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-The Project Gutenberg EBook of Der Weltverkehr, by Michael Geistbeck
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Der Weltverkehr
-
-Author: Michael Geistbeck
-
-Release Date: September 12, 2016 [EBook #53037]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WELTVERKEHR ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
-
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- ####################################################################
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- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1887 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
- und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
- korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden
- beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich
- waren oder im Text mehrfach auftreten.
-
- In der vorliegenden Textversion wurden die im Original besonders
- breiten Tabellen aufgeteilt und diese Teile untereinander
- dargestellt. Einige Kopfzeilen und -spalten wurden als Legenden
- vor bzw. nach der betreffenden Tabelle angefügt. Die Angaben
- in den Kopfzeilen bzw. -spalten wurden teilweise durch Symbole
- dargestellt, welche wiederum mit Hilfe Legenden über bzw. unter
- der betreffenden Tabelle erklärt werden. In manchen Fällen wurden
- dagegen Tabellen der besseren Lesbarkeit halber zusammengesetzt;
- die hierdurch nicht mehr benötigten Zeilen für Überträge wurden
- entfernt.
-
- Einige Abbildungen wurden dem Textfluss entsprechend verschoben;
- zugehörige Seitenangaben wurden sinngemäß angepasst.
-
- Einige Berechnungen sind fehlerhaft, dennoch wurden alle
- Zahlenwerte ohne Korrektur übernommen, insbesondere weil die
- Fehlerquelle meist nicht ermittelt werden kann. Eine Ausnahme
- hierbei bilden rein typographische Fehler, z.B. einzelne nicht
- gedruckte Ziffern. In diesen Fällen wurden die entsprechenden
- Zahlenwerte stillschweigend ergänzt.
-
- Steigungen von Schienenwegen wurden im Original teilweise
- irrtümlich in Prozent anstatt in Promille angegeben. In dieser
- Bearbeitung wurden die korrigierten Angaben in Promille verwendet,
- um die Größenordnung der Zahlenwerte zu wahren.
-
- Namen wurden meist gesperrt gedruckt; diese Regel wurde im Original
- allerdings nicht konsequent angewandt. In der vorliegenden
- Bearbeitung wurden diesbezüglich keinerlei Änderungen vorgenommen.
- Ähnliches gilt für die Verwendung von Antiquaschrift.
-
- Für die von der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden
- die folgenden Sonderzeichen verwendet:
-
- kursiv: _Unterstriche_
- fett: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- +Der Weltverkehr.+
-
- Von
-
- ~Dr.~ Michael Geistbeck.
-
-
-
-
- [Illustration: Illustrierte Bibliothek der Länder- u. Völkerkunde
-
- Herder’sche Verlagshandlung Freiburg im Breisgau]
-
- [Illustration: Der Ballon „~Le Géant~“,
-
- aufgestiegen am 4. Okt. 1864. (Siehe S. 110.)]
-
-
-
-
- Der Weltverkehr.
-
- Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt
-
- +in ihrer Entwickelung dargestellt+
-
- von
-
- ~Dr.~ =Michael Geistbeck=.
-
-
- +Mit 123 Abbildungen und 33 Karten.+
-
-
- =Freiburg im Breisgau.=
-
- +Herdersche Verlagshandlung.+
-
- 1887.
-
- Zweigniederlassungen in Straßburg, München und St. Louis, Mo.
- Wien I, Wollzeile 33: B. Herder, Verlag.
-
-
-
-
- Das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen wird vorbehalten.
-
-
- ~Entered according to Act of Congress, in the year 1887, by _Joseph
- Gummersbach_ of the firm of =B. Herder=, St. Louis, Mo., in the
- office of the Librarian of Congress at Washington, D. C.~
-
-
- Buchdruckerei der +Herder+schen Verlagshandlung in Freiburg.
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Ein Gegenstand, der ohne Zweifel das Interesse der weitesten Kreise
-beanspruchen darf, sind die modernen Verkehrsmittel. Gleichwohl fehlt
-es bis zur Stunde an einem Werke, das +in nicht allzu großem Umfange
-und in gemeinverständlicher Darstellung dieselben in ihrer Gesamtheit
-und nach dem neuesten Stand ihrer Entwicklung+ behandelte. Diesem
-Mangel, den ich auch in meiner Stellung als Lehrer der Erdkunde an
-einer Lehrerbildungsanstalt und einer höhern landwirtschaftlichen
-Schule oftmals schmerzlich empfunden, abzuhelfen, habe ich die
-vorliegende Arbeit verfaßt. Daß ich hierfür fast nur das beste und
-zuverlässigste Material zu Rate gezogen und verwertet, wird mir jeder
-Kenner der bezüglichen Litteratur gerne zugestehen. Im übrigen war ich
-eifrigst bedacht auf geeignete Stoffauswahl, möglichst übersichtliche
-Gliederung und Gruppierung des Ganzen.
-
-Zu tiefstem Danke bin ich der Königl. Generaldirektion der bayerischen
-Verkehrsanstalten verpflichtet, die mir mit größter Bereitwilligkeit
-die Benutzung ihrer reichhaltigen Bibliothek gestattete; auch
-den beiden Verwaltern derselben, Herrn Postdirektionssekretär M.
-+Schormaier+ und Herrn Betriebsingenieur +Lutz+, sei hier für
-ihr überaus liebenswürdiges Entgegenkommen der herzlichste Dank
-ausgesprochen.
-
-Desgleichen haben mich bei Abfassung des vierten Teiles dieses Werkes
-die Gesellschaften +Lloyd’s+ und +Lloyd’s of British and Foreign
-Shipping+ in London durch ihre Sekretäre, die Herren +Henry M.
-Hozier+ und +Bernard Waymouth+, +Esqu.+, in der freundlichsten Weise
-unterstützt; ich bin ihnen hierfür aufs tiefste verbunden.
-
-Auch verschiedene Dampfschiffahrts-Gesellschaften, so der Norddeutsche
-Lloyd und der Österreichisch-Ungarische Lloyd, die Compagnie générale
-transatlantique, die Navigazione generale italiana u. a., haben mir in
-der zuvorkommendsten Weise die erbetenen Aufschlüsse erteilt.
-
-Zu den statistischen Angaben über das Telegraphen- und Fernsprechwesen
-sei noch bemerkt, daß die diesbezüglichen +neuesten+ Daten sich im
-Nachtrag des Buches finden, da sie mir erst jetzt zugänglich wurden.
-
-Möge das Buch in Schule und Haus, in Bureau und Comptoir freundliche
-Aufnahme finden!
-
-+Freising+, im Oktober 1886.
-
- =Der Verfasser.=
-
-
-
-
-Inhalts-Verzeichnis.
-
-
- Erster Teil: =+Telegraphie+=.
-
- Seite
-
- =Erstes Kapitel.=
- Geschichte der Telegraphie 1
-
-
- =Zweites Kapitel.=
- Telegraphenleitungen:
-
- ~A.~ Oberirdische Leitungen 9
-
- ~B.~ Versenkte Leitungen:
-
- 1. Unterirdische Leitungen 14
-
- 2. Unterseeische Leitungen 19
-
-
- =Drittes Kapitel.=
- Übersicht über die wichtigsten Telegraphenlinien
- der Erde 29
-
- ~A.~ Die großen Kontinentallinien 29
-
- ~B.~ Die wichtigsten unterseeischen
- Verbindungen 30
-
- ~C.~ Weltlinien 32
-
-
- =Viertes Kapitel.=
- Leitungsstörungen 33
-
-
- =Fünftes Kapitel.=
-
- Der Telegraph als Verkehrsmittel 41
-
-
- =Sechstes Kapitel.=
-
- Statistik des Telegraphenwesens 45
-
-
- Anhang.
- Das Fernsprechwesen 54
-
-
-
-
- Zweiter Teil: =+Weltpost+=.
-
-
- =Erstes Kapitel.=
- Geschichte des Postwesens:
-
- I. Altertum 59
-
- II. Mittelalter 70
-
- III. Neuzeit 79
-
- IV. Neueste Zeit 89
-
-
- =Zweites Kapitel.=
- Die Mittel des Postverkehrs:
-
- 1. Fußboten 94
-
- 2. Reiter 98
-
- 3. Wagen 100
-
- 4. Eisenbahnen 101
-
- 5. Schiffe 102
-
- 6. Rohrpost 103
-
- 7. Tauben 105
-
- 8. Luftschiffe 108
-
-
- =Drittes Kapitel.=
- Poststatistik:
-
- I. Briefpostverkehr 117
-
- II. Geldverkehr der Post 125
-
- III. Postpaketverkehr 132
-
- IV. Personenbeförderung 136
-
- V. Feldpost 137
-
- VI. Postanstalten 137
-
- VII. Außergewöhnliche Leistungen
- der Postanstalten 139
-
-
- =Viertes Kapitel.=
- Hindernisse des Postverkehrs 141
-
-
- =Fünftes Kapitel.=
- Geschichte des Briefes, der Freimarke,
- der Postkarte und der Zeitungen 146
-
-
- Anhang.
- Die finanziellen Ergebnisse des Postbetriebes 163
-
-
-
-
- Dritter Teil: =+Eisenbahnen+=.
-
-
- =Erstes Kapitel.=
- Geschichte der Eisenbahnen 164
-
-
- =Zweites Kapitel.=
- Geographie der Eisenbahnen:
-
- ~A.~ Die Eisenbahnen Europas 174
-
- I. Übersicht über die europäischen Bahnen 174
-
- II. Die Gebirgsbahnen Europas 186
-
- III.~Projektierte Bahnen 205
-
- ~B.~ Die Eisenbahnen Asiens 211
-
- I. In Betrieb befindl. Bahnen 211
-
- II. Projektierte Bahnen 213
-
- ~C.~ Die Eisenbahnen Afrikas 218
-
- I. In Betrieb befindl. Bahnen 219
-
- II. Projektierte Bahnen 220
-
- ~D.~ Die Eisenbahnen Amerikas 221
-
- I. Die Eisenbahnen Nordamerikas 222
-
- II. Die Eisenbahnen Mejicos, Mittelamerikas und
- Westindiens 232
-
- III. Die Eisenbahnen Südamerikas 234
-
- ~a.~ In Betrieb befindliche Bahnen 234
-
- ~b.~ Projektierte Bahnen 240
-
- ~E.~ Die Eisenbahnen Australiens 241
-
- I. In Betrieb befindl. Bahnen 241
-
- II. Projektierte Bahnen 243
-
-
- Anhang.
-
- 1. Die Stadtbahnen 244
-
- 2. Die elektrischen Eisenbahnen 253
-
-
- =Drittes Kapitel.=
- Statistik des Eisenbahnwesens. 256
-
- =Viertes Kapitel.=
- Die Eisenbahnsysteme der Hauptkulturvölker 270
-
-
-
-
- Vierter Teil: =+Schiffahrt+=.
-
-
- =Erstes Kapitel.=
- Die Anfänge der Schiffahrt 291
-
-
- =Zweites Kapitel.=
- Die Schiffahrt der Kulturvölker:
-
- 1. Die Schiffahrt der Alten 297
-
- 2. Die Schiffahrt des Mittelalters 301
-
- 3. Die Schiffahrt der Neuzeit 304
-
-
- =Drittes Kapitel.=
- Geschichte der Dampfschiffahrt 307
-
-
- =Viertes Kapitel.=
- Fortschritte d. Nautik in neuester Zeit:
-
- I. Oceanographie 314
-
- II. Meteorologie 325
-
- III. Seemännische Instrumente 331
-
- IV. Seekarten 342
-
- V. Hydrographische Institute 344
-
- VI. Schiffsbau 355
-
- VII. Seebauten und Hafenanlagen 366
-
- 1. Interoceanische Kanäle 366
-
- ~a.~ Ausgebaute Kanäle 366
-
- ~b.~ In Bau befindl. Kanäle 376
-
- ~c.~ Projektierte Kanäle 385
-
- 2. Hafenanlagen 389
-
-
- =Fünftes Kapitel.=
- Gefahren der Schiffahrt 397
-
-
- =Sechstes Kapitel.=
- Mittel zur Sicherung des Seeverkehrs 403
-
-
- =Siebentes Kapitel.=
- Das Rettungswesen 411
-
-
- =Achtes Kapitel.=
- Die bedeutendsten Dampfschiffahrtsgesellschaften der Erde 417
-
-
- =Neuntes Kapitel.=
- Übersicht über die hauptsächlichsten überseeischen
- Dampfschiffverbindungen Europas 431
-
-
- =Zehntes Kapitel.=
- Die Dampfschiffahrt im Dienste der Weltpost 444
-
-
- =Elftes Kapitel.=
- Schiffahrtsstatistik 449
-
-
- =Schlußkapitel.=
- Wirkungen moderner Verkehrsmittel 461
-
- =Nachtrag= 481
-
- =Register= 485
-
-
-
-
-Verzeichnis der Illustrationen und Karten.
-
-Titelbild: Der Ballon „~Le Géant~“.
-
- Figur Seite
-
- 1. Telegraph von Claude Chappe 2
-
- 2. Optische preußische Telegraphenstation 3
-
- 3. Karl Fr. Gauß 4
-
- 4. Wilhelm Weber 4
-
- 5. Karl Aug. Steinheil 5
-
- 6. Samuel F. B. Morse 5
-
- 7. Das Morse-Alphabet 7
-
- 8. Deutsches siebenadriges Erdkabel 17
-
- 9. Zweites transatlantisches Kabel von 1865 24
-
- 10. Malta-Alexandria-Kabel 24
-
- 11. Die unterseeischen Verbindungen zwischen Europa
- und Nordamerika 30
-
- 12. ~Teredo norvegica~ 38
-
- 13. ~Limnoria lignorum~ 38
-
- 14. =Der internationale Telegraphenverein= (Tonbild) 44
-
- 15. Philipp Reis 54
-
- 16. Hemerodrom 62
-
- 17. Die Staatspost unter den römischen Kaisern 64
-
- 18. Gipsabguß eines Denksteins mit der Darstellung einer Rheda 69
-
- 19. Postbotenfigur aus dem 14. Jahrhundert 71
-
- 20. Briefbote mit dem deutschen Reichsadler aus dem 15.
- Jahrhundert 72
-
- 21. Nürnberger Postbote aus dem 18. Jahrhundert 72
-
- 22. Breslauer Postbote aus dem 16. Jahrhundert 73
-
- 23. Die Landkutschen und Haudererwagen im 15. und 16.
- Jahrhundert 79
-
- 24. Preußischer Personenpostwagen ohne Verdeck aus der ersten
- Hälfte des 18. Jahrhunderts 87
-
- 25. Dänischer Kugelpostwagen aus der ersten Hälfte des 19.
- Jahrhunderts 88
-
- 26. Englische Mail Coach am Schlusse des 18. Jahrhunderts 88
-
- 27. Staatssekretär ~Dr.~ von Stephan 91
-
- 28. =Der Weltpostverein= (Tonbild) 94
-
- 29. Japanesische Landpostbeförderung 95
-
- 30. Chinesischer Depeschenträger 95
-
- 31. Marokkanischer Postbote 96
-
- 32. Französischer Landbriefträger 97
-
- 33. Siamesischer Kurier 98
-
- 34. Kamelpostreiter 100
-
- 35. Russische Schlittenpost 101
-
- 36. Chinesisches Postboot 103
-
- 37. Die Gebrüder Montgolfier 109
-
- 38. Ballon des Marquis d’Arlandes 111
-
- 39. Luftschiff Blanchards 112
-
- 40. Henri Giffards lenkbarer Luftballon mit zweiflügeliger
- Schiffsschraube und Dampfmaschine
- 115
-
- 41. Luftschiffahrten von Renard und Krebs 116
-
- 42. ~Luftballon, getrieben durch den elektrischen Strom~
- (Tonbild) 116
-
- 43. Das Centralpostgebäude in Berlin 138
-
- 44. Das Postamt auf der Booby-Insel 139
-
- 45. Quipu (Knotenschrift) 148
-
- 46. Palmblattbrief 150
-
- 47. Der Dampfwagen Cugnots 167
-
- 48. Dampfwagen, konstruiert von Trevithick 168
-
- 49. Georg Stephenson 169
-
- 50. Eröffnung der Stockton-Darlington-Eisenbahn 171
-
- 51. Stephensons „Rocket“ 172
-
- 52. Verbindungen mit dem Kontinent 175
-
- 53. Die von Berlin auslaufenden Bahnen 177
-
- 54. Die von Wien auslaufenden Bahnen 178
-
- 55. Die wichtigsten Bahnen Italiens 182
-
- 56. Die Bahnen der Balkanhalbinsel 183
-
- 57. Die wichtigsten Bahnen Rußlands 185
-
- 58. Alpen-Querbahnen 187
-
- 59. Weinzettelwand 187
-
- 60. Viadukt über die „Kalte Rinne“ 188
-
- 61. Wassertunnel bei Gossensaß 189
-
- 62. Österreichische Alpenbahnen 190
-
- 63. Louis Favre 193
-
- 64. Die Zugangslinien des Gotthardtunnels 194
-
- 65. Gotthard-Bohrmaschine 195
-
- 66. Brücke über die Maderanerschlucht bei Amsteg 196
-
- 67. Trisanna-Viadukt 199
-
- 68. Gießbachbahn 201
-
- 69. Vesuvbahn 202
-
- 70. Lokomotive und Waggon der Bahn Vitznau-Rigi 203
-
- 71. Schnurtobelbrücke 204
-
- 72. =Die Hauptbahnlinien Europas= (Tonbild) 205
-
- 73. Thomé de Gamond 207
-
- 74. Die projektierten Tunnellinien zwischen Frankreich und
- England 209
-
- 75. Felspartie an der Kandy-Bahn 212
-
- 76. Die Bahnen Asiens 214
-
- 77. =Die Pacific-Bahnen Nordamerikas= (Tonbild) 222
-
- 78. Dale-Creek-Viadukt 226
-
- 79. Eisenbahnkarte von Panama 234
-
- 80. Station an der Eisenbahn von Panama 235
-
- 81. Eisenbahn auf der Panama-Landenge 236
-
- 82. Tunnel zwischen S. Mateo und Anchi 237
-
- 83. Kurven der Bahn beim Überschreiten des Rimac 238
-
- 84. Brücke über ~los infernillos~ 239
-
- 85. =Eisenbahn in den Cordilleren= (Tonbild) 239
-
- 86. Die Geleis-Verknotungen der Londoner Stadtbahnen bei
- der Clapham Junction 245
-
- 87. Front der Pancras-Station in London 246
-
- 88. Unterirdische Eisenbahn Londons nebst den wichtigsten
- Bahnstationen der Stadt 247
-
- 89. Der Bahnhof von Baker Street 248
-
- 90. Die Pfeiler-Eisenbahn in New-York 249
-
- 91. Übersicht der Berliner Stadt- und Ringbahn 251
-
- 92. Übergang am Bahnhof „Friedrichstraße“ in Berlin 252
-
- 93. Elektrische Eisenbahn bei Charlottenburg 254
-
- 94. Speisesaal im Orient-Expreßzug 267
-
- 95. Die New-York-Brooklyner Hängebrücke 276
-
- 96. Wege über die East-River-Brücke 277
-
- 97. Amerikanische Lokomotive der Neuzeit 281
-
- 98. Äußeres eines Pullmanschen Schlafwaggons 284
-
- 99. Inneres eines Pullmanschen Palastwaggons 285
-
- 100. Schmalspurige Eisenbahn im Arkansas Cañon 289
-
- 101. Rindenkahn der Australier 292
-
- 102. Eskimo im Kajak 293
-
- 103. Doppelpirogue der Fidschi-Insulaner 295
-
- 104. Altes Nilboot 298
-
- 105. Querschnitt einer griechischen Quinquereme 299
-
- 106. Griechische Pentereme 300
-
- 107. Staatsschiff des Hiero von Syrakus 301
-
- 108. Drache 302
-
- 109. Venetianische Galeere 302
-
- 110. Schiff des Kolumbus 303
-
- 111. Robert Fulton 309
-
- 112. Älterer transatlantischer Raddampfer 312
-
- 113. Skizze zur Darstellung der Schraube und des Steuers 313
-
- 114. Verteilung der Land- und Wassermassen 315
-
- 115. Schlick oder Tiefseeschlamm 317
-
- 116. Die Bewegung der Wellen 318
-
- 117. Darstellung von Ebbe und Flut 319
-
- 118. Isorachien 321
-
- 119. Meeresströmungen 322
-
- 120. Beispiel von Felsauswaschungen 324
-
- 121. Cyklonale Bewegung um ein Luftdruckminimum und
- Anticyklonale Bewegung um ein Luftdruckmaximum 326
-
- 122. Windverteilung auf der Erde 328
-
- 123. Wechsel in der Windrichtung bei einem Cyklon 330
-
- 124. Sturmbahnen der tropischen Cyklone 331
-
- 125. Schiffskompaß in Cardanischer Aufhängung 332
-
- 126. Brookes Apparat zum Messen großer Meerestiefen 337
-
- 127. Schleppnetz 338
-
- 128. Taucher bei der Arbeit 339
-
- 129. Das Log 340
-
- 130. Zeitballsäule 341
-
- 131. Wetterkärtchen 349
-
- 132. Wetter-Signal-Apparat 351
-
- 133. Sturmsignale 352
-
- 134. Dienstgebäude der deutschen Seewarte 354
-
- 135. Schnelldampfer „Ems“ 361
-
- 136. =Dampfer „Elbe“= (Tonbild) 365
-
- 137. Ferdinand von Lesseps 367
-
- 138. Der Suezkanal 370
-
- 139. Der Panamakanal 378
-
- 140. Der Nordostseekanal 382
-
- 141. Die Tilbury-Docks 393
-
- 142. Schwimmdock bei Steinwärder 394
-
- 143. Eddystone 405
-
- 144. Leuchtschiff mit Bake 407
-
- 145. Rettungsboot mit Transportwagen 413
-
- 146. Raketenapparat 413
-
- 147. Rettungsleine mit Hosenboje 414
-
- 148. Korkjacke und Korkring 415
-
- 149. =Linien zwischen Europa und Asien= (Tonbild) 431
-
- 150. Linien zwischen Europa und Afrika 434
-
- 151. Linien zwischen Europa und Australien 435
-
- 152. Linien zwischen Europa und Nordamerika 436
-
- 153. Linien zwischen Europa und Südamerika 438
-
- 154. =Linien zwischen Europa einerseits und Mittelamerika
- und Westindien andererseits= (Tonbild) 439
-
-+Lithographierte Karte+: =Die wichtigsten Telegraphenverbindungen der
-Erde= (zu S. 33).
-
-
-
-
- +Der Weltverkehr.+
-
-
-
-
-I.
-
-Telegraphie.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Geschichte der Telegraphie[1].
-
-
-Schon in den ältesten Zeiten fühlte man das Bedürfnis, wichtige
-Nachrichten möglichst schnell nach entfernten Orten zu befördern.
-Diesem Zwecke dienten zunächst +optische+ Signale, wie +Feuer+,
-+Fackeln+, +Rauchsäulen+ u. s. w. So soll die schnellste Nachricht
-vom Falle Trojas durch Feuerzeichen (Fanale) nach Griechenland
-gelangt sein. Apulejus erzählt von den Persern, daß sie ausgestellte
-Posten hatten, welche durch Fackeln die Signale bis zur Residenz des
-Königs vermittelten. Nach Herodot meldete der persische Feldherr
-Mardonius dem noch in Sardes befindlichen Könige die Nachricht von
-der Besetzung des verlassenen Athen durch Feuerzeichen. So heißt es
-auch bei Thucydides: „Gegen die Nacht wurden die Peloponnesier durch
-Feuerzeichen benachrichtigt, daß 60 athenische Schiffe von Leukas im
-Anzuge seien.“ Von den desfallsigen Kommunikationen der Macedonier
-erwähnt Curtius: ~Observabatur ignis noctu, fumus interdiu~ (nachts
-wurde Feuer, bei Tage Rauch wahrgenommen), und Cäsar ließ seinen
-bedrängten Legaten durch weithin sichtbaren Rauch den Anmarsch der
-zur Hilfe anrückenden Legionen verkünden. Aus dem Periplus des Hanno
-ersehen wir an mehreren Stellen, daß auch bei den afrikanischen
-Völkern ein ähnlicher Gebrauch bestand. Ebenso besaß China in früherer
-Zeit eine Art optischer Telegraphie mittels Feuerzeichen. -- Für
-die Kommunikation der Seeschiffe wurden bei Tage +Flaggensignale+
-verwendet. In der Seeschlacht bei Cyzicus machten z. B. auf ein
-Flaggensignal des Admirals (Alcibiades) sämtliche Dreiruder ein
-plötzliches und entscheidendes Manöver; ebenso in der Schlacht bei
-Mytilenä auf ein vom Admiral (Konon) mit der purpurnen Flagge gegebenes
-Zeichen. -- Im Mittelalter wurde von optischen Telegraphensignalen
-(Flaggen, Raketen) wenig Gebrauch gemacht. An eine sichere und
-ausgedehnte Anwendung des Lichtes war in früheren Zeiten überhaupt
-nicht zu denken, da man selbst auf kurze Entfernungen zur Übermittlung
-von Nachrichten zu viel Zwischenstellen nötig hatte, wodurch die
-getreue Wiedergabe einer Nachricht erheblich beeinträchtigt wurde. An
-eine größere Verwendung des Lichtes konnte erst nach Erfindung des
-Fernrohrs (um das Jahr 1600) gedacht werden, weil es dadurch ermöglicht
-wurde, auch kleine Lichtquellen auf bedeutende Entfernungen dem Auge
-noch wahrnehmbar zu machen. Die Folge dieser Erfindung war, daß man
-außer mit dem Lichte auch mit beweglichen hölzernen Armen, die auf
-erhöhten Punkten standen und durch einen Mechanismus bewegt werden
-konnten, optische Signale zu geben im stande war. +Robert Hooke+,
-ein englischer Mathematiker, machte 1684 einen derartigen Vorschlag;
-derselbe kam jedoch, wie mehrere andere aus derselben Zeit, nicht zur
-dauernden praktischen Verwendung; erst dem französischen Ingenieur
-+Claude Chappe+ (1792) gelang es nach mehrjährigen, von seinen Brüdern
-unterstützten Versuchen, brauchbare optische Telegraphen herzustellen.
-Das Wesen derselben bestand darin, daß drei Balken an einem weithin
-sichtbaren Orte an ein Gestelle derartig befestigt waren, daß sie, in
-vielfachen Kombinationen zusammengestellt, eine große Zahl bestimmter
-Zeichen geben konnten. Die Beobachtung und Nachbildung eines Zeichens
-erforderte unter günstigen Umständen 20 Sekunden. Von Toulon nach Paris
-(etwa 800 km) brauchte ein Zeichen 20 Minuten. Die erste derartige
-Linie wurde 1794 zwischen Paris und Lille vollendet. Nach und nach aber
-wurden in Frankreich Linien von 5000 km Länge hergestellt, die sämtlich
-in Paris zusammenliefen. Andere Länder folgten bald mit ähnlichen
-Einrichtungen, so England, Schweden, Dänemark, Preußen u. s. w. Die
-bedeutendste derartige Telegraphenlinie in Deutschland war die von
-Berlin nach Köln.
-
-[Illustration: Fig. 1.
-
-Telegraph von Claude Chappe.
-
-(Nach ~Ternant, Les télégr.~)]
-
-So weite Verbreitung diese Art optischer Telegraphie auch gefunden, so
-hatte sie doch bedeutende Nachteile. Nicht nur, daß die Apparate die
-Zeichen nur verhältnismäßig langsam beförderten, bei Nacht und Nebel,
-Regen und Schnee war die Vermittlung von Nachrichten oft ganz unmöglich.
-
-Die Tage der „Holztelegraphie“ währten indes nicht zu lange. „Als zu
-Anfang der vierziger Jahre die elektrische Telegraphie[2] aus dem
-Zustand der Versuche heraustrat und die ersten Anwendungen derselben
-erkennen ließen, daß mit ihr ein mächtiger Hebel für den Verkehr
-gewonnen war, da verschwanden alsbald die ungefügen Holzmassen; an ihre
-Stelle traten schlanke Stangen mit dünnen Metalldrähten, und in den
-neu eingerichteten Stationen verkündete das Ticken des Morse-Apparats,
-daß der Zeiger der Weltenuhr wieder um ein Stück vorzurücken sich
-anschickte.“
-
-[Illustration: Fig. 2. Optische preußische Telegraphenstation.]
-
-Die ersten Versuche mit elektrischen Apparaten fallen in das Jahr
-1746. Man bediente sich hierbei, da weder die sogenannte Berührungs-
-und noch viel weniger die Induktionselektricität entdeckt waren,
-der +Reibungs-Elektricität+. Die bekanntesten Experimente dieser
-Art sind jene des +Lesage+ in Genf (1774). Für die Telegraphie im
-großen ist jedoch die Reibungselektricität, selbst bei Verminderung
-der erforderlichen großen Anzahl von Drähten -- Lesage hatte deren
-24-27 nötig -- nicht brauchbar, da dieselbe zu unbeständig, von dem
-Feuchtigkeitsgehalt der Luft abhängig und schwer zu isolieren ist.
-
-[Illustration: Fig. 3. Karl Fr. Gauß.]
-
-Einen Schritt weiter ging die Telegraphie mit der Entdeckung des
-+Galvanismus+ (1789), der +Voltaschen Säule+ und ihrer Wirkungen. 1809
-bereits stellte +Samuel Thomas von Soemmerring+ in München (geb. 1755
-in Thorn, gest. 1830) einen Telegraphen her, der mittels der Zersetzung
-des Wassers durch den galvanischen Strom Zeichen gab. Eine allgemeine
-Anwendung dieses Telegraphen mußte indes schon an den hohen Kosten
-der Apparate scheitern, ganz abgesehen von manchen anderen Mängeln
-derselben.
-
-[Illustration: Fig. 4. Wilhelm Weber.]
-
-Ein neuer praktischer Weg zur Konstruktion elektrischer Telegraphen
-wurde durch die Entdeckung des +Elektromagnetismus+ seitens des
-dänischen Professors +Hans Christian Oersted+ (geb. 1777, gest.
-1851) eröffnet. Derselbe machte nämlich zu Ende des Jahres 1819 die
-Wahrnehmung, daß eine Magnetnadel, in deren Nähe ein elektrischer Strom
-vorbeigeht, je nach der Richtung des Stromes nach der einen oder andern
-Seite hin abgelenkt werde. Dadurch war nun die Möglichkeit gegeben,
-die Buchstaben und Zahlen des Alphabets durch eine gewisse Anzahl
-von Rechts- und Links-Ablenkungen der Nadel auszudrücken. Oersted
-ist demnach als der intellektuelle Urheber der Nadeltelegraphen zu
-betrachten.
-
-[Illustration: Fig. 5. Karl Aug. Steinheil.]
-
-[Illustration: Fig. 6. Samuel F. B. Morse.]
-
-An der Verbesserung des so gefundenen Telegraphenapparates arbeiteten
-die Physiker +Ampère+, +Ritchie+, +Fechner+ und namentlich auch
-der mit +Soemmerring+ nahe befreundete, aus deutscher Familie
-stammende russische Staatsrat Baron +Schilling von Kannstadt+
-(geb. 1786 zu Reval, gest. 1837). Die +erste größere+ Anlage eines
-elektromagnetischen Telegraphen mit vereinfachtem Nadelapparate
-errichteten 1833 die beiden Professoren +K. Fr. Gauß+ (geb. 1777,
-gest. 1855) und +Wilhelm Weber+ (geb. 1804) zwischen der Sternwarte
-und dem physikalischen Kabinett in Göttingen; sie können hiernach als
-die Erfinder der elektromagnetischen Telegraphen angesehen werden.
-Von ihnen aufgefordert, unternahm es Professor +Steinheil+ in München
-(geb. 1801 zu Rappoltsweiler im Elsaß, gest. 1870), die Apparate zu
-vereinfachen und zu einer möglichst sichern und leichten Zeichensprache
-einzurichten. Durch seinen erfinderischen Geist und seine große
-Geschicklichkeit in technischen Ausführungen ist es ihm denn nicht
-bloß gelungen, dem +Gauß+schen Apparate die höchste Vollendung zu
-geben: durch seine in großem Maßstabe angestellten Versuche, sowie
-durch eine Reihe wichtiger Beobachtungen und praktischer Vorschläge ist
-er auch der Gründer des gegenwärtigen Systems der elektromagnetischen
-Telegraphie geworden. So erzielte es Steinheil 1836, den
-+Nadeltelegraphen+ in einen +elektromagnetischen Schreibtelegraphen+
-umzugestalten. 1837 baute er im Auftrage des Königs von Bayern die
-größte der bis dahin bestandenen Linien, die Leitung von der Akademie
-in München nach der 5400 m entfernten Sternwarte Bogenhausen, und 1838
-entdeckte er die +Erdleitung+. Die letztere Entdeckung namentlich,
-+die Erde als Rückleitung für den galvanischen Strom verwenden zu
-können+, gehört zu den glänzendsten Errungenschaften auf dem Gebiete
-der elektrischen Telegraphie; denn dadurch, daß durch den Fortfall
-der Rückleitung die Hälfte der Drahtleitung, d. i. mindestens ⅓ der
-Anlagekosten, erspart wird, hat dieselbe am meisten zu deren Einführung
-in die Praxis beigetragen.
-
-In derselben Zeit wurde auch in England von +Wheatstone+ und +Cooke+
-eifrigst an der Herstellung elektrischer Telegraphen gearbeitet,
-jedoch waren die bezüglichen Konstruktionen gegenüber jenen in
-Deutschland gebräuchlichen, wo die Telegraphie durch +Gauß+, +Weber+
-und +Steinheil+ bereits einen so hohen Grad der Einfachheit und
-Vollendung erreicht hatte, viel komplizierter und unpraktischer; wohl
-aber gebührt den beiden Gelehrten das große Verdienst, elektrische
-Telegraphenlinien zum +praktischen Betriebe+ auf größeren Strecken
-+zuerst+ angelegt zu haben. Auch in Frankreich wurden diesbezügliche
-Experimente gemacht, aber ohne besondern Erfolg. Dagegen bahnte in
-Amerika der Historienmaler Professor +Samuel Finley Breese Morse+ (geb.
-1791 bei Charlestown) eine neue Ära des elektrischen Telegraphenwesens
-an durch den von ihm 1837 erfundenen +Schreib-+ oder +Druckapparat+,
-der, mehrfach verbessert, noch heute auf fast allen Telegraphenlinien
-benutzt wird. Zunächst hatte Morse freilich noch jahrelang mit
-Vorurteilen zu ringen; erst 1843 wurde im Kongresse auf besondere
-Empfehlung des Patent-Kommissionärs Ellsworth mit 89 gegen 83 Stimmen
-seine Petition betreffs der Erbauung der Linie Washington-Baltimore
-genehmigt. Später aber wurde seine hartnäckige Ausdauer reichlich
-belohnt. Napoleon III. bewirkte es, daß die Hauptmächte Europas
-auf einem Kongresse in Paris dem Erfinder +Morse+ 400000 Francs
-als Belohnung darbrachten. Die Yale University ernannte ihn zum
-Ehrendoktor, Frankreich reihte ihn in die Ehrenlegion ein, Österreich,
-Deutschland, Dänemark und die Türkei zollten ihm die größten
-Ehrenbezeigungen. Amerika endlich errichtete ihm 1871 im Centralpark
-von New-York eine Bronzestatue. Morse starb zu New-York 1872, fast 81
-Jahre alt.
-
-Was dem Morse-Apparat so schnell allenthalben Eingang verschaffte,
-das ist seine bewunderungswürdige Einfachheit, die eine solide
-Herstellung gestattet, die Reparaturen erleichtert und sie seltener
-notwendig macht, sowie der Umstand, daß er einen sichern Aufschrieb
-hinterläßt. Der Aufschrieb selbst oder das telegraphische Alphabet
-besteht bekanntlich aus Punkten und Strichen, die in allen Ländern
-des Welttelegraphenvereins auf Grund der internationalen Verträge
-für die verschiedenen Buchstaben dieselben sind. Die Telegraphie hat
-somit erreicht, was für die gewöhnliche Schrift und den Buchdruck
-noch unendlich lange ein frommer Wunsch bleiben wird: ein für alle
-Völker des Erdballs gleiches Alphabet. Übrigens sei bemerkt, daß
-der dem Morse-Apparat zu Grunde liegende Hauptgedanke schon mit dem
-Schreibtelegraphen +Steinheils+ gegeben war, Morse also nicht als
-„Erfinder der elektrischen Telegraphie“ gelten kann.
-
-[Illustration: Fig. 7. Das Morse-Alphabet.]
-
-Im Jahre 1837 wurden auch die ersten +Typendrucktelegraphen+ und zwar
-von dem mit +Morse+ arbeitenden Amerikaner +Alfred Vail+ erfunden;
-sie geben das Telegramm auf der Empfangsstation in der gewöhnlichen
-Druckschrift. Erst 1868 aber gelang es dem (1831 in London geborenen,
-aber schon 1838 nach Nordamerika ausgewanderten) jetzigen Professor
-+David Hughes+ (juhß), einen Typendrucker herzustellen, der mit
-Sicherheit in der Minute 150 Buchstaben oder 25 Wörter reproduzierte.
-+Hughes+’ Apparat teilt sich jetzt mit dem +Morseschen+ Telegraphen
-den Weltverkehr; doch ist derselbe, da seine Bedienung monatelange
-Vorübungen erfordert und häufige Reparaturen verlangt, nur auf großen
-Stationen anwendbar.
-
-Aus dem Jahre 1839 stammt +Wheatstones Zeigertelegraph+, so genannt,
-weil ein Zeiger vor einer Scheibe umgedreht wird und nach Belieben vor
-dem einen oder andern der am Rande verzeichneten Buchstaben und Ziffern
-angehalten werden kann. Die erste Idee hierzu ging jedoch schon von
-+Davy+ im Jahre 1838 aus.
-
-Um die in ihrer Anlage sehr kostspieligen Telegraphenlinien möglichst
-auszunützen und den Bedürfnissen des immerfort wachsenden Verkehrs
-möglichst zu genügen, ist man bestrebt, die sogenannte +mehrfache
-Telegraphie+ (Multiplex-Telegraphie) einzuführen; sie besteht darin,
-daß +gleichzeitig+ auf einem und demselben Drahte mehrere Telegramme
-befördert werden. In dieser Beziehung war auf der elektrischen
-Ausstellung des Jahres 1884 zu Philadelphia ein +Edison+sches
-Quadruplex-System zu sehen, welches gestattete, vier Depeschen
-gleichzeitig mittels verschiedener Ströme in entgegengesetzter Richtung
-über den nämlichen Draht zu senden, desgleichen ein zwischen Boston und
-Providence bereits zur vollsten Zufriedenheit arbeitendes System (von
-P. B. +Delany+ in New-York stammend), welches erlaubt, mit einem Male
-über den nämlichen Draht 72 Depeschen in entgegengesetzter Richtung zu
-geben. Gewiß wunderbare Fortschritte auf diesem Gebiete![3] Einer der
-bedeutendsten Multiplex-Apparate ist auch der des Elsässers B. +Meyer+
-(gest. 1884). Seine Leistungsfähigkeit kann auf 1600 bis 1800 Worte in
-der Stunde veranschlagt werden.
-
-Die außerordentliche Bedeutsamkeit des neuen Verkehrsmittels war
-bald weithin erkannt. Vorab an dem Bedürfnis der zahlreichen
-Eisenbahn-Verwaltungen und an dem politischen Interesse der
-Staatsgewalten fand es gleich kräftigen Halt. Auch konnte für
-eine kapitalmächtige Zeit in den Erstellungskosten des neuen
-Nachrichten-Transportmittels nichts Abschreckendes liegen.
-
-Die +erste+ Telegraphenanlage erhielt, wie schon erwähnt, Deutschland
-1833 und 1837 (vgl. S. 5 u. 6). In England ward 1840 von +Cooke+
-eine Linie der Great-Western-Bahn entlang ausgeführt, aber erst 1846
-entstand die ~Electric Telegraph Company~, die in Großbritannien in
-kurzer Zeit eine große Zahl Telegraphenlinien errichtete. In Amerika
-baute +Morse+ 1844 die erste Linie von Washington nach Baltimore.
-In Deutschland ließ alsbald die Direktion der Rheinischen Eisenbahn
-bei Aachen eine kurze Leitung mit vier Drähten von einem Engländer
-erstellen, worauf 1844 +William Fardely+ aus Mannheim eine Leitung mit
-bloß +einem+ Draht an der Taunusbahn anlegte. Frankreich erhielt seine
-erste Leitung 1845, Rußland 1844, Österreich 1846, Preußen und Bayern
-im gleichen Jahre. Sehr spät entstanden in Europa Telegraphenleitungen
-in Norwegen, im Kirchenstaat und in Portugal; in den beiden
-ersteren Staaten 1855, im letzteren 1857. Es ist indes genug dieser
-Einzelnachweise. Gegenwärtig giebt es keinen Staat mehr in Europa, der
-nicht dem Telegraphen schon eine Stätte auf seinem Territorium bereitet
-hätte; ja es giebt schon keinen Weltteil mehr, nach welchem nicht,
-unter Benutzung der vorhandenen Linien, von jedem andern Weltteil aus
-telegraphiert werden könnte. Und wenn auch noch manche Lücke in dem
-Telegraphennetz der Gegenwart besteht, so ist doch jetzt schon auf die
-Telegraphie in ihrem unaufhaltsamen Fortschreiten über den Erdball das
-Wort des Psalmisten (Ps. 19, V. 4 u. 5) angewendet worden:
-
-„Es ist keine Sprache noch Rede, da man nicht ihre Stimme hörte; ihre
-Schnur geht aus in alle Lande und ihre Rede an der Welt Ende.“
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Telegraphenleitungen.
-
-
-Die Telegraphenleitungen zerfallen in +oberirdische+ oder
-+Luftleitungen+ und +versenkte+ Leitungen; erstere sind in gewisser
-Höhe über dem Erdboden hingeführt, letztere werden unter die Erde oder
-unter das Wasser versenkt und zerfallen daher wieder in +unterirdische+
-und +unterseeische+ (+submarine+, bezw. +Flußleitungen+).
-
-Für manche Zwecke, namentlich für die Kriegstelegraphie, braucht
-man Leitungen nur vorübergehend; man wählt dann eine +tragbare+
-(+ambulante+) Leitung, die sich rasch herstellen und wieder abbrechen,
-also auch verlegen läßt.
-
-
-~A.~ Oberirdische Leitungen.
-
-1. +Begriff.+ Eine +oberirdische+ oder +Luftleitung+ ist ein
-Metalldraht, der von einer Station zur andern in der Luft ausgespannt
-und durch isolierende Körper so unterstützt ist, daß er keinen andern
-Gegenstand als diese letzteren berührt und bei nasser Witterung durch
-die Feuchtigkeit keine fortlaufende leitende Verbindung zwischen dem
-Drahte und der Erde entstehen kann. -- In Deutschland wandten schon
-+Weber+ und +Steinheil+ Luftleitungen an.
-
-2. +Leitungsdraht.+ Da nächst dem Silber das Kupfer den galvanischen
-Strom am besten leitet, so nahm man anfangs den +Leitungsdraht+
-von Kupfer. Allein der hohe Preis dieses Materials, die dadurch
-veranlaßten häufigen Diebstähle und die geringe Festigkeit der
-Leitung -- Kupferdraht ist bei gleichem Querschnitt nur halb so fest
-als Eisendraht -- waren Grund genug, daß man die Anwendung des
-Kupfers für die oberirdischen Leitungen aufgab und an seine Stelle
-Eisendraht setzte[4]. Die gewöhnliche Stärke desselben beträgt 4 mm.
-Auf den internationalen Linien ist Eisendraht von 5 mm Durchmesser
-vorgeschrieben. In besonderen Verhältnissen, wie in Ostindien, wo die
-auf dem Drahte sich belustigenden Affen eine ganz besondere Verstärkung
-desselben notwendig machen, ist eine Drahtdicke von 8 mm im Gebrauch.
-
-3. +Tragstangen.+ Der Draht liegt in der Regel auf +hölzernen+
-Tragsäulen, die bei Eisendraht je nach der Örtlichkeit und Zahl der
-Drähte 30-80 m auseinanderstehen und je nach dem Gewichte und der Zahl
-der daran aufzuhängenden Drähte verschiedene Stärke und Höhe haben.
-In Deutschland werden vorwiegend kieferne Stangen verwendet. Da aber
-das Auswechseln der hölzernen Telegraphensäulen und das Umlegen der
-Leitungen kostspielig und für den Telegraphenbetrieb störend ist,
-so hat man wiederholt Versuche mit Säulen aus +Eisen+ gemacht. Ihre
-Festigkeit hat indes den Erwartungen nicht in dem Maße entsprochen, daß
-eine +allgemeine+ Einführung derselben je beabsichtigt werden könnte.
-
-Große Schwierigkeiten verursacht mitunter die Beschaffung der
-Leitungsträger in tropischen Breiten, wo bearbeitetes Holz den
-Angriffen der Feuchtigkeit und der Zerstörungswut gefräßiger Insekten
-zu unterliegen pflegt. Auf den Philippinen sah man sich genötigt, statt
-der anfangs verwendeten Stangen aus Palmholz die Leitungen an lebende
-Bäume zu hängen, wozu der auf dieser Inselgruppe sehr verbreitete
-Baumwollbaum sich besonders gut eignet.
-
-4. +Isolatoren.+ Da die Telegraphenstangen mit der Erde in leitender
-Verbindung stehen, die Leitungsdrähte aber, welche von ihnen getragen
-werden, von dem Erdboden möglichst isoliert sein müssen, so muß
-zwischen den leitenden Trägern und dem Draht selbst notwendig ein
-+Isolator+ eingeschoben werden. Als Material zu solchen ist Porzellan
-besser als Glas. Die Form der Isolatoren ist verschieden.
-
-5. +Aufstellung der Leitungen+[5]. Die Erbauung oberirdischer Leitungen
-erfordert zwar Sorgfalt und Sachkenntnis, bietet aber keine besonderen
-Schwierigkeiten, wenn die Leitung, wie dies in kultivierten Ländern
-die Regel bildet, dem Zuge bereits vorhandener Straßen folgend, in dem
-Körper von Landstraßen oder neben dem Damm von Eisenbahnen befestigt
-werden kann. Schwieriger wird die Sache, wenn für die Leitung quer
-durchs Gebirge oder am pfadlosen Meeresufer ein Weg geschaffen werden
-muß, der die Anlage zugleich vor Stürmen, Schneehäufungen, Flugsand und
-Flut möglichst schützen soll. Bei der Anlage der Telegraphenleitung auf
-der kurischen Nehrung z. B. hatte man Sanddünen zu überwinden, in deren
-beweglichem Boden die Stangen nur mit großer Mühe befestigt werden
-konnten; mit 4 und 5 Pferden gelang es an einzelnen Strecken nicht,
-mehr als zwei Stangen auf einmal von der Stelle zu schaffen; einigemale
-gerieten Fuhrwerke derart in den Triebsand, daß die Pferde in aller
-Eile losgeschnitten werden mußten, um sie vor dem Versinken zu retten.
-Den Arbeitern bot sich mitunter meilenweit, z. B. auf der 25 km langen
-Strecke von Memel bis Schwarzort, keine menschliche Wohnung zum Obdach;
-sie waren gezwungen, außer ihren Werkzeugen und Materialien auch ihre
-gesamten Lebensbedürfnisse für einige Zeit bei sich zu führen.
-
-Noch größer sind die Schwierigkeiten, welche bei Erbauung von
-Telegraphenlinien in unkultivierten Ländern überwunden werden müssen.
-Die sibirische Linie, die quer durch ganz Asien bis nach Wladiwostock
-am Stillen Ocean führt, die indo-europäische Linie, welche Kaukasien,
-Persien und Balutschistan durchschneidet, die Telegraphenlinien,
-welche von Port Augusta nach Port Darwin und von Süd-Australien über
-Port Lincoln nach Eucla-Bay ziehen, haben unter Bedingungen erbaut
-werden müssen, welche den Unternehmern reichliche Gelegenheit gaben,
-ihre Thatkraft und ihren Mut zu bewähren. In Australien z. B. mußten
-Wüsten, deren Natur zum Teil noch gänzlich unbekannt war, messend
-durchwandert werden; auf Hunderte von Meilen waren über wegloses Land
-die Leitungsmaterialien heranzuschaffen; das für Menschen und Pferde
-unentbehrliche Wasser war nur aus weiter Ferne zu erlangen.
-
-Eine ganz außerordentliche Leistung ist besonders der Bau der über 3000
-km langen Strecke von Port Augusta bis Port Darwin. „In einem Jahre und
-elf Monaten,“ heißt es bei +Jung+, „mußten 36000 Telegraphenstangen im
-Gewicht von 5000 t gefällt, zugerichtet und an ihren Bestimmungsort
-gefahren werden, in einigen Fällen aus einer Entfernung von 560 km. Da
-man fand, daß das Holz Australiens gegen die im Norden sehr zahlreichen
-weißen Ameisen nicht widerstandsfähig genug war, importierte man
-eiserne Pfosten aus England und hatte dieselben durchschnittlich 640
-km weit zu schaffen. Außerdem waren 2000 t anderen Materials an ihren
-Platz zu bringen, und mehrere Tausende von Schafen und Rindern mußten
-zur Ernährung der Arbeiter auf Entfernungen von 2000 km herbeigetrieben
-werden. Wege von 16 m Breite waren durch Waldstrecken von 800 km Länge
-zu bahnen, Baumaterialien, Telegraphenapparate und Vorräte für die zu
-erbauenden Telegraphenämter mußten beschafft werden.“ Der Bericht über
-die Erbauung des Südwest-Telegraphen, die von Sir Charles Todd mit
-der gleichen Energie ausgeführt wurde, mit welcher derselbe bereits
-den Bau der vorhergenannten Linie geleitet hatte, äußert sich also:
-„Die ganze Linie, 600 Meilen lang, mit einem Draht, ist innerhalb
-12 Monaten errichtet worden, und dies angesichts von Hindernissen,
-die fast unüberwindlich erscheinen. Eine Spur von 50 Fuß Breite mußte
-Hunderte von Meilen weit durch den Wald gehauen werden, und selbst dies
-war nur ein kleiner Teil der Schwierigkeiten, die man besiegen mußte.
-Auf den ersten Blick schien die schwierige Beschaffung der Mittel für
-die Reise das ganze Werk nicht zur Ausführung kommen lassen zu wollen.
-Alle Vorräte mußten gefahren werden, und der Wassermangel, dieser
-wunde Fleck in so vielen Teilen Australiens, schien das Unternehmen
-wirklich in Frage zu stellen. Einhundert Pferde wurden angeschafft
-und dauernd bei dem Baue beschäftigt, obgleich man mehrmals über 145
-Meilen von dem nächsten Wasserdepot entfernt war.“ -- In +Senegambien+
-bereiten der Mangel gebahnter Straßen, die geringe Standfestigkeit
-des Bodens, die Dichtigkeit der Gebüsche da, wo die Vegetation ein
-günstigeres Terrain findet, die zu Zeiten sehr hohe Temperatur und
-die Nachbarschaft feindlicher Eingeborener oder der afrikanischen
-Löwen der Anlage und Unterhaltung der Telegraphenlinien besondere
-Schwierigkeiten. Das Material muß auf Mauleseln transportiert
-werden; der Mangel an Steinen macht es sehr schwer, die Stangen fest
-einzusetzen oder in dem feuchten Erdreich vor der rasch zerstörenden
-Nässe zu schützen. Die Instandhaltung ist besonders während der
-Regenzeit mühevoll. Die gießbachähnlich herabrauschenden Regengüsse
-und die wütenden Stürme dieser Periode brechen zahlreiche Stangen
-um und zerstören die Isolatoren. Vielfach werden die Stangen auch
-vernichtet durch die Feuersbrünste, welche die Eingeborenen entfachen,
-um ihre Felder mit der Asche der verbrannten Gräser zu düngen. Dagegen
-sind die böswilligen Beschädigungen der Linien äußerst selten. Die
-Schwarzen fürchten sich in ihrem Aberglauben, Hand an dieselben zu
-legen, und glauben überdies, sie seien nur zu dem Zwecke errichtet,
-um den Europäern als Wegweiser zu dienen. -- Aus der Schnelligkeit,
-mit welcher das Netz der Telegraphenlinien auf +Caledonien+ vergrößert
-worden ist, darf keineswegs geschlossen werden, daß die Herstellung
-der Anlagen mühelos vor sich ging. Aus einem Bericht des obersten
-Telegraphenbeamten der französischen Strafkolonie geht vielmehr
-hervor, daß die mit der Leitung des Baues betrauten Beamten mit
-Widerwärtigkeiten der mannigfachsten Art zu kämpfen gehabt haben. Bald
-herrschte gänzlicher Mangel an Lasttieren, so daß Baumaterial und
-Lebensmittel bis aus Entfernungen von 80 km von kanakischen Lastträgern
-herangeschleppt werden mußten; bald Mangel an Trinkwasser, welches
-man gleichfalls meilenweit herzuholen gezwungen war; bald folgten
-sich beinahe unpassierbare Sümpfe, dichtverwachsene Wälder, deren
-Durchlichtung auf 12 m Breite nötig wurde, steiniger Boden, zerrissene
-Bergketten und breite Einschnitte, welche das Meer bis weit in das Land
-hinein gebildet hat, unmittelbar in ermüdendem Wechsel aufeinander; in
-anderen Gegenden wieder waren die nötigen Arbeitskräfte infolge der
-ansteckenden Krankheiten, welche die Eingeborenen seit der Besitznahme
-der Insel durch die Europäer scharenweise dahinraffen, durchaus nicht
-zu beschaffen.
-
-Auf der Insel +Sumatra+ stößt man nach amtlichen Berichten
-der niederländisch-indischen Telegraphenverwaltung auf große
-Schwierigkeiten, die Leitungen aufrecht zu erhalten, da sie häufig von
-den Elefanten zerstört werden. In den Jahren 1874-1877 sind 60 solcher
-Störungen vorgekommen. Am 25. Mai 1876 wurde die Linie Mnara-Dura-Lahat
-in einer Länge von drei Pauls gänzlich zerstört; der Draht und die
-Isolatoren wurden teilweise in die Rohrdickichte verschleppt. Was
-bei Tag ausgebessert worden war, wurde in drei aufeinander folgenden
-Nächten wieder zerstört. Außerdem machen es die zahlreichen Tiger,
-Bären, wilden Büffel u. s. w. äußerst schwierig, die Leitungen in den
-dichten Urwäldern zu überwachen, während große und kleine Affen auf den
-Drähten ihre gymnastischen Übungen bewerkstelligen, dieselben zerreißen
-oder die Isolatoren zerschlagen.
-
-Im Territorium +Dakota+ in Amerika richten die wilden Büffel großen
-Schaden an, indem sie ihre mächtigen Stirnen sehr heftig an den
-Telegraphenpfählen reiben.
-
-Außer den Schwierigkeiten, die mit der Aufstellung der Linien schon
-an sich verbunden sind, gab es in der ersten Zeit der Einführung des
-Telegraphen auch noch Hindernisse anderer Art zu überwinden: Vorurteile
-und Aberglauben. Hierfür nur ein paar Beispiele!
-
-Als im Jahre 1848 eine elektromagnetische Linie von Hamburg nach
-Kuxhaven im Bau begriffen war, legten die Bewohner vieler Ortschaften
-im Hannöverschen, durch deren Gemarkungen dieselbe ging, bei der
-Behörde und in öffentlichen Blättern gegen die Durchführung Protest
-ein, da der Telegraph einen nachteiligen Einfluß auf das Gedeihen
-der Feldfrüchte ausübe; die Drähte zögen, behaupteten die Bauern,
-bei aufkommenden Gewittern die Elektricität in solchem Grade ab, daß
-sich die Gewitterwolken des fruchtbringenden Regens nicht entladen
-könnten, die Pflanzen müßten also notwendig verdorren; und nicht
-bloß ihr Eigentum, sogar ihr Leben werde gefährdet, indem die Drähte
-den Blitz plötzlich anzögen und nicht stark genug wären, selbigen
-fortzuführen. Auch unterließen sie nicht, einfließen zu lassen, daß
-sie, die Bauern, eigentlich die kompetentesten Beurteiler in derartigen
-Fragen seien; denn sie allein hätten von den Gesetzen der Natur infolge
-täglicher Anschauung einen klaren, gesunden Begriff. Und als am 18.
-Juli 1849 bei dem Dorfe Warstade ein in der Nähe der Telegraphenlinie
-befindliches Bauernhaus von einem Blitzstrahle entzündet wurde, konnte
-man die Bewohner nur mit Mühe abhalten, die Stangen umzuhauen. Die
-Telegraphenlinie aber mußte, soweit sie durch das Dorf lief, verlegt
-werden. Es sind dies Vorkommnisse, wie sie gelegentlich auch heute noch
-sich zutragen. Als 1870 die englischen Telegraphen in Staatsverwaltung
-kamen und eine bedeutende Erweiterung erfahren sollten, schlossen
-sich aus irgend welchen Gründen einige Städte von der Wohlthat des
-neuen Verkehrsmittels aus, indem sie die Drähte nicht in ihr Weichbild
-hereinzuziehen gestatteten[6].
-
-
-~B.~ Versenkte Leitungen[7].
-
-=1. +Unterirdische Leitungen.+=
-
-1. +Geschichtliches.+ Die zahlreichen und erheblichen Störungen, denen
-die oberirdischen Leitungen ihrer Natur nach ausgesetzt sind, haben
-schon früh das Verlangen nach unterirdischen Telegraphenverbindungen
-angeregt. Der erste Gedanke, die Leitung unterirdisch zu führen,
-tauchte nachweislich 1774 auf. +Lesage+ in Genf wollte dazu glasierte
-Thonröhren benützen, die von Toise zu Toise Scheidewände aus glasiertem
-Thon oder Glas enthielten. Die Scheidewände hatten Löcher, und diese
-bildeten die Lager für die durchzuziehenden Drähte. 1794 schlugen
-+Deutsche+, Namens +Reusser+ und +Böckmann+, unterirdische Leitungen
-vor; 1816 hatte +Ronalds+ in England einen Draht in Glasröhren geführt.
-Hierauf versuchten noch mehrere Physiker das Problem der unterirdischen
-Leitung zu lösen, bis +Jacobi+ im Jahre 1842 auf dem Admiralitätsplatz
-zu Petersburg eine 2835 m lange Leitung in Glasröhren legte. Ein
-befriedigendes Resultat wurde indes auf diesem Wege nicht erreicht.
-
-In Amerika hatte +Morse+ 1837 vorgeschlagen, den Leitungsdraht in
-eiserne Röhren zu legen; aber auch auf diese Weise gelang es nicht,
-den Draht vollkommen zu isolieren. Da empfahl 1846 der damalige
-Artillerie-Lieutenant +Werner Siemens+ die von dem englischen Arzte
-~Dr.~ Montgomery (in Singapore) nach Europa gebrachte Guttapercha
-als einen zur Isolierung der Leitungsdrähte vollständig geeigneten
-Körper[8]. Die angestellten Versuche ergaben ein befriedigendes
-Resultat, und so entschloß sich die preußische Regierung im Jahre 1847,
-die mit Guttapercha isolierten Leitungsdrähte in einem größern Maßstabe
-anzuwenden; es wurden ca. 2250 km gelegt. Leider wurde mit diesen
-unterirdischen Leitungen der Zweck nicht vollständig erreicht; denn bei
-dem gänzlichen Mangel an Erfahrungen über die Eigenschaften des zur
-Verwendung kommenden Materials, bei den damals noch sehr unvollkommenen
-Maschinen zur Herstellung des Überzuges und durch die Übereilung, mit
-der die Linien angesichts der drohenden politischen Verhältnisse damals
-eingeführt wurden, hatten sich viele Mängel eingeschlichen, infolge
-deren diese Linien nach einiger Zeit den Dienst fast ganz versagten.
-Durch diese Erfahrungen zurückgeschreckt, verließ man nun in Preußen
-das System der unterirdischen Leitung.
-
-Ähnlich wie in Preußen ging es mit den unterirdischen Leitungen in
-anderen Ländern, so in Österreich, Sachsen, Dänemark und Rußland;
-überall wurden dieselben nach kurzer Zeit wieder beseitigt.
-
-Die Fachmänner verloren indes die Sache nicht aus dem Auge, und
-so kam es denn im Jahre 1876 wiederum zur Anlage unterirdischer
-Telegraphenlinien, und zwar, dank der Energie des Generalpostmeisters
-~Dr.~ von Stephan, +zuerst+ in +Deutschland+.
-
-Am 13. März 1876 wurde hier der Bau eines unterirdischen
-Telegraphennetzes in Angriff genommen und am 26. Juni 1881 vorläufig
-abgeschlossen. Dasselbe verbindet nicht weniger als 221 Städte,
-darunter alle bedeutenderen Waffen-, See- und Handelsplätze des Landes.
-Die zur Verlegung gekommenen Kabel haben eine Gesamtlänge von rund 5500
-km, und die in den Kabeln enthaltenen Leitungen haben eine solche von
-über 37000 km. Im ganzen sind 58 Monate auf die Ausführung verwendet
-worden und Kosten im Gesamtbetrage von über 30 Millionen M. entstanden.
-Die Kabel sind zur Hälfte aus der Fabrik von Felten und Guilleaume in
-Mülheim a. Rh., zur andern Hälfte aus der von Siemens und Halske in
-Berlin hervorgegangen.
-
-In den übrigen Staaten schenkte man diesem Vorgehen Deutschlands die
-größte Aufmerksamkeit, und nachdem das große Werk glücklich zu Ende
-gebracht worden, entschloß sich zuerst +Frankreich+, dem gegebenen
-Beispiele zu folgen. Im Jahre 1884 waren denn in diesem Lande bereits
-etwa 2500 km mit rund 18000 km Leitung gelegt.
-
-Andere Länder haben es vorerst noch nicht über sich gebracht,
-Deutschland und Frankreich in dieser Beziehung nachzuahmen.
-
-2. +Der Leitungsdraht.+ Bei unterirdischen Leitungen hat aus mehrfachen
-Gründen der +Kupferdraht+ den Vorzug vor einem Eisendraht von gleicher
-Leitungsfähigkeit. Man verwendet dazu möglichst reines Kupfer, weil die
-Leitungsfähigkeit von der chemischen Reinheit des Materials wesentlich
-abhängt. Da es schwer hält, längere Kupferdrähte herzustellen, welche
-auf der ganzen Länge frei sind von weicheren oder spröden Stellen, die
-später leicht zu einem Bruch führen können, so setzt man häufig den
-Leitungsdraht aus 3-7 feineren kupfernen Drähten zusammen, die man nach
-Art eines Seiles zu einem einzigen Strange, der sogenannten +Litze+,
-vereinigt.
-
-Bei dem geringen Widerstand, den das Kupfer dem galvanischen Strom
-entgegensetzt, reicht man mit einer verhältnismäßig +dünnen+
-Kupferader aus, um selbst auf bedeutende Strecken mit Sicherheit die
-telegraphische Korrespondenz zu besorgen. Bei den Kabeln des Deutschen
-Reiches gebraucht man Kupferlitzen aus 7 Drähten von je 0,7 mm.
-
-3. +Isolieren des Leitungsdrahtes.+ Als Isolationsmaterial des
-Leitungsdrahtes verwendet man gegenwärtig fast nur ganz reine
-+Guttapercha+ oder +Kautschuk+[9], in einzelnen Ländern auch wohl
-+Asphalt+.
-
-4. +Schutzmittel für unterirdische Leitungen.+ Die Erfahrung hatte
-bald gelehrt, daß die von Guttapercha oder Kautschuk umgebenen
-Leitungsdrähte, wenn sie direkt in die Erde gelegt wurden, vielfachen
-Beschädigungen ausgesetzt waren. Man legte sie deshalb in hölzerne
-Rinnen und umgab sie mit einem geteerten Hanfseile; aber auch diese
-Schutzmittel, wie manche andere, die noch zur Anwendung kamen, erwiesen
-sich den Beschädigungen gegenüber, welchen die Erdkabel ausgesetzt
-sind, unwirksam. Selbst die Verwendung von eisernen Röhren, in welche
-die Leitungsdrähte einzeln lose eingezogen wurden, hat als Schutzmittel
-der letzteren keinen dauernden Bestand gehabt, weil bei einer größern
-Anzahl von eingezogenen Drähten die Auswechslung eines beschädigten
-Drahtes stets mit der Beschädigung anderer Drähte verbunden war.
-Seitdem verwendet man bei unterirdischen Leitungen nicht mehr einzelne
-mit isolierendem Material versehene Drähte, sondern vereinigt dieselben
-zu einem einzigen Strange oder Kabel, das man zum Schutze gegen äußere
-Angriffe mit einer metallenen Hülle, in der Regel einem seilartigen
-Überzuge von eisernen Drähten versieht.
-
-[Illustration: (Natürliche Größe.)
-
-(Querschnitt.)
-
-Fig. 8.
-
-Deutsches siebenadriges Erdkabel.
-
- ~a~ Die Leitungsader, 7 Kupferlitzen.
- ~b~ Die Leitungsader, mit Guttapercha umsponnen.
- ~c~ Die erste Umspinnung mit Hanf in Längsfäden.
- ~d~ Die zweite Umspinnung mit Hanf.
- ~e~ Die eisernen Schutzdrähte.
- ~f~ Hanf-Asphalt-Überzug.
-]
-
-5. +Konstruktion der Erdkabel des Deutschen Reichs.+ Das Erdkabel
-der unterirdischen Leitungen des Deutschen Reichs enthält, wie Fig.
-8 zeigt, sieben voneinander isolierte einzelne Guttapercha-Adern von
-je 5,2 mm äußerm Durchmesser, also sieben getrennte Drahtleitungen.
-Eine jede dieser Adern hat eine Kupferlitze von sieben Drähten, und
-jeder dieser Drähte hat einen Durchmesser von 0,7 mm. Diese sieben
-Kupferdrähte gruppieren sich so, daß ihrer sechs um den siebenten
-verseilt sind und so eine einzige leitende Litze entsteht. -- Jede
-dieser Litzen erhält zuerst einen Überzug von sogen. Chatterton-Masse,
-dann eine Lage Guttapercha, nun wieder eine Lage Chatterton-Masse
-und zuletzt noch eine Lage Guttapercha, also im ganzen zwei Lagen
-Chatterton-Masse und zwei Lagen Guttapercha.
-
-Die sieben Guttapercha-Adern werden dann wieder derart zu einem
-Strange, der +Kabelseele+, vereinigt, daß ihrer sechs um den Siebenten
-verseilt werden. Nun erhält die Kabelseele eine doppelte Lage von
-geteertem Hanfgarne von 6 mm Stärke, und erst um diese legt sich die
-äußere Armatur von 18 verzinkten Eisendrähten von je 3,8 mm Dicke.
-
-Das so hergestellte Kabel wird nun asphaltiert, nochmals mit 1,5
-mm dickem Garn umsponnen und diese Garnhülle mit einer Schicht von
-+Clarks+ Compound überzogen. Schließlich erhält das Kabel, um das
-Aneinanderkleben der einzelnen Lagen beim Aufwickeln zu verhindern,
-noch einen Anstrich von Kalkmilch. -- Die Flußkabel für die großen
-Linien unterscheiden sich nur dadurch, daß sie noch eine zweite Rüstung
-von 8,6 mm starkem verzinktem Eisendraht erhalten.
-
-6. +Legung unterirdischer Kabel.+ Die unterirdischen Kabel sind für
-gewöhnlich in einen mindestens 1 m tiefen Graben zu versenken. Zur
-Ausschachtung und nachherigen Wiederausfüllung dieses Grabens sind
-zwei größere Erdarbeiter-Kolonnen erforderlich, welche durch eine
-kleinere dritte, die eigentliche Auslegung des Kabels besorgende
-Arbeiter-Abteilung getrennt sind. Zur Legung des Kabels dient ein
-besonderer Wagen, auf welchen der Haspel mit der bestimmten Kabellänge
-so aufgelegt wird, daß letzterer, um eine feste Achse sich drehend,
-das Kabel abrollt. Sind zwei Kabelstücke gelegt, so werden die
-aneinanderstoßenden Enden in der Art miteinander verbunden, daß die
-entsprechenden Kupferadern in sichern metallischen Kontakt kommen.
-Nach Herstellung der Verbindung wird die Lötstelle in Bezug auf ihre
-Isolation geprüft, mit der vorher abgelösten Hanfumspinnung wieder
-überkleidet und sodann eine eiserne Muffe darüber gezogen.
-
-Hat das Kabel ein Eisenbahngeleise zu kreuzen, so wird dasselbe unter
-dem Geleise durchgezogen.
-
-Ist es nicht thunlich, das Kabel hinreichend tief zu versenken, so
-wird die Sicherstellung gegen mechanische Verletzung durch Umkleidung
-mit eisernen Röhren, diejenige gegen die Einwirkung der Luft durch
-Umhüllung mit +Schlackenwolle+ bewirkt, welche durch geringe
-Wärmeleitungsfähigkeit ausgezeichnet ist.
-
-Die bei der Überschreitung von Wasserläufen zur Verwendung kommenden
-Flußkabel erhalten an solchen Stellen, wo sie gegen Schiffsanker
-gesichert werden müssen, noch eine Umkleidung von starken, gußeisernen,
-verzinkten Muffen von je 50 cm Länge, welche zu einem biegsamen, das
-Kabel umschließenden Rohr miteinander verbunden werden.
-
-7. +Statistik der unterirdischen Leitungen.+ Ein ausgebildetes Netz
-unterirdischer Linien besitzt dermalen nur das +Deutsche Reich+ mit
-rund 5500 km Linien und 37600 km Leitungen. Die einzelnen Linien und
-Leitungen desselben betrugen Ende 1881 in Kilometern:
-
- Linien. Leitungen.
- Berlin-Halle-Kassel-Frankfurt a. M. 595 4166
- Halle a. d. S.-Leipzig 35 141
- Berlin-Hamburg I 298 2086
- Desgleichen II 298 2086
- Hamburg-Kiel 100 701
- Frankfurt a. M.-Straßburg 263 1839
- Berlin-Magdeburg-Hamm-Köln 693 4852
- Barmen-Köln 55 220
- Hamburg-Kuxhaven 131 523
- Hamburg-Bremen-Oldenburg-Emden 285 1992
- Bremen-Bremerhaven 59 237
- Sande-Wilhelmshaven 11 45
- Köln-Koblenz-Trier-Metz 326 2281
- Köln-Mainz 92 642
- Metz-Straßburg 186 1299
- Berlin-Dresden 236 1654
- Berlin-Breslau 369 2585
- Berlin-Thorn 418 2926
- Berlin-Stettin 155 1087
- Thorn-Danzig 230 1607
- Danzig-Königsberg 189 1325
- Stettin-Danzig 368 2578
- Köln-Aachen 71 498
- Kiel-Flensburg -- 86
- Flensburg-Hoyer -- 62
-
-Im ganzen waren an +unterirdischen Leitungen+ am Schlusse des
-Jahres 1881 vorhanden:
-
- ------------------------------------+---------------------------------
- | Länge (in Kilometern)
- Länder. +------------+--------------------
- | der Kabel. | der Leitungsdrähte.
- ------------------------------------+------------+--------------------
- 1. Deutschland | 5615,94 | 37932,39
- 2. Österreich-Ungarn | 29,52 | 511,03
- 3. Belgien | 11 | 232
- 4. Dänemark | 3 | 79
- 5. Frankreich (einschließlich der | |
- überseeischen Besitzungen[10])| 850,97 | 11880,49
- 6. Großbritannien und Irland | 771,19 | 17700,34
- 7. Niederlande | 95,80 | 591,50
- 8. Rumänien | 11,38 | 56,12
- 9. Rußland | 202,50 | 250,10
- 10. Schweiz | 45,60 | 327,10
-
-Die +Gesamtlänge+ der +unterirdischen Kabel+ beträgt somit rund 7500
-km, die der +unterirdischen Leitungsdrähte+ fast 70000 km.
-
-=2. Unterseeische (submarine) Leitungen.=
-
-1. +Geschichtliches.+ Die Telegraphenleitung unter +Wasser+
-fortzuführen, suchte zuerst +Soemmerring+ 1809 möglich zu machen.
-Ernster machte sich Soemmerrings Freund, +Baron Schilling von
-Kannstadt+, an die Herstellung eines elektrischen Leitseils, mit
-welchem man durch feuchte Erde und Wasser zu telegraphieren und Pulver
-zu entzünden vermöchte, und im Herbste des Jahres 1812 führte er in
-Petersburg in Gegenwart des Kaisers Alexander durch das Wasser der Newa
-hindurch wirklich Sprengungen aus. Größere Versuche mit der Versenkung
-einer Telegraphenleitung in Wasser machte +Schilling+ 1836, und diese
-hätten beinahe schon damals zur Anlage eines unterseeischen Telegraphen
-zwischen Kronstadt und Peterhof geführt[11]. Die erste wirkliche
-Leitung unter Wasser scheint ~Dr.~ +O’Shaugessy+ 1839 in der Nähe von
-Calcutta durch einen Arm des Ganges gelegt zu haben. 1840 bereits
-trat +Wheatstone+ mit einem Plan zur Verbindung von Dover und Calais
-hervor, und 1843 regte +Morse+ die unterseeische Verbindung Amerikas
-und Europas an. Allein man kannte damals noch nicht die isolierende
-Eigenschaft der Guttapercha, und so kam auch weder der Vorschlag
-Wheatstones, noch der von Morse zur Ausführung. Als jedoch in der
-Guttapercha ein Material gefunden worden war, welches zur Isolation des
-Leitungsdrahtes sich vorzüglich eignet und dabei leicht zu behandeln
-ist, da war das Haupthindernis der +Unterseeleitung+ überwunden. Weder
-größere Flüsse und Meeresarme, noch selbst die Oceane konnten von
-jetzt an der Herstellung einer telegraphischen Verbindung zwischen den
-dadurch getrennten Ländern unübersteigliche Hindernisse entgegensetzen.
-
-Im Januar 1849 wurden, nachdem Pläne und Versuche von +Wheatstone+,
-+Morse+, +Armstrong+, +Siemens+ und +Play+ in dieser Beziehung
-ausgeführt waren, zuerst durch den Engländer +Walker+, den Dirigenten
-des Telegraphen der Südwest-Eisenbahngesellschaft, auf einer über 2
-Meilen langen Seeleitung ohne alle Schwierigkeiten telegraphische
-Depeschen gegeben. Durch derartige Versuche ermutigt, beschloß +J.
-Brett+, ein sehr geschickter Techniker und ein Mann von großem
-Unternehmungsgeiste, Dover mit Calais unterseeisch zu verbinden.
-Nachdem er von der französischen Regierung ein Patent auf 10 Jahre für
-die Herstellung submariner Leitungen zwischen Frankreich und England
-erhalten hatte, bildete er eine Aktiengesellschaft und begann die
-Fabrikation des Leitungsdrahtes. Am 28. August 1850 wurde der sechs
-deutsche Meilen lange Telegraphendraht, 2½ mm dick und mit einer Hülle
-von Guttapercha umgeben, glücklich ins Meer versenkt (das Jahr 1850
-kann daher als das Geburtsjahr der unterseeischen Telegraphie gelten);
-leider aber zerriß derselbe wenige Tage nachher. Die Gesellschaft ließ
-nun ein viel stärkeres, 180000 Mark kostendes Tau verfertigen, dessen
-Kern aus vier mit Guttapercha überzogenen Drähten bestand, und das mit
-zehn galvanisierten Eisendrähten überzogen war. Die Legung dieses ca.
-12 cm dicken Kabels begann am 25. September 1851 und gelang in drei
-Tagen vollständig.
-
-Damit hatte die unterseeische Telegraphie festen Boden gewonnen. Schon
-1852 wurden England und Schottland mit Irland, Fünen mit Seeland und
-Jütland, England mit Belgien und Holland, 1854 Seeland mit Schweden,
-Italien und Sardinien mit Corsica verbunden.
-
-Bei allen diesen mit mehr oder weniger Glück durchgeführten
-Verbindungen wurden reiche Erfahrungen gesammelt und die Technik der
-elektrischen Telegraphie sehr verbessert. Was war nun natürlicher als
-der Gedanke, die Alte und die Neue Welt durch ein Kabel miteinander zu
-verknüpfen? Der Amerikaner +Cyrus Field+ faßte denn bereits 1854 den
-Plan, zwischen Amerika und Europa eine telegraphische Verbindung zur
-Ausführung zu bringen. Am 6. August 1857 begann auch schon die Legung
-des Kabels von der Insel Valentia aus im Südwesten von Irland; aber
-das Tau riß am 11. August, 274 englische Meilen von der Küste. Das
-teure Lehrgeld schreckte jedoch weder Engländer noch Amerikaner zurück,
-und von nun an schien ihnen das Glück auch hold zu sein. Am 5. August
-1858 tauschten Amerika und Europa die erste telegraphische Botschaft
-aus. Der Präsident der Vereinigten Staaten und die Königin Victoria
-von England hatten sich in unterseeischen Depeschen zur Vollendung des
-großen Werkes beglückwünscht; die parlamentarischen Körperschaften,
-die Presse, die Litteratur und die Dichtkunst hatten gewetteifert,
-das Kabel als eine Bürgschaft des Friedens und einen Hebel für die
-Annäherung der Völker zu feiern.
-
- ~With clasped hands the continents
- Feel throbbings of each other’s heart,~
-
-sang ein amerikanischer Poet; mit gleicher Begeisterung erwiderte der
-elsässische Pfarrer Adolf Stöber:
-
- Nein, kein Ocean mehr trennet die Alte Welt
- Von der Neuen, ein Band schlingt um beide sich;
- Eines Hauses Genossen
- Sind die Völker Von Pol zu Pol[12].
-
-Die Leistungsfähigkeit des Kabels ließ indes bald nach, es traten
-Störungen ein, und am 1. September 1858 versagte es gänzlich den Dienst.
-
-Während der drei Wochen, die das Kabel in Thätigkeit gewesen, hatten im
-ganzen 400 Telegramme mit zusammen 4359 Wörtern Beförderung erhalten.
-4359 Wörter für 8 Millionen Mark -- soviel hatte das Unternehmen
-gekostet -- jedes Wort also über 1800 Mark! Gewiß die höchste
-Depeschengebühr, die je vorgekommen ist![13]
-
-Der Physiker +Babinet+, der das ganze Unternehmen der Kabellegung
-für wahnsinnig erklärt hatte, schien recht zu haben. Das Werk ruhte
-nun jahrelang, und der Plan des amerikanisch-sibirischen Telegraphen
-trat an seine Stelle, bis 1865 durch Cyrus Field, den Hauptförderer
-der atlantischen Kabellegung, ein neuer Versuch unternommen wurde.
-Man hatte das Kabel weit sorgfältiger, nach ganz neuen Principien
-gearbeitet und zu dessen Abwicklung das berühmte Riesenschiff „Great
-Eastern“ gemietet. In Bezug auf Festigkeit und Isoliertüchtigkeit ließ
-der neue Draht, der das Gewicht von 82000 Centnern repräsentierte,
-nichts zu wünschen übrig, und am 23. Juli 1865 begann dessen Legung
-von Valentia aus. Schon war man 1000 Meilen von Valentia mit dem Kabel
-nach Westen vorgedrungen, da riß es abermals und war trotz vieler
-Mühe nicht mehr zu finden. Errungen wurde der große Sieg endlich
-1866; abermals lief der „Great Eastern“ am 13. Juli von Valentia aus,
-glücklich versenkte er seine Last in den Ocean, und am 27. Juli war
-Trinity Bay auf Neufundland erreicht und damit die dauernde Verbindung
-hergestellt. Den umfassendsten Gebrauch von der neuen Kabelleitung
-machte sofort der New-Yorker Herald. Denn schon den nächsten Tag nach
-dieser denkwürdigen Errungenschaft des menschlichen Geistes ließ sich
-die genannte Zeitung auf diesem neuen Wege die vollständige Rede
-zugehen, die König Wilhelm von Preußen nach der Rückkehr von Sadowa vor
-seinem Landtage hielt. Das Telegramm kostete 36000 Francs[14].
-
-Gleich nach Vollendung der Kabellegung wurde auch das 1865 verlorene
-Kabel wieder aufgefunden, und Europa und Amerika hatten nun eine
-doppelte telegraphische Verbindung. Seitdem arbeiteten beide Kabel,
-trotz mehrfacher Unterbrechungen, lange zur vollsten Zufriedenheit, und
-die Gesellschaft konnte, obgleich die Unternehmungen von 1857 und 1858
-350000, die von 1865 und 1866 je 600000 Pfd. St. gekostet hatten und
-die anfängliche Beförderungsgebühr von 20 Pfd. für 20 Wörter wiederholt
-herabgesetzt worden war, für das Jahr 1869 über 24% Dividende zahlen.
-
-Neue Unternehmungen in großem Stile folgten nun rasch nacheinander und
-wurden nach mancherlei Wechselfällen auch glücklich durchgeführt.
-
-2. +Fabrikation unterseeischer Kabel+. Es ist klar, daß je nach dem
-Zwecke, für den ein Telegraphenseil bestimmt ist, die Zusammensetzung
-desselben sehr verschieden sein wird. Ob ein oder mehrere voneinander
-isolierte Leitungsdrähte den innern Kern bilden sollen, ob das Kabel in
-bedeutende Tiefen versenkt werden muß, oder ob es für seichte Gewässer
-bestimmt ist, ob dasselbe der Gefahr von besonderen Beschädigungen
-ausgesetzt ist oder nicht, all das ist auf die Zusammensetzung des
-Kabels von wesentlichem Einfluß.
-
-Als +Leiter+ wird für Kabel durchweg +Kupfer+ verwendet. Dasselbe
-besitzt eine große Leitungsfähigkeit, so daß die Drähte dünn genommen
-werden können. Infolge davon ist weit weniger Guttapercha, deren Preis
-sehr hoch ist, als bei Eisendraht erforderlich. Außerdem verträgt der
-Kupferdraht eine geringe Dehnung ohne Nachteil. Zu größerer Sicherheit
-gegen einen vollständigen Bruch des Leiters nimmt man gewöhnlich nicht
-einen einfachen Draht, sondern man vereinigt mehrere (4-7) dünnere
-Drähte zu einer einzigen metallischen +Litze+, bei welcher der leitende
-Zusammenhang noch erhalten bleiben kann, wenn selbst einer der Drähte
-oder mehrere reißen.
-
-Als +isolierende Hülle+ dient +Guttapercha+. Da aber bei einem so
-vielen Unfällen ausgesetzten und nach geschehener Legung nicht mehr
-erreichbaren unterseeischen Kabel die Isolation des Leitungsdrahtes
-möglichst vollkommen sein muß, so begnügt man sich nicht mehr mit einer
-doppelten Umpressung des Kupferdrahtes mittels der Guttapercha, sondern
-man überzieht ihn mindestens dreimal und bringt außerdem zwischen je
-zwei aufeinanderfolgenden Guttapercha-Schichten noch besondere flüssige
-Isolationsmittel an, damit dieselben nicht bloß in die einzelnen
-Poren der Guttapercha dringen, sondern auch durch ihre Klebrigkeit
-die Schichten von Guttapercha fest miteinander vereinigen. Ja auch
-zwischen den Draht und die erste Lage Guttapercha giebt man vielfach
-behufs Ausschließung der Luft und zur Verhütung der Blasenbildung durch
-dieselbe eine isolierende Mischung (z. B. Chatterton-Masse).
-
-Die mit dem Isolationsmateriale umpreßten metallischen Adern werden
-schließlich zur Sicherung gegen äußere Beschädigungen mit einer
-Hanfumwicklung und einer Hülle starker Eisendrähte oder auch statt
-dieser letzteren nach dem Vorschlage von +Siemens+ mit einem Überzuge
-von dünnen kupfernen Bändern versehen.
-
-Die +Hauptfabrikanten+ solcher Kabel sind in England: +Newall &
-Co+.; +Henley+, +India Rubber+, +Gutta Percha and Telegraph Works
-Company+, +Siemens Brothers+, +Submarine Telegraph Company+,
-+Telegraph-Construction and Maintenance Company+; in Deutschland:
-+Felten & Guilleaume+ zu Köln, +Siemens & Halske+ in Berlin; in
-Frankreich: +Rattier & Co+., ferner +Menier+ in Paris.
-
-Die Fabrik von +Felten & Guilleaume+ zu Köln geht bei der Fabrikation
-der Guttapercha-Drähte und Kabel mit ganz besonderer Vorsicht zu Werke,
-weshalb denn auch ihre Kabel über den ganzen Kontinent verbreitet sind.
-
-In den folgenden zwei Figuren (9 u. 10) sind Ansichten und Querschnitte
-zweier Tiefseekabel dargestellt.
-
-Das französisch-atlantische Kabel vom Jahre 1869 mit einer Länge
-von 4785 km (von Brest in Frankreich bis St. Pierre südlich von
-Neufundland) erforderte zu seinem siebendrähtigen Leiter 533 t
-Kupferdraht. Ferner wurden zu demselben verbraucht 549 t Guttapercha,
-500 t Jute, 4727 t Eisendraht und 1286 t Manila-Hanfstränge. Das Kabel
-kostete 584496 Pfd. St.; die Gesamtkosten beliefen sich auf 920000
-Pfd. St. = 18⅖ Mill. M.
-
-3. +Legung unterseeischer Kabel+[15]. Die Legung eines Unterseekabels
-ist immer eine höchst schwierige Aufgabe; dem Scharfsinn und der
-Energie der Seeleute, Ingenieure und Telegraphentechniker werden
-hierbei nicht geringe Aufgaben gestellt.
-
-[Illustration: Fig. 9.
-
-Zweites transatlantisches Kabel von 1865.
-
-Fig. 10.
-
-Malta-Alexandria-Kabel.
-
- ~a~ Kupferdraht.
- ~b~ Guttapercha, 4 Lagen.
- ~c~ Geteerter Hanf.
- ~d~ Mit Hanf umsponnener Eisendraht.
-]
-
-Nach der gewöhnlichen Art des Einlegens submariner Leitungen wird das
-Kabel auf ein Schiff gebracht. Schon diese Operation und die genaue
-Einlegung des letztern in konzentrische Ringe macht wegen der enormen
-Last und der Steifheit des Kabels große Schwierigkeiten. Dann ist
-bereits vor der Versenkung der mit dem Tau einzuschlagende Weg genau
-festzustellen und zu diesem Behufe Tiefe, Beschaffenheit und Gestalt
-des Meeresbodens durch Sondierungen möglichst genau zu erforschen.
-Die Landungspunkte namentlich sollen möglichst frei von Brandung und
-Klippen sein, auch keinen guten Ankergrund bieten, damit das Tau
-nicht durch Schiffsanker verletzt werde. Ist das alles geschehen und
-das Küstenkabel auf dem Lande befestigt, so fährt das Schiff die
-projektierte und genau sondierte Linie entlang, wobei man das Tau
-nach und nach ins Wasser hinabläßt, in welchem es durch sein eigenes
-Gewicht niedersinkt und so auf dem Grunde sich festlegt. Dabei ist
-es besonders notwendig, die Schnelligkeit, mit welcher das Kabel vom
-Schiffe ins Wasser sinkt, zu regulieren. Denn dieselbe würde sonst
-sehr bald außerordentlich groß und weit größer als die des Schiffes
-werden; infolgedessen würde aber das Tau in verschlungenen Ringen
-statt in einer nahezu Geraden sich niederlegen, überdies würde es
-durch die Reibung in hohem Grade leiden und sich selbst und das Schiff
-beschädigen. Von der Zweckmäßigkeit der hierzu verwendeten Maschinen
-und der guten Führung des ablaufenden Taues ist das Gelingen des ganzen
-Werkes wesentlich mitbedingt. Endlich müssen während des Versenkens
-fortlaufende Messungen des Isolations- und Leitungszustandes des Taues
-angestellt werden, damit man beim Auftreten eines Fehlers diesen sofort
-merkt und beseitigen, beziehungsweise das versenkte Taustück wieder
-emporheben kann. Zu diesem Zwecke bleibt das Schiff, welches das Tau
-versenkt, durch dieses hindurch beständig mit einer Station am Lande in
-telegraphischer Verbindung.
-
-Ein Dampfschiff ist für die Legung einem Segelschiff vorzuziehen, weil
-es von Wind und Wellen weniger abhängt; doch muß es genügende Größe,
-Stabilität und Tragfähigkeit haben. Bei mehreren derartigen großen
-Unternehmungen hat sich das Riesenschiff Great Eastern von über 3000 t
-Netto-Gehalt vortrefflich bewährt. Noch geeigneter sind die besonders
-für die Zwecke der Kabellegung und -ausbesserung gebauten großen
-Dampfer der Kabelgesellschaften, beziehungsweise Kabelfabrikanten.
-Gegenwärtig sind 29 solcher Dampfer mit Legung neuer Strecken und
-Reparaturen der alten unausgesetzt beschäftigt.
-
-Diesen Schiffen liegt, namentlich wenn es sich um Versenkung größerer
-oder um das Auffischen und Zusammenspleißen gebrochener Kabel handelt,
-eine Arbeit ob, die das Schiff, die Mannschaft und die Ladung den
-bedenklichsten Wechselfällen aussetzt. Abgesehen von den Launen der
-Witterung und des Meeres, denen die Kabelschiffe durch ihre Belastung
-und die zur Versenkung der Kabel erforderlichen Vorrichtungen
-in erhöhtem Maße ausgesetzt sind, werden die Bewegungen dieser
-Schiffe durch ihre Arbeiten in einer Weise gehemmt, die es ihnen
-außerordentlich erschwert, anderen Schiffen auszubiegen. Die Gefahr
-eines Zusammenstoßes mit anderen Fahrzeugen ist um so größer, als die
-Arbeiten der Kabeldampfer regelmäßig auf den belebtesten Hochstraßen
-des Oceans auszuführen sind und ihrer Natur nach nicht unterbrochen
-werden dürfen. In nicht seltenen Fällen hat zur Rettung des Schiffes
-das Kabel an unpassenden Stellen gelegt oder gar abgeschnitten und dem
-gänzlichen Verlust ausgesetzt werden müssen. Vor ca. 10 Jahren ging der
-Dampfer +Gomos+ bei Legung des Kabels von St. Vincent nach Pernambuco
-infolge eines Zusammenstoßes zu Grunde. Aus gleicher Ursache wurde
-der Telegraphendampfer +Robert Lowe+ in den Gewässern von Neufundland
-schwer beschädigt.
-
-4. +Kabelschutz+. Bei dem großen Anlagekapital und bei der Wichtigkeit
-der telegraphischen Verbindungen ist es begreiflich, daß man schon sehr
-frühe daran dachte, wenigstens die +Kabellinien+ unter den Schutz der
-Mächte zu stellen. Die ersten derartigen Bestrebungen gingen bereits
-1869 von den Vereinigten Staaten von Amerika aus, aber erst auf der
-internationalen Konferenz zu Paris vom 27. Oktober 1883 kam eine
-diesbezügliche Vereinbarung zu stande. Die Übereinkunft, welche von 32
-Staaten abgeschlossen wurde, bezweckt den internationalen Schutz der
-Kabel wenigstens in +Friedenszeiten+. Das von +Cyrus Field+ angestrebte
-Ideal, die unterseeischen Telegraphen-Verbindungen vollständig zu
-+neutralisieren+, ist durch den Vertrag +nicht+ erreicht worden.
-
-5. +Statistik der unterseeischen Telegraphenverbindungen.+ Die Zahl
-sämtlicher submariner Kabel beträgt 731. Hiervon gehören 546 Kabel den
-+Staatsverwaltungen+, 185 sind Eigentum von +Privatgesellschaften+. An
-letzteren gab es 1883 23, von denen 17 ihren Sitz in London hatten. Die
-ausgedehntesten +submarinen+ Leitungen (fast 17000 Seemeilen) besitzt
-die +Eastern Telegraph Company+. Die Länge sämtlicher Privatkabel
-übertrifft jene der Staatsverwaltungen fast um das +Zwölffache+.
-
-Die Ausdehnung der sämtlichen unterseeischen Telegraphenverbindungen
-für das Jahr 1883 erhellt aus folgender, dem ~+Journal télégraphique+~
-entnommenen Zusammenstellung.
-
- ~A.~ +Staatsverwaltungen.+
-
- |---------------------------------+-------+-------------------------
- | | Zahl | Länge (in Seemeilen)
- | Länder. | der |------------+------------
- | | Kabel.| der Kabel. | der Drähte.
- |---------------------------------+-------+------------+------------
- |Deutsches Reich | 32 | 436,19 | 1042,24
- |Österreich | 29 | 97,49 | 103,94
- |Dänemark | 32 | 111,68 | 410,18
- |Spanien | 3 | 129,10 | 129,10
- |Frankreich | 41 | 2329,273 | 2345,273
- |Großbritannien und Irland | 92 | 576,194 | 1528,163
- |Griechenland | 13 | 104,60 | 104,60
- |Italien | 15 | 250,29 | 262
- |Norwegen | 224 | 245,76 | 245,76
- |Niederlande | 14 | 40,70 | 61,81
- |Europäisches und kaukasisches | | |
- | Rußland | 5 | 201,80 | 209,84
- |Schweden | 7 | 58,60 | 58,60
- |Türkei | 12 | 330,66 | 333,66
- |Britisch-Indien | 7 | 1743,35 | 1743,35
- |Japan | 11 | 55,498 | 103,368
- |Russisch-Asien | 1 | 70,017 | 70,017
- |Süd-Australien | 2 | 43,50 | 43,50
- |Neu-Caledonien | 1 | 1 | 1
- |Niederländisch-Indien | 1 | 54,91 | 54,91
- |Neu-Seeland | 3 | 196,315 | 284,94
- |Britisches Amerika | 1 | 200 | 200
- | --+-------+------------+------------
- | | 546 | 7276,927 | 9336,281
-
- ~B.~ +Privatgesellschaften.+
-
- ---------------------------------------+------+-----------------------
- | Zahl | Länge (in Seemeilen)
- Namen der Gesellschaften. | der |-----------+-----------
- |Kabel.|der Kabel. |der Drähte.
- ---------------------------------------+------+-----------+-----------
- 1. Submarine Telegraph Company | 10| 803,69 | 3728,64
- 2. Vereinigte deutsche Telegraphen- | | |
- Gesellschaft | 2| 1119 | 1794
- 3. Hamburg-Helgoländer Telegr.- | | |
- Gesellschaft | 1| 32 | 32
- 4. Direct Spanish Telegraph Company | 2| 699,13 | 699,13
- 5. Mediterranean Extension Telegr. | | |
- Company | 3| 198 | 198
- 6. Black Sea Telegraph Company | 1| 350 | 350
- 7. Indo-European Telegraph Company | 1| 8 | 24
- 8. Great Northern Telegraph Company | 17| 5916 | 6142
- 9. Eastern Telegraph Company | 49| 16814,85 |16859,85
- 10. Eastern and South African | | |
- Telegraph Company | 4| 3858 | 3858
- 11. Eastern Extension Australasia and | | |
- China Telegraph Company | 15| 11265 |11265
- 12. Anglo-American Telegraph Company | 15| 10437,56 |11035,70
- 13. Directed United States Cable | | |
- Company | 2| 2983 | 2983
- 14. Compagnie française du Télégraphe | | |
- de Paris à New-York | 4| 3409,34 | 3409,34
- 15. Western Union Telegraph Company[16]| 4| 5537 | 5537
- 16. Brazilian Submarine Telegraph | | |
- Company | 4| 4296 | 4296
- 17. Cuba Submarine Telegraph Company. | 3| 940 | 940
- 18. West-India and Panama Telegr. | | |
- Company | 20| 4119 | 4119
- 19. Western and Brazilian Telegraph | | |
- Company | 9| 3801 | 3801
- 20. River Plate Telegraph Company | 1| 32 | 64
- 21. Mexican Telegraph Company | 2| 709 | 709
- 22. Central and South American | | |
- Telegraph Company | 9| 3178,11 | 3178,11
- 23. West Coast of America Telegr. | | |
- Company[17] | 7| 1698,72 | 1698,72
- --+------+-----------+-----------
- | 185| 82214,40 |86721,49
-
-
- +Zusammenfassung.+
-
- ------------------------+----------+---------------------------
- | Zahl der | Länge (in Seemeilen)
- | Kabel. | der Kabel. | der Drähte.
- ------------------------+----------+------------+--------------
- Staatstelegraphen | 546 | 7276,927 | 9336,281
- Privat-Gesellschaften | 185 | 82214,40 | 86721,49
- --+----------+------------+--------------
- Im ganzen | 731 | 89491,327 | 96057,771
-
-Nach der +neuesten+ Statistik können die Kabel der
-+Privatgesellschaften+ auf 180000 km Länge mit 200000 km Leitung
-veranschlagt werden, während die in +Staatsverwaltung+ befindlichen
-Kabel nur 15000 km Länge und etwa 18000 km Leitung besitzen. Die
-+Länge sämtlicher Kabel der Erde beträgt somit+ 195000 km mit 218000
-km Drähten[18]. Bedenkt man, daß es vor wenigen Decennien noch für
-unmöglich galt, Kabel durchs Meer zu legen, so ist dieses Resultat
-wahrlich im höchsten Grade bewundernswert.
-
-6. +Kosten der Kabel.+ Der Wert der sämtlichen Kabel beläuft sich
-auf über 600 Millionen Mark. Durchschnittlich betragen die Kosten
-der atlantischen Kabel pro englische Meile (= 1,6 km) 550 Pfd. St. =
-11000 M.; andere submarine Leitungen wurden dagegen schon um 200 Pfd.
-St. pro englische Meile erstellt. Beträchtlich wohlfeiler kommen die
-oberirdischen Leitungen zu stehen: im Durchschnitt pro englische Meile
-auf 80 Pfd. St. = 1600 M., die unterirdischen dagegen kosteten in
-Deutschland für die gleiche Entfernung 450 Pfd. St. = 9000 M.[19]
-
-7. +Tarifentwicklung für Kabeltelegramme.+ Die nachstehende Tabelle
-veranschaulicht in übersichtlicher Weise, wie der Preis für
-+transatlantische+ Telegramme seit der Inbetriebnahme der ersten
-überseeischen Kabel und infolge des fortwährenden Hinzutretens von
-neuen Verbindungen fast stetig sich ermäßigte, bis er schließlich zu
-dem jetzigen verhältnismäßig billigen Satze herabsank, welcher auch den
-weniger Bemittelten gestatten dürfte, in Fällen großer Dringlichkeit
-von den überseeischen Verbindungen Gebrauch zu machen.
-
-Für ein Telegramm bis zu 20 Worten Inhalt wurden bezahlt:
-
- bis zum Jahre 1867 M. 400,--
- vom 1. November 1867 ab „ 200,--
- „ 1. Dezember 1867 ab für ein Telegramm bis zu 10 Worten „ 100,--
- „ 1. September 1868 „ „ „ „ „ 67,40
- „ 1. Juni 1869 „ „ „ „ „ 40,--
- „ 10. August 1869 „ „ „ „ „ 30,--
- „ 12. Dezember 1870 „ „ „ „ „ 60,--
- „ 1. Juli 1871 „ „ „ „ „ 40,--
-
-Vom 1. Mai 1872 ab wurde die Worttaxe eingeführt, und zwar
-
- wurde zunächst berechnet für jedes Wort M. 4,--
- vom 1. Mai 1875 ab „ 2,--
- und vom 24. Dezember 1884 ab „ 1,60
-
-Die zuletzt genannte Ermäßigung war eine Folge der Verlegung der
-+Bennett-Mackay+-Kabel, die von Waterville in der Nähe der Insel
-Valentia ihren Ausgang nehmen. Die Eigentümer dieser Kabel, welche
-die +Commercial Cable Company+ bilden, setzten bei der Inbetriebnahme
-derselben den angeführten Satz von 1,60 Mark für ein Wort fest, und
-die augenblickliche Folge davon war, daß auch alle übrigen Eigentümer
-von transatlantischen Kabeln sofort den gleichen Satz in Anwendung
-bringen ließen[20]. Seitdem ist sogar noch eine weitere Verwohlfeilung
-des telegraphischen Verkehrs zwischen Europa und Amerika eingetreten.
-Um nämlich die +Commercial Cable Company+ zu veranlassen, dem Bunde
-der übrigen Kabelgesellschaften beizutreten, haben die letzteren am 5.
-Mai 1886 die Wortgebühr für die Beförderung von Telegrammen zwischen
-London und New-York sowie den wichtigsten Handelsstädten Nordamerikas
-für ihre sämtlichen Linien auf den Satz von M. 0,50 herabgesetzt.
-Besondere Konzessionen wurden gleichzeitig den Zeitungen gemacht,
-indem für Preßtelegramme mittels besonderen Abkommens eine Ermäßigung
-der Gebühr auf sogar 0,25 M. für das Wort vereinbart werden kann. Die
-Beförderungsgebühren werden indes auf +diesem+ Satze nicht allzulange
-beharren[21].
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Übersicht über die wichtigsten Telegraphenlinien der Erde.
-
-
-~A.~ Die großen Kontinentallinien.
-
-Die bedeutendsten diesbezüglichen Linien sind:
-
-1. +Der europäisch-indische Überlandtelegraph.+ Derselbe läuft bis
-zum persischen Hafen +Buschir+ in +doppelter+ Linie, einerseits über
-Konstantinopel, Bagdad und Basra (nur die kurze Strecke +Fao-Buschir+
-ist Kabelleitung), andererseits von Rußland her über Tiflis, Teheran
-und Ispahan. Von Buschir taucht die Leitung in den persischen
-Meerbusen, landet dann bei Jask in Südpersien und wieder bei Gwadur und
-Karratschi und zieht dann über Land nach Bombay, Madras, Calcutta und
-Mulmein, letzteres in Hinterindien.
-
-2. +Der sibirische Überlandtelegraph.+ Er zieht von St. Petersburg
-über Kasan, Perm, Tjumen, Omsk, Tomsk, Krasnojarsk, Irkutsk, Kiachta,
-Nertschinsk nach Nikolajewsk am Ochotskischen und Wladiwostock am
-Japanischen Meer.
-
-3. +Der australische Überlandtelegraph.+ Er führt von Port Darwin in
-Nordaustralien nach Melbourne in Südaustralien. Außerdem läuft hier ein
-Telegraph von Melbourne an der Ostküste entlang über Sydney nach dem
-Golf von Carpentaria; desgleichen eine Leitung an der Südküste nach
-Westen bis Perth, Geralton und Roeburne.
-
-4. +Der transkontinentale Telegraph Nordamerikas.+ Er verbindet den
-Osten (New-York) mit dem Westen der Vereinigten Staaten (San Francisco).
-
-5. +Die transandinische Linie Südamerikas.+ Sie verknüpft Argentinien
-und Uruguay mit Chile, indem sie die Pampas durchzieht und die Anden
-übersteigt.
-
-
-~B.~ Die wichtigsten unterseeischen Verbindungen[22].
-
-Sie zerfallen in folgende Hauptgruppen:
-
-
-I. +Linien zwischen Europa und Nordamerika+, zugleich für den Verkehr
-mit +Mittelamerika+ und +Westindien+.
-
-1. Drei Linien von der Insel +Valentia+ an der Südwestküste von Irland
-nach Hearts Content auf Neufundland: ~a.~ 1873er Kabel, 3475 km; ~b.~
-1874er Kabel, 3403 km; ~c.~ 1880er Kabel, 3000 km.
-
-[Illustration: Fig. 11. Die unterseeischen Verbindungen zwischen Europa
-und Nordamerika.]
-
-2. Eine Linie von der +Ballinskelligbai+ (bei Valentia) nach +Tor Bai+
-auf Neuschottland.
-
-3. Zwei Linien von +Waterville+ (nächst der Ballinskelligbai) nach
-+Dover Bai+.
-
-4. Zwei Linien von +Sennen Cove+ an der Westspitze der englischen
-Halbinsel Cornwall nach +Dover Bai+.
-
-5. Zwei Linien von +Brest+ (Frankreich) nach +St. Pierre-Miquelon+
-(südlich von Neufundland).
-
-
-II. +Linien zwischen Europa und Südamerika.+
-
-Die Doppel-Linie +Lissabon+-Madeira-St. Vincent-+Pernambuco+; jedes
-Kabel hat eine Gesamtlänge von je 7260 km. Von Pernambuco wurden ferner
-Kabel entlang der Küste nördlich bis +Pará+, südlich nach +Bahia+, +Rio
-de Janeiro+, +Montevideo+ und +Buenos-Aires+ gelegt.
-
-Zwischen Europa und Amerika bestehen somit gegenwärtig nicht weniger
-als 12 submarine Leitungen; 10 derselben verbinden Europa und
-Nordamerika.
-
-
-III. +Linien zur Verbindung von Europa und Afrika+, sowie von +Europa+
-und +Asien+, beziehungsweise +Australien+.
-
-1. +Marseille+-+Algier+ (3 Linien) und +Marseille+-+Bona+ (2 Linien).
-
-2. +Falmouth+-+Gibraltar+-+Malta+-+Alexandrien+.
-
-3. +Modica+ (Sicilien)-+Malta+-+Alexandrien+.
-
-4. +Otranto+ (Unteritalien)-+Zante+-+Alexandrien+ mit verschiedenen
-Abzweigungen.
-
-5. +Cadiz+-+Teneriffa+-+St. Louis+-+Dakar+ (franz.
-Senegambien)-+Bathurst+-Bulama-+Konakry+.
-
-6. (Alexandrien-)+Suez+-+Aden+-+Bombay+ (2 Linien).
-
-7. +Suez+-+Aden+-+Zanzibar+-+Mozambique+-+Delagoabai+-+Port
-Natal+(-+Kapstadt+). Dieses Kabel ist 7289 km lang.
-
-8. (Bombay-)+Madras+-+Penang+-+Singapore+.
-
-9. +Singapore+-+Batavia+.
-
-10. +Singapore+-+Banjoewangie+ (Java)-+Port Darwin+ (Nordaustralien).
-
-11. +Singapore+-+Saigon+-+Hongkong+ (China)-+Shanghai+-+Nagasaki+
-(Japan)-+Wladiwostock+ (im russischen Amurgebiet am Japanischen Meer).
-
-12. +Saigon+-+Hué+-+Haiphong+-+Hongkong+-+Amoy+-+Shanghai+.
-
-13. +Melbourne+-+Low Head+ (Tasmanien) und +Sydney+-+Nelson+
-(Neu-Seeland).
-
-14. Für den internationalen Verkehr ist noch von Wichtigkeit die
-Kabelleitung durch den persischen Golf: +Fao+ (an der Mündung des
-Schat-el-Arab)-+Buschehr+-+Karratschi+.
-
-
-IV. +Zwischen Nord- und Südamerika.+
-
-Galveston-Tampico-Vera Cruz-[Coatzacoalcos (Mejico)-Salina Cruz (am
-Stillen Ocean)]-la Libertad-San Juan del Sur-Panamá-Buenaventura-Sta.
-Elena (im Staat Ecuador)-Payta (Peru)-Chorillos bei Lima. Die Leitung
-wurde erst 1882 fertiggestellt, und erst seitdem ist zwischen Nord- und
-Südamerika ein direkter telegraphischer Verkehr möglich; bis dahin war
-das nur über Europa der Fall mittels der Leitung Lissabon-Pernambuco.
-Ein Telegramm von Nordamerika nach Südamerika mußte also +zweimal+
-den Atlantischen Ocean durchkreuzen. Und welche Kosten waren hiermit
-verknüpft! Für das Taxwort eines Telegrammes von Panama nach Callao
-(Peru) waren z. B. nicht weniger als 13 Dollars oder 52 Mark zu
-entrichten. Von Lima zieht dann eine Kabelleitung südwärts nach
-Valparaiso, das selber wieder durch die transandinische Linie mit der
-Ostküste Südamerikas in Verbindung steht.
-
-
-V. +Projektierte unterseeische Linien.+
-
-An unterseeischen Linien sind in Aussicht genommen:
-
-1. Die Fortsetzung des Kabels an der Westküste von Afrika und zwar von
-+Konakry+ über St. Thomas (im Gabunlande), Loanda, Benguela, Mossamedes
-nach +Kapstadt+.
-
-2. Ein Kabel von +Brest+ nach +Guadeloupe+, einer der Kleinen Antillen.
-
-3. Verbindungen von +Waterville+, +Brest+, +Vigo+ und +Lissabon+ über
-die +Azoren+- und +Bermuda+-Inseln mit +Halifax+, +New-York+, +Havana+
-und +Kingston+ (auf Jamaica).
-
-4. Ein Kabel von +Fortaleza+ (in Brasilien) nach +New-York+.
-
-
-~C.~ Weltlinien.
-
-Von besonderer Wichtigkeit ist die +Kombination+ der einzelnen
-submarinen Kabel mit Überlandlinien zur Herstellung sogen.
-+Weltlinien+, durch welche mehrere Erdteile miteinander in direkten
-Verkehr gesetzt werden.
-
-[Illustration: ~Die wichtigsten Telegraphenverbindungen der Erde.~]
-
-Die +längste+ durchgehende Linie dieser Art reicht von San Francisco
-an der Westküste Nordamerikas einerseits und von Valparaiso an der
-Westküste Südamerikas andererseits bis Wladiwostock am Japanischen
-Meer und Nikolajewesk am Ochotskischen Meer. Sie wird durch folgende
-vier Hauptstrecken gebildet: die nordamerikanische, beziehungsweise
-südamerikanische Landroute, die atlantischen Kabel, die Linie von
-England bis Petersburg und die russisch-sibirische Strecke. (Siehe
-Karte.)
-
-Eine +zweite+ durchgehende Linie zieht sich durch Europa in
-südöstlicher Richtung nach dem Süden Asiens und weiterhin nach
-Australien[23]. Sie nimmt ihren Weg von Konstantinopel über Bagdad und
-Basra, zieht hierauf über Bombay nach Madras, um von dort per Kabel
-Singapur zu erreichen. Von Singapur führt dann eine Doppelleitung über
-Java nach Port Darwin in Australien, wo sich der Überlandtelegraph
-anschließt. -- Mit dieser Weltlinie vereinigen sich in Bombay die
-zwei von Suez über Aden kommenden Kabel und in Buschir am Persischen
-Meerbusen die von Europa über Tiflis, Teheran und Ispahan laufende
-Leitung. Ferner zweigt von Singapur ein Kabel ab über Hongkong,
-Shanghai, Nagasaki (Japan) nach Wladiwostock zum Anschluß an die
-sibirische Linie.
-
-Zur Vollendung des telegraphischen Weltnetzes fehlt nur noch
-die Verbindung zwischen Amerika und Asien. Ist diese Verbindung
-hergestellt, dann ist der elektrische Gürtel um die Erde geschlossen.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Leitungsstörungen[24].
-
-
-Die Beeinträchtigungen, welche die Telegraphenanlagen zu erleiden
-haben, sind mannigfacher Art. Was zunächst die +oberirdischen
-Leitungen+ betrifft, so sind dieselben zahlreichen schädlichen
-Einwirkungen durch die +elementaren Naturkräfte+ ausgesetzt. Als
-besonders nachteilig erweisen sich z. B. die aus dem Wechsel
-der Witterung hervorgehenden +atmosphärischen Einflüsse+. Die
-Niederschläge, wie Regen, Nebel und Tau, stören nämlich die Isolation
-der Leitungen, und dadurch wird der galvanische Strom so geschwächt,
-daß er oft nicht im stande ist, die Apparate auf weitere Strecken hin
-in Thätigkeit zu setzen. Scheidet sich im Winter der Wassergehalt
-der Atmosphäre in gefrorenem Zustande aus, so hängt er sich als
-Rauhfrost oder Schnee an die Drähte und überzieht dieselben mit dicken
-Krusten von beträchtlicher Schwere. Es sind in dieser Beziehung
-Fälle beobachtet worden, in welchen die Eiskruste einen Durchmesser
-von 15-20 cm erreichte und jeden einzelnen Draht innerhalb der
-gewöhnlichen Stangenintervalle mit einem Mehrgewicht von 1000-1500
-kg belastete. Daß eine solche Vermehrung des eigenen Gewichtes,
-zumal bei starken Luftströmungen, vielfach Draht- und Stangenbrüche
-im Gefolge hat, bedarf keiner Ausführung. -- Durch +Eisgang und
-Hochwasser+ werden nicht selten Stangen, die aus örtlichen Gründen
-im Überschwemmungsgebiet der Flüsse haben aufgestellt werden müssen,
-unterspült und demnächst fortgerissen. -- Ferner fegt der +Sturmwind+,
-der die Stangen niederlegt und ihre Drähte zu schwer entwirrbaren
-Knäueln verwickelt, breite Breschen in die oberirdischen Leitungen. So
-hat der orkanartige Sturm, der in den Tagen vom 9. bis 12. März 1876
-das mittlere Europa, an letzterem Tage namentlich Mitteldeutschland
-heimsuchte, ⅖ der sämtlichen Telegraphenleitungen des Deutschen
-Reichs, nämlich 52390 km Leitung mit einem Anlagewert von ca. 9
-Millionen Mark, auf mehrere Tage außer Betrieb gesetzt. Tagelang gab
-es in Mittel- und Süddeutschland, einem großen Teil von England,
-Frankreich, Belgien, den Niederlanden und bis nach Rußland hinein
-keinen telegraphischen Verkehr. Der Sturm am 4. November 1878 richtete
-in den österreichisch-ungarischen Telegraphenleitungen derartige
-Verheerungen an, daß Wien vier Tage lang von jeder elektrischen
-Verbindung abgeschnitten war. -- Der schädliche Einfluß der
-+Gewitter+ auf die Telegraphenlinien äußert sich in doppelter Weise.
-Trifft ein Blitzschlag die Linie unmittelbar, so werden zumeist die
-Tragstangen zersplittert und umgeworfen, die Isolatoren zertrümmert,
-die Leitungsdrähte beschädigt; außerdem wirken die in der Nähe der
-Leitungen sich vollziehenden Entladungen auf die Betriebsfähigkeit
-insofern, als sie in den Leitungen elektrische Strömungen hervorrufen,
-welche die Wirkung der Telegraphenströme zeitweise stören oder
-aufheben. -- Noch nachhaltiger als die Gewitterstörungen sind die
-Einwirkungen der in der Regel mit Nordlichterscheinungen verknüpften
-sogen. +magnetischen Gewitter+, die in den Telegraphenleitungen
-oft stundenlang andauernde Gegenströmungen von erheblicher Stärke
-hervorrufen.
-
-Ein nicht unerheblicher Teil der an den oberirdischen Leitungen
-vorkommenden Beschädigungen ist auf die gewöhnliche +Abnutzung+ der
-verwendeten Materialien zurückzuführen. Es gilt dies namentlich
-von den hölzernen Stangen, die zwar mit antiseptischen Stoffen
-(Kupfervitriol, Quecksilbersublimat) getränkt sind, deren endliche
-Zerstörung dadurch indes nur aufgehalten, nicht aber vollständig
-abgewendet werden kann, und ferner von den Eisendrähten, die nach dem
-unausbleiblichen Schwinden des Zinküberzuges dem Roste mehr und mehr
-erliegen und schließlich reißen. -- An stark mit Leitungen belasteten
-Gestängen treten +Berührungen der Leitungsdrähte unter sich ein+; sie
-werden durch Stürme, durch Lockerung oder Brechen der Bindedrähte
-hervorgerufen und veranlassen dadurch Stromüberleitungen von einem
-Draht auf den andern und somit gleichfalls Betriebsstörungen. Auch
-Berührungen der Leitungen mit Baumzweigen u. dgl. können Überleitungen
-von einer Leitung zur andern, wie Ableitungen zur Erde zur Folge haben.
-Desgleichen sind Verunreinigungen der Isolatoren geeignet, unter
-Umständen Anlaß zu Stromableitungen zu geben.
-
-Auch seitens mancher +Tiere+ erfahren die oberirdischen Leitungen
-Beschädigungen. So hacken die Spechte in die Telegraphenstangen
-Löcher, welche nicht selten die ganze Stange durchdringen.
-Betriebsstörungen entstehen ferner durch das Anfliegen größerer Vögel
-gegen die Leitungen. Ein Drahtbruch oder eine Verschlingung mehrerer
-Leitungsdrähte kann hiervon die Folge sein. Man hat dergleichen
-Störungen durch gegenfliegende Schwäne, Störche, Trappen, wilde Enten
-und andere Vögel beobachtet. Namentlich aber sind es die Gänse, welche
-in Gegenden mit starker Gänsezucht zu einer wahren Plage für die
-Telegraphenleitungen werden können. Gar manche Stangen werden auch von
-Bären und Wölfen umgelegt, da sich diese Tiere, durch den Ton der durch
-die Luft in Schwingung versetzten Drähte getäuscht, in der Nähe eines
-Bienenstockes zu befinden glauben und nach dem Honig fahnden. In Japan
-sind es die Spinnen, welche die Depeschen verderben. Während der Nacht
-nämlich weben und spinnen diese fleißigen Arbeiter ihre Netze zwischen
-den in der Luft schwebenden Drähten und den sie stützenden Stangen. Zu
-gewissen Jahreszeiten fällt nun reichlicher Tau, und dann werden diese
-Spinngewebe in nassem Zustande zu guten Elektricitätsleitern, welche
-oft große Abweichungen und Stromverluste hervorbringen, so daß manchmal
-des Morgens von einem Punkte der Linie bis zum andern die größte
-Konfusion herrscht. Erst nach Sonnenaufgang, wenn die Gewebe wieder
-trocknen, oder nachdem man dieselben zerstört hat, tritt wieder Ordnung
-ein.
-
-Neben den vorerwähnten Einflüssen kommen bei der Instandhaltung der
-oberirdischen Leitungen auch solche Beschädigungen in Betracht, welche
-durch +Erd+- und +Gesteinsrutschungen+, +Felsstürze+, +Feuersbrünste+,
-+Eisenbahnunfälle+ etc. entstehen.
-
-Endlich giebt es noch solche Störungen, welche in +der Böswilligkeit
-oder dem Unverstande der Menschen+ ihren Grund haben. Wiederholt ist
-z. B. die Wahrnehmung gemacht worden, daß jugendliche Arbeiter oder
-Schulknaben sich vorzugsweise die Isolatoren zum Ziel ihrer Steinwürfe
-wählen und dieselben hierbei häufig zertrümmern. Oft auch werden die
-Leitungen durch Auflegen von Gegenständen zum Nachteil des Betriebes
-miteinander verbunden. Namentlich giebt das Spiel mit Papierdrachen
-zu Störungen Veranlassung. Beschädigungen treten ferner ein beim
-Fällen von Bäumen, bei Vornahme von Sprengungen, bei Ausführung von
-Häuserbauten, infolge Umfahrens von Stangen durch Fuhrwerke u. dgl.
-Auch darunter, daß ab und zu die Drähte zum Wäschetrocknen geeignet
-befunden werden, hat der telegraphische Verkehr zu leiden. Vor nicht
-langer Zeit hat sogar ein Schornsteinfeger die über die Dächer
-geführten Stadt-Fernsprechleitungen behufs bequemerer Ausübung seines
-Handwerks zusammengebunden und dadurch den Betrieb auf diesen Leitungen
-für längere Zeit unmöglich gemacht. Die Wilden Australiens erhalten
-zwar dadurch Respekt vor dem Telegraphen, daß man die eisernen Träger
-der Leitung in gewissen Abständen mit einer Vorrichtung versieht,
-vermöge deren jede Berührung mit einem kräftigen elektrischen Schlage
-vergolten wird; solche +Torpedostangen+ vermögen aber nur die Träger
-der Leitung zu schützen, sie sind indes machtlos gegen Beschädigungen
-des Drahtes und der die Zerstörungswut besonders herausfordernden
-Isolatoren. Die schwarzen Eingeborenen haben denn auch die Isolatoren
-und den Draht zur Bewehrung ihrer Speere und für Angelhaken recht
-geeignet befunden. Die Tscherkessen wieder wählen diese friedlichen
-Geräte mit besonderer Vorliebe zum Zielpunkt für Schießübungen.
-
-Sehr interessante Mitteilungen werden über die fast ganz im Bereich
-der Tropen befindlichen +brasilianischen Staatstelegraphen+ gemacht.
-Von den Schwierigkeiten, die sich der Erhaltung solcher Linien
-entgegenstellen, hat man in Europa fast keine Vorstellung. In der
-tropischen Dampfatmosphäre faulen die hölzernen Gestänge und rosten die
-Drähte, oder es zerspalten infolge von sechs- bis achtmonatlicher Dürre
-die Stangen. Die plötzliche Abkühlung der Luft bei Sonnenuntergang
-verursacht wiederum häufiges Reißen der Leitungsdrähte und Zerspringen
-der Porzellan-Isolatoren. Trotz aller Anstrengungen der Linienaufseher
-überwuchert auch die tropische Vegetation die Leitungen. Ferner stellt
-die Tierwelt gegen die Telegraphen ein ganzes Heer erklärter und
-unversöhnlicher Feinde; Marder, die Sippe der Stinktiere, die Biscachas
-und die Gürteltiere unterminieren die Pfosten, so daß diese umfallen,
-wenn nicht rechtzeitig Hilfe geschafft wird; desgleichen sind die
-zahlreichen Affenarten stets bereit, Verwirrung und Verschlingungen
-an den Leitungsdrähten zu verursachen. Die Belästigungen der
-Linien durch die Vögel sind wieder doppelter Art. Gewisse Vögel
-bauen mit ganz besonderer Vorliebe ihre Wohnungen auf die Spitzen
-der Telegraphenstangen und umhüllen dieselben in wunderbarer
-Geschwindigkeit mit feuchter, dem Erdboden entnommener Thonerde, oder
-mit Nestern, die aus Stöcken, Gras und Federn zusammengebaut sind.
-Sehr oft werden hierbei nicht nur die Stangenspitzen, sondern auch die
-Isolatoren und Drähte mit eingehüllt, wodurch letztere, wenigstens
-bei feuchter Witterung, in gegenseitige Beziehung gebracht werden.
-Außerdem wirken Vögel störend dadurch ein, daß ganze Schwärme gleich
-nach Sonnenuntergang oder kurz vor Sonnenaufgang umherziehen. Sie
-fliegen hierbei oft, da die Leitungsdrähte der Dämmerung wegen kaum
-sichtbar sind, gegen dieselben an, geraten dabei zwischen die Drähte,
-die dann verwickelt oder gar gebrochen werden, wobei allerdings auch
-die Angreifer sehr oft zu Schaden kommen. Auch die in Brasilien in
-so großen Massen auftretenden Insekten sind gefürchtete Feinde der
-Telegraphenlinien. Die gefährlichsten Zerstörungen der brasilianischen
-Leitungen werden jedoch durch die tropischen Gewitter verursacht.
-
-Die +unterirdischen Telegraphenlinien+ sind im großen und ganzen
-weniger Gefahren ausgesetzt als die oberirdischen Leitungen. Immerhin
-bleiben auch sie von Anfechtungen nicht ganz befreit. Beispielsweise
-sind Verletzungen von solchen vorgekommen durch Aufgraben des Erdbodens
-in deren unmittelbarer Nähe. Durch die dabei angewendeten Hacken
-u. s. w. wurden, trotz der vorhandenen eisernen Schutzdrähte, die
-inneren isolierenden Guttapercha-Hüllen mehrfach verletzt oder gar die
-Kupferlitzen zerstört. Auch durch den Gebrauch von Feuer zum Schmelzen
-des Bleies behufs Dichtung von Gas- und Wasserleitungsröhren, die in
-der Nähe von Kabeln lagen, gelangten Guttapercha und Kupferdrähte
-so weit zur Erwärmung, daß die Drähte aus der isolierenden Hülle
-heraustraten und miteinander oder mit den Schutzdrähten in Berührung
-kamen. In einem Falle wurde eine unterirdische Linie unabsichtlich
-durch Eintreiben eines mit einer Eisenspitze versehenen Pfahls
-verletzt, welchen ein Seiltänzer behufs Befestigung des von ihm zu
-seinen Schaustellungen nötigen Gerüstes benutzen wollte. In einem
-andern Falle führte ein mit dem Ausroden von Baumwurzeln beauftragter
-Arbeiter dadurch eine vollständige Unterbrechung einer unterirdischen
-Linie herbei, daß er das in der Erde liegende Kabel für eine Wurzel
-hielt und durchhieb. Glücklicherweise gehören derartige Beschädigungen
-unterirdischer Leitungen zu den Seltenheiten, und es darf daraus der
-Beweis entnommen werden, daß die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen
-sich als wirksamer Schutz gegen die Mehrzahl aller absichtlichen und
-unabsichtlichen Angriffe bewähren.
-
-Nicht ganz so ausreichender Schutz hat den durch +Flüsse und Seen+
-geführten Kabeln verliehen werden können. Letztere werden hin und
-wieder durch schleppende Schiffsanker aus ihrer Lage gehoben und
-zerrissen. In Flüssen mit starkem Gefälle leiden die Kabel wohl
-auch durch die fortwährend auf die äußere Schutzhülle zerstörend
-einwirkenden Flußgeschiebe oder durch das immerwährende Scheuern
-auf steinigem Untergrunde. In Fällen der letztern Art werden die
-Schutzdrähte vollständig durchgeschliffen und die Kabelseele der
-Zerstörung preisgegeben.
-
-Was die +submarinen Kabelleitungen+ betrifft, so werden jene der
-nördlichen Breiten häufig von +Eisbergen+ oder +Eisstücken+ beschädigt.
-Solche treiben oft mehrere hundert Fuß tief im Wasser, kommen an
-seichteren Stellen mit dem Kabel in Berührung und zerstören es auf
-diese Weise. Eine andere Ursache des Bruches bilden die am Meeresboden
-befindlichen scharfen +Felsen+, gegen deren Kanten das Kabel reibt,
-bis die äußere Umhüllung und Lage auf Lage des Schutzmaterials
-durchgescheuert sind. Erdkontakt der inneren leitenden Drähte ist die
-Folge davon, und das Kabel vermag telegraphische Zeichen nicht länger
-zu übermitteln. -- Andere natürliche Ursachen der Zerstörung sind
-+Erdbeben+, +unterseeische Strömungen+ und die +höhere Temperatur des
-Wassers in den Tropengegenden+.
-
-[Illustration: Fig. 12.
-
-~Teredo norvegica.~ (Nach ~Ternant~, ~Les Télégraphes~.)]
-
-[Illustration: Fig. 13. ~Limnoria lignorum.~ (Nach ~Ternant~, ~Les
-Télégraphes~.)]
-
-In zahlreichen Fällen sind die Kabel durch +Fische+ zerstört worden.
-Bemerkenswerte Beispiele bieten das Kabel zwischen Brasilien und
-Portugal, sowie die Küstenkabel, welche am östlichen Rande Südamerikas
-entlang geführt sind. Auf diesen Linien wird das Kabel fast chronisch
-vom Sägefisch angegriffen. Knochenstücke von der Säge dieses Tieres
-sind wiederholt so tief eingebettet im Kabel gefunden worden,
-daß dadurch selbst die Leitungsdrähte verletzt waren. Ein noch
-sonderbarerer Vorfall ereignete sich mit dem Kabel im persischen Golf,
-welches plötzlich leitungsunfähig wurde. Bei näherer Prüfung ergab
-sich, daß ein großer Walfisch in die Linie sich verwickelt hatte. Das
-Tier war mit Parasiten bedeckt und hatte wahrscheinlich versucht, am
-Kabel den lästigen Anhang abzureiben. Ein Schlag seines mächtigen
-Schwanzes zerbrach jedenfalls die Linie, und dann verwickelte es
-sich beim Umherrollen derartig in das Kabel, daß es durch Erwürgung
-einen Selbstmord beging. -- Zu den schlimmsten Feinden unterseeischer
-Kabel zählen noch einige Tiere niederer Ordnung. So durchdringen die
-~Teredo navalis~ und ihre Stammverwandte, die ~Xylophaga~, welche
-Huxley zuerst im Jahre 1860 an einem Kabel der Levante entdeckte, die
-Hanfumhüllung und die Guttapercha, wo die Zwischenräume zwischen den
-äußern Umhüllungsdrähten ihnen nur irgend einen Zutritt gestatten.
-Auch die ~Teredo norvegica~, ein ziemlich langer Wurm, hat an ihrem
-vordern Teile zwei Schalen, womit sie das härteste Holz zerschneiden
-kann. Ebenso bahnt sich die ~Limnoria lignorum~, eine kleine Krustacee,
-ungefähr von der Gestalt einer Ameise, einen Weg bis ins Innere der
-Kabel. Im Persischen Golf, im Indischen Ocean und auch an der irischen
-Küste sind die Kabel durch die Verwüstungen dieses Tierchens ernstlich
-beschädigt worden. -- Im Mittelmeer hat auch der +Blitz+ schon
-Kabelleitungen zerstört.
-
-Sehr verderblich wird den Kabelleitungen zuweilen auch das +Ankern der
-Schiffe+, sowie die +Seefischerei+. So wurden in der verhängnisvollen
-Nacht des 2. Januar 1856 durch ein Segelschiff, das Anker geworfen
-hatte, die Kabel von Dover nach Ostende und von Dover nach Calais,
-damals die beiden einzigen Leitungen zwischen England und dem
-Kontinent, zerstört, und an den Küsten Algiers wieder sind nicht selten
-Korallenfischer durch ihre Geräte Urheber von Kabelbrüchen.
-
-Endlich fehlt es sogar nicht an +absichtlichen Angriffen+ des
-Schiffsvolks auf die Kabel, indem letztere, von dem Schiffsgerät
-erfaßt und an die Oberfläche gebracht, nicht sorgfältig und vorsichtig
-losgemacht und wieder versenkt, sondern einfach, um das Gerät schnell
-wieder klar zu machen, durchhauen werden.
-
-Eine häufig auftretende Folge von Leitungsstörungen sind -- und
-deshalb sei ihrer an dieser Stelle gedacht -- +Verstümmlungen+ oder
-+Entstellungen von Telegrammen+[25]. So telegraphierte eine Londoner
-Firma ihrem Agenten: „Sendet Schienen zehn (engl. ~ten~) Fußlängen.“
-Die Buchstaben t und ~e~ werden nun im Morse-Alphabet durch einen
-Strich, beziehungsweise einen Punkt dargestellt; bei der Übermittlung
-des Telegramms erzeugte jedoch der empfangende Apparat statt des
-Striches einen Punkt; dadurch wurde aber aus dem Worte „~ten~“ „in“,
-und die Depesche lautete jetzt also: „Sendet Schienen in Fußlängen.“
-In ähnlicher Weise wurde ein Telegramm verstümmelt, in welchem der
-Aufgeber bat, ihn am Bahnhofe mit einem Mietwagen (englisch ~hack~) zu
-erwarten. Der Buchstabe ~h~ wird nun durch vier Punkte dargestellt;
-statt dieser gab aber der Apparat nur drei (~s~), und das Wort ~hack~
-wurde in ~sack~ (Sack) umgewandelt. Die Folge war, daß der Aufgeber des
-Telegramms bei seiner Ankunft nicht den verlangten Wagen, sondern einen
-Sack vorfand. Besonders oft verwechselt der Telegraph die Buchstaben
-~x~ und ~y~. Immer wieder haben daher vielgeplagte Eisenbahnbeamte
-nach einem verlorenen „~black boy~“ (Negerjunge) suchen müssen, weil
-der Telegraph in seiner Schwäche aus ~x~ ein ~y~ machte und statt
-„~black box~“ (schwarzer Koffer) die Worte ~black boy~ wiedergab.
-
-Mitunter begegnet es dem Telegraphen, den Botschaften, welche
-über seine Drähte eilen, vom Original ganz abweichende Worte zu
-unterschieben. So war Herr So-und-So, welcher telegraphisch Eis
-bestellte, wütend über die Neckerei des Telegraphen, der „Eis“ in
-„Thee“ veränderte, so daß von diesem sogleich eine große Kiste an
-ihn abging. In derselben Weise wurde ein Telegramm mitleidslos
-entstellt, worin ein Reisender um Nachsendung seiner in einem Coupé
-zurückgelassenen Perücke (~wig~) bat. Als das Telegramm seinen
-Bestimmungsort erreichte, war aus „~wig~“ „~wife~“ (Weib) geworden.
-Sofort wurden die eingehendsten Nachforschungen nach der vermißten
-Dame angestellt, doch ohne Erfolg, bis der Irrtum aufgeklärt und
-der verlorene Gegenstand seinem Eigentümer wieder zugestellt wurde.
-Gelegentlich der von dem Papstgegner Murphy in Bury (Lancashire)
-gehaltenen Vorträge erlitt derselbe durch den Pöbel Mißhandlungen;
-hierbei wurden einem Telegramm zufolge sieben der Excedenten
-„~boiled~“ (gekocht) statt „~bailed~“ (verhaftet) und gegen Bürgschaft
-freigelassen.
-
-Viele der Entstellungen entstehen freilich auch ohne Schuld des
-Apparates. Zuweilen sind solche durch nachlässiges Arbeiten der
-Beamten veranlaßt. So wurde ein berühmter Arzt auf eine nutzlose
-Reise geschickt durch ein Telegramm folgenden Inhalts: „Kommen Sie
-nicht zu spät.“ Das Ursprungstelegramm hatte gelautet: „Kommen Sie
-nicht, zu spät.“ Bei der Beförderung der Depesche wurde aber das Komma
-fortgelassen, und so erwuchs dem Empfänger die Unannehmlichkeit einer
-nutzlosen Reise. Andere Irrtümer entstehen dadurch, daß die Aufgeber
-sich eine zu kurze Abfassung des Telegramms gestatten. Diese ist,
-nebenbei bemerkt, auch Ursache, daß zuweilen im Privatverkehr ganz
-sonderbare Telegramme vorkommen, wie: „Onkel soeben gestorben, komme
-mit dem Kurierzug“; oder: „Geld erhalten, danke bestens, nächstens
-mehr“. Ein anderer, nicht weniger häufiger Fehler der Aufgeber ist
-schlechte Schrift. Einige gelungene Beispiele von hierdurch veranlaßten
-Entstellungen mögen diesen Abschnitt beschließen. Ein Kellermeister
-erhielt einst zu seiner großen Verwunderung von seinem Herrn den
-telegraphischen Auftrag, ihm sofort „~ten bobs~“ (zehn Faustschläge) zu
-senden, da er derselben dringend bedürfe. Die „~ten bobs~“ waren aber
-ursprünglich „~tin boxes~“ (zinnerne Büchsen). So telegraphierte auch
-gelegentlich der Versammlungen, welche vor einigen Jahren in Braemar
-periodisch stattfanden, ein Graf nach Edinburg, man möge ihm einen
-„~cocked hat~“ (Dreimaster-Hut) senden. „~Cocked hat~“ wurde indes zu
-„~coocked ham~“ (gekochter Schinken) gemacht, den man auch sogleich
-absandte, zu maßloser Überraschung und Entrüstung des hohen Herrn. Ein
-anderes Telegramm erhielt man mit folgendem Inhalt: „Bitte, schicken
-Sie mir Ihr Schwein (~pig~) an den Bahnhof entgegen“; es sollte heißen
-„~gig~“ (ein Wagen). In einem Falle hatte ein Telegraphenbeamter zu
-Philadelphia Quartier für eine Anzahl „~prisoners~“ (Gefangene),
-anstatt für ebensoviel ~persons~ (Personen) bestellt; ein anderer hatte
-in einer Depesche, in welcher eine auf Reisen befindliche Tochter,
-die von ihrer Mutter lange Zeit keine Nachricht erhalten hatte, ihre
-Besorgnis hierüber mit den Worten ausdrücken wollte: „ich bin ängstlich
-(~worried~)“, statt des Wortes „~worried~“ das Wort „~married~“
-(verheiratet) substituiert. Diese der Mutter ganz unvorbereitet
-gekommene Mitteilung veranlaßte dieselbe, da sie sich durch eine so
-übereilige und selbständige Handlungsweise ihrer Tochter aufs tiefste
-verletzt fühlte, eine ganze Flut von eben nicht schmeichelhaften
-Herzensergießungen auf das Haupt der Unschuldigen auszuschütten. Ein
-anderer Schnitzer, der ernstlicherer Natur war und in Cleveland (Ohio),
-wohin die Depesche aufgegeben war, bedeutende Aufregung hervorrief,
-bestand darin, daß der Telegraphenbeamte in dem Telegramm sagte:
-Präsident Hayes „starb“ (~died~), während er sagen wollte: Präsident
-Hayes „dinierte“ (~dined~).
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Der Telegraph als Verkehrsmittel[26].
-
-
-Durch das erfolgreiche Zusammenwirken von Forschern und Erfindern
-war der Telegraph zwar zu einem äußerst praktischen Verkehrsmittel
-gestaltet worden; an einer allgemeinen Verwertung desselben im Dienste
-des öffentlichen Lebens fehlte indes noch viel.
-
-Ein Haupthindernis bildeten schon die +hohen Gebühren+, welche für
-die Beförderung von Telegrammen festgesetzt waren. So enthält das
-erste preußische „Regulativ über die Benutzung der elektromagnetischen
-Staatstelegraphen seitens des Publikums“ vom 6. August 1849 einen
-„vorläufigen Tarif“, in welchem für jede Meile der Entfernung zwischen
-Aufgabe- und Bestimmungsort etwa 1½ Silbergroschen pro Wort berechnet
-sind. Nach diesem Tarif kostete ein einfaches Telegramm (20 Wörter) von
-Berlin nach Aachen (94 Meilen Linie) 5 Thlr. 6 Sgr., von Berlin nach
-Köln (84¾ Meilen) 4 Thlr. 20 Sgr. Für je 10 weitere Wörter wurde ein
-Viertel des ursprünglichen Betrags erhoben; zur Nachtzeit aufgegebene
-Telegramme kosteten das Doppelte. Ein in Berlin nach 9 Uhr abends für
-Aachen ausgeliefertes Telegramm von 50 Wörtern, das heute für 2,70 M.
-(27 Sgr.) befördert wird, kostete nach dem Tarif von 1849 18 Thlr. 6
-Sgr. an Gebühren und 5 Sgr. an Bestellgeld, also 18 Thlr. 11 Sgr. oder
-55,10 M.!
-
-Auch in anderen Ländern stand es in dieser Beziehung anfangs nicht
-besser. In Frankreich z. B. war durch Gesetz vom 29. November 1850
-ein Tarif aufgestellt worden, nach welchem für ein Telegramm von 20
-Wörtern 3 Franken und außerdem 12 Centimen für je 10 km Entfernung
-erhoben wurden. Hiernach kam ein einfaches Telegramm von Calais nach
-Marseille etwa auf 17 Franken zu stehen.
-
-Aber selbst abgesehen von den hohen Gebühren, die ja doch bald eine
-Ermäßigung erfuhren, so standen der allgemeinern Verwendung des
-Telegraphen gleichwohl noch eine Reihe anderer Hindernisse entgegen,
-teils +politischer+, teils +betriebstechnischer+ Art. Dieselben
-sollten indes nicht zu lange bestehen. „Die Telegraphie,“ sagt
-Fischer so schön, „ist ihrem Wesen nach ein internationales Institut.
-Vorzugsweise bestimmt, in weite Fernen zu wirken, und mit einer Kraft
-ausgerüstet, vor deren Schnelligkeit die Raumunterschiede des Erdballs
-zu verschwinden scheinen, kann der Telegraph nicht Halt machen vor den
-Hemmnissen, welche die politischen Abgrenzungen der Staaten dem Verkehr
-bereiten.“ Das Bestreben der Telegraphenverwaltungen zielte daher schon
-frühzeitig auf die Ausbildung +internationaler+ Einrichtungen, und
-diese Bemühungen waren denn auch, wie die folgenden Zeilen des nähern
-darthun werden, von dem glänzendsten Erfolge gekrönt.
-
-Zunächst errichteten Preußen, Österreich, Bayern und Sachsen 1850 den
-+deutsch-österreichischen Telegraphenverein+, dem in den nächsten
-Jahren das übrige Deutschland und die Niederlande beitraten. In
-ähnlicher Weise schlossen sich die westlichen und südlichen Staaten
-Europas an Frankreich an. Beide Gruppen traten sodann durch einen 1852
-von Preußen mit Frankreich und Belgien abgeschlossenen Vertrag in
-engere Beziehungen.
-
-Der erste +internationale+ Kongreß wurde 1865 in +Paris+ abgehalten und
-war von 20 Staaten Europas beschickt. Er stellte namentlich gemeinsame
-Grundsätze für die Taxierung (+Zwanzig-Wort-Tarif+) und Abrechnung auf
-und brachte mehrere Erleichterungen in der Benutzung des Telegraphen.
-Als einheitlicher Apparat für den internationalen Dienst wurde der
-Morse-Apparat angenommen.
-
-Ein weit umfassenderer Vertrag ward durch die im Juni und Juli 1868 in
-+Wien+ tagende +internationale Telegraphenkonferenz+ bearbeitet. Ein
-wichtiges Ergebnis dieser Konferenz war z. B. die innige Verbindung
-sämtlicher europäischen und asiatischen Telegraphenverwaltungen.
-Die bedeutsamsten Neuerungen aber waren die Zulassung des
-Hughes-Apparates für die Korrespondenz zwischen den Hauptplätzen der
-Vereinsstaaten, sowie die +Einrichtung des internationalen Bureaus der
-Telegraphenverwaltungen in Bern+. Letzteres besorgt unter anderem auch
-die Herausgabe des ausgezeichnet redigierten „~Journal télégraphique~“.
-Auch die nächsten Konferenzen (zu Rom 1871, St. Petersburg 1875, London
-1879) haben die internationale Telegraphie einer immer vollkommenern
-Organisation zugeführt. Keine befriedigende Lösung fand indes auf all
-diesen Konferenzen die +Tariffrage+. Zwar hatte schon auf der Konferenz
-zu St. Petersburg der deutsche Generalpostmeister ~Dr.~ von Stephan
-auf die Unhaltbarkeit des damaligen Tarifwesens hingewiesen. Nachdem
-aber die Petersburger Konferenz in dieser Beziehung erfolglos verlaufen
-war, ging die deutsche Telegraphenverwaltung zunächst innerhalb ihres
-eigenen Gebietes mit einer grundlegenden Umgestaltung des Tarifwesens
-vor.
-
-Mit dem 1. März 1876 trat im Deutschen Reiche an Stelle des
-Gebührensatzes für die Depesche von 20 Worten ein Tarifsystem in Kraft,
-nach welchem die Taxe für das Telegramm aus zwei Teilen zusammengesetzt
-ist: einer festen, von der Länge des Telegramms unabhängigen Gebühr
--- der Grundtaxe (20 Pf.) -- und der für die einzelnen Wörter zu
-entrichtenden Worttaxe von 5 Pf.
-
-Dieses Worttarifsystem hat sich sehr bald sowohl für das Publikum, wie
-für die Verwaltung als durchaus vorteilhaft bewährt; für ersteres,
-indem es demselben gestattet, die Depesche so kurz zu fassen, als es
-seinem Korrespondenzbedürfnis entspricht, für letztere, indem der
-Telegraph von dem Ballaste überflüssiger Zeichen befreit und eben
-dadurch in den Stand gesetzt wird, in derselben Zeit einer größern Zahl
-von Menschen dienstbar zu sein. In der That betrug denn auch 1875 die
-Länge eines Telegramms im innern Verkehr durchschnittlich 18,32 Wörter,
-+nach+ Einführung des Worttarifs aber 1876 14,24, 1880 12,14 und 1881
-gar nur noch 11,90 Wörter.
-
-Der deutsche Worttarif fand aber auch bei den Nachbarstaaten sehr bald
-Anklang; so brachten die Schweiz, Frankreich und Österreich-Ungarn
-schon in den nächsten Jahren denselben im innern Verkehr zur Anwendung.
-
-Auf diese Erfolge gestützt, hat die deutsche Telegraphenverwaltung
-der fünften Telegraphenkonferenz in London 1879 Vorschläge zur
-einheitlichen Regelung des Tarifwesens innerhalb der europäischen
-Staaten unterbreitet. Die Hauptanträge lauteten:
-
-1. Der Tarif für das +internationale europäische+ Telegramm setzt sich
-zusammen: ~a.~ aus einer festen Gebühr von 50 Centimen, ~b.~ aus einer
-Gebühr für jedes Wort von 20 Centimen.
-
-2. Jede Verwaltung bezieht ungeteilt die Gesamtgebühren für die aus
-ihrem Gebiete herrührenden Telegramme und bestreitet daraus die
-etwaigen Land- und See-Transit-Gebühren.
-
-Diese Vorschläge bedeuteten eine durchgreifende Reform des ganzen
-Telegraphenwesens. Nicht nur wurde hierdurch an Stelle vielfältiger
-und abweichender Tarifsysteme eine einheitliche Grundlage für die
-Tarifbildung und gleichzeitig eine wesentliche Herabsetzung der Gebühr
-für die internationale Korrespondenz erstrebt, sondern auch das
-bisherige weitläufige und verwickelte Abrechnungswesen zwischen den
-bei der Beförderung beteiligten Staaten mußte durch die Einführung des
-auch im Weltpostverein glänzend durchgeführten Ausgleichungsgrundsatzes
-teils ganz beseitigt, teils außerordentlich vereinfacht werden. Es kam
-indes auf der Londoner Konferenz nur zu einer Würdigung der gemachten
-Vorschläge, nicht aber zu deren Annahme; dagegen wurde die allgemeine
-Durchführung des Worttarifs einstimmig angenommen.
-
-Auf der +sechsten internationalen Telegraphenkonferenz zu Berlin+ im
-Jahre 1885 wiederholte die deutsche Reichs-Telegraphenverwaltung ihre
-Anträge. Die Vorbedingungen zu einem Erfolge waren aber auch diesmal
-nicht gerade vielversprechende, namentlich wenn man erwägt, daß es
-zur Einführung der in Aussicht genommenen Umformung der Grundlagen
-des Tarifierungssystems der +Einstimmigkeit+ aller vertretenen
-Verwaltungen bedurfte. Gleichwohl gelangte die Telegraphenkonferenz
-in verhältnismäßig kurzer Zeit zu einem nach mehrfacher Richtung
-hin günstigen Ergebnisse. Zwar wurde nicht die deutscherseits
-ursprünglich ins Auge gefaßte Gleichmäßigkeit der Gesamtgebühr für
-die internationale telegraphische Korrespondenz innerhalb Europas
-(bei gleicher Wortzahl der Telegramme natürlich), wohl aber die
-Gleichmäßigkeit der seitens der einzelnen Verwaltungen für die
-europäische Korrespondenz zur Erhebung kommenden Wortgebühr erreicht.
-Ferner kam der reine Worttarif zur Geltung, indem sowohl die Grundtaxe,
-als auch jene mit der Grundtaxe gleichbedeutende Zuschlagsgebühr von
-fünf Worten zur wirklichen Wortzahl der Telegramme abgeschafft wurde.
-
-Für den +außereuropäischen+ Verkehr gelang es, dank dem opferwilligen
-Vorgehen einzelner Verwaltungen und dem Entgegenkommen verschiedener
-Kabelgesellschaften, für eine Anzahl außereuropäischer Beziehungen,
-beispielsweise für die Korrespondenz mit Indien, Japan und Brasilien,
-erhebliche Gebührenermäßigungen zu erzielen; für andere, nicht minder
-wichtige Verbindungen stehen Herabsetzungen der Taxen in bestimmter
-Aussicht.
-
-Als Zeitpunkt für das Inkrafttreten der Beschlüsse der
-Telegraphenkonferenz wurde der 1. Juli 1886 festgestellt, als Ort des
-Zusammentritts der nächsten für das Jahr 1890 in Aussicht genommenen
-internationalen Telegraphenkonferenz die Stadt Paris gewählt.
-
-Gegenwärtig umfaßt der +internationale Telegraphenverein+ folgende
-Gebiete: Deutschland, Österreich, Ungarn, die Schweiz, die Niederlande,
-Luxemburg, Belgien, Frankreich mit Algier und Tunis, Großbritannien,
-Norwegen, Schweden, Dänemark, Rußland mit Kaukasien und Russisch-Asien,
-Rumänien, Bulgarien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro,
-Türkei mit Türkisch-Asien, Griechenland, Italien, Spanien, Portugal,
-Persien, Britisch-Indien, Birma, Siam, Französisch-Cochinchina,
-Niederländisch-Indien, Japan, Ägypten, das Kapland, Natal, Senegambien,
-Brasilien, Victoria, Südaustralien, Neu-Südwales, Tasmania und
-Neu-Seeland. Auch die +Commercial Cable Company+ ist dem Verein
-beigetreten. (Siehe die Karte.)
-
-[Illustration: Fig. 14. Der internationale Telegraphenverein.]
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-Statistik des Telegraphenwesens[27].
-
-
-=1. Stand des Telegraphenverkehrs in Europa für das Jahr 1882.=
-
-=Staatstelegraphen.=
-
- -------------------+---------------+-----------------------------------
- | Länge (in km) | Anzahl der
- Länder. +-------+-------+----------+---------+--------------
- |der |der |Stationen.|Apparate.|aufgelieferten
- |Linien.|Drähte.| | |Telegramme.
- -------------------+-------+-------+----------+---------+--------------
- Deutschland |74313 |265058 | 10803 |14174 |15091576
- Großbritannien u. | | | | |
- Irland |43632 |213254 | 5747 |15107 |30652277
- Frankreich |75091 |232451 | 6319 | 9217 |23987237
- Rußland, | | | | |
- europäisches |94057 |173547 | 2824 | 2962 | 9059470
- Italien |27788 | 93974 | 2590 | 2789 | 6251593
- Österreich |23545 | 63525 | 2696 | 3812 | 5135554
- Türkei, | | | | |
- europäische |23388 | 41688 | 464 | 1240 | 1133286
- Spanien |21094 | 46223 | 647 | 803 | 2425335
- Ungarn |14569 | 37706 | 1173 | 1697 | 2558025
- Belgien | 6147 | 29122 | 855 | 1487 | 2892577
- Schweden | 8373 | 20433 | 823 | 955 | 840391
- Schweiz | 6743 | 16335 | 1160 | 1698 | 2308774
- Norwegen | 7574 | 13757 | 300 | 467 | 719365
- Niederlande | 4132 | 15486 | 443 | 562 | 2553510
- Dänemark | 3653 | 10105 | 316 | 313 | 721478
- Rumänien | 4621 | 9636 | 214 | 510 | 1041518
- Portugal | 4469 | 11335 | 220 | 360 | 544665
- Griechenland | 4667 | 5743 | 112 | 195 | 485186
- Serbien | 2252 | 3258 | 68 | 127 | 224887
- Luxemburg | 310 | 536 | 63 | 38 | 53036
- Montenegro (1880) | 338 | 338 | 15 | 15 | ?
- Bulgarien | 2498 | 3503 | 44 | 95 | 237408
- Bosnien-Herzegowina| 2492 | 4758 | 88 | 112 | 298603
- -------------------+-------+-------+----------+---------+--------------
- +Europa+ (rund) |455746 |1311774| 37984 |58825 |109215721
-
-
-Nach dieser Tabelle besitzt in Europa die größte +Länge der Linien+
-+Rußland+ mit 94057 km; ihm kommen zunächst Frankreich mit 75091
-und Deutschland mit 74313 km. Die geringste Länge der Linien findet
-sich in Luxemburg (310 km) und Montenegro (338 km). -- Wesentlich
-anders als bezüglich der Länge der Linien gruppieren sich die Staaten
-hinsichtlich der +Länge der Drähte+. Hier kommt in erster Linie das
-+Deutsche Reich+ mit 265058 km; daran reihen sich Frankreich mit
-232451 und Großbritannien und Irland mit 213254 km. Rußland mit 173547
-km erscheint hier erst an vierter Stelle. In letzter Reihe stehen auch
-nach diesem Gesichtspunkte Montenegro (338 km) und Luxemburg (536 km).
-
-Die meisten Telegraphen+stationen+ weist in Europa das +Deutsche
-Reich+ auf: 10803; in den beiden nachfolgenden Staaten, Frankreich
-und Großbritannien mit Irland, sinkt deren Zahl schon auf 6319,
-beziehungsweise 5747. Österreich-Ungarn besitzt 3869, Rußland 2824.
-
-Die wenigsten Telegraphenanstalten zählen Bulgarien (44) und Montenegro
-(15)[28].
-
-Im Besitze der meisten +Apparate+ ist in Europa +Großbritannien+ und
-+Irland+; es hat deren 15107. Ihm kommt ganz nahe Deutschland mit
-14174. Frankreich verfügt über 9217, Österreich-Ungarn über 5504 und
-Rußland über 2962. Die wenigsten Apparate weisen aus: Montenegro (15)
-und Luxemburg (38).
-
-Das meistgebräuchliche +System+ ist das +Morse+sche. Nach der
-Statistik, die nach offiziellen Dokumenten des internationalen
-Telegraphenbureaus zu Bern für das Jahr 1883 zusammengestellt
-worden ist, waren auf dem ganzen Erdenrunde (es fehlen nur die
-Privatgesellschaften Nordamerikas) 65543 Telegraphen-Apparate im
-Betriebe, darunter 42830 Morse-, 1665 Hughes-Apparate und 19048
-verschiedener Systeme.
-
-Die höchste +Zahl der Depeschen+ trifft auf +Großbritannien+ und
-+Irland+: 30652277. Ihm zunächst stehen Frankreich mit 23987237 und
-Deutschland mit 15091576. Hieran reihen sich Rußland mit 9059470
-und Österreich-Ungarn mit 7693579 Depeschen. Die geringste Zahl von
-Depeschen trifft auf Luxemburg (53036).
-
-Wie überall, so sind auch im Telegraphenverkehr die +relativen Zahlen+
-von weit größerem Interesse als die +absoluten+. Erstere sind ja
-gewissermaßen ein +Gradmesser+ der Verkehrsbewegung, +ja der Kultur
-selbst+. Die Tabelle (S. 47) giebt uns hierüber nähern Aufschluß.
-
-Die hohe Entwicklung des Telegraphennetzes in den einzelnen Ländern
-Europas veranschaulicht uns in nachstehender Tabelle vor allem die
-Angabe, +auf welchen Flächenraum eine Telegraphenanstalt entfällt+.
-In dieser Beziehung zeichnen sich unter den Staaten Europas vor allem
-+Belgien+ und die +Schweiz+ aus. Es befindet sich nämlich in Belgien
-schon auf 34,5 qkm und in der Schweiz auf 35,7 qkm ein telegraphisches
-Bureau. Am weitesten sind in dieser Hinsicht zurück Rußland, Bulgarien
-und Norwegen, wo ein Bureau erst auf 1908,5, beziehungsweise 1409,6 und
-1060,6 qkm entfällt.
-
-
-=Relativer Stand des Telegraphenverkehrs in den europäischen Staaten=
-
-im Zusammenhange mit den maßgebenden Elementen.
-
- A: Zahl der auf eine Station entfallenden qkm
- B: „ „ „ „ „ „ Einwohner.
- C: Länge (in km) der auf 100 qkm entfallenden Linien.
- D: Zahl der aufgelieferten Telegramme auf 100 Einwohner.
- E: Auf 1000 Einwohner kommen Besucher der Volksschule.
-
- -------------------------+--------+-------+-------+------+----
- Länder. | A | B | C | D | E
- -------------------------+--------+-------+-------+------+----
- Großbritannien und Irland| 55,1 | 6141 | 137,7 | 86,9 | 123
- Schweiz | 35,7 | 2441 | 162,9 | 81,5 | 157
- Frankreich und Corsica | 83,6 | 5952 | 142,1 | 63,7 | 133
- Niederlande | 74,2 | 9420 | 125,7 | 61,2 | 134
- Belgien | 34,5 | 6533 | 208,7 | 51,8 | 126
- Norwegen | 1060,6 | 6410 | 23,8 | 37,4 | 135
- Dänemark | 125,4 | 6268 | 94,7 | 36,4 | 123
- Deutschland | 49,9 | 4187 | 138 | 33,4 | 157
- Luxemburg | 41,1 | 3327 | 119,8 | 25,6 | 142
- Bosnien-Herzegowina | 693,9 | 13164 | 40,8 | 25,8 | 28
- Griechenland | 565,1 | 17619 | 73,7 | 24,6 | 50
- Österreich | 111,3 | 8214 | 78 | 23,2 | 107
- Italien | 114,4 | 11178 | 93,8 | 21,6 | 73
- Rumänien | 748,4 | 23551 | 28,9 | 20,7 | 22
- Schweden | 538,1 | 5556 | 19 | 18,4 | 146
- Türkei | 565,5 | 14294 | 89,1 | 17,1 | --
- Ungarn | 285,7 | 13308 | 45,2 | 16,4 | 110
- Spanien | 783,7 | 25860 | 41,6 | 14,5 | 106
- Serbien | 715,5 | 25294 | 46,3 | 13,1 | 22
- Portugal | 419,3 | 20685 | 48,4 | 12 | 46
- Bulgarien | 1409,6 | 45431 | 40,3 | 11,9 | 66
- Rußland, europäisches | 1908,5 | 29624 | 17,4 | 10,8 | 23
- Montenegro (1880) | 628,9 | 19067 | 35,8 | ? | --
- +--------+-------+-------+------+----
- +Europa+ (rund) | 258 | 8635 | 46 | 33 | --
-
-Was die +Dichtigkeit+ des Telegraphennetzes betrifft, so befindet sich
-unter den Ländern Europas +Belgien+ mit 208,7 und die +Schweiz+ mit
-162,9 km Linien auf je 100 qkm in der günstigsten Lage. Die geringste
-Dichtigkeit des Netzes zeigen Norwegen mit 23,8, Schweden mit 19 und
-Rußland mit 17,4 km Linien auf je 100 qkm.
-
-In Bezug auf die +Leistungen+ im Telegraphendienst übertrifft in
-Europa +Großbritannien+ und +Irland+ alle anderen Staaten. Es kommen
-dort jährlich 86,9 Telegramme auf je 100 Einwohner. Demnächst ist der
-Verkehr am stärksten in der Schweiz mit 81,5. Am geringsten ist der
-telegraphische Verkehr in Europa in Portugal, Bulgarien und Rußland,
-wo 12, beziehungsweise 11,9 und 10,8 Depeschen auf je 100 Einwohner
-entfallen.
-
-Der innere Zusammenhang zwischen der Häufigkeit der telegraphischen
-Korrespondenz und dem allgemeinen Bildungsgrad der Bevölkerung tritt
-namentlich dann hervor, wenn man den in unserer Tabelle dargestellten
-Besuch der Volksschule mit der Relativzahl der Telegramme in Vergleich
-zieht. Freilich wirken hierbei auch specifische und lokale Umstände
-mit; die hohe Verhältnisziffer der Schweiz, 81 Depeschen auf 100
-Einwohner, läßt sich z. B. auf die Lebhaftigkeit des +Fremdenverkehrs+
-in diesem Versammlungsraum aller Nationen zurückführen; in England (87
-Depeschen auf 100 Einwohner) ist es die Mächtigkeit der Handelsbewegung
-einzelner Centralplätze, welche trotz der Höhe des Tarifs die
-Verkehrsentwicklung beeinflußt.
-
-Die nachfolgende Übersicht zeigt (nach +Veredarius+) den Bestand an
-Telegraphen-Linien und -Leitungen in den wichtigsten Ländern Europas
-nach dem Stand des Jahres 1884 (soweit nicht anders angegeben) nebst
-einigen Vergleichszahlen.
-
- A: Telegraphen-Linien (einschließlich der Eisenb.) km
- B: „ Leitungen „ „ „ km
- C: Telegr.-Anst. (einsch. der d. Privatverk. geöffneten
- Eisenbahn-Telegr.-Anst.)
- D: Eine Telegraphenanstalt entfällt auf qkm
- E: „ „ „ „ Einw.
-
- ------------------------------+-------+-------+------+--------+------
- Länder. | A | B | C | D | E
- ------------------------------+-------+-------+------+--------+------
- Belgien | 6299| 30934| 885| 33,3 | 6464
- Dänemark mit den Faröern | 5902| 15157| 350| 113,2 | 5659
- Deutschland | 100889| 357389| 12478| 43,2 | 3625
- Frankreich | 98058| 353390| 8089| 65,3 | 4657
- Großbritannien und Irland | 45355| 250465| 6027| 52,6 | 5967
- Italien | 29374| 103256| 2915| 101,6 | 9930
- Niederlande | 6932| 23429| 562| 58,5 | 7613
- Norwegen | 8959| 16036| 314| 1013,4 | 6182
- Österreich | 37807| 98094| 2903| 103,3 | 7628
- Portugal m. Madeira u. Azoren | | | | |
- (1883) | 4871| 11611| 237| 389,2 | 19201
- Rußland, europäisches (1883) | 123996| 237133| 2960| 1820,9 | 28263
- Schweden | 12618| 31734| 856| 517,3 | 5378
- Schweiz | 8234| 21583| 1214| 34,1 | 2333
- Spanien | 26105| 64075| 882| 574,9 | 18970
- Türkei, europäische (1882) | 23388| 41688| 464| 565,5 | 14294
- Ungarn | 16543| 61619| 1349| 231,5 | 11595
- ------------------------------+-------+-------+------+--------+------
- In ganz +Europa+ (einschl. der| | | | |
- in obiger Übersicht nicht | | | | |
- aufgeführten Länder, rund) | 575000|1748000| 43100| 227,5 | 7657
-
-=2. Ausdehnung des Telegraphenverkehrs außerhalb Europas.=
-
- +Amerika.+
-
- -----------------------------+-----------------+----------------------
- |Länge (in km) der| Anzahl der
- Länder. +-------+---------+----------+-----------
- |Linien.| Drähte.|Stationen.|Telegramme.
- -----------------------------+-------+---------+----------+-----------
- Vereinigte Staaten[29] (1882)|231002 | 696688 | 12917 | 40581177
- Canada (1882) | -- | 72419 | 2550 | 1142000
- Mejico (1883) | 28122 | -- | 282 | 745000
- Argentina (1882) | 13543 | 23288 | 307 | 438090
- Chile (1882) | 9393 | -- | 136 | 433475
- Brasilien (1881/82) | 7419 | 13250 | 136 | 739906
- Columbien (1880) | 2960 | -- | -- | 150204
- Peru (1878) | 2211 | 2211 | 34 | 111000
- Uruguay (1879) | 1213 | -- | 21 | 38000
- Guatemala (1882) | 3114 | 3114 | 63 | 219700
- Bolivia | 290 | -- | -- | --
- Costarica | 727 | -- | -- | 27600
- Honduras | 1046 | -- | -- | 745000
- Ecuador (1877) | 336 | -- | 10 | --
- Paraguay (1882) | 72 | -- | -- | --
- Cuba (1880) | 4500 | -- | 187 | --
- Venezuela (1880) | 539 | -- | -- | --
- Portorico (1880) | 750 | -- | -- | --
- Nicaragua (1882) | 1250 | 1287 | 26 | 81145
- --+-------+---------+----------+-----------
- +Amerika+ |308487 | 812257 | 16669 | 45452297
-
-
- +Asien.+
-
- ----------------------------+-----------------+----------------------
- |Länge (in km) der| Anzahl der
- Länder. +-------+---------+----------+-----------
- |Linien.| Drähte.|Stationen.|Telegramme.
- ----------------------------+-------+---------+----------+-----------
- Britisch Ostindien (1882) | 37949 | 107967 | 1625 | 1662955
- Rußland (1877) | 14380 | 28760 | 147 | --
- Niederländisch Indien (1882)| 5887 | 7546 | 85 | 357412
- Persien (1879) | 5835 | 9516 | 78 | 500000
- Japan (1882) | 7808 | 21031 | 265 | 2769415
- China (1881) | 1510 | -- | -- | --
- Cochinchina u. Cambodja(82) | 1692 | 1944 | 26 | 80407
- Ceylon (1878) | 1308 | -- | -- | --
- Philippinen (1880) | 1149 | -- | 37 | --
- --+-------+---------+----------+-----------
- +Asien+ | 77518 | 176764 | 2263 | 5370189
-
- +Australien.+
-
- ----------------------------+-----------------+----------------------
- |Länge (in km) der| Anzahl der
- Länder. +-------+---------+----------+-----------
- |Linien.| Drähte.|Stationen.|Telegramme.
- ----------------------------+-------+---------+----------+-----------
- Neu-Südwales (1880) | 12803 | 21224 | 323 | 1320000
- Victoria (1882) | 5623 | 11124 | 331 | 1431849
- Süd-Australien (1880) | 7651 | 11111 | 159 | 564000
- Queensland (1880) | 9283 | 13116 | 159 | 523000
- West-Australien (1880) | 2502 | 2563 | 26 | 67000
- Tasmanien (1880) | 1413 | 1764 | 64 | 109000
- Neu-Seeland (1882) | 6565 | 15845 | 356 | 1589965
- Sandwich-Inseln (1877) | 64 | 64 | -- | --
- Neu-Caledonien (1880) | -- | 1300 | 23 | --
- ---+-------+---------+----------+-----------
- +Australien+ | 45904 | 78111 | 1441 | 5604814
-
- +Afrika.+
-
- ----------------------------+-----------------+----------------------
- |Länge (in km) der| Anzahl der
- Länder. +-------+---------+----------+-----------
- |Linien.| Drähte.|Stationen.|Telegramme.
- ----------------------------+-------+---------+----------+-----------
- Ägypten und Sudan (1882) | 8645 | 14005 | 171 | 676700
- Algerien (1882) } | | | |
- Tunis } | 8965 | 16366 | 186 | 1423464
- Kap-Kolonie (1881) | 5246 | -- | -- | --
- Oranje-Freistaat | 441 | -- | -- | --
- Transvaal-Staaten (1882) | 175 | -- | -- | --
- ---+-------+---------+----------+-----------
- +Afrika+ | 23472 | 30371 | 357 | 2100164
-
-Am besten sind hiernach von den außereuropäischen Gebieten mit
-Telegraphen ausgerüstet: die Vereinigten Staaten von Amerika, das
-Indo-britische Kaiserreich und der östliche Teil Australiens.
-
-Fast ganz entbehren des Telegraphen noch Arabien, Sibirien und
-das Kaiserreich China, dann ganz Afrika (abgesehen von Ägypten,
-Senegambien, dem Kapland, Tunis und Algier), der größte Teil
-Südamerikas und nahezu ganz Britisch-Nordamerika.
-
-Die Zusammenstellung der Angaben für die einzelnen Weltteile führt zu
-folgenden ungefähren Totalziffern für das
-
- =3. Telegraphennetz der Erde.=
-
- ---------------------------+------------------+----------------------
- |Länge (in km) der| Anzahl der
- Weltteile. +--------+---------+----------+-----------
- |Linien. | Drähte.|Stationen.|Telegramme.
- ---------------------------+--------+---------+----------+-----------
- Europa (1882) | 456000 | 1312000 | 38000 | 109000000
- Amerika (1880/82) | 308500 | 812300 | 16700 | 45452000
- Asien (1882) | 77500 | 176800 | 2300 | 5370000
- Australien (1880/82) | 45900 | 78100 | 1500 | 5605000
- Afrika (1882) | 23500 | 30400 | 400 | 2100000
- ---+--------+---------+----------+-----------
- Total | 911400 | 2409600 | 58900 | 167527000
-
-„So verfügt denn,“ sagt +Neumann-Spallart+, „die civilisierte
-Menschheit heute über ein großartiges und wohlgeordnetes Netz
-telegraphischer Verbindungen. Der Gebrauch, welcher davon mittels
-der nahezu 60000 Telegraphenämter der Welt für all die tausendfachen
-menschlichen Beziehungen gemacht wird, findet seinen Ausdruck in
-der Ziffer von jährlich nahezu 168 Millionen Depeschen, welche --
-unbehindert durch die brausenden Wogen des Oceans oder die Eisregionen
-des Hochgebirgs -- von Ort zu Ort, von Land zu Land, von Erdteil
-zu Erdteil mit prometheischer Kraft den Gedanken tragen und ein
-sprechendes Zeugnis eines ergreifenden und mächtigen Kulturfortschritts
-der Menschheit liefern.“
-
-Nach +Veredarius+[30] repräsentierten 1884 die oberirdischen +und+
-versenkten Linien +zusammen+ eine Länge von rund 1200000 km mit 3650000
-km Leitungsdrähten. Letztere würden also hinreichen, +neunzigmal+ den
-Gleichen zu umspannen.
-
-Der +Gesamtaufwand an Kapital+ für Land- und Seetelegraphen betrug nach
-+Mulhall+ bis zum Dezember 1882 rund 88 Mill. Pfd. St. = 1760 Mill. Mk.
-
- =4. Gebührentarif für Telegramme von Stationen des Deutschen
- Reiches[31].=
-
- =(Für den billigsten und gebräuchlichsten Weg berechnet.)=
-
- ----------------------------------------------------+-----------
- ~A.~ Die Wortlänge ist festgesetzt auf 15 Buchstaben| Wort-Taxe.
- oder 5 Ziffern im Verkehr mit: | Mark.
- ----------------------------------------------------+-----------
- Deutschland (innerer Verkehr) | 0,06
- Afrika (West-): Kanarische Inseln | 1,45
- Senegal | 2,65
- Bolama | 5,85
- Bissao u. Konakry | 5,90
- Algerien-Tunis | 0,27
- Belgien | 0,10
- Bosnien-Herzegowina | 0,20
- Bulgarien | 0,25
- Dänemark | 0,10
- Frankreich | 0,15
- Gibraltar | 0,25
- Griechenland: |
- ~a~) Festland und Insel Paros | 0,40
- ~b~) nach den übrigen Inseln | 0,45
- Großbritannien und Irland | 0,20
- Außerdem ist für jedes Telegramm nach |
- Großbritannien u. Irland eine Grundtaxe |
- von 0,40 Mark zu erheben. |
- Helgoland | 0,15
- Italien | 0,20
- Luxemburg | 0,06
- Malta | 0,40
- Montenegro | 0,20
- Niederlande | 0,10
- Norwegen | 0,20
- Österreich-Ungarn | 0,10
- Portugal | 0,25
- Rumänien | 0,20
- Rußland, europäisches u. kaukasisches | 0,25
- Schweden | 0,20
- Schweiz | 0,10
- Serbien | 0,20
- Spanien | 0,25
- Tripolis | 1,05
- Türkei | 0,45
- ----------------------------------------------------+-----------
- ~B.~ Die Wortlänge ist festgesetzt auf 10 Buchstaben| Wort-Taxe.
- oder 3 Ziffern im Verkehr mit: | Mark.
- ----------------------------------------------------+-----------
- Afghanistan (~via~ Bushire) | 4,10
- Afrika (Ost- und Süd-): Zanzibar | 7,70
- Mozambique u. Lorenzo-Marquez | 8,75
- Durban in Natal | 8,70
- den übrigen Anstalten Natals, |
- Kapkolonie, Oranje-Freistaat | 8,90
- Transvaal | 9,05
- Ägypten: |
- I. Zone {Alexandrien | 1,45
- {übrigen Anst. Nieder-Äg. | 1,50
- II. Zone (b. Wadi Halfa i. Nubien) | 1,70
- Suakim, ~via~: Kabel Suez-Suakim | 2,35
- Annam (~via~: Bushire, Tavoy) | 5,90
- Arabien (Aden, Perim, Hedjas und Yemen) | 3,60
- Argentinische Republik (~via~: Lissab.) | 7,25
- Australien (~via~: Bushire, Penang): |
- Süd-Australien | 9,35
- Victoria und Westaustralien | 9,45
- Neu-Süd-Wales | 9,60
- Queensland | 9,85
- Tasmania | 10,05
- Neu-Seeland | 10,65
- Balutschistan (~via~: Bushire) | 4,10
- Birma: Mandalay (~via~: Bushire) | 4,50
- Bolivien (~via~: Galveston): Cotagaita, Huanchaca, |
- Potosi, Sucre (oder Chuquisaca), Tupiza | 11,85
- La Paz (über Mollendo) | 13,55
- Brasilien (~via~: Lissabon): |
- nördl. Region: Pernambuco | 7,25
- Para | 13,45
- Fortaleza, Maranham u. den übrigen Anstalten | 9,75
- mittl. Reg.: (Bahia, Rio de Jan. etc.) | 8,20
- südl. Region: (Santos, Desterro, |
- Rio Grande do Sul etc.) | 8,95
- Kapverdische Inseln: St. Vincent | 4,00
- Santiago | 4,90
- Chile (~via~: Lissabon): Valparaiso, Caldera, |
- Concepcion, Copiapo, Coquimbo, Santiago, |
- La Serena, Valdivia und Alt-Chile | 9,15
- Neu-Chile: Antofagasta u. Iquique | 14,10
- Arica und Tacna | 15,65
- China: Hongkong, Amoy, Foochow, |
- Gutslaff, Saddle Island, Shanghai | 7,00
- Canton und Macao | 7,45
- Chinchow | 7,90
- Chining, Kiukiang und Puching | 8,10
- Chinkiang, Lingchow, Nanking, |
- Nanning, Ningpo und Swatow | 7,95
- Chinkiangpoo, Lanchee, Nganking und Wuhu | 8,00
- Faltschan | 7,65
- Füng-Hwang-Ting | 9,50
- Hankow, Kinning und Tsinanfoo | 8,15
- Hweichow, Shaoking, Soochow und Woochow | 7,85
- Paoting-Foo | 8,90
- Newchwang | 8,35
- Ngouchow | 7,50
- Peking, Hoihow, Kiungchow, Tungschow und Yamchow| 8,65
- Tientsin, Chefoo, Kaiping, Liemschow, |
- Pakhoi und Taku | 8,25
- Cochinchina, französisch (~via~: Bushire, Tavoy) | 5,15
- Columbien (~via~: Galveston): Buenaventura | 4,90
- den übrigen Anstalten | 5,20
- Corea (~via~: Rußl., Amur): Fusan | 9,35
- (~via~: Bushire, Tavoy): Binchong | 9,00
- Ichow | 8,85
- Jenchuan | 9,30
- Séoul (oder Han-Yang) | 9,15
- Costarica | 4,60
- Ecuador (~via~: Galveston) | 8,05
- Guatemala und Honduras | 3,55
- Guyana, Britisch (~via~ Jamaica): Berbice | 14,60
- Demerara | 14,50
- Indien (~via~: Bushire): d. Anst. westl. |
- v. Chittagong, ausschl. Ceylons | 4,10
- östl. v. Chittagong u. auf Ceylon | 4,35
- Isthmus v. Panama: Colon und Panama | 4,40
- Japan: Insel Tsushima | 9,35
- den übrigen Anstalten | 7,70
- Java und Sumatra (~via~: Bushire, Penang) | 6,80
- Madeira | 1,60
- Malacca (~via~: Bushire, Penang) | 6,15
- Mejico: Goatzacoalcos | 2,75
- Malamoras | 0,80
- Mejico City, Tampico u. Veracruz | 1,75
- den Anstalten der mejicanischen Bundesregierung | 2,05
- den Anstalten der Einzelstaaten |
- und Privatgesellschaften | 2,55
- Nicaragua: San Juan del Sur | 4,40
- den übrigen Anstalten | 4,60
- Paraguay (~via~: Lissabon) | 7,25
- Penang (~via~: Bushire) | 5,55
- Persien, ausschließlich der Anstalten |
- am Persischen Golf | 1,30
- Persischer Golf (~via~: Persien, Bushire): Bushire | 2,45
- den übrigen Anstalten | 3,65
- Peru (~via~: Galveston): Callao, Lima | 7,55
- Mollendo | 10,65
- Payta | 8,35
- Piura | 8,50
- Chancay, Chicla, Chosica, Huacho, |
- Malucana, San Bartolome, San Mateo, |
- Sta. Clara, Supe, Sucro | 8,05
- den übrigen Anstalten | 11,60
- Philippinen-Inseln: Luzon | 8,85
- Rußland, asiatisches: |
- I. Region, westlich vom Meridian |
- von Werkhne-Udinsk | 1,45
- II. Region, östlich von demselben | 2,35
- Bokhara | 1,70
- Salvador: Libertad | 3,40
- den übrigen Anstalten | 3,55
- Siam (~via~: Bushire, Tavoy) | 4,75
- Singapore (~via~: Bushire, Tavoy) | 6,40
- Tonking (~via~: Bushire, Tavoy) | 6,30
- Uruguay (~via~: Lissabon) | 9,50
- Venezuela (~via~: Galveston) | 5,20
- Vereinigte Staaten von Amerika, |
- Britisch Amerika und St. Pierre-Miquelon: |
- 1. Alabama, Arkansas, Canada (Ost- und West-), |
- Cape Breton, Carolina (North- und South-), |
- Columbia (District of), Connecticut, |
- Delaware, Florida (und zwar: Jacksonville und|
- Pensacola), Georgia, Illinois, Indiana, Iowa,|
- Kentucky, Louisiana, Maine, Maryland, |
- Massachusetts, Michigan, Minnesota, |
- Mississippi, Missouri, New-Brunswick, |
- Newfoundland, New-Hampshire, New-Jersey, |
- New-York (einschließl. Stadt New-York), Nova |
- Scotia, Ohio, Pennsylvania, Prince Edwards |
- Island, Rhode Island, St. Pierre-Miquelon, |
- Tennessee, Texas, Vermont, Virginia (Ost-), |
- West-Virginia, Wisconsin | 0,65
- 2. Arizona, California, Colorado, Columbia |
- Britisch, Dakotah, Florida (ausgenommen |
- Jacksonville u. Pensacola), Idaho, Indian |
- Territory, Kansas, Manitoba, Montana, |
- Nebraska, Nevada, New-Mejico, North-Western |
- Territory, Oregon, Utah, Vancouver Island, |
- Washington Territory, Wyoming | 1,05
- Westindien: Antigua | 10,50
- Barbados | 12,35
- Cuba, und zwar: Havanna | 2,45
- Cienfuegos | 3,20
- Santiago de Cuba | 3,65
- Bayama, Guantanamo und Manzanillo | 3,90
- den übrigen Anstalten | 2,70
- Dominica (Kleine Antillen-Insel) | 11,05
- Grenada | 12,30
- Guadeloupe | 10,90
- Jamaica | 6,15
- Martinique | 11,35
- Portorico | 9,35
- St. Croix | 9,70
- St. Kitts (St. Christoph) | 10,25
- St. Lucia | 11,60
- St. Thomas | 9,45
- St. Vincent, Westindien | 11,85
- Trinidad | 12,80
-
-
-
-
-Anhang.
-
-Das Fernsprechwesen[32].
-
-
-[Illustration: Fig. 15. Philipp Reis.]
-
-1. +Geschichte.+ Die Versuche, den Schall mittels geeigneter
-Übertragung der Schallwellen fortzuleiten, gehören schon einer
-ziemlich weit zurückliegenden Vergangenheit an. So weist der englische
-Elektriker +Preece+ nach, daß sein Landsmann, der Physiker +Robert
-Hooke+, bereits 1667 derartige, wenn auch noch ziemlich rohe Versuche
-anstellte, indem derselbe einen ausgespannten Faden benutzte. Einen
-telephonischen Apparat konstruierte auch +Wheatstone+ im Jahre
-1819. Aber erst 1861 fertigte der 1874 verstorbene Lehrer +Philipp
-Reis+ in Friedrichsdorf bei Frankfurt a. M. das +erste elektrische
-Telephon+. Dieser von Reis mit dem von ihm selbst erfundenen Worte
-„+Telephon+“[33] bezeichnete Apparat übertrug musikalische Töne und
-Melodieen, ferner auch Worte, wenn schon in etwas unvollkommener
-Weise, auf ziemlich weite Entfernungen. Die ganze Sache wurde indes
-von den Physikern nur als eine Kuriosität, nicht als praktisch wichtig
-betrachtet[34], und auch Reis selbst hatte seinen Apparat von Anfang
-an nur für Unterrichtszwecke bestimmt. So kam es, daß der deutsche
-Erfinder und sein Instrument in Europa nach kurzer Zeit wieder
-vergessen wurden. In Amerika dagegen wurde der deutsche Gedanke weiter
-verfolgt. 1868 konstruierte dort ein gewisser +van der Weyde+ ein
-verbessertes Reissches Telephon, das deutlich, wenn auch nur schwach
-und mit näselndem Tone, hineingesprochene Worte übertragen haben soll.
-+Van der Weyde+ setzte seine Versuche fort, und seinen Bestrebungen
-schloß sich +Elisha Gray+ in Chicago an. Aber all diese Telephone,
-wie auch die in England gefertigten, eigneten sich in der Hauptsache
-nur zur Übertragung musikalischer Töne, nicht aber für artikulierten
-Schall, d. i. für die Wiedergabe der Sprache. Dieses so schwierige
-Problem wurde durch den Taubstummenlehrer +Graham Bell+ in +Boston+,
-einen geborenen Schotten, im Jahre 1876 glücklich gelöst und so die
-Welt von Amerika her mit dem +praktischen+ Telephon beschenkt. Seitdem
-gelang es, durch verschiedene Verbesserungen die telephonische Wirkung
-bedeutend zu erhöhen und überhaupt den Fernsprech-Apparat für die
-Verwendung im Verkehre noch bequemer zu gestalten. Großartiges zeigte
-bezüglich des Fernsprechwesens besonders die internationale elektrische
-Ausstellung zu Philadelphia im Jahre 1884. Der dort ausgestellte
-Quadruplex-Translator +Edisons+ z. B. verstärkte den Ton vierfach; sein
-Mikrophon[35] ließ den Schritt einer Fliege deutlich hören; das größte
-Aufsehen aber erregte unter den Laien sein lautsprechendes Telephon,
-dessen Töne im Umkreis von 30 Fuß deutlich vernehmbar waren, und
-dessen hohe Noten bedeutend ausgeprägter waren als die tieferen[36].
-Sicher wird auch +die+ Zeit nicht ausbleiben, wo man, wie schon +Reis+
-andeutete, die menschliche Stimme übers Meer senden wird, wie das
-mittels des Telegraphen bezüglich der Schrift bereits der Fall ist[37].
-
-In Deutschland wurde das erste Fernsprechamt für den öffentlichen
-Verkehr am 12. November 1877 in Friedrichsberg bei Berlin eröffnet, und
-heute (Ende 1885) giebt es, dank der Thatkraft des obersten Leiters der
-deutschen Reichspost- und Telegraphenverwaltung, +~Dr.~ von Stephans+,
-in 81 Orten 12655 Fernsprechstellen und 21357 km Drahtleitungen[38].
-
-Auch in den übrigen Kulturländern der Erde hat das Fernsprechwesen
-fast überall Eingang gefunden; selbst das Reich der Mitte hat sich
-nicht ausschließen können. Shanghai zählt bereits 77, Hongkong 40
-Fernsprechstellen; ja sogar die Hauptstadt der Sandwich-Inseln,
-Honolulu, hat ihre Telephonleitung[39].
-
-2. +Rechtsverhältnisse.+ Die Rechtsverhältnisse im Fernsprechbetrieb
-sind sehr verschiedenartig. Ganz frei in Anwendung und Ausbeutung ist
-der Betrieb in den Vereinigten Staaten, in Schweden, Norwegen und in
-den meisten Kolonieen; +ganz vom Staat abhängig im Deutschen Reich und
-in der Schweiz+; unter der Kontrolle der Regierung in England, Rußland,
-Österreich, Frankreich, Italien, Spanien und Portugal. Doch ist in
-England, Rußland und Österreich der Betrieb den Privatgesellschaften
-auf +lange+ Zeit vertragsmäßig gewährt, in den anderen nur auf +kurze+
-Fristen.
-
-3. +Statistisches.+ Ein annäherndes Bild von der Verbreitung des
-Fernsprechers in der Mehrzahl der europäischen Staaten im Jahr 1885
-giebt folgende Tabelle[40]:
-
- ------------------+-----------------+-------------+------------------
- | Städte | Abgerundete | Jährlicher
- Länder. | mit Fernsprech- | Zahl der | Abonnementsbetrag
- | Einrichtungen. | Stellen. | in Mark.
- ------------------+-----------------+-------------+------------------
- Deutschland | 81 | 13000 | 150
- England | 180 (?) | 12000 | 100-400
- Frankreich etwa | 20 | 10000 | 480
- Italien | 18 | 7000 | 92-140
- Schweden | 51 | 10000 | 128-216
- Schweiz | 30 | 5000 | 120-200
- Spanien | unbekannt | 1000 | 80-200
- Niederlande etwa | 11 | 4000 | 136-204
- Belgien | 12 | 5000 | 160-200
- Rußland | 7 | 3000 | 560
- Österreich-Ungarn | 10 | 4500 | 180-300
-
-In den +Vereinigten Staaten+ von Amerika betrug 1884 die Länge der
-Telephonlinien 193120 km (vgl. Gothaischer Kalender für 1886).
-Im gleichen Jahre zählte +New-York+ mit Umgebung schon 10600
-Abonnenten, während gleichzeitig ganz England nur 11000-12000
-aufwies, so daß demnach eine +einzige+ Stadt Amerikas fast ebensoviel
-Telephon-Abonnenten besitzt, als ein ganzes Königreich in Europa.
-
-Die +Zahl der Telephongesellschaften+ betrug in der Union im Jahre
-1884 über 45, deren Anlagekapital 266,7 Millionen Franken (~Journal
-télégraphique~, 1885, S. 190-192).
-
-Die +längste+ der Fernsprechanlagen in +Deutschland+ ist zur Zeit
-diejenige zwischen Berlin und Hannover mit 341 km. In +Amerika+ dagegen
-wird bereits zwischen New-York und Chicago, d. i. auf eine Entfernung
-von 1600 km, mittels des Telephons korrespondiert.
-
-4. +Bedeutung des Fernsprechers.+ In den wenigen Jahren, welche seit
-der Erfindung des einfachen und doch so wunderbar wirkenden Apparates
-verflossen sind, hat derselbe bereits eine Bedeutung erlangt, wie
-sie wohl keinem Verkehrsmittel der neuern Zeit in so kurzem Zeitraum
-zugemessen war. Die Telephone und Mikrophone haben nicht nur für
-den allgemeinen Verkehr der Bewohner großer Städte untereinander
-hervorragenden Wert, sondern ihre Anwendung erweist sich auch in vielen
-anderen Fällen als äußerst nutzbringend. +Geschäftshäuser+ bedienen
-sich des Fernsprechers zur Vereinfachung ihres Geschäftsbetriebs.
-Höchst wichtige Dienste leistet er der +Polizei+. Desgleichen eignet er
-sich vielfach für +militärische Zwecke+, so z. B. im Vorpostendienste,
-zur Verbindung eines „~ballon captif~“ mit der Erde. Auch im
-+Eisenbahndienste+ findet er mannigfache Verwendung. Für den +Taucher+
-wieder bildet das Telephon ein sehr bequemes Verständigungsmittel
-im Verkehre mit Personen zu Lande oder zu Schiffe. Ebenso spielt es
-schon im +Berg+- und +Hüttenwesen+ eine bedeutende Rolle. Seine große
-Empfindlichkeit führte ferner zur Verwendung desselben für +ärztliche+
-Zwecke, und auch die +Wissenschaft+ wurde durch dessen Erfindung zu
-einer Reihe sehr interessanter Untersuchungen veranlaßt.
-
-
-
-
-II.
-
-Weltpost.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Geschichte des Postwesens[41].
-
-
-I. Altertum.
-
-Die Staaten als solche, d. h. die Regierungen, hatten schon frühzeitig
-für ihre Zwecke bestimmte Anstalten zur Herstellung gesicherter und
-schneller Verbindungen errichtet. Dabei wurden anfänglich die im
-Dienste des Herrschers stehenden Boten von der Hauptstadt aus mit den
-Befehlen an die obersten Verwaltungschefs, die Truppenbefehlshaber
-u. s. w. in den Provinzen +direkt+ abgesandt, und sie brachten die
-Berichte auch wieder zurück. Sehr bald aber kam man auf den Gedanken
-der Errichtung von Stationen und des stationsweisen Transportes mittels
-Wechsels des Beförderungsmittels, wodurch zugleich eine erhebliche
-Beschleunigung erzielt wurde. Solche +Botenanstalten+ besaßen
-bereits die Regierungen in +Indien+, +China+, +Ägypten+, +Assyrien+,
-+Babylonien+ und die +Könige der Hebräer+.
-
-In +Indien+ waren an den Endpunkten der ziemlich kurzen Stationen
-Hütten errichtet. Sobald ein Bote bei einer solchen Hütte ankam,
-empfing der schon bereitstehende andere das Schreiben, um damit bis
-zur folgenden Station zu laufen. Jeder war mit einer Schelle versehen,
-auf deren Laut alle Begegnenden ausweichen mußten; zugleich kündigte
-damit der Bote seine Ankunft auf der Station an. Bei wichtigeren
-Depeschen oder gefährlichen Passagen gingen zwei Boten zur Erhöhung
-der Sicherheit. Zum Übersetzen über Gewässer bedienten sie sich, wo
-keine Brücken oder Fähren vorhanden waren, eines Schwimmgürtels. Alle
-zehn Stadien (¼ geogr. Meile) war auch eine Säule gesetzt, welche die
-etwaigen Nebenwege, sowie die Entfernungen anzeigte. Besondere Beamte
-standen überdies dem Verkehrs- und Straßenwesen vor.
-
-Von +Ägypten+ erzählen die alten Geschichtschreiber, daß nach
-Vorschrift des Gesetzes jeder König früh aufgestanden sei und zuerst
-die eingegangenen Briefe gelesen habe.
-
-Bei den +Assyrern+ wird schon gelegentlich der Erzählung der
-Vorbereitungen, welche die Königin Semiramis zu ihrem großen Zuge
-nach Indien traf, der Boten gedacht, welche deren Briefe und Befehle
-beförderten.
-
-In Bezug auf +Babylonien+ heißt es im Alten Testament: „Nebukadnezar
-sandte von Ninive Botschaften zu allen, die da wohnten in Cilicien,
-Damaskus und auf dem Libanon, Karmel und in Kedar; auch zu denen in
-Galiläa und auf dem großen Felde Esdrelom; und zu allen, die da waren
-in Samaria, und jenseits des Jordan bis gen Jerusalem; auch in das
-ganze Land Gesem bis an das Gebirge des Mohrenlandes.“
-
-Bei den +Hebräern+ wurden während der Regierung der Könige die
-Schreiben derselben und die Berichte der Obersten und Ältesten
-ebenfalls durch besoldete königliche Boten befördert, die der Leibwache
-zugeteilt waren. „Und die Läufer gingen hin mit den Briefen von der
-Hand des Königs und seiner Obersten durch Israel und Juda“ (Hiskia,
-728-699 v. Chr.). Ja sogar aus dem 10. Jahrhundert v. Chr. besitzen wir
-eine desfallsige Nachricht im ersten Buch der Könige: „Und sie (die
-Königin Isebel, Gemahlin Ahabs, 918-890 v. Chr.) schrieb Briefe unter
-Ahabs Namen und versiegelte sie unter seinem Petschier und sandte sie
-zu den Ältesten und Obersten.“
-
-Den nächsten Fortschritt nach der Zerlegung in Stationen bildete die
-+Anwendung des Pferdes+ für den Kurierdienst. Die erste desfallsige
-Einrichtung ging der gewöhnlichen Annahme nach von dem +Perserkönige
-Cyrus+ aus und bestand hauptsächlich in folgendem: in einer Entfernung
-von ca. 4 zu 4 Parasangen (3-4 Meilen) waren Pferde und Reiter
-stationiert, von welch letzteren stets einer bereit zu sein hatte, um
-nach Einlauf eines königlichen Schreibens dasselbe in der schnellsten
-Gangart des Pferdes bei Tage oder bei Nacht, in der größten Hitze des
-Sommers oder im Schnee des Winters zur nächsten Station zu befördern.
-Außerdem war bei jeder Station ein Aufseher bestellt, dessen Aufgabe
-es war, die Briefe in Empfang zu nehmen, wieder zu übergeben, die
-ermüdeten Pferde und Männer zu beherbergen und frische abzusenden. Bei
-den Griechen sagte man, die persischen Postreiter flögen schneller als
-Kraniche, und Herodot versichert, daß nichts in dieser Welt geschwinder
-sei, als diese Reiter. Briefe konnten durch sie auf der großen Straße
-von Sardes nach Susa, die 450 Parasangen (337 Meilen) maß, welche
-wieder in 111 Stationen geteilt waren, in 5-7 Tagen befördert werden.
-Ein Fußgänger hingegen, der fünf Parasangen (3¾ Meilen) täglich
-zurücklegte, brauchte hierzu 90 Tage.
-
-Die gesamte Posteinrichtung nannte man ~angara~, ein Wort, das soviel
-bedeutet als +Frondienst+. Die Griechen entlehnten diese Bezeichnung
-von den Persern und überlieferten dieselbe ihrerseits wiederum
-an die Römer, so daß noch bis ins Mittelalter das Kurierwesen im
-Lateinischen mit ~angaria~ bezeichnet wurde. Der Chef der ganzen
-Anstalt war ein hoher, dem königlichen Hofe nahestehender Beamter.
-Darius Kodomannus, Persiens letzter König, bekleidete jenes hohe Amt
-vor seiner Thronbesteigung. Das Volk war von der Benützung der Anstalt
-ausgeschlossen; sie trug rein staatlichen Charakter; nur der König
-bediente sich ihrer zu seinen Regierungszwecken.
-
-Wohl ebenso frühzeitig als in Persien, vielleicht noch früher,
-scheint die Verwendung des Pferdes zum Postdienste auch in +China+
-stattgefunden zu haben. Hierauf läßt besonders die schon in alten
-Zeiten sehr vorgeschrittene Organisation der Verwaltung des
-weitläufigen Reiches und das Vorhandensein trefflich angelegter und gut
-unterhaltener Straßen schließen.
-
-Frühzeitig schon wurde den +Griechen+ die Buchstabenschrift und das
-Briefschreiben von Asien aus überliefert, aber die Einrichtung einer
-bestimmten Staatsverkehrsanstalt haben sie den asiatischen Monarchieen
-nicht nachgeahmt. Zunächst war Griechenland nicht ausgedehnt genug,
-um unter den damaligen Verhältnissen die Notwendigkeit einer
-solchen Anstalt empfinden zu lassen. Dann waren auch die durch die
-vielfachen Wanderungen der griechischen Volksstämme hervorgerufenen
-Erschütterungen der Entwicklung einheitlicher Institutionen hinderlich.
-Später kamen die häufigen Fehden und unerquicklichen Nergeleien
-der kleinen Republiken, der peloponnesische Krieg u. s. w., bis
-endlich die Schlacht von Chäronea (338 v. Chr.) der griechischen
-Unabhängigkeit ein Ende machte. Überdies ersetzte vielfach die sehr
-rege Schiffahrt die Landkommunikationen, wie das noch heute z. B.
-in Dalmatien, Norwegen, Chile, dem Sunda-Archipel u. s. w. der
-Fall ist. Endlich führte auch der allen Stämmen und Landschaften
-gemeinschaftliche religiöse Kultus gelegentlich der fast alljährlich
-stattfindenden Spiele und Nationalfeste Leute aus allen Gegenden, wo
-nur immer die griechische Zunge ertönte, zusammen und bot reichliche
-Gelegenheit dar, im gegenseitigen Verkehre die Gedanken auszutauschen
-und sich über die verschiedensten Verhältnisse mündliche Mitteilung
-zu machen. Infolge davon beschränkte sich die ganze Posteinrichtung
-des Landes auf die sogen. +Hemerodromen+(= Tagläufer, vom griech.
-~heméra~ = Tag, und griech. ~dremo~, ich laufe) oder Schnellläufer,
-die nur aus besonderer Veranlassung abgesandt wurden, und deren sich
-nicht nur die Obrigkeiten, sondern auch Private bedienten. Diese
-Hemerodromen waren mitunter von erstaunlicher Geschwindigkeit, und
-die alten Schriftsteller erwähnen einzelner bei Namen. Phidippides,
-ein Botenläufer von Gewerbe, sagt Herodot, legte den Weg von Athen
-nach Lacedämon (1200 Stadien = 30 geogr. Meilen) in zwei Tagen
-zurück. Nach der Schlacht von Salamis wurde der Platäer Euchidas nach
-Delphi gesandt, um, da das heilige Feuer erloschen war, reines Feuer
-zu holen. Die Entfernung hin und zurück beträgt 1000 Stadien (= 25
-geogr. Meilen); er brauchte nur +einen+ Tag, starb aber infolge der
-Überanstrengung. Von Ladas, einem vielgenannten Läufer Alexanders von
-Macedonien, sagte man, daß seine Spuren im Sande kaum wahrnehmbar
-gewesen seien. Die Ausrüstung dieser Schnellläufer bildeten Bogen,
-Pfeile, Wurfspieß und Feuersteine.
-
-[Illustration: Fig. 16. Hemerodrom.
-
-(Nach dem „Poststammbuch“.)]
-
-+Alexander der Große+ hatte bei dem Charakter seiner Regierung nur
-wenig für die Verkehrseinrichtungen zu thun vermocht. Als er die Hand
-an das Werk der innern Ordnung legen wollte, überraschte ihn der Tod.
-In den eroberten Ländern waren die früheren persischen Anstalten im
-allgemeinen in Wirksamkeit geblieben.
-
-Die +Römer+ waren ein eroberndes Volk; jede Nation, die sie sich
-unterwarfen, mußten sie daher wenigstens anfänglich durch die Gewalt
-der Waffen niederhalten. Um aber über ihre Legionen und Kohorten
-rasch verfügen, um sie schnell dorthin werfen zu können, wo der Staat
-sie nötig hatte, bedurften die Römer eines gut ausgebildeten und
-weitverzweigten Straßennetzes. In der That galt denn auch ein Land
-ihnen nur dann für vollkommen erobert, wenn es von Militärstraßen
-durchzogen war. Schon in den ersten Zeiten der Republik wurden deshalb
-alle Städte Latiums, sobald sie unter Roms Herrschaft gekommen, dann
-die Gebiete Campaniens, endlich die Bergstädte der besiegten Samniter
-durch vorzügliche Kunststraßen mit Rom verbunden. In erster Reihe
-waren nun diese Straßen freilich nur für militärische Zwecke bestimmt;
-aber sie dienten doch schon frühzeitig auch dem +Verkehre+. So gingen
-vor allem, wie in den übrigen älteren Reichen, +staatliche Boten+ von
-Rom zu den auswärts bestellten Beamten und Befehlshabern, um Befehle
-oder Nachrichten zu überbringen, oder es wurden von diesen solche nach
-Rom gesendet. Die Boten hießen ~viatores~, ~cursores~, ~statores~,
-~tabellarii~ (letzterer Name rührt davon her, daß die Alten statt der
-Briefbogen Täfelchen [~tabellae~] benutzten). Die Vergütung, welche
-sie für die Übermittlung von Nachrichten erhielten, nannte man
-~calcearium~, Schuhgeld[42].
-
-Eine bedeutende Förderung wurde dem Nachrichten- und auch
-Frachtenverkehr zu teil durch jene große Gesellschaft römischer Ritter,
-welche in den letzten Zeiten der Republik die Staatsländereien in
-den Provinzen, sowie die Zehnten, Gefälle und Steuern pachtete und
-einen ausgedehnten, schwunghaften Handel mit Getreide und anderen
-Landesprodukten betrieb. Diese Genossenschaft hatte ihren Centralsitz
-in Rom und ihre Niederlagen und Comptoire in allen wichtigeren
-Provinzstädten. Ihr Nachrichten- und Geldverkehr vom Mittelpunkte nach
-den Filialen und zwischen diesen selber wieder war ein großartiger, und
-deshalb unterhielt die Gesellschaft eine große Zahl von Briefträgern
-(~tabellarii~), welche Briefe und leichtes Gepäck bis in die kleinsten
-Städte aller Provinzen mit großer Schnelligkeit und ziemlicher
-Regelmäßigkeit beförderten. Diese Briefträger durften auch Sendungen
-von Privaten übernehmen und wurden häufig hierzu benützt.
-
-Außerdem gab es noch zahlreiche Privatboten. Reiche Familien, die in
-Rom wohnten, hatten große Güter in den Provinzen, oder ihre Söhne
-studierten an griechischen Schulen. Da sie nun mit ihren Verwaltern und
-ihren Kindern in regelmäßigem Verkehre bleiben wollten, so unterhielten
-sie Briefboten, die nicht bloß von ihnen, sondern auch von Bekannten
-mit Sendungen betraut wurden.
-
-Häufig wurden auch Reisenden, Schiffern, Kaufleuten, Fuhrleuten u. s. w.
-Briefschaften zur Abgabe in den Orten, wohin ihr Geschäft sie
-führte, übergeben. Freilich war diese Art der Beförderung in hohem
-Grade unvollkommen. Wir ersehen das besonders aus den Briefen Ciceros
-an Atticus. Monatelang erhielt jener keinen der ihm vom Freunde
-geschriebenen Briefe, dann häufig drei oder vier auf einmal; nicht
-selten sind einige unterwegs abhanden gekommen; andere werden ihm
-eröffnet überbracht; später geschriebene erhält er eher als solche von
-früherem Datum; öfters ist er genötigt, mehrere Briefe des Atticus,
-die ihm in einem Zeitraum von vier bis fünf Monaten zugegangen waren,
-auf einmal zu beantworten, weil er keinen zuverlässigen Überbringer
-auffinden konnte. Alle diese Umstände führt Cicero in seinen Briefen
-immer nur nebenher und in dem Tone an, in welchem man von Dingen
-spricht, die sich ganz von selbst verstehen und alle Tage sich zutragen.
-
-Zur Beförderung der reisenden Beamten bestand eine Art Vorspannwesen,
-zu dessen Benutzung der Senat von Fall zu Fall eine besondere
-Ermächtigung erteilte. So bediente sich Cäsar, wenn er sich zum Heere
-begab, stets einer Tag und Nacht fahrenden Kalesche, deren Vorspann
-ihm gratis geleistet wurde. An mißbräuchlicher Ausnützung dieser
-Einrichtung fehlte es übrigens nicht. Die Senatoren z. B. verschmähten
-es nicht, mit Freipässen, die mehrere Jahre gültig waren, kostenfrei zu
-reisen.
-
-Aus dem Bisherigen erhellt, daß schon zur Zeit der Republik über das
-große Römische Reich ein weitverzweigtes Netz von Kommunikationsmitteln
-gesponnen war. So trefflich aber auch für jene Zeit diese Einrichtungen
-waren, es fehlte doch noch an einer einheitlichen Organisation, an
-einer zusammenfassenden Leitung und Überwachung der vereinzelten
-Institutionen. Hierzu kam es erst unter den +Kaisern+, und +erst von
-da an kann man von einem gegliederten, staatlich geordneten Postwesen
-reden+.
-
-[Illustration: Fig. 17. Die Staatspost unter den römischen Kaisern.
-
-(Nach dem „Poststammbuch“.)]
-
-Das größte Verdienst in dieser Beziehung erwarb sich gleich der erste
-römische Imperator, +Octavianus Augustus+, durch die Errichtung des
-sogen. ~cursus publicus~.
-
-Der ~cursus publicus~ war eine +Staatsverkehrsanstalt+, welche die
-Beförderungen stationsweise, mit Wechsel der Transportmittel, zu
-Fuß, zu Pferd oder zu Wagen sowohl für +Versendungen+, als auch für
-+Reisen+ wahrzunehmen hatte. Diese Einrichtung war zunächst bestimmt
-für die Reisen des Kaisers und seines Hofes, dann der Militärpersonen
-und Staatsbeamten im Dienste, der Gesandten und der zur Benutzung
-des ~cursus publicus~ im einzelnen Falle besonders ermächtigten
-Personen[43]; ferner zur Beförderung der Depeschen, Akten, Dokumente
-und der Staatsgelder, sowie zum Transport von Proviant, Armatur-
-und Montierungsstücken, Bau-Utensilien, Kunstwerken u. s. w. Der
-~cursus publicus~ beförderte demnach nicht bloß Korrespondenzen,
-sondern auch +Gepäckstücke+ und +Frachten+ und vor allem +Personen+.
-+Privat+personen und +Privat+angelegenheiten waren von Anfang an
-ausgeschlossen; für Staats- und Regierungszwecke gegründet und
-eingerichtet, sollte er auch ausschließlich nur +solchen+ Zwecken
-dienen.
-
-Jeder Kurs war in bestimmte Stationen geteilt. Solcher Stationen
-gab es zweierlei: solche, bei welchen bloß der Wechsel der Gespanne
-stattfand, und welche ~mutationes~ (vom lat. ~mutāre~, wechseln)
-genannt wurden, und solche, bei welchen auch die Wagen und Postillone
-gewechselt wurden, und die außerdem noch zur Beherbergung der Reisenden
-eingerichtet waren, daher ihr Name ~mansiones~ (von ~manēre~, bleiben)
-= Rastorte. Manche dieser ~mansiones~ waren sehr reichlich und schön
-ausgestattet. Die ~mansiones~ waren in der Regel eine Tagreise, die
-~mutationes~ 1-2 Meilen voneinander entfernt. Auf jeder Mutatio mußten
-in der Regel 20 Zugtiere unterhalten werden, während die Mansionen
-deren 40 und noch mehr hatten.
-
-Die oberste Leitung des Postwesens lag seit Augustus in der Hand des
-~Praefectus praetorio~ in Rom.
-
-Dies ist das Wesentlichste über den ~cursus publicus~ der Römer.
-Es zeigen sich daran zugleich die durchgreifenden Unterschiede von
-dem spätern, zuerst in Deutschland im Zeitalter der Reformation
-eingeführten Postwesen. So war der ~cursus publicus~ nicht für
-jedermann benutzbar; Beförderung fand nur statt, wenn gerade Depeschen
-oder Reisende vorhanden waren. Endlich war die Benutzung des ~cursus
-publicus~ durch die Beteiligten ganz unentgeltlich. Die empfindlichen
-Lasten, welche die Unterhaltung dieser Anstalt verursachte, mußte das
-+Volk+ tragen, und dafür verblieb den Provinzialen zum Troste nichts
-anderes, als was die Pferde in den Ställen zurückließen. Während heute
-die Anlegung eines Postkurses von der Gegend, durch welche er führt,
-als eine Wohlthat angesehen wird, erregte damals die Führung des
-~cursus publicus~ durch ein bestimmtes Gebiet den größten Mißmut der
-davon Betroffenen.
-
-Außer Augustus schenkte besonders Kaiser +Hadrian+ dem römischen
-Postwesen große Aufmerksamkeit; seinen Höhepunkt erreichte es unter
-Kaiser +Theodosius+ († 395). Mit der Auflösung des Römischen Reichs
-verfiel, wie alle anderen Institutionen, auch das Postwesen.
-
-Eine kurze +Geschichte der Straßen und Fuhrwerke+, soweit selbe auf das
-Altertum Bezug hat, möge diesen Abschnitt beschließen[44].
-
-Was zunächst die +Straßen+ betrifft, so wußte man den Wert derselben
-schon im Altertum zu würdigen. Schon der sagenhaften Königin Semiramis
-(um 1200 v. Chr.) schrieb man die Anlegung einzelner Kunststraßen
-zu. Die +phönicischen+ Karawanen zogen auf drei verschiedenen großen
-Heerstraßen nach Mesopotamien, besonders nach Babylon und Ninive. In
-dem +indischen+ Gedichte „Ramajama“ werden eigene Wegebeamte erwähnt.
-Das Gesetzbuch Manus verordnet sorgfältige Pflege der Straßen, und
-Buddha, der große indische Reformator, befiehlt die gemeinnützigen
-Wege und Pässe der Sorgfalt eines jeden Frommen. Von König +Salomo+
-berichtet Josephus Flavius, daß derselbe, in dem Bestreben, etwas zur
-Zierde und zum allgemeinen Nutzen zu thun, die nach Jerusalem führenden
-Wege mit Kieselsteinen pflastern ließ. Dies geschah, wie dabei erwähnt
-ist, „damit die, so hin und her wandelten, desto sanfter gingen“. Auch
-in der Bibel finden sich Belege dafür, daß man schon frühzeitig den
-Wert guter Verbindungswege zu schätzen verstand; so wird im Buch Isaias
-(Kap. 58, V. 2) derjenige höchlichst gelobt und ihm hohe Weisheit
-zugeschrieben, „der die Lücken verzäunet und die Wege bessert“.
-Besonders große Sorge für gute Verkehrsstraßen trugen die +Könige von
-Persien+. Der Grieche Herodot hat uns von einer derselben sogar eine
-eingehende Beschreibung geliefert. Dieselbe bildete die Verbindung
-zwischen Sardes, der reichen, üppigen Residenzstadt Lydiens, und der
-Hauptstadt Susa, reichte mithin vom Mittelmeer bis zum Persischen
-Meerbusen, eine Strecke, welche wegen des zur Umgehung der arabischen
-und mesopotamischen Wüste erforderlichen Umwegs nicht weniger als
-etwa 2500 km betrug. Selbst die +Chinesen+ besaßen nach Paul Venetus
-schon in grauer Vorzeit kostbar gepflasterte Straßen auf die weitesten
-Entfernungen, und wiederum haben die Straßenzüge der alten +Azteken+
-und +Peruaner+ die lebhafteste Bewunderung der europäischen Entdecker
-hervorgerufen.
-
-Am ausgebildetsten tritt uns der Bau eigentlicher Kunststraßen bei den
-+Griechen+ und +Römern+ entgegen. Zwar hegte man von den Griechen lange
-die Meinung, Landwege hätten dort nur zu Kultuszwecken bestanden; dies
-hat sich indes nicht als richtig erwiesen; obwohl auch der Seeverkehr
-überwog, so wandten die Hellenen doch auch den Landkommunikationen
-nicht geringe Sorgfalt zu. Schon zu Homers Zeiten gehen dergleichen
-Anlagen weit über das äußerste Bedürfnis hinaus. Wir finden bei ihm
-eine Heerstraße erwähnt, und die Reise, welche Telemach quer durch
-den Peloponnes von Pylos nach Sparta zu Wagen macht, läßt auf einen
-weit vorgeschrittenen Wegebau schließen. Ja, aus den Forschungen des
-Professors Curtius über den Wegebau der alten Griechen ergiebt sich
-sogar, daß deren Straßenanlagen eine gewisse Ähnlichkeit mit unseren
-Bahnbauten hatten; es wurden kunstgerechte Dämme zur Überschreitung von
-Vertiefungen angelegt, die mit doppelten Fahrgeleisen oder wenigstens
-mit Ausweichestellen versehen waren.
-
-Viel ausgedehnter waren die Straßen der +Römer+, welche sich durch
-deren Anlegung die größten Verdienste um die Förderung des Verkehrs
-erwarben. Viele derselben bestehen noch heute und geben Zeugnis von dem
-technischen Talente jenes großen, praktischen Volkes. Wie trefflich
-dieselben gewesen, erhellt besonders aus vielen Stellen bei Klassikern.
-So sagt Cicero in einem Briefe an Atticus: „Diesen Brief habe ich
-in meiner Rheda (ein Wagen) sitzend diktiert, als ich ins Lager
-fuhr.“ Kaiser Claudius wieder hatte ein Brettspiel in seinem Wagen.
-Indes nicht bloß aus solchen Belegen kann man auf die Trefflichkeit
-der Straßenanlagen schließen, mehr noch aus der Schnelligkeit,
-mit der man reiste. Cäsar z. B. legte oft an einem Tage mit dem
-zweiräderigen Eilwagen 40 deutsche Meilen zurück. Das waren freilich
-ganz außerordentliche Leistungen; allein 24 deutsche Meilen pro Tag
-legte im Römischen Reiche jede Eilpost zurück. Die berühmteste römische
-Landstraße war die zum Teil noch heute erhaltene Via Appia, welche
-allen Wegebaumeistern jener Zeit zum Muster diente und mit gutem Rechte
-die „Königin der Straßen“ genannt wurde. Sie führte von Rom über Capua
-nach Brundusium, dem heutigen Brindisi.
-
-Zur Zeit seines Höhepunktes, vom ersten bis dritten Jahrhundert nach
-Christus, erstreckte sich das römische Straßennetz vom ~Vallum romanum~
-im heutigen Schottland bis zu der Straße längs des Nil und von der
-Nordwestküste Afrikas bis zu den Nordufern des Schwarzen Meeres.
-
-Als Maß für die Bestimmung der Straßenlängen war hauptsächlich die
-+Millie+ (römische Meile) im Gebrauch, welche gleichbedeutend war mit
-tausend römischen Schritten. Da die Römer zwei Schritte nach unseren
-Begriffen als einen rechneten, so war die Millie ungefähr = 1480 m.
-
-Zur Angabe der Entfernungen dienten die +Meilensteine+, aber nicht
-bloß hierzu; des öftern waren sie auch mit weiteren Inschriften
-versehen, welche dem Andenken an bedeutende Männer oder hervorragende
-Thatsachen gewidmet waren. Später begnügte man sich freilich behufs
-rühmender Erwähnung von Personen oder Thatsachen nicht mehr mit der
-Benutzung der Meilensteine, sondern man machte einige der bedeutenderen
-Kunststraßen zu förmlichen Denkmalstraßen. Ein Muster solcher Kunst-
-und Prachtentfaltung bietet uns in ihren erhabenen Überresten noch
-heute die schon erwähnte Via Appia.
-
-Der eigentliche Mittelpunkt der römischen Straßenzüge war die große
-Meilensäule, das ~Milliarium aureum~, das sich inmitten des Forums
-am Fuße des Saturntempels erhob. Von diesem Punkte gingen, nachdem
-Augustus durch griechische Feldmesser eine Vermessung seines gesamten
-Weltreichs hatte vornehmen lassen, alle Entfernungsberechnungen auf den
-Straßen aus.
-
-Die Gesamtlänge der soliden Kunststraßen des alten Römerreichs betrug
-etwa 76000 km.
-
-Nun noch einiges über die Geschichte der +Fuhrwerke+[45].
-
-Das einfachste Mittel zur Fortbewegung schwererer Gegenstände war wohl
-der gegabelte Baumast, aus dem sich die +Schleife+ oder der +Schlitten+
-entwickelte. Ein bedeutender Fortschritt war es bereits, als an Stelle
-der Schleife die +Walze+ trat. Als man dann darauf verfiel, die Walze
-rundum abzuspalten und nur an den Enden die ursprüngliche Dicke
-beizubehalten, da hatte man die +Achse+ mit zwei +Scheibenrädern+. Der
-+Kasten+, welcher auf den anfänglich zweiräderigen Wagen gesetzt wurde,
-ergab sich aus dem praktischen Bedürfnis von selber. Nachdem so der
-Wagen einmal vorhanden, fand derselbe im Laufe der Zeit immer größere
-Vervollkommnung. Der Gebrauch desselben wird bereits in den ältesten
-Aufzeichnungen der Inder, den Vedas, erwähnt, und zwar ist dort die
-Rede nicht bloß von zwei-, vier-, sechsspännigen Indraswagen, sondern
-sogar von hundertspännigen. Das 14. Kapitel des 2. Buches Mosis gedenkt
-der zweiräderigen Streitwagen der Ägypter, und eine ausführlichere
-Schilderung der griechischen Wagen giebt Homer im 5. Gesang der Iliade.
-Die letzteren waren bekanntlich von rückwärts zu besteigen, und der
-in der Regel halbrunde Kasten war fest auf der Achse. Ferner hatten
-diese Wagen schon Felgen, Speichen, Naben und „außen umher auch eherne,
-festumschließende Schienen“. Welche Ausdehnung der Wagenbau bei den
-Völkern des Altertums bereits angenommen, ersehen wir unter anderem
-aus der Bibel. So steht im 1. Buche Samuelis 13, 5: „Da versammelten
-sich die Philister, zu streiten mit Israel, dreißigtausend Wagen,
-sechstausend Reiter und sonst Volk, soviel wie Sand am Rande des
-Meeres.“ Ferner im 1. Buch der Chronica, Kap. 20, V. 7: „Und (die
-Ammoniter) dingten zweiunddreißigtausend Wagen“ etc.
-
-In ausgedehntem Gebrauche standen die Wagen bei den weltbeherrschenden
-+Römern+. Sie waren die ersten, welche eine ausgedehntere
-Nutzbarmachung des Fuhrwerks für die eigentlichen Verkehrszwecke
-einführten. Der Gebrauch der Wagen zu Privatzwecken war indes,
-abgesehen von der Benutzung auf Reisen und zur Beförderung schwerer
-Lasten, auch bei ihnen ein ziemlich beschränkter. So durften innerhalb
-der Hauptstadt nur die Triumphatoren, Vestalinnen, Senatoren und die
-bei öffentlichen Festen mitwirkenden Priester Personenwagen benützen.
-
-[Illustration: Fig. 18. Gipsabguß eines Denksteins mit der Darstellung
-einer Rheda.]
-
-Zur Beförderung der +Personen+ wurden dreierlei Wagen verwendet. Der
-eigentliche Reisewagen war die ~rheda~, auf vier Rädern, für zwei bis
-vier Personen, zwei-, auch vierspännig. Ein leichteres Fuhrwerk waren
-die ~carrucae~, welche weniger auf den Heerstraßen als in den Städten
-Verwendung fanden. Ihr Name hat sich in dem italienischen ~carrozza~,
-in dem französischen ~carrosse~ und in dem englischen ~carriage~
-erhalten. Die leichtesten Fuhrwerke waren zweiräderig, hießen ~birotae~
-(~binae rotae~) und mußten im Postdienste mit drei Zugtieren bespannt
-werden. Die Beförderung der Güter und Lasten erfolgte durch die
-Packwagen (~clabula~, Diminutiv von ~clava~, Sprosse, also eine Art
-Leiterwagen); bei ihnen fand öfter eine Bespannung mit Rindern und
-Mauleseln statt. Außerdem gab es kleinere Lastwagen, Karren (~carri~).
-Hie und da wurden mit diesen auch Personen befördert. Auffallend
-ist, daß die Belastung der Fahrgeräte eine außerordentlich geringe
-gewesen. Rheden durften nach amtlicher Vorschrift nur mit 1000 Pfd.,
-die zweiräderigen Wagen (~birotae~) nur mit 200 Pfd., die schweren
-Lastwagen (~clabula~) mit nicht mehr als 1500 Pfd., die ~carri~ mit
-nur 600 Pfd. bebürdet werden, und auf jedes einzelne Pferd sollten
-nicht mehr als 30 Pfd. treffen. Da nun ein römisches Pfund nicht ganz ⅓
-eines Kilogramms (1 römisches Pfd. = 0,325 kg) betrug, so wäre diese
-Belastung als eine verschwindend kleine und die dafür erforderliche
-Kraftaufwendung jedes einzelnen Zugtieres als eine ganz unbedeutende zu
-bezeichnen, wenn man nicht annehmen müßte, daß die Fahrzeuge, sowohl
-die zur Beförderung von Personen, als auch die zur Verfrachtung der
-Lasten verwendeten, so schwer, so ungefüg, so massig gebaut waren, daß
-schon zur Bewältigung dieser, des toten Gewichtes, wie man heute sagen
-würde, eine große Kraftanwendung von seiten der Zugtiere stattfinden
-mußte. Gleichwohl müssen die Reisewagen der Römer ziemlich bequem
-gewesen sein. Dies erhellt z. B. aus einem Briefe Senecas (~Gestatio
-et corpus concutit, et studio non officit, ut possis legere, possis
-dictare, possis loqui, audire, quorum nihil, ne ambules, vetat~): „Die
-Führung bewegt den Körper und hindert dich doch nicht am Arbeiten: Du
-kannst lesen, diktieren, reden, zuhören, und hindert dich dies nicht
-am Fortkommen.“ Verres, der berüchtigte Statthalter von Sicilien,
-benutzte auf seinen Reisen einen Schlafwagen, dessen Kissen mit
-Rosenblättern ausgepolstert waren. Daß den Fuhrwerken der Alten auch
-sinnvoller Schmuck und Kunstzier nicht fehlten, würde als feststehend
-anzunehmen sein, selbst wenn die Monumente es nicht bewiesen. Von
-dem „schönräderigen, zierlichen Wagen“ der Tochter des Alkinoos an
-und den „kunstreich prangenden“ Zügeln seines Maultiergespanns bis
-zu den Staats- und Triumphwagen der römischen Imperatoren finden wir
-zahlreiche Beispiele des Geschmacks und Formensinns der Alten auch auf
-diesem Gebiet.
-
-
-II. Mittelalter[46].
-
-Die Stürme der Völkerwanderung und die Bildung einzelner voneinander
-unabhängiger Staaten, welche auf den Trümmern der römischen Monarchie
-sich vollzog, zerrissen gar bald das einheitlich organisierte Postwesen
-der Römer. Einzelne Stücke desselben erhielten sich allerdings noch
-kurze Zeit in den neuen Staaten, so bei den Ostgoten in Italien;
-aber in kurzer Zeit verschwanden auch die letzten Spuren dieser
-echt römischen Institution. Wie schlimm es um diese Zeit mit dem
-Briefverkehr stand, erfahren wir aus den Briefen +Alcuins+, des
-berühmten Freundes Karls des Großen. Er sandte die zahlreichen Briefe,
-die er an +Arno+, den Bischof von Salzburg, schrieb, meist durch einen
-Kleriker, während +Arno+ zur Beförderung der Rückantwort gewöhnlich
-sich eines Bauern aus seinem Sprengel bediente. Erst in den letzten
-Regierungsjahren Karls des Großen stoßen wir auf einen Versuch dieses
-Fürsten, die weiten Gebiete seines Reiches durch eine Art Staatspost
-einander näher zu bringen. Allein diese karolingischen Einrichtungen
-scheinen schon den Vertrag von Verdun (843) nicht überdauert zu haben.
-
-Ein +organisierter+ Postverkehr erstand erst in späteren Jahrhunderten
-wieder, +doch nicht durch die Centralgewalt des Staates+, sondern
-+durch specielle Interessentenkreise+. Diese letzteren waren einerseits
-die +Universitäten+ und +geistlichen Orden+, die Brennpunkte der
-geistigen Kultur, andererseits die +Städte+, die Centren des Handels
-und Gewerbes. Als Vermittler des Nachrichtenverkehrs dienten nun
-+Boten+, und man kann deshalb die folgende Periode der Post als die
-+Epoche des Botenwesens+ oder der +korporativen Botenanstalten+
-bezeichnen.
-
-
-1. Die Botenanstalten des Mittelalters.
-
-Zu den berühmtesten derartigen Anstalten gehörte jene der +Pariser
-Hochschule+. Anfänglich nur für den Verkehr zwischen den Angehörigen
-der Universität und ihrer Heimat bestimmt, wurde sie bald dem
-allgemeinen Verkehr zugänglich und leistete diesem die besten Dienste.
-Ihre Blütezeit reichte bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts, wo sie
-durch die Errichtung einer königlichen Post unter Ludwig XI. (1464) den
-ersten Stoß erlitt. 1719 wurde sie aufgehoben.
-
-Trefflich organisiert war auch das +Postwesen der deutschen
-Ordensritter+. Es trug denselben Charakter wie die römische Post des
-Altertums und diente namentlich, gleich dieser, nur Regierungszwecken.
-
-[Illustration: Fig. 19. Postbotenfigur aus dem 14. Jahrhundert.]
-
-Die +Städteboten+ wurden teils von den Magistraten, teils von den
-kaufmännischen Gilden bestellt. In der Regel wurde ein Botenmeister
-mit der Einrichtung der Kurse betraut, und die Rechte und Pflichten
-der Boten wurden durch Botenordnungen bestimmt. Als „geschworne
-Städteboten“ oder „Magistrats-Ausreuter“ führten diese Boten das
-Stadtwappen und die Botenbüchse mit den Farben der Stadt, sowie ein
-„Patent“ (Paß), worin ersucht wurde, ihnen „Fürschub und Fürdernuß zu
-beweisen“; auch trugen sie ein Schild mit Wappen auf der Brust oder am
-Arm und einen starken „hölzernen Botenspieß mit eiserner Spitze“, der
-ihnen zugleich über die Gräben forthalf.
-
-Frühe schon wurden die Kurse verschiedener Städteboten in einen
-regelmäßigen Zusammenhang gebracht. Bereits im 13. Jahrhundert
-soll eine regelmäßige Verbindung bestanden haben, welche aus den
-lombardischen Städten die Nachrichten über die Alpen nach den Städten
-Süddeutschlands brachte und sich von da nach dem Innern Deutschlands
-bis nach dem Norden hin fortpflanzte. Als später die Städtebünde
-entstanden, wurde die Organisation dieser Botenzüge gefestigt und
-erweitert und ein ganzes Netz von solchen über Deutschland gespannt.
-In Wien bestand im 14. Jahrhundert eine eigene Botenstube, die bei
-hoher Strafe von niemand als „von denen Landboten“ betreten werden
-durfte. Übrigens fehlten dem ganzen Boteninstitute, abgesehen davon,
-daß es nicht für jedermann benutzbar war, Einheit, Zuverlässigkeit,
-Regelmäßigkeit und Autorität, überhaupt die Rechte und Pflichten einer
-öffentlichen Anstalt.
-
-[Illustration: Fig. 20. Briefbote mit dem deutschen Reichsadler aus dem
-15. Jahrhundert.]
-
-[Illustration: Fig. 21. Nürnberger Postbote aus dem 18. Jahrhundert.]
-
-Auch die +Klöster+ unterhielten einen eigenen Botendienst. Zur
-Ausführung desselben verwendete man meist die Klosterbrüder selbst. Daß
-diese Art des Botenverkehrs nicht unbedeutend gewesen, ergiebt sich
-vor allem daraus, daß zur Unterkunft der Mönchsboten in unwirtlicheren
-Gegenden besondere Vorrichtungen getroffen waren. -- Ein wertvolles
-Dokument über die Wirksamkeit der geistlichen Boten enthält das
-Berliner Postmuseum. Es ist dies eine ~rotula~, d. h. ein Botenzettel
-aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts. Aus diesem 5 m langen und 12½ cm
-breiten Pergamentstreifen erfahren wir, wie ein Klosterbote im Jahre
-1501 aus der Benediktiner-Abtei St. Lambrecht in Obersteiermark auf
-seiner Botentour durch Steiermark, Ober- und Niederösterreich, Bayern,
-die Pfalz, den Rhein abwärts bis Köln gelangte, von da rheinaufwärts
-über Straßburg im Elsaß, durch die Schweiz, um den Bodensee herum über
-Bregenz und durch Vorarlberg nach seinem Ausgangspunkte zurückkehrte.
-In jedem Kloster notierte man aus die Rotel die Namen der in einem
-Jahre verstorbenen Brüder und Gönner, sowie den Tag der Ankunft des
-Boten. Diese Rotel umfaßt -- sie ist dazu nicht vollständig -- die Zeit
-eines halben Jahres und enthält die Empfangsbestätigungen und Notizen
-von 235 Klöstern.
-
-Eine besondere Art städtischer Botenanstalten waren die sogen.
-+Metzgerposten+. Da die Metzger zur Betreibung ihres Geschäftes Pferde
-halten mußten, und da sie in weitem Umkreise der Stadt, wo sie ihr
-Handwerk trieben, umherkamen, so lag es nahe, sie zur Besorgung von
-Nachrichten und zur Bestellung von Briefen zu benützen. Ja in manchen
-Städten Süddeutschlands wurde infolgedessen der Postdienst der Zunft
-der Metzger sogar zur Pflicht gemacht. So wechselte z. B. in Eßlingen
-in Württemberg der Postdienst bei den Metzgern nach der Reihe. Die
-bald reitenden, bald fahrenden Metzgerknechte kündigten an allen
-Orten, wohin sie kamen, ihre Ankunft und ihren Abgang durch das Blasen
-mit Hörnern an, woher der noch heute übliche Gebrauch der Posthörner
-stammen mag. Übrigens scheinen sich diese Metzgerposten doch nur über
-einen kleinen Teil Deutschlands -- Schwaben -- erstreckt zu haben und
-auch da nur in beschränkterem Umfange in Anwendung gekommen zu sein.
-
-Auch +einzelne Fürsten+ gründeten hie und da, aber nur für sich und
-ihre Regierungszwecke, Postanstalten, so z. B. Herzog Albert von
-Sachsen, welchem Kaiser Friedrich III. die Statthalterschaft der
-Niederlande übertrug, und der schon oben erwähnte Ludwig XI. von
-Frankreich.
-
-Nach der Erfindung der Buchdruckerkunst fungierten nicht selten
-die +Buchhändler+, damals „Buchführer“ genannt, und ihre
-Geschäftsreisenden, welche die Erzeugnisse der neuen Kunst selbst von
-Ort zu Ort zum Verkaufe brachten, als Briefüberbringer.
-
-[Illustration: Fig. 22. Breslauer Postbote aus dem 16. Jahrhundert.]
-
-Wohlhabende und regen Briefverkehr unterhaltende +Private+ hatten
-oft eigene Boten. Das war namentlich der Fall in jener Zeit, als
-infolge des aufblühenden Humanismus die Gelehrten Deutschlands und
-seiner Nachbarländer sehr lebhaften Ideenaustausch pflegten. Von
-Erasmus von Rotterdam z. B. wissen wir, daß er beständig wenigstens
-+einen+ eigenen, von ihm besoldeten Boten unterhielt und für seinen
-Briefverkehr die für die damalige Zeit bedeutende Summe von 60
-Goldgulden jährlich ausgab.
-
-Alle diese Anstalten genügten indes keineswegs, um die +gelegentliche+
-Nachrichtenbeförderung durch pilgernde Mönche und fahrende Leute, durch
-Gerichts- und Kanzleiboten und namentlich die Kaufmannszüge überflüssig
-zu machen.
-
-Soweit hatte sich in den verschiedenen Ländern Europas +in der Zeit
-des Mittelalters+ das Postwesen entwickelt. Bevor wir aber zur
-Geschichte des Postwesens der Neuzeit übergehen, wollen wir noch die
-diesbezüglichen Einrichtungen in einigen außereuropäischen, besonders
-+orientalischen+ und +transatlantischen+ Gebieten, in Kürze betrachten.
-
-Die hohe Kultur, welche die +Araber+ entwickelten, seit ihre
-Jugendkraft durch die Lehren des Islam zu großen Thaten aufgerüttelt
-wurde, die machtvollen Staatswesen, die sie in Vorderasien gründeten,
-die großartigen öffentlichen Institute, welche in denselben entstanden,
-lassen schon von vornherein vermuten, daß sie auch der Beförderung
-von Nachrichten und Personen ihre Aufmerksamkeit zuwendeten. Und so
-ist es auch. In allen +mohammedanischen+ Ländern des Orients finden
-wir schon frühe Spuren und Anfänge von Posteinrichtungen. Die ersten
-soll bereits der Chalif Moawija (661-679) geschaffen haben, und um
-die Mitte des 10. Jahrhunderts zählte man schon 930 Poststationen.
-Feste, ununterbrochene Ketten von solchen verknüpften schließlich die
-gefährdeten Grenzfestungen mit dem Machtcentrum des Reiches, hielten
-die Hauptstädte der Provinzen, in denen die mächtigen Statthalter
-residierten, in stetem Verkehre mit dem Sitze der Staatsgewalt und
-sicherten die Verbindung der Hauptstadt mit den Seeplätzen und
-Flottenstationen.
-
-Der Charakter der Chalifenpost war anfänglich ein rein staatlicher; es
-wurden nur Depeschen der Regierung und solche Staatsbeamte befördert,
-die hierzu von dem Herrscher die Ermächtigung erhielten. Erst später
-wurden von den Regierungskurieren gegen Bezahlung auch Privatbriefe
-mitgenommen.
-
-An der Spitze der Verwaltung des Postdienstes stand der
-Centralpostmeister zu Bagdad, der einer der höchsten Würdenträger des
-Reiches war. Sagte doch der Chalif Abu Djafar Mansur: „Mein Thron ruht
-auf vier Pfeilern und meine Herrschaft auf vier Männern; diese sind:
-ein tadelloser Kadi (Richter), ein energischer Polizeiverwalter, ein
-rechtschaffener Finanzminister und ein treuer +Postmeister+, der mir
-über alles Auskunft giebt.“
-
-Als das Chalifenreich zerfiel, löste sich auch das Netz seines
-Postwesens auf.
-
-+Indien+ hatte, wie bereits erwähnt, schon im Altertum eine gut
-organisierte Briefpost; aber auch aus späterer Zeit wissen wir, daß das
-Postwesen bestens gepflegt wurde. Der Sultan Baber von Delhi z. B. nahm
-sich besonders des Postwesens an. Er ließ auf der Heerstraße von Agra,
-seiner Residenz, bis nach Kabul Posthäuser errichten.
-
-Von den Posteinrichtungen +Chinas+ berichtet der Reisende des 13.
-Jahrhunderts, +Marco Polo+: Sie gingen durch das ganze chinesische
-Reich; überall gab es schöne Gasthäuser, an allen Straßen zahlreiche
-Stationen und eine große Zahl verfügbarer Pferde für die Postboten und
-die Reisenden.
-
-Auch in +Japan+ ist schon seit Jahrhunderten ein geregeltes Postwesen
-eingeführt; treffliche Straßen durchziehen das Land, an denen
-in kleinen Entfernungen wohleingerichtete Herbergen stehen. Die
-kaiserlichen Kuriere führen Glöckchen mit sich, damit jeder, auch der
-höchste Beamte, ihnen ausweiche. Als Europa noch keine Ahnung von
-Reisehandbüchern hatte, kannte Japan dergleichen längst, und zwar in
-Gestalt von Fächern; dieselben sind mit allen Notizen bedruckt, welche
-der Reisende zu wissen braucht; er findet auf ihnen die Entfernungen in
-Meilen, die Richtung, das Postgeld, den Preis der Speisen u. dgl. m.
-angegeben.
-
-Aber auch bei den alten Kulturvölkern +Amerikas+ riefen, lange bevor
-die Neue Welt von Europäern betreten war, gleiche Verhältnisse und
-Bedürfnisse ähnliche Einrichtungen hervor. Peru hatte, bevor es von
-den Spaniern erobert wurde, geradezu bewunderungswürdige Straßen.
-Alexander von Humboldt vergleicht sie mit den Römerstraßen. An diesen
-Straßen hatten die Inkas, die Herrscher des Landes, in Entfernungen von
-je ½ Stunde Weges Häuser erbauen lassen, in welchen Eilboten wohnten.
-Diese Chasquis, wohleingeübte Läufer, hatten immer 14 Tage Dienst, dann
-wurden sie auf einige Tage abgelöst. Vermittelst derselben wurde eine
-Depesche in 24 Stunden 50 Leguas weit befördert, und eine Botschaft von
-Cuzco nach Quito gelangte binnen sechs Tagen an ihr Ziel.
-
-Wie in Peru war es in +Mejico+ vor dessen Eroberung durch +Cortez+. So
-konnte +Montezuma+ an seiner Tafel Fische essen, die 24 Stunden früher
-im Golfe von Mejico umhergeschwommen waren, die also 50 deutsche Meilen
-durch die Eilpost mit unterlegten Menschen befördert werden mußten.
-
-
-2. Straßen und Fuhrwerke[47].
-
-1. Mit der Auflösung des Römerreiches verfiel alsbald auch der Wegebau.
-Eroberer wie Besiegte vernachlässigten in gleichem Maße jede weitere
-Sorge für die Erhaltung der früheren prächtigen Straßen. Karl der Große
-bemühte sich zwar, die verfallenen Römerstraßen wieder herzustellen
-und neue Heer- und Handelsstraßen anzulegen; sein Beispiel fand
-indes keine Nachahmung, und so herrschte denn nach seinem Tode, wie
-bereits vor ihm, in Bezug auf das Straßenwesen volle Anarchie. Die
-ganze Wegeverwaltung gipfelte lediglich in dem Grundsatze, daß die
-Herstellung der Wege Sache des Territorialherrn sei. Jeder Graf,
-Ritter, Bischof, kurz jeder Grundherr konnte demnach auf seinem Grund
-und Boden die Wege bestellen, wie es ihm beliebte; einen Staat, der
-für Straßenbau sorgte, wie zur Zeit der Römer, gab es ja nicht. Einige
-Besserung erfuhr der Wegebau in Deutschland erst infolge der Kreuzzüge,
-die vielfach Anregung zur Anknüpfung neuer Handelsverbindungen gegeben
-hatten; namentlich schuf der Handelsverkehr zwischen den aufblühenden
-italienischen Städten und den Städten Mittel- und Niederdeutschlands
-wichtige Straßenrouten durch Mitteleuropa. So zog eine
-Haupthandelsstraße von Venedig über Bozen, Innsbruck und Füßen nach
-Augsburg, Kempten und Ulm; von da über Nürnberg und den Thüringerwald
-nach Erfurt, Braunschweig und Magdeburg, dann nach Lübeck, Hamburg
-und Bremen. Eine andere Straße führte durch Franken an den Rhein und
-diesen abwärts nach Köln, Brügge und Antwerpen. Desgleichen gab es eine
-westliche, durch Schwaben ziehende, die nach Worms, Straßburg, Metz und
-Verdun führte, eine südöstliche zog nach Böhmen, Mähren und Schlesien
-und eine nordöstliche nach Königsberg, Danzig und Posen.
-
-Da indes die dauernde Unterhaltung dieser Straßen verabsäumt wurde, so
-war es um deren Zustand gar bald recht traurig bestellt. Die Klagen
-über die Mangelhaftigkeit der Chausseen[48] kehren denn in fast allen
-Reiseberichten jener Zeit wieder. Oft machte die Grundlosigkeit des
-Bodens ein Fortkommen geradezu unmöglich; in diesem Falle wurden
-dann Baumäste und Stämme auf den Kot geschafft, woher die noch jetzt
-übliche Redensart herrührt: „über Stock und Stein“. Ja durch manche
-der damals geltenden Rechte und Gesetze war geradezu ein Preis auf den
-schlechten Zustand der Straßen gesetzt, so besonders durch das sogen.
-Recht der +Grundruhr+. Danach gehörte jeder Karren, dessen Achse oder
-Rad brach, der also den +Grund berührte+, sowie die Kisten, Fässer
-oder Ballen, welche vom Wagen fielen, dem betreffenden Grundherrn, von
-dem sie im günstigsten Falle ausgelöst werden konnten. „Farst du auf
-Jarmark,“ heißt es in einem alten Handelsregelbuch, „durch Herren-Gauen
-oder Wald, nimm klaine Rad an dain Wagen, und hüte dich, daß du kaine
-Grundruhr zahlen must, sonst ist dain Gewinn verlorn.“ Auch das alte
-+Stapelrecht+ und der +Straßenzwang+ waren ganz dazu angethan, die
-Entwicklung des Straßennetzes zu hemmen, indem sie sowohl auf den
-Wasserstraßen, wie auf den Landwegen jede freie Bewegung des Verkehrs
-hinderten und denselben zwangen, sich mit den wenigen Straßen zu
-behelfen, welche die Inhaber des Privilegiums, namentlich die größeren
-Städte, zu öffnen für gut fanden.
-
-Auch das gegen Ende des Mittelalters infolge der Unsicherheit der Wege
-stark ausgebildete +Geleitswesen+ war der Besserung der Straßen nicht
-günstig. Für die Gewährung des Geleits waren nämlich entsprechende
-Gebühren zu entrichten, die sich natürlich um so höher beliefen,
-je mehr Zeit dasselbe in Anspruch nahm. Demzufolge hatten die
-geleitsberechtigten Fürsten auch aus diesem Grunde eher ein Interesse
-an schlechten als an guten Straßen. Besser stand es um die Wege meist
-nur in solchen Gebieten, wo die landesherrliche Gewalt der größeren
-Reichsfürsten sich kräftig ausgebildet hatte. Das war z. B. in Hessen
-unter dem Landgrafen Philipp dem Großmütigen der Fall, von dem die
-sprichwörtlich gewordene Äußerung stammt: „+Einen guten Fürsten erkennt
-man an reiner Straß+, guter Müntz und Haltung beschehner Zusag.“
-
-2. Was die +Fuhrwerke+ betrifft, so waren dieselben im Mittelalter,
-besonders in der ersten Hälfte desselben, noch sehr schwerfälliger Art.
-So bediente sich Karl der Große eines äußerst einfachen, unbedeckten
-Karrens, vor den vier von einem Treiber geleitete Ochsen gespannt
-waren. Bald hörte indes der Gebrauch des Wagens zum Reisen ganz auf;
-denn einerseits galt es für unritterlich und verweichlichend, sich
-eines Wagens zu bedienen, andererseits war der damalige Zustand der
-Straßen der Benutzung eines solchen höchst hinderlich. So trat mehr
-und mehr an die Stelle des Wagens das Pferd. Noch im 15. Jahrhundert
-reisten die höchsten Stände zu Pferde. Zum Konzil zu Konstanz (1414)
-z. B. begaben sich Kaiser Sigismund, dessen Gemahlin, Fürstinnen und
-Gefolge, sämtliche Fürsten und Bischöfe aus weiter Ferne ausschließlich
-zu Pferde. Erwähnt sei noch, daß im frühen Mittelalter besonders
-Willegisus, der erste Erzbischof von Mainz, um die allgemeine
-Einführung der Speichenräder sich große Verdienste erwarb[49].
-
-Ein merklicher Fortschritt im Wagenbau wurde erst im 15. Jahrhundert
-gemacht, als in Ungarn die Kunst erfunden wurde, den Kasten des
-Wagens (ungarisch Gutsche[50]) in Riemen zu hängen. In einem solchen
-„wackelnden Wagen“ (~sur un chariot branlant~), wie Juvenal des
-Ursins berichtet, hielt 1405 Isabeau von Bayern, die Gemahlin des
-französischen Königs Karl VI., ihren Einzug in Paris. Derartige
-Fuhrwerke wurden in der Folgezeit auch Damenwagen (~chariots damerets~
-oder ~de dame~) genannt; denn den Männern war anfangs der Gebrauch
-dieser Kutschen durch königliche Verordnungen untersagt. Ihr Gebrauch
-wurde aber bald allgemeiner, als Raimund von Laval, Hofkavalier Franz’
-I., sich eines solchen Wagens bediente, da ihn seiner Wohlbeleibtheit
-halber kein Pferd mehr tragen konnte. Übrigens soll es zur Zeit Franz’
-I. (1494-1547) in ganz Paris nur drei Kutschen gegeben haben, und noch
-Heinrich IV., der gegen Ende des 16. Jahrhunderts regierte, schrieb
-einmal an Sully: „Ich kann Euch heute nicht besuchen, denn die Königin
-hat mir meine Kutsche genommen“ (~Je ne sçaurais vous aller voir
-aujourdhui, parceque ma femme se sert de ma coche~). Später wurden die
-Kutschen in Paris so gebräuchlich, daß selbst Handwerker sich derselben
-bedienten.
-
- ~La mode en devient si commune,
- Que les savetiers du Palais
- Se promènent au cabriolet
- Avec les marchands de prune.~
-
- „Sie kommen so allgemein in Gebrauch, daß selbst die Schuhflicker
- des Palais mit den Pflaumenhändlern in der Kutsche fahren.“
-
-In Spanien wurden die Kutschen im Jahre 1546, in England 1580, unter
-der Königin Elisabeth, bekannt. In letzterem Lande erschien übrigens
-noch 1631 folgende Verordnung des Königs: „Seine Majestät haben
-wahrgenommen, wie die Hackneykutschen in London so stark zugenommen,
-daß selbiger Verkehr zur größten Störung des Königs, der Königin und
-des Adels heranwächst, wodurch die Straßen und Gemeinwege dieser
-Stadt versperrt und gefährlich gemacht und die Preise des Heues und
-des Futters aller Art ungemein verteuert werden, und haben für gut
-erachtet, mit Beistimmung des geheimen Rates, Seinen königlichen Willen
-in Betracht dieses Mißbrauches bekannt zu machen. Seine Majestät
-befehlen daher, niemand mehr solle sich eines solchen Wagens bedienen,
-es sei denn, um eine Reise zu machen, wenigstens drei Meilen außerhalb
-der Stadt, auch soll sonst niemand darin fahren, es sei denn, der
-Eigentümer halte aus eigenem Vermögen vier hinlänglich taugliche
-Pferde, die für den Dienst des Königs tüchtig gefunden werden, wenn je
-der Fall, solche zu fordern, einträfe.“
-
-In Deutschland wurden im 16. Jahrhundert die Kutschen anfänglich nur
-von höheren Frauen gebraucht, die Männer ritten nach wie vor, zumal das
-Fahren in der Kutsche als unmännlich angesehen wurde. Die Landesherren
-suchten auch mehrfach durch Verbote dem Gebrauche derselben durch die
-Männer entgegenzuwirken. Unter anderem heißt es in einer Verordnung
-des Herzogs zu Braunschweig vom Jahre 1588: „...daß solche rühmliche,
-tapfere und männliche nützliche Rüstung und Reiterei in unsern
-Fürstentumen, Graf- und Herrschaften nicht allein merklich abgenommen,
-sondern auch fast gefallen (wie Zweifel ohne auch andere Chur- und
-Fürsten bei ihrer Ritterschaft dergleichen erfahren) und solches
-fürnehmlich daher verursachet, daß sich fast alle unsere Lehen-Leute,
-Diener und Verwandten, ohne Unterschied, jung und alt, auf +Faullenzen+
-und +Kutschenfahren+ zu verlegen unterstanden...“ Im kurmärkischen
-Archiv soll noch ein Edikt vorhanden sein, in welchem dem Lehensadel
-und den Vasallen die Kutschen sogar bei Strafe der Felonie verboten
-sind.
-
-Dem Grafen von Barby wurde 1594 vom Kurfürsten von Sachsen nur mit
-Rücksicht auf seine körperlichen Leiden die „gnädigste Erlaubnis“
-erteilt, mit einer vierspännigen Kutsche zum Reichstage nach Speier
-zu fahren. Noch zu Ende des 16. Jahrhunderts, zu welcher Zeit die
-Bischöfe und Fürsten bereits viele Wagen besaßen, war es nicht einmal
-den Gesandten gestattet, sich zu ihren Reisen der Kutschen zu bedienen.
-
-[Illustration: Fig. 23. Die Landkutschen und Haudererwagen im 15. und
-16. Jahrhundert.
-
-(Nach dem „Poststammbuch“.)]
-
-Vom Volke wurden in dieser Zeit, wo das Reisen zu Pferde allmählich
-abkam, hauptsächlich Landkutschen und Haudererwagen benutzt. Wer nicht
-reiten konnte oder wollte (z. B. Frauen, Kranke u. s. w.), bediente
-sich, bevor die Wagen allgemeiner wurden, einer +Sänfte+, wie sie schon
-im alten Rom unter dem Namen ~lectica~ bekannt waren. Die Roßsänfte,
-Basterna genannt, wurde von zwei Pferden, Paßgängern, getragen, und
-noch Moritz von Sachsen machte 1733 die Reise von Paris nach Dresden in
-einer solchen Basterna.
-
-
-III. Neuzeit.
-
-1. Die Entdeckung Amerikas, die Eröffnung der Schiffahrt von Europa
-um das Kap nach Indien und China, die Erfindung der Buchdruckerkunst
-und endlich der Humanismus und die Reformation hatten am Ende des
-Mittelalters auf allen Gebieten des geistigen und materiellen Lebens
-den großartigsten Aufschwung hervorgerufen; namentlich hatten sich die
-Berührungspunkte der einzelnen und der Nationen nunmehr in dem Grade
-erweitert, daß zur Pflege des Völkerverkehrs, wie er jetzt erstand,
-die altgewohnten Vermittler nicht mehr genügten. Das Verlangen nach
-besseren Posteinrichtungen erhob sich deshalb allenthalben, besonders
-in allen größeren Staaten. Die erste umfassende derartige Einrichtung
-wurde durch die Kaiser Maximilian I. und Karl V. begründet. Die
-großartigen Besitzungen nämlich, über welche im 16. Jahrhundert
-das Haus Habsburg gebot, machten es in hohem Grade wünschenswert,
-all diese Länder in stete und sichere Verbindung zu setzen. Hierzu
-reichten aber die bestehenden Posteinrichtungen nicht hin, und das
-Streben der Habsburger war deshalb auf den Besitz einer eigenen, nur
-von ihnen abhängigen Postanstalt gerichtet. Die Organisatoren einer
-solchen wurden die italienischen Edelleute +de Tassis+[51], genannt
-+Torriani+ (daher später +Thurn-Taxis+), welche im 15. Jahrhundert aus
-dem Mailändischen nach Deutschland eingewandert waren. Schon unter
-Kaiser Friedrich III. (1451) soll +Roger von Tassis+, Oberjägermeister
-der Grafschaft Tirol, eine Post für Steiermark und Tirol gegründet und
-uniformierte Reitboten aufgestellt haben. +Franz von Tassis+ aber erbot
-sich Maximilian I., die kaiserlichen Briefe aus dem Hoflager nach den
-Niederlanden kostenfrei zu befördern, wenn ihm und seinen Nachkommen
-der ausschließliche Besitz und die gesamten Einkünfte der neuen
-Beförderungsanstalt zugesichert würden. Diese Zusicherung wurde 1516
-erteilt, und so legte Franz von Tassis 1516 die +erste wirkliche Post+
-zwischen Wien und Brüssel an[52]. Franz von Tassis wurde von Maximilian
-auch zum niederländischen Postmeister ernannt, wie denn die Geschichte
-des Postwesens überhaupt von nun an auf lange Zeit mit dem Namen des
-jetzigen Fürstengeschlechts der Thurn und Taxis verknüpft blieb.
-+Leonhard von Taxis+ wurde von Rudolf II. 1595 zum Generalpostmeister
-im Reiche und dessen Nachfolger, +Lamoral von Taxis+, von Kaiser
-Matthias 1615 zum +Reichs-Generalpostmeister+ ernannt, mit der Wirkung,
-daß er das Reichs-Generalpostmeister-Amt als ein „neu eingesetztes
-Regale für sich und seine männlichen Erben zu Lehen“ erhielt.
-
-Anfangs zweifelte man fast allgemein an der Möglichkeit eines längern
-Bestandes der neuen Anstalt; auch die Rechtsgrundlage der Taxisschen
-Privilegien wurde auf das Ernsteste angegriffen, da viele Reichsstände
-bestritten, daß das Postrecht zu den kaiserlichen Reservaten gehöre.
-Der desfallsige Streit dauerte fast zwei Jahrhunderte. Auf den
-Reichstagen und bei den Wahlkapitulationen kehrte diese Frage
-beständig wieder, und was die eine Partei „nervose affirmiret“, wurde
-von der andern nicht minder „nervose refutiret“. Daß übrigens diese
-Streitigkeiten nicht bloße Federkriege waren, ist in Anbetracht der
-damaligen Zeitverhältnisse selbstverständlich. Jede Partei suchte bei
-guter Gelegenheit dem Gegner auch auf anderen Kampfgebieten möglichst
-Schaden und Abbruch zu thun, und so kam es gar nicht selten vor, daß
-ein Teil des andern Postillone auf offener Landstraße überfallen
-und „niederwerffen“ ließ, die Postsendungen und Gelder wegnahm, die
-Passagiere auf den gegnerischen Posten mißhandelte und was dergleichen
-handgreifliche Einmischungen mehr waren. Das Haus Thurn und Taxis
-führte indes den Kampf mit Ruhe und Besonnenheit und hielt an dem
-kaiserlichen Privilegium fest. Am meisten aber wirkte zu seinen Gunsten
-die Schnelligkeit und Sicherheit, welche die neue Einrichtung gegenüber
-dem bisherigen Botenwesen darbot. Bis nach Italien und Frankreich
-hinein, überall fand man die Postwagen und Postreiter der Taxis. Selbst
-in Spanien übertrug Philipp I. die Posteinrichtung an +Baptist von
-Taxis+.
-
-Unter denjenigen +deutschen+ Staaten, welche schon frühzeitig an die
-Gründung +eigener+ Postanstalten gingen, stehen obenan +Österreich+ und
-+Brandenburg-Preußen+.
-
-Was +Österreich+ betrifft, so wurde hier schon 1615 Lamoral von Taxis
-zur Unterzeichnung eines Reverses veranlaßt, in dem ausgesprochen
-war, daß das Postwesen in Österreich für immer von den Reichs- und
-Taxisschen Posten getrennt sein solle. Der namhafteste Fortschritt im
-Postwesen geschah aber unter Karl VI.; er löste nämlich der gräflichen
-Familie +Paar+ das Postregal, welches dieselbe 1627 durch Ferdinand II.
-erhalten hatte, gegen eine Abfindungssumme von 90000 Gulden und eine
-jährliche Rente von der gleichen Kapitalssumme ab und nahm die Post in
-staatliche Verwaltung.
-
-In +Brandenburg+ ging schon unter dem Kurfürsten Albrecht Achilles
-in den Jahren 1470-1486 wöchentlich zwei- bis dreimal eine
-landesherrliche Botenpost von Berlin nach Ansbach, wo er zu residieren
-pflegte. Als eigentlicher Schöpfer der preußischen Staatspost gilt
-indes der große Kurfürst +Friedrich Wilhelm+ I. (1640-1688). „Zur
-Förderung der Kommerzien, zur Erleichterung des Gouvernements und
-zur Herstellung eines engern Zusammenhangs unter den Territorien der
-brandenburgisch-preußischen Lande“ stellte er gleich nach Beendigung
-des 30jährigen Krieges zwischen den entferntesten Landesteilen
-Postverbindungen her und gab dadurch der preußischen Post eine
-zusammenhängende, über die dazwischenliegenden fremdherrlichen Gebiete
-sich erstreckende Organisation; von Memel bis Kleve, von Stettin und
-Hamburg bis Leipzig sorgten 80 ständige Post- und Postwärterämter
-für den Postdienst. Das preußische Postwesen war schon damals so
-musterhaft verwaltet, daß es 20000 Thaler Reineinnahmen abwarf und
-als Vorbild für ganz Deutschland galt. -- Auch der Nachfolger des
-großen Kurfürsten, König +Friedrich+ I., nahm sich des Postwesens
-eifrig an; noch mehr aber war das der Fall unter König +Friedrich
-Wilhelm+ I. Dieser Fürst betrachtete die Post als ein Kulturelement
-und ließ das fiskalische Interesse hierbei zurücktreten. Als das
-Generalfinanzdirektorium Bedenken trug, Geld zur Anlegung neuer Posten
-zu bewilligen, befahl er: „Sollen die Posten anlegen in Preußen von
-Ort zu Ort; ich will haben ein Land, das kultivieret ist; höret
-Post dazu.“ Ein andermal sagt er von den Posten, daß sie „vor den
-florissanten Zustand der Commercien hochnotwendig und gleichsam das
-Öl vor die ganze Staatsmaschine wären“. -- Daß unter +Friedrich dem
-Großen+ die wichtigste Staatsverkehrsanstalt nicht zurückblieb,
-bedarf wohl kaum der Erwähnung. In einer Kabinetsordre vom 2. August
-1743 heißt es z. B.: „Postsachen wollen stets mit vieler Umsicht und
-Überlegung geführt sein und müssen nicht im geringsten verzögert
-werden“; und bei Einrichtung der Verwaltung von Schlesien erging aus
-dem Lager von Strehlen am 20. Juli 1741 eine Kabinetsordre, in welcher
-der große König befiehlt: „Das Postwesen soll im Interesse des Königs
-und des Volkes, +als welche Interessen dieselben sind+, entsprechend
-organisieret werden.“ Der Erfolg war derart, daß ein damals in Preußen
-reisender französischer Schriftsteller bemerkte: „Im preußischen
-Staate ist nächst der Schule die Post die ausgebreitetste Anstalt.“
-Auch das finanzielle Ergebniß der Post war trotz mancher Mißgriffe
-Friedrichs ein sehr günstiges. 1784 betrug die Brutto-Einnahme der Post
-zum erstenmale eine Million Thaler. Voll Vergnügen hierüber machte
-Friedrich am Rande des ihm vorgelegten Berichtes die Bemerkung: „Das
-ist admirabel.“[53]
-
-So gab es im 18. Jahrhundert in Deutschland hauptsächlich drei große
-Postgebiete: das österreichische, das preußische und das Taxissche.
-Außerdem bestanden aber noch viele kleinere Postgebiete mit eigenen
-Landesposten, so daß das damalige deutsche Postwesen ein Bild der
-deutschen Zerrissenheit im kleinen bot. Im Jahre 1810 existierten
-im Gebiete des ehemaligen Deutschen Reiches 13 verschiedene
-Postverwaltungen; in den Gebieten des Rheinbundes kamen hierzu noch
-eine Menge neuer französischer Anstalten, so daß die Verwirrung in der
-Spedition und Taxierung der Korrespondenz den höchsten Grad erreichte.
-
-Was die +außerdeutschen Staaten+ betrifft, so war in +Frankreich+
-schon im Mittelalter durch die Pariser Universitäts- und Ludwigs XI.
-Staatspost für dieses Verkehrsmittel ein guter Grund gelegt worden.
-Indes erst im 17. Jahrhundert, unter Ludwig XIII., wurden regelmäßig
-kursierende Posten errichtet und deren Benutzung dem Publikum allgemein
-gestattet. Später (1676) wurde das Postwesen monopolisiert, doch
-nicht vom Staate verwaltet, sondern verpachtet. Bemerkt sei noch, daß
-unter Richelieu und Mazarin die Post vielfach zur Überwachung der
-Korrespondenz der Unterthanen benutzt wurde[54]. Ebenso ließ Louvois,
-der ebenfalls einige Zeit das Amt des Generalpostmeisters verwaltete,
-die von Paris abgegangenen Posten mehreremale unterwegs absichtlich
-überfallen und berauben, damit keine schlechten Nachrichten in die
-Provinzen kämen.
-
-In +England+ errichtete schon Eduard IV. 1481 ein System von Relais-
-und Kurierkursen. Diese Posten erhielten später größere Ausdehnung,
-aber noch zur Zeit Elisabeths (1558-1603) bestand für das Publikum
-keine Postanstalt; bis 1635 diente das englische Postwesen lediglich
-dem Staate; erst unter Karl I., welcher der eigentliche Schöpfer des
-englischen Postwesens ist, wurde die Post allen Staatsangehörigen
-zugänglich gemacht. Überhaupt wurden unter den Stuarts die
-Posteinrichtungen erheblich vervollkommnet, so daß mit Rücksicht auf
-den gesamten Kulturzustand des Landes die damaligen Leistungen der Post
-als höchst beachtenswert erscheinen. Unter der Königin Anna (1700-1710)
-wurde in allen Gebieten der britischen Krone eine Neuregulierung des
-Postwesens vorgenommen, die in ihren wesentlichen Grundzügen bis 1840
-bestehen blieb.
-
-Das ist in kurzen Umrissen die Darstellung der Verhältnisse des
-Postwesens vom Ausgange des Mittelalters bis zum Ende des 18.
-Jahrhunderts innerhalb der wichtigsten Staaten Europas. Langsam, ohne
-große Fortschritte, doch allmählich sich erweiternd und verbessernd,
-hatte dasselbe seine Entwicklung genommen. Es war dem 19. Jahrhundert
-vorbehalten, auch bezüglich des Postwesens, wie fast auf allen Gebieten
-der geistigen und materiellen Kultur, die großartigsten Reformen zu
-ersinnen und durchzuführen.
-
-2. Der Aufschwung, den das Postwesen in diesem Zeitraume genommen,
-blieb nicht ohne Rückwirkung auch auf das +Straßenwesen+[55]. Die
-zunehmende Wichtigkeit desselben für Handel und Verkehr wie für das
-öffentliche Wohl überhaupt veranlaßte jetzt die einzelnen Staaten,
-das Recht der Oberherrschaft über alle im Staatsgebiet vorhandenen
-Straßen und Wege in Anspruch zu nehmen; es entwickelte sich allmählich
-das +Wege+- und +Straßenregal+. Zahlreicher als früher ergingen auch
-Verordnungen hinsichtlich des Straßenwesens; der +Zustand+ der Straßen
-aber war freilich auch in diesem Zeitraum vielfach ein recht wenig
-befriedigender. Besonders in Preußen war es in dieser Beziehung sehr
-schlimm bestellt. So heißt es noch 1782 in einem Cirkulare, daß es „in
-den Försten an der gemeinsten Vorsorge für die Güte und Bequemlichkeit
-der Landstraßen“ fehle, daß dieselben nicht einmal planiert seien,
-daß man die „Stubben“ stehen und es darauf ankommen lasse, „daß sie
-allmählich in Fäulnis“ übergingen oder „mit dem Verluste mancher
-Achsen und Räder abgefahren“ würden, oder daß man wohl die „Stubben“
-ausrode, „doch nicht einmal die Löcher derselben“ ausfülle u. s. w.
-Aber auch in Süddeutschland fehlt es nicht an diesbezüglichen Klagen.
-Im Frühjahr 1795 zeigte z. B. der Reichspostmeister dem Direktorium
-des schwäbischen Kreises an, daß zwischen Emmendingen und Offenburg in
-Baden 40 in der Straße eingesunkene Güterwägen ständen und der Knecht
-des Posthalters in Friesenheim im Straßenkot erstickt sei, während
-die Pferde nur mit Mühe hätten gerettet werden können. Unter solchen
-Umständen konnte allerdings J. N. +Hecht+ in seinem „Reisehandbüchlein“
-zu den Erfordernissen eines „ordentlichen Passagiers“ namentlich
-christliche Geduld und gute Leibeskonstitution rechnen.
-
-Ähnliche Verhältnisse zeigt das Straßenwesen +Frankreichs+ und
-+Englands+.
-
-In Frankreich hatte Ludwig XII. 1508 den ~Trésoriers de France~ die
-Aufgabe übertragen, die Wege, Brücken und Häfen des Königreichs zu
-besichtigen, jene Wege, deren Herstellung dem König oblag, in stand
-zu setzen und die Herstellung derjenigen, die seitens der Grundherren
-erhalten wurden, zu kontrollieren. Wie aber trotzdem der Zustand der
-Straßen gegen Ende des 16. Jahrhunderts beschaffen war, ergiebt sich
-aus folgendem Stoßseufzer eines Passagiers von damals:
-
- ~Dure gesne de tout le corps,
- Fascheuse et cruelle voiture,
- Qui des plus sains et des plus forts
- Recipites la sepulture!
- Noire invention de l’enfer,
- Quels membres de bronze et de fer
- Contre toi sont assez solides,
- Pour n’être dans un jour morfondus et brisés?~
-
- „Beschwerlicher und grausamer Wagen, der du eine harte Tortur
- für den ganzen Körper bist, der du die Gesündesten und Stärksten
- schleunig zu Grabe beförderst! Schwarze Erfindung der Hölle! welche
- Glieder aus Bronze und Eisen sind für dich dauerhaft genug, um
- nicht eines Tages steif und gebrochen zu sein?“
-
-Selbst unter Colbert, der dem Wegebau doch größere Aufmerksamkeit
-schenkte, als das früher geschah, stand es noch schlimm genug mit der
-Beschaffenheit der Straßen. Lafontaine z. B. bricht über die schlechten
-Wege in Limousin in die Verse aus:
-
- ~Qui n’y fait que murmurer,
- Sans jurer,
- Gagne cent jours d’indulgence.~
-
- „Wer da nur brummt und nicht flucht, der gewinnt einen Ablaß von
- 100 Tagen.“
-
-Und Colbert selbst schrieb, als Ludwig XIV. 1681 von Versailles zur
-Badekur nach Bourbon l’Archambault (etwa 50 Meilen) reisen wollte, an
-den Intendanten des Obersteueramts in Moulins: „Man muß die schlechten
-Stellen des Weges mit Kieseln oder sonstigen Steinen ausfüllen
-lassen, wenn es solche dort giebt, im andern Falle muß man Erde unter
-gleichzeitiger Anwendung von Holz hineinthun. Ihr könnt außerdem
-ein drittes Mittel anwenden, nämlich die Erde ausheben, die Hecken
-abschlagen und damit die Löcher anfüllen lassen.“ Zugleich betont das
-Schreiben, daß dies alles „nur für die Reise des Königs“ geschehen
-solle. Immerhin konnte Frankreich schon damals sich rühmen, das beste
-Straßennetz in Europa zu besitzen.
-
-In +England+ fiel gleichfalls mit dem Beginne der Neuzeit eine gewisse
-Bethätigung der Gesetzgebung im Wegewesen zusammen. Unter Heinrich
-VIII. wurden einige bemerkenswerte Statuten, gewisse unpassierbar
-gewordene Wege betreffend, erlassen, ebenso erschienen unter Elisabeth
-und Jakob mehrere ~roads acts~; allein den schlechten Zustand der
-Straßen vermochten sie nicht zu bessern. Der Geschichtschreiber
-+Macaulay+ schildert den Zustand derselben um das Jahr 1685 in höchst
-drastischer Weise, und noch 1770 hatte +Arthur Young+ die gute
-Hälfte der verschiedenen Haupt- und Seitenstraßen des nördlichen
-England in einem so jämmerlichen Zustande gefunden, daß er bei
-seinen diesbezüglichen umständlichen und genauen Angaben einen ganz
-anerkennenswerten Reichtum von ~Epithetis ornantibus~ entfaltet, um
-die vielfältigen Nuancen schlechter Wegebeschaffenheit entsprechend
-zu charakterisieren[56]. Gegen Ausgang des 18. Jahrhunderts gehörte
-übrigens auch England auf dem Gebiete des Straßenbaues zu den
-bestbestellten Ländern Europas.
-
-3. Der +Wagenbau+ erfuhr in dieser Periode ziemlich bedeutende
-Verbesserungen. Den Hauptanstoß hierzu gab die im 17. Jahrhundert
-erfolgte Einführung der +Personenposten+, die in kurzer Zeit große
-Verbreitung erlangten. Die erste derartige Post verkehrte 1690 zwischen
-Nürnberg und Frankfurt a. M. In Frankreich hießen die Personenposten
-+Messageries+[57].
-
-Anfangs wagten sich nur wenige Leute auf die Postkutschen; als man aber
-gewahr wurde, daß die Sache ging, stellte sich eine große Reiselust
-ein und ein stetig wachsendes Verkehrsbedürfnis, so daß eine enorme
-Menge von Leuten, wie es in einer alten Beschreibung heißt, sich dieser
-neuen „fliegenden Postkutschen“ bediente. +Es begann mit einem Worte
-die eigentliche Blütezeit des Postreisens.+ In Verbindung hiermit
-entstand nun auch eine eigene Reiselitteratur, die freilich uns
-heutigen Menschen manch heiteres Blatt bietet. So findet sich in einem
-Reisebuche aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein vollständiges
-Rezept darüber, wie man sich im Postwagen „artig unterhalten“ solle.
-Mit Edelleuten solle man über Gestütereien, Reit- und Fechtschulen,
-Lustgärten und allerlei rare Gewächse, artige Bauweise, Jagden,
-Feld-, Wald- und Wiesenbau sprechen; für die Unterhaltung mit
-Militärs sei es gut, wenn man sich aus wackeren Büchern vorbereite,
-als da seien: das ~Theatrum Europaeum~, Seckendorffs Fürstenstaat,
-Schwenks Kriegesdiskurse, „Das kaltsinnige Polen“ u. s. w. Für die
-Unterhaltung mit Damen wird Lysanders Goldfaden und Albertinus’
-Weiblicher Lustgarten empfohlen. Sonderlich aber soll man gegenüber den
-Erzählungen anderer das ~+cras+ credo, hodie nihil~ praktizieren, „da
-man auf der Reise allerlei seltsame Gesellschaft anzutreffen pfleget“.
-Dasselbe Buch enthält ein Verzeichnis der Arzeneien, die man auf der
-Reise mit den Posten mit sich führen müsse, sowie der Gebete, Gesänge,
-Morgen- und Abendlieder, deren man sich auf solchen Reisen zu bedienen
-gar wohl thun werde.
-
-Mit der fortschreitenden Entwicklung der Personenposten gewannen auch
-zwei Attribute derselben immer mehr Leben und Bedeutung: +Postillon+
-und +Posthorn+.
-
-Was die +Post+wagen der damaligen Zeit betrifft, so ließen freilich
-manche derselben noch viel zu wünschen übrig. So entwirft uns
-+Lichtenberg+ das Bild eines, der beschriebenen Farbe nach zu urteilen,
-Thurn und Taxisschen Postwagens aus dem 18. Jahrhundert in folgenden,
-ein gelindes Grauen erweckenden Worten: „Sie streichen die Postwagen
-rot an, als die Farbe des Schmerzes und der Marter, und bedecken sie
-mit Wachslinnen, nicht, wie man glaubt, um die Reisenden gegen Sonne
-und Regen zu schützen (denn die Reisenden haben ihren Feind unter
-sich, das sind die Wege und der Postwagen), sondern aus derselben
-Ursache, warum man denen, die gehenkt werden sollen, eine Mütze über
-das Gesicht zieht, damit nämlich die Umstehenden die gräßlichen
-Gesichter nicht sehen mögen, die jene schneiden.“
-
-[Illustration: Fig. 24. Preußischer Personenpostwagen ohne Verdeck aus
-der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.]
-
-Die Postverwaltungen scheinen übrigens gegen derartige Klagen des
-Publikums schon damals nicht unempfindlich gewesen zu sein, sondern
-auf möglichste Verbesserung, namentlich der Personenposten, Bedacht
-genommen zu haben; denn bald nach jener Lichtenbergschen Zeit
-steht man fast allerwärts in Deutschland weithin sich erstreckende
-Postkurse eingerichtet, auf denen nicht nur für sichere und schleunige
-Beförderung von Briefen und Sachen Sorge getragen, sondern auch,
-insbesondere durch die zwischen den größeren Handelsplätzen bestehenden
-Schnellposten, eine für die damalige Zeit vorzügliche Reisegelegenheit
-geboten war. So zollt z. B. Saphir, dem man auch nicht gerade
-eine allzusanfte und liebenswürdige Nachsicht gegen die schwachen
-Seiten seiner Mitwelt nachsagen kann, den deutschen Postwagen ein
-entschiedenes Lob, indem er sie, im Gegensatz zu einem Postfuhrwerk,
-das ihn in den dreißiger Jahren über die ungarische Pußta führte
-und mehr tot als lebendig an den Ort seiner Bestimmung brachte,
-als „Thurn und Taxissche bequeme Schwimmer“, „Preußisch-Naglersche
-weichgepolsterte, rasch bespannte Kutsche“ und „Bairische bequem
-dehnliche, wenn auch etwas phlegmatische Chaise“ bezeichnet.
-
-Zu besonderer Berühmtheit gelangten von den damaligen Wagenformen
-die um die Mitte des 17. Jahrhunderts zu Berlin erbauten und daher
-auch +Berlinen+ genannten Wagen, ferner die zwischen Berlin und
-Potsdam verkehrende +Journalière+, die französische +Turgotine+ und
-die englische +Mail Coach+[58]; letztere erfuhr namentlich im 19.
-Jahrhundert kurz vor Einführung der Eisenbahnen solche Verbesserungen,
-daß schließlich die „~flying coach~“ (fliegende Kutsche) den Weg
-von London nach Edinburg (in der Luftlinie 560 km) in sieben Tagen
-und die 90 km lange Strecke von London nach Oxford in sechs Stunden
-zurücklegte. Die Figuren 24, 25 und 26 geben uns Bilder von Postwagen
-der eben behandelten Periode. Bemerkt sei noch, daß in diesem Zeitraum
-auch die +Fiaker+ aufkamen, und zwar zuerst in Paris im Jahre 1650.
-Ihren Namen haben sie von der noch heute dort bestehenden Straße St.
-Fiacre, an deren Ecke die ersten Stadt-Lohnwagen aufgestellt waren.
-
-[Illustration: Fig. 25. Dänischer Kugelpostwagen aus der ersten Hälfte
-des 19. Jahrhunderts.]
-
-[Illustration: Fig. 26. Englische Mail Coach am Schlusse des 18.
-Jahrhunderts.]
-
-
-IV. Neueste Zeit.
-
-Fünf Thatsachen sind es, welche den gewaltigen Aufschwung ermöglichten,
-den der Nachrichtentransport im Laufe der jüngstverflossenen 40-50
-Jahre genommen: +die allgemeine Einführung der Eisenbahnen+, die
-+Erfindung und Anwendung des elektromagnetischen Telegraphen+,
-die +britische Postreform Rowland Hills+, die +Errichtung des
-österreichisch-deutschen Postvereins+ (1850) und die +Gründung des
-Weltpostvereins+ (1874). Nur über die drei letzteren Punkte, die
-speciell die Entwicklung des Postwesens betreffen, sollen noch einige
-Daten beigebracht werden.
-
-Die größte Schwierigkeit bei den Postreformen lag stets darin, daß die
-Regierungen immer von dem Grundsatze ausgingen, die Post müsse dem
-Staate Erträgnisse abwerfen. Diesem Grundsatze entsprachen denn auch
-die hohen Portosätze, welche alle nach sogenannten Skalen, das heißt
-nach Meilen, festgesetzt waren. So hatte z. B. England einen Posttarif
-von 4 bis zu 14 Pence für Entfernungen von 15 bis zu 500 englischen
-Meilen. Dieses Porto galt überdies nur für +ein+ Blatt; hatte ein
-Brief mehrere Blätter, z. B. drei, so zahlte man dreifaches Porto.
-So kam es vor, daß noch zu Anfang unseres Jahrhunderts ein Engländer
-für ein Paket Briefe und Zeitungen aus Griechenland 17 Pfd. St., d.
-i. 1540 M. Porto zu bezahlen hatte. Um sich zu überzeugen, ob jeder
-Brief +einfach+ sei, untersuchten die Beamten die Korrespondenzen auf
-alle mögliche Weise; ein Botaniker in Deutschland mußte sogar für
-ein Pflanzenblatt, welches ihm ein in Brasilien lebender Freund in
-einem Briefe beilegte, 20 Thlr. Porto erlegen. Solche Manipulationen
-und solch hohes Porto kamen bei allen Posten Europas vor. Ein Brief
-von Wien nach Amerika kostete über 20 M. Porto. Für einen Brief aus
-Frankreich nach Hannover waren noch 1833 1,40 Fr. bis 1,70 Fr., für
-einen solchen nach Rußland 1,60 Fr. bis 3,10 Fr. zu entrichten. Auch
-in Deutschland betrug das Porto für einen einfachen Brief von dem
-einen Ende bis zum andern einen Gulden und darüber. In Preußen kostete
-noch nach dem Tarif von 1824 ein Brief von Aachen nach Memel 18 Sgr.
-Allgemein wurde der Druck dieser veralteten Posteinrichtungen gefühlt;
-am größten aber war die Entrüstung in England, weil dort am meisten
-geschrieben wurde und manches große Kaufhaus mehrere tausend Pfund
-Sterling an Porto zu entrichten hatte. Freilich kamen dort auch die
-großartigsten Unterschleife vor; namentlich mit der Portofreiheit,
-deren sich damals in England alle Mitglieder des Ober- und Unterhauses,
-die Gesandten u. s. w. erfreuten, wurde der abscheulichste Mißbrauch
-getrieben. So befanden sich bei einer Ermittlung, die am 2. März 1838
-stattfand, unter einem Gewicht von 354 Pfd. Briefen und Zeitungen
-nur 34 Pfd. regelrecht frankierte Gegenstände, die übrigen 320
-Pfd. waren mit Recht oder Unrecht vom Porto befreit. Ja bei einer
-Parlamentsdebatte im Jahre 1857 erwähnte das Mitglied +Roebuck+, daß in
-früherer Zeit der +Briefbeutel der Gesandten+ zuweilen außerordentlich
-+schwer+ gewesen sei. Darin seien Röcke, Spitzen, Stiefel und andere
-Artikel versandt worden, auch einmal ein Pianoforte und sogar einmal
-ein Pferd[59]. 1837 nun trat +Rowland Hill+, damals ein einfacher
-Assekuranz-Commis, mit seinen großartigen Vorschlägen auf, durch
-die er der Reformator zunächst des britischen und bald auch des
-Welt-Briefverkehrs wurde.
-
-In einer Flugschrift, betitelt: „+Postreform, ihre Wichtigkeit
-und Ausführbarkeit+“, beantragte er, für jeden nicht eine halbe
-Unze schweren Brief im gesamten Gebiete der Länder der britischen
-Krone einen Penny Porto zu erheben. Dieser Vorschlag wurde zwar von
-den betreffenden Behörden mit Entrüstung abgelehnt. Der damalige
-General-Postmeister Graf von Liechfield ließ sich im Parlamente sogar
-zu der Äußerung hinreißen: Von allen den wilden und phantastischen
-Problemen, die jemals zu seiner Kenntnis gelangt seien, sei das
-Hillsche denn doch das überspannteste. Aber bald war der Vorschlag der
-Gegenstand einer großartigen agitatorischen Thätigkeit. Versammlungen
-fanden statt, Vereine bildeten sich, zahlreiche Petitionen gingen an
-das Parlament, und die Presse wirkte unablässig, um Hills Entwürfe zur
-Durchführung zu bringen. 1840 bereits trat denn auch das einheitliche
-Penny-Porto für alle Gebiete der britischen Krone ins Leben. Und was
-waren die Folgen von Rowland Hills Postreform? Während +vor+ derselben
-im Jahre 1839 die Zahl aller im Bereiche Großbritanniens und seiner
-Kolonieen der Post übergebenen Briefe 75 Millionen betrug, stieg sie
-schon 1840 auf 170 Millionen. Durch den Sieg des Penny-Portos in
-England war das Eis für die Postreform gebrochen. Rowland Hill wurde
-nun ins Ministerium berufen und übernahm die Leitung der englischen
-Post. In +finanzieller+ Beziehung haben übrigens dessen Maßnahmen den
-gehegten Erwartungen +nicht+ entsprochen.
-
-Deutschland zählte bis 1850, außer Österreich und Preußen, noch 15
-selbständige Postgebiete. Allmählich und immer dringender machte sich
-infolgedessen das Bedürfnis nach Konzentrierung und einheitlicher
-Verwaltung des Postwesens im ganzen Deutschen Bunde geltend. 1850
-kam es denn zur Gründung des +deutsch-österreichischen+ Postvereins.
-Österreich, Preußen und die übrigen deutschen Staaten bildeten nun
-+ein+ Postgebiet, innerhalb dessen die +Einheit+ des Entfernungsmaßes,
-des Gewichtes und des Tarifes, sowie die Transitfreiheit eingeführt
-wurden. Damit war innerhalb des Rahmens der Bundesverfassung eine
-einheitliche Reichspost verwirklicht. Dieses Vertragsverhältnis
-bestand, bis die Ereignisse des Jahres 1866 die Post des Norddeutschen
-Bundes und die des Jahres 1870/71 die +Post des Deutschen Reiches+ ins
-Leben riefen. In allen deutschen Reichsländern wird das Postwesen jetzt
-nach gleichen gesetzlichen Bestimmungen verwaltet, und nur in +Bayern+
-und +Württemberg+ ressortiert der Betrieb bei den Postanstalten noch
-von der betreffenden Regierung.
-
-[Illustration: Fig. 27. Staatssekretär ~Dr.~ von Stephan.]
-
-Die größte Errungenschaft im Postwesen ist der im Jahre 1874
-begründete +Weltpostverein+. Der Regierung des Deutschen Reiches,
-vor allem dem Chef der deutschen Postverwaltung, Staatssekretär
-+~Dr.~ von Stephan+[60], gebührt das Verdienst, die Initiative zur
-Durchführung dieser schönen, aber schwierigen Aufgabe ergriffen zu
-haben. Die Vertreter von 22 Staaten traten auf Einladung der deutschen
-Reichsregierung im September des Jahres 1874 in Bern zusammen, und am
-9. Oktober desselben Jahres wurde der „+allgemeine Berner Postvertrag+“
-unterzeichnet. Hierdurch wurde für die Behandlung der Briefpost
-(der Briefe, Postkarten, Drucksachen und Warenproben, sowie der
-rekommandierten Briefe) eine zuvor niemals für ausführbar gehaltene
-Gleichmäßigkeit und Wohlfeilheit der Gebühren hergestellt. In betreff
-der Teilung des Portos unter den vertragschließenden Staaten gelangte
-der Grundsatz der Kompensation schrankenlos zur Anerkennung. Jeder
-Staat behält die von ihm erhobenen Gebühren, eine Abrechnung zwischen
-den bei der Beförderung beteiligten Staaten findet nicht statt. Die
-Frankierung geschieht ausschließlich durch die im Ursprungslande
-geltenden Postwertzeichen.
-
-Der +zweite Postkongreß+ fand 1878 in Paris statt. Durch ihn erfuhr
-das Unionswerk nicht nur erneute räumliche Ausdehnung, sondern auch
-innere Erstarkung und Befestigung. Nach dem hier am 1. Juni 1878
-abgeschlossenen Vertrag kostet ein einfacher Brief innerhalb des
-ganzen Weltpostvereinsgebietes 20 Pfennige, eine Korrespondenzkarte 10
-Pfennige. Für den letztern Betrag kann somit heutzutage eine Nachricht
-von San Francisco nach Sibirien oder von Hammerfest bis zum La Plata
-oder nach Persien gelangen.
-
-Die Einheitlichkeit der Weltpostportos ist nunmehr in einem Maße
-verwirklicht, wie es noch +nach+ der Gründung des allgemeinen
-Postvereins kaum erhofft werden durfte und +vor+ diesem Ereignis
-sicherlich auch von nicht skeptisch angelegten Naturen ins Reich der
-Träume verwiesen worden wäre. Es genügt in dieser Beziehung, daran zu
-erinnern, daß vor Begründung des Weltpostvereins allein in Deutschland
-für Briefe nach den jetzt zum Verein gehörigen Ländern noch gegen 60
-verschiedene Portosätze bestanden, die Zahl der Portosätze aber, welche
-in sämtlichen Vereinsstaaten für den gegenseitigen Briefverkehr in
-Geltung waren, über 1200 betrug.
-
-Auf dem letzten 1885 zu +Lissabon+ abgehaltenen Kongreß handelte
-es sich zunächst um den weitern Ausbau des Weltpostvereins und um
-Befestigung und Erweiterung der innerhalb desselben bestehenden
-Vereinigungen zum Zwecke des Austausches von Briefen mit angegebenem
-Werte, von Postanweisungen und von Postpaketen. Dann aber galt es,
-neue internationale Abkommen zu prüfen und hierüber Beschluß zu
-fassen. Dieselben betrafen die Einziehung von Geldern im Wege des
-Postauftrags, die Besorgung des Zeitungsbezuges durch die Post,
-die Veröffentlichung von Annoncen durch Vermittlung der Post, die
-Einführung von Ausweisbüchern und endlich die einheitliche Organisation
-der Poststatistik.
-
-Auch auf diesem Kongresse ist, wenn nicht alles, so doch
-sehr vieles erreicht worden. So ist die Zahl der an dem
-+Postanweisungs-Übereinkommen+ teilnehmenden Länder von 17 auf
-25, die Zahl der an dem +Pariser Postpaket-Übereinkommen+ vom 3.
-November 1880 beteiligten Länder von 21 auf 30 gestiegen. Ferner
-wurde ein Übereinkommen getroffen bezüglich der Einrichtung eines
-+internationalen Postauftragdienstes+.
-
-+Gegenwärtig umfaßt der Weltpostverein fast alle civilisierten Staaten
-und Länder des Erdballs mit einem Flächenraum von ca. 81 Millionen
-Quadratkilometer, d. i. drei Fünftel des ganzen Festlandes, und 830
-Millionen Einwohner, d. i. fast drei Fünftel der ganzen Menschheit.+
-
-Außerhalb desselben stehen von Kulturstaaten nur noch die +britischen
-Kolonieen+ in +Australien+, das +Kapland+ und +China+. In Bezug auf
-letzteres kommt jedoch in Betracht, daß die englischen Postanstalten
-in den wichtigeren, dem europäischen Verkehr geöffneten Hafenorten
-dem Vereine angehören. Außerdem besteht ein wichtiger Postkurs von
-Kiachta über Maimatschin nach Peking; die auf diesem Wege beförderte
-Korrespondenz unterliegt gleichfalls der billigern Vereinstaxe.
-Hierdurch wird der Beitritt Chinas zu dem Verein allmählich
-vorbereitet. Auch die Bedenken, welche bisher in Bezug auf den Beitritt
-Australiens obwalteten, werden voraussichtlich binnen kurzem ihre
-Erledigung finden.
-
-Das +internationale Bureau zu Bern+ ist der administrative Mittelpunkt
-des Weltpostvereins, dessen Interessen auf periodischen internationalen
-Kongressen gewahrt und gefördert werden.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Die Mittel des Postverkehrs[61].
-
-
-Die Post bedient sich zu ihren Zwecken der verschiedenartigsten
-Beförderungsmittel: der +Boten zu Fuß und zu Roß+, +bespannter Wagen+,
-der +Eisenbahnen+ und der +Schiffe+; außerdem finden noch Verwendung
-+pneumatische Röhren+, +Tauben+ und das +Luftschiff+.
-
-[Illustration: Zu S. 94.
-
-Fig. 28. Der Weltpostverein.]
-
-
-1. Fußboten.
-
-Was zunächst die +Fußboten+ betrifft, so ist uns schon aus der
-Geschichte der Post bekannt, wie bedeutend die Rolle gewesen, welche
-den Fußgängern in der Nachrichtenvermittlung des Altertums und
-Mittelalters zufiel. Die Hemerodromen Griechenlands, die ~tabellarii~
-der Römer legten weite Strecken zu Fuß zurück; auch die Heilige
-Schrift preist die Füße der Boten des Herrn, die uns den Frieden
-verkündigen. Nicht minder ist im Mittelalter ein erheblicher
-Teil der Nachrichtenvermittlung durch wandernde Mönche und fahrende
-Schüler, späterhin durch die rüstig ausschreitenden Boten der
-Städte bewirkt worden. Aber auch noch gegenwärtig, im Jahrhundert
-der Eisenbahnen und des elektrischen Telegraphen, nehmen die ~pedes
-apostolorum~ eine viel erheblichere Stelle im Verkehrsleben ein, als
-man gewöhnlich annimmt. Nicht bloß in den Ländern ohne geordnete
-Verkehrs-Einrichtungen, wo die Briefbesorgung fast ausschließlich auf
-Fußgänger angewiesen ist, sondern auch bei Völkern mit altererbter
-und höchst ausgebildeter Kultur kommt den Fußboten noch heutzutage
-ein äußerst beträchtlicher Anteil an der Postbeförderung zu. In Japan
-wurden z. B. nach der Statistik des Jahres 1883 rund 36000000 km an
-Fußpostkursen zurückgelegt. Auch die Reichspost in China besitzt
-neben anderem Apparat ein zahlreiches Personal von Depeschenträgern
-zu Fuß, die entweder als „starke Männer“ oder als „Tausend-Li-Pferd“
-bezeichnet werden. Ebenso wird in den weiten Gebieten von Britisch
-Indien ein erheblicher Teil der Postbeförderung durch Eilboten bewirkt,
-desgleichen in Marokko[62].
-
-
-[Illustration: Fig. 29. Japanesische Landpostbeförderung.]
-
-[Illustration: Fig. 30. Chinesischer Depeschenträger.]
-
-[Illustration: Fig. 31. Marokkanischer Postbote.]
-
-In den +europäischen+ Kulturstaaten sind Zahl und Umfang der
-Fußbotenkurse[63] gleichfalls viel beträchtlicher, als man gemeinhin
-annimmt. So beträgt in Frankreich und Deutschland die Jahresleistung
-durch Fußgänger noch immer 16 beziehungsweise 20 Millionen Kilometer.
-Die Summe der Fußbotenleistungen erhöht sich aber ganz außerordentlich,
-sobald man auch denjenigen Teil des Postbeförderungsdienstes hierher
-rechnet, der die Besorgung des Postverkehrs der Landbewohner zum
-Gegenstande hat. Die Landbriefträger der Postverwaltung des Deutschen
-Reiches allein haben z. B. im Jahre 1883 nicht weniger als 156 Mill.
-Kilometer zurückgelegt. Das letztere Institut ist indes erst eine
-Schöpfung des 19. Jahrhunderts. Noch bis in die dreißiger Jahre
-desselben hatten die Landbewohner selbst für die Abholung ihrer
-Postsendungen aus dem ihnen nächstgelegenen Postorte zu sorgen
-und konnten froh sein, wenn ihnen dies Geschäft durch Gastwirte,
-Thorschreiber, Botenfrauen und andere mehr oder minder zuverlässige
-Ersatzmannschaften erleichtert wurde; heute aber ist, nach dem
-energischen Vorgehen der französischen Postverwaltung, in der Mehrzahl
-der europäischen Kulturstaaten der Landbriefbestelldienst staatlich
-organisiert und zu einem wirksamen Hebel der Verbindung des platten
-Landes mit den Städten ausgestaltet worden. In Frankreich wurde
-durch das Gesetz vom Jahre 1829 ein auf das ganze Land ausgedehnter
-~Service rural~ eingerichtet; es wurden mit +einem+ Schlage 4500
-Landbriefträger angenommen, welche die mit den Posten angekommenen,
-sowie die im Bezirke der Postanstalt aufgegebenen Briefe in allen
-Mairien mindestens einen Tag um den andern zu bestellen hatten.
-Diese großartige Maßregel ist bereits durch das Gesetz von 1832 zu
-einer durchgängig täglichen Landbriefbestellung erweitert worden. In
-Deutschland ist die Ausdehnung dieses Institutes wesentlich langsamer
-erfolgt als in Frankreich. Dasselbe hat in Preußen erst in den
-fünfziger Jahren einen namhaftem Umfang erreicht. Gegenwärtig giebt es
-im deutschen Reichspostgebiete über 20000 Landbriefträger.
-
-[Illustration: Fig. 32. Französischer Landbriefträger.]
-
-Die Haupttruppe in der Infanterie der Post bilden die
-+Orts-Briefträger+. Ihr Dienst ist je nach den Landessitten, den
-örtlichen Wohnungsverhältnissen und der Organisation des Postwesens
-in den einzelnen Ländern sehr verschieden. So kann der englische
-~letter-carrier~ (Briefträger) seine Sendungen einfach in die
-Hausbriefkästen einlegen, die er fast überall in den größeren Städten
-seines Landes antrifft; der französische ~facteur~ ist in Paris
-reglementsmäßig berechtigt, die Briefe für sämtliche Hausbewohner
-an den ~concierge~ (Hausmeister) abzugeben. Viel mühevoller ist die
-Aufgabe des Berliner Briefträgers. Seine Bestellgänge auf den Vorder-
-und Hintertreppen der großen Mietkasernen erreichen eine selbst für
-Mitglieder des Alpenklubs ansehnliche Gesamtleistung, und oft hat er,
-lediglich um einen Preiskourant oder eine Geschäftsanzeige an den nicht
-selten unwilligen Empfänger zu bestellen, minutenlange vor dessen
-Thüre zu warten. Auch in New-York pflegen die Briefträger nicht in die
-Stockwerke der Häuser hinaufzugehen; dieselben sind dort mit einer
-sehr stark schrillenden Pfeife ausgerüstet, mittels deren sie ihre
-Anwesenheit unten in den Hausfluren oder in den Höfen signalisieren, um
-die Adressen der zu bestellenden Briefe auszurufen. Die Hausbewohner
-steigen dann zum Briefträger hinab, um sich ihre Briefe zu holen.
-In Abwesenheit der Adressaten werden dieselben an den Hauswirt
-abgegeben[64].
-
-
-2. Reiter.
-
-[Illustration: Fig. 33. Siamesischer Kurier.]
-
-Schon seit der Zeit der Achämeniden ist in der Vorstellung der Menschen
-das +Pferd+ mit dem Begriffe der Post unzertrennlich verbunden. Damals
-bereits durchjagten die reitenden Boten die weiten Steppen und die
-Gebirgsländer Asiens, um nach den Hofburgen zu Susa, Ekbatana oder
-Babylon die wichtigsten Ereignisse aus allen Teilen des Reiches zu
-melden und die Befehle des Königs zurückzubringen. Der Schwiegersohn
-des Cyrus, Darius, der den Thron dem Wiehern seines Pferdes verdankte,
-war sogar selbst Aufseher der Angaroi gewesen. Marco Polo wiederum
-schildert eingehend die Reitposten der Chinesen, die zu seiner Zeit
-als eine uralte Einrichtung in Thätigkeit waren. In Rom war die
-Nachrichtenbeförderung durch Berittene zuerst unter Cäsar ins Leben
-getreten[65]. Auch heute noch spielt das Pferd im Postwesen eine
-bedeutende Rolle. So wird in Persien noch jetzt die Verbindung zwischen
-Teheran und Tauris durch Reitposten bewirkt. In China besitzt die
-kaiserliche Central-Postpferdestation in Peking für den speciellen
-Dienst der Central-Postkanzlei nicht weniger als 500 Kurierpferde mit
-250 Reitern. Ebenso bedient sich die Post in Siam des „Kuriers zu
-Pferde“. Auch die russische Kurierpost, die von Peking über Urga und
-Kiachta den Anschluß an den großen Postkurs durch Sibirien vermittelt,
-wird durch mongolische Reiter befördert. Selbst in Europa sind
-Postbeförderungen durch Reiter keineswegs vereinzelt. In +Spanien+ z. B.
-bewältigt die Post noch jetzt jährlich eine Transportarbeit von ca.
-10 Millionen Kilometer lediglich durch Reiter, während auf Eisenbahnen
-und Postwagenkursen zusammen nur 15 Millionen Kilometer jährlich
-zurückgelegt werden. Ein ähnliches Verhältnis besteht in +Portugal+.
-Im Gebiete der +deutschen+ Reichspostverwaltung beträgt allerdings die
-gesamte Jahresleistung der Post-Kavallerie nicht mehr 10000 km.
-
-Wenn so das Pferd schon seit den ältesten Zeiten dem Postverkehre
-dienlich war, so sind doch, um dies nebenbei zu erwähnen, die
-verschiedenen Teile der +Bekleidung des Pferdes+ nur sehr allmählich
-und schrittweise zur Ausbildung gelangt. Das älteste +Hufeisen+ will
-man im Grabe des Frankenkönigs Childerich, welcher 481 starb, zu
-Tournay gefunden haben. In England sollen durch Wilhelm den Eroberer
-1066 die Hufeisen eingeführt worden sein. Die Alten kannten den
-Hufbeschlag gar nicht; sie hatten nur eine Art Hufsocken, die den
-Tieren angelegt wurden. Ebenso waren die +Sättel+ noch bis in die
-Kaiserzeit, sowie die +Steigbügel+ überhaupt den Römern unbekannt. Man
-ritt auf Decken und bestieg das Pferd entweder von den Staffelsteinen
-aus, die an allen Römerstraßen in ziemlich dichter Aufeinanderfolge zur
-Seite aufgestellt waren, gleichwie sie auch bei uns noch in den Höfen
-der Burgruinen und in alten Städten mitunter zu finden sind; oder man
-bediente sich der untergehaltenen Hand oder wohl auch des Rückens eines
-Sklaven. Mitunter wurden die Pferde so abgerichtet, daß sie sich auf
-die Kniee niederließen, wenn ihr Herr sie besteigen wollte, wie man
-dies z. B. von Alexanders Bucephalus erzählt. Als dann in der spätern
-römischen Kaiserzeit die Sättel aufkamen, waren dieselben noch von
-sehr ungeschlachter Art. Eine Verordnung im Theodosianischen Codex
-schreibt vor, daß bei den Pferden der kaiserlichen Post Sattel und
-Zeug nicht über 60 Pfd. schwer sein sollten. Nach Laurence hat 1135
-die Gemahlin des angelsächsischen Königs Stephan in England die ersten
-+Frauensättel+ eingeführt.
-
-Das Pferd ist übrigens nicht das einzige Reittier, das im Postdienste
-Verwendung findet. In Gebirgsländern sowie im Süden tritt an seine
-Stelle das +Maultier+, dessen sicherer Fuß schwindelnde Pfade und
-schwankende Brücken ohne Zaudern und Straucheln betritt. Ein nicht
-minder erfolgreicher Nebenbuhler des Pferdes ist unter heißen
-Himmelsstrichen das +Kamel+. In Indien, in China und in den südlichen
-Ländern des Mittelmeeres findet dasselbe vielfache Verwendung im
-Beförderungsdienste der Post. In Siam bestehen sogar +Büffel+- und
-+Elefantenposten+.
-
-[Illustration: Fig. 34. Kamelpostreiter.]
-
-
-3. Wagen.
-
-Noch größer als bei den Reittieren und Fußboten ist die
-Mannigfaltigkeit der Fuhrwerke, deren sich der Postverkehr bedient.
-Schon die Verschiedenheit der Zwecke der Postbeförderung bedingt
-eine große Mannigfaltigkeit in Größe und Bauart der Postfuhrwerke.
-Dazu kommen aber noch all die Unterschiede, die sich aus der
-Verschiedenheit der topographischen und klimatischen Verhältnisse,
-sowie aus den abweichenden Kulturgraden der Völker ergeben. Bekannte
-Erscheinungen in dieser Hinsicht sind der deutsche +Eilpostwagen+,
-dem auch die englischen ~mail coaches~[66] und die französischen
-~malle~[67]-Postwagen in der Hauptsache gleichen, der +Schweizer
-Personenpostwagen+ und der +Postomnibus+. Eine besonders große
-Mannigfaltigkeit an Mitteln der Postwagenbeförderung bietet das
-Russische Reich. Die Postfuhrwerke erschöpfen hier vom eleganten
-Personenwagen bis zur offenen Schlittenkufe herab alle Spielarten
-dieses Beförderungsmittels. Auch die Bespannung derselben ist sehr
-verschieden. Außer Pferden, Maultieren und Eseln werden noch Renntiere,
-Hunde und Ochsen verwendet. Ochsengespanne werden in Grusien benutzt,
-Hunde dienen der Post in Kamtschatka und am Baikalsee als Zugtiere,
-und über die weiten Schneeflächen zwischen der Dwina und Petschora
-ziehen Renntiere die Postschlitten. -- Von den Wagen des Altertums und
-Mittelalters war bereits die Rede.
-
-[Illustration: Fig. 35. Russische Schlittenpost.]
-
-Die gesamte Jahresleistung der Postfuhrwerke der Weltpost beträgt nach
-der neuesten Berner Statistik etwa 450 Millionen Kilometer.
-
-
-4. Eisenbahnen.
-
-Die Bahnposten bilden heutzutage die Pulsadern des Postverkehrs.
-Ihnen gegenüber sind die Posten auf den gewöhnlichen Landstraßen,
-einzeln betrachtet, in der Regel nur noch Zu- und Abfuhrwege von
-untergeordneter Bedeutung. Aber nicht allein das wichtigste, sondern
-auch das eigenartigste Bindeglied bilden die Bahnposten in der Reihe
-der heutigen Postbeförderungsmittel. Ihre Vermittlung allein ermöglicht
-es, daß die zur Beförderung gelangten Brief- und Paketsendungen ohne
-Aufenthalt auf den Zwischenstationen an ihre Bestimmung gelangen.
-Während die Eisenbahnzüge in rasendem Fluge dahineilen, ist der
-Bahnpostbeamte ununterbrochen, Tag und Nacht in angestrengtester
-Thätigkeit, um mit seinen Arbeiten, die keinen Aufschub dulden, sondern
-bei Ankunft auf jeder Station pünktlich erledigt sein müssen, dem
-Fluge des Dampfrosses zu folgen. Auf jeder Station wird ein Teil der
-während der Fahrt bearbeiteten Sendungen abgegeben, auf jeder Station
-tritt aber auch neuer Zuwachs ein. Bald ist der Abgang, bald der Zugang
-umfangreicher, jedoch fast immer und unaufhaltsam drängt die Arbeit,
-selten kommt eine kleine Ruhepause vor. Besonders umfangreich gestalten
-sich die Dienstleistungen der Beamten auf den bedeutenderen Linien.
-So sind z. B. auf einer einzigen Fahrt zwischen Köln und Verviers
--- es ist dies die dem Postverkehr zwischen Deutschland und England
-dienende Linie -- über 80000 Briefe und Drucksachen und zugleich über
-1000 Einschreibebriefe zu sortieren, zu verpacken und, was letztere
-Sendungen betrifft, einzeln einzutragen gewesen.
-
-Hinsichtlich der Beziehungen der Postverwaltung zu den
-Eisenbahn-Unternehmern gilt in fast allen dem Weltpostvereine
-angehörigen Ländern der Grundsatz, daß die Beförderung der Postsachen
-mit den Eisenbahnen +unentgeltlich+ zu erfolgen habe. Nur in den
-Vereinigten Staaten von Amerika, in England und Japan ist die
-Postverwaltung lediglich auf Herbeiführung eines privatrechtlichen
-Vertragsverhältnisses zu den Eisenbahnen angewiesen.
-
-
-5. Schiffe.
-
-Aus dem Altertum sind bestimmte Nachrichten über eine postmäßige
-Benützung von Seeschiffen erst aus der Zeit des ~cursus publicus~
-vorhanden. Es lagen für dessen Dienst schnellsegelnde Schiffe bereit im
-Hafen von Ostia zur Überfahrt nach Karthago, im Hafen von Rhegium für
-die Linie nach Sicilien u. s. w. Übrigens ist es zweifellos, daß man
-außer den besonders für den Postdienst bestimmten Staatsschiffen auch
-Handelsfahrzeuge zur Beförderung von Nachrichten zur See gebrauchte,
-wie denn überhaupt das Postwesen zur See im Altertum in der Hauptsache
-nur auf Gelegenheitsbeförderungen beruht haben mag.
-
-Auch das Mittelalter bediente sich der Schiffe zur Beförderung von
-Nachrichten, und zwar sowohl der Seefahrzeuge, als auch der Flußschiffe.
-
-Gegenwärtig sind es namentlich die Dampfschiffe, welche den Postverkehr
-vermitteln; es ist das bereits fast durchweg der Fall auf den größeren
-Flüssen; im Seepostwesen vollends ist der vollständige Sieg des
-Dampfschiffes längst entschieden. Jene großen Seepostverbindungen,
-welche die Engländer als ~Our Ocean Highways~ zu bezeichnen pflegen,
-werden ausschließlich durch die Benützung der interkontinentalen
-Dampferlinien hergestellt. Sie sind die eigentlichen Träger der
-Weltpost, wenn dieser Begriff allein auf die Post von Weltteil zu
-Weltteil erstreckt wird. Näheres über die Dampfschiffahrt im Dienste
-der Weltpost enthält der +vierte+ Teil dieses Werkes.
-
-Der Postverkehr auf +Segel+- und +Ruderbooten+ ist heutzutage
-zufolge der Überflügelung durch Dampfschiffe im wesentlichen auf
-Lokalverbindungen beschränkt; er bildet indes auch heute noch eine so
-eigentümliche und zugleich so verbreitete Erscheinung, daß er bei der
-Darstellung der Weltverkehrsmittel nicht übergangen werden darf. Die
-chinesische Post z. B. besitzt in neun Provinzen ständige, aber nur für
-den Verkehr auf Binnengewässern berechnete Postschiffe; die Matrosen
-der Postboote werden von den Chinesen „Postschiff-Wasserhände“ genannt.
-Daß sich in Indien ein nicht unbedeutender Teil des Postverkehrs auf
-den Flüssen bewegt, ist bei der Erheblichkeit der Wasserläufe im
-Pendschab, in Bengalen und in Hinterindien an sich wahrscheinlich
-und wird durch die Modelle von indischen Postschiffen bestätigt,
-welche von der indischen Generalpostdirektion dem Berliner Postmuseum
-übersandt worden sind. In den Philippinen wird der Postdienst zwischen
-den einzelnen Inseln durch ~vilos~, kleine, schnellsegelnde Boote,
-wahrgenommen. Die gleiche Beförderung wiederholt sich überall, wo
-ähnliche geographische Bedingungen vorliegen; im griechischen und im
-dänischen Archipel, in den Inselgruppen im Norden und Westen von
-Großbritannien, in der Schärenkette, welche die norwegische Küste
-umsäumt, ist das Segelboot ein treuer Diener der Post. Selbst in
-Deutschland obliegt dem Segelboot noch eine zwar nicht ausgedehnte,
-aber schwierige Rolle im Postbeförderungsdienst. Die durch wilde
-Sturmfluten vom Festlande abgerissenen Inseln Ost- und Westfrieslands
-werden, soweit nicht im Sommer wegen der Badeverhältnisse Dampfschiffe
-zwischen ihnen und der Küste gehen, durch Postboote bedient, denen im
-Winter die mühevolle Aufgabe gestellt ist, sich in Sturm und Nebel
-durch die Untiefen des Watts hindurchzuwinden.
-
-[Illustration: Fig. 36. Chinesisches Postboot.]
-
-
-6. Rohrpost[68].
-
-Der in außergewöhnlichem Maße sich steigernde Verkehr der
-Weltstädte legte angesichts der Hemmnisse, welchen die gewöhnlichen
-Transportmittel, Pferde und Wagen, in den dichtgefüllten Straßen
-begegnen, den Postverwaltungen den Gedanken nahe, ein Mittel in den
-Verkehr einzuführen, das, unabhängig von dem gewöhnlichen Zuge der
-Straßen, eine direkte Verbindung zwischen den verschiedenen Punkten
-der Stadt mit beinahe telegraphischer Geschwindigkeit zuließ. So
-entstand die +Luftpost+, der die Ausgabe zufiel, die Übermittlung der
-Korrespondenz auf pneumatischem Wege, durch Anwendung von Luftleere und
-Luftdruck, zu bewirken.
-
-In Berlin wurde die erste Rohrpostanlage 1876 dem Verkehre übergeben;
-sie hatte eine Gesamtlänge von nahezu 26 km mit 15 Stationen und
-zerfiel in einen Nord- und Südkreis, aber derart, daß die beiden Kreise
-sich in dem im Haupttelegraphenamte untergebrachten Rohrpostamt I
-berührten. Gegenwärtig gehen vom Rohrpostamte I vier sich teilweise
-wieder verästelnde Hauptzweige nach den vier Himmelsrichtungen aus,
-so daß alle Sendungen, die von einem Hauptzweige nach einem andern
-geleitet werden sollen, das Rohrpostamt I berühren müssen.
-
-Die +Röhren+, welche zur Verbindung der Stationen dienen, sind aus
-Schmiedeisen gefertigt, haben einen innern Durchmesser von 65 mm und
-liegen im allgemeinen 1 m tief unter dem Straßenpflaster.
-
-Zur Aufnahme der Sendungen werden Büchsen aus getriebenem Stahlblech
-benützt, die durch eine übergeschobene Lederhülse geschlossen werden.
-Dieselben sind 15 cm lang und vermögen etwa 20 Sendungen -- Briefe,
-Karten, Telegramme -- aufzunehmen. 10-12 Büchsen hintereinander
-gelegt, bilden einen Zug; hinter die letzte Büchse des Zuges wird ein
-den Büchsen ähnlicher, mit Leder überzogener und mit einer ledernen
-Manschette versehener Holzcylinder, der „Treiber“, gesetzt, durch den
-ein möglichst dichter Schluß des Rohres erzielt wird.
-
-Die Beförderung der Züge erfolgt nach bestimmten Vorschriften entweder
-durch Stoß mittels verdichteter oder durch Ansaugen mittels verdünnter
-Luft. Zur Erzeugung der Luftverdünnung und Luftverdichtung dienen
-acht Maschinenstationen, deren jede mit zwei Dampfkesseln und zwei
-Dampfmaschinen ausgerüstet ist. Jede dieser Maschinen treibt eine
-Luftdruck- und eine Luftverdünnungs-Pumpe.
-
-Außerdem befinden sich auf jeder Maschinenstation mehrere große
-Kessel, sogenannte +Luftbehälter+, die einerseits mit den Luftpumpen,
-andererseits mit den Röhren in Verbindung stehen. Die Luft in diesen
-Kesseln wird durch die Pumpen stetig entweder verdünnt oder verdichtet,
-so daß nach Öffnung eines Ventils entweder die stark verdichtete Luft
-aus den Kesseln in die Röhren oder umgekehrt die dichtere Luft aus den
-Röhren in die Kessel strömen kann.
-
-Der +Betrieb+ der Rohrpostleitung ist in der Weise geregelt, daß
-täglich von 7 Uhr vormittags bis 9 Uhr abends alle 15 Minuten vom
-Rohrpostamte I ein Rohrpostzug abgelassen wird. -- Die Beförderung
-von Station zu Station erfordert nur wenige Minuten. Selbst der
-längste Zweig, die 8628 m lange Linie vom Rohrpostamte I bis zum
-Rohrpostamte XXV in Charlottenburg, wird in 16 Minuten durchlaufen,
-und das einschließlich des Aufenthalts der Züge auf den von ihnen
-berührten Stationen. Im allgemeinen ist als Grundsatz angenommen, daß
-Rohrpostsendungen aus einem Teile der Stadt Berlin nach dem andern,
-wenn auch entferntesten, nicht mehr als 1 Stunde Beförderungszeit,
-von der Aufgabe an gerechnet bis zur Übergabe an den Adressaten, in
-Anspruch nehmen dürfen. Die mittlere Geschwindigkeit der Züge beträgt
-1000 m per Minute. -- Die Abtragung der bei den Rohrpostämtern mit
-der Rohrpost ankommenden Sendungen an die Adressaten erfolgt stets
-sofort durch besondere Boten. -- Die Rohrpostanlage in Berlin kann
-benutzt werden für Telegramme, Briefe und Postkarten, und zwar
-sowohl im bloßen Stadtverkehr, als auch behufs rascherer Bestellung
-der +von+ auswärts eingehenden oder behufs rascherer Absendung der
-+nach+ auswärts bestimmten Korrespondenzen. -- Die Rohrpostbriefe
-dürfen steife oder zerbrechliche Einlagen nicht enthalten, auch nicht
-mit Siegellack verschlossen sein, da sie beim Einlegen in die Büchsen
-gerollt werden müssen; das Gewicht darf 10 g, die Breite und Höhe
-das Maß von 12½ beziehungsweise 8 cm nicht überschreiten. Für die
-Rohrpostbriefe sind besondere gestempelte Briefumschläge hergestellt,
-ebenso besondere Rohrpostkarten auf hellrotem Papier, welche von
-allen Post- und Telegraphenämtern in Berlin bezogen werden können.
-Eine Verpflichtung zur Benutzung dieser Briefumschläge und Postkarten
-besteht zwar nicht, die Anwendung derselben ist jedoch im Interesse
-des geregelten Betriebes sehr wünschenswert. Jedenfalls müssen aber
-die Briefe den oben erwähnten Erfordernissen genau entsprechen, und,
-ebenso wie die Postkarten, mit der deutlichen Bezeichnung „+Rohrpost+“
-versehen sein. Die durch Freimarken im voraus zu entrichtende Gebühr
-beträgt für Briefe 30 Pf., für Postkarten 25 Pf., für die durch
-die Rohrpost von außerhalb oder nach außerhalb zu befördernden
-Korrespondenzen tritt hierzu noch das gewöhnliche Postporto.
-
-Welche Bedeutung auch dieses Verkehrsmittel in kurzer Zeit erlangte,
-ergiebt sich aus der starken Inanspruchnahme desselben. Es wurden z. B.
-befördert
-
- 1882 2219649 Sendungen
- 1884 2552814 „
-
-Gegenwärtig zählt die Anstalt 31 Ämter, 8 Maschinenstationen, während
-die Länge der Röhren über 52 km beträgt.
-
-Wie Berlin, so sind auch die meisten übrigen Großstädte mit
-Rohrpostanlagen versehen, so Paris, London etc. Ja es ist schon das
-Projekt aufgetaucht, Paris und London durch eine solche zu verbinden.
-
-
-7. Tauben[69].
-
-Die Verwendung der Tauben zur Überbringung von Botschaften reicht, auch
-abgesehen von der Taube Noahs, schon in die frühesten Zeiten zurück.
-So sollen bereits die Bewohner von Sodoma und Gomorrha sich der Tauben
-bedient haben, um sich Nachrichten zu übersenden. Desgleichen wird
-berichtet, daß die alten Ägypter Tauben zu Zwecken der Schiffahrt
-benutzten, indem sie solche bei der Abfahrt auf ihre Schiffe nahmen,
-teils um sie während der Fahrt zur Verbindung mit dem heimatlichen
-Hafen zu benutzen, teils auch, wenn das Schiff sich wieder der
-heimischen Küste nahte, sie als Vorboten der glücklichen Rückkehr
-abzusenden.
-
-Der älteste geschichtliche Nachweis der Verwendung der Taube als
-eigentlicher Brieftaube findet sich bei dem griechischen Dichter
-Anakreon (530 v. Chr). Auch Tibullus, der jugendliche Elegiendichter,
-besingt die Taube als Nachrichtenvermittlerin. Am deutlichsten
-aber gedenkt Plinius der Ältere der Verwendung von Tauben zur
-Nachrichtenvermittlung, indem er beschreibt, wie Decimus Brutus bei
-der Belagerung von Mutina durch Antonius (43 v. Chr.) mit dem weit
-abliegenden Lager der Konsuln sich durch Tauben in Verbindung gesetzt
-habe. Zur Kaiserzeit, namentlich unter Diokletian, machte man sogar
-mehrfach Versuche, mit Hilfe von Brieftauben regelmäßige Verbindungen
-herzustellen. Diese Versuche scheinen indes von nachhaltigen Erfolgen
-nicht begleitet gewesen zu sein.
-
-Im +Mittelalter+ dienten die Tauben zu Zwecken der
-Nachrichtenvermittlung namentlich im +Orient+. Der französische
-Geschichtschreiber Joinville z. B. teilt uns mit, daß die Landung
-Ludwigs des Heiligen zu Damiette i. J. 1249 sofort dem Sultan von Kairo
-durch Taubenpost gemeldet wurde. Ganz besonders hoch hielten dieses
-Verkehrsmittel die fatimidischen Chalifen, so zwar, daß die Taubenpost
-einen selbständigen Zweig in der Verwaltung des Reiches bildete. Im
-Abendlande wurde während des Mittelalters die Taube zu Verkehrszwecken
-nicht ausgenützt; erst die Niederländer bedienten sich in der Zeit
-ihrer Erhebung gegen Spanien wiederum dieser geflügelten Boten. Von
-solchen rechtzeitig übermittelte Nachrichten waren es sogar, welche das
-belagerte Leyden 1575 abhielten, zu kapitulieren.
-
-Im Anfang dieses Jahrhunderts fanden die Tauben als Boten Verwendung
-in Belgien, England und einigen Städten des nördlichen Frankreich,
-hauptsächlich im Dienste der Börse und der Presse. Das Haus
-Rothschild dankt sogar einen nicht geringen Teil seines Vermögens der
-Taubenpost. Während der Kriege des ersten Napoleon verfiel nämlich
-Nathan Rothschild in London auf den Gedanken, den Heeren eine Anzahl
-Agenten mit Brieftauben auf dem Fuße folgen zu lassen; infolge
-davon waren dieselben in der Lage, alle wichtigen Ereignisse auf
-dem Kriegsschauplatz früher nach London zu melden, als dies irgend
-jemand anderem möglich war, so daß Rothschilds Spekulationen stets
-auf vollendete Thatsachen sich stützen konnten. Noch 1848 setzten
-Taubenposten zwischen Paris, Brüssel und Antwerpen die belgischen
-Zeitungen von den Vorkommnissen in Paris in kürzester Zeit in Kenntnis.
-Auch der Lotterie mußten die Tauben ihre Dienste leisten, und neuestens
-nützt man ihre Geschicklichkeit aus für Sicherung der Küstenschiffahrt.
-Der ausgedehnteste Gebrauch in jüngster Zeit wurde von der Taubenpost
-unstreitig gelegentlich der Belagerung der Stadt Paris in den Jahren
-1870/71 gemacht. Damals wurden von Paris 95581 Botschaften mittels der
-Tauben befördert, und mehr als 60000 solcher Posten trafen in Paris
-ein[70].
-
-In England gewahrt man nicht selten bei wichtigen öffentlichen
-Versammlungen, auf Festplätzen und bei ähnlichen Gelegenheiten
-Zeitungsberichterstatter, die mit kleinen Taubenkäfigen ausgerüstet
-sind, um ihre Berichte sofort vom Platze weg durch die mitgebrachten
-Tauben den Redaktionen zugehen zu lassen[71].
-
-Auch die +Chinesen+ bedienen sich der +Tauben+ als Briefboten. Sie
-sagen, daß dieselben schwer zu erziehen seien, und daß 2-3 Jahre
-hingehen, bevor sie auf größeren Strecken verwendet werden können. Auf
-den Schwanzfedern der Tauben werden von ihnen zwei hohle Bambusstäbchen
-mit einem Einschnitt am obern Ende befestigt, die als Pfeifen dienen
-und bei Luftzug einen Ton von sich geben; man glaubt, daß sich die
-Raubvögel dadurch von der Verfolgung der Tauben zurückschrecken lassen.
-Die Schriftzeichen, vier Worte, die unter einer Pfeife angebracht sind,
-bedeuten: „Mögen günstige Winde dich begleiten.“
-
-Nach Mitteilungen der amerikanischen Presse soll sogar die Einrichtung
-einer Taubenpost zwischen Europa und Amerika ernstlich ins Auge gefaßt
-werden. Die Durchführung dieses Planes dürfte aber vorerst doch noch
-auf ziemliche Schwierigkeiten stoßen, zumal nach den bisherigen
-Erfahrungen die größte Entfernung, bis zu der man einigermaßen mit
-Sicherheit auf eine Rückkehr der Brieftaube rechnen kann, nicht mehr
-als etwa 800 km beträgt.
-
-Über die Verwendung der Brieftaube im regelmäßigen Postdienst
-äußert sich Veredarius also: „Nach dem jetzigen Stande der für den
-Postdienst verwertbaren Verkehrsmittel wird zwar die Aufnahme der
-Brieftaube unter dieselben fürs erste und in der Hauptsache auf
-Ausnahmezustände beschränkt bleiben; dagegen erscheint es schon
-jetzt nicht ausgeschlossen, daß auch die Postverwaltungen, gleichwie
-dies für Kriegszwecke fast seitens der sämtlichen europäischen
-Militärverwaltungen bereits geschehen ist, der Frage näher treten
-werden, inwieweit eine Aufzüchtung und Bereithaltung größerer Bestände
-von Brieftauben und die Organisation eines Brieftauben-Postdienstes
-für bestimmte Zwecke einen wertvollen Zuwachs zu den bisherigen
-Hilfsmitteln der Post abgeben könnte.“
-
-
-8. Luftschiffe[72].
-
-Seit den ältesten Zeiten schon finden sich Spuren davon, daß der
-menschliche Geist -- wenigstens die Phantasie -- sich mit der
-+Fortbewegung des Körpers in der Luft+ beschäftigte. Die Wagen der
-Götter und Göttinnen, die Wolkenwagen der Feen, das fliegende Roß in
-„Tausend und eine Nacht“, der Zaubermantel Fausts, Pegasus und die
-geflügelten Sohlen des Perseus sind ja nur der phantastische Ausdruck
-jener im Menschengeiste tief gewurzelten Vorstellung. Das erste
-bestimmte Zeugnis dafür, daß man es schon frühe verstanden, mit heißer
-Luft gefüllte, leichte Hohlkörper zum Steigen zu bringen, stammt von
-Aulus Gellius, einem römischen Schriftsteller des zweiten Jahrhunderts
-unserer Zeitrechnung. Er erzählt, daß der Pythagoräer Archytas, welcher
-mehrere Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung zu Tarent lebte, eine
-hölzerne Taube angefertigt habe, die vermittelst dünner, in deren
-Hohlkörper eingeschlossener Luft emporgestiegen und, sobald sie eine
-gewisse Höhe erreicht habe, wieder herabgesunken sei. Der englische
-Mönch +Roger Baco+ († 1292), der so reich an Projekten war, daß man
-ihn den Edison des 13. Jahrhunderts nennen möchte, hielt es nicht für
-schwer, eine Maschine zu bauen, mit der sich ein Mensch wie ein Vogel
-in die Luft heben könnte. Sehr eingehend beschäftigte sich mit dem
-Probleme der Luftschiffahrt auch +Leonardo da Vinci+, von dem bis vor
-wenigen Jahren die Welt nur wußte, daß er einer der größten Maler aller
-Zeiten gewesen, nicht aber, daß er auch große Bedeutung als Physiker,
-Mathematiker, Mechaniker und Ingenieur besaß. Vor allem bemühte er
-sich, nach dem Vorbilde des Vogelflügels künstliche Flügel für einen
-Menschen zu konstruieren; desgleichen sind Luftschraube und Fallschirm
-seine Erfindungen.
-
-Zu einer Reihe neuer Vorschläge und Versuche gab die Erfindung der
-Luftpumpe (1650) Anlaß. So schrieb der Jesuitenpater +Lana+ (um
-1670) ein Werk, worin er ausführte, daß man mit vier aus ganz dünnen
-Kupferplatten bestehenden und luftleer gemachten großen Behältern
-sich in die Luft müsse erheben können. Da er aber seine Rechnung ohne
-Berücksichtigung des äußern Luftdrucks gemacht, so war sein Projekt von
-Anfang an unausführbar. Näher kam der Sache der Dominikaner +Joseph
-Galien+, in dessen Werk ~L’art de naviguer dans les airs~ (~Avignon~
-1755) dargethan ist, daß die zum Emporschweben bestimmten Hohlgefäße
-wegen des äußern Luftdrucks nicht leer, sondern mit einer leichtern
-Luftart gefüllt sein müßten, deren Dehnbarkeit dem Drucke von außen
-das Gleichgewicht zu halten vermöge. Dieser Gedanke stellte sich
-indessen praktisch als gänzlich unverwertbar dar, weil Galien glaubte,
-die verdünnte Luft könne nur aus den oberen Schichten der die Erde
-umgebenden Atmosphäre entnommen werden.
-
-Die Entdeckung des Wasserstoffs durch Cavendish im Jahre 1766,
-durch welche die leichte Luftart dargeboten war, blieb für die
-Luftschiffahrt zunächst unbeachtet, da wenige Jahre später der Pater
-+Bartolomeo Lourenço de Guzman+ auf den Gedanken kam, erwärmte Luft
-zu dem mehrgedachten Zwecke zu verwenden. Über dessen Versuch wird
-folgendes berichtet. „Am 8. August 1769 stieg Guzman zu Lissabon vor
-dem König und seiner Familie, sowie vor einer großen Zuschauermenge
-mit einem aus zusammengeklebtem Papier angefertigten, mit Weidenruten
-ausgesteiften Ballon, unter welchem auf einem Roste ein Feuer brannte,
-bis zur Höhe der Hausdächer, stieß dann aber gegen einen Vorsprung des
-königlichen Palastes, wodurch seine Maschine beschädigt und zu raschem
-Sinken gebracht wurde.“ Der unglückliche Ausgang dieses Versuches,
-die persönlichen Anfeindungen, die Guzman vielfach zu bestehen hatte,
-sowie der Umstand, daß alsbald eine Unmasse thörichter Phantasten die
-Guzmansche Idee zu unsinnigen Projekten auszubeuten versuchte, brachten
-der Sache schließlich nur Spott ein, so daß darüber die Thatsache
-der Guzmanschen Erfindung beinahe ganz in Vergessenheit geriet. Aus
-diesen Umständen erklärt es sich auch, daß gewöhnlich der Beginn der
-Luftschiffahrt von dem ersten öffentlichen Auftreten der Gebrüder
-+Montgolfier+ datiert wird.
-
-[Illustration: Fig. 37. Die Gebrüder Montgolfier.]
-
-+Stephan+ und +Joseph Montgolfier+, die Söhne eines reichen
-Papierfabrikanten in Annonay, beschäftigten sich bei den von ihnen
-mit Vorliebe betriebenen physikalischen Studien auch mit dem
-Problem der Luftschiffahrt und traten, nach vielfachen Versuchen im
-kleinen, schließlich am 5. Juni 1783 mit einer größern Probe an die
-Öffentlichkeit. Der von ihnen erbaute, nicht weniger als 23000 cbm
-haltende Ballon war kugelförmig und bestand aus Leinwand, innen mit
-Papier gefüttert. Gestützt auf ihre bisherigen Versuche, nahmen die
-Erfinder an, daß der Ballon durch Rauch in die Höhe getrieben werde,
-und benützten deshalb als Feuerungsmaterial eine Mischung von Stroh
-und gehackter Wolle. Durch die hierbei stattfindende Erwärmung der im
-Innern des Ballons befindlichen Luft blähte sich derselbe alsbald auf
-und stieg unter dem Jubel der Zuschauer ungefähr 300 m empor. Mit dem
-allmählichen Erkalten der Luft senkte sich der Ballon langsam und kam
-nach etwa zehn Minuten in einem nahegelegenen Weinberge wohlbehalten
-wieder zur Erde.
-
-Rasch verbreitete sich die Nachricht dieses staunenswerten Experimentes
-nach Paris und versetzte dort alles in Begeisterung. Eine völlige
-Umgestaltung der bis dahin gebräuchlichen Verkehrsmittel war das
-Wenigste, was man von der „Luftschiffahrt“ erwartete. Im Augenblick
-war denn auch in Paris das erforderliche Geld zur Herstellung eines
-großen Ballons zusammengebracht, und der Chevalier +Faujas de St.
-Fond+, die Gebrüder +Robert+ und Professor +Charles+ unternahmen
-es, das „Wunder von Annonay“ zu wiederholen. Letzterer hatte sofort
-erkannt, daß nicht, wie die Montgolfiers glaubten, der Rauch es ist,
-der dem Ballon Steigkraft verleiht, sondern die durch die Erwärmung
-verursachte Luftverdünnung. Sobald nämlich der Ballon samt Zubehör
-weniger wiegt als ein gleich großes Volumen Luft, muß er nach hydro-
-und aerostatischen Gesetzen emporsteigen. Deshalb schlug Charles vor,
-den Ballon statt mit erwärmter Luft mit dem leichten Wasserstoffgase
-zu füllen; auch gab er gleich damals dem Ballon die noch heute übliche
-Gestalt einer von Netzwerk umgebenen Kugel mit darangehängter Gondel.
-Am 27. August 1783 stieg der erste Ballon dieser Art auf. Er hatte
-nur 12 Fuß Durchmesser und wog 25 Pfd. Mit ungeheurer Geschwindigkeit
-fuhr er empor und verschwand nach kaum zwei Minuten in den Wolken.
-Nach nicht ganz einstündiger Fahrt zerplatzte er und fiel bei Gonesse
-nieder, 2½ Meilen von Paris. Jetzt kam auch der jüngere Montgolfier
-nach Paris und ließ am 19. September zu Versailles in Gegenwart des
-Hofes und einer zahllosen Menschenmenge einen ungeheuern Ballon
-aufsteigen. Man hatte dem Ballon einen Käfig angehängt, in welchem
-sich ein Hammel, ein Hahn und eine Ente befanden. Es waren dies die
-+ersten lebenden Wesen+, welche eine Luftreise machten. Sie kamen
-glücklich wieder herunter. Jetzt dachte man daran, daß auch Menschen
-im Ballon Luftfahrten unternehmen könnten, und es wurde vorgeschlagen,
-das erste Wagnis dieser Art einem verurteilten Verbrecher zuzumuten.
-Allein +Pilâtre de Rozier+ wies energisch daraufhin, daß es sich hier
-um eine Ehre handle, die man einem Verbrecher nicht zuweisen dürfe,
-und daß er selbst mit dem Montgolfierschen Ballon die erste Luftfahrt
-machen wolle. Er bereitete sich dazu vor durch einige kleine Versuche,
-bei denen der Ballon an einem Seile befestigt war, und endlich am
-21. November 1783 stieg er in Begleitung des Marquis d’Arlandes beim
-Schlosse La Muette in die Höhe. Der Wind trieb den Ballon über Paris
-hinweg, und nach 25 Minuten ließen sich die Luftschiffer in zwei
-Meilen Entfernung glücklich nieder, indem sie das Feuer allmählich
-verminderten. Wir besitzen noch das Protokoll über diese Luftreise; es
-ist unter anderen auch von dem berühmten Amerikaner +Benjamin Franklin+
-unterzeichnet, der sich damals als bevollmächtigter Minister seines
-Vaterlandes in Frankreich aufhielt. Als ihn bei dieser Gelegenheit
-jemand nach dem Nutzen des Luftballons fragte, antwortete er mit dem
-bezeichnenden Lakonismus: ~C’est l’enfant, qui vient de naître~ („Wir
-haben es mit einem neugeborenen Kinde zu thun“). Zehn Tage später
-stiegen Charles und die Gebrüder Robert mit einem Wasserstoffballon
-auf, und auch diese Luftreise ging ohne Unfall von statten. In den
-Herbstmonaten des Jahres 1783 und noch lange darüber hinaus herrschte
-durch ganz Frankreich ein wahres Ballonfieber. Auch der Herzog von
-Chartres, der Vater Ludwig Philipps, schloß sich 1784 einer Aufsteigung
-an, was Frau von Vergennes zu der Bemerkung veranlaßte, der Herzog
-wolle auf diesem Wege seinen Gläubigern entgehen. Selbst Frauen standen
-an Mut nicht nach, und im gleichen Jahre 1784 machte eine Dame zu Lyon
-die Fahrt in die Lüfte mit.
-
-[Illustration: Fig. 38. Ballon des Marquis d’Arlandes.]
-
-[Illustration: Fig. 39. Luftschiff Blanchards.]
-
-Eine gefährliche, aber überaus glückliche Fahrt machte am 7. Januar
-1785 +Blanchard+, indem er in 2½ Stunden von Dover nach Calais
-überflog. Der Luftschiffer würde wohl diese gefahrvolle Fahrt nicht
-unternommen haben, wenn er nicht geglaubt hätte, durch Anbringung eines
-Ruders den Ballon nach Willkür lenken zu können. Das war freilich
-ein völliger Irrtum; allein der Nordwestwind glich die Folgen dieses
-Irrtums glücklich aus, und der Luftschiffer kam, wie er verheißen,
-wirklich nach Calais. Dieser Erfolg erregte ein ungeheures Aufsehen,
-und man glaubte sich schon der Lösung des Problems nahegerückt, als
-Pilâtre de Rozier, derselbe junge Mann, welcher die erste Luftreise
-gemacht hatte, am 15. Juni 1785 bei seinem Versuch, von Boulogne aus
-den Kanal zu überschreiten, verunglückte. Er und sein Genosse +Romain+
-waren kaum eine Viertelstunde von Boulogne entfernt, als man plötzlich
-eine große blaue Flamme an dem Ballon züngeln und den ganzen Apparat
-in einem Augenblick in Flammen aufgehen sah. Beide stürzten aus einer
-Höhe von 3000 Fuß zerschmettert auf die Klippen des Ufers nieder.
-Ein weiterer Märtyrer war der italienische Graf +Zambeccari+. Am 7.
-Oktober 1803 fiel er, von Bologna aufgestiegen, mit seinem Ballon ins
-Adriatische Meer, trieb längere Zeit darin umher und wurde schließlich
-von einem englischen Fahrzeuge noch glücklich aufgefischt. Unentmutigt
-führte er dann mehrere Jahre hintereinander eine Reihe von glücklichen
-Luftfahrten aus, bis im Jahre 1812 sein Apparat in der Luft in Flammen
-aufging, wobei der mutige Mann leider den Tod fand.
-
-Die zahlreichen, zum Teil mit großer Waghalsigkeit ausgeführten
-Luftfahrten zeigten, daß mit dem Ballon sehr wohl auch größere
-Entfernungen zurückgelegt werden könnten; zugleich brach sich aber
-auch die Überzeugung Bahn, daß eine Verwendung der Luftschiffahrt
-für Beförderungszwecke erst dann möglich sei, wenn es gelungen, den
-Luftschiffen eine bestimmte Richtung zu geben, d. h. sie gleich den
-Schiffen im Meere lenkbar zu machen.
-
-Die gänzliche Fruchtlosigkeit aller in dieser Richtung unternommenen
-Versuche machte im Laufe des 19. Jahrhunderts die Begeisterung für
-die neue Erfindung etwas erkalten, und bald beschränkte sich die
-Benützung des Ballons im wesentlichen auf +wissenschaftliche+ Zwecke,
-denen einzelne Versuche sich hinzugesellten, den Luftballon für die
-+Kriegführung+ zu verwenden.
-
-Die +wissenschaftlichen+ Ballonfahrten haben nicht nur dazu gedient,
-die über die Beschaffenheit der Luft bereits auf anderem Wege
-gewonnenen Kenntnisse zu bestätigen, sie haben dieselben auch in
-mancher Hinsicht bereichert. So haben die Luftschiffer die Abnahme
-des Druckes und der Dichtigkeit der Luft bestimmt; Sie haben ferner
-Gelegenheit gehabt, zu beobachten, wie die Gestirne mit zunehmender
-Verdünnung der Luft immer heller erglänzen, und wie an Stelle unseres
-heitern Blau ein immer tieferes Schwarz des Himmels tritt. Durch die
-Luftschiffahrt ist uns außerdem bekannt geworden, daß in unseren oberen
-Regionen der Atmosphäre auch im Sommer sibirische Kälte herrscht, und
-neuestens hat man die Wahrnehmung gemacht, daß in jenen Höhen der
-menschliche Körper in hohem Grade elektrisch wird, so sehr, daß er
-Funken sprüht. Nach der Aussage einiger Gewährsmänner kann die Spannung
-der Elektricität sogar einen fast unerträglichen Druck erzeugen,
-weshalb es nicht unwahrscheinlich ist, daß so manche der Katastrophen,
-mit welchen die Luftfahrten noch in jüngster Zeit leider so häufig
-geendet haben, zum Teil auf dieses elektrische Phänomen zurückzuführen
-sind.
-
-Unter den zu +wissenschaftlichen Zwecken+ gewagten Luftfahrten sind
-die bedeutendsten die beiden von +Biot+ und +Gay-Lussac+ im Auftrage
-der Pariser Akademie im Jahre 1804 unternommenen und aus neuester
-Zeit diejenigen des englischen Naturforschers +Glaisher+, der sich
-rühmen darf, +unter allen Sterblichen sich am weitesten von der Erde
-entfernt zu haben+. Die von ihm erreichte Höhe von 11277 m übersteigt
-nämlich die des höchsten Berges der Erde noch um rund 2500 m. Diese
-letztgenannte Höhe erreichte Glaisher bei einer mit dem Luftschiffer
-+Coxwell+ im Jahre 1863 ausgeführten Fahrt, aber freilich erst, als er
-bereits das Bewußtsein verloren hatte, und als Coxwell, dessen Hände
-von der Kälte schon ganz schwarz und gebrauchsunfähig waren, das Ventil
-nur eben noch mit den Zähnen öffnen konnte, um den Ballon schleunigst
-sinken zu machen.
-
-Zu +Kriegszwecken+ fand der Ballon zuerst Verwendung in der
-Schlacht von Fleurus (1794); auch bei der Belagerung von Charleroi
-leistete er Dienste. 1794 errichtete man sogar zu Meudon eine
-militärisch-aëronautische Schule. Napoleon aber, dem dieselbe keine
-greifbaren Resultate lieferte, löste sie auf. Bei der Belagerung
-Venedigs durch die Österreicher (1849) wurden die Ballons wiederum in
-Anwendung gebracht, doch ohne günstigen Erfolg. Bei Solferino (1859)
-sollte mit einem Ballon rekognosziert werden; er traf aber, infolge
-einer Verzögerung auf dem Transport, zu spät auf dem Schlachtfeld
-ein. Seitens der großen Militärmächte wurde mehr und mehr der Sache
-Aufmerksamkeit geschenkt, besonders seitdem der letzte entscheidende
-Schlag des amerikanischen Bürgerkrieges, die Eroberung von Richmond im
-Jahre 1862, dem General Mac Clellan hauptsächlich durch die mehrfachen
-Rekognoszierungen und Aufnahmen mittels des Ballons gelang. Nicht zu
-unterschätzende Dienste haben die Ballons bekanntlich in dem großen
-Kriege der Jahre 1870 und 1871 bei der Belagerung von Paris geleistet.
-Im ganzen sind durch die von dem Generalpostdirektor Rampont mit großem
-Geschick und unermüdlicher Energie organisierte Pariser Ballonpost
-während der Belagerung 91 Passagiere, 363 Brieftauben und 2½ Millionen
-Briefe befördert worden. Die Zahl der vom 23. September 1870 bis 28.
-Januar 1871 abgelassenen Ballons betrug 65. Davon gerieten fünf in
-die Hände der Sieger, vier gingen in Belgien, drei in Holland, zwei
-in Deutschland und einer in Norwegen nieder. Nur zwei sind spurlos
-verschwunden.
-
-Die merkwürdigste Reise, die übrigens zugleich den Beweis lieferte,
-welch ungeheure Geschwindigkeit mit der Luftschiffahrt erzielt werden
-kann, machte der nach Norwegen verschlagene Ballon. Derselbe hatte
-eine Strecke von nahezu 1400 km in 15 Stunden zurückgelegt, d. i. fast
-die doppelte Schnelligkeit eines Kurierzuges -- sicherlich ein mehr
-als genügender Beweis, daß man mit dem Luftschiff sehr wohl große
-Entfernungen zurücklegen und zugleich eine Geschwindigkeit erzielen
-kann, wie mit keinem der bis jetzt benützten Transportmittel. Mit der
-bisher im Ballon erreichten größten Geschwindigkeit von 20 Meilen in
-der Stunde würde man eine Luftreise um die Erde in 11 Tagen zurücklegen
-können.
-
-Was uns vor allem noch von dem Glücke trennt, unseren weit
-vorgeschrittenen Verkehrsmitteln auch den ungehemmten Flug über
-Land und Meer hoch im reinen Äther zugesellt zu sehen, das ist die
-+Unlenkbarkeit+ des Luftschiffes. Den Kernpunkt der Frage, Herstellung
-eines leistungsfähigen Motors von verhältnismäßig geringem Gewicht,
-hat man längst erkannt, und unermüdlich streben Wissenschaft und
-Technik nach Lösung dieses Problems.
-
-[Illustration: Fig. 40. Henri Giffards lenkbarer Luftballon mit
-zweiflügeliger Schiffsschraube und Dampfmaschine.]
-
-Den ersten diesbezüglichen Versuch machte der französische Ingenieur
-+Henry Giffard+ (1852); dann unternahmen solche der französische
-Marine-Ingenieur und Akademiker +Dupuy de Lôme+ (1872), der Ingenieur
-+Paul Hänlein+ aus Mainz (1872) und die Gebrüder +Tissandier+ in
-Paris (1883). Letztere benutzten bereits elektrische Motoren. Die
-bedeutsamsten und erfolgreichsten Versuche wurden in neuester Zeit von
-den französischen Offizieren +Charles Renard+ und +A. Krebs+ ausgeführt.
-
-Dieselben fuhren am 9. August 1884 in einem nach ihrer Erfindung
-erbauten, mit einer sehr leichten elektro-dynamischen Maschine
-versehenen Luftschiffe in Meudon auf und langten nach Zurücklegung
-eines von vornherein bestimmten Weges wieder an ihrem Ausgangspunkte
-an. Auch die vor kurzem mit dem lenkbaren Luftschiff von Renard
-angestellten neuen Versuche haben ein durchaus günstiges Ergebnis
-geliefert. So kann man die hochwichtige Frage der Lenkbarkeit des
-Schiffes in kleinem Maßstabe und unter gewissen Voraussetzungen
-als gelöst betrachten. Gewiß wird aber auch noch das Wort des
-hervorragendsten Aëronauten Amerikas, John Wises, in Erfüllung gehen:
-„Unsere Kinder werden nach jedem Teil der Erde reisen können ohne
-die Belästigung von Dampf, Funken oder Seekrankheit und mit einer
-Schnelligkeit von 20 geographischen Meilen pro Stunde.“[73]
-
-[Illustration: Fig. 41. Luftschiffahrten von Renard und Krebs.]
-
-Hat das Problem einmal ganz und voll seine Lösung gefunden, so wird
-sicherlich auch die Post sofort am Platze sein, das neue Verkehrsmittel
-für ihre Zwecke auszubeuten.
-
-[Illustration: Fig 42. Luftballon, getrieben durch den elektrischen
-Strom.]
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-+Poststatistik.+
-
-
-I. Briefpostverkehr.
-
-1. Europäischer Briefpostverkehr im Jahre 1884[74].
-
- Spalten:
- A - Länder.
- B - Briefe
- C - Postkarten
- D - Drucksachen, Warenproben etc.
- E - Zeitungsnummern
- F - Zusammen
- G - überhaupt Stück.
- H - davon
- I - Briefe und Postkarten.
- J - Drucksachen etc.
-
- ---+--------------------------------------+---------------------
- | Anzahl der aufgelieferten | Auf 1 Einwohner
- | | entfallen
- +-------+------+-------+-------+-------+------+--------------
- | B | C | D | E | F | | H
- A. +-------+------+-------+-------+-------+ G -------+-------
- | +in Tausenden.+ | | I | J
- ---+-------+------+-------+-------+-------+------+------+-------
- 1.| 89602| 23355| 52152| 90610| 255719| 44,7 | 19,7 | 25
- 2.| 1596| 115| 15| 801| 2527| 1,3 | 0,9 | 0,4
- 3.| 30174| 609| 2037| 36420| 69240| 34,9 | 15,5 | 19,4
- 4.| 682998|212526| 185843| 527661|1609028| 35,6 | 19,8 | 15,8
- 5.| 621665| 34050| 367014| 341662|1364391| 36,2 | 17,4 | 18,8
- 6.| 4281| 32| 56| 2888| 7257| 3,7 | 2,2 | 1,5
- 7.|1360341|160340| 320417| 143674|1984772| 55,2 | 42,3 | 12,9
- 8.| 194579| 31172| 61205| 114304| 401260| 13,9 | 7,8 | 6,1
- 9.| 2093| 471| 1199| 1002| 4765| 22,7 | 12,2 | 10,5
- 10.| -- | -- | -- | -- | -- | -- | -- | --
- 11.| 64308| 20031| 24721| 45091| 154151| 36 | 19,7 | 16,3
- 12.| 15174| 865| 1181| 15331| 32551| 16,8 | 8,3 | 8,5
- 13.| 255516| 60680| 40166| 85318| 441680| 19,9 | 14,3 | 5,6
- 14.| 17605| 1778| 2886| 10908| 33177| 7,3 | 4,3 | 3
- 15.| 7003| 1189| 339| 2377| 10908| 2,2 | 1,6 | 0,6
- 16.| 138355| 8863| 12046| 94959| 254223| 3,1 | 1,8 | 1,3
- 17.| 39145| 3164| 3452| 32204| 77965| 16,9 | 9,2 | 7,7
- 18.| 61826| 10982| 19471| 57403| 149682| 52,9 | 25,7 | 27,2
- 19.|\____________1286____________/| 1286| 0,7 | 0,7 | --
- 20.| 95360| 345| 5736| 41000| 142441| 8,5 | 5,7 | 2,8
- 21.|\____________3003____________/| 3003| 0,5 | 0,5 | --
- 22.| 86655| 20779| 13738| 44953| 166125| 10,6 | 6,9 | 3,7
- ---+-------+------+-------+-------+-------+------+------+-------
- |3773000|591000|1114000|1688000|7166000| 21,7 | 13,2 | 8,5
-
- Länder:
- 1. Belgien
- 2. Bulgarien (1883)
- 3. Dänemark
- 4. Deutschland
- 5. Frankreich.
- 6. Griechenland (1883)
- 7. Großbritannien u. Irland
- 8. Italien
- 9. Luxemburg
- 10. Montenegro
- 11. Niederlande
- 12. Norwegen
- 13. Österreich
- 14. Portugal
- 15. Rumänien (1883)
- 16. Rußland, europ. (1883)
- 17. Schweden
- 18. Schweiz
- 19. Serbien (75)
- 20. Spanien (82)
- 21. Türkei, europäische (82)
- 22. Ungarn
- 23. Europa (rund)
-
-
-=2. Außereuropäischer Briefpostverkehr[75].=
-
- ----------------+----------------------------------------------------+
- | Anzahl der aufgelieferten |
- +----------+---------+---------+---------+-----------|
- | | | Druck- | | |
- Länder. | Briefe. | Post- | sachen, |Zeitungs-|=Zusammen.=|
- | | karten. |Warenpro-| nummern.| |
- | | | ben etc.| | |
- ----------------+----------+---------+---------+---------+-----------+
- =I. Amerika.= | | | | | |
- Vereinigte | | | | | |
- Staaten von | | | | | |
- Amerika (1881 |1068676468|325946011|495121315|874455033| 2746198827|
- Canada (1881/82)| 61040000| 11300000| 7186000| 12000000| 91526000|
- Chile (1882) | 10037802| 96206| 2647645| 7933007| 20714660|
- Argentinische | | | | | |
- Republik (1882)| 9761211| 37999| 1174149| 14571648| 25545007|
- Bermudas (1882) | 114596| 1616| 19708| 6864| 142784|
- Martinique | | | | | |
- (1882) | 706673| 618| 341543| 230949| 1279783|
- St. Pierre und | | | | | |
- Miquelon (1882)| 36372| 117| 314| 2800| 39603|
- Costarica (1882)| 304868| -- | 858086| -- | 1162954|
- Uruguay (1880) | 1016532| 11767| 1218887| -- | 2247186|
- Guadeloupe | | | | | |
- (1882) | 686140| 1750| 136575| 122940| 947405|
- Cuba (1882) | 6775171| 30234| 417250| -- | 7222655|
- Britisch | | | | | |
- Guyana(1882) | 649012| 976| 56284| 377788| 1084060|
- Franz. | | | | | |
- Guyana „ | 90068| 36| 420| 3715| 94239|
- Nicaragua (1882)| 215348| 2166| 3450| 424955| 645919|
- Brasilien (1881)| 19948282| -- | -- | -- | 19948282|
- Curaçao (1882) | 48727| 672| 24870| -- | 74269|
- Peru (1878) | 2491544| -- | 1170762| -- | 3662306|
- Brit. Honduras | | | | | |
- (1882) | 27725| 303| 329| 7082| 35439|
- Grenade (1881) | 40611| 111| 1515| 4543| 46780|
- Guatemala (1882)| 710270| -- | 532198| -- | 1242468|
- Surinam (1882) | 33398| 459| 5308| -- | 39165|
- Mejico (1881/82)| 4328378| 7081| 2951935| -- | 7287394|
- Dominique (1882)| 13550| 103| 3682| 201| 17536|
- Paraguay (1882) | 88085| -- | 27415| 60302| 175802|
- St. Lucie (1882)| 11784| 94| 3| 1141| 13022|
- Honduras | | | | | |
- (Republik) | | | | | |
- (1882) | 66491| 433| 3712| 44933| 115569|
- Columbien | | | | | |
- (1879/80) | 463832| -- | 413350| -- | 877182|
- Haiti (1882) | 86266| 466| 7497| 38098| 132327|
- ---+----------+---------+---------+---------+-----------+
- Diese Staaten | | | | | |
- +Amerikas+ |1188469204|337439218|514324202|910285999| 2950518623|
-
- ----------------------+--------------------------------------
- | Auf 1 Einwohner entfallen
- +-----------+------------+-------------
- Länder. | überhaupt | Briefe und | Drucksachen
- | Stück. | Postkarten.| & c.
- ----------------------+-----------+------------+-------------
- =I. Amerika.= | | |
- Vereinigte Staaten | | |
- von Amerika (1881) | 55,12 | 27,81 | 27,31
- Canada (1881/82) | 21,03 | 16,62 | 4,41
- Chile (1882) | 9,24 | 4,52 | 4,72
- Argentinische | | |
- Republik (1882) | 9,12 | 3,50 | 5,62
- Bermudas (1882) | 8,94 | 7,27 | 1,67
- Martinique (1882) | 7,90 | 4,37 | 3,53
- St. Pierre und | | |
- Miquelon (1882) | 7,28 | 6,71 | 0,57
- Costarica (1882) | 6,65 | 1,75 | 4,90
- Uruguay (1880) | 5,13 | 2,35 | 2,78
- Guadeloupe (1882) | 5,09 | 3,70 | 1,39
- Cuba (1882) | 4,74 | 4,47 | 0,27
- Britisch Guyana (1882)| 4,30 | 2,58 | 1,72
- Franz. Guyana „ | 3,49 | 3,34 | 0,15
- Nicaragua (1882) | 2,15 | 0,72 | 1,43
- Brasilien (1881) | 1,97 | 1,97 | --
- Curaçao (1882) | 1,75 | 1,16 | 0,59
- Peru (1878) | 1,35 | 0,92 | 0,43
- Brit. Honduras (1882) | 1,29 | 1,02 | 0,27
- Grenade (1881) | 1,07 | 0,93 | 0,14
- Guatemala (1882) | 0,99 | 0,57 | 0,42
- Surinam (1882) | 0,73 | 0,63 | 0,10
- Mejico (1881/82) | 0,71 | 0,42 | 0,29
- Dominique (1882) | 0,62 | 0,48 | 0,14
- Paraguay (1882) | 0,60 | 0,30 | 0,30
- St. Lucie (1882) | 0,34 | 0,31 | 0,03
- Honduras (Republik) | | |
- (1882) | 0,33 | 0,19 | 0,14
- Columbien (1879/80) | 0,29 | 0,15 | 0,14
- Haiti (1882) | 0,24 | 0,16 | 0,08
- ----+-----------+------------+-------------
- Diese Staaten | | |
- +Amerikas+ | 32,18 | 16,64 | 15,54[76]
-
-
- ---------------------+------------------------------------------------+
- | Anzahl der aufgelieferten |
- +---------+--------+---------+---------+---------|
- | | | Druck- | | |
- Länder. | Briefe. | Post- | sachen, |Zeitungs-|~Zu- |
- | |karten. |Warenpro-| nummern.| sammen.~|
- | | |ben etc. | | |
- ---------------------+---------+--------+---------+---------+---------+
- =II. Afrika.= | | | | | |
- Kapland (1882) | 6923700| -- | 4933584| -- | 11857284|
- Oranje-Freistaat (79)| 364726| -- | 269093| -- | 633819|
- Réunion (1882)| 460892| 2460 | 141534| 66518| 671404|
- Algerien u. Tunis „ | 8121095| 81777 | 1861190| 3592569| 13656631|
- Guinea (portug.) „ | 9539| 1 | 1180| 2267| 12987|
- Kapverdische Ins. „ | 92667| -- | 23050| 25015| 140732|
- Ägypten „ | 4254731| 75000 | 672300| 1328940| 6330971|
- Senegal „ | 196517| 14 | 6967| 14113| 217611|
- Seychellen „ | 10125| 15 | -- | 127| 10267|
- Mayotte „ | 6375| -- | 83| -- | 6458|
- Nossi-Bé „ | 5416| -- | 144| 176| 5736|
- --+---------+--------+---------+---------+---------+
- Diese Staaten | | | | | |
- +Afrikas+ | 20445783| 159267 | 7909125| 5029725| 33543900|
- --+---------+--------+---------+---------+---------+
- =III. Asien. = | | | | | |
- Hongkong (1882) | 614160| 10789| 160506| 226627| 1012082|
- Ceylon (1881) | 6576130| 56845| 2858966| 264822| 9756763|
- Japan (1882) | 50399981|32042121| 1505833| 21129228|105077163|
- Portug. Ostindien | | | | | |
- (82) | 360205| 2286| 3857| 188766| 555114|
- Samos (1881) | 27623| -- | -- | 15632| 43255|
- Brit. Ostindien | | | | | |
- (81/82) |134423918|21953265| 2318010| 13477700|172172893|
- Cochinchina (1882) | 412615| 130| 76222| 359424| 848391|
- Niederl. Ostindien | | | | | |
- (82) | 4528275| 616334| 338044| 1806878| 7289531|
- Persien (1882) | 1153930| 1500| 16810| 8100| 1180340|
- Franz. Ostindien | | | | | |
- (1882) | 25835| 119| 788| 2679| 29421|
- --+---------+--------+---------+---------+---------+
- Diese Staaten | | | | | |
- +Asiens+ |198522672|54683389| 7279036 37479856|297964953|
- --+---------+--------+---------+---------+---------+
- =IV. Australien.= | | | | | |
- Neu-Seeland (1880) | 23000000| 598891 | 1673450| 10272917| 35545258|
- Neu-Südwales (1882) | 27792577| 222800 | 18057500| -- | 46072877|
- Victoria (1882) | 28877977| -- | 4972486| 12383928| 46234391|
- West-Australien | | | | | |
- (1880) | 470018| -- | -- | 772896| 1242914|
- Süd-Australien (1879)| 5170386| -- | -- | 5790768| 10961154|
- Queensland (1881) | 4621792| -- | 335505 | 3572375| 8529672|
- Tasmania (1880) | 1341164| -- | -- | 2195733| 3536897|
- Neu-Caledonien (1882)| 300089| -- | 13134 | 27400| 340623|
- Hawaii (1882) | 252525| -- | -- | -- | 252525|
- Tahiti (1882) | 39024| -- | 4647 | 20475| 64146|
- --+---------+--------+---------+---------+---------+
- Diese Staaten | | | | | |
- +Australiens + | 91865552| 821691 | 25056722| 35036492|152780457|
-
- ------------------------+--------------------------------------
- | Auf 1 Einwohner entfallen
- +-----------+------------+-------------
- Länder. | überhaupt | Briefe und | Drucksachen
- | Stück. | Postkarten.| & c.
- ------------------------+-----------+------------+-------------
- =II. Afrika.= | | |
- Kapland (1882) | 7,18 | 4,19 | 2,99
- Oranje-Freistaat (79) | 6,34 | 3,65 | 2,69
- Réunion (1882) | 3,97 | 2,74 | 1,23
- Algerien u. Tunis „ | 2,57 | 1,54 | 1,03
- Guinea (portug.) „ | 1,75 | 1,29 | 0,46
- Kapverdische Ins. „ | 1,35 | 0,89 | 0,46
- Ägypten „ | 1,20 | 0,82 | 0,38
- Senegal „ | 1,10 | 1,00 | 0,10
- Seychellen „ | 0,73 | 0,72 | 0,01
- Mayotte „ | 0,64 | 0,63 | 0,01
- Nossi-Bé „ | 0,64 | 0,60 | 0,04
- ---+-----------+------------+------------
- Diese Staaten +Afrikas+ | 2,61 | 1,60 | 1,01
- ---+-----------+------------+------------
- =III. Asien.= | | |
- Hongkong (1882) | 6,30 | 3,90 | 2,40
- Ceylon (1881) | 3,53 | 2,40 | 1,13
- Japan (1882) | 2,87 | 2,25 | 0,62
- Portug. Ostindien (82) | 1,27 | 0,83 | 0,44
- Samos (1881) | 1,11 | 0,71 | 0,40
- Brit. Ostindien (81/82) | 0,68 | 0,62 | 0,06
- Cochinchina (1882) | 0,53 | 0,26 | 0,27
- Niederl. Ostindien (82) | 0,30 | 0,21 | 0,09
- Persien (1882) | 0,18 | 0,18 | --
- Franz. Ostindien (1882) | 0,10 | 0,09 | 0,01
- ---+-----------+------------+------------
- Diese Staaten +Asiens+ | 0,91 | 0,77 | 0,14
- ---+-----------+------------+------------
- =IV. Australien.= | | |
- Neu-Seeland (1880) | 66,53 | 44,17 | 22,36
- Neu-Südwales (1882) | 61,36 | 37,31 | 24,05
- Victoria (1882) | 53,62 | 33,49 | 20,13
- West-Australien (1880) | 40,09 | 15,16 | 24,93
- Süd-Australien (1879) | 39,66 | 18,71 | 20,95
- Queensland (1881) | 39,13 | 21,20 | 17,93
- Tasmania (1880) | 30,57 | 11,59 | 18,98
- Neu-Caledonien (1882) | 4,72 | 4,16 | 0,56
- Hawaii (1882) | 4,21 | 4,21 | --
- Tahiti (1882) | 2,48 | 1,51 | 0,97
- ---+-----------+------------+------------
- Diese Staaten | | |
- +Australiens+ | 52,23 | 31,69 | 20,54
-
-Unter den Ländern +Europas+ steht hiernach bezüglich der ausgelieferten
-+Briefzahl Großbritannien+ mit 1360 Millionen Briefen obenan. Freilich
-finden sich hier auch alle einen lebhaften Briefverkehr begünstigenden
-Verhältnisse vereinigt: volkreiche Städte, Dichtigkeit der Bevölkerung,
-Wohlhabenheit, eine Industrie, die an Ausdehnung, zum Teil auch an
-Vortrefflichkeit der Erzeugnisse jede andere der Erde übertrifft,
-ein Welthandel in der großartigsten Bedeutung des Wortes und ein in
-hohem Grade ausgebildetes Verkehrswesen. Großbritannien zunächst steht
-+Deutschland+ mit fast 683 Mill. Briefen; ihm folgen Frankreich mit
-über 621 Mill., Österreich-Ungarn mit 342 Mill. u. s. w. Die geringste
-Zahl der Briefe entfällt auf die Staaten der Balkanhalbinsel, so auf
-Bulgarien nur rund 1½ Mill.
-
-Was die +außereuropäischen Staaten+ betrifft, so ist besonders der
-Briefverkehr der Union, des britischen Indien, Japans, der Provinzen
-Neu-Südwales und Victoria, sowie Neu-Seelands von hervorragender
-Bedeutung. Auf die Union kommen über 1068 Mill. Briefe, auf
-Britisch-Indien 134 Mill. (1884: 144 Mill.) und aus Japan 50 Mill.
-(1884: 56 Mill.).
-
-Eine beträchtlich andere Anordnung der Staaten ergiebt sich
-hinsichtlich der Menge der expedierten +Postkarten+. Den ersten Platz
-in dieser Beziehung nimmt +Deutschland+ ein mit 212½ Mill., dann erst
-folgt Großbritannien und Irland mit 160 Mill., an dritter Stelle steht
-Österreich-Ungarn mit über 81 Mill., und an vierter Frankreich mit 34
-Mill. Karten.
-
-In der Union beträgt die Zahl der ausgelieferten Postkarten fast 326
-Mill. Stück; sie machen somit von der Postkarte unter sämtlichen
-Staaten der Erde den häufigsten Gebrauch. Japan figuriert in der
-Statistik mit 32 Mill. (1884: 36,6 Mill.) und Britisch-Indien mit fast
-22 Mill. Karten (1884: 38,6 Mill.).
-
-Was die Zahl der expedierten +Drucksachen+, +Warenproben+ u. s. w.
-betrifft, so befördert in Europa die meisten derartigen Sendungen
-+Frankreich+: über 367 Mill. Sehr gering ist die Zahl solcher Sendungen
-in den industriearmen Gebieten der Balkanhalbinsel.
-
-In den Vereinigten Staaten beliefen sich diese Sendungen auf 495 Mill.;
-dieselben übertreffen also auch in dieser Hinsicht alle übrigen Staaten
-der Erde. Von den außereuropäischen Gebieten kommt ihnen zunächst
-Neu-Südwales mit 18 Mill.
-
-Ganz außerordentlich groß ist auch die Zahl der postmäßig versendeten
-+Zeitungen+. So wurden ausgeliefert an Zeitungsnummern: in
-+Deutschland+ 527 Mill., in Frankreich 341 Mill., in Großbritannien
-fast 143½ Mill., in Österreich-Ungarn an 130 Mill. u. s. w. Die
-unterste Stufe nehmen auch in dieser Beziehung die Balkanstaaten ein.
-
-Geradezu enorm ist die Zahl der in den Vereinigten Staaten expedierten
-Zeitungsexemplare; sie betrug 874 Mill.
-
-Daß die Post durch die Beförderung dieser Millionen und Millionen
-von Zeitungen und Drucksachen einen großen Anteil an der +geistigen
-Entfaltung+ der Völker hat, ist außer Zweifel. Ein amerikanisches
-Blatt preist deshalb die Post als den „mächtigen Mauerbrecher, der
-die Finsternis der Unwissenheit zerstört“, und ein Präsident der
-Vereinigten Staaten nennt das Postamt den „großen Erzieher des Volkes“.
-
-+Von höchstem Interesse ist eine Vergleichung der Staaten bezüglich der
-Zahl der Briefe, die durchschnittlich auf jeden Kopf der Bevölkerung
-trifft.+ Man erhält dadurch eine Art Censurentabelle für die Bildung
-der betreffenden Nationen, aber auch für den Grad der Entwicklung
-der Posteinrichtungen in den bezüglichen Ländern. Am stärksten ist
-nach unserer Tabelle der Briefverkehr in Europa entwickelt, in
-Großbritannien und Irland mit 42,3 Briefen und Karten pro Kopf;
-daran reihen sich die Schweiz, Deutschland, Belgien, die Niederlande
-und Frankreich, dieses mit 19,8 Briefen und Karten pro Kopf. Den
-+geringsten+ durchschnittlichen Briefverkehr weisen auf Rußland und die
-Staaten der Balkanhalbinsel.
-
-Diese Censurentabelle gilt übrigens nicht ohne weiteres; sie will
-vielmehr mit gewissen Einschränkungen angewendet sein. Die auffällige
-Erscheinung z. B., daß die Schweiz, deren Posteinrichtungen im
-allgemeinen jenen in Deutschland gleichen, und deren Bevölkerung
-kaum eine höhere Durchschnittsbildung besitzt als die deutsche,
-eine so erheblich höhere Brieffrequenz aufzeigt, erklärt sich
-leicht, wenn man an die Hunderttausende von Reisenden denkt, welche
-einer Völkerwanderung gleich alljährlich das Land überschwemmen
-und die eigene Bevölkerung desselben von drei Mill. Einwohnern
-unverhältnismäßig steigern. Der Briefverkehr Großbritanniens ist
-nach der Tabelle mehr als doppelt so groß wie der in Deutschland.
-Thatsächlich aber kommt die Brieffrequenz im Deutschen Reiche
-derjenigen in England nahezu gleich. In England befaßte sich
-nämlich die Post bis in die jüngste Zeit, abgesehen von dem
-Postanweisungsverkehr, nur mit der Beförderung von Briefen, Postkarten,
-Warenproben, Drucksachen und Zeitungen, in Deutschland hingegen auch
-mit der Expedition von Paketen, Postaufträgen und Geldbriefen. Fast
-jedes durch die Post versandte Paket und jeder Geldbrief wird nun in
-Deutschland erfahrungsgemäß auch zu brieflichen Mitteilungen benutzt;
-beide Arten von Sendungen stellen mithin in den meisten Fällen einen
-Brief dar: all diese Mitteilungen kommen aber bei der obiger Berechnung
-zu Grunde gelegten Anzahl von den +Briefsendungen+ nicht in Ansatz.
-
-Es wirken eben zu den oben angeführten Ergebnissen sehr
-verschiedenartige Umstände mit. So ist auf die Entwicklung,
-beziehungsweise den jetzigen Umfang des Briefverkehrs auch der Umstand
-von Einfluß, ob die ermäßigte Brieftaxe schon seit längerer Zeit in
-einem Lande eingeführt ist oder erst seit wenigen Jahren besteht.
-Selbst Sitten und Gewohnheiten eines Volkes sind für den Briefverkehr
-maßgebend. Der Reisetrieb z. B. ist bei einigen Völkern mehr, bei
-anderen weniger ausgebildet; ersteres ist der Fall besonders bei den
-Engländern, Nordamerikanern, Deutschen und Schweizern, letzteres
-bei den Franzosen, Italienern und Spaniern. Demgemäß befindet sich
-ein größerer Teil der zuerst erwähnten Nationen vielfach außerhalb
-der Heimat und steht mit dieser durch die Posteinrichtungen in
-steter Verbindung. Erwähnenswert ist ferner, daß in Frankreich, wie
-es den Anschein hat, aus Rücksichten der Etikette bis jetzt von
-der Postkarte für Familien- und Verwandtschafts-Beziehungen wenig
-Gebrauch gemacht wird. Sie dient dort im wesentlichen nur zu kürzeren
-geschäftlichen Mitteilungen. Es werden denn auch, wie aus den obigen
-Angaben ersichtlich, in Deutschland mehr als fünfmal soviel Postkarten
-verwendet, als in Frankreich.
-
-Unter den Ländern +außerhalb Europas+ stehen bezüglich der Häufigkeit
-des Briefverkehrs obenan Neu-Seeland (mit 44,17 Briefen und Karten
-pro Kopf), dann die australischen Provinzen Neu-Südwales und Victoria
-(mit 37,31, beziehungsweise 33,49), ferner die Vereinigten Staaten und
-Canada (mit 27,81, beziehungsweise 16,62). Den niedrigsten Stand des
-Korrespondenzbedürfnisses zeigt unter den +großen+ außereuropäischen
-Staatsgebieten Britisch-Indien mit 0,62 Briefen und Karten pro Kopf
-(1884: 0,71).
-
-Sehr instruktiv ist, wie wir gesehen haben, eine Vergleichung der
-Staaten bezüglich der Zahl der Briefe und Karten, die auf jeden Kopf
-der Bevölkerung durchschnittlich entfällt. Nicht weniger belehrend
-ist eine +Zusammenstellung derselben mit Rücksicht darauf, wieviel
-Drucksachen, Zeitungsnummern und Warenproben auf einen Einwohner
-entfallen+. In dieser Hinsicht steht an erster Stelle die Schweiz
-mit 27,2 Sendungen pro Kopf der Bevölkerung; ihr schließen sich an
-Belgien (mit 25), Dänemark (mit 19,4), Frankreich (mit 18,8), die
-Niederlande (mit 16,3). Deutschland (mit 15,8) u. s. w. Die geringste
-Zahl derartiger Sendungen zeigen Griechenland, Rußland, Rumänien und
-Bulgarien.
-
-+Außerhalb Europas+ entfallen die meisten dieser Sendungen auf die
-Vereinigten Staaten (27,31 pro Kopf) und auf die australischen Staaten
-(22,36-17,93).
-
-Bei Zusammenfassung +sämtlicher Briefpostsendungen+ (Briefe,
-Postkarten, Drucksachen, Warenproben und Zeitungen) stellt sich das
-Verhältnis der +europäischen+ Staaten derart, daß Großbritannien mit
-Irland mit 55,2 Stück pro Kopf den ersten Rang einnimmt. Diesem Staate
-reihen sich an die Schweiz (mit 52,9), Belgien (mit 44,7), Frankreich
-(mit 36,2), die Niederlande (mit 36), Deutschland (mit 35,6), Dänemark
-(mit 34,9) und Österreich-Ungarn (mit 30,5 Stück). An letzter Stelle
-stehen Serbien und die Türkei.
-
-+Außerhalb Europas+ entfallt der stärkste Briefpostverkehr auf
-Neu-Seeland (66,53 Stück pro Kopf), Neu-Südwales (61,36), Victoria
-(53,62) und auf die Vereinigten Staaten von Amerika (55,12). +Diese
-ebengenannten Gebiete weisen unter sämtlichen Ländern der Erde die
-höchste Zahl von Briefpostsendungen pro Kopf der Bevölkerung auf.+
-
-Im +internationalen+ Austausch gruppieren sich die einzelnen
-wichtigeren Postgebiete mit ihrem eigentlichen Briefverkehre (Briefe
-und Postkarten ohne Hinzuzählung der übrigen Briefpostgegenstände)
-nach den Resultaten der Berner Statistik für 1884 und den Angaben in
-+Veredarius+ (S. 382) wie folgt:
-
- Deutschland rund 56 Mill.
- Großbritannien (1883) „ 48 „
- Österreich-Ungarn „ 45 „
- Frankreich „ 38 „
- Ver. Staaten v. Amerika „ 35 „
- Italien (1883) „ 18 „
- Belgien „ 18 „
- Schweiz „ 14 „
- Niederlande „ 8 „
- Rußland „ 8 „
- Spanien (1883) „ 6 „
- Schweden „ 4 „
- Dänemark „ 3 „
- Norwegen „ 2 „
-
-Vorstehende Zahlen begreifen den Verkehr +aus+ den bezeichneten
-Postgebieten nach fremden Ländern in sich; fast dieselbe Reihenfolge
-ergiebt sich bezüglich des Verkehrs aus den fremden Ländern +nach+ den
-einzelnen Postgebieten, nämlich:
-
- Deutschland rund 57 Mill.
- Österreich-Ungarn „ 47 „
- Großbritannien (1883) „ 41 „
- Frankreich „ 35 „
- Ver. Staaten v. Amerika „ 30 „
- Italien (1883) „ 15 „
- Schweiz „ 14 „
- Belgien „ 12 „
- Rußland „ 10 „
- Niederlande „ 8 „
- Spanien (1883) „ 6 „
- Schweden „ 4 „
- Dänemark „ 4 „
- Norwegen „ 3 „
-
-Die +Gesamtzahl+ der im +internationalen+ Verkehr innerhalb des
-dermaligen Weltpostvereinsgebietes ausgetauschten Briefpostsendungen,
-die Zeitungen nicht mit eingeschlossen, betrug für 1883 rund 774 Mill.;
-es ist das im Vergleich zu den 428 Mill. Briefpostsendungen des Jahres
-1875 eine Steigerung von 346 Mill. oder um 81%.
-
-Die ganze Großartigkeit des Getriebes der Weltpost kommt aber erst
-dann zum vollen Ausdruck, wenn man den +gesamten+ Postverkehr der
-Kulturländer, mithin sowohl den internationalen, als auch den
-Verkehr innerhalb der einzelnen Länder, in seinen Riesenzahlen sich
-vergegenwärtigt.
-
-+Der Weltpostverkehr auf der ganzen Erde+ gestaltete sich (nach der
-„Statistik der Reichspost- und Telegraphenverwaltung für 1884“) im
-Jahre 1884 wie folgt:
-
- -----------------+---------+--------+-------+---------+--------+-------
- Erdteile. | Europa | Asien | Afrika| Amerika |Austra- | Erde
- | | | | | lien | (rund)
- -----------------+---------+--------+-------+---------+--------+-------
- Einwohner - Mill.| 328 | 795 | 205| 100| 4| 1400
- Postanstalten - | | | | | |
- Zahl. | 68000 | 22400 | 500| 59100| 4000| 154000
- Briefkasten - | | | | | |
- Zahl. | 233500 | 43400 | 1100| 30800| 4200| 313000
- Postpersonal. | 334800 | 61000 | 2000| 85900| 5300| 489000
- Anzahl der | | | | | |
- aufgelieferten | (in Millionen)
- Briefe, | | | | | |
- gewöhnliche und| | | | | |
- eingeschriebene| 3894,1| 246 | 18,7| 1596,8| 93,4| 5849
- Postkarten | 597,5| 80 | 0,3| 398 | 1,2| 1077
- Zeitungen, | | | | | |
- Drucksachen, | | | | | |
- Geschäfts- | | | | | |
- papiere | 2681,9| 62,9| 11 | 1798,2| 56 | 4610
- Warenproben | 75,8| 0,7| 0,7| 26 | 0,8| 104
- =Zusammen= | 7249,3| 389,6| 30,7| 3819 | 151,4| 11640
- -----------------+---------+--------+-------+---------+--------+-------
- Auf einen | | | | | |
- Menschen | | | | | |
- entfallen | | | | | |
- Insgesamt | | | | | |
- Stück. | 22,10| 0,49| 0,15| 38,19| 37,85|8,31
- Briefe u. | | | | | |
- Postkart. | | | | | |
- Stück. | 13,69| 0,41| 0,09| 19,95| 23,65|4,95
-
-Es beträgt hiernach die Gesamtstückzahl der auf der ganzen Erde
-bei der Post aufgegebenen +Briefe+ und +Postkarten+ 6926 Mill.
-jährlich, 19 Mill. täglich. Unter Hinzurechnung der Zahl der
-übrigen Briefpostsendungen, als der Drucksachen, Geschäftspapiere,
-Zeitungsnummern, Warenproben, beläuft sich die Gesamtsumme auf 11640
-Mill. Wird die Bevölkerung der Erde rund zu 1400 Mill. angenommen, so
-treffen auf einen Menschen im Jahre 8,3 Briefpostsendungen, darunter
-4,9 oder rund 5 +Briefe+ und +Postkarten+. In den einzelnen Weltteilen
-gestalten sich die Verhältnisse sehr verschieden; in Europa entfallen
-entsprechend der Bedeutung seiner Stellung im Weltverkehr auf einen
-Einwohner 22,1 Briefpostsendungen, darunter 13,7 Briefe und Postkarten.
-Wenn Amerika mit der hohen Ziffer von 38,19, Australien mit 37,9
-Briefsendungen auf einen Einwohner erscheinen, so treten beide Erdteile
-doch in der Gesamtsumme des Postverkehrs weit hinter Europa zurück, da
-sie weit spärlicher bevölkert sind als dieses.
-
-In obenstehender Tabelle finden sich auch Angaben über die Gesamtsumme
-der +Postanstalten+, der +Postbriefkasten+ und der +Postbeamten+ in
-den einzelnen Weltteilen. Hier tritt ebenfalls Europas Übergewicht
-hervor. Es stehen daselbst 68000 Postanstalten im Betriebe mit einem
-Personal von 334800 Beamten. Für Amerika ist die Zahl der Postanstalten
-auf 59100 anzunehmen; davon befinden sich etwa 47870 allein in den
-Vereinigten Staaten von Amerika. Im übrigen ist die Organisation der
-Mehrzahl der amerikanischen Postanstalten weit weniger entwickelt,
-als dies bei den Postanstalten in Europa der Fall ist; dies geht
-schon daraus hervor, daß in Amerika bei dem Vorhandensein von 85900
-Postbeamten, darunter 69000 in den Vereinigten Staaten von Amerika,
-durchschnittlich noch nicht 2, dagegen in Europa 4,9, rund 5 Beamte,
-also mehr als noch einmal soviel, auf +eine+ Postbetriebstelle
-entfallen.
-
-Vergleichen wir die vorstehenden Resultate des Weltpostverkehrs mit
-jenen früherer Jahrzehnte, so zeigt sich uns eine gewaltige Steigerung
-desselben. Im Jahre 1865 mögen etwa 2300 Mill. Briefe im Weltverkehr
-gewechselt worden sein; 1873 war diese Zahl auf 3300 Mill. angewachsen;
-1882 hat die Briefzahl die Höhe von 5000 Mill. bereits überschritten,
-und im Jahr 1884 betrug die Zahl der Briefsendungen, einschließlich
-der Postkarten, Drucksachen, Warenproben und Zeitungsnummern, mehr
-als 11 Milliarden[77]. Diese Zahlen sind wohl ein glänzendes Zeugnis
-der Wirksamkeit des Weltpostvereins und seiner Bedeutung für die
-menschliche Kultur.
-
-
-II. Geldverkehr der Post.
-
-„Wie Merkur, ihr Schutzpatron,“ sagt Fischer in seiner wiederholt
-angeführten Schrift, „pflegt die Post nicht bloß Botschaften, sondern
-auch Geld bei sich zu führen. Den modernen Formen des Handelsverkehrs
-sich anpassend, hat sich dieser Dienstzweig von der ursprünglichen
-Naturalversendung an bis zu mannigfachen Gestalten bankmäßigen
-Zahlungsausgleichs entwickelt und stellt in seiner Gesamtheit eine
-ungemein umfassende Thätigkeit dar.“
-
-Am besten erhellt der Fortschritt in dieser Beziehung durch einen
-Vergleich der Jetztzeit mit früheren Jahrhunderten. „Ältere
-Postregulative,“ fährt derselbe Autor fort, „strotzen von den
-scharfsinnigsten Kautelen, mit denen die Auflieferung, die Beförderung
-und die Bestellung von Wertsendungen umgeben zu werden pflegte. In der
-Regel wurde gefordert, daß der angegebene Wertbetrag nach vorheriger
-Aufzählung und Feststellung im Beisein des Annahmebeamten oder wohl gar
-des Postamtsvorstehers vom Absender verpackt werde; seinem Siegel wurde
-dann das des Postamts als besondere Sicherheitswache beigedruckt. Bei
-der Ankunft ging es nicht minder umständlich zu. Der Adressat mußte zur
-Post kommen; in seinem Beisein wurde der Brief geöffnet, der Inhalt
-vorgezählt und dann förmliche Quittung geleistet.“ So war in früheren
-Zeiten die Versendung von Geldbeträgen mit großen Schwierigkeiten und
-nach Umständen auch mit Verlusten verknüpft. Jetzt können an jedem
-Postorte Deutschlands, ohne Hilfe eines Banquiers, ohne Wechsel, ohne
-ausländisches Geld, Beträge durch die Post nach den verschiedensten
-Ländern sicher und gegen eine verhältnismäßig geringe Gebühr überwiesen
-werden. Wie sehr hierdurch der internationale Verkehr erleichtert
-worden, liegt auf der Hand.
-
-1. +Postanweisungen+[78]. Unter den Geldgeschäften der Post ist der
-+Postanweisungsverkehr+ von hervorragender Wichtigkeit. Obwohl erst zu
-Anfang der sechziger Jahre in den Geschäftskreis der Post aufgenommen,
-hat sich dies Verfahren, wonach die Post nicht die Beförderung,
-sondern einfach die Auszahlung von Geldbeträgen übernimmt, ungemein
-rasch über die ganze Welt verbreitet. Heutzutage sind in Deutschland
-Postanweisungen bereits zulässig nach fast sämtlichen Ländern Europas,
-nach den Vereinigten Staaten, sowie nach den meisten außereuropäischen
-Kolonieen. Die großartige +Entwicklung+ des Postanweisungsverkehrs
-beleuchten folgende Zahlenangaben:
-
-Der +interne Gesamtverkehr+ bezüglich der +Postanweisungen+ betrug nach
-der Berner Statistik für 1884
-
- ---------------------------------------+-----------+------------
- | | Gesamtwert
- Länder. | Stückzahl.| in
- | | Mill. Frcs.
- ---------------------------------------+-----------+------------
- in Deutschland | 57186050 | 4282
- „ England | 29345985 | 779
- „ Frankreich | 18043559 | 550
- „ Österreich | 11145475 | 833
- „ den Vereinigten Staaten von Amerika | 7835694 | 633
- „ Ungarn | 6756424 | 477
- „ Italien (1883)[79] | 4108419 | 534
- „ Britisch Indien | 3034894 | 183
- „ der Schweiz | 2016884 | 228
- „ Belgien | 1534008 | 109
- „ den Niederlanden | 1468531 | 49
-
-Obenan steht demnach in dieser Beziehung weitaus +Deutschland+.
-Selbst im Vergleich zu +Österreich+, das bezüglich des internen
-Postanweisungsverkehrs an +zweiter+ Stelle steht, betrugen die in
-+Deutschland+ auf diese Weise vermittelten Summen rund das 5fache.
-Noch 1882 hatte der interne Postanweisungsverkehr Deutschlands höhere
-Summen aufzuweisen, als derjenige +der sämtlichen übrigen Staaten
-der Erde zusammengenommen+. -- Was die +Zahl+ der im innern Verkehre
-Deutschlands zur Aufgabe gelangenden Postanweisungen betrifft, so
-beläuft sich dieselbe, verglichen mit jener der größten ausländischen
-Staaten, nach der Berner Statistik für 1884:
-
- auf rund das Doppelte gegenüber Großbritannien,
- auf mehr als das Dreifache „ Frankreich,
- „ „ „ Fünffache „ Österreich,
- „ „ „ Siebenfache „ den Ver. Staaten von Amerika,
- „ „ „ Achtfache „ Ungarn,
- „ „ „ Dreizehnfache „ Italien.
-
-1881 betrug der +tägliche+ Gesamtumsatz an Ein- und Auszahlungen bei
-den Reichspostanstalten rund 14½ Mill. Mark. Der +durchschnittliche+
-Betrag einer Postanweisung +innerhalb+ des deutschen Reichspostgebietes
-erreichte 1880 die Summe von 57 M. 37 Pf., während derselbe aus
-dem deutschen Reichspostgebiet +nach dem Auslande+ sich auf 58 M.
-48 Pf. und in der Richtung aus dem Ausland +nach dem deutschen
-Reichspostgebiet+ auf 47 M. 14 Pf. stellte. Der großartigste
-Postanweisungsverkehr bezüglich der +fremden Länder+ besteht seitens
-des Deutschen Reichs mit Österreich-Ungarn.
-
-Der gesamte +internationale+ Postanweisungsverkehr ergab für das Jahr
-1884 eine Summe von rund 7⅖ Mill. Stück Anweisungen im Gesamtbeträge
-von 390 Mill. Mark.
-
-Einschließlich der in obiger Tabelle nicht genannten Länder bezifferte
-sich während des Jahres 1884 der +Gesamtanweisungsverkehr+ im
-+Gesamtbereiche+ des +Weltpostvereins+ auf 150 Millionen Stück mit
-einem Werte von 8845 Millionen Frcs.
-
-2. +Postnoten+ (~postal orders~) und +Postkreditbriefe+ (~titoli
-postali di credito~). Die +englische+ Postverwaltung giebt seit
-1880 sogenannte +Postnoten+ aus, d. h. auf feste Beträge lautende
-Postanweisungen, die gegen eine geringe Gebühr bei allen inländischen
-Postanstalten eingelöst werden und mithin ein Mittelding zwischen
-Papiergeld und Postanweisung darstellen. Die Einrichtung besteht
-gegenwärtig in England, Britisch Indien, den Vereinigten Staaten von
-Amerika, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und in den australischen
-Kolonieen. -- Die +Postkreditbriefe+ sind eine Einrichtung der
-+italienischen+ Post; durch sie wird die Möglichkeit gewährt, bei
-jeder Postanstalt des Königreichs beliebige Beträge innerhalb der
-eingezahlten Summe abzuheben. Solche Kreditbriefe werden von den
-Provinzial-Postdirektionen in den größeren Städten, wie in Rom,
-Florenz, Genua etc., bis zur Höhe von 10000 Lire, von den übrigen
-Provinzial-Postdirektionen bis zu 3000 Lire ausgestellt.
-
-3. +Postnachnahmen.+ Das Postnachnahmewesen besteht darin, daß die
-Post die Verpflichtung übernimmt, gewisse Sendungen den Adressaten
-nur gegen Zahlung des vom Absender bezeichneten und demselben zu
-erstattenden Geldbetrags auszuhändigen. Auch dieses Verfahren wird
-vom Publikum gerne benutzt. Obenan steht +Deutschland+, das in der
-Berner Statistik für 1884 mit einer Jahressumme von 8354500 Stück
-Nachnahmesendungen im Betrage von über 78 Mill. Frcs. vertreten ist.
-Das Postnachnahme-Verfahren besteht übrigens nur in wenigen Ländern,
-gleichwohl ergab sich für 1884 im ganzen ein +internationaler+
-Jahresumsatz von 12½ Mill. Frcs.
-
-4. +Postaufträge.+ Durch das Postauftragsverfahren ist es möglich,
-durch die Post die Einziehung von Schuldbeträgen bis zur Höhe von 600
-M. bewirken zu lassen. Den umfangreichsten Verkehr hat auch in diesem
-Geschäftszweige +Deutschland+ aufzuweisen mit einem Gesamtbeträge von
-gegenwärtig jährlich 519 Mill. Frcs. Dann folgen Belgien mit 390 Mill.
-und Frankreich mit 140 Mill. Auch das Postauftragsverfahren hat noch
-nicht in sehr vielen Ländern Eingang gefunden[80].
-
-5. +Postsparkassen+[81]. Mißstände in der Verwaltung der in England
-bestehenden Privatsparkassen veranlagen 1860 den Banquier +Sykes+
-aus Huddersfield, dem englischen Ministerium die Errichtung von
-+Postsparkassen+ vorzuschlagen. Dieser Vorschlag fand lebhaften
-Anklang, und 1861 bereits wurden dort die ~Post Office Saving Banks~
-begründet.
-
-Auf dem europäischen Kontinente folgte dem Beispiele Englands
-zuerst +Belgien+, und zwar am 1. Januar 1870. 1875 gelangten die
-Postsparkassen zur Einführung in +Italien+, 1880 in den +Niederlanden+,
-1882 in +Frankreich+, 1883 in +Österreich+, am 1. Januar 1884 in
-+Schweden+, und Ende des Jahres 1884 ist auch in +Deutschland+
-ein diesbezüglicher Gesetzentwurf seitens der Reichsregierung dem
-Reichstage vorgelegt worden. Leider wurde derselbe seitens des
-Reichstags abgelehnt. Bei der Reform des +dänischen+ Sparkassenwesens
-im Jahre 1879 scheiterte die Einführung der Postsparkassen nur an dem
-Bedenken, daß den mäßig besoldeten Postbeamten daraus eine größere Last
-erwachsen könnte. In +Ungarn+ wird gleichfalls die Einführung derselben
-beabsichtigt und ebenso in der +Schweiz+.
-
-+Außerhalb Europas+ richtete zuerst +Canada+ (1882: 51463 Conti mit
-9473661 Dollars Gesamtguthaben) Postsparkassen nach englischem Muster
-ein; dann folgten die +Straits-Settlements+ (Straßenansiedlungen an
-der Straße von Malacca) und andere englische Kolonieen (Victoria 1879:
-49233 Einleger mit 950101 Pfd. St.). 1875 führte auch +Japan+ das
-Postsparkassen-Institut ein, beiläufig mit dem Erfolge, daß am Ende
-des Rechnungsjahres 1881/82 die Zahl der Einnahmestellen 1164, die
-Zahl der Einleger 221000 und die Summe der Einlagen nahezu 4 Mill. M.
-betrug. Endlich hat auch die +britisch-indische+ Regierung, zunächst in
-der Provinz Bengalen und im Nordwesten Indiens, einen diesbezüglichen
-Versuch gemacht. Dem nordamerikanischen Repräsentantenhause ist bereits
-vor längerer Zeit eine Bill vorgelegt worden, welche die Einrichtung
-der Postsparbanken auch für die Vereinigten Staaten empfiehlt.
-
-Die Organisation des Postsparkassenwesens ist übrigens noch nicht
-abgeschlossen. Schon besteht zwischen Frankreich und Belgien ein
-Vertrag, kraft dessen das Guthaben der Einleger ohne Kosten von einem
-Lande aufs andere übertragen werden kann, desgleichen zwischen Belgien
-und den Niederlanden. Ähnliche Übereinkommen will Frankreich auch mit
-England, Italien und Österreich abschließen, und diesen Kartellen
-gedenken auch die Niederlande beizutreten. So ist bereits der Anfang
-gemacht zu einer +internationalen Organisation der Postsparkassen+,
-welche im Weltpostverein leicht weitere Ausbildung wird erfahren können.
-
-Die wahrhaft großartige Entwicklung dieses Instituts, dem so hohe
-wirtschaftliche und moralische Bedeutung zukommt, veranschaulichen
-folgende Zahlen:
-
- ~a.~ +England+.
- -----+---------+---------------------+-----------------------+---------
- | | Einlagen. | Rückzahlungen |Verblei-
- Jahr.| Zahl der+---------+-----------+-------------+---------+bende
- |Einleger.|Zahl der |Betrag in |Zahl d. Rück-|Betrag in|Einlagen.
- | |Einlagen.|Pfd. St. |zahlungen. | Pfd. St.|Betrag in
- | | |[82] | | |Pfd. St.
- -----+---------+---------+-----------+-------------+---------+---------
- 1861 | 24826 | 46643 | 167530 | 1702 | 6759| 160771
- 1862 | 178495 | 592573 | 1947139 | 95592 | 431618| 1515521
- 1863 | 319669 | 842848 | 2649918 | 197431 | 1026207| 1623711
- 1870 | 1183153 | 2135993 | 5995121 | 787172 | 4758187| 1236934
- 1875 | 1777103 | 3132533 | 8783852 | 1112637 | 7325561| 1458291
- 1880 | 2184972 | 3754689 | 10301152 | 1465331 | 9346834| 954318
- 1882 | 2858976 | 6151469 | 13712859 | 1935129 | 10869533| 2843326
- 1884 | -- | 6458707 | 14510411 | 2198792 | 12530563| 1979848
-
-
-Ende 1884: Bestand der Sparkassenguthaben 44773773 Pfd. St., d. i. rund
-895½ Mill. M.
-
-Die Benützung der Postsparkassen ist demnach in England eine sehr rege.
-Nach ihrem großen Umsatz und insbesondere nach den beträchtlichen
-Rückzahlungen, welche sie zu machen hatten, erscheinen sie als das,
-was sie sein sollen: die Aufbewahrungsstellen augenblicklich nicht zu
-verausgabender Beträge, die den eintretenden notwendigen Bedürfnissen
-zufolge später doch zurückgezogen werden müssen und als Ersparnisse
-nicht verbleiben können.
-
-Um noch kleinere Ersparnisse als die des Einlageminimums von +einem+
-Schilling (l M.) möglich zu machen, sind unter freier Mitwirkung von
-gemeinnützigen Kreisen die sog. Pennybanken gegründet worden, welche
-dem Sparer eine Karte zum Aufkleben von zwölf Stück Pennymarken
-unentgeltlich verabfolgen und ihm Marken verkaufen.
-
-Im Jahre 1880 wurden vom Generalpostmeister +Fawcett+ auch diese
-Sparkarten eingeführt. Wer sparen will, erhält von den Postämtern
-eine Karte mit einer Pennymarke gegen Zahlung eines Pennys. Wer zwölf
-solcher Marken auf seine Karte geklebt hat, trägt dieselbe auf das
-nächste Postamt, wo man sie ihm als eine auf seinen Namen lautende
-Einlage im Betrage von 1 Schilling (12 Pence) abnimmt. Auch diese
-Einrichtung hat sich trefflich bewährt.
-
-In +socialpolitischer+ Hinsicht leisten die englischen Postsparkassen
-auch dadurch gute Dienste, daß sie jeder gesetzlich registrierten
-Unterstützungs-, Wohlthätigkeits- und Versorgungs-Gesellschaft
-gestatten, ihre Gelder und Überschüsse auf Verzinsung anzulegen.
-Hiermit genießen diese Gesellschaften ebenfalls die große Sicherheit
-der Anlage ihrer Gelder und pünktliche, gleichmäßige Verzinsung.
-Es sind dies besonders schätzenswerte Vorteile für diese Art von
-Gesellschaften, deren ganzes Wesen zur größtmöglichen Sicherheit der
-Anlage des Kapitals und eines zuverlässigen Eingangs der Zinsen nötigt.
-
-So hat +Gladstone+ sicher recht, wenn er sagt: ~The Post Office Saving
-Banks are the greatest and most important work, ever undertaken by the
-Government for the benefit of the nation~ (Die Postsparkassen sind die
-bedeutendste und wichtigste Einrichtung, die jemals von der Regierung
-zur Wohlfahrt der Nation getroffen worden).
-
-Da auch die Gesetzgebungen anderer Länder, insoweit diese
-Postsparkassen eingeführt haben, die Bestimmungen der +englischen+ in
-ihren wesentlichen Grundzügen annahmen, so ist es wohl gerechtfertigt,
-diese der Hauptsache nach vorzuführen.
-
-Die ~Post Office Saving Bank~ ist eine Abteilung der Postverwaltung;
-sie führt Rechnung und Verwaltung über die durch die Postämter
-gesammelten Einlagen; auf ihre Anordnung erfolgt die Rückzahlung;
-bezüglich der Einlagen und Rückzahlung ist eine zweckentsprechende
-Kontrolle geschaffen; für die Einlagen existiert ein Minimum (1
-Schilling = 1 M.) und ein Maximum (200 Pfd. St. = 4000 M.); wird
-das Maximum überschritten, so hört die Verzinsung (2½%) auf, und es
-erfolgt die Umwandlung in Staatspapiere ~ex officio~, wenn der Einleger
-binnen einer festgesetzten Frist die Einlage nicht vermindert. Die
-Einlage, die Kündigung und die Rückzahlung kann bei jedem Postamte
-geschehen. Das Einlagebüchlein lautet auf den Einleger in Person;
-Beschlagnahme desselben wird von der Post nicht zugelassen. Für
-die Rückzahlung des Kapitals samt Interessen haftet der Staat ohne
-Vorbehalt; ihm gehört auch der Zinsenüberschuß. Die Zinsen werden am
-Ende jedes Kalenderjahres in die bestehenden Büchelchen eingetragen
-und zum Kapitale geschlagen. Für die Korrespondenz mit den Einlegern
-besteht Portofreiheit. Das Postsparkassenamt unterliegt der Kontrolle
-des Staatsrechnungshofes und hat monatlich einen Geschäftsausweis zu
-veröffentlichen. Der jährliche Rechnungsabschluß wird dem Parlamente
-mit einem Rechenschaftsberichte vorgelegt.
-
- ~b.~ +Belgien+.
- ------+----------------------
- | Guthaben der Einleger
- Jahr. | am Ende des Jahres
- | in Franken.
- ------+----------------------
- 1870 | 712891
- 1875 | 7342602
- 1881 | 36731951
- 1882 | 44643838
- 1883 | 52506000
- 1884 | 64701281
-
- ~c.~ +Italien+.
- ------+----------------------+----------------------
- | Zahl der am Ende | Guthaben der Einleger
- | des Jahres im Umlauf | am Ende des
- Jahr. | befindlichen | Jahres in Lire.
- | Einlagebücher. |
- ------+----------------------+----------------------
- 1876 | 57354 | 2443404
- 1878 | 157651 | 11385164
- 1880 | 339845 | 46252860
- 1882 | 592018 | 84951236
- 1883 | 895988 | 112128423
-
- ~d.~ +Niederlande+.
- ------+----------------------+---------------------------
- Jahr. | Zahl der umlaufenden | Gesamtbetrag des Guthabens
- | Sparbücher. | der Sparer in Gulden.
- ------+----------------------+---------------------------
- 1881 | 22831 | 858623
- 1882 | 46242 | 2018976
- 1883 | 67922 | 3217605
- 1884 | 90798 | 4650718
-
- ~e.~ +Frankreich+.
- -----+---------+-------------------+-------------------+------------
- Jahr.|Zahl der | Summe der Ein- | Summe der Rück- |Verbleibende
- |Einlagen.| zahlungen in | zahlungen in | Einlagen
- | | Franken. | Franken. | in Franken.
- -----+---------+-------------------+-------------------+------------
- 1882 | 473155 | 64634381 | 17810940 | 46823441
- 1883 | 697433 | 73041637 | 45044435 | 27997202
- 1884 | 917131 | 94113816 | 58953250 | 35160566
-
-
- ~f.~ +Österreich+.
- -----+---------+-------------------+-------------------+------------
- Jahr.|Zahl der | Summe der Ein- | Summe der Rück- |Verbleibende
- |Einlagen.| zahlungen in | zahlungen in | Einlagen
- | | Gulden. | Gulden. | in Gulden.
- -----+---------+-------------------+-------------------+------------
- 1883 | | | |
- u. 84| 3311333 | 64763350 | 50067249 | 14696101
- 1885 | 2428159 | 278154862 | 261350405 | 16804457
-
-Trotz aller Schwierigkeiten der Ein- und Durchführung macht die
-Einrichtung der Postsparkassen sichtliche Fortschritte und scheint sich
-langsam in allen civilisierten Ländern einbürgern zu wollen.
-
-Nachstehend noch einige +vergleichsstatistische+ Angaben über die
-bestehenden +europäischen+ Postsparkassen:
-
- -----------------+--------+--------+--------+-------+-------+---------
- Der |England.|Belgien.|Italien.|Nieder-| Frank-| Öster-
- Postsparkassen | | | | lande.| reich.| reich.
- -----------------+--------+--------+--------+-------+-------+---------
- Betriebseröffnung| 1861 | 1870 | 1876 | 1881 | 1882 | 1883
- Zinsfuß | 2½% | 3% | 3½% | 2⅔% | 3% | 3%
- Veranlagung | 3% | 3,7% | 5% | 4% | 4% | 5,4%
- Minimalsatz in M.| 1 | 0,80 | 0,80 | 0,42 | 0,80| 0,45
- Maximalsatz in M.| 4000 | 4000 | 1600 | -- | 1600 | 1700
- | | | | | |
- Summe d. Einlagen| 274 | 18,5 | 14,3 | 3,7 | 52 |c. 13,5
- i. J. 1882 in M.| Mill. | Mill. | Mill. | Mill. | Mill. | Mill.
- | | | | | |
- Gesamtsparsumme | 780 | 35,7 | 53,5 | 3,5 | 37,2| c. 9,5
- Ende 1882 in M. | Mill. | Mill. | Mill. | Mill. | Mill. | Mill.
- | | | | | | (1883)
-
-6. Der +Geldbriefverkehr.+ Trotz der Einwirkung der bankmäßigen
-Zahlungsvermittlung durch die Postanweisungen u. s. w. nimmt der
-+Barversendungs+- und namentlich der +Geldbriefverkehr+, soweit diese
-Versendungsarten für den innern Verkehr der einzelnen Länder überhaupt
-zulässig sind, noch immer eine beachtenswerte Stellung ein. Nach der
-Berner Statistik für 1884 betrug der +interne Geldbriefverkehr+ im
-gleichen Jahre:
-
- in Rußland[83] rund 12 Milliarden Mark.
- „ Deutschland „ 10½ „ „
- „ Österreich „ 8 „ „
- „ Ungarn „ 2½ „ „
-
-
- in Frankreich rund 1¼ Milliarden Mark.
- „ Schweden „ 568½ Millionen „
- „ Rumänien „ 321½ „ „
- „ Dänemark „ 317 „ „
- „ Belgien „ 276 „ „
- „ Norwegen „ 259½ „ „
- „ den Niederlanden „ 160 „ „
-
-Die Gesamtsumme der durch die +deutsche Reichspost+ vermittelten
-(deklarierten) Geldsendungen belief sich 1884 auf 18166 Millionen M.[84]
-
-+Der gesamte Umfang des Geldverkehrs der Post betrug im Jahre 1884
-in den Ländern des Weltpostvereins, für welche die Berner Statistik
-Angaben enthält,+
-
- rund 150 Mill. Postanweisungen im Betrage von 7076 Mill. M.
- „ 20 „ Postaufträge „ „ „ 931½ „ „
- „ 12½ „ Nachnahmesendungen „ „ „ 97 „ „
- „ 40½ „ Briefe mit Wertangabe „ „ „ 32079 „ „
- „ 26½ „ Pakete mit Wertangabe „ „ „ 8956 „ „
-
-+Der Gesamtbetrag dieser (rund) 250 Millionen Wertsendungen belief sich
-somit für das Jahr 1884 auf die riesige Summe von nahezu 50 Milliarden
-(49139 Millionen) Mark.+
-
-
-III. Postpaketverkehr[85].
-
-Die Annahme und Beförderung von Paketen seitens der Postanstalten
-hat sich in Deutschland viel später herausgebildet als diejenige von
-Briefen; erstere erfolgt erst seit etwa 180 bis 200 Jahren. Der Nutzen
-dieser Einrichtung wurde indes schon sehr frühzeitig erkannt, wie aus
-folgendem interessanten Zeugnisse erhellt. Von einem Reisenden aus dem
-Anfange des 18. Jahrhunderts, dem Ratsherrn Uffenbach in Frankfurt
-am Main (1683 bis 1734), der zugleich ein großer Bücherfreund war
-und deshalb viele Verbindungen mit Gelehrten u. s. w. unterhielt,
-erwähnt nämlich der Herausgeber seines hinterlassenen Reisewerkes ganz
-bezeichnend: „Er erfreuete sich über die Glückseligkeit unserer Zeit,
-da man Briefe und Pakete bequem und schnell an Orte, wenn sie auch
-weit von uns entfernt sind, vermittelst der öffentlichen Posten und
-Fahrwägen übersenden kann. Wie gar anders war es im 15. und noch zu
-Anfang des 16. Jahrhunderts beschaffen! Die Klagen berühmter Leute, die
-hin und wieder in ihren Briefen vorkommen, bezeugen es zur Genüge.“
-
-Und doch, wie umständlich war ehemals dieser Paketverkehr, wie
-bedeutend das Porto! Der Staats- und Kabinetsrat Klüber sagt in seinem
-Werke „Das Postwesen, wie es war, ist und sein könnte“ (Erlangen
-1811) hierüber folgendes: „Für ein Paket, das mit dem Postwagen von
-Berlin nach Frankfurt am Main gesendet wird, muß jetzt +neunfach+
-verschiedenes Porto gezahlt werden: königl. preußisches, königl.
-sächsisches, kaiserl. französisches (zu Erfurt), sachsen-weimarisches,
-sachsen-gothaisches, sachsen-weimarisches (zu Eisenach), königl.
-westfälisches, großherzogl. hessisches (Taxissches) und frankfurtisches
-(Taxissches). Die Adresse ist gewöhnlich so sehr mit Postzeichen und
-Ziffern beschmiert, daß oft beim Nachrechnen und Entziffern nicht auf
-das Klare zu kommen ist. Läuft das Paket bis Basel, so ist das zu
-zahlende Porto +zwölffach+ verschieden.“ Da jede Postverwaltung für
-ihre Beförderungsstrecke ein bestimmtes Porto beanspruchte, so belief
-sich das Gesamtporto für ein 5 kg oder 10 Pfund schweres Paket gewiß
-oft auf mehrere Thaler.
-
-Solche Zustände bestanden in Deutschland im wesentlichen bis 1850. Erst
-die dritte Konferenz des deutsch-österreichischen Postvereins führte
-1857 die organische Umgestaltung des Vereinsfahrpostwesens herbei.
-Nach dem Vereinsfahrposttaxsystem vom 1. Juli 1858 wurden nunmehr
-auch bezüglich des Vereinsfahrpostverkehrs, wie das schon früher
-bezüglich des Vereinsbriefpostverkehrs geschah, sämtliche deutschen
-Postbezirke als ein +ungeteiltes Postgebiet+ angesehen. Das Porto
-ward, ohne Rücksicht auf die Territorialgrenzen und auf die Leitung,
-lediglich nach Maßgabe der direkten Entfernung (geraden Linie) in
-+einer+ Summe und nicht mehr für jedes einzelne deutsche Postgebiet
-besonders, sondern für den gesamten Verein als gemeinschaftliche
-Einnahme berechnet. Die erzielte gemeinschaftliche Portoeinnahme für
-die Vereinsfahrpostsendungen wurde unter die Vereinspostverwaltungen
-nach gewissen Prozentsätzen verteilt, wobei als Grundsatz galt, daß der
-Anteil sich nach der wirklichen Leistung zu richten habe.
-
-Hiermit war ein höchst wichtiger Schritt bezüglich der
-Fahrpostsendungen gemacht worden.
-
-Sehr wesentlich wurde dann infolge des Gesetzes vom 17. Mai 1873 das
-Porto für Pakete bis zum Gewichte von 5 kg innerhalb des deutschen
-Postgebiets ermäßigt. Es beträgt seitdem für solche: ~a~) auf
-Entfernungen bis 10 Meilen einschließlich 25 Pf.; ~b~) auf alle
-weiteren Entfernungen 50 Pf. Dieser Tarif wurde sodann auch im
-Wechselverkehr zwischen dem Reichspostgebiete einerseits und Bayern
-und Württemberg, sowie Österreich-Ungarn andererseits eingeführt.
-Die Vorteile dieses Zehnpfundpaketsystems sind wiederholt betont
-worden; vor allem ermöglicht es, von überallher in Deutschland und
-Österreich-Ungarn gute und billige Lebensmittel zu beziehen.
-
-Mehr und mehr stellte sich das Bedürfnis heraus, den Portotarif auch
-für die mit dem +Auslande+ gewechselten Pakete zu vereinfachen. Es
-ist das Verdienst der Reichspostverwaltung, den Anstoß zu dieser
-Reform gegeben zu haben. Am 3. November 1880 kam es denn auch auf
-der internationalen Postkonferenz in Paris zum Abschlusse einer
-diesbezüglichen Übereinkunft, durch welche die postmäßige Beförderung
-kleiner Pakete gegen einheitlich bemessene Gebührensätze, sowie
-die übereinstimmende Behandlung dieser Pakete in den verschiedenen
-Vereinsländern erreicht wurde. Diese Übereinkunft wurde von 21
-Postverwaltungen unterschrieben.
-
-Ein erschwerender Umstand, die betreffenden Grundsätze im Verkehr der
-Staaten des Weltpostvereins einzuführen, lag besonders darin, daß
-eine ganze Anzahl fremder Postverwaltungen bisher mit der Beförderung
-von Paketen sich überhaupt nicht befaßt hatte. Dies gilt z. B. von
-Frankreich, Italien, Belgien, Spanien, Portugal, der Türkei u. s. w.
-In Frankreich und Belgien besorgen die Eisenbahnverwaltungen die
-Beförderung der Pakete, in den Niederlanden und Italien vorzugsweise
-Privatgesellschaften. Auch in England hat die Eröffnung des
-Postpaketdienstes, zunächst für den innern Verkehr, erst am 1. August
-1883 stattgefunden.
-
-Am 1. Oktober 1881 trat die Pariser Übereinkunft ins Leben. Hierdurch
-wurde jedermann ermächtigt, Pakete ohne Wertangabe bis 3 kg +nach
-Ägypten+, +Algier+, +Belgien+, +Bulgarien+, +Dänemark+, +Frankreich+,
-+den französischen Kolonieen+, +Italien+, +Luxemburg+, +Montenegro+,
-+Norwegen+, +Österreich-Ungarn+, +Rumänien+, +Schweden+, +der
-Schweiz+, +Serbien+ und +Tunis+ mit der Post sicher und schnell und zu
-verhältnismäßig +geringen+ Portosätzen befördern zu lassen. Ebenso kann
-die Absendung solcher Pakete von den genannten Ländern nach Deutschland
-geschehen.
-
-Weitere Erleichterungen bezüglich des Postpaketverkehrs wurden auf dem
-+Lissaboner Weltpostkongreß+ im Jahre 1885 vereinbart. So wurde auf
-demselben das Meistgewicht der Postpakete im internationalen Verkehr,
-unter Beibehaltung der bisherigen Taxen, von 3 auf 5 kg erhöht und die
-Zulassung von Paketen mit Wertangabe und gegen Nachnahme beschlossen;
-auch ist die Beschränkung der zur Postbeförderung zuzulassenden
-Sendungen, wenigstens soweit nicht eine Seebeförderung in Betracht
-kommt, beseitigt worden. Postpakete, die in irgend einer Ausdehnung
-1,50 m überschreiten oder nach ihrer Form oder ihrem Inhalt besondere
-Umständlichkeiten bei der Verladung oder Beförderung verursachen,
-werden als sperrig behandelt und mit einer Zuschlagstaxe von 50 Pf.
-belegt.
-
-Der +Umfang+ des Päckereiverkehrs der Post ist, trotzdem die
-Beförderung von Paketen nicht in allen Ländern einen Bestandteil
-des Postdienstes bildet, nicht unbedeutend, +am großartigsten in
-Deutschland+. 1884 z. B. +wurden in letzterem Lande allein+ (nach der
-Berner Statistik) +rund 87 Millionen Stück befördert, in sämtlichen
-übrigen Ländern des Weltpostvereins betrug die Zahl der im innern
-Dienst expedierten Pakete nur 81 Millionen.+
-
-Was den Umfang des +internationalen Paketdienstes+ betrifft, so zeigt
-vor allem der Verkehr aus und nach Deutschland, welcher Entwicklung
-dieser Dienstzweig fähig ist. Im Jahre 1884 hat die Gesamtzahl der
-+aus+ Deutschland +nach+ dem Auslande beförderten gewöhnlichen Pakete
-nicht weniger betragen als 3540350 Stück im Gesamtgewichte von 13969520
-kg, während in umgekehrter Richtung 1544600 Stück im Gesamtgewichte von
-6036620 kg eingegangen sind[86].
-
-+Die Gesamtstückzahl der von der Post auf der ganzen Erde beförderten
-Pakete (mit und ohne Wertangabe) betrug nach der Berner Statistik im
-Jahre 1884 über 180 Millionen.+
-
-Für die Beamten der Post ist der Paketdienst zuweilen wenig
-angenehm. Ein Beamter des Postamts IV in Hamburg, bei dem zufolge
-des schwunghaften Geschäftsbetriebes der Hamburger Tierhändler
-besonders zahlreiche Sendungen mit ausländischen Tieren ausgeliefert
-werden, berichtet darüber wie folgt: „Das Konzert, welches durch die
-Vereinigung so vieler Tiergattungen in den Räumen der Packkammer
-zuweilen veranstaltet wird, ist dem Ohre nicht immer ergötzlich. Das
-Kreischen und Schwatzen der Papageien, das Pfeifen der Kardinale, das
-Gezwitscher der Hunderte von kleinen Vögeln, dazu das durchdringende
-Geschrei eines Affen und das alles übertönende Gewimmer mehrerer
-Hündchen, die ihrer Mutter entrissen sind: alles dieses bildet mitunter
-eine entsetzliche Symphonie, deren Ende sehnlichst herbeigewünscht
-wird.“ Von den Tiersendungen ist in Deutschland besonders der Versand
-von Singvögeln ein sehr bedeutender. Im engen Holzbauer, dem durch
-sinnreiche Vorrichtungen Speise und Trank für mehrere Tage beigegeben
-werden, durcheilen z. B. die Harzer Kanarienvögel aus St. Andreasberg
-zu Tausenden das ganze Reichspostgebiet; ja sie werden bis in die
-entferntesten Gegenden Österreich-Ungarns, nach Rumänien, Polen,
-Schweden und Norwegen, Dänemark, den Niederlanden, Belgien, Frankreich,
-der Schweiz und Italien befördert. Neuestens hat man sogar versucht,
-und zwar mit gutem Erfolge, Vogelpakete übers Meer nach Amerika zu
-verschicken[87].
-
-Mitunter werden den beim Paketdienste beschäftigten Beamten auch
-sehr seltsame Überraschungen zu teil. So wurde nach dem Berichte
-der britischen Post- und Telegraphenverwaltung pro 1877/78 in einem
-Postwagen der London-Liverpooler Linie eine mehr als 3 Fuß lange
-lebende Schlange gefunden, die sich aus einer Schachtel, in der sie
-zur Post eingeliefert worden war, befreit hatte. In einer andern
-Schachtel, die als unbestellbar an die Centralbehörde eingesandt wurde,
-fanden sich nicht weniger als acht lebende Schlangen vor[88]. Bei der
-Postagentur in Wildemann (Oberpostdirektionsbezirk Braunschweig) kam
-vollends ein Paket mit 60 Dynamitpatronen zur Aufgabe[89].
-
-Zu den Schmerzenskindern der Post zählen, um auch dies zu erwähnen,
-nicht selten die +Warenproben+. Sie sind dies nicht so sehr wegen der
-Zahl der Sendungen, als wegen ihrer manchmal unförmlichen Beleibtheit
-und des keineswegs immer anmutigen Inhalts. „Die Gemütsstimmung eines
-Bahnpostbeamten,“ äußert sich +Fischer+ da, wo er von den Warenproben
-spricht[90], „über welchen die Gärtnereien von Erfurt oder Quedlinburg
-das unendliche Füllhorn ihrer in dünne Papiersäckchen eingeschlossenen
-Samenproben ergießen, oder desjenigen, der sein Operationsfeld durch
-einen unvermuteten Ansturm einiger Hundert dicker Wollpäckchen in
-Gestalt von festgerollten Cylindern beengt sieht, pflegt keine rosige
-zu sein. Daß Scheren, Messer, Pfriemen und andere scharfe Instrumente
-in höchst mangelhafter Hülle der Post als Warenproben überliefert
-werden, wird von manchen Fabrikanten als ein unantastbares Recht ihres
-Gewerbebetriebes angesehen, während sie sich um die Verletzungen,
-die den Händen der Postbeamten dadurch drohen, keine Sorge machen!
-Von anderer Seite findet man es wieder unbegreiflich, daß die
-Postverwaltung Bedenken trägt, kleine Glasröhren mit Baumöl, chemischen
-Säuren oder anderen unbehaglichen Flüssigkeiten zur Beförderung als
-Warenproben anzunehmen.“ Infolge dieser Widerwärtigkeiten haben denn
-die Postverwaltungen die Bedingungen für die Annahme von Warenproben
-seitens der Postbehörden einer genauen Regelung unterzogen.
-
-+Die Gesamtzahl der im Jahre 1884 auf der ganzen Erde beförderten
-Postsendungen ist auf mehr als 12000 Millionen zu veranschlagen. Auf
-den einzelnen Menschen entfielen an Postsendungen für das gleiche Jahr
-9 Stück[91].+
-
-
-IV. Personenbeförderung.
-
-Während alle übrigen Zweige des Postdienstes eines stetigen
-Aufschwunges sich zu erfreuen haben, zeigt die Personenbeförderung
-überall, wo sich die Post mit derselben überhaupt noch befaßt, einen
-ebenso stetigen Rückgang. Nur die deutsche Reichspost hat es nach der
-Berner Statistik vom Jahre 1884 im Laufe des bezeichneten Jahres noch
-auf eine Anzahl von 3406383 Postreisenden gebracht. -- Verhältnismäßig
-am stärksten ist der Personenpostverkehr in der Schweiz. Auf dem
-kleinen Gebiete der Eidgenossenschaft sind während des Jahres 1884 im
-ganzen 734897 Personen durch Postfuhrwerke befördert worden.
-
-
-V. Feldpost.
-
-Die +Feldpost+ ist eine Einrichtung, durch welche die Postverbindung
-einer Armee im Felde einerseits mit ihrer Heimat, andererseits nach und
-von den einzelnen Truppenkörpern hergestellt und bis zum Eintritt des
-Friedens unterhalten wird. Das Bedürfnis derartiger Einrichtungen war
-schon früh vorhanden, doch hatte man im Altertum keine der Feldpost
-der neuern Zeit ähnliche Einrichtung. Erst durch die Errichtung
-regelmäßiger Posten unter Kaiser Maximilian I. waren die Grundlagen
-hiefür gewonnen. Daß bereits im 30jährigen Kriege Feldpostillone
-verwendet wurden, ist mehrfach bezeugt. Der +erste+ Staat, welcher
-die Feldpost von Grund aus organisierte, war +Brandenburg-Preußen+;
-1716 bereits begegnet uns hier das erste Feldpostamt, und zwar im
-vorpommerschen Kriege. Es hatte die Aufgabe, der preußischen Armee
-in Feindesland zu folgen und die Postverbindung für letztere mit der
-Heimat durch reitende Postillone zu unterhalten. In den zahlreichen
-Kriegen, welche Preußen führte, namentlich aber im siebenjährigen
-Kriege, wurden diese Keime weiter ausgebildet und erhielten durch engen
-Anschluß an die militärischen Kommunikationseinrichtungen, in denen ja
-Friedrich d. Gr. Meister war, eine Grundlage, auf der im wesentlichen
-noch jetzt die Organisation der deutschen Feldpost beruht.
-
-Die mächtige Entfaltung der modernen Verkehrsmittel hat auch im
-Feldpostwesen bedeutende Umwälzungen hervorgerufen. Schon der deutsche
-Krieg von 1866 stellte große Anforderungen an die Feldpost, noch weit
-mehr der deutsch-französische Krieg von 1870/71. In diesem Kriege
-beförderte die deutsche Feldpost bis zum 31. März 1871 an Briefen und
-Postkarten nicht weniger als 89659000 Stück, ferner Geldsendungen im
-Betrage von 179596860 M., an Zeitungen 2354310 Exemplare und außerdem
-noch 1853686 Stück Päckereisendungen. Die Zahl der Feldpostanstalten,
-Relais und Landespostanstalten in Frankreich, sowie in Elsaß-Lothringen
-betrug 411, die Zahl der Beamten und Unterbeamten 2140[92].
-
-
-VI. Postanstalten.
-
-Die +Gesamtzahl+ der zur Wahrnehmung des eigentlichen Postbetriebes
-bestimmten Postanstalten im Bereiche des Weltpostvereins belief sich
-nach der Berner Statistik von 1884 auf 133799. Die meisten hiervon,
-50017, entfallen auf die Vereinigten Staaten von Amerika. Deutschland
-ist mit 15428 vertreten, England mit 16434, Frankreich mit 6587 und
-Britisch Indien mit 6721. Dabei ist übrigens nicht zu vergessen, daß
-der Begriff „Postanstalt“ diesseits und jenseits des Oceans etwas
-verschieden aufzufassen ist.
-
-Die +höchste+ Poststation der Erde ist Rumihuasi (4966 m) in den
-Anden, und die +einfachsten+ Postbureaus befinden sich an der
-Südspitze von Amerika und auf Booby-Island in der Torresstraße. Was
-das erstere Postamt betrifft, so hängt dort an einem Felsen des
-äußersten Vorgebirges der Magellanstraße, gegenüber Feuerland, ein
-Fäßchen, das durch eine eiserne Kette befestigt ist. Dasselbe wird von
-jedem vorüberfahrenden Schiffe geöffnet, um entweder Briefschaften
-hineinzulegen oder demselben Briefe zu entnehmen. Diese Postablage
-verwaltet sich sonach von selbst, sie ist dem Schutze der Seefahrer
-anheimgestellt, und man hat kein Beispiel, daß jemals ein Mißbrauch des
-öffentlichen Vertrauens stattgefunden hätte. Jedes Schiff übernimmt
-die freiwillige Expedition der Einlagen, deren Bestimmungsort in der
-Richtung seiner Fahrt liegt.
-
-[Illustration: Fig. 43. Das Centralpostgebäude in Berlin.]
-
-Auf Booby-Island liegt in einer durch einen hohen Flaggenstock
-bezeichneten Höhle eine Tonne mit der Aufschrift: „~Post office~“.
-In dieser Tonne befindet sich Schreibmaterial und ein Buch zum
-Eintragen von Bemerkungen. Neben der Tonne liegen Vorräte von allerlei
-Lebensmitteln für etwaige Schiffbrüchige. Jedes Schiff, welches
-die Insel passiert und reichliche Vorräte an Bord hat, ergänzt den
-Bestand des Magazins und nimmt gleichzeitig die in dem Tonnenpostamt
-befindlichen Briefe zur Weiterbeförderung mit.
-
-[Illustration: Fig. 44. Das Postamt auf der Booby-Insel.]
-
-
-VII. Außergewöhnliche Leistungen der Postanstalten.
-
-Zu gewissen Zeiten des Jahres kommen ganz enorme Mengen von
-Postsendungen zur Auflieferung und Bearbeitung. So tritt alljährlich
-in der zweiten Hälfte des Monats Dezember für die deutsche Post eine
-besonders mühe- und arbeitsvolle Zeit ein. Es ist die Zeit um das
-heilige +Weihnachtsfest+, wo durch das ganze Land alt und jung, reich
-und arm, getreu der uralten deutschen Sitte, darauf bedacht ist,
-die Lieben nah und fern durch eine Gabe, ein Angebinde als Zeichen
-freundlichen Gedenkens zu erfreuen. Hierdurch erfährt nun besonders
-der +Paketverkehr+ bei der Post eine über das gewöhnliche Maß weit
-hinausgehende Steigerung. Dieser Päckereiverkehr ist indes für die Post
-kein Schreckgespenst und vermag die Ordnung ihres Betriebes nicht zu
-erschüttern. Freilich bedarf es zu seiner Bewältigung der umfassendsten
-Vorbereitungen nach verschiedenen Richtungen, der Aufwendung
-erheblicher außergewöhnlicher Kosten und schließlich des freudigen
-Einsetzens der vollen Kraft, der ganzen Umsicht und Willfährigkeit
-seitens des gesamten Personals von den Vorstehern bis zum Paketträger
-und Hilfsboten.
-
- „Tausend fleiß’ge Hände regen,
- Helfen sich in munterm Bund,
- Und in freudigem Bewegen
- Werden alle Kräfte kund“,
-
-das ist der Eindruck, den jeder, Laie oder Fachmann, erhält beim
-Eintritt in die Weihnachts-Packkammer oder in die Bahnhofs-Sammelstelle
-an irgend einem größern Orte. 1884 betrug in Berlin in den Tagen vom
-12. bis 25. Dezember die Zahl der aufgelieferten, eingegangenen und
-durchbeförderten Pakete 2716000.
-
-In England hat nach dem Berichte des Generalpostmeisters +Fawcett+ die
-Sitte, in der +Weihnachtswoche+ Karten und ähnliche Überraschungen
-mit der Post zu übersenden, eine solche Ausdehnung angenommen,
-daß 1880 mehr als 11½ Millionen Briefe und kleine Pakete über den
-Durchschnittsverkehr und 4 t (1 t = 1016 kg) eingeschriebener
-Korrespondenz mehr als gewöhnlich durch das Hauptpostamt in London
-liefen. Der Verwaltung wurde hierdurch eine Mehreinnahme von 58000 Pfd.
-St. oder 1160000 M. zugeführt.
-
-Eine ähnliche Erscheinung, wie die Hochflut des Paketverkehrs während
-der Weihnachtszeit, bietet der +Neujahrsbriefverkehr+. Er macht
-sich bei uns auf dem platten Lande allerdings nur wenig bemerkbar,
-nimmt aber mit der Größe der Städte immer mehr zu und wird in
-Berlin gleichsam zur Springflut. So hat am Sylvesterabend 1881 und
-am Neujahrstage 1882 die Zahl der bei den Postanstalten in Berlin
-eingelieferten +Stadtbriefe+ 1256577 Stück betragen. Zu Neujahr
-1884 wurden in Berlin in der Zeit vom 31. Dezember mittags 12 Uhr
-bis 1. Januar abends 10 Uhr sogar 1809483 Briefschaften aufgegeben
-und expediert. Wenn nun auch ein gleich starkes Anwachsen des
-Neujahrsbriefverkehrs in keinem andern Orte Deutschlands stattfindet,
-so ist die allgemeine Zunahme des Briefverkehrs bei jeder Jahreswende
-doch so bedeutend, daß die Arbeit dann nur durch Anspannung aller
-verfügbaren Beamten- und Unterbeamtenkräfte, sowie durch Heranziehung
-außergewöhnlicher Aushilfe für den Bestelldienst bewältigt werden kann.
-
-Es giebt noch eine Reihe von anderen, +auf einzelne Orte oder auf
-kleinere Gebiete beschränkten Erscheinungen+, die es notwendig machen,
-daß einerseits die Kräfte der Beamten in ungewöhnlich hohem Maße in
-Anspruch genommen, andererseits besondere Vorkehrungen seitens der
-Verwaltung getroffen werden. Sie sind teils vorübergehender Natur,
-teils kehren sie regelmäßig wieder; durchweg aber werden sie veranlaßt
-durch ungewöhnlich große Ansammlungen von Menschen an einzelnen Orten,
-wie auf Märkten und Messen, bei Industrie- und sonstigen Ausstellungen,
-bei Sänger-, Turner- und Schützenfesten, bei den Zusammenziehungen
-beträchtlicher Truppenkörper zu größeren Übungen, bei der regelmäßig
-wiederkehrenden Belegung der Militärschießplätze, insbesondere aber
-bei dem auf gewisse Jahreszeiten beschränkten zahlreichen Besuch von
-Bädern, Luftkurorten und Aussichtspunkten. In den meisten dieser Fälle
-steigert sich der Postdienst in einem sehr bedeutenden Maße, weil nicht
-nur Aussteller, Käufer und Verkäufer, sondern auch Festteilnehmer,
-Touristen und Badegäste einen ungewöhnlich lebhaften Verkehr
-unterhalten.
-
-Es können übrigens jeden Augenblick und von jeder Seite her
-Anforderungen an die Postverwaltungen treten, auf deren Bewältigung sie
-nicht vorbereitet ist, oder welche die Leistungsfähigkeit derselben auf
-eine harte Probe stellen. So wurden beispielsweise im Jahre 1880 von
-einer Firma gleichzeitig nahezu 300000 Geschäftscirkulare beim Postamte
-in Hull (England) ausgeliefert, die ein Gewicht von zusammen 20 t
-hatten, und für welche Porto im Gesamtbetrage von 2380 Pfd. St. (47600
-M.) gezahlt werden mußte. Die Beförderung der Circulare, die innerhalb
-48 Stunden ordnungsmäßig stattfand, machte die Einstellung von sieben
-besonderen Eisenbahnwagen erforderlich. Auch in dem Verwaltungsjahr
-1882/83 wurden nach dem Berichte des englischen Generalpostamtes von
-einer Firma in London an +einem+ Tage 132000 Briefe und von einer
-andern Firma ebenda 167000 Postkarten auf die Post gegeben. In hohem
-Grade werden die Dienste der Post neuestens auch zur Zeit von +Wahlen+
-in Anspruch genommen. Bei den Reichstagswahlen des Jahres 1884 wurden
-z. B. an einem Tage einem Postamte Berlins 24000 Kreuzbandsendungen
-übergeben. Es ist ferner schon mehrfach vorgekommen, daß der deutschen
-Bahnpost Verviers-Köln eine amerikanische Post von mehr als 60
-Briefsäcken neben einer gleich starken englischen Post zugegangen ist,
-so daß in solchen Fällen zur Fortschaffung der Korrespondenz bis zu
-sechs Postwagen in den Zug haben eingestellt werden müssen.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Hindernisse des Postverkehrs[93].
-
-
-Zahlreiche Hindernisse erwachsen dem Postverkehr oft schon durch die
-Bodenbeschaffenheit eines Landes. Wie beschwerlich ist z. B. für
-den Landbriefträger die Wanderung durch den oft bis zu den Knieen
-reichenden, beweglichen Sand der Ostseedünen oder durch die sandigen
-Heiden des Departements ~les Landes~! Die friesischen und litauischen
-Postboten haben im Frühling und Spätherbst auf grundlosen Pfaden über
-Moor und Sumpf zu den weit ausgedehnten Hauländereien, Fehnkolonieen
-u. s. w. zu waten. Was hat ferner die Infanterie der Post nicht alles
-zu leiden von Wind und Wetter, Hitze und Kälte! Noch bedeutsamer sind
-die Gefahren, welche dem Postverkehr durch elementare Naturgewalten
-bereitet werden, wie durch Lawinen, Hochwasser u. dgl.
-
-Auch von Tieren werden die Boten der Post nicht selten belästigt.
-Namentlich sind Klagen über die Anfälle, denen Briefträger beim
-Betreten der Gehöfte durch bissige Hunde ausgesetzt sind, nicht selten.
-Der Bericht des englischen Generalpostmeisters für 1877 konstatiert,
-daß die Zahl der von Hunden gebissenen Postboten wie in den Vorjahren
-eine nicht unbedeutende gewesen.
-
-Unter den seitens der Menschen dem Postverkehr bereiteten Hindernissen
-nahmen in früheren Zeiten Raubanfälle eine nicht geringe Stelle ein.
-Heutzutage kommt die Species des Posträubers, einzelne Ausnahmen
-abgerechnet, wenigstens in Europa nicht mehr vor. In außereuropäischen
-Ländern verhält es sich freilich noch vielfach anders. So wird in
-mejicanischen Postberichten wiederholt über arge Unsicherheit der
-Landstraßen im Innern des Landes geklagt. Auch in den Vereinigten
-Staaten von Amerika hat der Postillon häufig noch Kämpfe mit Indianern
-oder organisierten Räuberbanden zu bestehen. Im Verwaltungsjahre
-1881/82 haben z. B. im Gebiete der Union nicht weniger als 387
-gewaltsame Beraubungen von Postanstalten stattgefunden. Desgleichen
-werden die an sich spärlichen Postverbindungen in Syrien und anderen
-Teilen der asiatischen Türkei gelegentlich durch Überfälle seitens
-streifender Beduinenstämme beeinträchtigt. Was die Postdiebe betrifft,
-so ist deren Zahl eine so geringe, daß der allgemeine Gang der
-Postbeförderung davon völlig unberührt bleibt. Am nachteiligsten wirken
-auf den Postverkehr jedenfalls die +Eigentümlichkeiten+ des die Post
-benutzenden Publikums.
-
-Die pünktliche und richtige Beförderung mancher Sendungen wird z. B.
-durch Einlieferung an ungeeigneten Stellen verhindert. Da die
-Einlegung eines Briefes in den Briefkasten oder seine Abgabe am
-Postschalter im allgemeinen als eine höchst einfache Verrichtung
-gilt, so wird an Versehen, die hierbei vorkommen könnten, seitens
-des Publikums nur selten gedacht. Dem gegenüber ist indes aus dem
-Berichte des englischen Generalpostmeisters für 1877 die Thatsache
-anzuführen, daß in Aberdeen ein Mann bemerkt wurde, der sich viele
-Mühe gab, einen Brief in die Öffnung eines in Reparatur befindlichen
-Straßenhydranten hineinzustecken. Die Ähnlichkeit dieser Vorrichtung
-mit den in England mehrfach üblichen Säulenbriefkasten hatte, wie
-sich bei näherer Untersuchung des Hydranten herausstellte, bereits
-früher drei verschiedene Korrespondenten zur Niederlegung von Briefen
-in diesen für die Weiterbeförderung ungeeigneten Behälter verleitet.
-Dieser Vorfall steht keineswegs vereinzelt da. Von einer Dienstmagd in
-Husum wurde z. B. ein Gasuhrbehälter für einen Briefkasten gehalten. Es
-giebt überhaupt kaum eine nach der Straße zugehende Öffnung, die nicht
-gelegentlich von einem Unkundigen für den Spalt eines Briefkastens
-angesehen würde. Bei dem Postamte in Weimar nahmen die Annahmebeamten
-vor einigen Jahren wahr, wie sich ein Dienstmädchen eifrig damit
-beschäftigte, Briefe in das unter dem Posthausbriefkasten befindliche
-offene Kellerfenster zu werfen. Man fand, als man der Sache auf den
-Grund ging, im Keller eine ganze Reihe älterer Einwürfe und erfuhr,
-daß das Dienstmädchen von seiner Herrschaft den ausdrücklichen Auftrag
-erhalten hatte, die Sendungen nicht in den Briefkasten zu legen,
-sondern am Fenster abzugeben, worunter die Herrschaft allerdings das
-des Postschalters verstanden hatte.
-
-Andere Hindernisse der Beförderung entstehen +aus+ der +Adressierung
-der Sendungen+. In sehr vielen Fällen liegt die Ursache der
-undeutlichen, rätselhaften Adressierung in der Nachlässigkeit des
-Publikums, namentlich auch der kaufmännischen Welt, auf die Lesbarkeit
-der Unterschrift keinen Wert zu legen. Nur zu häufig kommt es vor,
-daß der Empfänger außer Stande ist, den Namenszug des Absenders zu
-entziffern. Was bleibt ihm bei Beantwortung des Briefes anderes übrig,
-als die Hieroglyphen desselben möglichst getreu in der Aufschrift
-nachzumalen! Gehört der Schreiber des Antwortbriefes überdies noch
-einer fremden Nation an, so ist bald eine Aufschrift wie „C. Stusbing
-& Coy -- Berlin“ entstanden, mit welcher ein Brief an die Firma
-„Hübner & du Buy -- Berlin“ richtig bestellt worden ist. Ebenso
-dürften die Herren Professor ~Dr.~ Ziurek und Louis Levin in Berlin
-überrascht gewesen sein, daß Briefe unter der falschen Flagge „~Dr.~
-Zurich“ beziehungsweise „~Dr.~ Cziarek“ und „Louis Leome“ glücklich
-in ihre Hände gelangt sind, zumal dieselben eine Wohnungsangabe nicht
-trugen. -- Wie die Ausländer vielfach gezwungen sind, den Namen der
-Briefschreiber aus den Schreiben herauszusuchen und nachzumalen, geht
-aus folgenden für einen Deutschen hochkomischen Aufschriften aus
-Frankreich und England hervor. Die eine Aufschrift lautet: „Monsieur
-Paul Parey, Ersucht Sie Ergebents à Berlin“, die andere: „Wiegandt,
-Hempel & Parey, Datum des Poststempels, Berlin.“
-
-Eine andere Abart von rätselhaften Aufschriften ist dadurch entstanden,
-daß biedere Deutsche, welche mit Hacke und Pflug gut umzugehen
-verstehen, aber die Feder nicht mehr nach den Regeln der Kunst zu
-handhaben wissen, beim Schreiben an dem Grundsatze: „Schreib, wie du
-sprichst“, festhalten und die Buchstaben nach alter Erinnerung aus
-der Jugendzeit auf das Papier hinstellen. So lautet eine Aufschrift
-folgendermaßen: „An den Herrn wil Lah man zu kirg de linroh kreis
-kitinge“; der Brief wurde richtig an „Herrn Wilhelm Bachmann zu
-Kerstlingerode, Kreis Göttingen,“ bestellt. Noch verwickelter wird
-die Lösung solcher Schrifträtsel, wenn in der Aufschrift Fremdwörter
-vorkommen. Oft auch wird die Adresse von solchen, die des Schreibens
-recht wohl kundig sind, undeutlich geschrieben und so die Beförderung
-wesentlich erschwert. Infolgedessen gehen Briefe für Bonn gar nicht
-selten nach Rom; Celle wird wie Lille, Greiz wie Graz geschrieben.
-Barmen, Bremen und Brunnen sind bisweilen kaum zu unterscheiden,
-ganz zu geschweigen von Minden und Münden, Gemünden und Gmunden,
-Altona und Altena, Kassel und Kastel, oder Berkum, Beckum, Borkum,
-Borken, Bochum, Bornum und Bornim. Auch die +ungehörige Hervorhebung
-von Nebensächlichem auf der Adresse+ kann für die Beförderung von
-Briefen verhängnisvoll werden. So sind für die Schweiz bestimmte Briefe
-nach China spediert worden, weil das Wort +Kanton+ auf der Adresse
-mit +mehr+ in die Augen fallenden Buchstaben geschrieben war, als
-der eigentliche Bestimmungsort. In ähnlicher Weise machte ein Brief
-an einen Breslauer Professor in dem schlesischen Bade Landeck, Haus
-+Arcadien+, die Reise nach Griechenland. Manche unserer +schwerfälligen
-Korrespondenzformen+ tragen gleichfalls nicht zur Klarheit der Adressen
-bei. So reklamierte einmal das Postamt in Madrid einen Brief an Señor
-Wohlgeboren. Kein geringes Hindernis bei der Bestellung der Briefe
-bilden ferner die +verschiedenen Sprachen+. Ein dem Briefkasten
-in Lüneburg entnommener Brief nach Leghorn z. B. geht nach dem
-hannoverschen Orte dieses Namens. Der Absender aber war ein reisender
-Engländer, der mit Leghorn Livorno meinte.
-
-Ganz besonders schlimm steht die Sache dann, wenn die Aufschrift gar
-keinen Bestimmungsort trägt oder wenn der Name des Empfängers gar
-nicht, die Wohnung des letztern jedoch nur ungefähr bekannt ist, oder
--- wenn die Aufschrift ganz fehlt. Aber auch da ist die Post nicht
-immer ratlos, wie aus folgenden paar Beispielen erhellt. Ein Brief aus
-Wien mit der Aufschrift „Paul Behnert, Sachsen, Äußere Auwinstraße Nr.
-9“ gelangte nach Dresden und von da durch die Findigkeit eines Beamten
-nach Zittau, wo der Adressat ermittelt wurde. Ein Brief an „Onkel Hans
-in Braunschweig, Kohlmarkt“ kam nach kurzen Nachforschungen seitens des
-gewandten Briefträgers fast ohne Verzögerung an die richtige Adresse;
-ebenso fand der bestellende Bote ohne große Schwierigkeit den richtigen
-Empfänger eines Briefes aus Amerika, den ein kleines Mädchen „An Meinen
-lieben Papa in Niethen bei Pommritz“ abgesandt hatte.
-
-Wie groß überhaupt die Zahl der unvollständigen, der falschen, der
-trotz aller Mühe unverständlichen Briefanschriften ist, darüber
-belehrt am besten die Statistik der unbestellbaren Briefe. Im Jahre
-1884 z. B. wanderten nach der Berner Statistik von den Briefen des
-internen Verkehrs in das Retourbriefamt (engl. ~blind office~, in
-Paris ~les catacombes de la poste~ genannt): in Deutschland 702235,
-in Großbritannien 5081713 und in der Union 4369999. Hiervon konnten
-noch nachträglich bestellt oder an ihre Absender zurückgeschickt
-werden: in Deutschland 532487 (75,8%), in Großbritannien 4760544
-(93,6%) und in den Vereinigten Staaten von Amerika 1667455 (38,1%).
-Gänzlich unbestellt blieben: in Deutschland 169748, in Großbritannien
-321169 und in den Vereinigten Staaten von Amerika 2702544. In den
-letztgenannten Staaten rührt diese große Menge gänzlich unbestellbarer
-Briefpostsendungen hauptsächlich daher, daß man sich in der Neuen
-Welt einer großen Eintönigkeit bei der Auswahl der Ortsnamen
-schuldig gemacht. Eines der neuesten Ortsverzeichnisse der Union
-weist beispielsweise 18 Berlin in den verschiedensten Staaten auf,
-wozu noch ein Berlin Centre, ein Berlin Heights und ein Berlin Croß
-Reads in Ohio, Berlin Falls in New-Hampshire, ein Berlinsville in
-Pennsylvanien und ein Berlinville in Ohio kommen. Neben 23 Columbia
-paradieren 23 Columbus, 11 Humboldt, zahllose Liberties und Freedoms,
-Unions und Unities, Franklins, Washingtons, Jacksons und Jeffersons.
-Die klassischen Neigungen Bruder Jonathans sind durch 16 Arcadia,
-16 Athen, 19 Palmyra, 15 Homer, der Olymp selber durch 5 Minerva, 3
-Ceres und 2 Juno vertreten. Auch in Deutschland pflegen die etlichen
-20 Neustadt, die verschiedenen Freiburg, Karlsruhe etc. dem Absender
-weniger Kopfzerbrechen zu verursachen, als der Post, welcher die Wahl
-des richtigen Bestimmungsorts vielfach überlassen wird[94].
-
-Selbst Briefe oder Postkarten +ohne Adresse+ werden viel häufiger
-aufgegeben, als man anzunehmen geneigt sein möchte. Der Bericht des
-englischen Generalpostmeisters für 1880/81 konstatiert z. B., daß im
-Bereiche seiner Verwaltung in +einem+ Jahre mehr als 27000 Briefe und
-Postkarten +jeglicher Aufschrift+ entbehrten. Im Jahre 1883/84 betrug
-die Zahl derartiger Briefe 25628; hiervon enthielten noch dazu 1536
-Stück Werteinlagen im Gesamtbetrage von 102160 M.
-
-Vielfach ist auch die +Beschaffenheit der Sendungen+ Ursache, wenn
-dieselben nicht zur Bestellung gelangen. Das gilt besonders von
-Gepäckstücken. So sind z. B. in New-York allein in einem +einzigen+
-Jahre infolge sorgloser Verpackung 4000 Drucksachen aus Europa als
-unbestellbar liegen geblieben. Meistens waren die Streifbänder
-abgefallen.
-
-Zuweilen trägt die +Qualität der dienstbaren Geister+, welchen die
-Vermittlung zwischen der Post und der Herrschaft zukommt, die Schuld,
-wenn Sendungen gar nicht oder wenigstens nicht rechtzeitig an ihrem
-Bestimmungsorte eintreffen.
-
-Manchmal machen wir die Post für unsere +eigene Vergeßlichkeit+
-verantwortlich. So wurde nach dem Bericht der britischen
-Postverwaltung des Jahres 1870 in einem Falle eine Anzahl Coupons zu
-Suez-Kanal-Aktien, welche als vermißt bezeichnet worden waren, in dem
-Papierkorbe des Empfängers aufgefunden, wohin sie dieser geworfen
-hatte, in der Meinung, es seien gewöhnliche Geschäftsanzeigen. Nach
-derselben Quelle wurde ein anderer, angeblich als Einschreibsendung
-aufgelieferter Brief hinter einem Schreibpulte in der Stube des
-Absenders selbst vorgefunden, und ein nach Paris bestimmter Brief,
-der 125000 Pfd. St. enthielt und ganz bestimmt als Einschreibbrief
-aufgegeben sein sollte, fand sich unter den gewöhnlichen
-Briefpostgegenständen unversehrt wieder. Ebenso wurde einem Pakete mit
-einer Uhr nachgeforscht, das an einen Londoner Uhrmacher gerichtet war,
-und dessen Empfangnahme von letzterem hartnäckig bestritten wurde.
-Schließlich wurde die vermißte Uhr in einem Schubkasten im Laden des
-Uhrmachers entdeckt.
-
-Auf welch seltsame Weise Briefe ohne Verschulden der Post zuweilen zu
-Verluste gehen, dafür giebt uns der Bericht der amerikanischen Post-
-und Telegraphenverwaltung pro 1877/78 einen Beleg. Hiernach wurden
-nämlich Briefe, die durch einen an der Ladenthür eines Geschäftes
-befindlichen Briefeinwurf abgegeben worden waren, und welche infolge
-davon, daß auf der Innenseite der Thüre kein Briefkasten sich befand,
-auf die Erde fallen mußten, von +Ratten+ unter die Dielen verschleppt.
-Dieselben kamen erst wieder zum Vorschein, als Ausbesserungen im Laden
-vorgenommen wurden.
-
-Auch andere Tiere sind den Briefschaften schon verhängnisvoll geworden.
-So wurden Briefkästen nach dem Berichte +Hydes+ wiederholt von Vögeln
-mit Beschlag belegt, die darin befindlichen Briefschaften aber auf die
-Straße geworfen[95].
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Geschichte des Briefes, der Freimarke, der Postkarte und der
-Zeitungen[96].
-
-
-1. +Der Brief.+ Die Geschichte des Briefes verliert sich in das Dunkel
-der Sage. Nach Diodor stammt der älteste Brief der Welt von dem
-indischen König Stabrobates; derselbe war an die assyrische Königin
-Semiramis gerichtet. Mehrfach ist auch in der +Bibel+ von Briefen die
-Rede, und selbst Homer läßt schon, wie jener Brief beweist, den der
-Argiverfürst Proitos arglistig dem Bellerophon nach Lycien mitgab,
-die Helden sich des Schreibens befleißigen. Nach neueren Forschern
-gebührt die Ehre der Erfindung des Briefschreibens der Königin Atossa,
-der Tochter des Cyrus und der Mutter des Xerxes. Am frühesten
-wurden indes Briefe wohl in +Ägypten+ geschrieben, da dort schon in
-ältester Zeit durch die hohe Kulturentwicklung im allgemeinen, wie
-durch die Erfindung der Papyrusbereitung[97] für die Entwicklung des
-Briefverkehrs die entsprechenden Bedingungen gegeben waren.
-
-Eine besondere Art der klassischen Briefformen ist der +Stab+- oder
-+Rollbrief+ -- die +Skytale+ --, der in Lacedämon gebräuchlich war.
-Sollte nämlich eine Botschaft ergehen, so schlang man einen schmalen
-weißen Riemen, fest und genau schließend, um den Stab, schrieb das
-Nötige in der Längsrichtung des Stabes querüber auf die durch den
-aufgewickelten Riemen gebildete Schreibfläche, löste den Riemen
-wieder und schickte ihn so an den Feldherrn oder Staatsmann, für
-den die Botschaft bestimmt war. Dieser vermochte die jedem andern
-unverständlichen Zeichen nur dadurch zu entziffern, daß er den Riemen
-um den in seinen Händen befindlichen Stab von genau den gleichen
-Dimensionen schlang. So stellt der Stabbrief wohl die älteste Form
-eines Feldpostbriefes dar[98].
-
-Verwandt mit dem lacedämonischen Stabbrief, wenn auch weniger in
-der Form, so doch hinsichtlich des hauptsächlichsten Gebrauches für
-geheime amtliche Mitteilungen, sind die +Knotenbriefe+ oder +Quipus+
-der Inkaperuaner in Amerika. Sie bestanden im wesentlichen aus
-einem horizontal gelegten Hauptstrang, an dem verschiedene Schnüre
-herabhängend angebracht waren. Jeder dieser Stränge hatte eine
-besondere Hauptbedeutung, während die an denselben angebrachten Knoten,
-je nach ihrer Stellung und Form, die unter jenen Hauptbegriff fallenden
-Einzelheiten darstellten. Daß solche Knotenschnüre vor alters auch
-in China statt der Schrift in Gebrauch waren, erwähnt der Philosoph
-Lao-tse, ein älterer Zeitgenosse des Konfucius[99].
-
-[Illustration: Fig. 45. Quipu (Knotenschrift).]
-
-Das +Mittelalter+ zeigt eine nur mäßige Entwicklung des Briefschreibens
-in der verkehrsmäßigen Bedeutung des Wortes. Begründet ist diese
-Thatsache, abgesehen von der damals überhaupt ziemlich spärlich
-verbreiteten Kenntnis des Lesens und Schreibens, besonders auch in
-dem hohen Preise des Schreibmaterials, als welches nunmehr an Stelle
-des in Vergessenheit geratenen Papyrus das +Pergament+ getreten war.
-Seinen Namen trägt dieses Schreibmaterial von der Stadt Pergamus in
-Kleinasien. Als nämlich König Eumenes II. (197-158 v. Chr.) in Pergamus
-seine große Bibliothek anlegte, soll die Eifersucht der Ptolemäer, die
-hierin eine gefährliche Nebenbuhlerschaft mit ihrer Weltbibliothek in
-Alexandrien erblickten, in dem Maße erregt worden sein, daß sie die
-Ausfuhr des Papyrus aus Ägypten gänzlich untersagten. Notgedrungen
-griff man nun in Pergamus zurück auf die alte Art der Bereitung von
-Tierhäuten, die man zugleich derart verbesserte, daß das neue Erzeugnis
-als ~charta pergamena~ sich bald großen Ruf erwarb[100].
-
-Die bis jetzt erörterten Schreibstoffe waren der Entwicklung
-des Briefes wenig günstig; erst als durch die Erfindung des
-+Lumpenpapiers+[101] ein weit bequemeres, billigeres und allgemein
-zugängliches Material gewonnen worden war, nahm dieselbe einen
-ungeahnten Aufschwung.
-
-Bald entwickelte sich auch ein besonderer Fabrikationszweig für „Brief-
-oder Postpapier“, das vor allem durch möglichst geringe Dicke und
-kleineres Format sich auszeichnet, daneben auch besondere Glätte und
-Feinheit in Stoff und Farbe zeigt. Es wird gegenwärtig in fast allen
-Kulturländern benutzt. An einzelnen eigenartigen Schreibstoffen fehlt
-es indes auch der Neuzeit nicht. So zeigt unsere Abbildung ein im
-Postmuseum zu Berlin befindliches Original eines zusammengewickelten
-Palmblattes aus Indien, das, mit einer Blattfaser verschlossen, auf der
-Außenseite die Adresse enthält.
-
-Gleiche Wandlungen, wie der +Stoff+, auf den geschrieben wurde, erfuhr
-im Laufe von Jahrtausenden auch der +Verschluß+ der Briefe. Der
-einfache +Bast+, mit welchem der indische Palmblattbrief noch heute
-verschlossen wird, mag von alters her, sobald man einmal den Gebrauch
-des Papyrus zu Briefen kannte, das gewöhnliche Verschlußmittel gewesen
-sein. Später ging man dazu über, die Enden der Schnüre sowohl bei
-Rollen, als auch bei den Wachstäfelchen mit +Thonerde+ oder +Wachs+ zu
-verschließen. Der Gebrauch der sogen. +Siegelerde+ war namentlich in
-Asien heimisch, da nur in Kleinasien eine zu diesem Zwecke taugliche
-Thonerde gefunden wurde.
-
-[Illustration: Fig. 46. Palmblattbrief.]
-
-Im Mittelalter unterschied man zwei Arten von Briefen: ~literae
-clausae~ und ~literae patentes~. Bei den verschlossenen Briefen war
-das aus Wachs hergestellte Siegel auf dem Briefe selbst angebracht, so
-daß dessen Inhalt nur nach Erbrechen des Siegels dem Auge zugänglich
-war. Bei den ~literae patentes~ (den offenen Briefen) waren dagegen die
-Siegel nur angehängt, dienten aber so wesentlich zur Beweiskraft des
-Schriftstücks, daß schon eine Beschädigung des Siegels hinreichte, die
-Urkunde ungültig zu machen.
-
-An die Stelle des Wachses trat, wahrscheinlich erst um die Mitte des
-16. Jahrhunderts, der noch jetzt gebräuchliche +Siegellack+. Er soll
-aus China stammen und von dort nach Indien gelangt sein, von wo ihn
-die Portugiesen nach Europa brachten. Erwiesenermaßen ist derselbe in
-Breslau schon 1561 in Gebrauch gewesen; er scheint indes noch mehr als
-ein Jahrhundert als eine kostbare Seltenheit gegolten zu haben.
-
-Wegen der umständlichen Behandlung, welche der Siegellack erforderte,
-griff man nebenbei auch zur +Oblate+[102], deren Verwendung eine
-ziemlich verbreitete wurde, doch konnte sie den Siegellack nicht
-ersetzen. In unserem Jahrhundert ist sie durch die gummierte
-+Siegelmarke+ aus Papier fast ganz verdrängt worden; aber auch diese
-weicht jetzt vor den gummierten +Briefumschlägen+ mehr und mehr zurück.
-
-Endlich noch einiges über die +Schreibgeräte+!
-
-Auf Wachstafeln schrieb man mit +Griffeln+ aus Knochen oder Metall.
-Sehr früh begann man aber auch schon mit gefärbten Flüssigkeiten zu
-schreiben, und dazu diente das +Rohr+, das wie unsere Schreibfedern
-gespalten und zugespitzt war. Das stumpf gewordene Rohr wurde
-mit Bimsstein wieder geschärft. Später trat an Stelle des Rohrs
-die +Kielfeder+, deren Gebrauch schon im fünften Jahrhundert
-sich nachweisen läßt; allgemein in Gebrauch kam dieselbe erst im
-neunten Jahrhundert. In unserer Zeit hat die Kielfeder wiederum der
-+Stahlfeder+ Platz gemacht[103]. -- Die +Tinte+ der Alten bestand
-meist aus Leimwasser, das mit Ruß gerührt wurde, oder aus dem Saft der
-Maulbeeren oder aus dem Blute des Tintenfisches. Doch müssen dieselben
-auch schon den Gebrauch von Metallsalzen bei Anfertigung ihrer
-Tinten gekannt haben, da man bei vielen griechischen und römischen
-Manuskripten, die durch Radierungen undeutlich geworden waren, den
-Text durch Behandlung mit Reagentien auf vitriolhaltige Stoffe
-wiederhergestellt hat. Im Mittelalter waren in den meisten Fällen die
-Hauptbestandteile der Tinte, wie noch heute, Galläpfel und Vitriol.
-
-2. +Die Freimarke.+ Die +Geschichte der Freimarke+ reicht bis ins
-17. Jahrhundert zurück[104]. Nach dem Berichte des Chronisten
-Pellisson-Fontanier wurde nämlich von Ludwig XIV. im Jahre 1653 dem
-~Maître des requêtes~ (Staatsrat, Berichterstatter über Bittschriften)
-+Vélayer+ das Privilegium erteilt, in den verschiedenen Stadtteilen
-von Paris Briefkästen aufstellen und die in dieselben eingelegten, an
-Einwohner der Stadt selbst gerichteten Briefe gegen eine Gebühr von
-einem Sou bestellen zu lassen. Eben dieser Vélayer war es nun auch,
-welcher, wie derselbe Chronist des weitern mitteilt, +zuerst+ auf den
-Modus der vorherigen Erhebung der Gebühr bei Bestellung von Briefen, d.
-i. die Frankierung kam. Die Entrichtung dieser Gebühr geschah nun in
-der Weise, daß ein „~billet de port payé~“, das an bestimmten Stellen
-zu kaufen war, zur Frankierung verwendet wurde. Als die eigentliche
-Erfinderin dieser Francobillets des Mr. Vélayer wird indes eine
-Hofdame, Madame de Longueville, bezeichnet.
-
-Unter den Gründen, welche zu Gunsten der neuen Beförderungsgelegenheit
-angeführt werden, figurieren zum Teil recht naive. So heißt es z. B.,
-die neue Einrichtung werde sich sehr bald unentbehrlich erweisen
-für alle, „welche... verhindert sind, selbst auszugehen, wegen ihres
-Gesundheitszustandes oder wegen ihrer Gläubiger“; dann für solche,
-welche in Strafanstalten sitzen oder in Klöstern und Kollegien sich
-befinden; für Prozeßführende, die mit aller Welt zu thun haben...;
-ferner für die Herren und Damen bei Hofe, die stets auf den Beinen sind
-und doch oftmals nicht die Hälfte derjenigen Anstandsverpflichtungen
-erledigen können, die sie gern erledigen möchten.
-
-Die Entwertung der ~billets de port payé~ geschah durch den Absender
-selbst, indem nur solche Briefe befördert wurden, auf welchen das
-Billet durch handschriftliche Ausfüllung des Aufgabedatums in dem
-hierzu bestimmten Vordruck: „~port payé, le... jour du mois de... l’an
-16...~“ für nochmalige anderweite Verwendung unbrauchbar gemacht war.
-
-Wie lange und in welchem Umfange dieser Stadtpostdienst bestanden hat,
-ist leider nicht bekannt geworden; jedenfalls war er ein Jahrhundert
-später (1760) gänzlich in Vergessenheit geraten und mit ihm auch die
-erste Anwendung der Postfreimarke.
-
-Erst im 19. Jahrhundert kam das zur Entrichtung der Postgefälle so
-einfache und für das korrespondierende Publikum so bequeme System der
-Postwertzeichen wieder in Anwendung, und zwar gebührt dem Königreich
-+Sardinien+ das Verdienst, diese Bahn zuerst wieder betreten zu haben.
-Dort wurden 1819 Postwertzeichen in Form gestempelter, zum Einschlagen
-der Briefe bestimmter Viertelbogen +weißen+ Papieres ausgegeben.
-Das Papier selbst trug an den Rändern ringsum den Wasserstempel:
-„~Direzione Generale delle Regie Poste~.“ Die Wertstempel, einen
-blasenden Genius zu Pferde darstellend und in Beträgen zu 15, 25 und
-50 Centesimi angefertigt, wurden im nächsten Jahre durch farblose
-Trockenstempel ersetzt und blieben bis zum Jahre 1836 in Gebrauch.
-
-Dem Vorgange der sardinischen folgte zunächst die englische
-Postverwaltung, die 1840, zugleich mit Einführung des Penny-Portos,
-ebenfalls gestempelte Briefumschläge anfertigen ließ, und zwar solche
-zu einem Penny in Schwarzdruck und zu zwei Pence in Blaudruck. Die
-für die Aufschrift bestimmte Vorderseite dieser Umschläge trug
-eine Illustration von Mulready (eine allegorische Verherrlichung
-des britischen Weltverkehrs) und am Fuße in Druckschrift die
-Wertbezeichnung „~Postage one penny~“ oder „~Postage two pence~“.
-Einige Monate später wurden die +ersten eigentlichen Briefmarken+ zu
-einem Penny und zwei Pence ausgegeben. Diese das Bild der Königin
-Viktoria in braunrotem, beziehungsweise blauem Kupferstich tragenden
-Marken sind unverändert in Form und Farbe noch heute in Gebrauch.
-
-Ins große wurde die Frankierungsidee in England von Charles Knight und
-dem Schöpfer des Penny-Portos, Rowland Hill, übertragen.
-
-Sehr bald folgten dem Vorgange Sardiniens und Englands: 1843 Brasilien,
-1844 Genf, 1845 Finnland, 1846 die Union, 1848 Rußland, 1849
-Frankreich, Belgien und Bayern, 1850 Österreich, Preußen und Sachsen,
-und später nach und nach alle jene Staaten, die sich im Besitz eines
-geregelten Postwesens befanden.
-
-Die Ausstattung der Freimarken ist eine sehr verschiedene. Die Marken
-Guatemalas z. B. zeigen buntgefiederte Papageien, auf den ägyptischen
-Wertzeichen sind die Wahrzeichen des alten Pharaonenlandes, Sphinx und
-Pyramide, angebracht; grimmig blickt der Drache auf den Postmarken
-Chinas; der geflügelte Hermeskopf ist das Wahrzeichen Griechenlands,
-und die Negerrepublik Liberia hat ihrem die Republik darstellenden
-Frauenkopfe die phrygische Mütze aufgesetzt.
-
-Die für die Freimarken jetzt gewöhnlich verwendeten Farben sind: Blau
-für die zu 25 Centimes (20 Pf.), Rot für die zu 10 Centimes (10 Pf.)
-und Grün für die zu 5 Centimes (5 Pf.)
-
-Auf dem ganzen Erdenrund existieren gegenwärtig weit über 5000
-verschiedene Arten von Postwertzeichen, von denen auf Europa allein
-ungefähr über 3000 entfallen.
-
-Wie massenhaft der Verbrauch dieser Wertzeichen ist, ergiebt sich aus
-der Thatsache, daß in Großbritannien und Irland das +Gewicht+ der in
-+einem+ Jahre ausgegebenen Postmarken rund 2280 Ctr. beträgt[105].
-
-Hier sei auch des Briefmarken+sammelns+[106] gedacht!
-
-Dasselbe wird seit etwa 20 Jahren systematisch betrieben, und
-ebensolange ist der Handel mit Briefmarken als vollberechtigtes
-kaufmännisches Geschäft in Erscheinung getreten. Der Hauptsitz für
-dieses Gewerbe, das vollauf seinen Mann nährt, ist Paris, wo dasselbe
-zuerst in dem bekannten Hotel Drouot sein Standquartier hatte. Später
-wurde für diesen eigenartigen Handel eine förmliche Börse errichtet,
-die erst in den Tuilerien, dann im Luxembourg abgehalten wurde und zur
-Zeit in der Avenue Marigny ein blühendes Dasein führt. Hier findet man
-Briefmarkenhändler und -Liebhaber jeden Alters und Standes von dem
-Schüler an, der seine Pfennige in einigen billigen Erwerbungen anlegt,
-bis zu den Grossisten, deren Umsätze in Marken sich nach Hunderten,
-ja Hunderttausenden beziffern. Neben Paris sind namentlich noch in
-Brüssel, Berlin, Wien, Leipzig und Breslau mehrere derartige große
-Geschäfte in Thätigkeit.
-
-Da man in den ersten Jahren nach Einführung der Postwertzeichen nicht
-daran dachte, die zur Frankierung verwendeten abgestempelten Marken
-aufzubewahren oder gar zu sammeln, sondern dieselben gewöhnlich
-achtlos dem Papierkorb überantwortete, von wo sie wohl meist den Weg
-zum Ofen oder Kamin genommen haben, so sind Exemplare der ersten
-Emissionen naturgemäß sehr selten geworden. Einzelne solcher seltenen
-Vögel werden denn auch, ihre Echtheit vorausgesetzt, zu Preisen
-notiert, die dem Nichtphilatelisten[107] unbegreiflich erscheinen.
-So wird z. B. die seltenste französische Marke, diejenige zu 1 Frc.,
-Ausgabe 1849, orangegelb, für 150-200 M. verkauft; die erste Ausgabe
-von Hawaii, mit Ziffern statt Zeichnungen, erzielt, gut erhalten,
-800-1000 M.; ebensoviel wird für jede der beiden mit „Reunion“
-bezeichneten Marken zu 15 und 30 Cts. bezahlt. Die Perle aller Marken
-ist indes diejenige der Insel Mauritius vom Jahre 1850; sie wird, ob
-sie rot oder blau, gut erhalten oder schon vom Zahn der Zeit angenagt
-ist, wenn sie nur den legalen Stempel trägt, mit mehr als 1000 M.
-bezahlt.
-
-Es ergiebt sich hieraus, daß die Briefmarken-Liebhaberei recht
-kostspielig werden kann, wenn der Sammler auf Vollständigkeit seiner
-Sammlung erpicht ist. Eine leidlich komplette Sammlung kostet
-mindestens 50000 bis 100000 Frcs.
-
-Große Privatsammlungen sind deshalb selten; die bedeutendste besitzt
-der Herzog von Galliera, der vor einigen Jahren die Bestände des
-Markenhändlers Mahé kaufte und diesen Herrn selbst, sowie einen zweiten
-Markenkenner von Fach als Konservatoren seiner Sammlung anstellte.
-Die Aufwendungen für letztere sollen bis jetzt schon 1½ Mill. Frcs.
-betragen. Eine zweite großartige Privatsammlung befindet sich in den
-Händen des Barons Arthur von Rothschild in Paris; sie soll einen Wert
-von 200000 Frcs. repräsentieren.
-
-Die Sammlung des Postmuseums in Berlin enthält über 5000 verschiedene
-Arten von Postwertzeichen, von denen allein in Europa über 2500
-ausgegeben wurden. Das Zimmer, in welchem dieselbe untergebracht ist,
-erfreut sich stets eines außerordentlichen Zuspruchs, wenn die Räume
-des Museums dem Publikum zugängig sind. „Gefährlich geradezu aber wird
-der Ansturm,“ wie Ferdinand Hennicke launig sagt, „wenn die Berliner
-Schulen Ferien haben. Dann marschiert Jung-Deutschland geschlossen
-in das betreffende Zimmer ein und wankt und weicht nicht von den
-philatelistischen Schätzen, bis die Glocke den Schluß der Vorstellung
-verkündet.“
-
-Eines der bedeutendsten Hilfsmittel für den Sammler von Fach ist das
-Katalog-Album von Arthur Maury, ein mit wirklicher Gelehrsamkeit
-geschriebenes Buch.
-
-3. +Die Postkarte[108].+ Die erste Idee zur Einführung von Postkarten
-ist von dem jetzigen Leiter des deutschen Reichspostwesens,
-Staatssekretär ~Dr.~ v. Stephan, ausgegangen. Derselbe hatte schon in
-seiner Dienststellung als Geheimer Postrat beim frühern preußischen
-Generalpostamte letzterem einen bezüglichen Vorschlag unterbreitet, war
-aber damit nicht durchgedrungen. Diese Denkschrift datiert vom Oktober
-1865. Sie kam in Karlsruhe auf der fünften Postkonferenz zur Sprache
-und erweckte das besondere Interesse des geistreichen, weitblickenden
-Sektionsrats Kolbensteiner, des spätern österreichischen General-Post-
-und Telegraphendirektors. Durch dessen Einfluß und unter der Fürsprache
-des Professors ~Dr.~ Herrmann an der Militärakademie zu Wiener-Neustadt
-trat die Postkarten-Einrichtung für die österreichisch-ungarische
-Monarchie am 1. Oktober 1869 ins Leben. Die neuen Karten entsprachen
-völlig dem von ihrem Erfinder ~Dr.~ v. Stephan schon im Jahre 1865
-ausgesprochenen Gedanken. Der sofortige Konsum in Österreich stellte
-sich für ein einziges Quartal auf 2930000 Stück. Deutschland führte
-die Postkarte im Juni 1870 ein. Die erste Ausgabe der +norddeutschen+
-Postkarten fand in Berlin am 25. Juni 1870 statt. Ein wie großes
-Verlangen nach dem neuen Verkehrsmittel sich geltend machte, und wie
-sehr dieses einem wirklichen Bedürfnis entsprach, geht daraus hervor,
-daß die Zahl der allein an diesem +einen+ Tage in Berlin abgesetzten
-Postkarten 45468 Stück betrug.
-
-Von nah und fern, sogar aus dem Westen Amerikas, gingen dem
-Generalpostamte nach Ausgabe der ersten Postkarten Danksagungsschreiben
-zu, mittels deren die Absender ihrer Freude über die neue Einrichtung
-Ausdruck verliehen. Besonders aber erwies sich die Postkarte im
-deutsch-französischen Krieg als ein ganz unschätzbares Hilfsmittel, in
-bündiger und gedrängter Kürze Nachrichten von einem beginnenden Kampfe
-oder von einer glücklich überstandenen Schlacht in die Heimat gelangen
-zu lassen. Von den Truppen wurde auch in der That von den Postkarten
-der umfassendste Gebrauch gemacht. Auf rund zehn Millionen beziffert
-sich die Zahl der bis Ende Dezember 1870 zwischen den Truppen und den
-Angehörigen in der Heimat gewechselten Karten. Jeder Postzug führte
-Massen von Postkarten mit sich, welche zum Teil auf den Schlachtfeldern
-auf den Rücken der Kameraden geschrieben worden waren, um den
-Angehörigen in der Heimat sogleich nach den gewaltigen Katastrophen
-die ersehnten Nachrichten über das Ergehen der Ihrigen zu bringen. Wie
-manche Thräne der bangenden Ungewißheit ist in jener Zeit durch den
-Eingang einer Karte getrocknet worden; wie manche verzweifelnde Gattin
-hat durch sie Trost und Beruhigung gefunden!
-
-Die französische Regierung der nationalen Verteidigung folgte am 29.
-September 1870 sofort dem Beispiele Deutschlands; dann kamen nach dem
-Kriege die französischen Karten wieder in Fortfall, und erst Anfang
-1873 wurden sie wieder eingeführt. Luxemburg dekretierte die Postkarten
-am 1. September 1870, die Schweiz am 23. Juli 1870, Großbritannien
-am 1. Oktober 1870, Belgien und die Niederlande am 1. Januar 1871,
-Dänemark am 1. April 1871, Finnland im Juni 1871, Schweden und Norwegen
-am 1. Januar 1872, Rußland an eben demselben Tage, Spanien verfügte
-die Postkarten-Einrichtung am 1. Dezember 1873, ebenso Serbien und
-Rumänien. Italien folgte am 1. Januar 1874, Griechenland 1876, Türkei
-1877, Portugal 1878. Zu den einfachen Postkarten kamen bald solche mit
-+Antwortkarten+.
-
-Das Reichspostamt hat von Privatpersonen mehrfach Proben erhalten,
-wieviel auf dies handgroße Blatt Papier geschrieben werden kann.
-Eine dieser Postkarten enthält, wenn auch mit einiger Mühe, so doch
-immer noch lesbar, mit Tinte geschrieben, die Gedichte: „Der Gang
-nach dem Eisenhammer“, „Der Graf von Habsburg“, „Der Handschuh“ und
-„Das Mädchen aus der Fremde“, was nach der Angabe des Einsenders
-eine Summe von 4255 Worten darstellt. Ein noch größeres Kunststück
-aber hat, Zeitungsnachrichten zufolge, ein Korporal in Hermannstadt
-geliefert, der auf die Rückseite einer einzigen Postkarte 8777 Worte
-geschrieben haben soll. Wenn diese Ergebnisse schon bei gewöhnlicher
-Schrift erzielt worden sind, so läßt sich denken, wie viel mehr noch
-die Postkarte ausgenutzt werden kann, wenn man die Stenographie zu
-Hilfe nimmt. In dieser Beziehung hat wohl ein englischer Stenograph
-das denkbar Möglichste geleistet; derselbe brachte es zuwege, auf
-eine großbritannische Postkarte, die der deutschen noch dazu an Größe
-nachsteht, 33363 Worte zu schreiben.
-
-Das Reichspostmuseum in Berlin enthält eine Postkarte, welche die Reise
-um die Welt gemacht hat. Aufgegeben in Chemnitz am 12. November 1878
-und zum Zwecke anderweiter Adressierung und sofortiger Weitersendung
-an die betreffenden auswärtigen Konsulate gerichtet, ist die Karte
-an ihrem Abgangsort am 11. März 1878, mithin nach 119 Tagen, wieder
-eingetroffen. Die betreffende Karte nahm ihren Weg über Neapel,
-Alexandrien, Suez, Shanghai, Nagasaki, Yokohama, San Francisco,
-Philadelphia, New-York und Queenstown.
-
-Dasselbe Museum enthält auch eine Sammlung aller seit Einführung der
-Postkarten amtlich ausgegebenen Formulare. Die +kleinsten+ aller
-Postkarten sind die der Insel +Neufundland+, welche eine Länge von 11,4
-cm bei einer Breite von 7 cm haben. Die deutschen Sind um 3,0 cm länger
-und 1,8 cm höher. Daß überhaupt die Postkarten aller Länder in ihrer
-äußern Form so viel wie möglich übereinstimmen, ist eine Folge des
-Postvertrages, durch welchen festgestellt ist, daß sie eine bestimmte
-Größe, nämlich 14 cm in der Länge und 9 cm in der Breite, nicht
-überschreiten dürfen.
-
-Wegen ihrer +Ausstattung+ bemerkenswert sind die ebenerwähnten
-Postkarten der Insel +Neufundland+. Die aus weißem Papier
-hergestellten, mit Randverzierungen geschmückten Formulare tragen in
-grüner Farbe den Vermerk „~Newfoundland~“ und „~Post-Card~“ auf einem
-netzartigen, fein ausgeführten Untergrunde, welch letzterer von einem
-aus der linken untern Ecke der Karte ausgehenden und über die ganze
-Fläche sich ausbreitenden Strahlenbündel durchschossen ist. Einen nicht
-weniger bunten Anblick gewähren die Karten der Republik +Guatemala+ mit
-schwarzem Druck auf Chamois-Papier. Sie führen in der Mitte der obern
-Hälfte ihrer Vorderseite einen Frauenkopf in ovalem Rahmen (mit der
-Umschrift „~¼ Quartillo real~“), welcher mit Arabesken von Blätterwerk
-umgeben ist, und unter dem sich in verziertem Druck die Angabe „~Cartas
-postales de la Republica de Guatemala~“ befindet. Ferner sind hier noch
-die +Helgoländer+ weißen Welt-Postkarten zu 10 Pf. zu erwähnen, welche
-mit ihrer Umrahmung zusammengeknoteter Taue und ihren aus stiller See
-aufsteigenden Felsblöcken, die sich zu den einzelnen Buchstaben des
-Wortes „Helgoland“ zusammensetzen, zugleich bildlich ihren Ursprung
-von dem kleinen Eilande zur Anschauung bringen. Über „Helgoland“
-steht „~Union postale universelle~“ und links in der obern Ecke das
-helgoländische Wappen mit einem Wimpel, welcher den Wertstempel von 5
-~farthings~ trägt. Daß der Wertstempel in der obern linken Ecke steht,
-findet man sonst nur bei den Briefkarten von Italien und der Schweiz.
-Bei denjenigen von Cuba, Guatemala, Portorico und Spanien befindet er
-sich oben in der Mitte. Alle anderen Briefkarten sind in der rechten
-obern Ecke gestempelt. Betreffs der Postkarten mit Antwort ist noch
-erwähnenswert, daß diejenigen von Finnland und Schweden sich von denen
-anderer Länder dadurch unterscheiden, daß sie nicht an der breiten,
-sondern an der schmalen Seite gespalten sind.
-
-Seitdem in Deutschland auch die von der +Privatindustrie+ hergestellten
-Postkarten verwendet werden dürfen, ist den Korrespondenten das denkbar
-größte Maß von Bequemlichkeit gewährt. In allen größeren Städten stehen
-gegenwärtig in bedeutenderen Papiergeschäften Postkarten zum Verkaufe,
-die auf ihrer Rückseite die Mitteilungen für ganz bestimmte Zwecke
-gleich vorgedruckt enthalten und von den Absendern nur noch mit der
-Aufschrift zu versehen sind.
-
-Wenn auch vielen der erwähnten Karten eine tiefere Bedeutung nicht
-zuzumessen ist, so zeigt doch, neben dem wahrhaft riesigen Verbrauch
-der gewöhnlichen Karten, ihr Vorhandensein und ihre immerhin nicht
-unbedeutende Benutzung ebenfalls, wie sehr die Postkarte beliebt
-geworden, und wie die Erwartungen, welche der Erfinder der Postkarte
-in seiner Denkschrift an sie knüpfte, sich nicht allein erfüllt haben,
-sondern in Wirklichkeit noch übertroffen wurden.
-
-Von Nachteil ist der massenhafte Verbrauch von Postkarten nur für
-die Kunst der „Briefstellerei“; wird sie doch schon jetzt als eine
-verlorene Kunst beklagt.
-
-Zum Schlusse sei noch erwähnt, wie in den ersten Monaten nach
-Einführung der Postkarte dieselbe zu tausenderlei üblen und losen
-Streichen benutzt wurde. Besonders zeigte sich das muntere und
-lebenslustige Wien anfangs unerschöpflich in der Ausbildung des neuen
-Genres der „Korrespondenzkarten-Witze“.
-
-4. +Die Zeitungen+[109]. Zeitungen kennt bereits das Altertum. Das
-erste Bild einer solchen haben wir in den römischen ~Annales maximi~,
-und der Urvater aller Journalisten ist der ~Pontifex maximus~. Nicht
-lange nach Gründung der Stadt Rom nämlich, wahrscheinlich unter Numa,
-wurde es dem Oberpriester zur Pflicht gemacht, die Chronik, welche er
-zu führen verbunden war, auf eherne Tafeln zu schreiben und öffentlich
-auszustellen, so daß jeder aus dem Volke sich über das kürzlich
-Vorgefallene regelmäßige, vielleicht wöchentliche Kunde einholen
-konnte, und nicht bloß das Geschehene allein gelangte auf diese
-Weise zur Veröffentlichung, auch Bestimmungen der Regierung wurden
-angeschlagen, so daß die ~annales maximi~ auch den Charakter einer
-+offiziellen+ Zeitung an sich trugen.
-
-Wohl durch vier bis fünf Jahrhunderte blieb die ursprüngliche Form
-unverändert, bis endlich die Abfassung dieser Zeitung mit dem
-Oberpriester P. Mucius ein Ende nahm und dieselbe durch ein Tageblatt,
-die ~Acta populi romani diurna~, ersetzt wurde, denen sich unter Cäsar
-noch die ~Acta senatus~ zugesellten.
-
-Das Volk wurde jetzt von den täglichen Vorgängen, namentlich von allen
-wichtigen Beratungen und Beschlüssen des Senates, in Kenntnis gesetzt,
-und so sehen wir tatsächlich zu Anfang unserer Zeitrechnung Rom im
-Besitze von zwei eminent politischen Zeitungen.
-
-Mit dem Eintritt der Kaiserzeit verschmolzen die bisher bestehenden
-zwei Zeitungen in +eine Staatszeitung+. Leider blieb uns kein Exemplar
-derselben erhalten, doch sind wir durch ihr entnommene Anführungen
-gleichzeitiger Schriftsteller über deren Inhalt genügend unterrichtet.
-Die Kriegsnachrichten fehlten z. B. niemals. Die Schlachten und
-Erstürmungen eingenommener Plätze waren ausführlich gegeben.
-Gladiatorenkämpfe, wunderbare Naturerscheinungen, Volksfeste fanden
-darin ihre Beschreibung. Der größte Teil der Staatszeitung war aber mit
-Hofnachrichten gefüllt; Feste und Ceremonien ebenso, wie die Reisen des
-Kaisers waren ausführlich geschildert, sein Lob und Preis passenden
-und unpassenden Orts angebracht. Auch das Inseratenwesen scheint schon
-bestanden zu haben; denn die Staatszeitung veröffentlichte nicht nur
-die öffentlichen Versteigerungen und Bauunternehmungen, sondern auch
-Privatmitteilungen von Sterbefällen, Hochzeitsanzeigen u. s. w. Im
-+wesentlichen+ stimmte demnach die römische Staatszeitung mit unseren
-+heutigen+ Blättern überein.
-
-Mit dem Verfalle Roms verfiel auch das Zeitungswesen, und unter den
-Trümmerhaufen, in welche die wiederholten Einfälle unserer Vorfahren
-die Stadt verwandelten, wurde und blieb das Zeitungswesen begraben.
-
-Ein schwacher Wiederschein desselben glänzte indes noch einige Zeit
-hindurch am Hofe von Byzanz, wo sich die Schmeichelei der Höflinge in
-den ~Breviaria principum~ und ~Registra scribarum~ ablagerte. Aber auch
-dieses letzte Aufflackern des Lebensgeistes der Zeitung erlosch, als
-jene furchtbare Zeit über Europa hereinbrach, die für Jahrhunderte den
-Boden aller Länder mit Blut tränkte, überall die Schrecken des Krieges
-und Mordes, der Verwüstung und Zerstörung verbreitete und alle Völker
-aus ihren Wohnsitzen vertrieb.
-
-Zu einer Neubelebung des Zeitungswesens kam es erst wieder mit der
-Erfindung der Buchdruckerkunst. Bis auf diese Zeit waren wie im
-Altertum heimkehrende Krieger oder länderdurchziehende Sänger die
-Neuigkeitsträger.
-
-Was nun die Anfänge +unseres+ Zeitungswesens betrifft, so haben
-wir diese in den +brieflichen Mitteilungen+ zu suchen, welche die
-größeren Kaufleute Augsburgs, Nürnbergs, Hamburgs und anderer Städte
-durch festbesoldete Korrespondenten von den bedeutendsten auswärtigen
-Plätzen sich zusenden ließen. Diese Briefe enthielten nämlich nicht
-bloß Geschäftliches, sondern es waren ihnen auf besonderen Blättern
-auch politische Nachrichten beigefügt. Die letzteren wurden bald auch
-gedruckt und als +fliegende Blätter+ in weiteren Kreisen verbreitet.
-Das älteste derartige bis jetzt bekannte +Flugblatt+ stammt aus dem
-Jahre 1493. Diese unregelmäßig gemachten Mitteilungen befriedigten
-indes nicht lange. Die durch die Reformation in Deutschland
-hervorgerufenen Ereignisse haben das Bedürfnis nach regelmäßig
-und öfters erscheinenden Blättern geweckt und so deren Entstehung
-veranlaßt. Die +älteste, in regelmäßigen Fristen+ herausgegebene
-+Zeitung in deutscher Sprache+ ist 1609 in Straßburg i. E.
-erschienen[110]. Ihr Titel lautet wie folgt:
-
-„Relation aller Fürnemmen und gedenkwürdigen Historien, so sich hin
-und wider in Hoch und Nieder Teutschland, auch in Frankreich, Italien,
-Schott und Engelland, Hispanien, Hungarn, Polen, Siebenbürgen,
-Wallachey, Moldaw, Türkey etc. Inn diesem 1609. Jahr verlauffen und
-zutragen möchten. Alles auff das trewlichst, wie ich solche bekommen
-und zu wegen bringen mag, in Truck verfertigen will.“
-
-Als +zweitälteste deutsche Zeitung+ ist die von +Egenolf Emmel+ 1615
-herausgegebene +Frankfurter Zeitung+ zu betrachten. Die drittälteste
-Zeitung Deutschlands begründete 1617 der Frankfurter Postmeister von
-den Birghden. In demselben Jahre erschienen noch eine Zeitung in
-+Berlin+ und die „Frankfurter Postavisen“. Aus dem Jahre 1618 stammt
-der „Fuldaische Postreiter“. Die älteste Zeitung, die in Nürnberg
-erschienen und uns erhalten ist, trägt die Jahreszahl 1620, und die
-erste Zeitung, die von Hamburg ausgegangen, gehört in das Jahr 1631.
-In Wien sollen gleichfalls schon frühe Zeitungen entstanden sein, doch
-datieren die aus frühester Zeit noch erhaltenen Zeitungsexemplare erst
-aus dem dritten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts. Die ersten Zeitungen
-in München wurden wohl 1628, beziehungsweise 1629 ausgegeben; sie
-heißen „Wöchentliche Ordinari-Zeitungen“, beziehungsweise „Ordentliche
-Wochentliche Postzeitungen“. Auch in Köln gab es im Jahre 1636 eine
-Zeitung, die den Titel führte: „Wochentliche Postzeitungen“.
-
-Die bis jetzt angeführten Zeitungen waren nur Wochenblätter. Die
-erste +täglich+ erscheinende Zeitung kam 1660 in Leipzig zur Ausgabe.
-Der Titel der ersten Nummer ist folgender: „Erster Jahr Gang der
-Täglich neu umlauffenden Kriegs- und Welthändel oder zusammengetragene
-unparteyliche ~Nouvelles~ Wie sich die Im Jahr 1660 in und außer der
-Christenhait begeben und Von Tagen zu Tagen in Leipzig schriftlich
-einkommen In guter Ordnung und einem vornemlichen Stilo nebst einem
-Register unter Churfl. Durchl. zu Sachsen gnädigsten Freiheit also
-colligirt von Thimotheo Hitzschen. ~Lips. Not. P. C.~“
-
-Was das Erscheinen von Zeitungen +außer Deutschland+ betrifft, so
-wurden solche zuerst zu +Venedig+ seit 1536 als handschriftliche
-Notizen, ~notizie scritte~, herausgegeben, und zwar aus Anlaß
-des Krieges dieser Republik mit der Türkei. Gegen Zahlung einer
-~Gazzetta~[111], einer Scheidemünze, konnten diese Blätter an
-öffentlichen Orten gelesen werden. In +London+ erschienen auf Befehl
-Lord Burleighs beim Herannahen der Armada (1588) die ersten Zeitungen.
-Die erste +regelmäßige+ wöchentliche Zeitung aber kam in England erst
-seit 1622 zur Ausgabe. Gegen +Ende+ des 17. Jahrhunderts erschienen in
-England: Die Londoner Post, das Paketboot aus Holland, die fliegende
-Post, der alte Postmeister, der Postillon, der Postreiter. Diese Namen
-beweisen zugleich, in welch engem Zusammenhang das Zeitungswesen
-und die Post von Anfang an gestanden. In der That konnte ja eine
-Zeitung überhaupt erst regelmäßig erscheinen, seit es regelmäßige
-Postverbindungen gab und Nachrichten aus den verschiedenen Orten zu
-bestimmten Zeitpunkten eintrafen. Die enge Verbindung von Post und
-Zeitungswesen zeigt sich übrigens auch darin, daß Postmeister vielfach
-als Herausgeber von Zeitungen auftraten, so z. B. der schon erwähnte
-Postmeister von den Birghden in Frankfurt; ja der Name Postmeister
-wird sogar ganz gleichbedeutend mit „Zeitungsschreiber“ gebraucht, so
-in Stielers Abhandlung „Zeitungslust und Nutz“ (1695). In +Frankreich+
-kennt man die ersten Blätter erst seit 1621.
-
-Als die älteste gedruckte und regelmäßig ausgegebene Zeitung gilt
-die in Peking noch jetzt erscheinende Staatszeitung Sin-Pao (Neue
-Nachrichten).
-
-Nach +Mulhall+[112] erschien die +erste+ Zeitung
-
- im Jahre
- in Großbritannien 1622
- „ Skandinavien 1644
- „ Spanien 1704
- „ Rußland 1714
- „ Holland 1757
- „ Belgien 1764
- „ der Union 1704
- „ Spanisch-Amerika 1728
- „ Westindien 1731
- „ Canada 1765
- „ Brasilien 1780
- „ Indien 1781
- „ der Türkei 1797
- „ Australien 1803
- „ Afrika 1824
- auf den Sandwich-Inseln 1835
-
-In neuester Zeit hat das Zeitungswesen einen ganz außerordentlichen
-Aufschwung genommen. Für Deutschland läßt sich dies aus nachstehender
-Übersicht über die in die Zeitungspreisliste der deutschen Reichspost
-aufgenommenen Zeitungen und Zeitschriften entnehmen.
-
- -----+-------------+-------+-------------------------------------------
- | Gesamtzahl |Zunahme|Von der Gesamtzahl der Zeitungen erschienen
- | der | in | in den Ländern des | in | in
- Jahr.|aufgenommenen|Prozen-| jetzigen Reichs- | Bayern u. | anderen
- | Zeitungen. | ten. | postgebietes. |Württemberg.| Ländern.
- -----+-------------+-------+--------------------+------------+---------
- 1823 | 474 | -- | 243 | 41 | 190
- 1833 | 1159 | 140 | 646 | 67 | 446
- 1843 | 1310 | 13 | 788 | 71 | 451
- 1853 | 1751 | 34 | 1074 | 100 | 577
- 1863 | 2763 | 58 | 1642 | 148 | 973
- 1873 | 5579 | 102 | 2730 | 511 | 2338
- 1883 | 8529 | 53 | 4192 | 730 | 3607
- 1885 | 8925 | -- | -- | -- | --
-
-1873 wurden im deutschen Reichspostgebiete durch die Postanstalten
-248154482 Zeitungsnummern vertrieben. Für das Jahr 1884 stellt sich
-dieser Verkehr nach der Berner Statistik auf über 489 Mill. Nummern.
-
-Das bedeutendste +Postzeitungsamt der Welt+ ist das von Berlin. Es
-werden durch dasselbe jährlich über 90 Millionen Zeitungsexemplare
-expediert. Der tägliche Versand beläuft sich auf 244000 Nummern,
-welche täglich an 4721 Postanstalten in 10566 Paketen mittels
-448 Zeitungssäcken auf 46 Postfahrzeugen zur Eisenbahn befördert
-werden[113].
-
-Die journalistisch produktivste +Stadt+ der Welt ist in absoluter wie
-relativer Hinsicht +Paris+. Hier werden über 1500 Journale gedruckt,
-und auf 1000 Einwohner entfallen über 600 Exemplare.
-
-Die +Zahl+ der dermalen auf der Erde erscheinenden Zeitungen und
-Zeitschriften wird auf rund 40000 geschätzt. Nach Erdteilen und Ländern
-verteilt, kommen in runder Summe auf
-
- +Europa+ 20000
- Deutschland 5500
- England 4000
- Frankreich 4000
- Italien 1500
- Österreich-Ungarn 1200
- Spanien 850
- Rußland 800
-
- +Amerika+ 13600
- Vereinigte Staaten 12900
- Britisch Nordamerika 700
-
- +Asien+ 3000
- Japan 2000
-
- +Australien+ 700
-
- +Afrika+ 200
-
-Das +zeitungsreichste+ Land der Erde ist hiernach die +Union+; ihr
-kommt zunächst +Deutschland+.
-
-Ordnet man sämtliche auf der Erde erscheinenden Zeitungen nach
-den +Sprachen+, so finden wir in erster Reihe 16500 englische
-Publikationen, sodann 7800 deutsche, 6850 französische, 1600 spanische.
-
-Das +verbreitetste Blatt der Welt+ ist ~„Le petit Journal“~ in Paris.
-Nach dem Rechenschaftsbericht der Gesellschaft für 1885 beträgt die
-Auflage 825000 Exemplare; gegenwärtig wird die Zeitung sogar in 886000
-Nummern gedruckt, und an manchen Tagen erreicht die Auflage die Ziffer
-von einer Million. Die Aktionäre empfingen pro 1885 17% Dividende.
-Dann folgen nach der Zahl der Abonnenten zwei englische Zeitungen:
-~„Daily Telegraph“~ mit 265000 und ~„Standard“~ mit 250000 Abonnenten.
-Letzteres Blatt zählt jedenfalls auch zu den bestrentierenden; denn pro
-1883 soll es volle 100000 Pfd. St., also rund 2 Mill. M. Reingewinn
-abgeworfen haben. Der New-Yorker „Herald“ hat eine Auflage von 190000
-Exemplaren.
-
-Von den +deutschen Zeitschriften+ werden gedruckt die „Modezeitung“ in
-344000, die „Gartenlaube“ in 260000, „Über Land und Meer“ in 150000,
-„Der Bazar“ in 100000, „Daheim“ in 90000, die „Illustrierte Welt“ in
-107000, „Schorers Familienblatt“ in 75000, „Vom Fels zum Meer“ in
-60000 Exemplaren; auch humoristische Blätter brachten es auf eine hohe
-Zahl von Abonnenten: „Ulk“ auf 80000, „Fliegende Blätter“ auf 52000,
-„Kladderadatsch“ auf 40000.
-
-Die +nördlichste+ Zeitung der Erde erscheint in Hammerfest, 70° 63′ n.
-Br. -- der „Hammerfestposten“, -- und die +südlichste+ in Dunedin auf
-Neuseeland, 45° s. Br. -- ~„The Otago Daily“~. In Kokomo bei Leadville
-(Staat Colorado) aber, 11860′ hoch, wird die +höchste+ Zeitung
-gedruckt; sie trägt deshalb mit Stolz die Bemerkung an ihrem Kopf:
-~„Published at a higher altitude then any other paper.“~
-
-
-
-
-Anhang.
-
-Die finanziellen Ergebnisse des Postbetriebs
-
-
-in den wichtigsten europäischen und außereuropäischen Staaten im Jahre
-1884[114].
-
- -----------------+-------------+-------------+------------+------------
- Länder. | Einnahmen | Ausgaben | Mehr-Einn.|Minder-Einn.
- | in Franken. | in Franken. | in Franken.| in Franken.
- -----------------+-------------+-------------+------------+------------
- Belgien | 13913034.35| 9160813.73| 4752220.62| --
- Dänemark | 5991960.76| 5422095.30| 569865.46| --
- Deutschland | 233466422.14| 200057079.26| 33409342.88| --
- Frankreich | 162532411.15| 134695101.30| 27837309.85| --
- Großbritannien | | | |
- und Irland | 197660150.--| 132930325.--| 64729825.--| --
- Italien | -- | -- | -- | --
- Niederlande | 11368766.89| 8692847.93| 2675918.96| --
- Norwegen | 2951155.24| 3026378.01| -- | 75222.77
- Österreich | 61873153.--| 51024270.--| 10848883.--| --
- Portugal | 3442379.39| 3481051.80| -- | 38672.41
- Rumänien | 3981098.25| 3268708.31| 712389.94| --
- Rußland | 64470416.--| 69938864.--| -- | 5468448.--
- Schweden | 8708900.--| 7724100.--| 984800.--| --
- Schweiz | 17329455.96| 15808293.38| 1521162.58| --
- Spanien | -- | -- | -- | --
- Ungarn | 21107567.30| 16486731.42| 4620835.88| --
- Vereinigte | | | |
- Staaten v. | | | |
- Amerika | 228235749.37| 249031986.72| -- | 20796237.35
- Canada | 11653706.90| 14656939.--| -- | 3003232.10
- Brasilien | 4330021.35| 17288575.69| -- | 12958554.34
- Argentinien | 2904154.65| 3382296.20| -- | 478141.55
- Chile | 1942122.50| 1884900.10| 57222.40| --
- Britisch-Indien | 26193000.--| 26173625.--| 19375.--| --
- Niederländisch- | | | |
- Indien | 1650950.84| 4261522.09| -- | 2610571.25
- Ägypten | 2743262.64| 2176442.10| 566820.54| --
- Algier und | | | |
- Tunis | 3661613.18| 4136669.06| -- | 475055.88
-
-
-
-
-III.
-
-Eisenbahnen.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Geschichte der Eisenbahnen[115].
-
-
-Die Geschichte der Eisenbahnen gliedert sich in die +Geschichte der
-Spurbahn+ und in die +Geschichte der Lokomotive+. Verfolgen wir
-zunächst die +Geschichte der Spurbahn+!
-
-Die ersten Anfänge der Spurbahn reichen bis in das graueste Altertum
-zurück. Schon im Lande der Pharaonen gab es meilenweit ausgedehnte, mit
-vertieften Geleisen versehene Steinbahnen, auf denen die Materialien
-zum Bau der Pyramiden herbeigeschafft wurden. Auch findet man deutliche
-Reste solcher Bahnen in den Ruinen von Palmyra und Baalbek und in
-der Umgegend von Cyrene; letzteres war mit vielen, heute in Trümmern
-liegenden Städten der libyschen Wüste durch derartige Verkehrswege
-verbunden. Eine besonders große Verbreitung hatten die Bahnen mit
-feststehenden Geleisen oder die Spurbahnen in Griechenland, und zwar
-dienten dieselben hauptsächlich als Tempelstraßen, welche von den
-Prozessionen, den heiligen Wagen und den Opferfuhrwerken benutzt
-wurden. Diese Bahnen waren sogar mit Ausweichestellen versehen, was
-sich an den noch erhaltenen Geleisen beim Cerestempel zu Eleusis
-deutlich erkennen läßt. Gleich den Griechen hatten auch die Römer
-derartige Kommunikationsmittel, wie die bei Pompeji gefundenen
-Steinbahnen zeigen. Späterhin traten an Stelle derselben die breiten
-ebenen Heerstraßen, auf welchen die gewaltigen Legionen des Weltreiches
-sich bewegten.
-
-Nach der Völkerwanderung gerieten die alten Kunststraßen mehr und mehr
-in Verfall, und innerhalb des langen Zeitraums, welcher die Kreuzzüge,
-die Blüte der Hansa, Genuas und Venedigs und die Eroberung Amerikas
-umfaßt, war der Verkehr hauptsächlich auf die Wasserstraßen angewiesen.
-Es gab während dieser Zeit, abgesehen von den Schöpfungen der dem
-Untergang geweihten amerikanischen Kultur, den Heereswegen der Azteken
-und der Inkastraße auf dem Rücken der peruanischen Anden, kein einziges
-wirkliches Kunststraßen-System.
-
-Den ersten Anfängen eines verbesserten Wegebaues begegnen wir
-neuerdings erst gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts in den
-deutschen Bergwerken, in denen die Spurbahn in anderer Gestalt, und
-zwar als Holzbahn, wieder auftauchte. Diese Holz- oder Riegelbahn
-diente zur Beförderung der Erze aus den Gruben und bestand aus parallel
-liegenden starken Balken, welche auf Querhölzern ruhten. Da aber die
-hölzernen Balken, auf denen die Erzkarren geschoben wurden, sich
-schnell abnutzten, ging man bald dazu über, diese Holzschienen an den
-Krümmungen und an anderen der Abnutzung besonders ausgesetzten Stellen
-mit Bandeisen zu beschlagen, welche unter dem Namen „Reibeisen“ bereits
-in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts sehr gebräuchlich
-waren.
-
-Von Deutschland gelangten die Holzschienen vermutlich schon zur Zeit
-der Königin Elisabeth, welche zur Hebung des britischen Bergbaues
-deutsche Bergleute berief, nach England. Nachweisbar wurde diese
-Einrichtung in dem genannten Lande erst vom Jahre 1620 benutzt, und
-zwar in den Steinkohlen-Bergwerken von Newcastle upon Tyne. Nach
-deutschem Vorgange sah man sich auch in den englischen Bergwerken bald
-genötigt, die hölzernen Schienen zur Vermeidung der schnellen Abnutzung
-mit Eisenstreifen zu benageln.
-
-Derartige hölzerne Spurbahnen mit Eisenstreifen mußten anderthalb
-Jahrhunderte genügen, bis ein Zufall zur Verwendung von Schienen, die
-ganz aus Eisen hergestellt waren, Anlaß geben sollte. Als nämlich
-im Jahre 1767 die Eisenpreise außerordentlich niedrig standen, ließ
-das große Eisenwerk Colebrook-Dale den unverkäuflichen Eisenvorrat
-in Ermanglung einer bessern Verwertung in konkave Platten gießen
-und einstweilen an Stelle der Holzschienen auf eine Spurbahn legen,
-bis sich Gelegenheit zu günstigerem Verkaufe böte. Die neue Bahn
-bewährte sich indes derart, daß sie auch nach dem Wiedereintritt
-besserer Konjunkturen beibehalten wurde. Auf +diese+ Weise sind die
-+Eisenbahnen+ entstanden. Da jedoch die gußeisernen Platten sich als
-unvollkommen und zu kostspielig erwiesen, so ersetzte man dieselben
-später durch schmale, auf hölzernen Unterlagen ruhende gußeiserne
-Schienen. In dieser verbesserten Gestalt fanden dann die Eisenbahnen
-in dem Bergbau und dem Fabrikbetriebe Englands eine große Verbreitung.
-Auch in dem weniger eisenreichen Deutschland wurden in einzelnen
-Bergwerken, wie z. B. in der Grube Dorothea bei Klausthal, eiserne
-Schienenwege angelegt. Im allgemeinen verhielt man sich jedoch in
-unserem Vaterlande mißtrauisch gegenüber der Neuerung, und die
-Probeversuche tüchtiger Ingenieure fanden bei den Regierungen keine
-Unterstützung. Die wichtigeren Verbesserungen, welche in dieser Zeit
-an den Eisenbahnen vorgenommen wurden, rühren daher ausschließlich von
-Engländern her. So hat +Benjamin Curr+, von dem, nebenbei bemerkt, auch
-die Spurweite (1,436 m oder genau 5 engl. Fuß) unserer modernen Bahnen
-stammt, im Jahre 1776 an der Peripherie der Räder einen vorstehenden
-Rand angebracht, um hiedurch das Abgleiten derselben von den Schienen
-zu verhindern. Einen neuen Fortschritt bahnte dann +Outram+ an, indem
-er steinerne Blöcke oder Tragsteine als Unterlagen statt der hölzernen
-Langschwellen in Verwendung brachte, so daß die Schiene innerhalb
-fester Stützen zu einer freischwebenden wurde.
-
-Das Gußeisen erwies sich indes wegen seiner Sprödigkeit als
-Schienenmaterial nicht sehr geeignet; es war daher ein weiterer
-bedeutender Schritt in der Entwicklung der Eisenbahn, als 1805 +Nixon+
-auf der Walbottle-Grube Versuche mit +schmiedeisernen+ Schienen machte;
-und als 1820 +John Berkinshaw+ auf dem Bedlington-Eisenwerke bei
-Durham das +Walzen+ der Schienen erfand, war die Grundlage für die
-Oberbausysteme der Eisenbahnen gegeben.
-
-[Illustration: Fig 47. Der Dampfwagen Cugnots.]
-
-Wenden wir uns nun zur Geschichte der +Lokomotive+!
-
-Der erste, welcher die Möglichkeit, Vehikel mittels des Dampfes in
-Bewegung zu setzen, erfaßte, war +Savery+. Eine ähnliche Idee hatte
-ein Jugendfreund und Studiengenosse Watts, der Glasgower Student
-+Robison+. Unabhängig von ihnen hatte der Franzose +Cugnot+ einen
-Dampfwagen konstruiert (Fig. 47, S. 167), der bereits die Rudimente
-der nachmaligen Lokomotive enthielt. Das merkwürdige Vehikel, das
-dermalen im ~Conservatoire des arts et des métiers~ zu Paris aufbewahrt
-wird, und das nachweislich die älteste Form der Lokomotive ist, lief
-zum erstenmale 1769 in den Straßen von Paris. Die Erfindung machte
-begreiflicherweise großes Aufsehen, aber schon gelegentlich der ersten
-Probefahrt rannte Cugnots Maschine eine Mauer ein, bei der zweiten
-stürzte sie vollends um und zerschellte. Da sich infolgedessen die
-öffentliche Meinung gegen ein so gefährliches Fortbewegungsmittel
-erklärte, so wanderte die „erste Straßenlokomotive, welche die Welt
-geschaut“, in die -- Raritätenkammer. 1784 hatte auch +James Watt+
-ein Patent auf bewegliche Dampfmaschinen zur Fortschaffung von Wagen
-auf Eisenbahnen genommen; die Idee führte aber nicht +Watt+, sondern
-sein Schüler +Murdoch+ aus, welcher in seiner Heimat Redruth in
-Cornwall das Modell eines Dampfwagens konstruierte, der die bedeutende
-Geschwindigkeit von 6-8 englischen Meilen per Stunde erreichte. Indes
-geschah weder durch Watt noch durch Murdoch irgend etwas in größerem
-Maßstabe, da beide mit dem Bau und der Einführung anderer Maschinen
-übergenug zu thun hatten. Der +erste+, welcher die Dampfkraft zum
-Fortziehen schwerer Lasten auf Schienenwegen benutzte, war +Richard
-Trevithick+. Er war wie Murdoch aus Redruth in Cornwall gebürtig und
-von der Natur mit allen Eigenschaften eines geschickten Mechanikers
-ausgestattet. Schon 1801 hatte er mit einem von ihm gebauten Dampfwagen
-(Fig. 48) die Bewohner des Städtchens Camborne an der äußersten
-Westspitze von Cornwall in gewaltige Aufregung versetzt, aber erst
-1804 vollendete er die +erste+ wirklich brauchbare Lokomotivmaschine.
-Auf der Eisenbahn von Merthyr Tydfil in Wales setzte er sein Vehikel
-in Bewegung, und zwar in der ersten Februarwoche des genannten Jahres.
-+Es war die erste Lokomotivfahrt auf fixierter Spur.+ Die Wichtigkeit
-der Sache wurde indes nur von wenigen Geisteskämpfern erkannt. Ja
-Trevithick selber ward durch eine Reihe von Mißhelligkeiten genötigt,
-die betretene Bahn zu verlassen. Später weilte er mehrere Jahre in
-Südamerika, aber auch hier geriet er durch verschiedene Zwischenfälle
-in die bitterste Not. 1833 beschloß er in England im Alter von 62
-Jahren in äußerster Armut seine Tage. Sein Mangel an Ausdauer machte
-sein ganzes Leben, wie +Smiles+ sagt, nur zu einer Reihe von Anfängen.
-
-[Illustration: Fig. 48. Dampfwagen, konstruiert von Trevithick.]
-
-Die Ideenreihe, welche Männer wie +Cugnot+, +Murdoch+ und +Trevithick+
-repräsentieren, fand ihre Entwicklung und schließliche Vereinigung
-zu einer Gesamtheit durch +Georg Stephenson+, den Schöpfer der
-Lokomotiv-Eisenbahn.
-
-+Georg Stephenson+ erblickte das Licht der Welt am 9. Juli 1781 zu
-Wylam, einem kleinen, von Kohlenbergleuten bewohnten Dörfchen in der
-englischen Grafschaft Northumberland. In einer elenden Lehmhütte
-mit unbeworfenen Wänden und nackten Dachbalken stand seine Wiege.
-Sein Vater war Heizer an der Dampfpumpe einer Kohlengrube mit einem
-Wochenlohn von 12 Schillingen (= 12 R.-M.). Die Familie war überdies
-zahlreich. In seinem achten Jahre wurde Georg Kuhhirt, was ihm täglich
-2 Pence (ca. 16 Pf.) einbrachte. Schon damals aber verwendete er seine
-Mußestunden dazu, aus Thon Maschinen zu kneten und in den Bächen kleine
-Mühlen aufzustellen. Nebenbei lernte er auch mit Pferden umgehen, was
-ihm in der Folge den Posten eines Pferdelenkers mit 8 Pence Tagelohn
-verschaffte. Im 14. Jahre wurde er seinem Vater als Hilfsheizer
-zugeteilt; bald aber rückte er zum Maschinenwärter vor und erhielt
-hierdurch Gelegenheit, die Dampfmaschine in allen ihren Teilen kennen
-zu lernen. Das theoretische Studium blieb ihm jedoch verschlossen, da
-er nicht lesen konnte. Er war 18 Jahre alt, als er das Abc lernte, und
-im 19. Jahre, als er seinen Namen zum erstenmal schrieb. Das Rechnen
-kam noch später an die Reihe. Fleiß und Energie füllten aber rasch die
-bezüglichen Lücken aus. Letztere zeigt sich besonders darin, daß der
-unter Grubenarbeitern aufgewachsene Jüngling noch nach zwölfstündiger
-harter Tagesarbeit mit größtem Eifer die Nachtschulen besuchte. Als
-er Bremser geworden war, nahm er seine Wohnung in Willington Quay und
-gründete hier mit einem wöchentlichen Einkommen von 18-20 Schilling
-(18-20 M.) einen eigenen Hausstand. Aber nicht lange dauerte sein
-häusliches Glück. Nach drei Jahren schon starb ihm seine Frau.
-Stephenson übergab nun seinen Sohn +Robert+ -- nachmals der größte
-Eisenbahntechniker seiner Zeit -- der Pflege wackerer Nachbarsleute
-und zog nach Schottland. Nach einem Jahre aber kehrte er von da wieder
-zurück, um Sohnespflicht an seinem inzwischen erblindeten Vater zu
-üben. Von nun an die einzige Stütze seiner Eltern, ging er mit ihnen
-Tagen bitterer Not entgegen, da die Stellung eines Ersatzmannes zum
-Militärdienst seine letzten Ersparnisse aufgezehrt hatte. Schon wollte
-er nach Amerika auswandern, um sich dort eine neue Existenz zu gründen,
-als ihn ein unerwarteter Umstand zu Ehren bringen sollte.
-
-[Illustration: Fig. 49 Georg Stephenson.]
-
-1810 war von den Grubenpächtern nächst +Killingworth+ eine neue
-Zeche abgeteuft und zum Zwecke des Wasserauspumpens eine sogen.
-+Newcomensche+ Maschine aufgestellt worden. Diese leistete jedoch
-nicht, was man erwartete, und ließ die erfahrensten Ingenieure ratlos.
-Da war es Stephenson, der binnen drei Tagen die Maschine gründlich
-umänderte und reparierte, so daß dieselbe zur vollsten Zufriedenheit
-arbeitete. Infolgedessen wurde derselbe in Killingworth mit einem
-Jahresgehalt von 100 Pfd. St. als Aufseher über sämtliche Maschinen in
-den von den Unternehmern in Pacht genommenen Kohlenwerken angestellt.
-In dieser seiner neuen Stellung hatte er mehr Freiheit als in den
-früheren; er arbeitete daher von jetzt an ganz systematisch an seiner
-eigenen Ausbildung und jener seines Sohnes Robert. Mit höchstem
-Interesse verfolgte er besonders alle Versuche einer Verbesserung der
-Lokomotive, und solche wurden in den Jahren 1804 bis 1814 in großer
-Zahl gemacht, so von +Blenkinsop+, der das Zahnradsystem ersann, von
-+Jonathan Foster+, von +Chapman+, +Brunton+ u. a. Veranlaßt waren
-alle diese Bemühungen durch die von den Technikern der damaligen
-Zeit gehegte Meinung, daß die Reibung der glatten Wagenräder auf den
-Schienen nicht ausreiche, um mit schwer beladenen Wagenzügen größere
-Steigungen zu überwinden. Im Winter von 1813 auf 1814 ging nun
-Stephenson selbst daran, seine erste Lokomotive zu bauen. Nach zehn
-Monaten war sie vollendet; am 25. Juli 1814 versuchte sie ihre Kraft
-zum erstenmale auf der Killingworther Bahn. Die Maschine, die den Namen
-des großen deutschen Feldherrn Blücher trug und mit glatten Rädern
-auf glatten Schienen lief, zog bei einer Geschwindigkeit von vier
-englischen Meilen in einer Stunde acht Wagen mit dem Gesamtgewicht von
-30 t (30000 kg). Die Konstruktion erwies sich übrigens noch ziemlich
-mangelhaft. Deshalb beschloß Stephenson, eine zweite Maschine nach
-einigermaßen verändertem Plane zu konstruieren, und ließ sich den
-Entwurf derselben im Februar 1815 patentieren. Diese Maschine zeigte
-sich auch in der That um vieles wirksamer als die erste.
-
-1821 wurde Stephenson Bauleiter der +Stockton-Darlington-Bahn+, welche
-die Kohlenschätze der Grafschaft Durham mit der Nordsee zu verbinden
-bestimmt war. Noch ahnte niemand, Stephenson ausgenommen, daß hier die
-Dampfkraft an Stelle der Pferdekraft treten werde. Indes überzeugte
-sich +Peace+, einer der bedeutendsten Aktionäre, durch eine sorgfältige
-Prüfung der Maschinen von Killingworth vollkommen von dem Nutzen ihrer
-Anwendung, so daß er Stephenson eifrigst unterstützte. Am 22. Mai 1822
-ward die erste Schiene gelegt, im darauffolgenden Jahre in Newcastle
-eine kleine Lokomotivfabrik erbaut, und am 27. September 1825 fand die
-+Eröffnung der ersten Spurbahn mit Personenbeförderung statt+. Die
-Maschine Nr. 1 -- es waren deren drei bestellt worden -- bewältigte
-eine Zuglast von 90 t mit einer Geschwindigkeit von 12, zuweilen sogar
-15 englischen Meilen pro Stunde; befördert wurden 450 Personen. So
-bezeichnet die Eröffnung der Stockton-Darlington-Bahn eine neue Epoche
-des Verkehrswesens. Zunächst blieben allerdings für die Personenwagen
-noch eine Zeitlang die Pferde in Gebrauch; aber für den Kohlentransport
-wurden die von Stephenson gebauten Lokomotiven bereits dauernd
-verwendet.
-
-Um die Zeit, als man mit dem Bau der Stockton-Darlington-Bahn begann,
-wurde auch eine Eisenbahnverbindung zwischen den beiden Knotenpunkten
-des englischen Handels, +Manchester+ und +Liverpool+, projektiert. Die
-diesbezügliche Bill war im Parlament auch durchgegangen trotz aller
-Gegenanstrengungen der feindlichen Partei. In jenen Tagen stellte
-Stephenson, der auch hier auf Einführung der Lokomotive statt des
-Pferdebetriebes drang, die Behauptung auf, „er könne eine Lokomotive
-mit einer Geschwindigkeit von 20 Meilen pro Stunde bauen“. Diese
-Äußerung veranlaßte die berühmt gewordene Erwiderung in der englischen
-Zeitschrift ~„Quarterly Review“~: „Was kann wohl handgreiflich
-lächerlicher und alberner sein, als das Versprechen, eine Lokomotive
-für die doppelte Geschwindigkeit der Postkutschen zu bauen? Ebensogut
-könnte man glauben, daß die Einwohner von Woolwich sich auf einer
-Congreveschen Rakete abfeuern ließen, als daß sie sich einer solchen
-Maschine anvertrauen würden!“
-
-[Illustration: Fig. 50. Eröffnung der Stockton-Darlington-Eisenbahn.]
-
-[Illustration: Fig. 51. Stephensons „Rocket“.]
-
-Der Bau der Bahn wurde endlich begonnen, und zwar fungierte hierbei
-+Georg Rennie+ als beratender und +Stephenson+ als oberster
-ausführender Ingenieur. Letzterer entwarf sämtliche Details der Linie,
-zeichnete die Maschinen, die Brücken, die Drehscheiben, die Weichen,
-die Kreuzungen und war für jeden Teil der Anlage verantwortlich.
-Als der Bau sich seinem Ende näherte und die Frage hinsichtlich der
-anzuwendenden Betriebskraft immer mehr zur Entscheidung drängte, trat
-Stephenson neuerdings nachdrücklichst für die endliche Einführung des
-Lokomotivbetriebs ein; aber erst, nachdem heftige Debatten im Schoße
-der Direktion der Bahn stattgefunden, wurde beschlossen, es mit der
-Lokomotive zu versuchen. Am 25. April 1829 wurde von dem Direktorium
-der Liverpool-Manchester-Bahn eine Belohnung von 500 Pfd. St. für
-eine Lokomotiv-Maschine ausgesetzt, die ihr dreifaches Gewicht mit
-einer Geschwindigkeit von 10 englischen Meilen (15 km) in der Stunde
-ziehen, auf Federn ruhen und nicht mehr als 550 Pfd. St. kosten sollte.
-Als Tag der Probe wurde der 6. Oktober festgesetzt. Vier Lokomotiven
-erschienen auf dem Kampfplatze: die „+Novelty+“ des Maschinenbauers
-+Braithwaite+, die „+Sanspareil+“ von +Hackworth+, einem ehemaligen
-Werkführer Stephensons, die „+Rocket+“ von +Stephenson+ und die
-„+Perseverance+“ von +Burstall+. Die Wettfahrten fanden bei
-+Rainhill+, 15 km östlich von Liverpool, statt. Hierbei gewann nun
-Stephensons Maschine, deren Princip in allen Hauptteilen das noch
-heute gebräuchliche ist, nicht nur den Preis, sondern übertraf die
-gestellten Bedingungen beträchtlich, indem sie ihr fünffaches Gewicht
-mit einer Geschwindigkeit von 20 englischen Meilen (30 km) zog. Als
-der Preis dem Sieger zuerkannt war, unternahm Stephenson, nun aller
-einschränkenden Verhaltungsmaßregeln ledig, eine Schlußfahrt mit der
-unerhörten Geschwindigkeit von 35 englischen Meilen (ca. 52 km) in
-der Stunde! Das war ein Erfolg, der selbst die kühnsten Erwartungen
-übertraf. Mit Recht sagt daher v. Weber: „+Mit den Tagen von Rainhill
-war der eigentliche Schöpfungsakt des Eisenbahnwesens geschlossen.+ Was
-von nun an geschehen im Bereiche der Technik des Eisenbahnwesens, das
-war Ausbildung, Vervollkommnung, Verstärkung, Entwicklung von Keimen,
-die fast alle schon in Stephensons großer Schöpfung enthalten waren.“
-
-Unverzüglich wurde nun die erforderliche Anzahl von Lokomotiven
-für die Liverpool-Manchester-Bahn beschafft, und im September 1830
-ward die Linie in aller Form dem Verkehre übergeben. Es war ein
-Nationalfest, an dem sich nicht nur das Volk, sondern auch der Adel,
-hervorragende Politiker, die Repräsentanten der Regierung, der Kunst
-und Wissenschaft, kurz alles, was England an hervorragenden Geistern
-besaß, beteiligte. 600 Passagiere bestiegen den nach Manchester
-abgehenden Zug, der zeitweilig 20 bis 25 Meilen die Stunde zurücklegte.
-Die Volksmasse, die sich längs der Bahnlinie aufgestellt hatte,
-jauchzte dem seltsamen und für sie unbegreiflichen Schauspiele zu, und
-die Erzählung von den wunderbaren Leistungen, die an jenem Tage auf der
-neuen Bahn erreicht wurden, erfüllte das ganze Land und beschleunigte
-die allgemeine Einführung des neuen Verkehrssystems.
-
-In den folgenden Jahren widmete Georg Stephenson seine ganze Zeit
-dem Bau der Eisenbahnen und der Verbesserung der Lokomotive. Hierbei
-wurde er von seinem Sohn Robert unterstützt, dem er schließlich auch
-sein Geschäft übergab; er selbst zog sich nach Tapton House an der
-Midlandbahn zurück und verbrachte hier den Rest seines Lebens.
-
-Am 12. August des Jahres 1848 starb er, 67 Jahre alt, von allen geehrt
-und im Besitze eines unsterblichen Ruhmes. Kurz nach seinem Tode
-wurden ihm in Liverpool, Newcastle und London Bildsäulen errichtet.
-Das herrlichste Denkmal aber ist jenes, das er selbst durch seine
-menschenfreundlichen Stiftungen sich gesetzt hat, besonders durch ein
-wohlorganisiertes Versorgungssystem zum Besten seiner Arbeiter.
-
-Überhaupt ist Stephensons Charakter nach jeder Seite hin gleich
-bewunderungswürdig. Ernst, schlicht und rechtlich gesinnt, mutig,
-unerschütterlich und von andauerndstem Fleiße, dabei launig, freundlich
-und mildherzig, war er ein Mensch, dessen Andenken noch lange lieb und
-wert gehalten werden wird, und dessen Beispiel noch in künftigen Zeiten
-die Jugend zu ernster Anstrengung und löblichem Ehrgeiz aneifern wird.
-
-1830 wurde, wie erwähnt, die +Liverpool-Manchester-Bahn+ dem Verkehre
-übergeben, und 10 Jahre später waren schon die Hauptstädte Englands
-sämtlich durch Eisenbahnen verbunden. Dieselbe Begeisterung für den
-Bau von Lokomotiveisenbahnen griff nun fast allerorten auch auf dem
-europäischen Kontinente Platz. 1835 bereits eröffnete Belgien die
-Linie +Brüssel+-+Mecheln+, Ende desselben Jahres Bayern die Linie
-+Nürnberg+-+Fürth+, 1837 Sachsen die Strecke +Dresden+-+Leipzig+,
-1838 Preußen die Linie +Berlin+-+Potsdam+ u. s. w. In den Vereinigten
-Staaten von Amerika rollte schon 1833 der erste Lokomotivtrain dahin,
-und selbst die alten Märchenländer des Ostens hat bereits der
-Dampfwagen aus ihrer beschaulichen Ruhe aufgerüttelt. Seine Rauchsäulen
-ziehen ebenso durch die Palmenwipfel des Nilthals, wie über die
-Tempel Delhis und Lahores der schrille Pfiff ins schwüle Gangesthal
-hinausgellt. Und so hat +Viktor von Scheffel+ recht, wenn er singt:
-
- Bald ist, soweit die Menschheit haust,
- Der Schienenweg gespannt;
- Es keucht und schnaubt und stampft und saust
- Das Dampfroß rings durchs Land.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Geographie der Eisenbahnen.
-
-
-~A.~ Die Eisenbahnen Europas[116].
-
-Unser Erdteil Europa ist an der Entwicklung der Eisenbahnen in ganz
-hervorragender Weise beteiligt. Zwar steht derselbe bezüglich seines
-Netzes nicht mehr, wie noch vor kurzem, an der Spitze der Kontinente
--- er wurde hierin in jüngster Zeit von Amerika überflügelt --,
-doch ist er, Amerika ausgenommen, allen anderen Erdteilen hierin
-noch weit überlegen. Begründet ist diese großartige Entwicklung des
-Eisenbahnwesens namentlich in den äußerst günstigen geographischen
-Verhältnissen, durch welche dieser Erdteil vor allen übrigen in
-so hohem Grade ausgezeichnet ist. So entbehrt der Kontinent der
-himmelanstrebenden Gebirge und der undurchdringlichen Wüsten, wie
-solche in anderen Erdteilen sich finden. Auch die Flüsse bereiten
-dem Bahnbau keine unüberwindlichen Schwierigkeiten; sind sie doch
-im Vergleich zu denen der anderen Festlande weder sehr breit, noch
-sehr verheerend. Desgleichen ist das Klima, das sich fast überall von
-tropischer Hitze wie von polarer Kälte ferne hält, der Ausführung von
-Bahnbauten in keiner Weise hinderlich. Den hervorragendsten Einfluß
-auf die Ausbildung des europäischen Bahnnetzes übte aber der große
-Mineralreichtum einzelner Länder, sowie die hohe materielle und
-geistige Kulturstufe der Einwohner des Erdteils.
-
-
-I. Übersicht über die europäischen Bahnen.
-
-=1. Die Bahnen Großbritanniens und Irlands.=
-
-Das britische Eisenbahnnetz stellt sich auf den ersten Blick als ein
-geradezu sinnverwirrendes Durcheinander von Linien dar, in welchem
-sich zurechtzufinden fast unmöglich erscheint. Und doch ist es nicht
-allzuschwer, eine gewisse Ordnung in der Anlage der Bahnlinien zu
-erkennen.
-
-[Illustration: Fig. 52.]
-
-Was zunächst +England+ betrifft, so sind hier vor allem die
-+Verbindungen mit dem Kontinent+ in hohem Grade entwickelt. Die
-wichtigsten sind: +London+-+Harwich+, +London+-+Queenborough+,
-+London+-+Dover+, +London+-+Folkestone+, +London+-+Hastings+,
-+London+-+Newhaven+, +London+-+Brighton+. -- Verhältnismäßig spärlich
-sind die Linien in +Wales+ und in dem gegenüberliegenden +Norfolk+.
-In ersterem steht der gebirgige Charakter des Landes der Anlage eines
-dichten Netzes hindernd entgegen, und Norfolk wird erdrückt durch
-die Konkurrenz des benachbarten London. Sehr zahlreich sind hingegen
-die Linien im +Innern des Landes+, dem Gebiete der großen englischen
-Verkehrs- und Industriecentren.
-
-Unter den +Bauwerken+ des englischen Eisenbahnnetzes verdient besonders
-der 1885 eröffnete +Mersey-Tunnel+ Erwähnung, durch welchen Liverpool
-und Birkenhead in direkte Verbindung gesetzt werden. Derselbe ist
-nämlich der größte submarine Tunnel der Welt, gegen den selbst der
-altberühmte Themse-Tunnel vollkommen zurücktritt. Letzterer ist nur
-396 m lang, 4,2 m breit und 4,8 m hoch. Der Mersey-Tunnel dagegen
-ist 1143 m lang, 8 m breit und 6½ m hoch. Auf der Sohle des Tunnels,
-dessen Endstationen 27 bis 30 m unter der Erdoberfläche liegen, laufen
-zwei Schienenstränge nebeneinander. Der Zugang zu den Endstationen
-wird einesteils durch Rampen und Treppen, andernteils durch mit
-hydraulischer Kraft senkrecht bewegte Plattformen vermittelt, welch
-letztere die beladenen Güterwagen herauf- oder hinunterbefördern. Auch
-für Personen sind Aufzüge vorhanden, welche nicht weniger als 100
-Personen auf einmal fassen können. Die Fahrt durch den Tunnel dauert
-nur 3½ Minuten.
-
-Nach englischen Blättern ist dieser Tunnel das größte Werk, das die
-Ingenieurkunst vollbracht hat. Selbst die Alpentunnels, die große
-Hängebrücke zwischen New-York und Brooklyn, der Suez- und Panamakanal
-könnten sich, was die Summe der zu überwindenden Schwierigkeit
-betrifft, dem Mersey-Tunnel nicht an die Seite stellen.
-
-Ein zweiter großer Seetunnel, den England im Jahre 1885 vollendete, ist
-der +Severntunnel+; er ersetzt auf dem Eisenbahnwege von Bristol nach
-Newport und Cardiff die vielfach gestörte Fähre über den Severn und
-führt deshalb unter dem Meeresarm in einer Länge von 7000 m durch.
-
-Das +schottische+ Bahnnetz zerfällt in drei Teile: einen +südlichen+,
-einen +mittlern+ und einen +nördlichen+. Die südlichen Linien
-haben hauptsächlich den Zweck, die Verbindung mit dem englischen
-Bahnsystem herzustellen. Die Linien des +mittlern+ Schottland bedecken
-die großen schottischen Kohlendistrikte und die auf letzteren
-erwachsenen Industriebezirke; sie sind sehr dicht geflochten und
-reich verschlungen. Bedeutend spärlicher hingegen werden infolge des
-Gebirgscharakters der Landschaft die Bahnen im +nördlichen+ Schottland.
-An die äußerste Spitze des Landes führt nur noch ein einziger Strang.
-
-In +Irland+ liegt der Schwerpunkt des Verkehrs an der England und
-Schottland zugekehrten Ostseite. Hier zieht auch die Hauptbahnlinie
-+Belfast+-+Dublin+-+Cork+.
-
-
-2. Die Bahnen Mitteleuropas.
-
-Die hier in Betracht kommenden Bahnen sind jene des +Deutschen
-Reiches+, +Österreich-Ungarns+ und der +Schweiz+.
-
-~a.~ Bei Anlage der +deutschen+ Eisenbahnen waren weder
-handelspolitische noch militärische Rücksichten maßgebend, sondern
-einzig und allein die Sonderinteressen der einzelnen Staaten und
-Landschaften. Dieser Zustand dauerte im wesentlichen bis zur Gründung
-des norddeutschen Bundes im Jahre 1866, von wo an wenigstens für
-Norddeutschland die Erweiterung des Eisenbahnnetzes nach einheitlichen
-Gesichtspunkten erfolgte. Seit Errichtung des Deutschen Reiches aber
-treten die kommerziellen und strategischen Rücksichten für das +Ganze+
-bei Anlage von Eisenbahnen immer deutlicher hervor.
-
-[Illustration: Fig. 53. Die von Berlin auslaufenden Bahnen.]
-
-+Charakteristisch+ für das +deutsche+ Eisenbahnnetz ist,
-entsprechend der vormaligen politischen Zerrissenheit des Landes,
-das +Vorhandensein einer großen Zahl von Knotenpunkten+. Es ist
-infolgedessen ziemlich schwierig, einen klaren Überblick über die
-deutschen Bahnen zu gewinnen. Am besten faßt man vielleicht die
-deutschen Bahnen wohl in folgende Gruppen zusammen:
-
-1. die +niederrheinische Gruppe+; sie ist die im deutschen
-Eisenbahnnetz am deutlichsten hervortretende;
-
-2. die +oberrheinische Gruppe+; sie schließt sich südlich an die
-niederrheinische an, wird durch den Rhein in eine östliche und
-westliche geschieden und reicht bis zur Schweizergrenze;
-
-3. die +norddeutsche Gruppe+; sie ist die am regelmäßigsten
-ausgebildete. Sie allein hat auch ein unverkennbares Centrum in
-der Reichshauptstadt +Berlin+, von der aus radienförmig eine Menge
-Linien in ziemlich gerader Richtung auslaufen. -- Die regelmäßige
-Entwicklung der norddeutschen Gruppe hat ihren Grund teils in der
-Gunst des Terrains, das von der Zuidersee bis zur russischen Grenze
-eine großartige Fläche ist, teils in der großen Gleichförmigkeit
-der volkswirtschaftlichen Produktion, teils auch in den politischen
-Verhältnissen, welche nur hier den Verkehr einigermaßen aus der
-kleinstaatlichen Zerrissenheit des übrigen Deutschland erretteten;
-
-4. die +schlesische Gruppe+, deren Centralpunkte +Breslau+ und
-+Görlitz+ sind;
-
-5. die +sächsische Gruppe+, hauptsächlich die Bahnen des Königreichs
-Sachsen umfassend;
-
-6. die +mitteldeutsche Gruppe+, deren Linien ohne gemeinsamen
-Mittelpunkt das bergreiche Thüringen durchziehen; endlich
-
-7. die +süddeutsche Gruppe+, aus den bayerischen und württembergischen
-Bahnen bestehend.
-
-[Illustration: Fig. 54. Die von Wien auslaufenden Bahnen.]
-
-Die größte +Dichtigkeit+ des Netzes weisen die großen
-+Industrielandschaften+ auf: so die Rheinprovinz und Westfalen, dann
-das Königreich Sachsen; die +weitesten Maschen+ zeigt dasselbe in
-sämtlichen Küstengebieten.
-
-~b.~ In +Österreich+ ertönte der Pfiff der Lokomotive zuerst am
-Dreikönigstag 1838, und zwar auf der Linie +Wien+-+Wagram+; der große
-Aufschwung des Eisenbahnwesens datiert indes erst von 1866. In der
-westlichen Hälfte ist das Bahnnetz mehr ausgebaut als in Ungarn, am
-dichtesten ist es in den industriereichen Bezirken des nördlichen
-Böhmen. Das Hauptcentrum der Bahnen ist +Wien+; von ihm laufen die
-einzelnen Linien strahlenförmig nach allen Weltgegenden aus. Wien
-zunächst kommen an Bedeutung +Prag+ und +Budapest+.
-
-Die wichtigsten Linien des österreichisch-ungarischen Bahnnetzes sind
-folgende:
-
-1. +Wien+-+Oderberg+(-+Warschau+-+St. Petersburg+). 2.
-+Wien+-+Prag+(-+Dresden+-+Hamburg+); Hauptweg für die
-Einfuhr der Kolonialwaren und englischen Fabrikate.
-3. +Wien+-+Budweis+-+Eger+(-+Mitteldeutschland+). 4.
-+Wien+-+Passau+(-+Nürnberg+-+Frankfurt+-+Köln+). 5.
-+Wien+-+Simbach+(-+München+-+Straßburg+-+Paris+) und
-+Simbach+-(+München+-+Lindau+); auf der letztern Linie erfolgte
-bis zur Eröffnung der Arlbergbahn fast ausschließlich die Ausfuhr
-der Produkte der österreichisch-ungarischen Landwirtschaft nach
-dem Westen Europas. 6. +Wien+-+Graz+-+Triest+, Hauptverbindung
-der österreichischen Kronländer mit dem Meer und danach mit
-dem Orient. 7. +Wien+-+Budapest+-+Semlin+(-+Nisch+) und
-+Wien+-+Budapest+-+Orsova+(-+Rustschuk+-+Varna+), die wichtigsten
-Routen für den Verkehr mit den unteren Donauländern, dem Schwarzen
-Meer und Konstantinopel. -- Andere bedeutsame Linien sind. 8.
-+Kufstein+-+Innsbruck+(-+Verona+), Hauptweg für den Transitverkehr
-zwischen Italien und Deutschland. 9. +Budapest+-+Agram+-+Fiume+,
-sehr bedeutsame Linie für den Absatz der Produkte Ungarns. 10.
-+Krakau+-+Czernowitz+(-+Jassy+-+Odessa+), wichtig für den Verkehr
-mit Südrußland und dem Orient. 11. +Prag+-+Pilsen+-+Eger+, große
-Verkehrsstraße zwischen Böhmen und Süddeutschland.
-
-~c.~ Wahrhaft Großartiges hat in der Herstellung und Verbesserung
-der Transportwege die +Schweiz+ geleistet. Diese außerordentliche
-Fürsorge für Erleichterung des Verkehrs ist denn auch die Ursache,
-daß das schöne Land heutzutage von Hunderttausenden von Touristen
-aufgesucht wird. Stephenson und Swinburne entwarfen den Plan des
-herzustellenden Eisenbahnnetzes, und da dieser im wesentlichen
-eingehalten wurde, so hat sich das schweizerische Eisenbahnwesen von
-Anfang an einer geordneten und zweckmäßigen Anlage zu erfreuen gehabt.
-Gegenwärtig besitzt der Bundesstaat, selbstverständlich nur in seinem
-nördlichen, weniger gebirgigen Territorium, ein sehr praktisches
-Netz von Eisenbahnen, in dem die mannigfachsten Arten des Betriebes
-vertreten sind. Ein besonderes Charakteristikum des schweizerischen
-Eisenbahnwesens bilden die +Bergbahnen+. Von ihnen wird an anderer
-Stelle des nähern die Rede sein.
-
-Zu den wichtigsten Linien zählen +Basel+-+Olten+-+Luzern+ als
-Mittelglied der internationalen Route vom Rhein durch den St. Gotthard
-nach Italien und die +Linien der Nordostbahn+ mit ihren Knotenpunkten
-+Winterthur+ und +Zürich+; die letzteren Linien führen in ihrer
-Fortsetzung nach +Genf+ und +Lyon+; auch beherrschen sie den Zugang zur
-Gotthardbahn von Nordosten her.
-
-
-3. Die Bahnen Westeuropas.
-
-~a.~ In +Frankreich+ sehen wir die erste Lokomotivbahn, +von Paris nach
-St. Germain+, im Jahre 1837 erstehen. Bis zum Jahre 1842 nahmen indes
-die französischen Bahnen nur langsame Entwicklung, dann aber ging es
-ungemein rasch vorwärts, und ein wunderbar einheitliches Bahnsystem
-mit +Paris+ als +Mittelpunkt+ war die Frucht der Bemühungen. „Das
-französische Bahnnetz,“ sagt +Peschel+ treffend, „ist ein Spinnennetz,
-das deutsche ein Fischernetz.“
-
-Als die binnenländische Hauptpulsader des Verkehrs muß die
-Linie +Havre+-+Paris+-+Dijon+-+Lyon+-+Marseille+ bezeichnet
-werden. Nächst ihr spielen die bedeutendste Rolle die Linien
-+Paris+-+Brüssel+, +Paris+-+Straßburg+, +Paris+-+Bordeaux+. Von
-internationaler Bedeutung ist ferner die von +Mâcon+ abzweigende
-Linie der Paris-Lyon-Mittelmeerbahn; sie läuft über +Culoz+ zum
-+Mont-Cenis-Tunnel+ und wird durch ihre Fortsetzung nach Italien
-(Brindisi) zur Trägerin des englisch-ostindischen Schnellverkehrs.
-
-Die Dichtigkeit des französischen Bahnnetzes ist im Norden wesentlich
-größer als im Süden, was sich auch leicht aus den Boden- und
-Produktionsverhältnissen dieser Gebiete erklärt.
-
-~b.~ Der große Reichtum +Belgiens+ an Mineralschätzen begünstigte
-den Eisenbahnbau in ganz außerordentlicher Weise. 1835 wurde
-hier, wie schon erwähnt, die +erste+ Eisenbahn auf dem Kontinente
-(+Brüssel+-+Mecheln+) eröffnet; +heute ist Belgien jenes Land, das
-mit Rücksicht auf den Flächeninhalt die meisten Bahnen unter allen
-Staaten der Erde aufweist+. Seine Bahnen berühren nicht nur fast
-jeden Industrie-Ort des Landes, sondern sie setzen es auch mit den
-Nachbarstaaten in rasche und direkte Verbindung; sie machten Antwerpen
-und Ostende zu blühenden Handelsplätzen und Belgien selbst zur
-„Werkstätte des kontinentalen Europa“.
-
-~c.~ Die +Niederlande+ haben, gestützt auf ihre vorzüglichen
-Wasserstraßen, länger als andere Länder den Bau von Eisenbahnen
-vernachlässigt. Die Folge hiervon war, daß nach Vollendung der
-durchlaufenden +belgischen+ Bahnen der deutsche Handel von Amsterdam
-und Rotterdam sich nach Antwerpen und Ostende zog. Man schritt nun zwar
-zum Baue von Eisenbahnen, fehlte aber wieder insoferne, als die Linien
-ohne Rücksicht auf die Nachbarstaaten angelegt wurden, so daß sie
-abermals ohne Nutzen für die große Handelsbewegung blieben. Nur die von
-den Rheinlanden nach +Vlissingen+ führende Linie macht eine Ausnahme;
-von letzterem Orte findet ein regelmäßiger Dampfschiffsverkehr nach
-England statt. Neuestens wurde übrigens der Anschluß an alle größeren
-benachbarten Linien Deutschlands und Belgiens hergestellt.
-
-
-4. Die Bahnen Südeuropas.
-
-~a.~ +Iberische Halbinsel.+ Das Eisenbahnnetz der iberischen Halbinsel
-ist im Verhältnis zu dem der anderen Staaten Europas noch immer
-wenig entwickelt. +Portugal+ treibt hauptsächlich Seehandel, und in
-+Spanien+ waren die vielfach recht trüben politischen Verhältnisse dem
-Eisenbahnbau in hohem Grade hinderlich.
-
-Was das letztere Land betrifft, so hat dasselbe eine doppelte
-Verbindung mit +Frankreich+, und zwar durch die Linien +Irun-Bayonne+
-an der Westgrenze der Pyrenäen und +Gerona-Perpignan+ an der Ostseite
-dieses Gebirges. Nach +Portugal+ läuft ein dreifacher Schienenstrang.
-Ferner haben alle größeren Hafenplätze Verbindung sowohl mit Madrid,
-als auch unter sich. Im Interesse des Handels sind indes weitere
-Linien dringend nötig. -- Besonders bedeutsam ist der Anschluß des
-spanischen Netzes an das portugiesische; denn dadurch ist Portugal in
-Verbindung mit dem ganzen europäischen Netz, und besteht nunmehr eine
-ununterbrochene Linie vom Tajo bis zur Newa oder von +Lissabon+ (über
-Madrid-Paris-Berlin) bis +St. Petersburg+. Diese Riesenstrecke von 4835
-km wird gegenwärtig in der staunenswert kurzen Zeit von wenig mehr als
-5 Tagen (in 123 Stunden) zurückgelegt; ja sie soll mittels eines (erst
-einzurichtenden) Expreßzuges sogar in 85 Stunden durcheilt werden.
-
-~b.~ In +Italien+ standen der Entwicklung der Schienenwege
-mannigfache Hindernisse entgegen. Zunächst wiesen schon die günstige
-Küstenbeschaffenheit und die zahlreichen vorzüglichen Häfen das
-Land auf den Seeverkehr hin. Auch die Bodenplastik des Landes war
-dem Bahnbau nicht günstig; denn das Gebirge des Apennin durchzieht
-fast das ganze Land von Nord nach Süd; und dazu kam die allgemeine
-wirtschaftliche Unthätigkeit des südlichern Teiles der Halbinsel und
-ganz besonders die frühere arge politische Zersplitterung des Landes.
-Bis zum Jahre 1866 gab es in Italien nur ca. 4000 km Eisenbahnen. Seit
-der Einigung des Königreichs aber nahm das Eisenbahnwesen der Halbinsel
-einen mächtigen Aufschwung.
-
-Das +dichteste+ Bahnnetz weist infolge seiner großen Fruchtbarkeit,
-seiner bedeutenden Industrie und seiner sehr starken Bevölkerung
-+Oberitalien+ auf. Letzteres steht außerdem durch die Linie
-+Genua-Nizza+ und die +Mont-Cenis-Bahn+ mit Frankreich, durch
-die +Gotthardbahn+ mit der Schweiz und Deutschland, durch die
-+Brennerbahn+ mit Österreich und Deutschland und durch die
-Linien +Venedig-Udine-Pontebba+ und +Venedig-Udine-Triest+ mit
-Österreich-Ungarn in Verbindung.
-
-In Mittel- und Unteritalien wurde die Anlage des Schienennetzes
-hauptsächlich von der Streichung der Apenninen beeinflußt. Zu beiden
-Seiten wird hier von Nord nach Süd das Gebirge von Bahnlinien
-begleitet; frühzeitig schon wurde dasselbe aber auch überschient,
-und gegenwärtig giebt es sogar fünf Apenninen-Querbahnen:
-+Alessandria-Genua+, +Bologna-Pistoja+, +Ancona-Foligno+,
-+Neapel-Foggia+ und +Neapel-Tarent+.
-
-Eine hervorragende Rolle im Weltverkehr spielt die Bahnstrecke vom
-+Mont Cenis+ über +Turin+ und +Bologna+ bis +Brindisi+ als Vermittlerin
-des englisch-ostindischen Schnellverkehrs (siehe oben S. 180).
-
-[Illustration: Fig. 55. Die wichtigsten Bahnen Italiens.]
-
-~c.~ Noch sehr ungenügend ist das Eisenbahnnetz in der
-+europäischen Türkei+ ausgebildet. Man beschränkte sich dort
-lange und selbst noch zu einer Zeit, als alle europäischen
-Staaten bereits Eisenbahnen besaßen, lediglich auf den Verkehr
-zu Wasser. Die wichtigsten gegenwärtig in Betrieb befindlichen
-Bahnen sind +Konstantinopel-Adrianopel-Philippopel+ und
-+Saloniki-Üsküb-Mitrowitza+. Bereits sind aber auch die Linien
-festgestellt, welche die so wichtige Verbindung zwischen Wien und
-Konstantinopel einerseits und Wien und Saloniki andererseits herstellen
-werden.
-
-Die Verbindung mit Konstantinopel wird durch die Linie
-+Semlin-Belgrad-Nisch-Pirot-Sophia-Bellova+ bewerkstelligt werden.
-Letzteres ist die Endstation der schon im Betriebe befindlichen Strecke
-+Konstantinopel-Philippopel+. Auch die Strecke +Belgrad-Nisch+ ist
-bereits dem Verkehre übergeben und +Nisch-Pirot+ gebaut. Es handelt
-sich somit nur mehr um die Fertigstellung der Strecke +Pirot-Bellova+.
-
-[Illustration: Fig. 56. Die Bahnen der Balkanhalbinsel.]
-
-Die Verbindung zwischen +Wien+ und +Saloniki+ wird von +Nisch+
-aus über +Vranja+ im Anschluß an die schon bestehende Linie
-+Saloniki-Mitrowitza+ erfolgen.
-
-Als Endtermin für den Ausbau sämtlicher zur Herstellung der Verbindung
-sowohl mit Konstantinopel, als auch mit Saloniki dienenden Strecken ist
-von der ~Conférence à quatre~ zu Berlin der 15. Oktober 1886 stipuliert
-worden.
-
-Die Hauptbahn +Rumäniens+ läuft von +Orsowa+, bis wohin die
-österreichisch-ungarische Bahn zieht, nach +Bukarest+ und +Giurgewo+
-und findet auf bulgarischem Boden bis +Varna+ am Schwarzen Meer ihre
-Fortsetzung. Auf dieser Linie bewegt sich bis zur Fertigstellung des
-Anschlusses der türkischen Bahnen an die österreichisch-ungarischen
-hauptsächlich der Landverkehr mit Konstantinopel.
-
-In +Griechenland+ gab es bis vor kurzem nur die 12 km lange Strecke
-von +Athen+ nach dem +Piräus+. Der Verkehr vollzog sich eben, der
-Lage und Gliederung des Landes entsprechend, fast nur zu See. Doch
-ist seit jüngster Zeit ein Eisenbahnnetz in Angriff genommen,
-welches, wenn vollendet, nahezu 1000 km umfassen wird. Noch im Laufe
-dieses Jahrzehnts hofft man griechischerseits +Piräus-Athen+ mit der
-Orientbahn +Wien-Saloniki+ verbunden und hiermit die aufstrebende
-Hauptstadt Griechenlands nicht nur zum Mittelpunkt des griechischen
-Warenhandels, sondern auch an Stelle Brindisis zum Hauptverkehrspunkt
-zwischen Europa und dem überseeischen Orient erhoben zu haben. In
-der That wird nach Herstellung der Strecke +Saloniki-Larissa-Athen+
-die Abkürzung der bisherigen Fahrzeit nach +Port Said+ von +Pest+ 33
-Stunden, von +Berlin+ 20 und von +St. Petersburg+ 26 Stunden betragen.
-
-
-5. Die Bahnen Osteuropas.
-
-In eine verhältnismäßig sehr frühe Zeit fällt die Eröffnung der +ersten
-russischen+ Bahn; denn schon 1838 bestand eine Schienenverbindung
-zwischen St. Petersburg und der Sommerresidenz des Zaren zu
-Zarskoje-Selo -- 27 km lang --; diese Anlage entsprang indes nur
-einem persönlichen Bedürfnisse des Kaisers Nikolaus (1825-1855).
-Sonst verhielt sich derselbe gegenüber der westländischen Neuerung
-feindselig, und thatsächlich hatte das Reich zehn Jahre nach
-Fertigstellung der vorher genannten Linie erst 381 km Schienenwege.
-Erst als der Krimkrieg (1854-1856) gezeigt hatte, wie notwendig für
-Rußland die Möglichkeit rascher Militärtransporte sei -- Truppen und
-Kriegsmaterial wurden damals rascher von London nach Balaclava (auf
-der Halbinsel Krim) befördert als von Moskau nach Sebastopol --, kam
-Leben, und Bewegung in das russische Eisenbahnwesen, und seitdem hat
-die Entwicklung des russischen Bahnnetzes in der That auch großartige
-Fortschritte gemacht.
-
-Die wichtigsten Knotenpunkte sind +Petersburg+ und +Moskau+. Von ihnen
-strahlen folgende Hauptlinien aus:
-
- I. ~a~) +Petersburg-Helsingfors-Hango-Abo+,
-
- ~b~) +Petersburg-Reval-Baltisch Port+,
-
- ~c~) +Petersburg-Dünaburg-Wilna-Warschau-Krakau+. --
- Bedeutende Zweigbahnen dieser Linie sind: +Dünaburg-Riga+ und
- +Wilna-Eydtkuhnen-Königsberg+.
-
- ~d~) +Petersburg-Moskau+.
-
- II. ~a~) +Moskau-Smolensk-Warschau+,
-
- ~b~) +Moskau-Petersburg+,
-
- ~c~) +Moskau-Jaroslaw-Wologda+,
-
- ~d~) +Moskau-Nischni-Nowgorod+,
-
- ~e~) +Moskau-Woronesch-Rostow-Wladikawkas+ mit den Zweigbahnen
- nach +Orenburg+ (über Samara), +Saratow+ und +Zarazyn+,
-
- ~f~) +Moskau-Orel-Kursk-Charkow-Sebastopol+. Hiervon
- zweigt bei +Charkow+ die Bahn nach +Odessa+ und weiter südlich jene
- nach +Taganrog+ ab.
-
-[Illustration: Fig. 57. Die wichtigsten Bahnen Rußlands.]
-
-
-6. Die Bahnen Nordeuropas.
-
-~a~) Die +dänischen Eisenbahnen+ zerfallen naturgemäß in die
-Bahnen des Festlandes und die der Inseln. Die ersteren verbinden
-alle bedeutenderen Orte Jütlands, und von den letzteren läuft die
-wichtigste Linie von Helsingör im Norden der Insel Seeland über
-Kopenhagen zum Masnedsund; sie hat dadurch internationale Bedeutung,
-daß sie den nächsten Verbindungsweg zwischen Deutschland und der
-skandinavischen Halbinsel bildet; von Kopenhagen aus bestehen nämlich
-mehrere Dampferverbindungen mit schwedischen Häfen.
-
-Sonst bietet das dänische Eisenbahnwesen noch insofern eine
-bemerkenswerte Erscheinung, als es ausschließlich in den Händen des
-Staates sich befindet.
-
-~b~) In +Schweden+ und +Norwegen+ begann der Eisenbahnbau erst 1854,
-hat aber seit 1856 einen mächtigen Aufschwung genommen. Freilich
-stellen ihm Bodenbeschaffenheit und Klima große Schwierigkeiten
-entgegen. -- Das +schwedische+ Netz hat zum Ausgangspunkt +Stockholm+,
-verzweigt sich am stärksten zwischen den großen Seen und sendet seine
-Ausläufer zur norwegischen Grenze, zum Kattegat, zum Sund und zur
-Ostsee. Die wichtigste Linie ist die Strecke +Stockholm+-+Malmö+.
--- Das nördliche Schweden entbehrte bis in die jüngste Zeit noch
-gänzlich der Eisenbahnen; doch ist man daran, die dortigen großen
-Reichtümer an Eisenerzen mittels neuer Schienenstränge auszunützen.
-Die +Luleå-Ofoten-Bahn+ (Luleå am Bottnischen Meerbusen, 65° 35′
-nördl. Br., und Ofoten an der Nordküste Norwegens, 68° 5′ nördl. Br.)
-ist bereits in Angriff genommen; sie wird zugleich die +nördlichste
-Bahn der Erde+. -- Die bedeutendste +norwegische+ Bahn führt von
-+Christiania+ nach +Drontheim+.
-
-
-II. Die Gebirgsbahnen Europas[117].
-
-Die Gebirgsbahnen im allgemeinen zerfallen in zwei nach Zweck und
-Einrichtung wesentlich verschiedene Gruppen; man unterscheidet 1.
-solche Bahnen, die dem +großen Weltverkehr+ dienen; dies sind die
-eigentlichen +Gebirgsbahnen+; hierher gehören z. B. unsere großen
-+Alpenbahnen+; 2. solche Bahnen, die im mittelbaren oder unmittelbaren
-Anschluß an Hauptverkehrswege lediglich den Verkehr in einem +engern
-Bezirk des Gebirgslandes+ vermitteln; sie führen in der Regel den Namen
-„+Bergbahnen+“.
-
-
-1. Eigentliche Gebirgsbahnen.
-
-Solche sind in erster Linie unsere großen +Alpenbahnen+: die
-+Semmeringbahn+, die +Brennerbahn+, die +Mont-Cenis-Bahn+, die
-+Gotthardbahn+ und die +Arlbergbahn+.
-
-[Illustration: Fig. 58. Alpen-Querbahnen.]
-
-[Illustration: Fig. 59. Weinzettelwand.]
-
-1. +Die Semmeringbahn.+ Die Bahn, welche die Verbindung zwischen
-Wien und Graz und des weitern zwischen Wien und der Adria herstellt,
-erstreckt sich von Gloggnitz bis Mürzzuschlag. In der Reihe der
-Alpenbahnen ist sie die älteste. 1848 wurde mit ihrem Bau begonnen, und
-1854 ward sie dem Verkehre übergeben. Für den Techniker bildete sie
-daher lange Zeit ein Demonstrationsobjekt der hervorragendsten Art.
-Aber auch das große Publikum zollte dem staunenswerten Werke lauten
-Beifall, und noch heute zieht es jeden, der nach der „Kaiserstadt an
-der Donau“ pilgert, nach jenen tannenfrischen Höhen, die „der steinerne
-Gurt“ von Aufdämmungen, Tunnels und Viadukten umschlingt. Im ganzen
-zählt die Bahn bei einer Länge von 41 km 15 Tunnels von zusammen 4267
-m; der Haupttunnel mißt 1428 m; er war seiner Zeit einer der längsten
-Eisenbahntunnels, wird aber jetzt von vielen anderen übertroffen. Der
-Gotthardbahntunnel ist z. B. 3½mal länger als alle Semmeringbahntunnels
-zusammen. Im Haupttunnel überschreitet die Bahn auch ihren Höhepunkt
-(881 m). Besonders erwähnenswert ist von den Tunnels der Semmeringbahn
-jener durch die „Weinzettelwand“ (Fig. 59), da seine Anlage
-außerordentliche Schwierigkeiten bot. In seiner Mitte hat er eine
-offene Pfeilergalerie von gewaltigen Dimensionen. -- Von den Viadukten,
-deren 16 vorhanden sind, ist jener über die Schwarza bei Payerbach der
-längste (228 m mit 13 Bogen), jener über die „Kalte Rinne“ der höchste
-(46 m). -- Eines der eigenartigsten Merkmale der Semmeringbahn ist der
-großartige Aufwand von Mauerwerk, in welcher Beziehung sich keine Bahn
-der Welt mit ihr messen kann. -- Der Vater der Semmeringbahn ist der
-österreichische Ingenieur +Matthias Schönerer+, der Schöpfer derselben
-+Karl von Ghega+ (geb. 1802 zu Venedig, gest. 1860). -- Die epochale
-+Bedeutung+ der Bahn liegt einerseits darin, daß sie die +erste+ aller
-Alpenbahnen war, andererseits in der durch sie geschaffenen Verbindung
-zwischen Meer und Binnenland.
-
-[Illustration: Fig. 60. Viadukt über die „Kalte Rinne“.]
-
-[Illustration: Fig. 61. Wassertunnel bei Gossensaß.]
-
-2. +Die Brennerbahn.+ Zehn Jahre nach Fertigstellung der Semmeringbahn,
-im Jahre 1864, wurde die zweite Überschienung der Alpen, der Bau
-der Brennerbahn, in Angriff genommen, und nach drei Jahren schon war
-das kühne Unternehmen glücklich zu Ende geführt. Am 24. August 1867
-erfolgte die Eröffnung der Bahn. Dieselbe nimmt in Innsbruck (468 m)
-ihren Ausgang, erreicht ihren Scheitelpunkt (1367 m) bei der Station
-Brenner und senkt sich von hier aus über Sterzing und Brixen bis zu
-ihrem Endpunkte Bozen. Die Gesamtlänge der Bahn beträgt 125,2 km,
-die Zahl der Tunnels 30. Der längste derselben ist der 867 m lange
-+Mühlbacher+ Tunnel. Beachtenswert sind ferner die beiden Kehrtunnel;
-sie sind die ersten Anlagen dieser Art. Der eine davon befindet
-sich bei St. Jodok, der zweite zwischen den Stationen Schelleberg
-und Gossensaß. Die Krümmung, welche die Bahn im letztern Falle
-zurückzulegen hat, ist so bedeutend, daß man in Schelleberg den Zug
-verlassen, bis Gossensaß gehen und hier mit demselben Zuge, den man
-dort verließ, die Reise fortsetzen kann. Eine andere Eigentümlichkeit
-der Bahn bilden die vielen +Kurven+; man zählt deren nicht weniger als
-289 von zusammen 60,6 km, so daß auf die geraden Strecken wenig mehr
-als die Hälfte der Gesamtlinie (64,6 km) entfällt. Viele dieser Kurven
-(77) sind überdies Krümmungen von dem kleinsten zulässigen Radius.
--- Was die +Steigungsverhältnisse+ betrifft, so sind nur 11,6 km
-horizontale Strecken vorhanden; die ganze übrige Bahn (113,6 km) ist in
-Gefällen und Steigungen angelegt; fast der vierte Teil der Linie liegt
-sogar in Steigungen und Gefällen mit dem Maximalsteigungsverhältnis
-von 1: 40. -- An Brücken überschreitet die Bahn 66 größere und viele
-kleinere; Viadukte giebt es nicht. -- Der kühne Bau wurde von +Karl von
-Etzel+ begonnen, doch nicht vollendet; 1865 ereilte diesen der Tod.
--- Die Kosten des ganzen Unternehmens beliefen sich auf 32 Millionen
-Gulden.
-
-[Illustration: Fig. 62.]
-
-Die wichtigste Folge der neuen Gebirgsbahn war ein gewaltiger
-Aufschwung des deutsch-italienischen Handels- und Verkehrslebens.
-
-Bei +Franzensfeste+ zweigt von der Brennerbahn die +Pusterthalbahn+
-ab, welche die beiden Schienenübergänge in den Ostalpen miteinander
-verbindet. Dieselbe ist zwar nicht so entschieden Gebirgsbahn wie
-die Semmering- oder Brennerlinie, aber an bedeutenden technischen
-Anlagen fehlt es auch hier nicht, besonders am Ausgangspunkte der
-Bahn. So ist namentlich der Viadukt, welcher die Thalschlucht des
-Eisackflusses übersetzt, durch seine außerordentliche Höhe (76,3 m über
-dem Wasserspiegel) bemerkenswert. Da der weltberühmte Varrugas-Viadukt
-in der Andenbahn zwischen Lima und Oroya 76,8 m größte Höhe aufweist,
-steht ihm jener nur um wenige Decimeter nach; unter sämtlichen eisernen
-Bahnbrücken der Welt wird er überhaupt nur noch von dem 1877 erbauten
-„Kentucky-Viadukt“, der eine Höhe von 84 m hat, und von dem in aller
-jüngster Zeit fertiggestellten Kinzua-Viadukt in Pennsylvanien (96
-m Pfeilerhöhe) übertroffen. Der Erbauer des Viaduktes über den
-Eisackschlund ist +Prenninger+.
-
-Bei +Villach+ tritt die Pusterthalbahn auch in Verbindung
-mit der „+Kronprinz-Rudolf-Bahn+“, deren Hauptzweig +St.
-Valentin-Tarvis-Laibach+ ist. An die Rudolfsbahn schließt sich dann
-an die sogen. +Pontebbabahn+. Diese jüngste unter allen östlichen
-Alpenlinien beginnt bei Tarvis, überschreitet bei dem interessanten
-Doppeldorfe Pontafel-Pontebba die österreichisch-italienische Grenze,
-durchzieht das Kanalthal und tritt bei Venzone in das Thal des
-Tagliamento, um es indes alsbald wieder zu verlassen und die Richtung
-aus Udine zu nehmen.
-
-3. +Die Mont-Cenis-Bahn+. Die Mont-Cenis-Bahn ist ein Teil jenes
-Schienenstranges, welcher in den Westalpen Frankreich und Italien
-verbindet. Ihre Weltberühmtheit dankt sie bekanntlich jenem
-Riesentunnel, der gewöhnlich als +Mont-Cenis-Tunnel+ bezeichnet wird,
-in der That aber unter dem 22 km südwestlich von dem gleichnamigen
-Paß gelegenen +Col de Fréjus+ hinführt. Schon 1832 soll +Giuseppe
-Medail+ dem König von Piemont, Karl Albert, den Plan eines Durchstichs
-der Alpen am Mont Cenis vorgeschlagen haben; aber erst 1857 war das
-Projekt so weit gediehen, daß die Tunnelierungsarbeiten eröffnet werden
-konnten. Die Durchführung des großen Werkes beanspruchte indes noch
-14 Jahre. -- Die ganze Mont-Cenis-Bahn, die bei Bussolino beginnt
-und bei St. Michel endet, zählt 38 Tunnels, deren Gesamtlänge 23814
-m ausmacht. Da nun die ganze Strecke nur eine Entwicklung von 76 km
-hat, so liegt ungefähr der +dritte+ Teil der Bahn unter der Erde. --
-Was den +Haupttunnel+ betrifft, so durchsetzt derselbe den Col de
-Fréjus zwischen +Modane+ und +Bardonnèche+ in einer Länge von 12,2
-km; er enthält auch den Kulminationspunkt der ganzen Bahn mit 1335 m.
-Die Ausmauerung des Tunnels erforderte 20000 Centner Kalk und ca. 16
-Millionen Ziegel; die Masse des bei Sprengungen abgebrannten Pulvers
-betrug über eine Million Kilogramm, ein Quantum, mit welchem man 13
-Jahre täglich ein Pelotonfeuer von 50000 Flintenschüssen (die Patrone
-zu 4½ g) hätte abfeuern können. -- Die Schöpfer des großen Werkes
-waren die Ingenieure +Sommeiller+, +Grattoni+ und +Grandis+; dessen
-Kosten beliefen sich auf 75 Millionen Francs. -- +Technisch+ bedeutsam
-ist der Tunnel besonders dadurch, daß er die +erste Durchbohrung der
-Alpen+ repräsentiert; ferner dadurch, daß hier zum erstenmale die
-Tunnelierungsarbeiten mittels maschineller Apparate betrieben wurden.
-Den großartigen Eindruck, den dieses technische Meisterwerk auf den
-Beschauer ausübt, schildert die Dichterin +Mander-Cecechetti+ also:
-
- Lange genug voll Neid stand zwischen zwei schönen Geländen
- Dieses Alpengebirg -- nun ist die Scheide gefallen!
- Falle mit ihr denn der Haß und der Zwist gleichnamiger Völker,
- Schlinge die Liebe fortan ihr goldenes Band um die Länder,
- Denen mit freundlichem Blick Natur und Gesittung gelächelt.
- Nicht vergebens mögen in Zukunft sich reichen die Hände
- Durch die Alpen hindurch die beiden lateinischen Schwestern.
- Staunend hemmt nun der Wand’rer den Fuß vor dem mächtigen Bauwerk,
- Das der menschliche Geist sich selbst als Trophäe geschaffen,
- Unsern Tagen zum Ruhm, ein Triumph der emsigen Forschung.
-
-Die Bahn vermittelt die direkteste Verbindung zwischen Frankreich und
-Italien und ist besonders für den englisch-indischen Verkehr von hoher
-Wichtigkeit. (Siehe S. 180 u. 182.)
-
-In einem zu Turin errichteten großartigen Denkmal, welches den Sturz
-der Titanen durch den Geist des Menschen darstellt, hat Italien seiner
-Dankbarkeit gegen die Förderer des Riesenwerkes geziemenden Ausdruck
-verliehen.
-
-4. +Die Gotthardbahn.+ Über die +Geschichte+ der Bahn sei zunächst
-folgendes bemerkt: Am 15. Oktober 1869 wurde zwischen der
-schweizerischen Eidgenossenschaft und dem Königreich Italien zur
-Erbauung der Gotthardbahn ein Staatsvertrag abgeschlossen, welchem
-am 18. Oktober 1871 auch das Deutsche Reich beitrat. Derselbe
-bildet die staatliche Grundlage des Unternehmens und enthält die
-wesentlichen Bestimmungen, an welche sich die Baugesellschaft zu
-halten hatte. Seine Hauptpunkte lauten: Das auszuführende Netz soll
-folgende Linien enthalten: 1. Luzern-Immensee-Goldau; 2. Zug-Goldau;
-3. Goldau-Brunnen-Flüelen-Göschenen-Airolo-Biasca-Bellinzona; 4.
-Bellinzona-Lugano-Chiasso; 5. Bellinzona-Locarno und 6. Bellinzona-Pino
-(am Langensee). Die Steigung der Bahn soll 25‰ nicht überschreiten.
-Der große Tunnel zwischen Göschenen und Airolo ist in gerader Linie
-und zweispurig anzulegen. Der Subventionsbeitrag ~à fonds perdu~ ist
-auf 85 Millionen Francs festgesetzt und wird folgendermaßen geleistet:
-Die Schweiz bezahlt 20, Italien 45 und Deutschland 20 Millionen. Am 6.
-Dezember 1871 konstituierte sich die Gotthardbahngesellschaft, am 1.
-Oktober 1872 begannen die thatsächlichen Arbeiten an dem großen Tunnel,
-und 10 Jahre später bereits, am 23. Mai 1882, erfolgte die offizielle
-Eröffnung des neuen Schienenweges. In den Dienst der Völker trat die
-Gotthardbahn am 1. Juni 1882.
-
-Mit ihr ward ein Werk vollendet, das vermöge der Großartigkeit seiner
-Anlage und im Hinblick auf die riesenhaften Schwierigkeiten, welche
-die widerstrebenden Naturgewalten der Durchführung des Unternehmens
-entgegensetzten, sich den größten dem Dienste des Weltverkehrs
-gewidmeten Schöpfungen unseres Jahrhunderts würdig zur Seite stellt.
-
-[Illustration: Fig. 63. Louis Favre.]
-
-In erster Linie ist hier des +großen Tunnels zwischen Göschenen und
-Airolo+ zu gedenken. Mit der Herstellung desselben war der bereits bei
-anderen großen Tunnelbauten hervorragend thätig gewesene Bauunternehmer
-+Louis Favre+ aus Chêne bei Genf betraut worden. Leider sollte derselbe
-die Beendigung seines Werkes nicht erleben. Wie ein Soldat in der
-Schlacht, so starb Favre mitten in seiner unermüdlichen Thätigkeit am
-19. Juli 1879 infolge eines Herzschlags im Tunnel selbst. Doch wurde
-die Arbeit nicht unterbrochen, und +am 29. Februar 1880, morgens 9
-Uhr, erfolgte der Durchbruch des Firststollens+. Die Länge des ganzen
-Tunnels beträgt 14900 m, mit anderen Worten: er ist 6½mal so lang
-als alle Semmeringtunnels zusammen, mehr als 10mal so lang als der
-+größte+ Semmeringtunnel und 1⅓mal so lang als alle 38 Tunnels der
-Schwarzwaldbahn. Am nächsten kommen ihm bezüglich der Längenausdehnung
-der Mont-Cenis-Tunnel mit 12233 m und der Arlbergtunnel mit 10270 m.
-Der höchste Punkt des Tunnels liegt 1154,69 m über dem Meeresspiegel.
-
-[Illustration: Fig. 64. Die Zugangslinien des Gotthardtunnels. (Nach
-~Helène~, ~Les Nouvelles Routes~.)]
-
-Die Arbeit der +Durchbohrung des Gebirges+ schildert uns ein Ingenieur
-wie folgt: „Die Tunnelmaschinen zerfallen in Bohrmaschinen und in
-Apparate an der Mündung des Stollens. Letztere sind mechanische
-Vorrichtungen, um die ersteren zu bewegen und die Arbeiter mit der
-notwendigen Lebensluft zu versehen. Vor dem Tunnel befinden sich
-kolossale Luftreservoirs, in welchen vermittels der Wasserkraft der
-Reuß und des Tessin das Luftvolumen auf mehr als seinen zwanzigsten
-Teil zusammengepreßt wird. Die komprimierte Luft wird in Röhren auf
-die Baustellen geleitet, wo sie in einen Cylinder tritt und, indem
-sie sich ausdehnt, den Kolben desselben mit ungeheurer Schnelligkeit
-vor- und rückwärts bewegt. Der Kolben wird mit dem Meißelbohrer in
-Verbindung gebracht. Bei jedem Stoß des erstern dringt der Bohrer
-tiefer in das Gestein ein. Die Maschinen, nach dem System von Ferroux,
-von denen stets vier bis sechs an der Arbeit sind, bohren zusammen
-40 bis 50 Löcher; nach erfolgter Bohrung werden die Bohrmaschinen
-zurückgezogen, die Mineurs füllen Dynamit ein und zünden die Lunte an.
-Ein melancholisches Hornsignal mahnt die Arbeiter zum Rückzug; die
-Explosion der Dynamitfüllung erfolgt und mit ihr die Zersplitterung
-des Gesteins. Durch Öffnen eines Hahnens wird nun komprimierte Luft in
-den von Dunst erfüllten Raum eingelassen, welche mit Gewalt den Qualm
-der Tunnelmündung zutreibt. Das Gestein wird entfernt, und die Arbeit
-beginnt von neuem.“
-
-[Illustration: Fig. 65. Gotthard-Bohrmaschine.]
-
-Die +Hindernisse+, auf die man beim Bau des Tunnels traf, waren
-mannigfach. Sie bestanden besonders in schwieriger Beschaffenheit
-des Gesteins, Zerklüftungen, Letteneinbettungen und mächtigem
-Wasserzudrang; höchst beschwerlich war ferner die +hohe Temperatur+,
-welche 30° bis 31° C. erreichte. Die Leute, erzählt +Maury+, der
-am Baue beteiligt war, arbeiteten fast vollständig entkleidet, und
-trotzdem waren sie einer ernstlichen Anstrengung unfähig. Alle wurden
-allmählich blutarm und waren gezwungen, die Baustelle zu verlassen.
-Eine Vorstellung von dem, was die Arbeiter während der letzten Monate
-vor dem Durchschlag an Beschwernissen zu ertragen hatten, giebt die
-Thatsache, daß die Pulsation des Herzens auf 155 bis 160 Schläge in
-der Minute stieg und die innere Temperatur des menschlichen Körpers 39°
-überschritt.
-
-[Illustration: Fig. 66. Brücke über die Maderanerschlucht bei Amsteg.]
-
-Die auf der ganzen Gotthardbahn während des Baues bis zum Schluß
-vorgekommenen +Tötungen+ von Arbeitern betrugen die respektable Zahl
-von fast dritthalb Hunderten; verwundet ohne tödlichen Ausgang wurden
-ca. 600 Menschen; im ganzen wurden somit etwa 850 Menschen getötet oder
-krüppelhaft.
-
-Außer dem Haupttunnel erregen noch ganz besonderes Interesse die
-zahlreichen +Kehrtunnels+ (siehe Ziffer 1 u. 2 in Fig. 64). Auf der
-nördlichen Zufahrtslinie zum Haupttunnel beginnen dieselben hinter
-der Station +Gurtnellen+, mit welcher überhaupt die Glanzpartie der
-Gotthardbahn ihren Anfang nimmt. Es folgen hier aufeinander: der
-Pfaffensprung-, Wattingen- und Leggisteintunnel. Zwischen den beiden
-letzteren liegt die Station +Wasen+. Auf der südlichen Rampe finden
-sich solche bei Fiesso (Freggio-), bei Faido (Prato-), bei Lavorgo
-(Piano-Tondo-) und bei Giornico (Travi-Kehrtunnel). -- Die Gesamtzahl
-der Tunnels auf der ganzen Linie ist 53 mit einer Länge von fast 41 km.
-Die Tunnels nehmen somit mehr als drei Vierteile der Länge ein, welche
-die Tunnels von ganz Deutschland besitzen.
-
-Die Bahn hat außerdem 222 in Eisenkonstruktion hergestellte Brücken,
-von denen 42 über 20 m lang sind, und sieben künstlich aufgemauerte
-Galerieen zum Schutze gegen Lawinen und Felsabstürze. Die Zahl +aller
-Kunstbauten+ beläuft sich auf fast 1000 (969).
-
-Die +Kosten+ des ganzen Unternehmens, welche ursprünglich auf 187
-Millionen Francs veranschlagt waren, betrugen 228 Millionen Francs.
-Hierzu trugen Italien, die Schweiz und Deutschland außer den schon oben
-erwähnten 85 Millionen noch weitere 28 Millionen Francs bei. Der große
-Tunnel allein verschlang 56¾ Millionen Francs.
-
-Was die +Bedeutung+ der Gotthardbahn betrifft, so ist vor allem
-deren Wichtigkeit für die Handelsverbindungen +Deutschlands+ mit den
-Mittelmeerhäfen und insbesondere mit +Genua+ hervorzuheben. Durch
-vorzügliche Dampferverbindungen mit dem südlichen Italien, der Levante,
-Ostindien, sowie mit Südamerika ist ja diese wichtigste Handelsstadt
-Italiens in den Stand gesetzt, die Vermittlung des Verkehrs zwischen
-wichtigen Kulturgebieten zu übernehmen und den Erzeugnissen einer
-hochentwickelten Industrie neue Absatzgebiete zu erschließen. Der
-Export Deutschlands nach Italien hat denn auch seit Eröffnung der
-Gotthardbahn bedeutend zugenommen, während der französische zurückging.
-Es erhellt dies z. B. aus folgenden Zahlen, die dem ~„Chamber of
-Commerce Journal“~ entnommen sind: In den Jahren 1881-1883 fiel der
-französische Export nach Italien um 105,6 Millionen Frcs., während der
-deutsche um 47,4 Millionen stieg. Daß dies wesentlich eine Folge der
-Eröffnung der Gotthardbahn ist, zeigen folgende Ziffern der Schweizer
-Zollbehörde; es betrug der Transit durch die Schweiz nach Italien:
-
- 1880 4719 t
- 1881 6293 t
- 1882 64182 t
- 1883 184360 t,
-
-der fortgesetzt abnehmende französische dagegen in denselben Jahren
-65073, 43765, 41095 und 35406 t.
-
-Des weitern kommen die erheblichen Vorteile der Gotthardbahnverbindung
-in mehr oder weniger erheblichem Maße zu gute Belgien und den
-Niederlanden, Nordfrankreich und Großbritannien.
-
-5. +Die Arlbergbahn+. Sie beginnt bei Innsbruck als ein Seitenflügel
-der Linie Kufstein-Verona und folgt zunächst dem obern Laufe des Inn.
-Bei Landeck verläßt sie den letztern und wendet sich mittels eines
-großen Tunnels durch den Arlberg nach Bludenz, wo sie in die schon
-vorhandene Vorarlberger-Bahn Bludenz-Feldkirch-Bregenz einmündet.
-
-Die Bahn, deren Gesamtlänge 137 km beträgt, wurde 1880 in Angriff
-genommen und am 1. September 1884 dem Verkehre übergeben.
-
-Der große Tunnel durch den Arlberg hat eine Länge von 10270 m; der
-höchste Punkt des Tunnels und zugleich der ganzen Arlberglinie
-liegt 1310 m über dem Meere. Die Kosten des Tunnels betrugen ca.
-32½ Millionen Mark (= 1800 Gulden ö. W. für das laufende Meter; die
-gleiche Strecke des Gotthardtunnels kostete 2400 Gulden und die des
-Mont-Cenis-Tunnels 4000 Gulden).
-
-Im Durchschnitt betrug der Fortschritt im Haupttunnel 8,3 m pro Tag.
-Der durchschnittliche Fortschritt im Richtstollen des Gotthardtunnels
-erreichte pro Tag 5,1 m, in dem des Mont-Cenis nur 3,37 m. In der
-That, seit +Nobel+ das Dynamit und die Spreng-Gelatine erfunden, und
-seitdem die Bohrmaschinen von +Ferroux+ und +Brandt+ auf ihrer heutigen
-Entwicklungsstufe stehen, giebt es nahezu kein Hindernis mehr für den
-Bergmann und für den Tunnelingenieur.
-
-Von den sonstigen Bauwerken der Arlbergbahn verdient noch besonders
-hervorgehoben zu werden der +Trisanna+-+Viadukt+, der unbedingt zu den
-schönsten, kühnsten und schwierigsten Bauwerken der Erde zählt. Er
-überbrückt die in einer 90 Fuß tiefen Schlucht dahinbrausende Trisanna
-in einer Länge von 240 m, während die Eisenbahnbrücke eine Stützweite
-von 120 m besitzt.
-
-Die +Wichtigkeit+ der Bahn liegt zunächst darin, daß durch sie
-das westliche Tirol und Vorarlberg mit den übrigen Ländern der
-österreichisch-ungarischen Monarchie in engere Verbindung gesetzt
-werden. Noch weit bedeutsamer aber ist, daß durch sie ein +direkter+
-Schienenweg von der ungarischen Kornkammer und von der ganzen
-untern Donau und deren Stromgebiet, sowie von Triest und den Häfen
-des Adriatischen Meeres nach dem Bodensee, mithin nach Frankreich
-und dem Nordwesten Europas geschaffen wurde. Die gewaltigen
-Getreidemassen, namentlich jene, welche Ungarn, Rußland und Rumänien
-dem Westen Europas, besonders dem südwestlichen Deutschland, der
-Schweiz und Frankreich liefern, werden nunmehr größtenteils auf der
-Arlbergbahn befördert und nicht mehr, wie ehedem, an die bayerischen
-Eingangsstationen. Auch der Vieh-, Holz- und Wein-Transport der Bahn
-ist sehr bedeutend.
-
-[Illustration: Fig. 67. Trisanna-Viadukt.]
-
- +Vergleichende Übersicht über die Alpenbahnen.+
-
- A: Länge der Bahn.
- B: „ des Haupttunnels.
- C: Kosten des Haupttunnels.
- D: Durchschnittliche tägliche Fortschritte im Haupttunnel.
- E: Zeit der Herstellung des Haupttunnels.
- F: Zahl der übrigen Tunnels.
- G: Länge aller Tunnels.
- H: Absolute Höhe des Kulminationspunktes.
- I: Maximalsteigung.
-
- -----------+--------+-------+--------+-------+-------+--+-----+----+---
- | A | B | C | D | E | F| G | H | I
- +--------+-------+--------+-------+-------+--+-----+----+---
- Bahnen. | | | Mill. | | | | | |
- | km | km | Frcs. | m | Jahre.| | m | m |
- -----------+--------+-------+--------+-------+-------+--+-----+----+---
- Semmering- | | | | | | | | |
- bahn | 41,9 | 1,4 | -- | -- | -- |14| 4267| 881|25‰
- Brennerbahn| 125,2 | 0,8 | -- | -- | -- |29| 5512|1367|25‰
- Mont-Cenis-| | | | | | | | |
- Bahn | 76 | 12,2 | 75 | 2,35 | 13,1 |37|23814|1335|30‰
- Gotthard- | | | | | | | | |
- bahn | 99,3 | 14,9 | 56¾ | 5,1 | 7,4 |52|40718|1155|27‰
- | | |Mill. M.| | | | | |
- Arlbergbahn| 64,5 | 10,2 | 32½ | 8,3 | 3,4 |--| -- |1310|30‰
-
-Die großen Alpenbahnen sind keineswegs die einzigen Gebirgsbahnen
-des europäischen Kontinents. Linien, welche eine Steigung von 15-20
-mm per Meter aufweisen, sind z. B. noch folgende: in Deutschland die
-Linie +Forbach+-+Niederbronn+ im Elsaß, in Frankreich die Linien
-+Moulins+-+Montluçon+, +Mézières+-+Hirsen+, +Lyon+-+Grénoble+ u. s. w.,
-in Norwegen die Linie +Christiania+-+Drontheim+, in Spanien
-die Linie +Irun+-+Madrid+, in Italien die Linien +Turin+-+Genua+,
-+Neapel+-+Foggia+, +Pistoja+-+Bologna+ u. s. w.
-
-Schließlich sei noch der +Schwarzwaldbahn+ gedacht, die in Bezug
-auf die Disponierung der Trace, die technischen Detailanlagen und
-die gesamte bauliche Ausführung ein würdiges Glied in der Reihe der
-europäischen Gebirgsbahnen bildet. Sie beginnt bei +Offenburg+ in
-Baden und führt durch das Kinzigthal über +Triberg+ (Paßhöhe 834 m),
-+Villingen+ und +Donaueschingen+ nach +Schaffhausen+ und +Konstanz+.
-Die durchschnittliche Steigung auf der ganzen Gebirgsstrecke ist 1:55,
-die Maximalsteigung 1:50; die Zahl aller Tunnels beträgt 38, soviel wie
-auf der Mont-Cenis-Bahn. Der kürzeste Tunnel hat 13,6 m, der längste
-1696,6 m. Die Gesamtlänge aller Tunnels beläuft sich auf 9,417 km auf
-26 km Bahnlänge. Der ganze Bau der Bahn, die von dem großherzoglich
-badischen Baudirektor +Robert Gerwig+(† 1885) entworfen und ausgeführt
-wurde, währte 6 Jahre und 4½ Monate und machte auf der Gebirgsstrecke
-von +Hausach+ bis +Villingen+ (52,7 km) einen Kostenaufwand von 13,8
-Millionen Gulden notwendig. -- Die +Bedeutung+ der Bahn liegt in der
-Vermittlung des Verkehrs zwischen dem Bodenseegebiet und den Gebieten
-am untern Rhein und der Mosel.
-
-
-2. Bergbahnen.
-
-Die ersten Bergbahnen waren lediglich zur +Thalförderung+ von
-Bergwerksprodukten bestimmt. Dann trat auf einigen derselben erst
-eine fakultative, dann eine regelmäßige Personenbeförderung hinzu; in
-neuester Zeit endlich wurden teils durch Vervollkommnung der alten,
-teils durch Erfindung mehr oder weniger neuer Systeme Bergbahnen
-geschaffen, die, sowohl zum Thal- wie zum Bergtransport geeignet,
-vorwiegend oder selbst ausschließlich dem Personenverkehr zu dienen
-haben.
-
-+Der Art des Betriebes nach+ kann man folgende drei Klassen von
-Bergbahnen unterscheiden:
-
-1. +Seilbahnen+; 2. +Zahnradbahnen+; 3. +Adhäsionsbahnen+.
-
-~a.~ +Seilbahnen.+ Sie sind die einfachsten, daher auch ihre Anwendung
-am weitesten zurückreicht. Ihr Betrieb entstand aus dem Princip der
-Schwere, d. h. die schwerere Last auf der einen Seite zieht die
-leichtere auf der andern empor, geschehe dies nun durch Wasser-,
-Personen- oder Material-Füllung. Fehlten diese bedingenden Faktoren,
-so wurde das über Walzen laufende unendliche Seil auch durch Dampf in
-Bewegung gesetzt.
-
-Beispiele solcher Bahnen sind die seit 1869 betriebene +Ofener
-Drahtseilbahn+, die Bahn +Territet+-+Montreux+-+Glion+[118] am
-Genfersee, die +Gießbachbahn+ im Kanton Bern und die +Vesuvbahn+.
-
-Die +Gießbachbahn+ (Fig. 68) führt vom Ufer des +Brienzersees+ zum
-Gießbachhotel, unweit der berühmten Wasserfälle des Gießbach. Ihre
-Länge erreicht 346 m, ihre Normalsteigung 28%. Eigenartig ist diese
-Bahn dadurch, daß sie auch noch Zahnrad-Konstruktion hat.
-
-Die +Vesuvbahn+ (Fig. 69) weist unter allen Seilbahnen die stärkste
-Steigung auf; ihr Verhältnis ist 1:2. Die nur 800 m lange Linie
-überwindet auf dieser Strecke eine Höhendifferenz von 380 m; sie endet
-in einer Höhe von 1180 m, 70 m unter dem Gipfel des Vulkans.
-
-[Illustration: Fig. 68. Gießbachbahn.]
-
-~b.~ +Zahnradbahnen.+ Was diese betrifft, so ist zunächst zu bemerken,
-daß +Blenkinsop+, wie schon oben erwähnt wurde, +zuerst+ das
-Zahnradsystem anwandte. Da er nämlich, wie manch andere in jener Zeit,
-nicht glaubte, daß die Reibung zwischen Rad und Schiene ausreichen
-würde zur Fortbewegung eines Zuges, so versah er die von ihm 1811
-erbaute Lokomotive mit einem Zahnrad, das in eine in Mitte des Geleises
-gelegene Zahnstange eingriff. Nachdem aber bald darauf das bezügliche
-Problem durch +Georg Stephenson+ gelöst worden war, geriet die ganze
-Sache in Vergessenheit.
-
-[Illustration: Fig. 69. Vesuvbahn.]
-
-Der Ruhm, das Zahnradsystem zum +erstenmale+ für eine eigentliche
-Bergbahn verwendet zu haben, gebührt dem Amerikaner +Marsh+ aus
-Chicago, der 1855 das Projekt ins Auge faßte, den Mount Washington
-(2000 m) in New-Hampshire mittels einer Eisenbahn zugänglich zu machen.
-Ungeheuer waren die Schwierigkeiten, die er zu überwinden hatte; aber
-er drang durch und erlebte den Triumph, 1868 seine Idee verwirklicht
-zu sehen. In Europa erwarb sich um Einführung und Verbesserung
-des Zahnradsystems die größten Verdienste der Schweizer Ingenieur
-+Riggenbach+.
-
-[Illustration: Fig. 70. Lokomotive und Waggon der Bahn Vitznau-Rigi.]
-
-Zu den interessantesten Anwendungen des +Marsh-Riggenbachschen
-Systems+, das, nebenbei bemerkt, unter allen ähnlichen Systemen sich
-bis jetzt auch am besten bewährt hat, gehören die beiden Rigibahnen in
-der Schweiz und in Österreich die Bahnen auf den Schwabenberg bei Ofen
-und auf den Kahlenberg bei Wien.
-
-[Illustration: Fig. 71. Schnurtobelbrücke.]
-
-Die Bahn +Vitznau+-+Rigi+ geht von Vitznau am Vierwaldstättersee
-aus und steigt bis Rigi-Kulm; ihre Länge beträgt 5144 m, ihre
-senkrechte Höhe 1113 m und ihre Maximalsteigung 25%. Die Bahn, 1871
-beziehungsweise 1873 eröffnet, gelangte bald zu großer Berühmtheit,
-teils wegen ihrer zahlreichen Kunstbauten, wovon das beigegebene Bild
-der +Schnurtobelbrücke+ ein großartiges Beispiel bietet, teils wegen
-der landschaftlichen Schönheiten, die sie dem Reisenden erschließt.
-
-[Illustration: Fig. 72. Die Hauptbahnlinien Europas.]
-
-Die +Bahn Arth+-+Rigi+ beginnt bei Arth am Zugersee und führt
-ebenfalls bis Rigi-Kulm empor. Die ganze Bahnstrecke hat eine Länge
-von 11172 m; davon sind jedoch noch 1395 m Thalbahn, so daß 9777 m
-auf die Zahnradbahn treffen. Die senkrechte Höhe beträgt 1330 m, die
-Maximalsteigung 20%. Die Linie hat ferner drei Tunnels, sieben eiserne
-Brücken und eine Menge anderer Kunstbauten. Eine der großartigsten
-Partieen der ganzen Bahn ist die an der +Kräbelwand+. Zum Tracieren der
-Linie mußten hier Arbeiter an Seilen herabgelassen werden, so daß die
-jetzige Bahntrace faktisch nur mit Strickleitern und Seilen zu erobern
-war.
-
-Eine dritte derartige Bahn in der Schweiz ist die Linie
-+Rorschach+-+Heiden+. Die zu ersteigende relative Höhe beträgt hier
-383,5 m, die größte Steigung 9%. Die Landschaft, welche die Bahn
-durchfährt, bietet große Reize; einer der schönsten Punkte ist die
-Station +Wienachten+.
-
-+Deutschlands+ erste Zahnradbahn, von +Königswinter+ (am Rhein, unweit
-Bonn) auf den +Drachenfels+, entstand erst 1883; sie ist 1520 m lang,
-die Höhendifferenz zwischen dem höchsten und niedrigsten Punkte beträgt
-225 m, die größte Steigung ist 1:5.
-
-Sonstige deutsche Bergbahnen sind +Rüdesheim+-+Germaniadenkmal+,
-+Aßmannshausen+-+Niederwald+ und +Stuttgart+-+Degerloch+.
-
-Von den verschiedenen anderen Zahnradsystemen sei noch das des
-genialen Schweizer Ingenieurs +Wetli+ erwähnt. Dasselbe hat seine
-erste Anwendung gefunden auf der Bahn von Wädensweil am Zürichersee
-nach Einsiedeln. Infolge des Unglücksfalles, der sich auf der Bahn im
-November des Jahres 1876 bei der Probefahrt zutrug, gieng man jedoch
-davon wieder ab.
-
-~c.~ +Adhäsionsbahnen.+ Es sind dies solche Bergbahnen, die ohne
-Zuhilfenahme außerordentlicher Vorrichtungen nach dem gewöhnlichen
-System der Thalbahnen betrieben werden, in ihren Steigungsverhältnissen
-aber bis an die äußerste Grenze des Möglichen innerhalb gewöhnlicher
-Anlagen vorgehen. Eine derartige Bahn ist die +Ütlibergbahn+, die
-von Zürich auf die Hohe des Ütliberges (873 m) führt. Ihre Länge
-beträgt 9167 m, wovon 53% in Kurven und nur 47% in Geraden liegen; die
-Maximalsteigung erreicht 70‰. Die Bahn erregte in allen fachlichen
-Kreisen großes Aufsehen und ist durch den Ingenieur +Tobler+ aus Zürich
-erbaut.
-
-Eine Übersicht über die +Hauptbahnen Europas+ giebt Fig. 72.
-
-
-III. Projektierte Bahnen.
-
-
-1. Eigentliche Gebirgsbahnen.
-
-Fünf bedeutende Bahnen ziehen bereits teils durch, teils über die
-Alpen, und doch ist neuerdings die Rede von weiteren ähnlichen
-Projekten. So sind unter anderen Bahnen in Aussicht genommen:
-
-1. eine +Simplonbahn+. Sie soll die Verbindung zwischen dem
-schweizerischen Thal der Rhone und dem italienischen der Tosa
-herstellen und so den Weg zwischen Paris und Brindisi verkürzen. Nach
-einem Voranschlage würden sich die Kosten der Bahn auf 125 Mill. Francs
-belaufen; hiervon träfen allein auf den herzustellenden großen Tunnel
-volle 80 Mill. Dieser letztere würde bei +Brieg+, dem dermaligen
-Endpunkte der Rhonebahn, beginnen, bei +Iselle+ endigen und eine Länge
-von ca. 18 km erhalten, also den größten aller bisherigen Tunnels, den
-Gotthardtunnel, um mehr als 3 km noch übertreffen;
-
-2. eine +Montblancbahn+. Außer der Durchbohrung des Simplon steht
-auch noch die Durchstechung des Montblanc behufs Herstellung einer
-Verbindung zwischen Frankreich und Italien in Frage. Die in dieser
-Beziehung angestellten Untersuchungen haben ergeben, daß die Länge
-des Tunnels ca. 16 km betrüge und die Kosten hierfür 68 Mill. Francs
-ausmachten. Die Gesamtkosten der Bahn würden sich auf ca. 180 Mill.
-Francs belaufen;
-
-3. eine +Predil-Tauernbahn+. Diese Bahn würde, von Görz aus im
-Isonzothal ansteigend, den Predil durchbrechen, in Tarvis einmünden,
-von Tarvis unter Benutzung der Rudolf- und Südbahn nach Villach und
-Sachsenburg und von da über die Malnitzer Tauern und Gastein zur
-Salzburger Bahn bei Schwarzach führen. Hierdurch würden Triest und das
-deutsche Mitteleuropa durchschnittlich um 200-300 km näher aneinander
-gerückt und ihre Verkehrsbeziehungen wesentlich erleichtert werden;
-
-4. eine +Bahn über den großen St. Bernhard+.
-
-Abgesehen von den in Aussicht genommenen +Alpenbahnen+, ist das
-bedeutendste dermalige Gebirgsbahnprojekt Europas +die Durchbohrung
-der Pyrenäen+. In dieser Beziehung sind neuestens die spanische und
-französische Regierung übereingekommen, die Genehmigung zum Bau
-zweier verschiedener Pyrenäenbahnen zu erteilen. Die eine Linie
-soll über Huesca und Canfranc nach Oloron in Frankreich führen; die
-andere Linie soll von Lerida durch die Thäler Noguera und Pallaresa
-nach dem französischen Departement Arriège ziehen. Die bezüglichen
-Haupttunnels durch die Pyrenäen werden eine Länge von 4, resp. 3 km
-erhalten. So wird denn auch in nicht zu ferner Zeit das Wort Ludwigs
-XIV. von Frankreich, das derselbe in Anspielung auf die Vereinigung des
-spanischen und französischen Thrones einst äußerte, sich erfüllen, das
-Wort: ~Il n’y a plus de Pyrenées~ (es giebt keine Pyrenäen mehr).
-
-
-2. Bergbahnen.
-
-In der Schweiz sollen demnächst Bergbahnen gebaut werden: auf den
-Pilatus am Vierwaldstättersee[119], auf den Salève bei Genf, auf den
-Gurten bei Bern und auf den Monte Salvatore bei Lugano; in Österreich
-ist eine solche geplant auf den Gaisberg bei Salzburg und von Jenbach
-nach dem Achensee.
-
-
-3. Eisenbahnen unter dem Meere.
-
-[Illustration: Fig. 73. Thomé de Gamond.]
-
-1. +Schienenverbindung zwischen England und Frankreich+[120].
-Der Gedanke, zwischen England und dem Kontinente einen trockenen
-Verbindungsweg zu schaffen, ist keineswegs neu. Schon zu einer
-Zeit, da man von den Eisenbahnen noch keine Ahnung hatte, faßte
-ein französischer Ingenieur, Namens +Mathieu+, den Gedanken, eine
-unterseeische Fahrstraße zu bauen. Die Pläne hierzu wurden Napoleon,
-der damals erster Konsul war, vorgelegt und später im Luxemburgpalaste
-ausgestellt, sind aber unauffindbar in Verlust geraten. Kurz darauf
-projektierte man in Frankreich die Legung ungeheurer Eisenröhren
-auf den Meeresboden, dann wieder die Erbauung einer Brücke über den
-Kanal. Doch fanden all diese Vorschläge keinen Anklang; auch die im
-Laufe der zwei letzten Decennien aufgetauchten, teilweise geradezu
-verblüffenden und gewaltig kostspieligen Pläne wurden von der Mehrheit
-der Fachleute als unpraktisch verworfen, und die Sache ruhte, bis
-+Thomé de Gamond+ um die Mitte der dreißiger Jahre deren Studium zur
-Hauptaufgabe seines Lebens machte. Anfänglich befürwortete derselbe
-Röhren, später entschied er sich für einen unterseeischen Tunnel.
-1857 kam er nach England, erläuterte hier seine Pläne den Ingenieuren
-und hatte in dieser Sache Unterredungen mit dem Prinz-Gemahl und dem
-Premierminister Lord Palmerston. Gamond nahm seine Sache so ernst,
-daß er zu wiederholten Malen selbst auf den Meeresgrund hinabstieg, um
-sich über dessen geologische Beschaffenheit genau zu unterrichten; als
-er dies zum letztenmal that, wäre er beinahe ums Leben gekommen; denn
-gefräßige Raubfische setzten ihm so sehr zu, daß er fast das Bewußtsein
-verlor und nur mit genauer Not dem Tode entrann. 1856 ließ Napoleon
-III. die Gamondschen Pläne durch eine wissenschaftliche Kommission
-prüfen; diese beantragte, daß, da Gamonds Schlußfolgerungen ganz
-plausibel seien, die beiden Regierungen auf gemeinsame Kosten einige
-Versuchstunnelierungen veranlassen mögen, damit die Wahrscheinlichkeit
-oder Unwahrscheinlichkeit der praktischen Durchführbarkeit des
-Projektes ermittelt werde. Doch wurde daraus nichts, und auch die
-Auslegung der Gamondschen Zeichnungen auf der Pariser Weltausstellung
-von 1867 förderte kein greifbares Ergebnis zu Tage. Erst 1872 wurde
-eine französisch-englische Kanaltunnelgesellschaft (engl. ~Channel
-Tunnel Company~) gegründet, welcher L. +Grosvenor+ für das englische
-Komitee und M. +Chevalier+ für das französische Komitee präsidierten
-und +Gamond+, +Hawkshaw+ und +Brunlees+ als Ingenieure angehörten. Im
-August des Jahres 1875 wurde sodann seitens der Nationalversammlung
-der Bau einer von der französischen Küste zwischen Calais und Boulogne
-ausgehenden submarinen Eisenbahn bis zum Anschluß an eine gleiche
-englische Linie genehmigt und der französischen Gesellschaft die
-Konzession auf 99 Jahre ohne Subventionen oder Garantieen unter der
-Bedingung erteilt, daß die Konzession nach fünf, beziehungsweise
-acht Jahren erlösche, wenn bis dahin ein Einvernehmen mit der
-englischen Gesellschaft nicht erzielt oder der Bau aus anderen Gründen
-unmöglich werde. Als nun die geforderte Einigung mit der englischen
-Gesellschaft tatsächlich nicht zu stande kam, da trat 1881 der
-Präsident der englischen Südostbahngesellschaft, Sir +Edward Watkin+,
-hervor, der in Gemeinschaft mit den Ingenieuren +Brady+, +Bramwell+,
-+Low+ und dem Obersten +Beaumont+ die Sache zur Entscheidung zu
-bringen entschlossen war. Auf seine Anregung faßte die genannte
-Bahngesellschaft den Beschluß, die Vorarbeiten auf eigene Rechnung
-und Gefahr zu wagen. Nach wenigen Monaten schon ergaben die Bohrungen
-ein so überraschend günstiges Resultat, daß es leicht fiel, Anfang
-1882 eine Aktiengesellschaft zu bilden, die der Südostbahn das
-Terrain, die Maschinen und die begonnenen Vorarbeiten abnahm und das
-zur Weiterführung erforderliche Kapital zur Verfügung stellte. Die
-neugegründete „Submarin-Kontinental-Eisenbahngesellschaft“ setzte
-die Bohrungen fort und stellte dadurch fest, daß der geplante Tunnel
-verhältnismäßig leicht herzustellen ist. Die Bohrungen haben nämlich
-die Richtigkeit der geologischen Voraussetzungen der Unternehmer
-vollständig erwiesen. Das Gestein war stets leicht zu bearbeiten, so
-daß es nicht, wie bei den großen Bergtunnels, des Dynamits, überhaupt
-keiner Sprengungen bedurfte. Auch Wassereinbrüche fanden nicht statt.
-Nach dem heutigen Stande der Geologie läßt sich aber mit höchster
-Wahrscheinlichkeit annehmen, daß diese Gesteinsschichte -- sogen.
-+graue Kreide+ -- sich unter dem ganzen Kanal hinziehe.
-
-Betreffs der Route, welche für den Tunnel zu wählen wäre, zeigten
-sich Meinungsverschiedenheiten. Die Ingenieure der älteren
-Kanaltunnelgesellschaft beabsichtigten, den Tunnel von der St.
-Margaretenbucht in England bis nach Sangatte in Frankreich zu bohren.
-Die Ingenieure der Südostbahn entschieden sich dagegen für Folkestone.
-Über die projektierten Kanaltunnellinien überhaupt orientiert das
-beigegebene Kärtchen (Fig. 74).
-
-Der ganze Tunnel wird, die notwendigen Steigungen und Landzugänge
-inbegriffen, etwa 38 km lang sein. Übrigens denkt man auch daran,
-eventuell von Landzugängen und Steigungen Umgang zu nehmen und statt
-dessen die Züge bei ihrer Ankunft mittels mächtiger hydraulischer
-Winden sanft an die Oberfläche der Erde zu heben; dadurch würde sich
-die Tunnelstrecke auf kaum 30 km vermindern.
-
-[Illustration: Fig. 74. Die projektierten Tunnellinien zwischen
-Frankreich und England.]
-
-Bezüglich des +Betriebes der Tunnelbahn+ hat man vorläufig
-+komprimierte Luft+ in Aussicht genommen. Durch sie würde nicht bloß
-der Zug getrieben, sondern der Tunnel gleichzeitig auch mit guter
-Ventilation versehen werden.
-
-Die +Herstellungskosten+ werden gegenwärtig auf 2-2½ Mill. Pfd.
-St. geschätzt. Früher freilich hegte man in dieser Beziehung arge
-Befürchtungen. +P. J. Bishop+ z. B. meinte, der Tunnel müsse
-verhältnismäßig ebensoviel kosten, wie der +Brunel+sche Themsetunnel,
-also über 54 Mill. Pfd. St., und selbst diese Summe könne noch
-überschritten werden.
-
-Auch rücksichtlich der +Zeit+, deren man zu dem Unternehmen bedarf, ist
-ein Umschwung in den Ansichten und eine praktische Klärung derselben
-eingetreten. Während +Michel Chevalier+ und Lord +Richard Grosvenor+ es
-noch für geraten hielten, sich eine Frist von 20 Jahren vorzubehalten,
-ist man jetzt zu der Überzeugung gekommen, daß der ganze Tunnel sich in
-etwa 5 Jahren herstellen ließe.
-
-Wie sich die +Rentabilität+ des Unternehmens stellen wird, läßt sich
-nur vermuten. Sollte es wirklich möglich werden, von England nach
-den Verkehrsmittelpunkten Europas rasch, ohne Erstickungsgefahr,
-ohne Seekrankheit, ohne durch Stürme entstehende Verzögerungen und
-Verluste, bei ununterbrochener Fahrt in hell erleuchteten Wagen
-zu gelangen, sowie Waren rasch, sicher, ohne Umladung und ohne
-Schiffbruchgefahr von und nach Großbritannien zu senden, so läßt sich
-billigerweise annehmen, daß die betreffenden Kompagnieen gute Geschäfte
-machen werden. Schon jetzt verkehren auf den verschiedenen vorhandenen
-Dampferlinien jährlich über eine halbe Million Passagiere zwischen dem
-Inselreich und dem Kontinente, und der Güterverkehr repräsentiert schon
-jetzt jährlich einen Wert von mehr als 80 Mill. Pfd. St.
-
-Die +wirkliche+ Ausführung des Tunnels ist indes nach der neuesten
-Wendung der Dinge für längere Zeit verschoben. England nämlich, das vor
-wenigen Jahren noch den Bau des Tunnels für höchst wünschenswert hielt,
-erblickt nunmehr in der Herstellung desselben eine ernstliche Bedrohung
-seiner insularen Unabhängigkeit, und infolgedessen ist von seiten der
-hervorragendsten Repräsentanten des englischen Volkes ein entschiedener
-Protest gegen das Tunnelprojekt erflossen. Ganz Frankreich, Lesseps an
-der Spitze, macht sich jedoch über diese Bedenken der Engländer ebenso
-lustig, wie einst über diejenigen John Bulls betreffs des Suezkanals,
-von dem England jetzt mehr Nutzen zieht als alle übrigen Völker
-zusammengenommen. „Heutzutage kann,“ wie der ‚Temps‘ mit Recht sagt,
-„unbedachtsamer Patriotismus dem Fortschritte der Civilisation und den
-wahren Interessen der Völker nicht lange hinderlich im Wege sein.“
-
-2. +Eisenbahn zwischen Italien und Sizilien.+ Von den zahlreichen
-Meerengen des Mittelmeeres bietet die +Straße von Messina+ die
-günstigsten Verhältnisse für Herstellung einer Eisenbahn unter dem
-Meere. Die Breite der Straße beträgt nämlich an ihrer schmälsten Stelle
-nicht über 3 km und die mittlere Tiefe derselben nicht über 75 m. Da
-nun die Bahn 30-40 m unter der Sohle der Straße anzulegen wäre, so
-würde dieselbe 110-120 m unter dem Meeresniveau dahinführen. Neuestens
-hat die italienische Regierung dem Ingenieur Carlo Navone die Erlaubnis
-zu den bezüglichen Vorarbeiten erteilt. Die Länge des eigentlichen
-unterseeischen Tunnels hat man auf 4300 m berechnet, die Kosten auf 71
-Mill. Francs. Für Fertigstellung des Unternehmens werden mindestens 4½,
-höchstens 6½ Jahre nötig sein.
-
-3. +Eisenbahn zwischen Spanien und Afrika.+ Nach den Plänen der
-„~Compagnie du chemin de fer intercontinental~“ würde der Ausgangspunkt
-der Bahn auf der spanischen Seite zwischen Tarifa und Algesiras und ihr
-Endpunkt an der Küste Marokkos zwischen Tanger und Ceuta liegen. Da
-jedoch die Tiefe der Straße von Gibraltar an der bezeichneten Stelle
-über 800 m beträgt, so erscheint die Ausführung dieser Bahn jedenfalls
-erst einer fernen Zukunft vorbehalten.
-
-4. +Eisenbahn zwischen Schottland und Irland.+ Sie soll unter dem 35
-km breiten und 25 m tiefen +Nordkanal+ von Port Patrick nach Larne
-(nördlich von Belfast) geführt werden und infolge ihrer politischen und
-volkswirtschaftlichen Bedeutung Aussicht auf baldige Realisierung haben.
-
-5. +Eisenbahn zwischen Schweden und Dänemark.+ Der französische
-Ingenieur +de Rothe+ hat der dänischen Regierung den Plan eines
-unterseeischen Tunnels durch den Sund zwischen Kopenhagen und Malmö
-vorgelegt. Der Tunnel soll eine Länge von 12 km erhalten und 30 Mill.
-Frcs. kosten.
-
-
-~B.~ Die Eisenbahnen Asiens[121].
-
-Die Eisenbahnen nehmen in Asien noch eine sehr untergeordnete Stellung
-ein. Fast der ganze Kontinent liegt noch in denselben Verkehrsfäden
-gefangen, die sich schon vor Jahrtausenden über ihn spannten. Noch
-immer haben im weitaus größten Gebiete Asiens Boten und primitive
-Posten den Nachrichten-, Saumtiere, Pferde, Zugtiere und Kamele den
-Personen- und Frachtenverkehr zu vermitteln. Die geographischen
-Verhältnisse des Erdteils haben die Entwicklung des Eisenbahnwesens
-freilich auch nicht begünstigt. Der Erdteil ist seiner Bodengestalt
-nach überwiegend Hochland, das außerdem noch auf weiten Strecken
-Wüsten- und Steppen-Charakter an sich trägt. Die Flüsse treten
-vielfach, so Euphrat und Tigris, Ganges und Hoangho, über ihre Ufer
-und wirken weithin verheerend. Auch die klimatischen Verhältnisse
-erschweren in manchen Strichen die Anlage von Bahnen; besonders ist
-das der Fall im nördlichen Sibirien. In einigen Gebieten, so z. B. in
-Vorderasien, fehlt es an Kohlen, dieser Hauptnahrung des Dampfrosses.
-Die wichtigste Ursache der geringen Entwicklung der Bahnen bildet
-jedoch der tiefe Kulturgrad vieler asiatischen Völker und namentlich
-die bisherige hartnäckige Ablehnung aller europäischen Kultur
-seitens des chinesischen Reiches. Noch heute besitzen +das ungeheure
-Territorium des chinesischen Reiches, jenes von Sibirien, Vorderasien,
-Arabien und Hinterindien, von einigen wenigen Kilometern in China,
-Balutschistan und Kleinasien abgesehen, gar keine Schienenstränge+. Das
-+einzige+ Gebiet Asiens, das ein ziemlich entwickeltes Eisenbahnnetz
-besitzt, ist +Britisch-Indien+.
-
-=I. In Betrieb befindliche Bahnen.=
-
-1. +Britisch-Indien.+ Die erste Eisenbahn lief in Britisch-Indien
-1853. In diesem nämlichen Jahre wurde auch der Plan zu den zwei
-großen Routen entworfen, welche die drei Hauptorte Indiens verbinden
-sollten: Calcutta, Bombay und Madras. Aber erst 1871 fand dieses
-Projekt seine Erfüllung. Zu diesen zwei Hauptlinien (Bombay-Calcutta
-und Bombay-Madras) kamen im Laufe der letzten Jahre verschiedene
-neue hinzu, so daß dermalen die großen Maschen des Netzes vollendet
-sind. Namentlich ist der Golf von Bengalen schon mit den Thoren von
-Afghanistan verbunden, und auch das Industhal hat eine Bahn bis
-Kurrachee.
-
-Von den übrigen Bahnen Vorderindiens sei noch der +Himalaja-Bahn+
-Erwähnung gethan. Sie erstreckt sich von Calcutta bis Dardscheling,
-einem 7600 engl. Fuß über dem Meere gelegenen klimatischen Kurort im
-Himalaya, und ist eines der kühnsten Bauwerke unseres Jahrhunderts. Die
-durchschnittliche Steigung der Bahn ist etwa 1:36.
-
-Die in Vorderindien noch +fehlenden+ Hauptlinien sind folgende: eine
-direkte Verbindung Bombays mit Calcutta über Nagpur, zwei Bahnen längs
-der Ost- und Westküste der Halbinsel und ein Strang von Calcutta nach
-den Ufern des Irávadi in Hinterindien. Auch diese Bahnen werden in
-nicht zu ferner Zeit ausgeführt werden; denn an der Vervollständigung
-des Schienennetzes wird mit allem Eifer gearbeitet, da ja hiervon die
-Ausnützung der vorhandenen Kohlenschätze, die Hebung der verschiedenen
-Industriezweige und des Weizenexportes vor allem bedingt ist. -- Von
-Bedeutung verspricht auch jene Linie zu werden, die von +Sukkur+ am
-Indus durch +Balutschistan+ über +Sibi+ nach +Quetta+ gebaut wird; denn
-in der Fortsetzung dieser Linie erfolgt wohl der Anschluß des indischen
-Bahnnetzes an das vom Kaspischen Meer vorrückende russische. (Siehe
-auch S. 217.)
-
-[Illustration: Fig. 75. Felspartie an der Kandy-Bahn.]
-
-Die Insel +Ceylon+ besitzt 260 km Eisenbahnen. Bemerkenswert sind
-dieselben besonders dadurch, daß ihre Spurweite größer ist als die
-sogen. normale (1,677 m). Technisch am bedeutendsten ist die nach
-+Kandy+ führende Linie.
-
-2. +Asiatische Türkei.+ Dieses fast 2 Mill. qkm große Gebiet
-besitzt bis jetzt nur ca. 400 km Bahnen, darunter die Linien
-Smyrna-Aidin-Sarakio, Smyrna-Alaschehr und Skutari-Ismid.
-
-3. +Kaukasien.+ Hier sind im Betriebe die Linien +Poti+- oder
-+Batum+-+Tiflis+-+Baku+ und +Rostow+-+Wladikawkas+. Erstere Linie
-stellt die Verbindung zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meere
-her.
-
-4. +China.+ Dieses Land ist der +einzige+ Staat der Erde, der sich
-bisher hartnäckig dem Eisenbahnwesen verschloß. So wurde von einer
-englischen Gesellschaft eine Bahn von +Shanghai+ nach +Woosung+ gebaut,
-nach Fertigstellung aber von der chinesischen Regierung angekauft
-und alsbald wieder vernichtet. Gegenwärtig geht eine Bahn nach den
-Kohlenminen von +Kaiping+; sie hat 13 km und befördert auch Personen;
-das ist übrigens alles, was dieses Land, welches größer als ganz Europa
-ist, an Eisenbahnen zur Zeit aufweist. Neuestens wird aber auch im
-Reiche der Mitte die Herstellung von Schienenwegen ernstlich ins Auge
-gefaßt. -- Die Ausbreitung des Eisenbahnwesens in China wird ohne
-Zweifel für das gesamte Kulturleben der Gegenwart die großartigsten
-Wirkungen im Gefolge haben, und zwar sowohl mit Rücksicht auf
-Handelspolitik und Güteraustausch, als auch bezüglich der Emigrations-
-und Arbeiterfrage.
-
-5. +Japan.+ Dieses Reich hat sich mit der Einführung des europäischen
-Eisenbahnwesens vollständig vertraut gemacht. An dem Ausbau des bereits
-bestehenden Netzes wird fleißig gearbeitet.
-
-6. +Niederländisch-Indien.+ Bahnen finden sich in diesem Gebiete,
-abgesehen von einer kleinen Strecke auf Sumatra, nur auf Java.
-
-
-=II. Projektierte Bahnen.=
-
-Was Asien dermalen an +ausgeführten Bahnen+ aufzuweisen hat, ist, wie
-wir gesehen, im Verhältnis zu den gewaltigen Dimensionen des Erdteils
-wenig bedeutend. Um so zahlreicher sind dagegen die Bahn+projekte+,
-die uns auf asiatischem Boden entgegentreten. +Schweiger-Lerchenfeld+
-nennt Asien geradezu „das große Aktionsgebiet der künftigen
-Weltschienenwege“. Manche dieser Projekte klingen uns gegenwärtig
-allerdings noch ganz fabelhaft an, aber der mächtige Geist, der die
-Alpenmauer durchbrochen, der dem Dampfroß durch Steppen und Wüsten den
-Pfad geebnet und es wiederum an der Lehne der Hochgebirge hinführt,
-wird auch den asiatischen Koloß zu bändigen wissen.
-
-Die wichtigsten der in Aussicht genommenen Bahnen sind folgende:
-
-1. +Bahnen nach Indien+, und zwar ~a~) durch die asiatische Türkei und
-durch Persien; ~b~) durch russisch Centralasien;
-
-2. eine +transasiatische Bahn+.
-
-[Illustration: Fig. 76. Die Bahnen Asiens.]
-
-
-=1. Bahnen nach Indien.=
-
-
-=a. Durch die asiatische Türkei und Persien.=
-
-
-+α. Euphrat- und Tigrisbahn.+
-
-Das Projekt einer Euphratbahn ist schon in den dreißiger Jahren von
-England, das an der Verbesserung und Verkürzung des Weges nach Indien
-unmittelbares Interesse hat, aufgeworfen und seither wiederholt
-erörtert worden. Die wichtigsten der hier in Frage kommenden Linien
-sind folgende:
-
-~aa.~ Eine Linie von Alexandrette an der nordsyrischen Küste über
-Aleppo zum Euphrat, dann diesem folgend bis zum Persischen Meerbusen.
-
-~bb.~ Eine Linie von demselben Ausgangspunkt, aber durchs
-mesopotamische Binnenland, also am linken Euphrat- oder am rechten
-Tigrisufer, mit demselben Endpunkte, wie bei dem ersten Projekte
-(Kuweit, Kornea oder Basra).
-
-Die englische Regierung scheint indes auf die Ausführung einer sogen.
-Euphratbahn verzichtet zu haben. Nach den Untersuchungen des deutschen
-Ingenieurs +Pressel+ stellt sich nämlich dieselbe dar als ein Unding
-in bautechnischer, betriebstechnischer und in kommerzieller Beziehung.
-So haben die technischen Untersuchungen ergeben, daß die Linie im
-Euphratthale selbst wegen der periodischen Hochfluten des Stromes und
-der mäandrischen Windungen desselben absolut nicht geführt werden
-könne, sondern auf eines der beiden Ufer verlegt werden müsse. Die
-Uferstrecken aber sind auf einer Länge von 1200 km vollständig wüst.
-Was die betriebstechnische Seite betrifft, so spricht gegen eine solche
-Bahn der Umstand, daß fast nirgends Brennmaterial sich findet und der
-Wassermangel sehr bedeutend ist. In kommerzieller Beziehung ist die
-Bahn ein Unding, weil eine Bahn, deren Baukapital sich auf rund 500
-Mill. Francs beläuft und mit mindestens 12% zu verzinsen wäre, täglich
-40000 t Fracht und 10000 Passagiere befördern müßte.
-
-Eine weit solidere und vertrauenerweckendere Grundlage als die
-erwähnten Euphratbahnprojekte hat
-
-~cc.~ +das Tigrisbahnprojekt Pressels+. Seine Linie geht von einem
-nordsyrischen Hafen über Diarbekr und Mosul nach Bagdad zum Persischen
-Golf. Freilich muß, wie +Pressel+ ausführt, mit der Durchführung dieses
-Projektes auch eine große wirtschaftliche Aktion eingeleitet werden,
-wenn anders die Linie sich als rentables Unternehmen erweisen soll.
-
-Schließlich sei noch eines +vierten+ Projektes Erwähnung gethan! Man
-dachte nämlich auch an eine
-
-~dd.~ +kleine Euphratbahn+ von Alexandrette über Aleppo bis an den
-Euphrat unter Einrichtung einer Dampfschiffahrt auf demselben; indes
-auch hiervon mußte wegen der ungünstigen Stromverhältnisse Abstand
-genommen werden; Euphrat und Tigris sind nämlich in ihrem Oberlaufe
-für Schiffe unfahrbar, da infolge der starken Geschiebebewegung sich
-fortwährend Untiefen bilden und überdies beide Ströme durch viele
-felsige Engpässe führen.
-
-
-β. +Die kleinasiatisch-+=mesopotamisch=+-persische und die
-kleinasiatisch-+=armenisch=+-persische Transitlinie.+
-
-Das ursprüngliche Projekt einer Euphratbahn erweiterte sich mit
-der Zeit zu jenen Projekten von allgemeinerer, internationaler
-Bedeutung, durch welche eine +ununterbrochene Eisenbahnverbindung
-Europas mit Indien+ hergestellt werden soll. Angeregt wurden
-dieselben, wie die eben besprochenen, von England. Es sind denn
-auch von englischer Seite, so von +Henry Rawlinson u. a.+,
-zahlreiche Vorschläge in dieser Beziehung gemacht worden; aber
-auch hier dürften sich die wohldurchdachten Pläne +Pressels+
-als die geeignetsten erweisen. Zunächst sei noch bemerkt, daß
-man hier eine kleinasiatisch-+mesopotamisch+-persische und eine
-kleinasiatisch-+armenisch+-persische Linie unterscheidet, je nachdem
-eben die Verbindung Indiens mit Kleinasien über Mesopotamien oder
-Armenien angestrebt wird. Nach +Pressels+ Vorschlägen nun sollte
-
-1. +die kleinasiatisch+-=mesopotamisch=-+persische Linie+ von Skutari
-über Eskischehr, Konia und Adana nach Biredschik laufen, von wo eine
-Seitenlinie über Aleppo zum Mittelmeer sich abzuzweigen hätte, und dann
-Urfa, Diarbekr, Nisibin, Mosul, Bagdad, Kirmanschahan, Hamadan und
-Teheran berühren;
-
-2. +die kleinasiatisch+-=armenisch=-+persische Linie+ wäre von Skutari
-über Eskischehr, Siwas und Erzerum nach Täbris und Teheran zu führen.
-
-Zum Anschluß an das +indische+ Bahnnetz wird die Fortsetzung der
-Bahn über +Mesched+ und +Herat+ und von +Herat+ aus entweder über
-+Kabul+ nach +Peschawar+ oder über +Kandahar+ nach +Schikarpur+ (am
-Indus) empfohlen. Freilich ist die Ausführung dieses Projektes einer
-+türkisch-indischen Überlandbahn+ -- so sehr eine solche Linie auch
-eine internationale Handelslinie im eminentesten Sinne des Wortes
-genannt werden muß -- anbetrachts der vielen Hindernisse, die sich ihr
-entgegenstellen, noch in weite Ferne gerückt.
-
-
-~b.~ =Durch Russisch-Centralasien.=
-
-Es ist begreiflich, daß bei der großen politischen, merkantilen und
-militärischen Bedeutung einer Schienenverbindung Rußlands mit Indien
-zahlreiche Projekte zur Herstellung einer solchen auftauchten. Sie
-alle hier zu erörtern, würde zu weit führen; nur der wichtigsten soll
-gedacht werden.
-
-1. Der Ingenieur +Baranowski+ plaidierte für eine Linie, die von
-Saratow an der Wolga ausgeht, das Ust-Urt-Plateau durchschneidet,
-Chiwa berührt und bis Balch führt. Ein Tunnel durch den Hindukusch
-soll dann die Fortführung der Bahn im Thal des Kabul bis zur indischen
-Grenzstation Peschawar ermöglichen.
-
-2. Das +Lesseps-Cotardsche Projekt+ zielt darauf, Rußland mit Indien
-durch eine Bahn zu verknüpfen, die von Orenburg am Ural über Taschkent
-und Kabul nach Peschawar liefe.
-
-Die ebenerwähnten Projekte haben übrigens, wie viele andere,
-gleichfalls nur mehr historische Bedeutung; denn schon ist auf einem
-+dritten+ Wege eine russisch-indische Verbindungsbahn in rascher
-Herstellung begriffen. Die Russen haben nämlich bei ihren Eroberungen
-in Turan den Bahnbau nicht außer acht gelassen; schon jetzt zieht hier
-vom Ostufer des Kaspischen Meeres eine Linie über +Kisil-Arwat+ und
-+Askabad+ bis +Merw+. Die Fortsetzung der Bahn nach +Herat+ wird wohl
-in nächster Zeit in Angriff genommen. So wird ohne Zweifel auf diesem
-Wege der Anschluß an das +indische+ Bahnnetz entweder in der Richtung
-nach +Peschawar+ oder (was wahrscheinlicher) über +Quetta+ nach
-+Schikarpur+ erfolgen.
-
-+Der Verkehr von Westeuropa nach Indien+ wird dann folgenden Weg
-nehmen: Wien-Odessa-Schwarzes Meer-Batum-Tiflis-Baku-Kaspisches
-Meer-Askabad-Merw-Herat-Kandahar-Quetta-Schikarpur.
-
-Die ganze Strecke von Paris oder London bis Schikarpur am Indus wird
-alsdann in 11-12 Tagen zurückgelegt werden können.
-
-Zunächst ist indes von Rußland die Fortsetzung der Bahn von +Merw+ nach
-+Samarkand+ und +Taschkent+ beabsichtigt.
-
-
-=2. Die transasiatische Bahn.=
-
-Die hier in Betracht kommende Linie ist jene, welche +Europa+,
-beziehungsweise +Rußland+ dereinst mit +China+ verbinden soll. Entwürfe
-hierfür haben geliefert:
-
-1. Der deutsche Ingenieur +Meyssel+. Nach ihm wäre die Bahn von
-Jekaterinburg über Omsk, Irkutsk, Kiachta, Urga nach Peking und
-Tientsin zu führen.
-
-2. Der russische Oberst +Bogdanowitsch+. Dieser läßt gleichfalls die
-Bahn bei Jekaterinburg beginnen und nach Omsk und Irkutsk ziehen. Dann
-aber hätte sie das Jablonoigebirge bei Tschita zu überschreiten und
-würde über Chailar und Dolon-nor Peking erreichen.
-
-3. Der deutsche +Freiherr von Richthofen+. Auch nach diesem sollte
-die Bahn ihren Ausgang von Jekaterinburg nehmen, dann aber über Omsk,
-Semipalatinsk, die Oase Hami und Singan nach Hankau und Shanghai führen.
-
-Diese weitreichenden Projekte finden allerdings noch nicht in der
-nächsten Zeit ihre Verwirklichung, aber gegen den gewaltigen und
-gewaltsamen Strom des 19. Jahrhunderts läßt sich nicht schwimmen, und
-auch die chinesische Mauer ist nicht stark genug gegen die Wucht seines
-Anpralles. Ist aber einmal die asiatische Transitbahn zur Wirklichkeit
-geworden, so wird auch „die Reise um die Welt in +achtzig+ Tagen“ zu
-+den+ Dingen gehören, die +gewesen+. Man wird von da an im stande sein,
-in nur +zwei+ Monaten die beiden größten Kontinente und die beiden
-größten Oceane zu durchmessen. Dieser Zukunftsmusik des Weltverkehrs
-sind aber nicht bloß die harmonischen Accorde des friedlichen
-Völkerverkehrs und des gegenseitigen Austausches der Produkte der
-Völkerarbeit eigen, sie enthält auch schrille Töne. Unwiderstehlich,
-wie schon jetzt auf der pacifischen Route gegen Osten, würde sich die
-Flut chinesischer Auswanderer aus dem 400-Millionen-Reich westwärts
-wenden. „Mit dem daraus zu erwartenden Segen,“ sagt von Richthofen,
-„würden sie Gefahren bringen, welche das russische Reich neben
-den Vorteilen in erster Linie zu übernehmen hätte. Arbeitsamkeit,
-praktischer Verstand, Nüchternheit, schnelle Vermehrung und starres
-Festhalten am Überlieferten machen die Chinesen zu dem wichtigsten
-Elemente in der Verbreitung der Bodenkultur, aber auch, wo immer sie
-mit anderen Völkern in Berührung kommen, zu einer durch den Prozeß
-langsamen Verdrängens und Erdrückens furchtbaren Macht.“
-
-Ein freilich sehr bescheidener Anfang zur +transsibirischen Eisenbahn+
-ist übrigens doch schon gemacht durch die Fertigstellung der 135 km
-langen Linie zwischen +Jekaterinburg+ und +Tjumen+[122].
-
-
-~C.~ Die Eisenbahnen Afrikas.
-
-Afrika ist bekanntlich unter allen Erdteilen der am meisten
-zurückgebliebene. Ganz besonders beweist dies auch die äußerst geringe
-Entwicklung seines Eisenbahnwesens. +Es nimmt in dieser Beziehung
-unter sämtlichen Kontinenten die letzte Stelle ein.+ Begründet ist
-diese Erscheinung vor allem in den äußerst ungünstigen physikalischen
-Verhältnissen des Erdteils. So ist die Gliederung desselben äußerst
-mangelhaft; es fehlen ihm nicht bloß Halbinseln, auch seine Golfe
-sind nur sehr schwächlich angedeutet, oder sie bestehen nur aus
-einspringenden Winkeln, wie der Meerbusen von Guinea. Schon hierdurch
-war ein Eindringen in den Erdteil bedeutend erschwert. Ferner
-mangeln dem Kontinente aufschließende Ströme, wie solche Amerika im
-Mississippi, dem Amazonas und den La-Plata-Geschwistern besitzt, und zu
-dieser nautischen Verschlossenheit gesellt sich noch als Verschärfung
-die Unwegsamkeit großer Binnenräume. Der große Wüstengürtel im
-Norden namentlich scheidet den Weltteil für die Gesittungsgeschichte
-in zwei streng gesonderte Hälften. Einer nachhaltigen Ansiedelung
-fremder Kulturvölker stand auch das höchst ungesunde Klima mancher
-Küstenstriche entgegen. Afrika entbehrte überdies lange Zeit wirksamer
-Lockmittel; es bot weder Metalle noch Gewürze, weder Droguen noch
-andere vegetabilische Seltenheiten, die Kulturvölkern den Besitz
-des Erdteils wünschenswert machten; erst in neuester Zeit wurden
-solche Lockmittel auch in Afrika gefunden, besonders im Elfenbein.
-Nimmt man zu alledem noch die im Vergleich zu den Ariern entschieden
-geringere Rassenbegabung der Neger, so sind das Gründe genug für die
-niedrige Kulturstufe des Erdteils überhaupt, wie auch für den tiefen
-Stand seines Eisenbahnwesens. Neuestens ist übrigens auch in Afrika
-eine regere Thätigkeit im Eisenbahnbau bemerkbar. Die hie und da
-auftauchenden Projekte sind teilweise sogar sehr phantastischer Natur.
-
-
-=I. In Betrieb befindliche Bahnen.=
-
-Die hier in Betracht kommenden Gebiete sind besonders +Ägypten+,
-+Tunis+, +Algier+ und das +Kapland+.
-
-1. +Ägypten.+ Das Eisenbahnnetz Ägyptens dehnt sich vorwiegend über das
-fruchtbare Nildelta aus. Die wichtigste Linie ist +Alexandria+-+Kairo+.
-Von ihr zweigt in +Benha el Asl+ ein Schienenweg nach Suez ab. Er
-läuft über +Zagazig+ nach +Ismailia+ am Suezkanal und begleitet
-diesen längs der alten Bitterseen bis Suez. Diesen Weg nimmt auch die
-englisch-ostindische Post von Alexandrien nach Suez. Von Kairo setzt
-sich ein Arm nach Oberägypten fort bis +Siut+.
-
-2. +Tunis.+ Es besitzt dermalen ein nur wenig entwickeltes Netz;
-dasselbe wird sich aber unter dem Einflusse Frankreichs mehr und mehr
-ausbilden. Sehr bedeutsam ist jetzt schon die Verbindung seines Netzes
-mit dem algerischen.
-
-3. +Algier.+ Die wichtigsten Bahnen sind +Algier+-+Oran+ und
-+Bona+-+Constantine+. Erweiterungen des Bahnnetzes, welche namentlich
-den südlichen Teil der Kolonie erschließen sollen, sind im Bau.
-
-4. +Kapkolonie.+ Das Kapland besitzt zur Zeit über 1600 km
-Eisenbahnen. Die Hauptlinie, von +Kapstadt+ in nordöstlicher Richtung
-ziehend, ist bis nach +Kimberley+, der Hauptstadt des durch seinen
-Diamantenreichtum bekannten West-Grequalands, vollendet. Eine zweite
-Hauptlinie verbindet +Port Elizabeth+, nächst der Kapstadt die
-bedeutendste Handelsstadt der Kolonie, mit +Graaf Reinet+, während
-eine dritte Linie von +Port Alfred+ aus sich nach +De Aar+, einer
-Station der Route Kapstadt-Kimberley, hinzieht. Die dritte Linie
-hat außerdem eine Abzweigung, durch welche die Verbindung mit der
-Route Port Elizabeth-Graaf Reinet hergestellt wird. Eine vierte
-Linie endlich führt von +East London+ in nordwestlicher Richtung. --
-Eine +Küstenbahn+ ist zur Zeit noch nicht vorhanden. Zwischen den
-Hauptorten Kapstadt und Port Elizabeth ist zwar eine ununterbrochene
-Eisenbahnverbindung hergestellt; deren Länge beträgt indes wegen des
-großen Umwegs 838 englische Meilen, während der Seeweg zwischen beiden
-Orten nur 430 englische Meilen ausmacht.
-
-Außerdem besteht noch eine Bahn auf der Insel +Réunion+ und zwischen
-+St. Louis+ und +Dakar+. Die Erbauung der erstern namentlich war mit
-großen Schwierigkeiten verbunden. Galt es hier doch, einen Tunnel durch
-Basalt zu bohren in einer Länge von 10281 m. In 30 Monaten war das
-Riesenwerk vollendet.
-
-
-=II. Projektierte Bahnen.=
-
-1. +Trans-Sahara-Bahn.+ Ein diesbezüglicher Entwurf stammt von
-dem französischen Ingenieur +Duponchel+. Danach soll die künftige
-Saharabahn von Miliauah, einer Station der bereits bestehenden Linie
-Algier-Oran, ihren Ausgang nehmen, über Laghuat und el Golea nach Süden
-ziehen, um bei Bamba die nördliche Biegung des Niger zu gewinnen. Von
-dort soll sich die Bahn in der Weise verzweigen, daß ein östlicher
-Strang, der auch Sokoto und Kano berührt, bis nach Kuka am Tsadsee
-zieht, ein westlicher hingegen über Timbuktu den Niger aufwärts läuft,
-um sodann, in das Thal des Senegal übergehend, die französische Stadt
-St. Louis an der Senegalmündung zu erreichen. Die Länge dieser Linien
-betrüge 2500 km. -- Das lebhafteste Interesse an der Ausführung
-dieses Projektes haben die Franzosen. Frankreich würde durch diese
-Bahn unzweifelhaft zur herrschenden Macht in Nordwestafrika und einem
-großen Teil von Centralafrika. Übrigens stehen der Durchführung des
-Unternehmens enorme Schwierigkeiten im Wege.
-
-Auch der deutsche Afrikareisende +Gerhard Rohlfs+ hat sich mit dem
-Plan einer Saharabahn beschäftigt. Er befürwortet, gegenüber dem
-französischen Projekte, die Erbauung einer Linie von +Tripoli+ über
-+Mursuk+ nach +Kuka+ am Tsadsee.
-
-2. +Senegal-Niger-Bahn.+ Die in dieser Beziehung von französischen
-Ingenieuren ausgearbeiteten Projekte zielen darauf, von der Küste
-aus eine Verbindung mit dem Sudan zu schaffen. Da aber schon die
-erste Teilstrecke (zwischen Khay oder Medina und Bafoulabé) 35 Mill.
-Francs verschlang, so wurden die weiteren Kredite für diese Bahn
-vom französischen Senate Ende 1883 verweigert, und das Projekt ist
-vorläufig als aufgegeben zu betrachten.
-
-3. +Bahn nach dem ägyptischen Sudan.+ Durch die Herstellung dieser
-Linie hofft man die landwirtschaftliche Thätigkeit in den Sudanebenen
-neu zu beleben und für den Transport der Erzeugnisse Innerafrikas
-einen bequemen, rasch zurücklegbaren Weg zu schaffen. Eine großartige
-Erweiterung erhält dieses Projekt durch den in neuester Zeit
-aufgetauchten Gedanken, von +Berber+ über +Kassala+ eine Eisenbahn nach
-+Massaua+ am Roten Meere zu führen. Hierdurch würde eine neue Route
-nach Ostindien geschaffen und die Fahrzeit dorthin im Vergleich zur
-Suezroute um etwa 3 Tage verkürzt. Infolge der jüngsten Vorgänge im
-Sudangebiet ist indes an eine baldige Ausführung dieses Projektes nicht
-zu denken. Weit mehr Aussicht auf Verwirklichung hat bei dem äußerst
-lebhaften Interesse, das fast alle schiffahrenden Nationen für das
-Kongogebiet bekunden, die
-
-4. +Kongobahn+ von +Vivi+ nach +Stanley Pool+. Die Schiffahrt ist
-nämlich auf dieser Strecke infolge der vielen Stromschnellen des
-Flusses unmöglich. Die ganze Bahn würde 365 km lang werden und circa 20
-Mill. M. kosten.
-
-Nur angedeutet sei schließlich noch, daß man sogar schon von einer
-Bahn träumt, die in Fortsetzung der Saharabahn bis ans Kap der guten
-Hoffnung läuft, und von einer weitern Linie, die vom obern Nilthal
-zum Nyanza-See und von hier in zwei Linien einerseits der Mündung des
-Kongo, andererseits jener des Zambesi zustrebt.
-
-
-~D.~ Die Eisenbahnen Amerikas[123].
-
-Amerika nimmt dermalen hinsichtlich der Entwicklung des Eisenbahnnetzes
-unter allen Erdteilen die +erste+ Stelle ein. Es beträgt die Länge
-seiner Linien gegenwärtig fast 240000 km, während das alte Europa nur
-(rund) 190000 km besitzt. Nicht alle Teile Amerikas sind jedoch in
-gleicher Weise an diesem gewaltigen Schienennetze beteiligt; weitaus
-der größte Teil desselben (über 200000 km) entfällt auf das Gebiet
-der +Vereinigten Staaten von Amerika+. Die Verhältnisse waren hier
-dem Eisenbahnbau auch in hohem Grade günstig. Ein gewaltiger Antrieb
-hierzu lag schon in den riesigen Entfernungen, welche im Gebiete der
-Union stets nur mit großem Zeitaufwand zu überwinden waren. Auf dem
-weiten Raume zwischen dem Atlantischen Ocean und dem Felsengebirge gab
-es ferner nicht nur keine beträchtlichen Hindernisse zu bewältigen,
-vielmehr lud die Einförmigkeit der Bodengestaltung geradezu ein zur
-Überschienung. Auch das Klima übte nur im Gebirgsland des Westen
-einen entschieden hinderlichen Einfluß aus. Dann besitzt das Land
-einen großen Reichtum an Holz und Steinen, billiges Brennmaterial
-und wohlfeiles Eisen, lauter Faktoren, welche den Bahnbau wesentlich
-förderten. Auch seitens des Staates wurde der Bahnbau möglichst
-begünstigt. So wurde bei Erteilung von Konzessionen stets der Grundsatz
-größtmöglicher Freiheit in Wahl der Trace, in der Ausführung und im
-Betriebe von Bahnen festgehalten, so daß der private Unternehmungsgeist
-sich nirgends gehemmt sah; ja vielfach wurden sogar bedeutende
-Subventionen an Land und Geld gewährt. Bis zum 30. Juni des Jahres
-1881 hatte z. B. der Kongreß an Landgrants in den verschiedenen
-Staaten für 15630 Meilen Eisenbahnen über 46 Mill. Acres votiert.
-Neben allen diesen Ursachen sind endlich nicht zu übersehen der kecke
-Unternehmungsgeist, der kaufmännische Sinn, die Energie und die
-technische Geschicklichkeit des Nordamerikaners.
-
-Wesentlich anders sind die Verhältnisse bezüglich des Eisenbahnwesens
-in +Mittel+- und +Südamerika+ gelagert. Was zunächst Mittelamerika
-betrifft, so ist hier schon die plateau- oder terrassenartige
-Bodengestaltung dem Bau von Eisenbahnen sehr hinderlich. Vielfach
-hemmend wirken dann die zahlreichen politischen Krisen und der geringe
-Kulturgrad der Bevölkerung. Dasselbe gilt bezüglich Südamerikas; nur
-kommt hier noch als neues und fast unüberwindliches Hindernis jene
-überquellende Fülle des Pflanzenlebens hinzu, wie sie in den ungeheuren
-Urwäldern uns so gewaltig entgegentritt. Gegenüber dieser großartigen
-Triebkraft der organischen Welt erweist sich alles menschliche Beginnen
-beinahe als bare Ohnmacht.
-
-
-=I. Die Eisenbahnen Nordamerikas.=
-
-Der Eisenbahnbau wurde in Nordamerika zuerst in den +Vereinigten
-Staaten+ begonnen. Bald nachdem Stephenson seine zugkräftige Lokomotive
-erbaut hatte, rollten auch in der Union Eisenbahnzüge dahin, und
-seitdem hat sich das Eisenbahnwesen daselbst in großartigster Weise
-entwickelt. 1850 gab es schon 1451 km; 1857: 39413 km; 1864: 54695 km;
-1872 schon 107782 km Bahnen und 1884 vollends 239468 km. Im übrigen
-Nordamerika findet sich nur noch in den an die Union grenzenden Teilen
-von +Canada+ ein ziemlich entwickeltes Bahnnetz.
-
-Wenn wir im folgenden uns mit dem Eisenbahnwesen Nordamerikas befassen,
-so kann es selbstverständlich nicht unsere Aufgabe sein, alle irgend
-größeren Linien dieses gewaltigen Territoriums zu behandeln; vielmehr
-wird unsere Darstellung sich nur auf die wichtigsten Schienenstränge
-erstrecken.
-
-Weitaus die größte Bedeutung haben unter den Bahnen Nordamerikas die
-+Pacific-Bahnen+, d. h. jene Bahnen, welche, quer durch Nordamerika
-hindurchgehend, den Atlantischen Ocean mit dem Stillen Meer verbinden.
-Man unterscheidet dermalen deren sechs: die +canadische Pacific-Bahn+,
-die +Nord-Pacific-Bahn+, die +Union+- und +Central-Pacific-Bahn+,
-die +Atchison+-, +Topeca+- und +Santa-Fe-Bahn+, die +Atlantic+- und
-+Pacific-Bahn+ und die +südliche Pacific-Bahn+. Von ihnen soll im
-folgenden des nähern die Rede sein[124] (Fig. 77).
-
-[Illustration: Fig. 77. Die Pacific-Bahnen Nordamerikas.]
-
-1. Die +canadische Pacific-Bahn+, die nördlichste aller pacifischen
-Linien; sie durchläuft das gesamte britische Territorium in Nordamerika
-zwischen Ottawa an der atlantischen und Vancouver an der pacifischen
-Küste, dabei nirgends das Gebiet der Union berührend. Die Linie
-zieht von Ottawa durch das Ottawa-Thal und längs des Nipissing-Sees
-durch Ober-Canada nach Fort William am Obern See. Von hier verläuft
-sie nach der Stadt Winnipeg, südlich der beiden Winnipeg-Seen, und
-überschreitet im Westen die Felsengebirge, um in Vancouver zu enden.
-Die Gesamtlänge der Bahn, die in einem Zeitraum von nur sechs Jahren
-gebaut wurde, beträgt circa 4461 km. Ihren Anschluß an den Atlantischen
-Ocean erhält die Canada-Pacific-Bahn mittels der Interkolonial-Bahn.
-Dieselbe beginnt in Halifax, der Hauptstadt der Halbinsel
-Neuschottland, und geht durch Neuschottland und Neubraunschweig über
-Point Levis (Quebec gegenüber) und Montreal nach Ottawa.
-
-Die Aufgabe der canadischen Pacific-Bahn besteht vor allem darin, der
-Kultur den Weg in das +Innere+ von Britisch-Amerika zu bahnen. Sie
-hat aber auch, +wirtschaftlich+ betrachtet, ihre volle Berechtigung.
-Canada birgt ungeheure Schätze von Nutzholz, weltberühmt ist der
-Petroleumreichtum des Seengebietes, besonders zwischen dem Huronen- und
-Erie-See; in Britisch Columbia finden sich äußerst ergiebige Goldlager,
-ferner Platina, Silber und namentlich Kupfer in ungeheuren Quantitäten.
-Desgleichen sind die Fischereien Britisch Columbiens vielleicht die
-reichsten der Welt; hierzu kommt der große Reichtum von ganz Britisch
-Amerika an Pelztieren, um derentwillen ja das gesamte Gebiet zuerst
-besiedelt wurde.
-
-Eine weitere Bedeutung der Bahn liegt darin, daß durch sie der +ganze
-Orient und Japan dem Westen Europas wesentlich näher gerückt wird+ als
-durch die Route über New-York und San Francisco. Nach +Tupper+ beträgt
-die Wegverkürzung nach dem Osten Asiens auf dieser Route sogar 1000
-englische Meilen.
-
-Auch im Kriegsfalle wird die Bahn dem britischen Reiche von großem
-Nutzen sein; denn in 14 Tagen kann England künftig Truppen und
-Kriegsmaterial von der britischen Küste nach der Küste des Stillen
-Oceans schaffen. Vancouver kann der Sitz einer militärischen
-Niederlassung werden, von wo aus die englischen Streitkräfte die Küsten
-von Rußland, China und Japan zu bedrohen und die britischen Kolonieen
-und Besitzungen in Australien und im Stillen Ocean zu decken im stande
-sein werden.
-
-Von der Regierung wurden der Bahngesellschaft für den Bau dieser Bahn
-11 Mill. Dollars Subvention bewilligt, ferner eine Schenkung von 25
-Mill. Acres (10 Mill. Hektar) Land.
-
-Seitens der Gesellschaft ist auch beabsichtigt, Dampferlinien auf dem
-Stillen Ocean zwischen dem Endpunkt ihrer Bahn und China und Japan
-einerseits und Australien andererseits zu errichten. Auf diese Weise
-werden Reisende von Europa aus Japan und Hongkong schon in circa 27,
-beziehungsweise 33 Tagen erreichen (Liverpool-Montreal 7-8 Tage,
-Montreal-Vancouver 90 Stunden, Vancouver-Yokohama 14 Tage).
-
-2. +Die Nord-Pacific-Bahn[125].+ Die Bahn, deren drei Ausgangspunkte
-Duluth und Superior in Wisconsin und St. Paul in Minnesota sind,
-führt durch Minnesota, Dakota, Montana, Idaho, Oregon und Washington
-an den Stillen Ocean. Die Nord-Pacific-Bahn im +eigentlichen+ Sinne
-endet jedoch schon in +Wallula Junction+ am Oregonflusse. Von hier
-geht eine Linie der Oregon-Eisenbahn- und Schiffahrtsgesellschaft
-über +Portland+ nach +Olympia+ und +Tacoma+ am Puget Sund. -- Die
-Nord-Pacific-Bahn wurde, obwohl im Mai 1881 erst 150 englische Meilen
-fertig gebaut waren, doch schon im September des Jahres 1883 in ihrer
-ganzen Ausdehnung dem Verkehre übergeben[126]. Die Gesamtlänge der Bahn
-von St. Paul bis Portland mißt 3077 km, und die Entfernung von New-York
-(über Pittsburg, Chicago und St. Paul) nach +Portland+ beträgt 5203
-km. Der höchste Tunnel der Bahn, 1070 m lang, liegt im Felsengebirge
-in einer Höhe von 1696 m (zwischen den Orten Livingston und Bozema).
-Ihr Glanzpunkt in landschaftlicher Beziehung ist die Teilstrecke
-durch das bergerfüllte, romantische Montana. -- Die vom Kongreß der
-Bahngesellschaft gewährten Landschenkungen betragen 46 Mill. Acres
-(18,4 Mill. Hektar), was, zum Preise von nur 2,5 Dollar per Acre, die
-hübsche Summe von 115 Mill. Dollars ausmacht.
-
-Ein Hauptvorzug der Nord-Pacific-Bahn liegt in der Kürze der Linie
-zwischen den Wasserstraßen des Ostens und dem Stillen Ocean. Die ganze
-Strecke erfreut sich ferner eines gemäßigten Klimas; desgleichen sind
-die von der Bahn durchzogenen Provinzen ungemein reich an vorzüglichem
-Ackerland, sowie an vielen wertvollen Produkten. +Minnesota+ z. B.
-besitzt die großartigsten Waldkomplexe; seine Wälder sind „die
-große Holzkammer“ für sämtliche Mississippi-Staaten; dazu sind alle
-Bedingungen zur Schöpfung eines „Agrikultur-Paradieses“ gegeben. Auch
-+Dakotas+ Prärieboden ist zur Bodenkultur vorzüglich geeignet; ja
-es wird im Hinblick auf die grandiosen Weizenernten, die es mühelos
-gewährt, das „goldene“ genannt. +Montana+ zählt zu den reichsten
-Erzgebieten der Union. Ihm gehören auch an die großartigen Wunder des
-„Yellowstone-Nationalparks“. Im Quellgebiete des Yellowstone liegt
-nämlich jenes merkwürdige Geisergebiet, das nach dessen Erforschern
-sämtlichen Wunderregionen des amerikanischen Kontinentes weit
-überlegen ist. Das Wasser wird hier in mächtigen Strudeln bis zu 80
-m emporgeschleudert. Durch eine Zweiglinie der Nord-Pacific-Bahn
-sind diese Wunder der Welt jetzt leicht zu erreichen. Was endlich
-die Staaten +Oregon+ und +Washington+ betrifft, so besitzen dieselben
-neben fruchtbaren, dem Ackerbau dienstbar gemachten Bodenflächen großen
-Mineralreichtum, fast unerschöpflichen Bestand an Nutzholz und höchst
-einträgliche Lachsfischereien. Auch Futterkräuter giebt das Erdreich
-in Fülle, so daß das Terrain für die Produktion von Vieh sich höchst
-geeignet erweist. Schließlich sei noch erwähnt, daß die Scenerieen des
-Kolumbiaflusses, der zwischen Oregon und Washington die Grenze bildet,
-mit zu den schönsten Amerikas gehören; sie bilden eine unaufhörliche
-Folge fesselnder Landschaftsbilder bis Portland, bei welcher Stadt die
-Bahn den Fluß verläßt.
-
-Eine große Bedeutung im Weltverkehr und als Vermittlerin des Waren- und
-Produktenaustausches zwischen zwei verschiedenen Weltgebieten wird die
-Nord-Pacific-Bahn dann erhalten, wenn die schon jahrelang betriebenen
-Arbeiten behufs Vertiefung und Verbreiterung derjenigen Kanäle,
-welche die großen amerikanischen Seen mit dem Atlantischen Ocean in
-Verbindung setzen, zum Abschluß kommen. Dann ist die Möglichkeit
-geboten, große Segelschiffe von den östlichen Ausgangspunkten der
-Bahn (Duluth, Superior) direkt nach Liverpool, Hamburg, Bremen u. s. w.
-gelangen zu lassen. Ein ungeheures Territorium tritt damit neu in
-den Weltverkehr ein. Die Folge davon wird nicht bloß darin bestehen,
-daß der ökonomische Schwerpunkt der Vereinigten Staaten vom Osten
-sich mehr nach der Mitte hin zieht; die durch die Nord-Pacific-Bahn
-geförderte Entwicklung des amerikanischen Wirtschaftslebens wird auch
-gar bald nachdrücklichst in die Interessensphäre der europäischen Welt
-eingreifen.
-
-[Illustration: Fig. 78. Dale-Creek-Viadukt.]
-
-3. +Die Union- und Central-Pacific-Bahn.+ Sie beginnt bei Omaha
-in Nebraska am Missouri und führt im allgemeinen längs des 41.
-Breitengrades nach San Francisco. Von Omaha durchzieht die erste
-Teilstrecke der Bahn das öde Nebraska. Im Anfange sieht man zwar
-noch einige Kulturen; sie werden aber immer seltener, je weiter die
-Bahn westwärts zieht. Bei Cheyenne endet die Ebene; die Bahn zieht
-sich nun an der Ostseite der Felsengebirge zum Evanspaß empor und
-hat bei Sherman in 2512 m Seehöhe ihren Kulminationspunkt. Hölzerne
-Dächer bieten Schutz vor den Bedrohungen der Natur, und über die
-wilde Schlucht des +Dale-Creek+ führt eine 38 m hohe Brücke, aus
-mächtigen Hölzern erbaut (Fig. 78). Das nun folgende Gebiet zwischen
-den Rocky Mountains und den Wahsatch-Bergen ist eine ebene Steppe
-mit excessivem Klima; landschaftliche Abwechslung bietet nur die
-Partie am Green-River; in den Durchbrüchen durch die Wahsatch
-Mountains dagegen, im Echo- und Weber-Cañon, zeigt sich eine wild
-pittoreske Gebirgslandschaft. Von hier an senkt sich die Bahn gegen
-den großen Salzsee hinab, und in +Ogden City+ wird die Endstation der
-Union-Pacific-Bahn erreicht. Die nun beginnende Central-Pacific-Bahn
-führt zunächst noch durch wohlkultiviertes Mormonengebiet; westlich des
-Salzsees aber folgt wieder Wüste und Steppe. Bei der Station Humboldt
-beginnt der Aufstieg in die hochromantische Gebirgswelt der Sierra
-Nevada. Diese Strecke ist der Glanzpunkt der ganzen interoceanischen
-Linie. Hier rauschen dunkle Nadelwälder, Wildbäche schäumen von der
-Höhe, und an Abgründen vorüber steigt die Bahn höher und höher, dabei
-ihren Weg vielfach durch Tunnels nehmend oder zwischen Galerieen und
-unter Schneedächern dahinziehend. In dieser Hochgebirgsnatur liegt
-in 2146 m Seehöhe die Station +Summit+, der Scheitelpunkt der ganzen
-Central-Pacific-Bahn. Hier, auf der Paßhöhe des Gebirges, ist auch die
-Scenerie am großartigsten; Abgründe mit einer Tiefe bis zu 600 m gähnen
-da in der Nähe der Trace, und 50 km lang dehnen sich die Galerieen
-und Schutzwälle aus. Wie es auf dieser Höhe im Winter aussieht,
-davon kann sich derjenige, welcher nicht selbst schon um diese Zeit
-die Bahn befahren, nur schwer einen Begriff machen. Ungeheuer sind
-die Schneemassen, die, vom Sturme gepeitscht, entweder meterhoch
-die Bahn verlegen oder als Lawinen in die Tiefe donnern. Mit sieben
-schweren Lokomotiven keucht hier im Winter der Kurierzug durch die
-wirren Massen, welche Sturm und Niederschläge hier angehäuft; ja,
-als der Reisende Gerhard Rohlfs im Winter 1876 die Sierra Nevada
-passierte und hierbei von einem Schneesturm überrascht wurde, da
-arbeiteten sogar +zwölf+ der größten Maschinen, um des Elementes
-Herr zu werden. Um so herrlicher ist der Abstieg nach dem Goldlande.
-Lauer wehen die Lüfte, die Vegetation wird reicher, und zwischen den
-gigantischen Tannen und Cedern rauschen von den goldreichen Hängen
-die Wasseradern. Die erste Station im kalifornischen Tieflande ist
-+Junction+; dann folgt +Sacramento+, der eigentliche Endpunkt der
-Central-Pacific-Bahn. Die Schlußstrecke von hier bis San Francisco ist
-die „Western-Pacific-Bahn“, welche früher hergestellt wurde als die
-große interoceanische Schienenverbindung.
-
-Von den beiden Hauptbahnen hat die Union-Pacific-Bahn von Omaha
-bis Ogden City eine Länge von 1662 km, die Central-Pacific-Bahn
-von Ogden-City bis Sacramento in Kalifornien 1123,6 km; die
-Western-Pacific-Bahn mißt nur 217 km. Die Gesamtlänge der Bahn (bis
-San Francisco) beträgt daher 3003 km. Von New-York aus gerechnet,
-mißt die Linie nicht weniger als 5260 km, eine Strecke, die, in
-gerader Richtung gemessen, derjenigen zwischen Paris und Tobolsk in
-Sibirien gleichkommt. Von den Bahnen mit durchgehendem Verkehr ist sie
-jedenfalls die längste der Welt. -- Der +Bau+ der Pacific-Bahn wurde
-1863 begonnen und von den beiden Gesellschaften mit einer Energie
-betrieben, die in der Geschichte des Eisenbahnwesens unerreicht
-dasteht. Die größte Leistung der Union-Pacific-Eisenbahn-Gesellschaft
-war die Legung des Oberbaues von 7 engl. Meilen in +einem+ Tage, die
-Central-Pacific-Eisenbahn-Gesellschaft brachte in der gleichen Zeit
-sogar 10½ Meilen des Oberbaues zuwege. Bereits am 10. Mai 1869, d.
-i. in der Hälfte der für die Vollendung des Baues stipulierten Zeit,
-wurde bei Promontory Point der letzte Nagel zur Befestigung der
-Verbindungsschwelle der beiden Bahnhälften eingeschlagen. An diesen
-Nagel hatte man damals den Pacific-Telegraphen befestigt und die
-Sache zugleich so eingerichtet, daß sämtliche Telegraphenstationen
-beim Einschlagen desselben ein Glockensignal erhielten. Als nun
-gegen 3 Uhr nachmittags des genannten Tages die Signale ertönten,
-flogen in Washington die Fahnen empor und donnerten die Kanonen. In
-New-York läutete das Glockenspiel des Trinity-Turms „Nun danket alle
-Gott“, und auf der Börse versammelte sich die Handelskammer, um das
-Schwesterinstitut San Francisco telegraphisch zu beglückwünschen. Hier
-selbst, an den Ufern des Pacific, veranstalteten in echt amerikanischer
-Weise 30 bekränzte und beflaggte Lokomotiven, zusammen mit den
-sämtlichen Dampfmaschinen der Stadt, ein kolossales Wettpfeifen. Es
-sei noch hinzugefügt, daß die Verbindungsschwelle von Lorbeerholz,
-jener letzte Nagel von Gold und die Klammern von Silber waren. --
-Die Staatsunterstützung für die Bahn betrug über 53 Mill. Dollars in
-Geld und 141600 qkm an Land. -- Die Kosten für den Bau und dessen
-Ausrüstung beliefen sich bis 31. Dezember 1881 auf 290 Mill. Dollars.
--- Durch die Union- und Central-Pacific-Bahn wurden +zuerst+ -- denn
-sie ist unter allen Pacific-Bahnen die frühestvollendete -- die weit
-ausgedehnten Gebiete des westlichen Amerika der Kultur erschlossen
-und dessen unerschöpfliche Mineralschätze zugänglich gemacht. Die
-Bahn ist aber auch von Einfluß auf die Bewegung des Welthandels,
-insofern sie bezüglich des europäisch-asiatischen Verkehrs wenigstens
-teilweise in Konkurrenz tritt mit dem Suezkanal. Unter allen
-dermaligen Pacific-Bahnen ist sie zur Zeit weitaus die wichtigste, die
-Pacific-Bahn κατ’ ἐξοχήν.
-
-4. +Die Atchison-Topeca- und Santa-Fe-Bahn+[127] (auch kurz
-+Santa-Fe-Bahn+ genannt). Sie beginnt in zwei Linien, die von Kansas
-City und Atchison am Missouri auslaufen, sich aber bei Topeca bereits
-wieder vereinigen; von hier an zieht sie über Trinidad und Albuquerque
-nach Deming, benützt dann bis Benson die Süd-Pacific-Bahn und läuft
-hierauf südlich nach ihrem Endpunkte Guaymas am Golfe von Kalifornien.
-Die Länge der Bahn von Kansas City bis Deming beträgt 1849 km und von
-Benson bis Guaymas 586 km. Die Gebiete, welche die Bahn durchzieht,
-sind Kansas, Colorado, Neu-Mejico und Teile von Arizona und Mejico.
-Was Kansas betrifft, so ist dasselbe ein in hohem Grade fruchtbares,
-durchaus ebenes Präriengebiet, das einst ohne Zweifel eine der
-größten und reichsten Kornkammern Nordamerikas wird. In Colorado,
-das zu ⅔ Gebirgsland ist, finden sich die höchsten Erhebungen des
-Felsengebirges. Die hervorragendste Stelle unter den Naturschönheiten
-des letztern nehmen die sogen. Cañons ein, vielfach gewundene,
-tief eingeschnittene, schluchtenartige Thäler, deren Sohlen fast
-durchgehends von schäumenden und brausenden Gewässern durchzogen und
-deren Seiten von steilen und mächtigen Felswänden begrenzt werden. Den
-Hauptreichtum des Landes bilden die Mineralschätze, hauptsächlich Gold
-und Silber. Im südlichen Colorado kommen überdies Petroleum, Eisen
-und Kohle in ungeheuren Mengen vor, so daß auch dieser Staat infolge
-seines natürlichen Reichtums in Bälde zu einem der bedeutendsten und
-volkreichsten Gebiete der Union sich emporschwingen wird. Neu-Mejico
-bietet der Rindviehzucht ausgedehnte Weideplätze, aber auch hier
-spielt der Bergbau eine bedeutende Rolle. Ein höchst merkwürdiges
-Land ist endlich Arizona. Die Vegetation besteht hier, wenn nicht
-ausschließlich, so doch vorzugsweise aus kakteenartigen Gewächsen,
-die zuweilen eine Höhe von 50 Fuß erreichen. Das größte Naturwunder
-ist aber auch hier der Coloradostrom, der namentlich in diesem Staate
-auf weite Strecken geradezu grausige Cañons bildet, so den +großen
-Cañon+, der eine Länge von 383 km hat, und dessen Wände 450-2100 m
-aufragen. „Nichts auf der Erde,“ sagt Hermann Klein, „läßt sich mit dem
-großen Colorado-Cañon vergleichen; man muß, um Formationen zu finden,
-die sich dem Schluchtensystem des Colorado an die Seite zu stellen
-vermögen, den Blick auf den Mond wenden.“ Die socialen Verhältnisse
-der letzteren Staaten lassen freilich noch viel zu wünschen übrig.
-Die neue Verkehrsader wird aber sicherlich, abgesehen von der
-materiellen Förderung dieser Gebiete, auch deren gesellschaftliche
-Zustände wesentlich heben. Ihre höchsten Stellen erreicht die Bahn
-im Raton-Paß-Tunnel (670 m lang) an der Grenze von Colorado und
-Neu-Mejico und in der Nähe der heilkräftigen Schwefelthermen (43-60°
-C.) von Gallinas und Las Vegas. Die ganze Entfernung von New-York
-über Kansas City, Deming und Benson nach Guaymas beträgt 4857 km.
-An dem letztgenannten Orte will die Gesellschaft zur Hebung des
-Dampferverkehrs mit Australien, China und Japan großartige Hafenanlagen
-schaffen.
-
-Die Hauptbedeutung der Atchison-Topeca- und Santa-Fe-Bahn liegt wohl
-darin, daß durch sie auch die Republik Mejico dem Welthandel und
-Weltverkehr mehr und mehr erschlossen wird. Außerdem dürfte durch die
-neue Bahn die Besiedelungsfähigkeit mancher bisher unbeachteten Gebiete
-wesentlich gewinnen.
-
-5. +Die Atlantic- und Pacific-Bahn.+ Sie führt von St. Louis
-am Zusammenflusse des Missouri und Mississippi durch das
-Indianerterritorium, Neu-Mejico und Arizona nach dem südlichen
-Kalifornien, von wo sie ihren Lauf nordwärts nimmt, um in San Francisco
-zu münden. Die Atlantic- und Pacific-Bahn im +eigentlichen+ Sinne
-erstreckt sich indes nur von St. Louis über Vinita und Albuquerque bis
-zu den sogen. Needles an der Grenze von Kalifornien und Arizona; von
-da an bildet ein Arm der sogen. Süd-Pacific-Bahn die Fortsetzung bis
-Mohave, von wo die Hauptlinie der Süd-Pacific-Bahn nach San Francisco
-führt. Aber auch die Strecke der Atlantic- und Pacific-Bahn zwischen
-St. Louis und Albuquerque ist noch nicht ganz ausgebaut; es fehlt noch
-die Linie von Tulsa bis Albuquerque. Die Atlantic- und Pacific-Bahn
-ist daher zur Herstellung der Verbindung zwischen New-York und San
-Francisco vorerst noch zur Benützung eines Teiles der Atchison-Topeca-
-und Santa-Fe-Bahn genötigt. +Die Route dieser fünften Weltbahn verläuft
-zur Zeit demnach folgendermaßen+: Von +Kansas City+ am Missouri, bis
-wohin der Schienenweg von New-York her mit der alten Pacific-Linie
-ziemlich parallel läuft, zieht die Bahn auf dem Schienenstrang der
-Atchison-Topeca- und Santa-Fe-Bahn in südwestlicher Richtung bis
-Albuquerque. Hier beginnt dann der selbständige Strang der Atlantic-
-und Pacific-Bahn, mit dem sie in fast genau westlicher Richtung
-Neu-Mejico und Arizona durchzieht. Bei den Needles am Coloradoflusse
-erfolgt der Anschluß an die Süd-Pacific-Bahn. -- Die Entfernung von
-New-York nach San Francisco auf der Route der +eigentlichen+ Atlantic-
-und Pacific-Bahn beträgt 5631 km.
-
-Die Atlantic- und Pacific-Bahn ist außerordentlich reich an
-Naturschönheiten. 29 km nördlich von der Station Prach Spring
-in Arizona befindet sich z. B. der schon oben erwähnte „+Große
-Colorado-Cañon+“. Aber auch andere an der Atlantic- und Pacific-Bahn
-befindliche merkwürdige Scenerieen, wie der +versteinerte Wald+ bei der
-Station Billings (363,7 km westlich von Albuquerque), eine Anzahl
-hieroglyphischer +Inschriften+, der +Diablo-Cañon+, der +Pyramidenfels+
-mit seiner bezaubernden Ausschau, der „+Neue Göttergarten+“ u. s. w.,
-bieten ganz eigenartige, überaus sehenswerte Formen.
-
-Mehr als jede andere Pacific-Bahn berührt die Atlantic- und
-Pacific-Bahn auch +Forts+ oder kommt in der Nähe von solchen vorüber.
-Sie sind zum Schutz der weißen Bevölkerung gegen Indianerüberfälle
-errichtet.
-
-6. Die +Süd-Pacific-Bahn+ führt von New-Orleans über Houston, San
-Antonio und El Paso längs des 32. Breitengrads nach Deming und von
-da über Tucson, Yuma und Mohave nach San Francisco. Sie wurde am 12.
-Januar 1883 vollendet. -- Die ganze Entfernung von New-Orleans nach
-San Francisco beträgt 4015 km. -- Von New-York bis New-Orleans über
-Philadelphia, Baltimore, Washington, Richmond, Atlanta, Montgomery
-macht die Entfernung 2235 km aus; die ganze Strecke von New-York
-bis San Francisco auf diesem Weg mißt 6251 km. -- Eine kürzere und
-natürlichere Verbindung mit den atlantischen Gestaden ist die über
-Dallas, Vicksburg, Montgomery nach Savannah. Diese Linie mißt in ihrer
-ganzen Ausdehnung 4207 km.
-
-Die Süd-Pacific-Bahn durchzieht das südliche und westliche Texas,
-setzt sodann über den Rio Grande und kreuzt die südlichen Teile von
-Neu-Mejico und Arizona. Bei Yuma wird der Colorado überschritten, und
-erst jenseits Mohave beginnt der Abstieg in die fruchtbaren Regionen
-des San-Joaquin-Thales. Was Texas betrifft, so ist dasselbe nicht
-nur zur Viehzucht geeignet, sondern auch zum Anbau von Zuckerrohr,
-Baumwolle, Mais, Tabak, Reis und gar vielen Gemüsearten und
-halbtropischen Früchten.
-
-Die Bahn dient dem direkten Personenverkehr von New-Orleans nach
-San Francisco, dürfte aber auch für den Absatz der Naturprodukte
-Kaliforniens von hoher Bedeutung werden.
-
-Diese sechs Riesenbahnen zusammen haben eine Länge von über 21000 km;
-dabei sind indes nur die eigentlichen pacifischen Strecken und nicht
-die ganzen Überlandlinien in Betracht gezogen. Rechnet man die Strecken
-von Duluth, Omaha, Kansas City u. s. w. bis zur atlantischen Küste
-hinzu, so giebt das eine Länge von über 33000 km (Äquatorial-Umfang der
-Erde 40070 km).
-
-
-=Geographie der Eisenbahnen.=
-
-=Tabellarische Zusammenstellung=
-
-=der hauptsächlichsten auf die pacifischen Bahnen Nordamerikas
-bezüglichen Verhältnisse.=
-
- -----------------+----------------+----------------+------------------+
- Name der Bahn. | Eröffnungs- |Östlicher Haupt-| Westlicher |
- | termin. | ausgangspunkt | Endpunkt. |
- -----------------+----------------+----------------+------------------+
- 1. Canada- | Nov. 1885. | Ottawa in | Vancouver in |
- Pacific. | | Canada. |Britisch Columbia.|
- -----------------+----------------+----------------+------------------+
- 2. Nord-Pacific. | 8 Sept. 1883. | St. Paul in | Portland in |
- | Minnesota. | Oregon. |
- -----------------+----------------+----------------+------------------+
- 3. ~a.~ Union- | } | ~a.~ Omaha in |~a.~ Ogden in Utah|
- und | } 10. Mai 1869.| Nebraska | |
- ~b.~ Central- | } | ~b.~ Ogden in |~b.~ San Francisco|
- Pacific. | } | Utah. | in Kalifornien.|
- -----------------+----------------+----------------+------------------+
- 4. Santa-Fe-Bahn.| 17. März 1881. | Kansas City | Guaymas |
- | | in Missouri. | in Mejico. |
- -----------------+----------------+----------------+------------------+
- 5. Atlantic und | Gänzliche Voll-| St. Louis in | San Francisco |
- Pacific. |endung erst nach| Missouri. | in Kalifornien. |
- | einigen Jahren.| | |
- -----------------+----------------+----------------+------------------+
- 6. Süd-Pacific. |12. Januar 1883.| New-Orleans | San Francisco |
- | | in Louisiana. | in Kalifornien. |
-
- A: Entfernung in km vom Hauptausgangspunkt zum Endpunkt.
- B: „ „ „ „ von New-York zum Hauptausgangspunkt.
- C: „ „ „ „ „ „ „ „ Endpunkt.
- D: Höchster von der Bahn erreichter Punkt. m
- E: Von New-York zum westlichen Endpunkt geht die Bahn über die
- Hauptstationen
-
- ----------------+------+------+------+------+-------------------------
- Name der Bahn. | A | B | C | D | E
- ----------------+------+------+------+------+-------------------------
- 1. Canada- | 4461| 690| 5071| 1670| Brockville, Winnipeg,
- Pacific. | | | | Calgary und Stephen.
- ----------------+------+------+------+------+-------------------------
- 2. Nord-Pacific.| 3077| 2128| 5203| 1096| Chicago, Bismarck,
- | | | Livingston u. Ainsworth.
- ----------------+------+------+------+------+-------------------------
- 3. ~a.~ Union- |~a.~ |~a.~ |~a.~ |~a.~ |~a.~ Chicago, Cedar
- und | 1662| 2256| 3919| 2512| Rapids, Cheyenne und
- | | | | | Rawlings.
- ~b.~ Central-|~b.~ |~b.~ |~b.~ |~b.~ |~b.~ Elko, Winnemucca,
- Pacific.| 1341| 3919| 5200| 2146| Sacramento u. Benicia.
- ----------------+------+------+------+------+-------------------------
- 4. Santa-Fe- | 2715| 2160| 4875| 2343| Topeca, Albuquerque,
- Bahn. | | | | Deming, Benson.
- ----------------+------+------+------+------+-------------------------
- 5. Atlantic und | 3917| 1714| 5631| 2224| Indianopolis, Wichita,
- Pacific. | | | | | Albuquerque und Wingate.
- ----------------+------+------+------+------+-------------------------
- 6. Süd-Pacific. | 4015| 2235| 6251| 1368| Washington, Richmond,
- | | | | | El Paso und Deming.
-
-Treffend hat Schweiger-Lerchenfeld diese gewaltigen eisernen
-Verkehrswege die großen Schlagadern der Union genannt. Durch sie strömt
-der Kulturüberschuß des Ostens nach dem Westen, aber auch der große
-Reichtum des Westens an Naturschätzen (Holz, Getreide und Erze) nach
-dem Osten.
-
-Betrachtet man die Eisenbahnkarte der Union etwas genauer, so gewahrt
-man außer den pacifischen Linien auch noch große +Transversallinien+,
-welche erstere senkrecht schneiden, also von Süden nach Norden
-verlaufen. Eine solche große transversale Überlandlinie ist diejenige,
-welche das Unionsgebiet genau in der Mitte (westlich des Mississippi)
-von Süden nach Norden durchzieht. Sie beginnt bei Galveston am Golfe
-von Mejico, durchschneidet die vier pacifischen Bahnen und endet in
-Britisch Amerika. Andere derartige Transversallinien sind im Werden
-begriffen.
-
-Im übrigen befindet sich, entsprechend dem außerordentlich gesteigerten
-Verkehrs- und Handelsleben und der hochentwickelten Industrie, das
-dichteste Netz der Linien im Osten der Union, und zwar zwischen dem
-Atlantischen Ocean und den großen Seen einerseits und dem Ohio und
-Mississippi andererseits.
-
-
-II. Die Eisenbahnen Mejicos, Mittelamerikas und Westindiens[128].
-
-~a.~ Die älteste und bis vor kurzem +einzige+ Bahn Mejicos war die
-Linie von der Hauptstadt +Mejico+ nach dem Hafen von +Vera-Cruz+. Ihre
-Anlage war mit bedeutenden technischen Schwierigkeiten verbunden;
-sie steigt von der Küste bis zu 2533 m empor. -- In neuester
-Zeit sind zahlreiche Bahnen im Bau; sie werden größtenteils von
-nordamerikanischen Kapitalisten erstellt. Die wichtigsten dieser Linien
-sind:
-
-Die +mejicanische Central-Eisenbahn+; sie schließt sich in +El Paso+
-am Rio Grande an die Eisenbahnen der Vereinigten Staaten von Amerika
-an und durchzieht in südlicher Richtung den Staat Mejico bis zu seiner
-Hauptstadt; seit 9. März 1884 ist diese Strecke vollendet.
-
-Die +mejicanische National-Eisenbahn+; sie führt von +Laredo+ am Rio
-Grande über +Monterey+ südlich nach der Hauptstadt +Mejico+.
-
-Diese beiden Linien sollen durch Seitenzweige die Küsten des Stillen
-und Atlantischen Oceans miteinander verbinden. Gegenwärtig sind nicht
-weniger als sieben solcher Transkontinentalbahnen projektiert oder im
-Bau begriffen.
-
-Mejico gehört ferner noch jener Teil der Atchison-Topeca und
-Santa-Fe-Bahn an, welcher von +Deming+ nach +Guaymas+ am Kalifornischen
-Meerbusen führt. Diese Bahnstrecke heißt in der Regel „Sonora-Bahn“.
-
-Ein großartiges Projekt ist endlich die Erbauung einer
-+Schiffs-Eisenbahn+ über den +Isthmus von Tehuantepek+. Mittels
-derselben sollen selbst die größten der zur Zeit in Fahrt befindlichen
-Kriegs- und Handelsschiffe mit voller Ladung von der Küste des
-Atlantischen Oceans an die des Stillen Meeres befördert werden. Dem
-amerikanischen Ingenieur +James Eads+ wurde zur Ausführung dieser Bahn
-seitens der mejicanischen Regierung die Konzession erteilt[129].
-
-~b.~ Die +centralamerikanischen+ Republiken haben in jüngster Zeit
-die Bauthätigkeit wieder aufgenommen, einerseits um die Hauptstädte
-untereinander und mit den Hafenplätzen zu verbinden, andererseits um
-den Isthmus durch Transversallinien zu durchschneiden. Zunächst soll
-in Honduras eine interoceanische Eisenbahn von Truxillo am Karibischen
-Meer nach der Fonseca-Bucht am Stillen Ocean gebaut werden.
-
-~c.~ Wie auf dem Festlande, ist auch auf mehreren Inseln der großen und
-kleinen +Antillen+gruppe ein Netz von Eisenbahnen angelegt und im Laufe
-der letzten Jahre weiterentwickelt worden.
-
-
-=III. Die Bahnen Südamerikas.=
-
-=~a.~ In Betrieb befindliche Bahnen.=
-
-1. +Columbia.+ Die bedeutendste Bahn dieses Gebietes ist die sogenannte
-+Panama-Eisenbahn+ (76 km), welche Aspinwall-Colon am Atlantischen
-Ocean mit Panama am Stillen Ocean verbindet. Ihren höchsten Punkt (80
-m) erreicht sie bei der Station Paraiso; in ihrer Konstruktion bietet
-sie übrigens nichts Besonderes. Der Verkehr auf dieser Bahn, die von
-1850 bis 1855 gebaut wurde, war lange Zeit sehr bedeutend; seit der
-Vollendung der Union- und Central-Pacific-Bahn (1869) aber hat der
-Fracht- wie der Personenverkehr stetig abgenommen, wie folgende Zahlen
-zeigen:
-
-[Illustration: Fig. 79. Eisenbahnkarte von Panama.]
-
-Im Jahre 1869 wurden transportiert 26853 Personen, und der Wert
-der Fracht in diesem Jahre betrug 70202028 Pfd. St.; im Jahre 1879
-belief sich die Zahl der beförderten Personen nur auf 4469 und der
-Wert der Fracht auf 4947755 Pfd. St. Diese Zahlen werden noch weiter
-sinken, wenn der Kanal und die in Ausführung begriffenen übrigen
-transkontinentalen Bahnen vollendet sein werden.
-
-Für den Durchreisenden ist die Fahrt über den Isthmus ein seltener
-Genuß; namentlich derjenige, der die üppige Vegetation eines tropischen
-Urwaldes noch nicht kennen gelernt hat, ist ganz geblendet von der
-majestätischen Schönheit und der erhabenen Wildheit dieses Anblickes.
-In schnell wechselnden, mannigfaltigen Gestaltungen eilt die herrliche
-Scenerie an dem in raschem Fluge dahineilenden Beschauer vorüber.
-Leider ist aber auch hier das Schönste nur gleisnerische Hülle; denn
-unter den Palmen und Sykomoren brütet das schleichende Fiebergift,
-dieser Fluch so vieler herrlicher Erdstriche. Ganz besonders mußten das
-jene Arbeiter erfahren, welche die Aussicht auf hohen Lohn verlockte,
-sich zum Bau der Panama-Bahn zu verdingen. Der fürchterliche Ausspruch,
-„eine jede Schwelle, die auf dieser Bahnstrecke gelegt wurde, habe mit
-einem Menschenleben bezahlt werden müssen“, ist buchstäbliche Wahrheit.
-Für die Entwicklung des Fiebergiftes sind eben hier die Verhältnisse
-außerordentlich günstig. Die entsetzliche Hitze des Sommers, welche auf
-die ungeheuer starken Niederschläge der Regenzeit folgt, begünstigt in
-dem mit verwesenden Vegetabilien aller Art bedeckten Boden die Bildung
-giftiger Miasmen in hohem Grade. Welcher Art aber die Niederschläge
-auf diesem Teile des Isthmus sind, erhellt daraus, daß die jährliche
-Regenmenge, die in den mittleren Breiten Deutschlands zwischen 16-40
-Zoll beträgt, bei Colon und an der Mündung des Chagres auf 10-14
-Fuß sich beläuft. Landeinwärts beträgt sie mindestens ebensoviel,
-wahrscheinlich noch mehr. -- Die 76 km lange Strecke wird in 3-4
-Stunden durchfahren; der Fahrpreis beträgt 106 M. Die Bahnstrecke
-Colon-Panama ist sonach wohl die teuerste aller Bahnen.
-
-[Illustration: Fig. 80. Station an der Eisenbahn von Panama.]
-
-[Illustration: Fig. 81. Eisenbahn auf der Panama-Landenge.]
-
-2. +Peru.+ Es besitzt, abgesehen von Brasilien und Argentinien, unter
-allen Staaten Südamerikas das ausgebildetste Bahnnetz. Die +technisch+
-großartigsten Bahnen des Landes sind die Linien +Callao+-+Lima+-+Oroya+
-und +Mollendo+-+Arequipa+-+Puno+.
-
-[Illustration: Fig. 82. Tunnel zwischen S. Mateo und Anchi. (Nach „Vom
-Fels zum Meer“.)]
-
-~a.~ +Callao-Lima-Oroya-Bahn[130].+ Der Ausgangspunkt der Bahn ist
-Callao, der Hafen von Lima. Sie führt zunächst am linken Ufer des
-Rimac stromaufwärts und tritt bei Chosica in das Gebirge ein. Bei
-dem Städtchen S. Bartolomé, nur 39 engl. Meilen von Lima entfernt,
-beträgt die Höhe der Bahn über dem Meeresspiegel bereits 4910 Fuß. Das
-eigentliche Hochgebirge aber mit seiner ganzen großartigen Schönheit
-und majestätischen Wildheit beginnt hinter Matucana. Alle Vegetation
-ist hier zu Ende, Schnee bedeckt die Höhen, und die zerrissenen und
-zerklüfteten Formen der gigantischen Felsmassen, die tiefen Abgründe,
-auf deren Sohle schäumende Wasser dahinbrausen, sind ganz geeignet,
-das Gemüt des ängstlichen Reisenden mit bangen Schrecken zu erfüllen.
-Es folgen nun Kurve um Kurve und Tunnel um Tunnel. Zwischen S. Mateo
-und Anchi (Fig. 82) durcheilt die Bahn drei derselben in kurzen
-Zwischenräumen, von denen überdies die beiden letzten nur durch die
-über einem gewaltigen Abgrund schwebende eiserne Brücke getrennt sind.
-Selbst den nervenstarken Mann durchzuckt hier ein Schauer beim Blick
-in die Tiefe; der Volksmund hat dieser Schlucht (Fig. 84) den Namen
-~los infernillos~ (die kleine Hölle) beigelegt. Bei Anchi, das schon
-11000 Fuß über dem Meere und so recht im Herzen des Hochgebirges
-liegt, beginnt der Reisende bereits unter einem Blutandrang nach
-den Lungen und einem der Seekrankheit ähnlichen, mit allgemeiner
-Schwäche verbundenen Zustand zu leiden, und doch ist die Höhe der
-Anden noch lange nicht erreicht. Im weitern Aufstieg stromaufwärts,
-im Thale des Rio Blanco, eines Nebenflusses des Rimac, und später
-des Rimac selbst, ist die Bahn neuerdings genötigt, gewaltige Kurven
-zu schlagen. In ähnlicher Weise setzt sich dann der Weg im Thale
-des Chin-Chan fort, gleichfalls eines Zuflusses des Rimac, hier in
-den wiederholten Windungen einen besonders prächtigen Anblick der
-großartigen Hochgebirgsscenerie gewährend. Endlich folgt in 4769
-m Seehöhe, also +fast in der Höhe des Montblanc+, des höchsten
-Berges von Europa, der +Scheitelpunkt+ der Bahn, +der zugleich der
-erhabenste Punkt auf unserem Planeten ist, bis wohin die Lokomotive
-gedrungen+. Und in dieser gewaltigen Höhe hat menschlicher Scharfsinn
-und menschliche Werkthätigkeit die Anden noch in einem 1860 m langen
-Tunnel durchbrochen. Er wird von den Europäern ~la Galera~, in der
-Landessprache ~tunnel de la Cima~ genannt. In kurzer Entfernung von
-diesem Tunnel liegt der nach dem Erbauer der Bahn, dem amerikanischen
-Ingenieur +Meiggs+, benannte +Mount Meiggs+. Vom östlichen
-Ausgangspunkt der ~Galera~ beginnt die Senkung. Oroya, die Endstation
-der Bahn, liegt in 3712 m Seehöhe.
-
-[Illustration: Fig. 83. Kurven der Bahn beim Überschreiten des Rimac.
-
-(Nach „Vom Fels zum Meer“.)]
-
-Die ganze Bahnstrecke hat eine Länge von ca. 200 km. Die Steigungen
-betragen stellenweise 4 auf 100, und an manchen Stellen war sogar
-die Anlage von sogen. „Spitzkehren“ nötig. Die Zahl der Tunnels,
-einschließlich des Scheiteltunnels ~la Galera~, beläuft sich auf nicht
-weniger als 61. Zum Teil bedeutender noch sind die Brückenbauten. Ein
-Wunderwerk in seiner Art ist der Varraguas-Viadukt; er ist nicht allein
-das bedeutendste derartige Bauwerk auf dieser Linie, er war auch bis zur
-Fertigstellung des Kentucky- und Kinzua-Viadukts (S. 191) die höchste
-Brücke der Welt. Zu den Sprengungen des Gesteins wurden über 5 Mill.
-Pfund Pulver mit einem Kostenaufwande von 32 Mill. M. verwendet. Die
-Bahn wurde 1876 eröffnet.
-
-[Illustration: Fig. 84. Brücke über ~los infernillos~.]
-
-~b.~ +Mollendo-Arequipa-Puno-Santa-Rosa-Bahn.+ Auch diese Bahn ist ein
-Meisterwerk der modernen Eisenbahntechnik. Nächst der Lima-Oroya-Linie
-ist sie die höchste aller Gebirgsbahnen der Erde; Puno am Titicaca-See
-hat eine Höhe von 4580 m. Die Herstellung der Bahn in dem wild
-zerklüfteten Gebirge war eine außerordentlich mühevolle und erforderte
-den Verbrauch von über 1 Mill. kg Sprengmaterial; im übrigen ist diese
-wunderbare Hochgebirgsbahn so geschickt angelegt, daß nur ein einziger
-kurzer Tunnel und acht Brücken nötig waren. Nach drei Jahren mühseliger
-Arbeit wurde das großartige Werk vollendet, und am Neujahrstage 1874
-pfiff zum erstenmal die Lokomotive am Ufer des Titicaca-Sees. -- Ihr
-Erbauer war ebenfalls +Meiggs+.
-
-[Illustration: Fig. 85. Eisenbahn in den Cordilleren. (Der
-Varraguas-Viadukt zwischen Lima und Oroya)]
-
-3. +Chile.+ Im Verhältnis zur Größe des Landes hat Chile die +meisten+
-Eisenbahnen unter den südamerikanischen Staaten. Die bedeutendste Linie
-ist +Valparaiso+-+Santiago+-+Angol+.
-
-4. +Argentinien.+ Der Staat obliegt dem Bahnbau mit großem Eifer;
-absolut genommen, hat er nach Brasilien das größte Liniennetz in
-Südamerika. Knotenpunkt der Bahnen ist die Hauptstadt +Buenos Ayres+.
-Sie ist bereits über +Cordoba+ und +Rosario+ mit +Tucuman+ verbunden,
-und in westlicher Richtung läuft der Schienenstrang schon bis +Mendoza+.
-
-5. +Brasilien+ arbeitet mit den größten Anstrengungen an der
-konsequenten Erweiterung seines Schienennetzes, um die Landesprodukte,
-namentlich seinen Hauptstapelartikel, Kaffee, billig und rasch aus dem
-Innern zu den Exporthäfen (+Ceara+, +Pernambuco+, +Bahia+ und +Rio+) zu
-bringen. 1867 waren erst 651 km in Betrieb, und Ende des Jahres 1884
-besaß es schon an 6115 km. Dazu waren noch im Bau 1991 km, und für
-weitere 5472 km waren die technischen Vorarbeiten schon ausgeführt.
-
-In den übrigen Staaten Südamerikas ist das Eisenbahnwesen noch ziemlich
-wenig entwickelt.
-
-
-=~b.~ Projektierte Bahnen.=
-
-Das Streben der Staaten Südamerikas zielt hauptsächlich dahin, den
-Schienenstrang quer durch den Kontinent über die Cordilleren von der
-Westküste nach der Ostküste oder doch wenigstens bis an den Mittellauf
-der großen schiffbaren Ströme zu ziehen. Die diesbezüglichen Projekte
-sind folgende:
-
-1. Die Linie +Lima-Oroya+ -- und darauf hat schon +Meiggs+ hingewiesen
--- soll über Pozuzo bis zum Ucayali fortgesetzt werden, dem
-bedeutendsten Nebenfluß des Amazonas in dessen Oberlauf.
-
-2. Die +Arequipa-Puno-Bahn+ beabsichtigt man bis zum Madeira
-fortzuführen.
-
-3. Mit großartigen Projekten trägt man sich in +Brasilien+. Als die
-wesentlichsten Grundlinien des geplanten Eisenbahnnetzes werden
-folgende bezeichnet[131]:
-
-a. Eine große +Ost-West-Linie+; sie soll ausgehen von der am
-Atlantischen Ocean liegenden Stadt +San Salvador da Bahia+ und, in
-westlicher Richtung vorgehend, Brasilien etwa in der Mitte seiner
-von Nord nach Süd gerichteten Längsausdehnung durchschneiden.
-Diese Bahn würde die Thäler der schiffbaren Flüsse Tocantins und
-Araguaya überschreiten und zunächst bis +Goyaz+, der Hauptstadt der
-gleichnamigen Provinz, zu führen sein.
-
-b. Eine +nördliche Centralbahn+; sie wird von der in der Provinz Bahia
-am San Francisco gelegenen Stadt +Barra+ in nördlicher Richtung nach
-dem untern Laufe des Tocantins und der Stadt +Pará+ ziehen.
-
-c. Eine +südliche Centralbahn+; sie soll, von einem der schiffbaren
-Nebenflüsse des Paraná, dem +Tibagy+ oder +Ivahy+, ausgehend, nach
-dem Thale des Flusses +Iguassu+ führen und nach Überschreitung dieses
-Thales und des Uruguay-Flusses sich an das in der Provinz San Pedro do
-Rio Grande do Sul bereits bestehende Eisenbahnnetz anschließen. -- Von
-der südlichen Centralbahn soll eine Linie in nördlicher Richtung nach
-dem obern Laufe des Paraná abgezweigt werden. An diese letztere Linie
-anschließend soll sodann eine vierte Hauptlinie,
-
-d. die +Nord-West-Bahn+, nach der Schiffahrtsstraße des Paraguay führen
-und zunächst bei Miranda endigen.
-
-4. Die Linie +Buenos Ayres-Mendoza+ soll über die Anden nach +San
-Felipe+ in Chile fortgeführt werden. Durch deren Herstellung erhielte
-endlich auch Südamerika eine Pacific-Bahn. Die Bahn würde den ganzen
-langwierigen Weg um das Kap Hoorn unnötig machen und die Staaten Chile,
-Argentinien, Uruguay und das südliche Brasilien in direkten Verkehr
-setzen.
-
-
-=~E.~ Die Eisenbahnen Australiens[132].=
-
-Australien teilt mit Afrika fast die gleiche Ungunst geographischer
-Verhältnisse. Trotzdem hat sich dieser Erdteil im Völkerverkehr
-bereits eine achtbare Stellung errungen. 1846 wurde hier die erste
-Eisenbahn gebaut, und gegenwärtig ist der Kontinent schon, wenigstens
-in der auch geographisch mannigfach begünstigten Osthälfte, mit einem
-verhältnismäßig engmaschigen Netze von Schienenwegen überzogen.
-
-
-=I. In Betrieb befindliche Bahnen.=
-
-1. In der Kolonie +Neu-Süd-Wales+ bestehen +drei+ Hauptlinien, die alle
-ihren Ausgangspunkt von +Sydney+ nehmen. Des nähern unterscheidet man:
-
-a. +Die große Westbahn+; sie zieht von Sydney in westlicher Richtung
-über die Blauen Berge und ist jetzt bis Dubbo in einer Länge von 445
-km vollendet. -- Welche Schwierigkeiten der Bau dieser Bahn über
-die Blauen Berge, die wie eine Mauer aus der Ebene aufstreben, zu
-bewältigen hatte, erhellt aus folgendem. Die Bahn ersteigt die Höhe
-auf geneigten Flächen, deren steilste eine Steigung im Verhältnis von
-1:30 aufweisen. Diese Steigung hat man aber nicht durch bogenförmige
-Schleifen überwunden, sondern durch spitzwinkelige Zickzacke, so daß
-die Bahn danach den Namen „Zickzackbahn“ führt. Bald ist die Maschine
-vorn, bald hinten, jetzt ziehend, dann schiebend, und den Weg, den man
-soeben zurückgelegt hat, sieht man gleich darauf senkrecht unter den
-Füßen. Ein noch kühneres Meisterwerk der Ingenieurkunst ist der Abstieg
-auf der andern Seite. Die Schwierigkeiten, welche es hier zu besiegen
-galt, waren so groß, daß nach langen, genauen Untersuchungen zur
-Feststellung der bequemsten Linie die Vermessungsbeamten mit Stricken
-an den Abhängen hinabgelassen werden mußten, um die Linie überhaupt
-nur ausmessen oder abstecken zu können. Die Bahn läuft hier an steil
-emporstrebenden Felsenwänden entlang, durchbricht dieselben und springt
-über gähnende Abgründe. -- Ihren höchsten Punkt erreicht sie in dem
-540 m langen Tunnel, welcher 1200 m über dem Meere durch den Mount
-Clarence gebrochen ist. Die Bahn soll eventuell bis Bourke am Darling
-fortgeführt werden.
-
-b. +Die große Südbahn+; sie geht bis Paramatta in westlicher Richtung,
-dann südwestlich zum Murrayfluß. An Bedeutung steht sie der großen
-Westbahn weit voran, da sie jetzt bei +Albury+ an die von Melbourne
-kommende Linie Anschluß hat. Sie hat eine Länge von 618 km. In der an
-das Südende der Blauen Berge anschließenden Cullarinkette übersetzt sie
-ebenfalls das Gebirge, und wenn die Natur hier auch nicht dieselben
-großartigen Hindernisse entgegenstellte, wie bei dem Bau der Westbahn
-über die Blauen Berge, so weist der Weg über das Gebirge dennoch einige
-bedeutende Bauten auf: den Fluß Nepean überspannt eine 660 m lange
-Brücke, und einer der Tunnels -- er führt den Namen Gibraltartunnel --
-hat eine Länge von 190 m.
-
-c. +Die große Nordbahn+; sie strebt über Newcastle der queensländischen
-Grenze zu.
-
-2. In der Kolonie +Victoria+ hat man bei Anlage der Eisenbahnen
-stets +Melbourne+ als Ausgangspunkt gewählt. Außer einigen kleineren
-Linien strahlen von ihm vier Hauptlinien aus. Von den zwei zum Murray
-laufenden schließt sich die eine bei +Albury+ an die von Sydney
-ausgehende Bahn an, die andere, mehr westlich gelegen, führt über den
-Murray nach +Deniliquin+ in Neu-Süd-Wales. Eine dritte Linie geht nach
-Osten und eine vierte nach Südwesten. Die letztgenannte entsendet von
-+Geelong+ eine wichtige Linie zu den Golddistrikten von +Ballaarat+ und
-darüber hinaus. Kleinere Linien zweigen sich von diesen Hauptrichtungen
-an verschiedenen Stellen ab.
-
-3. Das Eisenbahnnetz der Kolonie +Süd-Australien+ hat sich von der
-Hauptstadt +Adelaide+ aus um den Spencer- und St.-Vincent-Golf und
-die Encounter-Bai geschlungen. Eine Hauptlinie läuft von Adelaide
-nordwärts, berührt +Port Augusta+ am Spencer-Golf und hat dermalen
-ihren Endpunkt in +Farina Town+. Demnächst geht auch die Verbindung
-+Adelaide-Melbourne+ (495 engl. Meilen) ihrer Vollendung entgegen.
-
-4. Die Eisenbahnen von +Queensland+ bestehen aus mehreren +getrennten+
-Strecken, da sich die Ansiedelung nicht, wie bei den anderen Kolonieen,
-von einem Punkte aus, vielmehr von mehreren, aber weit voneinander
-entfernten Plätzen der Ostküste westwärts ausbreitete. So sind nach und
-nach +fünf+ verschiedene Linien bei ebensovielen Hafenplätzen begonnen
-worden.
-
-5. +West-Australien+ entwickelt sich außerordentlich langsam; ihm
-fehlt, was der Osten des Kontinents hat: reiche Bergwerke und
-Ackerlandschaften. Die ganz kurzen Eisenbahnstrecken von +Geralton+
-nach +Northampton+ und von +Fremantle+ nach +Guildford+ sind kaum
-nennenswert.
-
-6. Das +Nordterritorium+ entbehrt noch völlig der Bahnen.
-
-Von den +australischen Inseln+ besitzen bereits Bahnen: +Tasmanien+,
-+Neu-Seeland+, +Tahiti+ und +Hawaii+.
-
-
-=II. Projektierte Bahnen.=
-
-Von den in Aussicht genommenen Bahnbauten verdienen besonders zwei
-unsere genauere Beachtung.
-
-1. +Das Projekt einer Eisenbahn quer durch den Kontinent von
-Südaustralien nach Port Darwin an der Nordküste+. -- Die
-technischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sich dem Bau
-dieser indo-pacifischen Überlandbahn entgegenstellen, erscheinen
-allerdings auf den ersten Blick als unüberwindliche. Die wasserlosen
-Spinifexwüsten[133] und Flugsandstrecken des australischen Innern, die
-als absolut unbewohnbar gelten, sowie die breite, sehr ungleichmäßig
-mit Wasser versorgte Randzone um dieselben, in der nur oasenartig hie
-und da gutes Weide- oder Buschland vorhanden ist, machen in der That
-eine Miene, als wollten sie es dem Herrn der Erde niemals gestatten,
-seine Eisenstränge durch sie hindurch zu legen. Die technischen
-Schwierigkeiten, welche dem Bau in den wasser- und menschenleeren
-Räumen des Innern erwachsen müßten, würden aber noch wesentlich erhöht
-durch zahlreiche Bergzüge, wie durch die breiten, tief eingeschnittenen
-Betten periodischer Ströme; vielleicht würden den Erbauern auch hie und
-da feindselige Eingeborene durch heimtückische Angriffe aus unnahbaren
-Schlupfwinkeln lästig fallen. Trotz dieser großen Hindernisse, die
-bei der Ausführung dieses Bahnprojektes zu überwinden wären, hat sich
-bereits der Regierung von Südaustralien eine amerikanische Gesellschaft
-erboten, die Bahn zu bauen, unter der Bedingung, daß ihr, wie das in
-Nordamerika geschieht, große Parzellen Landes an der anzulegenden Bahn
-kostenfrei überwiesen würden. Die Unterhandlungen haben sich indes
-zerschlagen. -- Ein Zweigteil dieser projektierten, ca. 2800 km langen
-Überlandbahn ist die Linie von +Adelaide+ nach +Farina Town+.
-
-2. +Das Projekt einer Eisenbahn von der Ostküste von Queensland nach
-der Südküste des Carpentaria-Golfs.+ -- Um die Förderung dieses
-Projektes machte sich besonders die Redaktion einer Zeitung, des
-in Brisbane erscheinenden „Queensländer“, in hohem Grade verdient.
-Ähnlich wie der Besitzer des „New York Herald“, James Gordon Benett,
-den berühmten Stanley durch den afrikanischen Kontinent sandte, so
-rüstete +Gresley Lukin+, der Besitzer des „Queensländer“, im Interesse
-des transkontinentalen Schienenweges eine eigene Forschungsexpedition
-aus, die mit der vorläufigen Untersuchung und Aufnahme des fraglichen
-Terrains betraut wurde. Die Expedition hat in der That eine taugliche
-Route ausfindig gemacht, so daß eine Gesellschaft englischer
-Kapitalisten sich bereit erklärte, von Blackall am Victoriaflusse, bis
-wohin die Staatsbahn von Brisbane zu vollenden ist, eine Eisenbahn nach
-Point Parker am Golf von Carpentaria zu bauen, wenn anders ihr für
-jede englische Meile Bahnlinie auf der westlichen Strecke 4000 ha und
-in dem Golfgebiet 4800 ha des anliegenden Landes bewilligt werden. Auf
-diese Bedingungen einzugehen, zeigte sich die Regierung von Queensland
-nicht abgeneigt. Nachdem aber eine von ihr abgesandte Expedition
-sehr vorteilhaft über die zu passierende Gegend berichtet hatte und
-das Londoner Syndikat nach einer durch den Generalmajor +Fielding+
-angestellten Untersuchung der Strecke seine Forderung erhöht hatte,
-wurden die Verhandlungen abgebrochen. Sehr wahrscheinlich wird nun die
-Bahn von der Regierung selbst gebaut werden.
-
-Die +Bedeutung+ dieser transkontinentalen Schienenwege liegt für
-Australien in der Verkürzung der Raumdistanzen in der Richtung der
-altweltlichen Kulturländer, insbesondere in der Beschleunigung und
-Erleichterung des Verkehrs mit Europa.
-
-
-Anhang.
-
-
-=1. Die Stadtbahnen.=
-
-Stadtbahnen, d. h. Lokomotiveisenbahnen für die Zwecke des städtischen
-Personenverkehrs, giebt es dermalen nur in London, New-York, Berlin
-und Rotterdam. In Paris, Rom, Wien und Brüssel wird die Anlage von
-Stadtbahnen erst vorbereitet.
-
-1. +Londoner Stadtbahnen.+ Das Londoner Eisenbahnwesen zeigt im
-Vergleich zu dem aller anderen Städte der Erde die großartigste
-Entwicklung. Täglich laufen in den Bahnstationen der Stadt -- und
-dabei ist die Untergrundbahn außer Ansatz gelassen -- ca. 4400 Züge
-ein und aus. Auf einzelnen Stationen ist das Getriebe wieder ganz
-besonders stark. So verkehren täglich von 5 Uhr morgens bis 12 Uhr
-nachts in Victoria 622, in Liverpool Street 642 und in Broad Street
-790 Züge[134]. -- Der größere Teil des Eisenbahnnetzes liegt im Norden
-der Themse; dagegen befinden sich südlich derselben die merkwürdigsten
-Verknotungen und Verschlingungen des Netzes. Einzig in seiner Art ist
-z. B. das Schienengewirre der +Clapham-Junction+ (Fig. 86).
-
-In bautechnischer Beziehung sind namentlich die gigantischen
-+Personenhallen+ zu erwähnen. Die größte derselben ist die der
-Kings-Croß-Station. Sie hat eine Länge von 258 m, zwei Spannweiten
-von zusammen 64 m und Raum für 14 Geleise. Der von ihr bedeckte
-Flächenraum beträgt 15700 qm. An zweiter Stelle steht die
-Personenhalle der Paddington-Station, und die drittgrößte ist jene der
-Pancras-Station (Fig. 87). Die bedeutendste +Güterstation+ Londons
-ist die der Great-Northern-Bahn, unweit von Kings Croß. Zahlreiche
-hydraulische Krähne, vorteilhaft disponierte Drehscheibensysteme,
-hydraulische Hebungsanstalten, all das verleiht dieser Anlage in
-Verbindung mit den grandiosen Hochbauten das Gepräge höchster
-Vollendung und Leistungsfähigkeit.
-
-[Illustration: Fig. 86. Die Geleis-Verknotungen der Londoner
-Stadtbahnen bei der Clapham Junction.]
-
-Das bedeutendste bahntechnische Werk Londons sind jedoch die
-+unterirdischen+ Bahnen[135] (Fig. 88). Sie wurden auf der Nordseite
-der Themse zur Verbindung der wichtigsten Bahnhöfe durch die Ingenieure
-+J. Fowler+ und +Maon Johnson+ erbaut und umfassen die +Metropolitan
-District Railway+ und die +Metropolitan Railway+; erstere, über 6,5
-km lang, beginnt am Mansion House in der Queen Victoria Street und
-endet bei South-Kensington; letztere, über 13 km lang, nimmt ihren
-Anfang bei South-Kensington und erreicht ihr Ende in Morgate Street,
-unweit der Ausgangsstation Mansion House. Sie steht zugleich mit den
-großen Linien des nördlichen London in Verbindung und vermittelt so den
-Verkehr nach allen Richtungen. Der unterirdische Schienenweg im ganzen
-umschließt denjenigen Teil Londons, der die reizenden Parks, die
-königlichen Schlösser, die wichtigsten öffentlichen und die der Kunst
-und Wissenschaft dienenden Gebäude, die schönsten und großartigsten
-Straßen, sowie den eigentlichen Industrie- und Luxus-Verkehr enthält.
--- Die größte Schwierigkeit bei Erstellung dieser Schienenwege bildeten
-einerseits der sehr wasserhaltige Grund, andererseits die zahlreichen
-Wasser-, Gas-, Telegraphen-Leitungen u. s. w. Die Kosten des ganzen
-Unternehmens beliefen sich auf 22½ Mill. Mark.
-
-[Illustration: Fig. 87. Front der Pancras-Station in London.]
-
-Der Verkehr auf diesen Bahnen ist ein ganz außerordentlicher. Von
-der Mansion-House-Station gehen z. B. täglich ungefähr 190 Züge ab,
-ebensoviele im Durchschnitt von der Morgate-Station. Da nun die gleiche
-Zahl von Zügen in den genannten Stationen eintrifft, so verkehren hier
-durchschnittlich beinahe 400 Züge im Tage, und zeitweilig erhöht sich
-die Zahl derselben sogar auf 500 und 600. Trotz dieses gewaltigen
-Verkehrs -- es benützen diese Bahnen jährlich etwa 50 Mill. Menschen --
-sind Unfälle äußerst selten[136].
-
-[Illustration: Fig. 88.]
-
-Die Benützung der Bahn ist übrigens auch mit einer großen Menge von
-Unannehmlichkeiten verbunden. So steigt man schon durch ziemlich
-enge und düstere Treppen zu den Stationen hinab; diese sind zwar
-meistens noch durch Tageslicht erhellt, aber durch ihre dicke, feuchte
-Atmosphäre machen sie auf den Reisenden den Eindruck des Kellerartigen.
-Das hierdurch hervorgerufene Unbehagen wird noch gesteigert, sobald
-die Fahrt beginnt. Der Zug tritt nämlich beim Verlassen der Station
-sofort in einen Tunnel und bewegt sich naturgemäß in demselben mit
-größerem Geräusch als ein Zug auf freier Strecke an der Oberfläche der
-Erde. Das Geräusch wird vollends zum widerwärtigen Lärm, sobald der
-Zug, was häufig vorkommt, scharfe Kurven befährt. Auf solchen Strecken
-befindet sich an der Innenschiene durch die ganze Ausdehnung der
-Kurven eine sogen. Streichschiene zur sichern Führung der Fahrzeuge.
-An diese Streichschiene streifen aber die Räder der Fahrzeuge infolge
-der Centrifugalkraft dicht an und erzeugen so ein fast unerträgliches
-Quietschen. Dazu kommt infolge der beständigen Fahrt im Tunnel eine
-immer mehr und mehr gesteigerte Hitze in den Coupés und ein durch
-die Fenster eindringender, von der Kohlenfeuerung der Maschinen
-herrührender unangenehmer Schwefelgeruch.
-
-[Illustration: Fig. 89. Der Bahnhof von Baker Street.]
-
-2. +New-Yorker Stadtbahnen[137].+ Sie sind sogen. Hochbahnen (~elevated
-railways~), welche, auf Eisenkonstruktionen ruhend, die Stadt der
-ganzen Länge nach in je zwei parallel laufenden Linien durchziehen. Die
-einzelnen Stationen sind durchschnittlich 2 km voneinander entfernt und
-werden von der Straße aus mittels bequemer eiserner Treppen erreicht.
-
-[Illustration: Fig. 90. Die Pfeiler-Eisenbahn in New-York.]
-
-Der Fahrpreis beträgt, gleichviel, ob man bis zu einer der nächsten
-Stationen oder bis zum weitest entfernten Punkte der Bahn fährt, 10
-Cents = 40 Pfennig; daher ist auch jede Kontrolle unnötig und der ganze
-teure Apparat von Schaffnern, Kontrolleuren etc. überflüssig. Durch
-einen engen Eingang, an welchem ein Beamter sitzt, gelangt man auf den
-Perron, nachdem man beim passieren der engen Pforte das Billet in einen
-Glaskasten geworfen hat, und erwartet hier den Zug. Sobald derselbe
-angekommen, öffnet der Kondukteur das Eisengitter der Plattform der
-Wagen und läßt die Passagiere aus- und einsteigen. Das alles geht fast
-lautlos und in wenigen Augenblicken vor sich, und in kaum mehr als
-einer halben Minute braust ohne Glockensignal oder ohrenzerreißenden
-Pfiff der Zug weiter. Freilich muß man den Plan der Stadt einigermaßen
-im Kopfe haben und wissen, wo ein- und aussteigen, denn der Kondukteur
-pflegt den Namen oder die Nummer der nächsten Straße, an welcher
-gehalten wird, mehr oder weniger unverständlich in den Wagen zu rufen.
-
-Die Eisengerüste dieser Hochbahnen verunstalten die Straßen allerdings
-in hohem Grade und machen sie oft recht düster, zumal man kein Bedenken
-trug, die Bahnen selbst durch ganz enge Gebiete zu führen. Auch ist
-für die anstoßenden Häuser das Getöse und die Erschütterung durch
-die ununterbrochen vorübersausenden Züge durchaus nicht zuträglich;
-ja die nach vorn gelegenen Räume sind vielfach kaum bewohnbar und
-nur zu Magazinen und Lagerräumen zu gebrauchen. Auch in den höheren
-Stockwerken macht sich der Rauch und das Tag und Nacht andauernde
-Geräusch in höchst unangenehmer Weise fühlbar.
-
-Dessenungeachtet hat sich das Verkehrsmittel der städtischen Hochbahnen
-als so zweckmäßig, ja unentbehrlich erwiesen, daß man heutzutage nicht
-begreift, wie ohne dieselben der riesige Verkehr dieser Weltstadt
-bewältigt werden konnte; denn sie haben auch der Entwicklung der
-übrigen Verkehrsmittel, besonders der Pferdebahnen, keinen Eintrag
-gethan.
-
-Täglich verkehren 500 Züge in Zeitabständen von 1½-8 Minuten, je
-nach der Tageszeit, und 240 Lokomotiven schleppen diese Züge, welche
-zusammen täglich einen Weg gleich dem Äquatorialumfange der Erde
-zurücklegen.
-
-Die Gesamtlänge der Bahnen beträgt ca. 40 km.
-
-3. +Berliner Stadtbahn+[138] (Fig. 91). Seit dem Jahre 1882 erfreut
-sich auch Berlin einer Stadtbahn. Dieselbe ist als viergeleisige
-+Hochbahn+ ausgeführt und durchschneidet die Stadt in der Richtung von
-Ost nach West. Die Höhenlage der Bahn beträgt durchschnittlich 6 m
-über dem Terrain und wurde, abgesehen von zwei kurzen Dammschüttungen,
-durch einen fortlaufenden Viaduktbau von 11,25 km erzielt. Letzterer,
-fast 16 m breit, besteht der Hauptsache nach aus massiven Bogen von
-Ziegelmauerwerk, zu einem bedeutenden Teil aber auch aus eisernen, nach
-den verschiedensten Systemen konstruierten Überbrückungen der Straßen
-und Wasserläufe (Fig. 92). Die Zahl dieser Bauten beträgt nicht weniger
-als 64.
-
-Daß ein derartiges Bauwerk, das durch die belebtesten Teile der Stadt
-sich hinzieht, großartige Umwälzungen und Neugestaltungen nach sich
-ziehen mußte, ist selbstverständlich. Da galt es, Straßenviertel zu
-durchbrechen, viele Wohnhäuser, Fabriken und sonstige gewerbliche
-Anlagen abzureißen, Gräben zuzuschütten, Straßen zu verlegen und neue
-zu bauen.
-
-Die Bauten der Stadtbahn selbst sind überall den Anforderungen
-des Geschmacks und der Schönheit gemäß in charakteristischer, oft
-origineller Weise durchgeführt.
-
-[Illustration: Fig. 91.
-
-~Übersicht
-
-der
-
-=Berliner Stadt- und Ringbahn=.~]
-
-[Illustration: Fig. 92. Übergang am Bahnhof „Friedrichstraße“ in
-Berlin.]
-
-Was den Betrieb der Bahn betrifft, so sind zwei Geleise ausschließlich
-für den Lokalverkehr, die beiden anderen für den Durchgangsverkehr der
-in dieselben mündenden Bahnen bestimmt; im Lokalverkehr folgen die
-Züge in Zeitabständen von je fünf Minuten in beiden Richtungen und
-verweilen nur je eine Minute auf den Stationen. Glockensignale zum
-Ein- und Aussteigen werden nicht gegeben, ebensowenig Signale mit der
-Dampfpfeife zum Halten und Abfahren der Züge; auch haben die Fahrgäste
-selbst die Wagenthüren beim Verlassen des Zuges zu öffnen. Die
-Billetkontrolle findet beim Betreten und Verlassen der Perrons statt.
-
-Der Nutzen der Stadtbahn ist ein mannigfacher. Vor allem ermöglicht
-sie, da sie die von Osten und Westen in Berlin mündenden Bahnen
-verbindet, einen direkten Verkehr nach diesen Richtungen. Sie ist
-ferner ein Hauptverkehrsmittel +in+ der Stadt und nach den Vororten.
-Ganz besonders hoch aber ist der Gewinn anzuschlagen, welcher der Stadt
-durch die Bahn in sanitärer Beziehung erwächst. Denn dadurch, daß
-es nunmehr den Einwohnern der Stadt mittels des neuen Schienenweges
-möglich gemacht ist, auch entlegenere Quartiere zu beziehen, wird die
-Bevölkerungsdichtigkeit der übermäßig stark bewohnten Gebiete sich
-verringern, der hygienische Zustand derselben aber sich wesentlich
-bessern.
-
-Über den auf dieser Bahn herrschenden Verkehr geben folgende Zahlen
-Aufschluß. Regelmäßig werden per Tag 280 Züge abgelassen, die nur
-dem Stadtverkehr dienen; hierzu kommen noch 74 Vorortszüge und 90
-Externzüge, so daß schon im regelmäßigen Betriebe täglich 444 Züge
-expediert werden müssen. Im Sommer kommen hierzu, je nach Bedarf,
-an den Wochentagen 12-30 Extrazüge, an den Sonntagen deren bis zu
-72; bei außergewöhnlichem Verkehr steigert sich die Zahl der Züge
-noch wesentlich und beträgt bis zu 562 an einem Tage. Die Zahl
-der beförderten Passagiere der Stadtbahn belief sich im ersten
-Geschäftsjahre (1880) auf 8396460 und ist im Jahre 1884-1885 auf
-14256490 gestiegen. Sicher wird diese Zahl sich noch bedeutend steigern.
-
-Die Stadtbahn +Rotterdams+ ist ebenfalls Hochbahn.
-
-
-=2. Die elektrischen Eisenbahnen[139].=
-
-Der +erste+ ernstliche Versuch einer Anwendung der Elektricität auf
-die Lastenbeförderung wurde 1879 in Berlin gelegentlich der dortigen
-Gewerbeausstellung gemacht. Seitdem sind mehrere elektrische Bahnen
-ins Leben getreten, so die Lichtenfelder Bahn in Berlin (2,5 km
-lang), die Bahn zwischen Charlottenburg und dem sogen. Spandauer
-Bock bei Berlin (2,5 km lang), die 800 m lange Bahn im königlich
-sächsischen Bergwerk Zaukerode, die 10 km lange Bahn bei Portrush
-in Irland, die Bahn Landvoort-Kostverloren in Holland (2 km lang)
-und die Linie Frankfurt-Offenbach. Viele andere derartige Bahnen
-sind bereits in Angriff genommen oder wenigstens projektiert, so
-eine Linie zwischen St. Moritz und Pontresina (Engadin), ferner eine
-Untergrundbahn zwischen Charing-Croß und Waterloostation in London
-und ein vollständiges elektrisches Hochbahnnetz für die Stadt Wien.
-Die Gesamtlänge der in Europa und Amerika bis jetzt fertiggestellten
-elektrischen Bahnen wird auf mehr als 160 km berechnet.
-
-Das Hauptverdienst um die Verwendung der Elektricität im Dienste des
-Eisenbahnwesens erwarb sich +Werner Siemens+ in Berlin; er ist der
-Vater der elektrischen Eisenbahn.
-
-Die Kraft wird bei diesen Bahnen durch eine stehende Dampfmaschine
-erzeugt und mit Hilfe von Drähten entweder durch die Schienen oder
-durch eine besondere neben dem Geleise hinlaufende Leitung auf die
-Betriebsmaschine übertragen. Letztere befindet sich entweder auf einer
-besondern Lokomotive oder sie ist unter einem Wagen angebracht.
-
-[Illustration: Fig. 93. Elektrische Eisenbahn bei Charlottenburg.]
-
-Die +Vorteile+ der elektrischen Bahn im Vergleiche mit der
-Dampfbeförderung sind namentlich folgende:
-
-Ein Hauptvorzug ist die gänzliche +Abwesenheit von Feuer, Rauch und
-Dampf+, ohne welche der Dampfbetrieb undenkbar ist. Diese Übelstände
-machen sich, wie begreiflich, besonders bei den städtischen Bahnanlagen
-sehr fühlbar. In London werden über die mit Verbrennungsgasen erfüllte
-Luft in den Tunnels der unterirdischen Bahnen lebhafte Klagen geführt;
-in New-York, wo die oberirdischen oder Hochbahnen beliebt wurden, haben
-zwar die Reisenden nicht darunter zu leiden, wohl aber die Anwohner.
-Sehr beachtenswert ist ferner die +Ruhe und Geräuschlosigkeit+,
-womit sich die ganze Bewegung der elektrischen Bahn vollzieht. Die
-Elektromotoren schweben in fast geheimnisvoller Weise über die
-Schienen dahin, wie ein Schraubendampfer, wenn sein Schlot keinen
-Rauch ausstößt. -- Eine weitere Überlegenheit der elektrischen Bahn
-über den Dampfbetrieb ist die sehr erhebliche +Verminderung des toten
-Gewichts der Züge+. Weshalb sind z. B. die Eisenbahnbrücken so fest
-gebaut, Schienen und Schwellen so schwer? Hätten diese Teile einer
-Eisenbahn nur das verhältnismäßig unbedeutende Gewicht der Wagen
-zu tragen, so wäre ein solch cyklopischer Ober- und Unterbau nicht
-mehr erforderlich. Die Bahnen werden aber jetzt nicht mit Rücksicht
-auf die nutzenbringenden Züge selbst, sondern mit Bezug auf die bis
-tausend Centner schweren unproduktiven Lokomotiven angelegt. Das
-tote Gewicht der elektrischen Züge besteht hingegen, abgesehen von
-den Wagen selbst, nur aus der sehr leichten Dynamomaschine, die oft
-zwischen den Wagenachsen angebracht ist. Hieraus ergiebt sich, daß
-die elektrische Beförderung gestatten würde, die Widerstandsfähigkeit
-der Brückenträger, Gewölbe, Schienen und Schwellen mindestens um ein
-Drittel zu vermindern, da der schwerste Wagen nur 400 Centner wiegt.
-Diese Verminderung bedeutet aber, auf das Bahnnetz der ganzen Welt
-angewendet, eine Ersparung von Milliarden von Mark. Allerdings wird
-noch geraume Zeit verstreichen, bis die elektrische Beförderung auf
-Vollbahnen Anwendung finden kann, und die in dem allzufesten Ober-
-und Unterbau steckenden Unsummen sind auf Nimmerwiedersehen verloren;
-aber übersehen darf man nicht, daß das Weltbahnnetz noch lange nicht
-ausgebaut ist, und daß die Frage der Neben- oder Lokalbahnen jetzt mehr
-denn je auf der Tagesordnung steht. -- Ein vierter Hauptvorzug der
-elektrischen Bahn ist die +Möglichkeit+ -- und diese ist namentlich in
-Gebirgsgegenden gegeben --, +zur Erzeugung des elektrischen Stromes
-die Dampfmaschine ganz entbehren zu können und zu diesem Zwecke die
-Strömung selbst von abseits der Bahn fließenden Flüssen zu benützen+.
-In Flachländern aber, wo Wasserkraft kostspieliger ist, weil sie
-erst durch Wehranlagen und Flußsperren gewonnen werden muß, bietet
-die Elektricität immerhin den Vorzug, daß man zur Hervorbringung
-derselben +stehende+ Dampfmaschinen gebrauchen kann; stehende
-Dampfmaschinen arbeiten aber ökonomischer als Lokomotiven. -- Der
-elektrische Bahnbetrieb benötigt auch +weniger Dienstpersonal+ als
-der Dampfbetrieb. Der Betrieb einer Dampfeisenbahn erfordert ja für
-jede Lokomotive mindestens einen Heizer und einen Führer; eine große
-tausendpferdige Dampfmaschine aber, welche die zur Fortbewegung
-aller Züge auf einer längern Bahnstrecke nötige Elektricität liefern
-könnte, bedarf ebenfalls nur eines Maschinisten und etwa zweier
-Heizer. Die Kostenersparnis hieraus springt sofort in die Augen. Und
-was die Führung selbst betrifft, so bedarf es nicht eines geschulten
-Technikers, es genügt der erste beste Bremser, da es ja bloß gilt,
-eine Kurbel rechtzeitig zu drehen. -- Endlich löst die elektrische
-Bahn das so schwer wiegende +Problem des Lokal-Bahnverkehrs und
-damit zusammenhängend der Decentralisierung der Großstädte in
-ausgezeichneter Weise+. Auf die elektrischen Zugkosten hat es nämlich
-kaum einen Einfluß, ob in stündlichen Abständen oder in Abständen von
-10 Minuten je ein Wagen abgelassen wird. Viel ungünstiger liegen diese
-Verhältnisse bei der Dampfeisenbahn. Soll nämlich die Ablassung eines
-Zuges einigermaßen lohnen, soll das Personengeld die Zugkosten decken,
-so ist eine größere Anzahl Reisender erforderlich, so müssen mindestens
-4-5 Wagen annähernd gefüllt werden. Dazu bedarf es aber Zeit und somit
-ein längeres Intervall zwischen den Zügen.
-
-Nach +Werner Siemens+ wird übrigens die Elektricität auf den +großen+
-Verkehrsadern der Lokomotive keine Konkurrenz machen. Derselbe
-beansprucht für die Elektricität die Stadt- und Gebirgsbahnen, den
-Tunnel- und Bergbaubetrieb sowie die Lokalbahnen. Auf diesen Gebieten
-wird wohl bald die Dampfbahn von der elektrischen verdrängt werden und
-so sich das berühmte Wort Viktor Hugos erfüllen: ~Ceci tuera cela!~
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Statistik des Eisenbahnwesens.
-
-
-I. Das Eisenbahnnetz der fünf Erdteile am Schlusse des Jahres 1884[140].
-
- =1. Europa.=
-
- -----------------------------+-------
- Länder. | km.
- -----------------------------+-------
- Deutschland | 36720
- Frankreich | 31216
- Großbritannien-Irland | 30370
- Rußland, einschl. Finnland | 25767
- Österreich-Ungarn | 21850
- Italien | 10138
- Spanien | 8281
- Schweden | 6600
- Belgien | 4319
- Schweiz | 2797
- Niederlande mit Luxemburg | 2654
- Türkei, europ., Bulgarien, |
- Rumelien, Bosnien | 1765
- Dänemark | 1900
- Norwegen | 1562
- Portugal | 1527
- Rumänien | 1602
- Serbien | 244
- Griechenland | 175
-
- +Europäische Staaten+ zusammen 189487 km.
-
-An erster Stelle steht hiernach unter den europäischen Staaten
-bezüglich der +Länge des Eisenbahnnetzes+ Deutschland mit 36720 km, an
-letzter Griechenland mit 175 km.
-
- =2. Amerika.=
-
- -----------------------------+-------
- Länder. | km.
- -----------------------------+-------
- Vereinigte Staaten | 201735
- Britisch-Nordamerika | 15000
- Mejico | 5200
- Central-Amerika, Antillen, |
- Columbien u. Venezuela | 2210
- Brasilien | 6115
- Argentinien | 4100
- Paraguay | 72
- Uruguay | 470
- Chile | 1850
- Peru | 2600
- Bolivia | 56
- Ecuador | 60
-
- +Amerika+ zusammen 239468 km.
-
-Weitaus das größte Eisenbahnnetz in Amerika haben somit die Vereinigten
-Staaten; dasselbe ist sogar größer als das von Europa. Ihnen folgen
-Britisch-Nordamerika, Brasilien, Mejico und Argentinien.
-
- =3. Asien.=
-
- -----------------------------+-------
- Länder. | km.
- -----------------------------+-------
- Britisch-Indien | 18100
- Niederländisch-Indien | 1150
- Japan | 426
- Kleinasien | 372
- Ceylon | 260
- Das transkaspische Gebiet |
- (russisch) | 231
-
- +Asien+ zusammen 20539 km.
-
- =4. Afrika.=
-
- -----------------------------+-------
- Länder. | km.
- -----------------------------+-------
- Kap-Kolonie | 2487
- Algier | 1900
- Ägypten | 1500
- Tunis | 246
- Natal | 158
- Mauritius und sonstige |
- Länder | 270
-
- +Afrika+ zusammen 6561 km.
-
- =5. Australien.=
-
- -----------------------------+-------
- Länder. | km.
- -----------------------------+-------
- Victoria | 2676
- Neu-Süd-Wales | 2666
- Neu-Seeland | 2527
- Queensland | 1942
- Süd-Australien | 1704
- Tasmanien | 348
- West-Australien | 190
-
- +Australien+ zusammen 12053 km.
-
-Die Zusammenstellung der Angaben für die einzelnen Weltteile ergiebt
-folgende Totalziffern für das
-
- Eisenbahnnetz der Erde (1884).
-
- 1. Amerika 239468 km
- 2. Europa 189487 „
- 3. Asien 20539 „
- 4. Australien 12053 „
- 5. Afrika 6561 „
- ----------
- Total 468108 km.
-
-
-II. Relative Entwicklung des Eisenbahnnetzes in Europa
-
- (Ende des Jahres 1884[141]).
-
- -------------------------------------+------------------------
- | Es entfallen Kilometer
- Länder. | Eisenbahnen auf
- | 100 qkm. | 10000 Einw.
- -------------------------------------+-----------+------------
- Belgien | 14,7 | 7,8
- Großbritannien und Irland | 9,6 | 8,6
- Niederlande einschließlich Luxemburg | 7,5 | 6,3
- Schweiz | 6,8 | 9,8
- Deutschland | 6,8 | 8,1
- Frankreich | 5,9 | 8,3
- Dänemark | 4,9 | 9,6
- Österreich-Ungarn | 3,5 | 5,9
- Italien | 3,4 | 3,5
- Portugal | 1,7 | 3,7
- Spanien | 1,6 | 5
- Schweden | 1,5 | 14,5
- Rumänien. | 1,3 | 3
- Norwegen | 0,5 | 8,2
- Rußland einschließlich Finnland | 0,5 | 3,1
-
-
-Hiernach nimmt bezüglich der +Dichtigkeit+ des Eisenbahnnetzes den
-ersten Platz +Belgien+ ein (mit 14,7 km auf 100 qkm); Deutschland steht
-hier erst in vierter Linie, und Rußland, das hinsichtlich der +Länge+
-der Eisenbahnen nur von drei anderen Staaten übertroffen wird, rückt
-bezüglich der +Dichtigkeit+ unter den oben angeführten Staaten (mit
-Norwegen) sogar auf die letzte Stelle.
-
-Mit Rücksicht auf das Verhältnis der +Linienlänge+ zur
-+Bevölkerungszahl+ behauptet den ersten Rang +Schweden+ (mit 14,5 km
-auf 10000 Einwohner).
-
-In den +Vereinigten Staaten von Amerika+ entfielen 1884 2,2 km auf 100
-qkm Flächeninhalt und 38,8 km auf 10000 Einwohner.
-
-
-III. Entwicklung des Eisenbahnnetzes der Erde[142].
-
-Hierüber geben folgende Tabellen Aufschluß:
-
- =1. Gesamtlänge am Ende der Jahre:=
-
- 1830 332 km
- 1840 8591 „
- 1850 38022 „
- 1860 106886 „
- 1870 221980 „
- 1871 235375 „
- 1872 251032 „
- 1873 270071 „
- 1874 283090 „
- 1875 294400 „
- 1876 309641 „
- 1877 322517 „
- 1878 334666 „
- 1879 351002 „
- 1880 367235 „
- 1881 393232 „
- 1882 421566 „
- 1883 443441 „
- 1884 468108 „
-
- =2. Jährlicher Zuwachs.=
-
- 1830-40 im Durchschnitt 826 km
- 1840-50 „ „ 2943 „
- 1850-60 „ „ 6886 „
- 1860-70 „ „ 11509 „
- 1871 13395 „
- 1872 15657 „
- 1873 19039 „
- 1874 13019 „
- 1875 11310 „
- 1876 15241 „
- 1877 12876 „
- 1878 12149 „
- 1879 16336 „
- 1880 16233 „
- 1881 25997 „
- 1882 28334 „
- 1883 21875 „
- 1884 24667 „
-
-Die letztere Tabelle ist von besonderem Interesse, da aus ihr die
-Pulsschläge der Weltwirtschaft deutlich zu erkennen sind.
-
-
-IV. Betriebsmittel und Betriebsleistung.
-
-In +Europa+ standen 1882 auf den Eisenbahnen in Verwendung:
-
- 52000 Lokomotiven,
- 120000 Personenwagen und
- 1250000 Lastwagen.
-
-Die +Transportleistungen+ in +Europa+ stellen sich für das Jahr 1882
-wie folgt: es wurden 1371 Mill. Personen und circa 715 Mill. metrische
-Tonnen Güter befördert.
-
-Betriebsmittel und Betriebsleistungen der europäischen Staaten.
-
- A: Anzahl der Lokomotiven[143].
- B: „ der Personenwagen.
- C: „ der Lastwagen.
- D: Anzahl der beförderten Passagiere in Tausenden.
- E: Tonnen transportierter Frachten „ „
-
- ------------------+-------+-------+-------+--------+--------+-------
- Länder. | Jahr. | A | B | C | D | E
- ------------------+-------+-------+-------+--------+--------+-------
- Deutschland | 1882 | 11250 | 20843 | 235798 | 224267 | 180190
- Großbritannien u. | | | | | |
- Irland | 1882 | 14128 | 43010 | 419050 | 654838 | 264480
- Frankreich | 1881 | 7635 | 17378 | 198528 | 179730 | 84647
- Rußland | 1881 | 5690 | 7230 | 110026 | 33295 | 12442
- Österreich-Ungarn | 1882 | 3613 | 7444 | 85032 | 47032 | 63144
- Italien | 1882 | 1626 | 4943 | 28693 | 34372 | 10370
- Spanien | 1880 | 1245 | 3669 | 21949 | 14813 | 8088
- Schweden | 1881 | 598 | 1389 | 15385 | 6882 | 5893
- Belgien | 1881 | 1977 | 3772 | 50127 | 57240 | 34077
- Schweiz | 1882 | 595 | 1702 | 8720 | 22658 | 6366
- Niederlande | 1881 | 485 | 1346 | 6749 | 15205 | 5804
- Dänemark | 1881 | 333 | 687 | 2537 | 6696 | 1114
- Norwegen | 1881 | 94 | 370 | 2229 | 1800 | 676
- Finnland | 1881 | 98 | 247 | 2176 | 1715 | 620
-
-Die Zahl +aller+ Lokomotiven der Erde betrug 1882 circa 83000, jene der
-Personenwagen circa 144000 und die der Lastwagen 2100000.
-
-An +Personen+ wurden auf der ganzen Erde im Jahre 1882 befördert
-2300-2400 Mill. und an Frachten 1150-1200 Mill. Tonnen.
-
-Im Durchschnitt verkehren jetzt täglich nahezu 7 Mill. Personen auf
-allen Schienenstraßen der Erde und werden täglich 3,3 Mill. Tonnen
-Güter an ihren Bestimmungsort gebracht.
-
-Die Zahl der +Kilometer+, welche von den sämtlichen Lokomotiven der
-Erde jährlich durchlaufen werden, dürfte auf circa 10500 Mill. zu
-schätzen sein, so daß diese Maschinen im Jahre einen 70mal größern Weg
-zurücklegen, als die Entfernung der Erde von der Sonne beträgt.
-
-
-V. Personen- und Güterverkehr im Verhältnis zur Bevölkerung.
-
- Es treffen auf einen Einwohner:
-
- ---------------------------+-------------+-------
- | Passagiere. | Tonnen
- Länder. | | Güter.
- ---------------------------+-------------+-------
- in Großbritannien u. Irld. | 22 | 7
- „ Frankreich | 5 | 2½
- „ Deutschland | 5 | 3
- „ Rußland | ½ | ½
- „ Österreich | 1¼ | 1½
- „ Italien | 1¼ | ⅓
- „ Spanien | 1½ | ½
- „ Belgien | 10 | 7
- „ der Schweiz | 8 | 2
- „ d. Vereinigten Staaten | 5 | 6
- „ Canada | 3 | 2½
- „ Australien | 1½ | 1½
-
-
-VI. Eisenbahnkapital und Nationalvermögen.
-
- ----------------------+----------+----------+-------------+------------
- |Eisenbahn-| Zinsen- | National- | Anteil des
- |kapital in| Ertrag | vermögen in | Eisenbahn-
- Länder. | Millionen| in | Millionen | kapitals in
- | Pfd. St.|Prozenten.| Pfd. St. | Prozenten.
- ----------------------+----------+----------+-------------+------------
- Großbritannien und | | | |
- Irland | 770 | 4,20 | 8720 | 8,8
- Frankreich | 494 | 4,12 | 8060 | 6,1
- Deutschland | 467 | 4,21 | 6320 | 7,1
- Rußland | 309 | 2,20 | 4050 | 7,7
- Österreich | 265 | 3,76 | 3920 | 6,5
- Italien | 108 | 2,48 | 2230 | 4,8
- Spanien | 79 | 3,78 | 1570 | 5,1
- Portugal | 12 | 2,55 | 360 | 3,3
- Belgien | 61 | 3,66 | 1180 | 5,3
- Holland | 27 | 3,46 | 1120 | 2,4
- Dänemark | 10 | 2,10 | 354 | 2,8
- Schweden und Norwegen | 32 | 2,42 | 738 | 4,3
- Schweiz | 33 | 3,03 | 310 | 10,7
- Türkei | 24 | 2,17 | 720 | 3,3
- ----------------------+----------+----------+-------------+------------
- +Europa+ | 2691 | 3,80 | 39652 | 6,7
- ----------------------+----------+----------+-------------+------------
- Vereinigte Staaten | 1190 | 4,81 | 10370 | 11,4
- Canada | 72 | 1,86 | 650 | 11,1
- Australien | 56 | 3,60 | 598 | 9,3
- Indien | -- | 4,55 | -- | --
- ----------------------+----------+----------+-------------+------------
- Total | 4009 | -- | 51270 | 7,8
-
-Nach +Neumann-Spallart+ beläuft sich der +gesamte Betrag der bis
-1882 im Eisenbahnnetze der ganzen Erde angelegten Kapitalien auf die
-kolossale Summe von rund 91500 Millionen Mark+[144], und zwar entfallen
-davon auf
-
- Europa 52370,014 Mill. M.
- Amerika 33510,866 „ „
- Asien 3244,224 „ „
- Australien 1245,815 „ „
- Afrika 951,512 „ „
- ----------------------
- Total 91322,431 Mill. M.
-
-„Nichts,“ ruft +Neumann-Spallart+ mit Recht aus, „vermag das Zeitalter
-des Dampfes prägnanter zu bezeichnen, als diese drei Zahlen: 91½
-Milliarden Mark Eisenbahnkapital, jährlich 2400 Millionen Reisende und
-1200 Millionen Frachten-Tonnen!“
-
-
-VII. Fahrpreise.
-
-Diese sind in den einzelnen Ländern sehr verschieden. In Europa sind
-sie am niedrigsten in Belgien, am höchsten in der Türkei. Nachstehende
-Tabelle giebt eine diesbezügliche Übersicht betreffs der europäischen
-Länder (Preise in Pfennigen pro Kilometer bei den gewöhnlichen
-Personenzügen und für die einfache Fahrt).
-
- ------------------+------------+-------------+--------------+--------
- Länder. | I. Klasse. | II. Klasse. | III. Klasse. | Total.
- ------------------+------------+-------------+--------------+--------
- Norwegen | 7½ | 5½ | 3-3/10 | 16-3/10
- Belgien | 6 | 4½ | 3 | 13½
- Süddeutschland | 8 | 5½ | 3⅖ | 16-7/10
- Dänemark | 7⅘ | 5⅗ | 3⅖ | 16-8/10
- Schweden | 8 | 5⅔ | 3⅗ | 17-3/10
- Norddeutschland | 8 | 6 | 4 | 18
- Schweiz | 8½ | 6 | 4⅓ | 18⅚
- Portugal | 8½ | 6⅔ | 4⅔ | 19⅚
- Niederlande | 8½ | 6⅘ | 4¼ | 20
- Rußland | 9½ | 7 | 4 | 20½
- Österreich-Ungarn | 9½ | 7 | 4¾ | 21¼
- Frankreich | 10 | 7½ | 5⅖ | 22-9/10
- Spanien | 10½ | 8 | 5 | 23½
- Großbritannien | 11½ | 8⅓ | 5 | 24⅚
- Türkei | 15½ | 11⅖ | 7½ | 34-4/10
-
-Der Zuschlag für Expreß-, Kurier- und Schnellzüge differiert zwischen
-10 und 30% der vorstehenden Sätze.
-
-
-VIII. Passagierverkehr mit Rücksicht auf die Fahrklasse.
-
- --------------------------+----------------------------------------
- | Prozente der Passagiere.
- Länder. | I. Klasse. | II. Klasse. | III. Klasse.
- --------------------------+------------+-------------+-------------
- Großbritannien und Irland | 6 | 10 | 84
- Frankreich | 8 | 32 | 60
- Deutschland | 1 | 13 | 86
- Indien | 1 | 2 | 97
-
-
-IX. Die höchsten Bahnen der Erde.
-
- Höchster Punkt
- Lima-Oroya-Bahn 4769 m
- Arequipa-Puno-Bahn 4580 „
- Veracruz-Mejico-Bahn 2533 „
- Union-Pacific-Bahn 2512 „
- Brenner-Bahn 1367 „
- Mont-Cenis-Bahn 1335 „
- St.-Gotthard-Bahn 1154 „
- Semmering-Bahn 898 „
-
-
-X. Die längsten Tunnels[145].
-
- ~m.~
- St.-Gotthard-Tunnel 14990
- Mont-Cenis-Tunnel 12220
- Arlberg-Tunnel 10270
- Haupttunnel der Giovi-Bahn in Italien (noch im Bau) 8260
- Hoosac-Tunnel in Massachusetts (Vereinigte Staaten von Amerika) 7640
- Tunnel unter dem Severn-Flusse in England 7250
- Tunnel von Marianopoli (Catania-Palermo) in Italien (noch im Bau) 6480
- Sutro-Tunnel in Nevada (Vereinigte Staaten von Amerika, nur
- für kleine Bergwerks-Fahrzeuge) 6000
- Tunnel bei Slandridge (London-Birmingham) 4970
- Nerthe-Tunnel (Marseille-Avignon) 4620
- Tunnel unter dem St.-Lorenzo-Strom bei Montreal, Canada
- (noch im Bau) 4570
- Tunnel bei Belbo (Bra-Savona) in Italien 4240
- Kaiser-Wilhelm-Tunnel bei Kochem (Moselbahn, der längste in
- Deutschland) 4220
- Blaisy-Tunnel (Paris-Lyon) 4100
- Tunnel von Monte Bove (Rom-Solmona in Italien, noch im Bau) 3870
- Summit-Tunnel, Anden-Bahn Lima-Oroya, Südamerika 3850
- Tunnel unter dem Hudson-Flusse, Vereinigte Staaten von Amerika 3620
- Tunnel bei Strood (London-Dover) 3530
- Tunnel von Cocullo (Rom-Solmona, noch im Bau) 3500
- Rilly-Tunnel (Paris-Reims) 3450
- Tunnel von Bramhope, North-Eastern-Bahn in England 3440
- Tunnel bei Leeds (London-Birmingham) 3390
- Tunnel von Arriano (Foggia-Neapel) 3200
- Tunnel unter dem Mersey-Flusse bei Liverpool 3200
- Krähberg-Tunnel im Odenwald 3100
- Tunnel bei Ruta (Spezia-Nizza) 3050
- Brandleite-Tunnel in Thüringen 3030
- Chinon-Tunnel (Sables d’Olonne-Tours) in Frankreich 3020
- Tunnel von La Croix in der Schweiz 3000
-
-
-XI. Geschwindigkeit der Züge[146].
-
-Die schnellsten Züge auf längeren Strecken (von mehr als 500 km)
-verkehren auf den Routen London-Edinburg mit 0,91 Minute per Kilometer
-und Berlin-Köln mit 1,01 Minute per Kilometer. Die raschesten Züge
-auf Strecken von mittlerer Länge (300-500 km) laufen zwischen
-Berlin-Jüterbogk-Dresden mit 0,98, London-Salisbury-Plymouth mit
-1 und Paris-Boulogne-Calais mit 1,01 Minute per Kilometer. Die am
-geschwindesten durchlaufenen kleineren Strecken (200-300 km) sind
-London-Sittingburne-Dover mit 0,837 und Stendal-Lehrte mit 0,838 Minute
-per Kilometer. Bei allen diesen Angaben sind die Aufenthalte auf den
-Stationen mitgerechnet.
-
-In +Deutschland+ werden durchschnittlich von Personenzügen 35 km, von
-Kurierzügen 45-50 km, von Expreßzügen 60 km per Stunde zurückgelegt.
-
-
-XII. Wichtige Reiseverbindungen[147].
-
- A: Kürz. Beförderung. Stunden.
- --------------+---+--------------------------+-------------------------
- Von Berlin | A | Beförderungswege über | Schnellzugspreise
- | | | in Mark.
- | | +-------+--------+--------
- nach | | | I. Kl.| II. Kl.|III. Kl.
- --------------+---+--------------------------+-------+--------+--------
- Amsterdam | 12|Hannover-Rheine | 57 | 43,40 | --
- Antwerpen | 15|Wesel-Boxtel | 65,30| 49 | --
- Athen | 97|München-Brindisi | -- | -- | --
- Barcelona | 51|Paris-Bordeaux | -- | -- | --
- Basel | 20|Nordhausen-Frankfurt | 84,20| 62,40 | 45,30
- Bordeaux | 33|Paris | -- | -- | --
- Brüssel | 15|Wesel-Boxtel-Antwerpen | 75,50| 54,80 | --
- Budapest | 20|Dresden-Bodenbach- | | |
- | | Gänserndorf | 88,30| 64,30 | 45,20
- Bukarest | 41|Gänserndorf-Orsova | -- | -- | --
- Christiania | 37|Frederikshavn-Gothenburg | 99,70| 78,40 | 51,80
- Dartmouth | 33|London | -- | -- | --
- Dublin | 38|Hannover-London | -- | -- | --
- Edinburg | 37| „ „ | -- | -- | --
- Florenz | 35|Hof-Wiesau-München-Verona | 144,10| 106,60 | --
- Genf | 30|Frankfurt-Basel | 110,80| 82 | --
- Genua | 39|Frankfurt-Chiasso | 140,80| 103,40 | --
- Haag | 15|Hannover-Emmerich | 60,10| 45,50 | --
- Helgoland | 14|Nauen-Hamburg | 39 | 32,10 | 26,30
- Konstantinopel| 71|Wien-Orsowa-Varna | -- | -- | --
- Kopenhagen | 12|Neustrelitz-Warnemünde | 40,90| 30,90 | 20,30
- Lissabon | 81|Köln-Paris-Madrid | -- | -- | --
- Liverpool | 31|Hannover-London | -- | -- | --
- London | 24|Oberhausen-Goch-Vlissingen| 100,30| 72,80 | --
- Lyon | 33|Magdeburg-Aachen-Paris | -- | -- | --
- Madrid | 58|Paris | -- | -- | --
- Mailand | 33|Chiasso | 127,60| 94,30 | --
- Manchester | 31|Hannover-London | -- | -- | --
- Marseille | 42|Hannover-Köln-Paris | -- | -- | --
- Moskau | 59|Breslau-Warschau-Minsk | -- | -- | --
- Neapel | 50|Hof-Wiesau-Verona-Foggia | 203,70| 148,40 | --
- Odessa | 50|Breslau-Lemberg | 158,70| 118,90 | --
- Ostende | 20|Stendal-Köln | 84,20| 61,30| --
- Paris | 21|Stendal-Köln-Verviers }| | |
- „ | 21|Hamm-Hagen-Verviers }| 101,90| 74,70| --
- Plymouth | 33|London | -- | -- | --
- Queenstown | 49|Hannover-Köln-London- | | |
- | | Dublin | -- | -- | --
- Rom | 43|Hof-Wiesau-München-Verona | 175,90| 128,90| --
- Rotterdam | 13|Hannover-Rheine | 56,70| 42,80| --
- St. Petersburg| 36|Eydtkuhnen | -- | -- | --
- Southampton | 28|Hannover-London | -- | -- | --
- | | {|I. Kl.,|II. Kl.,|II. Kl.,
- Stockholm | 28|Stralsund-Malmö {|I. Kaj.|I. Kaj. |II. Kaj.
- | | {| 97,70| 75,10| 70,60
- Triest | 33|Breslau-Wien | -- | -- | --
- Turin | 36|Hof-Wiesau-München-Verona | 146,90| 108,60| --
- Venedig | 33| „ „ „ „ | 129 | 96 | --
- Warschau | 16|Frankfurt-Alexandrowo | -- | -- | --
- Wien | 14|Zossen-Dresden-Bodenbach | 65,50| 50,80| --
- Zürich | 24|Hanau-Stuttgart | 92,80| 69 | --
-
-
-Sonstige bedeutende Reiserouten sind:
-
- ------------------+-----------------+-----------------+---------------
- Routen. |Beförderungszeit.|Entfernung. |Preis (I. Kl.).
- ------------------+-----------------+-----------------+---------------
- | | |
- ~a.~ =in | | |
- Europa.= | | |
- | | |
- Paris-Rom | 36 Stunden | -- | --
- Paris- | | |
- Konstantinopel | 84½ „ | -- | --
- London-Brindisi | 53 „ | -- | --
- | | |
- ~b.~ =außer | | |
- Europa.= | | |
- | | |
- Alexandria-Suez | 10 „ | 225 engl. Meilen| --
- Melbourne-Sydney | 20 „ | 574 „ „ | --
- Bombay-Calcutta | 45 „ |1400 „ „ |280 Mark
- New-York-San | | |
- Francisco | 5½ Tage |5259 km |131½ Doll.
- New-York-Mejico | 7 „ |6023 „ | --
-
-Der zwischen +Paris+ und +Konstantinopel+ verkehrende Expreßzug führt
-gewöhnlich den Namen =Orient=-+Expreßzug+[148]. Er steht hinsichtlich
-der +Bequemlichkeit+ und des +Komforts+ den amerikanischen Schnellzügen
-gleich, wenn er sie nicht noch übertrifft.
-
-Der Orient-Expreß ist stets von einigen Dolmetschern begleitet,
-hat Betten der vortrefflichsten Art für 50-60 Reisende, ferner
-einen Speisesalon für 24 Gedecke, eine Küche, ein Rauchzimmer, ein
-Damenzimmer und ein Toilettenzimmer mit kalter und warmer Douche;
-überdies sind alle Räume des Zuges telegraphisch miteinander
-verbunden. Was er freilich nicht hat, ist die auf dem Hauptzuge der
-Central- und Union-Pacific-Bahn befindliche Zeitungsdruckerei, die
-den „Transkontinental“ druckt, zu welchem Zweck auf allen Stationen
-Nachrichten in Bereitschaft gehalten werden. Eines solchen Mittels
-bedarf aber der Orient-Expreß nicht; denn an jedem Haltpunkt werden den
-Reisenden Zeitungen angeboten.
-
-Der Zug besteht ein wie das andere Mal aus Lokomotive mit Tender,
-einem Kopfwagen, zwei oder drei Schlafwagen, je nach der Zahl der
-angemeldeten Reisenden, einem Restaurationswagen und einem Schlußwagen.
-Die Lokomotive ist nach dem System +Crampton+ gebaut, hat Triebräder
-von 2,30 m Durchmesser, die bei jeder Umdrehung 7,25 m zurücklegen.
-Jeder der Schlafwagen hat 20 Plätze. Die Länge eines solchen ist 20
-m, dessen Gewicht 27500 kg. Für die Nacht werden die Sitze in Betten
-mit Matratzen, Kissen, Leintüchern und Decken verwandelt. Während
-der kalten Jahreszeit wird in diesen Räumen mittels Dampfheizung
-eine angenehme, stets sich gleichbleibende Wärme unterhalten. Die
-Beleuchtung geschieht durch Gas, das jedoch demnächst elektrischer
-Beleuchtung wird weichen müssen.
-
-Im Speisesalon sind stets 24 Gedecke aufgelegt, die auf acht kleine
-Tische verteilt sind. Die Reisenden können sich daher nach Belieben
-gruppieren. Die Einrichtung einer ~Table d’hôte~ zu bestimmter Stunde
-besteht nicht; jeder kann seine Mahlzeiten zu beliebiger Zeit zu sich
-nehmen, vorausgesetzt natürlich, daß die Tische nicht besetzt sind. An
-den Salon stößt die Küche, wo zwei Kochkünstler miteinander wetteifern,
-den verschiedenartigen Geschmack der Reisenden zufriedenzustellen.
-Unsere Abbildung (Fig. 93) liefert einen Begriff von der Einrichtung
-eines solchen Prachtwagens.
-
-Um die Zollunkosten zu sparen, wird in jedem der durchreisten Länder
-nur der dort wachsende Wein verabfolgt. Die übrigen Weine bleiben
-inzwischen, jeder in einer besondern Kiste, unter Verschluß.
-
-Was den Kopf- und Schlußwagen betrifft, so befinden sich darin das
-Gepäck, die Vorräte, die Post und das Toilettenzimmer.
-
-Sämtliche Waggons sind selbstverständlich von der vorzüglichsten Bauart
-und der ausgesuchtesten Arbeit. Alle Wagen sind untereinander durch
-Plattformen oder Brücken verbunden, die es den Reisenden ermöglichen,
-sich stets von einem Ende des Zuges zum andern zu bewegen.
-
-Außer den aufgezählten Bequemlichkeiten bietet der Orient-Expreßzug den
-Reisenden noch den Vorteil, daß sie an den Grenzen der verschiedenen
-Länder nicht zur +Zollrevision+ auszusteigen brauchen. Diese
-Untersuchung wird während der Fahrt vorgenommen in der Weise, daß die
-Zollbeamten an der Grenzstation einsteigen und bis zur nächsten Station
-mitfahren, von wo sie mit einem andern Zuge wieder an ihren Standort
-zurückkehren. Endlich brauchen die Reisenden an den Anschlußstationen,
-wie Avricourt, Wien, Bukarest u. s. w., nicht auszusteigen, um den
-neuen Zug zu erwarten, was oft einen mehrstündigen Aufenthalt
-verursacht. Der durch den Orient-Expreß verursachte Zeitgewinn beläuft
-sich auf 25% gegen andere Schnellzüge, während der Fahrpreis den der
-ersten Klasse eines Schnellzugs nur um 20% übersteigt.
-
-[Illustration: Fig. 94. Speisesaal im Orient-Expreßzug.]
-
-Außer dem Orient-Blitzzug verkehrt ein solcher auch zwischen Paris
-und Rom, via Nizza. Beabsichtigt oder schon in Bildung begriffen sind
-die Blitzzüge Paris-Petersburg-Moskau über Berlin und Warschau, sowie
-Paris-Lissabon über Bordeaux und Madrid.
-
-Die beiden Blitzzüge Paris-Lissabon und Paris-Moskau werden durch
-Vermittlung der Pariser Gürtelbahn den =europäischen= +Blitzzug+
-bilden, der eine Strecke von 4800 km in gerader Linie zu durchmessen
-haben wird.
-
-
-XIII. Eisenbahnunfälle.
-
-Die Eisenbahnunfälle sind entweder +Entgleisungen+ oder
-+Zusammenstöße+. Erstere entstehen durch schlechte Beschaffenheit
-des Geleises oder durch Achsenbrüche. Was das Geleise betrifft, so
-liegt hier die Ursache meist in der schlechten Beschaffenheit der
-Schwellen, dann auch in der mangelhaften Befestigung der Schienen,
-in der Schädigung des Geleises durch atmosphärische Einflüsse, in
-böswilliger Zerstörung desselben u. s. w. Die Ursache der Zusammenstöße
-beruht größtenteils in verkehrter Weichenstellung, wodurch der Zug
-einem Geleise überwiesen wird, das ein anderer Zug befährt. Bekanntlich
-haben diese Unfälle in früherer Zeit eines der wichtigsten Argumente
-gegen die Einführung der Eisenbahnen gebildet. Durch die Statistik
-aber ist dieses Argument längst entkräftet oder wenigstens auf sein
-richtiges Maß zurückgeführt worden. Ohne Gefahr ist das Reisen per
-Bahn selbstverständlich nicht, aber diese Gefahr ist verhältnismäßig
-viel geringer als bei Reisen mit Wagen und Pferden, wie die folgenden
-Angaben darthun.
-
-Nach +Mulhall+ treffen an +Getöteten und Verletzten+ auf eine Million
-Passagiere:
-
- in Großbritannien und Irland 8,1
- „ Frankreich 15,8
- „ Deutschland 12,2
- „ Rußland 29,2
- „ Österreich 13,5
- „ Italien 28,4
- „ Spanien 14,8
- „ Holland 4,4
- „ Belgien 11,7
- „ Schweden und Norwegen 5
- „ der Schweiz 5,4
- ---------
- „ +Europa+ 10,8
- „ den Vereinigten Staaten von Amerika 41,1.
-
-Zur thunlichsten +Verhütung+ der Eisenbahnunfälle im allgemeinen
-wird von den Eisenbahnverwaltungen stete Vervollkommnung der
-Eisenkonstruktionen und Betriebseinrichtungen mit größtem Eifer
-angestrebt. So haben namentlich die Achsenbrüche gegen früher infolge
-der verbesserten Konstruktion der Achsen wesentlich abgenommen. Auch
-bezüglich der Zusammenstöße infolge verkehrter Weichenstellung ist
-eine bedeutende Minderung eingetreten, seitdem man eine der hier
-waltenden Grundursachen, die +Farbenblindheit+, erkannt hat. Es werden
-daher jetzt sämtliche Beamten, bevor man sie dem praktischen Dienste
-zuteilt, auf Farbenblindheit untersucht. Da aber der Nachtdienst auf
-den Bahnhöfen, besonders solchen mit starkem Verkehr, immer große
-Gefahren birgt, so ist die Einrichtung von Centralweichen, von wo aus
-sämtliche Weichen eines Bahnhofs oder doch der größte Teil derselben
-bedient werden kann, wohl das wirksamste Mittel zur Verhütung von
-Zusammenstößen. Dieselben gelangen denn auch auf den großen Bahnhöfen
-in jüngster Zeit in immer größerem Umfange zur Einführung.
-
-Die Verpflichtung der Eisenbahnen bei Unfällen gegenüber den
-Verunglückten ist im Deutschen Reich durch Gesetz (betreffend die
-Verbindlichkeit zum Schadenersatz der bei dem Betriebe von Eisenbahnen
-etc. herbeigeführten Tötungen und Körperverletzungen) vom 7. Juni 1871
-geregelt.
-
-+Webers+ „Schule des Eisenbahnwesens“[149] enthält bezüglich der
-+vergleichenden Unfallstatistik+ folgende Angaben:
-
-In der Zeit vom Jahre 1835 bis zum Jahre 1859 kam in Frankreich
-ein getöteter Passagier auf 1955555 und ein verletzter Passagier
-auf je 496551 Passagiere; in England ein Toter auf je 5256290 und
-ein Verletzter auf je 311345; in Belgien endlich ein Toter auf je
-8861804 und ein Verletzter auf je 200000. In der folgenden Periode,
-nämlich in den Jahren 1859-1869, ist eine wesentliche Besserung zu
-bemerken. In Frankreich zählte man einen Toten auf je 13323014 und
-einen Verletzten auf je 673927; in England einen Toten auf je 15229073
-und einen Verletzten auf je 407260; in Belgien endlich einen Toten
-auf je 13000000 und einen Verletzten auf je 1793108. -- Was die
-+jüngsten+ Zeitperioden betrifft, so zeigte sich in Frankreich und
-Belgien eine Tendenz zur Verminderung der Unfallsrate, in England
-dagegen eine Tendenz zur Zunahme derselben. Frankreich zeigte in
-den Jahren 1872-1879 einen Toten auf je 27879000, England auf je
-13423000, Belgien auf je 25289421. -- Die wiederholt beobachtete
-Thatsache, daß Unfälle sich nichts weniger als gleichmäßig über
-bestimmte Perioden verteilen, wird auch hier wieder bestätigt. Die
-sechs großen Eisenbahngesellschaften Frankreichs hatten z. B. in den
-Jahren 1868-1877 im ganzen 773 Eisenbahnunfälle zu verzeichnen, bei
-welchen insgesamt 218 Personen getötet und 2158 verwundet wurden.
-Die Ungleichmäßigkeit war hierbei jedoch eine so starke, daß im Jahr
-1871 nicht weniger als 155 Unfälle stattfanden, während sich im
-Jahr 1873 nicht ein einziger ereignet hat, welcher die Tötung oder
-Verletzung eines Passagiers zur Folge gehabt hätte. -- Erwähnt sei
-ferner noch, daß die mit der Vervollkommnung der Eisenbahntechnik
-fortschreitende Abnahme der Unfälle zunächst mehr den Reisenden als
-den Bahnbediensteten zu gute kommt. Auf den deutschen Bahnen wurde
-1875 von den im Betriebsdienst beschäftigten Beamten jeder 648ste
-getötet und jeder 161ste verletzt. Dagegen ist die Gefahr für einen
-Passagier, bei normalem Betriebe auf den Eisenbahnen zu verunglücken,
-wesentlich geringer. Nach einer Berechnung wird ein Reisender, wenn
-er auf preußischen Eisenbahnen Tag und Nacht fährt und 21,3 km in
-der Stunde zurücklegt, nach 307 Jahren verletzt und nach 1540 Jahren
-getötet werden.
-
-Im Jahre 1872 verunglückten in Preußen durch Landfuhrwerke 546, durch
-Eisenbahnen aber nur 460 Personen.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Die Eisenbahnsysteme der Hauptkulturvölker[150].
-
-
-Wie die Physiognomie der Pflanzen- und Tierwelt eines Landes das
-Produkt seiner gesamten Physis ist, so ist auch die Form des
-Verkehrswesens irgend eines Gebietes durch dessen Klima, Boden und
-Wettercharakter, Bevölkerung und Regierungsform bedingt. Das zeigt sich
-in ganz eminentem Grade auch bei den Eisenbahnen. Auch auf sie äußern
-die physikalischen, politischen und ethnographischen Verhältnisse
-eines Landes ihre gestaltenden Einflüsse und drücken ihnen eine ganz
-bestimmte Physiognomie auf. Von dieser durch die genannten Momente
-begründeten Eigenartigkeit der bedeutendsten Eisenbahnsysteme soll nun
-im folgenden eingehender die Rede sein.
-
-Was zunächst +England+ betrifft, so charakterisiert sich dessen
-Eisenbahnwesen vor allem durch das Streben nach möglichster
-Beschleunigung des Verkehrs. Die Überfülle von Verbrauchs- und
-Produktionsstoffen, wie sie diesem Lande eigen ist, seine geschäftige
-und reiche Bevölkerung erklären dies auch sattsam. Zudem ist dieses
-Streben durch die physisch-geographischen Verhältnisse des Landes
-wesentlich begünstigt. Die Bodenerhebungen sind mäßig, und die
-zu durchmessenden Strecken sind verhältnismäßig kurz. Diese auf
-Erzielung möglichst großer Schnelligkeit gerichtete Tendenz spiegelt
-sich besonders in der Konstruktion der Lokomotiven, die vor allem
-rasche Beförderung der Lasten anstrebt. Auch die langen kontinentalen
-Güterzüge sind infolge dieser Tendenz in England fast unbekannte
-Erscheinungen.
-
-Der physikalische Reichtum der Insel an Brennstoffen spiegelt sich in
-dem einfachen Bau der Lokomotiven, deren Konstrukteure die Anbringung
-mancher ökonomisierender Apparate verschmähen, weil der niedere Preis
-des Brennstoffes deren Herstellung nicht lohnt.
-
-Die geographisch beschränkte Fahrdauer, das Bestreben, die Züge
-rasch zu füllen und zu entleeren, sowie die Vertrauensbeziehung des
-englischen Publikums zum Eisenbahnpersonal erhalten ihre Erscheinung
-in der geringern Accommodation der Personenwagen und in der Form der
-Gepäckbeförderung. Was letztere betrifft, so werden jährlich über 500
-Mill. Stück Gepäck ohne jegliche Wägung, ohne Schein und Quittung
-zwischen Passagieren und Beamten ausgetauscht, und dabei kommen nicht
-mehr Stücke abhanden, als das bei dem schwerfälligen kontinentalen
-Systeme der Fall ist.
-
-Die Konstruktion der Wagenräder, Gestelle und Kasten ist besonders
-darauf gerichtet, durch thunlichste Vermeidung von Geräusch eines,
-wie die Engländer sagen, der besten Güter ihres Volks, „+die guten
-Nerven+“, zu konservieren. Der englische Eisenbahnbetrieb kennt
-daher im gewöhnlichen Verkehr nichts von dem ohrenverletzenden,
-nervenzerstörenden Geräusch, mit dem kontinentale Bahnverwaltungen die
-Akte ihres Betriebes zu begleiten für nötig finden. Selten ertönt ein
-Lokomotivpfiff; selbst auf Stationen, auf denen täglich Hunderte von
-Zügen verkehren, gleiten diese fast lautlos aus und ein. Der Engländer
-ist aber auch stolz auf diese Selbstverständlichkeit des Dienstes, die
-fast kein leitendes äußeres Zeichen nötig macht, auf diese Schulung
-des Publikums, das, selbst aufmerksam, selbst denkend, der Führung und
-Hinweisung nicht bedarf, vor allem aber stolz auf die Disciplin und das
-Verständnis seines Beamtenpersonals.
-
-Der bedeutende Wert von Grund und Boden, von Zeit und
-Menschenarbeitskraft findet seinen Ausdruck in der Anordnung
-der englischen Stationen, deren verhältnismäßig kleine Räume so
-reich mit allen mechanischen Hilfsmitteln der Arbeitsleistung
-ausgestattet erscheinen, daß sie auf kleinen Arealen eine gewaltige
-Leistungsfähigkeit entwickeln.
-
-Auf dem Gebiete des Signalwesens spielen infolge des nordischen
-Inselklimas, das namentlich durch häufige Trübungen der Atmosphäre
-gekennzeichnet ist, die sogenannten Knallsignale eine besonders große
-Rolle. Letztere machen durch ihre Explosionen geradezu den Eindruck
-fortwährenden lebhaften Geschützfeuers, während der rasche Wechsel
-zahlreicher farbiger Lichter vor der Einfahrt großer Stationen den
-Anblick reicher, bunter Leuchtkugelspiele gewährt.
-
-Das englische Eisenbahnwesen kennzeichnet hiernach ein fortwährend
-gesteigertes Streben nach Ausnutzung des Wertes der Zeit durch
-Vermehrung der Zahl und der Schnelligkeit der Züge und durch Abkürzung
-der Routen, ferner eine ausgezeichnete Schulung des Personals und eine
-überaus große Ruhe und Geräuschlosigkeit im Manipulationswesen, aber
-auch ziemlicher Mangel an Komfort, der freilich bei der Kürze der
-Fahrten nicht sehr von Belang ist.
-
-Das Eisenbahnnetz +Frankreichs+ veranschaulicht vor allem das alle
-Verhältnisse beherrschende Schwergewicht der Hauptstadt des Landes.
-Alle Hauptlinien laufen hier von der Hauptstadt Paris aus, wie die
-Schlagadern eines tierischen Organismus vom Herzen. Desgleichen ist
-Paris der Ausgangspunkt der gesamten +theoretischen+ Thätigkeit, die
-zu ihrem Brennpunkt jene technische Musteranstalt hat, die unter dem
-Namen „~École des Ponts et Chaussées~“ weltbekannt ist. Ein anderer
-eigentümlicher Zug des französischen Eisenbahnwesens ist eine gewisse
-+Schemastarre+. Derselbe gallische Geist, dessen reglementierender
-Begabung schon Cäsar in seinen Kommentarien gedenkt, machte auch das
-Bahnwesen zu einer Domäne der vom Staate gegebenen technischen und
-administrativen Schemas. Der Begriff „Klasse“ namentlich durchdringt
-das gesamte Verkehrsleben. Charakteristisch ist endlich die
-+Monopolherrschaft+; sechs große Aktiengesellschaften teilen sich fast
-ausschließlich in die Ausbeutung des gesamten Eisenbahnwesens.
-
-In +Deutschland+ spiegelt die Eisenbahnkarte, wie schon erwähnt
-wurde, in erster Linie die frühere politische Zersplitterung in
-zahlreiche souveräne Einzelstaaten wieder. Regellos verteilt, mit
-vielen kleinen und größeren Centren, die nicht immer die Schwerpunkte
-des Verkehrs bilden, bedecken hier die Eisenbahnen das Land. Auch in
-anderer Beziehung haben die politischen Verhältnisse das deutsche
-Eisenbahnwesen beeinflußt. Da nämlich das Deutsche Reich schützender
-natürlicher Grenzen entbehrt, so wurden hier bei Wahl der Tracen, bei
-Ausrüstung der Bahnen mit gewissen Vorkehrungen, bei Konstruktion der
-Betriebsmittel u. s. w. die militärisch-politischen Gesichtspunkte
-wichtiger als anderswo. Das Betriebswesen selbst zeigt durchweg
-stramme Organisation und infolgedessen eine ziemlich weitgehende
-Bevormundung der Passagiere; doch erscheint diese nicht als Eingriff in
-die individuelle Freiheit, sie ist vielmehr im deutschen Volksgeiste
-begründet. Der Deutsche verläßt sich auf die Organe und erwartet von
-ihnen Unterstützung und Teilnahme; der Engländer dagegen kümmert sich
-nicht um die Funktionäre, es sind im Gegenteil diese, welche in der
-Ausübung ihres Dienstes die Unterstützung der Passagiere beanspruchen.
-Der Genius des deutschen Eisenbahnwesens ist nach +Webers+ Ausdruck die
-„wohlgeregelte Disciplin“. Der frappanteste Zug in der Physiognomie der
-deutschen Bahnen ist indes wohl sein soldatischer Typus. Begründet ist
-dieser in der streng militärischen Erziehung des Volkes überhaupt und
-namentlich auch in der fast durchweg militärischen Vergangenheit der
-untergeordneten Funktionäre. Er spiegelt sich in allen Erscheinungen
-des Verkehrs und seiner Manipulationen und verleiht allen Kundgebungen
-im Bereiche derselben einen kategorischen Ton.
-
-Von den +äußerlichen+ charakteristischen Merkmalen des deutschen
-Eisenbahnwesens sei hervorgehoben, daß sich die Bahnhöfe durch Pracht
-und Eleganz auszeichnen, sowie daß alle Wagenklassen einen weit
-größeren Komfort aufweisen als die betreffenden Wagenklassen aller
-anderen Länder. Das Reisen ist denn auch in Deutschland entschieden
-viel behaglicher, als in irgend einem Lande der Alten oder Neuen Welt.
-
-Das Eisenbahnsystem +Österreichs+ hat zunächst durch die Physis des
-Landes seine hauptsächlichsten Charakterzüge erhalten. Die Bahnen
-dieses schönen Reiches waren die ersten, welche große Gebirgsstöcke
-überstiegen und dadurch den weitaus bedeutsamsten Fortschritt
-einleiteten, welchen das Eisenbahnwesen überhaupt auf dem Kontinente
-gemacht hat. Den Charakter Österreichs als Agrikulturstaat hinwiederum
-bringen dessen Eisenbahnlinien insofern zum Ausdruck, als sie mit
-weiten Maschen die Landbauflächen Ungarns, Galiziens, der Bukowina
-bedecken und sich nur in Mähren und Böhmen zu jenem dichten Geflecht
-von Industriebahnen zusammendrängen, das sich über einem mineralreichen
-Boden zu bilden pflegt. -- Das Talent der Gesamtbevölkerung für die
-Manipulationen des Eisenbahnwesens ist ziemlich gering. Weder die
-fast ausschließlich imitatorische Begabung des Nordslaven, noch
-die behagliche Leichtlebigkeit des Deutsch-Österreichers, noch die
-administrative Lockerheit des Magyaren, noch die schwer civilisierbare
-Leidenschaftlichkeit des Südslaven sind dem Geiste des Eisenbahnwesens
-kongenial. Es bedurfte daher in der That des mächtig disciplinierenden,
-straff verwaltenden Einflusses der großen französischen Gesellschaften,
-in deren Händen und Verwaltung sich die Hauptbahnkomplexe Österreichs
-befinden, um das Eisenbahnwesen dieses großen Reichs auf seinen
-heutigen vorzüglichen Standpunkt zu heben. -- Durch das geschmackvolle
-und elegante Wesen im Äußern der Anlagen, die freundliche Erscheinung
-und das urbane Benehmen des Personals erhält überdies die Physiognomie
-des österreichischen Eisenbahnwesens so viele liebenswürdige Züge, daß
-auch die Kritik manchen Mangel an Lebendigkeit und manches langsame
-Tempo im Dienste gerne übersieht. -- Im Verkehr dominiert, mehr noch
-als in Deutschland, der Gütertransport.
-
-Die dem Wesen der Eisenbahn durchaus heterogene Natur des +Italieners+,
-die ihm jede Begabung für deren Manipulationen versagte, hat auch
-die Ausbildung eines nationalen Gepräges im Eisenbahnsysteme der
-italienischen Halbinsel verhindert. Um so entschiedener hat, wie oben
-bereits betont wurde, die physische und geographische Beschaffenheit
-des Landes die Anlage des Bahnnetzes beeinflußt. Da ferner Italien
-seine Brenn-, Nähr- und Baustoffe, die es bedarf, hauptsächlich durch
-den Seeverkehr empfängt, so giebt dem italienischen Eisenbahnsystem
-besonders der Personenverkehr seine charakteristische Physiognomie.
-Diesem Verkehre sind denn auch die Betriebseinrichtungen der
-italienischen Bahnen in ganz hervorragender Weise angepaßt.
-
-Die Eisenbahnkarte +Rußlands+ zeigt die größte Dichtigkeit im Westen.
-Dieses dichtere Netz bekundet hier jedoch nicht bloß das größere
-Verkehrs- und Kulturbedürfnis des Westens, es kommt darin auch die
-politisch-militärische Tendenz greifbar zum Ausdruck: die rasche
-und ausgiebige Zugänglichkeit dieses Grenzgebietes, das sowohl in
-offensiver wie defensiver Beziehung für Rußland von allergrößter
-Wichtigkeit ist. Daß übrigens die +Verbindung+ des russischen Westens
-mit dem übrigen Europa in keine +Verschmelzung+ übergehe, hierfür
-hat die Eisenbahnpolitik Rußlands dadurch gesorgt, daß sie eine
-kräftige Scheidewand, trennender als Fluß oder Gebirge, zwischen +ihr+
-Bahnsystem und das der anderen Kulturstaaten legte: die Verschiedenheit
-der Spurweite. Erwähnt sei noch, daß die großen Reisedistanzen und die
-Rauhheit des Klimas den Personenwagen der russischen Bahnen und den
-Personendiensträumen einiger Routen gewissen Komfort verschafften:
-den ersteren gute Heizbarkeit, ausreichende bequeme Raumverhältnisse,
-Doppelfenster und sonstige Schutzmittel gegen Kälte, den letzteren gute
-Verpflegung in unwirtlichen Gegenden u. s. w. Im übrigen zeigt das
-russische Eisenbahnwesen keine besonderen eigenartigen Formen.
-
-Einen von den kontinentalen Bahnsystemen gänzlich abweichenden, d. h.
-specifisch charakteristischen Typus zeigt dasjenige +Skandinaviens+.
-Die Natur des Landes, die Art und Gestaltung des Verkehrs und nicht
-zuletzt die Individualität des Bevölkerungselementes haben in
-Schweden und Norwegen dem sogen. Sekundärbahnsystem, beziehungsweise
-+Schmalspursystem+ in einem Grade Anwendung und Ausdehnung verschafft,
-wie sonst nirgends in Europa. In technischer Beziehung ist
-beachtenswert, daß die Anwendung des Eisens als Konstruktionsmaterial
-sehr selten ist. Die meisten Viadukte, Brücken und Stationsgebäude sind
-aus Holz, das ja hier billig und leicht zu beziehen ist. Der schmalen
-Spur entsprechend sind ferner die Fahrbetriebsmittel in den Dimensionen
-sehr beschränkt, ein Übelstand, der namentlich bei den Personenwagen
-in fast belästigendem Grade zum Ausdrucke kommt. Daß unter solchen
-Umständen beispielsweise eine Reise auf der 600 km langen Linie
-Kongsvinger-Drontheim, der längsten Schmalspurbahn in Europa, kein
-besonderes Vergnügen sein kann, liegt auf der Hand. Diese Einrichtung
-ist überhaupt nur in einem Lande möglich, in welchem die Bevölkerung
-abgehärtet und anspruchslos ist.
-
-Ganz neue Aufgaben erhielt das Eisenbahnwesen bei seinem Übergange nach
-+Amerika+ zugewiesen. Hier galt es nicht, wie in Europa, volkreiche
-Gegenden zu durchziehen und Produkte der Industrie auszutauschen,
-vielmehr sollten die Bahnen weiten Landstrichen Bevölkerung erst
-zuführen, dieselben erst kulturfähig machen, materiellen und geistigen
-Verkehr erst schaffen. Der Dampfwagen wurde daher in Amerika zum
-eigentlichen +Pionier+ der Civilisation. Die ungeheure räumliche
-Ausdehnung des Landkomplexes, der hier europäischer Kultur erschlossen
-werden sollte, bedingte jedoch ein +rascheres+ Vorgehen, als das in
-der Alten Welt üblich war. Aber eben diese Schnelligkeit, mit welcher
-die großen Überlandlinien in Amerika ins Leben gerufen wurden, führte
-zu +Konstruktionsnormen+, die der Technik des Eisenbahnwesens einen
-gänzlich neuen, specifisch „+amerikanischen+“ Stempel aufdrückten.
-
-Charakteristisch für diese neugeschaffenen Linien ist namentlich die
-saloppe Bauart. Wo die Natur des Bodens es gestattete, nahm man von
-dem eigentlichen Unterbau ganz und gar Abstand, man legte sogleich
-die Schwellen. Im kompliziertern Terrain umging man ängstlich jeden
-langwierigen oder kostspieligen Kunstbau, schmiegte die Schienenstränge
-möglichst dem Terrain an und scheute nicht zurück vor Steigungen
-und Krümmungen, wie sie anderwärts erst eine langjährige Praxis im
-Gebirgsbahnbau wagte. Die Ausnützung der lokalen Verhältnisse ging so
-weit, daß man allerorts zu der billigern und raschern Konstruktionsart
--- dem +Holzbau+ -- griff und die Anwendung dieses Materials selbst
-dort nicht ausschloß, wo es sich um die solide Unterlage für die
-Bahn handelte; daher die meilenlangen +Holzviadukte+ -- ~Trestle
-Works~ -- in unebenem oder sumpfigem Terrain an Stelle von Dämmen
-oder Aufmauerungen. Nachträglich hat man freilich diese Gerüstbrücken
-zugeschüttet und dem Unterbau die übliche Gestalt gegeben. Ja in
-neuester Zeit leisteten die Amerikaner hinsichtlich des Bahn+baues+
-wahrhaft Großartiges, besonders auf dem Gebiete des +Brückenbaues+.
-Zu den hervorragendsten diesbezüglichen Werken gehören die +eisernen
-~Trestle Works~ und die meist grandiosen Viadukte+. Von letzteren
-wurden schon oben (S. 191) erwähnt: der +Kentucky-Viadukt+ und der
-+Kinzua-Viadukt+, dermalen die zwei höchsten eisernen Viadukte der
-Welt. Die längste Eisenbahn-+Gitterbrücke+ in Amerika ist die neue bei
-Montreal über den Lorenzo-Strom führende +Royal-Albert-Brücke+. Sie ist
-fast drei englische Meilen lang und überhaupt die längste Brücke der
-Welt. Ein anderes gewaltiges Werk ist die +Mississippi-Brücke+ zu St.
-Louis; sie ist keine Gitter-, sondern eine +Bogenbrücke+ und als solche
-sogar die bedeutendste. Die wunderbarsten Leistungen des amerikanischen
-Brückenbaues sind indes die +Drahtseilbrücken+. Die erste derartige
-Eisenbahnbrücke war die +Niagara-Brücke+, welche von +John Röbling+,
-einem deutschen Ingenieur, 1855 gebaut wurde und seitdem durch
-bildliche Ansichten und Beschreibungen weltberühmt geworden ist.
-Derselbe +Röbling+ hat ferner das Projekt zu dem +größten Brückenbau
-der Welt+ -- der +Drahtseilbrücke über den East River+ (Fig. 96)
-+zwischen New-York und Brooklyn+ -- ausgearbeitet und einige Zeit auch
-noch den Bau derselben geleitet. Von der Großartigkeit dieses modernen
-Weltwunders zeugen folgende Angaben.
-
-[Illustration: Fig. 95. Die New-York-Brooklyner-Hängebrücke.]
-
-Die East-River-Brücke ist 5989 Fuß = 1825 m lang und 85 Fuß oder fast
-26 m breit. Sie wird von 4 Hauptkabeln, deren jedes einen Durchmesser
-von 40 cm hat und aus 5282 einzelnen Drähten von 3 mm Stärke besteht,
-getragen. Diese 4 Kabel sind in New-York verankert, schwingen sich auf
-den Brückenturm, gehen von da über den an dem andern Ufer befindlichen,
-486,30 m entfernten zweiten Turm und von da in die Widerlager in
-Brooklyn. Die Türme dienen nur als Auflager für die Taue und haben eine
-Höhe von 84 m. -- Die eigentliche Brücke besteht aus einem großartigen
-Stahlgitterwerke, welches auf 4 Parallelträgern aufliegt. Der Boden
-der Brücke liegt wiederum auf 2¼ m voneinander entfernten Querbalken
-und zwar 41 m über der gewöhnlichen Wasserhöhe in der Mitte, 36½ m hoch
-bei den Türmen und 27 m hoch bei den Verankerungen. Sie ist der Länge
-nach in 5 parallele, 5 m breite Wege eingeteilt (Fig. 96), welche durch
-Gitter getrennt sind. Die beiden äußersten dienen für den Wagenverkehr.
-Der mittelste, um 3½ m höhere Weg ist nur für Fußgänger bestimmt und
-gestattet, weil höher, eine freie Aussicht auf den Fluß und beide
-Städte. Rechts und links vom Fußweg laufen die Bahnen.
-
-[Illustration: Fig. 96. Wege über die East-River-Brücke.]
-
-Die Ankergründe auf beiden Ufern sind kolossale Massen von Mauerwerk
-mit einigen bogenartigen Durchlässen. Die Kabel stecken in dem
-Mauerwerk gegen 8 m tief; die Verankerung ist einfach, dabei aber so
-massiv hergestellt, daß keine denkbare Kraft sie aus ihren Lagern
-entfernen oder lösen kann. Der Endpunkt der Befestigung an beiden Enden
-liegt in einer schmiedeisernen, über 20 t schweren massiven Platte, die
-in den Boden des gigantischen Steinmauerwerkes eingelassen ist.
-
-Ungemein schwierig war dann auch der Bau der aus dem Meere
-emporragenden beiden Pfeilertürme, zu deren Fundamentierung der
-Meeresgrund gegen 80 Fuß tief ausgehoben und mit Steinen und Cement
-gefüllt werden mußte. Die Schwierigkeit lag besonders darin, daß die
-Arbeiten alle unter dem Wasserniveau in sogen. Caissons (großen,
-massiven, das Meer abhaltenden Holzkästen) auszuführen waren.
-
-Außergewöhnliche Schwierigkeiten bot noch das Spannen der Hauptkabel,
-deren jedes, wie schon erwähnt, aus 5282 einzelnen Drähten bestand,
-die zu 19 Büscheln à 278 Stück vereinigt gezogen wurden, um dann zu
-einem Ganzen zusammengesponnen zu werden. Die Auffahrtsrampen, die
-sowohl in New-York wie in Brooklyn wegen der großen Höhe der Brücke
-bis weit in die Städte selbst reichen, sind aus Quadern gemauert und
-enthalten in den Gewölben Verkaufslokale für Großgeschäfte.
-
-Große Aufmerksamkeit wurde schließlich der Beleuchtung der Brücke
-zugewendet. Auf beiden Seiten des Fußweges, auf den Gitterträgern,
-strahlen 70 elektrische Lampen mit je 2000 Kerzen Lichtstärke und
-verbreiten Tageshelle über die Brücke.
-
-Wenn so das Werk die Bewunderung der Jetztzeit und kommender
-Geschlechter herausfordert, so ist dies vor allem das Verdienst John
-Röblings und seines Sohnes Washington A. Röbling, von denen der eine,
-wie bereits mitgeteilt, mit genialem Geiste den Bau plante und begann,
-der andere ihn trotz aller Hindernisse zum glücklichen Ende führte;
-sein Leben hat der eine, seine Gesundheit der andere geopfert, aber
-ihre Namen werden fortleben, solange die Wasser des East River gegen
-die gewaltigen Granitpfeiler schlagen, zwischen denen die Brücke
-schwebt.
-
-Bemerkt sei übrigens, daß auch Europa in neuester Zeit großartige
-Brückenbauten aufzuweisen hat, voran die eben ihrer Vollendung
-entgegengehenden Bauten der Tay- und der Forth-Brücke in Schottland,
-die wohl zu den bedeutendsten Bauwerken der Jetztzeit zählen dürften.
-Die erstere wird durch ihre Länge (3300 m) alle anderen Brücken der
-Welt übertreffen, die letztere durch die ganz unerhörte Spannweite (521
-m) der beiden Mittelbogen.
-
-Ein ebenso großes Wunderwerk wie die Riesenbrücke über den East River
-verspricht der in Aussicht genommene +New-York-Jersey-Tunnel+ zu
-werden. Die Anlage dieses Tunnels ist nämlich aus dem Grunde besonders
-schwierig, weil die Öffnung nicht durch Felsengestein oder festen
-Boden, sondern durch vom Wasser durchtränkten losen Sand und Schlamm
-hindurchgeführt werden muß.
-
-Was die +Betriebseinrichtungen der Eisenbahnen Amerikas+, besonders der
-+Vereinigten Staaten+, betrifft, so unterscheiden sich dieselben in
-sehr vielen Punkten von denen der europäischen Bahnen[151].
-
-Die +Bahnhöfe+ sind im allgemeinen so einfach hergestellt, daß sie
-den Eindruck provisorischer Bauten machen. Massive und nach einem
-einheitlichen Plan oder durchdachten System aufgeführte Bahnhöfe,
-wie man sie in Deutschland sieht, sind eine Seltenheit. Scheidung
-der Wartesäle nach den Klassen der Fahrscheine findet man nirgends.
-Nur für ein Damenzimmer ist stets gesorgt, dessen Einrichtung sich
-übrigens von derjenigen des Herrenzimmers fast gar nicht unterscheidet.
-Die Wartesäle sind stets gut ventiliert, erleuchtet und erwärmt; nur
-+selten+ aber findet der Reisende mit Fahrschein zweiter Klasse den
-Komfort, welchen er in Deutschland selbst auf mittleren Bahnstationen
-zu beanspruchen gewohnt ist. Tische werden in den Wartesälen als
-überflüssiger Luxus betrachtet; der Reisende ist lediglich auf Bänke
-angewiesen, welche häufig noch durch eiserne Stangen in einzelne
-Sitze geteilt sind. Dafür befindet sich aber in jedem Wartesaale
-ein cylindrisches Blechgefäß mit reinem und kaltem Trinkwasser
-zur unentgeltlichen Benutzung der Reisenden. Die zum Verkauf der
-Fahrscheine bestimmten Schalter liegen meist in den Wartesälen
-selbst. Gelegenheit zur Restauration ist nur an einzelnen Stationen
-geboten; im allgemeinen werden Restaurationsräume nicht als notwendige
-Bestandteile der Bahnhöfe angesehen, sondern nur da angelegt, wo die
-auf weite Entfernungen gehenden Expreßzüge anhalten, um den Reisenden
-das Einnehmen von Mahlzeiten zu gestatten. Gewöhnlich ist dann das
-eigentliche Speisezimmer (~dining-room~) von dem Frühstückzimmer
-(~lunch-room~) getrennt. Als Übelstand macht sich fühlbar, daß in
-den meisten Restaurationen nur Thee, Kaffee und Gebäck, aber keine
-Spirituosen, Bier, Wein etc. verabreicht werden.
-
-Die wenigsten Reisenden kaufen die Fahrscheine am Bahnhofsschalter,
-sondern bei den innerhalb der Städte gelegenen Verkaufsstellen der
-Bahn. Der Fahrschein nach irgend einer Stadt der Staaten-Union, ja
-selbst nach den größeren Städten Europas und Asiens, ist in allen
-Hauptstädten Amerikas käuflich und nicht, wie in Europa, nur für einen
-bestimmten Tag, sondern für lange Zeit hinaus gültig. Diese Einrichtung
-ist insofern von wesentlicher Bedeutung, als dadurch das in Europa
-häufig störende Gedränge an den Schaltern der Bahnen vermieden wird.
-Im Notfalle ist auch die nachträgliche Lösung des Fahrscheines durch
-den Schaffner des Zuges (doch dann mit einem kleinen Preisaufschlage)
-möglich.
-
-Die +Perrons+ der Bahnhöfe sind meist aus Holz hergestellt und nicht
-höher als die obere Kante der Schiene. Nur die bedeutendsten Bahnhöfe
-haben gepflasterte oder mit Steinplatten belegte Perrons. Bedeckte
-Perrons, namentlich aus Eisen konstruierte Hallen, werden nicht häufig
-gefunden.
-
-Die +Beförderung+ des Gepäcks zwischen dem Bahnhofe und der
-Wohnung, beziehungsweise dem Hotel des Reisenden wird durch
-Privatgesellschaften, die sogenannten +Expreßkompagnieen+, vermittelt.
-Auf den pacifischen Bahnen werden 100 Pfund (engl.), auf den meisten
-anderen 150 Pfund Freigepäck gewährt. Eine Beklebung der Gepäckstücke
-mit Papierzetteln findet nicht statt. Es wird vielmehr an einer
-Handhabe des Gepäckstückes mittels eines kleinen Lederriemens eine
-Messingmarke befestigt, welche den Namen der Eisenbahngesellschaft,
-eine Nummer, die Angabe der Route und den Bestimmungsort trägt. Eine
-zweite Marke mit der gleichen Nummer erhält der Reisende. Da jedes
-Gepäckstück in dieser Weise behandelt wird, so müssen dem Reisenden
-so viele Marken eingehändigt werden, als er Gepäckstücke mit sich
-führt. Am Ankunftsorte werden die Marken gegen Herausgabe des Gepäcks
-abgeliefert, um demnächst mit anderen Gepäckstücken wieder an den
-Abgangsort zurückzugehen.
-
-Das +Abrufen der Reisenden aus den Wartesälen+ ist durchweg nicht
-üblich. -- Eine +Benutzung der Dampfpfeife+ der Lokomotive findet weder
-bei der Abfahrt noch zum Zeichen des Bremsens noch beim Rangieren der
-Eisenbahnwagen statt. Die Dampfpfeife, welche keinen schrillen, sondern
-einen dumpfen und tiefen, aber trotzdem sehr weit schallenden Ton von
-sich giebt, kommt nur während der Fahrt zu gewissen Signalen und bei
-wirklich drohender Gefahr zur Anwendung. Ein um so ausgedehnterer
-Gebrauch wird aber von der Signal+glocke+ gemacht, welche sich an
-jeder Lokomotive befindet. Die Glocke ertönt bei Abgang des Zuges, bei
-der Einfahrt desselben in den Bahnhof, vor und bei dem Passieren von
-Niveauübergängen, Brücken, Tunnels u. s. w. Hornsignale sind nicht
-üblich; auch findet man auf den Perrons keine Glocken angebracht, um
-das Publikum von der Ankunft oder dem Abgange der Züge in Kenntnis zu
-setzen. Letzteres hat seinen Grund darin, daß auf allen Stationen,
-mit Ausnahme der großen Endstationen, die Abfahrt des Zuges nicht vom
-Stationsvorsteher, sondern vom Zugführer angeordnet wird, welcher durch
-den Ruf „~all aboard~“ zum Einsteigen auffordert und gleich darauf das
-Signal mit der Glocke auf der Lokomotive giebt.
-
-An den Zügen selbst oder auf den Perrons sind bewegliche Schilder oder
-transportable Wegweiser in genügender Zahl angebracht, um das Publikum
-über die Richtungen, nach welchen die Züge fahren, zu orientieren und
-dasselbe vor dem Einsteigen in einen unrichtigen Zug zu bewahren.
-
-Die +Lokomotiven+ sind größer als die in Deutschland gebräuchlichen und
-vorne mit einem aus dicken Holzstäben bestehenden, schneepflugartigen
-Rechen, dem sogenannten ~cow-catcher~ (Kuhfänger)[152] versehen, um
-die auf den Schienen etwa liegenden Hindernisse zu beseitigen. Die
-Erleuchtung der Maschine erfolgt nicht, wie in Deutschland, durch
-+zwei+ Laternen, sondern durch +eine+ mächtige Lampe, welche auf
-gußeisernen Konsolen angebracht ist und die Bahn 50-300 Schritte vor
-der Maschine vollständig erhellt.
-
-Bahnwärter sind in Amerika auf freier Strecke unbekannt. Dagegen
-wird der Aufstellung von +Achtungssignalen+ an Wegübergängen und
-Bahnkreuzungen im Niveau eine besondere Aufmerksamkeit zugewendet, da
-jene Niveau-Übergänge weder bewacht noch mit einer Barriere abgesperrt
-werden. In der Regel ist 300-400 m vor dem Punkte, an welchem die
-Bahn von einer Straße im Niveau gekreuzt wird, ein Pfahl aufgestellt,
-welcher dem Lokomotivführer die Annäherung an einen solchen Übergang
-anzeigt und ihn zu besonderer Achtsamkeit mahnen und veranlassen soll,
-die vorgeschriebenen Signale zu geben. Am Wegübergang selbst und dem
-kreuzenden Wege zugekehrt sind zur Warnung des Publikums zwei hohe
-Pfähle aufgerichtet, an welchen quer ein breites Brett befestigt ist,
-das in großen Buchstaben die Worte trägt: ~Look out for the engine~
-(oder ~locomotive~). Nur bei den Niveaukreuzungen von belebten Straßen
-in den größeren Städten sind Wärter angestellt, welche mit einer
-kleinen Flagge sowohl dem Publikum, als auch dem Zuge die notwendigen
-Signale geben. Ferner ist zur Orientierung für den Lokomotivführer
-300-400 m vor jedem wichtigen, auf der Strecke gelegenen Bauwerk
-(Brücke, Tunnel, Schneedach u. s. w.) eine Tafel aufgestellt, welche
-den Namen des Bauwerkes und die Entfernung bis zu demselben bezeichnet,
-um den Lokomotivführer zum vorsichtigen und gewöhnlich langsamern
-Fahren zu veranlassen, da viele, besonders hölzerne Brücken und auch
-andere Bauwerke nur mit einer geringen Geschwindigkeit passiert werden
-dürfen. An den Brücken, Tunnels u. s. w. selbst ist sowohl beim
-Eingange wie beim Ausgange ein großes Schild angebracht, auf welchem
-die zulässige Fahrgeschwindigkeit verzeichnet ist.
-
-[Illustration: Fig. 97. Amerikanische Lokomotive der Neuzeit.]
-
-Auch Niveaukreuzungen zweier Bahnen, die +verschiedenen+ Verwaltungen
-angehören, sind äußerst selten bewacht. Gewöhnlich ist 400-800 m vor
-der Kreuzung, und zwar an beiden Bahnstrecken, eine Tafel mit der
-Aufschrift ~Railroad crossing~ und dicht vor der Kreuzung eine solche
-mit der Bezeichnung ~Stop here~ errichtet. Jeder Zug ohne Ausnahme muß
-vor einer solchen Kreuzung halten und darf dieselbe erst passieren,
-nachdem der Zugführer sich davon überzeugt hat, daß beide Bahnen frei
-sind. Halten auf beiden kreuzenden Geleisen zu gleicher Zeit vor dem
-Übergangspunkte Züge, so giebt das Bahnreglement genau an, welcher Zug
-die Kreuzung zuerst passieren darf.
-
-Auf einzelnen Bahnen führt das Zugpersonal eine kleine elektrische
-Batterie mit sich, welche an fast jeder Telegraphenstange eingeschaltet
-werden kann und die Möglichkeit bietet, mit der vor- oder rückwärts
-liegenden Station in Verbindung zu treten.
-
-In der Regel steigen auf der letzten Station vor einer größern Stadt
-Agenten einer Expreßkompagnie in den Zug, welche die Auftrage bezüglich
-der Besorgung des Reisegepäcks entgegennehmen. Bei der Ankunft hat
-alsdann der Reisende nicht nötig, sich um sein Gepäck zu bekümmern.
-
-Die +Fahrgeschwindigkeit+ der Schnell- und Expreßzüge aller
-amerikanischen Bahnen ist +durchschnittlich+ geringer als diejenige
-der deutschen Bahnen. Diese Thatsache ist in der ganzen Einrichtung
-der Bahnen begründet. Da eine Bewachung oder Einfriedigung des
-Bahnkörpers durchweg nicht stattfindet, der letztere vielmehr von
-jedermann auf eigene Gefahr nach Belieben begangen werden darf, so
-haben die Eisenbahngesellschaften sich bemüht, den daraus entstehenden
-Gefahren durch besondere technische Einrichtungen, z. B. durch die
-Einführung der kontinuierlichen Bremsen und insbesondere durch eine
-zweckmäßige Organisation des Fahrdienstes vorzubeugen. -- Eine
-eigentümliche Erscheinung ist es, daß die Züge auf den westlich vom
-Missouri angelegten Bahnen durchweg erheblich langsamer fahren als
-die Züge in den östlich von dem Flusse gelegenen Staaten. In dem
-weiten, vom Missouri bis an den Stillen Ocean sich ausdehnenden
-Gebiete giebt es nach deutschen Begriffen auf keiner Bahn einen
-Schnellzug; die sogenannten Expreßzüge sind in Wirklichkeit nur
-gewöhnliche Personenzüge. Kein regelmäßiger Zug in den Vereinigten
-Staaten erreicht auch nur annähernd die Schnelligkeit von rund 60
-km in der Stunde, wie der +Expreßzug+ zwischen Berlin und Köln. Die
-mittlere Fahrgeschwindigkeit bei den schnellsten Zügen auf den östlich
-vom Missouri gelegenen Bahnlinien beträgt in der Stunde 44,14 km,
-westlich vom Missouri sogar nur 33,7 km, während bei den von Berlin
-nach Köln, Aachen, Eydtkuhnen, München und Trier laufenden Zügen eine
-Fahrgeschwindigkeit von +durchschnittlich+ 50 km in der Stunde erzielt
-wird. Die größte Geschwindigkeit der amerikanischen Expreßzüge ist per
-Stunde 55 km.
-
-Die +Eisenbahnwagen+ sind im allgemeinen elegant ausgestattet und
-mittels großer, von der Decke herabhängender Lampen gut erleuchtet.
-In Bezug auf die Bauart unterscheiden sie sich jedoch wesentlich
-von den in Deutschland gebräuchlichen Wagen, indem sie viel länger,
-ungleich höher und ohne Zwischenteilung sind, auch in der Regel 50-60
-Sitzplätze für Erwachsene enthalten. Die Räder werden in neuerer Zeit
-vielfach nicht aus Eisen, sondern aus Papier hergestellt. An jeder
-Stirnseite des Wagens befindet sich eine Plattform, welche auf einer
-an derselben befestigten, aus drei Stufen bestehenden Treppe erreicht
-wird und den Zugang in das Innere des Wagens vermittelt. Die bequemen,
-für je zwei Personen berechneten Sitze sind durch Umlegen der Lehnen
-derart verstellbar, daß man nach Belieben vor- oder rückwärts fahren
-kann[153]. Zwischen den Sitzen führt in der Längsrichtung des Wagens
-von der einen Plattform zur andern ein Mittelgang, auf welchem man ohne
-Schwierigkeit während des Fahrens durch sämtliche Wagen hindurchgehen
-kann, da dieselben so miteinander verkuppelt sind, daß die Plattformen
-eng anschließen. Durch sämtliche Wagen hindurch bis zur Glocke der
-Lokomotive läuft eine für das Notsignal bestimmte Leine, welche auf
-geschmackvollen, an dem erhöhten Mitteldache des Wagens befestigten
-eisernen Aufhängungen ruht und von einem aufrechtstehenden Erwachsenen
-bequem erreicht werden kann. Diese im Interesse der Sicherheit der
-Reisenden geschaffene Einrichtung hat sich in jeder Beziehung höchst
-zweckmäßig erwiesen.
-
-In die Seiten des an den Personenwagen angebrachten erhöhten
-Mitteldaches sind schmale Fenster zum Zweck der Ventilation
-eingelassen, durch welche der Aufenthalt in dem Wagenraume auch bei
-starker Sommerhitze erträglich wird. Die Fenster sind nicht mit
-Vorhängen, sondern mit hölzernen Jalousieen bekleidet, welche einen
-wirksamern Schutz gegen die Sonnenstrahlen gewähren. In einer Ecke
-jedes Personenwagens befindet sich ein hohes, rundes, aus lackiertem
-Blech hergestelltes Gefäß, das stets mit trinkbarem Eiswasser gefüllt
-ist und Tag und Nacht von den Reisenden zur Erfrischung benutzt werden
-darf. Außerdem ist den Reisenden durch einen in einer Ecke jedes Wagens
-angebrachten eleganten Verschlag die Möglichkeit geboten, sich zu jeder
-beliebigen Zeit den Blicken der Mitreisenden zeitweise zu entziehen.
-Bei kalter Witterung wird eine wohlthuende Wärme durch zwei große, in
-jedem Wagen befindliche eiserne Öfen hergestellt, die auch während des
-Sommers an kühlen Tagen, namentlich bei den Fahrten in den höheren,
-kälteren Regionen der Felsengebirge, zur Benutzung kommen. Ab und zu
-bemerkt man an einer Wagenwand eine in einem Kästchen befindliche
-Bibel, welche meistens von der ~American Bible Society~ geschenkt
-ist. Ferner sind in manchen Wagen an einer Wand verschiedenartige
-Handwerkszeuge (Axt, Säge) mittels eines Riemens befestigt, welche
-leicht herabgenommen und bei Unglücksfällen benutzt werden können.
-
-In jedem Personenzuge befindet sich ein besonderer Rauchwagen
-(~smoking-car~), welcher infolge der oben beschriebenen Zusammensetzung
-des Zuges auch im schnellsten Fahren leicht erreicht werden kann;
-infolgedessen ist in den übrigen Wagen des Zuges das Rauchen, auch bei
-Abwesenheit von Damen, untersagt. Dieser Rauchwagen unterscheidet sich
-von den anderen Wagen nur durch einfachere Ausstattung und spärlichere
-Beleuchtung. Da merkwürdigerweise für Spucknäpfe und Aschenbecher
-nicht gesorgt ist, so läßt das Innere des Wagens an Sauberkeit oft
-viel zu wünschen übrig. Die beiden vordersten Bänke sind während der
-Tagesstunden nicht für das Publikum bestimmt, da dort der ~News Agent~
-gegen Bezahlung einer Bauschsumme sein Quartier aufschlägt, um die in
-zwei schweren hölzernen Koffern mitgebrachten amerikanischen Zeitungen
-und Zeitschriften, sowie die neuesten Romane, Novellen u. s. w. den
-Reisenden zum Verkaufe anzubieten. Im Westen Amerikas beschränkt sich
-dieser fahrende Buchhändler nicht auf den Verkauf geistiger Nahrung, er
-führt auch Kästchen, Kreuze, Cigarren, Kautabak, Süßigkeiten, Früchte,
-Sodawasser, Butterbrote, selbst Hosenträger und Plaidriemen mit sich.
-Im Rauchwagen findet auch die Beförderung der Deserteure, Gefangenen
-und Verbrecher unter der nötigen Bedeckung statt.
-
-[Illustration: Fig. 98. Äußeres eines Pullmanschen Schlafwaggons.]
-
-Jeder Personen- oder Schnellzug, der größere Strecken zu durchfahren
-hat, führt je nach Bedürfnis einen oder mehrere +Schlafwagen+
-(~sleeping-cars~) mit sich; sie tragen wie die Schiffe besondere Namen
-und sind durch Pracht und Bequemlichkeit ausgezeichnet. Die Herstellung
-und Ausstattung eines solchen Wagens kostet 14000-16000 Dollars. In
-demselben können bequem 40-50 Personen in Betten schlafen, welche denen
-eines guten Hotels um nichts nachstehen. Am Ende der Fahrt bleibt der
-Wagen den Reisenden bis 8 Uhr morgens zur Verfügung und wird zu diesem
-Zweck auf ein Nebengeleis geschoben. Ebenso kann der Wagen an der
-Abgangsstation schon um 9 Uhr abends bestiegen werden, selbst wenn der
-Zug erst um Mitternacht oder später abfährt. Die Betten sind, wie in
-den Kajüten der Schiffe, übereinander angebracht, aber viel breiter und
-bequemer; auch können sie durch eine sinnreiche Vorrichtung jederzeit
-in Sitze umgewandelt werden. Als Schmuck dienen Teppiche, an den Wänden
-Vertäfelungen und Spiegel in großer Zahl. Gut schließende Doppelfenster
-und Jalousieen verhindern das Eindringen von Staub und Zugluft und
-schützen vor den lästigen Sonnenstrahlen, während eine vortrefflich
-angelegte Ventilation fortwährend für frische Luft sorgt. Daß die
-Schlafwagen in dem Lande der größten Entfernungen eine wirkliche
-Notwendigkeit sind und in der ausgedehntesten Weise benutzt werden, ist
-selbstverständlich. -- Amerika besitzt drei Schlafwagen-Kompagnieen,
-von denen die Pullmansche die älteste und größte ist.
-
-In einzelnen Zügen laufen auch sogenannte +Palastwagen+. Diese Wagen
-sind, ähnlich den Salonwagen der europäischen Fürsten, mit drehbaren
-oder auch nach rückwärts zu bewegenden Fauteuils versehen und zeigen in
-jeder Beziehung eine bewundernswerte Eleganz.
-
-[Illustration: Fig. 99. Inneres eines Pullmanschen Palastwaggons.]
-
-Auf einigen Bahnen sind noch +Hotelwagen+ und +Restaurationswagen+
-(~dining-cars~) in Gebrauch. Diese Wagen unterscheiden sich dadurch,
-daß die ersteren während der Nacht als Schlafwagen dienen und erst
-dann, wenn sie am frühen Morgen gelüftet, gereinigt und durch
-Aufstellen von Tischen für ihren fernern Zweck eingerichtet worden
-sind, als Speiselokal benutzt werden, während die Restaurationswagen
-+nur+ zur Einnahme von Mahlzeiten dienen. In einem solchen zweckmäßig
-eingerichteten und luxuriös ausgestatteten Restaurationswagen befinden
-sich stets sauber und geschmackvoll gedeckte Tische, an welchen
-gleichzeitig 40 Personen bequem speisen können.
-
-Jede größere Bahn besitzt noch andere, aber nur bei außerordentlichen
-Anlässen in Gebrauch kommende Wagen, die eine sinnreiche Vereinigung
-von +Hotel+-, +Schlaf+- und +Personenwagen+ sind. Ein solcher Wagen
-enthält eine für kleinere Gesellschaften bestimmte vollständige
-Hoteleinrichtung: Salon, Schlafzimmer, Küche mit Eisbehälter und zwei
-mit der Bezeichnung ~For Ladies~ versehene elegante Verschläge, sowie
-einen großen Arbeitstisch und ein Büchergestell.
-
-Schließlich bestehen noch die gleichfalls nur in besonderen Fällen zur
-Verwendung gelangenden +Aussichtswagen+ (~observation-cars~), deren
-Einrichtung darauf berechnet ist, den Reisenden einen möglichst freien
-Blick auf das zu durchfahrende Terrain genießen zu lassen[154].
-
-Begründet sind die erwähnten vortrefflichen Einrichtungen der Wagen in
-der Länge der Reisen und in der Unwirtlichkeit der Gegenden, die zu
-durchfahren sind.
-
-Auf allen größeren westlichen Bahnen, sowie auf allen Bahnen in
-Kalifornien sind in geeigneten Zwischenräumen +Speisestationen+
-eingerichtet, um den Reisenden wenigstens dreimal täglich die
-Möglichkeit zu geben, während eines Aufenthaltes von 20-30 Minuten in
-schönen, hohen und luftigen Speisesälen für den Preis von einem Dollar
-eine ordentliche Mahlzeit einzunehmen.
-
-Das +Zugpersonal+, dessen äußere Erscheinung eine durchweg anständige
-ist, tritt im allgemeinen sicher, aber dabei höflich gegen die
-Reisenden auf[155]. Die Bevormundung der letzteren durch den Zugführer
-oder das übrige Begleitpersonal ist in Amerika ganz unbekannt. Das
-wiederholte Mahnen zum Einsteigen, das Ausrufen der Stationsnamen
-und der Aufenthaltsdauer an den einzelnen Stationen wird man niemals
-hören. Der Reisende empfängt, nachdem er den Zug bestiegen hat, von dem
-den Fahrschein durchlochenden Schaffner einen „Zwischen-Fahrschein“
-(~intermediate ticket~), einen schmalen, farbigen Karton von etwa 5-6
-cm Länge, dessen Rückseite mit den Namen aller jener Stationen bedruckt
-ist, auf welchen der Schaffner den Zug begleitet.
-
-Die in Deutschland so beliebten +Retour+- und +Rundreise-Fahrscheine+
-sind im Osten der Vereinigten Staaten so gut wie unbekannt; dagegen
-finden westlich vom Missouri die Retour- und Rundreise-Fahrscheine in
-der Zeit vom 1. Mai bis 31. Oktober mehr und mehr Eingang.
-
-Das auf den +Bahnhöfen stationierte Eisenbahnpersonal+ versieht den
-Dienst ohne Uniform, der Bahnhof-Inspektor ist daher nicht ohne
-weiteres kenntlich. -- Eine Verspätung der Züge, sowie die mutmaßliche
-Dauer ihres Ausbleibens wird an den Bahnhöfen nicht bekannt gegeben.
-Das Fehlen einer dahin gehenden Vorschrift macht sich in Amerika um so
-fühlbarer, als bei den großen von den Zügen zu durchlaufenden Strecken
-Verspätungen, die sich auf Stunden belaufen, nicht zu den Seltenheiten
-gehören.
-
-Seit Anfang 1884 ist in den +Vereinigten Staaten+ eine +neue
-Eisenbahnzeit+ eingeführt. Das System, auf dem diese Neuerung beruht,
-ist auf folgendem basiert[156].
-
-Die allgemeine Zeitrechnung beruht bekanntlich auf der Umdrehung der
-Erde um ihre Achse, und die Zeit einer solchen Umdrehung ist in 24
-Abschnitte, Stunden genannt, eingeteilt. Ferner ist der Umkreis der
-Erde zur Messung der Entfernungen von Ost nach West in 360 gleiche
-Teile geteilt, sogen. Längengrade, so daß also ein bestimmter Punkt
-der Erdoberfläche in 24 Stunden alle 360 Längengrade durchwandert. Auf
-dieser Rechnung beruht nun auch die neue Eisenbahnzeitrechnung, als
-deren Grundlage die Zeit der Greenwich-Sternwarte in London (England),
-durch welche der Nullmeridian läuft, angenommen worden ist.
-
-Das Gebiet des nordamerikanischen Kontinents, für welches die neue
-Zeitrechnung gilt, ist in fünf verschiedene Distrikte von je 15
-Längengraden eingeteilt, und für jeden Distrikt gilt diejenige
-Zeit, welche durch den ihn in der Mitte durchschneidenden Meridian
-bedingt ist. Die Zeiten dieser fünf Distrikte sind um je eine Stunde
-verschieden.
-
-Für den am weitesten östlich gelegenen Distrikt ist der 60.
-Meridian maßgebend, und da dieser um 60 Längengrade westlich vom
-Greenwich-Observatorium liegt, so ist die für diesen Distrikt
-geltende Zeit um vier Stunden hinter der Greenwich-Zeit zurück.
-Der Distrikt umfaßt die kanadischen Provinzen Neu-Schottland und
-Neu-Braunschweig, und die für denselben geltende Zeit heißt fortan die
-+Internationalzeit+.
-
-Der zweite Distrikt, der vom 75. Meridian durchschnitten wird, umfaßt
-die Neu-England-Staaten, New-York, Pennsylvanien und die Staaten
-südlich von Pennsylvanien. Die für denselben geltende Zeit ist um fünf
-Stunden hinter der Greenwich-Zeit zurück und heißt die +östliche Zeit+.
-
-Die Zeit des dritten Distrikts, welche durch den 90. Meridian bedingt
-wird, um sechs Stunden hinter der Greenwich-Zeit zurückliegt und
-+Centralzeit+ heißt, ist maßgebend für die Staaten Illinois, Ohio,
-Indiana, Missouri, Kansas und die südlich und nördlich davon liegenden
-Staaten.
-
-Für den vierten Distrikt gilt die +Bergzeit+ (~mountain time~), welche
-um sieben Stunden hinter der Greenwich-Zeit zurückliegt und durch den
-105. Meridian bedingt wird. Der Distrikt umfaßt die Bahnen westlich vom
-Missouri-Fluß, das heißt den Staat Colorado, den größten Teil von Utah
-und die südlich und nördlich davon liegenden Staaten und Territorien.
-
-Der fünfte Distrikt endlich, für welchen die +Pacific-Zeit+ gilt, die
-um acht Stunden hinter der Greenwich-Zeit zurück ist und durch den
-120. Meridian bedingt ist, umfaßt das Gebiet an der Pacific-Küste,
-die Staaten Nevada, Kalifornien, Oregon, Washington und die westliche
-Hälfte von Idaho.
-
-Für alle in dem betreffenden Distrikt liegenden Orte gilt die gleiche
-Zeit, und sobald man einen Distrikt weiter westlich rückt, geht die
-Zeit um eine Stunde zurück.
-
-Wie die +äußere+ Erscheinung des Eisenbahnwesens Amerikas wesentliche
-Unterschiede zeigt gegenüber dem europäischen, so ist auch die
-+innere+ Physiognomie desselben von der des europäischen beträchtlich
-verschieden. Es sei in dieser Beziehung vor allem daran erinnert,
-daß das Eisenbahnwesen der Union aus freier Initiative des Volkes
-hervorging und ohne militärische und administrativ-politische Einflüsse
-sich entwickelte.
-
-Nicht unerwähnt soll ferner bleiben, daß Amerika nicht bloß die
-+längsten+, sondern auch die +höchsten+ und +tiefsten Bahnen der
-Erde hat+. Abgesehen von den schon besprochenen südamerikanischen
-Bergbahnen, sind die höchsten Bahnen in Colorado, wo die
-Denver-South-Park- und Pacific-Eisenbahn den Kenosha-Paß in einer Höhe
-von 3091 m überschreitet. Mit der Denver- und Rio-Grande-Bahn fährt
-man über den 2847 m hohen La-Veta-Paß, und die Colorado-Central-Bahn
-steigt hinan zu den Städten Georgetown, 2577 m hoch, und Central City,
-2530 m hoch. Im Bau begriffen ist in Colorado sogar eine Bahn auf den
-Pike’s Peak (4300 m). Dieser Staat hat, nebenbei bemerkt, auch das
-großartigste schmalspurige Eisenbahnsystem ganz Nordamerikas, und
-ebenso werden nirgends auf der Erde solche +Schluchten+ von Eisenbahnen
-durchzogen wie in Colorado (Fig. 100). Mit der Union-Pacific-Bahn
-erreicht man die 2512 m über dem Meere in Wyoming gelegene Station
-Sherman, und die Central-Pacific-Bahn überschreitet die Sierra Nevada
-in einer Höhe von 2146 m über dem Meere. Andererseits fährt man auf
-der Süd-Pacific-Bahn im südlichen Kalifornien bis zu 266 Fuß unter den
-Meeresspiegel hinab und auf einer Strecke von 61 englischen Meilen (=
-98 km) durch +unter+ der Meeresoberfläche gelegene Gegenden.
-
-Charakteristisch ist endlich für das Verkehrswesen der Union die
-+Monopolherrschaft+. So besitzen einzelne der Eisenbahngesellschaften
-ein Eigentum im Werte von fast 1000 Mill. Dollars, was etwa einem
-Drittel der gesamten Bundesschuld gleichkommt, und ebenso großartig
-ist das Vermögen einzelner sogenannter +Eisenbahnkönige+, wie der
-+Vanderbilts+, +Jay Goulds+, +Huntingdons+, +Garrets+ und +Roberts+.
-
-[Illustration: Fig. 100. Schmalspurige Eisenbahn im Arkansas Cañon.]
-
-Wenn nun auch die Einflüsse, welche die geographische Lage und
-die Physis der Länder auf die technische und administrative
-Physiognomie ihrer Eisenbahnsysteme ausüben, in jenen großen
-Bereichen, in welchen diese zu +hoher Entwicklung+ gelangten, am
-unverkennbarsten hervortreten, so entbehren doch auch die +Anfänge+
-von Eisenbahnnetzen, wenn sie nur in Gegenden von ausgesprochenem
-geographischem Charakter liegen, jener physiognomischen Züge nicht,
-welche sie als Produkte ihrer Gegend kennzeichnen. In Indien z. B.
-mußten im Hinblick auf die tropischen Regen, die Gewalt der Tornados
-und die raschen Stromschwellungen für die Tracierung der Bahnen neue
-Principien zur Anwendung kommen.
-
-So erscheint das Eisenbahnsystem eines jeden geographisch bestimmt
-charakterisierten Bereichs ebenso als Produkt von dessen natürlichen
-Verhältnissen, wie seine Fauna und Flora; nur daß dort der
-Menschengeist als gestaltender Vermittler zwischen die Naturbedingungen
-und ihr Erzeugnis tritt.
-
-
-
-
-IV.
-
-Schiffahrt.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Die Anfänge der Schiffahrt[157].
-
-
-Der Ursprung der Schiffahrt verliert sich bis in die graue Zeit der
-Mythe. Alle Nachforschungen, denjenigen ausfindig zu machen, der
-zuerst die Idee erfaßte und ausführte, sein Leben einem schwimmenden
-Gegenstande anzuvertrauen, blieben fruchtlos. Trotzdem fehlt es uns
-nicht an Mitteln, uns über die Entwicklung dieser Kunst näher zu
-unterrichten; denn noch heute sind bei den Naturvölkern vielfach die
-rohesten Formen von Flößen und Booten im Gebrauch.
-
-Die einfachste Form des Floßes bildet eine Kokosnuß, wie sie z. B.
-auf den Südsee-Inseln die Kinder mit ins Wasser nehmen, oder das
-„hölzerne Pferd“ des Hottentotten, d. h. ein schwimmender Weidenstamm,
-auf den er sich setzt, wenn er mit seinen Ziegen einen Fluß passiert.
-In Australien kommen die Eingeborenen an unsere Schiffe heran,
-rittlings auf Baumstämmen sitzend, die an einem Ende zugespitzt sind,
-und mit den Händen rudernd, und in Kalifornien bedienen sich die
-eingeborenen Fischer eines Bündels Binsen, die in Form einer Hängematte
-zusammengebunden sind. So roh nun diese Vorrichtungen auch sind, so
-beweisen sie doch, daß die Verfertiger bereits den Vorzug erfaßten, den
-ein +zugespitztes+ Fahrzeug vor einem Baumstamm mit +stumpfem+ Ende
-besitzt.
-
-[Illustration: Fig. 101. Rindenkahn der Australier.
-
-(Aus +Hellwald+, Naturgeschichte des Menschen. Bd. I. Verlag von W.
-Spemann.)]
-
-Ein Fortschritt der Schiffahrt ist es -- und wir finden denselben
-in allen Teilen der Erde --, wenn das Floß ausgehöhlt wird; dessen
-Schwimmkraft wird hierdurch gesteigert, es wird zum +Boot+. Das
-einfachste Boot wird erzeugt durch Aushöhlen eines Baumstammes.
-Für Wilde, die nur mit Steinäxten versehen sind, ist dies jedoch,
-besonders wenn das Holz hart ist, eine sehr mühsame Arbeit. Sie nehmen
-daher oft Feuer zu Hilfe, indem sie den Baumstamm an der Stelle, an
-welcher er ausgehöhlt werden soll, anzünden und das brennende Holz
-weghauen. Kolumbus sah solche Fahrzeuge in Westindien, und zwar
-von einer Größe, daß er darüber höchlich erstaunt war. In manchen
-dieser Kanoes war nach seinen Briefen für 70 bis 80 Ruderer Raum.
-Die Spanier nahmen den haitischen Namen ~canoa~ an, aus welchem das
-englische Wort ~canoe~ entstand. Solche Boote waren indes nicht nur in
-Amerika, sondern auch in anderen Ländern bekannt. Auch in Europa waren
-sie in der vorhistorischen Zeit sehr verbreitet, wie die aus Torf-
-und Sand-Ablagerungen ausgegrabenen und in den Museen aufbewahrten
-Exemplare beweisen. Selbst der lateinische Name für Kahn, ~scapha~,
-der dem griechischen ~skaphê~[158] entspricht, ist ein Beweis für die
-Thatsache, daß in alter Zeit Boote durch Aushöhlen von Baumstämmen
-verfertigt wurden; ja sogar die englischen Worte ~skiff~ (Kahn) und
-~ship~ (Schiff), sowie das deutsche Wort +Schiff+, die offenbar
-mit ~scapha~ zusammenhängen, erinnern uns an diesen Ursprung der
-Schiffsbaukunst. -- In sehr einfacher Weise verfertigen die Australier
-Boote, indem sie ein Stück von der Rinde eines gewissen Baumes ablösen
-und es an den Enden zusammenbinden. Soll dasselbe mehr als einmal
-gebraucht werden, so werden die Enden zusammengenäht, und im Innern
-werden Querstäbe eingesetzt, um die Form des Bootes zu erhalten.
-Dieses +Rindenboot+ ist auch in Asien und Afrika bekannt und erreicht
-seine höchste Ausbildung in Nordamerika. Hier besteht es aus einem
-Gerüst aus Cedernholz, welches mit Birkenrinde bedeckt ist, deren
-einzelne Teile mit faserigen Cedernwurzeln zusammengenäht werden.
-Solche Boote sind noch in der Umgebung der Hudsons-Bai und in anderen
-Gegenden im Gebrauch, da sie sich besonders für die Fahrt auf solchen
-Flüssen eignen, wo Boot und Ladung zur Umgehung von Stromschnellen
-oder, um von einem Flusse zu einem andern zu gelangen, zuweilen auf
-dem Lande weiterbefördert werden müssen. Ganz ähnliche Boote wie diese
-werden auch aus +Tierhäuten+ verfertigt. Nordamerikanische Indianer
-benützen zuweilen beim Übersetzen über einen Fluß Boote, die aus
-denselben Häuten bestehen, die sonst ihre Zelte bilden. Nicht viel
-höher als diese stehen die in Mesopotamien gebrauchten, aus gebogenen
-Zweigen und Häuten verfertigten runden Boote, sowie die tragbaren
-Lederboote der alten Briten. Noch heute benutzen die Fischer am
-Severn und Shannon tragbare Boote, die zwar ein vollkommeneres Gerüst
-besitzen als die alten, und die nicht mehr mit Häuten, sondern mit
-geteertem Segeltuch bedeckt sind, die aber noch gänzlich die alte
-Form aufweisen. Die Kajaks der Eskimos bestehen aus einem Gerüst aus
-Knochen oder Treibholz, das in der Weise mit Seehundfellen überzogen
-ist, daß nur auf Deck eine Öffnung bleibt, in welcher der Kajaker
-sitzt. Was Sicherheit und Schnelligkeit der Bewegung betrifft, so
-leisten diese Kajaks das Unglaubliche. Sie bilden eine Art wasserdichte
-Rettungsboje, die nicht leicht aus der Gleichgewichtslage zu bringen
-ist, selbst wenn der Ruderer sich nach einer Seite überneigt. Briten
-und Amerikaner, diese gründlichen Kenner der Seefahrzeuge, reden
-deshalb mit Bewunderung, mit Neid sogar von dem Eskimo, der mit seinem
-Doppelruder und den Gleichgewichtskünsten eines Seiltänzers seinen
-Kajak über die rauhen Wogenkämme hüpfen läßt. Unsere modernen sogen.
-Kanoes sind Nachahmungen dieser Boote in Holz.
-
-[Illustration: Fig. 102. Eskimo im Kajak.]
-
-Sobald in dem ausgehöhlten Baumstamm ein Brett als eine Art Deck
-angebracht wird, oder wenn das ganze Fahrzeug aus Brettern hergestellt
-wird, die anstatt der Häute oder der Rinde auf die Rippen genäht
-werden, so kommt dasselbe in seinem Bau unseren modernen Schiffen
-schon näher. Von Afrika bis in den malayischen Archipel bildeten und
-bilden zum Teil bis auf den heutigen Tag solche +genähte+ Boote das
-Hauptverkehrsmittel der Eingeborenen. Die Kanoes der Südsee-Inseln
-z. B., die in einer Weise durch Kokosnußfaser zusammengefügt sind,
-daß man die Fugen kaum bemerkt, bilden ein wahres Wunder barbarischer
-Zimmerkunst. Im Golf von Oman setzen die Eingeborenen, mit Werkzeugen
-versehen, auf die Kokosnußinseln über, fällen einige Palmen,
-verarbeiten das Holz zu Planken, nähen dieselben mit Seilen zusammen,
-die sie aus dem Bast anfertigen, machen aus den Blättern Segel, beladen
-die neuen Boote mit Kokosnüssen und kehren mit ihnen nach dem Festlande
-zurück.
-
-Werfen wir auch einen Blick auf die +Ruderflöße+! -- Zwei oder drei
-miteinander verbundene Stämme bilden bekanntlich ein +Floß+. Dasselbe
-hat trotz seiner schwerfälligen Bewegung den Vorteil, daß es nicht
-umschlägt und eine schwere Ladung zu tragen vermag. Auch diese Art
-von Fahrzeugen tritt bei den Völkern schon sehr frühzeitig auf.
-Zur Zeit der Entdeckung Perus trafen die Spanier zu ihrem großen
-Erstaunen bereits ein Floß an, mit welchem die Eingeborenen den Ocean
-befuhren, und das durch ein Segel gelenkt wurde. Die Flöße, welche den
-Euphrat und Tigris herab Waren befördern, werden durch aufgeblasene
-Schafshäute schwimmend erhalten. Am Ende der Reise wird das Floß
-auseinandergenommen und das Holz verkauft, so daß nur die leeren
-Schafshäute zurücktransportiert werden müssen. Auf dem Nil braucht man
-anstatt der Schafshäute irdene Gefäße, die am Ziel der Reise ebenfalls
-verkauft werden, so daß gar nichts zurücktransportiert zu werden
-braucht. Flöße von Zimmerholz, welche, wie auf dem Rhein, die Flüsse
-herabgeführt werden, läßt man einfach durch den Strom treiben. Wenn
-aber ein Floß durch Ruder oder Segel bewegt werden soll, so leistet
-es einen bedeutenden Widerstand. Die Fidschi-Insulaner, sowie die
-Bewohner anderer Inseln machten nun die Erfahrung, daß ein aus zwei
-durch Querbalken verbundenen Stämmen gebildetes und mit einer erhöhten
-Plattform versehenes Floß leichter zu bewegen sei. Diese Beobachtung
-hat wahrscheinlich die Veranlassung zur Erfindung der sogen. +Ausleger+
-gegeben, die im alten Europa bekannt waren und auf den Inseln des
-Stillen Oceans jetzt noch allgemein in Gebrauch sind. Einer der beiden
-ursprünglichen Stämme ist zum Kanoe geworden, während der andere als
-sogenannter Ausleger durch Querbalken mit dem Fahrzeug verbunden
-ist, um ein Umschlagen desselben bei stürmischem Wetter unmöglich
-zu machen. Auch beide Stämme können in Kanoes umgewandelt und die
-Plattform beibehalten sein. So entsteht das polynesische Doppelkanoe
-oder die polynesische Doppelpirogue. Vor nicht langer Zeit wurde der
-Versuch gemacht, diese Idee in der Konstruktion eines Doppeldampfers zu
-verwerten, welcher für die Überfahrt zwischen Dover und Calais dienen
-sollte.
-
-[Illustration: Fig. 103. Doppelpirogue der Fidschi-Insulaner.]
-
-Was die +Fortbewegung der Boote+ betrifft, so lehrt uns der Australier,
-der auf seinem zugespitzten Stamm sitzt und mit den Händen rudert, oder
-der Fischer am obern Nil, der auf einem Bündel Halmen sitzt und sich
-durch Treten mit den Füßen vorwärtsbewegt, deutlich genug, in welcher
-Weise das +Ruder+ erfunden wurde. Das einfachste hölzerne Ruder, das
-in seiner Form die flache Hand oder den Fuß nachahmt, deren Arbeit es
-zu verrichten bestimmt ist, ist den Wilden wohl bekannt, die in der
-Regel ein einfaches Ruder mit einem blatt- oder schaufelförmigen Ende
-benutzen. Das an beiden Enden erweiterte Ruder, welches unsere Ruderer
-von den Eskimos entlehnt haben, ist bereits eine verbesserte Form. Dies
-in freier Hand geführte Ruder ist für Rindenkanoes oder ausgehöhlte
-Baumstämme das zweckmäßigste. Für größere Fahrzeuge ist dagegen ein
-Ruder, welches gegen den Rand des Bootes angelehnt wird und als Hebel
-wirkt, bei weitem vorzuziehen, da bei diesem die Kraft des Ruderers
-besser ausgenutzt wird und der Stoß desselben ein gleichmäßigerer ist.
-Der große Unterschied in der Kenntnis mechanischer Principien tritt uns
-deutlich entgegen, wenn wir ein Kanoe der Südsee-Inseln mit zwanzig das
-Wasser schaufelnden Insassen mit einem unserer achtsitzigen Ruderboote
-vergleichen. -- Die einfachste Form des +Segels+ ist vielleicht
-diejenige, welche wir in einer Skizze von +Catlin+ abgebildet finden.
-Eine Anzahl nordamerikanischer Indianer steht in Kanoes, und jeder von
-ihnen hält mit ausgebreiteten Armen eine Decke, die mit ihrem untern
-Ende an seinem Bein befestigt ist, gegen den Wind. Das einfachste
-wirkliche Segel besteht aus einer Matte oder einem Tuch, das unten
-befestigt ist und an den oberen Ecken von zwei Stäben gehalten wird
-oder an einer aufrechten Stange mit einem Querstab, Mast und Rahe in
-ihrer einfachsten Form, festgemacht ist. Bei niederen Stämmen vermissen
-wir den Gebrauch des Segels so allgemein, daß wir annehmen müssen,
-sie seien mit demselben nicht bekannt gewesen. Durch die Anwendung
-des Segels wird nämlich mit einem sehr geringen Aufwand von Mühe eine
-so bedeutende Arbeit geleistet, daß wir nicht annehmen können, die
-Kunst des Segelns sei bei irgend einem Volke bekannt gewesen, aber in
-Vergessenheit geraten. Wahrscheinlich wurde das Segel erst in einer
-Periode vorgeschrittener Civilisation erfunden.
-
-Im Vergleich zu den vielfach sehr primitiven Fahrzeugen der wilden
-Völker bekundet die Schiffsbaukunst der Gegenwart freilich die
-großartigsten Fortschritte; allein auch an den modernen Seeriesen
-erkennen wir noch deutlich genug, wie sie sich nur durch allmähliche
-Umformungen aus dem einfachen Kanoe entwickelt haben.
-
-Schließlich sei noch darauf verwiesen, daß nichts so sehr die
-Ausbildung der Seetüchtigkeit der Völker begünstigt, als Inseln, die
-einer Küste naheliegen. Darum zählen die Eskimos im Norden Amerikas
-zu den seekundigsten Völkerschaften, sind die Papuanen und Malayen
-vorzügliche Seefahrer und bildeten sich an der Berührungsstelle der
-Antillen und des südamerikanischen Festlandes die Kariben für ihre
-Piratenzüge aus. Desgleichen lockte die Phönizier die Nähe der Inseln
-aufs Meer, hat die griechische Inselwelt tüchtige Seefahrer entwickelt
-und haben die britischen Inseln nach und nach Bevölkerungen an sich
-gezogen, die sich an Seetüchtigkeit überboten. Es erhellt hieraus,
-daß die nautischen Leistungen der Völker auch an gewisse physische
-Begünstigungen des Wohnortes gebunden sind[159].
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Die Schiffahrt der Kulturvölker[160].
-
-
-1. Die Schiffahrt der Alten.
-
-Dasjenige Land, in dem die Schiffszimmerkunst sich zuerst entwickelte,
-und von dem aus sie sich nach anderen Ländern verbreitete, ist wohl
-+Ägypten+. Eine größere Rolle haben indes die Ägypter als Seefahrer
-in den ältesten Zeiten nicht gespielt. Das bedeutendste Seevolk des
-Altertums waren vielmehr die +Phönizier+, welche man wegen ihres
-Unternehmungsgeistes, ihres Handels- und Gewerbsinnes und ihrer vielen
-Entdeckungen nicht ohne Berechtigung die „Engländer des Altertums“
-nennt. Ihre Fahrten erstreckten sich vom östlichsten Gestade des
-Mittelmeeres bis über die Säulen des Herkules, wie man damals die
-Straße von Gibraltar nannte. Auch das Rote und Indische Meer befuhren
-phönizische Schiffe, und nach Herodot sollen unter dem ägyptischen
-König Necho phönizische Schiffer vom Roten Meere aus Afrika umsegelt
-haben.
-
-Würdige Nachkommen der Phönizier waren die +Karthager+. Das nächste
-Ziel ihrer Schiffahrt bildeten Sizilien und Süd-Italien; bald aber
-dehnten sie ihre Reisen weiter aus, und die schönste Illustration
-des altphönizischen Unternehmungsgeistes sind die Nordlandfahrten
-+Himilcos+ und +Hannos+. Ersterer kam bis an die Küste Albions und zur
-Bernsteinküste, also den dermaligen deutschen Gestaden der Nord- und
-Ostsee; letzterer hat wahrscheinlich das Grüne Vorgebirge, vielleicht
-auch die westlich davon gelegenen Inseln erreicht.
-
-Von den Phöniziern erbten wiederum die +Griechen+ die nautische
-Fertigkeit. Ihre Schiffe besuchten das Schwarze Meer, die Küsten
-Kleinasiens und die europäischen Küsten des Mittelmeeres. Die
-wichtigste Gründung im Westen des letztern war Massilia (Marseille).
-Von den berühmt gewordenen Seereisen des hellenischen Zeitalters seien
-erwähnt die Entdeckungsfahrt des +Pytheas+, der um die Mitte des
-vierten Jahrhunderts v. Chr. an der Küste von England landete, von
-hier weiter nordwärts bis „Thule“ (vielleicht Island) steuerte und
-bis zur Bernsteinküste vordrang, und die See-Expedition +Nearchs+, des
-Flottenbefehlshabers Alexanders des Großen. Durch letztere ward nicht
-nur der Weg nach Indien eröffnet, man wurde auch mit den Erscheinungen
-der Ebbe und Flut vertrauter und lernte die Monsune kennen.
-
-Wenig geachtet war das Seewesen bei den +Römern+. Der Seedienst wurde
-nur von Bürgern der niedersten Klasse, von Freigelassenen oder gar von
-Sklaven besorgt. Erst die punischen Kriege und später die Seeräuber-
-und Bürgerkriege brachten in diese Verhältnisse einigen Aufschwung;
-aber sogar noch unter Augustus Octavianus galt der Seedienst als
-entehrend oder zum mindesten nicht ehrenvoll. So begreift es sich wohl,
-daß das römische Seewesen sich niemals zu größerer Bedeutung erhob.
-
-[Illustration: Fig. 104. Altes Nilboot. (Nach+ Siebert-Tylor+,
-Anthropologie und Civilisation.)]
-
-Die Schiffahrt des Altertums beschränkte sich übrigens nicht allein
-auf die Völker des Mittelmeeres; auch der Norden Europas entbehrte
-derselben nicht. Die +Briten+ z. B. fuhren bereits vor dem Einfalle
-Cäsars in ihr Land nicht nur nach den Küsten Nordfrankreichs und der
-Niederlande, sondern auch an die französischen Küsten der Bucht von
-Biscaya. Ja es giebt im Norden Europas sogar zahlreiche Belege für die
-Pflege der Schiffahrt in vorhistorischer Zeit.
-
-Über Größenverhältnisse, Gestalt, Konstruktion und innere Einrichtung
-der Seefahrzeuge des Altertums sind uns leider genauere Angaben
-nicht erhalten. Die gewöhnliche Form der auf den +altägyptischen+
-Wandgemälden abgebildeten Schiffe ist die Kombination einer
-Rudergaleere mit einem Segelschiff. Die Ruderer sitzen auf Querbänken
-und ziehen die durch Ringe geführten Ruder an. Am Hinterteil des
-Schiffes befindet sich das große Steuerruder. Wir sehen ferner einen
-durch Taue in seiner Stellung befestigten Mast mit Rahen und Tauen
-zum Ausspannen und Einreffen der Segel. Am vordern und hintern Ende
-des Schiffes bemerken wir bereits erhöhte Teile, die man heute
-als Kastelle (Back und Schanze) bezeichnet. Auf den ägyptischen
-Kriegsschiffen standen auf diesen Teilen, durch eine Brustwehr
-geschützt, die Bogenschützen. Auf der Spitze des Mastes befindet sich
-ein „Krähennest“, welches dem „Top“ unserer Schiffe entspricht, und aus
-welchem Schleuderer Steine auf den Feind herabwarfen. Das altägyptische
-Schiff enthält somit schon alle wesentlichen Teile eines heutigen
-Schiffes. Die +Phönizier+ hatten zwei Arten von Schiffen: Kriegs-
-und Handelsschiffe; die ersteren waren lang und zugespitzt, letztere
-mehr von rundlicher Form. Die +Römer+ und +Griechen+ unterschieden
-die Schiffe nach der Zahl der Ruderbänke, die in verschiedenen
-Reihen übereinander lagen, in Zweiruderer (~biremes~), Dreiruderer
-(~triremes~) u. s. w.
-
-[Illustration: Fig. 105. Querschnitt einer griechischen Quinquereme.
-(Nach dem Buch von der Weltpost.)]
-
-Nach +Graser+ hatten die +griechischen+ Trieren etwa 149 Fuß Länge,
-14-18 Fuß Breite, 8½ Fuß Tiefgang, 19½ Fuß Gesamthöhe vom Kiel bis zum
-Deck und einen Raumgehalt von 232 Tonnen[161]. Die Besatzung bestand
-aus 174 Ruderern, 20 Matrosen, 10 Soldaten und zählte mit Einschluß der
-Offiziere u. s. w. im ganzen 225 Köpfe.
-
-[Illustration: Fig. 106. Griechische Pentere (Seitenansicht).]
-
-Einzelne Schiffe des Altertums zeichneten sich bereits durch
-+außerordentliche Größe+ aus. So führte der in allen Zweigen des
-Kriegswesens hervorragende Demetrius Poliorketes (der Städtebezwinger)
-in der 306 v. Chr. bei Salamis auf Cypern gegen den ersten in
-Ägypten herrschenden Ptolemäer, Soter oder Lagi, und dessen Bruder
-Menelaos gelieferten Seeschlacht außer anderen Großschiffen auch ein
-Sechzehnreihenschiff in den Kampf, für welches wenigstens 1000 Ruderer
-nötig gewesen. Ptolemäus Philadelphus, der Nachfolger des Soter in
-Ägypten, ging noch weiter bei Entwicklung seiner bewunderungswürdigen
-Seemacht. Es befanden sich unter seinen Schiffen Dreißigreihenschiffe,
-für deren Bemannung wohl mindestens 2000 Ruderer erforderlich waren.
-Zwanzig Ruderreihen wiederum besaß die „Alexandria“ Hieros von Syrakus
-(269-215 v. Chr.). Das Schiff war nach einem Entwurf des Archias von
-Korinth und unter der Oberleitung des Archimedes gebaut worden und kam
-an Größe unserem Panzer „König Wilhelm“ gleich. Etwa zu gleicher Zeit
-ließ Ptolemäus Philopater sogar ein Vierzigreihenschiff und zwar als
-Doppelschiff erbauen, einen fast rätselhaften „Leviathan“, länger noch
-als „Italia“ und „Lepanto“ der jetzigen italienischen Marine, für 4000
-Ruderer. Welches die bauliche Anordnung dieser Schiffe für die Ausübung
-der Ruderkraft gewesen, ist freilich noch heute nicht hinlänglich
-bekannt.
-
-[Illustration: Fig. 107. Staatsschiff des Hiero von Syrakus.]
-
-
-2. Die Schiffahrt des Mittelalters.
-
-Unter den seefahrenden Völkern des Mittelalters verdienen in erster
-Linie die +Normannen+ im Norden Europas Erwähnung. Vom achten bis zum
-elften Jahrhundert finden wir sie in den europäischen Meeren als die
-herrschenden „Seekönige“. Sie befuhren nicht allein Skandinaviens
-Küsten, sie steuerten auch nördlich bis nach Archangel und östlich bis
-nach Preußen und Esthland, und im Süden beschifften sie den westlichen
-Teil des Mittelmeeres. Leute ihres Schlages waren es auch, welche (867)
-nach Island kamen und es besiedelten, die unter Erich dem Roten (983)
-Grönland entdeckten und im Jahre 1000, also ein halbes Jahrtausend
-vor Kolumbus, Amerika fanden, und das alles ohne Kompaß und Karten
-und mit sehr primitiven, wenig seetüchtigen Fahrzeugen. Die letzteren
-hatten Segel und Ruder und führten infolge davon, daß sie in ihrer
-ganzen Form die Gestalt eines Drachen oder einer Schlange zeigten, den
-Namen „+Drachen+“. Ein solch historisches „Drachenschiff“ war das des
-Seekönigs Olaf Trygvason, des Beherrschers von Norwegen, der um 780
-einen Überfall auf die englische Küste vollführte, obwohl kurz vorher
-König Alfred von England die „britische Flotte gegründet hatte“. Das
-Schiff soll 35 m lang gewesen sein und 34 Ruderbänke besessen haben.
-Es war also jedenfalls ein See-Ungetüm ganz außergewöhnlicher Art.
-Kleinere Fahrzeuge hießen +Schnecken+.
-
-[Illustration: Fig. 108. Drache.]
-
-Deutschland errang sich im Mittelalter eine bedeutende Stellung
-zur See durch die +Hansa+, deren Bund in der Blütezeit mehr als 70
-Städte umfaßte, und deren Faktoreien bis nach dem äußersten Norden,
-südwärts bis nach Italien, nach Westen bis an den Atlantischen Ocean
-und gegen Osten weit nach dem Innern Rußlands vorgeschoben waren.
-248 Kriegsschiffe mit einer Bemannung von mehr als 12000 Streitern
-durchfurchten den Ocean und erzwangen dem deutschen Namen Achtung
-und Ansehen. Leider hat es der Bund nicht verstanden, den durch
-die transoceanischen Entdeckungen herbeigeführten wesentlichen
-Veränderungen Rechnung zu tragen und seine Handelspolitik den neuen
-Anforderungen gemäß umzugestalten, und da auch noch Streitigkeiten
-innerhalb des Bundes ausbrachen, so begann gegen Ende des 14.
-Jahrhunderts der Glanz der deutschen Seeherrschaft zu erblassen.
-
-[Illustration: Fig. 109. Venetianische Galeere.]
-
-Im Süden Europas lag die Herrschaft zur See erst in den Händen der
-+Araber+; in der zweiten Hälfte des Mittelalters aber ging sie, und
-zwar hauptsächlich infolge der durch die Kreuzzüge hervorgerufenen
-regen Beziehungen mit dem Orient, an die +italienischen Freistaaten+
-über, besonders an +Genua+ und +Venedig+. Letzteres besaß am Ende
-des 14. Jahrhunderts eine Handelsflotte von nicht weniger als 3000
-Schiffen. Alljährlich fuhr denn auch der Doge von Venedig mit allen
-Senatoren am Himmelfahrtstage auf dem Prachtschiffe „+Bucentoro+“
-ins Meer hinaus, um in dasselbe einen goldenen Ring zu werfen, zum
-Zeichen der Vermählung mit dem Meere und der Herrschaft über dasselbe.
-Es geschah dieser Akt bekanntlich zur Erinnerung an den denkwürdigen
-Tag des Jahres 1177, an welchem der Doge Ziani in der Bucht von
-Pirano (Istrien) die vereinigten Geschwader der Genuesen, Pisaner und
-Friedrich Barbarossas vernichtete. Was den „Bucentoro“ betrifft, so war
-derselbe circa 30 m lang und der Länge nach in zwei Stockwerke geteilt;
-er besaß 43 Ruder, die von 168 Ruderknechten gehandhabt wurden. Der
-obere Stock bildete den Saal für die Edlen, und in dem anstoßenden
-kleinen, aber prachtvoll ausgeschmückten Thronsaal saß der Doge mit
-seinen Räten und den fremden Gesandten. Der Schiffskörper war vom Kiele
-bis zur Balustrade übermäßig reich dekoriert mit Blumenguirlanden,
-Muschelmosaik, mythologischen Figuren u. s. w. Karyatiden trugen das
-scharlachrote Samtdach, und auf den zwei langen Schiffsschnäbeln
-waren Symbole der Herrschaft Venedigs über das Meer angebracht; ein
-vergoldeter Mast trug das Banner der Republik.
-
-[Illustration: Illustration: Fig. 110. Schiff des Kolumbus.
-
-(Nach +Lindsay+, ~History of the Merchant Shipping~.)]
-
-Die gewöhnlichsten Fahrzeuge der Mittelmeerstaaten waren die
-+Galeeren+, d. i. Schiffe, welche Ruder und Segel zugleich gebrauchten.
-Schiffe mit größerer Tragfähigkeit (bis zu 700 t) waren die +Carrequen+
-und +Galeassen+. Zu besonderer Berühmtheit sind endlich noch die
-+Caravellen+ gelangt, da auf solchen Kolumbus und seine Begleiter nach
-Amerika fuhren. Diese Art von Schiffen hatte vier Masten, von denen
-drei mit lateinischen Segeln versehen waren.
-
-
-3. Die Schiffahrt der Neuzeit.
-
-Gegen Ende des 13. Jahrhunderts war die Kompaßnadel, die vermutlich aus
-China stammt, auch in Europa bekannt geworden. An ihre Erfindung knüpft
-sich der größte Fortschritt in der Schiffführungskunst; denn erst
-von da an war es möglich, bei Tag und Nacht zu segeln, und Nebel und
-Regenwetter konnten nicht mehr wie ehedem den Seemann zur Unthätigkeit
-zwingen. Ein Fall, wie jener der Pisaner, die zu Anfang des 12.
-Jahrhunderts im Verein mit den Seeleuten von Lucca bei schönem Wetter
-Blanes in Catalonien anliefen, in der Meinung, in Malorca zu sein, war
-fortan ausgeschlossen. Allerdings gewahren wir im 13. Jahrhundert noch
-eine gewisse Ängstlichkeit in der Schiffahrt, aber das Emporblühen
-der italienischen Städte des Mittelalters, der immer regere Verkehr
-im Mittelmeere und die Ausdehnung der Schiffahrt selbst jenseits der
-Säulen des Herkules sind doch schon Folgen des Kompasses. Am meisten
-jedoch kam derselbe zu statten den großen Reisenden im +Zeitalter der
-Entdeckungen+. Letztere gingen vor allem von zwei Nationen aus: den
-Portugiesen und Spaniern.
-
-In +Portugal+ erwarb sich besonders +Prinz Heinrich+, genannt der
-+Seefahrer+, große Verdienste um die Schiffahrt. Unter ihm entstand
-die erste nautische Schule der Welt, und auf seine Veranlassung gingen
-zahlreiche Expeditionen aus, die Westküste Afrikas zu erforschen. 1486
-drang +Bartolomeo Diaz+ schon bis zum Kap der guten Hoffnung vor, und
-1498 fand +Vasco de Gama+ den Seeweg nach Indien. Die höchste Blütezeit
-der portugiesischen Seemacht fällt in die Zeit von 1495-1557.
-
-Wie die Portugiesen sich nach Osten wandten, um den Weg nach Indien,
-dem „Lande der Gewürze und des Goldes“, zu finden, so sehen wir die
-+Spanier+ nach Westen ziehen. Auch der große, im Dienste Spaniens
-stehende Genuese +Christoph Kolumbus+ wollte Kathai (China) und Zipangu
-(Japan) auf dem Seewege finden, aber er entdeckte am 12. Oktober 1492
-eine neue Welt -- Amerika. Von nun an folgt eine Entdeckung der andern,
-und Spaniens Seemacht nimmt immer größern Aufschwung. Die berühmteste
-spanische Flotte war die sogen. unüberwindliche +Armada+, die 1588 im
-Kampfe mit England zu Grunde ging. Seit dieser Zeit hat Spanien auch
-nie mehr die frühere Machtstellung zur See sich zu erringen gewußt.
-
-Von den Männern, welche im Zeitalter der Entdeckungen der +nautischen
-Wissenschaft+ große Dienste leisteten, seien besonders +Martin Behaim+
-aus Nürnberg und +Gerhard Mercator+ aus Duisburg genannt. Ersterem
-(gest. 1507) verdankt man, wenn auch nicht ganz, so doch in hohem
-Grade, die Verbesserung des Astrolabiums, letzterer (gest. 1594) ist
-der Erfinder der nach ihm benannten Projektion, nach der noch heute
-alle Seekarten gezeichnet werden.
-
-Den Portugiesen und Spaniern folgten in der Seeherrschaft zunächst
-die +Niederländer+. Wie ehedem Venedigs Seemacht, so entstand auch
-die holländische aus der Fischerei. Diese war Grundlage und Schule
-für das Anwachsen der holländischen Schiffahrt, die den Namen des
-kleinen Landes bald über alle Meere trug. 1599 schon brachte die
-holländische Gesellschaft „Für die Ferne“ ein Handelsbündnis mit Indien
-zu stande, und 1602 wurde die „Holländische vereinigte ostindische
-Gesellschaft“ gegründet. Etwa zwei Jahrzehnte später erfolgte die
-Errichtung der „Holländischen westindischen Kompagnie“ und der
-„Nordischen Gesellschaft“, und zur leichtern Betreibung des Fischfanges
-an der Neufundland-Bank und des Pelzhandels mit den Indianern wurden
-auch am untern Hudson Kolonieen angelegt. Die Hauptstadt dieses
-Gebietes war Neu-Amsterdam, das jetzige New-York. Die Blütezeit der
-niederländischen Seemacht fällt in die Zeit von 1600-1650, wo sie über
-70000 Handelsschiffe verfügte.
-
-Den Grund zur Seeherrschaft +Englands+ legte die Königin Elisabeth
-(1558-1603). Das ganze Sinnen und Trachten dieser Regentin galt der
-Hebung der Schiffahrt. In ihre Zeit fällt denn auch die Weltumsegelung
-Drakes, der Beginn der nordischen Entdeckungsfahrten, das traurige
-Ende der unüberwindlichen Armada Philipps II., sowie die Gründung
-der ostindischen Kompagnie. Ganz besonders wurde der Aufschwung
-der britischen Handelsflotte durch die unter Oliver Cromwell 1651
-erlassene +Navigationsakte+ gefördert, laut welcher die in englische
-Häfen einlaufenden fremden Fahrzeuge nur solche Erzeugnisse einführen
-durften, die ihren Ursprung im eigenen Lande hatten. Am härtesten
-wurden hierdurch die Niederländer betroffen, die bis dahin gerade aus
-dem Zwischenhandel den größten Nutzen gezogen. In dem nun zwischen
-Holland und England ausbrechenden Kriege vermochten auch die Ruyter
-und Tromps die Bestimmung des Schicksals nicht aufzuhalten. Das stolze
-Holland wurde besiegt und geschlagen. England aber glänzt seit jener
-Zeit als die erste Seemacht der Erde, und noch immer gilt das Wort:
-~Britannia rule the waves~.
-
-Die großartigste Pflege wurde seitens der Engländer auch den
-+nautischen Wissenschaften+ zu teil. Von +Halley+ wurden Oktant und
-Sextant erdacht und konstruiert, +Harrison+ erfand die Zeitmesser
-(See-Uhren, Chronometer), und der deutsche Astronom +Tobias Meyer+ hat
-auf Veranlassung Englands die für die Bestimmung der geographischen
-Länge so wichtigen Mondtafeln berechnet.
-
-Die +französische+ Seemacht nahm besonders im 17. Jahrhundert durch
-den berühmten Minister +Colbert+ einen sehr bedeutenden Aufschwung;
-die Größe der englischen oder holländischen Flotte vermochte sie indes
-nicht zu erreichen.
-
-Seit 1783 sind auch die +Vereinigten Staaten von Amerika+ unter die
-seefahrenden Nationen getreten.
-
-+Deutschland+ war seit dem Verfall des Hansabundes aus den Reihen der
-Seemächte gewichen und blieb es auch bis fast in unsere Tage. Den
-einzigen Lichtpunkt in der ganzen neuern Geschichte unseres Vaterlandes
-bilden in dieser Beziehung die Unternehmungen des +großen Kurfürsten
-Friedrich Wilhelm I.+ (1640-1688) +von Brandenburg-Preußen+. Der
-geniale Herrscher hatte nämlich seine Jugend in den Niederlanden
-zugebracht und dort die Wichtigkeit des Seewesens kennen gelernt.
-Nach seiner Thronbesteigung ließ er es sich daher eifrigst angelegen
-sein, eine preußische Flotte zu gründen. Königsberg wurde Kriegshafen,
-und unter dem Befehl des brandenburgischen Admirals Cornelius Klaus
-von Beveren kreuzte eine Flotte im Golf von Mejico, wo siegreiche
-Gefechte gegen die Spanier geliefert wurden. Auch Kolonialprojekte
-tauchten auf, und in der That legte der Kammerjunker Otto Friedrich
-von der Gröben 1683 an der Goldküste von Afrika ein Fort an, das er
-„Groß-Friedrichsburg“ taufte. Ebenso wurde unter Friedrich Wilhelm
-der Sitz der Flotte, da sich die Ostsee für deren Entwicklung nicht
-günstig erwies, nach Emden an der Nordsee verlegt. Mit dem Tode des
-Großen Kurfürsten zerfiel jedoch sein Werk, und die afrikanischen
-Kolonieen gingen an die Holländer verloren. Erst 1848 erwachte wieder
-das Bedürfnis, eine Kriegsflotte zu besitzen, und bald schwamm auch ein
-kleines Geschwader, die +Deutsche Reichsflotte+, auf dem Meere; aber
-nur kurze Zeit währte dieser Aufschwung, denn schon im Herbste 1852
-verkündigte der verhängnisvolle Hammerschlag des Flottenauktionators
-Hannibal Fischer den Verkauf der deutschen Kriegsschiffe. Auch das ist
-anders geworden seit den großen Jahren 1870/71. In ehrfurchtgebietender
-Macht durchkreuzt heute die „+Kaiserlich Deutsche Marine+“ den Ocean,
-und auch die deutsche Handelsschiffahrt ist in mächtigem Aufschwunge
-begriffen, seit die Flagge des Kaiserreichs an der Gaffel des deutschen
-Kriegsschiffs weht.
-
-Was die +technische+ Seite des Schiffswesens in dieser Periode
-betrifft, so wurde nun mehr und mehr das +Segel+ das +einzige+ Mittel
-der Schiffsbewegung; man hat daher die Zeit von 1500 bis ca. 1840 auch
-die +Periode der wirklichen Segelschiffe+ genannt. Die +neueste+ Zeit
-hat an die Stelle des Windes als zuverlässigern und stärkern Motor den
-+Dampf+ gesetzt, die treibende Kraft der modernen Industrie. Seine
-Nutzbarmachung hat bekanntlich auf dem maritimen Gebiet eine völlige
-Umwälzung hervorgerufen.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Geschichte der Dampfschiffahrt[162].
-
-
-Der erste Versuch, ein Schiff durch Dampfkraft fortzubewegen, soll
-nach spanischen Überlieferungen bereits im Jahre 1543 von +Blasco
-de Garay+ im Hafen von Barcelona ausgeführt worden sein. Laut der
-angeblich im Archiv von Simancas aufgefundenen Urkunde hatte das
-Schiff 20 t Gehalt und wurde durch Schaufelräder getrieben. Mac Gregor
-hat indes nachgewiesen, daß hier ein Mißverständnis vorliegt und
-nur von Experimenten in dem Sinne die Rede sein kann, Schiffe durch
-Schaufelräder mittels +Handbetriebs+ in Bewegung zu setzen. Das erste,
-tatsächlich durch Dampfkraft bewegte Schiff war jenes auf der Fulda,
-welches der Franzose +Denis Papin+ 1707 erbaute; als sich jedoch Papin
-mit seinem Schiff auf die Weser wagte, wurden Schiff und Maschine von
-den Schiffern, die durch das Dampfboot ihr Gewerbe für bedroht hielten,
-zerstört. Papin selbst flüchtete nach England, wo er 1714 mittellos
-starb. Weitere Versuche auf diesem Felde machten die Engländer
-+Savery+ († 1716), +Dickens+ und +Hull+; dieselben führten indes zu
-keinem Resultate. Im Jahre 1753 setzte dann die Pariser Akademie der
-Wissenschaften einen Preis auf die Erfindung eines Mechanismus, durch
-welchen man die Kraft des Windes ersetzen könnte. Nachdem sich mehrere
-Gelehrte um die Lösung dieses Problems vergeblich bemüht hatten,
-erhielt +Bernoulli+ den Preis, der bewies, daß nach dem damaligen
-Stande der Wissenschaften die Erfindung eines solchen Mechanismus
-unmöglich sei.
-
-Um 1770 beschäftigten sich die französischen Offiziere Graf +d’Auxiron+
-und Chevalier +Monin de Follenai+ bei der Schwaneninsel nächst Paris
-mit Dampfschiffahrtsversuchen, ohne zu wissen, daß ein gewisser
-Marquis +Jouffroy+ dieselben Ideen verfolge und vorläufig die hierzu
-nötigen Kapitalien ansammle. Die beiden Offiziere hatten schon ein
-fertiges Dampfschiff hergestellt, als ihnen das unglückliche Los des
-Papin zu teil wurde. Eines Morgens fanden sie das Schiff zerstört, und
-zur weitern Ausführung ihrer Projekte fehlten ihnen die Geldmittel.
-D’Auxiron nahm sich das Mißlingen seiner Sache, von welcher er den
-besten Erfolg erwartete, derart zu Herzen, daß er aus Gram darüber
-starb. Unterdessen hatte +Jouffroy+ eine genügende Summe Geldes
-gefunden und ein Dampfschiff gebaut; die diesbezüglichen Experimente,
-auf der Seine ausgeführt, mißlangen jedoch völlig. Jouffroy zog
-sich nun nach seiner Heimat Baume-les-Dames (am rechten Ufer des
-Doubs) zurück und setzte hier seine Versuche fort, indem er sich mit
-unzulänglichen Werkzeugen und der plumpen Arbeit eines ländlichen
-Grobschmieds behalf. Am 15. Juli 1783 fand auf der Saône in Gegenwart
-einer Zuschauermenge von 10000 Personen das erste Experiment mit dem
-von ihm konstruierten Radschiff statt. Nachdem der Versuch vollständig
-gelungen und man sich überzeugt hatte, daß jenes Schiff, gegen die
-Strömung fahrend, eine ansehnliche Geschwindigkeit erreiche, wollte
-Jouffroy sofort eine Dampfschiffahrts-Gesellschaft gründen. Der Umstand
-aber, daß die Probe nicht in Paris vorgenommen wurde, diente der
-Pariser Akademie zum Vorwande, mit ihrer Beurteilung zurückzuhalten,
-und ebenso der Regierung, die Verleihung des vom Erfinder nachgesuchten
-Monopols zu verweigern. Verarmt und entmutigt, gab dieser endlich alle
-Hoffnung auf, seine Pläne jemals durchführen zu können, und trat wieder
-in die Armee ein. 1816 machte Jouffroy nochmals einen erfolglosen
-Versuch; 1830 starb er im Invalidenhause zu Paris.
-
-Auch in England hatte unterdessen das unverminderte Interesse an der
-Einführung der Dampfschiffahrt zahlreiche Experimente veranlaßt. +James
-Taylor+ hatte erkannt, daß die Dampfmaschine die einzige geeignete
-Bewegungskraft für Schiffe wäre, und riet dem Ingenieur +Patrick
-Miller+, sich der Sache anzunehmen. Letzterer ging auf den Vorschlag
-ein und ließ durch den Ingenieur +William Symington+ eine kleine
-Schiffsmaschine bauen. Die Versuche fielen zur größten Befriedigung
-aus; das Boot legte per Stunde 5 Meilen zurück. Ermutigt durch
-diesen Erfolg, ließ Miller 1789 ein größeres Dampfschiff bauen. Die
-Schaufelräder desselben waren aber zu leicht, so daß sie schon bei
-der ersten Probe brachen. Sie wurden deshalb durch stärkere ersetzt,
-und im Dezember 1789 legte das Boot in der Stunde 7 Meilen zurück.
-Miller scheint indes, wie mancher andere Erfinder, das Interesse
-an der Sache verloren zu haben, sobald ein Erfolg erreicht war; er
-ließ das Projekt fallen und widmete sich dem Landbau. Um so eifriger
-beschäftigte sich der Ingenieur Symington mit der Sache. Lord +Dundas+,
-einer der reichsten Pairs, stellte ihm auch seine riesigen Kapitalien
-zur Verfügung, und 1802 bereits war das erste Boot, das Symington
-für Dundas baute, und welches als das +erste+ wirklich praktische
-Dampfschiff angesehen wird, zur Probe fertig. Einer Tochter des Lords
-zu Ehren erhielt es den Namen „Charlotte Dundas“. Die Probe selbst
-wurde im März des Jahres 1802 vorgenommen und ergab ein sehr günstiges
-Resultat. Das Schiff legte in 6 Stunden 20 Meilen zurück und das bei
-widrigem Winde; dabei hatte das Schiff zwei Lastboote von je 70 t
-geschleppt. Lord Dundas trug nun die Angelegenheit dem Herzog von
-Bridgewater vor, und dieser erteilte auch Symington den Auftrag, acht
-Boote wie die „Charlotte Dundas“ für seinen Kanal zu bauen. Der Tod des
-Herzogs verhinderte jedoch die Ausführung der Bestellung, und Symington
-gab sein Projekt verzweifelnd auf.
-
-In Amerika hatte bereits 1784 +James Rumsey+ auf die Bewegung von
-Riemen (Rudern) durch Dampf ein Patent vergeblich erstrebt; er ging
-deshalb nach England, sah sich dort aber schon überflügelt.
-
-Wenige Jahre später erhielt +Fitch+ in den Staaten Pennsylvanien
-und New-York das ausschließliche Recht, Dampfer auf den dortigen
-Gewässern einzustellen. Er fand jedoch für seine Unternehmungen keine
-Unterstützung und ertränkte sich, in Armut und Verzweiflung geraten,
-1798 im Alleghany. Nach seiner letztwilligen Verfügung wollte er am
-Ufer des Ohio begraben sein, „wo der Gesang des Schiffers die Stille
-seiner Ruhestätte beleben und die Musik der Dampfmaschine seinen
-Geist beruhigen werde“. Fast wie eine Prophezeiung klingt jetzt sein
-wiederholter Ausspruch: „Es wird ein Tag kommen, wo ein Mächtigerer
-Ruhm und Reichtum durch meine Erfindung ernten wird; allein niemand
-will glauben, daß der arme Fitch etwas Beachtenswertes zu leisten
-vermag.“ Vor seinem Tode übergab er seine Pläne und Skizzen der
-philosophischen Gesellschaft in London, damit, wenn sich ein anderer
-finden sollte, der den Mut hätte, sich jener Sache anzunehmen, er von
-Fitchs Wahrnehmungen Nutzen ziehen könne.
-
-[Illustration: Fig. 111. Robert Fulton.]
-
-Auch die Versuche +Cox Stevens+ aus New-York verliefen, ebenso wie
-die +Samuel Moreys+ aus Connecticut, resultatlos. 1786 baute dann
-der Amerikaner +Oliver Evans+ einen Kessel für sehr hohen Druck und
-experimentierte damit auf dem Delaware; aber erst +Robert Fulton+ war
-es, der 1807 das schwierige Problem glücklich löste.
-
-+Robert Fulton+, 1765 in Little-Britain (Pennsylvanien) geboren, war
-seines Zeichens Uhrmacher, pflegte jedoch schon seit seiner frühesten
-Jugend Studien über Mechanik und Malerei. Zur Vervollständigung
-seiner Bildung hielt er sich zwei Jahre in der eminent industriellen
-Stadt Birmingham auf. Hierauf übersiedelte er nach Paris und begann
-dort seine Experimente mit Torpedos und Torpedobooten. Von der
-französischen Regierung unterstützt, brachte er ein solches Fahrzeug
-zu stande; die Versuche ließen indes keinen Zweifel übrig über die
-Unzweckmäßigkeit seiner Erfindung. Schon war Fulton bereit, die Alte
-Welt zu verlassen, um sich nach seiner Heimat zu begeben, als er die
-Bekanntschaft Livingstons machte, der damals (1801) als Gesandter der
-Union in Paris weilte. Livingston und Fulton vereinigten nun ihre
-Kräfte, und während ersterer die Herbeischaffung der nötigen Kapitalien
-besorgte, machte sich Fulton daran, ein Dampfschiff zu konstruieren. Am
-9. August 1803 steuerte sein erstes fertiges Dampfschiff stromaufwärts
-auf der Seine und erreichte eine Geschwindigkeit von 6 km per Stunde.
-So erfolgreich dieser Versuch genannt werden mußte, so bemühte sich
-Fulton doch umsonst, für sein Unternehmen die Unterstützung des ersten
-Konsuls Bonaparte zu erlangen. Dieser machte sich vielmehr über Fultons
-Erfindung lustig und nannte sie einen „Schwindel“. Infolgedessen
-verließen Livingston und Fulton Europa, um ihre Erfindung in Amerika
-zur vollen Geltung zu bringen. Fulton hatte aber wohl erkannt, daß
-die üblen Ausgänge der bisherigen Unternehmungen größtenteils in den
-mangelhaften und unkräftigen Dampfmaschinen ihren Grund hatten; er
-wandte sich deshalb an die damals beste Firma der Welt, Boulton & Watt
-in England, um eine Maschine, wie er sie brauchte. Sie wurde 1806
-nach New-York geliefert, und Fulton gab nun sofort den Befehl zum Bau
-des Bootes, auf welches sie gesetzt werden sollte. Fultons Landsleute
-zeigten nun freilich seinem Unternehmen gegenüber ganz denselben Mangel
-an Verständnis und Vertrauen, wie das große Publikum der Alten Welt.
-Der im Entstehen begriffene „Clermont“ war die Zielscheibe beißender
-Kritiken und Spöttereien: man nannte das Schiff nicht anders als
-„Fultons Narrheit“. Als dasselbe zur ersten Probefahrt fertig war,
-bestieg es Fulton unter dem Hohngelächter von vielen Tausenden, das
-sich noch wesentlich steigerte, als das Fahrzeug auf das Signal zur
-Abfahrt sich zwar eine kleine Strecke bewegte, dann aber ruhig stehen
-blieb. Fulton hatte indes den Fehler in der Maschinerie bald gefunden
-und beseitigt, und als dann das Schiff mit zunehmender Geschwindigkeit
-vom Werft in den Hudson einlief, verwandelte sich der Spott in Staunen,
-und brausender Jubel empfing den Erfinder. Der „Clermont“ hatte eine
-Länge von 44 m und eine Tragkraft von 160000 kg; die Maschine war 18
-Pferdekräfte stark.
-
-Am 17. August 1807 unternahm Fulton die erste größere Probefahrt, und
-zwar von New-York bis Albany und wieder zurück. Hierbei legte das
-Schiff die Entfernung von 150 Meilen bei der Hinfahrt in 32, bei der
-Rückfahrt in 30 Stunden zurück.
-
-Dies war die +erste+ größere Reise, die je auf einem Dampfer gemacht
-worden war.
-
-Nachdem Fulton noch manches schöne Schiff gebaut hatte, beschloß
-er seine Laufbahn mit einem seiner würdigen Werke, einer mächtigen
-Dampferfregatte, die der Kongreß infolge der im Jahre 1814
-eingetretenen kriegerischen Aussichten erbauen ließ. Es war dies die
-+erste+ Anwendung der Dampfmaschine für Kriegsschiffe, die für die
-damalige Zeit zugleich als vortrefflich gelungen zu bezeichnen ist.
-Fulton erlebte jedoch die Vollendung seiner schwimmenden Festung nicht;
-er starb, erst 50 Jahre alt, am 24. Februar 1815. Sein Tod wurde als
-ein +nationales+ Unglück betrauert. Materiellen Erfolg scheint Fulton
-übrigens nicht erzielt zu haben; denn bei seinem Tode hinterließ er
-eine Schuldenlast von 100000 Dollars.
-
-Gegenüber den amerikanischen Erfolgen konnte man nun auch in Europa
-und vor allem in England nicht gleichgültig bleiben. Im Kometenjahre
-1811 baute der schottische Ingenieur +Heinrich Bell+ das Dampfschiff
-„Komet“, das die Verbindung zwischen Glasgow und Greenock zu
-unterhalten bestimmt war. Es fand sich indes niemand, der sich ihm
-anschließen wollte, und selbst nachdem Bell mit seinem Schiffe eine
-Fahrt um ganz England gemacht hatte, waren seine Geschäfte noch so
-schlecht, daß er kaum die Betriebskosten deckte. Selbst an formeller
-Opposition fehlte es nicht, namentlich seitens der Bootführer. Die
-Klagen kamen 1817 sogar ins Parlament, aber der Ausschuß wies die
-Beschwerde ab, da „die Einführung des Dampfes ein mächtiges Agens
-von fast universeller Anwendbarkeit sei“. Bald bedeckten sich auch
-alle Ströme und Flüsse der civilisierten Länder mit Dampfbooten.
-Auf dem Mississippi war schon 1811 das erste Dampfschiff vom Stapel
-gelassen worden, in Schottland betrug 1815 die Zahl der im Betrieb
-befindlichen Dampfer bereits 20; auch auf den deutschen Flüssen begann
-die Dampfschiffahrt schon 1816, und die französischen Gewässer befuhren
-Dampfschiffe seit 1820. Die +Flußdampfschiffahrt+ war somit gesichert.
-
-[Illustration: Fig. 112. Älterer transatlantischer Raddampfer.]
-
-Länger verzögerte sich die +Entwicklung der Dampfschiffahrt auf hoher
-See. Die erste Dampfschiffahrt über den Ocean+ wurde zwar schon
-1819 gemacht. Am 20. Juni dieses Jahres war nämlich in Liverpool
-die „+Savannah+“ eingetroffen, welche in 26 Tagen die Reise von
-dem +amerikanischen+ Seehafen gleichen Namens zurückgelegt hatte.
-Der Versuch der „Savannah“ war jedoch noch nicht entscheidend;
-denn für einen Teil der überseeischen Reise waren auch die Segel
-benutzt worden. In England fanden daher in jener Zeit über das Für
-und Wider dieser Angelegenheit zahlreiche Diskussionen statt, und
-noch 1836 reiste der englische Professor und Physiker +Dionysius
-Lardner+ eigens nach Bristol, um daselbst vor der britischen
-+wissenschaftlichen+ Gesellschaft eine Vorlesung über die Unmöglichkeit
-einer transatlantischen Dampfschiffahrt zu halten. „Der Gedanke, eine
-oceanische Dampfschiffahrt eröffnen zu wollen, gleicht vollkommen
-jenem andern einer Reise nach dem Monde“, das waren die Schlußworte
-dieser berühmten Rede. So waren 19 Jahre vergangen, ehe ein +zweiter+
-Versuch einer transoceanischen Fahrt, diesmal von englischer Seite,
-angestellt wurde. Derselbe war jedoch von glänzendem Erfolge begleitet.
-Im April des Jahres 1838 verließen die Dampfer „+Sirius+“ und „+Great
-Western+“ die englische Küste, ersterer am 4., letzterer am 8. April,
-und beide kamen in New-York am gleichen Tage -- am 23. April -- an. In
-New-York wurden die Schiffe mit dem größten Enthusiasmus empfangen.
-Von den Forts wie von den im Hafen liegenden Kriegsschiffen wurden sie
-mit Freudenschüssen begrüßt; die Kauffahrer neigten ihre Flaggen, die
-Bürger versammelten sich auf dem Hafendamm und fuhren ihnen jubelnd
-entgegen. Die Tagesblätter waren voll von Berichten über die Reise,
-sowie von den Beschreibungen der Dampfer und ihrer Maschinen. Wenige
-Tage später traten die beiden Schiffe ihre Rückfahrt nach England an.
-Der „Sirius“ erreichte Falmouth pünktlich in 18 Tagen, der „Great
-Western“ gelangte nach Bristol in 15 Tagen. Damit war der Sieg des
-Dampfers über das Segelschiff entschieden, und es eröffnete sich dem
-transatlantischen Handel eine großartige Perspektive. Die +ersten+,
-welche, von der Überlegenheit des Dampfschiffes Gebrauch machend,
-+Postdampfschiffskurse+ zwischen England und Nordamerika errichteten,
-waren die praktischen +Engländer+. Im Jahre 1840 schloß die englische
-Regierung mit dem Reeder +Samuel Cunard+ in Halifax einen Vertrag,
-nach welchem sich letzterer verpflichtete, gegen Gewährung einer
-jährlichen Subvention von 65000 Pfd. St. eine monatlich einmalige
-regelmäßige Dampfschiffverbindung für den Post- und Personenverkehr
-zwischen Liverpool und Halifax (Boston) zu unterhalten. Am 4. Juli
-1840 lief denn auch das erste Schiff Cunards, die „Britannia“, von
-Liverpool aus. Dies war der Anfang des jetzt so großartig entwickelten
-transatlantischen Dampferverkehrs, der, von etwa zweihundert Dampfern
-vermittelt, gleich einer mächtigen Brücke Europa und Amerika verknüpft.
-
-[Illustration: Fig. 113. Skizze zur Darstellung der Schraube und des
-Steuers.]
-
-Zur höchsten Vollendung sollte indes die Dampfschiffahrt erst nach
-Erfindung der +Schraube+ kommen. Denn die +Raddampfer+ haben, vom
-Standpunkt des Seemanns aus, manch unliebsame Eigenschaften. Das
-+erste+ Schraubenboot in Europa soll +Joseph Ressel+, aus Chrudim
-in Böhmen gebürtig, 1829 in Triest gebaut haben. Ein Unfall bei
-der Probefahrt, so wird weiter berichtet, habe jedoch die Polizei
-zum Verbote weiterer Versuche veranlaßt, und so sei die Sache in
-Deutschland nicht weiter verfolgt worden. In Frankreich gilt +Frederic
-Sauvage+, dem in Boulogne ein Denkmal errichtet wurde, als Erfinder
-der Schraube, während England die endgültige Einführung des neuen
-Motors von den durch den schwedischen, seit 1839 in New-York wohnenden
-Ingenieur-Kapitän +John Ericsson+ vorgenommenen Verbesserungen
-datiert, auf Grund deren sein Schiff „Francis Ogden“ 10 Knoten
-Geschwindigkeit erreichte. Schon 1845 war der „Great Britain“ als
-+erstes Schraubenschiff+ über den Ocean gedampft, und seitdem hat die
-verbesserte Schiffsschraube die Räderdampfer fast gänzlich vom hohen
-Meere verdrängt.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Die Fortschritte der Nautik in neuester Zeit.
-
-
-Die Fortschritte, welche die Nautik, das Wort in seinem weitesten Sinne
-genommen, in jüngster Zeit gemacht hat, sind teils +wissenschaftliche+,
-teils +technische+. Von beiden soll im folgenden des nähern gehandelt
-werden.
-
-
-I. Oceanographie[163].
-
-Unter allen wissenschaftlichen Disciplinen steht an Bedeutung für die
-Schiffahrt obenan die +Oceanographie+. Die Resultate dieses gerade
-in der jüngsten Zeit so eifrig gepflegten Zweiges der Nautik dürfen
-daher wohl in keinem Werke, das sich mit der Schiffahrt beschäftigt,
-ignoriert werden. Allerdings kann es sich hier nur darum handeln,
-die bedeutsamsten Ergebnisse der +Wissenschaft vom Meere+ den Lesern
-vorzuführen.
-
-Was zunächst die +Gesamtfläche der Oceane+ betrifft, so nimmt dieselbe
-(nach Krümmel) 72% der Erdoberfläche ein, während auf das Land nur 28%
-entfallen.
-
-Die +Hauptmeere der Erde+ sind, ihrer Größe nach geordnet, nach
-+Guthe-Wagner+ folgende:
-
- ------------------------------------------------------------------
- Meere. | Q.-Meilen.| qkm. | Nördl. Eismeer
- | | | = 1.
- ------------------------------------------------------------------
- 1. Nördliches Eismeer | 278000 | 15,3 Mill. | 1
- 2. Südliches Eismeer | 372000 | 20,5 „ | 1,3
- 3. Indischer Ocean | 1340000 | 74 „ | 4,8
- 4. Atlantischer Ocean | 1610000 | 88,6 „ | 5,8
- 5. Großer Ocean | 3190000 | 175,6 „ | 11,5
-
-Hiernach ist das Südliche Eismeer 1⅓mal, der Indische Ocean 4⅘mal,
-der Atlantische Ocean 5⅘mal und der Große Ocean 11½mal größer als das
-Nördliche Eismeer.
-
-Einen umfassenden und ideenreichen Versuch, die Meeresflächen nach
-Umriß-, Tiefen- und Strömungsverhältnissen zu klassifizieren, hat
-neuestens +Krümmel+ gemacht; doch kann hier nicht weiter die Rede davon
-sein.
-
-[Illustration: Fig. 114. Verteilung der Land- und Wassermassen.]
-
-In Bezug auf die +Oberflächengestalt+ des Meeres ist besonders das
-+Niveauverhältnis+ beachtenswert. Auf Grund der hydrostatischen
-Gesetze sollten nämlich die verschiedenen Teile des Weltmeeres, da sie
-unter sich zusammenhängen, mit einander kommunizieren, in Bezug auf
-ihre Oberflächen einander entsprechen, d. h. alle in einer sphärisch
-gekrümmten Fläche -- man nennt diese Fläche in der Theorie eben den
-+Meeresspiegel+ oder das +Niveau des Meeres+ -- zusammenfallen. In
-der That erfahren jedoch die Niveauflächen des Meeres mannigfache
-Störungen, z. B. durch die von den Kontinenten auf das Wasser
-ausgeübte Attraktion, durch die stete Wellenbewegung, durch Ebbe und
-Flut, wechselnden Luftdruck u. s. w. Die Erde hat daher auch keine
-rein sphäroidale Gestalt, vielmehr hat man die ihr eigentümliche
-Oberflächenform das +Geoid+ genannt.
-
-Die +Tiefe+ des Meeres ist sehr ungleich. Die größte bis jetzt
-ermittelte Tiefe findet sich im +Großen Ocean+ südöstlich von Japan
-unter 44° 45′ n. Br. und 152° 26′ östl. L. und beträgt 8513 m (Mount
-Everest 8840 m). Die größte bekannte Tiefe des Atlantischen Oceans,
-100 Seemeilen nordwestlich von St. Thomas, erreicht 8341 m. Im ganzen
-haben die neueren Messungen nur sehr selten eine Tiefe von mehr als
-6000 m ergeben, dagegen hat man Tiefen bis zu 5000 m (Montblanc 4800 m)
-in fast allen Oceanen gefunden. Die +mittlere Tiefe+ der großen Oceane
-beträgt gegen 3700 m. Da nun die Kontinente eine Mittelhöhe von 440
-m haben, so liegen die großen Thalebenen der Oceane etwa achtmal so
-tief unter dem Meeresspiegel, als sich die Gesamtheit der Ländermassen
-darüber erhebt. Da ferner die Volumina der Kontinente, soweit sie über
-dem Meeresspiegel liegen, und jene der Weltmeere sich zu einander
-verhalten wie 1:21,4, so könnten die festländischen Massen auch
-21,4mal in die vom Meere erfüllten Räume hineingeschüttet werden. Die
-Weltmeere erlitten daher, würden alle Unebenheiten der Festländer bis
-zum Wasserspiegel abgetragen und in jene geworfen werden, einen kaum
-merklichen Verlust an Tiefe. Krümmel schätzt diesen Tiefenverlust auf
-nur 160 m.
-
-Der +Meeresgrund+ ist vor allen jenen zerstörenden Einwirkungen
-geschützt, die an der trockenen Oberfläche eine der Hauptursachen der
-Unebenheiten sind. Die Weltmeere haben daher auf ihrem Grund und Boden
-keine Gebirge und Thäler, wie die Kontinente. Wohl zeigt das Meer
-Unebenheiten, aber diese Niveau-Unterschiede sind durch sehr sanft
-geböschte Abhänge miteinander verbunden. Eine Ausnahme machen nur die
-vulkanischen und die Korallen-Inseln, die oft plötzlich aus großen
-Meerestiefen aufsteigen.
-
-Die +Farbe+ des Meeres ist nach den neueren Beobachtungen ein schönes,
-reines Blau. Sehr salzhaltige Gewässer, wie der Golfstrom, der Kuro
-Siwo, haben eine rein indigoblaue Farbe. Im übrigen sind auf die
-Farbe verschiedene Ursachen von Einfluß, wie das Hindurchschimmern
-des Untergrundes, dem Meere zugeführter Schlamm, Infusorien und
-Korallenbänke.
-
-Eine über alle Beschreibung prächtige Erscheinung ist das +Leuchten
-des Meeres+; es wird durch kleine Meertiere verursacht, besonders
-aus den Klassen der Krebse und Quallen, welche, ähnlich unseren
-Johanniswürmchen, während ihres Lebens Licht zu entwickeln im stande
-sind.
-
-Der +Salzgehalt+ des Meeres beträgt im freien Ocean durchschnittlich
-3½%; er ist geringer in Binnenmeeren, in welche viele Flüsse münden,
-wie im Schwarzen Meere (2%), größer in geschlossenen Binnenmeeren,
-die eine sehr starke Verdunstung haben, wie im Mittelmeer (4%); in
-letzterem würde infolge der starken Verdunstung das Wasser unfehlbar
-beständig abnehmen, wenn nicht eine durch die Straße von Gibraltar
-aus dem Atlantischen Ocean eintretende Strömung das Gleichgewicht
-herstellte.
-
-Was die +Meerestemperatur+ betrifft, so erwärmt sich die Oberfläche der
-Tropenmeere bis zu 32° C., dagegen zeigt die Oberfläche der Polarmeere
-eine Temperatur selbst bis zu -3°. Es ist ferner bemerkenswert, daß in
-den offenen Meeren der gemäßigten und heißen Zone die Temperatur erst
-ziemlich rasch, dann langsamer abnimmt, bis sie auf 4° C. gesunken ist;
-letzteres ist der Fall bei einer Tiefe von 730-1100 m. Von da ab fällt
-die Temperatur noch langsamer, bis sie auf dem Meeresboden zwischen
-2° und 0° und in den kälteren Meeren sogar bis zu -2,5° beträgt. Die
-Bodentemperaturen des Meeres schwanken somit zwischen -2° und -2,5°,
-die der Oberflächen der Meere aber zwischen +32° und -3°. -- Daß
-die Temperatur der Tiefsee in den wärmeren Meeren verhältnismäßig
-niedriger ist als diejenige, welche ihr nach den bekannten niedersten
-Oberflächen-Temperaturen zukäme, erklärt sich aus einer mächtigen, aber
-langsamen Wasserbewegung der gesamten unteren Meeresschichten von den
-Polen nach dem Äquator zu.
-
-Das Meer ist nicht eine leblose, öde Wasserwelt, sondern wird von einer
-zahllosen Menge +organischer+ Wesen belebt. Außerordentlich mannigfach
-ist z. B. die +Tierwelt+; es finden sich nicht bloß Fische im Meere,
-sondern Tiere aller Klassen in großer Masse, besonders gewisse
-mikroskopische Schalen-Organismen. Dabei ist die Thatsache höchst
-bemerkenswert, daß die Tierwelt des Meeres keine Tiefengrenze hat; denn
-Tiere wurden am Meeresboden in allen Tiefen gefunden. -- Die +Flora+
-des Meeres besteht, wenige Ausnahmen abgerechnet, aus +Tangen+, die
-bekanntlich zu den elementarsten Gebilden des Pflanzenlebens gehören.
-
-[Illustration: Fig. 115. Schlick oder Tiefseeschlamm vom Grunde des
-Atlantischen Oceans. (Nach Geikie.)]
-
-Bezüglich der +Bewegung des Meeres+ unterscheidet man eine dreifache:
-+Wellenbewegung, Ebbe und Flut+ (Gezeiten oder Tiden) und +Strömungen+.
-
-Die +Wellenbewegung+ entsteht durch den Druck des Windes auf die
-Oberfläche des Wassers. Eigentümlich ist dabei, daß die Wasserteilchen
-sich wesentlich nur auf und ab bewegen, aber nicht seitwärts
-fortschreiten. Die Wasserteilchen beschreiben Kreise oder Ellipsen um
-ihre Ruhelage, nur die Bewegungs+form+ pflanzt sich fort. Von dieser
-Art der Bewegung überzeugt schon ein einfacher Versuch. Wirft man einen
-Stein in einen Teich, auf dessen Oberfläche Blätter schwimmen, so sieht
-man letztere wohl sich heben und senken, aber ihren Ort verändern sie
-nicht. -- Der große, lange und breite Wogengang, den man auf offener
-See bemerkt, und der in majestätischer Gemessenheit voranschreitet,
-wird +Dünung+ genannt. -- Bei der Welle unterscheidet man +Wellenthal+
-und +Wellenberg+. Der vertikale Abstand ihrer äußersten Punkte ist
-die +Höhe+ der Welle. Diese erreicht auf hoher See wohl nicht über 15
-m; jedenfalls sind die früheren Erzählungen von turm- und berghohen
-Wellen stark übertrieben. Wo dagegen Steilufer dem Anpralle des Meeres
-sich entgegensetzen, wird der Gischt der Wellen wohl um das Vierfache
-höher geschleudert. -- Von der Höhe der Wellen ist auch die +Tiefe+
-abhängig, bis zu welcher das Wasser an der schwingenden Bewegung
-teilnimmt; nach den Versuchen der Gebrüder +Weber+ ist dieselbe 350mal
-größer als die Höhe. Die höchsten Wellen des Oceans würden also das
-Wasser bis zu einer Tiefe von ca. 4500 m aufwühlen, aber schon in
-130-260 m Tiefe beträgt die Wellenhöhe nur mehr 1/500 derjenigen an der
-Oberfläche. -- Die +Gewalt+ der Wellen, besonders der brandenden, ist
-zuweilen eine ganz außerordentliche; so werden am Bell-Rock-Leuchtturm
-an der schottischen Küste oft bis 40 Centner schwere untermeerische
-Rollsteine an den Leuchtturm emporgerissen, und bei der Insel Barbados
-trugen die Sturmwellen untergesunkene Kanonenrohre ans Land. -- Wie
-die Höhe der Wellen, wird auch gerne deren +Steilheit+ überschätzt;
-bei den steilsten verhält sich nach +Klein+ Höhe zur Breite wie 1:12;
-bei Wellen von 8 m Höhe haben also die Thäler gegen 100 m Länge. Man
-kann daraus auf das imposante Aussehen dieser bewegten Wassermasse
-schließen. -- Die +Geschwindigkeit+ des Fortschreitens der Wellen
-beträgt bis 30 m per Sekunde; sie ist also eine dreimal größere als
-die eines schnellen Windes; ein hoher Seegang kann dem Seefahrer darum
-schon einen Sturm ankünden, bevor noch andere Anzeichen desselben
-eingetreten sind.
-
-[Illustration: Fig. 116. Die Bewegung der Wellen.]
-
-Wesentlich verschieden von den Windwellen sind die +Seebebenwellen+,
-die mit den Erdbeben in Verbindung stehen. Von einer solchen
-Seebebenwelle war z. B. der Ausbruch des Vulkans der Insel Krakatau vom
-26. August 1883 begleitet. Dieselbe, von der Sundastraße ausgehend,
-erschütterte nicht nur den ganzen Indischen Ocean, sondern pflanzte
-sich auch in den Pacifischen fort und wurde sogar noch im Atlantischen
-Ocean (an der französischen Küste des Biscaya-Golfes) verspürt.
-
-Unter +Ebbe und Flut+ versteht man das regelmäßige, zweimal des
-Tages (genauer 24 Stunden 50 Minuten) eintretende Anschwellen und
-Zurückweichen des Meeres. Die +Ursache+ dieser Erscheinung ist
-vorzugsweise die Anziehungskraft unseres nächsten Weltkörpers, des
-+Mondes+, zum geringern Teil der Sonne. Es sei in Fig. 117 ~M~ der
-Mond und ~ABCD~ die Erde, die wir uns ganz mit Wasser bedeckt denken
-wollen. Die Erdstelle ~A~, weil dem Monde näher als der Mittelpunkt
-~O~, wird stärker angezogen als dieser, sobald der Mond über ~A~
-kulminiert. Andererseits wird aus dem gleichen Grunde ~O~ stärker vom
-Monde angezogen als die Gegend bei ~B~. Dadurch erfährt nun allerdings
-die feste Masse der Erde keine Veränderung ihrer Gestalt, wohl aber
-das Meer mit seinen leicht verschiebbaren Teilchen. Dieses schwillt
-nämlich sowohl bei ~A~, als auch bei ~B~ zu einer flachen Welle an,
-weil es beiderseits das Streben erhielt, sich vom Anziehungspunkte ~O~
-zu entfernen; es ist +Flut+. Dagegen ist auf den von der beiderseitigen
-Welle um 90 Längengrade entfernten Meridianen +Ebbe+, weil von dort
-die Wasserteilchen nach den Flutseiten abgelenkt werden; es geht also
-in ~C~ das Wasser nach ~C_{1}~ zurück und ebenso in ~D~ nach ~D_{1}~.
--- Die Gezeiten wirken jeden Monat zweimal, zur Zeit des Neu- und
-Vollmondes, am stärksten (+Springfluten+), und zweimal, zur Zeit
-des ersten und letzten Viertels, am schwächsten (+Nippfluten+). Bei
-Neumond, wo Sonne und Mond auf derselben Seite der Erde stehen und in
-derselben Richtung die Erde anziehen, wird durch das Zusammenwirken die
-Zenithflut verstärkt; bei Vollmond stehen sich Sonne und Mond diametral
-gegenüber, und die Sonne verstärkt durch ihre Anziehung die Nadirflut.
-Beim ersten und letzten Viertel stehen Sonne und Mond rechtwinklig
-zur Erde, und der Mond bewirkt da eine Flut, wo die Sonne eine Ebbe
-hervorruft. Daher ist die Flut geringer, eine Nippflut; beide Wirkungen
-schwächen einander. -- Im offenen Weltmeere beträgt der Unterschied
-zwischen Ebbe und Flut höchstens 2½ m, in engen Kanälen aber steigt die
-Flut weit höher; so im Kanal von Bristol bis auf 15 m, im hintersten
-Ende der Fundy-Bai (Nordamerika) sogar bis auf 30 m. -- Sehr bedeutend
-wird Höhe und Gewalt der Flutwellen, wenn die Richtung von Orkanen mit
-der Flut zusammentrifft. In diesem Falle entstehen dann sogenannte
-Sturmfluten, welche, wenn sie niedrige Küsten erreichen, in Verbindung
-mit dem während des Sturmes niederstürzenden wolkenbruchartigen Regen
-weite Landstrecken plötzlich unter Wasser setzen. Die Sturmchroniken
-der Nord- und Ostseegestade sind voll von derlei furchtbaren
-Elementarereignissen. So entstanden im 12. und 13. Jahrhundert durch
-solche Sturmfluten Dollart- und Jadebusen. Aus gleichem Grunde stieg am
-4. Februar 1825 der Spiegel der Nordsee in der Jade um 6 m und ebenso
-am 13. November 1872 der Spiegel der Ostsee um 4 m über den mittlern
-Wasserstand.
-
-[Illustration: Fig. 117.]
-
-Die Meeresflut dringt auch in die +Flüsse+ ein, wo sie zuweilen als
-eine brandende Wassermauer von mehreren Metern Höhe stromaufwärts
-läuft. Das Gefälle des Flusses wird dadurch vermindert, ja häufig
-wird seine Strömung völlig zum Stillstand gebracht. Natürlich ist
-dieses Phänomen nur bei oceanischen Flüssen von Bedeutung. So dringt
-die Flutwelle in der Weser 67, in der Elbe 148, in den Hauptarmen
-des Ganges ca. 250, im Amazonas sogar 320 km flußaufwärts. Ihr
-Endpunkt ist die +eigentliche Grenze von Land und Meer+. -- Daß die
-Kenntnis dieser Verhältnisse für die Schiffahrt von großer Bedeutung
-ist, liegt auf der Hand; denn soweit die Flut einen Fluß aufwärts
-zieht, soweit vermögen auch die großen +Seeschiffe+ einzudringen.
-An diesen Endpunkten des Flutstroms entwickelten sich deshalb
-auch zahlreiche bedeutende Handelsstädte. -- Den Zeitunterschied
-zwischen der Kulmination des Mondes und dem wirklichen Eintreffen des
-Hochwassers nennt man +Hafenzeit+. Sie ist für verschiedene Punkte
-eine verschiedene. Namentlich bewirken Untiefen des Meeres, daß selbst
-sehr nahe gelegene Häfen von den Flutwellen zu sehr verschiedener Zeit
-erreicht werden. -- Linien, welche die Orte mit gleicher Hafenzeit
-verbinden, heißen +Isorachien+[164] (auch ~cotidal lines~). Karten mit
-solchen Linien (bezogen auf den Meridian von Greenwich) konstruierte
-zuerst der Engländer +Whewell+. Diese Linien stimmen zwar mit den
-beobachteten Hafenzeiten an den Küsten überein, aber ihre Verlängerung
-in das Meer hinaus ist lediglich ein Phantasiegemälde. Nach dieser
-Darstellung trifft z. B. an der Themsemündung die Flut 11^h nach dem
-Meridiandurchgang in Greenwich ein. Es ist klar, daß auch die Kenntnis
-der Hafenzeit dem Seefahrer unerläßlich ist.
-
-Die Bewegung der Ebbe und Flut erfordert zu ihrer Hervorbringung
-eine Kraft, die ganz ungeheuer ist. Nimmt man, sagt +Klein+, die
-Höhe der Flut nur zu 1 Fuß an, so ergiebt sich, daß im Laufe eines
-jeden Tages eine Wassermasse von 120 Kubikmeilen um die Erde bewegt
-wird. Bedenkt man nun, daß das größte Bauwerk der Menschen, die große
-ägyptische Pyramide, etwa den millionsten Teil von +einer+ Kubikmeile
-beträgt, so erhält man wenigstens eine Ahnung von der enormen
-Arbeitsleistung. Vielleicht kommt man noch darauf zurück, die in den
-Flutwellen liegenden ungeheuren Kraftquellen auch zu mechanischen
-Zwecken zu verwenden. -- Die Erscheinung der Flut spielt auch noch
-eine wichtige Rolle in der Physik der Erde. Da sich nämlich die Erde
-von West nach Ost um ihre Achse dreht, während die Flutwellen die
-direkt entgegengesetzte Bewegung haben, so muß die durch die Strömung
-der Gewässer bewirkte Reibung und insbesondere der Druck, den die
-Flutwellen gegen die festen Rindenteile der Erde, die Kontinente,
-ausüben, die Umdrehungsgeschwindigkeit der Erde vermindern, respektive
-die Gesamtdauer von Tag und Nacht verlängern. Die Verlangsamung ist
-übrigens praktisch nur eine sehr geringe; sie beträgt im Laufe
-mehrerer hunderttausend Jahre kaum +eine+ Sekunde.
-
-[Illustration: Fig. 118. Isorachien.]
-
-Endlich verdient wohl noch Erwähnung, daß alle barbarischen
-Küstenvölker eine Theorie von Ebbe und Flut in ihren symbolischen
-Dichtungen aufstellten. Die skandinavischen Sagas stellen Thor, den
-Gott der Luftgewalten, dar, wie er aus einem Horne, das in die Tiefen
-des Oceans taucht, das Wasser aufsaugt und mit seinem gewaltigen
-Atem die Fluten abwechselnd sich heben und senken macht. Noch im 17.
-Jahrhundert meinte +Fournier+, daß Ebbe und Flut etwas Ähnliches
-seien, wie das Fieber im menschlichen Körper. Selbst der geniale
-+Kepler+ glaubte, die Erde sei ein mit Vernunft begabtes Untier, dessen
-Respiration, Schlaf und Erwachen, die Ebbe wie die Flut hervorbringe.
-
-Wir gehen über zu den +Meeresströmungen+. Die +bedeutendsten+ derselben
-sind folgende: Aus dem +Nördlichen Eismeere+ kommt der +Polarstrom+
-oder die +arktische Strömung+; sie geht zwischen Grönland und Island in
-den Nordatlantischen Ocean, wendet sich dann zurück gegen Norden in die
-Davisstraße und, vereinigt mit der Strömung der Hudsonsbai, abermals
-gegen Süden nach Neufundland; hier begegnet sie dem aus der Straße von
-Florida kommenden und die Ostküste Nordamerikas begleitenden Golfstrom.
--- Aus dem +Südlichen Eismeere+ zieht die +antarktische Strömung+ ohne
-Widerstand bis zur Südspitze Amerikas und teilt sich hier in zwei
-Arme, von denen der eine der Richtung der Südwestküste Amerikas nach
-Norden folgt und der +Peruanische Strom+ oder die +Humboldts-Strömung+
-heißt, der andere Arm aber um das Kap Hoorn herumbiegt und sich
-ebenfalls nach Norden in den Atlantischen Ocean wendet. -- Auch an der
-Südspitze Afrikas geht eine Abzweigung der antarktischen Strömung an
-der Westküste Afrikas -- als +Westafrikanischer Strom+ -- gegen Norden.
-
-[Illustration: Fig. 119. Meeresströmungen. Die Pfeile deuten die
-Richtung der Ströme an, die +warmen+ Ströme sind durch die ganzen
-Linien, die +kalten Polarströme+ durch die punktierten Linien
-angedeutet.]
-
-Den +Atlantischen Ocean+ durchschneidet längs des Äquators von
-Ost nach West der warme +Äquatorialstrom+; er teilt sich an der
-äußersten Ostspitze Südamerikas (Kap S. Roque) in zwei Arme: einen
-+südlichen+, die +Brasilianische Strömung+, und einen nördlichen,
-den +Guyana-Strom+, der durch die Karibische See in den +Golf+ von
-+Mejico+ geht, aus welchem er durch den Kanal von Florida als sogen.
-+Golf+strom heraustritt; dieser begleitet dann die Küste Nordamerikas,
-bis ihm bei Neufundland eine +kalte+ Polarströmung (die arktische oder
-Labrador-Strömung) entgegentritt, wodurch er sich teils gegen Nordosten
-wendet und bis ins Nördliche Eismeer vordringt, teils gegen Südosten
-der Küste Afrikas zugeht als +Nordafrikanische Strömung+. -- Innerhalb
-des großen nordatlantischen Stromwirbels liegt eine ruhige See, welche
-schwimmende Tangmassen vom Sargassumgeschlecht bedecken, und die unter
-der stark übertriebenen Bezeichnung Sargasso+meer+ bekannt ist. --
-Charakteristisch für den Golfstrom ist die schöne +blaue Farbe+ seines
-Wassers, die sich scharf gegen die Ränder hin abgrenzt; besonders
-merkwürdig aber ist er durch die +hohe+ (bis 24°) +Temperatur+ seiner
-Gewässer, wodurch er sehr wohlthätig auf das Klima von Nordwesteuropa
-einwirkt. Doch ist seine Bedeutung in dieser Beziehung bisher ohne
-Zweifel überschätzt worden. An der beträchtlichen Temperaturerhöhung
-des genannten Gebietes sind wohl weit mehr die aus den tropischen
-Gegenden langsam nach Nordost fließenden Oberflächenwasser beteiligt.
--- Der Golfstrom bildet auch die Bahn +mächtiger Wirbelstürme+, weshalb
-ihn der Seemann gerne den „Sturmkönig“ nennt.
-
-Was die Strömungen des +Indischen Oceans+ betrifft, so wechseln
-dieselben im +nördlichen Teile+ halbjährig ihre Richtung nach den
-Monsuns. Im +südlichen Teil+ herrscht eine +beständige Strömung+ des
-warmen Wassers dieses Oceans nach Südwest gegen Afrika, durch dessen
-Ostküste sie gegen Süden in den Kanal von Mozambique und nach dem
-Vorgebirge der guten Hoffnung gedrängt wird; sie geht aber nicht in den
-Atlantischen Ocean, sondern biegt hier um und geht wieder nach Osten
-zurück.
-
-Dem +Großen Ocean+ strömt von Süden her eine Strömung kalten Wassers
-zu, die schon genannte +Peruanische+ oder +Humboldts-Strömung+ an der
-Westküste Südamerikas; ebenso mündet in denselben aus dem Nördlichen
-Eismeere ein Strom kalten Wassers. -- Zwischen den Wendekreisen strömt
-die warme +Äquatorialströmung+ westwärts nach Australien und zur
-hinterindischen Inselwelt. Bei letzterer beginnt eine nordöstliche
-Strömung, welche durchaus dem Golfstrom des Atlantischen Oceans
-entspricht. Es ist der +Kuro Siwo+ der Japaner, d. h. Schwarzer Strom,
-der den äußersten Saum der ostasiatischen Inselreihen begleitet, an
-den Küsten Nordamerikas umbiegt, um sich dann wieder mit der großen
-Äquatorialströmung zu vereinigen. Ihm verdanken die Alëuten und
-Kamtschatka ebenso ihr milderes Klima, wie das nördliche Skandinavien
-dem Golfstrome. Ein anderer Teil der Äquatorialströmung fließt an der
-Ostküste von Australien nach Süden. -- In der Äquatorialregion ist
-ferner (wie auch im Atlantischen Ocean) eine rücklaufende, von West
-nach Ost gerichtete Strömung bemerkbar. -- Wie das nordatlantische
-Becken, zeigt auch der Nordpacifische Ocean eine Kreisströmung, in
-deren Mitte sich eine ruhige Meeresfläche befindet, die gleichfalls
-von Seetang bedeckt ist. -- Als die +wichtigste Ursache+ der
-Meeresströmungen gelten die +Winde+. Es geht dies hervor aus der großen
-Übereinstimmung zwischen vorherrschenden Winden und vorherrschenden
-Oberflächenströmungen der Meere. Der Richtung der Passate entsprechen
-z. B. die großen äquatorialen, von Ost nach West gerichteten Ströme.
-Die Strömungen des Indischen Oceans stimmen mit den Monsuns überein.
-Außerdem kommen noch in Betracht: +Ungleiches Meeresniveau+,
-verursacht durch beträchtliche Unterschiede in der Verdunstung des
-Wassers und der Regenmenge; so ergießen sich in das so ungemein stark
-verdampfende Mittelmeer vom Atlantischen Ocean wie vom Schwarzen Meere
-her Strömungen zur Ausgleichung der so erzeugten Niveau-Differenz;
-ferner +Unterschiede+ in +der Temperatur sowie im Salzgehalte und
-dadurch bedingte Ungleichheit des specifischen Gewichtes+. So fließt
-das schwere kalte Polarwasser in der Tiefe von den Polen zum Äquator
-und das leichte warme Wasser der Tropenmeere an der Oberfläche vom
-Äquator zu den Polen. -- Auf die +Richtung+ der Meeresströmungen ist
-von wesentlichem Einfluß die +Rotation der Erde+. Jeder Meeresstrom
-nämlich, welcher aus höheren Breiten in niedrigere vordringt, muß, weil
-er aus Gegenden geringerer Rotationsgeschwindigkeit in solche größerer
-Rotationsgeschwindigkeit eindringt, zurückbleiben und wird daher in
-+westlicher+ Richtung abgelenkt; jeder Meeresstrom dagegen, welcher aus
-niedrigen in höhere Breiten vordringt, wird aus dem entgegengesetzten
-Grunde in +östlicher+ Richtung abgelenkt. -- Die +Bedeutung+ der
-Meeresströmungen ist eine mannigfache. Sie sind von großer Wichtigkeit
-zunächst für das +Klima+, so der Golfstrom und der Kuro Siwo;
-auch für die +Verbreitung von Organismen+. Es ist z. B. ziemlich
-wahrscheinlich, daß die Kokospalme von den Küsten Amerikas durch
-die Äquatorialströmung des Stillen Oceans bis nach Ceylon gekommen
-ist; ferner für den +Fischfang+. So folgen z. B. der Polar- oder
-Labrador-Strömung unzählige Massen von Fischen, denen aber das warme
-Wasser des Golfstromes nicht zusagt, so daß sie sich an seinen Rändern
-wie an einer undurchdringlichen Mauer sammeln. Daher liegen hier die
-unerschöpflichen Fischereigründe auf der Neufundlands-Bank. Endlich
-sind die Meeresströmungen ganz besonders wichtig für die +Schiffahrt+;
-denn seit der genauen Kenntnis derselben ist die Schiffahrt viel
-weniger gefahrvoll geworden, und die Wege werden in viel kürzerer Zeit
-durchmessen.
-
-Wir schließen diesen Abschnitt mit der Betrachtung der +Wirkungen des
-Meeres+.
-
-[Illustration: Fig. 120. Beispiel von Felsauswaschungen.]
-
-Die +Wirkungen des Meeres+ sind, wie die des fließenden Wassers,
-+chemische und mechanische+. Was die +chemischen+ Wirkungen betrifft,
-so bestehen sie hauptsächlich in dem Absatze der in ihm gelösten
-Salze. Ein solcher Absatz findet hauptsächlich dort statt, wo das
-Meerwasser in abgeschlossenen Buchten oder Becken durch Verdunstung und
-fortgesetzte Salzzufuhr nach und nach zu einer übersättigten Salzlauge
-wird, aus der sich dann die im Überschuß gelösten Salze absetzen. Auf
-solche Weise sind z. B. alle unsere zahlreichen Steinsalz-Ablagerungen
-in den Alpen und in den Karpaten entstanden. Die +mechanischen+
-Wirkungen des Meeres sind vor allem +zerstörender+ Art. Großartig
-treten diese Zerstörungen besonders an der Wind- und Wetterseite der
-Festlande auf. Dabei ist nicht ohne Belang die Beschaffenheit des
-Ufergesteins, die Höhe, Richtung und Geschwindigkeit der Wellen. Die
-Küste von Suffolk z. B. (in England) ist in wenigen Jahren um 16 m
-zurückgewichen, und gleichzeitig nahm die Meerestiefe so zu, daß
-Fregatten gefahrlos da segeln, wo sich vor einem halben Jahrhundert ein
-Fels erhob. Reich an Beispielen von der landzerstörenden Wut des Meeres
-ist auch die Küste der Nordsee von Holland bis Jütland. Von Texel bis
-zur Eider waren zu der Römer Zeiten noch 23 Inseln vorhanden; 7 von
-ihnen sind spurlos verschwunden, und die übrigen gehen alle demselben
-Schicksale entgegen. Noch zu Anfang des 13. Jahrhunderts war keine
-Spur von den großen Meerbusen vorhanden, die jetzt als Dollart und
-Jadebusen einen Raum von über 300 qkm einnehmen. Ebenso wurde die große
-Zuyder-See vom Meere (1219-1287) in einen Meerbusen verwandelt. An
-manchen Stellen wirkt das Meer aber auch +aufbauend+, besonders da, wo
-es an sandige, flache Küsten grenzt, wenn anders die Verhältnisse von
-Wind und Wetter hierzu günstig sind.
-
-
-II. Meteorologie[165].
-
-Außer dem wässerigen Ocean hat für den Schiffer auch der +Luftocean+
-die größte Bedeutung. Schon im Altertum hat sich deshalb die Schiffahrt
-mit der Erforschung desselben beschäftigt, aber erst der neuesten Zeit
-ist es gelungen, eine gründlichere Kenntnis des Luftmeeres und seiner
-Gesetze anzubahnen. Nicht alle Teile der Meteorologie haben indes
-für die Schiffahrt gleich große Wichtigkeit; obenan steht in dieser
-Beziehung die +Wissenschaft von den Winden+. Ihre wichtigsten Lehren
-sollen daher im folgenden nach dem dermaligen Stande der Forschung im
-Überblick dargelegt werden.
-
-Winde überhaupt sind Luftströme, die von Stellen höhern Luftdruckes
-nach Stellen niedrigern Luftdruckes gehen. Ihre +Richtung+ wird stets
-durch den Ort des niedrigern Luftdruckes bestimmt, und ihre +Stärke+
-hängt ab vom +Gradienten+. Unter letzterem versteht man die Abnahme
-des Luftdruckes in Millimetern von Isobare zu Isobare. Je größer nun
-der Gradient ist, desto größer ist die Geschwindigkeit des Windes. --
-Von besonderer Bedeutung sind die +Maxima und Minima+ des Luftdruckes.
-Die Stelle, wo das Barometer höher steht, der Luftdruck somit größer
-ist als in der ganzen Umgebung, nennt man das +barometrische Maximum+.
-Es ist dadurch charakterisiert, daß die Luft nach allen Seiten von ihm
-+wegströmt+. Die Stelle, wo das Barometer tiefer steht, der Luftdruck
-also geringer ist als in der ganzen Umgebung, heißt das +barometrische
-Minimum+. Es ist dieses der Ort, wohin von allen Seiten am Boden die
-Luft +zuströmt+. Die Luftbewegung vom Gebiete des hohen Druckes nach
-demjenigen des niedern erfolgt indes nicht direkt in gerader Linie,
-sondern die Luft wird auf ihrer Bahn auf der nördlichen Hemisphäre
-nach +rechts+, auf der südlichen nach +links+ abgelenkt. Dadurch ist
-die +Bewegung der Luft im Wirbel+ bestimmt, die Luft umkreist das
-Minimum in spiralförmigen Bahnen. Auf der nördlichen Halbkugel ist
-diese Bewegung der +Drehung des Uhrzeigers entgegengesetzt+ (+cyklonale
-Luftbewegung+). Die Luftbewegung im Maximum erfolgt ebenfalls in
-spiralförmigen Bahnen, nur drehen sich in diesem Falle die Luftmassen
-+wie die Zeiger einer Uhr+ (+anticyklonale Luftbewegung+). Die Ursache
-dieser Ablenkung der Winde ist die +Rotation der Erde+, infolge
-deren +horizontale Bewegungen von jeder beliebigen Richtung+ auf der
-nördlichen Halbkugel rechts, auf der südlichen links abgelenkt werden.
-
-[Illustration: Fig. 121.
-
-Cyklonale Bewegung um ein Luftdruckminimum.
-
-Anticyklonale Bewegung um ein Luftdruckmaximum.]
-
-Was die +Verteilung der Winde auf der Erde+ betrifft, so sei hierüber
-folgendes bemerkt: In der Nähe des Äquators wird infolge der starken
-Erwärmung durch die scheitelrechte Sonne die Luft in viel stärkerem
-Grade als in den höheren Breiten aufgelockert und ausgedehnt. Da
-demnach die Flächen gleichen Luftdruckes in der Äquatorialgegend
-mehr gehoben werden als die Flächen desselben Luftdruckes in den
-benachbarten Gegenden, so findet in der Höhe ein Abfließen der Luft
-nach den beiden Polen statt. Die nächste Folge aber dieses Abfließens
-der Luft über dem Äquatorialgebiete ist die, daß der Luftdruck hier
-sinkt; denn das Gewicht der drückenden Luftsäule hat sich um die
-abgeflossene Luftmenge vermindert. Etwa 30° nördlich und südlich von
-diesem Hitzegürtel sinkt, wenigstens großenteils, die oben abfließende
-Luft wieder auf die Oberfläche der Erde herab; es geschieht das
-vor allem infolge der in der Höhe eintretenden Abkühlung. Dadurch
-nun, daß in diesen höheren Breiten die Luft wieder herniedersteigt,
-entsteht hier eine Erhöhung des Luftdruckes, und infolge davon
-tritt ein Abströmen vom Orte des höhern gegen den des niedrigern
-Luftdruckes ein, d. h. aus den höheren Breiten strömt die Luft an der
-Erdoberfläche beiderseits gegen den Äquator. +Zwischen Äquator und
-etwa 30° findet also ein vollständig geschlossener Kreislauf statt.+
-Jenseits dieser Breiten und dieses Gürtels hohen Luftdruckes folgen
-die +Zonen der veränderlichen Winde+, die unter dem wechselnden
-Einflusse des Äquatorial- und Polarstromes stehen. -- Nach dem bereits
-oben erwähnten Gesetze der Ablenkung der Winde erfahren die Winde der
-nördlichen Halbkugel eine Ablenkung nach rechts, die der südlichen
-Halbkugel nach links. Daher erscheinen die unteren Luftströmungen
-zwischen 0° und 30° als nordöstliche auf der nördlichen und als
-südöstliche auf der südlichen Halbkugel; es sind das die sogen.
-Passate, die ihren Namen davon haben, daß die Segelschiffe ihn zur
-Überfahrt (~passata~) von Spanien nach Brasilien benützen. Die oben
-abfließenden Winde der Tropenzone und die polwärts gerichteten Winde
-der höheren Breiten, die sogen. +Antipassate+, werden dagegen auf der
-nördlichen Halbkugel zu südwestlichen, auf der südlichen Halbkugel zu
-nordwestlichen Winden. -- Die westliche Richtung der Antipassate ist
-durch verschiedene Beobachtungen bestätigt worden. So kann man an den
-mehr gegen die Tropenzone liegenden hohen Bergen, wie an dem Pic de
-Teyde (auf Teneriffa) oder an den Vulkanen Mauna-Loa und Mauna-Kea der
-Sandwich-Inseln, bemerken, wie die unteren Teile unter dem Einflusse
-des Passates, die Spitzen dagegen unter jenem des Antipassates stehen.
-
-Die Engländer in ihrem auf das Kaufmännische gerichteten Sinne nennen
-die Passatwinde „Handelswinde“ (~trade-winds~), der galante Spanier
-jedoch ~Vientes de las Señoras~ -- „Damenwinde“. Letzterer Ausdruck
-hat auch seine volle Berechtigung, da hier die Schiffahrt so wenig
-schwierig ist, daß selbst die zartesten Hände das Steuer zu führen
-vermöchten.
-
-Der schmale Gürtel zwischen den beiden Passaten heißt der
-+Kalmengürtel+ (vom lat. ~calmus~, ruhig, still) des Äquators, weil
-hier fast immer +Windstille+ herrscht; er bezeichnet im allgemeinen
-die Zone der größten Erwärmung und folgt der Sonne im Laufe des
-Jahres gegen Norden und Süden. Die Luft steigt hier, infolge ihrer
-Erhitzung besonders leicht gemacht, nur aufwärts, es herrscht der
-Ascensionsstrom, eine wagerechte Luftbewegung kommt nicht zu stande.
-Ebenso sind die Gebiete des hohen Luftdruckes an der Polargrenze der
-Passate, etwa 30° nördlich und südlich vom Äquator, durch größere Ruhe
-charakterisiert; man bezeichnet sie als „Roßbreiten“, wohl auch als
-+Kalmen der Wendekreise+. Der erstere, etwas seltsame Name kommt daher,
-daß früher die von Neu-England nach Westindien mit einer Deckladung
-von Pferden bestimmten Schiffe in dieser Kalmenregion oft so lange
-aufgehalten wurden, daß man aus Mangel an Wasser einen Teil der Pferde
-über Bord werfen mußte.
-
-Ein Bild der Windverteilung auf der Erde giebt Fig. 122.
-
-[Illustration: Fig. 122. Windverteilung auf der Erde.]
-
-Das hier geschilderte +herrschende Windsystem+ erfährt freilich
-mannigfache Abänderungen, besonders durch die kalmenbildende Kraft der
-Kontinente. Am großartigsten tritt diese Erscheinung im nördlichen
-Teile des Indischen Oceans auf. Hier weht im Winterhalbjahr (vom
-Oktober bis April) Nordostwind und im Sommerhalbjahr (vom April bis
-Oktober) Südwestwind. Diese Winde heißen +Monsune+, ein Name, der wohl
-von dem arabischen Worte ~mausim~ = Jahreszeit abgeleitet ist, also
-einen mit den Jahreszeiten wechselnden Wind bezeichnet. Die Erklärung
-dieser Erscheinung liegt in folgendem: Die über Arabien, Persien und
-Indien im Sommerhalbjahre gesteigerte Hitze und die große Erwärmung der
-Landmasse von Asien überhaupt hat einen luftverdünnten Raum zur Folge,
-der die kühlere Luft des Indischen Oceans gewaltsam herbeizieht. So
-entsteht ein Südwind, der durch die Ablenkung nach rechts ein Südwest
-wird. Im Winterhalbjahre dagegen ist das Festland kühler als der Ocean;
-die Luft fließt daher von dem kältern Lande nach dem wärmern Meere;
-durch die Ablenkung wird nun aus dem Nordwind ein Nordost. Dieser
-Nordost ist aber nichts anderes als der gewöhnliche Passat, der nur
-hier den Namen Nordost-Monsun führt.
-
-Wie die Monsune von den Jahreszeiten, so hängen die +Land- und
-Seewinde+ von den Tageszeiten ab. Bei Tag ist das Land bekanntlich
-wärmer als das Meer, daher weht bei Tag +Seewind+; nachts ist das Land
-kühler als das Meer, daher weht +Landwind+. In den Tropen ist der
-Seewind sehr kräftig, erfrischend und gesund, so daß er hie und da
-geradezu „+der Doktor+“ genannt wird.
-
-Durch Einwirkung von Gebirgen, Flußthälern, Wüsten u. s. w. werden
-ganz specielle, nur in beschränkten Gebieten auftretende Winde
-hervorgerufen. Ein solch lokaler Wind ist z. B. der +Föhn+ auf der
-Nordseite der Alpen; derselbe hat durchaus nicht seinen Ursprung in der
-Sahara, wie lange behauptet worden, sondern ist einfach ein über die
-Alpen herabgestiegener und dadurch in seinen Eigenschaften abgeänderter
-Luftstrom. Nach +Hann+ tritt der Föhn auf der Nordseite der Alpen nur
-dann auf, wenn hier der Luftdruck geringer ist als auf der Südseite.
-In diesem Falle strömt die Luft vom Südabhange über die Pässe in die
-nördlichen Alpenthäler hinein und kommt hier, da durch die Abkühlung
-der aufsteigenden Luft am Südabhang häufig Niederschläge erzeugt
-werden, ziemlich trocken an. Indem dann der Luftstrom in die nördlichen
-Alpenthäler infolge des hier herrschenden geringen Luftdrucks gleichsam
-herabgesaugt wird, gelangt er zugleich unter höhern Luftdruck und wird
-also durch Volumverminderung auch +erwärmt+. Wärme und Trockenheit
-sind aber die charakteristischen Eigenschaften des +Föhns+. Föhnwinde
-giebt es übrigens nach +Hann+ überall dort, wo höhere Gebirgsketten von
-stürmischen feuchten Winden überweht werden. Es hat deshalb auch die
-Südseite der Alpen ihren +Nordföhn+. Andere Beispiele +lokaler+ Winde
-sind die +Bora+ am Nordende des Adriatischen Meeres und der +Mistral+
-in Südfrankreich; beides kalte Winde. -- Der +Samum+ in Arabien, der
-+Chamsin+ in Ägypten sind staubreiche, versengende Wüstenwinde.
-
-+Stürme+, d. i. Winde mit 30-50 m Geschwindigkeit per Sekunde, sind
-Wirbelbewegungen der Luft um ein Minimum des Barometerstandes. Die
-heftigsten Stürme sind die +Cyklone+ der tropischen Gegend, die
-+Hurricanes+ in den westindischen und die +Teifune+ in den chinesischen
-Gewässern. -- Die +Stärke+ eines Sturmes wächst von außen nach innen;
-in der Mitte selbst aber herrscht entweder völlige +Windstille+, oder
-es wehen nur schwächere und unregelmäßige Winde. -- Sehr bedeutend ist
-in den Tropen die +Luftdruckerniedrigung im Centrum des Wirbelsturmes+.
-Auf der Insel Nassau (Bahama) fiel z. B. das Barometer gelegentlich
-des Sturmes am 1. Oktober 1866 in +einer+ Stunde um 18 mm, und bei
-dem Cyklon am 12. Oktober 1846 zu Havannah soll sogar die Abnahme des
-Luftdrucks so rasch gewesen sein, daß die Fenster nach außen gedrückt
-wurden.
-
-Die +Bewegung+ der Stürme ist eine zweifache: eine +kreisende+ und
-eine +fortschreitende+. Die +kreisende+ erfolgt, entsprechend dem
-Ablenkungsgesetze, auf der nördlichen Halbkugel entgegengesetzt
-der Uhrzeigerrichtung, auf der südlichen Halbkugel mit dieser
-übereinstimmend; die +fortschreitende+ besteht darin, daß das Minimum
-und mit ihm der ganze Wirbelsturm oft Hunderte von Meilen fortzieht.
-Fig. 123, die einen Wirbelsturm der nördlichen Halbkugel darstellt,
-läßt entnehmen, wie die Windrichtung wechselt an einem Orte, über
-den ein Wirbelsturm hinwegschreitet. Liegt der Ort z. B. in der Bahn
-des Centrums, so wütet der erste Teil des Sturmes unausgesetzt aus
-Nordost; den heftigsten Stößen folgt, während das Centrum passiert,
-eine unheimliche Totenstille; nachher bricht der Sturm mit erneuter Wut
-aus Südwest herein.
-
-Aus der Art der kreisenden Bewegung folgt von selbst die +Buys
-Ballotsche+ Regel, daß, wenn man dem Sturme den Rücken kehrt, +das
-Centrum sich zur Linken in der nördlichen Halbkugel und zur Rechten in
-der südlichen Halbkugel+ befindet, und zwar in beiden Fällen ein wenig
-nach vorne. Die +Sturmbahnen+ sind bei den Wirbeln der gemäßigten Zone
-meist östlich; bei den tropischen Cyklonen (Fig. 124), und zwar auf der
-nördlichen Halbkugel, zieht die Sturmbahn in der heißen Zone von Südost
-nach Nordwest; auf dem Wendekreise aber biegt dieselbe um und verläuft
-nach Nordost. In der südlichen Halbkugel haben die Cyklone gerade
-umgekehrt in der heißen Zone eine südwestliche und in der gemäßigten
-Zone eine südöstliche Richtung.
-
-[Illustration: Fig. 123.]
-
-Die Erkenntnis der Gesetze der Cyklone ist für die Schiffahrt von ganz
-eminent praktischer Bedeutung. Aus dem Fallen des Barometers und der
-Art, in welcher sich die Windrichtung ändert, erkennt der Seefahrer,
-welcher Partie des Sturmfeldes er sich nähert, und in welcher Richtung
-das gefährliche Centrum liegt. Er kann daher davon wegsteuern, ja
-er kann sogar die regelmäßigen Winde, die es umkreisen, zu einer
-raschern Fahrt benützen. Nach +Piddington+ sollte überhaupt jeder
-tüchtige Seemann auch im „+Cyklonensegeln+“ geübt sein; er sagt: „Im
-südlichen Indischen Ocean sind die Wirbelstürme jetzt manchen Kapitänen
-wohlbekannt, und dieselben machen kapitale Fahrten nach Indien und
-Australien, indem sie nach ihnen aussehen; finden sie einen solchen
-geeignet, um zur Nordseite seiner Bahn hinüberzugehen, so halten
-sie sich auf diese Seite, welche ihnen einen stetigen und steifen
-westlichen Wind giebt, jedoch in solcher Entfernung vom Centrum,
-daß sie sicher vor dem Winde laufen können. Das nennt man einen
-+Cyklonenritt+.“ In unserer Hemisphäre ist die gefährlichste Partie
-eines Wirbelsturmes die rechte oder vordere, weil die Winde das Schiff
-rasch in den Mittelpunkt des Cyklons treiben.
-
-Hinsichtlich der +Entstehung der Stürme+ ist zwar sicher, daß sie stets
-durch große Unterschiede im Barometerstande nahe bei einander liegender
-Orte veranlaßt werden, also durch starke Gradienten; aber die erste
-Entstehung jener bedeutenden Verminderung des Luftdruckes über einer
-Stelle der Erdoberfläche, die zu einem Sturmcentrum wird, ist noch
-nicht hinlänglich aufgeklärt.
-
-[Illustration: Fig. 124. Sturmbahnen der tropischen Cyklone.]
-
-Jene Männer, welche durch ihr rastloses Forschen sich die größten
-Verdienste um die Ermittlung der Gesetze der Stürme und dadurch um die
-ganze Schiffahrt erwarben, sind besonders der Deutsche +Dove+, die
-Amerikaner +Maury+ und +Redfield+, die Engländer +Piddington+, +Reye+,
-+Reid+ und der Niederländer +Buys Ballot+.
-
-Von der entsetzlichen +Wirkung+ der Wirbelstürme wird an anderem Orte
-gehandelt werden, desgleichen von der +Pflege der Witterungskunde durch
-die hydrographischen Institute+ und vom +Sturmwarnungswesen+.
-
-
-III. Seemännische Instrumente[166].
-
-1. Das wichtigste aller Instrumente des Seefahrers ist der +Kompaß+.
-Über die +Geschichte+ desselben sei kurz folgendes bemerkt. Im
-Altertum war der Kompaß unbekannt; damals diente den Völkern der
-Nordstern als Leiter während ihrer nächtlichen Fahrten. In +Europa+
-scheint man anfangs nur die +Tragkraft+ des Magneten bewundert zu
-haben; denn hätte man seine eigentümliche +Richt+kraft gekannt, so
-lag die Anwendbarkeit desselben als Führer bei Land- und Seereisen
-so nahe, daß sie wohl kaum übersehen worden wäre. Die +Chinesen+
-dagegen hatten schon tausend und mehr Jahre vor unserer Zeitrechnung
-kleine magnetische Wagen, welche ihnen den Weg durch die unermeßlichen
-Steppen der Tatarei wiesen. Im dritten Jahrhundert n. Chr. bedienten
-sich dieselben schon einer an einem Faden aufgehängten Magnetnadel. Im
-Abendlande, und wahrscheinlich zuerst bei den seefahrenden Nationen des
-Nordens, hing man den Magnetstein selbst an einem Faden auf oder legte
-ihn auf ein Brettchen und ließ ihn auf ruhigem Wasser schwimmen.
-
-Wem die +Erfindung+ des +Kompasses+ zuzuschreiben, wurde noch nie
-mit Genauigkeit ermittelt; nur soviel weiß man, daß er im zwölften
-Jahrhundert in +Frankreich+ unter dem Namen „+Marinette+“ bereits
-bekannt und auf Schiffen benutzt wurde. Bedeutend verbessert wurde er
-im 14. Jahrhundert durch die Italiener +Gioja+ und +Giri+, und 1436
-wird schon in einem Portolano des +Andrea Bianco+ der magnetischen
-Abweichung erwähnt. Den +Engländern+ verdanken wir die sinnreiche
-Einrichtung der schwebenden Scheibe des Schiffskompasses, den
-+Holländern+ die Benennung der Weltgegenden nach Strichen auf der
-Windrose.
-
-[Illustration: Fig. 125.
-
-Schiffskompaß in Cardanischer Aufhängung.]
-
-Der +Schiffskompaß+ besteht aus einer geteilten Kreisscheibe von
-Papier, auf Marienglas oder Glimmer geklebt, die, mit der Nadel
-fest vereinigt, sich mit dieser dreht und die Abweichung durch eine
-außerhalb liegende Marke (Steuerstrich), welche der Kiellinie des
-Schiffes entspricht, bezeichnet. Diese Kreisscheibe, „+Windrose+“
-genannt, auf der die 32 Windstriche enthalten sind, dreht sich, mit
-einem harten +Achatlager+ (Achathütchen) auf einer Metallspitze (Pinne)
-ruhend, in einer Büchse von Messing oder Kupfer, die frei in doppelten
-Bügeln hängt (Cardanische Aufhängung), allen Bewegungen des Schiffes
-leicht nachgiebt und somit die Scheibe stets horizontal erhält.
-
-Schon bei seiner ersten Reise nach Amerika bemerkte +Christoph
-Kolumbus+, daß die Spitze der freischwebenden Magnetnadel nicht die
-Polgegend der Erde anzeigte, sondern daß dieselbe mehr oder weniger
-von der wahren Nordrichtung abwich. Diese Abweichung des magnetischen
-vom astronomischen Meridian nennt man +Variation+ (Deklination) oder
-+Mißweisung der Magnetnadel+, und da sie bald größer, bald kleiner,
-bald östlich, bald westlich, und nur an wenigen Orten der Erdkugel
-gleich Null ist, so muß sie der Seemann genau kennen, um danach
-seine Kurse zu korrigieren. Diese Variation ist außerdem langsamen
-Abänderungen (säkularen Variationen) unterworfen. So betrug z. B. in
-Paris dieselbe im Jahre 1580 11½ Grad östlich, dagegen fiel schon 1663
-der astronomische Meridian mit dem magnetischen zusammen; 100 Jahre
-später wich die Magnetnadel um 8° 10′ nach Westen, 1814 um 22° 34′
-nach derselben Richtung ab. Seit dieser Zeit geht die Nadel wieder
-zurück, und 1852 betrug die westliche Ablenkung daselbst nur noch 20°
-22′. Diese Veränderung macht somit eine Korrektur der Seekarten von
-Zeit zu Zeit nötig. Die erste dieser Deklinationskarten wurde 1530 vom
-Kosmographen Alonzo de Santa Cruz gezeichnet und veröffentlicht.
-
-Eine weitere Erscheinung ist die Neigung der Magnetnadel in vertikaler
-Richtung, +Inklination+ genannt, welche sich dadurch zeigt, daß die
-eine Spitze, bei völligem Gleichgewicht der Nadel, sich gegen den
-Horizont neigt. Bei Polarexpeditionen und auf Schiffen in hohen Breiten
-wird diese Neigung sehr fühlbar, doch kann man ihr leicht durch ein
-kleines Gegengewicht von Wachs, Siegellack oder Blei abhelfen. Am
-Äquator ist diese Neigung beinahe Null.
-
-Linien, welche die Orte gleicher Deklination miteinander verbinden,
-heißen +Isogonen+[167]; Linien, welche die Orte gleicher Inklination
-verbinden, nennt man +Isoklinen+[168].
-
-Eine fernere Ablenkung der Magnetnadel ist die +Lokalattraktion+
-oder die +örtliche Abweichung+. Der Betrag, um welchen hierdurch die
-Deklination oder Mißweisung geändert wird, heißt die +Deviation+.
-Beobachtet wurden diese Unregelmäßigkeiten in der Abweichung der
-Bussole schon gegen das Ende des 18. Jahrhunderts, und man beklagte
-sich damals allgemein über die Unverläßlichkeit der magnetischen Daten.
-Niemand aber konnte eine Erklärung dieser sonderbaren Erscheinung geben
-bis herab auf Kapitän +Flinders+, der ganz richtig erkannte, daß die
-Ursache dieser Störungen in den +Eisenmassen+ des Schiffes zu suchen
-sei. Die Unregelmäßigkeiten in der lokalen Abweichung wurden noch
-großartiger, als durch den Holzmangel in England und durch die bereits
-auf hoher Stufe stehende Eisenindustrie der Holzschiffbau immer mehr
-verdrängt und zuerst durch den gemischten, dann durch den vollständigen
-Eisenschiffbau ersetzt wurde. Selbst in maßgebenden Kreisen machte
-sich infolgedessen die Befürchtung geltend, daß eiserne Schiffe zum
-Seedienst sich kaum geeignet erweisen würden. Der Wissenschaft des
-19. Jahrhunderts ist es indes gelungen, auch diese Schwierigkeit im
-Schiffahrtsbetriebe zu überwinden. Um die Theorie der Deviation
-erwarben sich große Verdienste der englische Astronom +Airy+ und der
-französische Akademiker +Poisson+. Ersterem und +Barlow+ verdankt man
-auch die Erfindung geeigneter Kompensationen (zur Paralysierung der
-Wirkung der Schiffseisenmassen). Die Airysche Kompensation, aus einem
-Systeme permanenter und induzierter Magnete bestehend, war bis in
-die jüngste Zeit bei den meisten Schiffen der Kauffahrteimarine die
-gebräuchliche. Man bemerkte aber, sobald die Schiffe auf See kamen und
-den Ort wechselten, Änderungen in den Deviationen der Kompasse, die
-man sich nicht erklären konnte, und die den Schiffen noch immer Gefahr
-brachten. Da die Frage namentlich seit Einführung der Dampfkraft in der
-Seeschiffahrt eine immer brennendere wurde, indem es nun immer mehr
-darauf ankam, einen genauen Kurs auf See einzuhalten, und der Kompaß
-eine größere Bedeutung erlangte, so bildete sich, um mehr Klarheit in
-die Sache zu bringen und praktisch verwertbare Resultate betreffs des
-Verhaltens und der Änderungen des Schiffsmagnetismus zu gewinnen, in
-Liverpool ein besonderes Komitee von Reedern, Schiffsbauern, Gelehrten,
-Versicherern und Seeleuten. Dieses Komitee, dem zu Experimenten Schiffe
-zur Verfügung gestellt wurden, hat in den fünf bis sechs Jahren seines
-Bestehens durch seine mit großer Sachkunde ausgeführten Forschungen die
-Kompaßfrage außerordentlich gefördert und dieselbe in eine richtigere
-und bessere Bahn gelenkt. Von der englischen Admiralität wurde nun auch
-ein besonderes Departement für Kompaßfragen begründet, in dem sich
-namentlich +Evans+, der Hydrograph der Admiralität, große Verdienste
-erwarb. Derselbe konstruierte nach verschiedenen praktischen Versuchen
-und Berechnungen eine Kompaßrose mit einem System von mehreren
-Magnetnadeln, die noch jetzt als +~Admiralty Standard Compass Card~+
-sowohl in der englischen, als auch in der deutschen Marine, sowie bei
-vielen Kauffahrteischiffen in Gebrauch ist und dem verfolgten Zwecke
-wenigstens in den meisten Fällen entsprach.
-
-Infolge der weitern Fortschritte der Schiffsbautechnik und der größern
-Entwicklung des Dampferverkehrs wurde indes auch diese Kompaßrose
-unruhig und bei stärkerer Bewegung des Schiffes unbrauchbar. Bessere
-Maschinen bewirkten größere Schnelligkeit, die Kurse mußten immer
-genauer eingehalten werden, und die Bedeutung des Kompasses steigerte
-sich in demselben Maße, wie die Schwierigkeiten, einen unter allen
-Verhältnissen ruhig arbeitenden Kompaß herzustellen.
-
-Bei Begründung der deutschen Seewarte im Jahr 1875 wurde denn auch die
-Kompaßfrage mit in das Programm aufgenommen und eine Abteilung zur
-Prüfung nautischer Instrumente, sowie zur Regulierung der Kompasse und
-Förderung der Deviationslehre geschaffen. Professor ~Dr.~ Neumayer,
-der zum Direktor der Seewarte ernannt worden, hatte schon früher
-als Hydrograph der Admiralität in Verbindung mit einem tüchtigen
-Mechaniker, +Karl Bamberg+ in Berlin, viel zur Verbesserung der
-Kompasse gethan und in der kaiserlichen Marine sowohl den englischen
-Standard-Kompaß, als auch die sogen. Fluidkompasse eingeführt. Die
-letzteren sollten dazu dienen, eine größere Ruhe der Rose herzustellen,
-ohne jedoch die Empfindlichkeit derselben zu beeinträchtigen.
-
-Großen Beifall fand inzwischen die Rose des englischen Physikers
-+Sir William Thomson+. Sie wurde auf den großen Postdampfern,
-die von Liverpool nach New-York fahren, eingeführt, desgleichen
-ist sie auf einigen Postdampfern der Hamburg-Amerikanischen
-Paketfahrt-Aktien-Gesellschaft, sowie auf den Schnelldampfern des
-Norddeutschen Lloyd in Gebrauch. Zur allgemeinen Einführung konnte
-indes dieser Kompaß bei der Schwierigkeit der Herstellung und dem hohen
-Preise (der Kompaß kostet mit Kompaßhaus und Nachthaus zusammen 1000
-Mark) nicht gelangen. Die Seewarte stellte deshalb neue Versuche an und
-gab dem Hamburger Mechaniker G. +Hechelmann+ diesbezügliche Aufträge.
-Derselbe hat denn auch seine Aufgabe in den letzten Jahren in äußerst
-scharfsinniger Weise gelöst, so daß dessen Kompaßrose in der kurzen
-Zeit ihres Bestehens in über 200 Exemplaren auf den verschiedensten
-deutschen und auf einigen fremden Schiffen verbreitet ist und sich
-eines immer mehr zunehmenden Rufes erfreut. Mit diesen Kompaßrosen,
-verbunden mit den Fluidkompassen, ist die Kompaßkonstruktion jetzt auf
-einen Standpunkt gebracht, daß damit allen Anforderungen der Neuzeit
-entsprochen werden kann.
-
-Hand in Hand mit der Verbesserung der Kompasse ging natürlich
-die Regulierung der Kompasse an Bord der eisernen Schiffe, die
-Unschädlichmachung der durch den Schiffsmagnetismus verursachten
-Störungen der Kompaßnadel und das Studium der Änderungen der
-Deviation. Zur Förderung der schiffsmagnetischen Lehre dienen
-namentlich die von der Seewarte geführten, die Beobachtungen der
-Schiffe enthaltenden Deviationsbücher. Die Beobachtungen stammen
-aus den Deviationsjournalen, welche die Schiffe, ebenso wie die
-meteorologischen Journale, von der Seewarte empfangen, während der
-Reise ausfüllen und bei der Heimkehr abliefern. Durch ein solches
-Verzeichnis von an Bord der verschiedensten Schiffe gemachten
-Beobachtungen ist man schon jetzt im stande, die magnetischen
-Eigenschaften eines neuen Schiffes mit einer gewissen Sicherheit
-vorauszusagen, den günstigsten Ort für den Kompaß zu bestimmen und
-zuweilen auch die Kompensation von vornherein so einzurichten, daß sie
-allen Breiten gerecht wird.
-
-So darf denn wohl behauptet werden, daß nicht zum geringsten Teile
-durch die Arbeiten und Forschungen der +deutschen+ Seewarte die
-Kompaßfrage in heutiger Zeit einen Standpunkt errungen, der geeignet
-ist, die aus den störenden Einflüssen des Schiffsmagnetismus für die
-Seefahrt entstandenen Gefahren in bedeutendem Maße zu verringern.
-Der Kompaß ist somit wieder, wenn anders die gewonnenen Erfahrungen
-beachtet und die Schiffe mit guten Instrumenten ausgerüstet werden, wie
-ehedem ein treuer Wegweiser über den Ocean.
-
-Die Hauptarten von Kompassen sind die +Steuerkompasse+ und die
-+Azimut+- oder +Peilkompasse+. Der Unterschied derselben liegt
-hauptsächlich in der verschiedenartigen Einrichtung der Kompaßrosen.
-Während dieselbe nämlich bei den Steuerkompassen in 32 Kompaßstriche
-und jeder derselben wiederum in halbe und Viertel-Striche geteilt
-ist, befindet sich am äußersten Rande der Peilkompaßscheibe noch eine
-Gradeinteilung. Außerdem ist bei letzterem der Glasdeckel des Gehäuses
-mit einem beweglichen Ringe, an dem zwei Diopter mit farbigen Gläsern
-befestigt sind, ausgerüstet, um die Sonne oder Landobjekte auf Grade
-und Minuten genau peilen (bestimmen) und ablesen zu können.
-
-+Regelkompaß+ oder +Normalkompaß+ ist derjenige Kompaß an Bord des
-Schiffes, nach welchem der Kurs des Schiffes bestimmt und aufgegeben
-wird. Alle übrigen Kompasse werden mit diesem verglichen.
-
-2. +Anker.+ Soll ein Schiff an einer bestimmten Stelle über dem Grunde
-festgehalten werden, so bedient man sich des +Ankers+. Ursprünglich
-mußte ein vorteilhaft gewachsener Baumstumpf, am dicken Ende durch
-aufgebundene Steine beschwert, dem Zweck genügen. Später versah man den
-primitiven Schaft mit einem oder mehreren genügend großen Haken, die
-sich in den Grund eingruben. Die Formen dieses Ankers sind im Laufe
-der Jahrtausende sehr vervollkommnet worden, das Princip an ihm ist
-dasselbe geblieben.
-
-Der Anker ist mit einem starken Tau oder einer Kette versehen, welche,
-am Schiffe befestigt, die Verbindung zwischen diesem auf dem Wasser und
-dem Anker im Grunde herstellt. Man ankert bei der Ankunft auf der Reede
-oder im Hafen, wenn man nicht sogleich das Schiff an den Quai oder das
-Bollwerk legen kann; man liegt vor Anker in genügend flachem Wasser
-an einem geschützten Ort, wenn Gezeitenströmung oder Wind und Wetter
-die Reise fortzusetzen nicht gestatten; man reitet vor Anker an einer
-Leeküste, wenn Sturm und See das gefährdete Schiff auf sie zutreiben,
-angesichts der Brandung, wenn die Kraft des Dampfes den Erfolg versagt,
-ein Entkommen mit Hilfe der Segel aussichtslos geworden. In dem
-letztgenannten Falle ganz besonders ist der Anker mit seinem starken
-Tau, seinen schweren Ketten der einzige Freund, die letzte Zuflucht in
-Todesnot; hält jener nicht fest im Grunde oder bricht Tau und Kette
-vorm stampfenden Bug unterm Andrang der überbrechenden Wellen, dann
-ist es zu Ende mit Menschenmacht und Menschenklugheit. Notschuß und
-Todesschrei verhallen ungehört, und die Brandung donnert zum Drama das
-wilde Finale. -- Man +lichtet+ Anker, wenn man den Ort des Schiffes
-verändern, bezw. die Reise fortsetzen will.
-
-Je nach dem Orte der Lagerung am Bord haben die Anker verschiedene
-Namen: +Buganker+, +Rüstanker+, +Heckanker+ u. s. w.
-
-Ferner benennt man die Anker nach der Art ihrer Verwendung; mit Bezug
-hierauf unterscheidet man +Stromanker+, +Hafenanker+, +Flut+- und
-+Ebbanker+ u. s. w.
-
-Das +Gewicht+ mancher Anker ist sehr bedeutend. Die Bug-,
-beziehungsweise Rüstanker des deutschen Panzerschiffes „König Wilhelm“
-sind z. B. 5000 kg schwer; auf Handelsschiffen von 500-600 Tonnen
-Raumgehalt beträgt das Gewicht der gleichen Anker 28 Centner (deutsch).
-Viel geringer ist die Schwere der Strom-, Warpanker u. s. w.
-
-An Stelle der früheren Hanftaue verwendet man jetzt allgemein
-+Ankerketten+, da dieselben, ausgenommen vielleicht für Reisen in
-polaren Gebieten, wo die hohe Kälte das Eisen spröde und leichter
-zu Brüchen geneigt macht, vor jenen viele Vorteile voraus haben.
-Das auf Schiffen befindliche Kettenquantum sowie der Durchmesser
-solcher Ankerketten ist zuweilen sehr beträchtlich. Auf dem deutschen
-Panzerschiff „König Wilhelm“ z. B. sind an Ketten für die vier Bug-,
-bezw. Rüstanker im ganzen 700 m mit einem Durchmesser von 60 mm und 100
-m mit einem solchen von 63 mm vorhanden.
-
-[Illustration: Fig. 126. Brookes Apparat zum Messen großer Meerestiefen.
-
-(Nach W. +Schütte+, Das Wasser.)
-
-~a~ Metallstab, ~b~ Flügelapparat, ~c~ Anfügung der Lotleine, ~d~
-Kugelhalter, ~e~ zugehörige Drähte od. Schnüre, ~f~ Höhlung für
-Grundproben.]
-
-3. +Tieflot+, +Wasserschöpfflasche+, +Tiefseethermometer+,
-+Schleppnetz+. Für Erforschung der +Tiefsee+ sind heutzutage eine
-Reihe vortrefflicher Apparate zur Verfügung. -- Das einfachste Mittel
-zur Ermittlung der +Wassertiefen+ ist das +Lot+ oder +Senkblei+,
-ein an einem graduierten Faden hängendes Gewicht; der Zug desselben
-hört auf in dem Augenblicke des Aufstoßens auf den Boden. Man
-wendet dabei für Tiefen bis zu 800 Faden einen ca. 60 cm langen und
-40-60 kg schweren prismatischen Bleiblock an, den man, um zugleich
-eine Probe des erreichten Bodens heraufzubringen, mit einer dicken
-Talgschicht überzieht. Diese Vorrichtung ist indes für größere
-Tiefen selbstverständlich unbrauchbar, da das Gewicht viel zu klein
-ist, um das Lot rasch und vertikal in die Tiefe zu ziehen, und von
-Meeresströmungen aus seiner Richtung gebracht werden kann. Es wurden
-deshalb geraume Zeit hindurch behufs Verbesserung des Tiefseelotes alle
-erdenklichen Anstrengungen gemacht.
-
-Die bekanntesten +Patentlote+ sind von Brooke, Hook, Massey, Belknap,
-Sigsbee, Bailey u. a. +Brookes+ Tiefenmesser besteht aus einer
-durchbohrten, mit kleinen Furchen versehenen Kanonenkugel, durch welche
-ein Stab gesteckt ist mit einem beweglichen Arme an seinem obern Ende.
-Dieser Arm ist, wenn das Instrument hängt, nach oben gerichtet und so
-mit der Leine verbunden. An einem Haken dieses Arms hängt ein Band,
-welches um die Kugel herumführend dieselbe trägt. Stößt der Stab auf
-den Grund, so senkt sich der bewegliche Arm, das Band gleitet von
-dem Haken, und die Kugel löst sich los. Der Stab enthält eine mit
-Gänseposten (Gänsekielen) gefüllte Höhlung und bringt durch diese
-Grundproben mit zur Oberfläche.
-
-[Illustration: Fig. 127. Schleppnetz.]
-
-Den bedeutendsten Fortschritt in dieser Beziehung bekundet wohl das
-Patentlot von Sir +William Thomson+, dessen man sich jetzt auch
-meistenteils zur Erforschung der +großen+ Tiefen im Ocean bedient.
-Mittels desselben ist man nunmehr im stande, Tiefen bis zu 5000 Faden
-zu ermitteln. Ein solcher Lotwurf dauert etwa eine bis anderthalb
-Stunden. -- Neben den eigentlichen Loten spielen dermalen noch zwei
-andere Instrumente bei Tiefseeforschungen eine hervorragende Rolle.
-Es sind dies die +Wasserschöpfflasche+ und das +Tiefsee-Thermometer+.
-Mittels der erstem vermag man Meerwasser aus beliebigen Tiefen zu
-holen, das letztere giebt uns Aufschluß über die Temperatur des Meeres
-in den verschiedenen Tiefenschichten. -- Ein weiterer Apparat, der
-sich neuestens für die Tiefseeforschung von gleich großer Bedeutung
-erwies, ist das sogen. +Schleppnetz+ oder +Scharrnetz+; durch dasselbe
-erhalten wir Aufschluß über die Beschaffenheit des Meeresbodens, über
-die Tiefsee-Organismen u. s. w.
-
-4. +Taucherapparate.+ Die Untersuchung des Meeresgrundes in nicht
-allzugroßer Tiefe oder die Beförderung von dort lagernden Gegenständen
-an die Oberfläche erfolgt mittels der +Taucherglocke+ oder auch der
-+Taucheranzüge+ und anderer ähnlicher Apparate.
-
-[Illustration: Fig. 128. Taucher bei der Arbeit.
-
-~T~ und ~t~ Luftschläuche.]
-
-5. +Log (Logg).+ Das Log dient zum Messen der +Geschwindigkeit eines
-Schiffs+. Das +gewöhnliche+ Log zeigt noch heute dieselbe Einrichtung,
-welche sein Erfinder, der Engländer +Lock+, ihm vor etwa 220 Jahren
-gegeben. Es besteht aus einer auf eine Rolle gewickelten dünnen Leine,
-der +Logleine+ (von 5-6 mm Stärke und 200 bis 250 m Länge), an deren
-Endpunkt sich ein Brettchen von der Form eines Kreisausschnittes
-befindet, das sogen. +Logbrettchen+ oder +Logschiffchen+. Der Bogen
-dieses Ausschnitts ist soweit mit Blei beschwert, daß das Brettchen
-aufrecht im Wasser steht, aber gerade noch schwimmt. Durch diese
-Stellung soll es Widerstand leisten und der schnell und leicht
-abrollenden Leine als fester Punkt im Wasser dienen. -- Die +Logleine+
-selbst ist, mit Ausnahme eines längern Stücks, welches man den
-+Vorlauf+ nennt, mit +Knoten+ versehen, +deren jeder einer Seemeile
-entspricht+. +Soviel Knoten also durch die Hand des Mannes, der die
-Leine hält, ablaufen, soviel Seemeilen legt das Schiff zurück.+ --
-Als Zeitmesser dient eine Sanduhr von 14 oder 28 Sekunden. -- Zum
-Loggen sind drei Personen nötig: der Mann, welcher die Spule mit der
-Logleine hält, ein zweiter, der die Leine durch seine Hände gleiten
-läßt, dieselbe dirigiert und durch einen Ruf den Moment anzeigt,
-wenn der Vorlauf sich abgespult hat und der geknotete Teil der Leine
-abläuft, und ein dritter, der die Sanduhr (das Logglas) bedient.
--- Selbstverständlich ist die Berechnung der Geschwindigkeit, mit
-der ein Schiff seinen Weg zurücklegt, niemals genau, sondern nur
-annähernd richtig; denn trotz des Widerstandes, den das Logscheit dem
-Zuge entgegensetzt, rückt es dennoch von der Stelle. Man hat daher
-auch in dieser Beziehung an eine Verbesserung des Apparates gedacht,
-und in neuester Zeit werden denn auch sogenannte +Patentlogs+ als
-Geschwindigkeitsmesser auf Schiffen verwendet. Indes erscheint dermalen
-noch immer die alte Methode als die beste und einfachste. Gewöhnlich
-wird halbstündlich geloggt und die Schnelligkeit des Schiffs sowie
-der Kurs, den dasselbe während der letzten Stunde zurückgelegt, in
-das +Schiffstagebuch+ (Logbuch) eingetragen. Aus den auf diese Weise
-gewonnenen Resultaten wird die sogenannte Schiffsrechnung (Koppelkurs)
-für je 24 Stunden um 12 Uhr mittags zusammengestellt.
-
-[Illustration: Fig. 129. Das Log.]
-
-6. +Nautisch-astronomische Instrumente.+ Zur Bestimmung der
-geographischen Länge und Breite auf hoher See mittels astronomischer
-Messungen gebraucht man in neuerer Zeit ausschließlich die sogen.
-+Reflexionsinstrumente+. Solche sind der +Oktant+, +Sextant+ u. s. w.
-Infolge der hochentwickelten Technik der Gegenwart werden diese
-Instrumente heutzutage mit weit größerer Präcision hergestellt als
-ehedem.
-
-[Illustration: Fig. 130. Zeitballsäule.]
-
-Außer den Sextanten dienen zur Längenbestimmung auf Seereisen in
-neuerer Zeit die +See-Uhren+ oder +Chronometer+. Zur Erfindung
-derselben gab die englische Regierung die Veranlassung, welche
-1714 einen Preis von 20000 Pfund Sterling (400000 Mark) demjenigen
-aussetzte, der es verstünde, die Länge zur See bis auf ½° genau zu
-bestimmen. Der Engländer +Henry Sully+ (geb. 1679, gest. 1728 in
-Paris) beschäftigte sich schon seit seiner frühesten Jugend mit der
-Lösung des Längenproblems und brachte 1724 auch eine Marine-Uhr zu
-stande; sie bewährte sich jedoch nicht bei den Versuchen zur See;
-erst +John Harrison+, der ursprünglich Zimmermann war und sich später
-als vollständiger Autodidakt mit der Uhrmacherei beschäftigte, hat
-1728 die Aufgabe in vollendeterer Weise gelöst und ist daher als der
-eigentliche Erfinder der Chronometer zu betrachten. Von der englischen
-Regierung erhielt er 10000 Pfund als Belohnung, unter der Bedingung,
-daß er seine Uhr genau beschreibe, was er in der Schrift „~Principles
-of time-keeper~“ auch that. Die +heutigen+ Uhrmacher haben die
-Chronometer durch unendlichen Aufwand von Kunst und Scharfsinn
-zu solcher Vollkommenheit gebracht, daß jenes alte Ideal mit ½°
-Ungewißheit bedeutend überholt ist. Trotz dieser großen Fortschritte
-bildet die Chronometrie auch heute noch einen Teil der Nautik, der
-sowohl durch die Wissenschaft wie durch die Mechanik gefördert werden
-kann. -- Die Zuverlässigkeit des Chronometers beruht vor allem auf
-dessen sorgfältiger Behandlung und Aufbewahrung; übrigens gewährt +ein+
-Chronometer allein nicht immer die genügende Sicherheit, weshalb auf
-Kriegsschiffen gewöhnlich +drei+ mitgeführt werden.
-
-7. +Barometer, Thermometer.+ Was zunächst das +Barometer+ betrifft, so
-ist es besonders in solchen Gegenden höchst notwendig, die von Orkanen
-und Wirbelstürmen heimgesucht werden; denn der jeweilige Stand des
-Barometers ist hier für die Maßnahmen des Schiffskapitäns von größter
-Wichtigkeit. Auf Kriegsschiffen werden Quecksilberbarometer, von denen
-sich die bei weitem größte Zahl auf die +Torricellische+ Röhre gründet,
-und Aneroidbarometer, deren Erfindung in ihrer Form von einem Franzosen
-+Vidi+ (1844) herrührt, verwendet. -- Das +Thermometer+ verrät in
-Meeresgegenden, die in undurchdringliche Nebel gehüllt sind, oft einzig
-und allein die Nähe eines gefahrdrohenden Eisberges.
-
-8. +Zeitball.+ Zur Kontrolle des Standes und Ganges der Chronometer
-dienen die +Zeitbälle+. Es sind das schwarze, ballonähnliche Körper
-von 1-2 m Durchmesser, die weithin sichtbar an Masten angebracht sind,
-genau zu einer bestimmten Normalzeit herabgleiten und hierdurch den
-Seefahrern ein Mittel zur Berichtigung ihrer Uhren bieten. Ein solcher
-Zeitballapparat steht mit einer Sternwarte in elektrischer Verbindung,
-wo in der Regel eine Normaluhr durch Schließung oder Öffnung des
-elektrischen Stromes in dem betreffenden Augenblick die Auslösung
-eines Sperrhakens vermittelt, der den Ballon bis dahin auf der Höhe
-des Mastes festhielt. Der erste Zeitball wurde 1833 in Greenwich
-eingerichtet; seitdem haben viele Hafenplätze derartige Apparate.
-
-9. +Fern- und Sprachrohr.+ In der Reihe der Instrumente, die dem
-Seemann nicht fehlen dürfen, sind endlich noch das +Fern+- und
-+Sprachrohr+ zu erwähnen.
-
-
-IV. Seekarten[169].
-
-Zu den wichtigsten nautischen Hilfsmitteln zählen neben den
-seemännischen Instrumenten auch die +Seekarten+; es ist das dermalen
-in um so höherem Grade der Fall, als die nautische Kartographie in den
-letzten Jahrzehnten ganz enorme Fortschritte gemacht hat.
-
-Die Seekarten, deren man sich jetzt allgemein bedient, sind nach
-+Mercators+ (s. S. 305) System; sie weichen ihrer Konstruktion nach
-von den Landkarten dadurch ab, daß die Meridiane alle parallel
-miteinander laufen und von den Breitenparallelen im rechten Winkel
-durchschnitten sind. Man nennt sie +wachsende Karten+. Die Längengrade
-in ihnen sind auf allen Breiten einander gleich, also nach den
-Polen hin zu groß; dafür aber sind die Meridiane nach den Polen hin
-verlängert, so daß die parallelen der Breite immer weitere Abstände
-voneinander erhalten, daher der Name „+wachsende Karten+“. Diese
-Verlängerung der Paralleldistanzen ist jedoch derart vorgesehen, daß
-das wahre Verhältnis zwischen den Längen- und Breitengraden überall
-gewahrt bleibt. -- Die wachsenden Karten bieten den Vorteil, daß die
-loxodromischen Linien, d. h. die schiefen Linien der Schiffskurse,
-einen gleichen Winkel mit allen Meridianen bilden, die von denselben
-durchschnitten werden, wodurch die Schiffsrechnung (Besteck) bedeutend
-vereinfacht wurde. -- In neuester Zeit wurden die Seekarten durch die
-mannigfachen wissenschaftlichen Expeditionen und die aufopfernden
-Bestrebungen einzelner bedeutend vervollkommnet, so daß eine moderne
-Seekarte in der That eine Fülle von Material dem betrachtenden
-Auge darbietet; man ersieht da nicht nur die Inseln und sichtbaren
-Felsen, sondern auch die verborgenen Riffe, Klippen und Sandbänke,
-die örtliche Tiefe des Wassers in Faden oder Metern, den Ankergrund,
-die Strömungen, die Zeit des Hochwassers am Neu- und Vollmondstage
-an verschiedenen Punkten, die Leuchttürme, Seezeichen und Baken, die
-Fluß- und Hafenmündungen, die Leuchtschiffe und Tonnen zur Bezeichnung
-der Untiefen, die Mißweisung des Kompasses etc. Auch Windrosen sind
-an verschiedenen Stellen der Karte angebracht, um mit ihrer Hilfe
-schnell den innegehaltenen Kurs des Schiffes bezeichnen zu können.
-Endlich finden sich oft auch die besten von einem Hafen zum andern
-führenden Wege als Linien eingezeichnet. Ferner verdient ganz besonders
-hervorgehoben zu werden, daß in jüngster Zeit fast alle kultivierten
-Staaten von ihren Küsten genaue und zuverlässige Aufnahmen veranlaßten.
-In den unkultivierten Erdteilen haben sich wiederum die am meisten
-beteiligten Handelsnationen den Küstenvermessungen unterzogen.
-
-Hervorragende Verdienste um die nautische Kartographie erwarb sich
-der Nordamerikaner +Maury+ († 1874). Welchen Nutzen derselbe durch
-seine Wind- und Stromkarten, sowie durch seine Segelanweisungen der
-Schiffahrt gewährt hat, ist kaum zu berechnen. Mit den Spurkarten an
-der Hand wird jede Reise schneller zurückgelegt, da diese Karten für
-alle Monate des Jahres die kürzeste einzuschlagende Route auf Grund der
-durch reiche Erfahrungen gesammelten Kenntnisse über herrschende Winde
-und Strömungen angeben. „Solange daher die oceanischen Strömungen das
-Meer durchfurchen und die Winde den Luftraum durcheilen werden, solange
-wird der Ruhm des verewigten Seemannes bleiben.“
-
-
-V. Hydrographische Institute.
-
-+Deutsche Seewarte.+
-
-Anstalten, welche im Dienst einzelner seemännischer Hilfswissenschaften
-stehen, besitzen die größeren Seestaaten zum Teil schon seit
-Jahren. Die größte praktische Bedeutung hat unter ihnen das
-National-Observatorium in Washington gewonnen, welches unter Maury
-zum erstenmal das bis dahin bekannt gewordene meteorologische und
-hydrographische Beobachtungsmaterial in umfassender Weise zur
-Vorzeichnung von Seewegen für alle möglichen Reisen ausbeutete. Um
-ähnliche Anstalten haben sich +Fitz-Roy+ in England, +Buys Ballot+
-in den Niederlanden verdient gemacht. Auch in Deutschland war durch
-+v. Freeden+ im Jahre 1867 zu Hamburg die „Norddeutsche Seewarte“
-gegründet worden, aber erst durch kaiserliche Verordnung vom Januar
-1875 wurde eine Anstalt ins Leben gerufen, welche für sämtliche Zweige
-der seemännischen Wissenschaften und die zugehörige Technik, mit
-Ausnahme der dem hydrographischen Amte der Admiralität anvertrauten
-Kartenzeichnung, sowohl selber eine Pflegestätte, als auch ein zwischen
-der Schiffahrt und ihren Hilfswissenschaften vermittelndes Organ
-sein sollte. Diese Anstalt ist die +Deutsche Seewarte zu Hamburg+,
-eines der hervorragendsten Institute des Deutschen Reichs. Indem wir
-im folgenden die Organisation dieser großartigen Anstalt des nähern
-darlegen, glauben wir unsere Leser zugleich über Zweck und Aufgabe der
-hydrographischen Institute überhaupt am besten zu orientieren. Wir
-folgen hierbei der ausgezeichneten Arbeit +Nees’ von Esenbeck+, die
-derselbe über die deutsche Seewarte im elften Jahrgang der „Deutschen
-Rundschau“ veröffentlichte.
-
-Die deutsche Seewarte zu Hamburg gliedert sich in vier Abteilungen:
-
-Abteilung I: Maritime Meteorologie.
-
-Abteilung II: Beschaffung und Prüfung der Instrumente (Chronometer
-ausgenommen), schiffsmagnetische Arbeiten, Verwaltung der
-Instrumenten-Sammlung.
-
-Abteilung III: Witterungskunde, Küstenmeteorologie, Sturmwarnungswesen.
-
-Abteilung IV: Chronometer-Prüfung.
-
-In dienstlicher Hinsicht steht die Seewarte unter der Admiralität,
-unterhält jedoch den vielseitigsten selbständigen Schriftverkehr mit
-deutschen und ausländischen wissenschaftlichen Anstalten.
-
-
-=Abteilung I.=
-
-+Aufgabe der Abteilung I ist die Sammlung und Verwertung der
-meteorologischen Beobachtungen.+ Die Sammlung derselben erfolgt auf
-Grund eines an die Schiffsführer ausgegebenen Journals, welches
-nicht nur die Anstellung bestimmter Beobachtungen zu bestimmten
-Zeiten sichert, sondern durch die Frage nach den Korrektionen der
-benutzten Instrumente dem Eindringen der gefährlichen unzuverlässigen
-Beobachtungen in die Rechnung steuert. Das Journal schreibt für
-sechs bestimmte Tageszeiten einen Beobachtungssatz vor, bestehend
-in Angabe der Zeit, des Ortes, des Kurses, des Windes nach Richtung
-und Stärke, des Barometer-, Thermometer-, Psychrometer-Standes, der
-Wolkenbildung, des Wetters (ob Regen u. s. w.), des specifischen
-Gewichts und der Temperatur des Wassers, der Strömungen, des Aussehens
-der Meeresoberfläche. Solcher Journale wurden von der Seewarte und
-ihren Nebenstellen in den sechs Jahren von 1875 bis 1881 über 1400
-ausgegeben, abgesehen von den durch die dazu angewiesenen deutschen
-Konsulate der Hauptwelthäfen verliehenen, sowie den ganz gleich
-geführten Journalen der Kriegsmarine. Bereits Ende des Jahres 1879
-wurde das Journal von rund dreihundert deutschen Kauffahrteischiffen
-geführt.
-
-Zur Gewinnung und Heranziehung guter Beobachter wird den
-Schiffsführern, welche sich zur Anstellung der Beobachtungen bereit
-erklären, unentgeltlich die ausgedehnteste Unterstützung seitens der
-Seewarte zu teil, bestehend in Untersuchung der Schiffsinstrumente
-und Chronometer, Raterteilung in Bezug auf Seewege, Gebrauch der
-Bibliothek, Mitteilung von Schriften und anderem mehr. Außerdem ist
-für solche Schiffsführer, welche sich im Dienst der Seewarte besonders
-auszeichnen, eine in Instrumenten oder wissenschaftlichen Büchern
-bestehende Prämie ausgesetzt worden.
-
-Die an Bord benutzten Instrumente werden vor Beginn und womöglich
-auch am Schluß der Seereisen mit den Normalinstrumenten der Anstalt
-verglichen und die Korrektionen in das Journal eingetragen. Es liegt in
-der Absicht, die Beobachtungen an Bord künftig nur mit von der Seewarte
-zu entleihenden Instrumenten machen zu lassen -- ein Ziel, dem nur
-langsam, in dem Maße, als die alten Instrumente abgenutzt werden, näher
-zu kommen ist. Ende 1880 waren z. B. 131 Barometer, 652 Thermometer aus
-den Beständen der Seewarte verliehen.
-
-Um auch eine korrekte, den Einrichtungen der Instrumente, sowie den
-internationalen Abmachungen entsprechende Ablesung und Beobachtung
-zu sichern, wird den Schiffsführern bei Empfang der Journale eine
-Unterweisung erteilt, welche sich einer dem Journal beigefügten
-Instruktion anschließt und insbesondere auch die Anbringung der
-Instrumente berücksichtigt -- ein Punkt, in dem vielfach gefehlt
-worden ist; so dürfen gerade die bequemsten Plätze, in der Nähe von
-Deckfenstern und Niedergängen, wo die Instrumente vor Stößen am
-sichersten sind, wegen der durch die Schiffsluft bewirkten Störungen
-nicht gewählt werden.
-
-Obgleich in solcher Weise fehlerhafte Beobachtungen möglichst
-ausgeschlossen werden, sind die Angaben der einlaufenden Journale
-doch von sehr verschiedenem wissenschaftlichem Wert. Es werden
-daher die Journale bei ihrem Eintreffen nach Maßgabe einer Reihe von
-vorgeschriebenen Fragen in Betreff ihrer Zuverlässigkeit abgeschätzt
-und erhalten je nach dem Ausfall eine der Qualitätsnoten 1-5, von denen
-5 soviel wie „unbrauchbar“ bedeutet. Von 405 Segelschiffsjournalen,
-welche in der Zeit von 1875 bis 1879 eingingen, erhielten in runden
-Zahlen: 4% die Note 1, 26% die Note 2, 52% die Note 3, 17% die Note 4
-und 1% die Note 5.
-
-Seit dem Bestehen der Seewarte ist bereits eine bedeutende Verbesserung
-wahrzunehmen; unter den vor dieser Zeit eingelaufenen Journalen
-befanden sich 58% von den Qualitätsnoten 1, 2 und 3, 37% von Note 4, 5%
-von Note 5, während nachher die Sätze 81%, 18%, 1% lauten.
-
-Was die Verwertung der Beobachtungen betrifft, so sind praktische und
-wissenschaftliche Zwecke zu unterscheiden. Unmittelbar praktischen
-Wert haben die größtenteils aus den Bemerkungen der Journale
-zusammengestellten Reiseberichte, welche unter dem Namen „Auszüge
-aus eingelieferten Schiffsjournalen“ in den vom hydrographischen Amt
-herausgegebenen „Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie“
-erscheinen. Diese Aufsätze werden auch als Sonderabzüge herausgegeben
-und erfüllen, jahrgangsweise geordnet, einen ähnlichen Zweck wie die
-systematischer verfaßten Segelhandbücher. Eine besondere Verwendung
-finden zweitens die aus dem Nordatlantischen Ocean stammenden
-Beobachtungen, indem dieselben zur Herstellung des Abschnitts
-„Atmosphärische Vorgänge über dem Atlantischen Ocean“ in der von der
-Seewarte herausgegebenen Monatsschrift „Monatliche Übersicht der
-Witterung“ dienen. Hierzu gehören die den Witterungszustand für acht
-Uhr morgens angebenden synoptischen Karten, d. h. Karten, welche
-den gleichzeitigen Zustand der Atmosphäre über dem Gebiet der Karte
-angeben. Da die hierfür erforderlichen Beobachtungen zum größten Teil
-von den Dampfern der deutsch-amerikanischen Gesellschaften geliefert
-werden, daher sehr schleunig und regelmäßig einlaufen, haben die
-„Monatlichen Übersichten“ einen besondern Wert für die Berechnung der
-Ankunftszeiten der im Nordatlantischen Ocean unterwegs befindlichen
-Segelschiffe.
-
-Wir kommen zu derjenigen Verwertung der Journale, welche das Hauptziel
-der ganzen Arbeit darstellt und neben ihrem praktischen Nutzen auch
-eine hervorragende wissenschaftliche Bedeutung hat. Es ist die
-Diskussion der Beobachtungen für denjenigen Teil des Meeres, welchen
-bei der internationalen Verteilung des meteorologischen Gebietes
-Deutschland übernommen hat, nämlich für den Atlantischen Ocean östlich
-von 30° w. L. und zwischen 50° und 20° n. Br. An eine endgültige
-Zusammenstellung des Beobachtungsmaterials kann erst bei einem Stande
-der Sammlung gedacht werden, welcher die Wahrscheinlichkeit bald
-erforderlich werdender Veränderungen ausschließt. Auf diesem Stande
-jedoch ist die Arbeit noch nicht angelangt, und zwar in Deutschland
-hauptsächlich deshalb, weil das Londoner ~Meteorological Office~
-auf den Austausch der beiderseitigen Beobachtungen bis jetzt
-nicht eingegangen ist. Wohl aber erfolgt der Austausch zwischen
-der deutschen Seewarte und dem holländischen meteorologischen
-Institut. Beide Anstalten haben sich auch über eine Form der
-vorläufigen Veröffentlichung geeinigt, welche eine Benutzung des
-vorhandenen Beobachtungsstoffs, sowie eine bequeme Eintragung des neu
-hinzukommenden gestattet.
-
-Eine fernere Aufgabe der Abteilung I ist die Herstellung von
-Segelhandbüchern. Ein solches für den Atlantischen Ocean, zu welchem
-ein die physikalischen Verhältnisse und Verkehrsstraßen darstellender
-Atlas gehört, ist bereits erschienen, andere Handbücher sind in Arbeit.
-
-
-=Abteilung II.=
-
-Eine der wichtigsten Aufgaben der Abteilung II ist die +Prüfung der
-nautischen Instrumente+. Dieselbe erstreckt sich auf die Vergleichung
-mit den der Seewarte gehörenden Normalinstrumenten (bei den Barometern,
-Thermometern, Psychrometern, Aräometern), auf die Bestimmung der Fehler
-bei den Winkelmaßinstrumenten (Sextanten, Oktanten, Spiegelkreisen),
-auf die Feststellung der magnetischen Kraft bei den Kompassen und den
-Magnetometern.
-
-Diese Untersuchung der Instrumente kommt ebensowohl der deutschen
-Instrumententechnik, wie auch der Schiffahrt unmittelbar zu gute.
-So hat die Seewarte durch ihren Verkehr mit den Instrumentenmachern
-einerseits und den seemännischen Kreisen andererseits die Einbürgerung
-+deutscher+ Instrumente auch in der Kauffahrtei-Schiffahrt erfolgreich
-angebahnt. Dank ihren Bemühungen wird es auch, wenigstens in Hamburg,
-mehr und mehr Regel, daß Instrumente von den Reedern nach oder vor
-dem Ankauf und selbst von den Instrumentenmachern ihr zur Prüfung
-zugeschickt werden.
-
-Dieser Abteilung ist auch die Führung der schon oben besprochenen
-+Deviationsbücher+ zugeteilt.
-
-Der Abteilung II liegt ferner die Aufsicht über die
-Instrumenten-Sammlung ob. Obgleich die Seewarte nur meteorologische
-Instrumente, welche den Schiffen für die Dauer der Reise geliehen
-werden, in größerer Anzahl selber beschafft, muß doch die Anstalt
-allen übrigen nautischen Instrumenten ihre Aufmerksamkeit zuwenden,
-um für Beschaffung und Gebrauch derselben den Seeleuten und Reedern
-Rat und Unterweisung erteilen zu können. Bei der Menge der alljährlich
-auftauchenden Erfindungen kann das Urteil, welches Instrument jeder
-Gattung im Augenblick das beste ist, nur dann ein zuverlässiges sein,
-wenn es sich auf die Anschauung einer fortdauernd ergänzten Sammlung
-stützt. Eine solche Sammlung von Instrumenten zu meteorologischen,
-magnetischen, hydrographischen Beobachtungen, von Chronometern und
-Uhren ist daher in Bildung begriffen.
-
-Fügen wir noch hinzu, daß die meteorologischen Beobachtungen der
-Seewarte, als einzelner meteorologischer Station, von dieser Abteilung
-angestellt werden, so ist damit die Aufgabe der Abteilung II erschöpft.
-
-
-=Abteilung III.=
-
-Dieser Abteilung obliegt die +Pflege der Witterungskunde+, der
-+Küstenmeteorologie+ und des +Sturmwarnungswesens+. Bei der großen
-Bedeutung dieser Materie ist es wohl gestattet, etwas näher auf die
-Sache einzugehen[170].
-
-Was vorerst das +Material+ betrifft, welches für die Pflege der
-Witterungskunde auf der deutschen Seewarte zusammenfließt, so hat
-dasselbe durch die Bemühungen der Seewarte sich im Laufe der Zeit
-bedeutend vermehrt und jetzt einen sehr ansehnlichen Umfang erreicht.
-Gegenwärtig erstreckt sich das Gebiet, von welchem die Seewarte täglich
-Telegramme erhält, von West-Irland bis zur Linie Archangelsk-Charkow
-und von Bodö im arktischen Norwegen südwärts bis zur Südspitze
-Italiens, so daß im Laufe des Vormittags aus dem Inlande von etwa 30,
-aus dem Auslande von etwa 70, also zusammen von ungefähr 100 Stationen
-Wettertelegramme einlaufen.
-
-Sofort nach ihrem Eingange werden die Telegramme bearbeitet, und
-zwar werden dieselben entziffert, in die dazu bestimmten Formulare
-und Karten eingetragen und gleichzeitig die Wetterberichte für die
-Zeitungen, Häfen, Institute u. s. w. ausgearbeitet und die Wetterkarten
-für den Druck vorbereitet.
-
-Das Eintragen der Beobachtungsdaten in die Karten geschieht auf
-folgende Weise. Die zu diesem Zweck verwendeten Karten (Skelettkarten)
-enthalten außer Gradnetz und Küstenumriß eine große Anzahl kleiner
-Kreise, welche die Stationsorte angeben. Neben diesen wird zunächst
-der (auf 0° C. und das Meeresniveau reduzierte) Barometerstand der
-betreffenden Station eingetragen, dann die Windrichtung durch einen
-kleinen Pfeil angegeben, so daß dieser mit dem Winde fliegt, und die
-Windstärke durch angehängte Federn bezeichnet. Bei Windstille wird um
-den Stationskreis noch ein zweiter Kreis gelegt. Die Bewölkung wird
-durch die Ausfüllung der Kreise veranschaulicht. Die im Momente der
-Beobachtung stattfindenden Hydrometeore werden durch internationale
-Zeichen neben die Stationsorte gesetzt (siehe Fig. 131).
-
-Die Temperaturen werden ohne Rücksicht auf die Seehöhen der Stationen
-(die Temperatur nimmt nämlich mit der Zunahme der Seehöhe um ungefähr
-1° auf 200 m im Durchschnitt ab) neben der Station eingetragen, und
-gleichzeitig werden auf der Karte die Hydrometeore und die gefallenen
-Niederschlagsmengen der letzten 24 Stunden eingezeichnet.
-
-Hieraus geht hervor, daß das so gewonnene Kartenmaterial ein
-umfassendes und sehr anschauliches Bild der gesamten Wetterlage und
-ihrer Änderungen enthält.
-
-+Die tägliche Berichterstattung der Seewarte an das Publikum+ erfolgt
-sowohl +telegraphisch+ wie durch die +Post+.
-
-[Illustration: Fig. 131. Wetterkärtchen.]
-
-Die +telegraphische+ Berichterstattung umfaßt:
-
-1. die Hafentelegramme,
-
-2. die telegraphischen Abonnementsberichte für die Zeitungen etc.,
-
-3. besondere tägliche Mitteilungen für Zeitungen und an Private in
-kürzeren, vollbezahlten Telegrammen und
-
-4. die Telegramme zur Konstruktion von Wetterkarten außerhalb Hamburgs
-(Isobarentelegramme).
-
-Die +Berichterstattung der Seewarte durch die Post+ erfolgt durch
-autographierte Wetterberichte, welche die Seewarte als eigene
-Publikation herausgiebt, und welche die dieser zur Verfügung stehenden
-Daten am vollständigsten und vielseitigsten wiedergeben.
-
-Mit dem 1. September 1876 wurde in dem autographierten Wetterbericht
-eine ständige Rubrik mit der Bezeichnung: „+Witterungs-Aussichten+“
-am Fuße der Wetterkarten eingefügt und diese Rubrik allmählich
-weiter ausgebildet. Die verhältnismäßig günstigen Erfolge, welche
-mit diesen Wetter-Vorhersagungen erzielt wurden, veranlaßten die
-Seewarte, im Sommer des Jahres 1877 einen Schritt weiter zu thun und
-die Vorhersagungen auch telegraphisch an Zeitungen u. s. w. abzugeben.
-Diese telegraphische Herausgabe wurde indes im Sommer 1884 wieder
-eingestellt.
-
-Die von der Seewarte ausgegebenen Wetter-Vorhersagungen werden auf ihre
-Treffsicherheit einer strengen Prüfung unterworfen, wobei man die in
-denselben enthaltenen Elemente in drei Gruppen einteilt, und zwar: in
-Treffer, Halbtreffer und Mißerfolge. Von den Halbtreffern wird sodann
-noch die Hälfte den Treffern und die andere Hälfte den Mißerfolgen
-hinzugefügt. Auf diese Weise ergiebt sich für die Jahre von 1877-1882
-folgende Zusammenstellung der Ergebnisse an vollen Treffern der für das
-nordwestdeutsche Küstengebiet aufgestellten Vorhersagungen, wie sie in
-den Zeitungen Hamburgs und der Umgegend zum Abdruck gekommen sind.
-
- Jahr. Wetter. Wind. Temperatur. Übersicht.
- 1878 80 % 81 % 82 % 81 %
- 1879 77 „ 81 „ 77 „ 78 „
- 1880 82 „ 82 „ 80 „ 81 „
- 1881 81 „ 85 „ 84 „ 83 „
- 1882 79 „ 77 „ 77 „ 78 „
- ---------------------------------------------------------
- Mittel 80 % 81 % 80 % 80 %
-
-Es dürfte nicht zweifelhaft sein, daß diese Wetter-Vorhersagungen mit
-durchschnittlich 80 % Treffern, die sich ziemlich gleichmäßig auf alle
-Monate des Jahres verteilen, wohl im stande sind, dem praktischen
-Leben, besonders aber der Landwirtschaft, erhebliche Dienste zu leisten.
-
-Das +Sturmwarnungswesen+, wie es gegenwärtig gehandhabt wird,
-wurde im Herbst 1876 in vollem Umfange für die ganze deutsche
-Küstenstrecke eröffnet. Der Zweck desselben ist, die an- und
-auslaufenden Schiffsführer, sowie die Küstenbevölkerung über die
-jeweilige Wetterlage und ihre wahrscheinliche Änderung, insbesondere
-wenn dieselbe gefahrdrohend erscheint, zu unterrichten. Diese
-Mitteilungen erfolgen entweder regelmäßig durch die bereits erwähnten
-Hafentelegramme oder durch besondere Telegramme an die +Signalstellen+
-der Seewarte, deren Zweck es ist, möglichst rasche und allseitige
-Verbreitung der Sturmwarnungen sowohl durch Anschlag, als auch durch
-Signale zu bewerkstelligen. Der Mast, welcher zum Signalisieren
-in Anwendung kommt (siehe Fig. 132), trägt oben eine Raa; an der
-einen Seite derselben werden die Signalkörper, an der andern die
-Signalflaggen angebracht. Die Signalkörper, deren Durchmesser 1 m
-beträgt, bestehen aus einem Ball, zwei Kegeln und einer Trommel, so
-daß dieselben in der Ferne überall als Kreis, gleichseitige Dreiecke
-und Quadrate gesehen werden. Die Anordnung und Bedeutung der Signale
-ist aus Fig. 133 ohne weiteres verständlich. Die Signale beziehen sich
-immer auf die nächsten 36 Stunden.
-
-[Illustration: Fig. 132. Wetter-Signal-Apparat.]
-
-Die Warnungstelegramme, welche außer dem Signal auch den Grund der
-Warnung in möglichster Kürze enthalten, werden, nachdem das Signal
-gehißt, sofort dem Publikum zugänglich gemacht, und der Signalist
-übermittelt der Seewarte als Empfangsbestätigung unverzüglich ein
-kurzes, den augenblicklichen Zustand der Atmosphäre und der See
-enthaltendes Telegramm, welches dieselbe in den Stand setzt, sich
-schon wenige Stunden nach gegebener Warnung ein Bild über die
-Witterungsverhältnisse der Küste zu verschaffen und hiernach unter
-Umständen weitere Anordnungen zu treffen. Auch ohne vorhergegangene
-Warnung berichtet der Signalist telegraphisch an die Seewarte, sobald
-stürmische Winde zur Entwicklung kommen.
-
-An allen Signalstellen wird regelmäßig Tagebuch über Wind und Wetter
-geführt, und zwar werden die Beobachtungen um 8 Uhr morgens, 2 Uhr
-mittags und 8 Uhr abends eingetragen; zur Zeit unruhiger Witterung
-werden in noch kürzeren Zwischenräumen Beobachtungen angestellt und
-aufgezeichnet. Damit die Seewarte die Sturmanzeichen schon bald nach
-ihrem Auftreten verfolgen kann, sind alle Signalisten mit Postkarten
-versehen, welche zur Zeit unruhiger Witterung auszufüllen und an die
-Seewarte einzusenden sind. Durch diese Einrichtung erhält die Seewarte
-ein sehr umfassendes und wertvolles Material, wodurch es möglich
-wird, die Wetterlage und deren Änderung an der Küste in sehr kurzen
-Zeitabschnitten bis ins kleinste zu verfolgen. Nach Ablauf eines jeden
-Monats werden die Sturmwarnungen einer sorgfältigen Prüfung unterzogen,
-deren Ergebnis alljährlich zur Veröffentlichung gelangt. Die folgende
-Übersicht giebt eine annähernde Vorstellung über die bisher erzielten
-Erfolge. In derselben sind die Signalstellen nach den bei denselben
-erzielten Prozenten der eingetroffenen Warnungen in folgende Gruppen
-geordnet: 1. von 50% und darunter, 2. über 50 bis einschließlich 60%,
-3. über 60 bis einschließlich 70%, 4. über 70 bis einschließlich 80%,
-5. über 80%. Für die einzelnen Gruppen sind dann noch die Mittelwerte
-und die Durchschnittszahl der Anordnungen gebildet, und in der letzten
-Spalte ist schließlich die Anzahl der Anordnungen aufgeführt, welche
-zum Hissen und Senken der Signale von der Seewarte gegeben wurden.
-
-[Illustration: Fig. 133. Sturmsignale.
-
-Die Flaggen deuten auf vermutliches Umlaufen des Windes, und zwar:
-
-1 Flagge = rechtsdrehend (~N E~, ~S W~),
-
-2 Flaggen = zurückdrehend (~N W~, ~S E~).]
-
- -----+-------------------------------------------------------+-------
- | +Gruppen der Signalstellen.+ |Anzahl
- +---------+-----------+-----------+-----------+---------+
- | 1. | 2. | 3. | 4. | 5. | der
- Jahr.|50 % und |über 50 bis|über 60 bis|über 70 bis| über |Anord-
- |darunter.| einschl. | einschl. | einschl. | 80%. |nungen.
- | | 60%. | 70%. | 80%. | |
- +------+--+-------+---+-------+---+-------+---+------+--+-------
- | An- | |An- | | An- | | An- | | An- | |
- |zahl. |%.|zahl. | %.|zahl. | %.|zahl. | %.|zahl. |%.|
- -----+------+--+-------+---+-------+---+-------+---+------+--+-------
- 1877 | 11 |42| 7 | 55| 9 | 66| 5 | 73| 1 |82| 880
- 1878 | 7 |44| 7 | 56| 14 | 66| 3 | 72| 1 |82| 1489
- 1879 | 15 |33| 8 | 56| 6 | 62| 4 | 78| 1 |81| 1098
- 1880 | 10 |43| 6 | 55| 9 | 63| 12 | 74| 1 |86| 2463
- 1881 | 15 |43| 4 | 56| 7 | 67| 2 | 73| 4 |87| 1621
- -----+------+--+-------+---+-------+---+-------+---+------+--+-------
- Durchschnitt bz. | | | | | | | |
- Summe| 12 |41| 6 | 56| 9 | 65| 5 | 74| 2 |84| 7551
-
-Jedenfalls ist es als ein entschieden günstiges Ergebnis der
-Sturmwarnungen anzusehen, daß nur höchst selten ausgedehnte, besonders
-heftige Stürme, die schwere Verluste an Menschenleben und Hab und Gut
-veranlaßten, ungewarnt die Küste trafen. Ausführliche Mitteilungen
-hierüber sind in den von der kaiserlichen Admiralität herausgegebenen
-Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, Januarheft 1882,
-und in der Einleitung zum Jahrgang 1882 der „Monatlichen Übersicht
-der Witterung“ (Herausgeber: Deutsche Seewarte) enthalten. Daß die
-deutsche Seewarte auch nach dieser Richtung hin einen vollen Erfolg
-zu verzeichnen hat, wird durch eine Reihe von Gutachten bestätigt,
-welche ihr von zuständiger Seite, und zwar von Lootsencommandeuren,
-Hafenmeistern und Vorständen der Signalstellen u. s. w. zugestellt
-worden sind. Sie alle sprechen sich fast ausnahmslos sowohl über die
-Einrichtung, als auch über die Wirksamkeit des Sturmwarnungswesens sehr
-günstig aus[171].
-
-Gegenwärtig haben fast alle civilisierten Staaten auf der Nord- und
-Südhalbkugel einen telegraphischen Witterungsdienst eingeführt, in
-großartigster Weise aber die +Vereinigten Staaten von Amerika+. Um sich
-wenigstens annähernd eine Vorstellung von der großartigen Organisation
-dieses Dienstes machen zu können, erwähnen wir, daß die Ausgaben des
-Signal Office nach dem ~Report of the chief signal office for 1881/82~
-nicht weniger als 1021614,84 Dollar betrugen[172].
-
-
-=Abteilung IV.=
-
-Diese hat es mit der +Chronometerprüfung+ zu thun. Die Untersuchung
-derselben geschieht in einem durch besondere Heizvorrichtungen auf
-bestimmte Temperaturen (zwischen +5° und +30°) zu bringenden Raume. Auf
-Grund genauer Beobachtungen der Gänge erfolgt dann die Ausrechnung der
-Temperatur- und Zeit-Koefficienten, die entweder mitsamt dem Stand im
-Augenblick der Abgabe an die Schiffe im Chronometerjournal bemerkt und
-während der Reise beständig auf den Gang angewendet werden, oder, wenn
-es sich um ein von einem Chronometermacher erbetenes Gutachten handelt,
-den Maßstab für die Güte des Instruments liefern.
-
-Zur Beobachtung werden die Chronometer der deutschen und auch
-ausländischer Schiffe, zur Prüfung nur diejenigen deutscher und
-ausnahmsweise schweizerischer Fabrikanten zugelassen. Für diese
-Leistungen wird eine mäßige Gebühr erhoben, von welcher nur die das
-meteorologische Journal führenden Schiffer und die ein neues Modell
-vorlegenden Chronometermacher frei sind.
-
-Da die Aufgaben der Seewarte großenteils einen unmittelbaren Verkehr
-mit den Schiffsführern, oft auch den Besuch eines Vertreters auf den
-Schiffen erfordern, so sind außer der Hauptanstalt eine Reihe von
-Nebenstellen an den wichtigsten deutschen Küstenplätzen errichtet
-worden. Es sind dies die Agenturen, Normalbeobachtungsstationen und die
-schon erwähnten Signalstationen.
-
-[Illustration: Fig. 134. Dienstgebäude der deutschen Seewarte.]
-
-Stolz erhebt sich das Gebäude der Seewarte -- eine Zierde Hamburgs --
-auf dem Aussichtsplatz „Stintfang“, dem Ausgangspunkt der öffentlichen
-Anlagen an der Elbe, herabblickend auf die den Hafen füllende deutsche
-Kauffahrteiflotte, deren Bestem sie dient, und dieser ein unmittelbares
-Wahrzeichen der Fürsorge des Reichs[173]. -- Möge die Anstalt
-den gesteigerten Anforderungen der fortschreitenden Technik und
-Wissenschaft stets wie bisher gewachsen bleiben und bei dem durch die
-überseeischen Erwerbungen bedingten, hoffentlich mächtigen Aufschwung
-der deutschen Schiffahrt, soweit dies an ihr liegt, gebührend mitwirken!
-
-
-VI. Schiffsbau.
-
-Schon der Gebrauch von Dampf und Schraube hat hinsichtlich des Baues
-und der Ausrüstung der Schiffe große Veränderungen nach sich gezogen;
-im Laufe der Zeit sind aber noch sehr wesentliche Verbesserungen
-hinzugekommen.
-
-Einer der bedeutsamsten Fortschritte im Schiffsbau ist die Verwendung
-des +Eisens+ an Stelle des Holzes als Schiffsbaumaterial. Der Vorteile,
-die hierdurch erzielt werden, sind mehrere. So wird die Tragfähigkeit
-der Schiffe wesentlich gesteigert, der Raum für die Fracht beträchtlich
-vergrößert und die Stabilität der Fahrzeuge bedeutend erhöht. Die
-Einführung des Eisens in den Schiffsbau beginnt um das Jahr 1810 mit
-den dahingehenden Vorschlägen +Trevethicks+ und +Dickensons+; 1818
-wurde das +erste eiserne Schiff+ erbaut; die +ausgedehntere+ Verwendung
-des Eisens im Schiffsbau gehört indes erst den letzteren Jahrzehnten
-an; jetzt hat es freilich das Holz als Schiffsbaumaterial fast gänzlich
-verdrängt. Neben dem Eisen beginnt übrigens neuestens auch der +Stahl+
-mehr und mehr im Schiffsbau Bedeutung zu gewinnen. Das zeigt sich
-namentlich auf den Werften des Clydeflusses. Erst vor wenigen Jahren
-wurde dort das erste Stahlschiff vom Stapel gelassen, und vor vier
-Jahren noch betrug der Gesamtraumgehalt der daselbst aus Stahl gebauten
-Schiffe nur 18000 Tonnen. 1882 stieg diese Zahl schon auf 100000
-Tonnen und 1883 auf fast 130000 Tonnen, d. i. etwa ein Drittel des
-Tonnengehalts aller am Clyde gebauten Schiffe.
-
-Sehr folgenreich wurde ferner die Einführung der sogen.
-+Compound-Maschinen+ wegen der durch sie ermöglichten Ersparung
-an Feuerungsmaterial. Letztere ist sogar so bedeutend, daß
-beispielsweise der tägliche Kohlenverbrauch bei den Schiffen der
-Hamburg-Amerikanischen Paketfahrt-Aktien-Gesellschaft, nachdem die
-bisherigen gewöhnlichen Niederdruckmaschinen gegen ~compound engines~
-ausgewechselt waren, sich um ~ca.~ 50 % verminderte. Außerdem nehmen
-diese Maschinen im Vergleiche zu anderen Systemen auch den geringsten
-Raum ein.
-
-Trotz dieser großen Vervollkommnung der Schraubendampfer führen
-letztere gleichwohl auch heute noch eine mehr oder minder vollständige
-Takelung. Es erscheint dies als Aushilfe bei solchen Beschädigungen der
-Schraube oder Schraubenwelle, die während der Fahrt schwer repariert
-werden können, dringend geboten. Zudem wird die Schwierigkeit, mit
-voller Takelage gegen einen heftigen Wind zu kämpfen, während einer
-langen Reise mehr als genügend aufgewogen durch den Vorteil, den die
-ausgespannte Leinwand bei günstigem Winde darbietet.
-
-Eine andere wichtige Neuerung, welche die jetzigen Eisenschiffe
-aufweisen, sind die +wasserdicht voneinander abgeschlossenen
-Abteilungen+, die sogen. ~water-tight-compartments~. Der Vorteil, der
-hierdurch erzielt wird, besteht darin, daß, selbst wenn eine Abteilung
-des Schiffes leck wird, doch der Untergang des ganzen Schiffes verhütet
-wird.
-
-Als ein Fortschritt muß es auch bezeichnet werden, daß im Vergleich zum
-frühern Schiffsbau in neuester Zeit +der Rumpf des Schiffes bedeutend
-verlängert wurde+; denn gerade durch diese Konstruktionsart wird der
-Widerstand von Wind und Wasser am leichtesten überwunden. Auf ihr
-beruht denn auch zu nicht geringem Teile die große +Schnelligkeit+,
-welche die jetzigen Dampfer durchschnittlich erzielen.
-
-Was diese letztere betrifft, so hielt man in den 50er Jahren 16 Tage
-für eine angemessene Geschwindigkeit, um den Ocean von +Europa nach
-New-York+ zu kreuzen. Dann sank die Durchschnittsdauer der Reise zum
-Erstaunen der Welt auf 11 Tage herab. Aber auch damit gab sich der
-spekulative Unternehmungsgeist nicht zufrieden. Im konkurrierenden
-Wettstreit führten die Schiffe der 1856 gegründeten +Inmanlinie+,
-welche Liverpool über Queenstown mit New-York und Philadelphia
-verbindet, und die zwischen Liverpool und New-York laufenden
-+White-Star-Dampfer+ eine Reihe immer rascherer Fahrten aus und machten
-dadurch für sich Reklame. Vom 10. bis 17. August 1877 legte der der
-letztgenannten Gesellschaft gehörige Dampfer „Britannic“ die Strecke
-von Queenstown nach Sandyhook (Feuerturm bei New-York) in 7 Tagen 10
-Stunden 53 Minuten zurück. Um Minuten verkürzten sich dagegen die
-Fahrten der „Servia“ und „Arizona“. Die Dampfer des Norddeutschen Lloyd
-machen dermalen mit beinahe zuverlässiger Regelmäßigkeit die Fahrt
-von New-York nach Southampton und umgekehrt in 8mal 24 Stunden. Von
-Southampton nach Bremen benötigen sie noch circa 20-24 Stunden. Die
-schnellste aller Fahrten über den Atlantischen Ocean hat bis jetzt der
-Cunard-Dampfer „Etruria“ ausgeführt; er machte die Reise von Queenstown
-(Südirland) nach New-York sogar in 6 Tagen 5 Stunden 32 Minuten. Der
-vor kurzem untergegangene Dampfer „Oregon“ von derselben Linie, der
-bisher im Rufe stand, die größte Schnelligkeit erreicht zu haben,
-bedurfte zu der nämlichen Fahrt 6 Tage 9 Stunden 22 Minuten. Auch die
-„Eider“, eines der Schnellschiffe des Norddeutschen Lloyd, befuhr im
-April 1884 die Strecke von Southampton nach New-York in 7 Tagen 16
-Stunden, welche Leistung einer Passage von 6 Tagen 21½ Stunden auf
-der Route Queenstown-New-York entspricht, somit nur wenig hinter den
-Ergebnissen des „Oregon“ zurückbleibt.
-
-Welch gewaltiger Fortschritt in dieser Beziehung in jüngster Zeit
-gemacht wurde, erhellt am besten aus dem Hinweis auf die Zeitdauer
-ähnlicher Fahrten in früheren Perioden. So durchfuhr, wie schon
-erwähnt, 1819 die „Savannah“ den Atlantischen Ocean in 26 Tagen.
-Benjamin Franklin bedurfte 1775 zu seiner Reise von Amerika nach Europa
-42 Tage, und Christoph Kolumbus erreichte die Bahama-Inseln erst nach
-70 Tagen.
-
-Gleich großartig ist die Verkürzung der Fahrten nach Indien und
-Australien. Vasco de Gama fuhr von Lissabon nach Calicut 314 Tage,
-während der erste Dampfer, der von Falmouth nach Calcutta ging, in
-nicht ganz 4 Monaten (vom 16. August bis 9. Dezember 1825) den Weg
-zurücklegte. Gegenwärtig beträgt die gewöhnliche Fahrzeit von Plymouth
-(Süd-England) nach Sydney (~via~ Kapstadt) 45-50 Tage; ja vom Dampfer
-„Orient“ wurde die Reise von England nach Australien, und zwar
-ebenfalls um das Kap der guten Hoffnung, 1879 in 38 Tagen 14½ Stunden
-ausgeführt. Noch rascher kann die Fahrt nach Indien und Australien
-über Suez erfolgen, und vollends dann, wenn man auch noch die Bahnen
-benutzt. In diesem Falle ist z. B. Calcutta von London aus in nur 18
-Tagen zu erreichen. Die schnellste Reise von China nach England wurde
-1882 von dem Dampfer „Stirling Castle“ in 29 Tagen 22 Stunden gemacht.
-
-Bezüglich der Fahrten über den Atlantischen Ocean sei übrigens noch
-bemerkt, daß Reisen wie die der „Etruria“ oder des „Oregon“ zu den
-seltensten Ausnahmen zahlen. Kürzlich sind von der White-Star-Linie
-zwei neue Zwillingsschrauber in Auftrag gegeben worden; sie sollen
-täglich nicht mehr als 100 t Kohlen verbrauchen, 3000 t Güter laden bei
-einem mittlern Tiefgange von 8 m, 200 Salonpassagiere aufnehmen und --
-die Reise in 7 Tagen machen, d. h. von Sandyhook nach Queenstown. Damit
-ist das Ziel ausgedrückt, welches alte, erfahrene, große Gesellschaften
-als für jetzt erreichbar anstreben. Allerdings erhebt sich in neuester
-Zeit, besonders von amerikanischer Seite, immer mehr der Ruf nach
-Sechstage-Dampfern. Die Erfüllung dieser Forderung ist indes wohl nur
-möglich mit +Schiffskesseln+, welche Dampf von einer Spannung bis zu
-12 Atmosphären liefern, +ohne zu lecken+, und mit +dreicylindrigen
-Expansionsmaschinen großen Stils+[174].
-
-Die +mittlere+ Geschwindigkeit der Dampfer der größeren
-Schiffahrtsgesellschaften ist +auf den Linien nach Amerika+ 13-14
-Knoten[175] per Stunde. Die sogenannten Schnelldampfer hingegen
-erzielen auf den +transatlantischen+ Fahrten eine solche von 16-17
-Knoten per Stunde. Die Durchschnittsgeschwindigkeit der „Etruria“
-gelegentlich der oben erwähnten Schnellfahrt von Queenstown nach
-New-York betrug sogar an 19 Knoten per Stunde. -- +Auf den Linien nach
-Asien und Australien+ kommen derartige Verhältnisse vorerst nicht in
-Frage. Die für die ostasiatische und australische Fahrt bestimmten
-Schiffe des Norddeutschen Lloyd müssen nach der mit der deutschen
-Regierung getroffenen Vereinbarung eine Durchschnittsgeschwindigkeit
-von nur 12, beziehungsweise 11½ Knoten pro Stunde erzielen. Trotzdem
-ist dies eine Geschwindigkeit, welche nach den vertragsmäßigen
-Festsetzungen von den Dampfern keiner einzigen fremden Nation für die
-asiatischen und australischen Linien verlangt wird. Es sind nämlich
-vertragsmäßig vorgeschrieben: ~a.~ von Frankreich für die Linie
-Indien-China 9½ Knoten, für die Linie Marseille-Numea 11-2/10 Knoten;
-~b.~ von England für die Linien Brindisi-Alexandrien und Suez-Bombay
-11 Knoten, für die Linie Suez-Shanghai 10½ Knoten; ~c.~ von den
-australischen Kolonieen für die Linie San-Francisco-Auckland-Sydney 11
-Knoten, für die Linie Aden-Brisbane 9⅙ Knoten; ~d.~ von Österreich für
-die Linie Triest-Singapore gar nur 8 Knoten.
-
-+Das zur Zeit schnellste Seeschiff überhaupt+ ist vor kurzem von der
-Fabrik Schichau in Elbing an die chinesische Regierung abgeliefert
-worden. Das Fahrzeug ist ein sogenanntes Ocean-Torpedoboot von 45 m
-Länge und 6 m Breite; es hat eine Maschine von 1500 Pferdekräften und
-läuft mit voller Ausrüstung und Besatzung an Bord 24-25 Knoten (47 km)
-in der Stunde. Beachtenswert ist dieses Fahrzeug auch um deswillen,
-als die gesamte Dampfkraft für die Leistung von 1500 Pferdekräften
-in nur +einem+ Dampfkessel erzeugt wird, eine Einrichtung, die bis
-jetzt ebenfalls als einzig in der Maschinentechnik dasteht und berufen
-sein wird, eine große Umwälzung im gesamten Schiffsmaschinenbau
-hervorzurufen[176].
-
-Neuestens behauptet der Kapitän +John Giles+ in den Vereinigten
-Staaten von Amerika, daß man durch Veränderung sowohl der Lage der
-Schraube, als auch ihrer Neigung zur Längsachse des Schiffes eine
-weit größere Geschwindigkeit erzielen könne, als das bisher der Fall
-gewesen. Er will die Schraube unter dem Kiel, etwas vor dem Besanmast,
-anbringen und ihr eine Neigung von 45° zur Ebene der Schiffsbewegung
-geben. Mit einer derart angebrachten Schraube glaubt der Erfinder die
-Geschwindigkeit der Schiffe auf 40 Knoten in der Stunde steigern zu
-können, während jetzt bei den schnellsten Dampfern etwa 21 Knoten als
-Maximum gelten[177].
-
-Gewaltig ist auch die +Größe der Oceandampfer+ gewachsen[178]. Die in
-neuerer Zeit für die Hauptverkehrslinien erbauten Postdampfer haben
-meist einen Gehalt von 4000-5000 t. Die zwischen Europa und Nordamerika
-fahrenden englischen, französischen und deutschen Postdampfer gehen
-selbst noch über 5000 t hinaus in ihrem Gehalte. Beispielsweise hat
-die „Aller“, einer der Schnelldampfer des Norddeutschen Lloyd, einen
-Brutto-Raumgehalt von 5380,7 t. Von den englischen Dampfern erreichen
-„Austral“ 5589, „Amerika“ 5528, „Alaska“ 6932, „Aurania“ 7269,
-„Servia“ 7342, „Umbria“ und „Etruria“ je 7718 Brutto-Tonnen. Die drei
-letztgenannten Dampfer sind Eigentum der Cunard Steamship Company.
-Ferner besitzt die ~Compagnie générale transatlantique~ Schiffe mit
-einem Brutto-Gehalt von 6800 t.
-
-Der größte Postdampfer der Welt ist dermalen die „+City of Rome+“. Sie
-ist Eigentum der englischen Anchor-Linie, hat eine Länge von 560,2,
-eine Breite von 52,3 und eine Tiefe von 37 englischen Fuß. Getrieben
-wird das Schiff durch eine Schraube von 24 Fuß Durchmesser, und diese
-erhält wiederum ihre Bewegung durch Dampfmaschinen von zusammen 10000
-Pferdekraft. Der Raumgehalt des Schiffes beträgt 8144 Brutto-Tonnen. In
-Bezug auf den +Netto+-Raumgehalt nimmt übrigens die City of Rome mit
-3453 t unter allen Dampfern der Erde erst die zehnte Stelle ein; die
-+erste+ Stelle behauptet in dieser Beziehung die der englischen Cunard
-Steamship Company gehörige „+Aurania+“ mit 4030 t.
-
-Dampfer wie die eben erwähnten sind in der That kleine schwimmende
-Städte, die sogar mit Bezug auf die an Bord vorkommenden Geburten und
-Todesfälle ihr eigenes +Standesamtsregister+ führen.
-
-+Das größte Schiff, das überhaupt jemals konstruiert worden+, ist der
-„+Great Eastern+“. Dieses Schiff, 1854-59 von dem Ingenieur +Brunel+
-auf den Werften von Scott Russel & Komp. in Millwall an der Themse
-erbaut, ist 679,6 englische Fuß lang, 82,8 Fuß breit, 31,6 Fuß tief
-und hat einen Brutto-Raumgehalt von 18915 t. Die Motoren des Schiffes
-sind Schaufelräder von dem kolossalen Durchmesser von 17 m und eine
-aus vier Flügeln bestehende Schraube (mit 60 t Gewicht und 7⅓ m
-Durchmesser), zu deren Betrieb 10 Dampfkessel mit 5 Schornsteinen und
-112 Feuerstellen vorhanden sind. Die Radmaschinen allein entwickelten
-einen Effekt von 1000, die Schraubenmaschinen einen solchen von 1600
-Pferdekräften. Außer den Betriebsmaschinen hat das Schiff noch sechs
-andere Maschinen zur Verrichtung einer Menge von einzelnen Arbeiten,
-sowie einen vollständigen Apparat zur Beleuchtung aller Schiffsräume
-mit Gas, und eine Telegraphenleitung vom mittlern Teile des Schiffes
-nach beiden Enden hin, zu den Maschinenräumen und zu allen Stellen,
-wohin die Anordnungen des Kapitäns gelangen müssen. In unbeladenem
-Zustande ist das Schiff so geräumig, daß es in seinen vier übereinander
-liegenden Verdecken 10000 Menschen fassen kann. Der Innenraum desselben
-ist größer als der des Kölner Doms. An Feuerungsmaterial vermochte
-der „Great Eastern“ 10000 t Kohle zu fassen, ein Quantum, das zu einer
-Reise um die Erde ausreichen dürfte, da der tägliche Kohlenverbrauch
-auf 360 t veranschlagt wird. Der +praktische+ Erfolg des Schiffes
-war freilich kein großer. Der ursprünglich für 3000 Passagiere
-eingerichtete Dampfer wurde bald nur zur Legung von Telegraphenkabeln
-verwendet, und vor kurzem wurde derselbe um den geringen Betrag von
-524000 Mark verkauft, um in Gibraltar als schwimmendes Kohlenlager
-benutzt zu werden[179]. Auf dem Gebiete des +Kriegsschiffbaues+
-sind dermalen die großartigsten Schöpfungen die italienischen
-Schlachtschiffe „Italia“ und „Lepanto.“ Die Italia hat eine Länge
-von fast 400,3 englischen Fuß, ist 74 Fuß breit und hat bei einem
-Tiefgang von 27,8 Fuß ein Deplacement von 13680 t. Um diese gewaltige
-Eisenmasse in Bewegung zu setzen, bedarf es vier getrennter Maschinen
-zu je drei Cylindern; jede dieser Maschinen repräsentiert 4500
-indizierte Pferdekräfte, so daß alle vier zusammen eine Leistungskraft
-von 18000 Pferdekräften repräsentieren; es ist hierdurch möglich, dem
-schwimmenden Ungetüm trotz seines enormen Gewichts in der Fortbewegung
-eine Geschwindigkeit von 17 Knoten zu geben. An Kohlen führt das Schiff
-bei normaler Ausrüstung nicht weniger als 1600 t, kann aber dieses
-Quantum bei Hinzuziehung der Zellen im Deckgebälke auf 3680 t oder
-73600 Ctr. erhöhen -- eine ganz fabelhafte Fracht.
-
-Auch die Größe der +Segelschiffe+ ist, um dies nebenbei zu erwähnen,
-zuweilen sehr bedeutend. Die zwei größten von den in Verwendung
-stehenden sind „+Palgrave+“ und „+Three Brothers+“; ersteres hat
-3112, letzteres 2936 Netto-Tonnen; beide sind Eigentum der britischen
-Handelsmarine.
-
-Die +Kosten+ solcher Seeriesen sind nun freilich auch ganz enorm.
-So belief sich der Aufwand für den Schnelldampfer „Fulda“ des
-Norddeutschen Lloyd auf 3380000 M. Das Prachtschiff „City of Rome“
-kostete 6 Mill. M., und das Kriegsschiff „Lepanto“ verschlang mit
-seiner vollständigen Ausrüstung volle 22 Mill. M.
-
-Am besten veranschaulicht wohl dem Leser all die Fortschritte der
-Nautik in technischer Beziehung die genauere Schilderung eines
-speciellen Dampfers. Wir wählen hierzu einen der neuesten Dampfer des
-Norddeutschen Lloyd, die „+Ems+“[180].
-
-Das Dampfschiff „+Ems+“ ist der fünfte Schnelldampfer des Norddeutschen
-Lloyd, der auf der Werft von John Elder & Komp. in Govan bei Glasgow
-erbaut wurde. Die Dimensionen des Schiffes sind: Länge über Deck 450
-englische Fuß, Breite 47 englische Fuß, und Tiefe 36,5 englische
-Fuß. Sein Raumgehalt beträgt 5250 t. Es zählt demnach mit der
-„+Eider+“, welche denselben Tonnengehalt besitzt und der gleichen
-Gesellschaft gehört, zu den größten unter deutscher Flagge fahrenden
-Passagierdampfern resp. Seeschiffen. Die Maschine ist nach dem
-Dreicylindersystem, welches von John Elder & Komp. zuerst adoptiert
-wurde, konstruiert. Der Hochdruckcylinder hat einen +Durchmesser+
-von 62 Zoll, die beiden Niederdruckcylinder von je 86 Zoll bei einem
-Hub von 5 Fuß. Sechs Doppelkessel von je 14½ Fuß Durchmesser und
-16½ Fuß Länge mit je 6 Feuerungen, also 36 im ganzen, und einer
-Gesamtheizfläche von über 20000 Quadratfuß erzeugen den für den Betrieb
-der Maschine erforderlichen Dampf. Die Kessel sind von den besten
-Stahlblechen für einen Druck von 95 Pfd. auf den Quadratzoll gebaut
-und auf einen Maximaldruck von 190 Pfd. auf den Quadratzoll geprüft.
-Außerdem befindet sich in der Höhe des Hauptdeckes ein Krankessel von
-800 Quadratfuß Heizfläche, welcher während der Liegezeit im Hafen
-den zum Betriebe erforderlichen Dampf erzeugt. Die Wellenleitung ist
-durchaus von Vickers Stahl, die Schraubenflügel von Manganbronze, dem
-zähesten Metall, welches bis jetzt erfunden; die Schraube hat einen
-Durchmesser von 21 Fuß 6 Zoll und eine Steigung von 30 Fuß 6 Zoll; die
-Schraubenflügel sind jeder mit 10 Bolzen an der Nabe befestigt, können
-einzeln abgeschraubt und, wenn schadhaft, durch neue ersetzt werden,
-welche stets in Reserve vorrätig sind.
-
-[Illustration: Fig. 135. Schnelldampfer „Ems“.]
-
-Die Maschinen indizierten auf der Probefahrt 7260 Pferdekräfte,
-womit die „Ems“ eine Geschwindigkeit von 18,3 Seemeilen per Stunde
-erreichte; während der Reise nach New-York beträgt die gewöhnliche
-Durchschnitts-Fahrgeschwindigkeit nahezu 17 Seemeilen die Stunde. Die
-„Ems“ ist ebenso, wie sämtliche Schnelldampfer des Norddeutschen Lloyd,
-nach den Erfordernissen der höchsten Klasse des Bureau Veritas gebaut
-und entspricht zudem allen Anforderungen, welche das englische Board of
-Trade an Passagierdampfer stellt.
-
-Sie hat vier eiserne Pfahlmasten und zwei Schornsteine; der Fockmast
-trägt Rahen, die übrigen Gaffelsegel. Die Laderäume haben einen
-Raumgehalt von 1400 t, die Kohlenbunker einen solchen von 1500 t.
-Vier Luken (von denen die größte 12 Fuß im Geviert mißt), welche zu
-den Laderäumen führen, sowie sechs Dampfwinden von je 25 Pferdekraft
-ermöglichen ein rasches Entlöschen und Beladen des Schiffes; drei
-dieser Dampfwinden sind zugleich mit sechszölligen Druckpumpen
-versehen, mit denen sowohl aus dem Schiffsraume, als auch aus See
-gepumpt werden kann.
-
-Außerdem sind zwei siebenzöllige Downston-Druckpumpen, je eine auf
-dem Vorder- und eine auf dem Hinterdeck in der Nähe der Dampfwinden
-aufgestellt, welche mit Hilfe der letzteren und einer endlosen Kette,
-aber auch mit der Hand getrieben werden können; auch liegen stets
-1500 Fuß teils Leder- teils Hanfschlauch in Bereitschaft, um an die
-verschiedenen Pumpen angeschraubt zu werden; sie sind wohl mehr als
-hinreichend, um ein etwa ausbrechendes Feuer sofort zu löschen.
-
-Noch einer andern Einrichtung verdient Erwähnung gethan zu werden,
-welche die Gefahr eines Feuers an Bord für die Dampfer des Lloyd
-vollständig beseitigt; nach jedem Teile des Schiffes, nach jedem Raume
-und Kompartiment ist nämlich ein zweizölliges Dampfrohr geleitet;
-sollte nun in irgend einem Teile des Schiffes Feuer ausbrechen, so läßt
-man sofort den Dampf einströmen und erstickt dadurch jedes Feuer im
-Keime.
-
-Das Schiff ist durch sieben wasserdichte Schossen in acht vollständig
-voneinander getrennte Kompartiments eingeteilt; die Gefahr eines
-etwaigen Sinkens des Schiffes infolge eines Leckes ist dadurch auf ein
-Minimum beschränkt; die in diesen wasserdichten Schossen befindlichen
-Thüren und Schleusen sind sämtlich vom Hauptdeck aus zu öffnen und zu
-schließen.
-
-Die „Ems“ hat eine Einrichtung für 1100 Zwischendeckspassagiere, 150
-Passagiere der ersten und 170 Passagiere der zweiten Kajüte, also im
-ganzen für 1420 Passagiere. Sämtliche Einrichtungen entsprechen den
-höchsten Anforderungen an Ventilation und Komfort.
-
-Die Zwischendecksräume sind luftig, geräumig und hell; auch hat jedes
-Gemach seinen eigenen Eingang.
-
-Die zweite Kajüte liegt im Hinterteile des Schiffes und ist durch
-zwei Oberlichter von 16 Fuß Länge und 6 Fuß Breite erhellt und
-ventiliert; die Seitenwände dieser Kajüte sind von poliertem Satin- und
-Mapleholz angefertigt und mit polierten Nußbaumsäulen und vergoldeten
-Kapitälen geschmückt; eine sehr gefällige geschnitzte Leiste in Blau
-und Gold dient als Abschluß gegen die Decke, welch letztere, in
-Weiß und Gold gehalten, einen sehr freundlichen Eindruck macht. Zu
-beiden Seiten des Salons liegen die sehr geräumigen Schlafzimmer,
-mit je vier Betten und sonstiger zweckgemäßer Ausrüstung versehen.
-Unmittelbar vor dem Salon führt eine bequeme Treppe direkt auf das
-Oberdeck und das Promenadendeck der Passagiere der zweiten Kajüte;
-im Treppenhause befindet sich auch das Rauchzimmer zweiter Kajüte,
-welches, geschmackvoll dekoriert und prächtig ventiliert, ein
-Lieblingsaufenthalt derjenigen ist, welchen Gott Neptun den Geschmack
-am edlen Kraut nicht zu verderben im stande war.
-
-Vor dem zweiten Salon liegt noch das helle und mit seinem blanken
-Silbergeschirr gar verlockend aussehende Speise-Anrichtezimmer.
-
-Von der zweiten Kajüte führt auf beiden Seiten an Maschinen- und
-Kesselräumen vorbei ein heller, luftiger Gang nach den ausschließlich
-für die Reisenden erster Klasse reservierten Räumen; von jedem Gange
-aus führt ein Eingang in den ersten Salon, welcher vor dem Kesselraume
-liegt; die Gänge selbst sind mit Brüsseler Teppichen belegt. Ganz
-besonders feine Ausführung zeigt der große Speisesaal von 50 Fuß Länge
-und 46 Fuß Breite; hier herrscht reiche Pracht, feiner Geschmack,
-künstlerische Darstellung und höchste Eleganz in voller Harmonie.
-Die Möbelstoffe von apfelgrünem Sammt harmonieren mit den Farben
-des reichen türkischen Teppichs, welcher den Boden deckt, sowie mit
-den mit schweren altdeutschen Borten verzierten Tischdecken und den
-aus Seidenchenille angefertigten Fenstergardinen und Portieren; die
-getäfelten Wände aus poliertem Ahorn- und Nußbaumholz sind mit reichen
-Schnitzereien verziert, die freien Felder mit prächtigen Gemälden
-geschmückt. Die Mitte des Saales nehmen zwei lange Tafeln ein, während
-vier kleinere Tische an jeder Seite zu je acht Personen den Passagieren
-Gelegenheit bieten, ~en famille~ zu speisen. Trotz dieser Tische und
-120 vor denselben angeschraubten sehr bequemen Dreharmstühlen bleibt
-noch genügender Raum zu freier Bewegung. Der Haupttreppeneingang
-zum Salon, sowie die Treppe selbst zeigen reiche Holzschnitzereien;
-zwei ruhende Löwen bilden die beiden untersten Treppenpfeiler. Das
-Treppenhaus schließt nach oben mit einem glatten Glasdache mit
-überraschend schöner Glasmalerei ab. Den Glanzpunkt des Salons indessen
-bildet der überaus prachtvolle Lichtschacht von 24 Fuß Höhe und 17 Fuß
-im Geviert, dessen Glasdach ähnliche Glasmalerei zeigt, wie das Dach
-des Treppenhauses.
-
-Das geräumige Rauchzimmer von 20 Fuß Länge und 18 Fuß Breite, auf dem
-Hauptdeck gelegen, ist luxuriös und mit Komfort ausgestattet. Sofas
-und Lehnsessel mit Gobelinpolstern, viereckige Spieltische und runde
-Tische mit eingelegten Schachbrettern, polierte Teakholzwände mit
-Schnitzereien und Ledertapeten, Ölgemälde mit allegorischen Figuren,
-welche die sämtlichen bekannten Getränke darstellen, lassen vergessen,
-daß man sich auf einem Schiffe befindet.
-
-Das am luxuriösesten eingerichtete Zimmer im ganzen Schiffe ist
-jedoch der Damensalon, über dem Rauchzimmer in der Höhe des
-Promenadendeckes gelegen. Die schwellenden Divans und Sessel mit
-echtem genuesischen Sammet in Terracotta und Altgold, der kostbare
-türkische Teppich, in welchen der Fuß weich und tief einsinkt, das
-schwarze Ebenholzmeublement, die Thüren, die Täfelung der Wände mit
-ihren reichen Schnitzereien und Seidendamasttapeten, die Zimmerdecke
-von poliertem Satinholze in verschiedenen Farbentönen und reich
-vergoldet, die drei prachtvollen Ölgemälde von Dielitz, welche die
-Wände schmücken, all dies Schöne und Liebliche macht in dem angenehm
-gedämpften Lichte des Salons den Eindruck des Trauten und Kosigen und
-erweckt ein Gefühl unendlicher Behaglichkeit.
-
-Die Schlafzimmer für die Passagiere der ersten Klasse liegen teils
-hinter, teils vor dem Speisesalon, sämtlich an den Schiffsseiten,
-und sind hell, luftig, geräumig und mit allem Komfort ausgestattet.
-Jedes Schlafzimmer ist zudem mit einer pneumatischen Klingel versehen,
-welche mit dem Servicezimmer in Verbindung steht. -- Drei luftige
-Badezimmer mit Marmorbadewannen und Kalt- und Warmwasserleitung, sowie
-die elektrische Beleuchtung aller Räume sind weitere Vorzüge dieses
-Dampfers.
-
-Das Promenadendeck für die Passagiere der ersten Kajüte befindet
-sich in der Mitte des Schiffes und ist 180 Fuß lang; der Zugang zu
-demselben wird durch die Haupttreppe, welche ihren Anfang im ersten
-Salon hat und an Rauchzimmer und Damensalon vorbeiführt, sowie durch
-eine andere, welche direkt von den hinteren Gängen zwischen Maschinen-
-und Kesselraum nach oben führt, vermittelt; im Treppenhause der
-letztern ist auf dem Promenadendeck noch ein Entrezimmer eingerichtet,
-welches zum Rauchzimmer benutzt wird und einen Lieblingsaufenthalt der
-Passagiere bildet.
-
-Die „Ems“ ist mit zehn großen Rettungsbooten ausgerüstet, welche,
-sämtlich von Metall gebaut, stets fertig und mit ihrer Ausrüstung
-komplett versehen, in drei Minuten zu Wasser gelassen werden können.
-
-Auch die Dienst- und Wohnräume der Besatzung vom Schiffsführer herab
-bis zum Schiffsjungen sind behaglich und wohnlich eingerichtet;
-dieselben befinden sich größtenteils auf dem Oberdeck unter dem
-Promenadendeck, wie auch die Küchen, Bäckereien und sämtliche zum
-Passagierbetriebe nötigen Räumlichkeiten; die Besatzung der „Ems“
-besteht bei voller Passagieranzahl aus 175 Mann.
-
-Selbstverständlich ist die „Ems“ mit den denkbar besten Einrichtungen
-und Instrumenten zur sichern Führung des Schiffes ausgerüstet; an
-verschiedenen Teilen des Schiffes sind Kompasse aufgestellt, und auf
-der Kommandobrücke selbst befindet sich ein Patentkompaß von Sir
-William Thomson mit Azimutvorrichtung etc.
-
-[Illustration: Zu S. 365.
-
-Fig. 136. +Dampfer „Elbe“+, gebaut 1881 bei John Elder & Komp. in
-Glasgow.
-
- 1. Ruder. -- 2. Schraube. -- 3. Sternbuchse. -- 4. Dampfsteuerung.
- -- 5. Stewards. -- 6. Zwischendeck. -- 7. Oberlicht. -- 8.
- Luke. -- 9. Dampfwinde. -- 10. Oberlicht. -- 11. Zweiter Salon.
- -- 12. Zwischendeck. -- 13. Laderaum. -- 14. Wellentunnel. --
- 15. Niedergang -- 16. Zweites Rauchzimmer. -- 17. Luke. -- 18.
- Niedergang. -- 19. Luke. -- 20. Dampfwinde. -- 21. Pantry für den
- zweiten Salon. -- 22. Drucklager. -- 23. Maschinen-Oberlicht.
- -- 24. Maschine. -- 25. Promenadendeck. -- 26. Oberdeck. --
- 27. Hauptdeck. -- 28. Zwischendeck. -- 29. Kohlenbunker. --
- 30. Kesselraum. -- 31. Erste Küche. -- 32. Erste Pantry. --
- 33. Niedergang. -- 34. Niedergang. -- 35. Laderaum. -- 36.
- Kohlenbunker mit Tunnel. -- 37. Damensalon. -- 38. Rauchzimmer.
- -- 39. Oberlicht. -- 40. Erster Salon. -- 41. Zwischendeck. --
- 42. Kartenhaus. -- 43. Ruderhaus. -- 44. Zimmermann. -- 45.
- Niedergang. -- 46. Luke. -- 47. Dampfwinde. -- 48. Hauptdeck. --
- 49. Luke. -- 50. Laderaum. -- 51. Laderaum -- 52. Zwischendeck.
- -- 53. Wassertank. --- 54. Dampfküche. -- 55. Laufbrücke. --
- 56. Leuchtturm. -- 57. Dampfwinde. -- 58. Eiskeller. -- 59.
- Luke. -- 60. Proviantraum. -- 61. Luke. -- 62. Fleischräume. --
- 63. Wassertanks. -- 64. Dampfspill. -- 65. Ankerkran. -- 66.
- Ankerwinde. -- 67. Mannschaftsräume. -- 68. Ankerkettenkasten. --
- 69. Kettenklüse. -- 70. Kartoffelraum. -- 71. Inventarienraum.
-
- Maßstab: 1/200 natürl. Größe.
- 10 5 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 engl. Fuß.
- |---------------------------------------------|
-]
-
-Eine Telegraphenleitung verbindet die Kommandobrücke mit der Maschine,
-dem hintern Steuerhause und dem hintern Turtledeck; die besten
-Patent-Lot- und Log-Apparate erleichtern dem Schiffsführer seinen
-schwierigen Beruf und tragen zur sichern Navigierung wesentlich
-bei; ein Dampfsteuerapparat von Muir & Caldwell in Glasgow, der
-vollkommenste seiner Art, ermöglicht eine Kursveränderung resp. Drehung
-des Schiffes in kürzester Frist und trägt zur Verhütung von Kollisionen
-bei; kurz, es ist nichts unterlassen und nichts gespart, was zur
-Sicherheit des Schiffes und seiner wertvollen Fracht beitragen kann.
-
-Ebenso vortrefflich, wie Ausstattung und Einrichtung des Schiffes,
-ist auch die +leibliche Verpflegung+. In den Vorratsmagazinen liegen
-gewaltige Mengen von Nahrungsmitteln aufgespeichert: Gemüse aller
-Art aus den berühmtesten Konservenfabriken, Südfrüchte von Malaga,
-Smyrnaer Traubenrosinen, amerikanische Schnittäpfel, pulverisierter
-Zucker, kondensierte Milch in Blechdosen, aller Art konservierte
-Früchte zu Kompotts, kalifornische Aprikosen, englisches Tafelsalz,
-westfälische Schinken; dann Austern-, Sardinen-, Hummer-, Lachs- und
-Anchovis-Konserven, Kaffee, Zucker, frische Gemüse und frisches Obst,
-Fleischmassen in Eisbehältern u. s. w. Ein Blick in den Kellerraum
-zeigt uns wiederum ein reichhaltiges Lager der mannigfaltigsten Rot-
-und Rheinweine, von Champagner, Cognac etc. der berühmtesten Firmen
-u. s. w.
-
-So ist die „Ems“ ein Schiff, das den besten Dampfern der Jetztzeit
-gleichkommt; es vereinigen sich in demselben Gefälligkeit im Äußern,
-Schönheit der Linien, Stärke, Schnelligkeit, Eleganz und Komfort.
-Hiezu kommt noch vorzügliche leibliche Verpflegung, wie überhaupt
-das Bestreben, dem verwöhntesten Geschmacke des reisenden Publikums
-Rechnung zu tragen und das Beste zu bieten, was die mannigfachen
-Erfindungen der Neuzeit und die Verbesserungen im Schiffsbau erreichen
-lassen.
-
-Dampfer ähnlicher Art sind die gleichfalls dem Norddeutschen Lloyd
-gehörigen Schnelldampfer „+Elbe+“ (siehe Beilage Fig. 136), „+Weser+“,
-„+Werra+“, „+Fulda+“, „+Eider+“, „+Aller+“, „+Saale+“ und „+Trave+“. An
-Bord der „+Trave+“ z. B. befinden sich 33 selbständige Dampfmaschinen
-mit 65 Cylindern[181].
-
-„Die Großartigkeit der modernen Seeriesen,“ sagt darum +v. Henk+ mit
-Recht, „erregt denn selbst noch in +unserem+ Zeitalter Staunen und
-Bewunderung. Fast alle realen Wissenschaften -- Mathese, Physik,
-Ingenieurkunst, Chemie und Astronomie -- haben sich ja verbunden, diese
-schwimmenden Kolosse zu schaffen und zu lenken, und so sind sie in der
-That die gewaltigsten und imposantesten Schöpfungen kalkulierenden
-Geistes und werkthätiger Hand.“
-
-
-
-
-VII. Seebauten und Hafenanlagen.
-
-
-1. Interoceanische Kanäle.
-
-
-a. Ausgebaute Kanäle.
-
-+Der Suezkanal[182].+ 1. +Geschichtliches.+ Die ersten Bemühungen,
-eine zunächst freilich nur indirekte Verbindung zwischen dem
-Mittelländischen und dem Roten Meer herzustellen, gehören schon dem
-Zeitalter der Pharaonen an. Champollion schreibt die Erbauung des
-ersten Kanals vom Nil zum Roten Meer dem König Ramses II. zu, der etwa
-1300 v. Chr. regierte. Geschichtlich sicher ist die Thatsache, daß
-Necho, der Sohn Psammetichs, einen solchen Kanal zu bauen beschloß und
-den Bau auch wirklich begann. Dies war etwa 650 v. Chr. Er hielt jedoch
-inmitten des Unternehmens ein, weil ein Orakel verkündet hatte, daß er
-mit dem Kanal den Fremden den Weg nach Ägypten erleichtere. Zunächst
-nahm Darius Hystaspes († 485 v. Chr.) das Werk wieder auf; aber auch er
-ließ den Bau wieder unterbrechen, da man ihm vorstellte, daß infolge
-des höhern Niveaus des Roten Meeres das ganze Land überschwemmt würde.
-So hat denn erst Ptolemäus II. den Kanal 277 v. Chr. vollendet. Die
-kostspielige Unterhaltung und der geringe Verkehrsnutzen desselben
-scheinen indes später seinen Verfall herbeigeführt zu haben. Die Kaiser
-Trajan und Hadrian stellten ihn jedoch zum Teil wieder her, und noch
-in der Mitte des sechsten Jahrhunderts war er schiffbar. Um 650 regte
-Amru, der arabische Eroberer Ägyptens, die Idee eines +direkten+,
-beide Meere verbindenden Kanals an. Der Kalif Omar verwarf dieselbe
-aber, hauptsächlich um den Korsaren des Mittelmeeres nicht die Pforten
-zum Roten Meere zu öffnen. Dafür ließ Amru zum Zwecke der Verbringung
-von Getreidevorräten nach Arabien am alten Kanal nicht unerhebliche
-Verbesserungen vornehmen. Von da, also von der Mitte des siebenten
-Jahrhunderts an, blieb der Kanal offen und schiffbar bis 767, in
-welchem Jahre der Kalif Almansor die Verschüttung des Kanals befahl, um
-einem von seinem Oheim zu Medina angeführten Rebellenheer die Zufuhr
-zu erschweren. Überdies erschien es der Handelspolitik des Kalifates
-zweckmäßiger, den indischen Handel über den persischen Golf und das
-aus den Trümmern des alten Babylon neugeschaffene Bagdad zu leiten.
-So endete der „Kanal der vier Könige“ (Ramses, Necho, Darius und
-Ptolemäus). Dreimal noch tauchte die Idee Amrus auf, den Isthmus von
-Suez zu durchstechen: um das Jahr 1500 bei den Venetianern und später
-wieder seitens des Sultans Mustapha III. (1757-1773) und des Konsuls
-Bonaparte. Aber erst dem Franzosen +Ferdinand von Lesseps+ gelang es,
-den Plan trotz aller sich auftürmenden Hindernisse durchzuführen und
-damit den Traum eines Jahrtausends zu erfüllen.
-
-[Illustration: Fig. 137. Ferdinand von Lesseps.]
-
-+Ferdinand von Lesseps+, geb. 1805 in Versailles, trat in jungen
-Jahren, dem Beispiel seines Vaters folgend, in die diplomatische
-Laufbahn ein. Im Jahr 1825, also kaum zwanzig Jahre alt, war er
-Konsulatsattaché in Lissabon, dann wurde er in den Bureaus der
-Handelsdirektion des Auswärtigen Amtes beschäftigt. 1828 erhielt er
-eine Sendung nach Tunis, und erst die folgenden Jahre führten ihn
-nach Ägypten. Zuerst Konsulatseleve und Vicekonsul in Kairo, wurde er
-daselbst 1833 zum Konsul zweiter Klasse befördert. In dieser Zeit nun
-erwachte in Lesseps auch die Idee von der Herstellung des Suezkanals.
-Zurückzuführen ist dieselbe auf das Studium einer Denkschrift von
-+Lepère+ (über die Verbindung des Mittelländischen mit dem Roten
-Meere), auf die ihn sein Vorgesetzter, der Generalkonsul +Mimaut+,
-aufmerksam gemacht hatte[183]. 1842 wurde indes Lesseps durch seine
-Ernennung zum Konsul in Barcelona dem Pharaonenlande wieder entrückt.
-Er bekleidete dann noch die Stelle eines Gesandten am Hofe von Madrid
-und wurde auch noch mit einer Mission nach Rom betraut. Der Ausgang
-dieser Sendung aber schreckte Lesseps für immer von der Diplomatie
-und Politik ab. Er zog sich nach seinem Landsitze in Berry zurück
-und befaßte sich von jetzt an ausschließlich mit dem Projekte des
-Suezkanals. 1854 erlangte er denn auch die Konzession zur Herstellung
-des Kanals von seiten Said Paschas, dem zu Ehren später die Stadt am
-nördlichen Ausgang des Kanals den Namen Port-Said erhielt; jedoch
-erst 1858 konnte sich die Baugesellschaft ~La Compagnie Universelle
-du Canal maritime de Suez~ konstituieren. Am 25. April 1859 erfolgte
-bei Port-Said der erste Spatenstich, und Lesseps selbst hatte sich mit
-den oberen Beamten und Ingenieuren der Kompagnie zu diesem Zwecke nach
-dem Orte der künftigen Mündung des Kanals begeben. Eine angemessene
-Feier weihte hier den Beginn der Arbeiten ein, welche, indem sie
-zwei Weltteile zu trennen schienen, zur Herstellung einer engern
-Verbindung von vier Weltteilen bestimmt waren. Der Bau selbst währte
-von 1859-1869 und war mit den größten Schwierigkeiten verbunden. Wie
-mühevoll war nur die Versorgung der Arbeiter mit Trinkwasser in diesem
-Wüstengebiet! 1862 waren von den 1800 Lastkamelen der Kompagnie allein
-1600 für den täglichen Transport des Trinkwassers für 20-25000 Mann in
-Anspruch genommen. Die tägliche Gesamtausgabe für diesen Zweck betrug
-8000 Francs. Sehr bedeutend fielen neben den Wasserkarawanen auch
-die Transporte der Nahrungsmittel, Werkzeuge, Kleider und Schuhe und
-der Wäsche ins Gewicht; denn die Verwaltung mußte für alles bis auf
-die Nähnadeln, Knöpfe und Kämme sorgen, da für die in der Wüste von
-aller Kommunikation abgeschnittenen Leute durchaus keine Gelegenheit
-bestand, diese Artikel sich zu beschaffen. Zu alledem kamen dann noch
-politische und finanzielle Schwierigkeiten und 1865 der Ausbruch
-der Cholera unter der Arbeiter-Kolonie. Von den 8000 Arbeitern von
-damals hatten nicht weniger als 5000 die Flucht ergriffen. Über die
-Großartigkeit des Unternehmens in +technischer+ Beziehung geben wohl
-folgende Angaben genügenden Aufschluß. Die Maschinenwerkstätte der
-Firma +Borel+, +Lavalley+ & Komp. in Port-Said, welche die Austiefung
-des Kanals übernommen hatte, verwendete 1868 außer 10000 Menschen
-noch 10000 Pferdekräfte Dampf mit einem täglichen Verbrauch von 12000
-Centner Kohlen. Infolge dieser gewaltigen Betriebskräfte waren damals
-in Gang 10 mechanische Zermalmer, 4 Hand-Baggermaschinen, 18 kleine
-und 58 große Baggermaschinen, 30 Schuttdampfschiffe mit Seitenplatten,
-79 Schuttdampfschiffe mit Grundklappen, 68 Elevatoren, 90 Barken
-mit Schuttkisten, 30 Dampfwidder, 15 Dampfbarken, 60 Lokomobilen, 15
-Lokomotiven, 20 Dampf-Erdheber für den trockenen und nassen Boden, 1800
-Erdwagen, 25 Dampfcanots und Remorqueurs und 200 eiserne Barken. Ein
-anderes hochwichtiges Etablissement zu Port-Said war die Steinfabrik
-der Gebrüder +Dussaud+, in der jene riesigen künstlichen Blöcke erzeugt
-wurden, die zur Herstellung der Moli dienten. Jeder dieser Blöcke maß
-10 cbm, wog 400 Centner und kostete ungefähr 300 Francs.
-
-Die Masse des auf der ganzen Kanalstrecke abgehobenen Materials
-beträgt 74 Mill. cbm, ein Quantum, das hinreichen würde zum Baue einer
-Pyramide, deren Grundflächenkante 1 km und deren Höhe 225 m betrüge.
-
-Gleichzeitig mit dem Beginne der Arbeiten am Kanal schritt man auch
-zur Anlage eines +Süßwasserkanals+, ohne dessen Existenz das ganze
-Unternehmen unmöglich gewesen wäre. Die Eröffnung dieses Kanals, der
-das notwendige Trinkwasser zuführte, erfolgte 1864. Derselbe nimmt vom
-Nil unterhalb Kairo seinen Ausgang und zieht über Ismailia nach Suez;
-ein Arm führt nach Port-Said.
-
-Die feierliche +Eröffnung+ des Kanals erfolgte am 16. November 1869
-unter der Regierung +Ismail Paschas+. Die Kaiserin Eugenie von
-Frankreich, der Kaiser von Österreich, der Kronprinz von Preußen, viele
-andere Fürstlichkeiten und über 30000 anderweitige Besucher aus allen
-Weltteilen waren Zeugen dieses welthistorischen Ereignisses.
-
-Seinem Werk zuliebe und auch vermöge seiner Blutsverwandtschaft mit
-+Eugenie de Montijo+ hatte sich Lesseps mit dem Kaiserreiche und
-dem Kaiser versöhnt, obwohl er einer der aufrichtigen Gegner des
-Staatsstreiches gewesen und anläßlich des Plebiscites gegen Napoleon
-III. gestimmt hatte. Die Kaiserin insbesondere wandte ihm ihre
-Protektion zu, und mehr als einmal dankte es Lesseps der Verwendung des
-Kabinetts der Tuilerien und der persönlichen Gunst des Kaisers, daß
-die Intriguen der Engländer fehlschlugen. Zum Lohne dafür beschützte
-Lesseps am 4. September 1870 die Kaiserin Eugenie auf ihrer Flucht aus
-den Tuilerien.
-
-Auch die Pariser Akademie der Wissenschaften hatte Lesseps zu ihrem
-Mitgliede ernannt und dadurch eines der thätigsten und rührigsten
-Mitglieder gewonnen. Auf ihre Einladung legte er jene fünfbändige
-Urkundensammlung an, die vereint mit seinen Briefen und dem an Frau
-+Delamalle+ gerichteten Tagebuche die ganze Geschichte des Suezkanales
-bietet und den Titel trägt: ~Lettres, Journal et documents pour servir
-à l’histoire du Canal de Suez~ (~Paris~ 1875-1881, 5 Bde. in gr.
-8^o). Namentlich aber sind es drei große Projekte, die er im Schoße
-der Akademie vertrat: die Schaffung eines Binnenmeeres im Innern von
-Nordafrika, das Projekt des verstorbenen Majors +Roudaire+, der Bau
-einer Eisenbahn durch das Innere von Asien, für deren Studium sein
-ältester Sohn große Forschungsreisen an Ort und Stelle unternommen
-hat, und die Durchstechung der Landenge von Panama. Lesseps’ indirektes
-Werk ist auch der in Ausführung begriffene Kanal von Korinth.
-
-Kein Franzose ist in seinem Lande so allgemein und unbestritten
-anerkannt, wie der Schöpfer der Seewege über die Landenge von Suez; er
-heißt einfach der „große Franzose“.
-
-Versailles ließ an seinem Geburtshause eine Marmortafel mit der
-Inschrift anbringen: „In diesem Hause ist +Ferdinand von Lesseps+, der
-große Franzose, geboren, welcher die Welt durch friedliche Thaten und
-ohne Blutvergießen umgestaltet hat.“
-
-[Illustration: Fig. 138. Der Suezkanal.]
-
-2. Die +Kanalroute+. Am Nordende des Kanals, am Mittelmeer,
-liegt +Port-Said+ mit 16500 Einwohnern. Die Stadt ist mit allen
-Erfordernissen eines guten Hafenplatzes versehen; es finden sich hier
-Agenturen der großen Dampfschiffahrtsgesellschaften, Konsulate, Post-
-und Telegraphenämter; vor allem aber besitzt sie einen ausgezeichneten
-Hafen; zwei ungeheure Molen von 2300 m und 1600 m Länge erstrecken
-sich frei in das Meer hinaus. 1859 betrug die Bevölkerung dieses
-Erdfleckens 12 Europäer und 100 Fellahs. -- Von Port-Said geht der
-Kanal zuerst durch die Lagune des Menzaleh-Sees, dann durch den
-Landrücken von Kantara in den kleinen Ballah-See, weiter durch die
-16 m hohe Schwelle El Gisr in den Timsah-See. An letzterem liegt die
-junge Stadt +Ismailia+, die zu Ehren des Vicekönigs Ismail Pascha ihren
-Namen trägt. Sie verdankt ihre ganze Existenz dem Süßwasserkanal. Von
-Ismailia führt die Kanalroute zunächst nach dem durch Kalksteinfels
-gebrochenen Durchstich von Tussum; hierauf in die großen Bitterseen.
-Aus diesen Seen ausgetreten, durchzieht der Kanal die Schwelle
-Schaluff und tritt dann in den Bereich von Ebbe und Flut des Roten
-Meeres, das er bei +Suez+ erreicht. Die Kanalrinne selbst ist noch
-4 km weit in das Meer hineingeführt. Auch Suez, vor dem Kanalbau
-noch ein elender Ort, ist jetzt zu einer Stadt von 11000 Einwohnern
-emporgewachsen. Früher wurde hier mitunter ein Schlauch (3 Eimer) süßen
-Wassers mit 300 Francs bezahlt, jetzt quillt dieses Lebenselement in
-unerschöpflicher Fülle.
-
-Der ganze Kanal hat von Port-Said bis Suez eine Länge von 160 km, eine
-Breite von 58-100 m am Wasserspiegel und von 22 m an der Sohle, sowie
-eine Tiefe von 8 m. Von fünf zu fünf Seemeilen sind Ausweichestationen
-errichtet, da des engen Fahrwassers halber stets nur +ein+ Schiff die
-Strecke zwischen zwei solchen Stationen passieren kann. Die Stationen
-selbst stehen denn auch untereinander in telegraphischer Verbindung
-und signalisieren durch Semaphoren den Schiffen die entsprechenden
-Avisos. Die durchschnittliche Dauer der Fahrt durch den Kanal beträgt
-43 Stunden.
-
-Sehr bemerkenswert ist der Einfluß, welchen der Kanal auf das Klima
-seiner Nachbarschaft ausgeübt hat. Von 1854-1870 regnete es in der
-Umgebung desselben äußerst selten, jetzt taut es stark und regnet
-wenigstens zweimal im Monat. Die Bewohner von Suez beklagen sich
-weniger als früher über die Hitze des Sommers, und längs des Kanals
-bildet sich eine Vegetation, die ihren Ursprung den neu hervorgerufenen
-atmosphärischen Niederschlägen verdankt.
-
-3. +Entwicklung des Verkehrs.+ Dieselbe hat alle Erwartungen weit
-übertroffen. Ja der Kanal vermag den Bedürfnissen der Schiffahrt schon
-nicht mehr zu genügen, so daß eine +Erweiterung+ desselben bereits in
-Angriff genommen ist[184]. Über den Umfang des Kanalverkehrs giebt die
-nachstehende Tabelle Auskunft, welche zugleich den überwiegenden Anteil
-der englischen Schiffahrt erkennen läßt:
-
- ----------+----------------------+----------------------+--------------
- | Gesamtverkehr. | Britischer Verkehr. | Kanalabgaben
- +--------+-------------+--------+-------------+--------------
- Jahr. |Zahl der| Netto- |Zahl der| Netto- | der Schiffe
- |Schiffe.|Tonnengehalt.|Schiffe.|Tonnengehalt.|in Mill. Frcs.
- ----------+--------+-------------+--------+-------------+--------------
- 1869 | 10 | 6576 | 9 | 6286 | --
- (30 Tage.)| | | | |
- 1870 | 486 | 435911 | 314 | 289234 | 5,1
- 1871 | 765 | 761467 | 502 | 546453 | 8,9
- 1872 | 1082 | 1160754 | 761 | 835490 | 16,4
- 1878 | 1593 | 2269678 | 1268 | 1809887 | 31
- 1880 | 2026 | 3057421 | 1592 | 2432932 | 39,8
- 1882 | 3198 | 5074808 | 2565 | 4126245 | 60,5
- 1883 | 3307 | 5776823 | -- | -- | 65,8
- 1884 | 3284 | 5871501 | 2474 | -- | 64,4
- 1885 | 3624 | -- | -- | -- | --
-
-Im Jahre 1884 verteilten sich die Schiffe nach ihrer +Flagge+ wie folgt:
-
- ----------------+--------+--------+----------------+--------+--------
- Flagge. |Schiffe.| Tonnen.| Flagge. |Schiffe.| Tonnen.
- ----------------+--------+--------+----------------+--------+--------
- Englische | 2474 |4466930 |Schwedische und | |
- Französische | 300 | 567874 | Norwegische | 18 | 24236
- Niederländische | 145 | 264240 |Japanische | 13 | 12566
- Deutsche | 130 | 168904 |Belgische | 5 | 7162
- Italienische | 54 | 114246 |Türkische und | |
- Österreichische | 65 | 106368 | Ägyptische | 8 | 4507
- Spanische | 46 | 96351 |Portugiesische | 4 | 2824
- Russische | 17 | 29616 |Andere | 5 | 5677
-
- Zusammen 3284 Schiffe mit 5871501 t.
-
-Der +prozentuale Anteil der einzelnen Handelsflaggen+ im ersten
-Jahrzehnt des Suezkanalverkehrs von 1870-1879 betrug:
-
- -----------------+---------+--------+-------------+---------+--------
- |nach der |nach der| |nach der |nach der
- Länder. |Anzahl d.|Tonnen- | Länder. |Anzahl d.|Tonnen-
- |Schiffe. |zahl. | |Schiffe. |zahl.
- -----------------+---------+--------+-------------+---------+--------
- England | 73,50 | 75,98 |Deutschland | 1,79 | 1,24
- Frankreich | 6,67 | 8,63 |Spanien | 1,40 | 1,57
- Österreich-Ungarn| 4,18 | 2,87 |Ägypten | 1,27 | 0,55
- Italien | 3,98 | 2,64 |Türkei | 1,23 | 0,52
- Niederlande | 3,40 | 4,14 |Andere Länder| 2,58 | 1,87
-
-Im Jahre 1882 war Englands Anteil an dem Tonnengehalt der durch den
-Kanal gegangenen Schiffe sogar auf 81% gestiegen[185]; indessen ergiebt
-ein Vergleich der Jahre 1881 und 1882 für Deutschland, Frankreich und
-Italien relativ nicht unerheblich höhere Steigerungen; denn es betrug
-
- der Gesamtverkehr 5074808 t, Zunahme 23 %,
- für England 4126245 t, „ 20 „
- „ Italien 102047 t, „ 28 „
- „ Frankreich 239042 t, „ 63 „
- „ Deutschland[186] 122557 t, „ 226 „
-
-Ganz außerordentlich ist hiernach die Steigerung des +deutschen+
-Verkehrs[186]. Hoffentlich ist sie keine zufällige und vorübergehende,
-sondern ein Beweis von dem zunehmenden und nachhaltigen Erfolge der
-deutschen Bestrebungen zur Hebung des direkten Exports.
-
-Die Zahl der +Reisenden+, welche den Kanal 1885 passierten, belief sich
-auf 205951 (gegen 151916 im Jahre 1884), darunter 43813 Engländer.
-
-Im allgemeinen haben zu dieser günstigen Verkehrsentwicklung auf
-dem Suezkanal vor allem die guten Ernten der letzten Jahre an Reis,
-Getreide, Baumwolle und Thee in Indien, China und Australien, ferner
-die Verdrängung der Segelschiffahrt durch die Dampfschiffahrt und
-endlich die Zunahme des direkten Verkehrs mit Australien am meisten
-beigetragen. Andererseits hat der Suezkanal befruchtend auf den Handel
-gewirkt und namentlich den indischen Handel, welcher im Jahre 1882
-zu 86,61% über den Kanal verkehrte, rasch anwachsen lassen. Nach
-konsularischen Ermittlungen gestaltete sich der Warenverkehr wie folgt:
-
- =Warenbewegung durch den Suezkanal im Jahr 1882, in Tonnen.=
-
- +Von Europa.+ +Nach Europa.+
-
- Fabrikate 1830197 Getreide 462380
- Kohlen 474440 Ölsamen 359510
- Eisen, Schienen 17150 Reis 344850
- Petroleum 9950 Thee 147020
- Salz 6150 Jute und Hanf 68680
- Kabeldraht 3880 Baumwolle 64810
- --------- Zucker 38930
- Zusammen 2341767 Kupfer, Zink 31340
- Häute 25400
- Kaffee 18340
- Tabak 17400
- Wolle 15800
- Verschiedenes 216325
- ---------
- Zusammen 1810785
-
-Bezüglich der +Kanalabgaben+ sei noch bemerkt, daß der Zoll vom
-Netto-Tonnengehalt der Schiffe in Höhe von 9,50 Frcs. per Tonne erhoben
-wird. Da die Schiffe im Durchschnitt einen Netto-Raumgehalt von 2000 t
-haben, so beträgt die Kanalabgabe für ein Schiff im Durchschnitt die
-respektable Summe von 19000 Frcs. Auch jeder Passagier hat für die
-Kanalfahrt 10 Frcs. zu entrichten.
-
-4. +Finanzielle Verhältnisse.+ Das kühne und bedeutsame Unternehmen
-der Durchstechung der Landenge von Suez hat sich auch als ein
-+geschäftlich+ glückliches erwiesen[187]. Das nominelle Aktienkapital
-verzinste sich 1882 auf 20%. Das Jahr 1872 ergab +zuerst+ einen
-Überschuß und zwar von 2071279 Frcs.; derselbe hat sich im Jahre 1883
-auf 35,8 Mill. Frcs. gesteigert (1884: 34 Mill. Frcs., d. i. 17,45%).
-
-Die Gesamtkosten für den Bau und die erste Einrichtung des Kanals
-(inkl. der Kosten für die Verbesserung des Kanals und die Anleihen)
-betrugen bis Ende 1878: 479175683 Frcs.
-
-5. +Bedeutung des Kanals für den Weltverkehr.+ Die große Umwälzung,
-welche durch den Suezkanal im Weltverkehr hervorgerufen wurde, besteht
-vor allem darin, daß der Handel zwischen Europa einerseits und Ostasien
-und Australien andererseits den Weg um das Kap größtenteils verlassen
-und nunmehr die weit kürzere Route an der Ostseite Afrikas benützt.
-Diese Wegverkürzung beträgt von +Southampton+ in England, von wo die
-meisten großen ostasiatischen Dampfer ausgehen:
-
- --------------+----------+----------+---------------------------
- | | | Unterschied
- nach | ums Kap. |über Suez.+----------+----------------
- |Seemeilen.|Seemeilen.|Seemeilen.|Tage für Dampfer
- | | | |~à~ 200 Seemeilen.
- --------------+----------+----------+----------+----------------
- Sansibar | 8000 | 6040 | 1960 | 10
- Bombay | 10740 | 5940 | 4800 | 24
- Point de Galle| 10500 | 6580 | 3920 | 19
- Calcutta | 11600 | 7680 | 3920 | 19
- Singapur | 11780 | 8070 | 3710 | 18
- Hongkong | 13180 | 9500 | 3680 | 18
- Melbourne | 11140 | 11200 | 60 | ⅓
-
-Die Wegeunterschiede zwischen anderen europäischen Häfen und +Bombay+
-sind folgende:
-
- --------------+----------+----------+--------------------
- | | | Unterschied
- von | ums Kap. |über Suez.+----------+---------
- |Seemeilen.|Seemeilen.|Seemeilen.| Tage
- | | | |
- --------------+----------+----------+----------+---------
- Brindisi | 11107 | 3703 | 7404 | 37
- Triest | 11504 | 4100 | 7404 | 37
- Genua | 10696 | 4208 | 6488 | 32
- Marseille | 10560 | 4280 | 6280 | 31
- Bordeaux | 10640 | 5752 | 4868 | 24
- Liverpool | 10896 | 6008 | 4888 | 24
- London | 10912 | 6024 | 4888 | 24
- Amsterdam | 10694 | 6076 | 4618 | 23
- Hamburg | 11222 | 6332 | 4890 | 24
-
-Noch viel größer ist natürlich die Zeitersparnis eines ~via~ Suez
-gehenden Dampfers gegen einen ~via~ Kap gehenden Segler. In diesem Falle
-beträgt die Reise von +Southampton+:
-
- ------------+----------------+------------+------------
- nach | ums Kap | über Suez | Ersparnis.
- |per Segelschiff.|per Dampfer.|
- ------------+----------------+------------+------------
- Bombay | 100 Tage | 27 Tage | 73 Tage
- Calcutta | 103 „ | 37 „ | 66 „
- Hongkong | 100 „ | 44 „ | 56 „
-
-Übrigens hat die Ausdehnung des Kanalhandels, so groß die Zeitersparnis
-auch ist, und so sehr dieselbe vom Kaufmann wegen des Zinsengewinns,
-der Erhaltung der Waren in gutem Zustande, der Versicherungsprämie
-u. s. w. veranschlagt werden muß, doch auch ihre Grenzen. Der
-Dampferverkehr ~via~ Suez ist nämlich gegenüber der Segelschiffahrt
-um das Kap kostspieliger als letztere. Diese Mehrauslagen können aber
-nur dann getragen werden, wenn die zu transportierenden Güter einen so
-hohen Wert haben, daß sich die Mehrkosten der Fracht durch Ersparnis
-an Zinsen des in den Waren engagierten Kapitals und die verminderte
-Versicherungsprämie wieder einbringen lassen. Im allgemeinen nimmt man
-an, daß Waren kanalfähig, d. h. rentabel durch den Suezkanal zu führen
-sind, wenn ein Centner derselben 30 M. kostet.
-
-Durch die Umlegung der asiatischen Welthandelsstraße vom Kap nach
-Suez sind ferner die +Mittelmeerhäfen+ mehr und mehr wieder in jene
-begünstigte Stellung eingerückt, die ihnen einst so große Blüte und
-Bedeutung verschaffte. Die Seestädte am Mittelmeere, Triest, Genua,
-Marseille u. s. w., liegen wieder an der Weltpassage und sind aufs
-neue befähigt, England, das bisher auf Grund seiner Überlegenheit zur
-See in Mitteleuropa sein Großhandelsmonopol geübt, an die Peripherie
-zu drängen, wo es sich bis zur Entdeckung der Seewege nach Ost- und
-Westindien befunden. Dermalen zwingt England mit seiner gewaltigen
-Kapitalkraft freilich noch viele aus Indien und Ostasien kommende und
-dorthin gehende Waren, an den Mittelmeerhäfen vorbei ihren Weg nach
-und von den mitteleuropäischen Bestimmungsorten über London, Liverpool
-und Southampton u. s. w. zu nehmen. Baumwolle und Wolle aus Indien und
-Australien, Thee und Kaffee aus China, Java und Ceylon, Indigo und
-Gewürze aller Art aus Ostasien u. a. m. werden, selbst wenn sie für
-Österreich und Süddeutschland bestimmt sind, an Triest und Genua vorbei
-nach England geführt, um von dort aus über die niederrheinischen und
-deutschen Nordseehäfen nach Mitteleuropa verbracht zu werden. Ebenso
-schlagen deutsche Ausfuhrartikel nach dem fernen Orient, namentlich
-Erzeugnisse der Textilindustrie, Nürnberger- und Kurzwaren u. s. w.,
-vielfach den Weg über England ein, anstatt die kürzere Straße nach den
-Mittelmeerhäfen zu nehmen. Gleichwohl lassen sich die ersten Anfänge
-des Umschwungs zu Gunsten der Mittelmeerhäfen bereits erkennen, und
-die englischen Handelsämter selbst sind es, die nicht ohne Besorgnis
-darauf hinweisen, zunächst in Bezug auf die Handelsbeziehungen zwischen
-England und Ostindien.
-
-Ähnliche Beobachtungen haben, nebenbei bemerkt, auch die Niederländer
-in Bezug auf die Entwicklung ihrer Handelsbeziehungen zu ihren
-ostindischen Kolonieen gemacht.
-
-So waren also die Engländer und Niederländer von ihrem besondern
-Interessenstandpunkt aus im Recht, als sie sich seiner Zeit gegen die
-Durchstechung der Landenge von Suez sträubten und in der Verkürzung
-des Seeweges nach Ostindien nur eine Benachteiligung ihres Handels und
-ihrer Schiffahrt erblickten. Einen nicht unbeträchtlichen Einfluß auf
-die Verwaltung des Kanals hat sich die englische Regierung übrigens
-dadurch zu verschaffen gewußt, daß sie die im Besitze des Khedive von
-Ägypten befindlichen Kanalaktien in der Höhe von 176602 Stück für 80
-Mill. M. erworben hat[188].
-
-Der Tag der Eröffnung des Suezkanales wird endlich auch in der
-Geschichte der Nautik immer höchst denkwürdig bleiben; denn die Fahrten
-via Suez sind in erster Linie nur für Dampfer praktisch; dieser Umstand
-aber beförderte die +Umgestaltung der Handelsflotten von Segel- zu
-Dampferflotten+ in ganz außerordentlichem Maße.
-
-Nur angedeutet sei schließlich die großartige Rolle, welche der Kanal
-auch in kultureller Beziehung spielt. Unaufhaltsam dringt jetzt die
-Phalanx der abendländischen Kultur nach dem Orient vor.
-
-
-~b.~ Im Bau befindliche Kanäle.
-
-~a.~ Der +Panama-Kanal+[189]. Die Untersuchungen und Arbeiten zur
-Herstellung einer direkten Seeverbindung zwischen dem Atlantischen
-und Stillen Ocean in Mittelamerika datieren schon seit der Entdeckung
-dieser Länder. Daß aber die Ausführung des interoceanischen Kanals in
-Mittelamerika erst in allerneuester Zeit energisch in die Hand genommen
-worden, hat in Verschiedenem seinen Grund. Zunächst wollte Spanien, das
-ja im Besitze dieser Gebiete sich befand, in kürzester Zeit möglichst
-viel Gold aus seinen Besitzungen ziehen, aber nicht große Summen für
-die wirkliche Erschließung dieser Länder opfern. Dazu kamen dann in
-der ersten Zeit der Besitznahme dieser Gebiete die blutigen Fehden der
-Eroberer untereinander, später die berechtigte Sorge, durch leichte
-Zugänglichkeit auch die grimmigen Feinde der Spanier, die Engländer
-und die Filibusteros (Seeräuber), in die Länder zu locken. Neuerdings
-war der Ausführung des Riesenwerkes besonders das Sinken der Macht
-Spaniens hinderlich, und dann erklärt -- bis in die neueste Zeit -- die
-Schwierigkeit, aus den zahlreichen verschiedenen Projekten das beste zu
-erwählen, in erster Reihe die Thatsache, daß erst gegen Ende des 19.
-Jahrhunderts der Kanalbau in Angriff genommen wurde.
-
-Groß ist die Anzahl der im Verlaufe von über drei Jahrhunderten
-aufgetauchten Projekte und Routen. Fast jeder „Entdecker“ pries
-seine Route als die beste der möglichen. Aber gerade infolge davon
-wurden Staatsmänner, Geographen und besonders Kapitalisten sehr
-mißtrauisch gegen alle derartigen Pläne. In dieser Beziehung besserten
-sich die Verhältnisse in neuester Zeit, und zwar einerseits durch
-die Fertigstellung der Panama-Bahn und des Suezkanals, wodurch die
-Möglichkeit der Herstellung und Erhaltung solcher Riesenwerke, sowie
-die Rentabilität derselben nachgewiesen wurde, andererseits hatten
-die verschiedenen Expeditionen, welche zur Prüfung einer Anzahl von
-Routen ausgesandt worden waren, in die ganze Angelegenheit mehr Licht
-gebracht. Durch die Berichte der letzteren wurde bald eine große Zahl
-von Projekten als wertlos dauernd beseitigt, so daß schließlich nur
-noch drei ernstlich in Erwägung gezogen wurden; es sind dies die Route
-Atrato-Cupica-Bai, dann ein Kanal durch den Nicaragua-See und ein
-solcher von der Limon-Bai nach Panama. Man entschied sich in letzter
-Instanz für die Panama-Route.
-
-Der +Isthmus von Panama+ hat schon vom 16. Jahrhundert an als
-Transitweg gedient. Balboa und Morgan machten zuerst auf den Wert
-desselben aufmerksam. Das erste wissenschaftliche Nivellement des
-Isthmus ließ Bolivar 1828 aufnehmen, und die erste Gesellschaft, die
-sich zur Erbauung eines Kanals an dieser Stelle bildete, war die von
-Salomon und Talie (1838). 1844 ließ die +französische+ Regierung
-den Isthmus aufnehmen; dabei wurde die Möglichkeit einer Eisenbahn
-festgestellt. Energisch ging man indes erst ans Werk seit der glücklich
-erfolgten Erbauung des Suezkanals durch Lesseps. Im Auftrage einer
-1875 zusammengetretenen Kommission erforschten 1877 und 1878 unter
-anderen +Reclus+ und +Wyse+ die Panama-Routen, und 1879 entschied sich
-die internationale Kommission in Paris für den Kanal Colon-Panama.
-Unter +Lesseps’+ Leitung sind denn auch die Arbeiten 1881 begonnen
-worden. Der Kanal beginnt in der Bai von Limon, westlich von der Insel
-Manzanillo, auf welcher Aspinwall erbaut ist. Er durchschneidet die
-Sümpfe von Mindi und erreicht den Fluß Chagres bei Gatun. Er bleibt
-dann in der Nähe desselben, ihn mehrfach durchschneidend, und verläßt
-ihn bei Matachin; hier befinden sich die tiefsten Durchstiche. Der
-Kanal verläuft dann weiter in der Nähe des Rio Obispo bis zum Thale des
-Rio Grande. Er endet in der Bucht von Panama.
-
-Die Hauptschwierigkeit, welche der Ausführung des Panama-Kanals
-entgegensteht, bildet der +Rio Chagres+, in dessen Thal der Kanal
-gegraben werden muß, und dessen vielfach gewundenen Lauf er mehrfach
-durchschneidet. Dieser Chagresfluß nimmt nämlich eine sehr große Anzahl
-von Wasserläufen der verschiedensten Dimensionen in seinem Laufe auf,
-schwillt in der Regenzeit ganz ungeheuer an und überschwemmt dann
-weithin seine Ufer. So stieg er einmal in zwölf Stunden um 42 Fuß. Er
-bedarf also einer sorgfältigen Regulierung.
-
-Die Länge des Kanals ist auf 75 km (gegen 160 km des Suezkanales)
-festgesetzt, die Tiefe wird 8,5, die Breite an der Sohle 22,5, an
-der Wasserlinie 32-60 m betragen; der Kanal wird also ähnliche Maße
-zeigen, wie der Suezkanal. Doch soll er nicht, wie letzterer, getrennte
-Ausweichestellen, sondern nur eine einzige große von 5 km Länge
-zwischen km 26 und 31 erhalten. Die auszuhebenden Erdmassen betragen
-nach dem ursprünglichen Plane ca. 120 Mill. cbm[190]. Der letzte
-Verwaltungsbericht vom 29. Juli 1886 deutet übrigens eingreifende
-Entwurfsänderungen an, welche die Eröffnung des Kanals vor Ende 1889
-und mit der bisher in Aussicht genommenen Gesamtaufwendung von etwa
-1200 Mill. Frcs. sicherstellen sollen. Die jährlichen Einnahmen dürften
-nach Vollendung des Kanals bei einem Durchgangsverkehr von 5 Mill. t
-und einer Abgabe von 12 M. pro Tonne 60 Mill. M. erreichen[191].
-
-[Illustration: Fig. 139. Der Panama-Kanal.]
-
-Was den +Nutzen+ des +Kanals für den Welthandel+ betrifft, so wird
-zunächst +England+ großen Vorteil aus demselben ziehen. Zwar wird
-er den Verkehr zwischen England und Indien, China oder Japan vom
-Suezkanale nicht ableiten können, und ebenso dürfte sein Einfluß
-betreffs des englischen Handels mit den meisten australischen
-Kolonieen ein verschwindend geringer sein. Dagegen wird derselbe
-dem Verkehr Großbritanniens und Europas überhaupt mit der gesamten
-Westküste Amerikas jeder andern Route gegenüber großartige Vorteile
-bieten. Es werden nicht nur die Gefahren, welche der Schiffahrt aus
-der gewundenen Magellanstraße und den schweren Stürmen beim Kap Hoorn
-erwachsen, vermieden, sondern auch gewaltige Entfernungen auf der
-Seekarte gleichsam mit dem Zauberstabe beseitigt werden, wie aus
-folgender Tabelle hervorgeht.
-
- ---------+-------------+-----------------------+---------------
- | | ~via~ |
- Von | nach +----------+------------+ Raumersparnis.
- | |Kap Hoorn.|Panamakanal.|
- | |Seemeilen.| Seemeilen. | Seemeilen.
- ---------+-------------+----------+------------+---------------
- Hamburg |Valparaiso | 9528 | 8110 | 1418
- „ |Callao | 10947 | 7393 | 3554
- „ |San Francisco| 16037 | 9413 | 6624
- Liverpool|Valparaiso | 9528 | 8110 | 1418
- „ |Callao | 11370 | 6581 | 4789
- „ |San Francisco| 16463 | 8598 | 7865
-
-Die Entfernung zwischen Europa und der Westküste von Mittel- und
-Nordamerika wird also um die Hälfte, jene nach der Westküste von
-Südamerika um ca. ⅓ abgekürzt werden. Die Stadt San Francisco wird für
-unsere Schiffe in derselben Zeit zu erreichen sein, wie das Kap Hoorn
-an der Südspitze Südamerikas, Valparaiso ebenso schnell wie Montevideo,
-die Hauptstadt von Uruguay. Die Segelschiffe werden zur Fahrt nach San
-Francisco 60 Tage, zu jener nach Valparaiso 30 Tage weniger brauchen
-als dermalen.
-
-Darf somit der englische Handel bedeutende Vorteile von dem
-Kanale erwarten, so wird doch der +Löwenanteil+ am Gewinne dem
-+nordamerikanischen+ Verkehr zu gute kommen. New-York besonders
-rückt den Handelsemporien auf beiden Seiten des Stillen Oceans ganz
-wesentlich näher.
-
-Es beträgt z. B. die Entfernung
-
- von +New-York+ nach +Hongkong+:
-
- durch den Suezkanal 11796 engl. M.
- um das Kap der guten Hoffnung 14701 „ „
- um das Kap Hoorn 17680 „ „
- durch den Panama-Kanal 11238 „ „
-
- von +New-York+ nach +Yokohama+:
-
- durch den Suezkanal 13471 engl. M.
- um das Kap der guten Hoffnung 15690 „ „
- um das Kap Hoorn 17180 „ „
- durch den Panama-Kanal 9563 „ „
-
-Direkte Verschiffungen zwischen China bezw. Japan und den am
-Atlantischen Ocean gelegenen nordamerikanischen Häfen, insbesondere
-auch die gewaltigen Theesendungen, welche schon jetzt vielfach die
-Route über San Francisco benutzen, werden daher sich fortan dem
-Panama-Kanal zuwenden.
-
-Die Wegverkürzung zwischen dem Westen und Osten der Vereinigten Staaten
-veranschaulichen die nachstehenden Zahlen.
-
- Von +New-York+ nach +San Francisco+:
-
- um das Kap Hoorn 13601 engl. M.
- durch den Panama-Kanal 5260 „ „
-
-Auch der nordamerikanische Handel mit Australien und Neuseeland dürfte
-rasch in großartiger Weise aufblühen. Es beträgt der Abstand
-
- von +New-York+ nach +Melbourne+:
-
- durch den Suezkanal 13162 engl. M.
- um das Kap der guten Hoffnung 13030 „ „
- um das Kap Hoorn 12900 „ „
- durch den Panama-Kanal 10260 „ „
-
- von +New-York+ nach +Auckland+:
-
- durch den Suezkanal 14637 engl. M.
- um das Kap der guten Hoffnung 14505 „ „
- um das Kap Hoorn 11860 „ „
- durch den Panama-Kanal 8940 „ „
-
-So wird der Panama-Kanal, der allerdings dem Suezkanal an kommerzieller
-Bedeutung nicht gleichkommen wird, den seefahrenden Völkern der Erde
-meist große Vorteile bieten.
-
-2. +Der Kanal durch den Isthmus von Korinth[192].+ Der Gedanke, die
-Korinther Landenge zu durchstechen, ist älter als das Christentum.
-Schon Periander, der Tyrann von Korinth (628 v. Chr.), trug sich mit
-diesem Plane, desgleichen Julius Cäsar; unter Caligulas Regierung
-wurde das Terrain vermessen, und Kaiser Nero legte selbst Hand ans
-Werk, indem er den ersten Spatenstich that. Von den Versuchen des
-letztern sind noch heute Spuren vorhanden. Kriegerische Wirren und
-ungünstige Orakelsprüche haben indes den Bau wieder ins Stocken
-geraten lassen. Seitdem ruhte die Idee 1800 Jahre, bis der ungarische
-General +Türr+ dieselbe 1856 wieder aufnahm und im Jahre 1881 von der
-griechischen Regierung die Konzession zur Durchstechung der Landenge
-erhielt. 1882 konstituierte sich unter dem Vorsitz des genannten
-Generals die „Internationale Gesellschaft des Kanals von Korinth“ mit
-einem Kapital von 30 Mill. Frcs. Dieselbe übergab die Ausführung der
-Arbeiten einer französischen Generalunternehmung. Die für die Anlage
-des Kanals gewählte Stelle ist die gleiche, welche Nero in Aussicht
-genommen hatte. Die Länge des Kanals wird 6342 m, seine Sohlenbreite
-22 m und seine Tiefe 8 m betragen. -- Der neue Weg wird den für die
-Schiffahrt ganz erheblichen Vorteil bieten, daß das für dieselbe von
-jeher gefährliche Kap Matapan (Malea) vermieden wird. Ferner werden
-Schiffe aus der Adria nach Vollendung des Kanals 342 km, Schiffe aus
-dem Mittelmeer 178 km ersparen. -- Die Eröffnung des Kanals wird für
-das Jahr 1887 in Aussicht gestellt.
-
-3. +Nordostsee-Kanal[193].+ Schon gegen das Ende des 15. Jahrhunderts
-schufen die Lübecker im Interesse ihres weit ausgreifenden Handels
-eine Verbindung zwischen der Trave und der Elbe durch den noch heute
-für kleinere Fahrzeuge benutzten sogen. Stecknitzkanal, und das im 16.
-Jahrhundert aus kleinen Anfängen mächtig emporblühende Hamburg stellte
-sich im Jahre 1525 eine noch kürzere Wasserstraße her unter Benützung
-der Alster und Beste.
-
-Den Gedanken einer +direkten+ Aneinanderkettung der beiden Meere
-finden wir aber zuerst ausgesprochen in einem interessanten, auf der
-Universitätsbibliothek zu Kiel aufbewahrten Schreiben des Herzogs Adolf
-von Schleswig-Holstein-Gottorp an den Kaiser Maximilian II., datiert
-vom 16. August 1571; darin heißt es u. a.: „Undt wirdt bey meiner Stadt
-Kiell an der Ost Sehe belegen die gelegenheit erspüret und befunden das
-man einen graben ungefehrlich zweytausent Rutten lang eine Schiffarth
-durch etzlichen Sehe undt Awen bis In den Wasserfluß, die Eider
-genennt, kant gemachet werden.“
-
-Widrige politische Verhältnisse mögen in jener Zeit die Ausführung
-dieses Wasserweges verhindert haben, aber die in jenem Schreiben
-angegebene Route war so augenscheinlich die brauchbarste, daß sie
-unmittelbar zur Grundlage desjenigen Projektes wurde, welches die
-dänische Regierung im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts
-bearbeiten und endlich in den Jahren 1777-1784 ausführen ließ. Es war
-ein für damalige Verhältnisse immerhin großartiges Unternehmen, der
-alte Eiderkanal, dessen hundertjähriges Bestehen im Jahre 1884 gefeiert
-werden konnte. Der Bau hatte über 9 Mill. M. heutiger Währung erfordert
-und war seiner Zeit -- die ganze Wasserstraße ist 180 km lang -- die
-größte künstliche Kanalverbindung in Europa. Der Verkehr steigerte sich
-sehr schnell: 1805 wurden bereits von 3417 Fahrzeugen die Kanalgebühren
-erhoben, und im Durchschnitt der letzten zehn Jahre ist der Kanal von
-je 4500 Schiffen passiert worden.
-
-[Illustration: Fig. 140. Der Nordostsee-Kanal.]
-
-Trotz dieser anscheinend bedeutenden Schiffsbewegung ist jedoch nicht
-zu verkennen, daß dem Eiderkanal heute nur ein kleiner Bruchteil der
-Gesamtheit derjenigen Verkehrsrelationen zufällt, die zwischen Ost-
-und Nordsee bestehen, daß er überhaupt nur dem örtlichen und dem
-nahegelegenen Küstenverkehr dient. Den gewaltigen Dimensionen und dem
-Tiefgang unserer modernen Seeriesen entspricht er nicht, im besondern
-ist er auch für Kriegsfahrzeuge, ganz flachgehende Kanonen- und
-Torpedoboote ausgenommen, gänzlich unbenutzbar. Zudem nimmt die Fahrt
-durch den Kanal eine unverhältnismäßig lange Zeit in Anspruch, und die
-Schleusen erschweren den geordneten Schlepptrieb und das Freihalten
-vom Eise. Schon frühzeitig traten aus diesen Gründen verschiedene
-Projekte, sowohl für einen direkten anderweitigen Durchstich, wie für
-einen Umbau des alten Eiderkanals auf; aber erst nach der Einverleibung
-der meerumschlungenen Herzogtümer in Deutschland gewannen dieselben
-positivere Fassung, und nunmehr ist die Sache bereits so weit gediehen,
-daß das seitens der deutschen Reichsregierung dem Reichstage
-vorgelegte und von diesem genehmigte Projekt schon in Angriff genommen
-wird.
-
-Dem Kanal ist der Entwurf des Geh. Oberbaurats +Lentze+ und des in
-dieser Sache unermüdlich thätigen Hamburger Kaufmanns +Dahlström+ zu
-Grunde gelegt. Danach wird derselbe drei Meilen oberhalb Brunsbüttel
-an der Elbemündung beginnen, von da unter Benutzung der Kudensee- und
-Gieselau-Niederung nach Wittenberge an der Eider gehen, dann sich
-dieser und später dem jetzigen Eiderkanal anschließen und bei Holtenau
-in die Kieler Bucht einmünden. -- Die Länge des Kanals wird 99 km
-betragen.
-
-Die Gesamtherstellungskosten sind auf 156 Mill. M., die jährlichen
-Unterhaltungskosten, einschließlich einer Erneuerungsrate für die der
-Abnutzung unterliegenden Bauteile, auf 1900000 M. veranschlagt.
-
-Der Kanal soll einerseits den Anforderungen der Kriegsflotte genügen,
-andererseits dem zu erwartenden Handelsverkehr eine schnelle
-und sichere Durchfahrt gewähren. Unter Berücksichtigung dieser
-Gesichtspunkte ist für den normalen Querschnitt des Kanals eine Breite
-von 60 m im Wasserspiegel, von 20 m in der Sohle und eine Tiefe von
-8,5 m projektiert. Der Kanal erhält also hiernach Dimensionen, welche
-diejenigen des jetzigen Suezkanals noch übertreffen.
-
-Nach einem Auszug aus der Kostenrechnung sind veranschlagt für
-Grunderwerb 9900000 M., für Erd- und Baggerarbeiten 70900000 M., für
-Befestigung der Ufer und Böschungen und für Bezeichnung des Fahrwassers
-in den Seen 7200000 M., für Hafen- und Quai-Anlagen, Schleusen, Siele
-und dergleichen 36250000 M., für Brücken und Fähren 6700000 M., für
-Militaria 1000000 M., für Gebäude 1300000 M., für Betriebseinrichtungen
-und Maschinenanlagen 2250000 M., für insgemein 20500000 M., Gesamtsumme
-156000000 M.
-
-Was die +Bedeutung+ des Kanals betrifft, so ist dieselbe vor allem
-eine +strategische+. Der Kanal allein ist im stande, die positive
-Unabhängigkeit der Hälfte der deutschen Seekräfte gegenüber den
-nordischen Nachbarn sicherzustellen. Nur der Kanal garantiert,
-vorausgesetzt natürlich, daß seine Endpunkte in ausreichendster Weise
-durch Befestigungen gesichert sind, das Zusammenwirken der beiden in
-der Nord- und Ostsee stationierten Teile unserer Flotte, er schafft die
-Möglichkeit, überraschend mit geeinten Kräften östlich wie westlich
-der Herzogtümer aufzutreten, den Schwerpunkt der aktiven Verteidigung
-unserer Küstengebiete je nach Bedürfnis zu verschieben.
-
-In hervorragender Weise wird der Kanal aber auch +wirtschaftlichen
-Interessen+ sich zweckdienlich erweisen. Die Handelsschiffahrt mußte
-bisher infolge der mit erheblicher Gefahr verbundenen Fahrt um das
-Kap Skagen bedeutende Opfer an Geld und Zeit bringen. Der Kanal aber
-kürzt die Seereise um mindestens 237 Seemeilen ab, und die Ersparnis an
-Zeit ist um so größer, je weiter südlich das Ziel der aus der Ostsee
-kommenden Schiffe liegt. Segelschiffe ersparen bei Benutzung des
-Kanals mindestens drei Tage, Frachtdampfer 22 Stunden. Der Verkehr im
-Nordostsee-Kanal dürfte sich sehr rasch großartig gestalten, wenn man
-bedenkt, daß zur Zeit durchschnittlich im Jahre 35000 Schiffe den Sund
-passieren, von denen sicher 18000 den Kanal benutzen werden. Welche
-Opfer die Fahrt durch den Sund erfordert hat, ergiebt sich aus der
-Thatsache, daß in den fünf Jahren 1877-1881 auf der Fahrt zwischen
-Ost- und Nordsee um das Kap Skagen in den Meeren, welche bei derselben
-berührt werden müssen, allein 92 +deutsche+ Schiffe -- durchschnittlich
-per Jahr 18 -- mit rund 20000 Registertonnen Raumgehalt und einem
-Gesamtwert von 3-4 Mill. M. verloren gegangen sind. Durchschnittlich
-sollen nach früheren Berechnungen bei der Fahrt um Skagen an Schiffen
-aller Nationen jährlich an 200 verunglücken. -- Auch verschiedene
-Handelskammern, so die von Bremen und Köln, haben sich dahin erklärt,
-daß der Kanal für die Interessen des überwiegenden Teils des gesamten
-Reichsgebiets, insbesondere aber für den ackerbautreibenden Osten und
-den industriellen Südwesten Deutschlands von hervorragender Wichtigkeit
-sei.
-
-Die zu erwartende Verkehrsmasse wird auf 18000 Schiffe mit 5½ Millionen
-Reg.-Tonnen veranschlagt. Bei einer durchschnittlichen Abgabe von 75
-Pf. für die Reg.-Tonne werden daher Einnahmen in der Höhe von 4125000
-M. erwachsen, welchen wiederum Unterhaltungs- und Erneuerungskosten
-von 1900000 M. jährlich gegenüberstehen. Der Rest von 2225000 M.
-würde fast genau zu 4% Verzinsung von 55 Mill. M. genügen, welche
-von dem 156 Mill. M. betragenden Baukapital übrig bleiben, wenn man
-die Aufwendungen zu Zwecken der Kriegsführung (51 Mill. M.) und die
-seitens Preußens von vornherein bewilligte Summe von 50 Mill. M.
-in Abzug bringt. Insofern ist also zu hoffen, daß sich mindestens
-derjenige Kostenanteil verzinsen wird, welcher lediglich dem Nutzen des
-allgemeinen Verkehrs gewidmet ist.
-
-Die Bauzeit des Kanals wird auf 8-9 Jahre geschätzt, so daß man,
-wenn alles sich günstig gestaltet, zum Sommer 1895 der Eröffnung des
-Kanals entgegensehen darf. „Mögen sich die Hoffnungen in reichem Maße
-erfüllen, welche sich an das großartige Werk knüpfen; möge es dem
-Vaterlande dienen im Frieden zum Nutz, im Kriege zum Trutz!“
-
-4. +Der Seeschiffskanal nach Manchester.+ Gleich Brüssel, das die
-Abhängigkeit von Antwerpen nicht mehr länger ertragen will, sondern
-selbst den Charakter eines Seehafens erstrebt, ist auch Manchester, die
-gewaltigste Fabrikstadt der Welt, bestrebt, sich von der Vermittlung
-Liverpools zu emancipieren. Der breite, mächtige Mersey, an dessen
-Mündung Liverpool liegt, gestattet nämlich wegen seiner riesigen
-Schwankungen zwischen Ebbe und Flut nicht die unmittelbare Annäherung
-von Schiffen an das Ufer. Schon seit alten Zeiten ist deshalb das Ufer
-mit künstlichen, mit Schleusen verschlossenen Häfen (Docks) besetzt.
-Ihre Bewirtschaftung ist aber kostspielig, um so mehr, da der größte
-Teil derselben alt ist und daher keine Verbindung mit der Eisenbahn hat
-und wegen des engen, felsigen Terrains auch keine mehr bekommen kann.
-Die Ware muß also mit Rollfuhrwerk das steile Ufer hinangeschleppt
-und zur Bahn gefahren werden; kommt sie vor der Verladung mit der
-Eisenbahn auf Lager, so muß sie gar zweimal verfahren werden, was
-Kosten verursacht, die auf jeden großen Umschlagverkehr lähmend wirken.
-Manchester, das etwa 7½ deutsche Meilen landeinwärts von Liverpool
-liegt, wollte sich diese Kosten, die seine Einfuhr und Ausfuhr
-belasten, nicht länger gefallen lassen. Jahrelang hat es alle Energie
-darangesetzt, um vom Parlamente die Ermächtigung zum Bau eines Kanals
-für Seeschiffe von der Merseymündung nach Manchester zu bekommen.
-Jahrelang hat sich aber auch Liverpool mit ebenso großer Zähigkeit
-dagegen gewehrt; endlich hat nun doch Manchester im August 1885 seinen
-Willen durchgesetzt. Das Parlament hat einen sogen. „Trust“, wir würden
-etwa sagen eine Selbstverwaltungsbehörde, eingesetzt, welche den Bau
-und später die Verwaltung des Kanals in die Hände nimmt. Der „Trust“
-wird auf Grund des Gesetzes gewählt; er besteht aus Delegierten des
-Staates und der beteiligten Grafschaften, der beteiligten Städte,
-der Kaufleute und Fabrikanten von Manchester und seiner Vorstadt
-Salford; der Bau ist also kein Aktien-, sondern ein halböffentliches
-Unternehmen. Kürzlich wurden die Wahlen vollzogen. Der „Trust“ ist
-bereits im Besitze des zum Bau erforderlichen Kapitals, das nicht als
-am Gewinn beteiligtes Aktienkapital, sondern als einfache Anleihe
-aufgebracht ist. Das Kapital beträgt nicht weniger als 200 Mill. M.
-
-Der Kanal wird 56 km lang; die Schleusen, deren nur wenige vorhanden
-sein werden, sollen eine Breite von 20 m erhalten, und die Tiefe des
-Kanals wird 8⅔ m betragen, so daß die größten Schiffe ungehindert aus-
-und einfahren können. In Manchester selbst werden große künstliche
-Häfen mit allen bewährten Einrichtungen der Neuzeit hergestellt, und
-namentlich werden dieselben auch mit Schienensträngen unmittelbar an
-den Quais ausgestattet, so daß die Ware mittels hydraulischen Krans
-unmittelbar aus dem Schiff auf den Eisenbahnwagen gehoben werden kann.
-Manchester eignet sich daher in Zukunft auch als Speditionsplatz für
-die dichtbevölkerte Umgegend besser als Liverpool.
-
-
-=~c.~ Projektierte Kanäle.=
-
-
-=In Europa.=
-
-+Kanal zwischen Bordeaux und Narbonne.+ Die Länge dieses Kanals,
-welcher eine Verbindung zwischen dem Golf von Biscaya und dem
-Mittelmeer bezweckte, würde 407 km betragen und ca. 550 Mill. M.
-kosten. Den Schiffen wäre hierdurch der Weg durch die Straße von
-Gibraltar erspart.
-
-Ferner ist noch die Rede von Kanälen zwischen dem Weißen Meer und der
-Ostsee, sowie zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer; dann von
-der Durchstechung der Landenge, welche den Liimfjord in Jütland vom
-Kattegat trennt, von der Durchbohrung des Isthmus von Perekop, welcher
-das Schwarze vom Asowschen Meer scheidet, und von der Verbindung des
-Golfes von Saros mit dem Marmara-Meer.
-
-
-=In Asien.=
-
-1. +Malakka-Kanal.+ Hierbei handelt es sich um die Durchstechung der
-Halbinsel Malakka im Südosten Asiens. Als die geeignetste Stelle hierzu
-wird die Landenge von Krah hart an der Grenze des britischen Tenasserim
-bezeichnet. Die Masse der zu bewegenden Erde wird auf 30-38 Mill. cbm
-geschätzt bei einer Gesamtlänge des Kanals von 109 km; die Gesamtkosten
-werden zu 80-100 Mill. Frcs. veranschlagt. -- Durch die Herstellung
-dieses Kanals würde der Weg nach den chinesischen Häfen um ca. 1500 km
-abgekürzt. -- Die Naturhindernisse sind nicht übermäßig groß, und die
-Unternehmer hätten nur 11 km +eigentlichen+ Kanal zu graben; soviel
-beträgt nämlich die Entfernung zwischen den äußersten schiffbaren
-Punkten der sich in den Bengalischen, resp. Siamesischen Meerbusen
-ergießenden gegenüberliegenden Flüsse. Das Projekt wird indessen von
-England scheel angesehen, einmal weil es von Franzosen ausgeht, sodann
-aber, weil es der englischen Kolonie Singapore am Südende der Halbinsel
-Malakka den Todesstoß versetzen würde.
-
-2. +Palästina-Kanal.+ Dieses Projekt ist darauf gerichtet, das
-Mittelmeer durch einen von der Bucht von Acca ausgehenden Kanal mit dem
-Jordanthal und dieses durch einen zweiten Kanal mit dem Busen von Akaba
-zu verbinden.
-
-
-=In Afrika.=
-
-+Durchstechung der Landenge von Gabes[194].+ Hier handelt es sich
-allerdings nicht um die Verbindung zweier Meere, sondern um die
-Herstellung eines Kanals zwischen einem Meere (dem Mittelmeer) und
-einem Seengebiet (den algerisch-tunesischen Schotts); immerhin mag das
-Projekt hier seine Besprechung finden.
-
-Das algerisch-tunesische Schottgebiet liegt unter dem Spiegel des
-Mittelmeeres, ist also eine sogenannte Depression. Diese Thatsache gab
-vor allem dem französischen Generalstabskapitän +Roudaire+ († 1885)
-Veranlassung, die Möglichkeit einer Unterwassersetzung des ganzen
-Gebietes mittels Durchstichs der Landenge von Gabes zu untersuchen. Auf
-Grund dieser Untersuchung hielt er sich zu der Erklärung berechtigt,
-daß die Herstellung eines solchen Binnenmeeres (in +sehr+ übertriebener
-Weise von den Franzosen „+Saharameer+“ genannt) leicht auszuführen
-sei; außerdem versprach er sich sowohl in kommerzieller, als auch
-in klimatischer Hinsicht die besten Erfolge. Eine Kommission, welche
-von dem Präsidenten der französischen Republik 1882 zur Prüfung des
-Projekts nach seiner physischen, politischen und ökonomischen Seite
-berufen worden war, erklärte sich indes gegen dessen Ausführung.
-In neuester Zeit ist übrigens neben dem Jugendfreund +Roudaires+,
-dem Major +Landas+, auch +Lesseps+, der Erbauer des Suez- und
-Panama-Kanals, zum eifrigsten Verfechter des Projektes geworden,
-so daß zu vermuten steht, daß das Unternehmen schließlich doch zu
-einem glücklichen Ende gelange. Allerdings werden nach Vollendung
-des großen Werkes nicht die früher gehofften großartigen Änderungen
-in den Verhältnissen Nordafrikas eintreten; jedenfalls aber werden
-die klimatischen Verhältnisse der zunächstgelegenen Landschaft
-eine Verbesserung erfahren; auch wird die Anlage des künstlichen
-Binnenmeeres für die Urbarmachung der in unmittelbarer Nähe gelegenen
-Ländereien sich vorteilhaft erweisen, und der Schottbezirk, der zur
-Zeit unter der Geißel des Sumpffiebers leidet, wird bewohnbarer werden.
--- Die Oberfläche des künstlichen Binnenmeeres würde höchstens ca.
-13000 qkm betragen, das Saharameer somit von der wirklichen Sahara mit
-6,3 Mill. qkm nur den 485. Teil einnehmen.
-
-
-=In Amerika.=
-
-1. +Nicaragua-Kanal[195].+ In neuester Zeit besteht seitens der
-+Vereinigten Staaten von Amerika+ die Absicht, dieses Projekt, das
-schon 1879 in Paris auf dem internationalen Kanal-Kongreß erörtert,
-damals aber abgelehnt wurde, zur Ausführung zu bringen. -- Der Kanal
-soll vom Hafen von San-Juan del Norte oder Greytown am Antillenmeer
-zunächst als selbständige Wasserstraße westwärts ziehen, dann den
-San-Juan-Fluß bis zum Nicaragua-See benutzen, diesen See bis zur
-Einmündung des Rio del Medio durchlaufen und sich von da nach dem
-Hafen Brito am Stillen Ocean wenden. --- Die ganze Länge des Kanals
-würde 279,4 km betragen, die Länge des künstlich herzustellenden
-eigentlichen Kanals nur 85,4 km (der Panama-Kanal wird 75 km lang). --
-Die Dauer der Fahrt wird von einigen auf 4½ Tage, von anderen auf 36
-Stunden berechnet. -- Die Baukosten des Kanals werden auf 100 Mill.
-Doll. veranschlagt. -- Die hauptsächlichsten +Einwände+, welche man
-gegen die Wahl der Nicaragua-Linie erhoben, sind ihre bedeutende Länge,
-der Mangel guter Häfen an den Endpunkten, ihre Lage in vulkanischer
-Gegend und das Erfordernis von Schleusen, wodurch namentlich die Dauer
-der Fahrt verlängert würde. Diesen Bedenken werden nun freilich von
-anderer Seite auch die +Vorzüge+ gegenübergestellt, welche zu Gunsten
-der Linie sprechen. Dieselben sind:
-
-~a.~ Der Kanal liegt geographisch in günstiger Lage, weil außerhalb des
-Gebietes der Windstillen.
-
-~b.~ Seine Herstellung an dieser Stelle wird weniger als die Hälfte
-derjenigen Summe kosten, die für einen Kanal an irgend einer anderen
-Stelle Central-Amerikas erforderlich sein würde.
-
-~c.~ Der Nicaragua-Kanal durchschneidet ein Gebiet, das reich an
-Naturschätzen und hinlänglich entwickelt und bebaut ist, um die
-Unterhaltung der Arbeiterscharen während der Ausführung des Werkes
-sicherzustellen. Der Boden ist fruchtbar, die Weidegründe haben
-einen ausgezeichneten Viehstand, und alle zur Herstellung des Kanals
-erforderlichen Baustoffe an Hölzern, Steinen und Mörtelgut sind in
-nächster Nähe überall in reicher Auswahl vorhanden.
-
-~d.~ Der Ausführung stehen nur solche technische Schwierigkeiten
-entgegen, die leicht und mit mäßigem Kostenaufwand überwunden werden
-können.
-
-~e.~ Das Werk ist ein Süßwasser-Kanal, der auf die Reinigung der
-Schiffswände sehr günstig wirken wird. Erfahrungsmäßig sterben die
-Seetiere und Pflanzen, welche sich an die Schiffskörper ansetzen,
-alsbald ab, sowie das Fahrzeug in süßes Wasser gelangt.
-
-~f.~ Am Nicaragua-See bieten sich vortreffliche Gelegenheiten zur
-Anlage von Docks, Reparatur-Werften und Werkstätten.
-
-~g.~ Alle Lieferungen können abgabefrei auf bereits vorhandenen
-Wasserwegen bewirkt werden. Außerdem bestehen zwischen dem See und dem
-Stillen Ocean schon fahrbare Wege.
-
-~h.~ Die jährliche Regenhöhe ist im Durchschnitt eine verhältnismäßig
-geringe: am See etwa 130 cm, oberhalb der Mündung des San Carlos 200
-und im untern Thalgebiete des San Juan 215 cm.
-
-~i.~ Der hauptsächlichste Vorzug der Linie besteht in den natürlichen
-Vorteilen, die der Nicaragua-See selbst gewährt. Er vermag das
-Zwanzigfache von der Wassermenge zu liefern, welche die Handelsflotte
-der ganzen Welt für das Durchschleusen ihrer Schiffe erfordern würde.
-Der See ist 176 km lang bei einer durchschnittlichen Breite von 48
-km und einer in der Entfernung von 15 km vom Ufer ab bis zu 370 m
-anwachsenden Tiefe. Die Schwankungen im Wasserstande gehen nicht über
-1,5 m hinaus. Der San-Juan-Fluß ist überall mindestens 9 m tief. Er
-führt bei höheren Wasserständen des Sees 340 bis 420 cbm Wasser in der
-Sekunde aus demselben ab; sein Gefälle beträgt auf 45 km nur etwa 0,6
-m; auf der folgenden 15 km langen Strecke steigert es sich bis zu 3,65
-m. In seinem Oberlauf beträgt die Breite 350 bis 450 m; an der Stelle,
-wo die Anlage eines Dammes beabsichtigt wird, findet sich bei einer
-Breite von 180 m seine größte Tiefe.
-
-~k.~ Es ist leicht nachzuweisen, daß der Kanal eine gute Rente gewähren
-wird, selbst wenn seine Herstellungskosten doppelt so hoch ausfallen
-sollten, wie der Voranschlag sie ermittelt hat. Bei einem Frachtsätze
-von 2 Dollars für die Tonne würde sich ein Kapital von 100 Mill. Doll.
-mit wenigstens 8% verzinsen.
-
-2. +Florida-Kanal.+ Bei der Umfahrung der Halbinsel +Florida+ am
-Südostende von Nordamerika sind die Schiffe auf einer Strecke von 334
-km großen Gefahren ausgesetzt, weil die Küste von einer Unzahl von
-Sandbänken, Riffen und kleinen Inseln eingefaßt ist. Daher hat sich
-in Nordamerika eine Gesellschaft gebildet, um durch Erbauung eines
-Schiffahrtskanals diese Gefahren möglichst zu verringern und zugleich
-den Seeweg nach dem Meerbusen von Mejico abzukürzen. Der Kanal soll
-durch den nördlichen Teil der Halbinsel gehen, bei Jacksonville an der
-Mündung des St. Johnflusses in den Atlantischen Ocean beginnen und
-beim Flusse Suwannee, der in den Mejicanischen Golf mündet, enden.
-Die ganze Strecke, etwa 221 km, bietet fast gar keine Hindernisse,
-da das Land beinahe vollkommen eben und zum Teil sumpfig ist. Die
-Kosten sind auf 230 Mill. Frcs. veranschlagt; davon träfen 180 Mill.
-auf den eigentlichen Kanal und auf die Erbauung zweier Häfen. Das
-New-Yorker Handelsamt schätzt den Verkehr durch die Florida-Bucht auf
-das Dreifache des Verkehrs durch den Suezkanal. Die Entfernung von
-New-York bis Pensacola, dem bekannten nordamerikanischen Kriegshafen
-am Mejicanischen Meerbusen, würde um 1100 km abgekürzt, die bis
-New-Orleans um 900 und der Weg von Liverpool nach New-Orleans um 763
-km. Nach den amerikanischen statistischen Quellen haben in den letzten
-fünf Jahren 362 Schiffbrüche stattgefunden, bei denen an Waren für
-15 Mill. Frcs. zu Grunde gingen. Die Versicherungsprämien sind daher
-für die Schiffahrt an den Küsten Floridas sehr hoch; sie sind um
-2500-4000 Frcs. höher als für die nach Südamerika fahrenden Schiffe.
-Der jährliche Verlust, welchen die Schiffahrt an den Küsten von Florida
-sowohl an Fahrzeugen, als auch an Waren erleidet, beläuft sich auf 25
-Mill. Frcs.
-
-
-=2. Hafenanlagen.=
-
-Eine hervorragende Stelle in der Reihe der Hafenbauten nehmen die
-+Dockanlagen+ ein. Man versteht darunter künstlich geschaffene
-Wasserbassins, die durch eine Einfahrt mit dem Außenwasser in
-Verbindung stehen und zur Aufnahme jener Schiffe bestimmt sind, die zu
-löschen[196] oder zu laden haben. Solche Docks, auch +nasse+, +Waren+-
-oder +Handelsdocks+ genannt, werden überall da nötig, wo das Ufer dem
-wachsenden Schiffsverkehr nicht mehr hinreichenden Platz oder die
-Veränderlichkeit des Wasserstandes zum Löschen und Laden nicht Ruhe
-genug bietet. In den Emporien des Welthandels sind derartige Anlagen in
-der großartigsten Ausdehnung vorhanden, so vor allem in +London+ und
-+Liverpool+[197].
-
-Die Entstehung der +Londoner Docks+ (mit Ausnahme eines einzigen
-kleinen, auf dem südlichen Ufer der Themse gelegenen und für die
-Walfischfänger bestimmten, das schon 1660 als erstes Dock Englands
-erbaut wurde) fällt in das letzte Jahr des vorigen und die ersten
-Jahre dieses Jahrhunderts. Der Handel der Themse-Metropole, der im
-16. Jahrhundert den Händen der Hanseaten entrissen und auf Grund
-ähnlicher Privilegien, wie sie diese einst besaßen, in die Hände
-der Engländer gegeben worden war, hatte schon eine Zeit erheblichen
-Wachstums hinter sich. Aber der Hafen Londons hatte bis zum Schluß
-des 18. Jahrhunderts unter vollständig ungenügenden Hafenanstalten
-zu leiden. Die Legal Wharves, die einzigen für die vom Ausland
-kommenden Schiffe zulässigen Landungsplätze, alle auf der kurzen
-Stromstrecke zwischen Tower und London Bridge gelegen, waren nur 460
-m lang und vollkommen unfähig, den riesigen Verkehr zu bewältigen.
-Der langjährige Kampf, den die Kaufleute und Reeder gegen die
-monopolisierten Besitzer der Legal Wharves führten, war vergeblich;
-der größte Schaden durch Zeitverlust, Diebstahl (bis über 200000
-Pfd. St. in einem einzigen Jahre[198]) und Gefahr mußte ertragen
-werden, weil jene nicht auf ihre Vorrechte verzichten wollten. Doch
-endlich schwand auch der Glaube an die unantastbare Heiligkeit solcher
-Monopole, und 1799 wurde den westindischen Kaufleuten die Erbauung
-großer künstlicher Häfen freigegeben. Dieselben schufen sich in den
-noch heute bestehenden Westindia-Docks die ersten großen modernen und
-leistungsfähigen Kunsthäfen. Im Widerstreit mit dieser Unternehmung
-setzten andere Kaufleute ein Jahr später den Bau der viel näher bei
-der City gelegenen London-Docks durch. Im Jahre 1806 wurde dann für
-den Handel der ostindischen Kompagnie das Eastindia-Dock gebaut.
-Ungefähr gleichzeitig ging auch das alte Grönland-Dock in den Besitz
-einer neuen Gesellschaft über, die am südlichen Ufer der Themse
-neue Docks und Floßteiche für den Holzhandel schuf. Allen diesen
-Unternehmungen waren wiederum gewisse Monopole erteilt worden, und
-zwar für 21 Jahre, so daß für diesen Zeitraum an Neubauten nicht zu
-denken war. Obwohl nun im Vergleich zu den Nöten des frühern Zustandes
-unendlich viel gewonnen war, so empfanden viele Kaufleute auch die
-Privilegien der neuen Docks als einen harten Druck, und kaum war die
-21jährige Frist abgelaufen, so bildete sich eine neue Gesellschaft,
-um hart an den Wällen des altersgrauen Tower und nahe der City die
-St.-Katherines-Docks zu errichten. Seitdem sind noch entstanden die
-Surrey- und Commercial-Docks, die Millwall-Docks, das Victoria-Dock,
-das Albert-Dock und das Tilbury-Dock.
-
-Wir wollen nun einzelne der Londoner Docks des nähern kennen lernen.
-
-Diejenigen Docks, die der Fremde als Sehenswürdigkeit am ersten
-zu sehen bekommt, sind die +London-Docks+. Hier kommen großartige
-Quantitäten von Waren zur Lagerung; denn die gesamte Landfläche (24 ha)
-ist beinahe ausschließlich von Speichern, in zweiter Linie auch von
-Schuppen in Anspruch genommen. Trefflich ist namentlich die Ausstattung
-der Speicher. Mächtige Kellergewölbe dienen zur Lagerung von Wein,
-Spirituosen und Öl. Die langen Reihen von Pfeilern, zwischen denen
-die aufgestapelten Fässer hohe Wälle bilden, lassen nur schmale Gänge
-und Rollpfade für die Fässer frei. Aus den dunkeln Tiefen schimmern
-vereinzelte Gasflammen zweifelhaft hervor, und noch unheimlicher
-wirkt es, wenn man im tiefen Hintergrunde die Lichter sich bewegen
-sieht, ohne einen Menschen zu hören; denn der Fußboden ist dicht mit
-Sägespähnen belegt. Für das bequeme Rollen der Fässer sind flache
-Schienen angebracht, welche ihnen ein Abweichen von der Richtung
-unmöglich machen. Die sämtlichen Keller können 50000 Pipen Wein, 50000
-Oxhoft Cognac, 8000 Puncheons Rum und 2500 Tons Öl fassen.
-
-In den oberen Räumen, aus denen kleine praktische hydraulische Winden
-hervorragen, lagern Waren verschiedener Art, namentlich dienen einige
-Speicher ganz der Aufnahme von Wolle, andere bergen Thee, Gewürze oder
-Zucker. Hier hat man durchweg vortrefflich für Licht gesorgt; denn
-hier ist stets große Warenschau. Die obersten Böden haben durch breite
-und lange Fenster ein schönes Licht; aber auch in den unteren Böden
-ist teilweise die ganze Wand in eine Fensterreihe aufgelöst, oder
-es sind breite senkrechte Lichtschachte zu beiden Seiten der Böden
-hinabgeführt. Im Wollspeicher liegen die Ballen womöglich einzeln
-aufgeschnitten und ungestapelt nebeneinander; abwärts transportiert man
-sie auf Rutschbahnen, oder man wirft sie auch wohl einfach zur Luke
-hinaus. Ein solcher Speicher faßt ein Quantum Wolle von solchem Werte,
-daß die Versicherung erschwert wurde; deshalb zerlegt man eben jetzt
-die Speicher durch Aufführung von Brandmauern in mehrere Gelasse. Auch
-kommt niemals künstliches Licht in diese Räume. Abends oder an dunkeln
-Tagen leuchten Lampen mit Reflektoren von +außen+ in die Speicher. Ihre
-Lagerkapacität beträgt 100000 Ballen.
-
-Auf besonders lichtreichen Böden lagern die Gewürze, welche dem ganzen
-Gebäude einen wunderbaren Wohlgeruch verleihen. Hier stehen in langen
-Reihen die Zimmet-, Nelken-, Muskatnuß-, Chinarinde-Ballen; hier
-liegen überraschende Quantitäten von Elfenbein, teils ganz roh, teils
-in verschiedene Teile durchsägt, so daß die ganz hohlen und ziemlich
-wertlosen hinteren Teile von den schon kompakteren und endlich von den
-ganz massiven vorderen Teilen gesondert verkauft werden können.
-
-Im London-Dock sind zu Zeiten 1200 Arbeiter in Thätigkeit.
-
-Eine eigenartige Lagergelegenheit besitzt das +Victoria-Dock+ in den
-unter einigen Schuppen befindlichen Kellern für gefrorene Schafe, die
-auf Schiffen mit Refrigerationsmaschinen von Australien kommen. Die
-Keller, welche ebenfalls eine solche Kältemaschine haben, werden auf
--8° R. gehalten. Das Fleisch der Hämmel, die alle einzeln in Kattun
-eingenäht und alsdann aufgestapelt sind, ist denn auch steinhart
-gefroren. Das Lager reicht für 40000 Schafe aus.
-
-Eines der am vorteilhaftesten angelegten Docks ist das +Albert-Dock+.
-Vor allem ist hier die Verbindung zwischen Eisenbahn und Schiffahrt am
-glücklichsten durchgeführt. Zwischen Schuppen und Quai ist nämlich ein
-breiter Raum gelassen, auf dem zwei Schienenstränge für die Eisenbahn
-und ein dritter, breiterer für die hydraulischen Laufkräne liegen. Die
-Beleuchtung ist elektrisch. Nicht weniger als 45 hydraulische Laufkräne
-mit einer Stärke von à 1500 kg sind hier in Thätigkeit, außerdem noch
-vier schwimmende Riesenkräne mit Dampfbetrieb von 15, 20, 30 und 60 t
-Tragfähigkeit. -- Die Landfläche des Albert-Dock beträgt 136½ ha.
-
-Das jüngste Dock ist das +Tilbury-Dock+. Es besteht aus einem Hauptdock
-von 488 m Länge und 183 m Breite nebst drei sich rechtwinklig
-anschließenden Querdocks. Die Uferlänge des Docks beträgt ca. 3950 m
-und ermöglicht es, daß 42 der größten Dampfer gleichzeitig landen. Auch
-von vielen Schienensträngen ist dasselbe umzogen; ungefähr 80 km sollen
-sich in und am Dock befinden. Seine Wasserfläche wird auf 28,8 ha
-angegeben, die dazu gehörige Landfläche auf 210,2 ha. Der Kostenpreis
-der ganzen Anlage einschließlich des Landerwerbs beträgt 2 Mill. Pfd.
-St. (= 40 Mill. M.).
-
-Die Gesamtheit der von den Londoner Dockgesellschaften engagierten
-Kapitalien beträgt:
-
- London-St.-Katherines-Dock-Kompagnie 10609648 Pfd. St.
- East-West-India-Dock-Kompagnie 4237700 „ „
- Milwall-Dock-Kompagnie 1125000 „ „
- Surrey-Comercial-Dock-Kompagnie 1716654 „ „
- -----------------
- 17689002 Pfd. St.
-
-Einschließlich der für das Tilbury-Dock erwachsenen Kosten beziffert
-sich demnach der +Aufwand+ für die Dockbauten Londons rund auf 20 Mill.
-Pfd. St. (= 400 Mill. M.).
-
-Die +Wasserfläche+ aller Londoner Docks beträgt heute nicht weniger
-als 223,2 ha, also zehnmal soviel wie die der drei prächtigen Docks
-zu Bremerhaven. Dazu gehören nicht weniger als 600 ha Landfläche,
-welche mit Schienensträngen, Fahrstraßen, Schuppen, Speichern,
-Kränen, Maschinenhäusern u. s. w. bedeckt sind. Die +Quais+ sind etwa
-30000 m lang, würden also, wenn sie alle in einer Linie lägen, eine
-Längsausdehnung von vier deutschen Meilen haben. Die Zahl der in ihnen
-ein- und auslaufenden Seeschiffe beträgt per Jahr über 50000.
-
-In +Liverpool+ beträgt die Wasserfläche der Docks 204,4 ha, bleibt also
-nur wenig hinter jener der Londoner Docks zurück. Auch verschlangen die
-Mersey-Docks ungefähr dieselbe Summe wie die Londoner: 20 Mill. Pfd. St.
-
-[Illustration: Fig. 141. Die Tilbury-Docks.]
-
-Außer den +nassen+ oder +Handelsdocks+ giebt es noch sogen.
-+Trockendocks+, die vorzugsweise bei Reparaturen von Schiffen
-Verwendung finden. Dieselben sind aus dem Erdreich ausgehobene Räume,
-im Grundzuge von der Form eines Rechtecks, dessen Längsrichtung
-senkrecht zur Uferlinie steht. Die ins Land hinein gelegenen drei Wände
-sind fest mit Steinplatten ausgemauert und zeigen ringsumlaufende
-Stufen in amphiteatralischer Anlage, welche die Fußpunkte für die
-+Stützen+ abgeben, mittels deren das Schiff in aufrechter Stellung
-erhalten wird. Die Größenverhältnisse der sogen. +Dockkammer+ sind dem
-lokalen Bedürfnis angepaßt; die Länge wechselt zwischen 60 und 300
-m. In der mittlern Längsachse stehen die +Kielklötze+, auf welchen
-der Kiel des gedockten Schiffes ruht, und ihnen zur Seite auf
-Gleitbahnen eine Anzahl Kimmschlitten, die den Schiffsboden in der
-Kimm stützen. Die nach dem Wasser zu gelegene Seite der Dockkammer
-zeigt zwischen zwei das +Dockhaupt+ bildenden Einfassungsmauern
-eine Öffnung von genügender Größe, um ein Schiff bequem durchholen
-zu können. Die Benützung dieses Docks geschieht nun auf folgende
-Weise: Soll ein Schiff repariert werden, so fährt es aus dem Bassin
-oder Hafen, mit dem ein solches Trockendock kommuniziert, durch
-die Einfahrt ins Trockendock. Ist dies geschehen, so wird das Dock
-entweder durch Schleusenthore geschlossen, oder es wird ein aus Eisen
-gefertigtes Verschlußponton „eingefahren“, versenkt und dadurch die
-Einfahrtsöffnung wasserdicht abgesperrt. Jetzt wird das Wasser, welches
-im Hohlraume des Trockendocks vom Wasser des Hafenbassins abgeschlossen
-ist, mittels kräftiger Pumpen ins Hafenbassin zurückbefördert und der
-Raum, in welchem sich das Schiff befindet, vollständig trockengelegt.
-Die Arbeiten am Schiff können nun beginnen. Sind dieselben beendet,
-und soll das Schiff wieder in See gehen, so füllt man das Dock durch
-Öffnungen in den Seitenmauern oder im Dockhaupt wieder mit Wasser, hebt
-das Verschlußponton durch Auspumpen des Wassers aus den Kasten der
-obern Etage, führt es wieder aus und holt das Schiff aus dem Dock.
-
-[Illustration: Fig. 142. Schwimmdock bei Steinwärder.]
-
-Trockendocks anderer Art sind die +Schwimmdocks+; die neuere Technik
-erbaut dieselben ganz aus Eisen. Boden und Seitenwände enthalten
-zellenförmig angelegte wasserdichte Abteilungen; die Querwände fehlen
-ganz. Um ein Schiff einzubringen, wird das Dock versenkt, indem man
-die entsprechende Anzahl Zellen sich mit Wasser füllen läßt. Ist das
-Schiff im Dock, so pumpt man das Wasser durch das aus einer Längswand
-aufgestellte Schöpfwerk aus und verholt unter Umständen den ganzen
-schwimmenden Apparat nach der zur Vornahme der Bauarbeiten bestimmten
-Stelle.
-
-Sonstige Trockendocks sind noch die +hydraulischen+ und die +Rostdocks+.
-
-Auf dem Kontinente hat in jüngster Zeit besonders +Antwerpen+ gewaltige
-Summen für die Verbesserung seiner Hafenanlagen aufgewendet. Die
-Gesamtausgabe für die neuen Quaibauten an der Schelde betrug nicht
-weniger als 80 Mill. Frcs.
-
-Bedeutende Hafenbauten werden gegenwärtig auch in den beiden
-wichtigsten deutschen Seehandelsplätzen ausgeführt: in +Bremen+ und
-+Hamburg+.
-
-+Bremen+ (Stadt) sah entsprechend der alten Fahrwassertiefe der
-Unterweser (5-6 Fuß) bis vor wenigen Jahren fast nur leichtere
-Fahrzeuge. Der Seeverkehr konzentrierte sich fast ganz in den
-Unterweserhäfen und war an der Stadt äußerst winzig; dem entsprechend
-waren auch die Lösch- und Ladevorrichtungen ganz primitiv. Bis
-noch vor einem Jahrzehnt fand eine Verbindung zwischen Schiff
-und Eisenbahn nur am Weserbahnhof statt. Später kam dann der
-„Sicherheitshafen“ hinzu, ein sehr kleines, aber mit Schuppen,
-Schienen, Dampfkraft, Getreide-Elevatoren, Gaskränen u. s. w. gut
-ausgestattetes offenes Bassin, das 450 m Ladequai hat. Zur Zeit aber
-wird der sogen. „Freihafen“ gebaut, der nach Umfang und Tiefe geeignet
-ist, dem Schiffsverkehr zu dienen, wie er sich nach Vollendung der
-Weserkorrektion gestalten wird. Er ist ebenfalls offen, 1850 m lang,
-120 m breit und 6½ m unter Null tief. Diese Tiefe reicht für Schiffe
-von 5 m, kann aber noch um 1 m vermehrt werden. Die Wasserfläche des
-Freihafens beträgt 22 ha, die Landfläche 68 ha. Die Quaimauer erhält
-eine Länge von 3750 m; Schienenstränge für Eisenbahn (zwei) und
-hydraulische Laufkräne liegen am Ufer; hinter ihnen befinden sich 40
-m breite Schuppen, dann eine Straße mit Schienen, dann Speicher, dann
-wieder Schienen. Alle Fußböden haben Perronhöhe. Die Kraftleistung von
-Kränen, Winden, Drehscheiben und Spillen geht von einer hydraulischen
-Centralleitung aus.
-
-+Hamburg+ hatte bis vor wenigen Jahrzehnten seine Seeschiffe sämtlich
-auf dem offenen Strom liegen; von dort holten die Schuten die Waren
-ab, um sie vor die an den Fleeten liegenden Speicher zu bringen. Die
-ersten eigentlichen Häfen im modernen Sinn hat es vor 20 Jahren in dem
-Sandthorhafen und dem Grasbrokhafen erbaut; jener ist 1030 m lang und
-in der Mitte ca. 100 m breit; dieser ist an seiner längsten Seite 880 m
-lang. Beide Häfen sind ohne Schleusen. Die Rückseite der Landzunge, die
-den Grasbrokhafen bildet (der Strandhafen), ist ebenfalls Ladequai, so
-daß die ganze Quailänge dieses Hafenkomplexes 4113 m beträgt. In diesen
-mäßig großen, aber vorzüglich ausgestatteten Häfen liegen vorzugsweise
-die Dampfer der großen Fahrt. An den Quais liegen zunächst verschiedene
-Eisenbahngeleise, sowie Schienen für fahrbare Dampfkräne, die hier
-zahlreich aufgestellt sind. Sodann kommen Durchgangsschuppen, hinter
-welchen abermals zahlreiche Schienenstränge liegen. Am linken Elbe-Ufer
-liegt sodann der Petroleumhafen, ein ca. 500 m langes, offenes, nur mit
-einer Spuntwand eingeschlossenes Bassin, ohne Eisenbahnverbindung.
-
-Durch den Eintritt Hamburgs in das Zollgebiet des Deutschen Reichs
-werden indes die +bisherigen+ Hafenverhältnisse gänzlich umgestaltet.
-Der oberhalb des Grasbrokhafens gelegene Baakenhafen wird in einen
-tiefen Hafen für überseeische Dampfer verwandelt. Auch dieser 1200 m
-lange Hafen wird offen bleiben. An beiden Seiten wird er eine Reihe
-Durchgangsschuppen und eine Anzahl Schienenstränge erhalten. Außerdem
-wird die Stromseite der den Hafen bildenden Landzunge mit Quaimauern
-versehen, so daß die Gesamtquailänge hier auf 4000 m geschätzt wird.
-Gegenüber, am linken Ufer, wird, abgesehen von dem Oberländerhafen
-für Fluß- und Kanalschiffe, der ebenfalls offene Segelschiffhafen mit
-ca. 3100 m Quaimauern, mit Schuppen und Schienensträngen ausgestattet
-werden. Das sind also 7100 m neue Quais zu den 4000 m alten, im
-ganzen also 11100 m, ausschließlich des Petroleumhafens, der Häfen
-für oberländische Schiffe und des alten Schiffslagers auf dem offenen
-Strom, betreffs dessen es allerdings fraglich ist, ob es noch fernerhin
-benutzt werden kann.
-
-Die Kosten dieser Umgestaltung, einschließlich der im übrigen
-Freigebiet gebauten Speicher, werden auf nicht weniger als ca. 106
-Mill. M. geschätzt. Dafür wird aber der Hafen von Hamburg nach
-Vollendung dieser Bauten auch einer der besteingerichteten und
-schönsten der Welt sein.
-
-In der That großartig und staunenerregend sind die Fortschritte, welche
-Wissenschaft und Technik auf dem Gebiete des Seewesens in neuester
-Zeit gemacht haben. Und gleichwohl gelten noch immer, wie sogleich das
-nächste Kapitel des nähern zeigen wird, die ergreifenden Worte des
-englischen Dichters:
-
- Wog, Ocean, du dunkelblauer, wog!
- Zehntausend Kiele furchen dich vergebens!
- Wohl zwang der Mensch die Erde in sein Joch,
- Du aber bist die Grenze seines Strebens.
- Er nennt sich stolz den mächt’gen Herrn der Welt,
- Doch sieht an dir er seine Macht zerschellen.
- Du spottest sein! und wenn es dir gefällt,
- Begräbst du ihn im Gischte deiner Wellen.
- Er sandte Flotten ohne Zahl hinaus,
- Im grimmen Kampfe sich mit dir zu messen.
- Wo sind geblieben sie? Im Sturmgebraus
- Sind sie verweht, versunken und vergessen.
- Du aber wogest fort! Es grub die Zeit
- In deine Azurstirne keine Falten;
- Wie Gott dich anfangs schuf, so wogst du heut’,
- So wird in Ewigkeit er dich erhalten.
- Ob wilde Stürme -- peitschend deine Flut --
- Am eisumstarrten Pole dich umtosen,
- Ob in des milden Südens Sommerglut
- Balsam’sche Lüfte linde mit dir kosen --
- Du bleibst dir gleich! Erhaben, mächtig, groß,
- Abbild der Ewigkeit, der Schöpfung Krone --
- So wallest du, -- unendlich, bodenlos,
- Unwandelbar von Zon’ zu Zone.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Gefahren der Schiffahrt[199].
-
-
-Bei der Großartigkeit des heutigen Verkehrs auf den Oceanen kann
-es nicht überraschen, wenn zwischen den durch weite Wasserwüsten
-getrennten Kontinenten auch die +Unfallsstatistik+ eine hervorragende
-Rolle spielt. Die Zahl der Fahrzeuge, welche alljährlich auf dem
-Ocean Beschädigungen erleiden oder ganz verloren gehen, ist geradezu
-ungeheuer; der Verlust an Menschenleben geht in die Tausende und jener
-an Hab und Gut in die Millionen. Allerdings hat die Vervollkommnung
-der Schiffahrtskunde den Seeleuten manche Mittel an die Hand gegeben,
-Gefahren zu vermeiden oder Schwierigkeiten zu begegnen, welchen die
-Nautik früherer Zeiten nicht gewachsen war; aber das menschliche
-Vermögen gegenüber den Naturgewalten hat am Ende doch seine bestimmten
-Grenzen, und es treten im Seeverkehr häufig genug Momente ein, wo
-alle technischen Errungenschaften, alle Erfahrungen und Hilfsmittel
-der Wissenschaft, einschließlich der todestrotzigen Energie der
-Mannschaften, nichts gegen die furchtbare Zerstörungswut der Elemente
-auszurichten vermögen.
-
-Ganz besonders gefürchtet sind von den Schiffern die +Wirbelstürme+
-im Atlantischen, Indischen und Stillen Ocean. Die Chroniken der
-oceanischen Schiffahrt sind voll von diesbezüglichen Mitteilungen.
-Einer der verrufensten Wirbelstürme Westindiens war z. B. jener vom
-10. Oktober 1780. „Sein Lauf begann in der Nähe der Insel Barbados,
-einer der südlichen Kleinen Antillen. Vor ihm blieb nichts aufrecht
-stehen, keine Wohnung, kein Baum, kein Strauch, kein Grashalm. Die
-in die Keller geflüchteten Einwohner der Hauptstadt merkten vor
-dem wilden Tosen des Oceans nicht, daß über ihren Häuptern die
-Gebäude zusammengestürzt waren. Aber nicht überall gab es so sichere
-unterirdische Räume, und Tausende von Unglücklichen wurden unter den
-Trümmern zerschmettert. Keine Feldschlacht zwischen zwei feindlichen
-Armeen richtet ähnliche Greuel an, wie dieser Cyklon es gethan.
-Weiter voranrückend traf er in den Gewässern von Santa Lucia eine
-ganze englische Kriegsflotte und versenkte sie mit Mann und Maus in
-die Abgründe des tobenden Meeres. Die Insel verwüstete er ebenso
-vollständig wie Barbados und begrub 6000 Einwohner unter den Trümmern
-der Wohnungen. In der Nähe von Martinique ergriff er die französische
-Transportflotte, und, mit ihr ebenso kurzen Prozeß machend, begrub
-er in den Wogen 40 Schiffe mit 4000 Mann Truppen. Auf dem Lande aber
-fegte der Sturm und die ihm folgende Flutwelle die Stadt St. Pierre
-und andere Ortschaften einfach vom Boden weg, so daß hierbei allein
-9000 Menschen ums Leben kamen. So ging er von Insel zu Insel, auch nach
-St. Thomas, alles mit Entsetzen, Verzweiflung und Tod erfüllend. Sogar
-weiter nördlich bei den Bermudas, weit außerhalb seines Centrums, fand
-er noch Kraft genug, mehrere englische Kriegsschiffe zu versenken, die
-eben auf der Rückkehr in ihre Heimat begriffen waren.“
-
-Furchtbar war auch der Cyklon bei Guadeloupe vom 26. Juli 1825. „Die
-Schiffe auf der Reede von Basse Terre verschwanden, und einer der
-Kapitäne, der dem Tode entrann, erzählte, daß seine Brigg vom Sturm aus
-dem Wasser gehoben worden sei und sozusagen in der Luft Schiffbruch
-gelitten habe. Die Häuser von Guadeloupe wurden teilweise zertrümmert,
-zerbrochene Möbel wurden fortgeschleudert und gelangten über den
-zehn Meilen breiten Meeresarm bis Montserrat; man sah auch, wie ein
-dritthalb Centimeter dickes Brett, vom Sturme gepackt, einen Palmstamm
-von fast einem halben Meter Dicke durchschnitt.“
-
-Zu den schrecklichsten Taifunen, die je erlebt worden, zählt ferner
-derjenige vom 22.-23. September 1874, der in +Hongkong+ und +Macao+ die
-greulichsten Verheerungen anrichtete. Im erstgenannten Hafen gingen
-allein 14 große Hochseefahrer zu Grunde, und vier weitere scheiterten
-an der Küste, darunter der große Postdampfer „Alaska“; 15 verloren die
-Masten oder erlitten andere Havarieen, sechs verschwanden spurlos. Im
-ganzen Bereiche der Stadt sah man nur Ruinen. Alle Hafendämme, mit
-Ausnahme eines einzigen, wurden zerstört. Die materiellen Verluste
-waren enorm. Fast alle Wohnungen wurden mehr oder weniger beschädigt,
-und die stärksten Bäume lagen geknickt auf dem Erdboden. Die Zahl
-der bei diesem Elementarereignisse ums Leben gekommenen Menschen
-schätzten die damaligen Berichte auf 2000-5000. Die Wogen trieben
-Stunden hindurch unausgesetzt Leichen ans Land. Mehr als die Hälfte
-der chinesischen Schiffsmannschaften hatte das Leben verloren. In dem
-Augenblicke, wo die Dampfer „Albay“ und „Leonor“ mit ihren Mannschaften
-und Passagieren scheiterten, schloß sich dem Schrecken dieser Nacht
-noch der einer Feuersbrunst an. Zum Glücke wurde das Feuer durch die
-ungeheuer heftigen Windstöße und die vom Himmel herabrauschende
-gewaltige Regenflut in kurzer Zeit wieder gelöscht. Als der Tag
-angebrochen war, hätte man glauben können, die Stadt sei durch ein
-Bombardement vernichtet worden.
-
-Womöglich noch ärger wütete der Orkan in +Macao+. In wenigen
-Stunden wurde die Stadt in einen Schutthaufen verwandelt, ihr
-gesamter Wohlstand vernichtet. Am Abend des 22. September kündigten
-atmosphärische Symptome und der Stand des Barometers an, daß sich etwas
-sehr Bedenkliches vorbereite. Indessen war der Wind nicht stark, aber
-das Meer sehr erregt. Es war noch nicht der eigentliche Sturm, aber
-man verspürte bereits etwas von seiner Wut, wenn sich die Wogen auf
-die Küste warfen. Der Wind blies aus Norden und nahm fortschreitend
-an Heftigkeit zu. Um Mitternacht fing das Innere des Hafens an, das
-Schauspiel der Zerstörung darzubieten; die Vertäuungen und Ankerkabel
-zerrissen, und im Nu lagen die vielen Dschonken in einem wirren Haufen
-aufeinander und zerschellten.
-
-Große Gefahren bereiten den Schiffen in den höheren Breiten die
-+Eismassen+, die oft einen Meeresraum von vielen Quadratmeilen
-bedecken. Als Kapitän +Mac Clintock+, dem wir Aufklärung über Franklins
-Schicksal verdanken, mit seinem Schiffe „Fox“ 1857 von der Melville-Bai
-querüber nach dem Lancastersunde zu fahren gewillt war, wurde er von
-Eismassen eingeschlossen, fror fest und trieb nicht weniger als 242
-Tage in und mit diesem Eise 1194 Seemeilen südwärts. Die „Hansa“, ein
-deutsches Nordpolfahrerschiff, wurde 1869 am 19. Oktober unter 70°
-50′ n. Br. gegenüber der Küste von Ostgrönland vom Eise zerquetscht.
-Das Eisfeld, auf welches sich die Mannschaft rettete, war 15 m dick,
-und der Umfang desselben, der sich allmählich stark verminderte,
-betrug anfänglich 2½ Stunden. Die Mannschaft legte bekanntlich
-auf dieser Scholle in 243 Tagen eine Strecke so weit wie die von
-Konstantinopel nach Berlin zurück. -- Weiter als die +Eisfelder+
-dringen die +Eisberge+ von beiden Polen her gegen den Äquator vor. Sie
-kommen in den Golfstrom und selbst bis in die Westindischen Gewässer,
-und +antarktische+ Eisberge sind schon bis ans Kapland gelangt. Es
-unterliegt kaum einem Zweifel, daß viele von den Schiffen, die von
-Europa nach Amerika fuhren, und von denen nie wieder eine Kunde zu
-uns drang, an Eisbergen Schiffbruch litten und in den Abgrund des
-Meeres versanken. Das Schicksal des Dampfers „Pacific“, der 1861
-sein Ziel nicht erreichte, wurde z. B. nur durch eine Notiz in einer
-treibenden Flasche aufgeklärt, welche besagte, daß er durch einen
-Eisberg zum Sinken gebracht worden sei. So wurde auch am 7. November
-1879 dem Dampfer „Arizona“ bei Neufundland durch Zusammenstoß mit einem
-Eisberge der Bug weggerissen, so daß die Rettung des Schiffes nur mit
-Mühe gelang. Am 24. Mai 1882 passierte ein nach New-York bestimmter
-deutscher Postdampfer während 24 Stunden nicht weniger als 351 Eisberge
-der verschiedensten Größe. Der Anblick solcher Eisberge ist übrigens
-ein majestätisches Schauspiel. Ihre phantastischen Gestalten prangen
-in der herrlichsten Farbenpracht. Bei Nacht und bei Tage glänzen sie an
-den weißen Stellen wie Silber und an den übrigen in den lebhaftesten
-Regenbogenfarben. Im Sommer vollends, wenn das Eis durch die Wirkungen
-der Sonnenstrahlen geschmolzen wird, strömt das Wasser in großen
-Wasserfällen vom Kamme solcher Eisgebirge hernieder.
-
-Zu den schlimmsten Feinden der Schiffahrt zählen ferner die +Nebel+;
-denn selbst auf den bekanntesten Straßen, dicht vor dem Hafen kann
-ein Nebel alle menschliche Kunst nutzlos machen, wie uns noch in
-jüngster Zeit der Untergang der „+Cimbria+“ gezeigt hat. Ein echtes
-„Nifelheim“ ist besonders die nördliche Hälfte des Südsee-Beckens,
-das zuweilen wochenlang in undurchdringlichen Nebel gehüllt ist.
-Eine Fahrt durch solch ein Nebelmeer gehört in der That zu den
-unheimlichsten und aufregendsten Vorkommnissen des menschlichen Lebens.
-Bald droht ein Zusammenstoß mit einem in entgegengesetzter Richtung
-steuernden Dampfer; bald verkündet der tiefe Stand des Thermometers die
-unheilvolle Nähe eines gewaltigen Eisberges; bald besteht die Gefahr,
-an einer Klippe zu scheitern u. s. w. Die Schiffsmannschaft ist in
-ununterbrochener Thätigkeit. Da wird gelotet, laviert, manövriert,
-die Dampfpfeife oder das Nebelhorn in Aktion gesetzt, langsamer oder
-schneller gefahren, bald mit halber Dampfkraft, bald mit gerefften
-Segeln; es ist ein ununterbrochenes Tappen und Suchen, Ausforschen und
-Ausklügeln mit furchtbar angespannten Sinnen, bis endlich der Glanz der
-Sonne den Nebelschleier durchbricht. Wer solch eine Fahrt mitgemacht,
-der hat die Sonne gewiß so freudig begrüßt, wie der Gefangene, der am
-Tage der Begnadigung aus seinem finstern Kerker zu neuem Leben in die
-sonnige Welt hinausschreitet.
-
-Vielen Schiffen bringt die +Küste+ Verderben und Untergang; namentlich
-sind es die +Flachküsten+, welche der Schiffahrt infolge der Sandbänke,
-von denen dieselben umgürtet sind, oft recht verhängnisvoll werden.
-Ein Meer, reich an solchen Sandbänken, ist z. B. die Nordsee. Die
-Westküste von Jütland führt geradezu den Namen der „+eisernen+“ Küste;
-denn jedes Schiff, welches auf diese Sandbänke gerät, ist unrettbar
-verloren und in der kürzesten Zeit in Sand begraben. Von ähnlicher
-Beschaffenheit ist auch die Küste der Sahara. Ganz besonders gefährlich
-sind solche Küsten dann, wenn in einiger Entfernung vom Ufer die Tiefe
-des Meeres +plötzlich+ zunimmt. Da nämlich im tiefen Wasser die Wellen
-rascher gehen als im seichten, so überholen sich an der Grenze des
-seichtern und tiefern Wassers die Wellen und bilden auf diese Weise
-furchtbare Brandungen. An der Koromandelküste ist diese Erscheinung
-unter dem Namen des +Surf+ bekannt. Hier ankern die Schiffe im offenen
-Meere, und nur die Eingeborenen verstehen es, mit ihren Booten durch
-den Wasserwall sich hindurchzuarbeiten. -- Außer den Flachküsten sind
-auch die +Klippenküsten+ den Schiffen vielfach verderblich. Es sind
-das Meeresbegrenzungen aus zerstückelten Felsen, die oft regellos,
-labyrinthisch zerstreut den Küstensaum bilden. Diese Klippen bestehen
-bald aus größeren oder kleineren Inseln, bald erreichen sie eben die
-Meeresoberfläche, bald bleiben sie als blinde Klippen in der Tiefe.
-Dadurch wird das Fahrwasser, welches zu den auf solche Weise von der
-Natur verschanzten Häfen führt, häufig bis zu äußerst geringer Breite
-eingeengt, und seine Richtung in dem Insel- und Klippengewirr wechselt
-mit Wind und Jahreszeiten. An solchen Küsten vermag sich nur der
-Einheimische zurechtzufinden. Der Fremde wird nur schwer dem Verderben
-entgehen. In Europa gewährt für diese Küsten ein ausgezeichnetes
-Beispiel +Norwegen+. Hier schneiden tiefe Spalten, die sogen. +Fjorde+,
-mit steil geneigten Hängen in das Plateau des Landes ein und gewähren
-den größten Seeschiffen den Zugang ins Innere; aber die Eingänge zu
-diesen Buchten sind durch ein Gewirr unzähliger Inseln, Inselchen und
-Klippen, die sogen. +Schären+, verschlossen. Eine besondere Art von
-Klippenküsten sind die +Korallenküsten+, d. i. solche Küsten, denen
-Korallenriffe vorgelagert sind. Im Stillen Ocean erstreckt sich z. B.
-von der durch Koralleninseln fest vermauerten Torresstraße fast
-300 Meilen weit an der Ostküste von Australien das große australische
-Barrière-Riff; ähnliche Riffe finden sich auch in Westindien, und
-das warme Wasser des Golfstroms ermöglicht noch das Vorkommen von
-riffbauenden Korallen bei den Bermudas-Inseln. Sichere Küsten sind
-nur die Steilküsten; sie haben keine Klippen und Sandbänke und sind
-meist reich an einschneidenden Buchten und Häfen. Eine derartige Küste
-ist die Ostküste der Vereinigten Staaten bis zum Kap Hatteras, und in
-Europa zeigen das ausgezeichnetste Beispiel die Küsten Englands von der
-Mündung der Themse bis nach Liverpool hin.
-
-Nicht so selten, als man glauben möchte, gehen Schiffe auch
-durch +Feuersbrünste+ zu Grunde[200]. Einer der erschütterndsten
-diesbezüglichen Seeunfälle in neuerer Zeit war z. B. der Brand des
-englischen Auswandererschiffes „+Cospatrick+“ am 19. November 1874.
-Inmitten des Atlantischen Oceans, Hunderte von Seemeilen vom nächsten
-Lande entfernt, ward das Riesenschiff ein Raub der Flammen, und alle
-Eingeschifften, drei Personen von der Equipage abgerechnet, fanden
-ihren Tod in den Wellen.
-
-Viele Unfälle sind ferner der +Gewissenlosigkeit+ von
-Schiffsgesellschaften zuzuschreiben; denn manche derselben verwenden
-noch Schiffe im Seeverkehr, die nicht mehr seetüchtig sind, oder sie
-versäumen es, ihre Fahrzeuge mit den im Interesse der Sicherheit
-nötigen Instrumenten, Apparaten und Karten zu versehen.
-
-Zuweilen werden Schiffbrüche auch durch die +Pflichtvergessenheit+
-des diensttuenden Personals veranlaßt, manchmal sogar durch
-+Verbrecherhand+. Eines der schaurigsten Beispiele in letzterer
-Beziehung ist die Frevelthat eines gewissen +Thomas+, der vor mehreren
-Jahren in Bremerhaven ein eben zur Abfahrt nach Amerika bereitliegendes
-Schiff durch einen teuflischen Apparat mitsamt der ganzen Besatzung in
-die Luft sprengte.
-
-Zahlreich waren in früherer Zeit die durch +Blitzschläge+ verursachten
-Schiffbrüche. Nach dem von der britischen Admiralität im Jahre 1854
-dem Parlamente vorgelegten Blaubuche wurden in den Jahren 1805-1815
-nicht weniger als 40 Linienschiffe, 20 Fregatten und 10 Korvetten vom
-Blitze getroffen und manche dieser Fahrzeuge hierdurch für längere Zeit
-dienstuntüchtig gemacht; ebenso sind in der englischen Handelsmarine
-von 1820 bis 1854 nicht weniger als 33 Schiffe durch den Blitz völlig
-zerstört und 45 schwer beschädigt worden. In +unseren+ Tagen macht man
-von der Erfindung Franklins auch auf den Schiffen den ausgedehntesten
-Gebrauch, und der Blitzableiter erweist sich auch hier als wahrer
-Schutzengel.
-
-In früherer Zeit erlitt endlich die Schiffahrt noch große Schädigung
-durch die +Piraterie+ oder den +Seeraub+. Klagen hierüber kommen schon
-aus dem fernsten Altertum. Als Telemach, des Odysseus Sohn, mit Mentor
-aus Ithaka in Pylos bei Nestor eintrifft, wird an beide die Frage
-gerichtet:
-
- „Fremdlinge, sagt, wer seid ihr? Woher durchschifft ihr die Wogen?
- Trieb ein Geschäft euch über die See her? Schweifet ihr planlos
- Über das Meer in der Irre dahin, wie Räuber umherzieh’n,
- Keck einsetzend ihr Leben, +um anderen Not zu bereiten+?“
-
-Wie beschwerlich die Korsaren den Römern geworden, weiß jeder Kenner
-der Geschichte. Auch während des Mittelalters dauert der Seeraub im
-Mittelmeer fort, aber erst anfangs des 16. Jahrhunderts gelangte
-hier die Piraterie zu solcher Entwicklung, daß sie fast eine eigene
-Epoche des Seeverkehrs bildet. Um diese Zeit entstanden nämlich an der
-Nordküste Afrikas die +mohammedanischen Barbareskenstaaten+, deren
-Flotten Jahrhunderte hindurch der Schrecken aller Seefahrer waren. Noch
-1817 jagte ein Korsar aus Algier einen Kauffahrer aus Lübeck bis in die
-Nähe von Island. Erst 1830 wurde der beispiellosen Wirtschaft durch die
-Landung der Franzosen in Algier ein Ende bereitet. Wie das Mittelmeer,
-so wurden auch +Nord+- und +Ostsee+ geraume Zeit hindurch von
-Seeräubern durchschwärmt. Daß die +Normannen+ ihre Herrschaft zur See
-als Piraten begannen, ist jedem bekannt, der von „Wikingerzügen“ gehört
-oder altnordische Geschichte gelesen. Die vielgenannten Seekönige
-waren im Grunde nichts anderes als gekrönte Korsarenhäuptlinge, deren
-Ressourcen hauptsächlich im Seeraube lagen. Später, besonders seit
-dem Ende des 14. Jahrhunderts, waren wieder die +Vitalienbrüder+
-oder +Likendeeler+[201] fast ein halbes Jahrhundert lang eine wahre
-Geißel der nordischen Meere und Küsten. -- Ein anderer Schauplatz der
-Seeräuberei waren die +westindischen Gewässer+, wo in der Mitte des 17.
-Jahrhunderts die +Boucaniers+ und +Flibustiers+ ihr Unwesen trieben; ja
-dieselben waren -- unterstützt durch den zwischen Spanien und England
-bestehenden Antagonismus -- sogar so übermütig geworden, daß sie an die
-Gründung eines selbständigen Staates dachten. Den großartigsten Umfang
-nahm die Piraterie jedoch im +indischen Archipel+ an, wo sie mit dem
-gesellschaftlichen und staatlichen Leben vieler Stämme innig verwachsen
-war und zugleich durch die örtlichen geographischen Verhältnisse in
-hohem Grade begünstigt wurde. Selbst bis heute ist weder hier noch an
-den +Küsten des chinesischen Reichs+ dem Unwesen völlig gesteuert.
-
-In diesem Zusammenhange sei auch der +Seekrankheit+ gedacht. Zwar ist
-sie nicht lebenbedrohend, aber doch sehr belästigend. „Man stirbt nicht
-daran, aber wenn man sie hat, möchte man doch am liebsten tot sein.“
-Noch ist es der ärztlichen Kunst nicht gelungen, ein wirksames Mittel
-gegen dieses Übel zu finden, ja alle ihre physiologische Weisheit
-vermag nicht einmal deren Entstehung zu erklären. „Wann wird der
-Wohlthäter geboren werden, der diese schreckliche Plage aus der Welt
-schafft?“[202]
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-Mittel zur Sicherung des Seeverkehrs[203].
-
-
-Angesichts der vielen Gefahren, welche der Schiffahrt drohen, war
-man seit alter Zeit schon bedacht, sich Mittel zur Sicherung des
-Seeverkehrs zu schaffen. Auch in neuerer und neuester Zeit ist man in
-diesem Streben nicht müde geworden, und so bestehen denn dermalen eine
-ganze Reihe von Vorkehrungen zur Minderung der Schiffsunfälle.
-
-Bereits im grauen Altertum machte sich die Notwendigkeit geltend,
-die Häfen und mit der Zunahme der Schiffahrt auch einzelne wichtige
-Punkte an den Küsten während der Nacht durch +Leuchtfeuer+ kenntlich
-zu machen. Seit aber der Verkehr sich vervielfacht hat und namentlich
-die Fahrzeiten sich nicht mehr auf den Tag beschränken, die
-Fahrgeschwindigkeit selbst bei den Segelschiffen eine bedeutend größere
-geworden, trat dieses Bedürfnis nach ausreichender Beleuchtung der
-befahrensten Wasserstraßen selbstverständlich noch weit dringender
-zu Tage. Besonders wichtig wurde eine solche Beleuchtung, seit sich
-die Kraft des Dampfes auf dem Wasser geltend machte; denn „Zeit ist
-Geld“, sagt ein altes Sprichwort, Zeitersparnis ein Faktor, der bei
-dem Kohlenverbrauch der Dampfschiffe ganz speziell in Betracht kommt.
-Der berühmteste unter allen +Leuchttürmen+ des Altertums war der zu
-Alexandria, der nach der kleinen Insel, aus welcher er stand, +Pharos+
-hieß, welcher Name später mit +Leuchtturm+ überhaupt gleichbedeutend
-wurde. Der Pharos von Alexandria gehörte zu den sogenannten sieben
-Wunderwerken des Altertums und wurde von Sostratus aus Knidos erbaut.
-Seine Höhe wird auf 550 Fuß angenommen, seine Vollendung fällt in das
-Jahr 283 v. Chr. Nach Plinius kostete sein Bau 800 Talente (4 Mill.
-M.). Mehr als 1500 Jahre warf er seine Strahlen über die unruhigen
-Gewässer des Mittelländischen Meeres, ~nocturnis ignibus cursum navium
-regens~, wie Plinius sagt. -- Die Erbauung des Pharos von Alexandria
-gab die Anregung zur Errichtung vieler anderer Leuchttürme. Es ist
-wahrscheinlich, daß Karthago seine Seefahrer durch Leuchttürme zu
-schützen suchte, und es ist gewiß, daß die Römer solche in Caprea,
-Ostia, Puteoli und Ravenna errichteten. Letztere ließen es übrigens
-nicht bei der Aufführung der segenspendenden Baulichkeiten an der
-italienischen Küste bewenden, sondern erbauten sie auch in Ländern,
-die sie eroberten, so daß sich unter ihrem Scepter die Linie der
-Leuchttürme vom Atlantischen Ocean bis zum Euxin, von Britannien
-bis zum Pontus erstreckte. Besonders bemerkenswert von römischen
-Leuchttürmen ist die Säule des Pompejus, die merkwürdigerweise nach
-Pompejus genannt wurde, obwohl sie unter Diokletian errichtet wurde.
-
-Nach der Ausbreitung des Christentums machten sich Klöster und
-Mönchsorden um die Sicherheit auf dem Meere verdient. Sie unterhielten
-die Feuer der Leuchttürme, und wo sich solche nicht vorfanden,
-entzündeten sie Holzstöße oder Teerfackeln. So warnten zu Sagres, am
-Kap St. Vincenz, einem der wildesten Vorgebirge Europas, das ewig
-gepeitscht wird von den donnernden Wogen des Atlantischen Oceans, die
-menschenfreundlichen Patres durch ihre Feuerzeichen den Schiffer, in
-offene See zu stechen.
-
-Zu den berühmteren Leuchttürmen der Neuzeit gehören der zu Corduan auf
-einer Felsbank vor der Mündung der Garonne, der Turm auf Eddystone
-(Fig. 143), einer Klippe im englischen Kanal, 14 Seemeilen südlich
-vom Kriegshafen von Plymouth, der im Firth of Forth auf dem Bell Rock
-stehende u. a.
-
-Ein Denkmal fortgeschrittener Technik ist auch der am 1. November 1885
-in Betrieb gesetzte +Weserleuchtturm+ auf dem Roten Sande.
-
-Der Turm selbst ist ganz aus Eisen gebaut und hat unten einen annähernd
-ovalen Querschnitt von 114 qm, oben ist derselbe dagegen kreisrund mit
-5,1 m Durchmesser. Die ganze Konstruktionshöhe des Turmes vom Fundament
-bis zur Spitze beträgt 52,5 m. Davon ist der untere Teil in Höhe von
-30 m massiv in Portlandcementbeton hergestellt und kann als Monolith
-angesehen werden. Zur Aufbewahrung des Trinkwassers befindet sich in
-diesem massiven Körper eine hinreichend große Cisterne. Der Oberbau,
-dessen Wände durch doppelte Luftschichten gegen die Temperatureinflüsse
-geschützt sind, enthält vier Räume übereinander, welche zum Lagern,
-Kochen, Wohnen u. s. w. dienen; darüber erhebt sich die 3 m im
-Durchmesser haltende Hauptlaterne mit einer kleinern Nebenlaterne.
-Der Turm ist oben durch drei erkerartige runde Ausbauten gekrönt, von
-denen zwei zum Auslugen dienen und die Orientierungsfeuer aufnehmen.
-Im dritten Erker ist die nach der Laterne führende Wendeltreppe
-untergebracht.
-
-[Illustration: Fig. 143. Eddystone.]
-
-In den 8 m über der Ebbe liegenden Unterraum, dessen zwei Thüren
-wasserdicht verschlossen werden können, gelangt man mittels eiserner
-Steigtreppen, während in den Turmräumen sich bequeme Wendeltreppen
-vorfinden. Der Fuß der Laterne ist mit einer Galerie umgeben; auch ist
-in dieser Höhe ein leichtes Rettungsboot untergebracht. Der Anstrich
-des Turmes ist sehr glücklich gewählt, indem die etwa 4 m breiten
-roten und weißen Streifen, welche über dem schwarz angestrichenen Fuß
-in horizontalen Linien abwechseln, dem Auge schon auf zehn bis zwölf
-Seemeilen sichtbar werden und jede Verwechslung mit anderen Körpern
-ausschließen.
-
-Das Fundament des Turmes ist, unter Anwendung von starkem Luftdruck, 14
-m tief in den festen Sand getrieben, und die Umgebung des Turmes hat in
-15 m Breite ein mit großen Steinen beschwertes Bett von Senkfaschinen
-erhalten. Die Befestigung des Sandes ist damit vollständig gelungen, so
-daß die Sicherheit des Bauwerks gegen Unterspülung über allen Zweifel
-gestellt ist.
-
-Auf dem Leuchtturm befindet sich eine Telegraphenstation, deren
-Bedienung durch die angestellten drei Turmwärter wahrgenommen wird.
-Dieselbe meldet nicht nur die aus- und eingehenden Schiffe u. s. w.,
-sondern befördert auch alle daselbst aufgegebenen Telegramme.
-Von großem Wert, namentlich in wissenschaftlicher Beziehung, ist
-ferner der am Turm aufgestellte, selbstregistrierende Flutmesser,
-besonders weil wegen der flachen Ufer an den vorgeschobenen Punkten
-der deutschen Nordseeküste zuverlässige Beobachtungen über die
-Wasserstandsverhältnisse kaum ausführbar sind[204].
-
-Im ganzen besitzt Deutschland an seinen Küsten 32 Feuerschiffe
-und 130 Leuchttürme. -- Die Zahl der Leuchttürme an der Küste von
-Großbritannien und Irland beträgt über 600. Über alle Leuchttürme der
-Erde wird Register geführt; die Art ihres Lichtes und ihr Standpunkt
-sind genau bekannt. Der großartigste Leuchtturm der Gegenwart ist
-wohl der auf Hallets Point bei New-York. Er ist völlig aus Eisen
-konstruiert, hat eine Höhe von 85 m und neun große elektrische
-Bogenlampen mit einer Stärke von je 6000 Kerzen.
-
-Wo Leuchttürme sich nicht anbringen lassen, werden +Leuchtschiffe+
-verankert, welche, außenbords mit einem roten Anstrich versehen,
-zu beiden Seiten mit großen weißen Lettern den Namen ihrer Station
-führen. +Bei Tage+ haben sie die Nationalflagge am Heck gehißt; ihr
-Mast, resp. ihre Masten sind am Top mit großen Ballen oder Kugeln aus
-Flechtwerk versehen, entsprechend der Zahl der Laternen, die sie +bei
-Nacht+ führen. Neustens ist man bemüht, die Leuchtschiffe telegraphisch
-mit der Küste zu verbinden, um auf diese Weise die Herbeirufung von
-Rettungs-Booten und -Mannschaft in Fällen der Gefahr zu ermöglichen.
-Leuchtschiffe waren übrigens schon den Römern bekannt. -- Zur
-Unterscheidung der an den einzelnen Orten aufgestellten Leuchtfeuer
-bedient man sich am Lande teilweise farbiger Gläser der Laternen,
-ferner außer den festen Feuern der sogen. Drehfeuer, Blickfeuer u. s. w.
-Auch kommt erfreulicherweise in neuester Zeit das +elektrische+
-Licht bei den Leuchtfeuern erster Ordnung zur Verwendung. So ist z. B.
-vor dem Hafen von New-York eine Laterne mit elektrischem Licht
-angebracht, die eine Lichtstärke von 54000 Kerzen und eine Sichtweite
-von 40 Meilen besitzt. Freilich ist dieses Leuchtfeuer auch das
-stärkste der Erde. -- Die Zahl der ausschließlich der Seeschiffahrt
-dienenden Leuchtfeuer erreicht nahezu 4000; ihre Herstellung hat
-Milliarden erfordert, und auch ihre Unterhaltung beansprucht jährlich
-viele Millionen. Beispielsweise kostete der Bell-Rock-Feuerturm an
-der Ostküste Schottlands 61350 Pfd. St. (1227000 M.), das Feuerschiff
-„Weser“ 212466 M. Die durchschnittlichen Unterhaltungskosten eines
-Leuchtturms betragen in England 200-400 Pfd. St., in Frankreich 8000
-Frcs., in Deutschland 5500 M.
-
-Seit alten Zeiten errichtet man ferner an den Küsten zur Bezeichnung
-der Sandbänke hohe turmartige Gerüste aus eichenen Balken oder
-Eisenstäben, die sogen. +Baken+, während das Fahrwasser, wie auch
-verborgene Klippen, gesunkene Schiffe u. dgl. durch vor Anker liegende,
-grell angestrichene eiserne Tonnen, sogen. +Bojen+, bezeichnet sind. Da
-Bojen nicht immer weit sichtbar sind, so hat man sie hörbar gemacht;
-man benutzt nämlich Luft und Wasser, um einer Dampfpfeife ähnliche Töne
-hervorzubringen.
-
-[Illustration: Fig. 144. Leuchtschiff mit Bake.]
-
-Von wesentlichem Belange für die Sicherung des Seeverkehrs ist dann
-das +Lootsenwesen+. Wo nämlich die Einfahrt in einen Hafen oder in
-eine Strommündung mit Schwierigkeiten verbunden, wie das ja meistens
-der Fall ist, da legt der Kapitän die Führung des Schiffes nieder
-und nimmt als Kommandanten einen +Lootsen+ an Bord, der mit den
-Lokalverhältnissen aufs genaueste vertraut ist. Gegenwärtig sind die
-Lootsen wohl überall, wo geordnete Zustände herrschen, von Behörden
-geprüfte und angestellte Leute. Ihr Geschäft ist vielfach recht mühsam
-und gefahrvoll, für alle Falle sehr verantwortlich. -- Zu den anerkannt
-tüchtigsten und unerschrockensten Lootsen zählen die norwegischen. Aber
-auch die englischen und die an den deutschen Nordseeküsten angestellten
-kommen an Gewandtheit, Pflichttreue und Aufopferung ihren nordischen
-Genossen fast völlig gleich.
-
-In Großbritannien hat man in jüngster Zeit auch die
-Küstenbeobachtungsstationen durch +Telephonleitungen+ mit den
-nächstgelegenen Hafenplätzen in Verbindung gesetzt, um eintretenden
-Falls Schiffe in Not den Lootsenstationen melden zu können; und diese
-Einrichtung hat sich bisher durchaus bewährt.
-
-Die Einführung des Dampfes als Treibkraft der Schiffe, durch welchen
-dieselben unabhängig vom Winde wurden, machte die Navigierung oder
-Führung eines Schiffes während der Nacht unsicher und gefährlich.
-Begegneten sich früher Segelschiffe, so konnte der Seemann aus dem
-Winde schließen, welche Richtung das entgegenkommende Fahrzeug
-nehmen werde, und sich danach richten. Dies fiel nun weg, und so
-ergab sich für die Schiffahrt treibenden Nationen die Notwendigkeit,
-+einheitliche internationale Vorschriften über das Ausweichen der
-Schiffe auf See und über das Führen von Lichtern während der Nacht zu
-vereinbaren+. So müssen z. B. Dampfschiffe, welche in Fahrt sind, +an
-oder vor dem Fockmast+ (vorderer Mast) in einer Höhe von mindestens
-6 m über dem Schiffsrumpf ein +helles weißes Licht+ führen, und zwar
-von solcher Lichtstärke, daß es in dunkler Nacht bei klarer Luft
-auf eine Entfernung von mindestens fünf Seemeilen (9 km) sichtbar
-ist; ferner an +der Steuerbordseite[205]+ ein +grünes Licht+ und
-an der +Backbordseite[206]+ ein +rotes Licht+. Ein Dampfschiff,
-welches ein anderes schleppt, muß zur Unterscheidung von anderen
-Dampfschiffen +außer den Seitenlichtern zwei helle weiße Lichter+
-führen und zwar senkrecht übereinander, nicht weniger als ein Meter
-voneinander entfernt. Ähnlich genau sind die Vorschriften über das
-Ausweichen der Schiffe, ebenso bezüglich der +Schallsignale bei
-Nebel+. Bei Nebel, unsichtigem Wetter oder Schneefall muß z. B. ein
-Dampfschiff in Fahrt mittels einer +Dampfpfeife+ oder eines andern
-+Dampfsignalapparats+ mindestens alle zwei Minuten einen +langgezogenen
-Ton+ geben. Dampfschiffe und Segelschiffe, welche nicht in Fahrt
-sind, müssen mindestens +alle zwei Minuten die Glocke läuten etc.
-etc.+ -- Wie notwendig derartige Vorschriften sind, erhellt am besten
-daraus, daß trotz derselben fast täglich Zusammenstöße und Havarieen
-gemeldet werden, die mit dem Verlust von Menschenleben verbunden
-sind. -- Im Interesse der Sicherung des Schiffsverkehrs ist, um
-dies gleich hier zu erwähnen, auch die +Einführung einheitlicher
-Ruderkommandos auf den Schiffen sämtlicher civilisierter Nationen
-dringend zu wünschen+. Die folgenden Beispiele werden selbst dem Laien
-das Gefahrvolle der bestehenden Bestimmungen vor Augen führen. Wenn
-z. B. auf einem französischen oder schwedischen Schiffe den Leuten
-am Ruder das Kommando gegeben wird: „+Steuerbord+“, so bedeutet
-dasselbe: die nach vorn zeigende Ruderpinne soll nach „+Backbord+“
-gelegt werden, so daß der +Kopf des eventuell in Fahrt befindlichen
-Schiffes+ sich nach „+Steuerbord+“ dreht. Auf englischen Schiffen
-bedeutet es das Gegenteil; dort wird auf dies Kommando die nach vorn
-zeigende Ruderpinne nach „+Steuerbord+“ gelegt, so daß der +Kopf des
-eventuell in Fahrt befindlichen Schiffes+ sich nach „+Backbord+“
-dreht. Möglichkeit zu Irrtümern und Verwirrungen ist unter solchen
-Verhältnissen nicht ausgeschlossen.
-
-Mit Hilfe der Meteorologie und Telegraphie weiß man heutzutage, wie
-oben des nähern bereits dargethan wurde, auch dem +Sturme+ oftmals zu
-begegnen.
-
-Viele Unfälle werden auch dadurch verhütet, daß die +Anforderungen
-bezüglich der Ausbildung der Seeleute im Vergleich zu früher
-wesentlich gesteigert wurden+. So kann jetzt in Deutschland kein
-der Seefahrt Beflissener eine Stelle als Steuermann erhalten, ohne
-seine Befähigung zur Übernahme eines so schweren und wichtigen
-Postens im Steuermannsexamen theoretisch bewiesen zu haben. Die
-Vermittlung geeigneter Schiffahrtskenntnisse besorgen dermalen die
-+Navigationsschulen+, die in allen größeren seefahrenden Staaten zu
-finden sind. Von den Navigationsschulen sind zu unterscheiden die
-+Seemannsschulen+, welche dazu bestimmt sind, junge Leute, die sich dem
-Seewesen widmen wollen, praktisch zu demselben heranzubilden, damit sie
-schneller das Stadium des Schiffsjungen überschreiten und zu Matrosen
-vorrücken können. Eine solche ist die Schule zu Steinwärder bei Hamburg.
-
-Ferner sei noch erwähnt, daß im Interesse der Sicherheit des
-Seeverkehrs das Projekt besteht, im Atlantischen Ocean eine Reihe
-von +Wachtleuchtschiffen+ zu stationieren. Da die einzelnen
-Schiffsstationen sowohl unter sich, als auch mit dem Festlande
-durch ein Kabel in Verbindung stehen und nur 200 km voneinander
-entfernt sein sollen, so würde kein deren Linie folgendes Schiff
-von einem Kommunikationspunkte mit dem Festland, beziehungsweise
-von einem Zufluchtsorte für Passagiere und Mannschaften im Falle
-eines Schiffsunglückes weit entfernt sein. Es könnten dann auch
-die Bewegungen des Schiffsverkehrs fast täglich der kaufmännischen
-Welt mitgeteilt und außerdem die so wichtigen Nachrichten über
-Witterungsveränderungen, das Treiben von Eisbergen, das Herannahen von
-Stürmen u. s. w. den Häfen des Festlandes wie den aus See befindlichen
-Dampfern, letzteren durch Vermittlung der Schiffsstationen,
-telegraphisch übermittelt werden.
-
-Wird nun aber trotz aller Vorsichtsmaßregeln ein Schiff von einem
-Unfalle betroffen, so sind es die +Seeversicherungsgesellschaften+,
-welche dem Eigentümer den erlittenen Schaden ersetzen[207]. Freilich
-übernimmt eine derartige Versicherungsgesellschaft das Risiko,
-für Schiffsunfälle aufkommen zu müssen, nur dann, wenn das Schiff
-in dem Augenblicke, da es eine Seereise antritt, seetüchtig ist.
-Darüber wachen nun wieder besondere Vereinigungen, die sogen.
-+Klassifikationsgesellschaften+[208], die sich ausschließlich
-damit befassen, die Schiffe nach dem Grad ihrer Seetüchtigkeit zu
-qualifizieren. Die Höhe der Versicherungssumme eines Schiffes richtet
-sich darum stets nach dem von einer solchen Gesellschaft ausgestellten
-Certifikat.
-
-Das älteste und bedeutendste Klassifikationsinstitut in England und
-auf der ganzen Erde überhaupt ist +Lloyd’s Register of British and
-Foreign Shipping+ in London. Von der ausgedehnten Thätigkeit dieser
-Gesellschaft, die an allen größeren Hafenplätzen der Erde vertreten
-ist, erhält man eine Vorstellung, wenn man erfährt, daß von den im
-Jahre 1885 auf der ganzen Erde gebauten 692 Schiffen (von 100 t
-und darüber) mit einem Raumgehalt von 624658 t mehr als die Hälfte
-der Schiffe (355) mit über ⅔ ihres Tonnengehaltes (427045 t) von
-Lloyd’s Register klassifiziert wurden. In Großbritannien und Irland
-steht nahezu der +gesamte+ Schiffsbau unter der Aufsicht von Lloyd’s
-Register; denn 1885 wurden in dem Vereinigten Königreiche nur 382
-Schiffe mit 449875 t gebaut. Die Gesamtzahl der von Lloyd’s Register
-klassifizierten Schiffe beträgt bis jetzt 8374.
-
-Die sonstigen größeren Klassifikationsgesellschaften der Erde,
-abgesehen von Lloyd’s Register, sind folgende:
-
- -------------------------------------------+--------------------
- Name der Gesellschaften. | Zahl der
- | klassifizierten
- | Schiffe.
- -------------------------------------------+--------------------
- Liverpool Underwriter’s Registry[209] | 994
- Bureau Veritas (Paris) | 6960
- Germanischer Lloyd (Berlin) | 1812
- Nederlandsche Vereeniging van Assuradeuren | 1997
- Norske Veritas | 3642
- Registre Maritime | 544
- Record of American and Foreign Shipping | 2374
- Registro Italiano | 915
- Veritas Austro-Ungarico | 796
- Veritas Ellenico | 216
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-Das Rettungswesen[210].
-
-
-Trotz aller Vorsichtsmaßregeln, die jetzt zur Verhütung von
-Schiffsunfällen getroffen sind, ist die Zahl der Schiffbrüche noch
-immer eine bedenklich hohe. Es begreift sich, daß man angesichts dieser
-Thatsache eifrigst auf Mittel dachte, den in Seenot Befindlichen zu
-Hilfe zu eilen.
-
-Die Anfänge des organisierten Rettungswesens reichen bis ins vorige
-Jahrhundert zurück. Das erste +Rettungsboot+ zum Zwecke der Bergung von
-Schiffbrüchigen, von welchem wir Kenntnis haben, wurde im Jahre 1784
-für den Dienst auf der Themse fertiggestellt. Konstrukteur und Erfinder
-desselben war ein gewisser +Lukin+. Aus wasserdichten Luftbehältern
-im Innern bestehend, mit Korkgürteln an den äußeren Rändern und einem
-schweren, mit Eisen beschlagenen Kiel versehen, behufs Vergrößerung
-der Stabilität und Schwimmkraft, leistete dieses Boot vorzügliche
-Dienste und rettete noch im selben Jahre mehrere Menschen aus der
-Sturmnot. Das allgemeine Interesse an der Sache war indes vorerst noch
-gering; erst als 1789 das Newcastler Handelsschiff „Adventure“ hart
-an der Mündung des Tyne-Flusses mit Mann und Maus zu Grunde ging, da
-wurden die Geister nachhaltig aufgerüttelt. Es ward ein Preis für das
-beste Rettungsboot ausgeschrieben, und ein gewisser +Greathead+ aus
-Süd-Shields stellte das beste Modell eines solchen Fahrzeuges fertig.
-Es war ähnlich wie das +Lukin+sche Boot konstruiert, nur hatte es
-statt der luftdichten Behälter auch im Innern einen Korkgürtel. Nach
-diesem Modelle wurde 1789 das erste zu Rettungszwecken bestimmte Boot
-gebaut und sofort in Dienst gestellt. Im Laufe der nächsten 10 Jahre
-wurden mit solchen Booten allein in der Mündung des Tyne 200 Menschen
-dem Wellengrabe entrissen. +Greathead+ erhielt vom Parlamente eine
-Belohnung von 1500 Pfd. St. und ward auch sonst vielfach ausgezeichnet.
-1824 trat auf Anregung Sir +William Hillarys+ in England die erste
-+organisierte Lebensrettungs-Gesellschaft+ in Thätigkeit, und in den
-nächsten 25 Jahren wurden durch sie über 6700 Schiffbrüchige vom
-Ertrinkungstode gerettet. Trotzdem war die Beteiligung noch immer
-sehr gering, und erst als 1850 der +Herzog von Northumberland+ die
-Angelegenheit in die Hand nahm und die Gesellschaft organisierte --
-sie führte von nun an den Namen „National Lifeboot Institution“ --,
-da kam in das Rettungswesen ein dauernder Aufschwung. Der Herzog von
-Northumberland hatte gleichzeitig auch einen Preis in der Höhe von 100
-Pfd. St. für das beste Modell eines Rettungs-Bootes ausgeschrieben. Als
-Sieger unter den Bewerbern ging ein gewisser +Blanching+ hervor, doch
-erwies sich sein Boot in der Praxis als nicht sonderlich verwendbar,
-so daß das betreffende Komitee durch eines seiner Mitglieder, den
-Bootsbauer +Peake+, einen andern Plan einreichen ließ. So entstand das
-+Peakesche Rettungsboot+, das noch heute allenthalben in Verwendung
-steht. Das erste derartige Boot hatte eine Länge von 30 Fuß, 8 Fuß
-Breite und 3½ Fuß Höhe. Das +Selbstaufrichten+ nach dem Kentern
-(Umschlagen) erfolgt in 2 Sekunden, die Wasserentleerung in kaum einer
-Minute. Dermalen besitzt die „National Lifeboot Institution“ über 250
-Rettungsboote, die fast alle nach dem Peakeschen Systeme gebaut sind.
-
-Nach dem englischen Muster bildeten sich bald auch in den übrigen
-Ländern Rettungsgesellschaften; in +Deutschland+ entstand die erste
-1860. Hier haben besonders +Bermpost+ und +Kuglmay+, später +Breusing+
-und +Merk+ sich um das Rettungswesen große Verdienste erworben. 1865
-wurde die „Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ (mit
-dem Sitze in +Bremen+) gegründet, und zur Zeit (1886) giebt es im
-ganzen an der deutschen Küste 100 Rettungsstationen, von denen 43 an
-der Nordsee liegen und 57 an der Ostsee. Unter diesen befinden sich
-33 Doppelstationen, mit Rettungsboot und Raketenapparat ausgerüstet,
-47 Bootsstationen und 20 Raketenstationen. Für die Anerkennung und
-den Anklang, den das hochherzige Unternehmen überall gefunden hat,
-sprechen die Tatsachen, daß zur Gesellschaft 57 Bezirksvereine und 217
-Vertreterschaften gehören, sowie das stetige Wachstum an Mitgliederzahl
-und Einnahmen. Im Jahre 1865 zählte die Gesellschaft 3874 Mitglieder
-mit einer ordentlichen Jahreseinnahme von 14179 M. 25 Pf., 1875 bereits
-26319 Mitglieder mit 94679 M. 52 Pf., am 1. Juni 1886 aber 45516
-ordentliche Mitglieder mit 140055 M. Jahresbeiträgen. Die Zahl der
-außerordentlichen Mitglieder betrug zur gleichen Zeit 1728, und die
-Gesamtsumme der Jahreseinnahmen erreichte 217416 M. Die +Gesamtzahl
-der geretteten Menschenleben+ beläuft sich auf 1578 oder auf einen
-jährlichen Durchschnitt von 77 Personen.
-
-Obige Zahlen sind Erfolge, auf die wir mit Befriedigung blicken
-dürfen, die aber dazu aufmuntern sollen, daß sich noch immer weitere
-Kreise unseres Volkes an dem segensreichen Werke bethätigen. Die Zahl
-der Mitglieder macht jetzt kaum den hundertsten Teil der Einwohner
-Deutschlands aus, und es ist deshalb dringend zu wünschen, daß die
-Beteiligung eine noch regere werde, zumal der Jahresbeitrag nur die
-geringfügige Summe von M. 1,50 beträgt. Ein sehr erfreuliches Resultat
-haben die aller Orten aufgestellten Sammelbüchsen ergeben; sie brachten
-1884/85 nicht weniger als 20000 M. auf, und ebenso ist hervorzuheben,
-daß sich nach dem Vorbilde anderer Länder, namentlich Englands auch
-die Legate zu mehren beginnen; einzelne derselben erreichen sogar eine
-beträchtliche Höhe. Selbst ein +Franzose+, Herr +Emil Robin+ aus Paris,
-hat der deutschen Gesellschaft 10000 M. mit der Bestimmung überwiesen,
-die Zinsen dieser Gabe alljährlich demjenigen deutschen Kapitän in
-transatlantischer Fahrt auszuzahlen, welcher während des letzten
-Jahres die Mannschaft eines Schiffes irgend welcher Nationalität aus
-Lebensgefahr errettet hat. Auch den Seerettungsgesellschaften anderer
-Länder hat Robin ein gleich hohes Kapital zu demselben Zwecke übergeben.
-
-[Illustration: Fig. 145. Rettungsboot mit Transportwagen. (Aus
-+Spemanns+ illustrierter Zeitschrift „Vom Fels zum Meer“.)]
-
-Was die einzelnen +Rettungsmittel+ betrifft, so sind die wichtigsten
-die +Rettungsboote+. Bei ihrer Konstruktion legte man, nach
-+englischem+ Muster, ein wesentliches Gewicht auf Selbstentleerungs-
-und Selbstaufrichtungsfähigkeit; sie waren aus Holz gebaut. Da sie aber
-wegen ihrer Schwere und ihres Tiefganges sich für die flachen, sandigen
-Küsten Deutschlands weniger geeignet erwiesen haben, so gebraucht
-man jetzt andere von +deutscher+ Konstruktion aus Eisenblech, mit
-Luftkasten vorn und hinten, sowie zu beiden Seiten. Füllen sie sich
-mit Wasser, so müssen sie freilich ausgeschöpft werden, auch fehlt
-ihnen die Selbstaufrichtungsfähigkeit; dagegen sind sie verhältnismäßig
-leicht, und die Luftkasten halten sie über Wasser.
-
-[Illustration: Fig. 146. Raketenapparat. (Aus Spemanns illustrierter
-Zeitschrift „Vom Fels zum Meer“.)]
-
-[Illustration: Fig. 147. Rettungsleine mit Hosenboje. (Aus +Spemanns+
-illustrierter Zeitschrift „Vom Fels zum Meer“.)]
-
-Andere Auskunftsmittel in Fällen von Schiffsnot sind die +Mörser-+
-und +Raketenapparate+, mittels welcher Wurfleinen auf beträchtliche
-Entfernungen geschleudert werden können. Diese Leinen sind wahre
-„Rettungsfäden“; denn so dünn sie auch sein mögen, sie stellen die
-Verbindung zwischen der Küste und dem Wrack her, und wenn einmal die
-Wurfleine über das Schiff sich gelegt hat, so genügen einige rührige
-Hände, um der dünnen Leine ein starkes Seil, das an jene befestigt
-wird, folgen zu lassen. Ein solches Seil aber hat seine ausreichenden
-Rettungsvorrichtungen. Es läuft vom Schiff zum Festlande hinüber und
-wieder zurück, und jede Tour bringt ein gerettet Menschenleben. --
-Gewissermaßen die Vermittlung zwischen den Rettungsbooten und den
-Rettungsgeschossen bildet das Cordessche +Handgewehr+, da es dazu
-dient, in dem Falle, daß ein Rettungsboot wohl auszulaufen, aber
-der Wogen wegen nicht an das Wrack zu kommen vermag, die Verbindung
-zwischen diesem und dem Boot durch Hinüber+schießen+ einer Leine
-herzustellen. Die Tragweite dieses Geschosses beträgt etwa 70 m. --
-Ein weiteres Rettungsmittel bilden die +Rettungsringe+. Sie sind aus
-großen Korkstücken zusammengesetzt und mit einem hellfarbigen Stoffe
-überzogen, so daß sie, den Sinkenden zugeworfen und auf dem Wasser
-schwimmend, weithin gesehen werden können. In Fällen, wie „Mann
-über Bord“, d. h. wenn jemand ins Meer gestürzt ist oder ein Boot
-umschlägt (kentert), sind diese Ringe das nächste Rettungsmittel, und
-das nicht bloß für Passagiere, sondern auch für Matrosen und Seeleute
-überhaupt, da, sonderbar genug, die letzteren bisher grundsätzlich
-nicht schwimmen lernten, weil dadurch, wie sie sagen, in vielen Fällen
-der Todeskampf in den Wellen nur verlängert werde. -- Endlich ist noch
-der +Korkjacken+ zu erwähnen. Dieselben sind aus einzelnen dicken, auf
-Segeltuch genähten Korkstücken zusammengesetzt und umschließen in einem
-Ringe von ziemlich großem Umfange die ganze Brust. Jede Korkjacke wird
-auf größte Tragfähigkeit geprüft. Die Jacke muß 10 kg Eisen 24 Stunden
-lang im Wasser tragen können und darf in dieser Zeit nicht über 500
-g Wasser ziehen. Eine solche Korkjacke läßt erfahrungsmäßig auch den
-schwersten Mann, bekleidet mit dickem Wollenzeug und Seestiefeln,
-nicht untersinken, sondern trägt ihn 24 Stunden lang und länger mit
-den Schultern über Wasser. Die Mannschaften in den Rettungsbooten der
-Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger müssen stets, sowohl
-auf Rettungs-, wie auch auf Übungsfahrten, mit Korkjacken bekleidet
-sein. Die deutschen Passagier-Dampfschiffe zwischen Hamburg oder Bremen
-und Amerika haben sowohl für jeden Mann der Besatzung, als auch für die
-volle möglicherweise anzunehmende Anzahl der Passagiere Korkjacken an
-Bord, was von großer Wichtigkeit ist. Es kommt z. B. öfter vor, daß,
-wenn ein Schiff strandet, von den über das Schiff brechenden Sturzseen
-einige „Mann“ der Besatzung über Bord gespült werden, bevor man ihnen
-vom Lande aus Hilfe leisten kann. Tragen die Fortgespülten Korkjacken,
-so ist es in der Regel der Fall, daß sie von den Wellen dem Strande
-zugetrieben und vom Lande aus durch zugeworfene Leinen dem Wassertode
-entrissen werden, wogegen sie sonst in der Regel rettungslos verloren
-sind.
-
-[Illustration: Fig. 148. Korkjacke und Korkring. (Aus +Spemanns+
-illustrierter Zeitschrift „Vom Fels zu zum Meer“.)]
-
-Wir geben hier noch drei Rapporte wieder, welche von einzelnen
-Stationen an das Bureau der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger
-eingegangen sind, und welche mit schlichten Worten thatsächliche
-Vorkommnisse schildern.
-
-1. Am 30. April 1882 wurde der deutsche Schooner „Henriette“, Kapitän
-Hansen, mit Kohlen von Warkworth nach Wyck auf Föhr bestimmt, in der
-Nähe der Insel Sylt von einem orkanartigen Sturm aus WSW. überfallen,
-welcher die See fortwährend hoch über das Schiff trieb und die
-Besatzung zwang, in die Masten zu flüchten. Da auch die Ladung
-überschoß und das Schiff auf die Seite legte, so befand sich die
-Besatzung in der größten Gefahr. Glücklicherweise wurde auf Sylt die
-Not des Schiffes rechtzeitig bemerkt und der Raketenapparat der Station
-Rantum sofort nach derjenigen Stelle gefahren, in deren Nähe das Schiff
-mutmaßlich stranden würde. Dies geschah auch bald darauf; gleich durch
-die erste Rakete wurde die Verbindung mit dem Lande hergestellt und
-die aus fünf Personen bestehende Besatzung mittels des Rettungskorbes
-gerettet.
-
-2. Nach Aussage der Besatzung der deutschen Bark „Ceres“, Kapitän
-Bartels, hat dieses Schiff in der Nacht vom 17. auf den 18. November
-1882 vor Zingst geankert, ist aber, in der Befürchtung, auf den Strand
-zu geraten, gegen drei Uhr unter Segel gegangen, hat dann später auf
-der Prerowbank heftig gestoßen, ist leck geworden und darauf ungefähr
-um 6½ Uhr auf dem Darserort-Riff gestrandet. Die furchtbare Brandung
-ging sofort über das Schiff hinweg und riß Boote, Schanzverkleidung
-u. s. w. von Bord; der Besanmast brach, der Hauptmast mußte, um das
-Kentern und Zerbrechen des Schiffes zu verhüten, gekappt werden, zwei
-Leute wurden über Bord gerissen, und die übrige Mannschaft mußte sich
-am Maststumpf etc. festbinden.
-
-Um 7 Uhr erhielt die Rettungsstation Prerow Nachricht, und schon um
-7½ Uhr fuhr das Rettungsboot „Graf Behr-Negendank“, mit sechs Pferden
-bespannt, aus dem Schuppen dem Strande zu und ging um 8 Uhr zwischen
-Prerow und Zingst in See. Bei der furchtbaren Brandung, den hohen
-Wellen und dem rasenden Strome erreichte es, nachdem es wiederholt
-vollgeschlagen worden, nach unsäglicher Anstrengung ungefähr um 12 Uhr
-das verunglückte Schiff. Über dasselbe rasten aber die Wellen förmlich
-hinweg, und Trümmer trieben auf der Leeseite daneben, so daß es dem
-Rettungsboote unmöglich war, sich an das Schiff zu legen. Es mußte
-also so nahe wie irgend thunlich vor Anker gehen. Das Rettungswerk
-geschah nun in der Weise, daß jeweils ein Mann sich an die dem Wrack
-zugeworfene Leine befestigte, dann von dem bereits glatt rasierten
-Verdeck in die Brandung sprang und darauf ins Boot gezogen wurde.
-Als nun auf diese Weise sechs Mann in anderthalbstündiger schwerer
-Arbeit mit größter Lebensgefahr vom Rettungsboote aufgenommen waren,
-erfuhr die Bootsbesatzung, daß der Kapitän allein noch in der Kajüte
-sei, welche er vorhin auf Bitten und Zureden sowohl des Steuermanns
-als auch der Leute nicht habe verlassen wollen, vielleicht auch nicht
-habe verlassen können. Da derselbe trotz Rufens auch jetzt noch nicht
-zum Vorschein kam, vom Rettungsboote es aber unmöglich war, an Bord
-zu kommen, auch das Boot sich nicht mehr aufhalten konnte, da die See
-noch wilder wurde und letzteres immer wieder vollschlug, so mußte man
-den Kapitän leider zurücklassen. Auch die Rückfahrt war mit größter
-Gefahr verknüpft; jedoch erreichte das Boot gegen 2 Uhr glücklich das
-Ufer, seine Besatzung freilich total durchnäßt und entkräftet, die
-Schiffbrüchigen in einem traurigen Zustande; keiner konnte mehr gehen,
-und der Koch starb bald nach der Ankunft, wogegen die übrigen sich bald
-erholten. Alsbald nachdem nun bekannt wurde, daß der Kapitän noch an
-Bord sei, versuchten acht kühne und gewandte Männer noch einmal an das
-Wrack zu kommen; aber bevor sie dasselbe erreichen konnten, wurde es
-vollständig zertrümmert. Bald war nichts mehr von dem Schiffe zu sehen
-als die Trümmer, die ans Ufer trieben, so daß bestimmt anzunehmen ist,
-daß der Kapitän in den Wellen sein Grab gefunden.
-
-3. Am 3. Dezember 1882, circa 5½ Uhr nachmittags, sah man vom zweiten
-Elbleuchtschiff „Kaspar“ einen Schooner auf Scharhörn auf Grund kommen
-und Notsignale machen, worauf das Rettungsboot sofort fertig gemacht
-wurde. Da es mittlerweile aber Hochwasser geworden war, so konnte
-man wegen des herrschenden schweren Schneesturmes aus Südost erst
-um 11½ Uhr nachts mit der kommenden Flut abfahren; man hatte aber
-in der Zwischenzeit Raketen steigen lassen, um den Schiffbrüchigen
-anzuzeigen, daß Hilfe geleistet würde. Nachdem das Rettungsboot um 1½
-Uhr nachts die Unglücksstelle erreicht hatte, war das Boot, Bootsgerät
-und selbst die Mannschaft von einer dicken Eiskruste umgeben, so daß
-es erst nach sehr schwerer und gefährlicher Arbeit gelang, die aus
-fünf Mann bestehende Besatzung im Rettungsboot aufzunehmen. Um 3½ Uhr
-morgens wurde das Leuchtschiff erreicht, woselbst die Insassen des
-Rettungsbootes, des furchtbaren Seeganges halber, einzeln mit einem
-Tau übergeholt werden mußten, eine gefährliche und mühevolle Arbeit,
-so daß das Rettungsboot, welches eher einem Eisklumpen als einem Boote
-ähnlich sah, erst um 5¾ Uhr wieder auf Seite geholt werden konnte.
-Das verunglückte Schiff war der deutsche Schooner „Geskea“, Kapitän
-Sielmann, von Danzig nach Harburg bestimmt.
-
-Wenn nun auch schon schöne Erfolge im Gebiete des See-Rettungswesens
-errungen worden sind, so ist doch noch nicht genug geschehen. Unsere
-Küsten sind noch nicht genügend mit Hilfsmitteln ausgerüstet; noch
-stehen uns andere Länder im Rettungswesen voran, und das ist die
-Ursache, daß noch so mancher Schiffbrüchige, der gerettet werden
-könnte, sein Grab in der Tiefe findet.
-
-„Wenn der Orkan durch die Straßen heult und die Gebäude in ihren
-Grundfesten erschüttert, wenn die Wolken, am düstern Himmel
-dahinjagend, Regen und Schlossen herniederpeitschen, dann fühlt sich
-der Landbewohner behaglich und glücklich im warmen Zimmer und empfindet
-wohlthuend den Gegensatz zwischen dem Sturm draußen und dem Frieden des
-Hauses. Möge er dann nicht vergessen, wie der Orkan die Meereswogen
-zu gigantischer Höhe türmt, Schiffe entmastet und sie steuerlos der
-Küste zutreibt, über deren Riffe sich die Brandung donnernd wälzt und
-ihren Gischt himmelan sprüht! Möge er sich dann erinnern, für wie viele
-seiner Mitmenschen sich in solchem Sturme ein nasses Grab öffnet! Möge
-er aus dem Brausen des Windes stets die Mahnung heraushören: Gedenket
-eurer Brüder zur See!“[211]
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-Die bedeutendsten Dampfschiffahrts-Gesellschaften der Erde.
-
-
-Der Erfolg der ersten oceanischen Dampfschiffahrts-Gesellschaft, welche
-durch +Stephan Cunard+ 1840 gegründet und von der englischen Regierung
-subventioniert wurde, regte allenthalben die Idee an, Dampferlinien
-ins Leben zu rufen. Zunächst freilich stellten sich der Entwicklung
-der überseeischen Dampfschiffahrt noch mancherlei Hindernisse
-und Schwierigkeiten entgegen, trotzdem aber bildeten sich in
-verhältnismäßig kurzer Zeit zahlreiche Dampfschiffahrts-Gesellschaften,
-die für einen regelmäßigen Verkehr zwischen den Haupthandelshäfen der
-Welt sorgten. In Europa sind die bedeutendsten derselben, nach Ländern
-geordnet, folgende:
-
-
-I. Deutsches Reich.
-
-In Deutschland stehen unter den Dampfschiffahrts-Gesellschaften
-obenan der +Norddeutsche Lloyd+ und die +Hamburg-Amerikanische
-Paketfahrt-Aktien-Gesellschaft+. Beide Gesellschaften unterhalten
-vorzugsweise den Verkehr mit +Amerika+.
-
-Der +Norddeutsche Lloyd+[212] wurde am 20. Februar 1857 durch
-den vielverdienten Konsul H. H. +Meier+ in Bremen gegründet und
-gelangte allmählich zu solcher Blüte, daß er nun +das erste und
-bedeutendste See-Institut Deutschlands+ ist[213]. Die Gesellschaft,
-welche anfänglich nur über vier Schiffe verfügte, besaß Ende 1885
-eine Flotte von 40 Seedampfern mit rund 100000 t (genau 103466 t).
-Die +gesamte+ Flotte des Norddeutschen Lloyd hatte im gleichen Jahr
-(ohne die Schleppkähne) einen Brutto-Raumgehalt von 106838 t und
-einschließlich der Schleppkähne mit 11501 Registertonnen 118339 t. Der
-Anschaffungswert der Schiffe betrug im ganzen 69½ Mill. M.
-
- =Größe und Preis der acht Schnelldampfer des Norddeutschen Lloyd.=
- ----------+---------------+------------
- Name des | Brutto- | Totalpreis
- Dampfers. | Tonnengehalt. | in Mark.
- ----------+---------------+------------
- Elbe | 4510 | 3150000
- Werra | 4815 | 3600000
- Fulda | 4814 | 3830000
- Eider | 4719 | 3770000
- Ems | 4728 | 3710000
- Aller | 5380 | --
- Trave | -- | --
- Saale | -- | --
-
-An Bequemlichkeit der Passagierräume, an Sauberkeit und Reinlichkeit,
-an Behaglichkeit und luxuriöser Ausstattung der Salons, an
-Vorzüglichkeit und Reichhaltigkeit des Tisches stehen die
-+Lloyddampfer+, wie uns bereits früher die Betrachtung der „Ems“
-dargethan, unerreicht da. Jedem Schiffe ist auch ein +Arzt+ beigegeben.
-
-Ebenso vereinigen die Dampfer alle Fortschritte im Bau der
-Schiffsmaschinen und Motoren.
-
-Gegen Unglücksfälle ist jede denkbare Fürsorge zur Rettung getroffen.
-Jeder Dampfer ist mit 8-10 Rettungsbooten versehen; letztere führen
-Wasservorrat, Kompaß und Ruder. Die Mannschaft ist in der Bedienung
-der Boote besonders eingeübt, und die zu jedem Boote gehörenden Leute
-sind im voraus bestimmt. Unter dem Kopfende der Matratze findet
-jeder Passagier einen Rettungsgürtel aus Kork. Zur Sicherung gegen
-Feuersgefahr bestehen strenge Verordnungen, die auch unnachsichtig
-durchgeführt werden. In der That sind denn auch in der Zeit von
-1858-1881 im oceanischen Verkehr, obwohl in diesem Zeitraum 1761
-oceanische Rundreisen gemacht und in diesem Verkehr 967582 Passagiere
-befördert wurden, nur vier Strandungen vorgekommen, und nur eine
-derselben war von Menschenverlust begleitet.
-
-An Bord eines jeden Schiffes befindet sich auch eine Reserveschraube
-(das Gewicht einer solchen schwankt zwischen 11000-16000 Pfd.), sowie
-überhaupt für alle beweglichen Teile der Maschinen Reservestücke.
-
-Die Zuverlässigkeit der Bemannung wird verbürgt durch die
-menschenfreundliche Fürsorge, welche die Gesellschaft selbst für ihre
-Bediensteten bekundet. Im ganzen befinden sich auf der Flotte des Lloyd
-3600 Seeleute, in seinen Werkstätten und Bureaus etwa 2000 Arbeiter und
-Beamte.
-
-Für die Beliebtheit des Lloyd und für das allgemeine Vertrauen zu
-seinen zuverlässigen und schnellen Fahrten spricht wohl am meisten
-der Umstand, daß, obwohl er an den höchsten Fahrpreisen hält, dennoch
-während der Saison seine Schiffe in der Regel 2-3 Monate im voraus bis
-auf den letzten Platz besetzt sind.
-
-Der gesamte +Passagier+- und +Güterverkehr+ auf den
-+transatlantischen+ Linien stellte sich in den Jahren 1884 und 1885
-folgendermaßen:
-
-An +Personen+ wurden befördert:
-
- ------------------+--------------------------+-------------------------
- | 1885 | 1884
- Fahrten. +------------+-------------+------------+------------
- | ausgehend. | einkommend. | ausgehend. | einkommend.
- ------------------+------------+-------------+------------+------------
- New-Yorker Fahrt | 77394 | 30780 | 74130 | 26634
- Baltimore-Fahrt. | 7473 | 2009 | 30322 | 2867
- Galveston-Fahrt | 582 | 38 | 915 | 29
- Südamerikanische | 5252 | 1086 | 3088 | 1014
- Fahrt | | | |
- --+------------+-------------+------------+------------
- | 90701 | 33913 | 108455 | 30544
- --+------------+-------------+------------+------------
- | 124614 | 138999
-
-An +Gütern+ wurden befördert:
-
- ------------------------+------------+------------
- nach | 1885 1884
- ------------------------+------------+------------
- New-York | 114486 cbm | 99480 cbm
- Baltimore | 9094 „ | 14530 „
- Galveston | 307 „ | 169 „
- südamerikanischen Häfen | 74073 „ | 82892 „
- --+------------+------------
- | 197960 cbm | 197071 cbm
-
-Die Zahl der +Reisen+ betrug im Jahre 1885 nach New-York 105 (1884:
-95), nach Baltimore nur 19 (1884: 44).
-
-Der +Kohlenverbrauch+ der Dampfer des Lloyd belief sich 1881 auf 164000
-t à 1000 kg[214].
-
-Wie groß der Verbrauch an +Nahrungsmitteln+ auf den Lloyddampfern im
-Jahre 1881 gewesen, erhellt aus folgenden Angaben. Es wurden konsumiert:
-
- Fleisch 1840000 Pfund,
- Fische, frische 37500 „
- Geflügel 31600 Stück,
- Kartoffeln 34500 Ctnr.,
- Käse 30900 Pfund,
- Melis-Zucker 105300 „
- Milch, kondensierte 70600 Büchsen,
- Roggenbrot 418500 „
- Schnittäpfel 36300 Pfund,
- Sauerkohl 201500 „
- Schinken 3350 Stück,
- Thee 7850 Pfund,
- Wurst 12200 „
- Wild 250 Stück,
- Weizenzwieback und Cakes 216100 Pfund,
- u. s. w.
-
-Der Verbrauch an +Getränken+ betrug u. a.:
-
- Champagner 1/1 Flaschen 4500,
- „ ½ „ 3000,
- Medoc 1/1 „ 60000,
- St. Julien 1/1 „ 42000,
- Geisenheimer 1/1 „ 6600,
- Cognac 1/1 „ 5000,
- Rum 1/1 „ 5000,
- Genever 1/1 Flaschen 11000,
- Culmbacher Bier ½ „ 44000,
- Lagerbier 1/1 „ 530000,
- Bayerisch-Bier, Schoppen 250000,
- Selterswasser 1/1 Flaschen 40000,
- Apollinaris 1/1 „ 15000[215].
-
-Neuestens ist dem Norddeutschen Lloyd der subventionierte
-+Postdampferdienst+ des Deutschen Reichs zur Vermittlung des Verkehrs
-mit +Ostasien+ (mit Anschlußlinie nach Korea und Japan) und mit
-+Australien+ (mit Anschlußlinie nach den Samoa-Inseln) unter Errichtung
-einer Zweiglinie von Triest über Brindisi nach Alexandrien seitens
-der deutschen Regierung übertragen worden. Für diese Linien wurden
-sechs neue Dampfer eingestellt, von denen drei für die ostasiatische
-und die australische Hauptlinie und drei für die ostasiatische und
-australische Anschlußlinie bestimmt sind. Sämtliche Schiffe wurden
-bei der Maschinenbau-Aktien-Gesellschaft „Vulkan“ in Bredow bei
-Stettin gebaut. Die für die Hauptlinien bestimmten Dampfer „Preußen“,
-„Sachsen“ und „Bayern“ haben eine Tragfähigkeit von 3600 t, sowie
-eine Geschwindigkeit von 14 Knoten. Die Dampfer der Anschlußlinien,
-„Stettin“, „Lübeck“ und „Danzig“, besitzen eine Tragfähigkeit von 1550
-t und eine Geschwindigkeit von 12½ Knoten. Sämtliche sechs Dampfer
-sind außerdem mit allen für die Fahrt in den Tropen erforderlichen und
-empfehlenswerten Einrichtungen versehen, sowie mit dem größten Komfort
-für die Passagiere ausgestattet, so daß sie in ihrer Konstruktion
-und Einrichtung den auf denselben Linien laufenden Postdampfern
-anderer Nationen nicht nur nicht nachstehen, sondern dieselben
-übertreffen. Auch die älteren Dampfer, welche in die neuen Linien
-eingestellt wurden, sind durch Dampfsteuerung, elektrische Beleuchtung,
-Eismaschinen neuester Konstruktion, vorzügliche Ventilation u. s. w.
-aufs sorgfältigste für die Tropenfahrt eingerichtet.
-
-Einschließlich dieser sechs neuen Dampfer sowie der drei neuen
-Schnelldampfer für die transatlantische Route („Aller“, „Trave“,
-„Saale“), erreicht der Brutto-Raumgehalt der Dampfer der Gesellschaft
-rund 150000 t, so daß der +Norddeutsche Lloyd, abgesehen von der
-englischen Peninsular and Oriental Steam Navigation Company und
-der französischen Gesellschaft Messageries Maritimes unter allen
-Dampfergesellschaften der Erde die erste Stelle einnimmt.+
-
-Die +Hamburg-Amerik. Paketfahrt-Aktiengesellschaft+[216] verdankt
-ebenso wie der Bremer Lloyd ihre Entstehung der Energie einiger
-Kaufleute.
-
-Die Herren +Adolf Godeffroy+, +Ernst Merck+ und +F. Laeisz+
-waren es, welche, von der Einsicht durchdrungen, daß die in
-Hamburg vorhandenen Verkehrsmittel zur Verbindung mit den
-Vereinigten Staaten von Amerika dem rasch wachsenden Personen-
-und Warenverkehr dahin nicht mehr genügten, am 7. Mai 1847 die
-Hamburg-Amerikanische-Paketfahrt-Aktiengesellschaft ins Leben riefen.
-
-Bescheiden anfangend, eröffneten sie mit drei Segelschiffen eine
-regelmäßige monatliche Paketschiffahrt nach New-York. Bald aber erwies
-sich die Segelschiffahrt allein als unzureichend, und so reifte
-im Jahre 1854 der Entschluß, die Fahrt auch mit Dampfschiffen zu
-betreiben. Am 1. Juni 1856 erfolgte die Eröffnung der ersten deutschen
-transatlantischen Dampfschiffsverbindung. 1885 besaß die Gesellschaft
-bereits 23 Schiffe mit einem Brutto-Raumgehalt von 61213 t. Der
-Gesamt+wert+ der Schiffe betrug 1885 16,19 Mill. M. Der größte Dampfer
-der Gesellschaft ist die „Hammonia“ mit 4247 Brutto-Tonnen[217]. 1885
-wurden von den Schiffen der Gesellschaft auf der Route Hamburg-New-York
-77 und auf der westindisch-mejikanischen Route 46 Doppelreisen
-ausgeführt[218].
-
-Andere bedeutende Dampfschiffahrts-Gesellschaften Deutschlands sind:
-
-Die +Hamburg-Südamerikanische Dampfschiffahrts-Gesellschaft+; ihre
-Dampfer laufen über Lissabon nach Bahia oder Pernambuco und Rio de
-Janeiro, sowie nach Montevideo und Buenos Aires.
-
-Der +Kosmos+ in Hamburg; er befährt den fast 11000 Seemeilen langen
-Seepostkurs Hamburg-Callao.
-
-Die +Deutsche Dampfschiffsreederei+ in Hamburg; ihre Hauptroute ist
-Hamburg-Suez-Hongkong-Yokohama.
-
-Die +Australia-Sloman-Linie+ (Aktiengesellschaft); sie verkehrt nach
-Australien via Suez.
-
-Die Dampfschiffsreederei +Hansa+; sie unterhält eine Verbindung mit
-Canada.
-
-Die +Afrikanische Dampfschiffs-Aktiengesellschaft+ (Woermann-Linie);
-ihre Dampfer gehen nach Westafrika.
-
- =Die größeren deutschen Dampfschiffahrt-Gesellschaften nach Zahl
- und Tonnengehalt der Schiffe[219].=
-
- -----------------------------------------------+--------+-------------
- Dampfschiffahrts-Gesellschaften. |Zahl der| Brutto-
- |Schiffe.|Tonnengehalt.
- -----------------------------------------------+--------+-------------
- Norddeutscher Lloyd | 57 | 106838
- Hamburg-Amerikan. Paketfahrt-Aktiengesellschaft| 23 | 61213
- Hamburg-Südamerik. Dampfschiffahrts-Gesellsch. | 16 | 32070
- Kosmos | 12 | 19300
- Deutsche Dampfschiffsreederei | 11 | 17289
- Australia-Sloman-Linie | 6 | 10825
- Hansa | 4 | 6031
- Afrikanische Dampfschiffs-Aktiengesellschaft | 5 | 5469
-
-
-II. England.
-
-Die bedeutendste der englischen Gesellschaften und +aller
-Dampfschiffahrts-Gesellschaften überhaupt+ ist die +Peninsular and
-Oriental Steam Navigation Company+, gewöhnlich nur kurz mit ~P. a.
-O. St. N. C.~ bezeichnet[220]. Ihre Dampfer besorgen die Verbindung
-mit den Mittelmeergebieten, besonders aber durch den Kanal von Suez
-mit Süd- und Ostasien und Australien. Die Anfänge dieses Unternehmens
-reichen bis ins Jahr 1837 zurück. Damals wurde die englisch-indische
-Post, welche bis dahin den langwierigen, 13600 Seemeilen messenden
-Weg um das Kap der guten Hoffnung genommen hatte, nach der Landenge
-von Suez instradiert und der direkte Segelschiffskurs von Falmouth
-nach Gibraltar und weiter nach Alexandria ins Leben gerufen. In Suez
-übernahmen dann die Dampfer der ostindischen Kompagnie die Post
-und beförderten dieselbe nach Bombay. Da aber die Segelschiffe von
-Falmouth nach Gibraltar und weiter nach Alexandria eine sehr bedeutende
-Fahrdauer beanspruchten, ersetzte man sie durch Dampfschiffe, und so
-entstand 1840 die ~P. a. O. St. N. C.~ Ihren Namen erhielt sie davon,
-daß sie in ihrem Dienste die Iberische +Halbinsel+ (Halbinsel ~lat.
-peninsula~) berührte und die +orientalische+ Post besorgte.
-
-Dieses Unternehmen hat im Laufe der Jahre einen wahrhaft großartigen,
-in der gesamten modernen Schiffahrt unerhörten Aufschwung genommen. Die
-Gesellschaft besaß Ende 1885 52 Dampfer mit einem Brutto-Raumgehalt
-von 177381 t. Was die Größe der Schiffe betrifft, so haben nur zwei
-Dampfer über 5000 Brutto-Tonnen; dagegen haben 13 Schiffe mehr als
-4000, 18 zwischen 3000-4000 und 19 zwischen 1835 und 2984 Brutto-Tonnen.
-
-Die +Ausgaben für den Schiffahrtsbetrieb+, also für Kohlen, Fracht,
-Schiffs- und Maschinenmaterialien, Hafen- und Leuchtfeuer-Abgaben,
-Lootsengelder, Schlepplohn und verschiedene Schiffsunkosten, Gagen und
-Heuer an Kapitäne, Offiziere und Mannschaften, Provisionen für die
-Schiffsbesatzungen und Passagiere betrugen 1885: 1215085 Pfd. St. (=
-24⅓ Mill. M.). Der bedeutendste Posten unter diesen Ausgaben entfällt
-auf Kohlen- und Kohlentransport (300000-400000 Pfd. St., also 6-8 Mill.
-M.).
-
-Aus den +Einnahmen+ sind vor allem die Passage- und Frachtgelder
-hervorzuheben; die Passagiergelder betrugen 1885: 808188 Pfd. St. (=
-16163760 M.); die Frachtgelder im gleichen Jahre: 1109592 Pfd. St. (=
-22191840 M.). Hierzu kommen noch Postsubsidien (1885) mit 465944 Pfd.
-St.
-
-An +Dividende+ und +Superdividende+ wurden den Aktionären 1885 7%
-bezahlt (1884: 6%).
-
-Der +Wert+ der Schiffe belief sich 1885 auf 2517603 Pfd. St. (=
-50352060 M.). Die Kohlenvorräte hatten einen Wert von 62669 Pfd. St. (=
-1253380 M.); die Docks, der Grund- und Gebäudebesitz aller Art 269798
-Pfd. St. (= 5395960 M.).
-
-Das ~Handbook of Information~, das die Peninsular and Oriental Steam
-Navigation Company jeden Monat ausgiebt, enthält eine Menge für den
-Versender und Passagier wissenswerter Details. Es sei beispielsweise
-nur auf die Rundreisebillets zu ermäßigten Preisen für Touren nach
-Indien, Australien und um die Erde verwiesen.
-
-Nach +Asien+ und +Australien+ verkehren von englischen
-Dampfschiffahrts-Gesellschaften außerdem noch die +British India Steam
-Navigation Company+ und die +Orient Steam Navigation Company+.
-
-Englische Gesellschaften, welche die Verbindung mit +Afrika+
-unterhalten, sind: Die +Castle Mail Packets Company+ (Colonial Mail
-Line), die +Union Steamship Company+, die +British and African Steam
-Navigation Company+ und die +African Steamship Company+.
-
-Die bedeutendsten der nach +Nordamerika+ verkehrenden englischen Linien
-sind: Die +Cunard+-, +Guion+-, +Anchor+-, +Dominion+-, +White Star+-,
-+National+- und +Inman+-Linie.
-
-Mit +Central+- und +Südamerika+ vermitteln die Verbindung die Dampfer
-der +Royal Mail Steam Packet Company+ und der +Pacific Steam Navigation
-Company+.
-
- =Die größeren englischen Dampfschiffahrt-Gesellschaften nach Zahl
- und Tonnengehalt der Schiffe[221].=
-
- ---------------------------------------------+----------+--------------
- Dampfschiffahrts-Gesellschaften. | Zahl der | Brutto-
- | Schiffe. | Tonnengehalt.
- ---------------------------------------------+----------+--------------
- Peninsular and Oriental Steam Navigation | |
- Company | 52 | 177381
- British India Steam Navigation Company | 69 | 133096
- Henderson Bros. (Anchor Line) | 39 | 113825
- Wilson T. Sons & Company | 67 | 95474
- Cunard Steamship Company | 29 | 90775
- Pacific Steam Navigation Company | 38 | 86328
- Allan J. & A. | 26 | 80764
- Leith, Hull and Hamburg Steam Packet Company | 49 | 79357
- Liverpool, Brazil and River Plate Steam | |
- Navigation Company | 39 | 71917
- Cayzer Irvine & Company | 25 | 68236
- Royal Mail Packet Company | 24 | 60288
- National Steamship Company | 13 | 57837
- Ocean Steamship Company | 33 | 57835
- Oceanic Steam Navigation Company (White | |
- Star Line) | 14 | 55115
- Union Steamship Company. | 17 | 47981
- British and African Steam Navigation Company | 24 | 32912
- Orient Steam Navigation Company. | 6 | 26379
- African Steamship Company | 12 | 19831
-
-
-III. Frankreich.
-
-Die zwei hervorragendsten französischen Dampfschiffahrts-Gesellschaften
-sind die +Compagnie générale transatlantique+ und die +Messageries
-Maritimes+.
-
-Die +Compagnie générale transatlantique+ besorgt den Verkehr mit
-Amerika und teilweise auch im Mittelmeer. Ihre Dampfer, 65 an der
-Zahl, laufen aus von St. Nazaire an der Mündung der Loire und von
-Havre. Der Brutto-Raumgehalt derselben beträgt, abgesehen von den
-drei Dampfern „Gascogne“, „La Bourgogne“ und „La Champagne“, für
-welche das ~Universal Register for 1886~ Angaben nicht enthält,
-118597 t. Einschließlich dieser, von welchen jeder nach den in dem
-Jahresbericht der Gesellschaft vom 28. April 1884 enthaltenen Angaben
-einen Brutto-Raumgehalt von 6800 t, eine Länge von 150 m, eine Breite
-von 15,70 m und eine Tiefe von 11,70 m hat, beziehungsweise erhält,
-beziffert sich der Brutto-Raumgehalt der Flotte auf 138997 t (rund
-140000 t).
-
-Die Kurse der +Messageries Maritimes+ umfassen das ganze Mittelmeer,
-dann Süd- und Ostasien und Australien mit Neu-Caledonien. Hierzu kommt
-noch eine Linie nach Südamerika (Buenos-Aires). Der Ausgangshafen
-der Dampfer ist Marseille. Die Zahl derselben beträgt 58, deren
-Brutto-Raumgehalt 151151 t[222].
-
-
-IV. Die Niederlande.
-
-Die wichtigste Gesellschaft der Niederlande ist die +Stoomvaart
-Maatschappij Nederland+, deren neun Dampfer einen Brutto-Raumgehalt von
-26206 t haben[223]. Sie unterhält die Verbindung mit den Kolonieen im
-Indischen Archipel.
-
-
-V. Österreich-Ungarn.
-
-Das größte österreichische See-Institut ist der
-+Österreichisch-Ungarische Lloyd+[224]. Die Gründung desselben ging
-aus der Initiative der Triester Versicherungsgesellschaften hervor,
-die nach dem Vorbilde der gleichnamigen Institutionen in London und
-Triest sich die Aufgabe stellten, einen Organismus zu schaffen,
-der den Kaufleuten und Versicherern die genauesten Nachrichten
-über Handel und Schiffahrt der Hauptplätze Europas und der Levante
-vermitteln sollte. Bald jedoch trat zu dieser ursprünglichen Aufgabe
-eine zweite, nämlich die Errichtung von regelmäßigen Dampferlinien
-zwischen den österreichischen Häfen einerseits und den Ionischen
-Inseln, Griechenland, dem Archipel, Konstantinopel, Smyrna und
-Syrien andererseits; am 2. August 1836 erfolgte die Konstituierung
-des Unternehmens mit einem Gründungskapital von 1 Mill. Gulden. Das
-Unternehmen machte gleich anfangs mächtige Fortschritte, und schon
-nach Ablauf des ersten Decenniums seiner Thätigkeit war das Kapital
-desselben auf 3,15 Mill. Gulden, die Zahl der Dampfschiffe von 7 auf
-20, die durchlaufene Meilenzahl von 43652 auf 334495, die Zahl der
-Reisenden von 7967 auf 104091, der Betrag der beförderten Gelder von
-4,13 auf 33,418 Mill. Gulden und das Gewicht der beförderten Güter
-von 5383 auf 133769 Metercentner herangewachsen. Seitdem hat der
-Österreichisch-Ungarische Lloyd sich in großartiger Weise entwickelt.
-Am Ende des Jahres 1885 schloß die Gesellschaft ab mit einem
-Kapitalfond von 19½ Mill. Gulden und einer Flotte von 84 Dampfern (mit
-einem derzeitigen Werte von über 16 Mill. Gulden). Die durchlaufene
-Meilenzahl ist auf 1752519, die Zahl der Reisenden auf 380129, das
-Gewicht der expedierten Waren auf über 6 Mill. Metercentner und der
-Betrag der beförderten Gelder auf 108½ Mill. Gulden gestiegen. --
-Der Brutto-Raumgehalt der Flotte betrug Ende 1885 119787 t, die Zahl
-der 1885 gemachten Reisen 1687. -- Den regsten Verkehr unterhält
-die Gesellschaft mit der Levante, doch besteht auch eine Linie nach
-Ostasien.
-
-
-VI. Italien.
-
-Das großartigste Schiffahrtsunternehmen Italiens ist die +Allgemeine
-italienische Dampfschiffahrts-Gesellschaft+ (+Navigazione generale
-italiana+). Dieselbe ist hervorgegangen aus der vor kurzem erfolgten
-Verschmelzung der bisher selbständigen Gesellschaften +R. Rubattino
-& Compagnia+ und +Florio & Compagnia+. -- +Raffaele Rubattino+ (†
-1881) eröffnete 1850 mit äußerst bescheidenen Mitteln die von ihm
-geleitete Reederei-Gesellschaft. Die Staatsregierung gewährte aber
-der Gesellschaft alsbald bedeutende Subventionen und setzte dieselbe
-dadurch in den Stand, ihre Flotte zu vergrößern und der Handelsmarine
-Italiens die heutige achtunggebietende Stellung zu erringen. Rubattino
-machte es sich zunächst zur Aufgabe, der italienischen Flagge im
-+Mittelmeere+ Geltung zu verschaffen, dann aber auch außerhalb
-desselben; er schuf infolge der erheblichen Chancen, welche die
-Eröffnung der Gotthardbahn der Wiederbelebung des Handels von Genua
-bot, die Dampferlinien +Genua-Bombay+ und +Genua-Singapore+. Hand in
-Hand damit ging die Erwerbung der Bai +Assab+ im Roten Meere, wodurch
-der Grund zu der daselbst bestehenden italienischen Kolonie gelegt
-wurde.
-
-Dem Namen +Rubattino+ steht der Name des Reeders +Vincenzo Florio+
-würdig zur Seite. Florios Gesellschaft verlegte den Schauplatz ihrer
-Thätigkeit mehr in die +östliche+ Hälfte des Mittelmeeres und trat hier
-mit dem Österreichisch-Ungarischen Lloyd in Wettbewerb.
-
-Die Allgemeine italienische Dampfschiffahrts-Gesellschaft verfügt jetzt
-über eine Flotte von 102 Dampfern mit 145609 Brutto-Tonnen[225]. Der
-Wert derselben stellt sich auf mehr als 63 Mill. Lire[226].
-
-
-VII. Sonstige europäische Staaten.
-
-Von den Dampfschiffahrts-Gesellschaften der übrigen europäischen
-Staaten seien noch folgende erwähnt:
-
-Die +Compania trasatlantica+ zu Cadiz mit 261, die +Russische
-Dampfschiffahrts- und Handelsgesellschaft+ zu St. Petersburg mit 80 und
-die +Vereinigte Dampfschiffahrts-Gesellschaft+ zu Kopenhagen mit 81
-Schiffen[227].
-
-
-VIII. Vereinigte Staaten von Amerika[228].
-
-Obwohl die Ocean-Dampfschiffahrt, wie die Dampfschiffahrt überhaupt
-in den Vereinigten Staaten von Amerika ihre Wiege gehabt hat, so ist
-dieselbe doch später von den Vereinigten Staaten hinsichtlich der
-Errichtung eigener transoceanischer Schnelldampferlinien nicht in dem
-Maße weiter ausgebildet worden, wie an sich hatte erwartet werden
-dürfen. Der Grund hiervon dürfte darin liegen, daß von England von
-vornherein und dann auch von Deutschland und Frankreich für vollkommen
-ausreichende Verbindungen mit Nordamerika Sorge getragen wurde. Die
-Vereinigten Staaten von Amerika konnten sich unter diesen Umständen
-in der Hauptsache darauf beschränken, die zahlreichen Verbindungen
-Europas, welche nach Nordamerika liefen, sowie auch die von Europa
-nach anderen Ländern ausgehenden Linien ihren eigenen Zwecken
-dienstbar zu machen. Es geschah dies in einer für die Staatsinteressen
-fast zu weitgehenden Weise; denn lange Zeit hindurch besaßen die
-Vereinigten Staaten nicht einmal eine direkte Postdampfer-Verbindung
-nach Südamerika. Die nach Südamerika bestimmten Waren und Posten
-Nordamerikas nahmen den Weg über Europa, kreuzten also den Ocean
-zweimal, um ihren Bestimmungsort zu erreichen.
-
-Zur Zeit verfügen die Vereinigten Staaten von Amerika über eigene
-direkte Dampferlinien nach Mejico, Centralamerika, Südamerika, Japan
-und China. An der Spitze der betreffenden Unternehmungen steht die
-+Pacific Mail Steamship Company+ (45313 Brutto-Tonnen) +mit dem Sitze
-zu New-York+; sie verkehrt nach Japan und China.
-
-Weitere Dampfschiffahrts-Unternehmungen sind:
-
-~a~) die +New-York Havanna and Mejican Mail Steamship Company+, welche
-alle 10 Tage eine Verbindung zwischen New-York über Havanna, Progreso,
-Campêche und Frontera nach Veracruz unterhält.
-
-~b~) die +Reederei-Gesellschaft Macheco Brothers+, welche von
-New-Orleans eine dreiwöchentlich einmalige Verbindung über Tampico
-(Mejico), Puerto Cortez (Honduras), Truxillo (Honduras) und Livingstone
-(Guatemala) nach Belize (Britisch Honduras) unterhält;
-
-~c~) die +United States and Brazil Steamship Company+, welche für ihre
-Fahrten von New-York nach Pará eine Zeitlang eine Subvention von 37500
-Dollars bezog;
-
-~d~) die +Occidental and Oriental Steamship Company+, welche ihre
-Dampfer, wie die Pacific Mail Company, monatlich einmal von San
-Francisco über Jokohama nach Hongkong laufen läßt -- diese Gesellschaft
-ist mit der Pacific Mail Steamship Company neuerdings zu einem
-Unternehmen verschmolzen -- und
-
-~e~) die +Oceanic Steamship Company+, welche monatlich zwei Hin- und
-Rückfahrten zwischen San Francisco und Honolulu mit ihren Dampfern
-verrichtet.
-
- =Stand der zehn größten Dampfschiffahrts-Gesellschaften der Erde
- Ende 1885[229]=
-
- =(geordnet nach dem Brutto-Raumgehalt der Dampfer).=
-
- A: Name der Gesellschaft.
- B: Sitz der Gesellschaft.
- C: Zahl der Schiffe.
- D: Bruttotonnengehalt.
- E: +Größtes Schiff.+ Name.
- F: „ „ Bruttotonnengehalt.
- G: „ „ Nettotonnengehalt.
- H: „ „ Länge in englischen Fuß.
- I: „ „ Breite „ „ „
- J: „ „ Tiefe „ „ „
-
- 1) Peninsular and Oriental Steam Navig. Comp.
- 2) Messageries Maritimes
- 3) Navigazione gener. ital.
- 4) British India Steam Navigation Company
- 5) Österr.- Ungar. Lloyd.
- 6) Comp. génér. transatl.
- 7) Henderson Bros. (Anchor Line)
- 8) Norddeutscher Lloyd
- 9) Wilson T. Sons & Comp.
- 10) Cunard Steamsh. Comp.
-
- ---+-----------+---+-----------+--------------+----+
- A | B | C | D | E | F |
- ---+-----------+---+-----------+--------------+----+
- 1)| London | 52|177381 | Rome |5013|
- 2)| Marseille | 58|151151 | Oceanien |4039|
- 3)| Rom |102|145609 | Raffaele |4538|
- | | | | Rubattino | |
- 4)| London | 69|133096 | Goorkha |4104|
- 5)| Triest | 84|119787 | Poseidon[230]|3874|
- 6)| Paris | 65|118597[231]|Normandie[232]|6063|
- 7)| Glasgow | 39|113825 |City of Rome |8144|
- 8)| Bremen | 57|106838[233]| Aller |5380|
- 9)| Hull | 67|95474 | Martello |3709|
- 10)| Liverpool | 29|90775 | Umbria |7718|
-
- ---+----+-------+-------+-------
- A | G | H | I | J
- ---+----+-------+-------+-------
- 1)|2558| 430,1 | 44,4 | 33,5
- 2)|2695| 416,7 | 41,7 | 30,9
- 3)|3023| 399,3 | 44 | 31,4
- 4)|2660| 390 | 42,2 | 21,6
- 5)|2510| 386 | 42,6 | 34
- 6)|3326| 459,3 | 49,2 | 37,4
- 7)|3453| 560,2 | 52,3 | 37
- 8)|2779| 455 | 48,2 | 34,7
- 9)|2409| 370 | 43,1 | 28,4
- 10)|3268| 501,6 | 57,2 | 38,2
-
-
-IX. =China und Japan.=
-
-Die bedeutendsten Gesellschaften dieser Länder sind: die
-+China Merchants Steam Navigation Company+ in Shanghai und
-+Nippon-Yusen-Kaisha+ in Hiogo (Japan). Erstere besitzt 21, letztere 54
-Schiffe.
-
-
-X. =Australien.=
-
-Eine hervorragende Gesellschaft dieses Kontinents ist die +Union
-Steamship Company of New Zealand+ in Dunedin (Neu-Seeland); sie verfügt
-über 30 Schiffe.
-
- =Übersicht über die Verkehrsbewegung einiger
- Dampfschiffahrts-Gesellschaften im Jahre 1883[234].=
-
- -------------------------+---------+--------+---------------+----------
- | |Güter in| | Gesamt-
- Es beförderte |Personen.| Tonnen | Bargeld. |leistung
- | | ~à~ | | in
- | |1000 kg.| |Seemeilen.
- -------------------------+---------+--------+---------------+----------
- die Compagnie générale | | | |
- transatlantique | 334532 | 712176 | -- | --
- die Compagnie der | | | |
- Messageries Maritimes | 108988 | 393420 |127 Mill. Frcs.| 573818
- der Österreich-Ungar. | | | |
- Lloyd | 289847 | 538276 |118 Mill. Guld.| 1675560
- der Norddeutsche Lloyd | 132590 | 167294 | -- | 1500000
- die Hamburg-Amerikanische| | | |
- Paketfahrt- | | | |
- Aktiengesellsch. | 67295 | 212282 | 7½ Mill. M. | --
-
- =Erträgnisse einiger Dampfschiffahrts-Gesellschaften[235].=
-
- ------------------------------------+------+----+----+-----+-----+----
- Dampfschiffahrts- | 1880 |1881|1882|1883 |1884 |1885
- Gesellschaften. +------+----+----+-----+-----+----
- | +Procente.+
- ------------------------------------+------+----+----+-----+-----+----
- Norddeutscher Lloyd | 5 | 12 | 5 | 10 | 6½ | 5
- Hamburg-Amerikan. Paketfahrt- | | | | | |
- Aktiengesellsch. | 10 | 12 | 9 | 4 | -- | --
- Kosmos (Hamburg) | 11⅔ | 16 | 20 | 9⅓ | 10 | --
- Peninsular and Oriental Steam | | | | | |
- Navigation Comp. | -- | -- | -- | -- | 7 | 6
- Messageries Maritimes | 7 | 7 | 6 | 6 | 5 | 5
- Compagnie générale transatlantique | -- | 7 | 7 | 8 | -- | --
- Österreichisch-Ungarischer Lloyd | -- | -- | -- | -- | 5 |6-2/7
-
-[Illustration: Fig. 149. Linien zwischen Europa und Asien.]
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-Übersicht über die hauptsächlichsten überseeischen
-Dampfschiffverbindungen Europas[236].
-
-
-~A.~ Linien zwischen Europa und Asien (Süd- und Ostasien).
-
-
-1. Über Suez.
-
- ~a.~ =Deutsche Linien.=
-
- ------------+--------+---------+--------+----------------+-------------
- | | Entfer- |Fahrzeit| Personengeld |
- Von | nach | nung | in | in Mark. (Kl.) | Eigentümer.
- | | in | Tagen. +-----+----+-----+
- | | Seemeil.| | I. | II.| III.|
- ------------+--------+---------+--------+-----+----+-----+-------------
- Bremerhaven |Shanghai| 11083 | 48 | ab Bremen |Norddeutscher
- (Triest-) | | | | | Lloyd.
- Brindisi | „ | -- | 32 |{1750 1000 440}|
- +Zweiglinie+: Hongkong-Japan-Hongkong.
- Von Oktober bis März dauert die Fahrt von Aden nach Shanghai 2-3
- Tage länger wegen der Nordost-Monsune. Von April bis September
- dauert die Fahrt von Shanghai nach Aden 3-5 Tage länger wegen der
- Südwest-Monsune.
- Hamburg {|Shanghai| 10974 | 54 | -- 1200 -- |Deutsche
- {|Yokohama| 11755 | 62 | -- 1200 -- |Dampfschiffs-
- | | | | |reederei.
-
- ~b.~ =Englische Linien.=
-
- -----------+--------+---------+--------+----------------+--------------
- | | Entfer- |Fahrzeit| Personengeld |
- Von | nach | nung | in | in Mark. (Kl.) | Eigentümer.
- | | in | Tagen. +--------+-------+
- | | Seemeil.| | I. | II. |
- -----------+--------+---------+--------+--------+-------+--------------
- London |Bombay | 6274 | 27 | ab Brindisi |Peninsular and
- Brindisi | „ | -- | 15 |{ 1260 640 } |Oriental Steam
- Brindisi |Shanghai| -- | 36 |{ 1660 900 } |Navigation
- | | | | |Company.
- +Zweiglinien+: Colombo-Calcutta und Hongkong-Yokohama.
- London |Calcutta| -- | 40 | -- -- }|British India
- London |Bombay | -- | 42 | -- -- }|Steam
- |über | | | }|Navigation
- |Kurrachee. | | }|Company.
- Liverpool |Calcutta| -- | -- | -- -- |City Line.
-
- ~c.~ =Französische Linien.=
-
- ------------+--------+----------+--------+----------------+------------
- | |Entfernung|Fahrzeit| Personengeld |
- Von | nach | in | in |in Franken.(Kl.)| Eigentümer.
- | | Seemeil. | Tagen. +--------+-------+
- | | | | I. | III. |
- ------------+--------+----------+--------+--------+-------+------------
- Marseille |Shanghai| 9030 | 41 | 2075 | 830 |Messageries
- | | | | | |Maritimes.
- +Zweiglinien+: Colombo-Calcutta, Singapore-Batavia, Hongkong-Yokohama.
-
- ~d.~ =Österreichische Linien.=
- --------+------------+---------+--------+----------------+-------------
- | | Entfer- |Fahrzeit| Personengeld |
- | | nung | |in österr. Guld.|
- Von | nach | in | in +----------------+ Eigentümer.
- | | Seemeil.| Tagen. | I. Kl.| II. Kl.|
- --------+------------+---------+--------+-------+--------+-------------
- Triest |Hongkong | 8345 | 51 | 730 | 440 | Österr.-
- |über Bombay.| | Ungarischer
- Triest. |Hongkong | 7921 | 46 | -- | -- | Lloyd.
- +Zweiglinie+: Colombo-Calcutta.
-
- ~e.~ =Italienische Linien.=
- | | ab Genua | | | Navigazione
- | | /----/\----\ | | | generale
- Genua |Bombay | 4557 | 19 | -- | -- | italiana.
-
- ~f.~ =Spanische Linie.=
- Barce-
- lona |Manila | 7697 | 37 | -- | -- | --
-
- ~g.~ =Niederländische Linien.=
- Marseille.|Batavia | 6868 | 31 | -- | -- |Gesellschaft
- | | | | | |„Nederland“.
- Rotterdam |Soerabaya | -- | -- | -- | -- |Rotterdamsche
- | | | | | | Lloyd.
-
-
- =2. Über New-York und San Francisco.=
- -------------+--------+-------------+---------+------------+-----------
- Von | nach |Entfernung |Fahrzeit |Personengeld|Eigentümer.
- | |in Seemeilen.|in Tagen.| in Dollars.|
- -------------+--------+-------------+---------+------------+-----------
- | | von San Francisco |
- | | /-----------/\-------------\ |
- Queenstown { |Yokohama| 4750 | 21 | 250 | { A
- { |Hongkong| 6370 | 30 | 300 | {
-
- A: Von San Francisco mit Schiffen der amerikanischen Gesellschaften
- Pacific Mail Steamship Company und Occidental and Oriental
- Steam Navigation Company.
-
-
-~B.~ Linien zwischen Europa und Afrika.
-
-=1. Zwischen Europa und der Westküste von Afrika.=
-
- ~a.~ =Deutsche Linie.=
- ---------+----------+----------+--------+--------------+-----------
- | |Entfernung|Fahrzeit| Personengeld |
- | | | | in Mark |
- Von | nach | in | in +--------------+Eigentümer.
- | | Seemeil.| Tagen. |I. Kl.|II. Kl.|
- ---------+----------+----------+--------+------+-------+-----------
-
- Hamburg | Loanda | 5868 | 53 | -- | -- | B
-
-
- ~b.~ =Englische Linien.=
- Liverpool| Lagos | -- | -- | -- | -- | C
- Liverpool| Loanda | -- | 52 | -- | -- | C
-
-
- ~c.~ =Französische Linie.=
- Bordeaux | Dakar | -- | 9 | -- | -- | D
-
- ~d.~ =Portugiesische Linie.=
- Lissabon |Mossamedes| 5250 | 31 | -- | -- | E
-
- B: Afrik. Dampfschiffs-Aktiengesell. (Woermann-Linie).
- C: African Steamship Comp. und British and African Steam Navigation
- Comp.
- D: Messageries Maritimes.
- E: Empresa Nacional.
-
-=2. Zwischen Europa und Kapstadt-Natal.=
-
-Englische Linien.
-
- ----------+--------+----------+--------+----------------+--------------
- | |Entfernung|Fahrzeit| Personengeld |
- Von | nach | in | in | in Mark. (Kl.) | Eigentümer.
- | | Seemeil. | Tagen. +--------+-------+
- | | | | I. | III.|
- ----------+--------+----------+--------+--------+-------+--------------
- | | | | von London |
- Plymouth {|Kapstadt| 5951 | 20 | 735 | 315 |}Union
- {|Natal | 6796 | 25 | -- | -- |}Steamship
- | | | | | |}Comp.
- Dartmouth{|Kapstadt| -- | 20 | 882 | 378 |}Colonial Mail
- {|Natal | -- | 24 | -- | -- |}Line.
-
-Beide Linien zweigen auch nach St. Helena ab und haben Anschluß von
-dort nach Ascension; ebenso zweigt eine Linie von Natal nach Mauritius
-ab.
-
-=3. Zwischen Europa und der Ostküste von Afrika.=
-
-Englische Linien.
-
-An der Ostküste verkehren in Fortsetzung der Route +Dartmouth-Natal+
-die Dampfer der +Colonial Mail Line+ von +Natal+ nach +Mozambique+ und
-von +Aden+ nach +Mozambique+ in Fortsetzung der Route +Brindisi-Aden+,
-welche die +Peninsular and Oriental Steam Navigation Company+ befährt,
-die Dampfer der +British India Steam Navigation Company+.
-
- +Dartmouth-Mozambique+ 41 Tage, Brindisi-Zanzibar 21 Tage,
- +Brindisi-Natal+ 48 „ Brindisi-Mozambique 30 „
-
-Schiffe der +Messageries Maritimes+ gehen von +Marseille+ über die
-Seychellen und Réunion nach +Mauritius+.
-
-Entfernung von Marseille nach Mauritius 5433 Seemeilen; Fahrzeit 22
-Tage.
-
-
-~C.~ =Linien zwischen Europa und Australien.=
-
-=1. Über Suez.=
-
- ~a.~ =Deutsche Linien.=
- -----------+--------+----------+--------+----------------+-------------
- | |Entfernung|Fahrzeit| Personengeld |
- Von | nach | in | in | in Mark. (Kl.) | Eigentümer.
- | | Seemeil. | Tagen. +-----+----+-----+
- | | | | I. | II.| III.|
- -----------+--------+----------+--------+-----+----+-----+-------------
- Bremerhaven|Sydney | 12368 | 54 | |
- (Triest)- | | | | ab Bremen |Norddeutscher
- Brindisi | „ | -- | 38 |{1350| 800| 250}|Lloyd.
-
- +Zweiglinie+: Sydney-Samoa-Sydney.
-
- ~b.~ =Englische Linien.=
- ----------+--------+----------+--------+----------------+--------------
- | |Entfernung|Fahrzeit| Personengeld |
- Von | nach | in | in | in Mark. | Eigentümer.
- | | Seemeil. | Tagen. +--------+-------+
- | | | | I. Kl. |II. Kl.|
- ----------+--------+----------+--------+--------+-------+--------------
- Brindisi |Sydney | 9668 | 41 | 1300 | 700 |Peninsular and
- |über | | | | |Oriental Steam
- |Colombo.| | | | |Navigation
- | | | | | |Company.
- | | | | | |
- London |Sydney | 12029 | 49 | -- | -- |Orient and
- | | | | | |Pacific Steam
- | | | | | |Navigation
- | | | | | |Company.
- | | | | | |
- London |Brisbane| 12311 | 57 | -- | -- |British India
- |über | | | | |Steam
- |Batavia.| | | | |Navigation
- | | | | | |Company.
- | | | | | |
-
-[Illustration: Fig. 150. Linien zwischen Europa und Afrika. (Zu S.
-432.)]
-
-~c.~ Französische Linie.
-
- ------------+--------+----------+--------+----------------+-----------
- | |Entfernung|Fahrzeit| Personengeld |
- Von | nach | in | in | |Eigentümer.
- | | Seemeil. | Tagen. +--------+-------+
- | | | | I. Kl. |II. Kl.|
- ------------+--------+----------+--------+--------+-------+-----------
- Marseille |Sydney | 10783 | 45 | -- | -- |Messageries
- |über | | | | |Maritimes.
- |Mauritius. | | | |
- =2. Über Kapstadt.=
- Plymouth |Auckland| 13694 | 45 | -- | -- |New Zealand
- | | | | | |Shipping
- | | | | | |Company
-
-[Illustration: Fig. 151. Linien zwischen Europa und Australien.]
-
-=3. Über New-York und San Francisco.=
-
- -------+--------+------------+------------+----------------+-----------
- | | Entfernung | Fahrzeit | Personengeld |
- Von | nach | in | in | |Eigentümer.
- | | Seemeil. | Tagen. +--------+-------+
- | | | | I. Kl. |II. Kl.|
- -------+--------+------------+------------+--------+-------+-----------
- | |ab S. Franc.|ab Liverpool| | |
- Liver- | | | | | |
- pool |Sydney | 7331 | 41 | -- | -- | (1.)
-
- (1.) Von S. Francisco bis Honolulu: Oceanic Steamship Comp.;
- von da: Union Steamship Comp. of New Zealand.
-
-
-~D.~ =Linien zwischen Europa und Amerika.=
-
-
-=1. Zwischen Europa und Nordamerika.=
-
-[Illustration: Fig. 152. Linien zwischen Europa und Nordamerika.]
-
-
-I. +Nach New-York.+
-
- ~a.~ =Deutsche Linien.=
- -------+----+--------+------+----------------------+-------------------
- | | Entfer-| Fahr-| Personengeld |
- Von |nach| nung | zeit | in Mark. | Eigentümer.
- | | in | in +-------+-------+------+
- | |Seemeil.|Tagen.| I. Kl.|II. Kl.| Deck.|
- -------+----+--------+------+-------+-------+------+-------------------
- |New-| | | | | |{Hamburg-Amerikan.
- Hamburg|York| 3675 | 12 | 250 | -- | 100 |{Paketfahrt-
- | | | | | | |{Aktienges.
- | | | {|350-500| 250 | 120 |}
- Bremer-|New-| | {| | | |}
- haven |York| 3565 | 9-10{| mit Schnellschiffen.|}Norddeutscher
- | | | {| -- | 225 | 110 |}Lloyd.
- | | | {|mit gewöhnl. Schiffen.|}
-
- ~b.~ =Englische Linien.=
- ---------+--------+----------+--------+---------------+----------------
- | |Entfernung|Fahrzeit| |
- Von | nach | in | in | Personengeld | Eigentümer.
- | | Seemeil. | Tagen. | |
- ---------+--------+----------+--------+---------------+----------------
- | | | | in Pfd. St. |
- Liverpool|New-York| 3028 | 9 | 12-26 |Inman Line.
- Liverpool|New-York| 3028 | 9 | 12-26 |White Star Line.
- Liverpool|New-York| 3028 | 9 | 12-26 |Cunard Line.
- Liverpool|New-York| 3028 | -- | -- |Guion Line.
- Glasgow |New-York| -- | -- | -- |Anchor Line.
-
- ~c.~ =Französische Linie.=
-
- | | | | in Franken. |
- | | | | |Compagnie
- | | | | |générale
- Havre |New-York| 3130 | 9 | 500-125 |transatlantique.
-
- ~d.~ =Niederländische Linie.=
-
- }| | -- | -- | -- |Niederländisch-
- Amsterdam }|New-York| | | |Amerik.
- Rotterdam }| | | | |Dampfschiff-
- }| | | | |gesellschaft.
-
- ~e.~ =Belgische Linie.=
-
- | | | | in Mark. |
- Antwerpen |New-York | -- | 12 | 100-380 |Red Star Line.
-
-
-II. +Nach anderen Plätzen.+
-
- ~a.~ =Deutsche Linien.=
-
- | | | | in Mark. |Nord-
- Bremerhaven|Baltimore| 3879 | 14 | 100-250 |deutscher
- Bremerhaven|Galveston| -- | -- | 140-500 |Lloyd.
-
- ~b.~ =Englische Linien.=
-
- | | | | in Pfd. St. |
- Liverpool |Quebec | -- | -- |12, 12-18, 18 |Allan u.
- | | | | |Dominion Line.
- Liverpool |Halifax | -- | -- |12, 12-18, 18 |Allan Line.
- Liverpool |Boston | -- | 14 |12, 12-26 |Cunard Line.
- Liverpool |Philadelphia -- | 15 |18, 18 u. 12, 12| --
-
- ~c.~ =Belgische Linie.=
-
- | | | | in Mark. |
- Antwerpen |Philadelphia -- | 15 | 100-380 |Red Star Line.
-
-
-=2. Zwischen Europa und Südamerika (Brasilien, La Plata, Chile, Peru).=
-
- ~a.~ =Deutsche Linien.=
- -----------+----------+--------+--------+-------------+---------------
- | |Entfer- | |Personengeld |
- | | nung |Fahrzeit| in Mark. |
- Von | nach | in | in +----+---+----+ Eigentümer.
- | |Seemeil.| Tagen. | I. |II.|III.|
- | | | |Kl. |Kl.|Kl. |
- -----------+----------+--------+--------+----+---+----+---------------
- Hamburg |Callao | 10962 | 65 |1200|750| 360|Kosmos.
- durch die | | | | | |
- Magellansstraße. | | | | | |
- Hamburg |Buenos- | | | | | |}Hamburg-
- | Aires | 6630 | 30 | 600|-- | 240|}Südamerikan.
- |Bis Rio de| | | | | |}Dampfschiff-
- | Janeiro | 5585 | 26 | 510|-- | 195|}fahrts-
- Hamburg |Santos | 5775 | 29 | -- |-- | -- |}Gesell.
- Bremerhaven|Buenos- | | | | | |
- | Aires | 6745 | 33 | -- |760| -- |}
- |Bis Rio de| | | | | |}Norddeutscher
- | Janeiro | 5850 | 31 | -- |500| -- |}Lloyd.
- Bremerhaven| Santos | 6040 | 39 | -- |-- | -- |}
-
-[Illustration: Fig. 153. Linien zwischen Europa und Südamerika.]
-
- ~b.~ =Englische Linien.=
- -----------+--------+--------+--------+-----------------+-------------
- | |Entfer- | | Personengeld |
- | | nung |Fahrzeit| in Pfd. St. |
- Von | nach | in | in +----+-----+------+ Eigentümer.
- | |Seemeil.| Tagen. | I. | II. | III. |
- | | | |Kl. | Kl. | Kl. |
- -----------+--------+--------+--------+----+-----+------+-------------
- Liverpool |Callao | 11061 | 49 | 75 | 50 | 25 |}Pacific
- | | | | | | |}Steam
- | | | | | | |}Navigation
- | | | | | | |}Company.
- | | | | | | |
- Southampton|Buenos- | -- | 26 | 35 | 20 | -- |}Royal Mail
- | Aires | | | | | |}Steam Packet
- | | | | | | |}Company.
- Southampton|Buenos- | -- | -- | -- | -- | -- |}
- | Aires | | | | | |}Lamport &
- Liverpool |Buenos- | -- | -- | -- | -- | -- |}Holt.
- | Aires | | | | | |}
- Liverpool |Ceara | -- | -- | -- | -- | -- |}Booth
- | | | | | | |}Steamsh.
- | | | | | | |}Company u.
- | | | | | | |}Red
- | | | | | | |}Croß Line.
-
-[Illustration: Fig. 154. Linien zwischen Europa einerseits und
-Mittelamerika und Westindien andererseits.]
-
- ~c.~ =Französische Linien.=
- ---------+--------+--------+--------+-------------+-------------------
- | |Entfer- | |Personengeld |
- | | nung |Fahrzeit| in Francs. |
- Von | nach | in | in +----+---+----+ Eigentümer.
- | |Seemeil.| Tagen. | I. |II.|III.|
- | | | |Kl. |Kl.|Kl. |
- ---------+--------+--------+--------+----+---+----+-------------------
- Bordeaux |Buenos- | 6194 | 26 |1000|700| 300|Messageries Marit.
- | Aires | | | | | |
- Marseille|Buenos- | 6176 | 24 | -- | --| -- |}Société
- | Aires | | | | | |}génér. des
- | | | | | | |}transports
- Havre |Santos | -- | -- | -- | --| -- |}marit.
- Havre |Buenos- | -- | -- | -- | --| -- |}Chargeurs
- | Aires | | | | | |}réunis.
-
- ~d.~ =Italienische Linien.=
-
- Genua |Buenos- | 6207 | 23 | -- | --| -- |La Veloce.
- | Aires | | | | | |
- Genua |Buenos- | 6192 | 22 | -- | --| -- |{Navigazione
- | Aires | | | | | |{generale
- | | | | | | |{italiana.
-
- ~e.~ =Belgische Linie.=
-
- Antwerpen|Buenos- | 6400 | 31 | -- | --| -- |Lamport & Holt
- | Aires | | | | | |in Liverpool.
-
-
-=3. Zwischen Europa einerseits und Mittelamerika und Westindien
-andererseits.=
-
- ~a.~ =Deutsche Linien.=
- ---------+---------+----------+--------+-------------+-----------------
- | |Entfernung|Fahrzeit|Personengeld |
- Von | nach | in | in | in Mark. | Eigentümer.
- | | Seemeil. | Tagen. | II. Kl. |
- ---------+---------+----------+--------+-------------+-----------------
- Hamburg | Colon | 5580 | 30 | 210 für |
- |über St. | | |Zwischendeck.|
- | Thomas. | | | |Hamburg-Amerik.
- Hamburg | Colon | 5690 | 29 | -- |Paketfahrt-
- |über Kap | | | |Aktiengesell-
- | Haiti. | | | |schaft.
- Hamburg | Tampico | 6145 | 30 | -- |
- Hamburg |Cartagena| 5660 | 34 | -- |
-
- ~b.~ =Englische Linien.=
-
- | | | |Personengeld |
- | | | | in Pfd. St. |
- Liverpool | Colon | 5097 | 27 | 28 |}West-India
- | über | | | |}and Pacific
- |Barbados.| | | |}
- Liverpool | Colon | -- | -- | -- |}Steamship Co.
- | direkt. | | | |}u. Harrison
- Liverpool |Veracruz | -- | -- | -- |}Line.
- Southampton|Savanilla| -- | -- | -- |}Royal Mail Steam
- Southampton|Greytown | -- | -- | -- |}Packet Company.
-
- +Zweiglinien der Royal Mail Steam Packet Company+:
- ~a.~ Barbados-St. Thomas, ~b.~ Barbados-Demerara, ~c.~
- Barbados-Trinidad-La-Guayra; ferner Jamaica-Veracruz.
-
- ~c.~ =Französische Linien.=
-
- St. Nazaire| Colon | 4926 | 21 | -- |Compagnie
- Havre | Colon | -- | -- | -- |générale
- St. Nazaire|Veracruz | 5597 | 24 | -- |transatlantique.
-
- +Zweiglinien+: St. Thomas-Cayenne, St. Thomas-Kingston.
-
- ~d.~ =Spanische Linien.=
- -----------+---------+----------+--------+-------------+---------------
- | |Entfernung|Fahrzeit|Personengeld |
- Von | nach | in | in +-------------+ Eigentümer.
- | | Seemeil. | Tagen. | II. Kl. |
- -----------+---------+----------+--------+-------------+---------------
- Cadiz | Havana | -- | -- | -- | --
- Santander | Havana | -- | -- | -- | --
-
- ~e.~ =Niederländische Linie.=
-
- Amsterdam |La Guayra| -- | -- | -- | --
-
-
- =Anschlüsse in Colon (Panama).=
-
- (Zwischen +Colon+ und +Panama+ Eisenbahnverbindung; 47
- englische Meilen in 3-4 Stunden, 25 Doll.)
-
- 1. +Panama-Callao-Valparaiso+ (Pacific Mail Packet Service).
- Fahrtdauer von Panama nach Valparaiso: 24 Tage (3077 Seemeilen).
-
- 2. +Panama-San Francisco+ (Pacific Mail Steamship Company).
- 3241 Seemeilen in 17 Tagen.
-
-Aus diesem Überblick über die wichtigsten Dampferlinien ergiebt sich
-zunächst, daß das +dichteste Netz von Schiffskursen+ das atlantische
-Becken aufweist und hier vor allem wieder die Wasserräume des
-nordwestlichen Europa. Von dort gehen, wie v. +Schweiger-Lerchenfeld+
-sagt, die Dampferrouten wie Strahlenbündel von einem Brennpunkte -- dem
-Ärmelkanal und der Nordsee -- aus. Dicht aneinandergedrängt liegen dort
-die bedeutendsten Seehandelsplätze an den englischen, französischen,
-holländischen und deutschen Küsten. Und die ausschwärmenden Linien,
-welche das nord- und südatlantische Becken in dichten Reihen
-durchfurchen, streben fast allesamt nach den Küsten des neuen Erdteils
-hinüber, wo eine andere Reihe bedeutsamer Hafenplätze die Maschen
-dieses Verkehrsnetzes schließen hilft. Wenn wir über die kulturellen
-Verhältnisse der amerikanischen Gebiete auch gänzlich ununterrichtet
-wären: jenes Liniennetz müßte uns sofort über die größere oder
-geringere Bedeutung derselben aufklären.
-
-An dem transatlantischen Dampferverkehr sind dermalen etwa 30
-Dampfer-Gesellschaften beteiligt mit rund 1000 Dampfern.
-
-Die +wenigsten Dampferkurse+ entfallen auf den +pacifischen Ocean+.
-Zwischen Südamerika und Australien besteht nicht eine einzige Linie,
-zwischen San Francisco und Ostasien nur zwei, zwischen San Francisco
-und Australien vollends nur eine. Freilich wird sich das mit Vollendung
-des Panama-Kanals wesentlich ändern.
-
-Am +zweitdichtesten+ ist das Netz der Dampferkurse im
-+Mittelmeerbecken+. Die große Zahl von Schiffslinien wird hier indes
-nicht allein durch den Verkehr der Mittelmeerländer veranlaßt; denn
-seit Eröffnung der Suezpassage nehmen auch die Schiffe nach Ostafrika,
-Süd- und Ostasien, dem hinterindischen Archipel und Australien ihren
-Kurs über das Mittelmeer.
-
-Der +Indische Ocean+ steht infolge des großen Produktenreichtums seiner
-Gebiete hinsichtlich der Dichtigkeit der Schiffahrtslinien an +dritter+
-Stelle.
-
-Den +dunkeln Erdteil+ umschwärmen im Westen und Osten nur einige wenige
-Linien.
-
-Prüft man die oben angeführten +Schiffahrtslinien+ hinsichtlich
-der +Länge des Weges+, so stehen in dieser Beziehung obenan die
-+australischen Routen+, und zwar unter diesen wieder die von der
-+New Zealand Shipping Company+ befahrene Route +Plymouth-Auckland+
-mit 13694 Seemeilen; es ist dies die +größte+ von ein und demselben
-Schiffe im Weltverkehr zurückzulegende Entfernung; es folgen die
-Linien +Bremerhaven-Sydney+ mit 12368 Seemeilen, +London-Brisbane+
-mit 12311 und +Marseille-Numea+ (Neu-Caledonien) [Messageries
-Maritimes] mit 11841 Seemeilen. -- Den australischen Linien reihen
-sich an jene nach dem +südamerikanischen Westen+ und +Ostasien+. Es
-beträgt z. B. die Entfernung zwischen +Hamburg-Callao+ 10962, zwischen
-+Liverpool-Callao+ 11061 Seemeilen; ferner die Entfernung zwischen
-+London-Shanghai+ 10669, zwischen +London-Yokohama+ 11591, zwischen
-+Bremerhaven-Shanghai+ 11083 und zwischen +Marseille-Yokohama+ 9853
-Seemeilen. -- Auf 5000-8000 Seemeilen beläuft sich die Entfernung
-auf den Linien nach Vorderindien, der südamerikanischen Ostküste,
-nach Mittelamerika, dann West- und Südafrika; so z. B. zwischen
-London-Calcutta auf 8083, zwischen London-Bombay auf 6274, zwischen
-Bremerhaven-Buenos-Aires auf 6745, zwischen Hamburg-Colon auf 5580,
-zwischen Hamburg-Tampico auf 6145, zwischen Lissabon-Mossamedes auf
-5250 und zwischen Plymouth-Kapstadt auf 5951 Seemeilen. -- Zu den
-kürzesten überseeischen Routen zählen jene nach den +Vereinigten
-Staaten von Amerika+ (+Bremerhaven-New-York+ 3565, +Hamburg-New-York+
-3675 Seemeilen).
-
-Vergleicht man die verschiedenen Schiffahrtskurse nach der
-+Zeitdauer+, die sie beanspruchen, so erfordert die längste Zeit
-die Linie +Hamburg-Callao+ (65 Tage). -- Nach +Australien+ und
-+Ostasien+ währt die Fahrt von Brindisi aus ca. 32-40 Tage. -- Die
-Häfen der +südamerikanischen Ostküste+ (Rio de Janeiro, Montevideo,
-Buenos-Aires), sowie jene von +Mittelamerika+ (Colon, Veracruz)
-erreicht man von Hamburg und Bremerhaven in ca. 30 Tagen. -- Nach
-+Südafrika+ (Kapstadt) gelangt man von England aus in 20 Tagen, in
-der gleichen Zeit (21 Tagen) auch von Brindisi nach +Zanzibar+, nach
-+Ober-+ und +Nieder-Guinea+ dagegen sowohl von England wie auch von
-Deutschland aus erst in ca. 32-53 Tagen. -- Nach den +vorderindischen+
-Häfen Bombay und Calcutta beträgt die Fahrtdauer von Brindisi aus
-nur 15, bezw. 26 Tage. -- Zwischen Deutschland und den +Vereinigten
-Staaten+ verkehrt man in 9-12 Tagen.
-
-Stellen wir endlich auch noch die +Preise+ für die verschiedenen
-Seefahrten ab +deutschen+ Häfen zusammen, so ergiebt sich folgendes
-Resultat:
-
- -----------+---------+------------------+--------------------------
- | | Personengeld |
- | | in Mark. |
- Von | nach +------------------+ Eigentümer.
- | |I. Kaj.|Zwischend.|
- -----------+---------+-------+----------+--------------------------
- Hamburg |New-York | 250 | 100 |{Hamburg-Amerikan.
- | | | |{Paketfahrt-Aktien-
- | | | |{gesellschaft.
- Bremerhaven|New-York |350-500| 100 |Norddeutscher Lloyd.
- | | | |
- Hamburg |Colon od.| -- | 210 |{Hamburg-Amerikan.
- |Veracruz | | |{Paketfahrt-Aktien-
- | | | |{gesellschaft.
- Hamburg |Buenos- | 600 | 240 |{Hamburg-Südamerikanische
- | Aires | | |{Dampfschiffahrts-
- | | | |{Gesellschaft.
- Bremerhaven|Buenos- | 760 |Norddeutscher Lloyd.
- | Aires | | |
- | | | |
- Hamburg | Callao | 1200 | 360 |Kosmos.
- | | | |
- Bremerhaven| Sydney | 1350 | 250 |{Norddeutscher Lloyd.
- Bremerhaven| Shanghai| 1750 | 440 |{
-
-Über die +Vorzüge und Nachteile der verschiedenen Dampferlinien+
-urteilt der vielgereiste +Heinrich Semler+ also[237]:
-
-Was die +englischen+ Dampfer betrifft, so haben die
-Zwischendeckspassagiere gerechten Grund zur Klage einerseits über die
-schlechte Verpflegung, andererseits über die rohe Behandlung seitens
-des Schiffsvolks. Die Beköstigung ist in den Zwischendecken geradezu
-erbärmlicher Art. Was in dieser Hinsicht geboten wird, sind klebrige
-Hafergrütze, ungeschälte Kartoffeln und schlechtes Fleisch. Außerdem
-wird eine widerliche schwarze Brühe verabreicht, die morgens Kaffee und
-abends Thee genannt wird. -- Das Benehmen der Schiffsmannschaft gegen
-die Passagiere, namentlich gegen solche, die nicht englisch sprechen,
-ist häufig empörend. „Ich habe gesehen,“ sagt Semler, „daß Seekranke
-im buchstäblichen Sinne des Wortes aus ihren Kojen geprügelt wurden,
-weil sie nicht aufstehen wollten, als gereinigt werden sollte. Die
-Roheit und Ungeschliffenheit des englischen Schiffsvolks, vom Kapitän
-bis zum Schiffsjungen herab, ist übrigens sprichwörtlich.“ Bezeichnend
-für die Behandlung der Zwischendeckspassagiere auf englischen
-Dampfern ist u. a. auch dies, daß sie auf Deck durch ein Seil von den
-Kajütenpassagieren getrennt werden. Mag das Zwischendeck überfüllt,
-mag die Kajüte nur spärlich besetzt sein, gleichviel, die Passagiere
-des erstern werden durch ein Seil eingepfercht, das ein Matrose zu
-überwachen hat.
-
-Aber auch für deutsche +Kajüten+passagiere empfehlen sich, wo immer
-thunlich, die englischen Dampfer nicht. Die Speisen in der Kajüte sind
-zwar vortrefflich, aber eben nach englischen Begriffen, nicht nach
-deutschen. So verlangt unser nationaler Geschmack eine gute Suppe;
-die Engländer verstehen aber eine solche nicht zu bereiten. Das
-Gemüse kochen sie nur halb gar, und vollends als eine Strafe muß es
-betrachtet werden, englischen Kaffee trinken zu müssen. -- Eine weitere
-Schattenseite der englischen Dampfer besteht darin, daß der Obersteward
-nicht dem Befehl des Kapitäns unterstellt ist; er verfährt ganz als
-Selbstherrscher an Bord, und vollständig nutzlos ist es, beim Kapitän
-Beschwerde zu führen.
-
-Die +französischen+ Dampfer sind in einigen Beziehungen besser als die
-englischen. Die Küche ist vorzüglich und das Schiffsvolk höflich.
-
-+Volles Lob verdienen nur die deutschen Linien.+ Wiederholt haben
-Passagiere, welche den Ocean unter verschiedenen Flaggen gekreuzt,
-es ausgesprochen, daß sie nur mit deutschen Dampfern fortan eine
-atlantische Seefahrt machen werden. Semler berichtet von englischen
-Kaufleuten, die jährlich nach New-York zu reisen haben, daß sie,
-trotzdem selbe eifrige Patrioten sind, jedesmal in Southampton auf
-einem deutschen Dampfer sich einschiffen.
-
-Die Schiffe des +Österreichischen Lloyd+ sind nicht ganz das, was sie
-sein sollen. Die konkurrierenden englischen und französischen Dampfer
-sind reinlicher, komfortabler und führen eine bessere Küche.
-
-Die +italienischen+ Dampfer dürften reinlicher gehalten sein; ihre
-Küche verdient die Bezeichnung „mager“.
-
-Die +spanischen+ Dampfer wimmeln in der Regel von Ungeziefer, und wer
-den Steward darauf aufmerksam macht, erhält die Antwort, daß er solches
-an Bord gebracht haben müsse, da man nie zuvor davon geplagt worden
-sei. Die Küche läßt viel zu wünschen übrig.
-
-Die +amerikanischen+ Seedampfer endlich stehen an Eleganz, Reinlichkeit
-und Verpflegung den viel gerühmten Flußdampfern der Union wesentlich
-nach.
-
-Was die +Befähigung der verschiedenen Nationen für den Seedienst+
-betrifft, so sind nach dem Zeugnisse vieler erfahrener Reisenden jene,
-welche der +deutschen Nordseeküste+ entstammen, die besten Seefahrer
-der Welt. Intelligent in ihrem Fache, kaltblütig in der höchsten Gefahr
-und gehorsam den Befehlen der Vorgesetzten -- so stehen sie unerreicht
-da. -- Ihnen zunächst kommen die +Norweger+, die ihnen ebenbürtig
-sein würden, wenn sie weniger dem Trunke frönten. Selbstverständlich
-kann auch die seemännische Befähigung der +Engländer+ nicht geleugnet
-werden; aber während der deutsche Seemann in der Gefahr nüchtern bleibt
-und nur an seine Pflicht denkt, trinkt sich der englische Matrose in
-der Stunde der Gefahr Mut an, er flucht und schilt und ist geneigt,
-den Gehorsam zu verweigern. Auch die +französischen+ Seeleute sind
-nicht so zuverlässig, wie die nordischen Germanen, und ebensowenig
-sind in dieser Beziehung die Italiener zu loben, jene an der Riviera
-ausgenommen; die +Spanier+ vollends sind als Seevolk nur mehr der
-Schatten ihrer Vorfahren.
-
-Über die +körperliche Leistungsfähigkeit+ der verschiedenen
-Seemannschaften gestattet ein häufig wiederholter und jeden Einwand
-ausschließender Versuch ein unmittelbares Urteil. Wenn nämlich
-in demselben Hafen Kriegsschiffe verschiedener Flaggen längere
-Zeit zusammen liegen, so daß sich außer gewissen dienstlichen,
-von alters her üblichen Beziehungen auch ein freundschaftlicher
-Verkehr herausbildet, dann werden oft großartige Bootswettfahrten
-nach gegenseitiger Verabredung veranstaltet -- einzig dastehende
-internationale Wettkämpfe, bei welchen der Eifer durch das
-Nationalgefühl aufs äußerste gesteigert wird. Nach diesen Versuchen nun
-gebührt der Preis der höchsten körperlichen Tüchtigkeit dem +deutschen+
-Matrosen[238].
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-Die Dampfschiffahrt im Dienste der Weltpost[239].
-
-
-Seit Cunards Dampfer „Britannia“ im Jahre 1840 die Fahrt von Liverpool
-nach Boston in 14 Tagen 8 Stunden zurückgelegt hatte, war auch die
-Unentbehrlichkeit der Dampfschiffe für den +Postverkehr+ entschieden.
-
-Nach dem Stande vom 1. Juli 1886 beträgt die +Zahl sämtlicher
-überseeischer Dampferlinien im Weltpostverkehr+ 147. Hiervon entfallen
-auf +Asien+ 27, auf +Afrika+ 32, auf +Amerika+ 50 (Nordamerika 10,
-Mittelamerika und Westindien 26, Südamerika 14), auf +Australien+ 9,
-auf Griechenland und die Türkei (Levante) 29 Linien.
-
-+Die Zahl der sämtlichen überseeischen+ =deutschen= +Postdampferlinien
-beläuft sich auf+ 21. Hiervon berühren:
-
-+Asien+ 3, und zwar: Bremerhaven-Shanghai und Hongkong-Japan-Hongkong
-(Norddeutscher Lloyd); Hamburg-Yokohama (Deutsche Dampfschiffsreederei).
-
-+Afrika+ 2, und zwar: Triest-Brindisi-Alexandria (Norddeutscher Lloyd);
-Hamburg-Loanda (Afrikanische Dampfschiffs-Aktiengesellschaft).
-
-+Amerika+ 14. +Nordamerika+ 3, und zwar: Bremerhaven-New-York und
-Bremerhaven-Baltimore (Norddeutscher Lloyd); Hamburg-New-York
-(Hamburg-Amerikanische Paketfahrt-Aktiengesellschaft). +Mittelamerika
-und Westindien+ 6, und zwar: Hamburg-Veracruz-Tampico, Hamburg-St.
-Thomas-Colon, St. Thomas-Haiti, Hamburg-Cartagena, St. Thomas-San
-Domingo-Haiti und Hamburg-Haiti-Colon (Hamburg-Amerikanische
-Paketfahrt-Aktiengesellschaft). +Südamerika+ 5, und zwar:
-Hamburg-Santos und Hamburg-Buenos-Aires (Hamburg-Amerikanische
-Paketfahrt-Aktiengesellschaft); Hamburg-Callao (Kosmos);
-Bremerhaven-Santos und Bremerhaven-Buenos-Aires (Norddeutscher Lloyd).
-
-+Australien+ 2, und zwar: Bremerhaven-Sydney und Sydney-Samoa-Sydney
-(Norddeutscher Lloyd).
-
-Von den verbleibenden 126 Linien treffen auf:
-
-+England+ 35 (Asien 5, Afrika 9, Amerika 15, Australien 6),
-+Frankreich+ 35 (Asien 7, Afrika 13, Amerika 8, Australien 1,
-Griechenland und Türkei 6), +Österreich+ 16 (Asien 3, Afrika 1,
-Griechenland und Türkei 12), +Italien+ 12 (Asien 2, Afrika 4, Amerika
-2, Griechenland und Türkei 4), +Spanien+ 4 (Asien 1, Afrika 1,
-Amerika 2), +Rußland+ 4 (Griechenland und Türkei), +Niederlande+ 3
-(Asien 2, Amerika 1), +Portugal+ 2 (Afrika), +Belgien+ 1 (Amerika),
-+Griechenland+ 1 (Griechenland und Türkei), +Amerika+ 8 (Asien 1,
-Amerika 7), +Ägypten+ 3 (Asien 1, Griechenland und Türkei 2), +Japan+ 2
-(Asien).
-
-Diese kostspieligen Unternehmungen sind in finanzieller Beziehung
-in erster Linie allerdings auf die Einnahmen aus dem Personen- und
-Güterverkehr angewiesen, immerhin aber ist ihre Lebensfähigkeit zu
-nicht geringem Teil von ihren Beziehungen zu den Postverwaltungen und
-von den Bewegungen im Weltpostverkehr abhängig. Es betragen z. B. die
-+Subventionen für Beförderung der überseeischen Posten jährlich+
-
- in Frankreich über 20 Mill. M.,
- „ Großbritannien „ 15 „
- „ Italien rund 7 „
- „ Österreich-Ungarn „ 4 „
- „ Japan „ 1 „
- „ Belgien etwa ¾ „
- „ den Niederlanden „ ¼ „
- „ den Verein. Staaten Amerikas 1882/83 fast 1,2 „[240]
- „ Mejico über 2 „
-
-Die Aufwendungen +Deutschlands+ für die Leistungen der deutschen
-Schiffsunternehmungen im überseeischen Postbeförderungsdienst betrugen
-bisher nur 330000 M. jährlich. Von nun an sind aber zur Unterhaltung
-von regelmäßigen Postdampfschiffsverbindungen zwischen Deutschland
-einerseits und Ostasien und Australien andererseits per Jahr 4,4
-Millionen M. ausgesetzt. Von besonderem Interesse hierbei ist, daß
-gegen die Geschwindigkeit der deutschen Dampfer auf diesen Linien,
-welche, wie schon erwähnt, an den Norddeutschen Lloyd vergeben wurden,
-alle bisherigen Dampfschiffsverbindungen nach Ostasien und Australien
-zurückbleiben. Beispielsweise beträgt die Fahrzeit der +englischen+
-Dampfer nach Ostasien auf der Strecke von Suez nach Hongkong 28¼ Tage,
-der +französischen+ 28 Tage, der +deutschen+ nur 24½ Tage. Auf der
-australischen Linie wird die Strecke von Suez nach Melbourne von den
-+englischen+ Dampfern in 34 Tagen, von den +französischen+ in 35 Tagen,
-von den deutschen in 32 Tagen zurückgelegt. Wer demnach von Europa aus
-eine Reise nach Ostasien oder Australien in kürzester Zeit und zugleich
-auf die angenehmste Weise (siehe S. 443) ausführen will, wird sich
-künftig +deutscher+ Dampfer bedienen müssen. So hat der Herzenswunsch
-des hochverdienten Schöpfers des Norddeutschen Lloyd, H. H. +Meiers+,
-die Engländer auf ihrem eigenen Felde zu schlagen, vollauf Erfüllung
-gefunden.
-
-Durch ihre häufigen und regelmäßigen Fahrten haben die
-Ocean-Postdampfer in ungeahntem Verhältnisse zur Entwicklung und Hebung
-des Welthandels beigetragen. Ihrem Einflusse ist es hauptsächlich
-zuzuschreiben, wenn der Wert des Welthandels von 31 Milliarden Mark im
-Jahre 1862 auf 67 Milliarden Mark im Jahre 1883 (wovon 36 Milliarden
-auf die Einfuhr, 31 Milliarden auf die Ausfuhr kommen) gestiegen ist.
-Diese mächtige Einwirkung der überseeischen Postdampfschiffslinien
-auf die Vermehrung der Umsätze im Weltverkehr, im besondern auf die
-Hebung des Exports und Imports jener Länder, in welchen diese Linien
-entspringen, ist von mehr als einer Seite anerkannt worden, und hierin
-liegt, abgesehen von der schnellen und prompten Beförderung der Post,
-ihre große nationale Bedeutung.
-
-Zum Beleg dieser behaupteten Thatsache sei nur folgendes angeführt[241]:
-
-Der von der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika zur Prüfung
-der Handelsverhältnisse und Handelsverbindungen mit Südamerika Ende der
-70er Jahre beauftragte Abgesandte berichtete:
-
-„Es ist unzweifelhaft, daß die Einrichtung regelmäßiger, durch die
-Regierung unterstützter Postdampfschiffsverbindungen der Vorläufer
-gewesen ist des kommerziellen Übergewichts von Großbritannien auf den
-großen Handelsplätzen Central- und Südamerikas zu beiden Seiten. Es
-steht nicht weniger fest, daß die Bemühungen anderer Nationen, nämlich
-Deutschlands, Frankreichs und Italiens, an diesem nutzbringenden
-Verkehr Anteil zu nehmen, in dem Verhältnisse von Erfolg begleitet
-gewesen sind, als sie regelmäßige Postdampfschiffsverbindungen
-nach denjenigen verschiedenen Märkten einführten, mit welchen sie
-Handelsverbindungen anknüpfen wollten.“
-
-Bei Beratung des neuen französischen Gesetzes wegen Subventionierung
-von Postdampfschiffslinien nach New-York, nach den Antillen und nach
-Mejico kamen vor der französischen Deputiertenkammer folgende Ziffern
-über die Wirkung subventionierter Linien zur Sprache:
-
-„Vor Errichtung der subventionierten Dampferlinie von Bordeaux nach
-Brasilien, Argentinien und Uruguay hat der französische Handel mit
-diesen drei Ländern nur 200 Millionen Franken betragen, während er
-sich nachher um 237 Prozent gehoben hat, also um 475 Millionen Franken
-gestiegen ist. Vor Einrichtung des Postdienstes nach Indien und China
-(1860) hat der ganze Handel Frankreichs mit Hinterasien 97 Millionen
-Franken nicht überstiegen. Im Jahre 1879 erreichte derselbe die Höhe
-von fast 400 Millionen Franken, und Lyon war in Europa (an Stelle von
-London) der Hauptmarkt für chinesische und japanesische Seide geworden.“
-
-In neuester Zeit hat sich der französische Postminister Cochery in
-einem Bericht an den Präsidenten Grévy über die Ergebnisse, welche
-Frankreich durch die den überseeischen Dampferlinien gewährten
-Zuschüsse erzielt hat, wie folgt ausgesprochen:
-
-„Wir sind nicht mehr auf die Notwendigkeit hingewiesen, die
-kostspielige Hilfe fremder Postdampfer für die Beförderung unserer
-Korrespondenz nach Australien in Anspruch zu nehmen. Dieses reiche
-Land ist in direkte Verbindung mit unseren Häfen getreten. Unserem
-Handel und unserer Industrie sind auf diese Weise neue Absatzgebiete
-erschlossen worden. Die wichtigen Resultate, welche die australische
-Linie für unsern Handel bereits erzielt hat, und welche dieselbe in
-noch erhöhtem Maße in Zukunft ergeben wird, rechtfertigen überreichlich
-die Opfer, welche die französischen Kammern für ihre Einrichtung in so
-bereitwilliger Weise gebracht haben. Die subventionierten überseeischen
-Dampferlinien tragen in der That zur Entwicklung des Handels bei. Um
-sich hiervon zu überzeugen, genügt es, auf die Thatsache hinzuweisen,
-daß, sobald eine subventionierte Dampferlinie die direkte Verbindung
-zwischen Frankreich und einem überseeischen Lande herstellt, alsbald
-der französische Handel mit dem betreffenden Lande größere Proportionen
-annimmt. Man hat dies in Indien und China, am La Plata, in Brasilien,
-in den Antillen, in Mejico und Nordamerika gesehen. Diese Verbindungen
-kosten uns jährlich im Budget etwa 27 Millionen. Aber man kann dreist
-behaupten, daß diese Summe verschwindend gering ist im Vergleich zu den
-Vorteilen, welche unser Handel und unsere Industrie aus ihr ziehen.
-Selbst der Staatsschatz verliert hierdurch nichts. Seine Einnahmen
-steigern sich im gleichen Verhältnis.“
-
-In welch hohem Grade die direkten Postdampferverbindungen zur
-Entwicklung des Handels eines Landes beitragen, wird endlich deutlich
-illustriert durch den Österreichisch-Ungarischen Lloyd sowohl, als auch
-durch die von Genua mit Asien unterhaltene italienische Linie. Beide
-fingen im Jahre 1870 an, mit kleinen Dampfern nach Bombay zu fahren,
-zuerst etwas unregelmäßig, weshalb die Erfolge schleppend waren. Kaum
-aber waren pünktliche große Dampfer auf der Linie eingeführt, als auch
-der Verkehr sich in einem Maße entwickelte, wie besonders die Italiener
-nicht im entferntesten geahnt hatten. Durch die Postdampfschiffslinien
-wurden neue große Industrieen in Italien ins Leben gerufen. Es haben
-sich neue Spinnereien in Oberitalien gebildet, man hat Ölmühlen
-eingerichtet und andere Großindustrien, so daß durch die wachsenden
-Bezüge die Zahl der Dampfer allein von Bombay nach Genua während der
-Hauptsaison schon bis auf zehn in einem Monat gestiegen ist.
-
-Auch die Herstellung der +deutschen Postdampferlinien+ nach Ostasien
-und Australien wird dazu beitragen, die Art und den Grad der
-Beteiligung Deutschlands am Welthandel und Weltverkehr wesentlich zu
-heben.
-
-In diesem Zusammenhange wird wohl auch am besten der „+indischen
-Überlandpost+“ gedacht.
-
-Die „gewöhnliche“ indische Überlandpost geht an jedem Freitag abends
-von London (über Calais, Paris, Mâcon, Mont-Cenis, Turin, Bologna,
-Brindisi) ab und endigt auf der ostindischen Halbinsel, Bombay und
-Ceylon berührend, in Calcutta. An jedem zweiten Freitag wird die
-„große“ Überlandpost befördert, die Indian and Australian Mail, die
-ihren Weg noch weiter nimmt, bis nach Ostasien und Australien. Die Zahl
-der Postsäcke beträgt oft gegen 800, die natürlich weitaus englischen
-Ursprungs sind. Im Jahre 1883 umfaßte die gesamte indische Überlandpost
-auf dem Wege +über Brindisi+ 51593 geschlossene Postsäcke; hiervon
-entfielen 40329 Postsäcke auf die Richtung aus Europa +nach+ Indien,
-11264 auf die Richtung +aus+ Indien nach Europa. Von den ersteren
-rührten von England her 33185 Stück, von den letzteren waren für
-England bestimmt 8732 Stück. Die Zahl der geschlossenen Säcke aus,
-beziehungsweise nach +Deutschland+ belief sich auf 775. Das +Gewicht+
-der englisch-indischen Posten betrug im Jahre 1883: 842448 kg. Zur
-Beförderung der Poststücke der indischen Überlandpost müssen vielfach
-+Extrazüge+ auf italienischem Gebiete eingelegt werden, im Jahre 1883:
-180[242].
-
-Wenn nun auch der +überseeische+ Postverkehr dermalen eine so hohe
-Ausbildung erfahren hat, so giebt es trotzdem selbst heute noch
-Orte, die verhältnismäßig selten vom Postverkehr berührt werden.
-Auf Reykjavik, dem Hauptorte von Island, kommt z. B. die Post nur
-zehnmal im Jahre an; +Ochotsk+ hat nur einmal per Monat und der
-+Peter-Pauls-Hafen+ auf Kamtschatka vollends nur einmal per +Jahr+
-Postverbindung mit der übrigen Welt.
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
-Schiffahrtsstatistik.
-
-
-1. Entwicklung der Handelsmarine der Erde seit 1820[243].
-
- -----+--------------------------------------------------+--------------
- | Tausende von Register-Tonnen. | Effekt.
- Jahr.+---------+----------+-----------+-----------------+ Tragfähigkeit
- | | Effektive Trag- | der Dampfer
- | Segler. | Dampfer. | Zusammen. | fähigkeit[244]. | in Prozenten.
- -----+---------+----------+-----------+-----------------+--------------
- 1820 | 3140 | 6 | 3146 | 3170 | 1
- 1830 | 3022 | 28 | 3050 | 3162 | 4
- 1840 | 4560 | 116 | 4676 | 5140 | 11
- 1850 | 6513 | 392 | 6905 | 8473 | 23
- 1860 | 9586 | 820 | 10406 | 13686 | 30
- 1870 | 13868 | 1918 | 15576 | 23458 | 41
- 1881 | 15002 | 5644 | 20646 | 43222 | 66
- 1885 | 11216 | 6693 | 17909 | 44682 | 72[245]
-
-Aus der vorstehenden Übersicht ergeben sich folgende sehr
-bemerkenswerte Thatsachen:
-
-1. Der +effektive+ Tonnengehalt der Handelsmarine der Erde hat stetig
-zugenommen.
-
-2. Die Zunahme des Tonnengehaltes der Segler war in dem Jahrzehnt
-1870-1880 eine wesentlich geringere als in den Jahren 1860 bis 1870.
-Neuestens hat der Tonnengehalt der Segler sogar abgenommen. Hingegen
-erfuhr
-
-3. die Leistungsfähigkeit der +Dampfer+ eine enorme Steigerung; denn
-während dieselbe 1820 erst 1%, 1830 4%, 1840 11% der effektiven
-Tragfähigkeit der gesamten Handelsmarine betrug, repräsentierte sie
-1885 bereits 72%, also über ⅔ hiervon.
-
-Diese stete Zunahme des Tonnengehaltes der Dampfer einerseits und die
-steigende Abnahme des Tonnengehaltes der Segelschiffe andererseits
-bilden eine der bezeichnendsten Eigentümlichkeiten des modernen
-Schiffahrtswesens.
-
-
-2. Der Bestand der Welthandelsflotte im Jahre 1885[246].
-
- A: Segelschiffe mit 100 t Gehalt u. darüber. Zahl der Schiffe.
- B: „ „ „ „ „ „ Registrierter Tonnen-
- Gehalt.
- C: Dampfschiffe mit 100 t Gehalt u. dar. Zahl der Schiffe.
- D: „ „ „ „ „ „ Registrierter Tonnen-Gehalt.
- E: Segel- und Dampfschiffe zusammen. Zahl der Schiffe.
- F: „ „ „ „ Registrierter Tonnen-Gehalt.
- G: „ „ „ „ Effektive Tonnen-Tragfähigk.
-
- ------------------+-----+--------+----+-------+-----+--------+--------
- Länder. | A | B | C | D | E | F | G
- ------------------+-----+--------+----+-------+-----+--------+--------
- 1. England: | | | | | | |
- Großbrit. u. | | | | | | |
- Irl. | 5114| 3248807|5020|3897165|10134| 7145972|22734632
- Kolonieen | 2767| 1376662| 692| 223968| 3459| 1600630| 2496502
- -------+-----+--------+----+-------+-----+--------+--------
- Zusammen: | 7881| 4625469|5712|4121133|13593| 8746602|25231134
- 2. Amerika (V. | | | | | | |
- Staat.) | 3542| 1587140| 388| 358653| 3930| 1945793| 3380405
- 3. Argentinien | 23| 5637| 17| 5595| 40| 11232| 33612
- 4. Belgien | 9| 5283| 63| 67784| 72| 73067| 344203
- 5. Bolivia | -- | -- | 1| 772| 1| 772| 3860
- 6. Brasilien | 116| 20401| 86| 32578| 202| 52979| 183291
- 7. Chile | 119| 64174| 40| 27710| 159| 91884| 202724
- 8. China | 2| 655| 23| 21143| 25| 21798| 106370
- 9. Columbia | 2| 477| -- | -- | 2| 477| 477
- 10. Costa Rica | 1| 140| 2| 425| 3| 565| 2265
- 11. Dänemark | 658| 127595| 206| 96311| 864| 223906| 609150
- =12. Deutschland | 1794| 806197| 559| 409558| 2353| 1215755| 2853987=
- 13. Frankreich | 1194| 318712| 508| 492692| 1702| 811404| 2782172
- 14. Griechenland | 1251| 289385| 74| 36689| 1325| 326074| 472830
- 15. Haiti | --| -- | 5| 1597| 5| 1597| 7985
- 16. Hawaii | 5| 2273| 20| 6343| 25| 8616| 33988
- 17. Japan | 120| 31662| 104| 49958| 224| 81620| 281452
- 18. Italien | 1674| 705283| 153| 123003| 1827| 828286| 1320298
- 19. Mejico | 11| 2174| 15| 11470| 26| 13644| 59524
- 20. Montenegro. | 7| 1179| -- | -- | 7| 1179| 1179
- 21. Niederlande | 542| 228668| 152| 130317| 694| 358985| 880253
- 22. Norwegen | 3369| 1351986| 282| 104704| 3651| 1456690| 1875506
- 23. Österreich | 375| 194189| 115| 87453| 490| 281642| 631454
- 24. Persien | --| -- | 1| 579| 1| 579| 2895
- 25. Peru | 18| 5373| 7| 5731| 25| 11104| 34028
- 26. Portugal | 214| 51040| 25| 14441| 239| 65481| 123245
- 27. Rumänien | --| -- | 4| 2405| 4| 2405| 12025
- 28. Rußland | 931| 270940| 209| 106741| 1140| 377681| 804645
- 29. Sansibar | --| -- | 1| 138| 1| 138| 690
- 30. Sarawak | 1| 347| 3| 622| 4| 969| 3457
- 31. Schweden | 1130| 331061| 421| 114824| 1551| 445885| 905181
- 32. Siam | 16| 6414| 4| 684| 20| 7098| 9834
- 33. Spanien | 655| 159116| 401| 239148| 1056| 398264| 1354856
- 34. Tahiti | 1| 244| -- | -- | 1| 244| 244
- 35. Türkei | 102| 22889| 32| 19764| 134| 42653| 121709
- 36. Uruguay | 2| 342| 7| 1772| 9| 2114| 9202
- 37. Venezuela | 1| 170| 2| 399| 3| 569| 2165
- ------+-----+--------+----+-------+-----+--------+--------
- Zusammen: |25766|11216615|9642|6693136|35408|17909751|44682295
-
-Was uns aus vorstehender Tabelle zuerst in die Augen springt, das
-ist die +ungeheure Überlegenheit der englischen Handelsmarine+ im
-Vergleich zu den Flotten aller übrigen Staaten. Der nominelle oder
-Register-Tonnengehalt der englischen Flotte (ohne jene der Kolonieen)
-beträgt von jenem der Flotten der gesamten Erde fast 40% und von jenem
-der europäischen Flotten 50%. Von dem Tonnengehalt aller +Dampfer+ der
-Erde entfallen auf Englands Flotte 58% und von dem der +europäischen+
-Dampfer sogar 60%.
-
-Was den +effektiven Tonnengehalt+ der britischen Flotte betrifft, so
-ist sie an der Gesamttragfähigkeit aller Flotten der Erde mit rund 50%
-beteiligt und an jener der europäischen Flotten mit 70%.
-
-Die +zweitgrößte Handelsflotte der Erde+ (mit ca. 10% des nominellen
-und 7½% des effektiven Tonnengehaltes der gesamten Handelsmarine)
-besitzen die Vereinigten Staaten von Amerika.
-
-In Bezug auf den +Register-Tonnengehalt+ folgen England und der Union:
-+Norwegen+, +Deutschland+ und +Frankreich+.
-
-Anders gestaltet sich jedoch die Reihenfolge dieser drei Staaten
-mit Bezug auf den +effektiven+ Tonnengehalt. +In dieser Hinsicht
-nimmt Deutschland unter allen Staaten der Erde die dritte, unter den
-europäischen bereits die zweite Stelle ein.+ Ihm folgt +Frankreich+,
-und diesem erst schließt sich +Norwegen+ an. Ihren Grund hat diese
-Thatsache in der großen Zahl der Dampfer, welche Deutschland und
-Frankreich besitzen.
-
-Was endlich in obiger Tabelle deutlicher als in irgend einem andern
-Zweige der Verkehrsstatistik zum Ausdruck gelangt, das ist die
-+primate Stellung Europas+ im Welthandel. Von den nahezu 18 Millionen
-Register-Tonnen der gesamten Handelsmarine treffen auf die +Staaten
-Europas+ rund volle 14 Millionen oder nahezu 80%, und von den mehr als
-44 Millionen Tonnen der effektiven Tragfähigkeit aller Handelsflotten
-entfallen auf dieselben fast 38 Millionen oder 85%.
-
-
-3. Der Schiffsbau.
-
-Unter den Ländern, die sich mit Schiffsbau befassen, steht allen weit
-voran +Großbritannien+. Die bedeutendsten Werften desselben sind
-die am Clyde, am Tyne und am Wear. An der Spitze der Schiffsbauer
-am Clyde steht die Firma +John Elder+ & Comp. in Govan bei Glasgow
-(jetzt Fairfield Shipbuilding and Engineering Company); es folgen die
-Firmen +Russel+ & Comp. in Port Glasgow und R. +Napier+ in Govan;
-unter den Geschäften am Tyne behauptet die +Palmer-Schiffsbau- und
-Eisengesellschaft+ den ersten Rang; letztere Firma ist zugleich die
-erste von ganz Großbritannien und vielleicht der ganzen Welt[247]. Von
-den sonstigen Schiffsbau-Anstalten Großbritanniens sind zu bemerken:
-Die Werften des Tee, von West Hartlepool, des Mersey, von Belfast, von
-Southampton, von Hull, Dundee und von Leith[248]. -- England zunächst
-kommt hinsichtlich des Schiffsbaues die +Union+.
-
-Über den Schiffsbau +Großbritanniens+ in den Jahren 1880-1882
-orientiert folgende Übersicht:
-
- -------------+-----------------------------
- | +Tonnen.+
- Werften. +--------+--------+-----------
- | 1880 | 1881 | 1882
- -------------+--------+--------+-----------
- Am Clyde | 237000 | 332000 | 389000
- „ Tyne | 149000 | 177000 | 208000
- „ Wear | 140000 | 148000 | 212000
- Übrige | 180000 | 203000 | 385000
- ---+--------+--------+-----------
- Zusammen | 706000 | 860000 | 1194000[249]
-
-Da der +nominelle+ Tonnengehalt der auf der ganzen Erde per
-Jahr gebauten Schiffe ca. 1800000 t beträgt, so entfallen auf
-Großbritannien, das 1882 fast 1200000 t lieferte, volle ⅔ des gesamten
-Schiffsbaues der Erde.
-
-Noch günstiger gestaltet sich das Verhältnis für Großbritannien
-bezüglich der +effektiven Tragfähigkeit+; es treffen nämlich von der
-Gesamttragfähigkeit der 1882 auf der Erde gebauten Schiffe (7010000 t)
-auf Großbritannien mehr als 7/10 (5040000 t).
-
- -------------+--------------------------+-----------------------------
- | Tonnengehalt der 1882 | Prozentanteil.
- | erbauten Schiffe. |
- Flaggen. +------------+-------------+-------------+---------------
- | Nomineller | Effektive | am nomi- | an der
- | Tonnen- | Trag- | nellen | effektiven
- | gehalt. | fähigkeit. |Tonnengehalt.| Tragfähigkeit.
- -------------+------------+-------------+-------------+---------------
- Britische | 1194000 | 5040000 | 66 | 72
- Amerikanische| 281000 | 1080000 | 15,6 | 15,4
- Sonstige | 330000 | 890000 | 18,4 | 12,6
- ---+------------+-------------+-------------+---------------
- Zusammen | 1805000 | 7010000 | 100 | 100[250]
-
-Im Jahre 1883 gestaltete sich der +britische Schiffsbau+ wie folgt[251]:
-
- ----------------+---------+-------------------------------
- | | Zahl der Schiffe.
- Werften. | Tonnen. +----------+---------+----------
- | | Dampfer. | Segler. | Zusammen.
- ----------------+---------+----------+---------+----------
- Am Clyde | 417880 | 240 | 86 | 326
- „ Tyne | 216573 | 169 | -- | 169
- „ Wear | 212313 | 125 | 1 | 126
- Übrige | 410063 | -- | -- | 267
- ---+---------+----------+---------+----------
- Zusammen | 1256829 | -- | -- | 888
-
-Der +Wert+ dieser 888 Schiffe beziffert sich auf 19 Mill. Pfd. St. (=
-380 Mill. M.)[252].
-
-Interessante Aufschlüsse über das Schiffsbauwesen der verschiedenen
-Länder der Erde giebt folgende Tabelle[253].
-
- =Zahl und Tonnengehalt aller in den einzelnen Ländern der Erde
- gebauten und noch in Verwendung stehenden Schiffe von 100 t und
- darüber.=
-
- A: Eisenschiffe.
- B: Stahlschiffe.
- C: Holzschiffe.
- D: Schiffe gemischten Systems.
- ----------------------+-------+--------+---------+-----+----+-----+----
- Länder. |Segler.|Dampfer.|Zusammen.| A | B | C | D
- ----------------------+-------+--------+---------+-----+----+-----+----
- Großbritannien u. | | | | | | |
- Irland | 5016 | 7200 | 12216 | 8262| 562| 3231| 161
- Britische Kolonieen | 3420 | 221 | 3641 | 89| 1| 3541| 10
- Amerika (Ver. Staaten)| 4164 | 472 | 4636 | 215| 2| 4417| 2
- Dänemark | 541 | 87 | 628 | 76| 5| 547| --
- +Deutschland+ | 1880 | 432 | 2312 | 476| 19| 1813| 4
- Frankreich | 1109 | 202 | 1311 | 200| 24| 1084| 3
- Griechenland | 1093 | 1 | 1094 | 1| --| 1093| --
- Italien | 1690 | 12 | 1702 | 14| --| 1688| --
- Niederlande | 438 | 92 | 530 | 100| 17| 391| 22
- Norwegen | 2022 | 154 | 2176 | 97| 3| 2073| 3
- Österreich | 457 | 69 | 526 | 59| 5| 462| --
- Rußland | 755 | 34 | 789 | 26| 3| 759| 1
- Schweden | 883 | 470 | 1353 | 306| 47| 932| 68
- Spanien | 536 | 11 | 547 | 4| --| 543| --
-
-Hiernach hat das +gesamte+ britische Reich 44% aller Schiffe gebaut,
-und Großbritannien und Irland +für sich+ allein 34%. Am Eisen- und
-Stahlschiffsbau ist Großbritannien und Irland sogar mit fast 82%
-beteiligt.
-
-Die großartige Bedeutung des +englischen Schiffsbaues für die übrigen
-Länder der Erde+ erhellt daraus, daß von den 12216 in Großbritannien
-und Irland gebauten Schiffen 3316 (darunter 1186 Segelschiffe und 2130
-Dampfer) in den Besitz fremder Nationen übergingen[254].
-
-Es kamen hiervon
-
- nach Deutschland 330, wovon 153 Segler, 177 Dampfer,
- „ Österreich 93, „ 34 „ 59 „
- „ Frankreich 395, „ 86 „ 309 „[255].
-
-Über den Stand des Schiffsbaues im Jahre 1885 giebt folgende Übersicht
-Aufschluß[256]. Es wurden gebaut
-
- -------------------------------+--------------+--------
- | Schiffe[257] |
- in den Ländern | von 100 t | Tonnen.
- | und darüber. |
- -------------------------------+--------------+--------
- Großbritannien und Irland | 382 | 449825
- Vereinigte Staaten von Amerika | 57 | 39995
- Britische Kolonieen | 68 | 34946
- Deutschland | 42 | 26993
- Frankreich | 21 | 24122
- Niederlande | 15 | 13232
- Norwegen | 30 | 12465
- Österreich | 7 | 5968
- Italien | 21 | 4430
- Schweden | 12 | 3474
- Griechenland | 16 | 3126
- Dänemark | 7 | 3058
- Rußland | 8 | 2027
- in den anderen Ländern | 6 | 997
- ---+--------------+--------
- Zusammen | 692 | 624658
-
-Was den Schiffsbau in +Deutschland+ betrifft, so konnte vor zehn
-Jahren von deutschem Eisenschiffsbau kaum gesprochen werden. Dermalen
-aber besitzt Deutschland schon sehr leistungsfähige diesbezügliche
-Anstalten. Die bedeutendste deutsche Privatwerft ist der „Vulkan“ bei
-Stettin.
-
-Den größten Einfluß auf das Gedeihen des Eisen- und Stahlschiffsbaues
-in Deutschland übte die +Entwicklung der deutschen Marine+. Nach dem
-Vorgange der englischen Marine wurden nämlich auch für die Schiffe der
-deutschen Marine Vorschriften über die Qualität des zu verwendenden
-Materials festgesetzt; das Verfahren dieser Materialsprüfungen übertrug
-sich dann auf die Bauten für die Handelsmarine, so daß auch hier nicht
-mehr so dürftiges Material verwendet werden konnte, wie es früher
-häufig der Fall war. Bis 1870 waren indes die Schiffswerften noch
-immer genötigt, das Material aus England und Belgien zu beziehen;
-einmal konnten die deutschen Industriellen nicht mit den Preisen der
-englischen konkurrieren, dann ermöglichten die Einrichtungen jener
-auch nicht die Auswalzung von Material zum Schiffsbau. Mittlerweile
-aber ist in dieser Beziehung ein völliger Umschwung eingetreten.
-Besonders in Westfalen und Schlesien sind die Stahlwerke heute nicht
-allein bezüglich der Preise in der Lage, mit England erfolgreich zu
-konkurrieren, sondern sie sind auch mit allen Arten von Walzen wohl
-assortiert, um dem Schiffsbau diejenigen Profile liefern zu können,
-deren er bedarf; desgleichen hat sich die Hütte in Dillingen a. d.
-Saar zur Anfertigung von Panzerplatten eingerichtet. Dasselbe Werk hat
-neuestens gezeigt, daß es auch die weit schwieriger herzustellenden
-Compoundplatten (aus Eisen und Stahl zusammengeschweißt) in
-vorzüglicher Qualität und so rechtzeitig anzufertigen im stande ist,
-daß dadurch bereits die völlige Unabhängigkeit von England hinsichtlich
-des Bezuges von Panzerplatten erreicht wurde. Auch die übrigen zum
-Schiffsbau notwendigen Materialien, nur Teak und Pitchpine ausgenommen,
-die nicht in Deutschland wachsen, können nunmehr aus Deutschland
-bezogen werden.
-
-So hat sich der deutsche Eisen- und Stahlschiffsbau in der kurzen Zeit
-seines Bestehens nicht allein fast völlige Unabhängigkeit vom Auslande
-erworben, sondern es sind demselben auch schon größere Aufträge auf
-Kriegsschiffe von auswärtigen Mächten und ebenso auf Handelsschiffe von
-auswärtigen Bestellern übertragen worden, so daß sein Anteil an der
-Förderung des Wohlstandes in Deutschland nicht mehr zu unterschätzen
-ist. Es sei in dieser Beziehung nur erwähnt, daß auf dem „Vulkan“ seit
-dem Bestehen des Werkes 154 Schiffe abgeliefert wurden, unter denen
-11 Panzerschiffe und Kriegsschiffe, 24 Torpedoboote und Fahrzeuge
-aller Art zu nennen sind. Zu den größten dieser Schiffe zählen die
-beiden Panzerschiffe der kaiserlich deutschen Marine „Sachsen“ und
-„Württemberg“, sowie die beiden kaiserlich chinesischen „Ting Yuen“
-und „Chen Yuen“. Erstere haben ein Deplacement von 7000 t, sowie
-Maschinen von 5600 Pferdekräften, letztere 7500 t Deplacement und
-Maschinen von 6000 Pferdekräften. Der größte bis jetzt auf dem „Vulkan“
-gebaute Handelsdampfer ist „Rupia“, ein Schiff, das ein Deplacement
-von 5500 t und Maschinen von 2200 Pferdekräften besitzt. Von den 2312
-in Deutschland gebauten und noch verwendeten Schiffen gingen in fremde
-Länder 513, darunter 437 Segler und 76 Dampfer[258].
-
-Um auch die Bedeutung, die der deutsche Eisen- und Stahlschiffsbau
-für die Eisenindustrie hat, durch Zahlen zu beweisen, sei es
-gestattet, noch folgendes anzuführen: Es wurden verwendet zu
-den beiden chinesischen Schiffen „Ting Yuen“ und „Chen Yuen“
-4980000 kg Eisenplatten, 1544000 kg Profileisen, 3128000 kg
-Compound-Panzerplatten, 1076000 kg diverses Eisen. Zu den sechs für
-den Norddeutschen Lloyd in jüngster Zeit gelieferten Dampfern kamen
-zur Verwendung: Stahlplatten 5380000 kg, Eisenplatten 1020000 kg,
-Stahlwinkel 2000000 kg, Eisenwinkel und Bulbs 429000 kg, diverses Eisen
-1868000 kg. Und dieses gesamte Material wurde bis auf einen kleinen
-Teil in +deutschen+ Werken angefertigt!
-
-
-4. Wert der Handelsflotten.
-
-Rechnet man die Baukosten für eine Dampfertonne auf 400 und für
-eine Segelschifftonne auf 200 M., so stellt sich das in der ganzen
-Handelsmarine der Erde angelegte Kapital auf rund 5300 Mill. M.[259]
-
-
-5. Die Pferdekräfte aller Schiffsmaschinen der Erde
-
-(verglichen mit jenen der feststehenden Maschinen und der
-Lokomotiven)[260].
-
- -----+---------+------------------------+-----------------------------
- | Fest- |Lokomo-| Schiffs-|Zusam-| Prozentanteil der
- |stehende | tiven |maschinen| men +-----------+-------+---------
- |Maschinen| | | | fest- |Lokomo-|Schiffs-
- Jahr.+---------+-------+---------+------+ stehenden | tiven.|maschi-
- | in Tausenden. | Maschinen.| | nen.
- -----+---------+-------+---------+------+-----------+-------+---------
- 1840 | 1290 | 960 | 106 | 2356| 55 | 41 | 4
- 1850 | 1780 | 4190 | 340 | 6310| 28 | 66 | 6
- 1860 | 2450 | 7900 | 1050 | 11400| 22 | 69 | 9
- 1870 | 3650 | 13700 | 2190 | 19540| 19 | 70 | 11
- 1880 | 7415 | 17618 | 3891 | 28924| 25 | 61 | 14
-
-
-6. Schiffbrüche.
-
- =~a.~ Jährlicher Verlust an Schiffen= (in Tonnen ausgedrückt)[261].
-
- -----------------+--------+-------------+---------+--------------------
- | | | | Prozente
- Flotten. |Dampfer.|Segelschiffe.|Zusammen.|des Tonnengehaltes
- | | | |der gesamten Flotte.
- -----------------+--------+-------------+---------+--------------------
- Britische | 90000 | 170000 | 260000 | 3,50
- Französische | 7000 | 22000 | 29000 | 3,60
- Deutsche | 6000 | 40000 | 46000 | 3,80
- Russische | 3000 | 18000 | 21000 | 4
- Österreichische | 3000 | 9000 | 12000 | 4
- Italienische | 1500 | 27500 | 29000 | 2,90
- Spanische | 3500 | 13500 | 17000 | 3,70
- Niederländische | 3000 | 14000 | 17000 | 4,05
- Der Vereinigten | | | |
- Staaten | 16000 | 112000 | 128000 | 4,90
- Sonstige Flotten | 59000 | 130000 | 189000 | 4
- ---+--------+-------------+---------+--------------------
- Zusammen | 191000 | 556000 | 747000 | 3,80
-
-Hiernach hat den höchsten Verlust die Flotte der Vereinigten Staaten,
-den geringsten die italienische.
-
-Einschließlich der durch +Abnützung+ unbrauchbar gewordenen Schiffe
-beträgt der +durchschnittliche jährliche Verlust an Schiffen+ 1200000
-Registertonnen[262].
-
- =~b.~ Zahl der zu Verlust gegangenen Schiffe[263].=
-
- --------------------------------------------+------------+------
- +Es sind+ |Durchschnitt| Jahr
- | 1866-1879. | 1880.
- --------------------------------------------+------------+------
- verschollen | 93 | 101
- gesunken durch Zusammenstoß | 182 | 205
- verbrannt | 191 | 229
- gestrandet | 1171 | 1108
- Zu Grunde gegangen infolge anderer Unfälle, | |
- z. B. durch Leckwerden u. s. w. | 534 | 550
- ---+------------+------
- Zusammen | 2171 | 2193
-
-Was das Verhältnis der +Sicherheit+ von Segel- und Dampfschiffahrten
-betrifft, so ergiebt sich mit Rücksicht auf die größere Zahl der
-Reisen, welche die Dampfschiffe machen, etwa eine viermal größere
-Sicherheit der letzteren[264].
-
-In +Lloyd’s „General Report“ für 1884+ finden sich folgende Angaben
-über +zu Verlust gegangene Schiffe+[265]: Es betrug deren Zahl auf der
-ganzen Erde:
-
- ------+---------+----------+----------
- Jahr. | Segler. | Dampfer. | Zusammen.
- ------+---------+----------+----------
- 1860 | 2657 | 88 | 2745
- 1870 | 2288 | 204 | 2492
- 1875 | 2205 | 348 | 2553
- 1883 | 1936 | 628 | 2564
- 1884 | 1536 | 591 | 2127
-
-Ganz besonders häufig kommen +Kollisionen+ von Schiffen vor, wie aus
-folgender Tabelle erhellt[266]:
-
- ------+---------+----------+----------
- Jahr. | Segler. | Dampfer. | Zusammen.
- ------+---------+----------+----------
- 1866 | 1614 | 344 | 1958
- 1870 | 1788 | 502 | 2290
- 1875 | 2012 | 798 | 2810
- 1883 | 1700 | 1223 | 2923
- 1884 | 1360 | 999 | 2359
-
- =~c.~ Verlust an Vermögenswerten und Menschenleben infolge von
- Schiffbrüchen (per Jahr)[267].=
-
- ------------------------------+-----------------------+---------------
- | Wert der Schiffe und | Verlust an
- Flagge. | Ladungen in Tausenden | Menschenleben.
- | von Pfd. St. |
- ------------------------------+-----------------------+---------------
- Britische | 18900 | 2090
- Französische | 2100 | 250
- Deutsche | 3400 | 400
- Russische | 1500 | 200
- Österreichische | 800 | 110
- Italienische | 2050 | 250
- Spanische | 1200 | 150
- Holländische | 1200 | 150
- Vereinigte Staaten von Amerika| 9400 | 1100
- Verschiedene | 6300 | 700
- ---+-----------------------+---------------
- Zusammen | 46850 | 5400
-
-Der Totalwert von Schiffen und Waren, die über die See gehen, beträgt
-jährlich fast 1400 Mill. Pfd. St.; der Verlust macht somit circa 3¼%
-oder weniger als 1% per Seereise aus.
-
-
-7. Die Mannschaft der Handelsmarine[268].
-
- -------------------------------+--------
- Länder. | Mann.
- -------------------------------+--------
- Großbritannien u. Irland | 193000
- Schweden und Norwegen | 79000
- Italien | 52000
- Deutschland | 40000
- Frankreich | 35000
- Spanien | 23000
- Rußland | 23000
- Niederlande | 18000
- Griechenland | 11000
- Türkei | 10000
- Österreich | 7000
- Dänemark | 7000
- Portugal | 5000
- +Europa+ | 503000
- Vereinigte Staaten von Amerika | 120000
- Canada | 50000
- Australien | 11000
- Brasilien | 6000
- Argentinien | 2000
- ---+--------
- Total | 692000
-
-Nach +Neumann-Spallart+ beträgt das Heer der Handelsmarine rund 900000
-Mann.
-
-
-
-
-Anhang.
-
-
-1. Münztabelle.
-
- ----------------+----------------------------------+-----------------
- | | Deutsche
- Staaten. | Münz-Einheiten. |Reichswährung.[269]
- | +-----+-----------
- | |Mark.| Pfennig.
- ----------------+----------------------------------+-----+-----------
- Belgien |1 Frank = 100 Centimes | -- | 80
- Dänemark |1 Krone = 100 Öre | 1 | 12,5
- Deutsches Reich |1 Mark = 100 Pfennig | 1 | --
- Frankreich |1 Frank = 100 Centimes | -- | 80
- Griechenland |1 Drachma = 100 Lepta = 1 Frank | -- | 80
- Großbritannien | | |
- u. Irl. |1 Pfd. Sterl. = 20 Shilling zu 12 | |
- | Pence | 20 | 40
- Italien {|1 Lira = 100 Centisimi | -- | 80
- {|1 Dukato = 100 Grani | 3 | 44,147
- Luxemburg |1 Frank = 100 Centimes | -- | 80
- Niederlande |1 Gulden = 100 Cents | 1 | 70
- Österreich, {|1 Gulden österr. Währ. = 100 | |
- | Kreuzer | |
- Lichtenstein {| Silber oder Papier | 1 | 70
- Portugal |1 Milreïs = 1000 Reïs | 4 | 50
- Rumänien {|1 Piaster | -- | 30
- {|1 Leu zu 100 Ban Para | -- | 80
- Rußland {|1 Papier- (Silber-) Rubel = 100 | |
- | Kopeken | 2 | 25
- {|1 Gold-Rubel | 3 | 20
- Schweden, | | |
- Norwegen |1 Krone = 100 Öre | 1 | 12,5
- Schweiz |1 Frank = 100 Centimes (Rappen) | -- | 80
- {|1 Peseta = 100 Cents | -- | 80
- Spanien {|1 Duro = 20 Reales | 4 | 14
- {|1 Piaster = 100 Centavos | 4 | --
- {|100 Spanische Realen | 21 | --
- Türkei |1 Piaster = 40 Para zu 3 Kurant- | |
- | Asper | -- | 18
- Verein. Staaten | | |
- von A. |1 Dollar = 100 Cents | 4 | 25
-
-
-2. Vergleich wichtiger Maße.
-
- 1 englische Meile = 1,60 km. | 1 geogr. Meile = 7,42 km.
- 1 Seemeile = 1,85 km. | 1 engl. Faden = 1,83 m.
-
- 1 m = 3,08 Paris. Fuß = 3,28 engl. Fuß = 0,55 engl. Faden.
- 1 km = 0,54 Seemeile = 0,13 deutsche geogr. Meile = 0,94 Werst.
- 1 qkm = 0,39 engl. Q.-Meile = 0,018 geogr. Q.-Meile = 0,88
- Q.-Werst.
- 1 deutsche geogr. Q.-Meile = 55,06 qkm.
-
-
-3. Direkte Billets von Berlin nach überseeischen Häfen[270].
-
- Preise in Mark. Wo mehrere Preise für ein und dieselbe Klasse
- angegeben sind, gelten die höheren Preise für die am günstigsten
- gelegenen Kajüten.
-
- Wo I./II. angegeben, bezieht sich die I. Klasse auf das Schiff, die
- II. auf die Bahn.
-
- =Adelaide.=
- Sloman, Hamburg: I. 1027.
- Orient Line, London: I. 1606,25, 1391, 1175,75. II. 933,20,
- 825,60. III. 502,70, 459,60.
- Messager. Maritimes, Marseille: I. 1504,25. II. 1232,30.
- III. 601.
- Peninsul. & Oriental St. N. C., London: I. 1536,30.
- II. 892,80.
-
- =Arica.=
- Kosmos, Hamburg: I. 1227. II. 770,10. III. 374,30.
-
- =Bahia.=
- Roy. Mail St. C., Southampton: I. 730,50.
- Lamp. & Holt, Liverp.: I. 539,25.
- Pac. St. N. C., Liverp.: I. 744,25. II. 504,20.
- Hamburg-Südamerik., Hamb.: I. 537.
- Nordd. Lloyd, Bremen: I. 649,20.
-
- =Baltimore.=
- Allan L., Liverpool: I. 539,25 u. 340,20.
- Nordd. Lloyd, Bremen: II. 330,70.
-
- =Barbados.=
- West. Ind. & Pacific. St. C., Liverpool: I./II. 545,70.
- Roy. Mail St. C., Southampton: I./II. 908.
-
- =Batavia.=
- Nederland, Amsterd. & Rotterd. Lloyd, Rotterd.: I. 1416,50.
- II. 722,70.
- British India, Lond.: I. 1176,55. II. 862,05.
- Messager. Maritimes, Marseille: I. 1565. II. 1392,30.
- III. 690,10.
-
- =Bombay.=
- Penins. & Orient. St. N. C., London:
- über London I. 1493,50. II. 830,70;
- ü. Venedig I. 1428,15. II. 757,80;
- ü. Brindisi I. 1499,35. II. 807,65.
- British India, Lond.: I. 1176,55. II. 718,55.
-
- =Boston.=
- Cunard L., Liverpool: I. 581,25, 516,75.
- I./II. 417,20, 352,50.
- Allan L., Liverpool: I. 488,25. I./II. 401,70. 340,20.
-
- =Buenos-Aires.=
- Roy. Mail St. C., Southampt.: I. 833.
- Lamport & Holt, Liverpool: I. 641,75.
- Pac. St. N. C., Liverpool: I./II. 820,15. II. 504,90.
- Hamb.-Südamerik. G., Hamburg: I. 527.
- Nordd. Lloyd, Bremen: I. 813,20.
-
- =Calcutta.= P. & O., Lond., wie nach Bombay.
- Brit. Ind. St. N. C., London: I. 1048,45.
- Messag. Maritimes, Marseille: I. 1463,75. II. 1359,90.
- III. 649,60.
-
- =Ceylon= wie Bombay.
-
- =Colon.=
- Royal Mail St. C., Southampton: I. 935,50. II. 698,70.
-
- =Demerara= wie Colon.
-
- =Havanna= wie Colon.
-
- =Hongkong=.
- Penins. & Orient. St. N. C., London:
- über London I. 1698,50. II. 994,70;
- über Venedig I. 1633,15. II. 921,80;
- über Brindisi I. 1704,35. II. 971,65.
- Hamb.-Amerik. Pak.-A.-G., Hamb.:
- über S. Francisco I. 1827.
- Deutsche Dpfsch.-Reederei, Hamburg:
- über Suez I. 1077.
- Messager. Maritimes, Marseille: I. 1666,25. II. 1321,90.
- III. 730,60.
-
- =Jamaica= wie Colon.
-
- =Kapstadt=.
- Col. Mail L., Lond. & Union St. S. C., Southampton: I. 761,25.
- II. 514,20.
-
- =Madeira.=
- C. Woermann, Hamburg: I. 327.
- Union Steamship Co., South.:
- über London I. 510,30. II. 352,65. III. 288,05;
- über Southampt. I. 526,10. II. 263,95. III. 299,35;
- über Plymouth I. 558. II. 386,20. III. 307,05;
- über Hamburg I. 437. II. 310. III. 227,80.
- Colon. Mail L., London:
- über London I. 510,30. II. 352,65. III. 288,05.
-
- =Madras.= P. & O., London, wie nach Bombay.
- Messager. Maritimes, Marseille: I. 1463,75. II. 1359,90.
- III. 649,60.
-
- =Melbourne= wie Adelaide, außerdem noch mit der
- Hamb.-Amer. Pak.-A.-G.:
- über San Francisco I. 1450.
-
- =Montevideo.=
- Roy. Mail St. C., Southampt.: I. 833.
- Lamp. & Holt, Liverpool: I. 641,75.
- Pac. St. N. C., Liverp.: I. 846,75. II. 504,20.
- Kosmos, Hamburg: I. 627. II. 470,10.
- Hamburg-Südamerik., Hamb.: I. 527.
- Nordd. Lloyd, Bremen: I. 813,20.
-
- =Natal.=
- Union St. S. C., South. & Col. Mail L., Lond.: I. 895,90.
- II. 637,65.
-
- =New-York.=
- Nordd. Lloyd, Bremen:
- Mittwochs-(Schnell-) Dampfer I. 534,20. II. 325,30.
- Sonntags-Dampfer I. 434,20. II. 275,30.
- Hamb.-Amer. Pak.-A.-G.: I. 277.
- Niederl. Amer. D., Rotterd. u. Amsterd.: I. 311,60. II. 247.
- Red Star, Antwerp.: I. 396,80, 319,10. II. 255,70.
- White Star od. Inman od. Cunard, Liverp.: I. 581,25, 516,70,
- 452,15.
- National L., London: I. 452,15, 387,60. 344,50.
- Anchor L., Glasgow: I. 505,15, 419,15, 377,50.
- Co. générale transatlantique, Havre: I. 529,70. II. 415,75.
- III. 334,75.
-
- =Penang.=
- Penins. & Orient St. C., London:
- über London I. 1493,50. II. 892,20;
- ü. Venedig I. 1428,15. II. 819,35;
- ü. Brind. I. 1499,35. II. 869,15.
- Brit. India, London I. 1382,55. II. 892,80.
- Deutsche Dpfsch.-Reederei, Hamb.: I. 927. II. 920,10.
-
- =Philadelphia.=
- Amerik. L., Liverp.: I. 452,15, 387,60.
- Red Star, Antwerp.: I. 396,80, 319,10. II. 255,70.
-
- =Porto Alegre.=
- Lamp. & Holt, Liverp.: I. 846,75.
- Hamburg-Südamerik., Hamburg: I. 747.
-
- Nach Porto Alegre gelangt man mittels besonderer Küstenschiffe,
- welche mit den Dampfern der obengenannten Gesellschaften in
- Verbindung stehen.
-
- =Rio de Janeiro.=
- Nordd. Lloyd, Bremen: I. 538,10.
- Hamburg-Südamerik., Hamburg: I. 537.
- Royal Mail St. C., South.: I. 703,20.
- Lamp. & Holt, Liverp.: I. 641,75.
- Pac. St. N. C., Liverp.: I. 744,25. II. 539,25.
-
- =Shanghai= wie Yokohama.
-
- =Singapore= wie Penang.
- Messager. Maritimes Marseille: I. 1463,75. II. 1359,90.
- III. 649,60.
-
- =Sydney= wie Adelaide.
-
- =Valparaiso.=
- Royal Mail St. C., South.: I. 1919,50. 1714,50. II. 795,90.
- Pac. St. N. C., Liverp.: I. 1666,75. II. 1119,20.
- Deutsche Dampfschiff.-Gesellschaft Kosmos, Hamb.: I. 1227.
- II. 770,10. III. 372,80.
-
- =Yokohama.=
- Penins. & Orient. St. C., London:
- über London I. 1903,50. II. 1097,20;
- über Venedig I. 1838,15. II. 1024,30;
- ü. Brindisi I. 1909,35. II. 1074,15.
- Messager. Maritimes. Marseille: I. 1868,75. II. 1483,90.
- III. 811,60.
- Deutsche Dpfsch. Reederei, Hamb.: I. 1227.
-
-
-4. Reise um die Erde
-
-(wie sie bereits wiederholt von dem +Stangen+schen +Reisebureau+ in
-Berlin durchgeführt wurde).
-
- Berlin-Bremen-New York-Philadelphia-Washington-Niagara-Chicago-St.
- Louis-Kansas City-Denver-Rocky Mountains-Salt Lake City-San
- Francisco-Yosemitethal-Yokohama-Jeddo-Nikko-Hiogo-Osaka-Kioto-Nagasaki-
- Shanghai-Hongkong-Canton-Singapore-Batavia-Ceylon-Calcutta-Dardschiling
- (Himalaya)-Benares-Lucknow-Agra-Delhi-Jeypore-Bombay-Suez-Kairo-
- Alexandria-Triest-Wien-Berlin.
-
-Dauer 8 Monate, Preis für die ganze Tour 12000 M. (Eisenbahn und Schiff
-I. Klasse).
-
-
-
-
-Schlußkapitel.
-
-Wirkungen der modernen Verkehrsmittel.
-
-Daß mit der Entwicklung der modernen Verkehrsmittel eine neue Kultur-
-und Civilisationsepoche, ein allgemeiner Fortschritt der Menschheit
-begonnen, wird heutzutage von niemand bestritten. Nicht immer aber
-herrscht darüber volle Klarheit, worin die großartigen Wirkungen
-derselben im +einzelnen+ bestehen. Staatssekretär +Herzog+ hat diese
-Materie im 42. Bande der von +Julius Rodenberg+ redigierten Zeitschrift
-„Deutsche Rundschau“ (Berlin, Gebrüder Partel) zum Gegenstande einer
-äußerst gediegenen Abhandlung gemacht. Wir geben dieselbe in folgendem
-in der Hauptsache wieder[271].
-
-
-1.
-
-Am bedeutendsten und zugleich am sichtbarsten sind die durch
-die modernen Verkehrsmittel hervorgebrachten Veränderungen auf
-+wirtschaftlichem Gebiet+.
-
-Betrachten wir zunächst den +Güteraustausch+, welchen der +Handel+
-vermittelt! In seinen neuesten „Übersichten der Weltwirtschaft“ hat
-~Dr.~ von Neumann-Spallart das Gewicht der Gütermenge, welche die
-Eisenbahnen im Jahre 1882 insgesamt befördert haben, auf 1200 Millionen
-metrische Tonnen berechnet, die Leistung der Dampfschiffe, die übrigens
-noch dadurch an Bedeutung gewinnt, daß die Beförderung in der Regel auf
-lange Strecken geschieht, auf etwa die Hälfte jenes Gewichts.
-
-Die Bezifferung des +Gewichtes+ der durch den Handel in Bewegung
-gesetzten Gütermassen gewährt indes nur eine unvollkommene Einsicht
-in die Bedeutung dieser enormen Bewegung; fehlt doch schon der auf
-die Anschauung beschränkten Vorstellungskraft der Maßstab für deren
-Größe. Weit belehrender ist ein Blick auf die +räumliche und sachliche
-Ausdehnung, welche der Handel durch die modernen Verkehrsmittel
-erfahren hat+.
-
-In ersterer Beziehung sind nicht nur Teile der Erde in den Bereich
-des Güteraustausches einbezogen worden, welche bisher völlig
-außerhalb solcher Verbindung lagen, sondern es ist auch innerhalb
-der Kulturländer das Absatzgebiet beträchtlich erweitert worden.
-Belege dafür giebt das tägliche Leben in Hülle und Fülle. In der
-Vielartigkeit und dem Preise unserer +Nahrungsmittel+, in der
-Weise unserer +Bekleidung+, in der +Bauart+, in der +Heizung+ und
-+Beleuchtung+ unserer Wohnungen liegen sie vor Augen. Kaffee, Thee,
-Gewürze und andere Erzeugnisse der Tropen, die ehedem nur für den
-Wohlhabenden zu erlangen waren, sind jetzt +Volks+nahrungsmittel
-und Gegenstände des Massenverbrauchs. Man genießt im Norden frische
-Südfrüchte von den Küsten des Mittelmeeres und aus Kleinasien zu
-Preisen, die selbst dem Armen ihren Genuß ermöglichen. Frische
-Seefische werden in das Binnenland auf Hunderte von Meilen ohne
-erhebliche Verteuerung befördert; im Winter sendet uns Algier frische
-Gemüse und sommerliche Früchte, die Riviera frische Blumen; Rhein- und
-Moselwein, die sonst im Osten Europas nur vereinzelt getrunken wurden,
-sind zur Zeit daselbst voll eingebürgert, und das bayerische Bier hat
-sich in allen Zonen der Erde, nicht allein da, wo Deutsche wohnen,
-heimisch gemacht. ~Corned-beef~ aus den Vereinigten Staaten und aus
-Argentinien, australische Rinderzungen, amerikanisches Schweinefleisch
-füllen die Fleischmärkte von London; ebendorthin sendet Frankreich
-täglich Millionen von Eiern. Californischer Wein und preußischer Sprit
-ergänzen in Bordeaux die Lücken, welche durch die Verheerungen der
-Phyloxera entstanden sind; norddeutsche Brenner machen Branntwein aus
-amerikanischem Mais; Europas Bedarf an Weizen bringen im Wetteifer
-die Dampfer aus dem Norden und Westen Amerikas, aus Chile, aus den
-La-Plata-Staaten, aus Indien und Australien. Dies sind nur einige
-Beispiele, die leicht vermehrt werden könnten.
-
-Im Bereich der +Kleidung+ tritt mehr die Ermäßigung der Preise, zu
-welcher Eisenbahnen und Dampfschiffe durch billige Zuführung der
-Rohstoffe und Verbreitung der Fabrikate mitwirken, in die Erscheinung,
-als die Beschaffung neuen, bisher unbekannten oder nicht erreichbaren
-Materials. Nur der Jute möchte in letzterer Beziehung zu gedenken
-sein. Daß Seide, die zu tragen in früherer Zeit ein Vorrecht der
-Reichsten war, jetzt auch von den Frauen der minder wohlhabenden
-Klassen getragen werden kann, und daß baumwollene Stoffe, die noch vor
-hundert Jahren ebenfalls ein Luxusartikel waren, heutzutage auch von
-dem geringsten Haushalt zur Bekleidung des Körpers und der Lagerstätten
-beschafft werden können, ist nicht zum kleinsten Teil den modernen
-Verkehrsmitteln zu danken, wenngleich einen wesentlichen Faktor auch
-die durch den Dampfbetrieb erleichterte und vermehrte Fabrikation
-bildet. Das Gleiche gilt für viele ähnliche Stoffe.
-
-Die Verdienste endlich, welche Eisenbahnen und Dampfschiffe sich um
-unsere +Wohn+- und +andere Bauten+ erworben haben, liegen zu Tage in
-der Verwendung soliden Materials, wie von Sandstein und Marmor, auch in
-solchen Gegenden, die dem Gewinnungsorte fernliegen, in den mächtigen
-Trägern und anderen Bauteilen von Eisen an Häusern und Brücken, in den
-Granitplatten, mit denen wir die Straßen pflastern, in den riesigen
-Eisen- und Thonröhren großstädtischer Wasserleitungen und Kanäle. Die
-Kohlen, mit denen wir heizen, und aus denen das Leuchtgas bereitet
-wird, das Petroleum, das in der Lampe des kleinen Mannes brennt,
-alle diese dem modernen Leben unentbehrlich gewordenen Dinge, die
-vermöge ihrer Schwere ehedem in den engsten Umkreis ihres natürlichen
-Vorkommens gebannt waren, befördern Lokomotive und Dampfschiff nunmehr
-in die entlegensten Thäler und an transoceanische Küsten, wo immer
-nur Menschen wohnen. Welche Summe von Verbesserungen des menschlichen
-Daseins, welche Erleichterung in Befriedigung der wichtigsten
-Bedürfnisse, welche Erhöhung und Erweiterung der Genüsse ist uns jetzt
-Lebenden hiedurch beschieden!
-
-Der Handel hat sich übrigens nicht bloß räumlich und sachlich
-erweitert, es hat sich derselbe unter dem Einflusse der modernen
-Verkehrsmittel auch +hinsichtlich der Art des Betriebes+ geändert. So
-hat sich dermalen namentlich die Menge der +Mittelspersonen+ zwischen
-getrennt wohnenden Käufern und Verkäufern durch die Eisenbahnen und
-Dampfschiffe im Vergleiche zu früheren Zeiten wesentlich vermindert.
-Selbst auf die weitesten Entfernungen besteht gegenwärtig direkte
-Verbindung zwischen Absender und Empfänger.
-
-Wie Eisenbahn und Dampfschiff, so leistet auch der Telegraph dem Handel
-die besten Dienste. Von den fast 200 Millionen Telegrammen, welche zur
-Zeit die elektrischen Leitungen über die Erde tragen, betrifft der
-bei weitem größere Teil Handelsgeschäfte. Im Großhandel übermittelt
-z. B. der Telegraph ausschließlich alle wichtigeren Aufträge; der
-Spekulationshandel, die Arbitrage haben ihn derart zur notwendigen
-Voraussetzung, daß sie ohne ihn nicht bestehen können. Er ist ferner
-der Hauptträger dessen, was in der ganzen modernen Gestaltung des
-Handels das Bedeutsamste ist, der zunehmenden +Solidarität+ der
-Handelsinteressen durch die ganze bewohnte Welt. In diesem Sinne sieht
-erst die jetzige Generation einen +Welt+handel. Der Zusammenhang zeigt
-sich am deutlichsten im Handel mit den Gütern des großen Konsums,
-als da sind: Baumwolle, Eisen, Petroleum, Kaffee und vor allem das
-Getreide. Um die Mittagsstunde jedes Tages z. B. meldet der Telegraph
-in der Börse zu Chicago die Mengen von Weizen, die an demselben Tage
-in London und an anderen großen Getreidemärkten Europas sowie der
-amerikanischen Kontinente umgesetzt, und die Preise, welche dafür
-gezahlt worden sind. Danach und nach den angebotenen Vorräten regelt
-sich dort der Preis, der dann die momentane Preishöhe des Weizens
-überall beeinflußt, wo immer in der Welt solcher gehandelt wird.
-Für Baumwolle bilden in ähnlicher Weise New-Orleans und Liverpool
-Mittelpunkte des Welthandels. Zwischen den Börsen von New-York und
-London vermittelt das unterseeische Kabel täglich Geldtransaktionen im
-Betrage von Millionen Dollars mit einer Promptheit, die nicht größer
-sein könnte, wenn die City von Wall-Street nur durch die Themse, nicht
-durch den Atlantischen Ocean, getrennt wäre.
-
-Ferner sei darauf verwiesen, daß es erst infolge der modernen
-Verkehrsmittel möglich geworden, +Bedarf und Überfluß an
-Nahrungsmitteln+ selbst auf die größten Entfernungen hin mit
-Leichtigkeit auszugleichen. Früher war Mangel und Überfluß rein
-örtlich fixiert, so daß bei ungleichem Ernteausfall in verschiedenen
-Ländern und Landstrichen an der einen Stelle empfindlicher Notstand
-herrschte, während gleichzeitig an der andern die Überfülle der Güter
-wegen mangelnden Absatzes zu Grunde ging. Ein klassisches Beispiel
-der durch die Eisenbahnen bewirkten Ausgleichung der Bodenprodukte
-oder Lebensmittel bietet die große Hungersnot, die in Indien in den
-Jahren 1873/74 wütete. In einem Zeitraum von elf Monaten wurde dort
-ein Quantum von ca. 21 Mill. Ctr. Reis und anderer Brotfrüchte in die
-von Dürre und Teuerung heimgesuchten Gegenden Bengalens befördert und
-daselbst zur Verteilung gebracht; infolgedessen waren denn auch damals
-nur 26-30 Menschenleben direkt als Opfer der Teuerung zu verzeichnen,
-während noch bei der in den 60er Jahren dreimal wiedergekehrten
-Hungersnot in Indien, wo eine derartige Hilfeleistung nicht oder
-unzureichend oder verspätet eintrat, nach authentischen Angaben
-nahezu 3½ Mill. Menschen dem Hungertode erlagen, von den noch weit
-schrecklicheren Daten aus früherer Zeit ganz abgesehen.
-
-Hand in Hand mit dieser vervollkommneten Ausgleichung der Vorrats-
-und Bedarfsmengen geht natürlich auch eine +Ausgleichung der
-Produktenpreise+. So betrug im Jahre 1817, dem bekannten Mißjahre,
-der Preisunterschied pro Hektoliter Getreide zwischen Straßburg und
-den Städten im Innern Frankreichs bis 40 Frcs., 1866 dagegen, wo
-gleichfalls in Frankreich teilweise sehr schlechte Ernte gemacht
-wurde, nur 3 bis 4 Frcs. An Stelle der alten Lokal-Marktpreise
-tritt heutzutage mehr und mehr ein Welt-Marktpreis, wie schon oben
-hervorgehoben wurde.
-
-Freilich hat diese weite Erstreckung der Interessengemeinschaft auch
-ihre Schattenseiten. Die Leichtigkeit, mit welcher große Gütermengen
-aus Gegenden, wo sie unter günstigen Bedingungen im Überfluß erzeugt
-werden, zu Wasser und zu Lande nach solchen geschafft werden können, wo
-die Produktion nicht gleichmäßig begünstigt ist, bringt den Produzenten
-in letzteren durch Herabdrücken der Preise unter Umständen schwer
-empfundene Nachteile. Die erdrückende Konkurrenz des amerikanischen
-und indischen Weizens auf den europäischen Märkten, über welche unsere
-Landwirtschaft sich beklagt, weil sie dadurch in ihrem wirtschaftlichen
-Bestande sich gefährdet sieht, ist ein naheliegendes Beispiel dafür.
-Indessen treten diese negativen Wirkungen der im Welthandel sich
-manifestierenden Solidarität der Interessen, wie hart sie auch
-zeitweilig das Einzelwohl berühren, doch weit zurück gegen den Nutzen,
-welcher aus jener Gemeinsamkeit der Wohlfahrt des Ganzen erwächst.
-
-Wieder eine Folge der modernen Verkehrsmittel ist die +Steigerung
-der Produktion nach Menge, Art und Güte+. Erst durch sie gewann die
-Industrie der Gegenwart einerseits für ihre reiche Produktion den
-erforderlichen Absatz, andererseits erreichte sie, daß Rohstoffe und
-Betriebskraft auf dem Punkte vereinigt werden konnten, wo die geeignete
-menschliche Arbeitskraft und die für die Fabrikation günstigsten
-anderweiten Bedingungen sich vorfanden. Kohle und Kalk trug die
-Eisenbahn nunmehr an die Gewinnungsstätte der Eisenerze, die Baumwolle
-in die Gebirgsthäler, wo menschliche Hände und wertvolle Wasserkräfte
-der Benutzung harrten. Die Industrie war aus ihrer Gebundenheit an
-solche Gebiete, wo +alle+ Bedingungen ihres Gedeihens vereinigt waren,
-gelöst; sie war mobil geworden. Es genügte fortan, wenn eine oder die
-andere jener Bedingungen irgendwo gegeben war; was fehlte, ließ sich
-einschließlich der menschlichen Arbeitskräfte unter verhältnismäßig
-geringen Opfern durch die Eisenbahn herbeischaffen.
-
-So hat sich wesentlich unter deren Einfluß die +Großindustrie+
-herangebildet. Einzelne Zweige derselben, namentlich die
-Metallindustrie, nahmen infolge der durch die Bahnen so sehr
-erniedrigten Transporttarife einen geradezu bewundernswerten
-Aufschwung. Aber auch die Entwicklung zahlreicher anderer
-Industriezweige knüpft sich sehr enge an die Ausbreitung der Bahnnetze,
-so besonders jene der Glas- und Spiegelfabrikation. Vor der Einführung
-der Bahnen war infolge des mangelhaften Transportwesens ein Aufblühen
-dieser Geschäftsbranche geradezu unmöglich. Augustin Cochin berichtet
-in dieser Beziehung, daß ehemals von 72 von Chauny nach Paris
-transportierten Spiegeln durchschnittlich nur zwölf in unversehrtem
-Zustande eintrafen. Heutzutage ist es diesen Geschäften möglich,
-ihre Produkte in alle Teile der Welt fast ohne Risiko zu versenden.
--- Bemerkenswerte Folgen des Überhandnehmens der Großindustrie
-auf wirtschaftlichem Gebiete sind einerseits die Arbeitsteilung,
-andererseits die Tendenz nach Ausgleichung der Arbeitslöhne.
-
-Wie im Welthandel, so besteht nunmehr eine Interessengemeinschaft
-auch im Bereiche der Industrie. Jeder Fortschritt der Technik wird in
-kurzer Zeit bekannt und Gemeingut. Ebenso machen örtliche Absatz- und
-Produktionskrisen sich den verwandten Industrieen auch weit ab von
-der Ursprungsstätte geltend. Freilich liegt in der Beweglichkeit und
-Leistungsfähigkeit der Verkehrsmittel eine wesentliche Mithilfe zur
-Überwindung solcher Krisen und zur Ausgleichung ihrer nachteiligen
-Folgen.
-
-Übrigens haben nicht bloß Eisenbahnen und Schiffe Bedeutung für
-das Geschäftsleben; auch die Telegraphie erweist sich für manche
-Erwerbszweige höchst nützlich. So bedient sich derselben die Produktion
-im Bergwerkswesen und Fabrikbetriebe; in Norwegen wird die Ankunft
-der Heringszüge auf telegraphischem Wege nach den verschiedenen
-Fischerdörfern gemeldet, um das bedeutende Fischereigewerbe dieses
-Landes in den Stand zu setzen, sich rechtzeitig auf ergiebigen Fang
-und schleunigste Versendung der Beute einzurichten. Der Schiffahrt
-wird nicht nur durch die telegraphisch vermittelten Zeitangaben
-mittels der Zeitbälle, sondern auch durch die Sturmwarnungen auf
-Grund der Wettertelegramme ein äußerst schätzbares Hilfsmittel
-gewährt. Die submarine Telegraphie hat sogar in der Herstellung der
-sogen. Guttaperchadrähte und in der weitern Verarbeitung derselben
-zu Telegraphen-Kabeln eine ganz neue Industrie geschaffen, der sich
-verschiedene großartige Etablissements fast ausschließlich widmen.
-
-
-2.
-
-Nicht minder kräftig als die Bewegung der körperlichen Sachen durch
-die Eisenbahnen und Dampfschiffe hat die der +Personen+ zugenommen. In
-den bereits erwähnten „Übersichten der Weltwirtschaft“ wird die Zahl
-der Passagiere, welche die Eisenbahnen in allen Erdteilen im Jahre
-1882 befördert haben, auf 2400 Mill. berechnet, was im Durchschnitt
-für jeden Tag etwa 6½ Mill. ergiebt. Die absolute Zahl der Passagiere
-auf Dampfschiffen ist geringer; aber auch hier kommt, wie beim
-Gütertransport, in Betracht, daß in der Regel die Entfernung weiter
-und die Reisedauer länger ist als auf der Eisenbahn, so daß, wenn die
-Meile oder der Tag als Maßeinheit gewählt würde, die Leistung der
-Dampfschiffe auch in der Personenbeförderung erheblich größer erschiene.
-
-Die Bedeutung der Erleichterung der Ortsveränderung für die Menschen
-äußert sich in socialer und wirtschaftlicher Beziehung. Die in
-letzterer Hinsicht wichtigsten Erscheinungen sind die +Auswanderung+
-und die +Freizügigkeit+.
-
-Auswanderung hat es allerdings schon vor den Eisenbahnen und
-Dampfschiffen gegeben; in großem Maßstabe aber hat sie sich erst unter
-deren Einwirkung entwickelt. Von den 12½ Mill. Einwohnern, die den
-Vereinigten Staaten von Amerika seit deren Anerkennung (1783) bis zum
-Jahre 1883 zugeflossen sind, entfällt auf die Zeit bis zur Herstellung
-einer regelmäßigen Personen-Dampfschiff-Verbindung mit Europa, die
-man in das Jahr 1844 setzen kann, noch nicht voll eine Million. Erst
-infolge dieser Verbindung, welche den Segelschiffen auch die ärmeren
-Passagiere allmählich entzog, und im Zusammenhang mit der Erbauung von
-Eisenbahnen, welche das Stromgebiet des Mississippi und den Westen des
-Kontinents erschlossen, nahm die Auswanderung dorthin die kolossalen
-Proportionen an, welchen die Vereinigten Staaten ihr unvergleichlich
-rasches Wachstum an Volkszahl, Wohlstand und Macht verdanken. Der
-ursächliche Zusammenhang liegt in der Erleichterung der Überfahrt, zu
-der auch den Auswanderern zugängliche Dampfer gegenwärtig nur zehn
-bis zwölf Tage bedürfen, in der Verbesserung der Verpflegung, welche
-durch die Kürze der Fahrtdauer ermöglicht ist, in der Billigkeit der
-Passage, welche vermöge des größern Raumgehaltes der Dampfschiffe
-und der Abkürzung der Verpflegungszeit gewährt werden kann, und in
-der Pünktlichkeit sowie der relativ großen Sicherheit der Reise. Im
-Vergleich zu der Dauer, den Leiden und den Gefahren der Überfahrt,
-wie wir sie aus den ergreifenden Schilderungen deutscher Auswanderer
-nach Amerika gegen Ausgang des vorigen Jahrhunderts kennen, ist jetzt
-die atlantische Tour selbst für Zwischendeckspassagiere eine harmlose
-Vergnügungsfahrt, jedenfalls mit seltenen Ausnahmen ohne Gefahr für
-Gesundheit und Leben.
-
-Kaum geringer als die Mühsale der Seefahrt waren ehedem für solche
-Auswanderer, welche in das Innere des Landes strebten, die Beschwerden
-der +Landreise+. Wochen, ja Monate vergingen, ehe sie in langsamer
-Wanderung unter harten Entbehrungen das Ziel erreichten. Auf alles,
-was sie nicht mitgeführt hatten, mußten sie bei der Schwierigkeit des
-Nachtransportes verzichten oder es mit besonderen Kosten erkaufen.
-Heutzutage führt sie von dem Ankunftshafen ein Eisenbahnzug in soviel
-Tagen, als vorher Monate erforderlich waren, nach dem fernsten Westen,
-und wenn sie anlangen, stehen sie nicht verloren in der Wildnis,
-lediglich gewiesen auf die eigene Kraft; die Eisenbahn, die in leicht
-erreichbarer Nähe liegt, führt zu ihnen, was des Lebens Notdurft
-erfordert; sie trägt die Erzeugnisse des Bodens, den sie bearbeitet
-haben, auf den Markt und hält sie in steter Verbindung mit der
-Civilisation. Von den Vereinigten Staaten läßt sich mit Grund sagen,
-daß die Eisenbahnen an die Stelle der Pioniere getreten sind, welche
-in früheren Zeiten den Urwald Schritt für Schritt erringen mußten; sie
-werden nicht wie in Europa dorthin gelegt, wo der bereits entwickelte
-Verkehr sie zu erhalten verspricht; sie brechen vielmehr dem Verkehr
-die Bahn; sie folgen nicht ihm, er folgt ihnen. Nur so ist es möglich
-geworden, daß die Bevölkerung der Vereinigten Staaten von Amerika seit
-dem Jahre 1850 sich mehr als verdoppelt und in deren westlichsten
-Gebieten, den Staaten am Stillen Ocean und in den sogen. Territorien,
-sich verzehnfacht hat. In derselben Periode hat sich der Ertrag des
-Landes an Mais verdreifacht, an Weizen verfünffacht.
-
-Diesen großen Verschiebungen, durch welche die Wanderer ihrer Nation
-oder doch dem bisherigen Staatsverbande in der Regel entfremdet werden,
-gehen die kleineren zur Seite, welche die durch die Eisenbahnen
-gebotene Erleichterung +der Personenbewegung innerhalb der einzelnen
-Länder+ zur Folge hat. Sie sind in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung
-weniger augenfällig, aber nicht weniger wichtig. Das dafür oben
-gewählte Wort Freizügigkeit, obwohl es in der Regel gebraucht wird,
-um die Beseitigung der rechtlichen Schranken, welche der Wahl des
-Wohnsitzes bisher entgegenstanden, auszudrücken, läßt sich mit Grund
-auch auf die Freiheit der Ortsveränderung anwenden, welche durch die
-Wegräumung ihrer thatsächlichen Hindernisse oder Erschwerungen gewonnen
-worden ist. Hier haben die Eisenbahnen derart eingegriffen, daß das
-Recht, auch wo es bereits gesetzlich ausgesprochen war, doch durch
-sie erst praktischen Wert erhalten, seine Verwirklichung gefunden
-hat. Der Arme hatte wenig davon, daß ihm das Gesetz die Freizügigkeit
-gewährleistete; er blieb an die Scholle gebunden wegen des Mangels
-an Mitteln, sie zu verlassen. Erst durch die Eisenbahn ist ihm die
-Möglichkeit gebracht worden, mit erschwinglichem Aufwand an Geld und
-Zeit die Stelle zu verlassen, an welche er durch die Geburt gesetzt
-war, und andere Stätten zu suchen, wo er seine Arbeitskraft besser
-verwerten und günstigere Existenzbedingungen finden kann. Die Wirkungen
-der damit praktisch gewordenen Bewegungsfreiheit haben sich danach
-vornehmlich für die ärmeren Volksklassen, die Arbeiter, geltend gemacht
-und deren Stellung gründlich verändert. Auf wirtschaftlichem Gebiet
-treten sie u. a. zu Tage in dem Zuströmen der Arbeiter zu den Centren
-der Großindustrie und dem damit zusammenhängenden Wachstum der großen
-Städte, in dem örtlichen Mangel an Handarbeitern in der Landwirtschaft,
-in der Umgestaltung der gewerblichen Verfassung. Die alte Ordnung der
-letztern hat vornehmlich die Beweglichkeit der arbeitenden Bevölkerung
-neben dem Übergange zur Fabrikation durchbrochen. Zünfte, Innungszwang,
-gewerbliche Zwangsrechte, die Einordnung der Arbeiter in Rangstufen
-haben sich als unverträglich mit der Flüssigkeit erwiesen, in welche
-die früher festgegliederten Massen der gewerblichen Arbeiter durch die
-Leichtigkeit, den Ort ihrer Beschäftigung zu wechseln, geraten sind.
-Der Arbeitsmarkt hat sich dadurch in ähnlicher Weise erweitert wie der
-Gütermarkt; die gewerbliche Arbeitsleistung ist mehr und mehr zur Ware
-geworden, deren Preis sich nach den großen Konjunkturen der Geschäfte
-regelt; das persönliche Verhältnis zwischen Arbeiter und Unternehmer,
-das früher wenigstens im Handwerk ein familienhaftes war, ist völlig
-gelöst oder doch gelockert.
-
-Die Übersicht über die Leistungen dieser Transportmittel auf
-wirtschaftlichem Gebiet würde nicht vollständig sein, wenn nicht der
-wertvollen Dienste Erwähnung geschähe, welche sie der +Post+ leisten.
-Sie fallen vorwiegend unter den Gesichtspunkt der Beförderung von
-Gedanken, welche neben derjenigen der Güter und Menschen gleichfalls
-Aufgabe der modernen Verkehrsmittel ist, jedenfalls soweit der
-Telegraph in Betracht kommt, aber auch bezüglich der Beförderung von
-Briefen und Drucksachen, insbesondere von Erzeugnissen der Presse,
-welche den wichtigsten Teil des Postdienstes bildet. Was die Post
-hierin für den geistigen Verkehr der Menschen leistet, beschränkt
-sich allerdings nicht auf das eigentlich wirtschaftliche Feld, aber
-es kommt auf diesem am erkennbarsten zur Erscheinung. Handel und
-Gewerbthätigkeit und damit das ganze wirtschaftliche Leben sind ohne
-die mitwirkende Thätigkeit der Post heute kaum zu denken. Und daß sie
-ihre Leistungsfähigkeit in Sicherheit, Häufigkeit und Billigkeit der
-Beförderung auf ein Maß gesteigert hat, das ans Wunderbare reicht,
-das ist wiederum nur durch den Gebrauch der Eisenbahnen, Dampfschiffe
-und Telegraphen möglich geworden, welche die Postverwaltung, zumal in
-Deutschland, mit hoher Umsicht für ihre Zwecke dienstbar gemacht hat.
-Weder das gleichmäßige niedrige Briefporto innerhalb des Einzelstaates,
-noch das geringe Briefporto im Weltpostverein, dessen Begründung einen
-der merkwürdigsten Fortschritte in der Kulturentwicklung der Menschheit
-darstellt, hätte uns geboten werden können, wären nicht Eisenbahnen und
-Dampfschiffe die bereitwilligen, billigen und zuverlässigen Träger der
-Korrespondenz.
-
-
-3.
-
-+Großartige Wirkungen haben die modernen Verkehrsmittel auf dem Gebiete
-des Kriegswesens nach sich gezogen, und zwar sowohl in dem zu Wasser,
-wie in dem zu Lande.+ In der Kriegsmarine aller Staaten ist in den
-letzten 30 Jahren das Dampfschiff an die Stelle des Segelschiffes
-getreten, so daß letzteres nur noch ausnahmsweise zu Kriegszwecken
-verwendet wird. Damit im Zusammenhange steht die Veränderung der
-Geschütze, die Bekleidung mit Panzerplatten, die Ausstattung mit Türmen
-und die Umgestaltung der Gefechtsweise. Die größere Tragfähigkeit und
-die größere Lenkbarkeit der Dampfschiffe haben diese tiefgreifende
-Umgestaltung der Kriegsmarine zur Folge gehabt.
-
-Bei der Kriegführung zu Lande hat die Lokomotive die Bedeutung eines
-direkten Kampfmittels zwar nicht erhalten, da die Versuche, gepanzerte
-Lokomotiven als solches zu gebrauchen, nur vereinzelt gemacht und nicht
-weiter verfolgt worden sind; jedoch haben Eisenbahnen und Telegraphen
-auch das Wesen des Landkrieges gründlich verändert. Schon in der
-Vorbereitung: Mit ihrer Hilfe vollzieht sich die Mobilisierung des
-Heeres und die Zusammenziehung seiner getrennten Teile auf die für den
-Angriff oder die Verteidigung geschickten Punkte in einem Zeitraume,
-dessen Kürze gegen die bei der frühern Art der Truppenbewegung
-erforderliche Zeit verschwindend klein ist. Die geschickte und
-energische Benützung dieser Hilfsmittel giebt unter Umständen einen
-Vorsprung, der für den Ausgang des Krieges entscheidend werden kann.
-Sie sind nicht minder wichtig während des Krieges, sofern sie für
-Beförderung der Truppen und Kampfmittel benutzbar sind. Die Armee,
-welche die Eisenbahnen beherrscht und im Besitz ihres Betriebsmaterials
-ist, beherrscht das Feld. Die Aufgabe des Feldherrn ist, aus ihnen
-die Bewegungen der Truppen so zu kombinieren, daß diese im gegebenen
-Zeitpunkte an bestimmter Stelle den feindlichen Kräften überlegen sind
-und diese entweder zum Rückzuge oder unter ihnen ungünstigen Umständen
-zum Kampfe nötigen. Die moderne Strategie besteht daher zu nicht
-geringem Teile in dem Wissen und dem Geschick, mit den Eisenbahnen als
-den mächtigsten Bewegungsfaktoren zu operieren und die Schlachten, in
-denen nach der gegenwärtigen Art der Bewaffnung mehr die Menge der
-Truppen als die persönliche Tapferkeit ausschlaggebend ist, nur da zu
-schlagen, wo diese entscheidende Überlegenheit der Massen gesichert ist.
-
-Von eminenter Wichtigkeit ist sodann, daß durch die Eisenbahnen
-Proviant und Munition, sowie der erforderliche Ersatz an Mannschaften
-und Waffen der Armee nachgeführt und die Verwundeten aus der Nähe
-des Schlachtfeldes entfernt und in zurückliegende Lazarette oder in
-die Heimat verbracht werden können. Zahlreiche Leben werden dadurch
-gerettet. Wer dächte nicht mit inniger Dankbarkeit an diese Leistungen
-der Eisenbahnen in den letzten schweren Kriegen, welche Deutschland
-zu kämpfen hatte, und zugleich nicht auch an die Wirksamkeit
-des Telegraphen, der von Tag zu Tag über die Ereignisse auf dem
-Kriegsschauplatze berichtete und die spannende Sorge unzähliger Herzen,
-welche um das Vaterland und um teure Angehörige bangten, verkürzte oder
-löste?
-
-Wenn man mit Recht sagen kann, daß die Kriege der Jetztzeit blutiger
-geworden sind, so sind sie dafür kürzer und in gewissem Sinne
-menschlicher; letzteres nicht bloß insoweit, als die Opfer des Kampfes
-bessere Pflege erhalten, sondern auch darin, daß die friedliche
-Bevölkerung des von dem Kriege heimgesuchten Landes, dank den neuen
-Verkehrsmitteln, nicht so schwer wie in früheren Zeiten von der Last
-des Unterhaltes der kriegführenden Heere und ihres Trosses zu leiden
-hat. Ein großer Teil des grausigen Elends und der Barbarei früherer
-Kriege hatte darin seinen Grund, daß die Truppen von dem Lande
-verpflegt werden mußten, wo sie lagen, und daß die Notwendigkeit der
-Selbsterhaltung für sie jede Schonung der Bevölkerung ausschloß. Die
-Gegenden, in denen der Krieg gehaust hatte, verödeten oder verarmten
-auf Jahre hinaus. Das ist jetzt besser geworden. Auch jetzt noch
-ist der Krieg zwar eine harte Geißel; aber die Ordnung der Proviant-
-und Fouragelieferungen und des Requisitionswesens, welche durch die
-Eisenbahnen möglich geworden ist, setzt die Heeresleitung in den
-Stand, das Land vor erschöpfender Aussaugung zu bewahren und die
-Ausschreitungen der Truppen, welche in mangelhafter Verpflegung
-begründet sind, zu verhüten. Die Erhaltung besserer Manneszucht
-schützt gleichzeitig vor der Verrohung der Sitten und der Neigung
-zur Gewaltthätigkeit unter den Soldaten, welche sonst eine der
-beklagenswertesten Folgen der Kriege zu sein pflegten. Wenn auch
-das Ziel der menschlichen Kultur, ohne Kriege bestehen zu können,
-in unabsehbarer Ferne liegt, so ist es doch immerhin ein namhafter
-Fortschritt zu ihm, die Greuel, mit denen der Krieg verbunden ist, zu
-beschränken und zu mildern.
-
-In diesem Zusammenhange ist auch der segensreichen Wirkungen der
-Feldpost zu gedenken. Zwar obliegt der Post auch in Friedenszeiten
-eine schöne ethische Aufgabe. „In den Falten der Briefe,“ sagt
-~Dr.~ von Stephan so schön, „sind Freundestreue und Liebesglück,
-Vaterwort und Mutterthränen geborgen. Durch sie wird der sittliche
-Wert des Seelenumgangs zur Potenz erhoben, die pädagogische Wirkung,
-der ethische Gehalt des Familienlebens in Zeit- und Raumformen
-übertragen. Sie bringen den Frühling gleich den Scharen der Zugvögel,
-und sie streuen, wie beschwingte Boten des Äolus, den Blütenstaub
-der Heimat auch auf den entlegensten Pfad des fernen Wanderers.“
-Niemals aber kommt diese ethische Wirkung der Post mehr zur Geltung,
-als in kriegerischen Zeiten. Das hat sich besonders während des
-großen deutschen Einheitskrieges der Jahre 1870 und 1871 gezeigt.
-„Der begeisterte Dank des Vaterlandes, die frischen Schilderungen
-der unmittelbaren Eindrücke, welche die Kunde von den großen Siegen
-hervorgerufen, vor allem aber die +Wärme des Gefühls+ in den stets so
-freudig empfangenen Boten der Heimat,“ schreibt wiederum +Stephan+,
-der Augenzeuge jener welthistorischen Aktionen, „stärkte und belebte
-den Krieger; und daß diese Wärme auch ihr mechanisches Äquivalent
-besaß, zeigte sich in den siegreichen Schlachten.“ Wer übrigens die
-ethische Wirksamkeit einer geregelten Feldpost bezweifeln möchte, der
-sei auf die gleichfalls von unserem Generalpostmeister berichtete
-Thatsache verwiesen, wonach demselben bei Sedan gefangene Franzosen
-erzählten, sie hätten seit ihrem Abrücken aus der Heimat keine Briefe
-erhalten, und dieser Mangel an Nachrichten von den Ihrigen habe zu
-der Niedergeschlagenheit und Apathie der besiegten Armee nicht wenig
-beigetragen.
-
-Auch in den +friedlichen Beziehungen der Staaten+ treten deutlich genug
-die Einflüsse der modernen Verkehrsmittel zu Tage, sowohl +bezüglich
-des Verhältnisses der Staaten zu einander, als auch hinsichtlich des
-innern politischen Lebens der Einzelstaaten+.
-
-Man wird in der erstern Richtung nicht fehlgehen, wenn man den
-Eisenbahnen und Telegraphen einen wesentlichen Anteil beimißt an
-der der Zeit eigenen Tendenz zur Bildung von Großstaaten und zur
-staatlichen Zusammenfassung von Nationen. Die Gleichartigkeit und die
-Verdichtung der Interessen auf dem durch die Verkehrsmittel erweiterten
-wirtschaftlichen Gebiete verträgt nicht dessen Stückelung in staatliche
-Kleingebilde. Die materiellen Interessen verlangen vielmehr, um
-gedeihen zu können, möglichst weit reichende Gleichmäßigkeit der
-Gesetzgebung und Verwaltung, sowie eine starke staatliche Macht,
-welche sie nach außen und innen zu schützen vermag. Weder das eine
-noch das andere vermag der Kleinstaat zu bieten. Wenn in den Tagen
-des heiligen römischen Reiches deutscher Nation ein Chronist spotten
-konnte, daß ein guter Sechzehnender an einem Tage über die Länder von
-siebzehn Herren setzen konnte, so hatte dies für den Verkehr nicht
-viel zu sagen, da Menschen und Waren soviel langsamer gingen. Heute
-haben die Eisenbahnen die Schnelligkeit des Hirsches, und die Welt
-würde es nicht bloß lächerlich, sondern unerträglich finden, wenn das
-wirtschaftliche Leben, das sie entwickelt haben, in jedem Ländchen
-die besonderen Hemmungen neu erleiden müßte, welche dessen besondere
-Finanz- und Polizeihoheit ihm aufzulegen für gut finden möchte. Der
-festeste Halt des deutschen Zollvereins, bis die Zeit für das Deutsche
-Reich reif war, sind wohl die Schienen der Eisenbahnen gewesen. Heute
-freilich besteht Einheit im Deutschen Reiche hinsichtlich des Post-
-und Telegraphenwesens, des Münz-, Maß- und Gewichtssystems, des
-Militärwesens, und bald auch bezüglich der Rechtspflege.
-
-Dazu kommt ein anderes wichtiges Agens, das Bewußtsein der nationalen
-Zusammengehörigkeit, welches durch den gesteigerten Verkehr zwischen
-den durch gemeinsame Sprache und Abstammung Verbundenen geweckt und
-lebendig erhalten wird. Es sucht seinen Ausdruck und findet sein
-Genügen nur in dem Aufbau eines entsprechenden staatlichen Organismus,
-der das Verwandte zusammenfaßt und durch diese Vereinigung stark
-genug wird, sich und jedem seiner Angehörigen auch in der Welt
-Ansehen und Geltung zu verschaffen. Der deutsche wie der italienische
-Einheitsgedanke sind auf diesem Wege aus dem Reiche gestaltlosen
-Wünschens und Sehnens zur thatkräftigen Verwirklichung gediehen. Sah
-doch K. Becker in seinen „gepanzerten Liedern“ und in seinem „fahrenden
-Poeten“ schon 1838 in den Eisenbahnaktien „Wechsel, ausgestellt
-auf Deutschlands Einheit“, und in den Schienen „Hochzeitsbänder,
-Trauungsringe“.
-
-Der äußern Anziehungskraft entspricht nach innen eine +Stärkung und
-Konzentrierung der Regierungsgewalt+. Die Eisenbahnen und Telegraphen
-sind ein politisches Machtmittel ersten Ranges, in werdenden Staaten
-zur Befestigung des Staatsverbandes, in fertigen zur Kräftigung der
-Exekutive und zur Vermehrung des politischen Einflusses der Regierung.
-In Argentinien rühmt man, daß die Ära der Revolutionen geschlossen sei,
-seit die Centralregierung ein Telegraphennetz über das Land gelegt
-hat. Aufstände und Pronunciamentos in den entlegenen Provinzen waren
-früher an der Tagesordnung und hatten Zeit, sich auszubreiten, da
-Wochen vergingen, ehe die Kunde davon zum Sitze der Bundesgewalt drang.
-Gegenwärtig ist die telegraphische Meldung von der nächsten sichern
-Stelle und der telegraphische Befehl an die nächsten zuverlässigen
-Truppen Sache von ebensovielen Stunden, und es gelingt dadurch meist,
-aufständische Erhebungen im Keime zu ersticken. In den europäischen
-Kulturstaaten wird man keinen Anlaß haben, diese Wirksamkeit des
-Telegraphen an erster Stelle rühmend hervorzuheben; indessen giebt
-er in Verbindung mit der Eisenbahn auch hier der Regierung die
-Möglichkeit, sich von allen wichtigeren Vorkommnissen fast im
-Augenblick des Geschehens zu unterrichten und, wo es not thut, das
-geeignete Einschreiten anzuordnen. Es führt dies des weiteren dazu, daß
-die beschließende Gewalt in den Centralinstanzen sich zusammenzieht,
-dagegen die Selbständigkeit und die Verantwortlichkeit der lokalen
-Behörden beschränkt wird. In manchen, insbesondere kleineren Staaten
-resultiert daraus die Möglichkeit, Zwischenstellen zu beseitigen und
-den Behördenorganismus zu vereinfachen.
-
-Die Eisenbahnen speciell verstärken die Staatsgewalt in doppelter
-Weise. Wo der Betrieb in den Händen der Regierung liegt, vermehrt sich
-die Zahl der ihr untergebenen Beamten, denen Pflicht und Interesse
-gebietet, da, wo politische Parteien bestehen, sich auf die Seite der
-Regierung zu stellen, deren Berufung und Anstellung aber in jedem
-Falle der Regierung auf Bewerber und Beliehene Einfluß sichert. Sie
-hat ferner durch die Regulierung der Frachttarife und die Ordnung
-der Fahrpläne eine ausnehmend starke Einwirkung auf den Betrieb des
-Handels und der Großindustrie, die sich eines andern Verkehrsmittels
-nicht mehr bedienen können, und durch die Erteilung oder Versagung
-von Konzessionen, die Unterstützung oder Erschwerung von neuen
-Unternehmungen die Entscheidung über das Gedeihen oder Nichtgedeihen
-ganzer Landstriche und Berufsklassen. In den Händen einer redlichen und
-gewissenhaften Regierung wird die Handhabung dieser Gewalt zum Nutzen
-des Landes gereichen; wo jene Voraussetzungen aber fehlen, ist die
-Gefahr schädlichen Mißbrauches sehr groß. Welche Macht über den Verkehr
-die Verwaltung der Eisenbahnen giebt, und wie empfindlich derselbe
-getroffen werden kann, wenn nicht unparteiische Rücksichtnahme auf
-das Gesamtwohl für die Leitung maßgebend ist, zeigt sich wie in einem
-verzerrten Spiegelbilde da, wo der Staat sich des Einflusses darauf
-begeben und den Betrieb Privatunternehmungen überlassen hat. Beispiele
-dafür giebt Frankreich in der Abhängigkeit von den sechs großen, den
-Eisenbahnverkehr beherrschenden Gesellschaften, und Nordamerika in dem
-bekannten Tarifunwesen der Vereinigten Staaten.
-
-Die Anspannung, welche durch die Eisenbahnen und Telegraphen dem
-staatlichen Organismus gegeben wird, beschränkt sich indes nicht auf
-die Regierungsgewalt; sie kann sich auch offenbaren und offenbart
-sich thatsächlich in der +gesteigerten Teilnahme des Volkes am
-politischen Leben+. Auch dies geschieht auf doppeltem Wege: +durch die
-Erleichterung des persönlichen Verkehrs und durch die Beschleunigung
-und Ausdehnung der Gedankenmitteilung in Presse und Briefwechsel+. Was
-die Erleichterung des Reisens wirkt, das sehen wir deutlich während der
-politischen Wahlen in den Fahrten der Kandidaten, die den Wählern sich
-vorstellen wollen, wie der Abgeordneten, die ihnen über die Ausführung
-ihres Mandates Rechenschaft geben, oder der Volksvertreter, die während
-der Parlamentssitzungen das Bedürfnis fühlen, sich durch Berührung mit
-ihrem Wahlkreise die Kräfte zu stählen.
-
-Bei weitem größer noch ist der Einfluß des gedruckten Wortes, das in
-Tagesblättern und anderen periodischen Zeitschriften verbreitet wird,
-so zahlreich, schnell und billig, daß vor fünfzig Jahren verlacht
-worden wäre, wer dies mit Ziffern hätte ausdrücken wollen. Hierzu
-haben zwar noch andere Ursachen mitgewirkt: Vervollkommnungen in
-der Technik des Buchdrucks und der Papierfabrikation, die höhere
-Durchschnittsbildung infolge des verbesserten Schulunterrichts, das
-Bedürfnis des Handels; allein wenn die Leichtigkeit der Produktion
-auch noch größer wäre, als sie bisher geworden, sie wäre praktisch
-doch wertlos ohne die Leichtigkeit der Vertreibung. Von deren Umfang
-giebt es, wenn keine genaue Vorstellung, so doch eine Empfindung,
-daß im Jahre 1882 mehr als 2½ Milliarden Zeitungsnummern im Bereiche
-des Weltpostvereins zur Versendung aufgegeben worden sind, von denen
-ein nur ganz kleiner Teil anders als durch die Eisenbahn befördert
-worden ist. Da die Mehrzahl der Zeitungen vorwiegend oder teilweise
-politischen Inhalts ist, läßt sich ermessen, welchen Anteil jene
-Verbreitung politischer Nachrichten und Meinungen an der politischen
-Bildung der Bevölkerung, welche daraus fast ausschließlich schöpft,
-und an ihren politischen Strebungen hat, welchen Anteil, auch über
-politische Fragen hinaus, an der Entstehung und der Gestaltung der
-öffentlichen Meinung überhaupt, die heute mehr als je eine Macht ist.
-
-
-4.
-
-+Auch die Denk- und Handlungsweise und im weitern Verfolge die daraus
-sich niederschlagende Sitte des Volkes haben durch die veränderten
-Verkehrsmittel höchst bedeutsame Veränderung erfahren.+
-
-Zu den Lichtseiten ist in erster Linie die ganz unermeßliche Vermehrung
-von Kenntnissen, Vorstellungen und Begriffen zu rechnen, welche der
-Bevölkerung von Ländern zu teil wird, deren Verkehr Eisenbahnen und
-Telegraphen vermitteln. Es bewirkt eine solche teils die Presse, deren
-bezüglicher Einfluß, soweit er die Kenntnis politischer Angelegenheiten
-und die Anregung der Teilnahme dafür betrifft, bereits erwähnt worden
-ist, die aber auch darüber hinaus in allen wissenswerten Dingen täglich
-Belehrung verbreitet, der Bewässerung gleich, die in zahlreichen
-kleinen Rinnsalen das befruchtende Naß über weite Flächen verteilt;
-teils und mit nicht geringerem Erfolge ist hieraus das Reisen von
-Einfluß, zu welchem die Eisenbahnen Möglichkeit und Anreiz geben.
-Wie leicht diesem Anreiz nachgegeben und wie gern die Neigung dazu
-befriedigt wird, lehrt die tägliche Erfahrung. Man fährt heute in
-derselben Zeit und mit nicht viel größeren Kosten an die Küsten der See
-oder in die Alpen, wie früher die Strecke von einigen Meilen, und man
-nützt die Gunst der veränderten Lage mit aller Ausgiebigkeit, sei es
-um Schäden der Gesundheit auszubessern oder zu verhüten, sei es um der
-geistigen Erholung, sei es um der Belehrung, sei es um des Vergnügens
-willen. Die Frequenz der Bäder, das Aufkommen der Sommerfrischen und
-Luftkurorte, die Urlaube für alle Kategorieen von Beamten, die eine
-ständige Einrichtung geworden sind, während sie ehedem nur wegen
-Krankheit erteilt zu werden pflegten, der allgemeine Auszug zur Zeit
-der Schulferien, Vergnügungs- und Extrazüge an Sonn- und Feiertagen,
-Stangensche Expeditionen nach dem Nordkap, nach Palästina oder um die
-Welt, alles dies sind Beweise für die Reiselust, die in die modernen
-Menschen gefahren ist, und für die Leichtigkeit, sie zu befriedigen.
-Eine noch besonders hervorzuhebende Species bilden die Reisen zu
-Versammlungen von Berufsgenossen, zu wissenschaftlichen Kongressen,
-oder zu geselligen Zusammenkünften, die zumal in Deutschland in Blüte
-stehen. Es giebt kaum einen Stand oder eine Berufsgemeinschaft,
-die nicht das Bedürfnis fühlte, daß die Genossen sich ab und zu
-persönlich zusammenfinden und an wechselnden, möglichst angenehmen
-Orten miteinander „tagen“. Ärzte, Naturforscher, Armenpfleger,
-Gewerbetreibende aller Art, Lehrer, der Handelstag, der Juristentag,
-Ingenieure, Forstleute, -- wer vermöchte die Fülle der Vereinsfreudigen
-und Kongreßbedürftigen zu erschöpfen? Dann kommen die Musik- und
-Liederfeste, die Schützenfeste, nicht zuletzt die Ausstellungen, in
-denen Fischerei und Landwirtschaft, die Industrie wie die schönen
-Künste ihre Leistungen zeigen und vergleichen, und die ihre höchste
-Vollendung in den periodischen Weltausstellungen gewonnen haben. Ohne
-die Eisenbahnen wäre diese leichte Beweglichkeit, diese Lösbarkeit
-des Menschen vom Boden, die einer tiefen Sehnsucht seiner Natur
-entgegenkommt, überhaupt nicht oder nur in beschränktem Umfange möglich.
-
-Unleugbar ist damit eine bedeutende Bereicherung durch neue
-Anschauungen und Wahrnehmungen, eine namhafte Erweiterung des geistigen
-Gesichtskreises und eine Fülle von Anregung zu geistiger Thätigkeit
-verbunden, selbst da, wo die Absicht darauf nicht gerichtet war.
-Irrtümer werden aufgeklärt, Vorurteile überwunden; heimische Mängel
-machen sich durch den Vergleich mit Fremdem fühlbar, und das als besser
-Erkannte wird nachgeahmt und übernommen. +Neben der Intelligenz gewinnt
-auch der Wille.+ Die Eisenbahnen verlangen genaue Innehaltung der Zeit
-und zwingen alle, die sich ihrer bedienen, sich nach ihrer Ordnung
-zu richten. Sie erziehen dadurch in ganz hervorragender Weise zur
-Pünktlichkeit und zu richtiger Schätzung des Zeitwertes, zum raschen
-Entschließen und zur Ablegung der Umständlichkeit, Eigenschaften, die
-sich dann auf das Handeln im Leben überhaupt übertragen. Man kann
-den Mangel dieser Disciplinierung an der Bevölkerung in Gegenden
-beobachten, in welchen Eisenbahnen neu eröffnet werden, ihre günstigen
-Wirkungen hingegen schon wahrnehmen bei den Schulknaben, die auf den
-Tramways fahren, oder auf den Schülerzügen, welche die Eisenbahnen in
-der Nähe größerer Städte eingerichtet haben.
-
-Neben diesen im ganzen wohlthätigen Folgen treten jedoch nach dem
-aller menschlichen Entwicklung immanenten Gesetze auch solche in
-die Erscheinung, welche nachteilig sind. Wenn die Leichtigkeit
-der Ortsveränderung die Möglichkeit bietet, die Vorstellungen und
-Kenntnisse zu erweitern, so verführt sie andererseits leicht zur
-Oberflächlichkeit der Beobachtung, die an Gründlichkeit und Tiefe
-verliert, was sie an Ausdehnung gewinnt. Man reist heutzutage weit,
-aber man sieht flüchtig. Zwischen dem Anfang und dem letzten Ziele
-der Reise hält der Passagier in der Regel nur so lange an, als der
-Eisenbahnzug hält, oder er überschlägt auf wichtigen Stationen
-höchstens einmal einen Zug. Was dazwischen liegt, fliegt vorüber wie
-ein Wandelbild im Theater oder wird überschlafen. Bädeker oder Murray
-genügen als Führer und Leuchte. Für manche ist die Zahl der Meilen,
-die sie zurücklegen, die Hauptsache. ~Globetrotters~ nennt man sie in
-England, wo diese Species besonders gedeiht. Daß bei solcher Art zu
-reisen nicht viel Nützliches herauskommt, liegt auf der Hand; wohl
-aber bringt sie Blasiertheit auf der einen, Neigung zu absprechendem
-Urteil auf der andern Seite zuwege. Naheliegende Beispiele sind
-die hauptstädtischen Kinder, die schon in früher Jugend auf allen
-Eisenbahnen herumgefahren werden, nicht bloß zum Schaden ihres Körpers,
-sondern auch ihrer innern gesunden Entwicklung. Von der Frühreife,
-der Voreiligkeit des Urteils, dem Mangel an Innerlichkeit, der
-Nervosität, die bei vielen solchen Kindern aus den wohlhabenden Klassen
-zu Tage treten, ist ein gut Teil der Überreizung durch zu frühes
-und zu ausgedehntes Reisen beizumessen, wenn auch für den Mißbrauch
-nicht sowohl die Eisenbahn, als vielmehr der Unverstand der Eltern
-verantwortlich zu machen ist.
-
-+Andere unerwünschte Folgen sind, daß über dem Fernen und dem
-Streben danach das Nahe vernachlässigt wird+; gar viele wissen mehr
-vom Auslande als von ihren nächsten Umgebungen. Damit geht die
-Anhänglichkeit an die Heimat und die Wertschätzung des Heimischen
-vielfach verloren. Denn nur was man kennt, liebt man mit Treue. Von der
-Gleichgültigkeit zur Geringschätzung ist aber nur ein kurzer Schritt.
-Es erklärt sich daraus das Verschwinden alter Gebräuche, die dem
-Zusammenleben in Familie und Gemeinde Halt geben, die Unzufriedenheit
-mit der häuslichen Beschränktheit, wohl auch eine Lockerung der
-persönlichen Autoritätsverhältnisse, insbesondere dem Alter gegenüber,
-das mit seinen im engen Kreise gesammelten Erfahrungen gegen das Viel-
-und Besserwissen der gereisten Jugend nicht aufkommen kann.
-
-+In weiterem Bereiche erklärt sich daraus die rasche Verbreitung der
-Moden, sowie eine gewisse Nivellierung der Lebenshaltung und Sitten.+
-Die Herrschaft der Mode wird zwar aus allen Zeitaltern berichtet,
-und ihre Excesse scheinen ehedem noch bedeutender gewesen und für
-gefährlicher erachtet worden zu sein als heute; sie brauchte aber
-eine längere Zeit, ehe sie von den tonangebenden Plätzen oder Klassen
-nach außerhalb oder in andere Schichten der Bevölkerung durchdrang.
-Charakteristisch ist ihr jetzt, durch die Verkehrsmittel begünstigt,
-die Schnelligkeit der Bewegung insbesondere durch die verschiedenen
-Stände hindurch und das Streben nach Ausgleichung zwischen Stadt und
-Land. Städtische Tracht und städtischer Hausrat verdrängen selbst in
-den entlegensten Dörfern die dort bisher gewohnten Kleider und Geräte
-und ebnen städtischem Brauche bei häuslichen Festen und sonst den
-Weg. Die Unterschiede zwischen bürgerlichem und bäuerlichem Leben
-vermindern sich namentlich da, wo die Großindustrie im Gefolge der
-Eisenbahn auf dem Lande sich einrichtet und die ländliche Bevölkerung
-zur Fabrikarbeit anzieht.
-
-Zum Schlusse mag hier auch der Förderung gedacht werden, welche die
-+Wissenschaften+ durch die modernen Verkehrsmittel erfahren haben
-und teilweise noch jetzt erfahren. So stellt sich der telegraphische
-Dienstbetrieb für zahlreiche Fragen der Physik, der Mechanik und der
-Chemie als ein Experiment im großen dar. Die Anlage telegraphischer
-Linien trug bei zur Aufhellung unbekannter Länder und zur Erforschung
-von Meerestiefen. Selbst für zoologische Forschungen hat sich der
-Telegraph insofern nützlich erwiesen, als bei der Wiederaufnahme
-versenkter Kabel nicht selten früher unbekannte Tiefseetiere ans Licht
-gezogen wurden. Mindestens ebenso hoch ist der unmittelbare Nutzen
-zu veranschlagen, welcher der Wissenschaft aus dem astronomischen,
-geodätischen und meteorologischen Dienste der Telegraphie erwächst.
-Die Meteorologie hat durch die Organisation der Wettertelegramme,
-welche sich nahezu über die ganze kultivierte Welt erstreckt, einen
-Wirkungskreis von ungeahnter Ausdehnung und einen Beobachtungsapparat
-von unübertroffener Genauigkeit und schnellster Funktion erlangt.
-
-Welchen Gewinn zogen die Wissenschaften aus der Erbauung der
-Eisenbahnen? Sämtliche Ingenieurwissenschaften, wie die Meßkunst, die
-Mechanik, Statik und Dynamik sind durch den Bahnbau in kürzester
-Zeit in ganz außerordentlicher Weise gehoben worden. Auch die
-Metallurgie ist in ein ganz neues Stadium getreten und besonders das
-Eisen in vollstem Umfang als Baumaterial zur Verwendung gelangt. Für
-die Geographie kommen zwar die Beiträge zur Höhenkunde, welche die
-Eisenbahn-Nivellements liefern, in denjenigen europäischen Ländern,
-welche eine gute Landesaufnahme besitzen, weniger in Betracht,
-obwohl die Eisenbahnbauten auch hier insofern indirekt von Nutzen
-waren, als sie den Wert einer möglichst guten Landesaufnahme recht
-augenfällig machten; in nicht vermessenen Ländern dagegen haben die
-Voruntersuchungen und Nivellements die Kenntnis des Bodenreliefs ganz
-außerordentlich gefördert. So danken wir einen guten Teil dessen, was
-wir von den Gebirgen und Plateaux im Westen der Vereinigten Staaten
-wissen, den großartigen Forschungen zur Ermittelung der besten
-Eisenbahnroute vom Mississippi nach dem Großen Ocean.
-
-In ähnlicher Weise haben +Pallisers+ Vorstudien zur Anlegung einer
-Verbindungslinie von Canada über britischen Grund und Boden nach dem
-Großen Ocean eine genauere Kenntnis des südwestlichen Teiles von
-Britisch Nordamerika erschlossen, und nicht minder sind die Vorarbeiten
-zu Eisenbahnen in Australien, einzelnen Teilen von Asien und Afrika der
-Erdkunde zu gute gekommen. In gleicher Weise hat sich die Schiffahrt
-fast sämtlichen Wissenschaften direkt und indirekt dienstbar erwiesen.
-
-
-5.
-
-Endlich äußern sich die Einwirkungen der modernen Verkehrsmittel
-auch in den +öffentlichen gesellschaftlichen Zuständen+, und zwar in
-zweifacher Weise: +in der demokratischen Tendenz der Gesellschaft
-und dem Vorherrschen des Materialismus+. Die demokratische Richtung,
-welche der Zeit eigen ist, beschränkt sich nicht auf die Geltendmachung
-in der Form der staatlichen Verfassung, sondern durchdringt darüber
-hinaus das ganze gesellschaftliche Leben. In diesem weitern Sinne
-bedeutet sie die +Vermischung der Klassenunterschiede, die Aufhebung
-überkommener Vorrechte und ererbter Sonderstellung, die Geltendmachung
-der Individualität+.
-
-Unleugbar ist diese Richtung der menschlichen Entwicklung älter als
-Eisenbahnen und Telegraphen, so daß diese zu ihrer Entstehung nicht
-mitgewirkt haben; allein ebenso unleugbar ist, daß sie ihr kräftig
-Vorschub geleistet haben, nicht minder als der Schulzwang, die
-allgemeine Militärpflicht und das allgemeine direkte Wahlrecht. In
-gewissem Sinne geschieht dies unmittelbar schon durch die Art des
-Eisenbahnbetriebes selbst, obwohl sich auch sagen läßt, daß gewisse
-Modalitäten desselben Ausfluß der Demokratisierung der Gesellschaft
-sind. Die Eisenbahnen behandeln ihre Passagiere gleich; alle müssen
-sich derselben Regel und Ordnung fügen. Kein einzelner unter ihnen,
-und wäre er sonst der Mächtigste oder Vornehmste, kann beliebig über
-die Zeit der Abfahrt oder Ankunft, über das Tempo der Fahrt oder über
-die Dauer der Aufenthalte bestimmen; selbst Extrazüge müssen sich der
-Ordnung des Betriebes einfügen und vertragen keine Abänderungen der
-einmal getroffenen Disposition. Allerdings bestehen auf den meisten
-europäischen Eisenbahnen verschiedene Wagenklassen; aber diese
-Wagenklassen unterscheiden sich nur durch den Preis, für welchen ein
-größeres oder geringeres Maß von Bequemlichkeit geboten wird. Wer
-den Preis zahlt, wird in den betreffenden Wagen aufgenommen, ob er
-den Mitreisenden gefällt oder nicht, und hat Anrecht auf dieselbe
-Behandlung wie alle Passagiere derselben Klasse. Noch deutlicher
-vielleicht als auf der Eisenbahn tritt diese Gleichheit der Rechte und
-der Behandlung auf den Tramways der großen Städte hervor, auf denen
-Passagiere aller Stände ohne Ansehen der Person auf derselben Bank
-nebeneinander sitzen. Es ist nicht zu verkennen, daß dieses häufige
-Nebeneinandertreten verschiedener Stände geeignet ist, die Unterschiede
-derselben in der Vorstellung besonders der niederen Klassen allmählich
-aufzuheben, und daß diese Veränderung der Anschauung sich in dem
-Anspruch der Gleichberechtigung über die Stelle hinaus, wo sie ihren
-Anstoß erhalten, auch auf anderem Gebiet geltend macht.
-
-Indessen ist diese Einwirkung, wenn auch an sich nicht ohne Bedeutung,
-doch nicht entscheidend. Schwerer wiegt die Veränderung der Stellung,
-in welche der „vierte“ Stand gelangt ist, und an welcher die
-Verkehrsmittel einen wesentlichen, wenn auch mehr indirekten Anteil
-haben.
-
-Die Großindustrie, welche auf die Eisenbahnen sich stützt, hat,
-wie in ihren Erzeugnissen auf die Massen berechnet, so auch behufs
-der Erzeugung derartige Mengen von Arbeitern herangezogen, daß sie
-in manchen Ländern zur Zeit die Mehrheit der Arbeiter überhaupt
-bilden. Mit der aus den Erfolgen der Industrie gewonnenen Einsicht
-in den Wert ihrer Arbeit ist den Arbeitern auch das Bewußtsein ihrer
-Macht gekommen, und zwar um so stärker, je mehr die Erleichterung
-der Ortsveränderung sie von der lokalen Gebundenheit gelöst und das
-Absatzgebiet ihrer Arbeit, den Markt der Hände, erweitert hat. Dazu kam
-die auf demselben Grunde beruhende Möglichkeit einer nähern Verbindung
-untereinander behufs Verfolgung gemeinsamer Ziele, die sich in Vereinen
-aller Art, offen oder geheim, ständig oder vorübergehend, organisierte.
-Die Trade-Unions in England, die Gewerkvereine in Deutschland, die
-weitreichenden Strikes in fast allen Industriestaaten sind Beispiele
-der einen oder andern Art solcher Verbindungen. Wie dieselben über
-ihr nächstes Ziel, Erreichung eines dem Werte der Arbeit besser
-entsprechenden Lohnes, Sicherung gegen Gefährdung der Gesundheit aus
-vorzeitiger Erschöpfung der Körperkraft u. s. w., hinausgewachsen
-sind zu dem socialdemokratischen Streben, die Gesellschaft in ihren
-Grundlagen umzuändern, und wie sie allgemach mit Hilfe des allgemeinen
-Wahlrechts zu einer politischen Partei geworden sind, die in einer
-alle Voraussicht übertreffenden Ausdehnung an Zahl und Kraft zunimmt,
-das vollzieht sich vor unseren Augen.
-
-+Der Demokratisierung der Gesellschaft geht der Materialismus auf
-ethischem Gebiete parallel.+ Die letztere Einschränkung deutet an, daß
-dabei nicht sowohl an die philosophische Weltanschauung, welche als die
-materialistische bezeichnet wird, gedacht ist, als an den praktischen
-Materialismus, der aus jener theoretischen Auffassung der Materie
-hervorgehen kann, aber auch vielfach die Gesinnung und Handlungen
-beherrschende Auffassungsweise bei solchen ist, die mit metaphysischen
-Betrachtungen sich nicht abgeben. Dieser praktische Materialismus
-kennzeichnet sich durch das Vorwalten der materiellen Interessen vor
-den idealen, durch Anerkennung des Egoismus als des leitenden Princips
-des Handelns, durch die Wertschätzung der menschlichen Handlungen
-lediglich nach ihren irdischen Folgen, durch die Ablehnung alles
-Transscendenten, oder alles dessen, was über die Wirksamkeit der
-Naturgesetze hinausgeht.
-
-Der Zug zu diesem Materialismus ist ebenfalls nicht neu in der
-Geschichte der menschlichen Kultur; aber neu ist, daß er in die Massen
-eindringt, und daß diese streben, ihn nach Zerstörung oder Reform der
-alten Staats- und Gesellschaftsordnung zur Herrschaft zu bringen.
-
-Die Ursachen dieses Prozesses sind sehr kompliziert. Wenn man die
-Bezeichnung unseres Zeitalters als des materialistischen und als
-desjenigen der Eisenbahnen und Telegraphen öfter in Einem Atem wie
-gleichbedeutend nebeneinander hört, so möchte man annehmen, daß der
-herrschende Materialismus ausschließlich oder vorwiegend auf die
-Einwirkungen der modernen Verkehrsmittel zurückzuführen sei. Dies
-trifft zweifellos nicht zu. Immerhin ist diese Gedankenverbindung nicht
-ohne Berechtigung.
-
-Was aus der zunehmenden Demokratisierung der Gesellschaft und der
-Ausbreitung des Materialismus sich herausbilden wird, liegt verborgen.
-Daß die modernen Verkehrsmittel in jedem Falle deren Bewegung
-beschleunigen, ist zweifellos; aber auch der Beobachter, der sie für
-einen Rücklauf in der menschlichen Kultur ansieht, wird dadurch nicht
-zu einem abfälligen Urteil über die dauernden Vorteile bestimmt werden,
-welche Eisenbahnen und Telegraphen der gesamten Menschheit bringen.
-Es sind nicht bloß Schwärmer, die da meinen, daß letztere, dem Speere
-des Achilles gleich, die Wunden, die sie schlagen, auch wieder heilen.
-Wie sie den Handel zum Welthandel gemacht, die Volkswirtschaft zur
-Weltwirtschaft erhoben, so wird ein kommendes Jahrhundert vielleicht
-auch sehen, daß sie dazu helfen, den Widerstreit der Nationen zu
-begleichen und die friedlich gewordenen Völker zu Weltstaaten zu
-vereinigen, in denen auch der Idealismus wieder zu seinem Rechte kommt.
-
-
-
-
-Nachtrag.
-
-
-1. Unterirdische und unterseeische Telegraphenleitungen der Staaten der
-Erde nach dem Stande des Jahres 1884
-
-(nach der Statistik des internationalen Telegraphenbureaus zu Bern).
-
- -------------------+---------------------+-------------------------
- | Länge der Linien, | Länge der Leitungen,
- +----------+----------+----------+--------------
- Länder. | der | der | der | der
- | unter- | unter- | unter- | unter-
- |irdischen.|seeischen.|irdischen.|seeischen.
- | +km.+ | +km.+ | +km.+ | +km.+
- -------------------+----------+----------+----------+--------------
- Belgien | 12,5 | -- | 262 | --
- Bosnien-Herzegowina| 0,4 | -- | 1,5 | --
- Dänemark | 4 | 167 | 121 | 891
- +Deutschland+ | 5645,5 | 68,7 | 38143,2 | 152,5
- Frankreich mit | | | |
- Korsika | 1529 | 5094 | 12709 | 5147
- Griechenland | 1 | 1378 | 4 | 1378
- Großbritannien und | | | |
- Irland | 939,2 | 2064 | 26723,2 | 7188,8
- Italien | -- | 186 | -- | 186
- Niederlande | 120 | 170 | 647,1 | 275,1
- Norwegen | -- | 333 | -- | 402
- Österreich | 69 | 182,4 | 809,1 | 199,9
- Rumänien | 23,5 | 7,6 | 88,5 | 17,1
- Rußland | 251,4 | 500,7 | 336,9 | 618
- Schweden | -- | 101 | -- | 138
- Schweiz | 71 | 18,2 | 402,4 | 18,2
- Serbien | 1 | 1 | 12 | 4
- Spanien | 129 | 236 | 337 | 236
- Türkei | -- | 610,3 | -- | 619
- Ungarn | -- | -- | -- | --
- +----------+----------+----------+--------------
- Europa | 8796,5 | 11117,9 | 80596,9 | 17470,6
-
- Brasilien | -- | 24 | -- | 24
- Cochinchina und | | | |
- Cambodja | 2,1 | 13,3 | 25 | 15,4
- Algier und Tunis | 48 | 934 | 246 | 934
- Britisch Indien | -- | 2399,1 | -- | 3421,4
- Niederländisch | | | |
- Indien | -- | 68 | -- | 68
- Japan | -- | 83 | -- | 178
- Siam | -- | 5 | -- | 5
- Neu-Seeland | -- | 361,6 | -- | 534,4
- +----------+----------+----------+----------------
- +Erde+ | 8846,6 | 15005 | 80867,9 | 22650,8
-
-2. Der Telegraphen-Verkehr der Länder Europas im Kalenderjahre 1884
-
-(nach der „Statistik der Deutschen Reichs-Post- und
-Telegraphenverwaltung für das Kalenderjahr 1884“).
-
- A. Staats-Telegraphen- (1. Linien. km. 2. Leitungen. km.)
- B. Im Besitze v. Staats- u. Privateisenbahnen u. von Privaten
- befindliche Telegraphen- (1. Linien. km. 2. Leitungen. km.)
- C. Telegraphen-Anstalten insgesamt.
- D. Apparate[272] (1. System Morse. 2. Insgesamt.)
- E. Eine Telegraphen-Anstalt entfällt auf (1. ~qkm.~ 2. Einwohner.)
- F. Ausgelieferte Telegramme (Inland und nach dem Auslande).
- G. Auf 100 Einw. entfallen Teleg.
- H. Telegraphenbetriebs: (1. Einnahmen. Mark. 2. Ausgaben. Mark. 3.
- Überschuß (+) oder Zuschuß (-) Mark.)
-
- ----------------+-----+------+------+------+-----+-----+-----+-------
- | A | B | | D | E
- Länder +-----+------+------+------+ C +-----+-----+-------
- | 1 | 2 | 1 | 2 | | 1 | 2 | 1
- ----------------+-----+------+------+------+-----+-----+-----+-------
- Belgien | 6299| 29794| --| 1140| 885| 1482| 1547| 33,3
- Bulgarien (1883)| 2116| 3163| --| --| 52| --| 95|1192,7
- Dänem. m. d. | | | | | | | |
- Faröern | 3815| 10782| 2087| 4375| 350| 338| 338| 113,2
- Deutschland |79565|288012| 21324| 69377|12478|11435|17114| 43,2
- Frankreich |82426|249753| 15632|103637| 8089|10589|13180| 65,3
- Griechenland | 6483| 7672| 245| 245| 158| 232| 232| 402,6
- Großbritan. u. | | | | | | | |
- Irl. |45355|225774| --| 24691| 6027| 3920|17052| 52,6
- Italien |27791| 79494| 1583| 23772| 2915| 5107| 5223| 101,6
- Luxemburg | 338| 631| 434| 683| 65| 113| 113| 39,8
- Montenegro | | | | | | | |
- (1880) | 338| 338| --| --| 15| --| --| 628,9
- Niederlande | 4541| 16510| 2391| 6919| 362| 528| 676| 58,5
- Norwegen | 7345| 13548| 1614| 2488| 314| 325| 498|1013,4
- Österreich |24086| 65308| 13721| 32786| 2903| 3955| 4045| 103,3
- Portugal m. | | | | | | | |
- Madeira u. d. | | | | | | | |
- Azoren (1883) | 4871| 11611| --| --| 237| | 360| 389,2
- Rumänien (1883) | 4781| 10063| 1977| 3954| 229| 570| 573| 699,3
- Rußland, europ.
- (1883) |97001|179740| 26995| 57393| 2960| 3025| 3198|1820,8
- Schweden | 8562| 20871| 4056| 10863| 856| 536| 518| 517,3
- Schweiz | 6874| 16618| 1360| 4965| 1214| 1774| 1901| 34,1
- Serbien | 2386| 3330| 244| 488| 94| 163| 163| 516,8
- Spanien |17853| 43446| 8252| 20629| 882| 867| 985| 574,9
- Türkei, europ. | | | | | | | |
- (1882) |23388| 41688| --| -- | 464| 1262| 1272| 565,5
- Ungarn |15755| 40789| 788| 20830| 7349| 1815| 1839| 231,5
- ----------------+-----+------+------+------+-----+-----+-----+-------
- Europa rund |472000|1359000|103000|389000|43100|47967|70883|227,5
-
- --------------------+-----+---------+-------+--------------------------
- | E | | | H
- Länder +-----+ F | G +--------+--------+--------
- | 2 | | | 1 | 2 | 3
- --------------------+-----+---------+-------+--------+--------+--------
- Belgien | 6464| 3076715| 53,8 | 2174436| 2748261| -573825
- Bulgarien (1883) |38442| 290582| 14,5 | -- | -- | --
- Dänem. m. d. | | | | | |
- Faröern | 5659| 747788| 37,8 | 781560| 1017868| -236308
- Deutschland | 3625| 15741762| 34,8 | [273]| [273]| [273]
- Frankreich | 4657| 26949240| 71,5 | [274]| [274]| [274]
- Griechenland |12490| 512259| 25,9 | 807954| 774016| +33938
- Großbritan. u. Irl. | 5967| 31935169| 88,8 |35804428|35311992| +492436
- Italien | 9930| 7603379| 26,3 |10341442| 8126866|+2214576
- Luxemburg | 3224| 58917| 28,1 | 36928| 72432| -35504
- Montenegro (1880) |19067| --| -- | -- | -- | --
- Niederlande | 7613| 2563576| 59,9 | 1770567| 3036416|-1265849
- Norwegen | 6182| 824620| 42,5 | 1144469| 1282118| -137649
- Österreich | 7628| 4806247| 21,7 | [275]| [275]| [275]
- Portugal m. Madeira | | | | | |
- u. d. Azoren (1883)|19201| 561405| 12,3 | -- | -- | --
- Rumänien (1883) |22009| 1055392| 20,9 | [276]| [276]| [276]
- Rußland, europ. | | | | | |
- (1883) |28263| 9509328| 11,4 |26393194|22535858|+3857336
- Schweden | 5378| 990098| 21,5 | 1710221| 1543960| +166261
- Schweiz | 2333| 2255061| 79,6 | 2051196| 1875407| +175789
- Serbien |19848| 359794| 19,3 | 352864| 383542| -30678
- Spanien |18970| 2481420| 14,8 | 4702895| 4769300| -66405
- Türkei, europ. | | | | | |
- (1882) |14294| 1133286| 17,1 | 7060214| 4008151|+3052063
- Ungarn |11595| 2639160| 16,9 | 3093919| 3059846| +34073
- --------------------+-----+---------+-------+--------+--------+--------
- Europa rund | 7657|116095000| 35,2 |99164000|90546000|+7680000
-
-3. Der Telegraphenverkehr der wichtigsten außereuropäischen Staaten
-
-(nach der Statistik des internationalen Telegraphenbureaus zu Bern,
-1884).
-
- ---------------------------------------------------------------
- Länder. |Linien.|Leitungen.|Telegraphen-|Apparate.|
- | ~km.~ | ~km.~ | Anstalten. | |
- | | | | |
- | | | | |
- ---------------------------------------------------------------
- Brasilien 9304 15197 159 211
- Ägypten. 4346 8400 128 254
- Algier und Tunis. 9500 18120 246 647
- Britisch-Indien. 40773 120184 2115 1260
- Niederländ.-Indien. 5747 7771 178 277
- Japan 8881 23698 355 668
- Ver. Staaten v. A. 236000 739652 14184 --
- (Comp. Western-Union)
-
- ----------------------------------------------------
- Länder. |Telegramme |Einnahmen|Ausgaben
- |(Inland und |in Frcs. |in Frcs.
- |nach und von| |
- | Ausland). | |
- ----------------------------------------------------
- Brasilien 331884 2599829 3806355
- Ägypten. 620785 -- --
- Algier und Tunis. 1618922 -- --
- Britisch-Indien. 2159063 9454286 7118450
- Niederländ.-Indien. 88600 -- --
- Japan 2599711 3564654 3270743
- Ver. Staaten v. A. 42096583 88534168 60029547
- (Comp. Western-Union)
-
-
-4. Telegraphennetz der Erde (Ende 1884).
-
- Nach +Habenicht+ war der Stand des Telegraphennetzes in den
- verschiedenen +Kontinenten+ Ende 1884 folgender:
-
- Europa 577000 km Linien mit 1753000 km Drähten,
- Amerika 430000 „ „ „ 1050000 „ „
- Asien 65000 „ „ „ 160000 „ „
- Australien 51000 „ „ „ 92000 „ „
- Afrika 25000 „ „ „ 45000 „ „
- --------- ----------
- Zusammen 1148000 km Linien mit 3100000 km Leitungen.
-
-
-5. Fernsprechwesen.
-
-1. Nach +Hennickes+ Angaben über das Fernsprechwesen in „Nord- und
-Süd“, Septemberheft 1886, ist die auf S. 57 befindliche Tabelle über
-die +Verbreitung des Fernsprechwesens+ dahin zu berichtigen, daß in
-+Deutschland+ die Zahl der Städte mit Fernsprech-Einrichtungen 92 und
-die (abgerundete) Zahl der Stellen 16500, in England die Zahl der
-ersteren gegen 89, die der letzteren 15500 beträgt. -- +Deutschland+
-steht demnach nicht nur bezüglich der Zahl der +Städte+ mit
-Fernsprech-Einrichtungen an der Spitze der europäischen Länder, sondern
-es übertrifft sie auch alle betreffs der Zahl der Fernsprech+stellen+.
-
-2. Hinsichtlich der +Rechtsverhältnisse+ im Fernsprechbetrieb ist schon
-S. 57 bemerkt, daß Deutschland und die Schweiz das Fernsprechwesen in
-+staatliche+ Verwaltung genommen haben. Nach +Hennickes+ Mitteilung
-sind aber auch die meisten übrigen Staaten Europas des Betriebs durch
-Privatgesellschaften bereits überdrüssig geworden und haben sich
-entschlossen, so England, Frankreich, Italien und Rußland, teils
-selbst Fernsprech-Anlagen einzurichten, teils die Privatgesellschaften
-auszukaufen.
-
-3. Nach derselben Quelle beträgt der +jährliche Abonnementsbetrag+ für
-Benützung einer Fernsprechleitung bis zur Länge von 2 km in:
-
- Mark.
-
- Deutschland 150
- Belgien 160-200
-
- Frankreich:
- der Staat erhebt 136-160
- Privatgesellschaften:
- in Paris 480
- in der Provinz 120-160
-
- Großbritannien:
- der Staat erhebt:
- in London (~nur Privatges.~)
- in den übrigen Orten 165
-
- Großbritannien:
- Privatgesellschaften:
- in London 220
- in den übrigen Orten 200-400
-
- Italien 100-140
- den Niederlanden 136-204
- Österreich-Ungarn 180-300
- Rußland 560
- Schweden 128-216
- der Schweiz 120-200
- Spanien 200
-
-Die S. 57 mitgeteilten diesbezüglichen Angaben sind hiernach zu
-berichtigen.
-
-
-
-
-Register.
-
-Die Zahlen bedeuten die Seiten des Buches.
-
-
- * * * * *
-
-
-I. Telegraphie.
-
- Ampère 5.
-
- Apparate,
- telegraphische 5, 6, 7, 8;
- Zahl derselben 45,
- siehe auch den Nachtrag 2;
- Fernsprech- 56.
-
- Armstrong 20.
-
-
- Babinet 21.
-
- Bell 55.
-
- Benett-Mackay-Kabel 29.
-
- Böckmann 14.
-
- Brett 20.
-
-
- Chappe Claude 2.
-
- Commercial Cable Company 29.
-
- Cooke 6, 8, 40.
-
-
- Davy 8.
-
- Delany 8.
-
- Druckapparat 6.
-
-
- Eastern Telegraph Company 26.
-
- Edison 8, 55.
-
- Electric Telegraph Company 8.
-
- Elektricität, Reibungs- 3.
-
- Elektromagnetismus 4.
-
- Elisha Gray 55.
-
- Erdleitung 6.
-
-
- Fahie 20.
-
- Fardely 8.
-
- Fechner 5.
-
- Fernsprache im Altertum 56,
- bei den Negern 56.
-
- Fernsprechwesen:
- Geschichte 54;
- Rechtsverhältnisse 57,
- siehe auch den Nachtrag 5;
- Statistisches 57, 58,
- siehe auch den Nachtrag 5;
- Bedeutung 58;
- Apparate 56;
- Anlagen 58.
-
- Field, Cyrus 21.
-
- Flaggensignale 2.
-
-
- Galvanismus 4.
-
- Gauß 5, 6.
-
- Gebühren 41-44, 52-53, 57;
- siehe auch den Nachtrag 5.
-
- Guttapercha 14, 19.
-
-
- Hooke 2, 54.
-
- Hughes 7, 55, 56.
-
-
- Jacobi 14.
-
- Isolatoren 10.
-
-
- Kabel,
- siehe die Artikel Telegraphenleitungen, unterseeische, und
- Telegraphenlinien, unterseeische.
-
- Kabelseele 17.
-
- Kabelgesellschaften 27.
-
- Kautschuk 16.
-
- Konferenzen 42-46.
-
-
- Leitungen,
- oberirdische 9-14,
- unterirdische 14-19,
- unterseeische 19-29;
- Aufstellung von oberirdischen Leitungen 10-14;
- siehe auch „Telegraphenleitungen“.
-
- Leitungsdraht 9, 16.
-
- Leitungsstörungen 33-41.
-
- Lesage 3.
-
-
- Meyer 8.
-
- Mikrophon 55.
-
- Montgomery 14.
-
- Morse 6, 8, 20.
-
- Morse-Alphabet 7.
-
- Morse-Apparate 46;
- siehe auch den Nachtrag 2.
-
-
- Nadelapparat 5.
-
-
- Oersted 4.
-
- Optische Signale 1.
-
- O’Shaugessy 20.
-
-
- Play 20.
-
- Poggendorf 55.
-
- Preece 54.
-
-
- Quadruplex-System 8.
-
- Quadruplex-Translator 5.
-
-
- Reis 54, 55.
-
- Reusser 14.
-
- Ritchie 5.
-
- Ronalds 14.
-
- Rysselberghe 56.
-
-
- Salva 19.
-
- Schilling von Kannstadt 5, 19.
-
- Schreibapparat 6.
-
- Siemens, Werner 14, 20.
-
- Signale,
- optische 1, 2;
- Flaggen- 2.
-
- Soemmerring 4, 19.
-
- Statistik,
- siehe die Artikel Telegraphen-Statistik und Fernsprechwesen.
-
- Steinheil 5, 6, 9.
-
- Stephan 15, 42, 43, 56.
-
- Submarine Leitungen,
- siehe „Telegraphenleitungen, unterseeische“.
-
- Submarine Linien,
- siehe „Telegraphenlinien, unterseeische“.
-
-
- Tarif,
- siehe Gebühren.
-
- Telegramm:
- Kosten 22, 28;
- Entstellung und Verstümmelung 39-41;
- Beförderungszeit 33;
- Länge 43.
-
- Telegraph,
- elektromagnetischer 5;
- Nadeltelegraph 5, 6;
- Schreibtelegraph 6;
- Typendrucktelegraph 7;
- Zeigertelegraph 8;
- der Telegraph als Verkehrsmittel 41-44.
-
- Telegraphenkonferenzen 42-44.
-
- Telegraphenleitungen,
- +oberirdische+: 9;
- Aufstellung der Leitungen 10-14;
- Leitungsstörungen 33-37;
- +unterirdische+:
- Geschichtliches 14;
- Leitungsdraht 16;
- Isolieren des Leitungsdrahtes 16;
- Schutzmittel für unterirdische Leitungen 16;
- Konstruktion der Erdkabel des Deutschen Reiches 17;
- Legung unterirdischer Kabel 18;
- Statistik der unterirdischen Leitungen 18;
- Leitungsstörungen 37, 38;
- +unterseeische+ (submarine):
- Geschichtliches 19-22;
- Fabrikation unterseeischer Kabel 22-23;
- Legung unterseeischer Kabel 23-25;
- Kabelschutz 25;
- Statistik 26;
- Kosten 28;
- Tarifentwicklung 28;
- Leitungsstörungen 38-39;
- Kabelfabrikanten 23;
- französisch-atlantisches Kabel von 1869 S. 23.
-
- Telegraphenlinien: 29;
- die großen Kontinentallinien 29;
- die wichtigsten +unterseeischen+ Verbindungen 30;
- Linien zwischen Europa und Nordamerika, beziehungsweise nach
- Mittelamerika und Westindien 30;
- Linien zur Verbindung von Europa und Afrika, sowie von Europa und
- Asien, beziehungsweise Australien 31;
- Linien zwischen Nord- und Südamerika 32;
- projektierte unterseeische Linien 32;
- Weltlinien 32, 33;
- Kosten sämtlicher Telegraphenlinien 51.
-
- Telegraphenstatistik:
- Stand des Telegraphenverkehrs in Europa für das Jahr 1882 S. 45,
- s. auch den Nachtrag 2;
- relativer Stand des Telegraphenverkehrs in den europäischen
- Staaten 1882 S. 47, siehe auch den Nachtrag 2;
-
- Ausdehnung des Telegraphenverkehrs außer Europa 49, siehe auch den
- Nachtrag 3;
- Telegraphennetz der Erde 51, siehe auch den Nachtrag 4;
- Statistik der unterirdischen Leitungen 18, 19, siehe auch den
- Nachtrag 1;
- Statistik der Kabel 26, 27, siehe auch den Nachtrag 1;
- Statistik des Fernsprechwesens 57, 58, siehe auch den Nachtrag 5.
-
- Telegraphenverein,
- deutsch-österreichischer 42;
- internationaler 42-44;
- Umfang des internationalen 44.
-
- Telephon 55.
-
- Telephongesellschaften 58.
-
-
- Vail 7.
-
- Verein,
- siehe Telegraphenverein.
-
-
- Walker 20.
-
- Weber 5, 6, 9.
-
- Western Union Telegraph Company 27.
-
- Weyde, van der 55.
-
- Wheatstone 6, 8, 20, 54.
-
-
- Zeigertelegraph 8.
-
- * * * * *
-
-
-II. Post.
-
- Adressierung der Postsendungen 143.
-
- Alcuins Briefwechsel 70.
-
- Angara 61.
-
- Arnos, des Bischofs von Salzburg, Briefwechsel 70.
-
-
- Birotae 69.
-
- Booby-Island, Postbureau von 138.
-
- Botenanstalten:
- des Altertums 59-63;
- des Mittelalters 71-75.
-
- Brief:
- Geschichte desselben 146-149;
- Arten des Verschlusses 150;
- unbestellbare Briefe 144-146;
- Statistik der Briefe (siehe Statistik);
- Palmblattbrief 150;
- Briefe ohne Adresse 145.
-
- Briefkästen, deren Zahl 123.
-
- Briefmarke, s. Freimarke.
-
- Briefträger 96, 97.
-
- Buchhändler als Briefboten 73.
-
-
- ~Calcearium~ 63.
-
- ~Carrosse~ 69.
-
- ~Carrozza~ 69.
-
- ~Carrucae~ 69.
-
- Charles 110.
-
- ~Chartes~ 147.
-
- Chaussee 76.
-
- ~Clabula~ 69.
-
- Coxwell 113.
-
- ~Cursus publicus~ 64-65.
-
- Cyrus, Begründer der persischen Post 60.
-
-
- Diplomata 65.
-
- Diptychen 147.
-
- Drucksachen, Statistisches 117-119.
-
- Dupuy de Lome 115.
-
-
- Eisenbahnen 101-102.
-
- Erasmus’ von Rotterdam Briefwechsel 73.
-
- Ergebnisse,
- finanzielle, siehe Statistik.
-
-
- Feder,
- Kielfeder 151;
- Stahlfeder 151.
-
- Feldpost 137;
- Wirkung derselben 471.
-
- Fiaker 88.
-
- Franklin 111.
-
- Freimarke:
- Geschichte derselben 151;
- das Sammeln von solchen 153.
-
- Fuhrwerke
- im Altertum 68-70;
- im Mittelalter 77-79;
- in der Neuzeit 86-88.
-
- Fußboten 94-98.
-
-
- Galien, Joseph 108.
-
- Gay-Lussac 113.
-
- ~Gazzetta~ 160.
-
- Geldbriefverkehr 131.
-
- Geldverkehr der Post:
- Postanweisungen 125-127;
- Postnoten und Postkreditbriefe 127;
- Postnachnahmen 127;
- Postaufträge 127;
- Postsparkassen 127;
- Geldbriefverkehr 131;
- Gesamtumfang des Geldverkehrs der Post 132.
-
- Geleitswesen 76.
-
- Geschichte der Post,
- siehe Postwesen.
-
- Giffard 114.
-
- Glaisher 113.
-
- Griffel 151.
-
- Grundruhr 76.
-
- Guzman 109.
-
-
- Hänlein 115.
-
- Hemerodrome 61.
-
- Hindernisse des Postverkehrs 141.
-
- Hufeisen 99.
-
-
- Kamelpost 100.
-
- Karte 147;
- Postkarte 155-158.
-
- Kartenbriefe 124.
-
- Kielfeder 151.
-
- Klosterbote 72.
-
- Knotenbriefe 148.
-
- Krebs, A. 115.
-
- Kutsche 77, 78.
-
-
- Lana 108.
-
- Leistungen der Post,
- der Fußboten 95, 96;
- der Postreiter 99;
- der Postwagen 101;
- der Rohrpost 105;
- der Tauben 106, 107;
- des Luftschiffs 114;
- außergewöhnliche 139-141.
-
- Leonardo da Vinci 108.
-
- ~Literae clausae~ 150.
-
- ~Literae patentes~ 151.
-
- Longueville,
- Madame de 151.
-
- Luftpost,
- siehe Rohrpost.
-
- Luftschiff 108-116.
-
- Louvois 83.
-
-
- Magellanstraße,
- Postamt in der 138.
-
- ~Mansiones~ 65.
-
- Meilensteine 67.
-
- Messageries 86.
-
- Metzgerposten 73.
-
- ~Milliarium aureum~ 68.
-
- Millie 67.
-
- Mittel des Postverkehrs,
- Fußboten 94 bis 98;
- Reiter 98-100;
- Wagen 100-101;
- Eisenbahnen 101-102;
- Schiffe 102 bis 103;
- Rohrpost 103-105;
- Tauben 105 bis 107;
- Luftschiffe 108-116.
-
- Montezuma, dessen Post 75.
-
- Montgolfier 109.
-
- ~Mutationes~ 65.
-
-
- Neujahrbriefverkehr 140.
-
-
- Oblate 150.
-
- Octavianus Augustus,
- der Gründer des ~cursus publicus~ 64.
-
-
- Paketverkehr,
- siehe Postpaketverkehr.
-
- Papierbereitung 149.
-
- Papyrusstaude 147.
-
- Pergament 149.
-
- Personenbeförderung 136.
-
- Philatelie 154.
-
- Pilâtre de Rozier 110.
-
- Porto in früherer Zeit 89;
- Briefporto 93;
- Postkartenporto 93;
- Paketporto 133-134.
-
- Postanstalten 137.
-
- Postanweisungen 125.
-
- Postaufträge 127.
-
- Postbillets 124.
-
- Postkarte:
- Geschichte derselben 155-158,
- Statistisches 117, 118, 119.
-
- Postkongresse 92, 93.
-
- Postkreditbriefe 127.
-
- Postnachnahmen 127.
-
- Postnoten 127.
-
- Postpaketverkehr 132;
- Umfang des Päckereiverkehrs in Deutschland 134;
- internationaler Paketdienst 135;
- Gesamtumfang des Paketverkehrs 135;
- Pariser Übereinkunft von 1881 S. 134;
- Bestimmungen des Lissaboner Weltpostkongresses 134.
-
- Postpersonal,
- Zahl desselben 123.
-
- Postreiter 98-100.
-
- Postsparkassen 127.
-
- Poststatistik siehe „Statistik“.
-
- Postverein,
- deutsch-österreichischer 90.
-
- Postvertrag,
- Berner 92.
-
- Postwagen 100-101.
-
- Postwesen:
- Geschichte desselben, I. +Altertum+ 59-70;
- Postwesen im alten Ägypten, in Assyrien, Babylonien, bei den
- Hebräern, in Alt-Persien 60;
- Postwesen in China, bei den Griechen 61;
- Postwesen unter Alexander dem Großen 62;
- Postwesen der Römer 62-66;
- II. +Mittelalter+ 70-79;
- Botenanstalten des Mittelalters 71-75;
- Botenanstalt der Pariser Hochschule, Postwesen der deutschen
- Ordensritter, Städteboten 71;
- Klosterboten 72;
- Privatboten 73;
- Chalifenpost 74;
- Post in Indien, China, Japan, Amerika und Mejico 74-75;
- III. +Neuzeit+ 79-83;
- erste wirkliche Post zwischen Wien und Brüssel 80;
- Postwesen in Österreich, Brandenburg 81-82;
- Postwesen in Frankreich und England 83;
- IV. +Neueste Zeit+ 89-94;
- Postreform Rowland Hills 90;
- deutsch-österreichischer Postverein 90;
- deutsche Reichspost 91;
- Weltpostverein 91;
- Berner Postvertrag 92;
- Weltpostkongresse 93;
- Umfang des Weltpostvereins 94.
-
- ~Praefectus praetorio~ 65.
-
- Privatboten,
- im Altertum 63;
- im Mittelalter 73.
-
-
- Quipus 148.
-
-
- Reichspost,
- deutsche 91.
-
- Reiter 98.
-
- Renard 115.
-
- ~Rheda~ 69.
-
- Richelieu 83.
-
- Ries 149.
-
- Roebuck 90.
-
- Roger Baco 108.
-
- Rohrpost 103.
-
- Rollbrief 147.
-
- Rotel 73.
-
- Rowland Hill 90.
-
- Rumihuasi,
- höchste Poststation der Erde 138.
-
-
- Sänfte 79.
-
- Sattel 99.
-
- Schiffe 102-103.
-
- Schreibgeräte 151.
-
- Schreibstoff 147.
-
- Schuhgeld 63.
-
- Siegelerde 150.
-
- Siegellack 150.
-
- Siegelmarke 150.
-
- Skytale 147.
-
- Stabbrief 147.
-
- Städteboten 71.
-
- Stahlfeder 151.
-
- Stapelrecht 76.
-
- Statistik:
- Briefpostverkehr in Europa 1884 S. 117;
- außereuropäischer Briefpostverkehr 118;
- Weltbriefpostverkehr auf der ganzen Erde 1884 S. 123;
- Geldverkehr der Post 125-132;
- Postpaketverkehr 132-136;
- Personenbeförderung 136;
- Feldpost 137;
- Postanstalten 137;
- außergewöhnliche Leistungen 139;
- Weihnachtspaketverkehr 140;
- Neujahrbriefverkehr 140;
- unbestellbare Briefe und Sendungen 142-146;
- Gesamtpostverkehr der Erde 136;
- finanzielle Ergebnisse des Postbetriebs 163.
-
- Steigbügel 99.
-
- Stephan 91, 92.
-
- Straßenregel 84.
-
- Straßenwesen:
- I. Im Altertum 66-68;
- in Phönicien, Indien, Palästina, Persien, China, Peru 66;
- in Griechenland 66 bis 67;
- im römischen Reich 67-68.
- II. Im Mittelalter 75-79.
- III. In der Neuzeit 83-85;
- in Deutschland 83-84;
- in Frankreich 84-85;
- in England 85.
-
- Straßenzwang 76.
-
-
- ~Tabellarii~ 62.
-
- Tassis 80;
- Roger von Tassis 80;
- Franz von Tassis 80;
- Leonhard von Tassis 80;
- Lamoral von Taxis 80;
- Baptist von Taxis 81.
-
- Taxis, siehe Tassis.
-
- Taubenpost 105-107.
-
- Tinte 151.
-
- Tissandier 115.
-
-
- Vélayer 151.
-
- ~Via appia~ 67.
-
-
- Warenproben 136;
- Statistisches 117-119, 123.
-
- Weihnachtspaketverkehr 140.
-
- Weltpostkongresse 92-93.
-
- Weltpostverein, Gründung desselben 91;
- Umfang desselben 94.
-
- Willegisus 77.
-
-
- Zambeccari 112.
-
- Zeitungen:
- Statistisches 117-119, 123;
- Geschichte derselben 158-163;
- Zeitungspreisliste der deutschen Reichspost 161;
- größtes Postzeitungsamt der Welt 162;
- Zahl der Zeitungen der Erde 162;
- verbreitetste Zeitung 162;
- nördlichste und südlichste Zeitung der Erde 163.
-
- Zeitschriften, verbreitetste 162, 163.
-
-
- * * * * *
-
-
-III. Eisenbahnen.
-
- Adhäsionsbahnen 205.
-
- Afrika, siehe Eisenbahnen.
-
- Ägypten, Bahnen von 219.
-
- Alpenbahnen 186-199;
- Übersicht über dieselben 199.
-
- Amerika, siehe Eisenbahnen;
- Betriebseinrichtungen auf amerik. Eis. 278-290.
-
- Arequipa-Puno-Bahn 239.
-
- Argentinien, Eisenbahnen von 239.
-
- Arlbergbahn 198.
-
- Arth-Rigi-Bahn 205.
-
- Asien, siehe Eisenbahnen.
-
- Aßmannshausen-Niederwald 205.
-
- Atchison-Topeca- und Santa-Fe-Bahn 228.
-
- Atlantic- und Pacific-Bahn 229.
-
- Australien, siehe Eisenbahnen.
-
-
- Balkanhalbinsel, Bahnen der 182.
-
- Beaumont 208.
-
- Belgiens Eisenbahnen 180.
-
- Bergbahnen Europas 200-205.
-
- Berkinshaw, John 166.
-
- Blenkinsop 201.
-
- Braithwaite 172.
-
- Brasilien, Bahnen von 240.
-
- Brennerbahn 188-191.
-
- Britisch Indien, Bahnen von 211;
- projektierte 214.
-
- Brücken 275, 278.
-
- Brüssel-Mechelner-Bahn 173.
-
- Burstall 172.
-
-
- Callao-Lima-Oroya-Bahn 237.
-
- Canadische Pacificbahn 222.
-
- Centralamerika, Eisenbahnen von 233.
-
- Ceylon, Bahnen von 212.
-
- Chevalier 208.
-
- Chile, Eisenbahnen von 239.
-
- China, Bahnen von 213.
-
- Columbia, Eisenbahnen von 234.
-
- Cugnot 166.
-
- Curr, Benjamin 166.
-
-
- Dänemark, Eisenbahnen v. D. 186.
-
- Deutschlands Eisenbahnen 176-178.
-
-
- East-River-Brücke 275.
-
- Eisenbahnen,
- von Europa 174-211;
- die Bahnen der einzelnen europäischen Länder siehe unter deren
- Namen;
- Gebirgsbahnen Europas 186-205;
- projektierte Bahnen E. 205-211;
- von +Asien+ 211;
- in Betrieb befindliche Bahnen 211 bis 213;
- projektierte Bahnen 213-218;
- von +Afrika+ 218;
- in Betrieb befindliche Bahnen A. 219;
- projektierte Bahnen 220;
- von +Amerika+ 221;
- Eisenbahnen Nordamerikas 222-231;
- von Mejico, Mittelamerika und Westindien 232, 233;
- von Südamerika 234;
- in Betrieb befindliche Bahnen 234-240;
- projektierte 240 bis 241;
- von +Australien+ 241;
- in Betrieb befindliche 241-243;
- projektierte 243;
- höchste Bahnen der Erde 262;
- tiefste Bahnen 288;
- nördlichste Bahn der Erde 186;
- Eisenbahnstatistik, siehe Statistik.
-
- Eisenbahnkapital 261.
-
- Eisenbahnkönige in Amerika 289.
-
- Eisenbahnnetz der Erde 256-258;
- dessen relat. Entwicklung 258;
- dessen Entwicklung seit 1870 S. 259.
-
- Eisenbahnsysteme der Hauptkulturländer 270-290;
- von England 270;
- von Frankreich 271;
- von Deutschland 272;
- von Österreich 273;
- von Italien 273;
- von Rußland 273;
- von Skandinavien 274;
- von Amerika 274-289.
-
- Eisenbahnwagen in Amerika 282.
-
- Eisenbahnzeit in Amerika 287.
-
- Elektrische Eisenbahnen 253-256.
-
- Etzel, K. von 190.
-
- Euphrat- und Tigrisbahn 214.
-
- Europa, siehe Eisenbahnen.
-
-
- Fahrgeschwindigkeit, siehe Geschwindigkeit.
-
- Favre 193.
-
- Forthbrücke 278.
-
- Frankreichs Eisenbahnen 180.
-
-
- Garret 289.
-
- Gebirgsbahnen von Europa 186-205,
- eigentliche Gebirgsbahnen 186-200,
- Bergbahnen 200-205.
-
- Geographie der Eisenbahnen 174-256.
-
- Geschichte der Eisenbahnen 164-174.
-
- Geschwindigkeit der Eisenbahnen
- in Europa 263,
- in Amerika 282.
-
- Ghega, K. von 188.
-
- Gießbachbahn 200.
-
- Gotthardbahn 192-198.
-
- Grandis 192.
-
- Grattoni 192.
-
- Griechenlands Eisenbahnen 184.
-
- Grosvenor 208.
-
- Großbritannien und Irland,
- Bahnen von 174-176.
-
- Güterverkehr 260.
-
-
- Hackworth 172.
-
- Himalaja-Bahn 212.
-
- Huntingdon 289.
-
-
- Jay Gould 289.
-
- Indien, s. Brit. Indien.
-
- Irlands Bahnen 176.
-
- Isthmus von Chignecto,
- Eisenbahn über denselben 233;
- von Tehuantepek 233.
-
- Italiens Bahnen 181.
-
-
- Kapkolonie,
- Bahnen der 219.
-
- Kaukasien,
- Bahnen von 213.
-
- Kehrtunnel, die K. der Brennerbahn 190;
- der Gotthardbahn 197.
-
- Kongobahn 220.
-
- Königswinter-Drachenfels,
- Zahnradb. 205.
-
-
- Lissabon-St. Petersburg 181.
-
- Lokomotive,
- Geschichte derselben 166-174.
-
- London,
- Verbindungen mit dem Kontinent 175;
- Stadtbahn 244.
-
-
- Mâcon 180.
-
- Manchester-Liverpool-Bahn 171.
-
- Marsh 202.
-
- Meiggs 239.
-
- Mejico,
- Eisenbahnen von 232.
-
- Mersey-Tunnel 175.
-
- Mitteleuropa,
- Bahnen von 176-180.
-
- Mollendo-Arequipa-Puno-Bahn 239.
-
- Montblanc-Bahn 206.
-
- Mont-Cenis-Bahn 191-192.
-
- Mont-Cenis-Brindisi 182.
-
- Murdoch 166.
-
-
- New-York,
- Stadtbahn von 249;
- New-York-Brooklyner Brücke 275.
-
- Niederlande,
- Eisenbahnen der 180.
-
- Nixon 166.
-
- Nordpacific-Bahn 224.
-
- Norwegen, Bahnen von 186.
-
- Nürnberg-Fürther Bahn 173.
-
-
- Orient-Expreßzug 265-268.
-
- Österreich, Eisenbahnen von 178-179.
-
- Outram 166.
-
-
- Pacific-Bahnen 222-232,
- tabellar. Übersicht über dieselben 231.
-
- Panama-Eisenbahn 234.
-
- Personenverkehr 260.
-
- Peru, Eisenbahnen von 236-239.
-
- Portugal, Eisenbahnen von 181.
-
- Predil-Tauernbahn 206.
-
- Pressel 215.
-
- Projektierte Bahnen:
- in Europa:
- Gebirgsbahnen 205-206;
- Bergbahnen 206 bis 207;
- Eisenbahnen unter dem Meere 207;
- in Asien 213-218;
- in Afrika 220;
- in Südamerika 240;
- in Australien 243.
-
- Pusterthalbahn 191.
-
-
- Rennie, Georg 171.
-
- Réunion, Bahn auf 219.
-
- Riggenbach 203.
-
- Rigi-Bahn 212.
-
- Robert 289.
-
- Robison 166.
-
- Rorschach-Heiden, Bahn von 205.
-
- Rüdesheim-Germania-Denkmal 205.
-
- Rumänien, Bahnen von 183.
-
- Rußlands Bahnen 184.
-
-
- Sahara-Bahn 220.
-
- Saloniki 184.
-
- St. Bernhard-Bahn 206.
-
- Savery 166.
-
- Schienen 164-166.
-
- Schlafwagen 284.
-
- Schmalspursystem 274.
-
- Schönerer 188.
-
- Schottlands Bahnen 176.
-
- Schwarzwaldbahn 199.
-
- Schweden, Bahnen von 186.
-
- Schweizer Eisenbahnen 179.
-
- Seilbahnen 200;
- Ofener Drahtseilbahn 200;
- Territet-Montreux-Glion 200;
- Gießbachbahn 200;
- Vesuvbahn 200.
-
- Semmering-Bahn 187-188.
-
- Senegal-Niger-Bahn 220.
-
- Severntunnel 176.
-
- Siemens, W. 254.
-
- Simplon-Bahn 206.
-
- Sommeiller 192.
-
- Spaniens Bahnen 181.
-
- Spitzkehren 238.
-
- Spurbahn,
- Geschichte derselben 164-166.
-
- Stadtbahnen 244-253;
- Londoner 244;
- New-Yorker 249;
- Berliner 250;
- Rotterdamer 253.
-
- Statistik des Eisenbahnwesens:
- Übersicht über die Alpenbahnen 199;
- das Eisenbahnnetz der 5 Erdteile 256, 257;
- relative Entwicklung des Eisenbahnnetzes in Europa und der Union
- 258, 259;
- Entwicklung des Eisenbahnnetzes der Erde seit 1830,
- Betriebsmittel und Betriebsleistung 259, 260;
- Wachstum der Eisenbahnen 259;
- Personen und Güterverkehr im Verhältnis zur Bevölkerung 260;
- Eisenbahnkapital und Nationalvermögen 261;
- Fahrpreise 262;
- Passagierverkehr mit Rücksicht auf die Fahrklasse 262;
- die höchsten Bahnen der Erde 262;
- die längsten Tunnels 263;
- Geschwindigkeit der Züge 263, 282;
- wichtige Reiseverbindungen 264;
- Eisenbahnunfälle 268.
-
- Stephenson, Georg 168.
-
- Stockton-Darlington-Bahn 170.
-
- Südamerika, Bahnen von, siehe Eisenbahnen.
-
- Sudanbahn 220.
-
- Südeuropa, Bahnen von 181-184.
-
- Süd-Pacific-Bahn 230.
-
-
- Taybrücke 278.
-
- Territet-Montreux-Glion-Bahn 200.
-
- Thomé de Gamond 207.
-
- Tigrisbahn 214.
-
- Transasiatische Bahn 217.
-
- Transsibirische Bahn 218.
-
- Trestle Works 275.
-
- Trevithick 167.
-
- Türkei, Eisenbahnen der 182.
-
- Türkei, asiatische,
- Bahnen der 213;
- projektierte 214-215.
-
- Tunnel,
- Mersey-Tunnel 175;
- Severn-Tunnel 176;
- Mont-Cenis-Tunnel 191;
- Gotthard-Tunnel 193;
- Arlberg-Tunnel 198;
- längste der Erde 263.
-
-
- Ütlibergbahn 205.
-
- Union- und Central-Pacific-Bahn 225.
-
-
- Vanderbilt 289.
-
- Vesuvbahn 201.
-
- Viadukt,
- Eisack-Viadukt 191;
- Trisanna-Viadukt 198;
- Dale-Creek-Viadukt 226;
- Kentucky-Viadukt 191, 275;
- Kinzua-Viadukt 191, 275;
- Varraguas 238.
-
- Vitznau-Rigi 204.
-
- Vlissingen 180.
-
-
- Wachstum der Eisenbahnen 259.
-
- Watkin 208.
-
- Watt, James 166.
-
- Welti, Ingenieur 205.
-
-
-IV. Schiffahrt.
-
- Abweichung, örtliche 333.
-
- Ägypten, Schiffahrt in 297, 298.
-
- Anker 336.
-
- Antipassatwinde 327.
-
- Ausleger 294.
-
- Auxiron 307.
-
-
- Baken 407.
-
- Barometer 342.
-
- Behaim, Martin 305.
-
- Bell, Heinrich 311.
-
- Bernoulli 307.
-
- Billette, direkte, von Berlin nach überseeischen Häfen 460.
-
- Blasco de Garay 307.
-
- Blitzschläge, Unfälle durch 401-402.
-
- Bojen 407.
-
- Boot 291;
- Rindenboot 292;
- aus Tierhäuten 293;
- genähtes Boot 294;
- Lederboote 293.
-
- Bremen 394.
-
- Bucentoro 303.
-
-
- Canoe 292.
-
- Caravellen 304.
-
- Carrequen 304.
-
- Charlotte Dundas 308.
-
- Chronometer 340.
-
- City of Rome 359.
-
- Clermont, der Dampfer 310.
-
- Cox Steven 309.
-
- Cunard 313.
-
- Cyklone 329.
-
-
- Dampfschiff-Verbindungen Europas mit überseeischen Gebieten 431-440;
- Dampferlinien zwischen Europa und Asien 431;
- zwischen Europa und Afrika 432;
- zwischen Europa und Australien 433;
- zwischen Europa und Amerika 436;
- Dichtigkeit der Dampferlinien 440;
- ihre Länge 441;
- ihre Zeitdauer 441;
- ihre Kosten 442;
- Vorzüge und Nachteile 442;
- Postdampferlinien 444.
-
- Dampfschiffahrt, Geschichte derselben 307;
- erste transatlantische 311;
- zweite transatlantische 311, 312;
- erste Postdampfer 313;
- Postdampfschiffahrt 444-448.
-
- Dampfschiffahrtsgesellschaften 417-430;
- deutsche 418;
- englische 423;
- französische 425;
- niederländische 426;
- italienische 427;
- spanische 428;
- russische 428;
- amerikanische 428;
- in China und Japan 430;
- in Australien 430;
- Stand der 10 größten Dampfschiffahrtsgesellschaften 429;
- Verkehrsbewegung von D. 430;
- Erträgnisse von D. 430.
-
- Deklination 332.
-
- Deviation 333.
-
- Diaz Bartolomeo 304.
-
- Dickens 307.
-
- Docks 389-392;
- Trockendock 392;
- Schwimmdock 394;
- hydraulische Docks 394.
-
- Dundas 308.
-
-
- Eismassen, Wirkungen derselben 399.
-
- Ems, Dampfer 360-365.
-
- Englands Schiffahrt 305;
- Englands Flotte 450-451;
- Englands Dampfergesellschaften 423.
-
- Ericsson 314.
-
- Evans, Oliver 309.
-
-
- Fitch 309.
-
- Floß 294.
-
- Föhn 329.
-
- Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg-Preußen 306.
-
- Fulton 309.
-
-
- Gabes, Landenge von. Durchstechung derselben 386.
-
- Galeassen 304.
-
- Galeeren 304.
-
- Gefahren der Schiffahrt 397.
-
- Genua, Schiffahrt von 302.
-
- Geschwindigkeit der Schiffe 356-357;
- mittlere Geschwindigkeit 357.
-
- Great Eastern 359.
-
- Griechen, Schiffahrt der 297.
-
-
- Halley 305.
-
- Hamburg 395.
-
- Handelsmarine, Mannschaft derselben 458;
- Wert derselben 456;
- Stand derselben 450;
- Entwicklung derselben 449;
- Gesellschaften derselben 417-430;
- Statistisches 449-461.
-
- Hansa 302.
-
- Harrison 305.
-
- Heinrich, Prinz von Portugal 304.
-
- Hiero von Syrakus 301.
-
-
- Indische Überlandpost 448.
-
- Inklination 333.
-
- Institute, hydrographische 344.
-
- Instrumente, Seemännische 331-342.
-
- Jouffroy 307.
-
- Isogonen 333.
-
- Isoklinen 333.
-
- Isorachien 320.
-
- Isthmus v. Korinth, Kanal durch den 380.
-
- Italia, Schiff 360.
-
-
- Kahn 292.
-
- Kajak 293.
-
- Kalmengürtel 327.
-
- Kanäle, Suezkanal, 1. Geschichtliches 366 bis 370;
- 2. Kanalroute 370;
- 3. Entwicklung des Verkehrs 371-373;
- 4. finanzielle Verhältnisse 373;
- 5. Bedeutung des Kanals für den Weltverkehr 374;
- der Panamakanal 376;
- Kanal durch den Isthmus von Korinth 380;
- Nordostsee-Kanal 381;
- Seeschiffs-Kanal nach Manchester 384;
- Kanal zwischen Bordeaux und Narbonne 385;
- Malakka-Kanal 386;
- Palästina-Kanal 386;
- Nicaragua-Kanal 387.
-
- Karten 342.
-
- Klassifikationsgesellschaften 410;
- Statistisches 410.
-
- Knoten 339.
-
- Kollisionen von Schiffen 457.
-
- Kolumbus 304.
-
- Komet, ein Dampfer 311.
-
- Kompaß 331.
-
- Korkjacken 414.
-
- Küsten 400-401.
-
- Küstenmeteorologie 348.
-
-
- Land- und Wassermassen 315.
-
- Lardner 311.
-
- Leistungsfähigkeit, körperliche, der Seeleute 444.
-
- Lepanto, Schiff 360.
-
- Lesseps, Ferdinand von 367-369.
-
- Leuchtfeuer 403.
-
- Leuchtschiffe 406.
-
- Leuchttürme 404.
-
- Lloyd’s 418;
- Lloyd’s Register of British and Foreign Shipping 410;
- Lloyd 418;
- Norddeutscher Lloyd 418-422;
- Österreichisch-Ungarischer Lloyd 426.
-
- Log 339.
-
- Lootsen 407.
-
-
- Malakka-Kanal 386.
-
- Manchester, Seeschiffahrts-Kanal nach 384.
-
- Marine, kaiserlich deutsche 306.
-
- Maschinen, Compound- 355.
-
- Maße 459.
-
- Maury 343.
-
- Meer, Meere der Erde 314;
- Niveau 315;
- Tiefe 316;
- Meeresgrund 316;
- Farbe 316;
- Leuchten des Meeres 316;
- Salzgehalt 316;
- Temperatur 317;
- Pflanzen und Tierwelt 317;
- Wellenbewegung 317;
- Ebbe und Flut 318;
- Meeresströmungen 321;
- Wirkungen des Meeres 324.
-
- Mercator, Gerhard 305, 343.
-
- Meteorologie 325.
-
- Meyer, Tobias 306.
-
- Miller, Patrick 308.
-
- Monin de Follenai 307.
-
- Morey, Samuel 309.
-
- Mörser 413.
-
- Münztabelle 459.
-
-
- Nautik, Fortschritte ders. 314;
- 1. Oceanographie 314-325;
- 2. Meteorologie 325 bis 331;
- 3. Seemännische Instrumente 331-342;
- 4. Seekarten 342-343;
- 5. Hydrographische Institute 344-355;
- 6. Schiffsbau 355-365;
- 7. Seebauten und Hafenanlagen 366-396.
-
- Nicaragua-Kanal 387.
-
- Niederländer, Schiffahrt der 305.
-
- Niveau des Meeres 315.
-
- Nordostsee-Kanal 381.
-
- Normannen 301.
-
-
- Oceanographie 314-325.
-
- Ochotsk 448.
-
-
- Panama-Kanal 376.
-
- Papin, Denis 307.
-
- Passatwind 327.
-
- Peter-Paulshafen 448.
-
- Phönizier 297.
-
- Postdampfschiffahrt 444;
- Subventionen hierfür 445.
-
- Preußens Schiffahrt 306.
-
- Pytheas 297.
-
-
- Raketenapparate 413.
-
- Reflexionsinstrumente 340.
-
- Reichsflotte, deutsche 306.
-
- Reise um die Erde, Kosten einer 460.
-
- Ressel 313.
-
- Rettungsboot 411-413.
-
- Rettungsringe 414.
-
- Römer, Schiffahrt der 297.
-
- Ruder 295.
-
- Rumsey 309.
-
-
- Sahara-Meer 386.
-
- Sauvage 313.
-
- Savery 307.
-
- Schiff 292.
-
- Schiffahrt: Anfänge derselben 291;
- Schiffahrt der Kulturvölker, 1. der Alten 297;
- 2. des Mittelalters 301;
- 3. der Neuzeit 304;
- Geschichte der Dampfschiffahrt 307;
- Gefahren der Schiffahrt 397-403;
- Sicherung derselben 403-411;
- Statistik, siehe diesen Artikel
-
- Schiffbrüche 397;
- Statistisches 456-457.
-
- Schiffsbau 355-365;
- Schiffsbauanstalten 451;
- Statistisches 452-458;
- deutscher Schiffsbau 454.
-
- Schiffe, Größe der Schiffe im Altertum 300;
- Drachen 301;
- Schnecken 301;
- Größe der Oceandampfer 358;
- Kosten der Schiffe 360;
- Ausweichen derselben 408;
- Verlust an Schiffen 456-457;
- Schiffe aus Eisen 355;
- aus Stahl 355;
- Geschwindigkeit der Schiffe 356-358;
- Kohlenverbrauch 420;
- Verbrauch von Nahrungsmitteln 420, 421.
-
- Schiffsmaschinen, Pferdekräfte derselben 456
-
- Schleppnetz 339.
-
- Schraube 313.
-
- Schraubenschiff, erstes 314.
-
- Seedienst, Befähigung hierfür 443.
-
- Seekarten 342.
-
- Seeleute, Zahl derselben 458;
- Fähigkeit der Seeleute 443.
-
- Seeräuberei 402.
-
- Seeversicherungsgesellschaften 409.
-
- Seewarte, deutsche 344.
-
- Segel 296.
-
- Segelschiffe, größte 360.
-
- Sicherung des Seeverkehrs 403-411.
-
- Statistik: Erfolge der Wettervorhersagungen 350, 352;
- Suezkanal 371, 372, 373;
- Docks 392;
- Schiffahrtsunfälle durch Blitzschläge 401;
- Klassifikationsgesellschaften 410;
- Lloyd of British and Foreign Shipping 410;
- See-Rettungswesen 412;
- Dampfergesellschaften 417 bis 430;
- Dampferlinien 431-440;
- Sicherung des Seeverkehrs 403-411;
- Stand der Handelsmarine seit 1820, 449;
- Bestand der Welthandelsflotte im Jahre 1885, S. 450;
- Schiffsbau 451-455;
- Wert der Handelsflotten 456;
- Pferdekräfte der Schiffsmaschinen 456;
- Schiffbrüche 456;
- Verlust an Schiffen 456 bis 457;
- Verlust an Menschenleben und Vermögenswerten 458;
- Mannschaft der Handelsmarine 458.
-
- Stürme 329.
-
- Sturmwarnungswesen 348;
- Geschichte desselben 353.
-
- Suezkanal, s. Kanäle.
-
- Symington 308.
-
-
- Taucherapparate 340.
-
- Thermometer 342;
- Tiefsee-Thermometer 339.
-
- Tieflot 337.
-
- Tonnengehalt, Brutto-, Netto-, Register-Tonnengehalt 299.
-
- Trieren 299.
-
-
- Überlandpost, indische 448.
-
-
- Vasco de Gama 304.
-
- Venedig 302.
-
- Verkehrsmittel 461-480;
- deren Einfluß 1. auf das wirtschaftliche Leben 461-466;
- 2. auf die Bewegung der Bevölkerung 466-469;
- 3. in Krieg und Frieden 469-474;
- 4. auf Denk- und Handlungsweise und Sitten 474-478;
- 5. auf gesellschaftliche Zustände 478-480.
-
-
- Wasserschöpfflasche 337.
-
- Winde 325-331.
-
- Wirbelstürme, Wirkungen derselben 397.
-
-
- Zeitball 342.
-
-
-
-
-Berichtigungen.
-
- S. 47. Zu Zeile 1 von oben („Relativer Stand des
- Telegraphenverkehrs in den europäischen Staaten“) ist die
- Jahreszahl 1882 zu ergänzen.
-
- S. 163. Auch in die für +Österreich+ angegebenen Summen ist
- das finanzielle Ergebnis des Telegraphenbetriebs eingerechnet.
-
- S. 183. In dem Eisenbahnkärtchen soll die Strecke Pirot-Bellowa als
- „noch im Bau befindlich“ dargestellt sein.
-
- S. 190. In dem Kärtchen „Österreichische Alpenbahnen“ ist an der
- Abzweigungsstelle zwischen Villach und Pontebba der Name „Tarvis“
- einzusetzen.
-
- S. 315. Zur Fig. 114 ist hinzuzufügen: „Die +Land+flächen sind
- schraffiert.“
-
-
-
-
-Fußnoten:
-
-[1] Litteratur: +Zetzsche+, Katechismus der elektrischen Telegraphie.
-6. Aufl. Leipzig, Weber, 1883. -- +Schweiger-Lerchenfeld+, Das eiserne
-Jahrhundert. Wien, Hartleben, 1884. -- ~+Ternant+~, ~Les télégraphes~.
-~Paris~, ~Hachette~, 1881. -- +Schellen-Kareis+, Der elektromagnetische
-Telegraph. 6. Aufl. Braunschw., Vieweg u. Sohn, 1883. -- +Stephan+,
-Verkehrsleben im Altertum, in +Raumers+ Histor. Taschenbuch 1868. --
-+Fischer+, Post und Telegraphie im Weltverkehr. Berlin, Dümmler, 1879.
--- +Veredarius+, Das Buch von der Weltpost. Berlin, Meidinger, 1885. --
-+Sack+, Die Verkehrstelegraphie der Gegenwart. Wien, Hartleben, 1883.
-
-[2] Das Wort „Telegraphie“ stammt von den griechischen Wörtern ~têle~ =
-in die Ferne, und ~gráphein~ = schreiben.
-
-[3] Allgemeine Zeitung, Beil., Nr. 311, 1884; auf derselben Ausstellung
-befand sich auch ein automatischer Apparat, der in der Minute 1500
-Worte übermittelte.
-
-[4] Die Versuche, die man in +neuester+ Zeit mit Eisen- und
-Kupferdrähten in England mit Rücksicht auf ihre Tauglichkeit für
-telegraphische Zwecke anstellte, fielen übrigens zu Gunsten der
-Kupferdrähte aus (~Journal télégr. 1885, p. 202~).
-
-[5] Nach +Fischer+ (a. a. O. S. 61-66) u. a.
-
-[6] Vgl. hierzu +Schöttle+, Der Telegraph in administrativer und
-finanzieller Beziehung. Stuttgart, Kohlhammer 1883, S. 19 und 20.
-
-[7] Vgl. hierzu die oben citierten Werke von +Schellen-Kareis+,
-+Fischer+, +Veredarius+, +Zetzsche+; dann +Jüllig+, Die
-Kabeltelegraphie (Wien, Hartleben 1884), und +Ludewig+, Die submarine
-Telegraphie und ihre Beschwerden, in „Deutsche Revue“,. 7. Jahrgang, 3.
-Bd.
-
-[8] Die +Guttapercha+ ist der verdickte Saft der ~Isonandra Gutta~,
-eines auf Java, Borneo und sonst in Ostindien vorkommenden 19-22 m
-hohen und 2 m dicken Baumes. Wenn dieselbe von allen Unreinigkeiten,
-die ihr beim Einsammeln beigemengt werden, befreit ist, so besitzt
-sie ein sehr bedeutendes Isolationsvermögen, das jedoch mit der
-Temperaturerhöhung abnimmt. Im Wasser erhält sich dieselbe viele
-Jahre lang ganz unverändert; man hat Reste von Guttaperchadrähten aus
-dem Meere aufgewunden, die nach mehr als 15jährigem Liegen im Wasser
-noch vollkommen frisch und unversehrt waren und ihre Isolation ganz
-unverändert beibehalten hatten. Dagegen erleiden solche Drähte sehr
-schnelle Veränderungen, wenn sie vor ihrer Versenkung der Luft und
-Wärme ausgesetzt werden. Aus diesem Grunde muß der umpreßte Draht
-gleich nach seiner Fabrikation unter Wasser gebracht oder doch an einem
-dunkeln und kühlen Ort aufbewahrt werden. Die erste größere Quantität
-von Guttapercha, 100 kg, kam 1844 nach Europa. 1845 exportierte
-Singapore schon über 10 t, 1847 mehr als 561 t und 1858 gegen 665 t.
-Der jährliche Import an Guttapercha in England betrug
-
- 1861 876 t
- 1866 1080 t
- 1871 976 t
- 1876 981 t
- 1878 1494 t.
-
-Der Preis betrug 1848 per Kilo 3 M., während er jetzt auf 7 M.
-gestiegen ist. Es ist wohl überhaupt an der Zeit, dem Raubbau, der
-bezüglich der Guttapercha bisher betrieben wurde, entgegenzutreten,
-falls der unterirdischen und noch mehr der unterseeischen Telegraphie
-nicht ernstliche Gefahr erwachsen soll. Auch jene Pflanzen, welche
-Kautschuk liefern, haben nicht die nötige Schonung erfahren. Neuestens
-hat übrigens M. E. +Heckel+ in ~Butyrospermum Parkii~ eine Pflanze
-entdeckt, welche die ~Isonandra Gutta~ fast völlig zu ersetzen
-vermag. Sie findet sich in ganz Äquatorial-Afrika in ungeheuern
-Wäldern verbreitet und liefert schon vom vierten Jahre an ansehnliche
-Mengen guttapercha-ähnlicher Masse. Auf die Veranlassung +Heckels+
-wird England höchst wahrscheinlich die Pflanze in seinen tropischen
-Besitzungen zu ziehen versuchen. (~Journal télégr.~ 1885, S. 192.)
-
-[9] Das +Kautschuk+ ist das Produkt verschiedener tropischer Pflanzen,
-namentlich der südamerikanischen ~Siphonia cahucu~, des ostindischen
-~Acorus arvensis~, einiger Ficus-Arten u. s. w. Sein Isolationsvermögen
-ist sogar bedeutend größer als das der Guttapercha und nimmt bei
-steigender Temperatur auch nicht so rasch ab; dagegen ist seine
-Dauerhaftigkeit im Wasser weit geringer. Der Import dieses Stoffes,
-dessen Preis je nach der Güte 4-11 M. per Kilo beträgt, war in England
-
- 1856 1253 t à 1000 kg
- 1861 1538 t
- 1866 3078 t
- 1871 6129 t
- 1876 6864 t
- 1878 6796 t.
-
-[10] 1884: 2500 km Linien, 18000 km Leitungen (Veredarius a. a. O. S.
-267).
-
-[11] Nach +Fahie+ (~History of Telegraphy to 1837~) stammt die +erste+
-Idee eines unterseeischen Telegraphen von dem berühmten Physiker
-+Salva+ von Barcelona (um 1800).
-
-[12] +Fischer+ a. a. O. S. 82.
-
-[13] +Veredarius+ a. a. O. S. 261.
-
-[14] Von anderen sehr kostspieligen +Zeitungstelegrammen+ sei die der
-amerikanischen „Tribune“ über die Schlacht von +Gravelotte+ zugegangene
-Depesche erwähnt: sie kostete 20000 Dollars in Gold, d. i. etwa 80000
-Mark.
-
-[15] Hauptsächlich nach +Fischer+ a. a. O. S. 85-88.
-
-[16] Die Western Union Telegraph Company in +Amerika+ ist die
-bedeutendste aller Telegraphen-Gesellschaften der Welt. Ende Juni 1884
-betrug die Länge sämtlicher Drahtleitungen der Gesellschaft (somit der
-Land- und See-Linien) 725110 km. Im Jahre 1883/84 erzielte sie einen
-Überschuß von 6,6 Millionen Dollars. (Gothaischer Hofkalender für 1886.)
-
-[17] Zur Zeit gibt es 26 Kabelgesellschaften, von denen 16 ihren Sitz
-in London, 3 in Berlin, 1 in Kopenhagen, 1 in Paris, 1 in Buenos-Aires
-und 4 in New-York haben.
-
-[18] +Veredarius+ a. a. O. S. 367.
-
-[19] +~Mulhall~+, ~Dictionary of Statistics~, S. 442. ~London~,
-~Routledge and Sons~, 1884.
-
-[20] Deutsche Verkehrszeitung 1885, Nr. 7, S. 54.
-
-[21] Deutsche Verkehrszeitung 1886, Nr. 19.
-
-[22] Als Quellen hierfür dienten: ~Carte générale des grandes
-communications télégraphiques du monde, dressée par le Bureau
-international des Administrations télégraphiques~, ~Berne~ 1885,
-das ~Journal télégraphique~, die +Veredarius+ beigegebene Karte der
-internationalen Telegraphenverbindungen und die Übersichtskarte
-der internationalen Telegraphen-Verbindungen, bearbeitet im
-Telegraphen-Betriebs-Bureau des Reichs-Postamts, Berlin, 1886,
-Reichsdruckerei.
-
-[23] Die Länge der Telegraphenlinie zwischen London und Adelaide
-beträgt 22908 km. Ein Telegramm von London nach Melbourne braucht
-durchschnittlich 3 Stunden 15 Minuten. Von dieser Zeit entfällt
-übrigens der größte Teil auf die Versäumnisse, welche infolge der
-technischen Manipulationen auf den verschiedenen Stationen entstehen.
-Unter Umständen können diese Zeitverluste bedeutend abgekürzt werden.
-Das beweist jenes Telegramm, durch welches am 1. Oktober 1880 der
-Gouverneur der Kolonie Victoria die Eröffnung der Ausstellung in
-Melbourne der Königin Victoria meldete; diese 78 Worte umfassende
-elektrische Botschaft kam bereits nach 23 Minuten in Balmoral in
-Schottland an, wo damals die Königin eben weilte. -- Ein anderes
-Beispiel der Leistungsfähigkeit der modernen Telegraphie ist folgendes:
-Ein 33 Worte zählendes Glückwunschtelegramm an den Kaiser von
-Brasilien, das vom Generaldirektor der Telegraphen, Baron Capanema,
-in St. Luiz, damals der nördlichsten Telegraphenstation Brasiliens,
-aufgegeben wurde und seinen Weg über +Montevideo+ nach Rio de Janeiro
-nahm, somit eine Strecke von 9735 km zurücklegte, gelangte nach 5¾
-Minuten in die Hände des Kaisers. Gewiß zugleich ein glänzender Beweis
-für den trefflichen Stand der brasilianischen Telegraphenleitungen,
-und das umsomehr, wenn man bedenkt, daß zur selben Zeit in der Provinz
-Espiritu Santo ein heftiger Sturm wütete und in ganz Südbrasilien
-starke Regen niedergingen! (~Journal télégraphique~, S. 99, Jahrg.
-1885.)
-
-[24] Hauptsächlich nach den Mitteilungen in der „+Statistik+ der
-deutschen Reichs-Post- und Telegraphen-Verwaltung für 1881“, und
-+~Ternant~+, ~Les Télégraphes~, ~Paris~, ~Hachette~ 1884. 2. Aufl.
-
-[25] Die nachfolgenden Beispiele von Telegramm-Verstümmlungen sind der
-Deutschen Verkehrszeitung entnommen. Ähnliche Beispiele enthält auch
-~Hyde~, ~The Royal Mail~, ~London~, ~Blackwood and Sons~, ~2. edition~,
-1885, ~p.~ 249-254.
-
-[26] Vgl. hierzu +Veredarius+ a. a. O. 277-281; +Zetzsche+ a. a. O.
-449-452; +Fischer+ a. a. O. 113-124, und Deutsche Verkehrszeitung 1885,
-S. 335 u. 336.
-
-[27] Die bezüglichen Angaben sind, soweit nicht anders angegeben,
-+Neumann-Spallarts+ „Übersichten der Weltwirtschaft“ (Stuttgart, Julius
-Maier, 1884) entnommen.
-
-[28] Das größte Telegraphenamt der Welt ist das Centraltelegraphenamt
-in London. Die Zahl der Drahtbotschaften, die hier täglich
-einlaufen, beträgt an 60000. Dabei sind nicht eingerechnet die
-Übertragungstelegramme (an Zahl etwa 30000) und die Zeitungsdepeschen,
-die bei wichtigen parlamentarischen Debatten oft in einer einzigen
-Nacht ½ Million Worte übersteigen.
-
-[29] Am 30. Juni 1884: 263927 km Linien und über 900000 km Drähte.
-
-[30] A. a. O. S. 367.
-
-[31] Nach +Hendschels+ Telegraph (Große Ausgabe) vom 1. Juli 1886.
-
-[32] Litteratur: +Veredarius+ a. a. O. -- ~+Figuier+~, ~l’Électricité~.
-~Paris~, ~Hachette & Co.~, 1884. -- +Schwartze+, +Japing+ und +Wilke+,
-Die Elektricität. Wien, Hartleben, 1884. -- +Urbanitzky+, Die
-Elektricität im Dienste der Menschheit. Leipzig und Wien, Hartleben,
-1885.
-
-[33] Vom griechischen ~têle~ = in die Ferne, und griech. ~phoneîn~ =
-tönen.
-
-[34] Eine bezügliche Arbeit von +Reis+ (1862) wurde von +Poggendorf+
-in die „Annalen“ +nicht+ aufgenommen. Im Jahre 1864 nun, nachdem das
-Telephon bereits mehrfach in verschiedenen Versammlungen gezeigt worden
-war, ersuchte +Poggendorf+ um einen Bericht. Da antwortete aber der
-enttäuschte Lehrer: „Ich danke Ihnen recht sehr, Herr Professor, es
-ist zu spät. Jetzt will +ich+ einen solchen nicht mehr schicken. Mein
-Apparat wird auch ohne Beschreibung in den ‚Annalen‘ bekannt werden“
-(~+Figuier+~, ~l’Électricité~).
-
-[35] Der Name „Mikrophon“ soll sagen, daß man mit Hilfe eines solchen
-Apparates auch die schwächsten (griechisch ~mikrós~ = klein) Töne oder
-Geräusche hörbar machen kann. Erfinder des Mikrophons ist +Hughes+,
-derselbe, welcher den Typendrucktelegraphen erfand.
-
-[36] Allgemeine Zeitung, 1884, Nr. 311, Beilage.
-
-[37] Einer Art Fernsprache begegnet man schon im +Altertum+. So
-berichtet z. B. der griechische Schriftsteller +Diodorus Siculus+ von
-den alten Persern in dieser Beziehung folgendes: „In Persis dürfen
-wir die sinnreiche Einrichtung der Rufposten nicht unerwähnt lassen.
-Dieses Land nämlich, welches eine Reihe von Thälern bildet, hatte
-hohe Warten in großer Zahl, auf denen Leute aus der Umgegend, welche
-die stärksten Stimmen hatten, aufgestellt waren. Die Plätze waren
-in solcher Entfernung voneinander, daß man rufen hörte. Diejenigen
-also, welche den Auftrag zuerst empfingen, teilten ihn durch Zuruf
-den Nächsten mit, dann diese wieder anderen, und so wurde die Weisung
-bis an die Grenze jeder Statthalterschaft kundgemacht.“ Mittels jener
-Einrichtung gelangte eine Nachricht innerhalb 24 Stunden 30 Tagreisen
-weit (etwa 100 Meilen), mithin in jeder Viertelstunde eine Meile.
-Eine ähnliche Einrichtung bestand übrigens auch im Reiche der alten
-Inkas von Peru, sowie bei den Galliern. Von letzteren erzählt Cäsar,
-daß, „so oft etwas Wichtiges und Außerordentliches vorfalle, sie
-sich davon mit Geschrei ein Zeichen geben; der Reihe nach teilen es
-die Nächsten den Nächsten mit; denn was zu Genabum am frühen Morgen
-vorging, hörten die Averner schon mit Anfang der Nacht, obwohl ihre
-Entfernung 160 Millien (ca. 30 deutsche Meilen) beträgt“. -- Von einer
-eigenartigen Fernsprache in +Kamerun+ berichtet das „+Ausland+“ (1885).
-Die bezüglichen Zeichen werden mittels einer Trommel gegeben. Letztere,
-~ndimbo~ genannt, besteht aus einem länglichen, eiförmig ausgehöhlten
-Holzstück von etwa 3 Fuß Länge und 1½ Fuß Höhe, welches an der obern
-Längsseite eine schmale, spaltförmige Öffnung hat, die durch einen Steg
-in zwei ungleiche Teile geteilt wird. Je nachdem man nun mittels eines
-Holzklöppels auf das eine oder das andere Ende des Spaltes schlägt,
-werden verschiedene Töne hervorgebracht. Durch diese und verschiedene
-Rhythmen des Trommelns erhält man eine Anzahl Signale, welche ganz
-bestimmte Bedeutung haben, und dieses Signalsystem ist derartig
-ausgebildet, daß man jeden Gedanken durch die Trommel zum Ausdruck
-bringen kann. Zwei Ortschaften können sich so in einer Entfernung,
-in welcher die menschliche Stimme nicht mehr vernommen wird,
-miteinander unterhalten. Jedes Ereignis in einem Dorfe wird sogleich im
-nächsten Orte weitergegeben, und innerhalb kurzer Zeit ist die ganze
-Kamerungegend von dem Vorfall unterrichtet. Nach dem Afrikareisenden
-~Dr.~ +Buchner+ ist diese +Trommelsprache+ der Kamerun-Neger vielleicht
-die größte geistige Leistung nicht nur der Negerrasse, sondern der
-halbwilden Völker überhaupt.
-
-[38] Die in der deutschen Reichs-Telegraphenverwaltung zur Verwendung
-kommenden +Apparate+ sind ausschließlich das +Mikrophon+ von +Hughes+
-und der +Siemens+sche +Fernsprecher+. -- Neuestens ist es dem Belgier
-+van Rysselberghe+ gelungen, +auf ein und demselben Leitungsdraht
-zu telegraphieren und zu telephonieren+. Belgien hat sich diese
-Erfindung sogar schon völlig zu eigen gemacht. Seit Beginn des Jahres
-1885 vollzieht sich dortselbst der telephonische Verkehr zwischen
-den größeren Städten mittels der staatlichen +Telegraphen+leitungen.
-Seit Juni 1885 hat sich auch Frankreich das Recht gesichert, das
-System innerhalb des Gebietes der Republik zur Anwendung zu bringen.
-Desgleichen werden in Deutschland diesbezügliche Versuche angestellt.
-
-[39] +Veredarius+ a. a. O. S. 276.
-
-[40] Deutsche Verkehrszeitung, 1885, Nr. 49.
-
-[41] Litteratur: +Stephan+, Geschichte der preußischen Post. Berlin,
-Decker, 1859. -- +Stephan+, Das Verkehrsleben im Altertum und das
-Verkehrsleben im Mittelalter, in +Raumers+ Histor. Taschenbuch, 1868
-und 1869. -- +Stephan+, Weltpost und Luftschiffahrt. Berlin, Springer,
-1879. -- +Ilwof+, Das Postwesen in seiner Entwicklung von den ältesten
-Zeiten bis in die Gegenwart. Graz, Leuschner und Lubensky, 1880. --
-+Hartmann+, Entwicklungsgeschichte der Posten. Leipzig, Wagner, 1868.
--- +Veredarius+, Das Buch von der Weltpost. Berlin, Meidinger, 1885.
--- +Zehden+, Verkehrswege zu Wasser und zu Lande. Wien, Hölber, 1879.
--- +Paulitschke+, Leitfaden der geographischen Verkehrslehre. Breslau,
-Hirt, 1881. -- +Frank+, Das deutsche Postwesen, in „Neuer deutscher
-Reichskalender“ für 1878. Wiesbaden, Limbarth.
-
-[42] Unter Vespasian wurde dieses Schuhgeld den ~tabellarii~ wieder
-entzogen und ihnen zum Ausgleich dieses Verlustes angeraten, künftig
-ihren Dienst barfuß zu thun (+Veredarius+, Das Buch von der Weltpost,
-S. 47).
-
-[43] Die Ermächtigung zur Benützung der Post erfolgte durch eigene
-Staatspostscheine oder ~diplomata~; sie waren in der Regel auf
-Pergament ausgefertigt und, wie das Wort selbst andeutet, doppelt
-gefaltet.
-
-[44] Litteratur: +Löper+, „Geschichte der Straßen“, im 5. Jahrg. des
-„Archiv für Post und Telegraphie“, 1877. -- +Stephan+, Verkehrsleben
-im Altertum und Mittelalter, a. a. O. -- +Derselbe+, Weltpost und
-Luftschiffahrt. Berlin, Springer, 1874. -- +Sax+, Die Verkehrsmittel
-in Volks- und Staatswirtschaft. 2 Bde. Wien, Hölder, 1878 und 1879. --
-+Poststammbuch+. Berlin, Reichsdruckerei, 1877. -- +Veredarius+, Das
-Buch von der Weltpost. Berlin, Meidinger, 1885, S. 37-43.
-
-[45] Litteratur: +Stephan+, Weltpost und Luftschiffahrt, S. 17-26. --
-+Derselbe+, Geschichte der preußischen Post. -- +Derselbe+, Geschichte
-des Verkehrslebens im Altertum, a. a. O. -- Zeitschrift „+Europa+“
-1884, Nr. 9 und 10 (Zur Geschichte des Wagens). -- +Saalfeld+,
-Straßenpflaster und Kutschwagen. Prag, Deutscher Verein zur Verbreitung
-gemeinnütziger Kenntnisse, 1883. -- +Heinze+, Pferd und Fahrer.
-Leipzig, Spamer, 1876. -- +Deutsche Verkehrszeitung+, 2. Jahrg. --
-+Veredarius+ a. a. O. S. 52-58. -- +Ilwolf+ a. a. O.
-
-[46] Siehe hiezu auch +Hennicke+, „Das Reichspost-Museum in Berlin“, in
-Bd. 55 von Westermanns Monatsheften.
-
-[47] Vgl. hierzu besonders: +Löper+ a. a. O. -- +Stephan+,
-Verkehrsleben im Mittelalter a. a. O. -- +Derselbe+, Weltpost und
-Luftschiffahrt. -- +Sax+ a. a. O.
-
-[48] Der Ausdruck „Chaussee“ rührt von der frühern Art der Pflasterung
-(~calciata~) her. Die Steine wurden nämlich zur Erzielung bessern Halts
-in Kalk (lat. ~calx~) gebettet.
-
-[49] Willegisus war der Sohn eines Stellmachers aus dem sächsischen
-Dorfe Stroningen. Zur Erinnerung daran ließ er einen Wagen mit
-Speichenrädern an die Wand malen und darunter die Inschrift setzen:
-„Willegis, Willegis, deiner Abkunft nicht vergiß!“
-
-[50] Der Name „Kutsche“ kommt sonach nicht von dem Orte +Kots+ im
-Komorner Bezirk. Siehe „Europa“ a. a. O.
-
-[51] Der Name „de Tassis“ soll von ihrem Wohnsitze in dem an Dachswild
-überaus reichen und darum so genannten Tazisschen oder Tassisschen
-Gebirge im Bergamesischen herrühren.
-
-[52] Das Wort „+Post+“ ist hervorgegangen aus dem verdorbenen
-lateinischen Worte ~posta~, welches die Abkürzung von ~posita~ ist, dem
-Femininum des Particips Perfecti von ~ponĕre~ (legen, setzen, stellen).
-Da nun die Römer den Ort, an welchem ein Wechsel der Beförderungsmittel
-stattfand, ~mansio~ oder ~mutatio~ nannten, so sagte man: ~mansio~
-oder ~mutatio posita~ in N. N., woraus das abgekürzte ~posta~ in N. N.
-entstand. +Veredarius+ a. a. O.
-
-[53] Die Erzielung hoher Einnahmen im Gebiete der Postverwaltung
-lag Friedrich stets am Herzen. Anträge, deren Erfüllung mit
-Geldaufwendungen verknüpft gewesen wäre, wurden von ihm meist mit der
-Bemerkung abgewiesen: „~Non habeo pecuniam~“ (ich habe kein Geld),
-oder: „ich höre schlecht“. Als vollends der Postmeister von Stargard
-seinem Immediatgesuch um Gehaltsaufbesserung dadurch Nachdruck zu
-verleihen vermeinte, daß er seine Entlassung nehmen zu müssen erklärte,
-wenn ihm keine Zulage gewährt würde, erfolgte ein höchsteigenhändiger
-Vermerk, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ: „Sol er
-sich sofort ~paquen, Consilium abigundi~.“ +Veredarius+ a. a. O. S. 124.
-
-[54] Von +Richelieu+ stammt die Äußerung: „Wenn man wissen will, was
-in einem Briefe steht, -- ~eh bien!~ so muß man ihn öffnen lassen und
-lesen.“ Dieser Grundsatz wurde zur Zeit Ludwigs XV. so unverblümt
-befolgt, daß viele ihre Briefe überhaupt gar nicht mehr versiegelten,
-sondern einfach mit Nadeln zusteckten. +Veredarius+ a. a. O. S. 130.
-Vgl. auch +~Belloc~+, ~Les Postes françaises~. ~Paris~, 1886.
-
-[55] Vgl. hierzu die S. 75 Anm. 1 angeführten Schriften.
-
-[56] Als Prinz Georg von Dänemark im Jahre 1703 den damaligen Bewerber
-um den spanischen Thron, den spätern Kaiser Karl VI., in Windsor
-besuchte, brauchte er zu der etwa 9 engl. Meilen betragenden Strecke
-nicht weniger als 14 Stunden, wobei, schreibt der Chronist, „die lange
-Reise um so mehr habe überraschen müssen, als Se. Königliche Hoheit nur
-dann anhielten, wenn der Wagen umgeworfen wurde oder im Dreck stecken
-blieb“. +Veredarius+ a. a. O. S. 106. -- Zahlreiche Belege für den
-schlechten Zustand der englischen Straßen enthält auch ~+Hyde+~, ~The
-Royal Mail~, S. 1-13.
-
-[57] Die Messageries leiten ihre Benennung von Messager ab, weil im
-frühen Mittelalter, bevor es Posten gab, die Verbindungen durch Boten
-(~messagers~) unterhalten wurden.
-
-[58] ~mail~ = Post, ~coach~ = Wagen.
-
-[59] Siehe den Artikel „Zur Geschichte des Postwesens in England“ in
-„Deutsche Verkehrszeitung“, 1882, S. 378.
-
-[60] Über den Lebensgang dieses hochverdienten Mannes mögen folgende
-Daten orientieren:
-
-Heinrich +Stephan+ ist als der Sohn eines einfachen Handwerkers
-am 7. Januar 1831 zu Stolp in Pommern geboren. Er besuchte das
-Gymnasium seiner Vaterstadt und bestand auf demselben bereits 1847 das
-Abiturienten-Examen, trat aber dann, da der Vater für sechs Kinder zu
-sorgen hatte und seine Mittel nicht so weit reichten, um dem Sohne
-die akademische Laufbahn zu eröffnen, 1848 in das Postfach ein. Sein
-klarer Geist erfaßte bald die mächtige Kulturerscheinung des modernen
-Postwesens in ihrer vollen Bedeutung. Während er sich seinem Fache mit
-Liebe widmete, betrieb er zugleich, dem Schlafe nur wenige Stunden
-vergönnend, die vielseitigsten Studien. Schnell absolvierte er die
-ersten Examina; er erregte 1855 bei Ablegung des höhern Postexamens
-die Aufmerksamkeit der Examinatoren durch sein gediegenes und
-umfassendes Wissen und wurde infolgedessen, nach kurzer Thätigkeit
-im Postaufsichtsdienste, 1855 als geheimer expedierender Sekretär
-ins Generalpostamt zu Berlin berufen. Hier, an dem Centralpunkte der
-Verwaltung, vermochte seine große Begabung sich am schnellsten zur
-Blüte zu entfalten, und er stieg bald zu den höheren Stellen der Post,
-1858 zum Postrat, 1863 zum Oberpostrat, 1865 zum Geheimen Postrat und
-Mitgliede des Generalpostamtes auf. Seine Sprachkenntnisse machten ihn
-vorzugsweise geeignet zum Vertreter der Postverwaltung beim Abschlusse
-von Postverträgen zur Regelung des Postverkehrs mit den auswärtigen
-Staaten. Eine seiner tüchtigsten Leistungen war die Übereignung der
-Thurn- und Taxisschen Post an die Krone Preußen durch den Staatsvertrag
-vom 28. Januar 1867. Am 1. Mai 1870 zum Generalpostdirektor ernannt,
-gab er gleich im Beginn seiner Verwaltung durch die Einrichtung der
-„Feldpost“, die in ausgezeichneter Weise den Verkehr der deutschen
-Truppen mit der Heimat vermittelte, einen glänzenden Beweis seiner
-Befähigung. Stephan ist in dieser bedeutenden Stellung der Reformator
-des Postwesens nicht nur im Deutschen Reich, sondern der ganzen Erde
-geworden, da stets von ihm die Verkehrserleichterungen zwischen den
-verschiedenen Ländern den Anstoß erhalten haben. Vom 1. Januar 1876 ab
-wurde ihm, unter Ernennung zum Generalpostmeister, außer der Leitung
-des Postwesens auch diejenige des Telegraphenwesens übertragen, und
-auch hier merkte man bald die Spuren seines energischen Geistes. Die
-Zahl der Telegraphenämter erhöhte er in drei Jahren aufs doppelte,
-unterirdische Linien wurden gelegt und durch Einführung eines neuen
-Tarifs die finanziellen Verhältnisse gehoben. Seit 1872 ist er Mitglied
-des preußischen Herrenhauses und Ehrendoktor der Universität Halle.
-Seit 1880 führt er den Titel „Staatssekretär“ mit dem Prädikate
-„Excellenz“. Infolge seiner außerordentlichen Verdienste um das
-deutsche Post- und Telegraphenwesen, das dermalen unstreitig das
-bestorganisierte der Erde ist, wurde er 1884 anläßlich des zehnjährigen
-Bestehens des Weltpostvereins durch die Gnade Sr. Majestät des
-deutschen Kaisers Wilhelm I. in den erblichen Adelstand erhoben.
-Bemerkt sei noch, daß ~Dr.~ von Stephan auch ein hervorragender
-Schriftsteller ist. Außer einem „Leitfaden zur Anfertigung
-schriftlicher Arbeiten für junge Postbeamte“ schrieb er eine Geschichte
-der preußischen Post und ein wertvolles Buch über Ägypten, ferner
-verschiedene sehr gediegene Arbeiten in Raumers Histor. Taschenbuch und
-in „Unsere Zeit“, dann das höchst lehrreiche und humorvolle Werkchen
-„Weltpost und Luftschiffahrt“, und endlich ist er als Begründer
-des „Archivs für Post und Telegraphie“ und als Herausgeber des
-„Poststammbuch“ zu nennen.
-
-[61] Litteratur: +Fischer+, Post und Telegraphie im Weltverkehr.
-Berlin, Dümmler, 1879. -- +Veredarius+ a. a. O. -- +Stephan+, Weltpost
-und Luftschiffahrt. -- +Zetzsche+, Die Ocean-Dampfschiffahrt und die
-Postdampferlinien nach überseeischen Ländern. Weimar, Geographisches
-Institut, 1885.
-
-[62] „Gegen eine Entlohnung von wenigen Francs laufen in Marokko die
-Postboten die lange Strecke zwischen Tanger und Fez in 4, zwischen
-Tanger und Marokko in 7 bis 8 Tagen ab. Sie nähren sich schlecht,
-nehmen mit einigen Feigen und einem Stück Brot vorlieb und schlummern
-auf freiem Felde, ob Regen, ob schön. Um die Morgenstunden nicht
-zu verschlafen, heften sie eine Art von Zündschnur an das nackte
-Fußgelenk, die in den Pausen, während welcher der Bote schläft,
-fortglimmt und, wenn sie abgebrannt ist, den Schläfer in sehr fühlbarer
-Weise zum Aufbruch mahnt. Der Postkurier hält fast immer die geradeste
-Linie ein, er durchwatet oder durchschwimmt die Flüsse, klettert über
-Berghänge, auf denen ein geübtes Maultier straucheln würde, kriecht
-oft auf allen vieren vorwärts, trotzt im Herbste ausgiebigen und
-anhaltenden Regengüssen, im Sommer der Hitze, im Winter dem Staube und
-dem Durst. So durchwandert und durchläuft dieser geplagteste Mensch im
-ganzen Kaiserreiche dieses letztere jahrein jahraus fast seiner ganzen
-Länge nach von Nord nach Süd und umgekehrt.“ (+Amicis+, Marokko. Frei
-bearbeitet von +Schweiger-Lerchenfeld+. Wien, Hartleben, 1883, S. 138
-u. 139.)
-
-[63] Unter den Fußbotenleistungen ist hier der Beförderungsdienst von
-+Postort+ zu +Postort+ verstanden.
-
-[64] Die Zahl der in +London+ im Postbestelldienst verwendeten Personen
-betrug 1782: 155; 1884: 4030 (~+Hyde+~, ~The Royal Mail~. ~2. ed.
-Lond.~, ~Blackwood & Sons~, 1885, ~p.~ 126).
-
-[65] Die bei den Römern übliche Bezeichnung des Kurierpferdes war
-„~veredus~“, das griechische ~berédos~, welches selber wieder von dem
-persischen ~berd~ (= tragendes Tier) kommt. Die reitenden Kuriere
-nannte man „~veredarii~“ (+Veredarius+ a. a. O.).
-
-[66] ~mail~ = Post, ~coach~ = Wagen.
-
-[67] ~malle~ = Briefpost.
-
-[68] Litteratur: +Veredarius+ a. a. O. S. 197-203. -- +Frank+, Das
-deutsche Postwesen in „Neuer deutscher Reichskalender“ für 1878.
-Wiesbaden, Limbarth. -- +~Ternant~+ a. a. O., ~vol. I~, 2. ~éd.~, ~p.~
-175-237.
-
-[69] Litteratur: +Veredarius+ a. a. O. -- +~Ternant~+ a. a. O., ~vol.
-I~, 2. ~éd.~, ~p.~ 238-279.
-
-[70] „~Ils (les pigeons) sont bien mieux merité de la patrie que les
-oies du Capitole,~“ sagt Ternant, „~ils ont sauvé Paris de la mort
-morale, que pouvait determiner l’absence complète des nouvelles. Le
-simple avis: ‚Un pigeon vient d’arriver‘,~“ fährt er fort, „~suffisait
-à faire tressaillir d’aise la population entière de la grande ville, et
-les poètes ont rendu hommage et justice à ces oiseaux sacrés.~“
-
-[71] Die englische Preß-Expreßtaube soll Strecken bis zu 500 engl.
-Meilen in erstaunlich kurzer Zeit zurückzulegen im stande sein.
-Bei einem in England angestellten Versuche zur Feststellung der
-Fluggeschwindigkeit der Brieftauben ergab sich, daß die Brieftaube eine
-größere Geschwindigkeit an den Tag legte, als der zwischen Dover und
-London verkehrende Eilzug, und dieser legte 14½ Meilen in der Stunde
-zurück.
-
-[72] Litteratur: Hauptsächlich +Stephan+, Weltpost und Luftschiffahrt.
--- +Veredarius+ a. a. O. S. 390 ff. -- +Pisko+, Die Luftschiffahrt der
-Neuzeit, in „Unsere Zeit“, 1885. -- +~Marion~+, ~Les Ballons~. ~Paris~,
-~Hachette & Cie.~, u. a.
-
-[73] Einen der größten aller Luftballons, den „Riesen“ (~Le Géant~),
-veranschaulicht das Titelbild. Nadar in Paris ließ denselben am 4.
-Oktober 1864 steigen. Die Fahrt war jedoch von einem Unfall begleitet.
-In der Höhe von 2400 m zerriß nämlich das Seil an der Klappe, was ein
-rasches Sinken des Ballons zur Folge hatte.
-
-[74] Entnommen der „Statistik der deutschen Reichs-Post und
-Telegraphen-Verwaltung für das Kalenderjahr 1884“. Berlin, 1885.
-
-[75] Die folgenden Zahlen sind dem Buche v. +Neumann-Spallarts+
-„Übersichten der Weltwirtschaft“, Jahrg. 1881-82 (Stuttg., Jul. Maier,
-1884) entnommen.
-
-[76] Nach der von dem Berner internationalen Postbureau für 1884
-herausgegebenen „~Statistique générale du service postal dans les
-pays de l’Union postale universelle~“ betrug die Zahl +sämtlicher+
-Briefpostsendungen (der Briefe [ausschließlich der eingeschriebenen,
-sowie der Wertbriefe], der Postkarten, Drucksachen, Warenproben und
-Zeitungsnummern) rund in: Ägypten 8 Mill., Algier und Tunis 15 Mill.,
-Argentinien 45 Mill., Brasilien 45 Mill., Canada 100 Mill., Brit.
-Indien 205 Mill., Niederländ. Indien 8 Mill., Japan 111 Mill. -- Für
-die +Vereinigten Staaten von Amerika+ enthält die erwähnte Statistik
-nur Angaben über den +internationalen+ Briefpostverkehr. Nach dem
-Berichte der Postverwaltung der Union betrug 1884/85 die Zahl der
-verkauften Freimarken, Postkarten, Briefumschläge und Streifbänder
-2142678900 Stück. (Archiv für Post und Telegraphie, 1886. Nr. 12.)
-
-[77] In Frankreich, Österreich und Italien giebt es seit neuester
-Zeit auch sogen. +Kartenbriefe+ oder +Postbillets+; sie bilden ein
-Zwischenglied zwischen Postkarte und Brief und gewähren gegenüber der
-Postkarte den Vorteil, daß der Inhalt geheim bleibt. Die Taxe für
-solche Kartenbriefe ist in Frankreich und Italien höher als diejenige
-für Postkarten und niedriger als jene für gewöhnliche Briefe; in
-Österreich die gleiche wie für Briefe.
-
-[78] Vgl. hiezu außer der „~Statistique générale etc.~“ für 1884 noch
-besonders das Archiv für Post und Telegraphie, Jahrg. 1881 und Jahrg.
-1883.
-
-[79] +Veredarius+ a. a. O. S. 333. Die Berner Statistik für 1884
-enthält für Italien keine Angabe.
-
-[80] +Veredarius+ a. a. O. S. 337.
-
-[81] Als Quelle diente vorzugsweise der Aufsatz +Paul Dehns+: „Zur
-Einführung von Reichspostsparkassen“, in den „Annalen des Deutschen
-Reiches“ 1883; dann auch das Archiv für Post und Telegr., die ~Union
-postale~ und die Deutsche Verkehrs-Ztg.
-
-[82] 1 Pfd. St. = 20 M.
-
-[83] In Rußland und Spanien besteht das Postanweisungsverfahren nicht.
-
-[84] Statistik der Reichspost- und Telegraphenverwaltung für das
-Kalenderjahr 1884, S. 53.
-
-[85] Auszugsweise bearbeitet nach +Löper+, Pakete im Weltpostverkehr
-(Vom Fels zum Meer, Weihnachtsnummer 1883).
-
-[86] +Veredarius+ a. a. O. S. 381.
-
-[87] +Fischer+ a. a. O. S. 137.
-
-[88] Archiv für Post und Telegraphie, 1879, 7. Jahrg.
-
-[89] Deutsche Verkehrszeitung, 1883, No. 1.
-
-[90] A. a. O. S. 130.
-
-[91] Statistik der Reichspost- und Telegraphenverwaltung für das Jahr
-1884.
-
-[92] +Veredarius+ a. a. O. S. 339.
-
-[93] Litteratur: +Fischer+ a. a. O. -- +Stephan+, Weltpost
-und Luftschiffahrt. -- Verschiedene Jahrgänge der „Deutschen
-Verkehrszeitung“. -- +Veredarius+ a. a. O. -- +~Hyde~+ a. a. O.
-
-[94] Die Zahl der beim +Berliner Stadtpostamt+ mit +unvollständiger
-Aufschrift+ einlaufenden Briefsendungen an Einwohner Berlins beträgt
-per Tag rund 8000. (Deutsche Verkehrszeitung, 1886, Nr. 4.)
-
-[95] +~Hyde~+ a. a. O. S. 264-266.
-
-[96] Litteratur: +Veredarius+ a. a. O. S. 1-22. -- +Hennicke+, Das
-Reichspostmuseum in Berlin, in +Westermanns+ Monatsheften, Juli 1884,
-S. 514 ff. -- +Herrmann+, Die Korrespondenzkarte, Halle, Nebert, 1876,
-S. 101 ff. -- +Deutsche Verkehrszeitung+, 3. Jahrg. Nr. 38 und 7.
-Jahrg. S. 26 ff. -- +Stephan+, Das Verkehrsleben im Altertum, a. a.
-O. -- „+Unsere Zeit+“, neue Folge, 8. Jahrg., 2. Hälfte, S. 208 (Zur
-Geschichte des Briefschreibens). -- +Postamtsblatt+, 1872, Nr. 67 (Zur
-Geschichte des Briefschreibens und der Briefgeheimnisse). -- +Löper+,
-Der Brief, seine Arten und Abarten, im Postarchiv, 2. Jahrg., 1874.
-
-[97] Die Herstellung des Schreibstoffes aus der Papyrusstaude ist
-eine ägyptische Erfindung und geschah in der Weise, daß das aus dem
-Schafte gewonnene Mark in schmale Längsteile zerschnitten wurde, die
-man parallel nebeneinander ausbreitete. Dann legte man über Kreuz eine
-zweite Schicht darauf, feuchtete dieselbe mit Nilwasser an und verband
-nun durch Pressen oder Klopfen mit einem breiten Hammer die einzelnen
-Streifen fest miteinander, so daß sich ein Bogen bildete, der nur noch
-getrocknet und geglättet zu werden brauchte. Erst im 12. Jahrhundert n.
-Chr. ging die Papyrusindustrie zu Grunde. Am längsten erhielt sich der
-Gebrauch des Papyrus in Italien, wo die Kanzleibeamten der Päpste lange
-an der hergebrachten Übung festhielten. Als Bezeichnung für diesen
-Schreibstoff gebrauchte man, außer dem noch jetzt üblichen ~papyrus~,
-hauptsächlich die (griechischen) Ausdrücke ~býblos~ oder ~bíblos~, auch
-~chártes~, woher unser Wort „Karte“. -- Neben dem +Papyrus+ bediente
-man sich im Altertum zu brieflichen Mitteilungen vorzugsweise auch
-der sogen. +Diptychen+, d. i. übereinander gelegter +Täfelchen aus
-Holz+ (auch aus Elfenbein), auf deren Wachsschicht die Schriftzüge
-eingeritzt wurden. Der Gebrauch der Wachstafeln hat sich an manchen
-Orten bis ins Mittelalter erhalten. Am längsten behaupteten sie sich in
-Schwäbisch-Hall, wo die Salzsieder bis 1812 sich ihrer bedienten. Nach
-diesen Täfelchen (~tabellae~) erhielten die Sklaven, deren vornehme
-Römer sich als Briefboten zu bedienen pflegten, den Namen ~tabellarii~
-(siehe S. 62). Andere Schreibstoffe des Altertums waren Felle,
-Leinwand, Baumrinde, Metallplatten, Seide, Fischkiefern, Thonscherben,
-Steine u. s. w. Die heiligen Schriften der Perser z. B. sollen auf 1200
-Ochsenhäute geschrieben sein. Nach Livius diente zur Aufschreibung von
-Roms ältesten Annalen Leinwand. Die Briefe des germanischen Nordens
-wurden alten Liedern zufolge auf Fischkiefern eingegraben. Die Perser
-schrieben auf Seide, für Hesiods erstes Werk „Werke und Tage“ wurden
-Bleitafeln verwendet u. s. w.
-
-[98] Um die Geheimhaltung von Nachrichten möglichst zu sichern, traf
-man mitunter ganz sonderbare Vorkehrungen. Herodot erzählt z. B., daß
-man manchmal einen Sklaven als Schreibmaterial benutzte, indem man
-den Kopf desselben glatt abschor, die Kopfhaut mit Zeichen beschrieb,
-hierauf die Haare wachsen ließ und den Boten sodann absandte. Der
-Empfänger der Botschaft schor den Kopf von neuem, las die Schrift
-und antwortete dann auf demselben freilich etwas ungewöhnlichen und
-umständlichen Wege. Der persische Hofmann Harpagus soll sogar dem
-Könige Cyrus einen Hasen übersendet haben, in dessen Fell unter
-der Oberhaut ein Zettel stak. Auch sollen im Altertum geschriebene
-Botschaften in Mumiensärge gegeben und mit denselben versendet worden
-sein. (+Herrmann+ a. a. O.)
-
-[99] Vgl. +Rich. Andree+, Ethnographische Parallelen und Vergleiche.
-Stuttgart, Julius Maier, 1878, S. 184-197.
-
-[100] Die Meinung, daß zur Bereitung des Pergaments Eselshaut gedient
-habe und noch diene, ist irrig. Das Material der ältesten Pergamente
-bilden lediglich Häute von Lämmern, Hämmeln und Ziegen. Später kam
-hierzu noch die Verwendung von Kalbfellen. In Deutschland bürgerte sich
-hauptsächlich die Benutzung von Kalbfellen ein, in Italien und Spanien
-wurden vorzugsweise Ziegen- und Schaffelle verarbeitet.
-
-[101] Lumpenpapier erwähnt zuerst ein Abt Petrus in Cluny, der in der
-Mitte des zwölften Jahrhunderts lebte. Die früheste Bereitung des
-Papiers überhaupt scheint die aus Baumwolle gewesen zu sein, welche bei
-den Chinesen seit ältester Zeit bekannt war. Im achten Jahrhundert ging
-die Kenntnis der Papierbereitung auf die Araber über, und von ihnen
-erlernten sie zunächst die Spanier, dann die Italiener. In Deutschland
-entstanden die ersten Papiermühlen 1320 zwischen Köln und Mainz. Der
-arabische Ursprung der Papierbereitung zeigt sich noch heute in dem
-deutschen Worte „Ries“, das von dem arabischen ~razma~, d. h. Bündel
-(später im Spanischen ~resma~, im Italienischen ~risma~) stammt. Im
-übrigen wurde der neue Schreibstoff lange und hartnäckig mißachtet. So
-verbot Kaiser Friedrich II. 1231 ausdrücklich die Anwendung des Papiers
-zu Urkunden, weil es zu vergänglich sei. Italienische Notare mußten
-noch in späten Zeiten bei ihrem Amtsantritte versprechen, kein Papier
-zu Urkunden zu verwenden. Ebenso wollte in Brügge der Kaufmannsstand
-sich nicht herbeilassen, den Recessen „~uppe popyr~“ Glauben
-beizumessen, und in England müssen die meisten Urkunden noch jetzt auf
-Pergament geschrieben werden. Gegenwärtig freilich verbraucht Europa
-allein an Papier jährlich 500 Mill. Pfund. (+Veredarius+ a. a. O. S. 9.)
-
-[102] Der älteste Brief, welcher mit einer Oblate versiegelt erscheint,
-ist aus dem Jahre 1624 und ward zu Speier geschrieben.
-
-[103] In +Schönebergers+ „Börsen- und Handelsbericht“ wird die
-+intellektuelle+ Urheberschaft an der Erfindung der modernen Stahlfeder
-dem Chemiker ~Dr.~ +Joseph Priestley+, dem Entdecker des Sauerstoffs,
-zugeschrieben. Die ersten Muster fertigte auf dessen Veranlassung sein
-Freund +Harrison+; der eigentliche Begründer der Stahlfedern-Industrie
-in Birmingham und Umgegend ist +Josiah Mason+, der vorerst in Harrisons
-Diensten stand (Deutsche Verkehrszeitung, 1885, S. 134).
-
-[104] Vgl. +Veredarius+ a. a. O. S. 23-28. -- +Hennicke+ a. a. O. S.
-517. 518.
-
-[105] +~Hyde~+ a. a. O. S. 117.
-
-[106] Litteratur: +Hennicke+, Das Reichspostmuseum in Berlin, in
-+Westermanns+ Illustrierten deutschen Monatsheften, Juliheft 1884, S.
-518 und 519. -- Feuilletonistische Beilage der „+Täglichen Rundschau+“,
-1884, Nr. 293. -- +Deutsche Verkehrszeitung+, 1883, S. 435.
-
-[107] Philatelist vom griech. ~philein~ = lieben, sich gerne mit einer
-Sache beschäftigen, und griech. ~ateleia~ = Freiheit von Leistungen an
-den Staat; Philatelist ist demnach, wer sich gerne mit der Materie der
-Freimachung von Briefen befaßt.
-
-[108] Das Folgende nach +Unger+, „Geschichte der Postkarte mit
-besonderer Berücksichtigung Deutschlands“, im Archiv für Post und
-Telegraphie, 1881; vgl. auch „+Geschichte der Postkarte+“ in der
-„Statistik der deutschen Reichspost- u. Telegraphenverwaltung für das
-Kalenderjahr 1880“, und +Herrmann+ a. a. O. S. 73-97.
-
-[109] Litteratur: +Biedermann+, Das Zeitungswesen sonst und jetzt.
-Leipzig, Wilh. Friedrich, 1883. -- +Opel+, Die Anfänge der deutschen
-Zeitungspresse. Leipzig, Verlag des Börsenvereins der deutschen
-Buchhändler, 1879. -- +Zeitungskatalog+ der Annoncen-Expedition
-von +Rudolf Mosse+. 20. Aufl. Berlin, Mosse, 1885. -- +Deutsche
-Verkehrszeitung+, 1879, S. 82 und 83.
-
-[110] Die „Frankfurter Meßrelationen“, begründet von +Michael von
-Aitzing+, erschienen allerdings schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts,
-indes nur +halbjährig+.
-
-[111] Von dieser Münze erhielten die Zeitungen in Italien, wie später
-in Frankreich, Spanien und England ihren Namen.
-
-[112] a. a. O. S. 368.
-
-[113] Mitteilung des Staatssekretärs ~Dr.~ von Stephan gelegentlich der
-sechsten internationalen Telegraphenkonferenz zu Berlin im Jahre 1885.
-
-[114] Nach der ~Statistique générale du service postal dans les pays de
-l’Union postale universelle, publiée par le bureau international des
-postes. Année 1884.~ Bern, Druckerei von Suter u. Lierow, 1886. -- In
-die für Deutschland, Frankreich, Rumänien und Algier-Tunis angegebenen
-Summen sind auch die finanziellen Ergebnisse des Telegraphenbetriebs
-eingerechnet.
-
-[115] Litteratur: +Thurston+, Die Dampfmaschine. 2 Teile. Leipzig,
-Brockhaus, 1880. -- +Steiner+, Bilder aus der Geschichte des Verkehrs.
-Prag, Dominicus, 1880. -- +Stürmer+, Geschichte der Eisenbahnen.
-Bromberg, Mittler, 1872. -- +Schweiger-Lerchenfeld+, Das eiserne
-Jahrhundert. Wien, Hartleben, 1883. -- +Deutsche Verkehrszeitung+,
-1883, S. 146-147. -- +Weber-Koch+, Schule des Eisenbahnwesens. 4. Aufl.
-Leipzig, J. Weber, 1885. -- +Hutzelmann+, Deutschlands erste Eisenbahn.
-Nürnb., Kühl, 1885. -- +Marggraff+, Die Vorfahren der Eisenbahnen und
-Dampfwagen. Berlin, Habel, 1884.
-
-[116] Litteratur: +Haushofer+, Eisenbahngeographie. Stuttgart,
-Julius Maier, 1875. -- +Paulitschke+, Leitfaden der geographischen
-Verkehrslehre. Breslau, Hirt, 1881, u. a.
-
-[117] Litteratur: +Schweiger-Lerchenfeld+, Das eiserne Jahrhundert.
-Wien, Hartleben, 1884. -- +~Baclé~+, ~Les voies ferrées~. ~Paris~,
-~Masson~, 1882. -- ~+Helène+~, ~Les nouvelles routes du globe~.
-~Paris~, ~Masson~, 1882. -- +Kreuter+, „Über Eisenbahnen im Gebirge“,
-in der Zeitschrift des deutschen und österreichischen Alpenvereins,
-1884, S. 228 ff. -- +Europäische Wanderbilder+. Zürich, Orell, Füßli
-& Co. Nr. 30, 31, 32, 36, 62, 63, 64, 71, 72, 111, 112, 113. --
-+Berlepsch+, Die Gotthardbahn. Gotha, Justus Perthes.
-
-[118] Der Berg +Glion+ wird häufig als der Waadtländer Rigi bezeichnet.
-
-[119] Diese Bahn geht schon ihrer Vollendung entgegen.
-
-[120] Vgl. hierzu: +Katscher+, Eine Eisenbahn unter dem Meere, in „Vom
-Fels zum Meer“, Stuttgart, Spemann, 1882/83, 1. Bd., S. 511 ff. --
-~+Helène+, Les nouvelles routes du globe~. ~Paris, Masson, 1882.~ --
-+Schweiger-Lerchenfeld+ a. a. O.
-
-[121] Litteratur: +Hochstetter+, Asien und seine Zukunftsbahnen.
-Wien, Hölder, 1876. -- +Dehn+, Deutschland und Orient in ihren
-wirtschaftspolitischen Beziehungen. 2 Bde. München, Franz, 1884. --
-~+Elisée Reclus+, Nouvelle géographie universelle. T. VI et IX. Paris,
-Hachette & Co.~ -- +Schweiger-Lerchenfeld+ a. a. O.
-
-[122] Eben geht durch die Zeitungen die Nachricht, ein amerikanisches
-Konsortium hätte um die Konzession zur Erbauung der transsibirischen
-Eisenbahn nachgesucht.
-
-[123] Litteratur: +Kupka+, Die Verkehrsmittel in den Vereinigten
-Staaten von Amerika. Leipzig, Duncker und Humblot, 1882. -- +Leyen+,
-Die nordamerikanischen Bahnen in ihren wirtschaftlichen und politischen
-Beziehungen. Leipzig, Veit & Komp., 1885. -- +Geographisches Handbuch+
-zu +Andrees+ Handatlas. Leipzig, Velhagen und Klasing, 1881. --
-+Ratzel+, Amerika. 2 Bde. München, Oldenbourg, 1880. -- +Egli+, Neue
-Handelsgeographie. Leipzig, Brandstetter, 1883. -- Außerdem das Archiv
-für Post und Telegraphie.
-
-[124] Vgl. hierzu +Robert Schlagintweit+, Die pacifischen Bahnen in
-Nordamerika. Ergänzungsheft Nr. 82 zu +Petermanns+ Mitteilungen. Gotha,
-Perthes, 1886.
-
-[125] Vgl. besonders „+Allgemeine Zeitung+“, 1884, Nr. 31 u. 32. -- H.
-W. +Vogel+, Die Nordpacificbahn, in „Unsere Zeit“, 1884. -- +Scobel+,
-Die Pacificbahnen, in „Ausland“, 1884. -- +Mohr+, Ein Streifzug
-durch den Nordwesten Amerikas. Berlin, 1884. -- +Mohr+, Mit einem
-Retourbillete nach dem Stillen Ocean. Stuttgart, Spemann, 1884.
-
-[126] Präsident der Bahngesellschaft war damals +Henri Villard+, ein
-geborener Rheinpfälzer (sein früherer Name ist +Hilgard+).
-
-[127] +Schlagintweit+, Die Atchison-Topeca- und Santa-Fe-Bahn. Köln,
-Mayer, 1884.
-
-[128] Vgl. +Oberländer+, Von Ocean zu Ocean. Leipzig, Spamer, 1885.
--- +Schlagintweit+, Die Eisenbahn zwischen den Städten New-York und
-Mejico. Weimar, Geographisches Institut.
-
-[129] Ein ähnliches Unternehmen ist die bereits ihrer Vollendung
-sich nähernde +Schiffs-Eisenbahn+ über den +Isthmus von Chignecto+.
-Die bezeichnete 27 km breite Landenge verbindet Neu-Braunschweig mit
-der Halbinsel Neu-Schottland; sie wird im Süden von der Fundy-Bai,
-im Norden von der einen Teil des St.-Lorenz-Golfs bildenden
-Northumberlandstraße begrenzt.
-
-Nach Fertigstellung der Schiffs-Eisenbahn über den Isthmus werden die
-zwischen dem St.-Lorenz-Golf und der Fundy-Bai verkehrenden Seeschiffe
-nicht mehr genötigt sein, zwischen Neu-Fundland und Cap Breton Island
-hindurch und demnächst um die letztere Insel und die Halbinsel
-Neu-Schottland herumzufahren, da sich ihnen alsdann der weit kürzere
-Weg: St.-Lorenz-Golf-Northumberlandstraße-Chignectobahn-Fundy-Bai
-bietet. Abgesehen von der dadurch zu erzielenden erheblichen Abkürzung
-der Entfernungen zwischen den am St.-Lorenz-Golf gelegenen kanadischen
-Handelsplätzen und den bedeutenden Hafenorten im Nordosten der
-Vereinigten Staaten, fällt als ein wesentlicher Vorteil der neuen
-Verbindung besonders ins Gewicht, daß durch dieselbe die Gefahren,
-welche auf der bisherigen Verkehrsstraße zwischen dem St.-Lorenz-Golf
-und der Fundy-Bai der Schiffahrt drohen, teils abgeschwächt, teils
-beseitigt werden. Diese Gefahren bestehen einerseits in den Eismassen,
-welche zur Winterszeit den St.-Lorenz-Golf anfüllen und in den
-Monaten März, April und Mai aus dem nördlichen Teile des Golfs in
-den Atlantischen Ocean getrieben werden, sowie in den ungeheuren
-Eisfeldern, welche während dieser Monate von den nördlichen Küsten
-des amerikanischen Festlandes nach Süden treiben und das Meer bei
-Neu-Fundland in großer Ausdehnung bedecken, andererseits in den dichten
-Nebeln, welche unter dem Einflusse des Golfstroms an der Ostküste von
-Neu-Fundland gelagert sind.
-
-Der Betrieb der kanadischen Schiffs-Eisenbahn wird in der Weise
-stattfinden, daß die Schiffe vermöge hydraulischen Drucks aus dem
-Wasser heraus und auf Wagengestelle gehoben und letztere mittels großer
-Lokomotiven auf einer Geleisanlage über den Isthmus befördert werden.
-
-[130] Litteratur: „+Vom Fels zum Meer+“, Stuttgart, Spemann (April
-bis September 1882). -- ~+Helène+~, ~Les nouvelles routes du globe~.
-~Paris~, ~Masson~, 1882. -- +Deutsche Revue+, Septemberheft 1885.
-
-[131] +Archiv für Eisenbahnwesen+, 1885.
-
-[132] Litteratur: +Jung+, Australien. 4 Teile. Leipzig, Tempsky,
-1883/84.
-
-[133] Spinifex, eine steife, stachlichte Grasart.
-
-[134] +Allgemeine Zeitung.+ Beilage vom 9. Sept. 1883.
-
-[135] Litteratur: ~+Baclé+, Les voies ferrées. Paris, Masson, 1882.~ --
-+Jungwinkel+, Die unterirdischen Stadt-Eisenbahnen in London, im Archiv
-für Eisenbahnwesen, 4. Jahrg., 1881. -- +Schweiger-Lerchenfeld+ a. a. O.
-
-[136] ~+Baclé+ l. c. p. 298.~
-
-[137] Litteratur: +v. d. Leyen+, Die New-Yorker Hochbahnen, im „Archiv
-für Eisenbahnwesen“. -- +Oberländer+, Von Ocean zu Ocean. Leipzig,
-Spamer, 1885, S. 32.
-
-[138] Litteratur: +Illustrierte Zeitung+, 1882, S. 145. 343. 369. --
-+Westermanns+ Illustrierte deutsche Monatshefte, 52. Bd., S. 368 ff. --
-+Bode+, Die Berliner Stadt-Eisenbahn. Wien, Lehmann und Wentzel, 1881.
--- +Meyers+ Konversationslexikon, 3. Aufl., 19. Bd.
-
-[139] Vgl. hierzu +van Muyden+, Die elektrische Eisenbahn, in
-+Westermanns+ Monatsheften, 28. Jahrg. -- ~+Baclé+ l. c.~ --
-Konversationslexikon von +Brockhaus+, 13. Aufl.
-
-[140] Die bezüglichen Angaben entstammen dem „Arch. f. Eisenbahnw.“,
-Jahrg. 1886.
-
-[141] Archiv für Eisenbahnwesen, 1886.
-
-[142] Diese und alle folgenden statistischen Angaben sind, soweit nicht
-anders angegeben, teils +Neumann-Spallart+ a. a. O., teils ~+Mulhall+
-l. c.~ entnommen.
-
-[143] Die Kosten einer Lokomotive belaufen sich auf circa 40000 M.,
-jene eines Personenwagens auf 4000 bis 8000 M. Das Betriebsmaterial
-aller Bahnen der Erde repräsentiert einen Wert von 7200 Mill. M.
-
-[144] Anlagekapital für alle am Schlusse des Jahres 1884 im Betrieb
-gewesenen Eisenbahnen der Erde über 100 Milliarden Mark. (Archiv für
-Eisenbahnwesen, 3. Heft, 1886.)
-
-[145] Koch, Webers Schule des Eisenbahnwesens. 4. Aufl. Leipzig, Weber,
-1885.
-
-[146] Nach einer Juni-Nummer der +Weserzeitung+ vom Jahr 1882.
-
-[147] +Reichs-Kursbuch.+ Berlin, Springer, September 1886.
-
-[148] Das Folgende nach „+Das neue Universum+“, 1885 (Stuttgart,
-Spemann), S. 69-73.
-
-[149] 4. Aufl., 1885, Leipzig, J. Weber.
-
-[150] Litteratur: +Weber+, „Die Geographie des Eisenbahnwesens“ und
-„Die Physiognomieen der Eisenbahnsysteme bei den Hauptkulturvölkern“,
-in +Webers+ „Vom rollenden Flügelrade“. Berlin, Hofmann & Komp., 1882.
-
-[151] Der folgende Abschnitt ist größtenteils dem 11. Jahrgang (1883)
-des +Archivs für Post und Telegraphie+ entnommen. Als Quellen haben
-bei Bearbeitung desselben gedient: +Schlagintweit+, Die amerikanischen
-Eisenbahn-Einrichtungen. Köln, Mayer, 1882. -- +Hesse-Wartegg+,
-Nordamerika. Leipzig, Weigel, 1880. -- +Bartels+, Betriebseinrichtungen
-auf amerikanischen Eisenbahnen. Berlin, 1879.
-
-[152] Der Name ~cow-catcher~ (Kuhfänger) rührt daher, daß nicht selten
-Viehherden, vornehmlich Büffelherden, von dem Geleise beseitigt werden
-müssen.
-
-[153] Neuerdings werden dieselben auf vielen Bahnen festgeschraubt.
-
-[154] Die vielfach gehörte Behauptung, die amerikanischen Eisenbahnen
-führten nur Wagen +einer+ Klasse, ist heute nicht mehr zutreffend. Bei
-den meisten Zügen giebt es eine erste und zweite Klasse, bei vielen
-sogar eine dritte (vgl. +Leyen+, Die nordamerikanischen Bahnen in ihren
-wirtschaftlichen und politischen Beziehungen. Leipzig, Veit & Komp.,
-1885).
-
-[155] Anders urteilt über die Schaffner der vielgereiste +Semler+; nach
-ihm sind 75% der Schaffner Grobiane und Flegel (+Semler+, Das Reisen in
-und nach Nordamerika und den Tropenländern. Wismar, Hinstorff, 1884).
-
-[156] Vgl. hierzu +Oberländer+, Von Ocean zu Ocean. Leipzig, Spamer,
-1885.
-
-[157] Nach +Tylor+, Einleitung in das Studium der Anthropologie und
-Civilisation, übersetzt von +Siebert+. Braunschweig, Vieweg u. Sohn,
-1883.
-
-[158] griechisch ~skaptein~ = graben, aushöhlen.
-
-[159] Vgl. +Peschel+, Völkerkunde. Leipzig, Duncker und Humblot, 1874,
-S. 202 bis 216.
-
-[160] Litteratur: +Henk+ und +Niethe+, Zur See. Berlin, Hofmann &
-Komp., 1886. -- +Engelmann+, +Schück+ und +Zöllner+, Der Weltverkehr
-und seine Mittel. 3. Aufl. Leipzig, Spamer, 1880. -- +Zeitschrift für
-die gebildete Welt+. Bd. 3. Braunschweig, Vieweg u. Sohn. -- +Buch der
-Erfindungen+. 8. Aufl. Leipzig, Spamer. -- +Schweiger-Lerchenfeld+,
-Von Ocean zu Ocean. Wien, Hartleben, 1885. -- ~+Renard+, L’art
-naval. 4^e éd. Paris, Hachette & Co., 1881.~ -- ~+Lindsay+, History
-of the Merchant Shipping. London, 1874.~ -- +Gelcich+, Studien zur
-Entwicklungsgeschichte der Schiffahrt. Laibach, Kleinmayer, 1882. --
-+Breusing+, Die Nautik der Alten. Bremen, Schünemann, 1886.
-
-[161] Das gebräuchlichste Maß zur Bestimmung der Größe eines
-Schiffes ist die (von der Gewichtstonne [1000 kg] wohl zu
-unterscheidende) +Registertonne+, d. i. 2,8 cbm Raumgehalt. Bei
-+Handels+schiffen unterscheidet man in dieser Beziehung +Brutto-+ und
-+Netto+tonnengehalt. Unter ersterem versteht man den Raumgehalt +aller+
-geschlossenen Schiffsräume, gleichviel, ob sie zur Aufnahme von Ladung
-oder als Mannschaftswohnung oder als Maschinen- und Kohlenräume dienen.
-Der +Netto+tonnengehalt ist der Raumgehalt eines Schiffes abzüglich des
-von den Maschinen und den Kohlenbunkern eingenommenen Raumes. -- Die
-einfache Bezeichnung „Registertonnengehalt“ wird stets im Sinne von
-„Nettotonnengehalt“ gebraucht.
-
-[162] Litteratur: +Thurston+, Die Dampfmaschine. 2 Teile. Leipzig,
-Brockhaus, 1880. -- +Henk+ und +Nielhe+, Zur See. Berlin, Hofmann &
-Komp., 1886. -- +Deutsche Rundschau+. Berlin, Paetel. -- +Engelmann+,
-+Schück+ und +Zöllner+, Der Weltverkehr und seine Mittel. 3. Aufl.
-Leipzig, Spamer, 1880. -- +Buch der Erfindungen+. 8. Aufl. Leipzig,
-Spamer. -- +Zeitschrift für die gebildete Welt+. Bd. 3. Braunschweig,
-Vieweg und Sohn.
-
-[163] Litteratur: +Boguslawski+, Handbuch der Oceanographie. 1. Bd.
-Stuttgart, Engelhorn, 1884. -- +Attlmayr, Köttstorfer etc+., Handbuch
-der Oceanographie und maritimen Meteorologie. 2 Bde. Wien, Hof-
-und Staatsdruckerei, 1883. -- +Hann+, +Hochstetter+ und +Pokorny+,
-Allgemeine Erdkunde. Prag, Tempsky, 1885. +Supan+, Grundzüge der
-physischen Erdkunde. Leipzig, Veit & Komp., 1884. -- +Krümmel+, Der
-Ocean. Prag, Tempsky, 1886.
-
-[164] Vom griech. ~isos~, gleich, und ~hora~, die Zeit, Stunde.
-
-[165] Litteratur: +Hann+, +Hochstetter+ und +Pokorny a.a.O.+ -- +Supan
-a.a.O.+ -- +Lommel+, Wind und Wetter. München, Oldenbourg, 1880. --
-+Mohn+, Grundzüge der Meteorologie. 3. Aufl. Berlin, Reimer, 1883. --
-+Klein+, Allgemeine Witterungskunde. Leipzig, Freytag, 1882. -- +Hann+,
-Handbuch der Klimatologie. Stuttgart, Engelhorn, 1883. -- +Klein+ und
-+Thomé+, Die Erde und ihr organisches Leben. Stuttgart, Spemann, 1880.
--- +Reis+, Lehrbuch der Physik. 6. Aufl. Leipzig, Quandt und Händel,
-1886.
-
-[166] Litteratur: +Zeitschrift für die gebildete Welt+. Bd. 3.
-Braunschweig, Vieweg und Sohn, S. 74-83. -- +Gelcich+, Studien zur
-Entwicklungsgeschichte der Schiffahrt. Laibach, Kleinmayer, 1882. --
-+Schweiger-Lerchenfeld+, Von Ocean zu Ocean. Wien, Hartleben, 1885. --
-+Buch der Erfindungen+. 8. Aufl., Leipzig, Spamer. -- +Koldewey+, Die
-Bedeutung des Kompasses im Weltverkehr, in „Verhandlungen des fünften
-deutschen Geographentages“. Berlin, Reimer, 1885. -- +v. Henk+ und
-+Niethe+, Zur See. Berlin, Hofmann.& Komp., 1886.
-
-[167] vom griech. ~isos~ = gleich, und ~gonia~ = der Winkel.
-
-[168] von ~isos~ und ~klinein~ = neigen.
-
-[169] Vgl. +Zeitschrift für die gebildete Welt+. Bd. 3.
-
-[170] Das Folgende nach dem Archiv für Post und Telegraphie, 1885,
-Nr. 4: Der Wetterbeobachtungsdienst und das Sturmwarnungswesen in
-Deutschland.
-
-[171] Zur +Geschichte des Sturmwarnungswesens+ sei folgendes
-bemerkt: Der erste, welcher auf den Gedanken kam, den Seefahrern
-durch zweckmäßig eingerichtete +Warnungssignale+ Kenntnis von einem
-herannahenden Sturme zu geben, war der englische Admiral +Fitzroy+.
-Seine Vorschläge wurden sofort angenommen und die praktische
-Durchführung ihm selbst überlassen. Und in der That, der Erfolg war
-ein überraschender. Die Warnungssignale waren kaum in Anwendung
-gekommen, als die Zahl der Schiffbrüche erheblich zurückging. Im Munde
-des englischen Volkes wurde das „~God bless the old Admiral Fitzroy~“
-zu einem allgemeinen Sprichworte. Und wenn die rauhen Fischer und
-Küstenfahrer scherzweise ausriefen: „Hol’ der Teufel den verdammten
-Fitzroy! Der Kerl braucht nur seine große Trommel auszuhängen, um
-uns das böse Wetter auf den Hals zu schicken“, so liegt darin ein
-ganz ausgezeichnetes Lob für die wahrhaft praktische Bedeutung des
-Gegenstandes selber.
-
-[172] +van Bebber+, Handbuch der ausübenden Witterungskunde. 1. Teil.
-Stuttgart, Enke, 1885, S. 328.
-
-[173] Das Dienstgebäude der deutschen Seewarte wurde am 14. September
-1881, dem Geburtstage Alexanders von Humboldt, durch den deutschen
-Kaiser, welchen Hamburg an diesem Tage in seinen Mauern begrüßte,
-feierlich eingeweiht.
-
-[174] +v. Freeden+, Sechstage-Dampfer zwischen dem Kanal und New-York,
-in „Deutsche Revue“, 1885, Oktoberheft, S. 99-110.
-
-[175] 1 Knoten = 1 Seemeile = 1,85 km.
-
-[176] +Deutsche Verkehrszeitung+, Nr. 31, 1886.
-
-[177] +Deutsche Verkehrszeitung+, Nr. 30, 1886.
-
-[178] Die folgenden Angaben nach dem „~Universal Register~“ von
-~Lloyd’s Register of British and Foreign Shipping~. London, 1886.
-
-[179] Vorerst dient das Schiff noch als schwimmender Cirkus.
-
-[180] Das Folgende nach der von der Gesellschaft gegebenen Beschreibung
-des Dampfers.
-
-[181] Weserzeitung vom 28. Mai 1886.
-
-[182] Litteratur: +~Hélène l. c.~+ -- +Stephan+, Der Suezkanal
-und seine Eröffnung, in „Unsere Zeit“. Neue Folge, 6. Jahrg.
-Leipzig, Brockhaus. -- +Dehn+, Deutschland und Orient in ihren
-wirtschaftspolitischen Beziehungen. München, Franz, 1884. --
-+Gothaischer genealogischer Hofkalender.+ Gotha, Perthes, 1885 u. 1886.
--- +Archiv für Post und Telegraphie+, 1883. -- +Export+, Jahrg. 1885.
--- Centralblatt der Bauverwaltung vom 25. Mai 1885.
-
-[183] Die Schrift selbst war eine Frucht der Napoleonischen Expedition
-nach Ägypten.
-
-[184] Die Anschlagssumme für diesen Kanalbau beträgt 203 Mill. Frcs.
-
-[185] 1883 und 1884 betrug der bezügliche Anteil Englands nur mehr 76%.
-
-[186] Es passierten den Suezkanal +deutsche Schiffe+:
-
- Jahr. Zahl der Schiffe. | Jahr. Zahl der Schiffe.
- 1881 45 | 1883 123
- 1882 109 | 1884 130
-
-[187] Die Suezkanal-Aktien zum Nennwerth von 500 Frcs. stehen selten
-unter 2000, meist über 2100.
-
-[188] Die Gesamtzahl der Kanalaktien beträgt 396526 (~+Keltie+, The
-Statesman’s Year-Book for the year 1886, p. 722. London, Macmillan &
-Co.~).
-
-[189] Vgl. +Gaebler+, Der centralamerikanische Bosporus zwischen
-Colon und Panama. Leipzig, Fues, 1884. -- +Zehden a. a. O.+, und
-besonders +Pescheks+ Vortrag über den Panamakanal im „Centralbl. der
-Bauverwaltung“ vom 18. Aug. 1886; auch die Zeitschrift „Ausland“ und
-das „Archiv für Post- und Telegraphie“.
-
-[190] Am 1. Januar 1886 befanden sich auf der Landenge unter anderem:
-40 Bagger, 159 Baggerschiffe, 171 Lokomotiven, entsprechend viele
-Erdkippwagen von 2, 4 und 6 cbm Inhalt, 29 Dampfschiffe, 468 Pumpen,
-116 Trockenbagger verschiedener Art, 131 Lokomobilen und 489 km
-Bahngeleise.
-
-[191] Die Ansichten über die Kosten, die Zeit der Fertigstellung und
-die Rente des Kanals gehen freilich noch sehr auseinander.
-
-[192] +Allgemeine Zeitung+, 1884. -- ~+Hélène+ l. c.~ -- +Jahrbuch für
-Naturwissenschaften.+ 1. Jahrg. Freiburg, Herder, 1886.
-
-[193] Vgl. +Centralblatt der Bauverwaltung+ vom 16. Juni 1886,
-die Zeitschrift „+Daheim+“, 1886, Nr. 18, und +Beseke+, Der
-Nordostsee-Kanal, in Petermanns Mitteilungen, Oktoberheft 1886.
-
-[194] Vgl. +Deckert+, Kolonialreiche und Kolonisationsobiekte der
-Gegenwart. Leipzig, Frohberg, 1884.
-
-[195] Vgl. +Ausland+, 1885, Nr. 7 und 8. -- +Centralblatt der
-Bau-Verwaltung+, 1885, Nr. 8 und 10.
-
-[196] = entladen.
-
-[197] Das Folgende nach +Fitger+, Die Seehäfen Englands. Berlin,
-Simion, 1885.
-
-[198] +Roscher+, Nationalökonomik des Handels und Gewerbfleißes.
-Stuttgart, Cotta, 1882, S. 446.
-
-[199] Litteratur: +K. Andree+, Geographie des Welthandels. Bd. 1.
-Stuttgart, Julius Maier, 1867. -- +Schweiger-Lerchenfeld+, Von Ocean zu
-Ocean. Wien, Hartleben, 1885. -- +Lommel+ a. a. O. -- +Guthe-Wagner+,
-Lehrbuch der Geographie. 5. Aufl. Hannover, Hahn, 1882.
-
-[200] Näheres im elften Kapitel, „Statistisches“.
-
-[201] Der Name „+Vitalienbrüder+“ rührt daher, daß diese Seeräuber
-in dem Kampfe der Hansestädte Rostock und Wismar gegen Margarete,
-die Königin von Norwegen und Dänemark, sich verpflichteten, die im
-Besitze der Deutschen befindliche Stadt Stockholm mit Lebensmitteln,
-+Viktualien+, zu versehen. -- +Likendeeler+ = Gleichteiler, weil
-die Beute +to liken deelen+, zu gleichen Teilen der Bemannung eines
-Schiffes oder den Genossen einer Rotte zu gute kam.
-
-[202] +Zur See+, S. 240.
-
-[203] Litteratur: +Zeitschrift für die gebildete Welt+. Bd. 1.
-Braunschweig, Vieweg und Sohn. -- +Andree+, K., a. a. O. -- „+Vom Fels
-zum Meer.+“ Stuttgart, Spemann. -- +Deutsche Verkehrszeitung+, 1886. --
-+v. Henk+ und +Niethe+, Zur See.
-
-[204] Kosten des Rotesand-Leuchtturms: 868000 Mark.
-
-[205] Die Steuerbordseite des Schiffes ist die rechte Seite desselben,
-wenn man auf dem Hinterdeck steht und nach vorne sieht.
-
-[206] Die Backbordseite ist die linke Seite des Schiffes, vom
-Hinterdeck nach vorn gesehen.
-
-[207] Die in Hamburg 1885 abgeschlossenen Seeversicherungen betrugen im
-ganzen 1633 Mill. M. (Allgemeine Zeitung, 1886, Nr. 230, 2. Beilage).
-
-[208] Die folgenden Angaben über Klassifikationsgesellschaften
-entstammen alle dem von +Lloyd’s Register+ herausgegebenen +Universal
-Register+ (~Statistical Tables, Nr.~ 9 u. 10), ~London.~ 1886.
-
-[209] Die Gesellschaft ist jetzt mit Lloyd’s Register vereinigt.
-
-[210] Litteratur: +Kleemann+, Die Rettung der Gestrandeten,
-in „Vom Fels zum Meer“, Augustheft 1885, S. 477-488. --
-+Schweiger-Lerchenfeld+, Das eiserne Jahrhundert. S. 538-546. --
-+Dorenwell+ und +Hummel+, Charakterbilder aus deutschen Gauen, Städten
-und Stätten. Hannover, Norddeutsche Verlagsanstalt, 1885, S. 252-247.
--- v. +Henk+ und +Niethe+, Zur See.
-
-[211] +Zur See.+ S. 224.
-
-[212] Der Name „+Lloyd+“ stammt von einem gewissen +Edward Lloyd+
-in London; derselbe besaß daselbst gegen Ende des 17. Jahrhunderts
-ein Kaffeehaus, das der Sammelpunkt all jener war, die mit dem
-Schiffs- und Seewesen zu thun hatten. Aus diesen Zusammenkünften in
-Lloyds Kaffeehaus entstand zunächst die Gesellschaft „+Lloyd’s+“ in
-London, ein Institut zur Wahrnehmung der gemeinsamen Interessen der
-Seeversicherer und Assekuranzmakler; dasselbe besteht noch heute und
-ist unter allen ähnlichen Instituten das großartigste der Welt. Wer in
-Lloyd’s Räumen sich befindet, hat zu jeder Zeit die letzten Nachrichten
-über Schiffahrt und Handel, über Wind und Wetter vor Augen; er hört
-das Brausen des Sturmes, der den Indischen Ocean aufwühlt, und sieht
-den Eisberg, der an der Küste von Canada ein Dampfschiff gefährdet.
-Zwei große Folianten enthalten, der eine die Nachrichten über jedes in
-einem beliebigen Hafen der Welt eingelaufene Schiff, der andere über
-Unglücksfälle zur See. Nach einem Sturme drängen sich große Haufen
-Menschen um diese beiden wichtigen Bücher, deren Inhalt an jedem Abend
-als ~Lloyd’s list~ gedruckt ausgegeben wird. -- Die Listen von Lloyd’s
-werden nach den amtlichen Berichten der Agenten zusammengestellt
-und sind für alle Häfen der Erde maßgebend. Andere für Schiffs- und
-Seewesen bedeutende Publikationen von Lloyd’s sind noch: ~Lloyd’s
-Weekly Index of the Movement of Shipping~, ~Voyage Table of Steamers~
-und ganz besonders ~Hozier’s General Report for 1884~. -- Nach dem
-Vorbilde von Lloyd’s haben sich auch auf dem Kontinente ähnliche
-Gesellschaften gebildet, so der Österreichisch-Ungarische Lloyd etc.
-
-[213] Das Folgende nach „Der Norddeutsche Lloyd von 1857-1882“ von
-M. +Lindemann+ (Festschrift) und nach dem Rechenschaftsberichte der
-Gesellschaft vom 28. April 1886; vgl. auch +Deutsche Verkehrszeitung+,
-Nr. 39, 1886.
-
-[214] Wie enorm der Kohlenverbrauch der Dampfer ist, ergiebt folgendes
-Beispiel: Die 24 Feuerungen des Dampfers „Elbe“ vom Norddeutschen
-Lloyd mit 4510 Brutto-Tonnen verzehren im täglichen Durchschnitt
-105000 kg Kohlen. Eingenommen werden für jede Reise über den Ocean
-1500 t oder 1500000 kg, das ist ein Quantum, das der Ladung von sechs
-Eisenbahnzügen mit je 25 Doppelwaggons entspricht (+Zetzsch+, Die
-Ocean-Dampfschiffahrt und die Postdampferlinien nach überseeischen
-Ländern. S. 43. Weimar, Geographisches Institut, 1886).
-
-[215] Schon ein einzelner Dampfer hat übrigens für eine überseeische
-Fahrt sehr bedeutende Quantitäten von Nahrungsmitteln nötig. Nach einer
-Zeitungsnotiz nimmt z. B. der neue französische Dampfer „Gascogne“ für
-jede Amerikafahrt hin und zurück u. a. ein: 6000 Flaschen Tischweine,
-3000 Flaschen feine Weine, 5000 Flaschen Bier, 5000 Flaschen Cognac,
-40 Fässer Wein für die Mannschaft, 4000 kg verschiedene Gemüse, 15000
-Eier, 500 Hühner, 50 Gänse, 20000 kg Eis, 300 Laib Käse, 500 kg Kaffee,
-500 kg Obst, 50000 kg Fleisch, 100 Fässer Mehl, 400 kg Fische u. s. w.
-
-[216] Vgl. hiezu +Oberländer+, Von Ocean zu Ocean. S. 15-16.
-Leipzig, Spamer, 1884, und „Hamburgs Handel und Verkehr“. Verlag der
-Aktiengesellschaft „Neue Börsenhalle“. Hamburg, 1886.
-
-[217] ~Universal Register~, herausgegeben von ~Lloyd’s Register of
-British and Foreign Shipping~. ~London~, 1886.
-
-[218] Vgl. den Rechenschaftsbericht der Gesellschaft für 1885.
-
-[219] Die folgenden Zahlenangaben sind genommen aus „Hamburgs Handel
-und Verkehr“. Verlag der Aktiengesellschaft „Neue Börsenhalle“,
-Hamburg, 1886, S. 21 ff.; nur die Angabe über den Norddeutschen Lloyd
-stammt aus dem Jahresbericht der Gesellschaft vom 28. April 1886.
-
-[220] Vgl. hierzu namentlich die Mitteilungen aus dem
-Rechenschaftsbericht der Gesellschaft für 1885 in der Zeitschrift
-„Export“, 8. Jahrg., 1886, Nr. 9 u. 12.
-
-[221] ~Universal Register for 1886.~
-
-[222] +Deutsche Verkehrszeitung+, 1886, Nr. 30. Die Angabe gründet sich
-auf den Jahresbericht der Gesellschaft für 1885.
-
-[223] ~Universal Register for 1886.~
-
-[224] Vgl. hierzu die von dem Österreichisch-Ungarischen Lloyd
-aus Anlaß des 50jährigen Jahrestages seiner Gründung (1886)
-veröffentlichte Festschrift „Die Dampfschiffahrts-Gesellschaft des
-Österreichisch-Ungarischen Lloyd von ihrem Entstehen bis auf unsere
-Tage (1836-1886)“, und den Jahresbericht der Gesellschaft für 1885 vom
-12. Mai 1886.
-
-[225] ~Universal Register for 1886.~
-
-[226] Vgl. ~Relazioni sul rendiconto e bilancio dell’ esercizio
-1883-1884 e deliberazioni dell’ assemblea~. ~Roma 1884.~
-
-[227] ~Universal Register for 1886.~
-
-[228] Vgl. hiezu +Zetzsch+ a. a. O. S. 33 u. 34.
-
-[229] Sämtliche diesbezügliche Angaben entstammen teils dem ~Universal
-Register for 1886~, teils den Jahresberichten der Gesellschaften für
-1885. Die Angaben über die „Aller“ des Norddeutschen Lloyd sind der
-Weserzeitung vom 19. April 1886 (Mittags-Ausgabe), die Angaben über den
-„Poseidon“ des Österr.-Ungar. Lloyd der erwähnten Festschrift entnommen.
-
-[230] Den „Poseidon“ wird der noch immer im Bau befindliche „Imperator“
-übertreffen.
-
-[231] Ohne die drei oben genannten Dampfer (S. 426).
-
-[232] Noch größer ist die „Gascogne“.
-
-[233] Siehe übrigens S. 421 unten und 422 oben.
-
-[234] +Zetzsch+ a. a. O. S. 49.
-
-[235] Die Zahlenangaben über die deutschen Gesellschaften sind der
-Schrift „Hamburgs Handel und Verkehr“ (Hamburg, Neue Börsenhalle,
-1886), jene über die ausländischen Gesellschaften deren betreffenden
-Rechenschaftsberichten entnommen.
-
-[236] Dieses Kapitel ist samt den Kärtchen bearbeitet auf Grund
-des Reichs-Kursbuches vom 1. Juni 1886 und der Übersichtskarte der
-überseeischen Postdampfschiffslinien im Weltpostverkehr nach dem
-Stande vom 1. Juli 1886 (bearbeitet im Kursbureau des Deutschen
-Reichs-Postamts).
-
-[237] +Semler+, Das Reisen in und nach Nordamerika und den
-Tropenländern. Wismar, Hinstorf, 1884.
-
-[238] v. +Henk+ und +Niethe+, Zur See.
-
-[239] Vgl. hierzu +Zetzsch+, Die Ocean-Dampfschiffahrt und die
-Postdampferlinien nach überseeischen Ländern (Weimar, Geogr.
-Institut, 1885), und die „Übersichtskarte der überseeischen
-Postdampfschiffslinien im Weltpostverkehr“. Nach dem Stande vom 1. Juli
-1886. Bearbeitet im Kursbureau des deutschen Reichspostamts.
-
-[240] Es ist eine Erhöhung dieser Summe auf 6,3 Mill. M. in Aussicht
-genommen.
-
-[241] Nach +Zetzsch+ a. a. O.
-
-[242] +Veredarius+ a. a. O. S. 361-364 und +Deutsche Verkehrszeitung+,
-1885, S. 79.
-
-[243] Nach ~+Mulhall+~, ~Dictionary of Statistics~. ~London, Routledge
-and Sons, 1885, p. 406~.
-
-[244] Der effektive Tonnengehalt (die effektive Tragfähigkeit, die
-berechnete Tragfähigkeit, die Gesamttragfähigkeit) ergiebt sich, wenn
-man den nominellen oder Register-Tonnengehalt der Dampfer mit fünf
-multipliziert und zu diesem Produkte den Tonnengehalt der Segler
-addiert. Die Dampfer besitzen eben durch ihre Schnelligkeit und
-sonstige Vorteile eine fünfmal so große Transportkraft als Segelschiffe
-des gleichen Tonnengehalts.
-
-[245] Nach den Angaben des von ~Lloyd’s Register of British and Foreign
-Shipping~ herausgegebenen ~„Universal Register“ (London, 1886)~.
-Hierbei sind alle Dampf- und Segelschiffe von je 100 t Gehalt und
-darüber in Rechnung gebracht.
-
-[246] Nach dem von ~Lloyd’s Register of British and Foreign Shipping~
-herausgegebenen ~„Universal Register“ (from the 1^{st} of April 1886 to
-the 31^{st} of March 1887), London, printed by William Clowes and Sons,
-1886.~
-
-[247] 1883 baute sie 61113 t; es ist dies der größte Betrag, der
-überhaupt in +einem+ Jahr von einer Firma gebaut wurde (~Lloyd’s
-General Report for 1884, compiled by +Henry Hozie+r and E. +Puttock+.
-London, printed by Spottiswoode & Co, 1885, p. 2~).
-
-[248] +Deutsche Verkehrszeitung+, 1884.
-
-[249] ~+Mulhall+ l. c. p. 410.~
-
-[250] ~+Mulhall+ l. c. p. 411.~
-
-[251] +Deutsche Verkehrszeitung+, 1884.
-
-[252] Im Jahre 1884 ist der englische Schiffsbau gegen 1883 bedeutend
-(um 500000 t) zurückgegangen; so baute die Werfte am Clyde 1884 nur
-299119 t, die Werfte am Tyne nur 124221 t und jene am Wear nur 99597
-t (~Lloyd’s General Report for 1884, compiled by Hozier and Puttock,
-p. 1-2~). 1885 wurden gar nur mehr 449825 t in ganz England gebaut
-(~Universal Register, Statistical Tables, Nr. 6~).
-
-[253] ~Universal Register (Statistical Tables, Nr. 3).~
-
-[254] ~Universal Register (Statistical Tables, Nr. 4).~
-
-[255] ~Universal Register (Statistical Tables, Nr. 5).~
-
-[256] ~Universal Register (Statistical Tables, Nr. 6).~
-
-[257] Hierbei sind die Schiffe von 100 t und darüber gezählt;
-die Zahlen, welche den Tonnengehalt angeben, beruhen auf dem
-Netto-Tonnengehalt der Segler und dem Brutto-Tonnengehalt der Dampfer.
-
-[258] ~Universal Register (Statistical Tables, Nr. 4).~
-
-[259] +v. Scherzer+, Das wirtschaftliche Leben der Völker. Leipzig,
-Alfons Dürr, 1885, S. 698.
-
-[260] ~+Mulhall+ l. c. p. 423.~
-
-[261] ~+Mulhall+ l. c. p. 485.~
-
-[262] +v. Scherzer+ a. a. O. S. 698.
-
-[263] ~+Mulhall+ l. c. p. 486.~
-
-[264] +Deutsche Rundschau+, Märzheft 1886 (+Esebeck+, Das
-Kauffahrteiwesen der Gegenwart, S. 409).
-
-[265] ~Lloyd’s General Report for 1884, p. 18.~
-
-[266] ~Lloyd’s General Report for 1884, p. 18.~
-
-[267] ~+Mulhall+ l. c. p. 486.~
-
-[268] ~+Mulhall+ l. c. p. 401.~
-
-[269] Die Werte in der letzten Spalte sind, da sie dem Tageskurs
-unterliegen, nach ungefährem Durchschnittskurse angegeben.
-
-[270] Reichskursbuch vom 1. Juli 1886.
-
-[271] Von sonstiger hier zur Verwertung gekommener Litteratur
-sei noch erwähnt: ~+Foville+, La transformation des moyens de
-transport et ses conséquences économiques et sociales~. ~Paris~,
-~Guillaumin et Co.~, 1880. -- +Sax+, Die Verkehrsmittel in Volks- und
-Staatswirtschaft. Wien, Hölder, 2 Bde., 1878 u. 1879. -- +Knies+, Die
-Eisenbahnen und ihre Wirkungen. Braunschweig, Schwetschke und Sohn,
-1853. -- +Roscher+, Nationalökonomik des Handels und Gewerbefleißes.
-Stuttgart, Cotta, 1882. -- +Meyer+, „Die Wirkungen der Eisenbahnen“
-in der Sonntagsbeilage der Vossischen Zeitung, 1880. -- +Behm+, Die
-modernen Verkehrsmittel. Gotha, Perthes 1867. -- ~+Baclé+, Les voies
-ferrées. Paris, Masson, 1882.~ -- +Fischer+, Post und Telegraphie im
-Weltverkehr. Berlin, Dümmler, 1879.
-
-[272] Nach der Statistik des internationalen Telegraphenbureaus zu Bern
-vom Jahre 1884.
-
-[273] Deutschland. Siehe die Angaben für die Post S. 163.
-
-[274] Frankreich. Siehe die Angaben für die Post S. 163.
-
-[275] Österreich. Siehe die Angaben für die Post S. 163; auch in die
-für Österreich S. 163 angegebenen Summen ist das finanzielle Ergebnis
-des Telegraphenbetriebs eingerechnet.
-
-[276] Rumänien. Siehe die Angaben für die Post S. 163.
-
-
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