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-Project Gutenberg's Die Familie Selicke, by Arno Holz and Johannes Schlaf
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Die Familie Selicke
-
-Author: Arno Holz
- Johannes Schlaf
-
-Release Date: August 25, 2016 [EBook #52892]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FAMILIE SELICKE ***
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-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive.
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- Die Familie Selicke.
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- Arno Holz -- Johannes Schlaf.
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- Die
- Familie Selicke.
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- Drama in drei Aufzügen.
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- Vierte Auflage.
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- Berlin 1892.
- Verlag von Wilhelm Issleib (Gustav Schuhr).
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- Vorwort.
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-
-Am 8. April 1890, einen Tag später nachdem »Die Familie Selicke« über
-die »Freie Bühne« gegangen war, schrieb Theodor Fontane in der
-»Vossischen Zeitung«:
-
-»Die gestrige Vorstellung der »Freien Bühne« brachte das dreiaktige
-Drama der Herren Arno Holz und Johannes Schlaf: Die Familie Selicke.
-_Diese Vorstellung wuchs insoweit über alle vorhergegangenen an
-Interesse hinaus, als wir hier eigentlichstes Neuland haben. Hier
-scheiden sich die Wege, hier trennt sich Alt und Neu._ Die beiden am
-härtesten angefochtenen Stücke, die die »Freie Bühne« bisher brachte: G.
-Hauptmann's: »Vor Sonnenaufgang« und Leo Tolstois: »Die Macht der
-Finsterniss,« sind auf ihre Kunstart, Richtung und Technik hin
-angesehen, keine neuen Stücke; die Stücke, bezw. ihre Verfasser, haben
-nur den Muth gehabt, in diesem und jenem über die bis dahin traditionell
-innegehaltene Grenzlinie hinauszugehen, sie haben eine Fehde mit
-Anstands- und Zulässigkeitsanschauungen aufgenommen und haben auf diesem
-Gebiete dieser kunstbezüglichen, im Publikum gang und gäben Anschauungen
-zu reformiren getrachtet, aber nicht auf dem Gebiete der Kunst selbst.
-Ein bischen mehr, ein bischen weniger, das war Alles; die Frage, »wie
-soll ein Stück sein?« oder, »sind Stücke denkbar, die von dem bisher
-Ueblichen vollkommen abweichen?«, diese Frage wurde durch die
-Schnapskomödie des einen und die Knackkomödie des anderen kaum berührt.
-Ich darf diese Worte wählen, weil ich durch mein Eingenommensein für
-Beide vor dem Verdachte des Uebelwollens geschützt bin.«
-
-In seinem Buche: »Die Kunst«, Berlin, Gustav Schuhr, Herbst 1890,
-reproducirt der Jüngere von uns diese Stelle und fährt dann fort:
-
-»Ich citire hier diesen Absatz, weil es uns eine Freude ist, konstatiren
-zu können, dass es grade Theodor Fontane gewesen, der die jähe Kluft,
-die uns von aller bisherigen Bühnenproduktion trennt, Ibsen nicht
-ausgeschlossen, als _Erster_ wahrgenommen hat.
-
-Nichts kann uns in der That mehr lächeln machen, nichts zeugt mehr von
-der urkomischen Verwirrung, die wir Aermsten unter unseren verehrten
-Herren Kollegen, den Schreibern der Zeitungen, nun einmal angerichtet
-haben, als wenn man uns in seiner Herzensnoth, die nach Schablonen
-schreit, als Nachtreter der grossen Ausländer etikettirt.
-
-Möge man es sich daher gesagt sein lassen. In aller Ruhe, bewusst und
-aus unserer Ueberzeugung heraus. Uns ist darum nicht bange. Es wird
-dereinst erkannt werden: noch nie hat es in unserer Literatur eine
-Bewegung gegeben, die von Aussen her weniger beeinflusst gewesen wäre,
-die so von innen heraus gewachsen, die mit einem Wort _nationaler_ war,
-als eben grade diejenige, vor deren weiteren Entwicklung wir heute stehn
-und die mit unserm »Papa Hamlet« ihren ersten, sichtbaren Ausgang
-genommen. Die »Familie Selicke« ist das deutscheste Stück, das unsere
-Literatur überhaupt besitzt. Es ist auch nicht ein einziges Element in
-ihr und wäre es auch noch so winzig, das uns von jenseits der Vogesen
-zugeflogen wäre, von jenseits der Memel, oder von jenseits der Eider.
-Und wenn uns _nichts_ dafür ein Beweis gewesen wäre, nicht einmal die
-Thatsache selbst, die unerhörten Beschimpfungen, die damals auf uns
-niederprasselten, hätten uns hinlänglich darüber die Augen öffnen
-müssen. Sätze, wie: »diese _Thierlautkomödie_ ist für das _Affentheater_
-zu schlecht!« werden sicher nicht allzu oft niedergeschrieben, selbst in
-den bewegtesten Zeiten nicht. Und gar als das Stück erst angekündigt war
-in den Zeitungen, als acceptirt zur Aufführung an der »Freien Bühne«,
-schrieb dasselbe Blatt: ».... dann wird eben keine Frau, die auf
-Reputirlichkeit Anspruch erhebt, sich dort sehen lassen dürfen und die
-Herren werden sich in diese Vorstellungen hineinstehlen müssen, wie man
-das beim Besuche zweifelhafter Lokale thut.« Mit einem Wort: Es fehlte
-nur noch, dass man den Vorschlag machte, uns ins Irrenhaus zu sperren. O
-bêtise!
-
-Nun, dieser Vorschlag ist unterdessen, wenn allerdings auch noch nicht
-gemacht, so doch »in der That nur mit Mühe unterdrückt worden.«
-Vergleiche »Die Grenzboten.«
-
-Offen gestanden: aber es wäre uns doch lieber gewesen, der sogenannte
-Idealismus unserer verehrten Herren Gegner hätte sich als etwas Anderes
-entpuppt.
-
-Als _was_ er sich entpuppt hat?
-
-Nun, unserem Dafürhalten nach, als jene berühmte Heine'sche Wanze,
-»welche stinkt, wenn man sie tödtet.«
-
-_Berlin_, August 1891.
-
- Arno Holz.
- Johannes Schlaf.
-
-
-
-
- Personen:
-
-
- Eduard Selicke, Buchhalter.
- Seine Frau.
- Toni, 22 Jahre alt }
- Albert, 18 " " } ihre Kinder.
- Walter, 12 " " }
- Linchen, 8 " " }
- Gustav Wendt, cand. theol., Chambregarnist bei ihnen.
- Der alte Kopelke.
-
- _Zeit_: Weihnachten. _Ort_: Berlin N.
-
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-
-
- Erster Aufzug.
-
-
- Erster Aufzug.
-
- Das Wohnzimmer der Familie Selicke.
-
- (Es ist mässig gross und sehr bescheiden eingerichtet. Im
- Vordergrunde rechts führt eine Thür in den Corridor, im Vordergrunde
- links eine in das Zimmer Wendt's. Etwas weiter hinter dieser eine
- Küchenthür mit Glasfenstern und Zwirngardinen. Die Rückwand nimmt
- ein altes, schwerfälliges, grossgeblumtes Sopha ein, über welchem
- zwischen zwei kleinen, vergilbten Gypsstatuetten »Schiller und
- Goethe« der bekannte Kaulbach'sche Stahlstich »Lotte, Brod
- schneidend« hängt. Darunter im Halbkranze, symmetrisch angeordnet,
- eine Anzahl photographischer Familienportraits. Vor dem Sopha ein
- ovaler Tisch, auf welchem zwischen allerhand Kaffeegeschirr eine
- brennende weisse Glaslampe mit grünem Schirm steht. Rechts von ihm
- ein Fenster, links von ihm eine kleine Tapetenthür, die in eine
- Kammer führt. Ausserdem noch, zwischen den beiden Thüren an der
- linken Seitenwand, ein Tischchen mit einem Kanarienvogel, über
- welchem ein Regulator tickt, und, hinten an der rechten Seitenwand,
- ein Bett, dessen Kopfende, dem Zuschauerraum zunächst, durch einen
- Wandschirm verdeckt wird. Ueber ihm zwei grosse alte Lithographieen
- in fingerdünnem Goldrahmen, der alte Kaiser und Bismarck. Am
- Fussende des Bettes, neben dem Fenster schliesslich noch ein kleines
- Nachttischchen mit Medizinflaschen. Zwischen Kammer- und Küchenthür
- ein Ofen; Stühle.
-
- _Frau Selicke_, etwas ältlich, vergrämt, sitzt vor dem Bett und
- strickt. Abgetragene Kleidung, lila Seelenwärmer, Hornbrille auf der
- Nase, ab und zu ein wenig fröstelnd. Pause.)
-
-FRAU SELICKE (seufzend): Ach Gott ja!
-
-WALTER (noch hinter der Scene, in der Kammer): Mamchen?!
-
-FRAU SELICKE (hat in Gedanken ihren Strickstrumpf fallen lassen, zieht
-ihr Taschentuch halb aus der Tasche, bückt sich drüber und schneuzt
-sich).
-
-WALTER (steckt den Kopf durch die Kammerthür. Pausbacken, Pudelmütze,
-rothe, gestrickte Fausthandschuhe): Mamchen? darf ich mir noch schnell
-'ne Stulle schneiden?
-
-FRAU SELICKE (ist zusammengefahren): Ach, geh du ungezogner Junge!
-Erschrick einen doch nich immer so! (ist aufgestanden und an den Tisch
-getreten). Kannst Du denn auch gar nich'n bischen Rücksicht nehmen?!
-Siehst Du denn nich, dass das _Kind_ krank ist?
-
-WALTER (ist unterdessen auf's Sopha geklettert und trinkt nun
-nacheinander die verschiedenen Kaffeereste aus. Den Zucker holt er sich
-mit dem Löffel extra raus): Aber ich hab' doch noch solchen Hunger,
-Mamchen?
-
-ALBERT (ebenfalls noch hinter der Scene, in der Kammer, deren Thür jetzt
-weit aufsteht. Man sieht ihn vor einer kleinen Spiegelkommode, auf der
-ein Licht brennt. Knüpft sich grade seine Kravatte um. Hemdärmel.): Ach
-was, Mutter! Jieb ihm lieber 'n Katzenkopp un denn is jut!
-
-FRAU SELICKE (die jetzt Walter die Stulle schneidet): Na, Du, Grosser,
-sei doch man schon ganz still! Du verdienst ja noch alle Tage welche!
-Ich denk', Ihr seid überhaupt schon lange weg?
-
-ALBERT (ärgerlich): Ja doch! Gleich! Aber ich wer' mir doch wohl noch
-erst den Rock abbürschten können?
-
-FRAU SELICKE: Na ja, gewiss doch! Steh Du man immer recht vor'm Spiegel
-und vertrödle recht viel Zeit! Da werd't Ihr ja Euern lieben Vater
-sicher noch finden! Der wird heute grade noch auf'm Comptoir sitzen!
-
-ALBERT: Ach Jott! Nu thu doch man nicht wieder so! Vor Sechs kann er ja
-doch heute so wie so nich aus 'm Geschäft!
-
-FRAU SELICKE: So! Na! Und wie spät denkste denn, dass es jetz' is? (hat
-während des Streichens der Stulle einen Augenblick inne gehalten, den
-Schirm von der Lampe gerückt, die Brille auf die Stirn gerückt und nach
-dem Regulator gesehen) ... Jetz' is gleich Dreiviertel!
-
-ALBERT: Ach, Unsinn! Die jeht ja vor!
-
-FRAU SELICKE (für sich, fast weinend): Hach nee! Ich sag' schon! Sicher
-is er nu wieder weg, und vor morgen früh wer'n wir 'n ja dann natürlich
-nich wieder zu sehn kriegen! Nein, so ein Mann! So ein Mann! ...
-
-ALBERT (noch immer in der Kammer und vor'm Spiegel): Hurrjott, Mutter!
-Räsonnir' doch nich immer so! Du _weisst_ ja noch gar nich!
-
-FRAU SELICKE: Ach was! Lass mich zufrieden! Beruf' mich nich immer! Ich
-_weiss_ schon, was ich weiss! (unwirsch zu Walter) Da -- haste! Klapp se
-Dir zusammen und dann macht, dass Ihr endlich fortkommt! Aus Euch wird
-auch nischt!
-
- (Es klingelt.
-
- Einen Augenblick lang horchen beide. Frau Selicke ist
- zusammengefahren, Walter starrt, die Stulle in der Hand, mit offenem
- Munde über die Lampe weg nach der Thür, die in's Entree führt.)
-
-FRAU SELICKE (endlich): Na? Machste nu auf, oder nich?
-
- (_Walter_ hat die Stulle liegen lassen und läuft auf die Thür zu. Er
- klinkt diese auf und verschwindet im Entree.)
-
-ALBERT (der eben aus der Kammer getreten ist, in der er das Licht
-ausgelöscht hat. Zieht sich noch grade seinen Ueberzieher an. Aus der
-Brusttasche stecken Glacees, zwischen den Zähnen hält er eine brennende
-Cigarrette, an einem breiten, schwarzen Bande baumelt ihm ein Kneifer
-herab. Modern gescheitelt. Hut und Stöckchen hat er einstweilen auf den
-Stuhl neben dem Sopha plazirt. Zu Frau Selicke, indem er mit dem Fusse
-die Thür hinter sich zudrückt): Nanu? Das kann doch unmöglich schon der
-Vater sein?
-
-FRAU SELICKE (die sich wieder mit dem Kaffeegeschirr zu thun macht,
-unruhig): Ach wo!
-
- (Unterdessen ist draussen die Flurthür aufgegangen und man hört die
- Stimme des alten _Kopelke_: »Brrr ... is det heit 'n
- Schweinewetter!?« -- Die Thür klappt wieder zu, und jetzt schreit
- _Walter_ laut auf, ausgelassen: »Ach! Olle Kopelke! Olle Kopelke!«
- -- »Nich doch, Kind, nich doch; du thust mir ja weh! Du drickst mir
- ja! Du musst doch abber ooch heer'n! Da -- nimm mir mal lieber hier
- 'n bisken det Menneken ab! ... Brrr ... nee ... ä!«)
-
-ALBERT (zu Frau Selicke, sich die Handschuhe zuknöpfelnd): Ach, _der_
-alte Quacksalber?!
-
-FRAU SELICKE: Na, Du, Grossmaul, wirst doch nich immer gleich das Geld
-_geb'n_ für'n Docter!
-
-ALBERT (aufgebracht): Ach, Blech! Nich wahr? Nu fang wieder _davon_ an!
-...
-
-WALTER (noch halb im Entree): Au, Mamchen, sieh mal! 'n Hampelmann!
-Mamchen, 'n Hampelmann! (Er kommt mit ihm in's Zimmer getanzt. Zum alten
-Kopelke zurück): Wah? den schenken Se mir?
-
-KOPELKE (behutsam hinter ihm drein. Klein, kugelrund, freundlich,
-Vollmondsgesicht, glattrasirt. Sammetjoppe, Pelzkappe, Wollshawl):
-Sachteken! Sachteken!
-
-ALBERT (hat sich den Stock schnell unter den Arm geklemmt und sich den
-Kneifer aufgesetzt, affectirt): Ah, gut'n Abend, Herr Kopelke!
-
-KOPELKE: 'n Abend! 'n Abend, junger Herr! (Reicht Frau Selicke die Hand)
-'n Abend! (Nach dem Bett hin) Na? Und meine kleene Patientin? Ick muss
-doch mal _sehn_ kommen?
-
-FRAU SELICKE (weinerlich): Ach Gott ja! Na, ich kann wohl schon sagen!
-
-KOPELKE (sie beruhigend): Ach wat, wissen Se! det ... det ... e ....
-
-WALTER (hat sich unterdessen mit seinem Hampelmann abgegeben, ihm die
-Zunge gezeigt, »Bah!« zu ihm gemacht und tänzelt nun mit ihm um den
-alten Kopelke rum, diesen unterbrechend): Olle Kopelke! Olle Kopelke!
-
-KOPELKE (sanft abwehrend): Ach, nich doch, Kind! det 's jo unjezogen! Du
-musst nich immer Olle Kopelke sagen! Det jeheert sick nich!
-
-WALTER (Rübchen schabend): Oh ...! Olle Kopelke! ...
-
-ALBERT (wüthend): Hörst Du denn nich, Du Schafskopp? Du sollst still
-sein!
-
-WALTER (den Ellbogen gegen ihn vor): Nanu? Du hast mir doch jarnischt zu
-sagen?
-
-ALBERT (holt mit der Hand aus).
-
-FRAU SELICKE (mit dem Strickstrumpf, den sie unterdessen wieder
-aufgenommen hat, dazwischen): Nein! Nein! Nun sehn Sie doch blos! Die
-reinen Banditen! Das Kind! Das Kind! Nehmt doch wenigstens auf das Kind
-Rücksicht!
-
-ALBERT (der sich achselzuckend wieder abgewandt hat): Natürlich! So is
-recht! Bestärk' ihn man noch immer! Dem lässt Du ja Alles durchgehn! Der
-kann ja machen, was er will! Aus dem Bürschchen erziehst Du ja schon was
-Rechtes! Vater hat janz recht!
-
-FRAU SELICKE: Nein! Nein! Nu hören Se doch blos! Und da soll man sich
-nich gleich schlag_rührend_ ärgern?
-
-KOPELKE (zu Albert): Sachteken, werther junger Herr, sachteken ... (Zu
-Frau Selicke) Immer in Jiete, Mutter! Det ville Jehaue und det ville
-Jeschumpfe nutzt zu janischt, zu reenjanischt! ... Ibrijens ... (Er hat
-sich mitten in die Stube gestellt und schnuppert nun nach allen Seiten
-in der Luft rum) ... wat ick doch jleich noch sagen wollte ... det ...
-det ... riecht jo hier so anjenehm nach Kafffee? ... Hm! Pf! Brrr! ...
-Nee, dieset Schweinewetter?! Ick bin -- wahhaftijen Jott -- janz aus de
-Puste! (Er hat sich seinen grossen, dicken Wollshawl abgezerrt und
-schlenkert ihn nun nach allen Seiten um sich rum) Kopp wech! (Zu Walter,
-den er dabei getroffen hat) He? Wah det _Deine_ Neese?
-
-WALTER (der sich den Schnee von den Backen wischt, vergnügt lachend):
-Hohohoo!
-
-ALBERT (bereits äusserst ungeduldig, den Hut in der Hand): Na,
-jedenfalls ich jeh jetzt! Wir kommen ja sonst _wahrhaftig_ noch zu spät!
-
-FRAU SELICKE: Ja, ja! Macht man, dass Ihr fortkommt!
-
-KOPELKE (zu Albert): Aha! Wol zu Pappa'n uf't Contor?
-
-ALBERT (ausweichend): Ach! ja! Das heisst .. e .. wir wollten so ...
-blos 'n bischen vorbeijehn!
-
-KOPELKE (ihm mit einer Handbewegung gutmüthig zublinzelnd, verschmitzt):
-Weess schon! (Zu Frau Selicke, halb in's Ohr) Edewachten kenn ick doch?
-... (Wieder zu Albert) Na, denn ... e ... denn beeilen 'sick man! Sowat
-looft weg!
-
-ALBERT (schon unter der Thür stehend zu Walter, der sich eben seinen
-Hampelmann an die Jacke knöpft): Na, willste nu so jut sein oder nich?
-
-WALTER (giebt dem alten Kopelke die Hand): Atchee!
-
-KOPELKE: Atchee, mein Sohn, Atchee! Un jriess ooch Vatern!
-
-FRAU SELICKE: Na, und die Stulle? (Reicht sie ihm noch schnell nach,
-Walter beisst sofort in sie hinein) Und dann, sagt, er soll gleich
-hierherkommen! Sagt, Toni is auch schon da! Wir warten schon!
-
-ALBERT (hat die Thür bereits aufgeklinkt und macht nun zum alten Kopelke
-hin eine stumme, ceremonielle Verbeugung).
-
-KOPELKE: Wah mich sehr anjenehm, werther junger Herr! Wah mich sehr
-anjenehm! (Die Beiden verschwinden. Draussen im Entree schlägt _Walter_
-hin. Schreit. _Albert_: »Na, Du Ochse!«)
-
-FRAU SELICKE: Ei Herrgott! Was is denn nu schon wieder ... (Will auf die
-Corridorthür zu, draussen schlägt die Flurthür zu): Hach! Gott sei Dank,
-dass man die Gesellschaft endlich los ist!
-
-KOPELKE (sich die Hände reibend, schmunzelnd): Jo! Wahh is't! 'n bisken
-wiewe _sind_ se! Abber -- Jotteken doch! det is doch nu mal nich anders!
-det ...
-
- (Vom Bett her Geräusch und Husten.)
-
-FRAU SELICKE (wirft ihr Strickzeug in das Kaffeegeschirr und eilt auf
-das Bett zu): Ach, nein! Ich sag schon! Nu haben sie ja das arme Kind
-glücklich wieder wachkrakehlt ... Na, mein liebes Herzchen? ... Wie ist
-Dir, mein liebes Linchen, he? (Kleine Pause. Frau Selicke hatte sich
-übers Bett gebeugt, leises Stöhnen.) Hast Du Schmerzen, mein liebes
-Puttchen?
-
-LINCHEN (feines, rührendes Stimmchen): Ma -- ma -- chen?
-
-FRAU SELICKE: Ja, mein Herzchen? Hm?
-
-LINCHEN: Ma -- ma -- chen?
-
-FRAU SELICKE: Hast Du Appetit, mein Schäfchen? ... Nein? Ach, Du mein
-Mäuschen!
-
-LINCHEN: Ich -- bin -- so -- müde ...
-
-FRAU SELICKE: Ach, mein Herzchen! Aber, nicht wahr? Du willst jetzt noch
-einnehmen?! Onkel Kopelke ist ja da!
-
-LINCHEN: On -- kel -- Ko -- pel -- ke?
-
-KOPELKE (hat sein rothbaumwollenes Schnupftuch gezogen und schneuzt
-sich).
-
-FRAU SELICKE (halb zu ihm zurückgewandt): Wollen Sie se mal sehn? Ich
-misch' solange die Tropfen! (Lässt ihn an's Kopfende treten und mischt
-während des Folgenden am Fussende des Bettes, auf dem Nachttischchen,
-die Medicin).
-
-KOPELKE (hat sich jetzt ebenfalls über das Bett gebeugt.
-Täppisch-zärtlich): Na, Lin'ken? Kennste mir noch? Ach Jotteken doch,
-_die_ Aermken! Nich wah? Det -- watt doch mal, Kind, 'n Oogenblickchen!
--- Det ... thut doch nich weh? ... Na, sehste!! Ick sag' ja! det ... det
-is Allens man auswendig! Det 's janich so schlimm! Uf de Woche kannste
-all dreist widder ufstehn! Denn jehste for Mamma'n bei'n Koofmann! Denn
-jehste mit ihr uf'n Marcht! Inholen! He? Weesste noch? Uf'n Pappelplatz?
-Der mit 't Schielooge? »_Jungens_« sag' ick, »_Bande!_ Wehrt ihr wol det
-_Meechen_ sind lassen?« Abber da!! Heidi! Wat haste, wat kannste! ...
-Nich wah? Nu nehmste abber ooch sauber in? (Zu Frau Selicke, während er
-diese an's Bett treten lässt): Wat det Kind blos for'n Schwitz hat?!
-
-FRAU SELICKE (besorgt): Nich wahr? Ach Gott ja!
-
-KOPELKE (beruhigend): Abber det .. e .. wissen Se! ... Det ... det is
-_immer_ so! Det _is_ nu mal nich anders! Det ... (Schneuzt sich
-abermals).
-
-FRAU SELICKE (kommt mit dem Löffel): Na, Linchen? Ist Dir wieder besser?
-
-LINCHEN: Ach -- ich -- will -- nicht -- einnehmen!
-
-FRAU SELICKE: O ja, meine Kleine! Du willst doch wieder gesund werden?!
-
-LINCHEN: Es -- schmeckt -- so -- bitter!
-
-FRAU SELICKE: Nicht weinen, mein Schäfchen! ... Komm! ... Sonst zankt
-der Herr Doctor wieder! Nicht wahr, Onkel Kopelke?
-
-KOPELKE (eifrig nickend): Ja, ja, Kindken! Det muss nu mal so _sind_!
-Det je_heert_ sick!
-
-FRAU SELICKE: Nicht wahr? Hörst Du? Komm, mein Liebling! Ja?
-
-LINCHEN: Es -- schmeckt -- so -- bitter!
-
-FRAU SELICKE: Aber nachher kannst Du ja wieder spazieren gehn, mein
-Mäuschen?! Und Emmchen zeigt Dir auch ihre Bilderbücher! Ja? ... Komm!
-... Na, nu mach doch, Linchen! ... Du musst doch aber auch folgen! ...
-Gucke doch! ... Ich verschütte ja das ganze Einnehmen? ... (Sie hat ihr
-leise die Hand unter's Köpfchen geschoben).
-
-LINCHEN: Au! Au! ... Du -- ziepst -- mich!
-
-FRAU SELICKE: Oh! .... Na so! .... Nicht wahr? ... Fest! Drück' die
-Augen zu! ... Schlucke! Tüchtig! ... _Siehst_ Du? ... Nicht weinen,
-nicht weinen! ... So! Nicht wahr? Nu is alles wieder gut! Nu is alles
-vorbei!
-
-LINCHEN (dreht sich jetzt unruhig in ihren Kissen rum und hustet
-gequält).
-
-FRAU SELICKE: Mein armes, armes Herzchen! Der alte, böse Husten! ... So!
-... Nu rücken wir blos noch 'n bischen das Kissen höher, nicht wahr? und
-dann schläfst Du _schön_ wieder ein! (Bückt sich über sie und küsst
-sie.) Ach, Du mein süsses Puttchen! (Nachdem sie den Wandschirm jetzt
-noch _näher_ an's Bett gerückt, zum alten Kopelke) Ach, Gott nein! Nu
-sagen Se doch blos? Muss man da nich rein verzweifeln? Das geht nu schon
-Tage lang so! Sie wacht geradezu nur noch auf Minuten auf!
-
-KOPELKE (die Hände in den Taschen seiner Joppe, nachdenklich vor sich
-hin): Hm! ...
-
-FRAU SELICKE: Und aus dem Doctor wird man auch nicht mehr klug! Der
-_sagt_ einem ja nichts! Der _kommt_ kaum noch! Und ... und ... na ja,
-wenn wir _Sie_ nicht noch hätten ...
-
-KOPELKE (leichthin): Jo! ... na! ... Wissen Se: det kommt jo bei mir
-nich so druf an! (Begütigend) det verseimt mir jo weiter nich! det's jo
-man immer so in Vorbeijehn! det -- ach wat! det hat jo janischt zu
-sagen! det's jo Mumpitz!! .... Abber det, wissen Se, det mit die
-Docters, verstehn Se, da hab'n Se eejentlich woll nich so janz Unrecht!
-Ick ... nu ja! Se wissen ja! Ick bin man sozusagen 'n janz eenfacher
-Mann ... Abber det kann 'k Ihn' versichern: jeholfen hab 'k schon
-manchen! ..... Jott! Ick kennt jo wat bei verdienen! Wat meen'n Se woll!
-Abber sehn Se ... will 'k denn? Ick ... nu ja! Ick bin nu mal so!
-(eifrig) Wissen Se? de Hauptsach' is jetz': man immer scheen wahm
-halten! det Ibrije, verstehn Se, det Ibrije jiebt sick denn janz von
-alleene! Janz von alleene! Ick sag: man blos nich immer so ville mang
-der Natur fuschen, sag ick! ... Det mit die olle Medizin da zun Beispiel
-...
-
- (Es klopft an Wendts Thür.)
-
-FRAU SELICKE: Bitte, Herr Wendt, bitte! Treten Sie nur ein!
-
-WENDT (ist mehr als mittelgross und sehr schlank. Feine, bleiche
-Gesichtszüge, das halblange, schwarze Haar einfach hinten übergekämmt.
-Dunkle, peinlich saubere Kleidung, kein Pastoralschnitt. Die Thür hinter
-sich schliessend zu Frau Selicke): Verzeihen Sie! Ich dachte ... (Zum
-alten Kopelke, ihm die Hand reichend) Ah! 'n Abend, Herr Kopelke! Wie
-geht's?
-
-KOPELKE (geschmeichelt): 'n Abend, werther junger Herr! Och, ick danke!
-Immer noch uf een langet un een kurzet Been! ... Is mich sehr anjenehm
-... is mich sehr anjenehm ... (Hört nicht auf, Wendt's Hand zu
-schütteln).
-
-WENDT (zu Frau Selicke rüber): Fräulein Toni wollte doch heute etwas
-früher kommen?
-
-FRAU SELICKE (die Achseln zuckend): Ja! Na -- Sie wissen ja! Wie das so
-is!
-
-KOPELKE (Wendt zublinzelnd und ihm scherzhaft mit dem Finger drohend):
-Freilein Toni? Na wachten Se man, Sie kleener Scheeker! ... Frau
-Selicken? Ick sage: passen Se mir ja uf die beeden jungen Leite uf!
-(Wieder zu Wendt) Det is mich doch schon lange so? ... he? Sie?
-
-FRAU SELICKE (lächelnd): Ach, lieber Gott, ja!
-
-WENDT (der ebenfalls gelächelt hat, zum alten Kopelke): Na, aber Scherz
-bei Seite! Ich wollte ihr mal -- da sehn Sie mal! -- _das_ da zeigen!
-(Er hat ein grosses, zusammengeknifftes Papier aus der inneren
-Brusttasche gezogen und es dem alten Kopelke überreicht).
-
-KOPELKE: Oh! ... He! ... Na -- ick ... e .. Se meen'n, ick soll det hier
--- lesen, meen'n Se?
-
-WENDT (aufmunternd): Gewiss, gewiss, Herr Kopelke! Ich bitte Sie sogar
-darum!
-
-KOPELKE: Oh! ... He! ... Na, ick -- bin so frei! (Ist mit dem Papier zur
-Lampe getreten. Zu Frau Selicke) Man ... e ... Hab'n Se da nich wo Ihre
-Brille, Frau Selicken?
-
-FRAU SELICKE (umhersuchend): Meine Brille? Ach Gott ja! ich ...
-
-KOPELKE (sie ihr von der Stirn nehmend): Lassen Se man, ick hab ihr
-schon! (Setzt sie sich auf.) So! Na! Nu kann't losjehn! (Hat das Papier
-sorgfältig entfaltet und liest es nun, die Arme weit von sich weg. Nach
-einer kleinen Pause, über die Brille zu Wendt hinüber schielend): Nanu?
-
-WENDT (der ihn lächelnd beobachtet): Na?
-
-FRAU SELICKE (neugierig): Was denn?
-
-WENDT (lächelnd): Ja, ja. Frau Selicke!
-
-FRAU SELICKE (wie ungläubig): Ach?
-
-KOPELKE (hat das Papier unterdessen wieder sorgfältig zusammengefaltet
-und giebt es nun wieder an Wendt zurück. In komischem Pathos): Nee,
-wissen Se! Det kennen Se von mir nich verlangen! Dazu jratulieren Se
-sick man alleene!
-
-WENDT (lachend, das Papier wieder einsteckend): Na, na!
-
-FRAU SELICKE (zum alten Kopelke): Was denn? Was denn, Herr Kopelke?
-
-KOPELKE (zu Frau Selicke komisch): Paster! _Land_paster! Mit'ne
-Bienenzucht un 'ne lange Feife! (Wieder zu Wendt) Nee, wissen Se! Da
-kennen Se sagen, wat Se wollen, verstehn Se, abber for _die_ Brieder
-sind Se ville zu schade!
-
-FRAU SELICKE (die Hände zusammenschlagend): Aber Herr Kopelke?!
-
-KOPELKE: Ach wat! (Hat sich wieder sein Schnupftuch hervorgezogen und
-schneuzt sich.)
-
-WENDT (ihm vergnügt auf die Schulter klopfend): Na, lassen Sie man! 'n
-hübsches Weihnachtsgeschenk bleibt's doch! Was, Frau Selicke?
-
-FRAU SELICKE (immer noch ganz erstaunt): Ach, nein! ..... wahrhaftig?
-Also Sie sollen jetzt wirklich Pastor werden?
-
-WENDT: Nun ja! Und ... wie Sie sehn! Ich freue mich sogar von Herzen
-drüber!
-
-FRAU SELICKE: Ach ja! Und Sie waren ja auch immer so fleissig! Ich habe
-Sie wahrhaftig manchmal recht bedauert! Wenn ich so denke, so die ganzen
-letzten Wochen, Tag und Nacht, immer hinter den Büchern ...
-
-WENDT: Ach, ich bitte Sie! Was hing aber auch nicht alles davon ab?
-Alles! Alles! Geradezu Alles! -- Und dann, was ich Ihnen noch gleich
-sagen muss, ich reise jetzt natürlich nicht erst Drittfeiertag, sondern
-schon morgen!
-
-FRAU SELICKE: Schon morgen?
-
-WENDT: Ja! Na, die Sachen sind ja schon alle so gut wie gepackt, und ...
-e ... aber ich vergesse ganz! (Zum alten Kopelke): Sie sprachen vorhin
-von Linchen?
-
-KOPELKE: Ick? Nu ja! Ick .. det heest .. ick .. e ... (sieht zu Frau
-Selicke hinüber).
-
-FRAU SELICKE: Aber setzen Sie sich doch, Herr Kopelke! Woll'n Se sich
-nicht setzen? Ich mach Ihnen noch schnell 'ne Tasse Kaffee!
-
-KOPELKE (zu Wendt): Hm ... ja ... sehn Se, ick ... (Plötzlich zu Frau
-Selicke): 'ne Tasse Kafffe? (In sich hineinschmunzelnd, sich vergnügt
-die Hände reibend): Hm! ... 'ne Tasse Kafffe is jo wat sehr wat
-Scheenet! Wat sehr wat Scheenet! ... Abber ... Nee, Frau Selicken! Nee!
-Heite nich! Det verlohnt sick nich! Wahhaftijen Jott! Abber ick muss
-heite noch unjelogen hinten in de Druckerei! ... Se wissen ja! Det mit
-de ollen, deemlichen Krankenkassen! ...
-
-FRAU SELICKE (nach der Küche hin): Na, denn werd' ich wenigstens noch'n
-paar Kohlen unterlegen! (Mit einem Blick auf die Uhr): Toni muss ja
-jeden Augenblick kommen! (Verschwindet durch die Küchenthür, hinter der
-bald darauf Licht aufblitzt.) 'n Augenblickchen!
-
-KOPELKE (mit krummgezogenem Puckel, sich schmunzelnd die Hände reibend.
-Ihr nachsehend): Scheeniken! Scheeniken!
-
-WENDT (langt seine Cigarrentasche vor): Aber ich darf Ihnen doch
-wenigstens 'ne Cigarre anbieten?
-
-KOPELKE: Oh! ... He! ... Na! Ick bin so frei, von Ihr jietijet
-Anersuchen -- mbf! -- Jebrauch zu machen, werther, junger Herr! Abber ..
-e ... (winkt Wendt zu sich heran; dieser beugt sich ein wenig zu ihm
-hin, Kopelke hält ihm die hohle Hand an's Ohr) .. ick meen' man! Ick
-beraube Ihnen!
-
-WENDT: O, ich bitte Sie!
-
-KOPELKE: Na, wissen Se! So'n junger Student hat det ooch nich immer so
-dicke! .. Na, ick meen' man!
-
-WENDT: Junger Student?! Oho!
-
-KOPELKE: A so! (Blinzelt ihm zu.) Na! Ibrijens bin ick darin durchaus
-keen Unmensch! (Kneift sich mit den Fingernägeln die Spitze von der
-Cigarre und bückt sich über die Lampe). Abber .. nee, wissen Se! (Mit
-einem Blick zum Bett hin) Ick weer' ihr man doch lieber draussen
-roochen! Se nehmen mir det doch nich iebel?
-
-WENDT: Bewahre, Herr Kopelke! Im Gegentheil! Hier hätten Sie sie ja doch
-so wie so nicht rauchen können! Selbstverständlich!
-
-KOPELKE: Ja, un denn -- na ja! wat ick also noch sagen wollte! ... Se
-mee'n, mit det Kind, mee'n Se?
-
-WENDT: Ja! Ich ... e ... Sie können sich ja denken, wie mich das
-unmöglich gleichgültig lassen kann! ... Der Arzt scheint sich ja,
-wenigstens so viel ich darüber weiss, überhaupt nicht äussern zu wollen
-...
-
-KOPELKE (klopft sich mit der Cigarre auf dem Daumen herum): Ja, wissen
-Se! Offen jestanden! Abber det kann ick den Mann eejentlich janich
-verdenken! Denn, Se könn'n sagen, wat Se wollen -- ick bin man sozesagen
-'n ganz eenfacher Mann, verstehn Se! Abber det kann 'k Ihn'n sagen: mit
-det Kind is't retour jejangen! Schon wenn se een'n immer so anseht,
-verstehn Se! -- wahhaft'jen Jott, abber so wat kann eenen durch un durch
-jehn!
-
-WENDT (finster): Hm ... Also Sie meinen, dass wirklich Gefahr vorliegt?
-
-KOPELKE (ausweichend): Jott! _det_ nu jrade! _Det_ will ick nu jrade
-nich gesagt haben! Abber, wie det so is, verstehn Se! Et mangelt hier
-den Leiten an't Neethichste, wissen Se! (Macht die Bewegung des
-Geldzählens). Die kennen ooch man nich immer so, wie se wollen!
-
-WENDT (geht erregt ein paar Mal auf und ab): Ach Gott, ja! .... Na! Es
-wird ja mal .... anders werden!
-
-KOPELKE: Ja! Wenn eener immer ville Jeld hat, wissen Se, denn mag't ja
-wol noch jehn! Ja. Det liebe Jeld! ... Nehm'n Se _mir_ mal zun Beispiel!
-Ick wah ooch nich uf'n Kopp jefallen als Junge! Ick wah immer der Erste
-in de Schule! Wat meen'n Se woll?! .. Abber de Umstände, wissen Se! de
-Umstände! Et half nischt! Vater liess mir Schuster weer'n! ... Freilich,
-mit die Schusterei is det nu ooch nischt mehr heitzudage! Die ollen
-Fabriken, wissen Se! Die ollen Fabriken rujeniren den kleenen Mann! ...
-Sehn Se! So bin ick eejentlich, wat man so 'ne verfehlte Existenz nennt!
-Nu bin ick sozusagen alles un janischt! ... Ja! ... Da bring 'k mal
-een'n durch'n Prozess, da wird mal'n bisken jeschustert, dann mal mit de
-Homöopathie und denn mit det Silewettenschneidern, wie det jrade so
-kommt, verstehn Se! Ja! ... Freilich! Se haben alle nischt, die armen
-Deibels, den'n ick ....
-
- (Die Uhr schlägt sechs.)
-
-Wat?! Sechsen schon?! Hurrjott! ... (Wickelt sich schnell den Shawl um)
-... den'n ick jeholfen hab', meen' ick! ... (Umhersehend): Hanschuh'n
-hat ick ja wol zufällig keene nich jehappt? ... Na, abber man krepelt
-sick so durch! (Wendt's Hand schüttelnd): Wah mich sehr anjenehm,
-werther junger Herr, wah mich sehr anjenehm! ..... Dunnerwettstock, det
-wird ja die allerheechste Eisenbahn! (Macht ein paar eilige Schritte auf
-die Corridorthür zu, besinnt sich dann aber wieder und kehrt um): Na,
-ick kann ja denn ooch man jleich hinten rum! (Schon in der Küchenthür):
-Un denn, det ick det nich verjesse: Verjniegte Feierdage! Morjen frieh
-seh ick Ihn' doch noch?
-
-WENDT: O, danke, danke! Natürlich!
-
-KOPELKE: Scheeniken! Atchee! (Klinkt die Küchenthür auf.) 'n Abend, Frau
-Selicken!
-
-FRAU SELICKE (hinter der Scene in der Küche): Was? Sie wollen schon
-gehn?
-
-KOPELKE (während er die Küchenthür wieder hinter sich zudrückt): Na, wat
-meen'n Se woll? ...
-
-WENDT (einen Augenblick allein. Sieht sich zuerst aufathmend im Zimmer
-um und tritt dann vorsichtig an das Bett Linchens. Eine kleine Weile
-beobachtet er sie, dann klingelt es plötzlich im Corridor und er geht
-hastig aufmachen): Ah, endlich!
-
-TONI (tritt ein. Sie trägt ein grosses, in ein schwarzes Tuch
-eingeschlagenes Bündel vor sich her. -- Sie ist mittelgross, schlank,
-aber nicht schwächlich. Blond. Schlichter, ein wenig ernster
-Gesichtsausdruck. Einfaches, dunkles Kleid, langer, braungelber
-Herbstmantel. Schwarze, gestrickte Wollhandschuhe).
-
-WENDT (mit ihr zugleich eintretend und nach dem Bündel fassend): Geben
-Sie!
-
-TONI (abwehrend): Ach, lassen Sie ... ich kann ja ...
-
-WENDT (nimmt ihr das Packet ab): Geben Sie doch! (Indem er es auf's
-Sopha trägt). Und das haben Sie vom Alexanderplatz bis hierher getragen?
-
-TONI (sich die Handschuhe ausziehend, nickt lächelnd. Etwas
-scherzhaft-wichtig): Getragen! Ja!
-
-WENDT: Bei der ....?
-
-TONI: Nun -- ja! Es war etwas unbequem bei der Kälte! (Hat die
-Handschuhe auf den Tisch zwischen das Kaffeezeug gelegt und tritt nun,
-indem sie sich ihren Mantel aufknöpfelt, an das Bett Linchens) Sie
-schläft? Ach, das arme Puttelchen! (Ist wieder etwas zurückgetreten).
-Aber ... nein! Ich will doch erst lieber .. ich habe die Kälte noch so
-in den Kleidern! (Zu Wendt, der ihr jetzt behilflich ist, den Mantel
-abzulegen). Danke, danke schön, Herr Wendt! Wollen Sie so gut sein, da
-an den Nagel? (Reicht ihm auch noch ihren Hut hin und stellt sich nun an
-den Ofen). Ach, ist der schön!
-
-WENDT (der ihr unterdessen Hut und Mantel an die kleine Kleiderknagge
-zwischen der Korridorthür und dem Wandschirm gehängt hat): Wissen Sie
-auch, Fräulein Toni, dass ich heute schon auf Sie gewartet habe?
-
-TONI: Ach nein! Wirklich? Auf mich?
-
-WENDT (hat sich, die Arme gekreuzt, mit dem Rücken gegen den Tisch, ihr
-gegenüber gestellt, aber so, dass das Licht der Lampe noch auf sie
-fällt): Ja! Und ... na? Rathen Sie mal, weshalb!
-
-TONI (lächelnd): Ach, das rath' ich ja doch nicht! Sagen Sie's mir
-lieber!
-
-WENDT: Ja? Soll ich's sagen?
-
-TONI: Ja!
-
-WENDT (zieht sich wieder das Papier aus der Tasche und reicht es ihr):
-Na ... da! Lesen Sie mal!
-
-TONI: Was denn? (Sie hat sich, noch immer am Ofen, mit dem Papier etwas
-gegen die Lampe gebückt und liest nun): Ah! Grade heute zum heil'gen
-Abend! (hat das Papier sinken lassen und sieht einen kleinen Augenblick
-in die Lampe. Langsam, leise): Ja! Das ist ja recht schön! Da können Sie
-sich recht freuen!
-
-WENDT: Nicht wahr?
-
-FRAU SELICKE (aus der Küche, deren Thür sie eben aufgemacht hat): Toni?
-Wo bleibst Du denn so lange? (Mit einem Blick auf das Bündel auf dem
-Sopha) Ach, Du hast wieder ... Armes Mädchen! ... Wart'! Ich bring Dir
-gleich noch 'n bischen heissen Kaffee! (Sie will wieder in die Küche
-zurück.)
-
-TONI (die unterdessen das Papier auf den Tisch gelegt hat, auf sie
-zutretend): Mutterchen?! -- Wart' mal! ... Hier! (Man hört Geld
-klappern.) Eins -- zwei -- drei ...
-
-FRAU SELICKE: Ach, Gott ja! .. Das liebe Bischen ... das wird wieder weg
-sein, man weiss nicht, wie!
-
-TONI: Ist denn der Arzt dagewesen?
-
-FRAU SELICKE: Ach, nein! Du weisst ja! Der alte Kopelke!
-
-TONI: So? Was sagt er denn?
-
-FRAU SELICKE: Bist Du ihm nicht unten begegnet? Er sagt ... (zuckt die
-Achseln) nichts Bestimmtes! Man wird ja aus keinem Menschen mehr klug!
-(Plötzlich) Ach Gott! Ich hab' so eine Ahnung! Du sollst sehn: wir
-behalten sie nicht! (Schluchzt.)
-
-TONI (tröstend): Ach Gott! Mutterchen! (Nach einer Weile). Ist denn der
-Vater noch nicht da?
-
-FRAU SELICKE (wieder beruhigt): Ach, der!
-
-TONI (abermals nach einer kleinen Pause): Und die Jungens?
-
-FRAU SELICKE: I! die wollten 'n vom Komptoir abholen! Aber die treiben
-sich ja doch wieder auf dem Markt rum, die Schlingels! Das is ja doch
-die Hauptsache! Die können's auch nich satt kriegen! ... Na, ich will
-nun ... Du bist ja ganz durchfroren! (Geht wieder in die Küche zurück).
-
-TONI (die wieder zum Ofen getreten ist): Dann .... dann reisen Sie nun
-wohl bald?
-
-WENDT (der unterdessen an's Fenster getreten war und die ganze Zeit über
-auf den Hof hinab gesehn hatte. Er hat sich wieder umgedreht und sieht
-nun, sich mit den Händen hinten aufs Fensterbrett stützend, wieder zu
-Toni hinüber): Ja! Morgen!
-
-TONI (leicht erschreckt): Morgen schon?
-
-WENDT: Ja!
-
-TONI (nach einer kleinen Pause): Ach, die Handschuhe! (Holt sie sich und
-tritt mit ihnen an das kleine Tischchen links, in dessen Schublade sie
-sie hineinthut. Lächelnd): Sehn Sie mal! Da hat er wieder den _Spiegel_
-neben's Bauer gestellt .... Der Vogel soll denken, es is noch'n andrer
-da, mit dem er sich unterhalten kann .... Der Vater spricht mit dem
-Vogel, als wenn er ein Mensch wär'!
-
-WENDT (ist vom Fenster weggetreten und steckt sich nun das Papier vom
-Tisch wieder in seine Rocktasche): Ja! ja! ...
-
-TONI: Hm? ... Mätzchen! Mätzchen! ... Ordentlich zärtlich ist er mit
-ihm! Der Vater ist ein grosser Thierfreund!
-
-WENDT (der unterdess auf sein Zimmer links im Vordergrund zugegangen
-ist, sieht ihr, die Hand auf der Klinke einen Augenblick lang
-unentschlossen zu. Zögernd): Ja! ich ....
-
-TONI (ihn unterbrechend): Ach, sagen Sie doch! Wie spät ist's denn? (Mit
-einem Blick auf den Regulator) der kann doch unmöglich richtig gehn?
-
-WENDT (der jetzt die Thür aufgeklinkt hat): Etwas nach Sechs!
-
-TONI: Nach Sechs? Da müsste er doch nun ... (Seufzt.)
-
- (Wendt geht langsam in sein Zimmer. -- Toni, die ihm nachgesehn hat,
- bleibt einen Augenblick in Gedanken stehen, seufzt und geht wieder
- auf den Sophatisch zu. Sie nimmt das Bündel auf den Teppich runter
- und knotet es auf. Frau Selicke kommt mit dem Kaffee.)
-
-FRAU SELICKE: Hier! Nu trink erst! (Setzt die Kanne auf den Tisch.)
-
-TONI (die sich vor dem geöffneten Bündel auf dem Teppich niedergekauert
-hat): Ja. Gleich!
-
-FRAU SELICKE (hat sich leicht auf den Sophatisch gestützt und sieht ihr
-zu): Mäntel? ... Da kannst Du wieder die ganzen paar Feiertage sitzen!
-Ach ja! Du hast doch auch gar nichts von Deinem Leben!
-
-TONI (immer noch mit dem Ordnen der Zeugstücke beschäftigt): Na! 's ist
-doch wenigstens ein kleiner Nebenverdienst!
-
-FRAU SELICKE (aufseufzend): Ach ja, ja!
-
-TONI: Aber ein _Leben_ auf den Strassen? Kaum zum Durchkommen!
-
-FRAU SELICKE (nickend): Das glaub ich! ... Du wirst Dich schön haben
-schleppen müssen mit dem alten Bündel! Bist Du denn nich wenigstens ein
-Stück mit der Pferdebahn gefahren?
-
-TONI: Ach, Alles voll! Alles voll! Da war gar nicht anzukommen!
-
-FRAU SELICKE (ihr die Tasse zuschiebend): Aber Du trinkst ja gar nicht!
-Trink doch erst!
-
-TONI: Ja! (Erhebt sich und schenkt sich den Kaffee ein. Ihn schlürfend,
-von der Tasse zu Frau Selicke aufsehend): Schön warm!
-
-FRAU SELICKE: Bist Du der Mohr'n vorhin begegnet?
-
-TONI: Ja, auf der Treppe! Sie hielt mich an!
-
-FRAU SELICKE: Sie wollte mal wieder horchen? Nicht wahr?
-
-TONI: Ja! ... Sie fing natürlich von Linchen an! Und, was wir diesmal
-für'n schlechtes Weihnachten durchzumachen hätten und so, na Du weisst
-ja!
-
- (Sie bückt sich wieder zu ihren Mänteln.)
-
-FRAU SELICKE: Nein, solche Menschen! Um was die sich nich alles kümmern!
-
-TONI: Na, von mir bekommt sie nichts raus!
-
-FRAU SELICKE: Die mögen schön über uns schwatzen! .... Solche Menschen!
-Die sollten sich doch lieber an ihre eigene Nase fassen! Die! Die trinkt
-Bier wie'n Kerl! Den richtigen Bierhusten hat sie schon! Hast Du noch
-nicht gemerkt?
-
-TONI: Na, ja! Lass doch man, Mutterchen! Lass sie alle machen, was sie
-wollen! Sie geben uns ja doch nichts dazu! (Ist aufgestanden und steht
-nun, die Hände unter der Tischplatte, da.) Rück doch mal'n bischen den
-Tisch! Ich möchte mir da die Mäntel zurecht legen! (Frau Selicke hilft
-ihr.) Der Vater kann doch jetzt unmöglich mehr auf dem Komptoir sein?
-
-FRAU SELICKE (hat vom Tisch wieder ihren Strickstrumpf aufgenommen und
-sich die Brille aufgesetzt. Vom Stuhl vor dem Bette Linchens her): I,
-ich dachte gar! ... Wer weiss, wo der jetzt wieder steckt!
-
-TONI (hinter dem Tisch auf dem Sopha die Zeugstücke ordnend): Na, er
-wird auf dem Weihnachtsmarkt sein und ein bischen etwas einkaufen, für
-Linchen!
-
-FRAU SELICKE: I, jawohl doch! Und .... du lieber Gott, was soll nicht
-alles von den paar Groschen bezahlt werden! Wer weiss übrigens, ob er
-diesmal so viel zu Weihnachten kriegt wie sonst! .... Er thut wenigstens
-so! .... Das heisst, auf den kann man sich ja nie verlassen! Der sagt
-einem ja nie die Wahrheit! .... Andre Männer theilen ihren Frauen alles
-mit und berathen sich, wie's am besten geht, aber unsereiner wird ja für
-garnichts ästimirt! Der weiss ja alles besser! ... Nein, so ein
-trauriges Familienleben, wie bei uns .... Pass mal auf: Der hat heute
-wieder ein paar Pfennige Geld in der Tasche und kömmt nu vor morgen früh
-nich nach Hause!
-
-TONI: Na, ich dachte gar! ... das wäre doch! ... Heute!
-
-FRAU SELICKE: Na, du wirst ja sehn! Vergang'ne Nacht hat mir wieder mal
-von Pflaumen geträumt, und dann kann ich jedesmal Gift darauf nehmen,
-dass es Skandal giebt!
-
-TONI: Ach Gott! darauf kann man doch aber nichts geben!
-
-FRAU SELICKE: Na, pass auf! Meine Ahnungen trügen mich nie!
-
-TONI: Aber wie kann man blos so abergläubisch sein, Mutterchen!
-
-FRAU SELICKE: Abergläubisch? Nein, gar nicht! Ich bin garnicht
-abergläubisch! Aber es ist doch komisch, dass es bis jetzt jedesmal
-eingetroffen ist!
-
-TONI: Ach, Mutterchen!
-
-FRAU SELICKE: Nein, nein! Du sollst sehen! Ich kann mich heilig darauf
-verlassen! (weinerlich) Pass mal auf! Pass mal auf!
-
-TONI: Ach siehst Du, Mutterchen! Wenn Du Dich vorher schon immer so
-ängstlich machst, dann ist es ja gar kein Wunder! ... Mach's wie ich!
-Lass ihn kommen! Widersprich ihm mit keinem Wort! ... Lass ihn
-räsonniren, soviel wie er will! Einmal muss er dann doch aufhören und
-durch sein Räsonniren wird es ja doch nicht besser.
-
-FRAU SELICKE: Ach Gott ja! Eigentlich ist's auch wahr! Man müsste
-garnich drauf hören! Wenn ich nur nich so nervös wäre! Wenn ich ihn dann
-aber so sehe, in seinem Zustande, und er kommt dann auch noch mit seinen
-Ungerechtigkeiten, dann kann ich mich nich halten! ... Es ist mir rein
-unmöglich! .... Dann läuft mir jedesmal die Galle über!
-
-TONI: Siehst Du! Aber grade dadurch wird es immer erst schlimm! Lass ihn
-schimpfen, die Augen rollen, Fäuste machen: Du musst es gar nicht
-beachten! Schliesslich thut er ja doch nichts! ... Siehst Du, Du musst
-mich nicht falsch verstehn! aber ich glaube, Du hast ihn von Anfang an
-nicht recht zu behandeln gewusst, Mutterchen!
-
-FRAU SELICKE: Ja! 's is auch wahr! ... Er hätte nur so eine recht
-resolute haben sollen!
-
-TONI: Ach, nein! So meinte ich's nicht! ... Ach!
-
-FRAU SELICKE: Nein! 's ist ja wirklich wahr! ... Da soll man sich nun
-nicht empören! ... Hier liegt das arme Kind krank, man weiss nich vor
-Sorgen wohin? Andre Leute freuen sich heute, und wir ... Na! und dann
-soll man ihm auch noch freundlich entgegenkommen? ... Das _kann_ ich
-einfach nicht! Das _kann_ ich nicht!! ....
-
-TONI (seufzend): Aber dann würde er sicher anders sein, wenn Du Dich ein
-bischen zwängst, Mutterchen! ... Er ist ja im Grunde eigentlich gar
-nicht so schlimm, wie er thut!
-
-FRAU SELICKE: Er hat mich die ganzen Jahre her zu schlecht behandelt!
-Ich _kann_ mich nicht überwinden, freundlich mit ihm zu sein!
-
-TONI: Ach ja, ja! (Kleine Pause. Holt aus dem Tischchen links ihr
-Nähzeug vor, setzt sich einen Stuhl an den Sophatisch und beginnt zu
-nähen.)
-
-FRAU SELICKE: Willst Du heute noch nähen?
-
-TONI: Ja, ein bischen!
-
-FRAU SELICKE: Ach! das ist nun Heiligabend! Das sind Festtage! .... So
-ein trauriges Weihnachten haben wir wirklich noch nie gehabt!
-
-TONI: Na! Eine kleine Freude macht er Linchen und den Jungens doch! Und
-wir Andern? Liebe Zeit! ...
-
-FRAU SELICKE (gähnt): Ach, bin ich -- müde! ... Nächtelang hat man kein
-Auge zugethan und mein Fuss thut auch wieder so weh ....
-
-TONI: Ja! Leg Dich ein bischen hin, Mutterchen! Du strengst Dich
-überhaupt viel zu sehr an! Das solltest Du gar nicht!
-
-FRAU SELICKE: Ja ja! Du hast eigentlich auch recht! Ich will mich 'n
-bischen schlafen legen! (zum Bett hin.) Ach, mein Mäuschen! (Ist
-aufgestanden, hat ihr Strickzeug zusammengewickelt und es mit der Brille
-auf den Tisch gelegt.) Heute Nacht hat man ja doch wieder keine Ruhe!
-Das weiss ich schon! Ach ja! ... (Gähnt. Schon in der Kammerthür.) Ja,
-und nun geht Herr Wendt auch schon zu den Feiertagen, und eh' man dann
-wieder 'n Miether kriegt! .... Ach Gott ja! ... Na! ... (verschwindet in
-der Kammer.)
-
-TONI (über ihre Arbeit gebückt, allein. Pause. Ab und zu seufzt sie.
-Fernes Glockengeläute, das eine Zeit lang während des Folgenden
-fortdauert. -- Es klopft an Wendt's Thür. Toni zuckt leicht zusammen.
-Dann): Herein?
-
-WENDT (tritt ein): Störe ich?
-
-TONI: O nein! ... Wünschen Sie etwas?
-
-WENDT (zum Tisch tretend): Ich? ... Nein! (Sieht ihr einen Augenblick
-zu.) Sie arbeiten heute noch?
-
-TONI: Ja! 's hilft nichts! Ich muss in den Feiertagen damit fertig
-werden!
-
-WENDT: In den Feiertagen? ... Mit ... mit all den Mänteln da?
-
-TONI (lächelnd): Ja! Ein tüchtiges Stück Arbeit ist es! .. Hören Sie?
-Die schönen Weihnachtsglocken!
-
-WENDT (während er sich ebenfalls einen Stuhl holt und diesen neben den
-Tonis stellt): Ja! Die Weihnachtsglocken! Die Weihnachtsglocken!
-
-TONI: Hören Sie das Glockengeläute nicht gern?
-
-WENDT: Die Berliner Glocken sind schrecklich! So eilig! So ... so ...
-eh! (macht eine Handbewegung.)
-
-TONI: Wie?
-
-WENDT: Ach! So -- nervös, mein ich!
-
-TONI: Nervös? Ach!
-
-WENDT: Nein! Ich höre die Glocken hier nicht gern!
-
-TONI: Sie wollen doch aber nun Pastor werden?
-
-WENDT: Ja!
-
-TONI: Zu Weihnachten klingen sie immer schön, find' ich! ... Als ich
-noch ganz klein war, ging der Vater mit uns am ersten Feiertag Morgen in
-die Christmette. Ganz früh. Wir wurden dann tüchtig eingemummelt und
-jedes hatte ein kleines Wachsstöckchen. Das wurde in der Kirche
-angezündet, und wenn wir dann wieder nach Hause kamen, kriegten wir
-bescheert. Ich muss immer daran denken, wenn ich hier zu Weihnachten die
-Glocken höre! ... Freilich so schön klingen sie nicht, wie bei uns zu
-Hause!
-
- (Kleine Pause. Man hört nur ein wenig stärker und näher das
- Geläute.)
-
-WENDT (ein wenig erregt): Ach ja! Das ... damals ... damals waren sie
-... Weihnachten war schöner damals! ... Hm! -- (Beugt sich zu ihr hin,
-ohne sie anzusehen.) Toni! Sagen Sie mal!
-
-TONI: Wie?
-
-WENDT: Ich meine ... hm! Ja! Ich musste -- nur eben wieder daran denken
--- dass ich nun morgen, morgen schon von hier fortgehe!
-
-TONI (ohne aufzusehn): Ja! Sie bekommen ja nun -- eine Stellung!
-
-WENDT: Eine Stellung! (Sich zurücklehnend) Komme nun, sozusagen, in
-geordnete, bürgerliche Verhältnisse. Ja! Eine Landpfarre!
-
-TONI: Auf's Land kommen Sie?
-
-WENDT: Ja, auf's Land! Auf's Land!
-
-TONI: Ach, das muss Ihnen gewiss recht angenehm sein! Es hat Ihnen ja so
-wie so nicht mehr recht hier in der Grossstadt gefallen!
-
-WENDT: Ja, man lernt hier so viel kennen! ... Aber nun! Landpastor also!
-... Eine lange Pfeife, wie der Herr Kopelke sagt, eine Bienenzüchterei
-und ... und hahaha!
-
-TONI (sieht auf): Sie sagen das so sonderbar! Sind Sie mit Ihrer
-Stellung nicht zufrieden?
-
-WENDT: Ach, das ... das ist ja gleichgültig!
-
-TONI: Gleichgültig?
-
-WENDT: Ach, das ... Es könnte freilich -- unter Umständen -- recht schön
-sein! (Sieht Toni plötzlich voll an, diese bückt sich noch tiefer über
-ihre Arbeit.) Aber ich wollte ja ... Ich meinte ... (er beugt sich
-wieder zu ihr hin.) Alle die Mäntel müssen Sie nun also in den --
-Feiertagen nähen?
-
-TONI (leise ernst): Ja! Es macht freilich so mehr Mühe mit der Hand!
-Aber mit der Nähmaschine geht's jetzt nicht, wo Linchen krank ist.
-
- (Pause.)
-
-Ja, das wird nun ...
-
-WENDT: Wie meinen Sie?
-
-TONI: Zwei Jahre haben ... Sie nun ... hier gewohnt!
-
-WENDT: Aber die Handarbeit ... das fortwährende Nähen muss doch Ihre
-Gesundheit sehr angreifen!
-
-TONI (mit einem Lächeln): Ach, ich bin nicht schwächlich! Man muss nur
-Ausdauer und ein bischen Geduld haben.
-
-WENDT (sich zusammenraffend): Geduld ... Ja! Toni! Ich wollte Sie nun
-etwas fragen! ... Ich habe schon einmal ... Sie nahmen's damals für
-Scherz ... und ich sah damals auch ein, dass ich noch kein Recht hatte
-... Aber jetzt kann ich Sie ja mit mehr Recht fragen ... Jetzt, wo ich
-in -- geordnete Verhältnisse komme! Ich meine ... wollen ... wollen Sie
-mir auf meine -- Landpfarre folgen? (Das Geläute hört auf.)
-
-TONI: Sie ... ob ich -- Ihnen ...
-
-WENDT: Ja! Ob Sie mir jetzt folgen wollen?
-
-TONI: Ach ... (Sie bricht in Thränen aus.)
-
-WENDT: Sie weinen?!
-
-TONI: Warum ... das ist -- nicht Recht von Ihnen, dass Sie wieder davon
--- sprechen!
-
-WENDT: Nicht Recht?! ... Warum?! ... Toni! Jetzt?
-
-TONI: Das -- geht ja doch nicht! Das geht ja nicht!
-
-WENDT: Das -- geht nicht?!
-
-TONI: Nein! ... Ach Gott!
-
-WENDT: Aber warum denn nicht?
-
-TONI: Ach Gott!
-
-WENDT: Es geht Toni! _Jetzt geht es!_ ... Wissen Sie: in diesen Tagen
-fand ich hier ein Buch!
-
-TONI: Ein ... Buch?
-
-WENDT: Ein einfaches Büchelchen! ... Zwei Bogen gelbes Conceptpapier in
-ein Stück blaue Pappe geheftet. Mit solchem weissen Zwirn da! Jemand
-hatte es hier liegen lassen, aus Versehn!
-
-TONI (sehr verwirrt): Ein ... das ...
-
-WENDT: Ich habe darin gelesen! ... Es waren allerlei Notizen darin!
-Tagebuchnotizen! Selbstbekenntnisse, die Eine für sich gemacht hatte,
-die immer so still und bescheiden ist, alles mit sich selbst im stillen
-abmacht und auskämpft! ...
-
-TONI (weint heftiger): Ach! ... Warum haben Sie darin gelesen?
-
-WENDT (rückt näher zu ihr und sucht ihr in's Gesicht zu sehen): Ich war
-sehr, sehr glücklich, als ich das Alles las!
-
-TONI: Ach! Ich ... aber ich _darf_ doch hier nicht fort!
-
-WENDT: Du _darfst_ nicht?! Toni! Bist Du ... ich meine: Kannst Du's hier
--- aushalten?! Bist Du hier glücklich?!
-
-TONI (immer noch weinend): O Gott! O Gott!
-
-WENDT (sehr erregt): Nein! Nein! Das ist unmöglich, Toni! ... Ich habe
-vorhin, drin in meinem Zimmer, gehört, was Du mit Deiner Mutter
-sprachst! Ich habe mehr als zwei Jahre hier gewohnt und alle die Scenen
-mit angehört, die furchtbaren Scenen! ... ich habe Euer ganzes,
-unglückliches Familienleben kennen gelernt! Zwei Jahre lang hab' ich das
-Alles gehört und gesehen! Zwei Jahre lang! Und es hat mich ... (Stöhnt
-auf.) Und Du! Wenn man denken muss: zweiundzwanzig Jahre hast Du in alle
-dem Elend gelebt und hast es ertragen müssen! Zweiundzwanzig Jahre! ...
-Herr mein Gott! Zweiundzwanzig Jahre!
-
-TONI (verlegen -- trotzig): O, der Vater ist gut ... ein bischen
-aufbrausend, aber ... Ach Gott! (Schluchzt.)
-
-WENDT (verbittert): Gut! Gut! (Lacht auf, zornig.) Nein! Nein! Du
-_darfst_ nicht länger bleiben! Du _darfst_ nicht länger in diesem
-traurigen Elend leben! Hörst Du! Du verdienst das nicht! Du passt nicht
-hierher?
-
-TONI: Aber ich ...
-
-WENDT: Hast Du denn gar kein Bedürfniss nach Glück?!
-
-TONI (schüchtern, forschend): Glück?! Ich -- weiss nicht! ... Ich --
-verstehe Sie nicht!
-
-WENDT: Ach, ich spreche da! Ich ... ich meine: hast Du denn nicht
-manchmal den Wunsch gehabt, hier wegzukommen, in ruhige, schöne
-Verhältnisse? Wo Du nicht Tag für Tag -- Herrgott! -- _Tag für Tag!_ all
-das Elend hier vor Augen hast? Wie?
-
-TONI: Aber ...
-
-WENDT (leise, etwas höhnisch): Ich habe auch _davon_ etwas in dem
-kleinen, blauen Büchelchen gelesen! Siehst Du? Ich kenne Dich ganz
-genau! Du bist auch nur ein Mensch!
-
-TONI: Ach! Warum haben Sie nur ... (Weint von neuem.)
-
-WENDT (fortgerissen): Nein! Es ist ja hier .... Das _kann_ ja kein
-Mensch _ertragen_! Dein Vater: brutal, rücksichtslos, Deine Mutter:
-krank, launisch; beide eigensinnig; keiner kann sich überwinden, dem
-andern nachzugeben, ihn zu verstehen, um ... um der Kinder willen!
-Selbst jetzt, wo sie nun alt geworden sind, wo sie mit den Jahren
-vernünftiger geworden sein müssten! Die Kinder _müssen_ ja dabei zu
-Grunde gehn! Und das ist _ihre Schuld_, die sie gar nicht wieder gut
-machen können! Einer schiebt sie auf den andern! Keiner bedenkt, was
-daraus werden soll! ... Und das nun schon lange, schrecklich lange Jahre
-durch! Dabei Krankheit und Sorge ... Furchtbar! Furchtbar!! Wenn man
-sich in den Gedanken versenkt ... tt! ... Nein, das ist alles zu, _zu_
-schrecklich! Das sind keine vernünftigen Menschen mehr, das sind ... Ae!
-Sie sind einfach jämmerlich in ihrem nichtswürdigen, kindischen Hass!
-... (Ist aufgesprungen und geht nun mit grossen Schritten im Zimmer
-umher.)
-
-TONI (schluchzend): O, wie können Sie nur so von Vater und Mutter
-sprechen! Sie sind Beide so gut! Wie können Sie das nur sagen!
-
-WENDT (sich mässigend. Setzt sich wieder zu ihr, den Stuhl noch näher zu
-ihr rückend): O, ich ... t! ... _Höre_ doch nicht, was ich schwatze! Ich
-..... Nein! Ich meine ... Du kannst doch _unmöglich_ hier _bleiben_! ..
-Weine doch nicht, liebe Toni! Missversteh mich doch nicht! Ich meinte ja
-nur! ... Sieh mal! Du musst Dich ja bei all' dem Elend _aufreiben_! Es
-ist unerträglich, geradezu _unerträglich_, dass Du -- Du! -- hier
-verkümmern sollst! ... Und mach Dich doch nicht stärker, als Du bist,
-Toni! Ich _weiss_ es ja, Toni! Siehst Du? Ich _weiss_ es ja, dass Du
-Dich hier heraussehnst!
-
-TONI: O, wenn man mal ... 'n bischen ... ungeduldig ist! ... Das habe
-ich nur so -- hingeschrieben!
-
-WENDT: Nur so ...? Ach was! Das glaubst Du ja selbst nicht, Toni! Das
-war ja ganz natürlich?! Ganz berechtigt?!
-
-TONI: Ach sprechen Sie doch nicht mehr davon! ... Ich bitte Sie! ...
-Sprechen Sie nicht mehr davon!
-
-WENDT: Siehst Du? Du hast Angst, das zu hören! Aber doch! _Grade_ musst
-Du das hören! Die Aufopferung muss doch ihre Grenze haben! ...
-Zweiundzwanzig Jahre! Einen Tag nach dem andern, Jahr aus, Jahr ein,
-immer dasselbe Elend, dieselbe Noth! Das ist ja geradezu der pure
-Selbstmord! Nein! Du _musst_ hier fort! Du hast ein _Recht_, an Dich und
-Deine Zukunft zu denken! ... Warum sollst Du hier verkümmern?! Warum?!
-Was kann Dich dazu verpflichten?! ... Was hat Dein Vater und Deine
-Mutter _gethan_, dass sie das verdienen?! Nun?! ... Haben Sie an Deine
-Zukunft gedacht?!
-
-TONI: Ich ... ich weiss nicht! ... Ach, reden Sie doch nicht so! Sagen
-Sie doch _das_ nicht!
-
-WENDT: Heute, am heiligen Abend, sitzst Du da in Angst und Bangen, wo
-sich Jeder freut, und flickst Dich krank! Nein! Das ist -- empörend!!
-Das ... Sieh mal, Toni! Warum sollte es nicht gehn? Thust Du ihnen denn
-nicht selber einen Gefallen? Es muss ihnen doch nur lieb sein, wenn Du
-»versorgt« bist?! Wenn sie einen »Esser wen'ger« haben? Ist Dein Vater
-nicht vielleicht grade deshalb so, weil er sich über Deine Zukunft Sorge
-macht? Hat er Dir nicht mehr wie einmal vorgeworfen, dass Du noch hier
-bist?
-
-TONI: O, das _meint_ er ja nur so!
-
-WENDT: Soso!
-
-TONI: Und dann ... die Mutter! Ich kann doch die Mutter nicht hier so
-allein lassen? Sie ist so krank und schwächlich! Sie kann mich garnicht
-mehr entbehren!
-
-WENDT (eifrig, fasst ihre Hand): Ach, was _das_ anbetrifft; sieh mal ...
-
-TONI (horcht auf): Warten Sie mal! (Entwindet ihm ihre Hand, steht auf
-und schleicht sich auf Spitzzehen zum Bett hin. Einen Augenblick
-beobachtet sie die Kranke, dann kehrt sie wieder zurück.) Nein! ... Ich
-dachte ... Linchen ... (Pause) ... Und ... (weint noch heftiger).
-
-WENDT (hat sie die ganze Zeit gespannt beobachtet und bricht nun
-seufzend zusammen): Ach Gott ja! (Sich auf seinem Stuhl wieder
-aufrichtend) Sieh mal! Was _das_ anbetrifft ... und ... Linchen ... Du
-meinst Linchen? ... O, sie ist ja in den letzten Tagen ... man kann doch
-unmöglich sagen, dass es grade schlimmer mit ihr geworden ist! ..
-(schneller) Sieh mal! Wenn sie Dich nun versorgt wissen, ist ihnen doch
-schon eine grosse Last genommen! Und dann könnten wir sie ja auch
-unterstützen, nicht wahr? Und wenn erst ihre _äussere_ Lage etwas besser
-ist, dann ist ja auch Vieles, Vieles gleich ganz anders! Und dann ...
-ja, dann sind sie ja auch mit den Jahren -- dieses Zusammenleben so
-gewohnt geworden! Nicht wahr? Sie würden vielleicht etwas _entbehren_,
-wenn sie's anders hätten auf einmal, ich meine -- versteh' mich! -- wenn
-sie's _ganz_ anders hätten! ... Der Mensch gewöhnt sich ja an das
-Allerunglaublichste!
-
-TONI: Ach, nein ... nein ...
-
-WENDT (in höchster Aufregung, sich aber noch fassend): Toni! ... Ich
-weiss nicht, Du hast so viele Bedenken, so viele ... Sag's! Sag's grade
-raus! Hast Du das vielleicht -- _auch_ nur so geschrieben, dass ... dass
-Du ... mich lieb hast? _Kannst_ Du mir nicht folgen, weil ... Du mich
-... nicht lieb hast?
-
-TONI: Ob ich Dich ...? Aber ... o Gott! Was sag' ich!
-
-WENDT (freudig): O, nicht wahr? (Drückt ihr die Hand.) Liebe!
-
-TONI (schluchzt nur).
-
-WENDT (wieder sehr erregt): Und dann, liebe Toni, siehst Du? muss ich
-Dir noch _etwas_ sagen! Ich bin ... ich weiss nicht ... aber Du musst
-mich _recht_ verstehen, ich ... ich bin so gut wie -- todt! (Toni sieht
-ihn erschrocken an und rückt in naivem Schreck unwillkürlich ein wenig
-von ihm ab. Hat aufgehört zu weinen. Wendt spricht das Folgende immer
-noch in grösster Erregung wie zu sich selbst.) Als ich zu studiren
-anfing, da war ich frisch und lebendig, voll Hoffnung! Da glaubte ich
-noch an meinen Beruf! Da hatte ich noch Ziele, für die ich mich
-begeisterte! ... Aber das hat sich alles geändert! ... Seitdem ich
-hierher gekommen bin in dieses ... in die Grossstadt, mein' ich ... und
-all das furchtbare Elend kennen gelernt habe, das ganze Leben: seitdem
-bin ich -- innerlich -- so gut wie todt! ... Ja! Das hat mir die Augen
-aufgemacht! ... Die Menschen sind nicht mehr das, wofür ich sie hielt!
-Sie sind selbstsüchtig! Brutal selbstsüchtig! Sie sind nichts weiter als
-Thiere, raffinirte Bestien, wandelnde Triebe, die gegen einander
-kämpfen, sich blindlings zur Geltung bringen bis zur gegenseitigen
-Vernichtung! Alle die schönen Ideen, die sie sich zurechtgeträumt haben,
-von Gott, Liebe und .. eh! das ist ja alles Blödsinn! Blödsinn! Man ..
-man tappt nur so hin. Man ist die reine Maschine! Man ... eh! es ist ja
-alles lächerlich! (Mit einer hastigen Bewegung zu ihr.) Siehst Du, liebe
-Toni! Deshalb _kannst_ Du und _darfst_ Du einfach gar nicht »Nein«
-sagen! Du bist meine einzige Rettung! ... Ich könnte ohne Dich keinen
-_Tag_ mehr leben, oder ich müsste verrückt werden, einfach verrückt! Du
-... Du bist das Einzige, woran ich nicht zweifle! Alles Andre versteh'
-ich! Alles Andre ist mir so unheimlich klar und durchsichtig! Aber Du
-... Du?! ... Wenn ich Dich so sehe, so still leidend, so geduldig, da
-... möcht' ich Dich -- haben!! ... für Dich leben, verstehst Du? Und ...
-Alles Andre ... hahaha! ... ich pfeife, pfeife drauf! ... Nur Du ...
-Du!! ... (Sieht sie an, kommt plötzlich wieder zu sich und springt auf.)
-Du! ... Was ... was hab' ich -- gesprochen? Du weinst?! Mädchen! ...
-Herrgott! (Rückt ganz nahe zu ihr. Spricht das Folgende sehr sanft.)
-Ach, siehst Du! Das war ja alles Unsinn, Thorheit! Ich weiss nicht ...
-tt! ... Ich meinte ... siehst Du? ... man lernt so viel kennen in der
-Welt, was einen niederdrückt, missmuthig macht ... so _manchmal_, mein
-ich! ... Nicht wahr? ... Deshalb wirft man ja aber doch die Flinte nicht
-gleich in's Korn?! ... Das geht Allen so! ... Ich meinte nur: wenn zwei,
-so wie wir, sich zusammenthäten, dann würd' es ihnen leichter, das Leben
-zu ertragen! ... So meint' ich! ... Ich habe da ... ich weiss nicht, wie
-ich das alles so hingeschwatzt habe! ... Das ist ja alles
-selbstverständlich! ... Es ist ja weiter gar nichts dabei! ... Es ist
-ganz einfach! Weine doch nicht mehr, mein liebes, liebes Mädchen! ....
-Nein, ich ... ich ... Narr! .... Beruhige Dich! ... Beruhige Dich doch!
-... Hörst Du? ... Hab' ich Dich so erschreckt?
-
-TONI (rückt näher zu ihm, schmiegt sich an ihn): Nein ich ... ich
-bedaure Dich so!
-
-WENDT (sie an sich drückend): Du -- bedauerst mich?! Mädchen!
-
-TONI: Kannst Du denn dann aber Pastor werden?
-
-WENDT (glücklich): Ach das ... das ist ja eine Form! Das ist Nebensache!
-
-TONI: Aber wenn Du nicht glaubst, dass ... wenn Du nicht an -- Gott
-glaubst?
-
-WENDT: An Gott glaubst! ... Die Hauptsache ist, (innig) wir werden uns
-dort beide auf dem Lande so wohl fühlen, so wohl! Wir werden so
-glücklich sein! Nicht wahr?
-
-TONI: Aber ...
-
-WENDT: Wir leben dann still für uns in ruhigen, schönen Verhältnissen!
-Wir werden ganz andere Menschen sein! Und dann sollst Du sehn, wie ich
-den Leuten predigen werde! Der Katechismusgott soll dann erst lebendig
-werden, lebendig! ... _Wir verstehen das Leben! Wir wissen, wie
-miserabel es ist, aber wir haben dann auch, was mit ihm versöhnt! Und
-das ist besser als alle Kanzelphrasen, wenn wir das den Leuten
-mittheilen._
-
-TONI: Aber ... ich weiss nicht ... wenn Du doch nicht wirklich glaubst
-.....?
-
-WENDT: Kein offizieller Glaube, aber ein besserer, lebendigerer! ...
-Lass nur! Du sollst sehen! ... Denke Dir: Eine herrliche Gegend!
-Laubwald! Berge! Getreidefelder! Stilles, gesundes Landleben! .... Unser
-Haus hinter der kleinen Dorfkirche, ganz von Weinlaub umrankt, mitten in
-einem grossen Obstgarten mit einem Hühnerhof. Ringsherum eine grosse,
-hohe Mauer und dadrin hausen wir, wir beide, ganz abgeschlossen von der
-Welt, aber ohne Hass, und das ist die Hauptsache! Und wenn Du mir dann
-Sonntags in den Talar hilfst und ich durch den kleinen Friedhof in die
-Sakristei spaziere, dann sollst Du einmal sehen, was ich den Leuten
-predigen werde! Sie sollen schon mit dem neuen Pastor zufrieden sein!
-Nicht?!
-
-TONI (die ihm aufmerksam, vor sich hinlächelnd, zugehört hat): O, das
-wäre schön!
-
-WENDT: Ja! Nicht wahr?! Nicht wahr?!
-
-TONI: Aber hier, was sollen sie denn hier anfangen?
-
-WENDT: Ach, das wird dann auch alles ganz anders! Du sollst sehen! ...
-Albert hat dann ausgelernt und verdient mit zu. Walter wird ja auch bald
-confirmirt und Du, Du bist dann »versorgt«: dann werden sie nicht mehr
-so viel Grund haben ...
-
-TONI: Ach ja! Vielleicht! ... Ach, das wäre so schön, so schön!
-
-WENDT: Nicht wahr?!
-
-TONI: Ja, ja! Das ginge! Vielleicht! ... Dann würde es wohl hier besser
-werden!
-
-WENDT: Sicher! Und dann ... Vergiss doch nicht! Dann sind _wir_ ja
-_auch_ da!
-
-TONI: Aber Linchen! Wenn Linchen nur nicht immer so krank wäre?!
-
-WENDT (hastig): Ach, siehst Du ... sie ... sie ist ja ....
-
-TONI (zusammenschauernd): O Gott, wenn sie stirbt!
-
-WENDT: Stirbt? (Unruhig.) Ach, wie kommst Du nur darauf?
-
-TONI: Ach, weisst Du! Ich (weint) habe so wenig Hoffnung!
-
-WENDT: Aber ich bitte Dich! Du hörst ja!
-
-TONI: Ach ja, ja! ... Sie ist das Einzige, was Vater und Mutter haben!
-Sie ist ihre einzige Freude! Wenn _sie_ nicht noch wäre ... Siehst Du,
-das ängstigt mich so! Das wäre zu schrecklich! Zu schrecklich! (Vor sich
-hinstarrend.) Wenn sie stirbt und wenn ich dann _auch_ noch fort wäre
-... (Wirft sich ihm um den Hals.) Ach nein! Nein! Das _geht_ ja gar
-nicht! Das _geht_ ja gar nicht! Dann wäre hier Alles noch viel, viel
-schlimmer ....
-
-WENDT (sie sanft von sich loslösend): Aber wie kommst Du denn nur
-darauf, liebe Toni? Es liegt ja gar kein -- Grund vor! Nein! Wir nehmen
-sie dann später _zu_ uns, dass sie sich in der gesunden, schönen Luft
-ganz erholen kann! Quäle Dich doch nicht immer so! Es wird und _muss_
-jetzt alles besser werden! Ich hab's so im Gefühl: wenn alles am
-trostlosesten aussieht, wenn es gar nicht mehr schlimmer werden kann,
-dann _muss_ sich alles zum Guten wenden! Nein! Du wirst glücklich
-werden, wir alle! Du wirst dort auf dem Lande wieder aufleben! Es wird
-eine ganz andre Welt sein! ... Du siehst ja alles nur so schwarz an,
-weil Du _nie_, _nie_ in Deinem ganzen Leben etwas anderes als die Noth
-hier kennen gelernt hast!
-
-TONI (aufseufzend): Ach ja! Das ist vielleicht auch wahr!
-
-WENDT (beugt sich über sie): Also, nicht wahr, Toni?
-
-TONI: Ja, ja! -- Wenn ...
-
-WENDT: Still! Still! (Küsst sie.) O, nun wird die Welt so schön werden!
-So schön!
-
-TONI: Schön? ... Ach Gott ja!
-
-WENDT: Ja! Schön! ... Trotz alledem! (Küsst sie.)
-
-TONI: Lieber! (Erwiedert seinen Kuss.)
-
-WENDT (nach einer kleinen Pause. Scherzend): Fru Pastern!
-
-TONI (lächelnd): Ach Du!
-
-
-
-
- Zweiter Aufzug.
-
-
- Zweiter Aufzug.
-
- (Dasselbe Zimmer. Es ist Nacht, durch das verschneite Fenster fällt
- voll das Mondlicht. Frau _Selicke_ sitzt wieder neben dem Bett und
- strickt, _Toni_ arbeitet am Sophatisch, auf welchem hinter dem
- grünen Schirm die Lampe brennt, _Albert_ sitzt neben ihr, liest,
- blättert und gähnt ab und zu, _Walter_ steht vor'm Fenster, die Arme
- auf das Fensterbrett gestützt.)
-
-WALTER (vom Fenster weg zu Frau Selicke hin): Mama! Er kömmt immer noch
-nich!
-
-FRAU SELICKE (müde, etwas weinerlich): Ach ja! ... Na, heute können wir
-uns wieder mal auf was gefasst machen.
-
-WALTER (sich an sie drängend, sie umfassend): Mamchen! Biste wieder gut
-mit mir? ... Ja? ... Mamchen!
-
-FRAU SELICKE: Ja! ... Ja! ... Wenn Du nur nich immer so ungezogen wärst!
-
-WALTER: Ach Mamchen!
-
-FRAU SELICKE: Ja! ... Ja! ... 's is schon gut! .... Lass mich nur!
-
-WALTER (immer noch schmeichelnd): Sag, Mamchen! Biste nu aber auch
-wirklich _ganz_ gut mit mir?
-
-FRAU SELICKE (lächelnd, abwehrend): Na ja! Ja, Du Schlingel!
-
-WALTER: Armes Mamchen! (Küsst sie und stellt sich dann wieder vor das
-Fenster hin. Nach einer kleinen Pause, während welcher Albert sich
-zurückgelehnt, die Arme gereckt und laut gegähnt hat.) Du, Albert! Au,
-kuck mal! Drüben bei Krügers brennt noch der Weihnachtsbaum!
-
-ALBERT (hat sich faul erhoben und ist langsam, die Hände in den Taschen,
-zum Fenster getreten): Ach wo, Du Peter! Is ja man 'n Licht in der
-Küche! Wo soll denn jetzt noch 'n Weihnachtsbaum brennen?
-
-WALTER (ihn unterbrechend): Halt doch mal! Horch mal! Ging -- da nich
-die -- Hausthür?! ... (Nach einer kleinen Pause, weinerlich.) Nee! Ach,
-nu kann man sich _wieder_ nich hinlegen!
-
-ALBERT (gähnt faul).
-
-FRAU SELICKE: Leg' Dich doch schlafen! Das wehrt Dir doch Niemand!
-
-WALTER: Ach! ... (Wieder nach einer kleinen Pause.) Du, kuck mal,
-Albert! Lauter goldne Flinkerchen hier auf'm Schnee! Wah? Das sieht
-hübsch aus!
-
-ALBERT (missgelaunt): Ja, ja!
-
-WALTER: Ob e' was mitbringt, Mamchen? 'n Baum?
-
-FRAU SELICKE (ohne von ihrem Strickzeug aufzusehen): Werden ja sehn! ...
-(Gähnt.) Hach ja!
-
-WALTER: Ach ja! Ich glaube! ... 'n Baum hab'n wir doch jedes Jahr
-gehabt? Morgen früh könn'n wir'n ja immer noch anputzen! Wah, Mamchen?
-Un wenn wir'n dann Abends anbrennen ... wah?
-
-FRAU SELICKE (müde, abgespannt): Ja, ja!
-
-WALTER: Na, un' Linchen bringt er doch auch was mit? Linchen?
-
-FRAU SELICKE: Na! Er wird wohl! (Zählt ihre Maschen, seufzt.)
-
-ALBERT (ist vom Fenster weg wieder auf den Tisch zugetreten): Nee, so'ne
-Unvernunft von dem! (Mit einem Blick nach der Uhr.) 's is nu halb Zwei!
-
-TONI (sieht in die Höhe): Sprich mal nich so vom Vater!
-
-ALBERT (sich zu ihr auf's Sopha setzend und sie schmeichelnd um die
-Taille fassend): Ach was, Tönchen! Sei man still! ... 's is doch wahr!
-Näh mir lieber nächstens mal 'n paar Stege an die Hosen! He? ...
-
-TONI (ihn sanft von sich abwehrend): Ach, nich doch, Albert! Red' Walter
-zu und geht beide zu Bett!
-
-FRAU SELICKE (unwillig vom Bett herüber): Ja doch! Stör' uns nich immer
-und leg' Dich lieber hin für Dein unnützes Schmökern da!
-
-ALBERT: _Na_, was soll man denn machen!
-
-FRAU SELICKE: Statt den ganzen Tag, wenn Du frei hast, hier
-umherzuliegen, könntest Du noch 'n bischen Sprachen lernen! Das braucht
-'n Kaufmann heutzutage! Aber Du hast nich 'n bischen Lerntrieb!
-
-ALBERT: Ach was, Mamchen!
-
-FRAU SELICKE: Na, mach' doch, was Du willst! Mir kann's egal sein! ...
-Mir wird so wie so bald alles egal sein! ... Ueberhaupt! Nenn' mich nich
-immer Mamchen! Was denkste Dir denn eigentlich, Du Gelbschnabel?!
-
-ALBERT: Na, liebe Zeit! Was wollt Ihr denn nur! Ich thu' doch meine
-Schuldigkeit im Geschäft! Da solltest Du erst mal andre junge Kaufleute
-sehn!
-
-FRAU SELICKE: Na, ja ja! Is schon gut! Wissen ja! Lass uns nur
-zufrieden!
-
-WALTER: Ach, nu kömmt er immer noch nich!
-
-FRAU SELICKE: Leg Dich zu Bett, Walter! Leg Dich zu Bett!
-
-WALTER: Ach nee! Ich kann ja doch nich schlafen, Mutterchen, wenn Vater
-nich da is!
-
-FRAU SELICKE: O, und nun auch noch die _Schmerzen_ in meinem _Fusse_!
-... Ich könnte laut _auf_schrei'n! ... Weiter nichts wie Elend und Sorge
-und Aufregung hat man! Das ist das ganze bischen Leben! Wenn einen der
-liebe Gott doch _endlich_ mal erlösen wollte!
-
-ALBERT (geht mit gesenktem Kopfe verdriesslich auf und ab. Die Hände in
-den Taschen seines Jacketts): Nein, das is auch eine Wirthschaft hier!
-Wenn man doch erst mal ... he! ... Sitzt man bis spät in die Nacht rein
-und wagt kein Auge zuzuthun und am andern Tag is man dann janz kaputt!
-
-FRAU SELICKE: Ach, geh schlafen und predige uns nich auch noch was vor!
-... Walter, leg Dich nun hin!
-
-WALTER (Sieht immer noch aufmerksam zum Fenster hinaus): Ach nein,
-Mamachen! Ich warte noch!
-
-FRAU SELICKE: Na, warte man ...
-
-ALBERT: Ae was! Ich leg' mich hin!
-
-FRAU SELICKE: Das machste gescheidt!
-
-ALBERT (mürrisch): Jute Nacht!
-
-TONI: Gute Nacht!
-
-ALBERT (nimmt, während er am Sophatisch vorbei geht, von diesem eine
-Streichholzschachtel, klappert damit und verschwindet in der Kammer,
-nachdem er bereits auf der Schwelle ein Zündhölzchen angestrichen und in
-das Dunkel hineingeleuchtet hat).
-
-FRAU SELICKE: Walter!
-
-WALTER: Ach, Mamachen!
-
-FRAU SELICKE: Ach was! Dummer Junge! .... Dir thut er ja nichts!
-
-WALTER: O ja!
-
-FRAU SELICKE: Ach, Dummheit! ... Leg' Dich hin! Geh! ...
-
-WALTER: Au, unten kommt einer!
-
-FRAU SELICKE (zusammenfahrend): Kommt e'?!
-
-WALTER (weinerlich): Is 'n andrer!
-
-FRAU SELICKE: Nein, so ein Mann! So ein Mann! ... Das kann er doch
-wirklich nich verantworten! ... Walter! Geh' nun!
-
-TONI (hat ihr Nähzeug auf den Tisch gepackt, ist aufgestanden, an's
-Fenster getreten und nimmt nun Walter an die Hand): Komm, Walterchen!
-
-WALTER (hat sie von unten auf umfasst und sieht zu ihr empor): Ach, lass
-mich doch! Ich hab' ja solche Angst! ... Ich wart' hier lieber am
-Fenster!
-
-TONI: Dann geh ich _auch_ nicht schlafen! Na?
-
-WALTER (weinerlich): Ach! -- (Macht sich von ihr nach dem Fenster zu
-los.)
-
-TONI: Komm!
-
-WALTER: Gleich! (Sieht durch das Fenster.) Jetzt! (Lässt sich von ihr
-nach der Kammer führen. Schluchzt. Während die Thür aufgeht, sieht man
-noch das Licht brennen, das Albert sich angesteckt hat. Toni bückt sich,
-küsst Walter und drückt dann die Thür wieder zu. »Gute Nacht!«)
-
-WALTER: Ach, lass doch die Thür 'n bischen auf!
-
-TONI: Na ja! ... So! ... (Eine Weile noch sieht man durch den Spalt das
-Licht, dann verlischt es. Toni macht sich still wieder an ihre Arbeit.)
-
-FRAU SELICKE: Nein! So ein komischer Junge! Sich so abzuängstigen! ...
-Ueber was man sich nich alles ärgern muss? ... Nein! ... Ach! Na -- ich
-sage auch schon! ...
-
- (Kleine Pause. Im Bett Husten und Stöhnen.)
-
-LINCHEN: Ma--ma--chen! ...
-
-FRAU SELICKE (beugt sich über die Kissen): Ach, da biste ja wieder,
-meine Kleine?
-
-LINCHEN: Warum -- kommt'n Papa noch nicht?
-
-FRAU SELICKE: Sei nur ruhig! ... Weine nicht! ... Rege Dich nicht auf,
-mein Herzchen! Er kommt nun bald! ... Ach Gott, ja!
-
-LINCHEN: Er ist wieder -- betrunken! Nich wahr?
-
- (Toni lässt ihr Nähzeug sinken und sieht vor sich hin.)
-
-FRAU SELICKE: Ach nein! ... Nein doch, mein Herzchen! ... Er is nur
-einen Weg gegangen! ... Er bringt Dir was mit!
-
-LINCHEN: Ach nein! ... Er will Dich nachher wieder schlagen!
-
-FRAU SELICKE: Ach, aber meine Kleine! ... Weine doch nur nicht, mein
-Linchen! ... Gott, nein! ... Siehste, Du darfst dich ja nich aufregen?!
-Du wirst ja sonst nich gesund? ... Nein, mein Mäuschen! Er hat nur ein'n
-Weg gehabt!
-
-LINCHEN: Bringt er mir wieder Törtchen mit?
-
-FRAU SELICKE: Ja.
-
-LINCHEN: Ach Mamachen! Und 'ne neue Puppe möcht' ich auch so gerne
-haben!
-
-FRAU SELICKE: Ja, die kriegst Du! Und auch wieder Wein!
-
-LINCHEN: Solchen süssen?
-
-FRAU SELICKE: Ja.
-
-LINCHEN: Aber weisst Du, Ma--machen .... es muss eine Puppe sein, die
-... richtig sprechen kann ...
-
-FRAU SELICKE: Ja! So eine!
-
- (Toni hört die ganze Zeit über in Gedanken versunken zu.)
-
-LINCHEN: Auch ein'n ... Wagen ...?
-
-FRAU SELICKE: Ja?
-
-LINCHEN: Au! Denn ... fahr'n wir die Puppe immer spazier'n ...! Nich
-wahr, Tönchen?
-
-TONI: Ja, liebes Kind!
-
-FRAU SELICKE: Ja, meine Kleine! Dann gehst Du wieder mit Tönchen
-spazier'n!
-
-LINCHEN: Au ja! ... Bald -- Ma--machen?
-
-FRAU SELICKE: Ja! Bald! Ganz bald!
-
-LINCHEN: Morgen?
-
-FRAU SELICKE: Morgen? Aber, liebes Kind! Du musst Dich doch erst noch 'n
-bischen erholen? .. Nich wahr? .. Aber diese Woche vielleicht!
-
-LINCHEN: Bestimmt?
-
-FRAU SELICKE: Ja! ... Bestimmt!
-
-LINCHEN: Ma--machen ... Ja? Ich -- werde doch ... wieder gesund?
-
-FRAU SELICKE: Ja, gewiss mein Mäuschen! ... Freilich!
-
- (Kleine Pause.)
-
-LINCHEN: Ma--machen? ...
-
-FRAU SELICKE: Hm?
-
-LINCHEN (lächelnd): Kranksein is hübsch!
-
-FRAU SELICKE: Ach Gott! .. Meine arme, dumme Kleine! ... Warum denn?
-(Beugt sich zärtlich zu Linchen hin.)
-
-LINCHEN: Weil .. weil Du dann .. immer ... so ... gut bist ...
-
-FRAU SELICKE: O, aber mein Linchen! ... Bin ich denn sonst _nicht_ gut?
-
-LINCHEN: Liebes Mamachen?
-
-FRAU SELICKE: Was denn, meine Kleine?
-
-LINCHEN: Mamachen?
-
-FRAU SELICKE (rückt ihr etwas näher): Na?
-
-LINCHEN: Nich wahr .... Ma--machen? ... Du -- zankst nich mehr ... mit
-mir .. wenn ich ... erst wieder ... gesund ... bin ...
-
-FRAU SELICKE: Ach, meine ... (küsst sie).
-
-LINCHEN: Hast Du ... mich ... lieb, Ma--machen?
-
-FRAU SELICKE: Ach, meine Kleine!
-
-LINCHEN: Bringt Papa ... ein' Baum mit ... und Lichter?
-
-FRAU SELICKE: Ja, Liebchen! Und morgen kommt der Weihnachtsmann!
-
-LINCHEN: Ei! ... Rück mich doch 'n bischen in die Höh', Ma--machen!
-
-FRAU SELICKE: Willst Du denn nicht wieder einschlafen, meine Kleine?
-
-LINCHEN (aufgeregt, hastig): Ach, ich ... bin ... gar nich ... müde ...
-(Hustet) Ich .. bin .. ganz ... wohl ... Ma--ma--chen!
-
-FRAU SELICKE: Ach, der alte, böse Husten! ... Na so? (Hat sie ein wenig
-hochgerückt.)
-
-LINCHEN: Erzähl' mir ... doch ... 'n bischen was!
-
-FRAU SELICKE: Ach, liebes Kind! ... Ich weiss nichts! (Seufzt.)
-
-LINCHEN: Ma--machen! ... Krieg' ich auch 'n neues Kleid ... wenn ich ...
-wieder ... gesund bin?
-
-FRAU SELICKE: Ja! -- Aber sprich doch nich so viel, mein Liebchen! Es
-strengt Dich so an? ... Komm! (Legt den Kopf neben sie auf das Kissen.)
-Komm! Schlafe! Schlafe, mein liebes Täubchen!
-
-LINCHEN: Lieschen Ehlers sagt immer in der Schule zu mir: Ach pfui ...
-Du -- hast so'n ... schlechtes ... Kleid!
-
-FRAU SELICKE: Ja! Tönchen soll Dir ein ganz neues machen! -- Komm! --
-Schlafe, meine Kleine!
-
-LINCHEN: Au! Wart' doch -- mal, Ma--machen! Meine -- Hand ...
-
-FRAU SELICKE: O, hab' ich Dir weh gethan, mein Püppchen?
-
-LINCHEN: Lieschen Ehlers is dumm! Nich wahr ... Ma--mach'n?
-
-FRAU SELICKE: Ja! Richtig dumm! ...
-
- (Kleine Pause. Frau Selicke hat fortwährend noch ihren Kopf auf dem
- Kissen.)
-
-LINCHEN (schnell, aufgeregt): Und darf ich -- auch wieder -- mit Tönchen
-zur -- Tante, auf's Land? ... wenn ich ... wieder gesund ... bin? ...
-Ja? ... Weisste, dann ... suchen wir immer .. die Eier .. in der Scheune
-.. Tante und ich .. Ma--mach'n! ... Ma--mach'n! Onkel sagt immer ... zu
-mir: »Giv mi -- mol 'n -- Kuss, min lütt Deern!« ... (Lächelnd.) Mama!
-'n Kuss! ... Aber -- er hat -- so'n Stachelbart! .. Das kratzt immer ..
-Weisste, ich hab'n immer -- seine -- lange Pfeife gestopft ... und dann
--- musst' ich -- immer essen, aber auch -- _immer_ essen! ... Sie --
-nudeln ein' orntlich! ... Au! Ich -- _konnte_ manchmal -- gar nich --
-mehr! ... Die alte -- Grossmutter -- sagt immer ... »Fat tau, Kind! --
-Fat -- drist -- tau!« -- Na, die -- haben's ja! -- Nich wahr --
-Ma--mach'n? -- Sie schlachten -- jedes Jahr -- vier Schweine! ... _Vier_
-Schweine! ... Ma--mach'n? Horch mal! (Lächelnd.) Einmal -- hat mir --
-Cousin Otto ... den Schweinsschwanz -- hinten an'n ... Zopf gebunden ...
-un -- ich hab's erst -- gar nich gemerkt! ... Cousin Otto -- macht immer
--- solche Dummheiten! -- Nich? -- Aber -- er is -- gut! -- Er hat mir
-immer -- Weintrauben -- aus dem Garten -- gebracht ... Ja! ...
-
-FRAU SELICKE: Kucke, meine Kleine! Du wirst ja ganz munter? Aber sprich
-lieber nich so viel, mein Häschen!
-
-TONI (hat während der Erzählung Linchens freudig überrascht aufgehorcht
-und ist nun auch an das Bett herangetreten): Wie unser Linchen erzählt!
-Siehst Du, Mama? Nun wird sie bald, bald gesund sein!
-
-LINCHEN (etwas ungeduldig): Na ja! ... Das -- werd' ich auch!
-
-TONI: Schön! Schön, mein gutes Herzchen!
-
- (Steht am Bett mit übereinandergelegten Armen und sieht zärtlich auf
- Linchen herab.)
-
-FRAU SELICKE (die Toni zugenickt hat): Aber, hörst Du? Erzähl' lieber
-_nicht_ so viel, mein Linchen!
-
-LINCHEN (schnell, aufgeregt): Nein ... wart doch mal ... Ma--machen! ..
-Hör doch mal! ... Un Cousine Anna ... _Die_ hat Kleider?! .. _Kleider_
-hat die! ... Na, aber auch ... so viele! ... Sonntags ... weisst Du ...
-wenn wir in die Kirche ... (Hustet.)
-
-FRAU SELICKE (angstvoll): Kind! Kind!
-
-LINCHEN: Ach ... das ... schadet nichts ... Ma--mach'n! ... So'n --
-bischen -- Husten noch! ... Das -- hört -- morgen wieder auf -- Nich? ..
-Sonntags in der Kirche .. ein blaues, ein -- ganz -- himmelblaues .. mit
-.. weissen Spitzen! ... Fein, Mamachen! ... Na ... aber auch _alle,
-alle_ -- haben -- auf uns -- gekuckt! ... (Etwas ruhiger; nachdenklich):
-Ach, wie hübsch -- ist es da -- Mamachen! ... Immer -- so still! ...
-Aber -- viel Fliegen! ... Nich wahr, Mamachen? ... wenn es -- recht
-heiss is ... Onkhel zankt nich'n -- einziges Mal -- mit Tante! ... Kein
-Schimpfwort! ... Und Anna und Otto -- sind auch immer -- so artig!
-
-FRAU SELICKE: Liebes Herzchen! Du wirst ja ganz heiser!
-
-LINCHEN: Weisste ... sie wollten -- mich dabehalten! ... Sie wollten
-mich -- gar nich -- wieder fortlassen! ... Tante sagte: ich sollte nu --
-ihre Tochter werden! ... Papa -- soll sich's ... überlegen! ..
-(nachdenklich): Gut hätt' ich's da! ... Nich, Mamachen? ... (Sehr
-lebhaft, sich steigernd): Aber Du -- und Papa -- sollen mich -- dann
-immer -- besuchen! ... Aber -- ich ziehe nich hin, Mamachen! .... Nich?
-... Ich ziehe nich hin! ... Ich bleibe -- hier!
-
-FRAU SELICKE: Uh! Dein Händchen brennt ja wie Feuer, mein liebes
-Puttchen! ... So! ... So! ... Nich wahr, mein Herzchen?
-
-LINCHEN (nach einer kleinen Pause): Ach, Mamachen! Der schöne, schöne
-Mondschein!
-
-FRAU SELICKE: Ja?
-
-LINCHEN (versucht zu singen):
-
- Wer hat die schönsten Schäfchen,
- Die hat der goldne Mond ...
-
- (Sie bekommt einen Hustenanfall. Toni lässt ängstlich ihr Nähzeug
- sinken.)
-
-LINCHEN: Ach! ... aah! ... aah! ...
-
-FRAU SELICKE: Mein armes Herzchen! Mein armes Herzchen!
-
- (Linchen liegt einen Augenblick still, von dem Anfall erschöpft.)
-
-LINCHEN: Ma--mach'n!
-
-FRAU SELICKE: Hm?
-
-LINCHEN: Ach! -- Ich ... möchte .. aufstehn!
-
-FRAU SELICKE: Aber Kind!
-
-LINCHEN: Es -- is -- so -- langweilig im Bette! (Wirft sich unruhig
-herum.)
-
-FRAU SELICKE: Habe nur Geduld, meine Kleine! Morgen oder übermorgen
-wollen wir mal sehn! Dann kannst Du wohl 'raus!
-
-LINCHEN: Aber auch ganz gewiss!
-
-FRAU SELICKE: Ja!
-
-LINCHEN (seufzt): Ich will auch -- nie wieder unartig sein -- Mamachen
-... wenn ich wieder -- gesund bin! ... Ich gehe dann -- alle Wege! ...
-
-FRAU SELICKE: Ja, ja, mein Liebchen! Aber nich wahr? Nun schläfst Du
-auch wieder!
-
-LINCHEN (schläfrig, immer leiser): Ach ja .. ja ..
-
-FRAU SELICKE (nach einer Pause): Sie schläft wieder! ... Ach, mein Fuss!
-Mein Fuss! ... (Stöhnt auf.)
-
-ALBERT (aus der Kammer): Mama! Das geht einem ja durch Mark und Bein!
-
-FRAU SELICKE: Na wart' nur! ... Du solltst mal erst die Schmerzen
-_haben_! ... O Gott! Was hat man nur vom Leben! ...
-
-ALBERT (aus der Kammer): Ach, nu fasst Du das wieder so auf! ... So
-meint' ich's ja gar nich!
-
- (Toni ist zum Fenster getreten.)
-
-FRAU SELICKE: Hörst Du denn immer noch nichts, Toni?
-
-TONI: Nein!
-
-FRAU SELICKE: Ach Gott, nein! So ein Mann! Nicht ein bischen Rücksicht!
-... Das ist ihm hier alles egal, alles egal! ... So ein alter Mann! ...
-Er sollte sich doch nu schämen! ... Nein, wahrhaftig! Ich hab' auch nich
-'n bischen Liebe mehr zu ihm! Aber auch nich 'n bischen! ... Für mich is
-er so gut, wie todt! ... Ach ja! Ich kann wohl sagen: mir ist alles so
-gleichgültig! Wenn das arme Würmchen nich noch wär'! ... Jahraus,
-jahrein dasselbe Elend! ... Ach, ich kann wohl sagen: ich habe mein
-Leben _recht_ satt! ... Is gar kein Wunder, wenn man gegen alles
-abstumpft! ... Wie gut hätten wir's haben können! ... Wie leben andre
-Leute in unsrem Stande! Wenn man so nimmt! Mohr's! ... Der Mann is 'n
-einfacher Handwerker gewesen und hat jetzt sein schönes Haus! Und _die_
-Wirthschaft! Was haben _die_ Leute für 'ne Wirthschaft! ... Na, un bei
-uns? ... Un _der_ will nun 'n gebildeter Mann sein! ... Nein, wie das
-bei uns noch werden soll? ... Und an allem bin _ich_ Schuld! ... Ich
-verzieh' die _Kinder_! Ich vernachlässige die _Wirthschaft_! Alles geht
-auf _mich_! ... Und da sollen die Kinder noch Respekt vor einem haben!
-... Ach Gott, nu sitzt man wieder hier und zittert und bebt! ... Und
-wenn man nur nicht dabei so hinfällig wär'! ...
-
-WALTER (steckt den Kopf durch die Kammerthür): Mutterchen?!
-
-FRAU SELICKE (fährt herum): Was! ...
-
-WALTER: Mutterchen! Kommt er denn _immer_ noch nich?!
-
-FRAU SELICKE: Ach, Du?! -- Ich denke, Du bist schon lange eingeschlafen?
-... Biste denn nur nich gescheidt, Junge?! ... Mach mal gleich, dass Du
-wieder in's Bett kommst! Du willst Dich wohl erkälten?! Was?!
-
-WALTER: Ach, ich habe ja solche grosse Angst!
-
-FRAU SELICKE: Nein, so was! ... Leg Dich mal gleich hin!
-
- (Walter schleicht sich wieder zurück.)
-
-Ei, Du lieber Gott! Nein! ... In Schulden sitzt man bis über beide
-Ohren! ... Nichts kann man anschaffen! ... Kaum, dass man das liebe
-bischen Brot hat! ... Nein, das kann Euer Vater wirklich vor Gott nich
-verantworten! ... Un dabei macht er sich selber ganz kaputt! ... Seine
-Hände fangen schon ordentlich an zu zittern! Haste noch nich gemerkt?
-
-TONI (die währenddem wieder eifrig genäht hat, antwortet nicht.)
-
-FRAU SELICKE: Du armes Thier! Du wirst gewiss auch schön müde sein! ...
-Ach nein, so ein Leben! So ein Leben! ... Hm! Womöglich is'm was
-passirt?! ... Er hat vielleicht Streit gehabt! Er is ja so unvernünftig,
-wie 'n kleines Kind! ... Ae! Ich sage auch! Das ganze Leben is -- -- --
-(Gähnt nervös, streichelt über Linchens Händchen.) Mein armes Würmchen!
-Das arme, magre Händchen! ... Ach Gott, ja! Du sollst sehn, wir behalten
-sie nicht!
-
-TONI: Ach, Mutterchen!
-
- (Toni tritt wieder an's Fenster.)
-
-FRAU SELICKE: Horch mal! ... Poltert's nich auf der Treppe?!
-
-TONI: Ach, wohl nur die Katze!
-
-FRAU SELICKE: Ach Gott, nein! (Erhebt sich und geht schwerfällig auf das
-Fenster zu.) Wunderhübsch draussen! ... Aber der Himmel bezieht sich
-wieder, wir bekommen andres Wetter! ... Ich spür's an meinem Fuss! ...
-Nein, noch nichts zu sehn! Ach ja!
-
- (Geht wieder zurück und setzt sich.)
-
-Ich bin todtmüde! Wie zerschlagen!
-
-TONI: Da kommt wer!
-
-FRAU SELICKE: Ach Gott! (Fährt in die Höhe.)
-
-TONI: Er ist es! ... Endlich!
-
-FRAU SELICKE: Ach! -- Ach! -- Mein Herz! -- Mein Herz! Die Angst
-drückt's mir ab!
-
-WALTER (aus der Kammer): Mutterchen! Kommt er?!
-
-FRAU SELICKE: Still! Schlaf!
-
-TONI: Er ist auf der Treppe! -- Hinten! (Sie ist auf Frau Selicke zu
-getreten.)
-
-FRAU SELICKE: Ich renne fort! ... Ach! Wohin?
-
-TONI: Sei ruhig, Mutterchen!
-
-FRAU SELICKE: Ach, meine Angst! Meine Angst! ... Pass auf! ... Es giebt
-'n Unglück! Das arme Kind! ...
-
-TONI (stützt sie): Beruhige Dich doch, Mutterchen! Er ist ja gar nicht
-so schlimm, wie er immer thut!
-
-FRAU SELICKE: Ach, trotzdem! ... Meine Nerven sind ja so schwach! Alles
-nimmt mich so mit!
-
-TONI: Der Vater ... Nein! 's is wahr .. hach!
-
-FRAU SELICKE: Mich schwindelt! ... Mir .. is .... zum Umkomm'n! (Stützt
-sich gegen Toni.) Horch! ... Er kommt heut wieder hinten rum! Ach, mein
-Herz! .. Mein Herz! .. Fühl mal!
-
-WALTER (aus der Kammer in höchster Angst): Mutterchen! Mutterchen! Es
-pumpert gegen die Küchenthür!
-
-FRAU SELICKE: Ach Gott, ach Gott! Is der schwer! ... Ruhig, Walter! Sei
-still, mein Junge! ... Thu, als ob Du schläfst! ... Toni, mach auf!
-
-TONI: Ja! Geh so lang' vorn raus, Mutterchen! Auf alle Fälle! (Toni ab
-in die Küche mit der Lampe. Frau Selicke steht einen Augenblick nach der
-Küche hin lauschend. Zittert. Presst beide Hände aufs Herz. Geht dann
-auf die Flurthür zu. -- Es poltert in der Küche. Schwere Schritte. Eine
-tiefe Bassstimme. Lustiges Lachen. -- Frau Selicke verschwindet schnell
-im Flur. Die Küchenthür wird aufgestossen. Noch hinter der Scene die
-Stimme Selicke's: »Na? .. _Tönchen_ .. _Tööönchen_ ..«)
-
-SELICKE (tritt in die Stube, welche in diesem Augenblicke nur vom
-Mondlicht und von dem Licht der Lampe, das aus der Küche in die Stube
-fällt, hell ist. Selicke: ein grosser, breitschultriger Mann mit
-schwarzgrauem Vollbart. Schwarzer Sonntagsanzug unter dem offenstehenden
-Ueberrock. Er schleift einen kleinen Christbaum hinter sich her; aus den
-Taschen sieht Papier von Packeten und Düten vor. Unter den Arm hat er
-eine grosse, weisse Düte gequetscht. Er ist angetrunken. Taumelt aber
-nur sehr wenig und spricht alles deutlich, nur etwas langsam und
-schwerfällig. Sagt in sehr guter Laune): Na?! ... Habt Ihr wieder kein
-Licht. Ihr Tausendsakramenter. Ihr? ... Hm? ... (Lacht fortwährend leise
-vor sich hin, nickt mit dem Kopf und macht ein pfiffiges Gesicht, als
-wenn er eine Ueberraschung vor hätte. Toni kommt ihm mit der Lampe nach.
-Setzt sie auf den Sophatisch.) Huaach! ... Ne! Wird man -- müde .. wenn
-man so auf dem Weihnachtsmarkt rumläuft? ... (Lacht und blinzelt Toni
-zu, die am Sophatisch in seiner Nähe steht.) ... 'n hübscher Baum --
-hbf! -- hä? ... Holt man morgen früh gleich die -- hb! -- Hütsche vom
-Boden! -- Da! Nimm ihn _hin_! -- (Giebt Toni den Baum; thut scherzhaft,
-als wenn er sie erschrecken wollte. Sie lächelt gezwungen und stellt den
-Baum bei Seite. Er lacht, wendet sich dann zum Tische und fängt an seine
-Taschen auszupacken; singt dabei: »_Nicht Ross', nicht Reisige_ ...«
-sich unterbrechend): Wo sind denn ... die Jungens?
-
-TONI: Sie schlafen schon!
-
-SELICKE: Wie -- hb! -- Wie spät is denn -- eigentlich?
-
-TONI: Zwei.
-
-SELICKE (thut sehr erstaunt): Was -- Kuckuck! Zwei?! -- (Hebt, indem er
-weiter auspackt, abermals an: »_Nicht Ross', nicht Reisige_«. Er nimmt
-aus einer Düte zwei Pfannkuchen, geht damit auf die Kammer zu und ruft
-mit gedämpfter Stimme): He! Walter! -- Walter! -- Willste noch 'n
-Pfannkuchen? (Bekommt zuerst keine Antwort.) Na?!
-
-WALTER (in der Kammer, halb ängstlich): Ja!
-
-SELICKE: Da! Fang! (Wirft den Pfannkuchen nach Walters Bett hin und
-lacht.) Na, Grosser! Du auch? (Albert antwortet nicht.) Eh! Frisst 'n je
-doch! Da! (Wirft auch ihm einen Pfannkuchen zu und geht dann vergnügt,
-leise vor sich hinpfeifend, zum Tisch zurück.) Ja, ja! Die Jungens!
-(»_Nicht Ross', nicht Reisige_ ...« -- Toni, die solange am Tisch
-gestanden, hat abwechselnd ihn beobachtet und zur Flurthür hingesehn. Er
-kramt wieder mit den Sachen. Holt das Portemonnaie vor, klappert mit dem
-Gelde. Legt ein Goldstück auf den Tisch.) Hier! ... Da können wir beide
-... morgen früh noch ... Einiges einkaufen ... gehn! Die Jungens könn'n
-dann 'n Baum putzen ... und am Abend ... bescheer'n wir! ... Na? Was
-machst' denn für'n Gesicht?!
-
-TONI: Ich? ... O, gar nicht, Vaterchen!
-
-SELICKE (misstrauisch): Ae! Red' nich! ... Das heisst: Kommste wieder
-... so spät, he? ... Ja, -- ja, mein Töchterchen! .. Dein Vater darf
-sich wohl nich mal'n Töppchen gönn'n? ... Was?! ... Ae, geh weg! Du
-altes, dummes Fraunzimmer! ... Ja! Ich möcht' mal sehn ... wenn Euer
-Vater ... nich wär'! ... Weisste, mein' Tochter? ... Mir geht viel im
-Koppe rum! ... Ich sorge mich -- Euretwegen! ... Ja, ja! Wenn ich Dich
-so _sehe_! ... Wie sind _andre_ Mädchen in Deinem Alter! --
-
- (Die Flurthür öffnet sich ein wenig. Frau Selicke lauscht durch den
- Thürspalt).
-
-Du liegst Dein'm Vater immer noch -- auf'm Halse! ... Ja, ja! ... Ae!
-Du! ... Geh weg! ... Ich mag Dich nich mehr -- sehn! ... (Für sich,
-indem er seitwärts tritt und an seinem Rocke herumzerrt, um ihn
-auszuziehen.) Ae! Is das -- 'ne Hitze? ...
-
-(Toni versucht ihm beim Ausziehen des Rockes behilflich zu sein. Selicke
-brummt missgelaunt vor sich hin): Mach', dass Du wegkömmst! ... Ich --
-brauch' Dich nicht! (Toni hilft ihm dennoch. Er streift etwas die Wand.
-Endlich hat sie mit zitternden Händen ihm den Ueberrock und dann auch
-den Rock abgestreift und beides an die Knagge neben der Corridorthür
-gehängt. Selicke steht nun in Hemdärmeln da. Streicht sich über die Arme
-und schlägt sich dann, vor sich hin kichernd, mit der Faust auf seine
-breite, gewölbte Brust): Ae! ... Ja? Siehste? ... Dein Vater is noch'n
-Kerl! ... (Lacht.) Was meinste, mein' Tochter! ... Z--zerdrück'n könnt'
-ich Dich mit meinen Händen! .. Z--zerdrücken! .. Das wär' am Ende auch
--- das Beste! ... (Mit dumpfer Stimme, sieht vor sich hin) Ich häng'
-Euch -- alle auf! Alle! .. Un dann -- schiess ich mich -- todt! ...
-(Toni wankt ein wenig zurück nach der Flurthür zu. -- Selicke geht auf
-die Kammerthür zu. Man hört Walter in der Kammer weinen). Na, was --
-haste denn, dummer Junge?! (Mit schwerfälligen Schritten, ein wenig
-wankend, in die Kammer. Toni öffnet die Flurthür halb. Frau Selicke
-steckt den Kopf in's Zimmer).
-
-FRAU SELICKE: So'n Kerl! So'n Kerl!
-
-TONI: Stille, Mutterchen! Stille! .. Um Gotteswillen!
-
-FRAU SELICKE: Das Kind, das arme Kind!
-
-SELICKE (in der Kammer): Komm, mein Sohn! .. Dein Vater hat Dich lieb!
-.. Sehr, sehr lieb! ... Ja, ja, mein Junge! ... Er hat auch gesorgt,
-dass Du was zu Weihnachten kriegst! ... Ja, wer sollte für Dich sorgen,
-wenn Dein Vater -- nich wär'! ... Na, weine doch nicht! ... Was --
-weinste denn? ... Was?! Ae! Sei nich so dumm! ... Dummer Junge!
-
-FRAU SELICKE (in derselben Stellung, etwas mehr im Zimmer, mit Toni nach
-der Kammer hinhorchend): Ach Gott, nun weckt er wieder die armen Kinder,
-der Kerl!
-
-TONI (ängstlich): Geh wieder zurück, Mutterchen! Um Gotteswillen!
-
-SELICKE (in der Kammer): Ja, ich habe Euch -- hbf! -- doch -- lieb! ...
-Alle! .. Ja, ja? ... Na? Wo ist denn Deine Mutter? -- Hä?
-
-FRAU SELICKE (tritt etwas zurück): Ach Gott, ach Gott!
-
-TONI: Geh wieder zurück, Mutterchen!
-
-SELICKE (in der Kammer, lustig): He! Alte! ... Wieder -- fortgehumpelt?
-... Na, humple, humple nur hin! ... (Sucht ihre Stimme nachzumachen) ...
-»Ach, die -- _arme_ Frau!« ... »Was _die_ -- für'n Mann hat!« ... »Ae!
-_Die_ hat's mal schlecht!«
-
-TONI (drängt Frau Selicke zurück): Geh zur Thüre, Mutterchen! dass Du so
-lange raus kannst, bis er schläft!
-
-FRAU SELICKE: Aber, das Kind! Das Kind! ... Ich kann doch nich ...
-
-TONI: Lass nur! Ich will schon sehn! ... (Drängt Frau Selicke sanft noch
-mehr zurück.) Armes Mutterchen!
-
-SELICKE (in der Kammer): Die Alte ist Schuld, dass Dein Vater so spät
-nach Hause kommt, mein Sohn! ... O, das ist ein Unglück! Ein rechtes
-Unglück! ... Und der alte, grosse Schlingel da? .. Hui! hbf! ... Das --
-Schnarche nur! Aus Dir wird nichts, mein Sohn! Gar nichts! ... Huste
-nich! ... Dummer Junge!! ... Was?!! ... Du willst ...
-
-FRAU SELICKE (schreit unterdrückt auf).
-
-SELICKE (kommt aus der Kammer. Frau Selicke zurück, schliesst die Thür):
-Aeh! Da biste ja, mein süsses Weibchen! (Geht auf die Flurthür zu.
-Unterwegs macht er aber Halt.) Hm? Mein P -- Putt ... hbf! ... P --
-Puttchen? ... Das arme Kind! ... Das arme Kind! (Er holt sich die Düte
-vom Tisch und geht mit ihr auf das Bett zu. Walter lugt verstohlen um
-den Thürpfosten. Man hört, dass jetzt auch Albert wach geworden ist. --
-Selicke bückt sich ein wenig über das Bett. -- Leise.) M-- Mäuschen! ...
-Sch--läfste, mein armes -- Herzchen? ... Sst! ... Sie schläft, die --
-kleine Tochter!
-
-TONI (kommt ängstlich auf das Bett zu): Vater!
-
-SELICKE: Ich habe Dir -- was mitgebracht? ... K--Kuchen, Kind? --
-K--Kuchen?
-
-TONI: Vater! Sie wird ja wach!
-
-SELICKE (richtet sich auf): W .. _Was_ willst Du? Hä?
-
-TONI: Sie ist ja so krank!
-
-SELICKE (ihr nachäffend): »Sie ist so krank!« ... Ae! Hab' Dich doch,
-alte Suse! -- »Sie ist so krank!« .. »Piep, piep, piep!« ... Ach, Herr
-Jemine! ... Das arme Mädchen! Wie die sich vor ihrem Vater ängstigen
-muss! -- Mach, dass Du wegkommst! ... Mag Dich nich sehn! (Die letzten
-Worte zornig, bedrohend. Die Flurthür ist ein wenig aufgegangen. Frau
-Selicke schreit auf). Aah! ... Sieh mal! .. Da steckste, mein süsses
-Lamm? (Lacht, taumelt an Toni vorbei auf die Flurthür zu. Draussen wird
-hastig die äussere Flurthür aufgerissen. Es poltert die Treppe hinunter.
--- Selicke öffnet die Thür.) Na, so 'ne Komödie! ... Kuckt, wie die Alte
-rennen kann (zeigt in das Entree) mit ihrem schlimmen Fusse! ... Ne! ...
-Hähähä! ... Wie se humpeln kann! .. Hopp, hopp, hopp! ... Wie der Wind!
-... Haste nich gesehn! ... Wie'n Schnelllöfer! ... (Lacht, schüttelt
-dann aber plötzlich die Faust nach dem Flur, ruft unterdrückt) Du, altes
-Thier! Du willst 'ne Mutter sein?! ... Ach, Du! -- Du! -- Du! ...
-Unglücklich hast Du mich gemacht! Unglücklich! ... (Kommt zurück;
-während er an Toni vorbeikommt) Na, Du? ... »Sie ist so krank!« ... Ae!
-Weg! ... Lass mich vorbei! (Tappt wieder zum Bett und will sich drüber
-bücken.)
-
-TONI (ihm nach): Vater! Lass jetzt das Kind! -- (Sie stösst ihm mit der
-Hand gegen die Schulter).
-
-SELICKE (richtet sich in die Höhe.): Waaas?!! ... Waaas?!! Du -- willst
--- Dich -- an Deinem _Vater_ -- vergreifen?! Waaas?!! ... I, nu seht
-doch mal! (Kommt auf sie zu. Toni ist zurückgetreten und lehnt an der
-Wand. Regungslos. Die Hände zusammengekrampft. Sie sieht ihm starr in's
-Gesicht. Ihre Lippen zucken. Die Thränen laufen ihr über die Backen.)
-
-TONI: Pfui! Schäm' Dich! ... Du bist betrunken!
-
-SELICKE: I! Seht doch! ... Das liebe Töchterchen! ... O, Du bist ja ein
--- reizendes Wesen! (Kommt noch näher auf sie zu.)
-
-WALTER (in der Kammer, ängstlich): Vaterchen! Liebes Vaterchen!
-
-SELICKE (sieht sich um. Bleibt wie verwirrt stehen): Na! Da -- heult
-einer und da ... B--bin ich denn -- der reine -- Tyrann?! (Geht von Toni
-weg.) Hm! ... Brr! ... So 'n Sausoff! ... (Geht zum Sophatisch, setzt
-sich davor nieder und legt den Kopf auf die Arme. Eine Weile ist es
-still. Toni beobachtet ihn und will Frau Selicke holen. Selicke scheint
-einzuschlafen ... Nach einer Weile richtet er aber den Kopf in die
-Höhe.) So 'n Weib! ... So 'n Weib! (Toni bleibt stehen.) So geht man nun
-unter! ... (Sie legt die Hände vor's Gesicht. Bebt vor Schluchzen.)
-»Ach, mein Fuss!« -- »Ach, mein Fuss!« -- Weiter weisste nichts! ...
-Immer ich -- ich -- ich! -- Ich brauchte Dich nicht zu heirathen! -- 's
-war mein guter Wille! -- Zu _dumm_ war ich! Zu _dumm_! -- Du alte ...
-Ae! Du! -- »Wir sind so arm!« -- »Wir haben kaum's liebe Brot!« --
-»Nichts in die Wirthschaft!« -- Wer ist denn Schuld?! -- Wie kannst Du
-mir das sagen! -- Verdien' Dir was, dann haste was! ... Ja! Fortrennen!
-das kannste! -- Den Leuten was vormachen! Ja! Du armseliges Weib! ...
-Ae! -- Du bist ja -- zu _dumm_! -- Zu _dumm_! So ein -- Unglück! -- Oh!
-... (Ist eine Weile still. Toni will schon zur Flurthür. Fängt wieder
-an.) »Wir müssen uns vor jedem schäm'n!« -- Hä! Du! -- Ich hatte mir das
-anders vorgestellt! -- Ja, ja! -- Eine Ehe ist mehr! -- Ae, Du! -- Was
-weisst Du, was eine Ehe ist! -- Du! -- Wie sind -- andre Frauen! -- Sieh
-se Dir mal an! -- Aus .... _Nichts_ muss 'ne Hausfrau was machen können!
--- Aber alles: _ich_! -- Alles der Mann! -- Ae! Sieh zu, wie Du uns
-durchschleppst! -- Und die -- Kinder! -- Die armen, armen Kinder! -- O
-Gott, was soll aus den'n werden! -- Verzogen sind sie, die lieben
-Söhnchen! -- Und Du, Toni! -- Du! -- Du wirst akurat wie Deine Mutter!
-Ja, ja? ... Ich habe Dich lieb gehabt, aber _Du_ hast _mich_ nicht lieb
-gehabt! -- Du bist niedrig! Niedrig! -- Wir passten nicht zusammen! --
-Was will man nun machen?! -- Ae! -- Schleppt man das so mit sich! -- Ae!
-Immer hin! -- Immer hin! -- Hui! -- Die armen Kinder! -- Die armen
-Kinder! -- Und Du, mein liebes Mäuschen! -- (Seine Worte gehen in Weinen
-über) Mein armes, liebes Mäuschen!
-
-TONI (in höchstem Schmerz): O Gott, o Gott! (Presst die Hände vor's
-Gesicht.)
-
-SELICKE (zur Kammer hin): Ja, ja? -- Du! Grosser! -- Nimm Dir 'n
-Beispiel an Deinem Vater! -- So was ist ein Unglück! -- Ein grosses,
-grosses Unglück! -- Dein Vater war dumm, gut und dumm, mein Sohn! Aber
-nicht schlecht! -- Er hat Euch -- alle lieb! -- Alle! -- Auch Eure
-Mutter! -- Sie kann's nur nicht verstehn! -- Und das -- ist unser
-Unglück! ...
-
- (Seine Worte gehen in ein dumpfes, undeutliches Murmeln über. Er
- schläft ein.
-
- Vom Bett her das Rauschen von Kissen. Toni, die eben zur Flurthür
- wollte, schrickt zusammen.)
-
-LINCHEN (ängstlich): Ma--mach'n .. Ma--mach'n! ... Aah! ... Aaaah! ...
-
-TONI (schnell zum Bett): Mein liebes Herzchen! -- Mama kommt gleich
-wieder!
-
-LINCHEN: War -- Papa -- hier?
-
-TONI: Ja! Er schläft schon!
-
-LINCHEN: Hat er mir -- was mitgebracht?
-
-TONI: Ja, Liebchen. (Beugt sich zärtlich zu ihr.) Huh! Du fieberst ja,
-mein Herzchen! Das ganze Kissen ist heiss!
-
-LINCHEN (unruhig): Ach -- nein! -- Ich bin -- wieder -- ganz munter,
-Tönchen! -- Ich kann -- morgen -- aufstehn! -- 's is immer -- so schönes
-Wetter! -- Und ich -- muss immer -- im Bett liegen ...
-
-TONI (kann nicht antworten. Horcht. Selicke schnarcht.)
-
-LINCHEN: Ach, 's is man gut -- dass -- Papa da is! -- Ich hatte schon --
-solche Angst! -- (Lächelnd.) Horch mal -- wie er schnarcht! -- Wie 'ne
-Säge, was? Du -- weinst ja, Tönchen?? ...
-
-TONI: Ich?! Ach nein?
-
-LINCHEN: Du! -- Du! -- Er is wohl wieder -- betrunken??
-
-TONI: O nein! Ich dachte gar, mein Liebchen!
-
-LINCHEN: Will er auch -- Mama -- nicht schlagen?
-
-TONI: Nein! I bewahre, mein Herzchen!
-
-LINCHEN: Ach nein! -- Das -- thut er auch nicht! -- Er macht immer --
-blos so! -- Nicht wahr?
-
-TONI: Freilich! Aber, schlafe wieder ein, mein Linchen!
-
-LINCHEN (unruhig): Ach nein! -- Ich kann gar nicht schlafen! -- Ich bin
-ganz -- munter, Du! -- Du! -- Ist bald Morgen? -- Kann ich bald --
-aufstehn, Tönchen?
-
-TONI: Nein, Herzchen! Noch nicht!
-
-LINCHEN: Ach! -- Du! -- Du!
-
-TONI (besorgt): Was -- was ist Dir denn, mein Herzchen?!
-
- (Bückt sich zu ihr und fährt dann unwillkürlich wieder in die Höhe.)
-
-LINCHEN: Ach! -- Nichts! ... Du! ...
-
-TONI (sie gespannt, ängstlich beobachtend): Ja?
-
-LINCHEN (sehr unruhig): Wo -- is denn -- Mamachen?
-
-TONI (mit bebender Stimme): Warte! Ich rufe sie!
-
-LINCHEN (hastig): Ja! -- Ja! ... (Toni will gehen.) Du! -- Tönchen! --
-Die L -- Lampe -- brennt ja -- so trübe ...
-
-TONI (wendet sich erschrocken um): Aber -- n ... nein -- liebes
-Mäuschen?! ... Sie -- ist ja -- ganz hell ...? ... (Steht da, wie
-erstarrt.)
-
-LINCHEN (wie vorhin): Schraub -- doch -- hoch! ... Es wird ja -- ganz --
-dunkel ...
-
-TONI (mit unterdrücktem Entsetzen): Kind! ... (Wird leichenblass.
-Schraubt mit zitternden Fingern an der Lampe. Wendet sich dann mit
-wankenden Knieen zur Flurthür und öffnet sie. Vorsichtige Schritte.)
-
-FRAU SELICKE (zur Thür herein): Ist er denn ...
-
-LINCHEN (ängstlich, bang, angestrengt): Ma--ma--chen ...
-
-FRAU SELICKE (aufhorchend): Ja? -- Mein -- Kind?! ...
-
-TONI (bebend): Mutter! -- Komm! -- Schnell! -- Er schläft! -- Komm! --
-Linchen ... ich weiss nicht ...
-
-FRAU SELICKE (unterdrückt): Wa ... Was?! ... (Schnell zum Bette hin.)
-
-LINCHEN: Ma--ma--chen ... Ma--ma--chen ...
-
-FRAU SELICKE: Kind??? (Beugt sich forschend über das Bett. Starrt
-Linchen an.)
-
-LINCHEN: Das -- Licht -- geht -- aus ... Das -- Licht -- geht -- ja ...
-Ma--ma--chen ... Ach! Lie--bes -- Ma--ma--chen ....
-
-FRAU SELICKE (hastig, erregt vor sich hinflüsternd, während ihre Blicke
-wie gebannt auf Linchen haften): Toni! Toni! ...
-
-TONI (neben ihr. Unterdrückt): O Gott ....
-
-FRAU SELICKE: Mein Liebchen! Mein süsses, süsses Liebchen! (Pause.
-Todtenstille. Nur das leise Schnauben Selickes.)
-
-LINCHEN: Ach -- liebes -- Ma ........
-
-FRAU SELICKE: Sie ... Sie ... stirbt! Ach Gott ... Mein Herzchen! --
-Mein Herzchen!! (Schreit auf. Stürzt sich über das Bett).
-
-TONI (schnell zum Tisch. Mit jagender Stimme): Vater! -- Vater!!
-
-ALBERT (aus der Kammer): Was ist denn??!
-
-WALTER (weinend aus der Kammer): Vaterchen! ... Vaterchen! ...
-
-FRAU SELICKE (leise wimmernd): Sie ist todt! ... Sie ist todt! ...
-
-ALBERT (mit Walter schnell zum Bett).
-
-Walter: Mutterchen! -- Mutterchen! ... }
- } (gleichzeitig.)
-Albert: Um Gotteswillen! }
-
-TONI (weinend): Vater!! -- Vater!! (Rüttelt Selicke.)
-
-SELICKE (aufwachend): Ae! -- Na! -- Lass ... Na ... (Hebt verdriesslich
-den Kopf. Will wieder zurücksinken).
-
-TONI: Vater!! (Ihn, ausser sich, an den Schultern packend).
-
-SELICKE: Na -- ja doch! -- .. Was -- giebt's denn ... (Starrt um sich
-und reibt sich die Stirn.)
-
-TONI (weint heraus): Linchen -- ist todt ....
-
-SELICKE (starrt sie an. Erhebt sich): Was -- Was ist mit -- Linchen?!
-
-TONI: Ach, sie ist -- todt .... (Schluchzt. Selicke wischt sich über die
-Stirn.)
-
-SELICKE: L--Linchen?!! (Zuckt zusammen und geht auf das Bett zu. Toni
-wankt ihm schluchzend nach. -- Selicke steht eine Weile stumm vor dem
-Bett, dann bricht er schwer, mit einem dumpfen Stöhnen, auf dem Stuhl
-zusammen. Die andern beobachten ihn stumm.)
-
-TONI (sich plötzlich auf ihn zustürzend und ihm die Arme um den Hals
-schlingend): Lieber Vater! -- Mein lieber Vater ...
-
- (Währenddem geht Wendt's Thür auf und dieser tritt ins Zimmer.)
-
-
-
-
- Dritter Aufzug.
-
-
- Dritter Aufzug.
-
- (Dasselbe Zimmer. Durch die zugezogenen Fenstervorhänge bricht
- bereits der Morgen. Auf dem Tische, auf welchem Selickes Einkäufe
- liegen, brennt noch trübe die Lampe. Der Weihnachtsbaum lehnt noch
- beim Sopha gegen die Wand. -- Draussen auf dem Treppenflur hört man
- Kinder lärmen und spielen. Eine helle, unbeholfene Stimme singt ein
- Weihnachtslied. Der Gesang wird oft durch Schreien, Jauchzen, Lachen
- und den Ton einer Blechtrompete und dann wieder vom Sänger selbst
- unterbrochen. Zuweilen ist er so deutlich, dass man die Textworte
- hören kann: »Des freuet sich der Engel Schaar ...« Selicke sitzt vor
- dem Bett in stummer, dumpfer Trauer. -- Toni steht etwas seitwärts
- von ihm neben Frau Selicke und hat den Arm um sie geschlagen. Beide
- beobachten ihn mitleidig. -- Walter hockt auf dem Sopha, weint still
- vor sich hin, sieht dann wieder zum Bett und zu Selicke hin, gähnt
- ab und zu aus Uebermüdung und zittert vor Frost. -- Albert steht
- neben dem Weihnachtsbaum, zupft in Gedanken an den Nadeln herum und
- schielt dabei ab und zu zum Bett hinüber.)
-
-FRAU SELICKE (mit müder Stimme, halb weinend): Die Lampe fängt an zu
-riechen, Toni! ... Lösch aus! ... 's is hell draussen! ... Der Lärm auf
-dem Flur! ... _Die_ kennen keine Sorgen ....
-
-TONI (löscht die Lampe aus und zieht dann den Fenstervorhang zurück. Das
-Morgenlicht fällt grau durch die verschneiten Scheiben in's Zimmer. --
-Toni will auf die Flurthür zugehen und den Kindern verbieten, die
-draussen immer noch lärmen; aber in diesem Augenblicke poltern sie
-lachend, schreiend und blasend die Treppe hinunter. Der Lärm entfernt
-sich unten im Hause und hört dann allmählich ganz auf.)
-
-FRAU SELICKE: _Die_ sind fidel! ... (Sie tritt zu Selicke hin und legt
-ihm sanft die Hand auf die Schulter; mit mitleidiger, bebender Stimme):
-Vater! ... (Selicke, der, das Gesicht in den Händen, die Ellenbogen auf
-die Kniee gestützt, vor sich hinbrütet, achtet nicht auf sie.) Vater!
-... Komm! ... Vater! ... (Ihre Worte gehen in Weinen über.)
-
-SELICKE (rührt sich; dumpf, mit zärtlichem Ausdruck): Du! ... Mein
-Linchen! ... (Schluchzt unterdrückt.)
-
-FRAU SELICKE (lehnt ihren Kopf gegen seine Schulter und weint): Vater,
-komm! ... Komm hier fort! ...
-
-SELICKE: Du! ... Mein Linchen! ... Warum _Du_? (Starrt vor sich hin.)
-
-FRAU SELICKE (immer noch in derselben Stellung): Komm. Vater! ... Wir
-wollen uns von jetzt ab -- rechte Mühe geben ... Wir wollen vernünftig
-sein ... Es soll nun anders werden bei uns .... Nich wahr, Vater?
-
-SELICKE (richtet das Gesicht in die Höhe und sieht sie mit einem todten,
-ausdruckslosen Blick an. Frau Selicke starrt ihn eine kleine Weile
-angstvoll an und richtet sich dann, den Schürzenzipfel vor den Augen,
-wieder auf. Selicke, der sich schwerfällig erhoben hat, bückt sich über
-das Bett und küsst die Leiche. Weich, zärtlich): Leb wohl! ... Leb wohl,
-mein gutes Linchen! ... _Du_ hast's gut! ... _Du_ hast's gut! ...
-(Betrachtet die Leiche noch einen Augenblick, richtet sich dann in die
-Höhe und wankt gebrochen in die Kammer, während Walter auf dem Sopha
-noch lauter zu weinen anfängt und Albert sich, mit dem Gesicht gegen das
-Fenster gewandt, laut schneuzt.)
-
- (Kleine Pause.)
-
-FRAU SELICKE (wieder in Thränen ausbrechend): Warum hat uns -- der liebe
-Gott das -- Kind genommen?! ... und ich ... und ich -- muss mich --
-weiterschleppen ... mit meinem Elend und meinem Leiden ... Ich muss mir
-selber zur Last sein ... und ... Euch allen! ... Siehste? ... Als ich 'm
-das eben sagte: er hat mich -- kaum angesehn! ... (Schluchzt krampfhaft
-in ihr Taschentuch, in das sie sich, während sie sprach, geschneuzt hat.
-Laut, sehnsüchtig): Ach, hol' mich bald nach, mein Linchen! Hol' mich
-bald nach! ...
-
-TONI (sie sanft umfassend): Mutterchen! ... Sprich doch nicht so! ...
-Was sollten wir denn dann machen, wenn ... Ach! ...
-
-FRAU SELICKE: Unser einz'ges ... unser einz'ges ...
-
-TONI: (Beisst die Lippen zusammen. Ihr Oberkörper zuckt von
-unterdrücktem Schluchzen.)
-
-FRAU SELICKE: Was hat sie nun gehabt von ihrem armen, bischen Leben? ...
-Und doch ... war sie immer ... so fröhlich und munter ... unsre einz'ge,
-einz'ge Freude ... (Schluchzt.) Ach, was hatte man weiter von der Welt
-...? ...
-
-TONI (drückt Frau Selicke an sich): Mutterchen!
-
-FRAU SELICKE: Was soll nu hier werden? ... Nun kann man sich nur gleich
-aufhängen oder ... in's Wasser gehn ...
-
-TONI: Mutterchen! ... Ach Gott! ...
-
-ALBERT (tritt zu Frau Selicke hin und streichelt sie): Lass man,
-Mutterchen! ... Es soll schon noch werden! ...
-
-FRAU SELICKE: Ja! Für Euch! ... Für Euch wohl ... Für mich is' es 's
-beste, Linchen holt mich nach ... So bald als möglich!
-
-ALBERT: Nein, Mutterchen! ... Es soll Dir noch recht gut gehn! Warte
-man!
-
-FRAU SELICKE (weinend): Ach, ja, ja ...
-
-TONI (ist wieder zu Walter gegangen und nimmt ihn bei der Hand): Walter,
-komm!
-
-WALTER (müde): Mich friert so!
-
-TONI: Ja! Komm, mein Junge! ... Geh in die Kammer und leg' Dich hin! ...
-Du hast die ganze Nacht nicht geschlafen!
-
-WALTER (steht auf; tritt mit Albert zum Bett. Beide betrachten
-neugierig-ernst die Leiche. Walter weint.)
-
-TONI: Geh in die Kammer, mein lieber Junge, und schlaf'!
-
-WALTER (schmiegt sich an Frau Selicke): Mutterchen! ... Mutterchen! ...
-
-FRAU SELICKE: Ja, ja? ... Na ja, mein armer Junge! ... Geh, leg' Dich
-schlafen! ... Du bist todtmüde! ...
-
- (Walter und Albert gehn in die Kammer.)
-
-TONI (tritt wieder zu Frau Selicke hin): Du solltest Dich auch 'n
-bischen ruh'n, Mutterchen!
-
-FRAU SELICKE (nervös; bitterlich weinend): Siehste? ... Siehste, Toni?
-... Kein Wort, kein Sterbenswörtchen hat er wieder für mich gehabt! ...
-Er sah mich grade an, wie: na, was willst 'n _Du_? ... Wer bist 'n _Du_?
-... Als ob ich 'n gar nichts anginge! ... Ach Gott! Was ist das für ein
-elendes, elendes Leben gewesen die dreissig Jahre! ... Ach, wollt' ich
-_froh_ sein, wollt' _ich froh_ sein, wenn ich an Deiner Stelle wäre,
-mein Linchen! ... (Betrachtet die Leiche.) ... Sieh mal, Toni! ... Wie
-hübsch sie aussieht! ... Wie schön! ... Sie lächelt ein'n ordentlich an!
-... Wie schön weiss ... und wie ihre Haare glänzen! ... Ach, die lieben,
-blonden Härchen! ... (Diese Worte gehen wieder in Weinen über.) Die
-lieben, blonden Härchen! ...
-
-TONI (die neben ihr steht und den Arm um sie gelegt hat): Ach nein,
-Mutterchen! Der Vater wird ganz anders werden! -- Er ist ganz verändert!
-...
-
-FRAU SELICKE: Nein! Nein! Der wird _nie_ anders! In dem Blick ..., wie
-er mich so ansah ..., da konnte ich so recht deutlich lesen: wenn _Du_
-'s doch wärst! ... Ach, und ich wollt 'm ja so _gerne_ Platz machen!
-Weiss Gott im hohen Himmel! ... _Ach -- so -- gerne!_
-
-TONI (traurig): Nein! _Das_ hat er _sicher_ nicht gedacht!
-
-FRAU SELICKE: So _gerne_ wollt' ich 'm den Gefallen thun! ... So _recht_
-aus _Herzensgrunde_ wünscht' ich das! ... Aber 's is, als ob der liebe
-Gott grade _mich_ ausersehn hätte ... (Hat wieder zu weinen angefangen.)
-
-TONI: Nein, Mutterchen! Du musst nicht so was denken! ... Siehste, wir
-müssen uns jetzt alle recht zusammenschliessen! ... Sei nur recht gut
-und geduldig mit ihm ... Du sollst sehn, dann wird es besser ... dann --
-wird alles gut werden!
-
-FRAU SELICKE: Ach, _ich_ bin ja schon immer zu allererst wieder gut! ...
-Ich bin ja immer jedesmal zuerst wieder zu ihm gekommen und freundlich
-mit 'm gewesen! .... Ach Gott, schon um 'n lieben Frieden willen! ....
-Ich sehne mich ja nach weiter nichts mehr, als nach 'n bischen Ruh und
-Frieden ... nur ein _bischen_ Ruh und Frieden ...
-
- (Es klopft an Wendt's Thür.)
-
-FRAU SELICKE (halb für sich, sich erinnernd): Ach Gott, Herr Wendt!
-(laut) Herein?
-
- (_Wendt_ tritt ein. Er ist bleich und sieht überwacht aus. Seine
- Backen scheinen etwas eingefallen).
-
-FRAU SELICKE (weinend): Herr Wendt! ... Ach, an Sie hab' ich auch noch
-nich denken können! ... Sie müssen ja gleich abreisen .... Mein armer
-Kopf is mir ganz verwirrt ...
-
-WENDT: Oh ... (Macht eine abwehrende Handbewegung und tritt auf sie zu.)
-Meine liebe, gute Frau Selicke ... (Drückt ihre Hand.)
-
-FRAU SELICKE (mit der Schürze an den Augen, ist mit ihm an's Bett
-getreten. Kann kaum sprechen vor Weinen): Sehn Sie ... da ...
-
-WENDT (steht mit ihr in stummer Trauer vor'm Bett.)
-
-TONI: Mutterchen! Komm!
-
-FRAU SELICKE (sich die Augen trocknend, sich zusammennehmend): Ja, ich
-will ... Um elf geht Ihr Zug, Herr Wendt?
-
-WENDT: Ach! (Handbewegung. Frau Selicke will auf die Küchenthür zu.)
-
-TONI (man merkt ihr grosse Ermattung an): Lass nur, Mutterchen! ... Ich
-will das schon alles besorgen! Du musst unbedingt ein bischen ruhn!
-Komm, Mutterchen! Komm! ...
-
- (Frau Selicke lässt sich willenlos von ihr langsam zur Kammer
- führen. Toni drückt leise die Thür hinter ihr zu. Sie bleibt einen
- Augenblick mit allen Anzeichen grosser Müdigkeit bei der Thür
- stehen, nimmt sich dann zusammen und macht ein paar Schritte auf die
- Küchenthür zu. -- Die Uhr schlägt neun.)
-
-WENDT (beim Bett, leise): Und heute -- wollt' ich -- mit Deinen Eltern
-reden ...
-
-TONI (äusserst abgespannt): Was? .. Neun schon? ... Ach ja, ich muss ja
-noch ... Sie müssen ja -- um elf -- fort ...
-
- (Sie geht mit müden Schritten, wie mechanisch, auf die Küchenthür
- zu.)
-
-WENDT (wiederholend): Fort ...
-
-TONI (stehen bleibend, ihn mit ausdruckslosem Blick ansehend): Was? ...
-
-WENDT (mehr ängstlich, als überrascht): Und -- Toni! Du sagst »Sie«?!
-
-TONI: Wie? Ach so ... hab' ich ... Ach ja! (Mit einem müden Lächeln):
-Das ist nun auch -- vorbei ...
-
-WENDT (wie vorhin): Vor ... vorbei?!
-
-TONI (wie im Selbstgespräch): Das ist jetzt nun -- alles -- anders
-gekommen ...
-
-WENDT (seitwärts sehend): Toni!
-
-TONI: Ach! ... Ich bin ganz ... mir ist ... Ah ...
-
- (Sie sinkt in einem Anfall von physischer Schwäche gegen seine
- Schulter.)
-
-WENDT (besorgt): Toni! ... Was ist Dir?! (Beobachtet sie ängstlich. Ihre
-Augen sind geschlossen, um ihren Mund liegt ein gequältes Lächeln.)
-
-WENDT (besorgt): Herrgott! ... Liebe Toni!
-
- (Sie schlägt die Augen wieder auf.)
-
-WENDT: Ist Dir besser?
-
-TONI: Ja ... Es _war_ mir nur ... so ... ein Augenblickchen ...
-
- (Sie macht sich sanft von ihm frei.)
-
-WENDT (erfasst ihre Hand): Halt aus, meine gute, liebe Toni! ... Halt
-aus! ... Nur noch eine Weile! .... Nur noch eine kleine Weile! ... Du
-armes Mädchen! ... Alles ist so -- über uns hereingekommen! (Seufzt.)
-Nur noch eine kleine Weile! ... Es wird alles gut! ... Es _muss_ ja
-alles wieder gut werden! ..
-
-TONI (hysterisches Weinen.)
-
-WENDT: Toni!!
-
-TONI: Ach, mir ist ... (Fasst sich.) Ja! ... Wir dürfen jetzt nicht mehr
--- daran denken! ... Ich habe das nicht nur so -- hingesagt! ... Das ist
-nun -- vorbei!
-
-WENDT: Ach, Du weisst ja nicht, was Du .... Wir wissen ja nicht -- jetzt
-...
-
-TONI (müde, gequält): Ach, wenn ich doch todt wär'! ...
-
-WENDT (nach einer Pause): Das -- ist dein ...
-
-TONI (bleibt stumm).
-
-WENDT: Du -- sagst das mit -- voller Ueberlegung?
-
-TONI (leise): Ja!
-
- (Pause. _Wendt_ stumm an dem Tisch, auf welchen er sich schwer
- gestützt hat; _Toni_ neben ihm, ihn ängstlich beobachtend.)
-
-TONI: Du musst doch selbst sehn, dass es -- jetzt nicht mehr geht.
-
-WENDT: Mit voller Ueberlegung? ... Nein! -- Ach was! -- Das kannst Du ja
-gar nicht! .. Siehst Du! Das kannst Du ja gar nicht! ... Es ist ja
-unmöglich, dass wir die Verhältnisse jetzt klar übersehen können! ...
-
-TONI: Ach nein! ... Ich weiss ganz genau, wie jetzt alles kommen wird!
-... Wir können und _werden_ uns nie heirathen! ...
-
-WENDT: Nie? ...
-
-TONI (traurig mit dem Kopfe schüttelnd): Nein! ... Nie! ...
-
-WENDT: Nie! ... (Er hat sich auf den Stuhl vor dem Tisch sinken lassen,
-der noch von gestern Abend dasteht. Stumm, finster, den Kopf in beiden
-Händen, vor sich hinstarrend.)
-
-TONI (beunruhigt, mitleidig): Siehst Du! ... Du musst doch _sehn_, dass
-ich jetzt -- hier -- nicht fortkann! ... Ach, Du weisst ja! ... Du hast
-ja gehört! ... Diese schreckliche, schreckliche Nacht! ... Ich kann, ich
-_kann_ doch nicht anders! ... (Nachdenklich.) Wenn es jetzt auch so
-_aus_sieht, als ob sie anders wären! Ach! Das scheint ja nur so! ...
-(Traurig.) Das dauert ja doch nicht lange! Bei der nächsten Gelegenheit
--- ist es wieder -- wie vorher, und -- und noch viel -- noch viel --
-schlimmer ...
-
-WENDT (dumpf vor sich hin): Noch -- _schlimmer_! ...
-
-TONI (ernst und traurig): Ja! ... Noch _schlimmer_! ... (Pause.) Ja,
-wenn Linchen noch ... (Ihre Stimme zittert.) Wenn sie dem Vater so auf
-den Knie'n sass beim Essen ... so neben ihm ... wenn sie sich an ihn
-schmiegte ... und ihm -- was vorschwatzte ... oder: wenn sie sich
-zankten ... wenn sie dann -- weinte ... und bat ... mit ihrem rührenden
-Stimmchen ... Ach! Sie hat sie immer wieder heiter gemacht und --
-getröstet ... Ja! Aber jetzt ... (Ist in Weinen ausgebrochen.) Ach, Du
-weisst das ja alles gar nich! ...
-
- (Pause.)
-
-Was soll werden? ... Sag doch selber! ... Zu uns nehmen -- könnten wir
-sie ja doch nicht! ... Du weisst ja, wie er is! ... Und -- die Mutter
-allein? ... Das lässt er nicht! ... Er hat sie ja viel, viel zu lieb!
-... Er kann sich nicht von ihr trennen! ... Und unterstützen? ... (Sie
-lächelt müde.) Das siehst Du ja selber: das kann ja gar nichts nützen!
-... Darauf kommt es ja gar nicht an! ... Ach Gott! Ich darf gar nicht
-daran denken! ... Die arme, arme Mutter! ... Und dann -- die andern! ..
-Der arme Walter! ... Nein! (Leise.) Es ist ganz unmöglich, ganz
-unmöglich, dass ich fort kann! ... Und -- das kann noch lange, lange
-Jahre so fortdauern! ...
-
-WENDT (nach einer Weile, halb zu sich selbst, seitwärts, zwischen den
-Zähnen): Und -- da musst Du Dich also -- opfern! ...
-
-TONI (nachdenklich): Die armen, armen Menschen!
-
-WENDT: Dein ganzes Leben in diesem Elend verbringen! Dein ganzes Leben!
-... Das soll man ertragen?! ... (Ist aufgesprungen.) Das ist ja
-unmöglich, Toni! Das ist ja unmöglich!
-
-TONI (sanft): Ach, doch!
-
-WENDT: Toni!
-
-TONI: Und wenn sie noch _schlecht_ wären! ... Sie sind aber so gut! Alle
-beide! Ich habe sie ja so lieb! ...
-
-WENDT (leise; einfach constatirend, nicht vorwurfsvoll): Ja! Mehr als
-mich! ...
-
-TONI: Ach, Du bist ja viel glücklicher!
-
-WENDT: Glücklicher? Ich?!
-
-TONI: Ja, Du! Du! ... Du bist ja noch jung und hast noch so viel vor
-Dir! ... Aber sie haben ja gar nichts mehr auf der Welt! Gar nichts! ...
-
-WENDT (stöhnt auf).
-
-TONI (leise): Wir könnten ja _doch_ nie so recht glücklich sein! ... Ich
-hätte ja keine ruhige Stunde bei Dir, wenn ich wüsste, wenn ich
-fortwährend denken sollte, dass hier ... Nein, nein! ... Das wäre ja nur
-eine fortwährende Qual für mich! ... Das siehst Du ja auch ein!
-
-WENDT: Ich? ... ein?!
-
-TONI: Ja!
-
-WENDT (zuerst vollständig fassungslos, dann): Gut! Dann bleib' ich hier!
-... (Verzweifelt.) Ich habe den Muth nicht, ohne Dich, Toni! ... Toni!
--- (Auf sie zu.)
-
-TONI (erschrocken, schon in seinen Armen. Flehend): Hier?! ... Nein!
-Ach, nein! ...
-
-WENDT: Und wenn alles in _Stücke_ geht!
-
-TONI: O Gott! ... Ach, nein! ... _Nein!_ ... Deine Eltern ...
-
-WENDT: Meine Eltern?! -- He! -- Wohl mein Vater?! Dieser orthodoxe,
-starrköpfige Pfaffe und ... Ae! Die ist mir ja auch nicht mehr das! ...
-
-TONI: O!
-
-WENDT (bitter): Ja, ja, meine liebe Toni!
-
-TONI: Und Deine Stellung?
-
-WENDT: Meine Stellung?! He! -- Was ist mir denn meine Stellung!
-(Leiser.) Ich habe nur _Dich_, Toni! Nur Dich! ...
-
-TONI: Ach! -- Aber sieh doch ... Nein! Das würde Dir ja _auch_ nichts
-nützen!
-
-WENDT: Nichts nützen?!
-
-TONI: Nein, nein! ... Ach, nein! Das geht ja nicht! ... Ach, das würde
-ja alles ganz anders werden, als Du Dir's jetzt vorstellst! .... Du bist
-ja nicht so an alles das gewöhnt! .. Und dann: eh' Du Dir dann wieder
-eine _neue_ Stellung verschafft hast! ... Alles das! ... Nein, nein! ...
-Es ist so _gut_ von Dir, so _gut_! Aber es nützte ja doch nichts! ...
-Ach, siehst Du denn das gar nicht ein?
-
-WENDT (stöhnt schmerzlich auf).
-
-TONI (einen Einfall bekommend): Ach na ... Und dann -- siehst Du! ...
-Eigentlich: wir haben ja noch gar nichts verloren? ... Später könnten
-wir ja -- vielleicht -- immer noch zusammenkommen?
-
-WENDT (sie fest ansehend): Später?
-
-TONI (etwas verlegen): Nun ja? ... Ich ...
-
-WENDT (wie vorher): Später?
-
-TONI (mit einem gequälten Lächeln): Ich ... Nun ja -- Warum denn nicht?
-Ich ... e ... Wir müssten vielleicht noch -- ein paar Jahre warten! ...
-Aber unterdessen kannst Du ja ... (Sie hat während der letzten Worte
-nach dem Bett hingesehn.) Hach?! (Ist zusammengefahren, sich fest an ihn
-klammernd.)
-
-WENDT (mit zitternder Stimme): Um Gotteswillen! Was ist Dir denn, Toni?!
-
-TONI (wieder aufathmend und sich über die Stirn streichend): Mir war --
-als wenn sich -- im Bette dort etwas -- bewegte ...
-
-WENDT (gleichfalls unwillkürlich zum Bett hinsehend. Sucht sie zu
-beruhigen): Du bist so erregt, Kind!
-
- (Pause.)
-
-TONI: Wir vergessen ... Wir müssen -- vernünftig sein! ... (Lächelnd.)
-Ach! -- Sieh mal? -- Mir -- ist -- schwindlich! ... Ich bin -- doch --
-ein bischen -- angegriffen ...
-
-WENDT (sie stützend): Du hast Dich so erschrocken, Toni! ...
-
-TONI (mit mattem Lächeln): Lass nur! -- Es ist -- schon wieder gut! ...
-(Sie ist mit gefalteten Händen vor das Bett Linchens getreten. Weint.)
-Ja! -- Du siehst ... Mein liebes, liebes Linchen! ... Mein
-Schwesterchen! ...
-
-WENDT (hinter ihr).
-
-TONI (weinend, wendet sich zu ihm): Sieh doch!
-
-WENDT (abgewandt): Toni ...
-
-TONI: Ich _bitte_ Dich! -- Ich _bitte_ Dich! --
-
-WENDT (sie ansehend. Auf's Tiefste erschüttert. Hat ihre Hand ergriffen.
-Demüthig): Toni! -- O, was bin ich gegen Dich! -- Wie muss ich mich vor
-Dir schämen! ...
-
-TONI (abwehrend): Ach ... (Ernst.) Aber: wir dürfen nicht! Nicht wahr?
-
-WENDT (sich abwendend): Du hast recht! (Hat ihre Hand wieder fallen
-lassen.) ... Ja! Du brauchst mich nicht! -- Du bist gross und muthig und
-stark und ich so klein, so feig und -- so selbstsüchtig! (Beschämt.) Ich
--- Thor ich! ... Ja! Du hast recht! -- (Seufzt tief auf.) Wir dürfen
-nicht! ...
-
-TONI (seine Hand ergreifend und ihm die ihre auf die Schulter legend;
-sieht ihm in die Augen): Nicht _wahr_, Gustav? ... Wir dürfen doch nicht
-nur an uns denken?!
-
-WENDT (im tiefsten Schmerz. Ihre Hand drückend): Ach! -- Mädchen! --
-
-TONI: Du bist so gut gewesen! ... Du hast's so gut mit uns gemeint! ...
-
-WENDT (gequält): Ist denn nur _keine, keine_ Möglichkeit?! ...
-Herrgott!! ...
-
-TONI (schmiegt sich an ihn): Siehst Du: ich muss ja doch auch aushalten!
-
-WENDT (schmerzlich): Toni! -- Toni! --
-
-TONI (immer in derselben Stellung. Wieder mit einem Lächeln): Ach, wenn
-man so den Tag über arbeitet, weisst Du ... wenn man sonst gesund ist
-und immer tüchtig arbeiten kann: da denkt man an nichts! ... Da hat man
-keine Zeit, an was zu denken! ... Und Du -- Du weisst so viel! Du kannst
-so viel nützen ...
-
-WENDT (düster): Ich? Nützen?
-
-TONI: Ach ja!
-
-WENDT: Nützen! ... Ja früher! Wenn ich noch wie früher wär'! ... Aber
-jetzt?! Jetzt?! ...
-
-TONI: Ach, das ist ja nur so für den Augenblick! ... Du kannst glauben:
-das ist nur so für den Augenblick! ... Wenn Du erst _dort_ bist ... Das
-ist so ein schöner, schöner Beruf, Pastor!
-
-WENDT: Ich glaube an alles das nicht, womit ich die Leute -- trösten
-soll, liebe Toni! Und ich kann nicht -- lügen!
-
-TONI (lehnt den Kopf an seine Schulter. Zu ihm auf): Aber wenn nun ...
-Wenn Du mich nun ... Hättest Du _dann_ gelogen?
-
-WENDT: Wie meinst Du?
-
-TONI: Ich meine: Wenn Du mich -- geheirathet hättest und Du wärst dann
-Pastor gewesen, dann hättest Du doch ebenso gut den Leuten was
-vorgelogen, wenn Du überhaupt an das alles nicht _glaubst_? ... Du
-sagtest doch gestern -- ich weiss nicht mehr, wie Du's ausdrücktest! ...
-Aber -- ... Ja! -- Wir hätten dann, was mit dem Leben versöhnte! -- So
-ungefähr! -- Es war so schön! ...
-
-WENDT: Mädchen! -- Mädchen! --
-
-TONI: Ach, lass doch! -- Du hast dort zu thun und _ich_ -- hier! -- Und
-wenn wir dann -- manchmal aneinander denken, dann -- wird es uns
-leichter werden! ... Nicht wahr? ... (Mit mildem Scherz.) Ich will mal
-sehn, wie oft mir das Ohr klingt! ... Ach ja! Wenn man nichts zu thun
-hat, dann denkt man so an alles und dann sieht alles -- viel schlimmer
-aus, als es ist! ... Aber wenn man arbeitet, dann schafft man sich alles
-vom Halse! ...
-
-WENDT: Ja! Ja! Du hast wieder recht, wieder recht! ... (Sieht sie innig
-an.) Ach Mädchen! -- Du wunderbares Mädchen! Wie könnt' ich jetzt ohne
-Dich leben! ...
-
-TONI (ängstlich): O nein, nein! ... Das sagst Du ja nur so! -- Das wäre
-doch schlimm, sieh mal, wenn Du das nicht könntest, wenn Du blos von
-_mir_ abhingst! -- Lieber Gott! Ich bin ja so dumm! -- Ich weiss ja
-nichts!
-
-WENDT: Ich meine nicht so! -- Du hast recht! -- H! ... Wir müssen uns
-darein finden!
-
-TONI (freudig, sich an ihn drückend): Ach, siehst Du! -- Das ist gut von
-Dir! Das ist _gut_!
-
-WENDT: Aber, nicht wahr? Ich habe Dich doch _gefunden_ und Du -- Du
-machst mich jetzt zu einem anderen Menschen! ... Du hast mich überhaupt
-erst zu einem gemacht, liebe Toni! ...
-
-TONI: Ach, ich! ...
-
-WENDT (innig): Ja! Du! ... Das Leben ist ernst! Bitter ernst! ... Aber
-jetzt seh' ich, es ist doch schön! -- Und weisst Du auch warum, meine
-liebe Toni? Weil solche Menschen wie Du möglich sind! -- ... Ja! So
-ernst und so schön! ... (Streichelt ihr über das Haar.)
-
-TONI (leise, selbstvergessen, glücklich): Ach ja! ... Ach, aber das ist
-gut von Dir! ... Ich wusste ja ....
-
- (Pause. Sie sehen sich in die Augen.)
-
-TONI (schmerzlich, sehnsüchtig aufseufzend): Ach, Du! ...
-
-WENDT (sie fest an sich pressend): Hm? Du! ... Toni! ...
-
-TONI (in Gedanken an ihm vorbeisehend): Ach ja!
-
-WENDT (schmerzlich): Toni! -- Toni! -- (Presst sie eng an sich.)
-
-TONI (mit erstickter Stimme): Still ... Sei still ...
-
-WENDT (verloren): Toni ... (Beugt sich über sie und will sie küssen.)
-
-TONI (mit erstickter Stimme): Lass! ... Ich -- höre -- die Mutter! ...
-Ich muss nun .... Wir müssen nun daran denken! ... Nicht wahr? ..
-
-WENDT: Toni! Ich bleibe noch! ... Einen Tag! ... Einen einzigen Tag!
-
-TONI (wie vorher): Nein! ... Bitte! .. Bitte! .. _Mir_ zu liebe! ...
-
-WENDT: Ach! ... Leb wohl! ... (Küsst sie.)
-
-TONI (seinen Kuss erwiedernd, mit thränender Stimme): Leb -- wohl! ....
-(Sie drückt sich gegen seine Brust.) Leb wohl! ... (Es klingelt. Toni
-will aufmachen.)
-
-WENDT (hält sie zurück): Lass! _Ich_ werde aufmachen! -- 's wird wohl
-nur der alte Kopelke sein ... (Er geht aufmachen. Toni zieht sich in die
-Küche zurück.)
-
-KOPELKE (noch im Corridor): Danke scheen! Danke scheen! ... Juten
-Morjen, werther, junger Herr! -- Na? Schon uf 'n Damm? ... Wie steht't
-denn mit unse Kleene? -- Aha! Ick weess schon! ... Se schläft noch!
-Scheeniken! ...
-
-WENDT: Nein, sie ... Bitte, treten Sie ein, Herr Kopelke!
-
-KOPELKE (tritt geräuschlos ein. Er hat ein kleines Packetchen unterm
-Arm. Bleibt einen Augenblick bei der Thür stehen und sieht sich um):
-Juten Morjen! ... Nanu?! Keener da?! ... Det is jo hier noch so 'ne
-Wirthschaft?! ... (Zu Wendt hinter sich zurückflüsternd): Sagen Se mal,
-et is doch nich etwa ... He?! ...
-
-FRAU SELICKE (lugt aus der Kammer): Ach, Sie sind's, Herr Kopelke?
-(Tritt ein.)
-
-KOPELKE: Ja, ick! .... Juten Morjen, Frau Selicken! ... Ick wollt' mal
-.... Sagen Se mal, et ...
-
-FRAU SELICKE (weinend): Ach, Herr Kopelke! ..
-
-KOPELKE (besorgt): Nanu?! Et is doch nich ...
-
-FRAU SELICKE (in Thränen ausbrechend): Ach! Nun brauchen Sie -- nicht
-mehr -- Herr Kopelke ..
-
-KOPELKE (das Packetchen auf den Tisch legend): Det hat sick doch nich --
-verschlimmert?!
-
-FRAU SELICKE: Hier! ... Da! ... (Sie ist mit ihm an's Bett getreten).
-
-KOPELKE (steht eine Weile stumm da und giebt einige grunzende Laute von
-sich).
-
-FRAU SELICKE: Diese Nacht um zwei ...
-
-KOPELKE (mit bebender Stimme): Biste todt, mein liebet Linken? ....
-(Tritt zu Frau Selicke und nimmt ihre Hand.) Frau Selicken! ... Meine
-liebe Frau Selicken! ... Det ... Sehn Se! .. Det ... Hm! ... Hm! ... (Er
-hält einige Augenblicke, seitwärts sehend, ihre Hand. Plötzlich:) Wo is
-denn Edewacht?
-
-FRAU SELICKE: Drin in der Kammer! .... Er sitzt da und -- und -- rührt
-sich nich .. Wie todt! ... Ach Gott, ach Gott, ach Gott! ...
-
-KOPELKE: Hm! ... (Wendet sich wieder zum Bett und betrachtet die
-Leiche.) Un ick dacht' ... Hm! ... Un ick hatt' ihr da -- noch 'ne --
-Kleenigkeit -- mitjebracht! ... Hm! ... Nu is det -- nich mehr --
-needig! ... Nu hat se det -- freilich -- nich mehr -- needig! ... Hm!
-... Hm! ...
-
- (Toni tritt in die Küchenthür und sieht in die Stube nach Frau
- Selicke.)
-
-Liebet Freilein! ... (Kopelke giebt ihr die Hand. Toni sieht still
-seitwärts.) Liebet Freilein! ... (Toni geht zu Frau Selicke.)
-
-TONI: Mutterchen! Da bist Du ja schon wieder? ... Hast Du denn nicht ein
-bischen _geschlafen_?
-
-FRAU SELICKE: Nein! -- Kein Auge hab' ich zuthun können! -- Nur so ein
-bischen gedämmert! ... Wie's klingelte, war ich gleich wieder wach! ...
-Haste denn Herrn Wendt ...
-
-TONI: Ja! Lass nur! Ich gehe schon! Leg' Dich aber wieder hin,
-Mutterchen! Hörst Du?
-
-FRAU SELICKE: Ja, ja! ... (Toni geht in die Küche zurück.) Warten Sie,
-Herr Kopelke! -- Ich werde meinem Manne sagen ... (Ab in die Kammer.)
-
-KOPELKE (tritt vom Bett zu Wendt hin, der die ganze Zeit über ernst bei
-Seite gestanden hat): Die armen Leite! -- Die armen Leite! -- Jott! Ick
-sag' immer: warum muss et blos so ville Elend in de Welt jeben? -- Ae,
-Jottedoch! -- ... Sie woll'n nu heite ooch reisen?
-
-WENDT (zerstreut): Ja! -- Gleich nach den Feiertagen tret' ich meine
-Stellung an.
-
-KOPELKE: Ja, ja! -- Det wird Ihn'n nu ooch so nich passen! -- Na, wissen
-Se, werther, junger Herr! Det lassen Se man jut sind! Die Beffkens un
-der schwarze Rock un det so: det is jo allens Mumpitz! -- Sowat macht 'n
-Paster nich! Damit kenn'n Se sick trösten! -- Da sitzt der Paster!
-Verstehn Se? Da! (Klopft sich auf die Brust.) ... Un denn, wissen Se: in
-die zwee Jahre haben Se hier wat kennen jelernt, wat mennch eener sein
-janzet Leben nich kennen lernt, un wat Bessres, verstehn Se, hätt Ihn'n
-janich passirn können! ... Ick wünsch' Ihn'n ooch 'ne recht jlickliche
-Reise! -- Wah mich immer sehr anjenehm, werther, junger Herr! Wah mich
-immer sehr anjenehm! ... Un, Se kommen doch später hier mal widder her?
-Wat? ...
-
-WENDT (nachdrücklich): Ja das werd' ich! -- Ueber kurz oder lang! ...
-Ich danke Ihnen, Herr Kopelke!
-
-KOPELKE (ihm die Hand drückend): Scheeniken! Scheeniken! _Det_ is recht
-von Sie!
-
- (Frau Selicke kommt aus der Kammer.)
-
-FRAU SELICKE: Es is nichts mit'm anzufangen! -- Gehn Sie nur selber zu
-'m rein, Herr Kopelke! ... Ach Gott, ja! ...
-
-KOPELKE (nimmt ihre Hand): Kinder! -- Kinderkens! ... Lasst man jut
-sind! Wir kommen ooch noch mal an de Reihe! ... (Verschwindet hinter der
-Kammerthür.)
-
- (Draussen fangen die Glocken zum Frühgottesdienst an zu läuten. Das
- Läuten dauert bis gegen Schluss.)
-
-FRAU SELICKE: Da läuten sie schon zur Kirche! ... Ach, wer hätte das
-gedacht, dass Sie mal so von uns fortziehen würden, Herr Wendt! ...
-Unter solchen Umständen! ... (Weint.) Lassen Sie sich's recht gut gehen!
-(Giebt ihm die Hand.) Und grüssen Sie Ihre Eltern unbekannterweise recht
-schön von uns! ... Erleben Sie bessere Feiertage -- und -- denken Sie
-manchmal an uns ....
-
-WENDT: Ja! -- _Das_ werd' ich sicher, liebe Frau Selicke!
-
-FRAU SELICKE: Wo bleibt denn Toni? Sie haben ja gar nich mehr so viel
-Zeit ....
-
-TONI (kommt mit Frühstück und Kaffeegeschirr; in der andern Hand trägt
-sie ein Köfferchen. Im Vorbeigehn zu Wendt): Bitte!
-
-WENDT (nimmt ihr es ab und stellt es neben sich unter den Sophatisch):
-Ich danke Ihnen ....
-
-FRAU SELICKE (mit der Schürze vor den Augen. Schluchzend): Ach Gott ja!
-Ach Gott ja!
-
-TONI (hat das Frühstück in Wendt's Zimmer getragen und kehrt nun wieder
-zu ihrer Mutter zurück. Sie umarmt sie und küsst sie. Zärtlich):
-Mutterchen! -- Muttelchen! ...
-
-FRAU SELICKE (zu Wendt, immer noch schluchzend): Ja, grüssen Sie sie
-nur! Grüssen Sie sie nur recht von uns!
-
-WENDT (ihre Hand ergreifend): Ich danke Ihnen, Frau Selicke! Ich danke
-Ihnen! Für -- Alles! (Ihre Hand drückend.) Leben Sie wohl! (Zu Toni, die
-mit dem einen Arm noch immer ihre Mutter umschlungen hält, ebenfalls
-ihre Hand ergreifend.) Leben Sie wohl! Ich .... (Toni hat sich an die
-Brust ihrer Mutter sinken lassen und vermag ihm nicht zu antworten. Ihr
-ganzer Körper bebt vor Schluchzen.)
-
-WENDT (sich plötzlich über ihre Hand, die er immer noch nicht
-losgelassen hat, bückend und sie küssend): Ich komme wieder! ...
-
-
- Wilhelm Issleib (Gustav Schuhr), Berlin SW. 48
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend
-beibehalten. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Alle weiteren Korrekturen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 5]:
- ... Kaulbach'schen Stahlstich »Lotte, Brod schneidend« hängt. ...
- ... Kaulbach'sche Stahlstich »Lotte, Brod schneidend« hängt. ...
-
- [S. 8]:
- ... Ah, gut'n Aben, Herr Kopelke! ...
- ... Ah, gut'n Abend, Herr Kopelke! ...
-
- [S. 18]:
- ... KOPELKE (mit krummgezogenen Puckel, sich schmunzelnd ...
- ... KOPELKE (mit krummgezogenem Puckel, sich schmunzelnd ...
-
- [S. 21]:
- ... dass das Licht der Lampe noch auf sie fällt): Ja ...
- ... dass das Licht der Lampe noch auf sie fällt): Ja! ...
-
- [S. 26]:
- ... Ich bin garnicht abergläubisch? Aber es ist doch ...
- ... Ich bin garnicht abergläubisch! Aber es ist doch ...
-
- [S. 33]:
- ... Elend leben! Hörst Du Du verdienst das nicht! ...
- ... Elend leben! Hörst Du! Du verdienst das nicht! ...
-
- [S. 89]:
- ... TONI (in Gedanken an ihn vorbeisehend): Ach ja! ...
- ... TONI (in Gedanken an ihm vorbeisehend): Ach ja! ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Familie Selicke, by
-Arno Holz and Johannes Schlaf
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FAMILIE SELICKE ***
-
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-
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