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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Die Familie Selicke - -Author: Arno Holz - Johannes Schlaf - -Release Date: August 25, 2016 [EBook #52892] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FAMILIE SELICKE *** - - - - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive. - - - - - - - - - - Die Familie Selicke. - - - - - - Arno Holz -- Johannes Schlaf. - - - - - Die - Familie Selicke. - - - Drama in drei Aufzügen. - - Vierte Auflage. - - - - - Berlin 1892. - Verlag von Wilhelm Issleib (Gustav Schuhr). - - - - - Vorwort. - - -Am 8. April 1890, einen Tag später nachdem »Die Familie Selicke« über -die »Freie Bühne« gegangen war, schrieb Theodor Fontane in der -»Vossischen Zeitung«: - -»Die gestrige Vorstellung der »Freien Bühne« brachte das dreiaktige -Drama der Herren Arno Holz und Johannes Schlaf: Die Familie Selicke. -_Diese Vorstellung wuchs insoweit über alle vorhergegangenen an -Interesse hinaus, als wir hier eigentlichstes Neuland haben. Hier -scheiden sich die Wege, hier trennt sich Alt und Neu._ Die beiden am -härtesten angefochtenen Stücke, die die »Freie Bühne« bisher brachte: G. -Hauptmann's: »Vor Sonnenaufgang« und Leo Tolstois: »Die Macht der -Finsterniss,« sind auf ihre Kunstart, Richtung und Technik hin -angesehen, keine neuen Stücke; die Stücke, bezw. ihre Verfasser, haben -nur den Muth gehabt, in diesem und jenem über die bis dahin traditionell -innegehaltene Grenzlinie hinauszugehen, sie haben eine Fehde mit -Anstands- und Zulässigkeitsanschauungen aufgenommen und haben auf diesem -Gebiete dieser kunstbezüglichen, im Publikum gang und gäben Anschauungen -zu reformiren getrachtet, aber nicht auf dem Gebiete der Kunst selbst. -Ein bischen mehr, ein bischen weniger, das war Alles; die Frage, »wie -soll ein Stück sein?« oder, »sind Stücke denkbar, die von dem bisher -Ueblichen vollkommen abweichen?«, diese Frage wurde durch die -Schnapskomödie des einen und die Knackkomödie des anderen kaum berührt. -Ich darf diese Worte wählen, weil ich durch mein Eingenommensein für -Beide vor dem Verdachte des Uebelwollens geschützt bin.« - -In seinem Buche: »Die Kunst«, Berlin, Gustav Schuhr, Herbst 1890, -reproducirt der Jüngere von uns diese Stelle und fährt dann fort: - -»Ich citire hier diesen Absatz, weil es uns eine Freude ist, konstatiren -zu können, dass es grade Theodor Fontane gewesen, der die jähe Kluft, -die uns von aller bisherigen Bühnenproduktion trennt, Ibsen nicht -ausgeschlossen, als _Erster_ wahrgenommen hat. - -Nichts kann uns in der That mehr lächeln machen, nichts zeugt mehr von -der urkomischen Verwirrung, die wir Aermsten unter unseren verehrten -Herren Kollegen, den Schreibern der Zeitungen, nun einmal angerichtet -haben, als wenn man uns in seiner Herzensnoth, die nach Schablonen -schreit, als Nachtreter der grossen Ausländer etikettirt. - -Möge man es sich daher gesagt sein lassen. In aller Ruhe, bewusst und -aus unserer Ueberzeugung heraus. Uns ist darum nicht bange. Es wird -dereinst erkannt werden: noch nie hat es in unserer Literatur eine -Bewegung gegeben, die von Aussen her weniger beeinflusst gewesen wäre, -die so von innen heraus gewachsen, die mit einem Wort _nationaler_ war, -als eben grade diejenige, vor deren weiteren Entwicklung wir heute stehn -und die mit unserm »Papa Hamlet« ihren ersten, sichtbaren Ausgang -genommen. Die »Familie Selicke« ist das deutscheste Stück, das unsere -Literatur überhaupt besitzt. Es ist auch nicht ein einziges Element in -ihr und wäre es auch noch so winzig, das uns von jenseits der Vogesen -zugeflogen wäre, von jenseits der Memel, oder von jenseits der Eider. -Und wenn uns _nichts_ dafür ein Beweis gewesen wäre, nicht einmal die -Thatsache selbst, die unerhörten Beschimpfungen, die damals auf uns -niederprasselten, hätten uns hinlänglich darüber die Augen öffnen -müssen. Sätze, wie: »diese _Thierlautkomödie_ ist für das _Affentheater_ -zu schlecht!« werden sicher nicht allzu oft niedergeschrieben, selbst in -den bewegtesten Zeiten nicht. Und gar als das Stück erst angekündigt war -in den Zeitungen, als acceptirt zur Aufführung an der »Freien Bühne«, -schrieb dasselbe Blatt: ».... dann wird eben keine Frau, die auf -Reputirlichkeit Anspruch erhebt, sich dort sehen lassen dürfen und die -Herren werden sich in diese Vorstellungen hineinstehlen müssen, wie man -das beim Besuche zweifelhafter Lokale thut.« Mit einem Wort: Es fehlte -nur noch, dass man den Vorschlag machte, uns ins Irrenhaus zu sperren. O -bêtise! - -Nun, dieser Vorschlag ist unterdessen, wenn allerdings auch noch nicht -gemacht, so doch »in der That nur mit Mühe unterdrückt worden.« -Vergleiche »Die Grenzboten.« - -Offen gestanden: aber es wäre uns doch lieber gewesen, der sogenannte -Idealismus unserer verehrten Herren Gegner hätte sich als etwas Anderes -entpuppt. - -Als _was_ er sich entpuppt hat? - -Nun, unserem Dafürhalten nach, als jene berühmte Heine'sche Wanze, -»welche stinkt, wenn man sie tödtet.« - -_Berlin_, August 1891. - - Arno Holz. - Johannes Schlaf. - - - - - Personen: - - - Eduard Selicke, Buchhalter. - Seine Frau. - Toni, 22 Jahre alt } - Albert, 18 " " } ihre Kinder. - Walter, 12 " " } - Linchen, 8 " " } - Gustav Wendt, cand. theol., Chambregarnist bei ihnen. - Der alte Kopelke. - - _Zeit_: Weihnachten. _Ort_: Berlin N. - - - - - Erster Aufzug. - - - Erster Aufzug. - - Das Wohnzimmer der Familie Selicke. - - (Es ist mässig gross und sehr bescheiden eingerichtet. Im - Vordergrunde rechts führt eine Thür in den Corridor, im Vordergrunde - links eine in das Zimmer Wendt's. Etwas weiter hinter dieser eine - Küchenthür mit Glasfenstern und Zwirngardinen. Die Rückwand nimmt - ein altes, schwerfälliges, grossgeblumtes Sopha ein, über welchem - zwischen zwei kleinen, vergilbten Gypsstatuetten »Schiller und - Goethe« der bekannte Kaulbach'sche Stahlstich »Lotte, Brod - schneidend« hängt. Darunter im Halbkranze, symmetrisch angeordnet, - eine Anzahl photographischer Familienportraits. Vor dem Sopha ein - ovaler Tisch, auf welchem zwischen allerhand Kaffeegeschirr eine - brennende weisse Glaslampe mit grünem Schirm steht. Rechts von ihm - ein Fenster, links von ihm eine kleine Tapetenthür, die in eine - Kammer führt. Ausserdem noch, zwischen den beiden Thüren an der - linken Seitenwand, ein Tischchen mit einem Kanarienvogel, über - welchem ein Regulator tickt, und, hinten an der rechten Seitenwand, - ein Bett, dessen Kopfende, dem Zuschauerraum zunächst, durch einen - Wandschirm verdeckt wird. Ueber ihm zwei grosse alte Lithographieen - in fingerdünnem Goldrahmen, der alte Kaiser und Bismarck. Am - Fussende des Bettes, neben dem Fenster schliesslich noch ein kleines - Nachttischchen mit Medizinflaschen. Zwischen Kammer- und Küchenthür - ein Ofen; Stühle. - - _Frau Selicke_, etwas ältlich, vergrämt, sitzt vor dem Bett und - strickt. Abgetragene Kleidung, lila Seelenwärmer, Hornbrille auf der - Nase, ab und zu ein wenig fröstelnd. Pause.) - -FRAU SELICKE (seufzend): Ach Gott ja! - -WALTER (noch hinter der Scene, in der Kammer): Mamchen?! - -FRAU SELICKE (hat in Gedanken ihren Strickstrumpf fallen lassen, zieht -ihr Taschentuch halb aus der Tasche, bückt sich drüber und schneuzt -sich). - -WALTER (steckt den Kopf durch die Kammerthür. Pausbacken, Pudelmütze, -rothe, gestrickte Fausthandschuhe): Mamchen? darf ich mir noch schnell -'ne Stulle schneiden? - -FRAU SELICKE (ist zusammengefahren): Ach, geh du ungezogner Junge! -Erschrick einen doch nich immer so! (ist aufgestanden und an den Tisch -getreten). Kannst Du denn auch gar nich'n bischen Rücksicht nehmen?! -Siehst Du denn nich, dass das _Kind_ krank ist? - -WALTER (ist unterdessen auf's Sopha geklettert und trinkt nun -nacheinander die verschiedenen Kaffeereste aus. Den Zucker holt er sich -mit dem Löffel extra raus): Aber ich hab' doch noch solchen Hunger, -Mamchen? - -ALBERT (ebenfalls noch hinter der Scene, in der Kammer, deren Thür jetzt -weit aufsteht. Man sieht ihn vor einer kleinen Spiegelkommode, auf der -ein Licht brennt. Knüpft sich grade seine Kravatte um. Hemdärmel.): Ach -was, Mutter! Jieb ihm lieber 'n Katzenkopp un denn is jut! - -FRAU SELICKE (die jetzt Walter die Stulle schneidet): Na, Du, Grosser, -sei doch man schon ganz still! Du verdienst ja noch alle Tage welche! -Ich denk', Ihr seid überhaupt schon lange weg? - -ALBERT (ärgerlich): Ja doch! Gleich! Aber ich wer' mir doch wohl noch -erst den Rock abbürschten können? - -FRAU SELICKE: Na ja, gewiss doch! Steh Du man immer recht vor'm Spiegel -und vertrödle recht viel Zeit! Da werd't Ihr ja Euern lieben Vater -sicher noch finden! Der wird heute grade noch auf'm Comptoir sitzen! - -ALBERT: Ach Jott! Nu thu doch man nicht wieder so! Vor Sechs kann er ja -doch heute so wie so nich aus 'm Geschäft! - -FRAU SELICKE: So! Na! Und wie spät denkste denn, dass es jetz' is? (hat -während des Streichens der Stulle einen Augenblick inne gehalten, den -Schirm von der Lampe gerückt, die Brille auf die Stirn gerückt und nach -dem Regulator gesehen) ... Jetz' is gleich Dreiviertel! - -ALBERT: Ach, Unsinn! Die jeht ja vor! - -FRAU SELICKE (für sich, fast weinend): Hach nee! Ich sag' schon! Sicher -is er nu wieder weg, und vor morgen früh wer'n wir 'n ja dann natürlich -nich wieder zu sehn kriegen! Nein, so ein Mann! So ein Mann! ... - -ALBERT (noch immer in der Kammer und vor'm Spiegel): Hurrjott, Mutter! -Räsonnir' doch nich immer so! Du _weisst_ ja noch gar nich! - -FRAU SELICKE: Ach was! Lass mich zufrieden! Beruf' mich nich immer! Ich -_weiss_ schon, was ich weiss! (unwirsch zu Walter) Da -- haste! Klapp se -Dir zusammen und dann macht, dass Ihr endlich fortkommt! Aus Euch wird -auch nischt! - - (Es klingelt. - - Einen Augenblick lang horchen beide. Frau Selicke ist - zusammengefahren, Walter starrt, die Stulle in der Hand, mit offenem - Munde über die Lampe weg nach der Thür, die in's Entree führt.) - -FRAU SELICKE (endlich): Na? Machste nu auf, oder nich? - - (_Walter_ hat die Stulle liegen lassen und läuft auf die Thür zu. Er - klinkt diese auf und verschwindet im Entree.) - -ALBERT (der eben aus der Kammer getreten ist, in der er das Licht -ausgelöscht hat. Zieht sich noch grade seinen Ueberzieher an. Aus der -Brusttasche stecken Glacees, zwischen den Zähnen hält er eine brennende -Cigarrette, an einem breiten, schwarzen Bande baumelt ihm ein Kneifer -herab. Modern gescheitelt. Hut und Stöckchen hat er einstweilen auf den -Stuhl neben dem Sopha plazirt. Zu Frau Selicke, indem er mit dem Fusse -die Thür hinter sich zudrückt): Nanu? Das kann doch unmöglich schon der -Vater sein? - -FRAU SELICKE (die sich wieder mit dem Kaffeegeschirr zu thun macht, -unruhig): Ach wo! - - (Unterdessen ist draussen die Flurthür aufgegangen und man hört die - Stimme des alten _Kopelke_: »Brrr ... is det heit 'n - Schweinewetter!?« -- Die Thür klappt wieder zu, und jetzt schreit - _Walter_ laut auf, ausgelassen: »Ach! Olle Kopelke! Olle Kopelke!« - -- »Nich doch, Kind, nich doch; du thust mir ja weh! Du drickst mir - ja! Du musst doch abber ooch heer'n! Da -- nimm mir mal lieber hier - 'n bisken det Menneken ab! ... Brrr ... nee ... ä!«) - -ALBERT (zu Frau Selicke, sich die Handschuhe zuknöpfelnd): Ach, _der_ -alte Quacksalber?! - -FRAU SELICKE: Na, Du, Grossmaul, wirst doch nich immer gleich das Geld -_geb'n_ für'n Docter! - -ALBERT (aufgebracht): Ach, Blech! Nich wahr? Nu fang wieder _davon_ an! -... - -WALTER (noch halb im Entree): Au, Mamchen, sieh mal! 'n Hampelmann! -Mamchen, 'n Hampelmann! (Er kommt mit ihm in's Zimmer getanzt. Zum alten -Kopelke zurück): Wah? den schenken Se mir? - -KOPELKE (behutsam hinter ihm drein. Klein, kugelrund, freundlich, -Vollmondsgesicht, glattrasirt. Sammetjoppe, Pelzkappe, Wollshawl): -Sachteken! Sachteken! - -ALBERT (hat sich den Stock schnell unter den Arm geklemmt und sich den -Kneifer aufgesetzt, affectirt): Ah, gut'n Abend, Herr Kopelke! - -KOPELKE: 'n Abend! 'n Abend, junger Herr! (Reicht Frau Selicke die Hand) -'n Abend! (Nach dem Bett hin) Na? Und meine kleene Patientin? Ick muss -doch mal _sehn_ kommen? - -FRAU SELICKE (weinerlich): Ach Gott ja! Na, ich kann wohl schon sagen! - -KOPELKE (sie beruhigend): Ach wat, wissen Se! det ... det ... e .... - -WALTER (hat sich unterdessen mit seinem Hampelmann abgegeben, ihm die -Zunge gezeigt, »Bah!« zu ihm gemacht und tänzelt nun mit ihm um den -alten Kopelke rum, diesen unterbrechend): Olle Kopelke! Olle Kopelke! - -KOPELKE (sanft abwehrend): Ach, nich doch, Kind! det 's jo unjezogen! Du -musst nich immer Olle Kopelke sagen! Det jeheert sick nich! - -WALTER (Rübchen schabend): Oh ...! Olle Kopelke! ... - -ALBERT (wüthend): Hörst Du denn nich, Du Schafskopp? Du sollst still -sein! - -WALTER (den Ellbogen gegen ihn vor): Nanu? Du hast mir doch jarnischt zu -sagen? - -ALBERT (holt mit der Hand aus). - -FRAU SELICKE (mit dem Strickstrumpf, den sie unterdessen wieder -aufgenommen hat, dazwischen): Nein! Nein! Nun sehn Sie doch blos! Die -reinen Banditen! Das Kind! Das Kind! Nehmt doch wenigstens auf das Kind -Rücksicht! - -ALBERT (der sich achselzuckend wieder abgewandt hat): Natürlich! So is -recht! Bestärk' ihn man noch immer! Dem lässt Du ja Alles durchgehn! Der -kann ja machen, was er will! Aus dem Bürschchen erziehst Du ja schon was -Rechtes! Vater hat janz recht! - -FRAU SELICKE: Nein! Nein! Nu hören Se doch blos! Und da soll man sich -nich gleich schlag_rührend_ ärgern? - -KOPELKE (zu Albert): Sachteken, werther junger Herr, sachteken ... (Zu -Frau Selicke) Immer in Jiete, Mutter! Det ville Jehaue und det ville -Jeschumpfe nutzt zu janischt, zu reenjanischt! ... Ibrijens ... (Er hat -sich mitten in die Stube gestellt und schnuppert nun nach allen Seiten -in der Luft rum) ... wat ick doch jleich noch sagen wollte ... det ... -det ... riecht jo hier so anjenehm nach Kafffee? ... Hm! Pf! Brrr! ... -Nee, dieset Schweinewetter?! Ick bin -- wahhaftijen Jott -- janz aus de -Puste! (Er hat sich seinen grossen, dicken Wollshawl abgezerrt und -schlenkert ihn nun nach allen Seiten um sich rum) Kopp wech! (Zu Walter, -den er dabei getroffen hat) He? Wah det _Deine_ Neese? - -WALTER (der sich den Schnee von den Backen wischt, vergnügt lachend): -Hohohoo! - -ALBERT (bereits äusserst ungeduldig, den Hut in der Hand): Na, -jedenfalls ich jeh jetzt! Wir kommen ja sonst _wahrhaftig_ noch zu spät! - -FRAU SELICKE: Ja, ja! Macht man, dass Ihr fortkommt! - -KOPELKE (zu Albert): Aha! Wol zu Pappa'n uf't Contor? - -ALBERT (ausweichend): Ach! ja! Das heisst .. e .. wir wollten so ... -blos 'n bischen vorbeijehn! - -KOPELKE (ihm mit einer Handbewegung gutmüthig zublinzelnd, verschmitzt): -Weess schon! (Zu Frau Selicke, halb in's Ohr) Edewachten kenn ick doch? -... (Wieder zu Albert) Na, denn ... e ... denn beeilen 'sick man! Sowat -looft weg! - -ALBERT (schon unter der Thür stehend zu Walter, der sich eben seinen -Hampelmann an die Jacke knöpft): Na, willste nu so jut sein oder nich? - -WALTER (giebt dem alten Kopelke die Hand): Atchee! - -KOPELKE: Atchee, mein Sohn, Atchee! Un jriess ooch Vatern! - -FRAU SELICKE: Na, und die Stulle? (Reicht sie ihm noch schnell nach, -Walter beisst sofort in sie hinein) Und dann, sagt, er soll gleich -hierherkommen! Sagt, Toni is auch schon da! Wir warten schon! - -ALBERT (hat die Thür bereits aufgeklinkt und macht nun zum alten Kopelke -hin eine stumme, ceremonielle Verbeugung). - -KOPELKE: Wah mich sehr anjenehm, werther junger Herr! Wah mich sehr -anjenehm! (Die Beiden verschwinden. Draussen im Entree schlägt _Walter_ -hin. Schreit. _Albert_: »Na, Du Ochse!«) - -FRAU SELICKE: Ei Herrgott! Was is denn nu schon wieder ... (Will auf die -Corridorthür zu, draussen schlägt die Flurthür zu): Hach! Gott sei Dank, -dass man die Gesellschaft endlich los ist! - -KOPELKE (sich die Hände reibend, schmunzelnd): Jo! Wahh is't! 'n bisken -wiewe _sind_ se! Abber -- Jotteken doch! det is doch nu mal nich anders! -det ... - - (Vom Bett her Geräusch und Husten.) - -FRAU SELICKE (wirft ihr Strickzeug in das Kaffeegeschirr und eilt auf -das Bett zu): Ach, nein! Ich sag schon! Nu haben sie ja das arme Kind -glücklich wieder wachkrakehlt ... Na, mein liebes Herzchen? ... Wie ist -Dir, mein liebes Linchen, he? (Kleine Pause. Frau Selicke hatte sich -übers Bett gebeugt, leises Stöhnen.) Hast Du Schmerzen, mein liebes -Puttchen? - -LINCHEN (feines, rührendes Stimmchen): Ma -- ma -- chen? - -FRAU SELICKE: Ja, mein Herzchen? Hm? - -LINCHEN: Ma -- ma -- chen? - -FRAU SELICKE: Hast Du Appetit, mein Schäfchen? ... Nein? Ach, Du mein -Mäuschen! - -LINCHEN: Ich -- bin -- so -- müde ... - -FRAU SELICKE: Ach, mein Herzchen! Aber, nicht wahr? Du willst jetzt noch -einnehmen?! Onkel Kopelke ist ja da! - -LINCHEN: On -- kel -- Ko -- pel -- ke? - -KOPELKE (hat sein rothbaumwollenes Schnupftuch gezogen und schneuzt -sich). - -FRAU SELICKE (halb zu ihm zurückgewandt): Wollen Sie se mal sehn? Ich -misch' solange die Tropfen! (Lässt ihn an's Kopfende treten und mischt -während des Folgenden am Fussende des Bettes, auf dem Nachttischchen, -die Medicin). - -KOPELKE (hat sich jetzt ebenfalls über das Bett gebeugt. -Täppisch-zärtlich): Na, Lin'ken? Kennste mir noch? Ach Jotteken doch, -_die_ Aermken! Nich wah? Det -- watt doch mal, Kind, 'n Oogenblickchen! --- Det ... thut doch nich weh? ... Na, sehste!! Ick sag' ja! det ... det -is Allens man auswendig! Det 's janich so schlimm! Uf de Woche kannste -all dreist widder ufstehn! Denn jehste for Mamma'n bei'n Koofmann! Denn -jehste mit ihr uf'n Marcht! Inholen! He? Weesste noch? Uf'n Pappelplatz? -Der mit 't Schielooge? »_Jungens_« sag' ick, »_Bande!_ Wehrt ihr wol det -_Meechen_ sind lassen?« Abber da!! Heidi! Wat haste, wat kannste! ... -Nich wah? Nu nehmste abber ooch sauber in? (Zu Frau Selicke, während er -diese an's Bett treten lässt): Wat det Kind blos for'n Schwitz hat?! - -FRAU SELICKE (besorgt): Nich wahr? Ach Gott ja! - -KOPELKE (beruhigend): Abber det .. e .. wissen Se! ... Det ... det is -_immer_ so! Det _is_ nu mal nich anders! Det ... (Schneuzt sich -abermals). - -FRAU SELICKE (kommt mit dem Löffel): Na, Linchen? Ist Dir wieder besser? - -LINCHEN: Ach -- ich -- will -- nicht -- einnehmen! - -FRAU SELICKE: O ja, meine Kleine! Du willst doch wieder gesund werden?! - -LINCHEN: Es -- schmeckt -- so -- bitter! - -FRAU SELICKE: Nicht weinen, mein Schäfchen! ... Komm! ... Sonst zankt -der Herr Doctor wieder! Nicht wahr, Onkel Kopelke? - -KOPELKE (eifrig nickend): Ja, ja, Kindken! Det muss nu mal so _sind_! -Det je_heert_ sick! - -FRAU SELICKE: Nicht wahr? Hörst Du? Komm, mein Liebling! Ja? - -LINCHEN: Es -- schmeckt -- so -- bitter! - -FRAU SELICKE: Aber nachher kannst Du ja wieder spazieren gehn, mein -Mäuschen?! Und Emmchen zeigt Dir auch ihre Bilderbücher! Ja? ... Komm! -... Na, nu mach doch, Linchen! ... Du musst doch aber auch folgen! ... -Gucke doch! ... Ich verschütte ja das ganze Einnehmen? ... (Sie hat ihr -leise die Hand unter's Köpfchen geschoben). - -LINCHEN: Au! Au! ... Du -- ziepst -- mich! - -FRAU SELICKE: Oh! .... Na so! .... Nicht wahr? ... Fest! Drück' die -Augen zu! ... Schlucke! Tüchtig! ... _Siehst_ Du? ... Nicht weinen, -nicht weinen! ... So! Nicht wahr? Nu is alles wieder gut! Nu is alles -vorbei! - -LINCHEN (dreht sich jetzt unruhig in ihren Kissen rum und hustet -gequält). - -FRAU SELICKE: Mein armes, armes Herzchen! Der alte, böse Husten! ... So! -... Nu rücken wir blos noch 'n bischen das Kissen höher, nicht wahr? und -dann schläfst Du _schön_ wieder ein! (Bückt sich über sie und küsst -sie.) Ach, Du mein süsses Puttchen! (Nachdem sie den Wandschirm jetzt -noch _näher_ an's Bett gerückt, zum alten Kopelke) Ach, Gott nein! Nu -sagen Se doch blos? Muss man da nich rein verzweifeln? Das geht nu schon -Tage lang so! Sie wacht geradezu nur noch auf Minuten auf! - -KOPELKE (die Hände in den Taschen seiner Joppe, nachdenklich vor sich -hin): Hm! ... - -FRAU SELICKE: Und aus dem Doctor wird man auch nicht mehr klug! Der -_sagt_ einem ja nichts! Der _kommt_ kaum noch! Und ... und ... na ja, -wenn wir _Sie_ nicht noch hätten ... - -KOPELKE (leichthin): Jo! ... na! ... Wissen Se: det kommt jo bei mir -nich so druf an! (Begütigend) det verseimt mir jo weiter nich! det's jo -man immer so in Vorbeijehn! det -- ach wat! det hat jo janischt zu -sagen! det's jo Mumpitz!! .... Abber det, wissen Se, det mit die -Docters, verstehn Se, da hab'n Se eejentlich woll nich so janz Unrecht! -Ick ... nu ja! Se wissen ja! Ick bin man sozusagen 'n janz eenfacher -Mann ... Abber det kann 'k Ihn' versichern: jeholfen hab 'k schon -manchen! ..... Jott! Ick kennt jo wat bei verdienen! Wat meen'n Se woll! -Abber sehn Se ... will 'k denn? Ick ... nu ja! Ick bin nu mal so! -(eifrig) Wissen Se? de Hauptsach' is jetz': man immer scheen wahm -halten! det Ibrije, verstehn Se, det Ibrije jiebt sick denn janz von -alleene! Janz von alleene! Ick sag: man blos nich immer so ville mang -der Natur fuschen, sag ick! ... Det mit die olle Medizin da zun Beispiel -... - - (Es klopft an Wendts Thür.) - -FRAU SELICKE: Bitte, Herr Wendt, bitte! Treten Sie nur ein! - -WENDT (ist mehr als mittelgross und sehr schlank. Feine, bleiche -Gesichtszüge, das halblange, schwarze Haar einfach hinten übergekämmt. -Dunkle, peinlich saubere Kleidung, kein Pastoralschnitt. Die Thür hinter -sich schliessend zu Frau Selicke): Verzeihen Sie! Ich dachte ... (Zum -alten Kopelke, ihm die Hand reichend) Ah! 'n Abend, Herr Kopelke! Wie -geht's? - -KOPELKE (geschmeichelt): 'n Abend, werther junger Herr! Och, ick danke! -Immer noch uf een langet un een kurzet Been! ... Is mich sehr anjenehm -... is mich sehr anjenehm ... (Hört nicht auf, Wendt's Hand zu -schütteln). - -WENDT (zu Frau Selicke rüber): Fräulein Toni wollte doch heute etwas -früher kommen? - -FRAU SELICKE (die Achseln zuckend): Ja! Na -- Sie wissen ja! Wie das so -is! - -KOPELKE (Wendt zublinzelnd und ihm scherzhaft mit dem Finger drohend): -Freilein Toni? Na wachten Se man, Sie kleener Scheeker! ... Frau -Selicken? Ick sage: passen Se mir ja uf die beeden jungen Leite uf! -(Wieder zu Wendt) Det is mich doch schon lange so? ... he? Sie? - -FRAU SELICKE (lächelnd): Ach, lieber Gott, ja! - -WENDT (der ebenfalls gelächelt hat, zum alten Kopelke): Na, aber Scherz -bei Seite! Ich wollte ihr mal -- da sehn Sie mal! -- _das_ da zeigen! -(Er hat ein grosses, zusammengeknifftes Papier aus der inneren -Brusttasche gezogen und es dem alten Kopelke überreicht). - -KOPELKE: Oh! ... He! ... Na -- ick ... e .. Se meen'n, ick soll det hier --- lesen, meen'n Se? - -WENDT (aufmunternd): Gewiss, gewiss, Herr Kopelke! Ich bitte Sie sogar -darum! - -KOPELKE: Oh! ... He! ... Na, ick -- bin so frei! (Ist mit dem Papier zur -Lampe getreten. Zu Frau Selicke) Man ... e ... Hab'n Se da nich wo Ihre -Brille, Frau Selicken? - -FRAU SELICKE (umhersuchend): Meine Brille? Ach Gott ja! ich ... - -KOPELKE (sie ihr von der Stirn nehmend): Lassen Se man, ick hab ihr -schon! (Setzt sie sich auf.) So! Na! Nu kann't losjehn! (Hat das Papier -sorgfältig entfaltet und liest es nun, die Arme weit von sich weg. Nach -einer kleinen Pause, über die Brille zu Wendt hinüber schielend): Nanu? - -WENDT (der ihn lächelnd beobachtet): Na? - -FRAU SELICKE (neugierig): Was denn? - -WENDT (lächelnd): Ja, ja. Frau Selicke! - -FRAU SELICKE (wie ungläubig): Ach? - -KOPELKE (hat das Papier unterdessen wieder sorgfältig zusammengefaltet -und giebt es nun wieder an Wendt zurück. In komischem Pathos): Nee, -wissen Se! Det kennen Se von mir nich verlangen! Dazu jratulieren Se -sick man alleene! - -WENDT (lachend, das Papier wieder einsteckend): Na, na! - -FRAU SELICKE (zum alten Kopelke): Was denn? Was denn, Herr Kopelke? - -KOPELKE (zu Frau Selicke komisch): Paster! _Land_paster! Mit'ne -Bienenzucht un 'ne lange Feife! (Wieder zu Wendt) Nee, wissen Se! Da -kennen Se sagen, wat Se wollen, verstehn Se, abber for _die_ Brieder -sind Se ville zu schade! - -FRAU SELICKE (die Hände zusammenschlagend): Aber Herr Kopelke?! - -KOPELKE: Ach wat! (Hat sich wieder sein Schnupftuch hervorgezogen und -schneuzt sich.) - -WENDT (ihm vergnügt auf die Schulter klopfend): Na, lassen Sie man! 'n -hübsches Weihnachtsgeschenk bleibt's doch! Was, Frau Selicke? - -FRAU SELICKE (immer noch ganz erstaunt): Ach, nein! ..... wahrhaftig? -Also Sie sollen jetzt wirklich Pastor werden? - -WENDT: Nun ja! Und ... wie Sie sehn! Ich freue mich sogar von Herzen -drüber! - -FRAU SELICKE: Ach ja! Und Sie waren ja auch immer so fleissig! Ich habe -Sie wahrhaftig manchmal recht bedauert! Wenn ich so denke, so die ganzen -letzten Wochen, Tag und Nacht, immer hinter den Büchern ... - -WENDT: Ach, ich bitte Sie! Was hing aber auch nicht alles davon ab? -Alles! Alles! Geradezu Alles! -- Und dann, was ich Ihnen noch gleich -sagen muss, ich reise jetzt natürlich nicht erst Drittfeiertag, sondern -schon morgen! - -FRAU SELICKE: Schon morgen? - -WENDT: Ja! Na, die Sachen sind ja schon alle so gut wie gepackt, und ... -e ... aber ich vergesse ganz! (Zum alten Kopelke): Sie sprachen vorhin -von Linchen? - -KOPELKE: Ick? Nu ja! Ick .. det heest .. ick .. e ... (sieht zu Frau -Selicke hinüber). - -FRAU SELICKE: Aber setzen Sie sich doch, Herr Kopelke! Woll'n Se sich -nicht setzen? Ich mach Ihnen noch schnell 'ne Tasse Kaffee! - -KOPELKE (zu Wendt): Hm ... ja ... sehn Se, ick ... (Plötzlich zu Frau -Selicke): 'ne Tasse Kafffe? (In sich hineinschmunzelnd, sich vergnügt -die Hände reibend): Hm! ... 'ne Tasse Kafffe is jo wat sehr wat -Scheenet! Wat sehr wat Scheenet! ... Abber ... Nee, Frau Selicken! Nee! -Heite nich! Det verlohnt sick nich! Wahhaftijen Jott! Abber ick muss -heite noch unjelogen hinten in de Druckerei! ... Se wissen ja! Det mit -de ollen, deemlichen Krankenkassen! ... - -FRAU SELICKE (nach der Küche hin): Na, denn werd' ich wenigstens noch'n -paar Kohlen unterlegen! (Mit einem Blick auf die Uhr): Toni muss ja -jeden Augenblick kommen! (Verschwindet durch die Küchenthür, hinter der -bald darauf Licht aufblitzt.) 'n Augenblickchen! - -KOPELKE (mit krummgezogenem Puckel, sich schmunzelnd die Hände reibend. -Ihr nachsehend): Scheeniken! Scheeniken! - -WENDT (langt seine Cigarrentasche vor): Aber ich darf Ihnen doch -wenigstens 'ne Cigarre anbieten? - -KOPELKE: Oh! ... He! ... Na! Ick bin so frei, von Ihr jietijet -Anersuchen -- mbf! -- Jebrauch zu machen, werther, junger Herr! Abber .. -e ... (winkt Wendt zu sich heran; dieser beugt sich ein wenig zu ihm -hin, Kopelke hält ihm die hohle Hand an's Ohr) .. ick meen' man! Ick -beraube Ihnen! - -WENDT: O, ich bitte Sie! - -KOPELKE: Na, wissen Se! So'n junger Student hat det ooch nich immer so -dicke! .. Na, ick meen' man! - -WENDT: Junger Student?! Oho! - -KOPELKE: A so! (Blinzelt ihm zu.) Na! Ibrijens bin ick darin durchaus -keen Unmensch! (Kneift sich mit den Fingernägeln die Spitze von der -Cigarre und bückt sich über die Lampe). Abber .. nee, wissen Se! (Mit -einem Blick zum Bett hin) Ick weer' ihr man doch lieber draussen -roochen! Se nehmen mir det doch nich iebel? - -WENDT: Bewahre, Herr Kopelke! Im Gegentheil! Hier hätten Sie sie ja doch -so wie so nicht rauchen können! Selbstverständlich! - -KOPELKE: Ja, un denn -- na ja! wat ick also noch sagen wollte! ... Se -mee'n, mit det Kind, mee'n Se? - -WENDT: Ja! Ich ... e ... Sie können sich ja denken, wie mich das -unmöglich gleichgültig lassen kann! ... Der Arzt scheint sich ja, -wenigstens so viel ich darüber weiss, überhaupt nicht äussern zu wollen -... - -KOPELKE (klopft sich mit der Cigarre auf dem Daumen herum): Ja, wissen -Se! Offen jestanden! Abber det kann ick den Mann eejentlich janich -verdenken! Denn, Se könn'n sagen, wat Se wollen -- ick bin man sozesagen -'n ganz eenfacher Mann, verstehn Se! Abber det kann 'k Ihn'n sagen: mit -det Kind is't retour jejangen! Schon wenn se een'n immer so anseht, -verstehn Se! -- wahhaft'jen Jott, abber so wat kann eenen durch un durch -jehn! - -WENDT (finster): Hm ... Also Sie meinen, dass wirklich Gefahr vorliegt? - -KOPELKE (ausweichend): Jott! _det_ nu jrade! _Det_ will ick nu jrade -nich gesagt haben! Abber, wie det so is, verstehn Se! Et mangelt hier -den Leiten an't Neethichste, wissen Se! (Macht die Bewegung des -Geldzählens). Die kennen ooch man nich immer so, wie se wollen! - -WENDT (geht erregt ein paar Mal auf und ab): Ach Gott, ja! .... Na! Es -wird ja mal .... anders werden! - -KOPELKE: Ja! Wenn eener immer ville Jeld hat, wissen Se, denn mag't ja -wol noch jehn! Ja. Det liebe Jeld! ... Nehm'n Se _mir_ mal zun Beispiel! -Ick wah ooch nich uf'n Kopp jefallen als Junge! Ick wah immer der Erste -in de Schule! Wat meen'n Se woll?! .. Abber de Umstände, wissen Se! de -Umstände! Et half nischt! Vater liess mir Schuster weer'n! ... Freilich, -mit die Schusterei is det nu ooch nischt mehr heitzudage! Die ollen -Fabriken, wissen Se! Die ollen Fabriken rujeniren den kleenen Mann! ... -Sehn Se! So bin ick eejentlich, wat man so 'ne verfehlte Existenz nennt! -Nu bin ick sozusagen alles un janischt! ... Ja! ... Da bring 'k mal -een'n durch'n Prozess, da wird mal'n bisken jeschustert, dann mal mit de -Homöopathie und denn mit det Silewettenschneidern, wie det jrade so -kommt, verstehn Se! Ja! ... Freilich! Se haben alle nischt, die armen -Deibels, den'n ick .... - - (Die Uhr schlägt sechs.) - -Wat?! Sechsen schon?! Hurrjott! ... (Wickelt sich schnell den Shawl um) -... den'n ick jeholfen hab', meen' ick! ... (Umhersehend): Hanschuh'n -hat ick ja wol zufällig keene nich jehappt? ... Na, abber man krepelt -sick so durch! (Wendt's Hand schüttelnd): Wah mich sehr anjenehm, -werther junger Herr, wah mich sehr anjenehm! ..... Dunnerwettstock, det -wird ja die allerheechste Eisenbahn! (Macht ein paar eilige Schritte auf -die Corridorthür zu, besinnt sich dann aber wieder und kehrt um): Na, -ick kann ja denn ooch man jleich hinten rum! (Schon in der Küchenthür): -Un denn, det ick det nich verjesse: Verjniegte Feierdage! Morjen frieh -seh ick Ihn' doch noch? - -WENDT: O, danke, danke! Natürlich! - -KOPELKE: Scheeniken! Atchee! (Klinkt die Küchenthür auf.) 'n Abend, Frau -Selicken! - -FRAU SELICKE (hinter der Scene in der Küche): Was? Sie wollen schon -gehn? - -KOPELKE (während er die Küchenthür wieder hinter sich zudrückt): Na, wat -meen'n Se woll? ... - -WENDT (einen Augenblick allein. Sieht sich zuerst aufathmend im Zimmer -um und tritt dann vorsichtig an das Bett Linchens. Eine kleine Weile -beobachtet er sie, dann klingelt es plötzlich im Corridor und er geht -hastig aufmachen): Ah, endlich! - -TONI (tritt ein. Sie trägt ein grosses, in ein schwarzes Tuch -eingeschlagenes Bündel vor sich her. -- Sie ist mittelgross, schlank, -aber nicht schwächlich. Blond. Schlichter, ein wenig ernster -Gesichtsausdruck. Einfaches, dunkles Kleid, langer, braungelber -Herbstmantel. Schwarze, gestrickte Wollhandschuhe). - -WENDT (mit ihr zugleich eintretend und nach dem Bündel fassend): Geben -Sie! - -TONI (abwehrend): Ach, lassen Sie ... ich kann ja ... - -WENDT (nimmt ihr das Packet ab): Geben Sie doch! (Indem er es auf's -Sopha trägt). Und das haben Sie vom Alexanderplatz bis hierher getragen? - -TONI (sich die Handschuhe ausziehend, nickt lächelnd. Etwas -scherzhaft-wichtig): Getragen! Ja! - -WENDT: Bei der ....? - -TONI: Nun -- ja! Es war etwas unbequem bei der Kälte! (Hat die -Handschuhe auf den Tisch zwischen das Kaffeezeug gelegt und tritt nun, -indem sie sich ihren Mantel aufknöpfelt, an das Bett Linchens) Sie -schläft? Ach, das arme Puttelchen! (Ist wieder etwas zurückgetreten). -Aber ... nein! Ich will doch erst lieber .. ich habe die Kälte noch so -in den Kleidern! (Zu Wendt, der ihr jetzt behilflich ist, den Mantel -abzulegen). Danke, danke schön, Herr Wendt! Wollen Sie so gut sein, da -an den Nagel? (Reicht ihm auch noch ihren Hut hin und stellt sich nun an -den Ofen). Ach, ist der schön! - -WENDT (der ihr unterdessen Hut und Mantel an die kleine Kleiderknagge -zwischen der Korridorthür und dem Wandschirm gehängt hat): Wissen Sie -auch, Fräulein Toni, dass ich heute schon auf Sie gewartet habe? - -TONI: Ach nein! Wirklich? Auf mich? - -WENDT (hat sich, die Arme gekreuzt, mit dem Rücken gegen den Tisch, ihr -gegenüber gestellt, aber so, dass das Licht der Lampe noch auf sie -fällt): Ja! Und ... na? Rathen Sie mal, weshalb! - -TONI (lächelnd): Ach, das rath' ich ja doch nicht! Sagen Sie's mir -lieber! - -WENDT: Ja? Soll ich's sagen? - -TONI: Ja! - -WENDT (zieht sich wieder das Papier aus der Tasche und reicht es ihr): -Na ... da! Lesen Sie mal! - -TONI: Was denn? (Sie hat sich, noch immer am Ofen, mit dem Papier etwas -gegen die Lampe gebückt und liest nun): Ah! Grade heute zum heil'gen -Abend! (hat das Papier sinken lassen und sieht einen kleinen Augenblick -in die Lampe. Langsam, leise): Ja! Das ist ja recht schön! Da können Sie -sich recht freuen! - -WENDT: Nicht wahr? - -FRAU SELICKE (aus der Küche, deren Thür sie eben aufgemacht hat): Toni? -Wo bleibst Du denn so lange? (Mit einem Blick auf das Bündel auf dem -Sopha) Ach, Du hast wieder ... Armes Mädchen! ... Wart'! Ich bring Dir -gleich noch 'n bischen heissen Kaffee! (Sie will wieder in die Küche -zurück.) - -TONI (die unterdessen das Papier auf den Tisch gelegt hat, auf sie -zutretend): Mutterchen?! -- Wart' mal! ... Hier! (Man hört Geld -klappern.) Eins -- zwei -- drei ... - -FRAU SELICKE: Ach, Gott ja! .. Das liebe Bischen ... das wird wieder weg -sein, man weiss nicht, wie! - -TONI: Ist denn der Arzt dagewesen? - -FRAU SELICKE: Ach, nein! Du weisst ja! Der alte Kopelke! - -TONI: So? Was sagt er denn? - -FRAU SELICKE: Bist Du ihm nicht unten begegnet? Er sagt ... (zuckt die -Achseln) nichts Bestimmtes! Man wird ja aus keinem Menschen mehr klug! -(Plötzlich) Ach Gott! Ich hab' so eine Ahnung! Du sollst sehn: wir -behalten sie nicht! (Schluchzt.) - -TONI (tröstend): Ach Gott! Mutterchen! (Nach einer Weile). Ist denn der -Vater noch nicht da? - -FRAU SELICKE (wieder beruhigt): Ach, der! - -TONI (abermals nach einer kleinen Pause): Und die Jungens? - -FRAU SELICKE: I! die wollten 'n vom Komptoir abholen! Aber die treiben -sich ja doch wieder auf dem Markt rum, die Schlingels! Das is ja doch -die Hauptsache! Die können's auch nich satt kriegen! ... Na, ich will -nun ... Du bist ja ganz durchfroren! (Geht wieder in die Küche zurück). - -TONI (die wieder zum Ofen getreten ist): Dann .... dann reisen Sie nun -wohl bald? - -WENDT (der unterdessen an's Fenster getreten war und die ganze Zeit über -auf den Hof hinab gesehn hatte. Er hat sich wieder umgedreht und sieht -nun, sich mit den Händen hinten aufs Fensterbrett stützend, wieder zu -Toni hinüber): Ja! Morgen! - -TONI (leicht erschreckt): Morgen schon? - -WENDT: Ja! - -TONI (nach einer kleinen Pause): Ach, die Handschuhe! (Holt sie sich und -tritt mit ihnen an das kleine Tischchen links, in dessen Schublade sie -sie hineinthut. Lächelnd): Sehn Sie mal! Da hat er wieder den _Spiegel_ -neben's Bauer gestellt .... Der Vogel soll denken, es is noch'n andrer -da, mit dem er sich unterhalten kann .... Der Vater spricht mit dem -Vogel, als wenn er ein Mensch wär'! - -WENDT (ist vom Fenster weggetreten und steckt sich nun das Papier vom -Tisch wieder in seine Rocktasche): Ja! ja! ... - -TONI: Hm? ... Mätzchen! Mätzchen! ... Ordentlich zärtlich ist er mit -ihm! Der Vater ist ein grosser Thierfreund! - -WENDT (der unterdess auf sein Zimmer links im Vordergrund zugegangen -ist, sieht ihr, die Hand auf der Klinke einen Augenblick lang -unentschlossen zu. Zögernd): Ja! ich .... - -TONI (ihn unterbrechend): Ach, sagen Sie doch! Wie spät ist's denn? (Mit -einem Blick auf den Regulator) der kann doch unmöglich richtig gehn? - -WENDT (der jetzt die Thür aufgeklinkt hat): Etwas nach Sechs! - -TONI: Nach Sechs? Da müsste er doch nun ... (Seufzt.) - - (Wendt geht langsam in sein Zimmer. -- Toni, die ihm nachgesehn hat, - bleibt einen Augenblick in Gedanken stehen, seufzt und geht wieder - auf den Sophatisch zu. Sie nimmt das Bündel auf den Teppich runter - und knotet es auf. Frau Selicke kommt mit dem Kaffee.) - -FRAU SELICKE: Hier! Nu trink erst! (Setzt die Kanne auf den Tisch.) - -TONI (die sich vor dem geöffneten Bündel auf dem Teppich niedergekauert -hat): Ja. Gleich! - -FRAU SELICKE (hat sich leicht auf den Sophatisch gestützt und sieht ihr -zu): Mäntel? ... Da kannst Du wieder die ganzen paar Feiertage sitzen! -Ach ja! Du hast doch auch gar nichts von Deinem Leben! - -TONI (immer noch mit dem Ordnen der Zeugstücke beschäftigt): Na! 's ist -doch wenigstens ein kleiner Nebenverdienst! - -FRAU SELICKE (aufseufzend): Ach ja, ja! - -TONI: Aber ein _Leben_ auf den Strassen? Kaum zum Durchkommen! - -FRAU SELICKE (nickend): Das glaub ich! ... Du wirst Dich schön haben -schleppen müssen mit dem alten Bündel! Bist Du denn nich wenigstens ein -Stück mit der Pferdebahn gefahren? - -TONI: Ach, Alles voll! Alles voll! Da war gar nicht anzukommen! - -FRAU SELICKE (ihr die Tasse zuschiebend): Aber Du trinkst ja gar nicht! -Trink doch erst! - -TONI: Ja! (Erhebt sich und schenkt sich den Kaffee ein. Ihn schlürfend, -von der Tasse zu Frau Selicke aufsehend): Schön warm! - -FRAU SELICKE: Bist Du der Mohr'n vorhin begegnet? - -TONI: Ja, auf der Treppe! Sie hielt mich an! - -FRAU SELICKE: Sie wollte mal wieder horchen? Nicht wahr? - -TONI: Ja! ... Sie fing natürlich von Linchen an! Und, was wir diesmal -für'n schlechtes Weihnachten durchzumachen hätten und so, na Du weisst -ja! - - (Sie bückt sich wieder zu ihren Mänteln.) - -FRAU SELICKE: Nein, solche Menschen! Um was die sich nich alles kümmern! - -TONI: Na, von mir bekommt sie nichts raus! - -FRAU SELICKE: Die mögen schön über uns schwatzen! .... Solche Menschen! -Die sollten sich doch lieber an ihre eigene Nase fassen! Die! Die trinkt -Bier wie'n Kerl! Den richtigen Bierhusten hat sie schon! Hast Du noch -nicht gemerkt? - -TONI: Na, ja! Lass doch man, Mutterchen! Lass sie alle machen, was sie -wollen! Sie geben uns ja doch nichts dazu! (Ist aufgestanden und steht -nun, die Hände unter der Tischplatte, da.) Rück doch mal'n bischen den -Tisch! Ich möchte mir da die Mäntel zurecht legen! (Frau Selicke hilft -ihr.) Der Vater kann doch jetzt unmöglich mehr auf dem Komptoir sein? - -FRAU SELICKE (hat vom Tisch wieder ihren Strickstrumpf aufgenommen und -sich die Brille aufgesetzt. Vom Stuhl vor dem Bette Linchens her): I, -ich dachte gar! ... Wer weiss, wo der jetzt wieder steckt! - -TONI (hinter dem Tisch auf dem Sopha die Zeugstücke ordnend): Na, er -wird auf dem Weihnachtsmarkt sein und ein bischen etwas einkaufen, für -Linchen! - -FRAU SELICKE: I, jawohl doch! Und .... du lieber Gott, was soll nicht -alles von den paar Groschen bezahlt werden! Wer weiss übrigens, ob er -diesmal so viel zu Weihnachten kriegt wie sonst! .... Er thut wenigstens -so! .... Das heisst, auf den kann man sich ja nie verlassen! Der sagt -einem ja nie die Wahrheit! .... Andre Männer theilen ihren Frauen alles -mit und berathen sich, wie's am besten geht, aber unsereiner wird ja für -garnichts ästimirt! Der weiss ja alles besser! ... Nein, so ein -trauriges Familienleben, wie bei uns .... Pass mal auf: Der hat heute -wieder ein paar Pfennige Geld in der Tasche und kömmt nu vor morgen früh -nich nach Hause! - -TONI: Na, ich dachte gar! ... das wäre doch! ... Heute! - -FRAU SELICKE: Na, du wirst ja sehn! Vergang'ne Nacht hat mir wieder mal -von Pflaumen geträumt, und dann kann ich jedesmal Gift darauf nehmen, -dass es Skandal giebt! - -TONI: Ach Gott! darauf kann man doch aber nichts geben! - -FRAU SELICKE: Na, pass auf! Meine Ahnungen trügen mich nie! - -TONI: Aber wie kann man blos so abergläubisch sein, Mutterchen! - -FRAU SELICKE: Abergläubisch? Nein, gar nicht! Ich bin garnicht -abergläubisch! Aber es ist doch komisch, dass es bis jetzt jedesmal -eingetroffen ist! - -TONI: Ach, Mutterchen! - -FRAU SELICKE: Nein, nein! Du sollst sehen! Ich kann mich heilig darauf -verlassen! (weinerlich) Pass mal auf! Pass mal auf! - -TONI: Ach siehst Du, Mutterchen! Wenn Du Dich vorher schon immer so -ängstlich machst, dann ist es ja gar kein Wunder! ... Mach's wie ich! -Lass ihn kommen! Widersprich ihm mit keinem Wort! ... Lass ihn -räsonniren, soviel wie er will! Einmal muss er dann doch aufhören und -durch sein Räsonniren wird es ja doch nicht besser. - -FRAU SELICKE: Ach Gott ja! Eigentlich ist's auch wahr! Man müsste -garnich drauf hören! Wenn ich nur nich so nervös wäre! Wenn ich ihn dann -aber so sehe, in seinem Zustande, und er kommt dann auch noch mit seinen -Ungerechtigkeiten, dann kann ich mich nich halten! ... Es ist mir rein -unmöglich! .... Dann läuft mir jedesmal die Galle über! - -TONI: Siehst Du! Aber grade dadurch wird es immer erst schlimm! Lass ihn -schimpfen, die Augen rollen, Fäuste machen: Du musst es gar nicht -beachten! Schliesslich thut er ja doch nichts! ... Siehst Du, Du musst -mich nicht falsch verstehn! aber ich glaube, Du hast ihn von Anfang an -nicht recht zu behandeln gewusst, Mutterchen! - -FRAU SELICKE: Ja! 's is auch wahr! ... Er hätte nur so eine recht -resolute haben sollen! - -TONI: Ach, nein! So meinte ich's nicht! ... Ach! - -FRAU SELICKE: Nein! 's ist ja wirklich wahr! ... Da soll man sich nun -nicht empören! ... Hier liegt das arme Kind krank, man weiss nich vor -Sorgen wohin? Andre Leute freuen sich heute, und wir ... Na! und dann -soll man ihm auch noch freundlich entgegenkommen? ... Das _kann_ ich -einfach nicht! Das _kann_ ich nicht!! .... - -TONI (seufzend): Aber dann würde er sicher anders sein, wenn Du Dich ein -bischen zwängst, Mutterchen! ... Er ist ja im Grunde eigentlich gar -nicht so schlimm, wie er thut! - -FRAU SELICKE: Er hat mich die ganzen Jahre her zu schlecht behandelt! -Ich _kann_ mich nicht überwinden, freundlich mit ihm zu sein! - -TONI: Ach ja, ja! (Kleine Pause. Holt aus dem Tischchen links ihr -Nähzeug vor, setzt sich einen Stuhl an den Sophatisch und beginnt zu -nähen.) - -FRAU SELICKE: Willst Du heute noch nähen? - -TONI: Ja, ein bischen! - -FRAU SELICKE: Ach! das ist nun Heiligabend! Das sind Festtage! .... So -ein trauriges Weihnachten haben wir wirklich noch nie gehabt! - -TONI: Na! Eine kleine Freude macht er Linchen und den Jungens doch! Und -wir Andern? Liebe Zeit! ... - -FRAU SELICKE (gähnt): Ach, bin ich -- müde! ... Nächtelang hat man kein -Auge zugethan und mein Fuss thut auch wieder so weh .... - -TONI: Ja! Leg Dich ein bischen hin, Mutterchen! Du strengst Dich -überhaupt viel zu sehr an! Das solltest Du gar nicht! - -FRAU SELICKE: Ja ja! Du hast eigentlich auch recht! Ich will mich 'n -bischen schlafen legen! (zum Bett hin.) Ach, mein Mäuschen! (Ist -aufgestanden, hat ihr Strickzeug zusammengewickelt und es mit der Brille -auf den Tisch gelegt.) Heute Nacht hat man ja doch wieder keine Ruhe! -Das weiss ich schon! Ach ja! ... (Gähnt. Schon in der Kammerthür.) Ja, -und nun geht Herr Wendt auch schon zu den Feiertagen, und eh' man dann -wieder 'n Miether kriegt! .... Ach Gott ja! ... Na! ... (verschwindet in -der Kammer.) - -TONI (über ihre Arbeit gebückt, allein. Pause. Ab und zu seufzt sie. -Fernes Glockengeläute, das eine Zeit lang während des Folgenden -fortdauert. -- Es klopft an Wendt's Thür. Toni zuckt leicht zusammen. -Dann): Herein? - -WENDT (tritt ein): Störe ich? - -TONI: O nein! ... Wünschen Sie etwas? - -WENDT (zum Tisch tretend): Ich? ... Nein! (Sieht ihr einen Augenblick -zu.) Sie arbeiten heute noch? - -TONI: Ja! 's hilft nichts! Ich muss in den Feiertagen damit fertig -werden! - -WENDT: In den Feiertagen? ... Mit ... mit all den Mänteln da? - -TONI (lächelnd): Ja! Ein tüchtiges Stück Arbeit ist es! .. Hören Sie? -Die schönen Weihnachtsglocken! - -WENDT (während er sich ebenfalls einen Stuhl holt und diesen neben den -Tonis stellt): Ja! Die Weihnachtsglocken! Die Weihnachtsglocken! - -TONI: Hören Sie das Glockengeläute nicht gern? - -WENDT: Die Berliner Glocken sind schrecklich! So eilig! So ... so ... -eh! (macht eine Handbewegung.) - -TONI: Wie? - -WENDT: Ach! So -- nervös, mein ich! - -TONI: Nervös? Ach! - -WENDT: Nein! Ich höre die Glocken hier nicht gern! - -TONI: Sie wollen doch aber nun Pastor werden? - -WENDT: Ja! - -TONI: Zu Weihnachten klingen sie immer schön, find' ich! ... Als ich -noch ganz klein war, ging der Vater mit uns am ersten Feiertag Morgen in -die Christmette. Ganz früh. Wir wurden dann tüchtig eingemummelt und -jedes hatte ein kleines Wachsstöckchen. Das wurde in der Kirche -angezündet, und wenn wir dann wieder nach Hause kamen, kriegten wir -bescheert. Ich muss immer daran denken, wenn ich hier zu Weihnachten die -Glocken höre! ... Freilich so schön klingen sie nicht, wie bei uns zu -Hause! - - (Kleine Pause. Man hört nur ein wenig stärker und näher das - Geläute.) - -WENDT (ein wenig erregt): Ach ja! Das ... damals ... damals waren sie -... Weihnachten war schöner damals! ... Hm! -- (Beugt sich zu ihr hin, -ohne sie anzusehen.) Toni! Sagen Sie mal! - -TONI: Wie? - -WENDT: Ich meine ... hm! Ja! Ich musste -- nur eben wieder daran denken --- dass ich nun morgen, morgen schon von hier fortgehe! - -TONI (ohne aufzusehn): Ja! Sie bekommen ja nun -- eine Stellung! - -WENDT: Eine Stellung! (Sich zurücklehnend) Komme nun, sozusagen, in -geordnete, bürgerliche Verhältnisse. Ja! Eine Landpfarre! - -TONI: Auf's Land kommen Sie? - -WENDT: Ja, auf's Land! Auf's Land! - -TONI: Ach, das muss Ihnen gewiss recht angenehm sein! Es hat Ihnen ja so -wie so nicht mehr recht hier in der Grossstadt gefallen! - -WENDT: Ja, man lernt hier so viel kennen! ... Aber nun! Landpastor also! -... Eine lange Pfeife, wie der Herr Kopelke sagt, eine Bienenzüchterei -und ... und hahaha! - -TONI (sieht auf): Sie sagen das so sonderbar! Sind Sie mit Ihrer -Stellung nicht zufrieden? - -WENDT: Ach, das ... das ist ja gleichgültig! - -TONI: Gleichgültig? - -WENDT: Ach, das ... Es könnte freilich -- unter Umständen -- recht schön -sein! (Sieht Toni plötzlich voll an, diese bückt sich noch tiefer über -ihre Arbeit.) Aber ich wollte ja ... Ich meinte ... (er beugt sich -wieder zu ihr hin.) Alle die Mäntel müssen Sie nun also in den -- -Feiertagen nähen? - -TONI (leise ernst): Ja! Es macht freilich so mehr Mühe mit der Hand! -Aber mit der Nähmaschine geht's jetzt nicht, wo Linchen krank ist. - - (Pause.) - -Ja, das wird nun ... - -WENDT: Wie meinen Sie? - -TONI: Zwei Jahre haben ... Sie nun ... hier gewohnt! - -WENDT: Aber die Handarbeit ... das fortwährende Nähen muss doch Ihre -Gesundheit sehr angreifen! - -TONI (mit einem Lächeln): Ach, ich bin nicht schwächlich! Man muss nur -Ausdauer und ein bischen Geduld haben. - -WENDT (sich zusammenraffend): Geduld ... Ja! Toni! Ich wollte Sie nun -etwas fragen! ... Ich habe schon einmal ... Sie nahmen's damals für -Scherz ... und ich sah damals auch ein, dass ich noch kein Recht hatte -... Aber jetzt kann ich Sie ja mit mehr Recht fragen ... Jetzt, wo ich -in -- geordnete Verhältnisse komme! Ich meine ... wollen ... wollen Sie -mir auf meine -- Landpfarre folgen? (Das Geläute hört auf.) - -TONI: Sie ... ob ich -- Ihnen ... - -WENDT: Ja! Ob Sie mir jetzt folgen wollen? - -TONI: Ach ... (Sie bricht in Thränen aus.) - -WENDT: Sie weinen?! - -TONI: Warum ... das ist -- nicht Recht von Ihnen, dass Sie wieder davon --- sprechen! - -WENDT: Nicht Recht?! ... Warum?! ... Toni! Jetzt? - -TONI: Das -- geht ja doch nicht! Das geht ja nicht! - -WENDT: Das -- geht nicht?! - -TONI: Nein! ... Ach Gott! - -WENDT: Aber warum denn nicht? - -TONI: Ach Gott! - -WENDT: Es geht Toni! _Jetzt geht es!_ ... Wissen Sie: in diesen Tagen -fand ich hier ein Buch! - -TONI: Ein ... Buch? - -WENDT: Ein einfaches Büchelchen! ... Zwei Bogen gelbes Conceptpapier in -ein Stück blaue Pappe geheftet. Mit solchem weissen Zwirn da! Jemand -hatte es hier liegen lassen, aus Versehn! - -TONI (sehr verwirrt): Ein ... das ... - -WENDT: Ich habe darin gelesen! ... Es waren allerlei Notizen darin! -Tagebuchnotizen! Selbstbekenntnisse, die Eine für sich gemacht hatte, -die immer so still und bescheiden ist, alles mit sich selbst im stillen -abmacht und auskämpft! ... - -TONI (weint heftiger): Ach! ... Warum haben Sie darin gelesen? - -WENDT (rückt näher zu ihr und sucht ihr in's Gesicht zu sehen): Ich war -sehr, sehr glücklich, als ich das Alles las! - -TONI: Ach! Ich ... aber ich _darf_ doch hier nicht fort! - -WENDT: Du _darfst_ nicht?! Toni! Bist Du ... ich meine: Kannst Du's hier --- aushalten?! Bist Du hier glücklich?! - -TONI (immer noch weinend): O Gott! O Gott! - -WENDT (sehr erregt): Nein! Nein! Das ist unmöglich, Toni! ... Ich habe -vorhin, drin in meinem Zimmer, gehört, was Du mit Deiner Mutter -sprachst! Ich habe mehr als zwei Jahre hier gewohnt und alle die Scenen -mit angehört, die furchtbaren Scenen! ... ich habe Euer ganzes, -unglückliches Familienleben kennen gelernt! Zwei Jahre lang hab' ich das -Alles gehört und gesehen! Zwei Jahre lang! Und es hat mich ... (Stöhnt -auf.) Und Du! Wenn man denken muss: zweiundzwanzig Jahre hast Du in alle -dem Elend gelebt und hast es ertragen müssen! Zweiundzwanzig Jahre! ... -Herr mein Gott! Zweiundzwanzig Jahre! - -TONI (verlegen -- trotzig): O, der Vater ist gut ... ein bischen -aufbrausend, aber ... Ach Gott! (Schluchzt.) - -WENDT (verbittert): Gut! Gut! (Lacht auf, zornig.) Nein! Nein! Du -_darfst_ nicht länger bleiben! Du _darfst_ nicht länger in diesem -traurigen Elend leben! Hörst Du! Du verdienst das nicht! Du passt nicht -hierher? - -TONI: Aber ich ... - -WENDT: Hast Du denn gar kein Bedürfniss nach Glück?! - -TONI (schüchtern, forschend): Glück?! Ich -- weiss nicht! ... Ich -- -verstehe Sie nicht! - -WENDT: Ach, ich spreche da! Ich ... ich meine: hast Du denn nicht -manchmal den Wunsch gehabt, hier wegzukommen, in ruhige, schöne -Verhältnisse? Wo Du nicht Tag für Tag -- Herrgott! -- _Tag für Tag!_ all -das Elend hier vor Augen hast? Wie? - -TONI: Aber ... - -WENDT (leise, etwas höhnisch): Ich habe auch _davon_ etwas in dem -kleinen, blauen Büchelchen gelesen! Siehst Du? Ich kenne Dich ganz -genau! Du bist auch nur ein Mensch! - -TONI: Ach! Warum haben Sie nur ... (Weint von neuem.) - -WENDT (fortgerissen): Nein! Es ist ja hier .... Das _kann_ ja kein -Mensch _ertragen_! Dein Vater: brutal, rücksichtslos, Deine Mutter: -krank, launisch; beide eigensinnig; keiner kann sich überwinden, dem -andern nachzugeben, ihn zu verstehen, um ... um der Kinder willen! -Selbst jetzt, wo sie nun alt geworden sind, wo sie mit den Jahren -vernünftiger geworden sein müssten! Die Kinder _müssen_ ja dabei zu -Grunde gehn! Und das ist _ihre Schuld_, die sie gar nicht wieder gut -machen können! Einer schiebt sie auf den andern! Keiner bedenkt, was -daraus werden soll! ... Und das nun schon lange, schrecklich lange Jahre -durch! Dabei Krankheit und Sorge ... Furchtbar! Furchtbar!! Wenn man -sich in den Gedanken versenkt ... tt! ... Nein, das ist alles zu, _zu_ -schrecklich! Das sind keine vernünftigen Menschen mehr, das sind ... Ae! -Sie sind einfach jämmerlich in ihrem nichtswürdigen, kindischen Hass! -... (Ist aufgesprungen und geht nun mit grossen Schritten im Zimmer -umher.) - -TONI (schluchzend): O, wie können Sie nur so von Vater und Mutter -sprechen! Sie sind Beide so gut! Wie können Sie das nur sagen! - -WENDT (sich mässigend. Setzt sich wieder zu ihr, den Stuhl noch näher zu -ihr rückend): O, ich ... t! ... _Höre_ doch nicht, was ich schwatze! Ich -..... Nein! Ich meine ... Du kannst doch _unmöglich_ hier _bleiben_! .. -Weine doch nicht, liebe Toni! Missversteh mich doch nicht! Ich meinte ja -nur! ... Sieh mal! Du musst Dich ja bei all' dem Elend _aufreiben_! Es -ist unerträglich, geradezu _unerträglich_, dass Du -- Du! -- hier -verkümmern sollst! ... Und mach Dich doch nicht stärker, als Du bist, -Toni! Ich _weiss_ es ja, Toni! Siehst Du? Ich _weiss_ es ja, dass Du -Dich hier heraussehnst! - -TONI: O, wenn man mal ... 'n bischen ... ungeduldig ist! ... Das habe -ich nur so -- hingeschrieben! - -WENDT: Nur so ...? Ach was! Das glaubst Du ja selbst nicht, Toni! Das -war ja ganz natürlich?! Ganz berechtigt?! - -TONI: Ach sprechen Sie doch nicht mehr davon! ... Ich bitte Sie! ... -Sprechen Sie nicht mehr davon! - -WENDT: Siehst Du? Du hast Angst, das zu hören! Aber doch! _Grade_ musst -Du das hören! Die Aufopferung muss doch ihre Grenze haben! ... -Zweiundzwanzig Jahre! Einen Tag nach dem andern, Jahr aus, Jahr ein, -immer dasselbe Elend, dieselbe Noth! Das ist ja geradezu der pure -Selbstmord! Nein! Du _musst_ hier fort! Du hast ein _Recht_, an Dich und -Deine Zukunft zu denken! ... Warum sollst Du hier verkümmern?! Warum?! -Was kann Dich dazu verpflichten?! ... Was hat Dein Vater und Deine -Mutter _gethan_, dass sie das verdienen?! Nun?! ... Haben Sie an Deine -Zukunft gedacht?! - -TONI: Ich ... ich weiss nicht! ... Ach, reden Sie doch nicht so! Sagen -Sie doch _das_ nicht! - -WENDT: Heute, am heiligen Abend, sitzst Du da in Angst und Bangen, wo -sich Jeder freut, und flickst Dich krank! Nein! Das ist -- empörend!! -Das ... Sieh mal, Toni! Warum sollte es nicht gehn? Thust Du ihnen denn -nicht selber einen Gefallen? Es muss ihnen doch nur lieb sein, wenn Du -»versorgt« bist?! Wenn sie einen »Esser wen'ger« haben? Ist Dein Vater -nicht vielleicht grade deshalb so, weil er sich über Deine Zukunft Sorge -macht? Hat er Dir nicht mehr wie einmal vorgeworfen, dass Du noch hier -bist? - -TONI: O, das _meint_ er ja nur so! - -WENDT: Soso! - -TONI: Und dann ... die Mutter! Ich kann doch die Mutter nicht hier so -allein lassen? Sie ist so krank und schwächlich! Sie kann mich garnicht -mehr entbehren! - -WENDT (eifrig, fasst ihre Hand): Ach, was _das_ anbetrifft; sieh mal ... - -TONI (horcht auf): Warten Sie mal! (Entwindet ihm ihre Hand, steht auf -und schleicht sich auf Spitzzehen zum Bett hin. Einen Augenblick -beobachtet sie die Kranke, dann kehrt sie wieder zurück.) Nein! ... Ich -dachte ... Linchen ... (Pause) ... Und ... (weint noch heftiger). - -WENDT (hat sie die ganze Zeit gespannt beobachtet und bricht nun -seufzend zusammen): Ach Gott ja! (Sich auf seinem Stuhl wieder -aufrichtend) Sieh mal! Was _das_ anbetrifft ... und ... Linchen ... Du -meinst Linchen? ... O, sie ist ja in den letzten Tagen ... man kann doch -unmöglich sagen, dass es grade schlimmer mit ihr geworden ist! .. -(schneller) Sieh mal! Wenn sie Dich nun versorgt wissen, ist ihnen doch -schon eine grosse Last genommen! Und dann könnten wir sie ja auch -unterstützen, nicht wahr? Und wenn erst ihre _äussere_ Lage etwas besser -ist, dann ist ja auch Vieles, Vieles gleich ganz anders! Und dann ... -ja, dann sind sie ja auch mit den Jahren -- dieses Zusammenleben so -gewohnt geworden! Nicht wahr? Sie würden vielleicht etwas _entbehren_, -wenn sie's anders hätten auf einmal, ich meine -- versteh' mich! -- wenn -sie's _ganz_ anders hätten! ... Der Mensch gewöhnt sich ja an das -Allerunglaublichste! - -TONI: Ach, nein ... nein ... - -WENDT (in höchster Aufregung, sich aber noch fassend): Toni! ... Ich -weiss nicht, Du hast so viele Bedenken, so viele ... Sag's! Sag's grade -raus! Hast Du das vielleicht -- _auch_ nur so geschrieben, dass ... dass -Du ... mich lieb hast? _Kannst_ Du mir nicht folgen, weil ... Du mich -... nicht lieb hast? - -TONI: Ob ich Dich ...? Aber ... o Gott! Was sag' ich! - -WENDT (freudig): O, nicht wahr? (Drückt ihr die Hand.) Liebe! - -TONI (schluchzt nur). - -WENDT (wieder sehr erregt): Und dann, liebe Toni, siehst Du? muss ich -Dir noch _etwas_ sagen! Ich bin ... ich weiss nicht ... aber Du musst -mich _recht_ verstehen, ich ... ich bin so gut wie -- todt! (Toni sieht -ihn erschrocken an und rückt in naivem Schreck unwillkürlich ein wenig -von ihm ab. Hat aufgehört zu weinen. Wendt spricht das Folgende immer -noch in grösster Erregung wie zu sich selbst.) Als ich zu studiren -anfing, da war ich frisch und lebendig, voll Hoffnung! Da glaubte ich -noch an meinen Beruf! Da hatte ich noch Ziele, für die ich mich -begeisterte! ... Aber das hat sich alles geändert! ... Seitdem ich -hierher gekommen bin in dieses ... in die Grossstadt, mein' ich ... und -all das furchtbare Elend kennen gelernt habe, das ganze Leben: seitdem -bin ich -- innerlich -- so gut wie todt! ... Ja! Das hat mir die Augen -aufgemacht! ... Die Menschen sind nicht mehr das, wofür ich sie hielt! -Sie sind selbstsüchtig! Brutal selbstsüchtig! Sie sind nichts weiter als -Thiere, raffinirte Bestien, wandelnde Triebe, die gegen einander -kämpfen, sich blindlings zur Geltung bringen bis zur gegenseitigen -Vernichtung! Alle die schönen Ideen, die sie sich zurechtgeträumt haben, -von Gott, Liebe und .. eh! das ist ja alles Blödsinn! Blödsinn! Man .. -man tappt nur so hin. Man ist die reine Maschine! Man ... eh! es ist ja -alles lächerlich! (Mit einer hastigen Bewegung zu ihr.) Siehst Du, liebe -Toni! Deshalb _kannst_ Du und _darfst_ Du einfach gar nicht »Nein« -sagen! Du bist meine einzige Rettung! ... Ich könnte ohne Dich keinen -_Tag_ mehr leben, oder ich müsste verrückt werden, einfach verrückt! Du -... Du bist das Einzige, woran ich nicht zweifle! Alles Andre versteh' -ich! Alles Andre ist mir so unheimlich klar und durchsichtig! Aber Du -... Du?! ... Wenn ich Dich so sehe, so still leidend, so geduldig, da -... möcht' ich Dich -- haben!! ... für Dich leben, verstehst Du? Und ... -Alles Andre ... hahaha! ... ich pfeife, pfeife drauf! ... Nur Du ... -Du!! ... (Sieht sie an, kommt plötzlich wieder zu sich und springt auf.) -Du! ... Was ... was hab' ich -- gesprochen? Du weinst?! Mädchen! ... -Herrgott! (Rückt ganz nahe zu ihr. Spricht das Folgende sehr sanft.) -Ach, siehst Du! Das war ja alles Unsinn, Thorheit! Ich weiss nicht ... -tt! ... Ich meinte ... siehst Du? ... man lernt so viel kennen in der -Welt, was einen niederdrückt, missmuthig macht ... so _manchmal_, mein -ich! ... Nicht wahr? ... Deshalb wirft man ja aber doch die Flinte nicht -gleich in's Korn?! ... Das geht Allen so! ... Ich meinte nur: wenn zwei, -so wie wir, sich zusammenthäten, dann würd' es ihnen leichter, das Leben -zu ertragen! ... So meint' ich! ... Ich habe da ... ich weiss nicht, wie -ich das alles so hingeschwatzt habe! ... Das ist ja alles -selbstverständlich! ... Es ist ja weiter gar nichts dabei! ... Es ist -ganz einfach! Weine doch nicht mehr, mein liebes, liebes Mädchen! .... -Nein, ich ... ich ... Narr! .... Beruhige Dich! ... Beruhige Dich doch! -... Hörst Du? ... Hab' ich Dich so erschreckt? - -TONI (rückt näher zu ihm, schmiegt sich an ihn): Nein ich ... ich -bedaure Dich so! - -WENDT (sie an sich drückend): Du -- bedauerst mich?! Mädchen! - -TONI: Kannst Du denn dann aber Pastor werden? - -WENDT (glücklich): Ach das ... das ist ja eine Form! Das ist Nebensache! - -TONI: Aber wenn Du nicht glaubst, dass ... wenn Du nicht an -- Gott -glaubst? - -WENDT: An Gott glaubst! ... Die Hauptsache ist, (innig) wir werden uns -dort beide auf dem Lande so wohl fühlen, so wohl! Wir werden so -glücklich sein! Nicht wahr? - -TONI: Aber ... - -WENDT: Wir leben dann still für uns in ruhigen, schönen Verhältnissen! -Wir werden ganz andere Menschen sein! Und dann sollst Du sehn, wie ich -den Leuten predigen werde! Der Katechismusgott soll dann erst lebendig -werden, lebendig! ... _Wir verstehen das Leben! Wir wissen, wie -miserabel es ist, aber wir haben dann auch, was mit ihm versöhnt! Und -das ist besser als alle Kanzelphrasen, wenn wir das den Leuten -mittheilen._ - -TONI: Aber ... ich weiss nicht ... wenn Du doch nicht wirklich glaubst -.....? - -WENDT: Kein offizieller Glaube, aber ein besserer, lebendigerer! ... -Lass nur! Du sollst sehen! ... Denke Dir: Eine herrliche Gegend! -Laubwald! Berge! Getreidefelder! Stilles, gesundes Landleben! .... Unser -Haus hinter der kleinen Dorfkirche, ganz von Weinlaub umrankt, mitten in -einem grossen Obstgarten mit einem Hühnerhof. Ringsherum eine grosse, -hohe Mauer und dadrin hausen wir, wir beide, ganz abgeschlossen von der -Welt, aber ohne Hass, und das ist die Hauptsache! Und wenn Du mir dann -Sonntags in den Talar hilfst und ich durch den kleinen Friedhof in die -Sakristei spaziere, dann sollst Du einmal sehen, was ich den Leuten -predigen werde! Sie sollen schon mit dem neuen Pastor zufrieden sein! -Nicht?! - -TONI (die ihm aufmerksam, vor sich hinlächelnd, zugehört hat): O, das -wäre schön! - -WENDT: Ja! Nicht wahr?! Nicht wahr?! - -TONI: Aber hier, was sollen sie denn hier anfangen? - -WENDT: Ach, das wird dann auch alles ganz anders! Du sollst sehen! ... -Albert hat dann ausgelernt und verdient mit zu. Walter wird ja auch bald -confirmirt und Du, Du bist dann »versorgt«: dann werden sie nicht mehr -so viel Grund haben ... - -TONI: Ach ja! Vielleicht! ... Ach, das wäre so schön, so schön! - -WENDT: Nicht wahr?! - -TONI: Ja, ja! Das ginge! Vielleicht! ... Dann würde es wohl hier besser -werden! - -WENDT: Sicher! Und dann ... Vergiss doch nicht! Dann sind _wir_ ja -_auch_ da! - -TONI: Aber Linchen! Wenn Linchen nur nicht immer so krank wäre?! - -WENDT (hastig): Ach, siehst Du ... sie ... sie ist ja .... - -TONI (zusammenschauernd): O Gott, wenn sie stirbt! - -WENDT: Stirbt? (Unruhig.) Ach, wie kommst Du nur darauf? - -TONI: Ach, weisst Du! Ich (weint) habe so wenig Hoffnung! - -WENDT: Aber ich bitte Dich! Du hörst ja! - -TONI: Ach ja, ja! ... Sie ist das Einzige, was Vater und Mutter haben! -Sie ist ihre einzige Freude! Wenn _sie_ nicht noch wäre ... Siehst Du, -das ängstigt mich so! Das wäre zu schrecklich! Zu schrecklich! (Vor sich -hinstarrend.) Wenn sie stirbt und wenn ich dann _auch_ noch fort wäre -... (Wirft sich ihm um den Hals.) Ach nein! Nein! Das _geht_ ja gar -nicht! Das _geht_ ja gar nicht! Dann wäre hier Alles noch viel, viel -schlimmer .... - -WENDT (sie sanft von sich loslösend): Aber wie kommst Du denn nur -darauf, liebe Toni? Es liegt ja gar kein -- Grund vor! Nein! Wir nehmen -sie dann später _zu_ uns, dass sie sich in der gesunden, schönen Luft -ganz erholen kann! Quäle Dich doch nicht immer so! Es wird und _muss_ -jetzt alles besser werden! Ich hab's so im Gefühl: wenn alles am -trostlosesten aussieht, wenn es gar nicht mehr schlimmer werden kann, -dann _muss_ sich alles zum Guten wenden! Nein! Du wirst glücklich -werden, wir alle! Du wirst dort auf dem Lande wieder aufleben! Es wird -eine ganz andre Welt sein! ... Du siehst ja alles nur so schwarz an, -weil Du _nie_, _nie_ in Deinem ganzen Leben etwas anderes als die Noth -hier kennen gelernt hast! - -TONI (aufseufzend): Ach ja! Das ist vielleicht auch wahr! - -WENDT (beugt sich über sie): Also, nicht wahr, Toni? - -TONI: Ja, ja! -- Wenn ... - -WENDT: Still! Still! (Küsst sie.) O, nun wird die Welt so schön werden! -So schön! - -TONI: Schön? ... Ach Gott ja! - -WENDT: Ja! Schön! ... Trotz alledem! (Küsst sie.) - -TONI: Lieber! (Erwiedert seinen Kuss.) - -WENDT (nach einer kleinen Pause. Scherzend): Fru Pastern! - -TONI (lächelnd): Ach Du! - - - - - Zweiter Aufzug. - - - Zweiter Aufzug. - - (Dasselbe Zimmer. Es ist Nacht, durch das verschneite Fenster fällt - voll das Mondlicht. Frau _Selicke_ sitzt wieder neben dem Bett und - strickt, _Toni_ arbeitet am Sophatisch, auf welchem hinter dem - grünen Schirm die Lampe brennt, _Albert_ sitzt neben ihr, liest, - blättert und gähnt ab und zu, _Walter_ steht vor'm Fenster, die Arme - auf das Fensterbrett gestützt.) - -WALTER (vom Fenster weg zu Frau Selicke hin): Mama! Er kömmt immer noch -nich! - -FRAU SELICKE (müde, etwas weinerlich): Ach ja! ... Na, heute können wir -uns wieder mal auf was gefasst machen. - -WALTER (sich an sie drängend, sie umfassend): Mamchen! Biste wieder gut -mit mir? ... Ja? ... Mamchen! - -FRAU SELICKE: Ja! ... Ja! ... Wenn Du nur nich immer so ungezogen wärst! - -WALTER: Ach Mamchen! - -FRAU SELICKE: Ja! ... Ja! ... 's is schon gut! .... Lass mich nur! - -WALTER (immer noch schmeichelnd): Sag, Mamchen! Biste nu aber auch -wirklich _ganz_ gut mit mir? - -FRAU SELICKE (lächelnd, abwehrend): Na ja! Ja, Du Schlingel! - -WALTER: Armes Mamchen! (Küsst sie und stellt sich dann wieder vor das -Fenster hin. Nach einer kleinen Pause, während welcher Albert sich -zurückgelehnt, die Arme gereckt und laut gegähnt hat.) Du, Albert! Au, -kuck mal! Drüben bei Krügers brennt noch der Weihnachtsbaum! - -ALBERT (hat sich faul erhoben und ist langsam, die Hände in den Taschen, -zum Fenster getreten): Ach wo, Du Peter! Is ja man 'n Licht in der -Küche! Wo soll denn jetzt noch 'n Weihnachtsbaum brennen? - -WALTER (ihn unterbrechend): Halt doch mal! Horch mal! Ging -- da nich -die -- Hausthür?! ... (Nach einer kleinen Pause, weinerlich.) Nee! Ach, -nu kann man sich _wieder_ nich hinlegen! - -ALBERT (gähnt faul). - -FRAU SELICKE: Leg' Dich doch schlafen! Das wehrt Dir doch Niemand! - -WALTER: Ach! ... (Wieder nach einer kleinen Pause.) Du, kuck mal, -Albert! Lauter goldne Flinkerchen hier auf'm Schnee! Wah? Das sieht -hübsch aus! - -ALBERT (missgelaunt): Ja, ja! - -WALTER: Ob e' was mitbringt, Mamchen? 'n Baum? - -FRAU SELICKE (ohne von ihrem Strickzeug aufzusehen): Werden ja sehn! ... -(Gähnt.) Hach ja! - -WALTER: Ach ja! Ich glaube! ... 'n Baum hab'n wir doch jedes Jahr -gehabt? Morgen früh könn'n wir'n ja immer noch anputzen! Wah, Mamchen? -Un wenn wir'n dann Abends anbrennen ... wah? - -FRAU SELICKE (müde, abgespannt): Ja, ja! - -WALTER: Na, un' Linchen bringt er doch auch was mit? Linchen? - -FRAU SELICKE: Na! Er wird wohl! (Zählt ihre Maschen, seufzt.) - -ALBERT (ist vom Fenster weg wieder auf den Tisch zugetreten): Nee, so'ne -Unvernunft von dem! (Mit einem Blick nach der Uhr.) 's is nu halb Zwei! - -TONI (sieht in die Höhe): Sprich mal nich so vom Vater! - -ALBERT (sich zu ihr auf's Sopha setzend und sie schmeichelnd um die -Taille fassend): Ach was, Tönchen! Sei man still! ... 's is doch wahr! -Näh mir lieber nächstens mal 'n paar Stege an die Hosen! He? ... - -TONI (ihn sanft von sich abwehrend): Ach, nich doch, Albert! Red' Walter -zu und geht beide zu Bett! - -FRAU SELICKE (unwillig vom Bett herüber): Ja doch! Stör' uns nich immer -und leg' Dich lieber hin für Dein unnützes Schmökern da! - -ALBERT: _Na_, was soll man denn machen! - -FRAU SELICKE: Statt den ganzen Tag, wenn Du frei hast, hier -umherzuliegen, könntest Du noch 'n bischen Sprachen lernen! Das braucht -'n Kaufmann heutzutage! Aber Du hast nich 'n bischen Lerntrieb! - -ALBERT: Ach was, Mamchen! - -FRAU SELICKE: Na, mach' doch, was Du willst! Mir kann's egal sein! ... -Mir wird so wie so bald alles egal sein! ... Ueberhaupt! Nenn' mich nich -immer Mamchen! Was denkste Dir denn eigentlich, Du Gelbschnabel?! - -ALBERT: Na, liebe Zeit! Was wollt Ihr denn nur! Ich thu' doch meine -Schuldigkeit im Geschäft! Da solltest Du erst mal andre junge Kaufleute -sehn! - -FRAU SELICKE: Na, ja ja! Is schon gut! Wissen ja! Lass uns nur -zufrieden! - -WALTER: Ach, nu kömmt er immer noch nich! - -FRAU SELICKE: Leg Dich zu Bett, Walter! Leg Dich zu Bett! - -WALTER: Ach nee! Ich kann ja doch nich schlafen, Mutterchen, wenn Vater -nich da is! - -FRAU SELICKE: O, und nun auch noch die _Schmerzen_ in meinem _Fusse_! -... Ich könnte laut _auf_schrei'n! ... Weiter nichts wie Elend und Sorge -und Aufregung hat man! Das ist das ganze bischen Leben! Wenn einen der -liebe Gott doch _endlich_ mal erlösen wollte! - -ALBERT (geht mit gesenktem Kopfe verdriesslich auf und ab. Die Hände in -den Taschen seines Jacketts): Nein, das is auch eine Wirthschaft hier! -Wenn man doch erst mal ... he! ... Sitzt man bis spät in die Nacht rein -und wagt kein Auge zuzuthun und am andern Tag is man dann janz kaputt! - -FRAU SELICKE: Ach, geh schlafen und predige uns nich auch noch was vor! -... Walter, leg Dich nun hin! - -WALTER (Sieht immer noch aufmerksam zum Fenster hinaus): Ach nein, -Mamachen! Ich warte noch! - -FRAU SELICKE: Na, warte man ... - -ALBERT: Ae was! Ich leg' mich hin! - -FRAU SELICKE: Das machste gescheidt! - -ALBERT (mürrisch): Jute Nacht! - -TONI: Gute Nacht! - -ALBERT (nimmt, während er am Sophatisch vorbei geht, von diesem eine -Streichholzschachtel, klappert damit und verschwindet in der Kammer, -nachdem er bereits auf der Schwelle ein Zündhölzchen angestrichen und in -das Dunkel hineingeleuchtet hat). - -FRAU SELICKE: Walter! - -WALTER: Ach, Mamachen! - -FRAU SELICKE: Ach was! Dummer Junge! .... Dir thut er ja nichts! - -WALTER: O ja! - -FRAU SELICKE: Ach, Dummheit! ... Leg' Dich hin! Geh! ... - -WALTER: Au, unten kommt einer! - -FRAU SELICKE (zusammenfahrend): Kommt e'?! - -WALTER (weinerlich): Is 'n andrer! - -FRAU SELICKE: Nein, so ein Mann! So ein Mann! ... Das kann er doch -wirklich nich verantworten! ... Walter! Geh' nun! - -TONI (hat ihr Nähzeug auf den Tisch gepackt, ist aufgestanden, an's -Fenster getreten und nimmt nun Walter an die Hand): Komm, Walterchen! - -WALTER (hat sie von unten auf umfasst und sieht zu ihr empor): Ach, lass -mich doch! Ich hab' ja solche Angst! ... Ich wart' hier lieber am -Fenster! - -TONI: Dann geh ich _auch_ nicht schlafen! Na? - -WALTER (weinerlich): Ach! -- (Macht sich von ihr nach dem Fenster zu -los.) - -TONI: Komm! - -WALTER: Gleich! (Sieht durch das Fenster.) Jetzt! (Lässt sich von ihr -nach der Kammer führen. Schluchzt. Während die Thür aufgeht, sieht man -noch das Licht brennen, das Albert sich angesteckt hat. Toni bückt sich, -küsst Walter und drückt dann die Thür wieder zu. »Gute Nacht!«) - -WALTER: Ach, lass doch die Thür 'n bischen auf! - -TONI: Na ja! ... So! ... (Eine Weile noch sieht man durch den Spalt das -Licht, dann verlischt es. Toni macht sich still wieder an ihre Arbeit.) - -FRAU SELICKE: Nein! So ein komischer Junge! Sich so abzuängstigen! ... -Ueber was man sich nich alles ärgern muss? ... Nein! ... Ach! Na -- ich -sage auch schon! ... - - (Kleine Pause. Im Bett Husten und Stöhnen.) - -LINCHEN: Ma--ma--chen! ... - -FRAU SELICKE (beugt sich über die Kissen): Ach, da biste ja wieder, -meine Kleine? - -LINCHEN: Warum -- kommt'n Papa noch nicht? - -FRAU SELICKE: Sei nur ruhig! ... Weine nicht! ... Rege Dich nicht auf, -mein Herzchen! Er kommt nun bald! ... Ach Gott, ja! - -LINCHEN: Er ist wieder -- betrunken! Nich wahr? - - (Toni lässt ihr Nähzeug sinken und sieht vor sich hin.) - -FRAU SELICKE: Ach nein! ... Nein doch, mein Herzchen! ... Er is nur -einen Weg gegangen! ... Er bringt Dir was mit! - -LINCHEN: Ach nein! ... Er will Dich nachher wieder schlagen! - -FRAU SELICKE: Ach, aber meine Kleine! ... Weine doch nur nicht, mein -Linchen! ... Gott, nein! ... Siehste, Du darfst dich ja nich aufregen?! -Du wirst ja sonst nich gesund? ... Nein, mein Mäuschen! Er hat nur ein'n -Weg gehabt! - -LINCHEN: Bringt er mir wieder Törtchen mit? - -FRAU SELICKE: Ja. - -LINCHEN: Ach Mamachen! Und 'ne neue Puppe möcht' ich auch so gerne -haben! - -FRAU SELICKE: Ja, die kriegst Du! Und auch wieder Wein! - -LINCHEN: Solchen süssen? - -FRAU SELICKE: Ja. - -LINCHEN: Aber weisst Du, Ma--machen .... es muss eine Puppe sein, die -... richtig sprechen kann ... - -FRAU SELICKE: Ja! So eine! - - (Toni hört die ganze Zeit über in Gedanken versunken zu.) - -LINCHEN: Auch ein'n ... Wagen ...? - -FRAU SELICKE: Ja? - -LINCHEN: Au! Denn ... fahr'n wir die Puppe immer spazier'n ...! Nich -wahr, Tönchen? - -TONI: Ja, liebes Kind! - -FRAU SELICKE: Ja, meine Kleine! Dann gehst Du wieder mit Tönchen -spazier'n! - -LINCHEN: Au ja! ... Bald -- Ma--machen? - -FRAU SELICKE: Ja! Bald! Ganz bald! - -LINCHEN: Morgen? - -FRAU SELICKE: Morgen? Aber, liebes Kind! Du musst Dich doch erst noch 'n -bischen erholen? .. Nich wahr? .. Aber diese Woche vielleicht! - -LINCHEN: Bestimmt? - -FRAU SELICKE: Ja! ... Bestimmt! - -LINCHEN: Ma--machen ... Ja? Ich -- werde doch ... wieder gesund? - -FRAU SELICKE: Ja, gewiss mein Mäuschen! ... Freilich! - - (Kleine Pause.) - -LINCHEN: Ma--machen? ... - -FRAU SELICKE: Hm? - -LINCHEN (lächelnd): Kranksein is hübsch! - -FRAU SELICKE: Ach Gott! .. Meine arme, dumme Kleine! ... Warum denn? -(Beugt sich zärtlich zu Linchen hin.) - -LINCHEN: Weil .. weil Du dann .. immer ... so ... gut bist ... - -FRAU SELICKE: O, aber mein Linchen! ... Bin ich denn sonst _nicht_ gut? - -LINCHEN: Liebes Mamachen? - -FRAU SELICKE: Was denn, meine Kleine? - -LINCHEN: Mamachen? - -FRAU SELICKE (rückt ihr etwas näher): Na? - -LINCHEN: Nich wahr .... Ma--machen? ... Du -- zankst nich mehr ... mit -mir .. wenn ich ... erst wieder ... gesund ... bin ... - -FRAU SELICKE: Ach, meine ... (küsst sie). - -LINCHEN: Hast Du ... mich ... lieb, Ma--machen? - -FRAU SELICKE: Ach, meine Kleine! - -LINCHEN: Bringt Papa ... ein' Baum mit ... und Lichter? - -FRAU SELICKE: Ja, Liebchen! Und morgen kommt der Weihnachtsmann! - -LINCHEN: Ei! ... Rück mich doch 'n bischen in die Höh', Ma--machen! - -FRAU SELICKE: Willst Du denn nicht wieder einschlafen, meine Kleine? - -LINCHEN (aufgeregt, hastig): Ach, ich ... bin ... gar nich ... müde ... -(Hustet) Ich .. bin .. ganz ... wohl ... Ma--ma--chen! - -FRAU SELICKE: Ach, der alte, böse Husten! ... Na so? (Hat sie ein wenig -hochgerückt.) - -LINCHEN: Erzähl' mir ... doch ... 'n bischen was! - -FRAU SELICKE: Ach, liebes Kind! ... Ich weiss nichts! (Seufzt.) - -LINCHEN: Ma--machen! ... Krieg' ich auch 'n neues Kleid ... wenn ich ... -wieder ... gesund bin? - -FRAU SELICKE: Ja! -- Aber sprich doch nich so viel, mein Liebchen! Es -strengt Dich so an? ... Komm! (Legt den Kopf neben sie auf das Kissen.) -Komm! Schlafe! Schlafe, mein liebes Täubchen! - -LINCHEN: Lieschen Ehlers sagt immer in der Schule zu mir: Ach pfui ... -Du -- hast so'n ... schlechtes ... Kleid! - -FRAU SELICKE: Ja! Tönchen soll Dir ein ganz neues machen! -- Komm! -- -Schlafe, meine Kleine! - -LINCHEN: Au! Wart' doch -- mal, Ma--machen! Meine -- Hand ... - -FRAU SELICKE: O, hab' ich Dir weh gethan, mein Püppchen? - -LINCHEN: Lieschen Ehlers is dumm! Nich wahr ... Ma--mach'n? - -FRAU SELICKE: Ja! Richtig dumm! ... - - (Kleine Pause. Frau Selicke hat fortwährend noch ihren Kopf auf dem - Kissen.) - -LINCHEN (schnell, aufgeregt): Und darf ich -- auch wieder -- mit Tönchen -zur -- Tante, auf's Land? ... wenn ich ... wieder gesund ... bin? ... -Ja? ... Weisste, dann ... suchen wir immer .. die Eier .. in der Scheune -.. Tante und ich .. Ma--mach'n! ... Ma--mach'n! Onkel sagt immer ... zu -mir: »Giv mi -- mol 'n -- Kuss, min lütt Deern!« ... (Lächelnd.) Mama! -'n Kuss! ... Aber -- er hat -- so'n Stachelbart! .. Das kratzt immer .. -Weisste, ich hab'n immer -- seine -- lange Pfeife gestopft ... und dann --- musst' ich -- immer essen, aber auch -- _immer_ essen! ... Sie -- -nudeln ein' orntlich! ... Au! Ich -- _konnte_ manchmal -- gar nich -- -mehr! ... Die alte -- Grossmutter -- sagt immer ... »Fat tau, Kind! -- -Fat -- drist -- tau!« -- Na, die -- haben's ja! -- Nich wahr -- -Ma--mach'n? -- Sie schlachten -- jedes Jahr -- vier Schweine! ... _Vier_ -Schweine! ... Ma--mach'n? Horch mal! (Lächelnd.) Einmal -- hat mir -- -Cousin Otto ... den Schweinsschwanz -- hinten an'n ... Zopf gebunden ... -un -- ich hab's erst -- gar nich gemerkt! ... Cousin Otto -- macht immer --- solche Dummheiten! -- Nich? -- Aber -- er is -- gut! -- Er hat mir -immer -- Weintrauben -- aus dem Garten -- gebracht ... Ja! ... - -FRAU SELICKE: Kucke, meine Kleine! Du wirst ja ganz munter? Aber sprich -lieber nich so viel, mein Häschen! - -TONI (hat während der Erzählung Linchens freudig überrascht aufgehorcht -und ist nun auch an das Bett herangetreten): Wie unser Linchen erzählt! -Siehst Du, Mama? Nun wird sie bald, bald gesund sein! - -LINCHEN (etwas ungeduldig): Na ja! ... Das -- werd' ich auch! - -TONI: Schön! Schön, mein gutes Herzchen! - - (Steht am Bett mit übereinandergelegten Armen und sieht zärtlich auf - Linchen herab.) - -FRAU SELICKE (die Toni zugenickt hat): Aber, hörst Du? Erzähl' lieber -_nicht_ so viel, mein Linchen! - -LINCHEN (schnell, aufgeregt): Nein ... wart doch mal ... Ma--machen! .. -Hör doch mal! ... Un Cousine Anna ... _Die_ hat Kleider?! .. _Kleider_ -hat die! ... Na, aber auch ... so viele! ... Sonntags ... weisst Du ... -wenn wir in die Kirche ... (Hustet.) - -FRAU SELICKE (angstvoll): Kind! Kind! - -LINCHEN: Ach ... das ... schadet nichts ... Ma--mach'n! ... So'n -- -bischen -- Husten noch! ... Das -- hört -- morgen wieder auf -- Nich? .. -Sonntags in der Kirche .. ein blaues, ein -- ganz -- himmelblaues .. mit -.. weissen Spitzen! ... Fein, Mamachen! ... Na ... aber auch _alle, -alle_ -- haben -- auf uns -- gekuckt! ... (Etwas ruhiger; nachdenklich): -Ach, wie hübsch -- ist es da -- Mamachen! ... Immer -- so still! ... -Aber -- viel Fliegen! ... Nich wahr, Mamachen? ... wenn es -- recht -heiss is ... Onkhel zankt nich'n -- einziges Mal -- mit Tante! ... Kein -Schimpfwort! ... Und Anna und Otto -- sind auch immer -- so artig! - -FRAU SELICKE: Liebes Herzchen! Du wirst ja ganz heiser! - -LINCHEN: Weisste ... sie wollten -- mich dabehalten! ... Sie wollten -mich -- gar nich -- wieder fortlassen! ... Tante sagte: ich sollte nu -- -ihre Tochter werden! ... Papa -- soll sich's ... überlegen! .. -(nachdenklich): Gut hätt' ich's da! ... Nich, Mamachen? ... (Sehr -lebhaft, sich steigernd): Aber Du -- und Papa -- sollen mich -- dann -immer -- besuchen! ... Aber -- ich ziehe nich hin, Mamachen! .... Nich? -... Ich ziehe nich hin! ... Ich bleibe -- hier! - -FRAU SELICKE: Uh! Dein Händchen brennt ja wie Feuer, mein liebes -Puttchen! ... So! ... So! ... Nich wahr, mein Herzchen? - -LINCHEN (nach einer kleinen Pause): Ach, Mamachen! Der schöne, schöne -Mondschein! - -FRAU SELICKE: Ja? - -LINCHEN (versucht zu singen): - - Wer hat die schönsten Schäfchen, - Die hat der goldne Mond ... - - (Sie bekommt einen Hustenanfall. Toni lässt ängstlich ihr Nähzeug - sinken.) - -LINCHEN: Ach! ... aah! ... aah! ... - -FRAU SELICKE: Mein armes Herzchen! Mein armes Herzchen! - - (Linchen liegt einen Augenblick still, von dem Anfall erschöpft.) - -LINCHEN: Ma--mach'n! - -FRAU SELICKE: Hm? - -LINCHEN: Ach! -- Ich ... möchte .. aufstehn! - -FRAU SELICKE: Aber Kind! - -LINCHEN: Es -- is -- so -- langweilig im Bette! (Wirft sich unruhig -herum.) - -FRAU SELICKE: Habe nur Geduld, meine Kleine! Morgen oder übermorgen -wollen wir mal sehn! Dann kannst Du wohl 'raus! - -LINCHEN: Aber auch ganz gewiss! - -FRAU SELICKE: Ja! - -LINCHEN (seufzt): Ich will auch -- nie wieder unartig sein -- Mamachen -... wenn ich wieder -- gesund bin! ... Ich gehe dann -- alle Wege! ... - -FRAU SELICKE: Ja, ja, mein Liebchen! Aber nich wahr? Nun schläfst Du -auch wieder! - -LINCHEN (schläfrig, immer leiser): Ach ja .. ja .. - -FRAU SELICKE (nach einer Pause): Sie schläft wieder! ... Ach, mein Fuss! -Mein Fuss! ... (Stöhnt auf.) - -ALBERT (aus der Kammer): Mama! Das geht einem ja durch Mark und Bein! - -FRAU SELICKE: Na wart' nur! ... Du solltst mal erst die Schmerzen -_haben_! ... O Gott! Was hat man nur vom Leben! ... - -ALBERT (aus der Kammer): Ach, nu fasst Du das wieder so auf! ... So -meint' ich's ja gar nich! - - (Toni ist zum Fenster getreten.) - -FRAU SELICKE: Hörst Du denn immer noch nichts, Toni? - -TONI: Nein! - -FRAU SELICKE: Ach Gott, nein! So ein Mann! Nicht ein bischen Rücksicht! -... Das ist ihm hier alles egal, alles egal! ... So ein alter Mann! ... -Er sollte sich doch nu schämen! ... Nein, wahrhaftig! Ich hab' auch nich -'n bischen Liebe mehr zu ihm! Aber auch nich 'n bischen! ... Für mich is -er so gut, wie todt! ... Ach ja! Ich kann wohl sagen: mir ist alles so -gleichgültig! Wenn das arme Würmchen nich noch wär'! ... Jahraus, -jahrein dasselbe Elend! ... Ach, ich kann wohl sagen: ich habe mein -Leben _recht_ satt! ... Is gar kein Wunder, wenn man gegen alles -abstumpft! ... Wie gut hätten wir's haben können! ... Wie leben andre -Leute in unsrem Stande! Wenn man so nimmt! Mohr's! ... Der Mann is 'n -einfacher Handwerker gewesen und hat jetzt sein schönes Haus! Und _die_ -Wirthschaft! Was haben _die_ Leute für 'ne Wirthschaft! ... Na, un bei -uns? ... Un _der_ will nun 'n gebildeter Mann sein! ... Nein, wie das -bei uns noch werden soll? ... Und an allem bin _ich_ Schuld! ... Ich -verzieh' die _Kinder_! Ich vernachlässige die _Wirthschaft_! Alles geht -auf _mich_! ... Und da sollen die Kinder noch Respekt vor einem haben! -... Ach Gott, nu sitzt man wieder hier und zittert und bebt! ... Und -wenn man nur nicht dabei so hinfällig wär'! ... - -WALTER (steckt den Kopf durch die Kammerthür): Mutterchen?! - -FRAU SELICKE (fährt herum): Was! ... - -WALTER: Mutterchen! Kommt er denn _immer_ noch nich?! - -FRAU SELICKE: Ach, Du?! -- Ich denke, Du bist schon lange eingeschlafen? -... Biste denn nur nich gescheidt, Junge?! ... Mach mal gleich, dass Du -wieder in's Bett kommst! Du willst Dich wohl erkälten?! Was?! - -WALTER: Ach, ich habe ja solche grosse Angst! - -FRAU SELICKE: Nein, so was! ... Leg Dich mal gleich hin! - - (Walter schleicht sich wieder zurück.) - -Ei, Du lieber Gott! Nein! ... In Schulden sitzt man bis über beide -Ohren! ... Nichts kann man anschaffen! ... Kaum, dass man das liebe -bischen Brot hat! ... Nein, das kann Euer Vater wirklich vor Gott nich -verantworten! ... Un dabei macht er sich selber ganz kaputt! ... Seine -Hände fangen schon ordentlich an zu zittern! Haste noch nich gemerkt? - -TONI (die währenddem wieder eifrig genäht hat, antwortet nicht.) - -FRAU SELICKE: Du armes Thier! Du wirst gewiss auch schön müde sein! ... -Ach nein, so ein Leben! So ein Leben! ... Hm! Womöglich is'm was -passirt?! ... Er hat vielleicht Streit gehabt! Er is ja so unvernünftig, -wie 'n kleines Kind! ... Ae! Ich sage auch! Das ganze Leben is -- -- -- -(Gähnt nervös, streichelt über Linchens Händchen.) Mein armes Würmchen! -Das arme, magre Händchen! ... Ach Gott, ja! Du sollst sehn, wir behalten -sie nicht! - -TONI: Ach, Mutterchen! - - (Toni tritt wieder an's Fenster.) - -FRAU SELICKE: Horch mal! ... Poltert's nich auf der Treppe?! - -TONI: Ach, wohl nur die Katze! - -FRAU SELICKE: Ach Gott, nein! (Erhebt sich und geht schwerfällig auf das -Fenster zu.) Wunderhübsch draussen! ... Aber der Himmel bezieht sich -wieder, wir bekommen andres Wetter! ... Ich spür's an meinem Fuss! ... -Nein, noch nichts zu sehn! Ach ja! - - (Geht wieder zurück und setzt sich.) - -Ich bin todtmüde! Wie zerschlagen! - -TONI: Da kommt wer! - -FRAU SELICKE: Ach Gott! (Fährt in die Höhe.) - -TONI: Er ist es! ... Endlich! - -FRAU SELICKE: Ach! -- Ach! -- Mein Herz! -- Mein Herz! Die Angst -drückt's mir ab! - -WALTER (aus der Kammer): Mutterchen! Kommt er?! - -FRAU SELICKE: Still! Schlaf! - -TONI: Er ist auf der Treppe! -- Hinten! (Sie ist auf Frau Selicke zu -getreten.) - -FRAU SELICKE: Ich renne fort! ... Ach! Wohin? - -TONI: Sei ruhig, Mutterchen! - -FRAU SELICKE: Ach, meine Angst! Meine Angst! ... Pass auf! ... Es giebt -'n Unglück! Das arme Kind! ... - -TONI (stützt sie): Beruhige Dich doch, Mutterchen! Er ist ja gar nicht -so schlimm, wie er immer thut! - -FRAU SELICKE: Ach, trotzdem! ... Meine Nerven sind ja so schwach! Alles -nimmt mich so mit! - -TONI: Der Vater ... Nein! 's is wahr .. hach! - -FRAU SELICKE: Mich schwindelt! ... Mir .. is .... zum Umkomm'n! (Stützt -sich gegen Toni.) Horch! ... Er kommt heut wieder hinten rum! Ach, mein -Herz! .. Mein Herz! .. Fühl mal! - -WALTER (aus der Kammer in höchster Angst): Mutterchen! Mutterchen! Es -pumpert gegen die Küchenthür! - -FRAU SELICKE: Ach Gott, ach Gott! Is der schwer! ... Ruhig, Walter! Sei -still, mein Junge! ... Thu, als ob Du schläfst! ... Toni, mach auf! - -TONI: Ja! Geh so lang' vorn raus, Mutterchen! Auf alle Fälle! (Toni ab -in die Küche mit der Lampe. Frau Selicke steht einen Augenblick nach der -Küche hin lauschend. Zittert. Presst beide Hände aufs Herz. Geht dann -auf die Flurthür zu. -- Es poltert in der Küche. Schwere Schritte. Eine -tiefe Bassstimme. Lustiges Lachen. -- Frau Selicke verschwindet schnell -im Flur. Die Küchenthür wird aufgestossen. Noch hinter der Scene die -Stimme Selicke's: »Na? .. _Tönchen_ .. _Tööönchen_ ..«) - -SELICKE (tritt in die Stube, welche in diesem Augenblicke nur vom -Mondlicht und von dem Licht der Lampe, das aus der Küche in die Stube -fällt, hell ist. Selicke: ein grosser, breitschultriger Mann mit -schwarzgrauem Vollbart. Schwarzer Sonntagsanzug unter dem offenstehenden -Ueberrock. Er schleift einen kleinen Christbaum hinter sich her; aus den -Taschen sieht Papier von Packeten und Düten vor. Unter den Arm hat er -eine grosse, weisse Düte gequetscht. Er ist angetrunken. Taumelt aber -nur sehr wenig und spricht alles deutlich, nur etwas langsam und -schwerfällig. Sagt in sehr guter Laune): Na?! ... Habt Ihr wieder kein -Licht. Ihr Tausendsakramenter. Ihr? ... Hm? ... (Lacht fortwährend leise -vor sich hin, nickt mit dem Kopf und macht ein pfiffiges Gesicht, als -wenn er eine Ueberraschung vor hätte. Toni kommt ihm mit der Lampe nach. -Setzt sie auf den Sophatisch.) Huaach! ... Ne! Wird man -- müde .. wenn -man so auf dem Weihnachtsmarkt rumläuft? ... (Lacht und blinzelt Toni -zu, die am Sophatisch in seiner Nähe steht.) ... 'n hübscher Baum -- -hbf! -- hä? ... Holt man morgen früh gleich die -- hb! -- Hütsche vom -Boden! -- Da! Nimm ihn _hin_! -- (Giebt Toni den Baum; thut scherzhaft, -als wenn er sie erschrecken wollte. Sie lächelt gezwungen und stellt den -Baum bei Seite. Er lacht, wendet sich dann zum Tische und fängt an seine -Taschen auszupacken; singt dabei: »_Nicht Ross', nicht Reisige_ ...« -sich unterbrechend): Wo sind denn ... die Jungens? - -TONI: Sie schlafen schon! - -SELICKE: Wie -- hb! -- Wie spät is denn -- eigentlich? - -TONI: Zwei. - -SELICKE (thut sehr erstaunt): Was -- Kuckuck! Zwei?! -- (Hebt, indem er -weiter auspackt, abermals an: »_Nicht Ross', nicht Reisige_«. Er nimmt -aus einer Düte zwei Pfannkuchen, geht damit auf die Kammer zu und ruft -mit gedämpfter Stimme): He! Walter! -- Walter! -- Willste noch 'n -Pfannkuchen? (Bekommt zuerst keine Antwort.) Na?! - -WALTER (in der Kammer, halb ängstlich): Ja! - -SELICKE: Da! Fang! (Wirft den Pfannkuchen nach Walters Bett hin und -lacht.) Na, Grosser! Du auch? (Albert antwortet nicht.) Eh! Frisst 'n je -doch! Da! (Wirft auch ihm einen Pfannkuchen zu und geht dann vergnügt, -leise vor sich hinpfeifend, zum Tisch zurück.) Ja, ja! Die Jungens! -(»_Nicht Ross', nicht Reisige_ ...« -- Toni, die solange am Tisch -gestanden, hat abwechselnd ihn beobachtet und zur Flurthür hingesehn. Er -kramt wieder mit den Sachen. Holt das Portemonnaie vor, klappert mit dem -Gelde. Legt ein Goldstück auf den Tisch.) Hier! ... Da können wir beide -... morgen früh noch ... Einiges einkaufen ... gehn! Die Jungens könn'n -dann 'n Baum putzen ... und am Abend ... bescheer'n wir! ... Na? Was -machst' denn für'n Gesicht?! - -TONI: Ich? ... O, gar nicht, Vaterchen! - -SELICKE (misstrauisch): Ae! Red' nich! ... Das heisst: Kommste wieder -... so spät, he? ... Ja, -- ja, mein Töchterchen! .. Dein Vater darf -sich wohl nich mal'n Töppchen gönn'n? ... Was?! ... Ae, geh weg! Du -altes, dummes Fraunzimmer! ... Ja! Ich möcht' mal sehn ... wenn Euer -Vater ... nich wär'! ... Weisste, mein' Tochter? ... Mir geht viel im -Koppe rum! ... Ich sorge mich -- Euretwegen! ... Ja, ja! Wenn ich Dich -so _sehe_! ... Wie sind _andre_ Mädchen in Deinem Alter! -- - - (Die Flurthür öffnet sich ein wenig. Frau Selicke lauscht durch den - Thürspalt). - -Du liegst Dein'm Vater immer noch -- auf'm Halse! ... Ja, ja! ... Ae! -Du! ... Geh weg! ... Ich mag Dich nich mehr -- sehn! ... (Für sich, -indem er seitwärts tritt und an seinem Rocke herumzerrt, um ihn -auszuziehen.) Ae! Is das -- 'ne Hitze? ... - -(Toni versucht ihm beim Ausziehen des Rockes behilflich zu sein. Selicke -brummt missgelaunt vor sich hin): Mach', dass Du wegkömmst! ... Ich -- -brauch' Dich nicht! (Toni hilft ihm dennoch. Er streift etwas die Wand. -Endlich hat sie mit zitternden Händen ihm den Ueberrock und dann auch -den Rock abgestreift und beides an die Knagge neben der Corridorthür -gehängt. Selicke steht nun in Hemdärmeln da. Streicht sich über die Arme -und schlägt sich dann, vor sich hin kichernd, mit der Faust auf seine -breite, gewölbte Brust): Ae! ... Ja? Siehste? ... Dein Vater is noch'n -Kerl! ... (Lacht.) Was meinste, mein' Tochter! ... Z--zerdrück'n könnt' -ich Dich mit meinen Händen! .. Z--zerdrücken! .. Das wär' am Ende auch --- das Beste! ... (Mit dumpfer Stimme, sieht vor sich hin) Ich häng' -Euch -- alle auf! Alle! .. Un dann -- schiess ich mich -- todt! ... -(Toni wankt ein wenig zurück nach der Flurthür zu. -- Selicke geht auf -die Kammerthür zu. Man hört Walter in der Kammer weinen). Na, was -- -haste denn, dummer Junge?! (Mit schwerfälligen Schritten, ein wenig -wankend, in die Kammer. Toni öffnet die Flurthür halb. Frau Selicke -steckt den Kopf in's Zimmer). - -FRAU SELICKE: So'n Kerl! So'n Kerl! - -TONI: Stille, Mutterchen! Stille! .. Um Gotteswillen! - -FRAU SELICKE: Das Kind, das arme Kind! - -SELICKE (in der Kammer): Komm, mein Sohn! .. Dein Vater hat Dich lieb! -.. Sehr, sehr lieb! ... Ja, ja, mein Junge! ... Er hat auch gesorgt, -dass Du was zu Weihnachten kriegst! ... Ja, wer sollte für Dich sorgen, -wenn Dein Vater -- nich wär'! ... Na, weine doch nicht! ... Was -- -weinste denn? ... Was?! Ae! Sei nich so dumm! ... Dummer Junge! - -FRAU SELICKE (in derselben Stellung, etwas mehr im Zimmer, mit Toni nach -der Kammer hinhorchend): Ach Gott, nun weckt er wieder die armen Kinder, -der Kerl! - -TONI (ängstlich): Geh wieder zurück, Mutterchen! Um Gotteswillen! - -SELICKE (in der Kammer): Ja, ich habe Euch -- hbf! -- doch -- lieb! ... -Alle! .. Ja, ja? ... Na? Wo ist denn Deine Mutter? -- Hä? - -FRAU SELICKE (tritt etwas zurück): Ach Gott, ach Gott! - -TONI: Geh wieder zurück, Mutterchen! - -SELICKE (in der Kammer, lustig): He! Alte! ... Wieder -- fortgehumpelt? -... Na, humple, humple nur hin! ... (Sucht ihre Stimme nachzumachen) ... -»Ach, die -- _arme_ Frau!« ... »Was _die_ -- für'n Mann hat!« ... »Ae! -_Die_ hat's mal schlecht!« - -TONI (drängt Frau Selicke zurück): Geh zur Thüre, Mutterchen! dass Du so -lange raus kannst, bis er schläft! - -FRAU SELICKE: Aber, das Kind! Das Kind! ... Ich kann doch nich ... - -TONI: Lass nur! Ich will schon sehn! ... (Drängt Frau Selicke sanft noch -mehr zurück.) Armes Mutterchen! - -SELICKE (in der Kammer): Die Alte ist Schuld, dass Dein Vater so spät -nach Hause kommt, mein Sohn! ... O, das ist ein Unglück! Ein rechtes -Unglück! ... Und der alte, grosse Schlingel da? .. Hui! hbf! ... Das -- -Schnarche nur! Aus Dir wird nichts, mein Sohn! Gar nichts! ... Huste -nich! ... Dummer Junge!! ... Was?!! ... Du willst ... - -FRAU SELICKE (schreit unterdrückt auf). - -SELICKE (kommt aus der Kammer. Frau Selicke zurück, schliesst die Thür): -Aeh! Da biste ja, mein süsses Weibchen! (Geht auf die Flurthür zu. -Unterwegs macht er aber Halt.) Hm? Mein P -- Putt ... hbf! ... P -- -Puttchen? ... Das arme Kind! ... Das arme Kind! (Er holt sich die Düte -vom Tisch und geht mit ihr auf das Bett zu. Walter lugt verstohlen um -den Thürpfosten. Man hört, dass jetzt auch Albert wach geworden ist. -- -Selicke bückt sich ein wenig über das Bett. -- Leise.) M-- Mäuschen! ... -Sch--läfste, mein armes -- Herzchen? ... Sst! ... Sie schläft, die -- -kleine Tochter! - -TONI (kommt ängstlich auf das Bett zu): Vater! - -SELICKE: Ich habe Dir -- was mitgebracht? ... K--Kuchen, Kind? -- -K--Kuchen? - -TONI: Vater! Sie wird ja wach! - -SELICKE (richtet sich auf): W .. _Was_ willst Du? Hä? - -TONI: Sie ist ja so krank! - -SELICKE (ihr nachäffend): »Sie ist so krank!« ... Ae! Hab' Dich doch, -alte Suse! -- »Sie ist so krank!« .. »Piep, piep, piep!« ... Ach, Herr -Jemine! ... Das arme Mädchen! Wie die sich vor ihrem Vater ängstigen -muss! -- Mach, dass Du wegkommst! ... Mag Dich nich sehn! (Die letzten -Worte zornig, bedrohend. Die Flurthür ist ein wenig aufgegangen. Frau -Selicke schreit auf). Aah! ... Sieh mal! .. Da steckste, mein süsses -Lamm? (Lacht, taumelt an Toni vorbei auf die Flurthür zu. Draussen wird -hastig die äussere Flurthür aufgerissen. Es poltert die Treppe hinunter. --- Selicke öffnet die Thür.) Na, so 'ne Komödie! ... Kuckt, wie die Alte -rennen kann (zeigt in das Entree) mit ihrem schlimmen Fusse! ... Ne! ... -Hähähä! ... Wie se humpeln kann! .. Hopp, hopp, hopp! ... Wie der Wind! -... Haste nich gesehn! ... Wie'n Schnelllöfer! ... (Lacht, schüttelt -dann aber plötzlich die Faust nach dem Flur, ruft unterdrückt) Du, altes -Thier! Du willst 'ne Mutter sein?! ... Ach, Du! -- Du! -- Du! ... -Unglücklich hast Du mich gemacht! Unglücklich! ... (Kommt zurück; -während er an Toni vorbeikommt) Na, Du? ... »Sie ist so krank!« ... Ae! -Weg! ... Lass mich vorbei! (Tappt wieder zum Bett und will sich drüber -bücken.) - -TONI (ihm nach): Vater! Lass jetzt das Kind! -- (Sie stösst ihm mit der -Hand gegen die Schulter). - -SELICKE (richtet sich in die Höhe.): Waaas?!! ... Waaas?!! Du -- willst --- Dich -- an Deinem _Vater_ -- vergreifen?! Waaas?!! ... I, nu seht -doch mal! (Kommt auf sie zu. Toni ist zurückgetreten und lehnt an der -Wand. Regungslos. Die Hände zusammengekrampft. Sie sieht ihm starr in's -Gesicht. Ihre Lippen zucken. Die Thränen laufen ihr über die Backen.) - -TONI: Pfui! Schäm' Dich! ... Du bist betrunken! - -SELICKE: I! Seht doch! ... Das liebe Töchterchen! ... O, Du bist ja ein --- reizendes Wesen! (Kommt noch näher auf sie zu.) - -WALTER (in der Kammer, ängstlich): Vaterchen! Liebes Vaterchen! - -SELICKE (sieht sich um. Bleibt wie verwirrt stehen): Na! Da -- heult -einer und da ... B--bin ich denn -- der reine -- Tyrann?! (Geht von Toni -weg.) Hm! ... Brr! ... So 'n Sausoff! ... (Geht zum Sophatisch, setzt -sich davor nieder und legt den Kopf auf die Arme. Eine Weile ist es -still. Toni beobachtet ihn und will Frau Selicke holen. Selicke scheint -einzuschlafen ... Nach einer Weile richtet er aber den Kopf in die -Höhe.) So 'n Weib! ... So 'n Weib! (Toni bleibt stehen.) So geht man nun -unter! ... (Sie legt die Hände vor's Gesicht. Bebt vor Schluchzen.) -»Ach, mein Fuss!« -- »Ach, mein Fuss!« -- Weiter weisste nichts! ... -Immer ich -- ich -- ich! -- Ich brauchte Dich nicht zu heirathen! -- 's -war mein guter Wille! -- Zu _dumm_ war ich! Zu _dumm_! -- Du alte ... -Ae! Du! -- »Wir sind so arm!« -- »Wir haben kaum's liebe Brot!« -- -»Nichts in die Wirthschaft!« -- Wer ist denn Schuld?! -- Wie kannst Du -mir das sagen! -- Verdien' Dir was, dann haste was! ... Ja! Fortrennen! -das kannste! -- Den Leuten was vormachen! Ja! Du armseliges Weib! ... -Ae! -- Du bist ja -- zu _dumm_! -- Zu _dumm_! So ein -- Unglück! -- Oh! -... (Ist eine Weile still. Toni will schon zur Flurthür. Fängt wieder -an.) »Wir müssen uns vor jedem schäm'n!« -- Hä! Du! -- Ich hatte mir das -anders vorgestellt! -- Ja, ja! -- Eine Ehe ist mehr! -- Ae, Du! -- Was -weisst Du, was eine Ehe ist! -- Du! -- Wie sind -- andre Frauen! -- Sieh -se Dir mal an! -- Aus .... _Nichts_ muss 'ne Hausfrau was machen können! --- Aber alles: _ich_! -- Alles der Mann! -- Ae! Sieh zu, wie Du uns -durchschleppst! -- Und die -- Kinder! -- Die armen, armen Kinder! -- O -Gott, was soll aus den'n werden! -- Verzogen sind sie, die lieben -Söhnchen! -- Und Du, Toni! -- Du! -- Du wirst akurat wie Deine Mutter! -Ja, ja? ... Ich habe Dich lieb gehabt, aber _Du_ hast _mich_ nicht lieb -gehabt! -- Du bist niedrig! Niedrig! -- Wir passten nicht zusammen! -- -Was will man nun machen?! -- Ae! -- Schleppt man das so mit sich! -- Ae! -Immer hin! -- Immer hin! -- Hui! -- Die armen Kinder! -- Die armen -Kinder! -- Und Du, mein liebes Mäuschen! -- (Seine Worte gehen in Weinen -über) Mein armes, liebes Mäuschen! - -TONI (in höchstem Schmerz): O Gott, o Gott! (Presst die Hände vor's -Gesicht.) - -SELICKE (zur Kammer hin): Ja, ja? -- Du! Grosser! -- Nimm Dir 'n -Beispiel an Deinem Vater! -- So was ist ein Unglück! -- Ein grosses, -grosses Unglück! -- Dein Vater war dumm, gut und dumm, mein Sohn! Aber -nicht schlecht! -- Er hat Euch -- alle lieb! -- Alle! -- Auch Eure -Mutter! -- Sie kann's nur nicht verstehn! -- Und das -- ist unser -Unglück! ... - - (Seine Worte gehen in ein dumpfes, undeutliches Murmeln über. Er - schläft ein. - - Vom Bett her das Rauschen von Kissen. Toni, die eben zur Flurthür - wollte, schrickt zusammen.) - -LINCHEN (ängstlich): Ma--mach'n .. Ma--mach'n! ... Aah! ... Aaaah! ... - -TONI (schnell zum Bett): Mein liebes Herzchen! -- Mama kommt gleich -wieder! - -LINCHEN: War -- Papa -- hier? - -TONI: Ja! Er schläft schon! - -LINCHEN: Hat er mir -- was mitgebracht? - -TONI: Ja, Liebchen. (Beugt sich zärtlich zu ihr.) Huh! Du fieberst ja, -mein Herzchen! Das ganze Kissen ist heiss! - -LINCHEN (unruhig): Ach -- nein! -- Ich bin -- wieder -- ganz munter, -Tönchen! -- Ich kann -- morgen -- aufstehn! -- 's is immer -- so schönes -Wetter! -- Und ich -- muss immer -- im Bett liegen ... - -TONI (kann nicht antworten. Horcht. Selicke schnarcht.) - -LINCHEN: Ach, 's is man gut -- dass -- Papa da is! -- Ich hatte schon -- -solche Angst! -- (Lächelnd.) Horch mal -- wie er schnarcht! -- Wie 'ne -Säge, was? Du -- weinst ja, Tönchen?? ... - -TONI: Ich?! Ach nein? - -LINCHEN: Du! -- Du! -- Er is wohl wieder -- betrunken?? - -TONI: O nein! Ich dachte gar, mein Liebchen! - -LINCHEN: Will er auch -- Mama -- nicht schlagen? - -TONI: Nein! I bewahre, mein Herzchen! - -LINCHEN: Ach nein! -- Das -- thut er auch nicht! -- Er macht immer -- -blos so! -- Nicht wahr? - -TONI: Freilich! Aber, schlafe wieder ein, mein Linchen! - -LINCHEN (unruhig): Ach nein! -- Ich kann gar nicht schlafen! -- Ich bin -ganz -- munter, Du! -- Du! -- Ist bald Morgen? -- Kann ich bald -- -aufstehn, Tönchen? - -TONI: Nein, Herzchen! Noch nicht! - -LINCHEN: Ach! -- Du! -- Du! - -TONI (besorgt): Was -- was ist Dir denn, mein Herzchen?! - - (Bückt sich zu ihr und fährt dann unwillkürlich wieder in die Höhe.) - -LINCHEN: Ach! -- Nichts! ... Du! ... - -TONI (sie gespannt, ängstlich beobachtend): Ja? - -LINCHEN (sehr unruhig): Wo -- is denn -- Mamachen? - -TONI (mit bebender Stimme): Warte! Ich rufe sie! - -LINCHEN (hastig): Ja! -- Ja! ... (Toni will gehen.) Du! -- Tönchen! -- -Die L -- Lampe -- brennt ja -- so trübe ... - -TONI (wendet sich erschrocken um): Aber -- n ... nein -- liebes -Mäuschen?! ... Sie -- ist ja -- ganz hell ...? ... (Steht da, wie -erstarrt.) - -LINCHEN (wie vorhin): Schraub -- doch -- hoch! ... Es wird ja -- ganz -- -dunkel ... - -TONI (mit unterdrücktem Entsetzen): Kind! ... (Wird leichenblass. -Schraubt mit zitternden Fingern an der Lampe. Wendet sich dann mit -wankenden Knieen zur Flurthür und öffnet sie. Vorsichtige Schritte.) - -FRAU SELICKE (zur Thür herein): Ist er denn ... - -LINCHEN (ängstlich, bang, angestrengt): Ma--ma--chen ... - -FRAU SELICKE (aufhorchend): Ja? -- Mein -- Kind?! ... - -TONI (bebend): Mutter! -- Komm! -- Schnell! -- Er schläft! -- Komm! -- -Linchen ... ich weiss nicht ... - -FRAU SELICKE (unterdrückt): Wa ... Was?! ... (Schnell zum Bette hin.) - -LINCHEN: Ma--ma--chen ... Ma--ma--chen ... - -FRAU SELICKE: Kind??? (Beugt sich forschend über das Bett. Starrt -Linchen an.) - -LINCHEN: Das -- Licht -- geht -- aus ... Das -- Licht -- geht -- ja ... -Ma--ma--chen ... Ach! Lie--bes -- Ma--ma--chen .... - -FRAU SELICKE (hastig, erregt vor sich hinflüsternd, während ihre Blicke -wie gebannt auf Linchen haften): Toni! Toni! ... - -TONI (neben ihr. Unterdrückt): O Gott .... - -FRAU SELICKE: Mein Liebchen! Mein süsses, süsses Liebchen! (Pause. -Todtenstille. Nur das leise Schnauben Selickes.) - -LINCHEN: Ach -- liebes -- Ma ........ - -FRAU SELICKE: Sie ... Sie ... stirbt! Ach Gott ... Mein Herzchen! -- -Mein Herzchen!! (Schreit auf. Stürzt sich über das Bett). - -TONI (schnell zum Tisch. Mit jagender Stimme): Vater! -- Vater!! - -ALBERT (aus der Kammer): Was ist denn??! - -WALTER (weinend aus der Kammer): Vaterchen! ... Vaterchen! ... - -FRAU SELICKE (leise wimmernd): Sie ist todt! ... Sie ist todt! ... - -ALBERT (mit Walter schnell zum Bett). - -Walter: Mutterchen! -- Mutterchen! ... } - } (gleichzeitig.) -Albert: Um Gotteswillen! } - -TONI (weinend): Vater!! -- Vater!! (Rüttelt Selicke.) - -SELICKE (aufwachend): Ae! -- Na! -- Lass ... Na ... (Hebt verdriesslich -den Kopf. Will wieder zurücksinken). - -TONI: Vater!! (Ihn, ausser sich, an den Schultern packend). - -SELICKE: Na -- ja doch! -- .. Was -- giebt's denn ... (Starrt um sich -und reibt sich die Stirn.) - -TONI (weint heraus): Linchen -- ist todt .... - -SELICKE (starrt sie an. Erhebt sich): Was -- Was ist mit -- Linchen?! - -TONI: Ach, sie ist -- todt .... (Schluchzt. Selicke wischt sich über die -Stirn.) - -SELICKE: L--Linchen?!! (Zuckt zusammen und geht auf das Bett zu. Toni -wankt ihm schluchzend nach. -- Selicke steht eine Weile stumm vor dem -Bett, dann bricht er schwer, mit einem dumpfen Stöhnen, auf dem Stuhl -zusammen. Die andern beobachten ihn stumm.) - -TONI (sich plötzlich auf ihn zustürzend und ihm die Arme um den Hals -schlingend): Lieber Vater! -- Mein lieber Vater ... - - (Währenddem geht Wendt's Thür auf und dieser tritt ins Zimmer.) - - - - - Dritter Aufzug. - - - Dritter Aufzug. - - (Dasselbe Zimmer. Durch die zugezogenen Fenstervorhänge bricht - bereits der Morgen. Auf dem Tische, auf welchem Selickes Einkäufe - liegen, brennt noch trübe die Lampe. Der Weihnachtsbaum lehnt noch - beim Sopha gegen die Wand. -- Draussen auf dem Treppenflur hört man - Kinder lärmen und spielen. Eine helle, unbeholfene Stimme singt ein - Weihnachtslied. Der Gesang wird oft durch Schreien, Jauchzen, Lachen - und den Ton einer Blechtrompete und dann wieder vom Sänger selbst - unterbrochen. Zuweilen ist er so deutlich, dass man die Textworte - hören kann: »Des freuet sich der Engel Schaar ...« Selicke sitzt vor - dem Bett in stummer, dumpfer Trauer. -- Toni steht etwas seitwärts - von ihm neben Frau Selicke und hat den Arm um sie geschlagen. Beide - beobachten ihn mitleidig. -- Walter hockt auf dem Sopha, weint still - vor sich hin, sieht dann wieder zum Bett und zu Selicke hin, gähnt - ab und zu aus Uebermüdung und zittert vor Frost. -- Albert steht - neben dem Weihnachtsbaum, zupft in Gedanken an den Nadeln herum und - schielt dabei ab und zu zum Bett hinüber.) - -FRAU SELICKE (mit müder Stimme, halb weinend): Die Lampe fängt an zu -riechen, Toni! ... Lösch aus! ... 's is hell draussen! ... Der Lärm auf -dem Flur! ... _Die_ kennen keine Sorgen .... - -TONI (löscht die Lampe aus und zieht dann den Fenstervorhang zurück. Das -Morgenlicht fällt grau durch die verschneiten Scheiben in's Zimmer. -- -Toni will auf die Flurthür zugehen und den Kindern verbieten, die -draussen immer noch lärmen; aber in diesem Augenblicke poltern sie -lachend, schreiend und blasend die Treppe hinunter. Der Lärm entfernt -sich unten im Hause und hört dann allmählich ganz auf.) - -FRAU SELICKE: _Die_ sind fidel! ... (Sie tritt zu Selicke hin und legt -ihm sanft die Hand auf die Schulter; mit mitleidiger, bebender Stimme): -Vater! ... (Selicke, der, das Gesicht in den Händen, die Ellenbogen auf -die Kniee gestützt, vor sich hinbrütet, achtet nicht auf sie.) Vater! -... Komm! ... Vater! ... (Ihre Worte gehen in Weinen über.) - -SELICKE (rührt sich; dumpf, mit zärtlichem Ausdruck): Du! ... Mein -Linchen! ... (Schluchzt unterdrückt.) - -FRAU SELICKE (lehnt ihren Kopf gegen seine Schulter und weint): Vater, -komm! ... Komm hier fort! ... - -SELICKE: Du! ... Mein Linchen! ... Warum _Du_? (Starrt vor sich hin.) - -FRAU SELICKE (immer noch in derselben Stellung): Komm. Vater! ... Wir -wollen uns von jetzt ab -- rechte Mühe geben ... Wir wollen vernünftig -sein ... Es soll nun anders werden bei uns .... Nich wahr, Vater? - -SELICKE (richtet das Gesicht in die Höhe und sieht sie mit einem todten, -ausdruckslosen Blick an. Frau Selicke starrt ihn eine kleine Weile -angstvoll an und richtet sich dann, den Schürzenzipfel vor den Augen, -wieder auf. Selicke, der sich schwerfällig erhoben hat, bückt sich über -das Bett und küsst die Leiche. Weich, zärtlich): Leb wohl! ... Leb wohl, -mein gutes Linchen! ... _Du_ hast's gut! ... _Du_ hast's gut! ... -(Betrachtet die Leiche noch einen Augenblick, richtet sich dann in die -Höhe und wankt gebrochen in die Kammer, während Walter auf dem Sopha -noch lauter zu weinen anfängt und Albert sich, mit dem Gesicht gegen das -Fenster gewandt, laut schneuzt.) - - (Kleine Pause.) - -FRAU SELICKE (wieder in Thränen ausbrechend): Warum hat uns -- der liebe -Gott das -- Kind genommen?! ... und ich ... und ich -- muss mich -- -weiterschleppen ... mit meinem Elend und meinem Leiden ... Ich muss mir -selber zur Last sein ... und ... Euch allen! ... Siehste? ... Als ich 'm -das eben sagte: er hat mich -- kaum angesehn! ... (Schluchzt krampfhaft -in ihr Taschentuch, in das sie sich, während sie sprach, geschneuzt hat. -Laut, sehnsüchtig): Ach, hol' mich bald nach, mein Linchen! Hol' mich -bald nach! ... - -TONI (sie sanft umfassend): Mutterchen! ... Sprich doch nicht so! ... -Was sollten wir denn dann machen, wenn ... Ach! ... - -FRAU SELICKE: Unser einz'ges ... unser einz'ges ... - -TONI: (Beisst die Lippen zusammen. Ihr Oberkörper zuckt von -unterdrücktem Schluchzen.) - -FRAU SELICKE: Was hat sie nun gehabt von ihrem armen, bischen Leben? ... -Und doch ... war sie immer ... so fröhlich und munter ... unsre einz'ge, -einz'ge Freude ... (Schluchzt.) Ach, was hatte man weiter von der Welt -...? ... - -TONI (drückt Frau Selicke an sich): Mutterchen! - -FRAU SELICKE: Was soll nu hier werden? ... Nun kann man sich nur gleich -aufhängen oder ... in's Wasser gehn ... - -TONI: Mutterchen! ... Ach Gott! ... - -ALBERT (tritt zu Frau Selicke hin und streichelt sie): Lass man, -Mutterchen! ... Es soll schon noch werden! ... - -FRAU SELICKE: Ja! Für Euch! ... Für Euch wohl ... Für mich is' es 's -beste, Linchen holt mich nach ... So bald als möglich! - -ALBERT: Nein, Mutterchen! ... Es soll Dir noch recht gut gehn! Warte -man! - -FRAU SELICKE (weinend): Ach, ja, ja ... - -TONI (ist wieder zu Walter gegangen und nimmt ihn bei der Hand): Walter, -komm! - -WALTER (müde): Mich friert so! - -TONI: Ja! Komm, mein Junge! ... Geh in die Kammer und leg' Dich hin! ... -Du hast die ganze Nacht nicht geschlafen! - -WALTER (steht auf; tritt mit Albert zum Bett. Beide betrachten -neugierig-ernst die Leiche. Walter weint.) - -TONI: Geh in die Kammer, mein lieber Junge, und schlaf'! - -WALTER (schmiegt sich an Frau Selicke): Mutterchen! ... Mutterchen! ... - -FRAU SELICKE: Ja, ja? ... Na ja, mein armer Junge! ... Geh, leg' Dich -schlafen! ... Du bist todtmüde! ... - - (Walter und Albert gehn in die Kammer.) - -TONI (tritt wieder zu Frau Selicke hin): Du solltest Dich auch 'n -bischen ruh'n, Mutterchen! - -FRAU SELICKE (nervös; bitterlich weinend): Siehste? ... Siehste, Toni? -... Kein Wort, kein Sterbenswörtchen hat er wieder für mich gehabt! ... -Er sah mich grade an, wie: na, was willst 'n _Du_? ... Wer bist 'n _Du_? -... Als ob ich 'n gar nichts anginge! ... Ach Gott! Was ist das für ein -elendes, elendes Leben gewesen die dreissig Jahre! ... Ach, wollt' ich -_froh_ sein, wollt' _ich froh_ sein, wenn ich an Deiner Stelle wäre, -mein Linchen! ... (Betrachtet die Leiche.) ... Sieh mal, Toni! ... Wie -hübsch sie aussieht! ... Wie schön! ... Sie lächelt ein'n ordentlich an! -... Wie schön weiss ... und wie ihre Haare glänzen! ... Ach, die lieben, -blonden Härchen! ... (Diese Worte gehen wieder in Weinen über.) Die -lieben, blonden Härchen! ... - -TONI (die neben ihr steht und den Arm um sie gelegt hat): Ach nein, -Mutterchen! Der Vater wird ganz anders werden! -- Er ist ganz verändert! -... - -FRAU SELICKE: Nein! Nein! Der wird _nie_ anders! In dem Blick ..., wie -er mich so ansah ..., da konnte ich so recht deutlich lesen: wenn _Du_ -'s doch wärst! ... Ach, und ich wollt 'm ja so _gerne_ Platz machen! -Weiss Gott im hohen Himmel! ... _Ach -- so -- gerne!_ - -TONI (traurig): Nein! _Das_ hat er _sicher_ nicht gedacht! - -FRAU SELICKE: So _gerne_ wollt' ich 'm den Gefallen thun! ... So _recht_ -aus _Herzensgrunde_ wünscht' ich das! ... Aber 's is, als ob der liebe -Gott grade _mich_ ausersehn hätte ... (Hat wieder zu weinen angefangen.) - -TONI: Nein, Mutterchen! Du musst nicht so was denken! ... Siehste, wir -müssen uns jetzt alle recht zusammenschliessen! ... Sei nur recht gut -und geduldig mit ihm ... Du sollst sehn, dann wird es besser ... dann -- -wird alles gut werden! - -FRAU SELICKE: Ach, _ich_ bin ja schon immer zu allererst wieder gut! ... -Ich bin ja immer jedesmal zuerst wieder zu ihm gekommen und freundlich -mit 'm gewesen! .... Ach Gott, schon um 'n lieben Frieden willen! .... -Ich sehne mich ja nach weiter nichts mehr, als nach 'n bischen Ruh und -Frieden ... nur ein _bischen_ Ruh und Frieden ... - - (Es klopft an Wendt's Thür.) - -FRAU SELICKE (halb für sich, sich erinnernd): Ach Gott, Herr Wendt! -(laut) Herein? - - (_Wendt_ tritt ein. Er ist bleich und sieht überwacht aus. Seine - Backen scheinen etwas eingefallen). - -FRAU SELICKE (weinend): Herr Wendt! ... Ach, an Sie hab' ich auch noch -nich denken können! ... Sie müssen ja gleich abreisen .... Mein armer -Kopf is mir ganz verwirrt ... - -WENDT: Oh ... (Macht eine abwehrende Handbewegung und tritt auf sie zu.) -Meine liebe, gute Frau Selicke ... (Drückt ihre Hand.) - -FRAU SELICKE (mit der Schürze an den Augen, ist mit ihm an's Bett -getreten. Kann kaum sprechen vor Weinen): Sehn Sie ... da ... - -WENDT (steht mit ihr in stummer Trauer vor'm Bett.) - -TONI: Mutterchen! Komm! - -FRAU SELICKE (sich die Augen trocknend, sich zusammennehmend): Ja, ich -will ... Um elf geht Ihr Zug, Herr Wendt? - -WENDT: Ach! (Handbewegung. Frau Selicke will auf die Küchenthür zu.) - -TONI (man merkt ihr grosse Ermattung an): Lass nur, Mutterchen! ... Ich -will das schon alles besorgen! Du musst unbedingt ein bischen ruhn! -Komm, Mutterchen! Komm! ... - - (Frau Selicke lässt sich willenlos von ihr langsam zur Kammer - führen. Toni drückt leise die Thür hinter ihr zu. Sie bleibt einen - Augenblick mit allen Anzeichen grosser Müdigkeit bei der Thür - stehen, nimmt sich dann zusammen und macht ein paar Schritte auf die - Küchenthür zu. -- Die Uhr schlägt neun.) - -WENDT (beim Bett, leise): Und heute -- wollt' ich -- mit Deinen Eltern -reden ... - -TONI (äusserst abgespannt): Was? .. Neun schon? ... Ach ja, ich muss ja -noch ... Sie müssen ja -- um elf -- fort ... - - (Sie geht mit müden Schritten, wie mechanisch, auf die Küchenthür - zu.) - -WENDT (wiederholend): Fort ... - -TONI (stehen bleibend, ihn mit ausdruckslosem Blick ansehend): Was? ... - -WENDT (mehr ängstlich, als überrascht): Und -- Toni! Du sagst »Sie«?! - -TONI: Wie? Ach so ... hab' ich ... Ach ja! (Mit einem müden Lächeln): -Das ist nun auch -- vorbei ... - -WENDT (wie vorhin): Vor ... vorbei?! - -TONI (wie im Selbstgespräch): Das ist jetzt nun -- alles -- anders -gekommen ... - -WENDT (seitwärts sehend): Toni! - -TONI: Ach! ... Ich bin ganz ... mir ist ... Ah ... - - (Sie sinkt in einem Anfall von physischer Schwäche gegen seine - Schulter.) - -WENDT (besorgt): Toni! ... Was ist Dir?! (Beobachtet sie ängstlich. Ihre -Augen sind geschlossen, um ihren Mund liegt ein gequältes Lächeln.) - -WENDT (besorgt): Herrgott! ... Liebe Toni! - - (Sie schlägt die Augen wieder auf.) - -WENDT: Ist Dir besser? - -TONI: Ja ... Es _war_ mir nur ... so ... ein Augenblickchen ... - - (Sie macht sich sanft von ihm frei.) - -WENDT (erfasst ihre Hand): Halt aus, meine gute, liebe Toni! ... Halt -aus! ... Nur noch eine Weile! .... Nur noch eine kleine Weile! ... Du -armes Mädchen! ... Alles ist so -- über uns hereingekommen! (Seufzt.) -Nur noch eine kleine Weile! ... Es wird alles gut! ... Es _muss_ ja -alles wieder gut werden! .. - -TONI (hysterisches Weinen.) - -WENDT: Toni!! - -TONI: Ach, mir ist ... (Fasst sich.) Ja! ... Wir dürfen jetzt nicht mehr --- daran denken! ... Ich habe das nicht nur so -- hingesagt! ... Das ist -nun -- vorbei! - -WENDT: Ach, Du weisst ja nicht, was Du .... Wir wissen ja nicht -- jetzt -... - -TONI (müde, gequält): Ach, wenn ich doch todt wär'! ... - -WENDT (nach einer Pause): Das -- ist dein ... - -TONI (bleibt stumm). - -WENDT: Du -- sagst das mit -- voller Ueberlegung? - -TONI (leise): Ja! - - (Pause. _Wendt_ stumm an dem Tisch, auf welchen er sich schwer - gestützt hat; _Toni_ neben ihm, ihn ängstlich beobachtend.) - -TONI: Du musst doch selbst sehn, dass es -- jetzt nicht mehr geht. - -WENDT: Mit voller Ueberlegung? ... Nein! -- Ach was! -- Das kannst Du ja -gar nicht! .. Siehst Du! Das kannst Du ja gar nicht! ... Es ist ja -unmöglich, dass wir die Verhältnisse jetzt klar übersehen können! ... - -TONI: Ach nein! ... Ich weiss ganz genau, wie jetzt alles kommen wird! -... Wir können und _werden_ uns nie heirathen! ... - -WENDT: Nie? ... - -TONI (traurig mit dem Kopfe schüttelnd): Nein! ... Nie! ... - -WENDT: Nie! ... (Er hat sich auf den Stuhl vor dem Tisch sinken lassen, -der noch von gestern Abend dasteht. Stumm, finster, den Kopf in beiden -Händen, vor sich hinstarrend.) - -TONI (beunruhigt, mitleidig): Siehst Du! ... Du musst doch _sehn_, dass -ich jetzt -- hier -- nicht fortkann! ... Ach, Du weisst ja! ... Du hast -ja gehört! ... Diese schreckliche, schreckliche Nacht! ... Ich kann, ich -_kann_ doch nicht anders! ... (Nachdenklich.) Wenn es jetzt auch so -_aus_sieht, als ob sie anders wären! Ach! Das scheint ja nur so! ... -(Traurig.) Das dauert ja doch nicht lange! Bei der nächsten Gelegenheit --- ist es wieder -- wie vorher, und -- und noch viel -- noch viel -- -schlimmer ... - -WENDT (dumpf vor sich hin): Noch -- _schlimmer_! ... - -TONI (ernst und traurig): Ja! ... Noch _schlimmer_! ... (Pause.) Ja, -wenn Linchen noch ... (Ihre Stimme zittert.) Wenn sie dem Vater so auf -den Knie'n sass beim Essen ... so neben ihm ... wenn sie sich an ihn -schmiegte ... und ihm -- was vorschwatzte ... oder: wenn sie sich -zankten ... wenn sie dann -- weinte ... und bat ... mit ihrem rührenden -Stimmchen ... Ach! Sie hat sie immer wieder heiter gemacht und -- -getröstet ... Ja! Aber jetzt ... (Ist in Weinen ausgebrochen.) Ach, Du -weisst das ja alles gar nich! ... - - (Pause.) - -Was soll werden? ... Sag doch selber! ... Zu uns nehmen -- könnten wir -sie ja doch nicht! ... Du weisst ja, wie er is! ... Und -- die Mutter -allein? ... Das lässt er nicht! ... Er hat sie ja viel, viel zu lieb! -... Er kann sich nicht von ihr trennen! ... Und unterstützen? ... (Sie -lächelt müde.) Das siehst Du ja selber: das kann ja gar nichts nützen! -... Darauf kommt es ja gar nicht an! ... Ach Gott! Ich darf gar nicht -daran denken! ... Die arme, arme Mutter! ... Und dann -- die andern! .. -Der arme Walter! ... Nein! (Leise.) Es ist ganz unmöglich, ganz -unmöglich, dass ich fort kann! ... Und -- das kann noch lange, lange -Jahre so fortdauern! ... - -WENDT (nach einer Weile, halb zu sich selbst, seitwärts, zwischen den -Zähnen): Und -- da musst Du Dich also -- opfern! ... - -TONI (nachdenklich): Die armen, armen Menschen! - -WENDT: Dein ganzes Leben in diesem Elend verbringen! Dein ganzes Leben! -... Das soll man ertragen?! ... (Ist aufgesprungen.) Das ist ja -unmöglich, Toni! Das ist ja unmöglich! - -TONI (sanft): Ach, doch! - -WENDT: Toni! - -TONI: Und wenn sie noch _schlecht_ wären! ... Sie sind aber so gut! Alle -beide! Ich habe sie ja so lieb! ... - -WENDT (leise; einfach constatirend, nicht vorwurfsvoll): Ja! Mehr als -mich! ... - -TONI: Ach, Du bist ja viel glücklicher! - -WENDT: Glücklicher? Ich?! - -TONI: Ja, Du! Du! ... Du bist ja noch jung und hast noch so viel vor -Dir! ... Aber sie haben ja gar nichts mehr auf der Welt! Gar nichts! ... - -WENDT (stöhnt auf). - -TONI (leise): Wir könnten ja _doch_ nie so recht glücklich sein! ... Ich -hätte ja keine ruhige Stunde bei Dir, wenn ich wüsste, wenn ich -fortwährend denken sollte, dass hier ... Nein, nein! ... Das wäre ja nur -eine fortwährende Qual für mich! ... Das siehst Du ja auch ein! - -WENDT: Ich? ... ein?! - -TONI: Ja! - -WENDT (zuerst vollständig fassungslos, dann): Gut! Dann bleib' ich hier! -... (Verzweifelt.) Ich habe den Muth nicht, ohne Dich, Toni! ... Toni! --- (Auf sie zu.) - -TONI (erschrocken, schon in seinen Armen. Flehend): Hier?! ... Nein! -Ach, nein! ... - -WENDT: Und wenn alles in _Stücke_ geht! - -TONI: O Gott! ... Ach, nein! ... _Nein!_ ... Deine Eltern ... - -WENDT: Meine Eltern?! -- He! -- Wohl mein Vater?! Dieser orthodoxe, -starrköpfige Pfaffe und ... Ae! Die ist mir ja auch nicht mehr das! ... - -TONI: O! - -WENDT (bitter): Ja, ja, meine liebe Toni! - -TONI: Und Deine Stellung? - -WENDT: Meine Stellung?! He! -- Was ist mir denn meine Stellung! -(Leiser.) Ich habe nur _Dich_, Toni! Nur Dich! ... - -TONI: Ach! -- Aber sieh doch ... Nein! Das würde Dir ja _auch_ nichts -nützen! - -WENDT: Nichts nützen?! - -TONI: Nein, nein! ... Ach, nein! Das geht ja nicht! ... Ach, das würde -ja alles ganz anders werden, als Du Dir's jetzt vorstellst! .... Du bist -ja nicht so an alles das gewöhnt! .. Und dann: eh' Du Dir dann wieder -eine _neue_ Stellung verschafft hast! ... Alles das! ... Nein, nein! ... -Es ist so _gut_ von Dir, so _gut_! Aber es nützte ja doch nichts! ... -Ach, siehst Du denn das gar nicht ein? - -WENDT (stöhnt schmerzlich auf). - -TONI (einen Einfall bekommend): Ach na ... Und dann -- siehst Du! ... -Eigentlich: wir haben ja noch gar nichts verloren? ... Später könnten -wir ja -- vielleicht -- immer noch zusammenkommen? - -WENDT (sie fest ansehend): Später? - -TONI (etwas verlegen): Nun ja? ... Ich ... - -WENDT (wie vorher): Später? - -TONI (mit einem gequälten Lächeln): Ich ... Nun ja -- Warum denn nicht? -Ich ... e ... Wir müssten vielleicht noch -- ein paar Jahre warten! ... -Aber unterdessen kannst Du ja ... (Sie hat während der letzten Worte -nach dem Bett hingesehn.) Hach?! (Ist zusammengefahren, sich fest an ihn -klammernd.) - -WENDT (mit zitternder Stimme): Um Gotteswillen! Was ist Dir denn, Toni?! - -TONI (wieder aufathmend und sich über die Stirn streichend): Mir war -- -als wenn sich -- im Bette dort etwas -- bewegte ... - -WENDT (gleichfalls unwillkürlich zum Bett hinsehend. Sucht sie zu -beruhigen): Du bist so erregt, Kind! - - (Pause.) - -TONI: Wir vergessen ... Wir müssen -- vernünftig sein! ... (Lächelnd.) -Ach! -- Sieh mal? -- Mir -- ist -- schwindlich! ... Ich bin -- doch -- -ein bischen -- angegriffen ... - -WENDT (sie stützend): Du hast Dich so erschrocken, Toni! ... - -TONI (mit mattem Lächeln): Lass nur! -- Es ist -- schon wieder gut! ... -(Sie ist mit gefalteten Händen vor das Bett Linchens getreten. Weint.) -Ja! -- Du siehst ... Mein liebes, liebes Linchen! ... Mein -Schwesterchen! ... - -WENDT (hinter ihr). - -TONI (weinend, wendet sich zu ihm): Sieh doch! - -WENDT (abgewandt): Toni ... - -TONI: Ich _bitte_ Dich! -- Ich _bitte_ Dich! -- - -WENDT (sie ansehend. Auf's Tiefste erschüttert. Hat ihre Hand ergriffen. -Demüthig): Toni! -- O, was bin ich gegen Dich! -- Wie muss ich mich vor -Dir schämen! ... - -TONI (abwehrend): Ach ... (Ernst.) Aber: wir dürfen nicht! Nicht wahr? - -WENDT (sich abwendend): Du hast recht! (Hat ihre Hand wieder fallen -lassen.) ... Ja! Du brauchst mich nicht! -- Du bist gross und muthig und -stark und ich so klein, so feig und -- so selbstsüchtig! (Beschämt.) Ich --- Thor ich! ... Ja! Du hast recht! -- (Seufzt tief auf.) Wir dürfen -nicht! ... - -TONI (seine Hand ergreifend und ihm die ihre auf die Schulter legend; -sieht ihm in die Augen): Nicht _wahr_, Gustav? ... Wir dürfen doch nicht -nur an uns denken?! - -WENDT (im tiefsten Schmerz. Ihre Hand drückend): Ach! -- Mädchen! -- - -TONI: Du bist so gut gewesen! ... Du hast's so gut mit uns gemeint! ... - -WENDT (gequält): Ist denn nur _keine, keine_ Möglichkeit?! ... -Herrgott!! ... - -TONI (schmiegt sich an ihn): Siehst Du: ich muss ja doch auch aushalten! - -WENDT (schmerzlich): Toni! -- Toni! -- - -TONI (immer in derselben Stellung. Wieder mit einem Lächeln): Ach, wenn -man so den Tag über arbeitet, weisst Du ... wenn man sonst gesund ist -und immer tüchtig arbeiten kann: da denkt man an nichts! ... Da hat man -keine Zeit, an was zu denken! ... Und Du -- Du weisst so viel! Du kannst -so viel nützen ... - -WENDT (düster): Ich? Nützen? - -TONI: Ach ja! - -WENDT: Nützen! ... Ja früher! Wenn ich noch wie früher wär'! ... Aber -jetzt?! Jetzt?! ... - -TONI: Ach, das ist ja nur so für den Augenblick! ... Du kannst glauben: -das ist nur so für den Augenblick! ... Wenn Du erst _dort_ bist ... Das -ist so ein schöner, schöner Beruf, Pastor! - -WENDT: Ich glaube an alles das nicht, womit ich die Leute -- trösten -soll, liebe Toni! Und ich kann nicht -- lügen! - -TONI (lehnt den Kopf an seine Schulter. Zu ihm auf): Aber wenn nun ... -Wenn Du mich nun ... Hättest Du _dann_ gelogen? - -WENDT: Wie meinst Du? - -TONI: Ich meine: Wenn Du mich -- geheirathet hättest und Du wärst dann -Pastor gewesen, dann hättest Du doch ebenso gut den Leuten was -vorgelogen, wenn Du überhaupt an das alles nicht _glaubst_? ... Du -sagtest doch gestern -- ich weiss nicht mehr, wie Du's ausdrücktest! ... -Aber -- ... Ja! -- Wir hätten dann, was mit dem Leben versöhnte! -- So -ungefähr! -- Es war so schön! ... - -WENDT: Mädchen! -- Mädchen! -- - -TONI: Ach, lass doch! -- Du hast dort zu thun und _ich_ -- hier! -- Und -wenn wir dann -- manchmal aneinander denken, dann -- wird es uns -leichter werden! ... Nicht wahr? ... (Mit mildem Scherz.) Ich will mal -sehn, wie oft mir das Ohr klingt! ... Ach ja! Wenn man nichts zu thun -hat, dann denkt man so an alles und dann sieht alles -- viel schlimmer -aus, als es ist! ... Aber wenn man arbeitet, dann schafft man sich alles -vom Halse! ... - -WENDT: Ja! Ja! Du hast wieder recht, wieder recht! ... (Sieht sie innig -an.) Ach Mädchen! -- Du wunderbares Mädchen! Wie könnt' ich jetzt ohne -Dich leben! ... - -TONI (ängstlich): O nein, nein! ... Das sagst Du ja nur so! -- Das wäre -doch schlimm, sieh mal, wenn Du das nicht könntest, wenn Du blos von -_mir_ abhingst! -- Lieber Gott! Ich bin ja so dumm! -- Ich weiss ja -nichts! - -WENDT: Ich meine nicht so! -- Du hast recht! -- H! ... Wir müssen uns -darein finden! - -TONI (freudig, sich an ihn drückend): Ach, siehst Du! -- Das ist gut von -Dir! Das ist _gut_! - -WENDT: Aber, nicht wahr? Ich habe Dich doch _gefunden_ und Du -- Du -machst mich jetzt zu einem anderen Menschen! ... Du hast mich überhaupt -erst zu einem gemacht, liebe Toni! ... - -TONI: Ach, ich! ... - -WENDT (innig): Ja! Du! ... Das Leben ist ernst! Bitter ernst! ... Aber -jetzt seh' ich, es ist doch schön! -- Und weisst Du auch warum, meine -liebe Toni? Weil solche Menschen wie Du möglich sind! -- ... Ja! So -ernst und so schön! ... (Streichelt ihr über das Haar.) - -TONI (leise, selbstvergessen, glücklich): Ach ja! ... Ach, aber das ist -gut von Dir! ... Ich wusste ja .... - - (Pause. Sie sehen sich in die Augen.) - -TONI (schmerzlich, sehnsüchtig aufseufzend): Ach, Du! ... - -WENDT (sie fest an sich pressend): Hm? Du! ... Toni! ... - -TONI (in Gedanken an ihm vorbeisehend): Ach ja! - -WENDT (schmerzlich): Toni! -- Toni! -- (Presst sie eng an sich.) - -TONI (mit erstickter Stimme): Still ... Sei still ... - -WENDT (verloren): Toni ... (Beugt sich über sie und will sie küssen.) - -TONI (mit erstickter Stimme): Lass! ... Ich -- höre -- die Mutter! ... -Ich muss nun .... Wir müssen nun daran denken! ... Nicht wahr? .. - -WENDT: Toni! Ich bleibe noch! ... Einen Tag! ... Einen einzigen Tag! - -TONI (wie vorher): Nein! ... Bitte! .. Bitte! .. _Mir_ zu liebe! ... - -WENDT: Ach! ... Leb wohl! ... (Küsst sie.) - -TONI (seinen Kuss erwiedernd, mit thränender Stimme): Leb -- wohl! .... -(Sie drückt sich gegen seine Brust.) Leb wohl! ... (Es klingelt. Toni -will aufmachen.) - -WENDT (hält sie zurück): Lass! _Ich_ werde aufmachen! -- 's wird wohl -nur der alte Kopelke sein ... (Er geht aufmachen. Toni zieht sich in die -Küche zurück.) - -KOPELKE (noch im Corridor): Danke scheen! Danke scheen! ... Juten -Morjen, werther, junger Herr! -- Na? Schon uf 'n Damm? ... Wie steht't -denn mit unse Kleene? -- Aha! Ick weess schon! ... Se schläft noch! -Scheeniken! ... - -WENDT: Nein, sie ... Bitte, treten Sie ein, Herr Kopelke! - -KOPELKE (tritt geräuschlos ein. Er hat ein kleines Packetchen unterm -Arm. Bleibt einen Augenblick bei der Thür stehen und sieht sich um): -Juten Morjen! ... Nanu?! Keener da?! ... Det is jo hier noch so 'ne -Wirthschaft?! ... (Zu Wendt hinter sich zurückflüsternd): Sagen Se mal, -et is doch nich etwa ... He?! ... - -FRAU SELICKE (lugt aus der Kammer): Ach, Sie sind's, Herr Kopelke? -(Tritt ein.) - -KOPELKE: Ja, ick! .... Juten Morjen, Frau Selicken! ... Ick wollt' mal -.... Sagen Se mal, et ... - -FRAU SELICKE (weinend): Ach, Herr Kopelke! .. - -KOPELKE (besorgt): Nanu?! Et is doch nich ... - -FRAU SELICKE (in Thränen ausbrechend): Ach! Nun brauchen Sie -- nicht -mehr -- Herr Kopelke .. - -KOPELKE (das Packetchen auf den Tisch legend): Det hat sick doch nich -- -verschlimmert?! - -FRAU SELICKE: Hier! ... Da! ... (Sie ist mit ihm an's Bett getreten). - -KOPELKE (steht eine Weile stumm da und giebt einige grunzende Laute von -sich). - -FRAU SELICKE: Diese Nacht um zwei ... - -KOPELKE (mit bebender Stimme): Biste todt, mein liebet Linken? .... -(Tritt zu Frau Selicke und nimmt ihre Hand.) Frau Selicken! ... Meine -liebe Frau Selicken! ... Det ... Sehn Se! .. Det ... Hm! ... Hm! ... (Er -hält einige Augenblicke, seitwärts sehend, ihre Hand. Plötzlich:) Wo is -denn Edewacht? - -FRAU SELICKE: Drin in der Kammer! .... Er sitzt da und -- und -- rührt -sich nich .. Wie todt! ... Ach Gott, ach Gott, ach Gott! ... - -KOPELKE: Hm! ... (Wendet sich wieder zum Bett und betrachtet die -Leiche.) Un ick dacht' ... Hm! ... Un ick hatt' ihr da -- noch 'ne -- -Kleenigkeit -- mitjebracht! ... Hm! ... Nu is det -- nich mehr -- -needig! ... Nu hat se det -- freilich -- nich mehr -- needig! ... Hm! -... Hm! ... - - (Toni tritt in die Küchenthür und sieht in die Stube nach Frau - Selicke.) - -Liebet Freilein! ... (Kopelke giebt ihr die Hand. Toni sieht still -seitwärts.) Liebet Freilein! ... (Toni geht zu Frau Selicke.) - -TONI: Mutterchen! Da bist Du ja schon wieder? ... Hast Du denn nicht ein -bischen _geschlafen_? - -FRAU SELICKE: Nein! -- Kein Auge hab' ich zuthun können! -- Nur so ein -bischen gedämmert! ... Wie's klingelte, war ich gleich wieder wach! ... -Haste denn Herrn Wendt ... - -TONI: Ja! Lass nur! Ich gehe schon! Leg' Dich aber wieder hin, -Mutterchen! Hörst Du? - -FRAU SELICKE: Ja, ja! ... (Toni geht in die Küche zurück.) Warten Sie, -Herr Kopelke! -- Ich werde meinem Manne sagen ... (Ab in die Kammer.) - -KOPELKE (tritt vom Bett zu Wendt hin, der die ganze Zeit über ernst bei -Seite gestanden hat): Die armen Leite! -- Die armen Leite! -- Jott! Ick -sag' immer: warum muss et blos so ville Elend in de Welt jeben? -- Ae, -Jottedoch! -- ... Sie woll'n nu heite ooch reisen? - -WENDT (zerstreut): Ja! -- Gleich nach den Feiertagen tret' ich meine -Stellung an. - -KOPELKE: Ja, ja! -- Det wird Ihn'n nu ooch so nich passen! -- Na, wissen -Se, werther, junger Herr! Det lassen Se man jut sind! Die Beffkens un -der schwarze Rock un det so: det is jo allens Mumpitz! -- Sowat macht 'n -Paster nich! Damit kenn'n Se sick trösten! -- Da sitzt der Paster! -Verstehn Se? Da! (Klopft sich auf die Brust.) ... Un denn, wissen Se: in -die zwee Jahre haben Se hier wat kennen jelernt, wat mennch eener sein -janzet Leben nich kennen lernt, un wat Bessres, verstehn Se, hätt Ihn'n -janich passirn können! ... Ick wünsch' Ihn'n ooch 'ne recht jlickliche -Reise! -- Wah mich immer sehr anjenehm, werther, junger Herr! Wah mich -immer sehr anjenehm! ... Un, Se kommen doch später hier mal widder her? -Wat? ... - -WENDT (nachdrücklich): Ja das werd' ich! -- Ueber kurz oder lang! ... -Ich danke Ihnen, Herr Kopelke! - -KOPELKE (ihm die Hand drückend): Scheeniken! Scheeniken! _Det_ is recht -von Sie! - - (Frau Selicke kommt aus der Kammer.) - -FRAU SELICKE: Es is nichts mit'm anzufangen! -- Gehn Sie nur selber zu -'m rein, Herr Kopelke! ... Ach Gott, ja! ... - -KOPELKE (nimmt ihre Hand): Kinder! -- Kinderkens! ... Lasst man jut -sind! Wir kommen ooch noch mal an de Reihe! ... (Verschwindet hinter der -Kammerthür.) - - (Draussen fangen die Glocken zum Frühgottesdienst an zu läuten. Das - Läuten dauert bis gegen Schluss.) - -FRAU SELICKE: Da läuten sie schon zur Kirche! ... Ach, wer hätte das -gedacht, dass Sie mal so von uns fortziehen würden, Herr Wendt! ... -Unter solchen Umständen! ... (Weint.) Lassen Sie sich's recht gut gehen! -(Giebt ihm die Hand.) Und grüssen Sie Ihre Eltern unbekannterweise recht -schön von uns! ... Erleben Sie bessere Feiertage -- und -- denken Sie -manchmal an uns .... - -WENDT: Ja! -- _Das_ werd' ich sicher, liebe Frau Selicke! - -FRAU SELICKE: Wo bleibt denn Toni? Sie haben ja gar nich mehr so viel -Zeit .... - -TONI (kommt mit Frühstück und Kaffeegeschirr; in der andern Hand trägt -sie ein Köfferchen. Im Vorbeigehn zu Wendt): Bitte! - -WENDT (nimmt ihr es ab und stellt es neben sich unter den Sophatisch): -Ich danke Ihnen .... - -FRAU SELICKE (mit der Schürze vor den Augen. Schluchzend): Ach Gott ja! -Ach Gott ja! - -TONI (hat das Frühstück in Wendt's Zimmer getragen und kehrt nun wieder -zu ihrer Mutter zurück. Sie umarmt sie und küsst sie. Zärtlich): -Mutterchen! -- Muttelchen! ... - -FRAU SELICKE (zu Wendt, immer noch schluchzend): Ja, grüssen Sie sie -nur! Grüssen Sie sie nur recht von uns! - -WENDT (ihre Hand ergreifend): Ich danke Ihnen, Frau Selicke! Ich danke -Ihnen! Für -- Alles! (Ihre Hand drückend.) Leben Sie wohl! (Zu Toni, die -mit dem einen Arm noch immer ihre Mutter umschlungen hält, ebenfalls -ihre Hand ergreifend.) Leben Sie wohl! Ich .... (Toni hat sich an die -Brust ihrer Mutter sinken lassen und vermag ihm nicht zu antworten. Ihr -ganzer Körper bebt vor Schluchzen.) - -WENDT (sich plötzlich über ihre Hand, die er immer noch nicht -losgelassen hat, bückend und sie küssend): Ich komme wieder! ... - - - Wilhelm Issleib (Gustav Schuhr), Berlin SW. 48 - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend -beibehalten. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Alle weiteren Korrekturen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 5]: - ... Kaulbach'schen Stahlstich »Lotte, Brod schneidend« hängt. ... - ... Kaulbach'sche Stahlstich »Lotte, Brod schneidend« hängt. ... - - [S. 8]: - ... Ah, gut'n Aben, Herr Kopelke! ... - ... Ah, gut'n Abend, Herr Kopelke! ... - - [S. 18]: - ... KOPELKE (mit krummgezogenen Puckel, sich schmunzelnd ... - ... KOPELKE (mit krummgezogenem Puckel, sich schmunzelnd ... - - [S. 21]: - ... dass das Licht der Lampe noch auf sie fällt): Ja ... - ... dass das Licht der Lampe noch auf sie fällt): Ja! ... - - [S. 26]: - ... Ich bin garnicht abergläubisch? Aber es ist doch ... - ... Ich bin garnicht abergläubisch! Aber es ist doch ... - - [S. 33]: - ... Elend leben! Hörst Du Du verdienst das nicht! ... - ... Elend leben! Hörst Du! Du verdienst das nicht! ... - - [S. 89]: - ... TONI (in Gedanken an ihn vorbeisehend): Ach ja! ... - ... TONI (in Gedanken an ihm vorbeisehend): Ach ja! ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Familie Selicke, by -Arno Holz and Johannes Schlaf - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FAMILIE SELICKE *** - -***** This file should be named 52892-8.txt or 52892-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/8/9/52892/ - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive. - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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