger, bald als Osnabrücker, d. h. ich
-spiele häufig in der Lotterie, und verwende alle meine Sehergaben dabei
-um einen großen Gewinn zu ergattern. Ja, mein Streben geht soweit,
-daß wenn ich in stiller Mitternacht zu meiner <em class="antiqua">villa</em> kehre,
-welche vor dem Heiligengeistthore unfern des Kirchhofes liegt, und den
-Todtenweg hinunter wandre, auf dem es bekanntlich in dieser Stunde
-nicht recht richtig ist,&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash; sobald mir irgend ein Geist begegnet,
-sei es ein edler Hingeschiedener im unversehrten Todtengewande oder
-nur so ein Lump in der Form des Bettlakens, ich sogleich rufe:
-»Bester!<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">&nbsp;175&nbsp;</a></span> oder Beste, welche Nummer in der Preußischen oder in der
-Braunschweigischen Lotterie wird das große Loos gewinnen?« Die
-Verstorbenen müssen allerhöchste Ordre haben, auf diese epinöse Frage,
-vielleicht aus Furcht, daß der souveraine Zufall sie doch nachher
-blamirt, nicht zu antworten; sogleich wenden sie sich. Wenn man darauf
-losgeht sind sie verschwunden und man muß sich Mund und Augen wischen,
-in denen sich dann höchstens von der ganzen Erscheinung, noch etwas
-alter Weibersommer befindet.</p>
-
-<p>Doch zur Sache.&nbsp;&mdash; Ich logirte in Jena bei zwei Gebrüder B. aus
-Mecklenburg, welche in der Apotheke am Markt wohnten. Eines Tages ging
-ich mit Sand und einem Andern, dessen Name mir entfallen ist, ich
-glaube aber es war der jetzige Professor <em class="gesperrt">Leo</em> in Halle über das
-<em class="antiqua">forum</em> vor das Thor, um einen Platz zu suchen, wo wir am 3. März
-zur Feier der Einnahme von Paris eine Eiche pflanzen wollten, welches
-auch an dem fraglichen Tage mit großer Feierlichkeit vollführt worden
-ist. Ich beklagte mich, daß der Taback schlecht sei und daß ich um mich
-Sächsisch-Weimarsch-Eisenachsch auszudrücken, den <em class="gesperrt">Lausewenzel</em>
-nicht mehr <em class="gesperrt">bleffen</em> möge. »Ei!« bemerkten meine Begleiter, »wenn
-Du sechs gute Groschen für das Viertelpfund<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">&nbsp;176&nbsp;</a></span> anwenden willst, so gehe
-nur in den Kramladen da, dicht neben der Sonne, da kannst Du Hamburger
-<em class="gesperrt">Justus</em> bekommen.« »Hängt!« (das lateinische <em class="antiqua">accipio</em>)
-entgegnete ich burschikos und ging in das mir bezeichnete Kaufhaus,
-worin sich der Krämer mit seinem Lehrburschen befand. Die Anderen
-warteten meiner draußen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich foderte den mir bezeichneten Taback. Der Kaufherr erklärte mir,
-daß die fragliche Sorte auf dem Boden liege, daß er sie mir holen
-wolle. Aber in demselben Augenblicke sah ich diesen guten Mann als
-<em class="gesperrt">Leiche</em> auf einem Paradebett. Die Vision schwand indessen
-sogleich und beängstigte mich eben auch nicht sehr, denn es war heller
-Mittag.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Nichts desto weniger bemerkte ich dem Ladenjungen: »Geben Sie Acht Ihr
-Herr stirbt bald.« »Ei warum entgegnete dieser, er ist ja kerngesund.«
-»Er ist so corpulent,« versetzte ich, hiedurch Entscheidungsgründe für
-mein Gottes-Urtheil suchend.</p>
-
-<p>»O das hat nichts zu bedeuten,« versetzte der Lehrling. »Ich kenne den
-Herrn schon seit vielen Jahren, er hat immer so ausgesehen.«</p>
-
-<p>In dem Augenblicke kam der Kaufmann und überreichte mir das Paquet
-Taback. Ich zahlte, glotzte ihn noch einmal an und fühlte nun wohl daß
-ich mich total geirrt hatte. Er sah in der That kerngesund aus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">&nbsp;177&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Wenn man im Norden einen Bauer fragt: »Freund! wie weit habe ich bis
-zu X.?« so hört man nicht selten die Antwort: »Eine Pfeife Taback.« Es
-wird von den Antwortenden darunter eine gewisse Zeit verstanden. In
-diesem Sinne kann ich von einem Viertelpfund Taback weiter referiren.
-Ich blies meine letzte Pfeife nach wenigen Tagen aus dem zweiten Stock
-der Jenaer Marktapotheke in die Luft, als ich vor dem bereits erwähnten
-Kramladen, dicht an der Sonne, einen Leichenzug halten sah.</p>
-
-<p>Ich gestehe, nie in meinem Leben von einer solchen innern Angst
-ergriffen worden zu sein, als an dem fraglichen Nachmittage. »Seht
-Ihr,« rief ich aus, abermals eine Vision wähnend, mit dem Finger nach
-dem Kramladen zeigend, »seht Ihr was dort vorgeht?«</p>
-
-<p>»Es ist ein Leichenzug,« war die, aus dem Munde der Gegenwärtigen
-einstimmig hervordringende Antwort.</p>
-
-<p>In Bremen lebt ein geistreicher Schiffsmackler Namens <em class="gesperrt">Heineken</em>,
-der erste und vielleicht der einzigste, welcher nach einem Compaß von
-Schwedisch nach Russisch Lappland gesteuert ist. Zehn Tage und zehn
-Nächte hat derselbe sich mit gefrorner Milch und Fleisch vom Rennthier
-und mit<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">&nbsp;178&nbsp;</a></span> Branntwein genährt, und schon die Hoffnung aufgegeben, je
-wieder menschliche Wohnungen in diesen Schnee- und Eisgefilden zu
-finden, als er endlich am eilften an einem Tannengehölz gekommen ist,
-aus dem ein Hundegebell ihm die Nähe von bald gefundenen Menschen
-verkündigt hat. »Nie,« pflegte er oft zu sagen, »hat mich eine
-menschliche Stimme, nie der Ton einer Sängerin so entzückt, wie dies
-Wau-Wau eines unvernünftigen Thieres.«</p>
-
-<p>So war auch mir zu Muthe, als ich merkte, daß meine Erscheinung kein
-Spuck sei, sondern diesmal wirklich Realität hatte. Neugierde und
-Tabacksbedürfniß führten mich indessen noch an demselben Tage in das
-Haus des Krämers, dessen Tod mir die Nachbarn bestätigt hatten. Im
-Anfang gab der Bursch mir sorglos die verlangte <em class="antiqua">herba nicotiana</em>;
-als ich ihn aber an meinen prophetischen Spruch erinnerte, wurde er
-kreidebleich und rief aus: »I Herr Jesus es ist wahr, Sie haben den
-Tod meines Herrn vorausgesagt, er ist noch an demselben Abend, da Sie
-zuletzt hier waren am Schlagfluß gestorben.«</p>
-
-<p>Ich überlasse die nähere Anatomie dieser Geschichte den Medizinern,
-Philosophen und selbst den, bald hiezu berechtigt werdenden
-Wassertrinkern, wahr ist sie auf Cerevis und Ehrenwort. Überhaupt<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">&nbsp;179&nbsp;</a></span>
-lüge ich nie, habe es auch nicht nöthig. Denn warum? Es wäre dies
-ein abscheulicher Luxus. Mir passirt Gott sei Dank! und Gott leider!
-vielmehr, als sich die tollste Fieberphantasie auszubrüten vermag, und
-vor allen auf Reisen; ich brauche oft nur das Erlebte zu schildern um
-zu riskiren, daß man mich für einen Münchhausen hält. Zwar gilt von mir
-auch der Göthische Vers:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Das Geisterreich ist nicht verschlossen;</div>
- <div class="verse">Dein Sinn ist zu, Dein Herz ist todt,</div>
- <div class="verse">Auf Schüler! bade unverdrossen</div>
- <div class="verse">Die ird’sche Brust im Morgenroth.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Ich bin vigilant und <em class="antiqua">Vigilantibus</em>, »<em class="antiqua">jura sunt scripta</em>«
-sagen wir Juristen. Zudem versäume ich nicht leicht eine Gelegenheit,
-um meinen Abentheuerschatz zu bereichern. Wenn ich reise und es bricht
-in dem Orte wo ich mich befinde, sei es auch in der weit entferntesten
-Vorstadt, Feuer aus, so stehe ich auf und eile hin, wie ein guter
-Landesherr, weil ich mich für einen humoristischen Prinzen von Geblüt
-ansehe, dem zu Ehren das Feuerwerk gegeben wird.</p>
-
-<p>Hiebei fällt mir wieder eine Erzählung aus dem Philisterio ein, die an
-das Unglaubliche gränzt und meinen Satz schlagend bewahrheitet. Also
-wieder ein Passagier der in mein Schiff springt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">&nbsp;180&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Ich besitze das Talent, so ziemlich jeden Dialect zu copiren, und ein
-wie schlechtes musicalisches Ohr ich auch habe, so scharf und sicher
-höre ich doch aus jeder Rede des einzelnen Deutschen den Ort seiner
-Geburt oder besser gesagt, seiner Erziehung, und bin dabei im Stande
-die meisten gehörten Idiome zu reproduciren.</p>
-
-<p>Hiebei will ich eine Historie zum Besten geben, welche der
-Vergangenheit entrissen zu werden verdient.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Vor ungefähr 6 bis 8 Jahren saß ich in den Gasthof <em class="antiqua">hôtel de
-Russie</em> in Oldenburg an der <em class="antiqua">table d’hôte</em>, mir zur Rechten
-der noch lebende Agent Herr <em class="gesperrt">Jürgens</em>, am Ende der Tafel ein
-Hannoverscher Officier Herr Major <em class="gesperrt">Magius</em>, welcher mit seinem
-Nachbar sich über Paganini unterhielt.</p>
-
-<p>»Können Sie nun wohl rathen, was der Officier für ein Landsmann ist?
-raunte mir mein Nachbar zu.«&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich besann mich, auf die Rede des Majors horchend, dann aber sage ich:
-»Der Herr spricht wie ein <em class="gesperrt">Lübecker</em>.«</p>
-
-<p>»Wollen Sie eine Flasche Wein darauf wetten?« lächelte Herr Jürgens
-scherzend.</p>
-
-<p>»Die ist gehalten,« entgegnete ich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">&nbsp;181&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Ich wartete nun bis Herr Magius einen Punct in der Rede hatte und bat
-ihn dann da wir eben eine Wette gemacht hätten, um Bescheid was er für
-ein Landsmann sei.</p>
-
-<p>»Das werden Sie nun und nimmer rathen,« versetzte der Herr Major
-ablehnend, und gab dann eine Menge, mich freilich nicht von meiner
-Juryüberzeugung abbringende Gründe an, weshalb es unmöglich sei, daß
-ich seine Heimath errathe. Mir ist nur der, seines längern Aufenthaltes
-in Italien vor allen noch erinnerlich.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Endlich schloß der Redner: »Ich will Ihnen nur sagen, daß ich ein
-geborner <em class="gesperrt">Lübecker</em> bin.«</p>
-
-<p>»Ich danke Herr Major! ich habe meine Wette gewonnen.«</p>
-
-<p>Während mein Treffer dem Herrn Magius wol etwas magisch vorkommen
-mochte, ich hingegen mich des Triumphzuges meines Steckenpferdes
-freute, erhob sich ein jüdischer Kaufmann, welcher mir die viel
-kitzlichere Frage stellte ob ich wol merken könne woher er denn sei.</p>
-
-<p>Das war eine sehr schwere Nuß. Man weiß, daß der Dialect der Juden eben
-so selten wie ihr Herz an einer Provinz gebunden ist, und wenn der
-Frager auch zu den Gebildeten seines Volkes gehörte, so war er doch
-nicht frei von der mosaischen<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">&nbsp;182&nbsp;</a></span> Pronunciation.&nbsp;&mdash; Indessen gab ein Gott
-mir doch folgende Antwort in die Seele:</p>
-
-<p>»Ich kann aus Ihrem angebornen Dialect nicht recht klug werden. Bald
-reden Sie wie ein Nordhesse, bald wie ein Hamburger.«</p>
-
-<p>»Wunderbar!« rief der besiegte Sphinx, »Ich bin in Bückeburg geboren
-und erzogen, allein seit zehn Jahren in Hamburg etablirt.«</p>
-
-<p>Mit diesem Knalleffect ist meine Geschichte noch nicht aus.</p>
-
-<p>Sie kam mir nämlich etwa anderthalb Jahre später, an einer Abendtafel
-in demselben Hause, als von Dialecten die Rede war, wieder in den Sinn.
-Ich erzählte sie den um mich her sitzenden Oldenburgern.</p>
-
-<p>Der Obergerichtsanwald Herr <em class="gesperrt">Hahne</em> bemerkte scherzend, daß
-man wol daran gewöhnt sei, nie eine Unwahrheit zu hören, daß diese
-Geschichte mit dem Bückeburger Juden doch zu sehr in das Gebiet des
-Unglaublichen gehe, und wenigstens auf einer Täuschung beruhen müsse.</p>
-
-<p>Leider war Herr Jürgens nicht zugegen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die Möglichkeit eines Zweifels an meiner Rede jagte mir das Blut in das
-Gesicht.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Das Roth aber ist die Farbe der Schuld wie<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">&nbsp;183&nbsp;</a></span> der Unschuld. Es ist die
-Leibfarbe des Defensors wie des Anklägers.</p>
-
-<p>Man schien dem meinigen eine böse Deutung zu geben.</p>
-
-<p>Der Gedanke war höchst peinigend.</p>
-
-<p>Da erhob sich ein <em class="antiqua">deus ex machina</em> im Hintergrunde an der
-Wirthstafel.</p>
-
-<p>»Ich kann die Geschichte eidlich bezeugen,« rief es aus, »sie ist mir
-passirt.«&nbsp;&mdash; Und siehe! ich erkannte meinen bis dahin nicht beachteten
-Bückeburger-Hamburger, dessen Persönlichkeit bereits aus meinem
-Gedächtniß desertirt war.</p>
-
-<p>Schon während der ersten Tage meiner Ankunft in Jena war Wit v. Dörring
-als Fuchs dort angelangt. Es waren schon unterweges Zeichen und Wunder
-mit ihm geschehen, man hatte ihm in Erfurt seinen ganzen Wechsel
-gestohlen.</p>
-
-<p>Dieser rubricirte Exdemagoge, der in den neuern Zeiten eine so
-verschiedene Beurtheilung erfahren hat, verrieth schon in seiner
-Jugend seltene Anlagen. In seinem vierten Jahre hielt er vor seiner
-vortrefflichen, jetzt verstorbenen Mutter ganze Predigten aus dem
-Stegreife. Seine Mitschüler, zu denen ich auch gehörte, liebten ihn. Zu
-allen Aufopferungen bereit, zeigte er ein liebenswürdiges Herz. Sein
-Hang zum Mysticismus aber blieb in<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">&nbsp;184&nbsp;</a></span> seiner Seele und er redete oft wie
-ein Missionär. Das aber verdroß den alten Doctor <em class="gesperrt">Gurlitt</em>, der
-damals Director des Johannei in Hamburg war, welches Wit von Altona aus
-frequentirte. Gurlitt sprach oft von orthodoxen Rindfleischseelen, und
-pflegte die Mystiker Hechte zu nennen.</p>
-
-<p>Ein Tag in jedem Monat war zu öffentlichen Redeübungen in den
-verschiedenen Sprachen bestimmt. Wit hatte das Thema: »Wer die Gottheit
-fassen will, der ist verloren,« gewählt und sprach mit ergreifenden
-Worten, aber manche dunkle Deutung war in seine blumenreiche Rede
-gewirkt. Mit komischem Ernste betrachtete ihn der alte Schulmonarch.
-Zitternd ging er zu ihm als er geendet hatte, und eine große Thräne
-entperlte den Augen des gutmeinenden Greises. »Liebes Kind, ich fürchte
-am Ende, Sie glauben an den Teufel?« rief er bebend. »Ja, Herr Doctor,«
-versetzte Wit sich verbeugend: »den lasse ich mir nicht nehmen!« »Armer
-junger Mensch,« versetzte Gurlitt betrübt: »wie oft werden Sie noch die
-Alten vertiren und revertiren müssen, ehe Sie zur richtigen Ansicht in
-der Religion gelangen!«</p>
-
-<p>Nach wenigen Tagen hatten sich sämmtliche Abgeordnete eingefunden. In
-dem Burschenhause, dessen Wirth der altdeutsch gewordene <em class="gesperrt">Senft</em>
-war<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">&nbsp;185&nbsp;</a></span> und zu dem man durch ein enges Gäßchen vom Markt aus geht, wurden
-unsere Versammlungen vom 29. März bis zum 3. April 1818 gehalten. Wir
-saßen an einem Tisch der mit schwarzem Tuch behangen, welches mit
-goldenen und rothen Frangen, unsern Farben, verbrämt war. Die Sitzungen
-waren öffentlich, doch trennte eine Barriere die Deputirten von den
-Zuhörern, welchen zwar auch zu reden vergönnt war aber erst dann, wenn
-der Präsident ihnen das Wort bewilligt hatte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Vor zehn Jahren habe ich die Verhandlungen, welche ich der Heidelberger
-Burschenschaft übergeben, ohne daß ich eine Abschrift davon behalten
-hatte&nbsp;&mdash; in einem kleinen Hannoverschen Ort, bei einem jungen
-Staatsdiener zu meiner großen Freude wiedergefunden und zum Geschenk
-erhalten. Ich stehe nicht an dieselben mitzutheilen, theils um jene
-Gerüchte zu wiederlegen, als habe jener Burschencongreß die geringste
-revolutionäre Tendenz gehabt, theils um darzuthun, daß man im Anfang
-durch Mißgriffe die Studenten wie schon erwähnt zu Zeloten und
-Märtyrern gemacht hat.</p>
-
-<p>Wahrlich! ich verpflichte mich unter Garantie meines Kopfs, eine ganze
-Universität von funfzehnhundert Studenten, in der besten Ordnung in
-der loyalsten Stimmung und ferne von jeder Aufregung<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">&nbsp;186&nbsp;</a></span> zu halten, ihre
-Phantasie zu beschäftigen ohne sie zu verbrennen und durch die Burschen
-fortwährend selbst von ihren geheimsten Gedanken in Kenntniß gesetzt
-zu werden. Aber man muß auch das Gemüth haben auf die Jugend zu wirken
-und sie ruhig gewähren lassen, wenn sie in die Sackgassen der Phantasie
-laufen. Sie kommen schon von selbst zurück und schlagen dann beschämt
-die Augen nieder.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Pueri sunt pueri, pueri puerilia tractant.</em>«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">&nbsp;187&nbsp;</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak nobold s4" id="Beglaubigte_Abschrift_der_Protocolle_gehalten_in_der">Beglaubigte
-Abschrift der Protocolle, gehalten in der Abgeordneten-Versammlung zu Jena.</h2>
-
-</div>
-
-<hr class="r20" />
-
-<p class="s3 center mbot2"><em class="gesperrt"><b>Protocoll,</b></em><br />
-
-<em class="gesperrt s6">gehalten in der Versammlung der Abgeordneten verschiedener Deutscher
-Hochschulen, zu Jena am 29. März 1818.</em></p>
-
-<p>1) Es wurden die Vollmachten der durch Abgeordnete an der Versammlung
-Theil nehmenden Hochschulen Berlin, Halle, Heidelberg, Jena, Kiel,
-Königsberg, Leipzig, Marburg und Rostock, mündlich oder schriftlich
-bekannt gemacht.</p>
-
-<p>2) Veranlaßt durch die Abgeordneten des Berliner Burschenvereins
-und den erwählten Abgesandten derjenigen nicht verbündeten Berliner
-Burschen, welche auf ihrer Hochschule eine allgemeine Burschenschaft
-nach Zweck und Form gegründet sehn wünschen, entstand die Frage, ob der
-Abgeordnete des Letztern eine entscheidende Stimme haben könne,<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">&nbsp;188&nbsp;</a></span> welche
-Frage durch Stimmenmehrheit mit »nein« beantwortet wurde.</p>
-
-<p>3) Wurde von den sämmtlichen stimmenfähigen Burschenabgeordneten,
-erstens R. aus Jena zum Sprecher, zweitens W. zum Schreiber in den
-Versammlungen gewählt.</p>
-
-<p>4) Nach einer Ermahnung von R., den Zweck der Versammlung im Auge
-habend, Ruhe, Ordnung und Bestimmtheit zu zeigen, wurde beschlossen,
-alle Verhandlungen nach Stimmenmehrheit zu entscheiden, und vom
-Sprecher rechts abzustimmen, jedoch mit Vorbehalt, daß alle Beschlüsse
-nur dann gültig wären, für die Hochschulen, wenn sie sich mit den
-Vollmachten der Abgeordneten derselben vereinigen ließen.</p>
-
-<p>5) Wurden die angekommenen abschlägigen Antworten von einigen Deutschen
-Hochschulen verlesen. Göttingen, Tübingen und Erlangen hatten entweder
-keine Abgeordnete stellen wollen oder können, und dieß schriftlich
-erklärt.</p>
-
-<p>6) K. aus Heidelberg forderte auf Vergessen aller Selbst und
-Partheisucht, den großen Zweck der Versammlung zu erfassen und in
-reiner Liebe zum Wahren und Guten so zu reden und zu handeln, wie jeder
-es verantworten könne vor Gott und seinem Gewissen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">&nbsp;189&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>7) Wurden die Angelegenheiten der Halleschen Burschenschaft, an sich,
-und in Verhältniß und Gegensatz der sogen. Sulphuria verhandelt. Es
-wurde beschlossen, daß diejenigen, welche sich mit ihrem Ehrenworte
-verpflichtet hatten, wegen der Unterdrückung der dortigen Teutonia
-Halle zu verlassen, nachher aber diese Verbindlichkeit nicht erfüllten,
-weil manche Gründe zu ihrer Entschuldigung vorhanden waren, nicht
-streng nach den Buchstaben des Gesetzes gerichtet werden sollten,
-sondern alle die von ihnen als ehrliche und wehrliche Burschen
-anzuerkennen wären, deren Entschuldigungsgründe von der Halleschen
-Burschenschaft als triftig entweder schon anerkannt wären, oder noch
-würden, sie aber durch eine von der sämmtlichen Versammlung des
-Abgeordneten zu unterschreibende Urkunde ihrer Übereilung und ihres
-Leichtsinnes wegen eine Rüge erhalten sollten. Hierdurch wurde zugleich
-die Hallesche Burschenschaft, in welcher sich einige von den genannten
-Burschen befanden, als rechtmäßig anerkannt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Anmerkung.</em> K. aus Heidelberg bat zu bemerken, daß er deswegen
-vorzüglich auf Anerkennung und Verweis gestimmt habe, weil K. die
-Versicherung gegeben, daß ihm von einem ehemaligen Teutonen gesagt sei,
-er habe an dem bekannten Abende<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">&nbsp;190&nbsp;</a></span> einige Hallesche Burschen blos zu
-einer <em class="gesperrt">bedingten</em> Unterschrift aufgefordert. K. meinte daher, daß
-dieses von einem jeden gehört sein könne, oder auch von denen, die es
-gehört hätten, verbreitet, also die Präsumtion für Straflosigkeit sei,
-und ein Verweis genüge.</p>
-
-<p>Die Halleschen Sulpfuristen betreffend, wurde durch Stimmenmehrheit
-ausgemacht, daß, da die von ihnen am meisten Beleidigten um Milde für
-sie baten, ferner wohl zu wünschen stand, daß auch in Halle wiederum
-ein kräftiges und einiges Burschenleben sich gestalte und gedeihe,
-ihnen eine allgemeine Verzeihung und Erlösung vom Banne gewährt werde,
-wenn sie folgende Bedingungen eingehen würden:</p>
-
-<ol class="klammer">
- <li><em class="antiqua">a</em>) Daß sie nach Namhaftmachung aller ihrer Mitglieder
- mit dem Ehrenworte sich verbürgten, die unter ihnen bestehende
- Verbindung aufzuheben.</li>
- <li><em class="antiqua">b</em>) Sich verpflichteten, die Hallesche Burschenschaft und
- ihren Brauch anzuerkennen.</li>
- <li><em class="antiqua">c</em>) Sich gefallen lassen wollten, daß bei dem Wunsche
- einzelner, von ihnen, in die Hallische Burschenschaft, oder in eine
- auf andern Hochschulen bestehende Verbindung einzutreten, über
- diese erst abgestimmt werde.</li>
-</ol>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">&nbsp;191&nbsp;</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Anmerkung</em> <em class="antiqua">a</em>) K. von Heidelberg erklärte, daß er im
-Namen seiner Burschenschaft den Verruf nicht eigentlich aufheben
-könne, indem derselbe bisher von ihr noch nicht ausgesprochen sei, und
-zwar aus dem Grunde, weil Heidelberg noch nicht im Cartel mit Halle,
-beschlossen habe, die Sache selbst zu untersuchen. Er hebe aber im
-Namen Heidelbergs den Vorbehalt der näheren Untersuchung auf, und trete
-oben genannten Bestimmungen bei.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Anmerkung</em> <em class="antiqua">b</em>) Marburg stimmte obiger Meinung aus dem
-besondern Grunde bei, daß diejenigen nicht namhaft gemacht werden
-könnten, durch welche die Teutonia bei der Regierung angeklagt sei.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Anmerkung</em> <em class="antiqua">c</em>) In Königsberg war die Acht über die
-Sulpfuria nicht ausgesprochen, weil die Partheiungen in Halle dort
-nicht genug bekannt geworden waren.</p>
-
-<table class="unterschriften1" summary="Unterschriften erstes Protokoll">
- <tr>
- <td class="tdr">
- R. &mdash;
- </td>
- <td class="tdl" colspan="2">
- Sprecher.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- W. &mdash;
- </td>
- <td class="tdl" colspan="2">
- Schreiber.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- Graf v. K. &mdash;
- </td>
- <td class="tdl" colspan="2">
- für <em class="gesperrt">Jena</em>.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- L. &mdash;
- </td>
- <td class="tdl s2" rowspan="2">
- }
- </td>
- <td class="tdl" rowspan="2">
- für <em class="gesperrt">Kiel</em>.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- R. &mdash;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- F. D. &mdash;
- </td>
- <td class="tdl s2" rowspan="2">
- }
- </td>
- <td class="tdl" rowspan="2">
- für <em class="gesperrt">Königsberg</em>.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- L. L. &mdash;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- C. F. L. &mdash;
- </td>
- <td class="tdl s2" rowspan="2">
- }
- </td>
- <td class="tdl" rowspan="2">
- für <em class="gesperrt">Leipzig</em>.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- D. E. &mdash;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- E. B. &mdash;
- </td>
- <td class="tdl" colspan="2">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">&nbsp;192&nbsp;</a></span>
- für <em class="gesperrt">Marburg</em>.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- A. B. &mdash;
- </td>
- <td class="tdl s2" rowspan="2">
- }
- </td>
- <td class="tdl" rowspan="2">
- für <em class="gesperrt">Berlin</em>.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- A. v. B. &mdash;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- T. v. K. &mdash;
- </td>
- <td class="tdl" colspan="2">
- für <em class="gesperrt">Heidelberg</em>.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- F. S. &mdash;
- </td>
- <td class="tdl s2" rowspan="2">
- }
- </td>
- <td class="tdl" rowspan="2">
- für <em class="gesperrt">Halle</em>.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- D. &mdash;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- W. W. &mdash;
- </td>
- <td class="tdl" colspan="2">
- für <em class="gesperrt">Rostock</em>.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdc" colspan="3">
- Folgen die Unterschriften.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<hr class="r20" />
-
-<div class="section">
-
-<p class="s3 center mbot2"><em class="gesperrt"><b>Protocoll,</b></em><br />
-
-<em class="gesperrt s6">gehalten in der Versammlung der Abgeordneten Morgens
-den 30. März.</em></p>
-
-</div>
-
-<p>1) Zu den für die Theilnehmer der Hallischen Sulpfuria zu bestimmenden
-Puncten und Bedingungen wurde noch hinzu gefügt, daß sie selbst jeden
-von ihnen, der die abgefaßte Schrift nicht unterschreiben wolle,
-als Verrufenen anerkennen und gegen ihn verfahren wollten, wie der
-Burschenbrauch der Hallischen Burschenschaft bestimme.</p>
-
-<p>2) Es erschienen die Bevollmächtigten der Hallischen Sulpfuria und
-unterschrieben die verlang<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">&nbsp;193&nbsp;</a></span>ten Puncte, und es war also für ihre Person
-der Bann aufgehoben.<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a></p>
-
-<p>3) Ein aus Leipzig angekommener Brief wurde verlesen. Der
-Seniorenconvent erklärte darin, daß man zur Förderung aller guten
-Zwecke bereit sei, daß aber nach seiner Meinung eine allgemeine
-Burschenschaft in Leipzig nicht leicht errichtet werden könne.</p>
-
-<p>4) Es wurden die mündlichen und schriftlichen Klagepuncte des
-ehemaligen Breslauer Burschen U. (jetzt in Berlin) gegen die Polen in
-Breslau gehört, und beschlossen, er solle den Thatbestand schriftlich
-aufsetzen, damit dann, nachdem auch jene gehört wären, in der Sache ein
-Weiteres bestimmt werden könne.<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">&nbsp;194&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>5) Nachdem auf diese Weise die auf Brauchssachen Bezug habenden
-Angelegenheiten abgemacht waren, wurde zur Besprechung über die
-Grundidee einer allgemeinen Deutschen Burschenschaft geschritten. J.,
-Abgeordneter von mehreren Burschenschaften aus Berlin, die eine solche
-wünschten, erkannte, auf Befragen den erwählten Sprecher und Schreiber
-an.</p>
-
-<p>6) Es wurden von R. 19 Puncte als Grundlage zu einer allgemeinen
-Burschenschaft verlesen, und über dieselben einzeln abgestimmt. Leipzig
-begab sich seine Stimme, weil dort noch Landsmannschaften beständen.</p>
-
-<p>Punct 1.<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> wurde von allen Deutschen Hochschulen anerkannt.</p>
-
-<p>Punct 2. gleichfalls anerkannt. K. behielt sich nähere Erläuterung bei
-§ 4. vor.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Anmerkung.</em> Es wurde bestimmt, daß eine Deutsche Burschenschaft
-Ausländer unter sich aufnehmen <em class="gesperrt">könne</em>, wenn sie nur von ihnen
-überzeugt sei, daß sie dem Zwecke einer allgemeinen Deutschen<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">&nbsp;195&nbsp;</a></span>
-Burschenschaft nicht schädlich, sondern eher förderlich sein
-würden, daß dieselben auch Ausländern eine eigene Verbindung neben
-sich gestatten könne, wenn nur diese ihr untergeordnet blieben,
-<em class="gesperrt">allein</em> in Brauchssachen entscheidend stimmfähig sei, jedoch so,
-daß die Deutsche Burschenschaft wenigstens immer ⅔ der Stimmen erhalte.</p>
-
-<p>K. für Heidelberg erklärte, daß die Burschenschaft sich, wegen
-der Zwistigkeiten und Vereine, die noch außer der Burschenschaft
-in Heidelberg beständen, aller Rechte auf Renoncen und
-Nicht-Burschenschaftsmitglieder enthalte, wenn sie nicht mit ihnen in
-Collision käme.</p>
-
-<p>Die Kieler Abgeordneten behielten der Entscheidung ihrer Burschenschaft
-vor, ob der von ihr anerkannte Burschenbrauch in allen seinen
-Beziehungen auch für die nicht Verbündeten verpflichtend sein solle.</p>
-
-<p class="right mright2 mbot2">F. d. U.</p>
-
-<hr class="r20" />
-
-<div class="section">
-
-<p class="s3 center mbot2"><em class="gesperrt"><b>Protocoll,</b></em><br />
-
-<em class="gesperrt s6">Abends am 30. gehalten.</em></p>
-
-</div>
-
-<p>§. 1. K. wurde auf Verlangen sein Freund L. aus Heidelberg als
-Rathgeber in schwierigen Fällen zugesellt.</p>
-
-<p>§. 2. Weitere Berathung über die vorgeschlagenen Puncte:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">&nbsp;196&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>§. 3. wurde allgemein anerkannt.</p>
-
-<p>§. 4. wurde nach §. 2. eingeschränkt.</p>
-
-<p>K. bezieht sich auf die gemachten Modificationen. V. B. und L.
-erkannten dies und das nachfolgende nur in so weit an, als es sich mit
-ihren Vollmachten vereinigen ließ.</p>
-
-<p>§. 5. Hiebei wurde vor dem Worte öffentlich »wo möglich« eingeschaltet.</p>
-
-<p>Das Wort unauflöslich wurde weggelassen. D. erklärte es dahin, daß
-er glaube, die Verbindung müsse geistig unauflöslich, auch fürs
-bürgerliche Leben fortbestehen.</p>
-
-<p>§. 6. beschränkt sich auf §. 2. Ob Nichtchristen aufzunehmen seien,
-wurde der Entscheidung der einzelnen Burschenschaften überlassen.</p>
-
-<p>§. 7. wurde mit der Bemerkung angenommen, daß es jeder Burschenschaft
-frei stehe zu bestimmen, ob nach der Exmatrikulation jemand von
-ihr noch als Bursch anzusehen sei, oder nicht. Die Königsberqer
-Abgeordneten behielten sich vor, daß die darüber in ihrem Brauch
-enthaltenen nähern Bestimmungen in Kraft bleiben sollten.</p>
-
-<p>§. 8. 9. und 10. wurde angenommen.</p>
-
-<p>§. 11. von den Meisten gebilligt.</p>
-
-<p>Heidelberg stimmt in der Idee dem §. 11. alsdann bei, wenn jeder
-ehrenhafte Bursch aufnahms<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">&nbsp;197&nbsp;</a></span>fähig ist. Die Verhältnisse selbst haben die
-Realisirung dieser Idee dort noch nicht gestattet.&nbsp;&mdash; Kiel bezog sich
-auf seine Anmerkung nach §. 2.</p>
-
-<p>§. 12. angenommen.&nbsp;&mdash; Kiel erklärte, da bis her dort keine Wilden
-gewesen seien, sei noch nicht bestimmt worden, in wie fern der
-Burschenbrauch auch für Nichtverbündete gelte.</p>
-
-<p>§. 13. angenommen.</p>
-
-<p>§. 14. Hiebei verwiesen nur die Kieler auf das oben in dieser Beziehung
-Gesagte.</p>
-
-<p class="right mright2 mbot2">F. d. U.</p>
-
-<hr class="r20" />
-
-<div class="section">
-
-<p class="s3 center mbot2"><em class="gesperrt"><b>Protocoll,</b></em><br />
-
-<em class="gesperrt s6">gehalten den 31. März.</em></p>
-
-</div>
-
-<p>1) Wurden die von U. abgefaßten Klagepuncte verlesen und beschlossen,
-es solle in Breslau Aufhebung des Verrufes und Rechtfertigung wegen des
-Überfalls verlangt, U. aber so lange ganz schuldlos angesehen werden.</p>
-
-<p>2) Wurde angezeigt, daß die Gießner geschrieben hätten, sie wären
-verhindert worden Abgeordnete nach Jena zu senden, indem der Senat
-allen solchen Relegationen angedroht habe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">&nbsp;198&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>3) Es wurde in der abgebrochenen Berathung wieder fortgeschritten.</p>
-
-<p>§. 15. angenommen.</p>
-
-<p>§. 16. wurde folgendermaßen abgeändert. Es bleibt der gesammten
-Deutschen Burschenschaft das Recht, die Verfassungen der einzelnen
-Hochschulen, wo Burschenschaften sind, einzusehn und zu beurtheilen,
-ob, und in wie fern sie der Grundidee entsprechen, und bei etwanigen
-anstößigen dieselbe um Abstellung derselben anzugehn.</p>
-
-<p>§. 17. Hier wurde die Bestimmung hinzugefügt, daß wenn die Casse
-einer, oder mehrerer Burschenschaften zu den Kosten der Reise nicht
-hinreiche, eine allgemeine Casse nach Verhältniß des Einkommens der
-Burschenschaften eingerichtet, und dadurch die Reise erleichtert werden
-solle.</p>
-
-<p>§. 18. Hier wurde Eisenach vorläufig als Versammlungsort bestimmt.</p>
-
-<p>§. 19. Es wurde hinzugefügt, daß bei den genannten Berathungen ⅔ der
-Stimmen entscheiden sollten.</p>
-
-<p>4) Der Vorschlag, alle Jahre am 18. Juni ein Fest zu feiern, wobei
-man sich vorzüglich der Brüder an andern Orten in traulicher Liebe
-erinnere, wurde gebilligt.</p>
-
-<p>5) Die Abgeordneten der Leipziger Hochschule<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">&nbsp;199&nbsp;</a></span> behielten sich vor, daß,
-wenn bei ihnen gleichfalls eine allgemeine Burschenschaft zu Stande
-gekommen wäre, auch ihr das hier den einzelnen Hochschulen gegebenes
-Recht, den verlesenen Puncten Anmerkungen hinzuzufügen, aufgehoben
-bleiben solle, und es wurde dieß allgemein gebilligt.</p>
-
-<p class="right mright2 mbot2">F. d. U.</p>
-
-<hr class="r20" />
-
-<div class="section">
-
-<p class="s3 center mbot2"><em class="gesperrt"><b>Protocoll,</b></em><br />
-
-<em class="gesperrt s6">vom 1. April 1818.</em></p>
-
-</div>
-
-<p>1) L. aus Königsberg zeigte an, daß, da sein Mitabgeordneter D. unwohl
-sei, er seine Stimme mit übernommen habe, D. sich aber etwanige
-Bemerkungen noch vorbehalte.</p>
-
-<p>2) B. für Marburg dankte den Jenaern für die Abfassung der 19 Puncte,
-bemühte sich darauf, auseinanderzusetzen, wodurch wir etwa den
-darin aufgestellten Zweck erreichen möchten, wobei er vor allen zur
-Erlangung wahrer vaterländischer Bildung, Streben nach umfassender
-Kenntniß, Ehrenhaftigkeit, und Freiheit, aber was die Burschenschaften
-auszeichnend unterscheiden solle, rücksichtslosen Gemeingeist und
-möglichste Gleichheit der Rechte empfahl. Es wurde von R. antwortend
-auf den 10. Punct verwiesen, wo schon zum Theil darüber verhandelt<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">&nbsp;200&nbsp;</a></span>
-sei. Nur wurde noch in Betreff der Gleichheit vor dem Rechte folgendes
-Nähere verhandelt.</p>
-
-<p>Es entstand:</p>
-
-<ol class="klammer">
- <li><em class="antiqua">a</em>)<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> Die Frage, ob ein Fuchs zum Vorsteher erwählt werden
-könne, welche im Allgemeinen verneint wurde.</li>
- <li><em class="antiqua">b</em>) Ob einem Fuchs Stimmrecht zuzuerkennen sei.</li>
-</ol>
-
-<p>Die übrigen Hochschulen bejahten die Frage; Jena, Kiel, Königsberg und
-Marburg aber, deren Bevollmächtigte noch nicht von ihrer Verfassung
-abgehen konnten, behielten sich Berathung mit ihren Burschenschaften
-vor.&nbsp;&mdash; Es wurde noch der Vorschlag gemacht, ob nicht diejenigen
-Burschenschaften, welche Füchse entweder nicht sogleich aufnehmen,
-oder denselben nach der Aufnahme keine Stimmfähigkeit zuerkennen
-würden, allen den Füchsen, welche einzutreten wünschten, Erlaubniß
-und Veranlassung geben wollten, vor der Aufnahme eine gewisse Anzahl
-von Versammlungen zu besuchen, damit auf der einen Seite dieselben
-Gelegenheit bekämen, die Eigenthümlichkeit des Lebens auf den
-Hochschulen<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">&nbsp;201&nbsp;</a></span> kennen zu lernen, auf der andern Seite aber das peinliche
-Gefühl bei ihnen vermieden werde, einem Ganzen anzugehören, über dessen
-Wohl ihnen keine entscheidende Stimme zustehe, und so das Gesetz der
-möglichsten Gleichheit der Rechte nicht gekränkt werde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Anmerkung.</em> K. für Heidelberg bemerkte, daß er um des Allgemeinen
-willen von der Wahlfähigkeit zum Vorsteheramte für sogen. Füchse
-abstehe, wenn die anderen Hochschulen sich zur Stimmfähigkeit für Alle
-verstehen wollten.</p>
-
-<p>Und es geschehe dies besonders der Einheit des Gesetzes willen.</p>
-
-<p>3) Wurde der Wunsch geäußert, daß bei der Aufnahme alle Abstimmung
-durch bloßes Ja oder Nein wegfallen möge, sondern laut und mit
-Anführung der etwanigen Gründe gegen den Aufzunehmenden gestimmt werde,
-wobei auf §. 9. und 10. verwiesen wurde.&nbsp;&mdash; Rostock behielt sich hiebei
-Berathung mit ihrer Burschenschaft vor.</p>
-
-<p>4) Wurde als zum Wesen der Burschenschaft gehörig anerkannt, daß
-kein Zweikampf zwischen den einzelnen Burschenschaften, als solchen,
-statt finden dürfe, sondern jeder unter ihnen obwaltende Streit
-schiedsrichterlich ausgeglichen werden müsse.</p>
-
-<p>5) Wurde festgesetzt, es solle in dieser Versamm<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">&nbsp;202&nbsp;</a></span>lung der Abgeordneten
-noch kein förmliches Cartel, oder eine Verfassungsurkunde der
-großen allgemeinen Deutschen Burschenschaft verfaßt, sondern blos
-einige Grundgesetze derselben vorläufig entworfen werden, damit die
-Abgeordneten sie zur Berathung ihrer Burschenschaft mitnehmen könnten.
-Die vollständige Ausarbeitung müsse bis zur Versammlung am 18. Oktober
-ausgesetzt bleiben.</p>
-
-<p>6) Sollte auch an die Hochschulen, welche keine Abgeordnete hierher
-gesandt, der Entwurf dieser Gesetze, die 19 Puncte zugleich mit einer
-Schrift, welche die Ansichten der Abgeordneten von dem Wesen der
-Burschenschaft näher ausspräche, so wie auch eine Aufforderung, dem
-hier gebilligten Grundsätzen beizutreten, übersandt werden.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Anmerkung.</em> Berlin behielt sich vor, zu dieser Aufforderung nur
-dann mitzuwirken, wenn ihr Verein als Burschenschaft anerkannt würde.</p>
-
-<p class="right mright2 mbot2">F. d. U.</p>
-
-<hr class="r20" />
-
-<div class="section">
-
-<p class="s3 center mbot2"><em class="gesperrt"><b>Protocoll,</b></em><br />
-
-<em class="gesperrt s6">gehalten Nachmittags am 1. April.</em></p>
-
-</div>
-
-<p>1) Die Verfassungsurkunde des Berliner Burschenvereins wurde verlesen
-und nach mannigfachen<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">&nbsp;203&nbsp;</a></span> Verhandlungen, theils über seine innere
-Einrichtungen, theils über seine Verhältnisse zu den Nichtverbündeten,
-wurde das Urtheil der Abgeordneten gefordert, ob der Berliner
-Burschenverein nach Zweck und Form eine Burschenschaft zu nennen sei.</p>
-
-<p><em class="antiqua">a</em>) Jena erklärte sich dahin, dieser Verein entspreche nicht der
-Idee einer allgemeinen Burschenschaft, weil:</p>
-
-<ol class="klammer">
- <li>1) Die Eintheilung nach Provinzen zu Partheiung, Eifersucht und
- Kastengeist Anlaß geben könne.</li>
- <li>2) Hinsichtlich der Abstimmung der einzelnen Landsmannschaften für
- sich, der Begriff der Gerechtigkeit dadurch gefährdet werde, daß
- Fälle möglich blieben, wo wenige über viele entscheiden könnten.</li>
- <li>3) Die Privatinstitution jeder Landsmannschaft dem Gemeingeiste
- hinderlich sein müsse.</li>
-</ol>
-
-<p><em class="antiqua">b</em>) Die Kieler Abgeordneten stimmten im Ganzen der obigen
-Erklärung bei, glaubten aber, daß es nur geringer Veränderungen
-bedürfe, um die genannte Verfassung der Idee einer allgemeinen
-Burschenschaft entsprechend zu machen.</p>
-
-<p><em class="antiqua">c</em>) Königsberg meinte, daß gegen diesen Verein noch besonders
-zu erinnern sein möchte, daß der Entschluß, für eigne volksthümliche
-Bildung zu<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">&nbsp;204&nbsp;</a></span> wirken, in der vorgelesenen Urkunde nicht genug
-hervorgehoben sei.</p>
-
-<p><em class="antiqua">d</em>) Marburg bezog sich auf die von Jena gemachte Bemerkung in
-Hinsicht auf das Abstimmen nach einzelnen Landsmannschaften, und
-führte gegen diese Eintheilung überhaupt die Erfahrung an, daß solche
-stehende Abtheilungen der allgemein zu fördernden Eintracht durch
-unvorherzusehende Vorfälle nur zu leicht gefährlich würden.</p>
-
-<p><em class="antiqua">e</em>) Halle erklärte sich dahin, es stimme im Allgemeinen mit
-der vorigen Bemerkung überein und fürchte besonders Hervortreten von
-Eifersucht bei dieser landsmannschaftlichen Eintheilung.</p>
-
-<p><em class="antiqua">f</em>) Heidelberg urtheilt, daß nach provisorischer Annahme der
-bekannten 19 Puncte der Geist des Berliner Burschenvereins als
-Deutscher Burschenschaftsgeist anzuerkennen sei, daß diese Idee aber
-vernichtet werden müsse:</p>
-
-<ol class="klammer">
- <li>1) Durch die Einrichtung, daß nicht <em class="antiqua">viritim</em>
- gestimmt werde.</li>
- <li>2) Durch Unwandelbarkeit und Ungleichheit der Mitgliederzahl der
- einzelnen Abtheilungen.</li>
- <li>3) Durch Beibehalt der Privatinstitutionen und hält</li>
- <li>4) noch für nützlich, wenn für diese Abtheilungen ein andrer Name
- angenommen werde.</li>
-</ol>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">&nbsp;205&nbsp;</a></span></p>
-
-<p><em class="antiqua">g</em>) Rostock erklärte, es glaube, daß die Verfassung der Berliner
-Verbindung aus der Grundidee einer allgemeinen Deutschen Burschenschaft
-hervorgegangen sei, bei Einrichtung der Form aber einiges dieser
-Form nicht genau Entsprechende vielleicht aus etwas zu ängstlicher
-Berücksichtigung der Schwierigkeiten, welche örtliche Verhältnisse
-ergaben, entsprungen sei, und deßhalb gewiß leicht abgestellt werden
-könne.</p>
-
-<p><em class="antiqua">h</em>) J. meinte, daß zur Ausführung der Grundidee einer allgemeinen
-Deutschen Burschenschaft auch allgemeine Versammlungen unerläßlich
-seien.</p>
-
-<p>2) Die Abgeordneten faßten den Beschluß, es solle von ihnen der
-Berliner Burschenverein freundlich gebeten werden, nach den 19 Puncten
-und den darüber im Protocoll bei Gelegenheit der Verhandlungen
-über Wesen und Form des Berliner Burschenvereins eingeschalteten
-Bestimmungen und Erläuterungen ihre Verfassung umzuändern und so sich
-den übrigen Deutschen Burschenschaften näher anzuschließen. Zugleich
-solle diesem Vereine der Vorschlag gemacht werden, ob sie nicht, wenn
-sie auf obige Bitte eingehen würden, bei Berathungen über diese Sache
-einen Abgeordneten von denen zulassen wollten, welche außer ihrer
-Verbindung<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">&nbsp;206&nbsp;</a></span> eine allgemeine Burschenschaft begründet zu sehen wünschten.</p>
-
-<p>3) Wurde ausgemacht, daß alle Deutschen Hochschulen aufgefordert werden
-sollten, so lange die Regierungen eine ordentliche Burschenzeitung noch
-nicht gestatteten, Aufsätze über Burschenangelegenheiten nach Jena
-einzusenden, damit sie dort, wo es am leichtesten ausführbar sei, unter
-erlaubtem Namen und erlaubter Form zum Druck gefördert würden.<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a></p>
-
-<p class="right mright2 mbot2">F. d. U.</p>
-
-<hr class="r20" />
-
-<div class="section">
-
-<p class="s3 center mbot2"><em class="gesperrt"><b>Protocoll</b></em>
-
-<em class="gesperrt s6">&nbsp; den 2. April.</em></p>
-
-</div>
-
-<p>1) Verlas R. den an die Breslauer abgefaßten Brief. Er wurde gebilligt
-und es wurde bestimmt, daß die Breslauer Burschenschaft ersucht werden
-solle, die Antwort an diejenigen Hochschulen gelangen zu lassen, welche
-für das laufende Jahr zu Geschäftsführenden würden erwählt werden.</p>
-
-<p>2) Es wurde hierauf zugleich jene Wahl vorgenommen und der
-Burschenschaft zu Jena zuerst<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">&nbsp;207&nbsp;</a></span> das Amt der Geschäftsführung in
-allgemeinen Burschenangelegenheiten übertragen.</p>
-
-<p>3) K. verlas einen vorläufigen Entwurf des sogen. Cartels und gab
-dieses Veranlaßung zur näheren Berathung über einige Gesetze für die
-Verfassungsurkunde der allgemeinen Deutschen Burschenschaft. Folgende
-Bestimmungen, die sich aus den Vorschlägen der Einzelnen ergaben,
-wurden als zweckmäßig anerkannt.</p>
-
-<ol class="klammer">
- <li><em class="antiqua">a</em>) Es ist Hauptgrundsatz, daß alle Deutsche
- Burschenschaften in der Idee <em class="gesperrt">ein Ganzes
- ausmachen</em>.</li>
- <li><em class="antiqua">b</em>) Hieraus ergiebt sich, daß die Verfassung
- jeder einzelnen Burschenschaft der Grundidee des Ganzen entsprechen
- müsse.</li>
- <li><em class="antiqua">c</em>) Es bleibt also auch der allgemeinen
- Deutschen Burschenschaft die Entscheidung überlassen, ob eine
- Vereinigung auf einer Hochschule als Burschenschaft anzuerkennen sei,
- oder nicht.</li>
- <li><em class="antiqua">d</em>) Zur Darstellung der Idee des Ganzen ist eine
- allgemeine Bundessitzung nothwendig.</li>
- <li><em class="antiqua">e</em>) Jede Deutsche Burschenschaft schickt daher
- zu einer bestimmten Zeit Abgeordnete nach einem zu erwählenden Ort, um
- über allgemeine Angelegenheiten zu berathen und zu entscheiden.</li>
- <li><span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">&nbsp;208&nbsp;</a></span>
- <em class="antiqua">f</em>) Dem Beschlusse dieses Bundestages muß sich
- jede Burschenschaft unterwerfen, jedoch mit Vorbehalt aller hierher
- gehörenden in den Protocollacten gemachten näheren Bestimmungen und
- anderer noch zu entwerfenden Beschränkungen.</li>
- <li><em class="antiqua">g</em>) Die Bundessitzung ist noch besonders
- schiedsrichterlicher Behörde in Streitigkeiten einzelner
- Burschenschaften.</li>
- <li><em class="antiqua">h</em>) Ihr bleibt die oberste Leitung der
- Geschäftsführung überlassen.</li>
- <li><em class="antiqua">i</em>) Es ist vorläufig diejenige als eine Deutsche
- Burschenschaft anzuerkennen, welche die 19 aufgestellten Puncte, wie sie
- durch Erläuterungen und Zusätze im Protocolle bedingt worden sind, als
- gültig für ihren Verein annimmt.</li>
- <li><em class="antiqua">k</em>) Die Vollmacht der zur Bundessitzung zu
- sendenden Abgeordneten muß möglichst uneingeschränkt und die Zahl
- derselben 3 sein.</li>
- <li><em class="antiqua">l</em>) Es wird dringend gewünscht, daß auf dem
- nächsten allgemeinen Bundestage von jeder Hochschule ein
- Verfassungsentwurf der großen allgemeinen Deutschen Burschenschaft
- mitgebracht werde, damit daraus ein allgemein gültiges Ganze hervorgehe.</li>
- <li><em class="antiqua">m</em>) Alle Angelegenheiten, welche sich auf die
- Bundessitzung beziehen, werden von der geschäfts<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">&nbsp;209&nbsp;</a></span>führenden Burschenschaft
- geleitet, und ist also jetzt alles hierher Gehörige nach Jena einzusenden.</li>
-</ol>
-
-<p>4) Kiel machte in Hinsicht des Burschenbrauchs Vorschläge zur
-allgemeinen Annahme, als z. B. Gleichheit der Waffen auf allen
-Hochschulen; Vermeidung des Ehrenwortes bei Spielschulden,<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a> worüber
-aber der Beschluß bis zur Bundessitzung verschoben werden mußte, so
-wie auch der Antrag von derselben Hochschule, das für alle 3 Jahre ein
-Wartburgsfest beschlossen werde.</p>
-
-<p>5) Den letzten Vorschlag, so wie den zur Gleichheit der Waffen
-hatte auch Königsberg und fügte noch den Wunsch hinzu, daß für eine
-allgemeine Volkstracht, so weit es im Wirkungskreise der Hochschulen
-läge, etwas geschehen möge.</p>
-
-<p>6) Marburg schlug gleichfalls Deutsche Tracht und Waffengleichheit vor
-und erhielt, so wie auch Königsberg gleiche Antwort mit Kiel.</p>
-
-<p>7) Halle schlug gemeinschaftliche Farbe und Wahlspruch vor. Über das
-erstere sollte der Bundestag sich erklären. Zum Wahlspruch wurde
-vorläufig: »Gott, Freiheit, Vaterland« vorgeschlagen.</p>
-
-<p>8) Heidelberg hält für die Aufrechthaltung der<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">&nbsp;210&nbsp;</a></span> wahren Burschenehre
-und Gerechtigkeit für nothwendig, daß sich auf jeder Deutschen
-Hochschule ein Schiedsgericht befinde, welches unmöglich mache, daß die
-Beleidigung, welche offenbar ganz auf der einen Seite sei, durch den
-Zweikampf ausgemacht werde, sondern daß dagegen eine Renomageerklärung
-Statt finde. Auch sollte dieses Schiedsgericht den Zweck haben, wo
-möglich Streitigkeiten zu vermitteln, und erst nach geschehenem
-Versuche den Zweikampf zulassen.&nbsp;&mdash; Es wurde dies zu weit ausgedehnt
-gefunden und dafür vorgeschlagen, es solle auf jeder Hochschule
-eine Behörde sein, welche, so viel möglich, unzulässige Zweikämpfe
-verhindere; der muthwillige Beleidiger solle gezwungen werden, die
-Beleidigung wenigstens zurückzunehmen, dem Beleidigten aber überlassen
-bleiben, ob er noch weitere Genugthuung fordern wolle, oder nicht.</p>
-
-<p>9) Es wurde vorgeschlagen, daß der immerwährende Verruf und die Strafe
-der Hetzpeitsche gänzlich aufgehoben werde.</p>
-
-<p>10) Folgte der Antrag, daß die Versammlung des Bundestages schon den
-10. October 1818 beginnen möge, welcher allgemein angenommen wurde.</p>
-
-<p>11) Wurde der Beschluß gefaßt, daß an alle Hochschulen, wo Verbindungen
-sind, theils Abschrif<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">&nbsp;211&nbsp;</a></span>ten des Protocolls und der 19 Puncte, theils der
-Aufsatz über Wesen und Form der Burschenschaften nebst freundlicher
-Aufforderung zur Einrichtung einer solchen übersandt werden solle.
-In Betreff Gießens vereinte man sich dahin, daß man beide daselbst
-bestehende Partheien zur Vereinigung auffordern und ihnen gleichfalls
-das oben Genannte übersenden wolle.</p>
-
-<p>Es waren also zusammen Briefe zu senden nach Berlin, Breslau, Erlangen,
-Freiburg, Gießen, Greifswalde, Göttingen, Landshut, Leipzig, Würzburg
-und Tübingen. Für Heidelberg wurde bestimmt, daß die Burschenschaft den
-Landsmannschaften daselbst oben erwähnte Schriften überreichen möchte.</p>
-
-<p class="right mright2 mbot2">F. d. U.</p>
-
-<hr class="r20" />
-
-<div class="section">
-
-<p class="s3 center mbot2"><em class="gesperrt"><b>Protocoll,</b></em><br />
-
-<em class="gesperrt s6">gehalten am 3. April.</em></p>
-
-</div>
-
-<p>1) Wurde die Disposition der Schrift verlesen, welche an einige
-Hochschulen gesandt werden sollte, um dort die Ansicht der Abgeordneten
-vom Zweck und Form der Burschenschaften darzustellen. Sie wurde
-gebilligt und zur weitern Ausarbeitung übergeben.</p>
-
-<p>2) Ein Brief vom Vorsteher H. aus Breslau wurde bekannt gemacht. H.
-bemühte sich darin,<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">&nbsp;212&nbsp;</a></span> nähere Aufklärung über U.’s Sache zu geben.
-Dieser Brief konnte aber als nicht von der Verbindung ausgehend nicht
-als Ausspruch ihrer Meinung angesehen werden. Das Schreiben an die
-Breslauer Burschenschaft wurde daher demnach nöthig gefunden, und
-war dabei jetzt nur noch die erforderliche Rücksicht auf den Brief
-von H. zu nehmen. U. suchte sich gegen die in dem Briefe enthaltenen
-Beschuldigungen zu rechtfertigen und verlangte, daß H. zu näherer
-Erklärung besonders über den ihm von demselben Schuld gegebenen Bruch
-des Ehrenwortes veranlaßt werden möge.&nbsp;&mdash; Endlicher Beschluß in dieser
-Sache war, es solle die Breslauer Burschenschaft nicht nur um ihre
-Bestätigung und Widerlegung der in dem Briefe von S. enthaltenen
-Klagepuncte ersucht, sondern sie noch ferner gebeten werden, abgesehn
-von ihrer jetzigen Meinung, den ganzen Thatbestand auszumitteln, und
-hieher mitzutheilen.</p>
-
-<p>3) Trugen die Hallischen Abgeordneten auf einen Beschluß der
-Versammlung darüber an, ob die von mehreren Hochschulen für Halle
-erkannte Strafe, daß die Zeit, wo kein eigentlicher Burschenbrauch
-einer Verbindung daselbst bestanden habe, rücksichtlich des
-Burschenalters der in Halle damals Studirenden nicht gerechnet werden
-solle, jetzt durch<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">&nbsp;213&nbsp;</a></span> die über die dortigen Angelegenheiten gemachten
-Bestimmungen aufgehoben sei, oder nicht. Die Versammlung beschloß
-einstimmig Aufhebung jenes Ausspruches.</p>
-
-<p>4) Wurde beschlossen, daß wenn von irgend einem Gerichte wegen dieser
-Versammlung eine Untersuchung verhängt werden sollte, erst dann, allein
-wenn die Sache nicht mehr zu verheimlichen sei,<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> eingestanden werden
-dürfe, es wären hier einige Burschen zusammengekommen, um auf einzelnen
-Hochschulen bestehende Streitigkeiten gütlich zu vermitteln; wobei aber
-weder die Namen der Abgeordneten anderer Hochschulen genannt, noch
-überhaupt von einem geführten Protocolle geredet werden sollte, und
-zwar dieß alles, weil es sich neuerdings vielfach bestätigt habe, wie
-sehr manche Regierungen allen Verbindungen auf Hochschulen entgegen
-wären.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">&nbsp;214&nbsp;</a></span></p>
-
-<p class="padtop2">Göthe, welcher damals seinen <em class="antiqua">procès monstre</em> mit dem Großherzog
-von Weimar gehabt hatte, hielt sich in Jena auf. Ich konnte nicht umhin
-dem großen Dichterfürsten aufzuwarten. Er wohnte jenseits der Saale
-vor der Stadt, in der sogenannten Tanne, welche neben dem Geleitshause
-liegt.</p>
-
-<p>»Wollen Sie den Staatsminister sprechen?« fragte mich den Eintretenden
-ein kleiner altkluger Knabe, in dem breitesten Sächsischen Dialect,
-welchen mein Ohr je vernommen hat. Ich nickte bejahend, indessen nicht
-ohne einige unheimliche Empfindung, da mir der kleine Bursch von hinten
-etwas zwergmäßig vorkam. Er mag auch wol nur ein Luftgebild aus Göthes
-Hirn gewesen sein und überall keine Realität gehabt haben. Denn er war
-in der That auf eine bewundrungswürdig schnelle Weise meinen Blicken
-entschwunden. Verdutzt sahe ich mich auf der Diele umher, der Zwerg
-wurde nicht wieder sichtbar. Ich kuckte in alle Ritzen und Spalten,
-Alles war vergebens. Da hörte ich ein Geräusch, Trepp ab. Es nahte
-ein Bedienter, der nach meinem Begehren und Namen fragte, und nach
-erhaltener Antwort mich sodann bei Göthe anzumelden versprach. »Es
-soll dem Herrn Geheimerath sehr angenehm sein,« berichtete er, und
-ich folgte.&nbsp;&mdash; Ich habe mein ganz Leben hindurch in Gegenwart<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">&nbsp;215&nbsp;</a></span> großer
-Menschen sehr lebendig das Gefühl gehabt, was Verrina »<em class="gesperrt">Respekt</em>«
-nennt, eine Empfindung welche dem Geist wohlthut, wie der Frost der
-Erde zur Winterszeit. Sie tödtet das Unkraut der Eitelkeit auf die
-probateste Weise.</p>
-
-<p>Aber Göthe’s Antlitz zu sehen,&nbsp;&mdash; ich fühlte das meine schon im voraus
-verbrannt, wie das der armen Fräulein Semele bei Jupiters Anblick.
-&mdash; Und siehe! schon auf dem Corridor begegnete mir der große Mann.
-Ich kreutzte meine Arme, verbeugte mich tief, blieb aber dann, ein
-travestirter Paganini, noch lange auf der G Saite der Conversation,
-indem ich nur sehr mühsam und stotternd, »mein Herr Ge- Ge- Ge-
-heimerath« heraus brachte.</p>
-
-<p>Excellenz oder besser: »<em class="antiqua">Ecce Lenz</em>« wäre überhaupt passender
-gewesen, denn der Angeredete schob an mir vorbei und sagte fast
-mürrisch: »Ich bin nicht der Geheimerath.«&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich hatte mich geirrt, es war der Mineraloge <em class="gesperrt">Lenz</em>.</p>
-
-<p>Der lächelnde Bediente öffnete eine Thür. Ich trat ein und sah Göthe am
-Ende des Zimmers am Fenster stehend.</p>
-
-<p>Ich weiß nicht recht woher es kam, aber drei Vergleiche drängten sich
-bei seinem Anblick solidarisch in meine Vorstellung.&nbsp;&mdash; Bald glaubte
-ich den<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">&nbsp;216&nbsp;</a></span> Apoll von Belvedere, bald einen Pfau, bald die Ruinen des
-Heidelberger Schlosses vor mir zu sehen. Das schöne Auge schien mir
-etwas gebrochen.&nbsp;&mdash; Daher mag der letzte Vergleich der paßendste sein.
-»Treten Sie an dieses Fenster,« commandirte fast der Dichter, »Sehen
-Sie sich hier ringsumher. Wie gefällt ihnen die Gegend? Sie ist die
-schönste, welche ich auf die Dauer gekannt habe.«&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich stimmte bei, obgleich den Bergen wol eine grüne Grasatzel zu
-wünschen gewesen wäre. Sie sind entsetzlich kahl.&nbsp;&mdash; Dann brachte ich
-das Gespräch auf die See und erzählte, daß mein Vater zur Zeit meiner
-Geburt die Stelle eines Landsvogts auf der dänischen Insel Föhr in der
-Nordsee bekleidet habe. Ich schilderte den Anblick des Weltmeers, als
-den erhabensten, den die Natur darbietet, und bediente mich, da Göthe
-Beifall zu schmunzeln schien, wenn ich nicht irre, sogar mehrerer
-poetischen Floskeln dabei. Ich wollte, nachdem ich den ersten Schock
-der eingebildeten und wahren Bekanntschaft Göthe’s überwunden hatte,
-ihm zu verstehen geben, daß ich auch ein Jünger der Musen sei und
-wenigstens dadurch die Dreistigkeit meines Besuches entschuldigen. Aber
-auf einmal thaten der Herr Geheimerath eine fatale Frage an mich. Sie
-geruhten sich zu erkundigen, wie <em class="gesperrt">groß Föhr</em> sei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">&nbsp;217&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Obgleich Gaspari, als er 1804 in Wandsbeck lebte, trotz seiner
-Menschenscheu mich als kleinen Knaben fortwährend auf den Arm
-getragen hat, obgleich ich wohl weiß, daß Fabris Geographie mit
-dem humoristischen Grundsatz: »Ohne Geographie ist der Mensch ein
-Maulwurf,« beginnt, so muß ich doch gestehen, daß diese Wissenschaft
-diejenige ist, die sich mir von jeher am fernsten gehalten hat.</p>
-
-<p>Ich sah den alten Herrn etwas verblüfft an, dann aber antwortete ich,
-wie ein Geschworner ohne Rechtskenntniß in Rechtssachen,&nbsp;&mdash; in dieser
-geographischen Klemme, nach meiner moralischen Überzeugung: »<em class="gesperrt">Eine
-Quadratmeile.</em>«</p>
-
-<p>Göthe schien sich dabei erst nicht beruhigen und an einige Bücher auf
-dem Repositorio appelliren zu wollen, was mich in der That verlegen
-machte.&nbsp;&mdash; Das Gespräch tournirte sich indessen auf Heidelberg. Mit
-Wärme schien der Dichter von dem bereits erwähnten Schelver zu reden.
-Im Uebrigen sprach er ziemlich vornehm über die andern Professoren. Von
-Thibaut sagte er: »Er ist ein guter Freund von«&nbsp;&mdash; verwandelte aber als
-ob er schon zu viel gethan habe, das schon hervorquillende <em class="gesperrt">mir</em>
-in uns; Jetzt schien mir Göthe der wieder auf die Insel Föhr zurück
-kam, mit der Durchsicht einiger<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">&nbsp;218&nbsp;</a></span> geographischen Compendien doch Ernst
-machen zu wollen.&nbsp;&mdash; Ich empfahl mich daher.</p>
-
-<p>Dieser Act schien Göthe am Meisten zu gefallen. Uebrigens mußte ich dem
-alten Herrn zu meiner allergrößten Verwunderung versprechen ihn bald
-wieder zu besuchen.</p>
-
-<p>Er verlangte das in einem durchaus herzlichen Tone, was ich mir
-übrigens noch bis auf diese Stunde auf keine Art und Weise erklären
-kann.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Indessen war es mir unter den Burschen eine große Satisfaction bei
-Göthe gewesen zu sein. Man beneidete mich um diese Ehre wie Mädchen
-sich einander um einen neuen Hut scheel ansehen.</p>
-
-<p>Zu dieser Zeit passirte Göthe auch eine, wenig bekannte, höchst
-ergötzliche Anecdote.</p>
-
-<p>Eine Dame ließ sich bei ihm melden. Göthe, der den Besuch des schönen
-Geschlechts nur sehr bedingt liebte, ließ seiner Bewunderin, aller
-Bitten ungeachtet, drei Male die Audienz durch seinen Bedienten
-verweigern. Allein die Dame wollte sich nicht abweisen lassen, folgte
-dem Bedienten, dem sie noch eine Bestellung an seinen Herrn aufgetragen
-hatte, in den Garten, wo sie Göthe erblickte, dem sie sogleich zu Füßen
-stürzte, indem sie seine ergriffene Hand mit Küssen bedeckte.</p>
-
-<p>»Aber Madam! so stehen Sie doch auf,« rief<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">&nbsp;219&nbsp;</a></span> Göthe von dieser hündischen
-Verzweiflung zwar geschmeichelt aber doch auch verwirrt.</p>
-
-<p>»Nein großer Dichter!« rief die in den Staub gesunkene Verehrerin. »Wie
-glücklich bin ich, daß meine Augen Dich erblicken. Ich komme mir vor
-wie die Glocke, wovon es in Deinem schönen Liede heißt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Fest gemauert in der Erden</div>
- <div class="verse">Steht die Form aus Lehm gebrannt.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Göthe hat noch oft in späten Jahren herzlich über diese seine
-Verwechslung mit Schiller gelacht.</p>
-
-<p>Das Rednertalent, welches außer in England so wenig cultivirt wird,
-wurde in Jena wenigstens oft in Uebung gesetzt. Wenn die Bruder
-Studios rudelweise Abends durch die Gassen schlenderten und einen
-ihrer Freunde noch in seinem erleuchteten Zimmer zu Hause fanden, so
-wurde demselben gar häufig ein Vivat gebracht, dem das Verlangen einer
-»<em class="gesperrt">Standrede</em>« folgte.</p>
-
-<p>Der Gefeierte mußte nun sein Fenster öffnen den Raum mit einigen
-Lichtern erhellen und in der häufigen Ermanglung dieser, die
-schwerfällige Studierlampe auf die Fensterbank postiren, dann aber
-eine Rede halten, welche oft an die Neapolitanischen Improvisatoren
-erinnerte.&nbsp;&mdash; Vorzüglich stark war in solchem aus dem Steggreifreden
-der Meklenburger W.&nbsp;&mdash; Seinem Nachbar, einem Professor, waren vierzehn
-Tage vorher die Fenster eingeworfen. Während er sich nun für die ihm
-wiederfahrene Ehre auf das Allerwärmste bedankte, beklagte er seinen
-gelehrten Nachbar, der nicht das Glück habe in einer so guten Meinung
-bei den Herrn Studenten zu stehen wie er, und ermahnte die Herren
-Akade<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">&nbsp;220&nbsp;</a></span>miker, sich künftig nie wieder solche Excesse gegen Professoren
-zu Schulden kommen zu lassen. Die Art und Weise wie er abwechselnd den
-lustigen Schalk, dann wieder den ehrenwerthen Philister sprechen ließ,
-war in der That ungemein humoristisch.</p>
-
-<p>Die Collegien in Heidelberg fingen in wenigen Tagen wieder an. Mit
-dem Bewußtsein meine Burschenpflicht erfüllt zu haben, trat ich meine
-Rückreise über Erfurt und Göttingen an, wo ich in einer Nacht ein Paar
-Studenten, welche im Rausch »Bursch heraus« gerufen hatten, dadurch der
-Arrestation entriß und vor öffentlicher Relegation schützte, daß ich
-(vielleicht die einzige Lüge meines Lebens) mich für den Sohn eines
-Hannoverschen Ministers ausgab, und den nachgiebigen Pedellen meine
-hohe Protection versprach.</p>
-
-<p>In Göttingen war ich verdammt, den Tod meines liebsten Jugendfreundes,
-Christian Kirchhof aus Uetersen zu erfahren, welcher zu Charkow in
-Südrußland, einige Tage vor seiner Rückkehr in die Heimath, nachdem er
-als Hauslehrer sich bei einem Grafen <em class="gesperrt">d’Olonne</em> die erforderlichen
-Studienkosten verdient hatte, durch ein Nervenfieber weggerafft war.
-Sein Tod ergriff mich fürchterlich. Schlaflos und weinend langte ich
-nach einigen Tagen wieder in Heidelberg an.&nbsp;&mdash; Christian hat das
-Versprechen, mir nach dem Tode zu erscheinen, nicht gehalten.</p>
-
-<p class="s4 center mtop2"><em class="gesperrt">Ende des ersten Bändchens.</em></p>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s2 center"><b>Fußnoten:</b></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Ich glaube man rief aus Deutschthümelei: »Johann« anstatt
-»Jean!«</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Es ist ein großes Wunder, daß mit dem Abspringen der
-Rappierklinge nicht größeres Unheil angerichtet, als bisher geschehen
-ist.&nbsp;&mdash; Die Fechtmeister, welche bei dem Debit derselben verdienen,
-sind gewöhnlich eigennützig genug, das beste Präservativ dagegen nicht
-anzurathen, welches darin besteht, daß man vor dem Fechten die Klingen
-wärmt. Im Sommer zerspringt nicht der sechste Theil von denen, die im
-Winter entzwei gehen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a></p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Wer nie sein Brod mit Thränen aß,</div>
- <div class="verse">Der kennt euch nicht ihr himmlischen Mächte.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> »Als ich zuerst von dir gebeten wurde, das gefährliche
-Geschäft einer Disputation mit Dir zu unternehmen, wollte ich mich
-zuerst nicht auf den ungleichen Kampf einlassen, und hätte es gewißlich
-nicht gewagt, wenn mich nicht Deine erprobte Freundschaft gegen mich
-zu diesem Unternehmen angetrieben hätte. Du bist mein Freund mein
-Landsmann, ich fürchte daher nichts. Aber reden muß ich vor bedeutenden
-Männern, deren große und göttliche Gelehrsamkeit mir zeigt, wie kühn
-ich bin. Vergebt daher gelehrte Männer! wenn ich Euren Ohren, die so
-zart sind, hier bei Anhörung von übel klingenden lateinischen Phrasen,
-Zwang anthue.«</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> In Jena waren im Jahre 1818 nur zwei hübsche Mädchen, von
-denen die Eine zu stark, die Andere zu mager war.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Es waren dies drei Studenten, welche den Feldzug
-mitgemacht hatten, und mit dem Erinnerungszeichen daran geschmückt,
-vor die Barriere traten, wo sie als ehrliche und wahrhafte Burschen
-rehabilitirt wurden. Unser Präsident trug aber auch das eiserne Kreutz.
-&mdash;</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Die Polen hatten diesen Schlesier durch schändliche
-Mißhandlungen so erbittert, daß er nur den Namen »<em class="antiqua">furioso</em>«
-trug. Er sprach immer nur von einem Polen vergleichend. »Ein Pole
-oder ein Schurke« u. dgl. m. Bei einer solchen Phrase erhob sich dann
-allemal der sanfte Deputirte L. und foderte eine Ehrenerklärung für
-die Polinnen, da seine Mutter eine solche sei, welche <em class="antiqua">Furioso</em>
-allemal wenn auch ungern ertheilte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Diese neunzehn Punkte sind leider nicht mehr in meinem
-Besitz&nbsp;&mdash; Um das Sitzungsprotocoll in seiner ganzen Vollkommenheit zu
-geben, habe ich die Verhandlungen über jene Puncte hier indessen nicht
-auslassen zu dürfen geglaubt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> In der Heidelberger Burschenschaft war das Fuchswesen ganz
-aufgehoben, der Student im ersten Halbjahre hatte gleiche Rechte mit
-den älteren Burschen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Wie wenig Verstecktes wie so gar nichts Revolutionäres
-lag damals in den Deutschen Burschenschaften! Wie hätte sich der junge
-Deutsche Pegasus zügeln und reiten lassen, wenn einige unvorsichtige
-Stallknechte ihn nicht durch Verketzerungen zu hartmaulig gemacht
-hätten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Ein löblicher Vorschlag, nicht wahr?</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Das war freilich ein sehr einfältiger Beschluß, gegen den
-ich vor allen Dingen protestirte. Ich rief stets, »wir haben ja nichts
-zu verheimlichen, laßt uns die Protocolle sogleich allen Regierungen
-vorlegen. Ein Geheimniß für 100 ist ohnehin ein Unsinn.« Allein ich
-wurde nicht gehört und ich bedauere es nur, daß meine Protestation
-damals nicht mit zu Protocoll genommen ist. Ich könnte indessen den
-Beweis durch Zeugen führen, wenn dies überall der Mühe werth wäre.</p></div>
-
-</div>
-
-
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-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Humoristische Erinnerungen aus meinem
-academischen Leben in Heidelberg und , by Theodor von Kobbe
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN ***
-
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