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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-06 06:32:39 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 - Erstes Bändchen - -Author: Theodor von Kobbe - -Release Date: September 16, 2016 [EBook #53060] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1840 erschienenen Ausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung - und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend - korrigiert, auch wurden vereinzelte grammatische Korrekturen - vorgenommen, wenn ansonsten der Sinn des Textes verfälscht würde. - - Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten, - insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder - im Text mehrfach auftreten. Fremdsprachliche Begriffe und Zitate - wurden nicht korrigiert; einzelne unleserliche Buchstaben wurden - aber sinngemäß ergänzt. - - Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt. - - Für die von der im Originaltext verwendeten Frakturschrift - abweichenden Schriftschnitte wurden die folgenden Sonderzeichen - verwendet: - - fett: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: _Unterstriche_ - - Das Zeichen für ‚Pfund‘ wird in der vorliegenden Version durch die - Abkürzung ‚lb.‘ ersetzt. - - #################################################################### - - - - - Humoristische Erinnerungen - - aus meinem - - academischen Leben - - in - - Heidelberg und Kiel - - +in den Jahren+ 1817-1819 - - von - - Theodor von Kobbe. - - Erstes Bändchen. - - Bremen, - Verlag von Wilhelm Kaiser. - - 1840. - - - - - Druck von F. W. Buschmann. - - - - - +Meinen+ - - Universitätsfreunden - - voll unsterblicher - - +Erinnerung+ - - gewidmet. - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - Vorwort. I - - Erstes Kapitel. 1 - - Zweites Kapitel. 13 - - Drittes Kapitel. 39 - - Viertes Kapitel. 79 - - Fünftes Kapitel. 105 - - Sechstes Kapitel. 126 - - Siebentes Kapitel. 145 - - Beglaubigte Abschrift der Protocolle, gehalten in der - Abgeordneten-Versammlung zu Jena. 187 - - - - -+Vorwort.+ - -_Smollis_ Ihr Herren! - - -Während des Drucks der ersten acht Bogen brauchte ich die Wasserkur in -Gräfenberg. In dieser Zeit ist mir auf dem grünen Felde der Erinnerung -mancher ärgerlicher Druckfehler erwachsen und leider! keine Zeit zur -totalen Vertilgung durch Umdruck, der nur partiell geschehen konnte, -mehr vorhanden. Vor allen Dingen bitte ich Seite 19 Zeile 14 und Seite -34 Zeile 9, +negierend+ statt +regierend+, S. 20. Z. 12, +Hirschhorn+ -für +Hirschhern+. S. 16. Z. 21, +Choragen+ für +Choragee+. S. 151. Z. -21, +Jena’s+ für +Jonas+ zu lesen, und hie und da sogar ein Wort zu -suppliren. - -Ihr lieben Commilitonen werdet mir dies schon vergeben, und da Ihr wohl -instruirte Leute seid, doch das Richtige heraus lesen. Aber auch von -Euch, Ihr gestrengen Recensenten! und von Euch, Ihr griesgrämlichen -Philister! und vor Allen vom wohlgesinnten Leser erbitte ich mir -+Amnestie+, welches ja auch ein so schöner gesuchter Artikel unserer -humanen Zeit ist. Ich wende mich vertraulich an Euch alle und es ist -mir schon als ob meine Ohren die gewünschte Antwort vernehmen: - - _Fiducit!_ - - +Oldenburg+ - im Großherzogthum Oldenburg - im August 1840. - - Theodor von Kobbe. - - - - -Erstes Kapitel. - - Weinheim. Graf M. -- J. Der Hecht. Thibaut. Der badische Hof. Die - Burschenschaft. Ms. Duell. -- Js Rappierjunge. - - -»Wie heißt diese Station?« - -»Weinheim. -- Sie ist die letzte vor Heidelberg.« - -»Nun dann ist das Ziel der Reise bald erreicht. Nicht wahr M. und J. -darauf wollen wir eine Flaschen leeren?« - -M. nickte bejahend. J. sagte burschikos: »Das ist klar, das ist Natur.« -Ich: »Herr Postmeister! Wir bitten um eine Bouteille Wein.« - -»Ich habe keine Schenke meine Herren! Ein Glas Wasser steht zu Dienst,« -lautete die Antwort. - -»Wasser das ist klar, das ist Natur!« bemerkte ich J. parodirend. - -»Und denn will sich der Ort noch +Weinheim+ nennen. Die einzigste -Station von Hamburg her, wo einen nicht einmal schlechter Wein gereicht -wird. +Wasserheim+ sollte es heißen.« rief J. verdrießlich. - -»Sie können es in Heidelberg nachholen,« lächelte der Posthalter, als -wir die mit Extrapostpferden bespannte Chaise bestiegen um zu dem Ort -unserer Bestimmung zu gelangen. - -»Der Philister will witzig sein und hat nicht einmal Wein, was der -schlechteste Witz von der Welt ist,« brummte J. in sich hinein. - -Graf M. und ich hatten die Hamburger Schule besucht. -- Wir waren dort -Freunde und Studiengenossen gewesen. Er hatte einigen Freunden und -mir ein Collegium über den Homer, ich den Herrn eins über den Terenz -gelesen. Gleichwol stand ich ihm an Schulkenntnissen weit nach. Unser -dritter Reisegefährte war ein gewisser J. aus Westphalen, der auf der -Altonaer Schule erzogen war und sich zu uns gesellt hatte. - -Das erste was wir nach der Ueberfahrt über die Elbe außer Solavee, der -Guirlande Haarburgs, sahen, waren drei Maulthiere, die ein alter Kerl -vor sich her trieb. - -»+Maulthier+,« so heißt ein Exprimaner der zur Universität geht, in der -Burschensprache. - -Wir beschlossen den Studententitel zu erfrühen. Nach langen Debatten -war derselbe jedoch nur unserm Freunde J., welcher früher auf der -Kieler Schule gewesen war, und seinem rothen mit Höllenstein gefärbten -Backenbart, wie einem erst kürzlich überstandenen Nervenfieber sein -älteres Aussehen verdankte, -- und zwar dahin bewilligt, daß er -behaupten dürfe, ein halbes Jahr bereits in Kiel studirt zu haben. - -J. hatte dies oft auf der Reise zu der Bemerkung benutzt, daß wir junge -Schüler seien, welche er auf die Universität führe. Dazu hatten wir -schweigen müssen. Allein Nemesis rächte uns. - -Als wir den Lutherberg hinter Hannoversch Münden, aus Mitleid gegen -unsere Pferde zu Fuße erklommen, sahen wir einen kräftigen Mann von -mittleren Jahren, der es, wie wir, mit seiner Chaise machte. - -»Wenn ich nicht irre, sind die Herren Studenten,« rief er uns zu. - -M. und ich schoben J. als solchen vor. Von uns selbst berichteten wir -die Wahrheit, daß wir nur noch burschikose Embrionen seien. - -»Lassen Sie uns die Reise gemeinschaftlich machen, wenigstens bis -Marburg, wo ich meinen Vater besuchen will. Ich zahle für zwei Pferde -das Postgeld, wir lassen dann viere anspannen und fahren mit sechszehn -Beinen,« beanfragte der Fremde. - -Wir acceptirten diesen annehmlichen Vorschlag und fanden auch später -keinen Grund dies zu bedauern. Unser Reisegefährte war der Professor -Bucher aus Erlangen, ein Mann von Kopf und Herz, dem ich hier das -Zeugniß geben muß, daß ich keinen seiner Collegen kennen gelernt habe, -der mir so liebenswürdig vorgekommen ist wie er. -- Ist es mir doch -noch, wie gestern, daß er mir das Städchen vom Wagen uns zur Linken -zeigte, in welchem er seine jetzige Frau zum ersten Male gesehen hatte. -Seine Züge verklärten sich schon beim Anblick des Kirchthurms, jede -Miene seines Gesichtes wurde zum Liede. Es ist ein herzerhebender -Anblick, wenn ein kräftiger Mann in der Erinnerung an die göttliche -Zeit der Ideale schwelgt. - -Der an Menschenkenntniß reiche Professor hatte uns bald durchschaut. -J. hatte er durch die lustigste Folter von der Welt, indem seine -peinliche Frage hauptsächlich in einer Erkundigung nach den -Collegien, die J. gehört haben wollte, bestand, -- zum Geständniß -seiner noch nicht geschehenen Immatriculation gebracht. Er hatte ihm -darauf das Prognosticon eines armen Renommisten, der noch manche -Unannehmlichkeiten in der Welt bestehen würde, gestellt. Dem Graf M. -sagte er eine hohe Stellung in der Welt voraus, die dieser auch jetzt -einnimmt. -- - -Was er mir verkündete, ist erst theilweise eingetroffen. -- Sobald es -Alles in Erfüllung gegangen ist, will ich den Seher loben. -- Aber -das sagte ich ihm damals voraus, daß ich seiner Liebenswürdigkeit -ewig gedenken, und daß, wenn ich einmal das Glück haben würde, ein -Schriftsteller meiner Universitätsjahre zu werden, ich dieser unserer -Reise mit Dankbarkeit gegen ihn öffentlich gedenken wollte. - -Ich habe hiermit mein Versprechen erfüllt. - -Wir fuhren die Bergstraße hinauf unter blühenden Bäumen. Die Natur -hatte ihre reizendsten Gewänder angelegt. Wie pupperten unsre -Primanerherzen vor Freude! Ich begreife noch zu dieser Stunde nicht, -das mir das meine nicht vor Lust gebrochen ist. - -Ich sang in Einem fort Studentenlieder bis ich vor Heiserkeit nicht -weiter konnte. -- - -Da ertönte plötzlich ein Ha! aus jeder Kehle. - -Wir waren um die Ecke bei Neuenheim gebogen. Wir hatten Heidelberg -erblickt, an das Gebirg gelehnt, zu seinen Füßen den munter dahin -fließenden Neckar, auf seinem Haupte die Schloßruine als Krone, die -Umgebungen, überall mit Weinbergsträußern geschmückt. - -Der Eindruck war unbeschreiblich. - -Der Postillon führte uns zum goldenen +Hecht+, auf ausdrückliches -Verlangen unsers Freundes J., der sich aus Zarachias Renommisten der -Stelle: - - »Zum blauen +Hecht+ trug ihn Kalmucks geschwinder Lauf.« - -dabei erinnerte. - -M. und ich kleideten uns an, um Thibaut aufzuwarten. J. ging seiner -Wege, ich glaube er wollte sich nach den Befugnissen der Polizei in -Heidelberg erkundigen. - -Thibaut, ein genauer Freund von Ms. Vater empfing uns sehr freundlich -in seinem Garten. Er selbst war Enthusiast für die Gegend und das Klima -Heidelbergs. - -»Fühlen Sie einmal die Luft.« das waren die Worte, womit er uns mit -ausgestreckter Hand anredete. - -Später ging er mit uns und zeigte M. die für ihn gemiethete Wohnung. -Dann miethete er für mich bei dem alten Licentiaten B... in der -Mittelbadgasse ein Logis. Noch denke ich mit Schauder an die drei -bildhäßlichen Töchter des Hauses, sie kommen mir wieder im Schlaf vor, -wenn ich Unverdauliches gegessen habe. - -»Sie bezahlen eigentlich eine Pistole zuviel,« lächelte der -Geheimerath, »allein sie können die Häßlichkeit der Töchter auch wieder -höher als eine Pistole anschlagen.« - -Ich bin Thibaut wohl für seine Artigkeit und für seine väterliche -Präventionstheorie, nicht aber für dies Quartier dankbar. -- Ich habe -viel Verdruß durch meine Leichtgläubigkeit gehabt, -- doch weg mit -allen Klatschereien, sie sind alle todt, _requiescant in pace_. - -Von den ersten drei Tagen meines Burschenlebens in Heidelberg weiß ich -fast nichts mehr zu referiren. Es flimmert mir sogleich vor den Augen, -wenn ich daran denke. Ich lebte den Zustand eines opiumberauschten -Türken. - -Ich war den ganzen Tag über auf den Burschenkneipen, studirte jedes -Gesicht und versuchte mit Jedem ein Gespräch anzuknüpfen, was gerade -im Anfang jedes Semesters leicht wurde, besonders da alle Partheien -einen Neuling an sich zu ziehen suchten. Ich war alle drei Abende -nacheinander bei Thibaut eingeladen, ließ mich aber jedes Mal -entschuldigen. - -Graf M. sprach ich täglich nur einige Minuten. Er hatte sich in den -ersten Tagen größtentheils bei Thibaut aufgehalten, dann aber die -Kneipe seiner Landsleute, die damals zu den Westphalen gehörten, -besucht, auch auf besondere Verwendung dieser, mit ihnen den -Mittagstisch genommen. - - * * * * * - -Es war nämlich im Frühling 1817 eine halbe Hungersnoth in Heidelberg. -Mancher arme Schelm wurde mit Gras im Munde, am Hungerstod gestorben, -im Walde gefunden. Ein Laib fast ungenießbares Brod von vier Pfund, -kostete 40½ Kreuzer, die Kreuzerwecke konnte mit unbewaffnetem Auge -fast nicht wahrgenommen werden. Alle Studententische waren geschlossen, -da die Wirthe, welche Schaden bei dem gewöhnlichen Pränumerationspreise -hatten, zwar in Erwartung einer guten, später auch eintretenden Erndte, -zwar diesen nicht erhöhen aber auch nicht mehr Abonnenten haben wollten. - - * * * * * - -Eine travestirte Laona irrte ich mit meinem Hunger von Table d’hote zu -Table d’hote umher. Ich mußte zwei Monate in den Gasthäusern wie ein -durchreisender Fremder täglich einen Gulden für mein Couvert bezahlen -bis Herr Hellwerth, der Wirth des Badischen Hofes, mich als wirklichen -Stammgast um einen ermäßigten Preis, und wahrlich nicht zu seinen -Schaden, annahm. -- - -Wenn ich mit M. zusammen kam, so lenkte sich das Gespräch natürlich -bald auf die wichtige Frage, ob wir überall in eine und in welche -Verbindung wir treten wollten. -- Ich hatte von den Burschenschaftlern -die Arndtschen Lieder: - -»Was ist des Deutschen Vaterland?« - -»Sind wird vereint zur frohen Stunde!« - -so wie das Körnersche: - -»Wie wir so treu beisammen stehn.« - -gehört, jede Faser meines Leibes war von dieser Vaterlandsglut -durchströmt, nur in der Burschenschaft glaubte ich mein Heil finden zu -können. -- - -Ich eröffnete dies M. - -Dieser aber erklärte, bei dem Glauben seiner Landsleute bleiben und das -Grün-Schwarz-Weiß der Westphalen zu seiner Leibfarbe machen zu wollen. - -Ich trat in die Burschenschaft. - -Unser Umgang wurde dadurch seltener, jeder war für seine Verbindung zu -sehr enragirt, indessen M. noch viel mehr als ich. -- - -Ein Jahr später sah ich auf der Hirschgasse meinen Freund M., -mit einer klaffenden Wunde in der Brust. -- Ein feindlicher -Burschenschaftschläger, geführt von dem trefflichen S. aus N., -war ihm zwischen der dritten und vierten Rippe in die Seite -gefahren. Er sah mich mit seinen sterbenden Blicken traurig aber mit -Freundeszärtlichkeit an. Das Ganze war um einen nichtswürdigen Kerl -hergekommen und Ms. Duell mit eine sogenannte Nachstürzerei, in welche -auch ich verwickelt war. - -Die Mißverhältnisse mit den Landsleuten, die nothwendige Vermeidung -einer Rührung, machten es unmöglich zu ihm zu gehen. - -In derselben Stunde verließ ich von Schmerz zerknirscht mit S. aus -verschiedenen Thoren Heidelberg. Es war mir unmöglich mit dem tödtlich -verwundeten Jugendfreunde in Einem Ort zu leben ohne ihn sehen zu -können. Ich floh nach Rastadt, wo ich jeden Morgen durch meinen treuen -Freund v. P. ein Gesundheitsbulletin über M. empfing. - -Ich verlebte eine höchst qualvolle Zeit. Noch jetzt habe ich einen -Brief von v. P., an einen andern in Rastadt Lebenden in Händen, der die -Furcht ausspricht, ich würde vor Schmerz verrückt werden. - -Sein Gegner S. lief bewußtlos nach Rheinbaiern. Er sank hier unter -einem Apfelbaum und schlief ermüdet ein. Hier erschien ihm ein Engel im -Traum und sprach zu ihm: »Dein Gebet wird erhört, M. wird genesen. Kehr -zurück nach Heidelberg.« - -S. that wie ihm der Engel geheißen. - -+Chelius+ aber hat ein Meisterstück an M. verübt. Nachdem er fast zwei -Jahre an derselben hoffnungslos gelegen und seine Brust täglich eine -Masse Eiter ergossen hatte, ist M. ein starker kräftiger Mann geworden. - -Erst, als er gerettet war, durfte ich ihn wieder sehen. - -Hol’ der Teufel Landsmannschaft und Burschenschaft wenn die solche -Freunde kosten, dachte ich, und denke seitdem noch so. -- - -Unserm dritten Reisegefährten J. erging es wie Bucher vorhergesagt -hatte. -- - -Er war kaum vierzehn Tage in Heidelberg, als er sich gegen einen alten -Burschen einen unanständigen ledernen Witz über dessen Schwester, die -er gar nicht kannte, erlaubt hatte. - -R -- bemerkte »Fuchs, solch ein schnöder Witz ist einen Rappierjungen -werth.« - -Unter dem Wort Rappierjunge versteht man ein Duell mit ungeschärften -Rappieren. - -»Ich wette«, versetzte J., welcher sich viel darauf zu Gute that, -einigen Fechtunterricht von einem Dänischen Unterofficier in Altona -erhalten zu haben, »daß ich Dir eher zwei Hiebe beibringe, als Du mir -einen.« - -»Du Fuchs!« lachte N. - -N. war der beste Schläger in Heidelberg. Er dachte sich es doch ein -wenig sicher nehmen zu müssen, damit der Fuchs ihn nicht blamire. Er -nahm ihn daher sich »_sûr_« wie die Studenten es nennen. - -Beide traten auf die Mensur. J. schlug eine Terz. N. parirte und schlug -eine Quart nach. »Herr Jesus!« rief J. - -N. hatte ihm fast alle Zähne, seine einzige physikalische Zierde, aus -dem Munde geschlagen. - -Die meisten Nerven lagen entblößt. Er hat, so lange er in Heidelberg -war, entsetzlich am Zahnweh gelitten. - -Wo J. geblieben ist, weiß ich nicht. - - - - -Zweites Kapitel. - - Göthe, Ludwig Robert, Carl Thorbecke, Massenbach, August Wilhelm - Schlegel, Jean Paul, Martens, Heinrich Voß, Joh. Heinrich Voß, - Wambold, Morstadt, Uexküll. - - -Zu den Fremden, welche gar oft Heidelberg besuchten, gehörte auch -+Göthe+, den ich freilich nicht mehr dort gesehen, weil er, wenn ich -nicht irre, zum letzten Male im Jahre 1815, das Neckar-Athen besucht -hatte. -- Göthe, daran gewöhnt von allen Dingen Nutzen zu ziehen, -sowohl von der Natur als wie von der Kunst, hatte die Huldigungen, -welche die Professoren seinem großen Genius brachten, sofort dazu -benutzt, sich von jedem irgend ein Collegium lesen zu lassen. Der -Mephisto, _sit venia verbo_, hatte die Gestalt des Schülers angenommen -und sich, indem er nur lernte, nicht aber lehrte, fortwährend, so zu -sagen, geistig tractiren lassen. Als ich dem Dichterfürsten im Jahre -1818 in der Tanne vor Jena aufwartete, schien er mit einiger Wärme -nach dem Professor Schelver, dem damals renomirtesten Magnetiseur in -Süddeutschland sich zu erkundigen, von dem ich noch später reden werde. - -Was aber Göthe wol am Meisten nach Heidelberg gezogen hat, das mögen -die +Boißerée+schen Bilder gewesen sein, welche er stundenlang, -mit dem innigsten Entzücken betrachtet, und oft in Bezug auf ihre -Urheber ausgerufen haben soll: +Das waren noch Dichter!+ Bei dieser -Gelegenheit mag eine wenig, vielleicht nur durch meine Humoristischen -Blätter bekannt gewordene Erzählung hier einen Platz finden, welche -der geschwätzige Erklärer der Boißeréeschen Bilder, Herr Bertram, bei -Vorzeigung eines Gemäldes, sicher mehr aus einer localen Erinnerung, -als aus Causal-Zusammenhang, denn das Bild stellte den Tod der Maria -vor, zum Besten zu geben pflegte: - - »Zu der Zeit, als die verbündeten Heere in Frankreich auf ihren - Lorbeeren ruhten, war Göthe, wie fast alljährig in jener Zeit, - bei uns in Heidelberg zum Besuch. Eines Morgens, als der Alte - noch im Bette lag, wurde ihm ein Preußischer Officier, einer - seiner blindesten Enthusiasten, gemeldet. Er habe, ließ er den - Poeten sagen, einen Umweg von zwanzig Meilen gemacht, um seinen - Lebenswunsch »Göthe von Angesicht zu Angesicht zu schauen,« - erreichen zu können. +Wolfgang+ erklärte aber rundweg, er wolle den - Fremden nicht sehen. Der Officier wiederholte den achselzuckenden - Kammerdiener seine Bitte mit dem Anfügen, daß seine Bewunderung - des Dichterfürsten ihm die schwerste Strafe zuziehen könne, wenn - sein Abweichen von der Marschroute an den Tag käme, er rührte - durch seine Mienen den Kleinbotschafter sogar, der wiederholt für - den _envagé_ seines Herrn bei diesem interredirte, alle Versuche - waren aber vergebens. +Göthe+ blieb regierend im Bette liegen. Da - verkehrte sich seines Verehrers Liebe in Zorn. Zur Seite stieß er - den Kammerdiener, dann eilte er mit gezücktem Schwerdte an des - Dichters Lager, indem er ausrief: »»Noch hab ich jede Schanze auf - die ich losstürmte gewonnen, und das Bett eines eigensinnigen - Poeten sollte mir verborgen bleiben.«« Was that der erstürmte - Göthe? Kaum trat der Officier an sein Lager, als bald durch die - heilige Nähe des Sehers, wie durch die Erreichung seines Wunsches - calmirt, als der Herr Geheime Rath anfing, successive dermaßen - Gesichter zu schneiden, daß der Krieger, der ohnehin nicht lange - warten konnte, nur die Züge eines Grimaciers, nichts aber von den - Göttermienen des Verfassers der Iphigenia, des Tasso’s und des - Faust’s erkennen konnte.« - -Zu den interessantesten Literaten seiner Zeit ist +Ludwig Robert+ gewiß -mit Recht zu zählen. Von jüdischen Eltern geboren, der Bruder +Rahels+, -hatte er eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und war vor allen -Dingen ein gründlicher Denker, wenn er gleich noch im Fichteschen -»+Ich+« befangen war. Die Wärme des Christenthums hatte sein Herz -durchdrungen, er war ein wohlwollender uneigennütziger Mensch. -- Welch -einen gewaltigen Einfluß aber die ersten Eindrücke der Jugend auf -uns äußern, davon gab er mir einmal ein scherzhaftes Beispiel. »Mein -Vater war sehr reich,« erzählte er mir eines Tages, »indessen war die -Wohlthätigkeit meiner Mutter unverhältnißmäßig viel größer, als des -Vaters Vermögen. Sie gab ohne sein Wissen, jährlich wol tausend, +ja -was will ich sagen, tausend, gewiß eilfhundert Thaler an die Armen+« -- -Ein geborner Christ, nicht als ob die Wohlthätigkeit nicht mehr bei den -Juden zu Hause wäre als bei uns, hätte unmöglich soviel arithmetische -Reflexionen in einen solchen Passus gebracht, sein Klimax wäre gewiß -von tausend auf zweitausend, und wenn er selbst Mann vom Fach, Kaufmann -gewesen wäre, doch wenigstens auf funfzehnhundert gestiegen. -- - -Als Robert Heidelberg verließ, bat ich ihn um ein Stammblatt, und zwar -um einige Verse. Er antwortete mir: »Einen schlechten Spruch in Versen -für +Sie+ zu schreiben, geziemt uns nicht.« - -»Zur Nutzanwendung mögte der 38jährige gern dem 19jahrigen etwas -aufzeichnen, aber das, was er ihm am Liebsten in der Art sagte, darf -er ihm nicht sagen; daher wird +Robert+, weil er +Kobbe+ sehr lieb -gewonnen hat ihm zuweilen schreiben und sich nach seinem Thun und -Treiben freundlich und herzlich erkundigen. Glauben Sie mich nie unwahr. - - Ihr Robert« - -Heidelberg, den 31. Decbr. 1817. - -Robert war meinen poetischen Bestrebungen sehr gewogen. -- Freilich -demüthigte er mich auch oft, indessen hat er mich dadurch von jedem -schriftstellerischen Hochmuth bewahrt. So besinne ich mich unter -Anderm, daß er mir zwei Akte eines von mir geschriebenen Trauerspiels -mit der niederschlagenden Ermunterung zurück gab! »Schreiben Sie frisch -darauf los, noch sechs solche Trauerspiele, verbrennen Sie aber ja -alle, dann werden Sie Glück mit dem siebenten haben. Wenn nur alle -jungen Dichter diese Sybillenweisheit beherzigten.« - -Es ist mir allezeit auffallend gewesen, warum die Schriften Ludwig -Roberts so wenig =Epoche= gemacht haben, und selbst jetzt selten -genannt werden. Das Erste läßt sich am leichtesten begreifen. -- Denn -in der Zeit seiner meisten Productionen war das Publicum nur ganz -+Jahnisch+ und +Arendtsch+; ein Poet durfte nur Körnersche Lieder vor -die Augen der Leser bringen. Roberts »+Kämpfe der Zeit+« erregten einen -rauschenden aber bald verklingenden Beifall. Von seinen dramatischen -Sachen hat sich »die Macht der Verhältnisse« fortwährend auf der -Bühne erhalten. Obgleich unsere chinesischen Vorurtheile keineswegs -sich verringert haben, vielmehr in trägen Frieden sich tagtäglich -vergrößern, das Stück mithin nur zu sehr die Interessen des Tages -anregt, woher auch seine fortwährende Geltung rühren mag, so ist in -demselben doch kein tragisches Element zu finden. Die Miserabilitäten -der Standesvorurtheile zu bekämpfen, dafür haben wir das Lustspiel, -dessen Haupttypus immer der sich aufblähende, einem Ochsen gleichen -wollende, und endlich zerspringende Frosch bleibt. -- Wenig bekannt ist -Roberts Drama »die Gleichgültigen oder die Nichtigen,« ein kostbares -Lustspiel, was wahrscheinlich nur um seiner treffenden Wahrheit -willen, und weil es alle Stände unerbittlich züchtigt, sich nicht ein -Beifall zollendes Publikum erworben hat. - -An der Wirthstafel des Badischen Hofes zu Heidelberg lernte Robert in -demselben Jahre seine künftige Gattin kennen, das schönste Weib, das -meine Augen je erblickt haben. Die Ironie des Schicksals hatte diese -Dame, ein würdiges Modell zu einer Madonna, in traurige unwürdige -eheliche Verhältnisse gebracht, von denen Robert sie nicht ohne große -pecuniäre Opfer erlößte. -- Die schöne Frau wurde dadurch zum dankbaren -Clärchen gegen ihren Erretter. Noch später hat mir die liebenswürdige -Haizinger, ihre getreue Freundin, von der schwärmerischen Liebe -erzählt, womit die Gattin Roberts an ihn hing. -- Ihr Herz brach mit -seinen Augen, wenige Tage nachher wurde auch sie zur Erde bestattet. -Von freudigen Gedanken an das Wiedersehn des liebenswürdigen Ehepaars -erfüllt, vergesse ich nie die Erschütterung, welche die Antwort einer -weinenden Frau in mir hervorbrachte die ich bei der Annäherung des -Leichenzugs um den Namen des Todten befragte. »Es ischt halt ä Engel -die Wittwe von de Herr Dichter Robert.« - -Unvergeßlich bleibt mir ein Doctor Carl Thorbecke aus Osnabrück, -welcher damals in Heidelberg privatisirte. Unglück, vielleicht auch -eigne Schuld haben ihn später in das Verderben gestürtzt und ich -zweifle, ob er noch unter den Lebenden wandelt. Nie hab ich einen -Sterblichen gekannt welcher eine solche Macht auf die Stimmung der -Menschen übte, die er mit einer fast elementarischen neidischen -Koboldskraft fast immer dazu anwandte, den Heitern mit Traurigkeit, -den Betrübten mit Frohsinn zu erfüllen. Einem Studenten, welcher -unter Bürgschaft eines Professors eine Summe Geldes von dem Banquier -+Hirschhern+ zu leihen hoffen konnte, aber im Begriff war, diesen -Termin zu versäumen schrieb er folgende jocose Verse: - - »+Hirschhern+ kräftig gegen Schwindel, - Wenn man weiß nicht aus noch ein, - Muß verwahrt mit einem Spündel, - Alsobald verschlossen sein. - Darum halt ihn fest im Glase, - Jenen Geist, der sonst verfliegt; - Sonst behältst Du wohl die Nase, - Aber nichts woran sie riecht.« - -Ein andermal dichtete er folgendes schöne Lied, das zum Beleg seiner -wunderbaren Kühleborn-Natur dienen mag. - - »Was willst du singen? - Willst Du singen ein lustig Lied? - Kein lustig Lied! Ich fliege nicht auf dem Wasser - Geschwind, geschwind mit Well’ und Freude, - Lustig Lied ist wie ’ne Wasserfahrt, - Das Schiff läuft aus, - Kommt wieder nach Haus. - Ich fliege nicht auf dem Wasser - Mit Well’ und Freude. - Was willst du singen! - Willst du singen ein traurig Lied? - Kein traurig Lied! Ich stehe nicht am Ufer - Und schau hinab, ich senke nicht mein Herz - Wie einen Eimer in die Tiefe, - Verlorenes zu schöpfen: - Sänger traurigen Liedes - Stehet im segelnden Schiffe still, - Meinet, meinet nicht fortzugehn. - Kein lustig Lied, kein traurig Lied - Willst du singen? - Schweigen will mein Herz? - Nicht schweigen! - Singen will es sehnend Lied! - Wer singet ein sehnend Lied, - Solche Stille Schauer erfährt, - Als wer von Land und Freunden schied - Und das weite Meer befährt, - Lustig Lied ist wie ’ne Wasserfahrt, - Traurig Lied hält das segelnde Schiff an, - Sehnend Lied ist mitten auf der See: - Unten Liebe oben Himmel, - Nirgends Land; - Und aus Wolken und aus Wasser - Eine ausgestreckte Hand. - Auf einander Wellen reiten, - Gegen einander Winde streiten, - Sausen, Brausen, - O wie schön, schön - Zwischen Himmel und Liebe vergehn!« - -Noch ein anderes Gedicht Thorbeckens, welches der Vergessenheit -entrissen zu werden verdient, möge hier seinen Platz finden: - -=Im Walde.= - - Im Wald ist es herrlich! - Im Wald ist es herrlich, - Am Abend ist schön im Walde gehn, - Die Bäume wie stille Freunde stehn, - Aus jedem Strauch die Liebste tritt, - Liebe faßen, Liebe lassen ist jeder Schritt, - Und Bäume und Liebste und Mond gehn mit! - Welch wonniglich Graun, - Da hinnein zu schaun! - Der Wind durch die Zweige sehnend streicht - Und Seel’ und Aug’ und Mond ist feucht, - Und auf dem Feuchten ein Lichtlein schwimmt - Taucht nieder, kommt wieder herauf und glimmt - Und Nachtigall voll die Kehle nimmt. - Als ging’s im Himmel hinnein - Ist hier mit der Liebsten seyn, - Schneller kann keine Reise geschehn, - Als mit dem Monde zu gehn. - Aber ach, wie entsetzlich, entsetzlich weit - Ist die ganze reiche Herrlichkeit, - Wenn die liebste Liebste sich anderswo freut. - -Die Politik war Thorbecke durchaus verhaßt, er empfand eine förmliche -Idiosynkrasie dagegen und bildete darin einen schreienden Contrast -mit dem unglücklichen Obersten +Massenbach+, welcher sich vor seiner -Vertreibung aus dem Badischen und vor seiner Gefangennehmung in -Frankfurt eine Zeitlang in Heidelberg aufhielt. -- »Mein Gott, wie kann -man so wenig Interesse an dem öffentlichen Wohl nehmen,« rief einst -Massenbach mit seinen blitzenden, achtzehnjährigen Augen, als Thorbecke -die vom Kellner ihm präsentirten neuen Zeitungen auf einen Nebentisch -warf, welches der Poet kalt mit der Bemerkung beantwortete: »Herr -Oberst! wie muß man innerlich zerfallen sein, wenn man sich mit dem -Tranke eitler Politik erlaben und erfreuen will.« - -Im Jahre 1818 vollzog August Wilhelm Schlegel, unter den Studenten -gewiß mit Recht spottweise »Fräulein Schlegel« genannt, sein Beylager -mit der Tochter des Kirchenraths Paulus, seine Flitterhochzeit ohne -Flitterwochen. - - »Ich hin sonst allen Menschen gut - Aber seine Gegenwart bewegt mir das Blut.« - -möchte ich bei der Erinnerung an diesen gepriesenen Schriftsteller -ausrufen, über den ich weiter kein Urtheil fällen will, wider den -ich aber die stärkste Abneigung fühle, die ich gegen einen Menschen -empfunden habe. - -Die Bonner Studenten haben mir im Jahre 1838 folgende sehr glaubliche -Thatsache von August Wilhelm Schlegel mitgetheilt, daß er dann und -wann Damengesellschaften gebe, vorher aber seine eignen Büsten, die -allein seinen Salon zieren solle, bekränzen lasse; dann aber wenn alle -versammelt seien, eintrete, beim Anblick der Büsten stutze, und sich -bei den Damen, als die Bekränzung von ihnen herrührend, mit versuchten -Erröthen, bedanke. -- - -Jean Paul schien meine Idiosynkrasie zu theilen; er hatte eine -Scheidung von Tisch -- wie Schlegel mit seiner Frau vom Bett, mit dem -Kammerherrn und Kammerdiener der Frau von Staël stillschweigend mit -ihm verabredet. Beide logirten in Karlsberg, alternirten aber jeden -Tag an der Wirthstafel, und zwangen die neugierigen Studenten, welche -gerne die beiden »Haupthähne« der Literatur kennen lernen wollten, zwei -Mittagsessen zu bezahlen, weil Jeder der Poeten der Anderswoseiende des -Gegenwärtigen war. - -Die Burschenschaft hatte gar bald die Idee gefaßt, dem großen Jean -Paul +Richter+, dem Dichter der Unschuld und der Armen, wie ihn der -geistreiche +Börne+ in seiner unübertrefflichen Lobrede nennt, ein -würdiges Lebehoch zu bringen. Sie hatten sich sogar deshalb den -Landsmannschaften genähert. Allein das ungerechte Verlangen dieser, -die etwa aus hundert und funfzig bestehende Burschenschaft, solle nur -als ein einziges Corps, also equal der aus einem Schweizer bestehenden -Landsmannschaft sein, und hienach das Contingent der Marschälle, -Festordner, Adjudanten und _Chapeaux d’honneur_ bilden, wurde von der -Burschenschaft verworfen, die billig genug, nach physischen Köpfen, -die verhältnißmäßige Vertheilung der Ehrenstellen verlangt hatte. -Die desfalsigen Verhandlungen erregten indessen bei den Vätern der -Universität gerechte Unruhe. Es wurde ein Placat erlassen und die -Feierlichkeit verboten, weil sich die Herren Studiosen über die -Ausführung derselben nicht vereinigen könnten. - -Die Landsmanschaften lachten, denn Wenigen lag in der That daran, dem -edelsten Herzblut, das auf der Erde schlug, zu huldigen. -- Andere -Gefühle erweckte diese Verordnung bei der Burschenschaft, die sich -noch an demselben Abende in der Hirschgasse versammelte, und nach -einer ergreifenden Rede des Sprechers, sich sofort zu einem Fackelzuge -vereinigte und denselben in Bewegung setzte. Wie es nicht ungewöhnlich -ist, daß man bei einer ungesetzlichen Handlung alle übrigen Formen -genau beachtet, so ward auch diesmal der Sperrkreuzer am Neckarthore -gewissenhafter als je, zur kopfschüttelnden Verwundrung des ergrauten -Thorwärters bezahlt, und das Licht der Liebe zog in Gestalt von -Pechfackeln vor den Hecht, unausgeblasen von dem Pedellen und von dem -an dem andern Tage Schiffer schreckenden Gott der Winde. Es ertönten -die Worte: Es lebe +Jean Paul+[1], der große Dichter, der deutsche -Mann! dann ein Gesang gedichtet von Carové, in Ermanglung eigner -Melodie auf die Töne des »_God save the king_« gepfropft. Jean Paul -erschien beim ersten gehörten Ausruf. -- Die breite Stirn, das nur vom -Anblick der Götter erblindete blaue göttliche Auge, die kräftige wenn -gleich nicht große Gestalt, das deutsche, auf den Nacken hinabwallende -Haar ergriff die Troßbuben und Knappen des poetischen Lebens und -nicht wenige vergossen seit ihrem Abschied aus dem Vaterhaus die -ersten Thränen. Aber auch Jean Paul entfielen Perlen aus den Wogen -eines unsterblichen Gefühls. Kaum hatten die letzten Töne die mit des -Dichters Locken spielenden Lüfte durchzittert, als er ausrief: »Mit dem -großen Dichter irrt Ihr Euch meine Kinder, aber nicht mit dem Deutschen -Mann. Diese Ehre konnte mir nur die Heidelberger Burschenschaft anthun, -dafür habe ich während Eures Liedes Gott gebeten, daß er Euch Alle -segne. Ich wollte, ich wäre Briareus der Hundertarmige, um Euch mit -reichlichen Händedruck Eure Liebe zu vergelten.« - -Nachdem Jean Paul diese Worte geredet hatte, ging er in dem ihn immer -enger umziehenden Kreise umher, jedem die Hände reichend aus denen -schon so viele Segnungen auf die Menschheit geströmt waren. Es war -als ob ihnen magnetische Funken entsprühten, deshalb konnte ich nicht -umhin, meinen Platz im Kreise zu verlassen, um noch einige Mal den -Humoristen zu berühren. Als ich ihm aber das dritte Mal die Hand -reichte fiel mir mein Unrecht ein, die subjective Freiheit nicht mehr -zum Wohl Aller beschränkt zu haben, und fast kleinlaut rief ich dem -großen Dichter zu: »Vergeben Sie, ich habe Sie schon zwei Mal um einen -Händedruck betrogen.« »Thut nichts junger Freund,« lächelte Jean Paul, -»hier ist noch der vierte und fünfte Händedruck.« - -Man bildete jetzt ein Spalier. »Auf die Hirschgasse,« riefen einige -Musensöhne, »da ist ein gutes Bier,« wohl wissend wie sehr der alte -Dichter ein solches Getränk zu würdigen verstand. »Ich gehe mit -Euch,« rief Jean Paul und schritt mit unbedecktem Haupte vorwärts. -Allein Carrové und Ferdinand Walter wußten wol wie schwierig es sei, -den alten Barden mit ziemlicher Rede zu bewirthen und welchen tollen -Begeisterungen er ausgesetzt werde. Sie beredeten ihn daher zur -Rückkehr. -- Am andern Morgen ließ uns Jean Paul durch seinen Freund, -den liebenswürdigen Professor Heinrich Voß sagen: Er habe in der -vorigen Nacht vor Freude nicht geschlafen, er hoffe in der nächsten -übrigens den Fackelzug noch einmal im Traume zu erleben. - -In jener Zeit war ein _Clair-voyant_ in Heidelberg, welcher ein sehr -großes Aufsehen und namentlich Jean Pauls Aufmerksamkeit erregte. Der -Mann hieß wenn ich nicht irre »+Auth+,« war der Sohn eines Quacksalbers -und mochte in seiner Jugend von allerhand Medicamenten, namentlich -aus dem Reiche der Vegetabilien gehört haben, welche er in seinem -magnetischen Schlafe gar häufig verschrieb. Er saß alsdann auf einem -etwas erhöheten Platze, in einem großen Kreise zu dem Grafen und -Fürstinnen sich eingefunden hatten. Jean Paul, Carrové und mehrere -Andere verzeichneten als Schnellschreiber seine Orakelsprüche, welche -der Professor Schelver, sein Magnetiseur, ihm abfragte. Mir waren -fortwährend seine vielen barbarischen gramatikalischen Fehler anstößig, -und gerieth ich schon damals zu der festen Überzeugung, daß der Zustand -des Hellsehens zwar alles Erlernte, scheinbar Vergessene wieder beleben -und dem Geiste vorführen kann, daß er aber nicht im Stande ist, -ein noch nicht angeeignetes Wissen plötzlich in den Clairvoyant zu -verpflanzen, wodurch man denn zu dem Schluß kommt, daß man nur Ärzte, -als Männer von Fach in der höchsten Potenz magnetisiren sollte. - -Man trug sich damals allgemein mit folgender Historie herum. Das -Collegium _medicum_ und namentlich der Professor Tiedemann sei -beauftragt worden den Zustand des Clairvoyants +Auth+ zu untersuchen -und sich zu vergewissern, daß derselbe kein Betrüger sei. Einer der -Commissionsherren, selbst ein Dilettant im Magnetisiren, habe sich mit -+Auth+ auch wirklich in Rapport gesetzt und in den magnetischen Schlaf -gebracht. Als man nun aber Fragen an den Patienten gerichtet habe, -sei dieser in Zuckungen verfallen und habe sich ein so großes Gewächs -am Halse, jede Minute mehr anschwellend erhoben, daß man Schelver -haben rufen müßen, der mit zwei Strichen, Krämpfe und Gewächs habe -verschwinden lassen. - -Jean Paul setzte die Möglichkeit sich in magnetischen Rapport mit einem -Andern zu versetzen, lediglich in den Willen des Anderen, des Stärkern. -Ich erlaubte mir ihm dagegen zu bemerken, daß wenn dies in Wahrheit -gegründet sei, der Wille manches Menschen gewiß seinen Regenten schon -in magnetischen Schlaf versetzt hätte, worüber der Dichter lächelte und -in die beste Laune gerieth. - -Ein andermal ging ich in seiner und einer größern Gesellschaft -in den Ruinen des Heidelberger Schlosses umher. Plötzlich blieb -er gedankenvoll bei einer Blume stehen, die eine Spinne mit -ihrem schnellgefertigten Netze umspann. Als die Geschäftige die -Blumenfinsterniß vollendet hatte, und gleich darauf einige Fliegen -fing, rief der große Humorist mir lächelnd zu: »Das ist das leibhaftige -Bild des Recensenten.« Am andern Tage ging ich, über diese geistreiche -Bemerkung nachsinnend, allein zu der recensirten Blume Wohnung. Ein -Regenstrom hatte das Gewebe getrennt und die erquickte Rose strahlte -schöner als gestern. Freilich war die Spinne ein Recensent, guter Jean -Paul! aber der Regen war auch der Strom der Zeit und der andere Tag -bildete die Nachwelt. - - * * * * * - -In demselben Hause worin Jean Paul wohnte, wohnte auch ein Student, -den ich +Meier+ nennen will, und der immer mit den größten -Männern seiner Zeit zusammengewürfelt wurde. Meier hatte auch einmal -Göthe besucht und den Platz neben dem Dichter im Sopha eingenommen. -Plötzlich ging die Thür auf. Göthe, der alte Geheimerath von Göthe ging -dem Freunde entgegen; der Bursch, welcher den Ankommling wie er sich -nachher ausdrückte für einen Jenaer Philister gehalten hatte, blieb -ruhig gegen alle Regeln der Lebensart auf dem Sopha sitzen. Der Fremde -nahm Göthe’s Platz neben dem künftigen Doctor ein. Der Vater Faust’s -und Mephistopheles aber sagte freundlich: »Ich muß die Herren doch mit -einander bekannt machen: Der Herr Studiosus Meier, Seine königliche -Hoheit der Großherzog von Sachsen-Weimar.« - -»Jean Paul besucht mich alle Tage,« pflegte Meier wol zu renommiren, -»ich weiß selbst nicht was er an mir findet, aber ich muß ihm immer -erzählen. Nur von Poesie und namentlich von seinen Schriften darf ich -bei Strafe seines höchsten Zornes nicht mit ihm reden. Ich mag den -Kerl, wo man sich so viel ausmacht, nicht erzürnen.« - -Es wäre interessant, die Studien, welche Jean Paul damals an Meier -gemacht hat in seinen späteren Werken aufzusuchen. Ich behalte mir -dieses Privatvergnügen vor und will den guten Meier je anpaulianisirt -schon auffinden. - -Jean Pauls intimster Freund in Heidelberg war der Professor Heinrich -Voß, Sohn des alten Dichters »Johann Heinrich,« der in seiner reichlich -vergeltenden Gegenfreundschaft so weit ging, daß er gewöhnlich als Jean -Paulscher Agent kleine Zettelchen bei sich trug, auf welche er gute -Einfälle, die er aussprechen hörte, verzeichnete, und dabei bemerkte, -das ist etwas für meinen Jean Paul. Wirklich soll dieser eine Menge -solcher Witzfunken auf einzelnen Blättchen gehabt, und wie bei jenem -chinesischen Brettspiel die einzelnen Pflöcke, die einzelnen Witze zu -einem Ganzen vereint haben. Das ist freilich denn oft auch in des -Dichters Schriften zu bemerken, dessen Gedankenfügung nicht immer -Mosaik-Arbeit, sondern oft durch lange ermüdende Brücken vereinigt ist. --- Interessant sollen die Unterredungen zwischen Hegel und Jean Paul -gewesen sein. Dieser, immer überwunden von dem Feldherrn der Gedanken, -soll zur großen Ergötzlichkeit des Philosophen sehr geschickt in die -Höhlen der Vorstellung geflohen sein. - -+Heinrich Voß+ war ein köstliches Gemüth, schade für ihn, daß es bei -ihm nie zum Durchbruch aus dem Familienleben, zur Emancipation aus -der väterlichen Gewalt, zur Selbstständigkeit und zu dem sittlichen -Moment der Ehe kam. Er war und blieb, wie Wolf ihn, freilich in einem -andern Sinne nannte, das _puer heidelbergensis_. Von sechs bis zwölf -arbeitete er, damals größtentheils an der Shakespearschen Übersetzung, -dann ging er zum Vater und las dem seine _pensa_ vor. Sein ganzes -Leben war den ganzen Tag über das Thun und Treiben eines unter der -strengsten väterlichen Gewalt stehenden, kaum confirmirten Knaben. Er -kannte bloß den Willen seiner Eltern. Nur am späten Abend liebte er -eine heitere Gesellschaft, in der er, ohne Vorwissen seiner Eltern, -stets der Letzte verweilte, und die er durch köstlichen Humor, vor -Allen zu würzen verstand. Nichts desto weniger, obgleich er oft -erst mit dem Mond zu Bette ging, begrüßte er stets die Sonne beim -Lever. Solche Anstrengungen so wie der Mangel an Bewegung mußten den -Tod des corpulenten Mannes erfrühen. -- Einer der Genossen seiner -Abendtafel war der jetzt gleichfalls verstorbene an der Heidelberger -Schule angestellte Professor +Martens+, ein wohldenkender aber stets -regierender Mann, welcher positiv nur seinen Lehrer, den alten Voß, -noch mehr aber den dänischen Dichter +Holberg+ anerkannte, den er, wie -ein guter Theolog die Bibel, in jedem Lebensverhältniß zu citiren und -zum Schiedsrichter zu machen verstand. Sein höchstwitziges Spottgedicht -in Hexametern, auf die Manheimer Schneider, welche dem Kaiser Alexander -die Krenk’ wünschen, weil dieser bei einem Heidelberger Kleidermacher -einen Frack hatte machen lassen, ist mir leider abhanden gekommen. - -Unter mehreren Briefen, welche ich von ihm besessen, finde ich nur noch -einen einzigen, der freilich von nicht großem allgemeinen Interesse -ist, aber doch von der bodenlosen Gutmüthigkeit zeugen mag, womit -derselbe zu helfen bereit war. - - Heidelberg, den 18. October 1817. - - »Unser Freund M. hat mir gesagt, daß Sie wegen der Ferne Ihres - Wohnortes und der gegenwärtigen Abwesenheit des Herrn von H. nicht - sogleich die Summe von zweihundert Gulden aufzubringen wüßten, und - mich gebeten, Ihnen solche vorstrecken. Wie gerne ich dies auf der - Stelle gethan hätte, wissen Sie, aber gerade jetzt kann ich es - nicht. Ich bitte Sie also die Summe von einem Andern aufzunehmen, - verbürge mich hiermit, daß Sie solche am ersten Januar 1818 sammt - der üblichen Vergütung wieder bezahlen werden, und leiste die - Bürgschaft mit derselben Freude, wie ich sie meinem eignen Bruder - würde geleistet haben. Sollten Ihre Gläubiger meine Handschrift - nicht kennen, so bin ich jede Stunde bereit mich zu stellen, - wenn Sie es fodern und mich als der Schreiber dieser Zeilen zu - legitimiren. Auch bin ich erbötig, den von Ihnen zu schreibenden - Schein über die Empfangssumme mit meiner Namensunterschrift zu - unterzeichnen.« - - =_Dr._ Heinrich Voß=, - Professor der Philosophie auf der - hiesigen Universität. - -Zu den interessantesten Tischgästen, welche damals im Badischen Hofe -dinirten, ist ein Domherr v. +Wambold+ zu rechnen, ein Epikuräer, -im edelsten Sinne des Worts, der seinen Stand schon im Heidenthum -gegründet hätte; dann -- +Morstadt+ mein alter Freund, dieses -Universalgenie, dessen Gehirn gewiß eben so viel Brei wie Cüvier, -und wenigstens _esprit pour quatre_, hat, und ein origineller -Liefländischer Baron Uexküll, der seinen 3jährigen Urlaub als Adelicher -im Auslande schon seit zwanzig Jahren in Deutschland zu benutzen -schien. Ich habe mit diesen Herrn die interessantesten Diners und -Soupers meines Lebens verlebt. - -Heinrich Voß hatte mich lieb gewonnen. Jeden wärmsten Momenten -seiner Freundschaft pflegte der gute Sohn, mir wie einen Knaben von -einer Weihnachtsbescheerung von dem Glück zu erzählen, seinem Vater -vorgestellt zu werden. Schon um des Sohnes willen, aber auch von -dem abgesehen, war mir die Bekanntschaft des berühmten und in so -vieler Hinsicht verdienten Mannes erwünscht, welche mir noch dadurch -erleichtert wurde, daß der alte Herr sich über eine Idylle, welche ich -auf Geßners Leier schon auf der Hamburger Schule gedichtet, und die -sich in meiner »Leier des Meisters in den Händen des Jüngers« befindet, -günstig geäußert hatte. - -Der alte Voß empfing mich in seinem mit einer hohen steinernen Mauer -umgebenen Garten, in dessen Mitte seine Wohnung lag. Ich kann -nicht sagen, daß sein Anblick auf mich einen günstigen Eindruck -machte, ich fühlte mich um vier Jahre verjüngt von einem fremden -Schulmonarchen stehend, der mir Horazens Kochsatiren erklärte. Denn nur -+Speisen+, und wie man in Heidelberg die Zubereitung derselben -nicht gehörig verstehe, waren der Inhalt seiner Anrede. Namentlich -wurde Hegels Kohl als sehr blähend getadelt. -- Dann ging der alte -Herr auf seine Werke über und klagte, wie ihn sein Verleger von der -Übersetzung irgend eines Autors, rücksichtlich der Zahl der gedruckten -Exemplare betrogen, und im vorigen Jahre zu einer Reise in den Norden -bewogen habe. -- »Ich wußte es wohl,« redete er, »daß eine Schelmerei -dahinter stecken mußte. Denn ich habe es noch nie erlebt, daß meine -Bücher Ladenhüter geworden sind.« Zum Schluß erzählte Voß von Zacharias -Werner, der katholisch geworden sei, obgleich er ihm, Voß, dem dieser -Übertritt geahnet, so fest das Gegentheil versprochen habe. -- Er zog -jetzt mit allen Gründen gegen Werner zu Felde und endete dann mit dem -mir unvergeßlichen Gevatterschnack: »Aber was sollte man auch von ihm -erwarten? Als er das letzte Mal in meinem Hause war, hatte er, wie -ich mit Bestimmtheit erfahren, im rothen Ochsen, wo er logirte, eine -bedeutende Quantität Wein getrunken. Nichts desto weniger trank er -so viel Wein bei mir, daß meine Ernestina, welche sonst nicht daran -gewöhnt ist, ihren Gästen den Wem nachzuzählen, trippelnd zu mir kam, -sprechend: Väterchen, Väterchen! sieh einmal wie der Mann trinkt.« -- -Diese Worte, denen Voß nicht die Thatsache hinzuzufügen vermochte, daß -Werner berauscht mithin seiner Aufnahme unwürdig geworden sei, machten -einen üblen Eindruck auf mich und veranlaßten mich der schließlichen -Einladung des alten gewiß in so mancher Hinsicht verdienten und -respectabeln Herrn, sein Hausfreund zu werden, nicht zu folgen. Ich -habe ihm nie wieder gesehen, und hatte alle meine List nöthig um den -Sohn, der jetzt Einladung auf Einladung zu seinen Eltern folgen ließ -ausweichend zu bescheiden. - - - - -Drittes Kapitel. - - Die Burschenschaft. Das Ehrengericht. Die Landsmannschaft. Die - Cerevisia. Die Kurländer. Die Holsteiner und Schleswiger. Die - Meklenburger. Die Schwedisch-Pommeraner. Die Schweizer. Die - Hansestädter. Das Hazardspiel. Die Hanoveraner. Die Westphalen. - Peter Fix. Die Würtemberger. Ruhs. - - -Die Burschenschaft war in Heidelberg kurz nach den Feldzügen -entstanden. Der größte Theil derselben hatte den Freiheitskrieg -mitgemacht. Die Verehrung womit Körner das Haus Habsburg besungen -hatte, durchzitterte noch die Brust aller Burschen; Liedern zur -Verherrlichung Scharnhorst’s und Blücher’s, folgte ein Toast zu Ehren -des Preußischen Königs. Es war allen bundestagsmäßig zu Muthe, wie die -Auszüge aus den Protocollen der burschenschaftlichen Verhandlungen -in Jena auch ergeben werden, man wollte das Gefühl Deutscher -Nationalität so lange als möglich erhalten, und fast Jeder glaubte, die -Burschenschaft sei auf Universitäten das einzige Vehikel hiezu. -- Eine -strafbare Tendenz hat die Heidelberger Burschenschaft bis zum Jahre -1819 nicht im Entferntesten gehabt. Die Emissaire der Schwarzen aus -Giessen und einzelne politische Schwärmer aus allen Ständen fanden in -der Burschenschaft keinen Anklang. Wäre man meinem Rathe gefolgt, den -ich zu Hundert Malen öffentlich ausgesprochen habe, alle Verhandlungen -dem academischen Senate vorzulegen, die Burschenschaft würde bis auf -den heutigen Tag eine tolerirte Verbindung sein. Denn welche Regierung -könne es verantworten ein Institut zu zerstören, welches Sittlichkeit -den Studenten zur Bedingung machte, die Scheidemauern unvernünftiger -und unsittlicher Landsmannschaften stürtzte, Liebe und Versöhnung -predigte, jeden Zweikampf erst vor ein Ehrengericht zur Sühne brachte -und sich gegenseitig den Zweck, weshalb man auf Universitäten ist, »das -Lernen,« stets in das Gedächtniß rief. -- Hier sind übrigens die großen -Verdienste nicht zu übersehen, welche Hegel sich um die jungen Gemüther -erwarb. Seine phylosophische Rechtswissenschaft, seine Lehre von Staat -als der wirklichen sittlichen Idee, trat zwar nur vor das Bewußtsein -weniger, aber doch größtentheils der besten Köpfe, denn diese fühlten -wie Verrina sagt, etwas von dem alten Meister, »+was man Respect -nennt+,« und übertrugen ihre Empfindung unwillkührlich auf die -Übrigen, indem sie sie überzeugten, daß man erst gar Vieles lernen -müsse, bis man die Welt verbessern könne. - -Durch das Ehrengericht sind zu meiner Zeit viele Duelle verhütet -worden. Der Zufall will, daß ich ein von mir selbst aufgenommenes -Protocoll noch besitze, dessen Aufnahme freilich höchst mangelhaft ist, -welches aber doch hier seinen Platz finden mag. - - =Sitzung des Ehrengerichts den 19. März 1818.= - - In der heutigen Abendsitzung wobei N... fehlte, war Sch... als - Substitut eingetreten. R... war für den abwesenden Sprecher N... - als Sprecher gewählt. - - von L... erschien und erklärte: - - »Als er heute auf der Gutmannei Whist mit N... aus Schwaben und - Z. gespielt habe, sei ihm N... 1 fl 30 Xr. schuldig geworden. Fr. - von L... habe darauf gesagt, ich will dir morgen das Geld zahlen, - da ihm aber eingefallen sei, daß N... ihm noch acht Köpfe oder 2 - fl 12 Xr. schuldig sei habe er zu N... gesagt: da du mir noch - Geld schuldig bist, so will ich das davon abrechnen. Hierauf habe - N... dies geleugnet und als Z. von v. L... als Zeuge dieser Schuld - angerufen, diese bestätigt habe, zum N... gesagt, daß er diese - Schuld abrechnen müsse. Darauf habe N... gesagt: »»Du sollst mir - das Geld auf der Stelle geben.«« v. L... habe darauf erwiedert: - »»Jetzt gerade thu ich es nicht«« sei aufgestanden und weggegangen. - Darauf, habe N... gesagt, dies sei eine »+Büberei+.« Da v. - L... diese Worte nicht genau verstanden, habe er den Z. zum N... - geschickt und ihn deshalb constituiren und in den Fall, daß N... - das Wort »+Büberei+« gesagt, ihn auf Pistolen fordern lassen. - -- N... habe das Gesagte gegen Z. bestätigt und ihn morgen halb - drei Uhr, auf die Hirschgasse bestimmt.« - - von L... erklärte dabei, daß er den N... deshalb auf Pistolen - gefodert habe, weil er sich wohl erinnere wie sehr er gegen N... im - Kampfe mit dem Schläger im Nachtheil sei. - - N... leugnet, daß v. L... gesagt habe er wolle morgen das Geld - geben, derselbe sei vielmehr mitten im Spiel aufgestanden. Das Wort - »+Büberei+« habe er im Unmuth aber nicht im beleidigenden - Sinne ausgesprochen. - - Das Ehrengericht berieth sich über diesen Punct und erkannte: - - Daß v. L... zu seiner Pistolenforderung einen unzulässigen Grund, - nämlich den, daß N... ihm als Schläger überlegen sei, gehabt habe. - Das Ehrengericht finde daher für keinen Fall gut, das Pistolenduell - als von ihm bewilligt zuzulassen, und ertheile dem v. L... daher - hiemit die Weisung diese Foderung zurückzunehmen. -- Da das - Ehrengericht aber dafür halte, daß N... keineswegs einen Grund zu - dem Worte +Büberei+, welchem übrigens in diesem Lande auch - nicht der beleidigende Sinn wie in Norddeutschland, da es hier nur - +Kinderei+ bedeute, beizulegen sei, so erwarte es, daß sobald - v. L... die Pistolenforderung, auch N... das Wort »Büberei« als in - der Hitze ausgestoßen, zurücknehme. - - V. L... nahm hierauf die Pistolenforderung, N... das Wort »Büberei« - zurück. - - Es folgen die Unterschriften der Ehrenrichter. - -Wenn nun gleich das Ehrengericht nur vermittelnd eintrat, so sind -doch während meines fast zweijährigen Aufenthaltes in Heidelberg nur -zwei Duelle in der Burschenschaft consumirt worden, während mit den -Corpsburschen täglich zwei Kämpfe vorfielen. - -Die Contrerevolution äußerte auch unter den Studenten ihre -unausbleiblichen Wirkungen, sie paralisirte die Burschenschaft -zum Corps und vereinigte umgekehrt die Landsmannschaft zu einer -burschenschaftlichen Verbindung. Früher war dies anders, da trieb die -Göttin Eris ihren Apfelhandel unter den Landsmanschaften selbst, die -ohne Gegenwirkung nur sich vereinigten, wenn es galt, einem Professor -die Fenster einzuwerfen oder einen Philister in Verruf zu bringen. Zwar -gehörte ihnen die ganze Welt, und hatte früher auf der Seniorenconvent -die ganze Erde so getheilt, daß Nassau Amerika, Westphalen Asien, -Kurland Afrika und jedes Corps nach Verhältniß seiner Größe einen -bedeutenden Placken aus der Gemeinheit der Erde erhalten hatte. Ein -Senior hatte sogar vorgeschlagen die Sterne zu vertheilen, das war -aber noch bisher unterblieben. -- Aber ein unglücklicher Neuseeländer, -den die Diplomatik der Studiosen zum Schweizer bestimmt hatten, war -kaum ohne Erlaubniß unter die Nassauer gegangen, als er sich mit einem -Schweizer, der gerade damals allein gegen den Grundsatz _tres faciunt -collegium_ seine Landsmannschaft repräsentirte, auf Tod und Leben -schlagen mußte. Den Helvetier traf ein Hieb in die allzukühne linke -Hand, die Nassauer wurden stolz auf ihren neuen Landsmann, und der -Überwundene trank »_smollis_« mit dem Neuseeländer, indem er ausrief: -Welch ein Verlust für die Schweiz, daß du Neuseeländer ein Nassauer -geworden bist. - -Das Biersaufen war damals zu einer grauenerregenden Höhe gestiegen. Es -gab sogenannte »Staats-Bierschwaben,« welche es bei einem Commersch -bis auf zwei und siebenzig Schoppen, also bis auf sechs und dreißig -Bouteillen brachten. Dabei war das Bier wie noch jetzt, im Durchschnitt -schlecht, und wenn gleich berauschend, geistlos. Vergebens ließen die -Professoren der Medizin fast in allen Stücken ihr »Wehe« über ein -solches unmäßiges Trinken ertönen, umsonst wollten sie gewissermaßen -accordiren, indem sie eine Quantität als höchstes Maaß bewilligten, -daß schon jede Grenze überschritt, die Schüler des Hypokrates selbst, -hielten sich keinesweges selbst, viel weniger ihre Commilitonen in -Schranken. Ja, es passirte sogar einmal das Unglaubliche, daß sieben, -freilich größtentheils verkommene Studenten, die ich alle namhaft -machen könnte, sich das Ehrenwort gaben, sich zu Tode zu trinken, oder -wenigstens beim _Pereat_, (auch Lustig meine Sieben; besonders in -Jena, genannt,) einem Kartenspiel, wobei stets gesungen und gezecht -wird, die Ewigkeit zu belauern. Sie begaben sich Alle nach Neuenheim -zu den Gastwirth +Freund+, wo sie ihre Parthie, die mit Vieren -gespielt wird, abwechselnd, vier Tage und fünf Nächte _uno tenore_ -durchhielten, während die drei Unbeschäftigten, bis sie wieder -berufen wurden, auf Stroh ruhten. Die academische Polizei kam endlich -hinter den Skandal, zu welcher Kenntniß ich beigetragen zu haben, mir -schmeicheln darf und zersprengte die Bierherren, von denen sie sogar -einige consilirte. - -War auch in der Burschenschaft der Genuß des Bieres noch »Trinken« zu -nennen, so überschritt er doch das Maaß. -- Der Gedanke, den Biergenuß -zu regeln, dabei die jungen Sprudelköpfe vor demagogische Umtriebe zu -behüten, veranlaßte mich der ich eigentlich in jenen Jahren das Bier -gar nicht liebte, der Stifter einer +Cerevisia+ zu werden, die im -humoristischen Gewande alle gefährliche Elemente des Burschenlebens -unschädlich machen sollte. Ich erfand die Bier-Mythe, daß ich der -Sohn der Biervernunft sei, die sich so zu sagen in mir verkörpert -habe und legte mir den Titel »+Eminenz+« bei. Zu gleicher Zeit erließ -ich ein Gesetz der Zwölf Tafeln, wovon das Erste; _Eminentia errare -nequit_ (die Eminenz kann nicht irren) schon auf die Tendenz der -andern schließen läßt. Ich führte Orden ein, den »_pour le merite_,« -den »Sanct Kannen-Orden« und den »Orden des Biervließes,« welche -durch Jasminen, Weinblätter und rothe Rosen repräsentirt, und noch -auf der schon verwitternden Platte, welche bei der Hirschgasse in -den Steinwall gesetzt worden ist, mit der Inschrift, _Eminentibus_, -_Eminentia_ (den Vortrefflichen die Eminenz) zu sehen sind. Die Grade -waren »Junker, Ritter, Vicecommandeure, Commandeure und Großkreutze.« -Da ein jeder Eintretende den Bieradel und einen Biernamen erhielt, -so wurde dadurch das Fuchsprellen beseitigt, weil oft ein Fuchs, -(Studenten im ersten Semester) einen höheren Grad als der alte Bursch -bekleidete. -- Jeder Rausch führte eine Degradation herbei, wurde daher -sorgfältig vermieden. Einen armen Theologen, der sich nach erhaltenem -ersten Graden diesen Fehler zu Schulden kommen lassen, weigerte ich die -Wiederaufnahme, weil ich ihn für schwindsüchtig und alles Bier für ihn -schädlich hielt. Ich hatte mich nicht geirrt, einige Tage nach meinem -Scheiden von Heidelberg segnete er das Zeitliche, wie er mich in der -Abschiedsstunde mit den schriftlichen Worten gebenedeit hatte: - - »Sind wir auch vielleicht auf immer getrennt, so hält uns doch das - Band der Biervernunft zusammen und gerne bleibe ich treu bis in den - Tod der Biervernunft und Eminenzen.« - -Die größere Hälfte der etwa aus 150 Mitgliedern bestehenden -Burschenschaft schwor zur Bierfahne. Dadurch gewann natürlich mein -Einfluß bei allen Beratungen. Denn es gab allerdings manche noch -wirklich in Bier befangene unter meinen Getreuen, welche nur im -Allgemeinen blindlings der Eminenz beitraten, als demjenigen der -in allen Dingen das Biervernünftigste sage. Ja ich habe oft in mir -lächeln müssen, wenn ich, was alle Jahre zwei Mal geschah, unter den -Hopfenkranz im Cerevishäuschen trat, in welchem Moment die Biervernunft -in mir verkörperte, und einige meiner Unterthanen mich mit Überzeugung -von meiner Apotheosirung wie einen Dalei Lama ehrfurchtsvoll -anstarrten, und den diese hohe Ceremonie begleitenden Vers: - - Nimm jetzt des Bieres Glas - Biere es aus fürbaß, - Biere mit Eil’ - Daß Dich das Bier bewegt - Zur Biervernunft Dich trägt, - Daß Dein Herz bierig schlägt - Biervernunft Heil! - -mit wahrer Andacht, ja selbst unter hervorstürzenden Thränen sangen. -Ein ächter Cerevisianer, trank, wenn ihm der Arzt das Bier durchaus -untersagt halte, nie sein Glas Wasser in meiner Gegenwart, ohne -sich von mir den Cerevissegen: _Sit aqua tua cerevisia_ (Dein Wasser -sei Bier) geholt zu haben. Auch schlug sich selten einer ohne meine -Benediction und kurios genug, der Zufall hat gewollt, daß niemals -ein von mir Gesegneter eine Wunde bekommen hat. Als ich vor einigen -Jahren in Heidelberg einige ehemalige Cerevisianer wieder in demselben -Häuschen versammelte, hatte ich decretirt, es solle angenommen -werden, daß alle Vergangenheit dahin aufgehoben sei, daß unsere -Universitätsjahre +vorgestern+ -- unsere zwanzig Jahre der Trennung -+gestern+, und endlich unsere Zusammenkunft das frohe +Heute+ sein -sollte. Man gehorchte mir mit Heiterkeit, und so begab es sich denn, -daß Mancher nicht wußte, wohin sein Flaus, den er vorgestern getragen, -gerathen, und daß er referirte, seine Frau habe ihm +gestern+ zehn -Kinder geboren. - -Kurz nach Errichtung der Cerevisia versuchte man meine Souverainität -zu stürzen, indem man eine bierständische Verfassung verlangte. -Meine Lage war um so kritischer als einige meiner Großkreutze, die -Rädelsführer der gottlosen Parthei waren. Ich versprach die Einführung, -sobald die Cerevisianer dafür reif seien, stellte ihnen vor wie ich -der Burschenschaft dafür verantwortlich sei, ein gesittetes Ganzes zu -erhalten, kurz ich temporisirte, ich hielt die Sache so lange hin, wie -möglich. -- Die Großkreutze gewann ich durch Freigebigkeit und einige -neu ornirte Ehrenstellen, wie die eines +Biervaters+, +Bierkanzlers+ -und +Adoption+ eines +Königlichen Sohnes+, und als ich endlich meiner -Sache gewiß war, erklärte ich, daß es von nun an bei Strafe der -Bieracht verboten werde, von bierständischer Verfassung zu reden. In -diesem Sinne handelte ich sofort, ich führte eine geheime Bierpolizei -ein, welches natürlich zu vielen humoristischen Denunciationen und -Debatten Anlaß gab, unsere Zusammenkünfte würzte, und erlebte endlich -das hohe Glück, mich als souverainer unumschränkter Bierfürst anerkannt -zu sehen. - -Im Wesentlichen aber war mein Zweck so erreicht. Ich gab meinen -Bierstaat der Lächerlichkeit mit Selbstverspottung Preis, und bewahrte -dadurch meine Freunde vor politischen Träumereien, welche in späteren -Zeiten eine so grausame Nemesis erfahren haben. Noch jetzt strömen mir -jährlich von ergrauenden Familienvätern die Danksagungen zu, daß ich -sie durch meine humoristische Cerevisia vor bürgerlichem und geistigem -Tode bewahrt habe. - -Wenn es bei unsern Commerschen Mitternacht geworden war, durfte kein -Tropfen Bier eine ganze Stunde bis Ein Uhr getrunken werden. Die Mythe -lehrte, dann habe die Cerevisia keine Eminenz. Diese sei wie einst -Numa Pompilius bei der Nymphe Egeria im Hain, im Odenwald bei der -Biervernunft. -- Dies hatte die Folge, daß die Kopfwehbegabten nüchtern -wurden, oder was noch besser war zu Hause gingen, _eventualiter_ aber -einen großen Hemmschuh beim Trinken anlegen mußten. -- Bemerkenswerth -ist, daß sich in der Cerevisia nie ein Streit unter den jungen -Flammenköpfen entsponnen hat, der eine, unter den Studenten so leicht -entstehende Foderung zur Folge gehabt hätte. - -Bei den Schwaben befand sich dermalen ein gewisser X., der in -den letzten beiden Semestern sich endlich entschloß, sich mit -seiner Fachwissenschaft bekannt zu machen. Er fing nun zwar an bei -verschlossenen Thüren zu studiren, aber bei seinem Höpfner _Thibaut_ -und _corpus juris_ standen stets einige Bierkrüge, welche er zum -Anderssein seiner Selbst gemacht hatte. Er trank sich regelmäßig alle -Stunden mit folgenden Worten vor: »X. einen Schoppen vor -- Gut war -die Selbst-Antwort, einen Schoppen nach und wieder einen vor.« -- Dies -Vor- und Nachtrinken mußte nun bei Strafe des Bierverrufs innerhalb -fünf Minuten geschehen. -- Als nun X. einmal von Kameraden, die an der -Thür gehorcht und in das Zimmer gedrungen waren, zwischen dem Vor- und -Nachtrinken gestört, und durch diese höhere Macht, so wie durch sein -Schamgefühl in den unverdienten Bierverruf gekommen war, dachte der -ehrwürdige Cerevisianer, nachdem ihn die Landsleute verlassen, edel -genug, diesen Bierschimpf nicht ertragen zu wollen, und die Größe X. -paukte die Nichtgröße X. mutterseelen allein, auf eigne Hand, mit einer -ungeheuren Quantität _Gèrevis_ aus dem Status der Schande. - -Um den Freunden der Karten einen Genuß zu bereiten, hatte ich ein -Spiel erfunden, das nur um Bier und Ehre gespielt, und wozu, wie -bei dem »Pernat,« gesungen wurde. Die Idee war, daß des _Careau_ -König die +Eminenz+ sei, die andern Könige »+Großkreutze+,« welche -sich unter einander stachen und auch bedient werden mußten, wenn die -Eminenz ausgespielt wurde. _Careau_ König stach Alles, _Careau_ Dame, -(das Bierfräulein) den _Careau_ Buben, (den Bierjunker) die übrigen -_Careaus_ Cerevisianer stachen sich wie im Whist, aus alle andern -Farben. Die Coeurs als »Bierrenoncen,« stachen die schwarzen Farben. Im -Uebrigen zählte Alles in Mariage. Hätte ich Zeit dazu, ich würde das -Spiel weiter ausbilden, da diese mir aber gar sehr mangelt, so will -ich diese Arbeit einem Tage- oder Abend-Dieb überlassen. Das Spiel -hatte übrigens viele Combinationen und Regeln, die ich zum Theil selbst -schon vergessen hatte. Zwei und zwei spielten zusammen wie ein Whist. -Diejenige Parthei, welche zuerst hundert zählen konnte, hatte gewonnen. -Jedes bedeutende Ereigniß wurde mit Couplets begleitet. Sobald die -Bierdame vom König gestochen wurde, sang man: - - (Melodie: _Gaudeamus_.) - - _Venit, virgo hilaris - Casum nullum timens - Sed puella rapitur - Et a rege capitur - Vah! puella cadit._ - -Das Kobbeschef (von _jeu_) wurde in dem Local der Hirschgasse zuweilen -an zwanzig Tischen, also von achtzig Menschen gespielt. - -Die Kurländer waren unter den Landsmanschaften die gefürchtesten, und -eine gewisse Tüchtigkeit, ein persönlicher Muth und eine pecuniäre -Aufopferung ihnen nicht abzusprechen. Die letzte war übrigens mehr -angeeignet als angeboren; denn da die Väter, wegen der später weiten -Entfernung den abreisenden Söhnen oft den Betrag der Studienkosten -für mehrere Jahre mitgaben, so war ein solcher Neuling eine sehr -willkommene Erscheinung. Der arme Fuchs mußte aber gar bald sein Geld -hergeben und war oft in einigen Tagen seines ganzen Vorraths beraubt. -Dafür aber hatte er wieder seine Ansprüche an die nachfolgenden -Füchse, denen die Freigebigkeit auch bald incoulirt wurde. -- Schlimm -für den, der einmal Schelmletzt spielen mußte, doch war dies nicht -leicht zu fürchten, da die Curonen, wenn sie relegirt wurden, gleich -den Ratzen ihren Wohnort in Compagnie zu verlassen pflegten. Übrigens -mißfielen mir die Meisten, in deren Riesenkörper meistens perfide, -grau grüne Augen steckten. Es waren zum Theil übermüthige Junkersöhne, -die nur darauf ausgingen die Zahl der tollen Streiche, welche ihre -Väter auf Universitäten begangen hatten, würdig zu vermehren. _Gloriam -quam pepere majores, digne studeat servare posteritas._ Ein gewisser -C. schoß sich, -- eine feindliche Kugel bog seine Baarschaft, vier -Sechsbögner und einen Kronthaler, die auf dem Herzen des Pauckanten -lagen krumm, ohne den C. zu verwunden, der fast nur höflich gegen die -Vorsehung die Worte ausstieß: +Weiß der Teufel ich glaube es ist ein -Gott+! - -Der verst. v. M. Senior der Holsteinschen Landsmanschaft in Göttingen -glaubte, daß sein Corps nicht genug in Ansehen bei den deutschen -Russen stehe. Nichts desto weniger nahm er eine Einladung zu -einer Spazierfahrt wie zu einem Commersch von ihnen an, genoß nach -Herzenslust, bedankte sich aber nach Beendigung der Fête mit den -Worten: »+So nun erkläre ich Euch Alle für dumme Jungen+.« Diese -unerhörte Renommage brachte übrigens keinesweges eine Unzufriedenheit -bei den Kurländern hervor, vielmehr nannten sie den v. M. »einen -liebenswürdigen Menschen, einen kleinen fidelen Kerl, vor dem, -wie vor seinem Corps, dessen Senior er sei, man die unbedingteste -Hochachtung haben müsse.« Auf den Mensuren, bei den Duellen, sprachen -sie gewöhnlich ihr Lettisch, dem wir Pomeraner, Mecklenburger und -Holsteiner unser schwarzbrodmäßigstes Plattdeutsch zu ihrem großen -Verdruß entgegen setzten. Verschieden von den Kurländern waren die -Liefländer, meistens geborne Salonmenschen, von denen ich mit einigen -befreundet war. Die Namen _Gulefoky_ und _Porten_ sind mir in das Herz -gegraben. Doch habe ich zu vielen wegen ihres reservirten Wesens nie -recht Muth fassen können. - -Das originellste Völkchen bildeten, wie auf allen Hochschulen, die -Schleswiger und Holsteiner. Die ersten, welche einen wunderbaren -Dialect haben, einen didactischen, der an den eines Schulmeisters -oder Irrenarztes erinnert, stimmten mit den Holsteinern in ihrer -humoristischen Selbstverspottung so wie auch darin überein, daß sie -durchaus kein sogen. Genie unter sich aufkommen ließen, vielmehr wenn -es emportauchen wollte, wie sie es nannten, gehörig +duckten+. Man -konnte unter ihnen nur gehörig Posto fassen, wenn man sich fortwährend -demüthigte und selbst die komischen Seiten des Landsmannes den man -verhöhnen wollte, sich selber andichtete. Singulär war dabei das -Heimweh dieser Hyperboräer im himmlischen Baden, wo die meisten -einstimmten, wenn einer auf der Schloßterrasse ausrief: -- »Aber! -meine Seel, das ist hier doch nix, ich wollte ich wäre so Gott! -(Schleswigsche Betheuerungsformel) in Düsternbrock bei Bruhe und äße -rothe Grütze.« Wie die Holsteiner den grünen Schweizerkäse, (den -Schabziager) den Glarnern täuschend nachmachen, so ist ihr Heimweh auch -von dem eidgenössischen nicht zu unterscheiden. - -Der Sinn für Deutschheit, welcher sich jetzt in den Herzogthümern so -mächtig regt, war damals noch nicht in den Deutsch-Dänen zu einer -Geltung gekommen, sie hingen alle mit bewundernswürdiger Pietät an -ihrem durch politisches Unglück so hart heimgesuchten König Friedrich -den Sechsten, wenn sie nebenbei auch keine große Sympathie für die -einzeln in Heidelberg studirenden Dänen entwickelten. Diese waren -auch größtentheils wunderliche Gesellen, welche behaupten, Göthe habe -Plagiate an Oehlenschlägers Schriften begangen, Dänemark sei ein -Normalstaat, Holberg das größte poetische _ingenium_ der Schöpfung -und nichts schwerer als +paa+ (auf) Doctor und Poet in Copenhagen zu -studiren. Wahr ist es, daß man in einem solchen Examen ein gewaltiger -_Petrus á memoria_ sein mußte, indessen ist Rath dazu da, ein solcher -zu werden. Es giebt nämlich in Kopenhagen einige Leithammel in jeder -Facultät, bei denen man so zu sagen, wie bei einem Schneider ein Kleid, -sich einen Character, den ersten, zweiten oder dritten anmessen lassen -kann, der auch höchst selten verpaßt wird. -- Jetzt nimmt Einen der -Magister in die Lehre, instruirt ihn sowohl vorwärts wie rückwärts, und -schickt seinen Schüler nicht eher in die Examenschlacht, bis er ihn -so gewappnet hat, um des bestellten Grades sicher zu sein. -- Würde -übrigens sein Schüler einen schlechten Grad bekommen, so wäre dies ein -sehr großer Schade für den Lehrer selbst, der in diesem Falle seines -ganzen Honorars verlustig geht. - -In jener Zeit besuchten der geistreiche Dichter Ingemann aus Soron -und ein alter ehrwürdiger Probst Schmidt aus Norwegen, Heidelberg -auf ihrer Reise nach Italien. Ich führte beide Herren in unseren -Versammlungen, welchen dieselben mit der größten Theilnahme beiwohnten, -ja den Skalden zu einem vortrefflichen dänischen Gedichte veranlaßte, -daß ich verdeutsch geben werde, wenn es mir gelingt das zu ängstlich -Verwahrte vor dem Drucke dieser Zeilen wieder aufzufinden. - -Der Holsteinische Adel war zu meiner Zeit der respectabelste und zeigte -sich als solcher auch in seinen Musensöhnen. Allenthalben Tüchtigkeit -der Gesinnung, wie sich jetzt auch in den Vätern manifestirt, -wissenschaftliches Streben und Urbanität. Die auguste Pferdeliebhaberei -der neuern Zeit hat freilich Manches verdorben, die Götter und Menschen -betreffende Conversation ist nur zu häufig eine vierbeinige, indessen -ist der Typus stehen geblieben und thut die Adelszeitung in der That -wohl daran ihre Beispiele »+von edlen Handlungen illustrer Personen+« -unterm Schleswig-Holsteinischen Adel zu sammeln und sich zu diesem -Zwecke dort einen Agenten zu halten. Merkwürdig ist, daß da wo ein -Stolz, wie in der wohlbekannten Grafenfamilie doch sichtbar wird, er -mehr als +Familien-+ denn +Adelsstolz+ hervortritt, sich mithin auch -gegen seines Gleichen geltend macht. - -Die Mecklenburger waren brave Leute, nur zuweilen unangenehme Copien -der Kurländer, geborne Gegner der Holsteiner, wozu die Schlacht bei -Sahnstedt in dem Befreiungskriege viel beigetragen haben mochte, und -mir zu sehr Pferdeliebhaber. Die Spaltung zwischen Adel und Bürger war -auf der Universität schon fühlbar. Ihr Sinn ist schon in der Jugend auf -das Practische gerichtet, ich habe keinen Schwachkopf aber auch kein -poetisches Gemüth unter ihnen gefunden. - -Ihre Nachbarn, die Schwedisch-Pommeraner bildeten den mir liebsten -deutschen Volksstamm. Ich glaube nicht, daß sie ihrer längern -Verbindung mit Schweden ihre Biederkeit verdanken, sie war aber zu -meiner Zeit auf eine überraschende Weise in ihnen vorhanden. Sie -hafteten Alle _in solidum_ unter sich, war Einer schwer erkrankt, -so schienen sie alle +plurig+, war Einer beleidigt, so schien die -deutsche Blutrache aufzuleben, war Einer schuldig, so schossen die -Andern für ihn zusammen, ja als Einer sich sogar einmal blamirte, -schienen sie alle verwirrt und mit blamirt. Es war dies ein Fall wo der -gute musikalische X. im, durch Weinlaune und Neckerei herbeigeführten -Zorn, die Hand nach einem Freunde ausgestreckt, dieser aber die -Realinjurie sehr geschickt mit den Worten abgelenkt hatte: »Solche -Pöbelhaftigkeiten verbitte ich mir selbst im Spaß.« Die Sache kam zur -Untersuchung, es wurde auf den Verruf des Beleidigers angetragen, und -ich von den Pommeranern zum Vertheidiger ihres Landsmannes gewählt. -Meine Defension gelang mir so gut, daß X. der inzwischen mit seinem -Gegner auf Schlägerei und ohne Binden, losgegangen war, zum großen -Jubel seiner Landsleute, die mir so herzlich die Hand drückten, frei -gesprochen wurde. -- - -Nie verließ den Pommer eine gewisse Ruhe, womit er Alles selbst das -Begeisternde angriff. -- Als Typus hiefür diene folgende Anekdote: Der -ehrliche v. S., welcher sich einen derben Rausch geholt hatte, trug -eine Leiter ins Freie indem er den ihn Fragenden wohin er wolle, ruhig -antwortete: Ich will in den Himmel steigen. - -Unter den Preußischen Pommeranern entsinne ich mich einen Hr. v. G., -der mir gegenüber in dem Fahrbachschen Hause wohnte, wo die ungeheuren -Pfeifenquäste eines relegirten Kurländers den Griff an dem Klingelzug -des Zimmers bildeten. Als ich mich einmal in der Winterzeit zur -Beschaffung einiger Arbeiten, eine Zeitlang um fünf Uhr Morgens wecken -ließ, erregte dies einiges Aufsehen unter meinen Freunden, welche meine -Nicodemus-Natur nur zu wohl kannten. Da ich indessen Beharrlichkeit -zeigte machte ich bald einige Proseliten, und namentlich bat mich -G. ihm als meinem Übernachbar, -- bei meinem Lever sofort seinen -Namen zu rufen. -- Das geschah denn auch regelmäßig, indessen nicht -lange Zeit mit Effect für meinen Freund, der sich bald an mein Rufen -gewöhnt hatte, wie ich früher an das Rauschen des Brunnens in der -Mittelbadgasse. - -Ich hatte bemerkt, daß kurz nach meinem Rufe, die Schallern -(Fensterladen) der ganzen Kettengasse sich successive öffneten, -indessen kein Arg weiter daraus gehabt. -- Nun begab es sich, daß nicht -gar lange nachher, zwei auf einander folgende Kommersche mich erst um -Vier Uhr Morgens zu Hause führten. Meine Laune wollte es indeß, daß -ich jedes Mal meinem Freunde G. noch vor dem Niederlegen seinen Namen -zurief und dann mich auf mein Lager warf. - -Als ich am zweiten Abend in die sogenannte Kolonie zu dem Bäcker und -Weinwirth Schwarz etwa um 8 Uhr zum Nachtessen kam, fand ich denselben -auf seinen Arm gestützt, schlafend. -- »Ei was Herr Schwarz!« hub ich -an, »erst zu Nacht gespeißt, und dann geschlafen. Wer schläft denn so -früh?« »Sie haben gut spreche Herr Baron,« erwiederte der aus seinem -Schlummer hervortauchende Weinwirth. »Sie habe uns zwei Tage gut -gehabt. Ich parire die ganze Kettegaß’ und die ganze Hauptstraß’ auf -dieser Seit’ ist hundsmüd!« - -»Aber wie kann ich daran Schuld sein?« - -»Sehe Sie Herr Baron,« fuhr Schwarz fort, »Sie wohnen ins Silberschmidt -Soise. Die Frau ischt ä akkerate Frau und die weckt Ihne meinetwege um -fünf wann de Frankfurter Poschtkarre komme. Itzt sind Sie ufgestande -und habe aus Ihne Ihr Fenschter den Herrn Baron v. G. gerufe. Das habe -mir Nachbare bemerkt und allemal sein mir ufgestanden, wonn Sie G. -gerufe habe. Itzt habe Sie uns Alle mit ihrem G. Rufen aber zwei Morge -um drei Stunde früher aus dem Bett getrieben. Ischt des Recht, mir -lasse uns holt aber nicht wieder anführe.« - -»Ei Ihr verwünschten Philister!« entgegnete ich lachend aber voll -Burschenstolz. »Wie könnt Ihr denn verlangen, daß ich euer Haushahn -oder gar Euer Wecker sein soll.« - -Meine Geschichte aber erregte einen entsetzlichen Trödel unter den -Burschen. - -Die Schweizer saßen bei einem Conditor in der Mittelbadgasse zusammen -und tranken im +Kaffeehause+ ihr Bier. -- Mir fällt dabei ein, -daß im Süden namentlich in Carlsruhe das Wort Kaffeehaus ein eben -so unpassender Name ist, wie die Ableitung des »_lusus_« _a non -lucendo_. Wie in einigen Städten das Schauspielhaus oft das einzige -Haus ist worin nicht geklatscht wird, trinkt der Fremde im ganzen -Jahre vielleicht nicht eine einzige Tasse Kaffee, obgleich das -Wirthshausschild den vorüber Gehenden zu einem solchen Tranke einladet. - -Die meisten Schweizer waren in der Burschenschaft ohne sich im -Ganzen lebhaft dafür zu interessiren. Sie stritten sich lieber unter -einander beim Conditor, wo sie ihre Cantone durch politische Zwiste -würdig repräsentirten. Der vorzüglichste unter ihnen, ein Mann von -edlem Herzen und klarem Kopfe, der einzigste auf den die Hegelsche -Disciplin schon damals sichtlich einwirkte, ist vielleicht jetzt der -ausgezeichnetste Schweizer, der allbeliebte Landamman +Schindler+ in -Glarus. -- Zwei unzertrennbaren Freunden, Rauschenbach und Stünze -überkam kurz nach einander der Tod auf eine seltsame Weise. Dem ersten -flog beim freundschaftlichen Rappiren[2] ein Stück der abspringenden -Klinge seines Gegners in den Schädel. Kein Trepan konnte ihn retten, er -starb nach wenigen Stunden. Rauschenbach der Schinzmacher schnitt sich, -obgleich er Mediciner war, ungeschickt einen Leichdorn. Die Wunde wurde -gefährlich, der kalte Brand trat dazu und unser athlestischster Student -mußte elendiglich umkommen, da er zu spät in eine Amputation des Beines -gewilligt hatte. - -Rauschenbach war der beste Schläger unserer Burschenschaft, während die -Landsmanschaften in dem Kurländer W. ihren Haupthahn hatten. Ein jedes -Mitglied der einen Parthei hätte seinen ganzen Wechsel für ihren Heros -verwettet, und so mußte es am Ende denn ja kommen, daß sich die beiden -Herren befehdeten. Sie contrahirten: - -»Morgen gehen Rauschenbach und W. auf der Hirschgasse mit einander -los,« so hieß es eines Tages, und zwar in den Ferien, wo zwar kaum die -Hälfte der Musensöhne in Heidelberg war aber von diesen wiederum kein -Einziger in der Kampfhalle fehlte. -- - -So standen sich wie einst die Horatier und Kuriatier entgegen, jeder -Theil für den Ruhm seines Kämpfers zitternd. - -Allein der vierte Gang entschied zum Nachtheil der Burschenschaft. -Rauschenbach schien durch die klobigen Schläge seines Gegners verwirrt, -seine schnell erwiederten Hiebe fielen nur flach, er selbst aber bekam -eine Wunde in den Arm. Da er der Beleidiger war, so war das Duell durch -seine Verwundung beendigt. - -Die naive Bemerkung des Überwundenen gegen seinen Gegner: »Mit -Schlägern können Sie mir wohl etwas beibringen, allein ich fodre -Sie, wenn meine Wunde einmal geheilt ist, auf einen Rappierjungen,« -versetzte mich in eine humoristische Stimmung, nicht aber alle -Burschenschaftlern, welche glaubten, Rauschenbach habe sich ein Dementi -dadurch gegeben, weil er die Ehre der Fechtkunst höher als die der -Burschenschaft setze. -- - -Diese Äußerung wurde auch von den Corps sehr malitiös, als die eines -Manschottarii gedeutet, man lachte, wir nahmen hingegen natürlich -die Parthie unseres Besiegten. In zehn Minuten waren vierzig Duelle -contrahirt, welche indessen später durch die academische Polizei -annullirt wurden. - -Spaßhaft war die Beschreibung der Trauer eines sehr vornehmen Baseler, -worin seine und jede vornehme Familie in dieser Kaufmannsstadt versetzt -wird, wenn ein Sprößling derselben auf die Idee kommt, zu studiren. -Es wird kein Mittel unversucht gelassen, um den Schwärmer von seiner -unglücklichen Idee abzubringen. Zuletzt verspricht man ihm baldige -Aufnahme in die Firma und wenn es gar nicht anders ist eine reiche -Cousine. Ist alles vergeblich, so wird in einer Art Familienrath der -bürgerlich Todte bei einer Tasse Thee beweint und über den Verfall der -guten alten Zeit geseufzt. - -Unter den freien Städtern gefielen mir die Frankfurter am meisten. Wer -erinnert sich nicht des lustigen Sängers vom Prinzen Eugenius? Wer -nicht des kräftigen O., des biedern F.? -- Der liebenswürdige Bremer -Castendyck ist schon vor mehreren Jahren als Amtmann in Bremerhafen -gestorben. Von den Hamburgern sind diejenigen, welche überall etwas vom -Studentenleben durchmachten, die Chargen der zufriedenen Unzufriedenen -geworden. Unter den Aristokraten war schon damals oft ein Hauptstreit, -wie viel +Mark+ der und oder habe, ob der Commerz-Deputation +löblich+ -oder +wohllöblich+ gebühre, u. dergl. m. Von den Hamburger Juristen -ist zu sagen, daß sie viel für ihr Fach gelernt haben. Allein sie -ergreifen auch größtentheils nur die practische Seite. Die lyrischen -Anlagen im Menschen verlangen zu ihrer Entfaltung etwas Hunger und -Unglück[3] sie weichen nur zu leicht von dem materiellen reichen -Hamburger, bei dem nach der Börse ein glänzendes Abendessen einer -reichbesetzten Mittagstafel folgt, welche nur durch einige Rubber -Whist getrennt wird, etwa wie Hamburg und Altona nur durch die kurze -Straße des Hamburger Berges geschieden sind. -- Der geistvolle +Bluhme+ -mein alter Schulcamerad besuchte mich mit dem jetzt auch verstorbenen -+Siemsen+ in Heidelberg und verlebte frohe Tage bei uns, die ihn viel -mehr anheimelten als sein Aufenthalt in Göttingen, wo man dermalen zwar -sich nur selten nach neun Uhr in öffentlichen Wirthshäusern zeigte -indessen desto mehr Verbotenes auf den einzelnen Kneipen trieb. -- - -Diese Sünden waren während meines ersten Semesters in Heidelberg -unbekannt; erst der Göttinger Auszug, welcher im Herbst 1817 die Zahl -der Studenten in Heidelberg verdoppelte, vergifteten das Burschenleben -daselbst, das sich bis dahin in der That in einem liebenswürdigen -Zustande der Unschuld befunden hatte. Namentlich riß das Dreikartspiel -(Zwicken mit Fiduz) das Landsknecht, (französisch _lansquene_) und vor -allen Dingen das sogenannte _L’hombré_ mit Ohren, das Pharospiel ein. --- Ein einziger Student, welcher gewöhnlich eine Bank von einer Pistole -auflegte die er stets erneuerte, wogegen er aber wenn er gesprengt -wurde nicht für alle Sätze haftete, nahm den Studenten vielleicht in -einem Jahre fünfzehnhundert Thaler ab. -- - -Man hätte ihn gewiß consilirt und er hätte es zehnmal verdient, wenn -er nicht der Neveu eines hochansehnlichen Professors gewesen wäre. Der -gute Mann führte übrigens ein wunderliches Leben. Er secondirte fast in -jedem Duell, oft mit Lebensgefahr, also etwa eine Stunde, legte jeden -Abend zwei Stunden Bank auf, war aber dabei der fleißigste Student -in Heidelberg, da er sonst Tag und Nacht studirte. »Man muß sich für -seine Freunde aufopfern,« pflegte er zu sagen, sowol wenn er die Karten -zum Abschlag, so wie wenn er den sogenannten Secondirprügel, ein dazu -bestimmtes Rappier, zum Abmessen der Mensur ergriff. - -Der Churhesse G. war dazu bestimmt, uns an den Goliath der Kurländer, -dem übermüthigen W. zu rächen. Eine kräftige Quart trennte mit der -Geschicklichkeit eines Friseurs die große Unschuldslocke, welche -über der Wange des Gegners hing, vom bemoosten Burschenhaupt und -fuhr dazu noch ziemlich tief in die fleischige Backe. Dies Ereigniß -erregte allgemeinen Jubel und ist auch in der fünften Scene meines -Burschenerdenwallens besungen worden. Ich ernannte G. der eigentlich -kein Bier zu trinken gewohnt war, sofort auf dem Schlachtfelde zum -Biergrafen von Schwernoth wie zum Großkrenz des _Cerevisia_. - -Von den Hannoveranern ist wenig zu referiren. Außer den vortrefflichen -Gebrüdern v. P., dem unglücklichen K. sind selbst meinem treuen -Gedächtniß fast keine mehr erinnerlich. Ich gestehe, daß ich -überhaupt wenig für diesen Volkstamm im Ganzen portirt bin. Ein alter -hannoverscher Oberamtmann aus alter Zeit ist für mich immer, wenn auch -ein Typus einer gewissen Diensttreue, doch auch der personificirten -Langeweile und einer widerlichen Beamtenaristocratie gewesen. Es -gedeihen dort keine Dichter, jede Genialität scheint verpönt, ich -habe im ganzen Hannoverschen, wie oft ich dort gewesen bin, manches -Belehrende aber nie eine einzige geistvolle Bemerkung gehört. Gegen -zehn Uhr ist fast ein jeder Hannoveraner todt müde und es ihm fast -nicht möglich, die zwölfte Stunde heran zu wachen. Er erinnert dann oft -an eine Geisenheiner Uhr die nur zwei und zwanzig Stunden geht. - -Mein Urtheil ist gewiß im Ganzen nicht scharf zu nennen, wenigstens -von den poetischen und von dem humoristischen Standpunct aus -gerechtfertigt. -- Daß das Hannoversche ein tüchtiges, kerniges, -arbeitsames Volk, und den besten Regenten werth ist, ja daß meine Regel -auch vor rühmlichen Ausnahmen verspottet wird, wer kann das leugnen? -Allein es giebt für einen Fremden keinen langweiligeren Ort als die -Residenz Hannover und ihre Bewohner, und von diesen will ich hier -eigentlich nur geredet haben. Daß ich vor allen Dingen die jovialen -Osnabrücker hier ausnehme, versteht sich von selbst. - -Merkwürdig ist es, daß in Hannover das Familienglück der Mittelstände -durch eine ganz singulaire, in allen andern Orten total unbekannte -Leidenschaft untergraben wird. In München vertrinkt man den Verstand -in Bier, in Hamburg verfrißt man ihn durch schwere Fleischmassen, in -Baden Baden verspielt man ihn am Roulett, in Elberfeld verbetet man -ihn, in Paris opfert man denselben der Wollust, aber in Hannover, -ja in Hannover, -- es ist schauderhaft es zu sagen, aber +wahr, -verschlickert+ man ihn, in Kuchen. -- -- -- -- -- - -Ein jeder Reisender kann sich von dieser tiefen unumstößlichen Wahrheit -überzeugen, wenn er einige Stunden bei einem Conditor zubringen will. -Es ist fabelhaft, wenn ich erzählen wollte, welche Menge süßer Sachen -dort von einem Einzigen verzehrt werden. Ich habe es gesehen, daß ein -junger Herr an einem einzigen Morgen, bloß für Süßigkeiten anderthalb -Thaler preußisch Courant verzehrte und dabei bemerkte, daß er noch -mehr Krollkuchen vertilgt haben würde wenn er nicht am Morgen zu viel -Chocolade getrunken hätte. Ernste ältliche Männer verkneipen dort in -»Sprößgebackenem, Windsortorten, spanischen Wind, Krollkuchen u. dergl. -m.« ihre ganze Gage, während Frau und Kind kaum das trockene Brod zu -Hause haben. Oft kämpft zwar ein solcher Familienvater sichtlich -- -wie Hercules am Scheidewege, aber nur selten erfaßt er eine Zeitung -oder seinen Hut anstatt der Makrone, -- er wird fast nie ein Märtyrer, -gewöhnlich nimmt er noch für einen Matir. -- - - * * * * * - -Solche wiederholte Kraftanstrengungen, solche geistige Kämpfe führen -am Ende unausbleiblich zum Stumpfsinn, der im letzten Stadio keinen -warnenden Genius, sondern nur Sprößgebackenes sieht. -- Selbst -Blumenhagen der Dichter, war nicht frei von dieser eines Mannes -unwürdigen Leidenschaft für Kuchen. - -Ich habe diese Bemerkung vor einigen Wochen meinen Oldenburger Freunden -an einer _table d’hôte_ zum Besten gegeben. Während diese -lächelten, rief ein zufällig anwesender Bewohner der Residenz Hannover -ganz ernsthaft und mit einem andächtigen Gesicht -- die Worte aus: -»Jawohl Sie haben Recht mein Herr! Hannover wird untergehen durch alle -seine Conditorläden.« - -Man thut dem Hannoverschen Dialect eine zu große Ehre an, wenn man, -wie sehr häufig geschieht behauptet, daß er der beste, und namentlich -der Celler, der vorzüglichste in Deutschland sei. Es ist dies ein -arger Irrthum und mag derselbe wol dadurch entstanden sein, daß jeder -Buchstabe gleich betont wird, mithin das Hannoversche zuerst bescheiden -und anspruchlos an das Ohr fluthet. -- Die Worte erinnern dann an die -Hofmänner von denen Jean Paul sagt, sie wollen sich nur gleich von -Serenissimus, ohne daß Jemanden von ihnen der Vorzug gegeben wird, -behandelt sehen, und sind zufrieden, wenn der Fürst auf sie, wie auf -das Getäfel seines Vorzimmers nur gleichmäßig tritt. -- Genießt man -diese Conversation aber längere Zeit, so bekommt sie den Rang eines -Wasserfalls, der Klang überwältigt den Sinn der Rede -- und man -schläft ein, was die Hannoveraner auch in der That unter sich früher -thun, als jeder andere Deutsche Volksstamm. - -Hat man das wol gesehen? lautet im wohlklingendsten Hannoverschen wie: - -»Hatten dos wohhl jesehn.« - -Beiläufig mag hier gesagt werden, daß wenn man nicht den bei Weitem -am Wohlkingendsten Allemannischen Dialect als den besten unseres -Vaterlandes ansehen will, man dem gebildeten Oldenburger oder -Holsteiner, und namentlich dem letzteren im Fürstenthum Eutin, ohne -alle Frage den Preis in dieser Hinsicht zuerkennen muß. - -Ein großes Lob, welches übrigens die Hannoveraner trifft, ist die -Nüchternheit und Mäßigkeit, welche dieselben im Allgemeinen durch den -Nichtgebrauch geistiger Getränke beweisen. Namentlich gilt dies _par -excellence_ von der Klasse der Staatsdiener, und überhaupt von den -Residenzbewohnern Hannovers. - -Unter den Landsmanschaften zeichneten sich vor allen Dingen die -»schwarz grün weißen Brüder« die »Westphalen« aus, welche sich im -Jahr 1818 von den Holsteinern trennten, mit denen sie bis dahin seit -vielen Jahren ein gemeinschaftliches Corps gebildet hatten. Ihr Chef -war der gelehrte und herzensgute Holsteiner St., der durch den Tod -seines Hundes »+Peter Fix+« in eine fast wahnsinnige Betrübniß gesetzt -wurde. St. hatte Alles als Peripatheticker gelernt, hatte in der -Schweiz, wo er sieben Male gewesen, zwei Male die Pandecten, drei Male -das Criminalrecht, einmal das Lehnrecht, und so alle Wissenschaften -durchgemacht. Dabei hatte Peter Fix seinen Herrn überall begleitet, -sich wie dieser wacker durchgebissen. Ja im Nachtquartier hatte er -sich sogar daran gewöhnt, mit seinem Herrn einige Töne zu heulen, -welches St. mit großen Euphemismus, ein +Duett+ nannte. Tief ergriff -den Überlebenden daher der Tod des getreuen Vierfüßlers und nicht ohne -Rührung ließ er sich ein Requiem vorsingen, das ich auf seinen Hund -gedichtet hatte und wovon mir nur noch diese Strophen erinnerlich sind: - - _Chorus Guestphalorum._ - - _Moestus noster flet praefectus - Et dolore est confectus, - Quia Canis interfectus._ - - _St._ - - _Tu mi canis, quem amisi - Quocum cecini et risi, - Mente adsis, faveas, - Neque canes occurentes - Tibi instant nune et dentes, - Terram levem habeas._ - - _Chorus Guestphalorum._ - - _Petre Fixe! the clamamus. - Justa tibi ut solvamus, - Et quae decent, tribuamus._ - -Nächst den Pommeranern haben mir übrigens die Würtemberger am meisten -gefallen, wenn auch die Grazie ihnen zuweilen mangelt. Erscheinungen -wie »Strauß« und »Justinus Kerner« sind Beweise, welch einen ungeheuren -geistigen Umfang dies kleine Volk im Reich der Gedanken, wie in der -Vorstellung hat. -- Jeder Würtembergsche Pastor kann die meisten -unserer norddeutschen Generalsuperintendenten in Grund und Boden -examiniren, und auf gleiche Weise ist der Würtemberger in +allen+ -Disciplinen gründlich zu Hause. Unbegreiflich ist es dabei mir immer -gewesen, daß sich in einer solchen Stadt wie Stuttgart, wo dazu ein -Cotta neben mehreren anderen höchst ehrenwerthen Buchhandlungen -residirt, eine solche Menge Buchhändlerischer Schwindeler eingefunden -haben, die mir mit ihren abentheuerlichen unausführbaren Pfenningsideen -immer wie uneheliche Söhne eines aufgehängten Nachdruckers und eines -verhungerten Harfenmädchens vorkommen. Sie schaden den Schriftstellern -ungemein, indem sie vielen, ohnehin unmündigen Lesern mit ihren -wohlfeilen, verstümmelten Groschenausgaben die wenigen Groschen -ablocken, welche diese vielleicht für ein besseres oder wenigstens -originales nicht gestohlenes Werk der neuen Literatur zu geben hätten. - -Will man das Würtembergsche Volk in socialer Hinsicht lieb gewinnen, -so muß man den Koppenhöfer besuchen der über Stuttgart liegt, und -eine reizende Aussicht darbietet, welche noch um Vieles erhöht werden -würde, wenn der Neckar einmal die Erlaubniß erhielte von dem nahe -gelegenen Kannstadt aus die Residenz zu begrüßen. Hier sieht man im -buntesten Gemisch alle Stände zusammen, oft an demselben Tisch, in -der unverkümmersten anständigsten Unterhaltung, als wolle man die -Conversation des tausendjährigen Reiches einstudiren, das nach der -Prophezeiung des Tübinger Professors +Bengel+ freilich schon 1836 -hätte beginnen sollen, wozu aber wenigstens in Norddeutschland die Welt -noch nicht völlig reif zu sein scheint. - -Die Preußen waren schon damals von viel zu vielerlei Fleisch, als daß -sie man generell characterisiren könnte. Sie scheinen ihre Aufgabe, die -Repräsentanten der politischen und religiösen Freiheit und somit des -Protestantismus zu sein, noch nicht ganz gelöst zu haben. Ich glaube es -fehlt ihnen auch ein allgemeiner Dialect, wozu ich wol einen, nur nicht -den Berliner Nanteaccent, der wirklich den höchst gestellten Leuten -durch einen etwas zu geselligen (das Wort ist von Gesell gemacht) -Anstrich verleiht, vorschlagen möchte. Indessen giebt es am Ende keinen -Ton, der als Generalnenner für die nachfolgenden höchst verschiedenen -Mundarten dienen könnte, welche in dieser Geschichte zusammen gewürfelt -sind. Einem sehr vornehmen Mann in Berlin wurden nach dieser Anecdote -vier junge edelmännische Militairs aus den verschiedenen Preußischen -Provinzen; aus Pommern, Sachsen, Westphalen und der Rheingegend -vorgestellt: - -»Wie heißen Sie?« lautete die Frage, worauf der Pommeraner: - -»+Ich nenne mir+ _Lottum_.« - -Der Sachse: - -»Ich heeße Musemeischel.« - -Der Westphale: - -»Ich schreibe mich Sgade (Schade) und bin von Mesgede.« (Meschede.) - -Der Rheinländer: - -»Ick sin ein sicherer von der Straß Cölle am Rhi« geantwortet haben -soll. - -Ein Holländer +Ruhs+, der schönste und kräftigste Student seiner -Zeit, ein famöser Schläger, kam in seinem zwanzigsten Semester auch -nach Heidelberg. Man betrachtete ihn mit großer Ehrfurcht. Er selbst -meinte aber vom Burschenleben, in den ersten sechs bis sieben Jahren -mache das Burschenleben viel Scherz, dann aber kriegt man es doch auch -satt, dann macht es keinen rechten Trödel mehr. -- - - - - -Viertes Kapitel. - - Die Heidelberger Professoren. Thibaut. Nägeli. Walch. Graf Sponek. - Creuzer. Hegel. Paulus. Daub. Langsdorf. Schweins. Schlosser. - Tiedemann. Gmelin. Munke. Konradi. Schelver. v. Leonhard. Die - Pedelle, Krings und Ritter. - -+Thibaut+ ist ein Mann des Verstandes, zu dessen Ehre er oft die -Empfindung zu demüthigen bestrebt ist. Die Art und Weise wie er über -den damals empor lodernden Enthusiasmus der Jugend ironisirte, indem -er vor allen Dingen die Lieblingsideen der Burschen lächerlich zu -machen suchte, gaben ihn in unseren Augen das Ansehn eines kalten -gefühllosen Mannes und vielleicht nicht ganz mit Unrecht. In Heidelberg -selbst war die Petition der Bürger noch nicht vergessen, welche Martin -mit unterzeichnet, Thibaut aber als strafbar desavouirt hatte. -Durch diesen Umstand ward Thibauts bedeutender Einfluß in Carlsruhe -gegründet, Martin hingegen bewogen, Heidelberg zu verlassen und einem -Rufe nach Jena zu folgen. - -Wenn hingegen von Musik die Rede war, so zeigte sich Thibaut auch -als Enthusiast. Er lobte aber nur die geistliche, und von dieser die -Italienische Musik. Man sagte, er halte Agenten in Rom, welche ihm zu -hohen Preisen aus den verschiedenen Kirchenregistraturen manches Requim -der trägen Ruhe für das gottseelige Thibautsche Fortepiano entreißen -mußten, nichts destoweniger war er in dieser Beziehung jedenfalls -einseitig, da er alle neuere Musik total verwarf, und +Paer+ den -+Kotzebue+ der Musik nannte. Auf den Letzten schien er es besonders -nicht zu haben. Er erzählte mit großem Vergnügen eine Historie von -Schiller und Kotzebue. Der letzte hatte bei dem großen Dichter ein -von ihm verfertigtes Trauerspiel, ich glaube den Ubaldo einschmuggeln -gewollt, und zu diesem Ende vorgegeben, er wünsche Schiller das Product -eines jungen hoffnungsvollen Dichters, und zwar ein Trauerspiel -vorzulesen. Schiller hatte eingewilligt, indessen hatte Kotzebue -noch nicht den ersten Act beendigt, als Schiller nicht mehr seine -krampfhaften Zuckungen beherrschen gekonnt und ausgerufen habe: »Das -Trauerspiel mag der Teufel auch von einem jungen Dichter sein, das ist -das Machwerk eines alten keiffigen Theaterscriblers, der die Bühne -durch und durch kennt, dem aber Phantasie und Gefühl mangelt.« -- - - * * * * * - -Nachdem ich ein halbes Jahr studirt hatte, wurde ich von meinem -Landsmann, dem gelehrten St. aufgefordert, ihm zu oponiren. Obgleich -ich die Collegia nicht sehr fleißig besucht hatte, die rücksichtlich -meines Fachs auch nur auf Institutionen und Rechtsgeschichte beschränkt -gewesen waren, so nahm ich doch diese Einladung an. Ich hatte die -Hamburger Schule frequentirt und sprach ziemlich gewandt Latein. Ich -instruirte mich nach Collegien-Heften über die Personalservituten und -ob ein Lehn nur durch _dolus_ oder auch durch _culpa_ verloren wird, -hatte eine kleine lateinische Anrede formirt, und ging dann getrost in -die Aula. - -Aber wie erschrack ich, als ich nur einen einzigen, Thibaut auf den für -die Professoren bestimmten Sitze gewahrte. Alle meine Vocativi Pluralis -waren schon auf meiner Zunge, ich konnte ihnen keine Contreorden -mehr ertheilen. Ich gab daher den neugierigen Musensöhnen allen -Professorenrang und hub meine Rede etwa mit diesen Worten an: - -[4]_Cum primum abste rogarer ut verbis tecum altercandi munus -susciperem periculosum, nolui primum iniquum certamen inire, et -certe haud ausus essem nisi spectata tua amicitia ad hoc conandum me -impulisset. Tu mihi es amicus et popularis, nil habeo quad vereas. Sed -dicendum est coram tantis +viris+, +quorum+ magna atque divina adeo -doctrina, satis superque quam sim audax, mihi demonstrat. Detis egitur -veniam +viri doctissimi+ si +aures+ vestras tam +teneras+ in audiendis -dissouis latinae linguae vocibus fatigem._ - -Die Disputation ging glücklich zu Ende, ich schloß mit einigen -Sapphischen Versen, welche mir doch zu schlecht scheinen, um sie -wieder zu Papier zu geben und ging dann nicht ohne großes Lob meiner -Commilitonen zu Hause. Selbst Thibaut, der mich auf der Straße sah, -ging auf mich zu, drückte mir lächelnd die Hand und bemerkte beifällig: -»Nun das muß ich sagen, für Einen der nichts gelernt hat, haben sie -ihre Sache vortrefflich gemacht. Indessen bin ich mir doch vorgekommen, -wie der Schweizer Winkelried, ich der Einzige, habe alle Ihre _vocativi -pluralis_ hineinschlucken müssen.« - -Wie wenig übrigens oft auf den gesunden Menschenverstand der auf -Universitäten promovirten Doctoren zu geben ist, mag folgende Erzählung -lehren: - -In Heidelberg war ein Doctor _juris insigni cum laude_ promovirt, -welcher in der Heimath angekommen, sein Diplom als Visitenkarte -abgab. »Aber Herr Doctor,«, fragte ihn der schlaue und humoristische -Bürgermeister seines Geburtsortes. »Sie haben doch nichts für ihre -Promotiva bezahlt?« »Freilich über vierzig Pistolen,« versetzte -betreten der Doctor. »Aber da steht ja _publice defendet_ in Ihren -Diplom.« »Freilich das heißt ja, daß ich öffentlich einige Thesen -vertheidigen werde.« -- »Lieber Freund,« fuhr der Bürgermeister fort, -»fordern Sie ihr Geld zurück, »_+publice+_« heißt ja auf Kosten des -Staates. Ich will Ihnen funfzig Beispiele aus dem Livius zeigen, daß -_+publice+ institui jussit_ nichts anderes bedeutet, als: »Er ließ -dies oder das auf Kosten des Staats errichten.« Verblüfft stand der -_insignicum laude_ geschmückte Doctor da und wähnte so lange sich um -sein Geld gefoppt, bis das Lachen des Alten ihn belehrte, daß dieser -ihn nur zum Besten gehabt habe. -- - -»Polizeiliche Maßregeln müssen schnell ausgeführt werden, sonst kommen -sie gewöhnlich zu spät,« pflegte Thibaut zu sagen, indem er folgende -Geschichte erzählte: »Als ich vor einigen Jahren einmal das Amt eines -Prorectors verwaltet, wurde ich in der Nacht von einem Polen, der -überhaupt damals fast alle Duelle der Studenten verrieth, obgleich er -ein Senior war, und bei ihnen das höchste Vertrauen genoß, geweckt, -der mir anzeigte, daß zwei in Heidelberg studirende norddeutsche -Edelleute sich morgen früh zu duelliren gedächten. Ich ließ den Pedell -kommen und noch in der Nacht beide auf den andern Morgen um sieben -Uhr citiren. Sie erschienen, mit herzlicher Wärme stellte ich ihnen -das Unvernünftige des Zweikampfs vor, und siehe! versöhnt sanken sie -einander in die Arme, gaben auch freiwillig das sonst als Urpfede -erpreßte Ehrenwort, sich nicht zu duelliren. - -»Ich freute mich nicht wenig über meine Eloquenz und über die -Empfänglichkeit junger Gemüther für freundliche Belehrung, aber mit -Schrecken erfuhr ich am andern Tage, daß sich beide Studenten schon -gestern um 5 Uhr Morgens duellirt hatten.« - -Thibaut blieb sich ziemlich gleich in seinen lebhaften geistvollen -Vortrag. Nur wenn von den Sponsalien die Rede war, schien er jedesmal -aufgeregter als sonst. Mit großem Lachen erzählte er, daß nach der -Meinung aller Juristen die Phrase: - - »Herzallerliebstes Schatze mein!« - -kein bindendes Eheversprechen enthalte, wol aber der Satz: - - »Ich will Dich nehmen, die Leute mögen sagen was sie wollen.« - -Einer seiner Hauptfeinde war der Professor Schömann, welcher in der -Materie über die _culpa_ eine Abhandlung gegen ihn geschrieben und -wovon er geäußert hatte, diese solle Thibaut unter die Erde bringen. -Thibaut citirte diese Abhandlung oft mit einem nicht eben angenehmen -Lächeln: »Todtschlagsdissertation von Schömann.« - -Hospitanten litt er nicht, vor allen keine Zuhörer höheren Alters. -Ich habe ihn einen angesehenen Mann, der ihn um die Erlaubniß seine -Vorlesung zu besuchen um Gotteswillen bitten gesehen daß er ihm seine -Unbefangenheit nicht total rauben möge. -- - -Auf Göttingen war Thibaut übel zu sprechen. Von einem Professor, der -sehr viel auf Etiquette hielt, pflegte er zu erzählen, daß dieser einem -Studenten der ihn nicht in Escarpins besucht, mit den Worten empfangen: -Mit ihrer Kleidung pflegt man nicht honnette Leute zu besuchen, worauf -der Studio geantwortet habe: »Das thue ich auch nicht.« - -Der Geheimerath +Nägeli+ war ein geistvoller jovialer Mann. Er ist -berühmt geworden namentlich als Accoucheur, hat gezeigt und thut es -noch, daß man ein sehr gelehrter Mann sein kann ohne die herrschenden -Ansichten über das »+mir+« und »+mich+« zu theilen. Ich habe ihn nur -einmal bei Thibaut gesehen und erinnre mich noch einer sehr feinen -psychologischen Bemerkung, welche er damals zum Besten gab. -- »Immer,« -sagte er, »wenn ich zu armen Juden gerufen bin, erstaunte ich über -die Menge des Silbergeschirrs, das in dem Vorzimmer, durch welches -ich zu der Kammer in welcher das Krankenbett stand, geleitet wurde, -aufgestellt war. Ich konnte dies anfangs nicht fassen, endlich kam ich -auf den Grund. Man wollte mich durch die Schätze nur dazu bestimmen, -mich eben so thätig gegen den Patienten zu beweisen, als ob ich einen -Rothschild zu behandeln habe.« -- - -Der Professor +Walch+ war ein grundgelehrter Mann, dem aber alles fremd -war was nicht im _corpus juris_ stand. Als er einmal Ebbe und Fluth -nicht begreifen konnte, verdeutlichte sie ihm einer meiner jovialen -Freunde durch die juristische Formel: Wenn _Cajus_ kommt so geht -_Sempronius_, und wenn _Sempronius_ kommt so geht _Cajus_. Aha nun -verstehe ich Sie vollkommen mein Theurer, das Beispiel macht mir die -Sache klar, versetzte der alte Rechtsgelehrte. - -Bei den Forstwissenschaften war ein Graf S. angestellt, der beschuldigt -wurde, in seine Vorlesungen zuviel von seinen häuslichen Verhältnissen -zu mischen. Ich habe den alten Herrn nie gesehen, wol aber in einem -von mir dictirten Heft geblättert wo mir dann die Stelle, als ein -herrlicher Beitrag für die jetzige Adelszeitung ins Auge fiel: - - »Forstmeistern siegeln mit ihren Wappen, Förster mit ihren - Petschaften.« - -Der Oberforstrath von Gatterer war ein sehr angenehmer geschwätziger -Alter. -- Immer habe ich in mir lächeln müssen, wenn er von seinem -getreuen und klugen Pferde erzählte und dabei fast Thränen der -Dankbarkeit vergoß. Er war auf demselben Jahre lang durch den Neckar -Abends zu Hause geritten, als es diesen Weg, trotz aller Ansporung -zu nehmen verweigert hatte. Während Gatterer sich im Bette schlaflos -über den Eigensinn seines sonst so folgsamen Rosses geärgert und eine -strengere Züchtigung desselben für den folgenden Tag beschlossen hatte, -war der von ihm verkannte Gaul crepirt. Der Oberforstrath meinte, -dieser Characterzug des Pferdes, seinen Herrn im nahen Vorgefühl -des Todes nicht dem Ertrinken im Neckar exponiren gewollt zu haben, -übertreffe noch die rührendsten Beispiele von Hundetreue und anderer -wohldenkender Vierfüßler. - -In Bezug auf mehrere der Professoren sei es mir erlaubt, einige -geistvolle Mittheilungen eines meiner Universitätsfreunde hieher zu -setzen welche ich, da ich nie mit fremden Kalbe pflüge in unveränderten -Gestalt hieher setzen will. - - -+Meine Lehrer in Heidelberg+ 1817 1818. - -Ich weiß nicht, was mich zurückhalten will, über meine Lehrer einige -Worte zu sagen. Es waren lauter tüchtiger Männer, jeder in seiner Art -und das Ganze was die Einzelnen bildeten ganz geeignet, in der Jugend -einen wissenschaftlichen Geist zu entzünden. Die abstracte Identität -wurde verbannt, Unterschied, Gegensatz und Widerspruch machte das -Interesse aus und dieses trieb zur regsten Thätigkeit. Zunächst war ich -an +Creuzer+ gewiesen, der wie jeder Scholarch, denn er dachte gewiß -an eine Creuzersche philologische Schule, den noch rathlosen Studenten -ganz ausschließend in seinen Karren spannen wollte. Seine Symbolik -machte Furore. Er trug sie mit dem Schein der höchsten Begeisterung -vor, als wenn er selbst eine Incarnation des Wischnu oder Kneph, so -nannten ihn auch die Seminaristen, wäre. Mit der höchsten Ehrfurcht -wurde der nordasiatisch schmutzige Naturdienst behandelt und ob er -gleich unter der rothhaarigen Perrücke die Augen schloß, so wurde er -doch gewahr, wenn St. Paul lachte und ermangelte nicht eine Abmahnung -profaner Auffassung einfließen zu lassen. Es benahm der Begeisterung -nichts, daß das dritte Wort im Citat aus Jablonsky, Zoega, Porphyrius, -Sylvester de Sacy etc. etc. war, auch nicht daß er in einer Hand die -Kreide in der andern den Schwamm in die Höhe hob, viel Taback nahm -und über die _ars poetica_ sprach. Das Komischste war die Überfüllung -des Locals, so daß kein Gang zwischen ihm und den Subsellien gelassen -war, der letzt hereingetretene Zuhörer so saß, daß man die Thür nicht -mehr öffnen konnte und einer sogar seinen Platz im Katheder selber -neben den Füßen des Meisters hatte. Aus allen Facultäten waren Zuhörer -da und ließen sich das confuseste Gemisch von Wahrheit und Dichtung -(oft schon Dichtung bei den Alten, die Creuzer für die Sache selbst -nahm) ächt philologischen Wissens und der willkürlichsten Etymologie, -ohne Plan und Zweck als etwa den, alles Höchste und Erleuchtetste des -Geistes in der vorgeschichtlichen Zeit zu suchen, und das Dasein des -Menschengeschlechts ins Unendliche der Vergangenheit auszudehnen, die -Methode ohne Philosophie, die Begeisterung ohne Poesie, und doch beides -zur Schau tragen wollend, vortragen, verloren sich seine romantischen -Reflexionen doch nur in trocknen Adversarienkram. +Hegel+ war gerufen -durch Daub, aber wir Studenten wurden zu Paulus geschickt und durften -noch bei Schwarz Exegese hören; der treffliche Sohn des Antisymbolikers -+Voß+, war auch so gut wie verpönt, bei dem man aber die Fülle des -Griechischen und Lateinischen hätte lernen können, wenn man angeleitet -worden wäre, es zu benutzen. +Paulus+ stand damals noch frisch in dem -Rufe, in dem jetzt Strauß steht, etwa im Bund mit dem Teufel zu sein, -der Christus versucht hatte; aber er meinte es treu wie dieser, und -war der freundlichste und wohlwollendste würtembergische Magister. Die -alten in Halle gebildeten rationalistischen Theologen schickten ihre -Söhne zu ihm und nicht zu Daub. Ich hörte die Exegese der Evangelien, -also das Leben Jesu, bei ihm mit dem Vorsatze, sobald er auch nur ein -Wunder nicht natürlich zu machen wüßte, meinen Glauben an die Wunder -nicht aufzugeben. Diese Bedingung wurde denn auch bald erfüllt, als -mir diese und jene Erklärung nicht genügend schien. Überall wurde -Geist und Poesie ausgetrieben und an ihre Stelle der platte Verstand -und die nackteste Prosa gesetzt. Der Widerspruch war zu grell, als -daß er einem mystischen Gemüthe und einer sinnigen Reflexion, deren -Bedürfniß er gar nicht erfüllte, hätte etwas anhaben können. Dieses -Denken schien mir von Gott verlassen, trostlos und willkürlich, denn -Alles was er hatte, selbst die Geschichte, war selbstgemachtes. So -auch in der Kirchengeschichte, Pentateuch, Jesaias. Das Pabstthum und -die Hierarchie wurde in allen Zeiten mit dem modernen Maßstab der -Aufklärung gemessen; die mosaische Verfassung für das klügste Machwerk -eines ägyptischen Priesterlehrlings ausgelegt. Überhaupt wurde alles -nur getrieben, um es in seiner Nichtigkeit als Subjectives aufzuzeigen, -denn Objectives gab es gar nicht, um zuletzt bei dem Subject und -seiner Sichselbstgleichheit, abstracten Identität, Überzeugungstreue -genannt stehen zu bleiben, wobei es natürlich auf den Inhalt ankam, -der wahr oder falsch, gut oder böse sein konnte. -- Wenn +Paulus+ -für uns ideenlose und bildungsarme Studenten klar wie Wasser war und -die Schnitte seines scharfen kritischen Messers zu ihrer Auffassung -keiner Sonde bedurften, aber auch eben so schnell wieder heilten, so -war es entgegengesetzt bei dem andern Würtemberger +Hegel+, der sich -um unser Verständniß gar nicht bekümmern konnte, dessen kritisches -Messer in die Tiefe ging ohne daß wir es fühlten, ja ohne daß wir -es ahneten. Da war keine Polemik der Personen und Thaten, und die -tiefste Polemik des Denkens gegen jene schlechten Weisen zu existiren -war uns gänzlich verhüllt. Wir saßen im Trüben bis zum Schwindel und -blieben leer. Nur wenige hatten eine Ahnung von dem, was vorging und -ließen sich durch das Vertrauen zur Vernunft halten. Die Leerheit der -zuhörenden Köpfe, welche auf der einen Seite hinderlich war, hatte auf -der andern den Vortheil der _tabula rasa_, die nun sogleich mit dem -rechten und gediegensten beschrieben werden konnte, Hegel hatte eine zu -anspruchlose Persönlichkeit, als daß er sich an besondern Seiten, als -der seines Vortrages hätte auffassen lassen. Die Synthesis allein in -ihrer Geläufigkeit veranlaßte, daß er jeden dritten Theil eines Satzes -oder jeden dritten Satz mit »also« begann, so daß es Hohlköpfe in -seinem Auditorio gab, welche sich damit unterhielten, bei jeden »also« -einen Strich zu machen. Diese trugen dann immer ein artiges Sümmchen -davon, wenn wir andern ganz leer ausgingen. Der Reiz dennoch so lange -die Nacht auszuhalten bis der Tag anbrach, kann nur die Dämmrung -gewesen sein, die uns doch vergönnt war zu bemerken; sonst wäre es bei -dem gleichsam lungenkranken Vortrag, den unbeweglichen hängenden Zügen -des Gesichts, den matten in sich gekehrten Augen und der einfachen Ruhe -der Hände nicht möglich gewesen. Die nur des Nutzens wegen hingingen, -denen es gar nicht dämmerte, gingen auch wieder davon. - -Der interessanteste meiner Lehrer war +Carl Daub+, ein Kurhesse, also -Landsmann von Creuzer. Ein Denker, streng und gewandt wie Hegel, -der eigentlich für Philosophie nach Heidelberg berufen wurde, aber -sogleich theologische Vorlesungen zu übernehmen durch die Umstände -genöthigt wurde. Er hatte alle neuere philosophischen Systeme nicht -nur studirt, sondern eines nach dem andern zu seinem Eigenthum gemacht -und auf die Theologie angewendet, als Methode deren Wahrheit ihm die -Theologie war. Bis auf Hegel ist er aus dem reflectirenden Denken nicht -hinaus gekommen, und mußte darum consequent die Philosophie für das -Subordinirte jenes Philosophirens über den Inhalt der Religion oder des -religiösen Bewußtseins, das er Theologie nannte, halten, und heftig -gegen die Philosophie abwehrend polemisiren. Dies fiel noch in die -Periode meiner ersten Studienjahre oder auch nur Curse, denn innerhalb -derselben ließ Hegel seine Encyclopädie drucken, und machte dadurch -das ganze System überschaulich, wodurch mithin auch die Stelle der -Religion bestimmt wurde. Daub hatte den Ruf Hegels veranlaßt, trieb -die Theologen in seinen Hörsaal, und studirte dies System eifrig. Den -Zufall und das Böse hatte er bisher abstract als die einfache Negation -festgehalten und in diesem dualistischen Sinne den ersten Theil -seines Ischarioth drucken lassen. Den verwarf er jetzt zuerst als ein -schlechtes Buch, und erklärte dem Buchhändler, den zweiten Theil nicht -schreiben zu wollen. Es bedurfte nur geringe Aufklärung über seine -Differenz mit Hegel, und er war durchaus versöhnt mit diesem System, in -dessen Licht nun sein ganzes theologisches Wissen eine andere Gestalt -gewinnen mußte. In diese trübe Gährung, dieses Ringen und Kämpfen mit -dem Begriff, fielen nun gerade die Vorlesungen über Dogmatik, die -ich drei Jahr lang bei ihm hörte, ohne nur den dritten Theil der -Lehre vom Geiste zu bekommen. Da er das Beste unmittelbar auf dem -Katheder schuf in der objectiven Stimmung die er mitgebracht und in der -subjectiven die ihm seine Zuhörer gaben, so waren diese Vorträge das -interessanteste was man hören konnte. So lange ich sie besuchte fing -Daub nicht eher an, als bis ich gekommen war, saß, und zum Schreiben -gerüstet war. Nie vergesse ich die ernste hohe Gestalt dieses Priesters -der Weisheit, mit den vorstrebenden Augen, das kahle Haupt mit den -schwarzen Mützchen bedeckt unter dem die dünnen Locken herabwallten, -wie er das Taschentuch zu knoten anfing und im tiefsten Basse murmelnd: -meine Herren! seine dialektischen mäandrischen Entwickelungen begann, -erhoben über alle Endlichkeit des Seins und Denkens, denn es giebt auch -ein endliches Denken. Der freie Vortrag war demnach so feierlich und -arbeitend, daß die fertige Feder auch jedes Wort nachschreiben konnte. -Einer der Zuhörer erwies ihm wohl den Dienst die Vorlesung auch für -ihn noch einmal abzuschreiben. Große Episoden in derselben waren der -Darstellung der Kantischen, Schellingischen und Hegelschen Philosophie -gewidmet. Löste er in der schärfsten Säure der Kritik den Rationalismus -auf, dann hatte er immer seinen Collegen Paulus vor Augen. Von Hegel -sprach er damals mit der höchsten Achtung und Bewundrung. Und -obgleich es außer Hegel gewiß damals keinen tieferen Denker als Daub -mehr gab, so meinte er doch, wir jungen Schüler Hegels seien in der -Dialektik gewandter als er, was freilich Ironie oder Irrthum war, -aber doch Zeugniß gab, wie schwer es auch einem alten geübten Denker -ankam, Hegels Schriften zu verstehen, von denen es damals nur Logik, -Phänumenologie, Encyclopädie und Naturrecht gab. Manchmal löste eine -Stelle aus meinen Hegelschen Heften einen Anstand, über den er nicht -hinaus konnte. Außer kritischen Arbeiten ließ er nichts mehr drucken -und lebte nicht mehr lange genug, um auf die gährende Theologie den -klärenden Einfluß zu haben, den er als Lehrer durch das lebendige Wort -gehabt hat. Was er sich gewünscht, geschah auch; er begann auf dem -Katheder zu sterben, und mußte von seinen Schülern weggetragen werden. --- Den Hofrath +Langsdorff+ kannte ich nicht als Lehrer, denn er hat zu -unserer Zeit nicht mehr gelesen. Als Mathematiker war sein Ruf größer -als seine Leistungen, die schon verschollen sind. +Schweins+ dagegen -hat die Mathematik in einer ansprechenden Nimbus zerstreuenden Methode -vorgetragen und lebt in einer Schule junger Mathematiker fort, mit -denen er aber, sobald sie etwas drucken lassen, in öffentlichen Streit -geräth wegen vermeintlichen Plagiat’s. Es ist dies eine Schwachheit -von ihm. Er stand in Heidelberg ganz allein, und hat sich hungernd -herauf gearbeitet. Nach unserer Zeit heirathete er hülfsbedürftig seine -gesetzte Köchin, und hat noch ein Mädchen gezeugt. Seine Kränklichkeit, -Halsleiden, machten ihn sehr pedantisch, so daß er wohl keine Suppe -aß, ohne vorher das Thermometer eingetaucht zu haben. Ließen ihn die -Schmerzen nicht schlafen, so arbeitete er die ganze Nacht und ich -hatte im Winter früh 7 Uhr bei Licht ein Collegium bei ihm, wo ich ihn -antraf, als einen Übernächtigten. Mit seinen Collegen konnte er sich -nie vertragen, desto besser machte er den Vater und Rather der jungen -Leute unter denen er am besten mit den Burschenschaften harmonirte, und -sich am liebsten der politisch Gravirten annahm. Angehende Schüler hing -er immer mit älteren oder geübteren zusammen, so mußte ich der Lehrer -von 3-4 sein, während zwei Jahren. Ohne einen Anfang in der Mathematik, -brachte ich sie in 2 Jahren vollständig genug bei ihm durch, und in -der schwersten Parthie gab er mir unentgeldlich Privatissima, die ich -auf das fleißigste benutzte. Eine Sonderbarkeit in seinem Vortrag -war, daß er so viel thunlich deutsche Termini gebrauchte. So sagte -er: vervielfachen statt multipliciren, theilen, messen (schöner -Unterschied) statt dividiren, -- Verbindungen statt Combinationen; die -Trigonometrie heißt bei ihm: Kreisfunctionen, die Arithmetik nannte er: -Größenlehre, und eine wissenschaftliche Begründung derselben: Theorie -der Zahlen. Er ist ein Franzosenfeind und beweiset, daß ein _Lacroix_ -und _Laplace_ ihr Bestes von Euler haben, nur hätten sie’s verdorben. - -Und noch habe ich des Professors von Jever nicht erwähnt, des -als Mensch und Gelehrten so ausgezeichneten +Schlosser+. Dieser, -der so gern mit seinen Zuhörern verkehrte, und niemals von ihnen -gelangweilt wurde, hatte mich besonders angezogen, so daß ich ihm -seine wunderlichen Vorlesungen vergab. Auffallenderes als diese gab -es nicht. Er sprach sehr schnell in einem fremdartigen Idiom, und mit -einer Aussprache der Namen, daß auch die gewöhnlichsten unverständlich -blieben; nahm einen Anlauf mit einem Satze, fand in der Mitte desselben -zur Erläuterung eine kleine Abschweifung für nothwendig, begann darum -einen neuen Satz, in welchem ihn wieder etwas zur Bildung eines neuen -Satzes verleitete, und brachte so eine Stunde lang keinen Satz zu -Ende, bald in die Vergangenheit, bald in die Zukunft, bald in die -gleichzeitige Geschichte sich verlierend. Lehrer und Zuhörer befanden -sich in einem wirbelnden Gewirre, welches sinnbetäubend war. Bei -der Gewissenhaftigkeit, mit welcher er übrigens seine Hefte schrieb -war es kein Wunder, daß er eine ausführliche Weltgeschichte drucken -lassen konnte, die übrigens eben so wenig ein Kunstwerk wurde, wie -seine Vorlesung, aber mit ächt historischem Tacte die Data der Quellen -auffaßt und in Reih und Glied stellt. Feind aller Declamation, jedes -Nebenzweckes, jeder Willkürlichkeit, alles pragmatischen Geschwätzes, -welches für alle Zeiten und Nationen nur einen Maßstab fertig hält, -ist Schlosser doch nichts weniger, als objectiv, und hat für Alles -seine eigene Meinung, was auf die Wahl des Materials, welches er -zusammen reihen will, einen entschiedenen Einfluß übt. Er scheut -die Philosophie, und erfreut sich der Virtuosität des Denkens eines -Plato’s und Aristoteles, denn diese lassen ihm Spielraum für seine -christlichen Meinungen, die natürlich auch von dem Inhalte des -gläubigen Bewußtseins abweichen. Sein edles Gemüth, sein Erglühen für -alles Gute, Große und Schöne und seine unverhüllte Verachtung und Ekel -vor allem Schlechten und Gemeinen, sein ächt patriotischer Sinn und -deutsche Männlichkeit machen ihn Schiller ähnlich; allein über die -stille That der Häuslichkeit und über das vertrauliche Urtheil und -die literarische Wirksamkeit geht es bei ihm nicht hinaus, und mit -weiblicher Weichheit vermeidet er Conflict und Schmerz des Lebens. Er -versäumt nicht zu jedem Bande seiner Werke eine Vorrede zu schreiben, -und in dieselbe seine Überzeugung und Selbstbekenntniß niederzulegen, -die denn an Voß erinnern. In seiner freisinnigen Geschichte des -achtzehnten Jahrhunderts wird er ein Spittler und Paulus gegen die -Könige und Fürsten, wie jene gegen die Päbste, und sucht damit in die -Bewegung der Zeit einzugreifen, die doch eines Heilmittels gegen den -Königshaß bedurfte. Die Bank der Naturforscher in Heidelberg besetzt -von Tiedemann, Gmelin, Munke, damals auch Konradi, Schelver und den -Hofrath und Ritter v. Leonhard, ist ohne Zweifel in dem Empirismus sehr -tüchtig und nur in dem Puncte sehr bornirt und für die Universität -als Pflegerin aller Wissenschaften nachtheilig, weil sie die ärgsten -Feinde der Philosophie sind, die sie freilich nicht kennen, die in -ihren Köpfen eine nur vorgestellte Existenz hat. Die Schellingianer mit -denen für diese Leute nun alle Philosophie indentificirt wird, haben -mit ihren willkürlichen Constructionen einen zu üblen Eindruck auf die -Naturwissenschaft gemacht, als daß sie nicht alles Denken als etwas die -Natur meisterndes und verkehrendes sich vorstellen sollten. Auch haben -sie von Hegel nichts verstanden, als seine großen Ausfällen zu §. 320 -der Encyclopädie und beurtheilen nun darnach die ganze Philosophie, die -sie in feindseliger Tendenz gegen die Empirie begriffen wähnen. Munke -wurde von einem Schweizer nur der Taschenspieler genannt, obgleich er -keine Ähnlichkeit mit Döbler hat, denn es gelingt ihm keines seiner -Experimente, und im Rechnen ist er auch kein Hexenmeister, da der -Schweizer sein Exempel im Kopf ausrechnete und vor ihm das Resultat -hatte, während das seinige falsch wurde. Darin war er aber einem -Taschenspieler ähnlich, daß er seine Experimente wie Kunststücke -behandelte, womit man die unkundigen jungen Leute in Erstaunen setzen -müsse. Die größte Zeit brachte er mit der Einleitung zu, wo er lehrte, -daß die Naturlehre die Lehre von der Natur sei. Auch Tiedemann begann -seine Zoologie mit der Etymologie des Wortes Zoologie, dessen Theile er -griechisch an die Tafel schrieb. Ein wahrer Hexenmeister ist +Gmelin+, -der in einem halben Jahre 6 St. wöchentlich die dicken Bände seiner -Chemie durcheilte, nichts Wesentliches überging und dabei beständig -experimentirte. Wir Philosophen wünschten uns nur auch eine solche -Anatomie, die aber Tiedemann nur für Mediciner, also zu breit gab, -Leonhards Vortrag über Mineralogie, Vulkane, Geognosie ist unterstützt -durch seine autoptische Virtuosität im Erkennen der Mineralogie, durch -eine köstliche, vollständige auch krystallographische Sammlung durch -Modelle und Abbildungen. -- +Schelver+, der Magnetiseur, war mehr im -magnetischen Rapport mit der Geschichte (so nannte er die Entwicklung) -der Pflanzen, als stark in der Kenntniß einzelner Pflanzen, von -denen ihn hin und wieder die aus seinem eignen botanischen Garten in -Verlegenheit setzten. - -Soweit mein norddeutscher verstorbener Freund. - -Der Pedell +Krings+ war ein höchst merkwürdiger Gegensatz seines -gutmüthigen Collegen +Ritter+, der fortwährend an den Don Juanschen -Gerichtsdiener erinnerte und sein Amt auch bis zu einem recht hohen -Alter in steter Unbesinnlichkeit verwaltet hat. Krings kannte die -Studenten durch und durch, ihre Duelle, ihre Liebschaften, ihre -Väter, ihre etwaigen Erblasser, und heimlich zusteckenden Oheime und -Großmütter, so wie ihre Kenntnisse. Er verlieh viel Geld, nahm zwar -eine ziemliche Provision, aber mäßige Zinsen, im Gegensatz zu dem -Wucherer M. am Markte, der sich kaum mit zwanzig Procent begnügte und -sich dabei das Ehrenwort zur Hypothek setzen ließ. - -»Ich werde,« pflegte Krings z. B. von Diesem oder Jenem zu sagen, -»vielleicht erst mein Geld in acht Jahren bekommen. Dann wird Herr v. -F. mehrere gute Examina gemacht haben und durch eine gute Anstellung -in den Stand gesetzt sein, mir Alles mit Zinsen zu vergüten. Herr R. -wird wol nicht sein Examen machen, aber den halten die Frauenzimmer -über Wasser, Herr L. hat viel zu viel Verstand, um nicht einmal sein -rüdes Leben aufzugeben und dann noch Kopf und Kraft genug, allen seinen -Landsleuten im Lernen und Wissen zu vorzu kommen.« Von dem reichen -unglücklichen v. W. sagte er schon damals die später über ihn verhängte -Kuratel voraus. Ich werde mich im Himmel danach sofort erkundigen, -was er von mir gesagt, wenn er sich darüber gegen keiner meiner -damaligen Freunde ausgesprochen hat, der es mir vor meiner Sterbestunde -offenbart. -- Damals scheute ich mich vor seiner Prädestinationsgabe. -- - -Wenn Krings ein Duell witterte, so war er redlich bemüht, dasselbe zu -vereiteln. Seine körperlichen Anstrengungen, um einen Zweikampf auf -Pistolen bei Neckarsteinnach zu vereiteln, der aber doch später bei -Speier vollzogen wurde, und ein dadurch sich fixirender Rheumatismus -der sich später auf seine Lungen warf, sind die frühen Ursachen seines -Todes geworden. Indessen war die Confiscation der Schläger zu seinem -Benefiz auch sehr ermunternd für seine Menschenrettung. Es war oft -sehr komisch, wenn man einen Paukanten in voller Rüstung mit farbiger -Binde, den Schläger in der Hand, bergauf in den Odenwald hinein vor dem -ihm nachsetzenden Pedell wie einen Neger vor einem Bluthund fliehen -sah. -- - -Bei einer Gelegenheit, wo er nur ein Duell vermuthete, aber sonst -keine Indicien hatte, war er klug genug, von dreien, zur Hirschgasse -wandelnden Musensöhnen den Mittelsten heraus zu nehmen und ihn auf -gut Glück als den einen der Kämpfer in dem bevorstehenden Duell zu -+arretiren+ oder besser gesagt, zum +Prorector+ zu +entbieten+. -Krings hatte sich nicht geirrt. Ich dachte es mir gleich, sagte der -große Psychologe, daß der Paukant in der Mitte gehe. Es liegt in -der menschlichen Natur, daß die feurige Einbildungskraft der Herren -Studenten einen Duellanten wie einen Abreisenden betrachtet. -- - - - - -Fünftes Kapitel. - - Der Lieutenant J. Die Familie Ditteney. Die Tänzer auf der - Hirschgasse. Die blonde Lisette. Die Bäcker- und Schmiedetöchter. - Fränzchen. Selmy. Eine Weinlese in Heidelberg. Die Eberbächer, - Säckbrenner und Kukuksfresser. Adam. Müller. Drais. - - -Nicht ohne Frösteln denke ich an ein unheimliches Nachtstück unter den -Heidelbergern Philistern, an den pensionirten Lieutnant J., welcher -zuweilen, aber immer nur in der Mitternachtsstunde in unsern frohen -Cirkel trat. Von athletischer Gestalt, mit einem durchschneidenden -Blick, stets begleitet von einem ungeheuren Wolfshund und im halben -Rausch, erschien er mir allezeit immer wie ein böser Dämon. In Spanien -war ihm sein rechter Arm schwer verwundet und endlich amputirt. Er -hatte dann das abgelös’te Glied nochmals geküßt und ausgerufen: -»Du bist eine brave Pfote, Du hast manchen Pfaffen erwürgt.« Auf -seinem Leibe trug J. einen Strick, von dem er behauptete, daß er -ein und zwanzig Spanische Pfaffen damit aufgeknüpft habe. Soldaten, -welche unter ihm gedient hatten, bestätigten auf meine Anfrage die -vollkommene Wahrheit der Anfuhr. -- Wenn J. auf die Hirschgasse kam, wo -ein gewaltiger Kettenhund lag, brachte er jedesmal einen nach seinem -Dafürhalten stärkern Hund mit, und foderte den Sohn meines Wirthes auf, -den großen »Türk« mit seiner Bestie kämpfen zu lassen. Das geschah denn -gewöhnlich, aber Türk blieb fortwährend Sieger und J. zog jedesmal -zähneknirschend und fluchend mit seinem halb todt gebissenen Vierfüßler -von dannen, um ein noch kräftigeres Thier aufzusuchen. Es ist ihm, wie -ich höre, späterhin auch gelungen, den armen Türk besiegen zu lassen. -Wenn Alexanders Dumas und vornämlich Victor Hugo den J. gekannt hätten, -er wäre ihnen eine vortreffliche Studie geworden. Vielleicht ist J. -der Vorläufer des Hugoschen _Johann von Island_, jener Ausgeburt der -Phantasie, welche Entsetzen erregend documentirt, auf welcher tiefen -Stufe sich die am höchsten gestellten Französischen Dichter befinden. - -Fast jeden Abend, bevor J. uns verließ, nachdem er von Mord, Blut -und Feuersbrunst erzählt, und unsere Träume gewissermaßen ausgesäet -hatte, zog er ein Messer aus der Brusttasche, besah es und rief: »Dein -Maaß ist halt noch nicht voll.« Wir erfuhren, daß J. damit schon in -seiner zarten Jugend, nach einem Wortstreit fast von seinem Bruder -erstochen sei. Dieser habe nach überstandener Strafe das Instrument zu -sich genommen, übrigens vor einigen Jahren als seine Eltern nicht in -die Verbindung mit einem etwas verrufenen Frauenzimmer haben willigen -gewollt, sich in Gegenwart seiner ganzen Familie, mit demselben Messer, -das der Überlebende auf dem Herzen trug, erstochen. - -Aber wie komme ich zu so gräßlichen Schilderungen, die meiner Natur -fremd sind. -- Ich sehe mich im Zimmer umher, da fällt mir der Kalender -in das Auge, es ist heute Schalttag, der 29. Febr. -- Nun ist Alles -klar. - -Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, Heidelberg schon Michaelis 1818 -zu verlassen. Indessen verzögerte sich dieses Ereigniß bis Ausgangs -Januar 1819 und hatte ich in dieser Zeit die Hirschgasse bezogen. -Mein Wirth der alte Ditteney war nach meiner Wissenschaft von ihm, -ein braver aber auch finsterer Mann von vielen Erfahrungen, an den -alle Ereignisse des Lebens, nur nicht das Glück sich versucht hatten. -Er erzählte gern von den Kriegszügen, welche so oft sein Eigenthum -verheert und beschädigt, von Schinderhannes, der auch bei Heidelberg -mit einer Bande sein Unwesen getrieben und ihm nach dem Leben -gestanden, weil Ditteney ein Depot gestohlener Waaren, das über seinem -Hause auf der Engelwiese eingegraben war, gefunden und der Polizei -verrathen hatte. Er hatte einen ganzen Winter hindurch wegen mehrerer -in das Haus gefallener Schüsse sich so setzen gemußt, das man nicht -von außen auf ihn zielen gekonnt hätte. Eine Base von Überrhein, wo -das ganz ähnliche Bild des Räubers in jedem Hause zur Warnung hing, -hatte den Schinderhannes eines Tages während seiner Anwesenheit in der -Hirschgasse erkannt, und den Vettern veranlaßt, sich einige Nachbarn -zum Schutz herbeiholen zu lassen. - -Wenn die Familie Ditteney am Abend dem erzählenden Vater, oder dem -Sohne, einen Metzger, der in Östreich condicionirt hatte, zuhorchte, -schnitten die rüstigen Söhne Faßbänder in der Hoffnung einer -glücklichen Weinlese. Dazwischen ertönten die schnurrenden Spinnräder -der Hausfrau, Töchter und der beiden Dienstmädchen, von denen das -eine die goldgelockte wunderschöne Maria E r. aus dem benachbarten -Odenwalde mit ihrer silberhellen Stimme begleitete. Nie vergesse ich -den Eindruck, welchen eine Ballade, (im Sinne des Pfarrers Tochter zu -Taubenhain) mit den langsam gezogenen Refrain, in mir erweckte: - - »Und als er ein Stück gereiset war, - Sieht er sechs Gräber graben. - Wiederum dum da, wiederum dum da, - Sieht er sechs Gräber graben, - Ach liebste liebste Gräber mein - Was grabt Ihr da für’n Grabe, - Wiederum u. s. w. - Was grabt Ihr da für’n Grabe. - Das graben wir für Seine Braut, - Die ist diese Nacht gestorben. - Wiederum u. s. w. - Die ist diese Nacht gestorben.« - -Während dieser Zeit brannte der älteste Sohn Joseph, der kräftigste -Mann, den ich in meinem Leben gesehen habe, den sogenannten -Quetschen- (Zwetschen-) Branntwein in einem nahe gelegenen Stalle. -Diese Arbeit verrichtete er, es klingt unglaublich, den ganzen -Winter hindurch von Abends eilf bis Morgens sechs Uhr und ging dann -wieder, ohne der Ruhe zu pflegen, an seine Arbeit. Nur die Nacht auf -den Sonntag und zwei Stunde Schlummer im Lehnstuhl am Abend gönnte -sich der fleißige Haussohn. Das geht noch über die Vigilanz des -Oldenburgischen Schauspiel-Directors Gerber, der bekanntlich sich nur -drei von vier und zwanzig Stunden Ruhe gönnt. - -Der alte Ditteney besaß das Geheimniß, fließendes Blut zu besprechen. -Joseph hatte eine große Narbe auf dem Fuß und behauptete, der Hieb -eines Beiles habe einst alle Adern zerschnitten. Auf den Zauberspruch -seines Vaters sei der Lauf des Bluts indessen plötzlich gehemmt, -dasselbe Experiment habe er übrigens mit gar vielen Leuten gemacht. Ich -lachte, wie begreiflich über diese Thorheiten an die ich noch nicht -glaube. -- Aber das kann ich bezeugen, daß als die alte achtzigjährige -Tante Philippine einst in der Abendsoirée vom Stuhl und sich ein Loch -in den Kopf fiel, der alte Ditteney aber auf den Zuruf: »Vetter still -er mir das Blut, er kann es ja,« herbei eilte, bei der Berührung des -Zauberers die Blutströmung aufhielt und sich der letzte Tropfen mit den -Haaren vercopulirte. Mich wollte er die Zauberformel nicht lehren, da -er behauptete, ich müßte sie von einem Frauenzimmer erlernen, und den -Umweg des Unterrichts durch seine Töchter nicht gestatten. - -Nach sechszehn Jahren sah ich die Familie Ditteney wieder. Das Glück -hatte sie damals noch mehr verlassen, als während meiner Burschenzeit. -Der Alte fiel mir um den Hals und schien vor Freude närrisch zu werden, -die Mutter war zum Kretin geworden. Der Schlag hatte sie gerührt, -ihre Tochter Babette hatte sie so eben, wie ein Stück Bettzeug in die -Sonne gelegt, welche Alles, nur nicht die Empfindungslose ruhig vor -sich Hinstarrende, belebte. -- Und doch passirte bei meinem Anblick -das Unglaubliche, daß die seit drei Jahren total Stumme, auf meine -Anrede, mich mit den gespenstigsten Augen, welche ich je, sei es im -Leben oder auf einem Bilde gesehen, anstarrte, meinen Namen wenn gleich -schwer, doch deutlich aussprach, -- dann aber mit grinsenden Lächeln -wieder in ihren Stumpfsinn versank, aus der sie erst vor zwei Jahren -der Todesengel erlöst hat. --Der alte Papa Ditteney ist ihr schon -mehrere Jahre vorangeeilt, Joseph noch Besitzer der Hirschgasse, Vater -vieler Kinder und durch die Abfindung seiner zahlreichen Geschwister -nicht in den besten finanziellen Umständen. Mein Anerbieten, eine -öffentliche Auffoderung zu seiner Unterstützung an unsere reichen -Universitätsfreunde ergehen zu lassen, von denen man doch nicht -annehmen könne, daß alle ihre Herzen verknöchert und dem Teufel -verfallen seien, lehnte er bestimmt ab. »Ich habe schon alschfort -Zutraue zu meine Herre, wo fort seye, aber ich will lieber verhungern, -als des mer sagen soll, der Joseph Ditteney habe bei seine alte Herre -gebettelt.« - -Außer den städtischen Cassinos, auf welchen es im Durchschnitt ziemlich -langweilig zuging, wurde am Sonntag gewöhnlich vor allen Thoren -getanzt, auf der Hirschgasse drehte sich aber der Burschenschaftler, in -Neuenheim der Corpsbursche in dem damals beliebten Cotillon, zu welchem -bei uns Babette Ditteney den zaghaften schwindeligen Fuchs einzutanzen -pflegte. Kam ein Student von einer andern Parthei in das Tanzrevier -des Andern, so hatte das gewöhnlich eine Herausfoderung zur Folge, es -wurde wie man zu sagen pflegte, +contrahirt+. Der Bruch zwischen den -Burschen aber wirkte begreiflicher Weise auch auf die Priesterinnen der -Terpsichore. Wenn die Heidelberger Mädel Sonntags über die Neckarbrücke -zogen, da ertönte es am Ende vor der sogenannten _Clarina_: »Kattel, -kumm mit, wie machst Du mit de wüste Kurländer tanze?« Ei was frage -ich darnach, sakramentsche, sodiramentische Altdeutsche, entgegnete -die landsmanschaftlich Gesinnte, und Heidelbergs Töchter gingen jede -nach ihrer Überzeugung, bald links, bald rechts. Nur die blonde dicke -Lisette war neutraler, speculativer Natur, sie vereinigte Realität mit -Begriff. Sie ging bald zur Hirschgasse bald nach Neuenheim, nur nicht -dorthin, wo nicht getanzt wurde. -- »Ich tanze mit alle Herre Juriste -mit alle Herre wo brav sein,« war ihr neutraler Ausspruch. - -Nie, nie hätte ich mir gedacht, daß die blonde ruhige Lisette, je -eines so hochfahrenden Selbstmordes fähig geworden wäre. Und doch -ist es wahr, daß sie von demselben Thurme, von dem ihr Geliebter, -ein Schieferdecker, durch einen Zufall sich den Tod gegeben, -- -aus Verzweiflung hierüber, ihr mit Kummergedanken erfülltes Gehirn -zerschellt hat. -- - -Zu den Sonntagstänzen fand sich wie in Gräfenberg, wo Fürsten und -Handschuhmachergesellen, kirchhofsmäßig gesellt mit einander diniren, -außer den Studenten, Alles ein, was tanzen wollte, Bürgersöhne und -Handwerksgesellen, Bürgertöchter und Dienstmädchen. Um die Gesellschaft -ein wenig aristocratischer zu machen, recitificirten die beiden G.-- -(v. B. der bekannte Pharaobanquier und der Besieger der Kurländer) und -ich diesen Tanzbesuch an einem Wochentage dahin, daß nur Bürgertöchter -und Studenten zugelassen wurden, an welche das billige Verlangen -gestellt wurde, +ohne Hunde+, ohne +brennende Pfeife+ und wenn derselbe -kein _alibo_ behaupte, auch im +Frack+ zu erscheinen. - -Diese ungeheure Reform war nicht ohne bedeutende Folgen. -- Jetzt -fingen die Bürgertöchter an wieder Subdivisionen zu machen, denn -die Schmiede- und Bäckertöchter, ob durch den Reichthum der Eltern, -was wenigstens bei dem Reichthum der Letztern begreiflich war, da -diese alle zugleich Weinhandel trieben, oder durch sonst einen mir -unbekannten Umstand, alliirt, erklärten sich für die einzigen Cassino -fähigen Damen, welche nur ausnahmsweise andern Handwerkstöchtern -dann und wann ein Eingeladenwerden zugestehen wollten. Und kann man -sich es denken? die Bäcker- und Schmiedetöchter standen oft geputzt -in ihrer Kammer und harrten der Botschaft ihrer von der Hirschgasse -zurückkehrenden Dienstmädchen, welche erst durch das Saalfenster -hatten gucken und sich überzeugen müssen, ob auch eine Schneider- oder -gar Schustertochter auf das neue Cassino gegangen sei. Erfuhren sie -das, so legten sie lieber weinend ihren Ballstaat ab, als daß sie in -die Schand’ und Bosheit gewilligt hätten, mit den Pariatöchtern des -Handwerksstandes zu tanzen. -- Damals schüttelte ich ärgerlich den Kopf -über solche Standesvorurtheile, durch das Leben bin ich freilich anders -belehrt. Ich habe gelernt, daß es nur gar wenige hochherzige Menschen -giebt, welche aus der Sphäre ihrer individuellen Aristokratie sich -erheben können, daß dies gescheute Leute sind, welche aus Anerkennung -fremden Verdienstes, vor jeder Selbstüberhebung zurückbeben und dabei -vor Liebe nicht hassen und verachten können. -- Ist es mir doch später -einmal mit meinem eignen Stiefelwichser passirt, das er mir von seiner -durch Trunksucht getödteten Frau erzählte und hinzusetzte: »Ich kann -nicht begreifen, wie meine Frau so sehr an den Trunk gekommen ist. -Sie ist von zu angesehener Familie. Ihr Großvater war der erste und -einzigste Stiefelwichser seiner Zeit, der vier und dreißig Herren zu -bedienen hatte.« - -Heidelberg hatte gegen die Regel der Universitäten, wonach die Mädchen -häufig nur zu frühe verblühen, viele hübsche Mädchen[5], welche -übrigens die Vergänglichkeit der Studentenliebe wohl zu würdigen wußten -und die zu heftigen Galanterien mit den Worten abzuweisen pflegten: -»Ach des wissen wir schon, von denn Herrn Juriste nimmt unter zehen -einer des Mädchen nit, wann er ihr die Eh’ auch versprochen hat.« - -Ich hatte das Unglück in der Kettengasse zu wohnen, in welcher -damals die beiden ersten Schönheiten des Stadtcassinos _vis a vis_ -residirten. Ich habe dermalen viel von Ständchen gelitten, wovon eins -das andere mit Flötentönen und Gesang gebracht wurde. Oft rief ich -ihm des Schlesiers D. auf mich gerichteten Witz zu: »Wenn du singst -klingt es schön, wenn du aufhörst noch besser,« es giebt nichts -unverbesserlicheres als einen verliebten Studenten. - -Das rosige kindliche +Fränzchen+, die Jugendliebe meines theuersten -Freundes St., hat den Lohn ausdauernder Treue gegeben und empfangen. -Die himmlische Seligkeit der Erde war für sie zu groß. Die treue -Gattin hat nach wenigen Jahren der reinsten ehelichen gegenseitigen -Zärtlichkeit das Irdische gesegnet, nachdem sie ihm einen Sohn geboren, -der mein lieber Pathe geworden ist. - -Die anmuthige veilchengleiche S. R. ist an einen angesehenen Badischen -Beamten verheirathet. Ich bin mehre Male Zeuge ihres häuslichen Glückes -gewesen und habe über die Natur lächeln müssen, wie diese bemüht ist, -die Züge der lieblichen Mutter trotz aller Variation in den Gesichtern -der blühenden Kinder zu reproduciren. - -Es mag mir hier vergönnt sein, eine kleine Episode einzuschalten, die -vielleicht meinen Lesern bereits zu Gesichte gekommen, da sie aus -einer frühern Erzählung genommen und von den literarischen Raubblättern -mit Telegraphenschnelle verbreitet ist. Sie gehört aber zum Ganzen -und glaube ich doch auch mehr Recht als ein Anderer zu haben, meine -eignen emancipirten Kinder in meinem neu erbauten Hause meinen Gästen -vorzustellen. - -Als ich vor etwa sieben Jahren Heidelberg zum ersten Male wiedergesehn, -besuchte ich den Wolfsbrunnen, das Schloß und den heiligen Berg; ich -fand die schöne Natur unverändert und warf mich voll süßer Erinnerung -an ihren unsichtbaren Busen. Auf der Schloßterrasse stiegen mir Eure -Bilder, Du trefflicher Ammon, Du Bruderpaar Papa, Du, in Griechenland -gefallener unglücklicher Ditmar, Du ewig gleicher Knobel, vor meiner -Seele auf. Die Zeit hat unsere Körper getrennt, manche hat sogar der -unerbittliche Tod geraubt, aber mit unsterblicher Flammenschrift -strahlt ihr in dem vielleicht auch bald unter der Lebenslast brechenden -Herzen. Wie wenig ist von unsern Träumen wahr geworden!!! Da fielst -auch Du mir ein, süße +Selmy+! Du schönes Mädchen aus N., Du meine -erste meine schüchterne Liebe, die Du im väterlichen Posthause, unter -den vielen schönen Worten, die aus den Lippen der Musensöhne zu Deinen -Ohren flutheten, wohl mein Herzenspochen überhört hast, aber mich -doch, um meiner Bescheidenheit willen, den wilderen Gesellen vorzogst. -Du warst damals schon Braut und konntest daher auf mich wirken wie -eine Heilige. Ach! wärest Du in der Nähe, ich würde zu Dir eilen und -Dich an die frohen Abende erinnern, die wir kurz vor der Abreise in -Deinem väterlichen Hause zubrachten. Nie war ich so zufrieden mit -meinen Versen, als wenn Deine Rosenlippen ihnen Beifall lächelten. Doch -Du bist in der Schweiz, eine glückliche Hausfrau, die Gattin eines -hoffentlich Deiner würdigen Mannes, die Mutter blühender Kinder. So -weit geht mein Ziel nicht; meine Verse trogen, wenn ich Dir versprach, -einst auf einer Schweizerreise an Deiner Pforte anzuklopfen. -- -- - -Noch immer mich im Geiste auf dem Schloßberge wähnend, saß ich schon -vor dem zweiten Gericht an der Abendtafel des Herrn Holwerth, als mich -bei dem leise mir entquollenen Ausruf: »Selmy!« ein alter Süddeutscher -Universitätsbekannter mit der Bemerkung aus meinen Träumen weckte: -»Aha! Sie meinen die schöne Selmy aus N.? Nun die ist zu haben. Nach -einer unglücklichen Ehe, die endlich der Tod ihres seit sechs Jahren -vor seinem Ende schrecklich wahnsinnigen Mannes beschloß, ist sie -zurückgekehrt nach N., lebt dort still und eingezogen, aber entstellt -durch Kummer und Noth keinem ihrer früheren Bekannten mehr kenntlich.« --- - -Ein heftiges Feuer durchbebte mein Inneres bei diesen Worten. Die -träge Nacht schwand mir in süßen Wachen und in kurzen noch süßeren -Träumen. Hormuths Schimmel hatten bald ihre Aufgabe gelös’t, und die -zehnte Stunde des folgenden Tages führte mich an den Ort, wo mein -Herz beim Gedanken an das Wiedersehen so süß erbebte. Ich verlangte -kein jugendliches Wesen, nur die Seele, wenn ich mich so ausdrücken -darf, meiner liebenswürdigen heitern Selmy wieder zu sehen. Nur ihr -freundlicher Blick war es, der meinen Geiste vorlächelte. - -»Wohnt hier die Räthin N. N.?« fragte ich eine übelgestaltete Magd, -die mit grinsendem Lächeln die Thür mit den Worten öffnete, die Frau -Räthin sey drinnen. Hastig folgte ich dem dürren Zeigefinger, aber -nicht ohne Schmerz und Erstaunen trat ich zurück, als ich in der mir -gezeigten Dame ein altes Mütterchen erblickte, an der nur noch die, -selbst im Erlöschen noch strahlenden Augensterne an meine geliebte -Selmy mich erinnerten. Und sie schien mich nicht einmal zu erkennen. -»Sind Sie Selmy?« fragte ich, ihre Hand ergreifend. Sie aber verneigte -sich bejahend, mich fremd, fast mit Opheliablicken betrachtend. -»Kennen Sie mich nicht mehr?« fragte ich fast ängstlich; »denken Sie -sich einmal um siebenzehn Jahre zurück.« -- »Sie haben vielleicht -dermalen in Heidelberg studirt,« fuhr die Gefragte fort, »allein ich -entsinne mich Ihrer nicht mehr.« -- »Besinnen Sie sich einmal, ich -bin ein Holsteiner,« fragte ich mit steigender Unruhe. -- »Heißen Sie -von Ahlefeldt?« - »Nein, das nicht.« Da fiel mir Geängstigtem Selmy’s -Stammblatt ein, das ich seit sechszehn Jahren in meiner Brieftasche -trug. Zitternd überreichte ich es, wie ein Jude einen Wechsel, dessen -Abläugnung er fürchtet, »Haben Sie das geschrieben?« -- »Ja!« versetzte -die Frau mit starren Blicken, dann aber setzte sie bewegt hinzu: »Ach -Sie haben gewiß viel von mir gehalten in der Zeit meiner Jugend und -meines Glücks; ich habe durch entsetzliche Leiden alle meine Erinnerung -daran verloren; diese beginnt erst in dem Momente, da der Priester -meine Hand in die meines Mannes legte. Haben Sie mich darum nur lieb, -wenn Sie es je gehabt haben; der schwere Schleier, der auf meinem -Gedächtnisse ruht, wird dereinst schon fallen, und ich werde Sie -erkennen.« -- »Selmy!« rief ich und nannte ihr meinen Namen, »kennen -Sie mich noch nicht? Sie müssen ein Stammblatt von mir besitzen.« -- -»Nein,« entgegnete sie, »Ihr Name ist mir nicht erinnerlich, allein -ich besaß ein Blatt, daß mein Mann in einem Anfall von Wahnsinn zerriß; -ich barg nur noch einige Reihen, Sie lauten: - - »Klopf ich an deine Pforte an, - Einst im Verlauf des Lebens, - So sei es nicht vergebens.« - -Das war mir zu viel. Thränen entstürzten meinen Augen; ich enteilte -dem Hause. Vergebens bat mich Selmy zu bleiben oder wieder zu kommen. -Nicht ohne feuchten Blick rief sie: »Ich will mich besinnen auf Sie, -seien Sie nicht böse!« Schweigend eilte ich ins Wirthshaus, ließ meinen -Kutscher anspannen und mit den Worten, welche ich mir oft wiederholte: -»Die Menschheit vergißt innerhalb fünf Minuten Freundschaft und Liebe -und will unsterblich sein!« warf ich mich in den Wagen, der meine Laune -sehr verändert, mich nach Heidelberg zurücktrug. -- -- - -Ich habe nur eine Weinlese in Heidelberg und zwar im Jahre 1818 -erlebt. Die Freude in der Pfalz und am ganzen Rhein war ungemein. -Die Trauben wurden unter Gesang und Jubel geschnitten, jedem Fremden -davon gereicht, derselbe aber, wenn er alle Beeren pflückte und nicht -mindestens nach altem Herkommen drei am Stiel gelassen hatte, wenn er -denselben wegwarf, von den Winzerinnen mit einer hölzernen Pritsche -unter dem lauten Zuruf »+Herbschthau+« gepritscht, und mußte sich -durch ein Geschenk der ferneren Strafe entziehen. -- Bald wurde der -Übermuth in den Weinbergen allgemein, und da hatten die armen Schiffer, -größtentheils Bewohner des Städtchens +Eberbach+, welche auf dem trägen -Neckar sich langsam in den Kähnen fortbewegten, es am Schlimmsten, -da sie stets von den lustigen Weinbergleuten mit den Spottnamen: -»+Eberbächer Kukuksfresser+,« »+Eberbächer Säckbrenner+!« u. dgl. -beehrt wurden. Zur Erklärung dieser Spitzworte muß ich bemerken, -daß +Eberbach+ ungefähr den Rang von +Schöppenstedt+, +Schilda+, -+Krähwinkel+ und +Buxtehude+ hat und daß von seinem Magistrate erzählt -wird, daß er einmal bei einem Spaßvogel, welcher ihm ein Gastgebot -gegeben, im guten Glauben einen Kukuk für eine Schnepfe verspeist habe. -Auch soll er bei einer andren Gelegenheit eine Menge neuer Rathssäcke -zeichnen gewollt, sich dabei aber eines annoch zu glühenden Eisens -bedient und so alle Säcke durchbrannt haben. - -Sehr wenige ruhige Odenwäldische Schiffer fuhren wohl vorbei -und thaten, als ob sie ihre Schande und das Gekicher der jungen -Winzerinnen nicht hörten, allein wir sind alle Menschen, die nur -bis zu einem gewissen Grade zu reizen sind. Machte Windstille und -das plauderhafte Echo von der andern Seite zu sehr Compagnie mit den -Spöttern; so hielten die Schiffer an, formirten wie die Franzosen -heutigen Tages eine _colonne mobile_, erstürmten die Weinberge, wo sie -sich entweder noch Schläge überher oder, wenn die großmäuligen Winzer -wegen zu kleiner Anzahl geflohen waren, gezwungen erpreßte Küsse und -Weintrauben holten. - - * * * * * - -Sobald der Wein in Gährung gekommen ist, etwa nach einem halben Jahre, -wird er trinkbar und unter den Namen »+ä Schoppe neie+« gefordert. -Er sieht dann aus als ob Kupfer in ihm aufgelös’t sei, ist sehr -berauschend, scharf und bildet ein Mittelding von Wein und Schnapps. --- Er war bei den rechten Trinkern ungemein beliebt und besonders nach -oft fehlgeschlagenen Weinlesen sehr gesucht. Daher war es auch ganz -erklärlich, daß kurz vor der Erndte einmal die Ziegelhäuser auf der -Hirschgasse überlegten, wer sich in den nächsten neuen Wein wohl todt -saufen würde. Gieb Acht Herr Special! den verwirgt der neie Wein hieß -es dann von dem Einen wie von dem Andern, wogegen denn zuweilen etwa -das Bedenken gemacht wurde: -- »Eine Herbscht hält der Josep de neie -wol aus, aber länger nit.« - -Und es begab sich, daß, ein Jahr später, dieselben Leutchen wieder -zusammen saßen. Jetzt recapitulirten sie ihre Reden, und wunderbar! -alle die von ihnen dem Weintode Geweihten, selbst der Josep, hatten -sich todt getrunken. - -+Adam Müller+, jener bekannte Exprophet, lebte damals unfern -Heidelberg, ich glaube, in Bretten. Wir, die Mitglieder der _table -d’hôte_ im Badischen Hofe, ließen ihn einmal kommen, um die Zukunft -von ihm zu erfahren. Allein er verrieth nichts, indem er sich damit -entschuldigte, daß er nur prophezeien könne, wenn der Geist es -ihm eingebe. -- Adam Müller affectirte zwar eine Jacob Böhmische -Qualirung, einen gewissen Geistesdrang, kokettirte dabei aber noch -mehr mit den Sechsbäznern, welche für ihn gesammelt wurden. -- Der -Pfarrer seiner Gemeinde, der einige Tage später mit uns zu Mittag -speiste, bewahrheitete das Sprichwort, daß der Prophet nicht in -seinem Vaterlande gelte, indem er den von Kaiser und Königen so hoch -geschätzten Adam Müller für das faulste und unnützeste Mitglied seiner -Gemeinde erklärte. - -Zu jener Zeit kamen auch die Draisinen auf, deren Vater ein Herr -von Drais aus Manheim war. Die Franzosen nannten die Erfindung -witzig: »_maniere de faire un voyage de quatorze lieues en quinze -jours_«, indessen bewegte sich der Erfinder darauf selbst mit einer -bewundrungswürdigen Schnelligkeit. Man schmeichelte seine Eitelkeit auf -eine fast spöttische Weise, indem man ihn zu Thees einladete, wo er -sich im Saal auf seiner Maschine producirte. Namentlich war dies in der -Routs bei Herr v. B. der Fall, in jenem kleinen Hause, wo eine Menge -Gäste die Grundsätze des Raumes verspottete. Herr v. B. suchte freilich -diesen Übelstand durch Rangerhöhung seiner Gesellschaft auszumerzen. -Denn ein jeder Gast ward wenigstens adelich, wie in meiner Cerevisia, -der Herr von »Baron,« der Baron, Graf. Nur mit den Grafen kam er in -Verlegenheit, wenn der Prinz von Hildburghausen zugegen war, der -indessen zur Entschädigung für die abgetretene Durchlaucht in solcher -Fülle eine Königliche Hoheit erhielt. - - - - -Sechstes Kapitel. - - Der Odenwald. Erbach. Eilbach. Der Bäcker aus Nürnberg. Der - Wolfsbrunnen. Neckargemünd. Neckarsteinnach. Weinheim. Manheim. - Lieutnant L. Erinnerung an B. Suite in Manheim mit einem Officier. - Metzger Eisengrein. - -»O Du Wald, Du sollst mein Erbtheil sein!« soll die Kronprinzessin -Emma ausgerufen haben, als sie mit ihrem Geliebten Eginhard, dem -Geheimschreiber Karls des Großen, des Vaters Rache fürchtend, die -dunkele Waldgegend durcheilte, welcher die spätere Zeit den Namen -+Odenwald+ gegeben hat, die aber von unsern Schulmeistern als Odins -Wald dem Gedächtnisse der Jugend einverleibt wird. Mag immerhin diese -Erklärung mehr historische Wahrscheinlichkeit haben als jene, ich -war selbst im Odenwalde und zweifle nicht an der unumstößlichen -Richtigkeit der ersten. Nur in jener menschenleeren, aber -geisterreichen Gegend, wo der wilde Jäger sein Wesen treibt, und ein -Adam Müller in der höchsten Potenz, im Jahre 1811, vielen Bauern den -Russischen Feldzug durch ein Ohrenspiel deutlich verkündigte, welches -von den Amtmann in Zwugenberg, nachher protocollirt, und von Napoleon, -der Kälte, und den Kosacken bestätigt wurde, leben noch Dryaden, und -die übrigen Gottheiten der jetzt nur den Dichter und seine Klienten -beherrschenden, kümmerlich aus dem Schutt der Vergangenheit ihr Haupt -erhebenden, südlichen und nördlichen Religionen. Aber die vertriebenen -hohen Herrschaft regieren auch noch nach alter Weise, sie verlassen -ihr Elba nicht, und leben hier in der Erinnerung einer mächtigen -Vergangenheit eine heitere Gegenwart. Jeder Baum spricht mit dem -vorübergehenden am Sonntag geborenen Wanderer, die Quellen plätschern -geisterartige Lieder, die man erst recht versteht, wenn man an ihrer -Seite, auf den bemoosten Felsstücken eingeschlafen ist, die Steine -blicken in das Herz und selbst die alten Felsen nicken freundlich, -wenn sie nicht gar anfangen in ihrem Meere um die Riesensäule umher -zu schwimmen. Auch der wilde Jäger, welcher auf dem Schnellert wohnt, -meint es gut mit der armen Welt, welcher er die traurige Zukunft -verkündet. Nur ist er ein Feind von vielen Komplimenten, und ich rathe -Dir, lieber Wanderer! wenn Du ermüdet und erhitzt die steilen Anhöhen -der wellenförmig, bergigten Gegend erklimmst, und in seine rauschende -Nähe kommst nicht außer Respect gegen den Prinzen Hussa von Halloh dein -Haupt zu lüften; der gestrenge Herr ist ein Schelm, er küßt Dir dann -zwar vergeltend das Haupthaar, aber gar bald saust er als Zahnschmerz -oder Ohrenpein in Deinem höflichen Kopfe. - -Das Völkchen des Odenwaldes, das von drei mediatisirten Grafen von -Erbach zunächst beherrscht wird, ist von besonderer Eigenthümlichkeit. -Auferzogen mit den Gottheiten und Gespenstern, kennen die Bewohner das -Buch der Bücher dennoch sehr wohl, wenigstens handeln sie darnach. Sie -haben keine andere Spitzbuben unter sich, als die aus den Gefängnissen -benachbarten Städte springen, die sie kleiden, ernähren, und mit -maurischer Gastfreiheit schützen, bis der Arm der Gerechtigkeit ihren -spendenden Händen wehrt, und die Gäste gefesselt entführt. -- - -Die Arbeit ist den Odenwaldern ein Sporn zur Fröhlichkeit, sie -genießen wie wir die Freuden des Spiels und des Tanzes, wenngleich im -verkleinertem Maaßstabe, nur mit dem Unterschiede, daß sie ihre Lust -Spartanisch durch vorhergangene Arbeit würzen. Von ihren Kartenspielen -weiß ich wenig zu sagen, nur daß der +König+ der +Schuldenmacher+ bei -ihnen heißt, und daß sie ein Spiel haben, in welchem derselbe die -geringste Karte ist. Merkwürdig aber sind ihre Kirchweihen. In dem -oft nur aus vier von einander liegenden Häusern bestehenden Dorfe -versammeln sich an einem solchen Tage die Bewohner der Umgegend. -Es giebt dort keinen Thränenwinkel; denn alles tanzt, wenn auch -die bunte Reihe zuweilen durch ein doppeltes Frauzimmer entstellt -wird. Nicht an Erfrischungen fehlt es, die aus Bier, Kartoffeln- und -Zwetschenbranntwein bestehen, wol aber an der ersten Requisite unserer -Bälle, an Musikern. Auf vier Häuser darf man nur einen Fiedler rechnen, -der auch nicht einmal immer der Bundesversammlung ihr gehöriges -Seitencontingent zu stellen vermag. Nirgends aber erscheint das -Sprichwort: - -»Wer gern tanzt, dem ist auch leicht gepfiffen« -- so wahr als hier. -Denn kaum hat der Paganini des Odenwaldes die Geige ergriffen und an -den Hals gelegt, -- so beginnt das ganze Haus seinen Tanz. Er bestätigt -eigentlich die Tanzenden nur in ihrem Beginnen; denn nach Verlauf -einer halben Minute eilt er schon zum Nachbarhause und prüft hier die -Taktmäßigkeit der Tänzer, wie im ersten Salon. So geht er in seinem -Sprengel umher, bis alle seine Tanzkinder mit Musik versorgt sind, Berg -auf, Berg ab, als hätte er den Wahlspruch: - - In meine Seiten greif ich ein, - Sie müssen alle hinter drein. - -Seine fernere Arbeit besteht alsdann nur darin, das Tactfeuer -anzuschüren, wenn es zu erlöschen droht. - -Der Graf von +Erbach+ war ein kurioser Antiquitätenkrämer. Zu den -vielen Rüstungen, welche er in einem Saale aufgespeichert, hatte sich -auch der Helm eines der vierzigtausend Römer gesellt, welche in der -Schlacht bei Cannä, den Landsleuten der heutigen Kabylen unterlegen -sind. Noch singulärer und höchst unpoetisch waren einige Knochen des -unglücklichen Abälards und seiner geliebten Heloise, ich glaube die -Fistula und die Tibia dieses renommirten Brautpaars, Theile, welche -doch wol der Kirchhof _pére la Chaise_ bei Paris, wo bekanntlich -die anderen Überreste der unglücklichen Liebenden dem jüngsten -Tage entgegenschlummern, nach den Grundsätzen der Pertinenzien und -Accessionen requiriren könnte. -- - -In +Eilbach+, etwa eine Meile davon, besaß der Graf sein Lustschloß, -welches von innen und außen mit Geweihen verziert war. Ein einziger -Saal enthielt lauter Abnormitäten dieses thierischen Kopfputzes. -Vor allem prangte aber ein Hirschgeweih, als das größte der jetzt -entdeckten Welt, ich glaube es war ein Acht und sechszig- oder gar ein -hundert acht und zwanzig Ender. Seine Erlaucht hatte dies Monstrum -(nach genaueren Nachforschungen wahrscheinlich das Geweih der Actäoe) -von einem +Bäcker+ u. Weinwirth in +Nürnberg+ erstanden, welcher aber -bald diesen unseligen Kauf verwünscht hatte. Denn seine Kunden hatten -den Verkauf des Achtundsechszigenders sehr übel genommen und ihm ihre -Unzufriedenheit durch allgemeines Wegbleiben von seinem Weinschank -bitter intimirt. -- - -Der Bäcker, ein nicht bemittelter Mann, hatte bald die Erbachschen -Carolinen zugesetzt und riskirte am Ende gänzliche Verarmung. - -Um dieser zuvor zu kommen, ergriff er das Symbol derselben, einen -weißen Stab und pilgerte damit zum Grafen nach Erbach. - -Allein wie Napoleon den Bitten der schönsten Frauen widerstand, wenn -es darauf ankam, eine Festung abzugeben, so erklärte der Herr Graf -sich gegen den Bäcker für moralisch unfähig, das gewissermaßen tief -in seine Seele verzweigte Geweih wieder auszukehren. Er +schenkte+ -dem weinenden Bäcker aber ohne alle Renumeration sein Hirschgeweih -_accessit_, das zweite, sein _ci devant_ Bestes, dem nur zwei Zacken -gemangelt haben sollen, um dem Nürnberger zu gleichen, und soll -dadurch dem so restituirten Wirth auch bei der Nürnberger Bürgerschaft -Verzeihung und eine volle Weinstube wieder verschafft haben. - -Eine sehr gewöhnliche Ausflucht der Studenten bestand alljährlich in -einer Tour nach Baden-Baden, den reizendsten Kurort, den meine Augen -je sahen. Leider ging hier ein beträchtlicher Theil der Studienkosten -alljährlich verloren, und die oft projectirten weitern Reisen durch -den Schwarzwald und in die Schweiz fanden an dem Todtentische des -Roulets oder des _trente et quarante_, welches mit seinem trügerischen -Grün so viele Leute anlockt, ihre Grenze. Man sollte die Tische -wenigstens mit schwarzem Tuch bedecken und Todtenköpfe auf seine Ecken -heften. Es befanden sich in Baden-Baden allezeit einige Studenten, -welche ohne alle Baarschaft waren, gegen Abend auf die Chaussee nach -Rastadt hingingen, -- und von den ankommenden Landleuten, die mit -Hoffnungen und Kronthalern versehen ankamen, einige Gulden liehen, -- -um dieselben noch an demselben Abend zu verlieren und wieder in ihr -pauvres Nichts zurück zu sinken, bis sie nach mehreren Wiederholungen -verschuldet, wortlos, erschöpft und mismuthig, physisch und moralisch -verdorben in das Neckarathen zurückkehrten. -- Ein ähnliches -Spielinstitut hielten Sonntags zwei Darmstädter Juden in Auerbach, -einem kleinen unbedeutenden Bade, etwa acht Stunden von Heidelberg. -- -Heut zu Tage findet sich die Verführung Heidelberg noch näher, in dem -Schwefelbad Langenbrück, wo ein Bruchsaler Tabulettkrämer, mit einer -solchen Satansschlinge die in großer Anzahl durchpassirenden oder dahin -wallfahrenden Heidelberger Studenten die kostbarere Reise nach Baden -zu ersparen, indem er sie auszuziehen pflegt, wie dies kaum auf einer -Italienischen Reise die Wegelagerer thun. -- - -Ich wiederhole hier mein Catonisches »_caeterum censeo_« das wie ein -rother Faden, durch alle meine Schriften laufen soll. Wann werden -endlich einmal diese priveligirten Satanskünste, diese Garküchen der -Hölle ausgerottet werden? -- Man rechnet Louis Philipp manches, was -sehr problematisch ist, zum Verdienst an; aber die Aufhebung der -Spielhäuser in Paris sichert ihm allein einen ehrenvollen Platz im -Pantheon. - -Der +Wolfsbrunnen+, das Neckarthal überhaupt, ganz bis Heilbronn hin, -tragen einen so merkwürdigen Character, daß man weder im Rheingau noch -in den andern Thälern Badens etwas Ähnliches sieht. Die Fahrt nach -+Neckargemünd+, +Neckarsteinnach+ und seinen vier Schwesterburgen, -wurde gewöhnlich einmal im Jahre zu Schiffe und Abends bei Fackelschein -und Musik zurückgemacht, welches einen reizenden magischen Anblick, -besonders von der Neckarbrücke aus, gewährte. - -Indessen welch einen Abstecher man auch von Heidelberg machte, so mußte -man, wenn man wieder heim gekommen war, doch gestehen, daß man auf den -schönsten Punct zurück gekehrt sei. Unvergleichlich reizend ist auch -das Birkenauer Thal bei +Weinheim+ so wie die ganze Gegend um dieses -Städtchen herum. Als ich vor einigen Jahren hier meinen Freund Bender -und seine liebenswürdige Gattin in dem neu erbauten Hause unterhalb -des Städtchens auf dem Hügel besuchte, wo ein besserer Wein reift, als -ihn der ganze Rheingau aufzuweisen hat, -- da bekam ich die Idee, daß -hier einstens das Paradies gewesen, welches das liebenswürdige Ehepaar -wieder aufgefunden habe. Hätte ich nicht so viel Anderes zu thun, ich -würde mich längst bemüht haben, diese Ansicht historisch zu begründen. - -Drei Male in der Woche war in +Manheim+ Schauspiel, wohin man -gewöhnlich nach dem Mittagsessen in einer Hormuthschen Kutsche fuhr. -Das Personal war nur mittelmäßig, jedoch entsinne ich mich noch des -alten Thürnagels als eines sehr wackern Schauspielers und mehrerer -artistischen Rudera aus der Ifflandischen Zeit. In der Oper glänzten -Nieser als Tenorist und die Discantstimme der Demoiselle Gollmann. --- Nach der Vorstellung zog man gewöhnlich in die Restauration eines -alten Ehepaars Namens »+Sauerwein+«, die keine andere Kinder als ihren -Rebensaft der ihren Namen zu tragen verdiente, aber eine so schöne wie -züchtige Pflegetochter als Kellnerin hatten, daß sich die Hälfte des -eintretenden Dutzend Studenten auf der Stelle in sie verliebten. -- Das -gab denn komische Scenen, Einige wurden schüchtern, Andere gefällig, -noch Andere tiefsinnig, die Weinstube bekam durch diese Affectionen, -den ansäuerlichen Geschmack eines Irrenhauses, während die liebreizende -Kellnerin mit ewig gleicher Freundlichkeit Keinem einen Vorzug gebend, -allen Respect einflößend, das Verlangte credenzte. Für Dich lieber S., -dem eine liebliche Gattin, umblüht von rosigten Kindern vielleicht -diese Zeilen vorlies’t, der Du, wie L. und St. jeder besonders mir an -einem und demselben Tage vertrautest, daß Du kein größeres Erdenglück -kanntest, als an Sauerweins Adoptivtochter Hand durch das Leben zu -wallen, der Du schon im Begriff warst, die väterliche Einwilligung -in die Verbindung zu suchen und es gethan haben würdest wenn Dich -der blondköpfige L. nicht fortwährend so eifersüchtig gemacht hätte, -und Dir L. und St. und K., und für Euch andern Verehrer der schönen -Kellnerin, deren Namen ich nicht einmal verblümt angeben will, diene -zur Nachricht, daß, als ich vor einigen Jahren einen alten Gegennachbar -der Colonade nach den alten Sauerweins und nach der süßen Kellnerin -fragte, welche in dem, jetzt einem Hutmacher eingeräumten Locale vor -zwanzig Jahren gewohnt hatten, mir dieser erwiedert hat: »Die beide -alte Sauerweins seien schon neunzehn Jahre todt, aber de schöne Madel -wo sie gehabt, ischt sehr gut daran, sie hat ä brave reiche Mann und -neun wackere Bube und wohnt im Elsaß.« - -Das Badische Militair bestand aus sehr erfahrenen gescheuten -Offizieren, man konnte aber von ihnen sagen, daß die Hälfte derselben -in Rußland halb erfroren, die andere Hälfte in Spanien halb verbrannt -war. Mancher der letzteren trug auch noch unverkennbare Spuren -versuchter Vergiftung. -- Die meisten lagen in Manheim wo sie einen -Clubb hatten, in dem Einem Alles +spanisch+ vorkam, da dort wo -möglich, +spanisch+ gegessen, getrunken und geredet wurde. So erscheint -die traurigste und mühseligste Vergangenheit rosigt. (_Acti labores -jacundae_.) - -Ein +Lieutenant+ L. hatte den Feldzug in Rußland mit gemacht. Bei -der Retirade war er mit ganz erfrornen Händen in das Hauptquartier -nach Wilna gekommen, woselbst aus irgend einer Französischen Kasse -den meisten Flüchtlingen Geld, das man wol nicht in die Hände der -Russen fallen lassen wollte, gegen Schein ausbezahlt wurde. Auch L. -hatte hier funfzig Silberrubel bekommen. Ein mitleidiger General, der -die bejammernswerthen Hände des L. gesehen, hatte seinen Wundarzt -gerufen, und dieser sofortige Amputation beider Hände als das einzige -Rettungsmittel verordnet. -- L. hatte geschwankt, endlich aber die -Operation verweigert, weil ein alter ergrauter Kamerad ihm immer leise, -aber eindringlich das Wort »+Terpentin+« in die Ohren geraunt hatte. -Der Flüsterer hatte dieses nach ihrer Entfernung aus dem Hauptquartier -auch sofort gekauft; dem L. die Haut der Finger zerschnitten, das Öl -hineingegossen und es mit Lappen umwunden. - -»Als wir vor Wilna kamen« fuhr L. fort, »sahen wir einen polnischen -Juden, der von einem Wägelchen Bröde das Stück für Einen Silberrubel -verkaufte. Leider entschloß ich mich erst zuletzt zum Ankauf, nachdem -schon Alle meine Kameraden verproviantirt des Weges gezogen waren. Im -Zustande meiner Hülflosigkeit mußte ich den Juden bitten mir zwei Bröde -in meinen Schnappsacke zu stecken, dann aber aus meiner Tasche sich mit -zwei Silberrubeln bezahlt zu machen. -- Und siehe der Bösewicht leerte -mir meine ganze Tasche unbarmherzig. Aber dennoch segne ich ihn, denn -er ließ mir die zwei Bröde, ohne welche ich gewiß verhungert wäre.« - -Der liebenswürdige L. ist jetzt Hauptmann in Carlsruhe. Von seinen -Fingern fehlen zwei, welche das Terpentinöl nicht restituirt, nicht -wieder von ihrem Scheintode in das Leben gerufen hat. Der Gerettete -ist sonst ohne Spur von der Russischen Campagne, ja, die unversehrt -gebliebene Hand könnte Bildhauern und, Wachsboissirern als Muster -dienen. - -Das Betragen der Badischen Offiziere gegen die Studenten war durchaus -freundlich und zuvorkommend. Wie gewöhnlich werden alle, wenn auch -selten sich ereignende Zwistigkeiten mit den Musensöhnen, durch die -Studenten veranlaßt, welche gewöhnlich zur großen Beschämung der -letztern endeten. Der gute B. fragte im Rausch in Schwetzingen einen -alten spanischen Offizier, wie er sich erlauben könne das Bild des -Kaisers Napoleon auf der Pfeife zu tragen, und erhielt dafür die -demüthigende Antwort: »Ich trage den Großherzog von Baden im Herzen und -Napoleon auf der Pfeife und wer etwas dagegen hat ist ein Hundsfott.« --- Die Sache wurde zwar noch so gut als möglich ohne Pistolenduell -vermittelt, indessen zur einigen Beschämung des sonst so gutmüthigen -blonden B. aus A. Jetzt drückt sie ihn nicht mehr, er schläft schon -seit zehn Jahren im Friedhofe. Er ist nach unsäglichen Leiden, an -einem fürchterlichen Uebel, am Markschwamm im Kopfe 1826 gestorben. -Ein langes körperliches Leiden hat den heitern Lebensmenschen zum -Dichter gemacht. Für seine theilnehmenden Freunde setze ich die tief -erschütternden, nach seinem Tode gefundenen Verse hierher, welche mir -sein Bruder nach seinem Tode mitgetheilt hat. - -Letzter Wunsch eines lebensmüden Unglücklichen. - - »O daß ich tief - Im Grünwald schlief - Von wehenden Bäumen umschattet, - Im Erdenschooß - Des Jammers los, - Worunter das Leben ermattet. - Die Thrän’ versiegt - In Ruh’ gewiegt - So lieg ich auf kühlendem Bette; - Im Abendschein - Strahl’n Perlenreih’n, - Und schmücken die ruhige Stätte. - Kein Leichenstein - Auf mein Gebein! - Der Fremde vorüber mag wallen, - Im Frühlingsblau - Im Himmelsthau - So will ich die Ruhstätt’ vor Allen. - O daß ich tief - Im Grünwald schlief - Von wehenden Bäumen umschattet, - Im Erdenschooß, - Des Jammers los, - Worunter das Leben ermattet.« - -Wunderbar, wie das Schicksal oft in anscheinend entgegengesetzten -Charakteren, Poesie und Prosa weckt. -- - -Glücklicher war ich selbst in einer Differenz mit dem Badischen -Militair. Es ist dies das einzige Mal in meinem Leben, daß ich in eine -Art Conflict mit der Polizei oder einer ihr verwandten Behörde gerathen -bin, das Ganze dazu eine Jugendsünde die mir eben keine Ehre aber doch -auch wol keine Schande macht. »Als ich ein Bursch war handelte ich wie -ein Bursch.« Zudem ist mein Buch für meine alten Universitätsfreunde, -die ewigen Burschen (_juvenes perpetui_), nicht für die Philister, -die Prokrustes der Menschheit, geschrieben. -- Also heraus damit: - -Mein Freund v. P. und ich wollten den jetzt hochgestellten P.. aus -Cöthen, der über Manheim zu Hause reis’te, zu +Pferde+ comitiren. -Vier Chaisen, jede mit vier Menschen erfüllt, gaben ihm ohnehin das -Geleite. Unbegreiflicher Weise kamen von P.. und ich auf die Idee, -die wir stets in gehöriger Civilkleidung, in einem blauen Frack, -einhergingen, sogar einen runden Hut trugen, uns einen Säbel mit -ledernen Riemen zuzugesellen, und, wie neu ernannte Polizeidiener, -deren Uniform noch unter Schneiders Händen ist, mit gezogener Klinge an -dem Kutschenschlage des scheidenden Freundes zu reiten. - -Wir waren kaum in Manheim angelangt, als sich in unserm Hotel, dem -Schaf, ein Officier als Deputirter des Generals v. V. des dermaligen -Stadtcommandanten einfand, der uns zwar mit außerordentlicher Urbanität -aber doch mit großer Wichtigkeit eröffnete, wie es gegen Alles -+Kriegsrecht+ sei, daß Bewaffnete in eine Garnison ohne Erlaubniß des -Commandanten und namentlich mit gezogener Waffe einritten. Der Herr -General lasse uns mit dem Ersuchen bedeuten, heute Abend bei dem -Zuhause ritt, ja unsern Säbel in der Scheide zu lassen, widrigenfalls -die Besatzung angewiesen sei uns zu verhaften. - -Die Antwort auf dieses Manifest, welches ich im Namen unseres -bewaffneten Duals ertheilte, lautete durchaus friedlich und beruhigend. -Ich fühlte mich auch von der Gerechtigkeit des Ansinnens überzeugt, -wie durch die Wichtigkeit, welche man unsern Flambergen beilegte, -geschmeichelt. Nachdem aber der Abschied von unserm P. einige -Champagnerpröpfe gelößt, der edle Epercoy und der Trennungskuß von -unserm scheidenden Freunde unserm Gemüth über die bürgerliche Ordnung -gehoben unsere klappernden Damascener uns wieder an das Kriegsrecht -erinnert hatten, bewog ich im kecken Übermuthe den mit mir zu Rosse -steigenden v P., eine durchbrochene Bohnenstange, die gerade im Hof -lag, zu theilen, mit welcher Hälfte wir Jeder bei mittelmäßiger -Beleuchtung, als sei sie ein Sarras durch die schwach erleuchteten -Straßen ritten. Aber wir waren kaum mit unsern spatbegabten Rossen bis -vor die Hauptwache gelangt, als wir den Ruf eines donnernden Haltes -vernahmen und eine große Menge Bayonette zu gleicher Zeit uns entgegen -starrten. - -Ich entsinne mich nie, selbst nicht von der Hannoverschen reitenden -Artillerie ein Mannöver mit solcher Schnelligkeit ausgeführt gesehen zu -haben, als diese Umzingelung. Es ist schade, daß sie den Annalen der -Kriegskunst zu entgehen droht. - -»Meine Herren Sie sein Arestanten, weil Sie den Sabel gezogen« rief ein -hervortretender Schwäbischer Officier. -- »Um Vergebung unser Säbel -schlummert schon in der Scheide wie wir innerhalb zwei Stunden ein -Gleiches in Heidelberger Betten zu thun hoffen,« war meine Antwort. -»Wir führen jeder bloß eine halbe Bohnenstange bei uns, um unsere Gäule -zur Rückkehr noch mehr anzuspornen. Überzeugen Sie sich selbst Herr -Lieutnant!« -- - -Bei diesen Worten übergeben wir die vermeintlichen Säbel zur -Ocularinspection. Der Lieutnant war Humorist genug, den Scherz launig -aufzunehmen und durch Nachsicht die rigoristische Ordre des Generals -auszugleichen. Er lächelte, ließ einrücken und wünschte uns eine gute -Reise. -- Unser Abentheuer erregte aber doch noch lange _furore_ -unter den Burschen, zumal da es ohne nachfolgende Geldstrafe, Carcer -oder gar Relegation vollbracht war. -- - -Ein wahrhaft boshafter Streich wurde von einem gewissen F. an einem -Heidelberger Philister begangen. Dieser ein Metzger, wenn ich nicht -irre mit Namen »+Eisengrein+« sollte sich gegen den ersteren einer -Grobheit schuldig gemacht haben, welche F. fürchterlich zu rächen -verhieß. Er stiftete zu diesem Ende einen Trinkorden »die Ritterschaft« -bei welchen das Biertrinken »Lanzenbrechen« hieß, das aber in ein so -bestialisches Trinken ausartete, daß eben in der Ritterschaft später -der intendirte Sauf-Selbstmord vorkam, dessen früher gedacht ist. - -Jedes Mitglied der Ritterschaft mußte vor der Aufnahme dem Metzger -Eisengrein einen Possen gespielt haben und dies wöchentlich -wiederholen. Das Begangene wurde dann beim Gelag wiederholt, wozu der -Refrain gelautet haben soll. - - 1) Wer wird denn wohl der Thäter sein? - _Chorus._ »Der Metzger Eisengrein.« - _Calumniare audacter, semper aliquit haeret._ - -Der ganz beliebte Schlachtermeister Heidelbergs kam gar bald um seinen -guten Ruf und wenn irgend etwas Übeles verübt worden war, da zischelten -alsbald die verleiteten Mitbürger sich kopfschüttelnd in die Ohren: -»Das hat gewiß wieder der malitiöse Schlachter +Eisengrein+ verübt.« - -Wenn Eisen greinen könnte, Eisengrein hätte es gewiß gethan. - - - - -Siebentes Kapitel. - - Die Wartburgsfeier. Die Mißgriffe mehrerer academischen Senate. - Rippel. Reise zum Burschencongreß nach Jena. Gotha. Weimar. - Schillers Denkmal. Die Pfannkuchen in Kunitz. Der Halbmeister von - Jena. Ankunft in Jena. - - -Im Jahre 1817 hatte die Jenaer Universität ein großes Ausschreiben -an alle Deutsche Hochschulen erlassen und dieselben zur Feier des -+Wartburgfestes+ eingeladen. Schon damals war ich von der Heidelberger -Burschenschafft zur Gesandschaft designirt. Der Gedanke aber, daß ich -ein »Brandfuchs« (Student im zweiten Semester) mithin ein gar zu junger -Botschafter sein würde, veränderte die mir günstige Majorität zu meinem -Nachtheil. Mein Freund L. erhielt eine Stimme mehr als ich, und reißte -fort nach Eisenach. - -Diese Feier ist vielfach besprochen worden und hat wahrscheinlich -zuerst die polizeilichen Augen der Regierungen auf die Deutschen -Hochschulen gelenkt. Das übermüthige Verbrennen eines Hessischen -Zopfes, einer Russischen Knute, der Schriften einiger hochgestellten -Minister klang wie eine auf etwas Bestimmten basirte Herausforderung, -war aber am Ende nichts als ein Hochverrath, den die Hunde am Firmament -begehen, wenn sie den Mond anbellen. Hätte man sich dahin beschränkt, -die Verbindungen jedes Studenten mit Leuten aus dem bürgerlichen Leben -genau zu beachten, und ihn nur zur Verantwortung zu ziehen, wenn er -auch im Philisterio sich nicht dem allgemeinen Staatswillen unterwerfen -würde, man hätte einen ewigen polizeilichen Conductor gehabt und -so manchen talentvollen Jüngling Deutschlands vor einem Unglück -bewahrt, das eine furchtbare Nemesis ihnen noch in seinen bürgerlichen -Verhältnissen auf den Hals geschickt hat, nachdem er in der Schule des -Lebens ganz anderes Sinnes geworden ist. -- Wahrlich! es giebt nichts -Thörichteres als bei unsern Deutschen staatlichen Einrichtungen von den -Sprudelköpfen unserer academischen Jugend das Mindeste zu fürchten. -Die Reichen sind ohnehin die Conservativen, da aber der +Mangel+ -die Leibfarbe fast aller unserer Candidaten ist, so tritt nach dem -Abgange von der Universität, vielleicht die ersten vier Wochen nach der -Rückkehr in das väterliche Haus abgerechnet, in welchen der Schneider -einen neuen Anzug zur Cour bei den Examinatoren angefertigt und von -dem Exburschen mit einigen seines Gleichen noch eine entsetzliche -Menge Bier zur Erinnerung an das verlorne Paradies vertilgt wird, --- ein solcher Katzenjammer, verbunden mit Examensangst, daß man -veranlaßt werden könnte, den ehemaligen Freiheitshelden für seinen -ehemaligen Hausphilister zu halten. Ja, ich glaube nicht, daß irgend -eine homöopatische Verdünnung existirt, welche der gleicht, die ein -Canzleidirector, Generalsuperintendent oder ein _collegium medicum_, an -dem allerkräftigsten demagogischen _fluidum_ eines sothanen Candidaten -durch ihre erste Anrede beschaffen. - -Allein in jener Zeit fing man die Sache verkehrt an. Entweder machte -man das Treiben der Deutschen Studenten, welche aus der reinsten, -edelsten Empfindung hervorging, lächerlich, oder man wandte zu spät -eine barbarische Strenge an, und schuf so -- +Zeloten+ und +Märtyrer+. -Von der Wahrheit meines ersten Satzes liefert der unglückliche Kotzebue -ein Beispiel, von dem Zweiten die Geschichte fast aller Verurtheilten. -Dabei ist aber nicht zu übersehen, daß die Schuld nicht eigentlich -an den Regierungen, sondern an dem zaghaften, eigennützigen und -schwachen Benehmen der meisten academischen Senate lag. Denn wenn die -Regierungen nicht das Treiben der Burschenschaft als eine unschädliche -Kinderei ansehen wollten, so war es die Pflicht aller academischen -Polizeibehörden, solches sofort auszurotten, was ihnen allerdings -möglich gewesen wäre, da nichts leichter auszukundschaften ist, als -die Verbindungen unter den Studenten. Anstatt dessen temporisirten -viele der Herren Professoren, zum Theil selbst vom demagogischen Kitzel -angesteckt, der aber nur so lange sie angenehm juckte, bis er auf das -Terrain der Selbsterhaltung kam, zum Theil ließen sie aus Furcht ihre -Zuhörer zu verlieren, fünf gerade sein, nahmen eidliche Versicherungen -der Nichtexistenzen von Verbindungen entgegen, deren Mitglieder ihnen -alle namentlich bekannt waren, und nur wenn ein mächtiger Erlaß von -Oben kam, übernahm es einer der Professoren, und zwar dann gewöhnlich -der rigoristischste, die von ihm selbst genährten und gesäugten -Schlachtopfer der Hand der Gerechtigkeit zu überliefern. - -Schon 1820 habe ich die Universität verlassen, nachdem ich das letzte -Jahr, fern von aller Verbindung, in Kiel zugebracht hatte. -- Daß -aber, (+das Verbot einer Verbindung im Allgemeinen ausgenommen+,) bis -1819, keine im Entferntesten strafbare oder gar hochverrätherische -Tendenz in den Deutschen Burschenschaften gelegen hat, dies glaube ich -später mit einer Abschrift der Protocolle, welche im Jahre 1818 zu Jena -abgehalten wurden, evident belegen zu können. - -Es ist ein komisches Ereigniß, das bei dem Wartburgsfest sich ereignete -und gar wenig bekannt geworden, zu referiren. Ich muß indessen vorher -bemerken, daß bei dem Vor- oder Nachtrinken, das Wort ein Gelehrter -einen halben Schoppen, ein Doctor einen ganzen Schoppen, ein +Rippel+ -etwa zwei Drittheil Flaschen, bedeutete, welches Vortrinken sich bis -zum Pabst hinauf, in einigen mir nicht mehr erinnerlichen Gradationen, -steigerte. +Rippel+ war aber auch ein Krug, welcher das angegebene -Quantum faßte und insbesondere in der Weberei von den hübschen Töchtern -credenzt wurde. Über den historischen Ursprung dieser Namen wußte -Niemand, selbst nicht die weibliche Ganymede etwas anzugeben. - -Als nun an dem Wartburgfeste die meisten Studenten dem Gottesdienst -beigewohnt, zum Theil auch das heilige Abendmahl genossen, sich sodann -unfern der Burg Luthers, in einen engen Kreis zusammengescharrt -hatten, um nach kurzem Gebet ihre Reden fortzusetzen, zertrennte auf -einmal ein Mann, angethan mit einem ins Schwärzliche übergegangenen, -ehemaligem weißen Flaus, in fliegendem Haar, gewaltig dicker Pfeife und -Quästen, welche Ahasverus auf Universitäten getragen haben mochte, den -engen Chor, indem er ausrief: - - »Wo sind die Heidelberger Burschen? - Die Heidelberger müssen mich sehen.« - -Mit einer Art Respect wichen die jungen Musensöhne dem sichtbaren -_cidevant studio_. Dieser aber hatte kaum die Heidelberger gefunden, -als er Stille gebot und mit Stentorstimme ausrief: - - »Kinder! ich bin »+Rippel+,« ich bin ein +Avantagewort+, ich bin - +Rippel+, nachdem die Heidelberger Bierkrüge +Rippel+ genannt - werden.« - -Die Wirkung dieses Ausrufs soll zwar höchst originell gewesen -sein, doch sollen nur die humoristischen Burschen über den ewigen -Cerevisianer gelacht, viele ihn arg geschmäht haben. - -Gegen Ostern 1818 erließ Jena abermals eine Einladung an alle -Burschenschaften und Landsmannschaften, zu einer allgemeinen -Burschenschaftsversammlung. Heidelberg wählte mich zu seinem -Großbotschafter und ich folgte diesem Ruf. Von Frankfurt bis Eisenach -reis’te ich mit Carrové, gegen den ich in meiner Verblendung eine -Menge Spottpfeile zur Vernichtung der Hegelschen Philosophie abschoß. -Unsere Gespräche waren ohne Resultat. Wahrlich! mein Freund Stieffel in -Carlsruhe hat Recht, wenn er sagt: - - »Ein Lehrer der Philosophie kann seinen Schülern, welche so gern in - der Vorstellung bleiben, die Sinnlichkeit nicht genug austreiben. - Wenn man sich es am Wenigsten ersieht und meint sie in einem - Luftballon der Erde entrückt zu haben, da sitzen sie im dichtesten - Rohr und schneiden Pfeifen.« -- - -In Gotha fuhr ich mit einem Hauderer in das Thor. Ein Unterofficier -trat an den Wagen, sah mich an und fragte dann nachlässig: »Doch kein -Von?« Ich antwortete sehr prägnant »+Zufällig ja+,« weshalb ich nun -eine Vernehmung _ad personalia_ bestehen mußte. Als ich Gotha verließ, -geschah dies zu Fuß, ohne daß man einen entfernten Versuch gemacht -hätte, zu erfragen, ob ich ein Edelmann sei. - -Als ich in Weimar angelangt war, fühlte ich das Verlangen, +Schillers+ -Grab zu sehen. Der Todtengräber verstand mich erst nicht als ich den -Namen des größten Deutschen aussprach. Endlich aber faßte ihn sein -Ohr doch auf, und er entgegnete: »Ach Sie meinen den Herrn »»+Hofrath+ -von +Schiller+,«« Ja der liegt hier. Der Herr +Hofrath+ muß sehr viele -Verbindungen in der Welt gehabt, in Geschäftssachen alle seine Kunden -sehr gut bedient und sehr viel Gutes gethan haben, denn alle Reisende -fragen nach dem Herrn Hofrath mehr, als nach allen Geheimeräthen.« -- -Damals wunderte ich mich, nachher habe ich in vielen Orten mehrere -solche Todtengräber kennen gelernt, welche ihre Schriftsteller nur nach -der Classe und Ordnung kennen, in welche sie das Linne’sche System des -Staats, die Rangordnung setzt. -- Aber in Weimar mag dies Ignoriren der -großen Geister überhaupt zu Hause sein. -- - -»Das Nächste liegt uns oft zu fern.« Erzählt man sich doch von der -Gemahlin des großen Göthe, daß sie bei dem Anblick eines Gedichts -ausgerufen haben soll: »Ach das sind Fehrsche (Verse) der Herr -Keheimerath macht auch +Fehrsche+.« - -Von Schillers Nicht-Denkmal zurückkehrend, ging ich in den Erbprinzen, -wo ich zum ersten Male in den Sächsischen Herzogthümern und zwar durch -Rebhühner meinen Hunger stillte. Damals kannte ich Jena noch nicht, und -hatte noch keine Ahndung davon, daß ich mich erst in Göttingen auf -meiner Rückkehr nach Heidelberg wieder satt essen wurde. Zwar muß ich -die +Pfannkuchen+ des alten Tyks in Kunitz ausnehmen, von denen ich -übrigens ein langer ausgehungerter Jüngling von Grenadiergröße, in der -Zeit des Wachsthums so übermäßig viel genoß, daß ich noch Jahre lang -nachher den Artikel +_omelette_+ auf den Repertoirs der Restaurants mit -der Hand bedecken mußte. -- Jetzt bin ich, wie überhaupt mit dem ganzen -Leben, auch wieder mit den Pfannkuchen versöhnt und rufe gar oft bei -dem Anblicke leider aus: »_quel bruit pour une omelette_.« - -Mein Dejeuner war beendigt, jetzt sollte ich zum Congreß. Bis jetzt -war ich wegen körperlicher Schwäche +gefahren+. Es schien mir aber -des Deputirten einer Deutschen Burschenschaft total unwürdig, zu -Wagen in Jena anzukommen, ich machte mich also auf die Wanderung, -überhaspelte, wie ich dies auch jetzt noch wol thue, aber besser -vertragen kann, meine ohnehin flüchtigen Schritte, bei welche mich die -in mich gesenkten Rebhühner nicht wenig incommodirten, und kam müde und -athemlos zu +Ketschau+, etwa auf der Hälfte des Weges von Weimar nach -Jena, an. Vorher aber hatte ich Sorge getragen mir das Ansehen eines -weitgereis’ten Fußgängers zu geben, indem ich meine ohnehin undeutsche -Polonica mit Chauseestaub bepudert, die seidenen Schnüre verdeckt und -ihnen eine gleiche Farbe, wie dem Tuche meines Habits verliehen hatte. --- - -Sehr willkommen war es mir daher, als ich vor dem Wirthshause ein -Wägelchen mit einem Pferde bespannt fand, dessen Kopf nach dem Wege -gerichtet war, der nach Jena führte. Ich fragte nach dem Eigenthümer -und, als ich ihn ermittelt, was er verlange, wenn er mich mit nach -Jena nehme. Auf seine Versicherung, daß er sich eine große Ehre daraus -mache, wenn ich einen Platz auf seinem Wagen einnehmen wolle, besah -ich mich im Spiegel, aus Furcht, noch zu aristokratisch philiströs -auszusehen, folgte aber, in diesem Puncte vollkommen beruhigt, der -Einladung. Ich lernte aber bald den Grund der Devotion des Fremden -kennen, sein Chaischen konnte nicht als Triumpfwagen eines, wenn -auch nur burschikosen Deutschen Bundesgesandten dienen, es gehörte -dem +Freiknechte+ Jonas. -- Hilf Himmel! das war ein Moment. Stolz -und Mitleid kämpften alsbald in mir. -- Auf einem solchen Karren als -Heidelberger Deputirter zu fahren, das wäre, sobald es ausgekommen, -ein unauslöschbarer Schimpf für meine Burschenschaft gewesen, ich -hatte ihr einen verächtlichen _characterum indelebilem_ angehängt, -das Ereigniß wäre zudem eine ewige Fundgrube schlechter Witze für -die Landsmannschaften in Heidelberg geworden. Denn damals war -_Jules Janins_ »todter Esel« noch nicht ins Leben gerufen und die -Lieblingslecture aller Damen geworden. Auf der andern Seite habe ich -immer das Vorurtheil gehabt keins zu haben, und stets die Ansicht -gehegt, daß es für den nur »Teufel,« »Mandarinen« und »Parias« gebe, -der daran glaubt. Ich wollte daher nach der gemachten Entdeckung nicht -den +Ganzmeister+ im Samariterwesen als +Halbmeister+ demüthigen, und -ihn nach der Erforschung seines Status nicht sofort verlassen. Habe ich -es doch nie über das Herz bringen können, undankbar zu sein! - -»Aber so hilf Dir doch, ein Deputirter, ein Diplomat, eine Eminenz,« -raunte mir mein Genius, dann aber die Idee zu, die ich sofort ergriff -und ausführte. - -»Mein Bein ist mir eingeschlafen,« hub ich an »ich muß mich ein wenig -vertreten und es Ihrem Pferde leichter machen. Doch will ich Ihnen -zuvor noch ein Histörchen zum Besten geben. Sie gehören einem Stande -an, in dem Liebe, Freundschaft und Ansehen weder durch Reichthum und -Fürstenlaune einem Cours unterworfen sind. Die Ehre, welche eigentlich -nur in der Meinung der Andern besteht, also eigentlich wie ein Buckel -keine Realität hat.« - -»Wie ist das mit dem Buckel zu verstehen?« fragte der Wasenmeister, -»Wie stehen die beiden Dinge in Verbindung?« - -»In der allernächsten,« versetzte ich, »Beide bestehen in der Meinung -Anderer. Denn da wir aus Erfahrung wissen, daß es keinen Bucklichten -giebt, der sich seiner Deformität bewußt ist, so sind wir im -Allgemeinen möglicher Weise auch dieser Selbsttäuschung unterworfen. -Wer steht sich selbst dafür, daß er nicht einen Buckel hat, wer -kann über die Ansicht eines Anderen gebieten, wer schafft sich eine -Anerkennung bei einem verblendeten Volke, das einmal annimmt, daß man -an Rückenüberfluß oder an Mangel an Ehre leidet? Hieraus ergiebt sich, -daß Ehre und Buckel keine Wirklichkeit haben, vielmehr nur in der -Meinung Anderer bestehen.« - -Der Freiknecht lächelte. »Aber Ihre Geschichte wenn ich bitten darf.« - -»Ja so! Sehen Sie, ich bin ein geborner Holsteiner. Bei mir zu Lande -nähren die klugen Halbmeister das Vorurtheil der dummen Leute, daß -sie nicht ehrlich seien. Sie riskiren nicht, daß ihnen irgend ein -Wollüstling ihre Tochter verführt und leben bei einem reichlichen -Erwerb lustig und in Freuden. Sie heirathen unter einander wie die -Fürsten und erhalten ihr Blut reichlich so rein wie diese. Als vor -etwa sechszig Jahren die humane Dänische Regierung diese Anrührigkeit, -welche dort auf ihrem Stande lastete, aufheben wollte, supplicirten die -Freiknechte: »»Seine Majestät der König möge doch von dieser Intention -abstehen, denn dann könne ja jeder +Esel+ und +Dummkopf+ Halbmeister -werden.«« - -Ich habe niemals mit einer Erzählung so viel Glück gemacht als mit -dieser. Freudenblitze schossen aus den Augen des Wagenlenkers, dann -folgte ein herzliches Gelächter, und diesem die Versicherung, daß er -nie eine so vortreffliche Historie gehört habe und zu Hause eilen -wollen, um sie Weib und Kind mitzutheilen. Ich aber verließ meinen -dankbaren Fuhrmann und pilgerte auf Jena zu. Endlich zeigte sich die -Ölmühle und hinter einer Staubwolke ein Rudel Burschen. -- Und hier mag -es der Ort sein, eine freilich schon von mir, wenn auch bis jetzt nicht -ganz getreu der Wahrheit gemäß, publicirte Anecdote unverschleiert zu -erzählen, welche lehrt, daß so gefährlich, ja tödtlich es sein mag, -viel Bier zu vertilgen, zuweilen doch Eine Flasche Einem das Leben zu -retten, wenigstens vor großen Unannehmlichkeiten bewahren vermag. -- - -Die Studenten sahen mir gleich das Congreßmäßige und die -Burschenqualität an, und ich wurde sofort nach dem in Jena herrschenden -Generalsmollis, mit einem »Lieber Kerl, wo kommst Du her?« empfangen; -als man aber hörte, daß ich ein Deputirter sei, wurde ich unter -Flötenton freudiger Lippen, halb als Arrestant, halb als Triumphator -auf den Burg-Friedrich (Burgkeller) gebracht, mir der möglichst -amphitheatralische Platz angewiesen, und zu meiner Labung eine -köstliche Biersorte versprochen. Jeder wollte dabei seine Geliebte -recommandiren. Bringt Wölnitzer -- Pfui doch! Schwerstädter -- nein, -Lichtenhainer -- warum nicht gar! -- Oberweimarisches Bier wird ihm -munden! Mit diesen und vielen andern ähnlichen Phrasen verwirrten die -Gastlichen den alten Wirth, »Vetter« genannt, bis dieser auf den Rath -seiner häßlichen Tochter sich beeilte, eine lebende Probekarte von -allen Bieren auf den Tisch zu stellen. - -Nun ging es an ein Untersuchen. Alle Krüge vergossen ihr Blut, und -marschirten an meine Mundküste, um sich von mir +köhren+ zu lassen. -Begierig tranken die einzelnen Blicke der Anhänger der verschiedenen -Sorten mit meinen Lippen, etwa wie die mütterlichen Augen auf den -Bällen mit den Füßchen ihrer Töchter tanzen. - -Da fiel mein Blick auf ein Dintenmäßiges schwarzes Cerevis, das, in -ein kleineres Glas geschenkt, verborgen, wie ein Bierveilchen blühte. -Sein Name war mir nicht genannt; als ich dieses aber, nachdem ich es -probirt, für das beste erklärte, schlugen meine Freunde die Hände über -den Kopf zusammen, und zum Erstaunen erfuhr ich, daß dieser schwere -starke Stoff nur den ärgsten Biersäufern zu munden pflege, daß mein -Geschmack um so mehr auffalle, weil ich von einer Universität komme, wo -derzeit immer Wein getrunken wurde. - -Während ich mich als diplomatische Person wegen meines Geschmackes zu -schämen anfing, erhielt ich plötzlich einen sanften Schlag auf die -Schulter von einem ziemlich ältlichen Burschengesichte, das durch -seine gelbe Farbe und Zusammengeschrumpftheit einem ledernen Schlauche -nicht unähnlich sah. Bei meinem Eintreten saß dasselbe still in einer -Ecke vor einem Kruge des dunkeln Biers, so daß durch die Fäden der -Erinnerung vielleicht meine Wahl einer gleichen Sorte bestimmt worden -war. »Du bist ein herrlicher Kerl,« scholl eine heisere, bald mit dem -Sprechenden verschwindende Stimme, begleitet von einigen leuchtenden -travestirten Blicken von Stolbergs altem Ritter. »Wer war das?« fragte -ich unheimlich ergriffen. Das ist der alte sogenannte »Peter General,« -belehrte mich mein Nachbar. - -»Nur seine abgöttische Verehrung des schwarzen Köstritzer Biers und -Dein diesem gespendetes Lob wird ihn zu dieser Zärtlichkeit gegen Dich -vermogt haben. Er kennt sonst keinen andern Beruf als Scandale (Duelle) -und besonders gegen junge Burschenschaftler anzuzetteln, steht dafür -aber auch bei allen Hallischen Teutonen und einigen blindschleichenden -Landsmannschaftern in großem Ansehen, bei denen er grade wegen dieser -moralischen Ansäuerlichkeit Alles vermag.« - -Als wir unsere Sitzung aufgehoben, eilten wir auf den Markt, der, -wie sein College der Neapolitanern, den meisten Jenaer Studenten als -Wohnung und Kaffeehaus diente. Hier wurde geraucht, conversirt, rappirt -und gesungen. Eine Kopfbedeckung war keine durchaus gewöhnliche Tracht, -ich habe Jenaer Studenten gekannt, welche sich diese Ausgabe drei -Jahre erspart, ja ganze Fußreisen durch das Fichtelgebirge in ihren -lang herab wallenden Haaren gemacht haben. Der Cynecker Diogenes hätte -überhaupt vielleicht hie und da Gelegenheit gehabt, seine Laterne auf -dem Jenaer Markte auszulöschen. - -Inzwischen hatten sich am Nachmittage wieder einige Bundestagsgesandte -ich glaube von Königsberg und Leipzig, eingefunden. Wir wurden von den -Kümmeltürken (eingeborenen Studenten) angestaunt und umringt, etwa wie -einst die Weißen von den Indianern, indessen dies doch größtentheils -nur mit jener Freundlichkeit und Herzlichkeit, welche nur den -academischen Jahren eigen ist, und die dem Menschen zu einem höheren -verklärt. - -Nur eine Ratte bewegte sich in Knäulform mit grinsendem und spöttischem -Gesichte, dem man weder Gastlichkeit noch Wohlwollen ansah. Der General -ihr geistiger Chef, war indessen nicht dabei. Es waren größtentheils -ehemalige Anhänger der Jenaer und andere Landsmannschaften auf fremden -Hochschulen, die burschikosen Titanen, welche der ihnen verhaßten, -damals souverainen Burschenschaft, auf alle mögliche Weise ein Drangsal -anzuthun suchten. Dazu bot sich nun die paßendste Gelegenheit, wenn -man einen der Gäste und gar einen Deputirten beleidigte. Ihr Blick war -auf mich, der ich, eine Hopfenstange über Allen hervorragte, gefallen, -worauf die malcontenten Verschwornen mir unvorzüglich nahten. - -»Ich kann vor der Heidelberger Burschenschaft keinen Respect haben,« -bemerkte nach kurzer Anrede A., ein Gießener, ziemlich laut prahlend, -»da Ihr einen Kerl unter Euch gehabt, der eine Gans gestohlen hat.« - -Und der wäre? - -»Ein gewisser O. aus X., ich will es ihm beweisen, daß er eine Gans -gestohlen hat.« - -O. gehörte nicht zu meinen nähern Bekannten, ich konnte es ihm füglich -selbst überlassen, diesen ihm angethanen Schimpf von sich abzuwaschen. -Allein die _levis notae macula_, welche A. der Heidelberger -Burschenschaft angethan, konnte ich nicht sitzen lassen. Ich foderte -ihn daher auf, zu erklären, daß wenn sich die Wahrheit seiner -Behauptung auch herausstelle, die Existenz eines räudigen Schafes in -unserer Heerde unmöglich unserer Burschenschaft präjudiciren könne. -Allein darauf wollte sich A. nicht einlassen. »Ich bleibe bei dem was -ich gesagt habe,« wiederholte er, »und wenn Du dadurch die Heidelberger -Burschenschaft touchirt glaubst, so kannst Du es nehmen wie Du willst.« --- - -»Du bist +gefordert+,« war meine nothgedrungene Antwort. Trotz meiner -nicht eben angenehmen Situation, mußte ich in dem Augenblick laut -lachen, was meinen mit seiner Suite scheidenden Gegner zu erbittern -schien. Mir kam nemlich das Einlagerrecht, in den Sinn, ein im -Westphälischen Frieden in Deutschland aufgehobenes und nur für die -Holsteinischen Lande reservirtes Institut, auch +Obstagium+ genannt. -Man verstand darunter die Verpflichtung, wornach der Schuldner -versprach, wenn er seine Zusage nicht erfüllen würde, auf erfolgte -Einmahnung, sich mit einem bestimmten Gefolge an einem gewissen Orte -einzufinden und denselben bei Strafe der Ehrlosigkeit nicht eher zu -verlassen, als bis er alles Versprochene geleistet haben würde. Auch -die Herzöge von Holstein konnten sich auf das Einlager verpflichten, -wenn sie aber ihre Verbindlichkeit nicht pünctlich erfüllten, so -durften sie sich remplaciren lassen und mußten alsdann Drei Räthe für -sie in eine Herberge einreiten, wo immer das +Einlager+ (das auch -deshalb das +Einreiten+ heißt,) gehalten wurde. Einer dieser Herrn -Räthe schien ich mir in dem Augenblick zu sein. - -Noch an demselben Tage erwählte ich meinen Sekundanten. Da ich aber nur -den Hieber, mein Gegner den Stoßdegen zu führen gewohnt war, so wurde -ein Pistolenduell unter ziemlich gefährlichen Auspicien beschlossen. - -Die Jenaischen Burschenschaftler fühlten sich tief über diese -Verletzung der Gastlichkeit an einem Deputirten gekränkt, um so -mehr jubelten aber ihre Feinde im Stillen, begeistert durch die -Ermunterungen ihres despotischen Generals. - -Eine Stunde vor dem Zweikampf ging ich über den Markt, woselbst mein -Gegner sich im eifrigsten Gespräche mit seinem Gelichter befand, das -auf mich, als auf einen Passagier nach Elisum zeigte. Aber siehe, -plötzlich traf mich der Blick des dermal anwesenden Generals. - -»Ist das Dein Gegner?« fragte er den bejahenden Nachbar. »Nun« sagte -er, »denn wird aus Eurem Kampfe nichts. Diesse Kehrl hät bi de erste -Pröv von twintig Sorten Beer dat schwarte Köstritzer för dat beste -erklärt.« (Dieser Kerl hat bei der ersten Probe von zwanzig Sorten Bier -das schwarze Köstritzer für das Beste erklärt.) - -Der General hatte nie so gesprochen, mein erstaunter Gegner aber -gehorchte mit jesuitischem Gehorsam. Er gab mir eine genügende -Erklärung und der General trank mit uns eine Flasche Köstritzer Bier -zur Versöhnung. - -Die Jenaer Philister waren mir von Thibaut ganz anders geschildert, -als ich sie fand. Dieser, welcher dort Professor gewesen, nannte -sie die demüthigsten Menschen, welche ihm je vorgekommen seien. Er -behauptete sogar, daß sie sich in der Anrede der Brieftitulaturen -bedienten, und die lernenden und lehrenden Mitglieder der Academie -mit »Ew Wohlgeboren, Ew Hochwohlgeboren und Ew Hoch und Wohlgeboren« -anredeten. Mir kamen sie keineswegs so demüthig vor, vielmehr wie -enthusiastisch liebende Jungfrauen, welche alle Thorheiten ihres -Liebhabers (hier der Studenten) vergöttern, oder besser gesagt, wie -reine Sancho Pansa’s, welche sich ganz nach ihren Don Quichotischen -Herren gemodelt haben. -- Als ich den alten Kneipier Senfft, in dessen -Hause die Burschenverhandlungen gehalten wurden, zum ersten Male mit -zwei anderen Deputirten sah, bat uns dieser um die Erlaubniß Eine -Frage an uns richten zu dürfen. Da ihm dies gewährt worden, erkundigte -er sich, was für Landsleute wir seien. Als darauf die Antworten »ein -Sachse, ein Kurhesse, ein Holsteiner«, ertheilt worden waren, versetzte -er gravitätisch: »Falsch geantwortet meine Herren! Sie sind alle -+Deutsche+ und das sollen Sie hier erst recht kennen lernen.« - -Der Jenaer Burgkeller bot insbesondere zur Zeit des Mittags- und -des Abendessens einen besondern Anblick. -- Wenn man in die Thüre -des Saales trat, der von einem großen Pfeiler in der Mitte getragen -wurde, sah man rechts an einem Tische einige Privatdocenten, welche -unter sich das kümmerlichste Mahl verzehrten was einem geboten werden -kann. Unter ihnen befand sich der Sohn Wielands. Dasselbe Diner wurde -dem Bruder Studio vorgesetzt, welcher die Mitte und den Hintergrund -des Saales einnahm, während die linke Seite von Bier und Branntwein -zechenden Philistern, größtentheils von Frachtfuhrleuten, besetzt war, -welche ungehindert ihren Kneller pafften, der sich mit den magern -Speisedämpfen zu einem, den Göttern gewiß nicht gefälligen Rauchopfer -vereinigte. -- - -Man speiste von zinnernem Geschirr, die Suppen erinnerten nicht, wie in -Norddeutschland, an einen Pfauenschwanz, höchstens an einen Cyclopen, -denn es war in derselben selten ein Fettauge zu bemerken. Die meisten -Teller boten auf der Kehrseite ein Studium für Alterthumsforscher. -_Condordia res parvae erescunt -- Gloria virtutis comes. -- Vivat -circulus fratrum Rhenanorum_, Elise ist ein Engel, gekreuzte Schläger, -Todtenköpfe. »Falsch ist Jena« »Vivat Jena!« »1763, 1785, 1800,« und -manche mehr oder wenig verwischte Inscriptionen, waren es die den -archäologischen Hunger viel mehr als den physischen befriedigten. Der -räthselkundigste Hosteiner hätte als Oedip auf dem Rathskeller ohne -Zuflüsterung nicht gerathen, daß das graue Zeug, welches man in Rüben -verhüllt ihm auftischte, +Rindfleisch+ sein sollte. - -Nach Tisch zog eine große Menge der Burschenschaftler gewöhnlich nach -Ziegenhain. -- Der Wirth war sehr tolerant und verzapfte sein, nach -meiner Meinung mit betäubenden Kräutern geschwängertes Bier fast Alles -auf Credit, jedoch mußte man den ersten Krug mit einem Groschen baar -bezahlen. Dieser Punct war ein präjudizieller. Daher riefen die oft -alles baaren Geldes entblößten Musensöhne, bevor man von dem Markt -zog: »Wer hat einen Spieß, daß ich mitgehen kann?« Und fast immer fand -sich ein Freund in der Noth. --- Sobald aber alle gehörig mit einem -Spieß bewaffnet waren, ging es im lauten Gesange auf das Dorf. Die -Landsmannschaftler zogen nach Lichtenhain, wo eine Cerevisia, freilich -sehr im Anderssein der meinigen haus’te und dermalen ein Bierkönig -»+Thus der achte+« regierte. Ich bin nie dort gewesen. Abends zog der -Schwarm brüllend heim, am andern Morgen aber erinnerten die blassen -Gesichter der Bierhelden, welche nicht so frisch wie die Walhallahelden -aufgestanden waren, an die Theriakisten, (Opiumesser) der Türken. - -Die Jenaer Burschenschaft, so arm sie auch war, bewirthete die -Deputirten auf eine höchst gastliche Weise. Jeder theilte sein Logis -mit den Burschen, welche sich zum Congreß eingefunden hatten, es -wurde nicht allein den Deputirten während ihren ganzen Aufenthaltes -freie Kost gereicht sondern demselben an den Sessionstagen sogar eine -Flasche Würzburger vorgesetzt, eine so rührende Gastlichkeit, daß sie -selbst die Säure des Weines überwand. Ja man ging soweit innerhalb des -Umkreises von einer Meile jeden Deputiten zu signalisiren und jedem -Wirth bei Strafe des Verrufs zu verbieten, von einem Deputirten Zahlung -zu nehmen. -- - -Mir fiel oft das Sprichwort dort ein -- »Ein Engel löffelt mit dem -Andern.« - -Unter den Deputirten waren Leute, die jetzt einen ausgezeichneten Namen -und bedeutende Stellungen sich erworben haben. Obgleich ich es für ganz -unpräjudicirlich für sie halte, dieselben namentlich aufzuführen, da, -wie ich bereits erwähnt habe, die Acten ergeben, daß jene Versammlung -nur das Gas entwickelte, welches alle Fürsten Deutschlands von -Napoleonischem Drucke befreit, daß die Idee eines Deutschen Bundes -in das Leben gerufen hat, und daß die Fürsten um Gotteswillen zu -conserviren haben, so scheue ich doch jeden Vorwurf einer Indiscretion, -und will mich daher begnügen hier nur zweier zu erwähnen, die jetzt -schon in zweiter und letzter Instanz gerichtet sein werden. Es sind -dies +Loresen+ und +Sand+. Der Dänische Canzleirath Loresen war damals -von Kiel deputirt. Ein blonder, breitschulteriger Insulaner imponirte -er mehr durch seinen Körper, seine Gutmüthigkeit als durch seinen -Geist. Man kam in Versuch diesen kräftiger zu halten als er war und es -ist mir ohne allen Zweifel, daß alle seine nachherigen Schritte, von -denen ich übrigens keinesweges unterrichtet bin, von ihm nur auf fremde -Einflüsterungen gethan sind. -- Überhaupt ist es nicht zu leugnen, daß -die Deutschthümlei in jener Zeit sowohl im guten wie im bösen Sinne -über die Maaßen einseitig und oft nur zu Werkzeugen Anderer machte. -Gewiß paßte auf Viele damals der bekannte Satz: - - »Du glaubst zu schieben und Du wirst geschoben.« - -Ein ähnlicher Character war der +Sands+. Die Ermordung Kotzebues war -lächerlich und deutet hinlänglich auf die partiale Schwachköpfigkeit -des unglücklichen Mörders. Und dennoch war viel Edles und Großes in -ihm verborgen. Nicht ohne Rührung sind folgende Worte zu lesen, die er -mir in das Stammbuch schrieb, als ich voll heiterer fast französischer -Laune ihm das Epigramm beim Abschiede geweiht hatte: - - Lieber Freund, wer Dir vertraut, - Der hat auf keinen +Sand+ gebaut. - -Sand, dem alle Scherze fatal waren, und den ich wenigstens nie lächeln -sah, antwortete darauf diese ernste Worte: - -»Die Kraft, jegliche die Du hast, ist dem Vaterlande, damit du ihm -selbst heimbezahlen die unerlösliche Schuld für Sprache, Sitte und -Erziehung für den Boden, worauf Du groß geworden bist und auf welchem -Du Deine Thaten üben willst, für Alles was Du von ihm hast. Dieses -wollen wir wohl bedenken, -- aber wollen wir dann noch Wohlgefallen -haben an der bisherigen Kleinheit, oder suchen wir wieder die Größe und -Erhabenheit der alten Zeit? Soll uns endlich das ganze deutsche Land -zum Tummelplatze werden, und wollen wir uns eines Volkes erfreuen, daß -nach altem Brauche den mächtigen Schiedsrichter in Europa zu machen, -berufen ist?« - -Wir haben Ja gesagt und wollen dem nachleben. -- - - Jena, am Burschentage vom 29. März - bis 14. April 1818. - Dein deutscher Bruder +Carl Sand+, - G. G. B. aus dem Fichtelgebirge. - -Merkwürdig war es, daß, als ich Sand Lebewohl sagen wollte, ich -denselben auf seinem Sopha liegend fand. Er schien eine Anwandlung von -Pleuresie zu haben, denn er griff mit der Hand krampfhaft in die Seite -und rief mir zu: »Lebewohl! ich sterbe an diesem Stich in der Brust.« -- - -Als ich in Weimar den Postwagen bestieg um über Göttingen den Rückweg -nach Heidelberg zu machen, war mein Mitpassagier der Sohn Kotzebue’s, -den allerhand Spöttereien welche man aus Rache seinem Vater, ich -glaube bei einer maskirten Schlittenfahrt, angethan hatte, von Jena -vertrieben hatten und der Deutschland verließ, um seine Studien in -Dorpat zu beendigen. Er war ein liebenswürdiger Mensch und ist eine der -angenehmsten Bekanntschaften meines Lebens. - -Während ich diese Memoiren schreibe und nach einem von mir entworfenen -Schema die einzelnen Begebenheiten zu einer Schnur zusammen reihe, -komme ich mir vor wie ein Fährmann der bereits vom Ufer abgestoßen -ist, von demselben her aber noch immer ein »Heda! nimm mich doch auch -mit!« vernimmt. Die Erinnerungen tauchen in mir zu Hunderten auf, -ich muß alle Augenblick verneinen um nicht gar zu viel Überfracht -zu bekommen. Mir wird dabei ängstlich, wie einem Reisenden, der auf -der Schnellpost reiset und nur 30 lb. an Bagage frei hat. Und was -zeigt sich da meinen Blicken? Nichts weniger als ein Todter, ein -Leichenhemd. Eine Geistergeschichte, die, weil sie erlebt ist und -wahrscheinlich noch von einem Lebenden außer mir documentirt werden -kann, wohl berechtigt ist, noch als Passagier in das Schiff meiner -Erzählung zu steigen. -- Das ganze ist eine sogenannte Vorahnung -worin ich überhaupt ziemlich stark bin, obgleich ich sonst nicht zu -den Sonntagskindern gehöre. Das mag indessen in meinem Blute liegen. -Träumte doch meinem ältesten Bruder, Peter von Kobbe, dem Historiker, -einem dreizehnjährigen Knaben, in der folgenden Nacht, da sich das -Ereigniß im mittelländischen Meere zugetragen hat, die Schlacht bei -Trafalgar, (mit Ausnahme dieses Namens) der Tod Nelsons, die Zahl der -von ihm eroberten Schiffe, das Datum der Schlacht, die Nummer des -Hamburger Correspondenten worin diese gemeldet wurde, und der ganze -Artikel, welcher den Sieg und die Himmelfahrt Nelson’s enthielt. Sah -er doch in Itzehoe in dem Hause der Generalin +Hedemann+ einen -Tag vorher die Leiche eines Knaben in jedem Zimmer, der am andern Tage -aufgefischt und in das Haus der Generalin gebracht wurde. Mein Bruder, -ein Mann von seltener Gelehrsamkeit, der als rühmlichst bekannter -Geschichtsforscher dem legitimen Princip ergeben ist, hat für seinen -Kaßandratact die Undankbarkeit der Fürsten erfahren, welche ihm ehren -sollten, wie keinen seines Gleichen, und ihm ein Prytaneum bauen. Ich -bin aus zu luftiger Construction, weder für Aristokraten noch für -Democraten recht brauchbar, aus viel Respect gegen den Himmel und aus -viel Verachtung gegen die Erde zusammengesetzt und daher ein Humorist -geworden, oder besser gesagt, geblieben, habe übrigens meine Qualität -als Geisterseher, wovon ich noch einige andere merkwürdige Beispiele -erzählen könnte, wahrscheinlich für dieses Leben verscherzt. Erzogen -von einem frommen Großvater im sogenannten Mysticismus, wofür ich -übrigens Gott als Poet noch auf meinen Knieen danke, habe ich alle -meine Sonntagskindseigenschaft durch eine ganz im Ernste gemeinte -Bemerkung meines Freundes v. St. verloren, welcher kurzsichtig war und -nach einer Relation mehrerer Geistergeschichten in einem Kreise von -Freunden sich höchst naiv über seinen Mangel an Aperception von solchen -Dingen mit den Worten darüber beklagte: »Ich kann leider! keine Geister -sehen, weil ich einen Geist nicht von einem Bettlacken zu unterscheiden -vermag.« Seit dem heftigen Gelächter, worin ich damals über diese -_crassa minerva_ ausbrach, bin ich kein Seher mehr, sondern nur -noch höchstens ein Fühler geworden. Ich fordre den Buchhändler Herrn -Berndt zu Oldenburg hiemit zum Zeugen auf, ob ich ihm nicht im Jahre -1832 als eine Neuigkeit erzählt habe, +daß ich innerhalb drei Tagen -ein Bein brechen würde+. Am zweiten Abend hatte ich durch ein bloßes -Ausgleiten die _tibia_ zersprengt. -- - -Vielleicht hätte ich übrigens Restitution als Geisterseher bekommen. -Allein ich habe einen zu rationalistischen Weg eingeschlagen, der mich -bald ganz um meine Swedenborgschen Eigenschaft bringen wird. Da nämlich -der Zufall mich auf alle Weise chicanirt, habe ich mich entutirt, -denselben zu besiegen. Ich habe ihn lieb gewonnen, wie Richard Savage -seine grausame Mutter, ich lasse nicht von ihm, ich erscheine ihm bald -als Berliner, bald als Braunschweiger, bald als Osnabrücker, d. h. ich -spiele häufig in der Lotterie, und verwende alle meine Sehergaben dabei -um einen großen Gewinn zu ergattern. Ja, mein Streben geht soweit, daß -wenn ich in stiller Mitternacht zu meiner _villa_ kehre, welche vor -dem Heiligengeistthore unfern des Kirchhofes liegt, und den Todtenweg -hinunter wandre, auf dem es bekanntlich in dieser Stunde nicht recht -richtig ist, -- -- sobald mir irgend ein Geist begegnet, sei es ein -edler Hingeschiedener im unversehrten Todtengewande oder nur so ein -Lump in der Form des Bettlakens, ich sogleich rufe: »Bester! oder -Beste, welche Nummer in der Preußischen oder in der Braunschweigischen -Lotterie wird das große Loos gewinnen?« Die Verstorbenen müssen -allerhöchste Ordre haben, auf diese epinöse Frage, vielleicht aus -Furcht, daß der souveraine Zufall sie doch nachher blamirt, nicht zu -antworten; sogleich wenden sie sich. Wenn man darauf losgeht sind -sie verschwunden und man muß sich Mund und Augen wischen, in denen -sich dann höchstens von der ganzen Erscheinung, noch etwas alter -Weibersommer befindet. - -Doch zur Sache. -- Ich logirte in Jena bei zwei Gebrüder B. aus -Mecklenburg, welche in der Apotheke am Markt wohnten. Eines Tages -ging ich mit Sand und einem Andern, dessen Name mir entfallen ist, -ich glaube aber es war der jetzige Professor +Leo+ in Halle über das -_forum_ vor das Thor, um einen Platz zu suchen, wo wir am 3. März zur -Feier der Einnahme von Paris eine Eiche pflanzen wollten, welches -auch an dem fraglichen Tage mit großer Feierlichkeit vollführt worden -ist. Ich beklagte mich, daß der Taback schlecht sei und daß ich um -mich Sächsisch-Weimarsch-Eisenachsch auszudrücken, den +Lausewenzel+ -nicht mehr +bleffen+ möge. »Ei!« bemerkten meine Begleiter, »wenn Du -sechs gute Groschen für das Viertelpfund anwenden willst, so gehe nur -in den Kramladen da, dicht neben der Sonne, da kannst Du Hamburger -+Justus+ bekommen.« »Hängt!« (das lateinische _accipio_) entgegnete -ich burschikos und ging in das mir bezeichnete Kaufhaus, worin sich -der Krämer mit seinem Lehrburschen befand. Die Anderen warteten meiner -draußen. -- - -Ich foderte den mir bezeichneten Taback. Der Kaufherr erklärte mir, -daß die fragliche Sorte auf dem Boden liege, daß er sie mir holen -wolle. Aber in demselben Augenblicke sah ich diesen guten Mann als -+Leiche+ auf einem Paradebett. Die Vision schwand indessen sogleich und -beängstigte mich eben auch nicht sehr, denn es war heller Mittag. -- - -Nichts desto weniger bemerkte ich dem Ladenjungen: »Geben Sie Acht Ihr -Herr stirbt bald.« »Ei warum entgegnete dieser, er ist ja kerngesund.« -»Er ist so corpulent,« versetzte ich, hiedurch Entscheidungsgründe für -mein Gottes-Urtheil suchend. - -»O das hat nichts zu bedeuten,« versetzte der Lehrling. »Ich kenne den -Herrn schon seit vielen Jahren, er hat immer so ausgesehen.« - -In dem Augenblicke kam der Kaufmann und überreichte mir das Paquet -Taback. Ich zahlte, glotzte ihn noch einmal an und fühlte nun wohl daß -ich mich total geirrt hatte. Er sah in der That kerngesund aus. - -Wenn man im Norden einen Bauer fragt: »Freund! wie weit habe ich bis -zu X.?« so hört man nicht selten die Antwort: »Eine Pfeife Taback.« Es -wird von den Antwortenden darunter eine gewisse Zeit verstanden. In -diesem Sinne kann ich von einem Viertelpfund Taback weiter referiren. -Ich blies meine letzte Pfeife nach wenigen Tagen aus dem zweiten Stock -der Jenaer Marktapotheke in die Luft, als ich vor dem bereits erwähnten -Kramladen, dicht an der Sonne, einen Leichenzug halten sah. - -Ich gestehe, nie in meinem Leben von einer solchen innern Angst -ergriffen worden zu sein, als an dem fraglichen Nachmittage. »Seht -Ihr,« rief ich aus, abermals eine Vision wähnend, mit dem Finger nach -dem Kramladen zeigend, »seht Ihr was dort vorgeht?« - -»Es ist ein Leichenzug,« war die, aus dem Munde der Gegenwärtigen -einstimmig hervordringende Antwort. - -In Bremen lebt ein geistreicher Schiffsmackler Namens +Heineken+, der -erste und vielleicht der einzigste, welcher nach einem Compaß von -Schwedisch nach Russisch Lappland gesteuert ist. Zehn Tage und zehn -Nächte hat derselbe sich mit gefrorner Milch und Fleisch vom Rennthier -und mit Branntwein genährt, und schon die Hoffnung aufgegeben, je -wieder menschliche Wohnungen in diesen Schnee- und Eisgefilden zu -finden, als er endlich am eilften an einem Tannengehölz gekommen ist, -aus dem ein Hundegebell ihm die Nähe von bald gefundenen Menschen -verkündigt hat. »Nie,« pflegte er oft zu sagen, »hat mich eine -menschliche Stimme, nie der Ton einer Sängerin so entzückt, wie dies -Wau-Wau eines unvernünftigen Thieres.« - -So war auch mir zu Muthe, als ich merkte, daß meine Erscheinung kein -Spuck sei, sondern diesmal wirklich Realität hatte. Neugierde und -Tabacksbedürfniß führten mich indessen noch an demselben Tage in das -Haus des Krämers, dessen Tod mir die Nachbarn bestätigt hatten. Im -Anfang gab der Bursch mir sorglos die verlangte _herba nicotiana_; -als ich ihn aber an meinen prophetischen Spruch erinnerte, wurde er -kreidebleich und rief aus: »I Herr Jesus es ist wahr, Sie haben den -Tod meines Herrn vorausgesagt, er ist noch an demselben Abend, da Sie -zuletzt hier waren am Schlagfluß gestorben.« - -Ich überlasse die nähere Anatomie dieser Geschichte den Medizinern, -Philosophen und selbst den, bald hiezu berechtigt werdenden -Wassertrinkern, wahr ist sie auf Cerevis und Ehrenwort. Überhaupt -lüge ich nie, habe es auch nicht nöthig. Denn warum? Es wäre dies -ein abscheulicher Luxus. Mir passirt Gott sei Dank! und Gott leider! -vielmehr, als sich die tollste Fieberphantasie auszubrüten vermag, und -vor allen auf Reisen; ich brauche oft nur das Erlebte zu schildern um -zu riskiren, daß man mich für einen Münchhausen hält. Zwar gilt von mir -auch der Göthische Vers: - - »Das Geisterreich ist nicht verschlossen; - Dein Sinn ist zu, Dein Herz ist todt, - Auf Schüler! bade unverdrossen - Die ird’sche Brust im Morgenroth.« - -Ich bin vigilant und _Vigilantibus_, »_jura sunt scripta_« sagen -wir Juristen. Zudem versäume ich nicht leicht eine Gelegenheit, um -meinen Abentheuerschatz zu bereichern. Wenn ich reise und es bricht in -dem Orte wo ich mich befinde, sei es auch in der weit entferntesten -Vorstadt, Feuer aus, so stehe ich auf und eile hin, wie ein guter -Landesherr, weil ich mich für einen humoristischen Prinzen von Geblüt -ansehe, dem zu Ehren das Feuerwerk gegeben wird. - -Hiebei fällt mir wieder eine Erzählung aus dem Philisterio ein, die an -das Unglaubliche gränzt und meinen Satz schlagend bewahrheitet. Also -wieder ein Passagier der in mein Schiff springt. - -Ich besitze das Talent, so ziemlich jeden Dialect zu copiren, und ein -wie schlechtes musicalisches Ohr ich auch habe, so scharf und sicher -höre ich doch aus jeder Rede des einzelnen Deutschen den Ort seiner -Geburt oder besser gesagt, seiner Erziehung, und bin dabei im Stande -die meisten gehörten Idiome zu reproduciren. - -Hiebei will ich eine Historie zum Besten geben, welche der -Vergangenheit entrissen zu werden verdient. -- - -Vor ungefähr 6 bis 8 Jahren saß ich in den Gasthof _hôtel de Russie_ in -Oldenburg an der _table d’hôte_, mir zur Rechten der noch lebende Agent -Herr +Jürgens+, am Ende der Tafel ein Hannoverscher Officier Herr Major -+Magius+, welcher mit seinem Nachbar sich über Paganini unterhielt. - -»Können Sie nun wohl rathen, was der Officier für ein Landsmann ist? -raunte mir mein Nachbar zu.« -- - -Ich besann mich, auf die Rede des Majors horchend, dann aber sage ich: -»Der Herr spricht wie ein +Lübecker+.« - -»Wollen Sie eine Flasche Wein darauf wetten?« lächelte Herr Jürgens -scherzend. - -»Die ist gehalten,« entgegnete ich. - -Ich wartete nun bis Herr Magius einen Punct in der Rede hatte und bat -ihn dann da wir eben eine Wette gemacht hätten, um Bescheid was er für -ein Landsmann sei. - -»Das werden Sie nun und nimmer rathen,« versetzte der Herr Major -ablehnend, und gab dann eine Menge, mich freilich nicht von meiner -Juryüberzeugung abbringende Gründe an, weshalb es unmöglich sei, daß -ich seine Heimath errathe. Mir ist nur der, seines längern Aufenthaltes -in Italien vor allen noch erinnerlich. -- - -Endlich schloß der Redner: »Ich will Ihnen nur sagen, daß ich ein -geborner +Lübecker+ bin.« - -»Ich danke Herr Major! ich habe meine Wette gewonnen.« - -Während mein Treffer dem Herrn Magius wol etwas magisch vorkommen -mochte, ich hingegen mich des Triumphzuges meines Steckenpferdes -freute, erhob sich ein jüdischer Kaufmann, welcher mir die viel -kitzlichere Frage stellte ob ich wol merken könne woher er denn sei. - -Das war eine sehr schwere Nuß. Man weiß, daß der Dialect der Juden eben -so selten wie ihr Herz an einer Provinz gebunden ist, und wenn der -Frager auch zu den Gebildeten seines Volkes gehörte, so war er doch -nicht frei von der mosaischen Pronunciation. -- Indessen gab ein Gott -mir doch folgende Antwort in die Seele: - -»Ich kann aus Ihrem angebornen Dialect nicht recht klug werden. Bald -reden Sie wie ein Nordhesse, bald wie ein Hamburger.« - -»Wunderbar!« rief der besiegte Sphinx, »Ich bin in Bückeburg geboren -und erzogen, allein seit zehn Jahren in Hamburg etablirt.« - -Mit diesem Knalleffect ist meine Geschichte noch nicht aus. - -Sie kam mir nämlich etwa anderthalb Jahre später, an einer Abendtafel -in demselben Hause, als von Dialecten die Rede war, wieder in den Sinn. -Ich erzählte sie den um mich her sitzenden Oldenburgern. - -Der Obergerichtsanwald Herr +Hahne+ bemerkte scherzend, daß man wol -daran gewöhnt sei, nie eine Unwahrheit zu hören, daß diese Geschichte -mit dem Bückeburger Juden doch zu sehr in das Gebiet des Unglaublichen -gehe, und wenigstens auf einer Täuschung beruhen müsse. - -Leider war Herr Jürgens nicht zugegen. -- - -Die Möglichkeit eines Zweifels an meiner Rede jagte mir das Blut in das -Gesicht. -- - -Das Roth aber ist die Farbe der Schuld wie der Unschuld. Es ist die -Leibfarbe des Defensors wie des Anklägers. - -Man schien dem meinigen eine böse Deutung zu geben. - -Der Gedanke war höchst peinigend. - -Da erhob sich ein _deus ex machina_ im Hintergrunde an der Wirthstafel. - -»Ich kann die Geschichte eidlich bezeugen,« rief es aus, »sie ist mir -passirt.« -- Und siehe! ich erkannte meinen bis dahin nicht beachteten -Bückeburger-Hamburger, dessen Persönlichkeit bereits aus meinem -Gedächtniß desertirt war. - -Schon während der ersten Tage meiner Ankunft in Jena war Wit v. Dörring -als Fuchs dort angelangt. Es waren schon unterweges Zeichen und Wunder -mit ihm geschehen, man hatte ihm in Erfurt seinen ganzen Wechsel -gestohlen. - -Dieser rubricirte Exdemagoge, der in den neuern Zeiten eine so -verschiedene Beurtheilung erfahren hat, verrieth schon in seiner -Jugend seltene Anlagen. In seinem vierten Jahre hielt er vor seiner -vortrefflichen, jetzt verstorbenen Mutter ganze Predigten aus dem -Stegreife. Seine Mitschüler, zu denen ich auch gehörte, liebten ihn. Zu -allen Aufopferungen bereit, zeigte er ein liebenswürdiges Herz. Sein -Hang zum Mysticismus aber blieb in seiner Seele und er redete oft -wie ein Missionär. Das aber verdroß den alten Doctor +Gurlitt+, der -damals Director des Johannei in Hamburg war, welches Wit von Altona aus -frequentirte. Gurlitt sprach oft von orthodoxen Rindfleischseelen, und -pflegte die Mystiker Hechte zu nennen. - -Ein Tag in jedem Monat war zu öffentlichen Redeübungen in den -verschiedenen Sprachen bestimmt. Wit hatte das Thema: »Wer die Gottheit -fassen will, der ist verloren,« gewählt und sprach mit ergreifenden -Worten, aber manche dunkle Deutung war in seine blumenreiche Rede -gewirkt. Mit komischem Ernste betrachtete ihn der alte Schulmonarch. -Zitternd ging er zu ihm als er geendet hatte, und eine große Thräne -entperlte den Augen des gutmeinenden Greises. »Liebes Kind, ich fürchte -am Ende, Sie glauben an den Teufel?« rief er bebend. »Ja, Herr Doctor,« -versetzte Wit sich verbeugend: »den lasse ich mir nicht nehmen!« »Armer -junger Mensch,« versetzte Gurlitt betrübt: »wie oft werden Sie noch die -Alten vertiren und revertiren müssen, ehe Sie zur richtigen Ansicht in -der Religion gelangen!« - -Nach wenigen Tagen hatten sich sämmtliche Abgeordnete eingefunden. -In dem Burschenhause, dessen Wirth der altdeutsch gewordene +Senft+ -war und zu dem man durch ein enges Gäßchen vom Markt aus geht, wurden -unsere Versammlungen vom 29. März bis zum 3. April 1818 gehalten. Wir -saßen an einem Tisch der mit schwarzem Tuch behangen, welches mit -goldenen und rothen Frangen, unsern Farben, verbrämt war. Die Sitzungen -waren öffentlich, doch trennte eine Barriere die Deputirten von den -Zuhörern, welchen zwar auch zu reden vergönnt war aber erst dann, wenn -der Präsident ihnen das Wort bewilligt hatte. -- - -Vor zehn Jahren habe ich die Verhandlungen, welche ich der Heidelberger -Burschenschaft übergeben, ohne daß ich eine Abschrift davon behalten -hatte -- in einem kleinen Hannoverschen Ort, bei einem jungen -Staatsdiener zu meiner großen Freude wiedergefunden und zum Geschenk -erhalten. Ich stehe nicht an dieselben mitzutheilen, theils um jene -Gerüchte zu wiederlegen, als habe jener Burschencongreß die geringste -revolutionäre Tendenz gehabt, theils um darzuthun, daß man im Anfang -durch Mißgriffe die Studenten wie schon erwähnt zu Zeloten und -Märtyrern gemacht hat. - -Wahrlich! ich verpflichte mich unter Garantie meines Kopfs, eine ganze -Universität von funfzehnhundert Studenten, in der besten Ordnung in -der loyalsten Stimmung und ferne von jeder Aufregung zu halten, ihre -Phantasie zu beschäftigen ohne sie zu verbrennen und durch die Burschen -fortwährend selbst von ihren geheimsten Gedanken in Kenntniß gesetzt -zu werden. Aber man muß auch das Gemüth haben auf die Jugend zu wirken -und sie ruhig gewähren lassen, wenn sie in die Sackgassen der Phantasie -laufen. Sie kommen schon von selbst zurück und schlagen dann beschämt -die Augen nieder. - -»_Pueri sunt pueri, pueri puerilia tractant._« - - - - -Beglaubigte Abschrift der Protocolle, gehalten in der -Abgeordneten-Versammlung zu Jena. - - -+=Protocoll,=+ - -+gehalten in der Versammlung der Abgeordneten verschiedener Deutscher -Hochschulen, zu Jena am 29. März 1818.+ - -1) Es wurden die Vollmachten der durch Abgeordnete an der Versammlung -Theil nehmenden Hochschulen Berlin, Halle, Heidelberg, Jena, Kiel, -Königsberg, Leipzig, Marburg und Rostock, mündlich oder schriftlich -bekannt gemacht. - -2) Veranlaßt durch die Abgeordneten des Berliner Burschenvereins -und den erwählten Abgesandten derjenigen nicht verbündeten Berliner -Burschen, welche auf ihrer Hochschule eine allgemeine Burschenschaft -nach Zweck und Form gegründet sehn wünschen, entstand die Frage, ob der -Abgeordnete des Letztern eine entscheidende Stimme haben könne, welche -Frage durch Stimmenmehrheit mit »nein« beantwortet wurde. - -3) Wurde von den sämmtlichen stimmenfähigen Burschenabgeordneten, -erstens R. aus Jena zum Sprecher, zweitens W. zum Schreiber in den -Versammlungen gewählt. - -4) Nach einer Ermahnung von R., den Zweck der Versammlung im Auge -habend, Ruhe, Ordnung und Bestimmtheit zu zeigen, wurde beschlossen, -alle Verhandlungen nach Stimmenmehrheit zu entscheiden, und vom -Sprecher rechts abzustimmen, jedoch mit Vorbehalt, daß alle Beschlüsse -nur dann gültig wären, für die Hochschulen, wenn sie sich mit den -Vollmachten der Abgeordneten derselben vereinigen ließen. - -5) Wurden die angekommenen abschlägigen Antworten von einigen Deutschen -Hochschulen verlesen. Göttingen, Tübingen und Erlangen hatten entweder -keine Abgeordnete stellen wollen oder können, und dieß schriftlich -erklärt. - -6) K. aus Heidelberg forderte auf Vergessen aller Selbst und -Partheisucht, den großen Zweck der Versammlung zu erfassen und in -reiner Liebe zum Wahren und Guten so zu reden und zu handeln, wie jeder -es verantworten könne vor Gott und seinem Gewissen. - -7) Wurden die Angelegenheiten der Halleschen Burschenschaft, an sich, -und in Verhältniß und Gegensatz der sogen. Sulphuria verhandelt. Es -wurde beschlossen, daß diejenigen, welche sich mit ihrem Ehrenworte -verpflichtet hatten, wegen der Unterdrückung der dortigen Teutonia -Halle zu verlassen, nachher aber diese Verbindlichkeit nicht erfüllten, -weil manche Gründe zu ihrer Entschuldigung vorhanden waren, nicht -streng nach den Buchstaben des Gesetzes gerichtet werden sollten, -sondern alle die von ihnen als ehrliche und wehrliche Burschen -anzuerkennen wären, deren Entschuldigungsgründe von der Halleschen -Burschenschaft als triftig entweder schon anerkannt wären, oder noch -würden, sie aber durch eine von der sämmtlichen Versammlung des -Abgeordneten zu unterschreibende Urkunde ihrer Übereilung und ihres -Leichtsinnes wegen eine Rüge erhalten sollten. Hierdurch wurde zugleich -die Hallesche Burschenschaft, in welcher sich einige von den genannten -Burschen befanden, als rechtmäßig anerkannt. - -+Anmerkung.+ K. aus Heidelberg bat zu bemerken, daß er deswegen -vorzüglich auf Anerkennung und Verweis gestimmt habe, weil K. die -Versicherung gegeben, daß ihm von einem ehemaligen Teutonen gesagt -sei, er habe an dem bekannten Abende einige Hallesche Burschen blos -zu einer +bedingten+ Unterschrift aufgefordert. K. meinte daher, daß -dieses von einem jeden gehört sein könne, oder auch von denen, die es -gehört hätten, verbreitet, also die Präsumtion für Straflosigkeit sei, -und ein Verweis genüge. - -Die Halleschen Sulpfuristen betreffend, wurde durch Stimmenmehrheit -ausgemacht, daß, da die von ihnen am meisten Beleidigten um Milde für -sie baten, ferner wohl zu wünschen stand, daß auch in Halle wiederum -ein kräftiges und einiges Burschenleben sich gestalte und gedeihe, -ihnen eine allgemeine Verzeihung und Erlösung vom Banne gewährt werde, -wenn sie folgende Bedingungen eingehen würden: - - _a_) Daß sie nach Namhaftmachung aller ihrer Mitglieder mit dem - Ehrenworte sich verbürgten, die unter ihnen bestehende Verbindung - aufzuheben. - - _b_) Sich verpflichteten, die Hallesche Burschenschaft und ihren - Brauch anzuerkennen. - - _c_) Sich gefallen lassen wollten, daß bei dem Wunsche einzelner, - von ihnen, in die Hallische Burschenschaft, oder in eine auf andern - Hochschulen bestehende Verbindung einzutreten, über diese erst - abgestimmt werde. - -+Anmerkung+ _a_) K. von Heidelberg erklärte, daß er im Namen seiner -Burschenschaft den Verruf nicht eigentlich aufheben könne, indem -derselbe bisher von ihr noch nicht ausgesprochen sei, und zwar aus dem -Grunde, weil Heidelberg noch nicht im Cartel mit Halle, beschlossen -habe, die Sache selbst zu untersuchen. Er hebe aber im Namen -Heidelbergs den Vorbehalt der näheren Untersuchung auf, und trete oben -genannten Bestimmungen bei. - -+Anmerkung+ _b_) Marburg stimmte obiger Meinung aus dem besondern -Grunde bei, daß diejenigen nicht namhaft gemacht werden könnten, durch -welche die Teutonia bei der Regierung angeklagt sei. - -+Anmerkung+ _c_) In Königsberg war die Acht über die Sulpfuria nicht -ausgesprochen, weil die Partheiungen in Halle dort nicht genug bekannt -geworden waren. - - R. -- Sprecher. - - W. -- Schreiber. - - Graf v. K. -- für +Jena+. - - L. -- } - } für +Kiel+. - R. -- } - - F. D. -- } - } für +Königsberg+. - L. L. -- } - - C. F. L. -- } - } für +Leipzig+. - D. E. -- } - - E. B. -- für +Marburg+. - - A. B. -- } - } für +Berlin+. - A. v. B. -- } - - T. v. K. -- für +Heidelberg+. - - F. S. -- } - } für +Halle+. - D. -- } - - W. W. -- für +Rostock+. - - Folgen die Unterschriften. - - -Protocoll, - -gehalten in der Versammlung der Abgeordneten Morgens den 30. März. - -1) Zu den für die Theilnehmer der Hallischen Sulpfuria zu bestimmenden -Puncten und Bedingungen wurde noch hinzu gefügt, daß sie selbst jeden -von ihnen, der die abgefaßte Schrift nicht unterschreiben wolle, -als Verrufenen anerkennen und gegen ihn verfahren wollten, wie der -Burschenbrauch der Hallischen Burschenschaft bestimme. - -2) Es erschienen die Bevollmächtigten der Hallischen Sulpfuria und -unterschrieben die verlangten Puncte, und es war also für ihre Person -der Bann aufgehoben.[6] - -3) Ein aus Leipzig angekommener Brief wurde verlesen. Der -Seniorenconvent erklärte darin, daß man zur Förderung aller guten -Zwecke bereit sei, daß aber nach seiner Meinung eine allgemeine -Burschenschaft in Leipzig nicht leicht errichtet werden könne. - -4) Es wurden die mündlichen und schriftlichen Klagepuncte des -ehemaligen Breslauer Burschen U. (jetzt in Berlin) gegen die Polen in -Breslau gehört, und beschlossen, er solle den Thatbestand schriftlich -aufsetzen, damit dann, nachdem auch jene gehört wären, in der Sache ein -Weiteres bestimmt werden könne.[7] - -5) Nachdem auf diese Weise die auf Brauchssachen Bezug habenden -Angelegenheiten abgemacht waren, wurde zur Besprechung über die -Grundidee einer allgemeinen Deutschen Burschenschaft geschritten. J., -Abgeordneter von mehreren Burschenschaften aus Berlin, die eine solche -wünschten, erkannte, auf Befragen den erwählten Sprecher und Schreiber -an. - -6) Es wurden von R. 19 Puncte als Grundlage zu einer allgemeinen -Burschenschaft verlesen, und über dieselben einzeln abgestimmt. Leipzig -begab sich seine Stimme, weil dort noch Landsmannschaften beständen. - -Punct 1.[8] wurde von allen Deutschen Hochschulen anerkannt. - -Punct 2. gleichfalls anerkannt. K. behielt sich nähere Erläuterung bei -§ 4. vor. - -+Anmerkung.+ Es wurde bestimmt, daß eine Deutsche Burschenschaft -Ausländer unter sich aufnehmen +könne+, wenn sie nur von ihnen -überzeugt sei, daß sie dem Zwecke einer allgemeinen Deutschen -Burschenschaft nicht schädlich, sondern eher förderlich sein würden, -daß dieselben auch Ausländern eine eigene Verbindung neben sich -gestatten könne, wenn nur diese ihr untergeordnet blieben, +allein+ in -Brauchssachen entscheidend stimmfähig sei, jedoch so, daß die Deutsche -Burschenschaft wenigstens immer ⅔ der Stimmen erhalte. - -K. für Heidelberg erklärte, daß die Burschenschaft sich, wegen -der Zwistigkeiten und Vereine, die noch außer der Burschenschaft -in Heidelberg beständen, aller Rechte auf Renoncen und -Nicht-Burschenschaftsmitglieder enthalte, wenn sie nicht mit ihnen in -Collision käme. - -Die Kieler Abgeordneten behielten der Entscheidung ihrer Burschenschaft -vor, ob der von ihr anerkannte Burschenbrauch in allen seinen -Beziehungen auch für die nicht Verbündeten verpflichtend sein solle. - - F. d. U. - - -+=Protocoll,=+ - -+Abends am 30. gehalten.+ - -§. 1. K. wurde auf Verlangen sein Freund L. aus Heidelberg als -Rathgeber in schwierigen Fällen zugesellt. - -§. 2. Weitere Berathung über die vorgeschlagenen Puncte: - -§. 3. wurde allgemein anerkannt. - -§. 4. wurde nach §. 2. eingeschränkt. - -K. bezieht sich auf die gemachten Modificationen. V. B. und L. -erkannten dies und das nachfolgende nur in so weit an, als es sich mit -ihren Vollmachten vereinigen ließ. - -§. 5. Hiebei wurde vor dem Worte öffentlich »wo möglich« eingeschaltet. - -Das Wort unauflöslich wurde weggelassen. D. erklärte es dahin, daß -er glaube, die Verbindung müsse geistig unauflöslich, auch fürs -bürgerliche Leben fortbestehen. - -§. 6. beschränkt sich auf §. 2. Ob Nichtchristen aufzunehmen seien, -wurde der Entscheidung der einzelnen Burschenschaften überlassen. - -§. 7. wurde mit der Bemerkung angenommen, daß es jeder Burschenschaft -frei stehe zu bestimmen, ob nach der Exmatrikulation jemand von -ihr noch als Bursch anzusehen sei, oder nicht. Die Königsberqer -Abgeordneten behielten sich vor, daß die darüber in ihrem Brauch -enthaltenen nähern Bestimmungen in Kraft bleiben sollten. - -§. 8. 9. und 10. wurde angenommen. - -§. 11. von den Meisten gebilligt. - -Heidelberg stimmt in der Idee dem §. 11. alsdann bei, wenn jeder -ehrenhafte Bursch aufnahmsfähig ist. Die Verhältnisse selbst haben die -Realisirung dieser Idee dort noch nicht gestattet. -- Kiel bezog sich -auf seine Anmerkung nach §. 2. - -§. 12. angenommen. -- Kiel erklärte, da bis her dort keine Wilden -gewesen seien, sei noch nicht bestimmt worden, in wie fern der -Burschenbrauch auch für Nichtverbündete gelte. - -§. 13. angenommen. - -§. 14. Hiebei verwiesen nur die Kieler auf das oben in dieser Beziehung -Gesagte. - - F. d. U. - - -+=Protocoll,=+ - -+gehalten den 31. März.+ - -1) Wurden die von U. abgefaßten Klagepuncte verlesen und beschlossen, -es solle in Breslau Aufhebung des Verrufes und Rechtfertigung wegen des -Überfalls verlangt, U. aber so lange ganz schuldlos angesehen werden. - -2) Wurde angezeigt, daß die Gießner geschrieben hätten, sie wären -verhindert worden Abgeordnete nach Jena zu senden, indem der Senat -allen solchen Relegationen angedroht habe. - -3) Es wurde in der abgebrochenen Berathung wieder fortgeschritten. - -§. 15. angenommen. - -§. 16. wurde folgendermaßen abgeändert. Es bleibt der gesammten -Deutschen Burschenschaft das Recht, die Verfassungen der einzelnen -Hochschulen, wo Burschenschaften sind, einzusehn und zu beurtheilen, -ob, und in wie fern sie der Grundidee entsprechen, und bei etwanigen -anstößigen dieselbe um Abstellung derselben anzugehn. - -§. 17. Hier wurde die Bestimmung hinzugefügt, daß wenn die Casse -einer, oder mehrerer Burschenschaften zu den Kosten der Reise nicht -hinreiche, eine allgemeine Casse nach Verhältniß des Einkommens der -Burschenschaften eingerichtet, und dadurch die Reise erleichtert werden -solle. - -§. 18. Hier wurde Eisenach vorläufig als Versammlungsort bestimmt. - -§. 19. Es wurde hinzugefügt, daß bei den genannten Berathungen ⅔ der -Stimmen entscheiden sollten. - -4) Der Vorschlag, alle Jahre am 18. Juni ein Fest zu feiern, wobei -man sich vorzüglich der Brüder an andern Orten in traulicher Liebe -erinnere, wurde gebilligt. - -5) Die Abgeordneten der Leipziger Hochschule behielten sich vor, daß, -wenn bei ihnen gleichfalls eine allgemeine Burschenschaft zu Stande -gekommen wäre, auch ihr das hier den einzelnen Hochschulen gegebenes -Recht, den verlesenen Puncten Anmerkungen hinzuzufügen, aufgehoben -bleiben solle, und es wurde dieß allgemein gebilligt. - - F. d. U. - - -+=Protocoll,=+ - -+vom 1. April 1818.+ - -1) L. aus Königsberg zeigte an, daß, da sein Mitabgeordneter D. unwohl -sei, er seine Stimme mit übernommen habe, D. sich aber etwanige -Bemerkungen noch vorbehalte. - -2) B. für Marburg dankte den Jenaern für die Abfassung der 19 Puncte, -bemühte sich darauf, auseinanderzusetzen, wodurch wir etwa den -darin aufgestellten Zweck erreichen möchten, wobei er vor allen zur -Erlangung wahrer vaterländischer Bildung, Streben nach umfassender -Kenntniß, Ehrenhaftigkeit, und Freiheit, aber was die Burschenschaften -auszeichnend unterscheiden solle, rücksichtslosen Gemeingeist und -möglichste Gleichheit der Rechte empfahl. Es wurde von R. antwortend -auf den 10. Punct verwiesen, wo schon zum Theil darüber verhandelt -sei. Nur wurde noch in Betreff der Gleichheit vor dem Rechte folgendes -Nähere verhandelt. - -Es entstand: - - _a_)[9] Die Frage, ob ein Fuchs zum Vorsteher erwählt werden könne, - welche im Allgemeinen verneint wurde. - - _b_) Ob einem Fuchs Stimmrecht zuzuerkennen sei. - -Die übrigen Hochschulen bejahten die Frage; Jena, Kiel, Königsberg und -Marburg aber, deren Bevollmächtigte noch nicht von ihrer Verfassung -abgehen konnten, behielten sich Berathung mit ihren Burschenschaften -vor. -- Es wurde noch der Vorschlag gemacht, ob nicht diejenigen -Burschenschaften, welche Füchse entweder nicht sogleich aufnehmen, -oder denselben nach der Aufnahme keine Stimmfähigkeit zuerkennen -würden, allen den Füchsen, welche einzutreten wünschten, Erlaubniß -und Veranlassung geben wollten, vor der Aufnahme eine gewisse Anzahl -von Versammlungen zu besuchen, damit auf der einen Seite dieselben -Gelegenheit bekämen, die Eigenthümlichkeit des Lebens auf den -Hochschulen kennen zu lernen, auf der andern Seite aber das peinliche -Gefühl bei ihnen vermieden werde, einem Ganzen anzugehören, über dessen -Wohl ihnen keine entscheidende Stimme zustehe, und so das Gesetz der -möglichsten Gleichheit der Rechte nicht gekränkt werde. - -+Anmerkung.+ K. für Heidelberg bemerkte, daß er um des Allgemeinen -willen von der Wahlfähigkeit zum Vorsteheramte für sogen. Füchse -abstehe, wenn die anderen Hochschulen sich zur Stimmfähigkeit für Alle -verstehen wollten. - -Und es geschehe dies besonders der Einheit des Gesetzes willen. - -3) Wurde der Wunsch geäußert, daß bei der Aufnahme alle Abstimmung -durch bloßes Ja oder Nein wegfallen möge, sondern laut und mit -Anführung der etwanigen Gründe gegen den Aufzunehmenden gestimmt werde, -wobei auf §. 9. und 10. verwiesen wurde. -- Rostock behielt sich hiebei -Berathung mit ihrer Burschenschaft vor. - -4) Wurde als zum Wesen der Burschenschaft gehörig anerkannt, daß -kein Zweikampf zwischen den einzelnen Burschenschaften, als solchen, -statt finden dürfe, sondern jeder unter ihnen obwaltende Streit -schiedsrichterlich ausgeglichen werden müsse. - -5) Wurde festgesetzt, es solle in dieser Versammlung der Abgeordneten -noch kein förmliches Cartel, oder eine Verfassungsurkunde der -großen allgemeinen Deutschen Burschenschaft verfaßt, sondern blos -einige Grundgesetze derselben vorläufig entworfen werden, damit die -Abgeordneten sie zur Berathung ihrer Burschenschaft mitnehmen könnten. -Die vollständige Ausarbeitung müsse bis zur Versammlung am 18. Oktober -ausgesetzt bleiben. - -6) Sollte auch an die Hochschulen, welche keine Abgeordnete hierher -gesandt, der Entwurf dieser Gesetze, die 19 Puncte zugleich mit einer -Schrift, welche die Ansichten der Abgeordneten von dem Wesen der -Burschenschaft näher ausspräche, so wie auch eine Aufforderung, dem -hier gebilligten Grundsätzen beizutreten, übersandt werden. - -+Anmerkung.+ Berlin behielt sich vor, zu dieser Aufforderung nur dann -mitzuwirken, wenn ihr Verein als Burschenschaft anerkannt würde. - - F. d. U. - - -+=Protocoll,=+ - -+gehalten Nachmittags am 1. April.+ - -1) Die Verfassungsurkunde des Berliner Burschenvereins wurde verlesen -und nach mannigfachen Verhandlungen, theils über seine innere -Einrichtungen, theils über seine Verhältnisse zu den Nichtverbündeten, -wurde das Urtheil der Abgeordneten gefordert, ob der Berliner -Burschenverein nach Zweck und Form eine Burschenschaft zu nennen sei. - -_a_) Jena erklärte sich dahin, dieser Verein entspreche nicht der Idee -einer allgemeinen Burschenschaft, weil: - - 1) Die Eintheilung nach Provinzen zu Partheiung, Eifersucht und - Kastengeist Anlaß geben könne. - - 2) Hinsichtlich der Abstimmung der einzelnen Landsmannschaften für - sich, der Begriff der Gerechtigkeit dadurch gefährdet werde, daß - Fälle möglich blieben, wo wenige über viele entscheiden könnten. - - 3) Die Privatinstitution jeder Landsmannschaft dem Gemeingeiste - hinderlich sein müsse. - -_b_) Die Kieler Abgeordneten stimmten im Ganzen der obigen Erklärung -bei, glaubten aber, daß es nur geringer Veränderungen bedürfe, um -die genannte Verfassung der Idee einer allgemeinen Burschenschaft -entsprechend zu machen. - -_c_) Königsberg meinte, daß gegen diesen Verein noch besonders zu -erinnern sein möchte, daß der Entschluß, für eigne volksthümliche -Bildung zu wirken, in der vorgelesenen Urkunde nicht genug -hervorgehoben sei. - -_d_) Marburg bezog sich auf die von Jena gemachte Bemerkung in -Hinsicht auf das Abstimmen nach einzelnen Landsmannschaften, und -führte gegen diese Eintheilung überhaupt die Erfahrung an, daß solche -stehende Abtheilungen der allgemein zu fördernden Eintracht durch -unvorherzusehende Vorfälle nur zu leicht gefährlich würden. - -_e_) Halle erklärte sich dahin, es stimme im Allgemeinen mit der -vorigen Bemerkung überein und fürchte besonders Hervortreten von -Eifersucht bei dieser landsmannschaftlichen Eintheilung. - -_f_) Heidelberg urtheilt, daß nach provisorischer Annahme der bekannten -19 Puncte der Geist des Berliner Burschenvereins als Deutscher -Burschenschaftsgeist anzuerkennen sei, daß diese Idee aber vernichtet -werden müsse: - - 1) Durch die Einrichtung, daß nicht _viritim_ gestimmt werde. - - 2) Durch Unwandelbarkeit und Ungleichheit der Mitgliederzahl der - einzelnen Abtheilungen. - - 3) Durch Beibehalt der Privatinstitutionen und hält - - 4) noch für nützlich, wenn für diese Abtheilungen ein andrer Name - angenommen werde. - -_g_) Rostock erklärte, es glaube, daß die Verfassung der Berliner -Verbindung aus der Grundidee einer allgemeinen Deutschen Burschenschaft -hervorgegangen sei, bei Einrichtung der Form aber einiges dieser -Form nicht genau Entsprechende vielleicht aus etwas zu ängstlicher -Berücksichtigung der Schwierigkeiten, welche örtliche Verhältnisse -ergaben, entsprungen sei, und deßhalb gewiß leicht abgestellt werden -könne. - -_h_) J. meinte, daß zur Ausführung der Grundidee einer allgemeinen -Deutschen Burschenschaft auch allgemeine Versammlungen unerläßlich -seien. - -2) Die Abgeordneten faßten den Beschluß, es solle von ihnen der -Berliner Burschenverein freundlich gebeten werden, nach den 19 Puncten -und den darüber im Protocoll bei Gelegenheit der Verhandlungen -über Wesen und Form des Berliner Burschenvereins eingeschalteten -Bestimmungen und Erläuterungen ihre Verfassung umzuändern und so sich -den übrigen Deutschen Burschenschaften näher anzuschließen. Zugleich -solle diesem Vereine der Vorschlag gemacht werden, ob sie nicht, wenn -sie auf obige Bitte eingehen würden, bei Berathungen über diese Sache -einen Abgeordneten von denen zulassen wollten, welche außer ihrer -Verbindung eine allgemeine Burschenschaft begründet zu sehen wünschten. - -3) Wurde ausgemacht, daß alle Deutschen Hochschulen aufgefordert werden -sollten, so lange die Regierungen eine ordentliche Burschenzeitung noch -nicht gestatteten, Aufsätze über Burschenangelegenheiten nach Jena -einzusenden, damit sie dort, wo es am leichtesten ausführbar sei, unter -erlaubtem Namen und erlaubter Form zum Druck gefördert würden.[10] - - F. d. U. - - -+=Protocoll= den 2. April.+ - -1) Verlas R. den an die Breslauer abgefaßten Brief. Er wurde gebilligt -und es wurde bestimmt, daß die Breslauer Burschenschaft ersucht werden -solle, die Antwort an diejenigen Hochschulen gelangen zu lassen, welche -für das laufende Jahr zu Geschäftsführenden würden erwählt werden. - -2) Es wurde hierauf zugleich jene Wahl vorgenommen und der -Burschenschaft zu Jena zuerst das Amt der Geschäftsführung in -allgemeinen Burschenangelegenheiten übertragen. - -3) K. verlas einen vorläufigen Entwurf des sogen. Cartels und gab -dieses Veranlaßung zur näheren Berathung über einige Gesetze für die -Verfassungsurkunde der allgemeinen Deutschen Burschenschaft. Folgende -Bestimmungen, die sich aus den Vorschlägen der Einzelnen ergaben, -wurden als zweckmäßig anerkannt. - - _a_) Es ist Hauptgrundsatz, daß alle Deutsche Burschenschaften in - der Idee +ein Ganzes ausmachen+. - - _b_) Hieraus ergiebt sich, daß die Verfassung jeder einzelnen - Burschenschaft der Grundidee des Ganzen entsprechen müsse. - - _c_) Es bleibt also auch der allgemeinen Deutschen Burschenschaft - die Entscheidung überlassen, ob eine Vereinigung auf einer - Hochschule als Burschenschaft anzuerkennen sei, oder nicht. - - _d_) Zur Darstellung der Idee des Ganzen ist eine allgemeine - Bundessitzung nothwendig. - - _e_) Jede Deutsche Burschenschaft schickt daher zu einer bestimmten - Zeit Abgeordnete nach einem zu erwählenden Ort, um über allgemeine - Angelegenheiten zu berathen und zu entscheiden. - - _f_) Dem Beschlusse dieses Bundestages muß sich jede Burschenschaft - unterwerfen, jedoch mit Vorbehalt aller hierher gehörenden in den - Protocollacten gemachten näheren Bestimmungen und anderer noch zu - entwerfenden Beschränkungen. - - _g_) Die Bundessitzung ist noch besonders schiedsrichterlicher - Behörde in Streitigkeiten einzelner Burschenschaften. - - _h_) Ihr bleibt die oberste Leitung der Geschäftsführung überlassen. - - _i_) Es ist vorläufig diejenige als eine Deutsche Burschenschaft - anzuerkennen, welche die 19 aufgestellten Puncte, wie sie durch - Erläuterungen und Zusätze im Protocolle bedingt worden sind, als - gültig für ihren Verein annimmt. - - _k_) Die Vollmacht der zur Bundessitzung zu sendenden Abgeordneten - muß möglichst uneingeschränkt und die Zahl derselben 3 sein. - - _l_) Es wird dringend gewünscht, daß auf dem nächsten allgemeinen - Bundestage von jeder Hochschule ein Verfassungsentwurf der großen - allgemeinen Deutschen Burschenschaft mitgebracht werde, damit - daraus ein allgemein gültiges Ganze hervorgehe. - - _m_) Alle Angelegenheiten, welche sich auf die Bundessitzung - beziehen, werden von der geschäftsführenden Burschenschaft - geleitet, und ist also jetzt alles hierher Gehörige nach Jena - einzusenden. - -4) Kiel machte in Hinsicht des Burschenbrauchs Vorschläge zur -allgemeinen Annahme, als z. B. Gleichheit der Waffen auf allen -Hochschulen; Vermeidung des Ehrenwortes bei Spielschulden,[11] worüber -aber der Beschluß bis zur Bundessitzung verschoben werden mußte, so -wie auch der Antrag von derselben Hochschule, das für alle 3 Jahre ein -Wartburgsfest beschlossen werde. - -5) Den letzten Vorschlag, so wie den zur Gleichheit der Waffen -hatte auch Königsberg und fügte noch den Wunsch hinzu, daß für eine -allgemeine Volkstracht, so weit es im Wirkungskreise der Hochschulen -läge, etwas geschehen möge. - -6) Marburg schlug gleichfalls Deutsche Tracht und Waffengleichheit vor -und erhielt, so wie auch Königsberg gleiche Antwort mit Kiel. - -7) Halle schlug gemeinschaftliche Farbe und Wahlspruch vor. Über das -erstere sollte der Bundestag sich erklären. Zum Wahlspruch wurde -vorläufig: »Gott, Freiheit, Vaterland« vorgeschlagen. - -8) Heidelberg hält für die Aufrechthaltung der wahren Burschenehre -und Gerechtigkeit für nothwendig, daß sich auf jeder Deutschen -Hochschule ein Schiedsgericht befinde, welches unmöglich mache, daß die -Beleidigung, welche offenbar ganz auf der einen Seite sei, durch den -Zweikampf ausgemacht werde, sondern daß dagegen eine Renomageerklärung -Statt finde. Auch sollte dieses Schiedsgericht den Zweck haben, wo -möglich Streitigkeiten zu vermitteln, und erst nach geschehenem -Versuche den Zweikampf zulassen. -- Es wurde dies zu weit ausgedehnt -gefunden und dafür vorgeschlagen, es solle auf jeder Hochschule -eine Behörde sein, welche, so viel möglich, unzulässige Zweikämpfe -verhindere; der muthwillige Beleidiger solle gezwungen werden, die -Beleidigung wenigstens zurückzunehmen, dem Beleidigten aber überlassen -bleiben, ob er noch weitere Genugthuung fordern wolle, oder nicht. - -9) Es wurde vorgeschlagen, daß der immerwährende Verruf und die Strafe -der Hetzpeitsche gänzlich aufgehoben werde. - -10) Folgte der Antrag, daß die Versammlung des Bundestages schon den -10. October 1818 beginnen möge, welcher allgemein angenommen wurde. - -11) Wurde der Beschluß gefaßt, daß an alle Hochschulen, wo Verbindungen -sind, theils Abschriften des Protocolls und der 19 Puncte, theils der -Aufsatz über Wesen und Form der Burschenschaften nebst freundlicher -Aufforderung zur Einrichtung einer solchen übersandt werden solle. -In Betreff Gießens vereinte man sich dahin, daß man beide daselbst -bestehende Partheien zur Vereinigung auffordern und ihnen gleichfalls -das oben Genannte übersenden wolle. - -Es waren also zusammen Briefe zu senden nach Berlin, Breslau, Erlangen, -Freiburg, Gießen, Greifswalde, Göttingen, Landshut, Leipzig, Würzburg -und Tübingen. Für Heidelberg wurde bestimmt, daß die Burschenschaft den -Landsmannschaften daselbst oben erwähnte Schriften überreichen möchte. - - F. d. U. - - -Protocoll, - -gehalten am 3. April. - -1) Wurde die Disposition der Schrift verlesen, welche an einige -Hochschulen gesandt werden sollte, um dort die Ansicht der Abgeordneten -vom Zweck und Form der Burschenschaften darzustellen. Sie wurde -gebilligt und zur weitern Ausarbeitung übergeben. - -2) Ein Brief vom Vorsteher H. aus Breslau wurde bekannt gemacht. H. -bemühte sich darin, nähere Aufklärung über U.’s Sache zu geben. -Dieser Brief konnte aber als nicht von der Verbindung ausgehend nicht -als Ausspruch ihrer Meinung angesehen werden. Das Schreiben an die -Breslauer Burschenschaft wurde daher demnach nöthig gefunden, und -war dabei jetzt nur noch die erforderliche Rücksicht auf den Brief -von H. zu nehmen. U. suchte sich gegen die in dem Briefe enthaltenen -Beschuldigungen zu rechtfertigen und verlangte, daß H. zu näherer -Erklärung besonders über den ihm von demselben Schuld gegebenen Bruch -des Ehrenwortes veranlaßt werden möge. -- Endlicher Beschluß in dieser -Sache war, es solle die Breslauer Burschenschaft nicht nur um ihre -Bestätigung und Widerlegung der in dem Briefe von S. enthaltenen -Klagepuncte ersucht, sondern sie noch ferner gebeten werden, abgesehn -von ihrer jetzigen Meinung, den ganzen Thatbestand auszumitteln, und -hieher mitzutheilen. - -3) Trugen die Hallischen Abgeordneten auf einen Beschluß der -Versammlung darüber an, ob die von mehreren Hochschulen für Halle -erkannte Strafe, daß die Zeit, wo kein eigentlicher Burschenbrauch -einer Verbindung daselbst bestanden habe, rücksichtlich des -Burschenalters der in Halle damals Studirenden nicht gerechnet werden -solle, jetzt durch die über die dortigen Angelegenheiten gemachten -Bestimmungen aufgehoben sei, oder nicht. Die Versammlung beschloß -einstimmig Aufhebung jenes Ausspruches. - -4) Wurde beschlossen, daß wenn von irgend einem Gerichte wegen dieser -Versammlung eine Untersuchung verhängt werden sollte, erst dann, allein -wenn die Sache nicht mehr zu verheimlichen sei,[12] eingestanden werden -dürfe, es wären hier einige Burschen zusammengekommen, um auf einzelnen -Hochschulen bestehende Streitigkeiten gütlich zu vermitteln; wobei aber -weder die Namen der Abgeordneten anderer Hochschulen genannt, noch -überhaupt von einem geführten Protocolle geredet werden sollte, und -zwar dieß alles, weil es sich neuerdings vielfach bestätigt habe, wie -sehr manche Regierungen allen Verbindungen auf Hochschulen entgegen -wären. - -Göthe, welcher damals seinen _procès monstre_ mit dem Großherzog von -Weimar gehabt hatte, hielt sich in Jena auf. Ich konnte nicht umhin dem -großen Dichterfürsten aufzuwarten. Er wohnte jenseits der Saale vor der -Stadt, in der sogenannten Tanne, welche neben dem Geleitshause liegt. - -»Wollen Sie den Staatsminister sprechen?« fragte mich den Eintretenden -ein kleiner altkluger Knabe, in dem breitesten Sächsischen Dialect, -welchen mein Ohr je vernommen hat. Ich nickte bejahend, indessen nicht -ohne einige unheimliche Empfindung, da mir der kleine Bursch von hinten -etwas zwergmäßig vorkam. Er mag auch wol nur ein Luftgebild aus Göthes -Hirn gewesen sein und überall keine Realität gehabt haben. Denn er war -in der That auf eine bewundrungswürdig schnelle Weise meinen Blicken -entschwunden. Verdutzt sahe ich mich auf der Diele umher, der Zwerg -wurde nicht wieder sichtbar. Ich kuckte in alle Ritzen und Spalten, -Alles war vergebens. Da hörte ich ein Geräusch, Trepp ab. Es nahte -ein Bedienter, der nach meinem Begehren und Namen fragte, und nach -erhaltener Antwort mich sodann bei Göthe anzumelden versprach. »Es -soll dem Herrn Geheimerath sehr angenehm sein,« berichtete er, und -ich folgte. -- Ich habe mein ganz Leben hindurch in Gegenwart großer -Menschen sehr lebendig das Gefühl gehabt, was Verrina »+Respekt+« -nennt, eine Empfindung welche dem Geist wohlthut, wie der Frost der -Erde zur Winterszeit. Sie tödtet das Unkraut der Eitelkeit auf die -probateste Weise. - -Aber Göthe’s Antlitz zu sehen, -- ich fühlte das meine schon im voraus -verbrannt, wie das der armen Fräulein Semele bei Jupiters Anblick. --- Und siehe! schon auf dem Corridor begegnete mir der große Mann. -Ich kreutzte meine Arme, verbeugte mich tief, blieb aber dann, ein -travestirter Paganini, noch lange auf der G Saite der Conversation, -indem ich nur sehr mühsam und stotternd, »mein Herr Ge- Ge- Ge- -heimerath« heraus brachte. - -Excellenz oder besser: »_Ecce Lenz_« wäre überhaupt passender gewesen, -denn der Angeredete schob an mir vorbei und sagte fast mürrisch: »Ich -bin nicht der Geheimerath.« -- - -Ich hatte mich geirrt, es war der Mineraloge +Lenz+. - -Der lächelnde Bediente öffnete eine Thür. Ich trat ein und sah Göthe am -Ende des Zimmers am Fenster stehend. - -Ich weiß nicht recht woher es kam, aber drei Vergleiche drängten sich -bei seinem Anblick solidarisch in meine Vorstellung. -- Bald glaubte -ich den Apoll von Belvedere, bald einen Pfau, bald die Ruinen des -Heidelberger Schlosses vor mir zu sehen. Das schöne Auge schien mir -etwas gebrochen. -- Daher mag der letzte Vergleich der paßendste sein. -»Treten Sie an dieses Fenster,« commandirte fast der Dichter, »Sehen -Sie sich hier ringsumher. Wie gefällt ihnen die Gegend? Sie ist die -schönste, welche ich auf die Dauer gekannt habe.« -- - -Ich stimmte bei, obgleich den Bergen wol eine grüne Grasatzel zu -wünschen gewesen wäre. Sie sind entsetzlich kahl. -- Dann brachte ich -das Gespräch auf die See und erzählte, daß mein Vater zur Zeit meiner -Geburt die Stelle eines Landsvogts auf der dänischen Insel Föhr in der -Nordsee bekleidet habe. Ich schilderte den Anblick des Weltmeers, als -den erhabensten, den die Natur darbietet, und bediente mich, da Göthe -Beifall zu schmunzeln schien, wenn ich nicht irre, sogar mehrerer -poetischen Floskeln dabei. Ich wollte, nachdem ich den ersten Schock -der eingebildeten und wahren Bekanntschaft Göthe’s überwunden hatte, -ihm zu verstehen geben, daß ich auch ein Jünger der Musen sei und -wenigstens dadurch die Dreistigkeit meines Besuches entschuldigen. Aber -auf einmal thaten der Herr Geheimerath eine fatale Frage an mich. Sie -geruhten sich zu erkundigen, wie +groß Föhr+ sei. - -Obgleich Gaspari, als er 1804 in Wandsbeck lebte, trotz seiner -Menschenscheu mich als kleinen Knaben fortwährend auf den Arm -getragen hat, obgleich ich wohl weiß, daß Fabris Geographie mit -dem humoristischen Grundsatz: »Ohne Geographie ist der Mensch ein -Maulwurf,« beginnt, so muß ich doch gestehen, daß diese Wissenschaft -diejenige ist, die sich mir von jeher am fernsten gehalten hat. - -Ich sah den alten Herrn etwas verblüfft an, dann aber antwortete ich, -wie ein Geschworner ohne Rechtskenntniß in Rechtssachen, -- in dieser -geographischen Klemme, nach meiner moralischen Überzeugung: »+Eine -Quadratmeile.+« - -Göthe schien sich dabei erst nicht beruhigen und an einige Bücher auf -dem Repositorio appelliren zu wollen, was mich in der That verlegen -machte. -- Das Gespräch tournirte sich indessen auf Heidelberg. Mit -Wärme schien der Dichter von dem bereits erwähnten Schelver zu reden. -Im Uebrigen sprach er ziemlich vornehm über die andern Professoren. Von -Thibaut sagte er: »Er ist ein guter Freund von« -- verwandelte aber als -ob er schon zu viel gethan habe, das schon hervorquillende +mir+ in -uns; Jetzt schien mir Göthe der wieder auf die Insel Föhr zurück kam, -mit der Durchsicht einiger geographischen Compendien doch Ernst machen -zu wollen. -- Ich empfahl mich daher. - -Dieser Act schien Göthe am Meisten zu gefallen. Uebrigens mußte ich dem -alten Herrn zu meiner allergrößten Verwunderung versprechen ihn bald -wieder zu besuchen. - -Er verlangte das in einem durchaus herzlichen Tone, was ich mir -übrigens noch bis auf diese Stunde auf keine Art und Weise erklären -kann. -- - -Indessen war es mir unter den Burschen eine große Satisfaction bei -Göthe gewesen zu sein. Man beneidete mich um diese Ehre wie Mädchen -sich einander um einen neuen Hut scheel ansehen. - -Zu dieser Zeit passirte Göthe auch eine, wenig bekannte, höchst -ergötzliche Anecdote. - -Eine Dame ließ sich bei ihm melden. Göthe, der den Besuch des schönen -Geschlechts nur sehr bedingt liebte, ließ seiner Bewunderin, aller -Bitten ungeachtet, drei Male die Audienz durch seinen Bedienten -verweigern. Allein die Dame wollte sich nicht abweisen lassen, folgte -dem Bedienten, dem sie noch eine Bestellung an seinen Herrn aufgetragen -hatte, in den Garten, wo sie Göthe erblickte, dem sie sogleich zu Füßen -stürzte, indem sie seine ergriffene Hand mit Küssen bedeckte. - -»Aber Madam! so stehen Sie doch auf,« rief Göthe von dieser hündischen -Verzweiflung zwar geschmeichelt aber doch auch verwirrt. - -»Nein großer Dichter!« rief die in den Staub gesunkene Verehrerin. »Wie -glücklich bin ich, daß meine Augen Dich erblicken. Ich komme mir vor -wie die Glocke, wovon es in Deinem schönen Liede heißt: - - »Fest gemauert in der Erden - Steht die Form aus Lehm gebrannt.« - -Göthe hat noch oft in späten Jahren herzlich über diese seine -Verwechslung mit Schiller gelacht. - -Das Rednertalent, welches außer in England so wenig cultivirt wird, -wurde in Jena wenigstens oft in Uebung gesetzt. Wenn die Bruder Studios -rudelweise Abends durch die Gassen schlenderten und einen ihrer Freunde -noch in seinem erleuchteten Zimmer zu Hause fanden, so wurde demselben -gar häufig ein Vivat gebracht, dem das Verlangen einer »+Standrede+« -folgte. - -Der Gefeierte mußte nun sein Fenster öffnen den Raum mit einigen -Lichtern erhellen und in der häufigen Ermanglung dieser, die -schwerfällige Studierlampe auf die Fensterbank postiren, dann aber -eine Rede halten, welche oft an die Neapolitanischen Improvisatoren -erinnerte. -- Vorzüglich stark war in solchem aus dem Steggreifreden -der Meklenburger W. -- Seinem Nachbar, einem Professor, waren vierzehn -Tage vorher die Fenster eingeworfen. Während er sich nun für die ihm -wiederfahrene Ehre auf das Allerwärmste bedankte, beklagte er seinen -gelehrten Nachbar, der nicht das Glück habe in einer so guten Meinung -bei den Herrn Studenten zu stehen wie er, und ermahnte die Herren -Akademiker, sich künftig nie wieder solche Excesse gegen Professoren -zu Schulden kommen zu lassen. Die Art und Weise wie er abwechselnd den -lustigen Schalk, dann wieder den ehrenwerthen Philister sprechen ließ, -war in der That ungemein humoristisch. - -Die Collegien in Heidelberg fingen in wenigen Tagen wieder an. Mit -dem Bewußtsein meine Burschenpflicht erfüllt zu haben, trat ich meine -Rückreise über Erfurt und Göttingen an, wo ich in einer Nacht ein Paar -Studenten, welche im Rausch »Bursch heraus« gerufen hatten, dadurch der -Arrestation entriß und vor öffentlicher Relegation schützte, daß ich -(vielleicht die einzige Lüge meines Lebens) mich für den Sohn eines -Hannoverschen Ministers ausgab, und den nachgiebigen Pedellen meine -hohe Protection versprach. - -In Göttingen war ich verdammt, den Tod meines liebsten Jugendfreundes, -Christian Kirchhof aus Uetersen zu erfahren, welcher zu Charkow in -Südrußland, einige Tage vor seiner Rückkehr in die Heimath, nachdem -er als Hauslehrer sich bei einem Grafen +d’Olonne+ die erforderlichen -Studienkosten verdient hatte, durch ein Nervenfieber weggerafft war. -Sein Tod ergriff mich fürchterlich. Schlaflos und weinend langte ich -nach einigen Tagen wieder in Heidelberg an. -- Christian hat das -Versprechen, mir nach dem Tode zu erscheinen, nicht gehalten. - - -+Ende des ersten Bändchens.+ - - - - -Fußnoten: - -[1] Ich glaube man rief aus Deutschthümelei: »Johann« anstatt »Jean!« - -[2] Es ist ein großes Wunder, daß mit dem Abspringen der Rappierklinge -nicht größeres Unheil angerichtet, als bisher geschehen ist. -- Die -Fechtmeister, welche bei dem Debit derselben verdienen, sind gewöhnlich -eigennützig genug, das beste Präservativ dagegen nicht anzurathen, -welches darin besteht, daß man vor dem Fechten die Klingen wärmt. Im -Sommer zerspringt nicht der sechste Theil von denen, die im Winter -entzwei gehen. - -[3] - - »Wer nie sein Brod mit Thränen aß, - Der kennt euch nicht ihr himmlischen Mächte.« - - -[4] »Als ich zuerst von dir gebeten wurde, das gefährliche Geschäft -einer Disputation mit Dir zu unternehmen, wollte ich mich zuerst -nicht auf den ungleichen Kampf einlassen, und hätte es gewißlich -nicht gewagt, wenn mich nicht Deine erprobte Freundschaft gegen mich -zu diesem Unternehmen angetrieben hätte. Du bist mein Freund mein -Landsmann, ich fürchte daher nichts. Aber reden muß ich vor bedeutenden -Männern, deren große und göttliche Gelehrsamkeit mir zeigt, wie kühn -ich bin. Vergebt daher gelehrte Männer! wenn ich Euren Ohren, die so -zart sind, hier bei Anhörung von übel klingenden lateinischen Phrasen, -Zwang anthue.« - -[5] In Jena waren im Jahre 1818 nur zwei hübsche Mädchen, von denen die -Eine zu stark, die Andere zu mager war. - -[6] Es waren dies drei Studenten, welche den Feldzug mitgemacht hatten, -und mit dem Erinnerungszeichen daran geschmückt, vor die Barriere -traten, wo sie als ehrliche und wahrhafte Burschen rehabilitirt wurden. -Unser Präsident trug aber auch das eiserne Kreutz. -- - -[7] Die Polen hatten diesen Schlesier durch schändliche Mißhandlungen -so erbittert, daß er nur den Namen »_furioso_« trug. Er sprach immer -nur von einem Polen vergleichend. »Ein Pole oder ein Schurke« u. -dgl. m. Bei einer solchen Phrase erhob sich dann allemal der sanfte -Deputirte L. und foderte eine Ehrenerklärung für die Polinnen, da seine -Mutter eine solche sei, welche _Furioso_ allemal wenn auch ungern -ertheilte. - -[8] Diese neunzehn Punkte sind leider nicht mehr in meinem Besitz -- Um -das Sitzungsprotocoll in seiner ganzen Vollkommenheit zu geben, habe -ich die Verhandlungen über jene Puncte hier indessen nicht auslassen zu -dürfen geglaubt. - -[9] In der Heidelberger Burschenschaft war das Fuchswesen ganz -aufgehoben, der Student im ersten Halbjahre hatte gleiche Rechte mit -den älteren Burschen. - -[10] Wie wenig Verstecktes wie so gar nichts Revolutionäres lag -damals in den Deutschen Burschenschaften! Wie hätte sich der junge -Deutsche Pegasus zügeln und reiten lassen, wenn einige unvorsichtige -Stallknechte ihn nicht durch Verketzerungen zu hartmaulig gemacht -hätten. - -[11] Ein löblicher Vorschlag, nicht wahr? - -[12] Das war freilich ein sehr einfältiger Beschluß, gegen den ich -vor allen Dingen protestirte. Ich rief stets, »wir haben ja nichts -zu verheimlichen, laßt uns die Protocolle sogleich allen Regierungen -vorlegen. Ein Geheimniß für 100 ist ohnehin ein Unsinn.« Allein ich -wurde nicht gehört und ich bedauere es nur, daß meine Protestation -damals nicht mit zu Protocoll genommen ist. Ich könnte indessen den -Beweis durch Zeugen führen, wenn dies überall der Mühe werth wäre. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Humoristische Erinnerungen aus meinem -academischen Leben in Heidelberg und , by Theodor von Kobbe - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN *** - -***** This file should be named 53060-0.txt or 53060-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/0/6/53060/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 - Erstes Bändchen - -Author: Theodor von Kobbe - -Release Date: September 16, 2016 [EBook #53060] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1840 erschienenen -Ausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung -und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend -korrigiert, auch wurden vereinzelte grammatische Korrekturen -vorgenommen, wenn ansonsten der Sinn des Textes verfälscht würde.</p> - -<p class="p0">Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden -beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren -oder im Text mehrfach auftreten. Fremdsprachliche Begriffe und Zitate -wurden nicht korrigiert; einzelne unleserliche Buchstaben wurden aber -sinngemäß ergänzt.</p> - -<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.</p> - -<p class="p0">Antiquaschrift in der Originalausgabe wird hier durch -<em class="antiqua">kursive</em> Schrift dargestellt.</p> - -<p class="p0 htmlnoshow"> Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät -installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten -Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos -als auch gesperrt erscheinen.</p> - -</div> - -<div class="front"> - -<h1><span class="s6"><b>Humoristische Erinnerungen</b></span><br /> - -<span class="s7">aus meinem</span><br /> - -<b>academischen Leben</b><br /> - -<span class="s7">in</span><br /> - -<span class="s6"><b>Heidelberg und Kiel</b></span><br /> - -<span class="s7"><em class="gesperrt">in den Jahren</em> -<b class="mleft1">1817–1819</b></span></h1> - -<p class="center">von</p> - -<p class="s2 center mtop1"><b><em class="gesperrt">Theodor von Kobbe.</em></b></p> - -<hr class="band" /> - -<p class="s4 center">Erstes Bändchen.</p> - -<hr class="band" /> - -<p class="s4 center"><b>Bremen,</b><br /> -Verlag von Wilhelm Kaiser.</p> - -<p class="s4 center"><b>1840.</b></p> - -<p class="s5 center padtop5 break-before">Druck von F. W. Buschmann.</p> - -<p class="s4 center padtop5 break-before"><em class="gesperrt">Meinen</em></p> - -<p class="s2 center"><b>Universitätsfreunden</b></p> - -<p class="s4 center">voll unsterblicher</p> - -<p class="s3 center"><b><em class="gesperrt">Erinnerung</em></b></p> - -<p class="s4 center">gewidmet.</p> - -</div> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2> - -</div> - -<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="tdl vat padr1"> - Vorwort. - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_i">I</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat padr1"> - Erstes Kapitel. - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_1">1</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat padr1"> - Zweites Kapitel. - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_13">13</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat padr1"> - Drittes Kapitel. - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_39">39</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat padr1"> - Viertes Kapitel. - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_79">79</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat padr1"> - Fünftes Kapitel. - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_105">105</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat padr1"> - Sechstes Kapitel. - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_126">126</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat padr1"> - Siebentes Kapitel. - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_145">145</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat padr1"> - Beglaubigte Abschrift der Protocolle, gehalten in der - Abgeordneten-Versammlung zu Jena. - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_187">187</a> - </td> - </tr> -</table> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_i" id="Seite_i"> I </a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort.</h2> - -</div> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1"><em class="antiqua">Smollis</em> Ihr Herren!</p> - -<p><span class="initial">W</span>ährend des Drucks der ersten acht Bogen brauchte ich die Wasserkur in -Gräfenberg. In dieser Zeit ist mir auf dem grünen Felde der Erinnerung -mancher ärgerlicher Druckfehler erwachsen und leider! keine Zeit zur -totalen Vertilgung durch Umdruck, der nur partiell geschehen konnte, -mehr vorhanden. Vor allen Dingen bitte ich Seite 19 Zeile 14 und Seite -34 Zeile 9, <em class="gesperrt">negierend</em> statt <em class="gesperrt">regierend</em>, S. 20. Z. 12, -<em class="gesperrt">Hirschhorn</em> für <em class="gesperrt">Hirschhern</em>. S. 16. Z. 21, <em class="gesperrt">Choragen</em> -für <em class="gesperrt">Choragee</em>. S. 151. Z. 21, <em class="gesperrt">Jena’s</em> für <em class="gesperrt">Jonas</em> zu -lesen, und hie und da sogar ein Wort zu suppliren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_ii" id="Seite_ii"> II </a></span></p> - -<p>Ihr lieben Commilitonen werdet mir dies schon vergeben, und da Ihr wohl -instruirte Leute seid, doch das Richtige heraus lesen. Aber auch von -Euch, Ihr gestrengen Recensenten! und von Euch, Ihr griesgrämlichen -Philister! und vor Allen vom wohlgesinnten Leser erbitte ich mir -<em class="gesperrt">Amnestie</em>, welches ja auch ein so schöner gesuchter Artikel -unserer humanen Zeit ist. Ich wende mich vertraulich an Euch alle und -es ist mir schon als ob meine Ohren die gewünschte Antwort vernehmen:</p> - -<p class="mleft6 mbot2"><em class="antiqua">Fiducit!</em></p> - -<p class="p0"><em class="gesperrt mleft3">Oldenburg</em><br /> -im Großherzogthum Oldenburg<br /> -<span class="mleft3">im August 1840.</span></p> - -<p class="right mright2 mtop1">Theodor von Kobbe.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1"> 1 </a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.</h2> - -</div> - -<p class="untertitel">Weinheim. Graf M. — J. Der Hecht. Thibaut. Der badische Hof. Die -Burschenschaft. Ms. Duell. — Js Rappierjunge.</p> - -<p>»Wie heißt diese Station?«</p> - -<p>»Weinheim. — Sie ist die letzte vor Heidelberg.«</p> - -<p>»Nun dann ist das Ziel der Reise bald erreicht. Nicht wahr M. und J. -darauf wollen wir eine Flaschen leeren?«</p> - -<p>M. nickte bejahend. J. sagte burschikos: »Das ist klar, das ist Natur.« -Ich: »Herr Postmeister! Wir bitten um eine Bouteille Wein.«</p> - -<p>»Ich habe keine Schenke meine Herren! Ein Glas Wasser steht zu Dienst,« -lautete die Antwort.</p> - -<p>»Wasser das ist klar, das ist Natur!« bemerkte ich J. parodirend.</p> - -<p>»Und denn will sich der Ort noch <em class="gesperrt">Weinheim</em><span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2"> 2 </a></span> nennen. Die einzigste -Station von Hamburg her, wo einen nicht einmal schlechter Wein gereicht -wird. <em class="gesperrt">Wasserheim</em> sollte es heißen.« rief J. verdrießlich.</p> - -<p>»Sie können es in Heidelberg nachholen,« lächelte der Posthalter, als -wir die mit Extrapostpferden bespannte Chaise bestiegen um zu dem Ort -unserer Bestimmung zu gelangen.</p> - -<p>»Der Philister will witzig sein und hat nicht einmal Wein, was der -schlechteste Witz von der Welt ist,« brummte J. in sich hinein.</p> - -<p>Graf M. und ich hatten die Hamburger Schule besucht. — Wir waren dort -Freunde und Studiengenossen gewesen. Er hatte einigen Freunden und -mir ein Collegium über den Homer, ich den Herrn eins über den Terenz -gelesen. Gleichwol stand ich ihm an Schulkenntnissen weit nach. Unser -dritter Reisegefährte war ein gewisser J. aus Westphalen, der auf der -Altonaer Schule erzogen war und sich zu uns gesellt hatte.</p> - -<p>Das erste was wir nach der Ueberfahrt über die Elbe außer Solavee, der -Guirlande Haarburgs, sahen, waren drei Maulthiere, die ein alter Kerl -vor sich her trieb.</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Maulthier</em>,« so heißt ein Exprimaner der zur Universität geht, -in der Burschensprache.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3"> 3 </a></span></p> - -<p>Wir beschlossen den Studententitel zu erfrühen. Nach langen Debatten -war derselbe jedoch nur unserm Freunde J., welcher früher auf der -Kieler Schule gewesen war, und seinem rothen mit Höllenstein gefärbten -Backenbart, wie einem erst kürzlich überstandenen Nervenfieber sein -älteres Aussehen verdankte, — und zwar dahin bewilligt, daß er -behaupten dürfe, ein halbes Jahr bereits in Kiel studirt zu haben.</p> - -<p>J. hatte dies oft auf der Reise zu der Bemerkung benutzt, daß wir junge -Schüler seien, welche er auf die Universität führe. Dazu hatten wir -schweigen müssen. Allein Nemesis rächte uns.</p> - -<p>Als wir den Lutherberg hinter Hannoversch Münden, aus Mitleid gegen -unsere Pferde zu Fuße erklommen, sahen wir einen kräftigen Mann von -mittleren Jahren, der es, wie wir, mit seiner Chaise machte.</p> - -<p>»Wenn ich nicht irre, sind die Herren Studenten,« rief er uns zu.</p> - -<p>M. und ich schoben J. als solchen vor. Von uns selbst berichteten wir -die Wahrheit, daß wir nur noch burschikose Embrionen seien.</p> - -<p>»Lassen Sie uns die Reise gemeinschaftlich machen, wenigstens bis -Marburg, wo ich meinen Vater besuchen will. Ich zahle für zwei Pferde<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4"> 4 </a></span> -das Postgeld, wir lassen dann viere anspannen und fahren mit sechszehn -Beinen,« beanfragte der Fremde.</p> - -<p>Wir acceptirten diesen annehmlichen Vorschlag und fanden auch später -keinen Grund dies zu bedauern. Unser Reisegefährte war der Professor -Bucher aus Erlangen, ein Mann von Kopf und Herz, dem ich hier das -Zeugniß geben muß, daß ich keinen seiner Collegen kennen gelernt habe, -der mir so liebenswürdig vorgekommen ist wie er. — Ist es mir doch -noch, wie gestern, daß er mir das Städchen vom Wagen uns zur Linken -zeigte, in welchem er seine jetzige Frau zum ersten Male gesehen hatte. -Seine Züge verklärten sich schon beim Anblick des Kirchthurms, jede -Miene seines Gesichtes wurde zum Liede. Es ist ein herzerhebender -Anblick, wenn ein kräftiger Mann in der Erinnerung an die göttliche -Zeit der Ideale schwelgt.</p> - -<p>Der an Menschenkenntniß reiche Professor hatte uns bald durchschaut. -J. hatte er durch die lustigste Folter von der Welt, indem seine -peinliche Frage hauptsächlich in einer Erkundigung nach den -Collegien, die J. gehört haben wollte, bestand, — zum Geständniß -seiner noch nicht geschehenen Immatriculation gebracht. Er hatte ihm -darauf das Prognosticon eines armen Renommisten, der noch manche<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5"> 5 </a></span> -Unannehmlichkeiten in der Welt bestehen würde, gestellt. Dem Graf M. -sagte er eine hohe Stellung in der Welt voraus, die dieser auch jetzt -einnimmt. —</p> - -<p>Was er mir verkündete, ist erst theilweise eingetroffen. — Sobald es -Alles in Erfüllung gegangen ist, will ich den Seher loben. — Aber -das sagte ich ihm damals voraus, daß ich seiner Liebenswürdigkeit -ewig gedenken, und daß, wenn ich einmal das Glück haben würde, ein -Schriftsteller meiner Universitätsjahre zu werden, ich dieser unserer -Reise mit Dankbarkeit gegen ihn öffentlich gedenken wollte.</p> - -<p>Ich habe hiermit mein Versprechen erfüllt.</p> - -<p>Wir fuhren die Bergstraße hinauf unter blühenden Bäumen. Die Natur -hatte ihre reizendsten Gewänder angelegt. Wie pupperten unsre -Primanerherzen vor Freude! Ich begreife noch zu dieser Stunde nicht, -das mir das meine nicht vor Lust gebrochen ist.</p> - -<p>Ich sang in Einem fort Studentenlieder bis ich vor Heiserkeit nicht -weiter konnte. —</p> - -<p>Da ertönte plötzlich ein Ha! aus jeder Kehle.</p> - -<p>Wir waren um die Ecke bei Neuenheim gebogen. Wir hatten Heidelberg -erblickt, an das Gebirg gelehnt, zu seinen Füßen den munter dahin -fließenden Neckar, auf seinem Haupte die Schloßruine als<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6"> 6 </a></span> Krone, die -Umgebungen, überall mit Weinbergsträußern geschmückt.</p> - -<p>Der Eindruck war unbeschreiblich.</p> - -<p>Der Postillon führte uns zum goldenen <em class="gesperrt">Hecht</em>, auf ausdrückliches -Verlangen unsers Freundes J., der sich aus Zarachias Renommisten der -Stelle:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Zum blauen <em class="gesperrt">Hecht</em> trug ihn Kalmucks geschwinder Lauf.«</p></div> - -<p>dabei erinnerte.</p> - -<p>M. und ich kleideten uns an, um Thibaut aufzuwarten. J. ging seiner -Wege, ich glaube er wollte sich nach den Befugnissen der Polizei in -Heidelberg erkundigen.</p> - -<p>Thibaut, ein genauer Freund von Ms. Vater empfing uns sehr freundlich -in seinem Garten. Er selbst war Enthusiast für die Gegend und das Klima -Heidelbergs.</p> - -<p>»Fühlen Sie einmal die Luft.« das waren die Worte, womit er uns mit -ausgestreckter Hand anredete.</p> - -<p>Später ging er mit uns und zeigte M. die für ihn gemiethete Wohnung. -Dann miethete er für mich bei dem alten Licentiaten B... in der -Mittelbadgasse ein Logis. Noch denke ich mit Schauder an die drei -bildhäßlichen Töchter des Hauses,<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7"> 7 </a></span> sie kommen mir wieder im Schlaf vor, -wenn ich Unverdauliches gegessen habe.</p> - -<p>»Sie bezahlen eigentlich eine Pistole zuviel,« lächelte der -Geheimerath, »allein sie können die Häßlichkeit der Töchter auch wieder -höher als eine Pistole anschlagen.«</p> - -<p>Ich bin Thibaut wohl für seine Artigkeit und für seine väterliche -Präventionstheorie, nicht aber für dies Quartier dankbar. — Ich habe -viel Verdruß durch meine Leichtgläubigkeit gehabt, — doch weg mit -allen Klatschereien, sie sind alle todt, <em class="antiqua">requiescant in pace</em>.</p> - -<p>Von den ersten drei Tagen meines Burschenlebens in Heidelberg weiß ich -fast nichts mehr zu referiren. Es flimmert mir sogleich vor den Augen, -wenn ich daran denke. Ich lebte den Zustand eines opiumberauschten -Türken.</p> - -<p>Ich war den ganzen Tag über auf den Burschenkneipen, studirte jedes -Gesicht und versuchte mit Jedem ein Gespräch anzuknüpfen, was gerade -im Anfang jedes Semesters leicht wurde, besonders da alle Partheien -einen Neuling an sich zu ziehen suchten. Ich war alle drei Abende -nacheinander bei Thibaut eingeladen, ließ mich aber jedes Mal -entschuldigen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8"> 8 </a></span></p> - -<p class="mbot2">Graf M. sprach ich täglich nur einige Minuten. Er hatte sich in den -ersten Tagen größtentheils bei Thibaut aufgehalten, dann aber die -Kneipe seiner Landsleute, die damals zu den Westphalen gehörten, -besucht, auch auf besondere Verwendung dieser, mit ihnen den -Mittagstisch genommen.</p> - -<p class="mbot2">Es war nämlich im Frühling 1817 eine halbe Hungersnoth in Heidelberg. -Mancher arme Schelm wurde mit Gras im Munde, am Hungerstod gestorben, -im Walde gefunden. Ein Laib fast ungenießbares Brod von vier Pfund, -kostete 40½ Kreuzer, die Kreuzerwecke konnte mit unbewaffnetem Auge -fast nicht wahrgenommen werden. Alle Studententische waren geschlossen, -da die Wirthe, welche Schaden bei dem gewöhnlichen Pränumerationspreise -hatten, zwar in Erwartung einer guten, später auch eintretenden Erndte, -zwar diesen nicht erhöhen aber auch nicht mehr Abonnenten haben wollten.</p> - -<p>Eine travestirte Laona irrte ich mit meinem Hunger von Table d’hote zu -Table d’hote umher. Ich mußte zwei Monate in den Gasthäusern wie ein -durchreisender Fremder täglich einen Gulden für mein Couvert bezahlen -bis Herr Hellwerth, der Wirth des Badischen Hofes, mich als wirklichen<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9"> 9 </a></span> -Stammgast um einen ermäßigten Preis, und wahrlich nicht zu seinen -Schaden, annahm. —</p> - -<p>Wenn ich mit M. zusammen kam, so lenkte sich das Gespräch natürlich -bald auf die wichtige Frage, ob wir überall in eine und in welche -Verbindung wir treten wollten. — Ich hatte von den Burschenschaftlern -die Arndtschen Lieder:</p> - -<p>»Was ist des Deutschen Vaterland?«</p> - -<p>»Sind wird vereint zur frohen Stunde!«</p> - -<p>so wie das Körnersche:</p> - -<p>»Wie wir so treu beisammen stehn.«</p> - -<p>gehört, jede Faser meines Leibes war von dieser Vaterlandsglut -durchströmt, nur in der Burschenschaft glaubte ich mein Heil finden zu -können. —</p> - -<p>Ich eröffnete dies M.</p> - -<p>Dieser aber erklärte, bei dem Glauben seiner Landsleute bleiben und das -Grün-Schwarz-Weiß der Westphalen zu seiner Leibfarbe machen zu wollen.</p> - -<p>Ich trat in die Burschenschaft.</p> - -<p>Unser Umgang wurde dadurch seltener, jeder war für seine Verbindung zu -sehr enragirt, indessen M. noch viel mehr als ich. —</p> - -<p>Ein Jahr später sah ich auf der Hirschgasse meinen Freund M., -mit einer klaffenden Wunde in der Brust. — Ein feindlicher -Burschenschaftschläger, geführt von dem trefflichen S. aus N., -war ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10"> 10 </a></span> zwischen der dritten und vierten Rippe in die Seite -gefahren. Er sah mich mit seinen sterbenden Blicken traurig aber mit -Freundeszärtlichkeit an. Das Ganze war um einen nichtswürdigen Kerl -hergekommen und Ms. Duell mit eine sogenannte Nachstürzerei, in welche -auch ich verwickelt war.</p> - -<p>Die Mißverhältnisse mit den Landsleuten, die nothwendige Vermeidung -einer Rührung, machten es unmöglich zu ihm zu gehen.</p> - -<p>In derselben Stunde verließ ich von Schmerz zerknirscht mit S. aus -verschiedenen Thoren Heidelberg. Es war mir unmöglich mit dem tödtlich -verwundeten Jugendfreunde in Einem Ort zu leben ohne ihn sehen zu -können. Ich floh nach Rastadt, wo ich jeden Morgen durch meinen treuen -Freund v. P. ein Gesundheitsbulletin über M. empfing.</p> - -<p>Ich verlebte eine höchst qualvolle Zeit. Noch jetzt habe ich einen -Brief von v. P., an einen andern in Rastadt Lebenden in Händen, der die -Furcht ausspricht, ich würde vor Schmerz verrückt werden.</p> - -<p>Sein Gegner S. lief bewußtlos nach Rheinbaiern. Er sank hier unter -einem Apfelbaum und schlief ermüdet ein. Hier erschien ihm ein Engel im -Traum und sprach zu ihm: »Dein Gebet wird erhört, M. wird genesen. Kehr -zurück nach Heidelberg.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11"> 11 </a></span></p> - -<p>S. that wie ihm der Engel geheißen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Chelius</em> aber hat ein Meisterstück an M. verübt. Nachdem er fast -zwei Jahre an derselben hoffnungslos gelegen und seine Brust täglich -eine Masse Eiter ergossen hatte, ist M. ein starker kräftiger Mann -geworden.</p> - -<p>Erst, als er gerettet war, durfte ich ihn wieder sehen.</p> - -<p>Hol’ der Teufel Landsmannschaft und Burschenschaft wenn die solche -Freunde kosten, dachte ich, und denke seitdem noch so. —</p> - -<p>Unserm dritten Reisegefährten J. erging es wie Bucher vorhergesagt -hatte. —</p> - -<p>Er war kaum vierzehn Tage in Heidelberg, als er sich gegen einen alten -Burschen einen unanständigen ledernen Witz über dessen Schwester, die -er gar nicht kannte, erlaubt hatte.</p> - -<p>R — bemerkte »Fuchs, solch ein schnöder Witz ist einen Rappierjungen -werth.«</p> - -<p>Unter dem Wort Rappierjunge versteht man ein Duell mit ungeschärften -Rappieren.</p> - -<p>»Ich wette«, versetzte J., welcher sich viel darauf zu Gute that, -einigen Fechtunterricht von einem Dänischen Unterofficier in Altona -erhalten zu haben, »daß ich Dir eher zwei Hiebe beibringe, als Du mir -einen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12"> 12 </a></span></p> - -<p>»Du Fuchs!« lachte N.</p> - -<p>N. war der beste Schläger in Heidelberg. Er dachte sich es doch ein -wenig sicher nehmen zu müssen, damit der Fuchs ihn nicht blamire. Er -nahm ihn daher sich »<em class="antiqua">sûr</em>« wie die Studenten es nennen.</p> - -<p>Beide traten auf die Mensur. J. schlug eine Terz. N. parirte und schlug -eine Quart nach. »Herr Jesus!« rief J.</p> - -<p>N. hatte ihm fast alle Zähne, seine einzige physikalische Zierde, aus -dem Munde geschlagen.</p> - -<p>Die meisten Nerven lagen entblößt. Er hat, so lange er in Heidelberg -war, entsetzlich am Zahnweh gelitten.</p> - -<p>Wo J. geblieben ist, weiß ich nicht.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13"> 13 </a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.</h2> - -</div> - -<p class="untertitel">Göthe, Ludwig Robert, Carl Thorbecke, Massenbach, August Wilhelm -Schlegel, Jean Paul, Martens, Heinrich Voß, Joh. Heinrich Voß, -Wambold, Morstadt, Uexküll.</p> - -<p>Zu den Fremden, welche gar oft Heidelberg besuchten, gehörte auch -<em class="gesperrt">Göthe</em>, den ich freilich nicht mehr dort gesehen, weil er, wenn -ich nicht irre, zum letzten Male im Jahre 1815, das Neckar-Athen -besucht hatte. — Göthe, daran gewöhnt von allen Dingen Nutzen -zu ziehen, sowohl von der Natur als wie von der Kunst, hatte die -Huldigungen, welche die Professoren seinem großen Genius brachten, -sofort dazu benutzt, sich von jedem irgend ein Collegium lesen zu -lassen. Der Mephisto, <em class="antiqua">sit venia verbo</em>, hatte die Gestalt -des Schülers angenommen und sich, indem er nur lernte, nicht aber -lehrte, fortwährend, so zu sagen, geistig tractiren lassen. Als ich -dem Dichterfürsten im Jahre 1818<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14"> 14 </a></span> in der Tanne vor Jena aufwartete, -schien er mit einiger Wärme nach dem Professor Schelver, dem damals -renomirtesten Magnetiseur in Süddeutschland sich zu erkundigen, von dem -ich noch später reden werde.</p> - -<p>Was aber Göthe wol am Meisten nach Heidelberg gezogen hat, das mögen -die <em class="gesperrt">Boißerée</em>schen Bilder gewesen sein, welche er stundenlang, -mit dem innigsten Entzücken betrachtet, und oft in Bezug auf ihre -Urheber ausgerufen haben soll: <em class="gesperrt">Das waren noch Dichter!</em> Bei -dieser Gelegenheit mag eine wenig, vielleicht nur durch meine -Humoristischen Blätter bekannt gewordene Erzählung hier einen Platz -finden, welche der geschwätzige Erklärer der Boißeréeschen Bilder, Herr -Bertram, bei Vorzeigung eines Gemäldes, sicher mehr aus einer localen -Erinnerung, als aus Causal-Zusammenhang, denn das Bild stellte den Tod -der Maria vor, zum Besten zu geben pflegte:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Zu der Zeit, als die verbündeten Heere in Frankreich auf ihren -Lorbeeren ruhten, war Göthe, wie fast alljährig in jener Zeit, -bei uns in Heidelberg zum Besuch. Eines Morgens, als der Alte -noch im Bette lag, wurde ihm ein Preußischer Officier, einer -seiner blindesten Enthusiasten, gemeldet. Er habe, ließ er den<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15"> 15 </a></span> -Poeten sagen, einen Umweg von zwanzig Meilen gemacht, um seinen -Lebenswunsch »Göthe von Angesicht zu Angesicht zu schauen,« -erreichen zu können. <em class="gesperrt">Wolfgang</em> erklärte aber rundweg, er -wolle den Fremden nicht sehen. Der Officier wiederholte den -achselzuckenden Kammerdiener seine Bitte mit dem Anfügen, daß -seine Bewunderung des Dichterfürsten ihm die schwerste Strafe -zuziehen könne, wenn sein Abweichen von der Marschroute an den Tag -käme, er rührte durch seine Mienen den Kleinbotschafter sogar, -der wiederholt für den <em class="antiqua">envagé</em> seines Herrn bei diesem -interredirte, alle Versuche waren aber vergebens. <em class="gesperrt">Göthe</em> -blieb regierend im Bette liegen. Da verkehrte sich seines Verehrers -Liebe in Zorn. Zur Seite stieß er den Kammerdiener, dann eilte er -mit gezücktem Schwerdte an des Dichters Lager, indem er ausrief: -»»Noch hab ich jede Schanze auf die ich losstürmte gewonnen, -und das Bett eines eigensinnigen Poeten sollte mir verborgen -bleiben.«« Was that der erstürmte Göthe? Kaum trat der Officier -an sein Lager, als bald durch die heilige Nähe des Sehers, wie -durch die Erreichung seines Wunsches calmirt, als der Herr Geheime -Rath anfing, successive dermaßen Gesichter zu<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16"> 16 </a></span> schneiden, daß der -Krieger, der ohnehin nicht lange warten konnte, nur die Züge eines -Grimaciers, nichts aber von den Göttermienen des Verfassers der -Iphigenia, des Tasso’s und des Faust’s erkennen konnte.«</p></div> - -<p>Zu den interessantesten Literaten seiner Zeit ist <em class="gesperrt">Ludwig Robert</em> -gewiß mit Recht zu zählen. Von jüdischen Eltern geboren, der Bruder -<em class="gesperrt">Rahels</em>, hatte er eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und -war vor allen Dingen ein gründlicher Denker, wenn er gleich noch im -Fichteschen »<em class="gesperrt">Ich</em>« befangen war. Die Wärme des Christenthums -hatte sein Herz durchdrungen, er war ein wohlwollender uneigennütziger -Mensch. — Welch einen gewaltigen Einfluß aber die ersten Eindrücke -der Jugend auf uns äußern, davon gab er mir einmal ein scherzhaftes -Beispiel. »Mein Vater war sehr reich,« erzählte er mir eines Tages, -»indessen war die Wohlthätigkeit meiner Mutter unverhältnißmäßig viel -größer, als des Vaters Vermögen. Sie gab ohne sein Wissen, jährlich wol -tausend, <em class="gesperrt">ja was will ich sagen, tausend, gewiß eilfhundert Thaler an -die Armen</em>« — Ein geborner Christ, nicht als ob die Wohlthätigkeit -nicht mehr bei den Juden zu Hause wäre als bei uns, hätte unmöglich -soviel arithmetische Reflexionen in<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17"> 17 </a></span> einen solchen Passus gebracht, -sein Klimax wäre gewiß von tausend auf zweitausend, und wenn er -selbst Mann vom Fach, Kaufmann gewesen wäre, doch wenigstens auf -funfzehnhundert gestiegen. —</p> - -<p>Als Robert Heidelberg verließ, bat ich ihn um ein Stammblatt, und zwar -um einige Verse. Er antwortete mir: »Einen schlechten Spruch in Versen -für <em class="gesperrt">Sie</em> zu schreiben, geziemt uns nicht.«</p> - -<p>»Zur Nutzanwendung mögte der 38jährige gern dem 19jahrigen etwas -aufzeichnen, aber das, was er ihm am Liebsten in der Art sagte, darf er -ihm nicht sagen; daher wird <em class="gesperrt">Robert</em>, weil er <em class="gesperrt">Kobbe</em> sehr -lieb gewonnen hat ihm zuweilen schreiben und sich nach seinem Thun und -Treiben freundlich und herzlich erkundigen. Glauben Sie mich nie unwahr.</p> - -<p class="right mright2">Ihr Robert«</p> - -<p class="p0 mbot1">Heidelberg, den 31. Decbr. 1817.</p> - -<p>Robert war meinen poetischen Bestrebungen sehr gewogen. — Freilich -demüthigte er mich auch oft, indessen hat er mich dadurch von jedem -schriftstellerischen Hochmuth bewahrt. So besinne ich mich unter -Anderm, daß er mir zwei Akte eines von mir geschriebenen Trauerspiels -mit der niederschlagenden Ermunterung zurück gab! »Schreiben Sie frisch -darauf los, noch sechs solche Trauerspiele, verbrennen Sie aber ja -alle, dann werden Sie Glück<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18"> 18 </a></span> mit dem siebenten haben. Wenn nur alle -jungen Dichter diese Sybillenweisheit beherzigten.«</p> - -<p>Es ist mir allezeit auffallend gewesen, warum die Schriften Ludwig -Roberts so wenig Epoche gemacht haben, und selbst jetzt selten -genannt werden. Das Erste läßt sich am leichtesten begreifen. — Denn -in der Zeit seiner meisten Productionen war das Publicum nur ganz -<em class="gesperrt">Jahnisch</em> und <em class="gesperrt">Arendtsch</em>; ein Poet durfte nur Körnersche -Lieder vor die Augen der Leser bringen. Roberts »<em class="gesperrt">Kämpfe der -Zeit</em>« erregten einen rauschenden aber bald verklingenden Beifall. -Von seinen dramatischen Sachen hat sich »die Macht der Verhältnisse« -fortwährend auf der Bühne erhalten. Obgleich unsere chinesischen -Vorurtheile keineswegs sich verringert haben, vielmehr in trägen -Frieden sich tagtäglich vergrößern, das Stück mithin nur zu sehr die -Interessen des Tages anregt, woher auch seine fortwährende Geltung -rühren mag, so ist in demselben doch kein tragisches Element zu finden. -Die Miserabilitäten der Standesvorurtheile zu bekämpfen, dafür haben -wir das Lustspiel, dessen Haupttypus immer der sich aufblähende, -einem Ochsen gleichen wollende, und endlich zerspringende Frosch -bleibt. — Wenig bekannt ist Roberts Drama »die Gleichgültigen oder -die Nichtigen,« ein kostbares Lustspiel,<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19"> 19 </a></span> was wahrscheinlich nur um -seiner treffenden Wahrheit willen, und weil es alle Stände unerbittlich -züchtigt, sich nicht ein Beifall zollendes Publikum erworben hat.</p> - -<p>An der Wirthstafel des Badischen Hofes zu Heidelberg lernte Robert in -demselben Jahre seine künftige Gattin kennen, das schönste Weib, das -meine Augen je erblickt haben. Die Ironie des Schicksals hatte diese -Dame, ein würdiges Modell zu einer Madonna, in traurige unwürdige -eheliche Verhältnisse gebracht, von denen Robert sie nicht ohne große -pecuniäre Opfer erlößte. — Die schöne Frau wurde dadurch zum dankbaren -Clärchen gegen ihren Erretter. Noch später hat mir die liebenswürdige -Haizinger, ihre getreue Freundin, von der schwärmerischen Liebe -erzählt, womit die Gattin Roberts an ihn hing. — Ihr Herz brach mit -seinen Augen, wenige Tage nachher wurde auch sie zur Erde bestattet. -Von freudigen Gedanken an das Wiedersehn des liebenswürdigen Ehepaars -erfüllt, vergesse ich nie die Erschütterung, welche die Antwort einer -weinenden Frau in mir hervorbrachte die ich bei der Annäherung des -Leichenzugs um den Namen des Todten befragte. »Es ischt halt ä Engel -die Wittwe von de Herr Dichter Robert.«</p> - -<p>Unvergeßlich bleibt mir ein Doctor Carl Thor<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20"> 20 </a></span>becke aus Osnabrück, -welcher damals in Heidelberg privatisirte. Unglück, vielleicht auch -eigne Schuld haben ihn später in das Verderben gestürtzt und ich -zweifle, ob er noch unter den Lebenden wandelt. Nie hab ich einen -Sterblichen gekannt welcher eine solche Macht auf die Stimmung der -Menschen übte, die er mit einer fast elementarischen neidischen -Koboldskraft fast immer dazu anwandte, den Heitern mit Traurigkeit, -den Betrübten mit Frohsinn zu erfüllen. Einem Studenten, welcher -unter Bürgschaft eines Professors eine Summe Geldes von dem Banquier -<em class="gesperrt">Hirschhern</em> zu leihen hoffen konnte, aber im Begriff war, diesen -Termin zu versäumen schrieb er folgende jocose Verse:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»<em class="gesperrt">Hirschhern</em> kräftig gegen Schwindel,</div> - <div class="verse">Wenn man weiß nicht aus noch ein,</div> - <div class="verse">Muß verwahrt mit einem Spündel,</div> - <div class="verse">Alsobald verschlossen sein.</div> - <div class="verse">Darum halt ihn fest im Glase,</div> - <div class="verse">Jenen Geist, der sonst verfliegt;</div> - <div class="verse">Sonst behältst Du wohl die Nase,</div> - <div class="verse">Aber nichts woran sie riecht.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Ein andermal dichtete er folgendes schöne Lied, das zum Beleg seiner -wunderbaren Kühleborn-Natur dienen mag.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21"> 21 </a></span></p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Was willst du singen?</div> - <div class="verse">Willst Du singen ein lustig Lied?</div> - <div class="verse">Kein lustig Lied! Ich fliege nicht auf dem Wasser</div> - <div class="verse">Geschwind, geschwind mit Well’ und Freude,</div> - <div class="verse">Lustig Lied ist wie ’ne Wasserfahrt,</div> - <div class="verse mleft3">Das Schiff läuft aus,</div> - <div class="verse mleft3">Kommt wieder nach Haus.</div> - <div class="verse">Ich fliege nicht auf dem Wasser</div> - <div class="verse">Mit Well’ und Freude.</div> - <div class="verse mleft3">Was willst du singen!</div> - <div class="verse">Willst du singen ein traurig Lied?</div> - <div class="verse mleft3">Kein traurig Lied! Ich stehe nicht am Ufer</div> - <div class="verse">Und schau hinab, ich senke nicht mein Herz</div> - <div class="verse">Wie einen Eimer in die Tiefe,</div> - <div class="verse">Verlorenes zu schöpfen:</div> - <div class="verse">Sänger traurigen Liedes</div> - <div class="verse">Stehet im segelnden Schiffe still,</div> - <div class="verse">Meinet, meinet nicht fortzugehn.</div> - <div class="verse mleft3">Kein lustig Lied, kein traurig Lied</div> - <div class="verse mleft3">Willst du singen?</div> - <div class="verse mleft3">Schweigen will mein Herz?</div> - <div class="verse">Nicht schweigen!</div> - <div class="verse">Singen will es sehnend Lied!</div> - <div class="verse">Wer singet ein sehnend Lied,</div> - <div class="verse">Solche Stille Schauer erfährt,</div> - <div class="verse">Als wer von Land und Freunden schied</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22"> 22 </a></span> - <div class="verse">Und das weite Meer befährt,</div> - <div class="verse">Lustig Lied ist wie ’ne Wasserfahrt,</div> - <div class="verse">Traurig Lied hält das segelnde Schiff an,</div> - <div class="verse">Sehnend Lied ist mitten auf der See:</div> - <div class="verse">Unten Liebe oben Himmel,</div> - <div class="verse">Nirgends Land;</div> - <div class="verse">Und aus Wolken und aus Wasser</div> - <div class="verse">Eine ausgestreckte Hand.</div> - <div class="verse">Auf einander Wellen reiten,</div> - <div class="verse">Gegen einander Winde streiten,</div> - <div class="verse">Sausen, Brausen,</div> - <div class="verse">O wie schön, schön</div> - <div class="verse">Zwischen Himmel und Liebe vergehn!«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Noch ein anderes Gedicht Thorbeckens, welches der Vergessenheit -entrissen zu werden verdient, möge hier seinen Platz finden:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft3"><b class="mleft3">Im Walde.</b></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Im Wald ist es herrlich!</div> - <div class="verse">Im Wald ist es herrlich,</div> - <div class="verse">Am Abend ist schön im Walde gehn,</div> - <div class="verse">Die Bäume wie stille Freunde stehn,</div> - <div class="verse">Aus jedem Strauch die Liebste tritt,</div> - <div class="verse">Liebe faßen, Liebe lassen ist jeder Schritt,</div> - <div class="verse">Und Bäume und Liebste und Mond gehn mit!</div> - <div class="verse mleft2">Welch wonniglich Graun,</div> - <div class="verse">Da hinnein zu schaun!</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23"> 23 </a></span> - <div class="verse">Der Wind durch die Zweige sehnend streicht</div> - <div class="verse">Und Seel’ und Aug’ und Mond ist feucht,</div> - <div class="verse">Und auf dem Feuchten ein Lichtlein schwimmt</div> - <div class="verse">Taucht nieder, kommt wieder herauf und glimmt</div> - <div class="verse">Und Nachtigall voll die Kehle nimmt.</div> - <div class="verse mleft2">Als ging’s im Himmel hinnein</div> - <div class="verse">Ist hier mit der Liebsten seyn,</div> - <div class="verse">Schneller kann keine Reise geschehn,</div> - <div class="verse">Als mit dem Monde zu gehn.</div> - <div class="verse">Aber ach, wie entsetzlich, entsetzlich weit</div> - <div class="verse">Ist die ganze reiche Herrlichkeit,</div> - <div class="verse">Wenn die liebste Liebste sich anderswo freut.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Die Politik war Thorbecke durchaus verhaßt, er empfand eine förmliche -Idiosynkrasie dagegen und bildete darin einen schreienden Contrast -mit dem unglücklichen Obersten <em class="gesperrt">Massenbach</em>, welcher sich vor -seiner Vertreibung aus dem Badischen und vor seiner Gefangennehmung in -Frankfurt eine Zeitlang in Heidelberg aufhielt. — »Mein Gott, wie kann -man so wenig Interesse an dem öffentlichen Wohl nehmen,« rief einst -Massenbach mit seinen blitzenden, achtzehnjährigen Augen, als Thorbecke -die vom Kellner ihm präsentirten neuen Zeitungen auf einen Nebentisch -warf, welches der Poet kalt mit der Bemerkung beantwortete: »Herr -Oberst! wie muß man innerlich zerfallen sein, wenn man sich mit dem<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24"> 24 </a></span> -Tranke eitler Politik erlaben und erfreuen will.«</p> - -<p>Im Jahre 1818 vollzog August Wilhelm Schlegel, unter den Studenten -gewiß mit Recht spottweise »Fräulein Schlegel« genannt, sein Beylager -mit der Tochter des Kirchenraths Paulus, seine Flitterhochzeit ohne -Flitterwochen.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Ich hin sonst allen Menschen gut</div> - <div class="verse">Aber seine Gegenwart bewegt mir das Blut.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">möchte ich bei der Erinnerung an diesen gepriesenen Schriftsteller -ausrufen, über den ich weiter kein Urtheil fällen will, wider den -ich aber die stärkste Abneigung fühle, die ich gegen einen Menschen -empfunden habe.</p> - -<p>Die Bonner Studenten haben mir im Jahre 1838 folgende sehr glaubliche -Thatsache von August Wilhelm Schlegel mitgetheilt, daß er dann und -wann Damengesellschaften gebe, vorher aber seine eignen Büsten, die -allein seinen Salon zieren solle, bekränzen lasse; dann aber wenn alle -versammelt seien, eintrete, beim Anblick der Büsten stutze, und sich -bei den Damen, als die Bekränzung von ihnen herrührend, mit versuchten -Erröthen, bedanke. —</p> - -<p>Jean Paul schien meine Idiosynkrasie zu theilen; er hatte eine -Scheidung von Tisch — wie Schlegel mit seiner Frau vom Bett, mit dem -Kammerherrn und Kammerdiener der Frau von Staël stillschwei<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25"> 25 </a></span>gend mit -ihm verabredet. Beide logirten in Karlsberg, alternirten aber jeden -Tag an der Wirthstafel, und zwangen die neugierigen Studenten, welche -gerne die beiden »Haupthähne« der Literatur kennen lernen wollten, zwei -Mittagsessen zu bezahlen, weil Jeder der Poeten der Anderswoseiende des -Gegenwärtigen war.</p> - -<p>Die Burschenschaft hatte gar bald die Idee gefaßt, dem großen Jean Paul -<em class="gesperrt">Richter</em>, dem Dichter der Unschuld und der Armen, wie ihn der -geistreiche <em class="gesperrt">Börne</em> in seiner unübertrefflichen Lobrede nennt, -ein würdiges Lebehoch zu bringen. Sie hatten sich sogar deshalb den -Landsmannschaften genähert. Allein das ungerechte Verlangen dieser, -die etwa aus hundert und funfzig bestehende Burschenschaft, solle nur -als ein einziges Corps, also equal der aus einem Schweizer bestehenden -Landsmannschaft sein, und hienach das Contingent der Marschälle, -Festordner, Adjudanten und <em class="antiqua">Chapeaux d’honneur</em> bilden, wurde -von der Burschenschaft verworfen, die billig genug, nach physischen -Köpfen, die verhältnißmäßige Vertheilung der Ehrenstellen verlangt -hatte. Die desfalsigen Verhandlungen erregten indessen bei den Vätern -der Universität gerechte Unruhe. Es wurde ein Placat erlassen und -die Feierlichkeit verboten, weil sich die Herren Stu<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26"> 26 </a></span>diosen über die -Ausführung derselben nicht vereinigen könnten.</p> - -<p>Die Landsmanschaften lachten, denn Wenigen lag in der That daran, dem -edelsten Herzblut, das auf der Erde schlug, zu huldigen. — Andere -Gefühle erweckte diese Verordnung bei der Burschenschaft, die sich -noch an demselben Abende in der Hirschgasse versammelte, und nach -einer ergreifenden Rede des Sprechers, sich sofort zu einem Fackelzuge -vereinigte und denselben in Bewegung setzte. Wie es nicht ungewöhnlich -ist, daß man bei einer ungesetzlichen Handlung alle übrigen Formen -genau beachtet, so ward auch diesmal der Sperrkreuzer am Neckarthore -gewissenhafter als je, zur kopfschüttelnden Verwundrung des ergrauten -Thorwärters bezahlt, und das Licht der Liebe zog in Gestalt von -Pechfackeln vor den Hecht, unausgeblasen von dem Pedellen und von -dem an dem andern Tage Schiffer schreckenden Gott der Winde. Es -ertönten die Worte: Es lebe <em class="gesperrt">Jean Paul</em><a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>, der große Dichter, -der deutsche Mann! dann ein Gesang gedichtet von Carové, in Ermanglung -eigner Melodie auf die Töne des »<em class="antiqua">God save the king</em>« gepfropft. -Jean<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27"> 27 </a></span> Paul erschien beim ersten gehörten Ausruf. — Die breite Stirn, -das nur vom Anblick der Götter erblindete blaue göttliche Auge, die -kräftige wenn gleich nicht große Gestalt, das deutsche, auf den Nacken -hinabwallende Haar ergriff die Troßbuben und Knappen des poetischen -Lebens und nicht wenige vergossen seit ihrem Abschied aus dem Vaterhaus -die ersten Thränen. Aber auch Jean Paul entfielen Perlen aus den Wogen -eines unsterblichen Gefühls. Kaum hatten die letzten Töne die mit des -Dichters Locken spielenden Lüfte durchzittert, als er ausrief: »Mit dem -großen Dichter irrt Ihr Euch meine Kinder, aber nicht mit dem Deutschen -Mann. Diese Ehre konnte mir nur die Heidelberger Burschenschaft anthun, -dafür habe ich während Eures Liedes Gott gebeten, daß er Euch Alle -segne. Ich wollte, ich wäre Briareus der Hundertarmige, um Euch mit -reichlichen Händedruck Eure Liebe zu vergelten.«</p> - -<p>Nachdem Jean Paul diese Worte geredet hatte, ging er in dem ihn immer -enger umziehenden Kreise umher, jedem die Hände reichend aus denen -schon so viele Segnungen auf die Menschheit geströmt waren. Es war -als ob ihnen magnetische Funken entsprühten, deshalb konnte ich nicht -umhin, meinen Platz im Kreise zu verlassen, um noch einige<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28"> 28 </a></span> Mal den -Humoristen zu berühren. Als ich ihm aber das dritte Mal die Hand -reichte fiel mir mein Unrecht ein, die subjective Freiheit nicht mehr -zum Wohl Aller beschränkt zu haben, und fast kleinlaut rief ich dem -großen Dichter zu: »Vergeben Sie, ich habe Sie schon zwei Mal um einen -Händedruck betrogen.« »Thut nichts junger Freund,« lächelte Jean Paul, -»hier ist noch der vierte und fünfte Händedruck.«</p> - -<p>Man bildete jetzt ein Spalier. »Auf die Hirschgasse,« riefen einige -Musensöhne, »da ist ein gutes Bier,« wohl wissend wie sehr der alte -Dichter ein solches Getränk zu würdigen verstand. »Ich gehe mit -Euch,« rief Jean Paul und schritt mit unbedecktem Haupte vorwärts. -Allein Carrové und Ferdinand Walter wußten wol wie schwierig es sei, -den alten Barden mit ziemlicher Rede zu bewirthen und welchen tollen -Begeisterungen er ausgesetzt werde. Sie beredeten ihn daher zur -Rückkehr. — Am andern Morgen ließ uns Jean Paul durch seinen Freund, -den liebenswürdigen Professor Heinrich Voß sagen: Er habe in der -vorigen Nacht vor Freude nicht geschlafen, er hoffe in der nächsten -übrigens den Fackelzug noch einmal im Traume zu erleben.</p> - -<p>In jener Zeit war ein <em class="antiqua">Clair-voyant</em> in Hei<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29"> 29 </a></span>delberg, welcher ein -sehr großes Aufsehen und namentlich Jean Pauls Aufmerksamkeit erregte. -Der Mann hieß wenn ich nicht irre »<em class="gesperrt">Auth</em>,« war der Sohn eines -Quacksalbers und mochte in seiner Jugend von allerhand Medicamenten, -namentlich aus dem Reiche der Vegetabilien gehört haben, welche er in -seinem magnetischen Schlafe gar häufig verschrieb. Er saß alsdann auf -einem etwas erhöheten Platze, in einem großen Kreise zu dem Grafen und -Fürstinnen sich eingefunden hatten. Jean Paul, Carrové und mehrere -Andere verzeichneten als Schnellschreiber seine Orakelsprüche, welche -der Professor Schelver, sein Magnetiseur, ihm abfragte. Mir waren -fortwährend seine vielen barbarischen gramatikalischen Fehler anstößig, -und gerieth ich schon damals zu der festen Überzeugung, daß der Zustand -des Hellsehens zwar alles Erlernte, scheinbar Vergessene wieder beleben -und dem Geiste vorführen kann, daß er aber nicht im Stande ist, -ein noch nicht angeeignetes Wissen plötzlich in den Clairvoyant zu -verpflanzen, wodurch man denn zu dem Schluß kommt, daß man nur Ärzte, -als Männer von Fach in der höchsten Potenz magnetisiren sollte.</p> - -<p>Man trug sich damals allgemein mit folgender Historie herum. Das -Collegium <em class="antiqua">medicum</em> und namentlich der Professor Tiedemann -sei beauftragt<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30"> 30 </a></span> worden den Zustand des Clairvoyants <em class="gesperrt">Auth</em> zu -untersuchen und sich zu vergewissern, daß derselbe kein Betrüger sei. -Einer der Commissionsherren, selbst ein Dilettant im Magnetisiren, -habe sich mit <em class="gesperrt">Auth</em> auch wirklich in Rapport gesetzt und in den -magnetischen Schlaf gebracht. Als man nun aber Fragen an den Patienten -gerichtet habe, sei dieser in Zuckungen verfallen und habe sich ein so -großes Gewächs am Halse, jede Minute mehr anschwellend erhoben, daß man -Schelver haben rufen müßen, der mit zwei Strichen, Krämpfe und Gewächs -habe verschwinden lassen.</p> - -<p>Jean Paul setzte die Möglichkeit sich in magnetischen Rapport mit einem -Andern zu versetzen, lediglich in den Willen des Anderen, des Stärkern. -Ich erlaubte mir ihm dagegen zu bemerken, daß wenn dies in Wahrheit -gegründet sei, der Wille manches Menschen gewiß seinen Regenten schon -in magnetischen Schlaf versetzt hätte, worüber der Dichter lächelte und -in die beste Laune gerieth.</p> - -<p class="mbot2">Ein andermal ging ich in seiner und einer größern Gesellschaft -in den Ruinen des Heidelberger Schlosses umher. Plötzlich blieb -er gedankenvoll bei einer Blume stehen, die eine Spinne mit -ihrem schnellgefertigten Netze umspann. Als die Geschäftige die -Blumenfinsterniß vollendet hatte, und gleich<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31"> 31 </a></span> darauf einige Fliegen -fing, rief der große Humorist mir lächelnd zu: »Das ist das leibhaftige -Bild des Recensenten.« Am andern Tage ging ich, über diese geistreiche -Bemerkung nachsinnend, allein zu der recensirten Blume Wohnung. Ein -Regenstrom hatte das Gewebe getrennt und die erquickte Rose strahlte -schöner als gestern. Freilich war die Spinne ein Recensent, guter Jean -Paul! aber der Regen war auch der Strom der Zeit und der andere Tag -bildete die Nachwelt.</p> - -<p>In demselben Hause worin Jean Paul wohnte, wohnte auch ein Student, -den ich <em class="gesperrt">Meier</em> nennen will, und der immer mit den größten -Männern seiner Zeit zusammengewürfelt wurde. Meier hatte auch einmal -Göthe besucht und den Platz neben dem Dichter im Sopha eingenommen. -Plötzlich ging die Thür auf. Göthe, der alte Geheimerath von Göthe ging -dem Freunde entgegen; der Bursch, welcher den Ankommling wie er sich -nachher ausdrückte für einen Jenaer Philister gehalten hatte, blieb -ruhig gegen alle Regeln der Lebensart auf dem Sopha sitzen. Der Fremde -nahm Göthe’s Platz neben dem künftigen Doctor ein. Der Vater Faust’s -und Mephistopheles aber sagte freundlich: »Ich muß die Herren doch mit -einander bekannt machen:<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32"> 32 </a></span> Der Herr Studiosus Meier, Seine königliche -Hoheit der Großherzog von Sachsen-Weimar.«</p> - -<p>»Jean Paul besucht mich alle Tage,« pflegte Meier wol zu renommiren, -»ich weiß selbst nicht was er an mir findet, aber ich muß ihm immer -erzählen. Nur von Poesie und namentlich von seinen Schriften darf ich -bei Strafe seines höchsten Zornes nicht mit ihm reden. Ich mag den -Kerl, wo man sich so viel ausmacht, nicht erzürnen.«</p> - -<p>Es wäre interessant, die Studien, welche Jean Paul damals an Meier -gemacht hat in seinen späteren Werken aufzusuchen. Ich behalte mir -dieses Privatvergnügen vor und will den guten Meier je anpaulianisirt -schon auffinden.</p> - -<p>Jean Pauls intimster Freund in Heidelberg war der Professor Heinrich -Voß, Sohn des alten Dichters »Johann Heinrich,« der in seiner reichlich -vergeltenden Gegenfreundschaft so weit ging, daß er gewöhnlich als Jean -Paulscher Agent kleine Zettelchen bei sich trug, auf welche er gute -Einfälle, die er aussprechen hörte, verzeichnete, und dabei bemerkte, -das ist etwas für meinen Jean Paul. Wirklich soll dieser eine Menge -solcher Witzfunken auf einzelnen Blättchen gehabt, und wie bei jenem -chinesischen Brettspiel die einzelnen Pflöcke, die einzelnen Witze zu -einem Ganzen vereint<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33"> 33 </a></span> haben. Das ist freilich denn oft auch in des -Dichters Schriften zu bemerken, dessen Gedankenfügung nicht immer -Mosaik-Arbeit, sondern oft durch lange ermüdende Brücken vereinigt ist. -— Interessant sollen die Unterredungen zwischen Hegel und Jean Paul -gewesen sein. Dieser, immer überwunden von dem Feldherrn der Gedanken, -soll zur großen Ergötzlichkeit des Philosophen sehr geschickt in die -Höhlen der Vorstellung geflohen sein.</p> - -<p><em class="gesperrt">Heinrich Voß</em> war ein köstliches Gemüth, schade für ihn, daß es -bei ihm nie zum Durchbruch aus dem Familienleben, zur Emancipation aus -der väterlichen Gewalt, zur Selbstständigkeit und zu dem sittlichen -Moment der Ehe kam. Er war und blieb, wie Wolf ihn, freilich in einem -andern Sinne nannte, das <em class="antiqua">puer heidelbergensis</em>. Von sechs bis -zwölf arbeitete er, damals größtentheils an der Shakespearschen -Übersetzung, dann ging er zum Vater und las dem seine <em class="antiqua">pensa</em> vor. -Sein ganzes Leben war den ganzen Tag über das Thun und Treiben eines -unter der strengsten väterlichen Gewalt stehenden, kaum confirmirten -Knaben. Er kannte bloß den Willen seiner Eltern. Nur am späten Abend -liebte er eine heitere Gesellschaft, in der er, ohne Vorwissen seiner -Eltern, stets der Letzte verweilte, und die er durch köstlichen Humor, -vor Allen<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34"> 34 </a></span> zu würzen verstand. Nichts desto weniger, obgleich er oft -erst mit dem Mond zu Bette ging, begrüßte er stets die Sonne beim -Lever. Solche Anstrengungen so wie der Mangel an Bewegung mußten den -Tod des corpulenten Mannes erfrühen. — Einer der Genossen seiner -Abendtafel war der jetzt gleichfalls verstorbene an der Heidelberger -Schule angestellte Professor <em class="gesperrt">Martens</em>, ein wohldenkender aber -stets regierender Mann, welcher positiv nur seinen Lehrer, den alten -Voß, noch mehr aber den dänischen Dichter <em class="gesperrt">Holberg</em> anerkannte, -den er, wie ein guter Theolog die Bibel, in jedem Lebensverhältniß zu -citiren und zum Schiedsrichter zu machen verstand. Sein höchstwitziges -Spottgedicht in Hexametern, auf die Manheimer Schneider, welche -dem Kaiser Alexander die Krenk’ wünschen, weil dieser bei einem -Heidelberger Kleidermacher einen Frack hatte machen lassen, ist mir -leider abhanden gekommen.</p> - -<p>Unter mehreren Briefen, welche ich von ihm besessen, finde ich nur noch -einen einzigen, der freilich von nicht großem allgemeinen Interesse -ist, aber doch von der bodenlosen Gutmüthigkeit zeugen mag, womit -derselbe zu helfen bereit war.</p> - -<p class="right mright2 mtop1">Heidelberg, den 18. October 1817.</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Unser Freund M. hat mir gesagt, daß Sie <span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35"> 35 </a></span>wegen der Ferne Ihres -Wohnortes und der gegenwärtigen Abwesenheit des Herrn von H. nicht -sogleich die Summe von zweihundert Gulden aufzubringen wüßten, und -mich gebeten, Ihnen solche vorstrecken. Wie gerne ich dies auf der -Stelle gethan hätte, wissen Sie, aber gerade jetzt kann ich es -nicht. Ich bitte Sie also die Summe von einem Andern aufzunehmen, -verbürge mich hiermit, daß Sie solche am ersten Januar 1818 sammt -der üblichen Vergütung wieder bezahlen werden, und leiste die -Bürgschaft mit derselben Freude, wie ich sie meinem eignen Bruder -würde geleistet haben. Sollten Ihre Gläubiger meine Handschrift -nicht kennen, so bin ich jede Stunde bereit mich zu stellen, -wenn Sie es fodern und mich als der Schreiber dieser Zeilen zu -legitimiren. Auch bin ich erbötig, den von Ihnen zu schreibenden -Schein über die Empfangssumme mit meiner Namensunterschrift zu -unterzeichnen.«</p></div> - -<p class="right mbot1"><span class="mright2"><b><em class="antiqua">Dr.</em> Heinrich Voß</b>,</span><br /> -Professor der Philosophie auf der<br /> -<span class="mright2">hiesigen Universität.</span></p> - -<p>Zu den interessantesten Tischgästen, welche damals im Badischen Hofe -dinirten, ist ein Domherr v. <em class="gesperrt">Wambold</em> zu rechnen, ein Epikuräer, -im edelsten Sinne des Worts, der seinen Stand schon im<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36"> 36 </a></span> Heidenthum -gegründet hätte; dann — <em class="gesperrt">Morstadt</em> mein alter Freund, dieses -Universalgenie, dessen Gehirn gewiß eben so viel Brei wie Cüvier, -und wenigstens <em class="antiqua">esprit pour quatre</em>, hat, und ein origineller -Liefländischer Baron Uexküll, der seinen 3jährigen Urlaub als Adelicher -im Auslande schon seit zwanzig Jahren in Deutschland zu benutzen -schien. Ich habe mit diesen Herrn die interessantesten Diners und -Soupers meines Lebens verlebt.</p> - -<p>Heinrich Voß hatte mich lieb gewonnen. Jeden wärmsten Momenten -seiner Freundschaft pflegte der gute Sohn, mir wie einen Knaben von -einer Weihnachtsbescheerung von dem Glück zu erzählen, seinem Vater -vorgestellt zu werden. Schon um des Sohnes willen, aber auch von -dem abgesehen, war mir die Bekanntschaft des berühmten und in so -vieler Hinsicht verdienten Mannes erwünscht, welche mir noch dadurch -erleichtert wurde, daß der alte Herr sich über eine Idylle, welche ich -auf Geßners Leier schon auf der Hamburger Schule gedichtet, und die -sich in meiner »Leier des Meisters in den Händen des Jüngers« befindet, -günstig geäußert hatte.</p> - -<p>Der alte Voß empfing mich in seinem mit einer hohen steinernen Mauer -umgebenen Garten, in dessen Mitte seine Wohnung lag. Ich kann<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37"> 37 </a></span> -nicht sagen, daß sein Anblick auf mich einen günstigen Eindruck -machte, ich fühlte mich um vier Jahre verjüngt von einem fremden -Schulmonarchen stehend, der mir Horazens Kochsatiren erklärte. Denn nur -<em class="gesperrt">Speisen</em>, und wie man in Heidelberg die Zubereitung derselben -nicht gehörig verstehe, waren der Inhalt seiner Anrede. Namentlich -wurde Hegels Kohl als sehr blähend getadelt. — Dann ging der alte -Herr auf seine Werke über und klagte, wie ihn sein Verleger von der -Übersetzung irgend eines Autors, rücksichtlich der Zahl der gedruckten -Exemplare betrogen, und im vorigen Jahre zu einer Reise in den Norden -bewogen habe. — »Ich wußte es wohl,« redete er, »daß eine Schelmerei -dahinter stecken mußte. Denn ich habe es noch nie erlebt, daß meine -Bücher Ladenhüter geworden sind.« Zum Schluß erzählte Voß von Zacharias -Werner, der katholisch geworden sei, obgleich er ihm, Voß, dem dieser -Übertritt geahnet, so fest das Gegentheil versprochen habe. — Er zog -jetzt mit allen Gründen gegen Werner zu Felde und endete dann mit dem -mir unvergeßlichen Gevatterschnack: »Aber was sollte man auch von ihm -erwarten? Als er das letzte Mal in meinem Hause war, hatte er, wie -ich mit Bestimmtheit erfahren, im rothen Ochsen, wo er logirte, eine -bedeutende Quantität Wein getrunken.<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38"> 38 </a></span> Nichts desto weniger trank er -so viel Wein bei mir, daß meine Ernestina, welche sonst nicht daran -gewöhnt ist, ihren Gästen den Wem nachzuzählen, trippelnd zu mir kam, -sprechend: Väterchen, Väterchen! sieh einmal wie der Mann trinkt.« — -Diese Worte, denen Voß nicht die Thatsache hinzuzufügen vermochte, daß -Werner berauscht mithin seiner Aufnahme unwürdig geworden sei, machten -einen üblen Eindruck auf mich und veranlaßten mich der schließlichen -Einladung des alten gewiß in so mancher Hinsicht verdienten und -respectabeln Herrn, sein Hausfreund zu werden, nicht zu folgen. Ich -habe ihm nie wieder gesehen, und hatte alle meine List nöthig um den -Sohn, der jetzt Einladung auf Einladung zu seinen Eltern folgen ließ -ausweichend zu bescheiden.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39"> 39 </a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.</h2> - -</div> - -<p class="untertitel">Die Burschenschaft. Das Ehrengericht. Die Landsmannschaft. Die -Cerevisia. Die Kurländer. Die Holsteiner und Schleswiger. Die -Meklenburger. Die Schwedisch-Pommeraner. Die Schweizer. Die -Hansestädter. Das Hazardspiel. Die Hanoveraner. Die Westphalen. -Peter Fix. Die Würtemberger. Ruhs.</p> - -<p>Die Burschenschaft war in Heidelberg kurz nach den Feldzügen -entstanden. Der größte Theil derselben hatte den Freiheitskrieg -mitgemacht. Die Verehrung womit Körner das Haus Habsburg besungen -hatte, durchzitterte noch die Brust aller Burschen; Liedern zur -Verherrlichung Scharnhorst’s und Blücher’s, folgte ein Toast zu Ehren -des Preußischen Königs. Es war allen bundestagsmäßig zu Muthe, wie die -Auszüge aus den Protocollen der<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40"> 40 </a></span> burschenschaftlichen Verhandlungen -in Jena auch ergeben werden, man wollte das Gefühl Deutscher -Nationalität so lange als möglich erhalten, und fast Jeder glaubte, die -Burschenschaft sei auf Universitäten das einzige Vehikel hiezu. — Eine -strafbare Tendenz hat die Heidelberger Burschenschaft bis zum Jahre -1819 nicht im Entferntesten gehabt. Die Emissaire der Schwarzen aus -Giessen und einzelne politische Schwärmer aus allen Ständen fanden in -der Burschenschaft keinen Anklang. Wäre man meinem Rathe gefolgt, den -ich zu Hundert Malen öffentlich ausgesprochen habe, alle Verhandlungen -dem academischen Senate vorzulegen, die Burschenschaft würde bis auf -den heutigen Tag eine tolerirte Verbindung sein. Denn welche Regierung -könne es verantworten ein Institut zu zerstören, welches Sittlichkeit -den Studenten zur Bedingung machte, die Scheidemauern unvernünftiger -und unsittlicher Landsmannschaften stürtzte, Liebe und Versöhnung -predigte, jeden Zweikampf erst vor ein Ehrengericht zur Sühne brachte -und sich gegenseitig den Zweck, weshalb man auf Universitäten ist, »das -Lernen,« stets in das Gedächtniß rief. — Hier sind übrigens die großen -Verdienste nicht zu übersehen, welche Hegel sich um die jungen Gemüther -erwarb. Seine phylosophische Rechtswissenschaft, seine Lehre von Staat<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41"> 41 </a></span> -als der wirklichen sittlichen Idee, trat zwar nur vor das Bewußtsein -weniger, aber doch größtentheils der besten Köpfe, denn diese fühlten -wie Verrina sagt, etwas von dem alten Meister, »<em class="gesperrt">was man Respect -nennt</em>,« und übertrugen ihre Empfindung unwillkührlich auf die -Übrigen, indem sie sie überzeugten, daß man erst gar Vieles lernen -müsse, bis man die Welt verbessern könne.</p> - -<p>Durch das Ehrengericht sind zu meiner Zeit viele Duelle verhütet -worden. Der Zufall will, daß ich ein von mir selbst aufgenommenes -Protocoll noch besitze, dessen Aufnahme freilich höchst mangelhaft ist, -welches aber doch hier seinen Platz finden mag.</p> - -<p class="s4 center mtop1"><b>Sitzung des Ehrengerichts den 19. März 1818.</b></p> - -<p>In der heutigen Abendsitzung wobei N... fehlte, war Sch... als -Substitut eingetreten. R... war für den abwesenden Sprecher N... -als Sprecher gewählt.</p> - -<p>von L... erschien und erklärte:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Als er heute auf der Gutmannei Whist mit N... aus Schwaben und -Z. gespielt habe, sei ihm N... 1 fl 30 Xr. schuldig geworden. Fr. -von L... habe darauf gesagt, ich will dir morgen das Geld zahlen, -da ihm aber eingefallen sei, daß N... ihm noch acht Köpfe oder 2 -fl 12 Xr. schuldig sei<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42"> 42 </a></span> habe er zu N... gesagt: da du mir noch -Geld schuldig bist, so will ich das davon abrechnen. Hierauf habe -N... dies geleugnet und als Z. von v. L... als Zeuge dieser Schuld -angerufen, diese bestätigt habe, zum N... gesagt, daß er diese -Schuld abrechnen müsse. Darauf habe N... gesagt: »»Du sollst mir -das Geld auf der Stelle geben.«« v. L... habe darauf erwiedert: -»»Jetzt gerade thu ich es nicht«« sei aufgestanden und weggegangen. -Darauf, habe N... gesagt, dies sei eine »<em class="gesperrt">Büberei</em>.« Da v. -L... diese Worte nicht genau verstanden, habe er den Z. zum N... -geschickt und ihn deshalb constituiren und in den Fall, daß N... -das Wort »<em class="gesperrt">Büberei</em>« gesagt, ihn auf Pistolen fordern lassen. -— N... habe das Gesagte gegen Z. bestätigt und ihn morgen halb -drei Uhr, auf die Hirschgasse bestimmt.«</p> - -</div> - -<p>von L... erklärte dabei, daß er den N... deshalb auf Pistolen -gefodert habe, weil er sich wohl erinnere wie sehr er gegen N... im -Kampfe mit dem Schläger im Nachtheil sei.</p> - -<p class="mtop1">N... leugnet, daß v. L... gesagt habe er wolle morgen das Geld -geben, derselbe sei vielmehr mitten im Spiel aufgestanden. Das Wort -»<em class="gesperrt">Büberei</em>« habe er im Unmuth aber nicht im beleidigenden -Sinne ausgesprochen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43"> 43 </a></span></p> - -<p>Das Ehrengericht berieth sich über diesen Punct und erkannte:</p> - -<p>Daß v. L... zu seiner Pistolenforderung einen unzulässigen Grund, -nämlich den, daß N... ihm als Schläger überlegen sei, gehabt habe. -Das Ehrengericht finde daher für keinen Fall gut, das Pistolenduell -als von ihm bewilligt zuzulassen, und ertheile dem v. L... daher -hiemit die Weisung diese Foderung zurückzunehmen. — Da das -Ehrengericht aber dafür halte, daß N... keineswegs einen Grund zu -dem Worte <em class="gesperrt">Büberei</em>, welchem übrigens in diesem Lande auch -nicht der beleidigende Sinn wie in Norddeutschland, da es hier nur -<em class="gesperrt">Kinderei</em> bedeute, beizulegen sei, so erwarte es, daß sobald -v. L... die Pistolenforderung, auch N... das Wort »Büberei« als in -der Hitze ausgestoßen, zurücknehme.</p> - -<p>V. L... nahm hierauf die Pistolenforderung, N... das Wort »Büberei« -zurück.</p> - -<p class="mbot1">Es folgen die Unterschriften der Ehrenrichter.</p> - -<p>Wenn nun gleich das Ehrengericht nur vermittelnd eintrat, so sind -doch während meines fast zweijährigen Aufenthaltes in Heidelberg nur -zwei Duelle in der Burschenschaft consumirt worden, während mit den -Corpsburschen täglich zwei Kämpfe vorfielen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44"> 44 </a></span></p> - -<p>Die Contrerevolution äußerte auch unter den Studenten ihre -unausbleiblichen Wirkungen, sie paralisirte die Burschenschaft -zum Corps und vereinigte umgekehrt die Landsmannschaft zu einer -burschenschaftlichen Verbindung. Früher war dies anders, da trieb die -Göttin Eris ihren Apfelhandel unter den Landsmanschaften selbst, die -ohne Gegenwirkung nur sich vereinigten, wenn es galt, einem Professor -die Fenster einzuwerfen oder einen Philister in Verruf zu bringen. Zwar -gehörte ihnen die ganze Welt, und hatte früher auf der Seniorenconvent -die ganze Erde so getheilt, daß Nassau Amerika, Westphalen Asien, -Kurland Afrika und jedes Corps nach Verhältniß seiner Größe einen -bedeutenden Placken aus der Gemeinheit der Erde erhalten hatte. Ein -Senior hatte sogar vorgeschlagen die Sterne zu vertheilen, das war -aber noch bisher unterblieben. — Aber ein unglücklicher Neuseeländer, -den die Diplomatik der Studiosen zum Schweizer bestimmt hatten, war -kaum ohne Erlaubniß unter die Nassauer gegangen, als er sich mit einem -Schweizer, der gerade damals allein gegen den Grundsatz <em class="antiqua">tres faciunt -collegium</em> seine Landsmannschaft repräsentirte, auf Tod und Leben -schlagen mußte. Den Helvetier traf ein Hieb in die allzukühne linke -Hand, die Nassauer wurden<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45"> 45 </a></span> stolz auf ihren neuen Landsmann, und der -Überwundene trank »<em class="antiqua">smollis</em>« mit dem Neuseeländer, indem er -ausrief: Welch ein Verlust für die Schweiz, daß du Neuseeländer ein -Nassauer geworden bist.</p> - -<p>Das Biersaufen war damals zu einer grauenerregenden Höhe gestiegen. Es -gab sogenannte »Staats-Bierschwaben,« welche es bei einem Commersch -bis auf zwei und siebenzig Schoppen, also bis auf sechs und dreißig -Bouteillen brachten. Dabei war das Bier wie noch jetzt, im Durchschnitt -schlecht, und wenn gleich berauschend, geistlos. Vergebens ließen die -Professoren der Medizin fast in allen Stücken ihr »Wehe« über ein -solches unmäßiges Trinken ertönen, umsonst wollten sie gewissermaßen -accordiren, indem sie eine Quantität als höchstes Maaß bewilligten, -daß schon jede Grenze überschritt, die Schüler des Hypokrates selbst, -hielten sich keinesweges selbst, viel weniger ihre Commilitonen in -Schranken. Ja, es passirte sogar einmal das Unglaubliche, daß sieben, -freilich größtentheils verkommene Studenten, die ich alle namhaft -machen könnte, sich das Ehrenwort gaben, sich zu Tode zu trinken, oder -wenigstens beim <em class="antiqua">Pereat</em>, (auch Lustig meine Sieben; besonders in -Jena, genannt,) einem Kartenspiel, wobei stets gesungen und gezecht -wird, die Ewigkeit zu belauern. Sie begaben sich<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46"> 46 </a></span> Alle nach Neuenheim -zu den Gastwirth <em class="gesperrt">Freund</em>, wo sie ihre Parthie, die mit Vieren -gespielt wird, abwechselnd, vier Tage und fünf Nächte <em class="antiqua">uno tenore</em> -durchhielten, während die drei Unbeschäftigten, bis sie wieder -berufen wurden, auf Stroh ruhten. Die academische Polizei kam endlich -hinter den Skandal, zu welcher Kenntniß ich beigetragen zu haben, mir -schmeicheln darf und zersprengte die Bierherren, von denen sie sogar -einige consilirte.</p> - -<p>War auch in der Burschenschaft der Genuß des Bieres noch »Trinken« -zu nennen, so überschritt er doch das Maaß. — Der Gedanke, den -Biergenuß zu regeln, dabei die jungen Sprudelköpfe vor demagogische -Umtriebe zu behüten, veranlaßte mich der ich eigentlich in jenen -Jahren das Bier gar nicht liebte, der Stifter einer <em class="gesperrt">Cerevisia</em> -zu werden, die im humoristischen Gewande alle gefährliche Elemente des -Burschenlebens unschädlich machen sollte. Ich erfand die Bier-Mythe, -daß ich der Sohn der Biervernunft sei, die sich so zu sagen in mir -verkörpert habe und legte mir den Titel »<em class="gesperrt">Eminenz</em>« bei. Zu -gleicher Zeit erließ ich ein Gesetz der Zwölf Tafeln, wovon das Erste; -<em class="antiqua">Eminentia errare nequit</em> (die Eminenz kann nicht irren) schon -auf die Tendenz der andern schließen läßt. Ich führte Orden ein, den -»<em class="antiqua">pour le merite</em>,« den »Sanct<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47"> 47 </a></span> Kannen-Orden« und den »Orden -des Biervließes,« welche durch Jasminen, Weinblätter und rothe Rosen -repräsentirt, und noch auf der schon verwitternden Platte, welche bei -der Hirschgasse in den Steinwall gesetzt worden ist, mit der Inschrift, -<em class="antiqua">Eminentibus</em>, <em class="antiqua">Eminentia</em> (den Vortrefflichen die Eminenz) -zu sehen sind. Die Grade waren »Junker, Ritter, Vicecommandeure, -Commandeure und Großkreutze.« Da ein jeder Eintretende den Bieradel -und einen Biernamen erhielt, so wurde dadurch das Fuchsprellen -beseitigt, weil oft ein Fuchs, (Studenten im ersten Semester) einen -höheren Grad als der alte Bursch bekleidete. — Jeder Rausch führte -eine Degradation herbei, wurde daher sorgfältig vermieden. Einen armen -Theologen, der sich nach erhaltenem ersten Graden diesen Fehler zu -Schulden kommen lassen, weigerte ich die Wiederaufnahme, weil ich ihn -für schwindsüchtig und alles Bier für ihn schädlich hielt. Ich hatte -mich nicht geirrt, einige Tage nach meinem Scheiden von Heidelberg -segnete er das Zeitliche, wie er mich in der Abschiedsstunde mit den -schriftlichen Worten gebenedeit hatte:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Sind wir auch vielleicht auf immer getrennt, so hält uns doch das -Band der Biervernunft zusammen und gerne bleibe ich treu bis in den -Tod der Biervernunft und Eminenzen.«</p></div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48"> 48 </a></span></p> - -<p>Die größere Hälfte der etwa aus 150 Mitgliedern bestehenden -Burschenschaft schwor zur Bierfahne. Dadurch gewann natürlich mein -Einfluß bei allen Beratungen. Denn es gab allerdings manche noch -wirklich in Bier befangene unter meinen Getreuen, welche nur im -Allgemeinen blindlings der Eminenz beitraten, als demjenigen der -in allen Dingen das Biervernünftigste sage. Ja ich habe oft in mir -lächeln müssen, wenn ich, was alle Jahre zwei Mal geschah, unter den -Hopfenkranz im Cerevishäuschen trat, in welchem Moment die Biervernunft -in mir verkörperte, und einige meiner Unterthanen mich mit Überzeugung -von meiner Apotheosirung wie einen Dalei Lama ehrfurchtsvoll -anstarrten, und den diese hohe Ceremonie begleitenden Vers:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Nimm jetzt des Bieres Glas</div> - <div class="verse">Biere es aus fürbaß,</div> - <div class="verse">Biere mit Eil’</div> - <div class="verse">Daß Dich das Bier bewegt</div> - <div class="verse">Zur Biervernunft Dich trägt,</div> - <div class="verse">Daß Dein Herz bierig schlägt</div> - <div class="verse">Biervernunft Heil!</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">mit wahrer Andacht, ja selbst unter hervorstürzenden Thränen sangen. -Ein ächter Cerevisianer, trank, wenn ihm der Arzt das Bier durchaus -untersagt<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49"> 49 </a></span> halte, nie sein Glas Wasser in meiner Gegenwart, ohne -sich von mir den Cerevissegen: <em class="antiqua">Sit aqua tua cerevisia</em> (Dein -Wasser sei Bier) geholt zu haben. Auch schlug sich selten einer ohne -meine Benediction und kurios genug, der Zufall hat gewollt, daß -niemals ein von mir Gesegneter eine Wunde bekommen hat. Als ich vor -einigen Jahren in Heidelberg einige ehemalige Cerevisianer wieder -in demselben Häuschen versammelte, hatte ich decretirt, es solle -angenommen werden, daß alle Vergangenheit dahin aufgehoben sei, daß -unsere Universitätsjahre <em class="gesperrt">vorgestern</em> — unsere zwanzig Jahre der -Trennung <em class="gesperrt">gestern</em>, und endlich unsere Zusammenkunft das frohe -<em class="gesperrt">Heute</em> sein sollte. Man gehorchte mir mit Heiterkeit, und so -begab es sich denn, daß Mancher nicht wußte, wohin sein Flaus, den er -vorgestern getragen, gerathen, und daß er referirte, seine Frau habe -ihm <em class="gesperrt">gestern</em> zehn Kinder geboren.</p> - -<p>Kurz nach Errichtung der Cerevisia versuchte man meine Souverainität -zu stürzen, indem man eine bierständische Verfassung verlangte. -Meine Lage war um so kritischer als einige meiner Großkreutze, die -Rädelsführer der gottlosen Parthei waren. Ich versprach die Einführung, -sobald die Cerevisianer dafür reif seien, stellte ihnen vor wie ich -der Burschenschaft dafür verantwortlich sei, ein<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50"> 50 </a></span> gesittetes Ganzes -zu erhalten, kurz ich temporisirte, ich hielt die Sache so lange hin, -wie möglich. — Die Großkreutze gewann ich durch Freigebigkeit und -einige neu ornirte Ehrenstellen, wie die eines <em class="gesperrt">Biervaters</em>, -<em class="gesperrt">Bierkanzlers</em> und <em class="gesperrt">Adoption</em> eines <em class="gesperrt">Königlichen -Sohnes</em>, und als ich endlich meiner Sache gewiß war, erklärte -ich, daß es von nun an bei Strafe der Bieracht verboten werde, von -bierständischer Verfassung zu reden. In diesem Sinne handelte ich -sofort, ich führte eine geheime Bierpolizei ein, welches natürlich zu -vielen humoristischen Denunciationen und Debatten Anlaß gab, unsere -Zusammenkünfte würzte, und erlebte endlich das hohe Glück, mich als -souverainer unumschränkter Bierfürst anerkannt zu sehen.</p> - -<p>Im Wesentlichen aber war mein Zweck so erreicht. Ich gab meinen -Bierstaat der Lächerlichkeit mit Selbstverspottung Preis, und bewahrte -dadurch meine Freunde vor politischen Träumereien, welche in späteren -Zeiten eine so grausame Nemesis erfahren haben. Noch jetzt strömen mir -jährlich von ergrauenden Familienvätern die Danksagungen zu, daß ich -sie durch meine humoristische Cerevisia vor bürgerlichem und geistigem -Tode bewahrt habe.</p> - -<p>Wenn es bei unsern Commerschen Mitternacht geworden war, durfte kein -Tropfen Bier eine ganze<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51"> 51 </a></span> Stunde bis Ein Uhr getrunken werden. Die Mythe -lehrte, dann habe die Cerevisia keine Eminenz. Diese sei wie einst -Numa Pompilius bei der Nymphe Egeria im Hain, im Odenwald bei der -Biervernunft. — Dies hatte die Folge, daß die Kopfwehbegabten nüchtern -wurden, oder was noch besser war zu Hause gingen, <em class="antiqua">eventualiter</em> -aber einen großen Hemmschuh beim Trinken anlegen mußten. — -Bemerkenswerth ist, daß sich in der Cerevisia nie ein Streit unter den -jungen Flammenköpfen entsponnen hat, der eine, unter den Studenten so -leicht entstehende Foderung zur Folge gehabt hätte.</p> - -<p>Bei den Schwaben befand sich dermalen ein gewisser X., der in -den letzten beiden Semestern sich endlich entschloß, sich mit -seiner Fachwissenschaft bekannt zu machen. Er fing nun zwar an -bei verschlossenen Thüren zu studiren, aber bei seinem Höpfner -<em class="antiqua">Thibaut</em> und <em class="antiqua">corpus juris</em> standen stets einige Bierkrüge, -welche er zum Anderssein seiner Selbst gemacht hatte. Er trank sich -regelmäßig alle Stunden mit folgenden Worten vor: »X. einen Schoppen -vor — Gut war die Selbst-Antwort, einen Schoppen nach und wieder einen -vor.« — Dies Vor- und Nachtrinken mußte nun bei Strafe des Bierverrufs -innerhalb fünf Minuten geschehen. — Als nun X. einmal von Kameraden, -die an der<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52"> 52 </a></span> Thür gehorcht und in das Zimmer gedrungen waren, zwischen -dem Vor- und Nachtrinken gestört, und durch diese höhere Macht, so -wie durch sein Schamgefühl in den unverdienten Bierverruf gekommen -war, dachte der ehrwürdige Cerevisianer, nachdem ihn die Landsleute -verlassen, edel genug, diesen Bierschimpf nicht ertragen zu wollen, und -die Größe X. paukte die Nichtgröße X. mutterseelen allein, auf eigne -Hand, mit einer ungeheuren Quantität <em class="antiqua">Gèrevis</em> aus dem Status der -Schande.</p> - -<p>Um den Freunden der Karten einen Genuß zu bereiten, hatte ich ein Spiel -erfunden, das nur um Bier und Ehre gespielt, und wozu, wie bei dem -»Pernat,« gesungen wurde. Die Idee war, daß des <em class="antiqua">Careau</em> König die -<em class="gesperrt">Eminenz</em> sei, die andern Könige »<em class="gesperrt">Großkreutze</em>,« welche sich -unter einander stachen und auch bedient werden mußten, wenn die Eminenz -ausgespielt wurde. <em class="antiqua">Careau</em> König stach Alles, <em class="antiqua">Careau</em> -Dame, (das Bierfräulein) den <em class="antiqua">Careau</em> Buben, (den Bierjunker) die -übrigen <em class="antiqua">Careaus</em> Cerevisianer stachen sich wie im Whist, aus alle -andern Farben. Die Coeurs als »Bierrenoncen,« stachen die schwarzen -Farben. Im Uebrigen zählte Alles in Mariage. Hätte ich Zeit dazu, ich -würde das Spiel weiter ausbilden, da diese mir aber gar sehr mangelt, -so will ich diese Arbeit einem Tage- oder<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53"> 53 </a></span> Abend-Dieb überlassen. Das -Spiel hatte übrigens viele Combinationen und Regeln, die ich zum Theil -selbst schon vergessen hatte. Zwei und zwei spielten zusammen wie ein -Whist. Diejenige Parthei, welche zuerst hundert zählen konnte, hatte -gewonnen. Jedes bedeutende Ereigniß wurde mit Couplets begleitet. -Sobald die Bierdame vom König gestochen wurde, sang man:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">(Melodie: <em class="antiqua">Gaudeamus</em>.)</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse"><em class="antiqua">Venit, virgo hilaris</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Casum nullum timens</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Sed puella rapitur</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Et a rege capitur</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Vah! puella cadit.</em></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Das Kobbeschef (von <em class="antiqua">jeu</em>) wurde in dem Local der Hirschgasse -zuweilen an zwanzig Tischen, also von achtzig Menschen gespielt.</p> - -<p>Die Kurländer waren unter den Landsmanschaften die gefürchtesten, und -eine gewisse Tüchtigkeit, ein persönlicher Muth und eine pecuniäre -Aufopferung ihnen nicht abzusprechen. Die letzte war übrigens mehr -angeeignet als angeboren; denn da die Väter, wegen der später weiten -Entfernung den abreisenden Söhnen oft den Betrag der Studienkosten -für mehrere Jahre mitgaben, so war ein solcher Neuling eine sehr -willkommene Erscheinung.<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54"> 54 </a></span> Der arme Fuchs mußte aber gar bald sein Geld -hergeben und war oft in einigen Tagen seines ganzen Vorraths beraubt. -Dafür aber hatte er wieder seine Ansprüche an die nachfolgenden Füchse, -denen die Freigebigkeit auch bald incoulirt wurde. — Schlimm für den, -der einmal Schelmletzt spielen mußte, doch war dies nicht leicht zu -fürchten, da die Curonen, wenn sie relegirt wurden, gleich den Ratzen -ihren Wohnort in Compagnie zu verlassen pflegten. Übrigens mißfielen -mir die Meisten, in deren Riesenkörper meistens perfide, grau grüne -Augen steckten. Es waren zum Theil übermüthige Junkersöhne, die nur -darauf ausgingen die Zahl der tollen Streiche, welche ihre Väter auf -Universitäten begangen hatten, würdig zu vermehren. <em class="antiqua">Gloriam quam -pepere majores, digne studeat servare posteritas.</em> Ein gewisser -C. schoß sich, — eine feindliche Kugel bog seine Baarschaft, vier -Sechsbögner und einen Kronthaler, die auf dem Herzen des Pauckanten -lagen krumm, ohne den C. zu verwunden, der fast nur höflich gegen die -Vorsehung die Worte ausstieß: <em class="gesperrt">Weiß der Teufel ich glaube es ist ein -Gott</em>!</p> - -<p>Der verst. v. M. Senior der Holsteinschen Landsmanschaft in Göttingen -glaubte, daß sein Corps nicht genug in Ansehen bei den deutschen -Russen stehe. Nichts<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55"> 55 </a></span> desto weniger nahm er eine Einladung zu -einer Spazierfahrt wie zu einem Commersch von ihnen an, genoß nach -Herzenslust, bedankte sich aber nach Beendigung der Fête mit den -Worten: »<em class="gesperrt">So nun erkläre ich Euch Alle für dumme Jungen</em>.« Diese -unerhörte Renommage brachte übrigens keinesweges eine Unzufriedenheit -bei den Kurländern hervor, vielmehr nannten sie den v. M. »einen -liebenswürdigen Menschen, einen kleinen fidelen Kerl, vor dem, -wie vor seinem Corps, dessen Senior er sei, man die unbedingteste -Hochachtung haben müsse.« Auf den Mensuren, bei den Duellen, sprachen -sie gewöhnlich ihr Lettisch, dem wir Pomeraner, Mecklenburger und -Holsteiner unser schwarzbrodmäßigstes Plattdeutsch zu ihrem großen -Verdruß entgegen setzten. Verschieden von den Kurländern waren die -Liefländer, meistens geborne Salonmenschen, von denen ich mit einigen -befreundet war. Die Namen <em class="antiqua">Gulefoky</em> und <em class="antiqua">Porten</em> sind mir -in das Herz gegraben. Doch habe ich zu vielen wegen ihres reservirten -Wesens nie recht Muth fassen können.</p> - -<p>Das originellste Völkchen bildeten, wie auf allen Hochschulen, die -Schleswiger und Holsteiner. Die ersten, welche einen wunderbaren -Dialect haben, einen didactischen, der an den eines Schulmeisters<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56"> 56 </a></span> -oder Irrenarztes erinnert, stimmten mit den Holsteinern in ihrer -humoristischen Selbstverspottung so wie auch darin überein, daß sie -durchaus kein sogen. Genie unter sich aufkommen ließen, vielmehr wenn -es emportauchen wollte, wie sie es nannten, gehörig <em class="gesperrt">duckten</em>. -Man konnte unter ihnen nur gehörig Posto fassen, wenn man sich -fortwährend demüthigte und selbst die komischen Seiten des Landsmannes -den man verhöhnen wollte, sich selber andichtete. Singulär war dabei -das Heimweh dieser Hyperboräer im himmlischen Baden, wo die meisten -einstimmten, wenn einer auf der Schloßterrasse ausrief: — »Aber! -meine Seel, das ist hier doch nix, ich wollte ich wäre so Gott! -(Schleswigsche Betheuerungsformel) in Düsternbrock bei Bruhe und äße -rothe Grütze.« Wie die Holsteiner den grünen Schweizerkäse, (den -Schabziager) den Glarnern täuschend nachmachen, so ist ihr Heimweh auch -von dem eidgenössischen nicht zu unterscheiden.</p> - -<p>Der Sinn für Deutschheit, welcher sich jetzt in den Herzogthümern so -mächtig regt, war damals noch nicht in den Deutsch-Dänen zu einer -Geltung gekommen, sie hingen alle mit bewundernswürdiger Pietät an -ihrem durch politisches Unglück so hart heimgesuchten König Friedrich -den Sechsten, wenn sie nebenbei auch keine große Sympathie für die -einzeln in Heidelberg stu<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57"> 57 </a></span>direnden Dänen entwickelten. Diese waren -auch größtentheils wunderliche Gesellen, welche behaupten, Göthe -habe Plagiate an Oehlenschlägers Schriften begangen, Dänemark sei -ein Normalstaat, Holberg das größte poetische <em class="antiqua">ingenium</em> der -Schöpfung und nichts schwerer als <em class="gesperrt">paa</em> (auf) Doctor und Poet in -Copenhagen zu studiren. Wahr ist es, daß man in einem solchen Examen -ein gewaltiger <em class="antiqua">Petrus á memoria</em> sein mußte, indessen ist Rath -dazu da, ein solcher zu werden. Es giebt nämlich in Kopenhagen einige -Leithammel in jeder Facultät, bei denen man so zu sagen, wie bei einem -Schneider ein Kleid, sich einen Character, den ersten, zweiten oder -dritten anmessen lassen kann, der auch höchst selten verpaßt wird. -— Jetzt nimmt Einen der Magister in die Lehre, instruirt ihn sowohl -vorwärts wie rückwärts, und schickt seinen Schüler nicht eher in die -Examenschlacht, bis er ihn so gewappnet hat, um des bestellten Grades -sicher zu sein. — Würde übrigens sein Schüler einen schlechten Grad -bekommen, so wäre dies ein sehr großer Schade für den Lehrer selbst, -der in diesem Falle seines ganzen Honorars verlustig geht.</p> - -<p>In jener Zeit besuchten der geistreiche Dichter Ingemann aus Soron -und ein alter ehrwürdiger Probst Schmidt aus Norwegen, Heidelberg -auf ih<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58"> 58 </a></span>rer Reise nach Italien. Ich führte beide Herren in unseren -Versammlungen, welchen dieselben mit der größten Theilnahme beiwohnten, -ja den Skalden zu einem vortrefflichen dänischen Gedichte veranlaßte, -daß ich verdeutsch geben werde, wenn es mir gelingt das zu ängstlich -Verwahrte vor dem Drucke dieser Zeilen wieder aufzufinden.</p> - -<p>Der Holsteinische Adel war zu meiner Zeit der respectabelste und zeigte -sich als solcher auch in seinen Musensöhnen. Allenthalben Tüchtigkeit -der Gesinnung, wie sich jetzt auch in den Vätern manifestirt, -wissenschaftliches Streben und Urbanität. Die auguste Pferdeliebhaberei -der neuern Zeit hat freilich Manches verdorben, die Götter und -Menschen betreffende Conversation ist nur zu häufig eine vierbeinige, -indessen ist der Typus stehen geblieben und thut die Adelszeitung in -der That wohl daran ihre Beispiele »<em class="gesperrt">von edlen Handlungen illustrer -Personen</em>« unterm Schleswig-Holsteinischen Adel zu sammeln und sich -zu diesem Zwecke dort einen Agenten zu halten. Merkwürdig ist, daß da -wo ein Stolz, wie in der wohlbekannten Grafenfamilie doch sichtbar -wird, er mehr als <em class="gesperrt">Familien-</em> denn <em class="gesperrt">Adelsstolz</em> hervortritt, -sich mithin auch gegen seines Gleichen geltend macht.</p> - -<p>Die Mecklenburger waren brave Leute, nur<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59"> 59 </a></span> zuweilen unangenehme Copien -der Kurländer, geborne Gegner der Holsteiner, wozu die Schlacht bei -Sahnstedt in dem Befreiungskriege viel beigetragen haben mochte, und -mir zu sehr Pferdeliebhaber. Die Spaltung zwischen Adel und Bürger war -auf der Universität schon fühlbar. Ihr Sinn ist schon in der Jugend auf -das Practische gerichtet, ich habe keinen Schwachkopf aber auch kein -poetisches Gemüth unter ihnen gefunden.</p> - -<p>Ihre Nachbarn, die Schwedisch-Pommeraner bildeten den mir liebsten -deutschen Volksstamm. Ich glaube nicht, daß sie ihrer längern -Verbindung mit Schweden ihre Biederkeit verdanken, sie war aber zu -meiner Zeit auf eine überraschende Weise in ihnen vorhanden. Sie -hafteten Alle <em class="antiqua">in solidum</em> unter sich, war Einer schwer erkrankt, -so schienen sie alle <em class="gesperrt">plurig</em>, war Einer beleidigt, so schien -die deutsche Blutrache aufzuleben, war Einer schuldig, so schossen -die Andern für ihn zusammen, ja als Einer sich sogar einmal blamirte, -schienen sie alle verwirrt und mit blamirt. Es war dies ein Fall wo der -gute musikalische X. im, durch Weinlaune und Neckerei herbeigeführten -Zorn, die Hand nach einem Freunde ausgestreckt, dieser aber die -Realinjurie sehr geschickt mit den Worten abgelenkt hatte: »Solche -Pöbelhaftigkeiten verbitte ich mir selbst im Spaß.« Die<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60"> 60 </a></span> Sache kam zur -Untersuchung, es wurde auf den Verruf des Beleidigers angetragen, und -ich von den Pommeranern zum Vertheidiger ihres Landsmannes gewählt. -Meine Defension gelang mir so gut, daß X. der inzwischen mit seinem -Gegner auf Schlägerei und ohne Binden, losgegangen war, zum großen -Jubel seiner Landsleute, die mir so herzlich die Hand drückten, frei -gesprochen wurde. —</p> - -<p>Nie verließ den Pommer eine gewisse Ruhe, womit er Alles selbst das -Begeisternde angriff. — Als Typus hiefür diene folgende Anekdote: Der -ehrliche v. S., welcher sich einen derben Rausch geholt hatte, trug -eine Leiter ins Freie indem er den ihn Fragenden wohin er wolle, ruhig -antwortete: Ich will in den Himmel steigen.</p> - -<p>Unter den Preußischen Pommeranern entsinne ich mich einen Hr. v. G., -der mir gegenüber in dem Fahrbachschen Hause wohnte, wo die ungeheuren -Pfeifenquäste eines relegirten Kurländers den Griff an dem Klingelzug -des Zimmers bildeten. Als ich mich einmal in der Winterzeit zur -Beschaffung einiger Arbeiten, eine Zeitlang um fünf Uhr Morgens wecken -ließ, erregte dies einiges Aufsehen unter meinen Freunden, welche meine -Nicodemus-Natur nur zu wohl kannten. Da ich indessen Beharrlichkeit -zeigte machte ich bald einige Proseliten,<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61"> 61 </a></span> und namentlich bat mich -G. ihm als meinem Übernachbar, — bei meinem Lever sofort seinen -Namen zu rufen. — Das geschah denn auch regelmäßig, indessen nicht -lange Zeit mit Effect für meinen Freund, der sich bald an mein Rufen -gewöhnt hatte, wie ich früher an das Rauschen des Brunnens in der -Mittelbadgasse.</p> - -<p>Ich hatte bemerkt, daß kurz nach meinem Rufe, die Schallern -(Fensterladen) der ganzen Kettengasse sich successive öffneten, -indessen kein Arg weiter daraus gehabt. — Nun begab es sich, daß nicht -gar lange nachher, zwei auf einander folgende Kommersche mich erst um -Vier Uhr Morgens zu Hause führten. Meine Laune wollte es indeß, daß -ich jedes Mal meinem Freunde G. noch vor dem Niederlegen seinen Namen -zurief und dann mich auf mein Lager warf.</p> - -<p>Als ich am zweiten Abend in die sogenannte Kolonie zu dem Bäcker und -Weinwirth Schwarz etwa um 8 Uhr zum Nachtessen kam, fand ich denselben -auf seinen Arm gestützt, schlafend. — »Ei was Herr Schwarz!« hub ich -an, »erst zu Nacht gespeißt, und dann geschlafen. Wer schläft denn so -früh?« »Sie haben gut spreche Herr Baron,« erwiederte der aus seinem -Schlummer hervortauchende Weinwirth. »Sie habe uns zwei Tage gut<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62"> 62 </a></span> -gehabt. Ich parire die ganze Kettegaß’ und die ganze Hauptstraß’ auf -dieser Seit’ ist hundsmüd!«</p> - -<p>»Aber wie kann ich daran Schuld sein?«</p> - -<p>»Sehe Sie Herr Baron,« fuhr Schwarz fort, »Sie wohnen ins Silberschmidt -Soise. Die Frau ischt ä akkerate Frau und die weckt Ihne meinetwege um -fünf wann de Frankfurter Poschtkarre komme. Itzt sind Sie ufgestande -und habe aus Ihne Ihr Fenschter den Herrn Baron v. G. gerufe. Das habe -mir Nachbare bemerkt und allemal sein mir ufgestanden, wonn Sie G. -gerufe habe. Itzt habe Sie uns Alle mit ihrem G. Rufen aber zwei Morge -um drei Stunde früher aus dem Bett getrieben. Ischt des Recht, mir -lasse uns holt aber nicht wieder anführe.«</p> - -<p>»Ei Ihr verwünschten Philister!« entgegnete ich lachend aber voll -Burschenstolz. »Wie könnt Ihr denn verlangen, daß ich euer Haushahn -oder gar Euer Wecker sein soll.«</p> - -<p>Meine Geschichte aber erregte einen entsetzlichen Trödel unter den -Burschen.</p> - -<p>Die Schweizer saßen bei einem Conditor in der Mittelbadgasse zusammen -und tranken im <em class="gesperrt">Kaffeehause</em> ihr Bier. — Mir fällt dabei ein, -daß im Süden namentlich in Carlsruhe das Wort Kaffeehaus ein eben -so unpassender Name ist, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63"> 63 </a></span> die Ableitung des »<em class="antiqua">lusus</em>« <em class="antiqua">a -non lucendo</em>. Wie in einigen Städten das Schauspielhaus oft das -einzige Haus ist worin nicht geklatscht wird, trinkt der Fremde im -ganzen Jahre vielleicht nicht eine einzige Tasse Kaffee, obgleich das -Wirthshausschild den vorüber Gehenden zu einem solchen Tranke einladet.</p> - -<p>Die meisten Schweizer waren in der Burschenschaft ohne sich im -Ganzen lebhaft dafür zu interessiren. Sie stritten sich lieber unter -einander beim Conditor, wo sie ihre Cantone durch politische Zwiste -würdig repräsentirten. Der vorzüglichste unter ihnen, ein Mann von -edlem Herzen und klarem Kopfe, der einzigste auf den die Hegelsche -Disciplin schon damals sichtlich einwirkte, ist vielleicht jetzt der -ausgezeichnetste Schweizer, der allbeliebte Landamman <em class="gesperrt">Schindler</em> -in Glarus. — Zwei unzertrennbaren Freunden, Rauschenbach und Stünze -überkam kurz nach einander der Tod auf eine seltsame Weise. Dem ersten -flog beim freundschaftlichen Rappiren<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> ein Stück der abspringenden<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64"> 64 </a></span> -Klinge seines Gegners in den Schädel. Kein Trepan konnte ihn retten, er -starb nach wenigen Stunden. Rauschenbach der Schinzmacher schnitt sich, -obgleich er Mediciner war, ungeschickt einen Leichdorn. Die Wunde wurde -gefährlich, der kalte Brand trat dazu und unser athlestischster Student -mußte elendiglich umkommen, da er zu spät in eine Amputation des Beines -gewilligt hatte.</p> - -<p>Rauschenbach war der beste Schläger unserer Burschenschaft, während die -Landsmanschaften in dem Kurländer W. ihren Haupthahn hatten. Ein jedes -Mitglied der einen Parthei hätte seinen ganzen Wechsel für ihren Heros -verwettet, und so mußte es am Ende denn ja kommen, daß sich die beiden -Herren befehdeten. Sie contrahirten:</p> - -<p>»Morgen gehen Rauschenbach und W. auf der Hirschgasse mit einander -los,« so hieß es eines Tages, und zwar in den Ferien, wo zwar kaum die -Hälfte der Musensöhne in Heidelberg war aber von diesen wiederum kein -Einziger in der Kampfhalle fehlte. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65"> 65 </a></span></p> - -<p>So standen sich wie einst die Horatier und Kuriatier entgegen, jeder -Theil für den Ruhm seines Kämpfers zitternd.</p> - -<p>Allein der vierte Gang entschied zum Nachtheil der Burschenschaft. -Rauschenbach schien durch die klobigen Schläge seines Gegners verwirrt, -seine schnell erwiederten Hiebe fielen nur flach, er selbst aber bekam -eine Wunde in den Arm. Da er der Beleidiger war, so war das Duell durch -seine Verwundung beendigt.</p> - -<p>Die naive Bemerkung des Überwundenen gegen seinen Gegner: »Mit -Schlägern können Sie mir wohl etwas beibringen, allein ich fodre -Sie, wenn meine Wunde einmal geheilt ist, auf einen Rappierjungen,« -versetzte mich in eine humoristische Stimmung, nicht aber alle -Burschenschaftlern, welche glaubten, Rauschenbach habe sich ein Dementi -dadurch gegeben, weil er die Ehre der Fechtkunst höher als die der -Burschenschaft setze. —</p> - -<p>Diese Äußerung wurde auch von den Corps sehr malitiös, als die eines -Manschottarii gedeutet, man lachte, wir nahmen hingegen natürlich -die Parthie unseres Besiegten. In zehn Minuten waren vierzig Duelle -contrahirt, welche indessen später durch die academische Polizei -annullirt wurden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66"> 66 </a></span></p> - -<p>Spaßhaft war die Beschreibung der Trauer eines sehr vornehmen Baseler, -worin seine und jede vornehme Familie in dieser Kaufmannsstadt versetzt -wird, wenn ein Sprößling derselben auf die Idee kommt, zu studiren. -Es wird kein Mittel unversucht gelassen, um den Schwärmer von seiner -unglücklichen Idee abzubringen. Zuletzt verspricht man ihm baldige -Aufnahme in die Firma und wenn es gar nicht anders ist eine reiche -Cousine. Ist alles vergeblich, so wird in einer Art Familienrath der -bürgerlich Todte bei einer Tasse Thee beweint und über den Verfall der -guten alten Zeit geseufzt.</p> - -<p>Unter den freien Städtern gefielen mir die Frankfurter am meisten. Wer -erinnert sich nicht des lustigen Sängers vom Prinzen Eugenius? Wer -nicht des kräftigen O., des biedern F.? — Der liebenswürdige Bremer -Castendyck ist schon vor mehreren Jahren als Amtmann in Bremerhafen -gestorben. Von den Hamburgern sind diejenigen, welche überall etwas vom -Studentenleben durchmachten, die Chargen der zufriedenen Unzufriedenen -geworden. Unter den Aristokraten war schon damals oft ein Hauptstreit, -wie viel <em class="gesperrt">Mark</em> der und oder habe, ob der Commerz-Deputation -<em class="gesperrt">löblich</em> oder <em class="gesperrt">wohllöblich</em> gebühre, u. dergl. m. Von den -Hamburger Juristen ist zu sagen, daß sie viel<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67"> 67 </a></span> für ihr Fach gelernt -haben. Allein sie ergreifen auch größtentheils nur die practische -Seite. Die lyrischen Anlagen im Menschen verlangen zu ihrer Entfaltung -etwas Hunger und Unglück<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> sie weichen nur zu leicht von dem -materiellen reichen Hamburger, bei dem nach der Börse ein glänzendes -Abendessen einer reichbesetzten Mittagstafel folgt, welche nur durch -einige Rubber Whist getrennt wird, etwa wie Hamburg und Altona nur -durch die kurze Straße des Hamburger Berges geschieden sind. — Der -geistvolle <em class="gesperrt">Bluhme</em> mein alter Schulcamerad besuchte mich mit -dem jetzt auch verstorbenen <em class="gesperrt">Siemsen</em> in Heidelberg und verlebte -frohe Tage bei uns, die ihn viel mehr anheimelten als sein Aufenthalt -in Göttingen, wo man dermalen zwar sich nur selten nach neun Uhr in -öffentlichen Wirthshäusern zeigte indessen desto mehr Verbotenes auf -den einzelnen Kneipen trieb. —</p> - -<p>Diese Sünden waren während meines ersten Semesters in Heidelberg -unbekannt; erst der Göttinger Auszug, welcher im Herbst 1817 die Zahl -der Studenten in Heidelberg verdoppelte, vergifteten das Burschenleben -daselbst, das sich bis dahin in<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68"> 68 </a></span> der That in einem liebenswürdigen -Zustande der Unschuld befunden hatte. Namentlich riß das Dreikartspiel -(Zwicken mit Fiduz) das Landsknecht, (französisch <em class="antiqua">lansquene</em>) -und vor allen Dingen das sogenannte <em class="antiqua">L’hombré</em> mit Ohren, das -Pharospiel ein. — Ein einziger Student, welcher gewöhnlich eine Bank -von einer Pistole auflegte die er stets erneuerte, wogegen er aber wenn -er gesprengt wurde nicht für alle Sätze haftete, nahm den Studenten -vielleicht in einem Jahre fünfzehnhundert Thaler ab. —</p> - -<p>Man hätte ihn gewiß consilirt und er hätte es zehnmal verdient, wenn -er nicht der Neveu eines hochansehnlichen Professors gewesen wäre. Der -gute Mann führte übrigens ein wunderliches Leben. Er secondirte fast in -jedem Duell, oft mit Lebensgefahr, also etwa eine Stunde, legte jeden -Abend zwei Stunden Bank auf, war aber dabei der fleißigste Student -in Heidelberg, da er sonst Tag und Nacht studirte. »Man muß sich für -seine Freunde aufopfern,« pflegte er zu sagen, sowol wenn er die Karten -zum Abschlag, so wie wenn er den sogenannten Secondirprügel, ein dazu -bestimmtes Rappier, zum Abmessen der Mensur ergriff.</p> - -<p>Der Churhesse G. war dazu bestimmt, uns an den Goliath der Kurländer, -dem übermüthigen W.<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69"> 69 </a></span> zu rächen. Eine kräftige Quart trennte mit der -Geschicklichkeit eines Friseurs die große Unschuldslocke, welche -über der Wange des Gegners hing, vom bemoosten Burschenhaupt und -fuhr dazu noch ziemlich tief in die fleischige Backe. Dies Ereigniß -erregte allgemeinen Jubel und ist auch in der fünften Scene meines -Burschenerdenwallens besungen worden. Ich ernannte G. der eigentlich -kein Bier zu trinken gewohnt war, sofort auf dem Schlachtfelde zum -Biergrafen von Schwernoth wie zum Großkrenz des <em class="antiqua">Cerevisia</em>.</p> - -<p>Von den Hannoveranern ist wenig zu referiren. Außer den vortrefflichen -Gebrüdern v. P., dem unglücklichen K. sind selbst meinem treuen -Gedächtniß fast keine mehr erinnerlich. Ich gestehe, daß ich -überhaupt wenig für diesen Volkstamm im Ganzen portirt bin. Ein alter -hannoverscher Oberamtmann aus alter Zeit ist für mich immer, wenn auch -ein Typus einer gewissen Diensttreue, doch auch der personificirten -Langeweile und einer widerlichen Beamtenaristocratie gewesen. Es -gedeihen dort keine Dichter, jede Genialität scheint verpönt, ich -habe im ganzen Hannoverschen, wie oft ich dort gewesen bin, manches -Belehrende aber nie eine einzige geistvolle Bemerkung gehört. Gegen -zehn Uhr ist fast ein jeder Hannoveraner todt müde und es ihm fast<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70"> 70 </a></span> -nicht möglich, die zwölfte Stunde heran zu wachen. Er erinnert dann oft -an eine Geisenheiner Uhr die nur zwei und zwanzig Stunden geht.</p> - -<p>Mein Urtheil ist gewiß im Ganzen nicht scharf zu nennen, wenigstens -von den poetischen und von dem humoristischen Standpunct aus -gerechtfertigt. — Daß das Hannoversche ein tüchtiges, kerniges, -arbeitsames Volk, und den besten Regenten werth ist, ja daß meine Regel -auch vor rühmlichen Ausnahmen verspottet wird, wer kann das leugnen? -Allein es giebt für einen Fremden keinen langweiligeren Ort als die -Residenz Hannover und ihre Bewohner, und von diesen will ich hier -eigentlich nur geredet haben. Daß ich vor allen Dingen die jovialen -Osnabrücker hier ausnehme, versteht sich von selbst.</p> - -<p>Merkwürdig ist es, daß in Hannover das Familienglück der Mittelstände -durch eine ganz singulaire, in allen andern Orten total unbekannte -Leidenschaft untergraben wird. In München vertrinkt man den Verstand -in Bier, in Hamburg verfrißt man ihn durch schwere Fleischmassen, in -Baden Baden verspielt man ihn am Roulett, in Elberfeld verbetet man -ihn, in Paris opfert man denselben der Wollust, aber in Hannover, -ja in Hannover, — es ist schauderhaft es zu sagen, aber <em class="gesperrt">wahr, -verschlickert</em> man ihn, in Kuchen. — — — — —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71"> 71 </a></span></p> - -<p class="mbot2">Ein jeder Reisender kann sich von dieser tiefen unumstößlichen Wahrheit -überzeugen, wenn er einige Stunden bei einem Conditor zubringen will. -Es ist fabelhaft, wenn ich erzählen wollte, welche Menge süßer Sachen -dort von einem Einzigen verzehrt werden. Ich habe es gesehen, daß ein -junger Herr an einem einzigen Morgen, bloß für Süßigkeiten anderthalb -Thaler preußisch Courant verzehrte und dabei bemerkte, daß er noch -mehr Krollkuchen vertilgt haben würde wenn er nicht am Morgen zu viel -Chocolade getrunken hätte. Ernste ältliche Männer verkneipen dort in -»Sprößgebackenem, Windsortorten, spanischen Wind, Krollkuchen u. dergl. -m.« ihre ganze Gage, während Frau und Kind kaum das trockene Brod zu -Hause haben. Oft kämpft zwar ein solcher Familienvater sichtlich — -wie Hercules am Scheidewege, aber nur selten erfaßt er eine Zeitung -oder seinen Hut anstatt der Makrone, — er wird fast nie ein Märtyrer, -gewöhnlich nimmt er noch für einen Matir. —</p> - -<p>Solche wiederholte Kraftanstrengungen, solche geistige Kämpfe führen -am Ende unausbleiblich zum Stumpfsinn, der im letzten Stadio keinen -warnenden Genius, sondern nur Sprößgebackenes sieht. — Selbst -Blumenhagen der Dichter, war nicht frei<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72"> 72 </a></span> von dieser eines Mannes -unwürdigen Leidenschaft für Kuchen.</p> - -<p>Ich habe diese Bemerkung vor einigen Wochen meinen Oldenburger Freunden -an einer <em class="antiqua">table d’hôte</em> zum Besten gegeben. Während diese -lächelten, rief ein zufällig anwesender Bewohner der Residenz Hannover -ganz ernsthaft und mit einem andächtigen Gesicht — die Worte aus: -»Jawohl Sie haben Recht mein Herr! Hannover wird untergehen durch alle -seine Conditorläden.«</p> - -<p>Man thut dem Hannoverschen Dialect eine zu große Ehre an, wenn man, -wie sehr häufig geschieht behauptet, daß er der beste, und namentlich -der Celler, der vorzüglichste in Deutschland sei. Es ist dies ein -arger Irrthum und mag derselbe wol dadurch entstanden sein, daß jeder -Buchstabe gleich betont wird, mithin das Hannoversche zuerst bescheiden -und anspruchlos an das Ohr fluthet. — Die Worte erinnern dann an die -Hofmänner von denen Jean Paul sagt, sie wollen sich nur gleich von -Serenissimus, ohne daß Jemanden von ihnen der Vorzug gegeben wird, -behandelt sehen, und sind zufrieden, wenn der Fürst auf sie, wie auf -das Getäfel seines Vorzimmers nur gleichmäßig tritt. — Genießt man -diese Conversation aber längere Zeit, so bekommt sie den Rang eines -Wasserfalls, der<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73"> 73 </a></span> Klang überwältigt den Sinn der Rede — und man -schläft ein, was die Hannoveraner auch in der That unter sich früher -thun, als jeder andere Deutsche Volksstamm.</p> - -<p>Hat man das wol gesehen? lautet im wohlklingendsten Hannoverschen wie:</p> - -<p>»Hatten dos wohhl jesehn.«</p> - -<p>Beiläufig mag hier gesagt werden, daß wenn man nicht den bei Weitem -am Wohlkingendsten Allemannischen Dialect als den besten unseres -Vaterlandes ansehen will, man dem gebildeten Oldenburger oder -Holsteiner, und namentlich dem letzteren im Fürstenthum Eutin, ohne -alle Frage den Preis in dieser Hinsicht zuerkennen muß.</p> - -<p>Ein großes Lob, welches übrigens die Hannoveraner trifft, ist die -Nüchternheit und Mäßigkeit, welche dieselben im Allgemeinen durch den -Nichtgebrauch geistiger Getränke beweisen. Namentlich gilt dies <em class="antiqua">par -excellence</em> von der Klasse der Staatsdiener, und überhaupt von den -Residenzbewohnern Hannovers.</p> - -<p>Unter den Landsmanschaften zeichneten sich vor allen Dingen die -»schwarz grün weißen Brüder« die »Westphalen« aus, welche sich im Jahr -1818 von den Holsteinern trennten, mit denen sie bis dahin seit vielen -Jahren ein gemeinschaftliches Corps<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74"> 74 </a></span> gebildet hatten. Ihr Chef war -der gelehrte und herzensgute Holsteiner St., der durch den Tod seines -Hundes »<em class="gesperrt">Peter Fix</em>« in eine fast wahnsinnige Betrübniß gesetzt -wurde. St. hatte Alles als Peripatheticker gelernt, hatte in der -Schweiz, wo er sieben Male gewesen, zwei Male die Pandecten, drei Male -das Criminalrecht, einmal das Lehnrecht, und so alle Wissenschaften -durchgemacht. Dabei hatte Peter Fix seinen Herrn überall begleitet, -sich wie dieser wacker durchgebissen. Ja im Nachtquartier hatte er sich -sogar daran gewöhnt, mit seinem Herrn einige Töne zu heulen, welches -St. mit großen Euphemismus, ein <em class="gesperrt">Duett</em> nannte. Tief ergriff den -Überlebenden daher der Tod des getreuen Vierfüßlers und nicht ohne -Rührung ließ er sich ein Requiem vorsingen, das ich auf seinen Hund -gedichtet hatte und wovon mir nur noch diese Strophen erinnerlich sind:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1"><em class="antiqua">Chorus Guestphalorum.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse"><em class="antiqua">Moestus noster flet praefectus</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Et dolore est confectus,</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Quia Canis interfectus.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft3"><em class="antiqua mleft2">St.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse"><em class="antiqua">Tu mi canis, quem amisi</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Quocum cecini et risi,</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Mente adsis, faveas,</em></div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75"> 75 </a></span> - <div class="verse"><em class="antiqua">Neque canes occurentes</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Tibi instant nune et dentes,</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Terram levem habeas.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1"><em class="antiqua">Chorus Guestphalorum.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse"><em class="antiqua">Petre Fixe! the clamamus.</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Justa tibi ut solvamus,</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Et quae decent, tribuamus.</em></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Nächst den Pommeranern haben mir übrigens die Würtemberger am meisten -gefallen, wenn auch die Grazie ihnen zuweilen mangelt. Erscheinungen -wie »Strauß« und »Justinus Kerner« sind Beweise, welch einen ungeheuren -geistigen Umfang dies kleine Volk im Reich der Gedanken, wie in der -Vorstellung hat. — Jeder Würtembergsche Pastor kann die meisten -unserer norddeutschen Generalsuperintendenten in Grund und Boden -examiniren, und auf gleiche Weise ist der Würtemberger in <em class="gesperrt">allen</em> -Disciplinen gründlich zu Hause. Unbegreiflich ist es dabei mir immer -gewesen, daß sich in einer solchen Stadt wie Stuttgart, wo dazu ein -Cotta neben mehreren anderen höchst ehrenwerthen Buchhandlungen -residirt, eine solche Menge Buchhändlerischer Schwindeler eingefunden -haben, die mir mit ihren abentheuerlichen unausführbaren Pfenningsideen -immer wie uneheliche Söhne eines aufgehängten Nachdruckers und eines -verhungerten Harfenmädchens<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76"> 76 </a></span> vorkommen. Sie schaden den Schriftstellern -ungemein, indem sie vielen, ohnehin unmündigen Lesern mit ihren -wohlfeilen, verstümmelten Groschenausgaben die wenigen Groschen -ablocken, welche diese vielleicht für ein besseres oder wenigstens -originales nicht gestohlenes Werk der neuen Literatur zu geben hätten.</p> - -<p>Will man das Würtembergsche Volk in socialer Hinsicht lieb gewinnen, -so muß man den Koppenhöfer besuchen der über Stuttgart liegt, und -eine reizende Aussicht darbietet, welche noch um Vieles erhöht werden -würde, wenn der Neckar einmal die Erlaubniß erhielte von dem nahe -gelegenen Kannstadt aus die Residenz zu begrüßen. Hier sieht man im -buntesten Gemisch alle Stände zusammen, oft an demselben Tisch, in -der unverkümmersten anständigsten Unterhaltung, als wolle man die -Conversation des tausendjährigen Reiches einstudiren, das nach der -Prophezeiung des Tübinger Professors <em class="gesperrt">Bengel</em> freilich schon 1836 -hätte beginnen sollen, wozu aber wenigstens in Norddeutschland die Welt -noch nicht völlig reif zu sein scheint.</p> - -<p>Die Preußen waren schon damals von viel zu vielerlei Fleisch, als daß -sie man generell characterisiren könnte. Sie scheinen ihre Aufgabe, die -Repräsentanten der politischen und religiösen Freiheit und<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77"> 77 </a></span> somit des -Protestantismus zu sein, noch nicht ganz gelöst zu haben. Ich glaube es -fehlt ihnen auch ein allgemeiner Dialect, wozu ich wol einen, nur nicht -den Berliner Nanteaccent, der wirklich den höchst gestellten Leuten -durch einen etwas zu geselligen (das Wort ist von Gesell gemacht) -Anstrich verleiht, vorschlagen möchte. Indessen giebt es am Ende keinen -Ton, der als Generalnenner für die nachfolgenden höchst verschiedenen -Mundarten dienen könnte, welche in dieser Geschichte zusammen gewürfelt -sind. Einem sehr vornehmen Mann in Berlin wurden nach dieser Anecdote -vier junge edelmännische Militairs aus den verschiedenen Preußischen -Provinzen; aus Pommern, Sachsen, Westphalen und der Rheingegend -vorgestellt:</p> - -<p>»Wie heißen Sie?« lautete die Frage, worauf der Pommeraner:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Ich nenne mir</em> <em class="antiqua">Lottum</em>.«</p> - -<p>Der Sachse:</p> - -<p>»Ich heeße Musemeischel.«</p> - -<p>Der Westphale:</p> - -<p>»Ich schreibe mich Sgade (Schade) und bin von Mesgede.« (Meschede.)</p> - -<p>Der Rheinländer:</p> - -<p>»Ick sin ein sicherer von der Straß Cölle am Rhi« geantwortet haben -soll.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78"> 78 </a></span></p> - -<p>Ein Holländer <em class="gesperrt">Ruhs</em>, der schönste und kräftigste Student seiner -Zeit, ein famöser Schläger, kam in seinem zwanzigsten Semester auch -nach Heidelberg. Man betrachtete ihn mit großer Ehrfurcht. Er selbst -meinte aber vom Burschenleben, in den ersten sechs bis sieben Jahren -mache das Burschenleben viel Scherz, dann aber kriegt man es doch auch -satt, dann macht es keinen rechten Trödel mehr. —</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79"> 79 </a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.</h2> - -</div> - -<p class="untertitel">Die Heidelberger Professoren. Thibaut. Nägeli. Walch. Graf Sponek. -Creuzer. Hegel. Paulus. Daub. Langsdorf. Schweins. Schlosser. -Tiedemann. Gmelin. Munke. Konradi. Schelver. v. Leonhard. Die -Pedelle, Krings und Ritter.</p> - -<p><em class="gesperrt">Thibaut</em> ist ein Mann des Verstandes, zu dessen Ehre er oft -die Empfindung zu demüthigen bestrebt ist. Die Art und Weise wie er -über den damals empor lodernden Enthusiasmus der Jugend ironisirte, -indem er vor allen Dingen die Lieblingsideen der Burschen lächerlich -zu machen suchte, gaben ihn in unseren Augen das Ansehn eines kalten -gefühllosen Mannes und vielleicht nicht ganz mit Unrecht. In Heidelberg -selbst war die Petition der Bürger noch nicht vergessen, welche Martin -mit unterzeichnet, Thibaut aber als strafbar desavouirt hatte.<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80"> 80 </a></span> -Durch diesen Umstand ward Thibauts bedeutender Einfluß in Carlsruhe -gegründet, Martin hingegen bewogen, Heidelberg zu verlassen und einem -Rufe nach Jena zu folgen.</p> - -<p class="mbot2">Wenn hingegen von Musik die Rede war, so zeigte sich Thibaut auch -als Enthusiast. Er lobte aber nur die geistliche, und von dieser die -Italienische Musik. Man sagte, er halte Agenten in Rom, welche ihm zu -hohen Preisen aus den verschiedenen Kirchenregistraturen manches Requim -der trägen Ruhe für das gottseelige Thibautsche Fortepiano entreißen -mußten, nichts destoweniger war er in dieser Beziehung jedenfalls -einseitig, da er alle neuere Musik total verwarf, und <em class="gesperrt">Paer</em> -den <em class="gesperrt">Kotzebue</em> der Musik nannte. Auf den Letzten schien er es -besonders nicht zu haben. Er erzählte mit großem Vergnügen eine -Historie von Schiller und Kotzebue. Der letzte hatte bei dem großen -Dichter ein von ihm verfertigtes Trauerspiel, ich glaube den Ubaldo -einschmuggeln gewollt, und zu diesem Ende vorgegeben, er wünsche -Schiller das Product eines jungen hoffnungsvollen Dichters, und zwar -ein Trauerspiel vorzulesen. Schiller hatte eingewilligt, indessen hatte -Kotzebue noch nicht den ersten Act beendigt, als Schiller nicht mehr -seine krampfhaften Zuckungen beherrschen gekonnt und ausgerufen habe: -»Das<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81"> 81 </a></span> Trauerspiel mag der Teufel auch von einem jungen Dichter sein, -das ist das Machwerk eines alten keiffigen Theaterscriblers, der die -Bühne durch und durch kennt, dem aber Phantasie und Gefühl mangelt.« —</p> - -<p>Nachdem ich ein halbes Jahr studirt hatte, wurde ich von meinem -Landsmann, dem gelehrten St. aufgefordert, ihm zu oponiren. Obgleich -ich die Collegia nicht sehr fleißig besucht hatte, die rücksichtlich -meines Fachs auch nur auf Institutionen und Rechtsgeschichte beschränkt -gewesen waren, so nahm ich doch diese Einladung an. Ich hatte die -Hamburger Schule frequentirt und sprach ziemlich gewandt Latein. Ich -instruirte mich nach Collegien-Heften über die Personalservituten -und ob ein Lehn nur durch <em class="antiqua">dolus</em> oder auch durch <em class="antiqua">culpa</em> -verloren wird, hatte eine kleine lateinische Anrede formirt, und ging -dann getrost in die Aula.</p> - -<p>Aber wie erschrack ich, als ich nur einen einzigen, Thibaut auf den für -die Professoren bestimmten Sitze gewahrte. Alle meine Vocativi Pluralis -waren schon auf meiner Zunge, ich konnte ihnen keine Contreorden -mehr ertheilen. Ich gab daher den neugierigen Musensöhnen allen -Professorenrang und hub meine Rede etwa mit diesen Worten an:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82"> 82 </a></span></p> - -<p><a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a><em class="antiqua">Cum primum abste rogarer ut verbis tecum altercandi munus -susciperem periculosum, nolui primum iniquum certamen inire, et -certe haud ausus essem nisi spectata tua amicitia ad hoc conandum me -impulisset. Tu mihi es amicus et popularis, nil habeo quad vereas. -Sed dicendum est coram tantis <em class="gesperrt">viris</em>, <em class="gesperrt">quorum</em> magna atque -divina adeo doctrina, satis superque quam sim audax, mihi demonstrat. -Detis egitur veniam <em class="gesperrt">viri doctissimi</em> si <em class="gesperrt">aures</em> vestras -tam <em class="gesperrt">teneras</em> in audiendis dissouis latinae linguae vocibus -fatigem.</em></p> - -<p>Die Disputation ging glücklich zu Ende, ich schloß mit einigen -Sapphischen Versen, welche mir<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83"> 83 </a></span> doch zu schlecht scheinen, um sie -wieder zu Papier zu geben und ging dann nicht ohne großes Lob meiner -Commilitonen zu Hause. Selbst Thibaut, der mich auf der Straße sah, -ging auf mich zu, drückte mir lächelnd die Hand und bemerkte beifällig: -»Nun das muß ich sagen, für Einen der nichts gelernt hat, haben sie -ihre Sache vortrefflich gemacht. Indessen bin ich mir doch vorgekommen, -wie der Schweizer Winkelried, ich der Einzige, habe alle Ihre -<em class="antiqua">vocativi pluralis</em> hineinschlucken müssen.«</p> - -<p>Wie wenig übrigens oft auf den gesunden Menschenverstand der auf -Universitäten promovirten Doctoren zu geben ist, mag folgende Erzählung -lehren:</p> - -<p>In Heidelberg war ein Doctor <em class="antiqua">juris insigni cum laude</em> promovirt, -welcher in der Heimath angekommen, sein Diplom als Visitenkarte -abgab. »Aber Herr Doctor,«, fragte ihn der schlaue und humoristische -Bürgermeister seines Geburtsortes. »Sie haben doch nichts für ihre -Promotiva bezahlt?« »Freilich über vierzig Pistolen,« versetzte -betreten der Doctor. »Aber da steht ja <em class="antiqua">publice defendet</em> in Ihren -Diplom.« »Freilich das heißt ja, daß ich öffentlich einige Thesen -vertheidigen werde.« — »Lieber Freund,« fuhr der Bürgermeister fort, -»for<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84"> 84 </a></span>dern Sie ihr Geld zurück, »<em class="antiqua"><em class="gesperrt">publice</em></em>« heißt ja auf -Kosten des Staates. Ich will Ihnen funfzig Beispiele aus dem Livius -zeigen, daß <em class="antiqua"><em class="gesperrt">publice</em> institui jussit</em> nichts anderes -bedeutet, als: »Er ließ dies oder das auf Kosten des Staats errichten.« -Verblüfft stand der <em class="antiqua">insignicum laude</em> geschmückte Doctor da und -wähnte so lange sich um sein Geld gefoppt, bis das Lachen des Alten ihn -belehrte, daß dieser ihn nur zum Besten gehabt habe. —</p> - -<p>»Polizeiliche Maßregeln müssen schnell ausgeführt werden, sonst kommen -sie gewöhnlich zu spät,« pflegte Thibaut zu sagen, indem er folgende -Geschichte erzählte: »Als ich vor einigen Jahren einmal das Amt eines -Prorectors verwaltet, wurde ich in der Nacht von einem Polen, der -überhaupt damals fast alle Duelle der Studenten verrieth, obgleich er -ein Senior war, und bei ihnen das höchste Vertrauen genoß, geweckt, -der mir anzeigte, daß zwei in Heidelberg studirende norddeutsche -Edelleute sich morgen früh zu duelliren gedächten. Ich ließ den Pedell -kommen und noch in der Nacht beide auf den andern Morgen um sieben -Uhr citiren. Sie erschienen, mit herzlicher Wärme stellte ich ihnen -das Unvernünftige des Zweikampfs vor, und siehe! versöhnt sanken sie -einander in die Arme, gaben<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85"> 85 </a></span> auch freiwillig das sonst als Urpfede -erpreßte Ehrenwort, sich nicht zu duelliren.</p> - -<p>»Ich freute mich nicht wenig über meine Eloquenz und über die -Empfänglichkeit junger Gemüther für freundliche Belehrung, aber mit -Schrecken erfuhr ich am andern Tage, daß sich beide Studenten schon -gestern um 5 Uhr Morgens duellirt hatten.«</p> - -<p>Thibaut blieb sich ziemlich gleich in seinen lebhaften geistvollen -Vortrag. Nur wenn von den Sponsalien die Rede war, schien er jedesmal -aufgeregter als sonst. Mit großem Lachen erzählte er, daß nach der -Meinung aller Juristen die Phrase:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Herzallerliebstes Schatze mein!«</p></div> - -<p class="p0">kein bindendes Eheversprechen enthalte, wol aber der Satz:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Ich will Dich nehmen, die Leute mögen sagen was sie wollen.«</p></div> - -<p>Einer seiner Hauptfeinde war der Professor Schömann, welcher in der -Materie über die <em class="antiqua">culpa</em> eine Abhandlung gegen ihn geschrieben und -wovon er geäußert hatte, diese solle Thibaut unter die Erde bringen. -Thibaut citirte diese Abhandlung oft mit einem nicht eben angenehmen -Lächeln: »Todtschlagsdissertation von Schömann.«</p> - -<p>Hospitanten litt er nicht, vor allen keine Zuhörer höheren Alters. -Ich habe ihn einen ange<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86"> 86 </a></span>sehenen Mann, der ihn um die Erlaubniß seine -Vorlesung zu besuchen um Gotteswillen bitten gesehen daß er ihm seine -Unbefangenheit nicht total rauben möge. —</p> - -<p>Auf Göttingen war Thibaut übel zu sprechen. Von einem Professor, der -sehr viel auf Etiquette hielt, pflegte er zu erzählen, daß dieser einem -Studenten der ihn nicht in Escarpins besucht, mit den Worten empfangen: -Mit ihrer Kleidung pflegt man nicht honnette Leute zu besuchen, worauf -der Studio geantwortet habe: »Das thue ich auch nicht.«</p> - -<p>Der Geheimerath <em class="gesperrt">Nägeli</em> war ein geistvoller jovialer Mann. Er ist -berühmt geworden namentlich als Accoucheur, hat gezeigt und thut es -noch, daß man ein sehr gelehrter Mann sein kann ohne die herrschenden -Ansichten über das »<em class="gesperrt">mir</em>« und »<em class="gesperrt">mich</em>« zu theilen. Ich habe -ihn nur einmal bei Thibaut gesehen und erinnre mich noch einer sehr -feinen psychologischen Bemerkung, welche er damals zum Besten gab. — -»Immer,« sagte er, »wenn ich zu armen Juden gerufen bin, erstaunte ich -über die Menge des Silbergeschirrs, das in dem Vorzimmer, durch welches -ich zu der Kammer in welcher das Krankenbett stand, geleitet wurde, -aufgestellt war. Ich konnte dies anfangs nicht fassen, endlich kam ich -auf den Grund. Man wollte mich<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87"> 87 </a></span> durch die Schätze nur dazu bestimmen, -mich eben so thätig gegen den Patienten zu beweisen, als ob ich einen -Rothschild zu behandeln habe.« —</p> - -<p>Der Professor <em class="gesperrt">Walch</em> war ein grundgelehrter Mann, dem aber alles -fremd war was nicht im <em class="antiqua">corpus juris</em> stand. Als er einmal Ebbe -und Fluth nicht begreifen konnte, verdeutlichte sie ihm einer meiner -jovialen Freunde durch die juristische Formel: Wenn <em class="antiqua">Cajus</em> kommt -so geht <em class="antiqua">Sempronius</em>, und wenn <em class="antiqua">Sempronius</em> kommt so geht -<em class="antiqua">Cajus</em>. Aha nun verstehe ich Sie vollkommen mein Theurer, das -Beispiel macht mir die Sache klar, versetzte der alte Rechtsgelehrte.</p> - -<p>Bei den Forstwissenschaften war ein Graf S. angestellt, der beschuldigt -wurde, in seine Vorlesungen zuviel von seinen häuslichen Verhältnissen -zu mischen. Ich habe den alten Herrn nie gesehen, wol aber in einem -von mir dictirten Heft geblättert wo mir dann die Stelle, als ein -herrlicher Beitrag für die jetzige Adelszeitung ins Auge fiel:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Forstmeistern siegeln mit ihren Wappen, Förster mit ihren -Petschaften.«</p></div> - -<p>Der Oberforstrath von Gatterer war ein sehr angenehmer geschwätziger -Alter. — Immer habe ich in mir lächeln müssen, wenn er von seinem -getreuen und klugen Pferde erzählte und dabei fast<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88"> 88 </a></span> Thränen der -Dankbarkeit vergoß. Er war auf demselben Jahre lang durch den Neckar -Abends zu Hause geritten, als es diesen Weg, trotz aller Ansporung -zu nehmen verweigert hatte. Während Gatterer sich im Bette schlaflos -über den Eigensinn seines sonst so folgsamen Rosses geärgert und eine -strengere Züchtigung desselben für den folgenden Tag beschlossen hatte, -war der von ihm verkannte Gaul crepirt. Der Oberforstrath meinte, -dieser Characterzug des Pferdes, seinen Herrn im nahen Vorgefühl -des Todes nicht dem Ertrinken im Neckar exponiren gewollt zu haben, -übertreffe noch die rührendsten Beispiele von Hundetreue und anderer -wohldenkender Vierfüßler.</p> - -<p>In Bezug auf mehrere der Professoren sei es mir erlaubt, einige -geistvolle Mittheilungen eines meiner Universitätsfreunde hieher zu -setzen welche ich, da ich nie mit fremden Kalbe pflüge in unveränderten -Gestalt hieher setzen will.</p> - -<p class="center mtop1"><em class="gesperrt">Meine Lehrer in Heidelberg</em> 1817 1818.</p> - -<p>Ich weiß nicht, was mich zurückhalten will, über meine Lehrer einige -Worte zu sagen. Es waren lauter tüchtiger Männer, jeder in seiner -Art und das Ganze was die Einzelnen bildeten ganz geeignet, in der -Jugend einen wissenschaftlichen Geist zu entzünden. Die abstracte -Identität wurde ver<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89"> 89 </a></span>bannt, Unterschied, Gegensatz und Widerspruch -machte das Interesse aus und dieses trieb zur regsten Thätigkeit. -Zunächst war ich an <em class="gesperrt">Creuzer</em> gewiesen, der wie jeder Scholarch, -denn er dachte gewiß an eine Creuzersche philologische Schule, den -noch rathlosen Studenten ganz ausschließend in seinen Karren spannen -wollte. Seine Symbolik machte Furore. Er trug sie mit dem Schein der -höchsten Begeisterung vor, als wenn er selbst eine Incarnation des -Wischnu oder Kneph, so nannten ihn auch die Seminaristen, wäre. Mit -der höchsten Ehrfurcht wurde der nordasiatisch schmutzige Naturdienst -behandelt und ob er gleich unter der rothhaarigen Perrücke die Augen -schloß, so wurde er doch gewahr, wenn St. Paul lachte und ermangelte -nicht eine Abmahnung profaner Auffassung einfließen zu lassen. Es -benahm der Begeisterung nichts, daß das dritte Wort im Citat aus -Jablonsky, Zoega, Porphyrius, Sylvester de Sacy etc. etc. war, auch -nicht daß er in einer Hand die Kreide in der andern den Schwamm in die -Höhe hob, viel Taback nahm und über die <em class="antiqua">ars poetica</em> sprach. Das -Komischste war die Überfüllung des Locals, so daß kein Gang zwischen -ihm und den Subsellien gelassen war, der letzt hereingetretene Zuhörer -so saß, daß man die Thür nicht mehr öffnen konnte und einer sogar -seinen Platz im<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90"> 90 </a></span> Katheder selber neben den Füßen des Meisters hatte. -Aus allen Facultäten waren Zuhörer da und ließen sich das confuseste -Gemisch von Wahrheit und Dichtung (oft schon Dichtung bei den Alten, -die Creuzer für die Sache selbst nahm) ächt philologischen Wissens -und der willkürlichsten Etymologie, ohne Plan und Zweck als etwa den, -alles Höchste und Erleuchtetste des Geistes in der vorgeschichtlichen -Zeit zu suchen, und das Dasein des Menschengeschlechts ins Unendliche -der Vergangenheit auszudehnen, die Methode ohne Philosophie, die -Begeisterung ohne Poesie, und doch beides zur Schau tragen wollend, -vortragen, verloren sich seine romantischen Reflexionen doch nur in -trocknen Adversarienkram. <em class="gesperrt">Hegel</em> war gerufen durch Daub, aber -wir Studenten wurden zu Paulus geschickt und durften noch bei Schwarz -Exegese hören; der treffliche Sohn des Antisymbolikers <em class="gesperrt">Voß</em>, war -auch so gut wie verpönt, bei dem man aber die Fülle des Griechischen -und Lateinischen hätte lernen können, wenn man angeleitet worden wäre, -es zu benutzen. <em class="gesperrt">Paulus</em> stand damals noch frisch in dem Rufe, -in dem jetzt Strauß steht, etwa im Bund mit dem Teufel zu sein, der -Christus versucht hatte; aber er meinte es treu wie dieser, und war -der freundlichste und wohlwollendste würtembergische Magister. Die -alten in Halle gebildeten rationalistischen Theologen<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91"> 91 </a></span> schickten ihre -Söhne zu ihm und nicht zu Daub. Ich hörte die Exegese der Evangelien, -also das Leben Jesu, bei ihm mit dem Vorsatze, sobald er auch nur ein -Wunder nicht natürlich zu machen wüßte, meinen Glauben an die Wunder -nicht aufzugeben. Diese Bedingung wurde denn auch bald erfüllt, als -mir diese und jene Erklärung nicht genügend schien. Überall wurde -Geist und Poesie ausgetrieben und an ihre Stelle der platte Verstand -und die nackteste Prosa gesetzt. Der Widerspruch war zu grell, als -daß er einem mystischen Gemüthe und einer sinnigen Reflexion, deren -Bedürfniß er gar nicht erfüllte, hätte etwas anhaben können. Dieses -Denken schien mir von Gott verlassen, trostlos und willkürlich, denn -Alles was er hatte, selbst die Geschichte, war selbstgemachtes. So -auch in der Kirchengeschichte, Pentateuch, Jesaias. Das Pabstthum und -die Hierarchie wurde in allen Zeiten mit dem modernen Maßstab der -Aufklärung gemessen; die mosaische Verfassung für das klügste Machwerk -eines ägyptischen Priesterlehrlings ausgelegt. Überhaupt wurde alles -nur getrieben, um es in seiner Nichtigkeit als Subjectives aufzuzeigen, -denn Objectives gab es gar nicht, um zuletzt bei dem Subject und seiner -Sichselbstgleichheit, abstracten Identität, Überzeugungstreue genannt -stehen zu bleiben, wobei es natürlich auf<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92"> 92 </a></span> den Inhalt ankam, der wahr -oder falsch, gut oder böse sein konnte. — Wenn <em class="gesperrt">Paulus</em> für -uns ideenlose und bildungsarme Studenten klar wie Wasser war und die -Schnitte seines scharfen kritischen Messers zu ihrer Auffassung keiner -Sonde bedurften, aber auch eben so schnell wieder heilten, so war es -entgegengesetzt bei dem andern Würtemberger <em class="gesperrt">Hegel</em>, der sich um -unser Verständniß gar nicht bekümmern konnte, dessen kritisches Messer -in die Tiefe ging ohne daß wir es fühlten, ja ohne daß wir es ahneten. -Da war keine Polemik der Personen und Thaten, und die tiefste Polemik -des Denkens gegen jene schlechten Weisen zu existiren war uns gänzlich -verhüllt. Wir saßen im Trüben bis zum Schwindel und blieben leer. Nur -wenige hatten eine Ahnung von dem, was vorging und ließen sich durch -das Vertrauen zur Vernunft halten. Die Leerheit der zuhörenden Köpfe, -welche auf der einen Seite hinderlich war, hatte auf der andern den -Vortheil der <em class="antiqua">tabula rasa</em>, die nun sogleich mit dem rechten -und gediegensten beschrieben werden konnte, Hegel hatte eine zu -anspruchlose Persönlichkeit, als daß er sich an besondern Seiten, als -der seines Vortrages hätte auffassen lassen. Die Synthesis allein in -ihrer Geläufigkeit veranlaßte, daß er jeden dritten Theil eines Satzes -oder jeden dritten Satz mit »also« begann,<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93"> 93 </a></span> so daß es Hohlköpfe in -seinem Auditorio gab, welche sich damit unterhielten, bei jeden »also« -einen Strich zu machen. Diese trugen dann immer ein artiges Sümmchen -davon, wenn wir andern ganz leer ausgingen. Der Reiz dennoch so lange -die Nacht auszuhalten bis der Tag anbrach, kann nur die Dämmrung -gewesen sein, die uns doch vergönnt war zu bemerken; sonst wäre es bei -dem gleichsam lungenkranken Vortrag, den unbeweglichen hängenden Zügen -des Gesichts, den matten in sich gekehrten Augen und der einfachen Ruhe -der Hände nicht möglich gewesen. Die nur des Nutzens wegen hingingen, -denen es gar nicht dämmerte, gingen auch wieder davon.</p> - -<p>Der interessanteste meiner Lehrer war <em class="gesperrt">Carl Daub</em>, ein Kurhesse, -also Landsmann von Creuzer. Ein Denker, streng und gewandt wie Hegel, -der eigentlich für Philosophie nach Heidelberg berufen wurde, aber -sogleich theologische Vorlesungen zu übernehmen durch die Umstände -genöthigt wurde. Er hatte alle neuere philosophischen Systeme nicht -nur studirt, sondern eines nach dem andern zu seinem Eigenthum gemacht -und auf die Theologie angewendet, als Methode deren Wahrheit ihm die -Theologie war. Bis auf Hegel ist er aus dem reflectirenden Denken nicht -hinaus gekommen, und mußte<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94"> 94 </a></span> darum consequent die Philosophie für das -Subordinirte jenes Philosophirens über den Inhalt der Religion oder des -religiösen Bewußtseins, das er Theologie nannte, halten, und heftig -gegen die Philosophie abwehrend polemisiren. Dies fiel noch in die -Periode meiner ersten Studienjahre oder auch nur Curse, denn innerhalb -derselben ließ Hegel seine Encyclopädie drucken, und machte dadurch -das ganze System überschaulich, wodurch mithin auch die Stelle der -Religion bestimmt wurde. Daub hatte den Ruf Hegels veranlaßt, trieb -die Theologen in seinen Hörsaal, und studirte dies System eifrig. Den -Zufall und das Böse hatte er bisher abstract als die einfache Negation -festgehalten und in diesem dualistischen Sinne den ersten Theil -seines Ischarioth drucken lassen. Den verwarf er jetzt zuerst als ein -schlechtes Buch, und erklärte dem Buchhändler, den zweiten Theil nicht -schreiben zu wollen. Es bedurfte nur geringe Aufklärung über seine -Differenz mit Hegel, und er war durchaus versöhnt mit diesem System, in -dessen Licht nun sein ganzes theologisches Wissen eine andere Gestalt -gewinnen mußte. In diese trübe Gährung, dieses Ringen und Kämpfen mit -dem Begriff, fielen nun gerade die Vorlesungen über Dogmatik, die -ich drei Jahr lang bei ihm hörte, ohne nur den dritten Theil der<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95"> 95 </a></span> -Lehre vom Geiste zu bekommen. Da er das Beste unmittelbar auf dem -Katheder schuf in der objectiven Stimmung die er mitgebracht und in der -subjectiven die ihm seine Zuhörer gaben, so waren diese Vorträge das -interessanteste was man hören konnte. So lange ich sie besuchte fing -Daub nicht eher an, als bis ich gekommen war, saß, und zum Schreiben -gerüstet war. Nie vergesse ich die ernste hohe Gestalt dieses Priesters -der Weisheit, mit den vorstrebenden Augen, das kahle Haupt mit den -schwarzen Mützchen bedeckt unter dem die dünnen Locken herabwallten, -wie er das Taschentuch zu knoten anfing und im tiefsten Basse murmelnd: -meine Herren! seine dialektischen mäandrischen Entwickelungen begann, -erhoben über alle Endlichkeit des Seins und Denkens, denn es giebt auch -ein endliches Denken. Der freie Vortrag war demnach so feierlich und -arbeitend, daß die fertige Feder auch jedes Wort nachschreiben konnte. -Einer der Zuhörer erwies ihm wohl den Dienst die Vorlesung auch für -ihn noch einmal abzuschreiben. Große Episoden in derselben waren der -Darstellung der Kantischen, Schellingischen und Hegelschen Philosophie -gewidmet. Löste er in der schärfsten Säure der Kritik den Rationalismus -auf, dann hatte er immer seinen Collegen Paulus vor Augen. Von Hegel -sprach er damals mit der höch<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96"> 96 </a></span>sten Achtung und Bewundrung. Und -obgleich es außer Hegel gewiß damals keinen tieferen Denker als Daub -mehr gab, so meinte er doch, wir jungen Schüler Hegels seien in der -Dialektik gewandter als er, was freilich Ironie oder Irrthum war, -aber doch Zeugniß gab, wie schwer es auch einem alten geübten Denker -ankam, Hegels Schriften zu verstehen, von denen es damals nur Logik, -Phänumenologie, Encyclopädie und Naturrecht gab. Manchmal löste eine -Stelle aus meinen Hegelschen Heften einen Anstand, über den er nicht -hinaus konnte. Außer kritischen Arbeiten ließ er nichts mehr drucken -und lebte nicht mehr lange genug, um auf die gährende Theologie den -klärenden Einfluß zu haben, den er als Lehrer durch das lebendige -Wort gehabt hat. Was er sich gewünscht, geschah auch; er begann auf -dem Katheder zu sterben, und mußte von seinen Schülern weggetragen -werden. — Den Hofrath <em class="gesperrt">Langsdorff</em> kannte ich nicht als Lehrer, -denn er hat zu unserer Zeit nicht mehr gelesen. Als Mathematiker war -sein Ruf größer als seine Leistungen, die schon verschollen sind. -<em class="gesperrt">Schweins</em> dagegen hat die Mathematik in einer ansprechenden -Nimbus zerstreuenden Methode vorgetragen und lebt in einer Schule -junger Mathematiker fort, mit denen er aber, sobald sie etwas drucken -lassen, in öffentlichen Streit geräth<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97"> 97 </a></span> wegen vermeintlichen Plagiat’s. -Es ist dies eine Schwachheit von ihm. Er stand in Heidelberg ganz -allein, und hat sich hungernd herauf gearbeitet. Nach unserer Zeit -heirathete er hülfsbedürftig seine gesetzte Köchin, und hat noch -ein Mädchen gezeugt. Seine Kränklichkeit, Halsleiden, machten ihn -sehr pedantisch, so daß er wohl keine Suppe aß, ohne vorher das -Thermometer eingetaucht zu haben. Ließen ihn die Schmerzen nicht -schlafen, so arbeitete er die ganze Nacht und ich hatte im Winter früh -7 Uhr bei Licht ein Collegium bei ihm, wo ich ihn antraf, als einen -Übernächtigten. Mit seinen Collegen konnte er sich nie vertragen, desto -besser machte er den Vater und Rather der jungen Leute unter denen er -am besten mit den Burschenschaften harmonirte, und sich am liebsten der -politisch Gravirten annahm. Angehende Schüler hing er immer mit älteren -oder geübteren zusammen, so mußte ich der Lehrer von 3–4 sein, während -zwei Jahren. Ohne einen Anfang in der Mathematik, brachte ich sie in 2 -Jahren vollständig genug bei ihm durch, und in der schwersten Parthie -gab er mir unentgeldlich Privatissima, die ich auf das fleißigste -benutzte. Eine Sonderbarkeit in seinem Vortrag war, daß er so viel -thunlich deutsche Termini gebrauchte. So sagte er: vervielfachen statt -multipliciren, thei<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98"> 98 </a></span>len, messen (schöner Unterschied) statt dividiren, -— Verbindungen statt Combinationen; die Trigonometrie heißt bei ihm: -Kreisfunctionen, die Arithmetik nannte er: Größenlehre, und eine -wissenschaftliche Begründung derselben: Theorie der Zahlen. Er ist ein -Franzosenfeind und beweiset, daß ein <em class="antiqua">Lacroix</em> und <em class="antiqua">Laplace</em> -ihr Bestes von Euler haben, nur hätten sie’s verdorben.</p> - -<p>Und noch habe ich des Professors von Jever nicht erwähnt, des als -Mensch und Gelehrten so ausgezeichneten <em class="gesperrt">Schlosser</em>. Dieser, -der so gern mit seinen Zuhörern verkehrte, und niemals von ihnen -gelangweilt wurde, hatte mich besonders angezogen, so daß ich ihm -seine wunderlichen Vorlesungen vergab. Auffallenderes als diese gab -es nicht. Er sprach sehr schnell in einem fremdartigen Idiom, und mit -einer Aussprache der Namen, daß auch die gewöhnlichsten unverständlich -blieben; nahm einen Anlauf mit einem Satze, fand in der Mitte desselben -zur Erläuterung eine kleine Abschweifung für nothwendig, begann darum -einen neuen Satz, in welchem ihn wieder etwas zur Bildung eines neuen -Satzes verleitete, und brachte so eine Stunde lang keinen Satz zu -Ende, bald in die Vergangenheit, bald in die Zukunft, bald in die -gleichzeitige Geschichte sich verlierend. Lehrer und Zuhörer befanden -sich in einem wirbelnden Gewirre,<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99"> 99 </a></span> welches sinnbetäubend war. Bei -der Gewissenhaftigkeit, mit welcher er übrigens seine Hefte schrieb -war es kein Wunder, daß er eine ausführliche Weltgeschichte drucken -lassen konnte, die übrigens eben so wenig ein Kunstwerk wurde, wie -seine Vorlesung, aber mit ächt historischem Tacte die Data der Quellen -auffaßt und in Reih und Glied stellt. Feind aller Declamation, jedes -Nebenzweckes, jeder Willkürlichkeit, alles pragmatischen Geschwätzes, -welches für alle Zeiten und Nationen nur einen Maßstab fertig hält, -ist Schlosser doch nichts weniger, als objectiv, und hat für Alles -seine eigene Meinung, was auf die Wahl des Materials, welches er -zusammen reihen will, einen entschiedenen Einfluß übt. Er scheut -die Philosophie, und erfreut sich der Virtuosität des Denkens eines -Plato’s und Aristoteles, denn diese lassen ihm Spielraum für seine -christlichen Meinungen, die natürlich auch von dem Inhalte des -gläubigen Bewußtseins abweichen. Sein edles Gemüth, sein Erglühen für -alles Gute, Große und Schöne und seine unverhüllte Verachtung und Ekel -vor allem Schlechten und Gemeinen, sein ächt patriotischer Sinn und -deutsche Männlichkeit machen ihn Schiller ähnlich; allein über die -stille That der Häuslichkeit und über das vertrauliche Urtheil und -die literarische Wirksamkeit geht es bei ihm nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100"> 100 </a></span> hinaus, und mit -weiblicher Weichheit vermeidet er Conflict und Schmerz des Lebens. Er -versäumt nicht zu jedem Bande seiner Werke eine Vorrede zu schreiben, -und in dieselbe seine Überzeugung und Selbstbekenntniß niederzulegen, -die denn an Voß erinnern. In seiner freisinnigen Geschichte des -achtzehnten Jahrhunderts wird er ein Spittler und Paulus gegen die -Könige und Fürsten, wie jene gegen die Päbste, und sucht damit in die -Bewegung der Zeit einzugreifen, die doch eines Heilmittels gegen den -Königshaß bedurfte. Die Bank der Naturforscher in Heidelberg besetzt -von Tiedemann, Gmelin, Munke, damals auch Konradi, Schelver und den -Hofrath und Ritter v. Leonhard, ist ohne Zweifel in dem Empirismus sehr -tüchtig und nur in dem Puncte sehr bornirt und für die Universität -als Pflegerin aller Wissenschaften nachtheilig, weil sie die ärgsten -Feinde der Philosophie sind, die sie freilich nicht kennen, die in -ihren Köpfen eine nur vorgestellte Existenz hat. Die Schellingianer mit -denen für diese Leute nun alle Philosophie indentificirt wird, haben -mit ihren willkürlichen Constructionen einen zu üblen Eindruck auf die -Naturwissenschaft gemacht, als daß sie nicht alles Denken als etwas die -Natur meisterndes und verkehrendes sich vorstellen sollten. Auch haben -sie von Hegel nichts verstanden, als seine<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101"> 101 </a></span> großen Ausfällen zu §. 320 -der Encyclopädie und beurtheilen nun darnach die ganze Philosophie, die -sie in feindseliger Tendenz gegen die Empirie begriffen wähnen. Munke -wurde von einem Schweizer nur der Taschenspieler genannt, obgleich er -keine Ähnlichkeit mit Döbler hat, denn es gelingt ihm keines seiner -Experimente, und im Rechnen ist er auch kein Hexenmeister, da der -Schweizer sein Exempel im Kopf ausrechnete und vor ihm das Resultat -hatte, während das seinige falsch wurde. Darin war er aber einem -Taschenspieler ähnlich, daß er seine Experimente wie Kunststücke -behandelte, womit man die unkundigen jungen Leute in Erstaunen setzen -müsse. Die größte Zeit brachte er mit der Einleitung zu, wo er lehrte, -daß die Naturlehre die Lehre von der Natur sei. Auch Tiedemann -begann seine Zoologie mit der Etymologie des Wortes Zoologie, dessen -Theile er griechisch an die Tafel schrieb. Ein wahrer Hexenmeister -ist <em class="gesperrt">Gmelin</em>, der in einem halben Jahre 6 St. wöchentlich die -dicken Bände seiner Chemie durcheilte, nichts Wesentliches überging -und dabei beständig experimentirte. Wir Philosophen wünschten uns -nur auch eine solche Anatomie, die aber Tiedemann nur für Mediciner, -also zu breit gab, Leonhards Vortrag über Mineralogie, Vulkane, -Geognosie ist unterstützt durch seine autoptische Virtu<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102"> 102 </a></span>osität im -Erkennen der Mineralogie, durch eine köstliche, vollständige auch -krystallographische Sammlung durch Modelle und Abbildungen. — -<em class="gesperrt">Schelver</em>, der Magnetiseur, war mehr im magnetischen Rapport mit -der Geschichte (so nannte er die Entwicklung) der Pflanzen, als stark -in der Kenntniß einzelner Pflanzen, von denen ihn hin und wieder die -aus seinem eignen botanischen Garten in Verlegenheit setzten.</p> - -<p>Soweit mein norddeutscher verstorbener Freund.</p> - -<p>Der Pedell <em class="gesperrt">Krings</em> war ein höchst merkwürdiger Gegensatz seines -gutmüthigen Collegen <em class="gesperrt">Ritter</em>, der fortwährend an den Don -Juanschen Gerichtsdiener erinnerte und sein Amt auch bis zu einem recht -hohen Alter in steter Unbesinnlichkeit verwaltet hat. Krings kannte -die Studenten durch und durch, ihre Duelle, ihre Liebschaften, ihre -Väter, ihre etwaigen Erblasser, und heimlich zusteckenden Oheime und -Großmütter, so wie ihre Kenntnisse. Er verlieh viel Geld, nahm zwar -eine ziemliche Provision, aber mäßige Zinsen, im Gegensatz zu dem -Wucherer M. am Markte, der sich kaum mit zwanzig Procent begnügte und -sich dabei das Ehrenwort zur Hypothek setzen ließ.</p> - -<p>»Ich werde,« pflegte Krings z. B. von Diesem oder Jenem zu sagen, -»vielleicht erst mein Geld in acht Jahren bekommen. Dann wird Herr v. -F. mehrere gute Examina gemacht haben und durch<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103"> 103 </a></span> eine gute Anstellung -in den Stand gesetzt sein, mir Alles mit Zinsen zu vergüten. Herr R. -wird wol nicht sein Examen machen, aber den halten die Frauenzimmer -über Wasser, Herr L. hat viel zu viel Verstand, um nicht einmal sein -rüdes Leben aufzugeben und dann noch Kopf und Kraft genug, allen seinen -Landsleuten im Lernen und Wissen zu vorzu kommen.« Von dem reichen -unglücklichen v. W. sagte er schon damals die später über ihn verhängte -Kuratel voraus. Ich werde mich im Himmel danach sofort erkundigen, -was er von mir gesagt, wenn er sich darüber gegen keiner meiner -damaligen Freunde ausgesprochen hat, der es mir vor meiner Sterbestunde -offenbart. — Damals scheute ich mich vor seiner Prädestinationsgabe. —</p> - -<p>Wenn Krings ein Duell witterte, so war er redlich bemüht, dasselbe zu -vereiteln. Seine körperlichen Anstrengungen, um einen Zweikampf auf -Pistolen bei Neckarsteinnach zu vereiteln, der aber doch später bei -Speier vollzogen wurde, und ein dadurch sich fixirender Rheumatismus -der sich später auf seine Lungen warf, sind die frühen Ursachen seines -Todes geworden. Indessen war die Confiscation der Schläger zu seinem -Benefiz auch sehr ermunternd für seine Menschenrettung. Es war oft -sehr komisch,<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104"> 104 </a></span> wenn man einen Paukanten in voller Rüstung mit farbiger -Binde, den Schläger in der Hand, bergauf in den Odenwald hinein vor dem -ihm nachsetzenden Pedell wie einen Neger vor einem Bluthund fliehen -sah. —</p> - -<p>Bei einer Gelegenheit, wo er nur ein Duell vermuthete, aber sonst -keine Indicien hatte, war er klug genug, von dreien, zur Hirschgasse -wandelnden Musensöhnen den Mittelsten heraus zu nehmen und ihn auf -gut Glück als den einen der Kämpfer in dem bevorstehenden Duell -zu <em class="gesperrt">arretiren</em> oder besser gesagt, zum <em class="gesperrt">Prorector</em> zu -<em class="gesperrt">entbieten</em>. Krings hatte sich nicht geirrt. Ich dachte es mir -gleich, sagte der große Psychologe, daß der Paukant in der Mitte gehe. -Es liegt in der menschlichen Natur, daß die feurige Einbildungskraft -der Herren Studenten einen Duellanten wie einen Abreisenden betrachtet. -—</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105"> 105 </a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel.</h2> - -</div> - -<p class="untertitel">Der Lieutenant J. Die Familie Ditteney. Die Tänzer auf der -Hirschgasse. Die blonde Lisette. Die Bäcker- und Schmiedetöchter. -Fränzchen. Selmy. Eine Weinlese in Heidelberg. Die Eberbächer, -Säckbrenner und Kukuksfresser. Adam. Müller. Drais.</p> - -<p>Nicht ohne Frösteln denke ich an ein unheimliches Nachtstück unter den -Heidelbergern Philistern, an den pensionirten Lieutnant J., welcher -zuweilen, aber immer nur in der Mitternachtsstunde in unsern frohen -Cirkel trat. Von athletischer Gestalt, mit einem durchschneidenden -Blick, stets begleitet von einem ungeheuren Wolfshund und im halben -Rausch, erschien er mir allezeit immer wie ein böser Dämon. In Spanien -war ihm sein rechter Arm schwer verwundet und endlich amputirt. Er -hatte dann das abgelös’te Glied nochmals geküßt und<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106"> 106 </a></span> ausgerufen: -»Du bist eine brave Pfote, Du hast manchen Pfaffen erwürgt.« Auf -seinem Leibe trug J. einen Strick, von dem er behauptete, daß er -ein und zwanzig Spanische Pfaffen damit aufgeknüpft habe. Soldaten, -welche unter ihm gedient hatten, bestätigten auf meine Anfrage die -vollkommene Wahrheit der Anfuhr. — Wenn J. auf die Hirschgasse kam, wo -ein gewaltiger Kettenhund lag, brachte er jedesmal einen nach seinem -Dafürhalten stärkern Hund mit, und foderte den Sohn meines Wirthes auf, -den großen »Türk« mit seiner Bestie kämpfen zu lassen. Das geschah denn -gewöhnlich, aber Türk blieb fortwährend Sieger und J. zog jedesmal -zähneknirschend und fluchend mit seinem halb todt gebissenen Vierfüßler -von dannen, um ein noch kräftigeres Thier aufzusuchen. Es ist ihm, wie -ich höre, späterhin auch gelungen, den armen Türk besiegen zu lassen. -Wenn Alexanders Dumas und vornämlich Victor Hugo den J. gekannt hätten, -er wäre ihnen eine vortreffliche Studie geworden. Vielleicht ist J. der -Vorläufer des Hugoschen <em class="antiqua">Johann von Island</em>, jener Ausgeburt der -Phantasie, welche Entsetzen erregend documentirt, auf welcher tiefen -Stufe sich die am höchsten gestellten Französischen Dichter befinden.</p> - -<p>Fast jeden Abend, bevor J. uns verließ, nach<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107"> 107 </a></span>dem er von Mord, Blut -und Feuersbrunst erzählt, und unsere Träume gewissermaßen ausgesäet -hatte, zog er ein Messer aus der Brusttasche, besah es und rief: »Dein -Maaß ist halt noch nicht voll.« Wir erfuhren, daß J. damit schon in -seiner zarten Jugend, nach einem Wortstreit fast von seinem Bruder -erstochen sei. Dieser habe nach überstandener Strafe das Instrument zu -sich genommen, übrigens vor einigen Jahren als seine Eltern nicht in -die Verbindung mit einem etwas verrufenen Frauenzimmer haben willigen -gewollt, sich in Gegenwart seiner ganzen Familie, mit demselben Messer, -das der Überlebende auf dem Herzen trug, erstochen.</p> - -<p>Aber wie komme ich zu so gräßlichen Schilderungen, die meiner Natur -fremd sind. — Ich sehe mich im Zimmer umher, da fällt mir der Kalender -in das Auge, es ist heute Schalttag, der 29. Febr. — Nun ist Alles -klar.</p> - -<p>Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, Heidelberg schon Michaelis 1818 -zu verlassen. Indessen verzögerte sich dieses Ereigniß bis Ausgangs -Januar 1819 und hatte ich in dieser Zeit die Hirschgasse bezogen. -Mein Wirth der alte Ditteney war nach meiner Wissenschaft von ihm, -ein braver aber auch finsterer Mann von vielen Erfahrungen, an den -alle Ereignisse des Lebens, nur nicht das Glück sich<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108"> 108 </a></span> versucht hatten. -Er erzählte gern von den Kriegszügen, welche so oft sein Eigenthum -verheert und beschädigt, von Schinderhannes, der auch bei Heidelberg -mit einer Bande sein Unwesen getrieben und ihm nach dem Leben -gestanden, weil Ditteney ein Depot gestohlener Waaren, das über seinem -Hause auf der Engelwiese eingegraben war, gefunden und der Polizei -verrathen hatte. Er hatte einen ganzen Winter hindurch wegen mehrerer -in das Haus gefallener Schüsse sich so setzen gemußt, das man nicht -von außen auf ihn zielen gekonnt hätte. Eine Base von Überrhein, wo -das ganz ähnliche Bild des Räubers in jedem Hause zur Warnung hing, -hatte den Schinderhannes eines Tages während seiner Anwesenheit in der -Hirschgasse erkannt, und den Vettern veranlaßt, sich einige Nachbarn -zum Schutz herbeiholen zu lassen.</p> - -<p>Wenn die Familie Ditteney am Abend dem erzählenden Vater, oder dem -Sohne, einen Metzger, der in Östreich condicionirt hatte, zuhorchte, -schnitten die rüstigen Söhne Faßbänder in der Hoffnung einer -glücklichen Weinlese. Dazwischen ertönten die schnurrenden Spinnräder -der Hausfrau, Töchter und der beiden Dienstmädchen, von denen das -eine die goldgelockte wunderschöne Maria E r. aus dem benachbarten -Odenwalde mit ihrer silberhellen Stimme<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109"> 109 </a></span> begleitete. Nie vergesse ich -den Eindruck, welchen eine Ballade, (im Sinne des Pfarrers Tochter zu -Taubenhain) mit den langsam gezogenen Refrain, in mir erweckte:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Und als er ein Stück gereiset war,</div> - <div class="verse">Sieht er sechs Gräber graben.</div> - <div class="verse">Wiederum dum da, wiederum dum da,</div> - <div class="verse">Sieht er sechs Gräber graben,</div> - <div class="verse">Ach liebste liebste Gräber mein</div> - <div class="verse">Was grabt Ihr da für’n Grabe,</div> - <div class="verse">Wiederum u. s. w.</div> - <div class="verse">Was grabt Ihr da für’n Grabe.</div> - <div class="verse">Das graben wir für Seine Braut,</div> - <div class="verse">Die ist diese Nacht gestorben.</div> - <div class="verse">Wiederum u. s. w.</div> - <div class="verse">Die ist diese Nacht gestorben.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Während dieser Zeit brannte der älteste Sohn Joseph, der kräftigste -Mann, den ich in meinem Leben gesehen habe, den sogenannten -Quetschen- (Zwetschen-) Branntwein in einem nahe gelegenen Stalle. -Diese Arbeit verrichtete er, es klingt unglaublich, den ganzen -Winter hindurch von Abends eilf bis Morgens sechs Uhr und ging dann -wieder, ohne der Ruhe zu pflegen, an seine Arbeit. Nur die Nacht auf -den Sonntag und zwei Stunde Schlummer im Lehnstuhl am Abend gönnte -sich der<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110"> 110 </a></span> fleißige Haussohn. Das geht noch über die Vigilanz des -Oldenburgischen Schauspiel-Directors Gerber, der bekanntlich sich nur -drei von vier und zwanzig Stunden Ruhe gönnt.</p> - -<p>Der alte Ditteney besaß das Geheimniß, fließendes Blut zu besprechen. -Joseph hatte eine große Narbe auf dem Fuß und behauptete, der Hieb -eines Beiles habe einst alle Adern zerschnitten. Auf den Zauberspruch -seines Vaters sei der Lauf des Bluts indessen plötzlich gehemmt, -dasselbe Experiment habe er übrigens mit gar vielen Leuten gemacht. Ich -lachte, wie begreiflich über diese Thorheiten an die ich noch nicht -glaube. — Aber das kann ich bezeugen, daß als die alte achtzigjährige -Tante Philippine einst in der Abendsoirée vom Stuhl und sich ein Loch -in den Kopf fiel, der alte Ditteney aber auf den Zuruf: »Vetter still -er mir das Blut, er kann es ja,« herbei eilte, bei der Berührung des -Zauberers die Blutströmung aufhielt und sich der letzte Tropfen mit den -Haaren vercopulirte. Mich wollte er die Zauberformel nicht lehren, da -er behauptete, ich müßte sie von einem Frauenzimmer erlernen, und den -Umweg des Unterrichts durch seine Töchter nicht gestatten.</p> - -<p>Nach sechszehn Jahren sah ich die Familie Ditteney wieder. Das Glück -hatte sie damals noch<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111"> 111 </a></span> mehr verlassen, als während meiner Burschenzeit. -Der Alte fiel mir um den Hals und schien vor Freude närrisch zu werden, -die Mutter war zum Kretin geworden. Der Schlag hatte sie gerührt, -ihre Tochter Babette hatte sie so eben, wie ein Stück Bettzeug in die -Sonne gelegt, welche Alles, nur nicht die Empfindungslose ruhig vor -sich Hinstarrende, belebte. — Und doch passirte bei meinem Anblick -das Unglaubliche, daß die seit drei Jahren total Stumme, auf meine -Anrede, mich mit den gespenstigsten Augen, welche ich je, sei es im -Leben oder auf einem Bilde gesehen, anstarrte, meinen Namen wenn gleich -schwer, doch deutlich aussprach, — dann aber mit grinsenden Lächeln -wieder in ihren Stumpfsinn versank, aus der sie erst vor zwei Jahren -der Todesengel erlöst hat. —Der alte Papa Ditteney ist ihr schon -mehrere Jahre vorangeeilt, Joseph noch Besitzer der Hirschgasse, Vater -vieler Kinder und durch die Abfindung seiner zahlreichen Geschwister -nicht in den besten finanziellen Umständen. Mein Anerbieten, eine -öffentliche Auffoderung zu seiner Unterstützung an unsere reichen -Universitätsfreunde ergehen zu lassen, von denen man doch nicht -annehmen könne, daß alle ihre Herzen verknöchert und dem Teufel -verfallen seien, lehnte er bestimmt ab. »Ich habe schon alschfort -Zutraue zu meine<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112"> 112 </a></span> Herre, wo fort seye, aber ich will lieber verhungern, -als des mer sagen soll, der Joseph Ditteney habe bei seine alte Herre -gebettelt.«</p> - -<p>Außer den städtischen Cassinos, auf welchen es im Durchschnitt ziemlich -langweilig zuging, wurde am Sonntag gewöhnlich vor allen Thoren -getanzt, auf der Hirschgasse drehte sich aber der Burschenschaftler, in -Neuenheim der Corpsbursche in dem damals beliebten Cotillon, zu welchem -bei uns Babette Ditteney den zaghaften schwindeligen Fuchs einzutanzen -pflegte. Kam ein Student von einer andern Parthei in das Tanzrevier des -Andern, so hatte das gewöhnlich eine Herausfoderung zur Folge, es wurde -wie man zu sagen pflegte, <em class="gesperrt">contrahirt</em>. Der Bruch zwischen den -Burschen aber wirkte begreiflicher Weise auch auf die Priesterinnen der -Terpsichore. Wenn die Heidelberger Mädel Sonntags über die Neckarbrücke -zogen, da ertönte es am Ende vor der sogenannten <em class="antiqua">Clarina</em>: -»Kattel, kumm mit, wie machst Du mit de wüste Kurländer tanze?« Ei -was frage ich darnach, sakramentsche, sodiramentische Altdeutsche, -entgegnete die landsmanschaftlich Gesinnte, und Heidelbergs Töchter -gingen jede nach ihrer Überzeugung, bald links, bald rechts. Nur die -blonde dicke Lisette war neutraler, speculativer Natur, sie vereinigte -Realität mit Begriff.<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113"> 113 </a></span> Sie ging bald zur Hirschgasse bald nach -Neuenheim, nur nicht dorthin, wo nicht getanzt wurde. — »Ich tanze -mit alle Herre Juriste mit alle Herre wo brav sein,« war ihr neutraler -Ausspruch.</p> - -<p>Nie, nie hätte ich mir gedacht, daß die blonde ruhige Lisette, je -eines so hochfahrenden Selbstmordes fähig geworden wäre. Und doch -ist es wahr, daß sie von demselben Thurme, von dem ihr Geliebter, -ein Schieferdecker, durch einen Zufall sich den Tod gegeben, — -aus Verzweiflung hierüber, ihr mit Kummergedanken erfülltes Gehirn -zerschellt hat. —</p> - -<p>Zu den Sonntagstänzen fand sich wie in Gräfenberg, wo Fürsten und -Handschuhmachergesellen, kirchhofsmäßig gesellt mit einander diniren, -außer den Studenten, Alles ein, was tanzen wollte, Bürgersöhne und -Handwerksgesellen, Bürgertöchter und Dienstmädchen. Um die Gesellschaft -ein wenig aristocratischer zu machen, recitificirten die beiden G.— -(v. B. der bekannte Pharaobanquier und der Besieger der Kurländer) und -ich diesen Tanzbesuch an einem Wochentage dahin, daß nur Bürgertöchter -und Studenten zugelassen wurden, an welche das billige Verlangen -gestellt wurde, <em class="gesperrt">ohne Hunde</em>, ohne <em class="gesperrt">brennende Pfeife</em> und -wenn derselbe kein <em class="antiqua">alibo</em> behaupte, auch im <em class="gesperrt">Frack</em> zu -erscheinen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114"> 114 </a></span></p> - -<p>Diese ungeheure Reform war nicht ohne bedeutende Folgen. — Jetzt -fingen die Bürgertöchter an wieder Subdivisionen zu machen, denn -die Schmiede- und Bäckertöchter, ob durch den Reichthum der Eltern, -was wenigstens bei dem Reichthum der Letztern begreiflich war, da -diese alle zugleich Weinhandel trieben, oder durch sonst einen mir -unbekannten Umstand, alliirt, erklärten sich für die einzigen Cassino -fähigen Damen, welche nur ausnahmsweise andern Handwerkstöchtern -dann und wann ein Eingeladenwerden zugestehen wollten. Und kann man -sich es denken? die Bäcker- und Schmiedetöchter standen oft geputzt -in ihrer Kammer und harrten der Botschaft ihrer von der Hirschgasse -zurückkehrenden Dienstmädchen, welche erst durch das Saalfenster -hatten gucken und sich überzeugen müssen, ob auch eine Schneider- oder -gar Schustertochter auf das neue Cassino gegangen sei. Erfuhren sie -das, so legten sie lieber weinend ihren Ballstaat ab, als daß sie in -die Schand’ und Bosheit gewilligt hätten, mit den Pariatöchtern des -Handwerksstandes zu tanzen. — Damals schüttelte ich ärgerlich den Kopf -über solche Standesvorurtheile, durch das Leben bin ich freilich anders -belehrt. Ich habe gelernt, daß es nur gar wenige hochherzige Menschen -giebt, welche aus der Sphäre ihrer indi<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115"> 115 </a></span>viduellen Aristokratie sich -erheben können, daß dies gescheute Leute sind, welche aus Anerkennung -fremden Verdienstes, vor jeder Selbstüberhebung zurückbeben und dabei -vor Liebe nicht hassen und verachten können. — Ist es mir doch später -einmal mit meinem eignen Stiefelwichser passirt, das er mir von seiner -durch Trunksucht getödteten Frau erzählte und hinzusetzte: »Ich kann -nicht begreifen, wie meine Frau so sehr an den Trunk gekommen ist. -Sie ist von zu angesehener Familie. Ihr Großvater war der erste und -einzigste Stiefelwichser seiner Zeit, der vier und dreißig Herren zu -bedienen hatte.«</p> - -<p>Heidelberg hatte gegen die Regel der Universitäten, wonach die Mädchen -häufig nur zu frühe verblühen, viele hübsche Mädchen<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>, welche -übrigens die Vergänglichkeit der Studentenliebe wohl zu würdigen wußten -und die zu heftigen Galanterien mit den Worten abzuweisen pflegten: -»Ach des wissen wir schon, von denn Herrn Juriste nimmt unter zehen -einer des Mädchen nit, wann er ihr die Eh’ auch versprochen hat.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116"> 116 </a></span></p> - -<p>Ich hatte das Unglück in der Kettengasse zu wohnen, in welcher damals -die beiden ersten Schönheiten des Stadtcassinos <em class="antiqua">vis a vis</em> -residirten. Ich habe dermalen viel von Ständchen gelitten, wovon eins -das andere mit Flötentönen und Gesang gebracht wurde. Oft rief ich -ihm des Schlesiers D. auf mich gerichteten Witz zu: »Wenn du singst -klingt es schön, wenn du aufhörst noch besser,« es giebt nichts -unverbesserlicheres als einen verliebten Studenten.</p> - -<p>Das rosige kindliche <em class="gesperrt">Fränzchen</em>, die Jugendliebe meines -theuersten Freundes St., hat den Lohn ausdauernder Treue gegeben und -empfangen. Die himmlische Seligkeit der Erde war für sie zu groß. -Die treue Gattin hat nach wenigen Jahren der reinsten ehelichen -gegenseitigen Zärtlichkeit das Irdische gesegnet, nachdem sie ihm einen -Sohn geboren, der mein lieber Pathe geworden ist.</p> - -<p>Die anmuthige veilchengleiche S. R. ist an einen angesehenen Badischen -Beamten verheirathet. Ich bin mehre Male Zeuge ihres häuslichen Glückes -gewesen und habe über die Natur lächeln müssen, wie diese bemüht ist, -die Züge der lieblichen Mutter trotz aller Variation in den Gesichtern -der blühenden Kinder zu reproduciren.</p> - -<p>Es mag mir hier vergönnt sein, eine kleine Episode einzuschalten, die -vielleicht meinen Lesern<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117"> 117 </a></span> bereits zu Gesichte gekommen, da sie aus -einer frühern Erzählung genommen und von den literarischen Raubblättern -mit Telegraphenschnelle verbreitet ist. Sie gehört aber zum Ganzen -und glaube ich doch auch mehr Recht als ein Anderer zu haben, meine -eignen emancipirten Kinder in meinem neu erbauten Hause meinen Gästen -vorzustellen.</p> - -<p>Als ich vor etwa sieben Jahren Heidelberg zum ersten Male wiedergesehn, -besuchte ich den Wolfsbrunnen, das Schloß und den heiligen Berg; ich -fand die schöne Natur unverändert und warf mich voll süßer Erinnerung -an ihren unsichtbaren Busen. Auf der Schloßterrasse stiegen mir Eure -Bilder, Du trefflicher Ammon, Du Bruderpaar Papa, Du, in Griechenland -gefallener unglücklicher Ditmar, Du ewig gleicher Knobel, vor meiner -Seele auf. Die Zeit hat unsere Körper getrennt, manche hat sogar der -unerbittliche Tod geraubt, aber mit unsterblicher Flammenschrift -strahlt ihr in dem vielleicht auch bald unter der Lebenslast brechenden -Herzen. Wie wenig ist von unsern Träumen wahr geworden!!! Da fielst -auch Du mir ein, süße <em class="gesperrt">Selmy</em>! Du schönes Mädchen aus N., Du meine -erste meine schüchterne Liebe, die Du im väterlichen Posthause, unter -den vielen schönen Worten, die aus den Lippen der Musensöhne zu Deinen -Ohren<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118"> 118 </a></span> flutheten, wohl mein Herzenspochen überhört hast, aber mich -doch, um meiner Bescheidenheit willen, den wilderen Gesellen vorzogst. -Du warst damals schon Braut und konntest daher auf mich wirken wie -eine Heilige. Ach! wärest Du in der Nähe, ich würde zu Dir eilen und -Dich an die frohen Abende erinnern, die wir kurz vor der Abreise in -Deinem väterlichen Hause zubrachten. Nie war ich so zufrieden mit -meinen Versen, als wenn Deine Rosenlippen ihnen Beifall lächelten. Doch -Du bist in der Schweiz, eine glückliche Hausfrau, die Gattin eines -hoffentlich Deiner würdigen Mannes, die Mutter blühender Kinder. So -weit geht mein Ziel nicht; meine Verse trogen, wenn ich Dir versprach, -einst auf einer Schweizerreise an Deiner Pforte anzuklopfen. — —</p> - -<p>Noch immer mich im Geiste auf dem Schloßberge wähnend, saß ich schon -vor dem zweiten Gericht an der Abendtafel des Herrn Holwerth, als mich -bei dem leise mir entquollenen Ausruf: »Selmy!« ein alter Süddeutscher -Universitätsbekannter mit der Bemerkung aus meinen Träumen weckte: -»Aha! Sie meinen die schöne Selmy aus N.? Nun die ist zu haben. Nach -einer unglücklichen Ehe, die endlich der Tod ihres seit sechs Jahren -vor seinem Ende schrecklich wahnsinnigen Mannes beschloß, ist<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119"> 119 </a></span> sie -zurückgekehrt nach N., lebt dort still und eingezogen, aber entstellt -durch Kummer und Noth keinem ihrer früheren Bekannten mehr kenntlich.« -—</p> - -<p>Ein heftiges Feuer durchbebte mein Inneres bei diesen Worten. Die -träge Nacht schwand mir in süßen Wachen und in kurzen noch süßeren -Träumen. Hormuths Schimmel hatten bald ihre Aufgabe gelös’t, und die -zehnte Stunde des folgenden Tages führte mich an den Ort, wo mein -Herz beim Gedanken an das Wiedersehen so süß erbebte. Ich verlangte -kein jugendliches Wesen, nur die Seele, wenn ich mich so ausdrücken -darf, meiner liebenswürdigen heitern Selmy wieder zu sehen. Nur ihr -freundlicher Blick war es, der meinen Geiste vorlächelte.</p> - -<p>»Wohnt hier die Räthin N. N.?« fragte ich eine übelgestaltete Magd, -die mit grinsendem Lächeln die Thür mit den Worten öffnete, die Frau -Räthin sey drinnen. Hastig folgte ich dem dürren Zeigefinger, aber -nicht ohne Schmerz und Erstaunen trat ich zurück, als ich in der mir -gezeigten Dame ein altes Mütterchen erblickte, an der nur noch die, -selbst im Erlöschen noch strahlenden Augensterne an meine geliebte -Selmy mich erinnerten. Und sie schien mich nicht einmal zu erkennen. -»Sind Sie Selmy?« fragte ich, ihre Hand ergreifend. Sie aber verneigte -sich bejahend, mich fremd, fast mit<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120"> 120 </a></span> Opheliablicken betrachtend. -»Kennen Sie mich nicht mehr?« fragte ich fast ängstlich; »denken Sie -sich einmal um siebenzehn Jahre zurück.« — »Sie haben vielleicht -dermalen in Heidelberg studirt,« fuhr die Gefragte fort, »allein ich -entsinne mich Ihrer nicht mehr.« — »Besinnen Sie sich einmal, ich -bin ein Holsteiner,« fragte ich mit steigender Unruhe. — »Heißen Sie -von Ahlefeldt?« - »Nein, das nicht.« Da fiel mir Geängstigtem Selmy’s -Stammblatt ein, das ich seit sechszehn Jahren in meiner Brieftasche -trug. Zitternd überreichte ich es, wie ein Jude einen Wechsel, dessen -Abläugnung er fürchtet, »Haben Sie das geschrieben?« — »Ja!« versetzte -die Frau mit starren Blicken, dann aber setzte sie bewegt hinzu: »Ach -Sie haben gewiß viel von mir gehalten in der Zeit meiner Jugend und -meines Glücks; ich habe durch entsetzliche Leiden alle meine Erinnerung -daran verloren; diese beginnt erst in dem Momente, da der Priester -meine Hand in die meines Mannes legte. Haben Sie mich darum nur lieb, -wenn Sie es je gehabt haben; der schwere Schleier, der auf meinem -Gedächtnisse ruht, wird dereinst schon fallen, und ich werde Sie -erkennen.« — »Selmy!« rief ich und nannte ihr meinen Namen, »kennen -Sie mich noch nicht? Sie müssen ein Stammblatt von mir besitzen.« — -»Nein,« ent<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121"> 121 </a></span>gegnete sie, »Ihr Name ist mir nicht erinnerlich, allein -ich besaß ein Blatt, daß mein Mann in einem Anfall von Wahnsinn zerriß; -ich barg nur noch einige Reihen, Sie lauten:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Klopf ich an deine Pforte an,</div> - <div class="verse">Einst im Verlauf des Lebens,</div> - <div class="verse">So sei es nicht vergebens.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Das war mir zu viel. Thränen entstürzten meinen Augen; ich enteilte -dem Hause. Vergebens bat mich Selmy zu bleiben oder wieder zu kommen. -Nicht ohne feuchten Blick rief sie: »Ich will mich besinnen auf Sie, -seien Sie nicht böse!« Schweigend eilte ich ins Wirthshaus, ließ meinen -Kutscher anspannen und mit den Worten, welche ich mir oft wiederholte: -»Die Menschheit vergißt innerhalb fünf Minuten Freundschaft und Liebe -und will unsterblich sein!« warf ich mich in den Wagen, der meine Laune -sehr verändert, mich nach Heidelberg zurücktrug. — —</p> - -<p>Ich habe nur eine Weinlese in Heidelberg und zwar im Jahre 1818 -erlebt. Die Freude in der Pfalz und am ganzen Rhein war ungemein. -Die Trauben wurden unter Gesang und Jubel geschnitten, jedem Fremden -davon gereicht, derselbe aber, wenn er alle Beeren pflückte und -nicht mindestens nach altem Herkommen drei am Stiel gelassen<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122"> 122 </a></span> hatte, -wenn er denselben wegwarf, von den Winzerinnen mit einer hölzernen -Pritsche unter dem lauten Zuruf »<em class="gesperrt">Herbschthau</em>« gepritscht, -und mußte sich durch ein Geschenk der ferneren Strafe entziehen. -— Bald wurde der Übermuth in den Weinbergen allgemein, und da -hatten die armen Schiffer, größtentheils Bewohner des Städtchens -<em class="gesperrt">Eberbach</em>, welche auf dem trägen Neckar sich langsam in den -Kähnen fortbewegten, es am Schlimmsten, da sie stets von den lustigen -Weinbergleuten mit den Spottnamen: »<em class="gesperrt">Eberbächer Kukuksfresser</em>,« -»<em class="gesperrt">Eberbächer Säckbrenner</em>!« u. dgl. beehrt wurden. Zur Erklärung -dieser Spitzworte muß ich bemerken, daß <em class="gesperrt">Eberbach</em> ungefähr den -Rang von <em class="gesperrt">Schöppenstedt</em>, <em class="gesperrt">Schilda</em>, <em class="gesperrt">Krähwinkel</em> und -<em class="gesperrt">Buxtehude</em> hat und daß von seinem Magistrate erzählt wird, daß er -einmal bei einem Spaßvogel, welcher ihm ein Gastgebot gegeben, im guten -Glauben einen Kukuk für eine Schnepfe verspeist habe. Auch soll er bei -einer andren Gelegenheit eine Menge neuer Rathssäcke zeichnen gewollt, -sich dabei aber eines annoch zu glühenden Eisens bedient und so alle -Säcke durchbrannt haben.</p> - -<p class="mbot2">Sehr wenige ruhige Odenwäldische Schiffer fuhren wohl vorbei -und thaten, als ob sie ihre Schande und das Gekicher der jungen -Winzerinnen<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123"> 123 </a></span> nicht hörten, allein wir sind alle Menschen, die nur -bis zu einem gewissen Grade zu reizen sind. Machte Windstille und -das plauderhafte Echo von der andern Seite zu sehr Compagnie mit den -Spöttern; so hielten die Schiffer an, formirten wie die Franzosen -heutigen Tages eine <em class="antiqua">colonne mobile</em>, erstürmten die Weinberge, -wo sie sich entweder noch Schläge überher oder, wenn die großmäuligen -Winzer wegen zu kleiner Anzahl geflohen waren, gezwungen erpreßte Küsse -und Weintrauben holten.</p> - -<p>Sobald der Wein in Gährung gekommen ist, etwa nach einem halben Jahre, -wird er trinkbar und unter den Namen »<em class="gesperrt">ä Schoppe neie</em>« gefordert. -Er sieht dann aus als ob Kupfer in ihm aufgelös’t sei, ist sehr -berauschend, scharf und bildet ein Mittelding von Wein und Schnapps. -— Er war bei den rechten Trinkern ungemein beliebt und besonders nach -oft fehlgeschlagenen Weinlesen sehr gesucht. Daher war es auch ganz -erklärlich, daß kurz vor der Erndte einmal die Ziegelhäuser auf der -Hirschgasse überlegten, wer sich in den nächsten neuen Wein wohl todt -saufen würde. Gieb Acht Herr Special! den verwirgt der neie Wein hieß -es dann von dem Einen wie von dem Andern, wogegen denn zuweilen etwa -das Bedenken gemacht<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124"> 124 </a></span> wurde: — »Eine Herbscht hält der Josep de neie -wol aus, aber länger nit.«</p> - -<p>Und es begab sich, daß, ein Jahr später, dieselben Leutchen wieder -zusammen saßen. Jetzt recapitulirten sie ihre Reden, und wunderbar! -alle die von ihnen dem Weintode Geweihten, selbst der Josep, hatten -sich todt getrunken.</p> - -<p><em class="gesperrt">Adam Müller</em>, jener bekannte Exprophet, lebte damals unfern -Heidelberg, ich glaube, in Bretten. Wir, die Mitglieder der <em class="antiqua">table -d’hôte</em> im Badischen Hofe, ließen ihn einmal kommen, um die -Zukunft von ihm zu erfahren. Allein er verrieth nichts, indem er sich -damit entschuldigte, daß er nur prophezeien könne, wenn der Geist -es ihm eingebe. — Adam Müller affectirte zwar eine Jacob Böhmische -Qualirung, einen gewissen Geistesdrang, kokettirte dabei aber noch -mehr mit den Sechsbäznern, welche für ihn gesammelt wurden. — Der -Pfarrer seiner Gemeinde, der einige Tage später mit uns zu Mittag -speiste, bewahrheitete das Sprichwort, daß der Prophet nicht in -seinem Vaterlande gelte, indem er den von Kaiser und Königen so hoch -geschätzten Adam Müller für das faulste und unnützeste Mitglied seiner -Gemeinde erklärte.</p> - -<p>Zu jener Zeit kamen auch die Draisinen auf, deren Vater ein Herr -von Drais aus Man<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125"> 125 </a></span>heim war. Die Franzosen nannten die Erfindung -witzig: »<em class="antiqua">maniere de faire un voyage de quatorze lieues en quinze -jours</em>«, indessen bewegte sich der Erfinder darauf selbst mit einer -bewundrungswürdigen Schnelligkeit. Man schmeichelte seine Eitelkeit auf -eine fast spöttische Weise, indem man ihn zu Thees einladete, wo er -sich im Saal auf seiner Maschine producirte. Namentlich war dies in der -Routs bei Herr v. B. der Fall, in jenem kleinen Hause, wo eine Menge -Gäste die Grundsätze des Raumes verspottete. Herr v. B. suchte freilich -diesen Übelstand durch Rangerhöhung seiner Gesellschaft auszumerzen. -Denn ein jeder Gast ward wenigstens adelich, wie in meiner Cerevisia, -der Herr von »Baron,« der Baron, Graf. Nur mit den Grafen kam er in -Verlegenheit, wenn der Prinz von Hildburghausen zugegen war, der -indessen zur Entschädigung für die abgetretene Durchlaucht in solcher -Fülle eine Königliche Hoheit erhielt.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126"> 126 </a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.</h2> - -</div> - -<p class="untertitel">Der Odenwald. Erbach. Eilbach. Der Bäcker aus Nürnberg. Der -Wolfsbrunnen. Neckargemünd. Neckarsteinnach. Weinheim. Manheim. -Lieutnant L. Erinnerung an B. Suite in Manheim mit einem Officier. -Metzger Eisengrein.</p> - -<p>»O Du Wald, Du sollst mein Erbtheil sein!« soll die Kronprinzessin -Emma ausgerufen haben, als sie mit ihrem Geliebten Eginhard, dem -Geheimschreiber Karls des Großen, des Vaters Rache fürchtend, die -dunkele Waldgegend durcheilte, welcher die spätere Zeit den Namen -<em class="gesperrt">Odenwald</em> gegeben hat, die aber von unsern Schulmeistern als -Odins Wald dem Gedächtnisse der Jugend einverleibt wird. Mag immerhin -diese Erklärung mehr historische Wahrscheinlichkeit haben als jene, -ich war selbst im Oden<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127"> 127 </a></span>walde und zweifle nicht an der unumstößlichen -Richtigkeit der ersten. Nur in jener menschenleeren, aber -geisterreichen Gegend, wo der wilde Jäger sein Wesen treibt, und ein -Adam Müller in der höchsten Potenz, im Jahre 1811, vielen Bauern den -Russischen Feldzug durch ein Ohrenspiel deutlich verkündigte, welches -von den Amtmann in Zwugenberg, nachher protocollirt, und von Napoleon, -der Kälte, und den Kosacken bestätigt wurde, leben noch Dryaden, und -die übrigen Gottheiten der jetzt nur den Dichter und seine Klienten -beherrschenden, kümmerlich aus dem Schutt der Vergangenheit ihr Haupt -erhebenden, südlichen und nördlichen Religionen. Aber die vertriebenen -hohen Herrschaft regieren auch noch nach alter Weise, sie verlassen -ihr Elba nicht, und leben hier in der Erinnerung einer mächtigen -Vergangenheit eine heitere Gegenwart. Jeder Baum spricht mit dem -vorübergehenden am Sonntag geborenen Wanderer, die Quellen plätschern -geisterartige Lieder, die man erst recht versteht, wenn man an ihrer -Seite, auf den bemoosten Felsstücken eingeschlafen ist, die Steine -blicken in das Herz und selbst die alten Felsen nicken freundlich, -wenn sie nicht gar anfangen in ihrem Meere um die Riesensäule umher -zu schwimmen. Auch der wilde Jäger, welcher auf dem Schnellert wohnt, -meint es gut<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128"> 128 </a></span> mit der armen Welt, welcher er die traurige Zukunft -verkündet. Nur ist er ein Feind von vielen Komplimenten, und ich rathe -Dir, lieber Wanderer! wenn Du ermüdet und erhitzt die steilen Anhöhen -der wellenförmig, bergigten Gegend erklimmst, und in seine rauschende -Nähe kommst nicht außer Respect gegen den Prinzen Hussa von Halloh dein -Haupt zu lüften; der gestrenge Herr ist ein Schelm, er küßt Dir dann -zwar vergeltend das Haupthaar, aber gar bald saust er als Zahnschmerz -oder Ohrenpein in Deinem höflichen Kopfe.</p> - -<p>Das Völkchen des Odenwaldes, das von drei mediatisirten Grafen von -Erbach zunächst beherrscht wird, ist von besonderer Eigenthümlichkeit. -Auferzogen mit den Gottheiten und Gespenstern, kennen die Bewohner das -Buch der Bücher dennoch sehr wohl, wenigstens handeln sie darnach. Sie -haben keine andere Spitzbuben unter sich, als die aus den Gefängnissen -benachbarten Städte springen, die sie kleiden, ernähren, und mit -maurischer Gastfreiheit schützen, bis der Arm der Gerechtigkeit ihren -spendenden Händen wehrt, und die Gäste gefesselt entführt. —</p> - -<p>Die Arbeit ist den Odenwaldern ein Sporn zur Fröhlichkeit, sie -genießen wie wir die Freuden des Spiels und des Tanzes, wenngleich -im ver<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129"> 129 </a></span>kleinertem Maaßstabe, nur mit dem Unterschiede, daß sie -ihre Lust Spartanisch durch vorhergangene Arbeit würzen. Von ihren -Kartenspielen weiß ich wenig zu sagen, nur daß der <em class="gesperrt">König</em> der -<em class="gesperrt">Schuldenmacher</em> bei ihnen heißt, und daß sie ein Spiel haben, -in welchem derselbe die geringste Karte ist. Merkwürdig aber sind -ihre Kirchweihen. In dem oft nur aus vier von einander liegenden -Häusern bestehenden Dorfe versammeln sich an einem solchen Tage die -Bewohner der Umgegend. Es giebt dort keinen Thränenwinkel; denn -alles tanzt, wenn auch die bunte Reihe zuweilen durch ein doppeltes -Frauzimmer entstellt wird. Nicht an Erfrischungen fehlt es, die aus -Bier, Kartoffeln- und Zwetschenbranntwein bestehen, wol aber an -der ersten Requisite unserer Bälle, an Musikern. Auf vier Häuser -darf man nur einen Fiedler rechnen, der auch nicht einmal immer der -Bundesversammlung ihr gehöriges Seitencontingent zu stellen vermag. -Nirgends aber erscheint das Sprichwort:</p> - -<p>»Wer gern tanzt, dem ist auch leicht gepfiffen« — so wahr als hier. -Denn kaum hat der Paganini des Odenwaldes die Geige ergriffen und an -den Hals gelegt, — so beginnt das ganze Haus seinen Tanz. Er bestätigt -eigentlich die Tanzenden nur in ihrem Beginnen; denn nach Verlauf -einer<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130"> 130 </a></span> halben Minute eilt er schon zum Nachbarhause und prüft hier die -Taktmäßigkeit der Tänzer, wie im ersten Salon. So geht er in seinem -Sprengel umher, bis alle seine Tanzkinder mit Musik versorgt sind, Berg -auf, Berg ab, als hätte er den Wahlspruch:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">In meine Seiten greif ich ein,</div> - <div class="verse">Sie müssen alle hinter drein.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Seine fernere Arbeit besteht alsdann nur darin, das Tactfeuer -anzuschüren, wenn es zu erlöschen droht.</p> - -<p>Der Graf von <em class="gesperrt">Erbach</em> war ein kurioser Antiquitätenkrämer. Zu den -vielen Rüstungen, welche er in einem Saale aufgespeichert, hatte sich -auch der Helm eines der vierzigtausend Römer gesellt, welche in der -Schlacht bei Cannä, den Landsleuten der heutigen Kabylen unterlegen -sind. Noch singulärer und höchst unpoetisch waren einige Knochen des -unglücklichen Abälards und seiner geliebten Heloise, ich glaube die -Fistula und die Tibia dieses renommirten Brautpaars, Theile, welche -doch wol der Kirchhof <em class="antiqua">pére la Chaise</em> bei Paris, wo bekanntlich -die anderen Überreste der unglücklichen Liebenden dem jüngsten -Tage entgegenschlummern, nach den Grundsätzen der Pertinenzien und -Accessionen requiriren könnte. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131"> 131 </a></span></p> - -<p>In <em class="gesperrt">Eilbach</em>, etwa eine Meile davon, besaß der Graf sein -Lustschloß, welches von innen und außen mit Geweihen verziert war. -Ein einziger Saal enthielt lauter Abnormitäten dieses thierischen -Kopfputzes. Vor allem prangte aber ein Hirschgeweih, als das größte -der jetzt entdeckten Welt, ich glaube es war ein Acht und sechszig- -oder gar ein hundert acht und zwanzig Ender. Seine Erlaucht hatte dies -Monstrum (nach genaueren Nachforschungen wahrscheinlich das Geweih -der Actäoe) von einem <em class="gesperrt">Bäcker</em> u. Weinwirth in <em class="gesperrt">Nürnberg</em> -erstanden, welcher aber bald diesen unseligen Kauf verwünscht hatte. -Denn seine Kunden hatten den Verkauf des Achtundsechszigenders sehr -übel genommen und ihm ihre Unzufriedenheit durch allgemeines Wegbleiben -von seinem Weinschank bitter intimirt. —</p> - -<p>Der Bäcker, ein nicht bemittelter Mann, hatte bald die Erbachschen -Carolinen zugesetzt und riskirte am Ende gänzliche Verarmung.</p> - -<p>Um dieser zuvor zu kommen, ergriff er das Symbol derselben, einen -weißen Stab und pilgerte damit zum Grafen nach Erbach.</p> - -<p>Allein wie Napoleon den Bitten der schönsten Frauen widerstand, wenn es -darauf ankam, eine Festung abzugeben, so erklärte der Herr Graf sich -gegen den Bäcker für moralisch unfähig, das gewis<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132"> 132 </a></span>sermaßen tief in -seine Seele verzweigte Geweih wieder auszukehren. Er <em class="gesperrt">schenkte</em> -dem weinenden Bäcker aber ohne alle Renumeration sein Hirschgeweih -<em class="antiqua">accessit</em>, das zweite, sein <em class="antiqua">ci devant</em> Bestes, dem nur zwei -Zacken gemangelt haben sollen, um dem Nürnberger zu gleichen, und soll -dadurch dem so restituirten Wirth auch bei der Nürnberger Bürgerschaft -Verzeihung und eine volle Weinstube wieder verschafft haben.</p> - -<p>Eine sehr gewöhnliche Ausflucht der Studenten bestand alljährlich in -einer Tour nach Baden-Baden, den reizendsten Kurort, den meine Augen -je sahen. Leider ging hier ein beträchtlicher Theil der Studienkosten -alljährlich verloren, und die oft projectirten weitern Reisen durch den -Schwarzwald und in die Schweiz fanden an dem Todtentische des Roulets -oder des <em class="antiqua">trente et quarante</em>, welches mit seinem trügerischen -Grün so viele Leute anlockt, ihre Grenze. Man sollte die Tische -wenigstens mit schwarzem Tuch bedecken und Todtenköpfe auf seine Ecken -heften. Es befanden sich in Baden-Baden allezeit einige Studenten, -welche ohne alle Baarschaft waren, gegen Abend auf die Chaussee nach -Rastadt hingingen, — und von den ankommenden Landleuten, die mit -Hoffnungen und Kronthalern versehen ankamen, einige Gulden liehen, — -um dieselben<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133"> 133 </a></span> noch an demselben Abend zu verlieren und wieder in ihr -pauvres Nichts zurück zu sinken, bis sie nach mehreren Wiederholungen -verschuldet, wortlos, erschöpft und mismuthig, physisch und moralisch -verdorben in das Neckarathen zurückkehrten. — Ein ähnliches -Spielinstitut hielten Sonntags zwei Darmstädter Juden in Auerbach, -einem kleinen unbedeutenden Bade, etwa acht Stunden von Heidelberg. — -Heut zu Tage findet sich die Verführung Heidelberg noch näher, in dem -Schwefelbad Langenbrück, wo ein Bruchsaler Tabulettkrämer, mit einer -solchen Satansschlinge die in großer Anzahl durchpassirenden oder dahin -wallfahrenden Heidelberger Studenten die kostbarere Reise nach Baden -zu ersparen, indem er sie auszuziehen pflegt, wie dies kaum auf einer -Italienischen Reise die Wegelagerer thun. —</p> - -<p>Ich wiederhole hier mein Catonisches »<em class="antiqua">caeterum censeo</em>« das wie -ein rother Faden, durch alle meine Schriften laufen soll. Wann werden -endlich einmal diese priveligirten Satanskünste, diese Garküchen der -Hölle ausgerottet werden? — Man rechnet Louis Philipp manches, was -sehr problematisch ist, zum Verdienst an; aber die Aufhebung der -Spielhäuser in Paris sichert ihm allein einen ehrenvollen Platz im -Pantheon.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134"> 134 </a></span></p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Wolfsbrunnen</em>, das Neckarthal überhaupt, ganz bis Heilbronn -hin, tragen einen so merkwürdigen Character, daß man weder im Rheingau -noch in den andern Thälern Badens etwas Ähnliches sieht. Die Fahrt -nach <em class="gesperrt">Neckargemünd</em>, <em class="gesperrt">Neckarsteinnach</em> und seinen vier -Schwesterburgen, wurde gewöhnlich einmal im Jahre zu Schiffe und Abends -bei Fackelschein und Musik zurückgemacht, welches einen reizenden -magischen Anblick, besonders von der Neckarbrücke aus, gewährte.</p> - -<p>Indessen welch einen Abstecher man auch von Heidelberg machte, so mußte -man, wenn man wieder heim gekommen war, doch gestehen, daß man auf -den schönsten Punct zurück gekehrt sei. Unvergleichlich reizend ist -auch das Birkenauer Thal bei <em class="gesperrt">Weinheim</em> so wie die ganze Gegend -um dieses Städtchen herum. Als ich vor einigen Jahren hier meinen -Freund Bender und seine liebenswürdige Gattin in dem neu erbauten -Hause unterhalb des Städtchens auf dem Hügel besuchte, wo ein besserer -Wein reift, als ihn der ganze Rheingau aufzuweisen hat, — da bekam -ich die Idee, daß hier einstens das Paradies gewesen, welches das -liebenswürdige Ehepaar wieder aufgefunden habe. Hätte ich nicht so viel -Anderes zu thun, ich würde mich längst bemüht haben, diese Ansicht -historisch zu begründen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135"> 135 </a></span></p> - -<p>Drei Male in der Woche war in <em class="gesperrt">Manheim</em> Schauspiel, wohin man -gewöhnlich nach dem Mittagsessen in einer Hormuthschen Kutsche fuhr. -Das Personal war nur mittelmäßig, jedoch entsinne ich mich noch des -alten Thürnagels als eines sehr wackern Schauspielers und mehrerer -artistischen Rudera aus der Ifflandischen Zeit. In der Oper glänzten -Nieser als Tenorist und die Discantstimme der Demoiselle Gollmann. — -Nach der Vorstellung zog man gewöhnlich in die Restauration eines alten -Ehepaars Namens »<em class="gesperrt">Sauerwein</em>«, die keine andere Kinder als ihren -Rebensaft der ihren Namen zu tragen verdiente, aber eine so schöne wie -züchtige Pflegetochter als Kellnerin hatten, daß sich die Hälfte des -eintretenden Dutzend Studenten auf der Stelle in sie verliebten. — Das -gab denn komische Scenen, Einige wurden schüchtern, Andere gefällig, -noch Andere tiefsinnig, die Weinstube bekam durch diese Affectionen, -den ansäuerlichen Geschmack eines Irrenhauses, während die liebreizende -Kellnerin mit ewig gleicher Freundlichkeit Keinem einen Vorzug gebend, -allen Respect einflößend, das Verlangte credenzte. Für Dich lieber S., -dem eine liebliche Gattin, umblüht von rosigten Kindern vielleicht -diese Zeilen vorlies’t, der Du, wie L. und St. jeder besonders mir an -einem und demselben Tage vertrau<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136"> 136 </a></span>test, daß Du kein größeres Erdenglück -kanntest, als an Sauerweins Adoptivtochter Hand durch das Leben zu -wallen, der Du schon im Begriff warst, die väterliche Einwilligung -in die Verbindung zu suchen und es gethan haben würdest wenn Dich -der blondköpfige L. nicht fortwährend so eifersüchtig gemacht hätte, -und Dir L. und St. und K., und für Euch andern Verehrer der schönen -Kellnerin, deren Namen ich nicht einmal verblümt angeben will, diene -zur Nachricht, daß, als ich vor einigen Jahren einen alten Gegennachbar -der Colonade nach den alten Sauerweins und nach der süßen Kellnerin -fragte, welche in dem, jetzt einem Hutmacher eingeräumten Locale vor -zwanzig Jahren gewohnt hatten, mir dieser erwiedert hat: »Die beide -alte Sauerweins seien schon neunzehn Jahre todt, aber de schöne Madel -wo sie gehabt, ischt sehr gut daran, sie hat ä brave reiche Mann und -neun wackere Bube und wohnt im Elsaß.«</p> - -<p>Das Badische Militair bestand aus sehr erfahrenen gescheuten -Offizieren, man konnte aber von ihnen sagen, daß die Hälfte derselben -in Rußland halb erfroren, die andere Hälfte in Spanien halb verbrannt -war. Mancher der letzteren trug auch noch unverkennbare Spuren -versuchter Vergiftung. — Die meisten lagen in Manheim wo sie einen -Clubb hatten, in dem Einem Alles <em class="gesperrt">spanisch</em> vorkam, da dort<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137"> 137 </a></span> wo -möglich, <em class="gesperrt">spanisch</em> gegessen, getrunken und geredet wurde. So -erscheint die traurigste und mühseligste Vergangenheit rosigt. (<em class="antiqua">Acti -labores jacundae</em>.)</p> - -<p>Ein <em class="gesperrt">Lieutenant</em> L. hatte den Feldzug in Rußland mit gemacht. Bei -der Retirade war er mit ganz erfrornen Händen in das Hauptquartier -nach Wilna gekommen, woselbst aus irgend einer Französischen Kasse -den meisten Flüchtlingen Geld, das man wol nicht in die Hände der -Russen fallen lassen wollte, gegen Schein ausbezahlt wurde. Auch L. -hatte hier funfzig Silberrubel bekommen. Ein mitleidiger General, der -die bejammernswerthen Hände des L. gesehen, hatte seinen Wundarzt -gerufen, und dieser sofortige Amputation beider Hände als das einzige -Rettungsmittel verordnet. — L. hatte geschwankt, endlich aber die -Operation verweigert, weil ein alter ergrauter Kamerad ihm immer -leise, aber eindringlich das Wort »<em class="gesperrt">Terpentin</em>« in die Ohren -geraunt hatte. Der Flüsterer hatte dieses nach ihrer Entfernung aus -dem Hauptquartier auch sofort gekauft; dem L. die Haut der Finger -zerschnitten, das Öl hineingegossen und es mit Lappen umwunden.</p> - -<p>»Als wir vor Wilna kamen« fuhr L. fort, »sahen wir einen polnischen -Juden, der von einem Wägelchen Bröde das Stück für Einen Silberrubel -verkaufte. Leider entschloß ich mich erst zuletzt<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138"> 138 </a></span> zum Ankauf, nachdem -schon Alle meine Kameraden verproviantirt des Weges gezogen waren. Im -Zustande meiner Hülflosigkeit mußte ich den Juden bitten mir zwei Bröde -in meinen Schnappsacke zu stecken, dann aber aus meiner Tasche sich mit -zwei Silberrubeln bezahlt zu machen. — Und siehe der Bösewicht leerte -mir meine ganze Tasche unbarmherzig. Aber dennoch segne ich ihn, denn -er ließ mir die zwei Bröde, ohne welche ich gewiß verhungert wäre.«</p> - -<p>Der liebenswürdige L. ist jetzt Hauptmann in Carlsruhe. Von seinen -Fingern fehlen zwei, welche das Terpentinöl nicht restituirt, nicht -wieder von ihrem Scheintode in das Leben gerufen hat. Der Gerettete -ist sonst ohne Spur von der Russischen Campagne, ja, die unversehrt -gebliebene Hand könnte Bildhauern und, Wachsboissirern als Muster -dienen.</p> - -<p>Das Betragen der Badischen Offiziere gegen die Studenten war durchaus -freundlich und zuvorkommend. Wie gewöhnlich werden alle, wenn auch -selten sich ereignende Zwistigkeiten mit den Musensöhnen, durch die -Studenten veranlaßt, welche gewöhnlich zur großen Beschämung der -letztern endeten. Der gute B. fragte im Rausch in Schwetzingen einen -alten spanischen Offizier, wie er sich erlauben könne das Bild des -Kaisers Napoleon auf<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139"> 139 </a></span> der Pfeife zu tragen, und erhielt dafür die -demüthigende Antwort: »Ich trage den Großherzog von Baden im Herzen und -Napoleon auf der Pfeife und wer etwas dagegen hat ist ein Hundsfott.« -— Die Sache wurde zwar noch so gut als möglich ohne Pistolenduell -vermittelt, indessen zur einigen Beschämung des sonst so gutmüthigen -blonden B. aus A. Jetzt drückt sie ihn nicht mehr, er schläft schon -seit zehn Jahren im Friedhofe. Er ist nach unsäglichen Leiden, an -einem fürchterlichen Uebel, am Markschwamm im Kopfe 1826 gestorben. -Ein langes körperliches Leiden hat den heitern Lebensmenschen zum -Dichter gemacht. Für seine theilnehmenden Freunde setze ich die tief -erschütternden, nach seinem Tode gefundenen Verse hierher, welche mir -sein Bruder nach seinem Tode mitgetheilt hat.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Letzter Wunsch eines lebensmüden Unglücklichen.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft3">»O daß ich tief</div> - <div class="verse mleft2">Im Grünwald schlief</div> - <div class="verse mleft2">Von wehenden Bäumen umschattet,</div> - <div class="verse mleft2">Im Erdenschooß</div> - <div class="verse mleft2">Des Jammers los,</div> - <div class="verse mleft2">Worunter das Leben ermattet.</div> - <div class="verse mleft3">Die Thrän’ versiegt</div> - <div class="verse mleft2">In Ruh’ gewiegt</div> - <div class="verse mleft2">So lieg ich auf kühlendem Bette;</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140"> 140 </a></span> - <div class="verse mleft2">Im Abendschein</div> - <div class="verse mleft2">Strahl’n Perlenreih’n,</div> - <div class="verse mleft2">Und schmücken die ruhige Stätte.</div> - <div class="verse mleft3">Kein Leichenstein</div> - <div class="verse mleft2">Auf mein Gebein!</div> - <div class="verse mleft2">Der Fremde vorüber mag wallen,</div> - <div class="verse mleft2">Im Frühlingsblau</div> - <div class="verse mleft2">Im Himmelsthau</div> - <div class="verse mleft2">So will ich die Ruhstätt’ vor Allen.</div> - <div class="verse mleft3">O daß ich tief</div> - <div class="verse mleft2">Im Grünwald schlief</div> - <div class="verse mleft2">Von wehenden Bäumen umschattet,</div> - <div class="verse mleft2">Im Erdenschooß,</div> - <div class="verse mleft2">Des Jammers los,</div> - <div class="verse mleft2">Worunter das Leben ermattet.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Wunderbar, wie das Schicksal oft in anscheinend entgegengesetzten -Charakteren, Poesie und Prosa weckt. —</p> - -<p>Glücklicher war ich selbst in einer Differenz mit dem Badischen -Militair. Es ist dies das einzige Mal in meinem Leben, daß ich in eine -Art Conflict mit der Polizei oder einer ihr verwandten Behörde gerathen -bin, das Ganze dazu eine Jugendsünde die mir eben keine Ehre aber doch -auch wol keine Schande macht. »Als ich ein Bursch war handelte ich wie -ein Bursch.« Zudem ist mein Buch für<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141"> 141 </a></span> meine alten Universitätsfreunde, -die ewigen Burschen (<em class="antiqua">juvenes perpetui</em>), nicht für die Philister, -die Prokrustes der Menschheit, geschrieben. — Also heraus damit:</p> - -<p>Mein Freund v. P. und ich wollten den jetzt hochgestellten P.. aus -Cöthen, der über Manheim zu Hause reis’te, zu <em class="gesperrt">Pferde</em> comitiren. -Vier Chaisen, jede mit vier Menschen erfüllt, gaben ihm ohnehin das -Geleite. Unbegreiflicher Weise kamen von P.. und ich auf die Idee, -die wir stets in gehöriger Civilkleidung, in einem blauen Frack, -einhergingen, sogar einen runden Hut trugen, uns einen Säbel mit -ledernen Riemen zuzugesellen, und, wie neu ernannte Polizeidiener, -deren Uniform noch unter Schneiders Händen ist, mit gezogener Klinge an -dem Kutschenschlage des scheidenden Freundes zu reiten.</p> - -<p>Wir waren kaum in Manheim angelangt, als sich in unserm Hotel, dem -Schaf, ein Officier als Deputirter des Generals v. V. des dermaligen -Stadtcommandanten einfand, der uns zwar mit außerordentlicher Urbanität -aber doch mit großer Wichtigkeit eröffnete, wie es gegen Alles -<em class="gesperrt">Kriegsrecht</em> sei, daß Bewaffnete in eine Garnison ohne Erlaubniß -des Commandanten und namentlich mit gezogener Waffe einritten. Der -Herr General lasse<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142"> 142 </a></span> uns mit dem Ersuchen bedeuten, heute Abend bei dem -Zuhause ritt, ja unsern Säbel in der Scheide zu lassen, widrigenfalls -die Besatzung angewiesen sei uns zu verhaften.</p> - -<p>Die Antwort auf dieses Manifest, welches ich im Namen unseres -bewaffneten Duals ertheilte, lautete durchaus friedlich und beruhigend. -Ich fühlte mich auch von der Gerechtigkeit des Ansinnens überzeugt, -wie durch die Wichtigkeit, welche man unsern Flambergen beilegte, -geschmeichelt. Nachdem aber der Abschied von unserm P. einige -Champagnerpröpfe gelößt, der edle Epercoy und der Trennungskuß von -unserm scheidenden Freunde unserm Gemüth über die bürgerliche Ordnung -gehoben unsere klappernden Damascener uns wieder an das Kriegsrecht -erinnert hatten, bewog ich im kecken Übermuthe den mit mir zu Rosse -steigenden v P., eine durchbrochene Bohnenstange, die gerade im Hof -lag, zu theilen, mit welcher Hälfte wir Jeder bei mittelmäßiger -Beleuchtung, als sei sie ein Sarras durch die schwach erleuchteten -Straßen ritten. Aber wir waren kaum mit unsern spatbegabten Rossen bis -vor die Hauptwache gelangt, als wir den Ruf eines donnernden Haltes -vernahmen und eine große Menge Bayonette zu gleicher Zeit uns entgegen -starrten.</p> - -<p>Ich entsinne mich nie, selbst nicht von der<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143"> 143 </a></span> Hannoverschen reitenden -Artillerie ein Mannöver mit solcher Schnelligkeit ausgeführt gesehen zu -haben, als diese Umzingelung. Es ist schade, daß sie den Annalen der -Kriegskunst zu entgehen droht.</p> - -<p>»Meine Herren Sie sein Arestanten, weil Sie den Sabel gezogen« rief ein -hervortretender Schwäbischer Officier. — »Um Vergebung unser Säbel -schlummert schon in der Scheide wie wir innerhalb zwei Stunden ein -Gleiches in Heidelberger Betten zu thun hoffen,« war meine Antwort. -»Wir führen jeder bloß eine halbe Bohnenstange bei uns, um unsere Gäule -zur Rückkehr noch mehr anzuspornen. Überzeugen Sie sich selbst Herr -Lieutnant!« —</p> - -<p>Bei diesen Worten übergeben wir die vermeintlichen Säbel zur -Ocularinspection. Der Lieutnant war Humorist genug, den Scherz launig -aufzunehmen und durch Nachsicht die rigoristische Ordre des Generals -auszugleichen. Er lächelte, ließ einrücken und wünschte uns eine gute -Reise. — Unser Abentheuer erregte aber doch noch lange <em class="antiqua">furore</em> -unter den Burschen, zumal da es ohne nachfolgende Geldstrafe, Carcer -oder gar Relegation vollbracht war. —</p> - -<p>Ein wahrhaft boshafter Streich wurde von einem gewissen F. an einem -Heidelberger Philister begangen. Dieser ein Metzger, wenn ich nicht -irre<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144"> 144 </a></span> mit Namen »<em class="gesperrt">Eisengrein</em>« sollte sich gegen den ersteren -einer Grobheit schuldig gemacht haben, welche F. fürchterlich zu rächen -verhieß. Er stiftete zu diesem Ende einen Trinkorden »die Ritterschaft« -bei welchen das Biertrinken »Lanzenbrechen« hieß, das aber in ein so -bestialisches Trinken ausartete, daß eben in der Ritterschaft später -der intendirte Sauf-Selbstmord vorkam, dessen früher gedacht ist.</p> - -<p>Jedes Mitglied der Ritterschaft mußte vor der Aufnahme dem Metzger -Eisengrein einen Possen gespielt haben und dies wöchentlich -wiederholen. Das Begangene wurde dann beim Gelag wiederholt, wozu der -Refrain gelautet haben soll.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">1) Wer wird denn wohl der Thäter sein?</div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Chorus.</em> »Der Metzger Eisengrein.«</div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Calumniare audacter, semper aliquit haeret.</em></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Der ganz beliebte Schlachtermeister Heidelbergs kam gar bald um seinen -guten Ruf und wenn irgend etwas Übeles verübt worden war, da zischelten -alsbald die verleiteten Mitbürger sich kopfschüttelnd in die Ohren: -»Das hat gewiß wieder der malitiöse Schlachter <em class="gesperrt">Eisengrein</em> -verübt.«</p> - -<p>Wenn Eisen greinen könnte, Eisengrein hätte es gewiß gethan.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145"> 145 </a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel.</h2> - -</div> - -<p class="untertitel">Die Wartburgsfeier. Die Mißgriffe mehrerer academischen Senate. -Rippel. Reise zum Burschencongreß nach Jena. Gotha. Weimar. -Schillers Denkmal. Die Pfannkuchen in Kunitz. Der Halbmeister von -Jena. Ankunft in Jena.</p> - -<p>Im Jahre 1817 hatte die Jenaer Universität ein großes Ausschreiben -an alle Deutsche Hochschulen erlassen und dieselben zur Feier des -<em class="gesperrt">Wartburgfestes</em> eingeladen. Schon damals war ich von der -Heidelberger Burschenschafft zur Gesandschaft designirt. Der Gedanke -aber, daß ich ein »Brandfuchs« (Student im zweiten Semester) mithin -ein gar zu junger Botschafter sein würde, veränderte die mir günstige -Majorität zu meinem Nachtheil. Mein Freund L. erhielt eine Stimme mehr -als ich, und reißte fort nach Eisenach.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146"> 146 </a></span></p> - -<p>Diese Feier ist vielfach besprochen worden und hat wahrscheinlich -zuerst die polizeilichen Augen der Regierungen auf die Deutschen -Hochschulen gelenkt. Das übermüthige Verbrennen eines Hessischen -Zopfes, einer Russischen Knute, der Schriften einiger hochgestellten -Minister klang wie eine auf etwas Bestimmten basirte Herausforderung, -war aber am Ende nichts als ein Hochverrath, den die Hunde am Firmament -begehen, wenn sie den Mond anbellen. Hätte man sich dahin beschränkt, -die Verbindungen jedes Studenten mit Leuten aus dem bürgerlichen Leben -genau zu beachten, und ihn nur zur Verantwortung zu ziehen, wenn er -auch im Philisterio sich nicht dem allgemeinen Staatswillen unterwerfen -würde, man hätte einen ewigen polizeilichen Conductor gehabt und -so manchen talentvollen Jüngling Deutschlands vor einem Unglück -bewahrt, das eine furchtbare Nemesis ihnen noch in seinen bürgerlichen -Verhältnissen auf den Hals geschickt hat, nachdem er in der Schule -des Lebens ganz anderes Sinnes geworden ist. — Wahrlich! es giebt -nichts Thörichteres als bei unsern Deutschen staatlichen Einrichtungen -von den Sprudelköpfen unserer academischen Jugend das Mindeste zu -fürchten. Die Reichen sind ohnehin die Conservativen, da aber der -<em class="gesperrt">Mangel</em> die Leibfarbe fast aller unserer Candidaten<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147"> 147 </a></span> ist, so -tritt nach dem Abgange von der Universität, vielleicht die ersten -vier Wochen nach der Rückkehr in das väterliche Haus abgerechnet, in -welchen der Schneider einen neuen Anzug zur Cour bei den Examinatoren -angefertigt und von dem Exburschen mit einigen seines Gleichen noch -eine entsetzliche Menge Bier zur Erinnerung an das verlorne Paradies -vertilgt wird, — ein solcher Katzenjammer, verbunden mit Examensangst, -daß man veranlaßt werden könnte, den ehemaligen Freiheitshelden für -seinen ehemaligen Hausphilister zu halten. Ja, ich glaube nicht, daß -irgend eine homöopatische Verdünnung existirt, welche der gleicht, -die ein Canzleidirector, Generalsuperintendent oder ein <em class="antiqua">collegium -medicum</em>, an dem allerkräftigsten demagogischen <em class="antiqua">fluidum</em> eines -sothanen Candidaten durch ihre erste Anrede beschaffen.</p> - -<p>Allein in jener Zeit fing man die Sache verkehrt an. Entweder machte -man das Treiben der Deutschen Studenten, welche aus der reinsten, -edelsten Empfindung hervorging, lächerlich, oder man wandte zu spät -eine barbarische Strenge an, und schuf so — <em class="gesperrt">Zeloten</em> und -<em class="gesperrt">Märtyrer</em>. Von der Wahrheit meines ersten Satzes liefert der -unglückliche Kotzebue ein Beispiel, von dem Zweiten die Geschichte -fast aller Verurtheilten. Dabei ist aber<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148"> 148 </a></span> nicht zu übersehen, daß die -Schuld nicht eigentlich an den Regierungen, sondern an dem zaghaften, -eigennützigen und schwachen Benehmen der meisten academischen Senate -lag. Denn wenn die Regierungen nicht das Treiben der Burschenschaft als -eine unschädliche Kinderei ansehen wollten, so war es die Pflicht aller -academischen Polizeibehörden, solches sofort auszurotten, was ihnen -allerdings möglich gewesen wäre, da nichts leichter auszukundschaften -ist, als die Verbindungen unter den Studenten. Anstatt dessen -temporisirten viele der Herren Professoren, zum Theil selbst vom -demagogischen Kitzel angesteckt, der aber nur so lange sie angenehm -juckte, bis er auf das Terrain der Selbsterhaltung kam, zum Theil -ließen sie aus Furcht ihre Zuhörer zu verlieren, fünf gerade sein, -nahmen eidliche Versicherungen der Nichtexistenzen von Verbindungen -entgegen, deren Mitglieder ihnen alle namentlich bekannt waren, und -nur wenn ein mächtiger Erlaß von Oben kam, übernahm es einer der -Professoren, und zwar dann gewöhnlich der rigoristischste, die von ihm -selbst genährten und gesäugten Schlachtopfer der Hand der Gerechtigkeit -zu überliefern.</p> - -<p>Schon 1820 habe ich die Universität verlassen, nachdem ich das letzte -Jahr, fern von aller Verbindung, in Kiel zugebracht hatte. — Daß -aber,<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149"> 149 </a></span> (<em class="gesperrt">das Verbot einer Verbindung im Allgemeinen ausgenommen</em>,) -bis 1819, keine im Entferntesten strafbare oder gar hochverrätherische -Tendenz in den Deutschen Burschenschaften gelegen hat, dies glaube ich -später mit einer Abschrift der Protocolle, welche im Jahre 1818 zu Jena -abgehalten wurden, evident belegen zu können.</p> - -<p>Es ist ein komisches Ereigniß, das bei dem Wartburgsfest sich ereignete -und gar wenig bekannt geworden, zu referiren. Ich muß indessen -vorher bemerken, daß bei dem Vor- oder Nachtrinken, das Wort ein -Gelehrter einen halben Schoppen, ein Doctor einen ganzen Schoppen, -ein <em class="gesperrt">Rippel</em> etwa zwei Drittheil Flaschen, bedeutete, welches -Vortrinken sich bis zum Pabst hinauf, in einigen mir nicht mehr -erinnerlichen Gradationen, steigerte. <em class="gesperrt">Rippel</em> war aber auch ein -Krug, welcher das angegebene Quantum faßte und insbesondere in der -Weberei von den hübschen Töchtern credenzt wurde. Über den historischen -Ursprung dieser Namen wußte Niemand, selbst nicht die weibliche -Ganymede etwas anzugeben.</p> - -<p>Als nun an dem Wartburgfeste die meisten Studenten dem Gottesdienst -beigewohnt, zum Theil auch das heilige Abendmahl genossen, sich sodann -unfern der Burg Luthers, in einen engen Kreis<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150"> 150 </a></span> zusammengescharrt -hatten, um nach kurzem Gebet ihre Reden fortzusetzen, zertrennte auf -einmal ein Mann, angethan mit einem ins Schwärzliche übergegangenen, -ehemaligem weißen Flaus, in fliegendem Haar, gewaltig dicker Pfeife und -Quästen, welche Ahasverus auf Universitäten getragen haben mochte, den -engen Chor, indem er ausrief:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Wo sind die Heidelberger Burschen?</div> - <div class="verse">Die Heidelberger müssen mich sehen.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Mit einer Art Respect wichen die jungen Musensöhne dem sichtbaren -<em class="antiqua">cidevant studio</em>. Dieser aber hatte kaum die Heidelberger -gefunden, als er Stille gebot und mit Stentorstimme ausrief:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="p0">»Kinder! ich bin »<em class="gesperrt">Rippel</em>,« ich bin ein <em class="gesperrt">Avantagewort</em>, -ich bin <em class="gesperrt">Rippel</em>, nachdem die Heidelberger Bierkrüge -<em class="gesperrt">Rippel</em> genannt werden.«</p></div> - -<p>Die Wirkung dieses Ausrufs soll zwar höchst originell gewesen -sein, doch sollen nur die humoristischen Burschen über den ewigen -Cerevisianer gelacht, viele ihn arg geschmäht haben.</p> - -<p>Gegen Ostern 1818 erließ Jena abermals eine Einladung an alle -Burschenschaften und Landsmannschaften, zu einer allgemeinen -Burschenschaftsversammlung. Heidelberg wählte mich zu seinem -Großbotschafter und ich folgte diesem Ruf. Von Frankfurt<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151"> 151 </a></span> bis Eisenach -reis’te ich mit Carrové, gegen den ich in meiner Verblendung eine -Menge Spottpfeile zur Vernichtung der Hegelschen Philosophie abschoß. -Unsere Gespräche waren ohne Resultat. Wahrlich! mein Freund Stieffel in -Carlsruhe hat Recht, wenn er sagt:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Ein Lehrer der Philosophie kann seinen Schülern, welche so gern in -der Vorstellung bleiben, die Sinnlichkeit nicht genug austreiben. -Wenn man sich es am Wenigsten ersieht und meint sie in einem -Luftballon der Erde entrückt zu haben, da sitzen sie im dichtesten -Rohr und schneiden Pfeifen.« —</p></div> - -<p>In Gotha fuhr ich mit einem Hauderer in das Thor. Ein Unterofficier -trat an den Wagen, sah mich an und fragte dann nachlässig: »Doch kein -Von?« Ich antwortete sehr prägnant »<em class="gesperrt">Zufällig ja</em>,« weshalb ich -nun eine Vernehmung <em class="antiqua">ad personalia</em> bestehen mußte. Als ich Gotha -verließ, geschah dies zu Fuß, ohne daß man einen entfernten Versuch -gemacht hätte, zu erfragen, ob ich ein Edelmann sei.</p> - -<p>Als ich in Weimar angelangt war, fühlte ich das Verlangen, -<em class="gesperrt">Schillers</em> Grab zu sehen. Der Todtengräber verstand mich erst -nicht als ich den Namen des größten Deutschen aussprach. Endlich aber -faßte<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152"> 152 </a></span> ihn sein Ohr doch auf, und er entgegnete: »Ach Sie meinen den -Herrn »»<em class="gesperrt">Hofrath</em> von <em class="gesperrt">Schiller</em>,«« Ja der liegt hier. Der -Herr <em class="gesperrt">Hofrath</em> muß sehr viele Verbindungen in der Welt gehabt, in -Geschäftssachen alle seine Kunden sehr gut bedient und sehr viel Gutes -gethan haben, denn alle Reisende fragen nach dem Herrn Hofrath mehr, -als nach allen Geheimeräthen.« — Damals wunderte ich mich, nachher -habe ich in vielen Orten mehrere solche Todtengräber kennen gelernt, -welche ihre Schriftsteller nur nach der Classe und Ordnung kennen, in -welche sie das Linne’sche System des Staats, die Rangordnung setzt. — -Aber in Weimar mag dies Ignoriren der großen Geister überhaupt zu Hause -sein. —</p> - -<p>»Das Nächste liegt uns oft zu fern.« Erzählt man sich doch von der -Gemahlin des großen Göthe, daß sie bei dem Anblick eines Gedichts -ausgerufen haben soll: »Ach das sind Fehrsche (Verse) der Herr -Keheimerath macht auch <em class="gesperrt">Fehrsche</em>.«</p> - -<p>Von Schillers Nicht-Denkmal zurückkehrend, ging ich in den Erbprinzen, -wo ich zum ersten Male in den Sächsischen Herzogthümern und zwar durch -Rebhühner meinen Hunger stillte. Damals kannte ich Jena noch nicht, und -hatte noch keine Ahndung davon, daß ich mich erst in Göttingen<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153"> 153 </a></span> auf -meiner Rückkehr nach Heidelberg wieder satt essen wurde. Zwar muß ich -die <em class="gesperrt">Pfannkuchen</em> des alten Tyks in Kunitz ausnehmen, von denen -ich übrigens ein langer ausgehungerter Jüngling von Grenadiergröße, in -der Zeit des Wachsthums so übermäßig viel genoß, daß ich noch Jahre -lang nachher den Artikel <em class="gesperrt"><em class="antiqua">omelette</em></em> auf den Repertoirs -der Restaurants mit der Hand bedecken mußte. — Jetzt bin ich, wie -überhaupt mit dem ganzen Leben, auch wieder mit den Pfannkuchen -versöhnt und rufe gar oft bei dem Anblicke leider aus: »<em class="antiqua">quel bruit -pour une omelette</em>.«</p> - -<p>Mein Dejeuner war beendigt, jetzt sollte ich zum Congreß. Bis jetzt -war ich wegen körperlicher Schwäche <em class="gesperrt">gefahren</em>. Es schien mir -aber des Deputirten einer Deutschen Burschenschaft total unwürdig, -zu Wagen in Jena anzukommen, ich machte mich also auf die Wanderung, -überhaspelte, wie ich dies auch jetzt noch wol thue, aber besser -vertragen kann, meine ohnehin flüchtigen Schritte, bei welche mich die -in mich gesenkten Rebhühner nicht wenig incommodirten, und kam müde und -athemlos zu <em class="gesperrt">Ketschau</em>, etwa auf der Hälfte des Weges von Weimar -nach Jena, an. Vorher aber hatte ich Sorge getragen mir das Ansehen -eines weitgereis’ten Fußgängers zu geben, indem ich meine ohnehin -un<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154"> 154 </a></span>deutsche Polonica mit Chauseestaub bepudert, die seidenen Schnüre -verdeckt und ihnen eine gleiche Farbe, wie dem Tuche meines Habits -verliehen hatte. —</p> - -<p>Sehr willkommen war es mir daher, als ich vor dem Wirthshause ein -Wägelchen mit einem Pferde bespannt fand, dessen Kopf nach dem Wege -gerichtet war, der nach Jena führte. Ich fragte nach dem Eigenthümer -und, als ich ihn ermittelt, was er verlange, wenn er mich mit nach -Jena nehme. Auf seine Versicherung, daß er sich eine große Ehre daraus -mache, wenn ich einen Platz auf seinem Wagen einnehmen wolle, besah -ich mich im Spiegel, aus Furcht, noch zu aristokratisch philiströs -auszusehen, folgte aber, in diesem Puncte vollkommen beruhigt, der -Einladung. Ich lernte aber bald den Grund der Devotion des Fremden -kennen, sein Chaischen konnte nicht als Triumpfwagen eines, wenn auch -nur burschikosen Deutschen Bundesgesandten dienen, es gehörte dem -<em class="gesperrt">Freiknechte</em> Jonas. — Hilf Himmel! das war ein Moment. Stolz -und Mitleid kämpften alsbald in mir. — Auf einem solchen Karren als -Heidelberger Deputirter zu fahren, das wäre, sobald es ausgekommen, -ein unauslöschbarer Schimpf für meine Burschenschaft gewesen, ich -hatte ihr einen verächt<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155"> 155 </a></span>lichen <em class="antiqua">characterum indelebilem</em> -angehängt, das Ereigniß wäre zudem eine ewige Fundgrube schlechter -Witze für die Landsmannschaften in Heidelberg geworden. Denn damals -war <em class="antiqua">Jules Janins</em> »todter Esel« noch nicht ins Leben gerufen -und die Lieblingslecture aller Damen geworden. Auf der andern Seite -habe ich immer das Vorurtheil gehabt keins zu haben, und stets die -Ansicht gehegt, daß es für den nur »Teufel,« »Mandarinen« und »Parias« -gebe, der daran glaubt. Ich wollte daher nach der gemachten Entdeckung -nicht den <em class="gesperrt">Ganzmeister</em> im Samariterwesen als <em class="gesperrt">Halbmeister</em> -demüthigen, und ihn nach der Erforschung seines Status nicht sofort -verlassen. Habe ich es doch nie über das Herz bringen können, undankbar -zu sein!</p> - -<p>»Aber so hilf Dir doch, ein Deputirter, ein Diplomat, eine Eminenz,« -raunte mir mein Genius, dann aber die Idee zu, die ich sofort ergriff -und ausführte.</p> - -<p>»Mein Bein ist mir eingeschlafen,« hub ich an »ich muß mich ein wenig -vertreten und es Ihrem Pferde leichter machen. Doch will ich Ihnen -zuvor noch ein Histörchen zum Besten geben. Sie gehören einem Stande -an, in dem Liebe, Freundschaft und Ansehen weder durch Reichthum und -Fürstenlaune einem Cours unterworfen sind. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156"> 156 </a></span> Ehre, welche eigentlich -nur in der Meinung der Andern besteht, also eigentlich wie ein Buckel -keine Realität hat.«</p> - -<p>»Wie ist das mit dem Buckel zu verstehen?« fragte der Wasenmeister, -»Wie stehen die beiden Dinge in Verbindung?«</p> - -<p>»In der allernächsten,« versetzte ich, »Beide bestehen in der Meinung -Anderer. Denn da wir aus Erfahrung wissen, daß es keinen Bucklichten -giebt, der sich seiner Deformität bewußt ist, so sind wir im -Allgemeinen möglicher Weise auch dieser Selbsttäuschung unterworfen. -Wer steht sich selbst dafür, daß er nicht einen Buckel hat, wer -kann über die Ansicht eines Anderen gebieten, wer schafft sich eine -Anerkennung bei einem verblendeten Volke, das einmal annimmt, daß man -an Rückenüberfluß oder an Mangel an Ehre leidet? Hieraus ergiebt sich, -daß Ehre und Buckel keine Wirklichkeit haben, vielmehr nur in der -Meinung Anderer bestehen.«</p> - -<p>Der Freiknecht lächelte. »Aber Ihre Geschichte wenn ich bitten darf.«</p> - -<p>»Ja so! Sehen Sie, ich bin ein geborner Holsteiner. Bei mir zu Lande -nähren die klugen Halbmeister das Vorurtheil der dummen Leute, daß -sie nicht ehrlich seien. Sie riskiren nicht, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157"> 157 </a></span> ihnen irgend ein -Wollüstling ihre Tochter verführt und leben bei einem reichlichen -Erwerb lustig und in Freuden. Sie heirathen unter einander wie die -Fürsten und erhalten ihr Blut reichlich so rein wie diese. Als vor -etwa sechszig Jahren die humane Dänische Regierung diese Anrührigkeit, -welche dort auf ihrem Stande lastete, aufheben wollte, supplicirten die -Freiknechte: »»Seine Majestät der König möge doch von dieser Intention -abstehen, denn dann könne ja jeder <em class="gesperrt">Esel</em> und <em class="gesperrt">Dummkopf</em> -Halbmeister werden.««</p> - -<p>Ich habe niemals mit einer Erzählung so viel Glück gemacht als mit -dieser. Freudenblitze schossen aus den Augen des Wagenlenkers, dann -folgte ein herzliches Gelächter, und diesem die Versicherung, daß er -nie eine so vortreffliche Historie gehört habe und zu Hause eilen -wollen, um sie Weib und Kind mitzutheilen. Ich aber verließ meinen -dankbaren Fuhrmann und pilgerte auf Jena zu. Endlich zeigte sich die -Ölmühle und hinter einer Staubwolke ein Rudel Burschen. — Und hier mag -es der Ort sein, eine freilich schon von mir, wenn auch bis jetzt nicht -ganz getreu der Wahrheit gemäß, publicirte Anecdote unverschleiert zu -erzählen, welche lehrt, daß so gefährlich, ja tödtlich es sein mag, -viel Bier zu vertilgen, zuweilen doch Eine Flasche<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158"> 158 </a></span> Einem das Leben zu -retten, wenigstens vor großen Unannehmlichkeiten bewahren vermag. —</p> - -<p>Die Studenten sahen mir gleich das Congreßmäßige und die -Burschenqualität an, und ich wurde sofort nach dem in Jena herrschenden -Generalsmollis, mit einem »Lieber Kerl, wo kommst Du her?« empfangen; -als man aber hörte, daß ich ein Deputirter sei, wurde ich unter -Flötenton freudiger Lippen, halb als Arrestant, halb als Triumphator -auf den Burg-Friedrich (Burgkeller) gebracht, mir der möglichst -amphitheatralische Platz angewiesen, und zu meiner Labung eine -köstliche Biersorte versprochen. Jeder wollte dabei seine Geliebte -recommandiren. Bringt Wölnitzer — Pfui doch! Schwerstädter — nein, -Lichtenhainer — warum nicht gar! — Oberweimarisches Bier wird ihm -munden! Mit diesen und vielen andern ähnlichen Phrasen verwirrten die -Gastlichen den alten Wirth, »Vetter« genannt, bis dieser auf den Rath -seiner häßlichen Tochter sich beeilte, eine lebende Probekarte von -allen Bieren auf den Tisch zu stellen.</p> - -<p>Nun ging es an ein Untersuchen. Alle Krüge vergossen ihr Blut, -und marschirten an meine Mundküste, um sich von mir <em class="gesperrt">köhren</em> -zu lassen. Begierig tranken die einzelnen Blicke der Anhänger der -verschiedenen Sorten mit meinen Lippen, etwa wie<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159"> 159 </a></span> die mütterlichen -Augen auf den Bällen mit den Füßchen ihrer Töchter tanzen.</p> - -<p>Da fiel mein Blick auf ein Dintenmäßiges schwarzes Cerevis, das, in -ein kleineres Glas geschenkt, verborgen, wie ein Bierveilchen blühte. -Sein Name war mir nicht genannt; als ich dieses aber, nachdem ich es -probirt, für das beste erklärte, schlugen meine Freunde die Hände über -den Kopf zusammen, und zum Erstaunen erfuhr ich, daß dieser schwere -starke Stoff nur den ärgsten Biersäufern zu munden pflege, daß mein -Geschmack um so mehr auffalle, weil ich von einer Universität komme, wo -derzeit immer Wein getrunken wurde.</p> - -<p>Während ich mich als diplomatische Person wegen meines Geschmackes zu -schämen anfing, erhielt ich plötzlich einen sanften Schlag auf die -Schulter von einem ziemlich ältlichen Burschengesichte, das durch -seine gelbe Farbe und Zusammengeschrumpftheit einem ledernen Schlauche -nicht unähnlich sah. Bei meinem Eintreten saß dasselbe still in einer -Ecke vor einem Kruge des dunkeln Biers, so daß durch die Fäden der -Erinnerung vielleicht meine Wahl einer gleichen Sorte bestimmt worden -war. »Du bist ein herrlicher Kerl,« scholl eine heisere, bald mit dem -Sprechenden verschwindende Stimme, begleitet von einigen leuchtenden -travestirten Blicken von Stolbergs altem<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160"> 160 </a></span> Ritter. »Wer war das?« fragte -ich unheimlich ergriffen. Das ist der alte sogenannte »Peter General,« -belehrte mich mein Nachbar.</p> - -<p>»Nur seine abgöttische Verehrung des schwarzen Köstritzer Biers und -Dein diesem gespendetes Lob wird ihn zu dieser Zärtlichkeit gegen Dich -vermogt haben. Er kennt sonst keinen andern Beruf als Scandale (Duelle) -und besonders gegen junge Burschenschaftler anzuzetteln, steht dafür -aber auch bei allen Hallischen Teutonen und einigen blindschleichenden -Landsmannschaftern in großem Ansehen, bei denen er grade wegen dieser -moralischen Ansäuerlichkeit Alles vermag.«</p> - -<p>Als wir unsere Sitzung aufgehoben, eilten wir auf den Markt, der, -wie sein College der Neapolitanern, den meisten Jenaer Studenten als -Wohnung und Kaffeehaus diente. Hier wurde geraucht, conversirt, rappirt -und gesungen. Eine Kopfbedeckung war keine durchaus gewöhnliche Tracht, -ich habe Jenaer Studenten gekannt, welche sich diese Ausgabe drei -Jahre erspart, ja ganze Fußreisen durch das Fichtelgebirge in ihren -lang herab wallenden Haaren gemacht haben. Der Cynecker Diogenes hätte -überhaupt vielleicht hie und da Gelegenheit gehabt, seine Laterne auf -dem Jenaer Markte auszulöschen.</p> - -<p>Inzwischen hatten sich am Nachmittage wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161"> 161 </a></span> einige Bundestagsgesandte -ich glaube von Königsberg und Leipzig, eingefunden. Wir wurden von den -Kümmeltürken (eingeborenen Studenten) angestaunt und umringt, etwa wie -einst die Weißen von den Indianern, indessen dies doch größtentheils -nur mit jener Freundlichkeit und Herzlichkeit, welche nur den -academischen Jahren eigen ist, und die dem Menschen zu einem höheren -verklärt.</p> - -<p>Nur eine Ratte bewegte sich in Knäulform mit grinsendem und spöttischem -Gesichte, dem man weder Gastlichkeit noch Wohlwollen ansah. Der General -ihr geistiger Chef, war indessen nicht dabei. Es waren größtentheils -ehemalige Anhänger der Jenaer und andere Landsmannschaften auf fremden -Hochschulen, die burschikosen Titanen, welche der ihnen verhaßten, -damals souverainen Burschenschaft, auf alle mögliche Weise ein Drangsal -anzuthun suchten. Dazu bot sich nun die paßendste Gelegenheit, wenn -man einen der Gäste und gar einen Deputirten beleidigte. Ihr Blick war -auf mich, der ich, eine Hopfenstange über Allen hervorragte, gefallen, -worauf die malcontenten Verschwornen mir unvorzüglich nahten.</p> - -<p>»Ich kann vor der Heidelberger Burschenschaft keinen Respect haben,« -bemerkte nach kurzer Anrede A., ein Gießener, ziemlich laut prahlend, -»da<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162"> 162 </a></span> Ihr einen Kerl unter Euch gehabt, der eine Gans gestohlen hat.«</p> - -<p>Und der wäre?</p> - -<p>»Ein gewisser O. aus X., ich will es ihm beweisen, daß er eine Gans -gestohlen hat.«</p> - -<p>O. gehörte nicht zu meinen nähern Bekannten, ich konnte es ihm füglich -selbst überlassen, diesen ihm angethanen Schimpf von sich abzuwaschen. -Allein die <em class="antiqua">levis notae macula</em>, welche A. der Heidelberger -Burschenschaft angethan, konnte ich nicht sitzen lassen. Ich foderte -ihn daher auf, zu erklären, daß wenn sich die Wahrheit seiner -Behauptung auch herausstelle, die Existenz eines räudigen Schafes in -unserer Heerde unmöglich unserer Burschenschaft präjudiciren könne. -Allein darauf wollte sich A. nicht einlassen. »Ich bleibe bei dem was -ich gesagt habe,« wiederholte er, »und wenn Du dadurch die Heidelberger -Burschenschaft touchirt glaubst, so kannst Du es nehmen wie Du willst.« -—</p> - -<p>»Du bist <em class="gesperrt">gefordert</em>,« war meine nothgedrungene Antwort. Trotz -meiner nicht eben angenehmen Situation, mußte ich in dem Augenblick -laut lachen, was meinen mit seiner Suite scheidenden Gegner zu -erbittern schien. Mir kam nemlich das Einlagerrecht, in den Sinn, ein -im Westphäli<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163"> 163 </a></span>schen Frieden in Deutschland aufgehobenes und nur für -die Holsteinischen Lande reservirtes Institut, auch <em class="gesperrt">Obstagium</em> -genannt. Man verstand darunter die Verpflichtung, wornach der Schuldner -versprach, wenn er seine Zusage nicht erfüllen würde, auf erfolgte -Einmahnung, sich mit einem bestimmten Gefolge an einem gewissen Orte -einzufinden und denselben bei Strafe der Ehrlosigkeit nicht eher zu -verlassen, als bis er alles Versprochene geleistet haben würde. Auch -die Herzöge von Holstein konnten sich auf das Einlager verpflichten, -wenn sie aber ihre Verbindlichkeit nicht pünctlich erfüllten, so -durften sie sich remplaciren lassen und mußten alsdann Drei Räthe für -sie in eine Herberge einreiten, wo immer das <em class="gesperrt">Einlager</em> (das auch -deshalb das <em class="gesperrt">Einreiten</em> heißt,) gehalten wurde. Einer dieser Herrn -Räthe schien ich mir in dem Augenblick zu sein.</p> - -<p>Noch an demselben Tage erwählte ich meinen Sekundanten. Da ich aber nur -den Hieber, mein Gegner den Stoßdegen zu führen gewohnt war, so wurde -ein Pistolenduell unter ziemlich gefährlichen Auspicien beschlossen.</p> - -<p>Die Jenaischen Burschenschaftler fühlten sich tief über diese -Verletzung der Gastlichkeit an einem Deputirten gekränkt, um so -mehr jubelten aber ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164"> 164 </a></span> Feinde im Stillen, begeistert durch die -Ermunterungen ihres despotischen Generals.</p> - -<p>Eine Stunde vor dem Zweikampf ging ich über den Markt, woselbst mein -Gegner sich im eifrigsten Gespräche mit seinem Gelichter befand, das -auf mich, als auf einen Passagier nach Elisum zeigte. Aber siehe, -plötzlich traf mich der Blick des dermal anwesenden Generals.</p> - -<p>»Ist das Dein Gegner?« fragte er den bejahenden Nachbar. »Nun« sagte -er, »denn wird aus Eurem Kampfe nichts. Diesse Kehrl hät bi de erste -Pröv von twintig Sorten Beer dat schwarte Köstritzer för dat beste -erklärt.« (Dieser Kerl hat bei der ersten Probe von zwanzig Sorten Bier -das schwarze Köstritzer für das Beste erklärt.)</p> - -<p>Der General hatte nie so gesprochen, mein erstaunter Gegner aber -gehorchte mit jesuitischem Gehorsam. Er gab mir eine genügende -Erklärung und der General trank mit uns eine Flasche Köstritzer Bier -zur Versöhnung.</p> - -<p>Die Jenaer Philister waren mir von Thibaut ganz anders geschildert, -als ich sie fand. Dieser, welcher dort Professor gewesen, nannte -sie die demüthigsten Menschen, welche ihm je vorgekommen seien. Er -behauptete sogar, daß sie sich in der Anrede der Brieftitulaturen -bedienten, und die lernenden und<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165"> 165 </a></span> lehrenden Mitglieder der Academie -mit »Ew Wohlgeboren, Ew Hochwohlgeboren und Ew Hoch und Wohlgeboren« -anredeten. Mir kamen sie keineswegs so demüthig vor, vielmehr wie -enthusiastisch liebende Jungfrauen, welche alle Thorheiten ihres -Liebhabers (hier der Studenten) vergöttern, oder besser gesagt, wie -reine Sancho Pansa’s, welche sich ganz nach ihren Don Quichotischen -Herren gemodelt haben. — Als ich den alten Kneipier Senfft, in dessen -Hause die Burschenverhandlungen gehalten wurden, zum ersten Male mit -zwei anderen Deputirten sah, bat uns dieser um die Erlaubniß Eine -Frage an uns richten zu dürfen. Da ihm dies gewährt worden, erkundigte -er sich, was für Landsleute wir seien. Als darauf die Antworten »ein -Sachse, ein Kurhesse, ein Holsteiner«, ertheilt worden waren, versetzte -er gravitätisch: »Falsch geantwortet meine Herren! Sie sind alle -<em class="gesperrt">Deutsche</em> und das sollen Sie hier erst recht kennen lernen.«</p> - -<p>Der Jenaer Burgkeller bot insbesondere zur Zeit des Mittags- und -des Abendessens einen besondern Anblick. — Wenn man in die Thüre -des Saales trat, der von einem großen Pfeiler in der Mitte getragen -wurde, sah man rechts an einem Tische einige Privatdocenten, welche -unter sich das kümmerlichste Mahl verzehrten was einem geboten wer<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166"> 166 </a></span>den -kann. Unter ihnen befand sich der Sohn Wielands. Dasselbe Diner wurde -dem Bruder Studio vorgesetzt, welcher die Mitte und den Hintergrund -des Saales einnahm, während die linke Seite von Bier und Branntwein -zechenden Philistern, größtentheils von Frachtfuhrleuten, besetzt war, -welche ungehindert ihren Kneller pafften, der sich mit den magern -Speisedämpfen zu einem, den Göttern gewiß nicht gefälligen Rauchopfer -vereinigte. —</p> - -<p>Man speiste von zinnernem Geschirr, die Suppen erinnerten nicht, wie in -Norddeutschland, an einen Pfauenschwanz, höchstens an einen Cyclopen, -denn es war in derselben selten ein Fettauge zu bemerken. Die meisten -Teller boten auf der Kehrseite ein Studium für Alterthumsforscher. -<em class="antiqua">Condordia res parvae erescunt — Gloria virtutis comes. — Vivat -circulus fratrum Rhenanorum</em>, Elise ist ein Engel, gekreuzte -Schläger, Todtenköpfe. »Falsch ist Jena« »Vivat Jena!« »1763, 1785, -1800,« und manche mehr oder wenig verwischte Inscriptionen, waren -es die den archäologischen Hunger viel mehr als den physischen -befriedigten. Der räthselkundigste Hosteiner hätte als Oedip auf dem -Rathskeller ohne Zuflüsterung nicht gerathen, daß das graue Zeug, -welches man in Rüben verhüllt ihm auftischte, <em class="gesperrt">Rindfleisch</em> sein -sollte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167"> 167 </a></span></p> - -<p>Nach Tisch zog eine große Menge der Burschenschaftler gewöhnlich nach -Ziegenhain. — Der Wirth war sehr tolerant und verzapfte sein, nach -meiner Meinung mit betäubenden Kräutern geschwängertes Bier fast Alles -auf Credit, jedoch mußte man den ersten Krug mit einem Groschen baar -bezahlen. Dieser Punct war ein präjudizieller. Daher riefen die oft -alles baaren Geldes entblößten Musensöhne, bevor man von dem Markt -zog: »Wer hat einen Spieß, daß ich mitgehen kann?« Und fast immer fand -sich ein Freund in der Noth. —- Sobald aber alle gehörig mit einem -Spieß bewaffnet waren, ging es im lauten Gesange auf das Dorf. Die -Landsmannschaftler zogen nach Lichtenhain, wo eine Cerevisia, freilich -sehr im Anderssein der meinigen haus’te und dermalen ein Bierkönig -»<em class="gesperrt">Thus der achte</em>« regierte. Ich bin nie dort gewesen. Abends zog -der Schwarm brüllend heim, am andern Morgen aber erinnerten die blassen -Gesichter der Bierhelden, welche nicht so frisch wie die Walhallahelden -aufgestanden waren, an die Theriakisten, (Opiumesser) der Türken.</p> - -<p>Die Jenaer Burschenschaft, so arm sie auch war, bewirthete die -Deputirten auf eine höchst gastliche Weise. Jeder theilte sein Logis -mit den Burschen, welche sich zum Congreß eingefunden hatten,<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168"> 168 </a></span> es -wurde nicht allein den Deputirten während ihren ganzen Aufenthaltes -freie Kost gereicht sondern demselben an den Sessionstagen sogar eine -Flasche Würzburger vorgesetzt, eine so rührende Gastlichkeit, daß sie -selbst die Säure des Weines überwand. Ja man ging soweit innerhalb des -Umkreises von einer Meile jeden Deputiten zu signalisiren und jedem -Wirth bei Strafe des Verrufs zu verbieten, von einem Deputirten Zahlung -zu nehmen. —</p> - -<p>Mir fiel oft das Sprichwort dort ein — »Ein Engel löffelt mit dem -Andern.«</p> - -<p>Unter den Deputirten waren Leute, die jetzt einen ausgezeichneten Namen -und bedeutende Stellungen sich erworben haben. Obgleich ich es für ganz -unpräjudicirlich für sie halte, dieselben namentlich aufzuführen, da, -wie ich bereits erwähnt habe, die Acten ergeben, daß jene Versammlung -nur das Gas entwickelte, welches alle Fürsten Deutschlands von -Napoleonischem Drucke befreit, daß die Idee eines Deutschen Bundes -in das Leben gerufen hat, und daß die Fürsten um Gotteswillen zu -conserviren haben, so scheue ich doch jeden Vorwurf einer Indiscretion, -und will mich daher begnügen hier nur zweier zu erwähnen, die jetzt -schon in zweiter und letzter Instanz gerichtet sein werden. Es sind -dies <em class="gesperrt">Loresen</em> und <em class="gesperrt">Sand</em>. Der Dänische Canzlei<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169"> 169 </a></span>rath Loresen -war damals von Kiel deputirt. Ein blonder, breitschulteriger Insulaner -imponirte er mehr durch seinen Körper, seine Gutmüthigkeit als durch -seinen Geist. Man kam in Versuch diesen kräftiger zu halten als er -war und es ist mir ohne allen Zweifel, daß alle seine nachherigen -Schritte, von denen ich übrigens keinesweges unterrichtet bin, von ihm -nur auf fremde Einflüsterungen gethan sind. — Überhaupt ist es nicht -zu leugnen, daß die Deutschthümlei in jener Zeit sowohl im guten wie im -bösen Sinne über die Maaßen einseitig und oft nur zu Werkzeugen Anderer -machte. Gewiß paßte auf Viele damals der bekannte Satz:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Du glaubst zu schieben und Du wirst geschoben.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Ein ähnlicher Character war der <em class="gesperrt">Sands</em>. Die Ermordung -Kotzebues war lächerlich und deutet hinlänglich auf die partiale -Schwachköpfigkeit des unglücklichen Mörders. Und dennoch war viel Edles -und Großes in ihm verborgen. Nicht ohne Rührung sind folgende Worte zu -lesen, die er mir in das Stammbuch schrieb, als ich voll heiterer fast -französischer Laune ihm das Epigramm beim Abschiede geweiht hatte:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Lieber Freund, wer Dir vertraut,</div> - <div class="verse">Der hat auf keinen <em class="gesperrt">Sand</em> gebaut.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170"> 170 </a></span></p> - -<p>Sand, dem alle Scherze fatal waren, und den ich wenigstens nie lächeln -sah, antwortete darauf diese ernste Worte:</p> - -<p>»Die Kraft, jegliche die Du hast, ist dem Vaterlande, damit du ihm -selbst heimbezahlen die unerlösliche Schuld für Sprache, Sitte und -Erziehung für den Boden, worauf Du groß geworden bist und auf welchem -Du Deine Thaten üben willst, für Alles was Du von ihm hast. Dieses -wollen wir wohl bedenken, — aber wollen wir dann noch Wohlgefallen -haben an der bisherigen Kleinheit, oder suchen wir wieder die Größe und -Erhabenheit der alten Zeit? Soll uns endlich das ganze deutsche Land -zum Tummelplatze werden, und wollen wir uns eines Volkes erfreuen, daß -nach altem Brauche den mächtigen Schiedsrichter in Europa zu machen, -berufen ist?«</p> - -<p>Wir haben Ja gesagt und wollen dem nachleben. —</p> - -<p class="center">Jena, am Burschentage vom 29. März<br /> -bis 14. April 1818.</p> - -<p class="center">Dein deutscher Bruder <em class="gesperrt">Carl Sand</em>,<br /> -G. G. B. aus dem Fichtelgebirge.</p> - -<p>Merkwürdig war es, daß, als ich Sand Lebewohl sagen wollte, ich -denselben auf seinem Sopha liegend fand. Er schien eine Anwandlung von<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171"> 171 </a></span> -Pleuresie zu haben, denn er griff mit der Hand krampfhaft in die Seite -und rief mir zu: »Lebewohl! ich sterbe an diesem Stich in der Brust.« —</p> - -<p>Als ich in Weimar den Postwagen bestieg um über Göttingen den Rückweg -nach Heidelberg zu machen, war mein Mitpassagier der Sohn Kotzebue’s, -den allerhand Spöttereien welche man aus Rache seinem Vater, ich -glaube bei einer maskirten Schlittenfahrt, angethan hatte, von Jena -vertrieben hatten und der Deutschland verließ, um seine Studien in -Dorpat zu beendigen. Er war ein liebenswürdiger Mensch und ist eine der -angenehmsten Bekanntschaften meines Lebens.</p> - -<p>Während ich diese Memoiren schreibe und nach einem von mir entworfenen -Schema die einzelnen Begebenheiten zu einer Schnur zusammen reihe, -komme ich mir vor wie ein Fährmann der bereits vom Ufer abgestoßen -ist, von demselben her aber noch immer ein »Heda! nimm mich doch auch -mit!« vernimmt. Die Erinnerungen tauchen in mir zu Hunderten auf, -ich muß alle Augenblick verneinen um nicht gar zu viel Überfracht -zu bekommen. Mir wird dabei ängstlich, wie einem Reisenden, der auf -der Schnellpost reiset und nur 30 l̶b an Bagage frei hat. Und was -zeigt sich da meinen Blicken? Nichts weniger als ein Todter, ein -Leichenhemd.<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172"> 172 </a></span> Eine Geistergeschichte, die, weil sie erlebt ist und -wahrscheinlich noch von einem Lebenden außer mir documentirt werden -kann, wohl berechtigt ist, noch als Passagier in das Schiff meiner -Erzählung zu steigen. — Das ganze ist eine sogenannte Vorahnung -worin ich überhaupt ziemlich stark bin, obgleich ich sonst nicht zu -den Sonntagskindern gehöre. Das mag indessen in meinem Blute liegen. -Träumte doch meinem ältesten Bruder, Peter von Kobbe, dem Historiker, -einem dreizehnjährigen Knaben, in der folgenden Nacht, da sich das -Ereigniß im mittelländischen Meere zugetragen hat, die Schlacht bei -Trafalgar, (mit Ausnahme dieses Namens) der Tod Nelsons, die Zahl der -von ihm eroberten Schiffe, das Datum der Schlacht, die Nummer des -Hamburger Correspondenten worin diese gemeldet wurde, und der ganze -Artikel, welcher den Sieg und die Himmelfahrt Nelson’s enthielt. Sah -er doch in Itzehoe in dem Hause der Generalin <em class="gesperrt">Hedemann</em> einen -Tag vorher die Leiche eines Knaben in jedem Zimmer, der am andern Tage -aufgefischt und in das Haus der Generalin gebracht wurde. Mein Bruder, -ein Mann von seltener Gelehrsamkeit, der als rühmlichst bekannter -Geschichtsforscher dem legitimen Princip ergeben ist, hat für seinen -Kaßandratact die Undankbarkeit der Fürsten erfahren, welche<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173"> 173 </a></span> ihm ehren -sollten, wie keinen seines Gleichen, und ihm ein Prytaneum bauen. Ich -bin aus zu luftiger Construction, weder für Aristokraten noch für -Democraten recht brauchbar, aus viel Respect gegen den Himmel und aus -viel Verachtung gegen die Erde zusammengesetzt und daher ein Humorist -geworden, oder besser gesagt, geblieben, habe übrigens meine Qualität -als Geisterseher, wovon ich noch einige andere merkwürdige Beispiele -erzählen könnte, wahrscheinlich für dieses Leben verscherzt. Erzogen -von einem frommen Großvater im sogenannten Mysticismus, wofür ich -übrigens Gott als Poet noch auf meinen Knieen danke, habe ich alle -meine Sonntagskindseigenschaft durch eine ganz im Ernste gemeinte -Bemerkung meines Freundes v. St. verloren, welcher kurzsichtig war und -nach einer Relation mehrerer Geistergeschichten in einem Kreise von -Freunden sich höchst naiv über seinen Mangel an Aperception von solchen -Dingen mit den Worten darüber beklagte: »Ich kann leider! keine Geister -sehen, weil ich einen Geist nicht von einem Bettlacken zu unterscheiden -vermag.« Seit dem heftigen Gelächter, worin ich damals über diese -<em class="antiqua">crassa minerva</em> ausbrach, bin ich kein Seher mehr, sondern nur -noch höchstens ein Fühler geworden. Ich fordre den Buchhändler Herrn -Berndt zu Oldenburg hiemit zum Zeugen<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174"> 174 </a></span> auf, ob ich ihm nicht im Jahre -1832 als eine Neuigkeit erzählt habe, <em class="gesperrt">daß ich innerhalb drei Tagen -ein Bein brechen würde</em>. Am zweiten Abend hatte ich durch ein bloßes -Ausgleiten die <em class="antiqua">tibia</em> zersprengt. —</p> - -<p>Vielleicht hätte ich übrigens Restitution als Geisterseher bekommen. -Allein ich habe einen zu rationalistischen Weg eingeschlagen, der mich -bald ganz um meine Swedenborgschen Eigenschaft bringen wird. Da nämlich -der Zufall mich auf alle Weise chicanirt, habe ich mich entutirt, -denselben zu besiegen. Ich habe ihn lieb gewonnen, wie Richard Savage -seine grausame Mutter, ich lasse nicht von ihm, ich erscheine ihm bald -als Berliner, bald als Braunschweiger, bald als Osnabrücker, d. h. ich -spiele häufig in der Lotterie, und verwende alle meine Sehergaben dabei -um einen großen Gewinn zu ergattern. Ja, mein Streben geht soweit, -daß wenn ich in stiller Mitternacht zu meiner <em class="antiqua">villa</em> kehre, -welche vor dem Heiligengeistthore unfern des Kirchhofes liegt, und den -Todtenweg hinunter wandre, auf dem es bekanntlich in dieser Stunde -nicht recht richtig ist, — — sobald mir irgend ein Geist begegnet, -sei es ein edler Hingeschiedener im unversehrten Todtengewande oder -nur so ein Lump in der Form des Bettlakens, ich sogleich rufe: -»Bester!<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175"> 175 </a></span> oder Beste, welche Nummer in der Preußischen oder in der -Braunschweigischen Lotterie wird das große Loos gewinnen?« Die -Verstorbenen müssen allerhöchste Ordre haben, auf diese epinöse Frage, -vielleicht aus Furcht, daß der souveraine Zufall sie doch nachher -blamirt, nicht zu antworten; sogleich wenden sie sich. Wenn man darauf -losgeht sind sie verschwunden und man muß sich Mund und Augen wischen, -in denen sich dann höchstens von der ganzen Erscheinung, noch etwas -alter Weibersommer befindet.</p> - -<p>Doch zur Sache. — Ich logirte in Jena bei zwei Gebrüder B. aus -Mecklenburg, welche in der Apotheke am Markt wohnten. Eines Tages ging -ich mit Sand und einem Andern, dessen Name mir entfallen ist, ich -glaube aber es war der jetzige Professor <em class="gesperrt">Leo</em> in Halle über das -<em class="antiqua">forum</em> vor das Thor, um einen Platz zu suchen, wo wir am 3. März -zur Feier der Einnahme von Paris eine Eiche pflanzen wollten, welches -auch an dem fraglichen Tage mit großer Feierlichkeit vollführt worden -ist. Ich beklagte mich, daß der Taback schlecht sei und daß ich um mich -Sächsisch-Weimarsch-Eisenachsch auszudrücken, den <em class="gesperrt">Lausewenzel</em> -nicht mehr <em class="gesperrt">bleffen</em> möge. »Ei!« bemerkten meine Begleiter, »wenn -Du sechs gute Groschen für das Viertelpfund<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176"> 176 </a></span> anwenden willst, so gehe -nur in den Kramladen da, dicht neben der Sonne, da kannst Du Hamburger -<em class="gesperrt">Justus</em> bekommen.« »Hängt!« (das lateinische <em class="antiqua">accipio</em>) -entgegnete ich burschikos und ging in das mir bezeichnete Kaufhaus, -worin sich der Krämer mit seinem Lehrburschen befand. Die Anderen -warteten meiner draußen. —</p> - -<p>Ich foderte den mir bezeichneten Taback. Der Kaufherr erklärte mir, -daß die fragliche Sorte auf dem Boden liege, daß er sie mir holen -wolle. Aber in demselben Augenblicke sah ich diesen guten Mann als -<em class="gesperrt">Leiche</em> auf einem Paradebett. Die Vision schwand indessen -sogleich und beängstigte mich eben auch nicht sehr, denn es war heller -Mittag. —</p> - -<p>Nichts desto weniger bemerkte ich dem Ladenjungen: »Geben Sie Acht Ihr -Herr stirbt bald.« »Ei warum entgegnete dieser, er ist ja kerngesund.« -»Er ist so corpulent,« versetzte ich, hiedurch Entscheidungsgründe für -mein Gottes-Urtheil suchend.</p> - -<p>»O das hat nichts zu bedeuten,« versetzte der Lehrling. »Ich kenne den -Herrn schon seit vielen Jahren, er hat immer so ausgesehen.«</p> - -<p>In dem Augenblicke kam der Kaufmann und überreichte mir das Paquet -Taback. Ich zahlte, glotzte ihn noch einmal an und fühlte nun wohl daß -ich mich total geirrt hatte. Er sah in der That kerngesund aus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177"> 177 </a></span></p> - -<p>Wenn man im Norden einen Bauer fragt: »Freund! wie weit habe ich bis -zu X.?« so hört man nicht selten die Antwort: »Eine Pfeife Taback.« Es -wird von den Antwortenden darunter eine gewisse Zeit verstanden. In -diesem Sinne kann ich von einem Viertelpfund Taback weiter referiren. -Ich blies meine letzte Pfeife nach wenigen Tagen aus dem zweiten Stock -der Jenaer Marktapotheke in die Luft, als ich vor dem bereits erwähnten -Kramladen, dicht an der Sonne, einen Leichenzug halten sah.</p> - -<p>Ich gestehe, nie in meinem Leben von einer solchen innern Angst -ergriffen worden zu sein, als an dem fraglichen Nachmittage. »Seht -Ihr,« rief ich aus, abermals eine Vision wähnend, mit dem Finger nach -dem Kramladen zeigend, »seht Ihr was dort vorgeht?«</p> - -<p>»Es ist ein Leichenzug,« war die, aus dem Munde der Gegenwärtigen -einstimmig hervordringende Antwort.</p> - -<p>In Bremen lebt ein geistreicher Schiffsmackler Namens <em class="gesperrt">Heineken</em>, -der erste und vielleicht der einzigste, welcher nach einem Compaß von -Schwedisch nach Russisch Lappland gesteuert ist. Zehn Tage und zehn -Nächte hat derselbe sich mit gefrorner Milch und Fleisch vom Rennthier -und mit<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178"> 178 </a></span> Branntwein genährt, und schon die Hoffnung aufgegeben, je -wieder menschliche Wohnungen in diesen Schnee- und Eisgefilden zu -finden, als er endlich am eilften an einem Tannengehölz gekommen ist, -aus dem ein Hundegebell ihm die Nähe von bald gefundenen Menschen -verkündigt hat. »Nie,« pflegte er oft zu sagen, »hat mich eine -menschliche Stimme, nie der Ton einer Sängerin so entzückt, wie dies -Wau-Wau eines unvernünftigen Thieres.«</p> - -<p>So war auch mir zu Muthe, als ich merkte, daß meine Erscheinung kein -Spuck sei, sondern diesmal wirklich Realität hatte. Neugierde und -Tabacksbedürfniß führten mich indessen noch an demselben Tage in das -Haus des Krämers, dessen Tod mir die Nachbarn bestätigt hatten. Im -Anfang gab der Bursch mir sorglos die verlangte <em class="antiqua">herba nicotiana</em>; -als ich ihn aber an meinen prophetischen Spruch erinnerte, wurde er -kreidebleich und rief aus: »I Herr Jesus es ist wahr, Sie haben den -Tod meines Herrn vorausgesagt, er ist noch an demselben Abend, da Sie -zuletzt hier waren am Schlagfluß gestorben.«</p> - -<p>Ich überlasse die nähere Anatomie dieser Geschichte den Medizinern, -Philosophen und selbst den, bald hiezu berechtigt werdenden -Wassertrinkern, wahr ist sie auf Cerevis und Ehrenwort. Überhaupt<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179"> 179 </a></span> -lüge ich nie, habe es auch nicht nöthig. Denn warum? Es wäre dies -ein abscheulicher Luxus. Mir passirt Gott sei Dank! und Gott leider! -vielmehr, als sich die tollste Fieberphantasie auszubrüten vermag, und -vor allen auf Reisen; ich brauche oft nur das Erlebte zu schildern um -zu riskiren, daß man mich für einen Münchhausen hält. Zwar gilt von mir -auch der Göthische Vers:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Das Geisterreich ist nicht verschlossen;</div> - <div class="verse">Dein Sinn ist zu, Dein Herz ist todt,</div> - <div class="verse">Auf Schüler! bade unverdrossen</div> - <div class="verse">Die ird’sche Brust im Morgenroth.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Ich bin vigilant und <em class="antiqua">Vigilantibus</em>, »<em class="antiqua">jura sunt scripta</em>« -sagen wir Juristen. Zudem versäume ich nicht leicht eine Gelegenheit, -um meinen Abentheuerschatz zu bereichern. Wenn ich reise und es bricht -in dem Orte wo ich mich befinde, sei es auch in der weit entferntesten -Vorstadt, Feuer aus, so stehe ich auf und eile hin, wie ein guter -Landesherr, weil ich mich für einen humoristischen Prinzen von Geblüt -ansehe, dem zu Ehren das Feuerwerk gegeben wird.</p> - -<p>Hiebei fällt mir wieder eine Erzählung aus dem Philisterio ein, die an -das Unglaubliche gränzt und meinen Satz schlagend bewahrheitet. Also -wieder ein Passagier der in mein Schiff springt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180"> 180 </a></span></p> - -<p>Ich besitze das Talent, so ziemlich jeden Dialect zu copiren, und ein -wie schlechtes musicalisches Ohr ich auch habe, so scharf und sicher -höre ich doch aus jeder Rede des einzelnen Deutschen den Ort seiner -Geburt oder besser gesagt, seiner Erziehung, und bin dabei im Stande -die meisten gehörten Idiome zu reproduciren.</p> - -<p>Hiebei will ich eine Historie zum Besten geben, welche der -Vergangenheit entrissen zu werden verdient. —</p> - -<p>Vor ungefähr 6 bis 8 Jahren saß ich in den Gasthof <em class="antiqua">hôtel de -Russie</em> in Oldenburg an der <em class="antiqua">table d’hôte</em>, mir zur Rechten -der noch lebende Agent Herr <em class="gesperrt">Jürgens</em>, am Ende der Tafel ein -Hannoverscher Officier Herr Major <em class="gesperrt">Magius</em>, welcher mit seinem -Nachbar sich über Paganini unterhielt.</p> - -<p>»Können Sie nun wohl rathen, was der Officier für ein Landsmann ist? -raunte mir mein Nachbar zu.« —</p> - -<p>Ich besann mich, auf die Rede des Majors horchend, dann aber sage ich: -»Der Herr spricht wie ein <em class="gesperrt">Lübecker</em>.«</p> - -<p>»Wollen Sie eine Flasche Wein darauf wetten?« lächelte Herr Jürgens -scherzend.</p> - -<p>»Die ist gehalten,« entgegnete ich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181"> 181 </a></span></p> - -<p>Ich wartete nun bis Herr Magius einen Punct in der Rede hatte und bat -ihn dann da wir eben eine Wette gemacht hätten, um Bescheid was er für -ein Landsmann sei.</p> - -<p>»Das werden Sie nun und nimmer rathen,« versetzte der Herr Major -ablehnend, und gab dann eine Menge, mich freilich nicht von meiner -Juryüberzeugung abbringende Gründe an, weshalb es unmöglich sei, daß -ich seine Heimath errathe. Mir ist nur der, seines längern Aufenthaltes -in Italien vor allen noch erinnerlich. —</p> - -<p>Endlich schloß der Redner: »Ich will Ihnen nur sagen, daß ich ein -geborner <em class="gesperrt">Lübecker</em> bin.«</p> - -<p>»Ich danke Herr Major! ich habe meine Wette gewonnen.«</p> - -<p>Während mein Treffer dem Herrn Magius wol etwas magisch vorkommen -mochte, ich hingegen mich des Triumphzuges meines Steckenpferdes -freute, erhob sich ein jüdischer Kaufmann, welcher mir die viel -kitzlichere Frage stellte ob ich wol merken könne woher er denn sei.</p> - -<p>Das war eine sehr schwere Nuß. Man weiß, daß der Dialect der Juden eben -so selten wie ihr Herz an einer Provinz gebunden ist, und wenn der -Frager auch zu den Gebildeten seines Volkes gehörte, so war er doch -nicht frei von der mosaischen<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182"> 182 </a></span> Pronunciation. — Indessen gab ein Gott -mir doch folgende Antwort in die Seele:</p> - -<p>»Ich kann aus Ihrem angebornen Dialect nicht recht klug werden. Bald -reden Sie wie ein Nordhesse, bald wie ein Hamburger.«</p> - -<p>»Wunderbar!« rief der besiegte Sphinx, »Ich bin in Bückeburg geboren -und erzogen, allein seit zehn Jahren in Hamburg etablirt.«</p> - -<p>Mit diesem Knalleffect ist meine Geschichte noch nicht aus.</p> - -<p>Sie kam mir nämlich etwa anderthalb Jahre später, an einer Abendtafel -in demselben Hause, als von Dialecten die Rede war, wieder in den Sinn. -Ich erzählte sie den um mich her sitzenden Oldenburgern.</p> - -<p>Der Obergerichtsanwald Herr <em class="gesperrt">Hahne</em> bemerkte scherzend, daß -man wol daran gewöhnt sei, nie eine Unwahrheit zu hören, daß diese -Geschichte mit dem Bückeburger Juden doch zu sehr in das Gebiet des -Unglaublichen gehe, und wenigstens auf einer Täuschung beruhen müsse.</p> - -<p>Leider war Herr Jürgens nicht zugegen. —</p> - -<p>Die Möglichkeit eines Zweifels an meiner Rede jagte mir das Blut in das -Gesicht. —</p> - -<p>Das Roth aber ist die Farbe der Schuld wie<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183"> 183 </a></span> der Unschuld. Es ist die -Leibfarbe des Defensors wie des Anklägers.</p> - -<p>Man schien dem meinigen eine böse Deutung zu geben.</p> - -<p>Der Gedanke war höchst peinigend.</p> - -<p>Da erhob sich ein <em class="antiqua">deus ex machina</em> im Hintergrunde an der -Wirthstafel.</p> - -<p>»Ich kann die Geschichte eidlich bezeugen,« rief es aus, »sie ist mir -passirt.« — Und siehe! ich erkannte meinen bis dahin nicht beachteten -Bückeburger-Hamburger, dessen Persönlichkeit bereits aus meinem -Gedächtniß desertirt war.</p> - -<p>Schon während der ersten Tage meiner Ankunft in Jena war Wit v. Dörring -als Fuchs dort angelangt. Es waren schon unterweges Zeichen und Wunder -mit ihm geschehen, man hatte ihm in Erfurt seinen ganzen Wechsel -gestohlen.</p> - -<p>Dieser rubricirte Exdemagoge, der in den neuern Zeiten eine so -verschiedene Beurtheilung erfahren hat, verrieth schon in seiner -Jugend seltene Anlagen. In seinem vierten Jahre hielt er vor seiner -vortrefflichen, jetzt verstorbenen Mutter ganze Predigten aus dem -Stegreife. Seine Mitschüler, zu denen ich auch gehörte, liebten ihn. Zu -allen Aufopferungen bereit, zeigte er ein liebenswürdiges Herz. Sein -Hang zum Mysticismus aber blieb in<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184"> 184 </a></span> seiner Seele und er redete oft wie -ein Missionär. Das aber verdroß den alten Doctor <em class="gesperrt">Gurlitt</em>, der -damals Director des Johannei in Hamburg war, welches Wit von Altona aus -frequentirte. Gurlitt sprach oft von orthodoxen Rindfleischseelen, und -pflegte die Mystiker Hechte zu nennen.</p> - -<p>Ein Tag in jedem Monat war zu öffentlichen Redeübungen in den -verschiedenen Sprachen bestimmt. Wit hatte das Thema: »Wer die Gottheit -fassen will, der ist verloren,« gewählt und sprach mit ergreifenden -Worten, aber manche dunkle Deutung war in seine blumenreiche Rede -gewirkt. Mit komischem Ernste betrachtete ihn der alte Schulmonarch. -Zitternd ging er zu ihm als er geendet hatte, und eine große Thräne -entperlte den Augen des gutmeinenden Greises. »Liebes Kind, ich fürchte -am Ende, Sie glauben an den Teufel?« rief er bebend. »Ja, Herr Doctor,« -versetzte Wit sich verbeugend: »den lasse ich mir nicht nehmen!« »Armer -junger Mensch,« versetzte Gurlitt betrübt: »wie oft werden Sie noch die -Alten vertiren und revertiren müssen, ehe Sie zur richtigen Ansicht in -der Religion gelangen!«</p> - -<p>Nach wenigen Tagen hatten sich sämmtliche Abgeordnete eingefunden. In -dem Burschenhause, dessen Wirth der altdeutsch gewordene <em class="gesperrt">Senft</em> -war<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185"> 185 </a></span> und zu dem man durch ein enges Gäßchen vom Markt aus geht, wurden -unsere Versammlungen vom 29. März bis zum 3. April 1818 gehalten. Wir -saßen an einem Tisch der mit schwarzem Tuch behangen, welches mit -goldenen und rothen Frangen, unsern Farben, verbrämt war. Die Sitzungen -waren öffentlich, doch trennte eine Barriere die Deputirten von den -Zuhörern, welchen zwar auch zu reden vergönnt war aber erst dann, wenn -der Präsident ihnen das Wort bewilligt hatte. —</p> - -<p>Vor zehn Jahren habe ich die Verhandlungen, welche ich der Heidelberger -Burschenschaft übergeben, ohne daß ich eine Abschrift davon behalten -hatte — in einem kleinen Hannoverschen Ort, bei einem jungen -Staatsdiener zu meiner großen Freude wiedergefunden und zum Geschenk -erhalten. Ich stehe nicht an dieselben mitzutheilen, theils um jene -Gerüchte zu wiederlegen, als habe jener Burschencongreß die geringste -revolutionäre Tendenz gehabt, theils um darzuthun, daß man im Anfang -durch Mißgriffe die Studenten wie schon erwähnt zu Zeloten und -Märtyrern gemacht hat.</p> - -<p>Wahrlich! ich verpflichte mich unter Garantie meines Kopfs, eine ganze -Universität von funfzehnhundert Studenten, in der besten Ordnung in -der loyalsten Stimmung und ferne von jeder Aufregung<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186"> 186 </a></span> zu halten, ihre -Phantasie zu beschäftigen ohne sie zu verbrennen und durch die Burschen -fortwährend selbst von ihren geheimsten Gedanken in Kenntniß gesetzt -zu werden. Aber man muß auch das Gemüth haben auf die Jugend zu wirken -und sie ruhig gewähren lassen, wenn sie in die Sackgassen der Phantasie -laufen. Sie kommen schon von selbst zurück und schlagen dann beschämt -die Augen nieder.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Pueri sunt pueri, pueri puerilia tractant.</em>«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187"> 187 </a></span></p> - -<h2 class="nobreak nobold s4" id="Beglaubigte_Abschrift_der_Protocolle_gehalten_in_der">Beglaubigte -Abschrift der Protocolle, gehalten in der Abgeordneten-Versammlung zu Jena.</h2> - -</div> - -<hr class="r20" /> - -<p class="s3 center mbot2"><em class="gesperrt"><b>Protocoll,</b></em><br /> - -<em class="gesperrt s6">gehalten in der Versammlung der Abgeordneten verschiedener Deutscher -Hochschulen, zu Jena am 29. März 1818.</em></p> - -<p>1) Es wurden die Vollmachten der durch Abgeordnete an der Versammlung -Theil nehmenden Hochschulen Berlin, Halle, Heidelberg, Jena, Kiel, -Königsberg, Leipzig, Marburg und Rostock, mündlich oder schriftlich -bekannt gemacht.</p> - -<p>2) Veranlaßt durch die Abgeordneten des Berliner Burschenvereins -und den erwählten Abgesandten derjenigen nicht verbündeten Berliner -Burschen, welche auf ihrer Hochschule eine allgemeine Burschenschaft -nach Zweck und Form gegründet sehn wünschen, entstand die Frage, ob der -Abgeordnete des Letztern eine entscheidende Stimme haben könne,<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188"> 188 </a></span> welche -Frage durch Stimmenmehrheit mit »nein« beantwortet wurde.</p> - -<p>3) Wurde von den sämmtlichen stimmenfähigen Burschenabgeordneten, -erstens R. aus Jena zum Sprecher, zweitens W. zum Schreiber in den -Versammlungen gewählt.</p> - -<p>4) Nach einer Ermahnung von R., den Zweck der Versammlung im Auge -habend, Ruhe, Ordnung und Bestimmtheit zu zeigen, wurde beschlossen, -alle Verhandlungen nach Stimmenmehrheit zu entscheiden, und vom -Sprecher rechts abzustimmen, jedoch mit Vorbehalt, daß alle Beschlüsse -nur dann gültig wären, für die Hochschulen, wenn sie sich mit den -Vollmachten der Abgeordneten derselben vereinigen ließen.</p> - -<p>5) Wurden die angekommenen abschlägigen Antworten von einigen Deutschen -Hochschulen verlesen. Göttingen, Tübingen und Erlangen hatten entweder -keine Abgeordnete stellen wollen oder können, und dieß schriftlich -erklärt.</p> - -<p>6) K. aus Heidelberg forderte auf Vergessen aller Selbst und -Partheisucht, den großen Zweck der Versammlung zu erfassen und in -reiner Liebe zum Wahren und Guten so zu reden und zu handeln, wie jeder -es verantworten könne vor Gott und seinem Gewissen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189"> 189 </a></span></p> - -<p>7) Wurden die Angelegenheiten der Halleschen Burschenschaft, an sich, -und in Verhältniß und Gegensatz der sogen. Sulphuria verhandelt. Es -wurde beschlossen, daß diejenigen, welche sich mit ihrem Ehrenworte -verpflichtet hatten, wegen der Unterdrückung der dortigen Teutonia -Halle zu verlassen, nachher aber diese Verbindlichkeit nicht erfüllten, -weil manche Gründe zu ihrer Entschuldigung vorhanden waren, nicht -streng nach den Buchstaben des Gesetzes gerichtet werden sollten, -sondern alle die von ihnen als ehrliche und wehrliche Burschen -anzuerkennen wären, deren Entschuldigungsgründe von der Halleschen -Burschenschaft als triftig entweder schon anerkannt wären, oder noch -würden, sie aber durch eine von der sämmtlichen Versammlung des -Abgeordneten zu unterschreibende Urkunde ihrer Übereilung und ihres -Leichtsinnes wegen eine Rüge erhalten sollten. Hierdurch wurde zugleich -die Hallesche Burschenschaft, in welcher sich einige von den genannten -Burschen befanden, als rechtmäßig anerkannt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Anmerkung.</em> K. aus Heidelberg bat zu bemerken, daß er deswegen -vorzüglich auf Anerkennung und Verweis gestimmt habe, weil K. die -Versicherung gegeben, daß ihm von einem ehemaligen Teutonen gesagt sei, -er habe an dem bekannten Abende<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190"> 190 </a></span> einige Hallesche Burschen blos zu -einer <em class="gesperrt">bedingten</em> Unterschrift aufgefordert. K. meinte daher, daß -dieses von einem jeden gehört sein könne, oder auch von denen, die es -gehört hätten, verbreitet, also die Präsumtion für Straflosigkeit sei, -und ein Verweis genüge.</p> - -<p>Die Halleschen Sulpfuristen betreffend, wurde durch Stimmenmehrheit -ausgemacht, daß, da die von ihnen am meisten Beleidigten um Milde für -sie baten, ferner wohl zu wünschen stand, daß auch in Halle wiederum -ein kräftiges und einiges Burschenleben sich gestalte und gedeihe, -ihnen eine allgemeine Verzeihung und Erlösung vom Banne gewährt werde, -wenn sie folgende Bedingungen eingehen würden:</p> - -<ol class="klammer"> - <li><em class="antiqua">a</em>) Daß sie nach Namhaftmachung aller ihrer Mitglieder - mit dem Ehrenworte sich verbürgten, die unter ihnen bestehende - Verbindung aufzuheben.</li> - <li><em class="antiqua">b</em>) Sich verpflichteten, die Hallesche Burschenschaft und - ihren Brauch anzuerkennen.</li> - <li><em class="antiqua">c</em>) Sich gefallen lassen wollten, daß bei dem Wunsche - einzelner, von ihnen, in die Hallische Burschenschaft, oder in eine - auf andern Hochschulen bestehende Verbindung einzutreten, über - diese erst abgestimmt werde.</li> -</ol> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191"> 191 </a></span></p> - -<p><em class="gesperrt">Anmerkung</em> <em class="antiqua">a</em>) K. von Heidelberg erklärte, daß er im -Namen seiner Burschenschaft den Verruf nicht eigentlich aufheben -könne, indem derselbe bisher von ihr noch nicht ausgesprochen sei, und -zwar aus dem Grunde, weil Heidelberg noch nicht im Cartel mit Halle, -beschlossen habe, die Sache selbst zu untersuchen. Er hebe aber im -Namen Heidelbergs den Vorbehalt der näheren Untersuchung auf, und trete -oben genannten Bestimmungen bei.</p> - -<p><em class="gesperrt">Anmerkung</em> <em class="antiqua">b</em>) Marburg stimmte obiger Meinung aus dem -besondern Grunde bei, daß diejenigen nicht namhaft gemacht werden -könnten, durch welche die Teutonia bei der Regierung angeklagt sei.</p> - -<p><em class="gesperrt">Anmerkung</em> <em class="antiqua">c</em>) In Königsberg war die Acht über die -Sulpfuria nicht ausgesprochen, weil die Partheiungen in Halle dort -nicht genug bekannt geworden waren.</p> - -<table class="unterschriften1" summary="Unterschriften erstes Protokoll"> - <tr> - <td class="tdr"> - R. — - </td> - <td class="tdl" colspan="2"> - Sprecher. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - W. — - </td> - <td class="tdl" colspan="2"> - Schreiber. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - Graf v. K. — - </td> - <td class="tdl" colspan="2"> - für <em class="gesperrt">Jena</em>. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - L. — - </td> - <td class="tdl s2" rowspan="2"> - } - </td> - <td class="tdl" rowspan="2"> - für <em class="gesperrt">Kiel</em>. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - R. — - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - F. D. — - </td> - <td class="tdl s2" rowspan="2"> - } - </td> - <td class="tdl" rowspan="2"> - für <em class="gesperrt">Königsberg</em>. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - L. L. — - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - C. F. L. — - </td> - <td class="tdl s2" rowspan="2"> - } - </td> - <td class="tdl" rowspan="2"> - für <em class="gesperrt">Leipzig</em>. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - D. E. — - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - E. B. — - </td> - <td class="tdl" colspan="2"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192"> 192 </a></span> - für <em class="gesperrt">Marburg</em>. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - A. B. — - </td> - <td class="tdl s2" rowspan="2"> - } - </td> - <td class="tdl" rowspan="2"> - für <em class="gesperrt">Berlin</em>. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - A. v. B. — - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - T. v. K. — - </td> - <td class="tdl" colspan="2"> - für <em class="gesperrt">Heidelberg</em>. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - F. S. — - </td> - <td class="tdl s2" rowspan="2"> - } - </td> - <td class="tdl" rowspan="2"> - für <em class="gesperrt">Halle</em>. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - D. — - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - W. W. — - </td> - <td class="tdl" colspan="2"> - für <em class="gesperrt">Rostock</em>. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdc" colspan="3"> - Folgen die Unterschriften. - </td> - </tr> -</table> - -<hr class="r20" /> - -<div class="section"> - -<p class="s3 center mbot2"><em class="gesperrt"><b>Protocoll,</b></em><br /> - -<em class="gesperrt s6">gehalten in der Versammlung der Abgeordneten Morgens -den 30. März.</em></p> - -</div> - -<p>1) Zu den für die Theilnehmer der Hallischen Sulpfuria zu bestimmenden -Puncten und Bedingungen wurde noch hinzu gefügt, daß sie selbst jeden -von ihnen, der die abgefaßte Schrift nicht unterschreiben wolle, -als Verrufenen anerkennen und gegen ihn verfahren wollten, wie der -Burschenbrauch der Hallischen Burschenschaft bestimme.</p> - -<p>2) Es erschienen die Bevollmächtigten der Hallischen Sulpfuria und -unterschrieben die verlang<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193"> 193 </a></span>ten Puncte, und es war also für ihre Person -der Bann aufgehoben.<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a></p> - -<p>3) Ein aus Leipzig angekommener Brief wurde verlesen. Der -Seniorenconvent erklärte darin, daß man zur Förderung aller guten -Zwecke bereit sei, daß aber nach seiner Meinung eine allgemeine -Burschenschaft in Leipzig nicht leicht errichtet werden könne.</p> - -<p>4) Es wurden die mündlichen und schriftlichen Klagepuncte des -ehemaligen Breslauer Burschen U. (jetzt in Berlin) gegen die Polen in -Breslau gehört, und beschlossen, er solle den Thatbestand schriftlich -aufsetzen, damit dann, nachdem auch jene gehört wären, in der Sache ein -Weiteres bestimmt werden könne.<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194"> 194 </a></span></p> - -<p>5) Nachdem auf diese Weise die auf Brauchssachen Bezug habenden -Angelegenheiten abgemacht waren, wurde zur Besprechung über die -Grundidee einer allgemeinen Deutschen Burschenschaft geschritten. J., -Abgeordneter von mehreren Burschenschaften aus Berlin, die eine solche -wünschten, erkannte, auf Befragen den erwählten Sprecher und Schreiber -an.</p> - -<p>6) Es wurden von R. 19 Puncte als Grundlage zu einer allgemeinen -Burschenschaft verlesen, und über dieselben einzeln abgestimmt. Leipzig -begab sich seine Stimme, weil dort noch Landsmannschaften beständen.</p> - -<p>Punct 1.<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> wurde von allen Deutschen Hochschulen anerkannt.</p> - -<p>Punct 2. gleichfalls anerkannt. K. behielt sich nähere Erläuterung bei -§ 4. vor.</p> - -<p><em class="gesperrt">Anmerkung.</em> Es wurde bestimmt, daß eine Deutsche Burschenschaft -Ausländer unter sich aufnehmen <em class="gesperrt">könne</em>, wenn sie nur von ihnen -überzeugt sei, daß sie dem Zwecke einer allgemeinen Deutschen<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195"> 195 </a></span> -Burschenschaft nicht schädlich, sondern eher förderlich sein -würden, daß dieselben auch Ausländern eine eigene Verbindung neben -sich gestatten könne, wenn nur diese ihr untergeordnet blieben, -<em class="gesperrt">allein</em> in Brauchssachen entscheidend stimmfähig sei, jedoch so, -daß die Deutsche Burschenschaft wenigstens immer ⅔ der Stimmen erhalte.</p> - -<p>K. für Heidelberg erklärte, daß die Burschenschaft sich, wegen -der Zwistigkeiten und Vereine, die noch außer der Burschenschaft -in Heidelberg beständen, aller Rechte auf Renoncen und -Nicht-Burschenschaftsmitglieder enthalte, wenn sie nicht mit ihnen in -Collision käme.</p> - -<p>Die Kieler Abgeordneten behielten der Entscheidung ihrer Burschenschaft -vor, ob der von ihr anerkannte Burschenbrauch in allen seinen -Beziehungen auch für die nicht Verbündeten verpflichtend sein solle.</p> - -<p class="right mright2 mbot2">F. d. U.</p> - -<hr class="r20" /> - -<div class="section"> - -<p class="s3 center mbot2"><em class="gesperrt"><b>Protocoll,</b></em><br /> - -<em class="gesperrt s6">Abends am 30. gehalten.</em></p> - -</div> - -<p>§. 1. K. wurde auf Verlangen sein Freund L. aus Heidelberg als -Rathgeber in schwierigen Fällen zugesellt.</p> - -<p>§. 2. Weitere Berathung über die vorgeschlagenen Puncte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196"> 196 </a></span></p> - -<p>§. 3. wurde allgemein anerkannt.</p> - -<p>§. 4. wurde nach §. 2. eingeschränkt.</p> - -<p>K. bezieht sich auf die gemachten Modificationen. V. B. und L. -erkannten dies und das nachfolgende nur in so weit an, als es sich mit -ihren Vollmachten vereinigen ließ.</p> - -<p>§. 5. Hiebei wurde vor dem Worte öffentlich »wo möglich« eingeschaltet.</p> - -<p>Das Wort unauflöslich wurde weggelassen. D. erklärte es dahin, daß -er glaube, die Verbindung müsse geistig unauflöslich, auch fürs -bürgerliche Leben fortbestehen.</p> - -<p>§. 6. beschränkt sich auf §. 2. Ob Nichtchristen aufzunehmen seien, -wurde der Entscheidung der einzelnen Burschenschaften überlassen.</p> - -<p>§. 7. wurde mit der Bemerkung angenommen, daß es jeder Burschenschaft -frei stehe zu bestimmen, ob nach der Exmatrikulation jemand von -ihr noch als Bursch anzusehen sei, oder nicht. Die Königsberqer -Abgeordneten behielten sich vor, daß die darüber in ihrem Brauch -enthaltenen nähern Bestimmungen in Kraft bleiben sollten.</p> - -<p>§. 8. 9. und 10. wurde angenommen.</p> - -<p>§. 11. von den Meisten gebilligt.</p> - -<p>Heidelberg stimmt in der Idee dem §. 11. alsdann bei, wenn jeder -ehrenhafte Bursch aufnahms<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197"> 197 </a></span>fähig ist. Die Verhältnisse selbst haben die -Realisirung dieser Idee dort noch nicht gestattet. — Kiel bezog sich -auf seine Anmerkung nach §. 2.</p> - -<p>§. 12. angenommen. — Kiel erklärte, da bis her dort keine Wilden -gewesen seien, sei noch nicht bestimmt worden, in wie fern der -Burschenbrauch auch für Nichtverbündete gelte.</p> - -<p>§. 13. angenommen.</p> - -<p>§. 14. Hiebei verwiesen nur die Kieler auf das oben in dieser Beziehung -Gesagte.</p> - -<p class="right mright2 mbot2">F. d. U.</p> - -<hr class="r20" /> - -<div class="section"> - -<p class="s3 center mbot2"><em class="gesperrt"><b>Protocoll,</b></em><br /> - -<em class="gesperrt s6">gehalten den 31. März.</em></p> - -</div> - -<p>1) Wurden die von U. abgefaßten Klagepuncte verlesen und beschlossen, -es solle in Breslau Aufhebung des Verrufes und Rechtfertigung wegen des -Überfalls verlangt, U. aber so lange ganz schuldlos angesehen werden.</p> - -<p>2) Wurde angezeigt, daß die Gießner geschrieben hätten, sie wären -verhindert worden Abgeordnete nach Jena zu senden, indem der Senat -allen solchen Relegationen angedroht habe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198"> 198 </a></span></p> - -<p>3) Es wurde in der abgebrochenen Berathung wieder fortgeschritten.</p> - -<p>§. 15. angenommen.</p> - -<p>§. 16. wurde folgendermaßen abgeändert. Es bleibt der gesammten -Deutschen Burschenschaft das Recht, die Verfassungen der einzelnen -Hochschulen, wo Burschenschaften sind, einzusehn und zu beurtheilen, -ob, und in wie fern sie der Grundidee entsprechen, und bei etwanigen -anstößigen dieselbe um Abstellung derselben anzugehn.</p> - -<p>§. 17. Hier wurde die Bestimmung hinzugefügt, daß wenn die Casse -einer, oder mehrerer Burschenschaften zu den Kosten der Reise nicht -hinreiche, eine allgemeine Casse nach Verhältniß des Einkommens der -Burschenschaften eingerichtet, und dadurch die Reise erleichtert werden -solle.</p> - -<p>§. 18. Hier wurde Eisenach vorläufig als Versammlungsort bestimmt.</p> - -<p>§. 19. Es wurde hinzugefügt, daß bei den genannten Berathungen ⅔ der -Stimmen entscheiden sollten.</p> - -<p>4) Der Vorschlag, alle Jahre am 18. Juni ein Fest zu feiern, wobei -man sich vorzüglich der Brüder an andern Orten in traulicher Liebe -erinnere, wurde gebilligt.</p> - -<p>5) Die Abgeordneten der Leipziger Hochschule<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199"> 199 </a></span> behielten sich vor, daß, -wenn bei ihnen gleichfalls eine allgemeine Burschenschaft zu Stande -gekommen wäre, auch ihr das hier den einzelnen Hochschulen gegebenes -Recht, den verlesenen Puncten Anmerkungen hinzuzufügen, aufgehoben -bleiben solle, und es wurde dieß allgemein gebilligt.</p> - -<p class="right mright2 mbot2">F. d. U.</p> - -<hr class="r20" /> - -<div class="section"> - -<p class="s3 center mbot2"><em class="gesperrt"><b>Protocoll,</b></em><br /> - -<em class="gesperrt s6">vom 1. April 1818.</em></p> - -</div> - -<p>1) L. aus Königsberg zeigte an, daß, da sein Mitabgeordneter D. unwohl -sei, er seine Stimme mit übernommen habe, D. sich aber etwanige -Bemerkungen noch vorbehalte.</p> - -<p>2) B. für Marburg dankte den Jenaern für die Abfassung der 19 Puncte, -bemühte sich darauf, auseinanderzusetzen, wodurch wir etwa den -darin aufgestellten Zweck erreichen möchten, wobei er vor allen zur -Erlangung wahrer vaterländischer Bildung, Streben nach umfassender -Kenntniß, Ehrenhaftigkeit, und Freiheit, aber was die Burschenschaften -auszeichnend unterscheiden solle, rücksichtslosen Gemeingeist und -möglichste Gleichheit der Rechte empfahl. Es wurde von R. antwortend -auf den 10. Punct verwiesen, wo schon zum Theil darüber verhandelt<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200"> 200 </a></span> -sei. Nur wurde noch in Betreff der Gleichheit vor dem Rechte folgendes -Nähere verhandelt.</p> - -<p>Es entstand:</p> - -<ol class="klammer"> - <li><em class="antiqua">a</em>)<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> Die Frage, ob ein Fuchs zum Vorsteher erwählt werden -könne, welche im Allgemeinen verneint wurde.</li> - <li><em class="antiqua">b</em>) Ob einem Fuchs Stimmrecht zuzuerkennen sei.</li> -</ol> - -<p>Die übrigen Hochschulen bejahten die Frage; Jena, Kiel, Königsberg und -Marburg aber, deren Bevollmächtigte noch nicht von ihrer Verfassung -abgehen konnten, behielten sich Berathung mit ihren Burschenschaften -vor. — Es wurde noch der Vorschlag gemacht, ob nicht diejenigen -Burschenschaften, welche Füchse entweder nicht sogleich aufnehmen, -oder denselben nach der Aufnahme keine Stimmfähigkeit zuerkennen -würden, allen den Füchsen, welche einzutreten wünschten, Erlaubniß -und Veranlassung geben wollten, vor der Aufnahme eine gewisse Anzahl -von Versammlungen zu besuchen, damit auf der einen Seite dieselben -Gelegenheit bekämen, die Eigenthümlichkeit des Lebens auf den -Hochschulen<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201"> 201 </a></span> kennen zu lernen, auf der andern Seite aber das peinliche -Gefühl bei ihnen vermieden werde, einem Ganzen anzugehören, über dessen -Wohl ihnen keine entscheidende Stimme zustehe, und so das Gesetz der -möglichsten Gleichheit der Rechte nicht gekränkt werde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Anmerkung.</em> K. für Heidelberg bemerkte, daß er um des Allgemeinen -willen von der Wahlfähigkeit zum Vorsteheramte für sogen. Füchse -abstehe, wenn die anderen Hochschulen sich zur Stimmfähigkeit für Alle -verstehen wollten.</p> - -<p>Und es geschehe dies besonders der Einheit des Gesetzes willen.</p> - -<p>3) Wurde der Wunsch geäußert, daß bei der Aufnahme alle Abstimmung -durch bloßes Ja oder Nein wegfallen möge, sondern laut und mit -Anführung der etwanigen Gründe gegen den Aufzunehmenden gestimmt werde, -wobei auf §. 9. und 10. verwiesen wurde. — Rostock behielt sich hiebei -Berathung mit ihrer Burschenschaft vor.</p> - -<p>4) Wurde als zum Wesen der Burschenschaft gehörig anerkannt, daß -kein Zweikampf zwischen den einzelnen Burschenschaften, als solchen, -statt finden dürfe, sondern jeder unter ihnen obwaltende Streit -schiedsrichterlich ausgeglichen werden müsse.</p> - -<p>5) Wurde festgesetzt, es solle in dieser Versamm<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202"> 202 </a></span>lung der Abgeordneten -noch kein förmliches Cartel, oder eine Verfassungsurkunde der -großen allgemeinen Deutschen Burschenschaft verfaßt, sondern blos -einige Grundgesetze derselben vorläufig entworfen werden, damit die -Abgeordneten sie zur Berathung ihrer Burschenschaft mitnehmen könnten. -Die vollständige Ausarbeitung müsse bis zur Versammlung am 18. Oktober -ausgesetzt bleiben.</p> - -<p>6) Sollte auch an die Hochschulen, welche keine Abgeordnete hierher -gesandt, der Entwurf dieser Gesetze, die 19 Puncte zugleich mit einer -Schrift, welche die Ansichten der Abgeordneten von dem Wesen der -Burschenschaft näher ausspräche, so wie auch eine Aufforderung, dem -hier gebilligten Grundsätzen beizutreten, übersandt werden.</p> - -<p><em class="gesperrt">Anmerkung.</em> Berlin behielt sich vor, zu dieser Aufforderung nur -dann mitzuwirken, wenn ihr Verein als Burschenschaft anerkannt würde.</p> - -<p class="right mright2 mbot2">F. d. U.</p> - -<hr class="r20" /> - -<div class="section"> - -<p class="s3 center mbot2"><em class="gesperrt"><b>Protocoll,</b></em><br /> - -<em class="gesperrt s6">gehalten Nachmittags am 1. April.</em></p> - -</div> - -<p>1) Die Verfassungsurkunde des Berliner Burschenvereins wurde verlesen -und nach mannigfachen<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203"> 203 </a></span> Verhandlungen, theils über seine innere -Einrichtungen, theils über seine Verhältnisse zu den Nichtverbündeten, -wurde das Urtheil der Abgeordneten gefordert, ob der Berliner -Burschenverein nach Zweck und Form eine Burschenschaft zu nennen sei.</p> - -<p><em class="antiqua">a</em>) Jena erklärte sich dahin, dieser Verein entspreche nicht der -Idee einer allgemeinen Burschenschaft, weil:</p> - -<ol class="klammer"> - <li>1) Die Eintheilung nach Provinzen zu Partheiung, Eifersucht und - Kastengeist Anlaß geben könne.</li> - <li>2) Hinsichtlich der Abstimmung der einzelnen Landsmannschaften für - sich, der Begriff der Gerechtigkeit dadurch gefährdet werde, daß - Fälle möglich blieben, wo wenige über viele entscheiden könnten.</li> - <li>3) Die Privatinstitution jeder Landsmannschaft dem Gemeingeiste - hinderlich sein müsse.</li> -</ol> - -<p><em class="antiqua">b</em>) Die Kieler Abgeordneten stimmten im Ganzen der obigen -Erklärung bei, glaubten aber, daß es nur geringer Veränderungen -bedürfe, um die genannte Verfassung der Idee einer allgemeinen -Burschenschaft entsprechend zu machen.</p> - -<p><em class="antiqua">c</em>) Königsberg meinte, daß gegen diesen Verein noch besonders -zu erinnern sein möchte, daß der Entschluß, für eigne volksthümliche -Bildung zu<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204"> 204 </a></span> wirken, in der vorgelesenen Urkunde nicht genug -hervorgehoben sei.</p> - -<p><em class="antiqua">d</em>) Marburg bezog sich auf die von Jena gemachte Bemerkung in -Hinsicht auf das Abstimmen nach einzelnen Landsmannschaften, und -führte gegen diese Eintheilung überhaupt die Erfahrung an, daß solche -stehende Abtheilungen der allgemein zu fördernden Eintracht durch -unvorherzusehende Vorfälle nur zu leicht gefährlich würden.</p> - -<p><em class="antiqua">e</em>) Halle erklärte sich dahin, es stimme im Allgemeinen mit -der vorigen Bemerkung überein und fürchte besonders Hervortreten von -Eifersucht bei dieser landsmannschaftlichen Eintheilung.</p> - -<p><em class="antiqua">f</em>) Heidelberg urtheilt, daß nach provisorischer Annahme der -bekannten 19 Puncte der Geist des Berliner Burschenvereins als -Deutscher Burschenschaftsgeist anzuerkennen sei, daß diese Idee aber -vernichtet werden müsse:</p> - -<ol class="klammer"> - <li>1) Durch die Einrichtung, daß nicht <em class="antiqua">viritim</em> - gestimmt werde.</li> - <li>2) Durch Unwandelbarkeit und Ungleichheit der Mitgliederzahl der - einzelnen Abtheilungen.</li> - <li>3) Durch Beibehalt der Privatinstitutionen und hält</li> - <li>4) noch für nützlich, wenn für diese Abtheilungen ein andrer Name - angenommen werde.</li> -</ol> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205"> 205 </a></span></p> - -<p><em class="antiqua">g</em>) Rostock erklärte, es glaube, daß die Verfassung der Berliner -Verbindung aus der Grundidee einer allgemeinen Deutschen Burschenschaft -hervorgegangen sei, bei Einrichtung der Form aber einiges dieser -Form nicht genau Entsprechende vielleicht aus etwas zu ängstlicher -Berücksichtigung der Schwierigkeiten, welche örtliche Verhältnisse -ergaben, entsprungen sei, und deßhalb gewiß leicht abgestellt werden -könne.</p> - -<p><em class="antiqua">h</em>) J. meinte, daß zur Ausführung der Grundidee einer allgemeinen -Deutschen Burschenschaft auch allgemeine Versammlungen unerläßlich -seien.</p> - -<p>2) Die Abgeordneten faßten den Beschluß, es solle von ihnen der -Berliner Burschenverein freundlich gebeten werden, nach den 19 Puncten -und den darüber im Protocoll bei Gelegenheit der Verhandlungen -über Wesen und Form des Berliner Burschenvereins eingeschalteten -Bestimmungen und Erläuterungen ihre Verfassung umzuändern und so sich -den übrigen Deutschen Burschenschaften näher anzuschließen. Zugleich -solle diesem Vereine der Vorschlag gemacht werden, ob sie nicht, wenn -sie auf obige Bitte eingehen würden, bei Berathungen über diese Sache -einen Abgeordneten von denen zulassen wollten, welche außer ihrer -Verbindung<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206"> 206 </a></span> eine allgemeine Burschenschaft begründet zu sehen wünschten.</p> - -<p>3) Wurde ausgemacht, daß alle Deutschen Hochschulen aufgefordert werden -sollten, so lange die Regierungen eine ordentliche Burschenzeitung noch -nicht gestatteten, Aufsätze über Burschenangelegenheiten nach Jena -einzusenden, damit sie dort, wo es am leichtesten ausführbar sei, unter -erlaubtem Namen und erlaubter Form zum Druck gefördert würden.<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a></p> - -<p class="right mright2 mbot2">F. d. U.</p> - -<hr class="r20" /> - -<div class="section"> - -<p class="s3 center mbot2"><em class="gesperrt"><b>Protocoll</b></em> - -<em class="gesperrt s6"> den 2. April.</em></p> - -</div> - -<p>1) Verlas R. den an die Breslauer abgefaßten Brief. Er wurde gebilligt -und es wurde bestimmt, daß die Breslauer Burschenschaft ersucht werden -solle, die Antwort an diejenigen Hochschulen gelangen zu lassen, welche -für das laufende Jahr zu Geschäftsführenden würden erwählt werden.</p> - -<p>2) Es wurde hierauf zugleich jene Wahl vorgenommen und der -Burschenschaft zu Jena zuerst<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207"> 207 </a></span> das Amt der Geschäftsführung in -allgemeinen Burschenangelegenheiten übertragen.</p> - -<p>3) K. verlas einen vorläufigen Entwurf des sogen. Cartels und gab -dieses Veranlaßung zur näheren Berathung über einige Gesetze für die -Verfassungsurkunde der allgemeinen Deutschen Burschenschaft. Folgende -Bestimmungen, die sich aus den Vorschlägen der Einzelnen ergaben, -wurden als zweckmäßig anerkannt.</p> - -<ol class="klammer"> - <li><em class="antiqua">a</em>) Es ist Hauptgrundsatz, daß alle Deutsche - Burschenschaften in der Idee <em class="gesperrt">ein Ganzes - ausmachen</em>.</li> - <li><em class="antiqua">b</em>) Hieraus ergiebt sich, daß die Verfassung - jeder einzelnen Burschenschaft der Grundidee des Ganzen entsprechen - müsse.</li> - <li><em class="antiqua">c</em>) Es bleibt also auch der allgemeinen - Deutschen Burschenschaft die Entscheidung überlassen, ob eine - Vereinigung auf einer Hochschule als Burschenschaft anzuerkennen sei, - oder nicht.</li> - <li><em class="antiqua">d</em>) Zur Darstellung der Idee des Ganzen ist eine - allgemeine Bundessitzung nothwendig.</li> - <li><em class="antiqua">e</em>) Jede Deutsche Burschenschaft schickt daher - zu einer bestimmten Zeit Abgeordnete nach einem zu erwählenden Ort, um - über allgemeine Angelegenheiten zu berathen und zu entscheiden.</li> - <li><span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208"> 208 </a></span> - <em class="antiqua">f</em>) Dem Beschlusse dieses Bundestages muß sich - jede Burschenschaft unterwerfen, jedoch mit Vorbehalt aller hierher - gehörenden in den Protocollacten gemachten näheren Bestimmungen und - anderer noch zu entwerfenden Beschränkungen.</li> - <li><em class="antiqua">g</em>) Die Bundessitzung ist noch besonders - schiedsrichterlicher Behörde in Streitigkeiten einzelner - Burschenschaften.</li> - <li><em class="antiqua">h</em>) Ihr bleibt die oberste Leitung der - Geschäftsführung überlassen.</li> - <li><em class="antiqua">i</em>) Es ist vorläufig diejenige als eine Deutsche - Burschenschaft anzuerkennen, welche die 19 aufgestellten Puncte, wie sie - durch Erläuterungen und Zusätze im Protocolle bedingt worden sind, als - gültig für ihren Verein annimmt.</li> - <li><em class="antiqua">k</em>) Die Vollmacht der zur Bundessitzung zu - sendenden Abgeordneten muß möglichst uneingeschränkt und die Zahl - derselben 3 sein.</li> - <li><em class="antiqua">l</em>) Es wird dringend gewünscht, daß auf dem - nächsten allgemeinen Bundestage von jeder Hochschule ein - Verfassungsentwurf der großen allgemeinen Deutschen Burschenschaft - mitgebracht werde, damit daraus ein allgemein gültiges Ganze hervorgehe.</li> - <li><em class="antiqua">m</em>) Alle Angelegenheiten, welche sich auf die - Bundessitzung beziehen, werden von der geschäfts<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209"> 209 </a></span>führenden Burschenschaft - geleitet, und ist also jetzt alles hierher Gehörige nach Jena einzusenden.</li> -</ol> - -<p>4) Kiel machte in Hinsicht des Burschenbrauchs Vorschläge zur -allgemeinen Annahme, als z. B. Gleichheit der Waffen auf allen -Hochschulen; Vermeidung des Ehrenwortes bei Spielschulden,<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a> worüber -aber der Beschluß bis zur Bundessitzung verschoben werden mußte, so -wie auch der Antrag von derselben Hochschule, das für alle 3 Jahre ein -Wartburgsfest beschlossen werde.</p> - -<p>5) Den letzten Vorschlag, so wie den zur Gleichheit der Waffen -hatte auch Königsberg und fügte noch den Wunsch hinzu, daß für eine -allgemeine Volkstracht, so weit es im Wirkungskreise der Hochschulen -läge, etwas geschehen möge.</p> - -<p>6) Marburg schlug gleichfalls Deutsche Tracht und Waffengleichheit vor -und erhielt, so wie auch Königsberg gleiche Antwort mit Kiel.</p> - -<p>7) Halle schlug gemeinschaftliche Farbe und Wahlspruch vor. Über das -erstere sollte der Bundestag sich erklären. Zum Wahlspruch wurde -vorläufig: »Gott, Freiheit, Vaterland« vorgeschlagen.</p> - -<p>8) Heidelberg hält für die Aufrechthaltung der<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210"> 210 </a></span> wahren Burschenehre -und Gerechtigkeit für nothwendig, daß sich auf jeder Deutschen -Hochschule ein Schiedsgericht befinde, welches unmöglich mache, daß die -Beleidigung, welche offenbar ganz auf der einen Seite sei, durch den -Zweikampf ausgemacht werde, sondern daß dagegen eine Renomageerklärung -Statt finde. Auch sollte dieses Schiedsgericht den Zweck haben, wo -möglich Streitigkeiten zu vermitteln, und erst nach geschehenem -Versuche den Zweikampf zulassen. — Es wurde dies zu weit ausgedehnt -gefunden und dafür vorgeschlagen, es solle auf jeder Hochschule -eine Behörde sein, welche, so viel möglich, unzulässige Zweikämpfe -verhindere; der muthwillige Beleidiger solle gezwungen werden, die -Beleidigung wenigstens zurückzunehmen, dem Beleidigten aber überlassen -bleiben, ob er noch weitere Genugthuung fordern wolle, oder nicht.</p> - -<p>9) Es wurde vorgeschlagen, daß der immerwährende Verruf und die Strafe -der Hetzpeitsche gänzlich aufgehoben werde.</p> - -<p>10) Folgte der Antrag, daß die Versammlung des Bundestages schon den -10. October 1818 beginnen möge, welcher allgemein angenommen wurde.</p> - -<p>11) Wurde der Beschluß gefaßt, daß an alle Hochschulen, wo Verbindungen -sind, theils Abschrif<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211"> 211 </a></span>ten des Protocolls und der 19 Puncte, theils der -Aufsatz über Wesen und Form der Burschenschaften nebst freundlicher -Aufforderung zur Einrichtung einer solchen übersandt werden solle. -In Betreff Gießens vereinte man sich dahin, daß man beide daselbst -bestehende Partheien zur Vereinigung auffordern und ihnen gleichfalls -das oben Genannte übersenden wolle.</p> - -<p>Es waren also zusammen Briefe zu senden nach Berlin, Breslau, Erlangen, -Freiburg, Gießen, Greifswalde, Göttingen, Landshut, Leipzig, Würzburg -und Tübingen. Für Heidelberg wurde bestimmt, daß die Burschenschaft den -Landsmannschaften daselbst oben erwähnte Schriften überreichen möchte.</p> - -<p class="right mright2 mbot2">F. d. U.</p> - -<hr class="r20" /> - -<div class="section"> - -<p class="s3 center mbot2"><em class="gesperrt"><b>Protocoll,</b></em><br /> - -<em class="gesperrt s6">gehalten am 3. April.</em></p> - -</div> - -<p>1) Wurde die Disposition der Schrift verlesen, welche an einige -Hochschulen gesandt werden sollte, um dort die Ansicht der Abgeordneten -vom Zweck und Form der Burschenschaften darzustellen. Sie wurde -gebilligt und zur weitern Ausarbeitung übergeben.</p> - -<p>2) Ein Brief vom Vorsteher H. aus Breslau wurde bekannt gemacht. H. -bemühte sich darin,<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212"> 212 </a></span> nähere Aufklärung über U.’s Sache zu geben. -Dieser Brief konnte aber als nicht von der Verbindung ausgehend nicht -als Ausspruch ihrer Meinung angesehen werden. Das Schreiben an die -Breslauer Burschenschaft wurde daher demnach nöthig gefunden, und -war dabei jetzt nur noch die erforderliche Rücksicht auf den Brief -von H. zu nehmen. U. suchte sich gegen die in dem Briefe enthaltenen -Beschuldigungen zu rechtfertigen und verlangte, daß H. zu näherer -Erklärung besonders über den ihm von demselben Schuld gegebenen Bruch -des Ehrenwortes veranlaßt werden möge. — Endlicher Beschluß in dieser -Sache war, es solle die Breslauer Burschenschaft nicht nur um ihre -Bestätigung und Widerlegung der in dem Briefe von S. enthaltenen -Klagepuncte ersucht, sondern sie noch ferner gebeten werden, abgesehn -von ihrer jetzigen Meinung, den ganzen Thatbestand auszumitteln, und -hieher mitzutheilen.</p> - -<p>3) Trugen die Hallischen Abgeordneten auf einen Beschluß der -Versammlung darüber an, ob die von mehreren Hochschulen für Halle -erkannte Strafe, daß die Zeit, wo kein eigentlicher Burschenbrauch -einer Verbindung daselbst bestanden habe, rücksichtlich des -Burschenalters der in Halle damals Studirenden nicht gerechnet werden -solle, jetzt durch<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213"> 213 </a></span> die über die dortigen Angelegenheiten gemachten -Bestimmungen aufgehoben sei, oder nicht. Die Versammlung beschloß -einstimmig Aufhebung jenes Ausspruches.</p> - -<p>4) Wurde beschlossen, daß wenn von irgend einem Gerichte wegen dieser -Versammlung eine Untersuchung verhängt werden sollte, erst dann, allein -wenn die Sache nicht mehr zu verheimlichen sei,<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> eingestanden werden -dürfe, es wären hier einige Burschen zusammengekommen, um auf einzelnen -Hochschulen bestehende Streitigkeiten gütlich zu vermitteln; wobei aber -weder die Namen der Abgeordneten anderer Hochschulen genannt, noch -überhaupt von einem geführten Protocolle geredet werden sollte, und -zwar dieß alles, weil es sich neuerdings vielfach bestätigt habe, wie -sehr manche Regierungen allen Verbindungen auf Hochschulen entgegen -wären.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214"> 214 </a></span></p> - -<p class="padtop2">Göthe, welcher damals seinen <em class="antiqua">procès monstre</em> mit dem Großherzog -von Weimar gehabt hatte, hielt sich in Jena auf. Ich konnte nicht umhin -dem großen Dichterfürsten aufzuwarten. Er wohnte jenseits der Saale -vor der Stadt, in der sogenannten Tanne, welche neben dem Geleitshause -liegt.</p> - -<p>»Wollen Sie den Staatsminister sprechen?« fragte mich den Eintretenden -ein kleiner altkluger Knabe, in dem breitesten Sächsischen Dialect, -welchen mein Ohr je vernommen hat. Ich nickte bejahend, indessen nicht -ohne einige unheimliche Empfindung, da mir der kleine Bursch von hinten -etwas zwergmäßig vorkam. Er mag auch wol nur ein Luftgebild aus Göthes -Hirn gewesen sein und überall keine Realität gehabt haben. Denn er war -in der That auf eine bewundrungswürdig schnelle Weise meinen Blicken -entschwunden. Verdutzt sahe ich mich auf der Diele umher, der Zwerg -wurde nicht wieder sichtbar. Ich kuckte in alle Ritzen und Spalten, -Alles war vergebens. Da hörte ich ein Geräusch, Trepp ab. Es nahte -ein Bedienter, der nach meinem Begehren und Namen fragte, und nach -erhaltener Antwort mich sodann bei Göthe anzumelden versprach. »Es -soll dem Herrn Geheimerath sehr angenehm sein,« berichtete er, und -ich folgte. — Ich habe mein ganz Leben hindurch in Gegenwart<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215"> 215 </a></span> großer -Menschen sehr lebendig das Gefühl gehabt, was Verrina »<em class="gesperrt">Respekt</em>« -nennt, eine Empfindung welche dem Geist wohlthut, wie der Frost der -Erde zur Winterszeit. Sie tödtet das Unkraut der Eitelkeit auf die -probateste Weise.</p> - -<p>Aber Göthe’s Antlitz zu sehen, — ich fühlte das meine schon im voraus -verbrannt, wie das der armen Fräulein Semele bei Jupiters Anblick. -— Und siehe! schon auf dem Corridor begegnete mir der große Mann. -Ich kreutzte meine Arme, verbeugte mich tief, blieb aber dann, ein -travestirter Paganini, noch lange auf der G Saite der Conversation, -indem ich nur sehr mühsam und stotternd, »mein Herr Ge- Ge- Ge- -heimerath« heraus brachte.</p> - -<p>Excellenz oder besser: »<em class="antiqua">Ecce Lenz</em>« wäre überhaupt passender -gewesen, denn der Angeredete schob an mir vorbei und sagte fast -mürrisch: »Ich bin nicht der Geheimerath.« —</p> - -<p>Ich hatte mich geirrt, es war der Mineraloge <em class="gesperrt">Lenz</em>.</p> - -<p>Der lächelnde Bediente öffnete eine Thür. Ich trat ein und sah Göthe am -Ende des Zimmers am Fenster stehend.</p> - -<p>Ich weiß nicht recht woher es kam, aber drei Vergleiche drängten sich -bei seinem Anblick solidarisch in meine Vorstellung. — Bald glaubte -ich den<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216"> 216 </a></span> Apoll von Belvedere, bald einen Pfau, bald die Ruinen des -Heidelberger Schlosses vor mir zu sehen. Das schöne Auge schien mir -etwas gebrochen. — Daher mag der letzte Vergleich der paßendste sein. -»Treten Sie an dieses Fenster,« commandirte fast der Dichter, »Sehen -Sie sich hier ringsumher. Wie gefällt ihnen die Gegend? Sie ist die -schönste, welche ich auf die Dauer gekannt habe.« —</p> - -<p>Ich stimmte bei, obgleich den Bergen wol eine grüne Grasatzel zu -wünschen gewesen wäre. Sie sind entsetzlich kahl. — Dann brachte ich -das Gespräch auf die See und erzählte, daß mein Vater zur Zeit meiner -Geburt die Stelle eines Landsvogts auf der dänischen Insel Föhr in der -Nordsee bekleidet habe. Ich schilderte den Anblick des Weltmeers, als -den erhabensten, den die Natur darbietet, und bediente mich, da Göthe -Beifall zu schmunzeln schien, wenn ich nicht irre, sogar mehrerer -poetischen Floskeln dabei. Ich wollte, nachdem ich den ersten Schock -der eingebildeten und wahren Bekanntschaft Göthe’s überwunden hatte, -ihm zu verstehen geben, daß ich auch ein Jünger der Musen sei und -wenigstens dadurch die Dreistigkeit meines Besuches entschuldigen. Aber -auf einmal thaten der Herr Geheimerath eine fatale Frage an mich. Sie -geruhten sich zu erkundigen, wie <em class="gesperrt">groß Föhr</em> sei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217"> 217 </a></span></p> - -<p>Obgleich Gaspari, als er 1804 in Wandsbeck lebte, trotz seiner -Menschenscheu mich als kleinen Knaben fortwährend auf den Arm -getragen hat, obgleich ich wohl weiß, daß Fabris Geographie mit -dem humoristischen Grundsatz: »Ohne Geographie ist der Mensch ein -Maulwurf,« beginnt, so muß ich doch gestehen, daß diese Wissenschaft -diejenige ist, die sich mir von jeher am fernsten gehalten hat.</p> - -<p>Ich sah den alten Herrn etwas verblüfft an, dann aber antwortete ich, -wie ein Geschworner ohne Rechtskenntniß in Rechtssachen, — in dieser -geographischen Klemme, nach meiner moralischen Überzeugung: »<em class="gesperrt">Eine -Quadratmeile.</em>«</p> - -<p>Göthe schien sich dabei erst nicht beruhigen und an einige Bücher auf -dem Repositorio appelliren zu wollen, was mich in der That verlegen -machte. — Das Gespräch tournirte sich indessen auf Heidelberg. Mit -Wärme schien der Dichter von dem bereits erwähnten Schelver zu reden. -Im Uebrigen sprach er ziemlich vornehm über die andern Professoren. Von -Thibaut sagte er: »Er ist ein guter Freund von« — verwandelte aber als -ob er schon zu viel gethan habe, das schon hervorquillende <em class="gesperrt">mir</em> -in uns; Jetzt schien mir Göthe der wieder auf die Insel Föhr zurück -kam, mit der Durchsicht einiger<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218"> 218 </a></span> geographischen Compendien doch Ernst -machen zu wollen. — Ich empfahl mich daher.</p> - -<p>Dieser Act schien Göthe am Meisten zu gefallen. Uebrigens mußte ich dem -alten Herrn zu meiner allergrößten Verwunderung versprechen ihn bald -wieder zu besuchen.</p> - -<p>Er verlangte das in einem durchaus herzlichen Tone, was ich mir -übrigens noch bis auf diese Stunde auf keine Art und Weise erklären -kann. —</p> - -<p>Indessen war es mir unter den Burschen eine große Satisfaction bei -Göthe gewesen zu sein. Man beneidete mich um diese Ehre wie Mädchen -sich einander um einen neuen Hut scheel ansehen.</p> - -<p>Zu dieser Zeit passirte Göthe auch eine, wenig bekannte, höchst -ergötzliche Anecdote.</p> - -<p>Eine Dame ließ sich bei ihm melden. Göthe, der den Besuch des schönen -Geschlechts nur sehr bedingt liebte, ließ seiner Bewunderin, aller -Bitten ungeachtet, drei Male die Audienz durch seinen Bedienten -verweigern. Allein die Dame wollte sich nicht abweisen lassen, folgte -dem Bedienten, dem sie noch eine Bestellung an seinen Herrn aufgetragen -hatte, in den Garten, wo sie Göthe erblickte, dem sie sogleich zu Füßen -stürzte, indem sie seine ergriffene Hand mit Küssen bedeckte.</p> - -<p>»Aber Madam! so stehen Sie doch auf,« rief<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219"> 219 </a></span> Göthe von dieser hündischen -Verzweiflung zwar geschmeichelt aber doch auch verwirrt.</p> - -<p>»Nein großer Dichter!« rief die in den Staub gesunkene Verehrerin. »Wie -glücklich bin ich, daß meine Augen Dich erblicken. Ich komme mir vor -wie die Glocke, wovon es in Deinem schönen Liede heißt:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Fest gemauert in der Erden</div> - <div class="verse">Steht die Form aus Lehm gebrannt.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Göthe hat noch oft in späten Jahren herzlich über diese seine -Verwechslung mit Schiller gelacht.</p> - -<p>Das Rednertalent, welches außer in England so wenig cultivirt wird, -wurde in Jena wenigstens oft in Uebung gesetzt. Wenn die Bruder -Studios rudelweise Abends durch die Gassen schlenderten und einen -ihrer Freunde noch in seinem erleuchteten Zimmer zu Hause fanden, so -wurde demselben gar häufig ein Vivat gebracht, dem das Verlangen einer -»<em class="gesperrt">Standrede</em>« folgte.</p> - -<p>Der Gefeierte mußte nun sein Fenster öffnen den Raum mit einigen -Lichtern erhellen und in der häufigen Ermanglung dieser, die -schwerfällige Studierlampe auf die Fensterbank postiren, dann aber -eine Rede halten, welche oft an die Neapolitanischen Improvisatoren -erinnerte. — Vorzüglich stark war in solchem aus dem Steggreifreden -der Meklenburger W. — Seinem Nachbar, einem Professor, waren vierzehn -Tage vorher die Fenster eingeworfen. Während er sich nun für die ihm -wiederfahrene Ehre auf das Allerwärmste bedankte, beklagte er seinen -gelehrten Nachbar, der nicht das Glück habe in einer so guten Meinung -bei den Herrn Studenten zu stehen wie er, und ermahnte die Herren -Akade<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220"> 220 </a></span>miker, sich künftig nie wieder solche Excesse gegen Professoren -zu Schulden kommen zu lassen. Die Art und Weise wie er abwechselnd den -lustigen Schalk, dann wieder den ehrenwerthen Philister sprechen ließ, -war in der That ungemein humoristisch.</p> - -<p>Die Collegien in Heidelberg fingen in wenigen Tagen wieder an. Mit -dem Bewußtsein meine Burschenpflicht erfüllt zu haben, trat ich meine -Rückreise über Erfurt und Göttingen an, wo ich in einer Nacht ein Paar -Studenten, welche im Rausch »Bursch heraus« gerufen hatten, dadurch der -Arrestation entriß und vor öffentlicher Relegation schützte, daß ich -(vielleicht die einzige Lüge meines Lebens) mich für den Sohn eines -Hannoverschen Ministers ausgab, und den nachgiebigen Pedellen meine -hohe Protection versprach.</p> - -<p>In Göttingen war ich verdammt, den Tod meines liebsten Jugendfreundes, -Christian Kirchhof aus Uetersen zu erfahren, welcher zu Charkow in -Südrußland, einige Tage vor seiner Rückkehr in die Heimath, nachdem er -als Hauslehrer sich bei einem Grafen <em class="gesperrt">d’Olonne</em> die erforderlichen -Studienkosten verdient hatte, durch ein Nervenfieber weggerafft war. -Sein Tod ergriff mich fürchterlich. Schlaflos und weinend langte ich -nach einigen Tagen wieder in Heidelberg an. — Christian hat das -Versprechen, mir nach dem Tode zu erscheinen, nicht gehalten.</p> - -<p class="s4 center mtop2"><em class="gesperrt">Ende des ersten Bändchens.</em></p> - -<hr class="full" /> - -<div class="footnotes"> - -<div class="chapter"> - -<p class="s2 center"><b>Fußnoten:</b></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Ich glaube man rief aus Deutschthümelei: »Johann« anstatt -»Jean!«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Es ist ein großes Wunder, daß mit dem Abspringen der -Rappierklinge nicht größeres Unheil angerichtet, als bisher geschehen -ist. — Die Fechtmeister, welche bei dem Debit derselben verdienen, -sind gewöhnlich eigennützig genug, das beste Präservativ dagegen nicht -anzurathen, welches darin besteht, daß man vor dem Fechten die Klingen -wärmt. Im Sommer zerspringt nicht der sechste Theil von denen, die im -Winter entzwei gehen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a></p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Wer nie sein Brod mit Thränen aß,</div> - <div class="verse">Der kennt euch nicht ihr himmlischen Mächte.«</div> - </div> - </div> -</div> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> »Als ich zuerst von dir gebeten wurde, das gefährliche -Geschäft einer Disputation mit Dir zu unternehmen, wollte ich mich -zuerst nicht auf den ungleichen Kampf einlassen, und hätte es gewißlich -nicht gewagt, wenn mich nicht Deine erprobte Freundschaft gegen mich -zu diesem Unternehmen angetrieben hätte. Du bist mein Freund mein -Landsmann, ich fürchte daher nichts. Aber reden muß ich vor bedeutenden -Männern, deren große und göttliche Gelehrsamkeit mir zeigt, wie kühn -ich bin. Vergebt daher gelehrte Männer! wenn ich Euren Ohren, die so -zart sind, hier bei Anhörung von übel klingenden lateinischen Phrasen, -Zwang anthue.«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> In Jena waren im Jahre 1818 nur zwei hübsche Mädchen, von -denen die Eine zu stark, die Andere zu mager war.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Es waren dies drei Studenten, welche den Feldzug -mitgemacht hatten, und mit dem Erinnerungszeichen daran geschmückt, -vor die Barriere traten, wo sie als ehrliche und wahrhafte Burschen -rehabilitirt wurden. Unser Präsident trug aber auch das eiserne Kreutz. -—</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Die Polen hatten diesen Schlesier durch schändliche -Mißhandlungen so erbittert, daß er nur den Namen »<em class="antiqua">furioso</em>« -trug. Er sprach immer nur von einem Polen vergleichend. »Ein Pole -oder ein Schurke« u. dgl. m. Bei einer solchen Phrase erhob sich dann -allemal der sanfte Deputirte L. und foderte eine Ehrenerklärung für -die Polinnen, da seine Mutter eine solche sei, welche <em class="antiqua">Furioso</em> -allemal wenn auch ungern ertheilte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Diese neunzehn Punkte sind leider nicht mehr in meinem -Besitz — Um das Sitzungsprotocoll in seiner ganzen Vollkommenheit zu -geben, habe ich die Verhandlungen über jene Puncte hier indessen nicht -auslassen zu dürfen geglaubt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> In der Heidelberger Burschenschaft war das Fuchswesen ganz -aufgehoben, der Student im ersten Halbjahre hatte gleiche Rechte mit -den älteren Burschen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Wie wenig Verstecktes wie so gar nichts Revolutionäres -lag damals in den Deutschen Burschenschaften! Wie hätte sich der junge -Deutsche Pegasus zügeln und reiten lassen, wenn einige unvorsichtige -Stallknechte ihn nicht durch Verketzerungen zu hartmaulig gemacht -hätten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Ein löblicher Vorschlag, nicht wahr?</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Das war freilich ein sehr einfältiger Beschluß, gegen den -ich vor allen Dingen protestirte. Ich rief stets, »wir haben ja nichts -zu verheimlichen, laßt uns die Protocolle sogleich allen Regierungen -vorlegen. Ein Geheimniß für 100 ist ohnehin ein Unsinn.« Allein ich -wurde nicht gehört und ich bedauere es nur, daß meine Protestation -damals nicht mit zu Protocoll genommen ist. Ich könnte indessen den -Beweis durch Zeugen führen, wenn dies überall der Mühe werth wäre.</p></div> - -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Humoristische Erinnerungen aus meinem -academischen Leben in Heidelberg und , by Theodor von Kobbe - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN *** - -***** This file should be named 53060-h.htm or 53060-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/0/6/53060/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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