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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Neues Altes - -Author: Peter Altenberg - -Release Date: June 30, 2016 [EBook #52463] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NEUES ALTES *** - - - - -Produced by Elizabeth Oscanyan and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - -[Illustration: Peter Altenberg] - - ------------------------------------------------------------------------- - - - - - Neues Altes - - von - - Peter Altenberg - - - - - S. Fischer, Verlag, Berlin - 1919 - - - - ------------------------------------------------------------------------- - - - - - _Vierte und fünfte Auflage._ - - Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. - Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin. - - - - ------------------------------------------------------------------------- - - - - - Gewidmet Anna Konrad - - -Motto: - - »Solche Männer und ihresgleichen sind einfach geniale Naturen, mit - denen es eine eigene Bewandtnis hat; sie erleben nämlich eine - _wiederholte Pubertät_, während andere Leute _nur einmal_ jung - sind.« - - Goethe, Gespräche mit Eckermann. - - - PA: Aber wie _glücklich zu preisen_ sind die, die _nur einmal_ jung - zu sein brauchen, und dann ruhig absterben dürfen, während jene - anderen _Unseligen_ von ewigen inneren Räuschen gefoltert - werden — — —. - - - »J’ai de mes tourments multiplié les causes — — — d’innombrables - liens vont de mon âme aux choses!« - - Baudelaire. - - - - ------------------------------------------------------------------------- - - - - - INHALT - - - Seite - Widmungen in meine Bücher 13 - Wesen der Freundschaft 17 - Was ist ein Dichter? 19 - Bekenntnis 20 - Entwicklung 21 - Sankt-Martins-Insel 23 - Konzert 25 - Buchbesprechung 26 - Ideale 30 - Ein Brief 31 - Variété 33 - Die abgelehnte Einladung 35 - Hypokrisie 37 - Strandbad »Gänsehäufel« 38 - Rückkehr vom Lande 39 - Krankenlager 41 - Hunde 43 - H. N. 45 - Helga 46 - Das Telephon 47 - Die Lüge 48 - Plauderei 49 - Lebensbild 52 - Lebensbilder aus der Tierwelt 54 - Brief an Mitzi von der »Lamingson-Truppe« 57 - Aphorismen 59 - Texte auf Ansichtskarten 60 - Heilmittel 67 - Der Nebenmensch 68 - Schutz 70 - Brangäne 72 - Der Affe Peter 73 - Ungeziefer 75 - Mutter und Tochter 76 - Der Dichter 77 - Hysterie 78 - Weihnachten 80 - Der Tag des Reichtums 81 - So sollte es immer sein 83 - Inschrift 85 - Tope 86 - Bekanntschaft 87 - Eifersucht 89 - Goethe 90 - Die Pflegeschwester Rosa Schweda 91 - Geschwister 92 - Der Besuch 94 - Sommerabend in Gmunden 95 - Ästheten 97 - Erinnerung 99 - Vöslau 101 - Ein Brief 103 - Der Fortschritt 105 - Über Lebensenergien 107 - Strandbad 109 - Wesen der Religion 110 - Wie sie es glauben wollen, so ist es 111 - »Prodromos« 112 - Restaurant Prodromos 115 - Der Brand 117 - Rücksicht 118 - Myosa 119 - Im Stadtpark 121 - Ehebruch 123 - Hamsun-Menschen 125 - Memoiren 129 - Widmung an Anna Konrad 130 - Der Tod 131 - Eine ganz wahrhaftige Beziehung 133 - Im Volksgarten 135 - Ansprüche einer Romantikerin 137 - Lebensweg 139 - Dienste 140 - Wie ich gesundet bin 141 - Gottesgnadentum 143 - An einen unmodernen Arzt 145 - Zynismus 147 - Nacht-Café 149 - Die Nerven 151 - Britische Tänzerinnen 152 - Der Trattnerhof 155 - Artistische Rundschau, Wien 157 - Parfüm 159 - Übers Schreiben 161 - Angstschrei 163 - Juli-Sonntag 165 - Der Jagdherr 166 - Episode 169 - Josef Kainz 170 - Bettlerfrechheit 171 - Von meinem Krankenlager aus 172 - Krankheit 174 - An eine Elfjährige 177 - Krankenbesuch 179 - Notiz 181 - Rückkehr vom Lande 183 - Nichts Neues 185 - Das Dorf 187 - Gerichtsverhandlung in Wien 189 - Semmering Ende September 1911 190 - Peter Altenberg als Sammler 191 - Yvette Guilbert 193 - Krankenpflege 195 - Herbst am Semmering 197 - Herbstanfang 198 - Eine Begebenheit 201 - Beschäftigung 203 - Besuch im einsamen Park 205 - Tanz 209 - Peter Altenberg 213 - - - - ------------------------------------------------------------------------- - - - - - WIDMUNGEN IN MEINE BÜCHER - -Fräulein H. M., immer und ewig werden die Dichter an dem fast -absichtlichen »Unverständnis« geliebter, vergötterter Frauen zugrunde -geh’n — — —. Du allein brachtest mir die volle _Sicherheit_, daß mein -sonst so oft _mißverstandenes_ Dasein von dir _erkannt_ wurde, in -Weisheit und in Milde, wie von Gott selbst — — —! Heißt man das Liebe?! -Gleichviel. Es ist die »Erlösung«, die eben keine andere bringen kann! - - -An Frau D. M., in unzerstörbarer Freundschaft. - -Freundschaft, du immer und ewig _mißbrauchtes, geschändetes Wort_! Du -bist »Erkenntniskraft des Gehirnes«, _gemildert_ durch »des Herzens -Wohlwollen«! - - -An Maria Maraviglia, spanische Tänzerin. - -Leben, flüchtigstes, zerrinnendstes, kann ich dich nicht festhalten?! -Ja! Durch Erinnerung, Melancholie und Ergebung ins Schicksal — — —. - - -Frau M. B. in Aachen. - -Aus Fernen kam ein begeisterter Gruß — — —. Wie selig war -ich — — — zwischen Aachen und Wien ist genügend Raum für die -Enttäuschungslosigkeit zusammengehöriger Seelen geschaffen — — —! - - -An die Gemahlin des Herrn J. S. - -Wie eine Aristokratin sehen Sie aus des 18. Jahrhunderts — — —. Augen -voll ernster Ruhe und Noblesse, und dennoch wieder Augen der Sphinx und -der Rheinnixen! Die Nase wie von urältesten Adelsgeschlechtern -herstammend, sanft gebogen und dennoch stumpf abbrechend. Adlernase und -Stumpfnase zugleich! So aus einer Zeit von vergangener Würde und Größe. -Man sitzt neben Ihnen, betrachtet Sie, spricht ehrfurchtsvoll, wie mit -_keiner anderen_. Man ist unter einem unerklärlichen Banne. Wie wenn man -vorgestellt würde der »Kaiserin Marie Antoinette«. Man möchte zu Ihnen -sagen: »Votre Altesse Royale — — —«. Aber man muß über die kleinen -Ereignisse des Tages sprechen — — —. Und dabei blickst du wie eine -traurige Fürstin — — —! - - -Für P. H., die »Romantikerin«. - -Sie erwünschen es sich, daß ich Ihnen von meiner einsamen Landpartie im -Vorfrühling Blätter ins Haus sende, in die enge Gasse der Vorstadt?! -Nun, ich befestigte alles einzeln vorsichtig an silbernen Drähten, -zarte, gelbgrüne Blättchen. Wie gleicht Ihr Herz doch der -Vorfrühlingslandschaft — — —! Man bedauert direkt, daß es bald zu -greifbarer Blüte und Frucht ausreifen werde im Sonnenbrande des Lebens! - - -_Für Gertrude Barrison, Tänzerin._ - -Kalt und hart scheinbar sind Sie im Leben, das alle zu leben, alle zu -erleiden, alle zu ertragen haben! Aber _hinter_ diesem »gewaltsamen -Sein« schlummert den ewigen Schlaf, besiegt und längst abgestorben, die -»vergrämte Idealistin«! _Geschreckt_ von der _Heimtücke des Daseins_, -traut sie sich nie mehr zum Vorschein — — —. Und nur des Dichters Auge -blickt noch in Welten, über die der Sargschleier, alles verbergend, -liegt — — —. - - -_An Miß Bessie._ - -Ich hatte dich irrsinnig lieb und vergeblich — — — man hat immer nur -_irrsinnig_ lieb, wenn es _vergeblich_ ist! - - -An Frau E. R. - -Eine Welt von zärtlichster Zärtlichkeit mußte in mir ersterben, auf dein -Geheiß! Auf deinen strengen unerbittlichen Wunsch! In späteren Tagen -warst du sanftmütig und gütig zu mir; in späteren Tagen! Aber den »süßen -Wahnsinn« hast du mir gemordet, wolltest durchaus meiner Seele endlose -Welten auf ein _erfaßbares Maß_ zurückführen; vergeblich! _Stört_ euch -»unser Wahnsinn«, so enttäuscht euch schließlich noch mehr die »normale -Liebe« der anderen! Sind wir auch »übertrieben« in unserer Verehrung, -sind die _anderen allzu nüchtern_ in ihrer gesunden Gerechtigkeit! - - -_An Else Wiesenthal._ - -Immer und überall im Leben vermißt man »Hoheit und Würde« und »edle -Kindlichkeiten« zugleich! Aber in _Ihrem Tanzen_ findet man es. Deshalb -ist man so beglückt und erlöst und erleichtert. Was man an seiner -geliebtesten Geliebten schmerzlich-melancholisch vermißt, findet man, -erstaunt, gerührt, bei Ihnen! Unerbittlich und starr wird immer -naturgemäß sogleich die Seele des Mannes, falls ein _wertvolleres_ Bild -vor seine Seele tritt! Ehebruch, Treuebruch, was seid ihr für -nichtssagende Namen! Das »_Zulänglichere_« löscht einfach stets das -»_Unzulängliche_« aus! Soll man weiter verehren, was der Verehrung nicht -mehr wert ist?! Gehet von hinnen, Schwerfällige, wenn die »_idealere -Tänzerin_« naht! Die »_Gleitende_« besiegt die »_Schleichende_«! - - - - - WESEN DER FREUNDSCHAFT - - -Ich kenne nur zwei Menschen, die mir freundschaftlich gesinnt sind, -mein Bruder und A. R. Sie verstehen alles, was ich denke, empfinde, -sage, geben allen Dingen die _wohlwollendste_ Auslegung. Sie sind ganz -ohne »Fallen-stellen-wollen«. Sie vernehmen nur das Wertvolle, -_überhören_ eventuelle Mißtöne, ohne zu zucken. Sie schöpfen vom -geliebten Menschen den Rahm ab, beklagen sich nicht über die wässerige -Milch, die darunter liegt, sondern erfassen es als ein Naturgesetz, -daß der Rahm nicht bis zuunterst reichen kann — — —. Sie erläutern uns -nach unseren _in uns verborgen liegenden_ Idealen, nicht nach unseren -allen augenfälligen alltäglichen Schwächen! Sie lauern auf unsere -_seltenen_ Höhepunkte, beachten nicht unsere Verkommenheiten. Sie sind -noble Ausleger, Ausdeuter unseres _wirklichen Wesens_. Sie _begreifen_ -unsere Schwächen, sie _achten_ unsere Stärke! Sie sind mit uns, wie -man mit edelrassigen Kanarienvögeln, Papageien, Staren, Hunden, Affen -ist. Man achtet ihre Eigenart, fordert von ihnen nichts Unmögliches. -Man hält sich an ihre »besonderen« exzeptionellen Eigenschaften. Diese -wohlwollend-sentimentale Art von Nervengutmütigkeit heißt: -_Freundschaft_. Jede andere ist tief verlogen. Diese edle »_ewige -Gutmütigkeit_« ist von _Gottes Gnaden_! Man hat sie zumeist erst mit -Verstorbenen. Da kommt man erst zur Besinnung über besondere Werte, -dringt tiefer ein in das Wesen desjenigen, dessen Lebendigsein uns -nicht mehr stört. So lange er lebte, beging er die störende -Ungeschicklichkeit, ein anderer zu sein an Denken und Empfinden als -wir selbst! - - - - - WAS IST EIN DICHTER? - - -Er sah am »Gänsehäufel« ein fremdes junges Mädchen, ganz lang und -schlank, goldbraune wehende Haare, lange, schmale Hände und Füße, ein -ockergelbes seidenes Trikot an dem mulattenbraunen Leibe. - -Er konnte sie nie, nie, nie mehr vergessen. - -Er sah in einer japanischen Akrobatentruppe ein fünfjähriges Mäderl, -gelber Teint, Stumpfnäschen, schwarze Haare wie eine Perücke. Lebendig -gewordenes Kinderspielzeug! - -Er konnte sie nie, nie, nie mehr vergessen. - -Er las von einer wunderschönen Preisfechterin in Venedig, aus reicher, -geachteter Familie, die ohne Grund, neunzehnjährig, sich aus ihrem -Zimmer, drei Stockwerke hoch, aufs Pflaster stürzte und starb. - -Er konnte sie nie, nie, nie mehr vergessen. - -Er hatte neben sich eine, ganz, ganz neben sich, hart neben sich, bei -Tag und bei Nacht. - -Die konnte er aber vergessen, vergessen, vergessen! - - - - - BEKENNTNIS - - - Du gabst mir alles — — — und ich gab dir nichts! - Mein Aug’, mein Ohr, mein Denken und mein Träumen - gehörten vielleicht eher den dunklen Mädchen von den - Sundainseln, romantischen Gebilden fremder Welten, - die ihre stillen Wege gehn nahe dem Urwald — — —. - Du gabst mir alles — — — und ich gab dir nichts! - Wie Märtyrerinnen warst du aus der Vorzeit, - oder wie Krankenpflegerinnen fremder Menschen, - wie sie heut’ noch sind in Krankenhäusern und in - Klöstern — — —. - Belohnung war dein _eigenes_ Gefühl in dir! - Im _Geben_ nahmst du _tausendfach zurück_, - was du gespendet. Und _davon_ lebtest du! - Nun bist du in dem Dienste deiner heiligen Seele - krank geworden — — — - der magische Schein der Selbstaufopferung verlischt — — — - du kannst nicht mehr grenzenlos ergeben sein! - Und weinend siehst du nun zum ersten Male deines - Lebens Not — — —. - Du gabst mir alles — — — und ich gab dir nichts! - Und dennoch traure ich verzweifelt am Sarge deiner - armen Seele — — —. Denn, glaube mir, sie starb! - - - - - ENTWICKLUNG - - -Es gibt zwei Arten von Genies. Die, die eine neue naturgemäße Sache -entdecken, und die, die es _gläubig erfassen_ und verwerten. Der -_Glaube_ an die Genialität des anderen ist die _nächstfolgende_ -Genialität. _Glaube_ an neue Erkenntnisse ist bisher unterschätzt -worden. Es ist ein _zweiter Grad_ von Genialität. Die anderen sind -Skeptiker, also _ungenial_. Dann gibt es noch die _Mitläufer_ mit den -Schwindlern und Hochstaplern. Das sind die ganz Ungenialen, die einem -ebenso Ungenialen wie sie selbst sind, feige Kärrnerdienste leisten. Sie -leben von der Hoffnung, man werde sie ernst nehmen, weil sie einem nicht -ernst zu Nehmenden ernstlich Gefolgschaft leisten! Aber in Gottes Buche -ist alles verzeichnet, und dieser riesigen unerbittlichen Buchführung -über _Reelles_ und _Unreelles_ unterliegt schließlich alles! Alles wird -_aufgedeckt_, die reellen und die gefälschten Ziffern, und man sollte -eben deshalb schicksalsergeben sein. _Entwicklungskonjunkturen_ -ausnützen ist jedoch eine der feigsten Gemeinheiten. Wenn man für die -»Frauenseele« zum Beispiel kämpft, muß man zeit seines langen -schrecklichen Lebens in jeder Beziehung daran auch elend verblutet sein. -Die jungen Gänseriche haben aber noch einfach ihre verfluchte Pflicht -und Schuldigkeit, ohne psychologische Mätzchen das Ihrige wie eh und je -zu leisten. Der Entdecker _leidet_, und der Gläubige an ihn _leidet_. -Aber der geschickte Ausnützer von Konjunkturen macht dabei seinen -_Rebbach_. - -Dasselbe findet in der Kunst statt. Gottes Pläne sind niemandem heilig, -sondern man erstrebt es einfach, seiner eigenen verfehlten Organisation -zum Durchbruche zu verhelfen! _Freaks_ sind noch lange keine _Genies_, -obzwar Genies oft _Freaks_ waren. Sie waren es eben doch nur scheinbar. -Denn _hinter_ ihnen thronte Gott und die Natur, wenn auch ein wenig in -allzu grotesken Formen. Es gibt Räusche, in denen man Symphonien -dichtet; und es gibt Räusche, in denen man sich erbricht. Beides sind -Räusche, Ekstasen, übertriebene Zustände. Aber Rausch und Rausch sind -nicht gleich; und nicht jeder torkelnde Betrunkene schreibt dann in -seinem einsamen Zimmer Schubert-Lieder! - - - - - SANKT-MARTINS-INSEL - - -Als der Arzt ihr mitteilte, daß sie vor den dunklen Toren der -Tuberkulose stehe, sagte sie: »Na, na, dös tun mer net, mit achtzehn -Jahren?!« - -Und sie eilte nach Gravosa, und lag auf der Sankt-Martins-Insel -mutterseelenallein, mit ihren Proviantvorräten, von sieben morgens bis -sieben abends, und breitete splitternackt die Arme aus, um die Heilkraft -der Natur zu empfangen. - -Sie ließ sich mit Mentholfranzbranntwein täglich zweimal eine halbe -Stunde lang einreiben und nahm einen halben Liter Kakao mit sechs -eingesprudelten rohen Eidottern. Ferner Bouillons mit eingesprudelten -rohen Eidottern und Seefischfilets in großen Mengen. - -Als sie gesund wurde, kam der Ehrgeiz und die Lebenslust über sie, und -sie fand ein Engagement in einem ganz kleinen Theater. Ihre erste Rolle -war die französische Gräfin Laborde-Vallais. Sie wußte durchaus nichts -damit anzufangen, aber ein junger Herr schickte ihr in die Garderobe -seine Visitenkarte. - -Sie hatte sich mutig dem Tode entzogen, und bemerkte nun bald, daß das -Leben es nicht wert sei, sich so sehr darum bemüht zu haben. Sie war -dieser Gefahr »Tod« entronnen — nun kam diese größere Gefahr »Leben«! -Dem konnte man nicht mit Sonnenbädern, Kakao, gesprudelten Eidottern, -Mentholfranzbranntwein entrinnen! - -Später lernte sie zufällig den Dichter kennen. Sie verstand nicht, worin -das bestehe, ein Dichter zu sein. Man schreibt Bücher, und man ist ein -Dichter. Aber was stellt es vor, und wozu ist es?!? - -Aber eines Tages sagte er zu ihr: »Wie war es auf der -Sankt-Martins-Insel?!? Sie lagen da, gottergeben, und erwarteten von -Wiese, Wald und Sonne Ihre Heilung — — —.« - -Und jemand sagte zu ihr: »Hören Sie mir schon auf mit Ihrer faden -Sankt-Martins-Insel! Jetzt sind wir Gott sei Dank hier!« - -Da blickte sie hilfeflehend zu dem Dichter, und sie fand einen -hilfsbereiten Blick — — —. - -Da wußte sie, was ein Dichter sei und wozu er da sei — — —. - - - - - KONZERT - -Du kamst aus dem Konzert, erfüllt von Liedern und den Liedertexten, die -von Dichtern waren wie Stefan George, Richard Dehmel, Jacobsen, dem -verstorbenen Dänen, der Musik in Worten machte. - -Du warst schön und prächtig, gelb und gold war dein Gewand, und deine -geliebten Augen blickten noch in Fernen, aus denen sie eben kamen. Ein -Zwerg, ein Wurm, ein gekrümmtes armseliges Reptil erschien ich dir, ans -Irdische dich feig gemahnend, die du aus hehren Fernen kamst, und meiner -Liebe allzu gewohnte Seufzer verhallten in den Tönen deiner neuen -Musikwelten. - -Ich starb dahin vor Eifersucht auf das Konzert, und auf alles, was drum -herum und dran hängt an Ablenkungen selbstverständlicher Art einer -fanatisch geliebten Seele —. Ich starb dahin. - -Du aber blicktest, gelb und goldig war dein romantisches Gewand, in -Fernen, aus denen du soeben kamst, gleichsam von einer langen, langen, -langen Reise —. Wo warst du, Frau?!? - -Da senkte ich den Blick, der zuerst böse starrte, und ich ergab mich in -das Schicksal — — —. - -Du sagtest schlicht: »Es war sehr schön; man hat sehr viel gelernt; man -blickte jedenfalls in Welten, die bisher verschlossen waren —.« - -Da saß ich denn da und getraute mich nicht mehr, deine geliebten Hände -zu berühren wie eh und je —. - -Und du sagtest: »Was haben Sie?!?« Und ich sagte: »Nichts — — —.« - - - - - BUCHBESPRECHUNG - -Er hatte zu ihr gesagt: »Nun habe ich dich, _über allen Kitsch der -Künstler_ hinaus, den _Kunstwerken der Natur und des Lebens selbst_ -allmählich näher gebracht, habe dich mühselig gelehrt, die Romantik des -Daseins _aus erster Hand_ zu genießen! Nun gebe ich dir einen -allerbesten, spannendsten, aufregendsten, ergreifendsten, lehrreichsten -Roman zu lesen: »_Der Volkskrieg in Tirol_ 1809« von Oberleutnant Rudolf -Bartsch.« - -Und sie las es in einigen Stunden einer schlaflosen Nacht. Alle Menschen -darin standen ihr nahe, und sie zitterte um eines jeden Schicksal! -Erzherzog Johann, die Offiziere, die Diplomaten, die Bauernführer wurden -ihr zu vertrauten Freunden. Sie begann das Getriebe der Welt zu erkennen -und Freunde und Feinde in gleicher Weise zu verstehen! Sie sah die -Schlachten zwischen _Intelligenz_ und _Herz_ im Menschen, zwischen -_Vorurteil_ und _Urteil_, zwischen _Fernsicht_ und _Nahsicht_! - -Sie gewann eine tiefe, tiefe Liebe zu Peter Mayr und Andreas Hofer, zu -den reinsten der Reinen, den eigentlichen Idealisten in dem Buche. - -Sie weinte bitterlich und stundenlang über ihre edle Art. Sie schrieb -sich folgende Stelle auf ein Pergamentblatt heraus und ließ es einrahmen -unter dem Titel: »So sind alle, die für die _Kommenden_ von Wert sind!« - -Diese Stelle lautete: Der geniale Hormayr verscherzte sich das Zutrauen -vieler, namentlich der Bauern. Als er nach dem Bankrott der -österreichischen Invasion aus dem Lande floh, _schob_ so recht das ganze -Volk von Tirol den gegen Hormayr einfältigen, aber sittenreinen Sandwirt -an die höchste Stelle — ohne dessen Zutun. - -Schob: dieses Wort bezeichnet viel in Hofers Wesen und Laufbahn! Der -bedächtige Sandwirt war keine aggressive, ideenwälzende Natur wie -Haspinger, kein genial tollkühner Unfried wie Speckbacher. Viele seiner -Führer hatten weit größere Begabung als der bloß mit einem schlichten, -gesunden Hausverstand ohne weiten Blick ausgerüstete Hofer. Gedrängt, -unwiderstehlich gedrängt wurde Hofer zu allem, was er tat. Eine äußere, -aber geheime Macht, deren Walten er wohl ahnte, der er nie zu -widerstehen suchte und die er verehrte, trieb ihn: der Volksgeist von -Tirol! - -Diese Macht erhob ihn hoch — er blieb demütig und schlicht; diese Macht -entriß ihm all seine Entschlüsse. Durch sie gedrängt, siegte er bei -Sterzing, am Isel und bei Leonhard. Durch sie gehalten, vermochte er -nicht zu fliehen, als die Besten des Landes das sinkende Schiff -verließen — und geschoben, ja ganz verwirrt von dem Einfluß der -Verzweifeltsten des ganzen Landes, brach er im Spätherbst 1809 zum -erstenmal in seinem Leben das Wort, verleugnete seine Unterwerfung, -erhob von neuem den Ruf zum Aufruhr, und erst als sein Körperliches -gefangen und dem Tode geweiht war, da befreite sich seine Seele, eine -tiefe Erkenntnis seines ganzen Lebenslaufes durchzuckte ihn, und da -wuchs er ins Übermenschliche. Dieser weichherzige Mann, der so leicht -die gutmütigen Augen voll Wasser bekam, nahm trockenen Auges Abschied -von einer Welt, die sich schlechter erwiesen hatte als er. - -Daß man Hofer so oft verkannt und in ihm den Führer und Kommandanten des -Aufstandes gesehen hatte! Er war weniger und doch mehr. Er war seinem -Volke, was dem Soldaten seine Fahne ist: Das Panier von Tirol! - -_Selbst unbeweglich_, aber von den Kühnsten und Besten getragen, _allen -voran_. Unbefleckt, rein, verehrenswürdig, ja wahrhaft geheiligt! Von -der Religion geweiht, vom Paten Johann mit einem Wahlspruch belebt, vom -Kaiser ausgezeichnet und geschmückt. In der höchsten Not entfaltet, als -alle Kommandanten versagten, siegt diese menschliche vorausgetragene -Fahne Andreas Hofer, dann sinkt sie — — und mit ihr das Land Tirol. Er -war eben der einfache, Mensch gewordene Idealismus, der embryonal in -tausend Herzen, in tausend Gehirnen, in tausend Willenskräften verborgen -lag! - -Die edle Leserin machte die Hinrichtung Andreas Hofers mit, aber sie -konnte nicht, wie er von sich selbst es sagte, sagen: »So leicht kommt -mir sein Sterben an, daß mir die Augen davon nicht naß werden — — —.« - -Sie aß wenig, sie sprach wenig durch viele Tage. Nur dem Freunde, der -ihr diesen »_Roman des wirklichen Lebens_« anempfohlen hatte, blickte -sie dankbarst in die Augen. Da sagte er denn zu ihr: »Dieser -Oberleutnant Rudolf Bartsch ist vielleicht ein _größerer Dichter_ als -viele protokollierte Firmen dieser Branche. Denn er hat die in den -Archiven des Lebens begrabene Poesie und Romantik der Menschheit zu -lebendigem wirkendem Leben gebracht durch sein einfaches tiefes Buch!« -Und die Dame reihte es ein in ihrer kleinen Bibliothek neben ihre -Götter: Hamsun, Strindberg, Maeterlinck, Ibsen, diese _Vermehrer des -Bestandes der allgemeinen menschlichen Seele_! - - - - - IDEALE - -Ein fünfzehnjähriges wunderschönes Stubenmädchen stahl ihrer Herrin -zwanzig Kronen. - -Die Herrin schickte zur Polizei und machte die Anzeige von dem -Diebstahl. Da nahm die Fünfzehnjährige, die ihrer Mutter zum Namenstag -ein Geschenk hatte machen wollen, eine Flasche mit Spiritus, trank die -Hälfte aus, übergoß ihre Kleider mit der anderen Hälfte, zündete sie an. -Nach elf qualvollen Stunden verstarb sie im Wasserbett. - -Einfache künftige Polizeivorschrift: - -Anzeigen gegen Untergebene unter zwanzig Jahren wegen Diebstahls unter -100 Kronen werden zwar angenommen, aber sobald es sich um einen _ersten_ -Fall handelt, in den Papierkorb geworfen! - -Man vertröste die anzeigende »Canaille«, daß sich der Fall leider -»verzögert« habe — — —. - - - - - EIN BRIEF - -Liebes Fräulein Marion Kaulitz, ich habe gestern in der Wiener -Werkstätte, erster Bezirk, Graben 15, die Puppenausstellung besichtigt. -Ich war ganz gerührt. Wie schrecklich sind doch diese Puppengespenster -gewesen aus der Kindheit unsrer geliebten Schwestern und Cousinen! Wie -starrten sie uns blöde herzlos an, erwiderten alle Liebe und Sorge mit -einem nichtssagenden kretinartigen Grinsen, das unsre kleinen Herzen -hätte lieblos machen müssen, wenn wir damals nicht so viel an -selbstloser Liebe aufgespeichert hätten zu adeliger Verschwendung! - -Aber nun schufen Sie, Fräulein, Puppen, die wie edle, zarte -Menschenkinder blicken, träumerisch lächelnde, und solche, die sich -anschicken zu weinen und es dennoch unterdrücken! Kleine, zarte Kindchen -schufen Sie, nicht Puppen! - -»Das Beste ist für unsre Kinder gerade noch gut genug«, sei der -Wahlspruch von verständnisvollen Eltern. Eine meiner kleinen -zartfühlenden Freundinnen, zwölfjährig, hat am Lande im Garten einen -Zentralkäfig aus spinnwebdünnem Stacheldraht. Innerhalb ein kleiner -ovaler Teich von Quellwasser, und blühende kleine Gesträuche. Dieser -Käfig ist bewohnt von siebzig herrlichen Vogelarten. Hier genießt sie -die Märchen der mysteriösen Natur aus allererster Hand, hat einen -kleinen bequemen Fauteuil davor gerückt, sitzt stundenlang, beglückt und -entrückt — — —. - -Geradeso könnte man mit Ihren Püppchen sitzen, stundenlang, Fräulein -Marion Kaulitz! Ich denke mir kinderlose zarte Damen, die dieselben -sanft an ihr Herz drückten. Im Schlafzimmer sollten sie in Sofaecken -kauern, wie kleine zarte Lebewesen! Es gibt einige darunter, die man -direkt lieb gewinnt. Ich kann es mir vorstellen, daß eine alte Jungfer -solche fünfzig ankaufte und so in ihrem Zimmer eine Welt erblühen ließe, -die ihr im realen Leben versagt geblieben ist. Eine Welt von Poesie und -ohne die Enttäuschungen. Eine ist darunter, dreißig Kronen, von der man -es sich vorstellen muß, daß sie unbedingt eine weltentrückte Dichterin -werden würde. Ich sagte zu der wunderbar schönen bleichen Verkäuferin -mit den aschblonden Haaren und der sanftmütigen Stimme: »Melden Sie es -mir seinerzeit, welche Dame diese scheinbar unscheinbare Puppe erstanden -habe! Es wird jedenfalls eine ›innerlich Adelige‹ sein — — —.« Die -bleiche Verkäuferin errötete und sagte: »Ein fremder Herr hat sie heute -bereits von selbst für mich erstanden — — —.« - - - - - VARIÉTÉ - -»Sechs riesenstarke Männer und eine _Sechzehnjährige_, wunderbaren -verklärten Antlitzes, und gewachsen wie ein edler Knabe. Man warf sie -wie einen Gummiball, fing sie nach zahllosen Umdrehungen auf -herkulischen Schultern geschickt auf. Dennoch zitterte man jedesmal für -ihre edelzarten, unbeschreiblich rührenden, gebrechlichen Glieder. Sie -blickte ekstatisch, ließ sich in die Luft wirbeln und auffangen und -hätte, zufällig auf den Boden geschleudert und ermordet, zerbrochen, -zerquetscht, keinen Laut von sich gegeben! Ekstatisch blickend wäre sie -gestorben. Da dachte ein Graf: »Ich werde sie ihren Peinigern entziehen -und ihrem Selbstmorde. Ich werde sie schützen, pflegen und behüten!« -Aber das _wunderbar verklärte_ Antlitz hätte sie dann sogleich verloren, -und den edlen süßen Heldenblick wie in einer Schlacht, in der man gern -vor dem Tode steht! Denn »leben ohne Ehre« ist da überflüssig geworden! -O, Fräulein, gedenken Sie eines armseligen Zeitungsreferenten, der es -nicht drucken lassen darf, daß er vor Ihnen hätte hinknien mögen! -Sondern er mußte schreiben: »Einen wirklichen Rekord in der -Parterreakrobatik bot die jugendliche Tochter des Truppendirektors. Eine -Vereinigung von Kraft und Anmut — — —. Stürmischer Beifall belohnte aber -auch ihre Leistung!« O, Menschheit, pfui über dich, die du noch immer -die »spanische Stiergefechtsseele« hast, ohne Erbarmen und ohne Liebe, -pfui! Fräulein M., Ihre edelzarten Glieder sind mehr wert als das -begeisterte Gejohle einer herzlosen Menge. Gott beschütze Sie, -Allerzarteste, in Ihrem gefahrvollen Berufe! Möge dennoch ein Graf Sie -zuletzt erretten!« - - - - - DIE ABGELEHNTE EINLADUNG - -»Sie luden ihn ein auf ihre Besitzung. Er könne dort tun und lassen, was -er wolle, niemand würde Ansprüche an ihn stellen. Er habe seine Freiheit -garantiert. Er kam nicht. Er hatte zu tiefe _Achtung_ vor dem -_Fernverkehr_ zwischen Menschen, die sich wenigstens teilweise -verstehen, zu viel _Verachtung_ für den _Nahverkehr_, der unter allen -Umständen Abgründe öffnet, in denen die Seelen zerschellen. Welche -Freiheit konnte man ihm garantieren, nachdem er als Gast von selbst -infolge seiner inneren Kultur unwillkürlich den Gastgeber ununterbrochen -berücksichtigt hätte? Die großen Abgründe sind leicht mit Freundschaft -zu überbrücken, _unüberbrückbar_ sind die allerkleinsten; was ist es, -wenn der fanatisch geliebte Hund des Gastgebers dem Gaste als ein -verwöhntes, ekelhaftes Beest erscheint? Genügt das nicht, alle Werte -umzuwerten und Verzweiflung in den Nerven zu erzeugen, wo früher edler -Friede war? Ich will von Speisen und Getränken gar nicht reden, von -Tageseinteilungen. Der Gast wird zum »hysterisch-empfindsamsten« -Menschen, weil er eben der »Gast« ist, der Gastgeber ebenfalls, weil er -eben der »Gastgeber« ist! Es entsteht eine Beziehung von -Verantwortlichkeit für das Glück des anderen. Man bemüht sich, ein -anständiges aber ungeschicktes Kompromiß zu schließen zwischen zwei -Nervensystemen. Nun gibt es aber auch noch tragischere Verwicklungen. -Zum Beispiel »Lieblingsspaziergänge«, oder »Lieblingsplätze im Garten«, -ja sogar »Lieblingsbäume und -blumen«. »Gekränkt sein« ist eine von -unserem guten, ja von unserem besten Willen unabhängige Emotion der -Seele. Wodurch könnte man es besiegen!? Durch Entfernung! Napoleon kann -bei seinem Kammerdiener zu Gaste sein, aber nicht bei einem Napoleon! -Außerdem kann man sich auch noch zu allem anderen vielleicht in das -Stubenmädchen der Hausfrau verlieben. »Distanzen lassen« in jeglichem -Verkehr ist die »Genialität der Bescheidenen«, »Distanzen nicht -einhalten« ist die »Stupidität der Größenwahnsinnigen«! Es gibt daher -für einen »_bescheidenen_« Gast eine einzige Form der Einladung an ihn: -»Liebster Freund, wir reisen heute abends ab, unsere Villa steht Ihnen -daher zur Verfügung. Die Köchin wird kochen, was Sie anbefehlen; -außerdem bekommen Sie Tagesdiäten von zehn Kronen. Gedenken Sie unser in -Liebe!« - - - - - HYPOKRISIE - -Ich möchte ein einziges Mal im Leben ein Liebespaar, ein junges Ehepaar -antreffen, bei dem der Mann nicht in überquellender sorgsamer -Zärtlichkeit das Zigarettenrauchen der Geliebten bespräche! »Anna, du -weißt, dein Pensum ist bereits überschritten, ich habe drei Zigaretten -täglich gestattet, eine nach dem Frühstück, eine nach dem Mittagessen, -eine nach dem Nachtmahl. Ich glaube, ich bin jedenfalls ein -nachsichtiger Gatte — — —.« Nein, das bist du nicht, du Hund! Gerade -hierin also willst du ihr helfen, hast nicht die geringste Ahnung, du -Esel, wieviel Narkotika sie braucht, um deine Langweiligkeiten zu -ertragen, oder sich zu betäuben einmal auf anständige Art! Keine Frau -raucht mehr Zigaretten, als sie unbedingt braucht, denn in der Kontrolle -ihrer Genußfähigkeiten sind die Frauen begabter als die Männer, da sie -den Gesetzen der unbewußten Natur näher stehen, sie daher besser -erlauschen! Ich hasse die Männer, die ihre hypokrite zärtliche Fürsorge -gleichsam auf das scheinbar übertriebene Zigarettenrauchen ihrer -geliebten Frauen konzentrieren. Sie haben überhaupt nicht die geringste -Ahnung von der minutiösen Hygiene des Frauenleibes, der Frauenseele! -Aber vor der unschuldig-betäubenden, ja oft erlösenden Zigarette wollen -sie sie zärtlichst behüten! Der Anfang aller Ungezogenheiten einer Frau, -die sich dann allmählich und unscheinbar entwickeln, ist, ihr ihre -unschuldigen Freuden zu mißgönnen! - - - - - STRANDBAD »GÄNSEHÄUFEL« - - -Wie alt du wirst, Peter — —. Läßt dich deinen Idealen nicht mal mehr -vorstellen?! - -Ich sah zwei Schwestern, sechzehn und fünfzehn, mit braunem Teint und -dunklen Haaren, stumpfnasig, edelhändig, edelfüßig. - -Wie von den Inseln Ceylon, Sumatra, waren sie. - -Die Sonne brannte auf den grauen mehligen Donausand des Strombades -»Gänsehäufel«. - -Ein buntes Treiben; und ich sah nur euch! - -Wie flügge Vögelchen im Neste, sah ich euch, von eurem Vater zart -behütet — —. - -Finger, Zehen, zart zum Abbrechen. - -Und eure Augen schienen noch nie ängstlich geblickt zu haben — — —. - -Ein buntes Treiben auf dem Strand, im Wasser! - -Familienglück mit plätschernden Babys, und Paare, denen man es ansah: -»Ihr gehört zusammen!« - -Von Weidenbüschen kamen Duft und Kühle — —. - -Und als die beiden braunen Schwestern ihre weißen Strandkörbe verließen, -um zu baden, hätte ich mich gern als Leibwache hinpostiert und zu jedem -gesagt: »Die Körbe sind besetzt, ich hüte meiner geliebten Herrschaft -ihre Ruheplätze — — —!« - - - - - RÜCKKEHR VOM LANDE - - -Nun ist es wieder Herbst geworden, und die Grabenkioske füllen sich zur -Abendzeit mit wohlgepflegten und gebräunten Damen. - -Man hätte so viel zu erzählen, und man schweigt! - -Man ist wieder in diesem Gefängnis »Großstadt«. - -Man träumt von Licht und Luft und Wasser. - -Man war ein anderer, besser, menschlicher. - -Nun geht man seinen Trab wie eh und je. - -Man fühlt sich altern, schwerfällig werden, klammert sich an dieses -unglückselige Wort: »Verpflichtungen«! - -Die Wohnung will nicht in Ordnung kommen, und die Dienstboten kündigen. - -»Die gnädige Frau war am Land viel netter zu uns — — —.« - -Ja, das war sie. - -Die Kellner in den Kiosken begrüßen alle Gäste wie Weltreisende, die -vielfache Gefahren überstanden haben — — —. - -Nun nehmen sie Soda-Himbeer im sicheren Port! - -Die Deklassierten, die nicht fort waren, mischen sich in die Menge der -Zurückgekehrten, als ob nichts vorgefallen wäre — — —. - -Ja, sie haben sogar die naive Frechheit, zu behaupten, Wien wäre am -angenehmsten, wenn alles »auf den Ländern« weile — — —. - -Damen, mit den veredelten gebräunten Antlitzen, lasset euch nicht -betrügen von dem Prunk der Großstadt! Erschauet in den Spiegeln eurer -Gemächer einen Zug auf eurem Antlitz, den Licht und Luft und Wasser und -Freiheit modelliert haben, und der nicht da war ehedem, und der -verschwinden wird im Wintertrubel! - -Komödie hier, Komödie dort vielleicht — — —. - -Doch unter freiem Himmel ist das _Theater_ schöner! - - - - - KRANKENLAGER - - -Ich lag wieder einmal im Sterben. Einer sandte mir daher Kalbsfußgelee -in Glasdose, statt mir seine junge, schöne Geliebte zu senden, die mich -unbedingt eher hätte erretten können als Kalbshaxen! Das Kalbsfußgelee -hatte einen geheimnisvollen, uneröffenbaren Verschluß. Daher war es auch -ganz gleichgültig, daß es vor dem Eröffnen zwei Stunden lang in Eis -liegen sollte. Einer kam sehr teilnahmsvoll und besprach es mit mir -ziemlich eingehend, ob er seiner Mitzi den Laufpaß geben solle oder -nicht, nachdem doch, wie ich wisse —. Wir berieten hin und her, und er -meinte schließlich, er sehe, ich sei nicht ganz bei der Sache. Zum -Schlusse sagte er: »Hast du große Schmerzen?! Merkwürdig, daß diese -Anfälle in letzter Zeit so häufig wiederkommen. Vielleicht sieht man -dich übrigens morgen im Gasthaus. Da können wir es weiter besprechen.« -Eine Dame kam, und ich teilte ihr mit, daß sie die schönsten Ohren, -Hände von der Welt habe. Sie meinte, ich bliebe noch in der Sterbestunde -ein Dichter, ein wirklicher Künstler. Einer kam und legte seine -Zigarettenasche auf mein Nachtkästchen aus Bambus, neben die große, -tiefe Aschenschale. Einer trug mir ein Buch weg, unter dem Vorwande, ich -könne in meinem jetzigen Zustande ohnedies nicht die Sammlung finden, es -zu lesen. Einer sagte mir, man dürfe sich nicht so sehr nachgeben, -sondern müsse die Krankheit durch Energie überwinden. Gott, wo käme er -selbst hin, wenn er sich immer gleich ins Bett legen wollte und sich -pflegte!? Eine junge Dame schrieb: »Verehrter Meister, ich höre, daß Sie -schwerkrank sind. Darf ich um ein Autogramm bitten?!« Als ich wieder -genesen war, sagte man zu mir: »Nun, Peter, du ewig Unzufriedener, hast -du es nicht jetzt wieder einmal erlebt, von wieviel Sympathie und echter -Freundschaft du in schweren Zeiten dennoch umgeben bist?!« Ich blickte -gerührt vor mich hin — das heißt, ich dachte: Verbrecher und -Schafsköpfe! - - - - - HUNDE - - -Ich hasse die Frauen nicht nur wegen der falschen Krawatten, die sie -anhaben, wegen der falschen Schirmgriffe, der falschen Hüte, der -falschen Manschettenknöpfe und so weiter — ich hasse sie in neuerer Zeit -wegen der »Pflanzhunde«, die sie sich mit teuerm Gelde zulegen, um eine -Art von verlogener Tierromantik mit ihnen aufzuführen. - -Meine wunderbar schöne Schwester fand in ihrem fünfzehnten Lebensjahre -ein schreckliches verhungertes Tier auf der Bergstraße nach Kaiserbrunn, -direkt ein Scheusal. Aber sie betreute es fanatisch; und als sie es -eines Sommermorgens im Bottich des kleinen duftenden Gemüsegartens -ertränkt fand, legte sie sich ins Bett und verweigerte acht Tage lang -die Nahrung. - -Heutzutage aber kaufen sie sich für schwere Tausende prämierte Russische -Windhunde, Springer erster Klasse, die zwar unerhört hohe Barrieren -überspringen, aber nicht einmal den Seelengeruch aufbringen, die Wohnung -ihrer scheinbar geliebten Herrin allein wieder aufzufinden! - -Herzlose Idioten von äußerlich schönen Tieren favorisieren sie, -schändliche Masken von Idealen, einen Abglanz ihrer eigenen leeren -Persönlichkeiten, drapiert mit modernen Gewandungen! Wie sie selbst! - -Seinerzeit war der getreueste Freund des Menschen favorisiert, der -aufopferungsfähige weiße oder schwarze Pudel. - -Heute aber liebt man den infam perfid treulosen Dackel, den grotesken -Clown Foxterrier, und den stupiden herzlosen und gleichgültigen -Russischen Windhund. - -Heute geht man auf Farbe und Form. Aber das melancholisch-treuherzige -Auge ist euch gleichgültig geworden! Es wird sich natürlich an euch -rächen! Auch die »Ästhetik« kann nur aus den mysteriösen Tiefen des -Herzens kommen; sonst ist es eine Blüte, die an ihrer eigenen schamlosen -Kälte verkommt, verdorrt! Nur das Herz hat ewig belebende tropische -Wärme. Schönheit allein mordet! - - - - - H. N. - - -In deinen Augen lese ich dein Leben — — — mehr brauch ich nicht zu -wissen, es ist alles. Und deine Stimme ersetzt mir die Musik der Welt! -Deine Hände zu schauen, macht dankbar gegen das Schicksal — — und sie -berühren, macht mich tief erschauern! Wie eine geknickte Blume prangst -du in der Welt, die trotzig starrt von harten Pflanzen! Nur du erzeugst -mir Sehnsucht, Gottes edle Qual! Die anderen genießt man, wenn sie da -sind, und die Entfernung legt sie zu den Toten! Von dir aus strömt des -Dichters Leid und Not, an diesem Stoffe brennen seine Flammen! Wenn du -von Lieblingsliedern sprichst, hör ich sie tönen; Wenn du von -Lieblingsbüchern sprichst, so hab ich sie gelesen! Wenn du von schönen -Frauen sprichst, so seh ich sie, wenn du von Männern sprichst, so sterb -ich vor Verzweiflung! - -Und die Welt erdunkelt mir — — —. Der Bann, der Bann, Bannsegen ohne -Fluch! So bannst du mich! Du bist verstört, von tausend geheimnisvollen -Kräften hin und her getrieben, die aber mir zu Tau und Sonne werden, -indem ich sie gerührt betrachte und begreife, wie eine Mutter ihres -geliebten Kindes Rätsel — — —. Entfern dich nicht! Denn wenn du mich -verläßt, erlischt für Dich dein eigener Zauber — — und eine Welt -ersteht, die dich brutal genießen will! - - - - - HELGA - - -Helga, mein Leitstern, bist du mir erloschen?!? - -Leuchtest du mir nicht mehr in meinen Dunkelheiten?! Willst du meinen -Verdüsterungen nicht mehr Klärung bringen?! Die Nebel zerstreuen, die -sich über meiner Seele lagern, wie die Sonnenkraft auf Bergesgipfeln -beim Nebelreißen?!? Wie ein Kindchen strecke ich die Arme nach dir aus. -Hilf mir! Du gabst mir Kraft, du gabst mir Frieden! Sei ewig -bedankt — — —! Nun kommen die Liebelosen und rauben mir alles! Düstere -Nebel umwölken mein ehemals klares Gehirn — — —. Sei wieder die Sonne, -die Klarheit bringt und Licht und Wärme! Hilf mir, Helga — — —! Alle -andern Frauen nehmen und plündern, die Seele, den Leib, die Kraft des -Gehirnes — — —! Du allein _spendest_ und _spendest_ und _spendest_! Kaum -bist du fort, _umdüstert_ sich alles — — —. Die bösen Geister nehmen -mich in Besitz — — — Guter Geist, Helga, ich entbehre dich, wie ein -krankes Kind seine Baba — — —. _Gütige Kinderfrau_, Helga, ich gebe dir -_diesen_ Ehrentitel, Statt dieses schnöden, inhaltslosen Titels: -Geliebte! - - - - - DAS TELEPHON - - -»Hier Peter Altenberg — — —.« - -— »Oh, Peter, guten Abend. Denken Sie, ich kann heute abend nicht an -Ihren lieben Stammtisch im ›Löwenbräu‹ kommen. Ich habe mir erst vor -einer Stunde die Haare gewaschen und sie brauchen mindestens drei -Stunden, um zu trocknen.« - -»Schluß«, rief er und läutete rasend ab. — - -Das war eine Art von Genugtuung. — Aber sehr bald darauf überkam ihn -eine trübe Stimmung und er dachte: »Was, oh Fraue, was wirst du mir also -noch alles antun, nachdem du dir nicht einmal rechtzeitig die Haare -waschen konntest — — —.« - - - - - DIE LÜGE - - -Eine der schrecklichsten Verlogenheiten des kleinen Lebens ist es, daß -so viele in liebenswürdig-korrekter Art fragen: »Ist es gestattet, an -Ihrem Tische Platz zu nehmen? Stört man nicht!?« - -Welche verlogene Gemeinheit, eine solche perfid-jesuitische Frage zu -stellen, nachdem man es doch sicher weiß, daß niemand daraufhin den Mut -hat, zu antworten: »_Nein_!« - -Möge doch jeder in seiner Vereinsamung bleiben, bis man ihn »liebevoll« -ruft! Wie viele Feindselige drängen sich scheinbar freundschaftlichst -heran, weil man mit einer Dame sitzt, auf die sie »fliegen!« Eine -horrende feige Gemeinheit. Schändliche Wölfe im Schafspelze. Wenn sie -ihre Beute »gerissen« haben, verschwinden sie! Niemand weiß, edle -Distanz zu halten, weder im Gespräch, noch in Handlungen. Eine falsche, -feige Gutmütigkeit beherrscht alles, vom liebenswürdigen, scheinbar -erfreuten Lächeln der Begrüßung an, bis in die ernsteren Komplikationen -hinein, wo die Maske fällt! »Wie geht es Ihnen?!« Jeder denkt dabei: -Hoffentlich schlecht! Das Herz traut sich nirgends hervor; es keucht, -erstickt unter Lügebergen! Niemand kann »er selbst sein«, schaut sich -daher ängstlich um, nach dem Sukkurs der andern! - -Heldentum: »Ist es erlaubt, an Ihrem Tische Platz zu nehmen?!« - -»Nein!« - -Dann geht der feige, geprügelte Hund aber hin und rächt sich! - - - - - PLAUDEREI - - -Früher hat es naturgemäß Religionsstifter gegeben für die _Seelen_. Der -Körper war _urkräftig_, und die Seelen waren _schwächlich_. Da bedurfte -es der _Ärzte_ für die _Seelen_. Nun aber ist es umgekehrt: die Seelen -sind _erstarkt_, und die Körper sind _schwächlich geworden_. Da bedarf -es der Religionsstifter für die _Körper_! - -Keuschheit zum Beispiel war früher eine »psychologische« Forderung, -heute wird es zu einer »physiologischen«! Einfachheit der Lebensweise -war früher eine »psychologische Forderung«, heute ist es eine -»physiologische« geworden! - -Früher beschenkte man Arme aus »psychologischen« Gründen. Heute könnte -man fast bereits sagen: »Ich gab einem Armen 50 Heller, denn ich fühlte -es, daß mir mein Nachtmahl dann besser munden würde und ich es leichter -verdauen könnte —.« - -»Seelische Angelegenheiten« beginnen zugleich »physiologisch« aufgefaßt -zu werden, also eine organische Verbindung von _Selbstlosigkeit_ und -_Ichismus_. Je mehr ich meinen _Körper_ entwickle und schone, desto mehr -kann ich _seelisch für andere leisten_! Ich bin _von mir_ befreit! _Für_ -andere! Liebenswürdigkeit, Menschenfreundlichkeit ist Sache des -Verdauungsapparats. - -Mörder müssen _Blähungen_ haben. Man kann nämlich auch unscheinbar -morden; es muß nicht immer Messer und Kugel sein. Auch Worte können -morden und _jegliche_ Ungezogenheit! Frauen müßten daher besonders -vorsichtig sein in bezug auf ihren gesamten Verdauungsapparat. Sie -können leicht »seelisch morden«, wenn sie unverdauliches Zeug essen, das -sie belästigt und beschwert. Ich will von einer der wichtigsten Sphären -im »physiologischen Organismus« gar nichts auch nur andeuten, in der man -entweder zum »_Übermenschen_« oder zum »_Mandrill_« wird! Aber der -kommende Religionsstifter wird die Verbrechen, die »Höllen«, -_ausschließlich_ in der »physiologischen« Sphäre erkennen, wenn auch der -»Alkoholgenuß« nur selbstverständlich den _Prügelknaben_ vorstellt, der -blöderweise für _alle anderen_ Sünden herhalten soll! »Falscher Ehrgeiz« -zum Beispiel ist ein »_physiologischer_« Mörder in uns, ein Krebs der -Seele, eigentlich aber des Leibes! Die Würmer werden mich fressen, -früher aber muß ich noch Baron werden! Sie sollen einen Baron also -annagen! Man verlästert immer die Dekadenz. Aber wann werden die -Menschen endlich nicht _mehr_ essen, als sie benötigen, nicht _mehr_ -trinken, als sie _benötigen_?!? Bis sie es nicht mehr _vertragen_ vor -Schwäche! Dadurch aber werden sie dann allmählich wieder _ganz stark_ -werden! - -Das ist der _Werdegang_! Zuerst _völlern_, auf seine _überschüssigen_ -Kräfte hin! Dann _sparsam leben_, wegen _seiner unterschüssigen_ -Lebenskräfte. Und dann _infolgedessen_ gesunden, reich werden und es -_bleiben_! Dekadenz ist der _organische Übergang_ zur _Aszendenz_! -Zuerst _vergeuden_ die Menschen ihre Kräfte, weil sie _zu viel_ davon -haben. Dann _sparen_ sie damit, weil sie _zu wenig_ haben. Und -schließlich haben sie wieder _angesammelt_ und _sparen_ wegen schlimmer -Erfahrungen! Es gibt keinen anderen Weg! - -Es wäre denn, daß ein »physiologischer« Religionsstifter die -_persönliche Macht_ ausübte, daß die _Verschwender_ an Lebenskräften zu -_sparen_ begännen, _ehe_ es unbedingt notwendig wäre! Dann könnte er -»gottähnliche Menschen« züchten auf Erden! »Erkenntnisse aus Not« sind -eigentlich dennoch lächerlich, sie haben keine »Verführungskraft«. -»Erkenntnisse« aus »Erkenntnis« allein haben Triebkraft. Sie zeitigen -Blüten und Früchte am Baume der Erkenntnis! Der ganze mögliche -Fortschritt also: _Erkenntnisse_ haben und sie _durchsetzen_, ohne -»physiologisch« dazu bereits _genötigt_ zu sein! Zum Beispiel also, -Krankenkost essen, ohne es _nötig_ zu haben, keusch leben, ohne es -_nötig_ zu haben, zehn Stunden schlafen, ohne es _nötig_ zu haben! Mit -diesem gewonnenen Überschuß an Lebenskräften es versuchen, ein »höherer, -besserer Mensch« zu werden! - - - - - LEBENSBILD - - -Die fünfjährige Marie Ch. mußte um 6 Uhr morgens, bei 10 Grad Kälte, nur -mit einem Hemd bekleidet, den Fußboden des Vorhauses reiben. Ein -Adeliger, ein Geschäftsmann wollte ich sagen, der zufällig in das Haus -trat, machte die polizeiliche Anzeige. Alle ärmlichen Bewohner des -weiten alten Hauses atmeten auf. Sie selbst hätten sich vor der Furie -von Mutter nicht getraut, es zu tun. - -Der Richter zu der Mutter: »— — — und was ist es mit den blutigen -Striemen auf dem Leibe dieses schwächlichen todbleichen Geschöpfes?!« - -»Dös Menscherl hat eh zu viel Blut — — —.« - -Der Richter war empört und verurteilte sie zu 8 Tagen. Nach diesen acht -Tagen wird sie also jedenfalls das »vollblütige Menscherl« nicht mehr -den Boden des Vorhauses reiben lassen, da dort »Adelige« vorbeigehen und -die Anzeige machen könnten. Im trauten Gemache, einen Knebel im Munde, -gibt es verschwiegenere Martern für irgend etwas. Nun hat aber -höchstwahrscheinlich diese »Mutter« eine Entschuldigung. Denn sie nahm -das Mäderl von Bauersleuten weg am Lande, die es zwar sehr fürsorglich -behandelten, aber immerhin 6 bis 10 Kronen monatlich erhielten. Grund -genug, ein Kind als »unerträgliche Last« zu empfinden für durch Armut in -einem ununterbrochenen Zustande von »reizbarer Schwäche« befindliche -Nervensysteme. _Grauen befällt den Allweisen erst_ in dem gar nicht -seltenen Falle, wo Pflegeeltern ein abgöttisch geliebtes, edel gehegtes -Kindchen ohne einen Kreuzer Entschädigung à tout prix behalten wollen, -und die »Eltern« es nicht _gestatten_, sondern es nach Hause nehmen, um -es der gerechten Strafe, geboren worden zu sein, unter unermeßlichen -Qualen zu unterziehen, bis der Frevel seiner Geburt mit dem Tode gesühnt -ist! - -Richter: »Ihr Kind hat es doch dort so gut gehabt, und Sie selbst haben -in zwei engen Stuben acht Kinder zu ernähren?!« - -»Wo acht hungern, kann das neunte auch mithungern, soll sie’s besser -haben als mir, warum?!« - -Richter: »Der Bauer, der Ziehvater, hat erklärt, er setze es zur Erbin -ein — — —.« - -»Nix, dös Kind g’hört zu seine Eltern, zu seine Geschwister — — —.« - -Das Kind wurde später zu Tode gemartert. - -Ich stelle einen einfachen logischen Gesetzesantrag: »Kinder, die -nachweislich es bei Zieheltern, die _keinerlei Entschädigung_ dafür -verlangen, gut haben, dürfen den Eltern, falls sie in bedrängten -Verhältnissen leben, _unter keiner Bedingung wieder ausgefolgt werden_!« - - - - - LEBENSBILDER AUS DER TIERWELT - - -Ich habe mit Begeisterung diese Hefte angesehen, gelesen. Es ist endlich -die Natur »aus erster Hand«, unverfälscht durch den Künstler, der sich -seit Jahrhunderten _verbrecherischerweise_ zwischen Gott und die -Urromantik des Seins drängt, ein zwar _notwendiger_, aber für unsereinen -_überflüssiger_ Vermittler und Erklärer der Schätze des Daseins! Wir -sind selbst »_Künstlermenschen_« geworden! - -Dieser »_Hochzeitstag_« z. B. der Eber im dunklen alten Forste; ja, -weshalb hat bis heute keiner von den protokollierten »Landschaftern« so -etwas gemalt?!? Diese schwarzen Ungetüme, in Liebe aufgelöst, einer auf -den anderen getürmt; die anderen schauen dumm zu, und der Forst ist voll -riesiger schwarzer Stämme. Solche Dinge bringt heutzutage die »Kamera« -fertig und beschämt den Maler, der den Eber »mit _seinem_ Auge«, also -_falsch_ sieht! Der Japaner allein bemühte sich, der Natur mit -unsäglichem Fleiße nahezukommen, beizukommen. Aber bei uns steht immer -der Größenwahn des »Menschen« der einfachen schönen Wahrheit -_heimtückisch hinderlich_ im Wege! Der Maler bringt überall »seine -Seele« hinein, für diejenigen, die nicht einmal »ihre eigene dumme -Seele« besitzen! Aber Gottes Seele, die _aus jeglichem_ ausstrahlt, muß -endlich _ohne Vermittlung_ dieses Hofmeisters »Künstler« erfaßt werden -können! Wer eine Frau erst als wertvoll, als mysteriös, als Verhängnis -empfinden, sehen, erfassen könnte, bis der geniale Maler ihre Werte -gemalt, der Dichter ihre Werte besungen hätte, dem, dem wird sie ihr -Leben lang nur ein »unenträtselbares Sexualtierchen« bleiben! Der -Künstler ist ein Lehrer und Vermittler, und solange man seiner bedarf -und er als wertvoll erscheint, ist man nur ein »Schüler des Lebens«, ein -nicht schauen und hören Könnender, in Gottes All hinein, ein Menschlein, -fern dem Herzen und Gehirne, das in der Natur überall geheimnisvoll -verborgen liegt, auf daß erst der zum wirklichen Leben »Ausgereifte« es -genießen dürfe auf seinem Weg zum Heile, zur Gottähnlichkeit! Den -anderen ist es wohlweislich verschlossen, und man schickt diese »Babies« -in die »Lebensschule« zum Herrn Lehrer »Künstler«, der ihnen -_primitiverweise_ die Anfangsgründe beibringen soll, mit leichtfaßlichen -Beispielen, »Kunstwerke« genannt! - -Wir aber entnehmen diesen mit der einfachen »Kamera« aufgenommenen -»_Lebensbildern aus der Tierwelt_«, R. Voigtländers Verlag, Leipzig, und -diesen Texten, die nur klar und einfach berichten von den Ereignissen -des Tierlebens bei Tag und Nacht und zu jeder Stunde, und von den -»Homerischen Kämpfen« unter Grashalmen und Gebüschen verborgen, wir -entnehmen ihnen alle Poesien, alle Romantik, alle Tragödien, alle -Rätsel, die es hienieden gibt! Unsere Lehrer sind Gott und Natur! - -Man müßte eigentlich einer geliebten Frau diese in Lieferungen -erscheinenden, »Lebensbilder aus der Tierwelt«, R. Voigtländers Verlag, -Leipzig, als Geschenk senden. Denn es ist ein absoluter Prüfstein für -ihre »inneren Werte«; wie sie darauf nämlich reagierte!? - -Nun, ich habe das mit einer unbeschreiblich verehrten Dame getan. - -Sie schrieb mir zurück: »Lieber Freund, sein’s mir nicht bös, aber dös -interessiert mich leider gar nicht ...« - -Nun, hat es meine Anhänglichkeit an sie aber zum Schwinden gebracht?!? -Keine Spur! - - - - - BRIEF AN MITZI VON DER »LAMINGSON-TRUPPE«, DÄNIN. - - - Liebes, liebes Fräulein, Mitzi von der »Lamingson-Truppe«! - -Ich weiß es nicht, wie lange Sie noch in Wien und hier im »Casino de -Paris« bleiben werden, und eines Tages können Sie fort sein, fort auf -Nimmerwiedersehen, irgendwohin in die lustige oder traurige Welt der -Künstler, der Artisten, tausend und tausend merkwürdigen Schicksalen und -Begebenheiten ausgesetzt! - -Mögen Sie es daher wissen, daß ein alter armer glatzköpfiger uneleganter -Dichter Ihnen nachweinen wird und Ihre herrliche liebliche wundervolle -Persönlichkeit gleichsam im Innern seiner Augen aufbewahren wird, lange -lange lange Zeit — — —. - -Man vergleicht oft junge Mädchen mit schlanken Rehen im Walde; aber -niemals, niemals hat ein Vergleich so sehr gestimmt! Sie sind das -schlanke rührende edelbeinige Reh, nicht ahnend, woher der Schuß eines -grausamen Jägers kommen wird im Waldesfrieden — — —. - -Ihre lieben lieben, beim Lächeln zusammengezwickten Augen, werde ich nie -nie vergessen, nie Ihre blondbraunen Haare, Ihre aristokratisch-noblen -Glieder, Ihre edelgebogene und dennoch rechtzeitig abstumpfende Nase, -Ihren süßen Mund! - -Wenn Sie fort sind, Mitzi, Fräulein Mitzi, wird es mir sein, wie wenn -mir jemand ungeheuer Liebes gestorben wäre, und ich werde Ihnen -nachtrauern und um Sie besorgt sein! - -Ihre außergewöhnliche Schönheit, Ihr Leib, der wie das zarte Gedicht -eines Dichters ist, haben mich tief, tief gerührt; und ich möchte, daß -junge, reiche elegante Männer mit derselben Ehrfurcht vor Ihrer -lieblichen Herrlichkeit sich innerlich verneigen könnten wie ich alter -Mann. - -Man müßte Sie betreuen und beschützen wie einen kostbaren lebendigen -Gegenstand, man müßte für Sie sorgen bei Tag und bei Nacht. — — — Mit -liebevollster Fürsorge! - - -Lächeln Sie nicht, wenn Sie diese Zeilen lesen, Ihre Härte könnte mich -nicht verwunden, nicht verletzen — — —. - -Ich bete zu Gott, daß Sie glücklich werden, Sie Allerlieblichste!!! - - Peter Altenberg. - - - - - APHORISMEN - - -Ich verstehe unter »_Kultur einer Frauenseele_«, einen Mann, dem man -sich einmal gewidmet hat, nicht zu _kränken_, bevor man nicht -aufrichtig-traurig zu ihm gesprochen hat: »Es ist Schluß!« - -Eine Frau kann ihr Schlachtopfer »Mannesseele« grausam umbringen, wie -Krebse in siedendem Wasser, oder in milder Form, mit einem Schnitt wie -Kälber. Weshalb es ihnen also verzeihen, wenn sie es grausam tun?! - -Grausam bereits ist der »_kokette Blick_«!!! - -Sage also, Kanaille, lieber vorher: »_Es ist Schluß!_« - - - - - TEXTE AUF ANSICHTSKARTEN - - - _Rokoko_ - -In dieser Zeit lebten Menschen, die vom Leben nicht wußten, wie es -_wirklich_ und _einfach_ ist! - -Sie lebten in einem »falschen Märchenlande« — —. - -Denn das »echte Märchenland« ist die Romantik des _Kartoffelfeldes_ in -einer _wirklichen_ Mondnacht! Solange die menschlich-kindischen Herzen -noch nicht reif sind für die ernste »Romantik der Natur selbst«, -schaffen sie sich »kindische Spielereien«! Aber diese »Verirrten« waren -wenigstens »_Wege-Sucher_«, die sich nur kindisch _verirrten_! Das -wollen wir ihnen also _zugute_ halten! - - _Frau E... R....._ - - Schaffst du denn Symphonien, weibliches Beethoven-Antlitz?!? - Du bist ein _Weib_, kannst dich nicht _austönen_! - Nicht dich _erlösen_! - Ein _Spiegelbild der Welt_ kannst du nicht sein! - Zur _Tagestat_ zu groß, zur _ewigen_ zu _klein_! - So _bleibst_ du Weib und kannst’s dennoch nicht sein!! - - - _Fräulein Barbara von G._ - -»_Nichts_ ist gekommen, nichts _wird kommen_ für meine Seele — — —. - -Ich habe _gewartet_, _gewartet_, oh, _gewartet_ —. - -Die Tage werden dahinschleichen —. - -Und _umsonst_ wehen meine aschblonden seidenen Haare um mein bleiches -Antlitz — — —.« - - -Über die Grenzen des All blicktest du sinnend hinaus; - -Hattest nie Sorge um Hof und Haus! - -_Leben_ und _Traum vom Leben_ — — — — plötzlich ist alles aus — — —. - -Über die Grenzen des All blickst du noch sinnend hinaus — — —! - - -Nach Jahren kommt eine _unaussprechliche Dankbarkeit_ in uns für die -Frau, die wir »unglücklich liebten« — — —. Aus _Bürgern des strengen -Tages_ machte sie uns nämlich zu _weltentrückten Poeten_, _erschloß_ uns -unseres eigenen Herzens Tiefen, _erhöhte_ uns zu »inneren tragischen -Helden«! _Unsere Tränen_ gab sie uns, bannte das _leere Lächeln_! Sie -sei also bedankt und gepriesen! - - - _Schneesturm_ - -Seele, wie bist du schöner, tiefer, nach _Schneestürmen_ — — —. - -Auch du hast sie, gleich der Natur — — —. - -Und über beiden liegt noch ein _trüber Hauch_, wenn das Gewölk sich -schon _verzog_! - - - Bloß ein Feld voll Zwiebeln — — —. - Stillt es die _Not_ dessen, der es bebaut, - Stimmt es _andächtig_ den, der es nur _als Künstler beschaut_! - -Gräber von berühmten Toten sollen uns streng ermahnen, den Tag und die -Stunde wertvoll zu gestalten, da wir _noch_ sind — — —! - - -Helle Wolken und schwarze Bäume! - -Für Kinder zum Schrecken, Gespenster! - -Für Dichter zum Weinen! - -Und der gewöhnliche Mensch geht dran gelassen vorüber, sagt: »Das wäre -etwas für Kinder zum Schrecken, und für Dichter zum Weinen!« - - _Wald im Winter_ - -Ein kleines Mäderl sagte: »Onkel, aber, nicht wahr, hinten ist die böse -Hexe, die die Kinder stiehlt?!« — Ich sagte: »Natürlich«; und bat den -_friedevollen_ Wald um Entschuldigung — — —. Gewisse Menschen _wollen_ -eben keinen Frieden — — —. Sie suchen selbst im Walde die böse Hexe, die -die Kinder stiehlt — — —. Sonst hat er für sie gar keinen Reiz! - - _Weg im Winter_ - -Geliebter verträumter verschneiter Weg! Ging ich hier mit Anita?!? Oder -träumte ich nur, daß ich hier mit ihr gehen möchte?! Fußspuren im -Schnee, ihr paßt nicht zu Anitas geliebten Schuhen —. - - -Hie und da rauschen Schneeklumpen zur Erde. Wie wenn der Frühling es -versuchte, den Winter bereits abzuschütteln! - -»Das Betreten der Kulturen ist strengstens untersagt« — — —; man wird es -dennoch ewig tun! Betreten, zertreten! — - - -Zaun, wie machst du die Landschaft melancholisch! Im Grenzenlosen etwas -Abgegrenztes! - - -Hier ist Friede — — —. Hier weine ich mich aus über alles. Hier löst -sich mein unermeßliches unfaßbares Leid, das meine Seele verbrennt. -Siehe, hier sind keine Menschen, keine Ansiedlungen. Hier tropft Schnee -leise in Wasserlachen — — —. - -Hier suchte sie die ersten Blüten, und fand nichts. Und ich sagte zu -ihr: »Diese gelbgrünen feuchten Rasenflecke, die der zerrinnende Schnee -bloßlegt, sind schöner als Blumen — — —.« Da sah sie hin und _erkannte_! - -Hier bleibe stehen mit deiner geliebtesten Freundin, und _belausche_ ihr -Antlitz — — —! Fühlt sie _dasselbe_ wie du, dann kannst du _beruhigt_ -mit ihr weiterschreiten, in _die Gelände des Lebens_! - -Ich suchte eine Frau, die den Schnee _wirklich_ liebte; und ich fand -keine! Sie _benützten_ nur den Schnee, für ihre Sheerns! — - - -Junge Ochsen auf der Weide. Einst im Sonnenbrande, ziehend am allzu -schweren Gespanne, könnt ihr euch nicht mehr der kühlen Weide erinnern. -Aber in eurem _traurig-dummen_ Auge spiegelt sich alles, und kein Gram -geht verloren in der gramvollen Welt — — —. - - -Margeritten im hohen Grase. Alles blüht und atmet Frieden! Auf dem Boden -leben aber und sterben lautlos hunderttausend Insekten. Nur der Mensch -erhebt seine Stimme und beklagt sein Schicksal. Kann er es ändern?! Ja. -Er kann wenigstens weinen und schreien. Und falls er es nicht kann, tun -es _für ihn_ liebevoll die _Dichter_! - - -Manche Frauen würden nicht elende »Treuebrecherinnen«, »Ehebrecherinnen« -werden, wenn sie stets imstande wären, an den Schätzen der friedevollen -mysteriösen Natur ihre zerfahrenen Seelen wieder und immer wieder -aufzurichten! - - -Natur und Frau sollten in _gleicher Weise_ wirken, uns zu adeligen, -_all_-verstehenden, sanftmütigen _Weltgeschöpfen_ zu transformieren! -Einer Frau diese _geniale Aufgabe_ als _süße Pflicht_ beibringen, heißt: -sie glücklich machen! - - -Sahst du nach dem Gewitterregen den Wald?!? - -Alles rastet, blinkt und ist schöner als zuvor — —. - -Siehe, Fraue, auch du _brauchst Gewitterregen_! - - _Portrait d’une jeune femme_ - -»Je suis venue pour _donner_ — — — prenez, prenez, _prenez_!!« - - _Cléo de Mérode_ - -Unzerstörbares Antlitz; Zeit und Erlebnis versuchen es vergebens, in -deinem edlen Erz sich einzugraben — — —! - - _Prinzessin Ruprecht von Bayern_ - -»Und dein Antlitz ist die ›Materie gewordene‹ Seele selbst!!« - - _Kronprinzessin_ - -Geboren, einem Kaiser Kinder zu gebären und zu Fürstlichkeiten zu -erziehen im Leben! Aber der Dichter erschaut in dir dennoch nur die -einfache Vollkommenheit ohne Zweck und Ziel! - - _Kronprinzessin Maria von Rumänien Glockenblumen_ - -Umringt bist du von deinen Lieblingsblumen, hehre Fraue! Aber du blickst -und stehst nicht in Frühlingsfroheit, sondern ermüdet und enttäuscht. -Vier allerherrlichsten Kindern gabst du das Leben, _deine eigenen -Kräfte_, behieltest dennoch deine _heilige Mädchengestalt_ bei! Das -Altern hat dich _nicht_ verändern können; deshalb blickst du _erstaunt_ -und _wehmütig_!!! Du gabst und gabst und kannst noch immer geben und um -Dich herum altert die alltägliche Welt — — —! - - _Kaiserin Elisabeth von Österreich, Königin von Ungarn_ - -Wohin, träumerische Fraue, wandertest du, rastlos?!? - - — »Weg _von der Lüge_!« - - _Kaiserin Elisabeth_ - -Gott erschuf dich in Seiner tiefsten _künstlerischen Liebe_: zuerst, in -der Jugend, wie man sich auszudrücken pflegt, ein _wildes Füllen_ in -Berg und Tal, mit wirren Locken; und späterhin alle Leiden tragend von -enttäuschten Dichtern; das _innere ewige Klagen_, und das Erschauen, daß -Gottes Reich noch nicht gekommen sei für _Seinesgleichen_. - - _Kaiserin-Elisabeth-Denkmal_ - -Ich hätte dich umringt mit dunklen Legföhren, Rhododendronbüschen, -Edelweiß, Speik, und allen Blüten der Bergalmen! - -Ich hätte die Tiere der freien Berglüfte in silbernen Käfigen um dich -herum gestellt — — —. Bergdohle und Murmeltier. - -Aber man stellte dich in einen Garten, gepflegt und gehegt, und _wider -die freie heilige Natur!!!_ - - _Manöver: Feld-Telephon und Fernrohr_ - -»Fern von der Schlacht, und dennoch mitten drinnen! So wie die Dichter!« - - _Mein Lebensleitmotiv:_ - -»Nie über einen Graben springen, eine Hürde, wenn man _nicht_ ganz -_gesichert_ ist, hinüberzugelangen mit _leichter_ Anmut!« - - - - - HEILMITTEL - - -Ich habe in einer Blumenhandlung in einer Kristallglaswanne zwei goldene -japanische Zwergfische gesehen, mit riesigen durchsichtigen Flossen und -dunklen hervortretenden Augen, mit der Anmut von modernen Tänzerinnen -sich bewegend, und dabei doch reserviert gelassen ihrem Wärter, Pfleger -an die Glaswand zuschwimmend. Ich begreife es absolut nicht, wieso -reiche Damen sich diesen Schatz der Natur entgehen lassen können und -sich nicht eine kleine Herde dieser allerentzückendsten Tiere -anschaffen. Einer kostet allerdings 16 Kronen. Der Boden muß aus kleinen -Kieseln bestehen, die jeden zweiten Tag herausgenommen und in warmem -Wasser gereinigt werden müssen. Die Nahrung ist ausschließlich das -Pulver »Piscidin«, das auf die Wasseroberfläche hingestreut wird. Man -kann stundenlang vor dieser goldenen Anmutpracht verweilen. Die Tiere -lernen uns baldigst kennen und lieben. Viele Frauen würden dadurch vor -ihren bösen Gedanken, bösen Instinkten, und vor allem vor ihrer -gefährlichen inneren Leere und vor Gelangweiltsein gerettet werden -können. Gehet hin, Damen, und kaufet daher japanische Goldfische! - - - - - DER NEBENMENSCH - - -Neunzig Prozent unsrer Lebensenergien raubt uns die Ungezogenheit, die -Taktlosigkeit unseres Nebenmenschen. Jedes falsch angebrachte Wort -zerstört unser zart empfindliches Nervensystem. Nicht Distanzhalten von -der Welt des andern, die man ja doch nicht begreifen kann, mordet die -Nerven. Die unverständliche Welt des andern nicht achtungsvoll und scheu -behandeln, ist eine bodenlose Feigheit. Es ist, wie wenn man jemandem, -der unsäglich an Migräne litte, sagte, er bilde sich diese Leiden nur -ein! Gläubig sein, ist aristokratisch; bezweifeln, ironisieren, ist -plebejisch! Durch Gläubigkeit erweitert man seinen Horizont um den des -andern, durch Skeptizismus bleibt man ewig in seine eigenen engen -Grenzen eingebannt. - -Niemandem wehe tun, falls es nicht unbedingt notwendig wäre, ist die -natürliche Wirkung geistiger Kultur. Jedermann werde erfrischt, ja -erlöst durch deine Gesellschaft, ja, er suche sie auf, wie das bedrückte -Menschenkind den Beichtstuhl. — — — - -Aber unsre Nebenmenschen sind noch Satan, Jago, Mephistopheles, Franz -Moor; selbst zu ewiger innerer Unruhe verdammt, drängt es sie, auch in -uns nur böse Unruhe zu erzeugen, damit wir ja nicht besser, nicht -vornehmer werden als sie selbst es sein können. Sie gönnen uns nicht -höhere innere Entwicklungen, wollen uns _absichtlich degradieren auf ihr -eigenes erreichbares Niveau_! Nur der Dichter erlebt träumend künftige -Entwicklungen gläubigen Herzens, und die, die sich ihm anschließen, -tragen jedenfalls diese idealen Möglichkeiten kommender besserer Welten -schweigend-demütig bereits in ihrem Herzen! Der Nebenmensch ist ein -Gegenmensch. Er will nicht helfen, sondern schädigen. Wäre er selbst ein -Zufriedener, wünschte er nur Zufriedenheit zu verbreiten; als -Unzufriedener wünscht er uns ebenfalls nur Friedlosigkeit! - - - - - SCHUTZ - - -Unter Yellowstone-Park versteht man bei uns bereits irgendeine wertvolle -urwaldartige, mit allen ihren geheimnisvollen Schätzen an Pflanzen, -Tieren, Steinen und Quellen erfüllte Gegend, die unter den Schutz des -Staates gestellt wird, gegen die zerstörende unnachsichtige Barbarei der -Menschheit. Eine Art von idealer Menagerie der Natur selbst! Solch einen -Yellowstone-Park wird man nun in der Schweiz im Scarltal und seinen -Nebentälern errichten, um die kostbaren Alpenpflanzen, um Bär, Luchs, -Wildkatze zu erhalten. Und alles, was da blüht, kreucht und fleucht. -Solche Yellowstone-Parke sollte man nun auch endlich für -Menschenerhaltung errichten, für exzeptionell herrliche Frauen, für -exzeptionell herrliche Männergehirne, die sonst verloren gingen in den -zahlreichen Gefahren! Oasen für Denker und Träumer, in der Wüste des -Lebens, die versengt, und verdorren macht. Oasen für wunderbar schöne -Frauen, zu denen man pilgern dürfte, ihre schmalen schneeweißen langen -Finger an die Lippen zu drücken und daran zu genesen, mehr als an -Guber-Quelle, Virchow-Quelle, Hofbrunnen und Königsbrunnen, mehr als an -den Mysterien Gasteins, Kissingens, Franzensbads, Karlsbads. -Männergehirne, die man für die Menschheit schützen müßte vor dem -Zugrundegehen, Frauenkörper, Frauenseelen, die man für die Menschheit -schützen müßte vor dem Vernichtetwerden in zügellosen Orgien und -Egoismen, in Treibjagden auf Seele und Leib! Yellowstone-Parke müßten -geschaffen werden, Reviere, in denen wertvolle Gehirne, wertvolle -Seelen, wertvolle Leiber, geschützt vor feigen Verfolgungen, die Ideale -der Natur repräsentieren könnten für die verkommende Milliarde der -Unzulänglichen! - -Ein Mädchen zum Beispiel, zu dem man spräche: Pflege die Pracht deiner -zarten, gebrechlichen, adeligen Glieder, deinen Milchteint und deine -Beweglichkeiten! Du sollst in einem Tempelchen hausen und keinerlei -Sorge haben! Auf daß die andern hinpilgerten und, schamvoll in sich -gekehrt, es versuchten, dir nachzugeraten ein wenig! - -Aber bisher schützt man nur Edelexemplare unter den Pflanzen und Tieren, -ja sogar heiße Springquellen mit Marmorbecken. Aber Menschen, Menschen -schützt man noch nicht — — —. - - - - - BRANGÄNE - - -Ich kenne eine Sache im Leben, die mich am tiefsten ergreift von allen, -die ich erlebt habe. Es ist in der Stille des nächtlichen Liebesgartens -der Gesang der edlen Wächterin Brangäne. Es ist die tönend gewordene -Selbstlosigkeit, inmitten der nächtlichen Liebesgefahren. Es ist die -Warnung an die Allzuirdischen, die in der Melodie des Herzens zugleich -eigentlich von selbst ertönt; es ist die Klage der tiefsten, echtesten -Freundschaft, hineingesungen in den dunklen Garten. In jedem Menschen -sind solche Gefühle aufgespeichert, besonders in den alten Kinderfrauen, -die man entläßt von ihren Lieblingen, wenn man sie nicht mehr braucht. -Aber sie weinen sich im stillen aus, alle diese Herzvollen, während bei -Brangäne das Leid und die edle Sorge um einen geliebten Menschen -helltönend wird, und in die dunkle, harte, grausame Welt hinaus stöhnt! -Auch unsre alte Bedienerin Luise sang uns ein unvergeßliches Lied, als -sie beim Abschiede mir und meinem Bruder schrieb: »Die sieben Jahre in -Ihren Diensten, meine Herren, waren das Glück und der Segen meines -ganzen Lebens — — —.« Alle diese versteckten, edel-tragischen Dinge der -dienenden Menschenherzen ertönen in Brangänens Gesang. Alle in der -Menschheit bisher leider vergeblich aufgestapelten Selbstlosigkeiten und -Ergebenheiten werden da zu singender Klage; aber die Menschen der -leidenschaftlich irrigen Stunden vernehmen nichts davon als ihre -eigenen, zum Abgrund führenden Sündhaftigkeiten, deren Brausen alles -übertönt — — —. - - - - - DER AFFE PETER - - -Der große Affe Peter ist wirklich ein Wunder der Natur. Denn ich -bemerkte sogleich zu meinen Freunden in meiner Loge, daß dieser Affe -unmöglich zum Radfahren abgerichtet sein könne, sondern daß es eine -Naturanlage sein müsse, und es dem Tiere ein leidenschaftliches -Vergnügen bereite, wie einem Kind eine geliebte Spielerei, Hutschpferd -oder Schaukel. Direktor Brill bestätigte mir auch diese meine Ansicht. -Die Freudigkeit und Geschicklichkeit des Tieres, ein junges -wunderliebes Mädchen mit dem Fahrrad zu verfolgen, erregt im Publikum -Enthusiasmus. Man wird jedenfalls viele brave Kinder hinführen müssen. -Dieser Affe könnte unbedingt die allerschwierigsten Radfahrtricks -spielend erlernen. Nur sollte von seiten des vorführenden Herrn eine -menschlich-freundschaftlichere Beziehung vorhanden sein, wie sie -bisher stets zwischen den Besitzern berühmter Schimpansen, Orangs -stattgefunden hat, ja direkt rührend zärtliche Anhänglichkeiten, wie -zu edlen Pferden, edlen Hunden. Man braucht natürlich nicht die -verlogene Komödie einer exaltierten Freundschaft zu dem Tiere dem -Publikum vorzumachen, aber man muß Zuneigung spüren beiderseits. Ein -berühmter Affendresseur machte sich seinerzeit durch seine harte -Nervosität, den Tieren gegenüber, fast unbeliebt, trotz der -wunderbaren Kunststücke. Nicht was er dem Tiere einlernt, sondern was -er sonst noch übrig hat an Liebe und Verständnis, das macht einem den -Tierdresseur sympathisch. Wie war die Beziehung des aristokratischen -Severus Schäffer zu seinen Hunden! Wie ein jagender Landedelmann mit -seiner Lieblingsmeute! Alle Dresseure müssen etwas von einem -dilettierenden Aristokraten an sich haben. So ritt Direktor Schumann -seine Pferde, nonchalant-vornehm-liebenswürdig. Ich glaube, daß er -seine Pferde nie schlagen konnte. Oder wenigstens sah er danach aus. -Mit einem der Menschenaffen wie Peter aber muß ein tiefes -freundschaftliches echtes Verhältnis entstehen. Er speist nach der -Vorstellung im Restaurant wie ein wohlerzogener Mensch. Er gab mir die -Hand, wollte sie sogar zart an seine Lippen drücken. Bei solchen -Tieren spürt man es, daß man sie nur mit äußerster Zärtlichkeit und -selten angewandter gerechter Strenge zu ihren eigenen erreichbaren -Höhen bringen könne. Die wunderbare Schimpansin Maja im Tiergarten, -1896, haßte jede Dame, die in meiner Gesellschaft oder gar in mich -eingehängt ihr Zimmerchen betrat, und drängte sie weg, umarmte mich -absichtlich stürmisch und liebevoll. Ich glaube, es war das einzige -weibliche Wesen, das an mir ernstlich Gefallen fand. Für edle Tiere -gehört vielleicht ein Philosoph mit einem tiefen Herzen! Frauen geben -es billiger und machen sich nichts daraus. Und Die, die sich wirklich -etwas daraus machen, sind eben ganz so wie edle gutmütige Tiere, siehe -A. R. - - - - - UNGEZIEFER - - -Alle hatten sie gern, sie amüsierte, und war anders wie die meisten. -Daher nützte man sie aus. - -Von Tag zu Tag sah sie schlechter aus, wie eine Besiegte in der Schlacht -des Lebens, die sich verwundet wegschleicht, hinter einem Busche zu -krepieren — — —. - -Da sagte der Dichter: »Nun, können Sie es mir nicht klagen?!« - -»Ich wohne, bitte, in einem Zimmer, wo Wanzen sind. Man erträgt alles -tagsüber von den Menschen, und nachts benehmen sich die Wanzen ebenso -schamlos-feig und stören uns — — —. Da bricht man halt zusammen.« - -Der Dichter machte eine Kollekte, steuerte aber selbst vorsichtig ein -Paket Insektenpulver bei. - -Er sagte: »Für _diese_ Tiere gibt es Mittel; aber für die -_Menschenwanzen_ gibt es keine. Ihre Nachtruhe ist nunmehr gesichert, -Fräulein; aber _Tagesruhe_ gibt es nicht. Da sind die _Menschenwanzen_ -unausrottbar an der Arbeit!« - - - - - MUTTER UND TOCHTER - - -Ich sah eine Mutter tief verzweifelt, daß ihr geliebtes Töchterchen -keine »gute Partie« machen wollte — — —. - -Sie zankte mit ihr, aber in ihrem Innersten hatte sie dennoch Rührung -und Anerkennung. - -Sie sagte zu ihr: »Das Leben ist nun einmal so, ich habe es auch einst -auf mich nehmen müssen, meine Liebe, — — —.« - -Die Tochter blickte die Mutter schief und bitterböse an. - -Dann heiratete sie aber doch endlich einen reichen Mann, der sie -betreute und beschützte. - -Da sagte sie zu der Mutter: »Ich hatte einst falsche Vorstellungen, -Ideale. Ich bin nun ganz glücklich und zufrieden — — —.« - -Da blickte die Mutter ihre Tochter schief und bitterböse an — — —. - - - - - DER DICHTER - - -Du sagst mir, ich hätte so viele ewige Quellen der Begeisterung. -Überall, auf allen Wegen blühe es doch auf, für mich Gesalbten — — —!?! - -Und gerade du sagst mir das kalt, die mir eben alle diese Wege -verstellt, verrammelt hat?!? - -Gerade du, die sich fast heimtückisch an Stelle setzte aller -Weltenprächte?! Durch deine eigene Pracht?!? - -Du schlossest mir, Geliebteste, die Pforten; und nun verlangst du, ich -solle wieder hingehn in das weite Land, woraus dein Zauber mich gerade -verstoßen und vertrieben hat?!? Die Welt besingen, die für mich -gestorben ist durch dich?! Auf _deiner_ edlen Stirne prangt nun die -Weltenpracht, - -von _deiner_ Stimme tönen die Weltenmelodien, - -_du_ selbst vertriebst mich aus dem Paradies der Weltenschönheit durch -deine _eigene_! - -Um mich nun aufzufordern, dahin zurückzukehren, woher ich stammte, -fingst du mich also schnöde ein, jetzt, da ich Pfad und Mut und Kraft -verloren hab’ zum Wandern — — —!? Teufeline! - -So nehm’ ich Abschied denn von dem und jenem Wege, - -da du die Flügel mir beschnitten hast zu dem und jenem Pfad — — —. - -Leb’ wohl, geliebte Frau, - -du botest mir statt Weltenpracht die eigene — — — - -ich zürn’ dir nicht, daß du mich nun entläßt in eine Welt, die erst -durch dich, und nur durch dich, mir leer geworden ist — — —! - - - - - HYSTERIE - - -Sie stand hoch über allen anderen Frauen, die »_wie in düsteren Nebeln_ -dahintorkeln, _schicksalstrunken_ und irre!« Sie aber, die -Neunzehnjährige, ging dahin bereits im Lichte der Wahrhaftigkeiten und -hatte es gelernt, an ihren _bittersten Tränen_ mehr zu lernen, als an -den _flachen Freudigkeiten_! Ihr Arzt hatte ihr die »Eitelkeit« -_exstirpiert_, diesen »Krebs der Frauenseele«, der alles, alles Bessere -ihr _wegfrißt_. Bescheidenheit ist Göttlichkeit. Er hatte sie gelehrt, -ein getreuer edler Hund zu sein! Sie hätte bei einer berühmten -englischen »Schau«, um den berühmten »cup«, unbedingt den ersten Preis -erhalten für »getreueste Hundeseele«! Sie konnte blicken wie ein -»Leonberger«, abstammend vom ersten »Bary«, so ganz tieftraurig. Ihre -Intelligenz war licht, tief und einfach. Sie war weder häßlich noch -hübsch, aber manchesmal sah sie verklärt aus, entrückt, und ein Dichter -würde in solchen Momenten über ihren rotgoldenen Haaren einen -Heiligenschein erblickt haben! Jedenfalls fehlte wenig dazu. - -Aber die Damen der Gesellschaft sagten über sie: »Schade um das junge -Geschöpf, sie hat gute Anlagen, aber sie gehört in eine ›feste Hand‹, -sie stellt sich das Leben noch anders vor, als es ist; wir leben nicht -in ›Wolkenkuckucksheim‹, sondern, bitte, auf der Erde!« - -Über ihrem Bette, an einer wunderbaren japanischen Matte hingen in -schweren Mahagonirahmen die Photographien von Beethoven, Wagner, -Maeterlinck, Bismarck, diesem Deutschland gründenden _Realidealisten_. -Da blickte sie denn oft vor dem Einschlafen hinauf zu ihren Helden und -dankte ihnen herzinnigst für alles, was sie ihr mitgegeben hatten in die -strengen Tage des Lebens. Und daß sie gekämpft und gelitten hatten -eigentlich für sie! - -Eines Tages erhielt sie Besuch von einer Dame. »Sind das Ihre Götter?!?« -sagte die Dame. - -»Es sind meine Erzieher! Ich befinde mich hier in ›fester Hand‹, man -läßt mir nichts durchpassieren, was nicht menschlich ist!« - -Die Dame dachte beim Weggehen: »Es ist schade um das junge Geschöpf, ich -wollte für meinen geliebten Sohn um ihre Hand anhalten, aber es gäbe -unter solchen Umständen nur ein Unglück — — —.« - -So blieb sie denn allein! Allein?!? Mit allen Getreuen, den Denkern und -Idealisten, lebte sie in »_Gemeinschaft_«, und niemals, niemals während -ihres ganzen _wahrheitsvollen_ Lebens beneidete sie die, die doch nur -angeblich »glücklich und zufrieden« waren — — —. - - - - - WEIHNACHTEN - - -Er versenkte sich ganz in ihr Wunschleben, in diese Träumereien von -unerfüllten kleinen Realitäten. Nie äußert man es, außer durch ein -unaufhaltsames Verweilen vor Schaufenstern oder in Geschäftsläden, durch -einen fast hysterisch-melancholischen Blick auf den geliebten -Gegenstand, oder durch die schüchterne beklommene Frage, was er koste?! -So erstand er denn für sie eine japanische Bettwandmatte, strohgelbes -Geflecht mit braunen und rostroten eingewebten Flecken. Ferner einen -bosnischen handgewebten Blusenstoff, kornblumenblau mit malachitgrünen -Fäden. Ferner einen großen französischen Parfümzerstäuber aus Nickel, -für Menthol-Franzbranntwein; ein kaltes Bad, ohne zu baden, wenn man den -ganzen Leib damit anstäubt! Ferner eine Zigarettenschachtel aus -sibirischer Birke, viereckiges Format, für fünfundzwanzig Zigaretten -Inhalt. Ferner eine Schachtel Schreibfedern und zehn riesig dicke -chinesische Rohrfederstiele dazu, federleichte. Und viele andere -erfüllbare Träume ihres Daseins. Er schuf einen Einklang seiner eigenen -Welt und der ihren. Er schenkte ihr nur das, was in gleicher Weise sie -erfreute, es zu bekommen, ihn erfreute, es zu geben! Es war also ein -Akkord verdoppelten Genießens! Und dann schrieb er: »In Deinem Namen -zwanzig Kronen gespendet der Kinderschutz- und Rettungsgesellschaft für -die mißhandelte zwölfjährige Maria B.« Da fühlte sie: »Siehe, wir haben -einen vollständigen Familienweihnachtsabend —.« - - - - - DER TAG DES REICHTUMS - - -Ich wollte einmal einen halben Tag lang das Leben eines Reichen erleben. -Ich ließ mich von einer reizenden Frau und ihrem Gatten in ihrem -Mercédès vom Hause aus abholen. Ich fuhr zu meinem Raseur, -Teinfaltstraße, mich verjüngen zu lassen, besonders mit der -Menthol-Franzbranntwein-Spritze auf den Kopf. Ein Ersatz für jedes kalte -Bad! Dann fuhren wir nach Baden. Dort badeten wir in den -Kurhauswannenbädern, vierundzwanzig Grad Celsius. Dann ließen wir uns -kühle Hotelzimmer aufsperren und schliefen eine halbe Stunde lang. Dann -aßen wir Solospargel, Hirn en fricassé. Dann fuhren wir weiter, nach -Heiligenkreuz. In kühler Halle tranken wir duftenden Tee mit Zitrone. -Abends zurück, in eiliger Fahrt. - -Die Wiesen dufteten, und die Wälder standen schwarz und -unbeweglich-melancholisch unter dem Abendhimmel, der leise leuchtete. - -In Wien verabschiedete ich mich. - -Im Café Ritz fand ich jene junge Dame, die schon lange meine Augen -beglückte. Braunes Haar, blauer Strohhut, Stumpfnase. Ich wollte den Tag -feierlich beschließen. Ich sandte ihr drei wunderbare ganz dunkle Rosen -und einen Eierpunsch, dieses Lieblingsgetränk der meisten solchen Damen. -Sie nahm es huldvollst an, ausnahmsweise. - -Sie kam an meinen Tisch und sagte: - -»Macht es Ihnen wirklich eine so große Freude, mir Aufmerksamkeiten zu -erweisen?!?« - -»Ja, gewiß, sonst täte ich es ja nicht!« - -»Also, dann brauche ich ja nicht dankbar dafür zu sein — — —!?« - -»Nein, keineswegs. Sondern ich Ihnen!« - -Das war der Tag des Reichtums — — —. - - - - - SO SOLLTE ES IMMER SEIN - - -Ein Herr trat auf mich zu im Café und sagte: »Ich bin ein fanatischer -Verehrer von Ihnen.« - -»Bitte sehr«, sagte ich. »Da werden Sie vielleicht gern einen edlen -Champagner zahlen?!?« - -»Mit allergrößter Freude.« - -Wir tranken drei Flaschen G. und H. Mumm, extra dry, süß. - -Es wurde sieben Uhr morgens. Ich ging ins Zentralbad, 27 Grad, -Porzellanwanne. In der Kassa saß eine junge Dame mit edelzarten Händen. -Ich sagte ihr mit meinen Augen: »Süßeste Kassierin —« Und: »Man sollte -dich miterstehen dürfen — — —.« - -Dann frühstückte ich in einer Charcüterie: kalten geräucherten Stör aus -der Wolga, das Deka 12 Heller. Crevettes aus Ostende. Grüne große Oliven -aus Spanien, zehn Stück 60 Heller. Prager Schinken, das Deka 6 Heller, -90 Heller. Zwei Bananen, goldgelb-schwarz gefleckt, aus Afrika, das -Stück 30 Heller, 60 Heller. - -Dann kaufte ich mir eine blaue phototypierte Ansichtskarte: »Weg, am See -entlang.« In einer Winterlandschaft. - -Ich dachte sie mir eingerahmt in einem fünf Zentimeter breiten -Eschenholzrahmen. - -Ich kam infolge dieser Träumereien um halb zehn Uhr morgens nach -Hause. Da sagte das junge Hausmeistermädchen, die mich zum Aufzuge -führte, zu mir: »Herr Altenberg haben gewiß wieder heute nacht -umgeschmissen — — —.« - -»Jawohl,« sagte ich, »die Weltordnung der Philister!« - -Sie dachte: »Nun, er hat 40 Heller bezahlt für den Aufzug, obzwar es im -Zins bereits schon miteingerechnet ist — — —.« - - - - - INSCHRIFT - auf der Photographie eines Mädchens - aus gutem Bürgerhause: - - -Adelige schmale Hände hast du, adelige Füße und Zehen, müde edle Anmut -ist in deinem Gehen und Sitzen und Kauern, und deines biegsamen Leibes -eidechsenschlanke Linien sind wunderbar, Yolanthe Maria! - -Aber zum Zu-Grunde-gehen, zum langsamen, armseligen, bist du bestimmt! -Zum Verfaulen bei lebendigem Leibe! - -Denn _sicher_ willst du gehen, _Unsichere_! - -_Auf geebnetem Pfade willst_ du _Gipfel erklimmen_?!? - -_Schamlose, Feige!_ Willst du Lord Byrons edlen Feueratem spüren, _mußt -du bereit sein, eventuell dich zu versengen_! - -Willst du _finden_ können, so mußt du _suchen_ können, gleiten und -_stürzen_ können! - -Auf geebnetem Pfade kommt nur Herr Kohn daher, reicht dir die Hand, daß -du nicht »_fallest_«! - - - - - TOPE - - -Ich dichte hie und da auch Toiletten. Immer nur für eine einzige Dame. -Sie ist natürlich lang und ganz schlank, wie ein Marathonsieger, hat -eine Stumpfnase, Gott sei Dank großen Mund und starke Lippen, hechtgraue -Augen, rotbraune Haare und anliegende papierdünne, edelgemuschelte -Ohren. Hände und Füße sind lang-schmal. Sie sieht aus wie eine junge -slowakische Bäuerin, an der der adelige Gutsherr mitgearbeitet hat. - -Ich entwarf die Toilette Tope (Der Maulwurf): Ein seidendünner -maulwurfgrauer Samt (Pan), die Bluse ohne Naht, nur wie ein -zusammengelegtes Tuch, aber lang. Ein Gürtel, riesig breit, aus -dunkelgrauen und weißen Glasperlen, riesige Schließe aus oxydiertem -grauen Silber. Riesige kugelige graue Perlmutterknöpfe. Der Rock -vollkommen bis hinab zum Zuknöpfen, mit denselben Riesenknöpfen. Grauer -Sombrero mit grauem breiten Lederband und weißer, an der rechten Seite -herabwallender Straußfeder. Grauer Seidenschirm mit grauem dicken -Perlmuttergriff. Grauseidene Strümpfe, graue Antilopenhandschuhe, graue -Schuhe aus mattem dünnem Leder. - -Ich sagte zu der Dame: »Machen wir zusammen ein Gedicht —.« - -»?!?« - -»Ich komponiere eine Toilette, und Sie tragen sie. Das ist das schönste -Gedicht!« - - - - - BEKANNTSCHAFT - - -Er sah sie zum erstenmal. Sie sah aus wie eine riesig hohe, schlanke, -aschblonde russische Studentin, nur sehr müde von ungekämpften Kämpfen. -Ein Königgrätz ohne Schlachtendonner. Tief verwundet ohne Bleigeschoß. -Das Sein an und für sich besiegte sie. Das bloße Sein des Tages und der -Stunde. Was sich jeweilig ergab, ereignete, verletzte, kränkte sie. -Sahst du Fische aus dem Gebirgswasser in Wasserbottichen?! In ihrem -starren Gesichtsausdruck, wie eh und je, sucht man ihr Leiden zu -erspähen, und findet nichts und findet dennoch alles! Er sagte: »Gehen -Sie nicht in wohlgepflegte Gärten, gehen Sie in offene Felder, wo -niemand etwas Besonderes findet; fern dem Getriebe. Gehen Sie spazieren, -wo niemand spazieren geht, so zwischen brauner Erd’ und blauem Himmel!« - -Und sie sagte: »Man verwehrt es mir!« - -»Kaufen Sie sich einen getreuen schwarzen Pudel, dem Sie manches Opfer -bringen können an Zeit und Güte — — —.« - -»Man verwehrt es mir — — —.« - -Er schwieg. - -Und sie: »Weshalb raten Sie mir nicht, ich solle mich an einen Menschen -klammern, anklammern?!« - -»An einen Menschen! Ja. Aber ich kenne keinen! Die Tiefe der Natur, die -Treue des Pudels, die kenne ich! Aber einen Menschen für Sie, den kenn’ -ich nicht — — —.« - -Und später sagte sie: »Sie haben sich geirrt! Denn ich fand einen, der -mich einsam meine Wege wandern ließ, zwischen brauner Erd’ und blauem -Himmel, und der mir einen schwarzen Pudel kaufte und getreulich stets -beiseite stand — — —.« - -Er blickte sie tief freundschaftlich an — — —. - -Da sagte sie: »Vielleicht verdanke ich es Ihnen, daß ich mir einen -suchte, der so war — — —!?« - -Dann neigte sie sich tief zu seiner Hand und küßte sie — — —. - -Und dann kam der edle Jüngling, den sie erwählt hatte, und küßte sie auf -ihre melancholische Stirn —. - -Und er sagte zu dem Dichter: - -»Ich folgte nur Ihrem Rate, Ihrer Weisung, danke — — —. Es hat mir eine -Seele gewonnen!« - -Da wandte sich der Dichter entrüstet und tief verzweifelt ab. - -Denn _von Gott_ müssen solche Erkenntnisse _direkt_ in unsere Herzen -kommen, da die Wirkung sonst nicht _von Dauer_ ist und unheilig — — —! - - - - - EIFERSUCHT - - -Sie war sehr, sehr krank. — Der Arzt verordnete einen halben Liter heiße -Zitronenlimonade, ein wollenes Tuch um den Kopf und stundenlang -schwitzen. - -Sie war aber arm, und die Quartiersfrau, bei der sie wohnte, konnte ihr -nur eine dünne Bettdecke geben. Da sandte ihr der Dichter seine grünrote -Flanelldecke, die er selbst benötigte, und sein Freund, der Baron, -sandte eine Pelzdecke aus selbstgeschossenen Wildkatzenfellen, die er -gar nicht gebrauchte. - -Als nun der Dichter sie besuchte, fand er die Pelzdecke direkt auf ihrem -heißen, glühenden Leibe liegen, die Flanelldecke dagegen zuoberst. Er -sagte es ihr sogleich ziemlich brutal, daß er dieses für einen -»Treubruch« halte, wenn auch in den ersten Anfangsstadien. - -Sie erwiderte: »Ich wollte deine Decke streicheln können, immer und -immer mit meinen zärtlichen Fingern. Deshalb gab ich sie zuoberst.« »Du -Falsche! — — —« sagte der Dichter und ging zürnend weg. - -Später kam der Arzt und sagte: »Ich würde Ihnen vorschlagen, Fräulein, -die schwere Pelzdecke zuunterst zu legen, und die leichtere Flanelldecke -oben darauf; es ist zweckmäßiger!« - -»Nein,« sagte sie, »das tue ich nicht.« Als sie endlich gesund war, -sagte der Arzt von ihr: »Die Hysterie solcher Patientinnen erschwert den -Heilungsprozeß ganz besonders. Selbst in nichtigen Kleinigkeiten müssen -sie ihren lächerlichen eigensinnigen Willen durchsetzen. —« - - - - - GOETHE - - -Ein ungeheuer wichtiger und daher ganz unbekannter Ausspruch Goethes: - - »Man könnte erzogene Kinder gebären, - Wenn die Eltern erzogen wären!« - -Dieser Satz allein ersetzt in der Entwicklungslehre ganze Bände und -Studien. Deshalb erwünschen sich auch die meisten ungezogenen, -eigenwilligen, herzlosen, dumm lebenslustigen Frauen unbewußt keine -Kinder. Sie haben wenigstens davor Achtung, diesen unglückseligen -Nachkommen nicht ihre eigenen Ungezogenheiten und Lebenshärten -mitvererben zu wollen auf dem schon ohnedies genug schweren -Lebenswege —. - - - - - DIE PFLEGESCHWESTER ROSA SCHWEDA - - -Ich habe viel erlebt und erlitten, natürlich, in meinem -Pflegerinnenberufe. Aber die Nacht des 5. März als Pflegerin des Peter -Altenberg war die schrecklichste und merkwürdigste. Am Tage vorher hatte -ich sein Buch »Bilderbogen des kleinen Lebens« gekauft und gelesen. - -Nun sah ich ihn da liegen, ganz verwahrlost, von Leiden zerfressen. Ich -fühlte es, daß er über seinen eigenen Untergang tief verzweifelt sei. -Sein Idealismus war untergegangen, und es blieb die Ruine übrig. — Ich -bemitleidete ihn nicht, sondern die _vielen_, _vielen_, denen so die -Früchte seines Geistes, seines großen Herzens _entgehen_ sollten. — - -Ich hatte die Empfindung: »Hund, du darfst noch nicht verrecken, du hast -uns Ärmsten noch manches zu spenden, du hast uns noch aufzuklären, hast -uns sogar besser zu machen! Was schleichst du dich fort, Sünder, ehe du -alles für uns ausgesprochen hast?!« - -So schändlich egoistisch dachte ich über diesen sich windenden Wurm in -diesen schrecklichen bangen Nachtstunden. Ich richtete ihm die Polster, -wischte ihm den Angstschweiß ab, aber es geschah in einer verbissenen -Bitterkeit gegen ihn! Den Helfer! - -Wer, wer hätte sich denn gesund und ewig lebendig erhalten müssen als -er? Und indem ich an die Werke dachte, die er uns _vorenthielt_, pflegte -ich mit Widerwillen einen unglückseligen Kranken, der zum vorzeitigen -Sichfortschleichen aus der Welt gar nicht das Recht hatte uns -gegenüber — — —. - - - - - GESCHWISTER - - -Meine Schwester, Sektionsrätin M., besuchte mich, und sagte an meinem -Krankenlager: »Du, diese so überaus wirksame Schlammbadkur in Bad X. -wurde vollkommen um den Effekt gebracht durch einen merkwürdigen und -schrecklichen Umstand, der meine Nerven einfach ermordete. Denke dir, -dort stopft man noch die Gänse, diese allerunglücklichsten Geschöpfe -einer ohnedies schon genug furchtbaren und unerbittlichen Welt! In -dunklen Kellern, in den glühheißen Augustnächten, hocken diese -Unglückseligen in absichtlich zu eng gemachten Holzkäfigen, werden Tag -und Nacht gewaltsam gefüttert, und es wird ihnen durch all diese -grausigen Wochen hindurch das Trinken von Wasser verwehrt! Das -entsetzliche Schicksal dieser Unglückseligen in den unterirdischen -Folterzellen hat mich den Ort zu fliehen gezwungen. Mein Töchterchen -Hilde, die die ganze Sache entdeckt hatte, ging täglich oftmals -insgeheim mit einer Kindergießkanne in die Folterkammer, und goß den -gemarterten Gefangenen Wasser in die weit aufgesperrten Schnäbel. Die -wunderschöne junge Slowakin Viktora aber lachte dazu aus vollem Halse, -als sie das Samariterwerk sah, und sagte: »Fräulein Hilde, wird sie auch -eingesperrt werden so, wenn Frau sie erwischt — — —?« Aber unsere -französische Gouvernante Hélène sagte: »Madame, en Suisse cela ne se -fait pas, on ne connait pas ces martyrs infames —.« - -Ich erwiderte meiner Schwester: »Ich bin ganz, ganz erstaunt über deinen -Bericht. Gerade von dir, meiner Schwester, die ich jahrelang nicht sehe -und spreche! Welcher merkwürdige Zusammenhang der Nerven! Gerade vor -einem Jahre schrieb ich nämlich folgende Skizze: - -Man führte die edle Zwölfjährige nach Berlin, um ihr alles zu zeigen, -was es dort Herrliches gebe. Automobilfahrten zu allen Seen, Variété, -Theater; man ließ ihr das Paradies »Berlin« erstehen, soweit es für eine -Zwölfjährige seine Tore überhaupt öffnen konnte. Als sie wieder nach -Wien zurückkehrte, fragte sie eine Dame: Nun, Lilly, wo ist es besser zu -leben, in Deutschland oder in Österreich?! Und Lilly H. erwiderte: Nur -in Deutschland kann man existieren! Da habe ich bemerkt, daß die armen -Pferde an den Lastwagen viel geschickter und rücksichtsvoller -angebrachtes Riemenzeug tragen als bei uns, das ihnen die Arbeit -erleichtert und Torturen erspart. Und dann habe ich auch noch erfahren, -daß es in ganz Deutschland bei strengster Strafe verboten ist, Tiere -künstlich zu mästen, und daß geheime Agenten, in der Verkleidung von -reichen Viehkäufern, sämtliche Bauerndörfer Jahr für Jahr daraufhin -kontrollieren und für jeden entdeckten Fall hohe Belohnungen erhalten!« - -Meine Schwester nahm meine Hand und sagte ruhig: »Nun, was ist dabei, -wir sind eben Geschwister — — —!« - - - - - DER BESUCH - - -Eine junge Frau, die ich seit lange als eine fast Heilige an Demut und -Sanftmütigkeiten verehre, kam an mein Krankenbett, bleich und verstört. - -Sie erzählte mir, daß ihr Mann, der sich für sie aufopfere, -Gesichtsneurose habe und sich, mit ihrer Einwilligung, der Operation auf -Tod und Leben unterziehen wolle. Sie wisse nicht, ob sie es gestatten -solle. »Soll ich, soll ich nicht, soll ich?! Ich werde es also an meinen -Knöpfen abzählen —.« - -Ich lag da, von meinen Leiden zerfressen, und sie stützte den Kopf in -die Hand. - -Da sagte sie: »Nicht, Peter, das Leben ist eigentlich komisch —.« - -Und ich sah eine Träne, vielleicht die heißeste, verzweifeltste, die je -geweint wurde. - -Drei Tage später saß sie an meinem Krankenbette: »Peter, ich habe es ihm -gestattet, und er ist daran gestorben. Peter, nicht wahr, die Welt ist -komisch —.« - -Ich lag da, von meinen Leiden zerfressen — — —. - -Ich zählte es an den Knöpfen ab, was, weiß ich nicht. Aber immerhin, an -den Knöpfen —. Soll man, soll man nicht, soll man?! - - - - - SOMMERABEND IN GMUNDEN - - -Wir, die nicht genug haben an den Taten des Alltages, wir Ungenügsamen -der Seele, wir wollen unseren rastlosen, enttäuschten und irrenden Blick -richten auf die Wellensymphonien des Sees, auf den Frieden überhängender -Weidenbäume und die aus düsterem Grunde steil stehenden Wasserpflanzen! - -Auf die Menschen wollen wir unsern impassiblen Blick richten, mit ihren -winzigen Tragödien und ihren riesigen Lächerlichkeiten; mit düsterer -Verachtung wollen wir nichts zu tun haben, und mildes Lächeln soll der -Panzer sein gegen ihre Armseligkeiten! - -Dem Gehen edler anmutiger Menschen wollen wir nachblicken, dem Spiele -adeliger Gebärden und der Noblesse ihrer Ruhe! Ein Arm auf einer -Sessellehne, eine Hand an einem Schirmgriff, das Halten des Kleides bei -Regenwetter, süßes kindliches Bacchantentum bei einem Quadrillefinale, -wortloses Erbleichen und wortloses Erröten, stummer Haß und stummes -Lieben, und alles Auf und Ab der eingeschüchterten und zagen -Menschenseele — — das, das alles wollen wir Stunde um Stunde in uns -hineintrinken und daran wachsen! - -Rastlos aber, vom Satan Gejagten gleich, stürmen die Anderen -enttäuschungsschwangeren Zwecken entgegen, und ihre Seele bleibt -ungenützt, verdirbt, schrumpft ein, stirbt ab! - -Jeder Tag bringt einen Abend, und in der Bucht beim Toscana-Garten steht -Schilf, und Weiden, und Haselstauden hängen über, ein Vogel flüchtet, -und alte Steinstufen führen zu weiten Wiesen. Nebel zieht herüber, du -lässest die Ruder sinken, und niemand, niemand stört dich! - - - - - ÄSTHETEN - - -Ich habe zwei Ästheten erster Güte kennen gelernt, einen jungen Mann und -seine junge Gattin. Sie schaut aus, wie man sich den siebzehnjährigen -Dante vorstellt. Sie trägt arabischen und indischen Schmuck. Sie leben -im Tessin, am Lago Maggiore, in einem alten Steinhaus inmitten eines -Edelkastanienurwäldchens. Jeder Satz, den sie äußert, ist ganz tief aus -dem Geiste der Menschheit herausgeschöpft. Was sind eigentlich Ästheten, -die uns brutaleren, zynischeren Naturen doch gänzlich ferne liegen?! Es -sind Organisationen, bei denen sich die Urinstinkte völlig in -Betrachtung und Genießen der zahllosen wertvollen Dinge der Welt -aufgelöst, ja verflüchtigt haben. Alle Gemeinheiten, denen wir noch wie -böse Tiere hie und da unterworfen sind, sind nicht mehr in ihnen. Der -Friede ist in sie eingezogen, durch den ewigen Anblick von Gottes -Weltenschönheiten, Weltenmerkwürdigkeiten. Solche Frauen blicken -verklärter als alle anderen, denn ihr Reich ist, trotz allen Anscheins, -nicht hienieden. Sie werden erlöst von der Sünde in jeglicher Beziehung; -deshalb blicken sie mystisch, in kommende Welten hinein — — —. Jeder -Mensch kann sich aus eigener Macht zu einem geistig-seelischen -Organismus hinaufgestalten; und er und seine Umgebung hätten den Vorteil -davon. Aber nur wenige unternehmen es. Ästheten sind, für brutale -Organisationen betrachtet, wie gebrechliche Spielzeuge des Lebens, in -linden Lüften und linden Düften dahinschaukelnd, tödlich verwundet von -jedem rauhen Wort sogar. Es gibt Dinge, die man in ihrer Gegenwart nie -auszusprechen wagte. Man muß durch sie von selbst ein feinfühligerer -Mensch werden im Augenblick, obzwar man sich natürlich dadurch beengt -fühlt. Aber mit Jeanne d’Arc hätte man ja auch nicht ungezogen oder -sexuell sein können. Um gewisse Organisationen lagert eben die -Atmosphäre Gottes, und da erlischt dann allmählich in den Augen des -Lebenszynikers sein satanisch-ironisches Lächeln! Heil ihnen! Sie haben -mehr gesegneten Frieden als wir anderen, wir Barbarischen — — —. Sie -sind »Naturmenschen« einer erhöhteren, erst anbrechenden Kultur, die -dann nach langer Zeit zu einer zweiten Natur werden wird! Ästheten sind -übertriebene Vorläufer einer gottgefälligeren Seelenentwicklung! - - - - - ERINNERUNG - - -Der Rathauspark duftet nun von edlen Bäumen und edlen Sträuchern. Es ist -kühl und schattig. Aber damals war es eine endlose graue Wiese mit -eingetretenen staubigen oder kotigen schmalen Fußwegen. Eines Tages -stand eine grüne Bretterbude da, das erste Wandelpanorama in Wien, -genannt »Der Rigi«. Es roch nach Öllämpchen, und mein Hofmeister und ich -saßen in der ersten Reihe auf Strohsesselchen. Der Rigi und alle Seen -und Bergesketten zogen an uns vorüber, zu den Klängen eines -italienischen Werkels. Dann wurde es allmählich finster, und die -Berghotelfenster beleuchteten sich, denn sie waren ausgeschnitten und -dahinter Licht. Das gefiel mir. Später machten wir eines Tages die erste -Pferdetramwayversuchsfahrt mit, vom Schottenring bis Dornbach. Es fiel -mir auf, daß es fortwährend klingelte, was bisher bei den Fuhrwerken -nicht zu beobachten war. Man hielt das Ganze für gefährlich und unsicher -und glaubte nicht recht daran, daß es sich einbürgern werde. - -Die Sonntage wurden in Hietzing bei »Domayer« verbracht. Es fiel uns -angenehm auf, daß unser Vater dem Fiaker, der uns führte, _du_ sagte und -sich in leutselige Gespräche mit ihm einließ. Er kam uns vor wie ein -milder Potentat. Die Trinkgelder waren enorm, gleichsam die -Entschädigung für das vertrauliche _du_. Die Rückfahrten vom Lande -abends sind das Schönste; da schläft man wie ein Toter. Man verflucht -den Moment der Ankunft, der Wagen ist das wunderbarste Bett gewesen. -Aber jetzt kommt Stiegensteigen, Ausziehen, eine unsäglich beschwerliche -Arbeit. - -Gebratene Äpfel spielten bei uns eine große Rolle. Alles duftete in den -Zimmern danach. Das ist ganz abgekommen. Auch gedünstete Kastanien, -goldigglänzend, auf schwarzgrünem Kohlpüree, waren eine Festspeise, die -jetzt im Absterben begriffen ist. Die neue Generation macht sich nichts -daraus. - -Wir vergötterten unsere Hofmeister und Gouvernanten, und sie uns. Die -Eltern spielten nur eine zweite diskretere Rolle, traten erst in Aktion -bei außergewöhnlichen Ereignissen. Sie waren einfach der »Oberste -Gerichtshof«. Wir lebten »romantische Idyllen«, deshalb fiel es uns -später so schwer, dem realen Leben Genüge zu leisten — — —. - - - - - VÖSLAU - - -Vöslau, eigentümlicher Ort, einzige wirkliche Sentimentalität, die ich -habe. Deine grünbefranste Station ist geblieben wie eh und je. Nur -meine wunderschöne Mama, die mich im Damenbade sorgsam auf ihren Armen -wiegte, ist längst nicht mehr. Die Lindenblüten rochen wunderbar, und -das sonnengedörrte Holz der Kabinen und die Wäsche der triefenden -Schwimmanzüge. Der Kies brannte die zarten Kinder- und Frauensohlen. -Vom Wald kam Tannenharzduft, und von den Hausgärten kamen -Millefleursgerüche. Meine Mama hielt mich zärtlichst mitten im Teiche, -der für mich ein Ozean war! Sie verschwendete ihre romantische -Zärtlichkeit an ein egoistisches, verständnisloses Kindchen, das ihren -Hals in Angst umklammerte. Wunderbar ist der eingedämmte Bach, von der -Station aus bis zum Bade. Links ungeheure üppige Wiesen, die zu nichts -zu dienen scheinen und herrliches, dichtes Unkraut produzieren, für -nichts und wieder nichts. Der Wind rauscht eigentümlich in den Tannen. -Man hält es für einen mysteriösen Aufenthalt für Rekonvaleszenten, für -kleine zarte Mäderln. Es ist so ein Sanatorium für müde Menschen. Die -graublaue Ursprungsquelle von vierundzwanzig Grad Celsius ist wie -lebenspendend. Sie spricht nicht viel, sie murmelt und gewährt! Viele -Hausgärten sind voll von Frieden und Pracht. Im Cafégarten hart beim -Bade ist es kühl vor Baumschatten wie in einem Keller. Daneben ein -unbekannter Park wie ein Urwald. Niemand hat ihn vielleicht je -betreten, ihn gestört in seinen überschüssigen Kräftespendungen! Wozu -braucht man Brasilien und Lianenverstrickungen und Blütendunst und -Geranke?!? Dieser Park ist Urwald. Vöslau, immer noch, seit -fünfundvierzig Jahren, ist deine Station grünbefranst, und in dem -Bache plätschern lustig die Enten, die unmittelbar darauf abgestochen -werden, denn der murmelnde Bach ist nur ein letztes Reinigungsbad, -gleichsam eine Vorleichenwaschung. Beim Bade duftet es nach -Lindenblüten. Nichts hat sich verändert. Nur meine Mama ist nicht -mehr. - - - - - EIN BRIEF - - - Lieber Stefan Großmann, - -in meinen entsetzlichen Qualen habe ich heute soeben Ihren herrlichen -Essay über und für _Frau_ Tolstoi gelesen. Es ist großartig. Nur eines: -Das männliche Genie geht eben in seinen langsamen Weltentwicklungen -_zuerst_ vom _gewöhnlichen_ allgemeinen _irdischen_ Leben aus, völlert, -bekehrt sich sodann, gründet Familiensegen, sucht Frieden wie ein jeder -gewöhnliche Sterbliche. Dann, im Alter aber erschaut es die idealeren -Welten, ist jedoch von seinen vorherigen Entwicklungsstufen _gebunden_, -ja _geknebelt_, kann und darf sie nicht los werden, und lebt doch -_bereits zugleich_ in Welten, die das bisherige althergebrachte irdische -Sein _überflügelt_ haben. — — — Wie wenn einem Heranwachsenden noch -immer die getreueste Mutterbrust ihre Milch anböte, während er _längst_ -über diese Periode seiner irdischen schwächlichen Kleinlichkeit -hinausgewachsen ist!?! Der Träumer, der Denker, der Prophet, der -Vorherseher, der Menschen-_Erhöher_ schwingt sich von selbst, _ohne es -zu wissen_, in Regionen einer _anderen_ künftigen Konstellation, während -er historisch-atavistisch noch mit den ehernen Klammern _alltäglicher_ -und _gewohnter Notdurften_ am bisherigen gebräuchlichen Dasein -festverankert ist! Das ist seine Tragik! Daher seine _organische -Undankbarkeit_ gegen jene, die einem Stoffe in ihm dienen, den zu -_überwinden_ und _immaterieller_ zu machen, er die ersten genialen -Versuche unternimmt. — — — Man degradiert ihn also in allerbester -Intention, zu einer bereits geistig überwundenen Entwicklungsstufe -seiner selbst. Preisen wir seine adeligen Betreuerinnen, aber vergessen -wir dabei _zugleich nie_, daß es in genialen Prophetengehirnen -_Entwicklungsembryos_ gibt, denen Frauen und Freunde _ratlos_, ja -_unbewußt feindselig_, sich entgegenstemmen! Die Henne brütet ein -Entlein aus, betreut es, sucht es vor allem vor der Gefahr »Bächlein« zu -bewahren. Aber das Entlein strebt nach dem fließenden klaren Wasser, und -die mütterliche Henne blickt _in Todesangst_ den Schwimmkünsten des -Entleins in seinem ihm organischen Elemente nach! Henne, bescheide dich, -Entlein, schwimme, tauche! Genie, du bist zwar undankbar, aber es ist -eine organische, von Gott gesegnete Undankbarkeit, die den kommenden -Menschen _zugute_ kommen muß. Die Frauen betreuen die _Genies_, aber die -Genies betreuen die _Menschheit_! Beide gehen zugrunde in ihrem -merkwürdigen unentrinnbaren Lebenswerke, das in der Weltentwicklung -vorgesehen, vorbedacht und wohlerwogen wurde vom göttlichen, meist noch -gänzlich unfaßbaren Willen! - -Frau Tolstoi, du bist nicht minderwertig; Herr Tolstoi, du bist nicht -mehrwertig; in allen lebt und webt die göttliche Seele, unerforschlich, -und dennoch geahnt und gespürt von einigen wenigen — — —. - - Ihr Peter Altenberg. - - - - - DER FORTSCHRITT - - -Es ist tragisch genug, daß die meisten Verbesserungen in jeglicher -Sphäre des Lebens wie von einer heimtückischen bösen Macht, vor allem -vom bösen Zauberer »Gewohnheit« hintertrieben, aufgehalten, zerstört -werden. Bei vielen Dingen kann man Gründe dafür finden, und sich -daher wenigstens teilweise historisch-philosophisch über das -Beharrungsvermögen des menschlichen Geistes beruhigen. Es gibt jedoch -eine ganze Anzahl herrlicher Neuerungen, deren Nichtpopulärwerden man -absolut nicht begreift. Dazu gehört die amerikanische Schuhputzmaschine. -Ich kenne eine einzige in ganz Wien, im Hausflur des Cafés am Mehlmarkt. -Man wirft zehn Heller in den Spalt, und dein Fuß wird dir sanft -hineingezogen in die Maschine, und der Schuh dabei von Staub und Kot -gereinigt. Dann wird er ebenso sanft wieder herausgeschoben und dabei -gewichst und glänzend gebürstet! Man muß nur die Hose ein bißchen -hochheben, da diese weder gewichst noch auch glänzend gemacht zu werden -wünscht. Auch muß dein Fuß der Maschine völlig nachgeben, denn sie -allein weiß, was für deinen Schuh zweckmäßig ist, und sie entläßt ihn -erst zur rechten Zeit. Weshalb sind solche herrlichen und gutmütigen -Maschinen nicht schon längst in den Vestibülen von Hotels, Cafés, -Theatern aufgestellt?! Es ist fast eine Tragödie, es zu erleben, wie -selbst in den allereinfachsten Dingen niemand das Herz und den Sinn -dafür hat, seinen Nebenmenschen das Leben ein bißchen zu erleichtern. -Dabei wäre es noch ein Geschäft, natürlich für beide Teile. Wie muß man -da im vorhinein verzichten, in noch schwierigeren Lagen, unterstützt, -betreut zu werden!? - -Jemand sagte zu mir: »Es paßt mir nicht, daß diese Maschine mir meine -zarten Chevreauschuhe mit einer minderwertigen Creme putzt!« Ich -erwiderte ihm, daß die Maschine nur Staub und Kot entferne und dann -glänzend bürste, also eigentlich mit jener Creme, die ein jeder Schuh -schon von selbst habe. »Ach so,« sagte er tief enttäuscht darüber, daß -er der neuen Schuhputzmaschine, die bescheiden ihre Pflicht erfüllt, -kein Klampfl anhängen konnte, ihr kein Bein stellen konnte, über das sie -schmählich stürzen müßte! - - - - - ÜBER LEBENSENERGIEN - - -Die allerwenigsten Menschen haben auch nur die geringste Ahnung von dem -Inhalt des Wortes »Lebensenergien«. Es ist ein mysteriöses und ganz -simples Wort zugleich: es bedeutet alle Kraft, die unser Nervensystem -enthält, zur Betätigung unsers Lebens. Diese Kraft erhalten, vermehren, -heißt eigentlich: ein Kultivierter sein; sie schwächen, verringern, -heißt: ein Unkultivierter sein. Wir verlieren täglich, stündlich -Tausende wertvollster Lebensenergien durch irrige Lebensführung -jeglicher Art, und dann noch durch den Mangel an Rücksicht der -Nebenmenschen auf unser Nervensystem. Tausend Ungezogenheiten und -Taktlosigkeiten der Menschen zerstören unsre angesammelten -Lebensenergien. Ferner Sorge, Kummer, Eifersucht, Alkohol, schlechtes -Essen, ungezogene Kellner, ungezogene Friseure, ungezogene Freunde, -alles, alles das frißt uns täglich, stündlich unsre angesammelten -Lebensenergien weg, und zwar auf eine merkwürdig schwächende, lähmende, -Zuckerkrankheit vorbereitende Art! Frauen besonders sind genial -geschickte Zerstörerinnen unsrer aufgestapelten Lebensenergien, durch -Erzeugung von Eifersucht, diesem Krebsbazillus der Seele! Man wird -plötzlich grün und gelb, und die Lebenselastizität läßt nach. Jeder -Mensch ist eigentlich ein feiger heimtückischer Mörder eines jeden, den -er in Unruhe setzt ohne zwingendsten Grund! Einem Menschen seine -Lebensenergien erhalten wollen, sie schützen, ja, sie vermehren wollen, -heißt allein: ihn wirklich lieb haben! Alles andre ist Seelenmumpitz! -Wer mich in irgendeiner Sphäre meiner Lebensbetätigungen schwächt, -stört, lähmt, statt mich zu fördern, ist mir feindselig gesinnt, wie er -sich auch sonst stellen möge! Die Erhaltung der Lebensenergien meines -Organismus sei die Sehnsucht einer jeden ernstlich freundschaftlichen -Seele. »In meiner Gegenwart hatte sie einen unbeschreiblich elastischen -Gang, alles an ihr schien leichter und von Erdenschwere befreiter zu -werden — — —«; das wäre das ehrendste Zeugnis für eine wirklich -liebevolle Mannesseele. Seine Verluste an Lebensenergien rechtzeitig -spüren, seine Gewinne freudig buchen im Lebenskonto, würde viele der -angenehmen Fähigkeit näherbringen, das hundertste Jahr, das Pfeifchen -schmauchend, zu überschreiten. Ich bin einmal unerbittlich gegen den -göttlichen Leichtsinn, ich bin für die erdenschwere Bedenklichkeit. Ich -glaube, wenn Franz Schubert mein Intimus gewesen wäre, ich hätte ihm -noch weitere zweitausend Lieder entlockt, indem ich ihn beschworen -hätte, sich der seiner bedürfenden Menschheit zu erhalten durch -allersorgfältigste Schonung seiner Lebensenergien. »Ja, pardon, aber ein -Typhus raffte ihn hinweg — — —.« Aufgestapelte Lebensenergien nehmen hie -und da sogar den erfolgreichen Kampf mit solchen Feinden wie Typhus, mit -einer solchen Hunneninvasion, auf! »Ja, aber, mein Herr Schreiber dieser -Zeilen, weshalb nehmen Sie selbst so wenig Rücksicht auf diese immerhin -beherzigenswerten Lehren, in Ihrem eigenen werten Dasein?!?« Weil ich -dann vielleicht Lebensenergien entwickelte, um noch einige solcher -Bücher wie bisher zu schreiben, und das muß unbedingt hintertrieben -werden durch ungeordnete Lebensführung. - - - - - STRANDBAD - - -Nun sah ich dich, Unbekannte, mit deiner bräunlichen Haut und dem -krebsroten nassen seidenen Schwimmtrikot, am »Gänsehäufel«, und bin an -dir vor Sehnsucht erkrankt. Immer, immer seh ich dich mit deinen -unbeschreiblich edlen Gliedern an Wassers Rand entlanggehen mit weiten -Schritten —. - -O, weshalb durft’ ich dir nicht sagen: »Kaiserin des Strandbads!« Dir -hätte es nichts geschadet, und mich hätt’ es erlöst, wie es müde -enttäuschte Menschen erlöst, wenn sie in stillen Kirchen vor einer -heiligen Frau niederknien —. So aber wandle ich, krank an meiner -fanatischen Zärtlichkeit, dahin —. Kaiserin des Strandbads — — —. - -An Unzulänglichem werden wir vorzeitig alt und müde, verlieren den -Glauben an die Realisierbarkeit von Gottes Träumen. Da seh ich dich, -Edelstgegliederte, und fange wieder an zu glauben —! - -In Kleidern, geschützt durch Seide und Batist, oder im Bett, wo des -Mannes Leidenschaft sein Auge trübt, wohlan! Da nehmen wir vorlieb, -begnügen uns! - -Jedoch, aufrechten Ganges, in Licht und Luft getaucht, in nassem -Schwimmtrikot, da besteht keine außer dir diese zärtliche Prüfung! Nun -sah ich dich und wurde krank an dir, weil ich nicht wenigstens flüstern -durfte: »Kaiserin!« - - - - - WESEN DER RELIGION - - -Der Pastor zu einer armen Frau, die bis dahin ziemlich ungläubig war, -den Satzungen der Religion gegenüber: - -»Nun, liebe Frau, sind Sie durch meine Worte jetzt endlich gläubigern -Sinnes geworden?!?« - -»Herr Pastor,« erwiderte die Frau, »seitdem ich weiß, daß Gott alles -sieht, wische ich in dem Hause, in dem ich bedienstet bin, den Staub -auch _unter den Teppichen_ auf — — —.« - -Vielleicht ist auch dies gerade das tiefste Wesen der Liebe, einer Art -von Realreligion: die Frau hält ihre Seele rein, sogar dort, wo niemand -es mehr sieht und bemerken kann! - - - - - WIE SIE ES GLAUBEN WOLLEN, SO IST ES! - - -P. A. erhob sich von seinem Schmerzenslager, ging auf den Blumenmarkt, -kaufte purpurrote Buchenzweige, schneeweiße Tazetten, zitronengelbe -Nelken, dunkle Veilchen und riesig viele goldgelbe Mimosen mit -graugrünen gefiederten Blättchen. - -Und das ihre Dame vergötternde Stubenmädchen rief ihn an telephonisch: -»Meine Gnädige schläft noch. Sie wird sich freuen beim Erwachen. Sie hat -ein wunderschönes Bukett bekommen.« - -Und er: »Von wem kann es denn sein?!?« - -»Hoffentlich von Herrn L. Das würde sie am meisten beglücken.« - -»Ja, es ist richtig von Herrn L.! Aber bitte, sagen Sie nicht, daß Sie -es durch mich erfahren haben, sondern nur als Ihre eigene Vermutung.« - -Und am nächsten Tage sagte die Dame beglückt zu Herrn L.: »Ich habe -wunderbare Blumen erhalten gestern ...« - -Und Herr L. erfuhr durch das süße Stubenmädchen, wie die Sache sich -eigentlich wahrscheinlich verhalten habe ... - -Sie fühlte es als ihre Pflicht, es ihm zu sagen. - -Da sandte er denn am nächsten Tage die herrlichsten Blumen, unter dem -Namen P. A. - -Und die Dame sagte zu ihrem Stubenmädchen: »Sieh, auch P. A. hat mir -Blumen gesandt, sehr nett von ihm, man hätte es ihm nicht zugetraut. -Nun, aber die von Herrn L. am Vortage waren schöner, so wirklich mit -Geschmack und Zärtlichkeit ausgesucht ...« - - - - - »PRODROMOS« - - -Ich habe den Menschen, die im Tagesgeschäfte festgerannt waren, nie viel -geben können, trotz meiner sogenannten Freiheit, die mir Gelegenheit -gab, über die Dinge des Daseins _rücksichtslos nachdenken zu -dürfen_ — — —. Aber es gibt dennoch wertvolle und höchst wichtige Dinge; -vor allem: - -Sorge Tag und Nacht für die Edelfunktion deines Darmes! Das »Bauchherz« -ist wichtiger wie das, was wir verhältnismäßig unnötigerweise unter der -linken Brustwarze tragen. Von der Funktion des Darmes hängt _unser -ganzes Denken_, _Fühlen_ und _Sein_ ab, unsere _Größe_, unsere _Güte_, -unsere _Menschlichkeit_ und unsere _Weisheit_! Wehe dem, der 24 Stunden -lang, also als Sünder und Verbrecher, _unpurgiert_ dahinwandelt! Er wird -millionenmal mehr Schaden anrichten als ein Raubmörder und -Kinderschänder! Er wird in den kleinsten Dingen sein Menschentum -_verleugnen_, das ihm Gott in seiner Gnade mitgegeben hat. Nur der -äußerlich und innerlich purgierte Mensch kann auch geistig _und_ -seelisch purgiert sein! _Existieren_ können, ohne Darmfunktion wie die -Taube, die es im Fluge von sich läßt, ohne sich in ihren edlen -Schwingungen auch nur 1/100 Sekunde dadurch stören zu lassen, ist ein -schändliches Verbrechen an sich und vor allem seinen Nebenmenschen, an -denen man seinen Unmut, den man sich selbst gezüchtet hat, in -heimtückischer Weise dann Tag und Nacht ausläßt. - -Abführmittel sind _theosophische Geheimmittel_, die imstande sind, den -Menschen zu einer höheren Art hinaufzuentwickeln! Im Moment, wo das -Genie seine heiligen Darmfunktionen geschwächt fühlt, fühlt es sich -degradiert zur »_Herde der Gewöhnlichen_«! Seine Schwingen sind ihm — -wenn auch in anderer Weise — beschnitten und gelähmt. - -Bauchherz, nervus sympathicus, plexus solaris, unbekanntestes Phänomen -unter den mysteriösen Phänomenen dieser Welt, möge dir die Forschung und -die Arbeit der künftigen Genies geweiht sein! Unten frei, oben frei! -Unten gebunden, oben gebunden! So ist es! - -Es gibt fast keine Schädlichkeit, die wir unserem Organismus antun, die -nicht durch eine absolut vollkommene Verdauungskraft besiegt werden -könnte! Unsere Darmnerven sind wichtiger wie unsere Gesamttätigkeiten -unseres Organismus, als alle andern Organe zusammen! Mit einem absolut -leichten Stuhlgang müßte man sich theoretisch eine »ewige Jugend« -verschaffen können. Der obstipierte Mensch ist _kein menschliches -Wesen_! Seine Heiligkeit, seine Gottähnlichkeit beginnt erst, wenn die -Darmfunktionen eine _fast ideale_ Leistungsfähigkeit erreicht haben. Die -tiefste Genialität eines Organismus ist, mehr Rücksicht auf seine -Darmnerven zu nehmen, als auf alle andern zusammen! Man schont damit vor -allem _Herz und Gehirn_. - - - Der Philister - -Ewige Rache, die Gott, Schicksal und Natur am Philister nehmen: Sie -verhindern ihn, Tag und Nacht _Tonika_ zu suchen, Belebungs- und -Erregungsmittel dieser Stoffwechselmaschine »Mensch«! Sie wollen immer -glatt und beruhigt überall durchkommen; daher verlieren sie die einzige -Kraft, die es für die menschliche Maschine gibt: den Stoff-_wechsel_! - - - Genialität - -Das geniale Gehirn hat nie die _kleinliche_ Todesangst des Philisters, -sondern die _absolute_ eines Bismarck, der _wußte_, daß bei einer -verlorenen Schlacht von Königgrätz ihm nur mehr die Revolverkugel übrig -bliebe. — Selbst _Goethe_ hatte ein Jahr lang den geladenen Revolver auf -seinem Nachtkastel liegen. Sich schützen?!? Vor dem Altwerden, vor dem -_Sterben_?!? _Wozu also?!_ Das Genie bringt sich _rechtzeitig_ um, wenn -es seine Mission erfüllt hat, oder sie _nicht_ erfüllen konnte! Aber -diese andern _paktieren_ mit dem Leben, das dann doch _keines ist_ und -keinen Pakt zuläßt! - - - - - RESTAURANT PRODROMOS - - -Ein Restaurant ersten Ranges, von einem modernen Architekten unerhört -einfach-primitiv, aber zugleich aristokratisch-apart eingerichtet. Es -wirken in der Küche in idealer Gemeinschaft ein französischer Koch und -ein junger Arzt, Diätetiker, Hygieniker, und der Dichter. Jede Speise -ein unerhört leichtverdauliches Gedicht für den Verdauungsapparat! -Lauter Speisen, die in drei bis fünf Stunden verdaut sind ohne -Rückstände! Reiche Stoffwechselkranke, Nervenkranke, Magenkranke, -Darmkranke würden hier ein absolut sicheres Asyl finden! Die -internationale Püreemaschine würde auf jedem Tische stehen. Einige -Umdrehungen, und jede Speise hat die Konsistenz erhalten von -Erdäpfelpüree, Erbsenpüree! Schöne Zähne sind eine ästhetische -Angelegenheit, aber man soll sie nicht gebrauchen! Den Speisen ihre -Seele ausziehen, ihr Wertvollstes, und das Unverdauliche den Hunden, den -Schweinen! Kein Essig, sondern Zitrone! Ganz, ganz neue -Zusammenstellungen. Zum Beispiel durchpassiertes Kalbfleisch in -Eiersauce. Pürees und Saucen in noch nie dagewesenen neuen Verbindungen! -Man kann sich krank essen und bleibt dennoch gesund! Die Diätetik eine -reale Romantik geworden! Erfüllbare Ideale! Die Zähne haben ihre -miserable dilettantische Zerkleinerungstätigkeit einzustellen, sobald -die internationale Püreemaschine ihre Dienste ideal ersetzt. Man putze -sie und halte sie als Kunstwerkchen in Ehren! Der Edelmaschine darf man -nicht Lasten aufbürden, sondern muß sie ihr zu ersparen suchen! Das -Kindchen saugt an der Mutterbrust, und die müde und nervös gewordene -Menschheit will desgleichen! Jeder komplizierten Maschine sucht man die -Widerstände so viel als möglich zu ersparen; nur dieser unglückseligen -und allerherrlichsten Maschine: »menschlicher Verdauungsapparat« nicht! -Weshalb?! Gründet das Restaurant Prodromos! Es soll eine Oase werden. -Nach jeder Mahlzeit kann man sich hinlegen auf ideale Ruhestühle, was -riesig wichtig ist! Es gibt Zimmerchen, in denen man, wenn auch nur für -zehn Minuten schlafen kann! Eine Regenerationsanstalt, als Restaurant -geführt. Ein Gasthaussanatorium! Teuer, aber fast kostspielige Kuren -ersetzend! Weshalb warten mit der Ausführung?! Gibt es denn keine -Idealisten, die dennoch verdienen möchten?! Sind denn das Gegensätze, um -Gotteswillen?! Was sollte denn reellerweise eigentlich belohnt werden -auf Erden als der wohlverstandene Idealismus?!? Gründet das Restaurant -Prodromos! Und gedenket meiner, des Urhebers! - - - - - DER BRAND - - -Um zwei Uhr morgens kam die Nachricht in die American Bar, daß ein -Palais nächst dem Stadtpark in Flammen stehe. Wir ließen unsre -wunderbaren Mischungen sofort stehen, fuhren im Fiaker rasend hin. - -Auf dem Dache des fünfstöckigen Palastes leuchteten die weißen -Magnesiumfackeln der Feuerwehr, und goldgelbe und rote Funken fielen zur -Erde. Unten im Finstern der Straßen leuchteten die Lampen der -Feuerwehrautomobile wie getreue Wächterhundeaugen! So besorgt-gutmütig! - -Der Stadtpark war schwarz und einsam. Auf einer Bank saßen Zwei, Hand in -Hand. Sie betrachteten den Brand des Palais, hörten die -Feuerwehrsignale: »Wasser! Wasser! Wasser!«, und sie waren und sie -blieben versunken in ihrem eigenen unentrinnbaren Schicksal, Hand in -Hand. - -Das Palais brannte, und man erließ für die obern Parteien bereits die -Nachricht, sie möchten delogieren und herabkommen — — —. - -Der Stadtpark war einsam und im Dunkeln — —. - - - - - RÜCKSICHT - - -Sie trug ein wunderbares, stark dekolletiertes schulterfreies Kleid. -Ihre Freunde bewunderten ihre herrlich modellierten Schultern. Da stand -sie auf, ging in ihre Garderobe zurück und zog ein viel dezenteres Kleid -an, das nur Hals und Arme frei ließ. - -Einige Augenblicke später kam ihr Bräutigam. - -»Natürlich,« sagte er, »man muß sich für die fremden Männer -dekolletieren!« - -»Herr Bräutigam,« sagte ein Baron, »das ist doch gerade das Schöne an -Ihrer Freundin, daß sie immer so einfach und dezent gekleidet ist und -gar nichts aus sich macht. Schließlich und endlich muß es doch auch -Ihnen schmeicheln, wenn andere Sie darum beneiden und sie bewundern!« - -»Anita,« sagte der Bräutigam, »gehe doch in die Garderobe und ziehe dir -mal das neue schulterfreie Kleid an, das ich für dich entworfen habe. Du -bist ja nicht mehr im Sacré Coeur — — —.« - -Die Dame stand auf und ging in die Garderobe, das noch körperwarme -schulterfreie Kleid wieder anzulegen — — —. - -Die Freunde sagten hypokrit: »Das ist wirklich etwas gewagt und -auffallend — — — Aber wenn es Ihnen recht ist, Herr Bräutigam — — —?!?« - - - - - MYOSA - - -Mademoiselle Myosa, das Original mit dem tiefen wunderbaren Blick, in -dem direkt eine Art von fanatischer Tanzmission glüht und fiebert, ist -von unbeschreiblicher Anmut. Die übrigen Tänzerinnen tanzen, aber sie -ist der Tanz selbst, sie versinkt, ertrinkt im Tanzen. Sie existiert -nicht mehr. Sie kann sich, auch im Leben, in nichts anderm äußern. Man -hat die Empfindung: sie ißt nicht, sie trinkt nicht, sie schläft nicht, -sie will kein Geld und keine sonstigen scheinbar unentrinnbaren -Leidenschaften — — — sie will tanzen, tanzen, tanzen! Der Fisch will -Wasser, nur Wasser; und sie will den Tanz, nur den Tanz! Sie ist das -erste Tanzgenie, das ich je erblickt habe, wegen ihrer fast -pathologischen Konzentration. Sie rührt und macht erstaunen. Hat Gott -die Welt nur erschaffen, damit Myosa sich darin austanze?! »Ja!« sagen -ihre düstern Blicke. Sie hat Bewegungen, die man noch nie bei einer -Tänzerin gesehen hat, wie wenn oft ihr wunderbarer kindlicher Leib von -einer inneren Macht gezwungen würde. Dabei ist sie ununterbrochen -verzweifelt, daß es in diesem Vergnügungsetablissement nicht still und -feierlich ist während ihres heiligen Tanzens wie in einer Kirche; -sprechen, lachen, verletzt sie tödlich; ein Zug unaussprechlichen -ergreifenden Leidens ist da mitten im Tanzen auf ihrem herrlichen -Antlitz. Da haßt sie die Menschen und die Welt! Sie ist eine tragische -Persönlichkeit, feindselig und abhold dem leichten Dasein der Stunde. -Sie ist ein Phänomen, eine Einzige, eine in sich Gekehrte, starre -Unerbittliche des Tanzes! Und das alles dort, wo man sich bei uns -amüsieren, zerstreuen will!? Arme, arme Myosa — — —! - - - - - IM STADTPARK - - -Als Kinder saßen wir Abend für Abend mit unsern geliebten Eltern im -Stadtpark, im Kursalon. Wir bekamen Eis und Hohlhippen und hatten -keinerlei Sorgen. Der Vater geht nun seit Jahren nicht aus seinem -bequemen Zimmer mehr heraus, und die Mutter nicht aus dem bequemen -Totenschrein. Ich, glatzköpfig und sorgenvoll, komme nun in den -Stadtpark, Kursalon, auf die Terrasse, an denselben Tisch, an welchem -wir einst sorgenlos mit den geliebten Eltern saßen. Ich bestelle -dasselbe Eis, Himbeerschokolade, wie als Kind, mit recht vielen und -knisternden, also frischen Hohlhippen. Vor mir die Gartenbeete wie -einst, ein bißchen bunter, origineller. Ich sehe Eltern mit ihren -Kindern. Sie zanken und schelten. Unsre Eltern zankten und schalten nie, -nie. Vielleicht war es schlecht, daß sie es nie taten, aber sie hatten -Achtung vor ihren eigenen Erzeugnissen, und Zuversicht! Wir haben sie -enttäuscht; aber sie haben es hingenommen als Schicksal und Verhängnis. -Wir haben ihre Tränen, die sie um uns weinten, nie gespürt — — —. Nun -sitze ich, Glatzköpfiger, Sorgenvoller, wieder im Stadtpark, im -Kursalon, auf der Terrasse, an demselben Tisch wie einst mit den -geliebten Eltern, esse dieselbe Portion Himbeerschokolade wie einst, mit -vielen knisternden, also frischen Hohlhippen — — —. Die Gartenbeete, auf -die ich herabblicke, sind ein wenig bunter, origineller. Aber sonst hat -sich nichts verändert, in den Zeiten vom dummen Kind zum müden Mann! Ich -sehe Eltern, die ihre Kinder im Park schelten; unsre Eltern schalten uns -nie; sie erhofften es, daß wir sie einst belohnen würden für ihre Güte; -aber wir taten es nicht. Wir hatten eine schöne Kinderzeit; so tauchen -wir denn hinab in Erinnerungen, da wir vom seienden Tage nicht leben -können. Wir hatten allzu sanftmütige, hoffnungsfreudige, -schicksalergebene Eltern. Es war ein Fluch und ein Segen! Man kann nun -an Zeiten zurückdenken, die paradiesisch waren — —. Nicht jeder, der vor -sich das Dunkel sieht, kann liebevollen Herzens der lichten Zeiten -dankbar sich erinnern — — —. - - - - - EHEBRUCH - - -Ich verzeihe dir! Vier Tage und vier Nächte habe ich mich durchgerungen. -Die Nächte besonders waren voll von Qual. Wenn du gewußt hättest, was du -mir angetan hast an Leid, du hättest es wahrscheinlich nicht getan. Aber -ihr wißt es eben nicht, wollt, könnt es nicht wissen! Unser verstörtes -Antlitz sagt euch nichts. Prügel sind der Ausbruch für euch unserer -verletzten Eigenliebe. Und sogar Mord ist doch in Eueren Augen nur -Rachgier! Unsere Zärtlichkeit könnt ihr nicht ahnen, die wir für euer -Leben haben, wie jedes Muttertier für seine Jungen, oder wie der Storch, -der sich auf dem brennenden Dache niederläßt, um mit den Jungen, die er -nicht mehr erretten kann vor Qualm und Hitze, selbst zu verbrennen! So -sind wir mit euch! Mit euch verbrennen, wenns keine Rettung gibt — — —. -Das zarte Nest ist in Gefahr, das wir euch errichtet mit allen Mühen -unseres armen Lebens; das Nest ist in Gefahr — — —. Ich will dich -retten, doch der Qualm betäubt mich. Anita, oh Anita — — —! Vier Tage -und vier Nächte hab’ ich mich durchgerungen. Die Nächte besonders waren -voll von Qual. Ich will dich retten vor dir und vor den anderen! Ich -liebe dich, es bleibt mir keine Wahl — — —. In mir sind Gottes -Zärtlichkeiten für jedes Geschöpf, konzentriert auf dich! Bis du es aber -spürst, vergehen Jahre, Jahre. Mir ist die Kraft verliehen, an deiner -Bahre, in deinem toten Antlitz noch verständnisvollen Dank mir endlich -zu erspähen! Vier Tage und vier Nächte hab ich mich durchgerungen. Die -Nächte besonders waren voll von Qual. Ich liebe dich, es bleibt mir -keine Wahl. Wir wollen den Schmerz begraben, der uns begrub — — —. Nimm -also dein neues Kleid, wir wollen zu fremden Menschen gehen, die -fröhlich sind, Geliebte! - - - - - HAMSUN-MENSCHEN - - -Ich habe irgendwo einen geistreichen Essay gelesen — leider geist-reich, -aber wahrheits-arm — über das Wesen der sogenannten Hamsun-Menschen, das -heißt: jener Menschen, die Hamsun in seinen Romanen beschreibt. - -Es sind nämlich ganz einfach Menschen, die die Lächerlichkeit des -menschlichen Geistes und der menschlichen Seele durchschaut haben und -dahinter gekommen sind, daß alles öder Mumpitz ist! Ich bin überzeugt, -daß Shakespeare die Eifersucht des Othello, den Ehrgeiz des Macbeth, die -Liebe des Romeo für ebenso lächerliche und wertlose Dinge, für -übertriebene Irrsinne, für groteske Stupiditäten von Monomanen oder -Paralytikern gehalten habe; nur hatte er damals noch die sogenannte -gesunde Kraft, aus diesen Irrsinnen scheinbar menschliche Dramen zu -fabrizieren! Hamsun hingegen hält Markensammler, Münzensammler und -Liebesleute für lächerliche Persönlichkeiten, und nichts in der Welt -kann ihm ein Interesse abgewinnen als die schändliche und infame -Lächerlichkeit, mit der alle Menschen die ihnen wichtig erscheinenden -Dinge auch ernstlich für wichtig halten! Diejenigen Unglückseligen, die -in der Mitte schwanken zwischen der Bejahung und Negierung des Daseins, -machen sich ein Geschäft daraus, Hamsun-Menschen fälschlich erklären zu -wollen, indem sie selbst weder den Mut haben, bejahende Normalmenschen -noch negierende Perverse zu sein. Der sogenannte gesunde Mittelweg ist -die Straße des feigen Idioten. Er allein ist der ungerechte und ewig -mißtrauische Nichtsversteher! Sie wollen in den Abgründen des Daseins -sich ein Pfädchen herausschinden, auf dem sie scheinbar noch sicher -dahin schreiten könnten! Aber vergeblich! Es handelt sich nur um einige -Jahre, und auch sie werden zur Browningpistole innerlich greifen müssen. -Hamsun erkannte die Nichtigkeit, die Lächerlichkeit, die Bösartigkeit, -die Gemeinheit des Lebens in jeder Minute, in jeder Stunde, an jedem -Tage; aber die, die noch nicht die Kraft haben, das ganz zu erfassen, -klammern sich an irgend einen Popanz fest, der sie hoffentlich irgend -einmal zugrunde richten wird. - -Hamsun-Menschen haben ganz einfach einen milliardenmal tiefem Einblick -in die Lächerlichkeit und Wesenlosigkeit des Daseins, als die andern -Menschen, und derjenige, der sich aus diesen unentrinnbaren Wahrheiten -herausretten will, beweist damit nur die Feigheit, daß er mit einem -wertlosen Leben den wertlosen Kampf noch immer vergeblich aufnimmt. Alle -Menschen sind Münzen- und Markensammler, und wer ihre absolut wertlosen -Irrsinne nicht erkennt, ist ein ebensolcher Idiot, wenn er auch in -seelischer und geistiger Beziehung andre, aber ebenso wertlose -Sammlungen anlegt! Sich über die letzten Erkenntnisse eines -Hamsun-Gehirns hinüberschwingen zu wollen, ist die infamste Feigheit -eines Menschen, der nicht imstande ist, eine Stunde lang ein -wahrheitsvolles Leben zu führen. - -Das Leben ist eine feige Lächerlichkeit, mit frechen Ambitionen, und es -gehören alle Verlogenheiten der menschlichen Seele und des menschlichen -Geistes dazu, um es auch nur eine Minute lang ernst zu nehmen! -Strindberg wußte, was er von Frauen zu halten hatte, die, statt ihn zu -schützen und zu schonen, ihm seine göttlichen Kräfte auf allen Wegen und -Stegen zu rauben suchten. Er hatte die Genialität, an die -Anständigkeiten der Frau zu glauben, fand aber nur herzlose Tyranninnen, -die die Schwächen selbst der genialen Organisation auf perfideste und -heimtückischste Weise ausnutzten! Was August Strindberg dichtete und -dachte, war ihnen eine nebensächliche Erscheinung, aber sein -persönliches Liebesleben kontrollierten sie mit ihren unfähigen und -niedrigen Sinnen! Alle Männer sollten wie Strindberg es erhoffen, daß -man ihre edelsten Kräfte schonen und schützen werde, und sie nicht -ausnutzen werde zur gemeinen Bequemlichkeit des Tages- und Nachtlebens. -Eine Frau, die auch nur eine Stunde lang einen August Strindberg quälte, -wäre wert, von der ganzen Menschheit boykottiert und gefoltert zu -werden, denn für ihre Glückseligkeit würde der Kommis einer Seidenfirma -bessere Dienste leisten! Sie rächt sich in ihrem ewigen -Vier-Wochen-Turnus an den ewigen Entwicklungsfähigkeiten des Mannes, und -das Genie Strindbergs bäumte sich für hunderttausend gequälte andre -Genies auf gegen den Mangel an Respekt einer geliebten Frau vor der -Geistigkeit des Mannes! - -Hamsun nahm die Sache nicht so tragisch, sondern mehr von der ironischen -Seite, und selbst Shakespeare war ein Strindberg und ein Hamsun im -Grunde seiner Seele, aber er hatte leider noch die gesunde Kraft, es in -fünfaktige Dramen umzusetzen, deren eigentliche tiefe Ironie der Welt -nie verständlich wurde! - -Der Ansichtskartensammler ist kein größerer Narr als alle andern, die -sich an angeblich wichtigere Objekte Tag und Nacht anklammern, um ihr -Leben damit auszufüllen und in kümmerlicher, armseliger, schamlos-feiger -Weise zu fristen. Je weniger Spesen sie dabei haben, desto normaler sind -sie. Es gibt Schriftsteller, die die Geschicklichkeit haben, einem -Hamsun und Strindberg sogar ihre Irrsinne nachzuweisen! Ich selbst -begnüge mich mit der Ansicht, daß sich außerhalb des Lebens zu bewegen -und mit ihm keine anderen Zusammenhänge zu haben wie die eines -satanischen Lächelns, die einzige Sache und Aufgabe eines genialen -Menschen sei! - -Wer die Kraft hat, dem Leben mit aufgezogenem Visier ins Auge zu -blicken, der wird das große Mauer-Oehling und Steinhof der Menschheit in -Ernst und Ruhe erkennen, und seine Stunde, die ihn von dem Stumpfsinn -und der Stupidität endgiltig befreit, mit Freude erwarten —. - - - - - MEMOIREN - - -Ich lese die Geschichte vom Grafen von Lavalette, und sie interessiert -mich gar nicht. Er war ein Getreuester Napoleons des Ersten. - -Aber ich habe bisher es nicht eingesehen, wodurch dieser »geniale -Feuergeist«, dieses »Ungetüm an Lebensenergien«, der Gesamtmenschheit -irgendwie geholfen habe!?! Die Geschichte seiner »Getreuen« interessiert -mich daher um so weniger. Aber als Lavalette, dieser »Tatendurstige« -(ein schreckliches Wort für den Lebenskundigen) eingesperrt und -hingerichtet werden sollte, gab ihm seine Frau ihre Kleider, und er -entfloh. Sie selbst wurde im Kerker derart mißhandelt, daß sie irrsinnig -wurde. - -Da begann ich mich für die Gräfin von Lavalette zu interessieren, die in -den Memoiren gar nicht erwähnt ist. - -Ehre ihrer Seele! - - - - - WIDMUNG AN ANNA KONRAD - - -O Fraue, - -Nicht was du _bist_, bist du! - -Das, was _wir_ von dir träumen, _das_ bist du! - -Was in der dunklen Wehmut unseres begeisterten Blicks erschimmert, das -bist du! - -Der Duft deines Atems, der uns den Duft der ganzen blühenden -geheimnisvollen Welt bringt, _das_ bist du! - -Deine _nicht erfüllten_ Sehnsuchten, die auf deinem lieblichen Antlitz -kauern, und die _wir_ mehr miterleben, _miterleiden_ als du selber, - -_Das_ bist du! - -Die Träne, die aus unsern Augen langsam herabrieselt (wir selber wissen -nicht, aus welchem Leid sie ihre Quellen hat) _das_, _das_ bist du! - -Und _unser Lächeln_ bist du, wenn du kommst — — —! - -Und unsere _ernste Stille_, wenn du von uns gehst — — —! - -Wenn du _uns_ kränkst und wenn du _uns_ verwundest, - -Nimmst du _dir selbst_ die Pracht des eigenen Lebens, - -Denn was wir von dir fühlen, _das_ bist _du_! Bleib darum milde — — —. - -Dreh’ nicht der Nachtigall den Hals um, wenn sie in die lichte Mondnacht -schmettert, - -Denn _ihr Lied_ macht erst die Mondnacht zu dem, was sie _ist_! - -O Fraue, laß uns singen, sagen, klagen — — —. - -Was du _von uns_ vernimmst, _das_ erst bist _du_! - - - - - DER TOD - - -Wann soll ich sterben, mich umbringen?! Es ist an der Zeit. - -Es ist fünf Uhr morgens. Man sieht noch nicht die großen braunroten -Dächer der alten Wallnerstraßenpaläste. Man hört die Uhren von fünf -Kirchtürmen. Sie folgen einander so merkwürdig, wie um sich nicht -gegenseitig zu stören, lauschendes Menschenohr nicht zu verwirren, das -Ohr von Kranken, die dem heimlichern Tage bang entgegenlauschen — — —. - -Wann soll es sein?! - -Sie darf nicht geweckt werden aus ihrem mir heiligen Schlaf, durch eine -Nachricht, die jedenfalls erregt und schadet — — —. Wenns ihr auch -schmeichelt, daß es ihretwegen ist — — —. - -Ich muß also warten, bis die völlig Ausgerastete die merkwürdige -Botschaft hört, - - daß ihr fanatisch getreuester Ritter sie dennoch verlassen mußte, - mitten im Seelendienste, der ihn brach und sie nur störte, die - einsam kranke Frau — — —. - - Nach Hamburg wird die Kunde später dringen, und H. M. ist gewappnet - mit Ergebenheiten! - - In ihrer Religion sind Kreuzigungen vorhergesehen, und sie wird - leben aus innern Kräften, durch Leid erhöht, betaut, befruchtet! - -Bessie wird in Leysin, im Paradies des Wintersports am Genfersee, die -Nachricht hören, und in meinen Briefen vielleicht kramen, die sie -besitzt. - -Die Hauptsach’ ist, daß meine vergötterte Frau in Wien nicht durch die -Nachricht aus dem Schlafe kommt, den sie so nötig hat. - -Man muß sichs also einzuteilen wissen. Tag, brich an! - -Lebet wohl — — —! - -Der grelle Tag macht freilich den Abschied schwerer als des -Wintermorgens düstre Dämmerungen! - -Jedoch die Frau darf’s erst vernehmen, wenn sie ausgerastet ist von -langem Schlafe — — —. - - - - - EINE GANZ WAHRHAFTIGE BEZIEHUNG - - -Sie saß an einem riesigen Parterrefenster, das fast den Boden der -staubigen grauen elenden Dorfstraße berührte, und nähte an einer schönen -blinkenden Nähmaschine. Blusen, von morgens bis abends. Ihre Augen -hatten einen Ausdruck von Verzweiflung. Aber sie selbst wußte nichts -davon. Sie nähte, nähte und nähte. Sie war ganz mager, ungeeignet für -den Sturm des Daseins, der Seelen und Körper schüttelt und hinwegfegt. -Abends aß sie das kalte Gemüse vom Mittagstisch. Das sah ich alles durch -das riesige Parterrefenster hindurch, und sie sah, daß ich alles sah. - -Eines Abends stand sie vor dem Haustor so angelehnt. Da sagte sie: »Ich -habe eine Stellung angenommen in Mariahilf in einer Blusenfabrik, ich -werde nicht mehr privat arbeiten müssen in diesem einsamen Zimmer.« - -Da dachte ich: »Dorfstraße, Dorfstraße, du hast deinen Glanz, du hast -deinen Reichtum eingebüßt!« - -»Man muß sich seine Lage verbessern, nicht wahr!?« sagte sie, »ich habe -Sie übrigens immer an meinem Fenster vorübergehen sehen, dreimal des -Tages. Dreimal des Tages sind Sie freilich vorübergegangen. Aber in -Mariahilf werden vierzig Mädchen sein, und man wird plaudern können, und -arbeiten wie in einem Ameisenhaufen — — —.« - -»Sie, Fräulein, ich werde auch dreimal noch täglich an Ihrem Fenster -vorübergehen, wenn Sie nicht mehr dasitzen — — —.« - -»Ja, werden Sie das?!? Da werde ich also doch auch zugleich zu Hause -sein wie früher in meiner Heimat — — —.« - -»Lassen Sie vielleicht Ihre blinkende kleine Nähmaschine am Fenster -stehen, und dabei eine ihrer angefangenen Blusen — — —.« - -»Ja, bitte, das werde ich — — —.« - -Das war die einzige wahrhaftige Beziehung mit einer Frauenseele während -meines ganzen ereignisreichen Lebens — — —. - -Dorfstraße, graue staubige Dorfstraße, du hast nun deinen Glanz, du hast -deinen Reichtum eingebüßt — — —. Sie, sie geht nun in die Arbeit, in die -Welt — — —! - - - - - IM VOLKSGARTEN - - -Juli im Volksgarten. Die holde Frische der Gewächse ist vorüber. Nur -Rosa Crimson Rampler blühen als dunkelrotes Gebüsch. Auf dem Teich vor -dem Elisabethdenkmal sind die Seerosen verblüht. Nur die Blätter liegen -papierflach auf grünschillerndem Wasser. In den riesigen hellgrauen -Tonkübeln blühen hellrosa Hortensien. Die marmornen Kindergesichter an -den Brunnen strahlen Lieblichkeit aus sondergleichen. Es sollen die -Kinder des Bildhauers selbst sein. Heil ihm! Ein Mäderl von neun Jahren -zeigt uns alle ihre herrlichen Künste. Sie hat nur ein weißes Hemd an -mit einer dicken roten seidenen Schnur. Sie läuft Springschnur wie ein -griechischer Marathonläufer. Sie spielt Diabolo wie ein Champion. Sie -spielt zugleich mit zwei Raketts und zwei roten Gummibällen. Ich rufe: -»Bravo, bravo!« als säße ich in einem Variété. Sie hat nackte -Gazellenbeine. Sie macht alles von nun an infolge des Applauses für mich -und meine edle Freundin. Einmal heben wir ihr einen Ball auf. Sie weiß, -sie befindet sich in unsrer Gunst. Sie hat fremde Menschen für sich -gewonnen, sie hat die enge Sphäre von Papa, Mama, Onkel, Tante -überflogen, sie ist in das Land eingedrungen objektiver Anerkennungen. - -Und da sagte ihre Mama: »Spiele doch zu mir zu, ich will dich auch -sehen, nicht immer nur deinen Rücken.« - -Da wandte sich das Kind von uns ab und spielte gegen die Mama zu. Nur -hie und da blickte sie sich um nach ihren fremden Verehrern. - -Später kam der Papa, ermüdet vom Geschäfte. - -»Amüsierst du dich, Anna?!?« sagte er zu seinem Töchterchen. - -»Amüsieren, amüsieren —« dachte Anna, »man bewundert mich, man staunt -mich an —.« - - - - - ANSPRÜCHE EINER ROMANTIKERIN - - -Wenn dir, Du angeblich Liebender, jeder Atemhauch meines Mundes ebenso -berauschend wäre wie meinem Peter, - -wenn dich mein Gehen, Stehen, Sitzen, und jede Linie meines Leibes -ebenso entzücken könnte, - -wenn der dunkle Klang meiner Stimme, wie Peter sagt, aus dem -Gaumen-Resonanzboden, - -dir ebenso lieblich tönen könnte, - -und ebenso berauschend das Rauschen meiner seidenen Unterkleider wie -ihm, - -wenn du in das Waschwasser meines Lavoirs, in dem ich badete, ebenso -liebevoll deinen Kopf untertauchen könntest wie er, - -gleichsam um zu ertrinken in heiliger Flut; - -wenn du mich ebenso nähmest als überirdisches Wesen, das ich natürlich -nicht bin und nicht sein kann, bei Tag und Nacht, - -wenn du also gleich ihm aus meinen Armseligkeiten eine verklärte -Dichtung machen könntest, die dich beglückte und Leben spendete wie Tau -und Sonne den zarten Pflanzen — — — - -wer weiß, ob ich mich dann nicht verführen ließe, dir zu dienen gleich -ihm — — —. - -Aber du kannst, du wirst es nicht zusammenbringen! - -Es sind Mysterien, aufbewahrt von Gott den wirklich liebevollen -Herzen!!! - -Das zu erkennen, ist unser einziger, unser bester Schutz! - -Es gibt nur immer einen, dem wir ein Verhängnis werden! Den anderen sind -wir Zitronen, die man auspreßt, und deren Schale man in die Latrine -wirft! - - - - - LEBENSWEG - - -Der Ältere und der Jüngere waren anfänglich kolossal eifersüchtig -aufeinander. Bis der Ältere ihr einen geläuterten Brief schrieb. Darin -stand unter anderm: »Der Jüngere ist der Jüngere. Daher hat er den -momentanen Sieg. Aber der Ältere ist der Ältere. Daher hat er einen -Vorsprung, welcher Art immer. Es wird sich schon zeigen —.« Sie verstand -kein Wort davon. Infolgedessen versöhnten sich die beiden Rivalen. - -Dem Jüngeren ward sie aber zu einfach, zu ruhig mit der Zeit. Der Ältere -ruhte bei ihr aus, von den Strapazen seiner Seelenweltreisen. Der -Jüngere hatte sie lieb, solange sie nicht da war, der Ältere erst, wenn -sie neben ihm dahinging wie ein verlorenes Kindchen. Er dachte dabei an -die »Ludern«, denen er unnützerweise sein Denken, sein Dichten, sein -Träumen geweiht hatte durch Jahre, und die doch nur sich-überhebende -freche Püppchen gewesen waren zeitlebens. - -Aber auch er hatte bald genug von ihr, obzwar er sie brüderlich zärtlich -lieb hatte und sie ganz verstand und achtete. Der Jüngere feierte hie -und da dennoch immer wieder Orgien mit ihr und behauptete dann, sie sei -doch die einzige von allen. Der Ältere brachte sie zum Chor der -Operette. Es begann ihr sehr gut zu gehen. Aber immer wieder kam sie zu -dem Jüngeren zurück ohne Grund, und zu dem Älteren sagte sie sanft: -»Wissen Sie noch, wie Sie mir die Pfirsiche geschenkt haben?!« Später -fuhr sie im eigenen Automobil. Sie vergaß ganz des Jüngeren. Aber so oft -sie den Älteren erblickte, sagte sie sanft: »Servus, Pfirsich-Herr!« - - - - - DIENSTE - - -Man kann vielen Menschen riesige Dienste in den geringsten Kleinigkeiten -leisten. Aber niemand tut es. Zum Beispiel einer Dame zu sagen: »Wenn -Sie sich abends mit einem trockenen englischen Reibhandschuh, -fleshglove, den ganzen Leib leicht rosig reiben lassen werden, ganz, -ganz zart, ohne Reibeisengefühl, so werden sie gegen Zugluft vollständig -immun werden!« - -Ich trat einst auf eine wunderbar schöne Frau zu und sagte zu ihr: -»Gnädige Frau, ich könnte Ihnen einen wesentlichen Lebensdienst leisten, -den Ihnen wahrscheinlich sonst niemand leisten würde —.« »Nun, worin -besteht er?!« »Sie haben in Ihrem wunderbar modellierten Ohr einen -schwarzen Mitesser, den ich auf die zarteste Weise mit einem geschickten -Druck meiner zwei Finger entfernen könnte. Mancher Mann könnte daran -enttäuscht werden, und es könnte Ihren edlen Lebensweg erschweren —.« - -Die Dame erbleichte, stand auf, ging mit mir hinaus. Ich entfernte ihr -den schwarzen Mitesser aus dem rosigen Ohr. - -Dann sagte sie: »Sie, Herr, wie kommen Sie eigentlich zu solchen -Unverschämtheiten?! Was gehen Sie denn meine Ohren an?!« - -»Nichts«, erwiderte ich und entfernte mich befriedigt. - - - - - WIE ICH GESUNDET BIN - - -Ich bin nämlich gar nicht gesundet, sondern aus dem Grabe, wie ein -Gespenst meiner selbst auferstanden. Aber ich habe in Inzersdorf bei -Wien einen schönen stillen Park gehabt mit Naturwiesen, einen -allerbesten Direktor Emil Fries, einen Gentleman vom Kopf bis zu den -Sohlen, seine edle französische Frau zu meiner idealen Gesellschaft, -taktvoll und herzlich vom Kopf bis zu den Sohlen; Fräulein Herta, die in -sich Gekehrte ... Und die Gouvernante der Kinder war eine edle -Melancholikerin, die die Bürde des Lebens tragisch auf sich nahm. Der -Park hatte eine Allee mit großen holzgeschnittenen Löwen, die Wappen -trugen, und in den riesigen runden dunklen Gebüschen nisteten Vögel. - -In diesem Milieu, wo nichts mich marterte, lugte ich noch einmal aus dem -Grabe heraus, so ein letzter Blick auf wahre Werte der arg verworrenen -Menschheit. - -In einem dunklen Gartenparterrezimmer sitzen seit Jahren Graf C. und -Herr von D. hart nebeneinander in alten Lederfauteuils, wortlos, ohne -sich zu rühren, stunden- und stundenlang wie Wachsfiguren, bis jemand -kommt und sie zu Bette legt. Nie, nie, nie sprechen sie einen Wunsch -aus, rauchen nicht, langweilen sich nie, warten auf die Tage, die -Monate, die Jahre, wie alte Bäume im Frieden der Natur. - -Ich bin nicht gesundet; meine Qualen haben sich ins Maßlose gesteigert, -ich ringe um Tag und Stunde und um irgendeinen Lichtblick, wie es die -englische Tänzerin Esther war, die am ersten Abend zu mir gesagt hat: »I -have been in the whole world, but I have learned only one important -thing: To hate the man! Was will er ewig von uns, während unsere Seelen -noch kalt sind, und wir ihm doch schon unser Bestes, ja unser Liebstes, -unser Tanzen spenden?!?« Esther, Esther, o Esther — Sie sagte: »Du, ich -werde dich besuchen, aber nur wenn du ganz krank bist, ganz, und mit -geschlossenen Augen daliegst, denn da brauchst du nicht mit mir zu -sprechen.« - -Ich bin nicht gesundet und werde es nie, nie mehr wieder. Ich ringe mir -noch irgendeinen Lichtblick ab, und dann adieu. — - - - - - GOTTESGNADENTUM - - -Gott, der in der Natur _geheimnisvoll_ thront, um Ideale abzuwarten, die -sich endlich _realisieren_ sollen, will für alle, alle, alle, -leidenschaftlichst ihre Entwicklung zu ihrer Vollkommenheit, zur -Glückseligkeit, zu ihrem eigenen inneren und äußeren Frieden! Er -überträgt daher vorerst den Herrschern diese zarte und schwierige -Mission, solange das Volk noch _unmündig_ ist. Aber später fühlt es -leider der Herrscher nicht, daß seine Milliarde von Schützlingen _aus -eigener Kraft_ Gottes Wege zu wandeln bereits erstarkt sind! Wie wenn -ein Achtzigjähriger noch immer von seinem fünfzigjährigen Sprößling -sagte: »Karlchen hat sich verkühlt — er muß einige Tage das Bettchen -hüten — — —«. So behandeln die Monarchen ihr geliebtes Volk, haben keine -Ahnung, daß es _längst mündig_ geworden ist, sie selbst aber unterdessen -_greisenhaft_. - -Gottes Gnade kann einem einzelnen verliehen sein, der für alle -_zugleich_ sorgt; sie kann aber _später_ allen verliehen sein, die -_einzeln für sich selbst sorgen_! Vom einzelnen und von der Gesamtheit -jedoch kann Gottes Gnadentum in gleicher Weise mißbraucht werden! Es -kann einer für alle das Glück verschaffen oder verhindern; es können -alle es für sich selbst ebenso! - -Gottes Gnade strömt aus Gottes Geist, aus Gottes Herzen; und ein kleiner -zarter Knabe kann sie ausüben, wenn er tausend Erwachsene vor einer -Gefahr bewahrt, die sie selbst nicht ahnen in ihrer rastlosen -Geschäftigkeit. Wenn der Herrscher die _wirkliche Gnade Gottes_ -repräsentiert in bezug auf ein ganzes Volk, so hat er das Recht, von -seinem _Gottesgnadentum_ zu sprechen! - -In diesem Falle aber wird selbstverständlich das ganze Volk diese -Repräsentation auch unbedingt bis in die innersten Nerven hinein spüren, -und daher _aufjubeln_ und Dankgebete für ihn verrichten! Wenn das aber -nicht geschieht, sondern _Murren_ und _bange Verzweiflung_ in den Landen -losbrechen, dann ist es an der Zeit, für die Weisen der Nation, Einkehr -zu halten, Ausschau, und dem _Bedenken_ ihre geistigen Tore weit zu -öffnen! - -Es gibt kein Zurück, nach Gottes Ratschluß! Es gibt nur ein Vorwärts, -Vorwärts, Vorwärts, in jeglicher Sphäre menschlicher Betätigungen! Wer -das unternimmt, ein einzelner oder alle, steht unter Gottes Gnadentum! - - - - - AN EINEN UNMODERNEN ARZT - - -Werde gläubig! Gehe doch endlich von deinen eingewurzelten Prinzipien -ab, die für niemanden passen als eventuell für dich selbst, und siehe, -für dich sogar _vielleicht auch nicht_! Denn du sogar bist _besser_ als -dein eigenes Wissen! - -Wolle neue, dir unbekannte, dir noch unverständliche Welten kennen -lernen, öffne deine Augen und Ohren den neuen merkwürdigen Ereignissen! - -Was du selbst weißt und erfahren hast, ist alt, vermodernd und tot! - -Was andere dir bringen aus anderen Welten, kann dich erneuern! - -Schaue mit _ihren_ Augen, horche mit _ihren_ Ohren, fühle mit _ihren_ -Seelen, denke mit _ihrem_ Geiste! - -Wehe dir, wehe, wehe, der du deine eigene Welt den anderen -_aufoktroyieren_ willst! - -Solches durfte nur der Heiland — — —. Denn er _wußte_ es, _wofür_ er -sich kreuzigen ließ — — —. - -Aber du hast dich ewig zu _bescheiden_ und den Welten der _anderen_ zu -lauschen, von denen du Töne vernehmen kannst, die dir bisher leider -fremd waren! - -Nicht was du _bisher_ wußtest, kann dich bereichern, sondern das, was du -bisher _nicht_ wußtest! - -Aus der Weltenwurzel ewig neuartige Säfte, Kräfte ziehen, heißt, ein -feiner, nobler, kultivierter Mensch sein! - -Sein eigenes armseliges Weltchen den ungeheuren Komplikationen des -Weltenalls _entgegenstemmen_ wollen, ist eine _feige Gemeinheit_! - -Ergib dich den neuen, dir noch unverständlichen Wundern, und erhoffe es -dir, durch neue Erfahrungen _dich selbst endlich desavouieren zu -dürfen_! - - - - - ZYNISMUS - - -Ein neunzehnjähriger Gymnasiast tötet eine Fünfzehnjährige mit fünf -Revolverschüssen. Er verteidigt sich in keiner Weise. Was liegt also -vor?!? Es liegt vor das unbewußte Bewußtsein aller Höllenqualen, die -einem liebenden Manne noch Zeit seines verdammten Daseins bevorstehen -und die eine dumme, verwöhnt werdende fünfzehnjährige Schöne den Männern -bis zu ihrem 35. Lebensjahre unbedingtest allmählich noch bereiten wird! -Rettung gibt es da nicht in diesem Höllenpfuhle. Die mörderische -Schlacht ist vorzeitig, ist also rechtzeitig entbrannt, und muß zu Ende -gekämpft werden, von dem _unbewußt voraussichtigen_ Desperado, mit fünf -heimtückischen Todesschüssen, weil die 15jährige Geliebteste, -Allergeliebteste, von einem Nachbar in »kindlicher Freude« fünf Rosen -annahm, einen Don Juan von Kellner daran liebenswürdig-holder Weise -riechen ließ, und dieselbe Gnade dem unglückselig Liebenden dann -ironisch versagte! Seine Voraussicht kommender grauenvoller Leiden war -seine _verbrecherische Genialität_! Das Fräulein beginnt bereits, ganz -geheimnisvoll, sich zu fühlen als Beherrscherin und Zerstörerin dieser -unglückseligen zarten Welt »männliche Zuneigung«, und der -neunzehnjährige Rüpel weiß nicht anders die schreckliche Gefahr zu -bannen, als indem er fünf tödliche Schüsse auf die Schuldig-Unschuldige -abgibt! Die Frau, die zartfühlende, menschenfreundlich-adelige hat eine -_Verpflichtung_ gegen an ihr erkrankte Männerseelen! Nicht gerade die -Verpflichtung, endgültige Erlösungen ihnen zu spenden, jedesfalls aber -nicht mutwillig in eiternden Wunden herumzustochern — — —. Es ist keine -große Kunst und keine Lebensaufgabe, Männer irrsinnig und seelenkrank zu -machen; aber ihnen wenigstens wie ein milder, menschenfreundlicher Arzt -die äußersten und unnötigen Qualen zu ersparen, das wäre beginnendes, -zartes, strahlendes, sich selbst vor allem belohnendes Menschentum! - - - - - NACHTCAFÉ - - -Was ist ein Nachtcafé?! Etwas Unverlogenes. Die Mädchen wollen leben und -nicht Frondienste leisten, nicht Schaffel reiben und Nachttöpfe fremder -Menschen reinigen, solange sie noch entzückende Leiber haben. Sie wollen -sich andererseits betrinken, um zu vergessen, daß das alles nicht so -weiter geht, in infinitum. Sie stehen vor stündlichen Gefahren, müssen -sich berauschen an irgend etwas, um sich Mut zu machen für die Schlacht -des Lebens! Niemand behandelt sie nach ihres jungen Herzens Wunsche! -Infolgedessen rächen sie sich, wie sie es können, bald so, bald anders! -Heimtückische, feige Marodeure sind nur die Männer! Eine, der ich in -Briefen meine tiefste Sympathie, mein gerechtestes Verständnis bewiesen -hatte, sagte dennoch: »Du mußt mir die zwanzig Kronen im vorhinein -bezahlen — —! Wir haben es leider gelernt, selbst romantisch veranlagten -Dichtern nicht mehr zu trauen — — —!« - -Die Damenkapelle ist eine Oase. Sie sind verheiratet, Bräute, oder sonst -treu irgend jemandem. Sie haben ein konsolidierteres Schicksal. Sie -haben irgend etwas gelernt, wodurch man sich weiterbringt. Sie haben -sich der Lebensordnung eingefügt. Ob sie glücklicher sind, nicht andern -Enttäuschungen, Gefahren ausgeliefert?!? Zwei Welten, hart aneinander, -einander gleich in ihren schweren Kämpfen. Keine Damenkapelle ohne diese -Hetären, keine Hetären ohne diese Damenkapelle! Nur die Männer sind das -perfide Element. Sie möchten alle zusammen unglücklich machen, ihre ewig -hungrigen Eitelkeiten mästen mit den unglückseligen Blicken verliebter -Frauen! Damenkapelle oder Hetäre gilt ihnen gleich, ihre innere rohe -Leere mit einem liebevollen dummen Frauenherzen auszufüllen — — —! -Nachtcafé, du kleine miserable Welt, du Abbild der großen, noch viel -miserableren! - - - - - DIE NERVEN - - -Ich hatte einen Freund, einen höchst intelligenten Menschen. Aber seine -Nerven, oh, die waren gar nicht intelligent ... - -Eines Abends im Café sagte er zu mir: »Du, Peter, du könntest mir einen -riesigen Freundschaftsdienst erweisen! Ich fühle mich heute wieder so -greisenhaft, so ausgelöscht ... Bitte sage mir nach fünf Minuten, daß -ich heute besonders frisch und jugendlich aussehe ...« - -Ich nahm die Uhr, legte sie auf den Tisch, und sagte nach fünf Minuten: -»Du, sage mir, was ist heute los mit dir? So jugendlich frisch hast du -wirklich schon lange nicht ausgesehen ...!« - -Er wurde ganz rot vor Freude, ganz begeistert, und erwiderte: »Wirklich? -Das freut mich! Solche angenehme Sachen sagt einem halt niemand auf der -Welt wie du!« - - - - - BRITISCHE TÄNZERINNEN - - -Im Wiener Moulin Rouge ist jetzt eine Truppe von acht jungen -Engländerinnen, die angeblich nicht viel tanzen können. Das ist aber -grundfalsch und eine echt dilettantische Auffassung. Die Art, wie eine -Frau ihre Persönlichkeit in Bewegung, in Tanz wiedergibt, ist das -Wertvolle an ihr und an ihrer Darbietung! Das allein! Das Schreckliche -an unsern frühern Tänzerinnen war eben, daß die Schulung und die -Künstlichkeit ihre persönliche Grazie, ihre individuelle Bewegungsart -auslöschen, vernichten mußten! In der modernen Welt wird aber die -Persönlichkeit frei, und man verzichtet gerne auf die sogenannte hohe -Schule! Diese jungen acht Engländerinnen, die angeblich nicht viel -können, wie die Tanzmeister an den Tanzschulen behaupten, diese jungen -acht Engländerinnen repräsentieren in Art und Gebärde dennoch die -keusche, kindliche, merkwürdige Anmut aller englischen Mädchen und -Frauen, die von Natur aus und ganz von selbst mit unbeschreiblichem -Geschmack und Takt begabt sind und niemals mehr vorstellen wollen im -Leben, als ihnen von Natur und Schicksal beschieden ist! Sie bleiben -kindlich-herzig unter allen Umständen, in jeder Situation, in jeder -Lebenslage; sie akkomodieren sich nicht feigerweise, wünschen lieber zu -langweilen, als mit übertriebener Lustigkeit aufzuwarten! Sie tanzen, -wie Kinder im Volksgarten, im Stadtpark tanzen würden; oder im Hofe bei -einem Werkel, oder sonstwo für sich allein — — —. Sie rühren, ergreifen, -und ihre Tanznatürlichkeit besiegt die entsetzliche Tanzkunst, die sich -eine jede fast in emsigem Bemühen erwerben kann! Möchten wir uns doch -endlich, in jeder Hinsicht, von der schrecklichen historischen -Überlieferung emanzipieren, dieser Arterienverkalkung der menschlichen -Seele! Es gibt heutzutage bereits einige Tänzerinnen, die nur ihr -eigenes Wesen in Bewegung umsetzen, ihre persönliche Grazie allein -wirken lassen! Mögen sie bei den Tanzmeistern durchfallen, bei den -Meistern des lebendigen Lebens werden sie reüssieren. Diese acht jungen -Engländerinnen tanzen wie die allerherzigsten Kindchen, sie rühren und -ergreifen, sie geben sogar eine Idee von Englands Frauen überhaupt! -Seien wir ihnen vor allem dankbar, daß sie uns die manierierten, -affektierten, berechnenden Frauen noch unausstehlicher machen durch den -Kontrast! - -»Ich hole mir eine arme englische Tänzerin zur Frau«, sagte einmal ein -genialer welterfahrener Mann zu mir. - -»Bravo,« erwiderte ich, »aber wissen Sie auch, weshalb Sie das tun?!?« - -»Es sind kindliche und dankbare Geschöpfe, die es einem nie vergessen, -daß man sie errettet hat vor dem und jenem, was immerhin passieren -könnte. Außerdem ist ihnen der sichere Ehrentitel »Missis so und so« -wertvoller als die flüchtigen Triumphe, denen Enttäuschung auf dem Fuße -folgt!« - -Ich glaube, die anständige, angeblich temperamentlose Engländerin macht -das bessere Geschäft auf Erden, als die leichtsinnigen, lebensunkundigen -andern. Anständigkeit ist Willenssache. Aber diesen Willen eben haben -wollen, in allem und jedem, ist Kultur und Adel. Die Engländerin will -eben anständig sein! Möge sie daher Frieden, Achtung und Sorglosigkeit -einheimsen! Man gönne es ihr ... - - - - - DER TRATTNERHOF - - -Also dieser aristokratisch-einfache, zweckmäßig gegliederte alte Bau -soll nun auch verschwinden! - -Statt dessen werden schreckliche Unnötigkeiten erstehen, Türmchen mit -Kupferplatten versehen, oder eiserne schwarze, oder vergoldete; riesige -Emailplatten in allen Farben; kleine Balkone, auf die niemand -hinaustreten kann, mit Geländern wie irrsinnig gewordene Schlänglein! -Ein Tohuwabohu von Unzulänglichkeiten! Ein architektonischer Hexensabbat -alles Unnötigen, Unzweckmäßigen, blöd Verschwendeten auf Erden! In -unseren geliebten Spielereischachteln einstens waren Häuser mit glatten -edlen Wänden, breiten Fenstern, hohen Dächern, großen Haustoren. Da -konnten wir uns weite, stille, abgeschiedene Zimmer hineindenken, in -denen man ein Refugium fand vor den Stürmen des äußeren Lebens! Aber -heutzutage ist man ehrlich; an der Schnickschnackfassade sollst du es -nämlich sogleich zu spüren bekommen, daß du auch in deinem eigenen, von -dir selbst bezahlten Zimmer, keinerlei klösterlichen Frieden, Ruhe, -Sicherheit, Vereinsamung, Abgeschlossenheit mehr finden könntest — — —! -Die Menschen suchen Ornamente, Verschnörkelungen, _Zieraten_ (ein -ekelerregendes Wort), weil sie zu ihren eigenen, in sie von Gott -gelegten _Paradieseseinfachheiten_ noch nicht vorgedrungen sind! - -Der alte, einfache, edle Trattnerhof hat durch Jahrzehnte niemanden -gestört, belästigt. Ich sehe nun schon alle Künsteleien ihre -schändlichen Orgien feiern. Häuser werden zum Bewohntwerden errichtet, -meine Herren Architekten; architektonische Knockabouts gehören in den -Wurstelprater! - - - - - ARTISTISCHE RUNDSCHAU, WIEN - - -_Djellah_. Über diese Künstlerin wollen wir einem berufenen Fachmann und -zwar dem Altmeister _Peter Altenberg_ das Wort lassen, welcher folgendes -schreibt: - -Es ist sehr schwer für mich, über den »Clou« des Etablissements -»Tabarin« zu schreiben. Denn es ist geradeso, wie wenn man sein eigenes -Kindchen zu loben hätte öffentlich. Und stets betrachtete ich diesen -speziellen Typus von adeliger, schlankster brauner Frauenschönheit als -meine geliebten vergötterten Kindchen. Ich meine in diesem Falle die -malayische Tänzerin Djellah. Nicht was sie kann, was sie ist, ist ihr -Besonderes! Ihr Sein, die Form ihrer Glieder, der Ausdruck ihrer Augen, -die Modellierung von Stirn und Nase, die Farbe ihrer Haut, die Zartheit -ihres Wesens ist ihr Besonderes. Man würde sie ebenso verehren, wenn sie -langsam durch Lianenwälder schritte, oder in einem kleinen Rindenboote -säße, oder in einem Dorfe vor einer niederen Hütte kauerte — — — Sie -repräsentiert eine _andere_ Welt, eine schlanke, biegsame braune Welt, -erfüllt mit natürlicher Anmut und sanfter Bewegungsfreudigkeit. Die -unbeschreibliche Schönheit ihrer gelbbraunen Beine zu schildern, wäre -geschmacklos. Vor Idealen verstummt man, falls man nicht ein ganzes -Feuilleton darüber zu schreiben den ehrenden Auftrag erhalten hätte. Da -freilich muß man loslegen, coute que coute. Djellah ist in der Richtung -der herrlichen Ruth St. Denis; nur leidenschaftsloser, weniger -prunkvoll, selbstverständlich, ohne Cobragiftdekoration. Um so edler und -wertvoller. Bei uns kümmert man sich leider noch immer viel zu viel um -das »Können« von Menschen, als ausschließlich um ihr »Sein«. Das -Erlernbare ist »erlernbar«, aber vor dem »Unerlernbaren«, in jeglicher -Richtung, da müssen wir »Habt Acht« stehen und ehrfurchtsvoll -salutieren. Heil Djellah — — —! Können, erlernen, ist gar nichts; aber -es von Schicksals Gnaden mitbekommen haben, Glieder, Hände, Füße, -Gelenke, Teint usw. usw., das ist das wirklich Besondere auf -Erden — — —! Da beginnt nämlich die _physiologische Aristokratie_! - - - - - PARFÜM - - -Als Kind fand ich in dem Schreibtisch meiner geliebten wunderbar schönen -Mama, der aus Mahagoni war und geschliffenem Glase, in einer Lade einen -leeren Flacon, der aber noch immer intensiv nach einem bestimmten, mir -unbekannten Parfüm duftete. - -Oft schlich ich mich hin und roch dann. - -Ich verband dieses Parfüm mit aller Liebe, Zärtlichkeit, Freundschaft, -Sehnsucht, Traurigkeit, die es überhaupt gibt. - -Aber alles bezog sich auf meine Mama. Später überfiel uns das Schicksal -wie eine unvorhergesehene Hunnenhorde und bereitete uns allenthalben -schwere Niederlagen. - -Und eines Tages zog ich denn von Parfümeriehandlung zu -Parfümeriehandlung, um in kleinen Probefläschchen vielleicht das Parfüm -zu entdecken aus der Mahagonischreibtischlade meiner geliebten -verstorbenen Mama. Und endlich, endlich entdeckte ich es: Peau -d’Espagne, Pinaud, Paris. - -Da gedachte ich der Zeiten, da Mama das einzige weibliche Wesen war, das -mir Freude und Schmerz, Sehnsucht und Verzweiflung bereiten konnte, das -mir immer, immer wieder aber alles verzieh, und das um mich sich sorgte, -und vielleicht sogar insgeheim abends vor dem Einschlafen für mein -künftiges Glück gebetet hatte ... - -Viele junge Damen sandten mir in kindlich-süßen Begeisterungen später -ihre Lieblingsparfüme, dankten mir herzlichst für ein von mir erfundenes -Rezept, jedes Parfüm nämlich unmittelbar nach dem Bade direkt auf die -nackte Haut des ganzen Leibes einzureiben, so daß es wie echte eigene -Hautausdünstung wirke! Aber alle diese Parfüme waren wie die Gerüche von -wunderschönen, aber eher giftigen exotischen Blumen. Nur Essence Peau -d’Espagne, Pinaud, Paris, brachte mir melancholischen Frieden, obzwar -meine Mama nicht mehr vorhanden war und mir nichts mehr verzeihen konnte -von meinen Sünden! - - - - - ÜBERS SCHREIBEN - - -Ich bin durch einen Brief meines wirklichen Freundes und -freundschaftlichsten (er schreibt unerhört flink auf einer allerbesten -Schreibmaschine) Fr. W. erst zur Erkenntnis gekommen, zur plötzlichen -einbrechenden einfachsten Erkenntnis, daß _gut_ Briefe schreiben nur -bedeuten könne, _so_ zu schreiben, als _höre_ der Briefempfänger während -des Lesens unmittelbar den neben ihm sitzenden Schreiber des Briefes -laut und eindringlich mit ihm _sprechen_! Diesen Unterschied des -_schweigend_ Schreibenden und des _tönend_ Sprechenden ausgleichen -können, vollständig, in einem Briefe, heißt Brief _schreiben können_! -Alles andere ist literarischer Mumpitz mit Lorbeeren gekrönt à la -Schweinskopf. Temperament, Ungezogenheiten, Eigenheiten, Frechheiten, -Dummheiten, alles muß _herausgellen_, gellen, gellen; sonst ist -es eine gemachte, verlogene und daher _ennuyante_ Sache! -Briefmomentphotographie! - -Zu mir kam einmal einer meiner Freunde, der Uhrmacher Josef T. Er hatte -seine wunderbare 23jährige Geliebte zu Grabe geleitet. - -»Peter, Sie kennen mich, helfen S’ mir! Eine Grabschrift von Ihnen für -meinen marmornen Gedenkstein! Wann darf ich hoffen, daß Ihnen was -Passendes einfallen dürfte?!?« - -»_Sofort_,« erwiderte ich mitten auf der Straße, »oder _nie_!« - -Er riß sein Notizbuch heraus. - -Ich schrieb: - - »Ich war der Uhrmacher Josef T., - Und dann war ich im Paradiese durch Dich — — —. - Und jetzt bin ich wieder der Uhrmacher - Josef T. — — —.« - -So rasch, so prompt muß man seine Menschlichkeiten ausschütten; denn -später wird es eine fade Sauce! Daher die vielen faden Saucen — — —. - - - - - ANGSTSCHREI - - -Es gibt nur einen einzigen, einen allereinzigsten Beweis einer Frau, -ihrer echten, menschlichen, aufrichtigen, anständigen Beziehung zu uns: -das ist, uns mit Absicht und heiligem Willen jegliche Eifersuchtsqual zu -ersparen, ja sie in jedem Augenblick einfach unmöglich zu machen! Dieser -gütige Wille allein beweist uns ihre wirkliche Zusammengehörigkeit mit -uns! Diesen gütigen Willen kann sie sich zulegen! Sonst bekommt unser -Edelgehirn den Verfolgungswahn, gleich diesem adeligsten Gehirn -Strindbergs! - -Eine geliebte Frau muß uns schützen wollen zu jeglicher Stunde, da wir -einmal in bezug auf ihren geliebten, vergötterten Leib in einer Art von -mysteriöser Hypnose uns befinden! Diese unsre schreckliche, durch sie -allein erzeugte Krankheit muß sie behandeln wie ein Arzt einen -unglückseligen schwer Erkrankten, der seiner Obhut sich gläubig -überläßt! Wehe, wenn sie diesen ohnedies schwer Leidenden auch noch -absichtlich schwächen wollte, statt ihm Heilung zu bringen, da es doch -nur von ihrem edlen anständigen Willen abhängt, es zu erreichen! - -Diese Heimtücke, uns absichtlich unglückselig zu machen, ist die -Schlange in ihr. Denn jede anständige Persönlichkeit hat den natürlichen -Wunsch, ihren armen Nebenmenschen zu helfen und zu dienen, soweit es -nämlich möglich ist! Die Zerstörungselemente sind eine gottlose infame -Gemeinheit, die nur in teuflischen Organisationen liegt. Jede andre -sucht zu schützen und zu helfen, soweit es möglich ist! - -Eifersucht ist eine schwere Erkrankung des Gehirns, die von jeder -menschenfreundlich gesinnten Frau gebannt, geheilt werden kann. Wenn sie -es absichtlich unterläßt, so ist sie eine Teufeline, eine, die sich an -der Zerstörung unsrer heiligen Lebenskräfte weidet, weil sie nur Böses -überhaupt leisten kann und Zerstörendes, nicht aber Leben, Freudiges und -Gedeihendes! - -Mögen die wertvollen, kultivierten Männer ein wenig genauer zusehen, -wodurch ihnen der größte Teil ihrer wertvollsten Lebensenergien -eigentlich vollkommen grundlos täglich geraubt und vernichtet wird, und -mögen sie endlich anfangen, sich ernstlich zu schützen vor dieser -tiefsten Gefahr: Ungezogenes, eitles, freches und sich überhebendes -Weib! Teufeline statt Schutzengel! - - - - - JULI-SONNTAG - - -Fünf Uhr morgens. Alles ist gebadet in gelbem Sonnenlicht. Noch ist es -frisch und kühl. Viele Touristen erheben sich aus dem Schlaf, -unausgeschlafen, der Sonne entgegen. Leicht wird es ihnen, mit kaltem -Wasser das Schlafbedürfnis zu bannen. Noch ist es kühl, und man -schreitet dem heißen Tag entgegen, wie in die heiße Schlacht! - -Viel zu wenig bieten der Tag und die Stunde den meisten. Und auch das -genügsamste Herz lechzt nach Außergewöhnlichem. Da kommt der -Juli-Sonntag in grellem gelbem Licht! Juli-Sonntag, du sollst es -bringen! - -Überallhin echappiert die unzufriedene Menschheit. Müde gelaufen fällt -sie dann zurück in die Pflicht! Montag, wie wärest du sauer, wärest du -nicht die Quelle und Ursache sonntäglich kommenden süßen Glücks! -Sonntags siehst du die Müden in Wiesen und Wäldern gelagert, rein -gebadet vom Schmutz der vergangenen Woche, kommender Woche gefaßter -entgegenharrend. - - - - - DER JAGDHERR - - -»Herr Baron, weshalb sehen Sie heute so gedrückt und verstimmt aus?! -Wenn _Sie_ nicht froh und sorglos aussehen sollten, wer könnte es dann -noch überhaupt?!?« - -»Sie scheinen es nicht zu wissen, daß jetzt der Herbst ist und die -›Hirschbrunft‹ anfängt. Nein, wie mir mein Oberförster gemeldet hat, daß -die Hirsche bereits ›röhren‹, da begann meine Verzweiflung. Ich hörte -schon die stundenlangen, endlosen Gespräche meiner geehrten Jagdgäste -darüber, weshalb und aus welchen komplizierten Gründen sie den -Vierzehnender nicht _getötet_ haben. Ich sage zu meinen Jagdgästen immer -absichtlich ›getötet‹, denn da giften sie sich am meisten; denn -eigentlich müßte man sagen —, aber das stupide technische Wort kann ich -mir, oder will ich mir vor allem, nicht merken. Meine Gäste wären so -nette Menschen, wenn sie nicht jagen würden! Ich verstehe absolut nicht, -weshalb ein Hirsch, der vierzehn Enden hat, interessanter sein sollte -als einer, der überhaupt kein Ende hat. Jedenfalls, so viel Enden kann -kein Hirsch haben, daß er für mich an Interesse gewänne! Ich esse nicht -einmal sein Fleisch, da es schwarz, saftlos und meistens zäh ist. Einmal -sagte mir ein Weiser: - -›Wissen Sie, Herr Baron, weshalb ich so gern Hirschbraten esse?!?‹ - -›Nein,‹ erwiderte ich, ›das kann ich mir gar nicht denken — — —.‹ - -›Wegen der Sauce Cumberland, die so gut dazu paßt, aus -Hetschepetschfrüchten, Rosenfrucht, bereitet!‹ - -›Aber, lieber Freund, da essen Sie doch die Hetschepetschsauce für sich -alleine!?‹ - -›Ja, Herr Baron, wenn man _das_ könnte; aber das _kann_ man nicht — — —! -Sie gehört zum Hirschbraten‹. - -Ein Jagdgut ist sehr angenehm natürlich, aber nur wegen der Mühlen, -Kalkbrennereien und so weiter, die dazu gehören. Die vielen Hirsche -stören mich, sie lenken mich ab von einer anständigen, fruchtbringenden -und sinnvollen Tätigkeit. Besonders die Vierzehnender hasse ich; über -die wird nämlich am meisten und wichtigsten Blödsinn geredet. Am -tragischsten aber ist es für mich, wenn dieses Tier nicht getötet, -sondern nur angeschossen wird. Da erreicht die Aufregung meiner -Jagdgäste den Höhepunkt. Man glaubt jedesmal, sie hätten die Schlacht -von Sedan verloren oder wären plötzlich entthront worden. ›Man wird es -schon finden, das arme Tier,‹ sage ich da jedesmal, um sie zu giften. -›Es wird in einem Gebüsch _gestorben_ sein, etsch!‹ Beim Wort -›gestorben‹ möchten sie mich alle ohrfeigen — — —. - -Aber lieber ist es mir, das arme Vieh werde sogleich ins Herz -geschossen, damit es die Leiden erspare und ich meine Ruhe haben könne -beim Souper. Nun werden Sie mich natürlich fragen, weshalb ich überhaupt -eine Jagd habe und Jagdgäste dazu einlade. Da kann ich Ihnen nur mit dem -_mysteriös-philosophischen_ Satze, den noch _kein Kultivierter_ je -ergründet hat, antworten: ›Mein lieber Herr, das verstehen Sie nicht, -_es gehört einmal dazu_!‹« - -Der Baron schwieg; dann sagte er: - -»Einer meiner geehrten Herren Hirschgeweihjagdgäste lud mich aus -Dankbarkeit wieder zu seiner ›Wildschweinjagd‹ ein. Ich war gezwungen, -irgendwo auf einem Balkon, der mit Reisig eingefriedet war, auf das -gutmütige und häßliche Vieh zu warten. Endlich erschien es und knabberte -schnauzend an einem Hügelchen von Kukuruz, das als Lockspeise eigens -listig errichtet war. Da schoß ich es, pumps, ins Herz, und bekam als -Trophäe die Stoßzähne, die ich in den Abort warf — — —.« - - - - - EPISODE - - -Zwei elegante junge Leute stellen sich verlegen vor: - -»Wir sind seit langem begeisterte Verehrer Ihrer Dichtungen und bitten -Sie um die Ehre, an unserm Tische mit uns Champagner zu trinken — — —.« - -»Meine Herren, ich bin sehr, sehr krank, und bitte Sie daher, mir vorher -alle Garantien zu bieten, daß man sich in vollster Korrektheit benehmen -werde!« - -»Aber Herr Altenberg, würden wir sonst um die Ehre Ihrer Gesellschaft zu -bitten überhaupt wagen?!?« - -Zwei Stunden später: »Sie, Peterl, mir san ganz gewöhnliche naive -Menschenkinder, aber Sie haben doch das Raffinement, Sie verstehen doch -diese Sachen aus dem ff. Sie, bitt’ Sie, mir beide fliegen so kolossal -auf dös Menscherl dort am dritten Tisch. Gehn’s, kobern’s es uns zu — -spielen Sie den Vermittler!« - -Ich stand auf, sagte: »Meine Herren, Sie vergessen Ihre zugesagten -Garantien! Ich muß Sie ernstlich daran erinnern — — —.« - -»Was Garantien — wir wollen uns für unser Geld amüsieren.« - -Darauf stand ich brüsk auf, ging zu der Dame hin und brachte sie an den -Tisch. Eine Pause entstand beklommener Verlegenheit. Dann sagte ich: -»Sie haben nun für Ihr Geld Ihr Vergnügen! Apropos, es gebühren mir aber -noch für die Vermittlung zwei Flaschen Schampus! Also her damit! Ich -werde sie aber _allein_ an einem anderen Tische trinken!« - - - - - JOSEF KAINZ - - - Habt ihr Wasser über Felsen donnern, krachen gehört?! - Hagel aufschlagen in taubeneigroßen Körnern?! - Wolkenbrüche auf Dächern niedersausen?! - Sturmwind durch Wälder fegen?! - Felder gemäht werden vom Winde?! - Seewellen an Land hingepeitscht werden?! - Und die Geräusche aller übrigen entfesselten Naturkräfte?!? - Seht, so, so war Josef Kainzens Stimme!!! - So ähnlich muß Gottes Stimme getönt haben, - Als er bei Erschaffung der Welt befahl: - »So und so will ich es!!!« - - - - - BETTLERFRECHHEIT - - -Es ist doch selbstverständlich, daß ein Bettler, der in einem -palastartigen Zinshause im ersten Stocke schüchtern-bescheiden anklopft -oder vielmehr auf den elektrischen Knopf kurz drückt und in äußerster -Zerknirschung um ein Stückchen Brot bittet, es erwartet, daß man ihm ein -Beefsteak mit Spiegelei und extra eine Krone bar hinausreiche. - -Sollte aber jemand naiverweise den Wunsch nach einem Stückchen Brot à la -lettre erfüllen, so darf er sich über die vollständig korrekte Antwort -nicht wundern: »Dös können’s selber fressen!« - -Daher zeugt die Art, ohne demütig zerknirscht anzuklopfen, sondern ernst -und in gerader Haltung 1000 Kronen _geborgt_ zu verlangen, von tieferer -Menschenkenntnis; denn hier klammert sich das Opfer der »ungerecht -verteilten Lebensgüter im Dasein« wenigstens an diese letzte Hoffnung: -»Er wird zurückzahlen, falls er kann — — —.« Nein, Esel, falls er will! -Aber er will nie, nie, nie. Denn wenn er die Kraft mitbekommen hätte von -seines Gehirnes Gnaden, zurückzuzahlen, so hätte er auch vor allem die -Kraft mitbekommen, so sparsam zu leben, daß er nie in eine so -verzwickte, also bereits der _Unanständigkeit_ und dem _Betruge_ nahe -Lage gebracht worden wäre! - - - - - VON MEINEM KRANKENLAGER AUS - - -Ich lese so viel wertlose Bücher annonciert, besonders die, deren -Illustrationen ebenso unverständlich blöd wie die »Sand in die Augen -streuenden« pathologisch-aufgeblasenen Texte dazu sind. Ich gelte selbst -als unverständlich und verworren. Das ist aber ein großer Irrtum. Ich -bin nämlich ganz einfach zu verstehen für Leute, die eine _Seele_ haben -und sogenannte »_Hyperästhesien_«, wie wir Griechen uns auszudrücken -belieben, damit das _Volk_ uns nicht sogleich verstehe. Auf Deutsch -heißt es: _Überempfindlichkeiten_. Und daran krankt oder, wie tiefer -Denkende es auffassen, daran _gesundet_ allmählich unser, bisher ein -bißchen zu brutales Zeitalter. Aber, um auf das Thema dieses Aufsatzes -zu kommen, dessen Einleitung bisher ziemlich verschroben und unnötig -gewesen ist — — —, ich fühle mich eben in diesen verworrenen -Zeitläuften, wo schlecht von gut deshalb schwer zu unterscheiden ist, -weil so viele talentlose Idioten die Konjunktur »Richard Wagner war auch -einst verkannt und mißverstanden« frecher- und tölpelhafterweise -ausnützen, ich fühle mich eben in diesen verworrenen Zeitläuften -verpflichtet, ein unbeschreiblich einfaches, Kindern verständliches, -herrliches, rührendes Buch öffentlich zu erwähnen: Philippe Monnier: -Blaise, der Gymnasiast, übersetzt von Dr. Rudolf Engl und Marie -Döderlein, Verlag Albert Langen. Ich glaube, viele unserer -Literatursnobs werden sich schämen, wenn sie die Wirkung dieses unerhört -einfachen Buches verspüren werden in ihren, zu gordischen Knötchen -verschlungenen Gehirnchen! Es ist keine sonderliche Kunst, sich, indem -man andere, Contemporains, bewundert, den Erfolg eines adelig denkenden -Unabhängigen, Vorurteilslosen zu ergattern! Aber solche _Manöver_ wird -man dem todeskranken, bereits in lichteren Sphären befindlichen Autor -der ausgezeichneten Bücher »Wie ich es sehe« und »Was der Tag mir -zuträgt« keineswegs zumuten können. Blaise, der Gymnasiast, versetzt -feinfühlige Menschen in alle poetisch-romantisch-alltäglichen -Vorkommnisse ihrer Jugend, deren Erlebnisse niemand _vor_ dem 40. -Lebensjahr zu genießen oder literarisch zu verwerten weiß! Jugendzeit, -du goldene Zeit — — —, aber mit welchen _tiefen Niaiserien_ ist sie in -diesem Buche vorgeführt! Man erholt sich von sogenannten talmimodernen -Malern, Dichtern, Bildhauern und Frauen. Wenn ich einfach sein _will_, -so muß ich es vor allem auch wirklich sein _können_. Nicht ein jeder -darf nämlich als »_härener Pilger_« uns belästigen! Etsch! - - - - - KRANKHEIT - - -Wenn sogenannte Freunde einen Schwerkranken besuchen, haben sie -ausschließlich die Absicht, alles schön zu färben. Niemals hat er -blühender ausgesehen, ja direkt verjüngt. Man möchte es nicht glauben, -in dieser kurzen Zeit! Die Hoffnung, mit dem billigsten, was es auf -Erden gibt, dem schönen liebenswürdigen Wort, sich aus der Affäre zu -ziehen, ist größer als der Zwang der Anständigkeit, den die schlichte -Wahrheit erfordert. Man findet sein Zimmer ganz einfach süperb, viel -gemütlicher als sein einstiges Heim, obzwar man genau weiß, daß er mit -allen Fasern seines Herzens an jedem Winkel seines geliebten -Heimatzimmerchens hing. Man vermeidet es geschickt, zu fragen, wer denn -alles bezahle, und fragt diskret an, ob die drei Kronen, die man einmal -rekommandiert geschickt habe, auch wirklich angekommen seien. Bei -bejahender Antwort verklärt sich das Antlitz des Spenders, und er sagt: -»No, siehst du, Peter, wie man dich nicht verläßt in deinen schweren -Zeiten!?« - -Der Kranke wird plötzlich zu einem Verfemten, mit dem man geschickt -lavieren muß. Den Gesunden konnte man auf verschiedene und eigentümliche -Art ausnützen und verwerten: War er gescheiter, so konnte man seine -eigene Stupidität hinter ihm bequem verbergen; war er liebenswürdiger, -so konnte man die eigene Roheit durch ihn geschickt kaschieren. Aber der -Kranke ist zu nichts Rechtem mehr zu gebrauchen. Ihn den Würmern noch -für längere Zeit vorzuenthalten, ist scheinbar eine schlechte -Spekulation; aber ein gewisses Schamgefühl verhindert sie dennoch, den -Unterschied zwischen der Beziehung zu dem Gesunden und zu dem -Schwerkranken allzu augenfällig zu machen. Außerdem könnte es ja doch -unter der Million von Idioten einen geben, der die ganzen Manöver -durchschaute. - -Man liebte den Gesunden selbstverständlich ebensowenig wie den Kranken, -aber man hatte damals wenigstens keine Gelegenheit, ihn als eine direkte -Last zu empfinden, und infolgedessen hielt man die natürlichen -Grausamkeiten ihm gegenüber in gewissen Schranken der sogenannten -Wohlerzogenheit. Trotzdem gönnte ihm niemand Zeit seines Lebens Freude -und Glück, und wenn er es sich trotzdem errang, so geschah es unter -merkwürdig schwierigen, belastenden Umständen, die aus dem Neid der -sogenannten besten Freunde entsprangen. Dem Gesunden gönnte man nicht -eine Stunde lang seine Kraft, zu leben, begeistert zu sein, zu lieben -und aufwärts zu kommen, und erst der Schwerkranke befreit die Freunde -von der stündlichen Gefahr, daß er ihnen über den Kopf wachse. Wenn die -Erfahrungen, die der Kranke macht, dem Gesunden zugute gekommen wären, -wäre er fast ein Genie geworden an Lebenskunst; so aber wurde er das -selbstverständliche Opfer der heimtückischen Lüge des Lebens. - -Oscar Wilde starb, wie keiner von der Million der Enterbten je -dahingestorben ist; aber viele Jahre nach seinem Tode setzte ihm eine -Pariser Dame einen Grabstein, der vierzigtausend Franken kostete. Könnte -der Tote seine geniale Hand emporrecken, so würde er die wertlosen -steinernen und bronzenen Dekorationen zertrümmern, die eine Gans seinen -vermoderten wertlosen Gebeinen gesetzt hat. Gebt dem Lebendigen die -Kraft, alle Genialitäten seines Hirns, seines Herzens für euch -Stumpfsinnige, Keuchende, Kriechende zu verwerten und ausleben zu -lassen, und überlasset die Sorge um die sechs Rappen, die den -Leichenwagen des zu Tode Gemarterten ziehen werden, der Entreprise des -pompes funèbres! - - - - - AN EINE ELFJÄHRIGE (†) - - -Hilde, Elfjährige, ich wußte nichts bis dahin über dich — — —. - -Nun aber habe ich deine Stimme vernommen, deine wunderbar klare tönende -Stimme, - -wie Seelenglocken so hinaustönend in die dumpfe stumpfe Welt! - -Und diese Stimme wird alles viel deutlicher, viel tiefer, viel -erhabener, viel verzweifelter einst sprechen, was das Leben des Tages -und der Stunde uns zu sagen zwingt! - -Wie wird diese Stimme einst sagen: »Bleibe bei mir!?« - -Wie wird sie es sagen: »Du liebst mich nicht mehr!?« Und: »Adieu, -adieu — — —.«!? - -Diese Stimme ist so klar und rein wie Gottes Träume über das Leben der -Menschen! - -Aber das Leben der Menschen selbst ist unklar und schmutzig-trübe! Diese -Stimme wird hineintönen wie eine Seelenglocke, ernst, erhaben, -liebevoll, feierlich, rührend, in das dumpfe Gebrause der Menschheit, -sie wird verklingen, übertönt werden und ausgelöscht — — —. Sie wird -ihren tönenden Glockenklang verlieren und dumpf werden wie die Umwelt -— — —. - -Aber ein alter Dichter auf dem Sterbebett hat sie noch vernommen und -nimmt den Klang mit aus einer dumpfen stumpfen Welt, tief gerührt und -ergriffen — — —. - -Stimme der elfjährigen Hilde, klare tönende Seelenglocke, läute, töne, -solange, solange es irgendwie geht — — —. - -Und wenn sie dumpf wird im Brausen des Lebensgetriebes, dann gedenke, -Hilde, des unglückseligen Dichters, der noch die Seelenglocke deines -edlen elfjährigen Herzens im Ohre mit hinübernahm — —. - - - - - KRANKENBESUCH - - -Die Freunde wollten dem todkranken Dichter eine nach ihrer Ansicht ganz -exzeptionelle vollkommene Schönheit, eine Künstlerin aus München, -vorführen. Sie nahmen daher ein Auto und fuhren hinaus zu ihm in das -Sanatorium. - -Die Dame war ganz einfach angekleidet, ganz in Schwarz. Sie hatte -ungefähr die Gestalt der Kaiserin Elisabeth, ein bleiches Gesicht, -aschblonde, fast hellgraue Haare. - -Die freiwillige Pflegerin des Dichters begrüßte vor der Zimmertür die -Ankommenden und warf einen flüchtigen, merkwürdigen Blick auf das -unbeschreiblich schöne Perlenkollier an dem nackten Hals der fremden -jungen Dame. - -Darauf sagte einer der Freunde des Dichters: »Sie, Fräulein, der Dichter -befindet sich immer in schweren ökonomischen Krisen. Wenn er dies -herrliche Kollier an Ihnen sieht, wird es ihn bei seinen sowieso -zerrütteten Nerven aufregen, daß es Künstler gibt, die anders bezahlt -werden als er.« - -»Oh,« sagte sie, »glauben Sie wirklich, daß ihn das aufregen wird? Dann -will ich es ablegen.« Sie nestelte an der Goldschließe, nahm das Kollier -in die hohle rechte Hand — — —. - -»Sie sind eine liebe, feine Person!« sagte einer der Freunde. »So etwas -Takt- und Geschmackvolles, diesen halb irrsinnigen Dichter so zu -schonen! Ich muß wirklich sagen, ich könnte Ihnen die Hand dafür -küssen.« - -Die Dame trat als erste ruhig in das Krankenzimmer an das Bett des -Dichters, nannte ihren Namen, gab ihm ihre wunderschöne rechte Hand und -ließ ihm das darin befindliche Perlenkollier in der seinen. - -Beim Abschied sagten die Freunde: »Jetzt ist keine Gefahr mehr. Jetzt -können Sie Ihr herrliches Perlenkollier schon wieder anlegen.« - -»Ich will es lieber in der Tasche behalten«, erwiderte ruhig die -Dame — — —. - - - - - NOTIZ - - -Die Polizei hat die Vorführung einer Reihe von Filmen in den -Kinematographentheatern, diesen modernsten, theoretisch wenigstens -_einzig möglichen_ Bildungsstätten für das Volk, verboten, weil sie -Tiermißhandlungen (Ausreißen der Straußenfedern auf Farmen, Stopfen, -Mästen der Gänse in Pistyan usw. usw.) _selbstverständlich_ in derselben -schamlos krassen Art zur Darstellung gebracht haben, in der sie aber -_tatsächlich_ ausgeübt werden. Die _Entrüstungsrufe_ des Publikums -sollen zu dieser polizeilichen Verordnung den Anstoß gegeben haben. Die -Menschen sollen es also _nicht_ erfahren, welche _Schändlichkeiten_ aus -Erwerbszwecken begangen werden. Das erinnert allzu sehr an die alte -Anekdote, in der ein Millionär seinen Kammerdienern befahl: »Werft’s mir -diesen alten unglücklichen Hausierer hinaus, er zerbrecht mir das Herz!« - -Nur ein _unerbittlicher Einblick_ in das Unglück, das so viele Wesen -schuldlos trifft, kann die stumpfen, trägen Herzen der Menschen -_aufrütteln_, zu Verbesserungen und wahrhaftiger Menschlichkeit! Ich -füge ein Erlebnis hinzu, das zwar nicht daher paßt, aber immerhin einen -Einblick gewährt in die in Vertiertheiten schlummernde Seele der -heutigen Menschen. Einer meiner Bekannten, ein fanatisches Mitglied des -Tierschutzvereines, stellte einmal einen brutalen Kutscher zur Rede, und -als dies nur nachteilige Folgen für die armen Pferde hatte, machte er -die Anzeige gegen den Kutscher. Vor der Verhandlung sagte der edle -Rechtsanwalt Dr. Kr. meines Bekannten zu ihm: »Sagen Sie nicht allzu -schroff ungünstig gegen den Kutscher aus, und verlangen Sie besonders -nicht seine Bestrafung, weil er drohend gegen Sie den Peitschenstiel -erhob. Es geht nur _an den armen Pferden aus_! ›Wart’s, Ludern, dös -sollt’s mir büßen‹ — — —!« - -In Deutschland ist das _künstliche_ Stopfen, Mästen von Geflügel -strengstens _bei hoher Strafe_ verboten. »Friß, so lang’ du fressen -kannst und magst!« ist ein humaneres Prinzip als: »Friß, ob du magst -oder nicht — — —!« - -Ein bisserl Anständigkeit, meine Herrschaften, man verlangt ja eh nicht -viel! Die Gansleber wird auch schmackhaft nach sechs Monaten, laßt’s -doch dem armen Vieh Zeit, seine Leber dem niederträchtigen, -wollüstig-feigen Gaumen der Menschen zuliebe maßlos zu vergrößern! Man -muß ja nicht mit den verbrecherischen Fingern und Federkielen -nachhelfen; Tiere wie Menschen _fressen sich ja eh zu Tode_, wenn man -sie nur laßt! - - - - - RÜCKKEHR VOM LANDE - - -Nun ist es wieder Herbst geworden, und die Graben-Kioske füllen sich zur -Abendzeit mit wohlgepflegten und gebräunten Damen. - -Man hat sich so viel zu erzählen, und man schweigt! - -Man ist wieder in diesem Gefängnis »Großstadt«. - -Man träumt von Licht und Luft und Wasser. - -Man war ein anderer, besser, menschlicher, mit einem Wort »beweglicher«. - -Nun geht man seinen Trab wie eh und je. - -Man fühlt sich altern, schwerfällig werden, klammert sich an dieses -unglückselige Wort: Verpflichtungen! - -Die Wohnung will nicht in Ordnung kommen, und die Dienstboten kündigen. - -»Die gnädige Frau war am Lande viel netter zu uns — — —.« - -Ja, das war sie. - -Die Kellner in den Kiosken begrüßen alle Gäste wie Weltreisende, die -vielfache Gefahren überstanden haben — — —. - -Nun nehmen sie Soda-Himbeer im sichern Port! - -Die Deklassierten, die nicht fort waren, mischen sich in die Menge der -Zurückgekehrten, als ob nichts vorgefallen wäre — — —. - -Ja, sie haben sogar die naive Frechheit, zu behaupten, Wien wäre am -angenehmsten, wenn alles »auf den Ländern« weile — — —. - -Damen, mit den veredelten gebräunten Antlitzen, lasset euch nicht -betrügen von dem Prunk der Großstadt! Erschauet in den Spiegeln eurer -Gemächer einen Zug auf eurem Antlitz, den Licht und Luft und Wasser und -Freiheit modelliert haben, und der nicht da war ehedem, und der -verschwinden wird im Wintertrubel! - -Komödie hier, Komödie dort vielleicht — — —. - -Doch unter freiem Himmel ist das Theater schöner! - - - - - NICHTS NEUES - - -So viele Menschen, man könnte sie _Strindberg-Organisationen_ nennen, -nach ihrer Art, physiologisch-psychologisch zu reagieren, erwarten immer -und immer von der geliebten Frau _etwas ganz Besonderes_, als ob sie die -Verpflichtung hätte, plötzlich die Seele eines indischen Theosophen zu -bekommen, der Gott um Milliarden Kilometer näher steht als alle anderen -_nur sogenannten_ Menschen! - -Da erinnere ich mich immer und immer wieder dieses Franz Schubert, -Liederdichters, zu dem seine vierzehnjährige Schülerin Komtesse -Esterhazy einmal bei der Klavierlektion gesagt hat: »Das ist aber gar -nicht schön, Herr Schubert, daß Sie mir nie eines Ihrer Lieder -widmen — — —!« - -Da erwiderte der gottbegnadete Mann: »Aber sie sind ja eh alle nur für -Sie geschrieben — — —.« - -Ja, ist das nicht das Höchste, einem Franz Schubert mitgeholfen zu haben -zu seinen Liedern, wie Sonne, Tau und Regen mithelfen zum Wachsen von -Pflanzen!? - -Was braucht sie also an und für sich zu sein, diese Vierzehnjährige, -unter dem öden Mikroskop herzloser verständnisarmer Menschen?!? Sie -verhalf ihm zu seinen Liedern, und ohne sie wären sie nicht -entstanden — — —! - -Ich formulierte das später in die Verse: - -»Oh Fraue, nicht was du _bist_, _bist_ du! - -_Das_ bist du, was _wir_ von dir träumen! - -_Unsere_ durchweinten Nächte um _deinet_willen, _das_ bist du! - -_Gelassen_ nimmst du unsere Huldigung und unseren Schmerz entgegen — — — - -Denn nimmer weißt du, wie es kam, weshalb, woher, wozu, zu welchem -Ende!?!« - - - - - DAS DORF - - -Ich hatte eine unglückliche Liebe zu einer Dreizehnjährigen, deren Blick -allein aus den hechtgrauen Augen mit den schwarzen Wimpern, allen -Blicken gleichkam der Heiligen in den Kirchen. Sie hatte keine rechte -Freude am Leben, als ob sie die Wirrnisse des irdischen Jammertales -vorausahnte, die eigentlich allen so schwermütig Blickenden in Aussicht -stehen. — Ich machte ihre Tragödien mit, die noch nicht vorhanden waren, -und vor dem Leben beschützen konnte ich sie dennoch nicht. Sie war die -Tochter eines Schuhmachers in dem kleinen, armseligen, felderumrankten -Orte J.. Er hatte 11 Kinder. Die, die schon verdienten, verdienten. Aber -die Kleinen mußten von meiner Dreizehnjährigen betreut werden. Wie -liebevoll wurden sie betreut! Darüber kann man gar nichts schreiben. Sie -mußte die 15 Enten hüten, die Schweine füttern, und die kleinen Kinder -brauchten dies und jenes. Ich liebte Anna, aber selten kam sie in meine -Nähe, und auch dann glitt mein Blick von freundschaftlichster -Zärtlichkeit an ihren Augen ab, wie Öl über Wasser. - -Eines Abends saß ich allein auf der Bank, in der alten verstaubten -Lindenallee und wartete auf Anna vergebens. Da kam ihre siebenjährige -Schwester Josefa, die für mich immer und immer einen Blick von tiefer -Menschenfreundlichkeit hatte, aus ihren zwei verschieden blickenden -Nachtfalteraugen, so reell-gutmütig, so leichtverständlich, so wie das -a-b-c des Menschenherzens — — —. Sie hatte mich lieb! - -Ich führte sie in die nahegelegene Meierei, ließ ihr Schlagsahne geben -und Biskuits. Immer lächelte sie mich an, wie von edler -Liebenswürdigkeit getrieben. Da küßte ich sie auf Stirne, Haare, Augen. -Sie rührte sich nicht, empfand es als Pflicht der Dankbarkeit, sich -küssen zu lassen — — —. - -Da vergaß ich meiner Leiden um Anna, die mein gequältes Herz stets ruhig -aus ihren geliebten hechtgrauen schwarzbewimperten Augen betrachtet -hatte. Da sagte Josefa: »Schenkens mir noch zwei Biskuits, ich trag’ sie -nach Haus für die Annerl. Sie darf net kommen mit Ihnen, weil sie schon -zu groß ist. Was kann sie dafür, daß sie schon zu groß ist?!?« Da gab -ich ihr 20 Biskuits mit für ihre Schwester, die wirklich nichts dafür -konnte, daß sie dem Blicke eines unermeßlich liebevollen Menschenherzens -mit mißtrauischer Gleichgültigkeit bereits begegnen mußte, wie im -vorhinein gepanzert gegen die hinterlistige Männerwelt — — —! - - - - - GERICHTSVERHANDLUNG IN WIEN - - -Fräulein Str., eine arme Klavierlehrerin, kannte alle Schandtaten ihres -Herrn Bruders. Aber sie schickte Geld und Geld, wenn er darum schrieb. -Und Geld und wieder Geld. Immer galt es ihr, ein wertvolles Leben noch -zu retten, das aber wertlos war. Und übrigens, wer könnte das -entscheiden?! - -Der Richter sagte: »Ihr Vorgehen, Fräulein, ist strafbar, aber es macht -Ihrem Herzen alle Ehre — —.« - -Das Fräulein erwiderte: »Für irgend etwas muß man sich doch abplagen. -Nur seinen armseligen Hunger stillen?!? Wenn er nicht wär’, no, so wärs -halt was anders, die Kirche oder eine Leidenschaft — — —. Für irgend -etwas muß man sich doch abplagen.« - -Man verurteilte sie wegen Vorschubleistung. - -Als die Blicke der beiden verurteilten Geschwister sich begegneten, -begannen einige Menschen im Auditorium zu weinen — — —. - - - - - SEMMERING, ENDE SEPTEMBER 1911 - - -Immer noch dieses Nachtgebrause im Göstritzwalde, immer noch um 7 -morgens diese silbergrauen Nebelschleier. Aber meine Seele ist krank, -weil Du nicht da bist, Anna Konrad! Du gehst, unausgeschlafen, müde, in -die Schule, lernst mechanisch, daß Hannibal den Giftbecher trinken mußte -aus irgendeinem Dir unverständlichen Grunde. Du kannst nicht mehr abends -beim Abschiede zu mir sprechen: »Also schicken Sie mir bestimmt heute -noch ›halb und halb‹; das hieß: Für 20 Heller Extrawurst, und für 20 -Heller Zuckerln als Dessert!« Ich kam mir da jedesmal vor wie Kaiser -Josef in den Volksstücken, der Leute beglückte, indem er einfach sagte: -»Was braucht Ihr zu Eurem Glücke?! 10000 Gulden? Da habt Ihr sie!« Nun -bist Du ferne, Anna Konrad! Immer noch dieses herrliche Nachtgebrause im -Göstritzwalde, immer noch um 7 morgens die dichten silbergrauen -Nebelschleier um Berg und Wald — — —. - -Anna, Anna, Anna Konrad, ich liebe Dich! - - Peter Altenberg. - - - - - PETER ALTENBERG ALS SAMMLER - - -Die »Internationale Sammlerzeitung« veröffentlicht in ihrer eben -erschienenen Nr. 13 eine interessante Rundfrage über den Wert des -Sammelns. Die Zeitschrift bringt unter anderem Beiträge vom -Unterrichtsminister Grafen Stürgkh, Alfred Lichtwark, Alma Tadema, -Harden, Paul Heyse, Max Kalbeck, Eduard Pötzl, Felix Salten, Balduin -Groller, Ginzkey. Peter _Altenberg_ gab auf die Frage nach seiner -Sammelliebhaberei die folgende interessante Antwort: »Es ist ganz -merkwürdig, daß Sie sich gerade an mich wenden in dieser Angelegenheit. -Denn Sie können es absolut nicht wissen, daß ich, ein ganz Armer, seit -vielen Jahren ein einfach fanatischer Sammler bin, und mir, gleich den -Milliardären, eine heißgeliebte, gehegte und mit vielen Opfern zustande -gebrachte herrlichste Bildergalerie verschafft habe: 1500 -Ansichtskarten, 20 Heller das Stück, in zwei herrlichen japanischen -Kästchen mit je sechs Fächern. Es sind ausschließlich _photographische_ -Aufnahmen von Landschaften, Frauen, Kindern, Tieren. Ich fand vor -einigen Wochen, daß der wirklich Ausgebildete des Lebens sich seiner -Schätze _entäußern_ müsse, um das _tiefste einzige_ Glück des »Gebens«, -des »Spendens« auch noch bei seinen Lebzeiten _miterleben_ zu können an -seinen »Beschenkten«. Daher sandte ich beide japanische Kästchen mit den -seit 1897 gesammelten 1500 Ansichtskarten nach Hamburg an die junge -Dame, die allein von allen Frauen dieses Geschenk zu werten weiß. -Seitdem sammle ich desto eifriger, desto leidenschaftlicher, um nun die -Sammlung meiner Freundin zu komplettieren. — — Hier also sind gleich -zwei heilsamste Ablenkungen von dem gefährlichen Bleigewicht des eigenen -Ich: erstens das Glück des Sammelns selbst, zweitens das Glück, es _für -einen anderen_, ebenso Verständnisvollen tun zu können! »Sammeln« heißt, -sich auf etwas außerhalb der eigenen Persönlichkeit Liegendes -konzentrieren können, das aber nicht so gefahrvoll und undankbar ist wie -eine geliebte Frau — — —.« - - - - - YVETTE GUILBERT - - -Sie ist das Wunder des Chansons, das, an und für sich nichtig, farblos, -leblos, durch sie eine Fülle von Tragik, grotesken Dingen, Lieblichkeit, -Koketterie erhält. Ihre Augen bereits drücken alles aus, was es an -seelischen Dingen überhaupt gibt, aber auch ihre Arme und Hände sprechen -überaus eindringlich. Ihre Wirkungen grenzen an das Wunder. Und diese -nur andeutende Art, diese wechselnden Nuancen, der clin d’œuil, der -alles sagt, was zu sagen ist. Sie allein von allen hat die Macht, ein -Lied auszuschöpfen, ja, es erst in seiner Fülle zu dichten! Ganze -Schicksale bringt sie in einen sinnlosen Refrain, und man staunt über -das Außerordentliche, das sich da ereignet. Aus einem Nichts ein Alles -machen, darin könnten alle von ihr lernen, wenn es erlernbar wäre. Le -minimum d’effort et le maximum d’effet ist auch ihre Devise. Den -Höhepunkt ihrer Chansons bildet unbedingt »Les cloches de Nantes«. Wie -ein düsteres Schicksal erdröhnen von allen Seiten die großen Glocken in -den alten Kirchentürmen. Da gibt sie sich ganz aus, bricht los, bewirkt -Enthusiasmus! Die Guilbert gehört zu den wenigen Erscheinungen, die -einen als etwas nie wieder in die Welt Kommendes ergreifen. Man darf es -nie versäumen, sie wieder und wieder zu sehen, zu studieren, so oft sich -die Gelegenheit bietet. Für mich gehören zu solchen Erscheinungen -Mitterwurzer, Girardi, Hermann Winkelmann. Es sind Menschen, die nicht -ersetzt werden! Ihre Macht ist nicht zu definieren, da sie irgend etwas -Rätselhaftes hat. Man befürchtet stets, daß sie einmal sterben werden, -und geschieht es, ist man untröstlich, hat ein persönliches Leid -erfahren. Man möchte in Trauer gehen um sie. So eine Organisation ist -auch Yvette Guilbert. Diseusen, ach, lernet doch von ihr das leider -Unerlernbare! - - - - - KRANKENPFLEGE - - -Eine Frau, die, während ihr Geliebter im Sterben liegt, sich ebenso -pflegt, wäscht, mit hundert Salben salbt, wie eh’ und je, und keinerlei -Bedenken hat, sich ebenso zu pflegen und zu hegen, wie sie es gewohnt -war, hat ihn nie, nie wirklich lieb gehabt! Sie müßte plötzlich alles -aufgeben, sich schmutzig werden lassen, sich verkommen lassen, auf ihre -adelige Körperpflege vollkommen verzichten können, sich Hände und -Gesicht nicht mehr waschen wollen, ja sogar die schönen Haare nicht mehr -pflegen, sich in einen Abgrund stürzen lassen, wo das reale Leben -zerschellt und aufhört — — —. - -Es müßte alle ihre weibliche Eitelkeit plötzlich ersterben, nicht mehr -sein — — —. Sie müßte zu einem Aschenbrödel werden, ganz in sich -zurückgezogen und unbeachtet, nur in der edlen Pflege aufgehend und -unscheinbar werdend vor Aufmerksamkeiten! Sie müßte unwillkürlich aus -einer Dame zu einer »Pflegerin« werden, sich degradieren, um sich zu -erhöhen! - -Ihre Fingernägel müßten ihre Edelpolitur verlieren, ihre Strümpfe müßten -Löcher bekommen und Knöpfe müßten ihr an der Bluse fehlen. Ihre werdende -Ungepflegtheit müßte ihre Ehre sein! Ihre Freundinnen müßten zu ihr -sprechen: »Du siehst gealtert aus, meine Liebe, schließlich muß man doch -auch ein bißchen auf sich schauen, solange man jung und hübsch -ist — — —.« - -»Dazu habe ich jetzt, Gott sei Dank, keine Zeit mehr übrig — — —.« - -»Gott sei Dank?!« sagten die Freundinnen und kicherten: »Sie muß immer -apart sein — — —.« - - - - - HERBST AM SEMMERING - - -Müde schleichen die Stunden dahin. Noch einmal ist es mir Zähestem -vergönnt, die herbstliche Pracht meines Kindheitsparadieses (damals gab -es nur Gasthof »Nedwall«) zu erschauen! Brennesselgebüsche und -dunkelbraune vertrocknete Sträucher. Ein kleines Mäderl in Lederhöschen, -mit dicken, rostbraunen Zöpfen, in die grellrote Seidenbänder -eingeflochten sind, repräsentiert mir die »Schönheit der ganzen Welt«. -Die Eltern nennen sie, tief entzückt, schlimm und übermütig. Wie wenn -die Saharet, Ruth St. Denis, Grete Wiesenthal, schlimm und übermütig -sein könnten! Der Schneeberg trieft von zerrinnendem Schnee, und das -Elisabethkirchlein ragt in graue Wolken. Ein Direktor reitet, kranke -Frauen fahren langsam durch den Fichtenwald. Lila Enzian, kurzstengelig, -und Löwenzahn. Aber meine »heilige Stunde« ist von 3 bis 4. Da spielt -nach dem Essen die Amerikanerin mit ihrem großen schlanken Freunde im -Café Karambol. Er belehrt sie natürlich väterlich, die doch _alles_ -bereits mitbekommen hat vom Schicksal, Anmut und Beweglichkeit und -Gazellenglieder und Feenhände. Jede ihrer Bewegungen ist vollkommen. Das -ist meine »heilige Stunde«, da ich menschliche Vollkommenheit erblicke. -Da vergesse ich, daß Gottes Träume sich noch nicht realisiert haben — —. - - - - - HERBSTANFANG - - -Freitag nachts, Marien-Feiertag, 8. September. Eine verzweifelte -Stimmung ist in mir, ich fühle es, ich spüre es, _alles geht zu Ende_. -Die dunklen Herbstabende kommen, Deine Schule, A. K., fängt an, und -böse, heimtückische, neidische, lieblose Menschen _zerstören_ mir mein -Paradies, das ich in meiner alten, kranken, dem _Untergange geweihten_ -Dichterseele für Dich, einzig und fast irrsinnig _geliebtes Geschöpf_, -errichtet habe unter Tränen. _Du_, _Du_ allein bist auf dieser traurigen -Erde in meinem gefolterten Herzen, und Du weißt nichts davon, kannst, -wirst davon, willst davon nichts wissen — — —. Nie wirst Du meine -Anhänglichkeit ahnen. Dein _Blick_, Deine _Stimme_, _alles_, _alles_ an -Dir ist der Balsam meines todeswunden, todesmüden Herzens. Ich habe Dich -lieb, lieb, wie niemand Dich je lieb haben wird — — —. Und nun spüre ich -das Ende heranschleichen, sonst könnte ich nicht so traurig, so -lebensmüde sein, und beim Erwachen am Morgen so bitter weinen und -weinen, obzwar mir eigentlich nichts Böses geschehen ist — — —. Ich -verlange nichts von Deiner kindlichen dreizehnjährigen Seele, Anna K., -als daß Du es mir glaubst in Deinem tiefsten Herzen, daß schon im -_Anfang_ Deines ins _ungewisse gefahrvolle_ Leben hinein aufblühenden -Lebens, ein Mann _in unbeschreiblicher Zärtlichkeit_ an Deiner -geliebten, merkwürdigen, kindlichen und dennoch bereits tief -melancholischen Persönlichkeit, mit _ergebenster liebevollster_ Seele -gehangen ist, und viel, viel um Dich getrauert hat, weil die anderen -Menschen alles _mißverstehen_ und _böswillig_, _heimtückisch deuten_! - -Ich wollte Dir mit der kleinen Uhr eine besondere Freude bereiten, Dir -meine _vollkommen selbstlose Anhänglichkeit_ zu verstehen geben, aber -auch das haben die hartherzigen, mißtrauischen Menschen nicht _Dir_, -nicht _mir_ gegönnt! - -Bleibe mir _gütig gesinnt_, Anna, lasse Dich _von niemandem_ auf falsche -Gedanken bringen! Ein Atemzug Deines Mundes, ein Blick Deiner Augen, ein -Schritt Deines müden kranken Fußes bedeuten mir _die Schönheit_, _die -Traurigkeiten der ganzen Welt_! - - Dein Peter Altenberg. - - -»Annerl, hast du den Brief heute Samstag erhalten, den ich noch gestern -Freitag nachts an dich geschrieben habe?!? Und hast du ihn verstanden?!« - -»Selbstverständlich. Was soll ich daran nicht verstehen?! Ich kenn’ -Ihnen doch auswendig und inwendig — — —.« - -Pause. - -»Sie, nächste Woche fangen die Schulen an. Da brauch’ ich -schöne Schulrequisiten. Also zwei solche schöne dicke -Tonking-Bambus-Federstiele, wie Sie sie immer benützen, dann 20 von -Ihnere Stahlfedern, Kuhn 201, aber wirklich 20, oder wissen S’ was, 25, -daß es eine gerade Zahl gibt. Und dann ein schönes Zeichenheft. Und dann -einen Radiergummi. Und dann, no, Sie werden doch wissen, was ich sonst -noch in der Schule brauche. Ja, richtig, einen Bleistiftspitzer, wie Sie -einen haben, in einem kleinen Schachterl. Gott, die Schul’, na -wenigstens is ma in der Schul’. Was haben S’ denn, Sie, Herr Peter?!?« - -»Nichts — — —«, erwiderte ich. - - - - - EINE BEGEBENHEIT - - -Ich lernte eine junge, sehr, sehr empfindsame Frau kennen, die Martyrien -durchmachte wegen der Ruhe und Gleichgültigkeit ihres entzückenden -Gatten. Sie sah Gespenster von fünfzehnjährigen, sechzehnjährigen -Mädchen, lebte in unglückseliger innerer Hast dahin, verzehrte sich -selbst. In dieser schweren Krankheit ihrer süßen kindlichen Seele -entwickelte sich in ihr der Plan, für dieses endlose Martyrium Strafe, -eventuell Erlösung zu haben. Sie begann daher, einem netten gutmütigen -Manne Avancen zu machen. Der Gatte rührte sich nicht. Das machte sie -noch kranker. Sie trieb sich kopfüber hinein. Der Gatte rührte sich -nicht. Als ich diese gefährliche Situation überblickte, las ich eines -Abends nach dem Nachtmahle den beiden mein Gedicht »Das Bangen« vor. - -Das Gedicht lautet: - - - _Das Bangen_ - - Mir bangt um dich, Anna — — —. - Weshalb mir bang ist, weiß ich nicht, - Ich weiß nur, daß mir bang ist. - Mir ist bang! - Wie einer Mutter bang ist ohne Grund, - Noch sind sie alle munter und gesund — — —! - Und wie dem Schiffer bang ist, bange, bange, - Während die anderen noch lange - Den wolkenlosen Himmel blöd betrachten, - Und den Warner ob seiner Weisheit nur verachten. - Mir bangt, wie einem bangt, - Der Kinder auf dem Meer-Sand-Hügel spielen sieht, - Und weiß, daß nun die Flut vom Land sie abtrennt — flieht! - Mir bangt, wie einem bangt, - Der weiß, er wird gehenkt um sieben Uhr früh. - So, so bangt mir um dich — — — - Du bist _mein Leben_, es bangt mir um mich - Du aber, du gehst deinen Weg von mir, - Nicht bangt vor meinem bangen Bangen dir - Dem neuen Schicksal treibst du jach entgegen — — — - Und perlt mein Todesschweiß auf deinen Pfad hernieder, - Nimmst du’s als Tau auf neuen Morgenwegen! - -Ich las es langsam und eindringlich vor. - -Pause. - -Der Mann erhob sich, trat langsam auf mich zu, nahm meine Hand in seine -beiden Hände, sah mich lange, lange, lange an — — —. Die Frau starrte -hin, starrte hin, schrie auf: »Er liebt mich, er leidet, oh, er liebt -mich! Ich Unglückliche — —!« und fiel hin. - -Ich hatte das Gedicht um vierundzwanzig Stunden zu spät vorgelesen. - - - _In das Gedenkbüchlein einer Amerikanerin:_ - -»It’s inside in the human nature, to hate all those, who are better -speaking, better dancing, better thinking, better feeling as we self!« - - - _Wintersport am Semmering:_ - -»Schneeglöckchen, immer sangen die Dichter von dir, du läutest den -Frühling ein — — —. - -Für mich _begräbst_ du den herrlichen Winter!« - - - - - BESCHÄFTIGUNG - - -Ich erfinde nichts, daher bin ich kein Schriftsteller und kein Dichter. -Das Leben trägt mir alles zu, ich habe nichts dabei zu verrichten, als -das Zugetragene _nicht_ zu verfälschen oder den anderen absichtlich -plausibler machen zu wollen, denn man hilft ihnen ja doch nicht dadurch. - -Ich kannte vor vielen Jahren die Frau eines Literaturprofessors an der -Universität W. Eines Tages sagte sie zu ihm: »Ich liebe diesen jungen -Schauspieler, den wir vor vier Tagen (so lange brauchen nämlich die -Reizungen des Nervus sympaticus, um dringend zu werden in der Seele) -gemeinsam im Theater genossen haben — —« - -»Lade ihn aber vorerst zu uns zu einem Souper ein, damit man sehen -könne, ob er dieselbe Wirkung auf dich ausübt außerhalb seines -Idealterrains — —« - -Nach dem Souper sagte sie zu ihrem Gatten: - -»Es ist nichts mit diesem Manne. Oh, du, du, du einziger — — —.« - -Als ihr Mann in jungen Jahren gestorben war, sprach sie einst einen -fremden Herrn vormittags, Ecke Kärntnerstraße und Graben an: »Ich -ersuche um Ihren Namen und Ihre Adresse — — —.« - -Seitdem arbeitete sie tagelang an Dingen der sogenannten Nadelmalerei, -wobei man mit verschiedenfarbiger Seide die zarten Nuancen von -Gegenständen nachzuahmen versucht. Alle diese Dinge schickte sie dem -fremden Manne und war glücklich dabei und vor allem friedvoll, seelisch -beschäftigt. Später unterrichtete sie Dorfkinder umsonst im -Französischen, ihrer Muttersprache. Und dann hörte ich nichts mehr über -sie 35 Jahre lang. Aber stets gedenke ich ihrer, besonders wenn ich an -die modernen Tennisspielerinnen denke! Die suchen sich auch »die Zeit zu -vertreiben«!?! - - - - - BESUCH IM EINSAMEN PARK - - -Wie wenn die müde Seele noch einmal auf längst gesprungenen Saiten ihre -begeisterten Klagen singen dürfte, so ist es, wenn du zu mir kommst, -Helene N.! - -Der Alltag weicht da wie ein böser Zauber, der uns gefangen hielt, in -einem Leben, das nicht die Stunde wert ist, die es bringt! Man lebte dem -Tode entgegen! - -Das alte Zauberreich von melancholischen Zärtlichkeiten erblüht durch -dich, und der fade Park wird zum mysteriösen Urwald, wenn dein geliebter -Schritt die alten öden Wege wandelt — — —. - -Dein Sprechen wird wieder zu Musik, der Hauch des Atems wird wieder zum -Wehen von Frühlings-Gebirgsalmen mit Kohlröschen und Seidelbast und -Knieholz. - -Dein Sitzen beglückt und dein Stehen und dein Wandeln — — —. - -Alles, was _dich_ unglücklich macht, wird zugleich _mein_ Unglück, und -deine Klage trifft ein exaltiertes Bruderherz; indem ich leide und dir -die Last abnehme unverstandenen Kummers, _jauchzt_ meine Seele, daß sie -_mit dir leiden darf_! - -Ich möchte dich ins Zauberreich entführen, - -wo du mein Kindchen wirst, gewiegt, getragen, beschützt, in -überzärtlichen Armen, an einem für dich bebenden Herzen — — —, - -weg von den Ungetümen »Menschen«, die dich mit ihrem feigen -Unverständnis morden! - -Bist du denn ein Distelstrauch am Wege, ein Unkraut oder -Brennesselgebüsch?! Bist du dem Tritt des schweren frechen Fußes -ausgesetzt?! - -Bist du nicht eine zarte Blüte Gottes, die behütet werden muß vor jedem -rohen Hauche?! - -Bist du nicht die, die unser totes Herz zum Leben wieder zaubert?!? - -und deren zarte, edle Gliederpracht aus unseren glitzernden, stieren -Fischaugen ein gerührtes Künstlerauge wiederzaubert?!? - -In welche Welt bin ich geraten, pfui!?! Wo alles sich in schnöder -Ordnung abhaspelt!? Du bist die _andere_! Anders wie die andern! Wie -Ambrosia anders war als Rumpsteak mit Salat! Göttliche Kräfte bringst -du, ohne es zu wissen! Und pflichtlos sinken wir zu deinen Füßen hin! -Nur eine Pflicht erkennend, vor dir hinzuknien! - -Das zugeschnittene Maß, das alle _fördert_, ist uns _verächtlich_ und -_vergiftet_ uns! Der _ekle Friede_ sorgenlosen Daseins macht unsere -Kräfte _stocken_ und _vertrocknen_. Wir müssen brennen, glühen und -vergehen! - -Und unsere innere Träne, wenn du beim Scheiden uns ruhig die Hand -reichst, - -macht uns erst wieder leben, leiden und verzweifeln, und auf eine Stunde -hoffen, da du, Gebenedeite, wiederkehrst! Für diese Stunde leben wir in -Not! - -_Die da sind, morden uns_; - -doch die da kommen, um _von uns zu scheiden_, bringen uns das Glück des -_abgrundtiefen Seelenschmerzes wieder_! - -Wir wollen rauschen, brausen und zerschäumen! - -Des Lebens eingedämmte Ordnung ist unser heimtückischer Feind, für -dumpfes Erdenleben ganz geeignet, das uns, unter der feigen Maske der -Rettung, nur lahmlegt und vernichtet und vorzeitigem Tod entgegentreibt. - -Helene N., komme, auf daß ich hundert Stunden lang in Fieberzehrung dich -erwarten könne — — —. In Fieber mich _verzehren_, ist mein _Leben_! - -Und scheide von mir, auf daß ich tausend Stunden dir _nachtrauern_ -könne — — —. - -Mein Geist lebt nicht vom _Sein_, das lahm macht und gebrechlich — — —; - -mein Geist lebt nur vom Hoffen und Verzweifeln! - -Du kamst, Helene N., und alles ward belebt und blühte auf — — — —. - -Du gingst, und Trauerflore hingen über der dunklen ausgestorbenen -Welt — — —. - -Die Welt der Pflichten ist vielleicht gesünder und fordert manches -Wertvolle in kleinerem Kreise — —. - -Wir aber wollen lieber an unseren inneren Symphonien elend scheitern; -des Alltags Werkelton mordet uns ebenso, nur langsamer und -qualvoller — — —. Wie stumpfe Messer gegen scharfe Klingen! - -Der Folter wollen wir entgeh’n des leeren Lebens, das unseren Organen -ihre Kraft entzieht; - -und in der Schlacht trifft rücksichtsvoller uns der Tod, und herrlich -plötzlicher, - -als _vorbereitet_ zu jeder Stunde eines Lebens, das weniger als nichts -für uns bedeutet! - -Helene N., komm’ wieder in den Park, - -wo Irre ihre irren Träume träumen — — —. - -_Du_ wirst hier doch vielleicht _mehr_ Menschlichkeiten finden, - -als in der Welt, die sich _frech fälschlich_ für die _normale_ hält!!! - - - - - TANZ - - -Elsa Wiesenthal, schlichte, rätselhafte Naturkraft, wie Rittner, -Mitterwurzer, Girardi, bringst du uns nun wieder den Geist, der -geheimnisvoll, diskret verborgen in den Dingen lebt?! Bringst du uns -wieder Hoheit, Ruhe und Würde in deinem adeligen Tanzen?! Oder hast du -dich vom »Geist« verführen lassen wie alle, die der geistvollen, -geistleeren Herde sich verständlich machen wollen?!? Gib uns nicht mehr, -als was _du_ kannst und _deine_ Kunst! Sei eine schweigende Fürstin des -Lebens, die lieber unverstanden dahingleitet, als scheinbar verständlich -Leidenschaft markiert! Sei du mit deiner süßen merkwürdigen Schwester -Berta, wie einst ein edles Beispiel, wie man aus einem Nichts ein Alles -macht! - - - - - PETER ALTENBERG - - Von Hans Franck (Hamburg) - - -Es gibt viele, die seiner lachen. - -Und wir, denen er mit wenigen inhaltsschweren Worten die Märchen des -Lebens gedeutet, die »Bilderbogen des kleinen Lebens« koloriert, die er -die Erlebnisse des Tages anders sehen gelehrt hat, wir können ihnen -nichts dawider sagen. Müssen ihnen Recht geben, müssen zugestehen: Was -ihr in Händen habt, was ihr seht, sind Lächerlichkeiten. Es ist, wie ihr -es seht! Ihr! - -Es ist, wie die Spötter sagen. Aber es ist zugleich anders. Die Kunst -Altenbergs kann, wie das vielfarbige Leben, wie die widerspruchsvolle -Natur — nach Fr. Th. Vischers Wort — an einem Ende gemein, am andern -seelisch fein, nicht mit einem so oder so umgrenzt werden, sondern nur -mit einem so und so. - -Sie ist voller Lächerlichkeiten und Schönheiten, voller Gequältheiten -und Feinheiten, voller Leerheiten und Vollheiten, voller nichtssagender -Gewolltheiten und vielsprechender Gekonntheiten. - -Sie ist — um wieder Vischers Wort von der Natur aufzunehmen — ein -seltsam Ding. - -Für die Formung der tausendfältigen kleinen und kleinsten Gaben, die so -ein Buch Peter Altenbergs birgt, wurde der bewußte Gegensatz zu der -Kunst der vielen klingenden Worte maßgebend. Die Wortkünstler sind dem -Dichter Lügner und Charlatane. Sind ihm gewöhnliche Menschen, die ihre -Geistesblöße mit dem wallenden Wortmantel zuzudecken suchen, die ihre -Empfindungsarmut durch einen bloßen Wortreichtum auszugleichen glauben. -»Ich hasse und verachte sie — ruft Peter Altenberg in seinen Märchen des -Lebens — Wortreichtum ist Seelen- und Geistesarmut! Man verkriecht sich, -versteckt sich dahinter, wie wenn man verzweifelt wäre, daß man nichts -Wichtiges mitzuteilen hätte! Zwei und drei ist fünf kann nicht wortreich -gesagt werden! Und dennoch verläßt man sich darauf, daß es eine Herde -von Idioten gibt, die an dem »Wortklang« sich berauschen. — — Wehe, wehe -denjenigen, die die Fähigkeiten dazu hätten, und nur ihrem Geisteswahne, -ihrer Eitelkeit dienen! Auf einer Stradivariusgeige spielen sie, aber -keine einfachen Adagios, die zu Tränen rühren, sondern verblüffende -Passagen, die kalt lassen!« - - * * * * * - -Altenberg ist der Virtuose der Wortskizze. Ist es, weil er dem Reichtum -des Lebens dienen will. Einem kleinen Ausschnitt sich willenlos -hinzugeben und in unendlichem geduldigem Mühen nach höchster -vollkommener Bildwirkung sich vor dem übrigen zu verschließen, daran -hindert ihn die drängende Fülle, die ihm nicht Ruhe läßt. So springt er -von einem zum andern, immer auf der Spur des schnellfliehenden Lebens. -Zur Beschaulichkeit ist keine Zeit. Nicht zum Schwelgen. Es gilt zu -erjagen, zu erraffen, gilt, flüchtiger als das fliehende Geschehen zu -sein. - -Daß diese Eigenart Altenbergs ihren Wert und Unwert in Einem hat, daß -ihre Stärke die Mutter ihrer Schwäche ist, versteht sich. Es zu -beweisen, wird man mir erlassen. - -Dem _Leben_ gilt Altenbergs Kunst. - -Diesem Wunder aller Wunder, mit dem wir täppisch, wie wir sind, auf Du -und Du stehen. Das wir hinnehmen mit großen, blöden, dummdreisten Augen. -Das wir zu kennen wähnen, und das doch von tausend Schleiern bedeckt -ist. Das Wunder, das uns zum kahlen Alltag wurde, wird hier wieder ein -blühendes Märchen, dem wir mit gläubigen Kinderaugen aus der Ferne -zuschauen. Wunder des Alltags. Um sie geht es. Oder wie es der schönste -unter allen Buchtiteln Altenbergs faßt, um die »Märchen des Lebens«. -Unermüdlich trachtet der Dichter, die kleinen Dinge des Alltags -besonders zu sehen, die Perlen am flachen Strand zu finden. Hundertmal -mag er wertlose Kiesel auflesen und bei den kalten Besserwissern -höhnisches Lächeln dafür ernten: plötzlich funkelt ein winziges Ding in -seinen Händen und läßt uns die Augen übergehen. - -Mitten hinein in die zarten Wortskizzen drängt sich plötzlich eine -breite, schwerwiegende Untersuchung mit einer Überzahl unterstrichener -Worte. Der Dichter wandelt sich in einen Propheten. Der Mann der zarten -Worte in einen glaubensstarken Prediger, der lauthallende Straf- und -Mahnreden auf die sündige Menschheit herabschleudert. Der eben noch ein -ganz Besonderer, ein starker Einzelner, ein Außenseiter war, wird -plötzlich zum Bruder Schultze-Naumburgs, des Kunstwartmannes, des Vaters -des Reformkleides und der Reformstiefel. - -Mit eindringlichen, treffsicheren Worten predigt er von seinem Ideale: -der naturgemäßen Körperkultur. Anbetend neigt er sein Haupt vor dem -großen Gotte Gesundheit. Worte fallen, die der Unnatur die -gleißnerischen Kleider vom Leibe reißen und doch nichts bessern werden. -Wann hätte diese Dame und ihr lästerliches Töchterlein Mode, je die -Scham gekannt? Sie kann noch stärkeres ertragen als Altenbergs -fanatische Predigten und seine gutgemeinten Insultierungen. - -Darum ist es, schauen wir zurück auf die leidenschaftlichen Bekenntnisse -zur Göttin Gesundheit, letzten Endes nicht das Gegenständliche, der -Inhalt der Rede, der uns in den Bann der Worte zwingt, sondern die -Persönlichkeit, die ungehinderter als in den formgewordenen Dichtungen, -innerstes Sein und Meinen offenbart. Auch hier steht Altenberg im -Dienste des großen, göttlichen, uneingezwängten Lebens. Auch hier will -er jedem Pulsschlag freie Bahn schaffen. Auch hier erlösen von dem -Drucke, den Steifheit und Gutmeinen, Enge und Schwerfälligkeit dem -Wunder aller Wunder zufügten und bis in die Undenkbarkeit zufügen -werden. - -So geht auch diese Besonderheit mit dem Allgemeinen zusammen. In das -Werk des Schöpfers der »Märchen des Lebens«, des Suchers im Alltag, des -eigenwilligen Sehers fügt sich das Prodromosbuch ein, das Glied einer -Kette. Der Unmittelbarkeit des unverfälschten Lebens trachtet der -Dichter so gut wie der Prediger nach. Und die sprunghafte, das -Wortemachen hassende Form eint beides auch nach außen hin. - - (Königsberger Hartungsche Zeitung) - - - - - _Werke von Peter Altenberg_ - - - Wie ich es sehe - _Fünfzehnte vermehrte Auflage._ Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M. - - Was der Tag mir zuträgt - _Achte vermehrte Auflage._ Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M. - - Prodromos - _Sechste Auflage._ Geheftet 5 Mark, gebunden 7 Mark 50 Pf. - - Märchen des Lebens - _Sechste vermehrte Auflage._ Geh. 5 M. 50 Pf., geb. 8 M. - - Neues Altes - _Vierte und fünfte Auflage._ Geh. 5 Mark, geb. 7 Mark 50 Pf. - - »Semmering 1912« - _Siebente vermehrte Auflage._ Geh. 6 M., geb. 8 M. 50 Pf. - - Fechsung - _Sechste Auflage._ Geheftet 6 Mark, gebunden 8 Mark 50 Pf. - - Nachfechsung - _Fünfte Auflage._ Geheftet 7 Mark, gebunden 9 Mark 50 Pf. - - Vita ipsa - _Zehnte Auflage._ Geheftet 6 Mark, gebunden 8 Mark 50 Pf. - - Mein Lebensabend - _Achte Auflage._ Geheftet 6 Mark 50 Pf., gebunden 9 Mark. - ------------------------------------------------------------------------- - - - - - _Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig_ - - - - ------------------------------------------------------------------------- - - - Transcriber's Notes - -Im Original gesperrte Schrift wird kursiv wiedergegeben. - -Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert. - -S. 15: »Deshalb ist man o beglückt ...« wurde korrigiert zu »Deshalb ist -man so beglückt ...«. - -S. 177: Der Titel enthält das Symbol † für »verstorben«. - - -Type originally set in spaced text has been changed to italics. - -Quotation marks have been modernized to » « and › ‹. - -Obvious printer errors have been silently corrected. - -On page 15, “Deshalb ist man o beglückt ...” has been corrected to -“Deshalb ist man so beglückt ...” - -On page 177 the title contains “(†)”. Its meaning is “deceased”. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Neues Altes, by Peter Altenberg - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NEUES ALTES *** - -***** This file should be named 52463-0.txt or 52463-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/4/6/52463/ - -Produced by Elizabeth Oscanyan and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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