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-The Project Gutenberg EBook of Die Ratten, by Gerhart Hauptmann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Die Ratten
- Berliner Tragikomödie
-
-Author: Gerhart Hauptmann
-
-Release Date: September 1, 2016 [EBook #52952]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RATTEN ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive.
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-
- Die
- Ratten
-
-
- Berliner Tragikomödie
-
- von
- Gerhart Hauptmann
-
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-
-
- S. Fischer / Verlag
- Berlin
- 1911
-
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-
-
- Siebente Auflage.
-
- Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
- Den Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript.
- Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin.
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- Personen:
-
-
- Harro Hassenreuter, ehemaliger Theaterdirektor
- Seine Frau
- Walburga, seine Tochter
- Pastor Spitta
- Erich Spitta, Kandidat der Theologie, sein Sohn
- Alice Rütterbusch, Schauspielerin
- Nathanael Jettel, Hofschauspieler
- Käferstein, Schüler Hassenreuters
- Dr. Kegel, Schüler Hassenreuters
- John, Maurerpolier
- Frau John
- Bruno Mechelke, ihr Bruder
- Pauline Piperkarcka, Dienstmädchen
- Frau Sidonie Knobbe
- Selma, ihre Tochter
- Quaquaro, Hausmeister
- Frau Kielbacke
- Schutzmann Schierke
- Zwei Säuglinge
-
-
-
-
- Erster Akt
-
-
- Im Dachgeschoß einer ehemaligen Kavalleriekaserne zu Berlin. Ein
- fensterloses Zimmer, das sein Licht von einer brennenden Lampe
- erhält, die von der Mitte der Decke über einen runden Tisch
- herunterhängt. In die Hinterwand mündet ein gerader Gang, der den
- Raum mit der Entreetür verbindet: einer eisenbeschlagenen Tür mit
- einer primitiven Schelle, die der Eintritt Begehrende von außen
- durch einen Drahtzug in Bewegung setzt. Eine Tür in der Wand links
- schließt ein Nebengemach ab. An der Wand rechts führt eine Treppe
- auf den Dachboden.
-
- Auf diesem Dachboden, sowie in den sichtbaren Räumlichkeiten, hat
- der _Ex-Theaterdirektor Harro Hassenreuter_ seinen Theaterfundus
- untergebracht.
-
- Man kann, bei dem ungewissen Licht, in Zweifel sein, ob man sich in
- der Rüstkammer eines alten Schlosses, in einem Antiquitätenmagazin
- oder bei einem Maskenverleiher befindet.
-
- Zu beiden Seiten des Ganges sind auf Ständern Helme und
- Brustharnische Pappenheimscher Kürassiere aufgestellt, ebenso in je
- einer Reihe an der rechten und linken Wand des vorderen Raums. Die
- Dachbodentreppe steht zwischen zwei Geharnischten. Die Decke darüber
- schließt die übliche Bodenklappe ab.
-
- Ein Stehpult ist vorn links an die Wand gerückt. Tinte, Federn, alte
- Geschäftsbücher und ein Kontorbock, sowie einige Stühle mit hohen
- Lehnen um den runden Mitteltisch lassen erkennen, daß der Raum zu
- Bureauzwecken dienen muß. Wasserflasche mit Gläsern auf dem Tisch
- und einige Photographien über dem Stehpult. Die Photographien zeigen
- Direktor Hassenreuter als Karl Moor, sowie in verschiedenen anderen
- Rollen.
-
- Einer der Pappenheimschen Kürassiere trägt einen ungeheuren
- Lorbeerkranz um den Nacken gehängt, mit einer Schleife, deren Enden
- in goldenen Lettern die Worte tragen: »Unserem genialen Direktor
- Hassenreuter! Die dankbaren Mitglieder.« Eine Serie mächtiger, roter
- Schleifen trägt nur die Aufschrift: »Dem genialen Karl Moor ... Dem
- unvergleichlichen, unvergeßlichen Karl Moor ... usw. usw.
-
- Der Raum ist nach Möglichkeit zu Magazinzwecken ausgenutzt. Wo
- irgend angängig, hängen an Kleiderhaken deutsche, spanische und
- englische Kostümstücke aus verschiedenen Jahrhunderten. Man sieht
- schwedische Reiterstiefel, spanische Degen und deutsche Flamberge.
-
- Die Tür links hat die Aufschrift: »Bibliothek.«
-
- Das ganze Gemach zeigt eine malerische Unordnung. Alte Scharteken
- und Waffen, Pokale, Becher usw. liegen umher.
-
- Es ist eines Sonntags, Ende Mai.
-
- * * * * *
-
- Frau John, über Mitte der Dreißig hinaus, und das blutjunge
- Dienstmädchen Piperkarcka sitzen am Mitteltisch. Die John, den
- Oberkörper weit über den Tisch gelehnt, redet lebhaft auf das
- Dienstmädchen ein. Die Piperkarcka, dienstmädchenhaft aufgedonnert,
- mit Jackett, Hut und Schirm, sitzt aufrecht. Ihr hübsches, rundes
- Lärvchen ist verweint. Ihre Gestalt zeigt Spuren noch nicht
- vollendeter Mutterschaft. Sie malt mit der Schirmspitze auf der
- Diele.
-
- Frau John
-
-Na ja doch! Freilich! Ick sag't ja, Pauline.
-
- Die Piperkarcka
-
-Nu ja. Ick will nu also Schlachtensee oder Halensee. Muß jehn un muß
-nachsehn, ob ick ihm treffe! --
-
- Sie trocknet ihre Tränen und will sich erheben.
-
- Frau John
- verhindert die Piperkarcka am Aufstehen.
-
-Pauline! Um Jottes Willen, bloß det nich! Det nich, um keenen Preis von
-de Welt. Det macht Skandal, kost Jeld und bringt nischt. Wat woll'n Se
-woll, und wo Se noch in den Zustande sind! dem schlechten Halunken noch
-weiter nachlofen!?
-
- Die Piperkarcka
-
-Denn soll meine Wirtin heute soll warten umsonst verjeblich auf mir. Ick
-spring im Landwehrkanal und versaufe.
-
- Frau John
-
-Pauline! Warum denn? warum denn, Pauline? Jeben Se Obacht, heren Se
-jetzt bloß um Jotteswillen 'n janz'n eenziges ... bloß ma 'n janzen
-kleenen Ochenblick uf mir, und passen Se dadruf uf, wat ick Ihn
-vorstelle! Det wissen Se doch, ick hab et Ihn doch bei de Normaluhr, wo
-ick an Alexanderplatz aus de Marchthalle bin jekomm, jleich anjesehn und
-hab et Ihn uf'n Kopp druf jesacht. Wat hab ick jesacht? Jeld, hab ick
-Ihn uf'n Kopp druf jefragt, jeld, kleenet Aas, er will nischt von
-wissen! -- Det jeht hier vielen, det jeht hier allen, det jeht hier
-vielen Millionen Mächens so! Und denn hab ick jesacht ... wat hab ick
-jesacht? komm, hab ick jesacht, ick will dir helfen.
-
- Die Piperkarcka
-
-Zu Hause darf ick mir nu janz natürlich nich blicken lassen, wie ick
-verändert bin. Mutter schreit doch auf's ersten Blick! Vater haut mir
-Kopf an die Wand und schmeißt mir Straße. Jeld hab ick nu ebenfalls och
-weiter nu weiter keens nich! als wie Stücker zwei Joldstücke, was ick
-mich Jackettfutter einjenäht. Hätte mich, schlechter Mensch nich Mark
-nich Pfennig übrig gelassen.
-
- Frau John
-
-Freilein, mein Mann ist Mauerpolier. Freilein: wenn Se bloß wollten
-Obacht jebn ... jebn Se doch um Jotteswillen Obacht, wat ick Ihn for
-Vorschläge unterbreiten tu. Freilein, denn is doch uns beede jeholfen.
-Ihn is jeholfen und so desselbijen jleichen och mir. Außerden is Pauln,
-wat mein Mann is, jeholfen, wo sterbensjerne een Kindeken will, weil det
-uns doch unser eenziget, unser Adelbertchen, an de Bräune jestorben is.
-Ihr Kind hat et jut wie'n eechnet Kind. Denn kenn Se jehn Ihrem Schatz
-wieder ufsuchen, kenn wieder in'n Dienst, kenn wieder bei Ihre Eltern
-jehn, det Kind hat et jut und keen Mensch uf die janze Welt nich braucht
-wat von wissen.
-
- Die Piperkarcka
-
-I jrade! Ick stürze mir Landwehrkanal! -- (sie steht auf.) -- Ick
-schreibe Zettel, ick lasse Zettel in mein Jackett zurück: du hast mit
-deine verfluchte Schlechtigkeit deine Pauline im Wasser jetrieben! dann
-setze vollen Namen Alois Theophil Brunner, Instrumentenmacher zu. Denn
-soll er sehn, wie er mit sein Mord auf Jewissen man meinswegen fertig
-wird.
-
- Frau John
-
-Warten Se, Freilein, ick muß erst ufschließen.
-
- Frau John stellt sich, als wolle sie die Piperkarcka
- hinausbegleiten.
-
- Noch bevor beide Frauen den Gang erreichen, tritt Bruno Mechelke
- langsam forschend aus der Tür links und bleibt stehen. Bruno
- Mechelke ist eher klein, als groß, hat einen kurzen Stiernacken und
- athletische Schultern. Niedrige, weichende Stirn, bürstenförmiges
- Haar, kleiner runder Schädel, brutales Gesicht mit eingerissenem und
- vernarbtem linken Nasenflügel. Die Haltung des etwa neunzehnjährigen
- Menschen ist vornübergebeugt. Große, plumpe Hände hängen an langen,
- muskulösen Armen. Die Pupillen seiner Augen sind schwarz, klein und
- stechend. Er bastelt an einer Mausefalle herum.
-
- Bruno
- pfeift seiner Schwester wie einem Hunde.
-
- Frau John
-
-Ick komme jleich, Bruno. Wat wiste denn?
-
- Bruno
- scheinbar in die Falle vertieft.
-
-Ick denke, ick soll hier Fallen ufstellen.
-
- Frau John
-
-Haste dem Speck denn rinjemacht? -- (zur Piperkarcka) -- 'T is bloß mein
-Bruder. Erschrecken sich nicht, Freilein.
-
- Bruno
- wie vorher.
-
-Ick ha heute dem Kaisa Wilhem jesehn, Jette. Ick war mit de Wachparade
-jejang.
-
- Frau John
- zur Piperkarcka, die durch Brunos Erscheinung angstvoll gebannt
- ist.
-
-Et is bloß mein Bruder, bleiben Se man. -- (zu Bruno) -- Junge, wie
-siehst du bloß wieder aus? Det Freilein muß sich ja von dich Angst
-kriejen.
-
- Bruno
- wie vorher. Ohne aufzublicken.
-
-Schuberle buberle, ick bin 'n Jespenst.
-
- Frau John
-
-Mach uf'n Boden und stell deine Mausefallen.
-
- Bruno
- wie vorher. Tritt langsam an den Tisch.
-
-Jawoll, det is och man wieder so'n Jeschäft zum Vahungern. Wenn ick mit
-Streichhölzer handeln du, denn ha ick wahrhaftig mehr Pinke von.
-
- Die Piperkarcka
-
-Atje, Frau John.
-
- Frau John
- wütend auf den Bruder los.
-
-Wiste woll jehn und wist mir in Frieden lassen.
-
- Bruno
- geduckt.
-
-Hab dir man nich. Ick jeh ja schonn.
-
- Er zieht sich folgsam wieder in das anstoßende Zimmer zurück, dessen
- Tür Frau John resolut hinter ihm schließt.
-
- Die Piperkarcka
-
-Den mecht ick Tierjarten Jrunewald nich bejejnen. Bei Nacht nich und
-nich ma bei Dage nich.
-
- Frau John
-
-Jnade Jott, wo ick Brunon hetze und der ma hinter een hinter is.
-
- Die Piperkarcka
-
-Atje. Hier jefällt mir nich. Wenn mich wieder sprechen wollen, lieber
-Bank bei Wasserkunst Kreuzberg, Frau John.
-
- Frau John
-
-Pauline, ick ha Brunon mit Sorje un Kummer Tag un Nacht jroßjebracht.
-Ihr Kindeken hat et noch zwanzigmal besser. Also Pauline, wenn et
-jeboren is, nehm ick det Kind un, bei meine in Jott vastorbene Eltern,
-wo ick an Totensonntag immer noch und keen Mensch mich zurückhält nach
-Rüdersdorf jeh und Lichter uf beede Jräber ansteche: det kleene Wurm
-soll et madich jut habn, wie et besser keen jeborener Prinz und keene
-jeborene Prinzessin haben tut.
-
- Die Piperkarcka
-
-Ick jeh, mit meine letzten Pfennig kaufen mir Vitriol -- trefft wen
-trefft! -- un jießen dem Weibsbild, wo mit ihm jeht -- trefft wen
-trefft! ... mitten in Jesicht! trefft wen trefft! brennt ihm janze
-verfluchte hübsche Visage kaput! Mir jleich! Brennt ihm Bart kaput!
-Brennt ihm Augen kaput! wenn er mit andres Frauenzimmer jeht. Trefft wen
-trefft! Hat mir betrogen! zu Jrunde jerichtet! hat mir Jeld jeraubt! hat
-mich Ehre jeraubt! hat mich verfluchtiger Hund verführt, verlassen,
-belogen, betrogen, in Elend jestoßen! Trefft wen trefft! Soll blind
-sein! Nase soll wegjefressen sein! soll jar nich mehr überhaupt auf Erde
-sein!
-
- Frau John
-
-Freilein Pauline, bei meine ewige Seligkeit, von Stund an, wo det kleene
-Wurm erstma uf de Welt is ... von den Augenblick an! ... det soll et
-haben, als wenn et, ick weeß nich wo! in Samt und Seide jeboren wär.
-Bloß jutes Zutrauen! und, det Se »ja« sachen! -- Ick habe mir allens
-ausjedacht. Et jeht zu machen, Pauline, et jeht, et jeht sach ick Ihn!
-Und weder 'n Dokter, noch Polizei, noch Ihre Wirtin merkt wat von. --
-Und denn kriegen Se erst ma hundertunddreiundzwanzig Mark, wat ick mir
-von det Reinmachen hier beim Direkter Hassenreuter abjespart habe,
-ausjezahlt.
-
- Die Piperkarcka
-
-Denn lieber bei die Jeburt erwürgen! verkaufen nich!
-
- Frau John
-
-Wer redet denn von verkofen, Pauline?
-
- Die Piperkarcka
-
-Wat hab ick Oktober vorijen Jahr bis heutijen Tag for Himmelsangst
-ausjestanden. Bräutijam steßt mir fort! Mietsfrau steßt mir fort.
-Schlafbodenstelle is mich jekindigt. Wat du ick denn, daß man mir so
-verachtet und von die Leute verflucht un ausstoßen muß?
-
- Frau John
-
-Det sach ick ja, det kommt, weil der Deibel unsern Herrn Christus
-Heiland noch immer ieber is.
-
- Ohne bemerkt zu werden ist, bastelnd wie vorher, Bruno geräuschlos
- wiederum in die Tür getreten.
-
- Bruno
- sagt in eigentümlicher Weise, scharf, aber wie nebenbei.
-
-Lampen!
-
- Die Piperkarcka
-
-Der Mensch erschrickt mir. Lassen mir fort.
-
- Frau John
- geht heftig auf Bruno los.
-
-Willst du woll jehn wo de hinjeherst! Ick ha dir jesacht, ick wer' dir
-rufen.
-
- Bruno
- wie vorher.
-
-Na Jette, ick ha doch bloß Lampen jesacht.
-
- Frau John
-
-Biste verrickt? Wat heest denn det: Lampen? --
-
- Bruno
-
-Na, klinkt et denn nich an de Einjangstir?
-
- Frau John
- erschrickt, horcht, hält die Piperkarcka zurück, die im Begriff
- ist, davon zu gehen.
-
-Pst, Freilein! Halt! Warten Se man noch 'n Ogenblick.
-
- Bruno schnitzelt weiter. Die beiden Frauen horchen.
-
- Frau John
- leise, angstvoll, zu Bruno.
-
-Ick her nischt.
-
- Bruno
-
-Du ollet vatrockentes Kichenspinde, denn schaff da man bessare Lauscha
-an.
-
- Frau John
-
-Det wär in det janze Vierteljahr det erstema, det der Direkter kommt,
-wenn Sonntag is.
-
- Bruno
-
-Wenn der Theatafritze kommt, kann a mir meinswejen jleich angaschieren.
-
- Frau John
- heftig.
-
-Quatsch nich!
-
- Bruno
- grinsend zur Piperkarcka.
-
-Jlobens et, Freilein, ick ha bei Zirkus Schumann 'n dummen Aujust sein
-Esel dreimal rum die Manesche jebracht. Det mach ick allens! Ick wer'
-mir woll furchten.
-
- Die Piperkarcka
- scheint die phantastische Sonderbarkeit der Umgebung erst jetzt
- zu bemerken, erschrocken, stark beunruhigt.
-
-Josef Maria, wo bin ick denn?
-
- Frau John
-
-Wer kann denn det sind?
-
- Bruno
-
-Da Direkta nich, Jette. Det is eha 'ne Tülle, wo elejante Trittlinge
-hat.
-
- Frau John
-
-Freilein, jehn Se man zwee Minuten, sein so jut, hier uf 'n Oberboden.
-'S kommt eener, kann sind, der bloß wat wissen will.
-
- In ihrer zunehmenden Angst tut die Piperkarcka das Verlangte. Sie
- klettert über die Treppe auf den Oberboden, dessen Klappe geöffnet
- ist. Frau John hat sich so gestellt, daß im Notfalle die Piperkarcka
- gegen die Entreetür gedeckt ist. Die Piperkarcka verschwindet. Frau
- John und Bruno bleiben allein.
-
- Bruno
-
-Wat wiste denn mit die barmherzige Schwester?
-
- Frau John
-
-Det jeht dir nischt an, verstehste mich.
-
- Bruno
-
-Ick frage ja man, weil det de vor det Mächen so ängstlich 'ne Wand
-machen dust. Sonst is et mich doch wahaftig Pomade.
-
- Frau John
-
-Det soll dir och immer Pomade sind.
-
- Bruno
-
-Danke Komma, denn kann ick woll abtippeln.
-
- Frau John
-
-Lump, weest du woll, wat du mir schuldig bist?
-
- Bruno
- pomadig.
-
-Wat regste dir denn uf? Wo stoß ick dir denn? Wat wiste? Ick muß jetzt
-zu meine Braut. Mir schläfert. Vorichte Nacht hab ick unter Sträucher in
-Tierjarten platt jemacht. Und juterletzt is Kohlmarcht bei mich. -- (Er
-kehrt seine Hosentaschen um.) -- Foljedessen muß ick jehn 'n Stück Brod
-verdienen.
-
- Frau John
-
-Hier jeblieben! -- und nich von de Stelle! -- oder du krist und wenn det
-de jaulst wie 'n kleener Hund, kriste nimmermehr wenn't bloß 'n Pfennich
-is, krist de von mich! Bruno, du jehst uf schlechte Weche.
-
- Bruno
-
-Ick wer' woll immer jejen de janze Welt ... noch wat! ... wer' ick der
-Potsdammer sind. Soll ick etwa nich jehn, wo ick scheen bei Hulda'n zu
-leben kriege? -- (Er zieht eine schmutzige Brieftasche.) -- Nich ma 'n
-dreckigen Pfandschein ha ick mehr in de Plattmullje drin. Wat wiste von
-mich, un denn laß mir abschrenken.
-
- Frau John
-
-Von dir? Wat ick will? For wat wärst du woll nitze? Du bist zu nischt
-weiter nitze, als det eene Schwester, wo nich richtig in Koppe is, mit
-so'n Lump un Tagedieb Mitleid hat.
-
- Bruno
-
-Kann sind, det de in Koppe manchmal nich richtig bist.
-
- Frau John
-
-Unser Vater hat oft zu mich jesacht, wo du schonn mit fünf, sechs Jahre
-alt schlechte Dinge jetrieben hast, det mit dir in Leben keen Staat
-weiter nich zu machen is un det ick dir sollte lofen lassen. Un mein
-Mann, wo richtig un orntlich is ... vor so'n juten Mann: du darfst dir
-nich blicken lassen.
-
- Bruno
-
-Jewiß doch, det weeß ick ja allens, Jette! Aber so eenfach schiebt sich
-det nu eemal nu eben nich. Wat wiste? Ick weeß, ick bin mit 'n Ast uf'n
-Puckel, wenn det'n och det'n keener sieht, un nich in Zangzuzih uf de
-Welt jekomm. Ick muß sehn un mir mit mein Ast mang mang helfen. Na jut
-so! wat wiste? von wechen de Ratten brauchst du mir nich. Du wist bloß
-wat mit die Dohle vertussen.
-
- Frau John
- die Faust drohend unter Brunos Nase.
-
-Verrat du een eenziget kleenet Sterbenswort: denn mach ick dir kalt.
-Denn bist du 'ne Leiche!
-
- Bruno
-
-Na weeßte, vastehste, ick mache mir dinne. -- (Er steigt die Treppe
-hinauf.) -- Womeglich komm ick, mir nischt dir nischt, noch ma in
-Schokoladenkasten rin. --
-
- Er verschwindet durch die Bodenklappe. Frau John löscht eilig die
- Lampe und tappt sich zur Bibliothekstür. Sie geht in die Bibliothek,
- schließt aber die Tür hinter sich nicht ganz.
-
- Die Geräusche eines verrosteten Schlosses und Schlüssels, der darin
- umgedreht wurde, sind vernehmlich gewesen. Ein leichter Schritt
- kommt nun den Gang herauf. Vorübergehend war der Berliner
- Straßenlärm, auch Kindergeschrei aus den Hausfluren vernehmlich
- geworben. Leierkastenmusik vom Hof herauf.
-
- Mit scheuen Bewegungen erscheint Walburga Hassenreuter. Das Mädchen
- ist noch nicht sechzehn Jahre alt und sieht hübsch und unschuldig
- aus. Sonnenschirm, fußfreies helles Sommerkleidchen.
-
- Walburga
- stutzt, horcht, sagt dann ängstlich.
-
-Papa! -- Ist schon jemand hier oben? -- Papa! Papa! -- (Sie horcht lange
-gespannt und sagt dann): -- Es riecht ja hier so nach Petroleum! -- (Sie
-findet Streichhölzer, entzündet eines davon, will die Lampe anstecken
-und verbrennt sich an dem noch heißen Zylinder.) -- Au! -- Donnerwetter,
-wer ist denn hier? --
-
- Sie hat aufgeschrien und will fortlaufen.
-
- Frau John erscheint wieder.
-
- Frau John
-
-I, Freilein Walburga, wer wird denn jleich Lärm machen! Sein Se man
-friedlich! Det bin ja bloß ick.
-
- Walburga
-
-Gott, hab ich aber einen ganz entsetzlichen Schreck bekommen, Frau John.
-
- Frau John
-
-Weshalb denn, Freilein? Wat suchen Se denn heit an Sonntag hier?
-
- Walburga
- Hand auf dem Herzen.
-
-Mir steht noch immer das Herz ganz still, Frau John.
-
- Frau John
-
-Wat hat's denn, Freilein Walburga? Wer ängstigt Se denn? Sie missen det
-doch von Ihren Herrn Vater wissen, det ick Sonntag und Wochentag hier
-oben mang die Kisten und Kasten zu tun habe, mit Staub abbürsten und
-Motten auskloppen. In drei, vier Wochen, wenn ick jlicklich mit die
-zwölf- oder achtzehnhundert Theaterlumpen eemal 'rum bin und fertig bin,
-fängt et doch immer wieder von frischen an.
-
- Walburga
-
-Ich hab' mich erschrocken, weil sich der Lampenzylinder noch ganz heiß
-anfaßte, Frau John.
-
- Frau John
-
-Nu ja, de Lampe hat ebent jebrannt un ick hab se vor eene halbe Minute
-ausjepustet. -- (Sie hebt den Zylinder ab.) -- Mir brennt et nich! Ick
-hab harte Hände! -- (Sie zündet das Docht auf.) -- Na, nu wird Licht! Nu
-hab ick se wieder anjestochen. Wat is nu Jefährliches los? Ick sehe
-nischt.
-
- Walburga
-
-Hu, Sie sehen ja aus wie ein Geist, Frau John.
-
- Frau John
-
-Wie soll ick aussehn?
-
- Walburga
-
-Das ist, wenn man so aus der prallen Sonne ins Finstere kommt ... in
-diese muffigen Kammern hinein, da ist man wie von Gespenstern umgeben.
-
- Frau John
-
-Na, kleenet Jespenst, weshalb kommen Se denn? -- Sind Se alleene oder is
-noch jemand? -- Kommt am Ende Papa noch nach?
-
- Walburga
-
-Nein! Papa ist heute zu einer wichtigen Audienz nach Potsdam hinaus.
-
- Frau John
-
-Und wat suchen denn also Sie nu woll hier?
-
- Walburga
-
-Ich? Ich bin einfach spazieren gewesen.
-
- Frau John
-
-Na, denn sehn Se man wieder, det Se fortkomm. In Papa'n seine
-Rumpelkammer scheint keene Pfingstsonne nich.
-
- Walburga
-
-Sie sollten auch, so grau wie Sie aussehen, mal lieber 'raus an die
-Sonne gehn.
-
- Frau John
-
-I, Sonne is bloß for feine Leite! Wenn ick man alle Tache meine paar
-Pfund Staub und Dreck uf de Lunge krieje. -- Jeh man, Kindken, ick muß
-an de Arbeet! -- mehr brauch ick nich: ick lebe von Müllstob und
-Mottenpulver. --
-
- Sie hustet.
-
- Walburga
- ängstlich.
-
-Sie brauchen Papa nicht sagen, daß ich hier oben gewesen bin.
-
- Frau John
-
-Ick? Ick habe woll sonst nischt besseret zu tun.
-
- Walburga
- scheinbar leichthin.
-
-Und sollte Herr Spitta nach mir fragen ...
-
- Frau John
-
-Wer?
-
- Walburga
-
-Der junge Herr, der bei uns im Hause Privatstunde gibt ...
-
- Frau John
-
-Na, und?
-
- Walburga
-
-Sind Sie so freundlich und sagen Sie ihm, daß ich hier gewesen aber
-gleich wieder gegangen bin.
-
- Frau John
-
-Also Herrn Spitta soll ick et sagen, Papa'n nich?
-
- Walburga
- unwillkürlich.
-
-Um Gottes willen nicht, liebste Frau John.
-
- Frau John
-
-Na wacht du, wacht! Jib du bloß man Obacht. Manch eene hat ausjesehn,
-wie du, und is aus die Jejend jekomm wie du, wo nachher in de
-Drajonerstraße in Rinnsteen oder jar in de Barnimstraße hinter
-schwedsche Jardinen zujrunde jejangen is.
-
- Walburga
-
-Sie werden doch damit nicht sagen wollen, Frau John, oder glauben
-wollen, daß in meiner Beziehung zu Herrn Spitta etwas Unerlaubtes oder
-Ungehöriges ist?
-
- Frau John
- in höchstem Schreck.
-
-Mund zu! -- Et hat jemand dem Schlüssel im Schloß jestochen.
-
- Walburga
-
-Auslöschen!
-
- Frau John
- bläst schnell die Lampe aus.
-
- Walburga
-
-Papa!
-
- Frau John
-
--- Freilein, ruf uf'n Oberboden.
-
- Sie und Walburga verschwinden über die Treppe durch den
- Bodenverschlag, der verschlossen wird.
-
- Zwei Herren, der Direktor Harro Hassenreuter und der Hofschauspieler
- Nathanael Jettel, erscheinen durch die Flurtür im Gange. Der
- Direktor ist mittelgroß, glattrasiert, fünfzig Jahre alt. Er pflegt
- große Schritte zu nehmen und bekundet ein lebhaftes Temperament.
- Sein Gesichtsschnitt ist edel, das Auge von kühnem Ausdruck. Sein
- Betragen ist laut. Sein Wesen überhaupt durchaus feurig. Er trägt
- einen hellen Sommerüberzieher, den Zylinder nach hinten gerückt und
- übrigens Frackanzug und Lackschuhe. Der leger geöffnete Paletot
- enthüllt eine mit Ordensternen überdeckte Brust. -- Hofschauspieler
- Jettel trägt unter dem leichtesten Sommerüberzieher einen weißen
- Flanellanzug. Er hat einen Strohhut nebst elegantem Stock in der
- linken Hand, gelbe Schuhe an den Füßen. Er ist ebenfalls
- glattrasiert und über die fünfzig alt.
-
- Direktor Hassenreuter
- ruft.
-
-John! -- Frau John! -- Ja, das sind nun hier meine Katakomben, lieber
-Jettel! _Sic transit gloria mundi!_ Hier hab ich nun alles, _mutatis
-mutandis_, untergebracht, was von meiner ganzen Theaterherrlichkeit
-übrig geblieben ist: alte Scharteken! alte Lappen und Lumpen! -- John!
-John! Sie ist hier gewesen, denn der Lampenzylinder ist heiß! -- (Er
-zündet mit einem Streichholz die Lampe an.) -- _Fiat lux pereat mundus!_
-So! Jetzt können Sie mein Motten-, Ratten- und Flohparadies bei Lichte
-besehen.
-
- Nathanael Jettel
-
-Haben Sie also meine Karte bekommen, bester Direktor?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Frau John! -- Ich werde mal sehn, ob sie auf dem Boden ist. -- (Er
-steigt sehr gewandt die Treppe hinauf und rüttelt an der Bodenklappe.)
--- Verschlossen! Den Schlüssel hat die Kanaille natürlich am
-Schürzenband. -- (Er pocht wütend mit der Faust gegen die Klappe.) --
-John! John!
-
- Nathanael Jettel
- etwas ungeduldig.
-
-Direktor, geht es nicht ohne die John?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Was? Glauben Sie, daß ich Ihnen den miserablen Lappen, den Sie gerade da
-für Ihr Gastspiel brauchen, aus meinen dreihundert Kisten und Kasten,
-ohne die John, im Frack und mit sämtlichen Orden, so wie ich vom Prinzen
-komme, selber heraussuchen kann.
-
- Nathanael Jettel
-
-Erlauben Sie mal! In Lappen absolviere ich meine Gastreisen nicht.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Mensch, spielen Sie doch in Unterhosen! meinethalben! Mich stört das
-nicht! Nur vergessen Sie nicht, wer vor Ihnen steht. Deshalb, wenn der
-Hofschauspieler Jettel -- na wenn schon! -- gnädigst zu pfeifen geruhen,
-springt der Direktor Harro Hassenreuter noch lange nicht. _Sapristi!_
-wenn irgendein Komödiant einen schäbigen Turban oder zwei alte
-Transtiefel braucht, muß sich ein _pater familias_, ein Familienvater
-den einzigen Sonntagnachmittag unter den Seinen abknapsen? Soll
-womöglich wie 'n Tackel auf allen Vieren in alle Bodenwinkel hinein?
-Nein, Freundchen, da müßt Ihr Euch andere aussuchen.
-
- Nathanael Jettel
- sehr ruhig.
-
-Könnten Sie mir nicht sagen, Direktor, wer Ihnen in Gottes Namen auf die
-Krawatte getreten hat?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Mein Junge, ich habe noch vor kaum einer Stunde die Beine unterm Tisch
-eines Prinzen gehabt: _post hoc, ergo propter hoc!_ -- Ich setze mich
-Ihretwegen in einen verfluchten Omnibus und kutsche in diese verfluchte
-Gegend ... wenn Sie meine Gefälligkeit nicht zu würdigen wissen: scheren
-Sie sich!
-
- Nathanael Jettel
-
-Sie haben mich auf vier Uhr hierher bestellt. Sie haben mich eine volle
-geschlagene Stunde in dieser entsetzlichen Mietskaserne, auf diesem
-lieblichen Korridore unter dem Kinderpöbel warten lassen ... Ich habe
-gewartet, Ihnen nicht den geringsten Vorwurf gemacht! und jetzt sind Sie
-geschmackvoll genug, mich als eine Art Spucknapf zu betrachten ...
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Mein Junge ...
-
- Nathanael Jettel
-
-In's Teufels Namen, der bin ich nicht! Eher mache ich Sie zu meinem
-Hanswurst und lasse Sie für sechs Groschen Purzelbaum schießen!
-
- Er nimmt entrüstet Hut und Stock und geht.
-
- Direktor Hassenreuter
- stutzt, bricht dann in ein tolles Gelächter aus und schreit
- hinter Jettel her:
-
-Machen Sie sich nicht lächerlich! -- Und übrigens bin ich kein
-Maskenverleiher.
-
- Man hört die Flurtür ins Schloß knallen.
-
- Direktor Hassenreuter
- zieht die Uhr.
-
--- Rindvieh verdammtes! -- Schafskopf verfluchter! -- Ein Segen, daß das
-Rindvieh, verdammte, gegangen ist!
-
- Er steckt die Uhr ein, zieht sie gleich darauf wiederum und lauscht.
- Hierauf geht er unruhig hin und her, bleibt stehen, blickt in den
- Zylinderhut, dessen Inneres einen Spiegel enthält, und kämmt sich
- sorgfältig. Er tritt an den Mitteltisch und öffnet einige von den
- Briefschaften, die dort gehäuft liegen. Dazu singt er trällernd:
-
- »O Straßburg, o Straßburg,
- du wunderschöne Stadt.«
-
- Abermals sieht er nach der Uhr. Plötzlich geht die Türschelle über
- seinem Kopf.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Auf die Minute! Was doch die Dinger, wenn es drauf ankommt, pünktlich
-sind!
-
- Er eilt und öffnet die Flurtür, jemand laut und fröhlich begrüßend.
- Die Trompetentöne seiner Stimme werden bald von glöckchenartigem
- Lachen einer weiblichen akkompagniert. Sehr bald erscheint der
- Direktor wieder, von einer eleganten jungen Dame begleitet, Alice
- Rütterbusch.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Alice! Kleine Alice! Komm erst mal näher, kleine Alice! Komm mal ans
-Licht! Ich muß doch sehen, ob du noch dieselbe kleine, schockscharmante,
-tolle Alice aus den besten Tagen meiner reichsländischen
-Direktionsperiode bist!? Mädel, ich hab' dich ja gehen gelehrt! ich hab
-deine ersten Schritte gegängelt ... das Sprechen! Du sagtest ja immer
-Cheef statt Chef! Ha ha ha! Hoffentlich hast du das nicht vergessen.
-
- Alice Rütterbusch
-
-Schaun's Direktor, Sie glauben doch net, daß i undankbar bin?
-
- Direktor Hassenreuter
- nimmt ihr den Schleier ab.
-
-Mädel, du bist ja noch jünger geworden!
-
- Alice Rütterbusch
- hochrot, beglückt.
-
-Da müßt einer auch gehörig daher lügen, wenn einer behaupten wollt, daß
-du dich zum Nachteil verändert hast. Aber weißt, arg finster hast's bei
-dir oben und a bissel -- Harro, wenns d' mechst a Fenster aufmachen! --
-so a bissel a schwere Luft.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Pillycock saß auf Pillycocks Berg!
-
- »Doch Mäus' und Ratten und solch Getier
- Aß Thoms sieben Jahr lang für und für.«
-
-Im Ernst, ich hab' finstere und schwere Zeiten durchgemacht! Du wirst ja
-schließlich, trotzdem ich dir lieber nichts geschrieben habe, liebe
-Alice, davon unterrichtet sein.
-
- Alice Rütterbusch
-
-Das war aber net grad, weißt, sehr freindschaftlich, daß d' mir auf alle
-die sauberen und langen Brief kein Wörtel geantwort' hast.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wozu, ha ha ha, einem kleinen Mädchen antworten, wenn man genug mit sich
-selber zu tun hat und in keiner Beziehung was nützen kann? Sessa! _E
-nihilo nihil fit!_ Das heißt auf Deutsch: aus nichts kann nichts werden!
-Motten und Staub! Staub und Motten! ha ha ha! Das ist alles, was ich von
-meiner deutschen Kulturarbeit an der westlichen Grenze geerntet habe.
-
- Alice Rütterbusch
-
-Du hast also den Fundus net an den Direktor Kurz abgetreten.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-»O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt.« Nein, meine Kleine,
-ich habe den Fundus nicht in Straßburg gelassen! Dieser ehemalige
-Kellner, Kneipwirt und Pächter von anrüchigen Tanzlokalen, der mein
-Nachfolger wurde ... dieser Kretin, dieser _bête imbécil_, wollte den
-Fundus nicht! -- Sessa, den Fundus hab' ich nicht dort gelassen: dafür
-aber vierzigtausend Mark sauerverdientes Geld, von Gastspielreisen aus
-meiner Mimenzeit! außerdem fünfzigtausend Mark zugebrachtes Vermögen
-meiner braven Frau. Sessa! -- Übrigens, daß ich den Fundus behielt, war
-ein Glück für mich. -- Da! -- Ha ha ha! Diese Kerle hier ... -- (er
-berührt einige der Geharnischten) -- du kennst sie doch? ...
-
- Alice Rütterbusch
-
-I kenn' doch meine Pappenheimer.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Nun also: diese Pappenheimschen Kerle hier, und was drum und dran
-baumelt, haben den alten Lumpensammler und Maskenverleiher Harro
-Eberhard Hassenreuter nach seiner Hedschra tatsächlich über Wasser
-gehalten! -- Aber reden wir lieber von heiteren Dingen: ich habe mit
-Vergnügen aus der Zeitung ersehen, daß du von Exzellenz für Berlin
-engagiert werden wirst.
-
- Alice Rütterbusch
-
-I mach mir nix draus! I möcht lieber bei dir spielen, und das mußt mir
-versprechen, wanns du wieder eine Direktion ibernehmen tust ... das
-versprichst mir, daß i augenblickli kontraktbrüchig werden kann! -- (Der
-Direktor bricht in Lachen aus.) -- I hab mi drei Jahre lang gnua auf die
-Provinzschmieren rumgeärgert. Berlin mag i net! und a Hoftheater schon
-lang net. Jessas die Leit! das Komödiespielen! -- Weißt, i g'hör zum
-Fundus, i hab immer bloß daher g'hört! --
-
- Sie nimmt unter den Pappenheimern Aufstellung.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ha ha ha ha! Also komm, du getreuer Pappenheimer.
-
- Er öffnet die Arme weit, sie fliegt hinein, und beide begrüßen
- einander mit einigen lange anhaltenden Küssen.
-
- Alice Rütterbusch
-
-Geh Harro, jetzt sagst mir: was macht deine Frau?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Therese geht's gut, außer daß sie trotz Kummer und Sorgen von Tag zu Tag
-dicker wird. -- Mädel, Mädel, wie du duftest! -- (Er drückt sie an
-sich.) -- Weißt du auch, daß du teufelsmäßig gefährlich bist?
-
- Alice Rütterbusch
-
-Meinst, daß i blöd bin? Freili bin i gefährlich.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sakra!
-
- Alice Rütterbusch
-
-Meinst, i sollt mir in der schönen Gegend, drei Stiegen hoch, unter an
-muffigen Dach, mit dir a Rendezvous geben, wann ich net wißt, daß das
-für uns zwei, ans wie's andere, gefährlich is. Ibrigens hab' i ja, Gott
-sei Dank, weil i halt immer a Glück haben muß, wann i schon amal auf
-Schleichwegen geh, auf der Treppen den Nathanael Jettel troffen, bin dem
-Herrn Hofschauspieler bei ei'm Haar direkt in die Arme g'rannt. Wird
-schon sorgen, daß das nicht unter uns bleibt, daß i di b'sucht hab.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ich muß das Datum verschrieben haben: der Mensch behauptet, ha ha ha,
-ich hätte ihn ganz ausdrücklich für heut nachmittag herbestellt.
-
- Alice Rütterbusch
-
-Das war aber net etwa die einzige Bassermannsche Gestalt, der i auf die
-sechs Treppenabsätz begegnet bin, und was mir die lieben kleinen
-Kinderln, die auf die Stufen rumkugeln, nachgeschrien haben, das is
-dermaßen unparlamentarisch, das is von solche Kröten, noch net drei Käs'
-hoch sind, schon die allergrößte Gemeinheit, die mir noch vorkommen is.
-
- Direktor Hassenreuter
- lacht, wird dann ernst.
-
-Ja, siehst du: daran gewöhnt man sich: was so hier in diesem alten
-Kasten mit schmutzigen Unterröcken die Treppe fegt und überhaupt
-schleicht, kriecht, ächzt, seufzt, schwitzt, schreit, flucht, lallt,
-hämmert, hobelt, stichelt, stiehlt, treppauf treppab allerhand dunkle
-Gewerbe treibt, was hier an lichtscheuem Volke nistet, Zither klimpert,
-Harmonika spielt -- was hier an Not, Hunger, Elend existiert und an
-lasterhaftem Lebenswandel geleistet wird, das ist auf keine Kuhhaut zu
-schreiben. Und dein alter Direktor, _last not least_, rennt, ächzt,
-seufzt, schwitzt, schreit und flucht, ha ha ha, wie der Berliner sagt,
-immer mitten mang mit. Ha ha ha, Mädel, mir ist es recht dreckig
-gegangen.
-
- Alice Rütterbusch
-
-Weißt ibrigens, wen i, wie i grad auf den Bahnhof Zoologischer Garten
-zusteuer, troffen hab? Den alten guten Fürst Statthalter hab i troffen.
-Und sixt, unverfroren wie i amal bin, bin i zwanzig Minuten lang neben
-ihm hergschwenkt und hab ihn in an langen Diskurs verwickelt und, auf
-Ehre, Harro, wie ich dir sag, so is es buchstäblich tatsächlich
-g'schegn. Auf'n Reitweg is plötzlich Majestät mit großer Suite
-vorübergritten. I denk, i versink! Und hat übers ganze Gesicht gelacht
-und Durchlaucht so mit dem Finger gedroht. Aber g'freit hab i mi, das
-kannst mir glauben. Aber jetzt kommt d'Hauptsach. Jetzt paß auf. -- Ob i
-mi freun tät, hat mi Durchlaucht plötzli g'fragt, und ob i wieder nach
-Straßburg mecht, wann der Direkter Hassenreuter das Theater tät wieder
-übernehmen. Na weißt: beinah hab i an Sprung getan!
-
- Direktor Hassenreuter
- Er wirft seinen Überzieher ab und steht in seinen Orden da.
-
-Du hast wahrscheinlich bemerken müssen, daß die kleine Durchlaucht
-vorzüglich gefrühstückt hat. Sessa! Wir haben zusammen gefrühstückt. Wir
-haben ein exquisites kleines Herrenfrühstück beim Prinzen Ruprecht
-draußen in Potsdam gehabt. Ich leugne nicht, daß sich vielleicht eine
-Wendung zum Guten im miserablen Geschicke deines Freundes vorbereitet.
-
- Alice Rütterbusch
-
-Liebster, wie a Staatsmann, wie a Gesandter, siehst du ja aus.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ah, du kennst diese Brust voll hoher und höchster Orden noch nicht!?
-Klärchen und Egmont! Hier magst du dich satt trinken! --
-
- Neue Umarmung.
-
-_Carpe diem!_ genieße den Tag! Sekt, kleine Naive, steht allerdings auf
-dem jetzigen Repertoire deines alten Direktors, Erweckers und Freundes
-nicht! -- (Er öffnet eine Truhe und entnimmt ihr eine Flasche Wein.) --
-Aber dieser Stiftswein ist auch nicht von Pappe! -- (Er zieht den
-Korken. Die Türschelle geht.) -- Was? -- Pst! -- Wer hat denn die
-ungeheure Dreistigkeit, am Sonntag nachmittag hier anzuklingeln? -- (Es
-klingelt stärker.) -- Kleine, zieh dich doch mal in die Bibliothek
-zurück. -- (Alice eilt in die Bibliothek ab. Es klingelt wieder.) --
-Donnerwetter noch mal, der Kerl ist ja irrsinnig. -- (Er eilt nach der
-Tür.) -- Gedulden Sie sich oder scheren Sie sich! -- (Man hört ihn die
-Tür öffnen.) -- Wer? Wie? »Ich bin's, Fräulein Walburga?« Was? Fräulein
-Walburga bin ich nicht. Ich bin nicht die Tochter! Ich bin der Vater!
-Ach, Sie sind's, Herr Spitta! Gehorsamer Diener, ich bin der Vater! Ich
-bin der Vater! Was wünschen Sie denn?
-
- Im Gange erscheint wiederum der Direktor, geleitet von Erich Spitta,
- einem einundzwanzigjährigen jungen Menschen, der Brille und Zwicker
- trägt und übrigens scharfe und nicht unbedeutende Züge hat. Spitta
- gilt als Kandidat der Theologie und ist entsprechend gekleidet. Er
- hält sich nicht gerade, und seiner Körperentwicklung ist die
- Studierstube und mangelhafte Ernährung anzumerken.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wollten Sie meiner Tochter Walburga hier auf dem Speicher Privatstunde
-geben?
-
- Spitta
-
-Ich fuhr im Pferdebahnwagen vorüber und glaubte wirklich, ich hätte
-Fräulein Walburga unten durch das Portal in's Haus eilen sehen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Gar keine Ahnung, mein lieber Spitta. Meine Tochter Walburga ist
-augenblicklich mit ihrer Mutter in der englischen Kirche, ich glaube, zu
-einem liturgischen Gottesdienst.
-
- Spitta
-
-Dann verzeihen Sie vielmals, wenn ich gestört habe. Ich nahm mir die
-Freiheit, heraufzukommen, weil ich mir sagte: eine Begleitung in dieser
-Gegend, vielleicht auf dem Rückwege nach dem Westen, wäre Fräulein
-Walburga am Ende nicht unangenehm.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wohl, wohl, aber sie ist nicht hier, bester Spitta. Ich bedauere sehr.
-Ich selber bin nur zufällig hier: der Post wegen! und ich habe auch
-leider andere dringende Sachen vor. -- Wünschen Sie sonst was, mein
-guter Spitta?
-
- Spitta putzt seinen Kneifer und gibt Zeichen von Verlegenheit.
-
- Spitta
-
-Man gewöhnt sich nicht gleich an die Dunkelheit.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie benötigen vielleicht Ihr Stundengeld. Schade: ich habe leider die
-Gewohnheit, nur mit einem Notpfennig in der Westentasche auf die Straße
-zu gehn. Ich muß Sie schon bitten, sich zu gedulden, bis ich wieder in
-meiner Wohnung bin.
-
- Spitta
-
-Hat durchaus keine Eile, Herr Direktor.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ja, das sagen Sie so: aber ich bin ein gehetztes Wild, guter Spitta ...
-
- Spitta
-
-Und doch möchte ich, da ich dieses Zusammentreffen wirklich als eine Art
-höherer Fügung ansehen muß, um eine Minute Ihrer kostbaren Zeit bitten.
-Dürfte ich, kurz, eine Frage tun?
-
- Direktor Hassenreuter
- mit den Augen auf der Uhr, die er gezogen hat.
-
-Genau eine Minute. Die Uhr in der Hand, bester Spitta.
-
- Spitta
-
-Frage und Antwort wird, denk' ich, kaum von so langer Dauer sein.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Also los!
-
- Spitta
-
-Habe ich wohl Talent zum Schauspieler?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Um Gottes willen, Mensch, sind Sie denn irrsinnig? -- Verzeihen Sie,
-bester Herr Kandidat, wenn ich in einem solchen Fall bis zur
-Unhöflichkeit außer dem Häuschen bin. Es heißt zwar _natura non facit
-saltus_, aber Sie haben da einen unnatürlichen Sprung gemacht. Da muß
-ich mal erst zu Atem kommen. Und nun Schluß davon! Denn glauben Sie mir,
-wenn wir beide jetzt über diese Frage zu diskutieren anfangen, so würden
-wir in drei bis vier Wochen, sagen wir Jahren, darüber noch nicht zum
-Schluß gekommen sein.
-
-Sie sind doch Theologe, mein Bester, und stammen aus einem Pastorhaus:
-wie kommen Sie denn auf solche Gedanken? wo Sie doch Konnexionen haben
-und Ihnen die Wege zu einer behaglichen Existenz geebnet sind.
-
- Spitta
-
-Ja, das ist eine lange innere Geschichte, eine lange Geschichte schwerer
-innerer Kämpfe, Herr Direktor, die allerdings bis zu dieser Stunde nur
-mir bekannt und also absolutes Geheimnis gewesen sind. Da hat mich das
-Glück in Ihr Haus geführt und von diesem Augenblick an fühlte ich, wie
-ich dem wahren Ziel meines Lebens näher und näher kam.
-
- Direktor Hassenreuter
- mit peinlicher Ungeduld.
-
-Das ehrt mich. Das ehrt mich und meine Familie! -- (Er legt ihm die
-Hände auf die Schulter.) -- Dennoch muß ich Ihnen jetzt die ganz
-inständige Bitte vortragen, von der Erörterung dieser Angelegenheit im
-Augenblicke abzusehen. Meine Geschäfte sind unaufschieblich.
-
- Spitta
-
-Dann möchte ich nur noch so viel hinzusetzen, damit Sie wissen, daß ich
-absolut fest entschlossen bin.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Aber mein lieber Herr Kandidat: wer hat Ihnen denn diese Raupen in den
-Kopf gesetzt? Ich habe mich über Sie gefreut. Habe Sie schon im Geist
-Ihres friedlichen Pfarrhauses wegen beneidet. Gewissen literarischen
-Ambitionen, die einem hier in der Großstadt anfliegen, habe ich keinen
-Wert beigelegt. Das ist nur so nebenbei und verliert sich zweifellos
-wieder bei ihm, dachte ich mir! -- Mensch, und nun wollen Sie Komödiant
-werden? Kurz: Gnade Gott, wenn ich Ihr Vater wär! Ich würde Sie bei
-Wasser und Brot einsperren und Sie nicht eher herauslassen, als bis
-Ihnen jede Erinnerung an diese Torheit entschwunden wäre. _Dixi!_ und
-nun adieu, guter Spitta.
-
- Spitta
-
-Einsperren oder irgendeine andere Gewaltmaßregel würde bei mir durchaus
-nichts helfen, fürcht ich.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Aber Mensch: Sie wollen Schauspieler werden? Mit Ihrer schiefen Haltung,
-mit Ihrer Brille und vor allem mit Ihrem heiseren und scharfen Organ
-geht das doch nicht.
-
- Spitta
-
-Wenn es im Leben solche Käuze gibt, wie ich, warum soll es
-nicht auch auf der Bühne solche Käuze geben? Und ich bin der
-Ansicht, ein wohlklingendes Organ, womöglich verbunden mit der
-Schiller-Goethisch-Weimarischen Schule der Unnatur, ist eher schädlich,
-als förderlich. Die Frage ist nur: würden Sie mich, wie ich nun einmal
-bin, als Schüler annehmen?
-
- Direktor Hassenreuter
- zieht hastig seinen Sommerpaletot über.
-
-Nein! denn erstens ist meine Schule auch nur eine Schule
-Schillerisch-Goethisch-Weimarischer Unnatur! Zweitens könnte ich es vor
-Ihrem Herrn Vater nicht verantworten! Und drittens zanken wir uns so
-schon genug, jedesmal nach den Privatstunden, die Sie in meinem Hause
-geben, beim Abendbrot. Das würde dann bis zur Prügelei ausarten. Und nun
-Spitta: ich muß auf die Pferdebahn.
-
- Spitta
-
-Mein Vater ist bereits informiert. Ich habe ihm in einem zwölf Seiten
-langen Brief Punkt für Punkt die Geschichte meiner inneren Wandlung
-eröffnet ...
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sicherlich wird der alte Herr äußerst davon geschmeichelt sein! Mensch
-und nun kommen Sie mit mir, ich werde sonst wahnsinnig.
-
- Der Direktor zieht Spitta gewaltsam mit sich fort und hinaus. Man
- hört die Tür ins Schloß fallen.
-
- Es wird still bis auf das ununterbrochene Rauschen Berlins, das nun
- lauter hervortritt. Nun wird die Bodenklappe geöffnet und Walburga
- Hassenreuter steigt in wahnsinniger Hast, gefolgt von Frau John, die
- Treppe herunter.
-
- Frau John
- flüsternd, heftig.
-
-Wat is denn? Et is doch jar nischt jeschehn.
-
- Walburga
-
-Frau John, ich schreie! Ich muß gleich losschreien! -- Um Gottes willen,
-ich kann gar nicht an mich halten, Frau John.
-
- Frau John
-
-Taschentuch mang die Zähne, Mächen! -- Et is ja jar nischt! Wat haste
-dir denn?
-
- Walburga
- zähneklappernd, ihr Röcheln gewaltsam bezwingend.
-
-Ich bin ja des Todes ... ich bin ja des Todes erschrocken, Frau John!
-
- Frau John
-
-Wenn ick man wißte, for wat du erschrocken bist?
-
- Walburga
-
-Haben Sie nicht diesen schrecklichen Menschen gesehn?
-
- Frau John
-
-Wat is denn da schrecklich? Det is doch mein Bruder! wo mich manchmal
-bei Papans seine Sachen auskloppen helfen dut.
-
- Walburga
-
-Und das Mädchen, was mit dem Rücken am Schornstein sitzt und wimmert.
-
- Frau John
-
-Det is deine Mutter nich anders jejangen, eh det du zur Welt jekommen
-bist.
-
- Walburga
-
-Ich bin hin. Ich bin tot, wenn Papa wiederkommt.
-
- Frau John
-
-Na denn sieh, det de fortkommst, und fackel nich lange.
-
- Frau John begleitet die entsetzte Walburga den Gang hinunter und
- läßt sie hinaus. Dann kommt sie wieder.
-
- Frau John
-
-Det Mächen weeß, Jott sei Dank, von hellichten Dache nischt.
-
- Sie nimmt die entkorkte Weinflasche, gießt einen der Römer voll und
- nimmt ihn mit auf den Boden, wo sie verschwindet. Kaum ist das
- Zimmer leer, so erscheint der Direktor wieder.
-
- Direktor Hassenreuter
- noch an der Tür, singend.
-
-»Komm herab, o Madonna Theresa!« -- (Er ruft.) -- Alice! -- (Noch immer
-an der Tür.) -- Komm mal! Hilf mir mal die eiserne Stange mit dem
-doppelten Schloß vor die Tür legen. -- Alice! -- (Er kommt nach vorn.)
--- Wer jetzt noch unsere Sonntagsruhe zu stören wagt: _anathema sit!_ --
-Heda! Kobold! Wo steckst du, Alice? -- (Er wird auf die Weinflasche
-aufmerksam und hebt sie in die Höhe.) -- Was? -- Halb leer? --
-Schlingel! -- (Man hört eine hübsche weibliche Singstimme hinter der
-Bibliothekstür sich in Koloraturen ergehen.) -- Ha ha ha ha! Himmel! sie
-hat sich schon einen Schwips angetrunken.
-
-
-
-
- Zweiter Akt
-
-
- Die Wohnung der Frau John im zweiten Stock des gleichen Hauses, in
- dessen Dachgeschoß der Fundus des Direktors Hassenreuter
- untergebracht ist: ein weitläufiges, ziemlich hohes, graugetünchtes
- Zimmer, das seine frühere Bestimmung als Kasernenraum verrät. Die
- Hinterwand enthält eine zweiflügelige Tür nach dem Flur. Über ihr
- ist eine Schelle angebracht, die von außen an einem Draht gezogen
- werden kann. Rechts von der Tür beginnt eine etwas mehr als
- mannshohe Tapetenwand, die geradlinig nach vorn geht, hier einen
- rechten Winkel macht und wiederum geradlinig mit der rechten
- Seitenwand verbunden ist. So ist eine Art von Verschlag abgeteilt,
- über den einige Schrankgesimse hervorragen, und der das Schlafzimmer
- der Familie ist.
-
- Tritt man durch die Flurtüre ein, so hat man zur Linken ein Sofa,
- überzogen mit Wachsleinwand. Es ist mit der Rücklehne an die
- Tapetenwand geschoben. Diese ist über dem Sofa mit kleinen
- Familienbildchen geschmückt. Maurerpolier John als Soldat, John und
- Frau als Brautpaar usw. Vor dem Sofa steht ein ovaler Tisch, mit
- einer verblichenen Baumwolldecke. Man muß von der Tür aus an Tisch
- und Sofa vorübergehen, um den Zugang zum Schlafraum zu erreichen.
- Dieser ist mit dem Sofa an einer Wand und mit einem Vorhang aus
- buntem Kattun verschlossen.
-
- An der nach vorn gekehrten Schmalwand des Verschlages steht ein
- freundlich ausgestatteter Küchenschrank. Rechts davon, an der
- wirklichen Wand, der Herd. Wie denn der hier verfügbare kleine Raum
- vornehmlich zu Küchen- und Wirtschaftszwecken dienen muß.
-
- Ein etwa auf dem Sofa Sitzender blickt gerade gegen die linke
- Zimmerwand und zu den beiden großen Fenstern hinaus. Am vorderen
- Fenster ist ein saubergehobeltes Brett als eine Art Arbeitstisch
- angebracht. Hier liegen zusammengerollte Kartons (Baupläne), Pausen,
- Zollstock, Zirkel, Winkelmaß usw. Am hinteren Fenster ein
- Fenstertritt, darauf ein Stuhl und ein Tischchen mit Gläsern. Die
- Fenster haben keine Gardinen, sind aber einige Fuß hoch mit buntem
- Kattun bespannt.
-
- Das ganze Gelaß, dessen dürftige Einrichtung ein alter Lehnstuhl aus
- Rohr und eine Anzahl von Holzstühlen vervollständigt, macht übrigens
- einen sauberen und gepflegten Eindruck, wie man es bei kinderlosen
- Ehepaaren des öfteren trifft.
-
- Es ist gegen fünf Uhr am Nachmittag, Ende Mai. Die warme Sonne
- scheint durch die Fenster.
-
- Maurerpolier John, ein vierzigjähriger, bärtiger, gutmütig
- aussehender Mann, steht behaglich am vorderen Fenstertisch und macht
- sich Notizen aus den Bauplänen.
-
- Frau John sitzt mit einer Näharbeit auf dem Fenstertritt des anderen
- Fensters. Sie ist sehr bleich, hat etwas Weiches und Leidendes an
- sich, zugleich aber einen Ausdruck tiefer Zufriedenheit, der nur
- zuweilen von einem flüchtigen Blick der Unruhe und der lauernden
- Angst unterbrochen wird. An ihrer Seite steht ein Kinderwagen
- (sauber, neu und nett), darin ein Säugling gebettet ist.
-
- John
- bescheiden.
-
-Mutter, wie wär det, wenn ick det Fenster 'n Ritzen ufmachen däte und
-ick machte mir dann 'n bißken de Pipe an?
-
- Frau John
-
-Mußte denn rauchen? sonst laß et man lieber.
-
- John
-
-I, ick muß ja nich, Mutter! Ick mechte bloß jern! Aber laß man! 'N
-Priem, Mutter, tut et am Ende in selbijenjleichen och.
-
- Er präpariert sich mit behaglicher Umständlichkeit einen neuen
- Priem.
-
- Frau John
- nach einigem Stillschweigen.
-
-Wat? Du mußt noch ma hin uft Standesamt?
-
- John
-
-Det hat er jesacht, det ick noch ma hin müßte und janz jenau anjeben ...
-det ick det müßte janz jenau anjeben Ort und Stunde, wo det Kindchen
-jeboren is.
-
- Frau John
- Nadel am Mund.
-
-Warum haste denn det nich anjejeben?
-
- John
-
-Weeß ick et denn? Ick weeß et doch nich.
-
- Frau John
-
-Det weeßte nich?
-
- John
-
-Bin ick dabei jewesen?
-
- Frau John
-
-Na, wenn de mir hier in meine Berliner Wohnung sitzen läßt und lichst
-det janze jeschlagene Jahr in Altona, kommst hechstens ma monatlich mir
-besuchen: wat wiste denn wissen, wat in deine Behausung vorjehn dut.
-
- John
-
-Wo soll ick nich jehn, wo der Meester de mehrschte Arbeet hat? Ick jeh
-dorthin, wo ick schen verdiene.
-
- Frau John
-
-Ick ha et dir doch in Briefe jeschrieben, det unser Jungeken hier in de
-Wohnung jeboren is.
-
- John
-
-Det weeß ick. Det hab ick ihm och jesacht! Det is doch janz natierlich,
-hab ick jesacht, det et in meine Wohnung jeboren is. Da hat er jesacht:
-det is jar nich natierlich! Na denn, sach ick, mag et meinswegen uf'n
-Oberboden bei de Ratten und Mäuse jewesen sind! So kreppte ick mir, weil
-er doch sachte, det et womeglich jar nich sollte in meine eijene Wohnung
-sind jewesen. Denn schrie er: wat sind det for Redensarten! Wat? sag
-ick: ick bin for Lohn un Brot! for Redensarten Herr Standesbeamter bin
-ick nich! un nu sollte ick Tag und Stunde anjeben ...
-
- Frau John
-
-Ick hab et dir doch sojar jenau uf'n Zettel jeschrieben, Paul.
-
- John
-
-Wenn eener jekreppt is, denn is er verjeßlich. Ick jloobe, wenn er mir
-hätte jefracht: sind Sie Paul John, der Mauerpolier? ick hätte
-jeantwort: ick weeß et nich. Na, nu war ick doch 'n bißken verjnügt
-jewesen un hatte mit Fritzen eenen jekippt! denn war noch Schubert und
-Schindlerkarl zujekomm! denn hieß et: ick muß nun 'ne Lage jeben, weil
-ick doch Vater jeworden bin! -- Na! un die Brieder wollten mir och nich
-loslassen un warteten unten an de Tür von't Standesamt. Un nu dachte
-ick, det se unten stehen! und wo er mir frachte an welchen Dache det
-meine Frau entbunden is, denn wußte ick nischt un mußte laut loslachen.
-
- Frau John
-
-Häste man nachher jetrunken, Paul, un häste vorher besorcht, wat netig
-is.
-
- John
-
-Det sachste so? Aber wenn du uf deine ollen Dache noch so 'ne Zicken
-machst! denn wa ick verjnügt! denn freut ick mir, Mutter.
-
- Frau John
-
-Nu jehste und sachst bein Standesamt, det dein Kindeken an
-fünfundzwanzigsten Mai von deine Ehefrau in deine Wohnung jeboren is.
-
- John
-
-War et denn nich an sechsundzwanzigsten? Ick ha nämlich schlankweg dem
-sechsundzwanzigsten Mai jesacht! denn hieß et, weil er doch merkte, det
-ick an Ende nich so janz sicher war: stimmt's denn is jut! sonst komm Se
-wieder.
-
- Frau John
-
-I, denn laß et man wie et is.
-
- Die Tür wird geöffnet und Selma Knobbe schiebt einen elenden
- Kinderwagen herein, der im traurigsten Gegensatz zu dem der Frau
- John steht, darin liegt, in jämmerlichsten Lumpen, ebenfalls ein
- Säugling.
-
- Frau John
-
-Nee nee Selma, mit det kranke Kind bei uns in de Stube rieber, det jing
-woll vordem, nu jeht det nich.
-
- Selma
-
-Et keucht so ville mit sein Husten. Drieben bei uns wird zu ville
-jeroocht, Frau John.
-
- Frau John
-
-Ick ha dir jesacht, Selma, du kannst immer komm, ma Milch un ma Brot
-holen. Aber wo hier mein Adelbertchen womechlich mit Auszehrung oder
-derjleichen anfliejen dut, laß du det arme Wurm drieben bei seine feine
-Mama drieben.
-
- Selma
- weinerlich.
-
-Mutter is jestern und heut nich zu Hause jekomm. Ick kann nachts nich
-schlafen mit det Kind. Helfjottchen quarrt de janze Nacht iber. Ick muß
-doch ma schlafen. Ick spring zum Fenster 'raus, oder ick laß
-Helfjottchen mitten uf de Straße und nehme Reißaus, det mir keen
-Polizist nich mehr finden kann.
-
- John
- betrachtet das fremde Kind.
-
-Sieht bese aus! Mutter nimm dich ma mit det Häufchen Unglick 'n bißken
-an.
-
- Frau John
- resolut, drängt Selma mit dem Kinderwagen hinaus.
-
-Marsch, fort aus der Stube. Det jeht nich, Paul. Wer Eegnet hat, kann
-sich mit Fremde nich abjeben. Soll de Knobben sehn, wo se bleiben dut.
-Wat anders is Selma! Du kannst immer rieber komm. Du kannst dir hier och
-hernach 'n bißken uf's Ohr lechen.
-
- Selma mit dem Kinderwagen ab. Frau John verschließt die Tür hinter
- ihr.
-
- John
-
-Hast dir doch frieher mit die Knobbeschen Rotznäsen immer bekümmert!
-
- Frau John
-
-Det vastehste nich. Det sich Adelbertchen womechlich mit schlimme Ochen
-un Krämpfe von een andret anstecken dut.
-
- John
-
-Det mag sind. Bloß nenn ihm nich Adelbertchen, Mutter. Det dut nich jut,
-'n Kind 'n selbichten Namen zu jeben, wie een andret, det mit acht
-Dache, unjedoft, mit Dot abjejang'n is. Det laß man! davon ha' ick
-Manschetten, Mutter.
-
- Es wird an die Tür geklopft. John will öffnen.
-
- Frau John
-
-Wat denn?
-
- John
-
-Na, Jette, 't will eener rin.
-
- Frau John
- dreht hastig den Schlüssel herum.
-
-Ick wer' mir woll, wo ick marode bin, von alle Welt ieberlofen lassen.
--- (Sie horcht und ruft dann): -- Ick kann nich ufmachen: wat wollen Se
-denn?
-
- Eine Frauenstimme
- aber tief und männlich.
-
-Ich bin Frau Direktor Hassenreuter.
-
- Frau John
- überrascht.
-
-Ach Jott nee! -- (Sie öffnet die Tür.) -- Nehm Se 't nich iebel, Frau
-Direkter! Ick ha ja nich ma jewußt, wer 't is.
-
- Frau Direktor Hassenreuter ist nun, gefolgt von Walburga,
- eingetreten. Sie ist eine kolossale, asthmatische Dame, älter als
- fünfzig. Walburga ist ein wenig unscheinbarer gekleidet als im
- ersten Akt. Sie trägt ein ziemlich umfangreiches Paket.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Guten Tag, Frau John! Ich wollte doch nun -- obgleich mir das
-Treppensteigen schwer wird ... wollte doch nun mal sehen, wie's nach dem
-frohen Ereignis ... ja ... Ereignis mit Ihnen beschaffen ist.
-
- Frau John
-
-Et jeht mir, Jott sei Dank, wieder so hallweche, Frau Direkter.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
--- Das ist doch wahrscheinlich Ihr Mann, Frau John? Das muß man sagen
-... muß man sagen -- daß Ihre liebe Frau -- sich in der langen Wartezeit
-niemals beklagt und immer ... immer fröhlich und guter Dinge -- ihre
-Arbeit oben bei meinem Mann im Theatermagazin verrichtet hat.
-
- John
-
-Det is och. Se hat ihr mächtig jefreit, Frau Direkter.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Nun, da wird man wohl auch ... da wird Ihre Frau wohl die Freude haben
--- Sie öfters ... öfters als wie bisher -- zu Hause zu sehn.
-
- Frau John
-
-Ick ha'n juten Mann, Frau Direkter, wo sorjen dut und solide is. Und
-deshalb, weil Paul auswärts uf Arbeet jeht, denn hat er mir längst nich
-sitzen lassen. Aber for so 'n Mann, wo 'n Bruder schon 'n Jungen von
-zwölf in de Unteroffiziersschule hat ... det is och keen Leben, ohne
-Kinder! denn kricht er Jedanken! denn macht er in Hamburg schenet Jeld!
-denn is alle Dache Jelejenheet, un denn will er fort nach Amerika
-auswandern.
-
- John
-
-I, Jette, det war ja man bloß so 'n Jedanke.
-
- Frau John
-
-Sehn Se, det is mit uns kleene Leite ... det is 'n sauer verdientes
-Durchkommen, wo unsereens hat, aber jedennoch ... -- (Sie fährt John
-schnell mit der Hand durchs Haar.) -- Wenn och eener mehr is un Sorchen
-mehr sin -- sehn Se, det Wasser läuft ihm de Backen runter! -- denn
-freut er sich.
-
- John
-
-Det is, wir haben schon vor drei Jahre 'n Jungchen jehabt, und det is
-mit acht Dache einjejang.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Das hat mir mein Mann ... mein Mann bereits ... hat mir mein Mann
-bereits gesagt -- wie sehr Sie sich -- um den Sohn gegrämt haben. Sie
-wissen ja ... wissen ja, wie mein braver Mann -- Aug' und Herz ... Herz
-und Auge für alles hat. Und wenn es sich gar ... gar um Leute handelt --
-die um ihn sind und ihm Dienste leisten -- da ist alles Gute ... und
-Schlimme ... alles Gute und Schlimme ... was ihnen zustößt ... zustößt,
-so, als wär' es ihm selbst passiert.
-
- Frau John
- klopft John auf die Schulter.
-
-Ick seh ihm noch, wie er mit det kleene Kindersärgiken uf beede Knie
-dazumal in Kinderleichenwachen jesessen hat. Det durfte d'r Dotenjräber
-nich anrihren.
-
- John
- wischt sich Wasser aus den Augen.
-
-Det war och so. Det jing och nich.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Denken Sie ... denken Sie, heute mittag bei Tisch -- mußten wir ...
-mußten wir plötzlich Wein trinken. Wein! wo Leitungswasser in den
-letzten Jahren ... Karaffen mit Leitungswasser -- unser einziges ...
-einziges Getränk bei Tische ist. Liebe Kinder, sagte mein Mann. -- Er
-ist, wie Sie wissen, elf oder zwölf Tage in den Elsaß verreist gewesen!
-... Also ich trinke, sagte mein Mann, auf meine gute, brave Frau John,
-weil ... rief er mit seiner schönen Stimme! ... weil sie ein sichtbares
-Zeichen dafür ist, daß unserem Herrgott ... Herrgott der Schrei eines
-Mutterherzens nicht gleichgültig ist. -- Und da haben wir auf Sie
-angestoßen! -- So! -- und nun bringe ich ... bringe ich Ihnen hier im
-ganz besonderen ... ganz besonderen Auftrage meines Mannes einen
-sogenannten Soxhlet-Kinder-Milchapparat. -- Walburga, du magst den
-Kessel mal auspacken.
-
- Direktor Hassenreuter tritt ohne Umstände durch die nur angelehnte
- Flurtür herein. Er trägt Zylinder, Sommerpaletot, Handschuhe,
- spanisches Rohr mit Silbergriff, im ganzen die etwas abgeschabte
- Garnitur des Wochentags. Er spricht hastig und fast ohne Pausen.
-
- Direktor Hassenreuter
- sich den Schweiß von der Stirn wischend.
-
-Heiß! Berlin macht heiß, meine Herrschaften! In Petersburg ist die
-Cholera! Sie haben meinen Schülern Spitta und Käferstein gegenüber
-geklagt, daß Ihr Kindchen nicht zunehmen will, Frau John. Eigentlich ist
-es ja ein Verfallssymptom unserer Zeit, daß die meisten Mütter ihre
-Kinder selber zu nähren nicht mehr fähig oder nicht willens sind. Sie
-haben schon einmal einen Jungen am Brechdurchfall eingebüßt, Mutter
-John. Hilft alles nichts: wir müssen hier deutsch reden! Damit Sie nun
-diesmal nicht wieder Pech haben und nicht etwa gar in die Scheren von
-allerlei alten Basen fallen, deren gute Ratschläge meistens für
-Säuglinge tödlich sind, hat Ihnen meine Frau auf meine Veranlassung
-diesen Milchkochapparat mitgebracht. Ich habe damit meine ganze kleine
-Gesellschaft, auch die Walburga, großgezogen ... Sapristi! da sieht man
-ja auch mal wieder den Herrn John! Bravo! der Kaiser braucht Soldaten!
-und Sie hatten einen Stammhalter nötig, Herr John! Gratuliere Ihnen von
-ganzem Herzen.
-
- Er schüttelt John kräftig die Hand.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
- am Kinderwagen.
-
-Wieviel ... wieviel hat es gewogen bei der Geburt?
-
- Frau John
-
-Et hat jenau acht Pfund und zehn Jramm jewogen.
-
- Direktor Hassenreuter
- jovial, laut und lärmig.
-
-Ha ha ha, strammes Produkt! Acht Pfund zehn Gramm frisches
-deutschnationales Menschenfleisch.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Die Augen! das Näschen! der ganze Vater! -- Das Kerlchen ist Ihnen
-wirklich ... wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten, Herr John.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie werden den Bengel doch hoffentlich in die Gemeinschaft der
-christlichen Kirche aufnehmen lassen.
-
- Frau John
- glücklich und gewichtig.
-
-Det wird richtig in de Parochialkirche, richtig am Taufstein, richtig
-von Jeistlichen wird et jetauft.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sessa! Und welche sind seine Taufnamen?
-
- Frau John
-
-Det hat natierlich, wie Männer nu eemal sind, 'n langet Jerede
-abjesetzt. Ick dachte »Bruno«! Det will er nich.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Aber Bruno ist doch kein übler Name.
-
- John
-
-Det mag immer sind, det Bruno weiter keen iebler Name is. Da will ick
-mir weiter drieber nich ausdricken.
-
- Frau John
-
-Wat sachste nich, det ick 'n Bruder habe, wo Bruno heest und wo zwölf
-Jahre jinger is: und jeht manchmal 'n bißken uf leichte Weche. Det is
-bloß de Verführung! Der Junge is jut! Det jloobste nich!
-
- John
- bekommt einen roten Kopf.
-
-Jette ... Du weeßt, wat det mit Brunon for 'n Kreuz jewesen is! -- Wat
-wiste?! Soll unser Jungeken so 'n Patron krichen? -- Et is 'n Patron!
-Aber eener, ick kann et nich ändern ... eener, wo unter polizeiliche
-Ufsicht is.
-
- Direktor Hassenreuter
- lachend.
-
-Um's Himmels willen, dann suchen Sie ihm einen anderen Patron!
-
- John
-
-Jott soll mir bewahren ... ick ha mir bei Brunon anjenommen, in de
-Maschinschlosserei Stellung verschafft, nischt davon jehat, als Ärjer un
-Schande! Jott soll bewahren, det er womeglich kommt un mein Jungeken
-anfassen dut! -- (Er krampft die Faust.) -- denn Jette ... denn kennt
-ick nich for mir jut sachen.
-
- Frau John
-
-Immerzu doch, Paul. Bruno kommt ja nich! -- So viel kann ick dir aber
-jewißlich sachen, det mein Bruder mich in die schweren Stunden redlich
-beiseite jewesen is.
-
- John
-
-Warum haste mir nich lassen kommen, Jette?
-
- Frau John
-
-So 'n Mann, wo Angst hat, mocht ick nich.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sind Sie nicht Bismarckverehrer, John?
-
- John
- kratzt sich hinter den Ohren.
-
-Det kann ick nu so jenau nich sachen: aber, wat meine Jenossen in't
-Mauerjewerbe sind, die sind et nich.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Dann habt Ihr kein deutsches Herz im Leibe! Ich habe meinen ältesten
-Sohn, der bei der Kaiserlichen Marine ist, Otto genannt! Und glauben Sie
-mir, -- (er weist auf das Kindchen) -- diese neue künftige Generation
-wird wissen, was sie dem Schmiede der deutschen Einheit, dem gewaltigen
-Heros, schuldig ist. -- (Er nimmt den Blechkessel des Milchapparates,
-den Walburga ausgepackt hat, in die Hände und hebt ihn hoch.) -- Also,
-die ganze Geschichte mit diesem Milchapparat ist kinderleicht: das ganze
-Gestell mit sämtlichen Flaschen -- jede Flasche zunächst ein Drittel mit
-Milch und zwei Drittel mit Wasser gefüllt! -- wird in diesen Kessel mit
-kochendem Wasser gestellt. Auf diese Weise, wenn man das Wasser im
-Kessel anderthalb Stunde lang auf dem Siedegrade hält, wird der Inhalt
-der Flaschen keimfrei gemacht: die Chemiker nennen das sterilisieren.
-
- John
-
-Jette, bei de Frau Mauermeester ihre Milch, womit sie die Zwillinge
-ufziehen dut, wird et och sterilililililisiert.
-
- Die Schüler des Direktors Hassenreuter, Käferstein und Dr. Kegel,
- zwei junge Leute im Alter zwischen zwanzig und fünfundzwanzig, haben
- angeklopft und die Tür geöffnet.
-
- Direktor Hassenreuter
- der seine Schüler bemerkt hat.
-
-Geduld, meine Herren, ich komme gleich. Ich arbeite hier einstweilen
-noch im Fache der Säuglingsernährung und Kinderfürsorge.
-
- Käferstein
- ausgesprochener Kopf, große Nase, bleich, ernster Gesichtsausdruck,
- bartlos, ein immer schalkhafter Zug um den Mund. Mit
- Grabesstimme, weich, zurückhaltend.
-
-Wir sind nämlich die drei Könige aus dem Morgenlande.
-
- Direktor Hassenreuter
- der noch immer den Milchkochapparat hoch in den Händen hält.
-
-Was sind Sie?
-
- Käferstein
- wie vorher.
-
-Wir wollen das Kindelein grüßen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ha ha ha ha! Wenn Sie schon Könige aus dem Morgenlande sind, meine
-Herren, dann fehlt doch, soweit ich sehn kann, der dritte.
-
- Käferstein
-
-Der dritte ist unser neuer Mitschüler auf dem Felde dramaturgischer
-Tätigkeit, Kandidat der Theologie Erich Spitta, der durch einen
-gesellschaftspsychologischen Zwischenfall einstweilen noch Ecke Blumen-
-und Wallnertheaterstraße festgehalten ist.
-
- Dr. Kegel
-
-Wir machten uns eiligst aus dem Staube.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sehen Sie, es steht ein Stern über Ihrem Hause, Frau John! -- Aber sagen
-Sie mal, hat sich etwa unser braver Kurpfuscher Spitta wieder mal
-öffentlich an die Heilung sogenannter sozialer Schäden gemacht? Ha ha ha
-ha! _Semper idem!_ das ist ja ein wahres Kreuz mit dem Menschen.
-
- Käferstein
-
-Es war ein Auflauf, und da hat er wohl, wie es scheint, in der
-Volksmenge eine Freundin wieder erkannt.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Meiner unmaßgeblichen Meinung nach würde der junge Spitta viel besser
-zum Sanitätsgehilfen oder zum Heilsarmeeoffizier geeignet sein. Aber so
-ist es: der Mensch wird Schauspieler.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Der Lehrer der Kinder, Herr Spitta, wird Schauspieler?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wenn du erlaubst, Mama, hat er mir die Eröffnung gemacht. -- Aber nun,
-wenn Sie Weihrauch und Myrrhen bringen, packen Sie aus, lieber
-Käferstein. Sie sehen, Ihr Direktor ist vielseitig. Bald verhelfe ich
-meinen Schülern, die ihr nach dem Inhalt der Brüste der Musen durstig
-seid, zu geistiger Nahrung, _nutrimentum spiritus!_ bald ...
-
- Käferstein
- klappert mit einer Sparkasse.
-
-Nun, ich stelle also das Ding, es ist eine feuersichere Sparkasse, hier
-neben die Equipage des jungen Herrn Maurerpolier, mit dem Wunsche, daß
-er es mindestens mal bis zum Regierungsbaumeister bringen möge.
-
- John
- hat Schnapsgläschen auf den Tisch gestellt, nimmt und entkorkt
- eine unangebrochene Likörflasche.
-
-Na, nu muß ick det Danziger Joldwasser ufmachen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wer da hat, Sie sehen, dem wird gegeben, Frau John.
-
- John
- während er eingießt.
-
-Det is nich jesacht, det for Mauerpolier John sein Kind nich jesorcht
-wäre, meine Herrn! Aber ick rechen et mir an, meine Herrn. -- (Frau
-Direktor und Walburga ausgenommen, ergreifen alle die Gläser.) --
-Wohlsein! -- Mutter, nu komm, wir wolln och ma anstoßen.
-
- Es geschieht, sie trinken.
-
- Direktor Hassenreuter
- im Ton der Rüge.
-
-Mama, du mußt selbstverständlich mittrinken.
-
- John
- nachdem er getrunken hat, aufgeräumt.
-
-Ick jeh nu och nich mehr nach Hamburg hin. D'r Meester mag ma 'n andern
-hinschicken. Ick zerjle mir schonn mit 'n Meester deswechen drei Dache
-rum. Ick muß mir nu wieder jleich mein Hut nehmen, hat mir wieder ma
-jejen sechs uf's Büro bestellt! Wenn er nich will, denn laßt er't
-bleiben: det jeht nich, det 'n Familienvater immer un ewich wech von
-seine Familie is. Ick ha 'n Kollegen ... et kost mir een Wort, da wer'
-ick, wo se de Fundamente lechen, bei't neue Reichstagsjebäude
-einjestellt. Zwölf Jahre bin ick bei meinen Meester! Et kann ja och ma
-wo anders sind.
-
- Direktor Hassenreuter
- klopft John ebenfalls auf die Schulter.
-
-Sessa! ganz Ihrer Ansicht, Herr Maurerpolier. Unser Familienleben ist
-eine Sache, die man uns mit Geld und guten Worten nicht abkaufen kann.
-
- Kandidat Erich Spitta tritt ein. Sein Hut ist beschmutzt, sein Anzug
- trägt Schmutzflecken. Er ist ohne Schlips. Er sieht bleich und
- erregt aus und säubert mit dem Taschentuch seine Hände.
-
- Spitta
-
-Verzeihung. Könnte ich mich bei Ihnen mal eben 'n bißchen säubern, Frau
-John?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ha ha ha! Um Gottes willen, was haben Sie denn angebahnt, guter Spitta?
-
- Spitta
-
-Ich habe nur eine Dame nach Hause begleitet, Herr Direktor, weiter
-nichts.
-
- Direktor Hassenreuter
- der an einem allgemeinen Lachausbruch ob der Worte Spittas
- teilgenommen hat.
-
-Na hören Sie mal an! Und da setzen Sie noch hinzu: weiter nichts? Und
-verkünden es offen vor allen Leuten?
-
- Spitta
- verblüfft.
-
-Wieso nicht? Es handelte sich um eine gutgekleidete Dame, die ich hier
-im Hause auf der Treppe schon öfters gesehen hatte, und die leider auf
-der Straße verunglückt ist.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ach, was Sie sagen: erzählen Sie mal, bester Spitta. Augenscheinlich hat
-die Dame Ihnen Flecke auf den Anzug und Schrammen auf die Hände gemacht.
-
- Spitta
-
-Ach nein. Das war wohl höchstens der Janhagel. Die Dame erlitt einen
-Anfall. Ein Schutzmann griff sie dabei so ungeschickt, daß sie auf den
-Straßendamm, und zwar dicht vor einem Paar Omnibuspferde niederfiel. Ich
-konnte das absolut nicht mit ansehen, obgleich der Samariterdienst auf
-der Straße im allgemeinen, wie ich zugebe, unter der Würde
-gutgekleideter Leute ist.
-
- Frau John schiebt den Kinderwagen hinter den Verschlag und kommt
- wieder mit einem Waschbecken voll Wasser, das sie auf einen Stuhl
- setzt.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Gehörte die Dame vielleicht jener internationalen guten Gesellschaft an,
-die man je nachdem nur reglementiert oder auch kaserniert.
-
- Spitta
-
-Das war mir in diesem Falle ebenso gleichgültig, wie ich sagen muß, Herr
-Direktor, wie dem Omnibusgaul, der seinen linken Vorderhuf geschlagene
-fünf, sechs oder acht Minuten lang, um die Frau nicht zu treten, die
-unter ihm lag, in der Schwebe gehalten hat. -- (Spitta erhält eine
-Lachsalve zur Antwort.) -- Sie lachen! Für mich ist das Verhalten des
-Gauls nicht lächerlich. Ich konnte ganz gut verstehen, daß einige Leute
-ihm Bravo zuriefen, Beifall klatschten, andre eine Bäckerei stürmten und
-Semmeln herausholten, womit sie ihn fütterten.
-
- Frau John
- fanatisch.
-
-I, hätt' er man feste zujetreten! -- (Die Bemerkung der John löst wieder
-allgemeines Gelächter aus.) -- Und ieberhaupt, wat die Knobben is: die
-jehört öffentlich uf 'n Schandarmenmarkt, öffentlich uf de Bank
-jeschnallt und jehörig mit Riemen durchjefuchtelt! Stockhiebe det det
-Blut man so spritzt.
-
- Spitta
-
-Ich habe mir niemals eingebildet, daß das sogenannte Mittelalter eine
-überwundene Sache ist. Es ist noch nicht lange her. Man hat eine Witwe
-Mayer noch im Jahre achtzehnhundertundsiebenunddreißig hier in Berlin,
-auf dem Hausvogteiplatz, von untenherauf geradebrecht. -- (Er zieht
-Scherben einer Brille hervor.) -- Übrigens muß ich sofort zum Optiker.
-
- John
- zu Spitta.
-
-Entschuldijen Se man. Se haben die feine Dame doch hier am Flur
-jejenieber rinjebracht? Na ja! Det hat Mutter ja jleich jemerkt, det det
-keen andrer Mensch wie de Knobben jewesen is, wo bekannt for is, det se
-Mädel mit zwölf uf de Jasse schickt, selber fortbleibt, trinkt und
-allerhand Kundschaft hat, um Kinder nich kümmert und wo berauscht is und
-ufwachen dut, allens mit Fäuste und Schirme durchprijelt.
-
- Direktor Hassenreuter
- sich raffend und besinnend.
-
-Allons, meine Herren, wir müssen zum Unterricht. Es fehlt uns schon eine
-Viertelstunde. Meine Zeit ist gemessen. Unser Stundenschluß muß leider
-heute ganz pünktlich sein. Komm Mama. Auf Wiedersehn, meine
-Herrschaften.
-
- Der Direktor gibt seiner Frau den Arm und geht, gefolgt von
- Käferstein, und Dr. Kegel ab. Auch John nimmt seinen Kalabreser.
-
- John
- zu seiner Frau.
-
-Adje, ick muß och zum Meester hin.
-
- Auch John geht.
-
- Spitta
-
-Könnten Sie mir mal einen Schlips leihen?
-
- Frau John
-
-Ick will mal sehn, wat sich bei Paul in de Schublade vorfinden duht. --
-(Sie öffnet den Tischschub und verfärbt sich.) -- Jesus! -- (Sie nimmt
-ein durch ein buntes Band zusammengehaltenes Büschelchen Kinderhaar aus
-der Schublade.) -- Da hab ick ja 'n Büschelschen Haar jefunden, wo mein
-Jungeken, wo mein Adelbertchen schon in Sarch mit Vaters Papierschere
-abjeschnitten is. -- (Tiefe, kummervolle Traurigkeit zieht plötzlich
-über ihr Gesicht, das sich aber ebenso plötzlich wieder aufhellt.) -- Un
-nu liecht et doch wieder in Kinderwagen! -- (Sie geht mit eigentümlicher
-Fröhlichkeit, das Haarbüschel in der Hand, den jungen Leuten vorweisend,
-zur Tür des Verschlages, wo der Kinderwagen, zwei Drittel sichtbar, sich
-befindet. Dort angelangt, hält sie das Haarbüschel an das
-Kinderköpfchen.) -- Na nu kommt mal, kommt mal! -- (Sie winkt mit
-seltsamer Heimlichkeit Walburga und Spitta, die auch neben sie an den
-Kinderwagen treten.) -- Seht mal det Häarchen und det! --? ob det nich
-detselbiche ... ob det nich janz und jänzlich een und datselbiche
-Häarchen is.
-
- Spitta
-
-Richtig! Bis auf die kleinste Nuance, Frau John.
-
- Frau John
-
-Jut so! jut so! mehr wollt ick nich!
-
- Sie, mit dem Kinde, verschwindet hinter dem Verschlag.
-
- Walburga
-
-Findest du nicht, Erich, daß das Betragen der John eigentümlich ist?
-
- Spitta
- faßt Walburgas Hände und küßt sie scheu und inbrünstig.
-
-Ich weiß nicht, weiß nicht -- ... oder ich zähle heut nicht mit, weil
-ich alles von vornherein subjektiv düster gefärbt sehe. Hast du den
-Brief bekommen?
-
- Walburga
-
-Jawohl. Aber ich konnte nicht herausfinden, warum du so lange nicht bei
-uns gewesen bist.
-
- Spitta
-
-Verzeih, Walburga, ich konnte nicht kommen.
-
- Walburga
-
-Warum nicht?
-
- Spitta
-
-Weil ich innerlich zu zerrissen bin.
-
- Walburga
-
-Du willst Schauspieler werden? Ist's wahr? Du willst umsatteln?
-
- Spitta
-
-Was schließlich noch mal aus mir wird, steht bei Gott! Nur niemals ein
-Pastor! niemals ein Landpfarrer!
-
- Walburga
-
-Du, ich habe mir lassen die Karten legen.
-
- Spitta
-
-Das ist Unsinn, Walburga. Das sollst du nicht.
-
- Walburga
-
-Ich schwöre dir, Erich, es ist kein Unsinn. Sie hat mir gesagt, ich
-hätte einen heimlichen Bräutigam, und der sei Schauspieler. Natürlich
-hab' ich sie ausgelacht und gleich darauf sagt Mama, du wirst
-Schauspieler.
-
- Spitta
-
-Tatsächlich?
-
- Walburga
-
-Tatsächlich! Und dann hat mir die Kartenlegerin noch gesagt, wir würden
-durch einen Besuch viel Not haben.
-
- Spitta
-
-Mein Vater kommt nach Berlin, Walburga, und das ist allerdings wahr, daß
-uns der alte Herr etwas zu schaffen machen wird. -- Vater weiß das
-nicht, aber ich bin mit ihm innerlich längst zerfallen, auch ohne diese
-Briefe, die mir hier in der Tasche brennen und mit denen er meine
-Beichte beantwortet hat.
-
- Walburga
-
-Über unserm verunglückten Rendezvous hat wirklich ein böser, neidischer,
-giftiger Stern geschwebt. Wie habe ich meinen Papa bewundert! Aber seit
-jenem Sonntag werde ich aller Augenblick rot für ihn, und so sehr ich
-mir Mühe gebe, ich kann ihm seitdem nicht mehr gerade und frei ins Auge
-sehn.
-
- Spitta
-
-Hast du mit deinem Papa auch Differenzen gehabt?
-
- Walburga
-
-Ach, wenn es bloß das wäre! Ich war stolz auf Papa! Und jetzt muß ich
-zittern, wenn du es wüßtest, ob du uns überhaupt noch achten kannst.
-
- Spitta
-
-Ich und verachten! Ich wüßte nicht, was mir weniger zukäme, gutes Kind.
-Sieh mal: ich will mit Offenheit gleich mal vorangehn. Eine sechs Jahr
-ältere Schwester von mir war Erzieherin, und zwar in einem adligen
-Hause. Da ist etwas passiert ... und als sie im Elternhaus Zuflucht
-suchte, stieß mein christlicher Vater sie vor die Tür. Er dachte wohl:
-Jesus hätte nicht anders gehandelt! Da ist meine Schwester allmählich
-gesunken, und nächstens werden wir beide mal nach dem kleinen
-sogenannten Selbstmörderfriedhof bei Schildhorn gehn, wo sie schließlich
-gelandet ist.
-
- Walburga
- umarmt Spitta.
-
-Armer Erich, davon hast du ja nie ein Wort gesagt.
-
- Spitta
-
-Das ist eben nun anders: ich spreche davon. Ich werde auch hier mit Papa
-davon sprechen und wenn es darüber zum Bruche kommt. -- Du wunderst dich
-immer, wenn ich erregt werde, und wenn ich mich manchmal nicht halten
-kann, wo ich sehe, wie irgendein armer Schlucker mit Füßen gestoßen
-wird, oder wenn der Mob etwa eine arme Dirne mißhandelt. Ich habe dann
-manchmal Halluzinationen und glaube am hellichten Tage Gespenster, ja
-meine leibhaftige Schwester wiederzusehn.
-
- Pauline Piperkarcka, ebenso wie früher gekleidet, tritt ein. Ihr
- Gesichtchen erscheint bleicher und hübscher geworden.
-
- Die Piperkarcka
-
-Jun Morchen.
-
- Frau John
- hinter dem Verschlage.
-
-Wer ist denn da?
-
- Die Piperkarcka
-
-Pauline, Frau John.
-
- Frau John
-
-Pauline? -- Ick kenne keene Pauline.
-
- Die Piperkarcka
-
-Pauline Piperkarcka, Frau John.
-
- Frau John
-
-Wer? -- Denn wachten Se man 'ne Minute, Pauline.
-
- Walburga
-
-Adieu, Frau John.
-
- Frau John
- erscheint vor dem Verschlage, schließt sorgfältig den Vorhang
- hinter sich.
-
-Jawoll! Ick ha mit det Freilein wat zu verabreden. Seht ma, det ihr
-'naus uf de Straße kommt.
-
- Spitta und Walburga schnell ab. Frau John schließt die Tür hinter
- beiden.
-
- Frau John
-
-Sie sind et, Pauline? Wat wollen Se denn?
-
- Die Piperkarcka
-
-Wat werde wollen? Et hat mir herjetrieben. Habe nich länger warten
-können. Muß sehn, wie steht.
-
- Frau John
-
-Wat denn? Wat soll denn stehn, Pauline?
-
- Die Piperkarcka
- mit etwas schlechtem Gewissen.
-
-Na, ob jesund is, ob jut in Stand.
-
- Frau John
-
-Wat soll denn jesund? wat soll denn in Stande sind?
-
- Die Piperkarcka
-
-Dat sollen woll wissen von janz alleine.
-
- Frau John
-
-Wat soll ick denn von alleene wissen?
-
- Die Piperkarcka
-
-Ob Kind auch nich zujestoßen is.
-
- Frau John
-
-Wat for'n Kind? un wat zujestoßen? Reden Se deitsch! Se blubbern ja man
-keen eenziget richtiget deitsches Wort aus de Fresse raus.
-
- Die Piperkarcka
-
-Wenn ick nur sagen, was wahr is, Frau John.
-
- Frau John
-
-Na wat denn?
-
- Die Piperkarcka
-
-Mein Kind ...
-
- Frau John
- haut ihr eine gewaltige Backpfeife.
-
-... Det sache nochmal, un denn kriste so lange den Schuh um de Ohren,
-bis et dir vorkommt, det du 'ne Mutter von Drillinge bist. Nu raus! Un
-nu laß dir nich wieder blicken!
-
- Die Piperkarcka
- will fort. Rüttelt an der Tür, die aber verschlossen ist.
-
-Hat mir jeschlagen, zu Hilfe, zu Hilfe! Brauche mir nich jefallen zu
-lassen! -- (weinend) -- Aufmachen! Hat mir mißhandelt, Frau John!
-
- Frau John
- vollkommen umgewandelt, umarmt Pauline, sie so zurückhaltend.
-
-Pauline, um Jottet willen, Pauline! Ick weeß nich, wat in mir jefahren
-hat! Sein Se man jut, ick leiste ja Abbitte! Wat soll ick tun? Pauline,
-soll ick fußfällig uf de Knie, Pauline, Pauline! Abbitte tun?
-
- Die Piperkarcka
-
-Was haben mir ins Jesicht jeschlagen? Ick jehe zu Wache und zeigen an,
-det mir hier ins Jesicht jeschlagen hat. Ick zeigen an, ick gehen zu
-Wache.
-
- Frau John
- hält ihr Gesicht hin.
-
-Da! hauste mir wieder in't Jesicht! denn is et jut! denn is er
-verjlichen.
-
- Die Piperkarcka
-
-Ick jehe zu Wache ...
-
- Frau John
-
-Denn is et verjlichen. Ick sache, Mächen, denn is et, Mächen, sag ick,
-akkurat mit de Wage verjlichen! Wat wiste nu, Mächen? Nu jeradezu.
-
- Die Piperkarcka
-
-Wat soll mich nützen, wenn Backe jeschwollen is.
-
- Frau John
- haut sich selbst ein Backenstreich.
-
-Da! Meine Backe is och jeschwollen. Mächen, hau zu, und jeniere dir
-nich. -- Un denn komm, denn raus, watte uf 'n Herzen hast. Ick will
-mittlerweile ... ick koche inzwischen for Sie und for mir, Freilein
-Pauline, 'n rechten juten Bohnenkaffee, Jott weeß et, und keene
-Zichorientunke.
-
- Die Piperkarcka
- weicher.
-
-Warum sin denn auf einmal so niederträchtig und jrob zu mich armes
-Mächen, Frau John?
-
- Frau John
-
-Det is et! det mecht ick alleene wissen! Komm Se, Pauline, setzen sich.
-So! Scheenecken sag ick! Setzen sich! Scheen, det Se mich ma besuchen
-komm! Wat ha ick von meine Mutter deswechen schon for Schmisse jekricht,
-ick bin doch aus Brickenberch jebürtig! weil ick mir manchmal ja nich
-jekannt habe. Die hat mehr wie eemal zu mich jesacht: Mädel paß uf: du
-machst dir ma unglücklich. Det kann och sin, det se recht haben dut. Wie
-jeht's, Pauline, wat machen Se denn?
-
- Die Piperkarcka
- legt Scheine und Silbergeld, die Handvoll, ohne zu zählen, auf
- den Tisch.
-
-Hier is det Jeld: ick brauchen ihm nicht.
-
- Frau John
-
-Ick weeß doch von keenen Jelde, Pauline.
-
- Die Piperkarcka
-
-Oh, werden woll janz jut wissen von Jeld! Et hat mir jebrannt. Et war
-mich wie Schlange unter Kopfkissen ...
-
- Frau John
-
-I wo denn ...?
-
- Die Piperkarcka
-
-Is vorjekrochen, wo ick müde bin einjeschlafen. Hat mir jepeinigt, hat
-mir umringt! hat mir jequetscht, wo ick habe laut aufjeschrien und meine
-Wirtin hat mir jefunden, wo ick fast abjestorben, längelang auf Diele
-jelegen bin.
-
- Frau John
-
-Lassen Se det man jut sind, Pauline! -- Trinken Se erst ma 'n kleenen
-Schnaps! -- (Sie gießt ihr Kognak ein.) -- Un dann essen Se erst ma 'n
-Happen-Pappen: mein Mann hat jestern Jeburtstag jehat.
-
- Sie holt einen Streußelkuchen, von dem sie Streifen schneidet.
-
- Die Piperkarcka
-
-I wo denn, ick mag nich essen, Frau John.
-
- Frau John
-
-Det stärkt, det dut jut, det mussen Se essen! Aber ick muß mir doch
-freuen, Pauline, det Se doch wieder mit Ihre jute Natur bei Ihre Kräfte
-jekommen sin.
-
- Die Piperkarcka
-
-Nu will ick et aber mal sehn, Frau John.
-
- Frau John
-
-Wat denn, Pauline? Wat woll'n Se denn sehn?
-
- Die Piperkarcka
-
-Hätt' ick laufen jekonnt, wär' ick früher jekomm. Das will jetzt sehn,
-warum jekommen bin.
-
- Frau John, deren fast kriechende Freundlichkeiten von angstvoll
- bebenden Lippen gekommen sind, erbleicht auf eine unheilverkündende
- Weise und schweigt. Sie geht nach dem Küchenschrank, reißt die
- Kaffeemühle heraus und schüttet heftig Kaffeebohnen hinein. Sie
- setzt sich, quetscht die Kaffeemühle energisch zwischen die Knie,
- faßt die Kurbel und starrt mit einem verzehrenden Ausdruck
- namenlosen Hasses zur Piperkarcka hinüber.
-
- Frau John
-
-So? -- Ach! -- Wat wißte sehen? -- Wat wißte nu jetzt uf eemal sehn? --
-Det, det wat te hast mit deine zwee Hände erwürchen jewollt.
-
- Die Piperkarcka
-
-Ick? --
-
- Frau John
-
-Wißte noch liechen? Ick werde dir anzeigen.
-
- Die Piperkarcka
-
-Nu haben mir aber jenug jequält und bis auf't Blut jemartert, Frau John.
-Mir nachjestellt! mir Schritt und Tritt nich Ruhe jelassen. Bis haben
-Kind auf Oberboden auf Haufen alter Lumpen zu Welt jebracht. Mich
-Hoffnung jemacht, mich schlechten Spitzbubenjungen Angst jemacht. Mich
-Karten jelegt von wegen mein Bräutigam un weiterjehetzt, bis bin wie
-verrückt jeworden.
-
- Frau John
-
-Det bist du och noch! Jawoll: du bist janz und jar verrückt! Wat, ick
-hab dir jequält? Wat hab ick? Ick habe dir aus 'n Rinnstein jelesen! Ick
-hab dir jeholt bei Schneejestöber, bei de Normaluhr, wo de hast mit
-verzweifelte Ochen -- un wie de hast ausjesehen! -- hintern
-Lanternanzünder herjestarrt. Jawoll: denn ha ick dir nachjestellt, det
-dir der Schutzmann, det dir der jrüne Wagen, det dir der Deibel nich hat
-holen jekonnt! Ick habe dir keene Ruhe jelassen, ick ha dir jemartert,
-bis det de nich sollst mit dein Kind unterm Herzen in't Wasser jehn. --
-(Äfft ihr nach.) -- Ick jeh im Landwehrkanal, Mutter John! Ick erwürche
-det Kind! Ick ersteche det Wurm mit meine Hutnadel! Ick jeh, ick lauf,
-wo der Lump von Vater sitzen un Zither spielen dut, mitten in't Lokal,
-und schmeiß ihn det tote Kind vor die Fiße. Det haße jesacht, so haste
-jesprochen, so jing et den lieben langen Dach, un manchmal de halbe
-Nacht noch dazu, bis ick dir hab hier ins Bette jebracht un so lange
-jestreichelt, det de bist endlich einjeschlafen un bist mittags um
-zwölf, wie die Glocken von alle Kirchen jeläut't haben, an andern Dache
-erst wieder ufjewacht. Jawoll, so ha ick dir angst jemacht, wieder
-Hoffnung jemacht, so ha ick dir keene Ruhe jelassen! Haste det allens
-verjessen! wat?
-
- Die Piperkarcka
-
-Aber et is doch mein Kind, Mutter John ...
-
- Frau John
- schreit.
-
-Denn hol et dir aus'n Landwehrkanale!
-
- Sie springt auf, läuft umher und nimmt bald diesen, bald jenen
- Gegenstand in die Hand, um ihn sogleich wieder wegzuwerfen.
-
- Die Piperkarcka
-
-Soll ick mein Kind nich ma sehen dürfen?
-
- Frau John
-
-Spring in't Wasser un such et! denn haste et! Weeß Jott, ick halte dir
-nu weiter nich.
-
- Die Piperkarcka
-
-Jut! Mejen mich schlajen, mejen mir prügeln, mejen mir schmeißen
-Wasserflasche an Kopp: eh' nich weiß wo Kind is, eh' nich haben mit
-Augen jesehn, bringen mich keiner und niemand von Stelle fort.
-
- Frau John
- einlenkend.
-
-Pauline, ick ha et in Flege jejeben!
-
- Die Piperkarcka
-
-Lieche! Ick hör et doch schmatzen, wo et janz jenau hintern Vorhang is!
--- (Das Kind hinter dem Tapetenverschlag beginnt zu schreien. Die
-Piperkarcka eilt auf den Vorhang zu, dabei nicht ohne falsche Note, ein
-wenig pathetisch weinerlich rufend): -- Weine nicht, armes, armes
-Jungchen, jutes Mutterchen kommen schon!
-
- Frau John
- fast von Sinnen, ist vor den Eingang gesprungen, den sie der
- Piperkarcka verstellt.
-
- Die Piperkarcka
- ohnmächtig wimmernd, mit geballten Fäusten.
-
-Soll mir jetzt zu mein Kinde reinlassen.
-
- Frau John
- furchtbar verändert.
-
-Sieh mir ma an, Mächen! Mächen, sieh mir ma in't Jesicht! -- Jlobst du,
-det mit eene, die aussieht wie ich ... det mit mir noch zu spaßen is? --
-(Die Piperkarcka hat wimmernd Platz genommen.) -- Setz dir! flenne!
-wimmere! bis dir, ick weß nich wat ... jammere, bis det dir die Jurjel
-verschwollen is! det, wenn de hier rin willst -- denn bist du tot oder
-ick bin tot -- un denn is och det Jungchen nich mehr am Leben!
-
- Die Piperkarcka
- erhebt sich entschlossen.
-
-Denn jeben acht, was jeschehen, Frau John.
-
- Frau John
- wiederum einlenkend.
-
-Pauline, die Sache is zwischen uns richtig un abjemacht. Wat wollen Se
-sich mit det Kindchen behängen, wo jetzt mein Kindeken und in beste
-Hände jeborjen is? Wat wollen Se denn mit det Kindeken ufstellen? Jehn
-Se zu Ihren Breitijan! da sollen Se woll mit den Besseres zu tun haben
-als Kinderjeschrei, Kindersorchen und Kimmernis.
-
- Die Piperkarcka
-
-Erst recht! Nu jerade! Nu muß er mir heiraten! -- Haben alle ... hat
-Frau Kielbacke, als ick mir mussen haben behandeln lassen, zu mich
-jesacht. Soll nich nachjeben! Muß mir heiraten. Auch Standesbeamte gab
-mich Rat. Hat jesacht, janz wütend, als ick haben erzählt, wohin
-jekrochen un habe Kind auf Dachboden Welt jebracht ... schreit janz
-wütend: ick muß nich nachlassen. Hat jesacht: arme jeschundene Kreatur
-zu mich, Tasche jejriffen, Taler zwei Jroschen Jeld jeschenkt. Jut!
-lasse mir weiter nich ein, Frau John. Adje! Bin bloß jekommen, sowieso,
-daß morjen nachmittag fünf zu Hause sind. Warum? weil morjen
-einjesetzter Pfleger von Jemeinde nachsehn kommt. Ick werde mir weiter
-hier noch rumärgern.
-
- Frau John
- starr, entgeistert.
-
-Wat? du hast et jemeld uf't Standesamt?
-
- Die Piperkarcka
-
-Etwa nich? Ick soll woll Jefängnis komm?
-
- Frau John
-
-Wat hast du jemeldet beim Standesbeamten?
-
- Die Piperkarcka
-
-Sonst janischt, als det mit Knaben niederjekommen bin. Ick hab mir
-jeschämt, o Jott! bin über un über rot jeworden! Mir is, ick sink jleich
-in de Erde rin.
-
- Frau John
-
-So! -- Wenn de dir so jeschämt hast, Mächen, warum haste's denn aber
-anjezeigt?
-
- Die Piperkarcka
-
-Weil mich meine Wirtin und och Frau Kielbacke, wo mich hinjeführt hat,
-mich partout nich Ruhe jejeben.
-
- Frau John
-
-So! -- Denn wissen se't also uf't Standesamt?
-
- Die Piperkarcka
-
-Na ja, det mussen se wissen, Frau John.
-
- Frau John
-
-... Aber ha ick dir dat nich einjeschärft ...? ...
-
- Die Piperkarcka
-
-Det muß man melden! Soll ick denn abjeführt Untersuchung und Plötzensee
-gesteckt?
-
- Frau John
-
-Ick ha doch jesacht: ick jeh et anmelden.
-
- Die Piperkarcka
-
-Habe jleich bei Standesbeamte jefracht. Is keene jekommen hat anjemeldt.
-
- Frau John
-
-Un wat haste nu also anjejeben?
-
- Die Piperkarcka
-
-Daß Aloisius Theophil heißen soll un daß bei Sie, Frau John, in Pflege
-is.
-
- Frau John
-
-Un morjen will eener nachsehn komm?
-
- Die Piperkarcka
-
-Det is een Herr von de Vormundschaft. Was is denn weiter? Nun sin doch
-ruhig un sin vernünftig. Haben mich wirklich vorher Schrecken in alle
-Jlieder jejagt.
-
- Frau John
- abwesend.
-
-Nu freilich: det is nu nich mehr zu ändern. Det is ja nu och in
-Jottesnamen nu jroß weiter nischt.
-
- Die Piperkarcka
-
-Gelt, un kann nu mein Kindchen auch sehn, Frau John.
-
- Frau John
-
-Heute nich! Morjen, morjen, Pauline.
-
- Die Piperkarcka
-
-Warum nich heut?
-
- Frau John
-
-Weil det det Beschreien nich jut dut, Pauline! Also morjen, um Uhre
-fünfen nachmittag?
-
- Die Piperkarcka
-
-Steht jeschrieben, sagt mir Wirtin, daß Herr von die Stadt, Uhren fünfen
-morjen nachsehn kommt.
-
- Frau John
- indem sie die Piperkarcka hinausschiebt und selbst mit hinausgeht,
- im Tone der Abwesenheit.
-
-Jut so. Laß er man kommen, Mächen.
-
- Frau John ist einen Augenblick auf den Flur hinausgetreten und kommt
- ohne die Piperkarcka wieder herein. Sie ist seltsam verändert und
- geistesabwesend. Sie tut einige hastige Schritte gegen die
- Verschlagstür, steht jedoch plötzlich wieder still mit einem
- Gesichtsausdruck vergeblichen Nachsinnens. Dieses Grübeln
- unterbricht sie, heftig gegen das Fenster zu eilend. Hier wendet sie
- sich und wieder erscheint der hilflose Ausdruck schwerer
- Bewußtlosigkeit. Langsam, wie eine Nachtwandlerin, tritt sie an den
- Tisch und läßt sich daran nieder, das Kinn in die Hand stützend. Nun
- erscheint Selma Knobbe in der Tür.
-
- Selma
-
-Mutter schläft, Frau John. Ick ha solchen Hunger. Kann ick 'n Happen
-Brot kriejen?
-
- Frau John erhebt sich mechanisch und schneidet ein Stück von einem
- Laib Brot, wie unter dem Einfluß einer Suggestion.
-
- Selma
- der die Verfassung der Frau auffällt.
-
-Ick bin's! -- Wat is denn? -- Schneiden sich man bloß nich etwa mit
-Brotmesser.
-
- Frau John
- mit trockenem Röcheln, das sie mehr und mehr überwältigt, indem
- sie Brot und Brotmesser willenlos auf den Tisch gleiten läßt.
-
-Angst! -- Sorje! -- Da wißt Ihr nischt von!
-
- Sie zittert und sucht einen Halt, um nicht umzusinken.
-
-
-
-
- Dritter Akt
-
-
- Alles wie im ersten Akt. Die Lampe brennt. Auf dem Gange schwaches
- Ampellicht.
-
- Direktor Hassenreuter gibt seinen drei Schülern, Spitta, Dr. Kegel
- und Käferstein, dramatischen Unterricht. Er selbst sitzt am Tisch,
- öffnet fortgesetzt Briefe und schlägt skandierend mit dem Falzbein
- auf den Tisch. Vorn stehen auf der einen Seite Kegel und Käferstein,
- auf der anderen Spitta einander als beide Chöre der Braut von
- Messina gegenüber. Ihre Füße befinden sich innerhalb eines Schemas
- aufgestellt, das mit Kreide auf den Fußboden gezeichnet ist und
- diesen in die vierundsechzig Felder des Schachbretts einteilt. Auf
- dem Kontorbock am Stehpult sitzt Walburga, in ein großes Kontobuch
- eintragend. Im Hintergrund, wartend, steht der Vizewirt oder
- Hausmeister Quaquaro, ein vierzigjähriger, vierschrötiger Mensch,
- der Inhaber eines wandernden Zirkus und, als Athlet, Hauptmitglied
- desselben sein könnte. Seine Sprache ist tenorhaft guttural. Er
- trägt Schlafschuhe. Die Beinkleider durch einen gestickten Gürtel
- gehalten. Ein offenes Hemd, nicht unsauber, ein leichtes Jackett und
- die Mütze in der Hand.
-
- Dr. Kegel und Käferstein
- mit gewaltiger Pathetik.
-
- »Dich begrüß ich in Ehrfurcht,
- Prangende Halle,
- Dich, meiner Herrscher
- Fürstliche Wiege,
- Säulengetragenes herrliches Dach.
- Tief in der Scheide« ...
-
- Direktor Hassenreuter
- schreit wütend.
-
-Pause! Punkt! Punkt! Pause! Punkt! Sie drehen doch keinen Leierkasten!
-Der Chor aus der Braut von Messina ist doch kein Leierkastenstück! »Dich
-begrüß ich in Ehrfurcht« nochmal von Anfang an, meine Herren! »Dich
-begrüß ich in Ehrfurcht, prangende Halle!« Etwa so, meine Herren! »Tief
-in der Scheide ruhe das Schwert.« Punktum! »Herrliches Dach« wollt' ich
-sagen: punktum! Meinethalben fahren Sie fort.
-
- Dr. Kegel und Käferstein
-
- »Tief in der Scheide
- Ruhe das Schwert,
- Vor den Toren gefesselt
- Liege des Streits schlangenhaarigtes Scheusal.
- Denn ...
-
- Direktor Hassenreuter
- wie vorher.
-
-Halt! Wissen Sie nicht, was ein Punkt bedeutet, meine Herren? Haben Sie
-denn keine Elementarkenntnisse? »Schlangenhaarigtes Scheusal.« Punkt!
-Denken Sie sich einen Pfahl eingerammt: halt! Punkt! Alles ist
-totenstille! als wenn Sie gar nicht mehr in der Welt wären, Käferstein!
-Und dann raus mit der Posaunenstimme aus der Brust! Halt! Um Gottes
-willen nicht lispeln! -- »Denn ...« weiter! los!
-
- Dr. Kegel und Käferstein
-
- »Denn des gastlichen Hauses
- Unverletzliche Schwelle
- Hütet der Eid, der Erinnyen Sohn ...«
-
- Direktor Hassenreuter
- springt auf, brüllt, läuft umher.
-
-Eid, Eid, Eid, Eid!! Halt! Wissen Sie nicht, was ein Eid ist,
-Käferstein? »Hütet der Eid!! -- der Erinnyen Sohn.« Der Eid ist der
-Erinnyen Sohn, Dr. Kegel! Stimme heben! Tot! Das Publikum, bis zum
-letzten Logenschließer, ist eine einzige Gänsehaut! Schauer durchrieselt
-alle Gebeine! Passen Sie auf: »Denn des Hauses Schwelle hütet der Eid!!!
--- der Erinnyen Sohn, der furchtbarste unter den Göttern der Hölle!« --
--- Nicht wiederholen, weiter im Text! Sie können sich aber jedenfalls
-merken, daß ein Eid und ein Münchner Bierrettich zwei verschiedene Dinge
-sind.
-
- Spitta
- deklamiert.
-
- »Zürnend ergrimmt mir das Herz im Busen ...«
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Halt! -- (Er läuft zu Spitta und biegt an seinen Armen und Beinen herum,
-um eine gewünschte tragische Pose zu erzielen.) -- Erstlich fehlt die
-statuarische Haltung, mein lieber Spitta. Die Würde einer tragischen
-Person ist bei Ihnen auf keine Weise ausgedrückt. Dann sind Sie nicht,
-wie ich ausdrücklich verlangt habe, von Feld I D mit dem rechten Fuß auf
-II C getreten! Endlich wartet Herr Quaquaro: unterbrechen wir einen
-Augenblick! -- (Er wendet sich an Quaquaro.) -- So, jetzt steh' ich zu
-Diensten, Herr Vizewirt! das heißt, ich habe Sie bitten lassen, weil mir
-leider, wie sich bei der Inventur herausstellt, mehrere Kisten mit
-Kostümen abhanden gekommen, mit andern Worten gestohlen sind. Bevor ich
-nun meine Anzeige mache, wozu ich natürlich entschlossen bin, wollte ich
-erst mal Ihren Rat hören. Um so mehr, da sich auch sonst noch etwas, wie
-soll ich sagen, eine sonderbare Bescherung, statt der verlornen
-Kleiderkisten, in einem Winkel des Bodens angefunden hat: ein Fund, um
-Virchow zu benachrichtigen. Erstlich ein blaukariertes Plumeau, wahrhaft
-prähistorisch, und eine unaussprechliche Scherbe, deren Bestimmung im
-ganzen harmlos, aber ebenfalls unaussprechlich ist.
-
- Quaquaro
-
-Herr Direkter, ick kann ja ma oben steigen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Tun Sie das. Sie finden oben Frau John, die durch den Fund eigentlich
-noch mehr wie ich selbst beunruhigt ist. Diese drei Herren, die meine
-Schüler sind, lassen es sich partout nicht ausreden, daß da oben etwas
-wie eine Mordgeschichte vorgefallen ist. Aber bitte: wir wollen keinen
-Skandal schlagen.
-
- Käferstein
-
-Wenn bei meiner Mutter in Schneidemühl im Laden irgend etwas abhanden
-kam, hieß es immer, das hätten die Ratten gefressen. Und wirklich, was
-man in diesem Hause von Ratten und Mäusen sieht -- auf der Treppe hätt'
-ich beinahe eine totgetreten! -- warum sollten Kisten und
-Theatergarderobe, Seide schmeckt süß! nicht ebenfalls von ihnen vertilgt
-worden sein?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Geschenkt, geschenkt! Alle weiteren Schnittwarenladen-Phantasien, ha ha
-ha ha! sind Ihnen geschenkt, bester Käferstein. Es fehlt nur noch, daß
-Sie uns Ihre Gespenstergeschichten nochmals auftischen, vom
-Kavalleristen Sorgenfrei, der sich nach Ihrer Behauptung seinerzeit, als
-das Haus noch Reiterkaserne war, mit Sporen und Schleppsäbel auf meinem
-Boden erhangen hat. Und daß Sie den noch in Verdacht nehmen.
-
- Käferstein
-
-Sie können den Nagel noch sehn, Herr Direktor.
-
- Quaquaro
-
-Det wird in janzen Hause rum erzählt von den Soldat, namens Sorjenfrei,
-der sich irgendwo hier oben in Dachstuhl mit 'ne Schlinge jeendigt hat.
-
- Käferstein
-
-Die Tischlersfrau auf dem Hof und eine Mäntelnäherin aus dem zweiten
-Stock haben ihn wiederholt bei hellichtem Tage aus dem Dachfenster
-nicken und militärisch stramm heruntergrüßen gesehn.
-
- Quaquaro
-
-Een Unteroffizier hat dem Soldaten Sorjenfrei ja woll eene Dunstkiepe
-jenannt und 'n aus Feez eene 'rinjelangt. Det hat sich der Dämlack zu
-Herzen jenomm.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ha ha ha! Militärmißhandlungen und Geistergeschichten! Diese Verquickung
-ist originell, aber zur Sache gehört sie nicht. Ich nehme an, der
-Diebstahl oder was sonst in Frage kommt, ist während jener elf oder
-zwölf Tage vor sich gegangen, als ich in Geschäften im Elsaß gewesen
-bin. Also sehen Sie sich die Geschichte mal an und, bitte, Sie werden
-mir nachher Bescheid sagen!
-
- Der Direktor wendet sich seinen Schülern zu. Quaquaro steigt über
- die Bodentreppe und verschwindet in der Bodenluke.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Allright, bester Spitta: schießen Sie los.
-
- Spitta
- rezitiert nur sinngemäß und ohne Pathos.
-
- »Zürnend ergrimmt mir das Herz im Busen,
- Zu dem Kampf ist die Faust geballt,
- Denn ich sehe das Haupt der Medusen,
- Meines Feindes verhaßte Gestalt.
- Kaum gebiet' ich dem kochenden Blute
- Gönn' ich ihm die Ehre des Worts?
- Oder gehorch' ich dem zürnenden Mute?
- Aber mich schreckt die Eumenide,
- Die Beschirmerin dieses Orts,
- Und der waltende Gottesfriede.«
-
- Direktor Hassenreuter
- hat sich niedergelassen und lauscht, den Kopf in die Hand
- gestützt, voll Ergebenheit. Erst einige Sekunden, nachdem Spitta
- geendet hat, blickt er wie zu sich kommend auf.
-
-Sind Sie fertig, Spitta?! -- Ich danke sehr! --
-
-Sehen Sie, lieber Spitta, ich bin nun Ihnen gegenüber wieder mal in die
-allerverzwickteste Lage geraten: entweder, ich sage Ihnen frech ins
-Gesicht, daß ich Ihre Vortragsart schön finde -- und dann habe ich mich
-der allerniederträchtigsten Lüge schuldig gemacht! oder ich sage, ich
-finde sie scheußlich, und dann haben wir wieder den schönsten Krach.
-
- Spitta
- erbleichend.
-
-Ja, alles Gestelzte, alles Rhetorische liegt mir nicht. Deshalb bin ich
-ja von der Theologie abgesprungen, weil mir der Predigerton zuwider ist.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Da wollen Sie wohl die tragischen Chöre wie der Gerichtsschreiber ein
-Gerichtsprotokoll oder wie der Kellner die Speisekarte herunterhaspeln?
-
- Spitta
-
-Ich liebe überhaupt den ganzen sonoren Bombast der Braut von Messina
-nicht.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sagen Sie das nochmal, lieber Spitta.
-
- Spitta
-
-Es ist nicht zu ändern, Herr Direktor: unsre Begriffe von dramatischer
-Kunst divergieren in mancher Beziehung total.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Mensch, Ihr Gesicht in diesem Augenblick ist ja geradezu ein Monogramm
-des Größenwahns und der Dreistigkeit. Pardon! aber jetzt sind Sie mein
-Schüler und nicht mehr mein Hauslehrer! Ich! und Sie!? Sie blutiger
-Anfänger! Sie und Schiller! Friedrich Schiller! Ich habe Ihnen schon
-zehnmal gesagt, daß Ihr pueriles bißchen Kunstanschauung nichts weiter
-als eine Paraphrase des Willens zum Blödsinn ist.
-
- Spitta
-
-Das müßte mir erst bewiesen werden.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie beweisen es selbst, wenn Sie den Mund auftun! -- Sie leugnen die
-Kunst des Sprechens, das Organ, und wollen die Kunst des organlosen
-Quäkens dafür einsetzen! Sie leugnen die Handlung im Drama und
-behaupten, daß sie ein wertloses Akzidenz, eine Sache für Gründlinge
-ist. Sie negieren die poetische Gerechtigkeit, Schuld und Sühne, die Sie
-als pöbelhafte Erfindung bezeichnen: eine Tatsache, wodurch die
-sittliche Weltordnung durch Euer Hochwohlgeboren gelehrten und
-verkehrten Verstand aufgehoben ist. Von den Höhen der Menschheit wissen
-Sie nichts. Sie haben neulich behauptet, daß unter Umständen ein Barbier
-oder eine Reinmachefrau aus der Mulackstraße ebensogut ein Objekt der
-Tragödie sein könnte als Lady Macbeth und König Lear.
-
- Spitta
- bleich, putzt seine Brille.
-
-Vor der Kunst wie vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich, Herr
-Direktor.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-So? Ach!? Wo haben Sie diesen hübschen Gemeinplatz her?
-
- Spitta
- unbeirrt.
-
-Dieser Satz ist mir zur zweiten Natur geworden. Ich befinde mich dabei
-vielleicht mit Schiller und Gustav Freytag, aber keinesfalls mit Lessing
-und Diderot im Gegensatz. Ich habe die letzten zwei Semester mit dem
-Studium dieser wahrhaft großen Dramaturgen zugebracht, und der gestelzte
-französische Pseudoklassizismus bleibt mir durch sie endgültig
-totgeschlagen, sowohl in der Dichtkunst als in den grenzenlos läppischen
-späteren Goetheschen Schauspielervorschriften, die durch und durch
-mumifizierter Unsinn sind.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-So!
-
- Spitta
-
-Und wenn sich das deutsche Theater erholen will, so muß es auf den
-jungen Schiller, den jungen Goethe des Götz und immer wieder auf
-Gotthold Ephraim Lessing zurückgreifen: dort stehen Sätze, die der Fülle
-der Kunst und dem Reichtum des Lebens angepaßt, die der Natur gewachsen
-sind.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Walburga! Ich glaube, Herr Spitta verwechselt mich. Herr Spitta, Sie
-wollen Privatstunden halten. Bitte, zieh dich doch mit Herrn Spitta zur
-Privatstunde in die Bibliothek zurück! -- Wenn die menschliche Arroganz
-und besonders die der jungen Leute kristallisiert werden könnte, die
-Menschheit würde darunter wie eine Ameise unter den Granitmassen eines
-Urgebirges begraben sein.
-
- Spitta
-
-Ich würde dadurch aber nicht widerlegt werden.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Mensch! Ich habe nicht nur zwei Semester königliche Bibliothek hinter
-mir, sondern ich bin ein ergrauter Praktiker und ich sage Ihnen, daß der
-Goethesche Schauspielerkatechismus A und O meiner künstlerischen
-Überzeugung ist. Paßt Ihnen das nicht, so suchen Sie sich einen anderen
-Lehrmeister.
-
- Spitta
- unbeirrt.
-
-Goethe setzte sich mit seinen senilen Schauspielerregeln, meiner Ansicht
-nach, zu sich selbst und zu seiner eigenen Natur in kleinlichsten
-Gegensatz. Und was soll man sagen, wenn er dekretiert: jede spielende
-Person, gleichviel welchen Charakter sie darstellen soll -- wörtlich! --
-müsse etwas Menschenfresserartiges in der Physiognomie zeigen --
-wörtlich! -- wodurch man sogleich an ein hohes Trauerspiel erinnert
-werde. --
-
- Käferstein und Kegel versuchen Menschenfresserphysiognomien.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ziehen Sie doch das Notizbuch, mein guter Spitta, und schreiben Sie,
-bitte, hinein, daß Direktor Hassenreuter ein Esel ist! Schiller ein
-Esel! Goethe ein Esel! natürlich auch Aristoteles -- (er fängt plötzlich
-wie toll zu lachen an) -- und, ha ha ha! ein gewisser Spitta ein
-Nachtwächter!
-
- Spitta
-
-Es freut mich, Herr Direktor, daß Sie doch wenigstens wieder bei guter
-Laune sind.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Nein, Teufel, ich bin bei sehr schlechter Laune! Sie sind ein Symptom.
-Also nehmen Sie sich nicht etwa wichtig! -- Sie sind eine Ratte! aber
-diese Ratten fangen auf dem Gebiete der Politik -- Rattenplage! -- unser
-herrliches neues geeinigtes Deutsches Reich zu unterminieren an. Sie
-betrügen uns um den Lohn unserer Mühe! und im Garten der deutschen Kunst
--- Rattenplage! -- fressen sie die Wurzeln des Baumes des Idealismus ab:
-sie wollen die Krone durchaus in den Dreck reißen. -- In den Staub, in
-den Staub, in den Staub mit euch!
-
- Käferstein und Dr. Kegel wollen ernst bleiben, brechen indessen bald
- in lautes Gelächter aus, in das der Direktor hineingerissen wird.
- Walburga macht große Augen. Spitta behält seinen Ernst.
-
- Nun steigt Frau John über die Leiter vom Boden herunter, nach
- einiger Zeit folgt ihr Quaquaro, der Vizewirt.
-
- Direktor Hassenreuter
- bemerkt Frau John, weist heftig mit beiden Armen auf sie, wie
- wenn er eine Entdeckung gemacht hätte.
-
-Da kommt Ihre tragische Muse, Spitta.
-
- Frau John
- die sich unter dem Gelächter des Direktors, Kegels und
- Käfersteins genähert hat, verdutzt.
-
-Wat ha ick denn an mir, Herr Direkter?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Alles Gute und Schöne, beste Frau John! Danken Sie Gott, wenn Ihr
-stilles, eingezogenes, friedliches Leben Sie zur tragischen Heldin
-ungeeignet macht. -- Aber sagen Sie, haben Sie etwa Gespenster gesehen?
-
- Frau John
- mit unnatürlicher Blässe.
-
-I, weshalb denn nu det?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Etwa gar wieder den famosen Soldaten Sorgenfrei, der dort oben als
-Deserteur ins bessere Jenseits seine Militärkarriere beschlossen hat?
-
- Frau John
-
-I, wenn't 'n lebendicher Mensch wär, det kennte sind: vor tote Jeister
-furcht ick mir nich.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Na, wie war's, Herr Quaquaro, unter den Bleidächern?
-
- Quaquaro
- der einen schwedischen Reiterstiefel mitbringt.
-
-Ick habe mir allens jut umjesehen un bin zur Iberzeijung jekomm, det
-mindestens obdachloses Jesindel oben, durch wat for'n Zujang weeß ick
-noch nich, jenächtigt hat. Un denn hab ick det hier in Stiefel jefunden.
---
-
- Er zieht aus dem Reiterstiefel ein Kinderfläschchen mit
- Gummipfropfen, halb mit Milch gefüllt.
-
- Frau John
-
-Det erklärt sich: ick ha oben zu'n rechten jesehn und ha Adelbertchen
-bei mich jehat. -- Ick bin an die janze Jeschichte unschuldig!
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Das Gegenteil hat wohl auch niemand behauptet, Frau John.
-
- Frau John
-
-Wo Adelbertchen zur Welt kam ... wo Adelbertchen jestorben war ... der
-soll ma komm und soll mir sachen, wat eene richtiche Mutter is ... aber
-nu muß ick fort, Herr Direkter ... Nu kann ick zweer Tage och drei nich
-oben komm. Atje! ick muß ma bißken mit Adelbertchen bei meine Schwächern
-zeichen uf Sommerfrische. --
-
- Sie trottet durch die Flurtür ab.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Was hat sie da durcheinander gefaselt?
-
- Quaquaro
-
-Schon wo se det erste Kindeken hatte, nu jar nachdem, wie et jestorben
-is, wa eene Schraube los bei die John. Seit se nu jar det Zweete hat,
-wackeln zweee. Hinjejen, deswechen, rechnen kann se. Die hat manchen
-juten Jroschen bei schene Prozente uf Fänder ausjeborcht.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Was soll ich nun als Bestohlener tun?
-
- Quaquaro
-
-Det kommt druf an, wo Verdacht hin is.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-In diesem Hause? -- Sagen Sie selbst, Herr Quaquaro ...
-
- Quaquaro
-
-Det is ja nu wahr, aber et is nu doch och so weit, det nächstens bißken
-jesäubert wird. De Witwe Knobbe mit ihren Anhang wird rausjeschmissen!
-Und denn is eene Blase uf Flijel B, wo Schutzmann Schierke mir hat
-jesacht, det sich schwere Jungen mang mang befinden: wo de Polizei
-nächstens ausheben wird.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Irgendwo hier im Hause ist doch ein Gesangverein. Ich höre wenigstens
-manchmal wirklich hübsche Männerstimmen »Deutschland, Deutschland über
-alles«, »Wer hat dich, du schöner Wald«, »In einem kühlen Grunde« und
-dergleichen absingen.
-
- Quaquaro
-
-Det sind se! det sind se! die singen so jut wie de blaue Zwiebel! det
-sind se, jewiß! Wo man singt, da laß dir jeruhig nieder, heeßt et zwar,
-aber det wollt ick keenen raten ... Ick wage mir och man mit mein Prinz,
-wat meine Bulldogge is, mang die feine Jesellschaft rin. Immer
-anzeichen, anzeichen, Herr Direkter.
-
- Quaquaro geht ab.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sein Auge blitzt Kaution. Sein Wort heischt Preußisch-Kurant. Seine
-Faust bedeutet Kündigung. Wer um Ultimo nicht von ihm träumt, kann von
-Glück sagen. Wer von ihm träumt, der brüllt nach Hilfe. Ein
-scheußlicher, schmalziger Kerl! aber ohne ihn bekämen die Pächter dieser
-Staatsbaracke die Miete nicht, und der Militärfiskus könnte die Pacht in
-den Rauchfang schreiben. -- (Die Türschelle geht.) -- Das ist Fräulein
-Alice Rütterbusch! die junge Naive, die ich leider bei dem Hangen und
-Bangen auf die Entscheidung der Straßburger Stadtväter mir noch immer
-kontraktlich nicht sichern kann. Nach meiner Ernennung, zu der Gott mir
-helfe, wird ihr Engagement meine erste direktoriale Handlung sein. --
-Walburga und Spitta, marsch auf den Oberboden. Zählt die sechs Kisten
-durch, wo der Vermerk Journalisten steht, daß wir im geeigneten
-Augenblick mit der Inventur fertig sind. -- (Zu Käferstein und Dr.
-Kegel) -- Sie mögen derweil in die Bibliothek treten.
-
- Er geht, um die Flurtür zu öffnen.
-
- Walburga und Spitta verschwinden eilig und sehr bereitwillig auf den
- Oberboden. Käferstein und Kegel gehen in die Bibliothek.
-
- Direktor Hassenreuter
- im Hintergrund.
-
-Bitte, kommen Sie nur herein, meine Gnädige! Pardon! Bitte sehr um
-Pardon, mein Herr! Ich erwartete eine Dame ... ich erwartete eine junge
-Dame ... Aber bitte, treten Sie doch herein.
-
- Der Direktor kommt mit Pastor Spitta wieder nach vorn. Pastor
- Spitta, sechzig Jahre alt, ist ein etwas verbauerter kleiner
- Landpfarrer. Man könnte ihn ebensogut für einen Feldmesser oder
- kleinen Gutsbesitzer nehmen. Er ist von kräftiger Erscheinung,
- kurznackig, wohlgenährt und hat ein etwas zusammengequetschtes,
- breites Luthergesicht. Er trägt Schlapphut, Brille, Stock, einen
- Lodenmantel überm Arm; ungeschlachte Stiefel und die Verfassung
- seiner übrigen Kleidung zeigt, daß sie an Wetter und Wind schon seit
- lange gewöhnt sind.
-
- Pastor Spitta
-
-Wissen Sie, wer ich bin, Herr Direktor?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Nicht durchaus bestimmt, aber ...
-
- Pastor Spitta
-
-Wagen Sie's nur daraufhin, Herr Direktor: nennen Sie mich bis auf
-weiteres Pastor Spitta aus Schwoiz in der Uckermark, dessen Sohn Erich
-Spitta, jawohl, in Ihrer Familie als Hauslehrer oder so ähnlich, tätig
-gewesen ist. Erich Spitta: das ist mein Sohn. Das sag' ich mit schwerer
-Bekümmernis.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Zunächst freue ich mich, Sie begrüßen zu können. Ich möchte Sie aber im
-gleichen Atem bitten, Herr Pastor, des bewußten Seitensprunges wegen,
-den Ihr Sohn Erich sich leistet, nicht allzu bekümmert, nicht allzu
-besorgt zu sein.
-
- Pastor Spitta
-
-O ich bin sehr besorgt. Ich bin sehr bekümmert! -- (Er sieht sich mit
-großem Interesse, auf einem Stuhl sitzend, in dem seltsamen Raume um.)
--- Es ist schwer zu sagen, äußerst schwer begreiflich zu machen, bis zu
-welchem hohen Grade ich bekümmert bin. Aber verzeihen Sie eine Frage,
-Verehrtester: ich war im Zeughaus. -- (Er berührt mit dem Stock einen
-der Pappenheimschen Kürassiere.) -- Was sind das für Rüstungen?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Das sind Pappenheimsche Kürassiere.
-
- Pastor Spitta
-
-Ah ah, ich stellte mir Schiller ganz anders vor! -- (Sich sammelnd.) --
-O dieses Berlin! Es verwirrt mich ganz! Sie sehen in mir einen Mann,
-Herr Direktor, der nicht nur bekümmert, nicht nur durch dieses Sodom
-Berlin im Innersten aufgewühlt, sondern geradezu durch die Tat seines
-Sohnes gebrochen ist.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Eine Tat? Welche Tat?
-
- Pastor Spitta
-
-Das fragen Sie noch? Der Sohn eines redlichen Mannes und ... und ...
-Schauspieler.
-
- Direktor Hassenreuter
- gereckt, mit Haltung.
-
-Mein Herr, ich billige den Entschluß Ihres Sohnes nicht. Aber ich
-selbst, der ich, _hony soit qui mal y pense_, der Sohn eines redlichen
-Mannes und selber, will ich hoffen, ein Mann von Ehre bin, ich, wie ich
-hier stehe, ich war selbst Schauspieler und habe noch vor kaum sechs
-Wochen bei einem Lutherfestspiel in Merseburg .... ich bin
-Kulturkämpfer! nicht nur als Regisseur, sondern auch als Schauspieler
-meinen Fuß auf die weltbedeutenden Bretter gestellt. In bezug auf
-bürgerliche Ehre und vom Standpunkt der allgemeinen Ehrenhaftigkeit
-dürfte also, nach meinen Begriffen wenigstens, der Entschluß Ihres Herrn
-Sohnes nicht zu beanstanden sein. Aber es ist ein schwerer Beruf, und
-man muß auch außerdem dazu sehr viel Talent haben. Auch geb' ich zu: für
-schwache Charaktere ist es ein Beruf, der besonders gefährlich ist. Und
-schließlich habe ich selbst die ungeheure Mühsal meines Standes so bis
-auf die Nagelprobe kennen gelernt, daß ich jeden davor behüten möchte.
-Deshalb gebe ich meinen Töchtern Ohrfeigen, sobald auch nur der leiseste
-Gedanke zur Bühne zu gehen sich geltend macht, und eh' ich sie an einen
-Mimen verheiratete, würde ich jeder von ihnen einen Stein um den Hals
-hängen und sie ertränken im Meer, wo es am tiefsten ist.
-
- Pastor Spitta
-
-Ich wollte niemand zu nahe treten. Ich gebe auch zu, ich habe als
-schlichter Landpfarrer von alledem keine Vorstellung. Aber denken Sie
-sich einen Vater an, eben einen solchen armen Landpfarrer, der seine
-Pfennige mühsam zusammenkratzt, um seinem Sohne das Studium zu
-ermöglichen. Denken Sie, daß dieser Sohn kurz vor seinem Examen steht
-und daß Vater und Mutter -- ich hab eine kranke Frau zu Haus! -- mit
-Schmerzen oder mit Sehnsucht, wie Sie wollen, auf den Augenblick warten,
-jawohl, wo er in irgendeiner Pfarre seiner Bestimmung von der Kanzel die
-Probepredigt halten wird. Und nun kommt dieser Brief! der Junge ist
-wahnsinnig. --
-
- Die Erregung des Pastors ist nicht gerade gespielt, aber beherrscht.
- Das Zittern, womit er nach seinem Briefe in die Brusttasche greift
- und ihn dem Direktor hinhält, ist nicht ganz überzeugend.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Junge Leute suchen. Allzusehr dürfen wir uns nicht wundern, wenn eine
-Krise im Leben eines jungen Mannes zuweilen nicht zu vermeiden ist.
-
- Pastor Spitta
-
-Nun, diese Krise war zu vermeiden. Sie werden aus diesem Briefe unschwer
-erkennen, wer verantwortlich für den verderblichen Umschwung in der
-Seele eines so jungen, braven und immer durchaus gehorsamen Menschen zu
-machen ist. Ich hätte ihn nie sollen nach Berlin schicken. Jawohl: die
-sogenannte wissenschaftliche Theologie, die mit allen heidnischen
-Philosophen liebäugelt, und die uns den lieben Herrgott in Rauch, den
-Herrn und Heiland in Luft verwandeln will, die mache ich für den
-schweren Fehltritt meines Kindes verantwortlich. Und nun kommen dazu die
-anderen Verführungen: Herr Direktor, ich habe Dinge gesehen, wovon zu
-sprechen mir ganz unmöglich ist! Hier habe ich Zettel in allen Taschen:
-Elite-Ball! Fesche Damenbedienung! und so fort. Ich gehe halb ein Uhr
-nachts ganz ruhig durch die Passage zwischen Linden und Friedrichstraße,
-schmeißt sich ein scheußlicher Kerl an mich an, halbwüchsig und fragt
-mit einer schmierigen, scheuen Dreistigkeit: ob der Herr vielleicht
-etwas Pikantes will? Und nun diese Schaufenster, wo neben den Bildern
-der hohen und Allerhöchsten Herrschaften nackte Schauspielerinnen,
-Tänzerinnen, kurz die anstößigsten Nuditäten zu sehen sind! Und dann
-dieser Korso, dieser Korso! wo die geschminkte, aufgedonnerte Sünde die
-Bürgersfrau vom Bürgersteig auf die Straße drängt! Das ist einfach
-Weltuntergang, Herr Direktor!
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ach Herr Pastor, die Welt! die geht nicht unter! nicht wegen der
-Nuditäten und ebensowenig der heimlichen Sünde wegen, die Nachts durch
-die Straßen schleicht. Sie wird mich und wahrscheinlich das ganz skurile
-Menschheitsintermezzo noch überleben.
-
- Pastor Spitta
-
-Was diese jungen Leute vom rechten Wege ablenkt, ist das böse Beispiel,
-ist die Gelegenheit.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Mit Erlaubnis, Herr Pastor: ich habe eigentlich eine Neigung zum
-Leichtsinn in Ihrem Sohne niemals bemerkt. Er hat einen Zug zur
-Literatur, und er ist nicht der erste Pastorensohn -- Lessing, Herder
-_etcetera_, der in den Weg der Literatur und Poeterei eingebogen ist.
-Möglicherweise hat er schon Stücke im Schubfach liegen. Allerdings muß
-ich sagen: die Ansichten, die Ihr Herr Sohn auch auf dem Felde der
-Literatur vertritt, sind selbst für mich mitunter beängstigend.
-
- Pastor Spitta
-
-Das ist ja furchtbar! das ist ja entsetzlich! und geht über meine
-schlimmsten Befürchtungen weit hinaus. Und so sind mir die Augen denn
-aufgegangen. -- Mein Herr, ich habe acht Kinder gehabt, von denen Erich
-unsre schönste Hoffnung, seine nächstälteste Schwester unsre schwerste
-Prüfung von Gott bedeutete und die nun, dem Anschein nach, beide von der
-gleichen verruchten Stadt als Opfer gefordert worden sind. Das Mädchen
-war früh entwickelt, war schön! -- doch -- Jetzt muß ich zu etwas
-anderem kommen. -- Ich bin seit drei Tagen in Berlin und habe Erich noch
-nicht gesehen. Als ich ihn heute aufsuchen wollte, war er in seiner
-Wohnung nicht anwesend. Ich habe eine Weile gewartet und mich natürlich
-dabei in seiner Behausung umgesehen. Nun: betrachten Sie dieses Bild,
-Herr Direktor!
-
- Er hat eine kleine Photographie, indem er Erichs Brief zurücklegt,
- aus der Brieftasche genommen und hält sie dem Direktor unter die
- Augen.
-
- Direktor Hassenreuter
- nimmt und betrachtet das Bild, bald wie ein Kurzsichtiger, bald
- wie ein Weitsichtiger, stutzt.
-
-Wieso?
-
- Pastor Spitta
-
-An dem albernen Lärvchen liegt weiter nichts. Aber lesen Sie bitte die
-Unterschrift.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wo?
-
- Pastor Spitta
- liest.
-
-»Ihrem einzigen Liebsten, seine Walburga.«
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Erlauben Sie mal! -- Was heißt das, Herr Pastor?
-
- Pastor Spitta
-
-Irgendein Nähmädchen heißt das! Wenn nicht gar irgendeine obskure
-Kellnerin!
-
- Direktor Hassenreuter
- sehr bleich.
-
-Hm. -- (Steckt das Bild ein.) -- Ich werde das Bild behalten, Herr
-Pastor.
-
- Pastor Spitta
-
-In solchem Schmutz wälzt sich dieser Sohn. Und nun denken Sie sich in
-meine Lage: mit welchen Gefühlen, mit welcher Stirn soll ich künftig vor
-meiner Gemeinde auf der Kanzel stehn ......?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Donnerwetter, was geht mich das an, Herr Pastor! Was habe ich mit Ihrem
-Sprengel, mit Ihren verlorenen Söhnen und Töchtern und dergleichen zu
-tun? (Er zieht wieder die Photographie.) -- Und übrigens, was dieses
-kernige, tüchtige Mädchen betrifft, »Kellnerin und dergleichen«, so
-irren Sie sich! Weiter sage ich nichts! Alles weitere wird sich finden,
-Herr Pastor. Adieu.
-
- Pastor Spitta
-
-Ich gestehe frei, ich begreife Sie nicht. Wahrscheinlich ist das der
-Ton, der in Ihren Kreisen der übliche ist. Ich gehe und werde Sie nicht
-mehr belästigen. Aber ich habe als Vater das Recht vor Gott, Sie, Herr
-Direktor, zu verpflichten: verweigern Sie künftig, oder ich werde Mittel
-und Wege zu finden wissen, meinem verblendeten Sohne diesen sogenannten
-dramatischen Unterricht!
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Nicht nur das, Herr Pastor: sondern ich werde ihm ganz direkt den Stuhl
-vor die Tür setzen.
-
- Er geleitet den Pastor hinaus, schlägt die Tür zu und kommt ohne ihn
- wieder.
-
- Direktor Hassenreuter
- schleudert die Arme in die Luft.
-
-Hier kann man nur sagen: Neandertaler! -- (Er stürmt die Bodentreppe
-hinauf.) -- Spitta, Walburga, kommt mal herab.
-
- Walburga und Spitta kommen.
-
- Direktor Hassenreuter
- zu Walburga, die ihn fragend ansieht.
-
-Geh auf deinen Kontorbock. Setz dich auf deinen humoristischen
-Körperteil! -- Na, und Sie, lieber Spitta, was wollen Sie noch?
-
- Spitta
-
-Sie hatten gerufen, Herr Direktor.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Gut. Sehen Sie mir ins Angesicht!
-
- Spitta
-
-Bitte.
-
- Er tut es.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ihr macht einen dumm! Aber mich sollt ihr nicht dumm machen! Still! --
-Kein Wort! Ich hätte mich von Ihnen eines anderen versehen, als eines so
-exemplarischen Beweises von Undankbarkeit! -- Still! -- Im übrigen war
-ein Herr hier! er fürchtet sich! Vorwärts! Gehen Sie ihm nach! --
-Begleiten Sie ihn auf die Straße hinunter. Suchen Sie ihm begreiflich zu
-machen, daß ich nicht Euer Schuhputzer bin.
-
- Spitta
- zuckt die Achseln, nimmt seinen Hut, geht ab.
-
- Direktor Hassenreuter
- schreitet energisch auf Walburga zu und zieht sie am Ohr.
-
-Und du meine Liebe, du bekommst Ohrfeigen, wenn du mit diesem Schlingel
-von verkrachtem Theologen noch jemals ohne meine Erlaubnis zwei Worte
-sprichst.
-
- Walburga
-
-Au au, Papa.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Dieser Wicht, der mit Vorliebe schafsdumme Gesichter macht, als ob er
-kein Wässerchen trüben könnte, und dem ich den Zutritt in mein Haus zu
-eröffnen so unvorsichtig war, ist leider ein Mensch, hinter dessen Maske
-die unverschämteste Frechheit lauert. Ich und mein Haus, wir dienen dem
-Geiste der Wohlanständigkeit. Willst du den Schild unserer Ehre
-beflecken, etwa wie die Schwester von diesem Burschen, die zur Schande
-ihrer Eltern, wie es scheint, in Gasse und Gosse geendigt ist?
-
- Walburga
-
-Über Erich bin ich nicht deiner Ansicht, Papa.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Was?! Nun jedenfalls kennst du meine Ansicht! und weißt, einen Appell
-gegen meine Ansichten gibt es nicht! Du gibst ihm den Laufpaß oder
-siehst selber zu, wo du außerhalb deines Elternhauses mit deinem ehr-
-und pflichtvergessenen lockeren Lebenswandel durchkommen wirst! Dann
-fort mit dir! von solchen Töchtern mag ich nichts wissen!
-
- Walburga
- bleich, finster.
-
-Du sagst ja immer Papa, du hast dir deinen Weg auch ohne deine Eltern
-selbständig suchen müssen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Du bist kein Mann.
-
- Walburga
-
-Gewiß nicht. Aber denke doch mal an Alice Rütterbusch.
-
- Vater und Tochter sehen einander fest in die Augen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wieso? -- Bist du heiß? was? oder bist du irrsinnig? -- (Er lenkt ab,
-merklich aus dem Konzept und pocht an die Bibliothek.) -- Wo blieben wir
-stehen? Setzen Sie ein.
-
- Kegel und Käferstein erscheinen.
-
- Kegel, Käferstein
- deklamieren.
-
- »Weisere Fassung
- ziemet dem Alter.
- Ich, der Vernünftige
- grüße zuerst.«
-
- Geführt von Spitta erscheint die Piperkarcka, straßenmäßig
- gekleidet, und Frau Kielbacke, die einen Säugling im Steckkissen
- trägt.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Was wollen Sie? Mit was für Weibsleuten überlaufen Sie mich?
-
- Spitta
-
-Es ist nicht meine Schuld, Herr Direktor, die Frauen wollten zu Ihnen
-hinein.
-
- Frau Kielbacke
-
-Nee. Wir wollen man bloß Frau Mauerpolier John sprechen.
-
- Die Piperkarcka
-
-Ist doch immer bei Sie hier oben, Frau John?!
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ja! Aber ich fange an zu bedauern, daß das so ist, und wünschte
-jedenfalls, daß sie ihre privaten Empfänge nicht hier bei mir, sondern
-unten bei sich erledigt. Sonst richte ich nächstens vor der Tür
-Selbstschüsse oder Fußangeln ein. -- Wo fehlt's Ihnen eigentlich, bester
-Spitta? Sie müssen jetzt schon die Gnade haben und diese Damen nach
-unten zurechtweisen.
-
- Die Piperkarcka
-
-Unten in ihre Wohnung war nich zu finden, Frau John.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Hier oben bei uns ist sie auch nicht zu finden.
-
- Frau Kielbacke
-
-Det junge Freilein hat nämlich ihr Söhneken bei die Frau Mauerpolier
-John in Flege jehat.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Freut mich! Ohne Umstände los! Retten Sie mich, Käferstein.
-
- Frau Kielbacke
-
-Nun is 'n Herr von de Stadt als wie vormundschaftswechen, nachsehn
-jekomm: wie't steht mit det Kind und det jut versorcht und in Stande is.
-Und denn is er, denn sind wir bei Frau John mitsamt den Herrn sind wir
-rinjejang. Denn stand det Kind und 'n Zettel bei, det Frau John hier
-oben uf Arbeet is.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wo ist das Kind in Pflege gewesen?
-
- Frau Kielbacke
-
-Bei de Frau Mauerpolier John.
-
- Direktor Hassenreuter
- ungeduldig.
-
-Das ist vollkommen blödsinnig! Das ist unrichtig! -- Hätten Sie doch
-lieber den alten humorvollen Herrn begleitet, dem ich Sie nachgesendet
-habe, Spitta, statt mir diese Damen hier auf den Hals zu ziehn.
-
- Spitta
-
-Ich suchte den Herrn, aber er war schon verschwunden.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Die Damen scheinen mir nicht zu trauen. Sagen Sie ihnen doch, meine
-Herren, daß Frau John kein Kind in Pflege hat, und daß sie also
-bezüglich des Namens im Irrtum sind.
-
- Käferstein
-
-Ich soll Ihnen sagen, meine Damen, daß Sie wahrscheinlich bezüglich des
-Namens im Irrtum sind.
-
- Die Piperkarcka
- heftig, verweint.
-
-Hat Kindchen in Flege! Hat mein Kindchen in Flege jehabt. Is Herr von
-die Stadt jekommen, hat jesacht, daß Kindchen in schlechte Hände,
-verwahrlost is. Hat mich mein Kindeken zujrunde jerichtet.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie müssen unbedingt, meine Damen, bezüglich des Namens der Frau, von
-der Sie reden, im Irrtum sein. Frau Maurerpolier John hat kein Kind in
-Pflege.
-
- Die Piperkarcka
-
-Hat mein Kindchen in Klauen jehabt, hat verhungern lassen, zujrunde
-jerichtet! Will sehn Frau John. Will auf Kopf draufsagen! Soll mich
-jesund machen kleinet Kind! Muß vor Jericht! Herr hat jesacht, mussen
-jehn an Jerichtstelle anzeichen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ich bitte Sie, sich nicht aufzuregen. Tatsache ist: Sie irren sich! Wie
-kommen Sie nur auf den Gedanken, meine Damen, daß Frau John ein Kindchen
-in Pflege hat?
-
- Die Piperkarcka
-
-Weil ick ihr selbst überjeben habe.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Frau John hat aber doch ihr eigenes Kind, mit dem sie, wie mir jetzt
-einfällt, auf Besuch zu der Schwester ihres Gatten zu gehen
-beabsichtigte.
-
- Die Piperkarcka
-
-Hat kein Kind. Janz und jar nich, Frau John. Ick jeh unten auf
-Polizeibureau. Hat jelogen, betrogen. Hat kein Kind. Hat mich mein
-Aloischen zujrunde jerichtet.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Bei Gott, meine Damen, Sie irren sich.
-
- Die Piperkarcka
-
-Glaubt mich kein Mensch, daß ich Kindchen jehabt habe. Hat mich mein
-Bräutijam Brief jeschrieben, daß nich wahr is, daß schlechtes,
-verlogenes Frauenzimmer bin. -- (Sie berührt das Tragbettchen.) -- Is
-mein! will nachweisen vor Jericht! Will schwören bei heilige Mutter
-Jottes.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Decken Sie doch mal auf, das Kind. -- (Es geschieht. Direktor
-Hassenreuter betrachtet den Säugling aufmerksam.) -- Hm! Die Sache wird
-sich bald aufklären, sicherlich! -- Erstens ... ich kenne Frau John! --
-hätte Frau John diesen Säugling in Pflege gehabt, er könnte ganz
-unmöglich so aussehn! ganz einfach, weil Frau John, soweit Kinder in
-Frage kommen, das Herz auf dem rechten Flecke hat.
-
- Die Piperkarcka
-
-Will sprechen Frau John. Weiter sagen nichts. Brauche mir nicht vor alle
-Welt aufdecken. Alles will haarklein vor Jericht will aussagen, Tag,
-Stunde, auch janz jenau Ort, wo jeboren is! Jlauben mir: sollten wohl
-Augen aufreißen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie meinen also, mein Fräulein, wenn ich Sie recht verstehe, die Frau
-John besitze kein eigenes Kind, und das, was dafür gegolten hat, wäre
-das Ihre.
-
- Die Piperkarcka
-
-Schlag Blitz mich nieder, wenn nich so is.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Und dies hier sei eben das strittige Kind? Gott möge Sie diesmal nicht
-beim Wort nehmen! -- Nämlich, wie Sie mich sehen, ich bin der Direktor
-Hassenreuter, und ich habe persönlich das Kind meiner Aufwartefrau, der
-Frau John, drei- oder viermal in Händen gehabt. Ich hab' es sogar auf
-der Wage gewogen. Es wiegt über acht Pfund. Dieses arme Wurm hier dürfte
-noch nicht zwei Kilo wiegen. Auf Grund dieses Umstandes versichere ich
-Ihnen, dies hier ist in der Tat nicht das Kind der Frau John. Es mag
-richtig sein, daß es das Ihre ist. Ich könnte das schlechterdings nicht
-bezweifeln. Das Kind der Frau John aber kenne ich und bin sicher, daß es
-mit diesem durchaus nicht identisch ist.
-
- Frau Kielbacke
- respektvoll.
-
-Nee nee, det muß wahr sind: et is nich identisch.
-
- Die Piperkarcka
-
-Det Kindken is janz jenug identisch, wenn och bißchen schlecht jenährt
-und schwächlich is. Det is janz richtig hier mit det Kind! Will Eid
-schwören, daß richtig identisch is.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ich bin sprachlos. -- (Zu den Schülern.) -- Unser Unterricht steht heute
-unter einem feindlichen Stern, werte Jünglinge! Ich weiß nicht wieso,
-aber der Irrtum der Damen beschäftigt mich. -- (Zu den Frauen.) -- Sie
-werden sich in der Tür geirrt haben.
-
- Frau Kielbacke
-
-Ick ha selbst mit det Freilein und mit den Herrn von die Vormundschaft
-det Kindeken aus die Stube mit Schild Frau Mauerpolier John uf'n
-Hausflur jeholt. Frau John war nich da und Mauerpolier John ist in
-Altona abwesend.
-
- Schutzmann Schierke kommt, behäbig und gemütlich.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ah, da ist ja Herr Schierke! Was wünschen Sie denn?
-
- Schierke
-
-Herr Direkter, ick habe erfahren, det zwee Frauensleute hier oben
-jeflichtet sind.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Zwei Frauen sind hier. Aber wieso denn geflüchtet?
-
- Frau Kielbacke
-
-Wir sind nich jeflichtet.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie fragten nach meiner Aufwärterin.
-
- Schierke
-
-Erlauben Se, det ich se och mal wat frache.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Bitte.
-
- Die Piperkarcka
-
-Laß er man frachen. Deswechen kann ruhig sind.
-
- Schierke
- zur Frau Kielbacke.
-
-Wie heißen Sie?
-
- Frau Kielbacke
-
-Ick bin Frau Kielbacke.
-
- Schierke
-
-Woll von det Landeskindererziehungsheim. Wo wohnen Sie?
-
- Frau Kielbacke
-
-In de Linienstraße neun.
-
- Schierke
-
-Ist das Ihr Kind, was Sie bei sich haben?
-
- Frau Kielbacke
-
-Det is Freilein von Piperkarcka ihr Kind.
-
- Schierke
- zur Piperkarcka.
-
-Ihr Name?
-
- Die Piperkarcka
-
-Paula von Piperkarcka aus Skorzenin.
-
- Schierke
-
-Die Frau will behaupten, das wäre Ihr Kind. Wollen Sie das also auch
-behaupten?
-
- Die Piperkarcka
-
-Herr Schutzmann, ick muß erjebenst um Schutz bitten, weil hier
-unrechtmäßigerweise verdächtigt bin. Is Herr von die Stadt mit mich hier
-jewesen. Haben mein Kind aus Stube Frau John, wo in Flege jewesen,
-rausjeholt ...
-
- Schierke
- mit durchbohrendem Blick.
-
-Et kann och die Tire jejenüber bei de Restaurateurswitwe Knobbe jewesen
-sind. Wer weeß, wat Sie mit det Kindeken vorhaben, wovon Sie abjesandt
-und bestochen sind. 'N jutes Jewissen haben Se nich. Jenommen un denn
-hier rufjeschlichen, weil det die rechtmäßige Mutter, Witwe Knobbe, wo
-bestohlen is, Treppen und Jänge absuchen, und weil schräg jejenüber
-Polizeiwache is.
-
- Die Piperkarcka
-
-Is mich janz jleichgiltig Polizeiwache, bin ...
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie sind widerlegt, meine beste Person! Wollen Sie denn das gar nicht
-begreifen? Sie sagen, unsere John hätte kein Kind. Sie sagen, wollen Sie
-bitte gefälligst aufpassen, Sie hätten Ihr Kind, das angeblich für das
-von Frau John gegolten habe, aus Frau Johns Zimmer herausgeholt! Nun
-also: wir alle hier kennen Frau Johns Kind und das, was Sie da haben,
-ist ein anderes! Verstanden?! Was Sie behaupten also, kann, nach Adam
-Riese unter gar keinen Umständen zutreffend sein! -- Übrigens wär mir's
-jetzt lieb, Herr Schierke, Sie nehmen die Damen mit sich fort, und ich
-könnte hier meinen Unterricht fortsetzen.
-
- Schierke
-
-Ja, denn kommen wir bloß mang die Knobben mit ihren Anhang rin. Nämlich
-das Kind ist jestohlen worden.
-
- Die Piperkarcka
-
-Aber nich von mich. Is jeraubt von Frau John.
-
- Schierke
-
-Schon jut! -- (Unbeirrt zum Direktor.) -- Und es soll ja, wie't heeßt,
-von Vaters Seite, blaublütig sind. Die Knobbe meent ja, et is 'n
-Komplott von Feinde, weil man ihr die Rente un womeglich
-Kadettenerziehung in 'ne jewisse Jejend nich jennen dut. -- (Es wird mit
-Fäusten an die Tür geschlagen.) -- Det is de Knobbe. Da is se schonn.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Herr Schierke, Sie sind mir verantwortlich: dringen die Leute bei mir
-ein und erleide ich eine Schädigung, so wende ich mich an den
-Polizeipräsidenten: ich bin mit Herrn Maddei gut bekannt. Keine Furcht,
-liebe Kinder, ihr seid meine Kronzeugen.
-
- Schierke
- an der Tür.
-
-Draußen jeblieben! Hier rin kommen Se nich.
-
- Ein kleiner Janhagel heult auf.
-
- Die Piperkarcka
-
-Soll schreien, was will, bloß mein Kindchen nich nah kommen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Es ist besser so. Treten Sie einstweilen hier in die Bibliothek hinein.
--- (Er bringt die Piperkarcka, die Kielbacke und das Kind in die
-Bibliothek.) -- Und jetzt, Herr Schierke, wollen wir meinethalben diese
-Megäre da draußen herein lassen.
-
- Schierke
- der die Tür ein wenig öffnet.
-
-So! Aber bloß de Knobben! Komm Se mal rin.
-
- Frau Sidonie Knobbe erscheint. Sie ist eine hohe, abgezehrte
- Erscheinung mit stark ramponierter modischer Sommertoilette. Ihr
- Gesicht trägt die Stigmata der Straße, zeugt aber übrigens nicht von
- schlechter Abkunft. Ihre Allüren sind merkwürdig damenhaft. Sie
- redet mit Affektation, ihre Augen deuten auf Alkohol und Morphium.
-
- Frau Knobbe
- indem sie hereingesegelt kommt.
-
-Es ist keine Ursache zur Besorgnis, Herr Direktor. Vorwiegend sind es
-kleine Jungens und kleine Mädchen, da ich kinderlieb bin, wie Sie
-wissen, die mit mir gekommen sind. Verzeihen Sie gütigst, wenn ich hier
-eindringe. Eines der Kinder sagte mir, es hätten sich zwei Frauen mit
-meinem Söhnchen zu Ihnen heraufgeschlichen. Ich suche mein Söhnchen,
-genannt Helfgott Gundofried, da es tatsächlich aus meiner Wohnung
-verschwunden ist. Ich möchte Sie aber nicht inkommodieren.
-
- Schierke
-
-Darum wollt' ick och janz jehorsamst bitten, verstehn Se mich.
-
- Frau Knobbe
- diese Worte mit hochmütiger Kopfbewegung übergehend.
-
-Ich habe unten im Hof zu meinem Leidwesen einen gewissen Lärm erregt.
-Man überblickt von da aus die Fenster, und ich habe mich bei den Leuten
-erkundigt, bei der armen Zigarrenarbeiterin im zweiten Stock, bei der
-kleinen schwindsüchtigen Näherin am Fenster im dritten Stock, ob meine
-Selma mit meinem Söhnchen etwa bei ihnen ist. Es liegt mir fern, Skandal
-zu erregen. -- Sie müssen wissen, Herr Direktor -- ich weiß sehr wohl,
-daß ich hier unter den Augen eines Mannes von Bedeutung, ja, eines
-berühmten Mannes bin! -- Sie müssen wissen, ich bin, was Helfgott
-Gundofried angeht, gezwungen, auf meiner Hut zu sein! -- (Mit
-schwankender Stimme, das Taschentuch zuweilen an die Augen führend.) --
-Ich bin eine arme, vom Schicksal verfolgte Frau, mein Herr, die gesunken
-ist und die bessere Tage gesehen hat. Aber ich will Sie damit nicht
-langweilen. Ich werde verfolgt! man will mir die letzte Hoffnung nun
-auch rauben.
-
- Schierke
-
-Sagen Se kurz, wat Se wünschen. Sputen Se sich.
-
- Frau Knobbe
- wie vorher.
-
-Nicht genug: man hat mich veranlaßt, hat mich gezwungen, meinen
-ehrlichen Namen abzulegen. Ich habe dann in Paris gelebt und schließlich
-einen brutalen Menschen geheiratet, den Pächter von einem süddeutschen
-Schützenhaus, weil ich den blöden Gedanken hatte, in meinen
-Angelegenheiten dadurch gebessert zu sein. O diese Schurken von Männern,
-Herr Direktor!!
-
- Schierke
-
-Det fihrt zu weit. Menagieren Se sich.
-
- Frau Knobbe
-
-Es freut mich, daß ich Gelegenheit finde, endlich mal wieder einem Manne
-von Bildung und Geist in die Augen zu sehn. Mein Herr, ich könnte Ihnen
-eine Geschichte vortragen ... im Volksmund heiße ich hier die »Gräfin«,
-und Gott ist mein Zeuge, in meiner frühen Jugend war ich nicht weit
-entfernt davon! Eine Zeitlang war ich auch Schauspielerin! Wie sagte
-ich: eine Geschichte vortragen aus meinem Leben, aus meiner
-Vergangenheit, die den Vorzug hat, nicht erfunden zu sein.
-
- Schierke
-
-Na wer weeß och.
-
- Frau Knobbe
- mit Emphase.
-
-Mein Elend ist nicht erfunden. Trotzdem es erfunden klingt, wenn ich
-sage, wie ich eines Nachts im tiefsten Abgrunde meiner Schande einen
-Vetter, einen Jugendgespielen, der jetzt Garderittmeister ist, nachts
-auf der Straße traf. Er lebt oberirdisch, ich unterirdisch, seit mich
-mein adelstolzer Herr Vater verstieß, nachdem ich als junges Ding einen
-Fall getan hatte. O Sie ahnen nicht, welcher Stumpfsinn, welche Roheit,
-welche Gemeinheit in meinen Kreisen üblich ist. Ich bin ein zertretener
-Wurm, Herr Direktor, und doch, dorthin, nach diesem glänzenden Elend,
-sehne ich mich nicht eine Sekunde zurück.
-
- Schierke
-
-Nun woll'n wir jefälligst zur Sache kommen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Bitte, Herr Schierke, mich interessiert das! unterbrechen Sie zunächst
-mal die Dame nicht -- (zur Knobbe) -- Sie hatten von Ihrem Vetter
-gesprochen. Sagten Sie nicht, daß er Garderittmeister ist?
-
- Frau Knobbe
-
-Er war in Zivil. Er ist Garderittmeister. Er erkannte mich, und wir
-feierten schmerzlich selige Stunden alter Erinnerung. In seiner
-Begleitung befand sich -- ich nenne den Namen nicht! -- ein blutjunger
-Leutnant. Kerlchen wie Milch und Blut, aber zart und schwermütig. Herr
-Direktor, ich habe die Scham verlernt! man hat mich neulich sogar aus
-einer Kirche herausgewiesen: warum soll eine so zertretene, entehrte,
-verlassene, mehrmals vorbestrafte Person vor Ihnen nicht offen bekennen,
-daß er der Vater meines Helfgott Gundofried geworden ist.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Des Kindes, das Ihnen entwendet wurde?
-
- Frau Knobbe
-
-Wie die Leute sagen. Es kann ja sein! ich selbst, obgleich meine Feinde
-mächtig sind und jedwedes Mittel in der Hand haben, ich bin noch nicht
-ganz überzeugt davon. Vielleicht ist es aber doch ein Komplott, von den
-Eltern des Vaters angezettelt, Menschen, die, Sie würden erstaunen,
-Träger eines der ältesten und berühmtesten Namens und Geschlechtes sind.
-Adieu! Herr Direktor, was Sie auch von mir hören sollten, denken Sie
-nicht, mein besseres Fühlen ist in dem Sumpfe total erstickt, in den ich
-mich stürzen muß. Ich brauche den Sumpf, wo ich gleich und gleich mit
-dem Abschaum der Menschheit bin. Da, hier -- (sie weist ihren nackten
-Arm vor) -- vergessen! Betäubung! Ich verschaffe es mir mittels Chloral,
-mittels Morphium! Ich finde es in den menschlichen Abgründen. Warum
-nicht? wem bin ich verantwortlich? Einst wurde meine geliebte Mama
-meinetwegen von meinem Vater heruntergemacht! Die Bonne bekam
-meinetwegen Krampfanfälle! Mademoiselle und eine englische Miß rissen
-sich, weil jede behauptete, daß ich sie mehr liebte, in der Wut
-gegenseitig die Chignons vom Kopf. Jetzt ...
-
- Schierke
-
-Sage ick Ihnen, jetzt hören Se uf: wir kenn hier Leute nich Freiheit
-berauben. -- (Er öffnet die Bibliothekstür.) -- Jetzt sagen Se, ob det
-hier Ihr Kindeken is.
-
- Zuerst tritt die Piperkarcka mit haßerfüllten Augen, Frau Knobbe
- anstarrend, aus der Tür. Die Kielbacke mit dem Kinde folgt. Schierke
- nimmt das Tuch von dem Kindchen.
-
- Die Piperkarcka
-
-Was wollen von mich? Was kommen mir nachsetzen? Bin ick Zijeuner? Sollen
-wohl Kinder stehlen in Häuser jehn? Was? Sind nich gescheit! Werden mich
-schön hüten! Hab' selber für mich und mein Kind kaum Essen jenug! Wer
-'rumjehn, wer fremde Kinder auflesen und jroß füttern, wo eijnes mir
-schon jenug Kummer und Ärjer macht.
-
- Frau Knobbe
- glotzt, sieht sich fragend und hilfesuchend um. Holt dann
- schnell ein Flakon aus der Tasche und gießt den Inhalt auf ihr
- Schnupftuch. Das Schnupftuch führt sie dann an Mund und Nase und
- saugt den Duft des Parfüms, um nicht ohnmächtig zu werden.
- Hierauf glotzt sie wie vorher.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ja warum sprechen Sie nicht, Frau Knobbe? Das Mädchen behauptet, daß sie
-selbst und nicht Sie, Frau Knobbe, Mutter des kleinen Kindes ist.
-
- Frau Knobbe
- erhebt den Schirm, um damit zu schlagen. Man fällt ihr in den
- Arm.
-
- Schierke
-
-Det jibt's nich! Det is hier nich Kindererziehung! Det machen Se, wenn
-Se unter sich in de Kinderstube alleene sind! -- Die Hauptsache bleibt,
-wen jehert hier det Kind? -- Und nu ... und jetzt ... Frau verwitwete
-Knobbe, ieberlechen Se sich, det Se hier reenste Wahrheit sachen! So! Is
-et Ihret? oder 'n fremdet Kind?
-
- Frau Knobbe
- bricht los.
-
-Ich schwöre bei der heiligen Mutter Gottes, bei Jesus Christus, Vater,
-Sohn und heiliger Geist, daß ich Mutter von diesem Kinde bin.
-
- Die Piperkarcka
-
-Und ick schwöre bei heilije Mutter Jottes ...
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Halt, Fräulein, retten Sie Ihre Seele! -- Es mag meinethalben ein Fall
-von den allerverwickeltsten Umständen sein! Sie schwören dabei
-vielleicht vollständig gutgläubig, aber Sie werden mir das gewiß
-zugeben: jede von Ihnen könnte zwar die Mutter von Zwillingen sein --
-ein Kind mit zwei Müttern ist nicht zu denken!
-
- Walburga
- die unverwandt und starr, gleich Frau Knobbe, aus der Nähe das
- Kind betrachtet.
-
-Papa! Papa! So sieh doch mal erst das Kind.
-
- Frau Kielbacke
- weinerlich, entsetzt.
-
-Ja, det Kindeken stirbt schon jlob ick, seit ick hier drin im Zimmer
-jewesen bin.
-
- Schierke
-
-Wat?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wie? -- (Er tritt energisch näher und betrachtet einige Zeit ebenfalls
-das Kind.) -- Das Kindchen ist tot! Das ist ohne Frage! -- Hier ist ohne
-Zweifel einer gewesen, unsichtbar, der über das unbeteiligte arme,
-kleine Streitobjekt ein wahrhaft salomonisches Urteil gesprochen hat.
-
- Die Piperkarcka
- versteht nicht.
-
-Wat jiebt denn?
-
- Schierke
-
-Ruhe! -- Komm Sie mit.
-
- Frau Knobbe scheint die Sprache verloren zu haben. Sie steckt ihr
- Taschentuch in den Mund. Tief in ihrer Brust röchelt es. Schierke,
- die Kielbacke mit dem toten Kinde, gefolgt von Frau Knobbe und der
- Piperkarcka ab. Man hört Gemurmel auf dem Flur.
-
- Der Direktor kommt wieder, nachdem er hinter den Abgehenden die Tür
- verschlossen hat.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-_Sic eunt fata hominum._ Erfinden Sie so was mal, guter Spitta.
-
-
-
-
- Vierter Akt
-
-
- Die Wohnung des Maurerpoliers John, wie im zweiten Akt. Es ist früh
- gegen acht Uhr Sonntags.
-
- Maurerpolier John befindet sich unsichtbar hinter dem Verschlage.
- Man kann aus seinem Planschen und Prusten entnehmen, daß er bei der
- Morgenwäsche ist. Quaquaro ist eben eingetreten und hat die Klinke
- der Flurtür in der Hand.
-
- Quaquaro
-
-Sache ma, is deine Frau zu Hause, Paul?
-
- John
- hinterm Verschlag.
-
-Noch nich, Emil. Meine Frau is mit den Jungen bei meine verheirate
-Schwester in Hangelsberg. Will aber heut morchen noch wiederkomm. --
-(John erscheint, sich abtrocknend, in der Tür des Verschlages.) Schen
-juten Morchen, Emil.
-
- Quaquaro
-
-Morchen, Paul.
-
- John
-
-Na wat jibt et Neies? Ick bin vor 'ne halbe Stunde erst von de Bahn aus
-Hamburch jekomm.
-
- Quaquaro
-
-Ick sah dir ins Haus jehn un Treppe rufsteichen.
-
- John
- aufgeräumt.
-
-Na ja, Emil, du bist eben so 'n richticher Zerberus.
-
- Quaquaro
-
-Sache ma, Paul: wie lange is deine Frau mit det Kleene in Hangelsberg?
-
- John
-
-I, det muß so um die acht Dache so rum sind, Emil. Wiste wat von ehr?
-Miete hat se doch woll richtich abjeführt. Ibrigens kann ick jleich
-kindigen, Emil. Denn et is nu so weit: wir ziehn an erschten Oktober.
-Ick ha Muttern nu endlich breit jekricht, det wir aus det olle wacklige
-Staatsjebäude raus und in 'ne beßre Jejend ziehn.
-
- Quaquaro
-
-Nach Altona wiste nu nich mehr zurick?
-
- John
-
-Nee! bleibe in Lande und nähre dir redlich! Ick jeh nich mehr auswärts!
-Nich in die Hand! -- Schon erstlich: immer uf Schlafstelle rumdricken!
-und denn och: jinger wird eener nich! De Mächens wolln och all nich mehr
-recht mehr so anbeißen ... Nee nee, et is jut so, det ma det ewiche
-Wanderleben zu Ende is.
-
- Quaquaro
-
-Deine Frau hat et jut anjeschlachen, Paul.
-
- John
- gut gelaunt.
-
-Na, junge Ehe, wo ebent erst Kindchen jekomm is!? Ick ha zum Meester
-jesacht: ick bin jung verheirat! Denn hat er jefracht, ob meine erschte
-Frau jestorben is? O konträr! Janz in't Jejenteil, hab' ick jeantwort:
-die is so lebendig und quietschfidel, die hat sojar noch 'ne
-quietschfidelen kleenen Berliner zujekricht! -- Wie ick heute Morchen,
-Berlin--Hamburg--Stendal--Ültzen zum letztenmal uf'n Lehrter Bahnhof mit
-mein janzes Zeug aus de vierte Klasse jestiegen bin, hab' ick 'n lieben
-Jott, der Deibel hol mir! so alt wie ick bin, mit een Seufzer jedankt.
-Er wird ihm wohl bei den Lärm uf'n Lehrter nich jehert haben.
-
- Quaquaro
-
-Haste jehert, Paul, det drieben de Knobbe ihr Jüngstes och wieder mit
-Dot abjejang is?
-
- John
-
-Nee! Wie soll ick da von wat jehert haben. Aber wenn et dot is, denn is
-et doch jut, Emil. Als ick det Wurm vor acht Dache jesehn habe, wo
-Krämpfe hatte und Selma jekomm is und ick und Mutter haben ihm noch'n
-Löffel Zuckerwasser injejossen, da war et doch schon reichlich reif
-for't Himmelreich.
-
- Quaquaro
-
-Sache ma, haste denn von die Umstände jar nich jehert, wie und wo det
-Kindchen zu Dode jekomm is?
-
- John
-
-Nee! -- (Er zieht eine lange Tabakspfeife hinter dem Sofa hervor.) --
-Wart ma! ick brenne mir erst ma 'ne Pipe an. Nee! wo soll ick da von wat
-jehert haben.
-
- Quaquaro
-
-Ick verwunder mir aber doch, det deine Frau dir nischt von jeschrieben
-hat.
-
- John
-
-I, mit Jette und mit die Knobbekinder is det, seit det mir 'n eegnet
-Kind haben, bei Muttern uf eema wie abjeschnappt.
-
- Quaquaro
- lauernd.
-
-Deine Frau wollte ja doch immer brennend jerne 'n Sohn haben.
-
- John
-
-Na det is och! Meenste woll etwa, ick nich? For wat rackert eens denn?
-For wat schind ick mir denn? Det is doch wat anders, wenn 'n scheenet
-rundet Stück Jeld for'n eijnen Sohn oder for Schwesterkinder ufjespart
-bleiben dut.
-
- Quaquaro
-
-Weeste denn nich, det 'n fremdet Mächen jekomm is, Paul, und hat
-behauptet, det det Kind von de Knobbe jar nich ihr eechnet, sondern det
-Kind von det fremde Mächen jewesen is?
-
- John
-
-Nanu? De Knobben und Kinderstehlen? Wenn't Mutter wär! aber de Knobben
-doch nich. Sach ma, Emil, wat is denn det for 'ne Jeschichte.
-
- Quaquaro
-
-Na, nu, d'r eene sagt so, d'r andre sagt so. De Knobben sagt, det von
-een Komplott mit Detektivs aus jewisse Kreise det kleene Balch
-nachjestellt worden is. Un det is nu ja och richtig janz festjestellt:
-et war det Kind von de Knobben jewesen! -- Kannst du mich irgendeenen
-Wink jeben, wo de letzten Dache dein Schwager is?
-
- John
-
-Meenste dem Schlachtermeester in Hangelsberg?
-
- Quaquaro
-
-I nee, durchaus nich wat der Mann von deine Schwester, sondern von deine
-Frau der Bruder is.
-
- John
-
-Da meenst du Brunon?
-
- Quaquaro
-
-Jewiß doch.
-
- John
-
-Na, noch wat, da kimmere ick mir noch wat eher drum, ob de Hunde noch
-immer bei Prellsteine jehn. Von Brunon will ick weiter nischt wissen.
-
- Quaquaro
-
-Her mich ma zu, Paul. Ärjer dir nich. Nämlich uf Polizeistelle is
-bekannt, det Bruno mit det polnische Mächen, wo uf det Kindeken Anspruch
-machen wollte, jleich neulich hier vor de Haustür und dann och an eene
-jewisse Stelle von de Uferstraße, wo de Jerber de Felle wegschwimmen,
-jemeinsam jesichtet is. Nu is det Mächen janz jänzlich verschwunden.
-Weiter wat Näheres weeß ick nu freilich nich! Bloß det se von Polizei
-wechen det Mächen suchen.
-
- John
- stellt entschlossen die lange Pfeife weg, die er sich angesteckt
- hatte.
-
-Ick weeß nich, ick ha keen Justo heut morchen! -- Ick weeß nich, wat in
-mir jefahren hat, ick war so verjnügt wie'n Eckensteher. Uf eemal is
-mich so kodderig zumut, det ick an liebsten jleich wieder nach Hamburg
-mechte un jar nischt weiter heren und sehn! -- Wat kommst de denn mir,
-Emil, mit so 'ne Jeschichten?
-
- Quaquaro
-
-Ick wollte dir man bloß bißken ufklären, wat inzwischen, wo ja du un
-wohl ja och deine Frau auswärts jewesen is, in deine Behausung jeschehn
-is.
-
- John
-
-In meine Behausung?
-
- Quaquaro
-
-Det is ja! Jawoll! Selma hatte ja, heeßt et, det Knobbesche Jungchen in
-Kinderwachen hier rieberjeschoben, wo et det fremde Frauenzimmer mit
-ihre Begleitung aus deine Wohnung jenommen und wechjetragen hat. Oben
-bei de Kammedienspieler is se ja dann noch jlicklich jestellt worden.
-
- John
-
-Wat is se?
-
- Quaquaro
-
-Und da haben sich och de Knobbe un det fremde Mächen ieber det dote Kind
-bei de Haare jekricht.
-
- John
-
-Wenn ick man wißte, wat mir det soll, Emil, wo doch alle Ochenblicke
-hier mit Frauenzimmer een Jewürge is. Laß se man kampeln! Mir is det
-jleichjiltig! Nämlich, Emil, wenn da nich sonst wat dahinter is!?
-
- Quaquaro
-
-Deshalb komm ick ja, Paul! Et is wat dahinter! Det Mächen hat nämlich
-mehrmals vor Zeuchen ausjesacht: erstlich, det Wurm von de Knobbe, det
-wär ihr Kind und det hätt' se ausdricklich bei deine Frau, Paul, in de
-Flege jejeben.
-
- John
- stutzt, lacht befreit.
-
-Der pickt et! der is woll ma nich janz unwohl jeworden!
-
- Erich Spitta kommt.
-
- Spitta
-
-Guten Morgen, Herr John.
-
- John
-
-Juten Morchen, Herr Spitta. -- (Zu Quaquaro, der noch in der geöffneten
-Tür steht.) -- 'S jut, Emil! Ick wer mir wissen zu richten nach.
-
- Quaquaro ab.
-
- John
- fährt fort.
-
-Nu sehn Se ma so 'n Männeken, Herr Spitta! Mit een Fuß steht er in't
-Jefängnis, mit 'n andern is er Liebkind beim Bezirkskommissar uf't
-Polizeibüro! un denn jeht er bei ehrliche Leute rumschnüffeln.
-
- Spitta
-
-Hat Fräulein Walburga Hassenreuter nach mir gefragt, Herr John?
-
- John
-
-Bis jetzt noch nich. Nee, det ick nich wißte! -- (Er öffnet die
-Flurtür.) -- Selma! -- Entschuldjen Se mir ma 'n Ojenblick. -- Selma! --
-Ick muß ma det Mächen wat aushorchen.
-
- Selma Knobbe kommt.
-
- Selma
- noch in der Tür.
-
-Wat is?
-
- John
-
-Mach ma de Tir zu, komm ma 'n bißken 'rin! Un nu sach mal, Mächen, wat
-det hier in de Stube mit dein kleenet verstorbenet Briderchen und mit
-det fremde Weibsbild jewesen is.
-
- Selma
- die, mit merkbar schlechtem Gewissen, lauernd näher getreten ist,
- jetzt sehr wortgewandt.
-
-Ick hatte den Kinderwachen hier rieber jeschoben. Ihre Frau war nicht da
-und da dacht ick, det hier drieben, wo doch det Briderken sowieso krank
-war und immer schrie, det hier drieben bei Sie mehr Ruhe is. Nu kam een
-Herr un kam eene Dame un noch 'ne Frau kam uf eemal hier rin. Und denn
-ha'm se det Kindeken hier aus 'n Wachen raus, frische Wäsche jewickelt
-un mit fortjenomm.
-
- John
-
-Und denn hat die Dame jesacht, et wär ihr Kind und se hätt' et bei
-Muttern, als wie det meine Olle is, hätt' se's, sagt se, in Flege
-jejeben?
-
- Selma
- lügt.
-
-I, jar keene Ahnung, da wißt ick wat von.
-
- John
- schlägt auf den Tisch.
-
-Na zum Kreuzdonnerwetter, det wär ja och bledsinnig.
-
- Spitta
-
-Erlauben Sie mal, das hat sie gesagt: wenn nämlich von dem Vorfall
-zwischen den beiden Frauen oben bei Direktor Hassenreuter die Rede ist.
-
- John
-
-Det haben Se mit anjesehn, Herr Spitta, wo de Knobben und de andere um
-det Würmchen jezerjelt hat?
-
- Spitta
-
-Allerdings. Das hab' ich mit angesehn.
-
- Selma
-
-Weiter kann ick nischt sachen, und wenn mir och Schutzmann Schierke und
-meinswechen der lange Polizeileitnam janzem zwee Stunden und länger
-verhören dut. Ick weeß eben nischt. Ick kann eben nischt sachen.
-
- John
-
-'N Polizeileitnam hat dir ausjefracht?
-
- Selma
- knutscht.
-
-Se wollen doch Maman in Kasten bringen, weil et Leute anjezeicht un
-jelogen haben, det unser Kindeken vahungert is.
-
- John
-
-Ach! so! -- Na Selma, jeh, laß ma 'n Kaffee durchlofen.
-
- Selma begibt sich an den Herd, wo sie den Kaffee für John
- zubereitet. John selbst geht an den Arbeitstisch, nimmt den Zirkel
- und zieht dann mit der Schiene einige Linien.
-
- Spitta
- mit Überwindung.
-
-Eigentlich hoffte ich Ihre Frau hier zu treffen, Herr John. Mir hat
-jemand gesagt, Ihre Frau hätte gegen Sicherheit mitunter kleine Beträge
-an Studenten geliehen. Ich bin nämlich in Verlegenheit.
-
- John
-
-Det mag sind. Aber det is Mutterns Sache, Herr Spitta.
-
- Spitta
-
-Ganz offen gesagt, wenn ich bis heute abend kein Geld schaffe, werden
-meine paar Bücher und Habseligkeiten von meiner Zimmerwirtin mit
-Beschlag belegt und man setzt mich eigentlich auf die Straße.
-
- John
-
-Ick denke Ihr Vater ist Paster, Herr Spitta.
-
- Spitta
-
-Das ist er. Aber gerade deshalb, und weil ich selber nicht Pastor werden
-mag, habe ich gestern abend einen furchtbaren Krach mit meinem Vater
-gehabt. Ich werde von ihm keinen Pfennig mehr annehmen.
-
- John
- arbeitend.
-
-Det jeschieht Vatern recht, wenn ick verhungern tu oder 'n Hals breche.
-
- Spitta
-
-Ein Mensch wie ich, wird nicht verhungern, Herr John. Geh ich aber
-zugrunde, so ist mir's auch gleichgültig.
-
- John
-
-Det jlobt eener nich, wat unter euch Studenten for ausjehungerte arme
-Ludersch sind. Aber keener will wat Reelles anfassen. -- (Ferner Donner.
-John blickt durchs Fenster.) -- Heute wird schwule. Et donnert schon.
-
- Spitta
-
-Von mir dürfen Sie das nicht sagen, Herr John, daß ich etwas Reelles
-nicht anfassen möchte: Stunden geben! für Geschäfte Adressen schreiben!
-Ich habe das alles schon durchgemacht und damit, wie mit manchem anderen
-Versuch, nicht nur Tage sondern auch Nächte um die Ohren geschlagen.
-Dabei hab' ich gebüffelt und Bücher gewälzt.
-
- John
-
-Mensch, jeh nach Hamburg und laß dir als Maurer instellen! Wie ick so
-alt war wie Sie, ha ick in Altona in Akkord schon bis zwelf Mark täglich
-verdient.
-
- Spitta
-
-Das mag sein. Aber ich bin Geistesarbeiter.
-
- John
-
-Det kennt man.
-
- Spitta
-
-So?! Mir scheint nicht, daß Sie das kennen, Herr John. Vergessen Sie
-aber bitte nicht: Ihre Herrn Bebel und Liebknecht sind auch
-Geistesarbeiter.
-
- John
-
-Na jut! Denn komm Se! denn wollen wir man wenigstens frühstücken. Allens
-sieht sich janz andersch an, wenn det eener 'n Happenpappen jefrühstückt
-hat. Se haben woll noch nich jefrühstückt, Herr Spitta?
-
- Spitta
-
-Nein, offen gestanden, heute noch nicht.
-
- John
-
-Na denn machen Se man det Se wat Warmes in Leib kriechen.
-
- Spitta
-
-Das hat Zeit.
-
- John
-
-I nee, Se sehen sehr vakatert aus. Und ick ha och die Nacht uf de Bahn
-jelejen. -- (Zu Selma, die ein Leinwandsäckchen mit Semmeln hereingeholt
-hat.) -- Bring ma schnell noch 'ne Tasse ran.
-
- Er hat breit auf dem Sofa Platz genommen, tunkt Semmel ein und
- trinkt Kaffee.
-
- Spitta
- der noch nicht Platz nimmt.
-
-Eine Sommernacht bringt man doch lieber im Freien zu, wenn man im
-übrigen doch nicht schlafen kann. Und ich habe nicht eine Minute
-geschlafen.
-
- John
-
-Dem wollt ick ma sehn, der in Dalles is und jut schlafen kann! Wer in
-Dalles is, hat och in Freien de meeste Jesellschaft. -- (Er vergißt
-plötzlich zu kauen.) -- Komm ma her, Selma, sache nochma janz jenau, wie
-det mit det fremde Mächen und det fremde Kind, det se hier aus de Stube
-jeholt hat, jewesen is.
-
- Selma
-
-Ick weeß nich, det frächt mich 'n jeder, frächt mir Mama jetzt 'n lieben
-langen Dach! ob ick Brunon Mechelke jesehn habe! ob ick wissen soll, wer
-oben uf'n Boden bei de Kammedienspieler Kleider jestohlen hat! Wenn det
-so fortjeht ...
-
- John
- energisch.
-
-Mächen, wat haste nich Lärm jeschlagen, wie der Herr und det Freilein
-dir dein Brüderken aus'n Wachen jenommen hat?
-
- Selma
-
-Jeschieht ihm ja nischt, dacht ick! krist ma reene Wäsche.
-
- John
- faßt Selma beim Handgelenk.
-
-Na nu komm ma mit, wollen ma rieber bei deine Mutter jehn.
-
- John mit Selma an der Hand ab.
-
- Sobald John verschwunden ist, fällt Spitta über das Frühstück her.
- Bald darauf erscheint Walburga. Sie ist in großer Eile und sehr
- aufgeregt.
-
- Walburga
-
-Bist du allein?
-
- Spitta
-
-Augenblicklich ja. Guten Morgen, Walburga.
-
- Walburga
-
-Komm ich zu spät? Ich habe mich ja nur mit der allergrößten Schlauheit,
-mit der allergrößten Entschlossenheit, mit der allergrößten
-Rücksichtslosigkeit, komme was wolle, von Hause losgemacht. Meine
-jüngere Schwester hat mir die Tür vertreten. Das Dienstmädchen! Ich
-sagte aber zu Mama, wenn sie mich nicht durch das Entree hinausließen,
-so möchten sie nur die Fenster vergittern: sonst würde ich drei Stock
-hoch durchs Fenster direkt auf die Straße gehn. Ich fliege. Ich bin mehr
-tot wie lebendig. Aber ich bin zum letzten bereit. Wie war es mit deinem
-Vater, Erich?
-
- Spitta
-
-Wir sind auseinander. Er meinte, ich würde Treber fressen wie weiland
-der verlorene Sohn, und ich möchte mir ja nicht einfallen lassen, als
-Luftspringer oder Kunstreiter, wie er sich auszudrücken beliebt, jemals
-wieder die Schwelle des Vaterhauses betreten zu wollen. Für Gesindel
-öffne sich seine Haustür nicht. Ich werd's verwinden! Nur meine arme
-gute Mutter bedaure ich. -- Du kannst dir nicht denken, mit welchem
-abgrundtiefen Haß ein solcher Mann gegen alles und alles, was mit dem
-Theater zusammenhängt, geladen ist! Der schrecklichste Fluch ist ihm
-nicht stark genug. Ein Schauspieler ist in seinen Augen von vornherein
-der allerverächtlichste, schlechteste Lumpenhund, der sich denken läßt.
-
- Walburga
-
-Ich habe auch nun herausgekriegt, wie Papa dahintergekommen ist.
-
- Spitta
-
-Mein Vater hat ihm dein Bild gegeben.
-
- Walburga
-
-Erich, Erich, wenn du wüßtest, mit welchen schrecklichen, mit welchen
-grauenvollen Ausdrücken mich Papa in der Wut überschüttet hat, und ich
-mußte zu allem stillschweigen. Ich hätte ihm etwas sagen können, das
-hätte ihn vielleicht mit seinen Tiraden von hoher Moral stumm und
-hilflos vor mir gemacht. Beinahe wollt' ich es auch: doch ich schämte
-mich so entsetzlich für ihn! Meine Zunge versagte! Ich konnte nicht,
-Erich! Mama mußte schließlich dazwischentreten. Er hat mich geschlagen.
-Er hat mich acht oder neun Stunden lang in den finsteren Alkoven
-eingesperrt, um meinen Trotz zu brechen, wie er sagt, Erich. Nun, das
-gelingt ihm nicht, Erich! Er bricht ihn nicht.
-
- Spitta
- nimmt Walburga in den Arm.
-
-Du Brave! du Tapfere! Siehst du, jetzt weiß ich erst, was ich an dir
-besitze! weiß ich erst, was für ein Schatz du eigentlich bist. -- (heiß)
--- Und wie schön du aussiehst, Walburga.
-
- Walburga
-
-Nicht! Nicht! -- Ich vertraue dir, Erich, weiter ist es doch nichts.
-
- Spitta
-
-Und du sollst dich nicht täuschen, süße Walburga. Sieh mal, ein Mensch
-wie ich, in dem es gärt und der was Besonderes, Dunkles, Großes will,
-was er einstweilen noch nicht recht deutlich machen kann, hat mit
-zwanzig Jahren die ganze Welt gegen sich und ist aller Welt lästig und
-lächerlich. Aber glaub' mir: einst wird das anders werden. In uns liegen
-die Keime. Der Boden lockert sich schon! Wir sind, wenn auch noch
-unterirdisch, die künftige Ernte! Wir sind die Zukunft! Die Zeit muß
-kommen, da wird die ganze weite, schöne Welt unser sein.
-
- Walburga
-
-Sprich weiter, Erich, das ist mir so wohltätig.
-
- Spitta
-
-Walburga, ich habe gestern abend meinem Vater auch von der Leber weg die
-Anklage des Verbrechens an meiner Schwester ins Gesicht geschleudert.
-Das hat den Bruch unheilbar gemacht. Er sagte verstockt: von einer
-Tochter, wie der von mir geschilderten, wisse er nichts. Sie existiere
-in seiner Seele nicht und, wie es den Anschein habe, werde auch bald
-sein Sohn dort nicht mehr existieren. O diese Christen! O diese Diener
-des guten Hirten, der das verlorene Schaf doppelt zärtlich in seine Arme
-nahm! O du lieber Heiland, wie sind deine Worte verkehrt, deine ewigen
-Lehren in ihr Gegenteil umgefälscht worden. Aber als ich heut nacht bei
-Donnerrollen und Wetterleuchten auf einer Bank im Tiergarten saß und
-gewisse Berliner Hyänen um mich herumschlichen, da fühlte ich die
-ruhelose und zertretene Seele meiner Schwester neben mir. Wie oft mag
-sie selbst im Leben Nächte hindurch obdachlos auf solchen Bänken und
-vielleicht auf derselben Tiergartenbank gesessen haben, um in ihrer
-Verlassenheit, Ausgestoßenheit und Entwürdigung darüber nachzudenken,
-wie triefend von Menschenliebe, triefend von Christentum zweitausend
-Jahre nach Christi Geburt diese allerchristlichste Welt sich
-manifestiert. Aber was sie auch dachte, ich denke so: Die arme Dirne,
-die Sünderin, die vor neunundneunzig Gerechten geht, die von dem Drucke
-der Sünde der Welt belastet ist, die arme Aussätzige und ihre
-fürchterliche Anklage soll in meinem Inneren lebendig sein! Und alles
-Elend, allen Jammer der Gemißhandelten und Entrechteten werfen wir mit
-in die Flamme hinein! Und so soll die Schwester leben, Walburga, und
-soll Herrlicheres wirken vor Gott durch das Ethos, das meine Seele
-beflügelt, als die ganze kalte, herzlos böse Moralpfafferei der Welt
-nicht vermag.
-
- Walburga
-
-Du warst die Nacht im Tiergarten, Erich? Deshalb sind deine Finger noch
-so eiskalt, und du siehst so entsetzlich müde aus. Erich, du mußt mein
-Portemonnaie nehmen! Erich! nein bitte, du mußt! Ich versichere dich!
-Was mein ist, ist dein! Sonst liebst du mich nicht, Erich! Erich, du
-darbst! Wenn du meine paar Groschen nicht nimmst, verweigere ich zu
-Hause jede Nahrung! bei Gott, ich tu's! bis du vernünftig wirst.
-
- Spitta
- würgt Tränen hinunter. Muß sich setzen.
-
-Ich bin nur nervös. Ich bin abgespannt.
-
- Walburga
- steckt ihr Portemonnaie in seine Hosentasche.
-
-Nun sieh mal, Erich, deshalb habe ich dich eigentlich hier zu Frau John
-bestellt. Zu allem Unglück bekomme ich gestern noch hier diese
-gerichtliche Vorladung.
-
- Spitta
- betrachtet ein Schriftstück, das sie ihm gereicht hat.
-
-Du? Und weshalb denn das, sag' mal, Walburga.
-
- Walburga
-
-Ich bin mir sicher, daß es mit den gestohlenen Sachen auf dem Oberboden
-zusammenhängt. Aber es macht mich furchtbar unruhig. Wenn Papa das
-erfährt ... ja, was tu ich dann?
-
- Frau John, das Kind auf dem Arm, straßenmäßig angezogen, sehr
- gehetzt, sehr verstaubt, kommt herein.
-
- Frau John
- erschrocken, mißtrauisch, halblaut.
-
-Nu? Wat wollt ihr hier? Is Paul schon zu Hause? Ick war eben ma 'n
-bißken mit det Kindken uf de Jasse jejangn.
-
- Sie trägt das Kind hinter den Verschlag.
-
- Walburga
-
-Bitte, Erich, sprich doch mal über meine Vorladung mit Frau John.
-
- Frau John
-
-Paul is ja zu Hause, da liejen ja seine Sachen.
-
- Spitta
-
-Fräulein Hassenreuter wollte Sie gern mal sprechen. Sie hat nämlich,
-wahrscheinlich wegen der gestohlenen Sachen, Sie wissen ja, auf dem
-Oberboden, eine gerichtliche Vorladung.
-
- Frau John
- tritt aus dem Verschlage.
-
-Wat? Eene Vorladung ham Sie jekricht, Freulein Walburga? Na, denn nehm
-sich in Obacht! Ick spaße nich! un phantasieren Se womeglich von
-schwarzen Mann.
-
- Spitta
-
-Was Sie da sagen, Frau John, ist unverständlich.
-
- Frau John
- zur häuslichen Beschäftigung übergehend.
-
-Habt ihr jehert, det draußen in eene Laubenkolonie vor't Hallesche Tor
-der Blitz heute morchen Mann, Frau und 'n Mächen von sieben unter eene
-hohe Pappel erschlagen hat?
-
- Spitta
-
-Nein, Frau John.
-
- Frau John
-
-Et pladdert schon wieder.
-
- Man hört, wie ein Regenschauer niedergeht.
-
- Walburga
- ängstlich.
-
-Komm Erich, wir wollen trotzdem ins Freie gehn.
-
- Frau John
- lauter und lauter werdend.
-
-Und wissen Se wat: ick habe die Frau kurz vorher noch jesprochen, wo
-nachher von Blitze erschlachen is. Die hat jesacht -- nu hern Se ma zu,
-Herr Spitta .... een dotet Kindeken, det man in Kinderwachen legt und
-raus in die warme Sonne rickt -- det muß aber Sommersonne und
-Mittagssonne sind, Herr Spitta! -- det zieht Atem! det schreit! det is
-wieder lebendig! -- Det jloben Se nich? wat? det ha ick mit meine Ochen
-jesehn.
-
- Sie geht in eigentümlicher Weise im Kreise herum, ohne scheinbar
- mehr etwas von der Gegenwart der beiden jungen Leute zu wissen.
-
- Walburga
-
-Du, die John ist unheimlich, komm!
-
- Frau John
- noch lauter.
-
-Det jloben Se nich, det det wieder lebendig is? Denn kann Mutter kommen
-und nehmen. Denn muß et jleich Brust kriejen.
-
- Spitta
-
-Adieu, Frau John.
-
- Frau John
- noch lauter.
-
- Bringt, seltsam aufgeregt, die beiden jungen Leute bis zur Tür.
-
-Sie jloben det nich! Det is aber heilig so, Herr Spitta.
-
- Spitta und Walburga ab.
-
- Frau John
- hält die Tür in der Hand, ruft noch auf den Flur hinaus.
-
-Wer det nich jlobt, der weeß von det janze Jeheimnis, wo ick entdeckt
-habe, nischt.
-
- Maurerpolier John steht in der Tür und tritt gleich darauf ein.
-
- John
-
-I, da bist du ja, Mutter! Schen willkomm! Von wat for'n Jeheimnis
-sprichst du denn?
-
- Frau John
- wie aufwachend, faßt sich an den Kopf.
-
-Ick? -- Ha ick denn von 'n Jeheimnis jesprochen?
-
- John
-
-Na ick denke doch, wenn ick nich schwerherig bin. Biste nu 'n Jeist oder
-bistes wirklich?
-
- Frau John
- befremdet, ängstlich.
-
-Woso soll ick 'n Jeist sind?
-
- John
- schlägt seine Frau gutmütig auf den Rücken.
-
-Jette, beiß mir man nich. Ick freu mir ja reichlich deswechen, det de nu
-wieder mit dein Patenjeschenk bei mich bist! -- (Er geht hinter den
-Verschlag.) -- Et sieht aber 'n bißken miserich aus, Jette.
-
- Frau John
-
-Et vertrug de Milch nich. Det kommt, weil draußen uf'n Lande de Kühe
-schon jrienet Futter kriejen. Hier von de vereinichte Molkerei ha ick
-wieder welche, wo trocken jefüttert is.
-
- John
- erscheint wieder.
-
-Ick sag's ja, was biste erst mit det Kind uf de Bahn und raus aus de
-Stadt jeturnt! Ick spreche, die Stadt is an allerjesindsten.
-
- Frau John
-
-Nu bleib ick och wieder zu Hause, Paul.
-
- John
-
-In Altona, Jette, is och nu allet in't reene jebracht. Jejen Mittag
-treff' ick mit Karln zusamm, und denn will er mir sachen, wenn ick beim
-neuen Meester antreten kann! -- Hör ma: ick ha och wat mitjebracht.
-
- Er schüttelt eine kleine Kinderklapper, die er aus der Hosentasche
- nimmt.
-
- Frau John
-
-Wat denn?
-
- John
-
-Det Leben wird in de Kinderstube, weil et doch in Berlin manchma immer
-'n bißken zu stille is! -- Horch ma, wie't kräht. -- (Man hört das
-Kindchen allerlei vergnügte Geräusche machen.) -- Nee Mutter, wenn so 'n
-Kindeken kräht, dafor jeb ick Amerika.
-
- Frau John
-
-Haste schonn jemand jesprochen, Paul?
-
- John
-
-Nee! -- Ick ha hechstens heut morchen Quaquaron jesprochen.
-
- Frau John
- scheu, gespannt.
-
-Nu? und?
-
- John
-
-I, laß man, jar nischt, et war weiter nischt.
-
- Frau John
- wie vorher.
-
-Wat hat er jesacht?
-
- John
-
-Wat soll er jesacht haben? -- Na, wenn de schon keene Ruhe jeben dust --
-wat soll det nitzen an Sonntag morchen? -- er hat mir ma wieder nach
-Brunon jefracht.
-
- Frau John
- hastig, bleich.
-
-Wat soll denn Bruno wieder jemacht haben?
-
- John
-
-Jar nischt! -- Hier, komm und trink 'n Schluck Kaffee, Jette, und ärjer
-dir nich! -- Wat kannst de dafür, wenn eener so 'n sauberet Brüderken
-hat? -- Wat brauchen wir uns um andre bekimmern?
-
- Frau John
-
-Det mecht ick wissen, wat so 'ne olle dußliche Dromlade, wo 'n janzen
-Tag spionieren dut, immer von Brunon zu quasseln hat.
-
- John
-
-Jette, mit Brunon laß mir in Frieden! -- -- -- Sieh ma ... i wat denn?
-... lieber nich! ... Aber wenn ick da wieder wat sollte von sachen: det
-soll mir nich wundern, wo mit Bruno ma jelejentlich in Jefängnishof,
-haste nich jesehn! ma'n schnellet Ende is. -- (Frau John läßt sich am
-Tisch nieder, wird grau im Gesicht, stützt sich auf beide Ellenbogen und
-atmet schwer.) -- Vielleicht och nich! nimm et dir man nich jleich so zu
-Herzen! -- -- Wat macht denn de Schwester?
-
- Frau John
-
-Ick weeß et nich.
-
- John
-
-Na ick denke, de bist bei se draußen jewesen.
-
- Frau John
- sieht ihn geistesabwesend an.
-
-Wo bin ick jewesen?
-
- John
-
-Siehste woll, Jette, det is mit euch Weiber! de schudderst ja! bein Arzt
-und bein Doktor wiste nich hinjehn! womeglich det de noch nachträglich
-zum Liechen kommst. Det is wenn eens die Natur vernachlässigt.
-
- Frau John
- fällt ihrem Mann um den Hals.
-
-Paul, du wist mir verlassen! Jott in Himmel, Paul, sach et! sach et
-bloß, tu mir nich hinters Licht fihren! Sach et! Fihr mir nich hinters
-Licht.
-
- John
-
-Wat is mit dich heute los, Henerjette?
-
- Frau John
- plötzlich verändert.
-
-Hör man nich druf, Paul, wat ick so herschwatze. Ick ha wieder die Nacht
-keene Ruhe jehat! Und denn war ick früh uf, und denn is et nich anders,
-als wie det ick 'n bißken von Kräfte bin.
-
- John
-
-Denn leg dir man lang und ruh dir 'n bißken. -- (Frau John wirft sich
-lang auf das Sofa und starrt gegen die Decke.) -- Kannst dir dann och ma
-'n bißken kämmen, Jette! -- -- Uf de Bahn war et wohl sehr staubig
-jewesen, det de so ieber und ieber mit Sand injepulvert bist? -- -- --
-(Frau John antwortet nicht, sie starrt gegen die Decke.) -- Ick muß ma
-det Bengelchen 'n bißken an't Licht holen.
-
- Er begibt sich hinter den Verschlag.
-
- Frau John
-
-Wie lange sind wir verheirat, Paul?
-
- John
- Die Kinderklapper geht hinterm Verschlag, dann:
-
-Det war achtzehnhundertundzweeundsiebzig, jleich wie ick bin aus'n
-Kriege jekomm.
-
- Frau John
-
-Nich, denn kamst de zu Vater hin? -- und denn hast de in Positur
-jestanden? -- und denn hast de't eiserne Kreuz an de linke Brust jehat.
-
- John
- erscheint, das Kind im Steckkissen auf dem Arme, die Kinderklapper
- schwingend. Er sagt lustig:
-
-Jawoll! det ha ick och heute noch, Mutter! Und wenn de't sehn willst,
-denn stech ick's mir an.
-
- Frau John
- noch immer lang ausgestreckt.
-
-Und denn kamst de zu mich, und denn hast de jesacht: ick sollte nich
-immer so fleißig ... nich immer so hin und her, treppuf, treppab ... ick
-sollte ma 'n bißken pomadich sind.
-
- John
-
-Det sach ick so jut och heute noch, Jette.
-
- Frau John
-
-Und denn haste mir mit dein Schnurrbart jekitzelt und hast mir links
-hinter't Ohr jeküßt! -- Und denn ...
-
- John
-
-Denn sind wir wohl einig jeworden? --
-
- Frau John
-
-Denn ha ick jelacht und ha mir nach und nach, apee apee von oben bis
-unten in alle Uniformknöppe abjespiejelt. Und da ha ick noch anders
-ausjesehn! -- Und denn haste jesacht ...
-
- John
-
-I Mutter, de kannst dir wahrhaftig sehn lassen, det jlobt eener nich,
-wat du for'n Jedächtnis hast.
-
- Frau John
-
-Und denn haste jesacht: wenn ick nu bald 'n Jungen krieje, der soll och
-ma »mit Jott für Kenig und Vaterland« und »Wacht am Rhein« hinter de
-Fahne her zu Felde ziehn.
-
- John
- singt, über das Kindchen, zur Klapper.
-
- »Er blickt hinauf in Himmels Aun
- wo Heldenväter niederschaun:
- zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!« ...
-
-Nu ha ick so'n Kerlchen, und nu bin ick wahrhaftig jar nich so wilde
-druf, det ick ihm mechte womeglich als Kanonenfutter in Krieg schicken.
-
- Er geht mit dem Kindchen in den Verschlag.
-
- Frau John
- wie vorher.
-
-Paulicken, Paulicken, det allens is hundert Jahre her!
-
- John
- kommt, ohne das Kind, wieder aus dem Verschlag.
-
-Janz so lange woll doch nich, Jette.
-
- Frau John
-
-Sach ma, wie wär det? du nähmst mir mit und jingst mit mich und mein
-Kindeken jingst du fort nach Amerika?
-
- John
-
-Na nu her ma, Jette: wat is mit dich? Wat is det? Bin ick denn hier von
-Jespenster umjeben? Du weeßt, det ick uf'n Bau, und wenn de Arbeeter mit
-Klamotten ibereinander her sind, ieberhaupt mir nich ufrege und, wat se
-mir nennen, Paul is immer jemitlich, bin! Aber nu: wat is det? De Sonne
-scheint! et is hellichter Tag! ick weeß nich: sehen kann ick et nich!
-Det kichert, det wispert, det kommt jeschlichen! und wenn ick nach
-jreife, denn is et nischt. Nu will ick ma wissen, wat an die Jeschichte
-mit det fremde Mächen hier in de Stube Wahret is.
-
- Frau John
-
-Paul, du hast jehert, det Freilein is ieberhaupt jar nich mehr
-wiederjekomm. Da draus kannst de sehn ...
-
- John
-
-Det sachst de zu mich mit blaue Lippen und machst Augen, wie wennste
-jerädert bist.
-
- Frau John
- verändert.
-
-Jawoll! Wat läßte mir jahrelang alleene, Paul? wo ick in mein Käfiche
-sitzen muß und keen Mensch nich is, mir ma auszusprechen. Manch liebet
-Mal hab' ick hier jesessen und jefracht, warum det ick immer rackern du?
-warum det mir abdarbe, Jroschens mühsam zusammenscharre, dein Verdienst
-jut anleche und wie ick uf jede Art wat zuzuverdien mir abjrübeln du.
-Warum denn? Det soll allens for fremde Leite sind? Paul, du hast mir
-zujrunde jerichtet!
-
- Sie legt den Kopf auf den Tisch und bricht in Schluchzen aus.
-
- In diesem Augenblick ist, katzenartig leise, Bruno Mechelke
- eingetreten. Er hat seine Sonntagskluft an, hat Flieder an der Mütze
- und einen großen Fliederzweig in der Hand. John trommelt ans Fenster
- und bemerkt ihn nicht.
-
- Frau John
- hat Bruno wie eine Geistererscheinung nach und nach ins Auge
- gefaßt.
-
-Bruno, bist du's?
-
- Bruno
- der blitzschnell den Maurerpolier erkannt hat, leise.
-
-Na jewiß doch, Jette.
-
- Frau John
-
-Wo kommst de denn her? Wat wiste denn?
-
- Bruno
-
-Na, ick habe de Nacht durchjescherbelt, Jette. Det siehste doch, det ick
-bei jute Laune bin.
-
- John
- hat Bruno bis jetzt unverwandt angesehen, wobei eine gefährliche
- Blässe sein Gesicht überzogen hat. Jetzt geht er langsam zu einem
- kleinen Schrank und zieht einen alten Kommißrevolver hervor, den
- er ladet. Dies wird von Frau John nicht beobachtet.
-
-Du! -- Hör ma! -- Nu will ick dir ma wat sachen! -- Wat, wat de
-vielleicht verjessen hast -- det de weiter nu keene Ausrede hast, wenn
-ick det Dinges hier uf dir abdricke! -- Du Lump! Unter Menschen jeherst
-du nich! Ick ha dir jesacht, det ick dir niederknalle, det war vorichten
-Herbst, wo du mich jemals wieder uf meine Schwelle unter de Auchen
-trittst -- Nu jeh! sonst kracht et! -- Hast de verstanden?
-
- Bruno
-
-Vor deine Musspritze furcht ick mir nich.
-
- Frau John
- die bemerkt, daß John, seiner selbst nicht mächtig, den Revolver
- langsam gegen Bruno erhebt.
-
-Denn mach mir dot, Paul! Et is mein Bruder!
-
- Sie ist John in den Arm gefallen, so daß sein Revolver gegen sie
- gerichtet ist.
-
- John
- sieht sie lange an, scheint zu erwachen, wird anderen Sinnes.
-
-Jut! -- (Er legt den Revolver wieder sorgfältig in das Schränkchen.) --
-Hast och recht, Jette! -- Pfui Deibel, Jette, det dein Name och in de
-Fresse von so 'n Schubiack is! -- Jut! -- Det Pulver wär och zu schade!
--- Det Dinges hat Blut von zwee franzesche Reiter jekost! Zwee Helden!
--- Nu soll et am Ende Dreck saufen.
-
- Bruno
-
-Det kann immer sind, det Dreck ... in dein Schädel ist! Und wenn du nich
-jerade, det de bei meine Schwester uf Schlafstelle wärscht, denn hätt'
-ick dir woll ma wat Luft jemacht, Rotzjunge, det de häst vierzehn Dache
-'t Loofen jekricht.
-
- John
- gewaltsam ruhig.
-
-Sach noch ma, Jette, det det dein Bruder is.
-
- Frau John
-
-Paul, jeh man, ick wer' ihm schon wieder fortschaffen! Det weeßt de
-doch, det ick et nu ma doch nich ändern kann, det Bruno von mich der
-Bruder is.
-
- John
-
-Na, denn bin ick hier iebrig, denn schnäbelt euch man. -- (Er ist fertig
-gekleidet und schickt sich zum Gehen an. Dicht bei Bruno steht er
-still.) -- Schuft! du hast deinem Vater im Jrabe jeärgert! Deine
-Schwester hätte dir sollen hinterm Zaune in Jraben verhungern lassen,
-statt jroßjezogen, und det eenen Lumpenkanaille mehr uf de Erde is. In
-eene halbe Stunde komm ick zurück! aber nich alleene! Ick komm mit'n
-Wachmeester!
-
- John geht durch die Flurtür ab, seinen Kalabreser aufstülpend.
-
- Bruno wendet sich, sowie John hinaus ist, und spuckt ihm nach, gegen
- die Eingangstür.
-
- Bruno
-
-Wenn ick dir ma in de Wuhlheide hätte.
-
- Frau John
-
-Woso kommste nu, Bruno? Sache, wat is!
-
- Bruno
-
-Pinke mußte mich jeben, sonst jeh ick verschütt, Jette.
-
- Frau John
- verschließt und verriegelt die Flurtür.
-
-Wacht ma, ick schließe die Diere zu! -- Nanu, wat is? -- Wo kommste her?
-Wo biste jewesen?
-
- Bruno
-
-Jetanzt ha ick, Jette, de halbe Nacht, und denn wa' ick 'n bißken jejen
-Morchenjrauen in't Jrüne jejang.
-
- Frau John
-
-Hat dir Quaquaro sehn reinkomm, Bruno? Denn nimm dir in Obacht, det de
-nich in de Falle sitzt.
-
- Bruno
-
-I Jott bewahre. Ick bin ieber'n Hof, denn bei mein Freind durch'n
-Knochenkeller und hernach ieber'n Oberboden rinjekomm.
-
- Frau John
-
-Na? Und wat is nu jewesen, Bruno?
-
- Bruno
-
-Wuddel nich, Jette. Jieb Reisejeld! Ick jeh verschütt, oder ick muß
-abtippeln.
-
- Frau John
-
-Und wat haste nu mit det Mächen jemacht?
-
- Bruno
-
-I, et hat Rat jejeben, Jette!
-
- Frau John
-
-Wat heeßt det?
-
- Bruno
-
-Ick ha ihr soweit wenigstens bißken jefiege jemacht.
-
- Frau John
-
-Und det se nich wiederkommt is nu sicher!
-
- Bruno
-
-Jawoll! Det se nu nochma kommt, jlob ick nich! Aber det wa keen leichtet
-Stick Arbeet, Jette. Du hast mich mit deine verdammte Pillenkrajerei --
-ick ha Durscht, Jette, jieb mich zu saufen, Jette! ... hast du mir
-kochend heeß jemacht.
-
- Er trinkt eine Wasserflasche leer.
-
- Frau John
-
-Se haben dir vor de Diere jesehn mit det Mächen.
-
- Bruno
-
-Ick ha mir mit Artur verabred, Jette. Von mich wollt se nischt wissen.
-Denn is Artur in feine Kluft anjetänzelt jekomm und hat ihr och richtig
-verschleppt in Bolljongeller. Det hat se jejlobt, uf dem Leim is se
-jekrochen, det ihr Breitjam dort warten tut!
-
- Er trällert und tänzelt krampfhaft.
-
- Unser janzet Leben lang
- von det eene Ristorang
- in det andre Ristorang
-
- Frau John
-
-Na und denn?
-
- Bruno
-
-Denn wollt se fort, weil Adolf jesacht hat, det ihr Breitjam jejangen
-is! Denn ha ick wollen ihr noch 'n Stickchen bejleiten, Artur und Adolf
-sind mitjejang. Denn sind wir bei Kalinich in de Hinterstube injefallen,
-und denn is se ja och von den vielen Nippen an Groch und Schnäpse molum
-jeworn. Und denn hat se in'n Bullenwinkel bei eene jenächtigt, wo Arturn
-seine Jeliebte is. Den nächsten Dach sind wir immer zwee drei Jungs
-hinterher jewesen, nich losjelassen, immer von frischen Quinten jemacht,
-und in de Schublade is et ja nu och lustig zujejang.
-
- Die Kirchenglocken des Sonntagmorgens beginnen zu läuten.
-
- Bruno
- fährt fort.
-
-Aber 't Jeld is futsch. Ick brauche Märker und Pfenniche, Jette.
-
- Frau John
- kramt nach Geld.
-
-Wieviel mußte haben?
-
- Bruno
- lauscht den Glocken.
-
-Wat denn?
-
- Frau John
-
-Jeld!
-
- Bruno
-
-Der olle Verkümmler unten in Knochenkeller meent, det ick an liebsten
-muß ieber de russische Jrenze jehn! -- Her ma, Jette, de Jlocken läuten.
-
- Frau John
-
-Weshalb mußte denn ieber de Jrenze jehn?
-
- Bruno
-
-Nimm ma 'n nasses Handtuch, Jette, un du och 'n bißken Essig druf. Ick
-weeß nich, wat mich det Nasenbluten janze Nacht schon jeärjert hat.
-
- Er drückt sein Taschentuch an die Nase.
-
- Frau John
- holt ein Handtuch, atmet krampfhaft.
-
-Wer hat dir an Handjelenk so 'ne Striemen jekratzt, Bruno?
-
- Bruno
- lauscht den Glocken.
-
-Heute morchen halb viere hätt' se det Jlockenläuten noch heren jekonnt.
-
- Frau John
-
-O Jesus, mein Heiland, det is ja nich wahr! det kann ja nich
-menschenmeglich sein! Det ha ick dir nich jeheeßen, Bruno! Bruno! ick
-muß mir setzen, Bruno. -- (Sie tut es.) -- Det hat ja Vater noch uf'n
-Sterbebette zu mich vorausjesacht.
-
- Bruno
-
-Mit Brunon is nich zu spaßen, Jette. Wenn de zu Minnan hinjehst, denn
-sache, det ick ma och uf sowat vastehe und det mit Karln und Fritzen det
-Jehänsel 'n Ende hat.
-
- Frau John
-
-Bruno, wenn se dir aber festsetzen.
-
- Bruno
-
-Na jut, denn mache ick Bammelmann, und denn ha'm se uf Charité wieder ma
-wat zum Sezieren.
-
- Frau John
- gibt ihm Geld.
-
-Det is ja nich wahr! Wat hast du jetan, Bruno?
-
- Bruno
-
-Du bist 'ne olle vadrehte Person, Jette. -- (Er faßt sie nicht ohne
-Gemütsanwandlung.) -- Ihr sagt immer, det ick zu jar nischt nitze bin,
-aber wenn't jar nich mehr jeht, denn braucht ihr mir, Jette.
-
- Frau John
-
-Na und wie denn? Haste den Mächen jedroht, det se soll nich mehr blicken
-lassen? -- Det haste jesollt, Bruno. Haste det nich?
-
- Bruno
-
-De halbe Nacht hab' ick mit ihr jetanzt. Nu sind wir uf de Straße
-jejang. Denn war 'n Herr mitjekomm, vastehste! Und wie det ick jesacht
-habe, det ick von meinswechen mit die Dame 'n Hihnchen zu pflicken habe
-und 'n Schneiderring aus de Bucksen jezogen, hat er natierlich Reißaus
-jenomm. -- Nu ha ick zu ihr jesacht: ängsten sich nich, Freilein! wo
-jutwillig sind und wo keen Lärm schlachen, und nie nich mehr bei meine
-Schwester nachfrachen nach ihr Kind, soll allet janz jitlich in juten
-vereinigt sind! und denn is se mit mich jejondelt 'n Sticksken.
-
- Frau John
-
-Na und?
-
- Bruno
-
-Na und? -- Und da wollte se nich! -- Und da fuhr se mit eemal nach meine
-Jurjel, det ick denke ... wie 'n Beller, der toll jeworden is! und hat
-noch Saft in de Knochen jehabt ... det ick jleich denke, det ick soll
-alle werden! Na, und da ... da war ick nu och 'n bißken frisch -- und
-denn war et -- denn war et halt so jekomm.
-
- Frau John
- in Grauen versunken.
-
-Um welche Zeit war et?
-
- Bruno
-
-So 'rum zwischen vier und drei. Der Mond hat 'n jroßen Hof jehat. Uf'n
-Zimmerplatz hinter de Planken is een Luder von Hund immer rufjesprung
-und anjeschlagen. Denn dreppelte et und denn is 'n Jewitter
-niederjejang.
-
- Frau John
- verändert, gefaßt.
-
-'S jut! Nu jeh! Die verdient et nich besser.
-
- Bruno
-
-Atje! Na nu sehn wa uns ville Jahre nich.
-
- Frau John
-
-Wo wiste denn hin?
-
- Bruno
-
-Erst muß ick ma Stunde zweee längelang uf'n Ricken liechen. Ick och! Ick
-jeh zu Fritzen, wo eene Kammer in't olle Polizeijefängnis jejenieber de
-Fischerbrücke zu Miete hat. Dort bin ick sicher. Wo Ufstoß is, kannste
-mich Nachrich zukomm lassen.
-
- Frau John
-
-Wiste det Kindeken nochma ankieken?
-
- Bruno
- zittert.
-
-Nee.
-
- Frau John
-
-Warum nich?
-
- Bruno
-
-Nee Jette, in diesen Leben nich! Atje Jette! -- Wacht ma Jette: hier is
-noch 'n Hufeisen! -- (Er legt ein Hufeisen auf den Tisch.) -- Det ha ick
-jefunden! Det bringt Glick! Ick brauche ihm nich.
-
- Bruno Mechelke, katzenartig, wie er gekommen, ab. Frau John blickt
- mit entsetzt aufgerissenen Augen nach der Stelle, wo er verschwunden
- ist, wankt dann einige Schritte zurück, preßt die wie zum Gebet
- verkrampften Hände gegen den Mund und sinkt in sich zusammen, immer
- mit dem vergeblichen Versuch, Gebetsworte gegen den Himmel zu
- richten.
-
- Frau John
-
-Ick bin keen Merder! ick bin keen Merder! det wollt ick nich!
-
-
-
-
- Fünfter Akt
-
-
- Zimmer bei Johns. Frau John liegt schlafend auf dem Sofa. Walburga
- und Spitta treten vom Flur her ein. Man vernimmt von der Straße
- herauf laute Militärmusik.
-
- Spitta
-
-Es ist niemand hier.
-
- Walburga
-
-Frau John! Doch Erich! Hier liegt ja Frau John.
-
- Spitta
- mit Walburga an das Sofa tretend.
-
-Schläft sie? Wahrhaftig. Das begreife einer, wie man bei diesem Lärm
-schlafen kann. --
-
- Die Militärmusik ist verklungen.
-
- Walburga
-
-Ach Erich, pst! diese Frau ist mir grausenvoll. Verstehst du denn
-übrigens, weshalb unten am Eingang Polizeiposten stehn und weshalb sie
-uns nicht auf die Straße lassen? Ich hab' eine solche furchtbare Angst,
-daß man womöglich arretiert wird und mit zur Wache muß.
-
- Spitta
-
-Aber gar keine Idee! Du siehst ja Gespenster, Walburga.
-
- Walburga
-
-Als der Mann in Zivil auf dich zutrat und uns anblickte und du ihn
-fragtest, wer er sei und er seine Legitimationsmarke aus der Tasche
-nahm, wahrhaftig, da fing sich Treppe und Flur auf einmal um mich im
-Kreise zu drehen an.
-
- Spitta
-
-Sie suchen einen Verbrecher, Walburga. Das ist eben eine sogenannte
-Razzia, eine Art Kesseltreiben auf Menschen, wie die Kriminalpolizei sie
-zuweilen veranstalten muß.
-
- Walburga
-
-Und außerdem kannst du mir glauben, Erich, ich habe Papa'ns Stimme
-gehört, der laut mit jemand geredet hat.
-
- Spitta
-
-Du bist nervös. Du kannst dich getäuscht haben.
-
- Walburga
- die John spricht im Schlaf, Walburga erschrickt.
-
-Horch mal, die John.
-
- Spitta
-
-Große Schweißtropfen stehen ihr auf der Stirn. Komm mal, sieh mal das
-alte rostige Hufeisen, das sie mit beiden Händen umklammert hat.
-
- Walburga
- horcht und erschrickt wieder.
-
-Papa!
-
- Spitta
-
-Ich verstehe dich nicht. Laß ihn doch kommen, Walburga. Die Hauptsache
-ist, daß man weiß, was man will und daß man ein reines Gewissen hat. Ich
-bin bereit. Ich ersehne die Aussprache.
-
- Es wird laut an die Tür geklopft.
-
- Spitta
- fest.
-
-Herein!
-
- Frau Direktor Hassenreuter erscheint, mehr als sonst außer Atem.
- Über ihr Gesicht geht ein Ausdruck der Befreiung, als sie ihrer
- Tochter ansichtig wird.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Gott sei gelobt! Da seid ihr ja, Kinder. -- (Walburga fliegt zitternd in
-ihre Arme.) -- Mädel, wie du deine alte Mutter geängstet hast! --
-
- Längeres Atmen und Stillschweigen.
-
- Walburga
-
-Verzeih, Mama: ich konnte nicht anders.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Nein! Solche Briefe mit solchen Gedanken schreibt man an eine Mutter
-nicht. Besonders an eine Mutter wie mich nicht, Walburga! Hast du
-Seelensnöte, so weißt du auch, daß du mich noch immer mit Rat und Tat
-dir zur Seite hast. Ich bin kein Unmensch und auch früher mal jung
-gewesen. Aber ins Wasser springen ... ins Wasser springen und so
-dergleichen, mit solchen Drohungen spielt man nicht. Ich habe doch
-hoffentlich recht, Herr Spitta. Und nun auf der Stelle ... wie seht ihr
-denn aus? -- auf der Stelle kommt mit mir beide nach Hause mit! -- Was
-hat denn Frau John?
-
- Walburga
-
-Ja hilf uns! steh uns bei! nimm uns mit, Mama! Ich bin so froh, daß du
-da bist. Ich hab' plötzlich eine so lähmende Angst gehabt.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Also kommt, das wäre noch schöner, daß man sich von Ihnen, Herr Spitta,
-und diesem Kinde solcher verzweifelter Torheiten zu gewärtigen hat. Man
-hat Mut in Ihren Jahren! Man verfällt nicht auf Ausflüchte, wenn alles
-nicht gleich nach dem Schnürchen geht, bei denen man nur -- man lebt ja
-nur einmal! -- zu verlieren und nichts zu gewinnen hat.
-
- Spitta
-
-O ich habe Mut! Ich denke auch nicht daran, etwa als Lebensmüder feige
-zu endigen! außer wenn mir Walburga verweigert wird. Dann freilich ist
-mein Entschluß gefaßt! Daß ich vorläufig arm bin und meine Suppe hie und
-da in der Volksküche essen muß, untergräbt meinen Glauben an mich und
-eine bessere Zukunft nicht. Auch Walburga ist sicherlich überzeugt, es
-muß ein Tag kommen, der uns für alle trüben und schweren Stunden
-entschädigt.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Das Leben ist lang. Und ihr seid heut noch Kinder. Es ist vielleicht
-nicht so schlimm, wenn ein Student oder Kandidat in der Volksküche essen
-muß. Für Walburga als Ehefrau wäre das ärger. Und ich möchte doch für
-euch beide hoffen, daß da erst etwas vorher wie ein eigner Herd mit dem
-nötigen Holz und der nötigen Kohle und so weiter geschaffen wird. Im
-übrigen habe ich bei Papa eine Art Waffenstillstand für euch ausgewirkt.
-Es war nicht leicht und wäre vielleicht unmöglich gewesen, wenn nicht
-die Morgenpost seine definitive Ernennung und Wahl zum Direktor in
-Straßburg gebracht hätte.
-
- Walburga
- freudig.
-
-Mama! ach Mama! das ist ja ein Sonnenblick.
-
- Frau John
- hat sich mit einem Ruck emporgerichtet.
-
-Bruno!
-
- Frau Direktor Hassenreuter
- entschuldigend.
-
-Wir haben Sie aufgeweckt, Frau John.
-
- Frau John
-
-Is Bruno wech?
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Wer? Welcher Bruno?
-
- Frau John
-
-Na Bruno! Kenn Se denn Brunon nich?
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Richtig, so heißt ja Ihr jüngerer Bruder.
-
- Frau John
-
-Ha ick jeschlafen?
-
- Spitta
-
-Fest! Aber Sie haben eben im Schlaf laut aufgeschrien, Frau John.
-
- Frau John
-
-Ham Se jesehn, Herr Spitta, wo Jungs in Hof ... ham Se jesehn, wo Jungs
-in Hof Adelbertchen sein Jräbken jesteenicht ham? Aber ick war zwischen,
-wat? und ha rechts und links jar nich schlecht Maulschellen ausjeteilt.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Demnach haben Sie also von Ihrem ersten verstorbenen Kindchen geträumt,
-Frau John?
-
- Frau John
-
-Nee nee, det war wahr, ick ha nich jetraumt, Frau Direktor. Und denn
-jing ick mit Adelbertchen, jing ick bein Standesbeamten hin.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Aber wenn Adelbertchen nicht mehr am Leben ist ... wie können Sie denn
-...
-
- Frau John
-
-I, wenn een Kindchen meinswechen jeboren is, denn is et jedennoch noch
-in de Mutter, und wenn es meinswechen jestorben is, denn is et immer
-noch in de Mutter. Ham Se den Hund jehert hintern Plankenzaun? Der Mond
-hat'n jroßen Hof jehat! Bruno, du jehst uf schlechte Weche.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
- rüttelt Frau John.
-
-Wachen Sie auf, gute Frau! Frau John! Frau John! Sie sind krank! Ihr
-Mann soll mit Ihnen zum Arzte gehen.
-
- Frau John
-
-Bruno, du jehst uf schlechte Weche. -- (Die Glocken beginnen wieder zu
-läuten.) -- Sind det de Jlocken? --
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Der Gottesdienst ist zu Ende, Frau John.
-
- Frau John
- erwacht völlig, starrt um sich.
-
-Warum wach ick denn uf? Warum habt ihr mir denn in Schlaf nich mit de
-Axt iebern Kopp jehaut? -- -- -- -- -- -- Wat ha ick jesacht? Pst! Bloß
-zu niemand een Sterbenswort, Frau Direktor. --
-
- Sie ist aufgesprungen und ordnet ihr Haar mit vielen Haarnadeln.
-
- Der Direktor erscheint durch die Flurtür.
-
- Direktor Hassenreuter
- stutzt beim Anblick der Seinigen.
-
-Sieh da, sieh da Timotheus, die Kraniche des Ibikus! -- Sagten Sie
-nicht, es wohne hier ganz in der Nähe ein Spediteur, Frau John? -- (zu
-Walburga.) -- Jawohl, mein Kind: während du in deinem jugendlichen
-Leichtsinn auf dein Vergnügen und wieder auf dein Vergnügen denkst, ist
-dein Papa schon wieder drei Stunden lang in Geschäften herumgelaufen. --
-(zu Spitta.) -- Sie würden es nicht so eilig haben, junger Mann, eine
-Familie zu begründen, wenn Sie auch nur die geringste Ahnung davon
-hätten, wie schwer es ist, es durchzusetzen, von Tag zu Tag mit Weib und
-Kind wenigstens nicht ohne das elende und verschimmelte bißchen
-täglichen Brotes dazustehn. Möge das Schicksal jeden davor bewahren,
-sich eines Tages mittellos in die Suburra Berlins geschleudert zu
-finden, um mit andern Verzweifelten, Brust an Brust, in unterirdischen
-Löchern und Röhren, um das nackte Leben für sich und die Seinen zu
-ringen. Gratuliert mir! In acht Tagen sind wir in Straßburg. -- (Frau
-Direktor, Walburga und Spitta drücken ihm die Hand.) -- Alles übrige
-findet sich.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Papa, du hast wirklich für uns, und zwar ohne dir etwas zu vergeben, die
-Jahre einen heroischen Kampf gekämpft.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wie bei Schiffbruch, wenn der Kampf um die Balken im Wasser beginnt.
-Meine edlen Kostüme, gemacht, um die Träume der Dichter zu
-veranschaulichen, in welchen Lasterhöhlen, auf welchen schwitzenden
-Leibern haben sie nicht, _odi profanum vulgus!_ damit nur der Groschen
-Leihgebühr im Kasten klang, ihre Nächte zugebracht. Sessa! Wenden wir
-uns zu heiteren Bildern. Der Rollwagen, alias Thespiskarren ist schon
-angeschirrt, um den Transport unsrer Penaten in hoffentlich glücklichere
-Gefilde zu bewerkstelligen. -- (plötzlich zu Spitta.) -- Und daß ihr
-beide nicht etwa aus sogenannter Verzweiflung irreparable Dummheiten
-macht, darauf verlang ich Ihr Ehrenwort, werter Herr Spitta. Zur
-Kompensation verspreche ich Ihnen jeder wirklich vernünftigen Äußerung
-Ihrerseits gegenüber nicht taub zu sein. -- Im übrigen komme ich zu Frau
-John: erstlich weil Schutzleute in den Eingängen niemanden auf die
-Straße lassen, ferner, weil ich gerne von Ihnen wissen will, weshalb ein
-Mann wie ich, gerade in diesem Augenblick, wo seine Wimpel wieder
-flattern, Gegenstand einer niederträchtigen Zeitungskampagne geworden
-ist.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Lieber Harro, Frau John versteht dich nicht.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Dann wollen wir also _ab ovo_ anfangen. Hier habe ich Briefe, -- (er
-zeigt einen Stoß Briefschaften) -- eins, zwei, drei, fünf, zirka ein
-Dutzend Stück! Darin wird mir in boshafter Weise von Unbekannten zu
-einem Ereignis gratuliert, das angeblich oben auf meinem Magazinboden
-vor sich gegangen ist. Ich würde die Sache nicht beachten, wenn nicht
-gleichzeitig diese Lokalnotiz, wonach in der Bodenkammer eines
-Maskenverleihers, _sic!_ ... eines Maskenverleihers in der Vorstadt ein
-neugeborenes Kindchen gefunden worden ist! ... Ich sage, wenn diese
-Lokalnotiz mich nicht stutzig machte. Zweifellos handelt sich's hier um
-eine Verwechselung. Dennoch mag ich die Sache nicht auf mir sitzen
-lassen. Besonders da dieser Lümmel von einem Reporter von dem Herrn
-Maskenverleiher auch noch als einem verkrachten Schmierendirektor
-spricht. Lies Mama: Adebar beim Maskenverleiher. Der Kerl bekommt
-Ohrfeigen! Heut abend soll meine Ernennung in Straßburg durch die
-Zeitungen gehn und gleichzeitig werde ich _urbi et orbi_ als
-humoristischer Bissen ausgeliefert. Als ob man nicht wüßte, daß von
-allen Flüchen der Fluch der Lächerlichkeit der schlimmste ist.
-
- Frau John
-
-An Hauseingang stehn Schutzleute, Herr Direktor?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ja! Und zwar so, daß sogar das Kinderbegräbnis der Witfrau Knobbe ins
-Stocken gekommen ist. Man läßt sogar den kleinen Sarg mit dem greulichen
-Kerl von der Pietät, der ihn trägt, nicht in den Wagen hinaus.
-
- Frau John
-
-Wat wär' denn det for'n Kinderbejängnis?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wissen Sie das nicht? Das Söhnchen der Knobbe, das auf eine mysteriöse
-Weise von zwei fremden Weibsbildern zu mir heraufgebracht wurde und
-förmlich unter meinen Augen, wahrscheinlich an Entkräftung gestorben
-ist. A propos ...
-
- Frau John
-
-Det Kind von de Knobbe is jestorben?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-A propos, Frau John, wollt' ich sagen, Sie sollten doch eigentlich
-wissen, wie die Sache mit den beiden übergeschnappten Frauenspersonen,
-die sich des Kindchens bemächtigt hatten, schließlich verlaufen ist?
-
- Frau John
-
-Nu sachen Se, is det nich Jottes Finger, det se womöglich nich
-Adelbertchen erwischt haben und det nich mein Adelbertchen mit Dot
-abjejang is?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wieso? Diese Logik verstehe ich nicht. Dagegen habe ich mich schon
-gefragt, ob nicht die wirren Reden des polnischen Mädchens, der
-Kleiderdiebstahl auf meinem Boden und das Milchfläschchen, das Quaquaro
-im Stiefel herunterbrachte, irgendwie mit der Zeitungsnotiz
-zusammenzubringen sind.
-
- Frau John
-
-Da mang, Herr Direkter, is jar keen Zusammenhang. Haben Se Pauln jesehn,
-Herr Direkter?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Paul? Ach so: Ihren Mann! jawohl! und zwar, wenn ich recht gesehen habe,
-im Gespräch mit dem fetten Kriminalinspektor Puppe, der wegen des
-Diebstahls auch schon mal bei mir gewesen ist.
-
- Maurerpolier John tritt ein.
-
- John
-
-Na Jette, ha ick nu recht? Det is schnell jekomm.
-
- Frau John
-
-Wat denn?
-
- John
-
-Soll ick mich tausend Marcht verdien, wo mit Anschläche von
-Polizeipräsidium an de Litfaßsäulen als Belohnung for Denungsiation is
-bekannt jejeben?
-
- Frau John
-
-Woso denn?
-
- John
-
-Weeßte denn nich, det det janze Manöver mit Schutzleute und
-Jeheimpolizisten Brunos wechen in Jange is?
-
- Frau John
-
-Wie denn? Wo denn? Wat denn? Warum denn in Jange?
-
- John
-
-Det Kinderbejängnis is sistiert und zwee Burschen von de Leidtrajenden,
-wat richtig dufte Kunden sind, festjenomm! jawoll! Det is nu so weit,
-Herr Direktor! Ick bin nu'n Mann, wo mit eene Frau verkuppelt is, wo een
-Bruder hat, wo hinterher sind, mit Rejierungsräte und Mordkommission,
-weil er draußen, nich weit von de Spree unter een Fliederstrauch eene
-hat umjebracht.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Aber werter Herr John: das mag Gott verhüten.
-
- Frau John
-
-Det is jelochen! Mein Bruder tut so wat nich.
-
- John
-
-I, det is det Neieste, Jette. Herr Direkter, ick ha neilich schonn
-jesacht, wat det for'ne Sorte Bruder is. -- (Er bemerkt und nimmt einen
-Fliederstrauch vom Tisch.) -- Sehen Se ma det hier! Det Unjeheuer is
-hier jewesen. Wo wiederkommt, bin ick der erschte, wo ihm, Hände und
-Füße jebunden, an der Jerechtigkeet ausliefern dut.
-
- Er sucht den Raum ab.
-
- Frau John
-
-Mach du Rotznäsen wat weeß von Jerechtigkeet. Jerechtigkeet is noch nich
-ma oben in Himmel. Keen Mensch nich war hier! Und det bisken Flieder ha
-ick von Hangelsberg mitjebracht, wo'n jroßer Strauch hinter'n Hause bei
-deine Schwester is.
-
- John
-
-Du warst ja jar nich bei meine Schwester, Jette. Det hat mich Quaquaro
-ja ebent jesacht! det ham se uf Polizei ja festjestellt. Se ham dir
-jesehn bei de Spree in de Anlachen ...
-
- Frau John
-
-Lieche!
-
- John
-
-Und och in de Laubenkolonie wo du in 'ne Laube jenächtigt hast.
-
- Frau John
-
-Wat? Kommst du in dein eechnet Haus allens kurz und kleen demolieren?
-
- John
-
-Jut so! recht so! det so weit jekommen is. Nu is det mit uns weiter keen
-Verstecken! Det ha ick allens vorausjewußt.
-
- Direktor Hassenreuter
- mit Spannung.
-
-Hat sich das polnische Mädchen wieder gezeigt, das neulich wie eine
-Löwin um das Knobbesche Kindchen gestritten hat?
-
- John
-
-Eben det is et. Det ham se heut morchen dot jefunden. Und det sach ick
-so hin, ohne det mir de Zunge in Maule absterben dut: det Mächen hat
-Bruno Mechelke ums Leben jebracht.
-
- Direktor Hassenreuter
- schnell.
-
-Dann ist es wohl seine Geliebte gewesen.
-
- John
-
-Fragen Se Muttern! Det weeß ick nich! Det war meine Angst, deshalb bin
-ick schonn lieber jar nich zu Hause jekomm, det mein eechnet Weib mit
-so'ne Jesellschaft behaftet is und hat keene Kraft nich abzuschütteln.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Kommt Kinder!
-
- John
-
-Warum denn? Immer bleiben Se man.
-
- Frau John
-
-De brauchst nich jehn und Fenster ufreißen und alle Welt uf de Jasse
-schrein! Det is schlimm jenug, wenn uns Schicksal mit so'n Unjlück
-jetroffen hat. Plärr! aber dann siehste mir bald nich mehr wieder.
-
- John
-
-Jerade! Nu jerade! Ick rufe wer't wissen will von de Jasse, von Flur,
-dem Tischler vom Hof, de Jungs, de Mächens, wo in de Konfirmationsstunde
-jehn, die ruf ick rin und erzähle, wie weit eene Frau mit ihre
-Affenliebe zu ihren Lump von Bruder jekommen is.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Diese hübsche junge Person, die das Kind beanspruchte, ist heute
-tatsächlich tot, Herr John?
-
- John
-
-Kann sind, det se hibsch is, ick weeß et nich, ob se hibsch oder häßlich
-jewesen is. Aber det se in Schauhaus liecht, det is sicher.
-
- Frau John
-
-Ick weeß et, wat se jewesen is! Een schlechtet jemeinet Weibstick is et
-jewesen! Wo mit Kerle hat abjejeben und von een Tiroler, der nischt hat
-von wissen jewollt, hat Kind jehat! Det hat se an liebsten in
-Mutterleibe schon umjebracht. Denn is se 't holen jekomm mit de
-Kielbacke, wo als Engelmachersche schon ma anderthalb Jahre Plötzensee
-abjesessen hat. Ob se mit Brunon och wat jehabt hat, wo soll ick det
-wissen? Kann sind, kann och nich sind! Und wat soll mir det allens
-ieberhaupt anjehn, wat Bruno meinswechen verbrochen hat.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Also haben Sie doch das Mädchen gekannt, Frau John.
-
- Frau John
-
-Woso? ick ha jar nich jekannt, Herr Direkter! Ick sache bloß, wat'n
-jeder, wie'n jeder von det Mächen jeäußert hat.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie sind eine ehrenhafte Frau, Sie ein ehrenhafter Mann, Herr John. Die
-Sache mit Ihrem mißratenen Schwager und Bruder ist schließlich etwas,
-was meinethalben eine furchtbare Tatsache ist, aber Ihr Familienleben
-doch im Grunde nicht ernstlich erschüttert ... aber bleiben Sie ehrlich
-...
-
- John
-
-Nich in de Hand! In so'ne Nähe, bei solchet Jesindel bleib ick nich. --
-(Er schlägt mit der Faust auf den Tisch, klopft an die Wände, stampft
-auf den Fußboden.) -- Horchen Se ma, wie det knackt, wie Putz hinter de
-Tapete runterjeschoddert kommt! Allens is hier morsch! Allens faulet
-Holz! Allens unterminiert, von Unjeziefer, von Ratten und Mäuse
-zerfressen! -- (Er wippt auf der Diele.) -- Allens schwankt! Allens kann
-jeden Ojenblick bis in Keller durchbrechen. -- (Er öffnet die Tür.) --
-Selma! Selma! -- Hier mach ick mir fort, eh' det allens een Schutthaufen
-drunter und drieber zusammenbricht.
-
- Frau John
-
-Wat wißte mit Selma?
-
- John
-
-Selma nimmt det Kind und ick reise mit Selman und det Kind und bringe
-mein Kind zu meine Schwester.
-
- Frau John
-
-Denn soßte Bescheid kriechen! Versuch det man!
-
- John
-
-Soll mein Kind in so'ne Umjebung jroßwachsen, womeglich det ma wie Bruno
-ieber Dächer jehetzt und det och ma womeglich in Zuchthaus endet?
-
- Frau John
- schreit ihn an.
-
-Det is jar nich dein Kind! Vastehste mich?
-
- John
-
-So? Det wolln wir ma sehn, ob een rechtlicher Mann nich Herr sollte sind
-ieber sein eechnet Kind, wo Mutter nich bei Verstande is und in de Hände
-von Mordjesindel. Det will ick ma sehn, wer in Rechte is un wer stärker
-is! Selma!
-
- Frau John
-
-Ick schrei! ick reiße det Fenster uf! Frau Direkter, se wollen eene
-Mutter ihr Kind rauben! Det is mein Recht, det ick Mutter von mein
-Kindeken bin! Det is doch mein Recht? Ha ick nich recht, Frau Direkter?
-Se umzingeln mir! Se wollen mir mein Recht versetzen! Soll mir det nich
-jeheren, wat ick vor Wegwurf ufjelesen, wo vor Tod in Lumpen jelechen
-hat und wo ick ha mihsam erscht missen reiben und kneten, bis bisken
-Atem jeholt und langsam lebendig geworden is? Wo ick nich war, det wäre
-schonn vor drei Wochen längst in de Erde verscharrt jewesen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Herr John, zwischen Eheleuten den Schiedsmann spielen ist meine Sache im
-allgemeinen nicht. Dazu ist dies Geschäft zu undankbar und man macht
-dabei meistens böse Erfahrungen. Sie sollten aber in Ihrem zweifellos
-mit Recht verwundeten Ehrgefühl sich nicht zu Übereilungen hinreißen
-lassen. Denn schließlich ist doch Ihre Frau für die Tat ihres Bruders
-nicht verantwortlich. Lassen Sie ihr das Kind! Machen Sie nicht das
-Unglück schlimmer durch eine überflüssige Härte, die Ihre Frau aufs
-empfindlichste kränken muß.
-
- Frau John
-
-Paul, det Kind is aus meinen Leibe jeschnitten! Det Kind is mit meinen
-Blute erkoft. Nich jenug, alle Welt is hinter mich her und will et mich
-abjagen! Nu kommst och du noch und machst et nich anders, det is der
-Dank! als wenn det ick ringsum von hungrige Welfe umjeben bin. Mir
-kannste dot machen! mein Kindeken soßte nich anfassen.
-
- John
-
-Ick komme zu Hause, Herr Direkter! Ick bin heut morchen erst mit mein
-ganzes Zeug quietschverjnügt von de Bahn jekomm! Hamburg, Altona, allens
-abjebrochen. Wenn och Verdienst jeringer is, dachte ick, wißt lieber bei
-deine Familie sind! Bißken Kind uf'n Arm nehmen! Bißken Kind uf'n Knie
-nehmen! Det war unjefähr so meine Inbildung ...
-
- Frau John
-
-Paul! Hier Paul! -- (Sie tritt ihm ganz nahe.) -- Reiß mir det Herz
-aus'n Leibe! --
-
- Sie starrt ihn lange an, dann läuft sie in den Verschlag, wo man sie
- laut weinen hört.
-
- Selma kommt vom Flur. Sie trägt Trauerkleidung und einen kleinen
- Grabkranz in der Hand.
-
- Selma
-
-Wat soll ick? Se ham mir jeruft, Herr John.
-
- John
-
-Zieh dir an, Selma. Frach deine Mutter, ob det de kannst mit mir jehn zu
-meine Schwester nach Hangelsberg. Kannst dir'n Jroschen Jeld bei
-verdienen. Nimmst mein Kindeken uf'n Arm und bejleitest mir.
-
- Selma
-
-Nee! det Kind faß ick nu nich mehr an, Herr John.
-
- John
-
-Woso nich?
-
- Selma
-
-Nee, ick furcht mir, Herr John. Ick ha so'ne Angst, so hat mir Mama und
-Polizeileutnam anjeschrien.
-
- Frau John
- erscheint.
-
-I, weshalb ham se dir anjeschrien?
-
- Selma
- heult los.
-
-Schutzmann Schierke hat mich sojar eene runterjehaut.
-
- Frau John
-
-I, dem wer' ick nochma ... det soll der nochma versuchen.
-
- Selma
-
-Wat soll ick denn wissen, warum mich det polsche Mächen hat mein
-Brüderken wegjenomm. Hätt ick jewußt, det mein Brüderken sterben soll,
-ick hätt' ihr ja lieber an Hals jesprung. Nu steht Jundofriedchen in
-Särjiken uf de Treppe. Ick jlobe, Mama hat Krämpfe jekricht und liecht
-bei Quaquaron hinten in Alkoven. Mir wolln se in Firsorche schaffen,
-Frau John. --
-
- Sie flennt.
-
- Frau John
-
-Denn freu' dir! Schlimmer kann et nich komm, als et bei dich zu Hause
-is.
-
- Selma
-
-Ick komm vor Jericht! womeglich wer' Moabit jeschafft.
-
- Frau John
-
-Woso det?
-
- Selma
-
-Weil ick soll haben det Kindeken, wat det polsche Freilein jeboren hat,
-von Oberboden runter bei Sie, Frau John, in de Wohnung jetrachen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Also ist tatsächlich oben ein Kindchen geboren worden?
-
- Selma
-
-Jewiß.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Auf welchem Boden?
-
- Selma
-
-Na, bei de Kamedienspieler doch! Wat jeht det mich an? Wat soll ick von
-wissen? Ick kann bloß sachen ...
-
- Frau John
-
-Nu mach det de fortkommst! Selma, du hast'n reenet Jewissen! Wat de
-Leute quasseln, kimmert dir nich.
-
- Selma
-
-Ick will ja och nischt verraten, Frau John.
-
- John
- packt Selma, die fortlaufen will, und hält sie fest.
-
-Et wird nich jejang! et wird herjekomm! -- Wahrheet! Ick verrate nischt,
-hast du jesacht: det ham Se doch och jehert, Frau Direkter? Hat Herr
-Spitta und hat det Freilein jehert! -- Wahrheet! -- Bevor ick nich weeß,
-wat mit Bruno und seine Jeliebte is und wo ihr womeglich det Kindchen
-habt wechjeschafft, det is mich ejal, kommst du nich von de Stelle!
-
- Frau John
-
-Paul, ick schwere vor Jott, wechjeschafft ha ick et nich.
-
- John
-
-Na, und? ... Raus wat du weeßt, Mächen! Det ha ick schon lange jemerkt,
-det zwischen dich und meine Frau een jeheimet Jestecke is. Det Zwinkern
-und Anplinkern is jetzt verjebliche Mihe. Is det Kind tot oder lebt et
-noch?
-
- Selma
-
-Nee, det Kind is lebendich, Herr John.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Was du unter deine Schürze oder sonstwie hier hast heruntergebracht?
-
- John
-
-Wenn et dot is, denn rechne druf, denn wirst du wie Bruno een Kopp
-kürzer jemacht.
-
- Selma
-
-Ick sach't ja: det Kindeken is lebendich.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ich denke, du hast gar kein Kind vom Boden heruntergebracht?
-
- John
-
-Und von die janze Jeschichte, Mutter, wißt du nischt wissen? -- (Frau
-John sieht ihn starr an, Selma blickt hilflos und verwirrt auf Frau
-John.) -- Mutter, du hast det Kindchen von Brunon und die polsche Person
-beiseite jeschafft und denn wo se jekomm is, haste det Würmiken von de
-Knobbe unterjeschoben.
-
- Walburga
- sehr bleich, mit Überwindung.
-
-Sagen Sie mal, Frau John, was ist denn an jenem Tage geschehen, wo ich
-dummerweise, als Papa kam, mit Ihnen auf den Boden geflüchtet bin? Ich
-will dir das später erklären, Papa. Damals habe ich, wie mir nach und
-nach deutlich geworden ist, das polnische Mädchen und zwar erst mit Frau
-John und dann mit ihrem Bruder zusammengesehn.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Du, Walburga?
-
- Walburga
-
-Ja, Papa. Bei dir war damals Alice Rütterbusch und ich hatte mich mit
-Erich verabredet, der dann auch, aber ohne mich zu treffen, denn ich
-blieb versteckt, zu dir gekommen ist.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ich kann mich dessen nicht mehr erinnern.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
- zum Direktor.
-
-Das Mädel hat um dieser Sache willen, Papa, wirklich schon schlaflose
-Nächte gehabt.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wenn Ihnen an dem Rate eines ehemaligen Juristen, der durchs
-Referendarexamen gepurzelt und dann erst zur Kunst abgesprungen ist ...
-wenn Ihnen an dem Rat eines solchen Mannes irgendwie etwas liegt, so
-lassen Sie sich jetzt sagen, Frau John, daß in Ihrem Fall ganz
-rücksichtslose Offenheit die beste Verteidigung ist.
-
- John
-
-Jette, wo habt ihr dem Kindeken hinjeschafft? Kriminalinspektor hat mich
-jesacht, det fällt mir jetzt in, det se nach det Kind von de dote Person
-suchen. Jette, um Jottet Himmelswillen! mag sind wat will, bloß det du
-dir nich in Verdacht kommen dust, det du um Folchen von Liederlichkeit
-von dein Bruder womeglich aus de Welt zu schaffen, dir an det Neujeborne
-vergriffen hast.
-
- Frau John
- lacht.
-
-Ick? und mir an Adelbertchen vergreifen, Paul.
-
- John
-
-Hier redet keener von Adelbertchen -- (zu Selma) -- Ick dreh dir den
-Hals um oder du sachst, wo det Kleene von Brunon und det polsche Mächen
--- uf de Stelle! -- jeblieben is.
-
- Selma
-
-Et is doch bei Sie in Verschlage, Herr John.
-
- John
-
-Wo is et, Jette?
-
- Frau John
-
-Det sach ick nich. --
-
- Das Kind beginnt zu schreien.
-
- John
- zu Selma.
-
-Wahrheet! oder ick iberliefer dir uf de Polizei, vastehst de! siehste
-dem Strick! an Hände und Fieße zusammenjebunden.
-
- Selma
- in höchster Angst, unwillkürlich.
-
-Et schreit doch! Se kenn doch det Kindeken janz jut, Herr John.
-
- John
-
-Ick? --
-
- Er sieht verständnislos erst Selma, dann den Direktor an. Ihn
- durchblitzt eine Ahnung, als er seine Frau ins Auge faßt. Er glaubt
- zu begreifen und gerät ins Wanken.
-
- Frau John
-
-Laß dir von so'ne niederträchtiche Lieche nich umjarnen, Paul. Det is
-allens von ihre feine Mutter aus Rache bloß mit det Mächen anjestellt!
-Paul, wat dust du mir denn so ankieken?
-
- Selma
-
-Det is Jemeenheet, det Se mich nu och noch wolln schlecht machen, Mutter
-John. Dann wer' ick mir hieten, noch Blatt vorn Mund nehmen. Wissen janz
-jut, det ick ha det Kindchen von det Freilein runterjetragen und ha bei
-Ihn hier in frisch jemachte Bettchen jelegt. Det kann ick beschwören!
-det will ick beeidigen!
-
- Frau John
-
-Lieche! Du sagst, det mein Kind nich mein Kindeken is?
-
- Selma
-
-Sie haben iberhaupt jar keen Kind nich jehat, Frau John.
-
- Frau John
- umklammert Johns Knie.
-
-Det is ja nich wahr.
-
- John
-
-Laß mich in Ruh! beschmutze mir nich, Henerjette.
-
- Frau John
-
-Paul, ick konnte nich anders, ick mußte det tun. Ick war selber
-betrochen, denn hat ick dir in Brief nach Hamburg Bescheed jesacht. Denn
-warste vajnügt, und denn mocht ick nich mehr zurick und denn dacht ick,
-et muß sind! Et kann och uf andere Weise sind, und denn ...
-
- John
- unheimlich ruhig.
-
-Laß mir man iberlechen, Jette. -- (Er geht an eine Kommode, zieht
-einen Schub auf und schleudert allerlei Kinderwäsche und
-Kinderkleidungsstücke, die er daraus nimmt, mitten in die Stube.) --
-Versteht eener det, wat se Woche um Woche, Monat um Monat, janze Tage
-und halbe Nächte lang mit blutige Finger jestichelt hat?
-
- Frau John
- sammelt in wahnsinniger Hast die Wäsche und Kleidungsstücke auf
- und versteckt sie sorgfältig im Tischschub oder wo sonst.
-
-Paul det nich! Allens kannste dun! aber reiß mich nich Fetzen von
-nackten Leibe!
-
- John
- hält inne, faßt sich an die Stirn, sinkt auf einen Stuhl.
-
-Wenn det wahr is, Mutter, da schäm ick mir ja in Abjrund rin. --
-
- Er kriecht in sich zusammen, legt die Arme über den Kopf und
- verbirgt sein Gesicht. Es tritt eine Stille ein.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wie konnten Sie sich nur auf einen solchen Weg des Irrtums und des
-Betruges drängen lassen, Frau John? Sie haben sich ja verstrickt auf das
-allerfurchtbarste! Kommt Kinder! Wir können hier leider nichts weiter
-tun.
-
- John
- steht auf.
-
-Nehm Se mir man mit, Herr Direkter.
-
- Frau John
-
-Jeh! immer jeh! ick brauche dir nich!
-
- John
- wendet sich, kalt.
-
-Also det Kind haste dich beschafft und wie Mutter hat wieder haben
-jewollt, hast se lassen von Brunon umbringen?
-
- Frau John
-
-Du bist nich mein Mann! Wat soll det heeßen? Du bist von de Polizei
-jekoft! Du hast Jeld jekricht, mir an't Messer zu liefern! Jeh Paul! du
-bist jar keen Mensch! Du bist eener wo Jift in de Ochen, und Hauer wie
-Welfe hat! Immer pfeif, det se kommen und det se mir festnehmen! Immer
-zu doch! Nu seh' ick dir, wie det du bist! Ick verachte dir bis zun
-Jüngsten Dache.
-
- Frau John will durch die Tür davonlaufen. Da erscheinen Schutzmann
- Schierke und Quaquaro.
-
- Schierke
-
-Halt! Aus die Stube raus kommt keener nich.
-
- John
-
-Immer komm rin, Emil! Herr Schutzmann, immer komm Se ruhig rin. Et is
-allens in Ordnung! Allens is richtich.
-
- Quaquaro
-
-Reg dir nich uf, Paul, dir betrifft et ja nich.
-
- John
- mit aufsteigendem Jähzorn.
-
-Hast du jelacht, Emil?
-
- Quaquaro
-
-I, Menschenskind! Herr Schierke soll bloß det Kleene per Droschke in't
-Waisenhaus wechschaffen.
-
- Schierke
-
-Jawoll. So is et. Wo steckt det Kind?
-
- John
-
-Soll ick wissen, wo jedet ausgestoppte Balch von Lumpenspeicher, womit
-olle Hexen mit Besen Fets treiben, an Ende hinjekomm is? Paßt ma uf
-Schornstein uf, det se nich oben rausfliechen.
-
- Frau John
-
-Paul!! -- Nu soll et nich leben! Nu jerade! Nu och nich! Nu brauch et
-nich leben! Nu muß et mit mich mit unter de Erde komm.
-
- Frau John war blitzschnell hinter den Verschlag gelaufen. Sie kommt
- mit dem Kinde wieder und will mit ihm zur Tür hinaus. Der Direktor
- und Spitta werfen sich der Verzweifelten entgegen, in der Absicht,
- das Kind zu retten.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Halt! Hier greife ich ein! Hier bin ich zuständig! Wem das Knäblein hier
-auch immer gehören mag -- um so schlimmer, wenn seine Mutter ermordet
-ist! -- es ist in meinem Fundus geboren! Vorwärts, Spitta! Kämpfen Sie,
-Spitta! Hier sind Ihre Eigenschaften am Platz! Vorwärts! Vorsicht! So!
-Bravo! Als wär' es das Jesuskind! Bravo! Sie selber sind frei, Frau
-John! Wir halten Sie nicht. Sie brauchen uns nur das Jungchen hier
-lassen.
-
- Frau John stürzt hinaus.
-
- Schierke
-
-Hier jeblieben!
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Die Frau ist verzweifelt! Aufhalten! Festhalten!
-
- John
- plötzlich verändert.
-
-Jebt uf Muttern acht! Mutter! Ufhalten! Festhalten! -- Mutter! Mutter!
-
- Selma, Schierke und John eilen Frau John nach. Spitta, der Direktor,
- Frau Direktor und Walburga sind um das Kind bemüht, das auf den
- Tisch gebettet wird.
-
- Direktor Hassenreuter
- der das Kind sorgfältig auf den Tisch bettet.
-
-Meinethalben mag diese entsetzliche Frau doch verzweifelt sein! Deshalb
-braucht sie das Kind nicht zugrunde richten.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Aber liebster Papa, das merkt man doch, daß diese Frau ihre Liebe,
-närrisch bis zum Wahnsinn, gerade an diesen Säugling geheftet hat.
-Unbedachtsame harte Worte, Papa, können die unglückselige Person in den
-Tod treiben.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Harte Worte habe ich nicht gebraucht, Mama.
-
- Spitta
-
-Mir sagt ein ganz bestimmtes Gefühl: erst jetzt hat das Kind seine
-Mutter verloren.
-
- Quaquaro
-
-Det stimmt. Vater is nich, will nischt von wissen, hat jestern in de
-Hasenheide mit eene Karussellbesitzerswitwe Hochzeit jemacht! Mutter war
-liederlich! Und bei de Kielbacken, wo Kinder in Fleje hat, sterben von's
-Dutzend mehrschtens zehn. Nu is et so weit: det jeht jetzt och zujrunde.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sofern es nämlich bei dem Vater dort oben, der alles sieht, nicht anders
-beschlossen ist.
-
- Quaquaro
-
-Meen Se Pauln? den Mauerpolier! Nu nicht mehr! dem kenn' ick! wo der
-uf'n Ehrenpunkt kitzlich is.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Wie das Kindchen da liegt! es ist unbegreiflich. Feine Leinwand! Spitzen
-sogar! Schmuck und frisch wie ein Püppchen. Es wendet sich einem das
-Herz um, zu denken, wie es so plötzlich zu einer von aller Welt
-verlassenen Waise geworden ist.
-
- Spitta
-
-Wäre ich Richter in Israel ...
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie würden der John ein Denkmal setzen! Mag sein, daß in diesen
-verkrochenen Kämpfen und Schicksalen manches heroisch und manches
-verborgen Verdienstliche ist. Aber Kohlhaas von Kohlhaasenbrück konnte
-da mit seinem Gerechtigkeitswahnsinn auch nicht durchkommen. Treiben wir
-praktisches Christentum! Vielleicht können wir uns des Kindchens
-annehmen.
-
- Quaquaro
-
-Lassen Se da bloß de Finger von!
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Warum?
-
- Quaquaro
-
-Außer det Se Jeld wollen los werden und uf de Quengeleien und
-Scherereien mit de Armenverwaltung, mit Polizei und Jericht womechlich
-happich sind.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Dazu hätte ich allerdings keine Zeit übrig.
-
- Spitta
-
-Finden Sie nicht, daß hier ein wahrhaft tragisches Verhängnis wirksam
-gewesen ist?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Die Tragik ist nicht an Stände gebunden. Ich habe Ihnen das stets
-gesagt.
-
- Selma, atemlos, öffnet die Flurtür.
-
- Selma
-
-Herr John, Herr John, Herr Mauerpolier.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Herr John ist nicht hier. Was willst du denn, Selma?
-
- Selma
-
-Herr John. Se solln uf de Straße kommn.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Nur Ruhe, Ruhe. Was gibt's denn, Selma?
-
- Selma
- atemlos.
-
-Ihre Frau ... Ihre Frau ... Janze Straße steht voll ... Omnibus,
-Pferdebahnwagen is jar keen Durchkommen ... Arme ausjestreckt ... Ihre
-Frau liecht lang uf Jesichte unten.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Was ist denn geschehen?
-
- Selma
-
-Herrjott, Herrjott in Himmel, Mutter John hat sich umjebracht.
-
-
- Ende.
-
-
-
-
- Gerhart Hauptmanns Gesammelte Werke in sechs Bänden
-
-
- 1. Bd.: Soziale Dramen: Einleitung / Vor Sonnenaufgang / Die Weber /
- Der Biberpelz / Der rote Hahn.
-
- 2. Bd.: Soziale Dramen und Prosa: Fuhrmann Henschel / Rose Bernd /
- Bahnwärter Thiel / Der Apostel.
-
- 3. Bd.: Familiendramen: Das Friedensfest / Einsame Menschen /
- Kollege Crampton / Michael Kramer.
-
- 4. Bd.: Märchendramen: Hanneles Himmelfahrt / Die versunkene Glocke
- / Der arme Heinrich.
-
- 5. Bd.: Historische Dramen: Florian Geyer.
-
- 6. Bd.: Märchendramen und Fragmentarisches: Elga / Schluck und Jau /
- Und Pippa tanzt / Helios / Das Hirtenlied.
-
- In einer alten Frakturschrift auf bestem Papier sorgfältig
- gedruckt. Titel und Einband von E. R. Weiß. Preis geheftet 24
- Mark, in Halbpergament gebunden 30 Mark, in Ganzpergament
- gebunden 36 Mark.
-
-
-
-
- Gerhart Hauptmanns Werke in Einzelausgaben
-
-
- Vor Sonnenaufgang. Soziales Drama. 13. Auflage.
- Das Friedensfest. Bühnendichtung. 7. Auflage.
- Einsame Menschen. Drama. 24. Auflage.
- De Waber. Schauspiel. (Originalausgabe.) 2. Auflage.
- Die Weber. Schauspiel. (Übertragung.) 40. Auflage.
- Kollege Crampton. Komödie. 8. Auflage.
- Bahnwärter Thiel -- Der Apostel. Novellistische Studien. 8. Auflage.
- Der Biberpelz. Eine Diebskomödie. 14. Auflage.
- Hanneles Himmelfahrt. Eine Traumdichtung. 20. Auflage.
- Florian Geyer. 9. Auflage.
- Die versunkene Glocke. Ein deutsches Märchendrama. 75. Auflage.
- Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Originalausg.) 16. Aufl.
- Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Übertragung.) 16. Aufl.
- Schluck und Jau. Spiel zu Scherz und Schimpf. 10. Auflage.
- Michael Kramer. Drama. 10. Auflage.
- Der rote Hahn. Tragikomödie. 8. Auflage.
- Der arme Heinrich. Eine deutsche Sage. 23. Auflage.
- Rose Bernd. Schauspiel. 16. Auflage.
- Elga. 7. Auflage.
- Und Pippa tanzt! Ein Glashüttenmärchen. 10. Auflage.
- Die Jungfern vom Bischofsberg. Lustspiel. 4. Auflage.
- Kaiser Karls Geisel. Ein Legendenspiel. 6. Auflage.
- Griselda. 6. Auflage.
- Griechischer Frühling. 7. Auflage.
- Der Narr in Christo Emanuel Quint. Roman. 18. Aufl.
-
-
- Druck der Spamerschen
- Buchdruckerei in Leipzig
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend
-beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier
-aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 110]:
- ... skurile Menscheitsintermezzo noch überleben. ...
- ... skurile Menschheitsintermezzo noch überleben. ...
-
- [S. 154]:
- ... würgt Tränen hinuter. Muß sich setzen. ...
- ... würgt Tränen hinunter. Muß sich setzen. ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Ratten, by Gerhart Hauptmann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RATTEN ***
-
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